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FRANZ V ON SSALES

VON ALES – KKONTRO


ONTRO VERSSCHRIFTEN II
ONTROVERSSCHRIFTEN

1
Deutsche Ausgabe der

WERKE DES HL. FRANZ VON SSALES


VON ALES

Band 11

Nach der vollständigen Ausgabe der

OEUVRES DE SAINT FRANÇOIS DE SALES

der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1932)

herausgegeben von den Oblaten den hl. Franz von Sales

unter Leitung von PP.. Dr


Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.

2
Franz von Sales

K ONTROVERSSCHRIFTEN II
ONTROVERSSCHRIFTEN

F ranz-Sales-Verlag . Eichstätt
ranz-Sales-V

3
Aus dem Französischen bzw. Lateinischen übertragen

von Anneliese Lubinsky und P. Anton Nobis OSFS.

ISBN 3-7721-0121-6
Alle Rechte vorbehalten.
© Franz Sales Verlag, Eichstätt
2. Auflage 2002
Herstellung Brönner und Daentler, Eichstätt

4
Inhaltsübersicht

D. VER TEIDIGUNG DER KREUZESF


VERTEIDIGUNG AHNE
KREUZESFAHNE

Einführung 13
Widmung an Seine Hoheit 15
Vorwort über die Ehre Gottes und seine Eifersucht, mit einigen
Bemerkungen zu dieser Verteidigung und zum gegnerischen Traktat 17

Erstes Buch

Von der Ehre und Kraf


Kraftt des echten Kreuzes
1. Kapitel: Vom Namen und Ausdruck Kreuz 33
2. Kapitel: Daß das Kreuz große Kraft hat und verehrt werden muß.
Erster Beweis aus dem, wovon der Traktant zugibt, daß es
geschrieben steht 34
3. Kapitel: Daß man nicht unterlassen dürfe, das Kreuz und seine
Kraft zu ehren, selbst wenn in der Heiligen Schrift nichts
davon geschrieben stünde: zweiter Beweis 36
4. Kapitel: Dritter Beweis für die Kraft und Ehre des Kreuzes durch
eine Stelle der Heiligen Schrift außer jenen, die der
Traktant angeführt hat 40
5. Kapitel: Vierter Beweis: durch weitere Stellen der Heiligen Schrift 44
6. Kapitel: Fünfter Beweis: Das vergrabene und erhalten gebliebene
Kreuz 49
7. Kapitel: Sechster Beweis: Die Auffindung des Kreuzes 55
8. Kapitel: Das Kreuz stellt die Passion Unseres Herrn dar: siebenter
Beweis 58
9. Kapitel: Die Väter des Altertums bezeugen die Kraft des Kreuzes:
achter Beweis 61
10. Kapitel: Die Väter des Altertums bezeugen die Verehrung des
Kreuzes: neunter Beweis 64

5
Zweites Buch

Von der Ehre und Kraf


Kraftt der Abbildung des Kreuzes
1. Kapitel: Von der Art und Weise, das Kreuz abzubilden 69
2. Kapitel: Vom ehrwürdigen Alter der Abbildungen des Kreuzes 72
3. Kapitel: Vom ehrwürdigen Alter der Bilder des Kreuzes 78
4. Kapitel: Das Bild des Kreuzes erschien Konstantin dem Großen
und bei anderen Gelegenheiten 82
5. Kapitel: Wie verbreitet einst der Gebrauch des Kreuzes war und
wie es den Gekreuzigten und den Glauben an ihn darstellt 89
6. Kapitel: Das Kreuz kann und soll bei heiligen Dingen gebraucht
werden 93
7. Kapitel: Das Kreuz wurde verwendet bei Sakramenten und
Prozessionen 96
8. Kapitel: Das Kreuz wurde dem ganzen Altertum ehrwürdig 102
9. Kapitel: Wie das Kreuz gegrüßt wird und ob es angerufen wird 106
10. Kapitel: Titel und ehrende Ausdrücke, die die Kirche
für das Kreuz gebraucht 110
11. Kapitel: Das Bild des Kreuzes hat große Kraft 116
12. Kapitel: Das Kreuz war stets begehrt – Das Zeugnis des
Arnobius 122
13. Kapitel: Wie sehr man das Kreuz schätzen muß im Vergleich
mit der ehernen Schlange 127
14. Kapitel: Von der Bestrafung jener, die das Bild des Kreuzes
geschmäht haben, und wie sehr es von den Feinden
Jesu Christi gehaßt wird 132

Drittes Buch

Von der Ehre und Kraf


Kraftt des Kreuzzeichens
1. Kapitel: Definition des Kreuzzeichens 136
2. Kapitel: Das Kreuzzeichen ist ein öffentliches Bekenntnis
des christlichen Glaubens 140
3. Kapitel: Vom häufigen und vielfältigen Gebrauch des
Kreuzzeichens in der frühen Kirche 142

6
4. Kapitel: Alle guten und rechtmäßigen Zeremonien können zur
Segnung von Dingen angewendet werden 144
5. Kapitel: Nach dem Beispiel der Kirche des Altertums muß und
kann das Kreuz zur Segnung von Dingen verwendet
werden 149
6. Kapitel: Das Kreuzzeichen wird bei sakramentalen Weihen
und Segnungen angewendet 155
7. Kapitel: Warum man das Kreuzzeichen auf die Stirn der Täuflinge
und bei anderen Gelegenheiten macht 157
8. Kapitel: Ein weiterer (neunter) Grund, warum man das
Kreuzzeichen auf die Stirn macht, dem Propheten
Ezechiel entnommen 162
9. Kapitel: Zehnter Grund, warum man das Kreuzzeichen auf der
Stirn macht: um den Antichristen zu verabscheuen 170
10. Kapitel: Die Macht des Kreuzzeichens gegen die Teufel und ihre
Anstrengung 173
11. Kapitel: Die Macht des Kreuzzeichens bei anderen Gelegenheiten 181

Viertes Buch

W elche Verehr
Verehr ung man dem Kreuz schuldet
erehrung
1. Kapitel: Vorwurf des Traktanten gegen die Katholiken 187
2. Kapitel: Was die Ehre ist, wem die Ehre zukommt, verehrt zu
werden, und warum 188
3. Kapitel: Von der Anbetung: was sie ist 190
4. Kapitel: Wer anbeten und wer angebetet werden kann 195
5. Kapitel: Die Verehrung wird Gott und Geschöpfen erwiesen 196
6. Kapitel: Der Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung liegt
in der Tätigkeit des Willens 200
7. Kapitel: Erste Einteilung der Verehrung: nach dem Unterschied
der Vortrefflichkeit 202
8. Kapitel: Zweite Einteilung der Verehrung: nach der
unterschiedlichen Art des Teilhabens an den Vorzügen 204
9. Kapitel: Woher der Größenunterschied bei der bedingten Ehre
kommt und wie man ihn nennt 205

7
10. Kapitel: Notwendige Lösung einer Schwierigkeit 210
11. Kapitel: Zwei Arten, das Kreuz zu verehren 211
12. Kapitel: Zwei andere Arten, das Kreuz zu verehren 215
13. Kapitel: Die Verehrung des Kreuzes verstößt nicht gegen das
erste Gebot des Dekalogs. Kurze Auslegung desselben 220
14. Kapitel: Bekenntnis Calvins zum Gebrauch von Bildern 227
15. Kapitel: Erwägung über den angeführten Text aus Josua
und Schluß dieses ganzen Werkes 229

Anhang

Das Kreuz wird auf fromme Weise verehrt 235

E. CODEX FFABRIANUS
ABRIANUS
Einführung 237

Titel I

Von der heiligsten Dreifaltigkeit


und vom katholischen Glauben
und daß niemand öffentlich darüber streiten darf 239

Erstes Kennzeichen der Häretiker unserer Zeit:


I. Das Verneinen 241
Von der absoluten Macht Gottes (242) – Vom zulassenden Willen
Gottes (242) – Vom einfachen Vorherwissen Gottes (243) – Vom
Wesen, das der Sohn vom Vater hat (243) – Vom Tod Christi (244) –
Von Christus, dem Gesetzgeber (244) – Von Christus, dem Richter
(244) – Von der ungeschriebenen Überlieferung (245) – Von den
kanonischen Büchern (245) – Vom Brief des hl. Jakobus (246) – Von
der Schwierigkeit der Heiligen Schrift (246) – Von der sichtbaren
Kirche (247) – Vom unfehlbaren Urteil der Kirche (247) – Von der
Autorität der allgemeinen Konzile (248) – Über die Willensfreiheit
(249) – Von der Todsünde (249) – Von den fünf Sakramenten, die
die Neuerer leugnen (250) – Von der Wirksamkeit der Taufe (250) –
Von den ungetauften Kindern der Gläubigen (250) – Vom Sakra-
ment der Eucharistie (251) – Vom heiligen Meßopfer (254) – Von

8
der Gewalt der Hirten (258) – Vom Hinabsteigen Christi in das Reich
des Todes (258) – Von der Anrufung der Heiligen (258) – Von der
Sorge der Heiligen für uns (259) – Von der Fürsorge für die Ver-
storbenen (259)

II. Behauptungen der Neuerer 260


Über Gott, der Böses tue und bewirke (260) – Über die Vergebung
der Sünden (261) – Über die Rechtfertigung (262) – Über Glauben
und Liebe (262) – Über die guten Werke (263) – Über die Beobach-
tung der Gebote Gottes (264) – Über den Unglauben, angeblich die
einzige Sünde (265) – Über den Nachteil der guten Werke für das
Heil (265) – Daß man die Umstände der Sünden vernachlässigen
müsse und daß alle Sünden gleich seien (266) – Über die Notwenig-
keit der copula carnalis (266) – Über die Gleichheit aller Hirten
(268) – Über die Gewißheit der Gnade und der Sündenvergebung
(268) – Über die Gerechtigkeit der Auserwählten (268) – Über die
Gewißheit der göttlichen Auserwählung (269) – Über die Unwissen-
heit Christi (271) – Über den aktuellen Glauben der ungetauften
Kinder (272)

Zweites Kennzeichen der Häretiker:


Das Fehlen der Berufung – § 1 272
§ 2. Von der rechtmäßigen Berufung unserer Bischöfe 274

Drittes Kennzeichen der Häretiker:


Verachtung der Kirche 276

Viertes Kennzeichen der Häretiker:


Mißachtung der Konzile 277

Fünftes Kennzeichen der Häretiker:


Mißachtung des Apostolischen Stuhls 277

Sechstes Kennzeichen der Häretiker:


Verachtung der Väter 281

III. Neuerungen unserer Häretiker 282

Siebentes Kennzeichen der Häretiker:


Die Neuerungssucht – § 1 285
§ 2. Von der äußeren Gestalt der Kirche, die unsere Häretiker
verändern 290

9
Achtes Kennzeichen der Häretiker:
Der Geist der Uneinigkeit – § 1 294
§ 2. Die Häretiker unserer Zeit sind vom Geist der Uneinigkeit
beherrscht 296

Neuntes Kennzeichen der Häretiker:


Der Geist der Rechthaberei – § 1 299
§ 2. Von der Auslegung der Heiligen Schrift 302
§ 3. Von der Anrufung der Heiligen nach dem hl. Augustinus 305
§ 4. Von der Fürsprache der Heiligen 308

Zehntes Kennzeichen
Vom Geist der Lästerung, der Frechheit, der Verhöhnung und
Verleumdung 309

IV. Die Anfänge der Häresie unserer Zeit – § 1 311


§ 2. Schauderhafter Beginn der Häresie Luthers 315

V. Einige politische Irrlehren der Neuerer 317

1. politische und häretische Behauptung:


Von der besten Staatsführung 317

2. politische und häretische Behauptung:


Von der Gleichheit aller Sünden 318

3. politische und häretische Behauptung:


Daß man nicht gegen die Türken kämpfen dürfe 319

4. politische und häretische Behauptung:


Daß die Gesetze der Fürsten die Untertanen nicht im Gewissen binden 320

5. politische und häretische Behauptung:


Daß die Untertanen die Macht ihrer Fürsten nicht wünschen müssen 321

6. politische und häretische Behauptung:


Daß kein Staat durch Gesetze glücklich regiert werde 322

7. politische und häretische Behauptung:


Daß die irdische Gewißheit nichts mit dem Gewissen zu tun habe 322

Luthers lästerliche und unverschämte Lüge gegen alle christlichen


Fürsten 323

10
F. KLEINE SCHRIFTEN
I. Texte über die Prädestination 327

1. Anrufungen und Gebete 328


2. Akt heroischer Hingabe 328
3. Erklärung vom 15. Dezember 1590 329
4. Vorbehalt gegen einen Irrtum 329
5. Fragment über die Prädestination (1591) 331
6. Erklärung über die Verdammung der Sünder (1591) 335
7. Fragment über die Prädestination 337

II. Notizen und Entwürfe 340

1. Theologische Notizen 341


2. Über die Verehrung der Heiligen 342
3. Über die heiligste Dreifaltigkeit 343
4. Über die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie 343
5. Erklärung zum Gespräch mit M. Dumoulin 344

III. Fragment eines Katechismus-Dialogs 345

Anmerkungen 349
Namen- und Sachregister 355

11
12
D. Ve rrteidigung
Ve teidigung der Kreuzesfahne

Den geschichtlichen Hintergrund dieses Werkes, den die Biographen des hl.
Franz von Sales im Zusammenhang mit der Chablais-Mission ausführlich behan-
deln, gibt er auch selbst im Vorwort an: die Errichtung eines großen Wegkreuzes an
der Straße von Annemasse nach Genf an der Stelle eines ‚Kalvarienberges‘, den die
Hugenotten zerstört hatten. Im Rahmen des Vierzigstündigen Gebetes zog am 7.
September 1597 die Kreuzbruderschaft von Annecy, der sich viele Neubekehrte aus
der ganzen Gegend anschlossen, in einer feierlichen Prozession von Annemasse an
den Ort, wo das Kreuz errichtet wurde. Aus diesem Anlaß hatten die Missionare
auch zwei Flugblätter über die Verehrung des Kreuzes verteilt und überall ange-
schlagen; ein drittes (s. Anhang S. 235) verfaßte Franz von Sales an Ort und Stelle
selbst und ließ es anschlagen.
Diese Glaubenskundgebung vor den Toren Genfs war bewußt auch eine Heraus-
forderung der Reformierten von Genf, um sie zum Glaubensgespräch zu veranlas-
sen. Sie beschlossen, auf die Flugblätter zu antworten, und beauftragten damit
ihren Theologie-Professor Antoine de la Faye. Unter Mithilfe von Beza und Perrot
verfaßte dieser in aller Eile eine ‚Kurze Abhandlung über die Kraft des Kreuzes und
die Art, es zu verehren.‘ Sie erschien bereits im Oktober 1597 anonym mit einem
Umfang von 62 Seiten.
Franz von Sales, der Gründer und Präfekt der Kreuzbruderschaft, nahm nach
seiner eigenen Angabe gern den Auftrag an, eine Gegenschrift zu verfassen. Eine
schwere Krankheit vom Oktober 1597 bis April 1598 hinderte ihn daran, mit dieser
Arbeit voranzukommen; die folgenden Monate mit den Vorbereitungen und der
Durchführung des Vierzigstündigen Gebetes im Oktober 1598 in Thonon ließen
ihm ebenfalls keine Muße und die Romreise 1598/99 brachte eine neue Unterbre-
chung; erst im August oder September 1599 konnte er das Manuskript, noch ein-
mal überarbeitet, in Druck geben. So erschien die Arbeit im Frühjahr 1600 in Lyon
mit dem Titel:
Defense de l’Estandart de la saincte Croix de nostre Sauveur Jesus-Christ.
Divisee en quatre Livres. Par François de Sales, Prevost de L’Eglise Cathe-
drale de saincte Pierre de Geneve. Contre un petit traicté, n’aguere sorti de
la mesme ville de Geneve, faussement intitulé: De la vertu de la Croix et de

13
la maniere de l’honnorer. A Lyon, par Jéan Pillehotte, à l’ensaigne du nom
des Jesus. 1600. Avec permission.
Verteidigung der Fahne des heiligen Kreuzes unseres Erlösers Jesus Christus.
Eingeteilt in 4 Bücher. Von Franz von Sales, Propst der Kathedrale St. Peter
von Genf. Gegen einen kleinen Traktat, der kürzlich in dieser Stadt Genf
erschienen ist unter dem falschen Titel ‚‚Über die Kraft des Kreuzes und die
Art, es zu verehren‘. In Lyon durch Jéan Pillehotte, im Zeichen des Namens
Jesus. 1600. Mit Genehmigung.
Der Verfasser beschränkt sich nicht darauf, die Behauptungen La Fayes nachei-
nander zu widerlegen; er folgt daher nicht dem Aufbau des Brief Traitté, sondern
will die katholische Lehre und Übung der Verehrung des Kreuzes systematisch
darstellen. So behandelt er in vier Büchern die Kraft und Verehrung des echten
Kreuzes Christi (1), der Abbildungen des Kreuzes (2), des Kreuzzeichens (3) und
die dem Kreuz gebührende Verehrung (4). Dabei werden die jeweils gegensätzlichen
Behauptungen La Fayes wörtlich zitiert und widerlegt, vor allem durch die Heilige
Schrift und die Väter, besonders jener aus der Zeit vor Gregor dem Großen, die
auch von den Reformierten als noch rechtsgläubig anerkannt wurden. Der Abhand-
lung vorausgestellt ist eine Widmung an den Herzog Karl-Emmanuel von Savoyen
und ein Vorwort an die Kreuzbruderschaft.
Die ‚Kreuzesfahne‘ ist das erste größere Werk, das Franz von Sales selbst veröf-
fentlicht hat. Sein Erfolg war gering. Durch das verspätete Erscheinen zweieinhalb
Jahre nach der Schrift La Fayes war es als Antwort nicht mehr aktuell; außerdem
war die große Zeit der Streitschriften damals wohl schon vorbei.
Der Verleger nützte die Ernennung des Verfassers zum Bischof (1602), um den
Rest der Auflage mit verändertem Titel als angeblich 2. Auflage (1603) abzusetzen.
Das Werk erschien 1613 in Paris unter dem Titel Panthologie ou Thresor precieux
de la saincte Croix, gegen den sich Franz von Sales im Vorwort des Theotimus und
in einem Brief an Antoine des Hayes (OEA XVI,9) verwahrte. Die ursprüngliche
Fassung erschien noch einmal in Rouen mit dem Titel L‘Estandart de la saincte
Croix, von 1637 an nur noch in Gesamtausgaben.
La Faye bekam angeblich erst die Ausgabe von 1603 zu Gesicht und reagierte
darauf mit einer ‚Christlichen Erwiderung‘ von 240 Seiten, die 1604 erschien. Nach
den Regeln der Kontroverse hätte Franz von Sales darauf wieder antworten müssen;
er lehnte es aber ab, weil die ‚Replique‘ zum größten Teil die alten, durch die
‚Kreuzesfahne‘ widerlegten Vorwürfe wiederholten (vgl. OEA XX,296; XIV,161).
Die Annecy-Ausgabe veröffentlichte das Werk als Band II nach der Ausgabe von
1600, verglichen mit dem Manuskript, das sich im Archiv der Heimsuchung von
Annecy befindet. Nach diesem hat sie die Orthographie des hl. Franz von Sales
wiederhergestellt und in Anmerkungen verschiedene Varianten und Hinweise gege-
ben. Dieser Ausgabe folgt die vorliegende Übersetzung mit dem aus dem vorherge-
henden Band bekannten Verfahren der Schrift- und Väterzitate und der Beschrän-
kung der Anmerkungen auf das Notwendigste.

14
Widmung an seine Hoheit

Gnädiger Herr,

kaum hatte man den Namen des Priesters Aaron auf den altbekannten
Stab geschrieben, der in der Bundeslade verwahrt wurde, da begann er
sogleich zu grünen, war voller Blüten, Blätter und Früchte (Num 17, 8),
obwohl er vorher ganz leblos und dürr war. So war auch das Kreuz an
sich ganz mit Schmach bedeckt, ein unseliges Zeichen des Fluches. Nach-
dem aber Pilatus, zweifellos auf Eingebung von oben, wie der hl. Am-
brosius bemerkt, auf ihm die Inschrift angebracht hatte: Jesus von Na-
zaret, König der Juden, wurde es ganz heilig und ehrwürdig durch diesen
Titel, der von seinem Adel zeugt. Nun waren die dunklen Kennzeichen
seiner Schmach völlig ausgelöscht durch das heilige Blut des Lammes;
seit es von ihm durchtränkt wurde, ist es für immer hell und weiß, wie
die Kleider der Seligen nur durch den gleichen Purpur weiß wurden.
Die Hölle, die nicht genügend Ruß und Rauch besitzt, um es zu schwär-
zen, veranlaßt dennoch manchmal irgendeinen ihrer Schmierfinke dazu.
In den schönen Mantel der Heiligen Schrift gehüllt, verbreiten sie vor
den Augen der einfachen Leute einen gewissen Nebel verschiedener
Abhandlungen, um ihnen dieses heilige Kreuz so schwarz und besudelt
erscheinen zu lassen, wie es je war. Einer von ihnen gedachte es in die
Nacht immerwährender Verachtung zu versetzen und veröffentlichte
kürzlich einen bestimmten Traktat, ohne jede Angabe des Verfassers,
des Druckers und des Erscheinungsortes.
Unter mehreren Mitgliedern der Bruderschaft vom heiligen Kreuz in
Annecy, die auf diese Schrift antworten konnten und sich dazu ver-
pflichtet fühlten, habe ich nun gern diese Aufgabe übernommen und
(wie ich glaube) dafür die Billigung Gottes erhalten. Denn um mich
nicht als Unerfahrenen über sein heiliges Kreuz schreiben zu lassen,
lud er das Kreuz einer schweren langwierigen Krankheit auf meine Schul-
tern, als ich eben begonnen hatte, diese Erwiderung zu verfassen. Bei
der Genesung von ihr fand ich mich durch so viele Verpflichtungen
abgehalten und das Drucken so unbequem, daß ich die Schrift bis zur
Stunde nicht herausgeben konnte, bis sie nun schließlich erscheint und
nur erscheinen kann unter dem Schutz der Gunst Eurer Hoheit. Es ist
das erste Werk, das ich veröffentliche; es gebührt dem Landesherrn. Die
Bruderschaften von Savoyen, für die ich es verfaßt habe, werden es be-

15
reitwilliger aufnehmen, wenn sie auf seiner Titelseite den glorreichen
Namen ihres Protektors sehen.
Sein Zweck ist, für die Ehre des weißen Kreuzes zu kämpfen; es ist das
Feldzeichen, das Gott seit langem dem erlauchten Haus von Savoyen
anvertraut hat. Hätte nicht die christliche Tapferkeit der Vorfahren die-
ses Glück erworben, so gebührte es ihm fortan mit größtem Recht we-
gen des heiligen Eifers, den Eure Hoheit stets hatten für den heiligen
Glauben und für den Ruhm des Kreuzes, besonders aber, als Sie so
lebhaft, wenn auch sehr mild, die Wiederherstellung der katholischen
Religion in Ihren Balleien von Thonon und Ternier betrieben, wobei
Sie großen Trost empfanden, dort überall die heiligen Fahnen des Heils
wieder aufgerichtet zu sehen. Wenn das Andenken daran verloren ginge,
würde die Nachwelt eines der reichsten Stücke der Taten unserer Zeit
beraubt. Ich weiß wohl, Gnädiger Herr, wie viele Gründe ich hätte,
nicht zu wagen, einem so großen Fürsten ein so kleines Werk wie dieses
anzubieten; aber ich kenne auch das Privileg der Erstlingsgabe und ich
verspreche mir, daß das wohlgefällige Auge, das Eure Hoheit auf man-
che meiner übrigen Tätigkeiten geworfen hat, mir nicht weniger gewo-
gen sein wird bei diesem Werk, zu dem mich kein anderer Wunsch
bewogen hat als der, für einen Mann gehalten zu werden, der verpflich-
tet ist und stets sein will, Gnädiger Herr,

der sehr demütige und gehorsamste


Diener und Untergebene Eurer Hoheit,
Franz von Sales.

16
Vo rrw
w o rrtt

über die Ehre Gottes und seine Eifersucht,


mit einigen Bemerkungen zu dieser V e rrteidigung
Ve teidigung
und zum gegnerischen TTraktat
raktat

An die Herren Mitbrüder der Bruderschaften der Büßer vom heiligen Kreuz
in den Gebieten Savoyens diesseits der Alpen.

I.

Wie der allmächtige Gott die erste Ursache aller Vollkommenheit


ist, so will er auch, daß ihm dafür alle Ehre zukommt. Das ist der Tribut,
den er für alle seine Wohltaten fordert. Die Wasser, die alle vom Meer
ausgehen, fließen und wallen unablässig, bis sie in ihrem ersten Ur-
sprung versinken. Ehre und Ruhm wohnen nicht bei den Geschöpfen,
um hier zu bleiben und zu leben, sondern nur vorübergehend. Ihr ei-
gentlicher Wohnsitz ist die Gottheit, wie sie auch ihr Ausgangspunkt
ist. Das Weltall und jeder seiner Teile, so klein er sein mag, hat die
allgemeine Aufgabe, seinen Schöpfer zu loben. Dazu fordern die Heili-
gen auf und ermahnen sie durch so viele Ermutigungen und Gesänge,
von denen ihre Bücher erfüllt sind. Diese Huldigung wird jedoch auf
verschiedene Weise erwiesen. Die vernunftbegabten Geschöpfe erwei-
sen sie in ihrer eigenen Person, alle übrigen durch Vermittlung der ver-
nunftbegabten als ihrer Sachwalter. Da die vernunftbegabte Schöpfung
die übrige Welt in ihren Gebrauch nimmt, verlangt die Vernunft, daß
sie diese von der Verpflichtung freistellt, die sie hat, die sie aber selbst
nicht erfüllen kann. Andernfalls wird sich am Tag des Gerichtes alles
gegen die Unsinnigen wenden (Weish 5,21). Daher ist nur die vernunft-
begabte Schöpfung beauftragt, Gott die Ehre abzustatten und zu erwei-
sen, die ihm die ganze Schöpfung schuldet. Das tun in Ewigkeit die
Seligen im Himmel, indem sie ihre Kronen dem zu Füßen legen, der auf
dem Thron sitzt, und dabei bekennen: Würdig bist du, Herr, unser Gott,
Ruhm, Macht und Ehre zu empfangen, denn du hast alles erschaffen und
durch deinen Willen wurde alles und ist entstanden (Offb 4,10f). Dassel-
be tut die Kirche auf Erden durch den feierlichen Schluß aller ihrer

17
Gebete: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Laßt uns den Herrn preisen, laßt uns Gott Dank sagen. Fast alle Tage
wiederholt sie nach dem hl. Paulus (1 Tim 1,17): Dem König der Ewig-
keit, dem Unsterblichen, Unsichtbaren, dem alleinigen Gott sei Ehre und
Ruhm.
Wahrhaftig, diese Wahrheiten sind so einleuchtend und gesichert, daß
man sie nur recht verstehen muß. Muß man es denn ablehnen, den Vä-
tern und Müttern, den Königen und Amtspersonen Ehre zu erweisen,
um zu sagen, daß alle Herrlichkeit und Ehre dem einen Gott allein
gebührt? Die Ehre Gottes sollte beeinträchtigt werden durch diese Eh-
rung, und diese Hochachtung sollte seine Eifersucht herausfordern?
Hier liegt unsere Streitfrage mit den Protestanten. Der Feind des Kreu-
zes, mit dem ich mich auseinandersetzen will, sagt seine Auffassung zu
diesem Punkt (und die anderen seiner Partei sagen nichts Besseres)
folgendermaßen: „Wir glauben von Herzen und bekennen mit dem
Mund, daß man Gott allein dienen und ehren muß.“1 Das erklärt er an
anderer Stelle: „Wie wir einer den anderen bürgerlich ehren können
entsprechend dem Gebot, daß die Untergebenen ihre Vorgesetzten eh-
ren, so ist es in der Tat unvereinbar, wenn es sich um die religiöse Ehre
nach dem Gewissen handelt, alle Ehre dem einen Gott und seinem Sohn
zu erweisen, und davon einen Teil irgendeinem Menschen zuteilwerden
zu lassen oder dem stofflichen Kreuz oder einem Geschöpf, was es auch
sei“ (B.T. 48). Er unterscheidet also eine bürgerliche Ehrung und eine
nach dem Gewissen und will, unter dieser soll man nur verstehen, daß
Gott allein Ehre und Verherrlichung sei.
Ich stelle aber im Gegenteil fest: es heißt die Gott gebührende Ehre
zu sehr beschneiden, wenn man die bürgerliche und öffentliche von ihr
trennt. Wenn nämlich die von den Seligen angeführte Begründung stimmt,
dann muß nicht nur alle religiöse Ehre Gott allein erwiesen werden,
sondern auch alle öffentliche. Sie erweisen Gott alle Ehre, sagen sie,
weil er alles erschaffen hat und alles durch seinen Willen Bestand hat.
Nun bitte ich euch, ist Gott nicht der Urheber und Urgrund der öffent-
lichen Ordnung? Die Könige herrschen durch ihn ..., und durch ihn regie-
ren die Fürsten (Spr 8,15f). Es gibt keine Macht, außer von Gott; der
Fürst ist Gottes Diener (Röm 13,1.4); und aus diesem Grund werden
(Ex 22,28; Ps 82,1) die Amtspersonen Götter genannt. Welche Ausnah-
me kann daher die bürgerliche und öffentliche Ordnung bilden, nach
der nicht alle ihre Ehre Gott erwiesen werden müßte, da sie in ihm
ihren Ursprung hat?

18
Ich wundere mich über den Traktanten,2 der sich so sehr als Theologe
gibt und trotzdem die Ehre nach dem Gewissen von der öffentlichen
trennt, als ob die öffentliche nicht verpflichtend wäre. Der hl. Paulus ist
indessen nicht dieser Meinung; er sagt (Röm 13,5): Ihr müßt euch un-
terwerfen, nicht nur der Strafe, sondern auch des Gewissens wegen. Es
entspricht also dem Gewissen, die Vorgesetzten zu ehren, und die ihnen
erwiesene Ehre ist verpflichtend.
Ich sage außerdem: man kann bestimmten Geschöpfen eine andere
als die bürgerliche Ehre erweisen. Da ist Josua (5,15), der den Engel
von Jericho und seine Begleiter verehrt; welche bürgerliche Verpflich-
tung hatte er, das zu tun? Saul verehrt die Seele Samuels, die ihm
erschien (1 Sam 28,14); was hatte das mit der Öffentlichkeit zu tun?
Obadja verehrt den Propheten Elija (1 Kön 18,7); welche bürgerliche
Verpflichtung bewog ihn zu dieser Handlung, da Elija ein Privatmann
war, Obadja dagegen eine der bedeutendsten Amtspersonen des Ho-
fes? Es gibt hundert ähnliche Beispiele in der Heiligen Schrift. Wir
schulden Ehre und Hochachtung den kirchlichen Vorgesetzten, wer
sie auch seien; und welch andere Ehre könnte das sein als eine religiö-
se nach dem Gewissen? Die Eigenschaft, deretwegen man sie ehrt, hat
ja keinen anderen Grund und Gegenstand als die Religion und das
Gewissen. Die kirchlichen Ämter und Aufgaben sind ganz anders als
die staatlichen; sie haben andere Ziele und Mittel. Amarja stehe den
Dingen vor, die sich auf Gott beziehen, sagte Joschafat (2 Chr 19,11).
Sebadja, der Sohn Ismaels, der Fürst des Hauses Juda, stehe über den
Werken, die zum Amt des Königs gehören. Das sind also zwei verschie-
dene Dinge. Nach der staatlichen Ordnung schulden die Könige und
Herrscher keinem irgendeine Ehre der Unterwerfung, und trotzdem
müssen sie die Hirten und Prälaten der Kirche ehren. Denn wie die
staatlichen Amtspersonen den bürgerlichen Angelegenheiten vorste-
hen, so die Bischöfe den kirchlichen. Und das Wort Hirte fordert ebenso
seinen Respekt wie das Wort König, obwohl es nicht von der staatli-
chen Ordnung ist.
Sagen wir ein Wort von der Ehre, die den Heiligen gebührt: welche
Voraussetzung fehlt den Bewohnern des himmlischen Jerusalems, daß
sie von uns Sterblichen nicht geehrt werden müßten? In Wahrheit steht
der Geringste von ihnen weit über dem Ersten von uns (wie Unser Herr
bei Johannes 11,11 sagt); sie sind unsere Oberen, denn sie sind mit
Herrlichkeit gekrönt, sie sind über alle Güter ihres Herrn gesetzt, sie
sind seine untrüglichen Freunde und nächsten Höflinge und müssen

19
deshalb ebenso ehrenwert sein wie David (Ps 139,16). Sie sind unsere
Mitbürger und Volksgenossen, mit uns verbunden durch größere Liebe,
als wir untereinander. Welchen Grund könnte es also geben, sie nicht zu
ehren? Gewiß, wenn wir keine andere Gemeinschaft mit ihnen hätten
als nur die Liebe, da sie uns in so vielen Vollkommenheiten voraus sind,
würde das genügen, um sie für uns ehrwürdig zu machen. Man kann
nicht einen anrufen, mit dem man keinen Umgang und Verkehr hat
oder der uns nicht versteht; man kann ihn aber wohl lieben und folglich
ehren, denn das eine gibt es nicht ohne das andere. Doch diese den
Seligen gebührende Ehre kann nur nach dem Gewissen und religiös
sein; es ist also nicht wahr, daß man Geschöpfen keine andere Ehre als
die bürgerliche erweisen kann.
Damit ist der Satz meines Gegners hinreichend widerlegt. Nun will
ich die Wahrheit der Reihe nach darlegen. Es gibt eine höchste und eine
untergeordnete Ehre: die eine und die andere muß Gott erwiesen wer-
den, aber auf verschiedene Weise. Die eine muß ihm erwiesen, die ande-
re auf ihn zurückgeführt werden.
1. Die höchste Huldigung oder Ehre, die unbedingte und erste, zielt
unmittelbar auf Gott und muß ihm geradewegs erwiesen werden. Es
gibt ja keinen anderen angemessenen Gegenstand als Gott, und Gott
kann rein und einfach nicht Gegenstand einer anderen Ehre als dieser
sein, wegen der Entsprechung, die die Ehre und ihr Gegenstand mitei-
nander haben müssen. Die höchste Ehre ist nur für die höchste Erha-
benheit bestimmt; wer sie anderwärts erwiese, wäre töricht und ein Göt-
zendiener.
2. Ebenso töricht wäre, wer Gott eine untergeordnete Ehre erweisen
wollte, denn es gibt zwischen dieser Ehre und Gott ebensowenig eine
Entsprechung wie zwischen dem Geschöpf und der höchsten Ehre. Und
wie die höchste Ehre nur eine höchste Erhabenheit zum Gegenstand
haben kann, so die untergeordnete Ehre nur einen untergeordneten Vor-
zug. Wollte man daher sagen, man müsse Gott mit einer anderen als der
höchsten Ehre ehren, so hieße das, die Erhabenheit Gottes sei nicht die
höchste, denn die Ehrung ist nichts anderes als die Anerkennung der
Erhabenheit dessen, den man ehrt, wie wir am Schluß dieser Verteidi-
gung sagen werden. Ein Geschöpf mit einer höchsten Ehre bedenken,
bedeutet daher behaupten, daß es eine höchste Erhabenheit besitze, was
eine Torheit ist. Gott mit einer untergeordneten Ehre bedenken, heißt
behaupten, daß seine Erhabenheit untergeordnet sei, was eine weitere
Torheit ist. So sehr es daher kein Götzendienst sein muß, den Geschöp-

20
fen irgendeine religiöse Ehre zu erweisen, so gibt es im Gegenteil eine
religiöse Ehre, die nur Geschöpfen erwiesen werden kann, und es wäre
eine Gotteslästerung, sie Gott zu erweisen. Das ist die untergeordnete
Ehre, die man den Heiligen und kirchlichen Personen schuldet, von
denen ich vorhin gesprochen habe.
3. Trotzdem kann diese untergeordnete Ehre, die der höchsten Erha-
benheit nicht erwiesen werden kann, doch stets auf sie zurückgeführt
werden als auf ihre Quelle und ihren Ursprung. Sie muß von ihr aner-
kannt sein, ihr Leben, ihr Eigentum, von ihr abhängig. So heißt es
nicht, daß die Seligen ihre Kronen dem, der auf dem Thron sitzt, aufs
Haupt setzen, denn sie wären zu klein und von einem lächerlichen
Verhältnis zu seiner erhabenen Majestät; sie legen ihm diese vielmehr
zu Füßen als Anerkennung, daß sie diese von ihm und durch seinen
Willen besitzen. Sie erweisen ihm nicht die Ehre, die sie von ihm
haben, sondern führen sie auf ihn zurück durch eine andere, unendlich
größere, die sie ihm erweisen, indem sie ihn als ihre Ursache und
ihren Schöpfer anerkennen. Und wie man sieht, daß alle Ehre der
niederen Amtspersonen sich bezieht und zurückgeführt wird auf die
Autorität des Königs, so bezieht sich alle Ehre der Menschen und der
Engel und wird zurückgeführt auf die Herrlichkeit dieses höchsten
Ursprungs, von dem alles abhängt. Auf diese Weise ist wahr, daß einzig
Gott, dem Unsterblichen, Unsichtbaren, alle Ehre und Verherrlichung
zuteil wird. Ich übergehe schließlich, was man zu folgender Aussage
des Apostels sagen könnte: Gott allein sei Ehre und Verherrlichung,
nämlich: ob der Apostel sagen will, ob Ehre und Verherrlichung au-
ßer Gott allein nicht erwiesen werden darf, oder ob er vielleicht sagen
will, daß Ehre und Verherrlichung nicht irgendeinem Gott erlesen
werden darf, der andere Götter als Gefährten hat, sondern diesem un-
sterblichen, unsichtbaren König, der allein Gott ist.
Aus dieser ganzen Überlegung ergibt sich, daß man wohl bestimmte
Geschöpfe auf religiöse Weise ehren kann, und dennoch alle Ehre und
Verherrlichung dem einzigen Gott erweisen. Das ist eine allgemeine
Grundlage für meine ganze Darlegung.

II.

Nun sage ich weiter: Man kann nicht nur Gott allein Ehre und Ver-
herrlichung erweisen und gleichzeitig irgendeinem Geschöpf, wie dem
Kreuz, sondern um Gott die ihm gebührende Ehre zu erweisen, ist es

21
erforderlich, bestimmte Geschöpfe auf religiöse Weise zu ehren, beson-
ders das Kreuz. Das heißt: um Gott recht zu ehren, kann man nicht nur
das Kreuz ehren, sondern muß es. Das ist die zweite Grundlage meiner
Verteidigung, die sich durch viele Beweise im einzelnen als wahr erwei-
sen wird; doch hier ist ihre Quelle und ihr Ursprung.
Wenn man Gott irgendeine Ehre schuldet, dann ist das ohne Zweifel
die vorzüglichste. Die vorzüglichste Ehre ist aber jene, durch die man
etwas so sehr ehrt, daß man aus Hochachtung auch alles ehrt, was zu
ihm gehört und von ihm abhängt, je nach dem Rang, den es darin ein-
nimmt. Die Gott gebührende Ehre muß demnach so beschaffen sein,
daß dabei nicht nur Er zuerst und vor allem geehrt wird, sondern folge-
richtig auch alles, was ihm gehört. Nun weiß ich nicht, wer leugnen
könnte, daß die höchste Ehre jene ist, die sich auf alles erstreckt, was zu
einem geehrten Gegenstand gehört, außer jener, die der natürlichen
Vernunft Feindschaft geschworen hat.
Die Ehre muß ihrem Gegenstand angemessen sein; das ist die Voll-
kommenheit und Erhabenheit. Je vollkommener aber eine Erhaben-
heit ist oder je erhabener eine Vollkommenheit, um so mehr teilt sie
sich allem mit, was zu ihr gehört oder von ihr abhängt. Je erhabener
daher eine Ehre ist, um so mehr erstreckt sie sich auf alles, was zu
ihrem Gegenstand gehört, und teilt sich ihm mit. Wir erweisen den
Dingen, die den Fürsten und Königen gehören, Ehre bis zu den ein-
fachsten, weil wir ihre Person sehr verehren. Wir wahren aber diese
Hochachtung nicht gegen Personen, die wir weniger ehren. So nennt
man die Ehrenwertesten erhaben, erlaucht und sehr erleuchtet. Der
Schein, der Glanz und die Helligkeit breitet sich aus und teilt sich
allem mit, was ihm nahe kommt, breitet sich um so mehr und um so
weiter aus, je größer sie ist; ebenso macht die Ehre einer Sache um so
ehrenwerter, was zu ihr gehört, je größer sie ist, je nach der größeren
oder geringeren Nähe zu ihr. So leitet David die der Bundeslade ge-
bührende Ehre von der Heiligkeit Gottes ab, deren Fußschemel (Ps
99,5) sie war, wie einige ausgeführt haben. Der hl. Johannes dagegen
zeigte, wie sehr er die Person Unseres Herrn ehrte, durch die Beto-
nung einer der geringsten Sachen, die ihm gehörte (Mt 3,11; Joh 1,27).
Ich bin nicht würdig, sagte er, ihm die Schuhe zu tragen, oder deren
Riemen zu lösen. Woher kann diese Ehre der Schuhe kommen, wenn
nicht vom Glanz der Person, der sie gehören? Die hält der hl. Johan-
nes für ehrfurchtgebietend und ehrwürdig bis zu einer so geringen
Sache. So machte die ehrfürchtige Meinung, die die ersten Christen

22
vom hl. Petrus und vom hl. Paulus hatten, diese ehrwürdig bis zu ih-
rem Schatten und zu ihren Schweißtüchern (Apg 5,14f; 19,12), die sie
als geeignete Mittel zu ihrer Heilung ansahen.
Bemerkenswert für unsere Absicht ist aber vor allem die Stelle der
Heiligen Schrift (Apg 5,15), wo es heißt, daß die Zahl der Gläubigen
dermaßen zunahm, daß sie die Kranken auf Bahren auf die Plätze trugen,
damit sie wenigstens der Schatten des hl. Petrus treffe. Seht ihr, wie die
Zunahme des Glaubens und der Ehre Jesu Christi die Ehre und das
Ansehen der Heiligen zunehmen ließ und dessen, was mit ihnen zusam-
menhängt? So wollte der hl. Gregor von Tours ein Wunder berichten,
das ich später wiedergeben werde, und machte folgende Einleitung: „In
dieser Zeit wird Jesus Christus durch einen ungeteilten Glauben mit so
großer Liebe geliebt, daß die Gläubigen, die sein Gesetz auf den Tafeln
ihres Herzens bewahren, sein Bild auch in den Kirchen und Häusern
aufhängen, gemalt auf sichtbare Tafeln, als eine Erinnerung an die Tu-
gend.“
Das ist wohl eine andere Philosophie als die der Neuerer, die, um
ihrer Meinung nach Jesus Christus besser zu ehren, die Kreuze, Bilder,
Reliquien und andere Dinge, die zu ihm gehören, ablehnen. Sie wollen
nicht, daß man ihnen irgendeine Ehre erweise, weil Gott eifersüchtig
ist, sagen sie. Armselige, vom Nordwind unterkühlte Theologen, die
sich in Gott die alberne und jämmerliche Eifersucht vorstellen, die sie
vielleicht selbst gegen ihre Frauen hegen. Macht man sich nicht über die
Eifersucht dessen lustig, der nicht möchte, daß seine Frau irgendeinen
anderen außer ihm liebe und ehre, weder Eltern noch Freunde, noch
jene, denen er selbst Ehre und Hochachtung erweist? Wäre das nicht
eine ungeordnete Eifersucht? Die Ehre und Liebe, die eine Frau ihrem
Mann schuldet, verpflichtet sie doch, alle zu lieben und zu ehren, die zu
ihm gehören. Obwohl nun Gott höchst eifersüchtig ist, erlaubt er nicht
nur, sondern gebietet, daß wir die Geschöpfe lieben, unter der einzigen
Bedingung, daß es aus Liebe zu ihm geschieht. Warum sollte er eifer-
süchtig sein, wenn er uns die gleichen Geschöpfe unter der gleichen
Bedingung ehren sieht, da er nur eifersüchtig auf seine Ehre bedacht ist
als Abhängigkeit von seiner Liebe? Im Gegenteil: wie die Eifersucht
Gottes verlangt, wir sollen ihn so sehr und so vollkommen lieben, daß
wir aus Liebe zu ihm auch die Geschöpfe lieben, ebenso will er, wir
sollen ihn so sehr lieben, daß wir zu seiner Ehre auch die Geschöpfe
ehren. So bestrafte er Usa wegen der geringen Ehrfurcht, die er vor der
Bundeslade hatte (2 Sam 6,6f).

23
Welche Eifersucht könnten denn die Sonne oder das Feuer haben,
wenn sie sehen, daß man für heller und heißer hält, was ihnen näher
kommt? Müßten sie sich nicht als viel mehr mißachtet betrachten, wenn
man das Gegenteil sagte und ihnen die Kraft abspräche, ihre schönen
Eigenschaften zu verbreiten und mitzuteilen? Ebensowenig kann Gott
eifersüchtig sein, wenn man den Geschöpfen irgendeine Tugend oder
Heiligkeit zuschreibt und folglich irgendeine Ehre. Er wäre vielmehr
eifersüchtig, wenn man ihnen das abspräche, weil man ihm eine der
hauptsächlichsten Eigenheiten seiner Güte, die Mitteilung abspräche.
Die vernünftige Eifersucht wünscht zwei Dinge, nämlich die gebühren-
de Freundschaft und das Fehlen jedes Teilhabers an ihr. Nun hieße es
Gott die ihm gebührende Ehre und Liebe vorenthalten, wenn man ihn
nicht so vollkommen liebte und ehrte, daß man dadurch nicht auch alle
Dinge liebte und ehrte, die ihm gehören, jedes nach seinem Rang. Das
würde einerseits seine Eifersucht kränken, wie es einen König kränken
hieße, wenn man unter dem Vorwand, ihn zu ehren, seine Krone, sein
Szepter, seinen Hof nicht schätzte. Andererseits hieße es Gott und seine
Eifersucht kränken, wenn einer etwas anderes als seine göttliche Maje-
stät liebte oder ehrte mit gleicher Ehre und ähnlich jener, die ihm ge-
bührt. So würde der Untergebene und Vasall seinen Herrscher kränken,
wenn er einem anderen Herrn oder Fürsten Treue und Huldigung in
gleicher Weise und Form böte, die er ihm schuldet.
Die Schismatiker unserer Zeit kränken die Eifersucht Gottes auf die
erste Weise, indem sie ihm eine so sterile und dürftige Ehre erweisen,
daß sie keine andere hervorbringt für die Dinge, die seiner göttlichen
Hoheit angehören. Die Heiden und Götzendiener kränken die Eifer-
sucht Gottes auf die zweite Weise; sie erweisen ja Geschöpfen gleiche
und ähnliche Ehre wie jene, die Gott allein gebührt. Weil sie die Gott-
heiten vervielfältigen, vervielfachen sie auch die Herrlichkeit, die nicht
mitteilbar ist. Die Kirche aber geht den geraden Mittelweg der Wahr-
heit, ohne nach der einen noch nach der anderen Seite abzuweichen. Sie
erweist Gott eine erhabene, höchste und einmalige Ehre, eine dennoch
ergiebige und fruchtbare, die mehrere andere für heilige und geheiligte
Dinge hervorbringt, im Gegensatz zu den Schismatikern wie zu den
Heiden und Götzendienern. All diese Ehrfurcht und Hochachtung, die
sie Geschöpfen erweist, so vorzüglich sie sein mögen, ist nur unterge-
ordnet, geringer, begrenzt und abhängig; sie beziehen sich auf die Herr-
lichkeit Gottes allein als auf ihre Quelle und ihren Ursprung, der ihr
höchster Herr und Urgrund ist.

24
Ich wollte bei meinen Ausführungen so weit ausholen, um den Stand
und die wahre Streitfrage darzulegen, die ich mit dem Verfasser des
Traktätchens habe, gegen das ich diese Verteidigung schreibe. Meiner
Auffassung nach besteht sie darin: Wenn es stimmt, daß das Kreuz geist-
lich Jesus Christus angehört, muß man ihm eine bestimmte Ehre zu-
schreiben oder eine abhängige und untergeordnete Kraft. Und durch
die allgemeinen Grundlagen, die ich geschaffen habe, ist die Wahrheit
des katholischen Glaubens über diesen Punkt offenkundig genug. Trotz-
dem dient diese ganze Verteidigung zu nichts anderem, als diesen Glau-
bensartikel zu bestätigen und im einzelnen Beweise dafür zu liefern:
daß man dem Kreuz Ehre und Kraft zuschreiben muß.

III.

Das ist der ganze Zweck dieser vier Bücher. Da ich sie zu eurem Ge-
brauch verfaßt habe, meine teuersten und sehr geehrten Brüder und
Herren in Jesus Christus dem Gekreuzigten, habe ich euch noch be-
stimmte Dinge zu sagen, bevor ihr sie zu lesen beginnt.
1. Mein Gegner hat in seinem Traktat einen Haufen von Ungereimt-
heiten und Unwahrheiten gebracht, ohne jede Ordnung und Dispositi-
on; daher schien mir, ich müßte alle diese Stücke eines nach dem ande-
ren vornehmen und überlegen, worauf sie sich beziehen könnten, und
daraus gleichsam vier Haufen bilden: einen aus dem, was die Veruneh-
rung des wirklichen Kreuzes betrifft, den anderen über die Abbildun-
gen des wirklichen Kreuzes, den dritten aus dem, was das Kreuzzeichen
angeht, und den vierten aus dem, was gegen das Kreuz allgemein gesagt
wurde. Das habe ich gemacht und damit die bessere Ordnung gewahrt,
als ich gekonnt hätte, wenn ich auf all das Stück für Stück geantwortet
hätte. Ich wollte, daß diese Verteidigung nicht nur eine Antwort auf
diesen Traktat werde, sondern auch eine gediegene Abhandlung über
die Ehre und Kraft des Kreuzes. Manchmal habe ich jedoch meinen
Weg unterbrochen, um meinem Gegner überall nachzugehen, wo er der
Wahrheit ausgewichen ist. Es ist schwer, dem gegenüber Haltung zu
bewahren, der einzig aus Wut ficht, ohne Regel und Maß.
2. Ich erkläre euch: Hätte ich die einfachen Leute, die durch den Trak-
tat meines Gegners und ähnliche verführt oder in ihrem Irrtum bestärkt
wurden, ebenso des Mitleids und der Hilfe für unwürdig gehalten wie
den Traktat der Antwort, dann hätte ich diese Erwiderung nie geschrie-
ben; denn der Traktat ist nichts von Bedeutung, er ist nicht einmal eine

25
wohlgesetzte Lüge. Ich möchte aber meinen Teil beitragen und rechne
auf die Billigung dieses Urteils, die ich von euch wünsche, ohne zu
erwarten, daß ihr meine ganze Erwiderung gelesen habt (die vielleicht
nicht die Gnade bei euch finden wird, daß ihr viel Zeit darauf verwen-
det). Daher will ich euch einige Stücke dieses sauberen Traktats vorle-
gen, damit ihr seht, was das Ganze wert sein kann.
Das Ganze hat nur 62 kleine Seiten: auf der ersten steht nur der Titel,
der als guter Anfang ganz erlogen ist, denn er heißt: „Über die Kraft des
Kreuzes und die Art seiner Verehrung“; der Traktat aber dient nur dazu,
(dem Leser) einzureden, das Kreuz sei unnütz und keiner Ehre wert.
Das übrige bereichert er mit folgenden sauberen Behauptungen:
a) Man müsse „die Allmacht Gottes so verstehen, wie es uns von
seinem Willen offenbar ist, entsprechend dem Psalmwort: Gott hat
alles gemacht, was er gewollt hat“ (B.T. 8). Bei Gott, welche Blasphe-
mie, Gott vermöchte nur, wovon er erklärt hat, daß er es will. Im
Gegenteil, Gott hat nie erklärt, er wolle, daß ein Kamel durch ein
Nadelöhr geht (Mt 19,24), oder daß Abraham aus Steinen Kinder er-
weckt werden (Lk 3,8), und trotzdem kann er es bewirken, wie die
Heilige Schrift bestätigt. Es ist wahr, daß Gott alles geschaffen hat,
was er wollte, und alles vermag, was er will; aber es ist eine Dummheit
zu sagen, daß er alles wolle, was er vermag, oder daß er nur vermöge,
wovon er erklärt hat, es zu wollen. Er kann wohl 100 000 Millionen
Welten entstehen lassen, Ärgernisse und Blasphemien verhindern, und
trotzdem tut er es nicht. Und ohne erklärt zu haben, daß er es machen
will, hört er doch nicht auf, es machen zu können. Gewiß, Gott ist
allmächtig, aber er ist nicht alles-wollend. Lest den gelehrten Feuar-
dent in seinen ‚Dialogen‘, wo er unter vielen anderen auf diese Blas-
phemie der Neuerer hinweist.
b) Jesus Christus habe „den Kelch des Zornes Gottes getrunken“ und
„seine Leiden seien grenzenlos“ (B.T. 12). Das ist die Blasphemie Cal-
vins, der sagt, Jesus Christus habe um das Heil seiner eigenen Seele
Angst gehabt, den Fluch und Zorn Gottes gefürchtet. In Wahrheit kann
keine Strafe unbegrenzt sein und keiner kann den Kelch des Zornes
Gottes trinken, solange er seines Heiles und des Wohlwollens Gottes
sicher ist. Behaupten, Jesus Christus habe den Kelch des Zornes Gottes
getrunken und grenzenlos gelitten, heißt soviel wie behaupten, er hätte
um das Heil seiner Seele gefürchtet: Die Angst setzt ja die Wahrschein-
lichkeit des schlimmen Ereignisses voraus, das man befürchtet. Hätte
also Unser Herr um sein Heil gebangt, dann hätte folglich die Wahr-

26
scheinlichkeit seiner Verdammnis bestanden. Ebenso bedeutet, den
Kelch des göttlichen Zorns getrunken haben, nichts anderes als, Gegen-
stand des Zornes Gottes gewesen sein. Wenn also Unser Herr den Kelch
des göttlichen Zorns getrunken hätte, wäre er Gegenstand des Zorns
Gottes gewesen. Item, grenzenlose Leiden erdulden setzt den Verlust
der Gnade Gottes voraus, vor allem, wenn man von zeitlichen Leiden
spricht, und man muß zugeben, daß die Leiden Jesu Christi solche wa-
ren. Wenn also Jesus Christus grenzenlose, wenn auch zeitliche Leiden
erduldet hätte, wäre er der Gnade Gottes beraubt gewesen. Das sind
Worte, deren sich selbst die Gotteslästerung schämen würde, und trotz-
dem ist das die Theologie des Traktanten. Es genügt, die Blasphemie
sichtbar zu machen, um sie zurückzuweisen.
c) Und ist die folgende Behauptung keine Blasphemie? „Der Name
Gottes, der Trinität, der Engel, der Propheten, der Anfang des Johan-
nesevangeliums ... und das Kreuzzeichen ... sind nicht einfach annehm-
bar“ (B. T. 29). Was ist denn dann annehmbar?
d) Es ist dasselbe, wenn er es als ungebührlich erklärt, daß „Unsere
liebe Frau Gefährtin der Leiden unseres Erlösers war“ (B.T. 47). Denn
wahrhaftig, wenn sie nicht Gefährtin seiner Leiden war, wird sie auch
seiner Tröstungen und seines Paradieses nicht teilhaftig sein.
Ich weiß, daß einer, der gut zu entschuldigen versteht, diese Behaup-
tung in einem etwas weniger törichten Sinn auffassen könnte, als sie auf
den ersten Blick enthalten; aber er täte dem Traktanten unrecht, der sie
so versteht, wie er sagt. Es wäre auch nicht vernünftig, irgendeine Ent-
schuldigung für denjenigen anzunehmen, der an jedem einzelnen Wort
der kirchlichen Hymnen und Gebete herumdüftelt, um sie in einem
schlechten Sinn zu verdrehen, gegen die offensichtliche Absicht der
Kirche. Das ist eine Probe seiner Blasphemien, und hier eine andere
seiner Unwahrheiten:
a) Er sagt, die Alten hätten das Kreuz gemacht aus Furcht, entdeckt zu
werden; und unmittelbar darauf (B.T. 16) sagt er, sie „machten offen das
Kreuzzeichen, um zu zeigen, daß sie sich seiner nicht schämten“. Ent-
weder das eine oder das andere ist eine Unwahrheit.
b) Er sagt (B.T. 22), wo er vom Kennzeichen (Tau) spricht, das bei
Ezechiel (9,4.6) erwähnt ist: „Hieronymus verließ das Kennzeichen,
dessen der Prophet sich bediente, und untersuchte das Kennzeichen der
Samariter ...“ Das ist eine Lüge, denn der hl. Hieronymus erwähnt im
Gegenteil das Tau der Samariter nur, um jenes zu untersuchen, dessen
sich der Prophet und die Hebräer des Alten Bundes bedienten.

27
c) Er behauptet (B.T. 26), im Flugblatt3 werde gesagt, der hl. Athana-
sius habe geschrieben, „daß Gott durch Ezechiel das Zeichen des Kreu-
zes vorhersagen ließ“. Das ist falsch.
d) Er läßt (B.T. 26) den hl. Athanasius sagen: „Nachdem das Kreuz
gekommen war, wurde jede Verehrung der Bilder abgeschafft.“ Das ist
eine Fälschung, denn der hl. Athanasius spricht nicht von Bildern, son-
dern von Götzenbildern.
e) Er sagt (B.T. 41): „Konstantin der Große war der erste, der Kreuze
aus einem Stoff machte.“ Aber Tertullian, Arnobius und Justin der
Märtyrer sind unwiderlegbare Zeugen, daß das eine Fälschung ist. (Seht
das 2. Kapitel unseres zweiten Buches.)
f) Er zitiert (B.T. 49) das „achte Buch von Arnobius“, der nur deren
sieben geschrieben hat.
g) Er sagt (B.T. 49), „die Folgerung des Flugblatts“ laute, daß „das
Kreuz durch Anbetung verehrt werden muß“. Davon sagt das Flugblatt
kein Wort.
h) Er sagt (B.T. 50), der hl. „Athanasius bestätigt in den quaestiones
an Antiochus, daß die Christen das Kreuz nicht verehrten“, während der
Kirchenlehrer genau das Gegenteil sagt.
i) Aber ist es nicht erheiternd, wenn er (B.T. 52) einen bestimmten
alten französischen Reim den Horen zuschreibt, die in Rom in Ge-
brauch sind?
Wahrhaftig, eine so große Zahl offenkundiger Unverschämtheiten mit
hundert anderen (die ich nicht im einzelnen aufzählen wollte) in einem
so kleinen Werk, wie es der Traktat ist, läßt mich annehmen, daß der
Verfasser nur irgendein arroganter Pedant sein kann oder irgendein
atemloser und abgestandener Prädikant, oder wenn er ein Mann von
einiger Bildung ist, daß ihm Wut und Leidenschaft deren Gebrauch
geraubt haben. In der Tat hat er diese Arbeit sehr eilig gemacht und sich
nach dem Erscheinen der Flugblätter kaum Zeit genommen.
3. Das Dritte, was ich euch sagen will, ist der Beweggrund, den ich
hatte, die Antwort zu unternehmen; das ist der Anlaß, den mein Gegner
gehabt zu haben vorgibt, seinen Traktat zu schreiben. Den stellt er nun
(B.T. 5f) selbst folgendermaßen dar: „Uns wurde die Notwendigkeit
auferlegt, vom unerträglichen Mißbrauch zu sprechen, der mit dem Kreuz
getrieben wird, damit alle lernen, wie man sich gegen das Gift des Göt-
zendienstes schützen muß, das der Teufel in dieser Zeit und in unserer
Umgebung von neuem auszusprühen beginnt. Er bedient sich dabei der

28
Gaukeleien einiger seiner Werkzeuge, die seit einer Reihe von Jahren
in diesen Orten durch Wort und Schrift den Götzendienst wieder aufzu-
richten versuchen, wie die Mauern von Jericho, die durch den Schall
der Posaunen Gottes eingestürzt sind. Wir schätzen, daß jene, die zwei
Schriften hierher brachten und als Flugblätter verbreiteten, viele gute
Christen unter uns zum Weinen und Wehklagen bringen wollten.“
Er spricht vom Vierzigstündigen Gebet, das im Jahr 1597 im Dorf
Annemasse gehalten wurde. Dorthin strömte eine unglaubliche Zahl
von Menschen, unter anderen die Bruderschaft der Büßer von Annecy,
die älteste von allen in Savoyen. Man wußte, es galt ein großes Kreuz zu
errichten, auf der Höhe einer wichtigen Straße, die nach Genf führt, in
der Nähe von Annemasse. Obwohl eine Tagesreise entfernt, fand sich
die Bruderschaft sehr früh in der Kirche ein, wo die Mitglieder aus der
Hand des hoch- und ehrwürdigsten Bischofs die Kommunion empfin-
gen. Sie folgten ihm auch in der Prozession, um die erste Gebetsstunde
zu halten, zusammen mit der Prozession vom Chablais, in der sich schon
eine große Zahl von Neubekehrten befand, gleichsam die Erstlinge der
großen Ernte, die man aus diesem Gebiet und aus dem Gebiet von Ter-
nier eingebracht hat. Nun, gegen Abend kamen die Mitglieder von An-
necy fromm in die Kirche zurück, luden sich das Kreuz auf die Schul-
tern, das am Morgen zurechtgemacht und gesegnet worden war, und
zogen von dort ziemlich weit bis zu dem Ort, wo es aufgerichtet werden
sollte. Unter der süßen Last sangen sie mit einer Stimme voll Frömmig-
keit den Hymnus ‚Vexilla Regis prodeunt‘. Der hochwürdigste Herr war
stets bei ihnen, gefolgt von einer sehr großen Volksmenge.
Als man am Bestimmungsort angekommen war und die heilige Fahne
aufgerichtet war, hielt der hochwürdigste Pater Esprit de Beaumes (der
mit den Kapuzinern P. Chérubin de Maurienne und P. Antoine de Tour-
non die Predigten des Vierzigstündigen Gebetes hielt), in der Nähe des
Kreuzes stehend, eine gute und kurze Ermahnung über die Ehre und die
Errichtung von Kreuzen. Hernach verteilte man einige gedruckte Blät-
ter über den gleichen Gegenstand, die ein guter Ordensmann verfaßt
hatte. Dann traten die Mitglieder, nachdem sie den Segen des hochwür-
digsten Bischofs empfangen und seinem Beispiel folgend das Kreuz
fromm geküßt hatten, in guter Ordnung und schweigend den Rückweg
nach Annemasse an. Ein heiliges und frommes Schauspiel, das den trok-
kensten Augen jener, die es sahen, Tränen entlockte.
Der Verfasser des Traktats wußte, wie das alles vor sich ging, und hatte
Kenntnis von den Blättern, die man verteilt hat. Das war sehr leicht,

29
denn das alles spielte sich vor den Toren der Stadt Genf ab, d. h. eine
knappe Meile von ihr entfernt. Das heizte ihn an, diesen sauberen Trak-
tat zu verfassen, weil er sah, daß nicht nur die Worte und Schriften,
sondern auch diese großen Beispiele der Frömmigkeit die Nebelschlei-
er vertrieben, die seine Parteigänger über den hellen Glanz des Kreuzes
gebreitet hatten, um dessen klare Sicht zu verwehren. Er glaubte, mit
seinem Traktat die Luft von neuem trüben und die Augen der einfachen
Leute benebeln zu können. Da ich eines der ältesten Mitglieder der
Kreuzbruderschaft bin und allen Akten der Frömmigkeit beigewohnt
habe, fühle ich mich verpflichtet, dem gegenüber Recht und Gerechtig-
keit zu vertreten.
Es ist jedoch eine Lüge, was der Traktant behauptet, die Ehre und
Verehrung des Kreuzes (die er fälschlich einen Götzendienst nennt) sei
an dem Ort zerstört gewesen, wo das Vierzigstündige Gebet gefeiert
und die Flugblätter verteilt wurden. Die katholische Übung wurde ja
vor der Nase der Häresie stets aufrechterhalten durch ein ebenso großes
Wunder wie jenes, durch das Gott das gewaltig flutende Element in den
Ufern in Grenzen hält, die er ihm gesetzt hat, die sie nicht überschreiten
können. Ebenso hat er ja die krebsartige Krankheit der Häresie auf
einen bestimmten Winkel dieser Diözese beschränkt, sodaß sie nicht
auf einen anderen Teil dieses Körpers übergreifen kann. Dafür müssen
wir alle, soweit wir dessen Glieder sind, der himmlischen Güte ewig
Dank sagen, denn wir können wohl sagen, ohne sie hätte uns dieses
reißende Wasser überflutet.
4. Ich muß euch auch noch das Vierte sagen: daß ich nicht weiß, wer
der Verfasser des Traktats ist, auf den ich antworte und den ich oft zu
zitieren gezwungen bin. Daher habe ich mir die Freiheit genommen,
mich des Namens „Traktant“ zu bedienen, den ich mangels eines ande-
ren verwende, der kürzer wäre. Dagegen wollte ich keinerlei Schimpf-
worte und bissige Scheltworte gebrauchen, wie er es getan hat; meine
Natur neigt nicht zu dieser Art. Ich wollte aber auch nicht Güte und
Bescheidenheit so weit treiben, daß ich der gebotenen Freiheit und
Unbefangenheit der Sprache keinen Raum ließe. Hätte mein Gegner
seinen Namen genannt, wäre ich vielleicht zu etwas mehr Respekt ver-
anlaßt gewesen; da ich aber nicht weiß und keine Gelegenheit habe zu
erfahren, daß er etwas anderes als ein Unbekannter ist, fühle ich mich
nicht verpflichtet, ihn irgendwie in seiner Unverschämtheit zu bestär-
ken. Ich dagegen nenne meinen Namen, nicht um ihn irgendwie zum
Respekt zu verpflichten (denn vielleicht würde ihn der Rang, den ich in

30
dieser Kathedrale einnehme, in die Stimmung versetzen, mich schlech-
ter zu behandeln), sondern damit er weiß, falls er noch in Genf ist,
woher sein Traktat kam, wo er seinen Korrespondenten finden kann,
wenn er mit ihm etwas in dieser Streitfrage zu klären hat. Ich versichere
ihm, daß er mich stets sehr gern zu seinen Diensten finden wird in al-
lem, wo er nicht feindselig gegen den Gekreuzigten und sein Kreuz sein
wird.
Im übrigen richte ich mein Vorwort an euch, meine Herren Mitbrü-
der, nicht weil ich nicht wünsche, daß es von vielen anderen gelesen
werde, sondern weil ihr euch durch eine besondere Andacht der Ver-
ehrung des allerheiligsten Gekreuzigten und seines Kreuzes geweiht
habt. Deshalb seid ihr auch verpflichtet, eingehender Rechenschaft
und Begründung dieser Verehrung geben zu können. Ihr seid alle in
einer heiligen Gemeinschaft verbunden und die frommen Handlun-
gen der Mitbrüder von Annecy waren zum Teil der Anlaß zu dem
Scharmützel, das ich führe; daher verlangen die Gesetze unserer geist-
lichen Vereinigung, daß jeder von euch auch zu meiner Unterstützung
beiträgt. Und damit die Waffen handlicher für euch seien, habe ich
euch in diesen vier Büchern solche zurechtgemacht, soweit es mir
möglich war. Wenn sie nicht vergoldet und reich an irgendeiner schö-
nen Gravierung sind, möchte ich euch bitten, das eher meiner Armut
als der Knauserei zuzuschreiben. Trotzdem glaube ich getan zu haben,
was ich zu tun hatte. Das war nichts anderes, als dem Traktanten zu
antworten auf das, was das Kreuz betraf. Alles andere betrachte ich als
unzweckmäßig und mache nur das.
Ihr werdet hier jedoch auch einige schöne Stücke der Poesie und Über-
setzungen von Versen der alten Väter finden, die ich zitiere. Sie stam-
men von unserem Herrn Präsidenten des Genfischen Rates, Antoine
Favre, einem der begabtesten und gebildetsten Männer, die unsere Zeit
hervorgebracht hat. Durch eine seltene Begabung versteht er es, die vor-
zügliche Frömmigkeit, die ihn beseelt, mit seiner einmaligen Wach-
samkeit für die öffentlichen Aufgaben zu verbinden. Da ich also diese
alten Verse verwenden wollte und nicht wußte, wo ich einen geeigneten
christlichen Übersetzer finden könnte für so heilige und würdevolle
Autoren, wie jene sind, die ich wiedergebe, habe ich ihn gebeten, sie ins
Französische zu übertragen. Das tat er gern, sowohl als Dienst, den er
dem Kreuz erwies, als auch wegen der brüderlichen Freundschaft, die
die göttliche Güte als Herrin der Natur so lebhaft und vollkommen
zwischen ihm und mir begründet hat, unbeschadet der Verschiedenheit

31
unserer Geburt und Berufung und der Ungleichheit so vieler Gaben
und Gnaden, die ich nur in ihm besitze.
Meine Herren, laßt uns alle miteinander kämpfen unter dem heiligen
Feldzeichen des Kreuzes, indem wir nicht nur die Nichtigkeit der häre-
tischen Begründungen kreuzigen durch die Gegenüberstellung der hei-
ligen und gesunden Lehre. Laßt uns auch den alten Adam mit seinen
Begierden in uns kreuzigen, damit wir dem Bild des Gottessohnes gleich-
förmig werden: damit wir, wenn diese Fahne des Kreuzes auf den Mau-
ern des himmlischen Jerusalems aufgepflanzt wird als Zeichen, daß alle
seine Reichtümer und Herrlichkeiten denen als Beute gegeben werden,
die gut gekämpft haben, teilhaben können an den erlesenen Reichtü-
mern, die der Gekreuzigte seinen Soldaten als Lohn für die Anstren-
gung verspricht, den Besitz der glückseligen Unsterblichkeit.

32
Erstes Buch

Von der Ehre und Kraf


Kraftt des echten Kreuzes

1. Kapitel

Vom Namen und Ausdruck Kreuz.

Das Kreuz und sein Name waren schrecklich und unheilvoll, bis der
Sohn Gottes, der Leiden, Mühen und Kreuzigung ehrenvoll machen
wollte, vor allem den Namen des Kreuzes heiligte, so daß er im Evange-
lium fast durchwegs als eine ehrenvolle und fromme Bezeichnung steht:
Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, sagte er (Mt 10,38; Lk 9,23), und
mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Daher bezeichnet nach dem Sprach-
gebrauch der Christen das Kreuz manchmal die notwendigen Leiden
und Anstrengungen, um das Heil zu erlangen, wie an der Stelle, die ich
eben zitiert habe; manchmal bezeichnet es auch eine bestimmte Art der
Hinrichtung, zu der man einst die schändlichsten Verbrecher verurteil-
te; und andere Male das Gerät oder den Galgen, an dem oder durch den
man diese Folter vollzog.
Hier spreche ich nun vom Kreuz in dieser letzten Bedeutung, nicht
für jede Art von Gerät zur Hinrichtung, sondern für dieses besondere,
an dem Unser Herr gelitten hat. Wenn ich also vom Kreuz sprechen
werde, von seiner Kraft und seiner Ehre, dann versteht das immer so,
daß es das Kreuz Jesu Christi ist, von dem ich spreche. Daher wundere
ich mich über den Traktanten, der voraussetzt, wir sähen das Kreuz Jesu
Christi getrennt von Jesus Christus selbst, ohne irgendeinen Zusam-
menhang mit ihm. So will er zeigen, daß die Stellen der alten Väter, die
in den Flugblättern zitiert werden, nicht richtig verstanden wurden, und
sagt (B.T. 49) folgendes: „Einige Passagen der Alten werden hier ange-
führt, aber außerhalb und weit entfernt vom Sinn des Verfassers. Denn
wenn die Alten vom Kreuz sprachen, meinten sie damit nicht zwei Stü-
cke Holz, die quer übereinander liegen, sondern das Geheimnis unserer
Erlösung, dessen wahrer Inbegriff und Erfüllung in diesem Kreuz lag,
dem Leiden und Tod Jesu Christi. Und diese Zweideutigkeit oder dop-
pelte Bezeichnung des Kreuzes, die von den Sophisten nicht erkannt
wurde, bewirkt, daß sie irren und irreführen.“ Das ist ein sehr verwege-

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ner Richter über unsere Fähigkeit, der glaubt, eine so leichte und so
häufige Unterscheidung sei uns unbekannt. Ich übergehe, was die Ge-
lehrten Bellarmin (De Imag. II, 24 ad 3) und Justus Lipsius (De Cruce
I) darüber gesagt haben, doch schon Calepin beweist das. Nun ist es
gewiß, daß zwei Stücke aus Holz, Stein oder aus irgendeinem anderen
Material, quer übereinandergelegt, ein Kreuz bilden, aber deswegen bil-
den sie noch nicht das Kreuz Jesu Christi; allein auf dieses und auf kein
anderes nehmen die Christen Bezug.
Die Väter sprechen also sehr oft von der Marter und von der Kreuzi-
gung Unseres Herrn, sie sprechen aber auch sehr oft von der Kraft und
von der Ehre des Kreuzes, an dem diese Kreuzigung vollzogen wurde.
Ich weiß nicht, ob der Traktant je im Neuen Testament finden wird, daß
das Wort vom Kreuz unmittelbar und hauptsächlich für die Hinrich-
tung der Kreuzigung gebraucht wird, zum mindesten an den Stellen, die
er in dieser Absicht zitiert. Daß durch das Blut des Kreuzes Christi unser
Friede gestiftet wurde (Kol 1,20), versteht sich viel eigentlicher vom
Blut, das am Holz des Kreuzes vergossen wurde, als von allen Leiden
Unseres Herrn, wie der Traktant (B.T. 7) sagt; diese hat er zum großen
Teil in der Seele erduldet, man kann sie daher nicht Blut des Kreuzes
nennen.
Das Kreuz Jesu Christi, von dem ich spreche, kann man daher auf
dreifache Weise betrachten: entweder in sich selbst, das ist jenes, das
Unser Herr auf seinen Schultern trug und an das er geheftet wurde; oder
als seine Abbildung und ständige Darstellung; oder als ein Zeichen und
eine Zeremonie, mit einer einfachen Bewegung der Hand ausgeführt;
und in jeder der drei Betrachtungsweisen steht das Kreuz in Beziehung
zu Jesus Christus. Von ihm hat es viel große Kraft und Würde, wie wir
später eingehend zeigen werden.

2. Kapitel

Daß das Kreuz große Kraft hat und verehrt werden muß.
Erster Beweis aus dem, wovon der Traktant zugibt,
daß es geschrieben steht.

Der Traktant spricht vom Holz des echten Kreuzes und sagt (B.T. 9):
„Über dieses Kreuz lesen wir, daß Jesus Christus und Simon es auf den
Kalvarienberg getragen haben, wo es aufgerichtet wurde; daß Jesus Chris-

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tus auf ihm angenagelt und die Inschrift I. N. R. I. angebracht wurde;
daß auf ihm Jesus den Geist aufgab, seine Seite durchbohrt und sein
Leib von ihm abgenommen wurde. Außer diesen Punkten lesen wir
nichts ...“ (B.T. 8): „Wir sehen nichts von einem Zeugnis im geschriebe-
nen Wort Gottes durch die Propheten und Apostel, noch in ihren Bei-
spielen und Handlungen, was uns veranlassen könnte oder müßte, ei-
nem solchen Holz irgendeine Kraft zuzuschreiben ... Nun wird bei den
echten Christen, was nicht im Wort Gottes geschrieben steht, für null
und nichtig gehalten ... Wir folgern daher, daß Gott nicht gewollt hat,
daß dem Holz des Kreuzes seines Sohnes eine solche Kraft anhafte ...“
Hier ist das große oder vielmehr das einzige Argument dieses Traktan-
ten gegen die katholische Lehre von der Kraft des Kreuzes und er hat
fast nur ein gleiches gegen seine Ehre. Sehen wir also, was es wert ist.
Wer sieht vor allem nicht, wie wenig sinnvoll die Folgerung ist? Ich
bitte euch, setzen wir voraus, was nicht geschrieben steht, werde für
null und nichtig gehalten, und in der Heiligen Schrift stünde über das
echte Kreuz nichts, als was der Traktant davon berichtet: die Folge-
rung wäre trotzdem armselig, zu behaupten, Gott habe nicht gewollt,
daß das Holz des Kreuzes seines Sohnes irgendwelche Kraft besitze.
Man müßte ganz im Gegenteil folgern: also hat Gott gewollt, daß die-
ses heilige Holz irgendwie große Kraft besitzt. Die Theologie zerstört
den Gebrauch der Vernunft nicht; sie setzt sie voraus; sie zerstört sie
nicht, obwohl sie sie überragt. Die echte Vernunft macht folgende Über-
legung: Wenn die Heilige Schrift bestätigt, daß die Berührung und der
Besitz von Dienern den geringsten und niedrigsten Dingen Macht und
Kraft verliehen hat, bestätigt sie damit hinreichend, daß die Berüh-
rung und der Besitz des Herrn den Dingen größere Macht und Kraft
verliehen hat, wie gering sie aus sich selbst sein mögen. Gewiß, das
eine hält sich am anderen, und unter der Kraft der geringeren Sache
wird hinreichend die Kraft der größeren verstanden, wenigstens in der
Schule der Verständigen.
Sagen wir also: Jesus Christus hat das Kreuz auf seinen Schultern
getragen, wurde auf ihm angenagelt, hat auf ihm den Geist aufgegeben
und sein Blut vergossen; was müssen wir daher annehmen, welche Kraft
es besitzt, da es Elischa (2 Kön 4,29) sehr wohl für möglich hielt, durch
die Berührung mit seinem Stab einen Toten zu erwecken; da er mit dem
Mantel seines Meisters Elija die wunderbare Teilung des Wassers be-
wirkte (2,14)? Mose hat mit seinem Stab so viele Wunder gewirkt (Ex
4,3 f); die mit dem Namen Aarons gezeichnete Rute blühte sogleich,

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ganz gegen die Gesetze der Jahreszeit (Num 17,16ff); die Schweißtü-
cher des hl. Paulus, ja selbst der Schatten des hl. Petrus bewirkten so
viele Wunder (Apg 19,12; 5,15): Wenn Gott zur Ehre seines Sohnes
dem Stab, der Rute, dem Mantel, dem Schatten seiner Diener soviel
Kraft verliehen hat, welche Kraft sollte er dann dem Stab seines Sohnes,
seinem Thron, seiner Kanzel, seinem Altar nicht verliehen haben?
So antwortet man auf die Frage, die der Traktant (B.T. 12) stellt:
„Wenn der Geist Gottes erwähnt, was in Berührung mit seinen Die-
nern kam, warum hat er dann nicht davon gesprochen, was den Herrn
berührte?“ Denn abgesehen davon, daß er darüber durch die Überlie-
ferung genügend gesprochen hat, sage ich, vom einen sprechen heißt
genug vom anderen sagen, entsprechend einer so leichten Folgerung,
daß es nicht notwendig war, sie auszusprechen. Die Kraft, die im Bach
ist, um aus einer solchen Quelle hervorgegangen zu sein, liegt viel
mehr und mit besserem Grund in der Quelle selbst. Etwas anderes
behaupten heißt die Vernunft zerstören. Der Diener ist nicht mehr als
der Herr und der Jünger nicht mehr als der Meister (Mt 10,24). Was der
Traktant zugibt und wovon er anerkennt, daß es geschrieben steht, das
müßte also genügen, wenn wir nichts anderes hätten, um uns glauben
zu machen, daß das Kreuz viel Kraft hat und daß man ihm große Ehre
schuldet.

3. Kapitel

Daß man nicht unterlassen dürfte, das Kreuz und seine Kraft zu
ehren, selbst wenn in der Heiligen Schrift nichts davon
geschrieben stünde: zweiter Beweis.

Damit ist also die große Folgerung des Traktanten hinfällig; und ich
sage zweitens, die zweite Behauptung, die er aufstellt, „daß bei guten
Christen für null und nichtig gehalten wird, was nicht im Wort Gottes
geschrieben steht“, muß für null und nichtig gehalten werden, da sie
selbst nicht geschrieben steht und auch ganz falsch ist. Sagen Sie mir
doch, Traktant, tauft ihr nicht Knaben und Mädchen? Und haltet ihr
nicht dafür, daß die von gottlosen und götzendienerischen Irrlehrern,
wie ihr uns nennt, Getauften nicht wiedergetauft werden müssen? Cal-
vin, Beza, Viret wurden nie von einer anderen Hand als der von Pries-
tern getauft. Und Ihrer Sprache nach scheinen Sie mir nicht nur aus

36
ihnen hervorgegangen, sondern auch Priester oder Mönch gewesen zu
sein, so sehr betonen Sie in Ihrem Traktat, daß Sie das Brevier kennen.
Wenn Sie das sind, wurden Sie also von jenen getauft, die Sie Götzen-
diener nennen; wie können Sie sich daher für richtig getauft halten?
Die Heilige Schrift sagt ja darüber nichts ausdrücklich, weder vom
Empfang der Taufe durch die kleinen Kinder im allgemeinen und viel
weniger der Mädchen, noch von der Spendung der Taufe durch die
Häretiker.
Die Beobachtung des Sonntags anstelle des Sabbats, der Brauch der
Paten bei der Taufe, die Namensgebung, dieses Sakrament und das der
Ehe feierlich in der Kirche zu spenden: wo finden Sie, daß das geschrie-
ben steht? Und eure Art, das Abendmahl nur zu bestimmten Zeiten des
Jahres und am Morgen zu feiern, es eher den Frauen als den kleinen
Kindern zu reichen, das sind Vorgangsweisen, die in der Heiligen Schrift
überhaupt nicht angeordnet sind. Im Gegenteil, bei den Jüngern beging
man jeden Tag das Abendmahl (Apg 2,42.46); es wurde am Abend ein-
gesetzt und nur unter Männern. Sie schreiben also zu Unrecht, daß ihr
alle Zeremonien ablehnt, die über das Wort Gottes hinaus und ohne
dieses eingeführt wurden, wenn Sie nicht zugeben, daß es ein Wort Got-
tes außerhalb der Heiligen Schrift gibt.
Item, ihr eßt erstickte Tiere und Blut; in welcher Heiligen Schrift
finden Sie, daß das erlaubt ist? Der Heilige Geist und die Apostel haben
es ausdrücklich untersagt (Apg 15,28f), und Sie finden nicht, daß dieses
Verbot in der Heiligen Schrift widerrufen worden wäre. Die allgemeine
Erlaubtheit von Speisen erstreckt sich ja nicht auf dieses besondere Ver-
bot, um Blut und Ersticktes zuzulassen, so wenig wie menschliches
Fleisch und vieles andere. Ferner findet sich in keinem Teil der Heili-
gen Schrift der Kanon der heiligen Bücher, wie ihn die Lutheraner auf-
stellen oder ihr (darin sind sich nämlich der heilige Geist der Luthera-
ner und der eure nicht einig). Und das alles halten Sie für null und
nichtig? Wahrhaftig, Ihre feine Behauptung macht Sie zu einem fal-
schen Christen, denn bei den echten Christen wird für nichtig gehalten,
was nicht geschrieben steht, und Sie beobachten so viele Dinge, die
nicht geschrieben stehen. Oder sie macht Sie zum Lügner, da sie ganz
falsch ist, wie Sie zugeben müssen.
Bei Gott, überlegen Sie doch ein wenig folgendes: Die Heilige Schrift
des Alten Bundes bezeugt in keiner Weise die Kraft des Wassers im
Teich (Betesda), und so sehr man jene, die zu ihm Zuflucht nahmen,
hätte tadeln und als abergläubisch verurteilen können, weil sie diesem

37
Wasser eine Kraft zuschrieben, ohne irgendein Zeugnis der Heiligen
Schrift, hat im Gegenteil Unser Herr ihren Glauben durch ein großarti-
ges Wunder geehrt und der hl. Johannes (5,2f) durch ein ganz sicheres
Zeugnis. Item, die ihre Kranken in den Schatten des hl. Petrus legten und
die Schweißtücher des hl. Paulus auf ihre Kranken (Apg 5,15; 19, 12), um
irgendeine wunderbare Heilung zu erlangen; und die Frau, die in der
gleichen Absicht den Saum des Gewandes Unseres Herrn berührte (Mt
19,20-22; Lk 8,34ff): wo in der Heiligen Schrift hatten sie dieses Rezept
gefunden? Und trotzdem wurde ihr Glaube gelobt und ihr Wunsch er-
füllt. Wenn aber diese Gläubigen ohne irgendwelche Autorität der Heili-
gen Schrift zu Recht die Kraft des Teiches, des Schattens, der Schweißtü-
cher und des heiligen Gewandes hochschätzten, warum sollten oder müß-
ten die Christen nicht viel mehr von der Kraft des Kreuzes erhoffen, auch
wenn sie die Heilige Schrift in keiner Weise erwähnt?
Ich finde Ihre Behauptung äußerst kühn und zu allgemein. Sie sagen:
„Was nicht geschrieben steht, wird für nichtig gehalten.“ Die vor Ihnen
gegen die heiligen Überlieferungen disputiert haben, gingen nicht so
scharf ins Zeug. Chandieu, einer der gerissensten Schriftsteller für eure
Neuerung, gibt zu, daß die nicht zum Heil notwendigen Dinge ohne
Heilige Schrift gut und annehmbar sein können, nicht aber die zum
Heil notwendigen. Das ist seine ständige Unterscheidung in seinem Trak-
tat „Gegen die menschlichen Überlieferungen“; Sie aber sprechen ab-
solut, ohne Maß und Ziel.
Ich weiß, was Sie auf das Beispiel der Schweißtücher des hl. Paulus
erwidern: „Gott wollte durch solche Wunder das Apostelamt des hl.
Paulus ehren ...“ (B.T. 11). Ich bitte Sie, warum sollte er nicht auch
durch ähnliche Wunder die Hoheit des Meisters des hl. Paulus ehren
wollen, damit jene, die ihn nicht von Angesicht gesehen haben, über-
zeugt werden, daß der, den Gott durch solche Wunder beglaubigt hat,
der wahre Messias ist? Sie wenden (B.T. 11f) ein: „Man muß aber dem,
was wir gesagt haben, hinzufügen, daß solche Wunder“ der Schweißtü-
cher des hl. Paulus „durch das Wort Gottes bezeugt werden, was man
vom Holz des Kreuzes nicht sagen kann.“ Dazu sage ich, daß die Kraft
der anderen Reliquien hinreichend für diese zeugt und daß viele Dinge
in der Heiligen Schrift nicht bezeugt sind, die trotzdem sehr sicher sind.
Das habe ich bisher bewiesen.
Sehen wir nun, welchen Anstrich der Rechtschaffenheit Sie diesen
Torheiten geben. Sie zitieren (B.T. 8) „den Brief an die Hebräer (7,3),
wo es heißt, daß Melchisedek ohne Vater und Mutter war, aus dem ein-

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zigen Grund“, behaupten Sie, „weil die Heilige Schrift in keiner Weise
von seinem Vater und von seiner Mutter spricht, obwohl es ganz sicher
ist, daß er Vater und Mutter hatte wie alle anderen Menschen.“ Das sind
Ihre eigenen Worte, auf die ich viel zu erwidern hätte. 1. Ich staune über
die Verwegenheit, die die Kraft des heiligen Kreuzes in Zweifel ziehen
will, weil die Heilige Schrift kein Wort davon sagt, und trotzdem be-
hauptet, daß Melchisedek Vater und Mutter hatte, obwohl die Heilige
Schrift nicht nur nichts von ihnen sagt, sondern im Gegenteil sagt, daß
er weder Vater noch Mutter hatte. 2. Ich behaupte, der hl. Paulus sagt
nicht, daß Melchisedek nie Vater und Mutter hatte, sondern nur, daß er
ohne Vater und Mutter war. Das kann man von der Zeit verstehen, als er
die Dinge tat, die im Hebräerbrief erwähnt sind, durch die er Unseren
Herrn versinnbildete. 3. Der Apostel stellt ihn dar, wie ihn die Genesis
(14,18ff) beschrieben hat, denn auf diese Weise stellte er Unseren Herrn
dar. Die Genesis beschreibt seine Abstammung nicht, um ihn desto
besser Unserem Herrn gleichzustellen. Der Apostel will zeigen, daß das
Alte Testament die Abstammung Melchisedeks nicht ohne Geheimnis
ausgelassen hat, und sagt, daß er ohne Vater und Mutter war. Er wendet
also das Geheimnis der Auslassung der Abstammung Melchisedeks an,
ohne jedoch Vater und Mutter Melchisedeks für nichts zu halten, son-
dern nur, daß sie in der Heiligen Schrift nicht genannt und geheimnis-
voll verschwiegen wurden. In der Tat erklärt er, was damit gesagt wer-
den will, wenn es heißt, daß er ohne Vater und Mutter war, wenn er
hinzufügt: ohne Stammbaum, als wollte er sagen: Wenn ich gesagt habe,
daß er ohne Vater und Mutter war, dann in dem Sinn, daß man in ihm
keinen Stammbaum aufgestellt hat, wie der hl. Athanasius sehr treffend
zu dieser Stelle bemerkt.
4. Ich habe Mitleid mit Ihrer Blindheit. Sie wollen, daß der hl. Paulus
für nichtig halte, was über Melchisedek nicht geschrieben steht, und
sehen nicht, daß der hl. Paulus im gleichen Brief (Hebr 5,11) eine Lehre
für sehr wichtig hält, die er über das Priestertum nach der Ordnung
Melchisedeks zu verkünden hatte. Sie werden aber nicht zeigen können,
daß diese irgendwo geschrieben steht, außer im Herzen der Kirche.
Gewiß, wie der hl. Paulus (Hebr 9,4) wissen konnte, daß sich in der
Bundeslade das Manna und der Stab Aarons befanden, da es im 1. Buch
der Könige (8,9) und im 2. Buch der Chronik (5,10) heißt, daß in der
Bundeslade nichts anderes war als die Gesetzestafeln, das kann der hl.
Athanasius nur erklären, indem er sagt, daß er es durch Gamaliel und
die Überlieferung erfahren hat. Wenn Sie darüber etwas anderes wissen,

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dann bringen Sie es vor; wenn nicht, dann geben Sie zu, daß der hl.
Paulus nicht für nichtig hält, was nicht geschrieben steht.
Dasselbe werde ich von dem behaupten, was der hl. Paulus (Hebr 9,
19.21) sagt: daß Mose das Blut der Rinder und Böcke samt Wasser, roter
Wolle und Ysop nahm, damit das Buch und das gesamte Volk besprengte
.... das Zelt und alle gottesdienstlichen Geräte; denn der Großteil dieser
Einzelheiten steht nicht geschrieben, so wenig wie Vater und Mutter
Melchisedeks. Selbst wenn der hl. Paulus absolut gesagt hätte, Melchi-
sedek habe nie Vater und Mutter gehabt, dann wäre der Grund dafür
nicht gewesen, weil die Heilige Schrift davon kein Wort sagt, denn das
konnte andere Gründe haben. Einer wäre, daß sein Vater und seine
Mutter unbekannt waren, „weil seine Abstammung im Dunkel lag“, sagt
der hl. Athanasius (so sagen wir von Findelkindern); oder sie waren
Heiden und gehörten zu jenen, deren Andenken wie der Schall vergeht
(Ps 9,7), und wurden für nichts gehalten, nicht, weil sie nicht in die
Heilige Schrift aufgenommen wurden, sondern weil sie nicht im Buch
des Lebens standen. So glauben der hl. Irenäus, Hippolyt und mehrere
andere, die der hl. Hieronymus im Brief an Evagrius zitiert, daß er zum
Volk der Kanaaniter gehörte, folglich Heide war, wenn auch heilig und
gläubig, ebensogut wie der Patriarch Ijob.

4. Kapitel

Dritter Beweis für die Kraft und Ehre des Kreuzes


durch eine Stelle der Heiligen Schrift außer jenen,
die der Traktant anführt.

