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derderderderder HeimsuchungHeimsuchungHeimsuchungHeimsuchungHeimsuchung MariäMariäMariäMariäMariä zuzuzuzuzu AnnecyAnnecyAnnecyAnnecyAnnecy (1892-1931)(1892-1931)(1892-1931)(1892-1931)(1892-1931)

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EichstättEichstättEichstättEichstättEichstätt 20022002200220022002

Aus dem Französischen übertragen von Anneliese Lubinsky und P. Anton Nobis OSFS.

© Franz-Sales-Verlag, Eichstätt 2002 2. Auflage ISBN 3-7721-0061-9 Alle Rechte vorbehalten Herstellung: Brönner & Daentler, Eichstätt

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Es muß auffallen, daß seit 200 Jahren keine deutsche Ausgabe von Predigten des hl. Franz von Sales erschienen ist. Dadurch entsteht ein einseitiges Bild des Wirkens und der geistlichen Lehre des Bischofs von Genf. Durch die beiden Hauptwerke, die er verfaßt und selbst herausge- geben hat, die „Anleitung zum frommen Leben“ und die „Abhandlung über die Gottesliebe“, die auch am häufigsten ins Deutsche übersetzt werden, hat er sich Rang und Namen als einer der bedeutendsten Leh- rer der christlichen Spiritualität erworben; die geistlichen Briefe, von denen es einen Teil in deutscher Übersetzung gab, sind Zeugnisse seiner ausgedehnten persönlichen Seelenführung; die „Geistlichen Gespräche“ mit den Schwestern der Heimsuchung,ebenfalls öfter übersetzt, zeigen Franz von Sales als Ordensgründer; – sein pastorales Wirken als Priester oder Bischof für die Allgemeinheit der Gläubigen scheint jedoch in die- sen Werken nicht auf, nimmt aber in seinem Leben, in seinem Denken und Wirken einen hervorragenden Rang und Raum ein. Inhalt und Form seiner Glaubensverkündigung und religiösen Unter- weisung für die breite Öffentlichkeit sind neben der Katechese, die er mehrere Jahre selbst gehalten und in seiner Diözese verpflichtend einge- führt hat, vor allem in der Predigt zu suchen. Daher können in einer deutsche Ausgabe, die nach der Absicht des Herausgebers das Wesent- liche seiner Werke enthalten soll, die Predigten nicht übergangen wer- den. Aus zuverlässigen Quellen weiß man, daß Franz von Sales oft und eindrucksvoll gepredigt hat, nach Ansicht seines eigenen Vaters schon als Neupriester zu oft und zu einfach. Während seiner Missionstätigkeit im Chablais war die Predigt das wichtigste Mittel in der Rückführung des Volkes zum Glauben der Kirche. Als Bischof nahm er die Mahnung des Konzils von Trient sehr ernst, daß die Predigt die vorzüglichste Pflicht eines Bischofs ist; er predigte nicht nur regelmäßig an Sonn- und Feier- tagen in seiner Kathedrale, sondern bei seinen Visitationen täglich ein- mal und öfter in den Pfarreien und oft in Klöstern, besonders in der von

ihm gegründeten Heimsuchung. Dazu kamen große Advent- und Fasten- zyklen in- und außerhalb seiner Diözese. Er hat selbst 1620 die Zahl seiner Predigten auf 3000 bis 4000 in 28 Jahren geschätzt (OEA

XIX,321).

Obwohl die Annecy-Ausgabe seiner Werke zahlreiche bis dahin unbe- kannte Predigten veröffentlicht hat, ist doch offenkundig, daß die in vier Bänden erhaltenen Predigten nur ein geringer Bruchteil derer sein können, die er in 30 Jahren tatsächlich gehalten hat. Das mag es in etwa rechtfertigen, daß daraus für die deutsche Ausga- be eine Auswahl getroffen wurde, die diesen 9. Band bildet und einen Querschnitt der überlieferten Predigten des Heiligen zeigen soll. Sie folgt der Planung, die P. Franz Reisinger, der Begründer dieser Ausgabe, schon vor Jahren getroffen hatte. Er sah allerdings ursprünglich zwei Predigt- bände vor, konnte aber seine Auswahl, nachdem er sich auf einen Band festgelegt hatte, nicht mehr revidieren. Als sein Schüler und langjähriger Mitarbeiter an der deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales darf ich den Band mit den notwendigen Abweichungen von seiner Pla- nung der Öffentlichkeit übergeben, hoffend, daß er den Intentionen des bisherigen Herausgebers entspricht und das Bild des hl. Franz von Sales durch eine wichtige Seite seines Wirkens und seiner Lehre ergänzt.

Eichstätt, 21. August 1976

P. Anton Nobis OSFS

InhaltsübersichtInhaltsübersichtInhaltsübersichtInhaltsübersichtInhaltsübersicht

Vorwort

 

5

Zur Einführung

 

10

A. Autographe Predigten

2

29. 6. 1593

Zum Fest des hl. Petrus

16

8

1.

1.

1594

Zum Fest der Beschneidung des Herrn I

32

9

1.

1.

1594

Zum Fest der Beschneidung des Herrn II

34

10

6.

2.

1594

Zum Sonntag Septuagesima

35

 

Fastenpredigten 1594 in Annecy

12

E. 2. 1594

Einleitung

42

13

3. 3. 1594

Zum Donnerstag der 1. Fastenwoche

43

14

18.

3.

1594

Zum Freitag der 3. Fastenwoche

46

15

20.

3.

1594

Zum 4. Fastensonntag

50

17

12. 4. 1594

Zum Osterdienstag

52

18

3.

5.

1594

Zum Fest der Kreuzauffindung

56

27

5.

2.

1595

Zum Sonntag Quinquagesima

61

30

21. 5. 1595

Zum Fest der heiligsten Dreifaltigkeit

67

41

9. 2. 1597

Zum Sonntag Sexagesima

73

43

Juli

1597

Über die heilige Eucharistie I

77

44

Juli

1597

Über die heilige Eucharistie II

82

45

Juli

1597

Über die heilige Eucharistie III

92

50

11. 3. 1601

Zum 1. Fastensonntag

97

51

6. 4. 1601

Zum Freitag der 4. Fastenwoche

100

61

15.

8.

1602

Zum Fest der Aufnahme Marias

102

 

Fastenpredigten 1604 in Dijon

66

10.

3.

1604

Zum Mittwoch der 1. Fastenwoche

122

67

12.

3.

1604

Der Teich und der Kranke

123

68

15.

3.

1604

Zum Montag der 2. Fastenwoche 124

69

17.

3.

1604

Zum Mittwoch der 2. Fastenwoche

126

70

1604

Über die heilige Kommunion

127

71

12. 3. 1606

Zum Passionssonntag

128

72

24.

5.

1607

Zum Fest Christi Himmelfahrt

131

74

8. 12. 1608

Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis

134

78

4. 3. 1609

Zum Aschermittwoch

136

80

20.

11.

1610 Zum 1. Adventssonntag I

142

82

27.

11.

1611

Zum 1. Adventssonntag II

143

 

Fastenpredigten in Chambéry

84

7. 3. 1612

Zum Aschermittwoch

145

86

2.

4.

1612

Zum Mittwoch der 4. Fastenwoche

151

87

6.

4.

1612

Zum Freitag der 4. Fastenwoche

155

88

20.

4. 1612

Zur Verehrung des heiligen Kreuzes

156

95

24. 12. 1613 Zur Weihnachtsvigil

158

96

19.

3.

1614

Zum Fest des hl. Josef

161

104

20.

3.

1615

Zum Freitag der 2. Fastenwoche

162

105

22.

3.

1615

Zum 3. Fastensonntag

164

106

10. 4. 1615

Zum Freitag nach dem Passionssonntag

165

110

Juli 1616

Paraphrase zu Psalm 125

166

 

Fastenpredigten in Grenoble

131

23.

2.

1617

Zum Donnerstag der 2. Fastenwoche

170

135

28.

2.

1617

Zum Dienstag der 3. Fastenwoche

172

136

1.

3.

1617

Zum Mittwoch der 3. Fastenwoche

175

137

2.

3.

1617

Zum Donnerstag der 3. Fastenwoche

177

141

8.

3.

1618

Am Donnerstag der 1. Fastenwoche

179

142

9.

3.

1618

Am Freitag der 1. Fastenwoche

183

143

11.

3.

1618

Am 2. Fastensonntag

186

144

12.

3.

1618

Am Montag der 2. Fastenwoche

187

145

13.

3.

1618

Am Dienstag der 2. Fastenwoche

189

147

15.

8.

1618

Zum Fest der Aufnahme Marias

192

154

19.

3.

1621

Zum Fest des hl. Josef

193

156

1. 5. 1621

Zum Fest der Heiligen Philippus und Jakobus (5. Sonntag nach Ostern)

196

158

undatiert

Zum Fest der Kreuzerhöhung

198

 

B. Gesammelte Predigten

1

24. 12. 1613 Zur Weihnachtsvigil

206

4

23.

2.

1614

Zum 2. Fastensonntag

216

7

22.

3.

1615

Zum 3. Fastensonntag

219

8

29.

3.

1615

Zum 4. Fastensonntag

223

9

5. 4. 1615 Zum Passionssonntag

228

10

12. 4. 1615

Zum Palmsonntag

234

11

6. 5. 1617

Zum Fest des hl. Johannes vor der

 

lateinischen Pforte

240

12

6. 6. 1617

Zur Einkleidung am Fest des hl. Claudius

248

15

1.

11. 1617

Zum Fest aller Heiligen

252

18

8.

6.

1618

Zur Profeß am Freitag der Pfingstoktav

263

19

2.

7.

1618

Zum Fest der Heimsuchung Mariä

269

21

15. 8.

1618

Zum Fest der Aufnahme Mariens

279

23

9. 10. 1618

Zu einer Einkleidung

290

26

21. 11. 1619

Zum Fest der Darstellung Marias

294

28

2. 2. 1620

Zum Fest Maria Reinigung

301

29

17. 4. 1620

Zum Karfreitag

313

30

21. 4. 1620

Zum Osterdienstag

328

32

7. 6. 1620

Zum Pfingstfest

346

33

28. 8.

1620

Zum Fest des hl. Augustinus

352

36

1. 11.

1620

Zum Fest aller Heiligen 365

43

17.

1.

1621

Zum 2. Sonntag nach Epiphanie

376

49

28.

8.

1621

Zum Fest des hl. Augustinus

389

51

1.

11.

1621

Zum Fest aller Heiligen

402

52

1.

1. 1622

Zum Fest der Beschneidung

413

56

17.

2.

1622

Zum Donnerstag der 1. Fastenwoche

427

59

27.

2.

1622

Zum 3. Fastensonntag

441

67

8. 12. 1622

Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis

453

68

21.

12.

1622 Zum Fest des hl. Thomas

458

69

25. 12. 1622 Zum Weihnachtsfest

463

Namen- und Sachregister

467

ZurZurZurZurZur EinführungEinführungEinführungEinführungEinführung

Der Ruf des hl. Franz von Sales als großer Prediger reichte weit über die Grenzen seines Bistums und seiner Heimat Savoyen hinaus. Wo immer er predigte, drängten sich die Menschen unter seiner Kanzel selbst in Paris, wo er auch mehrmals vor dem königlichen Hof zu predigen hatte. Man hat daher mehrfach versucht, ihn mit der „klassischen“ französischen Predigt in Verbin- dung zu bringen und ihn als unmittelbaren Vorläufer der großen Kanzelredner dieser Periode zu bezeichnen, eines Bossuet, Fénelon und anderer. Diese Ein- stufung wird der eigentlichen Bedeutung seiner Predigt kaum gerecht. Das Breve seiner Ernennung zum Kirchenlehrer 1 nennt Franz von Sales ei- nen „Erneuerer und Lehrer der Beredsamkeit“ und sagt, daß aus seiner Schule jene bedeutenden Prediger hervorgingen, die überreiche Früchte über die gan- ze Kirche verbreiteten. Sein Hauptverdienst sieht das Breve darin, daß durch ihn „die Würde der heiligen Beredsamkeit, die durch die Unsitte der Zeit verfallen war, nach dem Vorbild der heiligen Väter im alten Glanz wiederher- gestellt wurde“ (p XX). Tatsächlich lag die katholische Predigt zu Beginn der Wirksamkeit des hl. Franz von Sales sehr im Argen; sie war weitgehend huma- nistisch verweltlicht und gekünstelt, lebensfremd und oft würdelos trivial. In diesem Sinn darf Franz von Sales sicher zu den Wegbereitern einer heilsamen Erneuerung der katholischen Predigt in Frankreich durch Lehre und Beispiel gerechnet werden. 2 Formal und methodisch war er gewiß noch stark der Predigtweise seiner Zeit verhaftet, doch nach Ziel und Inhalt war die Predigt für ihn von Anfang an ein wesentliches Mittel der Verkündigung des Glaubens sowie der Erneuerung und Vertiefung des christlichen Lebens. Gedrängt von seinem apostolischen Eifer ergriff er bereitwillig jede Gelegenheit zu predigen. Er suchte nicht den Ruhm des Kanzelredners, sondern einzig die Ehre Gottes und das Heil der Men- schen, wie er selbst in der Einleitung einer Fastenpredigt in Chambéry feier- lich beteuert. Daher predigte er vor einem Dutzend Zuhörer in Thonon mit gleicher Hingabe wie in einer überfüllten Kathedrale, vor dem königlichen Hof nicht lieber und nicht besser als vor den Schwestern der Heimsuchung. Um seine Zuhörer anzusprechen, zu überzeugen und zu bewegen, bediente er sich einer verständlichen Sprache und eines „affektiven“ Stils, den er auch anderen Predigern und Schriftstellern nachdrücklich empfahl. Zusammen mit der Ausstrahlung seiner würdevollen gütigen Persönlichkeit und dem zuneh- menden Ruf der Heiligkeit begründete dies alles die außergewöhnliche Wir- kung seiner Predigten.

1 „Dives in misericordia“ Breve Pius IX. vom 16. 11. 1877: lateinischer Text in:

OEA I, pp. XV-XXIII; Deutsch in: Jahrbuch 1977 für salesianische Studien (Eichstätt 1977), S. 130-137; und: Salesianisch Leiten, hg. v. Internationalen Komission für salesianische Studien, Eichstätt 2002, S. 39-47.

2 Wichtige Grundsätze der erneuerten Predigt in diesem Sinn enthält der Brief an André Frémyot vom 5. 10. 1604: OEA XII,299-325 (DASal 12,29- 49). Vgl. dazu Manfred Tietz, die Predigt bei Saint François de Sales, in:

Jahrbuch 1973 für salesianische Studien (Eichstätt 1974), S. 19-84 – Zur Predigtpraxis: M. Tietz, Literarische Untersuchungen zur Predigtpraxis bei François de Sales, in Jahrbuch 1974 (Eichstätt 1975) S. 28-60.

I.

Franz von Sales hat selbst nur die Leichenrede auf den Herzog de Mercoeur veröffentlicht; die Predigt zu Maria Himmelfahrt 1602 in Paris (Nr. A 61) dieser Ausgabe) wurde ohne sein Wissen in einem Predigtwerk abgedruckt. Nach seinem Tod erschienen erstmals 60 Predigten in den Oeuvres, die der Commandeur de Sillery 1641 herausgab. Davon waren 27 autographe Predig- ten, d. h. solche nach Manuskripten des Heiligen und 33 gesammelte, d. h. mit- oder nachgeschriebene. Zwei Jahre später erschienen diese Predigten getrennt, vermehrt um eine autographe (Nr. A 2) und zehn gesammelte, d. h. mit- oder nachgeschriebene. Diese Ausgabe von 1643 blieb lange für die Wie- dergabe und Übersetzung der Predigten maßgebend, 3 bis Blaise (1821) und nach ihm Vivès (1856-58) in ihrer Gesamtausgabe der Werke des hl. Franz von Sales die Predigten ohne Unterscheidung in autographe und gesammelte nach dem Kirchenjahr anordneten; Migne (1860/61) hat außerdem die Spra- che „modernisiert“ und fünf unveröffentlichte Predigten aufgenommen. Die Annecy-Ausgabe enthält in vier Bänden 160 autographe Predigten, Frag- mente, Zusammenfassungen und Entwürfe (Band VII und VIII) sowie 70 ge- sammelte (und 2 nachträglich aufgefundene autographe) Predigten (Band IX und X), beide Gruppen in chronologischer Ordnung. Die auffallende Vermehrung vor allem der Autographen führte vorüberge- hend sogar zum Zweifel an ihrer Echtheit, dies allerdings zu Unrecht. Franz von Sales hat seine Predigten in der Regel nicht ohne schriftliche Vorberei- tung gehalten, wenn auch die Zahl der vollständig ausgearbeiteten innerhalb der Gesamtzahl relativ gering sein dürfte. Manchmal hat er seine Entwürfe auf fliegende Blätter geschrieben, er hat aber auch Hefte mit solchen Vorberei- tungen angelegt. Frau von Chantal schickte 1637 dem Commandeur de Sillery mit den Manuskripten der 27 veröffentlichten Predigten „15 weitere kleine Hefte, geschrieben von der gesegneten Hand“ des Heiligen. Sie enthielten „Gedanken der Predigten in Kurzform; da ist nur der Anfang ausgeführt, das Folgende durch Punkte“. 4 Durch den Tod des Herausgebers unmittelbar nach Drucklegung der Ausgabe 1641 dürften weder die Manuskripte der veröffent- lichten Predigten noch diese Hefte zurückgegeben worden sein (Frau von Chantal starb fern von Annecy im gleichen Jahr); Abschriften waren aber nicht angefertigt worden.

3 Vgl. Des hl. Franciscus von Sales, Bischofs zu Genf, sämmtliche und ächte Reden auf alle Festtage des Jahres, auf die Fasten und das Advent. Aus dem Französischen übersetzt von P. Vital Mösl , Benediktiner von St. Peter in Salzburg. Salzburg, gedruckt und zu finden bey Johann Joseph Mayrs sel. Erbin 1777 (4 Bände).

4 Sainte Jeanne-Françoise Frèmyot de Chantal, sa vie et ses Oeuvres (Paris 1879), Bd VII, Brief Nr. 1476.

Seit dem Erscheinen der „Anleitung“ wurde Franz von Sales von verschiede- nen Seiten gedrängt, weitere Schriften dieser Art herauszugeben. Das hatte er tatsächlich bis zu seinem Lebensende vor 5 und er hat von da an systematisch Material gesammelt, auch in großformatigen Heften und Predigtentwürfen. Sein Neffe Charles-Auguste de Sales hat im Zusammenhang mit der Heilig- sprechung seines Onkels freigiebig dessen Manuskripte verschenkt; ein kleines Paket kam durch Mère Chaugy nach Turin und blieb dort bis 1867 ungeöffnet. Es enthielt Reste eines dieser Hefte: 58 von ursprünglich mindestens 350 Blättern, die auf der Vorder- und Rückseite beschrieben sind. Ein zweites Heft gleichen Umfangs ist ebenso unauffindbar wie die fehlenden Blätter des Heftes von Turin.

II.

Das in den vier Bänden der Annecy-Ausgabe gebotene Material läßt sowohl die Arbeitsweise des hl. Franz von Sales bei der Vorbereitung seiner Predigten aus den Autographen erkennen als auch seine Predigtweise aus den gesammel- ten Predigten. Die zwei Bände mit den Autographen enthalten zahlreiche vollständig aus- gearbeitete Predigten oder Fragmente davon, uzw. nicht nur aus den ersten Jahren, wenn auch ihre Zahl später zurückgeht. Bei den Entwürfen ist viel- fach die Einleitung ausgearbeitet 6 und eine mehr oder weniger ausführliche Disposition gegeben, wie es Frau von Chantal von den „kleinen Heften“ be- schrieben hat. Dazu werden die Schriftstellen angegeben, Zitate von Kirchen- vätern und gelegentlich von profanen Autoren, meist aus der Antike, sowie Beispiele. Vielfach genügte ihm ein Stichwort, besonders für die „similitudines“, die Bilder und Vergleiche aus der „Naturgeschichte“ des Plinius; davon hatte er eigene Sammlungen angelegt (s. OEA XXVI,100-164). Die Entwürfe im Heft von Turin sind aus dem angegebenen Grund (als Materialsammlung) ziem- lich ausführlich. Diese Texte sind in der Regel lateinisch wiedergegeben, wie in den zeitgenös- sischen Predigthilfen, deren Franz von Sales sich bediente. Im Heft von Turin sind ganze Entwürfe lateinisch geschrieben, abgesehen von einzelnen franzö- sischen Ausdrücken oder Sätzen. Aber auch in den ausgearbeiteten Predigten der ersten Zeit sind die Texte der Heiligen Schrift (nach der Vulgata) durch- wegs lateinisch zitiert. Im Vortrag der Predigt dagegen verwendete Franz von

5 Vgl. u. a. E. J. Lajeunie, Franz von Sales, Leben, Lehre, Werk. Übersetzt von P. Johannes Ehle OSFS, (Eichstätt und Wien 1975), S. 579. – Am 16. 8. 1620 schrieb Franz von Sales an P. Antoniotii SJ, der die Introduction ins Italienische übersetzt hat: „Ich hätte viel zu schreiben über die Nächstenlie- be und über Dinge, die ich in 3000 oder 4000 Predigten, die ich in 28 Jahren hielt, gepredigt habe, die zu veröffentlichen nach der Ansicht vieler

Es ist aber unmöglich, sie unter der Last des Hirtenamtes

nützlich wäre

für den Druck zu schreiben“ (OEA XIX,321f).

6 Vgl. die fünf verschiedenen Fassungen für die Predigt zum Aschermittwoch 1612 in Chambéry (Nr A 84).

Sales das Latein äußerst sparsam, wie die gesammelten Predigten zeigen. 7 Der damaligen Gepflogenheit entsprechend wurde die Schriftstelle des „Vor- spruchs“ lateinisch zitiert und sogleich in der Übersetzung wiederholt. Darü- ber hinaus bot Franz von Sales gelegentlich sehr bekannte oder geläufige Stel- len aus der Liturgie, meist anschließend in (oft interpretierend freier) Über- setzung. Für die Predigtweise aufschlußreich ist ein Vergleich zwischen autographem Entwurf und nachgeschriebener Predigt; er ist nach dem vorlie- genden Material nur vereinzelt möglich, so bei der Predigt zur Wehnachtsvigil 1613 (Nr. A 95 u. B 1), zum 3. Fastensonntag 1615 (Nr. A 105 und B 7) und zum Fest der Aufnahme Mariens 1618 (Nr. A 147 u B 21; vgl. aber Anm. 1 zu A 147). Darin wie in den übrigen gesammelten Predigten wird erkennbar, daß Franz von Sales gern der Eingebung des Augenblicks folgt, einen Punkt so breit ausführt, daß er den letzten nicht mehr behandeln kann, ja sogar die Disposition während des Vortrags ändert (Nr. B 49), daß er mehrfach den Schluß ankündigt und dann immer noch einen Gedanken hinzufügt. Insge- samt entsteht der Eindruck einer lebendigen, recht persönlichen Predigtweise.

III.

Die in diesem Band der deutschen Ausgabe gebotene Auswahl folgt der Annecy-Ausgabe mit der Unterscheidung in (A) autographe und (B) gesam- melte Predigten sowie mit der chronischen Abfolge in beiden Gruppen. Auf diese Weise ergibt sich einerseits ein Querschnitt der Predigten des hl. Franz von Sales nach ihrer Art und Thematik, andererseits die Möglichkeit, durch den Vergleich von Predigten aus verschiedenen Jahren eine Entwicklung sei- ner Predigtweise festzustellen. In den Jahren bis zur Bischofsweihe (1602) überwiegt die doktrinäre Predigt mit der Darlegung, Begründung und Vertei- digung der katholischen Lehre, besonders ausgeprägt in den Jahren seines Wirkens im Chablais (1594-1598). Die Predigten des Bischofs haben zuneh- mend einen väterlichen Zug und seit dem Erscheinen der „Anleitung“ (1608/ 09) immer mehr das christliche Leben zum Inhalt. Dies zeigt sich auch in der Art, wie er die heilige Schrift verwendet. Sie dient ihm häufig nicht als eine Begründung der vorgetragenen Lehre, sondern als Beispiel in ähnlicher Funktion wie Erzählungen aus Heiligenleben oder Ver- gleiche aus der Natur. Außerdem werden die Schrifttexte vielfach nicht ihrem Wortsinn verwendet, sondern nach der damals verbreiteten vierfachen Schrift- auslegung im übertragenen Sinn; das gilt vor allem für das von ihm sehr oft zitierte Hohelied.

7

Die früheste stammt allerdings vom 24. 12. 1613, also aus einer Zeit, da Franz von Sales bereits 20 Jahre predigte. Die ausgearbeitete Predigt zu Maria Himmelfahrt 1602 enthält vergleichsweise mehr lateinische Zitate, wohl mit Rücksicht auf den gehobenen Zuhörerkreis in Paris.

Die Auswahl kann auch deutlich machen, daß einerseits bestimmte Themen

in verschiedenen Formen und Zusammenhängen oft wiederkehren, so die

Menschwerdung, die Eucharistie, das Kreuz, die Gnade, die Tugenden, das Gebet, Maria; andererseits behandeln Predigten zum gleichen Anlaß verschie- dene Themen und Varianten eines Themas. Unter diesem Gesichtspunkt lohnt sich ein Vergleich der Predigten zum Fest der Beschneidung 1594 und 1622 (Nr A 8, 9 u. B 52), zum Aschermittwoch 1609 und 1612 (Nr. A 78 u. 84), zum Donnerstag der 1. Fastenwoche 1594, 1618 und 1622 (Nr. A 13, 141 u.

B 56), zu Maria Himmelfahrt 1602 und 1618 (Nr. A 61, 147 u. B 21), zur

Unbefleckten Empfängnis 1608 und 1622 (Nr. A 74 u. B 67) der drei Allerheiligenpredigten 1617, 1620 und 1621 (Nr. B 15, 36, 51) und anderer. Da für wissenschaftliche Studien die Predigten des hl. Franz von Sales der Rückgriff auf die französische Ausgabe unerläßlich ist, wurde hier auf den umfangreichen „Apparat“ der Annecy-Ausgabe weitgehend verzichtet, um das Lesen des Textes zu erleichtern. Die Annecy-Ausgabe gibt ausführlich Re- chenschaft über die Arbeitsweise der Redaktion, über die Herkunft der Texte, die Datierung der Predigten und ähnliches. Darauf wie auf der Einleitung der einzelnen Bände beruht diese Einführung wie auf die wenigen Anmerkungen und die folgenden Angaben:

In der Zeile nach der Überschrift der Predigt, die übernommen wurde, sind angegeben: die Nummer der Predigt in der Annecy-Ausgabe, das Datum und womöglich der Ort der Predigt sowie rechts außen der Band und die Seiten- zahlen in der Annecy-Ausgabe. Beibehalten wurden Bezeichnungen von liturgischen Tagen, die inzwischen geändert sind oder nicht mehr gelten, z. B. Fest der Beschneidung, Quinquagesima u. ä. Verzichtet wurde im allgemeinen auf den Nachweis der Zitate von Kirchen- vätern, geistlichen und profanen Autoren, soweit sie nicht in den Entwürfen vom Heiligen selbst angegeben sind, oder als Beispiele. Die Stellen der Heili- gen Schrift sind in Klammern im Text angegeben, der ohne Anführungszeichen durch Kursivdruck hervorgehoben ist; dadurch werden die Häufigkeit und die Art der Schriftzitation durch den Prediger sichtbar. Ein Namen- und Sachregister am Schluß des Bandes soll das Auffinden von Themen erleichtern; es wird zugleich die oftmalige Wiederkehr bestimmter Namen und Gedanken auf einen Blick zeigen.

A.A.A.A.A. AutographeAutographeAutographeAutographeAutographe PredigtenPredigtenPredigtenPredigtenPredigten

Seine erste Predigt hielt Franz von Sales als Subdiakon am 24. Juni 1593, dem Oktavtag von Fronleichnam; sie ist nicht überliefert. Die an erster Stelle der Annecy-Ausgabe (VII,1-30) wiedergegebene Pfingstpredigt hat er wohl geschrie- ben, aber nicht gehalten. Die hier als erste angeführte Predigt zum Fest des hl. Petrus (Nr. A 2) wurde von der Annecy-Ausgabe den Predigten von 1643 ent- nommen. Von den Predigten im Chablais werden hier nur vier Beispiele angeführt, weite- re sind in Band 10 (Kontroversschriften I) veröffentlicht. Eine deutliche Lücke bilden die Jahre 1598-1600 infolge einer langen Krankheit des Heiligen, seiner Romreise und der langwierigen Verhandlungen über die kirchliche Reorganisation des Chablais (vgl. dazu Band 8 dieser Ausgabe, S. 49ff). Auch von den zahlrei- chen Predigten in Paris 1618/19 findet sich keine Spur, ebenso nicht von den Predigten bei der Visitation der Pfarreien. Die ersten Fastenpredigten außerhalb seiner Diözese hielt der Bischof 1604 in Dijon; was davon erhalten ist (Nr. A 66-70) wird hier wiedergegeben. Von den Fastenpredigten 1617 in Grenoble, deren Entwürfe die Annecy-Ausgabe fast voll- ständig enthält, wurden vier Entwürfe aufgenommen; von den Fastenpredigten 1618, ebenfalls in Grenoble, was davon überliefert ist. Die letzte der datierten autographen Predigten ist vom 1. 5. 1622; nach ihr wird noch die undatierte Predigt (Nr. A 158) zum Fest der Kreuzerhöhung wie- dergegeben.

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Nr. 2: Annecy, 29. Juni 1593

VII,31-54

Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen (Mt 16,18).

Meine lieben Zuhörer, in der vergangenen Woche habe ich euch von dieser Kanzel Brot gereicht mit den Worte: „Das ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.* Es könnte manchen befremden, daß ich euch heute hier einen Stein reiche mit den Worten: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen. Trotzdem versprach ich euch, als ich euch zu dieser Predigt einlud, eine ähnliche geistliche Nahrung wie jene, die ich euch damals bot. Nein, ich täusche mich nicht, denn ich reiche euch diesen Stein nach dem allmächtigen Wort Unseres Herrn; das gibt uns die Gewißheit, daß dieser Stein uns alle nähren wird: Petrus, liebst du mich? Herr, du weiß, daß ich dich liebe. Weide meine Schafe (Joh 21,17). Wenden wir uns an unsere glorreiche Herrin, die heilige Jungfrau; bitten wir sie, daß sie zu ihrem göttlichen Sohn sage, nicht um ihn zu versuchen, sondern um ihn zu verherrlichen: Sag, daß dieser Stein zu Brot werde (Mt 4,3). Seid überzeugt, wie Unser Herr euch in der ver- gangenen Woche gespeist hat mit dem Mark des Weizens, wird er euch jetzt sättigen mit Honig aus dem Felsen (Ps 81,17). Dazu erbitten wir den Beistand der heiligen Jungfrau und sagen: Ave Maria. Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest. Wenn du aber älter bist, wirst du deine Hände ausbreiten und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst (Joh 21,18). Alles hat seine Zeit:

eine Zeit, geboren zu werden, und eine Zeit zu sterben (Koh 4,1f), sagt die Heilige Schrift. Das veranlaßt mich, unsere Mutter, die heilige Kirche zu bewundern, die nicht ohne Grund angeordnet hat, daß man während der Oktav von so großer Freude, wie die der Geburt des hl. Johannes ist, das glorreiche Gedächtnis des Martyriums des hl. Petrus feiert, des großen Lenkers der streitenden Kirche. Wenn die Heilige Schrift (Sir 22,6) sagt, Musik während der Trauer ist wie ein Geschwätz zur Unzeit, und wenn es eine Zeit zu sterben und eine Zeit, geboren zu

* Über dieses Thema hatte Franz von Sales am 24. Juni 1593, dem Oktavtag von Fronleichnam, seine erste Predigt gehalten, deren Text nicht überliefert ist.

werden, gibt, warum hat man dann in der gleichen Oktav den Tod des hl. Petrus mit der Geburt des hl. Johannes vereinigt? Es wäre gewiß ganz leicht, eine Antwort auf diesen Einwand zu finden und diese Be- wunderung zu rechtfertigen. Aber vielleicht sagt ihr mir, die Kirche halte jene nicht für tot, die als Märtyrer sterben, sondern für lebendig. Da sie in ein besseres Leben eingehen, habe man allen Grund, sich über ihren Tod zu freuen; da ihre Geburt von der Sünde begleitet ist, bringe sie ihnen Leid, ihr Tod aber führe sie zur Herrlichkeit, deshalb feiere man ihre Geburt an ihrem Todestag. Wenn aber die Geburt der Heiligen armselig ist und ihr Tod glor- reich, warum gibt man dann einer glorreichen Sache wie dem Tod den beklagenswerten Namen Geburt? Ich finde soviel Ähnlichkeit zwi- schen der Geburt des hl. Johannes und dem Tod des hl. Petrus, daß beide als Tod und beide als Geburt bezeichnet werden müssen; es ist ja unwahrscheinlich, daß zwei so ähnliche Dinge verschiedene Namen haben müßten. Wenn ich die Ähnlichkeit und herrliche Übereinstim- mung zwischen der Erschaffung der Welt und ihrer Erneuerung und Wiederherstellung betrachte, bin ich voll Bewunderung für den gro- ßen Schöpfer. Er verstand es vorzüglich, durch ein so schönes Mittel und göttliches Geschick in der Erschaffung und Erneuerung die Ein- heit des Schöpfers und Erlösers zu zeigen. Aber heute will ich mich nicht bei diesen Dingen aufhalten, um sie zu erläutern; ich will nur das aufgreifen, was meinem Vorhaben für diesen Festtag entspricht. Wenn ich überlege, daß die Mutter Kirche uns in der festlichen Ok- tav der Geburt des hl. Johannes das Fest des schmerzlichen Todes des hl. Petrus vorschlägt, und wenn ich weiß, daß sie vom Heiligen Geist geleitet ist, dann glaube ich, daß sie das tut wegen einer gewissen Ähn- lichkeit und Beziehung zwischen dem Tod des einen und der Geburt des anderen. In diesem Gedanken werde ich um so mehr bestärkt, da ich sehe, daß die gleiche Kirche ebenso den Tod des hl. Petrus als Geburt bezeichnet wie die Geburt des hl. Johannes. Ich sehe, daß ich nicht nur in ihrem Tod sondern auch in ihrem Leben selbst eine Ver- bindung und Ähnlichkeit finde, wenn es auch in bestimmten Punkten einen Unterschied gibt, wie es stets zwischen Dingen des Alten und des Neuen Bundes zutrifft. Gewiß, als ich in der Genesis (1,1) las, daß Gott zwei große Leuch- ten am Himmel schuf, die eine, um den Tag zu beherrschen und zu erhellen, die andere für die Nacht, da dachte ich sogleich, daß dies die beiden großen Heiligen seien, der hl. Johannes und der hl. Petrus. Dünkt euch nicht, daß der hl. Johannes das große Gestirn des mosai-

schen Gesetzes ist, das nur ein Schatten oder wie eine Nacht war im Vergleich zur Helle des Gesetzes der Gnade, obgleich er mehr als ein Prophet (Mt 11,9) war? Obwohl er nicht das Licht war, gab er dennoch Zeugnis für das Licht durch eine gewisse Teilnahme am Licht, das in der Finsternis leuchtet (Joh 1,5.8). Und meint ihr nicht, daß der hl. Petrus die größere Leuchte des Evangeliums ist, weil er dem Tag des Evangeliums vorsteht? Diese zwei Leuchten wurden von Jenem am Himmel der Kirche angebracht, der sie geschaffen und gebildet hat, Unser Herr Jesus Christus.

Wir lesen (Ex 25,18-20), daß auf dem Gnadenthron zwei Kerubim waren, die einander zugewandt waren. Der Gnadenthron, meine lie- ben Zuhörer, ist Unser Herr. Der ewige Vater hat ihn uns gegeben, daß er das Sühneopfer für unsere Sünden (1 Joh 2,1) sei; ihn hat Gott als Sühneopfer dargestellt (Röm 3,25). Die zwei Kerubim, glaube ich, sind der hl. Johannes und der hl. Petrus; sie sehen einander an, der eine als Prophet, der andere als Apostel. Meint ihr nicht, daß sie einander ansahen, als der eine sagte: Seht das Lamm Gottes (Joh 1,29.36), und der andere: Du bist Christus, der Sohn Gottes (Mt 16,16)? Es ist wahr, daß das Bekenntnis des hl. Johannes noch ein wenig nach dem alten Gesetz klingt, wenn er Unseren Herrn Lamm nennt, denn er spricht vom Gleichnis; das des hl. Petrus dagegen verrät den Tag, weil Johan- nes der Nacht vorstand, Petrus dem Tag. Das sage ich nicht, um euch zu verstehen zu geben, der hl. Johannes hätte die Wahrheit nicht gut gekannt, sondern damit ihr wißt: so wie der hl. Petrus, der als das große Gestirn über dem Tag stand, offen spricht, so paßt sich der hl. Johannes der Zeit an, der er vorstand, die eine Zeit der Schatten und Bilder war, und spricht geheimnisvoller.

Bei der Erschaffung der Welt heißt es (Gen 1,2): Der Geist des Herrn schwebte über den Wassern. Der einfache Text will im Grunde sagen: be- fruchtete, belebte. So, scheint mir, hat Unser Herr bei der Erneuerung der Welt die Wasser fruchtbar gemacht, als er am See Gennesaret wandelte. Und mit dem Wort, das er zum hl. Petrus und zum hl. Andreas sprach:

Folgt mir nach, ließ er bei den Seemuscheln den hl. Petrus und den hl. Andreas hervorgehen (Mt 4,18f). Darin ist der hl. Johannes dem hl. Petrus auch in etwa ähnlich, da es am Ufer des Wassers war (Joh 1,28), wo der hl. Johannes zum erstenmal die Ehre hatte, Jenen zu sehen, den er ankündig- te, so wie der hl. Petrus am Wasser seinen göttlichen Meister erkannte und ihm folgte. Da wir aber beim Geheimnis der Berufung des hl. Petrus sind, will ich euch darüber eine tiefe Erwägung darlegen.

Pharao hatte den Hebammen der Hebräer befohlen, alle Knaben Israels zu töten. Die Mutter des Mose hegte diesen nach seiner Geburt drei Monate, und als sie ihn schließlich nicht mehr verbergen konnte, legte sie ihn in einen Binsenkorb, den sie so gut als möglich zurechtge- macht hatte, dann setzte sie ihn bei bestimmten Wasserpflanzen am Ufer des Wassers aus. Als die Tochter des Pharao dorthin kam, um zu baden, sah sie ihn, ließ ihn holen, und da sie sah, daß der kleine Knabe sehr schön war, ließ sie ihn zum Glück von seiner eigenen Mutter ernähren. Weil sie ihn aus dem Wasser gezogen hatte, nannte sie ihn Mose, d. h. der Herausgezogene (Ex 1 u. 2). Erkennt ihr nicht das Geheimnis, das diese Geschichte enthält? Mose war das Haupt der Synagoge und wurde durch die Vorsehung Gottes dazu gerettet und aus dem Wasser gezogen. Seht, Unser Herr, die einzige Weisheit des ewigen Vaters (Spr 8,12), holt das Oberhaupt der streitenden Kirche, den hl. Petrus, aus dem Wasser am See von Cäsarea. Man könnte ihn sehr wohl Mose nennen, weil er aus dem Wasser gezogen wurde wie Mose. Und tatsächlich will Simon, einer der Namen des hl. Petrus, das gleiche aussagen, denn Simon bedeutet gehorsam. Mose bedeutet ein- fach herausgezogen, da er noch nicht den Gebrauch der Vernunft be- saß, als man ihn herauszog. Der hl. Petrus wird gehorsam genannt, weil er, im Gebrauch der Vernunft berufen, durch den Gehorsam her- ausgezogen wurde: Folgt mir nach. Und sogleich folgten sie ihm (Mt 4,19). Der hl. Petrus war also Mose und dem hl. Johannes ähnlich.

Doch betrachten wir jetzt die Ähnlichkeit der Geburt des hl. Johan- nes und des hl. Petrus, jedoch unter der Voraussetzung, daß wir die des hl. Johannes nur streifen, um uns mehr beim hl. Petrus aufzuhalten. Zunächst finde ich, daß die Geburt des hl. Johannes durch den Engel vorhergesagt wurde: Und viele werden sich über seine Geburt freuen (Lk 1,14). Die des hl. Petrus wurde ebenfalls vorhergesagt; der große Unterschied liegt aber darin, daß die des hl. Johannes der Engel vor- hersagt, die des hl. Petrus von Unserem Herrn vorhergesagt wurde (Joh 21,18f).

Der hl. Johannes wurde geboren, um das mosaische Gesetz zu been- den, der hl. Petrus starb, um die katholische Kirche zu beginnen. Nicht als ob der hl. Petrus der grundlegende Beginn der Kirche, noch der hl. Johannes das Ende der Synagoge wäre, denn es ist Unser Herr, der dem Gesetz des Mose ein Ende setzte, als er am Kreuz sagte: Es ist vollbracht (Joh 19,30), und in seiner Auferstehung die neue Kirche begann; denn wie er sich selbst erneuerte, so erneuerte er auch seine Kirche. Er erneuerte sich, sage ich, indem er bei der Auferstehung mit

Unsterblichkeit bekleidet wurde, er, der zuvor mit unserer Sterblich- keit bekleidet war: Und er wurde im Äußeren als Mensch erfunden (Phil 2,7). Der Rabbi Saadias sagt, wenn der Adler durch das Feuer fliegt und sich dann ins Meer stürzt, erneuert er seine Schwingen und seine Jugend. So verbrannte Unser Herr im Feuer seiner übergroßen Liebe und stürzte sich dann in das Wasser des Roten Meeres seiner Passion; dadurch erschien er, als er aus ihr auferstand, glorreich, er- neuert wie der Adler, wie es in den Psalmen heißt: Wie dem Adler wird dir deine Jugend erneuert (Ps 103,5). Die Geburt des hl. Johannes wurde dem Zacharias angekündigt, als er dem Herrn das Rauchopfer bereitete, wie es beim hl. Lukas (1,9) heißt: Als Zacharias dem Herrn das Rauchopfer darbrachte. Doch was glaubt ihr, welches Rauchopfer der hl. Petrus dem Herrn darbrachte, als er ihm antwortete: Herr, du weißt, daß ich dich liebe (Joh 21,17), als einzigen Wohlgeruch, der seiner göttlichen Majestät wohlgefällig ist. Der hl. Johannes wurde im Schoß seiner Mutter geheiligt in Gegen- wart der heiligen Jungfrau; ebenso wurde der hl. Petrus im Schoß der streitenden Kirche geheiligt. Ihr müßt aber wissen, daß die Heiligen auf fünffache Weise geheiligt werden: 1. aus notwendiger Konsequenz; so war Unser Herr geheiligt, der als wahrer Sohn Gottes nur heilig sein konnte. Da er seiner Natur nach heilig ist, heißt er heilig schlechthin: Der Heilige wird Sohn Got- tes genannt werden (Lk 1,35), da er einer der drei Sanctus, Sanctus, Sanctus ist (Jes 6,3), die die Serafim, die Jesaja sah, im Himmel unab- lässig zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit singen. Die zweite Art ist die jener, die bedingt und durch keine andere Notwendigkeit als durch den Willen Gottes heilig sind; gleichwohl sind sie es immer. Von die- ser zweiten Art haben wir nur die heilige Jungfrau, von der David sagt:

Herr, du hast dein Land gesegnet, hast die Gefangenschaft Jakobs ab- gewendet (Ps 85,1). Die dritte Weise der Heiligung ist die jener, die nicht immer heilig sind, sondern erst im Schoß ihrer Mutter geheiligt wurden. Solche waren der hl. Johannes, Jeremia und nach der Auffas- sung einiger der hl. Josef. Auf sie wendet man die Worte (Jer 1,5) an:

Ehe du aus dem Mutterleib hervorgingst, habe ich dich geheiligt. Die vierte Weise ist die jener, die geheiligt wurden durch eine allgemeine Heiligung für alle Gerechten vor ihrem Tod; von ihnen heißt es (Weish 3,1): Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand. Die letzten aber sind geheiligt, nicht durch eine allgemeine Heiligung, die man Recht- fertigung nennt, sondern durch eine besondere Heiligung, die sie nicht mehr verlieren können. Dafür haben wir das Zeugnis des hl. Paulus, der (Röm 8,38f) sagt, er sei überzeugt, daß nichts, nicht einmal der

Tod ihn von der Liebe Jesu Christi trennen könne: Ich weiß, daß nicht einmal der Tod uns von der Liebe Christi trennen wird.

Um euch nun zu zeigen, welche Beziehung zwischen dem hl. Johan- nes und dem hl. Petrus besteht, finde ich, daß die heilige Jungfrau bei ihrer Heiligung gegenwärtig war. Über die des hl. Johannes heißt es:

bei ihrer Ankunft bei der hl. Elisabet hüpfte das Kind vor Freude (Lk 1,44). Dasselbe kann man von der Heiligung des hl. Petrus sagen, die im Abendmahlssaal erfolgte, wo auch die heilige Jungfrau zugegen war, bei der Herabkunft des Heiligen Geistes. So kann man von ihm wie vom hl. Johannes sagen: Das Kind jubelte, weil der hl. Petrus vor- her wie ein Kind gleichsam nie gesprochen hatte und sogleich seinen Mund öffnete (Apg 2,14), zu predigen und die Menschen zu Tausen- den zu bekehren begann.

Der hl. Johannes war der letzte Prediger des mosaischen Gesetzes, der hl. Petrus der erste des Evangeliums. Ihr zwei brennende Leuchten der Predigt, helft durch eure heilige Fürsprache meiner Jugend, damit es Gott gefalle, sich meiner in dieser Aufgabe zu bedienen, um seinem Volk die Erkenntnis des Heiles zu schenken, zur Vergebung ihrer Sünden (Lk 1,77), auf daß ich meine Lippen durch Unseren Herrn so zu öff- nen vermöge, daß mein Mund sein Lob verkünde, daß ich das Rechte lehre, und was ich lehre, in der Tat vollbringe, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde (Ps 1,17; 1 Kor 9,27).

Bis jetzt habt ihr gesehen, welche Übereinstimmung zwischen der Geburt des hl. Johannes und dem Tod des hl. Petrus besteht. Jetzt wollt ihr vielleicht wissen, wer der Größere ist im Himmelreich (Mt 18,1). Das ist eine Frage, die ich nicht gut beantworten kann. Ich will euch nur sagen: ahmt die Heiligkeit des einen wie des anderen nach, dann werdet ihr es wissen, sobald ihr im Himmel seid. Als die Philosophen vor mehr als 2000 Jahren die Ursache von Flut und Ebbe suchten, konnten sie diese nie finden; aber ich will euch nicht dieses Ziel setzen, um die Lösung dieser Frage zu kennen:

studiert nur die Heiligkeit dieser zwei großen Heiligen durch die Nachahmung, und die meisten der hier Anwesenden werden sie in kurzer Zeit wissen.

Übrigens nennt die Kirche den Tod des hl. Petrus eine Geburt, weil er im Tod das Leben gefunden hat. Der Tod des hl. Johannes konnte aber nicht als Geburt bezeichnet werden, da er in den Vorhimmel eingehen mußte, weil der Himmel damals noch nicht geöffnet war. Seit der Himmelfahrt des Herrn nun haben diejenigen, die diese Sterb-

lichkeit geringschätzen, aus ihrem Tod eine Geburt gemacht. Ich täte aber der Schriftstelle Unrecht, die ich am Anfang dieser Predigt ange- führt habe, wenn ich noch länger den Ähnlichkeiten zwischen der Geburt des hl. Johannes und dem Tod des hl. Petrus nachginge, da ich soviel Gelegenheit habe, einen höheren Vergleich anzustellen, näm- lich zwischen dem Tod des hl. Petrus und dem unseres göttlichen Erlösers. Niemand soll sagen, alle Vergleiche seien verpönt und es gebe kei- nen Vergleichspunkt zwischen dem Herrn und dem Diener, da Unser Herr keine Bedenken hatte, sich mit den Hirten und den Schafen zu vergleichen, mit dem Weinstock und mit den Steinen. Der hl. Paulus sagt im Römerbrief (8,29): Die er vorherwußte, hat er auch vorherbe- stimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden. Er nennt sich unseren Bruder (Joh 20,17), er nennt uns seine Freunde (Joh 15,14f) und seine Miterben (Röm 8,17); außerdem gibt er uns einen Namen, dessen Grundlage überhaupt nicht mitteilbar ist: Ich habe gesagt, Götter seid ihr und Söhne des Allerhöchsten (Ps 82,6). Aber beachtet das, denn Gott nennt uns Götter; der Teufel nennt uns Götter, wenn auch nicht unbedingt, wenn er sagt: Ihr werdet wie Götter sein, Gut und Böse erkennend (Gen 3,5). Gott gibt uns diese Namen, um uns zu demütigen und uns seine Liebe zu zeigen; der Teufel wendet sie auf uns an, um uns in Hochmut fallen zu lassen und auf diese Weise von der Liebe zu trennen. Schließlich zeigen diese Namen, die den Men- schen gegeben wurden, mehr die Ehre Gottes als die der Menschen: Er ist so gütig, daß er uns ihm ähnlich machen will, soweit unsere Nied- rigkeit das zuläßt. Meine lieben Zuhörer, wir dürfen es also nicht mit unserem kleinen Verstand kritisieren und verurteilen, wenn wir sehen, daß die Kirche bestimmten großen Heiligen, namentlich unserer glorreichen Herrin, hervorragende Titel gibt. Sie hat ja mehrere Namen, die ihr nicht nur bild- und gleichnishaft zukommen, sondern in Wahrheit, wie Mutter der Gnade, Mutter Gottes und folglich Königin der Engel, Königin des Himmels und der Erde, Zuflucht der Sünder, Mutter der Barm- herzigkeit. Sie, die wahrhaft die Mutter Gottes ist, besitzt ja alle Titel offenbar mit größerem Recht, als ein König den Namen seines König- tums trägt. Die übrigen Namen der heiligen Jungfrau verstehen sich als angemessen durch Teilnahme, so wenn wir sie unsere Zuflucht, unsere Hoffnung nennen, weil sie es tatsächlich ist, obwohl sie es nur durch Anteilnahme und durch ihr Ansehen ist. Als Unser Herr zum hl. Petrus gesagt hatte, wenn er älter geworden sei, werde er seine Hände ausstrecken, werde gebunden und geführt,

wohin er nicht wolle, da sagte er zu ihm: Folge mir (Joh 21,19). Der hl. Augustinus fragt, warum Unser Herr zum hl. Petrus sagt: Folge mir; er antwortet: Das ist, als wollte er ihm sagen: Was dich betrifft, Petrus, du wirst mir nicht nur in den Tod folgen, sondern auch in der Art des Todes. Dem stimmt auch Euthymius zu, obwohl Theophylact dieses Wort so versteht, als wollte ihm Unser Herr sagen: Sei mein Stellver- treter. Die eine wie die andere Auslegung ist gut, denn Unser Herr sagte ihm: Folge mir, in der Folge dessen, was er ihm vorher gesagt hat. Nun hat er ihm zwei Dinge gesagt: 1. Weide meine Lämmer; 2. Wenn

du aber älter geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken

gedessen sagt er ihm zweimal: Folge mir: das erste Mal, nachdem er ihm seinen Tod vorhergesagt hat: Nach diesen Worten sagte er zu ihm:

Folge mir nach (Joh 21,19), als wollte er sagen: Du wirst gekreuzigt, um zu zeigen, daß du meine Schafe nicht nur mit meinem Wort nährst, sondern auch nach meinem Vorbild; sei also Hirte, mein Statthalter und mein Stellvertreter. Das zweite Mal sagt er zu ihm: Folge mir, als Petrus wissen wollte, was mit dem hl. Johannes geschehen soll (Joh 21,22). Der hl. Johannes wird bleiben, wie es mir gefallen wird; was dich betrifft, mußt du mir nachfolgen, nicht nur als Stellvertreter in der Leitung der Kirche, sondern auch darin, daß du an einem Kreuz stirbst wie ich. Der Ort, wo der hl. Petrus gekreuzigt wurde, ist ohne Zweifel Rom, denn das berichtet die ganze alte Überlieferung. Damit sind unsere Gegner nicht einverstanden; sie wollen nicht nur leugnen, daß er in Rom gestorben ist, sondern auch, daß er dort seinen Sitz hatte, und das mit den lächerlichsten und haltlosesten Begründungen, die man sich vorstellen kann. Indessen bestätigt es der Apostelschüler Papias (nach dem Bericht des Eusebius) und führt als Beweis dafür an, daß der hl. Petrus seinen ersten Brief von Babylon datiert, d. h. von Rom. Dieser Auffassung folgte auch der große hl. Hieronymus in seinem Werk „De viribus illustris“. Jemand, der in Fragen des Glaubens wenig bewan- dert ist und schlecht mit ihnen vertraut, wird mir sagen: Rom wird also Babylon genannt? Es grüßt euch die mit auserwählte Gemeinde in Babylon, schreibt er (1 Petr 5,13). Ja wirklich, denn in Rom, das durch die Schreckensherrschaft Neros mit dem Blut der Märtyrer getränkt war, herrschte damals der Götzendienst; deshalb mußte es die neronische Stadt oder Babylon genannt werden, nicht eine christliche Stadt. Beachtet deshalb, daß der hl. Petrus nicht sagt: Es grüßt euch die Gemeinde von Babylon, sondern: Es grüßt euch die mit auser- wählte Gemeinde in Babylon. Die römische Christengemeinde war in Babylon, nicht von Babylon, so wie viele Antichristen aus uns hervor-

Infol-

gegangen sind, aber sie waren nicht von uns (1 Joh 2,18f). So muß man auch die andere Stelle verstehen: Babylon saß auf den sieben Hügeln (Offb 17,9).

Der hl. Petrus war also in Rom und trat dem Magier Simon entge- gen. Nachdem er die Kirche ungefähr 25 Jahre geleitet hatte, wollte Nero ihn töten lassen. Die Christen baten ihn aber, sich in Sicherheit zu bringen, da er für die Kirche sehr notwendig sei, die nicht ihr Ober- haupt verlieren könne, ohne Schaden zu nehmen. Deshalb verließ er Rom. Außerhalb des Tores erschien ihm Unser Herr. Da fragte ihn der große Heilige in seiner gewohnten Einfalt, wohin er gehe: „Herr, wo- hin gehst du?“ Unser Herr antwortete ihm: „Ich gehe nach Rom, um noch einmal gekreuzigt zu werden.“ Durch diese Worte erkannte der hl. Petrus, daß Unser Herr in seiner Person gekreuzigt werden wollte, da er gesagt hat: Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25,40). Er kehrte schnell in die Stadt zurück, wurde sogleich ergriffen und zur Kreuzigung verurteilt. Aus Demut bat er jedoch, daß er mit dem Kopf nach unten und mit den Füßen nach oben gekreuzigt werde, da er aus Ehrfurcht nicht genau so wie sein göttli- cher Meister sein wollte. So verherrlichte der große hl. Petrus, alt geworden, Gott, indem er seine Hände ausstreckte, wie ihm vorherge- sagt war. Nun wird alles, was ich euch gesagt habe, von unwiderlegba- ren Gewährsmännern berichtet, deren Auffassung kein Mensch von gutem Urteil zu widersprechen wagt. Da ist der hl. Ambrosius in sei- ner Rede gegen Auxentius, der hl. Athanasius in der Rechtfertigung seiner Flucht, der hl. Hieronymus in einer Predigt über den hl. Petrus, abgesehen von den Erinnerungen, die in Rom noch erhalten sind. So folgte also der hl. Petrus Unserem Herrn nach, nicht nur darin, daß er sein Stellvertreter auf Erden war, sondern auch darin, daß er am Kreuz starb wie er.

Als Gott diese Welt erschuf und den Menschen erschaffen wollte, sagte er: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleich- nis, daß er herrsche über die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels und die Tiere des Landes (Gen 1,26). So, scheint mir, hat er es auch bei ihrer Erneuerung gemacht. Als er den hl. Petrus zum Vorsteher und Leiter seiner ganzen Kirche machen wollte, daß er ebenso Befehlsge- walt habe über jene, die im Meer dieser Welt sind, wie über jene, die sich ins Kloster zurückziehen, um in der Luft der Vollkommenheit zu fliegen, da wollte er ihn sich ähnlich machen, und mir scheint, daß er sagte: Laßt uns ihn nach unserem Bild machen, d. h. dem gekreuzigten Jesus ähnlich; deshalb sagte er: Folge mir.

Nach der Sage war Narziß ein so stolzer Jüngling, daß er nie jemand seine Liebe schenken wollte. Als er sich aber schließlich in einer kla- ren Quelle betrachtete, war er von seiner Schönheit ganz hingerissen. Wenn wir uns in einer Quelle betrachten, erscheinen wir darin ver- kehrt dargestellt, den Kopf unten und die Füße oben. Meint ihr nicht, daß Unser Herr den hl. Petrus in seinem Martyrium betrachtete, da seine Augen auf den Armen schauen (Ps 11,32)? Er sah ihn wie im Meer der Bitterkeit und Drangsal, mit den Füßen nach oben gekreu- zigt, so daß er wie sein wahres Abbild war. Und wenn Narziß, der nie jemand liebte, von seinem eigenen Spiegelbild so hingerissen war, wie- viel mehr Unser Herr, der nur liebte? So sagt auch sein Lieblings- jünger von ihm: Da er die Seinen liebte, liebte er sie bis zum Äußersten (Joh 13,1). Und an einer anderen Stelle heißt es: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt (Jer 31,5). Was meint ihr, sage ich, um wieviel mehr der göttliche Heiland von der Liebe des hl. Petrus hingerissen war, der wie sein Ebenbild war, versenkt im Meer der Trübsal des Martyriums? Zu den Jüngern von Emmaus sagte er: Mußte nicht Chris- tus leiden, und so in seine Herrlichkeit eingehen? (Lk 24,26). Ebenso möchte ich sagen: Mußte nicht Petrus leiden, und so in die Herrlich- keit seines Herrn eingehen? Ja, ohne Zweifel, denn Unser Herr hatte ihm gesagt: Folge mir; komm in die Herrlichkeit, aber so wie ich.