Nun bleibt als Drittes zu prüfen, ob der Traktant getreu alles wiederge-
geben hat, was die Heilige Schrift vom Kreuz erwähnt, um so entschieden
zu behaupten, wie er es in seiner ersten Behauptung tut, daß wir in ihr
darüber hinaus nichts lesen. Er ist wahrhaftig sehr unwissend oder ein
unverschämter Lügner; denn außer einer Unzahl von Stellen, die über die
Heilige Schrift verstreut das heilige Kreuz Unseres Herrn betreffen, die
zum Teil später angeführt werden, je nachdem wir über unserem Gegen-
stand auf sie stoßen, gibt es eine so bedeutende, daß sie sogar allein genü-
gen könnte, um den katholischen Glauben zu begründen: daß das heilige
Kreuz das Kreuz Jesu genannt wird (Mt 27,32; Mk 15,21; Joh 19, 17.25).
Was könnte man denn Ehrenvolleres von diesem Kreuz sagen?
Hier nenne ich den Traktanten, damit er sich beschämt sieht, wenn er

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nicht unverfroren ist, daß er so würdelos von diesem heiligen Kreuz
gesprochen hat, da er es an Heiligkeit den grausamen Händen der Hen-
ker gleichstellen will, die Unseren Herrn gegeißelt und gekreuzigt ha-
ben, und dem verruchten, treulosen Mund des Judas, der ihn küßte.
Seine Begründung (B.T. 13): Wenn das Kreuz irgendeine Kraft hat, dann
deswegen, weil es den Leib Unseres Herrn berührt hat. Nun berührten
ihn auch ihre Hände und Lippen ebenso wie das Kreuz; sie hätten also
eine gleiche Kraft von ihm empfangen. „Da das absurd ist, muß man das
noch mehr vom leblosen Holz sagen, daß es durch bloße Berührung
empfänglich für die Heiligkeit geworden sei; denn wenn diese Kraft
dem Holz verliehen wurde, weil Christus an ihm gelitten hat, muß die
gleiche Kraft in denen gewesen sein, durch die er gelitten hat“ (B.T. 13
f). Das sind seine Worte. Ich halte ihm aber entgegen, daß das Kreuz das
Kreuz Jesu ist, daß aber die Hände und Lippen der Feinde nicht die
Hände und Lippen Jesu, sondern des Malchus, des Judas und ähnlicher
Bösewichte sind. Ruchlos und böse, wie sie waren, teilten sie die Schlech-
tigkeit allen Gliedern mit; daher leistete ihre böse Seele der kostbaren
Berührung Unseres Herrn Widerstand, von der sie sonst hätten gehei-
ligt werden können, während es im Kreuz kein Hindernis für die Heili-
gung gab. Unser Traktant ist zu bemitleiden, wenn er sich darauf beruft,
daß das Kreuz leblos ist, die Kreuziger lebendig, um zu beweisen, das
Kreuz sei für die Heiligung weniger empfänglich als die Kreuziger. Da
es sich hier um eine übernatürliche und gnadenhafte Kraft handelt, trägt
das Lebendigsein nichts dazu bei, sondern schadet sehr oft durch den
Widerstand, den die Seele der Gnade leistet. So wurde der Teufel nicht
geheiligt, obwohl er Unseren Herrn auf die Zinne des Tempels trug (Mt
4,5) und ihn gewissermaßen bei der Ausführung seines Tuns berührte.
Nun gebührt gewiß allem, was Gott oder seinem Sohn Jesus Christus
in besonderer Weise angehört, eine besondere Heiligung und Kraft. Alle
Gefäße, alle Gebäude, alle Menschen gehören Gott als dem höchsten
Herrn. Trotzdem sind jene, die ihm in besonderer Weise geweiht sind,
Gefäße Gottes, Häuser Gottes, Männer Gottes, Tage Gottes, und sind
durch besondere Vorzüge geheiligt. Nicht daß sie Gott zu seinem Ge-
brauch dienten, denn das alles nützt ihm nichts, sondern vielmehr uns,
um ihn mehr zu ehren. Doch die Dinge, die der Sohn Gottes zum Dienst
seiner Menschheit und zum Werk unserer Erlösung gebrauchte, haben
den Vorzug, daß sie ihm geweiht waren, nicht nur zu seiner Ehre, son-
dern auch zu seinem Gebrauch, entsprechend der Gebrechlichkeit, in
die er sich begeben hat, um uns aus der unseren zu befreien: und diese

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besaßen außer der Heiligkeit große Kraft und Würde. Das Beispiel des
heiligen Gewandes Unseres Herrn paßt in jeder Hinsicht zu unserem
Gegenstand. Besaß es nicht eine große Kraft, da durch die Berührung
seines Saumes jene schwere und so unheilbare Krankheit des Blutflus-
ses geheilt wurde (Lk 8,43 f)? Es hatte auch die Eigenschaften, die ich
genannt habe: es hat Unseren Herrn berührt ohne irgendeinen Wider-
stand gegen seine Gnade; und es hat ihn nicht nur berührt, sondern war
das seine, zu seinem Dienst bestimmt. Wenn ich den Saum seines Ge-
wandes berühre, werde ich geheilt sein (Mt 9,21), sagte die arme Frau.
Sie sagte nicht, den Saum des Gewandes, den ich berühre, sondern den
Saum seines Gewandes. So sage ich, daß das Kreuz geheiligt ist, nicht
nur durch die Berührung Unseres Herrn, der wie ein kostbarer Balsam
alles durchtränkte, was er berührte, wenn es in dem Gegenstand keinen
Widerstand gab; es wurde aber noch viel mehr geheiligt, weil es Unse-
rem Herrn gehörte als Werkzeug für unsere Erlösung, zu seinem Ge-
brauch bestimmt, weshalb es Kreuz Jesu genannt wird.
Der Traktant, der lachen will, macht sich gewiß lächerlich, wenn er
das Windlicht dem Kreuz vergleichbar machen will. Wenn er nicht ganz
von Sinnen ist, muß er doch überlegt haben, daß das Windlicht nicht
Unserem Herrn gehörte noch ihn berührt hat. Man hat es auch nicht als
Reliquie betrachtet, sondern nur als ein altertümliches Erinnerungs-
stück. Was den Strick betrifft, den Schwamm, die Geißel und die Lanze,
nennen unsere Väter, so der hl. Athanasius, sie heilig und geheiligt. Wir
verehren sie als Reliquien und kostbare Werkzeuge unseres Heiles, aber
nicht in gleichem Grad wie das Kreuz, denn diese Dinge gehörten nicht
Unserem Herrn und hatten nur eine einfache Berührung mit ihm; daher
nennt sie die Heilige Schrift nicht Geißel und Schwamm Unseres Herrn,
wie sie es beim Kreuz tut.
Es ist jedoch ein Schelmenstück, die Geißel, die Leiter, den Strick,
den Schwamm und das Windlicht ‚heilige‘ ohne Artikel zu nennen. „Hei-
liger Strick“, sagt der Traktant (B.T. 53), „heiliger Schwamm, heilige
Geißel, heiliges Windlicht.“ Unsere Sprache erlaubt das nicht, außer
bei persönlichen und Eigennamen wie Petrus, Paulus, Johannes; bei
allgemeinen und Sammelnamen wie Lanze, Geißel, Schwamm gebraucht
man aber ‚heilig‘ nur mit dem Artikel, um sie genau zu bezeichnen: die
heilige Geißel, der heilige Strick, die heilige Lanze. Der Traktant macht
nun diesen Streich, um, ohne es zu sagen, seinen einfachen Leser, der
schon durch Schliche eingenommen ist, glauben zu machen, wir hielten
das Windlicht und die Geißel der Passion für heilige Personen, denn

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das ist das gewohnte Gespött der Reformer, und will auf diese Weise die
Vorstellung des armen Volkes überlisten. Oder vielleicht wollte er (wenn
er zufällig nicht Prädikant wäre) die Laterne, die Geißel, die Leiter, das
Windlicht und „jene, durch die Unser Herr gelitten hat“, wie er (B.T.
14) sagt, heiligsprechen, um auch den (reformierten) Religionsdiener
heilig und kanonisiert zu machen. Unter den von den Evangelisten ge-
nannten Personen, die Unseren Herrn folterten, waren ja viele Diener,4
d. h. Schergen, Büttel, Folterer und Henker. Wenn er also die Heiligkeit
der Geißel von der Heiligkeit des Kreuzes herleitet, möchte er gleich-
zeitig in die Liste seiner Heiligen auch den heiligen Religionsdiener
aufnehmen; das wäre ein ganz neuer und unbekannter Heiliger.
Doch kommen wir noch mit einem Wort darauf zurück, was wir ange-
führt haben, um das Kreuz dem Gewand Unseres Herrn gleichzustel-
len. Traktant, Sie haben gesagt, was nicht geschrieben steht, ist bei den
echten Christen null und nichtig. Die fromme Kranke (Lk 8,43 f) hatte
nicht gelesen, daß sie bei der Berührung des Gewandes Unseres Herrn
geheilt werde; trotzdem glaubte sie daran, und ihr Glaube wurde gutge-
heißen. Sie glaubte an etwas, was nicht geschrieben steht, und hielt es
nicht für nichtig: warum verurteilen Sie in mir einen gleichen Glauben
an eine gleiche Sache? Was sagen Sie nun? Sie lesen über das Kreuz nur,
daß Unser Herr es getragen und an ihm den Geist aufgegeben hat? Hat
die arme Kranke in dem Gewand nichts gesehen, als daß Unser Herr es
trug? Sie sah auf ihm nicht das Blut des Erlösers vergossen, wie man es
am Kreuz gesehen hat, und die Folgerung, die sie daraus zog, daß sie
dadurch geheilt werden konnte, war so gut, daß sie ihr die Gesundheit
brachte. Warum hindern Sie mich daran, dasselbe vom heiligen Kreuz
zu sagen und die gleiche Folgerung zu ziehen?
Der Traktant glaubt uns an dieser Überlieferung zu hindern, wenn er
sagt, es sei „ein sehr verhängnisvoller Irrtum, dem Holz des Kreuzes
zuzuschreiben, was dem Gekreuzigten allein eigen ist ...“ (B.T. 18), und
„in übernatürlichen Dingen wirkt Gott durch Wunderkraft, die nicht an
Zeichen und Sinnbild gebunden ist“ (B.T. 15). Und weitere ähnliche
Worte sind in seinem ganzen Traktat verstreut, durch die er uns fälsch-
licherweise einreden will, wir schrieben dem Kreuz in sich selbst eine
unabhängige Kraft zu. Das sagt aber ein Katholik nie. Wir sagen nur,
daß das Kreuz wie viele andere Dinge eine dienende Kraft hat, die nichts
anderes ist als Gott selbst, der durch das Kreuz Wunder wirkt, wenn es
ihm gutdünkt, wann und wo, wie er selbst von seinem Gewand erklärt
hat, als er die arme Frau heilte. Er sagte nämlich nicht: Ich spürte eine

43
Kraft von meinem Gewand ausgehen, sondern: Ich fühlte eine Kraft von
mir ausgehen. Ebenso hat er nicht gesagt: Wer hat mein Gewand be-
rührt? Er sagte vielmehr: Wer hat mich berührt? (Lk 8,45f). Er bestätigt
also: sein Gewand frommen Sinnes berühren heißt ihn selbst berühren;
ebenso läßt er von sich die erforderliche Kraft ausgehen auf jene, die
sein Gewand berühren. Warum sollte ich nicht ebenso sagen, daß Unser
Herr die Kraft ist, die nicht dem Kreuz anhaftet, wohl aber sich seiner
bedient? Sie ist größer oder geringer, nicht in sich selbst, denn da sie
Kraft Gottes und Gott selbst ist, ist sie unveränderlich, stets ein- und
dieselbe; sie ist aber nicht immer gleich im Wirken und in den Wirkun-
gen. An manchen Orten und zu bestimmten Zeiten wirkt sie ja größere
und häufigere Wunder als an anderen. Der Traktant soll also aufhören
zu sagen, wir schrieben dem Kreuz die Kraft zu, die Gott zu eigen ist.
Die Gott eigene Kraft ist ja wesentlich, die Kraft des Kreuzes ist ihm
verliehen. Gott wirkt in seiner eigenen Kraft, das Kreuz wirkt nur in der
Kraft Gottes. Gott ist der erste Urheber und Beweger, das Kreuz ist nur
sein Werkzeug und Gerät. Und alles, was vom Gewand Unseres Herrn
gesagt ist, gilt von seinem Kreuz mit gleicher Gewißheit, denn die glei-
che Kraft, die uns lehrt, was man von seinem Gewand liest, predigt uns,
was vom Kreuz gesagt ist.

5. Kapitel

Vierter Beweis: durch weitere Stellen der Heiligen Schrift.

Was ich bisher ausgeführt habe, zeigt hinreichend, wie ehrenvoll das
Holz ist, das Unser Herr wie ein zweiter Isaak auf den festgesetzten
Berg getragen hat, um auf ihm als göttliches Lamm geopfert zu werden,
das die Sünden der Welt abwäscht. Doch hier sind sichere Beweise im
einzelnen.
Das Grab des Erlösers besaß nicht mehr als das Kreuz; es nahm den
toten Leib auf, den das Kreuz lebend und sterbend trug, aber es war
nicht die Erhöhung Unseres Herrn, noch das Werkzeug unserer Erlö-
sung, und doch erklärt der Prophet Jesaja (11,10), daß dieses Grab glor-
reich sein wird: Et erit sepulchrum ejus gloriosum. Das ist ein sehr aus-
drücklicher Text, und der hl. Hieronymus bezieht im Brief an Marcellus
dieses Wort des Jesaja auf die Ehre, die die Christen diesem Grab erwei-
sen, indem sie von allen Seiten zu ihm pilgern.
Außerdem: Gott ist allgegenwärtig, wo er aber mit einer besonderen

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Wirksamkeit erscheint, hinterläßt er stets eine gewisse Heiligkeit, Ver-
ehrung und Würde. Seht ihr nicht, wie ehrwürdig er den Berg machte,
auf dem er Mose in einem brennenden Dornbusch erschien? Zieh deine
Schuhe aus, sagte er, der Boden, auf dem du stehst, ist heilig (Ex 3,5).
Wie hielt Jakob den Ort für ehrwürdig, als er Gott und die Engel in Bet-
El gesehen hatte (Gen 28,16). Der Engel, der Josua auf den Feldern von
Jericho erschien (Jos 5,16), befahl ihm, den Ort als heilig zu betrachten
und ihn aus Ehrfurcht mit bloßen Füßen zu betreten. Der Berg Sinai (Ex
19,20ff), der Tempel Salomos (1 Kön 8), die Bundeslade und hundert
andere Orte, wo die Majestät Gottes sich zeigte, waren im Alten Bund
stets ehrwürdig: Was müssen wir daher vom heiligen Holz denken, auf
dem Gott erschienen ist, ganz entflammt von Liebe, als Brandopfer für
unsere menschliche Natur? Die Gegenwart eines Engels heiligt ein Feld,
warum sollte die Gegenwart Jesu Christi, des einzigen Engels des gro-
ßen Ratschlusses, das heilige Holz des Kreuzes nicht geheiligt haben?
Doch die Bundeslade gibt ein überaus vortreffliches Zeugnis für das
Kreuz. Denn wenn das eine Holz verehrungswürdig ist, weil es der Sche-
mel oder Fußtritt Gottes ist, wie muß es erst jenes sein, das das Bett, der
Sitz und der Thron des gleichen Gottes ist? Daß die Bundeslade vereh-
rungswürdig war, das zeigt die Heilige Schrift: Den Schemel seiner Füße
betet an, denn er ist heilig (Ps 99,5; 132,7). Diesem Schlag kann man
nicht ausweichen, denn er trifft den Traktanten geradewegs ins Auge,
um es ihm auszuschlagen, wenn er nicht sieht, daß das kostbare Holz
des Kreuzes, gefärbt vom Blut Gottes, sein Thron, einige Zeit durch
Nägel mit ihm verbunden, viel verehrungswürdiger ist als das frühere
Holz, das verehrungswürdig war, obwohl nur mit Gold überzogen, nur
Fußschemel, nur in Gegenwart Gottes. Daß der Fußschemel Gottes
nichts anderes ist als die Bundeslade, das bestätigt die Heilige Schrift (1
Chr 28,2) offenkundig; und daß man sie anbeten, d. h. verehren muß,
ergibt sich aus dem Wort Davids, wo das Wort ‚Anbetung‘ im engeren
Sinn ausdrücklich auf den Fußschemel Gottes angewendet wird, wie
alle wissen, die die hebräische Sprache kennen. In der Tat hatte Gott
diese Bundeslade so ehrwürdig gemacht, daß man ihr nur von weitem
nahekommen durfte (Jos 3,4; 1 Sam 6,19) und Usa, der sie unwürdig
berührte, sogleich mit dem Tod bestraft wurde (2 Sam 6,6f). Kurz, nur
den Priestern und Leviten war es erlaubt, dieses Holz zu berühren und
damit umzugehen (Num 3,31; 4,19), so hoch hielt man es in Ehren.
Elischa verwahrte den Mantel des Elija sorgsam und betrachtete ihn
als ehrwürdiges Werkzeug des Wunders (2 Kön 2,13f); warum sollten

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wir das Holz nicht verehren, an dem Unser Herr am Tag seiner und
unserer Erlösung erblaßte? Was werdet ihr von Jakob sagen, der die
Spitze des Stabes Josefs verehrte (Hebr 11,21)? Hätte er nicht den Stab
und das Szepter des wahren Jesus verehrt? Ester (5,2) küßte die Spitze
des goldenen Stabes ihres Gemahls; wer will die fromme Seele daran
hindern, aus Ehrfurcht den Stab ihres Bräutigams zu küssen? Ich kenne
die verschiedenen Lesarten der Passage des hl. Paulus, ich weiß aber
auch, daß die der Vulgata die sicherste und natürlichste ist, selbst wenn
man sie mit dem vergleicht und dem gegenüberstellt, was von Ester
gesagt wird; ihr folgt auch der hl. Hieronymus.
Wer weiß nicht, daß das Kreuz das Szepter Jesu Christi ist? Von ihm
heißt es bei Jesaja (9,6): Die Herrschaft ruht auf seinen Schultern. Wie
der Schlüssel Davids Eljakim, dem Sohn Hilkijas, auf die Schulter ge-
legt wurde (Jes 22,22), um ihn in seine Herrschaft einzusetzen, ebenso
nahm Unser Herr sein Kreuz auf seine Schultern, als er den Fürsten der
Welt hinausstieß, Besitz von seiner Herrschaft und seiner Königswürde
nahm und alles an sich zog (Joh 12,32). So legt es der hl. Cyprian im 2.
Buch gegen die Juden aus, ebenso der hl. Hieronymus in seinem Kom-
mentar und Julius Firmicius Maternus, der um die Zeit Konstantin des
Großen lebte, im Buch ‚Über den Irrtum der weltlichen Religionen‘
(Kap. 22), und mehrere andere Väter. Calvin dagegen spottet, ohne Be-
leg und Begründung, über diese Auslegung der Stelle und nennt sie leicht-
fertig. Und das ist eine Stelle der Heiligen Schrift das Kreuz betreffend,
außer denen, die der Traktant anführt, wenn er kühn zu behaupten wagt,
daß man darüber hinaus nichts davon lese.
Das Holz des Kreuzes hat Eigenschaften, die es sehr ehrwürdig ma-
chen. Es ist der Sitz des Königtums Unseres Herrn, wie der Psalmist (Ps
96, 10) sagt: Sagt den Völkern, daß der Herr regiert vom Holz her, wie die
Siebzig lesen, der hl. Augustinus, der hl. Justin der Märtyrer und der hl.
Cyprian. Er weist darauf hin, daß die hebräisch, griechisch und latei-
nisch über dem Kreuz angebrachte Inschrift erkläre, daß sich nun das
von David vorhergesagte Geheimnis erfüllte. Daher haben die Juden
aus Haß gegen die Christen das Wort vom Holz her gestrichen, wie Ju-
stin sagt. Das Kreuz war der Opferaltar unseres Erlösers, wie es der hl.
Paulus im Brief an die Hebräer (9,11ff) beschreibt. Darüber heißt es im
Kolosserbrief (1,20): Unser Herr hat alles befriedet durch das Blut sei-
nes Kreuzes. Es ist seine Erhöhung (Phil 2,8f); es ist seine Schatzkam-
mer, in der er als reiche Beute den gegen uns lautenden Schuldschein
angeheftet hat (Kol 2,14f).

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Doch wenn es keine andere Stelle gäbe als die, daß das Kreuz das echte
Kennzeichen, die wahre Auszeichnung und das echte Wappen unseres
Königs ist, wäre das nicht genug, um es ehrwürdig zu machen? Muscheln,
Vließ und Hosenband sind angesehen, wenn es den Fürsten gefällt, sie als
Ehrenzeichen und Auszeichnung zu wählen. Wieviel ehrwürdiger muß
das Kreuz des Königs der Könige sein, das er als sein Ehrenzeichen ge-
wählt hat? Der Beweis dafür ist der Heiligen Schrift entnommen; der
Traktant ließ ihn aus Unkenntnis aus. Ist es nicht sehr bemerkenswert,
daß Unser Herr einen seiner Namen vom Kreuz annehmen wollte? Er
wollte, daß er ihm immerwährend bleibt, selbst nach seiner Auferste-
hung. Wie das Kreuz das Kreuz Jesu genannt wird, so wird auch Jesus
Jesus der Gekreuzigte genannt. Sucht ihr Jesus von Nazaret den Gekreuzig-
ten? (Mt 16,6). Wir verkünden Jesus den Gekreuzigten (1 Kor 1,23). Ich
hielt es für gut, nichts zu kennen als Jesus, und zwar als den Gekreuzigten (1
Kor 2,2). Der hl. Cyrillus von Jerusalem hat auf diesen Ausspruch aus-
drücklich hingewiesen in seiner Katechese XIII.
Davon haben Sie überhaupt kein Wort gesagt, Sie kleiner Traktant. Sind
Sie blind oder tun Sie das bewußt? Es ist ein großer Unterschied, ob man
bezeugt, daß Jesus Christus gekreuzigt wurde, oder sagt, daß er der Ge-
kreuzigte heißt. Oder finden Sie, daß ein anderer als der Herr diesen
Namen angenommen hat? Wie er Galiläer heißt nach seiner Heimat,
Nazarener nach seiner Vaterstadt, so heißt er der Gekreuzigte nach sei-
nem Kreuz. Welche Torheit, dieses Werkzeug seiner Passion den anderen
gleichzusetzen; denn wo fände man, daß der Erlöser der Gegeißelte, der
Gebundene und Gefesselte genannt wird? Und Sie sehen, daß er der Ge-
kreuzigte oder Cruzifixus als Namen annahm. Da kann Sie auch die von
Ihnen schlecht angewandte Unterscheidung des Kreuzestodes und des
Kreuzes als Werkzeug der Marter nicht retten; die Kreuzigung geschieht
ja nicht durch das Anheften an die Folter, sondern an das Kreuz oder den
Galgen. Wenn daher Unser Herr das Kreuz so geehrt hat, daß er einen
Beinamen von ihm annehmen wollte, wer wird es dann verachten?
Der Traktant wäre wahrhaftig in hoffnungsloser Lage, wenn er weiter-
hin das Argument gebrauchen wollte, das bei den Reformatoren so laut
verkündet ist, man müsse das Kreuz ablehnen als den Galgen unseres
guten Vaters und der Sohn müsse vor ihm Abscheu haben als vor dem
Todeswerkzeug seines Vaters. Falls er je diese Dummheit (B.T. 7) an-
führte, würde man ihn 1. mit seinem eigenen Ausspruch widerlegen, da
er den Tod, die Leiden und Schmerzen Unseres Herrn unendlich lobt,
und das mit Recht. Wenn aber die Leiden und Schmerzen selbst liebens-

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wert und zu preisen sind, warum sollte man dann deren Werkzeuge
zurückweisen, wenn es in ihnen kein anderes Übel gibt, als daß sie de-
ren Werkzeuge waren? Der Sohn kann nicht Abscheu haben vor dem
Galgen seines Vaters, wenn er dessen Tod und Leiden in Ehren hält;
warum sollte er die Werkzeuge dessen zurückweisen, was er ehrt? – 2.
Man würde ihm sagen, daß das Kreuz nicht nur das Werkzeug der Hen-
ker war, um Unseren Herrn zu kreuzigen, sondern auch das Unseres
Herrn, um sein großes Opfer zu vollziehen: es war sein Szepter, sein
Thron, sein Schwert. – 3. Man würde ihm entgegnen, daß man das Kreuz
betrachten kann entweder als Mittel für das Tun der Kreuziger oder als
Mittel des Leidens des Gekreuzigten: Als Werkzeug ihres Tuns ist es
keineswegs ehrwürdig, denn dieses Tun war eine große Sünde; als Werk-
zeug des Leidens ist es äußerst ehrwürdig, denn dieses Leiden war eine
sehr bewundernswerte und vollkommene Tugend. Da nun Unser Herr
dieses Werkzeug an sich nahm und dessen letzter Besitzer war, wurde
alle Schmach von ihm genommen; er wusch es in seinem eigenen Blut,
daher nannte er es sein Kreuz und sich selbst den Gekreuzigten. So war
das Schwert Goliats für die Israeliten schrecklich, solange es an der
Seite dieses Hünen hing, nachher wurde es liebens- und lobwürdig in
den Händen des Königs David (1 Sam 17,24.51; 21,9). So blühte der
Stab Aarons nicht, ehe er für den Stamm Levi bestimmt und ihm der
priesterliche Name Aarons eingeschrieben wurde (Num 17,8). Und das
Kreuz, das vorher ein dürrer, unfruchtbarer Stamm war, blühte, sobald
es für den Sohn Gottes bestimmt und sein Name mit ihm verknüpft
wurde, und es wird immer blühen vor den Augen aller Aufrührer. Die-
ser Palast ist ehrwürdig, weil der König in ihm gewohnt hat und ihn sich
vorbehalten hat durch die Inschrift mit seinem heiligen und verehrungs-
würdigen Namen.
Ich bitte Sie schließlich, sich der Ehre zu erinnern, die der hl. Johan-
nes selbst den Schuhen Unseres Herrn erwies; er schätzte sie so sehr,
daß er sich für unwürdig hielt, sie zu berühren (Lk 3,16; Joh 1,27); was
hätte er wohl getan, wenn er dem Kreuz begegnet wäre? Die vollkom-
mene Ehrung erstreckt sich bis auf die geringsten Dinge, die dem gehö-
ren, den man liebt.

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6. Kapitel

Fünfter Beweis: das vergrabene und erhalten gebliebene Kreuz.

Im Vorausgehenden habe ich gezeigt, wieviel Kraft das Kreuz hat und
wie sehr wir verpflichtet sind, es zu ehren, durch Folgerungen, die ich
unmittelbar aus der Heiligen Schrift abgeleitet habe. Wie ihr gesehen
habt, hatte ich dabei keine große Mühe, auf alle Argumente meines
Gegners zu antworten. Nachdem er alle seine verneinenden Behauptun-
gen gemacht und erklärt hat, er wolle nichts glauben, was nicht geschrie-
ben steht, führt er doch nur eine Stelle der Heiligen Schrift an, die in
sehr ungebührlicher Weise verwendet wird. Nun treten wir in eine zwei-
te Art ein, die Kraft und die Ehre des Kreuzes zu beweisen, nämlich
durch das Zeugnis derjenigen, durch deren Vermittlung die Heilige
Schrift und das ganze Christentum bis auf uns gekommen ist, d. h. die
alten Väter und die ersten Christen. Mit ihnen scheint der Traktant sehr
vertraut zu sein, so viel schwätzt er nach Belieben über das, was sie
gesagt haben.
Hier ist nun ein Beweis, der in der Tat von unseren Vorfahren abgelei-
tet ist. Er setzt voraus, daß ihnen das echte Kreuz Unseres Herrn (von
ihm sprechen wir ja) bekannt war. Auch das sucht der Traktant so fest zu
leugnen, wie es ihm möglich ist; er sagt (B.T. 9): „Es scheint, daß Gott
dem Götzendienst vorbeugen wollte, den Satan trotzdem in die Welt
gebracht hat. Denn wie er nicht gewollt hat, daß das Grab des Mose
bekannt sei, so gibt es auch keinen Beweis dafür, daß Gott gewollt hätte,
daß das Kreuz seines Sohnes bei den Menschen bekannt wird.“ Das sind
seine eigenen Worte. Wenn ein Lügner nicht ein ganzer Narr sein will,
muß er ein gutes Gedächtnis haben. Der Traktant vergißt, was er hier
behauptet hat, und sagt an anderer Stelle (B.T. 26) folgendes: „Wir leug-
nen nicht, daß Gott im Namen Jesu Christi des Gekreuzigten Wunder
wirkte, um die Predigt des Evangeliums zu bekräftigen, die damals fast
in der ganzen Welt in Schwung war und von den Heiden abgelehnt wur-
de. Das erklärt Athanasius am Anfang seines Buches gegen die Götzen-
bilder, daß, nachdem das Kreuz gekommen war, jede Verehrung von
Bildern verhindert und durch dieses Zeichen aller Trug des Teufels zer-
schlagen wurde.“ Ich bitte euch, bringt diesen Mann in Einklang mit
sich selbst. Er sagt, um dem Götzendienst vorzubeugen, wollte Gott,
daß das Kreuz seines Sohnes unbekannt sei; durch das Zeichen des Kreu-
zes ist aller Trug des Teufels zerschlagen: das Kreuz verhindert den

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Götzendienst; das Kreuz ist Ursache des Götzendienstes. Wer sieht nicht
den Widerspruch in diesen Worten? Das eine kann nur wahr sein, wenn
das andere falsch ist. Doch welches kann wahr sein als jenes, das nicht
nur der hl. Athanasius ausgesprochen hat, sondern Jesus Christus und
seine Propheten und das das ganze Altertum glaubte?
In Wahrheit haben alle Propheten vorhergesagt, daß bei der Ankunft
Unseres Herrn durch sein Kreuz und seine Passion alle Götzenbilder
abgeschafft werden: Et non memorabuntur ultra; man wird ihrer nicht
mehr gedenken, sagt Sacharja (13,2). Und Sie, Traktant, wollen dage-
gen, das Kreuz sei ein Götzenbild, der Götzendienst sei katholisch ge-
wesen, d. h. allgemein in der Kirche Jesu Christi tausend Jahre lang, und
die wahre Religion sei in einem kleinen Bündel unsichtbarer und unbe-
kannter Menschen verborgen gewesen. Jesus Christus erklärt (Joh
12,31f), am Tag, da er erhöht ist, wird er alles an sich ziehen und der Fürst
der Welt wird hinausgestoßen; und Sie wollen, daß die Leiter seiner Er-
höhung erniedrigt, ihre Ehre und ihr Dienst abgeschafft werde. Das gan-
ze Altertum hat das Kreuz gegen den Teufel gebraucht, und Sie sagen,
dieses Kreuz sei der Thron seines Götzendienstes.
Was das Beispiel vom Grab des Mose betrifft, das Sie anführen, weiß
ich nicht, wieso es Ihnen nicht die Augen geöffnet hat. Denn abgesehen
von dem unschicklichen Vergleich, den Sie zwischen den Juden und
den Christen machen, was die Gefahr betrifft, in Götzendienst zu ver-
fallen, hätten Sie nicht in dieser Weise argumentieren dürfen: Gott, der
nicht wollte, daß das Grab des Mose bekannt sei, um dem Götzendienst
vorzubeugen, wollte dennoch, daß das Grab Unseres Herrn bekannt
und in der christlichen Kirche anerkannt ist, wie alle Welt weiß und
niemand leugnet. Das ist also ein Zeichen, daß die Gefahr des Götzen-
dienstes bei dem einen Grab nicht die gleiche ist wie beim anderen.
Und wenn nicht so viel Gefahr des Götzendienstes bestand im Bekannt-
werden des Grabes Unseres Herrn, das unbekannt bleiben müßte, um
ihn zu vermeiden, warum sollte das nicht mehr noch gelten für das Kreuz?
„Aber es gibt kein Zeugnis dafür“, behauptet der Traktant, „daß Gott
gewollt habe, daß das Kreuz seines Sohnes bekannt wird.“ Das ist gewiß
eine zu große Leugnung. Die Heiligen Ambrosius, Chrysostomus, Cy-
rillus, Hieronymus, Paulinus, Sulpicius sowie Eusebius, Theodoret, So-
zomenes, Socrates, Nicephorus, Rufinus, Justian und viele andere sehr
alte Autoren sind einwandfreie Zeugen, daß Gott wollte, daß das Kreuz
seines Sohnes bekannt und gefunden werde. Sehen wir nun, wie unser
Traktant die Gründe einfädelt, die er für seine Leugnung hat.

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„Es hat keinerlei Wahrscheinlichkeit für sich“, das sind seine Worte
(B.T. 9), „wenn man sagt, das Kreuz sei verwahrt und vergraben worden
an dem Ort, wo es errichtet worden war; und das sei, wie man herausbe-
kommen habe, der Ort, wo Adam begraben wurde. Denn wenn man den
Alten glaubt, wurde Adam in Hebron begraben, nicht nahe bei Jerusa-
lem.“ Seht ihr, wie er abschweift? Seine Absicht war, zu beweisen, daß das
Kreuz nicht gefunden wurde; er beweist es, weil es nicht wahrscheinlich
ist, daß es vergraben wurde, wo es errichtet wurde. Was er hinzufügt über
den Ort, wo Adam begraben wurde, ist nur eine Nebenfrage, und siehe da,
er stürzt sich darauf, sie zu widerlegen, als wäre das seine Hauptfrage. So
springt er von Gegenstand zu Gegenstand wie eine wahre Heuschrecke
der großen Drangsal der Geheimen Offenbarung (Kap. 9). Ist das nicht
eine schöne Folgerung? Das Kreuz wurde nicht vergraben, wo es aufge-
richtet worden war, also wurde es nicht aufgefunden; als ob es nicht hätte
gefunden werden können, ohne an dem Ort vergraben worden zu sein, wo
es aufgerichtet worden war. Was er aber über das Begräbnis Adams hin-
zufügt, zeigt, wie wenig Kenntnis der alten Väter er besitzt; denn die
Mehrzahl von ihnen hat behauptet, daß das Kreuz über dem Grab Adams
errichtet wurde. Seht, wie der hl. Augustinus darüber spricht: „Der Pres-
byter Hieronymus hat geschrieben, er habe von den Vätern und den älte-
sten Juden sicher erfahren, daß Isaak geopfert werden sollte, wo dann
Jesus Christus gekreuzigt wurde ... Und nach dem Bericht der Alten sagt
man sogar, daß Adam, der erste Mensch, einst an dem Ort begraben wur-
de, wo das Kreuz eingerammt wurde, und daß man ihn deswegen Ort
Kalvaria (oder Schädelstätte) nennt, weil an diesem Ort das Haupt des
ganzen Menschengeschlechtes begraben wurde. In der Tat, meine Brüder,
glaubte man nicht ohne Grund, daß der Arzt da erstand, wo der Kranke
lag, und es war sehr angebracht, daß sich das göttliche Erbarmen auch
dahin neigte, wo der menschliche Hochmut begraben war. So glaubt man,
daß das kostbare Blut, das herabtropfte, die Asche des alten Sünders gnä-
dig berührte und ihn auch erlöst hat.“ Wenn man also den Alten glaubt,
wurde Adam auf dem Kalvarienberg begraben. Aber das hat kaum mit
unserer Frage zu tun und ist nicht sehr wichtig.
Nun kommt der Traktant zu seinem zweiten Beweis und belastet uns
nach seiner Meinung schwer. „Item“, sagt er (B.T. 9f), „da die Jünger und
Apostel Jesu Christi bei seinem Tod zerstreut waren und nach seiner
Himmelfahrt daran gehindert wurden, im Namen Jesu Christi zu spre-
chen, da Jerusalem bald darauf vollständig zerstört wurde, welche Wahr-
scheinlichkeit besteht da, daß es damals verwahrt und verehrt wurde von

51
denen, die Jesus Christus anhingen?“ Ein Kind kann diese Ungereimtheit
erkennen: Die Kirche war verfolgt, folglich hat sie das Kreuz nicht ver-
wahrt. Im Gegenteil, die Verfolgung veranlaßte sie, es zu verbergen, und
als die Verfolgung aufhörte, hat man es alsbald wiedergefunden. Item:
Die Kirche war verfolgt, folglich verehrte sie das Kreuz nicht. Im Gegen-
teil, die Verfolgung entflammte sie noch mehr zu seiner Hochschätzung,
aber im Geheimen, aus Furcht, dieses Denkmal der Verfolgung Unseres
Herrn der Schmähung durch die Feinde des Kreuzes auszusetzen.
Aber der Traktant sagt das nur, um uns zu verwirren, denn wir sagen
nicht, daß die Freunde des Kreuzes es auf diese Weise vergraben haben,
sondern vielmehr haben dessen Feinde es auf diese Weise versteckt, um
sein Andenken zu unterdrücken. Wir sagen auch nicht, die gleichen Fein-
de hätten es nicht ins Meer werfen können. Wir sagen im Gegenteil, sie
hätten es ins Meer versenken können trotz der Entfernung zwischen dem
Hafen Jaffa und der Stadt Jerusalem, ob mit oder ohne Mühe, mit Hilfe
der Flüsse, die es ins Meer geschwemmt hätten. Und wir sagen noch, sie
hätten es verbrennen können; aber wir bewundern um so mehr die göttli-
che Vorsehung, die den Verlust ihrer Fahne nicht zugelassen hat.
Vor allem täuscht sich der Traktant darin, daß man sagt, auf dem Berg
des Kreuzes habe man die Götzenbilder der Venus und des Adonis
errichtet. „Wer wird diese Fabel nicht zurückweisen“, sagt er (B.T. 10f),
„wenn er bedenkt, welchen Haß die Juden gegen jede Art von Bildern
hatten?“ Ich will aber sagen: Wer wird nicht die Albernheit dieses klei-
nen Traktanten zurückweisen, wenn er bedenkt, daß man nicht sagt, die
Juden hätten das getan, sondern die Heiden? Und es ist nicht Äsop, der
diese Tatsache berichtet, sondern eine Vielzahl sehr gewichtiger und
alter Autoren wie Eusebius, Ruffinus, Paulinus, Sulpicius, Theodoret,
Sozomenes, Socrates. Schon Hieronymus allein müßte genügen, um die-
sen Traktanten besser zu unterrichten; es sind seine Worte im Brief an
Paulinus: „Von der Zeit Hadrians bis zur Herrschaft Konstantins wur-
de das Götzenbild Jupiters fast 180 Jahre lang von den Heiden verehrt
am Ort der Auferstehung Unseres Herrn; ebenso machten sie es mit
dem der Venus, das in Marmor auf dem Berg des Kreuzes errichtet
wurde. Die Urheber der Verfolgung bildeten sich ein, sie würden auf
diese Weise den Glauben an die Auferstehung und an das Kreuz aus
unserer Brust reißen, wenn sie die heiligen Orte durch ihre Götzenbil-
der besudelten. Unser Betlehem (ein kleiner Winkel der Welt, von dem
der Psalmist singt: Die Wahrheit ist von der Erde geboren) liegt jetzt im
Schatten der Lusthaine des Adonis, und in der Grotte, in der einst der

52
kleine Jesus Christus seine kindlichen Schreie ausstieß, klagte und wein-
te der Liebhaber der Venus.“ Seht ihr, wozu dieser Traktant die Miß-
gunst der Juden erweckt, da man nicht behauptet, die Juden hätten es
getan, sondern die Heiden; und wozu er die Zeit der Stadt Jerusalem
anführt, obwohl das nach ihrer Zerstörung geschah?
Wer wird also so hoffnungslos (verirrt) sein, diese Geschichte zu be-
zweifeln, die von so vielen und so gewichtigen Autoren und von allen
Zeitgenossen bezeugt ist, von denen sie sprechen, um diesem Geist des
Widerspruchs Glauben zu schenken, der sie ohne Beweis nach 1200 Jah-
ren schamlos leugnet? Aber, so sagt der Traktant (B.T. 11), „solche Fa-
beln dienen nur dazu, das Kreuz Christi zunichte zu machen.“ Doch wel-
che Unverschämtheit ist das, so viele heilige Väter zu schmähen, deren
Zuverlässigkeit im Vergleich mit diesem Neuerer unvergleichlich ist.
„Die heilige Geschichte“, erwidert der Traktant (B.T. 11), „lehrt uns
wohl eine andere Art, an die sich die Feinde des Kreuzes hielten, wenn
sie die Predigt des Evangeliums zurückwiesen ...“ Ist das nicht ein schö-
ner Beweis? Ich gebe zu, daß das eine andere Art ist, an die sich die
Feinde des Kreuzes hielten, aber daraus folgt nicht, daß sie sich nicht
auch an die hielten, die von den alten Vätern berichtet wird, denn das
eine widerspricht dem anderen nicht, sondern hängt damit zusammen.
Bevor ich diesen Gegenstand abschließe, will ich noch einen Zug des
Traktanten enthüllen, der zeigt, wie voreingenommen und schlechten
Glaubens er ist. Er läßt (B.T. 26) den hl. Athanasius am Anfang des
Buches ‚Gegen die Götzenbilder‘ sagen: „Nachdem das Kreuz gekom-
men war, wurde jede Verehrung der Bilder abgeschafft ...“ Das ist eine
ganz ausdrückliche Fälschung, denn der hl. Athanasius spricht nicht
von Bildern, sondern von Götzenbildern. In der Tat, wie sollte er gesagt
haben, daß durch das Kreuz die Verehrung der Bilder abgeschafft wur-
de, er, der in den ‚Quaestiones‘, die er für Antiochus geschrieben hat,
ausdrücklich mit folgenden Worten sagt: „Gewiß, wir verehren die Dar-
stellung des Kreuzes, die aus zwei Hölzern zusammengesetzt ist“?
Ich weiß wohl, daß sich der Traktant hinter der allgemeinen Hartnäk-
kigkeit decken wollte, mit der die Reformatoren behaupten wollen, Göt-
zenbild und Bild sei ein und dasselbe. Das ist aber eine zu große Albern-
heit, denn danach könnte man behaupten, Jesus Christus sei ein Götzen-
bild, da er in der Heiligen Schrift (2 Kor 4,4) ausdrücklich Bild Gottes
genannt wird. Wenn also Bild und Götzenbild dasselbe ist, müßte Jesus
Christus, der das Bild Gottes ist, das Götzenbild Gottes sein, und die ihn
anbeten, wären Götzendiener. Das alles ist nichts als eine Blasphemie.

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Ganz ähnlich ist die Absurdität, wenn er (B.T. 28) sagt, „die Namen
von Götzenbildern wurden geändert, aber die Dinge sind im Christen-
tum geblieben.“ So betrachtet wäre das, was wir Jesus Christus nennen,
nichts anderes als der Jupiter der Heiden; und die Taufe Calvins, Bezas
und anderer, die bei den Katholiken getauft wurden auf den Namen der
heiligen Dreifaltigkeit, wäre in Wirklichkeit nur geschehen im Namen
und in der Kraft irgendwelcher Götzenbilder. Es steht ihm wohl auch
gut an, wenn er (B.T. 27f) einen Unterschied macht zwischen dem heid-
nischen und dem christlichen Götzendienst (denn seine Worte schei-
nen darauf hinauszukommen). Das ist so, als wollte er sprechen von
einer kalten Hitze oder einem finsteren Licht. Aber all das läuft darauf
hinaus, die Christen zu Götzendienern des Götzenbildes Jesus Christus
zu machen. Die Heftigkeit des Grolls, den diese Reformatoren gegen
die katholische Kirche haben, vernebelt sie derart, daß sie, um über uns
herzufallen, in ihrem Abgrund zugrundegehen. Doch das sei nur neben-
bei gesagt, um den Glauben, den uns das Altertum vom Vergraben und
von der Erhaltung des Kreuzesholzes gegeben hat, zu entlasten von den
Verleumdungen und Vorwürfen, die dieser Traktant erhebt.
Es ist indessen kein geringer Beweis für die Kraft und Ehre des Kreu-
zes, daß Gott es annähernd 330 Jahre unter der Erde erhalten hat, ohne
daß es vermodert wäre. Die Feinde des Christentums hatten ihr Mög-
lichstes getan, um sein Andenken zu zerstören. Es blieb ihnen verbor-
gen, um ans Licht gebracht zu werden zu einer Zeit, in der es auf heilige
Weise verehrt wurde. Und um das Wunder der Auffindung und Erhal-
tung dieses heiligen Kreuzes noch großartiger zu machen, hat er zwei
andere Kreuze bewahrt, die eine Möglichkeit boten für den wunderba-
ren Beweis, den man für die Kraft des dritten hatte. Das sind daher die
Worte des hl. Paulinus: „Das Kreuz Unseres Herrn, den Juden zur Zeit
der Passion verhüllt, wurde den Heiden nicht enthüllt, die für den Bau
des Tempels, den sie auf dem Kalvarienberg errichteten, viel Erde aus-
hoben und entnahmen. Ist es nicht durch die Hand Gottes so lange Zeit
verborgen worden, damit es jetzt gefunden wurde, als es frommen Sin-
nes gesucht wurde?“
Konstantin der Große anerkannte in dieser Tatsache die wunderbare
Vorsehung Gottes, in dem Brief, den er an Makarius schrieb. Nach dem
Bericht des Eusebius und des Theodoret spricht er darin von der Erhal-
tung des Grabes und anderer heiliger Plätze des Kalvarienberges und
sagt: „Das Andenken an die hochheilige Passion war ja so lange von der
Erde verschüttet und auf diese Weise so viele Jahre unbekannt, bis der

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gemeinsame Feind vernichtet war und es seinen Dienern erschien. Das
übersteigt fürwahr jede Bewunderung.“ Und weiter unten: „Der Glaube
an dieses Wunder geht über alles der menschlichen Natur Mögliche.“
Wem aber gebührt die Ehre für die so wunderbare Erhaltung des Kreu-
zes, wenn nicht Jesus Christus dem Gekreuzigten? „Es hat die unver-
gängliche Kraft des Blutes jenes Leibes aufgenommen und getrunken,
der nicht der Verderbnis verfallen konnte, nachdem er den Tod erlitten
hatte.“ Das sind Worte des hl. Paulinus an Severus.

7. Kapitel

Sechster Beweis: die Auffindung des Kreuzes.

Nachdem der Traktant sich nach Belieben über das vergrabene Kreuz
und den Ort ausgelassen hat, will er an einer anderen Stelle dessen Auf-
findung bestreiten und will überzeugen, daß diese Auffindung erfunden
sei. „Es ist nicht notwendig“, schreibt er (B.T. 43), „in die Untersu-
chung einzutreten, ob das eine erdichtete oder echte Auffindung war,
zumal Volateranus und Frater Onuphrius Panvinius aus dem Augusti-
nerorden in ihren Anmerkungen zu Platinus im Leben des Papstes Eu-
sebius (S. 32) hinreichend zu verstehen geben, daß das eine unsichere
Sache sei angesichts der verschiedenen Zeitangaben für diese Auffin-
dung, die sich bei den Autoren finden. Wenn man einigen Autoren glaubt,
war Helena damals noch Heidin und Konstantin war kein entschiede-
ner Christ und besaß damals noch nichts in Syrien. Manche sagen auch,
daß es nicht zur Zeit Konstantins des Großen aufgefunden wurde, son-
dern unter seinem Sohn Konstans. Dazu kommt, daß Eusebius, der das
Leben Konstantins beschrieben hat und davon spricht, was Helena in
Jerusalem getan hat, kein einziges Wort von dieser Auffindung des Kreu-
zes sagt. Außerdem stimmt der hl. Ambrosius nicht mit den übrigen
Historikern überein, denn er sagt, dieses Kreuz wurde erkannt an seiner
Inschrift, und andere sagen, das geschah durch die wunderbare Heilung
einer Frau.“ Das sagt der Traktant zu diesem Punkt.
Nun, wer hat je eine so unvernünftige Begründung gesehen, daß man
aus der Ungewißheit des Zeitpunktes die Ungewißheit der Sache selbst
folgert? Wieviel Zeit brauchte es, daß die Welt erschaffen wurde? Es
gibt keinen Chronisten, der darüber nicht seine eigene Meinung hätte;
muß man deswegen sagen, die Welt sei nicht erschaffen worden? In

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welchem Alter starb Unser Herr? Einer sagt, mit 31 Jahren, einer sagt,
mit 32, einer, mit 34 Jahren, und der große Irenäus geht bis 50 Jahre;
müßte man also wegen der Verschiedenheit der Meinungen über das
Alter, in dem Unser Herr gelitten hat, sagen, sein Tod sei ungewiß?
Dasselbe könnte ich sagen von seiner Taufe und von hundert anderen
Dingen, die in der Heiligen Schrift bezeugt sind, die sehr sicher, aber im
Umstand der Zeit sehr ungewiß sind. Jeder weiß, daß der hl. Clemens
Papst war, aber man weiß nicht, ob er es vor oder nach Linus und Cletus
war. Wie viele Menschen gibt es auf der Welt, die weder den Tag noch
das Jahr ihrer Geburt wissen? Volateranus und der gelehrte Onuphrius
beweisen nicht, daß die Tatsache der Auffindung des Kreuzes ungewiß
sei, obwohl sie die Ungewißheit des Zeitpunktes anführen, zu dem sie
geschah. Es ist nicht wichtig, den Tag, das Jahr, die Stunde zu kennen, es
genügt, daß es sich ereignet hat. Und was Panvinius betrifft, der Platinus
behaupten hörte, diese Auffindung habe sich unter Eusebius zugetragen,
so entscheidet er sich, und mit Recht, für die gegenteilige Meinung und
läßt die Frage nicht unentschieden, wie der Traktant voraussetzt, der sich
selbst festfährt, indem er die Autoren in der Frage der Auffindung des
Kreuzes übereinstimmen läßt und nur anführt, daß sie in deren Alter und
Zeit-Punkt nicht übereinstimmen. Das heißt ja geradewegs zugeben, was
er zuerst geleugnet hat, daß nämlich gut bezeugt ist, daß Gott das Kreuz
seines Sohnes bekannt werden lassen wollte. Nichts Gutes, nichts Heili-
ges geschieht, ohne daß Gott dessen Urheber ist. Nun wurde die Auffin-
dung des Kreuzes von so vielen bedeutenden und heiligen Vätern als ein
frommes und heiliges Werk gefeiert: wieso sollte es kein Zeugnis geben,
daß Gott sie gewollt hat? Es gibt aber mehr, denn die bedeutendsten
Autoren, die über die Auffindung des heiligen Kreuzes geschrieben ha-
ben, wie der hl. Ambrosius, der hl. Paulinus, Eusebius, Ruffinus, Sozo-
menes, Socrates, versichern alle, daß Helena die Eingebung erhielt, die-
ses heilige Holz suchen zu gehen. Eusebius sagt: „Belehrt durch göttliche
Visionen.“ Und „Divino inspirata consilio; angeregt durch göttlichen Rat“,
sagt Paulinus. „Infuso Sancto Spiritu“, sagt der hl. Ambrosius: „nachdem
ihr der Heilige Geist eingeflößt war.“ Und Socrates: „auf göttliche Weise
im Schlaf gemahnt.“ Das sind also mehrere Zeugnisse, daß Gott wollte,
sein Kreuz sollte aufgefunden werden.
Der Traktant wendet aber ein, daß Eusebius in der Lebensbeschrei-
bung Konstantins, wo er davon spricht, was Helena in Jerusalem tat, die
Auffindung des Kreuzes überhaupt nicht erwähnt. Ich sage, er unterließ
es, davon in der Lebensbeschreibung Konstantins ganz ausdrücklich zu

56
sprechen, da sie damals eine ganz bekannte Sache war. Trotzdem be-
rührt er diese Geschichte nebenbei in den Briefen Konstantins an Ma-
karius, den Bischof von Jerusalem, die er zitiert. Aber in seiner ‚Chro-
nik‘, übersetzt vom hl. Hieronymus, bezeugt er diese Auffindung so
offen wie sonst nichts; er sagt: „Helena, die Mutter Konstantins, belehrt
durch göttliche Visionen, fand nahe bei Jerusalem das hochheilige Holz
des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen ist.“
Und der hl. Ambrosius befand sich in dieser Hinsicht nicht im Ge-
gensatz zu den anderen; denn was er sagt, das sagen auch die anderen,
obwohl er nicht alles sagt, was die anderen sagen. Es ist wahr, wie der hl.
Ambrosius sagt, daß das Kreuz Unseres Herrn erkannt wurde durch die
Inschrift; aber daß die Inschrift vom Kreuz getrennt war, wie Sozome-
nes sagt‚ das war noch nicht ganz offenkundig bekannt, sagt Ruffinus.
Man begann es also zu erkennen durch die Stelle, wo die Inschrift ange-
bracht war; das berichtet der hl. Ambrosius: Dann erkannte man es
noch besser und vollkommener durch die Wunder, die Gott durch die
Berührung dieses heiligen Holzes wirkte. Helena fand ja drei Kreuze
beim Grab. Da sie nicht ganz sicher erkennen konnte, welches das hei-
lige und geheiligte war, richtete Makarius, der Bischof von Jerusalem,
ein sehr schönes Gebet an Gott, das Ruffinus wiedergibt, um ein Zei-
chen zu erwirken, durch das man das Kreuz Jesu Christi unterscheiden
konnte. Nun war in der Nähe eine Frau, durch eine lange, unheilbare
Krankheit dem Tod nahe; ihr legte man die zwei Kreuze der Schächer
auf, doch vergeblich, denn der Tod fürchtete sie nicht. Dann berührte
man sie mit dem Holz des heiligen Kreuzes, und sogleich zog sich der
Tod sehr weit zurück, da er die Macht des Kreuzes nicht ertragen konn-
te, an dem er einst überwunden wurde und starb, als er zu unternehmen
wagte, daran das Leben sterben zu lassen. So erhob sich diese Frau, auf
der Stelle ganz geheilt, ging umher und lobte den Gekreuzigten. Der hl.
Paulinus, Sulpicius und Sozomenes berichten, daß damals selbst ein
toter Mann durch die Berührung des heiligen Holzes auferstand.
Schließlich sagt der Traktant in diesem Zusammenhang einige Dinge,
ohne andere Autoren zu nennen als irgendeinen oder irgendwelche. Dar-
auf bin ich nicht zu antworten verpflichtet, bis er sie mir nennt. Außer-
dem ist das, was er davon ableiten will, kaum zutreffend, so wenig wie
die ungebührliche Geschichte, die er den Predigten des Discipulus ent-
nommen hat. Sie bedeutet nichts gegen uns, weil die Katholiken diesen
‚Schüler‘ nicht als Lehrer ihres Glaubens betrachten. Und wir behaup-
ten nicht, daß ein einzelner Katholik nicht eine unsichere Sache fördern

57
könnte, aber das tut dem allgemeinen Glauben der Kirche keinen Ab-
bruch. Außerdem bringt Discipulus diese Geschichte nicht als etwas
Sicheres, sondern gib zu, daß er sie dem apokryphen Buch des Nikode-
mus entnommen hat, was der Traktant verschweigt.

8. Kapitel

Das Kreuz stellt die Passion Unseres Herrn dar:


Siebenter Beweis.

Man findet, daß das heilige Holz des Kreuzes seit seiner Auffindung
bei den Christen auf vielfache Weise gebraucht wurde, aber allgemein
gesprochen kann man sie auf drei zurückführen. Die Alten bedienten
sich nämlich seiner 1. als einer teuren Erinnerung und eines frommen
Andenkens an die Passion; 2. als eines Schutzes und Heilmittels gegen
alle Übel; 3. als eines heiligen und geeigneten Mittels, Jesus Christus
den Gekreuzigten zu ehren. Das alles scheint nun der Traktant nicht zu
wissen.
Zur ersten Form des Gebrauchs, d. h. die Passion vorzustellen, sagt er
(B.T. 12f) folgendes: „Wenn wir unter dem Wort Kreuz die Leiden verste-
hen, die der Sohn Gottes an Leib und Seele ertragen hat, die von Schmer-
zen erfüllt war, wie Jesaja (53) sagt, da seine Seele bis zum Tod betrübt
war und er sogar den Kelch des Zornes Gottes getrunken hat, weshalb er
ausrief: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?, dann ist es
sicher, daß diese Leiden nicht vorstellbar sind, denn unsere Sinne könn-
ten sie nicht fassen. Aber durch den Glauben hören wir, daß sie grenzen-
los und unsagbar sind; daher sagen wir in unserem Glaubensbekenntnis,
wir glauben, daß Jesus Christus gelitten hat, daß er gekreuzigt wurde,
gestorben ist, begraben wurde und in das Reich des Todes hinabstieg.
Wenn das unaussprechlich ist, dann ist es auch unvorstellbar.“ Das ist
seine Philosophie; doch sehen wir ein wenig, was sie taugt.
Wenn er unter den Leiden Unseres Herrn deren Wert und Verdienst
versteht, dann sagt er mit Recht, daß sie unendlich sind. Aber er drückt
sich schlecht aus, wenn er sie als Leiden, Schmerzen, Traurigkeit, Kelch
des Zornes Gottes und Gottverlassenheit bezeichnet. Man müßte sie
eher Tröstung und süßes, heilsames Wasser nennen; wer davon getrun-
ken hat, den wird nie mehr dürsten. Dann drückt er sich noch schlecht
aus, denn obwohl dieser Wert und dieses Verdienst unendlich sind und
von unseren Sinnen nicht begriffen werden können, sind sie dennoch

58
vorstellbar, andernfalls könnten sie nicht geglaubt werden. Nichts wird
geglaubt, was nicht zuerst unserem Ohr vorgestellt wurde (vgl. Röm
10,17), das einer unserer Sinne ist. Daniel stellt Gott dar; der Mensch
ist geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes (Gen 1,27); das
kann er nicht, ohne ihn darzustellen. Das Unsichtbare Gottes wird seit
der Erschaffung der Welt in den geschaffenen Dingen sichtbar (Röm
1,20). So stellen uns die Himmel die Herrlichkeit Gottes dar und künden
sie uns (Ps 19,1). So wurden die Kerubim, obwohl sie unsichtbar sind
und die Fassungskraft unserer Sinne bei weitem überragen, dennoch im
Alten Bund dargestellt (Ex 25,18).
Wenn er die Qualen, Schmerzen und Leiden Unseres Herrn selbst
meint, ist es unsinnig zu behaupten, sie seien unvorstellbar. Was stellten
denn die blutigen Opfer des Alten Bundes so deutlich dar (1 Kor 10,11;
Hebr 9,11f), was stellt denn jetzt die Eucharistie dar, wenn nicht Leiden
und Tod des Erlösers (1 Kor 11,26)? Jakob hatte kaum das blutige Ge-
wand seines Sohnes Josef gesehen, da stellte er sich sogleich dessen
angeblichen Tod so lebhaft vor, daß er untröstlich war (Gen 37,33f).
Wer stellt sich nicht Leiden und Tod Unseres Herrn vor, wenn er sein
Kreuz sieht? „Ich habe sehr oft das Bild der Passion gesehen“, sagt der
hl. Gregor von Nyssa, „und konnte die Augen nicht ohne Tränen auf
dieses Bild richten, wenn ich das Kunstwerk in der dargestellten Person
sah.“ Als er das Bild Abrahams sah, der seinen Sohn opferte, stellte es
ihm so schmerzlich die Pein dieser zwei Personen dar und die Passion
Unseres Herrn, deren Sinnbild sie war.
Der Traktant ist auch albern, wenn er sagen will, daß die Schmerzen
selbst unendlich seien, da den Zorn Gottes trinken und von ihm verlas-
sen werden ein grenzenloses Übel sei. Es scheint jedoch, daß dies seine
Absicht ist, wenn er sagt, daß der Erlöser den Becher des Zornes Gottes
getrunken hat, und zwischen die Artikel der Passion das Hinabsteigen
in die Unterwelt einfügt. Das führt er ohne Zweifel auf die Furcht zu-
rück, die Calvin Jesus Christus zuschreibt, wenn er sagt, „er hatte Furcht
und Angst um das Heil seiner eigenen Seele, da er den Fluch und Zorn
Gottes fürchtete.“ Das ist aber eine unerträgliche Blasphemie, wie ich
früher gezeigt habe, weil die Furcht die Wahrscheinlichkeit voraussetzt,
daß das Übel eintritt, das man befürchtet, und folglich für Unseren
Herrn die Wahrscheinlichkeit seiner Verdammnis bestanden hätte, um
das schreckliche Wort auszusprechen. Der Traktant kann daher nicht
sagen, die Leiden Unseres Herrn seien unvorstellbar, weil sie grenzen-
los waren, und noch weniger, weil sie unaussprechlich waren. Gott, der

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unendlich ist, hört nicht auf, uns auf verschiedene Weise dargestellt zu
sein, und selbst seine Herrlichkeit, obwohl sie unaussprechlich ist, was
die Herrlichkeit seiner Vollkommenheit betrifft. Andererseits ist weder
Gott noch seine Herrlichkeit ganz und gar unaussprechlich, denn dann
könnten wir nicht daran glauben, da wir nur nach dem Gehörten glauben.
Diese Ungereimtheiten werden vom Traktanten vorgebracht, weil er
meint, um eine Sache darzustellen, müßte ihr die Darstellung in allen
Einzelheiten gleichen. Das ist töricht und unwissend, denn die voll-
kommensten Bilder stellen nur die äußeren Linien und Farben dar, und
trotzdem sagt man, und es ist wahr, sie stellen es lebhaft dar. Die Dinge
werden dargestellt durch ihre Wirkungen, durch ihre Ebenbilder, durch
ihre Ursachen und schließlich durch alles, was in uns die Erinnerung
weckt; denn das alles macht abwesende Dinge wie gegenwärtig.
Der Traktant sagt auch, das ist ein Glaubensartikel und doch unbe-
greiflich für unsere Sinne. Das gebe ich alles zu, aber ich behaupte auch,
daß dieser Artikel vorstellbar ist, gewiß nicht vollkommen (denn was
könnte je den Wert und den Preis des göttlichen Blutes und die Größe
der inneren Peinen des Erlösers darstellen?), aber es ist darstellbar wie
die Menschen und die Häuser, von denen man nur die Gesichter und die
äußeren Fassaden darstellt. Daß das Holz des Kreuzes die Passion Un-
seres Herrn darstellt, ist von selbst allzu klar: die unfehlbare Beziehung
des Kreuzes zum Gekreuzigten kann nichts weniger bewirken als die
Vorstellung. Dazu sagt Ruffinus, wo er von dem Kreuzpartikel spricht,
den Helena in Jerusalem ließ, „daß er noch zu seiner Zeit eifrig verehrt
wurde als Andenken und Erinnerungszeichen; etiam nunc ad memori-
am sollicita veneratione servatur.“ Soviel sagt darüber Socrates. Theo-
doret sagt, „daß man es dem Bischof in Verwahrung gab, damit es der
Nachwelt als Erinnerungszeichen des Heiles diene“. So nennt Konstan-
tin der Große im Brief an Makarius die Orte des Grabes und des Kreu-
zes Unseres Herrn „significationem Passionis sanctissimae: Zeichen
der hochheiligen Passion“. Und der hl. Paulinus schreibt im Brief an
Severus, dem er ein kleines Stück eines Kreuzpartikels sandte: „Möge
dein Glaube nicht beschränkt sein, wenn deine leiblichen Augen wenig
sehen; möge er vielmehr durch das innere Auge in diesem Wenigen die
ganze Kraft des Kreuzes sehen, während du dieses Holz zu sehen meinst,
an dem unser Heil, an dem der Herr der Majestät angenagelt hing, wäh-
rend die ganze Welt zittert, und du wirst mit Furcht froh sein.“ Weiter
unten, wo er von der Auffindung des Kreuzes spricht, sagt er: „Die Ju-
den hätten es zerstört, wenn sie es gefunden hätten, und sie hätten es

60
nicht ertragen können“, das sind seine Worte, „daß bei der Erhaltung
des Kreuzes die Passion dessen verehrt wird, von dem sie nicht ertragen
können, daß seine Auferstehung verehrt wird, die durch das leere Grab
und die von ihm entfernten Siegel erwiesen ist.“
Doch wenn es mir erlaubt ist, aus Erfahrung zu sprechen, welche Fröm-
migkeit sah man doch aufleuchten bei den beiden Bruderschaften von
Annecy und Chambéry, als sie in Prozession nach Aix pilgerten und das
Glück hatten, das heilige Stückchen Holz des Kreuzes zu sehen, das
dort verehrt wird. Niemand kann sich der Tränen und Seufzer zum Him-
mel erwehren beim Anblick dieses kostbaren Unterpfands. Wieviel
heilige Entschlüsse, in Zukunft besser zu leben, heiliges Mißfallen und
Schmerz über das vergangene Leben faßt man doch bei dieser Gelegen-
heit! Gewiß, der bloße Anblick des Holzes hätte nicht diese Wirkung,
wenn nicht dadurch die allmächtige Passion des Erlösers lebhaft darge-
stellt würde. Heilige und wunderbare Kraft des Kreuzes, deretwegen es
um so mehr geehrt zu werden verdient.

9. Kapitel

Die Väter des Altertums bezeugen die Kraft des Kreuzes:


Achter Beweis.

Die Väter des Altertums hatten die Gründe für die Ehre und die Kraft
des heiligen Kreuzesholzes erwogen, die wir vorhin aus der Heiligen
Schrift abgeleitet haben; sie waren der großen Zahl von Wundern gewiß,
die Gott an ihm und durch es gewirkt hat, und gebrauchten es als Vertei-
digung und Schutz gegen jede Art von Widerwärtigkeiten.
1. Sie wußten, daß die Erhaltung dieses heiligen Kreuzesholzes ganz
wunderbar war, 1) weil es denen verborgen blieb, die es vernichtet hät-
ten, wenn sie es gefunden hätten, und ebenso den Heiden, die die Erde
umgruben, wo es war, um den Tempel der Venus zu bauen; 2) weil es
ungefähr 330 Jahre in der Erde lag, ohne zu vermodern.
2. Sie hatten die Wunder seiner Auffindung gesehen: 1) daß es Helena
durch göttliche Offenbarungen angezeigt wurde; 2) daß durch die Be-
rührung mit ihm die unheilbare Krankheit dieser Frau geheilt und ein
toter Mann wiedererweckt wurde.
Das bewirkte, daß sie es gebrauchten als großes Heilmittel und Schutz.
Daher schickte Helena einen der Nägel des Kreuzes, um ihn der Krone

61
ihres Sohnes Konstantin einzufügen, „damit er Schutz und Hilfe für das
Haupt ihres Sohnes sei und die Pfeile der Feinde abwehre“, sagt Theo-
doret. Sie sandte dem Kaiser auch ein Stück des Kreuzes. „Im Glauben,
daß die Stadt, in der es aufbewahrt wird, gesund und heil erhalten werde,
fügte er es sogleich nach dessen Empfang in sein eigenes Standbild ein,
das in Konstantinopel auf dem Platz, der nach Konstantin benannt ist,
auf einer großen Säule aus Porphyrstein aufgestellt wurde.“ So berichtet
Socrates.
Daher kam es, „daß alle Welt sich bemühte, etwas von diesem Holz zu
bekommen. Die ein Stückchen davon haben, fassen es in Gold und tra-
gen es am Hals. Dennoch sind sie sehr geehrt und geachtet, geschützt
und behütet, obwohl es das Holz der Verurteilung war.“ So sagt der hl.
Chrysostomus, und der hl. Cyrill von Jerusalem sagt, wo er von den
Zeugnissen für Jesus Christus spricht: „Das Holz des Kreuzes gibt Zeug-
nis von ihm, das bis in unsere Tage unter uns sichtbar ist und unter
denen, die nach dem Glauben von ihm genommen und von diesem Ort
aus fast die ganze Welt erfüllt haben.“ An anderer Stelle, wo er von der
Passion spricht, sagt er: „Wollte ich sie leugnen, so überführte mich das
Holz des Kreuzes, das von hier aus in kleinen Stücken in die ganze Welt
verbreitet wurde.“ Und der hl. Gregor von Nyssa berichtet, daß die hl.
Makrina ein Stück des echten Kreuzes zu tragen pflegte, das in ein klei-
nes Silberkreuz gefaßt war.
Das alles stimmt überein mit dem, was der hl. Paulinus ausführlicher
im Brief an Severus sagt. Nachdem er gesagt hat, daß man das Stück des
echten Kreuzes, das sich in Jerusalem befindet, nur mit Erlaubnis des
Bischofs sehen könne, fährt er folgendermaßen fort: „Nur durch seine
Gunst hat man das Glück, kleine Stückchen und Partikel dieses gehei-
ligten Holzes zu besitzen als eine große Gnade des Glaubens und des
Segens. Das Kreuz selbst, das lebendige Kraft in leblosem Stoff besitzt,
gewährt seit jener Zeit und gibt fast täglich ungezählten Menschen auf
deren Verlangen von seinem Holz. Trotzdem vermindert es sich nicht,
erfährt keinen Verlust und bleibt, als hätte man es nicht angerührt. Die
Menschen nehmen jeden Tag Stücke und Teile von ihm, verehren es aber
dennoch als Ganzes. Aber diese unzerstörbare und unverlierbare Kraft
oder unvergängliche Stärke hat es getrunken und gezogen aus dem Blut
des Leibes, der den Tod erlitten, aber den Verfall nicht erfahren hat.“
Der lateinische Text ist noch schöner.5 Sind das nicht großartige Zeug-
nisse für die Kraft des Kreuzes? Die ganze Christenheit wollte zu der
Zeit davon haben, und Gott zeigte sich dieser Verehrung gnädig und

62
vermehrte das Holz des Kreuzes in dem Maße, als man Stücke von ihm
entfernte; ein offenkundiges Zeichen, daß die Kirche zu der Zeit eine
andere Form hatte als die Reformation der Neuerer.
Der gleiche hl. Paulinus sandte dem hl. Sulpicius eine Kreuzparti-
kel und schrieb: „Empfange ein großes Geschenk in einem kleinen
Ding, in einem fast unteilbaren Splitter eines kleinen Spans. Empfan-
ge einen Schutz für das gegenwärtige Leben und ein Unterpfand des
ewigen.“ So berichtet er selbst, daß er in Nola ein Haus gegenüber der
Kirche des hl. Felix in fast unglaublichen Flammen sah, sich gegen das
Feuer wandte und es kraft eines Kreuzpartikels löschte, den er in der
Hand hatte.
„Ich nehme von diesem heiligen Holz des Kreuzes und werfe
ein einzelnes Stücklein davon mitten in dieses Feuer;
man erkennt sogleich, was es vermocht hat:
Die Flamme, unser Heil achtend, steht still.
Nicht meine Stimme, noch meine stärkere Hand,
sondern die Kraft des Kreuzes flößte ihm Furcht ein
und zwang es, sein Wüten aufzugeben,
selbst wo es am heftigsten war.
Und als wäre es eine Kleinigkeit, ihre Wut zu bannen,
sah man sie von der Asche zur Asche zurückkehren.
Was ist also die Kraft dieses Kreuzes, ihr Christen,
da sich die Natur vergeblich dagegen stemmt,
sich selbst aufgibt und ihr ihre Rechte überläßt?
Da das Feuer, das Holz aller Art verbrennt,
durch das Holz des Kreuzes selbst verbrennt?
So wird bezeugt, daß das Feuer, vom Wasser besiegt
überwunden werden kann (welch neues Hilfsmittel)
durch bloßes Holz, weil es vom Kreuz stammt.“6
Evagrius berichtet, daß die Stadt Apamea durch die Belagerung Kos-
roes in äußerster Bedrängnis war. Da baten die Bewohner ihren Bischof
namens Thomas, ihnen einen Kreuzpartikel zu zeigen, der sich dort
befand. Das tat er, indem er ihn um das Heiligtum trug. Da folgte Tho-
mas eine Flamme strahlenden aber nicht brennenden Feuers, als er von
Ort zu Ort ging, so daß jeder Platz, wo er stehen blieb und dem Volk das
ehrwürdige Kreuz zeigte, zu brennen schien. Das geschah nicht nur ein-
oder zweimal, sondern öfter. Das kündigte die Rettung von Apamea an,
die dann folgte. Das sind annähernd die Worte des Evagrius, der als
Augenzeuge berichtet.

63
Es ist daher nicht verwunderlich, daß der hl. Ambrosius vom Nagel
des Kreuzes sagt, er „ist ein Heilmittel zur Rettung und verjagt die Teu-
fel durch eine unsichtbare Macht“. Der hl. Cyrill sagt, daß bis zu seiner
Zeit das Kreuzesholz in Jerusalem war; es heilte Krankheiten, vertrieb
die Teufel und die Verzauberung. Und der hl. Gregor der Große spricht
im 3. Buch seiner Briefe, im 35. Brief, vom Öl des heiligen Kreuzes,
dessen Berührung heilte; und Beda berichtet, daß es ein Öl gab, das von
selbst aus dem Holz des Kreuzes hervorging. Vergleiche den großen
Kardinal Baronius unter dem Jahr 598.
Was wird der Traktant auf all das erwidern? Wird er sagen, daß die
Zeugen, die ich anführe, abzulehnen sind? Aber das sind gewiß lauter
gewichtige Autoren. Vielleicht wird er antworten, daß sie doch nichts
dem Kreuz zuschreiben, sondern nur seinem Zeichen. Aber wir haben
schon erklärt, daß das Kreuz nur das Werkzeug Gottes bei wunderbaren
Werken ist, so daß es von sich aus in keinem Verhältnis zu solchen
Wirkungen steht. Der Fall liegt ganz gleich beim Gewand Unseres Herrn
und bei den Gebeinen des Elischa (2 Kön 13,21). Ich will aber schlie-
ßen mit Kaiser Justinian, daß das Kreuz unsertwegen aufgefunden wur-
de; er sagt: „Helena, die Mutter Konstantins des Großen, hat für uns das
heilige Zeichen der Christen gefunden.“

10. Kapitel

Die Väter des Altertums bezeugen die Verehrung des Kreuzes:


Neunter Beweis.

Weiter oben habe ich gesagt, daß die Alten das Holz des heiligen
Kreuzes gebrauchten, um in ihm Jesus Christus den Gekreuzigten zu
verehren, insofern sich die Verehrung des Kreuzes ganz auf den Ge-
kreuzigten bezieht. Das wurde nun im Altertum auf verschiedene Weise
bezeugt:
1. Durch die ehrenvollen Orte, an denen sie die Kreuzpartikel verwahr-
ten. Wir haben gesehen, daß Konstantin eine in sein eigenes Standbild an
einem sehr ehrenvollen Platz von Konstantinopel aufnahm, als heiligen
Schutz für die ganze Stadt. Der hl. Chrysostomus hat uns bezeugt, daß
man die anderen in Gold faßte und als Schmuck am Hals trug. Der hl.
Gregor von Nyssa sagt uns, daß die hl. Makrina eine in einem silbernen
Kreuz trug. Theodoret, Ruffinus, der hl. Paulinus und die übrigen berich-
ten, daß Helena auf dem Berg des Kreuzes eine großartige Kirche errich-

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ten ließ, ganz mit Gold verkleidet, in deren Sakristei eine Kreuzpartikel
kostbar verwahrt wurde. Der hl. Paulinus sandte eine kleine Partikel da-
von an den hl. Sulpicius für die Weihe einer Kirche: „Wir haben etwas
gefunden“, schreibt er, „wovon wir etwas schicken zur Heiligung der Kir-
che, und um den Segen der heiligen Reliquien zu vervollständigen, näm-
lich einen Teil eines kleinen Stückes vom Holz des göttlichen Kreuzes“.
Und der gleiche Paulinus legte in einer schönen Kirche von Nola aus
Ehrfurcht zusammen mit den Reliquien der Heiligen eine Kreuzpartikel
in den Hochaltar mit folgenden Versen.7
„Die Frömmigkeit, der Glaube hier und auch der Ruhm
unseres Erlösers finden sich vereint.
Das heilige Kreuz hält hier an sich gebunden
die Herzen heiliger Märtyrer, die es als die Seinen ehrt;
denn so wenig von dem wunderbaren Holz hier ist,
sein Wert ist sehr groß, und der geringste Span
vom ganz großen Kreuz enthält die ganze Kraft
und ist uns allen nicht weniger ehrwürdig als das Ganze.
Von Jerusalem hat ein so großes, seltenes Gut
uns einst erreicht, durch die fromme Guttat
Melanies, die heilig war dem Namen und der Tat nach,
die durch so reiche Gabe zu uns nicht geizig war.
Diese großen, heiligen Altäre, obwohl verdeckt,
bieten dem großen Gott doppelte Ehre doppelt,
denn sie enthalten mit dem Kreuz die glorreiche Asche
von Aposteln, auch kostbare Reliquien,
die mit gutem Recht am gleichen Platz vereint sind:
Hier das Kreuz, da die Gebeine der Diener Gottes,
die einst starben für das Kreuz in dieser Welt,
nun in demselben Kreuz ihren tiefen Frieden finden.“
Und der hl. Ambrosius sagt, daß Helena weise handelte, die das Kreuz
über das Haupt der Könige erhob, damit das Kreuz bei den Königen
verehrt werde.
2. Durch die Pilgerfahrten, die man nach Jerusalem machte, um das
heilige Kreuz aufzusuchen. „Helena hinterließ einen Teil des Kreuzes
in einem silbernen Schrein als Erinnerung und Denkmal für jene, die
vom Verlangen geleitet werden, es zu sehen.“ Das sind die Worte des
Socrates. Und der hl. Paulinus sagt, daß diese Partikel nur am Osterfest
gezeigt wurden, „außerdem auf Ansuchen mancher frommen Leute, die
nur als Pilger nach Jerusalem kamen, um diese heilige Reliquie zu se-

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hen, als Belohnung für ihre weite Reise“. Es ist auch bezeugt, daß die hl.
Melanie zu diesem Zweck in Jerusalem war und von dort eine kleine
Partikel des heiligen Holzes mitbrachte. Ebenso berichtet Johannes
Moscus Eviratus oder Sophronius, daß der Abt Gregor gemeinsam mit
Tallelaeus diese Pilgerfahrt machte und daß der Anachoret Johannes sie
sehr oft zu machen pflegte.
3. Durch die feierliche Verehrung desselben Kreuzes, das sich in Jeru-
salem befand, das nach den Worten des hl. Paulinus „der Bischof dieser
Stadt jedes Jahr an Ostern zeigte, damit es vom Volk verehrt werde,
wobei er der erste war, es zu verehren: Episcopus urbis quotannis, cum
Pascha Domini agitur, adorandum populo princeps ipse venerantium
promit.“ Und von denen Eviratus berichtet, daß sie dorthin pilgerten,
die kamen, um das heilige Kreuz und die ehrwürdigen Stätten zu vereh-
ren, wie die Geschichte ausdrücklich sagt.
4. Aber es gibt noch viel mehr. Denn selbst ehe Helena das Kreuz
fand, zeigten die Christen, in welcher Ehre sie das Kreuz hielten, indem
sie selbst den Ort verehrten, wo es aufgerichtet war. Das wird von allen
Schriftstellern erwähnt, viel ausdrücklicher aber von Sozomenes, der
sagt, „daß die Feinde des Kreuzes einen Tempel der Venus errichteten,
in den sie ein Götzenbild von ihr stellten in der Absicht, daß jene, die an
diesem Ort Jesus Christus anbeteten, die Venus anzubeten schienen,
und daß im Lauf der Zeit der wahre Grund, weshalb die Leute diesen
Ort verehrten, in Vergessenheit geriet“. Die Heiden sahen also, daß die
Christen den heiligen Ort verehrten, an dem Unser Herr gekreuzigt
wurde; wieviel mehr hätten sie das heilige Kreuz verehrt?
5. Demgemäß hat Lactantius Firmianus, noch ehe das Kreuz aufgefun-
den wurde, schon geschrieben: „Flecte genu, lignumque Crucis venerabi-
le adora; beuge das Knie und verehre das ehrwürdige Holz des Kreuzes.“
Und nachdem Sozomenes von der Auffindung des Kreuzes berichtet hat
und von den Wundern, die dabei geschahen, sagt er: „Nicht das ist so
verwunderlich, besonders nachdem die Heiden selbst bekennen, daß ein
Vers der Sibylle lautet: O lignum felix in quo Deus ipse pependit: Glück-
liches Holz, das du Gott selbst an dir hangend hältst.“ Das konnte näm-
lich niemand leugnen (obwohl man mit allen Mitteln dagegen kämpfen
wollte): Auf diese Weise ist durch die Sibylle das Holz des Kreuzes und
seine Verehrung im voraus angezeigt.“ Das sind seine Worte.
6. Weil die Alten glaubten, sich gegenseitig sehr zu ehren, wenn sie
einander Partikel des Kreuzes zum Geschenk gaben, wie wir gesehen
haben von Helena und Konstantin, von der hl. Melanie, von Paulinus

66
und Sulpicius. So sandte der hl. Gregor der Große an Rekaret, den
König der Westgoten, als großes Geschenk eine Partikel des Kreuzes.
Ebenso sandte nach der Erinnerung unserer Vorfahren der König der
Abessinier als Ehrung dem König Emmanuel von Portugal ein gleiches
Geschenk durch seinen Gesandten, den Armenier Matthias, als Unter-
pfand seiner Bündnistreue.
7. Die Alten haben das Kreuz geehrt, indem sie ihm mehrere ehren-
volle Namen beilegten. So haben Helena und der hl. Ambrosius es „Stan-
darte des Heils“ genannt, „Triumph Jesu Christi, Palme des ewigen Le-
bens, Erlösung der Welt, Schwert, mit dem der Teufel getötet wurde,
Heilmittel der Unsterblichkeit, Sakrament des Heils, Holz der Wahr-
heit“. Der hl. Paulinus nennt es „Schutz des gegenwärtigen Lebens,
Unterpfand des ewigen, Gegenstand größten Segens“. Makarius, der
Bischof von Jerusalem, nennt es „Hochseliges Holz, Kreuz, das dem
Herrn zur Ehre gereichte“; Kaiser Justinian „sacrum Christianorum
signum, heiliges Zeichen der Christen“; und der große hl. Cyrill, nach
dem Zitat des Traktanten selbst, nennt es „heilsames Holz“ und an an-
derer Stelle „Siegeszeichen des Königs Jesus“; Eusebius „hochseliges
Holz“; Lactantius „ehrwürdiges Holz“. So hat das Altertum es mit hun-
dert sehr ehrwürdigen Namen bedacht.
8. Einige der alten Väter glaubten, das gleiche Holz des echten Kreu-
zes werde wiederhergestellt und am Tag des Gerichtes am Himmel er-
scheinen, entsprechend dem Wort Unseres Herrn (Mt 24,30): „Dann
wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen. Das ist
(scheint mir) die Ansicht des hl. Chrysostomus, in der Predigt vom
Kreuz und vom Schächer, und des hl. Cyrill in seinen Katechesen, sowie
des hl. Ephräm im Buch von der wahren Buße, Kapitel 3, 4; und es
wurde vorhergesagt im Buch von der Sibylle mit den Worten:
„O glückliches Holz, das du Gott selbst an dir hangend hältst,
welche Ehre könnte mir auf Erden erwiesen werden?
Im Himmel, o Kreuz, wirst du einst triumphieren,
wenn sich das Angesicht Gottes dort flammend zeigt.“8
Der Grund dafür ist offenkundig, denn unter allen Kreuzen ist das
echte Kreuz das ureigene Zeichen und die Standarte Jesu Christi.
9. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn der hl. Makarius und Hele-
na bei der Auffindung des Kreuzes gleicherweise fürchteten, „entweder
den Galgen eines Schächers für das Kreuz des Herrn zu halten oder
dieses zu entheiligen, indem sie es anstelle des Balkens eines Schächers
wegwarfen“, wie der hl. Paulinus sagt; ebenso nicht, daß der hl. Hiero-

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nymus den Tag nicht erwarten konnte, an dem er mit der hl. Marcella
„in die Grabeshöhle des Erlösers eintreten und das heilige Kreuzesholz
immer wieder küssen könnte“. In der Tat, „wenn den Kindern das Ge-
wand oder der Ring des Vaters um so teurer ist“, wie der hl. Augustinus
sagt, „je größer die Liebe und die Verehrung der Kinder für ihren Vater
ist“, um so mehr wird ein Christ das Kreuz Jesu Christi verehren, je
mehr er für seine Ehre entflammt ist. Der hl. Chrysostomus bekennt,
„wenn ihm jemand die Sandalen und das Gewand des hl. Petrus schenk-
te, würde er sie mit offenen Armen umfangen und sie wie ein himmli-
sches Geschenk in der innersten Kammer des Herzens bergen“. Wie-
viel mehr hätte er das Kreuz seines Erlösers verehrt? Der hl. Augustinus
berichtet, daß mehrere Wunder geschahen mit ein wenig Erde vom
Kalvarienberg, das Hesperius, einer seiner Vertrauten, mitgebracht hat-
te; daß unter anderen ein Gelähmter plötzlich geheilt wurde, den man
dorthin gebracht hatte, und daß er diese Erde ehrenvoll in der Kirche
verwahrte. Welche Verehrung hätte er erst dem Kreuz Unseres Herrn
gezollt? Er hätte gewiß nicht so viele Ablenkungsmanöver gemacht, wie
es der Traktant in seiner ganzen Schrift tut, um das Andenken an die
Wunder auszulöschen, die Gott an ihm gewirkt hat, und ihm eine recht-
mäßige Ehrung zu verweigern.

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Zweites Buch

Von der Ehre und Kraf


Kraftt der Abbildung des Kreuzes

1. Kapitel

Von der Art und Weise, das Kreuz abzubilden.

Darin liegt ein starker Beweis für die Ehre und Kraft des echten Kreu-
zes. Der Traktant sagt ja (B.T. 14): „Wenn das Holz des Kreuzes weder
Kraft noch Heiligkeit besaß, dann ist leicht einzusehen, daß sie ebenso-
wenig dem innewohnt, was nur dessen Zeichen oder Bild ist.“ Umge-
kehrt heißt das also: wenn das Zeichen und die Abbildung des Kreuzes
große Heiligkeit und Kraft besitzt, dann hat das Kreuz selbst dessen
noch mehr. Wenn ich daher, wie ich im folgenden tun will, die Heilig-
keit der Abbildung des Kreuzes beweise, werde ich das noch viel mehr
und mit um so stärkerer Beweiskraft vom Kreuz selbst beweisen.
Nun hat man das Kreuz auf verschiedene Weise dargestellt, je nach
den verschiedenen Meinungen, die über die Form und Gestalt des ech-
ten Kreuzes bestanden: Die einen haben es wie ein großes lateinisches
oder griechisches T dargestellt, wie auch das alte Tau der Hebräer ge-
macht war. Sie glaubten, daß das echte Kreuz Unseres Herrn aus zwei
Hölzern zusammengesetzt war, von denen das eine sich am Ende des
anderen befand. Wie man an manchen Darstellungen sieht, brachten sie
trotzdem noch einen kleinen Stab über dem Kreuz an, um daran die
Inschrift mit dem Schuldspruch zu befestigen, die Pilatus anbringen
ließ. Das ist die Meinung Bedas.
Die anderen waren der Meinung, daß sich die zwei Hölzer des echten
Kreuzes in der Weise kreuzten, daß das eine über das andere hinausragt,
und haben das Kreuz in der Weise dargestellt, daß sie die Inschrift am
oberen Teil anbrachten. Das hat gewiß auch die größere Wahrschein-
lichkeit für sich, und wenn es nur wegen der gewöhnlichen Auffassung
der Christen wäre, und weil Justin der Märtyrer in seinem Dialog mit
Tryphon das Kreuz in dieser Weise zu beschreiben scheint, wenn er es
mit dem Horn eines Einhorns vergleicht. Und der hl. Irenäus sagt: „Die
übliche Form des Kreuzes hat fünf Enden oder Spitzen, zwei in der
Länge, zwei in der Breite, eines in der Mitte, auf das sich der Gekreuzig-

69
te stützte.“ Bei all dem wird das Kreuz immer dem lateinischen, grie-
chischen und hebräischen T ähnlich sein, weil darin nur ein geringer
Unterschied liegt.
Außerdem haben die Alten am Kreuz manchmal andere Gegenstände
abgebildet und dargestellt, um auf bestimmte Geheimnisse und Lehren
hinzuweisen: denn die einen bogen das obere Ende des Kreuzes in Form
eines Krummstabes, um den griechischen Buchstaben P zu bilden, et-
was tiefer brachten sie zwei Stücke in Form des Buchstabens X an; das
sind die ersten zwei Buchstaben des Namens Christus.9 Etwas tiefer war
der Querbalken des Kreuzes, an dem ein Flor hing, wie man es jetzt bei
unseren Kirchenfahnen macht, um zu zeigen, daß es das Banner Christi
ist. So beschreibt es Pierius und nach ihm der gelehrte Bellarmin und
mehrere andere von den Unseren, womit der Traktant (B.T. 41) über-
einstimmt. Die anderen brachten am Kreuz eine strahlende Krone an,
die einen aus kostbaren Steinen, wie es Konstantin auf seinem Labarum
(Reichsfahne) tat, andere aus Blumen, wie es der hl. Paulinus in einer
schönen Kirche von Nola machte. Über ihrem Eingang ließ er ein sol-
ches Kreuz malen und dazu die Verse schreiben:10
„Sieh überm heiligen Portal dieser schmucken Kirche
das Kreuz deines Erlösers zu oberst gekrönt,
der, getreu, für die Leiden und Mühen seiner wahren Höflinge
tausendfach höchsten Lohn verspricht.
Nimm daher mit seinem Kreuz alle Leiden an, die er schickt,
wenn du mit ihm eines Tages seine Krone gewinnen willst.“
Über drei anderen Portalen der gleichen Kirche waren zu beiden Seiten
zwei Kreuze gemalt, über denen sich außer den Blumenkronen auf Zwei-
gen sitzende Tauben mit folgenden Versen befanden:11
„Eine mächtige Krone aus tausend schönen Blumen
umgibt das Kreuz meines Erlösers ganz und gar;
das Kreuz, das seine Farbe empfängt vom roten, reinen Blut, das
entspringt aus den Füßen und Händen, vom Haupt und der Seite.
Zwei Tauben darüber zeigen, wir müssen glauben,
daß Gott, nur Einfältige seiner Glorie teilhaft macht.“
Und zum gleichen Gegenstand:12
„O Gott, laß durch dein Kreuz uns alle der Welt sterben,
mach, daß auch die Welt ganz für uns sterbe;
so wird es zum Heil für alle geschehen,
daß die Sünde stirbt und das Heil in der Seele überreich ist.

70
Da unsere Frevel uns hassenswert machen,
reinige die stinkenden Kerker unserer Herzen:
dann werden wir wie Tauben sein, o Gott,
einfältig und vielgeliebt, sobald wir liebenswürdig geworden.“

Desgleichen ließ der hl. Paulinus das Kreuz über dem Altar malen mit
einem Schwarm von Tauben über ihm, ebenso ein Lamm unter dem
Kreuz, blutig gefärbt. Das gleiche wollte er machen in einer Basilika,
die er in Fondi bauen ließ. Das alles zeigt, wie sehr man das Kreuz in
Ehren hielt.
Konstantin setzte das Kreuz auf seine Reichsfahne und glaubte, daß es
ihm ein heilsames Banner sei, wie Eusebius sagt. Daß er darauf den
abgekürzten Namen Christi setzte, zeigt, daß das Kreuz das echte Zei-
chen Jesu Christi ist, nicht der Sitz des Götzendienstes, wie es der
Traktant beschrieben hat. Indem er darüber eine Krone reich an kostba-
ren Steinen setzte, bekundete er, daß dem Gekreuzigten alle Ehre und
Verherrlichung gebührt und daß sich die Kaiserkrone auf das Kreuz
stützen muß. Der hl. Paulinus wollte mit den Blumen, die er über dem
Kreuz anbrachte, sagen, daß wir durch das Kreuz die Krone der Glorie
erlangen, wie er durch seine Verse bestätigt; und durch die Tauben gibt
er zu verstehen, daß der Weg zum Himmel, der durch das Kreuz eröff-
net wurde, nur für Einfältige und Sanftmütige bestimmt ist. Ein ander-
mal verstand er den Schwarm der Tauben als Sinnbild der Schar der
Apostel, die in ihrer Einfalt überall das Wort vom Kreuz verkündeten.
Durch die Palmen und das Blut versinnbildete er das Königtum Unse-
res Herrn; durch das Lamm, das er unter das Kreuz setzte, versinnbilde-
te er Unseren Herrn, der am Kreuz geopfert die Sünden der Welt hin-
wegnahm. Es war eine sehr ehrenvolle Auffassung, die die Alten vom
Kreuz hatten, die sie so heilig von ihm denken ließ. Daraus kann man
ersehen, daß es nur Mangel an mehr Wissen ist, wenn der Traktant (B.T.
47) behauptet, die Alten hätten dem Kreuz keine andere Ehrung erwie-
sen, als es einfach mit Blumen zu bekränzen. Es ist aber eine grenzenlo-
se Vermessenheit, daß er die Dinge nach seinem Wissen mißt.

71
2. Kapitel

Vom ehrwürdigen Alter der Abbildungen des Kreuzes.

Ich hätte ein schönes Feld, um das ehrwürdige Alter der Darstellung
des Kreuzes zu zeigen, wollte ich mich über eine Fülle von Bildern des
Alten Testaments verbreiten, die nichts anderes sind als Vorbilder des
Kreuzes, und ich müßte nicht glauben, das sei ein schwacher Beweis.
Wenn dieses Volk des Alten Bundes außer dem Wort Gottes auch meh-
rere Sinnbilder hatte, um sich an der Vorahnung des künftigen Kreuzes
zu laben, welchen Grund könnte es geben, daß es nicht erlaubt wäre,
solche auch in unserer Kirche zu haben, um sich an der Erinnerung an
die Kreuzigung in der Vergangenheit zu erquicken? Es gäbe gewiß kei-
nen noch so guten Traktanten, der nicht geblendet würde, wenn ich ihm
alle heiligen Erwägungen vorhielte, die darüber das ganze Altertum
angestellt hat. Der hl. Justin der Märtyrer in der Auseinandersetzung
mit Tryphon, Tertullian mit Marcion, der hl. Cyprian mit allen Juden
glaubten ein gutes und festes Argument für die Ehre und Hochschät-
zung des Kreuzes zu liefern, wenn sie die Vorbilder des Alten Testa-
ments anführten: warum soll ich nicht über denselben Gegenstand mit
gleichen Beweisen argumentieren können mit einem Traktanten, der
sich als Christ bezeichnet?
Doch die Kürze, zu der ich mich verpflichtet habe, erlaubt mir nicht,
mir die erforderliche Muße zu nehmen, um eine solche Häufung vorzu-
nehmen. Man wird außerdem mit größerem Nutzen, als was ich darüber
sagen könnte, bei den Autoren lesen, die ich bereits genannt habe, sowie
bei Jonas von Orléans, beim hl. Gaudentius über Exodus und in der
‚Theogonie‘ des Cosmas von Jerusalem. Ich will mich darauf beschrän-
ken, nur dasjenige anzuführen, das alle Alten übereinstimmend auf das
Kreuz beziehen, das ist die eherne Schlange, die aufgerichtet wurde. Wo
der Traktant (B.T. 56) von ihr spricht, macht er die Bemerkung, sie sei
nicht angebracht oder „errichtet worden auf einem Querholz, wie man
es allgemein darstellt, sondern sie sei aufgerichtet worden“, sagt er, „auf
einer Fahnenstange oder einer Stange, wie der Text sagt.“ Darauf will ich
erwidern.
1. Die Eigenart der Ausdrücke des Textes ist keineswegs zwingend,
daß die Schlange auf einer Stange aufgerichtet wurde; so hat Sanctes
Pagninus den Ausdruck ‚Standarte‘ beibehalten, der zweifellos der pas-
sendste ist und sich besser auf das bezieht, was versinnbildet wurde.

72
2. Ich weise darauf hin, daß die Standarten und Feldzeichen einst in
der Form von Kreuzen gemacht waren, in der Weise, daß das Holz, an
dem das Fahnentuch hing, quer zum anderen stand, wie man gegenwär-
tig an unseren Kirchenfahnen sieht. Beweis dafür ist das Labarum der
Römer und Tertullian in seiner Apologie. Wenn also die Schlange auf
einer Standarte angebracht wurde, war es folglich an einem Querholz.

3. Ich weise darauf hin, daß der Traktant unrecht hat, darin der allge-
meinen Auffassung zu widersprechen, die daran festhält, daß die Schlange
an einem Querholz aufgerichtet war, ohne Gründe und Gewährsmän-
ner für sich zu haben. Es ist dagegen vernünftig, in dieser Frage Justin
den Märtyrer vorzuziehen; in der Apologie für die Christen führt er
diese Geschichte an und bestätigt, daß Mose die Schlange erhöhte und
sie in der Form des Kreuzes errichtete.
Seht also, wo ich das erste Bild des Kreuzes anführen könnte. Es ist ja
so, daß eine Sache, um das Sinnbild einer anderen zu sein, zwei Bedin-
gungen erfüllen muß: die eine, daß sie der Sache ähnlich sei, deren
Sinnbild sie ist, die andere, daß sie von ihr gedeckt wird und ihr entnom-
men ist. Da die eherne Schlange in ähnlicher Form wie das Kreuz aufge-
richtet wurde und durch die Vorsehung Gottes nach ihm gebildet war,
kann sie nur ein wahres Vorbild des Kreuzes sein.
Doch um mich dem Traktanten anzupassen, soll es mir genügen, von
den Kreuzen zu sprechen, die in der Kirche des Altertums angefertigt
wurden; von ihnen sagt er (B.T. 41) folgendes: „Die Zeichen, die man
anfangs machte, waren nichts als die Bewegung der Hand, zur Stirn
geführt oder in der Luft. Sie bestanden nicht aus einem materiellen
Stoff, aus Holz, Stein, Silber, Gold oder etwas ähnlichem. Der erste, der
solche aus Stoff machte, war Konstantin. Nachdem er einen bedeuten-
den Sieg über Maxentius errungen hatte, machte er seine Reichsfahne in
Form eines Kreuzes, reich mit Gold und Edelsteinen verziert.“ Ich be-
wundere diese so dreiste Ignoranz. Wo ist einer, so wenig er im Alter-
tum bewandert ist, der nicht wüßte, daß in den allerersten Anfängen der
Kirche die Heiden den Christen von allen Seiten den Gebrauch und die
Verehrung des Kreuzes vorhielten? Das hätten sie nie getan, hätten sie
nicht gesehen, daß die Christen Kreuze hatten.
In der Tat sagt Tertullian in seiner Apologie, daß man den Christen
seiner Zeit vorwarf, daß sie das Kreuz schätzten und verehrten. Darauf
antwortet er nur: „Qui Crucis nos religiosos putat, consectaneus noster
erit cum lignum aliquod propitiatur: Wer uns für Verehrer des Kreuzes

73
hält, wird unser Anhänger sein, wenn er irgendein Holz verehrt oder
liebkost.“ Dann zeigt er, daß man in der Religion der Römer Holzstük-
ke verehrte und hochschätzte, die sich nur wenig vom Kreuz unterschie-
den; daß sich die Hersteller von Götzenbildern kreuzförmiger Werk-
zeuge bedienten, um diese Götzenbilder zu machen; ebenso daß sie die
Siege feierten und das Innere der Trophäen (d. h. die Geräte, auf denen
man die Trophäen trug) die Form des Kreuzes hatte; ebenso daß die
Religion der Römer, die ganz kriegerisch war, die Feldzeichen und Stan-
darten verehrte, bei ihnen schwor und sie höher schätzte als alle Götter;
daß die Tücher und Stoffe der Standarten gewissermaßen nur Mäntel
und Kleider der Kreuze waren; und er schließt mit den Worten: „Ich
lobe diesen Eifer; ihr wolltet nicht nackte und unverhüllte oder schmuck-
lose Kreuze weihen.“ Dieser scharfsinnige Schriftsteller leugnet hier
nicht, sondern gibt vielmehr zu, daß die Christen das Kreuz verehrten.
Er macht zwischen den Kreuzen der Heiden und den unseren keinen
anderen Unterschied als den, daß die unseren nackt und ohne Verzie-
rung sind, die ihren mit verschiedenem Zierat verkleidet.
Ebenso und noch viel klarer spricht darüber Justin der Märtyrer in
seiner zweiten Apologie. Er zeigt, daß man ohne das Zeichen des Kreu-
zes nichts machen kann, und weiter, daß die Trophäen und Stäbe, die
man vor der Obrigkeit einhertrug, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem
Kreuz hatten; ferner, daß die Heiden die Bilder ihrer verstorbenen Kai-
ser durch das Zeichen des Kreuzes weihten; und er schließt dann mit
den Worten: „Da wir also aus gutem Grund, der selbst dem Zeichen
entnommen ist, soviel wir können, diese Dinge mit euch tun, werden wir
künftig ohne Schuld sein.“ Justin bestätigt also, daß wir in der Frage,
Kreuze zu machen, nichts weniger taten als die Heiden, obwohl das in
verschiedener Absicht geschah; das führt er dann sehr gelehrt und aus-
führlich aus. Dasselbe tut Minutius Felix.
Der hl. Athanasius, der zur Zeit Konstantin des Großen lebte, stellt
im Buch der ‚Fragen an Antiochus‘ die Frage: „Warum machen die
Gläubigen alle Kreuze, ähnlich dem Kreuz Christi, und machen keine
Nachbildungen der heiligen Lanze, des Rohres oder des Schwammes?
Diese Dinge sind ja heilig wie das Kreuz selbst.“ Darauf antwortet er:
„In der Tat verehren wir das Abbild des Kreuzes, das wir aus zwei Höl-
zern zusammensetzen. Wenn einer der Ungläubigen uns vorwirft, wir
beteten das Holz an, können wir leicht die zwei Stücke Holz trennen,
die Gestalt des Kreuzes auflösen, die zwei auf diese Weise getrennten
Hölzer für nichts halten und diese Ungläubigen überzeugen, daß wir

74
nicht das Holz verehren, sondern die Nachbildung des Kreuzes. Das
können wir nicht tun bei der Lanze, dem Rohr und dem Schwamm.“
Was spricht also dafür, daß Konstantin der erste gewesen sei, der das
Kreuz aus dauerhaftem Stoff gemacht hat? Der hl. Athanasius bestätigt
doch, daß alle Gläubigen jener Zeit Kreuze aus Holz machten und sie
verehrten, und er spricht davon wie von einer ganz allgemeinen und
üblichen Sache. – Ich kann mich hier nicht des Hinweises auf den Be-
trug des Traktanten enthalten. Er zitiert (B.T. 50) die Passage des hl.
Athanasius und läßt ihn folgendes sagen: „Die Christen zeigten, daß sie
nicht das Kreuz verehrten, wenn sie gewöhnlich dessen zwei Hauptbe-
standteile trennten und anerkannten, daß sie nur Holz waren.“ Der hl.
Athanasius sagt doch im Gegenteil ausdrücklich, daß alle Gläubigen
das Kreuz verehrten, nicht aber das Holz. Gewiß, die Reformatoren
machen uns da etwas Schönes weis.
In Wahrheit hätte der Traktant wenigstens bedenken müssen: wenn
Konstantin seine Reichsfahne in Form des Kreuzes machte, infolge der
Vision eines Kreuzes in der Gestalt, nach der er die anderen machen
ließ (wovon der Traktant selbst zugibt, daß es geschehen sein kann),
dann war nicht Konstantin der erste, der das Kreuz in dauerhaftem Stoff
anfertigte, sondern vielmehr Gott, der ihm das erste Muster davon gab,
nach dem die anderen angefertigt wurden. Wenn dagegen Konstantin
nicht auf die Offenbarung Gottes noch auf irgendeine Vision hin sein
Reichsbanner und viele andere Kreuze machen ließ, sondern vielmehr
aus Staatsräson, eine Auffassung, die dem Traktanten besser gefällt, dann
nehme ich ihn beim Wort. Er sagt (B.T. 42): „Da er soeben zur Kaiser-
würde erhoben worden war durch den Willen der Krieger, die ihn den
Abkömmlingen Diokletians vorzogen, dachte er, das Mittel, sich in die-
ser Würde gegen seine Rivalen und Gegner zu behaupten, sei, sich zum
Freund der Christen zu machen, die Diokletian aufs äußerste verfolgt
hatte, und ließ aus diesem Grund Kreuze errichten, noch ehe er selbst
Christ wurde.“
Ich nehme den Traktanten folgendermaßen beim Wort: Um sich zum
Freund der Christen zu machen, ließ Konstantin mehrere Kreuze er-
richten; folglich sahen es die Christen jener Zeit gern, daß man Kreuze
errichtete. Und wer hatte sie bis dahin gehindert, solche wenigstens in
ihren Häusern und Oratorien aufzustellen? Und wie konnte Konstantin
wissen, daß das Mittel, den Christen gefällig zu sein, in der Errichtung
von Kreuzen bestand, wenn nicht bekannt war, daß sie früher solche
errichtet und verehrt hatten? In der Tat wären die Reformatoren nicht

75
Freunde dieser frühen Christen gewesen, noch wäre ihre Lehre für christ-
lich gehalten worden, da sie ihre Kreuze zerstören und ihnen einzure-
den versuchen, es sei ein „Verfall“, daß ihr Gebrauch eingeführt wurde,
und es „sei noch schlimmer, ihn beizubehalten“. Das sind die eigenen
Worte des Traktanten (B.T. 58). Es ist zweifellos wahr, was er an anderer
Stelle (B.T. 20f) sagt, was vom hl. Gregor von Nazianz überliefert ist,
daß „die Wahrheit nicht Wahrheit ist, wenn sie es nicht ganz ist, und daß
ein kostbarer Stein seinen Wert verliert infolge eines einzigen Fehlers
oder eines einzigen Fleckens“. Wenn das stimmt, dann wäre die christ-
liche Lehre nach der Meinung dieses Mannes zur Zeit Konstantins nicht
mehr rein gewesen, weil die Christen wünschten und gern sahen, daß
man Kreuze errichtete, was nach seinen Worten ein Verfall, „eine krank-
hafte und irrige Lehre“ ist.
Meiner Meinung nach ist es nicht wenig, dieses Geständnis der Fein-
de des Kreuzes gewonnen zu haben, daß die Christen vor 1300 Jahren es
liebten und wünschten, daß man Kreuze errichtete. Ich weiß aber nicht,
wie man diesen Traktanten mit Calvin und den anderen Neuerern in
Einklang bringen kann. Er sagt ja einerseits, zur Zeit Konstantins habe
es einen Verfall in der Kirche gegeben, und Calvin mit den anderen
Neuerern ist der Auffassung, daß die Kirche bis zur Zeit Gregor des
Großen rein war. Denn Calvin sagt, wenn er vom hl. Irenäus, Tertullian,
Origenes und vom hl. Augustinus spricht, „es sei eine bekannte und
unbezweifelte Sache, daß von der Ära der Apostel bis zu ihrer Zeit
keine Änderung in der Lehre eintrat, weder in Rom noch in anderen
Städten.“ Und der Traktant sagt selbst (ohne zu wissen, was er tat), wo er
von der Zeit des hl. Gregor spricht und die Einfalt der damaligen Chris-
ten rügt (B.T. 27), daß „ihre Augen sich stark zu trüben und kaum noch
im Dienst Gottes klar zu sehen begannen“. Seht ihr, wie er den Beginn
des angeblichen Verfalls der christlichen Lehre zur Zeit des hl. Gregor
ansetzt? Doch was das Kreuz betrifft, hat er ihn den Christen zuge-
schrieben, die zur Zeit Konstantin des Großen lebten. Sie macht er
(und das ist die Wahrheit) zu großen Freunden der Errichtung von Kreu-
zen, die er dann einen Verfall nennt. Soweit ich sehe, werden sie schließ-
lich zugeben, daß unsere Kirche zur Zeit der Apostel ihren Anfang nahm.
Ich habe also nicht nur bewiesen, daß der Traktant ein Ignorant ist,
weil er gesagt hat, Konstantin sei der erste gewesen, der Kreuze aus
dauerhaftem Stoff machte, sondern auch, daß die Anfertigung von Kreu-
zen bei den frühesten Christen geübt wurde, denn wir haben kaum ältere
Autoren als Justin und Tertullian. Ich will noch sagen, daß man nach

76
der Erinnerung unserer Vorfahren um das Jahr 1546 in der Nähe von
Meliapur auf einem kleinen Hügel, auf dem die Barbaren den heiligen
Apostel Thomas getötet haben sollen, ein sehr altes Kreuz fand, in ei-
nen Steinquader eingelassen und von Blutstropfen benetzt, auf dessen
Höhe sich eine Taube befand. Sie war in einen Steinsarg eingeschlossen,
auf dem eine bestimmte alte Inschrift eingraviert war, die nach dem
Bericht der erfahrensten Brahmanen den Bericht über das Martyrium
des heiligen Apostels enthält, und unter anderem, daß er sterbend die-
ses Kreuz geküßt habe, was selbst die Blutstropfen bestätigen. Dieses
Kreuz wurde in eine Kapelle gebracht, die die Portugiesen an dieser
Stelle erbauten. Jedes Jahr um das Fest des hl. Thomas, sobald man das
Evangelium der heiligen Messe zu lesen anfängt, beginnt es Blut in gro-
ßen Tropfen zu schwitzen und ändert die Farbe; es wird fahl, dann
schwarz, darauf zeigt es sich himmelblau, sehr angenehm anzuschauen,
schließlich kehrt es zu seiner natürlichen Farbe zurück, sobald man den
Gottesdienst beendet hat. Wenn es in manchen Jahren vorkam, daß die-
ses Wunder nicht geschah, fühlten sich die Bewohner jener Gegend,
belehrt durch die Erfahrung, von irgendeinem großen Unglück bedroht.
Das ist eine ganz bekannte Sache, die sich vor den Augen des ganzen
Volkes abspielt. Der Bischof von Kotschin hat eine ausführliche und
authentische Bestätigung mit einer Abbildung dieses Kreuzes am Be-
ginn des heiligen Konzils von Trient geschickt.
Das ist ein ganz ausdrücklicher Hinweis, daß die Apostel selbst das
heilige Kreuz in Ehre hielten. Und wie der Apostel, der den Glauben
bei diesen Völkern einpflanzte, gleichzeitig den Gebrauch des Kreuzes
dorthin brachte, so wollte Gott, um in dieser jüngsten Zeit hier den
gleichen Glauben wieder zu begründen, ihr die Verehrung des Kreuzes
empfehlen durch ein auffallendes Wunder von der Art, wie wir berichtet
haben. So haben die Bewohner von Socotora, einer Insel im Roten Meer,
die Christen waren und sind seit der Zeit, als der hl. Thomas dort pre-
digte, außer anderen katholischen Zeremonien die Gewohnheit, ein
Kreuz am Hals zu tragen und es sehr in Ehren zu halten. Nun, was ich
weiter sagen will, wird noch lebhafter bestätigen, was ich vorher gesagt
habe.