Schaut auf die Passion: ihr werdet sehen, als Unser Herr das Kreuz nicht tragen konnte, da er von den Martern so zerschlagen war, da ließ man einen Mann kommen, um ihm zu helfen; er folgte ihm und trug das Kreuz auf seinen Schultern. Der Evangelist nennt nicht viele beim Namen, die bei der Passion anwesend waren; diesen aber nennt er, und nicht ohne Geheimnis nennt er ihn Simon. Simon trägt Unserem Herrn das Kreuz nach. Das Kreuz ist das Königszepter Unseres Herrn: Und seine Herrlichkeit ruht auf seinen Schultern (Jes 9.6), wie es der hl. Hieronymus auslegt. Dieses Zeichen war für den hl. Petrus wie ein Vorzeichen, daß er eines Tages das Kreuz und das Szepter Unseres Herrn tragen werde, nicht nur im Leiden, sondern auch im Herrschen. Simon von Zyrene trug das Kreuz, um anzudeuten, daß unser Simon das Kreuz Unseres Herrn in der Hand halten werde wie ein Szepter, um in der streitenden Kirche zu herrschen und zu leiden.

Von da aus kann ich euch zum Verständnis einer weiteren Schwie- rigkeit führen, die ich euch erklären will. Sie besteht darin, daß Unser Herr, als er dem hl. Petrus die Leitung seiner Herde übergeben wollte, ihn stets Simon, Sohn des Johannes nennt, nicht Petrus, obwohl er selbst seinen Namen geändert hat. Woher kommt das? Ein hervorra-

gender Theologe unserer Zeit glaubt, das sei geschehen, um den hl. Petrus zu warnen, sich nicht zu überheben und sich zu erinnern, was er war, bevor Unser Herr ihn Petrus nannte. Ich glaube aber, daß darin ein tieferes Geheimnis liegt. Als Unser Herr dem hl. Petrus zeigen wollte, er werde ihn zum Haupt der Kirche bestellen, sagte er zu ihm:

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Wenn er ihm damit die Sorge für seine Herde übertrug, so gab er ihm auch einen seiner Namen, der Macht bedeutet; denn der Stein ist einer der Namen, die die Heilige Schrift Unserem Herrn beilegt: Der Stein aber war Christus (1 Kor 10,4). Der Stein, den die Bauleute verworfen ha- ben, ist zum Eckstein geworden (1 Petr 2,7). Er verhieß ihm also seine Stellvertretung in der Leitung der Kirche und gab ihm dazu einen sei- ner Namen, der Macht bedeutet. Da er ihn aber nicht nur zu seinem Stellvertreter machen wollte, sondern auch vorhersagen, daß er den Tod am Kreuz erleiden werde, gab er ihm noch einen Namen des Leidens, des Kreuzes und des Mar- tyriums, einen Namen, der Unserem Herrn zueigen war. Und welchen Namen des Martyriums, des Leidens und Duldens hatte unser Herr? Den Namen, der uns allen am Herzen liegen müßte, um uns zur Beob- achtung der Gebote Gottes zu ermutigen; das ist der Name des Gehor- sams. Hört, was der Apostel sagt: Er ist gehorsam geworden bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,8). Im Hebräischen bedeutet der Name Simon „gehorsam“. Unser Herr, der ihm den Namen der Macht gab, als er ihm die Macht übertrug, gibt ihm also jetzt seinen Namen des Leidens und des Duldens, da er ihm seinen Tod vorhersagt: so kann man sagen, daß Simon Petrus geworden ist bis zum Tod. Der hl. Petrus gab sich einmal als der Mutige, da er zu Unserem Herrn sagte: Auch wenn ich mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen (Mt 26,35). Dann hat er ihn auf das Wort einer Magd hin dreimal verleugnet. Als er seine Sünden erkannte, zog er sich sogleich zurück, um sie bitterlich zu beweinen, und nicht nur damals, sondern er beweinte sie ein Leben lang, wie der hl. Klemens sagt, so daß er wohl sagen konnte: Herr, besprenge mich mit Ysop der Reue, und ich werde von meiner Sünde gereinigt; wasche mich im Wasser meiner Tränen, und ich werde weißer als Schnee (Ps 51,9). Trotzdem tadeln die Centuriatoren von Magdeburg diese Sünde des hl. Petrus unauf- hörlich, nennen sie schrecklich und abscheulich. Es war tatsächlich eine Sünde, die ihn die Furcht vor dem Tod begehen ließ. Sie täten aber besser, sich vor der Sünde zu hüten, als den Fehltritt des hl. Pe- trus so zu übertreiben. Mir scheint nun, der große Heilige habe am Kreuz zu solchen Leuten die Worte des hl. Paulus gesagt: Fürderhin

falle mir niemand lästig, denn ich trage die Wundmale meines Herrn an meinem Leib (Gal 6,17), so als wollte er sagen: Niemand werfe mir weiterhin meine Sünde vor; denn darüber hinaus, daß ich mich in meinen Tränen reingewaschen habe, habe ich jetzt einen Beweis mei- ner Treue geliefert und mache durch meinen Tod den Fehler wieder gut, den ich aus Furcht vor dem Tod begangen habe. Bevor ich schließe, will ich der Wißbegier jener gerecht werden, die fragen könnten, warum der hl. Petrus mit dem Kopf nach unten ge- kreuzigt werden wollte.

Der erste Grund dafür war die Demut. Der zweite Grund war, daß Unser Herr die Füße zur Erde gerichtet hatte, um zu zeigen, daß er vom Himmel auf die Erde gekommen ist; der hl. Petrus hatte die Füße himmelwärts gerichtet, um zu zeigen, daß er von der Erde in den Him- mel ging. Außerdem hatte Unser Herr, als er starb, das Gesicht und die Augen stets auf die Erde gerichtet, um zu zeigen, daß er für seine Kirche nach seinem Tod nicht weniger Sorge trage als zuvor und daß er stets ihr Hirte sein wolle; der hl. Petrus wandte das Haupt gegen die Erde und die Augen zum Himmel, um zu zeigen, daß er sterbend sein Amt an seinen Nachfolger übergebe. So ist Unser Herr immer das Haupt der Kirche, nicht aber der hl. Petrus; Unser Herr hat seinen Stellvertreter, der hl. Petrus seinen Nachfolger.

Der hl. Petrus wandte außerdem das Haupt gegen die Erde, um zu zeigen, daß er wohl in den Himmel ging, aber seine Nachfolge den- noch auf Erden zurückließ, von der Unser Herr ihm gesagt hat: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen. Stellt euch vor, daß nächst Christus der hl. Petrus das erste Fundament der Kirche ist; auf ihm sind dann seine Nachfolger nacheinander aufge- baut als Ecksteine, die miteinander das Bauwerk der Kirche tragen. Das ist der Prüfstein, mit dem man stets den Irrtum oder die Irrlehre erkennt; das ist der Quaderstein des Tempels Salomos. Es heißt (1 Kön 5,17), daß der König Steine für das Fundament suchen und sie viereckig behauen ließ. Als Unser Herr den heiligen Apostel erwählt hatte, um nächst ihm der erste Stein des Fundamentes der Kirche zu sein, ließ er ihn formen am Kreuz. Wie das mosaische Gesetz auf einen Stein geschrieben wurde, ebenso wurde auf diesen lebendigen Stein das Gesetz des Evangeliums geschrieben. Wenn ihr im Zweifel seid, wie das Gesetz des Evangeliums zu verstehen ist, dann geht zu diesem Felsen, um zu lernen, wie man glauben muß. Ich will mich nicht lange dabei aufhalten, das des langen und breiten zu beweisen, da ich mir als Gegenstand dieser Predigt nur den Tod des hl. Petrus

vorgenommen habe. So will ich mich damit begnügen, euch für jetzt einen einzigen Grund vorzutragen, der aber grundlegend ist. Die Kirche ist eine Monarchie; deshalb braucht sie ein sichtbares Oberhaupt, das sie als oberster Statthalter Unseres Herrn regiert. Wem sollten wir es sonst sagen und wie die Einheit des Glaubens wahren, da Unser Herr gesagt hat: Sag es der Kirche (Mt 18,17)? Und wenn je- mand sich losreißen wollte, wer könnte ihn zum Schafstall zurückfüh- ren? Wie könnte man verhindern, daß es Spaltungen in der Kirche gibt? Wie anders sollte, wenn „die ganze Welt erstaunt ist, daß sie arianisch geworden ist“, wie der hl. Hieronymus sagt, die Welt bekehrt werden? Jedes Reich, das in sich uneins ist, wird verwüstet werden“ (Lk

11,17).

Es ist also wahr, daß die Kirche einen obersten Statthalter braucht. Sehen wir nun, wer das sein kann. Gewiß kein anderer als der hl. Pe- trus und seine Nachfolger. Abgesehen von der allgemeinen Überein- stimmung aller Jahrhunderte, vor allem der ersten acht, wie aus der „Sichtbaren Monarchie“ von Sanders ersichtlich ist, gibt es einen ge- wichtigen Grund: Es gab nie einen Bischof, der gedacht hätte, er sei der oberste und allgemeine Hirte der ganzen Kirche, außer die Nach- folger des hl. Petrus; und man hat nie in Erwägung gezogen noch be- hauptet, daß es ein anderer sei. Außerdem gibt es jetzt keinen Bischof in der ganzen Christenheit, der sich diese Eigenschaft zuschriebe oder von dem man behauptete, er sei Oberhirte und Papst. Die Häretiker wollen kein Oberhaupt; deshalb sind sie auch in so viele Sekten ge- spalten. Die Katholiken anerkennen den Papst als den gemeinsamen Vater und das einzige sichtbare Oberhaupt der ganzen Kirche; die Schismatiker anerkennen ihn nicht. Was können wir also sagen? Nie- mand als die Nachfolger des hl. Petrus hat je in Anspruch genommen, es zu sein; niemand beansprucht es und von keinem hat man es je gedacht, außer vom Papst. Das ist eine der Wahrheiten, die man in der Kirche immer geglaubt hat. Andererseits muß es einen geben; also ist er es ohne Zweifel. Er ist es, von dem der hl. Hieronymus im Brief an Damasus spricht, wo er sagt: „Ich kenne Vitalis nicht; Meletius lehne ich ab; Paulinus anerkenne ich nicht. Wer nicht mit dir sammelt, der zerstreut (Mt 12,30); d. h., wer nicht zu Christus gehört, ist des Anti- christ“ (Epist. XV, § 2). Man könnte mich aber fragen, warum der hl. Petrus den Sitz des Stellvertreters Unseres Herrn nach Rom verlegte, da doch Unser Herr in Jerusalem gestorben ist. Die Begründung dafür ist leicht zu geben:

Gott hatte die Absicht, die Heiden als sein Volk anzunehmen, indem er das undankbare Volk der Juden absetzte; nicht als ob er ihm die

notwendigen Hilfen zu seinem Heil vorenthielte; er entzog ihm aber die Privilegien, die er ihm gewährt hatte, deren es sich unwürdig er- wies. Ihr wißt doch, was die heiligen Apostel Paulus und Barnabas zu den Juden sagten: Euch mußte das Wort Gottes zuerst verkündet wer- den; weil ihr es aber zurückgewiesen habt, wenden wir uns an die Hei- den (Apg 13,46). Und wißt ihr nicht, was Hosea sagte? Ich werde zu Nicht-mein-Volk sagen: Mein Volk bist du; und es wird sagen: Mein Gott bist du (Hos 2,24). Davon spricht der hl. Paulus im 9. Kapitel seines Briefes an die Römer. Unser Herr ist also in Jerusalem gestor- ben, damit von Zion das Gesetz und von Jerusalem das Wort Gottes (Mi 4,2) ausgehe, weil es die Hauptstadt von Judäa war. Ebenso wollte er den Sitz seiner Kirche nach Rom, der Hauptstadt des Heidentums verlegen, um zu Nicht-mein-Volk zu sagen: Mein Volk bist du. Der hl. Petrus ist also in Rom gestorben, nicht als der erste Grundstein, son- dern der zweite. Unser Herr ist ja der große erste grundlegende Eck- stein, nicht nur der streitenden Kirche, sondern auch der triumphie- renden. Der hl. Petrus ist als Grundstein auf den ersten gegründet, und nur für die streitende Kirche: ein fester Stein, ein sicherer Fels im Meer dieser Welt; je mehr er bestürmt wird, um so weniger rückt er von seiner Stelle. Damit ist genug über den Tod des hl. Petrus gesagt. Was kann ich euch als Anwendung mitgeben? Als erstes fordere ich euch auf, Gott dafür zu danken, daß er uns einen solchen Fels gegeben hat, so daß wir nie untergehen, wenn wir uns auf ihn stützen. Als zweites wünsche ich zur Erneuerung unseres Geistes, daß wir einfach und fest seien im Glauben, den uns die heilige Kirche lehrt, und fest glauben, was auf diesem Stein geschrieben steht; ich habe euch ja gesagt, daß auf ihm das Gesetz des Evangeliums geschrieben ist. Glauben wir also ein- fach, unterwerfen wir unseren Verstand dem Glauben, den Unser Herr auf diesen Fels gegründet hat, denn die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (Mt 16,18). Christus bat für Petrus, daß sein Glau- be nicht wanke (Lk 22,32); das Haupt der Kirche ist die Säule und Grundfeste der Wahrheit, wie der hl. Paulus (1 Tim 3,15) sagt. Selig, wer seine Kindlein an den Felsen schmettert (Ps 137,9), sagt der Psalmist. Was sollt ihr tun, wenn irgendwelche Vorstellungen in Glau- bensfragen kommen, bestimmte Einwände, Einbildungen und Gedan- ken des Unglaubens? Wenn ihr sie in euren Geist einlaßt, werden sie euch verwirren und den Frieden rauben. Zerschlagt diese Gedanken und Vorstellungen, zerschmettert sie an diesem Felsen der Kirche und sagt zu eurem Verstand: Ach, mein Verstand, Gott hat dir nicht aufge- tragen, dich selbst zu nähren; das ist Sache dieses Felsens und seiner

Nachfolger; deshalb selig der Mann, der seine Kindlein an den Felsen schmettert. Die Schriftsteller, die über die Natur der Tiere geschrieben haben, sagen, der Adler habe einen so scharfen Schnabel und er wachse so stark, daß er ihn hindert, seine Nahrung aufzunehmen. Sie versichern, daß er nie stirbt, außer weil sein Schnabel zu lang und zu krumm ist. So, scheint mir, machen es manche, die nur einen zu lebhaften Geist aber nicht genügend Urteilsfähigkeit haben; sie wollen trotzdem alles wissen, alles kritisieren, vor allem theologische Fragen; denn die Theo- logie ist das einzige, sagt der hl. Hieronymus, worin jeder sich einmi- schen will. Die Spitze ihres Geistes ist zu lang, daher können sie die Nahrung des Glaubens nicht aufnehmen, wie es sich gehört. Aber was hilft dagegen? Sie müssen tun, was der Adler nach den Worten des hl. Augustinus tut: er bricht die Spitze seines Schnabels ab, indem er ihn gegen den Felsen schlägt. Wenn er dann von diesem Hindernis befreit ist, kann er wieder besser fressen. So möchte ich auch jenen raten, die etwas zu wissen meinen und gestützt auf diese Einbildung die Spitze und Lebhaftigkeit ihres Geistes durch eine bestimmte menschliche Denkweise so weit wachsen lassen, daß sie infolge einer gewissen Selbst- überhebung die gesunde Lehre der Kirche nicht mehr annehmen wol- len: sie sollen ihr Räsonieren an diesem Felsen brechen: Selig, wer seine Kindlein an den Felsen schmettert. Beachtet, daß der Psalmist nicht einfach Kindlein sagt, sondern seine Kindlein. Warum? Weil die Gedanken des Unglaubens von uns kommen, die Gedanken des Glau- bens von Gott. Wir sind unfähig, etwas von uns aus zu denken, als käme es von uns, sondern all unser Können kommt von Gott (2 Kor 3,5). Beachten wir diese Gedanken gegen den Glauben niemals; sie kommen nicht von Gott und sind nicht gegründet auf dem Felsen der katholischen Kirche. Brechen wir sie vielmehr, schlagen wir ihre Spit- ze gegen diesen Felsen, d. h. mit der Autorität der Kirche. Aber außer diesen Gedanken, die Kinder des Verstandes sind, von denen der Psalmist spricht, gibt es andere Kinder des Wil- lens; das sind unsere Sünden, von denen ich ebenfalls sage: Selig, wer seine Kindlein an den Felsen schmettert; denn Gott hat diesem Fels die Macht gegeben, die Sünden nachzulassen und zu tilgen (Mt 16,19). Wenn man zum Priester kommt, um sie zu beichten, was ist das anderes, als diese Kinder des Willens zum Felsen brin- gen? Und beachtet noch, meine lieben Zuhörer, daß er sagt: seine Kinder, um zu zeigen, daß man mit der Beichte nicht warten darf, bis unsere Sünden alt geworden sind; denn wenn sie alt geworden sind, ist es sehr schwierig, sie gut zu bekennen, und noch mehr, sie

zu bessern! Weil ich schwieg, sind meine Gebeine alt geworden, sagt David (Ps 32,3). Zerbrechen wir unsere Sünden zu Beginn an diesem Felsen.

Ich weiß, daß ihr alle sehnlichst den Frieden wünscht. Deshalb will ich euch mit dem königlichen Propheten sagen: Wenn ihr ihn erlangen wollt, dann wendet euch an Gott mit Bitten und Gebeten: Erfleht, was Jerusalem zum Frieden dient (Ps 122,6). Liebt ihn von ganzem Herzen, dient ihm treu, meidet sorgsam alles, was ihn beleidigen kann. Auf diese Weise werdet ihr den Frieden erlangen, denn es heißt: Reicher Friede denen, die das Gesetz Gottes lieben, und nichts gibt ihnen An- stoß (Ps 119,165). Da nun niemand so heilig ist, daß er nicht manch- mal gegen das Gebot Gottes verstieße, bekennen wir wenigstens, daß wir dieses Gebot lieben, indem wir Gott um Vergebung bitten und unsere Sünden durch die Beichte und Buße zu Füßen des Priesters tilgen wie an einem Stein, der auf dem Felsen des Glaubens gegründet ist: Selig, wer seine Kindlein an den Felsen schmettert.

Schließlich wünschte ich, daß wir alle nach dem Beispiel des hl. Petrus gekreuzigt wären. Der Krieg, die Armut und die übrigen Nöte kreuzigen uns, das ist wahr; aber sie kreuzigen uns wie den linken Schächer, nicht wie den hl. Petrus; d. h. statt aus diesen Übeln Nutzen zu ziehen, werden wir durch sie schlechter. Ach, der hl. Petrus wurde am Kreuz Christi gekreuzigt. Es genügt nicht, sein Kreuz auf sich zu nehmen, man muß auch Unserem Herrn nachfolgen, denn nachdem er gesagt hat: Er nehme sein Kreuz auf sich, fügt er hinzu: und folge mir nach (Mt 16,24). Dann wird das Kreuz uns süß werden, dann werden wir das Leben finden im Tod und Tröstungen in Widerwärtigkeiten.

Als Elija vor der Verfolgung Isebels floh, einen Tag gewandert war und sich unter einem Ginsterstrauch befand, heißt es: Er wünschte sei- ner Seele, daß er sterbe, und sagte: Es ist genug für mich, Herr: nimm meine Seele (1 Kön 19,4). Wie zufrieden, meine ich, war der hl. Petrus am Kreuz, daß er das Gebot des Herrn, ihm zu folgen, erfüllt sah; da sah er sein Verlangen erfüllt. Als Unser Herr ihm begegnete und ihm sagte, daß er gekreuzigt werden soll, da kehrte er auch sogleich in die Stadt zurück, beseelt von dem großen Verlangen, im Schatten des hei- ligen Kreuzesbaumes zu sein. Er sagt nichts zu seinem göttlichen Mei- ster und hält sich nicht damit auf, mehr mit ihm zu sprechen, sondern kehrt im selben Augenblick zurück. Doch meint ihr nicht, daß er da- mals mit der Braut im Hohelied (2,3) sagte: Im Schatten dessen, nach dem ich mich sehnte, sitze ich, und seine Frucht ist süß? Was ist diese Frucht?

Das ist das ewige Leben. Da also all sein Sehnen erfüllt war, glaube ich, wiederholte er auch wie Elija: Es ist genug für mich, Herr: nimm meine Seele. Es heißt, daß der hl. Andreas, sein Bruder, zwei Tage lebendig am Kreuz hing, das Volk belehrte und wohl zeigte, daß dieses Holz der Baum des Lebens ist und daß an diesem Baum der Tod über- wunden wurde. So, glaube ich, hat der hl. Petrus nach dem Beispiel des Elija Unseren Herrn gebeten, daß er seine Seele aufnehme: Er wünschte seiner Seele, daß er sterbe. So könnten auch wir sterben, meine lieben Zuhörer, an das Kreuz Unseres Herrn geheftet, um Jenem in das ewige Leben zu folgen, dem wir in den Tod folgen werden. Wer gibt mir Flügel gleich einer Taube? (Ps 55,7). Glorreicher Apostel, erwirke uns die Gnade, daß wir unseren Glau- ben stets auf die Kirche stützen. Da sie nächst Unserem Herrn auf dir als einem sicheren Felsen gegründet ist, ist sie die echte Säule und Grundfeste der Wahrheit. Ich lege dir stets zu Füßen, was ich je auf der Kanzel und außerhalb von ihr sagen werde. Du bist ja dieser Fels, auf dem die Kirche Jesu Christi gegründet ist; ihm sei Ehre und Herrlich- keit in alle Ewigkeit. Amen.

ZumZumZumZumZum FestFestFestFestFest derderderderder BeschneidungBeschneidungBeschneidungBeschneidungBeschneidung desdesdesdesdes HerrnHerrnHerrnHerrnHerrn

I.

Nr. 8 (Entwurf): 1. Januar 1594

VII,114-116

Das alles sind also Mittel, um in den Himmel zu kommen. Den- noch bleibt immer die Gnade, immer das Erbarmen.

1. Aufgrund der Erbschaft. Wenn Kinder, dann auch Erben (Röm

8,17). Er gab ihnen die Macht, Kinder Gottes zu werden (Joh 1,12).

Den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: Abba, Vater (Röm 8,15).

Ebenso Kinder

(Hebr 2,13 f). Das hat nichts mit unseren Werken zu

tun.

2.

Durch den Anspruch des Verdienstes. Die Seelen der Gerechten

Gott hat sie geprüft und sie seiner würdig befunden (Weish 3,1.5). Der Apostel dankt (2 Thess 1,4f) für die Ausdauer der Thessalonicher und sagt, das führe dazu, daß ihr würdig befunden werdet des Reiches Got- tes, für das ihr auch leidet. Offb (3,4): Sie werden in weißen Kleidern mit mir wandeln, denn sie sind würdig. „Die Ausdauer bewirkt die ewi- ge Fülle der Herrlichkeit.“ Beachte das.

In dieser zweiten Sicht kommt alles von der Barmherzigkeit, denn

alle guten Werke sind von Gott. Niemand kann zu mir kommen

6,4). Wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen

(1 Kor 4,7). Zieh mich an dich, wir werden dem

Wohlgeruch nacheilen (Hld 1,3). Und wer hat uns diese Barmherzig- keit verdient? Unser Herr; denn ohne ihn haben wir nichts. Beispiele vom Baum, vom Edelmut, vom Weinstock, vom Haupt. Aber über all das hinaus hat Unser Herr uns noch die Herrlichkeit verdient. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn wird groß sein im Himmel (Mt 5,12). Ein gutes, gehäuftes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man euch in den Schoß schütten (Lk 6,38). O Blut, kostba- res Blut! Wer will sich also noch auf die Unkenntnis der Absicht der Kirche berufen? Sie bekennt, daß alles von Gott kommt. Wenn wir an Kindes statt angenommen sind, ist es das Verdienst Unseres Herrn; wenn wir den Glauben haben, kommt es von Unserem Herrn; die Hoffnung: von Unserem Herrn; die Liebe: von Unserem Herrn; die Sakramente: von Unserem Herrn; gute Werke: von Unserem Herrn. Man weiß ja sehr wohl: Wir sind nicht fähig, aus eigener Kraft etwas zu denken, als käme es von uns (2 Kor 3,5). Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen (Joh 1,16). Wer sich rühmt, rühme sich im Herrn (1 Kor 1,31). „Ohne Gnade gelangt man nicht zur Gnade“ (Prosper v. A.). „Wenn Gott uns den Himmel schenkt, krönt er in uns seine eigenen Gaben“ (Aug.). Sieh, wie ihm der Name Jesus gegeben wurde, als er den ersten Tropfen Blut vergoß (Lk 2,21), weil er uns durch sein Blut, gleichsam durch das Rote Meer, erretten sollte. Wie ausgegossenes Öl

ist also Dein Name (Hld 1,2). O heilbringender Name, Name der

Hoffnung. Er gab ihm einen Namen, der über alle Namen erhaben ist,

damit im Namen Jesu jedes Knie sich beuge

O Herr! Herr, du mein Gott, wir beugen das Knie vor deinem heili-

hättest? Wenn aber

(Joh

(Phil 2,9f).

gen Namen; wir bekennen, daß wir in keinem anderen Namen Heil finden können (Apg 4,12). Er ist das Losungswort, um in das Paradies eingelassen zu werden. Das Blut Unseres Herrn ruft nach Barmherzigkeit (Hebr 12,24), anders als das Blut Abels.

II.

Nr. 9 (2. Entwurf: Eodem die): 1. Januar 1594

VII,117f

Aus ganzem Herzen bitte ich Gott, andächtige Zuhörer: wie es ihm gefallen hat, euch diesen Tag, diese Woche, diesen Monat und dieses Jahr „so gut beginnen zu lassen“, so möge er euch „gesund und heil erhalten“. Damit in euch stets die Gesinnung erneuert werde, ihm zu dienen und ihn zu ehren, möge „euer Tun und Denken mit ihm begin- nen“ (Brev.), mit Gott, hochgelobt in Ewigkeit (Röm 9,5). Gewiß, die Kirche trägt uns zu diesem Beginn das kürzeste Evangelium vor, aber

es ist überaus gehaltvoll. Ich werde darüber nur sprechen, soweit es unserem Vorhaben dient.

1. Beachtet, daß es früh beginnt: Am Anfang des Buches steht von

mir geschrieben (Ps 40,38). Außerdem wird er sagen: Ich muß eine Taufe empfangen, und wie drängt es mich (Lk 12,50). Welche Liebe!

2. Beachtet ferner den Gehorsam, den er der Kirche leistet. Für ihn

bestand keine Notwendigkeit, er zeigte sich aber stets dazu bereit. Er mußte die Kirche verändern, er verachtet sie dennoch nicht, sondern ist darauf bedacht, sie geläutert und ehrenvoll zu bekleiden.

3. Er heißt Jesus, und man verwundet ihn oftmals; er muß leiden und

so in die Herrlichkeit eingehen (Lk 24,26). Ben-Oni, Benjamin (Kind

der Schmerzen, Kind des Glückes: Gen 35,18).

a) Lernen wir, Gott gern und frühzeitig zu dienen: Zur Morgenstun-

de werde ich deiner gedenken (Ps 63,7). Es ist gut, daß der Mann das Joch von Jugend auf trage (Klgl 3,27). Kain verhielt sich nicht gut. Wer als Knabe verweichlicht lebt, wird Sklave sein (Spr 29,21). Man weiß nicht, wann man stirbt.

b) Seid nicht lau gegenüber den Sakramenten. Ihr Empfang ist not-

wendig. Sie sind die Mitteilung und Zuwendung des Blutes Unseres

Herrn: In seinem Blut hat er uns reingewaschen (Offb 1,5). Im Blut des Lammes haben sie ihre Kleider weißgewaschen (Offb 7,14). Man darf nicht auf jene hören, die das Gegenteil sagen. Man darf die Kirche nicht verachten. Unser Herr achtet die sichtbare Kirche, und man mißachtet die geistige.

c) Man muß große Ehrfurcht vor dem heiligen Namen unseres Herrn

haben. Hat man Ärger, macht der Name Jesus wieder froh; in der Versuchung hilft er; ist man verwundet, er heilt. Es ist der Name unse- rer Zuversicht. Die Schatzkammer ist geöffnet.