77
3. Kapitel

Vom ehrwürdigen Alter der Bilder des Kreuzes.

Der Traktant, der so wenig wie möglich zugibt, was die kirchliche
Übung bildet, hat geleugnet, daß es vor der Zeit Konstantins bei den
Christen Kreuze gegeben hat; an anderer Stelle (B.T. 47) behauptet er,
daß am Anfang und sogar zur Zeit des Theodosius „das Kreuz nichts
war als zwei gekreuzte Hölzer, daß es an ihm keinen Gekreuzigten gab
und noch weniger die Jungfrau Maria, wie sich seither an manchen Kreu-
zen auf der einen Seite das Bild des Gekreuzigten befindet und auf der
anderen das seiner Mutter.“
Ich weiß nicht, was diesen Mann zu dieser Bemerkung veranlassen
kann, denn was kann es ausmachen, daß man eher einfache Kreuze ge-
macht hat als Bilder des Gekreuzigten? Es ist doch auch ganz sicher,
daß man Kreuze nur gemacht hat, um den Gekreuzigten darzustellen.
Dabei ist aber diese Bemerkung ganz falsch und würdig eines Mannes,
der das Altertum verachtet. Der hl. Athanasius, der zur Zeit Konstan-
tins lebte, schreibt eine Geschichte von der leidenschaftlichen Bosheit
einiger Juden in Beirut, die ein sehr altes Bild Jesu Christi kreuzigten,
das sie bei ihnen gefunden hatten, in der Weise: Ein Christ hatte in
einem Mietshaus nahe der Synagoge der Juden gewohnt und hatte an der
Wand seinem Bett gegenüber ein Bild Unseres Herrn angebracht, das
seine Gestalt in Proportion darstellte. Nach einiger Zeit zog er von dort
aus und ließ sich anderswo nieder. Als er seine Einrichtung dorthin
brachte, vergaß er das Bild mitzunehmen, nicht ohne geheime Fügung
der göttlichen Vorsehung. Inzwischen zog hier ein Jude ein, ohne auf
dieses Bild zu achten. Als er einen anderen Juden zum Essen einlud,
wurde er deswegen sehr gescholten, und obwohl er sich entschuldigte,
es nicht gesehen zu haben, wurde er beschuldigt und angeklagt als
schlechter Jude, da er ein Bild des Jesus von Nazaret besaß. Darauf
kamen die Vorsteher der Juden in das Haus, in dem sich das Bild be-
fand, rissen es herab und warfen es zu Boden, dann führten sie an ihm
ganz das gleiche aus, was mit Jesus geschehen war, als man ihn kreuzig-
te, ja man ging so weit, ihm einen Lanzenstich in die Seite zu versetzen.
O Wunder, augenblicklich beginnen Blut und Wasser hervorzukom-
men und in großer Fülle zu fließen, so daß die Juden davon einen Krug
voll in ihre Synagoge bringen, und alle Kranken, die damit besprengt
oder benetzt wurden, sind sogleich geheilt.

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Das ist der Bericht, den der hl. Athanasius davon gibt. Aus ihm kann
man erkennen, daß dieses Bild das Bild des Gekreuzigten war; dies so-
wohl deswegen, weil es für den Juden, der jenen verklagte, der es in sei-
nem Haus hatte, schwer gewesen wäre, es sogleich als das Bild Jesu Chri-
sti zu erkennen, wäre er nicht als der Gekreuzigte dargestellt gewesen;
außerdem deswegen, weil sich die Juden die Kreuzigung Unseres Herrn
nicht im einzelnen hätten vorstellen können, außer nach dem Bild eines
Gekreuzigten. Wie aus dem Bericht, den der Christ, dem das Bild gehör-
te, in Gegenwart des Ortsbischofs gab, hervorgeht, war dieses Bild von
Nikodemus eigenhändig angefertigt, der es Gamaliel überließ; Gamaliel
schenkte es dem hl. Jakobus, der hl. Jakobus dem hl. Simeon, Simeon
dem Zachäus. So ging es von Hand zu Hand und blieb in Jerusalem bis
zur Zeit der Zerstörung dieser Stadt, dann wurde es in das Reich Agrip-
pas gebracht, in das sich die Christen Jerusalems zurückzogen, weil Agrip-
pa unter dem Schutz der Römer stand. Es ist also nicht so, wie der Traktant
sagt, daß die Bilder des Kreuzes erst zur Zeit Konstantins gemacht wur-
den und daß damals und lange Zeit danach nicht der Gekreuzigte mit
dargestellt wurde, denn ich sehe nicht, was er dieser Autorität entgegen-
setzen könnte, um die falsche Leugnung und Vermessenheit zu erhärten.
In der Liturgie des hl. Chrysostomus ist nach der Übersetzung des
Erasmus der Priester angewiesen, eine Verneigung zu machen, wenn er
sich dem Bild Jesu Christi zuwendet. Das beziehen die besten Kenner
mit gutem Grund auf das Bild des Gekreuzigten; denn welche Darstel-
lung Jesu Christi kann man passender in der Kirche und selbst auf dem
Altar aufstellen als die des Gekreuzigten? Wer aufmerksam das Ge-
dicht liest, das Lactanz über die Passion Unseres Herrn verfaßt hat,
wird erkennen, daß er es bezieht auf den Augenblick der Darstellung
des Gekreuzigten, die sich gewöhnlich in der Mitte der Kirche befindet.
Er läßt in poetischer Sprache Unseren Herrn zu denen sprechen, die die
Kirche betreten. Der hl. Johannes von Damaskus, der vor 800 Jahren
lebte, spricht vom Bild des Gekreuzigten als von einer alten und recht-
mäßigen Tradition. „Da nicht jeder schriftkundig ist und sich mit dem
Lesen befaßt“, sagt er, „waren unsere Väter gemeinsam der Auffassung,
diese Dinge, d. h. die Geheimnisse unseres Glaubens, sollten uns gleich-
sam als Trophäen in Bildern dargestellt werden, um das Gedächtnis zu
erleichtern und zu fördern. Denn sehr oft denken wir aus Nachlässigkeit
nicht an die Passion Unseres Herrn; wenn wir aber die Darstellung der
Kreuzigung Unseres Herrn sehen, erinnern wir uns wieder der Passion
des Erlösers, knien nieder und beten nicht das Bild an, sondern jenen,

79
den es darstellt.“ Das sind die Worte dieses großen Mannes, der etwas
später fortfährt: „Das ist also eine nicht geschriebene Überlieferung,
nicht mehr und nicht weniger als die Anbetung gegen Osten, die Vereh-
rung des Kreuzes und viele andere Dinge, ähnlich denen, von denen
gesprochen wurde.“ Die Darstellung des Gekreuzigten war also schon
zu jener Zeit angenommen als autorisiert durch eine sehr alte Gewohn-
heit. Woher kommt also die Meinung des Traktanten und die Behaup-
tung, daß man in alter Zeit den Gekreuzigten nicht mit dem Kreuz
verband? Und welches Interesse kann er daran haben außer dem Ver-
langen, der katholischen Kirche zu widersprechen? Die Darstellung des
Gekreuzigten ist ebenso zulässig wie die des Kreuzes.
Als der große Albuquerque Goa, die Hauptstadt Ostindiens, befesti-
gen ließ und man einige Häuser abbrach, fand man an einer Mauer eine
Darstellung des Gekreuzigten in Bronze. Dadurch gewann man mit ei-
nem Schlag Kenntnis davon, daß die christliche Religion früher an die-
sem Ort war, obwohl es keine Erinnerung daran gab, und daß bei den
frühen Christen die Darstellung des Gekreuzigten üblich war. Das war
kein geringer Trost für diesen großen Feldherrn und seine Leute, dieses
Kennzeichen des Christentums an einem Ort zu sehen, der seit unvor-
denklichen Zeiten des Evangeliums beraubt war.
Was die Beanstandung betrifft, daß man an manchen Kreuzen auf der
einen Seite das Bild des Gekreuzigten, auf der anderen das seiner Mutter
anbringe, fällt es mir schwer zu verstehen, was er damit sagen wollte.
Schließlich kann es sich nur um eines von zwei Dingen handeln: entwe-
der beanstandet er die Kreuze, bei denen wir zu beiden Seiten des Ge-
kreuzigten die Darstellung Unserer lieben Frau und des hl. Johannes des
Evangelisten anbringen. Aber da wäre eine Beanstandung sehr ungerecht;
denn wie es zulässig und angemessen ist, daß wir das Bild des Gekreuzig-
ten haben, entsprechend der Übung selbst bei den frühesten Christen, so
ist es auch zulässig, Bilder Unserer lieben Frau und der Apostel zu haben.
Dafür ist der hl. Lukas unser Gewährsmann, der nach dem Bericht des
Nicephorus Calixtus als erster das Bild des Erlösers, seiner Mutter, des
hl. Petrus und des hl. Paulus malte. Wenn dem so ist, wo könnte man die
Bilder Unserer lieben Frau und des hl. Johannes besser anbringen als
neben dem Erinnerungszeichen des Gekreuzigten? Das geschieht ja nur,
um die Geschichte der Passion besser darzustellen; man weiß ja, daß
dabei Unser Herr diese zwei erhabenen Personen nahe bei seinem Kreuz
gesehen und sie einander anempfohlen hat (Joh 19,26f). Oder er spricht
von manchen Kreuzen, wo er vielleicht auf der Rückseite des Kruzifixes

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irgendein Bild Unserer lieben Frau gesehen hat. Dann hat er sehr un-
recht, wenn er aus den abweichenden Absichten der Graveure und Maler
oder jener, die die Kreuze machen lassen, eine Folgerung gegen uns ablei-
ten will. Denn tatsächlich ist diese Art von Kreuzen in der Kirche kaum
gebräuchlich; ich will aber trotzdem nicht sagen, daß daran etwas Schlech-
tes sei. In alter Zeit brachte man auf dem Kreuz und darum herum Tau-
ben an; warum sollte man nicht gut ein Bild der seligsten Jungfrau oder
irgendeines Heiligen anbringen? Ich habe welche gesehen, wo man auf
der Rückseite des Kreuzes Lämmer hingesetzt hat, um Unseren Herrn zu
versinnbilden, der als unschuldiges Lämmlein gekreuzigt wurde, wie es
bei Jesaja (53,7) heißt; andere enthielten andere Bilder, nicht nur der
seligsten Jungfrau, sondern auch des hl. Johannes, des hl. Petrus und an-
derer. In diesem Fall dient das Kreuz auf dieser Seite nicht als Kreuz (als
solches dient es auf der Seite mit dem Gekreuzigten), es dient als Bild.
Außerdem bildet man Unsere liebe Frau nicht am Kreuz mit Unserem
Herrn ab, noch einen anderen Heiligen.
Übrigens fügt der Traktant (B.T.47) hinzu, man bringe das Bild Unserer
lieben Frau hier an, „als wäre sie die Gefährtin der Leiden des Erlösers
gewesen und hätte an der Erlösung des Menschengeschlechtes Anteil ge-
habt.“ Das entspringt seiner Laune, sage ich, die verdorben ist durch den
Ausfluß einer bitteren, mürrischen Gemütsart, in der die Reformatoren
die Handlungen der Katholiken zu beurteilen gewohnt sind. Denn wo wäre
je der Katholik, der nicht wüßte, daß wir keinen anderen Erlöser haben als
einzig Jesus Christus? Wir stellen sehr oft Magdalena dar, die das Kreuz
umfängt; wieso hat er davon nicht gesagt, wir glaubten, sie sei unsere Erlö-
serin? Magen und Gehirn dieser Leute sind verdorben, sie verwandeln alles
in Gift. Unsere liebe Frau wurde nicht gekreuzigt, aber sie war wohl beim
Kreuz, als ihr Sohn daran hing, denn wo der Schatz eines Menschen ist, da
ist sein Herz, und die Seele ist mehr da, wo sie liebt, als wo sie lebt. Gewiß,
fast überall, wo im Evangelium von Unserer lieben Frau die Rede ist, findet
man, daß sie mit ihrem Sohn und um ihn ist, vor allem in seiner Passion
(Joh 19,25); daher wäre es nicht unbegründet, sie neben ihm am Kreuz
darzustellen, zwar nicht, als wäre sie für uns gekreuzigt, aber als diejenige,
von der man mit viel größerem Recht als von jedem anderen sagen kann:
Christo confixa est Cruci (vgl. Gal 2,19): sie ist an Jesus Christus am Kreuz
angenagelt. Es war also die Wut, die der Traktant auf die Katholiken hat, die
ihn daran hinderte, auf so viele gute und fromme Gründe zu achten, die in
dieser Tatsache liegen können, um eine so böswillige Vermutung gegen
unsere Absichten auszusprechen.

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4. Kapitel

Das Bild des Kreuzes erschien Konstantin dem Großen


und bei anderen Gelegenheiten.

Es ist ein vorzüglicher Beweis für die Ehre und Kraft der Abbildung
des Kreuzes, daß Gott der Allmächtige es wunderbarer Weise bei vielen
großen und hervorragenden Gelegenheiten erscheinen ließ und sich sei-
ner bediente als Standarte, bald um die Gläubigen zu bestärken, bald
um die Ungläubigen in Schrecken zu versetzen. Doch die Erscheinung,
die Konstantin dem Großen zuteil wurde, war nicht ohne Grund die
bekannteste und berühmteste bei den Christen, da Gott durch sie das
Herz dieses großen Kaisers rührte, um ihn das Christentum wählen zu
lassen. Sie war wie ein heiliges Signal für das Aufhören der Flut des
Blutes der Märtyrer, von dem bis zu jener Stunde die ganze Erde über-
flutet war. Außerdem wurde dieses Kreuz, das Konstantin gezeigt wur-
de, das Modell einer Fülle von Kreuzen, die seitdem von den christli-
chen Kaisern und Fürsten errichtet wurden.
Der Traktant hat das wahrgenommen, und um die Geschichte dieser
großen Erscheinung zweifelhaft zu machen, schwätzt er (B.T. 42): „Ob-
wohl die christlichen Geschichtsschreiber von einer Erscheinung des
Kreuzes in der Luft mit den Worten: ‚Darin wirst du siegen‘ sprechen, ist
es so, daß der heidnische Geschichtsschreiber Zosimus davon nichts er-
wähnt. Er lebte zu jener Zeit und erforschte die Taten Konstantins sehr
genau. Es ist auch offenkundig, daß die Kirchengeschichten davon unter-
schiedlich berichten; denn Eusebius sagt, daß die Erscheinung am hellen
Mittag geschah, Sozomenes schreibt, daß das Kreuz Konstantin nachts im
Schlaf erschien. Gott konnte dennoch dieses Wunder wirken, um die Be-
kehrung dieses damals noch heidnischen Fürsten zu erleichtern; er hat
dann auch viel zur Förderung der Glorie Christi beigetragen, durch wel-
che Neigung er dazu auch bewogen wurde, denn einige Autoren bezichti-
gen ihn großer Fehler.“ Das ist sein Geschwätz, durch das er die Erschei-
nung des heiligen Kreuzes, die Konstantin zuteil wurde, zu verwischen
glaubt, und das durch zwei Mittel: indem er einerseits den christlichen
Geschichtsschreibern die Autorität des Heiden Zosimus entgegensetzt
und andererseits zeigt, daß zwischen christlichen Autoren ein Wider-
spruch bezüglich dieser Tatsache bestehe. Pyrrho verstand im Vergleich
mit diesem Traktanten nichts. Seine ganze Lehre besteht darin, alles in
Zweifel zu ziehen und zu erschüttern. Er bemüht sich um nichts anderes,

82
als Unsicherheit hervorzurufen. Gewiß, er leugnet nicht, daß diese Er-
scheinung wahrscheinlich ist, aber er will auch, daß sie wahrscheinlich
falsch sei.
Was nun Zosimus betrifft, weiß ich nicht, wieso er es wagt, ihn in
dieser Frage gegen die christlichen Autoren zu stellen; denn erstens
steht Zosimus ganz allein und kann keinen vollen Beweis liefern; zwei-
tens leugnet er diese Erscheinung nicht, sondern schweigt nur darüber;
drittens ist er suspekt, denn er war ein Feind des Kreuzes; viertens,
obwohl er ein genauer Erforscher der Taten Konstantins war, war er es
keineswegs für die Wunder Gottes. Die Erscheinung des Kreuzes war
aber ein Werk Gottes, nicht Konstantins. Ich bewundere die Tollheit
dieses Starrsinns, der dem Schweigen oder Vergessen eines einzigen
heidnischen Geschichtsschreibers die gleiche Autorität zuerkennt wie
der Versicherung und dem ausdrücklichen Zeugnis so vieler bedeuten-
der und gläubiger Zeugen. Wer kennt nicht die Albernheiten, die nach
Tacitus und anderen die heidnischen Geschichtsschreiber mit ihrem
Eselskopf den Christen zugeschrieben haben? Ich überlasse es euch zu
denken, ob sie sich ersparten, zu unserem Vorteil und Nutzen zu schwei-
gen, da sie sich nicht ersparten, Fabeln zu erzählen und Geschichten zu
erfinden, um das Christentum zu verhöhnen und zu beschimpfen. Wa-
rum sollte Zosimus besser sein als die anderen?
Der Traktant will aber in dieser Geschichte der Erscheinung Eusebi-
us in Gegensatz zu Sozomenes bringen, indem der eine sagt, sie habe
sich am hellen Mittag ereignet, der andere, nachts, als Konstantin schlief.
Ich glaube, das ist ein Gegensatz, den er im Traum gesehen hat. Tatsäch-
lich versichert Sozomenes an dieser Stelle ausdrücklich, daß er Eusebi-
us folgt. Lassen wir ihn doch selbst sprechen: „Obwohl dem Kaiser
Konstantin mehrere andere Dinge widerfuhren, die ihn dazu führten,
die christliche Religion annehmen zu wollen, haben wir dennoch erfah-
ren, daß ihn vor allem eine Vision, die ihm von Gott zuteil wurde, dazu
bewog, es zu tun. Denn als er gegen Maxentius Krieg führte, begann er
(was wahrscheinlich ist) bei sich zu zweifeln, welchen Ausgang dieser
Krieg haben werde und wen er um Hilfe anrufen könnte. Als er sich
darüber Sorgen machte, sah er in einer Vision am Himmel das strahlen-
de Zeichen des Kreuzes. Engel umgaben es und sagten ihm, der von der
Erscheinung ganz geblendet war: In diesem wirst du siegen, Konstantin.
Man sagt auch, Jesus Christus selbst sei ihm erschienen, habe ihm das
Abbild des Kreuzes gezeigt und selbst befohlen, ein ähnliches machen
zu lassen; er solle es als Hilfe in der Kriegsführung und als ein geeigne-

83
tes Werkzeug, den Sieg zu erringen, gebrauchen. Eusebius mit dem Bei-
namen Pamphilius versichert, daß er das aus dem Mund des Kaisers
selbst gehört hat, und bestätigt es durch einen Eid, nämlich daß zur
Mittagszeit, als die Sonne sich zu neigen begann, sowohl der Kaiser
selbst als auch das Kriegsvolk das Zeichen des Kreuzes am Himmel
leuchten sahen, vom Glanz eines Lichtes gebildet, in dem die Inschrift
stand: In diesem siege. Er hatte diese wunderbare Erscheinung, als er
mit seinem Heer irgendwo auf dem Marsch war; und während er bei
sich überlegte, was das bedeute, wurde es Nacht. Da erschien ihm Jesus
Christus im Schlaf, mit dem gleichen Zeichen, das ihm am Himmel
erschienen war, und gebot ihm, eine andere Standarte nach dem Muster
dieses Zeichens zu machen; sie sollte ihm dienen als Schutz in den
Kämpfen, die er gegen seine Feinde zu führen hatte.“
Das sind sicher fast genau die eigenen Worte nicht nur des Sozome-
nes, sondern auch seines Gewährsmannes Eusebius, so sehr stimmen
sie in diesem Punkt überein. Ich weiß, daß sich in dieser Frage ein
großer Gelehrter unserer Zeit geirrt hat,13 aber er verdient Nachsicht,
denn das geschah mitten in einer mühsamen Aufgabe, und da ist es
entschuldbar, wenn man manchmal schläfrig wird. Aber in dem so klei-
nen Werk, in dem der Traktant seine Erwiderung formuliert und uns
angreift, kann er diesen so offenkundigen Fehler nicht machen, ohne
daß er verdient, für einen Betrüger oder Ignoranten gehalten zu werden,
obwohl er sich als Fachmann ausgibt.
Indessen zeigt er den Haß, den er gegen das heilige Kreuz hegt. Um
seiner Ehre zu widersprechen, forscht er so neugierig, was Konstantin
der Große für ein Mann war, und weckt Zweifel am Eifer, mit dem er
der Ehre Gottes gedient hat. Konstantin wird von unseren Vorfahren
überaus gelobt als Urheber der Ruhe für die Kirche, als „Fürst der
christlichen Fürsten“, wie ihn der hl. Paulinus nennt, als „ganz großes
Licht aller Kaiser, die es je gab, und sehr erhabener Prediger der wahren
Frömmigkeit“, wie ihn Eusebius nennt. Nun soll er am Ende (wenn
Gott es zuläßt) den Tadel und die Vorwürfe dieser reformierten Chris-
ten über sich ergehen lassen, die schlimmer als Hunde das reinste und
lauterste Leben der Väter der Christenheit zu besudeln trachten. „Eini-
ge Autoren bezichtigten ihn großer Fehler“, sagt der Traktant. Hätte er
die Autoren und die Väter genannt, würde ich mich bemühen, den gro-
ßen Kaiser von diesen ungerechten Beschuldigungen zu entlasten, ob-
wohl das vom Weg meines Vorhabens abweichen hieße. Gewiß, ich weiß
wohl zum Teil, was man anführen könnte, um Konstantin einige Un-

84
vollkommenheiten zur Last zu legen, ich will aber den Traktanten nicht
im Glauben lassen, daß er mehr wisse, als ich sehe, und nicht vorausset-
zen, daß er darüber mehr wisse, als er sagt, denn ich sehe ihn hier so
leidenschaftlich bemüht, daß er es gewiß laut verkündet hätte, wenn er
irgendeine Einzelheit wüßte.
Wohlan, da die Erscheinung gut bezeugt ist, die Konstantin zuteil
wurde, ist daran alles bemerkenswert. 1. daß durch sie der Kaiser veran-
laßt wurde, lebhaft die katholische Sache zu ergreifen, da Gott durch
ein zuverlässiges Zeichen das Kreuz bestätigte und im Kreuz das ganze
Christentum; die Anerkennung des Kreuzes und des Christentums ist ja
ein und dasselbe. 2. Obwohl Gott wollte, daß Konstantin seine Siege
seiner Freigebigkeit verdankte, wollte er doch, er sollte wissen, daß es
durch die Vermittlung des Zeichens des Kreuzes geschah. 3. Gott wollte
Konstantin das Kreuz am Himmel erscheinen lassen nicht nur als Be-
weis seiner Hilfe und Gunst, sondern auch als Muster und Modell, um
auf Erden viele materielle Kreuze machen zu lassen. 4. Das Kreuz er-
schien Konstantin nicht nur einmal, sondern zweimal, nämlich am Tag
am hellen Mittag und noch einmal in der Nacht. Wenn das nicht bedeu-
tet, den Gebrauch des Kreuzes zu billigen, dann gibt es nichts Aner-
kanntes mehr. Aber über diese zwei Erscheinungen hinaus, die von
Eusebius berichtet werden, bezeugt Nicephorus, daß dasselbe Kreuz
Konstantin außerdem zweimal erschien: einmal während des Krieges
gegen die Byzantiner mit der Inschrift: In diesem gleichen Zeichen wirst
du alle deine Feinde besiegen; das zweite Mal im Krieg gegen die Sky-
ten. Soviel, was Konstantin betrifft.
Der hl. Cyrill von Jerusalem schrieb einen ausführlichen Brief an
Kaiser Konstans, den Sohn Konstantins, um ihm von einer berühmten
Erscheinung des Kreuzes zu berichten, die am Himmel über dem Kalva-
rienberg geschah. „An den Feiertagen dieses heiligen Pfingstfestes“, sagt
er, „ungefähr zur Zeit der Terz, erschien ein sehr großes Kreuz aus Licht
gebildet am Himmel über dem hochheiligen Berg von Golgota, das sich
bis zum heiligen Ölberg erstreckte. Es wurde nicht nur von einer oder
zwei Personen gesehen, sondern sehr deutlich dem ganzen Volk der
Stadt gezeigt; und nicht, wie vielleicht jemand meinen könnte, schnell
vorübergehend wie in der Phantasie, sondern ganz offenkundig mehrere
Stunden über der Erde zu sehen, in leuchtendem Glanz, der die Strah-
len der Sonne übertraf; denn wäre er von ihnen übertroffen worden,
hätten sie die Erscheinung verdunkelt und verdeckt.“ Dann fährt er fort
und sagt, „daß bei diesem Anblick sowohl die Christen als auch die

85
Heiden Jesus Christus zu preisen begannen und anzuerkennen, daß die
überaus gottesfürchtige Lehre der Christen vom Himmel göttlich bezeugt
wurde durch dieses himmlische Zeichen, dessen sich der Himmel, als es
den Menschen gezeigt wurde, überaus erfreute und rühmte.“ Sozomenes
berichtet darüber ebenso und bestätigt, daß die Nachricht sogleich über-
all verbreitet wurde durch den Bericht der Pilger, die von allen Enden der
Erde nach Jerusalem kamen, um dort ihre Andacht zu verrichten.
Als Julian Apostata eines Tages die Eingeweide eines Tieres beschau-
te, um aus ihnen irgendeine Weissagung zu machen, erschien ihm ein
Kreuz, das von einem Kranz umgeben war. Dazu sagte ein Teil der ganz
erschrockenen Wahrsager, daran müsse man das Wachsen der Religion
der Christen und ihre ewige Dauer erkennen, weil das Kreuz das Kenn-
zeichen des Christentums sei und der Kranz das Sinnbild des Sieges und
der Ewigkeit, zumal die runde Gestalt weder Anfang noch Ende habe,
sondern ganz in sich geschlossen ist. Der Oberwahrsager dagegen weis-
sagte, die christliche Religion sei gleichsam erstickt, sie könne nicht
weiter wachsen, weil das Zeichen des Kreuzes wie eingeschlossen vom
Kreis des Kranzes begrenzt und eingeengt sei. So sehr versteht es der
Teufel, bei jeder Gelegenheit auf seine Rechnung zu kommen. Nun, der
Ausgang zeigte, daß der Spruch der ersten richtig war.
Ein andermal wollte der gleiche Julian, die Juden sollten opfern. Das
wollten sie nicht tun, außer am Ort des alten Tempels von Jerusalem.
Da entschloß er sich, ihnen diesen bauen zu lassen, und steuerte große
Beträge aus dem kaiserlichen Schatz bei. Schon war das Material für
den Wiederaufbau bereitgestellt, da weissagte der hl. Cyrill, Bischof
von Jerusalem, nun sei die Stunde gekommen, in der die Prophezeiung
Daniels (9,26f) sich erfüllen werde, die Unser Herr im Evangelium (Lk
21,6) wiederholte, daß nämlich am Tempel von Jerusalem kein Stein
auf dem anderen bleiben werde. In der folgenden Nacht bebte die Erde
an diesem Ort so stark, daß alle Steine des alten Tempelfundaments
ringsum zerstreut wurden und das vorbereitete Material mit den nächst-
liegenden Gebäuden vollständig zerstört. Die Schreckenskunde von ei-
nem so großen Unglück verbreitete sich in der ganzen Stadt, so daß von
allen Seiten viele an den Ort kamen, um zu sehen, was geschehen war.
Und siehe, um das Wunder zu verdoppeln, ging von der Erde ein großes
Feuer aus, ergriff, was für den Tempel vorbereitet war, und die Werk-
zeuge der Arbeiter, und erlosch erst, als es sie vor den Augen des ganzen
Volkes verschlungen hatte. Viele der bestürzten Juden bekannten, daß
Jesus Christus der wahre Gott ist, waren aber so in den alten Anschau-

86
ungen ihrer Religion befangen, daß sie diese nicht aufgaben. Da ereig-
nete sich ein drittes Wunder, denn in der folgenden Nacht erschienen
Kreuze aus leuchtenden Strahlen auf den Kleidern aller Juden. So hart-
näckig sie am Morgen diese heiligen Zeichen von ihren Kleidern entfer-
nen wollten durch Wasser und andere Mittel, es war ihnen nie möglich
und viele wurden daraufhin Christen. Über all das hinaus erschien ein
großer Kreis am Himmel, in dem sich ein hell strahlendes Kreuz be-
fand. Meine Gewährsmänner dafür sind Gregor von Nazianz, Amian
Marcellinus, Ruffinus, Socrates, Sozomenes.
Ich könnte die übrigen Erscheinungen anführen, die der gelehrte Bel-
larmin berichtet, so jene, die sich in der Luft zeigte, als der Kaiser Arka-
dius gegen die Perser für den katholischen Glauben kämpfte, durch die
er göttliche Hilfe erfuhr; so auch jene der Kreuze, die zur Zeit des Leo
Iconomachus auf den Kleidern erschienen, als die Häretiker ihre Wut
gegen die Bilder ausließen, und manche ähnliche, die die Schriftsteller
erwähnen. Aber was ich bisher gesagt habe, genügt, soweit es das Alter-
tum betrifft. Wer mehr davon wissen möchte, lese das Büchlein von
Alfons Ciaconius ‚Über die Zeichen des heiligen Kreuzes‘.
In unserer Zeit, als sich der große Feldherr Albuquerque auf der Insel
Camarane befand, erschien ein großes, purpurrotes, hell strahlendes Kreuz
auf der Seite des Königreichs Abessinien. Das ganze Heer der Portugie-
sen, das sich in jenem Gebiet befand, sah es mit unglaublichem Trost. Die
Erscheinung dauerte einige Zeit, bis eine weiße Wolke sie den Blicken
jener entzog, die sich vor Freude weinend nicht sattsehen konnten an
diesem heiligen Zeichen der Erlösung. Darüber sandte Albuquerque bald
darauf eine genaue schriftliche Bestätigung an seinen Herrn, den König
Emmanuel von Portugal. Ebenso erschien dem Bericht von Gaspard Vilela
zufolge, den er in einem Brief an seine Kameraden in Goa sandte, um das
Jahr 1558 ein Kreuz in der Luft gegen Japan.
Beim Aufstand, den Pansus Aquitanus anzettelte gegen seinen älteren
Bruder Alfons, den König von Kongo, bald nachdem von den Portugie-
sen der katholische Glaube in diesem Land begründet worden war, sah
man eine große Menge aufständischer Soldaten fliehen vor einer klei-
nen Handvoll Männer, die den König begleiteten. Als der General des
Pansus, der gefangengenommen wurde, darüber Rechenschaft gab, ver-
sicherte er, daß am Beginn des Scharmützels in der Umgebung des Kö-
nigs Männer erschienen, von ungewöhnlich erhabener Gestalt, verse-
hen mit dem Zeichen des Kreuzes und umgeben von einem sehr hellen
Schein, die sehr hart kämpften. Die Soldaten des Pansus waren darüber

87
entsetzt und ergriffen sogleich die Flucht. Dadurch erkannte er, daß es
keinen anderen Gott gibt als den der Christen, und bat, daß man ihn
taufe, ehe man ihn töte (denn er dachte, das werde man tun). Alfons
gewährte ihm die Taufe und schenkte ihm das Leben unter der Bedin-
gung, daß er es dem Dienst im Heiligtum des heiligen Kreuzes weihe,
das kurz zuvor in der Stadt Ambassa erbaut worden war.
Als Albuquerque die Stadt Goa zurückeroberte, fragten die Ungläu-
bigen die Portugiesen sehr neugierig, wer der tapfere Feldherr sein moch-
te, der ein schönes vergoldetes Kreuz und glänzende Waffen trug, der
ein solches Gemetzel anrichtete, daß die großen Scharen der Moham-
medaner gezwungen waren, der kleinen Zahl der Christen zu weichen.
Nun hatten die Portugiesen gewiß keinen Feldherrn, der so ausgerüstet
war. Das ließ sie erkennen, daß es eine himmlische Erscheinung war,
durch die ihnen Gott beistehen und gleichzeitig ihre Feinde erschre-
cken und aufreiben wollte.
Nach so vielen Erscheinungen des Bildes und der Darstellung des
Kreuzes, die Gott gewirkt hat und bis zur Vollendung der Welt bewir-
ken wird, um die Freunde des Kreuzes zu trösten und dessen Feinde zu
schrecken, am Tag des Jüngsten Gerichtes, wenn der Gekreuzigte auf
dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, umgeben von allen Heili-
gen, wird er diese große Standarte von neuem erscheinen lassen, das
Zeichen des Kreuzes, das dann erscheinen wird, wenn sich Sonne und
Mond in sehr großer Finsternis verstecken werden. Das sagt Unser Herr
bei Matthäus (24,29f) mit so ausdrücklichen Worten, daß es unmöglich
ist, an dieser Wahrheit zu zweifeln, außer für jene, die sich dem Starr-
sinn verschrieben haben. Alle alten Väter haben sie in allgemeiner Über-
einstimmung fast genau so verstanden. Zu gepreßt und an den Haaren
herbeigezogen ist die Auslegung, die man anwenden will, zu sagen, daß
dann das Zeichen des Menschensohnes erscheinen wird, d. h. der Men-
schensohn selbst, der von allen Seiten in seiner Majestät sichtbar sein
wird als ein Zeichen. Man sieht auf den ersten Blick, daß sie nicht von
den Worten und Ausdrücken der Heiligen Schrift ausgeht und aus ihnen
fließt, sondern von einem Vorurteil, dem man die heiligen Worte anpas-
sen will. Das ist eine Auffassung, die nicht der Heiligen Schrift folgt,
sondern sie für sich heranziehen will. Ganz klar und offenkundig spricht
der Erlöser vom Erscheinen seines Zeichens einerseits und von seiner
Ankunft andererseits; er sagt: Dann wird das Zeichen des Menschensoh-
nes am Himmel erscheinen; da werden alle Völker der Erde wehklagen;
dann werden sie den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kom-

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men sehen mit großer Macht und Herrlichkeit (Mt 24,29f). Niemand
kann bezweifeln, wie groß die Ehre ist, die dabei dem Kreuz zukommt,
sowohl deswegen, weil es Zeichen des Menschensohnes genannt wird,
und weil die Insignien, Wappen, Zeichen und Standarten der Fürsten
und Könige hohe Ehre und Achtung verdienen, wie Sozomenes bezeugt
und vor ihm Tertullian, und wie uns die Erfahrung selbst zeigt. Außer-
dem weisen die Gelehrten des Altertums darauf hin, daß es die Guten
trösten wird, da es das Zeichen ihres Heils ist, und daß es die Bösen
erschrecken wird, wie die Standarte eines siegreichen Königs, wenn sie
auf der Mauer einer aufständischen Stadt aufgepflanzt wird; und um so
mehr noch, weil es die Trophäe des himmlischen Königs sein wird, auf-
gerichtet auf dem höchsten Punkt des Tempels des Universums, hell
und leuchtend, während das Licht selbst in seiner eigenen Quelle ver-
dunkelt wird. Das bezeugen der hl. Cyrill, Hippolyt der Märtyrer und
der hl. Ephräm; er sagt, es wird erscheinen und vor den König gebracht
als das Szepter und der Stab seiner Majestät.
Welcher Vorteil ist es doch für die Ehre und Kraft der Abbildung des
Kreuzes, daß Gott sich so oft ihrer bedient hat und bedienen wird, um die
Seinen zu trösten, seine Feinde zu schrecken, den Kaisern den Sieg zu
verleihen, seinen eigenen Endsieg zu bezeugen, wenn er auf dem Thron
seiner Majestät sitzen und alle seine Feinde mit Füßen treten wird.

5. Kapitel

Wie verbreitet einst der Gebrauch des Kreuzes war und wie es den
Gekreuzigten und den Glauben an ihn darstellt.

Der Traktant wagt nicht zu leugnen, daß die Darstellung des Kreuzes
bei den Christen des Altertums allgemein gebräuchlich war; er sagt
(B.T. 45f): „Man muß sich erinnern, wenn die Christen der Frühzeit das
Kreuz gebrauchten in dem, womit sie umgingen, so geschah es, um vor
allem zu verwirklichen, was der hl. Paulus sagte: Ich schäme mich des
Evangeliums Christi nicht, denn je mehr sowohl alle Juden als auch
Heiden über Christus spotteten, das Kreuz den einen ein Ärgernis und
den anderen eine Torheit war, je mehr sie sich bemühten, es zu schmä-
hen, um so mehr waren die Christen bestrebt, es auszuzeichnen. Des-
halb setzten sie das Kreuz auf alle Gegenstände und an alle Orte als
Ehrenzeichen. Dadurch zeigten sie in der Tat, daß sie teilhaben wollten
an der Schmach Christi, deren sie sich rühmten. Deshalb sagt der hl.

89
Chrysostomus, daß ein solches Abzeichen mehr ehrte als alle Kronen und
Diademe. Tatsächlich haben es die Kaiser und Könige an ihren Kronen
und Szeptern angebracht, um dadurch um so mehr die Juden und die
Heiden zu beschämen und bloßzustellen ... Damit haben sie zugleich
ausgedrückt, daß das Kreuz der schöne und strahlende Baum ist, ge-
schmückt mit dem Purpur des Königs und leuchtender als die Sterne.
Theodoret schreibt im 27. Kapitel des dritten Buches seiner Geschichte,
man habe überallhin das Kreuz gebracht, um den Triumph Christi zu
bezeugen. Indessen haben sie aber nichts dem Kreuz allein zugeschrie-
ben oder seinem Zeichen, denn Konstantin erwies seinen Dank für den
Sieg, der ihm zuteil wurde, nicht dem Kreuz, sondern Christus. Er ließ
auch auf die Kreuze, die er errichtete, die drei Worte schreiben: Jesus
Christus siegt; so weit war er entfernt davon, daß er zum Kreuz gebetet
hätte. Und Helena betet den König an, nicht das Holz; denn das wäre ein
heidnischer Irrtum gewesen und eine arge Einbildung, sagt der hl. Am-
brosius. In dieser Weise können die Christen das Kreuz verehren.“
Was könnte man dem Katholiken besseres sagen? Und was sagen wir
anderes, als daß man das Kreuz verehren muß als Bekenntnis unseres
Glaubens? Daß man es um so mehr auszeichnen muß, je mehr es seine
Feinde verachten; daß man es an allen Gegenständen und an allen Or-
ten anbringen muß als ein ehrenvolles Zeichen; daß es mehr ehrt und
folglich mehr Ehre verdient als die Diademe und Kronen; daß man es
auf die Kronen und Szepter setzen muß; daß es ein schöner und strah-
lender Baum ist, geschmückt mit dem Purpur des Königs und leuchten-
der als die Sterne. Und was habe ich vorher anderes beteuert, als daß
man nichts dem Kreuz allein zuschreiben darf und seinem Zeichen al-
lein? Daß es nichts vermag außer als geheiligtes Werkzeug und heiliges
Instrument der Wundermacht Gottes; daß das Kreuz nichts ist, wenn es
nicht das Kreuz Jesu Christi ist; daß seine Kraft ihm nicht innewohnt,
sondern es begleitet, d. h. Gott selbst. Wenn Konstantin im Kreuz ge-
siegt hat, entsprechend der göttlichen Inschrift: In hoc signo vinces,
dann geschah es durch Jesus Christus als den hauptsächlichen und ers-
ten Wirkenden. Wenn er durch das Kreuz siegte, dann geschah es in
Jesus Christus als in der das Kreuz begleitenden Kraft. Und das Holz
anzubeten ist eine ausgefallene Torheit:
Es ist nicht der Stein oder das Holz,
was der Katholik anbetet,
sondern der König, gestorben am Kreuz,
der mit seinem Blut das Kreuz ehrt.14

90
Wenn also der Traktant Wort hielte und fest beim Bekenntnis bliebe,
daß die Christen das Kreuz in dieser Weise verehren können, vor allem,
daß man das Kreuz überall trage, um den Triumph Christi zu bezeugen,
wie er zugibt, daß man es dem Bericht Theodorets zufolge in der Früh-
zeit gemacht hat, und daß man es an allen Gegenständen und Orten
anbringe als Ehrenzeichen, dann würde ich meinerseits mit allen Ka-
tholiken bekennen, daß er die Kraft des Kreuzes und die Art seiner
Verehrung recht verstanden und, wie er sich rühmt, Jesus Christus den
Gekreuzigten gepredigt hat. Aber der arme Mann bleibt kaum auf die-
sem Pfad. Er hat das gesagt, um seinen Leser hinzuhalten, und wenn er
zur Ausführung kommt, dreht er Stück für Stück alles um, was er be-
hauptet hat, und widerspricht urteilslos allem, was er gesagt hat, mit
miserablen Ausnahmen und Einschränkungen.
Er hat gesagt, man könne das Kreuz an allen Orten und Gegenständen
als ein ehrenvolles Zeichen anbringen. Um sein Wort in Ehren zurückzu-
nehmen, teilt er jetzt alle Dinge in zwei Gruppen ein, in staatliche und
nicht-staatliche, und dann schränkt er den allgemeinen Satz dahin ein,
daß das Kreuz nur auf öffentlichen Dingen angebracht werden dürfe:
„Wenn es sich darum handelt“, sagt er (B.T. 46f), „daß wir mit Juden oder
Mohammedanern verkehren, können wir unsere Abzeichen und mit dem
Kreuz versehenen Waffen tragen, um den Ungläubigen offen zu zeigen,
daß wir Christen sind und daß unsere Gegner Ungläubige und Irrgläubige
sind. So kann man das Kreuz auch auf eine Münze gravieren, um zu zei-
gen, daß sie im Land eines christlichen Fürsten geprägt ist. So kann das
Kreuz an den Toren von Städten, Schlössern und Häusern angebracht
werden, um klar und deutlich zu zeigen, daß sich die Bewohner dieser
Orte zum Christentum bekennen. Ebenso war früher vorgeschrieben, daß
die Urkunden von Verträgen, die vor öffentlichen Notaren geschlossen
wurden, das Zeichen des Kreuzes trugen, wie es im Buch des Codex heißt.
Bei solchen öffentlichen Dingen lehnen wir den Gebrauch des materiel-
len Kreuzes nicht ab.“ Das ist seine erste Einschränkung.
Die zweite ist, daß es nicht in den Kirchen angebracht werde: „Und
schließlich ist es so weit gekommen“, sagt er (B.T. 48), „daß das Kreuz
in Kirchen angebracht werde.“
Er hat gesagt, daß das Kreuz ein ehrenvolles Zeichen ist; doch um sein
Wort zurückzunehmen, sagt er dann (B.T. 48), man dürfe ihm keinerlei
religiöse oder geistliche Ehre erweisen.
Er hat gesagt, daß die Alten das Kreuz an allen Gegenständen und an
allen Orten anbrachten als ein ehrenvolles Zeichen und daß man es

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überallhin brachte, um den Triumph Christi zu bezeugen; und bald dar-
auf läßt er dieselben Alten durch den Mund des Arnobius (B.T. 49)
sagen: „Wir verehren keine Kreuze und wollen keine haben.“ Dieser
kleine Traktant ist ein unbeständiger, wankelmütiger Mensch.
Indes veranlaßt er mich, der Reihe nach zu beweisen, daß das Kreuz
an heiligen Gegenständen und namentlich an der Kirche angebracht
werden kann und muß, daß es mit religiöser Verehrung zu verehren ist,
daß die Alten es gewünscht und verehrt haben und daß es ein heilsames
Mittel für die Menschen ist, was er (B.T. 53) ebenfalls schlecht findet.
Vor allen Dingen werde ich aber kurz zeigen müssen, daß das Kreuz
Jesus Christus den Gekreuzigten und seine Passion darstellt, damit ihn
nicht die Laune überkommt, das Bild des Kreuzes in dieser Bedeutung
zurückzuweisen, wie er es zuvor (B.T. 12) beim echten Kreuz getan hat.
Um damit zu beginnen: „Sehr oft“, sagt Johannes von Damaskus, „den-
ken wir nicht an die Passion Jesu Christi (uzw. aus Nachlässigkeit);
wenn wir aber die Darstellung seiner Kreuzigung sehen, erinnern wir
uns wieder seiner Passion.“ Deshalb haben es alle Alten, nach Jesus
Christus selbst, das Zeichen des Gottessohnes genannt. Wie der hl. Hie-
ronymus sagt, „besuchte Paula alle heiligen Stätten mit solcher Inbrunst,
daß sie sich von den ersten nicht losreißen hätte können, hätte sie nicht
das Verlangen gehabt, die übrigen zu sehen. Sie kniete also vor dem
Kreuz nieder und verehrte es, als hätte sie daran den Herrn angeheftet
hangen gesehen. Sie betrat das Grab und küßte den Stein der Auferste-
hung, den der Engel weggewälzt hatte; sie berührte mit gläubigem Mund
wie unendlich ersehntes Wasser die Stelle, wo der Leib des Herrn gele-
gen hatte.“ Das ist ein sicheres Zeugnis, daß ihr das Kreuz den Gekreu-
zigten darstellte.
Nicht jeder kann die heiligen Bücher lesen noch stets den Prediger
hören; was aber die Heilige Schrift und der Prediger zeitweise und an
bestimmtem Ort tun, tut das Kreuz bei jeder Gelegenheit, im Haus, auf
dem Weg, in der Kirche, auf der Brücke, auf dem Berg. Das ist uns eine
vertraute und ständige Erinnerung an die Passion des Erlösers. Julian
Apostata warf den Christen vor, daß sie die Waffen Jupiters, sein Pferd
und seine Schilde zurückwiesen, aber das Holz des Kreuzes anbeteten
und das Kreuz auf ihre Stirn und ihre Häuser zeichneten. Um ihm zu
antworten, macht ihm der hl. Cyrill eine schöne Aufzählung der haupt-
sächlichen Artikel unseres Glaubens, dann fügt er hinzu: „Das heilsame
Holz erinnert uns an alles und rät uns zu denken, daß nach den Worten
des hl. Paulus (2 Kor 5,14f) so wie einer für uns gestorben ist, ebenso die

92
Lebenden nicht mehr für sich, sondern für den leben müssen, der gestor-
ben und auferstanden ist.“ Der Traktant führt diese Stelle des hl. Cyrill
(B.T. 37f) in dieser Weise an und gibt zu, daß das Kreuz, das die Chris-
ten an ihren Häusern anbrachten, das Kennzeichen und öffentliche Zei-
chen Jesu Christi war. Dieses Bekenntnis steht sehr im Widerspruch zu
dem, was er gesagt hat, daß die Passion Unseres Herrn nicht darstellbar
sei.
So haben unsere Christen, wenn sie ein neues Land bei den Indern
entdeckten, dort die Standarte Jesu Christi aufgerichtet, um es Jesus
Christus zu weihen. Als Pierre Alvarez Capral in Brasilien Fuß gefaßt
hatte, errichtete er ein sehr hohes Kreuz, nach dem das Land viele Jahre
die Region des heiligen Kreuzes genannt wurde, bis das Volk den heili-
gen Namen aufgab und es Brasilien nannte nach dem Brasilholz, das
man dort für die Malerei gewinnt. Und in alter Zeit, als man in Alexan-
drien die Götzenbilder des Serapis zerstörte, die überall an Türen, Fen-
stern, Pfosten und Mauern angebracht waren, setzte man nach dem Be-
richt des Ruffinus an ihre Stelle das Zeichen des Kreuzes. Damals be-
wahrheitete sich, was Jesaja (19,19f) vorhergesagt hat: An jenem Tag
wird der Altar des Herrn mitten im Land Ägypten stehen und das Denk-
mal des Herrn nahe seiner Grenze; es wird ein Zeichen und Zeugnis für
den Herrn und Gott der Heere im Land Ägypten sein.

6. Kapitel

Das Kreuz kann und soll bei heiligen Dingen gebraucht werden.

Es ist eine sonderbare Phantasie des Traktanten, wenn er es für gut


findet, daß man das Kreuz verwende bei staatlichen Dingen, nicht aber
bei heiligen. „Man kann“, sagt er, „das Kreuz in die Münze gravieren, es
vor den Städten, Schlössern, und Häusern aufrichten.“ Und wozu das
alles, ich bitte euch? „Um klar und deutlich zu zeigen“, antwortet er,
„daß man Christ ist.“ Aber ist das keine religiöse Verwendung? Ist das
Bekenntnis und die Beteuerung des Glaubens nicht ein rein christlicher
Akt? In der Tat, wer das Kreuz weltlich auffaßte, dem stellte es nur
Unglück und Fluch dar. Wenn daher der Gebrauch des Kreuzes nur
religiös sein kann, um gut zu sein, wo könnte es dann besser gebraucht
werden als bei heiligen Dingen? Wenn das Kreuz gut angebracht ist vor
den Städten und Häusern, um zu zeigen, daß die Bewohner dieser Orte

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sich zum Christentum bekennen, wird es dann nicht besser angebracht
sein in Kirchen und Heiligtümern, um zu zeigen, daß jene, die sich dort
versammeln, sich zum Christentum bekennen, daß das christliche Stät-
ten sind, nicht türkische Moscheen?
Übrigens brachten die Alten das Kreuz in Kirchen an, nach dem Zeug-
nis des hl. Paulinus, das ich oben (1. Kap.) angeführt habe, der das offen
bezeugt, und des Lactanz Firminian, an dessen Absicht man nicht zwei-
feln kann, wenn man bedenkt, was er sagte.15 Das kann man meiner
Meinung nach folgendermaßen (ins Französische) übertragen:
„Der du über die Schwelle in die Mitte dieses Tempels kommst,
laß deine Augen ein wenig auf mir ruhen, betrachte mich;
halte mich vor allem fest in deinem beflissenen Herzen,
der ich unschuldig bin und gestorben für deine Sünde.
Ich bin jener, der mitleidigen Herzens und Auges
den elenden Zustand des Menschen betrachtend
zur Erde herabstieg als Botschafter des Friedens,
allgemeine Vergebung bringend für die Frevel.
Hier erstrahlt ein reines Licht von oben
und das Bild und die Gestalt des Heils der Menschen.
Ich bin für dich ganz sichere Ruhe,
der gerade und sichere Weg, der wahrhafte Loskauf,
Standarte und Banner des großen furchtbaren Gottes
und das hervorragende Zeichen dieses Tempels.“
Wer sieht nicht, daß er das Bild des Gekreuzigten in der Mitte der
Kirche vorstellt, das den mahnt, der eintritt? Dazu sage ich dasselbe, was
ich von der Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus berichtet habe. Der
gute Vater Nylus gibt in einem Brief, der auf dem zweiten Konzil von
Nicäa vorgelesen wurde, dem Olympiodorus den Rat, an die Ostseite der
Kirche das Kreuz zu setzen und an die Wände zu beiden Seiten die Ge-
schichten des Alten und Neuen Testaments. Sophronius oder vielmehr
Johannes Moscus Eviratus berichtet von einem Goldschmiedlehrling,
der den Auftrag hatte, ein goldenes Kreuz anzufertigen, das der Kirche
übergeben und geschenkt werden sollte. Er verwendete dazu außer dem
Gewicht des Goldes, das man ihm übergab, eine bestimmte Menge von
seinem eigenen. Als der Auftraggeber des Kreuzes feststellte, daß es schwe-
rer war, glaubte er, der Lehrling habe das Feingold, das er ihm gab, ver-
tauscht oder verfälscht, und wurde sehr ungehalten. Aber der Junge sagte
ihm als wahre und heilige Entschuldigung, er habe keine Möglichkeit
gehabt, aus eigenem ein ganzes Kreuz anzufertigen, um es Gott zu schen-

94
ken, deshalb habe er wenigstens das Wenige verwenden wollen, was er
hatte, um jenes, das er für ihn herstellte, schöner und größer zu machen;
in ihm sei übrigens nur feines Gold. Diese Antwort gefiel dem Auftragge-
ber des Kreuzes, der keine Kinder hatte, so gut, daß er ihn adoptierte.
Anastasius Sinaiticus bestätigt in der Rede ‚De sacra sinaxi‘ ganz klar, daß
es üblich war, daß sich das Kreuz in Kirchen befand. Nach dem Zeugnis
des gelehrten Baronius starb er vor tausend Jahren (599).
Es war also üblich, Kreuze in Kirchen zu haben, vor allem seit das
Kaiserreich unter Konstantin christlich geworden war, denn vorher war
es nicht so leicht möglich. Als Konstantin ein Bronzekreuz errichten
ließ, sagt der Traktant (B.T. 43), „stellte er es nicht in einem Tempel auf,
denn damals dienten die Tempel Roms noch für die heidnischen Göt-
zenbilder“. Er bleibt stets bei seiner lästerlichen Unterscheidung des
heidnischen und christlichen Idols. Es ist indessen wahr, daß die Chris-
ten zur Zeit dieser Verfolgung wenige geweihte Kirchen hatten und ihre
Zusammenkünfte hielten, wo sie konnten. Nachdem aber die Kirche
von den Tyrannen befreit war, sah man, daß das Kreuz überall öffentlich
gezeigt wurde: „in Häusern, auf Plätzen, an abgelegenen Orten, am Weg,
auf Bergen, in Tälern, auf dem Meer auf Schiffen, auf Inseln, über dem
Bett, auf Kleidern und Waffen, in Zimmern über dem Ehebett; bei Gast-
mählern, auf Silber- und Goldgefäßen, auf Perlen und Wandgemälden,
bei kranken Tieren und am Leib vom Teufel Besessener; in Krieg und
Frieden, bei Tag und Nacht, in Versammlungen edler Weltleute und in
den Reihen der Mönche; so sehr verlangte jedermann, diese wunderba-
re Gabe für sich zu besitzen. Es ist eine große Gnade; keiner wird irre,
keiner schämt sich, wenn er denkt, daß es ein Zeichen schmachvollen
Todes war, sondern jeder wünscht sich mit ihm mehr als mit Kronen,
Diademen oder vielen Halsketten und in Gold gefaßten Edelsteinen zu
schmücken. Man flieht nicht vor ihm, es ist vielmehr begehrt und be-
liebt, jeder zählt darauf; es erstrahlt überall und ist zu finden an Wänden
der Häuser, auf Gipfeln, in Büchern, in Städten, auf Straßen, an be-
wohnten und unbewohnten Orten.“
Das sind die Worte des großen hl. Chrysostomus. Er hätte wahrhaftig
nicht eine so große Zahl von Orten und Gegenständen aufzählen kön-
nen, an denen das Kreuz angebracht wurde, wäre die Kirche zu seiner
Zeit nach dem Muster der Reformation der Hugenotten gestaltet gewe-
sen. Könnte man wohl von Genf, von Rochelle und ähnlichen Städten
sagen, was der hl. Chrysostomus von seiner Zeit sagt? Dort sehen wir
kein Kreuz aufgerichtet, weder an den Stadttoren noch vor den Häu-

95
sern, Schlössern und Burgen, auf Verträgen und Testamenten. Man hat
sie im Gegenteil zerstört und entfernt, soviel man konnte. Wozu dient
also das Gerede, sie lehnten das materielle Kreuz nicht ab an solchen
weltlichen Gegenständen? Noch viel weniger wenden sie es bei kranken
Tieren und am Leib vom bösen Geist Besessener an, denn das hieße die
Kraft des Kreuzes anerkennen und es zu heiligem Gebrauch anwenden.
Ebensowenig haben sie es bei Reigen und Versammlungen von Welt-
leuten und in den Reihen der Mönche.
Es ist also nicht in unserer Zeit noch gestern so weit gekommen, daß
das Kreuz in Kirchen angebracht wurde, wie der Traktant anscheinend
behaupten will.

7. Kapitel

Das Kreuz wurde verwendet bei Sakramenten und Prozessionen.

Ich muß meine Meinung sagen über die Absicht des hl. Chrysosto-
mus, wenn er sagt, daß „das Kreuz öffentlich gezeigt wurde bei Reigen
und Umzügen edler Weltleute und in den Reihen der Mönche: in choris
delicatorum et monachorum ordinibus“. Das bringt mich nicht von
meinem Weg ab. Ich glaube, er will von den Prozessionen von Weltleu-
ten und Mönchen sprechen, weil mich sowohl die eigenartigen Aus-
drücke, die er verwendet, zu dieser Auffassung einladen, und weil man
im Altertum und besonders zu seiner Zeit bei den Prozessionen Kreuze
trug. Die Arianer hatten für ihre Sekte Hymnen und Gesänge verfaßt
und ließen sie bei ihren Prozessionen abwechselnd singen, besonders
bei Feierlichkeiten am Sonntag und Samstag. Der hl. Chrysostomus
befürchtete, daß auf diese Weise manche aus seinem Volk angelockt
würden (manche ließen sich zu diesen äußeren Besonderheiten verlei-
ten, ohne die Grundlage und den Wert der Sache zu prüfen, wie die
Psalmen Marots beweisen). Daher leitete er sein Volk zu einer ähnli-
chen Singweise an, und innerhalb kurzer Zeit übertrafen die Katholiken
darin die Häretiker, nicht nur an Zahl, sondern auch an Prunk, denn die
Bilder und Zeichen des Kreuzes aus Silber gingen mit brennenden Fak-
keln voraus, und der Hofmeister der Kaiserin hatte den Auftrag, Psal-
men und Hymnen gegen Entgelt verfassen zu lassen. Diese Tatsache
berichtet Sozomenes. Man trug also damals bei den Prozessionen sil-
berne Kreuze und brennende Fackeln.

96
Eine große Pest suchte einst Deutschland heim und versetzte die gan-
ze Nachbarschaft in Schrecken. Die Bewohner von Reims in der Cham-
pagne nahmen ihre Zuflucht zu Gott durch die Fürsprache des hl. Re-
migius. Sie nehmen Schmuck von seinem Grab, entzünden eine Fülle
von Kerzen und Fackeln, und halten eine allgemeine feierliche Prozes-
sion mit Kreuzen durch alle Winkel der Stadt unter dem Gesang von
Hymnen und heiligen Gesängen. Was ereignete sich? Die Seuche
herrscht rund um die ganze Stadt, aber gerade als sie den Ort erreicht,
wo die Prozession gehalten wurde, wagt sie nicht nur nicht einzudrin-
gen, so als hätte sie hier die Schranken und Grenzen ihrer Macht gese-
hen, vielmehr wurde auf diese Weise auch zurückgedrängt, was es schon
an Ansteckung gab. Der hl. Gregor von Tours, der vor fast tausend Jah-
ren lebte, ist dafür mein Gewährsmann. So haben die Kaiser durch Ge-
setz angeordnet, daß das Kreuz durch dazu Abgeordnete in Prozession
getragen und dann an einen passenden, ehrenvollen Ort zurückgebracht
wird. Das veranlaßt mich, den Worten des hl. Chrysostomus den Sinn zu
geben, den ich genannt habe.
Nun haben die Alten das Kreuz nicht nur in Kirchen und Prozessio-
nen getragen, sondern sie weihten die Kirchen mit ihnen und stellten sie
auf die Altäre. „Unser Gekreuzigter“, sagt der hl. Augustinus, „ist vom
Tod erstanden und in den Himmel aufgefahren; er hat uns das Kreuz als
Andenken an seine Passion hinterlassen; er hat sein Kreuz hinterlassen
zum Heil. Dieses Zeichen ist ein Bollwerk für die Freunde und ein
Schutz gegen die Feinde. Durch das Geheimnis dieses Kreuzes werden
die Unwissenden im Glauben unterwiesen; durch dasselbe Zeichen des
Kreuzes empfangen die Getauften die Gnadengaben; durch die Hand-
auflegung mit dem Zeichen desselben Kreuzes weiht man die Basiliken,
konsekriert man die Altäre, vollzieht man das Sakrament des Altares;
durch die Worte des Herrn empfangen mit ihm die Priester und Leviten
die Weihen und in seiner Kraft werden allgemein alle Sakramente der
Kirche vollzogen.“ Das ist das Zeugnis des hl. Augustinus, denn selbst
wenn diese Predigt nicht vom hl. Augustinus wäre, wie der Traktant
(B.T. 32) einwendet (was gewiß sehr schwer zu beweisen ist gegen den
eigenen Titel und die Überschrift), so ist doch diese Stelle vom hl. Au-
gustinus, denn er sagt ganz dasselbe in seinen Abhandlungen über den
hl. Johannes, die zweifellos von ihm sind. „Schließlich“, sagt er, „was ist
das Zeichen Jesu Christi, das jeder kennt, wenn nicht das Kreuz Jesu
Christi? Wenn dieses Zeichen nicht auf die Stirn der Gläubigen ge-
macht wird, oder über das Wasser selbst, durch das sie wiedergeboren

97
wurden, oder über das Öl, mit dem sie gesalbt sind, oder über das Opfer,
mit dem sie genährt wurden, so wird nichts von all dem rechtmäßig
vollzogen. Wie soll daher nichts Gutes dadurch bezeichnet werden, was
die Bösen tun, da uns durch das Kreuz Christi, das die Bösen gemacht
haben, alles Gute angezeigt und in der Feier dieser Sakramente besie-
gelt wird?“ Ob also die Predigt, die ich angeführt habe, vom hl. Augusti-
nus ist oder von seinem Schüler Fulgentius oder von irgendeinem, so ist
doch der Ausspruch, den ich daraus zitiert habe, vom hl. Augustinus.
Der hl. Chrysostomus hat schon früher das gleiche gesagt mit den
Worten: „Tragen wir freudigen Herzens das Kreuz Jesu Christi wie
eine Krone, denn alles, was uns zum Heil dient, wird in ihm vollzogen;
denn wenn wir wiedergeboren werden, ist das Kreuz Christi da; wenn
wir gespeist werden mit seinem allerheiligsten Leib, wenn wir erwählt
sind, um die Weihe zu empfangen, stets ist uns dieses Siegeszeichen
gegenwärtig. Bringen wir daher das Kreuz mit großer Liebe in die
Häuser und an die Wände (ihr seht, ich spreche vom Zeichen und Bild
des Kreuzes), in die Fenster, macht es auf die Stirn und im Geist, denn
es ist das Zeichen, unseres Heils ...“ Und wenig später spricht er noch
immer vom Kreuz und sagt: „Man darf es nicht einfach mit dem Fin-
ger auf dem Leib machen, sondern im Geist mit großem Glauben;
denn wenn du es auf diese Weise deiner Stirn aufprägst, wird keiner
der bösen Dämonen, wenn er die Lanze sieht, durch die er die tödliche
Wunde empfangen hat, dich anzugreifen wagen.“ Das wiederholt er an
anderer Stelle mit den Worten: „Dieses verfluchte und schauderhafte
Zeichen der Todesstrafe, nämlich das Kreuz, ist erhabener geworden
als die Kronen und Diademe, denn das Haupt wird durch eine Königs-
krone nicht so geschmückt wie durch das Kreuz, das würdiger ist als
jedes Ehrenzeichen. Und wovor man einst Abscheu hatte, dessen Dar-
stellung sucht man mit solchem Eifer, daß man es überall findet, bei
Fürsten und Untergebenen, bei Männern und Frauen, Jungfrauen und
Eheleuten, Sklaven und Freien. Jeden Augenblick bezeichnet sich je-
der mit ihm, indem er es auf unserem edelsten Körperteil formt, denn
man zeichnet es stets auf die Stirn wie auf eine Säule. So leuchtet es auf
dem Tisch, so bei der Priesterweihe, so auch und von neuem auf dem
mystischen Mahl mit dem Leib Jesu Christi. Man sieht, daß es überall
geehrt wird ...“
Wer sieht also nicht, wie ausdrücklich der hl. Augustinus und der hl.
Chrysostomus bezeugen, daß das Kreuz zu allem angewendet wurde, in
allen heiligen und geweihten Dingen, die nicht als solche betrachtet

98
würden, wären sie nicht mit dem Kreuz bezeichnet. Doch der hl. Augu-
stinus weist besonders darauf hin, daß das Kreuz notwendig war beim
Sakrament des Altares, das er das Sakrament nennt, mit dem die Chris-
ten genährt werden. Dasselbe sagt der hl. Chrysostomus darüber: Das
Zeichen des Kreuzes, sagt er, ist uns gegenwärtig, „wenn wir mit dem
allerheiligsten Leib gespeist werden, und es leuchtet auf dem heiligen
Tisch und von neuem beim mystischen Mahl mit dem Leib Jesu Chri-
sti“. Könnte man deutlicher sprechen?
Doch merken wir an, der hl. Chrysostomus sagt, daß es „auf dem hei-
ligen Tisch leuchtet“, und außerdem sogleich hernach, daß es „von neu-
em auf dem mystischen Mahl mit dem Leib Jesu Christi leuchtet“. Mir
scheint nämlich, damit will er sagen, daß das Kreuz sich nicht nur auf
dem heiligen Altar oder Tisch befand (entsprechend der Weisung für
die Priester in seiner Liturgie, sich dem Bild Jesu Christi zugewendet zu
verneigen, und entsprechend dem Bericht des hl. Paulinus, daß man das
Bild des Kreuzes nahe beim Altar anbrachte, wie ich oben gezeigt habe),
sondern auch, daß das Bild und die Gestalt des Kreuzes auch der aller-
heiligsten Speise der Eucharistie aufgeprägt war. Bei den Vorbereitun-
gen der Liturgie oder Messe des hl. Chrysostomus, die von Leo Tuscus
überliefert ist, muß der Diakon mit einer Lanzette das Zeichen des Kreu-
zes auf das zu konsekrierende Brot machen, und wenn es zur Zelebrati-
on kommt, ist bestimmt, daß man die Brote in Kreuzesform auf den
Altar legt. Das erörtert selbst Nicolas Cabasilos ausführlich in der Er-
klärung der Liturgie.
Ich weiß, daß es in dem, was ich gesagt habe, mehrere Punkte gibt, die
sich auf das einfache Kreuzzeichen beziehen, aber viele können nur
verstanden werden vom Kreuz, das aus beständigem Stoff gemacht ist,
so wenn es heißt, daß man das Kreuz anbrachte an Häusern, an Wänden,
in Fenstern, auf dem heiligen Tisch, und daß man mit seinem heiligen
Zeichen die Basiliken weihte: Nun, ich habe nicht zu trennen gewagt,
was meine Gewährsmänner verbunden haben.
Indessen darf man nach dem Glauben des Altertums offensichtlich
keine Schranke aufrichten zwischen dem Kreuz und den religiösen Ge-
genständen. Es ist ein großer Jammer, daß man sie bei einem Stolzen
und schlecht Unterrichteten nicht niederreißen kann. Calvin hat gesagt,
„die Autorität der Kirche des Altertums hat bei uns einigen Einfluß.
Wir stellen fest, daß in einem Zeitraum von ungefähr 500 Jahren, wäh-
rend das Christentum in seiner Blüte stand und die Lehre die größte
Reinheit besaß, die Tempel der Christen rein und frei von dieser Besu-

99
delung waren“. So spricht er von den Bildern Jesu Christi und der Hei-
ligen und sagt kurz darauf, „wenn man ein Zeitalter mit dem anderen
vergleicht, verdient wohl die Lauterkeit jener, die sich der Bilder bega-
ben, höher geschätzt zu werden im Vergleich mit der Verderbnis, die
dann folgte. Ich bitte euch, wo ist denn einer, der meinte, diese heiligen
Väter hätten die Kirche bewußt einer Sache beraubt, die für sie nützlich
und heilsam ist?“
Die bedauernswerten Hugenotten haben das vom Vater ihrer Refor-
mation gelernt. Man hat ihnen tausendmal gezeigt, daß das eine falsche
Behauptung war und daß es in den ersten 500 Jahren, ja sogar in den
ersten 300 Jahren Bilder in den Kirchen gab. Sie sagen trotzdem so
unverschämt wie nie, das Altertum habe in den Kirchen keine Bilder
angebracht. Nachdem ich aber bezüglich der Darstellung des Kreuzes
das Gegenteil gezeigt habe, kann ich sagen: Ich bitte euch, wo ist einer,
der dächte, diese heiligen Väter Chrysostomus, Augustinus, Paulinus
hätten etwas eingeführt, was sie als unnütz und verderblich erkannt hät-
ten? Aber das beste ist, daß sie nicht nur von ihrem Tun Zeugnis geben,
sondern auch von der Übung der Christen ihrer Zeit. So erließ Kaiser
Justinian folgendes Gesetz: „Wenn der Bischof eine Kirche oder ein
Kloster weiht, weihe er den Ort Gott, indem er an ihm das Zeichen
unseres Heils aufrichtet (wir meinen das wahrhaft anbetungswürdige
und ehrwürdige Kreuz); so beginne er den Bau, indem er ein so gutes
und gediegenes Fundament legt.“ Er sagt dasselbe an mehreren Stellen
und will, daß man vor dem Bauen stets „venerabilem et sanctissimam
Crucem, das ehrwürdige, hochheilige Kreuz“ aufpflanze. Was könnte
man zu all dem bei so großen Gewährsmännern sagen?
Um nicht ganz stumm zu erscheinen, erwidert der Traktant (B.T. 50):
Als Epiphanias „durch einen Ort namens Anablatha kam und eine Kir-
che betrat, in der ein Schleier hing, farbig bemalt mit einem Bild wie
Jesus Christus oder irgendein Heiliger, da riß er den Schleier in Stücke,
weil das gegen die Heilige Schrift verstieß. Das ist ausführlich zu lesen
in seinem Brief, der vom hl. Hieronymus übersetzt wurde“. Nun, darauf
antworte ich: 1. Dieser letzte Teil des Briefes, den der Traktant anführt,
ist keineswegs vom hl. Epiphanias, sondern eine fremde Ausschmük-
kung. Das ergibt sich daraus, daß der Sinn des Briefes ohne diesen Teil
ganz gut abgeschlossen war, daß er in keiner Weise den Stil des hl. Epi-
phanias oder des hl. Hieronymus zeigt; außerdem haben die Bilderstür-
mer, die alle möglichen Zeugnisse der alten Väter, namentlich des hl.
Epiphanias anführten, wie auf dem zweiten Konzil von Nicäa dargelegt

100
wurde, nie diesen Teil des Briefes zitiert, der vom hl. Hieronymus über-
setzt wurde. 2. Ich antworte: In diesem Teil heißt es, das auf den Schleier
gemalte Bild sei das eines Menschen gewesen, hangend wie Jesus Chris-
tus oder irgendwer, im Gegensatz zur Heiligen Schrift. Es könnte also
sein, daß dieses Bild im Gegensatz zur wahren Geschichte der Passion
Unseres Herrn gemalt war, auf irgendeine anstößige Weise, daß der hl.
Epiphanias sich nicht vergewissern konnte, wen es darstellte, und recht
hatte, es zu zerreißen. Aber was sagt das alles gegen die Darstellungen
des Kreuzes und des Gekreuzigten, die die wahre Passion Unseres Herrn
darstellen, wie sie in der Heiligen Schrift beschrieben ist? Wenn ein
Bischof in irgendeiner Kirche seines Amtsbereichs das Bild eines Ge-
kreuzigten fand, auf dem Unser Herr nicht angenagelt, sondern mit Strik-
ken am Kreuz festgebunden war, wie man es infolge des Fehlers der
Maler auf einigen Bildern sieht, tut er dann nicht seine Pflicht, wenn er
ein solches Bild zerreißt und zerstört? Und muß man deswegen sagen,
er verwerfe den Gebrauch von Bildern, die richtig und gut gemalt sind?
Von ähnlicher Beweiskraft ist das Zeugnis des Konzils von Elvira, das
der Traktant (B.T. 54) zitiert, in dem es heißt, „man dürfe in der Kirche
keine Gemälde haben, damit nicht verehrt und angebetet werde, was an
die Wände gemalt ist“. Ich sage nämlich 1. Es kann sich in irgendeiner
Provinz eine Situation ergeben, in der man verbieten muß, daß es in den
Kirchen Bilder gibt, so wenn die Ungläubigen, Mauren, Türken und
Häretiker die Kirchen plündern, die Bilder zerstören und aus Verach-
tung gegen das, was sie darstellen, schänden; dann ist es doch nur gut,
ihnen jede Möglichkeit und Gelegenheit dazu zu nehmen. Ich sage 2.: In
Anbetracht des Grundes, der hier für das Verbot durch das Konzil von
Elvira angeführt wurde, erstreckt es sich nicht auf bewegliche Bilder,
sondern nur auf solche, die an und auf die Wände gemalt sind; und
vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn man sich an dieses Verbot
hielte, denn solche Bilder unterliegen der Gefahr, verdorben, zerstört
und ausgelöscht zu werden, nicht ohne Mißachtung ihres heiligen und
geheiligten Gebrauchs. Das ist der Grund, den das Konzil angibt: „Ne
quod colitur aut adoratur in parietibus pingatur; daß nicht, was verehrt
und angebetet wird, an die Wände gemalt werde.“ 3. sage ich: Da man
den eigentlichen Beweggrund des Konzils, das nur eine Provinzialsyn-
ode von 19 Bischöfen war, nicht genau kennen kann, ist es nicht ver-
nünftig, es der allgemeinen Übereinstimmung und Übung der Kirche
des Altertums entgegensetzen zu wollen, die Bilder in Kirchen zuließ,
wie ich oben nachgewiesen habe. Wer aber darüber hinaus etwas bezüg-

101
lich der beiden Einwände wissen will, der lese bei jenen nach, die die
Kontroverse über die Bilder behandelt haben.

8. Kapitel

Das Kreuz war dem ganzen Altertum ehrwürdig.

„Wenn es darum geht, Entartungen zu reformieren, muß man dem


Wort Jesu Christi im 19. Kapitel des hl. Matthäus folgen: Am Anfang
war es nicht so. Wenn daher am Anfang, als die Kirche rein und die
Lehre unverfälscht war, das Zeichen des Kreuzes nicht gemacht, wenn
es nicht aufgerichtet, gegrüßt und verehrt wurde, war es sehr schlecht,
diese Entartung einzuführen (man kann sie nicht gut einen Brauch nen-
nen), und ist es noch schlimmer, daran festzuhalten.“ Das ist eine Be-
hauptung des Traktanten (B.T. 57), auf die ich folgendermaßen antwor-
te: Wenn man am Anfang, als die Kirche rein war, das Zeichen des
Kreuzes gemacht, es aufgerichtet, gegrüßt und verehrt hat, dann hat man
sehr schlecht daran getan, die Anmaßung einzuführen (man kann sie
nicht gut Reformation nennen), das Zeichen des Kreuzes zu zerstören,
es zu verachten und zu entehren. Das tat man am Anfang gewiß nicht.
Wie die Reformatoren zugeben, war die Kirche in den ersten 500
Jahren rein, und wenn man dem Traktanten glauben muß, begannen erst
zur Zeit des heiligen Papstes Gregor die Augen der Christen „sich zu
trüben und kaum noch klar im Dienst Gottes zu sehen“ (B.T. 27). Sehen
wir also, wie man sich damals zur Ehre des Kreuzes verhielt, und wir
werden finden, daß die Heiden die Christen als Schmähung „Verehrer
des Kreuzes, religiosos Crucis“ nannten. Tertullian leugnet das in seiner
Antwort keineswegs, sondern gibt es zu. Dasselbe tut Justin der Märty-
rer. Der hl. Athanasius sagt darüber folgende zutreffende Worte: „In der
Tat, wir verehren die Nachbildung des Kreuzes, die wir aus zwei Höl-
zern herstellen.“ Diese Zeugnisse habe ich oben (2. Kap.) mit vielen
anderen zitiert.
Nun lebten diese großen Männer in der Blütezeit der Kirche; von ihr
sagt der hl. Thomas und der hl. Bonaventura, daß die Verehrung des
Kreuzes und anderer Bilder eine apostolische Überlieferung war. Sie
sahen, daß sie zugleich mit dem Christentum begann; und wenn man
von Jahrhundert zu Jahrhundert bis zur Zeit der Apostel zurückgehe,
finde man eine ständige Beobachtung. Daher hielten sie sich an die

102
Regel des hl. Augustinus, die lautet: „Man glaubt sehr zu Recht, daß
das, woran die ganze Kirche festhält und was nicht durch die Konzile
eingeführt wurde, nur durch die Autorität der Apostel eingesetzt ist.“
Der hl. Johannes von Damaskus hatte lange Zeit vor ihm darüber ganz
dasselbe gesagt: „Es ist eine ungeschriebene Überlieferung“, sagt er,
„ebenso wie die Anbetung gegen Osten, nämlich das Kreuz zu verehren
...“ Das sind seine Worte. Und wo der hl. Basilius, noch viel früher, von
Jesus Christus, von seiner Mutter und seinen Aposteln, von den Prophe-
ten und Märtyrern spricht, sagt er, man „halte die Geschichte ihrer Bil-
der in Ehren und verehre sie ganz offen, denn weil das von den Aposteln
eingesetzt wurde“, sagt er, „darf man das nicht verbieten, sondern wir
bringen in all unseren Kirchen ihre Geschichte an.“
Das zweite Konzil von Nicäa behandelt die Verehrung des Kreuzes
und der Bilder und schließt mit den Worten: „Das ist der Glaube der
Apostel, das ist der Glaube der Väter.“ Und dasselbe Konzil zitiert den
Brief des seligen Vaters Nylus an den Prokonsul Olympiodorus, der
eine Kirche bauen wollte. Darin rät er ihm, einzig und allein das Bild
am heiligen Ort gegen Osten anzubringen. Nun, wer wüßte nicht, daß
die Christen in alter Zeit gegen Osten anbeteten? Dieser Vater wollte
daher, daß das Kreuz an der Stelle angebracht werde, gegen die man
anbetete. Wie Sozomenes berichtet, bildete Konstantin sein Reichsban-
ner in Form des Kreuzes, weil die Soldaten gewohnt waren, dieser Stan-
darte ihre Ehrenbezeugung zu erweisen, damit sie sich auf diese Weise
durch den ständigen Anblick und die Verehrung des Kreuzes allmäh-
lich daran gewöhnten, das Heidentum zurückzuweisen und den Glau-
ben Jesu Christi anzunehmen. Der hl. Chrysostomus nennt das Kreuz
„mehr als aller Verehrung würdig: omni cultu digniorem“ und bestimmt
in seiner Liturgie, wie ich oben gesagt habe, daß der Priester bei der
Ankunft am Altar dem Kreuz die Reverenz erweise.
Der hl. Augustinus bestätigt, obwohl man ehedem die Verbrecher kreu-
zigte, habe man trotzdem zu seiner Zeit nicht mehr gekreuzigt. „So ist
das Kreuz ehrwürdig und hat sein Ende gefunden“, sagt er. „Es hat sein
Ende gefunden als Strafe, aber es bleibt in Ehren und ist von den Stätten
der Todesstrafe übergegangen zur Stirn der Kaiser.“ Auch der Traktant
gibt (B.T. 47) zu, die Verbrecher wären „durch eine solche Todesstrafe
geehrt“ gewesen. Deshalb bat der selige Apostelfürst, der hl. Petrus,
bevor er gekreuzigt wurde, daß man ihn mit den Füßen nach oben kreu-
zige, da er sich für unwürdig hielt, auf gleiche Weise wie sein Meister
gekreuzigt zu werden, wie der hl. Hieronymus sagt. Auch der hl. Doro-

103
theus erwähnt das. Der hl. Andreas, sein älterer Bruder, konnte das
Kreuz, an dem er hangen sollte, nicht genug grüßen und liebkosen, so
sehr fühlte er sich geehrt, dieses Todes zu sterben; das bezeugen die
Priester von Achaia in dem Buch, das sie über sein Martyrium verfaß-
ten.
Es war nun Konstantin, der die Todesstrafe des Kreuzes abschaffte,
„weil er das Kreuz sehr verehrte, sowohl wegen der Hilfe, die er in seiner
Kraft in den Kriegen erfahren hatte, als auch wegen der göttlichen Er-
scheinung, die er von ihm hatte“, wie Sozomenes sagt. Er sagt darüber
etwas sehr Bemerkenswertes, wenn man es in Zusammenhang bringt mit
einer Stelle bei Eusebius in der Lebensbeschreibung Konstantins. Euse-
bius bestätigt, ehe Konstantin die Schlacht gegen Lucinius schlug, zog er
sich außerhalb des Lagers in das Zelt des Kreuzes zurück mit einer gewis-
sen Anzahl der Ergebensten seiner Umgebung, um Gott zu bitten und
sich seiner Barmherzigkeit zu empfehlen. Das pflegte er bei ähnlichen
Gelegenheiten zu tun. Sozomenes andererseits schreibt, der große Kaiser
habe ein Zelt nach Art einer Kirche oder Kapelle machen lassen, das er
immer mitführte, wenn er in den Krieg zog, damit sowohl er als auch das
Heer einen Ort hatten, an dem man Gott lobte, ihn bat und die heiligen
Geheimnisse empfangen konnte, denn die Priester (sacerdotes) und Dia-
kone begleiteten in dieser Absicht stets dieses Zelt. Wer sieht nun nicht,
daß das Zelt des Kreuzes, von dem Eusebius berichtet, nichts anderes war
als die tragbare Kirche oder Kapelle, die von Sozomenes bezeugt wird?
Es gab also im Lager Konstantins eine Kirche des heiligen Kreuzes, und
nicht nur das Kreuz war in der Kirche, sondern die Kirche selbst war Gott
geweiht unter dem Titel des Kreuzes: ein großer Beweis für die Vereh-
rung, die man zum Kreuz hegte.
In gleicher Absicht erließen die Kaiser Theodosius und Valerian fol-
gendes Gesetz: „Da wir vor allem große Sorge tragen, die Religion der
höchsten Gottheit zu erhalten, soll es niemand erlaubt sein, das Zeichen
des Erlösers Jesus Christus zu gravieren oder zu zeichnen, sei es auf die
Erde, sei es in einen Stein oder Marmor, der auf die Erde gelegt wird.“
Das geschah, weil sie wollten, daß sich das Kreuz an einem ehrenvollen
Platz befand, nicht auf dem Boden, wo es mit Füßen getreten werden
konnte; solche Hochachtung hatten sie vor diesem heiligen Abbild. So
nennt es Justinian das hochheilige und ehrwürdige Kreuz. Sedulus, ein
sehr früher Dichter, spricht von der Ehre des Kreuzes folgendermaßen:
„O Kreuz, er war dein Friede, und durch seinen so würdigen Leib
hat er deine Härte mehr denn je berühmt gemacht.

104
Er hat deine Schande mit solcher Ehre bedeckt,
daß deine Marter (o wundersame Kraft)
sicherste Gewähr unseres Heils ist,
beseligend die Qualen, deren Schmerz er erlitt.
Wer will daher leugnen, daß wir zu ehren verpflichtet
das Bild des Kreuzes, oder wer kann es nicht kennen?
Da unser großer Meister es zum Triumph geführt
und es tragend erscheinen läßt aus gutem Grund,
wie die Welt geteilt ist in vier Teile,
16
im Kreuz sich alles findet als Inbegriff.“
Prudens, ein noch älterer Gewährsmann, bestätigt, daß die christlichen
Kaiser das Kreuz verehrten:17
„Man sieht in Rom das Kapitol verwirrt,
daß Jesus durch seine Könige als Gott gerühmt wird.
In Kirchen sieht man ganz zur Erde gebeugt
den Purpur der Römer demütig ausgebreitet,
und der höchste Herrscher der Welt
tief verehrt die Fahne und das Zeichen des Kreuzes.“
Auf diese Gewohnheit der Kaiser bezieht sich der Rat, den der hl. Re-
migius dem König Chlodwig gab:18
„Milder Sikambrer,
beuge den Nacken, senke die Augen,
verbrenne, was du angebetet, bete an,
was du verbrannt hast.“
Das heißt, er wollte ihn für das Christentum empfänglich machen, den
er die Götzenbilder verbrennen und das Kreuz verehren hieß.
Aber ich bitte euch, worauf zielte denn der Hohn‚ den die Heiden
gegen die Christen aussprachen? Er wird von Minutius Felix wiederge-
geben im 11. Buch, das denen des Arnobius angefügt ist: „Hier sind
Strafen für euch, Qualen und Kreuze, nicht um sie zu verehren, sondern
zu erdulden.“ Setzt das nicht die Verehrung voraus, die die Christen
dem Kreuz erwiesen, die dazu führte, daß man ihnen die Worte vorhielt:
„Ecce vobis supplicia, tormenta, et jam non adorandae, sed subeundae
cruces“? Das genügt, um den Traktanten zu überführen, der zu sagen
wagte, zur Zeit der reinen und ursprünglichen Kirche habe man das
Kreuz nicht aufgestellt noch verehrt, oder was alles auf eines hinaus-
kommt, man dürfe ihm keinerlei religiöse Verehrung erweisen; denn
auf welche andere Ehre kann sich das beziehen, was ich bisher vorge-
bracht habe?

105
9. Kapitel

Wie das Kreuz gegrüßt wird und ob es angerufen wird.

Der Traktant begnügt sich nicht damit, im allgemeinen gesagt zu haben,


man dürfe das Kreuz nicht verehren und es zu keinerlei religiösem Ge-
brauch anfertigen; er geht auch dazu über, der Kirche Vorwürfe zu ma-
chen wegen bestimmter Ehrenbezeigungen, die man dem Kreuz erweist,
die nach seiner souveränen Meinung nichts anderes sind als Götzendienst
und rasender Aberwitz. Er beklagt sich daher (B.T. 48) folgendermaßen:
„1. Es ist so weit gekommen, daß man das Kreuz in Kirchen gebracht
hat; es wurde gegrüßt mit den Worten: O Crux ave, d. h. Wohl dir, Kreuz.
Das sind alberne Worte. 2. Es wird unverzüglich angerufen mit den
Worten: Auge piis justitiam reisque dona veniam, d.h. Vermehre den
Guten die Gerechtigkeit und gewähre den Schuldigen Vergebung. 3.
Item, Crucem tuam adoramus, Domine, d. h. Dein Kreuz, Herr, beten
wir an. Das sind blasphemische Worte, denn solche Worte müssen an
Jesus Christus gerichtet werden; Jesus Christus ist der Sohn, der geküßt
werden muß, nicht das Holz seines Kreuzes ... (B.T. 50): Da aber die
römische Kirche sich an das materielle Kreuz wendet, ist das offenkun-
dig unerträglicher Götzendienst. 4. Damit es nicht scheint, man tue ihr
Unrecht mit solchen Worten, sind hier die Ausdrücke, die sie gebrau-
chen, wenn sie das Holz des Kreuzes segnen (B.T. 51):19 Herr, segne
gnädig dieses Holz des Kreuzes, damit es ein Heilmittel sei für das
Menschengeschlecht, Festigung des Glaubens, Förderung guter Werke,
Erlösung der Seelen, Schutz gegen die unerbittlichen Angriffe der Fein-
de. Item: Wir beten dein Kreuz an. Item: Kreuz, das du angebetet wer-
den mußt, Kreuz, das du betrachtet werden mußt, liebenswert für die
Menschen, heiliger als alle, du allein hast verdient, den Schatz der Welt
zu tragen; süßes Holz, süße Nägel, die süße Last getragen, rette die hier
zu deinem Lob versammelte Gemeinde. Item: Treues Kreuz, unter al-
len einzig würdiger Baum. Kein Wald bringt einen solchen hervor an
Zweigen, Blüten, Samen. Das süße Holz trägt süße Nägel und eine süße
Last. 5. (B.T. 52) Von gleicher Machart ist das sogenannte Französische
Gebet, das man in fast allen Horen liest; ich habe es wenigstens gelesen
unter denen, die Michel Jove 1568 in Lyon gedruckt hat, die für Rom
bestimmt sind; hier sind seine Ausdrücke:
Heiliges, wahrhaftig angebetetes Kreuz,
das mit dem Leib Gottes geschmückt war

106
und von seinem Schweiß reichlich benetzt
und von seinem Blut gerötet;
durch deine Kraft, durch deine Macht
bewahre meinen Leib vor schlimmem Übel
und gewähre mir nach deinem Wohlgefallen,
daß ich nach rechter Beichte sterben könne.

6. Nicht nur das Kreuz wird auree, d. h. angebetet genannt, sondern


auch der (Kar)freitag wegen der Anbetung des Kreuzes an diesem Tag ...
7. (B.T. 53) Ähnliche Torheiten und Blasphemien werden begangen
bezüglich der Lanze. Das Fest der heiligen Lanze wird am Freitag nach
der Oktav von Ostern gefeiert und man richtet an sie folgendes Gebet:
Wohl dir, siegreiches Eisen, das eindringend in die Seite des Lebens die
Pforte des Himmels öffnet; glückselige Lanze, verwunde unser Herz
mit der Liebe dessen, der von dir durchbohrt wurde.“
Das sind die spitzfindigen Untersuchungen, die der drollige Traktant
anstellt, um die Katholiken zu überführen, sie seien „von Sinnen, des
Götzendienstes schuldig geworden und stupider als das Holz“ (B.T. 52f),
denn so behandelt er uns. Beza hat ihm den Weg gewiesen in seinen
‚Kennzeichen der Kirche‘, die ihm der große Geist de Spondes so gut
ausgelöscht hat, daß er mich der Verdrießlichkeit enthoben hätte, in
dieser Frage zu antworten, hätte ihn nicht Gott der Verdrießlichkeit
dieser Welt entheben wollen, ehe sein Werk vollendet war. Deshalb ant-
worte ich dem Traktanten, Beza und ihresgleichen, indem ich die Vor-
würfe, die sie in dieser Beziehung vorbringen konnten, vornehme und
die Gründe nenne, warum sie nicht annehmbar sind.
1. Sie finden es nicht gut, daß man das Kreuz anredet, daß man es
grüßt, und noch weniger, daß man es anruft, weil es weder Gefühl noch
Verstand hat. Aber unter diesem Gesichtspunkt müßte man sich auch
über die heiligen Propheten lustig machen, die an tausend Stellen ihr
Wort an gefühllose Dinge gerichtet haben. Tauet, Himmel, den Gerech-
ten, Wolken regnet ihn herab; die Erde öffne sich und lasse den Erlöser
sprossen (Jes 45,8). Höre, Himmel, was ich sage (Dtn 32,1). Ich rufe
Himmel und Erde zu Zeugen an (Jes 1,2). Preist, Sonne und Mond, den
Herrn (Dan 3,62). Lobt ihn, Sonne und Mond (Ps 148,3). Was hast du,
Meer, daß du fliehst, und du Jordan, daß du zurückweichst? (Ps 114,5).
Sobald der hl. Andreas das Kreuz erblickte, an dem er gekreuzigt wer-
den sollte, brach er in den heiligen Ruf aus: „Gutes Kreuz, du hast deine
Zier von den Gliedern meines Herrn empfangen; langersehntes, vielge-

107
liebtes, unaufhörlich erstrebtes und schließlich meinem sehnenden Geist
bereitetes, nimm mich auf von den Menschen und gib mich meinem
Meister, damit Er mich annehme durch dich, der mich durch dich los-
gekauft hat.“ Die fromme Paula betrat den Stall, in dem Unser Herr
geboren wurde, und seufzte unter Freudentränen: „Ich grüße dich, Bet-
lehem, Haus des Brotes, in dem das Brot geboren ist, das vom Himmel
herabstieg; ich grüße dich, Efrata, überaus fruchtbare und ertragreiche
Gegend, deren Fruchtbarkeit Gott ist.“ Lactanz sprach eines Tages von
der Auferstehung und sagte: „Salve festa dies, toto venerabilis aevo: Ich
grüße dich, festlicher Tag, der allen Zeiten ehrwürdig ist.“
Das sind Ausdrucksweisen, die den Seelen geläufig sind, die von einer
lebhaften Empfindung ergriffen werden. Wer wüßte nicht, wie viele An-
reden und Vermenschlichungen bei den verschiedensten Menschen all-
gemein gebräuchlich sind? Und gibt es eine größere Torheit, als schließ-
lich ähnliche Ausdrücke zu beanstanden? Und welche Gefahr kann in
der Redeweise liegen:
Schenke den Guten Vermehrung der Gerechtigkeit,
vergib den Sündern ihre Missetat?
Sie hat ihr Vorbild und Modell in der Heiligen Schrift und in tausend
Wendungen der ältesten Väter als Gewähr. Der Tau, den Jesaja vom
Himmel erbittet, ist nichts anderes als der Erlöser, und David fordert
Feuer und Hagel, Schnee und Eis auf, Gott zu loben, ebenso der hl.
Andreas das Kreuz, daß es sich an seinen Meister wende. Aber das ist
ihnen ebenso unmöglich, wie den Sündern zu vergeben.
Obwohl nun in all diesen Redewendungen die Worte an das Kreuz, an
den Himmel, an den Schnee und ähnliche leblose Dinge gerichtet wer-
den, geht doch die Anrufung über sie hinaus und bezieht sich auf Gott
und den Gekreuzigten. Hier ist ein bezeichnendes Beispiel: Josua (10,12f)
wünscht, daß Sonne und Mond stillstehen und in ihrem Lauf einhalten;
an wen wendet er sich zu diesem Zweck, ich bitte euch? Der Absicht nach
richtet er seine Bitte in Wahrheit an Gott: Tunc locutus est Josue Domino,
in die qua tradidit Amorrhaeum in conspectu filiorum Israel: Da sprach
Josua zum Herrn am Tag, als der Herr vor den Augen der Söhne Israels den
Amoriter preisgab. Das war seine Absicht, die unmittelbar auf Gott ge-
richtet ist; seine Worte aber reichten nur bis zur Sonne und zum Mond:
Dixitque coram eis: Sol, contra Gabaon ne movearis, et luna contra vallem
Aialon: Und er sprach vor ihnen: Sonne, bewege dich nicht gegen Gibeon,
und du Mond, gegen das Tal von Ajalon. Das sind die Worte, die an Sonne
und Mond gerichtet sind, und da ist die Wirkung, die nur von der Hand

108
Gottes ausgeht: Stetit itaque sol in medio coeli, et non festinavit occumbe-
re spatio unius diei; non fuit postea et antea tam longa dies, obediente Deo
voci hominis: Also stand die Sonne still mitten am Himmel und eilte nicht
unterzugehen einen Tag lang, und es war kein Tag so lang je vorher und
nachher, da Gott der Stimme des Menschen gehorchte oder beistand. Das
Gebet „Schenke den Guten Vermehrung der Gerechtigkeit“ ist also nur
der äußere Klang der Worte, der sich an das Kreuz wendet, die innere
Absicht wendet sich durchaus an den Gekreuzigten. Wenn Josua die Son-
ne bittet, daß sie in ihrem Lauf einhalte, heißt das Gott bitten, daß er sie
stillstehen lasse. Wenn wir das Kreuz bitten, daß es den Sündern vergebe,
heißt das den Gekreuzigten bitten, daß er uns durch seine Passion verzei-
he. Wenn die Worte ihrer eigentlichen Bedeutung nach schlecht gewählt
sind, sind sie durch die Absicht jener, die sie aussprechen, dennoch rich-
tig gemeint, und es gibt nichts Ungebührliches, weil diese Redeweise
üblich und vertraut ist und recht verstanden wird von denen, die nicht
streitsüchtig oder übel gesinnt sind.
2. Daher habe ich hinreichend auf die Beanstandung des Traktanten
geantwortet, daß man das Kreuz grüßt und anruft, folglich auch darauf,
was er anführen kann über das Gebet in französischem Reim, von dem
er sagt, es stehe in den Horen, die „zum Gebrauch von Rom“ gemacht
sind. Ich bewundere nur diese zartfühlende Seele; nachdem er behaup-
tet hat, dieser Reim finde sich „fast in allen Horen“, erklärt er sein
„fast“ mit den einzigen, die von Michel Jove 1568 gedruckt wurden;
und um noch törichter zu sein, will er einen plattfranzösischen Reim in
den Offizien von Rom in Gebrauch setzen. Weiß er nicht, daß man in
Rom nicht französisch spricht, vor allem nicht beim Offizium? Der
Schmähsucht geht es nur darum zu reden, es ist ihr nicht wichtig, zu
wissen, wie. Nun will er die Verleumdung verstohlen durchbringen, weil
die Buchhändler sehr oft mit den Horen verbunden Traktate und Gebe-
te im gleichen Band vereinigen, sehr oft unpassend, ohne Erlaubnis und
Grund. Er wagt es zwar, die Werke des hl. Augustinus zu beurteilen und
einige Teile davon zu verwerfen, da sie in Stil und Würde nicht mit den
anderen übereinstimmten, obwohl sie unter der gleichen Überschrift
enthalten sind; aber er hat nicht erkannt, daß diese französischen Verse
und andere Gebete dieser Art nicht zum Offizium und zu den Horen
von Rom gehören? Er ist ein Dummkopf, wenn er das nicht bedacht hat;
er ist ein Lügner, wenn er es bedacht hat. Indessen spreche ich von
diesem Vers nicht in dieser Weise, weil ich der Meinung wäre, er be-
inhalte eine Sinnwidrigkeit, denn er enthält nichts, was nicht einen gu-

109
ten Sinn hätte, wie hinreichend aus dem hervorgeht, was ich vorher
gesagt habe.
3. Dasselbe sage ich von der Verehrung, die manche in der Heiligen
Woche und an den weißen Freitagen üben, die der Traktant (B.T. 60f)
anführt und anzuschwärzen versucht. Das sind Beanstandungen, die sei-
ner würdig sind und in keiner Weise die katholische Kirche betreffen,
denn diese Andachtsformen haben keinerlei öffentliche Autorität, noch
sind sie mit den Horen als ein Teil von ihnen verbunden. Unsere appro-
bierten Kalendarien erwähnen weder weiße noch schwarze Freitage.
Eine Dummheit hört nicht auf, eine zu sein, weil sie gedruckt ist oder
am Schluß irgendwelcher schöner Bücher hinzugefügt ist. Ich will aber
dennoch nicht sagen, daß der Kern dieser Andachtsformen schlecht sei;
vielleicht gibt es dabei gewisse Umstände, die eher leichtfertig als schlecht
sind; aber es ist eine unerträgliche Selbstgefälligkeit, innerhalb einer
ernsthaften Auseinandersetzung nach solchen Kleinigkeiten zu suchen.

10. Kapitel

Titel und ehrende Ausdrücke, die die Kirche


für das Kreuz gebraucht.

4. Der Traktant und Beza finden es nicht gut, daß wir sagen: Crucem
tuam adoramus, Domine: Herr, wir beten dein Kreuz an; denn man
muß den Sohn küssen, sagen sie, nicht das Kreuz. Da ich im vierten
Buch noch ausführlicher darauf antworten werde, sage ich: Das Kreuz
anzubeten ist bei den Christen kein anderer Mißstand als bei den Juden
die Anbetung der Bundeslade. Ich habe oben (I,5) gezeigt, daß sie es
getan haben. Dasselbe gilt davon, es zu küssen, so wenig wie die Spitzen
des Stabes Josefs zu küssen, wie nach der wahrscheinlichen Auffassung
Jakob (Gen 47,31) getan hat, oder den des Artaxerxes, wie gemäß der
Heiligen Schrift Ester (5,2) getan hat. Ich sage, die ganz reine Kirche
hat es angebetet und für anbetungswürdig gehalten, wie ich nachweise,
und hat es auch geküßt, wie der hl. Hieronymus bezeugt in der Homilie
über die Anbetung des Kreuzes. Ich sage, man küßt aus Ehrfurcht den
Fürsten und König hinreichend, wenn man den Saum seines Mantels
oder die Spitze seines Szepters küßt, wie man die Hände des Herrschers
nicht anders küßt, als wenn man seinen Mantel küßt. Die Ehre, die man
dem erweist, was ihnen gehört, bezieht sich auf jene, denen es gehört.

110
Niemand wird es mißbilligen, wenn ein Untergebener sagt und erklärt:
Herr, ich verehre dein Szepter, deine Krone oder deinen Purpur. So ist
es Unserem Herrn wohlgefällig, wenn man sagt: Herr, ich verehre oder
bete an (denn das eine wie das andere ist in dieser Hinsicht dasselbe, wie
im vierten Buch gesagt wird), ich sage also: ich bete dein Kreuz an. Es
ist also eine sonderbare Schikane, das einen Götzendienst zu nennen,
weil dabei alle Ehre Christus zukommt; Er ist kein Götze, sondern
wahrer Gott.
5. Sie werfen uns die Segnung des Kreuzes vor; aber wo finden sie, daß
es schlecht sei, es zu segnen? Und ich halte ihnen den hl. Paulus entge-
gen, der (1 Tim 4,4f) sagt, daß die ganze Schöpfung geheiligt wird durch
das Wort Gottes und das Gebet. Wo finden sie, daß die Titel schlecht
seien, die man dem Kreuz gibt bei dieser Segnung und an vielen anderen
Stellen unserer Offizien, und wenn ich ihnen das ganze Altertum entge-
genhalte? Welche Titel wollen sie dem Kreuz nehmen? Ich glaube, am
meisten verdrießen sie diese: Heilmittel für das Menschengeschlecht,
Erlösung der Seelen, höchst anbetungswürdig, heiliger als alles, unsere
einzige Hoffnung. Wer weiß nicht, daß es die heiligsten und ältesten
Väter der Kirche so genannt haben?
Der hl. Chrysostomus legt ihm in einer seiner Predigten mehr als fünf-
zig Ehrentitel bei und nennt es unter anderen „Hoffnung der Christen,
Auferstehung der Toten, Weg für Verzweifelte, Triumph über die Teufel,
Vater der Waisen, Verteidiger der Witwen, Fundament der Kirche, Arzt
der Kranken“. In der ersten Predigt über das Kreuz und den Schächer
nennt er es „Substanz aller geistlichen Freude und überreiche Erweite-
rung alles Guten“; in der zweiten nennt er es „unsere Sonne der Gerech-
tigkeit“ und an anderer Stelle „Schwert, mit dem Jesus Christus die teuf-
lischen Kräfte gebrochen und vernichtet hat“. Der hl. Ephräm nennt es
„kostbare, belebende Siegerin über den Tod, Hoffnung der Gläubigen,
Licht des Universums, Pforte des Paradieses, Zerstörerin der Irrlehre,
Festigkeit des Glaubens, großer und heilsamer Schutz und ewiger Ruhm
der Rechtschaffenen und ihr unüberwindliches Bollwerk“. Diesen letz-
ten Titel hat ihm auch der hl. Antonius der Große beigelegt. Origenes
nennt es „unser Sieg“, Eusebius und Konstantin der Große „heilsames
Zeichen“, der hl. Augustinus „geehrt und mit Ehren überhäuft“, Justin
der Märtyrer „vornehmstes Zeichen der Macht und Herrschaft“, Kaiser
Justinian „wahrhaft verehrungs- und anbetungswürdig“ und der hl. Chry-
sostomus nennt es noch „mehr als aller Verehrung und Hochschätzung
würdig: omni cultu digniorem“. Welchen Vorwurf kann man uns ma-

111
chen, wenn wir die Sprache unserer Väter und unserer Mutter sprechen?
Die Häretiker, die fern vom Vaterhaus aufwachsen, sind es, die neue Aus-
drücke erfinden und die Sprache der Hausgenossen fremdartig finden.
Indessen haben die Worte keine andere Bedeutung, als man ihnen
beilegt. Ich möchte gern sagen, sie sind wie die Null, die keinen Wert
hat, außer nach Maßgabe der Ziffern, die vor ihr stehen. Auch die Na-
men haben ihre Bedeutung nur im Verhältnis zur Absicht, in der man
sie ausspricht, wie die faltigen Gewänder, die weit oder eng sind je nach
dem Körper, der sie trägt. Gibt es ein Wort von größerer Bedeutung als
das Wort Gott? Trotzdem hat sie der Heilige Geist manchmal so abge-
schwächt, daß sich das Wort mit Geschöpfen verbinden läßt: Ich habe
gesagt, ihr seid Götter. Gott findet sich in der Versammlung der Götter
und richtet in ihrer Mitte die Götter (Ps 82,6). Ich habe dich zum Gott des
Pharao bestellt (Ex 7,1). Josef wurde Erlöser genannt (Gen 41,45), auch
Hoschea, der Sohn des Nun (Num 13,8); aber dieses Wort wurde auf sie
nicht so angewendet wie auf Unseren Herrn. Gott sandte seinen Sohn,
damit die Welt durch ihn gerettet werde (Joh 3,17); der hl. Paulus ist
allen alles geworden, um alle zu retten (1 Kor 9,22): das sind ganz
gleiche Worte dem Klang nach, aber der Sinn des einen ist sehr ver-
schieden von dem des anderen. Die klarsehenden Geister, die Gott in
der zweiten Ordnung der Engel anbeten, heißen Kerubim und ihre Dar-
stellung wird (Ex 37,7) Kerub genannt; seht dasselbe Wort, aber die
Dinge sind verschieden.
Es ist eine törichte Spitzfindigkeit, so viel über Ausdrücke zu strei-
ten, wenn die gute Absicht offenkundig ist. Allgemein gilt die Regel,
daß man sie verstehen muß nach der Kapazität des Gegenstandes, um
den es sich handelt: secundum subjectam materiam. Es ist notwendig,
daß die Dinge ihre Namen einander gegenseitig leihen, denn es gibt
mehr Dinge als Ausdrücke, aber es ist darauf zu achten, daß sie ange-
wendet werden nach dem Maß und dem Wert der Dinge, für die man
sie gebraucht. Jesus, der hl. Paulus und das Kreuz retten; das ist ein
einziger Ausdruck, aber in mehrfacher und verschiedener Bedeutung
gebraucht: was Jesus betrifft, er rettet als der erste verdienstlich Han-
delnde, der überreiches Lösegeld bezahlt; was den hl. Paulus betrifft,
er rettet als Anwalt und Fürbitter, und das Kreuz als Instrument und
Werkzeug unserer Erlösung. Die Ausdrücke der Guten und Weisen
werden stets weise und in gutem Sinn verstanden von den Guten; was
gibt es Besseres und Weiseres als die Kirche? Es ist eine vorsätzliche
Bosheit, ihre Worte in einem blasphemischen Sinn zu verstehen, die

112
einen geziemenden und angemessenen Sinn haben können, ohne der
allgemeinen und gewöhnlichen Art des Verstehens Gewalt anzutun.
Das Kreuz ist ein heilsames Mittel, Erlösung der Seelen, sehr ehrwür-
dig, unsere einzige Hoffnung, über alles heilig; es ist zu verstehen
entsprechend dem Rang, den es unter den Werkzeugen der Passion
und unseres Heils einnimmt. Wer es als Erlöser selbst verstünde, wäre
verrückt und dumm, denn der Gegenstand ist, ohne Schwierigkeit,
dazu völlig ungeeignet und unfähig.
Im ‚Katalog der Zeugen‘ ihrer angeblichen Wahrheit habe ich gese-
hen, daß Illyricus oder Simon Goulart den hl. Chrysostomus zitiert, der
dem Kreuz mehrere schöne Titel zuschreibt, und dann als Kommentar
hinzufügt: Encomia Crucis Chrysostomus suo more canit signo quod
signatae rei convenit tribuens; ista vero postea pontificii non sine blas-
phemia et idolatria ad signum ipsum retulerunt; das heißt: „Chrysosto-
mus singt auf seine Weise das Lob des Kreuzes, indem er dem Zeichen
zuschreibt, was der dargestellten Sache gebührt, aber nachher haben die
Papisten diese Dinge dem Zeichen selbst zugeschrieben, nicht ohne
Blasphemie und Götzendienst.“ Als ich das sah, habe ich mich gewun-
dert über die Heftigkeit der Leidenschaft, die es den Neuerern nicht
erlaubt, von der katholischen Kirche die gleichen Worte in gutem Sinn
aufzufassen, die sie aus dem Mund des hl. Chrysostomus in gutem Sinn
auffassen. Wer hat ihnen gesagt, ich bitte euch, daß wir, wenn wir wie der
hl. Chrysostomus sprechen, es anders verstehen als er? Es ist sicher, daß
wir sehr oft dem Zeichen zuschreiben, was der Sache gebührt, so wenn
wir sagen: Herr, ich verehre dein Szepter, Herr, ich bete dein Kreuz an.
Schließlich wäre an dieser Stelle die Unterscheidung am Platz, die
der Traktant so laut predigt, zwischen dem Kreuz als Marter und dem
Kreuz als Werkzeug der Marter, denn sehr oft hört man, wenn das Kreuz
gelobt wird, nicht nur vom Holz oder Zeichen des Kreuzes sprechen,
sondern auch von Martern und Schmerzen, die Unser Herr ertrug. Aber
der Traktant achtet nicht darauf, die Unterscheidung richtig und tref-
fend zu machen.
6. Der Traktant geht dazu über, sich zu beklagen, daß man den Kar-
freitag „aoré, d. h. angebetet nennt wegen der Anbetung des Kreuzes an
diesem Tag“. Nun weiß ich nicht sicher, ob aoré angebetet oder vergol-
det (adoré oder doré) bedeutet, oder vielmehr im Sinn von Ansuchen
Bitte und Gebet; aber ich sage: 1. Dieser Ausdruck trifft nur für be-
stimmte Gegenden Frankreichs zu, sonst nennt man ihn nicht so. 2. Es
ist ein Name, der gut gewählt ist, denn „angebetet“ will in diesem Fall

113
nichts anderes besagen als verehrt und geehrt. Wer wüßte denn nicht,
daß die Tage, an denen irgendwelche heilige Handlungen vorgenom-
men werden, oder auch, an denen man deren Gedächtnis begeht, in der
Heiligen Schrift durchwegs sehr heilig, festlich und ehrwürdig (Lev
23,37) genannt werden? Der Sonntag wird Tag des Herrn genannt, weil
er Gott geweiht ist. Der hl. Augustinus nennt ihn ehrwürdig, wie Lac-
tanz und der hl. Chrysostomus ebenfalls das Osterfest nennen; warum
soll der Karfreitag nicht ehrwürdig sein, der Gott geweiht ist zu Ehren
der Passion? 3. Ich sage außerdem, der Hauptgrund, warum dieser Tag
aoré genannt wird, ist nicht die äußere Anbetung des Kreuzes, sondern
die Heiligkeit des Todes des Erlösers, die an ihm gefeiert wird; seine
äußere Anbetung ist nur eine feierliche Erklärung.
Wie alt die Feier des Freitags und vor allem des Karfreitags zu Ehren
des Kreuzes ist, bestätigt der hl. Chrysostomus; er sagt: „Meine Teuer-
sten, beginnen wir heute über die Trophäe des Kreuzes zu predigen;
ehren wir diesen Tag oder seien wir vielmehr gekrönt, indem wir diesen
Tag ehren, denn das Kreuz wird nicht durch unsere Worte geehrt, son-
dern wir verdienen durch unser gläubiges Bekenntnis die Krone des
Kreuzes. An diesem Tag wurde das Kreuz aufgerichtet und die Welt
geheiligt.“ Und an anderer Stelle: „An diesem Tag hing Unser Herr am
Kreuz; feiern wir unsererseits sein Fest in übergroßer Freude, um zu
begreifen, daß das Kreuz der Inbegriff all unserer geistlichen Freude ist;
denn vorher bedeutete der bloße Name des Kreuzes Leid, aber jetzt wird
er zur Ehre genannt; einst enthielt er Schrecken und Verurteilung, jetzt
ist er ein Kennwort des Heils, denn das Kreuz ist die Ursache unseres
ganzen Glückes.“ Und weiter unten: „So hat der hl. Paulus selbst ange-
ordnet, ein Fest für das Kreuz zu feiern, und hat den Grund hinzugefügt
mit den Worten: weil Jesus Christus unser Osterlamm geopfert wurde für
uns (1 Kor 5,7). Siehst du die Freude beim Anblick des Kreuzes? Jesus
Christus wurde ja am Kreuz geopfert.“ Sozomenes bezeugt, daß Kon-
stantin der Große lange Zeit vor dem hl. Chrysostomus „den Sonntag in
Ehren hielt als den Tag, an dem Jesus Christus von den Toten erstanden
ist, und den Freitag als jenen, an dem er gekreuzigt wurde. Er hatte ja
eine große Verehrung für das heilige Kreuz, sowohl wegen der Hilfe, die
er von seiner Kraft im Krieg gegen die Feinde erfahren, als auch wegen
der göttlichen Erscheinung, die er von ihm hatte.“
Der hl. Chrysostomus schreibt aber nicht nur, daß man den Freitag
wegen des Kreuzes sehr in Ehren hielt, sondern sagt offen, daß man am
Karfreitag das Kreuz verehrte: „Der Jahrestag kehrt wieder, der das

114
dreimal glückselige und belebende Kreuz Unseres Herrn vor Augen
stellt und es uns zeigt, damit es verehrt wird, damit es uns keusch macht,
kräftiger und williger auf dem Weg des heiligen Fastens; uns, sage ich,
die wir es mit reinem Herzen und mit keuschen Lippen verehren: nos
qui sincero corde eam castisque labiis veneramur.“ Nun, welche Gefahr
sollte denn dabei sein, wenn man das Kreuz verehrt, es küßt und den
Freitag aoré oder angebetet nennt, selbst wenn man ihn so nennt wegen
der Verehrung des Kreuzes an diesem Tag? Warum nannte man den
Ostertag Pascha, wenn nicht deswegen, weil an ihm der Vorübergang
des Herrn geschah und weil von diesem Vorübergang sowohl der Tag als
auch das Opfer, das an ihm geschah, den Namen erhielt? Die Tage erhal-
ten sehr oft ihren Namen von einer bestimmten Handlung, die an ihnen
geschah. So kann der Freitag aoré genannt werden wegen der Verehrung
des Kreuzes, die an ihm geschah. Aber man nannte nicht Pascha die
Tische, die Messer, die Tischtücher und was sonst zum Paschaopfer
gehörte; so nennt man auch aoré nicht den Ort und die Hülle, die Finger
und die Hand, die das Kreuz berühren, wie der Traktant (B.T. 51) unter-
stellen will. Der Grund ist offensichtlich, weil das alles nicht der Feier
dieser Handlung oder Verehrung geweiht ist wie der Tag. Aber der
Traktant kennt weder Regel noch Maß, um Folgerungen zu ziehen; wenn
sie nur im Gegensatz zum Althergebrachten stehen, ist ihm das alles
einerlei.
7. Dasselbe sage ich von der Lanze; sie ist ehrwürdig, weil sie in das Blut
Unseres Herrn getaucht wurde. Der hl. Ambrosius bekennt: „clavus ejus
in honore est: der Nagel Unseres Herrn ist in Ehren.“ Warum die Lanze
nicht? So nennt sie der hl. Athanasius geheiligt. Wenn man ihr bestimmte
Gebete widmet, dann deswegen, um ein sehr lebhaftes Verlangen auszu-
drücken, nicht um von ihr gehört und verstanden zu werden. Die Gnade
erwartet man von Unserem Herrn. Wenn man ein Fest von ihr feiert, dann
deswegen, um Gott zu danken für die Passion seines Sohnes und für sein
vergossenes Blut; weil die Lanze dazu ein Werkzeug war, ist sie auch das
Erinnerungszeichen daran und erweckt in uns die lebhafte Ergriffenheit,
die uns das Fest feiern läßt. Unsere ordentlichen Kalendarien erwähnen
allerdings diese Feier in keiner Weise, die von der römischen Kirche
überhaupt nicht vorgeschrieben ist.
Ich habe also die Kirche entlastet von Ungehörigkeiten und götzen-
dienerischen Ausdrücken, die ihr der Traktant anlasten wollte. Es gibt
nichts so Würdevolles und Geziemendes, worüber Demokrit nicht ge-
lacht hätte, nichts so Sicheres, woran Pyrrho nicht gezweifelt hätte; die

115
Vermessenheit des Häretikers, der weder Verstand noch Respekt hat,
sondern seine Vorstellung für göttlich hält, lacht über alles und macht
sich darüber lustig: über Zeremonien und Ausdrücke, über das Fege-
feuer und die Trinität, über die Menschwerdung und die Taufe, über die
Eucharistie, den Brief des hl. Jakobus und über die Makkabäer, und das
alles mit gleicher Sicherheit. Sie sitzen auf dem Lehrstuhl des verpeste-
ten Spottes; ihr Spott ist viel mehr verpestet als ihre Behauptungen.

11. Kapitel

Das Bild des Kreuzes hat große Kraft.

Dem Traktanten mißfällt es auch, daß wir das Kreuz ein heilsames
Mittel nennen. Die Alten haben es so genannt und Gott hat das durch
tausendfache Erfahrung bestätigt. Nicht nur um das Kreuz, das Kon-
stantin erschien, waren die Worte geschrieben: Durch dieses sollst du
siegen, sondern Unser Herr befahl ihm, ein gleiches Kreuz anfertigen
zu lassen, um sich dessen als Schutz im Kampf zu bedienen. Nach seiner
Form ließ er sein Feldzeichen machen, reich verziert, und bediente sich
seiner als Schutzwehr gegen alle Anstrengungen seiner Feinde, und nach
diesem Muster ließ er mehrere weitere Kreuze anfertigen, die er stets an
der Spitze seines Heeres tragen ließ. Unter anderem erkannte er in der
Schlacht, die er gegen Maxentius schlug, daß Gott ihm durch das Zei-
chen des Kreuzes sehr gnädig beistand. Als er nämlich nach der Rück-
kehr aus ihr Gott gedankt hatte, ließ er an verschiedenen Stellen In-
schriften und Säulen aufstellen, auf denen er allen die Macht und Kraft
des heilsamen Zeichens des Kreuzes verkündete. Insbesondere ließ er
mitten auf einem wichtigen Platz von Rom sein Standbild errichten, das
ein großes Kreuz in der Hand hielt, und ließ in unauslöschlichen Buch-
staben folgende lateinische Inschrift einmeißeln:

HOC SALUTARI SIGNO VERO FORTITUDINIS


INDICIO CIVITATEM VESTRAM TYRANNIDIS JUGO LIBERAVI
ET S. P. Q. R. IN LIBERTATEM VINDICANS
PRISTINAE AMPLITUDINI ET SPLENDORI RESTITUI.

Das heißt: „Ich habe eure Stadt durch diese heilsame Standarte, das
Zeichen wahrer Kraft, vom Joch der Tyrannei befreit und den Senat und
das römische Volk in seinem alten Glanz und seiner Größe wie-

116
derhergestellt und ihm seine Freiheit wiedergegeben.“ Das war das Be-
kenntnis, das er vom siegreichen Kreuz ablegte.
Als er ein andermal gegen Licinius kämpfte und sich die Standarte des
Kreuzes an der Spitze seines Heeres befand, gewann er immer mehr
Siegestrophäen, denn überall, wo man dieses Zeichen erblickte, ergrif-
fen die Feinde die Flucht und die Sieger verfolgten sie. Das hatte der
Kaiser erfahren, und wenn er sah, daß irgendein Teil seines Heeres an
einer bestimmten Stelle schwach und matt wurde, befahl er, daß man
dieses heilsame Zeichen dorthin brachte als sicheren Beistand, um den
Sieg zu erringen. Durch seine Hilfe wurde der Sieg sogleich errungen,
da die Kräfte der Kämpfenden durch eine bestimmte göttliche Kraft
sehr gefestigt wurden. Daher bestimmte man fünfzig der erfahrensten
und tapfersten Soldaten, die die Standarte gewöhnlich begleiteten, um
sie abwechselnd aufzunehmen und zu tragen. Einer dieser Bannerträger
verlor mitten in einem sehr harten und schweren Gefecht den Mut, ver-
ließ die heilige Fahne und gab sie einem anderen, um sich vor den An-
griffen zu retten. Er war kaum außerhalb des Kampfgewühls und der
Schutzwehr des heiligen Zeichens, da wurde er von einem Speer mitten
am Leib durchbohrt und starb auf der Stelle. Dagegen konnte jener, der
an seiner Stelle das Kreuz ergriff, niemals verwundet werden, obwohl
eine Unzahl von Speeren über ihn hagelte; die Pfeile sammelten sich
und steckten alle im Baum oder Schaft der Standarte. Es war ein Wun-
der, daß auf so geringem Raum eine solche Menge Pfeile stak und der
Träger auf diese Weise heil und gesund blieb. So kam es, daß Licinius in
Wahrheit erkannte, wieviel göttliche und unüberwindliche Kraft in der
heilsamen Trophäe der Passion Christi war. Er forderte seine Truppen
auf, nicht mehr dagegen zu kämpfen und sie nicht anzuschauen, weil sie
gegen ihn war und viel Kraft besaß.
Das sind keine Altweibergeschichten, sondern Konstantin versicher-
te das alles dem Eusebius, und Eusebius hat es dann niedergeschrieben.
Seinem Bericht folgte ich fast wörtlich. Ebenso wurden die Skyten und
Sarmatiner, die die früheren Kaiser tributpflichtig gemacht hatten, wie-
der unter die Herrschaft Konstantins gebracht. Er errichtete gegen sie
das gleiche siegreiche Zeichen und vertraute sich dem Beistand seines
Erlösers an. Daher wollte er, daß man in die Waffen das heilsame Zei-
chen der Trophäe eingravierte und es an der Spitze seines Heeres trug.
Auch das ist ein Bericht von Eusebius.
Ehe König Oswald gegen die Barbaren in die Schlacht zog, errichtete
er ein großes Holzkreuz, kniete mit seinem ganzen Heer nieder und

117
erbat von Gott den Sieg, den er sogleich erlangte. Darauf ereigneten sich
an diesem Ort viele Wunder. Einige nahmen kleine Späne vom Holz
dieses Kreuzes, die sie in Wasser tauchten. Von diesem Wasser ließen
sie kranke Menschen und Tiere trinken, und sie wurden plötzlich ge-
heilt. Bothelmus, ein Mönch von Hagulstadt (Hexham), der sich den
Arm gebrochen hatte, legte sich einen Span von diesem Holz auf und
war sogleich geheilt. Dafür ist Beda der Ehrwürdige mein Gewährs-
mann. Wie viele Wunder geschahen nach dem Bericht des hl. Athanasi-
us durch das Bild des Gekreuzigten in der Stadt Beirut? Nach dem Tod
des Julian Apostata ereignete sich ein so starkes Erdbeben, daß das
Meer über die Ufer trat und Gott die Welt mit einer allgemeinen Sint-
flut zu bedrohen schien. Die Bewohner von Epidaurus erschraken darü-
ber und kamen zum hl. Hilarion, der damals in der Gegend war, und
brachten ihn an die Küste. Er zeichnete drei Kreuze in den Sand, und
sogleich blieb das Meer, das sehr aufgewühlt war, vor ihm stehen, und
nachdem es ein großes Getöse gemacht hatte, zog es sich nach und nach
von selbst zurück. Dafür ist Hieronymus mein Zeuge.
Chosroe sandte einige Türken nach Konstantinopel. Der Kaiser sah,
daß sie das Zeichen des Kreuzes auf der Stirn trugen, und fragte sie,
warum sie dieses Zeichen trugen, dessen sie im übrigen nicht achteten.
Sie antworteten, einst sei über Persien eine schwere Pest gekommen,
gegen die einige Christen, die unter ihnen lebten, ihnen als Heilmittel
dieses Zeichen zu machen beibrachten. Das berichtet Nicephorus Calix-
tus. Die Bewohner einer bestimmten Stadt in Japan hatten aus Erfah-
rung und durch die Portugiesen, die dort lebten, gelernt, daß das Kreuz
als großes Heilmittel gegen die Teufel wirkte; daher ließen sie nach dem
Bericht des großen Franz Xaver fast in all ihren Häusern Kreuze an-
bringen, selbst ehe sie Christen waren. So berichtet der hl. Chrysosto-
mus, daß man zu seiner Zeit die Häuser, die Schiffe, die Wege, kranke
Tiere und vom Teufel Besessene mit dem Kreuz bezeichnete, „so sehr
gewann jeder diese wunderbare Gabe für sich“, sagt er. „Zeichnen wir
das Kreuz auf unsere Türen“, sagte der hl. Ephräm, „bewaffnen wir uns
mit dieser unüberwindlichen Rüstung der Christen, denn beim Anblick
dieses Zeichens erschrecken die feindlichen Mächte und ziehen sich
zurück.“ Der Grund ihres Rückzugs ist, sagt der hl. Cyrill, „daß sie sich
des Gekreuzigten erinnern, wenn sie das Kreuz sehen, und den fürchten,
der das Haupt des Dragon zerschmettert hat“. Und der hl. Chrysosto-
mus sagt: „Wenn uns der Anblick eines Galgens Schrecken einjagt, wie
sehr müssen wir glauben, daß der Teufel Angst bekommt, wenn er die

118
Lanze erblickt, durch die er den Todesstoß erhalten hat?“ Ich will nicht
zu sagen vergessen, daß man bei den indischen Barbaren lange vor unse-
rer Zeit dieses Wahrzeichen des Evangeliums gefunden hat. Unsere
Kreuze genossen dort in verschiedenen Formen Ansehen, man gebrauchte
sie, um sich gegen nächtliche Gesichte zu schützen, um sie über den
Kinderbetten gegen Zauber anzubringen.
Der Traktant gibt (B.T. 57) sehr kühl wieder, was Sozomenes über die
Kraft des Kreuzes sagt, das beim Heer Konstantins getragen wurde, mit
den Worten: „Es bleibt ein Zeugnis im 4. Kapitel des 1. Buches von
Sozomenes, wo es heißt, daß die Soldaten Konstantins seine Standarte,
die in Form des Kreuzes gemacht war, sehr in Ehren hielten und daß bei
ihnen einige Wunder geschahen.“ Das ist ein sehr matter Einwand; der
Bericht des Sozomenes ist etwas ganz anderes, aber ich habe ihn an
anderer Stelle (8. Kap.) bereits zitiert, und der Traktant treibt ein schö-
nes Spiel, wenn er es nicht unterlassen kann, darauf zu erwidern. Er sagt
daher, auch wenn man dem Bericht des Sozomenes „zustimmt, folgt
daraus nicht, daß man das materielle Kreuz anbeten müßte; denn wenn
sie es angebetet oder etwas nicht Statthaftes getan hätten, ist klar, daß
man sie nicht nachahmen darf“. Aber warum sagen Sie nicht offen,
Traktant, ob sie es verehrt haben oder nicht? Sagen Sie nein, dann zei-
hen Sie Sozomenes und viele andere Autoren der Fälschung; und wel-
che Zeugen haben Sie ihnen entgegenzusetzen? Wenn sie es verehrt ha-
ben, dann geben Sie zu, daß wir nur tun, was man in der ganz reinen
Kirche getan hat. Sie hätten etwas nicht Statthaftes getan, sagen Sie; das
sagen Sie leichtfertig und können es nicht beweisen. Welche Vollmacht
haben Sie, so streng über die Christen der Frühzeit zu urteilen und über
die Schriftsteller, die sie loben?
Nach dieser Erwiderung will uns der Traktant (B.T. 57f) folgenderma-
ßen mit unserem eigenen Argument widerlegen: „Die Folgerung kann
umgekehrt gezogen werden, nämlich: wenn das Kreuz verehrt werden
muß, weil es Wunder wirkt, dann folgt daraus, daß das Kreuz, das keine
Wunder wirkt, nicht verehrt werden darf. Nun ist es sicher, daß es von
hunderttausend Kreuzen keine drei gibt, die Wunder wirken, selbst wenn
man den Geschichten glaubt, die man davon erzählt, wie die Tatsachen
zeigen und die Berichte von Exorzisten bestätigen.“ Ist das nicht eine
grobe Unverschämtheit? Das formelle und erste Fundament, warum
das Kreuz Verehrung verdient, ist, daß die Kreuze Jesu Christi den Ge-
kreuzigten darstellen, eines wie das andere. Aber außerdem gibt es an-
dere, besondere und sekundäre Gründe, die ein Kreuz ehrwürdiger und

119
begehrenswerter machen als andere: wenn es nicht nur Unseren Herrn
darstellt, sondern von ihm oder von Heiligen berührt wurde oder zu
einem wunderbaren Werk gebraucht. Dadurch wird es gewiß um so ehr-
würdiger, aber wenn weder das eine noch das andere zutrifft, hört es
deswegen nicht auf, heilig zu sein, weil es ihn darstellt.
Wenn man mich also fragt, warum ich das Kreuz verehre, werde ich
diese zwei Gründe anführen: weil es ein Erinnerungszeichen an Jesus
Christus ist und weil Gott mit ihm als geheiligtem Werkzeug sehr oft
Wunder wirkt. Aber der erste Grund ist der hauptsächliche und dient
als Begründung für den zweiten, denn das Kreuz stellt die Passion nicht
dar, weil Gott mit ihm Wunder wirkt, sondern Gott bedient sich im
Gegenteil hauptsächlich des Kreuzes, um Wunder zu wirken, mehr als
anderer Dinge, weil es die Darstellung seiner Passion ist. So würde man
dem antworten, der fragt, warum die Leute von Gennesaret so heiß nur
den Saum des Gewandes Unseres Herrn zu berühren begehrten: das
taten sie deswegen, weil sie dieses Gewand als ein Werkzeug für Wunder
und Heilungen betrachteten. Wenn man weiter fragt, warum sie diese
ehrenvolle Auffassung eher von diesem Gewand als von anderen hatten,
dann zweifellos deswegen, weil es Unserem Herrn gehörte. Das Ge-
wand und das Kreuz gehörten vor allem Unserem Herrn, das ist die
Quelle ihrer Würde; wenn er sich dann ihrer zu einem Wunder bedient,
ist das ein Bach aus dieser Quelle. Man heiligt und ehrt eine Sache nicht
so sehr, wenn man sie zu etwas Heiligem gebraucht, als wenn man sie
für heilig und ehrwürdig erklärt. Das Kreuz Jesu Christi ist daher ehr-
würdig, weil es als zu ihm gehörig geheiligt ist, aber es wird um so mehr
als ehrwürdig erklärt, weil es Unser Herr zu Wundern gebraucht: Das
Wunder ist daher nicht das einzige und nicht das hauptsächliche Funda-
ment der Würde des Kreuzes, es ist vielmehr eine Wirkung und Konse-
quenz davon. Die Bischöfe, die ihre Pflicht tun, sind doppelter Ehre wert
(1 Tim 5,17). Ich bitte euch, müssen die verachtet werden, die ihre
Pflicht nicht tun? Im Gegenteil, der hl. Paulus bestätigt, daß man ihnen
trotzdem Ehre und Achtung schuldet. Der Grund ist, daß ihr gutes Le-
ben nicht die ganze Ursache der Verpflichtung zu diesen Ehrenbezei-
gungen ist, sondern die Würde des Amtes, das sie über uns haben.
Plinius und Matteoli beschreiben eine Pflanze, die brauchbar ist ge-
gen Pest, Kolik und Gallensteine, und wir pflanzen sie sorgsam in unse-
ren Gärten. Vielleicht haben von tausend Millionen Pflanzen dieser Art
nur drei die Wirkung, die uns diese Schriftsteller versprechen: wir schät-
zen sie trotzdem alle, weil sie von der gleichen Art und Gattung sind wie

120
die drei oder vier, die diese Wirkung hatten; sie haben den gleichen Wert
und dieselbe Eigenschaft. Bei Gott, unsere alten Väter, geistliche Kräu-
terkundige, beschreiben uns das Kreuz als einen ganz kostbaren Baum,
geeignet zur Heilung und als Mittel gegen unsere Übel und vor allem
gegen teuflische Angriffe; sie beglaubigen viele sichere Erfahrungen und
Proben, die sie gemacht haben: warum sollen wir nicht alle Kreuze schät-
zen, die Gewächse der gleichen Art und Gattung sind wie jene, die einst
Wunder bewirkten? Warum halten wir sie nicht für gleichwertig und von
denselben Eigenschaften, da sie die gleiche Form und Gestalt haben?
Wenn es auch nicht der einzige Zweck und unwichtig ist, daß das Kreuz
Wunder bewirkt, so trifft es doch nicht zu, daß es in unseren Heeren nicht
soviel Kraft hätte wie in dem Konstantins, sondern daß wir nicht die
gleiche Einstellung haben, wie man sie damals hatte, oder daß der göttli-
che Arzt, der dieses heilsame Kraut anwendet, es nicht für angezeigt hält,
es zu diesem Zweck anzuwenden. Aber es steht außer Zweifel, da es die
stets gleiche Form hat, die Passion darzustellen, hat es auch die gleiche
Gewalt und Kraft, soviel es an ihm liegt. So sah Konstantin um das Kreuz,
das ihm am Himmel erschien, die Worte: In diesem Zeichen sollst du
siegen. Aber das war nicht nur von dem einzigen Kreuz am Himmel zu
verstehen, sondern auch von anderen ähnlichen. Tatsächlich existierte
dieses himmlische Kreuz nicht mehr zur Zeit, als Konstantin kämpfte,
sondern das Feldzeichen und andere Kreuze, die nach seinem Muster
gemacht waren, waren wirklich von ihm verschieden in Stoff und Eigen-
art, aber von der gleichen Art in der Form.
Wenn der Traktant übrigens die Geschichten der Exorzisten anführt,
weiß ich nicht, ob er bei Verstand ist. Denn wenn dem so ist, daß es ein
Kennzeichen der Gläubigen der Kirche ist, Teufel auszutreiben, und
wenn es bei den Reformatoren keinen Exorzisten und keine Heilung
von Besessenen gibt, müßte er von daher erkennen, wo die wahre Kirche
ist; doch das gehört nicht zu unserem Thema. Was aber die Exorzismen
„des so heiligen und berühmten Doktor Picard und anderer Lehrer der
Sorbonne“ betrifft oder „des Mönches des hl. Bernhard, den Kardinal
Gondy nach Rom brachte“, die ihre Wirkung nicht erzielen konnten,
wie der Traktant (B.T. 58) sagt, so ist das kein großes Wunder. Das
Gebet des hl. Paulus vermochte nichts, um den Bann dieses fleischli-
chen Geistes zu erlangen. Das Gebet erwirkt Wunder, aber nicht immer
und nicht unfehlbar; deswegen braucht man aber seinen Wert nicht zu
verschmähen. Es ist sehr merkwürdig, daß es dieser Mann befremdend
findet, wenn unsere Exorzisten die Teufel nicht immer aus dem Leib

121
austreiben, und nicht wollte, daß man es sonderbar finde, daß die Prädi-
kanten nie einen einzigen ausgetrieben haben. Um die Kraft des Kreu-
zes zu beweisen, haben sich die Väter damit begnügt, zu bezeugen, daß
die Teufel es fürchten und Angst vor ihm haben, und dieser Mann ver-
langt, daß es sie unfehlbar austreibe. Und was, wenn der Leib durch den
Dämon gequält wird, damit der Geist des Besessenen gerettet wird (wie
der Apostel 1 Kor 5,5 sagt)? Möchten Sie, daß der Exorzismus oder das
Gebet diese Wirkung verhindert: Ihr seid im Irrtum, weil ihr weder die
Heilige Schrift noch die Macht Gottes kennt (Mt 22,29). Picard, den Sie
spöttisch heilig nennen, war das übrigens wirklich wegen seines Eifers
für den Dienst Gottes. Die Sorbonne mißfällt Ihnen immer, sie ist ja ein
unfehlbares Arsenal gegen eure Akademien. Und es ist nicht wahr, daß
die Kreuze von Rom heiliger sein sollen, wie Sie (B.T. 48) höhnisch
sagen, denn sie haben keine andere Beschaffenheit als die anderer Län-
der, noch sind sie mehr der Sitz der Heiligkeit als die übrigen. Ihre
Heiligkeit ist die Beziehung zu Jesus Christus, den sie darstellen, wo
immer sie sind, und sie sind nicht der Sitz des Papstes (Sie waren ja
zweifellos begierig, von ihm zu sprechen, Sie kleiner Traktant, wenn Sie
nicht ein wenig die Befürchtung, damit den Zweck zu verfehlen, von
diesem Seitenhieb zurückgehalten hätte), des Papstes, sage ich, der ‚Hei-
ligkeit‘ genannt wird wegen der Erhabenheit des Amtes, das er im Dienst
Jesu Christi und der Kirche innehat, der sich aber für sehr geehrt erach-
tet, wenn er das einzige Zeichen dieser ersten, absoluten und höchsten
Heiligkeit verehrt, die Jesus Christus der Gekreuzigte ist.

12. Kapitel

Das Kreuz war stets begehrt. – Das Zeugnis des Arnobius.

Die Kraft, welche die Alten im Kreuz über das teure und kostbare
Andenken an die Passion hinaus feststellten, machte es ihnen überaus
begehrenswert, und wie der hl. Chrysostomus sagt, „begehrte jeder heiß
das Abbild dessen, wovor jeden schauderte. Es ist eine außergewöhnli-
che Gnade, niemand wird verwirrt, niemand empfindet es als Schande,
wenn er denkt, daß es das Zeichen eines fluchbeladenen Todes war;
jeder hält sich im Gegenteil mit ihm für mehr geschmückt, als durch
Kronen, Geschmeide und Halsketten; man flieht es nicht, sondern be-
gehrt und liebt es, jeder ist achtsam damit und überall erstrahlt es“.

122
Dazu kommen die Ermahnungen des alten Origenes, des hl. Ephräm
und vieler anderer, um den Gebrauch des Kreuzes zu empfehlen: „La-
den wir freudig dieses Zeichen auf unsere Schulter, tragen wir diese
Siegesfahne; die Teufel werden zittern, wenn sie es erblicken.“ Der zweite
sagt: „ Zeichnen wir dieses lebenspendende Zeichen an unsere Türen.“
Der hl. Chrysostomus sagt: „Schlagen, schneiden wir das Kreuz mit
großer Sorgfalt in Häuser, Wände, Fenster.“ Der große Athanasius sagt
ausdrücklich: „Wahrhaftig, wir verehren das Abbild des Kreuzes, das
wir aus zwei Hölzern zusammensetzen.“
Der kleine Traktant sagt (B.T. 49f), daß „man diese ausdrücklichen
Worte im 8. Buch des Arnobius liest, wenn er auf den Einwand der
Heiden antwortet, die die Christen tadeln, als hätten sie das Kreuz ver-
ehrt: wir verehren es nicht und wünschen keine Kreuze zu haben“. Dem
gleichen Einwand bin ich bei Illyricus im 10. Buch des ‚Katalogs der
Zeugen der (angeblichen) Wahrheit‘ begegnet. Das scheint mir die Stel-
le zu sein, wo ihn der Traktant geschöpft hat; aber er beschneidet ihn
nicht so stark wie dieser; er sagt: „Arnobius, der im Jahr 330 lebte, weist
im 8. Buch ‚Contra Gentiles‘ diese Verleumdung zurück, als hätten die
Christen die Kreuze angebetet (die sie in der Luft machten, um sich
durch dieses äußere Bekenntnis von den Heiden zu unterscheiden), und
antwortet folgendermaßen: Wir verehren es nicht und wünschen keine
Kreuze zu haben; ihr dagegen, die ihr Götzen aus Holz verwendet, betet
vielleicht zufällig Kreuze aus Holz an, die zu euren Götzen gehören.“
Nun, ich stelle fest, diese zwei reformierten Bücher widersprechen sich
darin, daß das, was der kleine Traktant auf die materiellen Kreuze be-
zieht, der ‚Katalog‘ dem Zeichen zuschreibt, das in der Luft gemacht
wird; aber sie haben nur eine Absicht, der Kirche zu widersprechen: der
eine will nicht zugeben, was im Vorwurf der Heiden vorausgesetzt ist,
nämlich daß die Christen in alter Zeit Kreuze in dauerhafter Form hat-
ten, der andere gibt das zu und will damit zeigen, daß man sie nicht
verehren darf. Um aber zu meiner Sache zu kommen, bitte ich euch,
nehmen wir die Vernunft zu Hilfe.
Ist es vernünftig, daß der Traktant, der auf mehrere Sätze des hl. Augu-
stinus nichts anderes antwortet als, die angeführten Bücher seien nicht
vom hl. Augustinus, ohne andere Begründung als, daß Erasmus und die
Doktoren von Löwen sie so beurteilten; ist es vernünftig, sage ich, daß er
es unternommen hat, ein 8. Buch ‚Contra Gentiles‘ von Arnobius anzu-
führen, weil es sicher ist, daß Arnobius deren nur sieben geschrieben
hat? Vielleicht wußte das der Traktant nicht; aber ein Mann, der so

123
scharf darauf erpicht ist, die anderen zu tadeln, kann nicht durch Un-
wissenheit entschuldigt werden, die nur für Kleine gilt. Hier sind die
Worte des hl. Hieronymus, der Arnobius ganz benachbart war; er sagt:
„Arnobius hat 7 Bücher gegen die Heiden verfaßt, ebenso sein Schüler
Lactanz.“ Wäre ich ebenso arm an Recht und Vernunft wie der Traktant,
würde ich hier haltmachen, ohne eine andere Antwort zu geben.
Ich sage aber zweitens, selbst wenn dieses 8. Buch von Arnobius wäre,
dürfte man es nicht so grob verstehen und sagen, die Christen jener Zeit
hätten die Kreuze in keiner Weise begehrt und verehrt. Meine Begrün-
dung ist klar: man kann nicht leugnen, daß um die ganze Zeit des Arno-
bius die Christen Kreuze anfertigten, verehrten und begehrten. „Arno-
bius lebte ungefähr um das Jahr 330“, sagt Illyricus. Ungefähr zu dieser
Zeit lebten Konstantin der Große, der hl. Athanasius, der hl. Antonius,
der hl. Hilarion, Lactantius Firminianus; etwas früher lebten Origenes,
Tertullian, Justin der Märtyrer; ein wenig später der hl. Chrysostomus,
der hl. Hieronymus, der hl. Augustinus, der hl. Ambrosius, der hl.
Ephräm. Konstantin läßt Kreuze anfertigen, um den Christen zu gefal-
len, und macht sie bei seinen Soldaten ehrwürdig; der hl. Athanasius
bestätigt, daß die Christen das Kreuz verehren und daß es ein eindrucks-
volles Heilmittel gegen die Teufel ist; der hl. Hilarion gebraucht es
gegen die Überschwemmungen des Meeres; Lactanz, der Schüler des
Arnobius, schreibt ein ganzes Kapitel über die Kraft des Kreuzes; Ori-
genes fordert dazu auf, sich mit dem Kreuz zu wappnen; Tertullian be-
stätigt, daß die Christen das Kreuz verehren; dasselbe sagt Justin der
Märtyrer; der hl. Chrysostomus sagt darüber, was wir gesehen haben,
ebenso der hl. Ephräm; der hl. Ambrosius versichert, daß in diesem
Zeichen Jesu Christi das Glück und Gedeihen all unserer Unterneh-
mungen liegt; der hl. Hieronymus lobt Paula, die vor dem Kreuz kniet;
der hl. Augustinus bezeugt, daß dieses Kreuz angewendet wird bei al-
lem, was unser Heil betrifft.
Sage ich daher nicht mit Recht, was der hl. Augustinus zu Julian sagte,
der den hl. Chrysostomus gegen den Glauben der Christen anführte? „Ita-
ne“, sagt er, „ista verba sancti Joannis Episcopi audes tanquam e contra-
rio tot taliumque sententiis collegarum ejus opponere, eumque ab illo-
rum concordissima societate sejungere et eis adversarium constituere.“
Heißt das also, Sie kleiner Traktant, man müsse diese Worte des Arnobi-
us abstempeln „als gegensätzlich zu so vielen Aussprüchen so bedeuten-
der seiner Zeitgenossen und ihn zu ihrem Feind und Gegner machen“?
Wahrhaftig, hätte Arnobius gewollt, daß das Kreuz in keiner Weise be-

124
gehrt und verehrt würde, dann hätte er alle übrigen Lügen gestraft. Wenn
dagegen die übrigen Väter wollten, daß das Kreuz begehrt und auf jede
Weise und in jeder Form geehrt werde, dann widerlegen sie Arnobius
oder den Verfasser des Buches, das ihm der Traktant zuschreibt. Bringen
wir sie nicht in diesen Zwiespalt, geben wir ihrer Aussage einen verträgli-
chen Sinn, durch den sie einander nicht bekämpfen, bringen wir sie in
Übereinstimmung miteinander, wenn das geschehen kann, und bleiben
wir bei ihnen. Das ist die wahre Regel, die Alten richtig zu lesen.
Das Kreuz wurde also verehrt und begehrt; das kann absolut nicht
geleugnet werden, dafür haben wir zu viele Zeugnisse, man muß sie nur
recht verstehen. Es wurde gewiß verehrt, nicht mit einer bürgerlichen
Verehrung, denn es hatte keine bürgerlichen Vorzüge, die das verdie-
nen; auch nicht mit einer absoluten und höchsten religiösen Verehrung,
denn es besitzt keine absolute und höchste Erhabenheit. Es wird viel-
mehr verehrt mit einer untergeordneten, mittelbaren und relativen reli-
giösen Verehrung, denn sein Vorzug ist ein wahrhaft religiöser aber
abhängiger, der hervorgeht aus der Beziehung, der Zugehörigkeit und
dem Verhältnis zum Gekreuzigten. Im Gegenteil, das Kreuz wurde nicht
begehrt und verehrt wie eine Gottheit oder ein Idol; das widerspricht
nicht dem, was die Alten gesagt haben.
Die Heiden sahen nun, daß das Kreuz bei den Christen in Ehren stand,
und glaubten, es werde als Gott betrachtet wie ihre Götzen, und warfen
das den Christen vor. Arnobius achtete mehr auf ihre Intention als auf
ihre Worte, widersprach ihrer Behauptung und sagt: „Wir begehren die
Kreuze nicht und verehren sie nicht“, das bedeutet: nicht in der Art und
Weise, wie ihr meint, und im Sinn eures Vorwurfs. Es kommt oft vor,
daß man mehr der Intention als den Worten widerspricht, und das ist
der Grund, daß man dem Wort eines rechtschaffenen Mannes eher ei-
nen ganz anderen Sinn gibt, als ihn zum Fälscher und Lügner zu ma-
chen, wie Arnobius einer wäre, wenn er den übrigen Schriftstellern des
Altertums widerspräche.
Ich will aber doch nicht zu sagen unterlassen, wer der Verfasser des 8.
Buches ist, das der Traktant zitiert hat. Er verdient gewiß Respekt, denn
es ist Minutius Felix, ein römischer Advokat, der an dieser Stelle Tertul-
lian und Justin dem Märtyrer sogar fast wörtlich folgt. Er begnügt sich
nicht damit, erwidert zu haben, daß die Christen das Kreuz nicht in der
Weise anbeteten und begehrten, wie es die Heiden verstanden, sondern
er tut noch zwei Dinge: das eine ist, daß er den Vorwurf der Heiden auf
sie selbst zurücklenkt, indem er zeigt, daß ihre Standarten nichts ande-

125
res waren als vergoldete und geschmückte Kreuze und daß ihre Sieges-
trophäen nicht nur einfache Kreuze waren, sondern gewissermaßen ei-
nen gekreuzigten Menschen darstellten: „Signa ipsa et cantabra et vexil-
la castrorum, quid aliud quam auratae cruces sunt et ornatae? Trophaea
vestra victricia non tantam simplicis crucis faciem verum et affixi homi-
nis imitantur.“ Das zweite: er zeigte, daß das Zeichen des Kreuzes sei-
ner eigenen Natur nach empfehlenswert ist, indem er anführte, daß die
Segel der Schiffe und die Joche in Form des Kreuzes gemacht sind, und
mehr noch, daß die Menschen, wenn sie die Hände zum Himmel erhe-
ben, um zu Gott zu beten, das gleiche Kreuz darstellen. Dann schließt er
folgendermaßen: Ita signo crucis aut ratio naturalis innititur, aut vestra
religio formatur.“20 Weit entfernt also, daß Minutius das Kreuz oder
seine Ehre zurückweist, außer in dem Sinn, wie wir gesagt haben; im
Gegenteil, er begründet sie. Aber der Traktant hat keine andere Sorge,
als seine Vorstellungen um jeden Preis geltend zu machen, und hat nur
ein kleines Stück der Aussage dieses Schriftstellers übernommen, das
ihm für seine Absicht geeignet schien. Ich weiß, man könnte mit weni-
gen Worten antworten: wenn Minutius gesagt hat: Cruces nec colimus
nec optamus, will er von Jochen und Galgen sprechen, aber die andere
Antwort scheint mir natürlicher.
Nachdem wir eine Lanze für Arnobius eingelegt und bewiesen haben,
daß er das Kreuz nicht verachtet hat, lassen wir ihn selbst seine Auffas-
sung darüber sagen. Arnobius selbst also erklärt die Worte: Fac mecum
signum in bonum im Psalm 86 (17) und läßt dazu die Apostel sagen:
„Denn nachdem der Herr auferstanden und in den Himmel aufgefahren
ist, werden wir, seine Apostel und Jünger, mit allen Gläubigen das Zei-
chen seines Kreuzes hochachten, so daß die sichtbaren und unsichtba-
ren Feinde auf unserer Stirn dein heiliges Zeichen sehen und bestürzt
werden, denn in diesem Zeichen hilfst du uns und in diesem tröstest du
uns, Herr, der du regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Irgendei-
ner könnte sagen, diese Kommentare seien nicht vom Rhetoriker Arno-
bius, aber er hätte nicht recht, das zu sagen. Das genügt.

126
13. Kapitel

Wie sehr man das Kreuz schätzen muß


im Vergleich mit der ehernen Schlange.

Die gewöhnliche Ausflucht der Hugenotten, irgendeine ausdrückli-


che Stelle in der Heiligen Schrift zu verlangen, um einen Glaubensarti-
kel anzunehmen, die scheint auch der Traktant zur Hand zu haben, denn
er wird mir sagen: Wo steht geschrieben, daß man die Darstellungen des
Kreuzes ehren muß und daß es die Kräfte hat, die ihr ihm zuschreibt?
Ich habe darauf schon am Anfang des ersten Buches geantwortet, aber
ich sage nun: 1. Man ist nicht verpflichtet, ein ausdrückliches Gebot in
der Heiligen Schrift nachzuweisen. Könnte man mir zeigen, daß man
den Sonntag mehr ehren, achten und heilighalten muß als den Donners-
tag? Item, wenn die Eucharistie nichts anderes ist als eine einfache Er-
innerung an die Passion, wie die Reformierten voraussetzen: man wird
wohl finden, daß man sich selbst prüfen muß und sie nicht unwürdig
essen darf, aber wo wird man mir zeigen, daß ihr irgendeine äußere
Ehre gebührt? Und ich bitte euch, warum sollte man mehr daran glau-
ben, die Kreuze seien zu verbrennen und zu zerschlagen, als sie zu er-
richten, zu ehren, sie heilig, kostbar und siegreich zu nennen? Denn das
eine steht nicht geschrieben und noch weniger das andere.
Es ist eine grenzenlose Unverschämtheit, zurückzuweisen, was die
Kirche annimmt. Ich finde in der Heiligen Schrift, daß man auf die
Kirche hören muß (Mt 18,17), daß sie die Säule und Grundfeste der
Wahrheit ist (1 Tim 3,15), die die Pforten der Hölle nicht überwinden
werden (Mt 16,18), aber ich finde in der Heiligen Schrift nicht, daß man
zerstören müßte, was sie errichtet, schmähen, was sie ehrt. Man muß an
die Heilige Schrift glauben, wie sie uns die Kirche vorlegt, man muß an
die Kirche glauben, wie es die Heilige Schrift verlangt. Die Kirche ge-
bietet mir, das Kreuz zu ehren; es gibt keinen so redegewandten Huge-
notten, der nachweisen könnte, die Heilige Schrift verbiete es. Aber die
Heilige Schrift, die die Kirche so sehr empfiehlt, empfiehlt hinreichend
die Kreuze, die in der Kirche und von der Kirche errichtet werden.
Mit Nicephorus von Konstantinopel sage ich, es ist geboten, das Kreuz
zu ehren, wo geboten wird, Jesus Christus zu ehren, zumal das Bild
untrennbar von seinem Urbild ist. Das Bild und das Urbild sind ja das-
selbe, nicht von Natur aus, sondern durch Gewohnheit und Bezug, und
weil das Bild zu seinem Urbild in Beziehung steht, dem Namen, der

127
Ehre und Verehrung nach, nicht wirklich gleich, sondern beziehungs-
weise. Wurden der Stab des Mose und Aaron, die Bundeslade und tau-
send solche Dinge nicht für heilig und geheiligt und folglich für ehrwür-
dig gehalten? Sie waren jedoch nur Vorbilder des Kreuzes; warum also
sollte uns das Bild des Kreuzes nicht ehrwürdig sein? Sagen wir so:
Heißt es nicht etwas in Ehren halten, wenn man es als ein heilsames und
wunderbares Mittel gegen unsere Übel betrachtet? Aber welch größere
Ehre kann man Dingen erweisen, als sie in dieser Weise zu schätzen und
zu diesem Zweck zu ihnen seine Zuflucht zu nehmen?
Nun, die ersten, überaus eifrigen Christen, hatten diesen ehrenden
Glauben an den Schatten des hl. Petrus, und trotzdem wurde ihr Glaube
gelobt und bestätigt durch den Erfolg und die Heilige Schrift selbst; und
doch ist der Schatten nichts anderes als eine unklare Dunkelheit, ein
sehr unvollkommenes Bild und Zeichen des Körpers, bewirkt nicht
durch irgendeine wirkliche Anwendung, sondern nur durch den bloßen
Entzug des Lichtes. Die Ehrung dieses leeren, oberflächlichen und flüch-
tigen Zeichens ist in der Heiligen Schrift angenommen, wieviel mehr
von bleibenden und gediegenen Zeichen, wie es das Kreuz ist?
Schließlich erinnere ich an den ehrenvollen Rang, den die eherne
Schlange, ein Vorbild des Kreuzes, bei den Israeliten hatte, um zu zei-
gen, wieviel mehr ihn die anderen Bilder des Kreuzes verdienen, die es
in der Christenheit gibt. Der Grund ist wohl zu beachten, wie ich durch
die Erwiderung auf das zeigen werde, was der Traktant mit großem Auf-
heben von der gleichen ehernen Schlange uns vorhält, damit sie uns
beiße; er sagt (B.T. 55): „Was aber im 21. Kapitel Numeri berichtet
wird, darf nicht leichthin übergangen werden; denn wenn es ein Bei-
spiel gibt, das den Mißbrauch, der mit dem Kreuz getrieben wird, förm-
lich und sicher widerlegt, dann ist es das der ehernen Schlange. Sie
wurde auf Anordnung Gottes aufgerichtet; trotzdem war sie kein Göt-
zenbild; denn obwohl es durch das allgemeine Gebot Gottes verboten
war, ein Bild anzufertigen von Dingen im Himmel, auf Erden, im Was-
ser unter der Erde, war Gott doch nicht an sein Gebot gehalten, sondern
stand über ihm und konnte es außer Kraft setzen, wie er tatsächlich
selbst sein Gebot außer Kraft gesetzt und befohlen hat, diese eherne
Schlange zu machen, die ein Sinnbild der Erhöhung Jesu Christi am
Kreuz war, wie er selbst im 3. Kapitel beim hl. Johannes bestätigt.“ Und
etwas später (B.T. 56f): „Sehen wir nun, was geschehen ist: Von da an bis
zur Zeit des guten Königs Hiskija, d. h. während ungefähr 735 Jahren,
ist von dieser ehernen Schlange nicht mehr die Rede. Weil es damals

128
dazu gekommen war, daß ihr das Volk Weihrauch streute, d. h. sie anbe-
tete, obwohl sie von Mose angefertigt und durch 735 Jahre aufbewahrt
worden war, zerbrach und verbrannte sie Hiskija. Daraus ziehen wir den
Schluß vom Kleineren auf das Größere: wenn die Bilder im allgemei-
nen und das des Kreuzes im besonderen nicht auf Anordnung Gottes
angefertigt werden, sondern durch die Anmaßung und den Aberglauben
der Menschen (die dachten, er sehe und höre sie nicht, wenn sie nicht
solche Bilder vor ihren Sinnen hätten), selbst wenn Bilder seit unvor-
denklicher Zeit eingeführt wurden, wie sehr müssen sie entfernt wer-
den. In der Tat, wenn die Dinge einen Punkt erreichen, daß sie am An-
fang nicht für diesen gleichen Zweck bestimmt sein konnten, dann ist es
offenkundig, daß man sie abschaffen muß, wie Hiskija die Schlange ent-
fernt hat, weil sie am Anfang nicht dazu errichtet sein konnte, daß man
ihr Weihrauch streute. Wegen des Mißbrauchs mit ihr, der hinzukam,
hat er gut daran getan, sie ganz zu entfernen. Denn der Götzendienst ist
nicht von der Art, daß man sagen könnte: schafft den Mißbrauch ab und
behaltet den Gebrauch bei; denn wie man das Götzenbild auch betrach-
tet, taugt es nichts.“ Das ist die ganze Schlußfolgerung des Traktanten;
aber o Gott, welche Ungereimtheiten.

1. Traktant, Sie sagen, die eherne Schlange wurde auf Anordnung Got-
tes angefertigt, der es Mose befohlen hat; aber ich sage, die Kreuze wur-
den auf Anordnung Gottes angefertigt, der es der Kirche eingegeben
und es durch die apostolische Überlieferung gelehrt hat. Sie werden
mich darauf hinweisen, daß Gott zu Mose gesprochen hat; ich werde
Ihnen zeigen, daß er die Kirche belehrt und ihr ständig beisteht, so daß
sie nicht irren kann.
2. Sie sagen, der Befehl, die eherne Schlange anzufertigen, setze das
Verbot außer Kraft, Bilder anzufertigen; also ist es kein Götzendienst,
Bilder zu machen, noch sind die Bilder Götzenbilder, denn Götzen-
dienst ist in jeder Form schlecht und kann unmöglich erlaubt sein, „zu-
mal das Götzenbild nichts taugt, wie man es auch betrachtet.“ Gott
hätte also niemals das Verbot außer Kraft gesetzt, Bilder anzufertigen,
wenn das Götzendienst gewesen wäre, außer Gott könnte das Gebot
außer Kraft setzen, um verleugnet zu werden.
3. Sie sagen: „Von da an bis zur Zeit des guten Königs Hiskija, d. h.
während ungefähr 735 Jahren, war von dieser ehernen Schlange nicht
mehr die Rede.“ Haben Sie denn nicht zu Ihrer Erbauung ebenso be-
merkt, daß sie, obwohl in der Heiligen Schrift nicht davon gesprochen

129
wird, dennoch aufbewahrt und als kostbar gehütet wurde? Sie wurde ja
außerhalb und weit entfernt vom gelobten Land angefertigt, aber nicht
dort zurückgelassen, wo sie gemacht wurde, sondern zusammen mit den
anderen heiligen Einrichtungen mitgenommen. Item, obwohl sie nur
angefertigt wurde (was das betrifft, was der einzige Text der Heiligen
Schrift beinhaltet), um ein Heilmittel für jene zu sein, die in der Wüste
von Schlangen gebissen wurden, wurde sie dennoch im gelobten Land
im Volk Israel in einem Zeitraum von ungefähr 735 Jahren, wie Sie
sagen, in ehrenvollem Andenken sorgsam aufbewahrt; im guten Glau-
ben, diese eherne Schlange anzufertigen, sei eine Ausnahme vom Ver-
bot, irgendwelche Bilder zu machen? Sie sagen so. Nun muß der Grund
der Ausnahme zeitlich begrenzt sein und durch die Voraussetzung, de-
retwegen sie gewährt wurde, denn wenn die Ursache wegfällt, hat sie
keine Wirkung mehr. Da nun das Volk heil und gesund das gelobte Land
erreicht hatte, konnte es in der Heiligen Schrift keine Grundlage mehr
finden, diese Darstellung beizubehalten, weil die Ursache der Ausnah-
me weggefallen war. Geben Sie daher zu, daß diese Darstellung beim
Volk lange Zeit ehrwürdig blieb ohne irgendein geschriebenes Wort
Gottes. Daher ist es kein Götzendienst und kein Aberglaube, Bilder
außerhalb und über die Heilige Schrift hinaus zu haben.
Und seien Sie nicht so unverschämt zu behaupten, es sei Aberglaube
gewesen, die eherne Schlange zu behalten und aufzubewahren, denn Sie
würden die heiligsten und eifrigsten Diener, die Gott in Israel hatte, der
leichtfertigen Duldung der Gottlosigkeit beschuldigen: Mose, Josua,
Gideon, Samuel, David. Unter ihrer Autorität und Herrschaft wurde
dieses Bild mitgenommen und so viele Jahre bewahrt über die Zeit
hinaus, für die es Gott angeordnet hatte. Wäre es nicht ihre Aufgabe
gewesen, es zu entfernen, wenn es nicht gut gewesen wäre, es über den
Gebrauch hinaus aufzubewahren, für den es angefertigt wurde? Hätten
diese im Dienst ihres Herrn so strengen und aufrichtigen Geister diesen
Fehler verschwiegen? Item, haben Sie denn nicht bemerkt, daß man die
Abbildung nicht so lange aufbewahrt hätte, wenn sie nicht in irgendei-
ner Beziehung ehrwürdig gewesen wäre? Welchen Grund konnte es ge-
ben, sie aufzubewahren, weder nach ihrer Form noch nach ihrem Mate-
rial? Sie konnte gewiß keinen anderen Rang haben als den eines emp-
fehlenswerten und geheiligten Andenkens an die in der Wüste empfan-
gene Wohltat oder eines heiligen Sinnbildes des Geheimnisses der künf-
tigen Erhöhung des Gottessohnes. Das sind zwei religiöse und ehren-
volle Formen des Gebrauchs, aber viel geeigneter für das Bild des Kreu-

130
zes, das als Erinnerung an das Geheimnis der Kreuzigung in der Ver-
gangenheit dient und an die Ankunft am Tag des Jüngsten Gerichtes.
4. Aber Sie haben nicht bedacht, daß jener, der die eherne Schlange
zerschlug, als König über Israel gesetzt war und daß es ihm zustand,
diese Maßnahme durchzuführen. Die Kreuzstürmer unserer Zeit dage-
gen haben ihr Zerstörungswerk aufrührerisch begonnen ohne legitime
Autorität und Vollmacht. Item, das Volk beging eine große Abgötterei
mit der ehernen Schlange: 1. weil der Weihrauch eine Gott gebührende
Opfergabe ist, wie man leicht aus der Heiligen Schrift ableiten kann;
und das ganze Altertum hat es vermerkt von der Opfergabe von Gold,
Weihrauch und Myrrhe, die die Könige Unserem Herrn dargebracht
haben; den Weihrauch Gott, sagen alle. Nachdem man den Weihrauch
Gott dargebracht hat, wendet man sich gegen das Volk, nicht um ihn
diesem zu opfern, sondern um es an der geheiligten Sache teilhaben zu
lassen; man richtet ihn gegen die Altäre, aber er gilt Gott als demjeni-
gen, der auf dem Altar angebetet wird; man richtet ihn gegen die Reli-
quien und Gedenkstätten der Märtyrer, aber er gilt Gott als Danksagung
für den Sieg, den sie durch seine Güte errungen haben. Man bringt ihn
dar in Kirchen und Stätten des Gebetes, um sein Verlangen auszudrü-
cken, daß das Gebet der Gläubigen wie Weihrauch zu Gott aufsteige.
Darüber hat eine große Persönlichkeit unserer Tage etwas grob gesagt,
man bringe ihn den Geschöpfen dar; das sind Unachtsamkeiten, die den
Größten manchmal unterlaufen, ut sciant gentes quoniam homines sunt
(damit die Leute wissen, daß sie Menschen sind). 2. (beging das Volk
eine Abgötterei) weil in alter Zeit das Darbringen des Weihrauchs so
genau geordnet war, daß er von den Priestern und Leviten dargebracht
werden mußte, und weil er einzig über dem Feuer des Altares im Tem-
pel von Jerusalem verbrannt wurde, wo der Rauchopferaltar dafür be-
stimmt war (Ex 30,7f u. a.); anderswo war es nicht erlaubt, wie Sie selbst
(B.T. 54) zugeben. Nadab und Abihu erging es schlecht, weil sie anders
handelten (Lev 10,1f). Was Wunder also, wenn Hiskija, als er sah, daß
dieses Volk sich vor diesem Bild erniedrigte und ihm göttliche Ehren
erwies, es zerstörte und vernichtete? So mußte er mit seinem Volk um-
gehen, das so bereit zum Götzendienst war.
Daraus ziehen wir im Gegensatz zu dem, was Sie kleiner Traktant
getan haben, den Schluß: wenn die heiligen Bilder im allgemeinen und
das des Kreuzes im besonderen auf Anordnung der Kirche und folglich
Gottes angefertigt sind, wie sehr müssen sie dann erhalten und bewahrt
werden, obwohl sie von abergläubischen und ungläubigen Menschen

131
geschmäht werden (die glaubten, daß Gott sie nicht sehen und hören
könne, wenn sie solche Bilder nicht zerstört hätten), vor allem Bilder,
die wir aus unvordenklichen Zeiten erhalten haben. Hiskija tat gut dar-
an, die eherne Schlange zu zerstören, weil das Volk an ihm Götzen-
dienst trieb; Mose, Josua, Gideon, Samuel und David taten gut daran,
sie zu behalten, solange das Volk keinen Mißbrauch mit ihr trieb. Nun,
weder die Kirche noch, mit ihrer Zustimmung, die Katholiken miß-
brauchten je das Kreuz und andere Bilder; man muß sie also beibehal-
ten. Die uns Götzendienst vorwerfen, sind nicht Hiskija, sie sind der
Ausstoß des Volkes und der Klöster, leidenschaftliche Leute, die die
keusche Susanna des Ehebruchs anzuklagen wagen, die der wahre Dani-
el tausendfach in der Heiligen Schrift für unschuldig erklärt hat. Man
darf ihr nicht den Mißbrauch anrechnen, der bei einzelnen vorkommen
kann. Das betrifft nicht die Öffentlichkeit, es ist nicht vernünftig, das
gleiche von den übrigen vorauszusetzen. Das Mittel, den Gebrauch des
Kreuzes wiederherzustellen, liegt nicht darin, es umzustürzen, sondern
darin, die Leute recht anzuleiten und zu unterweisen.

14. Kapitel

Von der Bestrafung jener, die das Bild des Kreuzes geschmäht haben,
und wie sehr es von den Feinden Jesu Christi gehaßt wird.

Gott hat gezeigt, wie wohlgefällig ihm die Darstellung des Gekreuzig-
ten und des Kreuzes ist, durch tausend Strafen, die er über jene verhängt
hat, die in Wort oder Tat eine solche Darstellung zu schmähen wagten.
Ich lasse unzählige Dinge zu diesem Gegenstand beiseite, unter anderen
die Geschichte des Vorfalls, der sich in Beirut ereignete, die vom hl.
Athanasius berichtet wird und die ich oben (3. Kap.) erwähnt habe. Ein
Jude sah in einer Kirche ein Bild Unseres Herrn (ohne Zweifel war es
ein Kruzifix); getrieben von der Wut, die er gegen dessen Urbild hatte,
kommt er nachts, trifft das Bild mit einem Spieß, dann steckt er es unter
seinen Mantel, um es in seinem Haus zu verbrennen. Da geschieht etwas
Wunderbares, wobei niemand bezweifeln kann, daß es durch göttliche
Kraft geschah: aus der Stelle des Bildes, die er durchstoßen hat, fließt
reichlich Blut. Der Übeltäter bemerkt es nicht, bis er in sein Haus kommt
und vom Schein des Feuers erhellt sieht, daß er ganz mit Blut befleckt
ist. Ganz entsetzt stellt er das Bild in eine Ecke und wagt nicht mehr zu

132
berühren, was er so frevelhaft geraubt hat. Indessen folgen die Christen,
die das Bild nicht an seinem Platz finden, der Spur des vergossenen
Blutes von der Kirche bis zu dem Haus, wo es versteckt wurde. Es wurde
an seinen Platz zurückgebracht und der Räuber gesteinigt. Der hl. Gre-
gor von Tours hat diese Geschichte vor fast tausend Jahren aufgeschrie-
ben. Gonzalvo Fernandes schreibt in einem Brief, daß die Christen ein
Kreuz auf einem Berg in Japan errichtet haben. Drei der vornehmsten
Japaner kommen, um es umzuhauen. Sie haben es kaum vollbracht,
beginnen sie gegeneinander zu kämpfen, zwei bleiben tot auf dem Platz
und niemand hat je erfahren, was aus dem dritten geworden ist.
Vor einigen Jahren kamen französische Truppen an der Grenze unse-
res Savoyen in ein Dorf Loette. Entsprechend dem Unglück unserer
Zeit waren die Kompanien auch mit einigen Hugenotten durchsetzt.
Einige von ihnen betreten an einem Freitag die Kirche, um irgendein
Frikassee zu verschlingen. Andere von ihren Kameraden, die Katholi-
ken waren, machen sie aufmerksam, daß sie Anstoß erregten und daß
ihr Hauptmann nicht so eingestellt sei. Die Schlemmer beginnen nach
Art der Reformierten zu spotten und zu lachen und sagen, daß niemand
sie sehe. Dann wenden sie sich an das Bild des Gekreuzigten und sagen:
„Vielleicht willst du uns verklagen, du Knirps. Hüte dich, ein Wort zu
sagen, du Knirps“, und sie werfen Steine gegen das Bild mit einer Fülle
solcher Schmähworte. Um diesen Lumpen zu zeigen, daß man das Bild
ehren muß um der Ehre dessen willen, den es darstellt, bezieht Gott die
Schmähung auf sich, und die Strafe folgt sogleich. Sie werden von Rase-
rei ergriffen und fallen übereinander her, um einander zu zerfleischen.
Einer stirbt auf der Stelle, die anderen werden auf der Rhône nach Lyon
gebracht, um Heilung von dieser Wut zu suchen, die in ihnen brannte
und sie verzehrte. Ich habe darüber von sicheren Zeugen so viel gehört,
daß ich es an dieser Stelle festhalten mußte, da es mir gelegen kam.
Das Kreuz ehren heißt den Gekreuzigten ehren, es verunehren heißt
ihn verunehren. Da die Juden, Türken, Apostaten und ähnliche Schur-
ken Unseren Herrn nicht in seiner Person beschimpfen konnten (denn
wie unser Sprichwort sagt, ist der Mond sehr gut vor Wölfen bewahrt),
wandten sie sich gewöhnlich gegen sein Bild. Die Kaiser Honorius und
Theodosius bestätigen, daß die Juden zu ihrer Zeit aus Verachtung für
unsere Religion an ihren höchsten Festen Bilder der Kreuzigung Unse-
res Herrn zu verbrennen pflegten. Daher befahlen sie den Befehlsha-
bern der Provinzen, darüber zu wachen, daß solche Unverschämtheiten
nicht mehr begangen werden und daß den Juden nicht mehr erlaubt

133
werde, das Zeichen unseres Glaubens in ihren Synagogen zu haben. Der
widerwärtige Perser Xenaias zerstörte mit allen Mohammedanern über-
all die Kreuze. Julian Apostata entfernte von der Fahne oder Standarte
der Römer das Kreuz, das Konstantin darauf hatte anbringen lassen, um
die Leute zum Heidentum zu verleiten. Der gleiche Haß, den er gegen
Unseren Herrn hatte, drängte ihn auch zu folgendem Streich: Eusebius
schreibt, die Frau, die durch die Berührung des Gewandes Unseres
Herrn geheilt wurde, ließ später zur Erinnerung an diese Wohltat ein
sehr schönes Bronzestandbild vor der Tür ihres Hauses in der Stadt
Cäsarea Philippi, sonst auch Paneas genannt, errichten. Auf ihm war auf
der einen Seite Unser Herr mit seinem befransten Gewand dargestellt,
auf der anderen kniend diese Frau, die ihre Hand nach ihm ausstreckt.
Wie Sozomenes berichtet, erfuhr Julian davon, ließ dieses Standbild
zerstören und an dessen Stelle sein eigenes setzen. Aber als das gesche-
hen war, fiel Feuer vom Himmel, das das Standbild Julians zu Boden
warf und in Stücke schlug. Es blieb geschwärzt und wie verbrannt bis
zur Zeit des Sozomenes erhalten. Damals zertrümmerten die Heiden
das Standbild des Erlösers; die Christen sammelten die Teile und brach-
ten sie in die Kirche.
So beschließe ich das zweite Buch und sage: es gibt zwei Hauptgrün-
de, warum man die Kreuze mehr verehrt als die Lanze, die Krippen und
Gräber, obwohl, wie das Kreuz dadurch geadelt wurde, daß es im Dienst
unserer Erlösung verwendet wurde, es wohl auch die Lanze, die Krippe
und das Grab sind. Der eine Grund ist, daß seit der Zeit, als Konstantin
die Kreuzesstrafe abschaffte, das Kreuz bei den Christen zu nichts ande-
rem mehr gebraucht wird, als seine heilige Passion darzustellen, wäh-
rend die Krippen, Gräber und andere ähnliche Dinge mehrere andere
gewöhnliche und natürliche Verwendungen haben. Der zweite Grund
ist der, den der hl. Athanasius (s. 2. Kap.) angibt. Wenn irgendwelche
Heiden oder Hugenotten uns des Götzendienstes bezichtigen, als ob
wir das Holz anbeteten, können wir leicht die Teile des Kreuzes ausein-
andernehmen. Daran, daß wir sie dann nicht mehr verehren, wird man
erkennen, daß wir das Kreuz nicht wegen seines Materials verehren,
sondern deswegen, was es darstellt und woran es erinnert. Das kann man
nicht machen mit der Krippe, der Lanze und dem Grab und anderen
Dingen dieser Art; da sie ausdrücklich zur Darstellung heiliger Ge-
heimnisse gebraucht werden, darf man ihnen die Ehre nicht entziehen.
Wenn also Bilder ihre Form und folglich die Eigenschaft einer Dar-
stellung verloren haben, sind sie nicht mehr ehrwürdig; aber das gilt

134
nur, wenn sie nicht eine andere ehrwürdige Eigenschaft haben außer der
Darstellung und der Beziehung zu ihrem Vorbild, was gewöhnlich zu-
trifft. Jenes Bild von Cäsarea war außer der Darstellung eine kostbare
Reliquie jener frommen Frau, ein ehrwürdiges Denkmal des Altertums
und das Werkzeug eines großen Wunders. Diese Eigenschaften sind nicht
nur der Zusammenstellung eigen, der Symmetrie und Proportion der
Linien und Profile eines Standbildes, sondern auch jedem seiner Teile.
So werden die Bruchstücke antiker Statuen als Andenken des Alter-
tums aufbewahrt; ebenso das kleinste Stück vom Gewand oder ein an-
derer Gebrauchsgegenstand von Heiligen und der Werkzeuge Gottes.
Jenes Standbild nun hatte ein großes Wunder bewirkt: es war auf einer
hohen Steinsäule errichtet, auf der eine unbekannte Pflanze wuchs. So-
bald sie den Saum des Gewandes der Statue berührte, heilte sie alle
Krankheiten. Darin ist das Gewand Unseres Herrn dem Kreuz um so
mehr zu vergleichen, denn wenn das Gewand Wunder bewirkt, sobald
es berührt wird, so tut sein Kreuz sehr wohl das gleiche. Doch wenn
auch das Bild seines Gewandes Wunder bewirkt hat, so habe ich auch
nachgewiesen, daß die Bilder des Kreuzes diese Gnade in besonderem
Maß hatten, sehr oft wunderwirkende Werkzeuge seiner göttlichen Ma-
jestät zu sein.

135
Drittes Buch

Von der Ehre und Kraf


Kraftt des Kreuzzeichens

1. Kapitel

Definition des Kreuzzeichens.

Das Kreuzzeichen ist eine christliche Zeremonie, die die Passion Un-
seres Herrn versinnbildet durch die Darstellung der Form des Kreuzes,
die durch eine einfache Handbewegung gemacht wird. Ich habe gesagt,
es ist eine Zeremonie, und sage, weshalb. Ein tüchtiger Mann macht alle
seine Leute nützlich und setzt sie ein, uzw. nicht nur die mit einer akti-
ven und kraftvollen Natur, sondern auch die Schwächsten; so auch die
Tugend der Gottesverehrung. Das ihr eigene und naturgemäße Ziel ist,
Gott soviel als möglich die ihm gebührende Ehre zu erweisen. Sie stellt
die tugendhaften Handlungen in den Dienst ihrer Absicht und richtet
alle auf die Ehre Gottes aus; sie bedient sich des Glaubens, der Stand-
haftigkeit, der Mäßigung durch den rechten Glauben, das Martyrium,
das Fasten. Das sind schon tugendhafte und gute Akte in sich; die Tu-
gend der Gottesverehrung tut nichts anderes, als sie auf ihre besondere
Absicht auszurichten, die darin besteht, durch sie Gott zu ehren. Aber
sie gebraucht nicht nur diese Handlungen, die von sich aus nützlich und
gut sind, sondern setzt auch indifferente Handlungen ein, die ansonsten
ganz unnütz wären, wie der Mann im Evangelium (Mt 20,6f), der in
seinen Weinberg jene schickte, die er müßig fand und deren sich bis
dahin niemand bedienen wollte. Die indifferenten Handlungen blieben
nutzlos, wenn sie nicht die Tugend der Gottesverehrung gebrauchte.
Wenn sie von ihr eingesetzt werden, werden sie edel, nützlich und hei-
lig, sie verdienen folglich den Lohn des Denars für den Tag. Diese Voll-
macht, die Handlungen zu veredeln, die von sich aus gewöhnlich und
unnütz wären, steht der Gottesverehrung als der Fürstin der Tugenden
zu. Das ist ein Merkmal ihrer Hoheit, dessen sie sich so sehr erfreut, daß
es nie eine Religion gab, die sich nicht solcher Handlungen bediente;
sie sind und werden Zeremonien im eigentlichen Sinn genannt, sobald
sie in den Dienst der Gottesverehrung treten. Und in der Tat schuldet

136
der ganze Mensch mit allen seinen Handlungen, mit allem, was von ihm
abhängt, Gott Ehre. Da er aus Seele und Leib, dem Inneren und Äuße-
ren besteht, und da es im Äußeren indifferente Handlungen gibt, ist es
nicht verwunderlich, wenn die Religion, die die Aufgabe hat, ihm die-
sen Tribut zu zollen, äußere, indifferente und körperliche Handlungen
verlangt und als Zahlung annimmt.
Betrachten wir die Welt in ihrem Anfang: Abel und Kain bringen Opfer
dar (Gen 4,3f); welche andere Tugend als die der Gottesverehrung hat sie
dazu bewogen, das zu tun? Bald darauf kommen alle aus der Arche wie
aus ihrer Wiege, und sogleich wird ein Altar errichtet und auf ihm werden
mehrere Tiere als Brandopfer dargebracht, dessen Rauch Gott als Wohl-
geruch annimmt (Gen 8,18-21). Es folgt das Opfer Abrahams (12,8; 13,18;
22,13), Melchisedeks (19,18), Isaaks (26,25), Jakobs (28,18; 33,20;
35,14) mit seiner Waschung (32,2f). Die Beobachtung des mosaischen
Gesetzes bestand zum großen Teil in Zeremonien. Kommen wir zum
Evangelium: wie viele Zeremonien sieht man in unseren Sakramenten
(Lk 22; Joh 3), bei der Heilung von Blinden (Mk 8; vgl. 7), bei der Aufer-
weckung von Toten (Joh 21,35-44), bei der Fußwaschung der Apostel
(Joh 13,4f). Der Hugenotte wird sagen, dabei habe Gott getan, was ihm
gefiel, und daraus dürfe von uns keine Folgerung abgeleitet werden. Doch
da ist der hl. Johannes, der tauft (Mk 1,4), der hl. Paulus, der sich zufolge
seines Gelübdes in Kenchreä das Haupt scheren ließ (Apg 18,18); er
betet auf dem Boden kniend mit der Gemeinde von Milet (Apg 20,36):
alle diese Handlungen waren aus sich selbst steril und unfruchtbar, da sie
aber zum Zweck der Gottesverehrung verwendet wurden, waren sie ehr-
würdige Zeremonien von großem Gewicht.
Nun sage ich ebenso: das Kreuzzeichen hat aus sich selbst keinerlei
Kraft, keine Wirksamkeit und keinen Wert, der irgendeine Ehre ver-
dient. Trotzdem bekenne ich, „Gott wirkt nicht nur durch Formen und
Zeichen“, wie der Traktant (B.T. 15) sagt, und „in den natürlichen Din-
gen geht die Wirksamkeit aus ihrem Wesen und ihrer Eigenschaft her-
vor; in den übernatürlichen wirkt Gott durch Wunderkraft, die nicht an
Zeichen und Formen gebunden ist.“ Ich weiß aber auch, daß Gott, wenn
er seine Wundermacht gebraucht, sich sehr oft der Zeichen und Zere-
monien, der Formen und Ausdrücke bedient, ohne deswegen seine Macht
an diese Dinge zu binden. Mose berührte den Felsen mit dem Stab (Ex
17,6; Num 20,11), Elischa schlug mit dem Mantel des Elija auf das
Wasser (2 Kön 2,14), die Kranken suchten den Schatten des hl. Petrus
(Apg 5, 15), die Schweißtücher des hl. Paulus (Apg 19,2) oder berühr-

137
ten das Gewand Unseres Herrn (Mt 14,36), die Apostel salbten viele
mit Öl (Mk 6,13), Dinge, die keineswegs geboten waren: Was machten
sie anderes als reine Zeremonien, die keinerlei natürliche Kraft besa-
ßen und dennoch zu wunderbaren Wirkungen angewendet wurden? Muß
man etwa deswegen sagen, die Macht Gottes sei an diese Zeremonien
geheftet und gebunden gewesen? Im Gegenteil, die Macht Gottes, die so
vielerlei Zeichen und Zeremonien verwendet, zeigt dadurch, daß sie an
keinerlei Zeichen und Zeremonien gebunden ist.
Daher habe ich gesagt: 1. Das Kreuzzeichen ist eine Zeremonie; als
kreuzförmige Bewegung ist es nach seiner natürlichen Beschaffenheit
weder gut noch schlecht, weder lobens- noch tadelnswert. Wie viele
machen die Weber, Maler, Schneider und andere, die niemand ehrt oder
geringschätzt? Weil diese Kreuze (dasselbe sage ich von den Zeichen
und Kreuzformen, die wir auf profanen Bildern, Fenstern und Gebäu-
den sehen), diese Kreuze, sage ich, sind nicht zur Ehre Gottes noch zu
einem religiösen Gebrauch bestimmt. Wenn aber dieses Zeichen im
Dienst der Ehre Gottes verwendet wird, wird aus dem Indifferenten, das
es war, eine geheiligte Zeremonie, deren Gott sich zu vielen großen
Wirkungen bedient.
2. Ich habe gesagt, daß es eine christliche Zeremonie ist, zumal das
Kreuz und alles, was es versinnbildet, den Heiden eine Torheit und den
Juden ein Ärgernis ist (1 Kor 1,23). Wie der gelehrte Genebrard betont,
der den Rabbi Kimhi zitiert, verabscheuen sie es so sehr, daß sie es nicht
einmal mit seinem Namen bezeichnen wollen, sondern es ‚stamen‘ und
‚subtegmen‘ nennen, Faden und Einschlag, die die Weber kreuzen, wenn
sie ihr Tuch herstellen. Ich weiß, daß im Alten Testament und sogar im
Naturgesetz verschiedene Dinge geschahen, um den Tod des Messias zu
versinnbilden, aber das waren nur Schatten, dunkle und undeutliche
Bilder im Vergleich mit dem, was jetzt geschieht; das waren keine Zere-
monien, die diesem Gesetz entsprachen, sondern gleichsam Blitze, die
sie vorübergehend beleuchteten. Die Heiden und andere Ungläubige
haben sich manchmal dieses Zeichens bedient, aber sie haben es ent-
lehnt, nicht als eine Zeremonie ihrer Religion, sondern der unseren.
Und der Traktant gibt tatsächlich zu, daß das Kreuzzeichen ein Kenn-
zeichen des Christentums ist.
3. Ich habe gesagt, diese Zeremonie stellt die Passion dar; das ist
tatsächlich seine erste und hauptsächliche Verwendung, von der alle
anderen abhängen. Das unterscheidet sie von vielen anderen christli-
chen Zeremonien, die dazu dienen, andere Geheimnisse darzustellen.

138
4. Ich habe gesagt, es stellt sie dar durch den Ausdruck der Form des
Kreuzes, um den Unterschied anzudeuten, wie das Kreuzzeichen einer-
seits und die Eucharistie andererseits das Geheimnis der Passion dar-
stellen: Die Eucharistie stellt sie ja hauptsächlich dar im Sinn der voll-
ständigen Identität dessen, der hier dargebracht wird, und dessen, der
am Kreuz geopfert wird, d. h. ein und derselbe Jesus Christus; aber das
Kreuzzeichen macht dasselbe, indem es die Form und Gestalt der Pas-
sion ausdrückt.
5. Ich habe schließlich gesagt, das alles geschieht durch eine einfache
Handbewegung, um die Zeichen auszuschließen, die in feste Stoffe ein-
geprägt und gezeichnet sind, von denen ich im vorhergehenden Buch
gesprochen habe.
Von diesen Feststellungen hängt nun die übliche Art ab, das Kreuz-
zeichen zu machen. 1. Es soll mit der rechten Hand gemacht werden,
weil sie für die würdigere gehalten wird, wie Justin der Märtyrer sagt. 2.
Man gebrauche dazu entweder drei Finger, um die heiligste Dreifaltig-
keit zu versinnbilden, oder fünf, um die fünf Wunden des Erlösers zu
versinnbilden. Obwohl es an sich wenig ausmacht, wenn man das Kreuz-
zeichen mit mehr oder weniger Fingern macht, muß man sich doch an
die allgemeine Art der Katholiken halten, um nicht den Anschein zu
erwecken, man richte sich nach bestimmten Jakobiten und Armeniern.
Die einen von ihnen bekannten, daß sie nicht an die Trinität glauben, die
anderen, daß sie nur an eine einzige Natur in Jesus Christus glauben,
und sie machen das Kreuzzeichen mit nur einem Finger. 3. Man führt
die Hand zuerst nach oben zum Kopf und spricht: Im Namen des Va-
ters, um zu zeigen, daß der Vater die erste Person der heiligen Dreifal-
tigkeit ist und der Urgrund der beiden anderen. Dann führt man sie
herab zum Leib und spricht: und des Sohnes, um zu zeigen, daß der
Sohn vom Vater ausgeht, der ihn herabgesandt hat in den Schoß der
Jungfrau. Und dann führt man die Hand von der linken Schulter oder
Seite zur rechten und spricht: und des Heiligen Geistes, um zu zeigen,
daß der Heilige Geist, die dritte Person der heiligen Dreifaltigkeit, aus
dem Vater und dem Sohn hervorgeht, daß er das Band der Liebe zwi-
schen ihnen ist und daß wir seiner Gnade die Wirkung der Passion
verdanken. Dadurch legt man ein kurzes Bekenntnis von drei großen
Geheimnissen ab: der Trinität, der Passion und der Vergebung der Sün-
den, durch die wir von der linken Seite der Verdammnis auf die rechte
der Seligpreisung versetzt wurden.

139
2. Kapitel

Das Kreuzzeichen ist ein öffentliches Bekenntnis


des christlichen Glaubens.