ZumZumZumZumZum SonntagSonntagSonntagSonntagSonntag SeptuagesimaSeptuagesimaSeptuagesimaSeptuagesimaSeptuagesima

Nr. 10: Seyssel, 6. Februar 1594 VII,119-129 Jesus trug seinen Jüngern folgendes Gleichnis vor:

Das Himmelreich ist einem Hausvater gleich, der am frühen Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu dingen. Als er sich mit den Arbeitern auf einen Denar Tageslohn geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg. (Mt 20,1f) Das Volk Israel im Alten Bund zeigte sich den Geboten Gottes ge- genüber stets hartherzig. Besonders widerspenstig aber verhielt es sich, als es sich nach dem günstigen Bericht Josuas und Kalebs über die Fruchtbarkeit des Gelobten Landes und nach der Aufforderung, die sie ermutigen sollte, dorthin zu ziehen, beschlossen, dies nicht zu tun (Num 14,1-4). Und als dann Gott die Israeliten warnte, nicht weiter- zuziehen, da drängten sie mit aller Gewalt vorwärts und zogen alle zum Gebirge, wo sie dann das Unheil ereilte (14,40-45). Ihr ganzes Unglück kam daher, daß sie gar zu leicht falschen Berichten der Kundschafter ihr Ohr liehen, die in das Land der Verheißung gezogen waren; nicht Kaleb und Josua wollten sie glauben, die ihnen einen heiligen Rat gaben. Ebenso kommt ein großer Teil des Unheils bei den Christen heute daher, daß sie denen glauben, denen sie nicht glauben dürfen, und daß sie jenen nicht glauben, denen sie glauben müssen: Die Menschen lieb- ten die Finsternis mehr als das Licht (Joh 3,19). Deshalb sehen wir im Evangelium ein untrügliches Kennzeichen derjenigen, denen wir glau- ben sollen, ebenso auch derjenigen, denen wir nicht glauben dürfen; derjenigen, die echte Arbeiter sind, und jener, die eher Zerstörer sind. Da ich für diesen Tag als Arbeiter im Weinberg Gottes zu euch gesandt bin, möchte ich euch nun zeigen, wie man gewisse Leute fliehen muß, die behaupten, das Land der Heiligen Schrift erkundet zu haben, und wie man der Stimme jener Gehorsam leisten muß, die sich durch ge- sunde Lehren auszeichnen. Herr, besprenge deinen Weinberg mit dem milden Regen deiner Gnade, damit Hacke und Spaten gut eindringen können; mache ihn aufnahmefähig und gib deinem unwürdigen Winzer die Kraft und das Geschick, die Dornen und die Unzahl falscher Auffassungen auszu- reißen, welche die Zeit treiben ließ, damit dir der Weinberg zur rech- ten Zeit Frucht bringe (Ps 1,3) und der Winzer den versprochenen Denar erhalte, den ewigen Tag. Dazu wollen wir die Hilfe der heiligen Jungfrau erbitten: Ave Maria.

Mose, der Führer von großer Rechtschaffenheit, wurde von Gott gerufen, als er die Schafe seines Schwiegervaters Jitro am Berg Horeb weidete. Er erhielt den Auftrag, die Führung und oberste Leitung Isra- els zu übernehmen, um es aus den Händen Pharaos zu befreien. Als die Majestät Gottes ihm in einem brennenden Dornbusch erschien, wandte er alle geeigneten Mittel an und erbat von Gott alle erforderli- chen Eigenschaften, Kennzeichen und Voraussetzungen, mit denen er es wagen konnte, im Namen Gottes zum Volk zu sprechen und es zu leiten. 1. bekennt er seine Unwürdigkeit: Wer bin ich, daß ich zu Pharao gehen und Israel aus Ägypten führen soll? (Ex 3,11). – 2. fragt er nach dem Namen dessen, der ihn sendet: Wenn sie mich fragen: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen dann sagen? (3,13). – 3. erbittet er ein Zei- chen: Sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern sagen: Der Herr ist dir nicht erschienen (4,1). Heiliger Prophet, großer Hirte Israels, weiser Mose, würdiger Ge- sandter Gottes, geeigneter Botschafter Gottes, wie gut kanntest du die vor allem erforderlichen Voraussetzungen für einen solchen Auftrag! Er hält sich für unwürdig, er fragt nach dem Namen, er bittet um ein Zeichen. Sagt mir, wie anders konnte er würdig werden, als daß er sich für unwürdig hielt? Ebenso machte sich Maria bereit, Mutter Gottes zu sein, indem sie sich als seine niedere Magd (Lk 1,38) bekannte. Und wäre er würdig gewesen, wie hätte man ihn angenommen, wenn er den Namen des Herrn nicht nennen konnte, der ihn gesandt hat? Wäre er würdig gewesen und hätte den Namen seines Herrn nennen können, wie hätte man ihm geglaubt, wenn er nicht klare Kennzeichen für sei- ne Sendung vorwies? Dies, meine Brüder, ist der Prüfstein, an dem ihr erkennt, ob jene, die sich des Wortes Gottes rühmen, echte oder falsche Propheten sind. Es gab wohl nie eine Sekte, die nicht behauptet hätte, daß sie im Auf- trag Gottes spreche, daß ihre Predigten das wahre Wort Gottes seien, und die sich nicht auf die Heilige Schrift berufen hätte. So machten es Luther, Calvin und alle anderen nach dem Beispiel des Teufels, der Jesus Christus versuchen wollte, indem er sich auf die Schrift berief:

Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen (Ps 91,11; Mt 4,6). Sie alle behaupten, daß sie gesendet seien; sie nennen den Namen dessen, der sie gesandt habe. Wenn Gott es ist, so kann er es mittelbar oder unmit- telbar sein: Wenn mittelbar, dann sollen sie die Nachfolge nachwei- sen; wenn unmittelbar und in außergewöhnlicher Weise, dann sollen sie dafür Beweise erbringen und Wunder wirken. Die Katholiken, die

durch rechtmäßige Nachfolge gesandt sind, können sagen: Wie er zu

unseren Vätern gesprochen hat (Lk 1,55), und auf den Ursprung ihrer

usw. Wir kön-

nen sagen: Gott, wir haben es gehört mit unseren Ohren; unsere Väter haben es uns verkündet (Ps 44,1). Der Herr warnt durch Jeremia (23,16): Hört nicht auf die Worte jener Propheten, die euch prophezeien und euch täuschen. Sie verkün- den Trugbilder des eigenen Herzens, nicht die Worte, die aus dem Mund des Herrn kommen; und dann (23,21): Ich habe diese Propheten nicht gesandt, sie gingen selbst; ich habe nicht zu ihnen gesprochen, sie pro- phezeien von sich aus. Als David einmal in bestimmten Irrtümern be- fangen war, sagte er in Psalm 12 (1-4): Rette mich, Gott, es gibt keinen Heiligen mehr, denn die Wahrheit ist von den Menschen gewichen. Jeder sagt Falsches zu seinem Nächsten; ihre heuchlerischen Lippen reden doppelsinnig. Gott möge alle heuchlerischen Lippen vertilgen. Sie ha- ben gesagt: wir machen die Macht unserer Sprache offenbar; unsere Lippen sind uns zu eigen; wer ist unser Herr? Und bei Jeremia (14,14) heißt es: Ich komme über die Propheten, spricht der Herr, die nach ihrer eigenen Zunge reden. Den Willen des Herrn aber können wir daran erkennen: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch; und nach seiner Auferstehung fügte er hinzu: Empfangt den Heiligen Geist (Joh 20,21f). Vor der Himmelfahrt schließlich sagte er: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden; ferner: Geht hin und lehrt alle Völker (Mt 28,18f). Meine Brüder, betrachtet dieses Kennzeichen als wesentlich und

fragt jene, die euch vom Schoß der Kirche fernhalten wollen: Wer hat dich gesandt? (Ex 2,14). Johannes der Täufer war ein großer Refor- mator und in außergewöhnlicher Weise von Gott gesandt. Wenn er auch nichts sagte, was im Gegensatz zur jüdischen Kirche stand, da er mit einem großen Auftrag kam, so seht ihr doch, daß er die Kennzei- chen hatte, um sich auszuweisen. Sein wundervolles Leben, seine Ge- burt veranlaßten die Frage: Was meint ihr, was aus diesem Kind werden soll? (Lk 1,66). Der hl. Paulus, der in besonderer Weise gesandt war, wünschte zudem ein sichtbares Zeichen durch die Auflegung der Hän- de des Hananias (Apg 9,17): Damit du sehend und vom Heiligen Geist erfüllt wirst, sagte Hananias. Was soll ich euch noch sagen? Obwohl die Sendung. Unseres Herrn mit allen Umständen vorhergesagt war, wollte er sie noch deutlicher machen; er berief sich ständig auf sie und sagte wiederholt: Wie mich der Vater gesandt hat (Joh 20,21; 6,58). Meine Lehre stammt nicht von mir, vielmehr von dem, der mich gesandt hat (Joh 7,16). Dann rief er

Sendung hinweisen: Jesus hat Petrus gesandt, Petrus

aus: Ihr kennt mich und wißt, woher ich bin. Ich bin nicht aus mir selbst gekommen (Joh 7,28). Ihr seht also, wie er sich auf seine Sendung beruft, obwohl er keines anderen Beweises bedurft hätte als der Heili- gen Schrift. Er war ja so ausdrücklich vorhergesagt, daß man ihn klar erkennen konnte: Forscht in den Schriften; sie legen Zeugnis von mir ab (Joh 5,39). Trotz all dem begnügte er sich nicht damit zu sagen, daß er gesandt ist, und war er nicht damit zufrieden, daß seine Sendung durch die Heilige Schrift verbürgt wurde: er wollte ein sichtbares und klares Zeugnis seines Vaters bei der Taufe (Mt 3,17) und bei der Ver- klärung (Mt 17,5; Lk 9,35): Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; ihn sollt ihr hören; und wiederum beim hl. Johannes (12,28): Ich habe ihn verherrlicht und will ihn weiter verherr- lichen. Er beglaubigt seine Sendung durch Wunder und versichert, daß ohne Wunder seine Sendung dem Volk nicht hinreichend bewiesen wäre. So heißt es beim hl. Johannes (14,10): Die Worte, die ich zu euch spreche, sage ich nicht aus mir selbst; und weiter (14,12): Glaubt we- nigstens aufgrund der Werke; und (15,24): Hätte ich nicht unter ihnen Werke getan, die kein anderer getan hat, so wären sie ohne Sünde.

Ziehen wir daraus folgende ganz sichere Schlüsse: 1. Die Sendung ist notwendig, wie der hl. Paulus (Röm 10,14f) sagt: Wie können sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie können sie an den glauben, von dem sie noch nichts gehört haben? Wie können sie von ihm hören, wenn niemand predigt? Wie können sie predigen, wenn sie nicht ge- sandt sind?

2. Es genügt nicht zu sagen, daß man gesandt ist, sondern man muß

nachweisen, wie: ob mittelbar wie Timotheus durch den hl. Paulus, der an ihn schrieb: Ich ermahne dich, die Gnade neu zu beleben, die in dir ist, die dir gegeben wurde durch die Auflegung meiner Hände (2 Tim 1,6); oder ob man unmittelbar gesandt ist wie der hl. Paulus und Barnabas (Apg 13,2f): Sondert mir Paulus und Barnabas aus, sprach der Heilige Geist, für das Werk, zu dem ich sie berufen habe. Nachdem sie nun gefastet und gebetet hatten, legten sie ihnen die Hände auf und entließen sie. Das gibt auch Calvin (Inst. 4,3) zu.

3. Wer sich auf eine außergewöhnliche Sendung beruft, muß sie be-

weisen. Denn an welche Regel könnten wir uns halten, wenn man sie nur zu behaupten bräuchte? So haben Mose, der hl. Johannes, ja selbst Unser Herr den Beweis erbracht.

4. Eine außergewöhnliche Sendung ist nie echt, wenn sie nicht vom

ordentlichen Lehramt anerkannt wird. Seht den hl. Paulus, wie er von

der außerordentlichen Sendung zur ordentlichen kommt (Apg 9,17). Das zeigt auch ein weiteres Beispiel: War der hl. Johannes nicht von den Priestern und Schriftgelehrten anerkannt, die jene würdevolle Abordnung zu ihm sandten: Wer bist du? (Joh 1,19), und seine Lehre immer billigten? Unser Herr brauchte von niemand eine Vollmacht zu empfangen; für ihn genügte es zu beweisen, daß er der Sohn des Allerhöchsten ist. Trotzdem anerkennen ihn Simeon, Zacharias, der hl. Johannes, selbst Kajaphas, der weissagte (Joh 11,49-52). Doch seit Jesus Christus und der Gründung der Kirche sei dir jeder, der nicht durch die Kirche anerkannt wurde, wie ein Heide und öffentlicher Sün- der. Sag es der Kirche (Mt 18,17). Die Kirche ist das Fundament und die Säule der Wahrheit (1 Tim 3,15). Ich bleibe bei euch bis ans Ende der Zeit (Mt 28,20). Doch hört, ob dies auch nach dem Gesetz des Alten Bundes galt. Euer Hohepriester sei der Vorsteher in allen Angelegenheiten Gottes (2 Chr 19,11); und: Wäre einer so vermessen, daß er auf das Gebot des Priesters nicht hörte, so sterbe er nach dem Urteil des Richters (Dtn 11,12). Man darf auch nicht sagen, das ordentliche Lehramt fehle bis- weilen, denn seines Reiches wird kein Ende sein (Lk 1,35). Dein Reich ist ein Reich für alle Zeiten (Ps 145,13). Ich bleibe bei euch bis zur Vollendung der Welt (Mt 28,20). Was können wir nun zusammenfassend feststellen? Da unsere Irr- lehrer uns nicht sagen können, woher sie kommen, noch wer sie gesandt hat, muß man sich hüten, auf sie zu hören. Sie sprechen nämlich ihre eigene Sprache, behaupten aber: der Herr spricht (Jer 23,31). Da sie die Kirche nicht hören wollen, seien sie uns wie Hei- den und öffentliche Sünder (Mt 18,17). Wir können von ihnen sa- gen, was der hl. Paulus zu den Vorstehern in Ephesus vor seiner Abreise sagte: Ich weiß, daß nach meinem Weggang wilde Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen werden. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die Falsches lehren, damit sie die Jünger auf ihre Seite ziehen (Apg 20,29f). 1. Sie werden ein- dringen, also nicht gesandt sein. 2. Es sind Wölfe, keine Hunde; im Wald lebende, nicht gezähmte; wilde, nicht den Hirten gehorchen- de. 3. Aus eurer Mitte sind sie; nicht die Katholiken kommen von den Calvinisten, sondern umgekehrt, weil die Katholiken früher da waren als die Häretiker. 4. Damit sie die Jünger auf ihre Seite zie- hen; nicht die Katholiken haben die Jünger Calvins zu sich her- übergezogen, sondern Calvin manche von den Katholiken. Ihr seht also, das sind keine richtigen Arbeiter, da der Hausvater sie nicht gedungen, nicht ausgesandt und zu ihnen nicht gesagt hat: geht. Sie

sind vielmehr eingedrungen, sie sind von selbst gekommen: Sie eil- ten, und doch sandte ich sie nicht (Jer 23,21).

Dies alles ist von der Berufung der Priester, Lehrer und Hirten der Kirche zu verstehen, die nicht allen zuteil wird (1 Kor 12,28-30; Eph 4,11). Denn wenn jeder Hirte wäre, wo bliebe dann die Herde? Sie gilt nur einigen, die gesandt sind wie Mose, Aaron, Johannes, Jesaja, Jeremia, Elija, David usw. Nun gibt es aber noch eine andere Beru- fung, die allgemein ist; und wie nicht jeder denken kann, daß er auf die erste Weise berufen sei, so muß jeder sich in der zweiten Art berufen wissen. Und wie es eine große Sünde wäre, wenn jeder sich zur ersten Gruppe rechnen wollte, so wäre es auch eine große Sünde, wenn einer der zweiten Art der Berufung nicht entsprechen wollte. Kurz gesagt:

wie es eine große Sünde ist, der Stimme falscher Hirten zu folgen, so ist es auch eine Sünde, die Stimme der echten nicht zu hören und ihr nicht zu gehorchen. Den ganzen Tag, sagt der Herr, habe ich meine Hände über dieses ungläubige und widerspenstige Volk ausgebreitet (Jes 65,2; Röm 10,21). Wen dürstet, der komme zu mir (Joh 7,37). Ich stehe vor der Tür und klopfe an (Offb 3,20). Er tut es durch die Prediger: Wer euch hört, der hört mich (Lk 10,16). Wenn ihr heute seine Stimme hört (Ps 94,8). Welche Stimme? Was steht ihr den ganzen Tag hier müßig? Geht auch ihr in meinen Weinberg (Mt 20,6f). Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann (Joh 9,4). Bande des Todes umfangen mich, die Gefahren der Hölle umgeben mich (Ps 116,3).

Wartet nicht, bis die Fastenzeit euch drängt. Wißt ihr denn, ob ihr sie erleben werdet? Sie verbringen ihre Tage in Freude; in einem Augen-

blick steigen sie zur Unterwelt hinab (Ijob 21,13). Schmerzen des Todes umgeben mich. Wir sind nur dann befreit, wenn uns ein Fuß fehlt. Wie lange willst du schlafen, Faulenzer? Du willst ein wenig schlafen, ein wenig schlummern, und die Armut wird über dich kommen wie ein Be- waffneter (Spr 6,9-11); das heißt, du kannst ihr nicht entgehen. Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle in gleicher Weise zugrundegehen (Lk 13,3.5). Oder wißt ihr nicht, sagt der hl. Paulus, daß die Langmut Got- tes erwartet, daß du Buße tust? Du aber mit deinem unbußfertigen Her-

(Röm 2,4f). Fang heute an, aus Furcht, daß du überrascht wer-

den könntest. Ich rief, und ihr habt euch geweigert. So lache ich über

zen

euren Untergang (Spr 1,24.26). Laßt uns das Gute tun, solange wir Zeit haben (Gal 6,10). Abner fragte Davids Feldherrn Joab: Wie lange noch soll denn dein Schwert wüten? Joab sagte: So wahr der Herr lebt, wenn du heute morgen gesprochen hättest, dann hätte das Volk schon von der Verfolgung abgelassen (2 Sam 2,26f). Pharao wollte den Rückzug

aus der Mitte des Roten Meeres antreten, aber er konnte nicht mehr. „Er hat den Bußfertigen Verzeihung verheißen, aber er hat nicht die Zeit zur Buße versprochen“ (Aug.). Welche Gelegenheiten haben wir doch, um unsere Trägheit abzule-

gen! Soviel Leid, das wir jeden Tag sehen

der Vater, der die Rute in der Hand hält und zu seinen Kindern, die er züchtigt, sagt: Werdet ihr denn nie vernünftig? – Gebete, Reue, Beich- te, gute Werke. Die Welt ruft: Deficio (ich vergehe: 1 Joh 2,17); das Fleisch ruft:

Inficio (ich töte: Röm 8,13); der Dämon ruft: Decipio (ich täusche:

Gen 3,13); Christus ruft: Reficio (ich erquicke: Mt 11,28). Geht auch ihr in den Weinberg des Herrn; er wird euch geben, was euch zusteht. Es ist gerecht, daß jene, die er gerufen hat und die ihm in dieser Welt gefolgt sind, ihm auch in die andere folgen werden: Wo immer ich bin, soll auch mein Diener sein und er wird seinen Lohn empfangen (Joh 12,26; 4,36). Ich bin dein überreicher Lohn (Gen 15,1). Mut, meine Brüder! Alle sind berufen, doch nicht alle sind auserwählt (Mt 20,16). Von uns hängt es ab, ob wir hingehen, um in seinem Wein- berg zu arbeiten. Es macht Mühe, aber die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der künftigen Herrlichkeit (Röm 8,18). Einen Tag der Arbeit vergilt er mit dem ewigen Tag. Für die Mühe eines Tages gibt er ewige Ruhe im Paradies dort oben. Das sei in Ewigkeit der Ort unserer Ruhe; hier werden wir wohnen, wenn wir ihn erwählt haben (Ps 132,14). Dort werden wir dich loben in alle Ewigkeit, wenn wir dir den kurzen Tag dieser Welt gedient haben. Daher bitten wir dich, Herr,

gib uns dazu die Gnade, denn du bist ja der Gott des Erbarmens, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Unser Herr macht es wie

Nr. 12: Ende Februar 1594*

Fastenpredigten 1594 in Annecy EinleitungEinleitungEinleitungEinleitungEinleitung

VII,139-141

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe (Mt 3,2;

4,17).

Das sind die ersten oder vielmehr fundamentalen Worte der Predigt Unseres Herrn. Nachdem er vierzig Tage im Gebirge gefastet hatte (Mt 4,2), stieg er von dort herab und begann den Juden und dann der ganzen Welt die heilige Buße zur Vergebung der Sünden (Mt 1,4) zu predigen. Dadurch belehrt er uns, daß er dieses heilige Fasten auf sich genommen hat als eine nicht notwendige Buße (denn wer nie gesün- digt hat und niemals sündigen kann, bedarf der Buße nicht), sondern als Vorbild der Buße. Er verlangt von uns ebenfalls Buße und daß wir in gleicher Weise die Versuchungen überwinden. So wurde diese Leh- re von allen Kirchenvätern verstanden, selbst von den Aposteln und ihren Nachfolgern in den Jahrhunderten, und sie wurden so ausgelegt durch den Mund der Heiligen, die von Christus her Propheten sind. Deshalb haben sie durch „Überlieferung von Hand zu Hand“ die hei- lige Fastenzeit sehr genau eingehalten und das Fasten angeordnet, da- mit man besonders in dieser Zeit Buße tut, um möglichst würdig dem Himmelreich zu nahen oder sich seiner nicht unfähig zu erweisen. Es naht sich uns durch die Mitteilung des kostbaren Leibes Unseres Herrn, des lebendigen Gedächtnisses des Todes Unseres Herrn und seines Kreuzes, durch das das Reich Gottes (Mt 1,15), das nur in Gott allein war, selbst den Menschen zuteil wurde. Aus diesem Grund habe ich dieses Schriftwort gewählt, ehe ich eine geeignete Predigt wählte, durch die ich euch an einigen Tagen Schritt für Schritt im Geist an des Fuß des Kreuzes auf dem Kalvarienberg und tatsächlich zum heiligen Leib und Blut Unseres Herrn führen und dort glücklich ankommen lassen möchte. Durch diese Worte werden wir belehrt, daß wir uns dem Reich Gottes, wenn es naht, auch unserer- seits nähern müssen. Wir sind im Meer dieser Welt, inmitten der Wo- gen und Stürme unserer eigenen Sünden, in die wir durch den bekla- genswerten Schiffbruch unserer Taufunschuld geraten sind, den wir

* In seinem ersten Priesterjahr hielt Franz von Sales die Fastenpredigten in Anne- cy. Davon sind außer dieser Einleitung (von der er offenbar nicht mehr ge-

selbst verschuldet haben. Um uns dem Reich Gottes zu nähern, müs- sen wir uns am Nachen der Buße festhalten, der einzigen Zuflucht, dem einzigen Trost in diesen Gefahren. Wenn wir in ihm auch nicht ohne Furcht und Leid, ohne Seufzer, Hunger und ähnliche Nöte sind, so sind wir doch sicher: wenn wir guten Mut haben, werden wir im ersehnten Hafen des Kreuzes und dann der Glorie ankommen. Wir wissen: wenn wir wollen, wird das Himmelreich, das wahre Land der Verheißung, unser sein. Wir müssen nur aus Ägypten ausziehen und Buße tun, um bald dort anzukommen. Über diese Reise, über diese Pilgerfahrt will ich sprechen und euch an Hand der Erwägung gleich- sam von Station zu Station (Num 33,1) führen bis zu dem Ort, den ihr anstreben müßt. Da aber der Weg, auf dem wir gehen müssen, eine große Wüste der Buße ist, will ich euch vor allem ein wenig über deren Bedingungen und Eigenschaften sagen, damit ihr mit Hilfe der Dinge, die wir dabei im einzelnen sehen werden, nicht so unerfahren seid; dann werden wir uns ankommen sehen.

ZumZumZumZumZum DonnerstagDonnerstagDonnerstagDonnerstagDonnerstag derderderderder 1.1.1.1.1. FFFFFastenwocheastenwocheastenwocheastenwocheastenwoche

Nr. 13 (Fragment): 3. März 1594

VII,142-145

– – – Ich liebe die Zierde deines Hauses und die Stätte deiner Herr- lichkeit (Ps 26,8). Selig, die in deinem Haus wohnen, Herr (Ps 84,5).

Nun nimmt er sich vor, nicht mehr zu sündigen; er bedauert, sein Paradies verloren zu haben, und beklagt seinen Verlust. Dann blickt er nach oben und sieht den Himmel geöffnet mit dem Schlüssel des Kreu- zes (Jes 22,22). Er steigt auf den Hügel der Hoffnung, der mit Blumen bedeckt ist und erfüllt vom Duft der Oliven der Gnade und des Lor- beers der Glorie. Da atmet die Seele auf; der Geist erwacht, um sich dem Paradies zuzuwenden und die Sünde zu verlassen. Wer an die Freuden der Sünde gewöhnt ist, beginnt auf diesem Hügel der Hoff- nung bereits die Freuden der Gnade zu ahnen, zu fühlen und zu verko- sten. Er bedauert unendlich die verlorene Zeit; und wenn er den ewi- gen Lohn der Tugend bedenkt, kann er mit Recht sagen: Meine Augen schmachten nach deinem Wort, und sagen: Wann wirst du mich trös- ten? (Ps 119,82). Meine Augen werden schwach, wenn sie zum Himmel aufschauen (Jes 38,14). Wer gibt mir Schwingen gleich der Taube, daß ich fliege? (Ps 55,7)

Der hungrige Sperber späht nach der schönen Beute aus, will sich im Flug auf sie stürzen und sie ergreifen, um seinen Hunger und seine Gier zu stillen. Wenn er sich beim ersten Aufschwung gefesselt fühlt, schlägt er zornig mit den Flügeln und zappelt mit den Füßen, um seine Fesseln zu sprengen. So ergeht es auch der Seele, die auf diesem grü- nen, freundlichen Hügel der Hoffnung angekommen ist: sie sieht das Paradies, das ihr zur Beute gegeben ist, und versucht sich zu erheben. Da fühlt sie sich durch die Sünde gefesselt, unfähig, es zu erreichen. Welches Leid! Ihr fehlen weder die Flügel noch der Mut. Laßt uns die Fesseln sprengen (Ps 2,3). Der Herr befreit die Gefesselten (Ps 146,7). Nun beginnt sie sich zu bewegen. Sie will einerseits die Hölle fliehen, andererseits die Beute erringen. So gerät sie in den heiligen und ge- rechten Zorn der Reue. Doch stellt euch vor, der Sperber könnte spre- chen und hätte Verstand, oder vielmehr, einer könnte für ihn spre- chen; würde er dann nicht dem Herrn sagen: Laß mich frei, ich bitte dich. Ich werde nicht mehr auf Abwege geraten; ich will stets zu dir zurückkehren. Wenn sich die fromme Seele, die ja Verstand besitzt, gefesselt fühlt, macht sie es nicht wie der Vogel, der nur um sich schla- gen kann. Sie schaut vielmehr auf ihren Herrn und sagt: Herr, befreie mich. Herr, meine Tochter wird von einem bösen Geist geplagt (Mt 15,22). Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele; mein Gott, auf dich ver- traue ich; nie werde ich zuschanden werden (Ps 25,1f). Von da gelangt die Seele auf den Berg der Liebe. Sie sieht, daß ihr Herr bereit ist, sie trotz all ihrer Sünden aus der Hölle zu befreien und ihr das Paradies zu schenken. So beginnt sie seine Güte zu bewundern:

Israel, wie gut ist Gott denen, die aufrechten Herzens sind (Ps 73,1). Wäre ich so weise gewesen, seine Gebote zu befolgen, dann dürfte ich mich jetzt seiner Gunst erfreuen. Wie gut ist er: Preiset den Herrn, denn er ist gut (Ps 18,1). Und dann plötzlich ist er da, mitsamt der Anmut der Liebe: Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke (Ps 18,1). Ich liebe, weil der Herr mich erhören wird (Ps 116,1). Von diesem Berg aus betrachtet sie von neuem ihre Sünden, die sie verachtet: Ich habe ge- sündigt wider den Himmel und vor dir. Herr, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen (Lk 15,21). Ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach (Mt 8,8). Geh nicht ins Gericht mit deinem Diener, Herr (Ps 143,2). Erbarme dich meiner, Herr, nach deiner großen Barm- herzigkeit (Ps 51,1). Wie konnte ich nur die Stirn haben, eine solche Güte zu beleidigen? Wie konnte es geschehen, daß ich erst jetzt von so großer Bosheit mich abwende? Vielleicht kannst du noch nicht zum Himmel aufsteigen, um die Güte Gottes zu betrachten; dann schau sie in ihrem Spiegelbild. Der

Spiegel der Güte Gottes (Weish 7,26) ist die Passion des Erlösers Je- sus. Betrachte diesen schönen, jungen und edlen Mann, die Zierde der Welt, die vollkommene Güte, die Wonne der Engel, der auf die Erde kam, und frage: Warum ist der König des Himmels auf die Erde ge- kommen? Die Engel werden dir antworten: So sehr hat Gott die Welt geliebt (Joh 3,16). Und ist er freiwillig auf die Erde gekommen? Ganz

freiwillig: freudig, wie ein Krieger seine Bahn durchläuft (Ps 19,6). Und

Doch wenn er schon kommen wollte, wa-

rum kam er dann nicht in Herrlichkeit, leidensunfähig? Um unser aller Sünden zu tragen (Jes 53,5.6.11). Und hat er das gerne getan? So gern, daß er mit großer Sehnsucht dieses Pascha erwartet hat (Lk 22,15). Warum? Weil Gott die Welt so sehr geliebt hat. Warum aber wird er dann traurig im Ölgarten, in den ich mit ihm gekommen bin? Um dir zu zeigen, daß er wirklich leidet, und weil er andererseits sieht, daß du seine Erlösung so mißachtest, und weil es wenige Menschen gibt, die tatsächlich auf sie rechnen. Warum wollte er aber so viel leiden? Weil Gott die Welt so sehr geliebt hat. Wohlan, meine Seele, richte dich auf. Wenn Gott die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen Sohn gesandt hat, um dich von deinen Sün- den reinzuwaschen, so bereue, beklage und beweine die Sünden, die du begangen hast, und verlaß von nun an nie mehr deinen guten Herrn. Sag ihm Dank für die Vergangenheit; für die Zukunft versprich ihm, daß du die nächste Gelegenheit zur Beichte nützen willst. Um nicht undankbar zu sein, führe ein Leben wahrer Buße; verbringe deine Tage in Reue, Buße und Genugtuung. Meine Brüder, wenn ihr diese Gesin-

warum? So sehr hat Gott

nung habt, dann seid ihr gut auf dem Ölberg angekommen, d. h. in Frieden und Gnade. Wenn ihr noch nicht so weit seid, dann verbringt diese Woche in der Verachtung eurer Sünden, und ich bin sicher, wenn Gott euch dazu hilft, werdet ihr dort ankommen und die gütige Stim- me des Erlösers vernehmen: Seele, dein Glaube ist groß; es sei dir ge- währt, worum du bittest (Mt 15,28).

ZumZumZumZumZum FFFFFreitagreitagreitagreitagreitag derderderderder 3.3.3.3.3. FFFFFastenwocheastenwocheastenwocheastenwocheastenwoche

Nr. 14: 18. März 1594

VII,146-152

Es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden. Solche Anbeter sucht der Vater. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit (Joh

4,23f).

Hier haben wir eine der beachtenswertesten und kennzeichnendsten Stellen des Evangeliums. Gott selbst erklärt und gibt die Art an, wie wir ihm gut und wohlgefällig dienen sollen. Im übrigen ist diese Stelle ziemlich schwierig und wurde manchmal von den Gegnern der katho- lischen Kirche aufgegriffen, um den Glauben der Väter zu erschüt- tern. Gleichwohl sind in ihr mehrere wunderbare Geheimnisse zur Stärkung des Glaubens der Kirche und ihrer Wahrheit verborgen. Es sind dies Geheimnisse, die wir selbst niemals entdeckt hätten, wenn nicht Er, der sie zu unserem Heil geschaffen hat, sie uns durch seine Gnade sichtbar werden ließe. Bitten wir ihn also bei seinem Blut, daß er uns seiner Glorie und seiner Ehre teilhaftig mache, und gewinnen wir seine Mutter als Fürsprecherin; an sie richten wir nun den Gruß des Engels. Ave Maria. Wenn der Jäger auf Hirsch und Hindin Jagd macht, erwartet er sie an einer Quelle, an die sie gewöhnlich zum Trinken kommen (denn diese Tiere haben einen besonders starken Durst), um sie zu fangen, wenn die Kälte des Wassers sie erschlaffen ließ, entsprechend dem Wort des Psalmisten (Ps 42,1): Wie der Hirsch nach der Quelle ruft, so sehnt sich meine Seele nach dir, mein Gott. So ging auch Unser Herr in der Begebenheit des heutigen Evangeliums zu einer Quelle, erwartete eine arme Sünderin, die in ihrer Sündhaftigkeit lechzte, um sie in meisterhafter Jagd zu fangen, nachdem er durch seine heiligen Worte die Regungen der Sünde und der Begierlichkeit in ihr betäubt hat. Doch hört in kurzen Worten den Hergang (Joh 4,1-19); dann wollen wir beim wichtigsten Punkt verweilen, der uns begegnet. Die Jünger des Herrn tauften viele Menschen in Judäa, viel mehr, als der hl. Johannes der Täufer getauft hatte. Als Unser Herr bemerk- te, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten aus Mißgunst gegen ihn da- rüber aufgebracht waren, zog er weiter nach Galiläa, um dort mit sei- ner heiligen Predigt zu beginnen, da die Zeit seines Leidens noch nicht gekommen war und er zudem sah, daß er in Judäa keinen besonders

großen Erfolg hatte. Er blieb in Kafarnaum, das an der Grenze von Sebulon und Naftali liegt, wie Jesaja (9,1) vorhergesagt: Früher war das Land von Sebulon und Naftali verachtet.

Zwischen Judäa und Galiläa lag nun Samaria. Dort war eine Stadt mit Namen Sichem, am Berg Garizim gelegen, einst berühmt als Haupt- stadt des Königreichs Israel, die der abtrünnige Jerobeam erbaute (1 Kön 12,25). Abraham hatte hier einen Altar errichtet, als er nach sei- nem Auszug aus Mesopotamien hierher kam, da ihm dieses Land ver- sprochen worden war (Gen 12,6f; 13,14f). Jakob schlug hier sein Zelt auf, als er aus Mesopotamien zurückkam, und kaufte einen Teil des Feldes von Hamor (Gen 33,18f). Hier wurde Dina geschändet, wurde der Sohn des Königs und viele Männer von den Söhnen Jakobs er- schlagen (Gen 34). Sichem war eine Asylstadt (1 Chr 6,67) Hier wur- de Josef auf einem Grundstück begraben, das Hamor gehörte und Jo- sef zum Erbe gegeben wurde (Jos 24,32).

Hier war ein Brunnen, den Jakob gegraben hatte, und hier war Josef begraben. Als Unser Herr müde und erschöpft vom Weg, den er hinter sich hatte, hier ankam, setzte er sich am Brunnen nieder: Jesus aber, müde vom Weg, setzte sich an den Brunnen. So also, wie er war, müde und erschöpft, setzte er sich wie jeder andere Mensch. Seht ihr nicht die Güte des Herrn, die Liebe dieses Jägers, der eilt, um die Seele als Beute zu gewinnen, obgleich er müde ist und sozusagen gezwungen, sich auszuruhen? Seht unsere Nachlässigkeit: wir sind schon entrüstet über die geringste Mühe der Welt, die wir auf uns nehmen müssen, um uns selbst zu retten. Unser Herr war nicht ohne Grund müde; er war lange gewandert, und ohne Zweifel zu Fuß, denn das Evangelium sagt:

Es war um die sechste Stunde und fast Mittagszeit. Die Juden teilen nämlich den Tag in zwölf Stunden ein, ebenso die Nacht.

Während nun der himmlische Jäger sich ausruht, siehe da kommt die arme, beklagenswerte Hindin zum Brunnen, die jedoch bald die glückliche und überglückliche Samariterin sein wird. Es kam eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Glückselige Samariterin, du kamst, um vergängliches Wasser zu holen, und du hast das unvergäng- liche Wasser der Gnade des Erlösers gefunden. Glücklich warst du, Rebekka; du kamst an die Quelle und fandest dort den Knecht Abra- hams, der dich zu Isaaks Frau machte (Gen 24,15.51). Glücklicher noch bist du, Samariterin, die du jetzt zum Wasser kommst und dort Unseren Herrn findest, der dich aus einer Sünderin, die du warst, zu seiner Tochter und zu seiner Braut macht.

Sieh die Gelegenheit, die Unser Herr ergreift, um diese Seele zu retten. Hier an der Quelle sagt er zu ihr: Da mihi bibere; gib mir zu trinken. Unser Herr bittet uns um Werke der Barmherzigkeit, damit er Gelegenheit findet, uns Gutes zu tun. Er verlangt den Trunk nicht, um zu trinken, sondern um die Samariterin das Wasser der Gnade trinken zu lassen. So beginnt er ein Gespräch mit ihr, da seine Jünger in die Stadt gegangen sind, um Nahrung zu kaufen. Discipuli enim ejus abierant in civitatem ut cibos emerent. Da er allein mit ihr redet, ist es auch leichter, sie zum Bekenntnis ihrer Sünde zu veranlassen, von der die Frau zu ihm spricht. So sagt die Samariterin zu ihm (denn sie hat noch nicht begonnen; Bernhard, De Gratia et Libero arbitrio XIII,1: „Die Anstrengungen unseres freien Willens sind vergeblich, wenn sie nicht unterstützt werden, und nichtig, wenn sie nicht angeregt worden sind.“). Sie sagt: Wie kannst denn du als Jude von mir einen Trunk erbitten, da ich eine Samariterin bin? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. Die Juden verachteten die Samariter, wie ich später zei- gen werde. Diese Frau hielt ihm das vor, als sie sagte: Ihr Juden be- trachtet die Samariter als Ausgestoßene; wie kannst du mich also um einen Trunk bitten? Sie weiß wohl, daß es kein verbotener Umgang ist, um ein wenig Wasser zu bitten, aber sie sagt es doch als Vorwurf. Jesus antwortet ihr und sagt: Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wüßtest, wer zu dir sagt: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn wohl gebeten, und er würde dir lebendiges Wasser geben. Sieh, Unser Herr beginnt den Pfeil seiner göttlichen Liebe auf sie zu richten. Zwei Din- ge: 1. Wenn du die Gabe Gottes kenntest, die der Vater der Welt gege- ben hat: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben habe (Joh 3,16). 2. Und wer jener ist, der dich um einen Trunk bittet. Er ist ja jener, der gekommen ist, nicht um Gerechte zu berufen, sondern die Sünder zur Buße zu führen (Lk 5,32). Wenn du also beides erkannt hättest, die Gabe des Vaters, und daß ich diese Gabe bin (Joh 4,26). Zwei weitere Dinge: Du hättest ihn vielleicht darum gebeten. 1. Viel- leicht: der freie Wille. – 2. Du hättest ihn darum gebeten; du hättest es nicht von ihm erwartet. – Und nochmals zwei Dinge: 1. Er hätte dir gegeben; sich nicht geweigert wie du. – 2. Lebendiges Wasser: viel besseres als das, worum ich dich bitte. Da sprach die Frau zu ihm: Herr, du hast nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief. Woher willst du also lebendiges Wasser nehmen? Wie verkennt sie die Absicht Unseres Herrn! Er spricht von der Gabe Gottes, und sie redet von der Erde. – 2. Unser Herr spricht von lebendigem Wasser, sie vom toten: Wie kann der uns

sein Fleisch zu essen geben? (Joh 6,53). Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat, der selbst daraus trank mit seinen Kindern und seinen Herden? Seht die List: Sie ist schon vom Erlöser erleuchtet; so wagt sie nicht zu sagen: „Nein, du bist es nicht“; sie fragt vielmehr: Bist du etwa? Indessen zeigt sie sehr wohl, daß es ihr schwerfällt zu glauben. Doch achtet darauf, welch ehrenvolles Andenken sie Jakob wahrt und wie sie nach und nach zutraulich wird: patre nostro, von unserem Vater Jakob; wir alle stam- men vom gleichen Vater ab.

Jesus antwortet ihr und sagt: Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit keinen Durst mehr haben. Betrachten wir ein wenig den Unterschied zwischen beiden Arten von Wasser: das eine

stillt den Durst, aber nicht für lange Zeit; das andere dagegen in Ewig-

Es handelt sich hier um zwei verschiedene Arten von Durst: den

des Leibes und den der Seele, denn die Wünsche sind ein Durst der Seele; von ihm sagt der Herr: Er wird nicht dürsten, und der Psalmist (Ps 42,2: Vulg. ant.): Meine Seele dürstet nach Gott, der lebendigen Quelle. Doch der Heilige Geist stillt dem, der ihn durch die Gnade empfängt, den Durst des Leibes und der Seele in dieser und in der anderen Welt. In dieser Welt: Ich erachte alles als Kehricht, damit ich Christus gewinne (Phil 3,7f); aber unvollkommen, denn er bleibt stets im Menschen: Ich fühle in meinen Gliedern ein Gesetz, das dem Gesetz meines Geistes widerstreitet (Röm 7,23). In der anderen Welt voll- kommen: Ich werde gesättigt sein, wenn deine Herrlichkeit sichtbar wird (Ps 17,15). Die Wasser löschen den ewigen Durst nicht; das kön- nen nur die Wasser des Heiligen Geistes. Denken wir an die Parabel von Lazarus und dem unglücklichen Reichen (Lk 16,19-31). Doch das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer sprudelnden Quelle des ewigen Lebens. Das Wasser steigt ebensoviel, als es fällt. Er wird eure sterblichen Leiber auferwecken durch seinen Geist, der in euch wohnt (Röm 8,11)

keit

Die Frau sagt zu ihm: Herr, gib mir von diesem Wasser, damit ich nicht mehr dürste und nicht mehr hierher kommen muß, um Wasser zu schöp- fen. Sie glaubt, daß Unser Herr größer ist als Jakob und daß er besseres Wasser gibt. Aber sie erbittet es für das Zeitliche, da sie noch nicht erleuchtet ist.

Jesus sagt zu ihr: Rufe deinen Mann. Sie antwortet: Ich habe keinen Mann. Da sagt ihr Jesus: Du hast richtig gesagt, daß du keinen Mann hast. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht

dein Mann. Du hast die Wahrheit gesagt. Die Frau sagt zu ihm: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist. – Sündenbekenntnis. – Ich habe gesagt:

Ich gestehe meine Ungerechtigkeit dem Herrn, und du hast mir die Bos- heit meiner Schuld vergeben (Ps 32,5).

ZumZumZumZumZum 4.4.4.4.4. FFFFFastensonntagastensonntagastensonntagastensonntagastensonntag

Nr. 15 (Fragment): 20. März 1594

VII,153-156

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn anbe- ten im Geist und in der Wahrheit (Joh 4,24).

Nachdem Elija Rache an den Propheten Baals am Bach Kischon genommen und das große Gemetzel gemacht hat, wie es (1 Kön 18,40) heißt, sagte er Ahab einen großen Regen voraus. Er befahl seinem jungen Diener, vom Berge Karmel siebenmal gegen das Meer auszu- schauen. Beim siebenten Mal sah er eine Wolke kommen, klein wie die Fußspur eines Mannes, und kurz darauf kam eine regenschwere Wolke, ein Wind und ein großer Regen (18,41.45). Wenn ihr die sieben Worte betrachten wollt, die Unser Herr zur Samariterin gesagt hat, werdet ihr in ihnen eine kleine Wolke erkennen, schwer von heiliger Buße. Sie wird dann größer und läßt eine große Schar von Samaritern kommen (Joh 4,30). Ihr seid schon beim fünften Wort, da Unser Herr die Samariterin ihre Sünde bekennen läßt. Ich glaube, ihr kennt die Geschichte der Auferweckung des Kindes der frommen Schunemitin durch Elischa. Wie es (2 Kön 4,8-35) heißt, wohnte Elischa bei ihr. Als Gegenleistung erbat er ihr ein Kind, aber es starb jung. Sie wandte sich an den Propheten auf dem Berg Karmel, damit er ihrem Kind das Leben erwirke. Elischa kam selbst zur Schunemitin, schloß die Tür hinter sich und dem Knaben, betete zu Gott und legte sich zweimal über den kleinen Knaben; schließlich gähnte das kleine Geschöpf siebenmal, öffnete die Augen und erwachte zum Leben. So paßt sich Unser Herr dermaßen der Samariterin an, als er allein mit ihr ist, daß sie siebenmal gähnte und vom Tod der Sünde zum Leben der Gnade erstand; das sind die sieben Worte, die sie sprach; wir waren beim fünften: Du bist ein Prophet. Ihr müßt euch aber an zwei Dinge erinnern, die ich am Freitag sagte: 1. daß die Um- stände die Samariterin Unseren Herrn als Propheten erkennen ließen;

2. daß die Juden die Samariter als Häretiker und Heiden ansahen; ich will mich aber bei den Gründen nicht aufhalten. Der Ursprung der Samariter ist folgender: Nach der Teilung des Reiches Israel durch Jerobeam (1 Kön 12), die der Schilonite Ahija (1 Kön 11,31) vorhergesagt hatte (es wäre zu lang, sie zu schildern), fürch- tete Jerobeam, daß die zehn Stämme seiner Untertanen wieder Liebe zu ihrem ursprünglichen König Rehabeam faßten, wenn sie den Tem- pel und die ordentliche Nachfolge der Priester in Jerusalem anerkann- ten. Deshalb errichtete er einen Tempel falscher Götter in Samaria und machte Leute aus dem niedrigen Volk zu Priestern, die nicht in der legitimen Nachfolge Levis waren (1 Kön 12,27-31). Von dieser Spal- tung kam nur Unheil nach Israel. Unter Hosea führte schließlich Salmanassar von Syrien alle diese Schismatiker in Gefangenschaft, wie es der Türke mit unseren Schismatikern gemacht hat. Um einer Rebellion vorzubeugen, ließ er sie nach Assyrien ziehen und setzte an ihre Stelle Skythen und Babylonier; das waren böse Leute. Gott sandte Löwen; zur Abhilfe sandte man ihnen einen Priester von den Gefange- nen, der sie das Gesetz Gottes lehren sollte. Diese Leute konnten sich aber nicht entschließen, ihren Götzendienst aufzugeben, folglich be- teten sie Gott an und verehrten ihn und die falschen Götter (2 Kön 17). Nun darf man annehmen, daß nicht alle abfielen, sondern einige von ihnen aushielten, andere zurückkehrten; so waren die Samariter. Dann kommt ein Betrüger, ein Abtrünniger, der ihnen verschiedene Irrlehren in den Kopf setzt. Unter dieser Voraussetzung haßten nun die Juden die Samariter, 1. weil sie ihre Besitzungen innehatten, denn Samaria gehörte den He- bräern; 2. weil sie zum Volk der Assyrer gehörten, die die Juden sehr gequält hatten; 3. weil bei ihnen das Heidentum neben der wahren Religion herrschte und jeder sich verhielt, wie es ihm gefiel. 4. Die Samariter hinderten die Juden, die zur Zeit des Artaxeres aus der Gefangenschaft zurückkehrten, die Stadt und den Tempel wieder auf- zubauen (Esra, Kap. 4 u. 5). 5. Sie waren unentschiedene Leute, sagt Josephus (XII,7). 6. Weil sie ihnen Ärgernis gaben und ihre Übeltäter zurückhielten, sagt Josephus (XI,8); 7. vor allem aber, weil sie Schismatiker waren und einen Gegenaltar errichtet hatten, indem sie einen Tempel auf dem Berg Garizim bauten und Priester außerhalb der ordentlichen Nachfolge einsetzten. Darüber kam es zum Streit vor dem König von Ägypten, der den Hebräern rechtgab (Josephus XI,XIII); und weil sie nur die fünf Bücher Mose, den Pentateuch, an- nahmen, die übrigen verspotteten. Das war die hauptsächliche Streit- frage.

In unserem Fall hatte der Herr die Samariterin ihre Sünde bekennen lassen und sie ihr enthüllt; dadurch erkannte sie, daß er ein Prophet sei: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist. Weil es ihr aber mißfiel, bei diesem Gespräch zu bleiben, lenkte sie es auf eine Streitfrage der Re- ligion. Das ist ja bei den falschen Religionen das Gewöhnliche, die Streitgespräche sehr zu fördern, an denen sich das Volk ebenso betei- ligen kann wie die anderen. So wird also diese Frau zur Theologin, will ihr Heil suchen und sagt: Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet; ihr sagt, Jerusalem ist der Ort, an dem man anbeten muß. Jakob hat auf diesem Berg angebetet, als er aus Mesopotamien zurück- kehrte (Gen 33,18-20); ebenso Abraham (Gen 12,7). Wenn also unse- re Väter hier angebetet haben, warum sagt ihr Ihr müßt aber wissen, daß anbeten hier für opfern steht. Was die persönliche Anbetung betrifft, kann sie überall geschehen; nicht aber das Opfern, außer am Ort, den der Herr erwählt hat (Dtn 12,5f). Das war die Frage, die zwischen den Juden und den Samaritern stand, die diese Frau aufwirft. Und ich glaube eine Frau in Genf sagen zu hö- ren: Warum eßt ihr kein Fleisch? Die Apostel haben doch davon gegessen. – – –

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Nr. 17: 12. April 1594

VII,166-171

Friede sei mit euch! (Lk 24,37; Joh 20,19)

Ohne Zweifel war in der Arche Noachs die Freude sehr groß, als die Taube, die kurz zuvor fortgeflogen war, um den Zustand der Erde zu erkunden, schließlich mit dem Ölzweig im Schnabel zurückkam, als sicheres Zeichen dafür, daß die Flut zurückgegangen war (Gen 8,10f) und daß Gott der Welt wieder den Segen seines Friedens geschenkt hat. Mit welchem Jubel aber, o Gott, mit welcher Fröhlichkeit und Freude wurde die Schar der Apostel erfüllt, als sie die heilige Mensch- heit des Erlösers nach der Auferstehung in ihre Mitte zurückkehren sahen, der in seinem Mund den Ölzweig eines heiligen und willkom- menen Friedens trug: Friede sei mit euch! Er zeigte ihnen die untrügli- chen Zeichen der Wiederversöhnung der Menschen mit Gott: Und er zeigte ihnen seine Hände und seine Füße (Lk 24,40). Ohne Zweifel waren ihre Seelen nun ganz vom Trost erfüllt: Die Jünger freuten sich, als sie den Herrn sahen (Joh 20,20). Aber diese Freude war nicht die

wichtigste Wirkung dieser heiligen Erscheinung: ihr schwankender Glaube wurde gefestigt, ihre schüchterne Hoffnung wurde gesichert und ihre fast erloschene Liebe wurde neu entfacht. Darüber möchte ich in dieser Predigt sprechen. Das kann ich jedoch nur gut tun, und ihr könnt nur gut zuhören, wenn der Heilige Geist uns beisteht. Rufen wir ihn also an; um ihn aber besser anrufen zu können, bemühen wir uns um die Fürsprache der heiligen Jungfrau. Ave Maria. Nunc autem manent fides, spes, charitas, tria haec; major autem horum est charitas. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, die- se drei; das Größte aber unter ihnen ist die Liebe (1 Kor 13,13). Der Glaube für den Verstand, die Hoffnung für das Gedächtnis, die Liebe für den Willen. Der Glaube ehrt den Vater, denn er stützt sich auf die Allmacht; die Hoffnung ehrt den Sohn, denn sie ist gegründet auf sei- ne Erlösung; die Liebe ehrt den Heiligen Geist, denn sie umfängt und liebt die Güte. Der Glaube zeigt uns die Glückseligkeit, die Hoffnung läßt uns nach ihr streben, die Liebe bringt uns in ihren Besitz. Alle drei sind notwendig, uzw. für jetzt, denn im Himmel bleibt nur die Liebe. Der Glaube geht nicht in den Himmel ein, denn dort schaut man alles; die Hoffnung noch weniger, denn man besitzt dort alles. Nur die Liebe hat dort ihren Platz, um Gott in allem, durch alles und mit allem zu lieben. Elija ließ seinen Mantel fallen (2 Kön 2,12f): Der Mantel des Glaubens und der Schleier der Hoffnung kommen nicht in den Himmel mit, sondern sie bleiben auf der Erde, wo sie notwendig sind. Unser Herr will nichts anderes, als uns diese drei Lehren gut einzuprägen: wie man glauben, hoffen und lieben muß. Das tut er vor allem in diesen vierzig Tagen, in denen er nach der Auferstehung mit seinen Aposteln verkehrt (Apg 1,3), und ganz besonders bei der Er- scheinung, von der heute berichtet wird. Fürs erste: Die Jünger waren in einem Saal versammelt und hatten aus Furcht vor den Juden die Türen fest verschlossen (Joh 20,19). Der Heiland tritt ein, grüßt sie und zeigt ihnen seine Hände und seine Füße. Warum das? (I.) Um ihren Glauben zu festigen. Ach, wie war ihr Glaube erschüt- tert! Die arme Magdalena war ihn unter den Toten suchen gegangen und wollte ihn einbalsamieren; nun glaubte sie, daß man ihn geraubt habe. Die Apostel waren in einer Verfassung, daß sie die Kunde für leeres Gerede hielten; sie glaubten ihnen nicht, nämlich den Frauen, die Botschaft, die sie von den Engeln erfahren hatten (Lk 24,6.11). Die beiden Pilger sagten: Wir hatten gehofft (Lk 24,21). Der große hl. Thomas rief aus: Ich kann nicht glauben (Joh 20,25). Um also diesen Glauben zu festigen, dem der Untergang drohte, kam Er und sagte:

Friede sei mit euch; und er zeigte ihnen seinen Leib. Aber wie kann es geschehen, daß sie glaubten, da sie ihn gesehen und berührt haben? (Gregor d. Gr.). Der Verstand hat gehandelt wie der Quartiermeister, der einem anderen die Wohnung bereitet, selbst aber nicht dableibt. So hat er den Glauben in das Herz der Apostel und in das unsere gebracht. Dennoch bleibt er nicht länger in Tätigkeit, denn wenn der Glaube gekommen ist, weicht der Verstand, wie die Nadel, die die Seide einführt Welche Glaubensartikel aber werden begründet? (1.) Die Identität des Leibes bei der Auferstehung: Ich werde Gott, meinen Erlöser, in meinem Leib schauen; von neuem werde ich von meiner Haut umge- ben sein (Ijob 19,26). Seht, ich bin es selbst (Lk 24,39). O bewunde- rungswürdiger Glaubenssatz! Wenn wir daran fest glauben, sind wir gute Christen, denn wir werden daraus ohne Schwierigkeit folgende Konsequenzen ziehen: Ich darf also meinen Leib nicht entweihen, denn in einem Augenblick, beim Schall der letzten Posaune, werden wir auf- erweckt werden (1 Kor 15,51f). Warum sollte beim ersten Posaunen- schall nicht der gleiche Leib erscheinen? Ist Christus nicht auferstan- den, dann ist unser Glaube nichtig (1 Kor 15,14.17). – (2.) Die Wahr- heit von der Beschaffenheit des Leibes, der den Regungen der Seele folgt wie die Kleider. Der Leib beschwert die Seele (Weish 9,15); die Seele macht den Leib leicht. Der gute David konnte sich in der Rü- stung Sauls nicht bewegen (1 Sam 17,39). Solange unsere Seele mit dem irdischen Leib beschwert ist, kann sie sich nicht gut bewegen. Siehe, sie glaubten ein Gespenst zu sehen (Lk 24,37); Magdalena einen Gärtner (Joh 20,15); die Pilger einen Pilger (Lk 24,15); die Fischer einen Fischer (Joh 21,4-7). Einmal war er sichtbar, einmal kam er durch verschlossene Türen. Gesät wird ein Sinnenleib, auferweckt wird ein vergeistigter Leib (1 Kor 15,44). Wie der Adler, der nicht fliegen kann, bis er seine Jugend erneuert hat (Die Rabbiner, Genebrard zu Ps 103,5). Was sollten jene tun, die sich für die Toten taufen lassen? Wozu lassen sie sich für jene taufen? Wozu setzen wir uns zu jeder Stun- de so vielen Gefahren aus? Jeden Tag sterbe ich für euren Ruhm, den ich in unserem Herrn Jesus Christus habe. Was nützte es mir, daß ich in Ephesus gegen wilde Tiere gekämpft habe, wenn die Toten nicht aufer- weckt werden? Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot (1 Kor 15,29-32). II. Die Hoffnung. Nun, ihre Hoffnung war schwach: Wir hatten ge- hofft. Sie fürchteten sich. Die Hoffnung ist der Furcht entgegenge- setzt. Sie trauerten und weinten, sagt der hl. Markus (16,10). Es ist eine ernste Sache, wenn man von Gott getrennt ist. Man ist ängstlich, man

verliert die Kraft. So war es bei den Aposteln, so war es bei Magdale- na. Wie ein Schiff ohne Lotsen und ohne Steuermann im Unwetter und Sturm zerschellt oder vom Wind getrieben wird, so war dieses arme Schifflein ohne Hoffnung: Efraim ist geworden wie eine verirrte Taube ohne Mut (Hos 7,11). O, ich möchte nicht, daß wir ohne Hoff- nung wären, aber ich wollte wohl, daß wir weinen, wenn wir Gott ver-

(Ps 42,1.3). Aber Unser Herr kommt, um Hilfe

zu bringen, an diesem Ort, der von der Furcht belagert ist: Seht meine Hände und meine Seite (Lk 24,39). Braucht ihr Kraft, so seht meine Hände; braucht ihr ein Herz, seht hier das meine. Wenn ihr Täubchen seid, so seht die offenstehenden Wundmale (Hld 2,14). Seid ihr krank, hier habt ihr den Arzt: Verschlungen ist der Tod im Sieg (1 Kor 15,54). Estis captivi, en redemptio; seid ihr Gefangene, hier ist die Befreiung (Jes 61,1; Lk 4,19). Ach, wie könnten wir uns fürchten? Seht, er kommt; er blickt durch das Gitter und späht durch die Fenster (Hld 2,8f). (III.) Die Liebe. Kann denn die Frau das Kind vergessen, das sie in ihrem Schoß getragen hat? Und wenn sie es vergäße, so vergesse ich dich nicht. In meine Hände habe ich dich eingeschrieben (Jes 49,15f). Er nimmt unser Elend und adelt es; er legt unser Elend auf sein Herz (Ijob 7,17): Er zeigte seine Seite. Schenken wir ihm also wieder Liebe, sonst wird Er, der uns seine Wunden aus Liebe zeigt, sie uns eines Tages in Zorn und Entrüstung zeigen: so wie die Bilder, auf denen rechts eine Frau und links der Tod steht, rechts ein Lamm, links ein Löwe; wie die Bienen, die Honig bereiten, aber auch schmerzhaft ste- chen. Seht die Hände, ihr Betrüger, ihr Spötter, ihr Schamlosen. Sie

lieren. Der Hirsch

werden aufschauen zu dem, den sie durchbohrt haben (Sach 12,10; Joh 19,37). Alle Völker werden wehklagen über sich (Offb 1,7). Gütiger Jesus, gib, daß wir den Frieden annehmen, den du bringst, und laß uns deine Wunden sehen. Und da der Glaube, die Hoffnung und die Liebe bleiben, mögen wir, festgewurzelt im Glauben (Eph 3,17; Kol 2,7), freudig in der Hoffnung, glühend in der Liebe (Röm 12,10-12), das beseligende Ziel unserer Hoffnung, deine Ankunft er- warten (Tit 2,13). Gib, daß wir dabei zur Rechten dich als Lamm sehen, nicht als Löwen zur Linken. Gib, daß wir anstelle des Glaubens das Schauen, anstelle der Hoffnung den Besitz und anstelle der unvoll- kommenen Liebe die vollkommene Liebe besitzen, deren wir uns in alle Ewigkeit erfreuen werden. Amen.