Der Traktant sagt (B.T. 15-17): „Wir wissen wohl, daß einige der alten
Väter vom Kreuzzeichen und von seiner Kraft geschrieben haben, aber
das geschah nicht in der Absicht und zu dem Zweck, den man heute
vorgibt, denn sie gebrauchten es als ein öffentliches Bekenntnis und
eine Bekundung ihres Christentums, sei es im geheimen oder öffentlich.
Weil nämlich die Verfolgungen groß und hart waren, wollten sich die
Christen nur ihren christlichen Brüdern zu erkennen geben und sie er-
kannten einander an diesem Zeichen, wenn die einen und die anderen
das Kreuzzeichen machten, denn es war ein Zeugnis, daß sie zur selben
christlichen Religion gehörten. Andererseits spotteten die Heiden über
das Kreuz Jesu Christi und sagten, es sei eine Torheit und eine Schande,
an einen zu glauben, der am Kreuz gestorben ist. Deshalb wollten die
Christen, die wußten, daß unser ganzer Ruhm im Kreuz Jesu Christi
besteht, im Gegenteil zeigen, daß sie sich seiner nicht schämten, und
machten öffentlich dieses Zeichen, um auszudrücken, daß sie Kreuzrit-
ter waren, d. h. Jünger Jesu Christi. Darauf muß man beziehen, was
Chrysostomus in der 2. Homilie über den Römerbrief sagt: Wenn du
jemand sagen hörst: ‚Du betest einen Gekreuzigten an?‘, dann schäme
dich dessen nicht, schlage die Augen nicht nieder und rühme dich sei-
ner, freue dich darüber in dir selbst und leg dieses Bekenntnis mit frei-
em Blick und erhobenen Gesichts ab. Und der hl. Augustinus sagt im 3.
Kapitel der 8. Predigt über die Worte des Apostels: Die Weisen dieser
Welt greifen uns wegen des Kreuzes Christi an und sagen: ‚Welchen
Verstand habt ihr denn, einen gekreuzigten Gott anzubeten?‘ Wir ant-
worten ihnen: Wir haben nicht euren Verstand, wir schämen uns nicht
Jesu Christi und seines Kreuzes; wir zeichnen es auf die Stirn, wo der
Sitz der Scham ist; wir setzen es da hin, wohlgemerkt gerade an die
Stelle, wo die Schande sichtbar wird, damit dort das angebracht sei,
wessen man sich nicht schämt.“
Das hat der Traktant in einem Zug geschrieben; dann sagt er an ande-
rer Stelle (B.T. 33 f) als Antwort auf elf Passagen alter Kirchenväter, die
in den Flugblättern zitiert werden: „Die 14. ist aus dem 3. Traktat des hl.
Johannes mit den Worten: Wenn wir Christen sind, schließen wir uns
Jesus Christus an, wir tragen sein Kennzeichen auf der Stirn, dessen wir

140
uns nicht schämen, wenn wir es auch im Herzen tragen. Sein Kennzei-
chen ist seine Demut. Diesem Zeugnis ordnen wir der Kürze wegen alle
folgenden, bis zehn, zu, da sich fast alle darauf beziehen, was gesagt
wurde, daß sich die Christen auf der Stirn mit dem Kreuz bezeichnen.
Wir anerkennen also, daß diese Gewohnheit, das Kreuzzeichen auf der
Stirn zu machen, im Altertum eingeführt wurde; durch wen und wie,
steht nicht fest.“ Und weiter unten (B.T. 35): „Oben wurde erklärt, was
die Alten unter diesem Zeichen verstanden, nämlich das äußere Zeug-
nis für den christlichen Glauben.“
Das ist gewiß Bekenntnis genug von meinem Gegner, um mich der
Veranlassung zu entheben, etwas diesen Punkt Betreffendes zu bewei-
sen. Da er aber diese Wahrheiten widerwillig schrieb, hat er sie gestreckt
und verdünnt, soviel er konnte.
1. Er sagt: „Einige der alten Väter haben vom Kreuzzeichen gespro-
chen.“ Ich fordere ihn auf, mir diejenigen zu nennen, die nicht davon
gesprochen. Durfte er dann sagen „einige“, als wollte er nur von zwei
oder drei sprechen?
2. Es heißt, sie haben davon nicht in der Absicht gesprochen, die man
heute vorgibt: wenn er das aber von der Absicht der Katholiken ver-
steht, werde ich ihm sonnenklar das Gegenteil zeigen. Wenn er es von
der Absicht versteht, die die hugenottischen Prädikanten den Katholi-
ken unterstellen, als sei es die gewesen, die der Traktant behauptet, näm-
lich dem bloßen Zeichen zuzuschreiben, was dem Gekreuzigten eigen
ist, so gebe ich zu, daß daran die alten Väter nicht gedacht haben. Das ist
eine allzu böswillige Unterstellung.
3. Er sagt, die Alten machten dieses Zeichen, um sich nur ihren christ-
lichen Brüdern zu erkennen zu geben. Das kann ich wahrhaftig nicht
glauben, denn welchen Zweck hätte es gehabt, das Kreuzzeichen zu ma-
chen, um sich vor den Feinden zu verbergen? Wie er selbst etwas später
zugibt, spotteten doch die Heiden im Gegenteil über das Kreuz und
machten den Christen darüber die gewohnten Vorwürfe; die Christen
aber zeigten, daß sie sich seiner nicht schämten, und machten offen das
Kreuzzeichen. Bringt doch diese beiden Aussagen ein wenig in Ein-
klang: Die Christen machten das Kreuzzeichen, um sich nur ihren christ-
lichen Brüdern zu erkennen zu geben; die Christen machten das Kreuz-
zeichen offen, um zu zeigen, daß sie sich seiner nicht schämten. Tertul-
lian, Justin der Märtyrer, Minutius Felix bezeugen gewiß hinreichend,
daß das Kreuzzeichen nicht ein so geheimes Bekenntnis des Glaubens
war, daß es nicht alle Heiden gut verstanden hätten.

141
4. Er sagt, die Gewohnheit, das Kreuzzeichen zu machen, sei im Al-
tertum eingeführt worden. Beachtet, daß er von der Zeit des hl. Augusti-
nus spricht, von der Calvin als ganz offenkundig feststellt, daß damals
weder in Rom noch in anderen Städten eine Änderung der Lehre erfolgt
war; und der Traktant gibt (B.T. 17) zu, daß erst zur Zeit des hl. Gregor
die Augen der Christen sich zu trüben und im Dienst Gottes kaum noch
klar zu sehen begannen. Daher argumentiere ich folgendermaßen: Zur
Zeit des hl. Augustinus war keine Änderung der Lehre erfolgt; zur Zeit
des hl. Augustinus machte man allgemein das Kreuzzeichen; daher ist
die Lehre, das Kreuzzeichen zu machen, rein und apostolisch.
5. Er sagt sehr artig, man wisse nicht, „durch wen und wie“ diese
Übung im Altertum eingeführt wurde. Darauf erwidere ich ihm mit
dem hl. Augustinus: „Was die ganze Kirche befolgt und was nicht durch
die Konzile eingeführt, sondern immer beobachtet wurde, davon glau-
ben wir fest, daß es nur durch die apostolische Autorität eingesetzt wur-
de“; und mit dem hl. Leo: „Man darf nicht daran zweifeln, daß alles aus
der apostolischen Überlieferung und der Lehre des Heiligen Geistes
hervorgegangen ist, was in der Kirche als Übung der Frömmigkeit ange-
nommen wurde.“ Das ist die Regel, nach der die Alten die kirchlichen
Gebräuche beurteilten. Nach ihr muß das Kreuzzeichen, an dem in der
Kirche immer festgehalten wurde, von dem man nicht weiß, durch wen
und wie es eingeführt wurde, auf die apostolische Einsetzung zurückge-
führt werden.

3. Kapitel

Vom häufigen und vielfältigen Gebrauch des Kreuzzeichens


in der frühen Kirche.

Man kann das Kreuzzeichen machen, um zu bezeugen, daß man an


den Gekreuzigten glaubt, dann ist es ein Bekenntnis des Glaubens; oder
auch um zu zeigen, daß man seine Hoffnung und sein Vertrauen in den-
selben Erlöser setzt, und dann ist es eine Anrufung Gottes um seine
Hilfe kraft der Passion seines Sohnes. Der Traktant will glauben ma-
chen, das Altertum habe das Kreuzzeichen nur zum ersten Zweck ge-
braucht; doch man verwendete es im Gegenteil fast nie nur in dieser
einzigen Absicht, sondern viel häufiger wurde es gebraucht, um Gott
um Hilfe zu bitten.

142
Der hl. Hieronymus schreibt an seine Eustochium: „Bei jedem Werk,
bei jedem Kommen und Gehen mache deine Hand das Kreuzzeichen.“
Der hl. Ephräm: „Ob du schläfst oder unterwegs bist, ob du aufwachst
oder etwas unternimmst, ob du ißt oder trinkst, auf dem Meer bist oder
Flüsse überquerst, bedecke dich stets mit diesem Panzer, schmücke und
umgib alle deine Glieder mit diesem heilsamen Zeichen, und nichts
Böses wird dich erreichen.“ Tertullian: „Auf jedem Weg, bei jeder Be-
wegung, bei jedem Eintritt und Ausgang, wenn wir uns kleiden und die
Schuhe anziehen, in den Bädern, bei Tisch, wenn man das Licht bringt,
wenn wir das Zimmer betreten und uns setzen, wo immer uns das Ge-
spräch in Anspruch nimmt, berühren wir unsere Stirn mit dem Kreuz-
zeichen.“ Der hl. Cyrill sagt: „Man macht dieses Zeichen beim Essen
und Trinken, im Sitzen und Stehen, beim Weggehen, auf dem Spazier-
gang, kurz bei allem“; und an anderer Stelle: „Schämen wir uns also
nicht, uns zum Gekreuzigten zu bekennen; aber drücken wir mit Zuver-
sicht das Kreuzzeichen mit den Fingern auf unsere Stirn, und das Kreuz-
zeichen werde bei allem gemacht, beim Essen und Trinken, beim Ein-
und Ausgehen, beim Niederlegen vor dem Einschlafen, beim Aufste-
hen, im Gehen und Ruhen. Hier ist ein mächtiger Schutz; der Armen
wegen wird er umsonst gewährt und ohne Mühe für die Schwachen, da
diese Gnade von Gott stammt, das Zeichen der Gläubigen und der
Schrecken der Teufel ist.“ Der hl. Chrysostomus: „Das Kreuz leuchtet
überall, an bewohnten und unbewohnten Orten.“ Der hl. Ambrosius:
„Wir müssen unser ganzes Werk im Zeichen des Erlösers tun.“
Fürwahr, kann dieser freigebige und allgemeine Gebrauch dieses hei-
ligen Zeichens nur auf das Bekenntnis des Glaubens bezogen werden?
Zu welchem Zweck sollte man dieses Bekenntnis des Glaubens bei je-
dem Werk machen, wo es niemand sieht? Beim Aufstehen am Morgen,
beim Schlafengehen am Abend, im Dunkel der Nacht, an unbewohnten
Orten? Mehr noch: diese Väter, die den Gebrauch dieses Zeichens so
sehr empfehlen, geben als Grund nie bloß das Bekenntnis des Glaubens
an, sondern auch den Schutz und die Sicherheit, die wir von ihm erhal-
ten können wie von einem Panzer und Harnisch in der Prüfung, wie es
der hl. Ephräm nennt.
Obwohl nun die Alten das Kreuzzeichen so allgemein bei allen Ereig-
nissen und Handlungen unseres Lebens machten als ein kurzes und le-
bendiges äußeres Gebet, durch das man Gott anruft, will ich dennoch
nun sagen, wie es angewendet wurde bei Segnungen und Weihen, bei
Sakramenten, beim Exorzismus, in Versuchungen und bei Wundern.

143
4. Kapitel

Alle guten und rechtmäßigen Zeremonien


können zur Segnung von Dingen angewendet werden

Jesus Christus erhob die Augen zum Himmel, als er für Lazarus bete-
te (Joh 11,41), zu seiner Verherrlichung (Joh 17,1) und bei der Brotver-
mehrung (Mt 14,19). Um zu sagen, daß er gebetet hat, sagt David (Ps
121,1; 123,1), daß er die Augen zum Himmel erhob. Der Erlöser selbst
betete zu seinem Vater auf der Erde kniend (Lk 22,41), wie es die Hei-
ligen sehr oft getan haben (1 Kön 8,54 u. a.). Als der hl. Paulus (Eph
3,14) sagen wollte, daß er zu Gott gebetet hat, sagte er nur, daß er die
Knie zur Erde beugte, so sehr gehört diese Zeremonie zum Gebet. Bei
den Juden (2 Chr 6,13 u. a.) und bei den Christen (1 Tim 2,8) war es
stets ein heiliger Brauch, mit erhobenen Händen zu beten; aber das ist
eine so natürliche Zeremonie, daß fast alle Völker sie verwendeten,
gleichsam als Anerkennung, daß der Himmel der Sitz der Herrlichkeit
Gottes ist. Das bestätigt jener, der sagte: „Et duplices tendens ad sidera
palmas“; und an anderer Stelle:
„Corripio e stratis corpus, tendoque supinas
21
ad coelum cum voce manus, et munera libo.“
Deshalb setzt der Psalmist beten und die Hände erheben gleich. Herr,
den ganzen Tag habe ich zu dir gerufen, ich habe meine Hände nach dir
ausgestreckt (Ps 88,10). Die Erhebung meiner Hände sei ein Abendop-
fer (Ps 112,2). Erhebe mitten in der Nacht die Hände zum Heiligtum (Ps
134,3). So sagte Mose zum Pharao: Sobald ich aus der Stadt hinausgehe,
will ich meine Hände zum Herrn erheben, und der Donner wird aufhören
(Ex 9,29). Ebenso erhebt man die Hand, wenn man schwört, denn schwö-
ren heißt nichts anderes als Gott zum Zeugen anrufen. Als daher Esra
(2,9.15) sagen wollte, daß Gott geschworen hat, sagte er: er hat die Hand
erhoben. So allgemein ist der Brauch, beim Schwören die Hand zu erhe-
ben. Wenn der hl. Johannes (Offb 10,5) den Schwur des großen Engels
beschreibt, sagt er: Er erhob die Hand zum Himmel.
Man kann also sehr wohl durch Zeremonien beten. In der Tat liegt das
Wesen des Gebetes in der Seele, aber die Stimme, die Handlungen und
die übrigen äußeren Zeichen, durch die man das Innere ausdrückt, sind
vornehmes Zubehör und sehr nützliche Eigenheiten des Gebetes; sie
sind seine Wirkungen und Tätigkeiten. Die Seele ist beim Beten nicht
zufrieden, wenn nicht der ganze Mensch betet. Sie läßt die Augen, die

144
Hände und die Knie ebenso beten. Als der hl. Antonius die Grotte des
hl. Paulus, des ersten Einsiedlers, betrat, „erblickte er den entseelten
Leib des Heiligen, die Knie gebeugt, das Haupt erhoben und die Hände
nach oben ausgestreckt. Auf den ersten Blick glaubte er, daß er noch
lebe und bete, und er schickte sich an, das gleiche zu tun. Als er aber
keine Seufzer hörte, die der heilige Vater beim Beten auszustoßen pfleg-
te, begann er ihn unter Tränen zu küssen und erkannte, daß selbst der
tote Leib des heiligen Mannes durch diese heilige Haltung und fromme
Stellung zu Gott betete, für den alle Dinge leben und atmen.“22 Die vor
Gott hingestreckte Seele bringt leicht auch den ganzen Leib zu ihrer
Haltung; sie erhebt die Augen, wohin sie das Herz erhebt, und die Hän-
de dahin, woher sie ihre Hilfe erwartet. Sieht man nicht den Unter-
schied der inneren Gefühle des Zöllners und des Pharisäers (Lk
18,11.13)? Dadurch sind die Worte hinfällig geworden, die der Traktant
gegen die heiligen Zeremonien vorbringt.

1. „Der Dienst, den wir seiner göttlichen Majestät schulden“, sagt er


(B.T. 5), „muß ihm nach seinem Wohlgefallen und seiner Anordnung
geleistet werden. Nun ist es der offenkundige Wille Gottes bezüglich
dieses Punktes, daß wir ihn anbeten und ihm dienen im Geist und in
Wahrheit, nach dem hl. Johannes 4. Daher weisen wir nicht nur die
alten jüdischen Zeremonien zurück, sondern auch alle anderen, die in
der christlichen Kirche darüber hinaus und ohne das Wort Gottes ein-
geführt wurden.“

2. Er will den Grund angeben, warum die Heilige Schrift nicht aus-
drücklich Wunder bezeugt, die durch das Holz des Kreuzes geschehen
sind. Statt den wahren und offenkundigen Grund zu nennen, daß diese
Wunder geschehen sind lange Zeit, nachdem das Neue Testament aufge-
schrieben wurde, macht er sich (B.T. 12) daran, folgendes zu sagen:
„Dafür scheint es gewiß keinen anderen Grund zu geben als den, daß
Gott die Menschen nicht an solche irdischen Dinge binden wollte. So
lehrt uns auch der hl. Paulus, im 2. Korintherbrief 5, durch sein Bei-
spiel, daß wir Jesus Christus nicht dem Fleisch nach kennen dürfen, wie
er auch im Kolosserbrief 3 sagt, daß wir Gott im Geist dienen und uns
23
in Jesus Christus rühmen und nicht auf das Fleisch vertrauen.“ Sehen
wir die Nichtigkeit dieses Beweises.
1) Am Anfang des ersten Buches habe ich gezeigt, daß diese Refor-
mierten mehrere Zeremonien und Gebräuche einhalten, ohne und über

145
die Heilige Schrift hinaus; sie tadeln also unsere Zeremonien nicht,
weil man sie nicht in der Heiligen Schrift findet.
2) Wenn man Gott nach seiner Anordnung dienen muß, dann muß
man vor allem der Kirche gehorchen und ihre Gebräuche wahren. Wer
anders handelt, von dem verkündet der Erlöser (Mt 18,17), daß er ein
Heide und öffentlicher Sünder ist. Der hl. Paulus lehrt, daß die Männer
entblößten und die Frauen bedeckten Hauptes beten müssen; das ist
nichts als eine reine Zeremonie. Er hält denen, die für das Gegenteil
streiten wollen, nur (1 Kor 11,16) die Worte entgegen: Wir haben eine
solche Gewohnheit nicht, noch die Kirche Gottes. Er spricht nicht den
hugenottischen Jargon, sondern die echte und einfache katholische Spra-
che; die Gewohnheit der Kirche Gottes dient ihm als Begründung. Die-
se Braut hat in ihrem Bräutigam einen zu guten Beistand, um auf ihrem
Weg zu straucheln oder zu fallen.
3) Wenn man, um Gott im Geist und in Wahrheit zu ehren und zu
dienen, die Zeremonien verwerfen muß, die nicht mit ausdrücklichen
Worten in der Heiligen Schrift befohlen sind, dann durfte der hl. Paulus
nicht anordnen, daß die Männer unbedeckten und die Frauen bedeck-
ten Hauptes beten, weil er dazu keinen Auftrag hatte; ebenso durften
die Apostel (den Genuß von) Blut und Ersticktem nicht verbieten.
Warum betet ihr Reformierten mit gefalteten Händen und kniend? Wir
haben das Beispiel Jesu Christi und der Apostel, sagt ihr. Wenn aber ihr
Beispiel irgendetwas bei euch gilt, warum wascht ihr dann nicht vor
dem Abendmahl die Füße? Dafür hat Unser Herr (Joh 13,5.14f) nicht
nur das Beispiel gegeben, sondern dazu eingeladen. Warum salbt ihr
eure Kranken nicht mit Öl, wie die Apostel getan haben (Mk 6,13)?
Warum verlaßt ihr nicht nach ihrem Beispiel euren ganzen Besitz und
eure Bequemlichkeit? Warum haltet ihr euer Abendmahl nicht als
Abendmahl, d. h. beim Abendessen, statt am Morgen beim Frühstück?
4) Doch wer hat jemals eine solche Folgerung gehört: Man muß im
Geist und in Wahrheit beten, daher darf man nicht mit einer Zeremonie
beten? Sind die Zeremonien ein solcher Gegensatz zum Geist und zur
Wahrheit? Wer beauftragte Abraham, Aaron, Mose, David, den hl. Pau-
lus, den hl. Petrus und tausend andere, mit erhobenen Händen und auf
der Erde kniend zu beten? Und hat sie das gehindert, im Geist und in
Wahrheit zu beten oder wahre Anbeter zu sein? Es ist eine unverschäm-
te Ignoranz, die Heilige Schrift in solch ungereimtem Sinn heranzuzie-
hen; das ist eine förmliche Frevelhaftigkeit, nicht eine reformierte Got-
tesfurcht. Daß im Geist und in Wahrheit beten hieße, ohne Zeremonien

146
zu beten, das ist so weit gefehlt, als es kaum möglich ist, daß einer im
Geist und in Wahrheit beten kann, ohne äußere Akte und Gesten zu
machen, die mit den inneren Regungen übereinstimmen, so viel Ein-
fluß haben die inneren Regungen der Seele auf die Bewegungen des
Körpers. „Da die Bewegungen des Körpers nur erfolgen können, wenn
die innere Regung des Geistes vorausgeht, und da sie nach außen wahr-
nehmbar erfolgen, weiß ich nicht, wie anders durch sie die unsichtbare
innere Regung zunimmt, als daß die Regung des Herzens, die voraus-
ging, um diese äußeren Bewegungen hervorzubringen, sich dadurch ver-
stärkt, daß sie bewirkt und hervorgebracht werden.“ Eine recht bewegte
Seele ist in allem bewegt, in der Sprache, in den Augen, in den Händen,
sagt der hl. Augustinus.
Im Geist und in Wahrheit beten heißt von Herzen und innig beten,
ohne Verstellung und Heuchelei, und im übrigen den ganzen Menschen
einsetzen, die Seele und den Leib, damit nicht getrennt werde, was Gott
verbunden hat. Ich übergehe die ursprüngliche Bedeutung dieser Worte
Unseres Herrn, der die Anbetung im Geist der den Juden eigenen An-
betung gegenüberstellt, die fast ganz aus Zeichen, Sinnbildern und äu-
ßeren Zeremonien bestand, und die Anbetung in Wahrheit der falschen,
eitlen, häretischen und schismatischen Anbetung der Samariter. Was
ich hier mache, bedarf keiner längeren Beweisführung.
5) Der hl. Paulus belehrt uns, Jesus Christus nicht dem Fleisch nach
zu kennen. Wenn man sich deswegen nicht mit dem Kreuz befassen darf
und mit ähnlichen irdischen Dingen, warum legt man dann Wert auf das
Leiden und den Tod Jesu Christi, die doch zu seinem Fleisch und zur
Zeit seiner Sterblichkeit gehören? Was wollen Sie sagen, Traktant? Daß
man Jesus Christus nicht dem Fleisch nach kennen darf? Wenn Sie dar-
unter verstehen, nach Ihrem Fleisch und nach dem anderer Menschen,
stimme ich dem wohl zu; aber Sie wären töricht, deswegen das Kreuz zu
verwerfen, denn das Kreuz ist nicht nach Ihrem Fleisch und nicht nach
dem meinen, es ist im Gegensatz und feindlich zu ihm. Wenn Sie darun-
ter verstehen, nach dem Fleisch Jesu Christi selbst, was der zutreffende-
re Sinn ist, müßte man nicht sagen, daß man Jesus Christus absolut
nicht dem Fleisch nach kennen und kennenlernen dürfe. Ist er denn
nicht dem Fleisch nach aus der Jungfrau geboren? Ist er nicht dem Fleisch
nach gestorben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren? Hat er
nicht sein wahres Fleisch zur Rechten des Vaters? Ist es nicht der Wahr-
heit entsprechend sein wirkliches Fleisch, oder nach euren eitlen Phan-
tasien wenigstens das Zeichen seines Fleisches, das er uns zur Speise

147
gegeben hat? Muß man also das alles vergessen, zusammen mit Verbum
caro factum est (Joh 1,14)?
Wenn also der hl. Paulus sagt, daß er Jesus Christus nicht dem Fleisch
nach kennt, dann ist das dem Fleisch nach, von dem er an anderer Stelle
(Hebr 5,7) sagt, daß Jesus Christus in den Tagen seines Fleisches seinem
Vater Gebete und Bitten darbrachte. Hier ist das Wort Fleisch gebraucht
für Sterblichkeit, Schwachheit und Leidensfähigkeit, als hätte er gesagt,
Jesus Christus hat in den Tagen seines sterblichen, schwachen und lei-
densfähigen Fleisches seinem Vater Gebete und Bitten dargebracht.
Wenn er also sagt, daß er Jesus Christus nicht mehr dem Fleisch nach
kannte, dann will er nichts anderes sagen, als daß er Jesus Christus nicht
mehr für leidensfähig und sterblich hielt und ihn so kannte, denn das
sind die natürlichen Eigenschaften des Fleisches, mit einem Wort, daß
er ihn nicht mehr dem Fleisch nach kannte, das von Schwächen seiner
natürlichen Beschaffenheit begleitet ist.
6) Ebenso unbegründet zitiert er den hl. Paulus im Kolosserbrief 3.
Abgesehen davon, daß die Worte nicht da stehen, wo er angibt, auch
wenn sie da stünden, wären sie kein Beweis gegen uns. Wir bekennen ja,
daß man Gott im Geist dienen, sich in Jesus Christus rühmen muß und
nicht auf unser Fleisch vertrauen darf; aber das alles entbindet den Leib
und seine äußeren Tätigkeiten nicht von seinem Beitrag, den er zum
Dienst Gottes zu leisten hat. Nun, vielleicht wollte er anführen, was im
3. Kapitel des Kolosserbriefes (1f) gesagt wird und was besser zu seinem
Anliegen paßt: Wenn ihr mit Jesus Christus auferweckt seid, dann sucht,
was droben ist, wo Jesus Christus zur Rechten des Vaters sitzt; denkt an
das, was droben ist, nicht an das auf der Erde. Folgt denn daraus nicht,
daß man keinen Wert legen darf auf das Kreuz, auf die Krippe, auf das
Grab und auf die anderen Reliquien Unseres Herrn, die hier unten auf
Erden sind? Das wäre tatsächlich gut angewendet gegen jene, die ihre
Absicht auf Dinge beschränken, die hier unten sind, und ihr Verlangen
damit begrenzen. Sucht, was droben ist, würde man ihnen sagen: Sur-
sum corda. Aber wir lassen unsere Gefühle nicht am Kreuz und an den
anderen Reliquien haften, wir erheben sie zum Himmelreich, wir set-
zen alle Dinge ein, es zu suchen, die uns helfen können, unser Herz zu
dem zu erheben, zu dem sie in Beziehung stehen. Man muß zum Him-
mel aufsteigen, der unser Ziel und unsere letzte Heimat ist; die heiligen
Dinge hier unten dienen uns als Leiter, um dorthin zu gelangen.
Die Seeleute, die mit dem Blick auf die Sterne und unter ihrer Füh-
rung segeln, fahren deswegen nicht im Himmel, sondern auf Erden, sie

148
schauen auch nur zum Himmel, um das Land zu suchen. Im Gegenteil,
die Christen, die nur nach dem Himmel trachten, wo ihr Schatz und ihr
sicherer Hafen ist, sehen sehr oft auf die Dinge hier unten, aber nicht um
zur Erde zu gehen, sondern in den Himmel. Sie sagen mir: Sucht Jesus
Christus, und was droben ist. Ich suche ihn wirklich; und so sehr das
Kreuz, das Grab und andere heilige Geschöpfe mich Ihrer Meinung
nach davon abhalten müßten, spornen sie mich noch mehr dazu an und
drängen mich, ihn zu suchen. Witterung und Spuren halten einen guten
Jagdhund nicht vom Suchen ab, sondern spornen und feuern ihn dazu
an. So werde auch ich um so mehr zu diesem gesegneten Suchen bewo-
gen und begeistert, wenn ich im Kreuz, in der Krippe, im Grab den Weg
und die Fährte meines Erlösers entdecke; er zieht mich dadurch nach
sich wie durch den Duft seiner Salben.
So habe ich mich also dieses so aufdringlichen Mannes entledigt, was
die Zeremonien im allgemeinen betrifft; ich muß meine Absicht weiter
verfolgen.

5. Kapitel

Nach dem Beispiel der alten Kirche muß und kann


das Kreuz zur Segnung von Dingen verwendet werden.

Da man durch heilige und rechtmäßige Zeremonien beten kann, wa-


rum sollte man nicht beten durch das Kreuzzeichen, eine heilige und
christliche Zeremonie? Doch sprechen wir diesmal von der Segnung ge-
schaffener Dinge, die in der Kirche zu geschehen pflegt. Sie ist nichts
anderes als ein Gebet und ein guter Wunsch, durch die man von Gott
irgendeine Gnade und Wohltat für ein Geschöpf erbittet, über das man
eine gewisse Überlegenheit oder Hoheit hat. Es ist ja unwidersprochen,
daß das Geringere durch das Bessere gesegnet wird (Hebr 7,7). Zeigen wir
also, welche Verwendung das Kreuzzeichen in dieser Hinsicht findet.
Im Alten Bund, wo alles im Schatten und Bild geschah, bestand die
übliche Segnung, die die Priester vornahmen, äußerlich aus zwei Tei-
len: der eine war, daß der Priester dabei die festgesetzten Worte sprach:
Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr zeige dir sein Angesicht
und sei dir gnädig; der Herr wende dir sein Angesicht zu und gebe dir
Frieden (Num 6,24-26). Der andere Teil war, daß der Priester die Hand
erhob, wie nach dem Bericht des tüchtigen und gelehrten Genebrard die

149
Rabbiner bezeugen. Das kann man auch leicht der Übung entnehmen, die
man in der Heiligen Schrift findet. Aaron streckte seine Hand über das
Volk aus und segnete es, heißt es (Lev 9,2). Dieser Brauch stammt aus dem
Naturgesetz, wie aus dem Segen deutlich wird, den Jakob (Gen 48,14f)
seinen Enkeln gab. Er bestand noch zur Zeit Unseres Herrn; darüber
berichtet Matthäus (19,13), daß die Juden die kleinen Kinder zu ihm brach-
ten, damit er ihnen die Hände auflege, d. h. damit er sie segne. Tatsächlich
bestätigt der hl. Markus (10,16), daß Jesus diese Kleinen in seine Arme
schloß, ihnen seine Hände auflegte und sie segnete.
Diese beiden Dinge beobachtet man nun noch bei allen kirchlichen
Segnungen, aber mit einer deutlicheren Manifestation der Geheimnis-
se, die darin enthalten sind. 1. Man ruft den Namen des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes an. Das tat man im Alten Bund ver-
hüllt; denn ich bitte euch, worauf anders als auf das Geheimnis der
heiligsten Dreifaltigkeit zielte die dreifache Wiederholung: Der Herr
segne dich, der Herr zeige dir sein Angesicht, der Herr wende dir sein
Angesicht zu? Ebenso der Segen Davids (Ps 67,7f): Gott segne uns, un-
ser Gott, Gott segne uns. 2. Im Alten Bund erhob man einfach die Hän-
de oder legte sie auf; stattdessen macht man jetzt das Kreuzzeichen, um
zu beteuern, daß jede Segnung ihr Verdienst und ihren Wert von der
Passion Jesu Christi hat, die auch Erhöhung genannt wird.
Was wird der Hugenotte dazu sagen? Wenn man die Hand erhebt, um
zu segnen, geschieht es nach dem Beispiel des Erlösers, der bei der Him-
melfahrt seine Jünger segnete, indem er die Hände erhob (Lk 24,50);
wenn man das Kreuzzeichen macht, geschieht es, um zu zeigen, woher
unsere Segnungen ihre Wirksamkeit und Kraft haben. Jakob deutete die-
se Form bereits an, als er bei der Segnung der Kinder Josefs seine Hände
kreuzte, um den Jüngeren dem Älteren vorzuziehen; damit sagte er vor-
her, daß Unser Herr, als er die Arme am Kreuz ausbreitete, die Welt in
der Weise segnete, daß die Heiden tatsächlich den Juden vorgezogen wur-
den. Vielleicht wird aber der Hugenotte sagen: Als der Erlöser seine
Apostel segnete, gebrauchte er nicht das Kreuzzeichen; warum macht ihr
es dann? Ich weiß tatsächlich nicht, ob der Erlöser dieses Zeichen mach-
te, denn die Heilige Schrift, die es nicht bestätigt, bestreitet es auch nicht.
Wohl aber weiß ich, daß der Gekreuzigte selbst zum Segnen das Kreuz-
zeichen nicht zu verwenden brauchte; hatte er es denn nötig, sich selbst
anzurufen oder zu bestätigen, daß der Segen von ihm kommt? Übrigens
war das Zeichen des Kreuzes hinreichend in den Händen Unseres Herrn,
ohne daß er irgendeine Bewegung machte. Was waren denn die Wundma-

150
le, die er an seinen Händen selbst nach seiner Auferstehung trug, anderes
als ausgeprägte Merkmale und Zeichen seines Kreuzes? War es daher
notwendig, daß er irgendein anderes machte? Wenn aber die Christen die
Hände erheben, um zu segnen, haben sie allen Grund, das Kreuzzeichen
zu formen, um zu zeigen, daß sie sich keine Segnung anmaßen, außer
durch die Erhöhung Unseres Herrn am Kreuz.
Wie sehr dieser Brauch in der frühen Kirche gepflegt wurde, dafür
gibt es nun sichere Beweise: „Alles, was zu unserem Heil beiträgt, ist
durch das Kreuz vollbracht“, sagt der hl. Chrysostomus. Der hl. Diony-
sius sagt von denen, die man weihte: „Der Bischof segnet sie und drückt
jedem von ihnen das Kreuzzeichen auf.“ Der hl. Cyprian beteuert, daß
es „ohne dieses Zeichen nichts Heiliges gibt“. So segnete der hl. Hilari-
on jene mit der Hand, die einen französischen Edelmann vom Hof des
Kaisers zu ihm brachten, damit er vom bösen Geist befreit werde. Ruf-
fin nennt ein Dutzend Einsiedler, „durch deren Hände gesegnet zu wer-
den er die Ehre hatte“, wie er sagt. Der hl. Augustinus besuchte einen
Kranken, bei dem er den Ortsbischof antraf, und sagt: „Nachdem wir
den Segen des Bischofs empfangen hatten, zogen wir uns zurück“; das
geschah ohne Zweifel durch das Kreuzzeichen, „ohne das es nichts Hei-
liges gibt.“
„Der Statthalter des Nahen Ostens kam in die Stadt Apamea und wollte
einen Jupitertempel zerstören, entsprechend der Vollmacht, die er von
Konstantin hatte. Er fand ihn aber derart mit Eisen und Blei befestigt,
verschlossen und versiegelt, daß er nicht glaubte, irgendeine menschli-
che Kraft könnte das sprengen. Da bot sich ein einfacher Mann an, es zu
tun. Er unterhöhlte eine Hauptsäule nach der anderen und unterlegte
sie mit Holz, um sie zu stützen. Dann wollte er Feuer daran legen, damit
die Säulen einstürzten, aber der Teufel kam in schrecklicher schwarzer
Gestalt, um die Kraft und Entfaltung des Feuers zu verhindern. Das
wurde sogleich dem Ortsbischof Marcellus berichtet; der eilte in die
Kirche, ließ Wasser bringen und auf den Altar stellen, warf sich zu Bo-
den und bat den gütigen Herrn, er möge einen größeren Fortschritt der
Gottlosigkeit nicht zulassen. Dann machte er das Kreuzzeichen über
das Wasser und befahl seinem Diakon Equitius, eilends hinzugehen und
das Feuer mit diesem gesegneten Wasser zu besprengen. Das geschah,
und sogleich entfloh der Teufel, der die Kraft dieses Wassers nicht ertra-
gen konnte, und das Feuer wurde durch das Wasser, sein Gegenteil,
entfacht, als wäre es Öl; es ergriff das Holz und verzehrte es in kurzer
Zeit, so daß die Säulen, die keine Stütze mehr hatten, umstürzten und

151
alles andere mitrissen, was sie trugen. Den Lärm dieses Einsturzes hörte
man in der ganzen Stadt. Die Bewohner kamen zu diesem Schauspiel
zusammen, sahen die Flucht des Teufels und begannen den allmächti-
gen Gott zu preisen.“ Haben Sie gesehen, daß das Wasser durch das
Kreuzzeichen gesegnet wurde? Mein Gewährsmann dafür ist Theodo-
ret.
Ein guter Mann namens Joseph wollte in der Stadt Tiberias eine Kir-
che bauen. Dazu brauchte er eine große Menge Kalk. Er ließ ungefähr
sieben Öfen errichten, aber die Juden verhinderten durch Zauberei, daß
sich das Feuer entzündete und brannte. Als Joseph davon erfuhr, nahm
er ein Gefäß voll Wasser und vor aller Augen (denn eine große Schar
Juden stand da, um zu sehen, was der gute Mann unternehmen werde),
rief er laut, machte mit eigener Hand das Kreuzzeichen über das Was-
ser, rief den Namen Jesu an und sagte: „Im Namen Jesu von Nazaret,
den meine Vorfahren gekreuzigt haben, werde diesem Wasser die Kraft
verliehen, allen Zauber und alle Hexerei dieser Leute zunichte zu ma-
chen.“ So nahm er das Wasser, besprengte mit eigener Hand alle Öfen,
und sogleich war aller Zauber zunichte und das Feuer entzündete sich
vor aller Augen. Das anwesende Volk wandte sich davon ab und brach in
den lauten Ruf aus: „Es gibt nur einen Gott, der den Christen hilft.“
Dieser Bericht stammt vom hl. Epiphanius; er bringt das Kreuzzeichen
zur Anwendung bei Segnungen.
Die Mutter des hl. Gregor von Nazianz war krank. Sie konnte nichts
essen, so daß sie in großer Gefahr war, aus Nahrungsmangel zu sterben.
Hört, was der hl. Gregor selbst berichtet, wie ihr geholfen und wie sie
ernährt wurde. „Ihr schien“, sagt er, „als käme ich nachts zu ihr mit
einem Korb und speise sie mit drei weißen Broten, die ich auf meine
gewohnte Weise segnete. Auf diese Weise sei sie geheilt worden und
wieder zu Kräften gekommen. Dieser nächtlichen Vision folgte die
Wirklichkeit, denn von da an kam sie zu sich und faßte mehr Hoffnung,
wie man offensichtlich erkannte.“ Der Brauch, das Kreuzzeichen über
die Speisen zu machen, war diesem großen Theologen des Altertums
geläufig.
Julian Apostata ließ an seinem Standbild (das wie üblich auf dem
öffentlichen Platz stand) das Bild Jupiters anbringen, als komme er
vom Himmel und bringe ihm die Krone und den Purpur, die kaiserli-
chen Gewänder; außerdem ihm gegenüber Mars und Merkur, die auf
ihn schauten, um gewissermaßen zu bezeugen, daß er ein tapferer und
redegewandter Mann sei. Damit wollte er unter dem Vorwand der Eh-

152
renbezeugung, die man für den Kaiser angeordnet hatte, die Untertanen
stillschweigend dazu zwingen, die Götzenbilder zu verehren, die mit
seinem Standbild dargestellt waren. Denn das war sein Plan: wenn es
ihm gelang, sie zur Verehrung dieser Götzenbilder zu überreden, dann
war seine Sache gewonnen; wenn sie Schwierigkeiten machten, konnte
er das zum Anlaß nehmen, sich an ihnen zu rächen, als störten sie die
römischen Bräuche und hätten durch ihre Weigerung sowohl den Staat
als auch den Kaiser beleidigt. Nun erkannten nur wenige diesen Betrug.
Diese wollten nicht länger, wie sie von früher gewohnt waren, das Bild
des Kaisers anbeten (d. h. verehren), das so zwischen die Götzenbilder
gestellt war, und wurden schließlich gemartert. Das gewöhnliche Volk
aber war im guten Glauben, ohne darin etwas Schlechtes zu sehen, meinte
nur dem Kaiser die Ehre zu erweisen, und verehrte diese Götzenbilder.
Indessen suchte der Kaiser diesen Plan immer mehr zu fördern. Als
die Zeit kam, sich den Soldaten zu zeigen und ihnen den Sold zu zahlen,
ließ er in seiner Nähe und vor diesen Götzenbildern Feuer und Weih-
rauch anbringen. Den Soldaten, die ihren Sold empfingen, ließ er befeh-
len, Weihrauch auf das Feuer zu legen, als wäre das bei den Römern
eine übliche Zeremonie. Einige durchschauten die List und weigerten
sich strikt, diese Abgötterei zu begehen; andere, die einfältiger waren,
taten arglos, was man ihnen befahl; die übrigen ließen sich aus Hab-
sucht oder aus Furcht zu dieser Sünde verleiten. Einige von denen, die
es aus Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit getan hatten, tranken
abends bei Tisch nach ihrer Gewohnheit einander zu, riefen Jesus Chris-
tus über ihren Trunk an und machten das Kreuzzeichen. Einer, der da-
beisaß, fragte, wie sie den Namen Jesu Christi anrufen und sein Zeichen
zu machen wagten, obwohl sie ihn kurz zuvor verleugnet hätten. Als sie
erkannten, daß man sie betrogen hatte, gingen sie auf die Straßen und
Plätze, schrien überall und jammerten, man habe sie hintergangen, sie
hätten den heidnischen Kult nur mit den Händen gemacht, ihr Herz sei
stets weit davon entfernt gewesen. Sie kamen zum Kaiser, warfen ihm
das Geld vor die Füße, das er ihnen gegeben hatte, und verlangten den
Tod als Strafe für das Verbrechen, das sie begangen hatten, wenn auch
unwissentlich. Obwohl der Kaiser darüber sehr unwillig war, wollte er
sie nicht sterben lassen, aus Furcht, sie würden als Märtyrer betrachtet,
sondern ließ sie einfach züchtigen. Sozomenes, der diese Geschichte
erzählt, sagt nicht, daß sie das Kreuzzeichen machten (mein Gegner
soll nicht irrtümlich meinen, ich habe mich geirrt, wie er oft getan hat),
sondern das ist der hl. Gregor von Nazianz.

153
Man darf es nicht befremdend finden, daß diese braven Soldaten das
Kreuzzeichen machten, ehe sie tranken. Früher war es üblich, nicht nur
die Tafel und die Mahlzeit zu segnen, sondern auch jede Speise für sich
und auch den Trank. Das bestätigt der hl. Gregor von Tours in der köst-
lichen Geschichte von einem häretischen Priester (denn das Wort steht
da), der mit ihm am gleichen Tisch saß und ihm nicht nur mit dem
Segnen zuvorkommen wollte, sondern auch mit dem Essen. Das gelang
ihm bei der ersten, zweiten und dritten Platte, die man auf den Tisch
stellte. Als er schließlich die vierte gesegnet hatte (der Eigensinn seiner
Häresie führte nicht dazu, das Kreuzzeichen abzulehnen, wie die der
Reformatoren) und den ersten Bissen in den Mund schob, geschah es,
daß er unter großem Gebrüll daran starb. Das veranlaßte unseren Pries-
ter zu den Worten: „Periit“ hujus „memoria cum sonitu“,24 und den, der
beide eingeladen hatte, auf der Stelle katholisch zu werden.
So bestätigt auch der hl. Chrysostomus, daß man das Kreuzzeichen
machte „in Symposiis et Thalamis“, d. h. über Festmähler und Ehebet-
ten; Tertullian „über Bäder, Tafeln und Kerzen“; Ephräm: „ob man aß
oder trank“; Cyrill: „wenn man das Brot aß und den Becher trank“.
Außerdem ist es sehr oft denen schlecht ergangen, die es verschmähten,
dieses heilige Zeichen vor dem Essen und Trinken zu machen. Eine
Bestätigung dafür ist die Ordensfrau, die einen Salat aß, und der Or-
densmann, der trank, ohne das Kreuzzeichen zu machen. Beide wurden
sogleich vom Teufel besessen.
Der Traktant erhebt (B.T. 18 u. 19) zwei Einwände gegen diese Zeug-
nisse; den einen: „Wer sieht nicht, daß das ein Märchen ist?“ Und den
anderen: „Der hl. Paulus sagt, das Fleisch wird für uns geheiligt durch
das Wort Gottes und durch das Gebet; er spricht nicht vom Kreuzzei-
chen noch von einem anderen Zeichen.“ Er hat unrecht, denn an diesen
Berichten ist nichts Unmögliches, nichts Albernes, und sie stammen
aus ehrenhaftem Mund, d. h. vom hl. Gregor dem Großen, der mehr
Gewicht in der Lehre und Autorität hat als alle diese Reformierten. Soll
es daher dem Erstbesten erlaubt sein, auf diese Weise die alten Väter zu
widerrufen? Außerdem bestätigt das Wort des hl. Paulus, daß die Spei-
sen durch das Gebet geheiligt werden; das haben wir ja gesagt. Das Kreuz-
zeichen ist ja ein kurzes, leichtes, wirksames und übliches Gebet zur
Segnung von Speisen. Wenn es heißt, daß ein Ordensmann und eine
Ordensfrau vom Teufel besessen wurden, weil sie das Kreuzzeichen nicht
machten, dann heißt es, weil sie dieses Gebet nicht verrichteten, wel-
ches das leichteste und vertrauteste ist, und mit größerem Recht als

154
jedes andere. Außerdem ist es sehr wahr, daß das Kreuzzeichen eine
besondere Kraft gegen die Teufel hat, über die jedem anderen Gebet
eigene hinaus, wie wir später sehen werden.

6. Kapitel

Das Kreuzzeichen wird bei sakramentalen Weihen


und Segnungen angewendet.

Die Seite des Erlösers, die am Kreuz von der Lanze durchbohrt wor-
den ist, wurde zur lebendigen Quelle aller Gnaden, mit denen die See-
len durch die heiligen Sakramente überschüttet werden. Darauf haben
unsere Väter hingewiesen. Wo anders wäre daher das Kreuzzeichen bes-
ser angebracht als bei den Sakramenten, und wenn es nur deswegen
wäre, um zu bekennen, daß die Passion die Quelle der heilsamen Was-
ser ist, die sie uns vermitteln? Die Weihen sind die vorzüglichsten An-
rufungen, die in der Kirche gemacht werden. Weil das hochheilige Zei-
chen ein dermaßen geeignetes Mittel zu beten ist, kann es nicht besser
als zu diesem Zweck angewendet werden. Außerdem war es in der Kir-
che des Altertums eine gebräuchliche Form, mit dem Kreuzzeichen zu
weihen. Hören wir die Zeugen.
Der hl. Chrysostomus: „So leuchtet das Kreuz auf dem heiligen Tisch,
bei der Priesterweihe, so ebenfalls mit dem Leib Christi beim mysti-
schen Mahl.“ An anderer Stelle sagt er vom Kreuz: „Alles, was zu unse-
rem Heil nützt, ist in ihm vollbracht; denn wenn wir wiedergeboren
werden, ist das Kreuz dabei, wenn wir mit der hochheiligen Speise ge-
nährt werden, wenn wir vorgestellt werden, um zum Priester geweiht zu
werden, überall und stets begleitet uns dieses Siegeszeichen.“ Der hl.
Augustinus: „Wenn dieses Zeichen nicht auf die Stirn der Gläubigen
gemacht wird oder über das Wasser selbst, durch das sie wiedergeboren
werden, oder über das Öl, mit dem sie im Chrisam gesalbt werden, oder
beim Opfer, von dem sie gespeist werden, dann wird nichts von all dem
gebührend vollzogen.“ Aber diese Zeugnisse habe ich schon an anderer
Stelle wiedergegeben zusammen mit anderen, die hier angeführt wer-
den können. Hier sind weitere.
Der hl. Cyprian: „Wir rühmen uns im Kreuz des Herrn, von dem die
vollkommene Kraft aller Sakramente stammt. Ohne dieses Zeichen gibt
es nichts Heiliges und keine Weihe erreicht ihre Wirkung.“ Und an

155
anderer Stelle: „Wer immer schließlich die Verwalter der Sakramente
sein mögen, wie die Hände sein mögen, mit denen man jene wäscht oder
salbt, die zur Taufe kommen, aus welcher Kehle die heiligen Worte
kommen mögen: die Autorität oder Wirkkraft gibt allen Sakramenten
Wirkung im Kreuzzeichen.“ Der hl. Dionysius Areopagita bestätigt, daß
der Chrisam in Kreuzesform in das Taufbecken gegossen wurde, wie wir
es jetzt noch machen; und von der heiligen Ölung sagt er: „Der Bischof
beginnt die Ölung mit dem heiligen Kreuzzeichen und überläßt den
Menschen den Priestern, damit er von ihnen am ganzen Leib gesalbt
werde.“ Von den heiligen Weihen sagt er: „Nun wird jedem von ihnen
vom segnenden Bischof das Kreuzzeichen gemacht.“
Der hl. Clemens sagt, wenn die ersten Bischöfe der Christenheit an
den Altar traten, bezeichneten sie sich mit dem Kreuz: „Wenn also der
Bischof mit den Priestern allein betet, während er vor dem Altar ste-
hend ein prächtiges oder strahlendes Gewand anlegt, bezeichne er sich
auf der Stirn mit dem Siegeszeichen des Kreuzes und spreche: ‚Die Gnade
des allmächtigen Gottes, die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und
die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch‘ (2 Kor 13,13).“
Der hl. Augustinus erwähnt den Brauch, die Kinder bei der Taufe (mit
dem Kreuz) zu bezeichnen, wenn er sagt, daß er schon vom Mutterleib
an mit dem Kreuzzeichen bezeichnet und mit Salz gewürzt war. Er wollte
damit sagen, daß ihn seine Mutter für die Taufe bestimmt hat, bei der
man das Kreuzzeichen machte und Salz gab, wie man es jetzt macht.
Der Traktant erkennt es (B.T. 30) fast ebenso, aber er kann nie frei die
Wahrheit sagen. In der Liturgie des hl. Jakobus und des hl. Chrysosto-
mus wird dem Priester sehr oft empfohlen, das Kreuzzeichen zu ma-
chen; in der des hl. Basilius macht der Priester das Kreuzzeichen nicht
nur über die Opfergaben, sondern er macht es dreimal über das Volk in
der Form unseres bischöflichen Segens. Das genügt.

156
7. Kapitel

Warum man das Kreuzzeichen auf die Stirn der Täuflinge und bei
anderen Gelegenheiten macht.

Früher machte man das Kreuzzeichen auf alle Glieder im allgemei-


nen: „Machen wir dieses lebenspendende Zeichen auf unsere Türen“,
sagt der hl. Ephräm, „auf unsere Stirn, auf den Mund, auf die Brust und
auf alle Glieder.“ Trotzdem bekreuzigt man sich gewöhnlich auf der
Stirn, wie man dem einnehmen kann, was ich bisher gesagt habe; aber
hier sind einige Gründe dafür:
1. „So sehr ich mich des Kreuzes Jesu Christi schämen müßte, habe
ich es nicht an einer verborgenen Stelle, sondern ich trage es auf der
Stirn. Wir empfangen mehrere Sakramente auf verschiedene Weise;
manche davon nehmen wir mit dem Mund auf, wie ihr wißt, einige im
ganzen Leib. Nun hat man die Scham auf der Stirn. Der gesagt hat: Wer
sich meiner vor den Menschen schämt, dessen werde auch ich mich vor
meinem Vater schämen, der im Himmel ist (Mt 10,33; Lk 9,26), der hat
deswegen an die Stelle der Scham und Scheu die gleiche Schande ge-
setzt, die die Heiden verachten. Ihr hört einen Menschen, der irgend-
einen Unverschämten rügt, sagen: Er ist ‚unverfroren‘.25 Was soll das
heißen? Er hat keine Stirn, er ist unverschämt. Möge ich daher keine
nackte Stirn haben; möge sie das Kreuz meines Erlösers bedecken.“
Das ist tatsächlich eine schöne Begründung, mit den eigenen Worten
des hl. Augustinus vorgetragen. Der Traktant nimmt sie an, indem er
sie zu diesem Gegenstand (B.T. 16) vom gleichen Kirchenlehrer zi-
tiert.
2. Hier ist der zweite Grund: „Die Türpfosten der Häuser von Israel
waren mit Blut gesalbt und bestrichen (Ex 12,22f), um das Unheil fern-
zuhalten; die christlichen Völker sind gezeichnet mit dem Zeichen der
Passion des Erlösers als Schutzmittel des Heils.“ Das sind ebenfalls
Worte des hl. Augustinus; durch sie zeigt er: wie die Kinder Israels die
Türpfosten und Oberschwellen ihrer Wohnung mit dem Blut des Pa-
schalammes kennzeichneten, um vor der Ausrottung bewahrt zu wer-
den, so werden die Christen bezeichnet auf der Stirn, gleichsam auf der
Oberschwelle des ganzen Menschen, mit dem Zeichen des Blutes und
der Passion des Lammes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt (Joh
1,29), um vor allen Feinden ihres Heils in Sicherheit zu sein. Dasselbe
sagt Lactanz auf sehr schöne Weise. Der hl. Ephräm erwähnt es im Buch

157
von der wahren Buße und der hl. Cyprian sagt es ganz ausdrücklich in
seinem 2. Buch an Quirinus.
Der Traktant anerkennt (B.T. 18) diesen Grund als vom hl. Augusti-
nus und von Lactanz stammend, und sogleich fügt er folgende Kritik
hinzu: „Wie dem auch sei, das war eine Form, die durch Nachahmung
des jüdischen Vorbilds eingeführt wurde, nicht durch ein Gebot. Nun
darf man sich nie einzig auf das Beispiel von Menschen stützen, sondern
auf die allgemeinen Regeln, die vom Gebot Gottes abgeleitet sind. Die
Israeliten hatten das Gebot Gottes, zu tun, was sie auf ihren Türschwel-
len getan haben, aber den Christen wurde nicht befohlen, sich auf der
Stirn zu bezeichnen. Davon rührt außerdem ein verderblicher Irrtum
her, der zunächst aus Einfalt entstand, dann durch Unwissenheit größer
wurde und gegenwärtig aus Starrsinn aufrecht erhalten wird, nämlich
dem Holz des Kreuzes zuzuschreiben, was nur dem Gekreuzigten eigen
ist.“ Das ist das Geschwätz des kleinen Traktanten, auf das ich einiges zu
erwidern habe.
1) Der Traktant will die Alten tadeln, weil sie eine Zeremonie aner-
kennen, von der nichts geschrieben steht, aber er weist keinerlei Autori-
tät vor, um seinen Tadel zu begründen. Weil er kein Gebot der Heiligen
Schrift hat, das Kreuzzeichen zu machen, will er es nicht tun; weil es
kein Verbot in der Heiligen Schrift gibt, es zu machen, werde ich auf
keinen Fall aufhören, es zu machen.
2) Es ist eine ausgesprochene Ignoranz oder Dummheit zu behaup-
ten, man dürfe sich niemals auf das Beispiel von Menschen stützen,
sondern auf die allgemeinen Regeln, die vom Gebot Gottes abgeleitet
sind. Wo ist geboten, auf der Erde kniend zu beten? Tatsächlich konnte
Calvin das sonst nirgends finden als da, wo der Apostel (1 Kor 14,40)
sagt: Alles geschehe wohlanständig und in Ordnung. Aber ich bitte Sie,
sehen Sie diese Folgerung: Alles geschehe wohlanständig und in Ord-
nung, daher muß man beim Gebet knien. Was denn? Wäre es nicht
wohlanständig und in Ordnung, zu sitzen, zu stehen oder ganz auf die
Erde hingestreckt zu sein? Warum ist es nicht wohlanständig, sich auf
der Stirn zu bekreuzigen? Welches Gebot hatten Isaak und Jakob, ihre
Kinder zu segnen (Gen 27,27.39; 49,28)? Welches der hl. Johannes, so
rauhe Kleider zu tragen, in der Wüste zu leben und nicht im Haus seines
Vaters, weder Wein noch Berauschendes zu trinken, nur Heuschrecken
und wilden Honig zu essen und diesen Ledergürtel zu tragen (Mt 3,4)?
Was den Gürtel betrifft, ahmte er Elija (2 Kön 1,8) nach, aber ohne
Gebot. Trotzdem sind das Dinge, die die Evangelisten für bemerkens-

158
wert hielten und auch erwähnt haben. Welches Gebot hatte Elischa, als
er mit dem Mantel seines Meisters das Wasser schlug (2 Kön 2,14)? Tat
er es nicht, um nachzuahmen, was sein Meister kurz zuvor (2,8) getan
hatte? Die Hände erheben und auflegen, um zu segnen, wie wir schon
oben gezeigt haben, wo wurde das geboten? Trotzdem wird von der
Heiligen Schrift die Übung bezeugt.
3) Es ist eine Fälschung zu behaupten, den Christen sei es nicht gebo-
ten worden, sich an der Stirn (mit dem Kreuz) zu bezeichnen, denn
erstens ist das Kreuzzeichen ein Bekenntnis des Glaubens und eine
Anrufung des Gekreuzigten, darum ist überall geboten, sich an der Stirn
zu bezeichnen, wo es geboten ist, den Glauben zu bekennen und Jesus
Christus anzurufen. Ja, wird der Traktant sagen, aber man kann Gott auf
andere Weise bitten. Das gebe ich zu, aber ich sage, man kann auch auf
diese Weise beten, ebenso gut wie durch das Erheben der Hände und der
Augen. Da in den allgemeinen Geboten, zu Gott zu beten, den Glauben
seiner Religion zu bekennen, das Kreuzzeichen nicht ausgeschlossen
ist, warum soll man es davon ausschließen? Calvin gibt zu, man könne
durch keine ausdrückliche Schriftstelle nachweisen, daß jemals ein Kind
von den Aposteln getauft wurde, aber kühn behauptet er trotzdem, „man
kann dennoch nicht sagen, sie hätten sie nicht getauft, weil sie nie davon
ausgeschlossen wurden, wenn berichtet wird, daß eine Familie getauft
wurde.“26 Ebenso könnte ich sagen, man kann nicht ausdrücklich nach-
weisen, das Gebet durch das Kreuzzeichen sei ausdrücklich geboten;
trotzdem kann man nicht sagen, es sei nicht geboten, weil es nie ausge-
schlossen ist, wenn zu beten geboten wird.
Item, wenn das Vorbild angeordnet ist, dann ist es die versinnbildete
Sache hinreichend genug. Das Vorbild wurde ja nur gebraucht, um die
versinnbildete Sache zu empfehlen und uns ihres Erfolges zu versichern.
Wenn man nun dem hl. Cyprian, dem hl. Augustinus, dem hl. Ephräm
und anderen sehr alten Vätern mehr glauben muß als diesem kleinen
Traktanten, dann war das Bestreichen der Türpfosten und Oberschwel-
len ein Sinnbild des Zeichens, das man den Christen auf die Stirn macht.
Wenn also dessen Vorbild den Juden geboten war, haben die Christen
Grund genug, um die versinnbildete Sache für ganz geboten zu halten.
Die Beschneidung, das Vorbild der Taufe, wurde im Alten Testament
für die kleinen Kinder angeordnet. Calvin macht es keine Schwierig-
keit, auf dieses Gebot für das Vorbild einen gewissen Beweis für den
Artikel von der Taufe der kleinen Kinder gegen die Wiedertäufer zu
stützen. Warum sollte es dem hl. Augustinus und anderen Kirchenvä-

159
tern nicht erlaubt sein, vom Zeichen des Blutes des Lammes, das an den
Haustüren angebracht war, eine Folgerung abzuleiten, um zu zeigen,
daß wir unsere Stirn, gleichsam als Schwelle dieser irdischen Wohnung,
mit dem Zeichen der heiligen Passion bezeichnen müssen?
Drittens, weil es aber nicht ganz ausdrücklich in der Heiligen Schrift
steht, hinterließen es die Apostel im anderen Teil der christlichen und
evangelischen Lehre, die man Überlieferung nennt. „Welches Gespräch
und welche Tätigkeit uns auch beschäftigen mag, wir berühren unsere
Stirn mit dem Kreuzzeichen. Wenn du jedoch nach einem geschriebenen
Gebot dieser Übung fragst, wirst du keine finden; man wird dir die Über-
lieferung als Quelle nennen, den Brauch als Bestätigung und den Glau-
ben als Bewahrer.“ Das sind die Worte des altehrwürdigen Tertullian;
und der hl. Basilius sagte wenig später: „Wir haben bestimmte Artikel,
die in der Kirche nach der schriftlich festgelegten Lehre verkündet wer-
den, einige entnehmen wir auch der Überlieferung der Apostel, die sie als
Mysterium hinterlassen haben“, d. h. als Geheimnis, „und beide haben
die gleiche Bedeutung für die Frömmigkeit, und niemand widerspricht
dem, so wenig er wissen mag, was die kirchlichen Vorschriften sind. Wenn
wir nämlich die ungeschriebenen Bräuche abzulehnen versuchen, als sei-
en sie kaum wichtig, werden wir unkluger Weise auch die zum Heil not-
wendigen Dinge verwerfen, die im Evangelium stehen. So werden wir
vielmehr die Verkündigung des Glaubens selbst zu einem leeren und
eitlen Wort entwerten. Von dieser Art ist (um als erstes zu nennen, was
das Erste und Bekannteste ist), daß wir mit dem Kreuzzeichen jene be-
zeichnen, die ihre Hoffnung auf Jesus Christus gesetzt haben: wer hat das
nach der Schrift gelehrt?“ Haben Sie diesen großen, altehrwürdigen Mei-
ster gehört, Sie kleiner Traktant, wie er den Brauch, sich auf der Stirn zu
bezeichnen, für durchaus geboten hält, obwohl er nicht ausdrücklich ge-
schrieben steht? Was können Sie ihm erwidern, außer Ihrer Gewohnheit
entsprechend, daß er (nur) ein Mensch ist? Gewiß ist er ein Mensch, aber
sehr christlich und sehr bewandert im evangelischen Gesetz, einer, der in
der Kirche zur Zeit ihrer größten Reinheit lehrte. Damals nannte ihn der
hl. Gregor von Nyssa „eine großartige Stimme und Posaune und das Auge
der Welt“. Er war ein einzelner Bischof, aber in sehr guter Kenntnis der
kirchlichen Lehre und Disziplin in Übereinstimmung mit allen seinen
Amtsbrüdern.
Schließlich möchte ich gern, daß der Traktant die Zeit nennt, zu der
der Irrtum aufkam, dem Holz zuzuschreiben, was dem Gekreuzigten
eigen ist. Wenn er von der Verehrung des Kreuzes reden hört, die er in

160
der katholischen Kirche rügt, wird er nicht nachweisen können, wann
sie entstanden ist, denn sie bestand immer; und er ist töricht zu sagen,
sie sei aus Einfalt entstanden. Der hl. Ambrosius, der hl. Paulinus, der
hl. Augustinus und tausend andere Väter wie sie, die diese Verehrung
lehrten, wie ich in den zwei vorausgehenden Büchern nachgewiesen habe,
waren tatsächlich einfältig wie Tauben, gleichzeitig waren sie aber auch
klug wie Schlangen, so daß ihre heilige Einfalt keinen Irrtum hervor-
bringen konnte. Das ist die Schmähung, die diese Neuerer gegen das
Altertum ausstoßen, die nur schlecht gemildert wird, wenn man sie der
Einfalt zuschreibt. Denn diese irrende Einfalt und Mutter des Irrtums
heißt Torheit bei denen, die Verantwortung für die Völker haben. Au-
ßerdem verleumdet der Traktant, wenn er behauptet, man schreibe dem
Holz des Kreuzes zu, was dem Gekreuzigten eigen ist. Daran haben wir
doch nie gedacht und haben es nicht getan, wie ich vorher gezeigt habe.
Übrigens ist es eine spassige Abstufung, die dieser Mann macht, wenn
er sagt, der Irrtum, das Kreuz zu verehren, sei „entstanden aus Einfalt,
sei größer geworden durch Unwissenheit und werde jetzt aus Starrsinn
aufrecht erhalten“. Damit schreibt er ja unserer Zeit das Wissen und die
Erkenntnis verbunden mit Starrsinn zu, den Vorfahren eine einfache
Unwissenheit und den frühesten Christen eine unwissende Einfalt, denn
eine andere Einfalt kann keinen Irrtum verursachen. Dabei wären im
Gegenteil die so Klarsichtigen des Altertums viel mehr unentschuld-
bar, den Irrtum begonnen zu haben, wenn es einen gab, als wir, die wir
dessen viel weniger verständige und weise Anhänger wären. Dann wären
wir es, die aus Einfalt und Unwissenheit in der Nachfolge der Alten
irrten. Aber ich gebe mich mit diesem plumpen Schwätzer zu viel ab.
3. Der dritte Grund, sich auf der Stirn zu bezeichnen, wird vom hl.
Hieronymus folgendermaßen angegeben: „Der Priester des Alten Bun-
des trug an seinem Kopfbund befestigt ein Blatt aus sehr feinem Gold,
das über seine Stirn hing; darauf war eingeprägt: ‚Sanctum Domino;
dem Herrn heilig‘. Diese Schrift mußte er stets auf seiner Stirn tragen,
damit Gott ihm gnädig sei (Ex 28,36-3 8). Was einst im Goldblatt ge-
zeigt wurde, ist uns im Kreuzzeichen gezeigt; das Blut des Evangeliums
ist kostbarer als das Gold des Alten Bundes.“ Um also zu zeigen, daß
die Christen als eine königliche Priesterschaft (1 Petr 2,9) dem Herrn
heilig sind durch das Blut des Erlösers, tragen sie statt des Goldblattes
das Kreuzzeichen auf der Stirn.
Es gibt noch andere Gründe, die vom altehrwürdigen Origenes und
vom hl. Chrysostomus angeführt werden: 4. Das Kreuzzeichen ist unse-

161
re Standarte, die an der sichtbarsten Stelle unserer Stadt angebracht sein
muß. 5. Er ist unsere Siegestrophäe; man muß sie zuhöchst in unserem
Tempel anbringen, gleichsam auf einer Ehrensäule. 6. Es ist unsere Kro-
ne, sie gehört auf unser Haupt. 7. Es ist unser Wappenschild; es gehört
an das Portal und an den Giebel unseres Hauses. 8. Es ist ein Ehrenzei-
chen; man muß es mit der rechten Hand als der vornehmeren machen
und es auf den erhabensten Teil unseres Körpers setzen. Es gibt deren
noch tausend ähnliche bei den alten Vätern.

8. Kapitel

Ein weiterer (neunter) Grund,


warum man das Kreuzzeichen auf der Stirn macht,
dem Propheten Ezechiel entnommen.

Ezechiel (9,3-6) sagt: Gott rief den Mann im Linnenkleid, der Schreib-
geräte an der Hüfte trug, und der Herr sprach zu ihm: Geh mitten durch
die Stadt, mitten durch Jerusalem und bezeichne mit einem Tau die Stirn
der Menschen, die seufzen und klagen wegen der Greuel, die in ihr gesche-
hen. Und gleich danach gebot er den sechs Männern, die tödliche Waf-
fen in den Händen hatten, alles zu töten, was sie in der Stadt finden. An
wem ihr aber das Tau findet, den tötet nicht, sprach er. Dieses Tau, das
Zeichen der Rettung, versinnbildete nichts anderes als das Kreuz. Nun
war es auf der Stirn gezeichnet, und deswegen machen wir das Kreuzzei-
chen auf der Stirn. Das ist ein schöner Beweis für die Ehre und Kraft des
Kreuzes und um so bemerkenswerter, weil ihn der Traktant zu verwi-
schen versucht. Sehen wir daher im einzelnen, was er darüber sagt, und
prüfen es.
1. Er gibt (B.T. 21) den Text Ezechiels folgendermaßen wieder: „Be-
zeichne die Stirn der Menschen mit einem Zeichen“; dann fährt er so
fort: „In diesem Sinn und mit ähnlichen Worten hat es der griechische
Übersetzer übersetzt; auch der hl. Hieronymus berichtet, daß die Über-
setzer der Septuaginta, auch Aquila und Symmachus dasselbe sagten,
nämlich: Mache ein Zeichen oder Kennzeichen auf ihre Stirn. Denn
Tau bedeutet auch im Hebräischen ein Kennzeichen oder Zeichen und
kommt vom Wort ‚Thavah‘, d. h. bezeichnen oder kennzeichnen.“ Das
sind keine großen Neuigkeiten; viele der Unseren haben das schon be-

162
richtet, unter anderen Sixtus von Siena. Aber welche Folgerung gegen
uns kann man daraus ziehen?
Nehmen wir an, diese Übersetzung sei die bessere, haben wir dabei
nicht immer noch den Vorteil, daß darunter das Kreuzzeichen verstan-
den werden kann und muß? Es ist ja das vorzüglichste der reinen und
einfachen Zeichen, das große Zeichen des Menschensohnes, geeigneter
als irgendeines unter dem Namen und Wort Kennzeichen oder Zeichen
für sich. Denn obwohl es mehrere Zeichen des Menschensohnes geben
kann, wenn jedoch absolut vom Zeichen des Menschensohnes gespro-
chen wurde, verstanden es die Alten vom Kreuz. Und wenn der hl. Hie-
ronymus im Brief an Fabiola das Zeichen Ezechiels nicht für den blo-
ßen Buchstaben Tau hält, sondern für Zeichen und Kennzeichen im
allgemeinen, so versäumt er dennoch nicht, es auf das Kreuz anzuwen-
den. „Damals“, sagt er, „wurde nach dem Wort Ezechiels das Zeichen
auf die Stirn der Klagenden gemacht, jetzt machen wir das Kreuzzei-
chen und sagen: Herr, das Licht deines Angesichts ist über uns gezeich-
net“ (Ps 4,7). So heißt es auch in der Geheimen Offenbarung (7,3):
Schädigt nicht die Erde noch das Meer und die Bäume, bis wir die Diener
unseres Gottes auf ihrer Stirn gekennzeichnet haben. Das Kennzeichen,
von dem hier die Rede ist, ist nichts anderes als das Kreuz; davon sind
Oecomenes, Rupert, Anselm und viele andere von den Alten mit gutem
Grund überzeugt; denn welches andere Zeichen könnte man auf der
Stirn tragen, das vor Gott Vater ehrenvoller wäre, als das seines Sohnes?
Und auf welche andere Art von Kennzeichen könnte man alle diese
heiligen Worte besser anwenden als auf jenes, von dem wir wissen, daß
sich die größten Diener Gottes alle damit bezeichnet und daß sie so viel
von ihm gehalten haben?
2. Nachdem der Traktant in dieser Weise seine Meinung über die Über-
setzung dieser Stelle vorgetragen hat, fährt er (B.T. 22) folgendermaßen
fort: „Es ist wahr, daß Theodotion und die Interpretation der Vulgata
das Wort Tau beibehalten und es buchstäblich verstanden haben, wie
man in den Schulen sagt; darunter haben einige nach ihrem Belieben
philosophiert. Wie derselbe hl. Hieronymus sagt, haben die einen ge-
sagt, durch den Buchstaben Tau, den letzten im hebräischen Alphabet,
würden jene versinnbildet, die ein vollkommenes Wissen haben. Die
anderen sagen vom gleichen Buchstaben, darunter sei das Gesetz zu
verstehen, das im Hebräischen Torá heißt; davon ist das Tau der An-
fangsbuchstabe. Derselbe hl. Hieronymus hat schließlich den Ausdruck
beiseite gelassen, den der Prophet gebrauchte, hat den Ausdruck der

163
Samariter erforscht und sagt, bei den Samaritern habe das Tau Ähnlich-
keit mit einem Kreuz, aber er zeichnet die Gestalt dieses Tau der Sama-
riter nicht. Er spürt jedoch, daß diese seine Auslegung weit hergeholt
ist, und fügt unmittelbar darauf eine andere Auslegung hinzu, daß näm-
lich das Tau, das der letzte Buchstabe im Alphabet ist, die rechtschaffe-
nen Menschen versinnbilde, die von der Menge jener übrigbleiben, die
ein schlechtes Leben führen.“ Das ist der zweite Geistesblitz des Traktan-
ten zu dieser Frage. Dazu habe ich einiges zu sagen.
1) Die alte allgemeine Ausgabe der Vulgata verdient sehr wohl so viel
Glauben, daß man sie nicht übereilt zugunsten irgendeiner anderen auf-
gibt. Da sie am Tau als dem Kennzeichen festhält, mit dem die Klagen-
den bezeichnet werden mußten, dürfen wir es nicht einer Kleinigkeit
wegen ablehnen.
2) Es ist ein sehr schlechter Ausdruck zu sagen, einige hätten darüber
„nach ihrem Belieben“ philosophiert, wenn er damit die Erwägungen
meint, die man früher über diese Prophezeiung anstellte; denn diese
altehrwürdigen und gediegenen Geister haben die Heilige Schrift nicht
nach ihrem Belieben gehandhabt, sondern haben ihr Belieben nach der
Heiligen Schrift gerichtet.
3) Obwohl der hl. Hieronymus mehrere Bedeutungen anführt, sind
diese nicht gegensätzlich, sondern lassen sich alle vereinbaren mit jener,
die der hl. Hieronymus für die angemessenste hält, die ungezwungen und
natürlich ist. Denn die Fülle der Erkenntnis, versinnbildet durch das Tau
als Schluß und Vollendung der Buchstaben, besteht darin, das Gesetz zu
kennen und zu erfüllen, das ebenfalls durch das Tau versinnbildet wird,
insofern das Wort Torá, das Gesetz bedeutet, mit Tau beginnt. Nun wird
das Gesetz nur vom Rest und der kleinen Zahl der Guten gehalten, und
das kraft des Kreuzes und des Todes des Erlösers, dessen Zeichen sie auf
ihrer Stirn tragen, dargestellt durch den hebräischen Buchstaben Tau.
Das heißt zur Ehre Gottes Philosophieren, nicht nach seinem Belieben.
4) Aber ist es nicht eine allzu große Durchtriebenheit, weismachen zu
wollen, der hl. Hieronymus habe sich nicht auf die dritte Bedeutung
festlegen wollen, weil sie zu weit hergeholt sei, und habe deswegen die
anderen angeführt? Gewiß, das ist eine ausgesprochene Fälschung; denn
1. Die letzte Auslegung ist gezwungener, die dritte geläufiger; welche
Übereinstimmung besteht denn zwischen dem Rest der Bösen und dem
letzten Buchstaben des Alphabets? Sie ist aber groß zwischen dem alten
hebräischen Tau und dem Kreuz, wie derselbe hl. Hieronymus sagt. 2.
Der hl. Hieronymus wiederholt an anderer Stelle die dritte Auslegung;

164
das zeigt hinlänglich, daß er sie für rechtmäßig hält. Ich habe die Stelle
oben zitiert. 3. Er bekennt offen, daß das seine Auffassung ist, denn
nachdem er die beiden ersten angeführt hat, trägt er die dritte folgender-
maßen vor: „Um aber zu unserer Frage zu kommen, von allen Buchsta-
ben der Hebräer, die die Samariter bis heute verwenden, hat der letzte
Buchstabe Tau eine Ähnlichkeit mit dem Kreuz, das auf die Stirn der
Christen gezeichnet und sehr oft mit der Hand gemacht wird.“
5) Daraus ersieht man, daß der Traktant entweder aus Unwissenheit
oder böswillig sagt, der hl. Hieronymus habe den Buchstaben beiseite
gelassen, den der Prophet verwendete, um den Buchstaben der Samari-
ter zu erforschen. Gibt es einen so armseligen Menschen, der nicht wüß-
te, daß Ezechiel vor Esra lebte? Der starb in der Gefangenschaft, dieser
nach ihr und nach der Wiedererrichtung des Tempels. Wer wüßte nicht,
daß Esra der letzte in der ununterbrochenen Abfolge der Propheten
war? Nun war es Esra, der die früheren Buchstaben der Hebräer änderte
in jene, die wir jetzt haben. Aber die Samariter behielten sie bei (man
vergleiche, was der hl. Hieronymus darüber im ‚Prologus galeatus‘ sagt).
Ezechiel, der vor der Änderung schrieb, gebrauchte also die alte Form
der hebräischen Buchstaben, nach der das Tau dem Kreuz ähnlich war.
Es ist daher so weit gefehlt, daß der hl. Hieronymus den Buchstaben
beiseite gelassen hätte, den der Prophet verwendete; er hat im Gegenteil
bei den alten hebräischen Buchstaben nach ihm geforscht, der bei den
Samaritern erhalten blieb. Der hl. Hieronymus forscht auch nicht nach
dem Buchstaben der Samariter, wie der Traktant behauptet, sondern
vielmehr nach dem der früheren Hebräer, „dessen sich die Samariter
bis heute bedienen“, sagt er. Er wußte ja, daß Ezechiel zweifellos diesen
früheren Buchstaben verwendete, weil die Änderung noch nicht gesche-
hen war, als er seine Prophezeiung machte und verkündete.
3. Der Traktant wirft weiterhin unserer Begründung, die von der Pro-
phezeiung Ezechiels abgeleitet ist, das Mißverständnis vor, das nach sei-
ner Behauptung (B.T. 22f) zwischen dem Kreuz und dem früheren Tau
der Hebräer bestünde: „Denn ob der Buchstabe Tau in hebräischer Schrift
geschrieben wird oder in samaritanischer in einem Zeichen, ist doch leicht
zu erkennen, daß es wenig Ähnlichkeit mit einem ganzen Kreuz hat, denn
das hebräische Zeichen wird anders geschrieben als das samaritanische
Zeichen T, das nicht die wirkliche Gestalt eines Kreuzes hat, denn hier
fehlt der obere Teil, an dem die Inschrift oder das Urteil des Kreuzes
angeheftet war, wie Lypsius im 10. Kapitel seines ersten Buches über das
Kreuz zu Recht festgestellt hat.“ Sind das nicht große Kniffe?

165
1) Er sagt, zwischen dem T und einem ganzen Kreuz + bestehe wenig
Ähnlichkeit. Aber welche größere Ähnlichkeit kann es denn geben als
zwischen dem Tau und einem Kreuz? Wir sagen gewiß nicht, das Tau sei
ein Kreuz, sondern daß es ihm ähnlich ist. Nun, similia non sunt eadem
(ähnlich ist nicht gleich). Es ist kein Kreuz, aber es fehlt nicht viel dazu.
Wollte Gott, diese Reformatoren hätten diesen selten großen Geist Ju-
stus Lipsius nachgeahmt; dann wären sie nicht länger Feinde des Kreu-
zes.
2) Er hat auch unrecht anzuführen, wie das hebräische Zeichen ge-
macht wird, denn das ist das Zeichen, wie es heute gemacht wird; wir
sprechen aber nicht von diesem, sondern von dem, das zur Zeit Ezechiels
war; von ihm sagt der hl. Hieronymus, daß es dem Kreuz ähnlich ist.
3) Was das samaritanische Schriftzeichen betrifft, weiß ich nicht, ob
es zur Zeit des hl. Hieronymus ganz dasselbe war, wie es heute ist. Ich
glaube, dann hätten es die Juden und Rabbiner geändert aus Haß gegen
das Kreuz, das sie so sehr verabscheuen, daß sie es nicht einmal nennen
wollen, wie der gelehrte Genebrard bemerkt hat und ich an anderer
Stelle gesagt habe.
4. Der Traktant wendet (B.T. 23) noch ein: Wenn das gesprochene Tau
mit seinen Konsonanten und einem Vokal geschrieben wurde, wie es
heute im hebräischen Text steht, dann hat es noch weniger Ähnlich-
keit.“ Darauf antworte ich: Tau bedeutet ein Zeichen und einen einzel-
nen Buchstaben, ähnlich dem Kreuz. Wenn die Prophezeiung als ein
Zeichen für sich zu verstehen ist, muß man sie stets auf das Kreuz bezie-
hen wegen seiner Vorzüglichkeit, wie ich zuvor gesagt habe. Da sie au-
ßerdem ausgedrückt wurde durch ein Wort, dessen Anfangsbuchstabe
die Form des Kreuzes hat, und nicht nur das, sondern auch noch ein
bestimmtes einziges Zeichen darstellt, das Ähnlichkeit mit dem Kreuz
hat, sind wir bei Erwägung so vieler Umstände stets mehr gezwungen,
dieses Zeichen der Prophezeiung als das des Kreuzes zu verstehen. Wenn
aber das Wort Tau nicht nur ein Zeichen darstellt, sondern auch ein
Kreuz, wie Genebrard versichert, ein äußerst oder unglaublich in der
hebräischen Sprache Bewanderter, welch größeres Licht wollte man als
Bestätigung unserer Behauptung noch haben?
5. „Aber nach den Worten muß man zum Sinn kommen“, sagt der
Traktant (B.T. 23). „Vor allem ergibt sich aus dem, was im 8. und 9.
Kapitel Ezechiels berichtet wird, daß alles, was da gesagt ist, in einer
geistigen Vision vorgestellt wurde, so daß sich die Sache nicht in Wirk-
lichkeit zugetragen hat.“ Hier stimme ich gern zu und sage: Da diese

166
Vision geistig war, bezieht sie sich um so mehr auf den Geist des Evan-
geliums als auf den Buchstaben des alttestamentlichen Gesetzes. Da
sich die Sache nicht wirklich im alten, wirklichen Jerusalem zugetragen
hat, mußte sie tatsächlich im neuen, christlichen Jerusalem in Erfül-
lung gehen.
„Zweitens ist klar“, sagt der Traktant (B.T. 23), „daß diese Prophezei-
ung eigentlich und im besonderen gegen die Stadt Jerusalem gerichtet
war und daß ihre Erfüllung sich zeigte, als die Babylonier die Stadt Jeru-
salem einnahmen und zerstörten und einen bestimmten Rest des Volkes
in Gefangenschaft führten. Daher ist es unvernünftig, was für eine be-
stimmte Zeit, einen bestimmten Ort und für bestimmte Personen gesagt
wurde, auf andere anzuwenden und zu beziehen, was nie die Absicht Gottes
war, der durch den Mund Ezechiels gesprochen hat.“ Hier hätte ich viel
zu sagen, aber für meinen Zweck genügt das folgende:
1) Obwohl diese Worte Ezechiels unmittelbar gegen Jerusalem ge-
richtet waren, ist es dennoch eine Folgerung aus Ignoranz, den Schluß
zu ziehen, sie dürften nicht auf das geistige Jerusalem angewendet wer-
den. Wie viele Prophezeiungen gibt es, die auf die Wahrheit des Evange-
liums abzielten, die aber trotzdem ihrem ursprünglichen Sinn nach nur
das betrafen, was im Schatten und Gleichnis des Alten Bundes geschah?
Siehe Psalm 72: Gott, gib dein Gericht dem König. Das zielt ganz auf
unseren Erlöser und sein Königtum, obwohl es unmittelbar für Salomo
bestimmt war, der hier als Schatten und Gleichnis dient, um Jesus Chris-
tus zu versinnbilden, den Fürsten des ewigen Friedens. Ebenso heißt es
im 2. Buch Samuel (7,14): Ich werde ihm Vater und er wird mir Sohn
sein. Ist das nicht unmittelbar und in seinem ursprünglichen Sinn von
König Salomo zu verstehen, den Sohn der Batseba? Trotzdem bezieht es
sich auf den Heiland der Welt und kommt auf ihn hinaus, außer Sie
verwerfen, um Ihre Ungereimtheiten aufrecht zu erhalten, auch den He-
bräerbrief, denn dort ist (1,5) dieser Text ausdrücklich auf Jesus Chris-
tus bezogen. Und das Wort: Ihr werdet an ihm kein Gebein zerbrechen,
versteht der hl. Johannes (19,36) von Jesus Christus, und trotzdem wur-
de es unmittelbar vom Osterlamm gesagt. Wenn also Ezechiel seine
Prophezeiung unmittelbar gegen Jerusalem richtet, muß sie dennoch
vom Geheimnis der Kirche verstanden werden.
2) Aber selbst wenn es nur aus Ehrfurcht vor den Alten wäre, die das
Tau Ezechiels auf das Kreuz bezogen haben, müßte der Traktant eher
Jahre darauf verwenden, um die Gründe dafür zu erforschen, als so
frech zu behaupten, das sei unvernünftig, der Text sei verdreht und es sei

167
nie die Absicht des Heiligen Geistes gewesen, daß er so verstanden
wird. Wenn man den Grund nicht sieht, der unsere Väter bewogen hat,
etwas zu sagen, darf man sie deswegen nicht für unvernünftig halten. Es
wäre besser, mit jenem zu sagen: Was ich davon verstehe, ist schön, und
ich glaube auch das, was ich nicht verstehe. Und wie viele Väter haben
dieses Tau Ezechiels auf das Kreuz bezogen!
Origenes: „Wenn das Blutbad in der Person der Heiligen begonnen
hat, werden nur die gerettet, die mit dem Tau, d. h. mit dem Abbild des
Kreuzes, gekennzeichnet sind.“ Tertullian: „Der griechische Buchstabe
Tau und unser T ist das Gleichnis des Kreuzes, von dem er (Ezechiel)
vorhergesagt hat, daß es auf unserer Stirn gegen das katholische Jerusa-
lem sein muß.“ Der hl. Cyprian: „Daß in diesem Zeichen das Heil für
alle liegt, die mit ihm auf der Stirn bezeichnet sind, sagt Gott durch
Ezechiel: Geh mitten durch Jerusalem und kennzeichne jene, die seuf-
zen (et notabis signum, sagt er).“ Der hl. Chrysostomus: „In der Zahl
300 wird das Geheimnis des Kreuzes gezeigt; der Buchstabe T ist das
Zeichen der Dreihundert, von denen bei Ezechiel die Rede ist: Du sollst
auf die Stirn der Seufzenden das Tau schreiben, und wer mit ihm be-
zeichnet ist, werde nicht getötet. Denn wer die Standarte des Kreuzes
auf der Stirn trägt, der kann vom Teufel nicht verwundet werden.“ Der
hl. Hieronymus, bereits oben zitiert, ist hier ganz deutlich. Wo der hl.
Augustinus in den Fragen zu den Richtern von der Zahl der 300 han-
delt, bezieht auch er den Buchstaben T auf das Geheimnis des Kreuzes.
Ich könnte noch viele andere anführen, aber hier ist die Blüte der alten
Väter, vor allem Origenes, der hl. Chrysostomus und der hl. Hierony-
mus für die Sprachen und Eigenheiten der Ausdrücke in der Heiligen
Schrift. Wie konnte es daher der Traktant wagen, unseren Grund so
schlecht zu behandeln, den wir von Ezechiel abgeleitet haben, der von
diesen gelehrten, altehrwürdigen Lehrern so gut behandelt wurde?
6. Gehen wir weiter zum Rest der Behauptung des Traktanten zu die-
sem Punkt.
„Man wird niemals finden“, sagt er (B.T. 24), „daß die Juden mit
irgendeinem Zeichen, was immer es sei, auf der Stirn bezeichnet wären,
und noch weniger mit dem Kreuz, das damals bei allen Völkern etwas
Verhaßtes und Schmachvolles war.“ Hier nehme ich Sie beim Wort,
Traktant, und fordere Sie auf, mir zu sagen, ob die Ausdrücke Ezechiels
nicht besagen, daß die Seufzenden an der Stirn bezeichnet wurden. Sie
können es nicht leugnen: entweder wurden sie also bezeichnet, dann
sagen Sie zu Unrecht, sie seien niemals bezeichnet worden; oder sie

168
wurden nicht bezeichnet, dann frage ich Sie, wann die Prophezeiung so
genau erfüllt wurde, wie es ihre Ausdrücke besagen. Das geschah nicht
im zeitlichen Jerusalem, es wird also im geistigen Jerusalem geschehen,
das die Kirche ist. In Wahrheit sind diese alttestamentlichen Visionen,
Sinnbilder und Prophezeiungen, nie so vollkommen an ihrem ersten
Gegenstand erfüllt worden, an den sie unmittelbar gerichtet waren, als
an ihrem letzten und schließlichen, auf den sie nach dem geheimnisvol-
len Sinn bezogen waren, wie der hl. Augustinus vorzüglich darlegt an
der Stelle, die ich eben angeführt habe. So sind der Psalm 72, das Wort
im Buch Samuel und Exodus, die ich schon angeführt habe, viel voll-
kommener in Jesus Christus gewahrt, der ihr letzter Gegenstand war,
als in Salomo oder im Osterlamm, die der erste waren. Auch wenn die
Apostel die Prophezeiungen und Sinnbilder auf unseren Erlöser oder
auf die Kirche anwenden, gebrauchen sie oft die Worte: damit erfüllt
werde, was geschrieben steht (Mt 27,35). Da also die Juden nicht mit
dem Tau bezeichnet werden, wie der Traktant will, ziehe ich den Schluß:
um diese Vision recht zu erfüllen, müssen die Christen, die geistigen
Israeliten, mit ihm bezeichnet werden, d. h. mit dem Kreuz, das durch
das Tau versinnbildet wird.
7. Trotzdem fährt der Traktant (B.T. 24) folgendermaßen fort: „Nun
denn, der wahre Sinn der Stelle bei Ezechiel ist, daß Gott erklärt, wenn
das große Urteil über die Stadt Jerusalem vollzogen wird, werden davon
nur verschont sein, die durch den Geist Gottes bezeichnet sind. Dieser
Sprachgebrauch ist dem entnommen, was man im 11. Kapitel Exodus
liest, wo ... den Israeliten befohlen wurde, Blut vom Osterlamm auf die
Schwelle ihrer Wohnungen zu streichen, damit der Engel das Zeichen
des Blutes sehe und vorübergehe, ohne den Israeliten zu schaden. So
wird auch im 7. Kapitel der Geheimen Offenbarung auf jene hingewie-
sen, die gekennzeichnet sind, das sind jene, die an anderer Stelle Auser-
wählte Gottes genannt werden, oder jene, die der Herr als die Seinen
anerkennt, weil er sie gleichsam mit seinem Siegel gekennzeichnet hat,
und wie die Heilige Schrift sagt, weil er ihre Namen in das Buch des
Lebens geschrieben hat. Denn wie der hl. Paulus im 2. Korintherbrief
schreibt, hat er uns gesalbt und gekennzeichnet und hat uns das Unter-
pfand seines Geistes ins Herz gelegt.“ Das ist die Behauptung des Traktan-
ten; dazu bemerke ich:
1) Wenn dieser Sprachgebrauch des Propheten vom Zeichen des Blu-
tes des Lammes genommen ist, das auf die Türpfosten der Israeliten
gemacht wurde, muß es sich folglich auf ein wirkliches und äußeres

169
Zeichen beziehen, denn die Schwellen und Türpfosten wurden tatsäch-
lich gekennzeichnet und bezeichnet.
2) Das Kennzeichen der Türpfosten war ein Sinnbild und eine Vor-
hersage des Kreuzzeichens, wie ich oben gezeigt habe. Wenn das Zei-
chen Ezechiels von ihm abgeleitet ist, muß es ebenfalls auf das Zeichen
des Kreuzes zurückgeführt und in ihm erfüllt werden.
3) Die Gekennzeichneten der Geheimen Offenbarung bestätigen uns
noch stärker, denn wie uns die alten Schriftausleger sagen, sind das jene,
die wegen des Bekenntnisses ihres Glaubens und wegen der Anrufung
des Erlösers mit dem Zeichen des Kreuzes gekennzeichnet werden. Aus-
erwählte sind nur jene, die mit dem Mund, mit dem Herzen, durch Zei-
chen und Werke mit dem Apostel (Gal 6,14) bekannt haben, daß sie
keinen anderen Ruhm haben außer im Kreuz Jesu Christi. In der Tat ist
es der Gipfel unseres Glückes, von unserem Meister im Herzen gesalbt
und gekennzeichnet zu sein, aber das äußere Zeichen ist erforderlich,
weil man es nicht verachten kann, ohne das innere zurückzuweisen.
Und es ist begründet, weil wir mit unseren beiden Bestandteilen, dem
Inneren und Äußeren, Jesus Christus angehören und weil beide auch
sein Zeichen und seine Aufschrift tragen müssen.

9. Kapitel

Zehnter Grund, warum man das Kreuzzeichen auf der Stirn macht:
um den Antichristen zu verabscheuen.

Nachdem der Traktant versucht hat, sein unsichtbares Kennzeichen


Ezechiels mit dem Kennzeichen der Auserwählten zu begründen, von
denen in der Geheimen Offenbarung die Rede ist, führt er schließlich
zugunsten seiner Absichten (B.T. 25) das Kennzeichen des Tieres ein;
das sind seine Worte: „Im entgegengesetzten Sinn heißt es im 16. Kapi-
tel der Geheimen Offenbarung, daß der Engel seine Schale ausgoß, um
denen eine schlimme Wunde beizufügen, die das Zeichen des Tieres
tragen, d. h. den Dienern des Antichristen.“ Doch das alles bestätigt
gewiß noch mehr die Auffassung der Alten vom Wort Ezechiels; und
das ist für die Christen der zehnte Grund, warum sie das Kreuzzeichen
gern empfangen und machen. Der Antichrist, das ist der Mensch der
Sünde, dieses wilde Tier, das die Disziplin und die christliche Religion
Stück für Stück zerstören möchte, indem es den Satzungen der Gläubi-

170
gen gegenteilige entgegensetzt, unter anderem sie mit einem Zeichen
versehen und ihnen ein Merkmal aufprägen läßt; so sagt die Geheime
Offenbarung (13,16). Aber dieses Zeichen wird meines Wissens sicht-
bar oder wahrnehmbar sein. Die Neuerer sagen nein, und mit dem Zei-
chen des Tieres gezeichnet sein bedeutete nichts anderes, als ein Diener
des Antichristen zu sein, der seine Greuel annimmt und billigt. Sie
sagen das, aber beweisen es nicht. Ich sage nun im Gegenteil, daß dieses
Zeichen offenkundig und sichtbar sein wird; aber hier sind meine Grün-
de, die meiner Meinung nach unwiderlegbar sind.
1. Die Worte der Geheimen Offenbarung bezeichnen ausdrücklich
ein tatsächliches und äußeres Zeichen und es gibt keine Schwierigkeit,
sie so zu verstehen. Warum soll ich ihnen einen fremden Sinn geben,
wenn der natürliche passend ist?
2. Der Antichrist wird überaus stolz sein. Dazu paßt sehr gut, daß er
die Seinen ein Kennzeichen tragen läßt, wie die Großen ihren Leuten
eine Livree geben.
3. Der Teufel, der ein Geist ist, begnügt sich nicht damit, die Huldi-
gung der Hexenmeister zu empfangen, sondern prägt ihnen ein körper-
liches Merkmal ein, wie tausend Berichte und Prozesse, die man gegen
sie geführt hat, bestätigen. Wer zweifelt daher daran, daß dieser Mensch
der Sünde, ein so gelehriger Schüler des Teufels, dasselbe tut und daß er,
wie im Altertum viele taten, gekennzeichnete und gebranntmarkte Die-
ner haben will?
4. Der hl. Hippolyth, dieser altehrwürdige Märtyrer, Primasius, Beda,
Rupert haben die Stelle so verstanden. Hier sind die Worte des Erstge-
nannten, wo er vom Antichristen spricht: „Unverzüglich wird jeder, vom
Hunger getrieben, zu ihm kommen und ihn anbeten. Ihnen wird er ein
Kennzeichen an der rechten Hand und auf der Stirn einprägen, damit
keiner mit seiner Hand das kostbare Kreuz auf seine Stirn zeichne“; und
etwas später: „Die ihm gehorchen, wird er mit seinem Siegel kennzeich-
nen.“ Wer sieht hier nicht den Gehorsam vom Kennzeichen unterschie-
den? Und wer wird nicht eher den unvoreingenommenen Alten folgen als
diesen Neuerern, die ganz hingerissen sind vom Verlangen, ihre Hirnge-
spinste unter dem Vorwand irgendeiner Schriftstelle zu begründen?
5. Doch hier ist ein unwiderlegbarer Grund. Der hl. Johannes sagt
vom Antichristen im 13. Kapitel der Geheimen Offenbarung (16f) aus-
drücklich: Er bewirkte, daß alle, Kleine und Große, Reiche und Arme,
Freie und Sklaven, ein Zeichen auf ihrer rechten Hand oder auf ihrer Stirn
trugen und daß keiner kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das

171
Kennzeichen oder den Namen des Tieres trägt oder die Zahl seines Na-
mens. Diese Alternative: auf ihrer Hand oder auf ihrer Stirn, zeigt die
nicht, daß es ein wahrnehmbares Zeichen sein wird und etwas anderes,
als ein Anhänger des Antichristen zu sein? Und wie könnte man an-
dernfalls jene, die die Möglichkeit haben, Handel zu treiben, von denen
unterscheiden, die sie nicht haben, wenn es nicht sichtbar ist? Wie sollte
man die erkennen, die die Zahl oder den Namen oder das Zeichen tra-
gen, wenn es im Herzen wäre? Nun, was im 16. Kapitel der Geheimen
Offenbarung gesagt wird, steht in Beziehung zu dem, was im 13. Kapitel
gesagt wurde. Wenn also an der einen Stelle das Zeichen des Antichri-
sten als sichtbar beschrieben wurde, dann wird es auch an der anderen
sichtbar und äußerlich sein, das ist ganz klar. Es ist also ein Mißver-
ständnis zu behaupten, dieses Zeichen des Antichristen sei nicht wirk-
lich und wahrnehmbar. Wenn also der Antichrist wie ein Affe Christus
vorstellen und nachahmen will, seine Leute auf der Stirn kennzeichnet
und sie dadurch verpflichtet, das Kreuzzeichen nicht zu machen, wie
der hl. Hippolyth sagt, wieviel eifriger müssen daher wir am Gebrauch
dieses heiligen Zeichens festhalten, um zu beteuern, daß wir Christen
sind und dem Antichristen niemals gehorchen werden?
Die Prädikanten hatten ihre Hugenotten gelehrt, die Tonsur der Geist-
lichen sei das Zeichen des Tieres. Sie sahen aber, daß sie kein deutliche-
res Zeichen des Tieres tragen konnten, als das zu sagen; denn einerseits
trägt sie der größte Teil der Papisten (wie sie sagen) nicht, der hl. Johan-
nes betont aber, daß alle Anhänger des Tieres sein Zeichen tragen; an-
dererseits hören jene, die die klerikale Tonsur nicht tragen, doch nicht
auf, Handel zu treiben, wogegen der Handel denen verwehrt ist, die sie
tragen. Das hat sie veranlaßt, sich auf die Auslegung zu verlegen, das
Zeichen des Tieres müsse unsichtbar sein. Das ist immer ein Kennzei-
chen des Tieres oder des tierischen Starrsinns, wie ich eben gezeigt
habe.
Das sind zehn Gründe, nach dem Beispiel der Kirche des Altertums
das Kreuzzeichen auf der Stirn zu machen und zu empfangen, sowohl
bei der Taufe und Firmung wie bei anderen Gelegenheiten. Das läßt den
hl. Ambrosius zur glückseligen hl. Agnes sagen, Unser Herr habe sie im
Gesicht gekennzeichnet, damit sie keinen anderen Liebhaber annehme
als ihn; und der hl. Augustinus sagt über den hl. Johannes: „Jesus Chris-
tus hat nicht gewollt, daß ein Stern sein Zeichen auf der Stirn der Gläu-
bigen sei, sondern sein Kreuz: wodurch er erniedrigt wurde, dadurch
wurde er verherrlicht.“ Victor de Vita beschreibt die Marter, der man

172
Armogast unterwarf, und sagt, die Folter habe sein Gesicht dermaßen
verunstaltet, daß die Haut nur mehr Spinnweben glich, so dünn und
ausgedehnt war „die Stirn, auf der Jesus Christus seine Standarte aufge-
pflanzt hatte“, sagt er. Wie der Gebrauch (des Kreuzzeichens) von den
Hugenotten ganz und gar verschmäht wird, so wird er von den Isinern,
häretischen Indern, abergläubisch beobachtet. Sie begnügen sich nicht
damit, bei der Taufe ihrer Kinder einfach das Kreuzzeichen zu machen,
sondern brennen es ihnen mit einem heißen Eisen auf der Stirn ein. Die
Narren gehen immer bis zum Extrem.