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Nr. 18: 3. Mai 1594

Ferne sei es von mir, mich zu rühmen, außer im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt (Gal 6,14).

Wenn schon der Prophet Jona so sehr getröstet war durch den Wunderbaum, den der Herr für ihn wachsen ließ, daß die Heilige Schrift (Jona 4,6) von ihm sagt: Und Jona freute sich sehr über den Wunder- baum, wie groß muß dann erst die Freude der Christen sein über das hochheilige Kreuz Unseres Herrn, unter dem sie viel mehr Schatten finden als Jona durch den Wunderbaum. Sie haben hier mehr Schutz und Sicherheit als Jona unter dem Wunderbaum. So können wir also sagen: Mag Jona unter dem Wunderbaum wieder froh werden, mag Abraham unter dem Baum den Engeln ein Mahl bereiten (Gen 18,4- 8), mag Ismael unter dem Strauch in der Wüste erhört werden (Gen 21,15f); mag Elija in der Einsamkeit unter dem Ginsterstrauch Nah- rung erhalten (1 Kön 19,4f): wir suchen keinen anderen Schatten als den des Kreuzes, kein anderes Mahl, als uns hier bereitet ist. Ihm gelten unsere Tränen und unser Rufen. Wir wollen keine andere Nah- rung als die Früchte des Kreuzes. Es sei uns ferne, uns in irgendetwas anderem zu rühmen. Was bedeutet es nun tatsächlich, sich einer Sache zu rühmen? Es bedeutet, sich ihretwegen hochschätzen, eine hohe Meinung von sich haben, ihretwegen sich für glücklich und stark halten. Jeder rühmt sich der Dinge, in denen er sich groß dünkt, sagt der gelehrte Doctor angelicus, der hl. Thomas. Die Güter nun, in denen wir uns für groß erachten, sind von dreierlei Art: Werte der Seele, des Leibes, des Glük- kes. Der eine rühmt sich seines Wissens, der andere seiner Gesund- heit, Kraft und Schönheit, jener seiner Anlagen, seines Ranges und seines Reichtums. Wozu aber? O Eitelkeit der Eitelkeiten; alles ist Ei- telkeit (Koh 1,2). Der Mensch vergeht wie der Schatten (Ps 38,7). Was das Wissen betrifft, gleicht er unvernünftigen Tieren (Ps 48,13.21); was den Leib betrifft: Staub ist er (Gen 3,19); von Reichtum und Glücks- gütern gilt: Die Welt vergeht samt ihrer Lust (1 Joh 2,17). So kommt es also dazu, daß man sich wegen so nichtiger Dinge rühmt und für groß hält. Doch im Kreuz Unseres Herrn, welche Ehre! Wenn Er, der groß war, weil er Gott ist, in ihm seine Erhöhung findet (Joh 3,14; 12,32), seine Verherrlichung (Joh 12,23; 17,1), wenn er es das Tor zu seiner Herrlichkeit nennt (Lk 24,26), was bleibt euch dann anderes zu tun, was bleibt mir anderes zu sagen als: Habt in euch die gleiche Gesin-

VII,172-179

nung, wie sie auch in Jesus Christus war. Obwohl er in der Gottesgestalt war, glaubte er dennoch nicht, gewaltsam an seiner Gottgleichheit fest- halten zu müssen. Vielmehr entäußerte er sich selbst; deshalb hat Gott

ihn so hoch erhoben

Doch betrachten wir ein wenig, welche Art von Ehre Unser Herr durch das Kreuz gewann. Lest eifrig in diesem Buch des Kreuzes, und ihr werdet den Ruhm begreifen, den Unser Herr in ihm erwarb. Findet es nicht befremdend, daß ich euch auf dieses Buch verweise, um hier eure Lektion zu lernen; denn es ist das vortrefflichste Buch von allen, die jemals geschrieben wurden. Wer daher den Ruhm des Wissens erstrebt, der nahe ihm in heiliger Absicht und lese in diesem heiligen Buch; er wird hier die tiefste Lehre finden, die es je gab. Denn was könnte ich je Herrlicheres sagen, als was ich jetzt sagen will? Daß Unser Herr selbst in diesem Buch etwas erfahren hat, was er noch nicht wußte, eine Erfahrung, die er in seiner ganzen Ewigkeit noch nicht gemacht hatte. Von dieser Erfahrung sagt der hl. Paulus im Hebräerbrief (5,8): Aus dem, was er gelitten hat, lernte er Gehorsam. Will man sich also des Wissens rühmen, so sei es in diesem Buch des Neuen Bundes. Wo der hl. Paulus im Hebräerbrief (9,19) berichtet, wie der Alte Bund begründet wurde, sagt er: Nachdem Mose alle Gebote des Geset- zes vorgelesen hatte, nahm er das Blut der Rinder und Böcke mit Was- ser, roter Wolle und Ysop; damit besprengte er das Buch selbst und alles Volk. Das alles aber geschah ihnen als Gleichnis (1 Kor 10,11). Und was ist im Neuen Bund das Buch, das Unser Herr mit seinem Blut

besprengte, wenn nicht das Kreuz? An ihm rief er mit lauter Stimme:

(Lk 23,34.46), nachdem er alle

Gebote des Gesetzes verkündet hatte, das in nichts anderem besteht

(Dtn 6,7; Mt 22,37), und: Ein

neues Gebot gebe ich euch: daß ihr einander liebt (Joh 13,34). Er be- sprengte die ganze Welt mit seinem Blut durch die Einsetzung der heiligen Sakramente, besonders jenes des Altares. Das Kreuz ist das wahre Buch der Christen. Ich rufe dich zum Zeu- gen an, hl. Bernhard, du gütiger und frommer Lehrer; denn wo anders als in diesem Buch hättest du die Kenntnis der überaus milden und köstlichen Lehre gewonnen, von der du uns die heiligen Unterweisun- gen hinterlassen hast, indem du (Sermo 43 in Hld § 3) sagst: Mein Geliebter ist mir ein Myrrhenstrauß? Ich rufe dich zum Zeugen an, gro- ßer hl. Augustinus; zwischen den beiden Geheimnissen der Geburt und der Passion stehend, kannst du sagen: Hinc lactor ab ubere, hinc pascor a vulnere (einerseits werde ich von der Brust mit Milch ge-

(Phil 2,5f.9).

Vater, vergib ihnen. In deine Hände

als darin: Du sollst den Herrn lieben

nährt, andererseits werde ich aus der Wunde erquickt). Ich rufe dich zum Zeugen an, serafischer hl. Franziskus; denn nur aus diesem Buch hast du die heiligen und bewundernswerten Sätze deiner Predigten und Gespräche gewonnen. Ich berufe mich auf dein Zeugnis, engel- gleicher hl. Thomas; nie hast du zu schreiben begonnen, ohne deine Zuflucht zum Kreuz zu nehmen. Und du, überaus heiliger serafischer Lehrer Bonaventura, scheinst mir kein anderes Blatt gekannt zu haben als das Kreuz, keine andere Feder als die Lanze, keine andere Tinte als das Blut meines Erlösers, als du deine gottbegnadeten Opuscula schriebst. Welch schöne Stelle ist dein Satz (Stim. amoris, c. 1): „Wie gut ist es, beim Kreuz zu sein; hier will ich drei Hütten bauen (Mt 17,4):

eine in seinen Händen, die andere in seinen Füßen und die dritte in seiner Seitenwunde. Hier will ich ruhen, will ich wachen, will ich le- sen, will ich sprechen.“

Hier hat auch die fromme Magdalena ihre heiligen Gedanken ge- faßt, die sie später den Provencalen mitteilte; hier ebenfalls die from- me Katharina von Siena, die uns, noch später, ihre frommen Erinne- rungen hinterlassen hat.

Was aber veranlaßt uns, in einer so klaren Sache so viele Zeugen anzuführen? Unser Herr will, daß wir gründlicher als alles andere die Sanftmut und die Demut kennenlernen (Mt 11,29). Wohin sonst wollt ihr gehen, um sie kennenzulernen, wenn nicht zum Kreuz? Von ihm schrieb der hl. Paulus, der weiseste aller Menschen, die je waren: Ich erachte es als richtig, nichts zu kennen als Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2).

Ich habe ausführlich über diese erste Art gesprochen, wie wir uns im Kreuz rühmen müssen, um euch zu beschwören, daran alle Tage im- mer wieder zu denken, sooft ihr könnt, ebenso nachts jedesmal, wenn ihr aufwacht. Lest also in diesem göttlichen Buch, das euch die Wis- senschaft des Heiles lehrt; aus ihm hat Jesus Christus selbst den Ge- horsam gelernt, der Gott gebührt. Das ist die erste Aufgabe, die wir haben: uns im Kreuz zu rühmen.

Nun zur zweiten Art des Rühmens. Sie beruht darauf, daß hier unser Heil ist, daß Unser Herr uns im Kreuz erlöst hat. Denn obwohl alle

Akte seines Lebens, selbst die geringsten, unendlich hinreichend wa- ren, unser Heil zu wirken, war es dennoch der Wille seines göttlichen Vaters und sein eigener, daß es nicht anders vollendet werde als im Kreuz. Grund genug, uns seiner zu rühmen! Ferne sei es von mir, mich

In ihm finden wir uns außerdem wiederhergestellt in der

zu rühmen

ganzen Gesundheit, Kraft und Schönheit der Seele und des Leibes, denn unsere Unsterblichkeit und unsere Auferstehung hängt von ihm ab. Lest also von neuem in diesem Buch, und ihr werdet da den Namen Jesus finden (Joh 19,19). Er bedeutet Erlöser, uzw. Erlöser, der sein Volk von seinen Sünden heilt (Mt 1,21). Lest weiter, und ihr findet:

Nazarener! das bedeutet „blühend“. Das ist ein weiterer Grund zum Rühmen; denn durch das Kreuz ist unsere Seele geschmückt mit den schönen, heiligen Blumen so vieler Tugenden, so vieler duftender Krän- ze. Hier war Unser Herr die Rose des Martyriums, das Veilchen der

Erniedrigung, die Lilie der Reinheit. Er war nicht nur selbst rein, son- dern machte auch rein: Unser Lager ist mit Blumen bedeckt (Hld 1,15). Schöner Weißdorn, in deinen Zweigen wohnen die Vögel des Himmels der Kirche in der Betrachtung, hier zwitschern sie lieblich in heiligem

Denn wenn man sich der Schönheit

rühmen kann, welche Schönheit ist mir doch durch das Kreuz verlie- hen! Wie habe ich doch ein Wasser gefunden, das mich nicht nur weiß und rein, sondern außerdem strahlend macht: „In ihm ist unser Leben, unser Heil und unsere Auferstehung“ (Introitus). Schließlich werdet ihr hier lesen: König der Juden. Alle Christen sind Juden und Kinder Abrahams nach dem Schriftwort (Röm 9,8; Gal 3,7): Die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen betrach- tet. Dieses Königreich steht ihm von Natur aus zu und durch das Ver- dienst am Baum des Kreuzes: Deshalb hat Gott ihn auch erhöht

Lobpreis. Ferne sei es von mir

; daß im Namen Jesu jedes Knie sich beuge (Phil 2,9f). Deshalb hüllt bei seinem Tod die ganze Welt sich in Trauer (Mt 27,45.51; Lk 23,44f) und verkündet, daß ihr König gestorben ist. Das war durch David (Ps 96,9f) vorhergesagt worden: Bei seinem Anblick wird die ganze Welt erzittern; verkündet unter den Völkern, daß der Herr vom Holz her re- giert. O heiliges Königreich! Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen (Joh 12,32.31). Die Kirche, die er mit seinem Blut erkauft hat (Apg

20,28).

Welche Ehre für uns, christliche Zuhörer, daß wir durch das Kreuz und im Kreuz aus dem Reich der Unterwelt in das Königreich des Himmels versetzt sind, das Unser Herr, der erhabenste König der Welt, uns verliehen hat. Welche Ehre aber erst, daß wir selbst darin Könige und Erben des himmlischen Reiches geworden sind. Er ist Christus, wir aber sind die Christen: Erben Gottes und Miterben Christi (Röm 8,17). Ihr Christen, wenn ich euch je verwehrt hätte, euch zu rühmen, so widerrufe ich das. Seid fortan stolz darauf, daß ihr zu diesem Erbe berufen seid. Fühlt ihr nicht das Herz sich weiten, wenn man euch

sagt, daß ihr Könige seid? Wenn ihr wollt, sagt also: Alle Reichtümer der Welt sind überhaupt nicht zu vergleichen mit dieser Königswürde, denn sie werden vergehen, man kann sich ihrer nicht freuen; dieses aber gehört uns ganz. Ferne sei es also von mir, mich zu rühmen Die große Herrlichkeit des Kreuzes macht es für jedermann ehrwür- dig. Deshalb wollte Gott, daß Helena, die Mutter Konstantins des Großen, es suchte. Sie kam ausdrücklich dazu nach Jerusalem, um es zu finden. Als sie es gefunden hatte, wurde ihm sogleich in der ganzen Kirche große Ehre erwiesen. Wer wollte in der Tat eine so bedeutende Reliquie nicht ehren, ein so außergewöhnliches Zeichen der Liebe des Gottessohnes. Gern würde ich euch eine schöne Belehrung des hl. Bonaventura über die Verehrung des Kreuzes vortragen; aber ich will zum Schluß kommen. Es genügt, daß wir das Kreuz nicht aus Liebe zum Kreuz verehren, sondern aus Liebe zu Dem, dem es angehört. Die Ehre, die wir dem Kreuz erweisen, gefällt dem Gekreuzigten überaus. Wir verehren das Kreuz nie anders als in der Absicht, den Gekreuzig- ten zu ehren. Zu eurem Trost gebe ich euch den Rat: wenn ihr das Kreuz anschaut, sollt ihr stets den Gekreuzigten an ihm sehen. So wird euch dieser Baum viel ehrwürdiger, wenn ihr an ihm seine erhabene Frucht hangen seht; ebenso die Dornen mit der Rose und der Weiß- dorn mit der Nachtigal, die in ihm wohnt. Schließlich: laßt die Gegner reden! Viele wandeln, wie ich euch oft gesagt habe, als Feinde des Kreuzes Christi (Phil 3,18). Alles, was mich an Unseren Herrn erinnert, halte ich in Ehren; jedes Bild des Kreuzes muß in Ehren gehalten werden. Sagen wir also, daß das Holz des heili- gen Kreuzes einzigartig ehrwürdig ist. Wenn geschrieben steht: Ich will anbeten an dem Ort, wo seine Füße standen (Ps 132,7; 99,5), wie sollten wir nicht verehren, worauf der ganze Leib lag? Deshalb heißt es (Ps 132,8) weiter: Erhebe dich, Herr, zur Ruhe. Und wenn man, wie der hl. Hieronymus sagt, das Bundeszelt mit solcher Ehrfurcht behan- delt, um wieviel mehr das Holz des Kreuzes, auf dem der Leib des Gottmenschen ausgestreckt war, das von seinem kostbaren Blut be- netzt, gefärbt und durchtränkt wurde. Daher ist der christliche Brauch heilig. Der hl. Chrysostomus sagt darüber: „Dieses Holz wird so in Ehren gehalten, daß jene, die ein Teilchen davon erhalten können, es in Gold fassen und es sich um den Hals hängen.“ Ich komme auf Helena zurück, die Zierde der Fürstinnen, die dieses heilige Holz mit solcher Sorgfalt, Mühe und Anstrengung suchte und es fand. Sie kam zum Kalvarienberg, wo die Heiden ein Standbild der Venus errichtet hatten. Beachtet den Gegensatz: am Ort der Krippe hatten sie Adonis aufgestellt, an der Stelle des Grabes Jupiter; Helena

aber entfernte das alles und brachte diese heiligen Gedenkstätten wie- der zu Ehren. Laßt uns sehen, ob wir auf unserem Kalvarienberg, d. h. in unserem Kopf und Verstand den festen Glauben bewahrt haben, der uns in der Taufe dort eingepflanzt wurde, oder ob wir nicht ein Göt- zenbild der Venus in unserer Phantasie errichtet haben; ob wir in un- serem Gedächtnis, dem die heilige Hoffnung gegeben wurde, nicht Adonis aufgestellt haben; in unserem Willen, dem Gott die Liebe ver-

Laßt uns nach dem Vorbild Helenas diese fluchbeladenen

Bilder der Welt entfernen, diese eitlen Eindrücke zerstören, und an

ihrer Stelle das Kreuz aufrichten, indem wir sagen: Ferne sei es von

, denn es ist unsere Rettung. Als Konstantin in

mir, mich zu rühmen

liehen hat

den Krieg zog, hörte er die Stimme (Gottes): „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Ebenso will er, daß wir siegen: Du hast angeordnet, daß wir durch die Waffen deines Sohnes triumphieren (Postcomm.). Der Tag lädt uns ein, der Ort spornt uns an, die Zeit drängt uns dazu, denn unsere Bedrängnis ist noch nicht beendet.

ZumZumZumZumZum SonntagSonntagSonntagSonntagSonntag QuinquagesimaQuinquagesimaQuinquagesimaQuinquagesimaQuinquagesima

Nr. 27: 5. Februar 1595

VII,231-239

Siehe, wir ziehen nach Jerusalem hinauf, und alles wird in Erfüllung gehen, was von den Propheten über den Menschensohn gesagt wurde: er wird den Heiden aus- geliefert, verspottet, mißhandelt und angespien wer- den: nachdem sie ihn gegeißelt haben, werden sie ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen (Lk

18,31-33).

Wenn ein Fürst die Eroberung einer Stadt unternimmt oder einen bedeutenden Sieg sicher erwartet, hört man ihn bei jeder Gelegenheit von der Schlacht reden. Auch wir sprechen unaufhörlich von dem, was wir erwarten und wünschen. Das könnten die Reisenden bestätigen, die irgendeine Stadt erreichen wollen und jeden, den sie treffen, fra- gen, wie weit der Weg dahin ist. So machte es auch Unser Herr, der sehnlichst danach verlangte, das Werk unserer Erlösung zu vollenden. Als die Zeit seiner Passion nahte, sprach er darüber zu seinen Apo- steln und sagte sie an mehreren Stellen voraus, besonders in dem Ab- schnitt des Evangeliums, den unsere Mutter Kirche uns heute vorlegt zur Erhaltung unserer Seelen. Hier spricht Unser Herr als großer Feld- herr mit seinen Aposteln vom Sieg, den er über die Sünde und ihre

Verbündeten erringen sollte; doch zuvor spricht er von dem harten Kampf seiner Passion, was die Apostel zu der Zeit nicht verstehen (Lk 18,34). Damit wir es nun verstehen können, rufen wir den Heiligen Geist um seinen Beistand an. Ave Maria.

Die Braut im Hohelied spricht (1,12) von ihrem vielgeliebten Erlö- ser und sagt: Mein Vielgeliebter ist wie ein Myrrhenbüschel für mich; er ruht an meinem Busen. Diese Braut, liebe Christen, ist entweder die Kirche oder die fromme Seele in der Kirche. Wie dem auch sei, mit diesen Worten, die sie durch den weisen Salomo ausspricht, zeigt sie, daß ihr Unser Herr, der wahre Bräutigam der Seele und der Kirche, stets im Gedächtnis ist als der am meisten Geliebte von allen Gelieb- ten und der Liebenswerteste von allen Liebenswerten. Ihr wißt, daß die Freundschaft der Todfeind des Vergessens ist. Wenn die Alten sie malten, schrieben sie ihr als Wahlspruch auf ihre Kleider: „Winter und Sommer, fern und nahe, Tod und Leben“, als vergäße sie weder im Glück und Unglück, noch fern und nahe, im Leben und im Tod.

Die Braut sagt aber nicht nur, daß sie ihn stets im Gedächtnis haben werde, an ihrem Busen, an ihrer Brust, in ihrem Herzen, sondern als einen duftenden Strauß, um zu zeigen, daß sie in diesem Gedenken

großen Trost findet; und nicht nur als einen Strauß, sondern als Myrrhen- strauß. Der Duft der Myrrhe ist sehr süß, ihr Saft aber ist sehr bitter. Die liebe Braut sagt also, daß ihr Freund für sie wie ein Myrrhen- büschel auf ihrem Herzen ist, um zu zeigen, daß sie stets der Bitterkeit

seiner Passion gedenkt: Ein Myrrhenbüschel

königliche Prophet David (Ps 45,9f) besonders fein aus: Myrrhe, Aloe und Kassia duften aus deinen Kleidern; mit ihnen ergötzen dich Königs- töchter in deiner Herrlichkeit. Der Prophet spricht nämlich zum Messi- as und sagt zu ihm: Die Myrrhe und deren Tropfen und Kassia, das heißt der Duft dieser kostbaren Flüssigkeiten, entströmt deinen Klei- dern. Was sind seine Kleider anders als sein Leib und seine Seele, wie der Apostel (Phil 2,7) sagt: Er nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen ähnlich und im Äußeren als Mensch erfunden. Und diesem Leib und dieser Seele entströmt nur der Duft der Myrrhe, d. h. große Tröstungen, die aus einer schmerzlichen Grundlage stammen, näm- lich aus der Passion; diese Kleider stammen aus den überaus reinen Elfenbeinpalästen des Himmels und von der glorreichen Jungfrau.

Das spricht auch der

Der Trost der Passion ist also der ständige Duft, den die Heiligen der Kirche wahrnehmen. Das lehrt der hl. Paulus (Hebr 12,3): Betrachtet ihn, der von den Sündern solchen Widerspruch gegen sich erduldet hat,

damit ihr nicht müde werdet und nicht euren Mut verliert. Dazu fordert er selbst uns auf: Ihr alle, die ihr des Weges vorübergeht, merkt auf und seht, ob ein Schmerz dem meinen gleicht (Klgl 1,12). Das hat die Kir- che, die wahre Braut Unseres Herrn, bewogen, sich auf jede Weise zu bemühen, bei ihren Kindern und Schülern das Andenken an die Passi- on unseres Herrn und Meisters lebendig zu erhalten; deshalb legt sie uns unter anderem heute dieses Evangelium vor. Sie weiht diesem Gedenken die ganze Fastenzeit, sie vergegenwärtigt es im Meßopfer, sie spricht jedesmal davon und lehrt alle, bei jedem Anlaß das Kreuz- zeichen zu machen, um stündlich dieses Gedenken kurz zu erneuern. In ihren Kirchen stellt sie unablässig das Kruzifix vor Augen; sie setzt stets das Zeichen des Kreuzes auf ihre Kirchen, an die Wege, über alle ihre Übungen. Und wahrhaftig, wie könnte sie treffender und kürzer unserem Verstand die Passion Unseres Herrn vor Augen halten?

Deswegen wollte man aber die Kirche tadeln und unsere Gegner behaupten, daß hier ein Aberglaube herrsche. Daher müssen wir ein wenig dabei verweilen, um ihre Begründungen anzusehen, und dürfen nicht meinen, das sei unpassend. Die Gründe, die die Gegner für die wichtigsten gegen den Gebrauch des Kreuzzeichens halten, sind ohne jede Beweiskraft. Gehen wir dabei der Reihe nach vor, denn es gibt mehrere Streitpunkte zwischen der Kirche und dem Gegner.

Der erste Streitpunkt besteht darin, daß der Gegner sagt, man dürfe das nicht tun, und wenn es solche Handlungen gebe, müsse man sie verhindern und abschaffen. Die Kirche sagt das Gegenteil, und das sind unsere Gründe.

1. Das Gedächtnis der Passion ist nützlich, wie ich gesagt habe und

sagen werde. Sagt mir um Gottes willen, warum es nicht ebenso nütz- lich im Zeichen sein sollte wie im Wort. Wenn es nützlich für die Gläubigen ist, ihnen die Passion Jesu Christi durch Worte in Erinne- rung zu rufen, wer sieht dann nicht ein, daß es auch nützlich sein wird, sie ihnen durch Zeichen zu vergegenwärtigen?

2. Unser Herr wird sein Kreuz selbst verherrlichen; warum nicht

auch wir? Als Beweis, daß das wahr ist, heißt es bei Matthäus (24,30) unter den übrigen Vorzeichen, die sich am Tag des Gerichtes ereignen

werden, daß das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen wird. Welches Zeichen? Ohne Zweifel das Kreuz, meine Brüder. Wel- ches andere Zeichen sonst, ich bitte euch? Die Fahne dieses Fürsten wird erscheinen, aber daran darf man nicht zweifeln, denn alle Kir- chenväter legen die Heilige Schrift so aus. Ich weiß, daß Calvin und

alle bei Marlorat Genannten es so auslegen: „Das Zeichen ist der Menschensohn selbst“, der so offenkundig erscheinen und durch das so gegebene Zeichen die Augen aller auf sich lenken wird. Seht doch, wie man mit der Heiligen Schrift umgeht: wenn da ein Zeichen ist, deuten sie es als die Sache selbst; wenn es (Mt 26,26) der Leib heißt, legen sie es als Zeichen aus. Aber außer diesem Erscheinen des Kreuzes haben wir andere; sie sind zwar nicht in der Heiligen Schrift enthalten, trotzdem aber glaubwürdig. Eusebius berichtet, daß Konstantin der Große das Kreuz sah, wie er selbst erzählt, mit den Worten: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ 1 Dann zur Zeit des Konstans auf dem Ölberg.² Zur Zeit Julians Apostata, der aus Verachtung für die Katholiken den jüdischen Tempel wieder errichten wollte, erschien am Himmel ein silberheller Kreis mit dem Kreuz.³ Zur Zeit des Arkadius, als man gegen die Per-

ser zog. 4 Zur Zeit des Alfons Albucerque de Bargua, erschien eines in einer Gegend der Inder. 5

3. Durch die Übung der Kirche seit den ersten Jahrhunderten. Zeu-

ge ist der hl. Dionysius, im 4., 5. und 6. Buch seiner Hierarchia ecclesiastica, wo er sagt, daß man bei allem das Kreuzzeichen anwen-

det. Justinus 6 beantwortet die Frage, warum die Christen nach Osten

gewendet beten, warum sie sich mit der Rechten mit dem Kreuz be- zeichnen und andere segnen: weil man Gott das Bessere geben muß, sagte er. Tertullian 7 sagt, die Christen machten das Kreuzzeichen bei jedem Schritt, „ad omnem progressum“, etc. Meint ihr nicht, daß wir recht haben, eher der Übung der Kirche im Altertum zu folgen als den Einwänden dieser zuletzt Gekommenen? Doch sagt, welche Gründe bringen sie denn vor?

1. Da das Kreuz für den Herrn schmerzlich war, ist es zu verab-

scheuen. Wenn aber das Zeichen und das Werkzeug des Leidens, das Unser Herr erduldete, zu verabscheuen ist, dann ist das Leiden selbst und die Passion des Herrn es noch viel mehr. Das Kreuz war nicht in sich schlecht und wurde von Unserem Herrn willig umfangen; durch das Kreuz ist er zu seiner Herrlichkeit und Erhöhung gelangt, wie der

1 Eusebius, Vita Constantini. lib. I. cap. 28.

2 Cyrill v. Jerusalem, im Brief über diese Tatsache.

3 Gregor v. Nazianz, Oratio 2 in Jul. § 4.

4 Prosper, in lib. De Promiss. divini, cap. 34.

5 Osorius, De Rebus Emanuelis IX; Maffeius. Hist. Ind. V.5.

6 Ad Gentiles. qu. 118 ad Orthod.

7 De corona militis. cap. 3

hl. Paulus (Phil 2,8f) sagt: Er hat sich selbst erniedrigt; deshalb wurde er erhöht.