10. Kapitel

Die Macht des Kreuzzeichens gegen die Teufel


und ihre Anstrengungen.

Wenn die Heiligkeit und Tüchtigkeit der alten Väter bei uns irgendet-
was gilt, dann geben sie uns Zeugnisse genug, um uns die Kraft des
Kreuzes erkennen zu lassen. 1. Der hl. Martial, ein Jünger Unseres Herrn:
„Habt stets im Geist, im Mund und im Zeichen das Kreuz Unseres
Herrn, an den ihr als wahren Gott und Sohn Gottes geglaubt habt. Denn
das Kreuz des Herrn ist eine unüberwindliche Rüstung gegen den Satan,
ein Helm, der das Haupt schützt, ein Harnisch, der die Brust bedeckt,
ein Schild, der die Streiche des Bösen zurückschlägt, ein Schwert, das
verhindert, daß die Bosheit und die teuflischen Nachstellungen der bö-
sen Macht ihm nahekommen. Denn einzig durch dieses Zeichen wurde
uns der himmlische Sieg verliehen und durch das Kreuz die Taufe gehei-
ligt.“
2. Der hl. Ignatius, Schüler des hl. Johannes: „Der Fürst dieser Welt
freut sich, wenn jemand das Kreuz verleugnet, denn er hat wohl erkannt,
daß das Bekenntnis des Kreuzes sein Tod ist, weil es ein Siegeszeichen
gegen seine Macht ist; wenn er es sieht, bekommt er Angst, wenn er von
ihm hört, fürchtet er es.“
3. Origenes: „Meine vielgeliebten Brüder, freuen wir uns und erheben
wir die heiligen Hände in Kreuzform zum Himmel. Wenn die Dämo-
nen uns in dieser Weise bewaffnet sehen, werden sie überwunden sein.“
4. Der hl. Athanasius: „Alle Zauberkunst wird durch das Kreuzzei-
chen zurückgeschlagen, aller Zauber aufgehoben.“ Und wenig später:
„Wer die Erfahrung dieser Dinge sucht, d. h. die Blendwerke der Dämo-

173
nen, der trügerischen Weissagungen und Wunder der Magie, der kom-
me, mache das Kreuzzeichen (das sie für lächerlich halten) und sage
nur den Namen Jesu Christi; er wird sehen, daß dadurch die Teufel
vertrieben werden, die Weissagungen verstummen, alle Magie und Zau-
berei wird zerstört.“
5. Lactanz: „Wie er (Jesus Christus) unter den Menschen lebend alle
Teufel durch sein Wort austrieb, so vertreiben jetzt seine Anhänger die
gleichen ekelhaften Geister sowohl durch den Namen ihres Meisters als
auch durch das Zeichen der Passion. Der Beweis dafür ist nicht schwer,
denn wenn sie ihren Göttern opfern und es ist einer anwesend, dessen
Stirn bezeichnet ist, dann halten sie ihre Opferfeier auf keinen Fall.“
6. Der hl. Antonius trotzte den Teufeln auf folgende Weise: „Wenn ihr
irgendeine Kraft besitzt, wenn euch der Herr irgendeine Macht über
mich verliehen hat, dann kommt, hier bin ich; verschlingt den, der euch
überlassen wurde. Doch wenn ihr es nicht könnt, warum versucht ihr es
dann vergeblich? Das Kreuz und der Glaube an den Herrn ist eine un-
überwindliche Mauer für uns.“ Und zu seinen Schülern sagte er: „Die
Teufel kommen in der Nacht und verstellen sich, als wären sie Engel
Gottes. Wenn ihr sie seht, dann wappnet euch und eure Häuser mit dem
Kreuzzeichen, und sie werden sogleich zunichte, denn sie fürchten die-
ses Siegeszeichen, durch das er die Mächte der Luft beraubte und zum
Gespött machte.“
7. Der hl. Chrysostomus: „Er27 hat das Kreuz kostbar genannt. Man
darf es nicht einfach mit dem Finger auf seinem Körper bilden, sondern
in Wahrheit zuerst in der Seele. Denn wenn du es in dieser Weise auf
deiner Stirn machst, wird kein Teufel dich anzugreifen wagen, wenn er
die Lanze sieht, von der er den tödlichen Stoß erhalten hat.“
8. Der hl. Ephräm: „Schmücke und umgib deine Glieder mit diesem
heilsamen Zeichen, und kein Unglück wird dir nahen. Denn beim An-
blick dieses Zeichens werden die feindlichen Mächte vor Schrecken
zitternd fliehen.“
9. Der hl. Cyrill von Jerusalem: „Das ist das Zeichen der Gläubigen
und der Schrecken der Dämonen, denn er (er spricht von Unserem Herrn)
hat in diesem Zeichen über sie triumphiert. Zeig es kühn, denn wenn sie
das Kreuz sehen, erinnern sie sich an den Gekreuzigten; sie fürchten
den, der dem Dragon das Haupt zertreten hat.“
10. Der hl. Augustinus: „Wenn der Feind manchmal Fallen stellen
will, soll der Erlöste wissen, daß er ihm mit dem Wort des Glaubensbe-

174
kenntnisses und mit der Fahne des Kreuzes entgegentreten muß.“
Wahrhaftig eine bemerkenswerte Übereinstimmung der Stimmen die-
ser untadeligen Senatoren der Kirche. Seht nun die Erfahrungen, die
ihre Aussagen bestätigen.
„Der hl. Hilarion hörte eines Abends das Wimmern kleiner Kinder,
das Blöken von Schafen, das Brüllen von Ochsen mit sonderbaren Ru-
fen verschiedener Stimmen. Da erkannte er, daß es teuflische Vorspie-
gelungen waren, daher kniete er nieder und bezeichnete sich auf der
Stirn mit dem Kreuz Jesu Christi, so daß er mit diesem Helm des Glau-
bens bewehrt, krank darniederliegend, tapferer kämpfte ... Aber sobald
er den Namen Jesus angerufen hatte, wurde dieser ganze Spuk vor sei-
nen Augen von einer plötzlich aufgebrochenen Öffnung der Erde ver-
schlungen“ (Hieronymus). Das Kreuz stärkt ihn, und das Kreuzzeichen
machen heißt „Jesus Christus anrufen“; das ist bedeutsam.
Lactanz berichtet, daß einige Christen dabei waren, als ihre Herren
den Götzenbildern opferten. Sie machten das Kreuzzeichen und ver-
trieben deren Götter, so daß sie ihre Weissagungen von den Eingewei-
den der Opfertiere nicht machen konnten. Als die Wahrsager das merk-
ten, reizten sie auf Anregung der Dämonen diese Herren zum Zorn
gegen die christliche Religion und brachten sie dazu, den Kirchen viel
Leid zuzufügen.
Den Bericht darüber schließt dann Lactanz gegen das Heidentum für
die christliche Religion folgendermaßen: „Aber die Heiden sagen, die-
se Götter fliehen vor dem Kreuz nicht aus Furcht, sondern aus Haß. Ja,
als ob jemand einen hassen könnte, außer er schadet ihm oder kann ihm
schaden. So wäre es der Größe dieser Götter besser angestanden, jene
zu strafen und zu quälen, die sie haßten, als zu fliehen. Da sie aber an
diejenigen nicht herankommen können, an denen sie das himmlische
Kennzeichen erblicken, noch denen schaden, welche die unsterbliche
Fahne wie ein uneinnehmbares Bollwerk schützt, kränken und bedrän-
gen sie diese durch die Menschen und verfolgen sie durch die Hände
anderer. Wenn sie das zugeben, haben wir in Wahrheit den Kampf ge-
wonnen.“ Das hat dieser große Mann gewiß sehr gut gesagt.
Julian Apostata wollte wissen, welchen Erfolg sein Plan haben werde,
sich zum unumschränkten Herrn des Reiches zu machen. Er traf einen
bestimmten Zauberer und Wahrsager und betrat mit ihm eine tiefe Höhle.
Beim Hinabsteigen hörte er einen schrecklichen Lärm, nahm großen
Gestank wahr und sah feurige Gespenster. „Ganz erschrocken darüber,
nahm er seine Zuflucht zum Kreuz, dem alten Heilmittel, und bekreu-

175
zigte sich. Er nahm den zum Beschützer, den er verfolgte.“ O Wunder:
„Dieses Zeichen hatte Macht; die Teufel waren überwunden und die
Schrecken wichen.“ Und was geschah weiter? Der Böse kommt wieder zu
Atem; er fährt fort, ist zu seinem Unternehmen angeregt und die Schrek-
ken bedrängen ihn stärker. Er nimmt zum zweitenmal Zuflucht zum
Kreuzzeichen, und die Teufel sind bezwungen. Erfahren in dieser Kunst,
war Julian ganz verblüfft, „die Teufel durch das Kreuz überwunden zu
sehen“. Der Zaubermeister schalt ihn, wendete die Sache zu seinen Gun-
sten und sagte ihm: „Glaube ja nicht, sie hätten Angst gehabt. Sie haben
Abscheu vor diesem Zeichen, nicht als wären sie vor ihm erschrocken.“
Der Böse verführt ihn, er sagt das und überredet ihn: „Abominationi illis
fuimus, non timori. Vincit quod pejus est, haec dixit simul et persuasit.“
Das sind die Worte des hl. Gregor von Nazianz, der die Geschichte mit
Theodoret und der ‚Historia tripartita‘ berichtet.
Der hl. Gregor der Große erzählt, daß sich ein Jude eines Nachts in
einem Apollotempel befand, in dem einige Teufel versammelt waren,
als hielten sie Rat. Nachdem er sich mit dem Kreuz bezeichnet hatte,
konnten sie ihm nichts anhaben, denn, sagten sie, „er ist ein leeres Ge-
fäß, aber er ist gekennzeichnet.“
Das genügt für meinen Zweck. Aber hören wir, was der Traktant dazu
sagen wird, denn er wird um jeden Preis reden.
1. Auf das letzte Beispiel erwidert er (B.T. 27): „Wer sich dieser Passage
entledigen möchte, könnte sagen, daß solche Dialoge voll von leichtferti-
gen Berichten sind.“ Das ist des törichten Richters kurzer Urteilsspruch.
Diesen Bericht gibt der hl. Gregor der Große, der altehrwürdige Papst,
und der Traktant, der höchstens irgendein unnützer Prädikant sein kann,
beschuldigt ihn der Dummheit und Lüge: wem sollen wir glauben? Groß-
artig, wenn alles, was nicht nach dem Geschmack dieser Neuerer ist, als
Fabel betrachtet werden muß. Aber was kann er Absurdes in diesem
Bericht nennen, um ihn zurückzuweisen, wenn er von so guter Stelle
stammt, wie es das Zeugnis des hl. Gregor ist? Sollte es das sein, daß die
Teufel Versammlungen und Beratungen halten? Aber hier ist die Heili-
ge Schrift ganz deutlich (1 Kön 22,10-23; 2 Chr 18,18-22) und der hl.
Johannes Cassian erzählt ein ähnliches Beispiel. Sollte es das sein, daß
das Kreuzzeichen die Anstrengungen des Teufels vereitelt? Aber die
alten und ganz reinen Christen haben das alle geglaubt und unzählige
Erfahrungen bestätigen es. Was anders konnte daher den Traktanten
aufstacheln, dieses Urteil gegen den hl. Gregor zu fällen, als die Wut,
von der er erfüllt ist, um seine Ansichten zu stützen?

176
2. Aber nachdem er auf den hl. Gregor im einzelnen geantwortet hat,
stellt er allgemeine Einwände auf, um den Punkt aller dieser Wunder, die
angeführt wurden, und vieler anderer zu erledigen. 1) „Gott hat oft zuge-
lassen, daß Dinge geschahen, die er nicht billigte, wie zahllose Folgen
bestätigen, die einst um alte Orakel eintraten. Wenn das geschieht, sagt
Mose in Deuteronomium 13, wo er über außergewöhnliche Wirkungen
von falschen Propheten spricht, will Gott prüfen, ob man ihn fürchtet und
ob man ihn allein liebt. Denn es genügt nicht zu sagen, daß irgendetwas
geschehen ist, sondern man muß wissen, ob Gott dessen Urheber ist, ob
es etwas ist, das zum Heil der Menschen und zur Ehre Gottes gereicht ...“
(B.T. 18). – 2) „Es kann sein, daß Gott in den Anfängen der Verkündi-
gung des Evangeliums außergewöhnliche Dinge geschehen lassen wollte,
um den Herzen der Menschen eine tiefere Auffassung von der Passion
unseres Herrn Jesus Christus einzuprägen. Doch wenn es Gott damals
gefallen hat, den Seinen manchmal seine Güte zu zeigen, muß man das
anerkennen, um ihm für seinen Beistand zu danken. Wenn er aber gewollt
hat, daß jene, die schon wenig sahen, noch weniger sehen oder sogar ganz
erblinden, dann anerkennen wir seine Urteile und halten wir seine Wahr-
heit rein“ (B.T. 20). – 3) Wenn diese Wirkungen eingetreten sind „durch
die Macht Jesu Christi, dann geschah es durch die Anrufung seines Na-
mens, nicht durch ein Zeichen. Wenn es durch ein schlechtes Mittel ge-
schah, dann mag ein Zauber durch einen Gegenzauber aufgehoben wor-
den sein, ... indem Gott dem Satan Wirksamkeit des Irrtums verlieh, um
die Menschen zu täuschen. Als der Satan sich durch Jesus Christus aus
seiner Festung vertrieben sah, hat er eine andere Festung gegen Jesus
Christus errichtet und zu diesem Zweck sich der Einfalt der Christen
bedient, ... und indem er vor dem Kreuz floh, hat er es wie jene gemacht,
die zurückweichen, um weiter vorzustoßen“ (B. T. 27f). – 4) Zum Bei-
spiel von Julian Apostata sagt er (B.T. 29): „Das Beispiel eines solchen
Schurken darf man nicht anführen, um eine Lehre in der Kirche zu be-
gründen, denn ein solches Beispiel ist nicht lobenswert, ... in der Weise,
daß man gut den Schluß ziehen kann: Da Julian Apostata und ähnliche
dieses Zeichen gemacht haben und ihnen, wie man sagt, dadurch geholfen
wurde, geht das offenbar nicht von Gott aus, sondern ist vom Satan ge-
kommen, der ihn nach dem gerechten Urteil Gottes mehr und mehr betö-
ren und verstricken wollte. Denn dieses außergewöhnliche Ereignis dien-
te dazu, diesen Schurken um so mehr zu erniedrigen, sowohl in seinem
Gewissen als auch vor den Menschen.“ Das sind insgesamt die Einwände
des Traktanten; ihnen halte ich entgegen:

177
1) Ihre Widersprüchlichkeit, Unschlüssigkeit und Zweifelhaftigkeit.
Er weiß nicht, wem er die Ehre für die Ereignisse zuschreiben soll: „ob
es durch die Macht Jesu Christi geschehen ist, ... ob durch schlechte
Mittel, ... Es konnte geschehen, um eine tiefere Auffassung von der Pas-
sion Jesu Christi einzuprägen ... Daß Gott dem Satan Wirksamkeit des
Irrtums verlieh, um die Menschen zu täuschen ...“ Welches Getue: zeigt
er mit dieser Unschlüssigkeit nicht, daß er sehr verlegen ist, daß er auf
den Busch klopft, um zu versuchen, ob man irgendeine Antwort finden
könnte?
2) Ich halte ihm das ganze Altertum entgegen, das in unvergleichli-
cher Einmütigkeit lehrt, daß diese wunderbaren Ereignisse von der Hand
Gottes sind. Hätten diese großen Väter, die wir zitiert haben, noch dazu
in so großer Zahl, uns wohl eingeladen, das Kreuzzeichen zu machen,
wenn sie den Verdacht gehabt hätten, der Teufel könnte dessen Urheber
sein? Und wer wird bezweifeln, daß Jesus Christus dessen Urheber ist,
wenn er nach den Ausführungen des Lactanz bedenkt, wie sehr es zur
Ehre Gottes gereicht, wenn das einfache Zeichen seiner Passion die
Feinde vertreibt?
3) Ich erwidere, daß diese Einwände stark nach dem Häretiker und
Verzweifelten riechen. Das war die gewöhnliche Art der alten Aufrüh-
rer, die Wunder dem Zauber und dem Wirken der Teufel zuzuschrei-
ben. Beispiele dafür sind die Schriftgelehrten und Pharisäer, die (Mt
12,24; Lk 11, 15) die Werke Jesu Christi dem Beelzebul zuschrieben;
nach dem Bericht des hl. Hieronymus die Anhänger des Vigilantius und
nach dem Bericht des hl. Ambrosius die Arianer. Denkwürdig ist der
Ausspruch Tertullians: Er überredete seine Frau, sich nicht mit einem
Ungläubigen wiederzuverheiraten: „Wird es verborgen bleiben“, sagte
er, „wenn du über deinem Bett und deinem Körper das Kreuzzeichen
machst? Wird er nicht für Zauberei halten, was du tust?“ Seht ihr nicht,
wie Tertullian den Heiden das Gerede der Hugenotten zuschreibt, daß
nämlich das Kreuzzeichen als Zauberformel diene?
4) Ich erwidere, daß das Eintreten solcher Wirkungen stets zur Ehre
Gottes gereichte und auf das Heil der Menschen zielte; darauf haben
alle Väter hingewiesen. Ist es nicht die Ehre Gottes und das Wohl der
Menschen, wenn der Teufel überwunden und vertrieben wird? Gewiß,
der Gottessohn selbst nennt unter den Wirkungen des Kreuzestodes
(Joh 12,31) diese: Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen. Das
läßt den Teufel vor dem Kreuz als der lebendigen Verkörperung der
Kreuzigung fliehen.

178
5) Es konnte sein, daß die Wunder, die am Kreuz geschahen, durch
die Macht Gottes geschehen sind, um dem Herzen der Menschen den
Gedanken an den Tod und die Passion unseres Erlösers einzuprägen,
wie der Traktant zugibt; daher erwidere ich, daß er unrecht hat und sich
als voreingenommen erweist, wenn er noch einen anderen Grund für
diese Wunder sucht, denn dieser gereicht mehr zur Ehre Gottes und
zum Heil der Menschen, als wenn man sagt, der Teufel sei ihr Urheber,
wie derselbe Traktant dann sagt.
6) Ich erwidere, daß das bedeutet, dem Irrglauben die Tür zu öffnen,
der auf alle Wunder der Teufelsaustreibung, sowohl durch Unseren
Herrn als durch seine Jünger, antworten wird, der Teufel weiche schein-
bar zurück, um besser voranzukommen. Und wenn der Traktant be-
hauptet, der Teufel bediene sich zu diesem Zweck der Einfalt der Chris-
ten, so spräche der Anschein dafür, wenn man ihm das Zeugnis irgend-
welcher Schwachsinniger vorgetragen hätte. Wenn man ihm aber Marti-
al, Ignatius, Origenes, Chrysostomus, Augustinus vorführt, wie kann er
dann wagen, sie einer törichten Einfalt zu zeihen oder vielmehr der
Dummheit? Gibt es unter den Lebenden einen Menschen, der mit ihnen
vergleichbar wäre sowohl an Fähigkeit als an Heiligkeit, wenn wir von
der Mehrzahl sprechen?
7) Und was die Tat des Julian Apostata betrifft, von der der Traktant
sagt, man dürfe sie nicht nachahmen, sondern müsse sie vielmehr ver-
werfen, weise ich darauf hin, daß es ein Zug der Unredlichkeit am
Traktanten ist, in dieser Weise von der gesunden Vernunft abzuweichen.
Denn wer veranlaßt denn je eine Tat wie die des Julian Apostata? Man
trägt sie vor, um zu zeigen, daß das Kreuzzeichen so viel Macht gegen
die bösen Geister hat, daß sie es nicht nur in guten Händen fürchten,
sondern auch in den Händen jedes anderen, wer es auch sei. Dafür lie-
fert das, was sich bei Julian ereignet hat, einen klaren Beweis. In der Tat
behaupten der hl. Gregor von Nazianz und Theodoret entschieden, daß
die Teufel aus Furcht vor dem Anblick des Kreuzes fliehen. Erlauben
Sie uns, Traktant, daß wir eher ihrer Meinung folgen als der Ihren oder
der des Zaubermeisters. Um nicht zuzugeben, daß die schmähliche
Flucht seiner Meister aus Furcht erfolgte, sagt der Wahrsager nach dem
Bericht dieser altehrwürdigen Väter zu Julian, sie hätten Haß gegen das
Kreuz, nicht Angst vor ihm. „Vincit quod deterius est“, sagt der hl.
Gregor von Nazianz, „das Schlimmere besiegte ihn.“ Hätte er aber gese-
hen, daß der Traktant die Flucht der bösen Geister der Schlauheit und
Kriegslist zuschreibt, als hätten sie schlau ihre Flucht vorgetäuscht, um

179
ihren Mann zu überrumpeln, ich glaube, er hätte gesagt: „Vincit quod
pessimum est: das Allerschlechteste hat gesiegt.“ In der Tat, was gibt es
noch Sicheres auf der Welt, wenn es erlaubt ist, Wundern und außerge-
wöhnlichen Ereignissen diesen Sinn zuzuschreiben? Wird es dann nicht
für den Starrsinn ein Leichtes sein, selbst die Auferweckung von Toten
dem teuflischen Blendwerk zuzuschreiben? Aber wozu hätte es der Teu-
fel nötig gehabt, bei Julian Apostata die List anzuwenden, ebenso bei
den Juden, von denen der hl. Gregor berichtet? Was hätte er mit dieser
Verstellung bezweckt bei Leuten, die ihm bereits ganz ergeben waren?
Was hätte er von Julian noch mehr erreichen können, der ihn anbetete
und hinabstieg, um sich an ihn zu wenden? Beachtet doch bitte das Wort
des hl. Gregor von Nazianz, wenn er sagt, Julian habe „zum alten Heil-
mittel“ Zuflucht genommen, d. h. zum Kreuz, das er als Heilmittel ken-
nengelernt hatte zur Zeit, als er Katholik war. Traktant, Sie werden ei-
nes Tages Rechenschaft geben über diese eitlen Spitzfindigkeiten, durch
die Sie alles nach Ihrem ruchlosen Sinn verdrehen.
8) Nein, Traktant, Ihre Kunstgriffe sind zu grob gesponnen, dabei hat
der Teufel die Herrschaft über Sie. Welche List sollte es denn vom Teu-
fel sein, vor dem Kreuz zu fliehen? Durch diese Flucht verlieren ja die
Seinen das Vertrauen in seine Macht und die Guten werden dadurch
getröstet, wie so viele Väter bestätigen, die alle dem bösen Geist und
seinem Anhang diese Flucht vorhalten, ebenso Julian, der darüber ganz
erschüttert war, und der bekehrte Jude.
9) Aber, sagt der Traktant, Mose weist darauf hin, daß man den außer-
gewöhnlichen Werken falscher Propheten nicht glauben darf. Das ist
richtig, aber das Kreuz ist kein falscher Prophet; es ist ein heiliges Zei-
chen, es ist das Zeichen des Christentums, wie der Traktant selbst zuge-
geben hat; vor ihm hat der Teufel Angst, in wessen Hand es auch sein
mag. Und wird man wohl wagen, so viele Heilige, die dieses Zeichens
sich zu wunderbaren Werken bedient haben, durch die Bezeichnung als
falsche Propheten zu verleumden?
10) Wenn nun irgendjemand diese Wunder zum Anlaß für den Aber-
glauben genommen hätte, dürfte man diese Wunder trotzdem nicht dem
Teufel zuschreiben. Die Wunder, die durch die eherne Schlange gescha-
hen, waren göttlichen Ursprungs, obwohl sie das Volk zum Anlaß für
den Götzendienst nahm (2 Kön 18,4). Man müßte also den Mißbrauch
abschaffen und am Gebrauch festhalten, wie man nicht nur bei guten
und heiligen Dingen wie dem Kreuz tut, sondern auch bei schädlichen
und giftigen.

180
11) Schließlich sind so viele andere Wunder durch das Kreuzzeichen
geschehen, abgesehen von der Flucht der bösen Geister, die man in
keiner Weise ihrer Verstellung oder Kriegslist zuschreiben kann, so daß
man bei diesen ebensowenig daran glauben darf.

11. Kapitel

Die Macht des Kreuzzeichens bei anderen Gelegenheiten.

Das Kreuz hat aus zwei Gründen so viel Macht gegen den Feind;
einmal, weil es ihm den Tod des Erlösers vorstellt, der ihn bezwungen
und unterworfen hat, was sein eigensinniger Stolz aufs höchste haßt und
fürchtet; zum anderen, weil das Kreuzzeichen eine kurze und bündige
Anrufung des Erlösers ist und in diesem Sinn bei allen Gelegenheiten
angewendet werden kann, wo Gebet und Bitte angebracht ist. Welche
Gelegenheit ist nun denkbar, wo das Gebet nicht von Nutzen wäre, sei
es, um Gift unschädlich zu machen, Blinden wieder das Augenlicht zu
geben, Krankheiten zu heilen, gegen die Feinde gefeit zu sein? Von
dieser Art ist der Gebrauch des Kreuzzeichens.
Gewiß, Prochorus, kein gewöhnlicher Schriftsteller, berichtet, daß
der heilige Evangelist Johannes einen Fieberkranken geheilt hat, indem
er das Kreuzzeichen machte und den Namen Jesus anrief. Und derselbe
Heilige hat das Kreuzzeichen über einen an beiden Beinen Gelähmten
gemacht und ihm befohlen, sich zu erheben, der sogleich aufstand. Be-
rühmt ist die Geschichte des arianischen Bischofs Cyrola und seines
Blinden. Als Cyrola sah, daß die katholischen Bischöfe Eugen, Vinde-
mialis und Longinus mehrere Wunder zur Bekräftigung der katholi-
schen Partei wirkten, hoffte er einen Wurf für seine Sekte zu machen,
wenn er weismachen konnte, daß er die gleiche Vollmacht hatte. Er
gewann einen Elenden, köderte und bearbeitete ihn so, daß er ihn dazu
brachte, sich blind zu stellen, mitten in der Menge zu warten, bis er
vorüberkam, und ihn um Heilung zu bitten. Der mißbrauchte Kerl setzt
sich in Positur und spielt seine Rolle. Cyrola glaubt die seine zu spielen,
bleibt stehen, legt dem angeblich Blinden die Hand mit bestimmten
Worten auf und befiehlt ihm, die Augen zu öffnen und zu sehen.
Aber das wurde ein wahrhaft häretisches Wunder: der arme Mann,
der sich blind gestellt hatte, wurde wirklich blind, mit heftigen Schmer-
zen in den Augen, so daß ihm schien, man habe sie ihm ausgestochen. Er

181
bekannte seine Verstellung und Heuchelei, nannte zugleich seinen Ver-
führer und die Geldsumme, die er für dieses Spiel erhalten hatte, bei
dem er das Augenlicht verlor. Dann bat er unsere katholischen Bischöfe
um Hilfe und Heilung. Sie prüften seinen Glauben und hatten Mitleid
mit ihm. „Und sie kamen einander in gegenseitiger Ehrerbietung zu-
vor“ (das sind die eigenen Worte des hl. Gregor von Tours, der mein
Gewährsmann ist) „und es entstand ein heiliger Streit unter ihnen, wer
das Zeichen des hochheiligen Kreuzes über seine Augen machen sollte:
Vindemialis und Longinus baten Eugen darum, Eugen dagegen bat sie,
ihm die Hände aufzulegen. Sobald sie das getan und ihm die Hände aufs
Haupt gelegt hatten, machte der hl. Eugen das Kreuzzeichen über die
Augen des Blinden mit den Worten: ‚Im Namen des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes, des wahren Gottes, den wir als Drei-
faltigen in Gleichheit und Allmacht bekennen, mögen sich deine Augen
öffnen.‘ Und sogleich schwindet der Schmerz und er gewinnt seine frü-
here Gesundheit wieder.“ Haben Sie gesehen, Traktant, wie das Kreuz-
zeichen angewendet wurde zur Wiederherstellung des Augenlichts die-
ses Armseligen und wie sich die heiligen Bischöfe gegenseitig die Ehre
anboten, es zu machen? Werden Sie sagen, der Teufel habe das Spiel
zugunsten der Katholiken gegen die Arianer gemacht? Welche Aus-
flucht können Sie finden?
Die Arianer von Nicäa hatten vom häretischen Kaiser Valens die Kir-
che der Katholiken erhalten. Der hl. Basilius erfährt davon, wendet sich
an den Kaiser selbst und hält ihm das Unrecht, das er den Katholiken
zugefügt hat, so lebhaft vor, daß der Kaiser schließlich dem hl. Basilius
die Vollmacht gibt, diesen Streit zu entscheiden, mit der einzigen Be-
dingung, daß er sich nicht zum Eifer für seine Partei, d. h. der Katholi-
ken, zum Nachteil der Arianer hinreißen lasse. Der hl. Basilius nimmt
diesen Auftrag an und, zweifellos vom Himmel inspiriert, ordnet er an,
daß die Kirche fest verschlossen und sowohl von den Arianern als auch
von den Katholiken versiegelt werde; weiter, daß die Arianer drei Tage
und drei Nächte im Gebet verbringen und dann zur Kirche kommen;
wenn sie sich ihnen öffnet, sollen sie für immer deren Besitzer sein.
Ebenso sollen die Katholiken eine Nacht wachen, dann sollen sie die
Litanei singend zur Kirche kommen; wenn sich die Kirche für sie öff-
net, sollen sie für immer ihre Besitzer sein, wenn sie sich nicht öffnet,
soll sie den Arianern gehören. Die Arianer fanden den Spruch annehm-
bar, aber die Katholiken murrten, da er für die Arianer zu günstig und
aus Furcht vor dem Kaiser gefällt sei.

182
Er wurde jedoch ausgeführt: Die Arianer beten drei Tage und drei
Nächte, kommen zu den Kirchentoren (die äußerst fest verschlossen
waren, denn die eine wie die andere Partei war dabei sehr sorgfältig),
verharren da vom Morgen bis zur Sext, rufen ihr ‚Kyrie eleison‘, aber
vergeblich. Des Wartens müde ziehen sie schließlich ab. Darauf ruft der
hl. Basilius allgemein das ganze gläubige Volk zusammen und führt es
in die Kirche des heiligen Märtyrers Diomedes außerhalb der Stadt, wo
es die ganze Nacht im Gebet verbringt. Am Morgen führt er es zur
Kirche unter dem Gesang des Verses: ‚Heiliger Gott, heiliger Starker,
heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser.‘ Auf dem Vorplatz der Kir-
che angekommen, wo vorher die Arianer versammelt waren, sagt er
zum Volk: „Erhebt eure Hände zum Himmel, zum Herrn, und ruft
‚Kyrie eleison‘.“ Nachdem das Volk das getan hat, segnet sie der hl.
Basilius mit dem Kreuzzeichen und gebietet zu schweigen. Er macht
dreimal das Kreuzzeichen gegen die Tore der Kirche und sagt: „Geprie-
sen sei der Gott der Christen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Wäh-
rend das Volk „Amen“ antwortet, lösen sich durch die Macht des Gebe-
tes die Riegel und Schlösser, die Tore öffnen sich plötzlich wie von
einem heftigen Windstoß. Darauf sang der große Bischof: Ihr Fürsten,
hebt eure Tore und ihr, ewige Tore, erhebt euch, und der König der Herr-
lichkeit wird einziehen (Ps 24,7.9). Er trat mit dem heiligen Volk in die
Kirche ein und feierte dort das göttliche Mysterium.
In dieser Geschichte gibt es drei oder vier Punkte, die für Ihren Magen
schwer verdaulich sind, Traktant, wenn Sie nicht inzwischen von Ihrem
Traktat geheilt sind: die Kirchen der Heiligen, in denen man zu Gott
betet; die heiligen Gesänge mit den Litaneien in der Form von Prozessio-
nen; der bischöfliche Segen über das Volk mit dem Kreuzzeichen (Sanctus
Episcopus illos consignans, sagt der hl. Amphilochius, der mein Gewährs-
mann ist); die Anwendung des Kreuzzeichens, um dieses Wunder zu er-
wirken; und daß es heißt, nachdem der hl. Basilius eingetreten war, voll-
zog er das heilige Mysterium, fecit divinum mysterium. Das ist ja ein
Ausdruck, der nicht passend ist für das Gebet, das sie schon die ganze
Nacht verrichtet hatten, noch für die Predigt, denn predigen heißt nicht
das göttliche Geheimnis feiern, sondern verkünden, und gewiß nicht für
das Abendmahl, in dem nichts Göttliches vollzogen wird, sondern nur
ein bereits fertiges und vorbereitetes Brot gereicht wird. Ich sehe nicht,
was Sie auf dieses Zeugnis für die Kraft des Kreuzes antworten könnten.
Denn wenn Sie sagen sollten, der Teufel habe das getan, um den Schlauen
zu spielen, wird Ihnen der hl. Amphilochius nachweisen, daß durch die-

183
ses Wunder die Katholiken getröstet wurden und viele Arianer sich be-
kehrten; welchen Vorteil hätte also der Teufel aus dieser Sache gewon-
nen? Und ich mache Sie aufmerksam, daß Sie nicht genügend Ehre besit-
zen, um den hl. Basilius der Magie und Zauberei zu verdächtigen, noch
den hl. Amphilochius der Lüge oder Albernheit. Wenn Sie sagen, der hl.
Amphilochius schreibe das Wunder dem Gebet zu, so entspricht das dem,
was ich will: denn das Kreuzzeichen ist ein Teil des Gebetes, das der hl.
Basilius verrichtete, sowohl über das Volk, indem er es segnete, als auch
über die Tore, als er das Kreuzzeichen gegen sie machte; zu welchem
anderen Zweck sollte er es angewendet haben?
Eine Frau in Karthago hatte ein Krebsgeschwür an der Brust, ein nach
dem Urteil des Hippokrates unheilbares Übel. Sie empfahl sich Gott,
und kurz vor Ostern wurde sie im Schlaf angewiesen, in das Baptisterium
zu gehen und sich von der ersten neugetauften Frau, der sie begegnete, das
Kreuzzeichen machen zu lassen. Sie tat es und wurde auf der Stelle ge-
heilt. Bei diesem Schlag ist der Traktant sehr verlegen. Er schwankt, und
nachdem er die Geschichte auf ungeziemende Weise wiederholt hat, ver-
sucht er der Frage auszuweichen, die ihm das Flugblatt gestellt hatte. Was
den Bericht betrifft, gibt er ihn (B.T. 32) so: „Eine gewisse Frau von
Karthago wurde von einem Krebsgeschwür an der Brust geheilt, nachdem
sie im Schlaf die Weisung erhalten hatte, die erste getaufte Frau, die ihr
begegnete, mit dem Kreuzzeichen zu bezeichnen.“ Das ist in keiner Wei-
se wahr und angemessen, denn sie wurde nicht angewiesen, die andere mit
dem Kreuz zu bezeichnen, sondern sich selbst das Kreuzzeichen auf die
kranke Stelle machen zu lassen. Das Verlangen, zu tadeln, verblendet
diese armseligen Reformatoren. Was die Antwort betrifft, gibt er sie nach
seiner Gewohnheit ohne Urteil und Aufrichtigkeit; er sagt nämlich (B.T.
33), diese Frau „hatte sich vorher nur an Gott gewandt“, dem sie ihre
Heilung zuschrieb, und nicht irgendeinem Zeichen.
Das ist unsinnig, denn wer sagt jemals, irgendeine Heilung oder ein
Wunder, das durch das Kreuzzeichen oder auf andere Weise geschehen
ist, müßte einem anderen als Gott allein zugeschrieben werden? Er ist der
Gott allen Trostes (2 Kor 1,3). Unsere Meinungsverschiedenheit besteht
nämlich darin, ob Gott das Kreuzzeichen gebraucht, um durch die Men-
schen Wunder zu wirken, da er ohne Zweifel sehr oft verschiedene Dinge
für übernatürliche Wirkungen gebraucht. Der Traktant sagt Nein und weiß
nicht, warum wir Ja sagen und es durch die Erfahrung beweisen. Ist es
nicht töricht, zu antworten, daß Gott diese Wunder wirkt, da man nicht
fragt, wer sie wirkt, sondern wie und durch welche Werkzeuge und Mit-

184
tel? Gott hat sie geheilt, und er konnte sie heilen, ohne sie an die andere
Frau zu verweisen, damit diese sie mit dem Kreuz bezeichne. Das wollte
er nicht, sondern er verwies sie an diese Mittel, deren er sich bedienen
wollte. Wollen wir weiser sein als er und sagen, diese Mittel seien nicht
angemessen? Ihm beliebt es, daß wir sie anwenden; wollen wir sie zu-
rückweisen? Nun ist der hl. Augustinus der Verfasser dieses Berichtes,
der gleich darauf sagt, er habe die geheilte Frau streng getadelt, weil sie
dieses Wunder nicht genügend bekanntgemacht hat. Ein guter Hugenotte
dagegen hätte es viel eher vergraben lassen, und das aus Eifer für die
reformierte Reinheit (des Glaubens); aber diese großen Seelen des Alter-
tums begnügten sich mit der geschaffenen Reinheit.
Im übrigen stand das Gebet des Kreuzzeichens in der Urkirche des
Altertums in so hohem Ansehen, daß man es bei allen Vorkommnissen
anwandte. Man bediente sich seiner als allgemeines Schutzmittel gegen
jedes Unglück, zu Wasser und zu Land, wie der hl. Chrysostomus sagt,
bei kranken Tieren und bei jenen, die vom Teufel besessen waren. Der
hl. Martin bekannte, daß er alle Linien der Feinde durchdrang und über-
rannte, weil er sich mit dem Kreuzzeichen gewappnet hatte. Der hl.
Laurentius heilte mit ihm die Blinden; Paula machte sterbend das Kreuz-
zeichen auf den Mund. Der heilige Märtyrer Gordius, der in der Stadt
Cäsarea den Martertod erleiden sollte, ging ihm freudig entgegen, weil
er sich mit dem Kreuzzeichen gerüstet hatte, sagt der hl. Basilius. Als
der große hl. Antonius den hl. Paulus, den ersten Einsiedler, besuchen
wollte und dem Waldungeheuer, Faun oder Zentaur begegnete, machte
er sogleich das Kreuzzeichen, um sich zu schützen. Hier kann ich das
Buch des Mathias Flaccus Illyricus nicht übergehen, das erweitert in
Genf erschien unter dem Titel ‚Cathalogus testium veritatis‘. Er führt
mit einmaliger Unverschämtheit den hl. Antonius an seinem Platz ge-
gen uns an und sagt, er habe seine Lebensbeschreibung gelesen, aber
nirgends gefunden, daß er das Kreuzzeichen angewendet habe. Wie lan-
ge will man denn die Leute auf diese Weise täuschen? Gewiß, die Zeug-
nisse, die ich im vorhergehenden Kapitel zitiert habe, sind dem hl. Atha-
nasius entnommen, dieses dem hl. Hieronymus.
Nun, ich habe gesagt, das Kreuz hatte bei diesen Gelegenheiten Kraft
als ein sehr machtvolles Gebet. Daraus folgt, daß die mit dem Kreuz
bezeichneten Dinge eine besondere Heiligkeit besitzen als gesegnet und
geheiligt durch dieses heilige Zeichen und durch dieses bekannte Ge-
bet, das außerordentlich geeignet ist, weil es eingesetzt, anerkannt und
bestätigt ist durch Jesus Christus und durch seine ganze Kirche. Daher

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ließen es sich die Alten sehr angelegen sein, mit in Kreuzform erhobe-
nen Armen zu Gott zu beten, wie aus unzähligen Zeugnissen ersichtlich
ist, vor allem aber aus dem, was ich oben (10. Kap.) vom altehrwürdigen
Origenes angeführt habe. Dadurch machten sie nicht nur gleichsam ein
ständiges Kreuzzeichen, sondern töteten auch das Fleisch ab. Darin ahm-
ten sie Mose (Ex 17,11) nach, der Amalek überwand, als er in dieser
Weise betete, indem er das Kreuz Unseres Herrn versinnbildete und
vorhersah, daß das die Quelle aller Gnaden ist, die unsere Gebete erlan-
gen können. Das lehren uns der hl. Cyprian, der hl. Gregor von Nazianz
und ungezählte sehr altehrwürdige Väter.

186
V ier tes Buch
iertes

W elche Verehr
Verehr ung man dem Kreuz schuldet
erehrung

1. Kapitel

Vorwurf des Traktanten gegen die Katholiken.

Nachdem der Traktant seine feierliche Unterscheidung zwischen der


bürgerlichen Ehre und der religiösen Ehre ins Feld geführt hat, die ich
in meinem Vorwort hinreichend zurückgewiesen habe, macht er (B.T.
48f) folgenden Vorstoß: „Wahr ist, daß die Scholastiker darüber nicht
geschwiegen haben, mit welcher Art von Ehrung es (das Kreuz) verehrt
werden müsse. Einige haben gesagt, das echte Kreuz, das den Leib Jesu
Christi berührt hat, müsse durch ‚Latrie‘ verehrt werden oder wenigs-
tens durch ‚Hyperdulie‘, den anderen aber müsse die Ehre der ‚Dulie‘
erwiesen werden.28 Das heißt, das echte Kreuz müsse verehrt werden
mit der Ehre, die Christus gebührt, und die anderen Kreuze müßten
verehrt werden mit der Ehre, welche die Diener ihren Herren schulden:
und das ist die schöne Folgerung des zweiten Flugblatts.“
Nun faßt das Flugblatt keineswegs eine solche Folgerung. Es spricht
weder viel noch wenig von ‚Latrie, Dulie, Hyperdulie‘, noch gebraucht
es die Unterscheidung zwischen dem echten Kreuz und der Abbildung
des Kreuzes und dessen Zeichen. Seine Folgerung ist einfach: „Wir
müssen uns gedrängt fühlen, das Bild des Kreuzes zu verehren und es an
allen wichtigen Orten zu errichten, um uns zum Gedenken an den Tod
und die Passion unseres Gottes und Erlösers anzuregen, dem Ehre und
Verherrlichung sei, Amen.“ Die Absicht des Verfassers der Flugblätter
war auch nur, Rechenschaft über die Errichtung des Kreuzes bei Anne-
masse durch die Bruderschaft von Annecy zu geben; das war nicht ein
Stück des echten Kreuzes, sondern nur dessen Abbild.
Da nun der Traktant fälschlich die Quästionen der Scholastiker an-
führt, will ich in diesem Buch, so einfach ich kann, die katholische
Lehre über die Art der Verehrung darlegen, die dem Kreuz gebührt. Ich
weise indessen darauf hin, daß die Scholastiker, die so genau die Unter-
schiede der Verehrung untersuchen, die dem Kreuz gebührt, hinreichend

187
zeigen, daß sie von dem heiligen und reinen Eifer beseelt sind, von dem
ich im Vorwort gesprochen habe. Denn wie sie dem Kreuz die Vereh-
rung zuteilwerden lassen, die ihm je nach dem Grad der Abhängigkeit
von unserem Erlöser gebührt, so achten sie auch sorgsam darauf, ihm
nur die zuteilwerden zu lassen, die ihm gebührt, und vor allem in keiner
Weise die Ehre Gottes zu beeinträchtigen, dem Kreuz weder weniger
noch mehr Achtung zu zollen, als er will und verlangt. Dadurch ist der
Traktant hinreichend der Verleumdung überführt, wenn er uns beschul-
digt, wir stellten jemand Gott gleich.

2. Kapitel

Was die Ehre ist, wem die Ehre zukommt,


verehrt zu werden, und warum.

Ich muß ein Wort über die Ehre sagen, weil die Verehrung eine Art
derselben ist. Die Ehre ist also ein Bekenntnis oder eine Anerkennung
der hervorragenden Bedeutung irgendjemandes. Das verstehe ich so:
1. Die hervorragende Bedeutung einer Person erkennen heißt noch
nicht, sie ehren. Der Neidige und Böse erkennt die Vortrefflichkeit sei-
nes Feindes, hört aber trotzdem nicht auf, ihn zu schmähen. Jemandem
Reverenzen und äußere Ehrenbezeigungen erweisen, heißt nicht, ihn
auch ehren; die Schmeichler und Lügner erweisen solche jenen, die sie
für die Unwürdigsten der Welt halten. Einzig der Entschluß des Wil-
lens, durch den man eine Person aufgrund der Überzeugung von ihrer
Bedeutung schätzt und achtet, ist das, worin das wahre Wesen der Ehre
liegt. Zwischen dem Gegenstand der Liebe und dem der Ehre ist nur ein
geringer Unterschied: jene gilt dem Wert, diese dem hervorragenden
Wert. Ebenso ist nur ein geringer Unterschied im Philosophieren über
das eine und das andere. Vergleichen wir sie, so dient die Erkenntnis des
einen der des anderen. Die Liebe wird hervorgerufen durch die Erkennt-
nis eines Gutes, die Ehre durch die Erkenntnis der Vortrefflichkeit des
Gutes. Die Liebe bringt ihre äußeren Erweise hervor und die Ehre bringt
äußere Zeichen und Bekundungen hervor: aber wie die Liebe, streng
genommen, ihren Sitz im Herzen des Liebenden hat, so wohnt auch die
Ehre im Willen dessen, der ehrt. Die äußeren guten Dienste nennt man
Freundschaft, die äußeren Bekundungen nennt man Ehre, aber diese
Bezeichnungen gelten für das Äußere nur wegen seiner Verbindung mit

188
dem Inneren, die man voraussetzt. Wenn ich also sage, die Ehre ist ein
Bekenntnis oder eine Anerkennung, so verstehe ich das nicht davon,
was dem äußeren Anschein nach geschieht, sonst könnten die Engel und
Geister nicht ehren, sondern davon, was im Willen vorgeht, der sich
entschließt, eine Person nach ihrem Verdienst zu schätzen, denn dieser
Entschluß ist die wahre und wesentliche Form der Ehre.
2. Da nun die Ehre eigentlich im Willen liegt, muß sie auf das Gut
gerichtet sein, das ihr eigentlicher Gegenstand ist. Sie richtet sich stets
nur auf ihr Ziel und ihren Gegenstand oder auf das, was ihm angehört.
Es gibt drei Arten von Gütern: das Ehrenhafte, das Nützliche und das
Angenehme. Die Ehre ist ganz auf das Ehrenhafte gerichtet, wie das
Wort selbst ausdrückt; die Ehrenhaftigkeit wird nur so genannt, weil in
ihr der Zustand und die Grundlage der Ehre liegt: „honestas quasi ho-
noris status“,29 sagt Isidor. Die Ehre zielt auf sie; wenn sie dort ist, bleibt
sie. Und welches ehrenhaftere Gut gibt es als die Tugend, und was zu ihr
gehört? Daher kann das Gut, dessen Anerkennung die Ehre ist, nur von
dieser Art sein. Wenn man nun das ehrenhafte Gut oder die Tugend
einfach als Gut betrachtet, wird es einfach nur Gegenstand der Liebe
sein; wenn man es aber als vorzüglich, hervorragend und erhaben be-
trachtet, dann lenkt es die Ehre als den ihm eigenen Tribut auf sich; ihre
natürliche Bewegung richtet sich auf das ehrenhafte Gut unter besonde-
rer Berücksichtigung irgendeines Vorzugs oder einer Vortrefflichkeit.
„Irgendeines“ Vorzugs sage ich, denn sei es, daß das ehrenhafte Gut
einen Vorzug vor dem hat, der ehrt, oder nicht, es genügt, daß es irgend-
einen Vorzug hat, um wahrer Gegenstand der Ehre zu sein. Ich habe
also gesagt, daß aus all diesen Gründen die Ehre eine Bestätigung der
Vortrefflichkeit des Gutes ist.
3. Und wenn ich gesagt habe, der Bedeutung irgendjemandes, d. h.
irgendeiner Person, so hatte ich dafür folgenden Grund: Die Vortreff-
lichkeit des Gutes, die der eigentliche Gegenstand der Ehre ist, ist nichts
anderes als die Tugend; die Tugend findet sich nur in Personen; folglich
bezieht sich die Ehre mittelbar oder unmittelbar nur auf Personen, die
der Gegenstand sind, der geehrt wird, und deren Tugend der Grund ist,
weshalb sie geehrt werden: „objectum quod et objectum quo“, sagen
unsere Scholastiker. Diese Schlußfolgerung schließt von der Möglich-
keit, zu ehren und geehrt zu werden, jede Sache ohne Gefühl, Leben
oder Sinne, die Teufel und die Verdammten aus; denn all das hat keiner-
lei Güte der Ehrenhaftigkeit, um geehrt zu werden, und kann sie nicht
haben, noch hat sie irgendwie den Willen oder eine gute Neigung zur

189
Tugend, um sie zu ehren. Wenn diese Dinge die Tugend ehrten, wären sie
unter diesem Gesichtspunkt selbst ehrbar, denn die Tugend ehren ist
etwas Ehrbares. Tugend kann nur in denen wohnen, die sie schätzen und
ehren. Wenn man daher irgendeine gefühllose oder nicht tugendhafte
Sache ehrt, dann geschieht es nicht, um die Ehre einfach und absolut auf
ihr ruhen und bleiben zu lassen, sondern um sie weiterzugeben und auf
irgendeine Tugend oder Tugendhaftes zu beziehen. Die Ehre der Obrig-
keit geht über und bezieht sich auf Gott und auf den Staat, den sie reprä-
sentiert; die Ehre des Alters auf die Weisheit, die dessen ehrwürdiges
Kennzeichen ist; die Ehre der Wissenschaft auf den Fleiß und andere
Tugenden, deren Wirkung und Ursache sie sind.
Sprechen wir von heiligen Dingen: die Ehre der Kirchen und heiligen
Gefäße gilt der Religion und zielt auf sie, deren Werkzeuge sie sind. Die
Ehre der Bilder und Kreuze bezieht sich auf die Güte Gottes, an die sie
erinnern; die Ehre kirchlicher Personen auf Den, dessen Diener sie sind.
Kurz, es gilt das alte Wort: Die Ehre ist der Lohn der Tugend. Nicht weil
die Tugend keine andere Belohnung verdiente, die ihr anhaftet, nützlich
und angenehm ist, sondern weil die Ehre rein und einfach keinen anderen
Gegenstand hat als die Tugend und den Tugendhaften; wenn sie daher auf
anderes gerichtet wird, wie auf leblose Dinge, so bleibt sie dort keines-
wegs, sondern geht durch sie hindurch, insofern sie irgendwie zu einem
tugendhaften Gegenstand gehören, oder zur Tugend selbst, wohin sie sich
schließlich als zu ihrem eigenen und naturgemäßen Sitz wendet. Wenn es
daher manchmal heißt, daß die leblosen Dinge und die Teufel Gott Ehre
erweisen, dann heißt das nicht, daß diese Ehre von diesen Dingen als
Ursache ausgeht, sondern nur von einer Gelegenheit, die die Menschen
zum Anlaß nehmen, Gott zu ehren. Oder es geschieht, weil solche Dinge
äußere Ehrenerweise geben; obwohl sie ihrer Seele beraubt sind, die die
innere Absicht bildet, behalten sie bei den Leuten dennoch den Namen
Ehre, wie der tote Mensch doch Mensch genannt wird.

3. Kapitel

Von der Anbetung: was sie ist.

Sehen wir die Auffassung des Traktanten und erwägen wir den Wert
seiner Argumente. Seine Auffassung ist mit einem Wort: „Anbetung
heißt, sich verneigen, Weihrauch streuen, die Knie beugen“ (B.T. 55).

190
Mein Gott, wie grobschlächtig ist das. Sagen wir zuerst die Wahrheit, sie
wird von selbst die Lüge hinreichend zerstören.
Die Anbetung ist eine besondere Art und Weise der Ehre; denn die
vortreffliche Güte, deretwegen man einen anderen ehrt, kann von zwei-
erlei Art sein: entweder ist sie hervorragend, größer und den überra-
gend, der ehrt, oder nicht. Wenn sie es nicht ist, dann ist nur die einfache
Ehre am Platz, wie sie selbst vom Gleichen dem Gleichen erwiesen
werden kann, sogar vom Höheren den niedriger Stehenden. Davon spricht
der Apostel, wenn er (Röm 12,10) sagt: Honore invicem praevenientes:
kommt einander an Ehre zuvor; und der hl. Petrus (1 Petr 2,17), der
sagt: omnes honorate: ehrt jeden. In diesem Sinn heißt es (Est 6) sogar,
daß Artaxerxes den Mordechai ehrte. Eustratius führt die Ehre als Bei-
spiel an, die der hl. Gregor von Nazianz und der hl. Basilius einander
erwiesen. Wenn dagegen die Vortrefflichkeit der Güte, deretwegen man
ehrt, größer und den Ehrenden überragend ist, dann handelt es sich
nicht um eine einfache Ehre, sondern um die Ehre der Anbetung. Da die
Ehre nichts anderes ist als das Bekenntnis und die Anerkennung der
vorzüglichen Güte jemandes, ist folglich auch die Anbetung die Aner-
kennung der vorzüglichen Güte, die erhaben und den überragend ist,
der ehrt. Eine einfache Vortrefflichkeit der Güte genügt für eine einfa-
che Ehre, aber für die Ehre der Anbetung ist eine den Ehrenden überra-
gende Vortrefflichkeit erforderlich.
Wie ich vorhin (2. Kap.) gesagt habe, handelt sich beim rechten Ehren
um drei Tätigkeiten; bei der rechten Anbetung handelt es sich um eben-
soviele, und mit viel größerem Recht, weil anbeten nichts anderes ist als
eine hervorragende Art zu ehren. 1) Man muß die Überlegenheit der
anbetungswürdigen Vortrefflichkeit erkennen und geistig erfassen; das
ist die erste Tätigkeit, die dem Verstand eigen ist. 2) Man muß sich
unterwerfen, die Unterlegenheit anerkennen und bekennen; das betrifft
den Willen. 3) Und drittens muß man nach außen Zeichen und Beweise
der Unterwerfung geben, was im Willen liegt.
Doch in welcher dieser Tätigkeiten liegt das wahre und eigentliche
Wesen der Anbetung? Das liegt nicht in der ersten, denn die Teufel oder
jene, von denen der hl. Paulus (Röm 1,24) sagt, daß sie Gott erkannt
aber nicht als Gott verherrlicht haben, sondern das Joch abschüttelten
und sagten: Wir wollen nicht dienen (Jer 2,20), die haben ihn erkannt
aber nicht anerkannt. Diese erste Tätigkeit ist nur das Fundament und
der Anfang des Gebäudes der Anbetung, sie ist nicht das Gebäude selbst.
Sollte es also die dritte Tätigkeit sein, ganz äußerlich und körperlich,

191
in der das wahre Wesen der Anbetung liegt? Der Traktant behauptet das,
wie wir gesehen haben: „Anbeten heißt, sich verneigen, Weihrauch streu-
en, die Knie beugen.“ Ich sage Nein und beweise es unzweifelhaft, vor-
ausgesetzt, daß ich erklärt habe, vom wahren Wesen der Anbetung zu
sprechen.
1. Wenn die Anbetung in diesen äußeren Handlungen bestünde, könn-
ten die Engel und die seligen Geister nicht anbeten, denn sie haben
keine Knie und kein Haupt, um niederzuknien und sich zu verneigen.
Trotzdem haben sie den Auftrag anzubeten: Betet ihn an, ihr alle seine
Engel (Ps 97,8). Ich glaube nicht, daß jemand meint, der Weihrauch,
den sie Gott streuen, sei materiell, denn der hl. Johannes erklärt (Offb
5,8; 8,4) im Gegenteil: Das sind die Gebete der Heiligen. Wenn es (Offb
4,10) heißt, sie legen ihre Kronen dem zu Füßen, der auf dem Thron
sitzt, so wird zwar ihre Anbetung durch eine äußere Handlung ausge-
drückt, sie darf aber nur vom Geist verstanden werden; denn wenn ihre
Kronen und Seligkeiten geistig sind, so ist auch die Huldigung, Anbe-
tung und Unterwerfung rein geistig, die sie dadurch ausdrücken.
2. Aber um Gottes willen, können die Gichtbrüchigen und Lahmen,
die keinen Weihrauch und keine Bewegung in den Knien haben, Gott
nicht anbeten? Oder sind sie von dem Gebot (Mt 4,10) ausgenommen,
das sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten?
3. Ihr Christen mit Knien und einem Leib, wenn ihr die heiligen Zere-
monien bekämpft, wißt ihr euch bei passender und unpassender Gele-
genheit so gut darauf zu berufen, daß die wahren Anbeter im Geist und in
Wahrheit anbeten (Joh 4,23). Diese heiligen Worte schließen die äuße-
ren Handlungen gewiß nicht aus, wenn sie aus dem Geist und in Wahr-
heit hervorgehen; aber seht ihr nicht ganz offenkundig, wie sie im Ge-
gensatz zu euch erklären, daß die wahre und wesentliche Anbetung im
Willen und im inneren Akt besteht?
4. In der Tat, wer wollte jemals sagen, die äußeren Handlungen der
Heuchler, wie die Kniebeugen jener, die unseren Erlöser am Tag seiner
Passion verhöhnten, indem sie ihm die Dornenkrone aufs Haupt setz-
ten, das Rohr in die Hand gaben und die Knie vor ihm beugten, wären
eine echte Anbetung gewesen und nicht vielmehr wahre Beschimpfun-
gen und Schmähungen? Die Heilige Schrift nennt das (Mt 27,29; Mk
15,17-20) wohl anbeten und grüßen, aber sie erklärt sogleich, daß sie
das nicht der Wirklichkeit und dem Wesen nach versteht, sondern nach
dem äußeren Schein und der Verstellung, wenn sie sagt, daß sie sich
über ihn lustig machten. Wer wagte diese Elenden wahre Anbeter zu

192
nennen und nicht eher wahre Spötter? Die Dinge tragen manchmal den
Namen dessen, wovon sie den Anschein haben, obwohl sie dennoch
unwürdig sind, ihn zu tragen. So, wenn die Kinder dieser Welt (Lk 16,8)
klug genannt werden und ihre List und Schlauheit als Weisheit bezeich-
net wird, obwohl sie vor Gott und in Wirklichkeit nur Torheit ist (1 Kor
1,20). So nenne auch ich die Unverschämtheit des Traktanten Begrün-
dungen, obwohl sie dieses Namens unwürdig sind.
Überlegen wir nun ein wenig, welche Gründe der Traktant anführt,
um zu beweisen, daß „anbeten heißt, sich verneigen, Weihrauch streuen,
die Knie beugen“. Er sagt (B.T. 55): „Das ergibt sich aus der Ausdrucks-
weise der Heiligen Schrift, die mit dem Kniebeugen den Götzendienst
bezeichnet. Das geht aus der Antwort hervor, die Elija, 1. Könige, Kapi-
tel 19, erhielt, wo die wahren Diener Gottes im Gegensatz zu den Göt-
zendienern bezeichnet werden, weil sie das Knie nicht vor Baal gebeugt
und dessen Mund nicht geküßt haben. Die Heilige Schrift gebraucht
diese Worte auch, um die Götzendiener zu beschreiben: daß sie sich
verbeugt, Weihrauch gestreut, die Hand oder die Lippen geküßt haben.
Das tun die von der römischen Kirche bei ihren Bildern, Reliquien und
Kreuzen. Die Folgerung daraus ist offenkundig: wenn sie keine Götzen-
diener sind, so tun sie doch, was die Götzendiener tun.“
Ist es möglich, daß der Traktant diese Dinge im wachen Zustand ge-
schrieben hat? Wenn das Beugen des Knies Götzendienst wäre, könnte
man nicht gehen, ohne Götzendienst zu betreiben, denn um zu gehen,
muß man das Knie beugen. Das Knie beugen, ja sich zu Boden werfen ist
eine indifferente Handlung und hat etwas Gutes oder Schlechtes nur
durch das Ziel, auf das man sie lenkt. Der Unterschied zwischen der
Güte oder Schlechtigkeit geht aus der Absicht hervor. Damit das Knie-
beugen ein Götzendienst wird, sind zwei Dinge erforderlich: das eine,
daß es vor einem Götzenbild geschieht, denn wer das Knie vor dem
Namen Jesu beugt, wie es vernünftigerweise jeder tun soll, oder vor dem
Fürsten, soll der ein Götzendiener sein? Das andere ist, daß nicht nur
das Knie vor dem Götzenbild gebeugt wird, sondern daß es freiwillig
geschieht; das Herz muß sich zugleich mit dem Körper beugen, denn
der Götzendienst hängt wie jede andere Sünde von der Seele und von
der Absicht ab. Wenn daher am Äußeren etwas Schlechtes ist, kommt es
von da her aus seiner Quelle. Wer Götzen verehrt, wenn er weder Knie
noch Beine hat und unbeweglicher ist als ein Stein, der ist trotzdem ein
wahrer Götzendiener. Und wer im Gegenteil die Knie ständig auf die
Erde hingestreckt hätte, wäre trotz alledem kein Götzendiener ohne

193
diese beiden Bedingungen, die eine, daß es freiwillig geschieht, und die
andere, daß es zur Ehre eines Götzen geschieht. So heißt es auch nie, das
Knie beugen sei Götzendienst, wohl aber (1 Kön 19,18), es vor Baalen,
Astarten, Dagon und ähnlichen Greueln beugen. Dasselbe sage ich da-
von, die Hand und den Fuß zu küssen, Weihrauch zu streuen und sich zu
verbeugen.
Wenn also der Traktant behauptet, daß die Katholiken diese äußeren
Handlungen bei Reliquien, Bildern und Kreuzen machen, sagt er in
gewisser Weise die Wahrheit; aber um davon den Schluß abzuleiten, die
Katholiken seien Götzendiener, bleibt ihm noch zu beweisen, daß die
Bilder, Reliquien und Kreuze Götzenbilder sind. Dazu wird weder er
noch seine Anhänger imstande sein; ich fordere sie dazu heraus. Um
böse, ein Götzendiener und Zauberer zu sein, genügt es nicht, zu tun,
was solche Leute tun, wenn man es nicht in der gleichen Absicht und
unter gleichen Umständen tut. Die Götzendiener beugen die Knie, streu-
en Weihrauch, errichten Tempel und Altäre, feiern Feste, bringen Opfer
dar; die Katholiken tun dasselbe, folglich sind sie Götzendiener. Diese
Schlußfolgerung ist dumm; denn obwohl diese Handlungen bei den ei-
nen und den anderen gleich sind nach Stoff und Materie, sind sie es
nicht der Form, der Art und der Absicht nach. Nun sieht Gott nicht so
sehr darauf, was geschieht, sondern auf die Art, wie es geschieht. Der
Götzendiener richtet alle diese Handlungen auf den Götzen; das macht
ihn zum Götzendiener. Die Absicht des Katholiken dagegen ist bei all
diesen Handlungen auf Gott gerichtet, und das macht ihn zum Katholi-
ken. Der Tyrann und der Fürst verurteilen zum Tod; beim einen ist es
ein Verbrechen, beim anderen Gerechtigkeit. Der Räuber und der Chi-
rurg schneiden Glieder ab und vergießen Blut; der eine, um zu töten,
der andere, um zu heilen. Wir tun manches, was die Götzendiener tun,
aber wir machen nichts wie sie: der Gegenstand unserer Religion ist der
lebendige Gott, der sie ganz heilig und geheiligt macht.
Daher muß man ohne Zweifel den Schluß ziehen, daß das wahre und
reine Wesen der Anbetung im inneren Akt des Willens liegt, durch den
man sich dem unterwirft, der angebetet wird; und daß die Erkenntnis,
die Tätigkeit des Verstandes, der Unterwerfung als Grundlage voraus-
geht. Die äußere Handlung dagegen folgt auf die Unterwerfung als Wir-
kung und ist von ihr abhängig.

194
4. Kapitel

Wer anbeten und wer angebetet werden kann.

Die höchste Erhabenheit ist anbetungswürdig für alle und kann nie-
manden anbeten: wenn sie die höchste ist, wie könnte sie irgendeine
andere als höher anerkennen? Die Vortrefflichkeit der göttlichen Erha-
benheit vor allem anderen ist unendlich und unendlich erhaben; im
Vergleich mit ihr ist alles niedrig oder nichts. Gott kann daher als Gott
nicht anbeten, wohl aber kann er ehren, da die einfache Ehre zum Ge-
genstand nur die einfache Vortrefflichkeit hat, nicht eine höhere Erha-
benheit wie die Anbetung.
Aus dem entgegengesetzten Grund können die vernunftlosen Dinge
nicht anbeten infolge ihrer äußersten Niedrigkeit, denn ihnen mangelt
die Erkenntnis, folglich der Wille und die (Fähigkeit zur) Anerken-
nung. Die Teufel und die Verdammten können nicht anbeten; den Grund
dafür habe ich eben (3. Kap.) genannt; sie erkennen das Gute, aber sie
verachten es und lästern dagegen, ihr Wille haßt und verabscheut es. Wer
wird dich in der Hölle bekennen, Herr, Gott, sagte David (Ps 6,5)? Wenn
sie aber Gott nicht anbeten, werden sie einen anderen als Gott anbeten
können? Ich sage, nicht im eigentlichen Sinn. Die Anbetung ist eine Art
der Ehrung; die Ehre gilt der Tugend: nun haben diese Elenden keiner-
lei Vorliebe für die Tugend, und gerade in dieser Vorliebe besteht die
Ehre. Die Ehre entspringt einem wohlgeordneten Willen, der irgendei-
ne Vortrefflichkeit anstrebt und anerkennt: die Verdammten haben ih-
ren Willen ganz zerrüttet und verdorben, er strebt nur nach dem Bösen.
Wenn sie irgendetwas Höheres anerkennen, dann stets nur gezwungen,
und das kann keine Anbetung sein. So viel zur aktiven Anbetung.
Was die passive Verehrung betrifft, sind davon einzig die Verdamm-
ten ganz und gar ausgeschlossen aus folgenden Gründen: Die Vortreff-
lichkeit ihrer Natur ist auf keinerlei Gut ausgerichtet, sondern kreist
unwiderruflich um das Böse. Nun gilt alle Ehre der Tugend und Ehren-
haftigkeit; ihre Vortrefflichkeit ist verschüttet und erstickt durch äußer-
stes Elend und Gemeinheit. Die Ehre setzt Zuneigung zu dem voraus,
was man ehrt. Nun sind die Bösen unversöhnlich gegen uns und wir
dürfen mit ihnen keinerlei Beziehung der Zuneigung haben, sondern
vollständige Ablehnung und Abscheu. Alles andere kann verehrt wer-
den, aber mit sehr verschiedener und unterschiedlicher Verehrung, und
es muß ohne irgendeinen Anlaß zum Ärgernis geschehen.

195
5. Kapitel

Die Verehrung wird Gott und Geschöpfen erwiesen.


30
Das Wort anbeten , woher es auch kommen mag, will nichts anderes
besagen als, Gott oder Geschöpfen Ehrerbietung erweisen, obwohl das
einfache Volk meint, das sei ein Wort, das nur der Gott gebührenden
Ehre eigen ist. Abraham verneigte sich vor dem Volk des Landes, d. h.
vor den Söhnen Hets (Gen 23,7); das waren Geschöpfe. Ebenso ver-
neigten sich sein Verwandter Lot (19,1), Josua (5,15), Bileam (Num 22,
31) vor den Engeln; Saul (1 Sam 28,14) verneigte sich vor der Seele
Samuels; als Isaak (Gen 27,29) seinen Sohn Jakob segnete, wünschte er
ihm, daß die Völker ihm dienen und die Kinder seiner Mutter sich vor
ihm verneigen; Josef träumt (37,9f), daß sein Vater, die Mutter und die
Brüder sich vor ihm verneigen; David gebietet (Ps 99,5; 122,7), den
Schemel der Füße Gottes anzubeten, weil er heilig ist. Doch die einzige
Stelle des 1. Buches der Chronik (29,20) könnte genügen: Benedixit
omnis ecclesia Domino Deo patrum suorum; et inclinaverunt se et ad-
oraverunt Deum; et deinde Regem: Die ganze Gemeinde pries den Herrn,
den Gott ihrer Väter; sie verneigten sich vor Gott und beteten ihn an;
dann vor dem König. Hier ist das Wort Anbetung verwendet für die Gott
und Geschöpfen erwiesene Ehre.
Die Alten folgten diesem Weg, so daß der hl. Augustinus sagt, daß wir
kein einfaches lateinisches Wort haben, um die Gott allein gebührende
Verehrung zu bezeichnen, sondern dafür das griechische Wort ‚latria‘
bestimmt haben, mangels eines anderen brauchbaren. Obwohl das Wort
Anbetung nicht nur die Gott gebührende Ehrerbietung bezeichnet, son-
dern auch diejenige, die wir Geschöpfen schulden, neigt es doch etwas
mehr dazu und ist geeigneter, um die Gott gebührende Ehrerbietung zu
bezeichnen. Deshalb haben die Alten manchmal ohne Bedenken gesagt,
man könne die Geschöpfe anbeten, und manchmal hatten sie Bedenken,
das zuzugeben, besonders dann, wenn sie es mit Nörglern und Häretikern
zu tun hatten. Der hl. Hieronymus z. B. bekennt: „Ich kam nach Betlehem
und betete die Krippe und Wiege des Herrn an“; und an anderer Stelle:
„Gott befohlen, Paula, und hilf durch Gebete deinem ergebenen Diener.“
Trotzdem bestreitet derselbe bei anderen Gelegenheiten, daß man irgend-
ein Geschöpf anbeten und ihm durch Ergebenheit dienen könne: „Wir
dienen nicht den Serafim und beten sie nicht an, noch irgendetwas, was
man in diesem oder im anderen Leben nennen könnte.“

196
„Wer wollte je die Märtyrer anbeten, wer dächte jemals, ein Mensch
sei Gott?“ Hier gebraucht er das Wort anbeten für die Ehre, die Gott
erwiesen wird.
Der hl. Ambrosius sagt: „Helena fand das Kreuz des Herrn; sie betete
den König an, nicht das Holz, gewiß deswegen, weil das ein heidnischer
Irrtum wäre; sie betete vielmehr den an, der am Holz gehangen.“ Er
spricht von der Anbetung in der Weise, daß er sie anscheinend nur Gott
zuerkennen will, aber bald darauf dehnt er sie auch auf Geschöpfe aus:
„Helena handelte weise, als sie das Kreuz über das Haupt der Könige
erhob, damit das Kreuz Jesu Christi in den Königen angebetet werde.
Das ist keine Anmaßung, sondern Ehrfurcht und Frömmigkeit, wenn
man es auf die heilige Erlösung bezieht.“ Und weiter unten führt er die
Juden an, die sich über die Ehre, die man Unserem Herrn erweist, fol-
gendermaßen beklagen: „Wir haben den gekreuzigt, den die Könige
anbeten; ja selbst sein Nagel wird in Ehren gehalten; und was wir zu
seinem Tod errichtet haben, ist ein heilsames Mittel und quält durch
eine bestimmte unsichtbare Macht die Dämonen. Die Könige neigen
sich vor dem Eisen seiner Füße und die Kaiser ziehen den Nagel seines
Kreuzes ihren Kronen und Diademen vor.“ Ihr Reformierten, habt ihr
die Klage dieses beschnittenen Packs gehört? Sie beklagen die Ehre und
die Kraft des Kreuzes: Herr, Gott, was soll aus euch werden, die ihr
dasselbe tut?
Der hl. Athanasius sagt zu Antiochus: „Wahrhaftig, wir beten das Kreuz
an, das wir aus zwei Hölzern zusammensetzen.“ Aber gegen die Heiden
ändert er die Ausdrücke und sagt: „Jesus Christus allein wird angebe-
tet.“ Wo der gleiche im ‚Buch von der Jungfräulichkeit‘ die gläubige
Seele unterweist, sagt er: „Wenn ein Gerechter bei dir eintritt, geh ihm
entgegen und verneige dich zu seinen Füßen, zur Erde, mit Furcht und
Zittern, denn du wirst nicht ihn anbeten, sondern Gott, der ihn sendet.“
Doch wenn er gegen die Heiden schreibt, sagt er: „Das Geschöpf betet
das Geschöpf nicht an.“
Wo der hl. Epiphanius vor den Frommen den Lobpreis der hl. Maria,
der Mutter Gottes behandelt (denn so ist die Predigt überschrieben),
sagt er: „Ich sehe, daß sie von den Engeln angebetet wird.“ Doch wenn
er die Häretiker widerlegt, sagt er: „Maria werde in Ehren gehalten, der
Herr werde angebetet.“
Ich habe also bewiesen: 1. daß das Wort ‚anbeten‘ nicht nur für die
Gott gebührende Huldigung verwendet wird, sondern auch für die den
Geschöpfen gebührende Ehre; die Zitate aus der Heiligen Schrift und

197
die Passagen der Väter bestätigen das. 2. Daß das gleiche Wort trotz-
dem etwas mehr und passender dazu neigt, die Ehre zu bezeichnen, die
Gott allein gebührt. Diese Erwägung bewog die Alten, gewöhnlich an-
dere Ausdrücke als den der Anbetung zu verwenden, um die den Heili-
gen und anderen Geschöpfen gebührende Ehrerbietung zu bezeichnen;
oder wenn sie dafür keine anderen Ausdrücke gebrauchten, haben sie
das Wort Anbetung durch irgendeine Abschwächung eingeschränkt. So
sagt der hl. Cyrill gegen Julian: „Wir beten die Heiligen nicht als Götter
an, sondern wir ehren sie als vornehme Persönlichkeiten.“ Das 2. Kon-
zil von Nicäa nennt die Verehrung der Heiligen eine „Anbetung ehren-
halber: honorariam adorationem“. Das Konzil von Trient folgt dieser
Linie und erklärt: „Wir beten Jesus Christus an und verehren die Heili-
gen durch die Bilder, die wir küssen.“ Es gebraucht für Unseren Herrn
das Wort ‚anbeten‘ und für die Heiligen ‚verehren‘.
Dieser Sprachgebrauch hängt nun von zwei Grundsätzen ab: erstens,
daß unter allen Arten der Ehre die Anbetung die würdigste ist; darüber
sagt der hl. Augustinus, daß „die Menschen des Dienstes und der Vereh-
rung würdig genannt werden, und wenn man dem noch viel hinzufügen
will, werden sie noch anbetungswürdig genannt.“ Es bedarf eines gro-
ßen Wertes, um etwas anbetungswürdig zu machen. Der zweite Grund-
satz ist, daß von allen Arten der Anbetung die Gott gebührende unver-
gleichbar die höchste und kostbarste ist. Sie ist der Kern jeder Anbe-
tung, oder wie der Bischof Anastasius von Theopolis sagt, der stärkste
und vorzüglichste Ausdruck aller Ehre. Da dem so ist und das Wort
Anbetung die Anerkennung einer höheren und hervorragenden Erha-
benheit bezeichnet, ist es viel besser vereinbar mit der Gott gebühren-
den Ehre als mit der den Geschöpfen gebührenden, denn hier findet
sich die ganze Weite und Vollkommenheit ihres Gegenstandes, die sich
sonst nirgends findet. Mit einem Wort, die Anbetung kommt den Ge-
schöpfen nicht in gleicher Weise zu wie Gott, d.h. nicht unbegrenzt. Die
Gott gebührt, ist im Vergleich mit jeder anderen, die Geschöpfen erwie-
sen wird, so überragend, daß sie zueinander fast in keinem Verhältnis
stehen, daß die anderen Arten der Anbetung im Vergleich mit der Gott
gebührenden fast keine Anbetung sind.
Da nun die Anbetung die höchste Art der Ehre ist, kommt sie in be-
sonderer Weise der höchsten Erhabenheit Gottes zu; und obwohl sie
auch Geschöpfen zugesprochen werden kann, so doch in einem ganz
entfernten Verhältnis und analog. Wenn man daher nicht durch einen
offenkundigen Umstand die Bedeutung des Wortes Anbetung auf die

198
Ehre der Geschöpfe anwendet, neigt es stets zur Gott gebührenden
Huldigung, entsprechend dem alten Satz der Logiker: Ein mehrdeuti-
ges Wort oder eines, das zwei verschiedene Dinge bezeichnet, wird stets
in seiner würdigsten und vornehmsten Bedeutung aufgefaßt, wenn es für
sich ganz allein und ohne weitere Erklärung gebraucht wird: „analo-
gum, per se sumptum, stat pro famosiori significato.“ So bezeichnet in
dem Gespräch zwischen Unserem Herrn und der Samariterin (Joh 4,20-
24) das Wort ‚anbeten‘, das hier ganz kurz ohne anderen Zusatz steht,
nicht nur die Gott allein gebührende Anbetung, sondern die vorzüglich-
ste von allen, die Gott erwiesen werden kann, d. h. das Opfer, wie meh-
rere große Persönlichkeiten durch unwiderlegbare Gründe beweisen.
Das habe ich sowohl deswegen gesagt, weil es in dieser mißlichen und
händelsüchtigen Zeit zweckmäßig ist, daß man genau weiß, was diese
Worte bedeuten, als auch deswegen, um dem Traktanten zu antworten.
Indem er uns vorwirft, wir beteten das Kreuz und die Bilder an, machte
er sich das Spiel mit uns leicht und sagt (B.T. 54): „Es ist eine leichtfer-
tige Erwiderung zu sagen, man bete sie nicht an und man setze sein
Vertrauen nicht in sie.“ Ich sage dagegen, der Traktant ist äußerst leicht-
fertig, wenn er sich einbildet, das sei eine Antwort für uns, von der wir
nicht annehmen, daß sie so geglaubt wurde, wie sie niedergeschrieben
ist. Wir halten uns vielmehr an das Vorgehen der Heiligen Schrift und
unserer Vorfahren, wir bekennen, daß man erlaubter Weise die heiligen
Geschöpfe verehren kann, namentlich das Kreuz, und sagen ganz laut
mit dem hl. Athanasius: „Wir verehren die Darstellung des Kreuzes“;
und mit Lactanz: „Beugt das Knie, betet das ehrwürdige Holz des Kreu-
zes an.“
Es ist wahr, der gut unterrichtete Katholik weiß, daß das Wort ‚anbe-
ten‘ mehr nach der Gott gebührenden Ehre neigt als nach der von Ge-
schöpfen und daß das einfache Volk es gewöhnlich in diesem Sinn ge-
braucht; der gut unterrichtete Katholik, sage ich, wird dieses Wort nicht
gebrauchen, ohne eine gute Erklärung damit zu verbinden; nicht vor
Schismatikern und Häretikern, Reformatoren und Irrgläubigen, um
ihnen keinen Anlaß zur Verleumdung zu geben; nicht vor kleinen und
schwachen Geistern, um ihnen keinen Anlaß zu Mißverständnissen zu
geben, denn so haben es die Alten gemacht. Wenn man daher sagt, man
setze sein Vertrauen nicht auf das Kreuz, dann deswegen, um zu zeigen,
daß man es nicht als Gott anbetet, nicht aber, um zu sagen, daß man es in
keiner Weise verehre. Aber der Traktant behandelt das Kreuz, unsere
und seine Sache, nach seiner Laune.

199
6. Kapitel

Der Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung


liegt in der Tätigkeit des Willens.

Da das eigentliche und wahre Wesen der Anbetung im Willen liegt und
nicht in der äußeren Ehrenbezeugung, muß die Größe oder Kleinheit der
Verehrung und ihr eigentlicher Unterschied rein und einfach nach der
Tätigkeit des Willens beurteilt werden, nicht nach der Tätigkeit des Ver-
standes, noch nach den äußeren Ehrenbezeugungen. Einer erkennt in sei-
ner Seele einen bestimmten hervorragenden Vorzug eines anderen über
ihn, er möchte ihn aber trotzdem nicht in dem Maß anerkennen, wie er
ihn erkennt, sondern viel weniger oder mehr. Ein Beispiel dafür sind jene,
die Gott erkannt, aber nicht als Gott angebetet haben (Röm 1,21). Der
Unterschied der Anbetung oder Verehrung in ihrer Größe oder Kleinheit
kommt also nicht vom Verstand. Ebenso sagt die Heilige Schrift (1 Chr
29,20): Die ganze Gemeinde pries den Herrn, den Gott ihrer Väter; sie
verneigten sich vor Gott und beteten ihn an, dann vor dem König. Sie
erweisen ohne Zweifel eine zweifache Verehrung, uzw. recht verschie-
den, die eine Gott, die andere dem König; trotzdem machen sie nach
außen nur eine Verneigung: die gleiche äußere Unterwerfung hat also
nicht die gleiche Ehre oder Verehrung zur Folge. Sich verbeugend und
zur Erde verneigt verehrte der Patriarch Jakob siebenmal seinen älteren
Bruder Esau (Gen 33,3); die Brüder Josefs verehrten ihn zur Erde ver-
neigt (Gen 43,26.28); die Frau aus Tekoa fiel vor David nieder und ver-
ehrte ihn (2 Sam 14,4); als die Söhne der Propheten Elischa begegneten,
fielen sie vor ihm nieder und verehrten ihn (2 Kön 2,15); die Schunemi-
tin fiel Elischa zu Füßen (2 Kön 4,27.37); Judit (10,20) verneigte sich zur
Erde und verehrte Holofernes. Was konnten diese heiligen Seelen mehr
als das tun, um Gott anzubeten?
Die Verehrung darf also nicht nach den äußeren Handlungen und
Ehrenbezeugungen beurteilt werden. Jakob verneigte sich in gleicher
Weise vor Gott und vor seinem Bruder, aber die unterschiedliche Ab-
sicht, die ihn bei diesen Verbeugungen und Verneigungen leitet, unter-
scheidet die Verehrung, die er durch die Verneigung Gott darbringt,
entscheidend von der für seinen Bruder. Unser Leib hat nicht so viele
Verbeugungen und Haltungen wie unsere Seele, er kennt keine demüti-
gere Unterwerfung, als sich vor jemandem zur Erde zu verneigen; aber
die Seele hat deren unzählige größere, so daß wir gezwungen sind, die

200
körperlichen Kniebeugen, Ehrenbezeugungen und Verbeugungen glei-
cherweise zu gebrauchen, sowohl zur höchsten Ehre Gottes als auch zur
geringeren Ehre der Geschöpfe. Wir gebrauchen sie wie Münzen, ein-
mal für zehn, einmal für hundert, einmal für tausend, und überlassen es
dem Willen, den Wert dieser Zeichen und äußeren Haltungen zu be-
stimmen, je nach der Absicht, mit der er sie dem Leib befiehlt. Und es
gibt vielleicht keine äußere Handlung, so demütig sie sein mag, die
nicht zur Ehre der Geschöpfe verwendet werden könnte, wenn sie aus
einer wohlgeordneten Absicht entspringt, ausgenommen einzig das
Opfer mit allem, was hauptsächlich und notwendig zu ihm gehört, das
nur Gott allein dargebracht werden kann als Anerkennung seiner höch-
sten Herrschaft. Denn zu wem hörte man jemals sagen: Ich bringe dir
dieses Opfer dar, Petrus, Paulus? Abgesehen davon ist alles Äußere
geeignet zur Ehrenbezeugung für Geschöpfe, wenn man darunter jeden-
falls nicht die Worte versteht, von denen es so viele gibt, die nur auf Gott
allein bezogen werden können.
Der Traktant verlegt das Wesen der Anbetung in die Kniebeuge und
andere äußere Handlungen, wie es alle Schismatiker unserer Zeit tun;
daher ist er gezwungen, wo die gleiche Verbeugung oder Ehrenbezeu-
gung vorliegt, zu sagen, hier liege auch die gleiche Anbetung vor. Das
braucht man wohl, um das gewöhnliche Volk zu fangen; doch was wird
er mir auf folgende Frage antworten? Magdalena kniet zu Füßen Unse-
res Herrn und wäscht sie (Lk 7,38); Unser Herr kniet vor dem hl. Petrus
und wäscht ihm die Füße (Joh 13,6); die Handlung Magdalenas ist eine
sehr demütige Anbetung: mein freundlicher Traktant, sagen Sie mir,
was war die Handlung Unseres Herrn? Wenn sie keine Anbetung war,
was wahr ist, kann daher ‚sich verneigen‘, Ehrenbezeugungen und Knie-
beugen machen nicht ‚anbeten‘ bedeuten, wie Sie behauptet haben. Folg-
lich kann ein und dieselbe Handlung gemacht werden aus Anbetung
und ohne Anbetung; daher wird man aus den gleichen äußeren Hand-
lungen weder auf die gleiche noch auf verschiedene Verehrung schlie-
ßen können. Wenn die Handlung Unseres Herrn ebenso Anbetung war
wie die Magdalenas (Sie sind gut genug, das aufrechthalten zu wollen,
vor allem, wenn Sie ein wenig vom Zorn überrascht sind), dann betete
er die Geschöpfe an: warum also wollen Sie nicht, daß wir dasselbe tun?
Wahrhaftig, das Wesen und die Unterschiede der Anbetung in äußere
Handlungen zu verlegen, das bedeutet, es anders auffassen als Unser
Herr, der es (Joh 4,23) in den Geist verlegt, und anders als selbst der
Teufel, der sich (Mt 4,9f) nicht damit begnügt, von Jesus Christus zu

201
verlangen, daß er sich verneige, sondern auch will, daß er vor ihm nie-
derfalle und ihn anbete; er sagt: Wenn du niederfällst und mich anbetest,
will ich dir das alles geben. Ihm ist nichts gelegen an der Verneigung und
Verbeugung, wenn sie nicht von der Anbetung begleitet ist. O Reforma-
tion, willst du es besser wissen als dein Meister? Um die Gott gebühren-
de Ehre zu zeigen, sagt der Unsere als Antwort auf den Euren nicht: Du
sollst dich verneigen, weil die Verneigung eine rein indifferente Hand-
lung ist, sondern er sagt nur: Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten.
Und weil die Anbetung noch nicht ausschließlich und in besonderer
Weise der Ehre Gottes eigen ist, sondern auch für Geschöpfe gebraucht
werden kann, fügt er zur Anbetung das Wort ‚Latrie‘ hinzu und sagt: Du
sollst ihm allein dienen. So sagt er auch nicht: du sollst den Herrn deinen
Gott allein anbeten, sondern vielmehr: Du sollst ihm allein dienen. Die-
se Feststellung stammt ausdrücklich vom großen hl. Augustinus in den
Quästionen zur Genesis. Anbeten kann man auch einen anderen als
Gott, aber keinem anderen als Gott dienen durch den Dienst, der nach
den Griechen ‚Latrie‘ genannt wird.

7. Kapitel

Erste Einteilung der Verehrung:


nach dem Unterschied der Vortrefflichkeit.

Es kommt also dem Willen zu, das Wesen und die Verschiedenheit
der Verehrung zu bestimmen. Aber welche Mittel hat er dazu? Vor al-
lem zwei: erstens durch die Unterscheidung der Vortrefflichkeiten, de-
retwegen er die Dinge verehrt; für verschiedene Vorzüge bedarf es un-
terschiedlicher Ehre. Zweitens durch die unterschiedliche Art, wie die
Gegenstände an den Vorzügen, deretwegen man sie verehrt, teilhaben
und sie besitzen. Denn wie es verschiedene Vorzüge gibt, so kann man
auch unterschiedlich und auf verschiedene Weise an ein und demselben
teilhaben.
Teilen wir nun alle Arten der Verehrung ein nach der allgemeinsten
Unterscheidung der Vorzüge. Jede Vortrefflichkeit ist entweder unend-
lich oder endlich, d. h. entweder göttlich oder geschaffen. Ist sie unend-
lich und göttlich, dann ist die ihr gebührende Verehrung die höchste,
absolute und unbegrenzte und heißt Latrie, denn wie der hl. Augustinus
sagt, „nach dem Sprachgebrauch jener, die uns die göttlichen Worte

202
begründet haben, wird Latrie der Dienst genannt, der der Anbetung
Gottes zugehört, entweder immer oder wenigstens so oft, daß es fast
immer zutrifft: latria, secundum consuetudinem qua locuti sunt qui
nobis divina eloquia condiderunt, aut semper aut tam frequenter ut pae-
ne semper, ea dicitur servitus quae pertinet ad colendum Deum.“ In der
lateinischen Sprache gibt es kein anderes Wort, das so einfach die Gott
allein gebührende Verehrung bezeichnete. Ist die Vortrefflichkeit end-
lich, abhängig und geschaffen, dann wird die Verehrung untergeordnet
und geringer sein.
Weil es aber in dieser zweiten Art der Vortrefflichkeit unzählige Un-
terschiede und große Vielfalt gibt, teilen wir sie noch in ihre hauptsäch-
lichen Arten ein; ebenso werde auch die ihr entsprechende Verehrung
eingeteilt. Die geschaffene Vortrefflichkeit ist entweder natürlich oder
übernatürlich: wenn sie natürlich ist, gebührt ihr eine bürgerliche,
menschliche und einfache moralische Verehrung; so ehrt man die Wei-
sen und Tapferen. Ist sie übernatürlich, so gebührt ihr eine mittlere
Verehrung, die nicht rein menschlich und bürgerlich ist, aber auch nicht
göttlich oder unbegrenzt, denn die Vortrefflichkeit, auf die sie sich be-
zieht, ist unendlich geringer als die göttliche und ist stets untergeordnet.
Man kann diese Verehrung wohl eine religiöse nennen, denn wir unter-
werfen uns übernatürlichen Dingen nur auf Antrieb des gottesfürchti-
gen, frommen Glaubens, oder eine innerliche, aber die Theologen nen-
nen sie im besonderen ‚Dulie‘; sie sahen nämlich, daß das griechische
Wort ‚Dulia‘ gleicherweise für den Dienst Gottes (Offb 22,9) und der
Geschöpfe (Tit 2,9; 1 Kor 9,19) gebraucht wird und daß dagegen das
Wort ‚Latria‘ fast ausschließlich für den Dienst Gottes gebraucht wird;
daher haben sie Verehrung der Latrie jene genannt, die man Gott er-
weist, und jene, die man den Geschöpfen erweist, Verehrung der Dulie.
Und um noch eine Einteilung der Ehre der Geschöpfe zu treffen, haben
sie gesagt, die hervorragendsten werden durch ‚Hyperdulie‘ verehrt, die
anderen durch gewöhnliche oder allgemeine ‚Dulie‘.

203
8. Kapitel

Zweite Einteilung der Verehrung:


nach der unterschiedlichen Art des Teilhabens an den Vorzügen.

Die zweite Unterscheidung der Verehrung hängt ab von der verschie-


denen Art und Weise, wie die Dinge, die man verehrt, teilhaben an den
Vorzügen, deretwegen man sie verehrt. Denn um sehr ehrwürdig zu sein,
genügt es nicht, an einer großen Vortrefflichkeit teilzuhaben, wenn man
daran nicht in hervorragender Weise teilhat. Man ehrt jede Art von Be-
amten wegen der Hoheit des Fürsten, dessen Diener und Beauftragte sie
sind. Es ist der gleiche Vorzug, deswegen man sie ehrt, aber man ehrt sie
nicht gleichermaßen, weil nicht alle gleicherweise an diesem Vorzug
teilhaben. Ein und dieselbe Sonne erhellt die Dinge mehr oder weniger,
je nachdem, wie nahe sie ihr sind oder wie sie ihre Strahlen aufnehmen.
So erweisen wir die Verehrung oder Ehre nicht nur nach den Vorzügen,
sondern nach der verschiedenen Art der Teilhabe an den Vorzügen. Ich
sage daher folgendes:
Was wir verehren, hat die Vortrefflichkeit, deretwegen wir es vereh-
ren, entweder in sich und aus sich selbst, dann gebührt ihm die absolute
und unabhängige, erhabene und höchste Verehrung; diese Ehre steht
Gott allein zu, denn er allein ist in sich, aus sich und durch sich selbst
erhaben, ja die Erhabenheit selbst.
Oder es hat die Vortrefflichkeit in sich, aber nicht aus sich, wie viele
Menschen und die Engel. Sie haben wirklich die Werte und Tugenden in
sich, deretwegen man sie ehrt, aber sie besitzen sie nicht von sich selbst,
sondern durch die Gnade Gottes. Deshalb ist die Ehre, die ihnen ge-
bührt, in Wahrheit absolut, aber nicht die höchste und nicht unabhän-
gig, sondern untergeordnet und abhängig; denn wie sie ihre Vortreff-
lichkeit von Gott haben, muß auch die Ehre, die man ihnen dieser Vor-
trefflichkeit wegen erweist, auf Gott bezogen werden. Diese Art der
Verehrung steht nur vernunftbegabten und tugendhaften Geschöpfen
zu, denn kein anderes als dieses kann die Tugend besitzen; sie ist die
Vortrefflichkeit, deretwegen man sie ehrt.
Oder das Ehrwürdige hat die Vortrefflichkeit, deretwegen man es ver-
ehrt, in Wirklichkeit weder aus sich noch in sich, sondern nur durch eine
bestimmte Anrechnung und Beziehung infolge der Verbindung, Zugehö-
rigkeit und Ähnlichkeit, wegen des Verhältnisses und der Beziehung zu
dem, was die Vortrefflichkeit und Güte in sich selbst hat; dann heißt die

204
unter diesem Gesichtspunkt den Dingen gebührende Verehrung eine be-
ziehungsweise, zugeschriebene oder bedingte. Diese steht allen Geschöp-
fen zu, vernunftbegabten und anderen, außer den unglücklichen Verdamm-
ten; sie haben nur eine Beziehung zum Unglück, das ihnen alles verdun-
kelt, was von ihren natürlichen Fähigkeiten verblieben sein kann.
Doch Gott, der nur die unabhängige Erhabenheit besitzen kann, steht
nur die unabhängige Anbetung zu. Für Gott ist es zu gering und zu
gewöhnlich, die Vollkommenheit in Abhängigkeit und anders als aus
sich selbst zu besitzen, und noch viel mehr, sie durch Anrechnung oder
Beziehung zu besitzen; diese geringen Ehren sind für eine unendliche
Erhabenheit nicht angemessen.
Die erhabene und höchste Ehre gebührt also Gott, nicht nur wegen
der unendlichen Vollkommenheit, die in ihm ist, sondern auch wegen
der Art, wie er sie besitzt, denn er besitzt sie aus sich und durch sich
selbst. Die absolute untergeordnete Ehre steht nur vernunftbegabten
Geschöpfen zu, die allein die Tugend in sich haben, die die absolute
Ehre erfordert; aber sie haben diese nicht aus sich, daher ist sie unterge-
ordnet. Die bedingte oder zugeschriebene ist in gewissem Sinn den ver-
nunftlosen Geschöpfen im besonderen eigen, da ihnen keine andere
Ehre zusteht, weil sie weder aus sich noch in sich selbst tugendhaft sind.
Trotzdem sind die vernunftbegabten Geschöpfe auch für diese bedingte
Ehre ebenso empfänglich wie für die absolute untergeordnete. So kann
ich den hl. Johannes betrachten entweder als sehr heilige Persönlich-
keit und werde ihn deswegen ehren mit einer absoluten wenn auch un-
tergeordneten Ehre, oder als nahen Verwandten Unseres Herrn, und
deswegen ehre ich ihn mit einer bedingten und zugeschriebenen Ehre.

9. Kapitel

Woher der Unterschied bei der bedingten Ehre kommt


und wie man sie nennt.

Die bedingte Ehre muß bewertet werden nach dem Maß und Gewicht
der Vortrefflichkeit, der sie gilt, und nach dem Unterschied, wie sich
die Vortrefflichkeit in der verehrten Sache findet. Ich will zum Beispiel
das Bild des Fürsten mit dem Sohn eines Freundes vergleichen: Wenn
ich den Wert der Vorzüge bedenke, deretwegen ich das eine und den
anderen ehre, werde ich das Bild des Fürsten mehr ehren als den Sohn

205
des Freundes (ich setze voraus, daß mir dieser Sohn nur wegen der Lie-
be zum Vater schätzenswert ist), weil das Bild des Fürsten einer Persön-
lichkeit zugehört, die mir ehrenwerter ist. Wenn ich aber den Rang und
den Grad der Zugehörigkeit jedes dieser Dinge zur Vortrefflichkeit be-
denke, deretwegen ich sie ehre, werde ich den Sohn meines Freundes
viel mehr ehren als das Bild des Fürsten; denn obwohl ich den Fürsten
höher schätze als den einfachen Freund, gehört doch das Bild unver-
gleichlich weniger zum Fürsten als der Sohn zum Freund. Ebenso ist
nach der ersten Überlegung das Bild Unseres Herrn ehrwürdiger als der
Leib eines Märtyrers, da es einer unendlichen Erhabenheit zugehört,
der Leib des Märtyrers aber nur einer begrenzten Vortrefflichkeit. Doch
nach der zweiten Überlegung ist der Leib des Märtyrers ehrwürdiger als
das Bild Unseres Herrn, denn obwohl das Bild Gottes einer unendli-
chen Erhabenheit zugehört, so gehört es zu ihr doch fast unendlich we-
nig im Vergleich damit, daß der Leib dem Märtyrer viel enger zugehört,
ein wesentlicher Teil von ihm ist, der auferweckt werden wird, um der
Herrlichkeit teilhaftig zu werden.
Um also der beziehungsweisen oder bedingten Ehre, die den Dingen
gebührt, den rechten Wert zu geben, muß man die Vortrefflichkeit, der
sie zugehören, erwägen und abschätzen, und zugleich den Rang und den
Grad ihrer Zugehörigkeit zu diesem Vorzug. So verdienen das echte
Kreuz und die Abbildungen des Kreuzes ein und dieselbe Ehre, inso-
fern das eine und das andere sich auf Jesus Christus bezieht, aber sie
verdienen sie auf verschiedene Weise, insofern das echte Kreuz Jesus
Christus vorzüglicher zugehört als die Darstellung des Kreuzes; denn
das echte Kreuz gehört ihm an als Reliquie, als Werkzeug der Erlösung,
als Altar seines Opfers und auch dessen Bild, aber die Darstellung des
Kreuzes gehört zu ihm nur als Erinnerung an seine Passion. Der Unter-
schied ihrer Verehrung kommt nicht vom Gegenstand, dem sie zugehö-
ren, sondern von der Art, wie sie zu ihm gehören. Sie gehören ein und
demselben Gegenstand an, aber nicht in gleicher, sondern auf verschie-
dene Weise; das macht den Unterschied aus und begründet die unter-
schiedliche Verehrung.
Doch wie sollen wir die entsprechenden Arten der Verehrung nach
ihrer Verschiedenheit nennen?
1. Man darf sie wahrhaftig niemals einfach Anbetung ohne rechte Ein-
schränkung nennen; denn wenn das Wort Anbetung mehr zur Bezeich-
nung der Gott allein gebührenden Ehre neigt als zur untergeordneten
und wenn es deshalb nicht zur Bezeichnung der untergeordneten ge-

206
braucht werden darf, außer wenn es durch irgendeinen Zusatz einge-
schränkt wird, um wieviel weniger darf man es gebrauchen, um die be-
dingte und unvollkommene zu bezeichnen, außer man hat den Umfang
seiner Bedeutung nach dem Maß der Ehre begrenzt, die man bezeich-
nen will.
2. Es genügt nicht, eine dieser Arten der Verehrung eine bedingte oder
unvollkommene Anbetung zu nennen, denn durch diese Ausdrücke wür-
de man keinen Unterschied zwischen ihnen machen: alle haben teil an
dieser Bezeichnung der bedingten Verehrung als ihrer Gattung, dieser
Gehalt ist ihnen gemeinsam. Sie sind alle von dieser Art der Verehrung,
die man Verehrung nennt, und alle von dieser Art der Verehrung, die
man bedingt nennt. Man muß also diese zwei Bezeichnungen noch be-
grenzen durch irgendeinen Zusatz. Doch woher soll man diesen Zusatz
nehmen? Man muß ihn in der Beschaffenheit des Vorzugs suchen, auf
die die Verehrung abzielt: wenn sie der göttlichen Erhabenheit gilt,
muß man sie bedingte Verehrung der Latrie nennen, denn die Ehre, die
die Gottheit zum Gegenstand hat, heißt Latrie. Wenn sie einem überna-
türlichen geschaffenen Vorzug gilt, nennt man sie die bedingte Vereh-
rung der Dulie oder Hyperdulie, je nach der größeren oder geringeren
Vortrefflichkeit, denn so nennt man die übernatürlichen Vorzügen ge-
bührende Ehre. Wenn die Verehrung einem rein menschlichen Vorzug
gilt, heißt sie bedingte menschliche oder bürgerliche Verehrung.
3. Wer aber diese Arten der Verehrung noch näher bestimmen wollte
nach dem Unterschied des Ranges und der Zugehörigkeit der Sache, die
er ehren will, zum Vorzug, dem sie gilt, der kann das leicht tun, indem er
z. B. sagt: Ich ehre das mit der beziehungsweisen Verehrung der Latrie
als Reliquie, als Bild, als Andenken oder Werkzeug Jesu Christi. So
muß man auch sprechen von den Reliquien, Bildern und Werkzeugen
der Heiligen und jeder Sache ihren Rang lassen; denn in Wahrheit ver-
dienen die Reliquien, wie die Nägel, das echte Kreuz, das heilige
Schweißtuch, mehr beziehungsweise Verehrung der Latrie als die Bil-
der und einfachen Kreuze Unseres Herrn, weil sie zu Unserem Herrn in
lebendiger und engerer Beziehung stehen als die einfachen Andenken.
4. Niemand darf es befremdend finden, wenn diese geringen, unvoll-
kommenen und bedingten Ehren den Namen einer absoluten und voll-
kommenen Verehrung der Latrie, Hyperdulie und Dulie tragen; denn
wie könnte man die Blätter besser benennen als mit dem Namen des
Baumes, der sie hervorbringt und von dem sie abhängen? Die Dinge,
die wir mit einer beziehungsweisen Verehrung ehren, gehören absolu-

207
ten Vorzügen an und hängen von ihnen ab; auch die Ehre, die wir
ihnen erweisen, gehört zur absoluten Ehre, die wir absoluten Vorzü-
gen erweisen, und hängen von ihr ab. Das Kreuz gehört Jesus Christus
an, die Verehrung des Kreuzes gehört zur Verehrung Jesu Christi; die
Verehrung Jesu Christi heißt gerechterweise Latrie, die Verehrung des
Kreuzes gehört zur Latrie, sie ist ein Blatt dieses großen Baumes, sie
ist eine Feder dieses Adlers, der geradewegs zur Sonne der Gottheit
strebt.
Warum nennt man das Bild des hl. Claudius einfach St. Claudius,
ebenso seinen toten Leib, wenn nicht wegen des Verhältnisses und der
Beziehung des einen wie des anderen zu diesem Heiligen zu dessen
Lebzeiten? Ebenso kann man die dem Leib und dem Bild dieses Heili-
gen gebührende Ehre mit dem Namen der Ehre bezeichnen, die dem
Heiligen selbst gebührt, denn die dem Leib und dem Bild eines Heili-
gen gebührende Ehre steht zu der Ehre, die seiner Person gebührt, im
gleichen Verhältnis wie das Bild oder der Leib eines heiligen Menschen
zur Person des Heiligen selbst. Der Mensch im Bild ist Mensch, ein
toter Mensch ist Mensch, aber nicht einfach Mensch, sondern Mensch
nach der Entsprechung, Darstellung und Beziehung. Ebenso wird auch
die dem Bild und dem Leib dieses Menschen gebührende Ehre sein:
wenn er einfach ein Mensch ist, wird sie menschlich sein, nicht absolut,
sondern durch die Entsprechung und Beziehung; wenn er ein heiliger
Mensch ist, wird es die Ehre der Dulie sein, aber beziehungsweise und
bedingt; wenn es das Bild Jesu Christi ist, wird es die Verehrung der
Latrie sein, aber beziehungsweise. Wenn man mich fragt, welche Liebe
mich veranlaßt, den Diener meines Bruders, ja seinen Hund zu strei-
cheln, dann könnte ich nicht leugnen, daß es die brüderliche Liebe ist,
daß diese Zuneigung und dieser Gunsterweis brüderlich sind; nicht weil
ich den Diener oder den Hund für meinen Bruder hielte, sondern weil
sie zu meinem Bruder gehören. So sind auch der Antrieb und die Nei-
gung, die ich zu ihrem Wohl habe, nicht einfach brüderlich und nicht
von der gleichen Art wie diejenige, die ich meinem Bruder gegenüber
habe, aber sie stehen in Beziehung und im Verhältnis zu ihm, weshalb
sie beziehungsweise brüderlich genannt werden. Diese beziehungswei-
se und unvollkommene Ehre geht aus einer absoluten und vollkomme-
nen hervor, und sie geht nicht nur aus ihr hervor, sondern bezieht sich
auf sie und wird auf sie zurückgeführt; es ist also nicht verwunderlich,
wenn sie den Namen vom Ort ihres Entstehens und ihrer letzten Be-
stimmung entlehnt.

208
5. Übrigens darf man nie einfach sagen, man bete jemanden mit der
Verehrung der Latrie an, außer den allmächtigen Gott. Der gelehrte
Bellarmin beweist das hinreichend, wenn er nur das 7. allgemeine Kon-
zil anführt, das eindeutig bestimmt, daß man die Bilder verehren muß,
aber nicht durch die Latrie, denn was hier von den Bildern gesagt wird,
gilt für alle äußeren Dinge, die Gott zugehören. Weil die Ehre der Latrie
die höchste ist, gebührt sie gewiß nur der höchsten Erhabenheit. Ich
habe gesagt, einfach die Verehrung der Latrie, denn wenn man von einer
unvollkommenen und beziehungsweisen Latrie spricht, mit ähnlichen
Einschränkungen und Abschwächungen, muß man sie dem Kreuz und
anderen Dingen zuerkennen, die Jesus Christus angehören, sonst nicht,
in welcher Form es auch sei.
Der Grund ist der, daß nach der Regel der Logiker das Wort, das zwei
oder mehr Dinge bezeichnet, das eine vor allem und unmittelbar bedeu-
tet, das andere in ähnlicher Weise und verhältnismäßig. Wenn es für
sich allein und ohne Einschränkung gebraucht wird, meint es immer
das hauptsächlich bezeichnete: „analogum per se sumptum stat pro fa-
mosiori significato.“ Wenn man Mensch sagt, versteht man darunter
einen wirklichen und natürlichen Menschen, nicht einen toten oder ab-
gebildeten; wenn man Latrie sagt, so ist das die wirkliche Latrie und
nicht die unvollkommene und bedingte. Wenn ich immer gesagt habe,
man darf nicht einfach sagen, daß man die Geschöpfe anbete, außer man
gibt die Umstände an, die die Bedeutung des Wortes ‚anbeten‘ einschrän-
ken, zumal sie mehr zur Ehre Gottes neigt als zu jener der Geschöpfe,
mit wieviel mehr Recht sage ich, man darf das Wort Latrie allein für
keine andere Ehre gebrauchen als allein für die Ehre Gottes, weil das
Wort Latrie besonders gewählt und ausschließlich für diese Bedeutung
bestimmt wurde und nunmehr nicht anders gebraucht werden kann,
außer beziehungsweise und im weiteren Sinn. In der Tat wird das mehr-
deutige Wort immer in seiner ursprünglichen Bedeutung verstanden,
wenn es allein und ohne Einschränkung dasteht, und nicht von den un-
wesentlichen und weniger ursprünglichen. Das scheint mir wohl ausrei-
chend für jene, die es gut verstehen.

209
10. Kapitel

Notwendige Lösung einer Schwierigkeit.

Es ist besser, dieses Wort hier einzufügen, denn es ist notwendig. Die
bedingte Verehrung dessen, was Jesus Christus zugehört, heißt unvoll-
kommene Latrie, weil sie sich auf die echte und vollkommene Latrie
bezieht, die Jesus Christus gebührt; ebenso heißt die entsprechende Ver-
ehrung dessen, was Unserer lieben Frau angehört, Hyperdulie, weil sie
auf die vollkommene Hyperdulie zielt, die der himmlischen Frau ge-
bührt, oder die entsprechende Verehrung, die man dem erweist, was den
Heiligen zugehört, heißt bedingte Dulie, weil sie sich auf die vollkom-
mene Dulie zurückführen läßt, die diesen glorreichen Vätern gebührt.
Warum soll man dann die Ehre, die man der jungfräulichen Gottesmut-
ter und den Heiligen erweist, nicht Verehrung der Latrie nennen, da die
Ehre der Mutter und der Diener vollständig überströmt und sich ganz
bezieht auf die Ehre und Herrlichkeit des Sohnes und Herrn Jesus Chris-
tus, unseres erhabenen Gottes und Erlösers? Wie im Vorwort deutlich
nachgewiesen wurde, bezieht sich alle Ehre auf Gott; daher muß alle
Ehre bedingte Verehrung der Latrie sein und heißen. Diese Schwierig-
keit verdient eine Antwort; ich entnehme sie dem großen Lehrer, dem
hl. Bonaventura.
Die untergeordneten Ehrungen beziehen sich auf Gott in zweifacher
Weise: entweder als auf ihr erstes Prinzip und letztes Ziel oder als auf
ihr Objekt und Subjekt. Nun bezieht sich die abhängige Ehrung auf Gott
als ihr erstes Prinzip und letztes Ziel und nicht als ihr Objekt; aber die
bedingte Ehrung bezieht sich auf Gott als ihr Objekt und Subjekt, wes-
halb sie Ehrung der Latrie genannt wird. Sie ist trotzdem unvollkom-
men und bedingt, weil sie nicht Gott zum Gegenstand hat, insofern Gott
in sich selbst oder in seinem eigenen Wesen betrachtet wird, sondern
nur, insofern er dargestellt und anerkannt wird in dem, was ihm zuge-
hört und von ihm abhängt, durch das Verhältnis und die Beziehung, die
es zu seiner göttlichen Majestät hat. Die Ehrerbietung des hl. Johannes
(1,27) vor den Sandalen Unseres Herrn, die zu tragen er sich für unwür-
dig hielt, war eine heilige Regung der Latrie, aber der bedingten Latrie,
durch die er seinen Meister nicht in seiner Person selbst verehrte, son-
dern in dieser geringen und niedrigen Sache, die ihm gehörte. Die Eh-
rungen nun, die auf Jesus Christus als ihr Prinzip und letztes Ziel ge-

210
richtet sind, können und müssen Latrie genannt werden, aber bedingt
und unvollkommen.
Die Ehrung der seligsten Jungfrau und der Heiligen dagegen hat zum
Gegenstand ihre eigene Vortrefflichkeit, die sich tatsächlich in ihrer
Person findet, und deshalb hat sie ihren eigenen Namen der Dulie und
Hyperdulie, obwohl sie sich dann auf Gott als ihr Ziel und ihr Prinzip
bezieht.
Die Verehrung des Kreuzes und anderer Dinge, die unserem Erlöser
angehören, hat Unseren Herrn selbst zum Gegenstand, den sie in diesen
leblosen Dingen betrachtet und anerkennt durch die Beziehung, die sie
zu ihm haben, so daß man diese Verehrung vernünftigerweise bedingte
Latrie nennt. So gibt man das Brot dem Armen als Almosen und dem
Priester als Opfergabe; die eine wie die andere Gabe zielt auf Gott und
gilt ihm, aber auf verschiedene Weise; denn das Almosen zielt auf Gott
als sein Ziel und hat zum Gegenstand den Armen, die Opfergabe zielt
auf Gott als ihren eigentlichen Gegenstand, obwohl sie der Priester
empfängt.

11. Kapitel

Zwei Arten, das Kreuz zu verehren.

Man kann abwesende Dinge verehren, selbst vergangene und zukünf-


tige, wenigstens bedingungsweise; man kann sie auch schätzen und prei-
sen. Wie oft und auf wie vielfache Weise haben die Väter des Alten
Bundes dem künftigen Messias Ehre und Verehrung erwiesen. Und in
der Tat, wenn man das Wesen der Ehre und Verehrung recht bedenkt, ist
die Gegenwart ihres Gegenstands nicht erforderlich; sie kann auch ver-
gangenen und zukünftigen Dingen gelten. Der kleine Traktant dürfte
kaum wagen, diese Wahrheit zu leugnen. „Wir können das Kreuz, den
Tod und die Passion Unseres Herrn nie genug ehren“, sagt er (B.T. 38).
Nun sind der Tod und die Passion Vergangenheit, Jesus Christus stirbt
nicht mehr, er leidet nicht mehr. Man kann also abwesende Dinge ver-
ehren und solche, die nicht (mehr) sind. Gehen wir mit dieser Voraus-
setzung weiter.
Man kann das echte Kreuz betrachten, wie es jetzt ist, getrennt und
losgelöst vom Gekreuzigten, dann wird es eine kostbare Reliquie des
Erlösers sein, sein Ehrenlager, der Thron seines Königtums, die Tro-
phäe seines Sieges und das glorreiche Werkzeug unserer Erlösung. Da

211
nun alle diese Eigenschaften bedingt und ganz auf Jesus Christus bezo-
gen sind, ist auch die Ehre, die man dem Kreuz ihretwegen erweist, ganz
auf den Herrn selbst bezogen und deshalb, weil sie dem Erlöser gilt,
eine Verehrung der Latrie. Da sie ihm aber nicht unmittelbar, sondern
beziehungsweise gilt, ist sie eine unvollkommene und bedingte Latrie,
und sie darf nicht einfach Latrie genannt werden, ebenfalls nach dem hl.
Bonaventura, im 3. Buch über die Sentenzen, nicht Anbetung, wie ich
vorhin gesagt habe. Von dieser Art war die Verehrung, die man dem
Kreuz im Altertum erwies. Man wünschte von ihm kleine Teilchen zu
besitzen, die nach dem Bericht des hl. Chrysostomus und des hl. Cyrill
über die ganze Welt verstreut wurden. Sie gleicht der des hl. Johannes
für die Sandalen Unseres Herrn, die zu tragen er sich für unwürdig
hielt; sie gleicht der des Elischa (2 Kön 2,13 f) für den Mantel des Elija,
den er so hochschätzte wie der hl. Athanasius den Mantel des hl. Anto-
nius; sie gleicht auch der Verehrung aller Christen für das hochheilige
Grab Unseres Herrn, die der Prophet Jesaja (11,10) ausdrücklich vor-
hergesagt hat.
Man betrachtet das Kreuz auch, nicht wie es gegenwärtig ist, getrennt
vom Gekreuzigten, als eine Reliquie, sondern wie es zur Zeit der Passi-
on war, als der Erlöser auf ihm angenagelt war, als dieser kostbare Baum
seine Frucht trug, als aus dieser Terebinthe oder Myrrhe auf allen Seiten
das heilbringende Blut tropfte. Und bei dieser Erwägung ehrt unsere
Seele das echte Kreuz mit der gleichen Verehrung, mit der es den Ge-
kreuzigten ehrt, nicht so sehr beziehungsweise (um es genau zu sagen)
als vielmehr folgerichtig und durch Teilhaben oder Überströmen. Denn
ganz so, wie Unser Herr am Tag seiner Verklärung deren Strahlen aus-
sandte und sogar seinen Kleidern mitteilte, so daß sie diese weiß wie
Schnee machte (Mt 17,2), ebenso ist die Latrie, mit der wir Jesus Chris-
tus den Gekreuzigten verehren, so lebhaft und überreich, daß sie auf
alles ausstrahlt und überfließt, was ihn berührt und zu ihm gehört. Das
war die Auffassung jener armen Frau (Mt 19,20), die sich damit begnüg-
te, den Saum des Gewandes des Erlösers zu berühren; so küssen auch
wir den Purpur und das Gewand der Großen.
Das bedeutet nun nicht so sehr, das Gewand oder das Kreuz verehren,
als es nebenbei und als Folge mit der Verehrung verbinden. In der Tat
verehrt keiner den König des Gewandes wegen, aber keiner trennt das
Gewand vom König, um rein die königliche Person zu verehren; man
erweist die Reverenz dem bekleideten König, und wir beten Jesus Chris-
tus den Gekreuzigten an. Die dem Gekreuzigten erwiesene Ehre findet

212
ihren Widerschein und strahlt auf das Kreuz zurück, auf die Nägel und
die Dornenkrone als auf Dinge, die mit ihm vereinigt und verbunden
und zu ihm gehörig sind. Deshalb trägt diese Verehrung oder vielmehr,
was mit der Verehrung verbunden ist, als ein Zubehör zur Verehrung,
die dem Sohn Gottes erwiesen wird, auch den Namen und die Bezeich-
nung der Hauptperson und nimmt an ihrer Natur teil. Auf diese Weise
das Kreuz zu verehren und zu betrachten, darauf beziehen sich fast alle
feierlichen Worte, Lobpreisungen und Zeremonien, die in der katholi-
schen Kirche im Hinblick auf das Kreuz üblich sind, doch vor allem der
ganz heilige und fromme Hymnus, den der gute Theodulf, einst Bischof
von Orléans, verfaßt hat; sehen wir ihn in allen Teilen, lateinisch und
französisch:31

Der König siegt, sein Banner glänzt,


geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz,
an dessen Balken ausgereckt,
im Fleisch des Fleisches Schöpfer hängt.
Geschunden hängt der heil’ge Leib,
vom scharfen Speere roh durchbohrt,
uns reinzuwaschen von der Schuld,
strömt Blut und Wasser von ihm aus.
Erfüllt ist nun, was David einst
im Liede gläubig kundgetan,
da er im Geiste prophezeit’:
Vom Kreuz herab herrscht unser Gott.
O edler Baum in hehrem Glanz,
von königlichem Purpur rot,
du werter, du erwählter Stamm,
du trägst den Lösepreis der Welt.
O heil’ges Kreuz, sei uns gegrüßt,
du einz’ge Hoffnung dieser Welt.
Den Treuen schenke neue Kraft,
den Sündern tilge alle Schuld.
Dir, höchster Gott, Dreifaltigkeit,
lobsinge alles, was da lebt;
du hast uns durch das Kreuz erlöst:
Bewahre uns in Ewigkeit. Amen.

213
Wer sieht nicht, daß man in all diesen Versen das Kreuz betrachtet als
einen Baum, an dem die kostbare Frucht des Lebens hängt, der Schöpfer
der Welt, als einen Thron, auf dem der König der Könige sitzt? Ebenso
ist es, wenn die Kirche singt, was uns der kleine Traktant (B.T. 51) an-
kreidet: „Kreuz, das verehrt werden muß, Kreuz, das bewahrt werden
muß, den Menschen liebenswert, heiliger als alle, das allein das Löse-
geld der Welt zu tragen würdig war; süßes Holz, süße Nägel, süße Last
beschwert euch.“ Das ist die Übersetzung des Traktanten, die gewiß
nicht sehr genau ist; aber das Latein ist schöner: „O crux adoranda, o
Crux speciosa, hominibus amabilis, sanctior universis, quae sola digna
fuisti portare talentum mundi; dulce lignum, dulces clavos, inter omnes
arbor una nobilis, nulla silva talem profert, fronde, flore, germine; dul-
ce lignum, dulces clavos, dulce pondus, sustinet.“ Das ist ein Teil des
Hymnus, den der gute Vater Fortunatus, Bischof von Poitiers, verfaßt
hat.
Alle diese Worte gelten dem Kreuz, das mit Nägeln dem Gekreuzig-
ten verbunden ist, wie es zur Zeit der Passion war. Aber warum grüßt
man es denn, warum spricht man es an, als spräche man mit dem Ge-
kreuzigten selbst? Gewiß deswegen, weil zwar die Worte an das Kreuz
gerichtet sind, aber die Absicht dem Gekreuzigten gilt. Man spricht
vom Gekreuzigten unter dem Namen des Kreuzes. Sagen wir nicht ge-
wöhnlich: Er rief 50 Kürasse, 50 Lanzen, 100 Musketen, 100 Pferde?
Nennen wir nicht Feldzeichen einer Kompanie jenen, der das Feldzei-
chen trägt? Wenn wir von Pferden sprechen, meinen wir die Reiter.
Wenn wir unter Musketen, Lanzen, Kürassen jene verstehen, die die
Musketen, Lanzen und Brust-Panzer tragen, warum sollten wir wohl
nicht unter dem Kreuz den Gekreuzigten verstehen? Sprechen wir nicht
oft vom König von Frankreich und vom Herzog von Savoyen unter dem
Namen der Lilie und des weißen Kreuzes, weil das die Wappen dieser
hohen Fürsten sind? Warum sollten wir nicht vom Erlöser unter dem
Namen des Kreuzes sprechen, das sein wahres Wappen ist? In diesem
Sinn wendet man sich also an das Kreuz, grüßt es und ruft es an; so
wenden wir uns auch an den Thron und berufen uns auf ihn, um auszu-
drücken, daß man sich auf den beruft, der auf dem Thron sitzt. Dem
muß man aber hinzufügen, was ich im 9. und 10. Kapitel des zweiten
Buches gesagt habe

214
12. Kapitel

Zwei andere Arten, das Kreuz zu verehren.

Es gibt zwei Arten von Zeichen; denn die einen stellen etwas natürli-
cher Weise dar und bezeichnen es durch ihre Abhängigkeit, Zugehörig-
keit und Beziehung, durch ihr Verhältnis zu dem, was durch sie darge-
stellt wird. So sind die Losung und der Mist der Hirsche und Wild-
schweine oder ihre Spuren und Fährten natürliche Zeichen der Tiere,
die sie gemacht und hinterlassen haben, infolge der Abhängigkeit und
Beziehung, die sie zu ihnen haben; so ist der Rauch Zeichen des Feuers,
der Schatten das des Körpers. Andererseits gibt es Zeichen, die eine
Sache nicht auf natürliche Weise darstellen, sondern auf Grund der
Einführung durch den Willen der Menschen, so wenn im Altertum die
Kriegskommissare oder Richter das Theta als Zeichen für den Tod setz-
ten und das Tau als Zeichen für das Leben. „O multum ante alias infoe-
lix litera Thita“;32 oder wenn Rahab (Jos 2,18) eine rote Schnur in ihr
Fenster hängte als Zeichen des Schutzes, den die Israeliten ihrem Haus
gewähren mußten. Denn welche Übereinstimmung oder welches Ver-
hältnis bestand zwischen den bezeichneten Dingen und diesen Zeichen,
die man natürlich nennen könnte? Ich behaupte nicht, diese Zeichen
seien ohne Grund und Geheimnis eingeführt worden, aber ich sage, daß
sie ihrer Natur nach keinerlei Beziehung zu dem hatten, was sie dar-
stellten, und daß es notwendig war, sie durch menschliche Einführung
zu dieser Verwendung zu bestimmen und umzuformen, während die
natürlichen Zeichen ohne irgendeine Einsetzung infolge ihrer natürli-
chen Verbindung und Beziehung zu ihrem Objekt diese bezeichnen und
darstellen.
Die Abbildung des Kreuzes kann nun auf die eine und die andere Art
verwendet werden: sie kann ein natürliches Zeichen sein und ein ge-
wolltes oder willkürliches. Das Kreuz hat gewiß eine natürliche Über-
einstimmung und Beziehung zum Gekreuzigten und zur Kreuzigung;
das zeigen schon die Ausdrücke. Daher stellt es natürlicherweise den
Gekreuzigten dar und bezeichnet ihn. Das ist seine gewöhnliche Ver-
wendung, die seine natürliche Bedeutung nicht überschreitet. So be-
trachtet, ehrt man es mit der Verehrung, die ich so oft genannt habe, d. h.
mit einer unvollkommenen und bedingten Latrie, wie man sie dem Evan-
gelienbuch und anderen heiligen Dingen erweist, wie es auf dem 7. Kon-

215
zil im Artikel VII bestimmt wurde und auf dem 8. Konzil im Artikel X.
Sie wird tatsächlich und unmittelbar dem Kreuz erwiesen als dem ers-
ten und besonderen Gegenstand, dann in einem Zug auf den Gekreuzig-
ten übertragen und ausgerichtet als auf ihren letzten, allgemeinen und
grundlegenden Gegenstand. Die dem Kreuz (insofern es ein Andenken
an den Gekreuzigten und seine Kreuzigung ist) erwiesene Ehre ist ja
nichts anderes als eine Abhängigkeit, Zugehörigkeit und Zugabe zur
großen und höchsten Latrie, die der Majestät dessen gebührt, der, ob-
wohl er Gott, seinem Vater gleich war, sich verdemütigt und erniedrigt hat
bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,6-8).
Das ist die dem Kreuz gebührende Ehre als natürliches Zeichen unse-
res Erlösers, der für uns gelitten und geduldet hat. Um es vor allen
Einwänden zu bewahren, war es zweckmäßig, dem die Einführung durch
das christliche Volk hinzuzufügen; denn da die Abbildung des Kreuzes
von Natur aus zum Kreuz des Erlösers kein engeres Verhältnis hat als
zu dem der Räuber, die nahe bei ihm gekreuzigt wurden, oder zu dem
soviel tausend Gekreuzigter, die man anderswo und bei anderen Gele-
genheiten hinrichtete, warum sollte man so unterschiedslos die Kreuze
eher als Andenken und natürliche Zeichen der einzigen Passion des
Erlösers annehmen als von anderen? Wie ich schon gesagt habe, bedurf-
te es dazu gewiß der Einführung des christlichen Volkes, um das Zei-
chen und die Bedeutung, die die Abbildung des Kreuzes natürlicher-
weise haben konnte, darauf einzuschränken und zu begrenzen, daß es
nicht anders verwendet werde als zur Darstellung und als Zeichen der
heiligen Kreuzigung des Erlösers. Das wurde seit der Zeit Konstantins
des Großen eingehalten.
Da ich aber hier nur vom Kreuz Jesu Christi spreche, meine ich auch
keine andere Abbildung eines Kreuzes als von diesem, die besonders
und ausdrücklich dazu gebraucht wird, Jesus Christus als den Gekreu-
zigten darzustellen. So kommt hier keine Unterscheidung in Betracht,
weil die Abbildung des Kreuzes Jesu Christi natürlicherweise keine
andere Beziehung hat als die zur Kreuzigung Jesu Christi, weil man sie
darauf beschränkt und begrenzt hat. So hat das Bild Cäsars keine andere
Beziehung als die zu Cäsar, wenn man es so im besonderen betrachtet,
obwohl es eine Beziehung zu jedem Menschen haben könnte, wenn man
es als Bild eines Menschen betrachtet. Daher behaupte ich, daß die Kreuze
der Christen natürlicherweise nichts anderes bezeichnen als die Passi-
on Jesu Christi, weil die Christen kein anderes Bild oder keine andere
Darstellung des Kreuzes schätzen als die im besonderen, die das Abbild

216
des Kreuzes ihres Erlösers ist.
Sehen wir nun, ob die Abbildung des Kreuzes Jesu Christi durch die
Wahl und Einführung des christlichen Volkes irgendeine andere eh-
renvolle Verwendung finden kann außer jener, die sie ihrer Natur nach
hat. Der Wille des Menschen hat nicht die Macht, Dingen irgendeinen
wirklichen Wert zu geben über den hinaus, den sie von Natur aus haben,
aber er kann ihnen wohl einen gedachten Wert und eine angenommene
oder angebliche Wertschätzung zuschreiben, nach der man sie mehr
oder weniger ehrt oder entehrt. Zum Beispiel: Der Gesandte des Königs
wird manchmal als Gesandter geehrt; dann wird genau genommen er
selbst geehrt, denn er ist auch Gesandter im eigentlichen Sinn, und das
ist die Eigenschaft, deretwegen er geehrt wird, obwohl es im Hinblick
auf einen anderen, nämlich den König geschieht. Andere Male ehrt man
ihn anstelle des Königs mit einer dem König eigenen Ehre; dann ist es
genau genommen der König, der in seinem Gesandten geehrt wird, nicht
der Gesandte selbst, weil der Gesandte eigentlich nicht der König ist; er
nimmt nur die Stelle des Königs ein und stellt ihn nach der Annahme
und Vorstellung der Leute dar. Das gleiche ist es, wenn jemand für einen
anderen Besitz von einer Sache ergreift; dann ist eigentlich nicht er der
Besitzer, sondern jener, für den Besitz ergriffen wird. Item, wenn man
den Standbildern verstorbener Fürsten alle Ehren und Zeremonien er-
weist, die man dem lebenden König erwiese, so als nach dem Zeugnis
des Sextus Aurelius Victor der bereits verstorbene Trajan in Rom tri-
umphierte und sein Standbild auf den Triumphwagen gesetzt wurde.
Man könnte kaum sagen, diese Ehren seien den Standbildern im enge-
ren Sinn erwiesen worden, sondern den Fürsten, die von den Standbil-
dern dargestellt wurden, nicht infolge einer natürlichen Darstellung,
sondern durch eine willkürliche, angenommene und durch die Einfüh-
rung der Menschen vorgestellte Darstellung.
Diese Beispiele führt der gelehrte Bellarmin an. Es gibt deren noch
andere nicht weniger passende; so jenes, das Nicetas Choniates im 5. Buch
der Taten des Kaisers Manuel Comnenus vom Bild Unserer lieben Frau
anführt, das auf einen vergoldeten Triumphwagen aus Silber gesetzt und
durch die Stadt Konstantinopel geführt wurde, aus Dankbarkeit für den
Sieg, den der Kaiser dank der Fürbitte der glorreichen Jungfrau über die
Pannonier errungen hatte. Wer sieht denn nicht, daß bei dieser Feierlich-
keit der Triumph nicht dem Bild zugeschrieben wurde, sondern Unserer
lieben Frau, die durch das Bild dargestellt war? Außerdem, daß dieses
Bild die seligste Jungfrau nicht einfach seiner natürlichen Bedeutung nach

217
darstellte, sondern infolge einer von den Menschen eingeführten willkür-
lichen Vorstellung und Hochschätzung? So sieht man häufig die Bildnis-
se und Abbildungen anstelle von Übeltätern geschändet, die man nicht
fassen kann: man hängt und verbrennt an ihrer statt ihr Bildnis, als wären
sie selbst es; und dabei wird nicht eigentlich das Bild entehrt, sondern der
Übeltäter, an dessen Stelle es gedacht ist. Man sagt auch nicht, man habe
das Bild dieses oder jenes Übeltäters gehängt, sondern man habe den oder
jenen in effigie gehängt, weil diese Exekutionen an den Bildern nur vorge-
nommen werden, insofern man durch Rechtsfiktion die Übeltäter für
gezüchtigt, entehrt und bestraft hält.
Über die natürliche Fähigkeit hinaus, Dinge darzustellen, deren Ab-
bildung sie durch die Übereinstimmung und Beziehung zu ihnen sind,
können also die Bilder durch die Annahme und Einführung der Men-
schen auch zu einer anderen Darstellung und Stellvertretung verwendet
werden. So ist es, um auf unsere Frage zurückzukommen, mit den Ab-
bildungen des Kreuzes. Über die natürliche Eigenschaft hinaus, Jesus
Christus den Gekreuzigten darzustellen, die sie verehrungswürdig durch
eine Verehrung der unvollkommenen Latrie macht, darüber hinaus sage
ich, können sie durch die Wahl und Annahme der Menschen auch dazu
bestimmt und gebraucht werden, die Stelle und den Platz des Gekreu-
zigten einzunehmen, oder vielmehr des echten Kreuzes, insofern es mit
dem Gekreuzigten in Verbindung steht. So betrachtet, gilt die Ehre und
Ehrenbezeugung, die man ihm erweist, eigentlich nur dem Gekreuzig-
ten oder dem mit dem Erlöser verbundenen Kreuz und nicht der Abbil-
dung des Kreuzes. Sie wird in diesem Fall nur dazu gebraucht, ihre
äußere Erscheinung zu leihen, um die äußeren Handlungen entgegen-
zunehmen, die dem Gekreuzigten gebühren, den es stellvertretend dar-
stellt und versinnbildet, und das dient zum äußeren Bekenntnis der Ver-
ehrung, die wir dem Gekreuzigten erweisen.
In diesem Sinn sagte der glorreiche Apostelfürst, der hl. Petrus, als er
ans Kreuz genagelt war, zum Volk: „Das ist das Holz des Lebens; als der
Herr Jesus an ihm erhöht war, hat er alles an sich gezogen. Das ist der
Baum des Lebens, an dem der Leib des Herrn, des Erlösers gekreuzigt
wurde.“ So berichtet es Abdias von Babylon (wenn der Titel des Buches
nicht trügt) im ersten Buch des ‚Apostolischen Kampfes‘. Und der an-
dere Apostel, älter als der hl. Petrus: „Ich grüße dich, Kreuz; du warst
dem Leib Christi geweiht und geschmückt mit den Perlen seines Leibes.
Gutes Kreuz, du hast deine Schönheit und deinen Glanz von den Glie-
dern des Herrn erhalten“, und was im Bericht der Priester von Achaia

218
folgt. Wer sieht nicht, daß das Kreuz des einen wie des anderen der
Brüder nicht das echte Kreuz des Erlösers war? Und trotzdem sprechen
sie es ebenso an, als wäre es das gleiche Kreuz des Heils. Woher kommt
das, wenn nicht daher, daß sie ihr Kreuz als stellvertretend und anstelle
des echten Kreuzes betrachteten?
Ebenso ist es, wenn die Kirche anordnet, daß das Volk am Karfreitag
kniend das Bild des Kreuzes küßt. Es ist ja nicht das Bild, das man zeigt,
dem man diese Ehre erweist, außer insofern es Jesus Christus den Ge-
kreuzigten darstellt, wie er am Tag seiner Passion war. Seine Stelle nimmt
es ein, um einfach diese äußere Huldigung zu empfangen, ohne daß sich
die Absicht im geringsten auf die gegenwärtige Gestalt beschränkt. Da
dem so ist, gebraucht man Worte, die das hinreichend enthüllen; denn
der Offiziator singt: „Ecce lignum Crucis: Seht das Holz des Kreuzes,
an dem das Heil der Welt gehangen“; und man antwortet ihm: „Kommt,
laßt uns anbeten.“ Nun achtet man nicht darauf, ob die vorgestellte Ab-
bildung aus Bronze, aus Silber oder aus einem anderen Material ist; das
zeigt hinlänglich, wenn man es Holz nennt, dann insofern, als man es
anstelle und stellvertretend für das echte Kreuz vorstellt. Und in der
Tat, wie man alle Ehrungen an den Tagen der Geburt, der Passion und
Auferstehung Unseres Herrn den Tagen erweist, die sie darstellen und
deren Platz einnehmen, entsprechend der Einführung der Jahrestage
und Gedächtnisse, die man hält, so erweist man der Abbildung des Kreu-
zes nach außen gleiche Ehre wie dem Gekreuzigten, aber es geschieht
nur zum Gedächtnis und auf Grund der Annahme, daß die Abbildung
den Gekreuzigten darstellt und seine Stelle zum Empfang dieser äuße-
ren Zeremonien einnimmt. Es wäre gewiß schwierig, die äußeren Eh-
rungen in einem anderen Sinn umzudeuten, die man im Alten Testa-
ment der Bundeslade erwies. Und die Engländer ehren aus der gleichen
Überzeugung den leeren Thron ihrer Königin. Nun, wie dem auch sei,
wenn man entweder das Kreuz stellvertretend für den Gekreuzigten
ehrt oder etwas anstelle dessen, was es darstellt, dann ehrt man ebenso
nicht eigentlich sie, wie sie genau genommen nicht das sind, was sie
darstellen. Die Verehrung, die man in dieser Weise dem Kreuz erweist,
ist also genau genommen nur eine Verehrung im Hinblick auf den Ge-
kreuzigten und in Bezug auf das Kreuz ist es nur eine uneigentliche und
stellvertretende Verehrung.
Man kann sagen, daß das Kreuz dem äußeren Anschein nach auch
noch irgendwie verehrt wird, wenn man vor dem Kreuz zu Gott betet,
ohne andere Absicht als die, zu zeigen, daß man auf Grund des Todes

219
und der Passion des Erlösers betet. Man kann aber viel eher sagen, das
heißt nicht das Kreuz mehr oder weniger verehren, da weder die äußere
noch die innere Handlung auf das Kreuz gerichtet ist; nicht mehr und
nicht weniger, als wenn wir nach alter Tradition nach Osten gewendet
anbeten. Wir beten ja keineswegs den Osten an, sondern zeigen damit
nur, daß wir den allmächtigen Gott anbeten, der sich zu uns erhoben hat
aus der Höhe (Lk 1,78), um jeden Menschen zu erleuchten durch sein
Kommen in diese Welt (Joh 1,9).
Übrigens können die Partikel des echten Kreuzes, wie wir sie gegen-
wärtig besitzen, in die Gestalt eines Kreuzes eingefügt werden (wie es
das heilige Kreuz von Aix in Savoyen ist) und außer den Formen der
Verehrung, die sie als Reliquien verdienen, in jeder Weise als Abbil-
dung des Kreuzes gebraucht werden. Als daher die selige Paula das ech-
te Kreuz verehrte, das sich zu ihrer Zeit in Jerusalem befand, warf sie
sich, dem Bericht des hl. Hieronymus in ihrer Grabinschrift zufolge,
vor ihm nieder, als sähe sie an ihm den Erlöser hangen. Ebenso wird das
Kreuzzeichen, das man durch die Handbewegung macht, wie alle Ab-
bildungen des Kreuzes gebraucht und teilt folglich alle Ehre mit ihnen;
außerdem hat es noch die besondere und ständige Ehre, ein kurzes und
machtvolles Gebet zu sein, weshalb es sehr ehrwürdig ist.

13. Kapitel

Die Verehrung des Kreuzes verstößt nicht gegen das erste Gebot
des Dekalogs. Kurze Auslegung desselben.

Aber ein großer Einwand scheint noch bestehen zu bleiben; denn es


steht (Ex 20,5) geschrieben: Du sollst keine anderen Götter neben mir
haben. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen noch eine Abbildung
dessen, was oben im Himmel ist, noch was auf der Erde unten ist, noch
von dem, was in den unterirdischen Gewässern ist. Du sollst sie nicht
anbeten und ihnen nicht dienen: denn ich bin der Herr dein Gott und sehr
eifersüchtig. Es ist also untersagt, Abbildungen des Kreuzes und irgend-
welche andere zu haben. Die Schismatiker und andere Gegner der Kir-
che schöpfen aus diesem Gebot eifrig alle Schmähungen, die sie gegen
die Katholiken ausstoßen, so wenn sie diese Götzendiener nennen, aber-
gläubisch, übelriechend, von Sinnen, herzlos, wie es der kleine Traktant
an mehreren Stellen tut. Es wird also gut sein, das Gebot gut zu erwägen
bezüglich des von ihm erlassenen Verbots, keinerlei Bilder zu machen.

220
Das ist es, was unseren Gegenstand betrifft.
1. Die Juden nehmen die Worte dieses Verbots so genau, daß sie alle
Bilder ablehnen, welcher Art sie auch sein mögen, und großen Haß
gegen sie haben, wie der kleine Traktant (B.T. 11) sagt. Diese Meinung
ist ganz ungebildet. Die Bilder der Kerubim, Löwen, Kühe, Granatäpfel
und Palmen, der ehernen Schlange sind von der Heiligen Schrift (Ex 25,
18; 1 Kön 6,23.29; 7,29.42; Num 21,9) gutgeheißen; die Söhne Rubens,
Gad und Manasse, machten ein Abbild des Altares Gottes (Jos 22,10.30),
und ihr Werk wurde gebilligt; die Juden zeigten Jesus das Bildnis des
Kaisers (Mt 22,19-21), und er hat es nicht zurückgewiesen. Die Kirche
hatte zu allen Zeiten die Abbildung des Kreuzes, wie ich im zweiten
Buch nachgewiesen habe. Von Natur aus macht man das Bild von sich
selbst in den Augen derer, die uns ansehen, in der Luft, im Wasser, im
Glas, und die Malerei ist eine Gabe Gottes und der Natur. Diese Ausle-
gung widerspricht also der Heiligen Schrift, der Kirche, der Natur und
ist in keiner Weise anwendbar für die ersten Worte, die eine Vielzahl
von Göttern verbieten, wozu das Verbot der Bilder nichts dient; noch
auf die folgenden Worte, die die Anbetung von Bildnissen verbieten;
denn wozu die Anbetung verbieten lassen, wenn es nicht erlaubt ist, sie
zu besitzen und zu machen? Wenn man überhaupt verbietet, irgendein
Bildnis zu haben, wozu ist es dann notwendig, dessen Anbetung zu ver-
bieten?
2. Eine große Zahl von Schismatikern und Streitsüchtigen gibt zu, daß
in dem Gebot, von dem hier die Rede ist, nicht verboten wird, Bildnisse
und Bilder zu haben und zu machen, sondern nur, sie in Kirchen und
Tempeln aufzustellen und zu machen (B.T. 49). Diese Meinung wider-
spricht noch offenkundiger der Heiligen Schrift als die vorhergehende:
denn die Juden und Mohammedaner haben wenigstens einen Vorwand
in den Worten des Gebots, die ganz einfach lauten, daß man keinerlei
Abbild machen darf; aber die von diesem anderen Bündnis vermöchten
nicht ein einziges Wort der Heiligen Schrift anzuführen, das besagte, es
sei weniger erlaubt, Bilder in Kirchen zu haben als anderswo. Die Juden
haben in dieser Frage wenigstens einen gewissen Schein der Heiligen
Schrift für sich, aber diejenigen, die immer nur nach der Heiligen Schrift
schreien, haben davon weder den Sinn noch den Schein, und trotzdem
erklären sie jeden, der nicht an ihr Wort glaubt, als Götzendiener und
Antichrist. Aber ich bitte euch, wo befanden sich denn die Abbildungen
der Kerubim, Kühe, Löwen, Granatäpfel und Palmen des Alten Bun-
des, wenn nicht im Tempel! Und was die Kerubim betrifft, an der heilig-

221
sten Stätte.
Das ist ein großes Vorbild für uns; wer es unseren Händen entreißen
will, muß eine große Autorität als Gewährsmann anführen. Unser Vor-
bild steht in der Heiligen Schrift; um uns an seiner Nachahmung zu hin-
dern, bedarf es einer ebenso großen Autorität; dazu genügt es nicht, Wor-
te zu machen. Gott hat die Ausschmückung dieses alten Tempels mit
Bildern angeordnet angesichts eines Volkes, das so zum Götzendienst
neigte; wer will es der Kirche verwehren, die ihren mit Erinnerungen an
das Kreuz zu schmücken und an die ruhmvollen Streiter, die unter dieser
Fahne jeden Götzendienst überwunden haben? Sie hat es gewiß auch zu
allen Zeiten getan; sie hatte nie (daß man es wüßte) ein Gotteshaus ohne
Kreuz, wie ich oben (Zweites Buch, 6. Kapitel) nachgewiesen habe. Wenn
die Kirchen Häuser des Königs der Könige sind, dann ist ihre Ausschmük-
kung sehr angebracht. Der Tempel ist ein Bild des Paradieses, warum
sollte man in ihm nicht Abbildungen dessen anbringen, was es im Para-
dies gibt? Welch heiligeren Schmuck könnte man darin anbringen?
Und über all das hinaus, diese von den Neuerern so sehr gepriesene
Auslegung stimmt keineswegs mit der Absicht des Gesetzes überein,
die alle Abgötterei verwerfen will. Kann man denn nicht außerhalb der
Tempel ebensogut wie in ihnen Götzenbilder haben und Abgötterei be-
treiben? Das Götzenbild Labans (Gen 31,19) hörte nicht auf, ein Göt-
zenbild zu sein, obwohl es nicht in der Kirche war, ebenso nicht das
goldene Kalb (Ex 32,4). Dieses Gebot hätte also demnach nicht jede
Abgötterei hinreichend verwehrt.
3. Andere haben gesagt, von diesem Verbot seien die anderen Abbil-
dungen nicht betroffen, außer jenen, die gemacht sind, um Gott nach
seinem Wesen und seiner göttlichen Natur unmittelbar und förmlich
darzustellen. Sie haben die Wahrheit gesagt in dem Punkt, daß die Bil-
der Gottes im engeren Sinn verboten sind; aber sie haben das Gebot
schlecht verstanden, wenn sie meinen, darin seien andere Abbildungen
als jene Gottes nicht verboten.
Es gibt keinen Zweifel, daß sie im ersten Punkt recht haben, denn sie
sprechen von äußerlichen, materiellen und künstlichen Bildern. Nun,
solche Bilder im engeren Sinn müssen die Form und Gestalt dessen dar-
stellen, wessen Bild sie durch die Ähnlichkeit mit ihm für die äußeren
Sinne sind. Aber die äußeren Sinne sind nicht fähig, durch irgendeine
Erkenntnis die unendliche und unsichtbare Natur Gottes zu erfassen.
Und welche Form und Gestalt könnte eine Ähnlichkeit haben mit der
Natur, die weder Form noch Gestalt hat und unvergleichbar ist? Das sei

222
gesagt, ohne die Bilder zu verwerfen, auf denen man Gott Vater als Greis
darstellt und den Heiligen Geist in der Gestalt einer Taube oder feuriger
Zungen; sie sind ja nicht eigentlich Bilder Gott Vaters oder des Heiligen
Geistes, sondern sind Bilder der Erscheinungen und Gestalten, durch die
Gott sich der Heiligen Schrift zufolge geoffenbart hat. Diese Erscheinun-
gen und Gestalten stellen Gott nicht nach Art eines Bildes dar, sondern
nach Art einfacher Zeichen. So waren der brennende Dornbusch und
ähnliche Erscheinungen nicht Bilder Gottes, sondern Zeichen von ihm;
und alle Darstellungen geistiger Dinge sind nicht so sehr Bilder dieser
Dinge als Formen und Erscheinungen, durch die diese Dinge kundgetan
wurden. Man verwirft ebenfalls nicht die mystischen Bilder und Gestal-
ten, wie die eines Lammes, um den Erlöser darzustellen, oder von Tau-
ben, um die Apostel zu versinnbilden, denn das sind nicht Bilder der
Dinge, die sie versinnbilden, ebensowenig wie die Ausdrücke oder die
Buchstaben Bilder dessen sind, was sie bezeichnen. Sie stellen lediglich
für die äußeren Sinne Dinge dar, die durch die Sprache Dinge in Erinne-
rung bringen, die auf Grund irgendeiner geheimen Übereinstimmung auf
mystische Weise versinnbildet werden. Trotzdem möchte ich mit dem
gelehrten Bellarmin meinen, man sollte diese Bilder mystischer Dinge
nicht zu sehr vermehren und es sollte nicht zulässig sein, solche ohne das
Urteil eines erfahrenen Theologen zu machen.
Doch schließlich sage ich, daß das Gebot Gottes viel weitreichender
ist, als diese Überlegung reicht. Denn wenn dieses Gebot nur verbietet,
Bilder der Gottheit zu machen, wozu sollte es im einzelnen verbieten,
irgendein Abbild der Dinge zu machen, die im Himmel, auf Erden und
in den Gewässern sind? Soll außerdem einer, der das Götzenbild einer
geschaffenen Sache anbetet, kein Götzendiener sein im Gegensatz zu
diesem Gebot? Also ist diese Auslegung nicht rechtmäßig und entspricht
nicht dem Gesetz.
4. Hier ist daher schließlich das rechte und christliche Verständnis
dieses Gebotes, dargestellt der Reihe nach so kurz und klar, wie ich es
vermag.
1) Die Abgötterei besteht in zweierlei Akten: die einen sind innere;
durch sie glaubt und anerkennt man als Gott, was nicht Gott ist. Die
anderen sind äußere; durch sie gibt man dem Inneren Ausdruck durch
äußere Verneigungen und Unterwerfung. Die Akte der ersten Art kön-
nen ohne die der zweiten sein und gleicherweise die der zweiten ohne
die der ersten; denn wer Götzen ergeben ist, obwohl er es nach außen in
keiner Weise zeigt, der ist ein Götzendiener, und wer die Götzenbilder

223
freiwillig äußerlich anbetet oder verehrt, obwohl er keine Zuneigung zu
ihnen hat, der ist äußerlich ein Götzendiener, und sowohl der eine wie
der andere fehlt gegen die Gott gebührende Ehre. Die inneren Akte der
Abgötterei sind verboten durch die Worte: Du sollst keine anderen Göt-
ter neben mir haben; die äußeren sind verworfen durch die folgenden:
Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen noch irgendein Abbild; du
sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen.
Diese zwei Verbote, die nur dasselbe Ziel haben, jeden Götzendienst zu
verwerfen, machen nur ein einziges Gebot aus, das aus zwei Teilen be-
steht. Wenn dem so ist, woran ich nicht zweifle, muß man dieses Verbot,
keinerlei Abbild zu machen, nicht absolut und schlechthin auffassen, son-
dern vom Ziel und der Absicht des Gebotes her, so als ob es lautete: Du
sollst keine anderen Götter außer mir haben; du sollst dir kein geschnitztes
Bild noch irgendein Abbild machen, nämlich, um sie für Gott zu halten,
noch sollst du sie als solche anbeten und ihnen dienen. Auf diese Weise
wird alles, was in diesem Gebot ausgesprochen ist, vollständig auf den
einen Punkt zurückgeführt, keinen anderen Gott als den wahren Gott zu
haben, keiner Sache irgendeine Ehre zu erweisen, die seiner göttlichen
Majestät gebührt, und insgesamt kein Götzendiener zu sein.
2) Wenn aber jemand daran festhalten will, das Verbot, keinen anderen
als allein den wahren Gott zu haben, das sei ein eigenes Gebot, getrennt
von dem anderen Verbot: Du sollst dir kein geschnitztes Bild oder irgendein
Abbild machen, dann will ich mich nicht dabei aufhalten, ihn durch kräf-
tige Gründe zu widerlegen, die ich zu diesem Zweck anführen könnte,
und mich damit begnügen, wenn er mir zustimmt, daß das Verbot, keiner-
lei Abbild zu machen und es anzubeten, nur ein und dasselbe Gebot ist.
(Das kann man gewiß in keiner Weise leugnen, außer man wollte, im
Gegensatz zum reinen und ausdrücklichen Wort der Heiligen Schrift,
mehr als zehn Gebote schaffen und diesen Gesetzen den Namen Dekalog
nehmen). Denn wenn es nur ein einziges Gebot ist, das verbietet, irgend-
ein Bildnis zu machen und es anzubeten, dann muß der eine oder andere
der zwei Teile, die es enthält, der hauptsächliche und fundamentale sein
und der andere sich auf ihn als sein Ziel und seine Absicht beziehen: denn
wenn der eine sich nicht auf den anderen bezöge und nicht von ihm ab-
hängig wäre, wären es zwei Gebote und nicht ein einziges.
Nun bitte ich euch, welchen Teil dieses zweiten Gebotes (ich sage so,
um einen Streit zu vermeiden) soll man für den wichtigsten halten? Ent-
weder den: Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen noch irgendein
Bildnis, oder diesen: Du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen?

224
Man kann wahrhaftig nicht behaupten, das Verbot, irgendein Bildnis zu
machen, sei die Absicht und das Ziel des ganzen Gebotes; denn unter
dieser Voraussetzung dürfte man überhaupt kein Bild haben und machen,
aber das ist eine allzu große Übertreibung. Und wie könnte man übrigens
das Verbot, Bilder anzubeten, auf jenes zurückführen, sie zu machen?
Wenn es verboten ist, sie zu machen, wozu dann noch verbieten, sie zu
verehren? Ohne sie zu machen, kann man sie nicht anbeten, daher wäre
etwas allzu Überflüssiges in diesem Gebot, mehr als in anderen. Daher ist
der wichtigste Teil dieses Gebotes, seine ganze Substanz, seine Absicht
und sein Ziel das Verbot, Götzenbilder und Bildnisse von geschaffenen
Dingen anzubeten und ihnen zu dienen; und der andere Teil, sie nicht zu
machen, bezieht sich darauf, sie nicht anzubeten und ihnen nicht zu die-
nen, so als hieße es: Du sollst dir kein geschnitztes Bild und kein Bildnis
machen, um es anzubeten und ihm zu dienen.
Das ist der wahre Kern dieses Gebotes. Das kann man offensichtlich
erkennen aus den großen Vorzügen, die diese Auslegung vor den ande-
ren hat, denn:
1) Sie ist klar dem Wort Gottes entnommen. Was dort an einer Stelle
dunkel gesagt ist, wird gewöhnlich an einer anderen deutlicher gesagt,
namentlich bei wichtigen und notwendigen Artikeln. Was nun hier durch
die doppelte Verneinung gesagt ist: Du sollst kein geschnitztes Bild ma-
chen noch irgendein Bildnis; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht
dienen, steht im Levitikus (26,1) rein und einfach, wie wir es erklären,
folgendermaßen: Ihr sollt euch keine Götzenbilder machen, ihr sollt kei-
ne Standbilder aufstellen und kein Steinmal in eurem Land, um es anzu-
beten. Und wo Gott im Exodus (20,23) sein erstes Gebot einprägt, sagt
er: Ihr sollt euch keine Götter aus Silber und Gold machen. Damit zeigt
er hinreichend: wenn es verboten ist, irgendein Bildnis zu machen, dann
nur, damit man es nicht mache, um Götzendienst zu treiben.
2) Diese Auslegung ist sehr gut vereinbar mit allen Teilen nicht nur
des ersten Gebotes, sondern der ganzen ersten Tafel, die nur die Sache
der wahren Ehre Gottes zum Ziel haben. Sie beseitigt ja jeden Anlaß
zum Götzendienst und zu jeglichem Aberglauben, die Gottes Eifer-
sucht kränken können, ohne jedoch jeden rechten Gebrauch von Bil-
dern auszuschließen, noch Gott eine ungeordnete und maßlose Eifer-
sucht zuzuschreiben, entsprechend dem, was ich im Vorwort gesagt habe.
3) Und wie diese Auslegung die rechte Verwendung von Bildern in
keiner Weise ausschließt, worin die Juden und Türken irren, so verwirft
und beseitigt sie auch jede Verwendung von Bildern, Statuen und Dar-

225
stellungen, die der Ehre Gottes widerspricht, nicht nur in Tempeln und
Kirchen, wie manche Neuerer törichterweise meinen, was nicht genügt,
und nicht nur von Abbildungen, die gemacht sind, um die Gottheit dar-
zustellen, wie einige andere meinen, was ebensowenig genügt, sondern
jede abgöttische Verehrung. Das ist der wahre und einzige Zweck dieses
ersten Gebotes.
4) Fügt die Übereinstimmung der inneren Abgötterei mit der äußeren
hinzu. Die (innere) Abgötterei besteht nicht darin, sich in der Seele die
Geschöpfe durch anschauliche Gestalten und Bilder vorzustellen, son-
dern nur, sie sich als Gottheiten vorzustellen, genau so besteht die äußere
Abgötterei nicht darin, sich die Geschöpfe durch die sinnfälligen Dar-
stellungen und Bilder zu vergegenwärtigen, sondern nur darin, sie als
Gottheiten darzustellen. So wie daher das Gebot: Du sollst keine anderen
Götter neben mir haben, nicht verbietet, sich die Geschöpfe innerlich
vorzustellen, so verwehrt auch das Verbot: Du sollst dir keinerlei Bildnis
machen, nicht, die Geschöpfe äußerlich darzustellen, sondern sie als Gott
darzustellen, indem man sie anbetet und ihnen dient. Das alles ist verbo-
ten, sowohl für den inneren als auch für den äußeren Bereich.
5) Überdies stimmt diese Auslegung durchaus mit der ältesten und
katholischen Übung der heiligen Kirche überein, die immer Bilder hatte,
namentlich solche des Kreuzes, was soviel bedeutet wie versichern, daß
es der Absicht des Heiligen Geistes entspricht. Kurz, das Wort Tertulli-
ans ist sehr wahr: „Non videntur similitudinum prohibitarum legi refra-
gari non in eo similitudinis statu deprehensa ob quem similitudo prohi-
betur: Nicht diese Dinge da scheinen dem Gesetz der verbotenen Bildnis-
se zu widersprechen, die sich nicht im Zustand und in der Beschaffenheit
eines Bildnisses befinden, weshalb das Bildnis verboten ist.“
Möge man daher Abbildungen des Kreuzes haben auf Feldern, in Städ-
ten, auf den Kirchen, in den Kirchen, auf den Altären; das alles ist nur
gut und heilig. Sie sind ja gemacht, aufgestellt und verwendet zur Erhal-
tung der schuldigen Erinnerung an die Wohltaten Gottes und um seine
göttliche Güte um so mehr zu ehren, wie ich im ganzen Verlauf dieser
Bücher gezeigt habe. Daher kann es nicht in der ersten Tafel verboten
worden sein, die nur die Errichtung des wahren Dienstes Gottes und die
Überwindung des Götzendienstes zum Ziel hat. Ebenso daß man das
Kreuz in allem und überall ehrt, da man es nur verehrt, um Gott um so
mehr zu ehren; daß alle Verehrung, die man ihm erweist, bedingt und
abhängig ist oder der höchsten Verehrung zugehörig, die man der göttli-
chen Majestät schuldet; daß sie nur ein Ast dieses großen Baumes ist:

226
Das alles ist in keiner Weise verboten, weil dieses Abbild und diese
Darstellung zu keiner Handlung verwendet wird, deretwegen die Bild-
nisse verboten sind, d. h. weder ein Götzendienst noch Gegenstand der
Abgötterei. Es ist weit davon entfernt, das zu sein, denn das Götzenbild
ist nichts anderes als die Darstellung einer Sache, die nicht die Beschaf-
fenheit hat, wie man sie darstellt, und ein Trugbild, wie Habakuk (2,18)
und der hl. Paulus (1 Kor 8,4) sagen. Das Kreuz dagegen stellt etwas
ganz Echtes dar, nämlich den Tod und die Passion des Erlösers; und
man fertigt es nicht an, um es anzubeten und ihm zu dienen, sondern um
in ihm und durch es den Gekreuzigten anzubeten und ihm zu dienen,
entsprechend dem wahren Wort des hl. Athanasius: „Qui adorat imagi-
nem, in illa adorat ipsum Regem“ (Wer das Bild verehrt, betet in ihm
den König selbst an). Deshalb ist der rechte Gebrauch von geweihten
und heiligen Bildern in keiner Weise verboten, sondern ist geboten und
in allem enthalten, wo geboten wird, Gott anzubeten und seine Heiligen
zu verehren, denn es ist eine rechtmäßige Form, eine Person zu ehren,
wenn man ihr Bild und Porträt anfertigt, um es nach Maßgabe seines
Verhältnisses zum Wert des Hauptgegenstands hochzuschätzen.

14. Kapitel

Bekenntnis Calvins zum Gebrauch von Bildern.

Unter allen Neuerern und Reformatoren hat es nach meiner Meinung


keinen so scharfen, streitsüchtigen und unversöhnlichen gegeben wie
Calvin. Keiner hat der heiligen Kirche mit solcher Heftigkeit und sol-
chem Ingrimm widersprochen wie er, noch hat einer eifriger nach Gele-
genheiten dazu gesucht, vor allem bezüglich der Verwendung von Bil-
dern. In seinem Kommentar zu Josua habe ich ein großes und klares
Bekenntnis zugunsten des rechten Gebrauchs von Bildern gefunden;
deswegen wollte ich es an den Schluß dieses Buches setzen, damit man
erkenne, wie mächtig die Wahrheit des katholischen Glaubens ist, die
den Händen dieses großen und grimmigen Feindes entschlüpft und ent-
sprungen ist, der sie ungerecht unterdrückt (Röm 1,18). Damit nun al-
les besser gewertet werde, will ich sowohl seine Worte als auch den
Gegenstand seiner Aussage ausführlich behandeln.
Die Söhne Israels hatten bereits das Land der Verheißung in Besitz
genommen, die Lose und Anteile waren jedem Stamm zugewiesen, so
daß der große Josua glaubte, den Stamm Ruben, Gad und die Hälfte von

227
Manasse entlassen zu müssen. Sie hatten schon ihr Los und ihren Anteil
jenseits des Jordan in Besitz genommen und erhalten, waren aber trotz-
dem den übrigen Söhnen Israels in allem und überall zu Hilfe gekom-
men, um sie in den friedlichen Besitz jenes Teils des Landes zu bringen,
den Gott ihnen verheißen hatte, um gleichsam einer für den anderen
einzustehen. Als nun die zwei Stämme und der Halbstamm entlassen
waren, um sich an den Ort ihrer Anteile im Land Gilead zurückzuzie-
hen, und sie im Gebiet des Jordan angekommen waren, errichteten sie
dort einen Altar von ungeheurer Größe.
Die Söhne Israels, die im Land Kanaan verblieben, erfuhren von der
Errichtung dieses Altars und zweifelten, ob die Rubeniten, Gaditen und
der Halbstamm Manasse durch diesen Altar nicht ein Schisma und eine
Spaltung der Religion vom übrigen Volk Gottes herbeiführen wollten.
Um die ganze Wahrheit darüber zu erfahren, schickten sie daher Pin-
has, den Sohn des Hohepriesters Eleasar, als Abgesandten zu ihnen. Der
setzte eine schlechte Absicht bei der Errichtung des Altars voraus und
rügte dessen Erbauer zunächst streng, als hätten sie eine Neuerung in
der Religion einführen und Altar gegen Altar setzen wollen. Darauf
antworteten die zwei Stämme und der Halbstamm, sie befürchteten,
daß in Zukunft die Nachkommen der anderen Stämme ihren Kindern
den Zutritt zum echten Altar, der sich in Kanaan befand, verwehren
könnten unter dem Vorwand der Trennung des Wohnsitzes der einen
von dem der anderen durch den Jordan, da der eine diesseits, der andere
jenseits dieses Flusses liege. Und deshalb, das waren ihre Worte, haben
wir gesagt, wenn sie so zu uns oder zu unseren Nachkommen sagen soll-
ten, werden wir ihnen antworten: Seht das Abbild des Altars des Ewigen,
das unsere Väter gemacht haben, nicht für Brand- und Schlachtopfer,
sondern damit er Zeuge zwischen euch und uns sei (Jos 22,26-28).
So übersetzt Calvin, und zur Entschuldigung der zwei Stämme und
des Halbstamms gibt er folgenden Kommentar: „Trotzdem lag schein-
bar noch ein gewisser Fehler bei ihnen, weil das Gesetz verbietet, Stand-
bilder jeglicher Art zu errichten. Aber die Entscheidung fällt leicht,
weil das Gesetz keinerlei Bilder verbietet außer jene, die dazu dienen,
Gott darzustellen. Dagegen hat das Gesetz nie mit irgendeinem Satz
verboten, ein Steinmal zu errichten, sei es als Siegeszeichen oder um
Zeugnis für ein Wunder zu geben, das geschehen ist, oder um eine her-
vorragende Wohltat Gottes in Erinnerung zu rufen; andernfalls hätten
sich sowohl Josua als auch viele heilige Richter und Könige, die nach
ihm kamen, durch eine profane Neuerung befleckt.“

228
Dieser Kommentar ist beachtenswert, denn er war die letzte Arbeit
seines Verfassers (wie Beza in seinem Vorwort dazu sagt), die ihn auch
am besten kennzeichnet. Folglich muß das, was in ihm gesagt wird, al-
lem vorgezogen werden, was er in seinen anderen Schriften unüberlegt
und in der Hitze des Streites, den er entfacht hat, gesagt hat. Vor allem
aber gibt der Text Anlaß zu einer ausgezeichneten Betrachtung über die
Einführung des rechten Gebrauchs von Bildern und Darstellungen hei-
liger Dinge. Erwägen wir ihn daher und beschließen diese ganze Ab-
handlung im Namen Gottes.

15. Kapitel
Erwägung über den angeführten Text aus Josua
und Schluß dieses ganzen Werkes.

Die zwei Stämme und der Halbstamm einerseits wurden also als der
Spaltung verdächtig verhört wegen der Errichtung der Nachbildung des
Altars, die sie errichtet hatten, und wir andererseits als der Abgötterei
schuldig und des Aberglaubens angeklagt wegen der Abbildung des Al-
tars des Kreuzes, die wir überall anbringen und errichten. Die Beschul-
digungen gleichen sich fast, aber:
1. Die Angeklagten und die Ankläger sind im einen und im anderen
Fall sehr verschieden; denn die Ankläger der zwei Stämme und des
Halbstamms waren die zehn Stämme Israels; im Vergleich zu den zwei
Stämmen und dem Halbstamm waren sie erstens die Mehrheit und die
Körperschaft der Kirche, die zwei und der Halbstamm waren nur ein
Glied und ein Teil von ihr. Zweitens waren die zehn im Besitz des ech-
ten Zeltes und Altars, die zwei und der Halbstamm hatten davon nur die
Kenntnis. Drittens hatten die zehn Stämme ihrerseits und bei sich den
Lehrstuhl des Mose, die Priesterwürde, die Hirtengewalt in der Nach-
folge Aarons, die zwei und der Halbstamm waren nur ein einfaches
Volk und ein Teil der Herde. Das gab den zehn Stämmen ein großes,
offenkundiges und gediegenes Recht, die zwei und den Halbstamm we-
gen ihres Tuns zurechtzuweisen, da sie ihnen an Zahl, Würde und Vor-
rang bei weitem nachstanden.
Wenn wir unsere Lage, die wir Katholiken sind, betrachten und die
der Neuerer, die uns so hart beschuldigen, dann werden wir sehen, daß
hier alles umgekehrt ist. 1) Die Katholiken, die angeklagt werden, sind
der Stamm und der Körper der Kirche; die Neuerer sind nur abgebro-

229
chene Äste und abgetrennte Glieder. 2) Die Katholiken sind im festen
und zweifelsfreien Besitz des Titels der wahren Kirche, das Zelt Gottes
unter den Menschen (Offb 21,3), der Altar, auf dem allein der Duft des
Wohlgeruchs Gott wohlgefällig ist (Ez 20,40f; Eph 5,2); die Neuerer,
die nur aus der Erde sprießen wie Pilze, haben davon nur eine leere und
kraftlose Anmaßung. 3) Die Katholiken haben in sich und zu ihren
Gunsten den Lehrstuhl des hl. Petrus, die Priesterwürde, das Hirtenamt
und die apostolische Nachfolge; ihre Ankläger sind Neuankömmlinge
ohne anderen Lehrstuhl als jene, die sie selbst errichtet haben, ohne
priesterliche Würde, ohne Hirtenamt und ohne das Recht der Nachfol-
ge, Gesandte ohne Sendung, Abgeordnete ohne Delegation, Kinder ohne
Vater, Vollstrecker ohne Auftrag. Das sind Punkte, die das ganze Ver-
fahren der Anklage der Reformatoren gegen uns als Katholiken zweifel-
haft machen, ja des Verbrechens überführen; in diesen Punkten sind sie
uns auf so vielfache Weise und so offenkundig unterlegen.
2. Es gibt noch einen anderen Unterschied zwischen dem Gegenstand
der Anklage, die gegen die zwei Stämme und den Halbstamm vom übri-
gen Israel erhoben wurde, und der, welche die Neuerer gegen uns erhe-
ben, der sehr beachtenswert ist. Die Errichtung von Zeichen und Bild-
nissen dient als Anstoß für die eine wie für die andere: für die eine die
Nachbildung des Altars des Gesetzes, für die andere die Errichtung der
Abbildung des Altars des Kreuzes; aber zum Unterschied zwischen der
einen und der anderen Errichtung ist zu sagen, daß die Errichtung des
Altars des Gesetzes etwas offenkundig Neues war, die folglich gut erwo-
gen werden mußte, wie es mit einigem Argwohn geschah, und daß ihrer
Billigung eine genaue Prüfung vorausging; aber die Errichtung der Ab-
bildung des Altars des Kreuzes, die in der Kirche zu allen Zeiten ge-
schah, besaß durch ihr Alter eine weitreichende Ausnahme von jeder
Rüge und Anklage.
3. Außerdem gab es noch einen großen Unterschied in der Vorgangs-
weise bei der Beschuldigung. Obwohl die zehn Stämme den zweien und
dem Halbstamm überlegen sind, stürzen sie sich nicht leichtfertig in
den Krieg, sondern 1) sie schicken eine ehrenvolle Gesandtschaft zu
den Beschuldigten, um ihre Absicht bei der Errichtung ihres neuen Al-
tars zu kennen; und zu diesem Zweck machen sie 2) die heilige Autori-
tät ihres Hohepriesters und Hirten sowie die bürgerliche ihrer wichtig-
sten Oberhäupter geltend; 3) sie verlangen nicht absolut, daß der betref-
fende Altar abgetragen und zerstört werde, sondern einfach, daß die
zwei Stämme und der Halbstamm, wenn sie einen zweiten Altar errich-

230
ten, keine Spaltung oder Trennung in der Religion herbeiführen; 4) sie
führen für ihre Zurechtweisung keine andere Autorität an als die der
Kirche: So spricht die ganze Gemeinde des Ewigen (Jos 22,16). O heili-
ges und heilsames Vorgehen!
Ganz im Gegenteil dazu haben die Reformatoren, unsere Ankläger,
obwohl sie uns offenkundig unterlegen sind, 1) sich mit einem Satz in
Blitz und Ungewitter, Stürme und Hagelschlag an Lästerungen, Belei-
digungen, Vorwürfen und Verleumdungen gestürzt; sie haben ihre Zun-
ge und ihre Feder mit den schärfsten Pfeilen bewaffnet, die man im
Nachlaß der ältesten Feinde der Kirche finden konnte, und haben sie
sogleich mit solcher Wut abgeschossen, daß wir schon verloren wären,
wenn uns nicht die göttliche Wahrheit mit ihrem undurchdringlichen
Schild (Ps 91,5) gedeckt hätte (ich lasse den weltlichen Krieg außer
acht, den sie durch diese bewaffneten Evangelisten überall schürten, wo
sie Zutritt hatten). 2) Bei ihrer angeblichen Reformation haben sie nur
die weltliche Frechheit von Schafen gegen ihre Hirten angewandt, von
Untergebenen gegen ihre Vorgesetzten und die Verachtung des evange-
lischen Hohepriesters, des Stellvertreters Jesu Christi. 3) Aus eigener
Ermächtigung haben sie die errichteten Kreuze umgestürzt, zerschla-
gen und zerstört, ohne jede Prüfung des gerechten Anspruchs noch des
behaupteten Rechtes derjenigen, die sie errichtet haben. 4) Gegen die
offenkundige Übereinstimmung der ganzen Kirche widersprachen sie
offen der ganzen Gemeinde des Ewigen, den allgemeinen Konzilen, der
ständigen Übung der Christen. Diese großen Unterschiede zwischen
unseren Anklägern, deren Gegenstand und Vorgangsweise einerseits und
den Anklägern oder vielmehr Prüfern der zwei Stämme und des Halb-
stamms, deren Gegenstand und Vorgangsweise andererseits setzen ei-
nen vierten Unterschied voraus und führen zu einem fünften.
4. Sie setzen einen großen Unterschied der Absicht bei den einen und
den anderen voraus. Die zehn Stämme hatten kein anderes Ziel, als die
Spaltung und Trennung zu verhindern; es war die Liebe, die sie zu die-
sem Dienst der Zurechtweisung drängte. Wer könnte den Eifer gebüh-
rend loben, den sie in dem Angebot an diejenigen zeigten, die sie zu-
rechtweisen wollten? Wenn das Land eures Erbbesitzes unrein ist, dann
zieht hinüber in das Land des Erbbesitzes des Ewigen, in dem das Zelt
des Ewigen aufgeschlagen ist; ihr sollt euren Besitz unter uns haben und
euch nicht auflehnen ... (Jos 22,19). Das ist ein Angebot, würdig der
Gemeinde Gottes.

231
Dagegen atmet das ganze Vorgehen der Reformatoren gegen uns nur
Auflehnung, Haß und Spaltung. Ihre Angebote bestehen nur darin, ih-
nen die Leitung der Kirche zu überlassen, sie regieren und herrschen zu
lassen, uns der Willkür ihrer Satzungen zu unterwerfen. Was den beson-
deren Punkt betrifft, der zur Frage steht, haben sie deutlich erkennen
lassen, daß sie zum Zerschlagen und Zerstören der Kreuze aus Stein
und aus Holz von keiner anderen Leidenschaft getrieben wurden als von
der, die Kreuze aus Gold und Silber zu rauben und zu stehlen. Damit
haben sie die alte christliche Disziplin umgestoßen, die das Kreuz nur
wegen seiner Gestalt hochschätzt, während sie es nur wegen des Materi-
als schätzen.
5. Aber was war schließlich die Folge so vieler Unterschiede? Sicher
das, was man davon erwarten mußte: aus verschiedenen Ursachen ver-
schiedene Wirkungen. Die zehn Stämme, die wegen so vieler Vorrechte
und Gründe das Recht zur Zurechtweisung hatten, haben kaum die Er-
klärung über die Absicht der zwei Stämme und des Halbstamms gehört,
da nehmen sie diese freundlich an, und ohne die Antwort und Rechtfer-
tigung der Beschuldigten durch irgendeine Erwiderung oder Auflage zu
belasten, schenken sie ihrem Wort volles Vertrauen. Die Liebe drängt
sie ebenso, an der Errichtung des neuen Altars Anstoß zu nehmen und
die Rechtfertigung jener anzunehmen, die ihn errichtet hatten. Der Fall
war dennoch in religiöser Hinsicht sehr kitzlig; die Trennung der Wohn-
gebiete erregte sehr zu Recht den Verdacht des Schismas: aber die Liebe
ist langmütig, sie ist gütig, sie denkt nicht schlecht, sie hat kein Gefallen
am Unrecht, sondern freut sich über die Wahrheit; sie glaubt alles (1 Kor
13,4-7).
Die katholische Kirche, mit so vielen hervorragenden Vorzügen und
klaren Kennzeichen ihrer Echtheit und Heiligkeit, kann dagegen keine
noch so heilige Entschuldigung finden und keine noch so feierliche
Rechtfertigung für ihre Absicht bei der Errichtung der Kreuze anfüh-
ren, die ihre Ankläger nicht als Gottlosigkeit und Abgötterei zu verdre-
hen suchten, so sehr sind sie die geborenen Ankläger ihrer Brüder (Offb
12,10). Wir können noch so sehr die Geradheit unserer Absichten, die
Reinheit unseres Ziels betonen, diese Hergelaufenen, diese Nachkom-
men Abirams und Michals mißachten alles, schänden alles. Es gibt kei-
ne Entschuldigung, die sie nicht beschuldigen, es gibt keine Begrün-
dung, die sie gelten lassen. Man kann nicht mit ihnen leben, außer mit
gebundenen Händen und Füßen, um sich in alle Abgründe ihrer Auffas-
sungen hineinreißen zu lassen. Sie betrachten alles nur von ihren Plä-

232
nen her; alles was sie sehen, erscheint ihnen schwarz und verkehrt und
ihrer reformierenden Hand bedürftig, so glühende Reformatoren sind
sie. Wir graben es in Stein und Erz, wir beteuern vor Himmel und Erde:
Es ist nicht der Stein und das Holz,
was der Katholik anbetet,
sondern Gott, am Kreuz gestorben,
der das Kreuz mit seinem Blut adelt.
(Wir beteuern), daß wir das Bild des Kreuzes anfertigen, um seine
Gottheit darzustellen, aber als Zeichen und Trophäe des Sieges, den
unser König errungen, als Zeugnis des großen Wunders, durch das das
Leben sterblich wurde und den Tod lebenspendend machte, und um die
unbegreifliche Großtat unseres Erlösers in Erinnerung zu rufen. Für
Calvin, der diese Anlässe (ungeachtet der Strenge des Gesetzes) für
legitim hält, um Abbilder zu verfertigen, wo es sich darum handelt, die
zwei Stämme und den Halbstamm zu entschuldigen, für Calvin, sage
ich, und für die anderen Reformatoren ist das bei uns Scheinheiligkeit,
Mißbrauch und Greuel. Um das Gift ihrer Reformation herzustellen,
trachten sie, die ehrlichsten Absichten zu verdrehen und zu verdächti-
gen. Unsere heiligen Entschuldigungen oder vielmehr unsere vernünfti-
gen Erklärungen sollten sie zur Beruhigung und Befriedung ihres so
unruhigen Gewissens annehmen, ohne sich weiter zu entsetzen und zu
erregen in ihrem eitlen Wahn vom angeblichen Götzendienst des Kreu-
zes; aber selbst das weisen sie zurück und verabscheuen es am meisten
und nennen es aus Verachtung und Geringschätzung ein ‚Schlafmittel‘.33
Sie sind unversöhnliche Feinde; ihr Herz ist aus Staub, die Klarheit
verhärtet es. Es gibt keine Genugtuung, die sie zufriedenstellt. Wenn
man sich ihrem unbarmherzigen Tadel nicht beugt, gibt es kein Mittel
gegen ihren wütenden Groll. Was sollen wir daher mit ihnen machen?
Sollen wir aufhören, uns für ihr Heil einzusetzen, da sie nicht einmal
dessen Kennzeichen sehen können? Aber wie könnten wir am Heil ir-
gendjemandes verzweifeln, wenn wir die Kraft und die Ehre des Kreu-
zes bedenken? Es allein ist der Baum unserer ganzen Hoffnung. Seine
am meisten anerkannte und sichere Ehre liegt in der Kraft, nicht nur die
unheilbaren und tödlichen Wunden zu heilen, ihn in seinem Schatten
kostbarer und heilsamer zu machen, als das Leben sonst je war.
Fallt daher auf eure Knie, die Arme gebunden durch die heilige Medi-
tation, gebunden, sage ich, und mit bloßen Füßen vor diesem Baum, ihr
Katholiken, meine Brüder. Je mehr die Worte, die Schriften, der schlechte
Lebenswandel unserer Ankläger einen unversöhnlichen Haß gegen das

233
Kreuz und seine Verehrer atmen, um so mehr müssen wir unsererseits
glühend für sie seufzen und von ganzem Herzen den anrufen, der in den
Ästen hängt als Blatt, Blüte und Frucht. Herr, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun (Lk 23,34).
Ich grüße dich, heiliges Kreuz,
unsere einzige Hoffnung in diesen Bedrängnissen:
Gib Wachstum der Gerechtigkeit den Guten,
vergib den Sündern ihre Bosheit.
Es gibt kein Eis, das bei solchem Wind nicht schmilzt, keine Verbitte-
rung, die nicht besänftigt wird durch das Eintauchen dieses Holzes.
Hier müssen unsere Hoffnungen sich einnisten, sowohl auf unsere
Besserung als auch auf die Umkehr der Verirrten. Diese muß man er-
leichtern durch Ermahnung und Belehrung, denn so hat es Gott be-
stimmt. Das wollte ich in dieser Schrift tun für die Einfältigen, die des-
sen am meisten bedürfen. Ihr zarteres und weicheres Herz kann viel-
leicht das Einprägen des Kreuzzeichens durch eine so schwache Hand
wie die meine gut aufnehmen, während die steinernen und ehernen
Herzen jener, die etwas zu sein glauben, sich dem nicht öffnen werden,
außer dem Meißel und Stichel eines kräftigeren Meisters. Wenn aber
Gott meinem Vorhaben irgendeinen wünschenswerten Erfolg verleiht,
wenn es ihm gefällt, mir in diesem Kampf, den ich für seine Ehre gegen
den unbekannten Traktanten unternommen habe, irgendeine Beute in
die Hand zu geben, gebührt ihm allein die Ehre dafür, müssen die Tro-
phäen am Kreuz wie in einem heiligen Tempel aufgehängt werden. Wenn
aber meine Unfähigkeit und Schwachheit mich jedes anderen Gewinns
berauben sollten, werde ich wenigstens das Glück haben, für die wür-
digste Fahne gekämpft zu haben, die es gab und gibt und geben wird, die
am meisten von der Welt bekämpft wird.
Die Kreuzesfahne war kaum entrollt, da war sie schon dem Wider-
spruch der Juden, Irrlehrer und Abgefallenen ausgesetzt, von denen der
hl. Paulus (Phil 3,18) sagt: Viele wandeln, wie ich euch schon oft gesagt
habe, jetzt aber unter Tränen sage, als Feinde des Kreuzes Jesu Christi.
Das waren Neuerer, die es für unvereinbar mit der Würde der Person
des Gottessohnes hielten, daß er gekreuzigt wurde, wie der große Kardi-
nal Baronius ausführlich in seinen ‚Annalen‘ darlegt. Seitdem haben die
Talmudisten, Samaritaner, Mohammedaner, Wiclefiten und ähnliche
Seuchen der Welt diese Tradition bezüglich der heiligen Fahne in stän-
diger Abfolge fortgeführt, wenn auch unter verschiedenen Vorwänden.
Die Angriffe scheinen sich in unserer Zeit zu verdoppeln, derAntichrist

234
rückt immer näher, da ist es nicht verwunderlich, wenn seine Truppen
dichter herandrängen. Wenn dieser Mensch der Sünde und König der
Greuel gekommen sein wird, dann wird die Kreuzesfahne am meisten
bekämpft werden. Mag aber die Hölle alle Anstrengungen machen, die-
se Standarte wird in der katholischen Armee stets sichtbar hoch erho-
ben sein.
Als die Apostel, die Jünger und die ersten Christen sahen, daß die
Häretiker das Kreuz für unwürdig Jesu Christi hielten, brachten sie das
Zeichen des Kreuzes überall in Übung, um sich selbst in Jesus Christus
zu ehren und Jesus Christus im Kreuz. Und wie die Kirche, ebenso wie
der Apostel, stets nichts anderes zu wissen und zu predigen gedachte als
Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2), so hat sie
auch stets nur Jesus Christus geehrt, und zwar als den Gekreuzigten;
nicht Jesus Christus ohne Kreuz, sondern Jesus Christus mit seinem
Kreuz und im Kreuz. Wir beten an, was wir kennen (Joh 4,22). Nun, wir
kennen Jesus Christus im Kreuz und das Kreuz in Jesus Christus; des-
halb schließe ich mit dieser Zusammenfassung der christlichen Lehre
und all dessen, was ich bisher ausgeführt habe, und bekenne mit dem
glorreichen Prediger des Kreuzes, dem hl. Paulus (gib aber, mein Gott,
daß es mehr mit dem Herzen und in der Tat als durch die Schrift und mit
dem Mund sei und daß ich so meine Tage beschließe): Fern sei es von
mir, mich zu rühmen, außer im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus (Gal
6,14). Amen.

Anhang: These über das Kreuz34


Das Kreuz wird auf fromme Weise verehrt.

David, Psalm 132, Vers 7, zeigt, daß diese Verehrung legitim ist, wenn
er sagt: Wir fallen nieder vor dem Ort, wo seine Füße standen. Diese
Worte wurden vom hl. Hieronymus ausdrücklich auf die Verehrung des
Kreuzes angewendet.
Demgemäß schreibt der hl. Gregor von Nyssa, der im Jahr des Herrn
430 in Griechenland lebte, daß seine Schwester, die hl. Makrina, und
der hl. Basilius ein Kreuz mit großer Ehrfurcht bei sich trugen.
Der hl. Hieronymus in der Grabinschrift der sehr frommen Frau Pau-
la, die er lobt, daß sie das Kreuz kniend „genau so verehrte, als hätte sie
an ihm den Herrn hangen gesehen“.

235
Der hl. Ambrosius sagt im Buch über den ‚Tod des Theodosius‘: „Nicht
das Holz, sondern der König des Himmels wird am Holz angebetet.“
Der hl. Augustinus sagt im 2. Buch vom ‚Krankenbesuch‘, im 3. Kapi-
tel, daß das Kreuz der Verehrung würdig ist, und er verrichtet vor ihm
sein Gebet zu Jesus Christus.
Im 22. Buch vom ‚Gottesstaat‘, Kapitel 8, bestätigt derselbe, daß eine
Frau von einem tödlichen Krebsgeschwür geheilt wurde, als man das
Kreuzzeichen über sie machte.
Und im 1. Buch seiner ‚Bekenntnisse‘, Kapitel 11, daß er begann, sich
mit dem Kreuz zu bezeichnen, als er Christ wurde.
Und im 3. Traktat über den hl. Johannes sagt er, wenn wir Christen
sind, müssen wir auf der Stirn mit dem Kreuz bezeichnet sein.
Lactanz sagt im ‚Gesang von der Passion‘: „Flecte genu, lignumque
Crucis venerabile adora: Beuge das Knie und verehre das ehrwürdige
Holz des Kreuzes.“
Kaiser Konstantin machte seine Standarte in der Form des Kreuzes,
um seine Feinde zu schrecken, und er stellte es auf diese Weise an die
Spitze seines Heeres, um sie daran zu gewöhnen, das Kreuz zu verehren.
So sagt Eusebius im 1. Buch des ‚Lebens Konstantins‘ und Sozomenes
im 1. Buch seiner ‚Geschichte‘, Kapitel 4.
Der hl. Cyrill von Alexandrien, der im Jahr 430 lebte, sagt im 6. Buch
gegen Kaiser Julian Apostata, der über die Christen spottete, daß sie das
Kreuz anbeteten, zur Verteidigung der Christen: „Das Holz des Heiles
ruft uns die Wohltaten in Erinnerung, die wir von Jesus Christus emp-
fangen haben, hält sie uns vor Augen und regt uns an zu denken, wie der
hl. Paulus sagt, daß Er allein für uns gestorben und auferstanden ist.
Der hl. Athanasius sagt in der Quästion 16 zu Antiochus: „Wir kön-
nen beweisen, daß wir nicht das Holz anbeten, sondern die Darstellung,
wenn wir die zwei Hölzer, die das Kreuz bilden, auseinandernehmen;
denn dann erweisen wir ihnen keine Ehre mehr.“

236
E. Codex FFabrianus
abrianus

Diese Arbeit ist ursprünglich nicht unter dem Namen des hl. Franz von Sales
erschienen, stammt aber zweifellos von ihm. Sie war kein selbständiges Werk, son-
dern das erste Buch (Titel I) eines umfangreichen Rechtskompendiums auf der
Grundlage des Codex Justinianus. Sie wurde daher auch die längste Zeit nicht in die
Ausgaben der Werke des hl. Franz von Sales aufgenommen; erst Migne brachte in
Band VI (1862) eine französische Übersetzung von Abbé de Baudry. Die Annecy-
Ausgabe enthält in Band XXIII (S. 67-241) den lateinischen Text mit einer franzö-
sischen Übersetzung.
Antoine Favre (1557-1624), einer der engsten Freunde des hl. Franz von Sales,
der seine Missionstätigkeit im Chablais mit großer Anteilnahme verfolgte, hielt ihn
für besonders geeignet, diesen weitgehend theologischen Teil für sein juristisches
Werk zu verfassen. Franz hatte ja 1591 in Padua den Doktorgrad utriusque juris
erworben, war seit 1592 als Anwalt beim Senat von Chambéry zugelassen, stand
aber andererseits seit 1594 in der theologischen Auseinandersetzung mit den Calvi-
nern. Er nahm den Auftrag seines Freundes an und schrieb ihm am 14. Oktober
1595 (OEA XI,164): „Ich werde Ihnen sobald als möglich ein Kapitel meiner
Kommentare gegen die Häretiker schicken, in dem ich mich zu zeigen bemühen
werde, daß sie, weit entfernt, wirkliche Reformatoren der Kirche zu sein, die alten
Irrlehren wieder aufleben lassen.“ In seiner Antwort vom 25. 10. 1595 (OEA XI,408)
ersucht ihn Favre unter anderem, nicht zu vergessen, daß sich die Häretiker darauf
verlegen, „alles zu leugnen und nichts zu sagen“.
Dem zitierten Brief zufolge begann Franz von Sales die Arbeit während der
ersten Phase der Chablais-Mission, in der er auch seine ‚Flugblätter‘ verfaßte, unter
äußerst schwierigen Bedingungen. Während aber die ‚Flugblätter‘ für die Gläubi-
gen bestimmt waren und die wichtigsten Glaubenswahrheiten verteidigten, waren
die Adressaten des Codex Juristen, denen es zu zeigen galt, daß die Häretiker im
Unrecht waren. Das bedingte außer dem Unterschied im Inhalt auch einen anderen
Stil; trotzdem gibt es zahlreiche Anklänge an die ‚Kontroversen‘. Im Rechtskom-
pendium war es vor allem notwendig, die Häretiker genau zu zitieren. Schon am 14.
10. 1595 (OEA XI,165) schrieb er an Possevino, er brauche dringend die Erlaub-
nis, ihre Werke zu lesen. „Ich wage es nicht, Calvin und Beza irgendwie anzugreifen,
wo sie Lügner und Gotteslästerer sind, ohne daß nicht jeder wissen will, wo das
steht, was ich sage.“ Am 6. 4. 1596 (OEA XI,169) dankt er dem Nuntius Riccardi,
daß er ihm die erbetene Erlaubnis verschaffen will.
Der Fortgang der Arbeit wurde außer durch die Beanspruchung des Propstes in
der schwierigen Chablais-Mission sicher auch durch die ‚Verteidigung der Kreuzes-

237
fahne‘ und die dort angeführten Umstände verzögert. Auch die ersten Bischofsjah-
re ließen kaum mehr Muße für die gewiß nicht leichte Aufgabe. Sie schien auch
nicht zu drängen, da offenbar Favre ebenfalls noch an seinem Werk arbeitete. So
findet sich in den überlieferten Briefen der beiden Freunde lange Zeit kein neuer
Hinweis auf den Codex, was aber nicht ausschließt, daß sie bei ihren engen Kontak-
ten darüber gesprochen oder geschrieben haben. Am 10. 10. 1605 (OEA XIII,398)
schrieb aber Favre, er brauche den Beitrag seines Freundes innerhalb eines Monats.
Franz von Sales schickte ihm das Manuskript termingerecht mit der kirchlichen
Approbation vom 1. November 1605, und das Werk erschien im folgenden Jahr.
Codex Fabrianus definitionum forensium et rerum in sacro Sabaudiae Se-
natu tractatarum. Ex ordine Codicis Justiniani quantum fieri potuit acco-
modate ad usum forensem. In novem libros distributus. Authore et collecto-
re Antonio Fabro ... Opus integrum, et omnibus juris studiosis utilissimum,
sed Pragmaticis praecipue necessarium. (Lyon 1606).
Der Autor bezeichnet sein Werk im Titel als „für alle Studenten der Rechtswis-
senschaft sehr nützlich, für die Praktiker aber besonders notwendig“. Das erste
Buch hatte die Aufgabe, die Rechtslage der Häretiker im Geltungsbereich des
Codex Justinianus grundsätzlich zu klären; er verbot, den katholischen Glauben
öffentlich in Frage zu stellen. Daß die Häretiker dagegen offensichtlich verstießen,
wird an zehn Kennzeichen aufgezeigt, die ihnen gemeinsam sind, und in ‚Exkursen‘
näher ausgeführt: was sie an Glaubenswahrheiten leugnen (I), was sie durch falsche
Behauptungen leugnen (II), was sie an häretischen Neuerungen eingeführt haben
(III), die Anfänge ihrer Irrlehren (IV) und einige politisch wirksame falsche Lehren.
Der Inhalt dieses ersten Buches dient der Rechtsprechung, ist aber selbst über-
wiegend theologischer Natur. Das bestimmt die Art der Darstellung: Die Tatsache
der Irrlehre (d. h. zugleich des Verstoßes gegen das Recht) wird durch wörtliche
Zitate aus den Werken der Häretiker (bei Luther aus lateinischen Ausgaben) be-
legt; dem wird die katholische Lehre entgegengestellt, belegt aus der Heiligen Schrift
und aus den Vätern und Definitionen der Konzile. Folgerungen werden in knapper
logischer Argumentation gezogen. Breiter ausgeführte Erklärungen, affektive An-
wendung und Appelle sind selten. Dadurch fügt sich die Arbeit dem Rechtskom-
pendium gut ein und gibt einen Überblick über die Häresie bzw. die Kontroverse
nach dem damaligen Stand.
Das Werk brachte Favre europäischen Ruhm als Rechtsgelehrter. Er nennt sei-
nen Freund nicht als Mit-Autor, widmet ihm aber am Schluß des ersten Buches
neben dem Herzog und seinen Vorgängern im Bischofsamt eine ausführliche Wür-
digung. In seinem Brief vom 10. Oktober 1605 hatte er geschrieben: „Ich werde die
Form, die Sie der Arbeit geben, stets gut finden und werde keine andere wünschen.“
Offenbar hat er aber manche stilistische Änderung vorgenommen und auch einige
Passagen eingefügt; vor allem der Schluß stammt zum größten Teil von ihm. Dem
Urteil der Redaktion der Annecy-Ausgabe folgend werden diese Stellen zwischen
eckige Klammern gesetzt. Im Nachweis der Quellen werden in unserer Ausgabe
sowohl die Schriftstellen als auch die Zitate aus den Werken Luthers und Calvins
im Text angegeben; die Anmerkungen sind auch hier auf das Notwendigste be-
schränkt.

238
Titel I

Von der heiligsten Dreifaltigkeit und vom


Dreifaltigkeit
katholischen Glauben und daß niemand öffentlich
darff
darüber streiten dar

Im vorigen Jahrhundert entstieg der Hölle eine Art von Menschen,


von denen ich nicht weiß, ob sie mehr zu fürchten oder zu bedauern
sind. Sie sind abgefallen von der Einheit der christlichen Religion und
unseres katholischen Glaubens und als notwendige Folge von der Wahr-
heit. Sie haben allenthalben neue Dogmen und Irrlehren eingeführt, die
aber aus alten und zum Großteil bereits verurteilten zusammengeflickt
und verschmolzen sind. Sie sind in fast ebensoviele Sekten geteilt, als
sie Stifter hatten, die lieber Anhänger haben als sein wollten. Man könn-
te sie mit den Füchsen Simsons (Ri 15,4f) vergleichen, die zwar jeder
nach seinem Kopf in eine andere Richtung strebten, mit zusammenge-
bundenen Schweifen aber zu einem Ziel vereinigt und zusammenge-
schart waren: Brand und Zerstörung in die eine Kirche zu tragen, wenn
es schon genügte, es zu wollen.
Vor allem sind die wichtigsten und dem Ruf wie der Ruchlosigkeit
nach bekanntesten die Lutheraner, Ubiquitarier, Zwinglianer, Wieder-
täufer, Schwenckfeldianer, Davidiker, Samosatazenser, Calviner, An-
glo-Calvinisten, Puritaner, Adiaphoriten, Osiandriner, Melanchtoniker,
um von den zahlreichen, um nicht zu sagen: fast zahllosen, anderen zu
schweigen, die niedrigeren Rängen der Dämonen gleichen. Die gröbste
Einteilung aller kann jedoch die sein, daß man gleichsam drei Haupt-
stämme von ihnen feststellt, auf die man alle anderen kleineren Sekten
als deren Arten zurückführen kann. Die Situation der Wiedertäufer ist
jedoch so, daß sie zwar nicht an Torheit und Gottlosigkeit aber an Zahl
den anderen weit nachstehen, so daß sie fast von allen als unkriegerische
und unbedeutende Feinde verachtet werden und Lutheraner und Calvi-
ner sich rühmen, daß ihnen allein fast aller Raum bleibt. Daher werden
wir nur von ihnen zu sprechen haben, da von den übrigen außer durch
Bücher und Gerüchte fast nur die Namen bis zu uns gedrungen sind.