2. Ein Kind wäre verrückt, das Gefallen am Anblick des Galgens

hätte, an dem sein Vater erhängt wurde; also denken wir nicht mehr an die Passion. Die Antwort: Wenn aber die Passion Jesu Christi nicht nur eine Strafe ist, sondern ein Opfer, dann ist das Kreuz gewiß nicht nur ein Galgen, sondern ein Altar, auf dem das Werk unserer Erlösung vollzogen wurde. Und in dieser Eigenschaft muß es von allen Gläubi- gen verehrt werden, muß sein Andenken empfehlenswert, sein Zei-

chen kostbar sein. Zu bedauern sind jene, die es mit soviel Verachtung und Abscheu ablehnen, denn dadurch geben sie zu erkennen, daß sie keinen Anteil an dem haben, was im Kreuz gewirkt wurde, etc. Und wie kann man einer Meinung sein mit jenen, die sich durch das Kreuz mit Schmach zu bedecken glauben, wenn der hl. Paulus (Gal 6,14) sagt: Ferne sei es von mir, mich zu rühmen, außer im Kreuz Unseres

? Und (1 Kor 1,23f): Wir verkünden Christus als den Gekreu-

zigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, denen aber, die berufen sind, Juden wie Heiden, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Ich habe mich entschlossen, nichts zu kennen außer Jesus Christus, und ihn als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2). An die Philipper (3,18): Viele wandeln, wie ich oft gesagt habe, als Feinde des Kreuzes Christi.

Unsere Gegner sagen außerdem, man dürfe dem Kreuz nicht die Ehre erweisen, wie man es tut. Die Kirche sagt: im Gegenteil; seht, warum.

1. Alles, was Gott geweiht ist, verdient geehrt zu werden. Nun, dieses

heilige Zeichen ist Gott geweiht, also

2. Daß alles, was Gott geweiht ist, geehrt zu werden verdient, beweist

die Heilige Schrift, die es gewissermaßen überhaupt heilig nennt. Warum nennt man den Sonntag heilig? Warum den Schemel seiner Füße (Ps 98,5)? Ex (3,5) heißt es: Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land. Der Psalmist sagt (Ps 132,2): Erhebt in den Nächten eure Hände zum Heiligtum, d. h. zu Gott Geweihtem; und im Psalm 99,5: Fallt nieder vor dem Schemel seiner Füße, denn er ist heilig. Dieser Schemel ist der Tempel, wie die Chaldäer sagen; er ist

die Bundeslade, wie die Hebräer sagen. Wie dem auch sei, für uns gilt das immer, und daraus ergibt sich schlüssig, daß dieses heilige Zei- chen geehrt zu werden verdient, weil es Gott geweiht ist.

3. Aufgrund all des vorher Gesagten; denn heißt es nicht, das Kreuz

für uns ehrwürdig machen, wenn Unser Herr es in den Himmel ver-

setzt hat, wenn er es mit so großen Wirkungen gezeigt hat?

Herrn

4.

Weil für uns das Kreuz das Zepter und der Königsthron Unseres

Herrn ist. Bei Jesaja (9,6) heißt es: Und seine Herrschaft ruht auf sei- nen Schultern. Im Psalm 96 (9f): Vor seinem Angesicht erbebe die gan- ze Erde; kündet den Völkern, daß der Herr regiert. Nach der Septuaginta hieß es, vom Holz, aber nach dem Bericht Justins im Dialog mit Tryphon (§ 73) entfernten die Juden dieses Wort. Wenn also das Kreuz das Zeichen der Macht und Königsherrschaft Unseres Herrn ist, wa- rum, etc. Wenn der Dornbusch, in dem Gott erschien, Ehrfurcht ver- diente, etc. Wenn die Bundeslade, wie es im Psalm 132 (7f) heißt: Ich will eintreten in sein Zelt, ich will anbeten an dem Ort, wo seine Füße standen, etc. (das läßt sich passend abwandeln: ich will den Ort oder den Schemel seiner Füße verehren), warum dann nicht diesen königli- chen Thron? Johannes (12,32): Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen, gleichsam als Fürst und Herr aller.

5. Wegen der großen Wirkungen, die Gott durch das Kreuzzeichen

hervorrufen wollte, vor allem gegen die Dämonen, die es hassen. Das bezeugt Lactanz 8 und Gregor von Nazianz 9 : Er sah bei den Opfern und Auguren die Teufel, wie er gewünscht hatte; er bezeichnete sich mit dem Kreuz, und sie verschwanden. Worauf führen alle diese Erschei- nungen hinaus?

6. Weil es in seinem Vorbild, der ehernen Schlange (Num 21,8f)

geehrt wurde, bevor es war; warum nicht in seinem Andenken, nach- dem es war? Johannes (3,14): Wie Mose die Schlange erhöhte, so muß der Menschensohn erhöht werden.

7. Weil diese Verehrung in der Kirche sehr alt ist. Tertullian 10 ant-

wortete den Heiden, die die Verehrung des Kreuzes angriffen; Kon- stantin verbot, künftig jemand zu kreuzigen: 11 damit es in Ehren, nicht ein Schrecken sei. Augustinus (Sermo 18 De Verbis). Theodosius ver- bot, es auf den Boden zu malen. 12 Als Tiberius ein Kreuz am Boden liegen sah, ließ er es aufrichten und sagte: „Mit dem Kreuz des Herrn müssen wir unsere Stirn und Brust bewehren, und wir treten es mit Füßen.“ 13

8. Unsere Vorfahren trugen das Kreuz um den Hals, wie der hl.

Gregor von Nazianz von seiner Schwester Macrina bezeugt (Vita).

Amen.

8 Divin. Inst. lib. 4, cap. 27. 9 Oratio I, § 53f; in Jul.

10 Apologet., cap. 16.

11 Soz. Hist. Eccl., lib. I, c. 8.

12 Codicis I. tit. 8.

13 Diakon Paul, lib. 18 Rerum Rom.

ZumZumZumZumZum FestFestFestFestFest derderderderder heiligstenheiligstenheiligstenheiligstenheiligsten DreifaltigkeitDreifaltigkeitDreifaltigkeitDreifaltigkeitDreifaltigkeit

Nr. 30: Annecy, 21. März 1595

VII,254-264

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist; wie im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Eine der größten Auszeichnungen, die die Güte Gottes seinem treu- en Diener Abraham, unserem Ahnherrn, erwies, war meines Erach- tens eine der bedeutendsten, als die göttliche Majestät ihn im Tal von Mamre in sichtbarer Gestalt besuchte, wie die Genesis (18,1f) berich- tet. Denn was für ein Mensch war dieser Abraham, daß du ihn be- suchst? (Ps 8,3). Der Herr erschien ihm im Tal von Mamre. Es war der Heilige der Heiligen (Dan 4,24), es war Gott selbst, der ihm erschien; aber in welcher Gestalt? Als er seine Augen erhob, erschienen ihm drei Männer; in der Gestalt von drei suchte jener, der der einzige Herr ist, seinen Diener auf. O Geheimnis der Geheimnisse! Der einzige Herr erschien dem Abraham in drei Personen. Treffend heißt es am Anfang der Genesis (1,26), daß Gott sagte: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis. Durch diese Worte wurde die Drei- faltigkeit des Schöpfers ausgedrückt. Sie war vor Abraham nie erschie- nen, den man mit Recht den Vater der Glaubenden (Röm 4,11) nann- te, da er eine so bedeutende Offenbarung dieses grundlegenden Ge- heimnisses unseres Glaubens empfing: Der Herr ist erschienen; „drei sah er, einen betete er an“, sagt die Auslegung. Abraham sagte (Gen 18,3f nach der Sept. und alten Vulgata) zu ihnen: Herr, wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, geh nicht an deinem Diener vorüber; ich will ein wenig Wasser bringen, um eure Füße zu waschen; ruht unter dem Baum etwas aus. Bald sprach er zu allen drei in der Einzahl, bald in der Mehrzahl, um die Einheit in der Dreiheit zu zeigen.

So ist die Geschichte und das Geheimnis. Und jetzt, fromme Zuhö- rer, zeigt sich uns der gleiche Herr, um uns zu besuchen: einer im Wesen, dreifaltig in den Personen, nicht mehr in einer äußeren Er- scheinung, sondern durch eine innere Erleuchtung des Glaubens, in diesem guten Tal der Kirche. Die Kirche feiert heute ein Hochfest zu

Ehren der allmächtigen, überaus guten und unendlichen Dreifaltig- keit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, um unseren Herzen die Ehre und höchste Huldigung einzuprägen, die wir ihr schulden. Ehre sei dem

Wir erweisen ihm die Ehre, wenn wir an die höchste Wesenheit

in ihrer glorreichen Dreifaltigkeit glauben, auf sie hoffen und sie lie-

Vater

ben; wenn wir die drei Personen bitten, bei uns zu bleiben, wenn wir ihnen die Füße waschen; wenn wir sie unter den Baum einladen. Ich will euch kurz zeigen, wie man das machen muß. Dazu aber müssen wir es alle gemeinsam machen wie Abraham, der seine Augen zum Himmel erhob und sonst diese Ehre nicht gehabt hätte. Erheben wir die Augen zu diesem ewigen Licht, damit es uns mit seinem Geist zu erleuchten geruhe, auf daß wir in seiner Klarheit von diesem Geheim- nis erkennen können, was wir kennen müssen; damit es ihm gefalle, uns sehend zu machen, auf daß wir ihm glauben, glaubend darauf hof- fen und in der Hoffnung lieben, so daß auf diese Weise wahrhaft Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Um das in größe- rer Fülle zu erlangen, setzen wir dazu den Einfluß der Tochter des Vaters, der Mutter des Sohnes und der Braut des Heiligen Geistes ein. Ave Maria. Der grundlegende Artikel unseres Glaubens ist der, dessen Feier die Kirche den heutigen Tag geweiht hat, d. h. die heilige Dreifaltigkeit der göttlichen Personen. Gewiß muß offenbar diese heilige Dreifaltig- keit auf die Einheit des Wesens zurückgeführt werden, um so mehr, als nach unserer Denkweise das eine früher ist als die andere. Dennoch ist der Artikel von der Einheit des einen Gottes den Christen nicht so ausschließlich eigen wie der von der Dreifaltigkeit, zumal mehrere Gott in seiner Einheit erkannt haben, die keine Christen sind. Darauf stützt sich der hl. Paulus und bestätigt den Römern (1,20f): Das Un- sichtbare an Gott wird aus der Wahrnehmung der geschaffenen Welt erkannt, so daß sie unentschuldbar sind, weil sie Gott erkannten aber nicht als Gott verherrlichten. Was aber den Artikel von der heiligsten

Dreifaltigkeit betrifft, ist er so sehr den Christen ausschließlich eigen, daß selbst das Volk der Hebräer zum Großteil keine ausdrückliche Kenntnis von ihm hatte und daß die Heiden nie zu ihr gelangten. Das veranlaßt den hl. Hieronymus im Brief an Paulinus (53, § 4) zu dem Ausruf: „Der gelehrte Platon wußte es nicht, der beredte Demosthenes hatte keine Kenntnis davon.“ Auf diesem Artikel von der Dreifaltig- keit beruht die Menschwerdung und auf der Menschwerdung unsere ganze Erlösung. Auf diesem Artikel beruht die Sendung des Heiligen Geistes und auf ihr unsere ganze Rechtfertigung. Er ist also der Grund- artikel: „Es ist also katholischer Glaube, daß wir einen Gott verehren

“ (Symb. Athan.).

Aus diesem Grund stellt uns zunächst Unser Herr (Mt 28,19), dann seine Kirche bei der Spendung des grundlegenden Sakramentes der Taufe dieses heilige Geheimnis vor: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Deshalb hat die Kirche unter Papst

Damasus, nach der Aufforderung durch den hl. Hieronymus, bestimmt, daß man am Schluß jedes Psalms singt: Ehre sei dem Vater und dem

Deshalb hat man, als sich zur Zeit

Karls des Großen mehrere Irrlehren gegen die heilige Dreifaltigkeit erhoben, dieses besondere Fest als Bekenntnis unseres Glaubens ein-

gesetzt. Wie sehr müssen wir daher auch in unserer schlimmen Zeit

Meint ihr

nicht, daß sich unsere Gegner bemühen, die Kirche zu zerstören? Der Hochmut derer, die dich hassen, erhebt sich ständig (Ps 74,23). Ein

Valentin Gentil, ein Servet, ein Farel, ein Viret haben diese heilige Lehre vollkommen vergiftet, wo Calvin und Beza sich einmischten und ein Ende machten. Wenn also dieses Fest mit so viel und so ge- rechtem Grund eingesetzt wurde, mit welcher Frömmigkeit müssen wir es jetzt feiern, da die Gründe seiner Einsetzung von neuem gege- ben sind.

Ich finde, daß wir dem Vater, dem Sohn und

dem Heiligen Geist auf zweifache Weise Ehre wünschen können: ent- weder die Ehre, die ihm naturgemäß und wesentlich ist, oder die äuße- re und denominative. Zunächst: Gott Vater im unerforschlichen Ab- grund seiner ganzen Ewigkeit, in der Fülle seines unbegrenzten We- sens, seiner Güte, Schönheit und Vollkommenheit, erkennt und be- greift im Blick auf sich selbst mit seinem überaus fruchtbaren Ver- stand seine Natur so vorzüglich, daß er mit einem Gedanken und Be- greifen seine ganze Größe ausdrückt. Dieser Gedanke, dieses Aus- sprechen, dieses Wort, dieser Ausdruck seines Herzens war ein zwei- tes Ich. Er war schon in sich glorreich, er war die ganze göttliche Voll- kommenheit; aber wie? Das ist seine Herrlichkeit: er sieht sich, er erkennt sich selbst, und indem er sich erkennt, zeugt er seinen ihm wesensgleichen Sohn: Aus meinem Schoß habe ich dich vor dem Mor- genstern gezeugt (Ps 110,3). Hebräisch: Aus dem Schoß kommt dir vor der Morgenröte der Tau deiner Jugend. Jesaja (66,9): Sollte ich, der andere gebären läßt, selbst nicht zeugen; der ich anderen Nachkom- menschaft gewähre, unfruchtbar sein? Der Sohn ist die Ehre des Va- ters; vom hl. Paulus wird er (Hebr 1,3) der Abglanz der Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens genannt. Welche Ehre für den Vater, einen solchen Sohn zu haben! Welche Ehre für den Sohn, einen solchen Vater zu haben! Der Sohn hat ganz dieselbe Wesenheit wie der Vater; der Vater teilt ihm alle seine Vollkommenheiten mit. Denkt daran, welche Ehre es für einen sehr guten Vater ist, einen Sohn zu haben, der ihm vollkommen gleicht; doch wenn er ihm so sehr gleicht, daß er ein zweites Ich wird, welche

Sohn und dem Heiligen Geist

dieses heilige Fest feiern und sagen: Ehre sei dem Vater

Ehre sei dem Vater

Freude! Ich habe Väter gekannt, die einige Tugend besaßen; wie waren

sie froh, tugendhafte Kinder zu haben, etc. Diese Ehre verdient stets gefeiert zu werden. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heili-

Doch darüber hinaus, welche überströmende Freude, wenn

der Vater seinen Sohn sieht und der Sohn seinerseits seinen Vater! Der

Vater und der Sohn sehen, daß sie gegenseitig einer grenzenlosen Lie- be würdig sind; sie sehen, daß ihr Wille aufeinander abgestimmt ist,

sie lieben einander so sehr, wie sie es verdienen, sie lieben sich im höchsten Grad, grenzenlos und göttlich. Und diese höchste Liebe, die sie so miteinander verbindet, die aus der Anschauung des einen vom anderen hervorgeht, ist eine dritte göttliche Person wie sie, wesens- gleich mit ihnen, unendlich, ewig und unabhängig wie sie; das ist der Heilige Geist, die Liebe und die Einheit des Vaters und des Sohnes, das grenzenlose Ziel ihres gegenseitigen Wohlgefallens und des ewi- gen Hervorgehens. Singen wir also: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen

Ich weiß wohl, daß ihr dieses Geheimnis nicht begreift, so wie

auch ich nicht; aber mir genügt es, daß wir um so besser daran glau- ben. Was ich darüber gesagt habe, hat keinen anderen Zweck, als es euch mehr vor Augen zu stellen und euch zu helfen, deutlicher daran zu glauben. Es gibt bestimmte Beispiele, die uns helfen könnten, ein wenig davon zu verstehen; es gibt jedoch noch so viel zu sagen, daß wir uns bei sonst nichts aufhalten und uns begnügen zu wissen: es ist der katholische Glaube, „daß wir einen Gott in drei Personen und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehren.“

, um so mehr noch, als

Calvin, Beza und ihre Irrlehren wollen, daß alle drei Personen ihre Gottheit aus sich haben, nicht durch Mitteilung. Das ist eine außerge- wöhnliche Blasphemie, denn auf diese Weise gäbe es weder Sohn noch Heiligen Geist. Der Hochmut jener, die dich hassen, erhebt sich stän- dig (Ps 74,23). Die Katholiken dagegen bleiben dabei zu sagen: „Gott von Gott, Licht vom Licht“ (Symb. Nic.), und Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, indem wir von den drei in der Ein- zahl sprechen, weil die drei Personen die gleiche Herrlichkeit besit- zen. Wir sagen: dem Vater und dem Sohn, denn obwohl die zwei Perso- nen ein einziger gleicher Gott sind und der Vater den Sohn als ein anderes Ich betrachtet, besteht doch die Unterscheidung, daß der Va- ter das Gottsein durch sich selbst besitzt, der Sohn durch die Mittei- lung des Vaters: sonst wäre der eine nicht Vater, der andere nicht Sohn, sondern beide Namen wären falsche Bezeichnungen ohne Grundlage. Ebenso sagen wir: dem Heiligen Geist, der einen Hauch gegenseitiger

Geist

gen Geist

Wir werden stets singen: Ehre sei dem Vater

Liebe bezeichnet, um auszudrücken, daß der Vater und der Sohn, die sich in gegenseitiger Liebe ansehen, diese dritte Person durch diesen Blick und diese gegenseitige Liebe hervorbringen. Die zweite Blasphemie besteht darin, daß sie den Namen Trinität nicht annehmen wollen. Ihre Begründung ist, Dreifaltigkeit wolle nur die Personen bezeichnen; Person bedeute nur Wohnsitz und Eigenart; Wohnsitz und Eigenart ist nicht Gott. Außerdem, sagen sie, sei das kein gutes Latein. O Unglück unserer Zeit, o Eitelkeit, o Anmaßung des menschlichen Geistes, der es unternimmt, so erhabene Wahrhei- ten mit so schwachen Argumenten zu erörtern! Dieses Wort Person, ihr Calvinisten, bedeutet viel mehr, als ihr sagt, und die Theologen wissen, daß Person der Träger einer vernunftbegabten Natur ist, daß sie deren Eigentümer und Besitzer ist; so ist eine göttliche Person jener, der die göttliche Natur zu eigen besitzt. Was den schönen Einwand betrifft, das Wort Trinität sei nicht latei- nisch, so wißt ihr doch, wenn es Gott gefiel, im Übermaß seiner Liebe uns neue Wahrheiten zu offenbaren, dann mußte man neue Wort su- chen, um sie auszudrücken. Wißt ihr nicht, daß die Worte für die Din- ge geschaffen sind, nicht die Dinge für die Worte? Man muß sich sehr hüten, die Dinge den Worten unterzuordnen, und noch viel mehr, die heiligsten und göttlichen Dinge zu verleugnen, weil man in der bei den Römern gebräuchlichen Sprache nicht den Ausdrücken begegnet, die sie bezeichnen. Bei diesem Grundsatz eurer Schule müßte man auch das grundlegende Geheimnis unseres Heiles ablehnen, die Inkarnati- on des ewigen Wortes, weil man das Wort Inkarnation im klassischen Latein nicht findet. O unglückselige und unglückliche Theologen, die lieber Lateiner als Christen sind! Das ist eine der Listen des Teufels; unter dem Vorwand größerer Reinheit des Latein trachtet er uns den Glauben an die ersten und wichtigsten Geheimnisse unserer heiligen Religion zu nehmen. Die Arianer gingen nach dem Bericht des Epiphanius so in ihren Irrlehren vor; die einen verlangten, daß ein Jota gestrichen werde, die anderen, wie der Bischof Ancrytin, forder- ten, daß alle Worte gestrichen werden, die nicht aus der Heiligen Schrift stammen. Es ist ein Jammer, ihre Blasphemien zu sehen: Falsches sagte jeder zu seinem Nächsten (Ps 12,3); mit ihrer Zunge üben sie Trug; richte sie, Herr (Ps 5,11). Der hl. Johannes von Damaskus berichtet im 3. Buch der Theologie eine Begebenheit, um die Anrufung der heiligen Dreifaltigkeit zu recht- fertigen. In Konstantinopel, sagt er, „ereigneten sich unter Erzbischof Proclus mehrere Zeichen des gerechten Zornes Gottes. Als das Volk beim Gebet war, wurde ein Kind entrückt, und in der Entrückung

lehrten es die Engel diesen Gesang: Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser. Als das Kind zu sich kam und berichtete, was es vernommen hat, begann das Volk dieses Lied zu singen, besänftigte damit den Zorn Gottes und wandte die Übel ab, die es bedrohten.“ Lassen wir daher nicht ab zu singen: „Gott Vater im Himmel, erbarme dich unser.“ Lassen wir nicht ab zu sagen, daß die drei göttlichen Personen anbetungswürdig und mehr als anbetungs- würdig sind aufgrund der wesenhaften und inneren Ehre und durch die äußere, erwiesene Ehre. Angemessen nennt man die Ehre, die Gott zukommt, nicht durch seine inneren Werke, sondern durch äußere, wie David (Ps 19,1) sagt:

Die Himmel verkünden die Ehre Gottes, und wie der hl. Paulus (1 Kor 10,31) sagt: Tut alles zur Ehre Gottes. Das tun wir dann, wenn wir darauf bedacht sind, daß Gott verherrlicht wird: damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen (Mt 5,16).

Was die wesenhafte Ehre betrifft, kann niemand sie beeinträchtigen, denn Ich bin, der ich bin (Ex 3,14). Meine Herrlichkeit gebe ich keinem anderen (Jes 42,8). An diese Ehre denken wir vor allem, wenn wir

, nicht als wünschten wir sie ihm als etwas

Fehlendes, sondern wir freuen uns über sie. Was die äußere Ehre be- trifft, kann sie vermehrt werden durch unsere guten Werke. Verherr- licht Gott (und tragt ihn) in eurem Leib, sagt der hl. Paulus (1 Kor 6,20). In diesem Sinn sagen wir mit Ehre sei dem Vater das gleiche wie:

Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden (Mt 6,10). Erweist Gott Verherrlichung und Ehre, erweist dem Namen des Herrn Ehre; betet den Herrn an in seinem Heiligtum (Ps 29,2; 96,7-9). Der hl. Paulus beklagt sich (Röm 1,21-23) über die heidnischen Philosophen, denn obwohl sie Gott erkannten, verherrlichten sie ihn nicht als Gott oder sagten ihm Dank; vielmehr waren ihre Gedanken eitel und ihr törichtes Herz wurde verfinstert. Sie gaben sich als Weise aus und waren Toren. Sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Abbild der Gestalt des vergänglichen Menschen. Ach, es gibt unter den Christen manche, die diesen Philosophen gleichen; sie sind kalt, sie lieben die Gott und seinen Freunden gebührende Ehre nicht. Nun, wer so eingestellt ist, kann nicht sagen: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Diese Ehre ist äußerlich und kann in zweifacher Weise verstanden werden; denn für alles Gute müssen wir dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist Ehre erweisen, besonders aber für den Tod Unse- res Herrn und für die Gnade der Erlösung, denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab (Joh 3,16). So hat

sagen: Ehre sei dem Vater

Gott, nämlich der Vater geliebt, das ist der Heilige Geist, daß er seinen Eingeborenen, den Sohn hingab. Ehre gebührt daher dem Vater, der ihn gab, dem Sohn, der hingegeben wurde, und dem Heiligen Geist, durch den er uns geschenkt wurde. Wir müssen alle drei göttlichen Personen verherrlichen, und wir müssen sie verherrlichen durch die Person des Fleisch gewordenen Wortes, besonders durch seine Passion, die er beim hl. Johannes (7,39) seine Verherrlichung nennt: Denn der Heilige Geist war noch nicht verliehen, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. So legen nämlich der hl. Johannes Chrysostomus und Euthymius die Stelle aus; ausdrück- lich der hl. Hieronymus im Brief an Hedibia (Ep. 120, qu. 9); darin zeigt er, daß Jesus die Passion seine Verherrlichung nennt, und folgert zum Schluß: „Die Herrlichkeit des Erlösers ist das Kreuz des Sie- gers.“ Wer sich rühmt, rühme sich im Herrn (1 Kor 1,31). Ferne sei es von mir, mich zu rühmen, außer im Kreuz des Herrn Jesus Christus (Gal

6,14).

Erlaubt mir nun, daß ich vertraulich zu euch spreche. Wir müssen Gott verherrlichen durch die Passion seines Sohnes. Diese Passion ist nun nicht mehr gegenwärtig, um durch sie Gott zu verherrlichen; wir müssen also auf das Gedächtnis zurückgreifen. Es gibt zwei Arten des Gedächtnisses der Passion Jesu Christi in der Kirche, ein lebendiges und ein lebloses. Das lebendige Gedächtnis der Passion Jesu Christi ist die Eucharistie: Verherrlicht Gott (und tragt ihn) in eurem Leib (1 Kor 6,23). Sie aßen und beteten an (Ps 22,30). Das leblose Andenken ist das heilige Zeichen des Kreuzes; das sind die kostbaren Reliquien der Heiligen, wie der hl. Paulus (Kol 1,24) sagt: was von den Leiden Jesu Christi bleibt.

ZumZumZumZumZum SonntagSonntagSonntagSonntagSonntag SexagesimaSexagesimaSexagesimaSexagesimaSexagesima

Nr. 41: Chablais, 9. Februar 1597

VII,306-310

Der Same ist das Wort Gottes (Lk 8,11).

Kostbarer und bewunderswerter Same, der vom Himmel genom- men ist, in die Erde gelegt wurde und zum Himmel emporsteigt; Same, der aus sich selbst ewige Frucht bringt, aber ein zarter Same, der kei- nerlei Frucht bringt, wenn er nicht von einem guten Erdreich (Lk 8,8) aufgenommen wird, sondern das Erdreich um so abscheulicher macht, als er bewundernswert und kostbar ist (1 Kor 11,29). Der Same ist das

Wort Gottes. Die gleiche Sonne zeigt im Frühling die Schönheit der Gärten, der Felder und Wiesen, der Haine und der lachenden Fluren, enthüllt aber auch die Häßlichkeit der Gossen und Kloaken. Ebenso läßt der gleiche Same, der die Kostbarkeit eines guten Feldes zur Gel- tung bringt, die Unfruchtbarkeit der anderen erkennen und führt zu deren Geringschätzung. Wie wichtig ist es deshalb, daß der Boden recht bereitet ist, um diesen heiligen Samen aufzunehmen.

Der Same ist das Wort Gottes. Die Frucht ist der Glaube, die Hoff- nung, die Liebe und das Heil. Das Erdreich ist unser Herz. O wie wird sich dieses Herz, dieses Erdreich bereitmachen, wenn es be- denkt, wer der ist, der sät. Es wird sehen, daß es der Herr ist: Ein Sämann ging aus, um zu säen. Wenn es bedenkt, in welcher Absicht, wird es sehen, daß er es tut, damit wir Furcht bringen in Geduld (Lk 8,15). Wenn es überlegt, wer diesen Samen empfängt, wird es sehen, daß es ein Herz ist, das nichts ist als Erde, Staub und Asche (Gen 3,19; 18,27); denn der Sämann versetzt es in Erwartung, das Erd- reich in Demut, die Absicht des Säenden in die Tat. Ich will mich bemühen, darüber zu sprechen; es muß aber Gott sein, der spricht, denn es ist sein Same

Der Same ist das Wort Gottes. So empfängt also das Erdreich den Samen nicht in der Scheune oder im Hof, sondern der Bauer bringt ihn auf das Feld und streut ihn mit der Hand in bestimmtem Gleich- maß aus. So möchte ich euch zunächst sagen, daß der Same das Wort Gottes ist. Das Wort Gottes muß seiner Natur entsprechend gepredigt, ausgesät und verkündet werden. Wenn es aufgeschrieben wurde, dann nicht, um die Predigt abzuschaffen, sondern vielmehr, um sie anzu- passen und zu bereichern. Dies gegen das törichte Gerede einiger, die sagen, man brauche nichts glauben, was nicht geschrieben steht; die Heilige Schrift genüge ohne ein anderes Wort Gottes; jeder könne sie verstehen und hier die Entscheidung seines Glaubens finden. Wenn dem so wäre, wäre der Same nicht das Wort Gottes; denn als Unser Herr dieses Wort sprach, war das Evangelium noch nicht geschrieben, und trotzdem war der Sämann schon ausgegangen, seinen Samen aus- zustreuen. Es war also nicht die Heilige Schrift, von der gesagt wurde:

Der Same ist das Wort Gottes. Wenn das also nicht von der Heiligen Schrift galt und wenn es kein anderes Wort Gottes gäbe als die Heilige Schrift, dann wäre der Same nicht das Wort Gottes. Geben sie über- dies nicht zu, daß der Sämann in dieser Parabel Unser Herr ist? Wo aber finden sie, daß Unser Herr je das Evangelium geschrieben hätte?

Wenn er also sagt: Der Same ist das Wort Gottes,dann versteht er das vom Wort, das nicht geschrieben ist, aber gepredigt wird. Wenn ihr das deutlicher verstehen wollt, dann seht zunächst, in wel- cher Weise dieser Same aufgenommen wird: Das sind jene, sagt er, die das Wort hören und es in gutem Herzen bewahren (Lk 8,15). Wenn

jene, auf die man sät, Hörer sind, dann sind diejenigen, die säen, Spre- chende. Das Gehör nimmt nur das gesprochene Wort auf, das Auge das geschriebene. Beim hl. Paulus (Röm 10,17) werdet ihr auch fin- den: Der Glaube kommt vom Hören, das Hören durch das Wort Gottes. An die Korinther (1,23): Wir predigen Christus den Gekreuzigten. Im 1. Thessalonicherbrief (2,13): Das Wort ist Verkündigung Gottes. Im 1. Brief an Timotheus (2,5-7): Ein Gott, ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst als Lösepreis

Dafür bin ich als Verkünder und Apostel bestellt. Im 2.

Brief an Timotheus (4,2): Verkündige das Wort, dränge, ob gelegen

für alle hingab

;

und bei Markus (16,15): Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen. Der hl. Philippus begab sich auf Eingebung des Engels auf den Weg,

der von Jericho nach Gaza hinabführt, und siehe, ein mächtiger Äthio-

Er sagte zu Philippus: Tritt heran und schließe dich diesem

pier

Wagen an

In der Tat, warum hätte Unser Herr die anderen als Hirten und Apo- stel hinterlassen (Eph 4,11), wenn uns nicht sein Wort verkündet wer- den müßte von jenen, die in seinem Namen und in seinem Geist spre- chen?

(Apg 8,27-29).

Aufmerksamkeit

Wenn man nicht verstehen kann, ohne zu hören, und wenn dieses Hören zum Heil notwendig ist, mit welcher Aufmerksamkeit muß man auf das Wort horchen, das nicht ein menschliches Wort ist, son- dern Wort Gottes. Denn der zu sündhaften Menschen spricht, sagt ihnen: Nicht ihr seid es, die sprechen, sondern der Geist eures Vaters, der in euch spricht (Mt 10,2). Wer euch hört, der hört mich; wer euch verachtet, der verachtet mich (Lk 10,16). So erachte uns der Mensch als Diener Christi und Ausspender der Geheimnisse Gottes (1 Kor 4,1). Infolgedessen rief Unser Herr nach dem Gleichnis aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Lk 8,8). Ich finde im Evangelium, daß Unser Herr sechsmal gerufen hat: 1. Er rief im Tempel und sagte: Ihr kennt mich und wißt, woher ich bin (Joh 7,28). – 2. Wen dürstet, der komme zu mir und trinke (Joh 7,37). 3. Lazarus, komm heraus (Joh 11,43). – 4. Wer an mich glaubt, der

glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat (Joh 12,44).

– 5. Eli, Eli, lema sabachtani: Mein Gott

Stimme rufend gab er den Geist auf (Mt 27,50). Und jetzt, zum siebten Mal, rief er aus und sagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre, um seine Zuhörer aufmerksam zu machen auf den Vergleich des Wortes Gottes mit dem Samen. Der Same ist das Wort Gottes. Und wie der Same in das Erdreich eindringt und nicht an der Oberfläche bleibt, so muß auch das Wort Gottes, etc. Ich will hören, was Gott der Herr in mir spricht (Ps 85,9). Setze vor deinen Mund Schloß und Riegel (Sir 28,28). Eli zu Samuel: Rede, Herr, dein Diener hört (1 Sam 3,10). So muß die Aufmerksamkeit und Ehrfurcht beschaffen sein.

(Mt 27,46). – 6. Mit lauter

Demut

Demut und Ehrfurcht, die unendlich wachsen wird, wenn wir beden- ken, an wen dieses Wort gerichtet ist. An den Menschen. Was ist der Mensch, daß du ihn beachtest?(Ps 94,3). Er wandelte unter den Men- schen (Bar 3,38). Vielfach und auf vielfältige Weise hat Gott einst zu den Vätern in den Propheten gesprochen; zuletzt hat er in diesen Tagen zu uns sündhaften Menschen gesprochen im Sohn (Hebr 1,1f). Lk 10,39: Maria saß zu Füßen des Herrn und hörte auf sein Wort, weil der Same das Wort Gottes ist. Der Same bringt mehr Frucht in Tälern als auf Bergen. So wird es mit dem Regen verglichen, der sich sammelt und in die Täler herabfließt. Ex 32,1f in diesem letzten Hymnus: Hört, ihr Himmel, was ich sage; die Erde vernehme die Worte meines Mundes. Wie Regen verdichte sich meine Lehre, wie Tau fließe meine Rede. Sir 1,5: Quelle der Weisheit ist das Wort Gottes; wer aber aus der Quelle trinken will, muß sich niederbeugen.

DogmatischeDogmatischeDogmatischeDogmatischeDogmatische PredigtenPredigtenPredigtenPredigtenPredigten überüberüberüberüber diediediediedie heiligeheiligeheiligeheiligeheilige EucharistieEucharistieEucharistieEucharistieEucharistie

I.

Nr. 43: Chablais, Juli 1597

VII,320-327

Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise (Joh 6,56)

Die Wahrheit ist in sich so schön und so köstlich, daß unser Ver- stand sie notwendigerweise mit Liebe und höchstem Wohlgefallen umfängt, wenn sie ihm klar und verständlich vorgestellt wird. Sie ist sein Ziel, sagen die Peripatetiker; sie ist seine Nahrung, sagen die Platoniker; sie ist seine Vollendung, sagen sie alle gemeinsam mit unseren ehrwürdigen Theologen. „Die ganze Welt ruft und verlangt nach der Wahrheit; der Himmel preist sie, alles wird durch ihre Macht in Bewegung gesetzt“, sagte der weise Serubbabel (3. Esra 4,36), der wegen dieser Sentenz als der Klügste von allen Medern und Persern galt. Wenn das von jeder Form der Wahrheit gesagt werden kann, wie- viel mehr dann, ich bitte euch, meine lieben Brüder, von der Wahrheit, die von allen die erste und vortrefflichste ist, ich sage, von der christ- lichen Wahrheit. Im Vergleich mit ihr ist jede andere Wahrheit eher Einbildung als Wahrheit. Diese Wahrheit ist „schöner, als die berühmte Helena war“, ob deren Schönheit so viele Griechen und Trojaner ihr Leben ließen, sagt der hl. Augustinus (Epist. 40,4), denn aus Liebe zu ihr sind unvergleichlich mehr hervorragende Menschen und heilige Märtyrer gestorben. Sie ist erstrebenswerter als Gold und Topas (Ps 119,127), süßer als Zucker und Honig (Ps 19,11; 119,103), sie macht den Geist froh und die Augen leuchtend (Ps 19,9), wie David singt. Beseelt vom Wunsch, in den folgenden Predigten die Wahrheit des allerheiligsten Altarssakramentes zu beweisen, meine sehr teuren Brü- der, glaube ich das nicht besser unternehmen zu können als dadurch, daß ich euch so klar und bündig die wirkliche Lehre der Kirche darle- ge. Diese Lehre ist so klar und so köstlich, daß euer Verstand beim ersten Anblick ihrer Schönheit sie mit unglaublicher Liebe und Freu- de annehmen wird, dessen bin ich sicher. An ihrer Art und ihrer An- mut wird er mit Sicherheit erkennen, daß sie eine Tochter Gottes ist, hervorgegangen aus seinem Mund, empfangen im Schoß seiner unend- lichen Weisheit (Sir 24,5). Wenn ich euch aber daneben das Aussehen der gegenteiligen Unwahrheit zeige, so zweifle ich nicht im gering-

sten, daß deren unglaubliche Häßlichkeit euch die Schönheit der kirch- lichen Lehre noch viel mehr bewundern und lieben läßt. Das ist es, kurz gesagt, was ich in dieser ersten Predigt vorhabe: die Wahrheit sehr klar darzustellen, und um sie noch deutlicher zu zeigen, ihr die Irrtümer gegenüberzustellen, die ihr widersprechen. Macht eure Au- gen auf, ihr Christen, seht diese Wahrheit: begehrenswerter als jede andere im Evangelium, zugleich aber so gewaltig und erhaben, daß weder ihr noch ich ihren Glanz zu ertragen vermöchten, wenn nicht Er uns beisteht, der sie geoffenbart hat. Rufen wir ihn deshalb vor allem um seinen Beistand an durch die Fürsprache seiner allerseligsten Mutter, die wir in der gewohnten Weise grüßen: Ave Maria. Ein Leib kann nicht zur Speise werden, wenn er nicht in irgendeiner Gestalt dem gegenwärtig ist, der ihn ißt, und er kann nur in der Gestalt eine Speise sein, in der er dem gegenwärtig ist, der ihn ißt. Diese Wahr- heit, glaube ich, kann niemand leugnen; denn das Essen ist ein Aneig- nen und eine Vereinigung der Speise mit dem, der sie zu sich nimmt, überaus innig und im strengsten Sinn, bis schließlich die Speise sich in den umwandelt, der sie ißt, oder dieser sie in sich umwandelt. Es ist daher einfach notwendig, daß ihm die Speise gegenwärtig ist, und man kann das Essen nicht anders verstehen, als daß die Speise in den ein- geht, der sie ißt, und sich mit ihm vereinigt. Nun finde ich, ganz allge- mein gesprochen, daß ein Leib nur in einer von drei Weisen gegenwär- tig sein, zu einem anderen in Beziehung kommen oder mit ihm verei- nigt werden kann: wirklich und ungeistig, geistig und unwirklich oder wirklich und geistig zugleich. Die erste Art ist wirklich, aber grob, natürlich und fleischlich; die zweite ist geistig, bildlich und weniger wirklich; die dritte ist ebenso wirklich wie die erste, ebenso geistig wie die zweite, sie ist bewundernswerter als die erste und bewunderns- werter als die zweite. Erwägen wir sie eingehender und sehen wir, welche der drei Arten der Gegenwart und dem Genuß des Leibes Un- seres Herrn im hochheiligen Sakrament angemessener ist. Ich sage also zunächst, daß ein Leib einem anderen gegenwärtig sein und folglich gegessen werden kann: wirklich und ungeistig, aber auf natürliche und fleischliche Weise. Dabei gibt es keine Schwierigkeit. So ist mein Leib gegenwärtig auf dieser Kanzel, der eure auf euren Bänken. Das ist wirklich, meine Brüder, denn es ist das unserem Leib eigene Wesen und Sein, das hier ist. Aber es ist fleischlich, denn es ist verbunden mit allen natürlichen Eigenschaften unseres Fleisches, der Schwere und Stofflichkeit, der Sterblichkeit, Unansehnlichkeit und ähnlichen Merkmalen unserer Armseligkeit und der uns eigenen Na- tur. Das ist die gewöhnliche und natürliche Art des Gegenwärtigseins

unseres Leibes und aller Körper hier auf Erden; nach dieser Art kön- nen sie auch eine Speise sein. Das geschah mit dem Leib Isebels (2 Kön 9,35-37), denn die Hunde fraßen ihn wirklich, tatsächlich und fleischlich; sie zerfleischten ihn, da er hinfällig war; sie zerrten ihn hin und her, da er schwer war; sie bissen hinein, da er stofflich war; schließlich war er nicht mehr und nicht weniger als das Fleisch eines Pferdes oder eines Ochsen. So wurden die Leute, die der König von Assyrien herholte, um Samaria zu bevölkern, wirklich und fleischlich von den Löwen gefressen (2 Kön 18,25), gleicherweise von den Bären die Kinder, die Elischa verspotteten (2 Kön 2,23f). Ebenso essen die Menschenfresser unter den Indianern sich gegenseitig wirklich und tatsächlich auf, uzw. genau so fleischlich, wie sie das Fleisch von Scha- fen und Kälbern verzehren. Auf gleiche Weise aßen die zwei Samariter- innen (2 Kön 6,26-29), vom Hunger während der Belagerung getrie- ben, wirklich und fleischlich das eine ihrer Kinder; sie zerfleischten es mit starken Zähnen, füllten ihren Magen und ihren Leib mit dem Fleisch, das aus ihm hervorgegangen war. Das genügt zu diesem Punkt. Ich glaube, ihr habt mich verstanden, da ich nur von der einen Art des Gegenwärtigseins und Essens spreche, von der gewöhnlichen, natürli- chen und fleischlichen. Meine Brüder, nun muß ich euch sagen: als die Leute in Kafarnaum hörten, wie unser Erlöser in einer Rede, die er vor ihnen hielt, so oft nachdrücklich betonte, daß man sein Fleisch essen und sein Blut trin- ken muß, daß sein Fleisch wahrhaft eine Speise ist, daß das Brot, das er geben wird, sein Fleisch für das Leben der Welt ist (Joh 6,52-56), da glaubten sie, daß er ihnen sein Fleisch in dieser ersten Weise zu essen geben wollte, d. h. wirklich (denn seine Worte waren so eindeutig, daß sie nicht zweifeln konnten), aber fleischlich. Denn sie dachten, er wol- le es ihnen tot geben, stück- und bissenweise, roh, gewöhnlich, fett, verderblich, schwer, greifbar, sichtbar; daß sie es folglich zerfleischen und kauen müßten, wie die Menschenfresser, Kannibalen und unge- bildeten Wilden, die einander auffressen, wie jemand das Fleisch von Hammeln und Schafen ißt. Sehr erstaunt über diese Zumutung sagten sie zueinander: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben? Und als sie sahen, daß er darauf bestand, es ihnen sogar mit seiner feierlichsten Beteuerung zu versichern, fügten sie hinzu: Diese Rede ist hart; wer kann sie hören? (Joh 6,54.61). Sie nannten die Worte Unseres Herrn hart, d. h. herb, roh, ungehö- rig, grausam, weil sie dachten, Unser Herr wollte sie sein Fleisch es- sen und sein Blut trinken lassen, fleischlich und nach der natürlichen und gewöhnlichen Seinsweise des Fleisches und Blutes; das aber schien

ihnen wahrhaftig sehr roh, barbarisch und ungehörig. Wem sträubten sich nicht die Haare vor Entsetzen und wer würde nicht erschaudern, wenn er einen menschlichen Leib essen und das Blut eines Menschen trinken müßte? Wieviel grausamer aber mußte das den Zuhörern Un- seres Herrn erscheinen, da er ebenso wie sie Jude der Nation und der Religion nach war. Bei den Juden war aber das menschliche Fleisch so unantastbar, daß man selbst nach der Berührung mit einem toten Leib unrein und befleckt war. Und was das Blut betrifft, war es so verpönt, daß es nach dem Gesetz nicht einmal erlaubt war, das der Tiere zu genießen (Dtn 12,23). Was Wunder also, wenn diese armen Leute so erstaunt waren, als sie hörten, daß Unser Herr sein Fleisch und sein Blut als Speise und Trank geben wollte, da sie glaubten, er wollte das tote Fleisch und Blut in der ihm eigenen Gestalt, in der natürlichen, fleischlichen Beschaffenheit geben? Wahrhaftig ein plumper Verstand, der sehr schwerfällig arbeitet. Der gleichen Art des groben, fleischlichen Essens wurden die ersten Christen von den gottlosen Heiden beschuldigt; ich bitte euch, meine lieben Brüder, das zu beachten. Die Urkirche, die sich über den gan- zen Erdkreis ausbreitete, legte vor ihren Kindern offen Zeugnis dafür ab, daß der Leib des Gottessohnes wirklich genossen und sein Blut getrunken wird. Als die Worte, mit denen sie das erklärte, den Heiden und anderen Feinden des Erlösers zu Ohren kamen, ergriffen sie die Gelegenheit, die Christen zu verleumden und sie der Menschen- fresserei zu beschuldigen. Sie behaupteten, daß sie kleine Kinder ver- zehrten, sie schlachteten und mit starken Zähnen zerfleischten; sie sagten, die Christen hielten bei ihrem Sakrament und Mysterium ihr Festmahl nach Art der Zyklopen mit Menschenfleisch. Tertullian sagt in seiner Apologie (c. 4): „Man bezichtigt uns des verbrecherischen Kindermordes und des anschließenden Mahles beim Sakrament.“ In der Tat bestätigt Plinius II. in dem Brief, den er an Trajan schrieb, der bei Tertullian (c. 2) wiedergegeben ist, daß man die Christen dieses Verbrechens beschuldigte. Wenn man ihn genau liest, entlastet er sie allerdings. Diese Verleumdung bestand noch zur Zeit des Minutius Felix. Er zitiert (Dialog, c. 3) die Worte eines gewissen Caecilius, der die Chris- ten noch in gleicher Weise beschuldigt: eine wahrhaft häßliche Be- schuldigung. Aber bei diesen frühen Feinden der Kirche ist diese ver- kehrte Auffassung einigermaßen entschuldbar, denn unsere Kirchen- väter bekannten öffentlich, daß sie den Leib des Herrn genießen, und die heiligen Schriften erklärten es so offenkundig, daß die Heiden, wenn sie entweder Christen miteinander reden hörten oder die Schrif-

ten sahen, annehmen mußten, daß die Kirche daran glaubte. Anderer- seits überstieg es ihr geistiges Vermögen, zum rechten Verständnis dieses wirklichen Genießens zu kommen, denn das lehrt nur der Glau- be. Außerdem waren unsere Christen bei der Feier dieses Geheimnis- ses so abgeschlossen und versteckt, daß sie nicht einmal den Katechumenen erlaubten, es zu sehen. Da also die Heiden einfach sagen hörten, daß die Christen das Fleisch des Gottessohnes essen, da sie aber weder wußten noch erraten konnten, daß dies anders als auf fleischliche Weise geschieht, beschuldigten sie die Christen des Ver- brechens der Menschenfresserei. Wer aber kann diese Beschuldigung für entschuldbar halten in unse- rer Zeit, in der die Unverschämtheit so weit zu gehen wagt, daß sie die gleiche Verleumdung wieder aufgreift, um die Katholiken zu beschimp- fen? Und wer waren diese Unverschämten, sagt ihr mir. Meine Lieben, das sind Getaufte, erzogen und unterwiesen in der Kirche Gottes, die tausendmal der Feier der heiligen Eucharistie beigewohnt, die hun- dertmal an ihr teilgenommen haben. Nach all dem haben sie sich von der heiligen Gemeinschaft der Gläubigen getrennt, um eigene Sekten zu gründen. Und nun lassen sie uns nicht einmal die Beweise gegen diese Verleumdung ebenso eindeutig vorbringen, wie sie ganz und gar unwissend über unseren Glauben sind. Wie oft warfen sie uns vor, wenn wir wirklich den Leib Unseres Herrn genießen, dann müßten wir ihn zerfleischen, kauen und abnagen; und von daher griffen sie zu so unverschämten und ausgefallenen Argumenten, daß es schlimmer nicht sein könnte. Hat es denn jemals in der Irrlehre eine anmaßendere Unverschämtheit gegeben als diese? Nun, das alles ist nichts anderes als eine Verleumdung, das wißt ihr sehr wohl, meine sehr teuren Brüder. Nein, das hat Unser Herr nie- mals gemeint oder gesagt, daß man sein Fleisch auf fleischliche, grobe Art essen soll, wie man totes, verderbliches Fleisch ißt. Die Leute in Kafarnaum, die es so auffaßten, waren arme Menschen, die die Worte des Herrn nicht recht bedachten, die nie in diesem Sinn ausgelegt werden können. Hört doch Unseren Herrn; er sagt: Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, aber auch: Wer mein Fleisch ißt, hat das ewige Leben. Wenn er nichts gesagt hätte als das, dann hätte die Auslegung der Leute von Kafarnaum eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich, weil er nur einfach von Fleisch gesprochen hätte. Aber hat er nicht seine Absicht hinreichend zum Ausdruck gebracht, als er in der glei- chen Rede sagte: Ich bin das lebendige Brot, der ich vom Himmel her- abgestiegen bin? Seht ihr nicht, daß er nicht von einer toten Speise spricht, sondern von einer lebendigen? Sie wäre aber nicht lebendig,

wenn sie zerfleischt, gebrochen und in Stücke zerrissen würde. Wer mich ißt, sagte er, wird durch meine Liebe leben. Er will also nicht sein totes Fleisch und nicht nur dieses geben, sondern er will sich selbst ganz schenken. Er gäbe aber nicht sich selbst ganz, wenn er nur sein totes Fleisch anböte. Vor allem aber hat Unser Herr in beredter Weise diese grobe und ganz fleischliche Auffassung zurückgewiesen durch die Worte: Spiri- tus est qui vivificat, caro non prodest quidquam; verba quae locutus sum vobis, spiritus et vita sunt. Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch ist zu nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben (Joh 6,64) Heilige Worte, göttliche Worte, über- aus erhabene Worte, die geeignet sind, dieser schwerfälligen und gro- ben Auffassung den Boden zu entziehen, daß der Leib Unseres Herrn fleischlich genossen werde; dies durch zwei schöne Gedanken, die unsere Kirchenväter aus diesen Worten sehr weise herausgelesen und abgeleitet haben. „Wie also“, sagt der hl. Chrysostomus (Hom. 47 in Joh, § 2), „ist das Fleisch zu nichts nütze? Spricht er nicht von seinem eigenen Fleisch? Das geht niemals an, sondern er spricht von Men- schen, die es fleischlich verstehen.“ Und der hl. Cyprian sagt (De Coena): „In diesem Sinn nützen das Fleisch und das Blut zu nichts, noch vermag der fleischliche Sinn zu einer Auffassung von solcher Tiefe vorzudringen, wenn nicht der Glaube zu Hilfe kommt; nec carnalis sensus ad intellectum tantae profunditatis penetrat nisi fides accedat.“*

II.

Nr. 44: Chablais, Juli 1597

VII,328-341

Meine lieben Zuhörer, am Sonntag habe ich euch gesagt, daß alle Schwierigkeiten, die unsere Gegner gegen den Glauben an die wirkli- che Gegenwart des Leibes und Blutes Unseres Herrn im allerheilig- sten Sakrament vorbringen, sich auf zwei Zweifel der Juden und der Jünger unseres Herrn Jesus Christus zurückführen lassen, als er diese Glaubenswahrheit lehrte. Der eine war: Wie kann der uns sein Fleisch

* Die zweifache Bezugnahme in der folgenden Predigt zwingt zur Annahme, daß diese entweder nicht vollständig niedergeschrieben wurde oder ein Teil des Ma- nuskriptes verloren ging.

zu essen geben? Der andere war: Diese Rede ist hart; wer kann sie hören? (Joh 6,53.61). Denn alle Einwände, die man gegen uns erhebt, laufen darauf hinaus, daß diese Gegenwart entweder nicht eingesetzt und verwirklicht werden kann oder daß sie ungehörig sei. Und es scheint, daß alle Stellen der Heiligen Schrift, die sie herangezogen haben, ihnen nur als Bestätigung dieser beiden Zweifel zugute kom- men. Nun, ich will zunächst nachweisen, daß Gott es kann, sowohl nach dem allgemeinen Grundsatz seiner Allmacht als auch durch be- stimmte Beispiele, daß der gleiche Körper an mehreren Orten sein kann. Dann will ich euch zeigen, daß die Art, wie Unser Herr in die- sem Sakrament gegenwärtig ist, keineswegs hart und schrecklich ist, sondern überaus köstlich und lieblich. Nun will ich euch in der Fortsetzung der Predigt über den gleichen Gegenstand zeigen: (1.) Es ist keineswegs unmöglich, daß sich in die- sem heiligen Sakrament ein Körper an einem bestimmten Ort befin- det, ohne die äußere Ausdehnung anzunehmen, wie wir es naturgemäß bei anderen Körpern sehen. 2. Die Transsubstantiation ist keineswegs unmöglich, sondern in diesem Sakrament durchaus verwirklicht. 3. Aus allem, was ich sagen werde, will ich die Anbetung dieses heiligen Sakramentes begründen. Herr, von ganzem Herzen will ich deine Allmacht preisen, wenn du meine Lippen zu deinem Lob öffnest (Ps 51,17). Ich will deine Maje- stät im heiligen Sakrament anbeten, wenn du deine Worte stets in mei- nem Herzen bewahrst. Denn dein Wort belehrt mich, daß du hier wahr- haft gegenwärtig bist als Gott und Mensch und daß diese Gegenwart deinem Willen weniger unmöglich ist als unserem schwachen Ver- stand unbegreiflich, wie alle übrigen deiner Werke wunderbar sind. Damit diese Bitte bei deiner göttlichen Güte Erhörung finde, vereini- gen wir sie mit der Fürsprache Unserer lieben Frau: Ave. (1.) Wir sind also fest davon überzeugt, daß ein Körper an mehreren Orten zugleich sein kann im Gehorsam gegen die Anordnung des all- mächtigen Gottes, dem darin nichts unmöglich ist. Ich sage nun: ein Körper kann an einem Ort gegenwärtig sein, ohne an ihm irgendeinen Raum einzunehmen, ohne daß man ihn sehen, berühren und wahrneh- men kann. Für die meisten von euch ist es vielleicht erforderlich, den tieferen Grund dieser Schwierigkeit zu erkennen; hört also aufmerk- sam zu, ich will mich ausführlich dazu äußern. Wenn sich ein Gegenstand an einem Ort befindet, sind wir gewohnt, an ihm zwei Dinge, zwei Beschaffenheiten, zwei Eigenheiten wahrzu- nehmen. Das eine ist seine Gegenwart, daß also der Gegenstand an

einem Ort anwesend ist. Diese Tatsache bedeutet nichts anders, als daß er sich an einem Ort befindet. An einem Ort gegenwärtig sein bedeutet also nur, hier zu sein; abwesend sein heißt, nicht hier sein. Die andere Beschaffenheit, die wir an einem Gegenstand feststellen, der sich an einem bestimmten Ort befindet, ist die, daß er hier einen Raum einnimmt, d. h. er ist hier in der Weise, daß gleichzeitig mit ihm kein anderer Gegenstand hier sein kann. Er füllt den Ort, an dem er sich befindet, so aus, daß ein anderer Gegenstand dort nicht Platz haben kann. Nach unserer schwerfälligen Denkweise scheinen uns diese zwei Be- schaffenheiten so eng miteinander verbunden, daß sie in keiner Weise voneinander getrennt werden können. Wir sind der Meinung, wenn ein Gegenstand sich an einem Ort befindet, nehme er dort einen Raum ein, folglich könne dort kein anderer Gegenstand gleichzeitig mit ihm sein. Die Sache verhält sich aber trotzdem nicht so, denn es ist ein großer Unterschied zwischen dem Gegenwärtigsein und der räumli- chen Ausdehnung, so daß das eine sehr wohl ohne das andere möglich ist. Ich will damit sagen: Ein Gegenstand kann ganz wirklich an einem Ort gegenwärtig sein, ohne dort einen Raum einzunehmen. So neh- men die Dinge um so weniger Raum ein, je vollkommener sie an ei- nem Ort gegenwärtig sind. Davon sollen euch folgende Beispiele über- zeugen. Die Majestät Gottes ist so sehr überall gegenwärtig, daß der hl. Pau- lus gesagt hat: Keinem von uns ist er ferne; denn in ihm leben wir, bewe- gen wir uns und sind wir (Apg 17,27f). Das sagte er zu den Athenern vom unbekannten Gott (17,23). Ebenso sagte ich euch neulich die Worte Davids (Ps 139,8): Steige ich zum Himmel hinauf, so bist du da; steige ich hinab in die Unterwelt, du bist da. Wenn er überall gegenwär- tig ist, so bedeutet das, daß er keinen Platz oder Raum einnimmt. So nehmen auch die Engel in sich keinen Raum ein, so daß ganze Legio- nen von Teufeln sich in einem Leib befanden (Mt 5,9). Das Gegenwärtigsein ist also möglich, ohne einen Platz einzunehmen. Das trifft regelmäßig bei den Engeln zu; bei körperlichen Dingen gibt es in der Regel keine Anwesenheit eines Gegenstandes, ohne daß sie einen Platz einnehmen. Da liegt nun die offene Streitfrage zwischen uns und unseren Geg- nern. Wir sagen: Wie bei geistigen Dingen in der Regel das Gegenwärtigsein getrennt ist von der räumlichen Ausdehnung, ebenso kann es durch die Allmacht Gottes auch bei körperlichen Dingen ge- schehen. Sie leugnen das, wir beweisen es. Unser erster Beweis besteht darin, was wir am Sonntag sagten, wie umgekehrt das, was wir am