239
Zwar gibt es bei uns zahlreiche Beschlüsse und Dekrete unserer Für-
sten und des Senats über die Religion (da sie gedruckt öffentlich vorlie-
gen, hielten wir es nicht für zweckmäßig, sie hier abzuschreiben). Sie
rügen und verurteilen nicht nur die Lutheraner und Calviner, sondern
auch alle anderen Häretiker. Dazu gehören ohne Zweifel alle, die von
der heiligen, katholischen, apostolischen römischen Kirche, unter wel-
chem Namen auch immer, abgefallen sind und deren Irrtümer das hei-
lige Konzil von Trient auf Eingebung des Heiligen Geistes durch höchst
gerechtes Anathem verurteilt hat.
Es ist eine vorzügliche und in solchem Unglück sehr glückliche Sache
für den christlichen Staat, daß diese Sekten, die sich so heftig gegen ihn
verschworen haben, durch diese Kennzeichen als ehrlos feststehen, an
denen auf den ersten Blick niemand zweifeln kann, da ‚Häretiker‘, wie
die heiligen Canones sagen, den Anschein und die Kennzeichen der
Schlechtigkeit an sich haben.
[Wir werden nur einige nennen und von den einzelnen einiges, damit
wir uns nicht wie die lutherischen und calvinistischen Schuster als Theo-
logen aufzuspielen scheinen; wir betreiben nur Rechtswissenschaft, sonst
nichts. Das andere überlassen wir den Theologen, die es in so großer
Zahl und so hervorragend ex professo behandeln.] Wir werden die urei-
genen Worte Luthers und Calvins vortragen, damit jene sich nicht über
eine Erfindung oder Verfälschung von unserer Seite beschweren kön-
nen, die kaum glauben können, was wirklich unglaubwürdig ist: daß so
absurde und offenbar teuflische Gottlosigkeiten und so gottlose Absur-
ditäten, deren so viele Anhänger sich rühmen, jemals einem Sterblichen
in den Sinn kommen konnten. [Wir bitten aber vor allem die katholi-
schen und frommen Leser, uns zuzugestehen und an dieser Tatsache
keinen Anstoß zu nehmen, daß wir Bücher gelesen haben, die durch
Dekrete der heiligen Kirche verboten sind. Wir können nämlich wahr-
heitsgemäß versichern, daß wir dabei nichts getan haben, außer was
jedem frommen Christen erlaubt ist, und daß wir die in einer so wichti-
gen Sache notwendige Vorsorge getroffen haben, damit wir nicht den
überaus gerechten Zensuren der Kirche verfallen, die wir fürchten und
gebührend achten.]

240
I.

Erstes Kennzeichen der Häretiker unserer Zeit:


Verneinen.

Das erste und meiner Meinung nach nicht unbedeutende Kennzei-


chen ist, daß sie fast alles bestreiten, fast nichts bejahen, außer daß sie
meistens durch Leugnen auch bestätigen und bestätigend leugnen. So
wird aus ihrer Zahl sichtbar, daß sie, wie Tertullian von allen Häreti-
kern schrieb, „glauben und doch nicht glauben“, darin verschieden von
den Heiden, die „nicht glauben und doch glauben“, wie derselbe sagt.
Ich sehe auch nicht, auf wen besser als auf sie passen könnte, was meh-
rere große Männer vom großen Antichristen angenommen haben, daß
sein Name ‚arnoumai‘ (ich leugne) sei. Die am meisten gebräuchliche
Art aller Antichristen, d. h. der Häretiker, besteht ja darin, daß sie fast
ihre ganze Lehre auf der Leugnung aufbauen.
Wenn sie das in der Absicht tun, uns die Beweislast aufzubürden und
selbst nichts beweisen zu müssen, sind sie nicht nur ganz schlechte Theo-
logen, sondern auch schlechte Rechtskundige. Sowohl bei den Urhe-
bern wie bei den Auslegern unseres Rechts gibt es ja keinen Zweifel,
daß der Kläger, wer er auch sei, seine Auffassung beweisen muß, auch
wenn sie in einer Verneinung besteht, besonders aber, wenn einer den
angreifen will, der im ungestörten Besitz dessen ist, worüber man strei-
tet. Was kann denn andernfalls gewiß sein, ich beschwöre euch, was
sicher, wenn es für den Kläger genügt zu leugnen?
Auf sie kann man mit Recht auch anwenden, was der hl. Johannes in
der Geheimen Offenbarung (9,3.10f) von den Heuschrecken sagt, die
aus dem Brunnen des Abgrunds hervorkommen; er sagt, sie haben über
sich als König den Engel des Abgrunds; sein Name ist hebräisch Abad-
don, griechisch Apollyon, lateinisch Exterminans. Damit drückt er aus,
daß alle Häretiker fast nichts erbauen, aber alles zerstören, nichts beja-
hen, alles verneinen. Das sind schließlich Leute, daß man nicht ge-
schmacklos und zu Unrecht behaupten könnte, wenn man sie Christen
nennen muß, dann muß man sie verneinende, nicht bekennende Chris-
ten nennen. Aber ich frage: Was heißt denn, ein verneinender Christ
sein anderes, als gar kein Christ sein?

241
Von der absoluten Macht Gottes

1. Sie bestreiten, daß in Gott irgendeine absolute Macht ist: „Die


Erklärung von der absoluten Macht Gottes, die die Scholastiker einge-
führt haben, ist eine verwerfliche Blasphemie“, sagt Calvin.1 Und an
anderer Stelle (Inst. II,7, § 5) nennt er „unmöglich“, was nie war oder
sein wird. Dieser Leugnung widerspricht die Versicherung Christi (Mt
26,53), der sagt, er könnte den Vater bitten, und der würde ihm mehr als
zwölf Legionen Engel schicken und (Mt 19,24) ein Kamel durch ein
Nadelöhr hindurchgehen lassen; ebenso die Versicherung Johannes des
Täufers (Mt 3,9), Gott könne Abraham aus Steinen Kinder erwecken.
Kein Mensch mit gesundem Verstand wird doch leugnen, daß Gott
alles möglich ist, was er zu tun androht, wie z. B. Ninive zu zerstören
(Jona 3,4), und unzählige Dinge dieser Art, die Gott jedoch niemals
getan hat oder tun wollte. Und wie Tertullian gegen Praxeas so treffend
schreibt: „Gott hätte (wenn ich so sagen darf) den Menschen mit Flü-
geln ausstatten können, was er den Falken auch gewährte; obwohl er es
konnte, hat er es doch nicht zugleich auch getan. Er hätte auch Praxeas
(wenn es beliebt, fügen wir Luther und Calvin hinzu) und alle Häretiker
in gleicher Weise vernichten können; er hat sie, weil er es konnte, nicht
auch wirklich vernichtet.“
Das alles vermochte Gott nicht durch eine gewöhnliche Macht, denn
die Dinge wurden nach einer anderen Ordnung festgesetzt und ausge-
führt, also mit absoluter Macht, d. h. mit einer Macht, die unabhängig ist
von jedem verkündeten Gesetz und von der festgelegten Ordnung der
Dinge. Absolut aber nicht in dem Sinn, daß sie losgelöst wäre von Bil-
ligkeit und Gerechtigkeit, wie Calvin es zu Unrecht auslegt. Denn Bil-
ligkeit und Gerechtigkeit ist dem Gesetz Gottes wesentlich, denn es ist
nichts anderes als Gott selbst. Wie er sich selbst Gesetz ist, so kann er
nicht im mindesten vom Gesetz und von der Gerechtigkeit abweichen.

Vom zulassenden Willen Gottes

2. Sie leugnen einen zulassenden Willen in Gott (Inst. I,18,1.2), im


Gegensatz zu unzähligen Versicherungen der Heiligen Schrift, darunter
Psalm 81 (13): Er entließ sie nach dem Verlangen ihrer Herzen; Apostel-
geschichte 14 (15): Er ließ alle Völker ihre eigenen Wege gehen; Lukas
(8,32): Sie baten ihn, sie in die Schweine fahren zu lassen, und er erlaubte
es ihnen. Gott will also vieles, nicht durch einen bewirkenden oder

242
begleitenden, sondern nur durch einen zulassenden Willen. Was aller-
dings schlecht ist infolge der sogenannten moralischen Schlechtigkeit,
kann nie von Gott ausgehen, der gut und die Güte selbst ist.

Vom einfachen Vorherwissen Gottes

3. Sie leugnen das einfache Vorherwissen Gottes (Inst. I,16,4). Denn


das sind die Worte Calvins (Inst. II,4,3): „Auch Augustinus ist manch-
mal nicht von diesem Glauben frei, so wo er sagt, daß die Verhärtung
und Verblendung sich nicht nach dem Wirken Gottes richte, sondern
nach dem Vorherwissen; aber solche Spitzfindigkeiten vertragen sich
nicht mit zahlreichen Schriftstellen“, etc. Dieser Leugnung widerspricht,
daß die Heilige Schrift an verschiedenen Stellen bestätigt, daß Gott den
Verrat des Judas (Mt 26,21 u. a.) voraussah, die Verleugnung des Petrus
(Mt 26,34 u. a.), die Verblendung der Juden (Mt 13,13; Joh 9,39). Das
hat Christus zwar vorhergesagt und vorher gewußt, aber doch nicht ge-
wollt oder gewirkt.

Vom Wesen, das der Sohn vom Vater hat

4. Sie bestreiten, daß der Sohn Gottes das Wesen vom Vater hat (Inst.
I,13,2.23ff). Dagegen bestätigt die Heilige Schrift und Christus selbst,
daß Christus der Sohn des Vaters ist und vom Vater durch Zeugung
hervorgeht. Wer könnte auch durch die bloße Vernunft und mit einem
einzigen Gedanken des Geistes begreifen, daß jener, der Sohn ist und
genannt wird, der Sohn dessen wäre, von dem er nicht das Wesen und die
Natur hätte? Was konnte denn der Sohn vom Vater anderes haben als die
Gottheit? Was haben der Vater und der Sohn gemeinsam, wenn nicht
das Wesen? Was hat also der Vater dem Sohn mitgeteilt, wenn nicht das
Wesen selbst? Warum rufen die Heilige Schrift, die Konzile, die Väter
und schließlich der ganze christliche Erdkreis allenthalben, daß der
Sohn ist „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren
Gott“? Der Vater hat also das wahre göttliche Wesen, das nicht aus sich
ist, wie Calvin zu unvorsichtig sagt, noch von irgendeinem anderen;
vielmehr durchaus von niemand, weil das Wesen weder zeugt noch ge-
zeugt wird. Der Sohn dagegen, der dasselbe Wesen besitzt, hat es nicht
von niemand noch aus sich, sondern vom Vater; schließlich ist das We-
sen, das in sich betrachtet von niemand stammt, im Sohn vom Vater.

243
Vom Tod Christi

5. Sie bestreiten, daß der leibliche Tod Christi, wenn Christus nur
diesen erlitten hätte, uns irgendetwas nützte. „Nichts ist gewonnen“,
sagt Calvin (Inst. II,16,10), „wenn Christus nur des leiblichen Todes
gestorben wäre.“ Unsterblicher Gott! Alle Buchstaben der Heiligen
Schrift führen unser Heil auf das Blut, auf das Kreuz, auf den Tod Chri-
sti zurück; alle Christen rufen laut, daß Christus durch seinen Tod unse-
ren Tod überwunden hat; alle Heiligen fassen den Hochgesang unserer
Erlösung (Offb 5,9) in die Worte: In deinem Blut hast du uns erlöst, o
Gott. [Und diese Kröten wagen in ihren Tümpeln dagegen zu quaken],
durch seinen lebenspendenden Tod sei nichts geschehen! Jesaja dagegen
verkündet (53,5) ferner, daß wir nur durch die Wunden Christi geheilt
wurden. Mit einem Wort, unser Leben ist eine Tochter des Todes Chri-
sti; wer anderswo als in diesem Tod das Leben sucht, verliert das Leben.
Wie können sie die Stirn haben zu behaupten, durch den Tod Christi sei
nichts gewonnen, da wegen der Würde dessen, der ihn erlitt, der kleinste
Tropfen seines königlichen und göttlichen Blutes genügt hätte, um un-
zählige Welten zu erlösen?

Von Christus, dem Gesetzgeber

6. Sie leugnen, daß Christus Gesetzgeber ist und folglich im Evangeli-


um irgendein Gesetz vorgelegt wird; so sagt nämlich Luther: „Du mußt
wissen, was Christus wirklich ist. Christus ist in Wirklichkeit nicht Ge-
setzgeber.“2 Bald nennt er die Lehre von Christus dem Gesetzgeber ‚pe-
stilentem‘ (vergiftend); und wenig später sagt er: „Ich gebe mir Mühe,
die alteingewurzelte Lehre von Christus dem Gesetzgeber und Richter
zu widerlegen, um sie zu verurteilen und zurückzuweisen.“ Aber der
Brief des hl. Jakobus (4,12), der Christus ausdrücklich Gesetzgeber
nennt, bestätigt diese Lehre, und Jesaja (33,22) hatte ihn vorher schon
Gesetzgeber genannt und gesagt: Der Herr ist unser Gesetzgeber.

Von Christus, dem Richter

7. Sie leugnen, daß Christus Richter ist; so sagt Luther an der gleichen
Stelle: „Ich war von jenen vergiftenden Auffassungen überzeugt.“ Die
erklärt er dann und nennt unter anderen die, daß Christus Richter ist;
und er habe sich bemüht, sie zu widerlegen. Nicht so der hl. Petrus, der

244
(Apg 10,42) offen bekennt, daß Christus von Gott zum Richter der
Lebenden und der Toten bestellt wurde; nicht anders die übrigen Apo-
stel, die alle einmütig verkünden, daß Christus die Lebenden und die
Toten (2 Tim 4,1) richten wird.

Von der ungeschriebenen Überlieferung

8. Sie leugnen, daß es irgendeine Überlieferung gibt, die nur durch


das Wort weitergegeben wurde, im Widerspruch zur ausdrücklichen
Versicherung des hl. Paulus, der im 2. Brief an die Thessalonicher (2,15)
sagt: Haltet euch an die Überlieferungen, die ihr entweder durch die Pre-
digt oder durch einen Brief empfangen habt. Denn welche Sicherheit und
welche Autorität hätte die Heilige Schrift, wenn du die Überlieferung
wegnimmst, da diese Sicherheit und diese Autorität der Heiligen Schrift
nur durch die Überlieferung ebenso gewährleistet werden kann? Wa-
rum sagen wir eher, daß das Evangelium nach Matthäus und Lukas ka-
nonische Bücher sind als das des Thomas und Nikodemus? Oder wenn
jemand das bestreitet und mit ihnen (den Häretikern) die ungeschriebe-
ne Überlieferung verwirft, wie können wir das beweisen?
Außerdem, wo war denn die Kirche oder der Glaube zu all der Zeit, als
man Glaubensfragen nicht schriftlich, sondern nur mündlich behandel-
te? Oder gab es die Kirche vor den heiligen Schriften nicht? Oder durch
welches geschriebene Wort der Heiligen Schrift wollen sie belegen, daß
wir zu glauben gezwungen seien, man dürfe nur glauben, was geschrieben
steht? Was soll man sagen von der Taufe der Kinder, daß der Sonntag
anstelle des jüdischen Sabbats zu heiligen ist, von der Erschaffung der
Engel und so viele andere Dinge, an die in der Kirche und selbst bei allen
Häretikern ganz fest geglaubt wird, obwohl es in der Heiligen Schrift
dafür überhaupt keinen Beweis gibt? Ganz anders und hervorragend wie
alles sagt Augustinus: „Ich würde nicht an das Evangelium glauben“, wenn
nicht die Kirche sagte, daß es das Evangelium ist.

Von den kanonischen Büchern

9. Sie bestreiten, daß von den Büchern der Heiligen Schrift die Bü-
cher Judit, Baruch, Weisheit, Jesus Sirach, Makkabäer und Tobias kano-
nische Autorität besitzen, weil sie im Kanon.der Juden nicht verzeich-
net sind; so als ob der jüdischen Synagoge mehr Autorität zuzuschrei-
ben wäre als der ganzen katholischen Kirche, die sie in einmütiger Über-

245
einstimmung immer für kanonisch gehalten hat. Wer wird sich darüber
wundern, daß einige von ihnen im Kanon der Juden nicht verzeichnet
sind, da sie erst nach diesem Kanon aufgezeichnet wurden, außer wer
aus Unkenntnis der zeitlichen Abfolge nicht weiß, daß sie überhaupt
nicht verzeichnet werden konnten?

Vom Brief des hl. Jakobus

10. Sie bestreiten, daß der Brief des hl. Jakobus kanonisch ist. Wenn
man ihnen diesen vorhält, bezweifeln sie seine Echtheit und Autorität,
die aber wie die der anderen kanonischen Bücher stets ganz sicher und
ausdrücklich war. In seinem Buch ‚Über die babylonische Gefangen-
schaft‘ antwortet Luther im Kapitel ‚Vom Sakrament der letzten Ölung‘
(Jena II,284) auf den Beweis, der für die letzte Ölung von der ganz
offenkundigen Autorität des hl. Jakobus abgeleitet wird, und erklärt
seine Sentenz mit den Worten: „Ich aber sage, wenn je phantasiert wur-
de, dann wurde besonders an dieser Stelle phantasiert. Ich lasse nämlich
außer acht, daß viele sehr überzeugend versichern, dieser Brief stamme
nicht vom Apostel Jakobus und sei des apostolischen Geistes unwürdig,
auch wenn er durch Gewohnheit Autorität erlangte, von wem er auch
stammen mag. Aber selbst wenn er vom Apostel Jakobus stammte, wür-
de ich sagen, daß es einem Apostel nicht zusteht, aus eigener Vollmacht
ein Sakrament einzusetzen.“
Seht die Kühnheit und Unverschämtheit des Mannes. Nicht zufrieden
damit, die Autorität des apostolischen Briefes herabgesetzt zu haben, so-
viel er konnte, bezichtigt er den Apostel auch der Anmaßung, als hätte er
sich das Recht angemaßt, ein Sakrament einzusetzen, falls er diesen Brief
verfaßt hat! Der rasende Apostat sieht nicht, daß der Apostel das schreibt,
nicht um das Sakrament der letzten Ölung einzusetzen, sondern um die
Gläubigen zu seinem Empfang zu ermahnen. Das hätte er jedenfalls nicht
getan, wenn nicht Christus selbst es eingesetzt hätte.

Von der Schwierigkeit der Heiligen Schrift

11. Sie bestreiten, daß es in der Heiligen Schrift irgendeine Schwierig-


keit gebe, die Gläubige daran hindere, sie leicht zu verstehen, so daß sie
klarer und leichter verständlich sei als die Kommentare aller Kirchenvä-
ter (Jena II,294). Mit dieser Leugnung zeihen sie den hl. Petrus der Lüge.
Obwohl er selbst gläubig und gelehrt war (außer er stünde Luther an

246
Glauben und Lehre nach), schrieb er (2 Petr 3,16) dennoch, in den Brie-
fen des hl. Paulus sei vieles schwierig, was Ungläubige und zu wenig Un-
terrichtete wie die übrigen Schriften zu ihrem Verderben verdrehen. Doch
welchen Nutzen hätten die Lehrer in der Kirche, welcher sichere Bedarf
nach ihnen bestünde, wenn sie (die Häretiker) die Wahrheit im Traum
finden? Was würden so viele Kommentare der Väter nützen, die in so
vielen Nachtwachen beim Lampenschein erarbeitet wurden und im
Schweiß des Angesichts entstanden, wenn sie schwieriger und unverständ-
licher wären als die Bücher, die sie erklären wollten?

Von der sichtbaren Kirche

12. Sie bestreiten, daß die wahre Kirche sichtbar ist (Inst. IV,1,3; Jena
III.176; II.144f). Wenn dem so wäre, warum hätte sie dann Christus mit
einer Stadt auf dem Berg (Mt 5,14) verglichen, mit einem Haus, das auf
den Felsen gebaut ist (Mt 16,18 u. a.)? Warum hätte er uns außerdem an
die Kirche verwiesen mit den Worten (Mt 18,17): Sag es der Kirche?
Machen sie nicht Christus lächerlich und zum Betrüger, der uns an die
Kirche verweist, wenn sie unsichtbar und nicht wahrnehmbar ist?

Vom unfehlbaren Urteil der Kirche

13. Sie bestreiten, daß die Entscheidung der katholischen Kirche in


Glaubensfragen auch offensichtlich unfehlbar ist (Inst. IV,8 u. a.; Jena
II, 460). Dieser Leugnung steht sicher die Versicherung Christi (Mt
16,18) entgegen: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen;
auch die des Paulus, der sie (1 Tim 3,15) Säule und Grundfeste der
Wahrheit nennt. Und wahrlich, wenn es um uns so unheilvoll und un-
menschlich stünde, daß die allgemeine Kirche in Entscheidungen über
Glaubensfragen und den wahren Sinn des Gotteswortes irren könnte,
welcher Sterbliche, ich beschwöre euch, müßte dann nicht glauben, daß
er irren kann? Wer aber glaubt, daß er irren kann, wie könnte der sicher
sein, sich nicht zu irren? Folglich wird es also notwendig sein, daß alle
zugeben, in Unsicherheit über den Glauben und den Sinn der Heiligen
Schrift zu leben. Was wird es daher geben, das uns so sicher und offen-
kundig sein muß, daß wir daran selbst dann glauben müssen, wenn ein
Engel vom Himmel (Gal 1,8) das Gegenteil sagen wollte? Wer müßte
denn nicht eher dem himmlischen Engel als sich selbst glauben, wenn
nicht auf der anderen Seite die Autorität und die Sicherheit des Glau-

247
bens der Kirche über der Autorität irgendeines Engels stünde, wenn es
je, das Unmögliche angenommen, eine gegenteilige gäbe?

Von der Autorität der allgemeinen Konzile

14. Sie bestreiten, daß die Konzile, auch die allgemeinen, eine Auto-
rität haben, der wir uns fest anschließen müssen. (Sie gehen so weit) zu
behaupten, es stehe jedem beliebigen einzelnen, nicht nur dem Volk, zu,
die Lehre der Konzile nach der Richtschnur der Heiligen Schrift zu
wägen und zu prüfen (Inst. IV,9,8); Luther (Jena II,532) sagt nämlich:
„Über die Lehre zu befinden und zu urteilen, steht allen und jedem
Christen zu, und steht ihm so zu, daß anathema sei, wer dieses Recht im
geringsten verletzt. Denn Christus sagt (Mt 7,15): Hütet euch vor den
falschen Propheten. Diese Autorität allein genügt“, sagt er, „gegen die
Sentenzen aller Päpste, aller Konzile, aller Schulen, die das Recht zu
urteilen und zu entscheiden nur den Bischöfen und Geistlichen zuer-
kennen und es auf gottlose und sakrilegische Weise dem Volk, d. h. der
königlichen Kirche raubten.“ Und etwas später (Wi II,343) greift er
König Heinrich an: „Und um hier meinen Heinrich und die Sophisten
zu erwähnen, die ihren Glauben von der Länge der Zeit und der Menge
der Leute abhängig machen, so kann er vor allem nicht leugnen, daß die
Tyrannei dieser Rechtsanmaßung über tausend Jahre dauerte; denn
schon auf dem Konzil von Nicäa, dem besten von allen, begannen sie
schon, Gesetze zu machen und sich dieses Recht vorzubehalten.“ Und
etwas später sagt er: „Unbestreitbar liegt das Recht, über die Lehre zu
befinden und zu entscheiden oder sie anzuerkennen, bei uns, nicht bei
den Konzilen, den Vätern und Kirchenlehrern.“
Ich frage dich, Leser, wer du auch sein magst, konnte etwas Anmaßen-
deres oder Unverschämteres geschrieben werden? Nicht Konzile, nicht
Päpste, nicht Väter, nicht Kirchenlehrer sollen das Recht haben, über
die Lehren zu befinden und zu urteilen, einzig Luther, ja sogar jeder
Beliebige von der Hefe des Volkes, sofern er Lutheraner ist. (So meine
ich, denkt Luther, denn anders wäre es um ihn und alle Lutheraner ge-
schehen, wenn sie zugäben, man müsse Calvin und den Calvinern be-
züglich der Auslegung der Heiligen Schrift glauben.) Wenn sie dieses
Recht haben, weil sie Christen sind, sind etwa die Päpste, die Väter und
Kirchenlehrer nicht auch Christen? Dann also deswegen, weil sie Scha-
fe sind, nicht Hirten. Das ist wahrhaftig eine schöne Begründung, die
zur Folge hat, daß das Schaf den Hirten führt, regiert und beurteilt.

248
Christus hat allerdings (Mt 7,15) alle gemahnt, sich vor falschen Pro-
pheten zu hüten. Wer leugnet das? Aber tat er das deswegen, weil er woll-
te, daß jeder über ihre Lehre urteile, wie Luther meint? Nichts weniger;
vielmehr deswegen, daß jeder sich leicht ein Urteil über ihre Person bil-
den kann (was wir zu unserem großen Unglück bei den Lutheranern und
Calvinern erkennen) aus ihren Früchten und Werken (Mt 7,16), weil sie
nämlich kommen und nicht gesandt sind (Mt 7,15; Jer 14,14; 23,21), die
Schafe zerstreuen und die Herde entzweien, so daß leicht zu erkennen ist,
daß sie innerlich reißende Wölfe sind (Mt 7,15).

Über die Willensfreiheit

15. Sie bestreiten, daß es im Menschen irgendeine freie Entscheidung


des Willens gebe, und das so unverschämt, daß Calvin (Inst. II,2, § 4)
die griechischen Väter der Unverschämtheit, die lateinischen der Falsch-
heit bezichtigt, weil diese fast immer den Ausdruck ‚liberum arbitrium‘
(freie Entscheidung), jene ‚autexusion‘ (Selbstbestimmung) gebrauch-
ten: „Darüber haben sie zu philosophisch gesprochen“, sagt er, „die sich
rühmten, Jünger Christi zu sein. Denn bei den Lateinern bedeutete der
Ausdruck ‚liberum arbitrium‘ immer, als ob der Mensch noch unver-
sehrt wäre; die Griechen aber maßten sich noch unverschämter den
Ausdruck an, denn sie sagten ‚autexusion‘, als ob der Mensch die Macht
über sich selbst behalten hätte“, etc., Luther dagegen gab (Jena III,160)
nicht weniger kühn einem Buch den Titel ‚De servo arbitrio‘ (vom un-
freien Willen).
Gegen diesen Irrtum hat schon früher der hl. Augustinus viel ex pro-
fesso und an vielen Stellen geschrieben, aber immer so, daß er auf die
gleiche Sentenz zurückkam, die er einmal als festen und bleibenden
Satz in die Worte faßte: „Es gibt eine freie Entscheidung des Willens;
wer das leugnet, ist kein Katholik.“

Von der Todsünde

16. Sie bestreiten, daß die Gläubigen Todsünden begehen können,


weil „die Sünden der Gläubigen läßlich“ sind, sagt Calvin (Inst. III,4, §
28), „denn durch die Barmherzigkeit Gottes gibt es keine Verurteilung
für jene, die in Christus Jesus sind (Röm 8,1), weil sie nicht angerechnet
werden.“ Als ob die Verwünschungen des Petrus und die Verleugnung
seines Herrn, der Ehebruch und der Mord Davids und erst recht der

249
Ungehorsam Adams und Evas keine Todsünden gewesen wären. Was
wollte denn jener ausdrücken, der in der Geheimen Offenbarung (3,1)
dem Bischof sagte: Du hast den Namen, daß du lebst, und du bist tot?
Was bedeutet es, daß David unter so vielen Tränen schluchzend bat, daß
seine Sünde getilgt werde, daß ihm ein neues Herz geschaffen werde (Ps
51), wenn auf ihm keine Verurteilung lastete, da er ein Gläubiger war,
und ihm keine Sünde angerechnet wurde?

Von den fünf Sakramenten, die die Neuerer leugnen

17. Sie bestreiten, daß es überhaupt ein Sakrament der Firmung, der
Priesterweihe, der Ehe, der letzten Ölung und der Sündenvergebung
gebe, im Gegensatz dazu, was an so vielen Stellen der Heiligen Schrift
bestätigt wird. Doch nichts ist solcher Theologen würdiger, als was Cal-
vin (Inst. IV,19, § 4ff) behauptet, daß es gewisse von diesen Sakramen-
ten zur Zeit der Apostel gegeben habe, der aber bestreitet, daß es sie
jetzt gibt. Als ob die Sakramente nur auf Zeit eingesetzt worden wären,
nicht so, daß sie so lange bestehen wie die Kirche selbst, d. h. bis zur
Vollendung der Zeiten.

Von der Wirksamkeit der Taufe

18. Sie lassen zwar die zwei anderen Sakramente zu, Taufe und Eucha-
ristie, aber so, daß sie die Wirksamkeit der Taufe zur Nachlassung der
Sünden leugnen. Denn wenn wir Calvin (Inst. IV,15,2.10) glauben, be-
wirkt das Wasser der Taufe nicht „unsere Reinigung und unser Heil oder
hat in sich die Kraft der Reinigung, der Wiedergeburt und Erneuerung“.
Das versichert aber ganz deutlich der Apostel Paulus im Brief an Titus
(3,5), wenn er sagt, Christus hat uns gerettet durch das Bad der Wiederge-
burt. Auch das Konzil von Nicäa hat geboten, das zu glauben, ebenso das
von Konstantinopel, und die ganze Kirche bekennt sich dazu, wenn sie
feierlich singt: „Ich bekenne eine Taufe zur Vergebung der Sünden.“

Von den ungetauften Kindern der Gläubigen

19. Sie leugnen, daß die Kinder der Gläubigen als Kinder des Zornes
(Eph 2,5) geboren werden oder auch vor der Taufe der Verdammnis
unterworfen sind. Calvin (Inst., IV,16,24) sagt nämlich: „Ein Kind, das
(einem Gläubigen) geboren wird, ist schon vom Mutterschoß an durch

250
die Verheißung des Erbrechts im Bund eingeschlossen. Als ob der Apo-
stel (Röm 9,8) nicht ausriefe: Nicht weil sie dem Fleisch nach Kinder
sind, sind sie Kinder Gottes, sondern weil sie Kinder der Verheißung sind,
werden sie als Nachkommen betrachtet. Allerdings ist nirgends denen
die Verheißung gegeben, die aus dem Blut, aus dem Wollen, des Mannes
oder aus dem Wollen des Fleisches geboren sind, sondern nur denen, die
wiedergeboren sind aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, d. h. die
aus Gott geboren sind (Joh 1,13; 3,5). Niemand bezweifelt, daß Paulus
ebenso wie König David von gläubigen Eltern stammte; und doch zö-
gert dieser nicht zu bekennen, er sei in Sünden empfangen (Ps 51,7) und
jener, er sei von Natur ein Kind des Zornes.
Zu dieser Frage steht eine wichtige Erklärung beim hl. Augustinus:
„Wer sagt, daß auch die Kinder, die ohne den Empfang des Sakramentes
sterben, in Christus wiedergeboren werden, der widerspricht wahrlich
der apostolischen Predigt und verurteilt die ganze Kirche, in der man
deswegen eilig zur Taufe der Kinder schreitet, weil man ohne Zweifel
glaubt, daß sie anders keineswegs in Christus wiedergeboren werden
können.“ Nach Tertullian sagt auch Hieronymus: „Sie sind nicht als
Christen geboren, sondern werden es.“
Die günstigste Auffassung bei den Katholiken ist die, daß die unge-
tauften Kinder, denen außer der Erbschuld keine Sünde zur Last gelegt
werden kann, nur zur Strafe und nicht auch zur Empfindung des Verlu-
stes verurteilt werden, daß sie sich einer natürlichen Glückseligkeit er-
freuen, so groß und gut sie nur sein kann, so daß sie auf diese Weise auch
Gott loben für seine Gerechtigkeit, die nicht nur straft, sondern auch
zuteilt.

Vom Sakrament der Eucharistie

20. Sie bestreiten, daß in der Eucharistie der wahre und wirkliche
Leib Christi wahrhaft und wirklich gegenwärtig und unter den Gestal-
ten von Brot und Wein enthalten ist. Das ist nämlich der ausdrückliche
Widersinn Calvins (Inst. IV,17, § 10ff) und aller Calviner, weshalb sie
auch als eigentümliche und vorzügliche Bezeichnung von allen ‚Sakra-
mentarier‘ genannt werden, weil sie sich nämlich das Sakrament ohne
Inhalt vorstellen und es so bestimmen. Unter diesem Namen werden sie
nicht nur von allen Rechtgläubigen verurteilt, sondern auch von den
Lutheranern als Ungläubige, Rebellen und Häretiker verworfen.

251
Dieser Leugnung oder vielmehr diesem Geschwätz widerspricht dia-
metral das Wort Christi (Mt 26,26) klarer als die Sonne, unerschütterli-
cher als der Himmel: Das ist mein Leib. Luther wurde einst eingeladen,
diesem Wort zu widersprechen, als er bereits alle Grenzen der Zurück-
haltung weit überschritten hatte. Er scheute sich aber, ihm zu wider-
sprechen, und gab zu, daß dieses Wort zu machtvoll ist. Damit es aber
nicht scheine, er habe von seiner früheren Kühnheit etwas verloren oder
stimme mit der römischen Kirche freiwillig oder aus Berechnung über-
ein, erklärte er, er hätte zu gern widersprochen, wenn er die geringste
Möglichkeit gesehen hätte, kühn zu bestreiten, was Christus so klar und
fest versicherte. So begnügte er sich (Jena II,274) damit, die Transsub-
stantiation zu leugnen, um den Seinen Christus als Brot geworden zu
bieten.
Die Sakramentarier dagegen, die sich um so scharfsinniger dünken,
als sie in Wahrheit unverschämter sind, wagten diesen Worten doch zu
widersprechen. Guter Gott, in welche Zersplitterung und Verdrehung
der Meinungen und Worte sind sie dabei geraten! Sie muß wahrlich
größer erscheinen als die Sprachenverwirrung der Erbauer des Turms
von Babylon, von der wir (Gen 11,9) gelesen haben. Bis zu 84 verschie-
dene Erklärungen hat der sehr bekannte Bischof Claudius Sanctesius
von Evreux aus ihren Büchern in seinem goldenen Werk ‚Über die Eu-
charistie‘ zusammengetragen. Wenn du alle dazunimmst, die seit je-
ner Zeit hinzugekommen sind, wirst du nicht weniger als 200 finden;
und zwar sind sie nicht nur verschieden, sondern, was bei dem großen
Betrug unvermeidlich ist, auch fast alle einander widersprechend. Das
geschah nicht ohne die bewundernswerte und überaus weise Entschei-
dung der höchsten Güte Gottes, damit jene von selbst in den Abgrund
der Entzweiung stürzen mußten, die es wagten, bei diesem Sakrament
der großen Einheit durch die ungeheure Leugnung gegen das Wort Got-
tes zu verstoßen und es zu entweihen.
Zwei Erklärungen scheinen jedoch plausibler als viele in dem Wirr-
war der Calviner; die eine, die den Worten Christi eine symbolische und
sinnbildliche Bedeutung beilegt und das wesentliche Verbum ‚ist‘ als
‚bedeutet‘ versteht; die andere will vom Buchstaben der Worte Christi
am wenigsten abzuweichen scheinen und räumt ein, daß der wahre Leib
Christi im Sakrament der Eucharistie ist, aber durch den Glauben, nicht
durch die wahre leibliche Gegenwart, die dem Essen vorausgeht; er sei
schließlich so in ihm, daß er es nicht ist; so wirklich, daß es doch nur in
der Vorstellung ist.

252
Was die erste betrifft, [sie verdiente tatsächlich eher in die Schule der
Grammatik verwiesen zu werden als in die der Theologen, damit die
Stümper so oft mit der Rute eingebleut bekommen, als sie bestreiten,
daß mit dem Wort ‚ist‘ das wahre Wesen bezeichnet wird, nicht dessen
Sinnbild.] Was würden denn diese Verfechter der bildlichen Redeweise
sagen, wenn sie den hebräischen Text des hl. Matthäus gesehen hätten?
Er hat das Evangelium in der gleichen Sprache verfaßt, der sich Chris-
tus der Herr bediente, als er das Sakrament einsetzte und mit den Men-
schen auf Erden verkehrte. So muß man auch glauben, daß er uns die
Einsetzungsworte so überliefert hat, wie sie vor allem und am meisten
zu beachten sind; er hat sie folgendermaßen ausgedrückt: Nehmt und
eßt diesen meinen Leib, ohne das Wort ‚ist‘ oder ein ähnliches hinzuzu-
fügen, an dessen Stelle die Sakramentarier ihr ‚bedeutet‘ setzen und uns
aufdrängen könnten.
Wenn man das beherzigt, bleibt auch folgendes sicher offenkundig:
daß die anderen Evangelisten (Mk 15,22; Lk 22,19) übereinstimmend
das griechische Verbum ‚esti‘ hinzufügten, ebenso der hl. Paulus (der
dasselbe nicht von den Mitaposteln empfangen hat, sondern vom Herrn,
der bereits in den Himmel aufgefahren war: 1 Kor 11,23); das geschah
nicht in der Absicht, um der erklärenden Auslegung den Weg zu eröff-
nen, als hätten sie das Wort ‚ist‘ jemals als ‚bedeutet‘ annehmen wollen.
Es geschah vielmehr, um den gleichen Inhalt, den Matthäus in der Mut-
tersprache Christi ausdrückte, deutlicher auszudrücken: durch das zum
Demonstrativpronomen ‚das‘ hinzugefügte Verbum und das Substantiv
‚Leib‘ mit dem zugehörigen Adjektiv ‚mein‘, durch das die Person Chri-
sti selbst eindeutig bezeichnet wird. Ebenso fügen sie das Relativprono-
men ‚der‘ hinzu, von dem alle Grammatiker wissen, daß es auf das Sub-
stantiv bezogen ist, damit durch die Hinzufügung so vieler Worte, die
überhaupt nichts anderes als das Subjekt und die Wahrheit des Subjekts
ausdrücken, niemand daran zweifeln kann, daß Christus der Herr bei
der Einsetzung des Sakramentes seinen wahren und wirklichen Leib
gemeint hat, der dann am Kreuz für uns hingegeben und preisgegeben
wurde, nicht im Sinnbild und Gleichnis, sondern wahrhaft und wirk-
lich, damit nach der Vollendung des Erlösungswerkes alle Vorbilder
des Alten Testamentes ihr Ende finden.
Fügen wir noch die so deutlichen Worte des hl. Paulus (1 Kor 11,29)
hinzu: Denn wer unwürdig ißt oder trinkt, der ißt und trinkt sich das
Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet. Was hätte er
denn Deutlicheres schreiben können, um sowohl das Sinnbild und die

253
erfundene ‚Bedeutung‘ auszuschließen als auch die Auslegung zu ver-
werfen, die die Wirklichkeit des Leibes Christi auf den Glauben des
Empfangenden gründet, nicht auf die Wahrheit des Sakramentes, die
dem Glauben des Empfangenden mehr zuschreibt als der Macht des-
sen, der es eingesetzt hat? Wer kann denn unwürdiger essen als jener,
der überhaupt nicht glaubt, daß es der Leib Christi ist? Nun ißt und
trinkt sich aber auch jener das Gericht, der unwürdig ißt und trinkt, weil
er den Leib des Herrn nicht unterscheidet. Daher ist es der wahre Leib
des Herrn, auch wenn er unwürdig und von Ungläubigen genossen wird.
Damit daran niemand zweifeln kann, müssen so viele Wunder gesche-
hen, die durch Berichte bezeugt sind: das aus der heiligen Hostie ver-
gossene Blut, die bald durch einen perfiden Juden, bald durch einen
ungläubigen Häretiker verletzt wurde. Die Echtheit dieser Wunder ist
noch jetzt bei den Bewohnern von Paris, von Dijon, und an vielen ande-
ren Orten des christlichen Erdkreises bekannt.3

Vom heiligen Meßopfer

21. Sie bestreiten, daß es in der Kirche Christi ein echtes Opfer im
eigentlichen Sinn gibt. In dieser Leugnung stimmen alle Häretiker un-
serer Zeit überein und sie glauben, alles erreicht zu haben, was sie an-
streben, wenn sie unserer Religion das Opfer nehmen, ohne das sie eben-
sowenig bestehen kann wie ohne Gott. So weichen sie sowohl vom aus-
drücklichen Wort Gottes als auch vom Glauben aller alten Väter und
Christen völlig ab. Was gibt es denn Klareres als folgende Worte? Das
ist mein Blut, das für euch und die vielen vergossen wird (Mt 26,28; Lk
22,20) zur Vergebung der Sünden (Mt 26,28). Dieser heilige Leib wird
uns nämlich nicht nur als Sakrament hingegeben, sondern auch als Op-
fer für uns. Wem aber sollte er für uns hingegeben werden, wenn nicht
dem allmächtigen Vater? Damit aber niemand meine, es sei zwar ein
Opfer, aber kein Sühnopfer, fügt Christus mit klaren Worten hinzu: zur
Vergebung der Sünden.
Ich übergehe das Wort, das durch den Propheten Maleachi (1,11)
ergangen ist, von der reinen Opfergabe, die auf der ganzen Erde darge-
bracht werden muß; ich übergehe zahlreiche andere, ganz stichhaltige
Argumente aus der Heiligen Schrift, die die Theologen nicht auslassen.
Denn unseren Glauben bestätigt hinreichend, und mehr als das, dieses
Wort, das der Mund des Herrn gesprochen hat (Jes 58,14), das mit größ-
ter Klarheit und Sicherheit bestätigt, daß die Eucharistie uns nicht nur

254
als Sakrament übergeben, wurde, sondern auch als Opfer für uns darge-
bracht werden mußte.
Was kann es gewesen sein, was diese Armseligen bewog, daß sie den
Glanz der Worte Christi durch ihr Geschwätz verdunkeln wollten? Ich
will nur einiges sagen, denn mehr darüber sagen die Theologen ex pro-
fesso. Das eine ist, daß die Neuerer, als wäre es für uns neu und unerhört,
ausrufen: Es gibt nur ein Opfer für die Sünde, durch das Christus für
immer jene vollendet hat, die geheiligt sind (Hebr 10,14). Daraus folgern
sie, es sei nicht notwendig, daß Christus sich öfter opfere. Also, wird
man sagen, begründen sie die Zerstörung des Opfers des Altares von der
Stellung des Kreuzesopfer her; doch wer soll das glauben? Du denkst
richtig, wenn du diesen Schluß ziehst; ihre gewöhnliche Art ist es ja, die
Wahrheit gerade durch die Wahrheit zu zerstören. So bewahrheitet sich,
was Tertullian schrieb: „Der Teufel stellt der Wahrheit auf verschiedene
Weise nach; manchmal trachtet er sie zu erschüttern, indem er sie ver-
teidigt.“
Auf gleiche Weise ziehen sie (die Häretiker) ihre Schlüsse: weil der
Glaube rechtfertigt (Gal 5,8), folglich rechtfertige die Liebe nicht; weil
uns die Gerechtigkeit Christi angerechnet wird (Röm 4,22ff), folglich
gebe es in uns keine Gerechtigkeit; weil Christus für uns Verdienste
erworben hat, folglich gebe es in uns keinerlei Verdienste; weil Christus
der Hohepriester ist (Hebr 4,14f u. a.), folglich gebe es in der Kirche
keinen Hohepriester als Stellvertreter Christi; weil Christus der einzige
Mittler der Erlösung ist (Hebr 9,15), folglich gebe es keinen Mittler
durch Fürsprache; weil Christus für uns gefastet hat (Mt 4,2), folglich
müßten wir nicht fasten; schließlich, um nicht alles aufzuzählen: weil
das Sakrament ein Zeichen ist, folglich gebe es im Sakrament keine
Wirklichkeit. Doch in den Augen des unerfahrenen Volkes scheint das
etwas Großes und Einleuchtendes zu sein. Wenn du noch hinzufügst:
Christus ist für alle Gläubigen und Auserwählten auferstanden und in
den Himmel aufgefahren (1 Kor 15,20ff; 2 Kor 5,15), folglich werde
keiner von den Auserwählten und Gläubigen auferstehen und in den
Himmel aufgenommen werden. Sie werden es jedenfalls glauben, wenn
es nur Luther oder Calvin behaupten; denn die gleiche Art zu argumen-
tieren setzt diesen Betrug durch.
Doch für jene, die entweder in der Theologie gebildet oder in der
Logik besser bewandert sind, ist das alles lächerlich, denn sie wissen,
daß wir im Gegenteil folgendermaßen argumentieren müssen: Weil der
Glaube rechtfertigt, folglich rechtfertigt die Liebe noch viel mehr, ohne

255
die der Glaube tot ist (Jak 2,17); weil uns die Gerechtigkeit Christi
angerechnet wird, wird folglich eine wirkliche und wahre Gerechtigkeit
in uns bewirkt und hervorgerufen; weil Christus für uns Verdienste er-
worben hat, sind folglich Verdienste in uns, die uns durch die Verdien-
ste Christi verliehen wurden; weil Christus der Hohepriester ist, muß es
unter denen, die einstweilen an seiner Statt stehen, einen Hohepriester
geben; weil Christus der einzige Mittler der Erlösung ist, muß es folg-
lich viele Mittler durch Fürbitte geben können, die mit uns von ihm
erbitten, daß er uns den Lohn und die Wirkung seiner Erlösung verlei-
he; weil Christus für uns gefastet hat, müssen folglich wir nach seinem
Vorbild und Beispiel um so mehr fasten; weil Christus auferstanden
und in den Himmel aufgefahren ist, werden folglich auch wir auferste-
hen und in den Himmel aufgenommen, wenn wir, wie Paulus im 1. Brief
an die Thessalonicher (4,13-16) argumentiert, nicht nur Gläubige, son-
dern auch Auserwählte sind; weil schließlich im Sakrament ein Zei-
chen ist, muß folglich in ihm auch sein, was bezeichnet wird.
Ebenso ist es, um zu unserer Frage zu kommen: Daraus, daß Christus
sich am Kreuz geopfert hat, ziehen wir lieber den Schluß: also hat er
sich auch in der Eucharistie geopfert, um nämlich das Opfer durch das
Opfer zu empfehlen und zuzuwenden. Es ist allerdings sehr wahr, daß
durch das Kreuzesopfer alles vollbracht ist und es keiner neuen Opfer-
gabe bedarf. Es ist aber deswegen nicht weniger wahr, daß die Eucharis-
tie ein Opfer ist. Es sind nämlich nicht zwei Opfer, das des Kreuzes und
das des Altares, sondern ein einziges; in beiden wird ja nur dasselbe
geopfert und von einem einzigen Opfernden, zu einem einzigen Zweck
und dem einzigen Vater. Es ist ja derselbe Christus, der in beiden so-
wohl opfert als auch geopfert wird; der einzige himmlische Vater, dem
geopfert wird, und einzig zur Vergebung der Sünden und zur Heiligung
des Namens Gottes. Deswegen besteht ein Unterschied nur in der Form,
denn wie wir gesagt haben, ist die Opfergabe derselbe Christus, aller-
dings am Kreuz in seiner eigenen Gestalt und Form auf blutige Weise,
in der Eucharistie dagegen unter der Gestalt von Brot und Wein nach
der Ordnung Melchisedeks (Ps 110,4; Hebr 7,1f). Der Zweck, warum er
geopfert wird, ist in beiden der gleiche, nämlich die Vergebung der Sün-
den; er wird aber in beiden nicht auf die gleiche Weise erreicht; denn
am Kreuz geschieht die Vergebung durch eine unermeßliche Erlösung,
Genugtuung und Wiederherstellung, auf dem Altar dagegen durch die
Zuwendung der Früchte der Erlösung, Genugtuung und Wiederherstel-
lung. Einzig Christus opfert sich selbst, aber am Kreuz ohne den Dienst

256
irgendeines anderen untergeordneten Priesters, auf dem Altar nicht nur
durch sich selbst wie bei der Einsetzung, sondern er wollte durch Mitar-
beiter seines Priestertums, das er nach der Ordnung Melchisedeks einge-
setzt hat, selbst an allen Orten als reine Opfergabe (Mal 1,11) darge-
bracht werden. Es ist der gleiche Gott, dem geopfert wird, aber am
Kreuz als dem Erzürnten und gegen das ganze Menschengeschlecht Er-
bitterten, in der Eucharistie als dem Besänftigten und Gnädigen, der
bereit ist, allen Gutes zu erweisen, denen die Früchte des ursprüngli-
chen Kreuzesopfers zuteil werden.
Das Opfer der heiligen Messe ist also kein anderes, sondern das glei-
che wie das Opfer des Kreuzes, weit davon entfernt, im Gegensatz zu
ihm zu stehen. Es ist nicht so sehr eine Wiederholung des Opfers, das
am Kreuz geschehen ist, als eine Fortsetzung und dauernde Darbrin-
gung, da Christus sich durch einen einzigen, ewigen und beständigen
Willensakt als Erlöser dem Vater bis in Ewigkeit darbringt und opfert.
So wird von der Seite Christi dieses Opfer nicht öfter und nicht durch
wiederholte Akte dargebracht, sondern durch einen einzigen Akt, der
durch kein Aufhören unterbrochen wird, während es von unserer Seite
hinsichtlich unseres Dienstes, den wir leisten, und hinsichtlich der äu-
ßeren Handlungen nicht so sehr als fortgesetzt denn als wiederholt be-
trachtet werden kann, aber immer als das gleiche Opfer. So bietet und
spendet die Sonne durch einen einzigen und dauernden Akt ihr Licht
immer der niedrigen Welt und wird in sich in keiner Weise durch den
Wechsel von Tag und Nacht berührt, obwohl aus unserer Sicht die Wie-
derholung des Wechsels von Tag und Nacht, wenn auch in der gleichen
Bahn, unterschieden wird. Wer daher sagen wollte, das Meßopfer und
das Kreuzesopfer seien zwei Opfer, der hätte recht wegen der Form und
der Art, wie beide dargebracht werden; doch passender und nicht weni-
ger, sondern viel mehr der Wahrheit entsprechend spricht, wer sagt, daß
es ein Opfer ist, um es so zu sagen, wegen der Identität dessen, der opfert
und geopfert wird. Ebenso spricht mehr der Wahrheit entsprechend,
wer wegen des ungeteilten Wesens der Sonne sagt, daß die Sonne eine
ist, als wer wegen des Wechsels der Tage meint, man müsse von mehre-
ren Sonnen sprechen. Doch das sei nur nebenbei gesagt.
Doch wer sieht nicht die Täuschung des Teufels? Seine Schüler (denn
als solchen bekennt sich Luther bei diesem Argument) heben das Opfer
der Messe auf und zerstören es, als wollten sie alle heilsame Kraft in das
Opfer des Kreuzes verlegen. Wenn sie aber zum Kreuzesopfer kom-
men, nehmen sie ihm alle Kraft und allen Wert, indem sie behaupten,

257
dabei sei nichts bewirkt worden, wie wir oben (Nr. 5) gesagt haben;
vielmehr schreiben sie das ganze Ergebnis unserer Erlösung, ich weiß
nicht welchen, Qualen der Hölle zu, von denen in der ganzen Heiligen
Schrift kein Wort steht. Daraus ist leicht zu ersehen, daß ihr ganzer Plan
nichts anderes ist, als das eine zu verachten und das andere nicht zuzu-
lassen.

Von der Gewalt der Hirten

22. Sie bestreiten, daß Christus der Herr den Hirten irgendeine Ge-
walt gegeben habe, Sünden nachzulassen und zu vergeben (Inst.
IV,19,14.16f). Doch seine Worte, durch die er ihnen diese zusichert,
stehen sonnenklar im Evangelium des hl. Matthäus (16,19; 18,18) und
des hl. Johannes (20,22f).

Vom Hinabsteigen Christi in das Reich des Todes

23. Sie bestreiten, daß Christus wirklich und im historischen Sinn in


das Reich des Todes hinabgestiegen ist; er sei das nur im mystischen
Sinn und bildlich (Inst. II,16,9f), obwohl es im Glaubensbekenntnis
ausdrücklich heißt: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. So als ob
das Apostolische Glaubensbekenntnis in diese Worte gefaßt worden sei
und gefaßt werden mußte, die einen so schwierigen und verborgenen
Sinn haben, daß ihn bisher außer Calvin niemand herausfinden und
ahnen konnte; aber nicht eher in solche, die am leichtesten zu verstehen
sind und eine Bedeutung haben, die jedem Christen zugänglich ist. Der
hl. Paulus aber versteht sie ganz anders, wenn er im Epheserbrief (4,9)
von Christus erklärt: Daß er auffuhr, was bedeutet das anderes, als daß
er zuvor hinabstieg unter die Erde?

Von der Anrufung der Heiligen

24. Sie bestreiten, daß man die Heiligen anrufen muß, und leugnen als
Folge davon, daß Gott uns irgendeine Verbindung mit ihnen oder ihnen
mit uns gelassen habe. Damit zerstören sie, soviel sie können, die ‚Ge-
meinschaft der Heiligen‘, die alle Apostel einmütig lehrten. Calvin geht
sehr unerfahren und unklug vor, wenn er sie (Inst. III, 20-21.24) einzig
auf eine Verbindung des Glaubens beschränken will, da man die Heili-
gen als die Seligkeit Besitzenden, nicht mehr als Glaubende sehen muß.

258
Der Apostel beteuert ja (1 Kor 13,10), daß für die Seligen der Glaube
aufhört.

Von der Sorge der Heiligen für uns

25. Sie bestreiten, daß die Heiligen irgendwie Sorge für uns tragen
und irgendeine Kenntnis von unseren Anliegen haben. „Wer hat geof-
fenbart, sie hätten so lange Ohren, daß sie bis zu unseren Stimmen rei-
chen?“, sagt Calvin (Inst. III,20, § 24). Mit wieviel mehr Recht könnte
ich ausrufen: Wer hätte geglaubt, Calvin habe eine so lästerliche Seele
und einen derart unverständigen Geist, daß er das Gehör der seligen
Geister nach der Länge der Ohren mißt? Hat denn nicht Christus selbst
(Lk 15,10) geoffenbart, daß sich die Engel über die Reue der Sünder
freuen? Doch wie sollten sie sich darüber freuen, wenn sie nichts davon
wissen? Wenn sie es wissen, mit welchen Ohren haben sie es denn erfah-
ren? Denn mit genau den gleichen Ohren vernehmen die Seelen der
Heiligen unsere Stimme; sie haben ja die gleichen Ohren und Augen,
Hände und Füße wie sie, da derselbe Christus der Herr (Lk 20,36) ge-
sagt hat: Sie werden den Engeln Gottes gleich sein.

Von der Fürsorge für die Verstorbenen

26. Sie bestreiten, daß wir irgendeine Sorge für die Verstorbenen tragen
müssen; sie leugnen, daß den Seelen der Verstorbenen durch die Gebete
der Lebenden geholfen wird, daß für die Toten irgendein Ort bleibt, wo
sie Nachlaß von Sünden erlangen könnten (Inst. III,5). Dieser Leugnung
steht das ganz offenkundige Zeugnis der Heiligen Schrift im 2. Buch der
Makkabäer (12,46) entgegen: Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke,
sagt der Heilige Geist, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren
Sünden erlöst werden; aber auch das Zeugnis Christi selbst, der im Evan-
gelium (Mt 12,32) sagt, es gebe bestimmte Sünden, die in dieser Welt
vergeben werden, nicht in der künftigen. Er hätte nicht so gesprochen,
wenn es nicht bestimmte Sünden gäbe, die auch in der anderen Welt ver-
geben werden. Das wußte sogar der Heide Platon, der nur vom Licht der
natürlichen Vernunft erleuchtet das Fegefeuer zugelassen hat. Was hat
denn der hl. Augustinus anderes getan in dem ganzen Buch, das er verfaßt
hat unter dem Titel ‚Von der Sorge, die man für die Toten tragen muß‘, als
uns schon durch den Titel des Buches selbst zu belehren, daß den in
Christus Verstorbenen durch die Gebete der Lebenden geholfen wird?

259
II.
Behauptungen der Neuerer

Dies alles und fast unzählige weitere Hauptpunkte des alten katholi-
schen Glaubens bestreiten diese Neinsager. Wenn sie aber darüber hin-
aus etwas zu bejahen scheinen, worüber sie mit uns einig sind, dann
geschieht das alles einschränkend, verneinend und phantastisch. Sie ge-
fallen sich ja so sehr in der Kunst des Verneinens, daß sie sogar durch
die Zustimmung bestreiten und, wie wir oben nach Tertullian gesagt
haben, „wenn sie glauben, nicht glauben“. Ich will einiges aufzählen,
was mir unterkommt, aber nur teilweise.

Über Gott, der Böses tue und bewirke

1. Sie behaupten, Gott lasse den bösen Willen des Menschen nicht nur
zu, sondern verursache, wolle, schaffe und bewirke ihn. Calvin (Inst.
II,4,3) scheute sich nicht, den hl. Augustinus des Aberglaubens zu be-
zichtigen, weil er „die Verblendung und Verstocktheit des Sünders“ nur
auf „das Vorherwissen“ und die Zulassung Gottes zurückführt. An der
gleichen Stelle behauptet er ausdrücklich, Gott lenke „durch den Die-
ner seines Zorns, den Teufel, die Entschlüsse“ der Gottlosen, „wodurch
klar wird, daß er auch den Willen“ anrege „und das Bemühen“ bestärke.
Er führt das Beispiel des Königs Sihon der Amoriter an und sagt (II,4, §
3): „Deshalb, weil Gott sein Verderben wollte, war die Verhärtung des
Herzens die göttliche Vorbereitung des Untergangs.“ Und wenn der
Satan die Menschen zum Sündigen verleitet, versichert er (II,4, § 5), sei
er „mehr ein Werkzeug“, dessen Gott sich bedient, „als aus sich selbst
zu handeln“. Er behauptet (III,23, § 4): „Ich gebe zu, daß alle Kinder
Adams in dieses Unglück (er spricht von der Sünde) gefallen sind, aber
das ist, wie ich am Anfang gesagt habe, schließlich doch immer nur auf
die Entscheidung des göttlichen Willens zurückzuführen.“ Gleich dar-
auf (III,23,7) greift er jene an, die „bestreiten, es sei von Gott bestimmt
gewesen, daß Adam durch seinen Abfall zugrundegehe“. Anschließend
(III,23,8) spricht er von den Verdammten und sagt: „Ihr Verderben
hängt von der Vorherbestimmung Gottes ab“; und weiter: „Der Mensch
fällt also, weil es die Vorsehung Gottes so angeordnet hat.“ Er sagt aber
auch, die Blutschande Abschaloms sei „Gottes Werk“ (I,18,1), ebenso
die Grausamkeit der Chaldäer gegen die Juden. An anderer Stelle

260
(I,18,3) sagt er: „Ich habe schon deutlich genug gezeigt, daß man Gott
den Urheber alles dessen nennen muß, wovon die Zensoren wollen, daß
es nur durch seine untätige Zulassung geschehe.“
Durch diese ungeheure Behauptung berauben sie den Willen Gottes,
des überaus Guten und Erhabenen, seiner unermeßlichen Güte und
leugnen seine Kraft, Wirksamkeit und Beständigkeit, wenn die Sünde
nicht im Begehen, sondern in der Unfähigkeit besteht und wenn die
Sünde wollen Versagen bedeutet, nicht Bewirken. Nun lehrt aber die
ganze Heilige Schrift, daß Gott will, daß alle Menschen gerettet werden
(1 Tim 2,4), daß keiner verlorengehe (2 Petr 3,9); daß Gott die Sünde
und Missetat haßt (Weish 14,9); daß das Verderben der Menschen von
ihnen selbst kommt, von Gott aber nur das Gute und ihr Heil (Hos
13,9). Treffend sagt der hl. Augustinus: „Behaupten, die göttliche Vor-
sehung erstrecke sich nicht bis auf diese Welt, oder alles Böse werde
vom Willen Gottes bewirkt, ist beides abscheulich, am meisten aber das
letzte.“ Der hl. Basilius hat eine ganze Predigt darüber gehalten: „Daß
Gott nicht der Urheber des Bösen ist.“

Über die Vergebung der Sünden

2. Sie behaupten, die Sünden würden nur durch Nichtanrechnung ver-


geben (Inst. III,4,18; II,17,10). Das bedeutet nichts anderes, als die wahre
Vergebung der Sünden zu leugnen. Sie wollen nämlich nicht zugeben,
daß die Sünden getilgt, ausgelöscht, von uns genommen, entfernt wer-
den, daß das Herz gereinigt, abgewaschen, gebadet, erleuchtet oder das
Herz geläutert, wiederhergestellt, erneuert wird (das alles bestätigt die
Heilige Schrift oftmals). Sie wollen vielmehr, daß die Sünden bleiben,
aber nicht angerechnet werden; zugedeckt, nicht abgewaschen; verbor-
gen, nicht getilgt. So als ob Christus mit dem Mantel seiner Unschuld
und Gerechtigkeit gleichsam unsere Missetaten nur zudeckte, nicht tilgte
(vgl. Inst. III,11, § 3; 14, § 12); so wie Rahel (Gen 31,34) das Götzen-
bild ihres Vaters nicht wegwarf, sondern sich daraufsetzte, es mit ihrem
Kleid bedeckte und behielt. Wenn aber der Vater die Sünden verab-
scheut, dann der Sohn nicht weniger; wenn sie der Vater weder ertragen
noch sehen könnte, ohne zu erzürnen, dann kann sie auch der Sohn
nicht zudecken oder durch seine Gerechtigkeit begünstigen. Daher bleibt
nur, daß er sie verbirgt, indem er sie tilgt und abwäscht, zumal Gott
nichts verborgen und seinen Augen nicht offenbar sein kann (vgl. Hebr
4,13), außer was überhaupt nicht existiert.

261
Über die Rechtfertigung

3. Sie behaupten, der Sünder werde nur durch die Anrechnung der
Gerechtigkeit Christi gerechtfertigt, so daß in uns keine Gerechtigkeit
von Christus sei, sondern uns nur die angerechnet werde, die in Christus
ist, nicht in uns (Inst. III,11, § 3ff). Mit dieser Behauptung leugnen sie
die Kraft und Wirksamkeit der Gerechtigkeit Christi, die am meisten
darin aufleuchtet, daß sie uns nicht nur dadurch nützt, daß sie uns ange-
rechnet, sondern förmlich in unsere Herzen übergeleitet und eingegos-
sen wird, so daß wir Kinder Gottes nicht nur heißen, sondern auch sind (1
Joh 3,1); und was die Folge ist, daß wir nicht nur gerecht genannt und
dafür gehalten werden, sondern es wirklich sind und werden. Dafür gibt
es in der Heiligen Schrift fast nicht mehr Worte als Zeugnisse: Die Lie-
be Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der
uns verliehen wurde (Röm 5,5). Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid
ihr Licht im Herrn (Eph 5,8). Und jener zum Hochzeitsmahl Geladene
(Mt 22,11ff) wurde ausgestoßen, nicht weil der Bräutigam oder Königs-
sohn kein hochzeitliches Gewand hatte, sondern weil er es nicht hatte;
und dem verschwenderischen Sohn (Lk 15,22) hat der Vater nicht nur
sein Gewand verschrieben, sondern hat ihm ein neues geschenkt; und
die Heiligen (Offb 7,13f) gehen in weißen Gewändern nicht so sehr,
weil das Lamm weiß ist, sondern weil sie ihre Kleider gewaschen haben
im Blut des Lammes.

Über Glauben und Liebe

4. Sie behaupten, wir würden allein durch den Glauben gerechtfertigt.


Durch diese Behauptung leugnen sie, daß die Liebe und ihre Werke
zugleich mit dem Glauben rechtfertigen (Inst. III,11, § 19; 17, § 10). Es
ist erstaunlich, wie in dieser Frage die Apostel Paulus und Jakobus
einerseits, aber auch Luther und Calvin andererseits mit gegnerischem
Ungestüm und gegensätzlichem Bemühen einander widersprechen.
Luther (Jena IV,29) sagt: „Durch den Glauben wird der Mensch Gott,
durch die Liebe ist er bloßer Mensch.“ Paulus (1 Kor 13,2) dagegen
sagt: Ohne Liebe bin ich nichts. Luther ergötzt sich zum gleichen The-
ma (IV,73), damit du leicht erkennen kannst, welch tüchtiger Logiker er
ist, an dem schönen Argument: Das Gesetz stammt nicht aus dem Glau-
ben (Gal 5,12). Das Gesetz schreibt aber nichts anderes vor als die
Liebe; also stammt die Liebe nicht aus dem Glauben, sondern steht im

262
Widerspruch zu ihm. Was sagst du dazu, großer Paulus? Wenn ich so
großen Glauben hätte, daß ich Berge versetzte, hätte aber die Liebe nicht,
nützte es mir nichts (1 Kor 13,2f). Jakobus (2,20) aber sagt: Glaube
ohne Werke ist tot. Nun gehören aber die Werke der Liebe; daher ist der
Glaube ohne Liebe tot; weit gefehlt, daß die Liebe im Widerspruch zum
Glauben stünde.
Der gleiche Luther sagt im gleichen Zusammenhang (Jena IV,34):
„Ganz gegensätzlich sind die Wirkungen, Pflichten und Tugenden der
Liebe und des Glaubens.“ Und etwas später (IV,44b): „Denn nicht die
Liebe und die aus ihr folgenden Werke bilden und schmücken den Glau-
ben, aber mein Glaube gestaltet und schmückt die Liebe.“ Paulus ver-
kündet aber im Gegenteil, daß der Glaube ohne Liebe nichts nützt;
Jakobus, daß er tot ist. Sie beteuern, wenn man sie vergleichen will, ist
die Liebe das Größere (1 Kor 13,13). Daher wundert sich Luther nicht
ohne Grund selbst, wenn er (IV,44b) in die Worte ausbricht: „Diese
unsere Theologie steht im Widerspruch zur Vernunft, ist sonderbar und
ungereimt, daß ich nicht nur taub bin gegen das Gesetz und frei von
ihm, sondern ihm gänzlich gestorben.“ Und etwas später (IV,38b): „Wir
werden mit Paulus (Gal 2,16) antworten, daß wir nur durch den Glau-
ben an Christus gerechtgesprochen werden, nicht durch Werke des Ge-
setzes oder die Liebe.“ Wo in aller Welt hat Paulus die drei Worte hinzu-
gefügt, die du von dir aus hinzufügst, Luther: „oder die Liebe“?

Über die guten Werke

5. Sie behaupten, jedes gute Werk sei Sünde. Das ist ja die wichtigste
und feierlichste Behauptung Luthers, die er ausdrücklich an mehreren
Stellen verficht. Damit aber nicht jemand, der über die Frömmigkeit
des Menschen besser denkt, zufällig annehme, dabei sei vom sittlich
guten Charakter die Rede, erläutert er seine Sentenz (Jena II,384b) mit
folgenden noch deutlicheren Worten: „Jedes gute Werk bei heiligen
Pilgern ist Sünde.“ Und Calvin (Inst. III,14,9f) behauptet im gleichen
Sinn: „Von Heiligen kommt nicht ein einziges gutes Werk, das nicht in
sich betrachtet den gerechten Lohn der Schande verdiente.“ Und an
anderer Stelle (III,14,11) fügt er hinzu: „Es gibt kein Werk des from-
men Menschen, das nicht verdammenswert wäre, wenn es vom strengen
Urteil Gottes geprüft wird.“
Was bedeutet aber diese Behauptung anderes, als daß sie mit ihr leug-
nen, daß es überhaupt ein gutes Werk gebe? Denn wie kann es gut sein,

263
wenn es Sünde ist? Wenn das Gute Sünde ist, dann ist folglich die Sünde
etwas Gutes. Wenn die Sünde gut ist, dann verbietet Gott, Gutes zu tun,
wenn er verbietet, die Sünde zu begehen. Wenn die Sünde etwas Gutes
ist, befiehlt also Gott zu sündigen, da er Gutes zu tun befiehlt. Und der
jedem nach seinen Werken vergelten wird (Mt 16,27; Röm 2,6), wird
allen Frommen und Sündern den gleichen Lohn geben: denn er muß
über die Frommen wegen des guten Werkes eine Strafe verhängen, weil
sie gesündigt haben, indem sie das gute Werk taten; ebenso muß er den
Sündern die Herrlichkeit verleihen, weil ihre Werke nicht mehr Sünde
sind wie die der Frommen und Rechtschaffenen.
Was werden sie also antworten, wenn ich sie frage, nicht, was ich
glauben, sondern was ich tun muß, um das ewige Leben zu besitzen?
Etwa, was Christus (Lk 10,25ff) dem Gesetzeslehrer antwortete: Du
sollst den Herrn, deinen Gott lieben ... Tu das, und du wirst leben? Sie
müßten lieber sagen: Tu nichts, und du wirst nicht sündigen. Denn
wenn es besser ist, „müßig zu sein, als zu handeln“, wie Plinius sagt, ist
es dann nicht sicherer, nichts zu tun, als schlecht zu handeln und zu
sündigen? Wer sieht denn da bei diesem Menschenschlag nicht eine
sonderbare und ständige Begierde zu widersprechen? Das Gute ist
böse, sagen sie; das Licht ist Finsternis, das Warme kalt. Mit Paulus (2
Kor 6,15) sagen wir ihnen: Welche Übereinstimmung hat das Licht mit
Beliar?

Über die Beobachtung der Gebote Gottes

6. Sie behaupten, die Gebote Gottes seien etwas Unmögliches. Dem-


gemäß leugnen sie dadurch, daß wir an irgendein Gesetz gehalten und
von ihm gebunden seien; denn nach der Regel unseres Gesetzes4 „gibt
es keine Verpflichtung zu Unmöglichem“ und niemand kann zu Recht
von uns etwas verlangen, was wir nicht zu leisten vermögen, außer er
wäre ein überaus harter despotischer Bedrücker. Aber es ist so weit
gefehlt, daß die Gebote Gottes etwas Unmögliches wären, daß Christus
selbst mit seinem Mund erklärte, daß sie im Gegenteil leicht und lieb-
lich sind, denn er sagt (Mt 11,30): Mein Joch ist mild und meine Bürde
leicht. So haben David, Abraham, Ijob, Zacharias, Elisabet, Johannes
der Täufer die Gebote Gottes beobachtet, wie der Heilige Geist in der
Heiligen Schrift ausdrücklich verkündet.
Doch hören wir, wie Luther es bestreitet, denn durch seine Ausdrucks-
weise verrät er hinreichend, daß er lügt. Er schreibt (Jena IV,38) folgen-

264
des: „Der Christ ist seinem Wesen nach frei von allen Gesetzen und
überhaupt keinem, weder innerlich noch äußerlich, unterworfen.“ Eben-
so sagt er: „Der Diener der Sünde ist nichts anderes als der Gesetzgeber
oder Vollstrecker des Gesetzes, der gute Werke und Liebe lehrt, der
sagt, man müsse Kreuz und Leiden ertragen, das Beispiel Christi und
der Heiligen nachahmen. Wer das verkündet und verlangt, ist Diener
des Gesetzes, der Sünde, des Zorns und des Todes; denn für die mensch-
liche Natur ist es unmöglich, das Gesetz zu erfüllen, besonders in den
Gerechtfertigten, die den Heiligen Geist haben.“ Und etwas später
(IV,41b): „Wer daher sagt, daß der Glaube an Christus nicht rechtferti-
ge, wenn nicht gleichzeitig das Gesetz gehalten wird, der macht Chris-
tus zum Diener der Sünde und zu einem grausamen Tyrannen, der Un-
mögliches verlangt, wie Mose, was niemand zu tun vermag.“ Dasselbe
lehrte Calvin (Inst. II,7,5ff), in diesem Fall wie in vielen anderen ein
besserer Theologe als Luther.

Über den Unglauben, angeblich die einzige Sünde

7. Sie behaupten, nur der Unglaube sei Sünde. „Christus hat angeord-
net“, sagt Luther (Jena II,373), „daß es keine Sünde gibt außer dem Un-
glauben, keine Gerechtigkeit außer dem Glauben.“ Und an anderer Stel-
le (II,271) hält er verbissen diese Behauptung aufrecht: „Der Getaufte
kann sein Heil, auch wenn er es wollte, durch noch so viele Sünden nicht
verlieren, denn“, sagt er, „der Glaube nimmt alle Sünden weg und läßt
den nicht sündigen, der es will.“ Mit dieser Behauptung leugnen sie ganz
offensichtlich, daß Hurerei, Mord, Meineid und Gotteslästerung Sünde
sind. Wenn es einen gibt, der nicht sieht, wie absurd das ist, wovon wird
der je zugeben, daß es absurd ist? Und wie großartig hängen andererseits
diese Sätze Luthers zusammen: „Jedes gute Werk, auch des Gläubigen,
auch des Gerechten, ist Sünde“ (Jena II,384b u. a.); und: wenn jedes gute
Werk Sünde ist, wieso ist dann keine böse Tat Sünde?

Über den Nachteil der guten Werke für das Heil

8. Sie behaupten, die guten Werke seien schädlich oder mindestens


erschwerend für das Heil. In einer Predigt beruft sich nämlich Luther
auf Christus, der (Joh 10,9) sagte: Ich bin die einzige Tür, die zum Him-
mel führt. Der Weg ist schmal (Mt 7,14). „Du mußt allein sein, wenn du
ihn gehen und durch den Felsen dringen willst. Die mit Werken rundum

265
behangen sind, wie die Pilger des hl. Jakobus mit Muscheln, können
nicht durchkommen. Wenn du mit den Steinen der Werke beschwert
ankommst, kannst du nur hindurchgehen, wenn du vorher die Last ab-
legst.“ Und an anderer Stelle (II,389b) sagt er: „Die Gerechtigkeit des
Gesetzes, auch des Dekalogs, ist durch Christus unrein und abgeschafft.“
Wer hat dir diese Worte Christi geoffenbart, Luther? Du hast sie näm-
lich nicht im Evangelium gefunden, in dem Christus nichts so sehr emp-
fiehlt, als die Gebote zu halten, wenn wir zum Leben eingehen wollen
(Mt 19,17), der den Arbeitern den Lohn zu geben verspricht, nicht den
Zuversichtlichen (Mt 20,1ff).

Daß man die Umstände der Sünden vernachlässigen müsse und daß alle
Sünden gleich schwer seien

9. Sie behaupten, daß keinerlei Umstände die Sünden schwerer ma-


chen. Diesen Satz verteidigt nämlich Luther (Jena II,417b) mit ande-
ren, die er für ganz sicher hält: „Die Umstände der Sünden sind gleich
und ganz unerheblich, ob es sich um Mütter, Töchter, Schwestern, Ver-
wandte, irgendeinen Tag oder Ort und irgendwelche Personen handelt.“
Doch mit welch trefflicher Begründung? „Weil Christus solches in sei-
nen Gesetzen nicht geboten hat“, sagt er. Und an anderer Stelle: „Bei
den Christen zählt nur ein Umstand, nämlich gegen den Bruder gesün-
digt zu haben.“ Durch diese Behauptung leugnen sie die Ungleichheit
der Sünden, mindestens in der gleichen Art der Sünde. Wer aber kann
das ertragen, daß die Schwere der Sünde die gleiche sein soll, ob einer
das Ehebett des Nächsten oder das seines Vaters verletzt? Also sündigt
nicht schwerer, wer seinen Vater tötet, als jener, der den Diener tötet?
Der die Tauben im Tempel verkauft (Mt 21,12; Joh 2,14.16), nicht schwe-
rer als jener, der sie auf der Straße verkauft? Was hat es also zu bedeu-
ten, daß Paulus (1 Kor 5,1-7) solches Aufheben von der Unzucht des
Korinthers macht, die so schwer war, daß sie nicht einmal bei den Hei-
den vorkommt, daß nämlich einer wagt, die Frau seines Vaters zu ha-
ben?

Über die Notwendigkeit der copula carnalis

10. Sie behaupten, die copula carnalis sei für jeden, ob Mann oder
Frau, notwendig, so daß niemand ohne sie leben könne. Ob es wohl
erlaubt ist, daß ich die Worte Luthers wiedergebe? Ich schäme mich, an

266
diesen üblen Schmutz zu rühren, doch wenn ich die Worte nicht anfüh-
re, wird es niemand glauben, meine ich. Ich werde aber nicht alles auf-
zählen (denn wer könnte das tun?), sondern nur einiges von dem, was
den Löwen an den Krallen erkennen läßt. Er sagt:5 „Das Wort: Wachset
und vermehrt euch (Gen 1,28) ist kein Gebot, sondern mehr als ein
göttliches Gebot. Halte es für so notwendig, daß es nicht in unserer
Macht liegt, es zu verhindern oder zu unterlassen, sondern für so not-
wendig wie, daß ich männlich bin, und für notwendiger als zu essen, zu
trinken, sich zu purgieren, zu schneuzen, auf Schlafen und Wachen zu
achten. Die Natur und die Anlage ist ebenso angeboren wie die Glieder,
die sich darauf beziehen.“ Und etwas später (S. 123): „Man findet manch-
mal starrsinnige Frauen; obwohl ihr Mann hundertmal der Lust verfällt,
erhören sie ihn in ihrer Härte nicht. Das begünstigt, daß der Mann sagt:
‚Wenn du nicht willst, wird eine andere wollen; wenn die Herrin nicht
will, soll die Magd kommen‘; das allerdings, wenn der Mann sie vorher
zwei- oder dreimal gemahnt hat.“ Ich beschwöre euch, was kann teufli-
sche Schamlosigkeit noch Schamloseres erfinden? Hier ist er aber noch
besonnen und gemäßigt, wenn man es damit vergleicht, was er an ande-
rer Stelle (S. 124) geschrieben hat. Denn er wiederholt nicht nur dassel-
be, sondern er fügt noch so Obszönes über das geile Fleisch beider
Geschlechter, besonders des weiblichen, hinzu, daß niemand, ohne
schamhaft zu erröten, solche Schamlosigkeit sehen oder hören und erst
recht nicht wiedergeben kann.
Mit dieser Behauptung, die eines Satyrs würdiger ist als eines Men-
schen, leugnen sie die Ratschläge Christi (Mt 19,9-12; 5,27-3 2) und des
hl. Paulus (1 Kor 7,1-17.25ff), die beweisen, daß es möglich und zu
halten ist, die Jungfräulichkeit zu bewahren, eine zweite Ehe nicht an-
zustreben, eine Frau nicht zu berühren; sie tun sehr unrecht den er-
wachsenen Mädchen, die noch nicht verheiratet sind, den Witwen und
anderen, die mit keinem Mann verkehren. Wenn sie sich nämlich der
Sinnlichkeit nicht mehr enthalten können als des Essens und Trinkens,
wären sie Dirnen und Heuchlerinnen. Wahrhaftig, wie kann Luther von
der menschlichen Natur Enthaltsamkeit verlangen, die von ihr nur durch
Christus und in Christus erlangt werden kann? Doch Christus öffnet
dem, der anklopft, und gewährt dem, der bittet (Mt 7,7f), damit alle mit
Paulus (Phil 4, 13) sagen können: Ich vermag alles in dem, der mich
stärkt: in Christus, dessen Kraft in der Schwachheit vollendet wird (2
Kor 12,9).

267
Über die Gleichheit aller Hirten

11. Sie behaupten, alle Hirten der Kirche seien untereinander gleich,
keiner habe einen Vorrang vor einem anderen, unter ihnen gebe es kei-
nerlei Unterschied und keine Rangordnung (Inst. IV.3-5). Aber auf die-
se Weise leugnen sie die Einheit der kirchlichen Hierarchie, in der Chris-
tus durch den Heiligen Geist Bischöfe eingesetzt hat, die Kirche Gottes
zu regieren (Apg 20,28). Das widerspricht dem übereinstimmenden Zeug-
nis von Cyprian, Augustinus, Chrysostomus. Dionysius, ebenso aller
Konzile, auf denen du siehst, daß man den Bischöfen besondere Ehre
und Sorge erwies; unter ihnen aber besonders dem Bischof von Rom,
„damit ein Oberhaupt bestellt und dadurch der Anlaß zur Spaltung ver-
mieden wird“, und der Leib der Kirche durch die geordnete Verbindung
der Glieder zu einem einzigen werde unter dem einzigen höchsten Haupt
Christus Jesus (vgl. Eph 1,22 u. a.).

Über die Gewißheit der Gnade und der Sündenvergebung

12. Sie behaupten, alle Gläubigen müßten ganz fest glauben, daß ih-
nen die Sünden vergeben und daß sie in der Gnade sind (Jena II,302; IV,
102b.104b; Inst. IX,2,16-18). Mit dieser Behauptung leugnen sie, was
die ganze Heilige Schrift bestätigt und lehrt, daß wir unser Heil mit
Furcht und Zittern wirken und darauf bedacht sein müssen, durch gute
Werke unsere Berufung zu sichern, und daß wir auch nach der Verge-
bung der Sünde nicht ohne Furcht sein dürfen (Phil 2,12; 2 Petr 1,10;
Sir 5,5).

Über die Gerechtigkeit der Auserwählten

13. Sie behaupten, den Auserwählten sei die Gerechtigkeit so zu eigen,


daß sie diese, einmal erlangt, nie mehr verlieren können (Inst. III,2, § 11).
Durch diese Behauptung treiben sie abermals den Gläubigen alle Furcht
aus, um an die Stelle von Hoffnung und Vertrauen, die dem Christen
anstehen, Anmaßung und Unverschämtheit zu setzen. Sie leugnen und
stoßen auch um, was die Heilige Schrift über die Güte und Gerechtigkeit
Sauls und Salomos verkündet, obwohl wir der Verwerfung des ersten ganz
sicher und der Auserwählung des zweiten ganz unsicher sind. Doch was
werden sie zu Ezechiel (18,24) sagen? Wenn sich der Gerechte von seiner
Gerechtigkeit abwendet und sündigt, wird seiner Gerechtigkeit nicht mehr

268
gedacht. Was sagen sie dazu, was Christus (Offb 3,11) dem Bischof von
Philadelphia schreiben läßt? Halte fest, was du hast, damit nicht ein ande-
rer deine Krone empfängt. Doch was tut nicht der Apostel Paulus alles,
obwohl gläubig, ja sehr gläubig, um nicht selbst verworfen zu werden, wäh-
rend ich anderen predige (1 Kor 9,27)?
Doch ich bitte euch, hören wir den schönen und passenden Vergleich,
mit dem Calvin (Inst. IV,17,2) seine Lehre erläutert: „Daraus folgt“,
sagt er, „wir müssen fest darauf bauen, daß das ewige Leben unser ist,
dessen Erbe Christus ist, und daß uns das Himmelreich, in das er bereits
gelangt ist, ebensowenig verlorengehen kann wie ihm. Umgekehrt kön-
nen wir durch unsere Sünden nicht verdammt werden, da er gewollt hat,
daß sie ihm angerechnet werden, als wären sie die seinen gewesen.“ Zu
dieser Stelle ist jedoch zu bemerken, daß in früheren, vor allem franzö-
sischen Ausgaben die Sache unbeholfener ausgedrückt wird als in der
letzten von 1602; denn dort wird nur versichert, „das Himmelreich könne
uns ebensowenig verlorengehen“ wie Christus, was auch in der letzten
Ausgabe ausdrücklich geschrieben steht, aber auch, daß wir durch unse-
re Sünden ebensowenig verdammt werden können wie Christus. Seine
französischen Worte lauten nämlich: „Dadurch wagen wir uns sicher zu
versprechen, daß das ewige Leben unser ist und wir es ebensowenig
verfehlen können wie Christus Jesus selbst; daß wir andererseits durch
unsere Sünden ebensowenig wie er verdammt werden können.“ Ich zi-
tiere es mit Schaudern! Und wer wird nicht erschaudern, wenn er es
liest oder hört?

Über die Gewißheit der göttlichen Erwählung

14. Sie behaupten, die Auserwählten seien ihrer Erwählung ganz si-
cher (Inst. 2,11f; 24,7ff). „Ganz schlecht und schädlich sagt Gregor in
der Homilie 38, wir seien uns nur der Berufung bewußt, aber der Auser-
wählung ungewiß“, behauptet Calvin; „daher fordert er alle zu Furcht
und Zittern auf.“ Mit dieser Behauptung bestreiten sie, daß in den Vor-
herbestimmten Furcht und Hoffnung sein kann. Denn wer sollte den
Verlust des Gutes fürchten, von dem er sicher wüßte, daß er es nicht
verlieren kann? Und wenn der große und nie genug gerühmte Gregor
uns zu Furcht und Zittern auffordert, was heißt das anderes, als was uns
alle Buchstaben der Heiligen Schrift raten? Warum, glauben wir, wird
Simeon im Evangelium (Lk 2,25) gelobt, daß er nicht nur gerecht war,
sondern auch gottesfürchtig? Doch deswegen, damit wir erkennen, daß

269
die ständige Begleiterin der Gerechtigkeit jene heilige Furcht sein muß,
die nicht knechtisch, sondern kindlich ist. Daher mögen jene lügen,
soviel sie wollen; wenn sie sich als Gerechte bezeichnen, genügt es, um
sie als Lügner erscheinen zu lassen, da sie sich nicht als gottesfürchtig
bezeichnen wollen, nicht einmal durch eine Lüge. Nicht weil sie es nicht
wagen (viel kühner, als wer sich verteidigt, gerecht zu sein, ist nämlich,
wer bekennt, daß er gottesfürchtig ist), sondern weil sie sich zwar nicht
zu lügen schämen, sondern so zu sprechen, daß sie in dieser Frage durch
die Lüge die Wahrheit zu sagen scheinen.
Schön ist es aber, die Anhänger und Schüler Calvins über diese Frage
sprechen zu hören, wobei jeder von ihnen sich rühmt, seiner Vorherbe-
stimmung so sicher zu sein wie des Todes Christi. Wenn du sie fragst,
woher sie diese große Gewißheit haben, antworten sie sogleich, sie hät-
ten die – ich weiß nicht welche – Antwort innerlich vom Heiligen Geist
empfangen, gleichsam als ein Echo, wodurch sie an ihrer Vorherbestim-
mung nicht zweifeln können. Wenn aber einer von denen, die mit so
großer und so unfehlbarer Gewißheit glaubten, sie seien Gläubige und
Auserwählte, sich zum Schafstall Christi und zum katholischen Glau-
ben bekehrt, schreien die anderen sogleich, er habe gelogen, als er sagte,
er sei seines Heiles gewiß. Und doch hat er sich über die Gewißheit
seines Heiles und jene vermeintliche innere Antwort des Heiligen Geis-
tes so kühn gerühmt wie jene, die im Calvinismus verharrten. Wie kann
es also geschehen, daß andere gewisser sind als er, der einst am gewisse-
sten war? Wenn ihn sein Echo täuschte, das ihm das Geschwätz Calvins
statt der Stimme des Heiligen Geistes wiedergab, warum sollte die an-
deren ihr Echo nicht auch täuschen?

Über die Heilsunsicherheit Christi

15. Im Gegensatz dazu behaupten sie, Christus, das Haupt aller Vor-
herbestimmten, sei seines Heiles ungewiß gewesen. Calvin (Inst. II,16,
10-12) behauptet nämlich offen. Christus habe um das Heil seiner Seele
gefürchtet. Das sagen sie nicht etwa beiläufig, sondern verteidigen es ex
professo. Daraus folgt unzweifelhaft, Christus sei des Heiles seiner See-
le ungewiß gewesen; denn damit jemand sich mit der Furcht der Angst
fürchtet, von der Calvin spricht, ist es notwendig, daß er das Übel, das er
fürchtet, voraussieht und wenigstens als wahrscheinlich bevorstehend
annimmt. Denn wie könnte jemand Angst und Furcht vor einem Übel
haben, vor dem er sich ganz sicher weiß? Diese Behauptung ist wahrlich

270
des scharfsinnigen Geistes Calvins würdig. Er, der jedem Beliebigen
seiner Schüler befiehlt, seines Heiles ganz sicher zu sein, behauptet
durch eine bisher unerhörte Gotteslästerung, Christus sei des Heiles
seiner Seele ungewiß gewesen. Doch die Gottlosigkeit schreitet fort,
um, nachdem sie den Gipfel erreicht hat, schließlich bis in die Tiefe
hinabzusinken. Calvin fügt (II,16, § 12) hinzu, Christus habe „grausa-
me und schreckliche Qualen“ gelitten (denn, sagt er, man könne „sich
keinen schrecklicheren Abgrund vorstellen, als zu fühlen, daß man von
Gott verlassen und verworfen ist“), „als er erkannte, daß er durch unse-
re Schuld vor dem Richterstuhl Gottes stand.“

Über die Verzweiflung Christi

16. Sie behaupten, Christus sei ein Wort der Verzweiflung entschlüpft,
das aus dem Empfinden des Fleisches entsprang; so sagt Calvin.6 Mit
dieser schrecklichen Behauptung leugnen sie, daß Christus alle Leiden-
schaften seiner Seele in der Gewalt hatte, so daß sie offenbar ihm unbe-
wußt und ungewollt sich regten und ausbrachen. Daß das so falsch ist
wie nur etwas, abgesehen davon, daß es von selbst ganz klar ist, erhellt
auch daraus, daß der hl. Johannes der Evangelist (11,33) im Bericht
über die Auferweckung des Lazarus betont, daß Christus sich selbst
erschütterte: denn es geziemte sich ohne Zweifel, daß er, der ebenso
wahrer Gott wie wahrer Mensch war, freiwillig in sich Befürchtungen,
Ängste und ähnliche Regungen der Seele erweckte, ehe er von ihnen
bewegt wurde. Daher betonen wir nach dem hl. Hieronymus, daß es in
Christus keine Leidenschaften, sondern ,propassiones‘ gab.

Über die Unwissenheit Christi

17. Sie behaupten, Christus sei eine Zeitlang der Unwissenheit unter-
worfen gewesen. Calvin sagt (Am III,51): „Christus mußte eine Zeit-
lang den einfachen Kindern gleichen, damit der Verstand der menschli-
chen Natur angepaßt werde.“ Mit dieser Behauptung leugnen sie, daß in
Christus alle Schätze des Wissens und der Weisheit (Kol 2,3) verborgen
waren; das bestätigt jedoch die Heilige Schrift ganz ausdrücklich. Wir
geben allerdings zu, daß Christus als Knabe, was die Übung und das
äußere Handeln betrifft, zunahm an Weisheit und Gnade (Lk 2,40); aber
wir betonen ebenfalls, daß auch damals in ihm die Schätze der Weisheit
verborgen waren, als er von ihnen noch keinen Gebrauch machte, son-

271
dern sie in sich bewahrte, um sie zu ihrer Zeit vor dem Volk Gottes zu
enthüllen. Er hörte ja nicht auf, das Wort zu sein, auch als er kein Wort
sagte, oder die Weisheit zu sein, auch als er noch nicht voll Weisheit
redete. Unser Glaube hält daran fest, daß er vom ersten Augenblick an
ebenso ein Verständiger wie ein Erdenpilger war.

Über den aktuellen Glauben der ungetauften Kinder

18. Sie behaupten, daß die Kinder vor der Taufe glaubten und den Glau-
ben hätten (Jena II,569), und zwar nicht nur den Habitus des Glaubens,
oder daß sie im Glauben der Kirche glaubten, sondern daß sie den Akt
des Glaubens und einen eigenen Glauben hätten. Indem sie das behaup-
ten, leugnen sie gleichzeitig, daß die Kinder durch den Glauben gerecht-
fertigt werden. Denn wenn sie vor der Taufe den Glauben haben und der
Glaube allein rechtfertigt, wie sie behaupten, dann folgt daraus, daß die
Kinder vor der Taufe gerechtfertigt sind. Doch wer weiß nicht, daß der
Glaube vom Hören, das Hören aber durch das Wort Gottes (Röm 10,17)
kommt? Wie erreicht aber das Wort Gottes die Seele des Kindes ohne
Verkünder? Denn wer predigte den Kindern? Außerdem kann es Akte
des Glaubens nicht geben ohne den Gebrauch der Vernunft, wie alle zu-
geben und es dem natürlichen Verständnis entspricht; wer aber soll glau-
ben, daß die Kinder des Gebrauchs der Vernunft fähig seien?
Damit sei genug gesagt über dieses erste Kennzeichen des Antichristen-
tums, als das sich die Häretiker unserer Zeit selbst hinreichend erweisen,
indem sie alles leugnen, nichts bejahen, und wenn sie etwas behaupten,
dann negativ, so daß es, wie die Rechtsgelehrten sagen, einfach vernei-
nend und nichtssagend ist. Wir wollen noch andere Kennzeichen kurz
betrachten, durch die du erkennst, daß den Lehrsystemen unserer Zeit
das schreckliche Wort ‚Häresie‘ auf der Stirn geschrieben steht.

Zweites Kennzeichen der Häretiker:


Das Fehlen der Berufung

§1.

Das zweite Kennzeichen wird also das sein, das aus dem Fehlen der
Berufung folgt. Es ist nämlich die Eigenart aller Häretiker, daß ihnen

272
die Berufung zum heiligen Dienst fehlt. Sie eilten, sagt Gott durch Jere-
mia (Jer 23,21) von den falschen Propheten, und ich habe sie nicht ge-
sandt. Sie kommen in Schafskleidern, sagt Christus (Mt 7,15). Paulus
sagt (Röm 10,15): Wie sollen sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind?
Und an anderer Stelle (Hebr 5,4) sagt er: Niemand nimmt sich die Ehre,
wenn er nicht wie Aaron von Gott berufen wird.
Aus verschiedenen Gründen wird nun offenkundig, daß Luther, Zwing-
li, Calvin und allen anderen Häresiarchen des vorigen Jahrhunderts
jede Berufung fehlte. Der erste und wichtigste Grund ist, daß sie auf die
Frage, auf welche Art sie berufen wurden, keine übereinstimmende
Antwort haben. Calvin beteuert nämlich, Luther und die anderen Neue-
rer, die diese Sekten hervorgerufen haben, hätten ihr Amt nicht durch
die ordentliche, sondern durch eine außerordentliche Berufung emp-
fangen; daher seien sie als Apostel und Evangelisten zu betrachten. „In-
dessen leugne ich nicht“, sagt er (Inst. IV.3, § 4), „daß Gott auch später
manchmal Apostel oder doch an ihrer Stelle Evangelisten erweckt hat,
wie es in neuerer Zeit geschehen ist. Es bedurfte nämlich solcher, die
die Kirche vom Abfall des Antichristen zurückführten. Ich nenne je-
doch dieses Amt außerordentlich, weil es in den rechtlich gegründeten
Kirchen keinen Platz hat.“
Luther dagegen bekennt (Jena VI,7) offen, er sei nicht durch eine
außerordentliche Berufung, sondern durch die ordentliche und übertra-
gene berufen. „Auch wir sind durch die göttliche Autorität berufen“,
sagt er, „zwar nicht unmittelbar von Christus wie die Apostel, sondern
durch einen Menschen.“ Wenn er aber erklärt, auf welche Weise er durch
einen Menschen berufen wurde, sagt er: „Wenn mich aber der Fürst
oder eine andere Obrigkeit beruft, kann ich mich zu Recht und zuver-
sichtlich rühmen, daß ich im Auftrag Gottes durch die Stimme eines
Menschen berufen bin. Hier ist ja der Auftrag Gottes durch den Mund
des Fürsten, der mir die Gewißheit gibt, daß meine Berufung echt und
von Gott ist.“ Und an anderer Stelle (Jena IV,248b) sagt er, daß „die
Berufung ehedem durch die Apostel erfolgte, die ihre Nachfolger berie-
fen, wie sie jetzt auch von fleischlichen Gewalten und Obrigkeiten oder
Gemeinwesen berufen werden.“ Du siehst also, daß Luther seine Beru-
fung nicht als eine außerordentliche wie die der Apostel und Evangeli-
sten bezeichnet, sondern versichert, sie sei eine ordentliche und über-
tragene, sie sei aber nicht von Bischöfen oder kirchlichen Personen
ausgegangen und abgeleitet, sondern von „fleischlichen Gewalten“ (das
ist nämlich sein eigener Ausdruck).

273
Philippe de Plessis-Mornay dagegen betont in seiner französischen
Abhandlung ‚Über die Kirche‘, an der die Calviner so viel Gefallen
finden, die Berufung Luthers, Zwinglis und der übrigen ersten Häreti-
ker stamme nicht unmittelbar und auf außerordentliche Weise von Gott,
wie Calvin behauptet, sei auch nicht von „fleischlichen Gewalten“ über-
tragen, wie Luther sagt, sondern mittelbar von den katholischen Bischö-
fen herzuleiten. Sie wurden ja von Bischöfen zu Priestern geweiht, sagt
er; als Priester aber mußten sie das Wort Gottes verkünden. Daher ver-
kündeten sie es, nicht wie es die Bischöfe machten, die ihnen ihre Beru-
fung gaben, sondern viel richtiger und reiner.
Wer soll da nicht lachen über die Torheit dieser Menschen, die nicht
einmal darüber einig sind, auf welche Weise sie berufen wurden? Wer
wird sich denn nicht wundern über den Scharfsinn von Plessis, der bes-
ser als Calvin zu wissen glaubt, auf welche Weise Calvin berufen wurde?
Der auch besser als Luther selbst wisse, auf welche Weise Luther, und
von wem er seine Berufung und Autorität empfing? Daniel (13,51ff)
sagte über die falschen Zeugen: Trennt sie voneinander, und ich will sie
verhören. Zu dem einen sagte er: Unter welchem Baum hast du sie gese-
hen? Der sagte: unter einem Mastixbaum. Er fragte auch den anderen;
der sagte: Unter einer Eiche. Und so wurde die Falschheit der Aussagen
offenbar. Wenn du auf diese Weise Calvin fragst: Wer hat dich berufen?,
antwortet er: Gott auf außerordentliche Weise. Plessis dagegen, als wäre
er zum Schiedsrichter über so viele Streitende vom Himmel gefallen
und bei der Berufung der anderen dabei gewesen, verkündet kühn: Lu-
ther hat schlecht geantwortet, Calvin noch schlechter; sie sind nämlich
von unseren Bischöfen berufen worden. Wer wird also nicht schon aus
ihrer Aussage erkennen, daß sie etwas Falsches sagen, wenn sie sich
ihrer Berufung rühmen?

§ 2.
Von der rechtmäßigen Berufung unserer Bischöfe

Tatsächlich sind sie nicht nur uneinig über ihre Berufung, sondern was
mehr ist, sie sind einig über die rechtmäßige Berufung unserer Bischöfe.
Denn Luther (Jena IV,7) sagt: „Die Apostel beriefen ihre Nachfolger, so
Paulus den Timotheus und Titus. Diese beriefen dann als Bischöfe wie-
der Bischöfe zu ihren Nachfolgern. Diese Berufung dauerte bis in unsere
Zeit und wird bis zum Ende der Welt dauern. Sie ist eine übertragene,

274
weil sie durch einen Menschen geschieht, und doch ist sie eine göttliche.“
Calvin aber (Inst. IV,5.11) sagt: „Es bleiben Bischöfe und Leiter von Pfar-
reien; mögen sie darum kämpfen, daß sie ihr Amt behalten; wir gestehen
ihnen ja gern zu, daß sie ein frommes und ausgezeichnetes Amt haben,
wenn sie es nur verwalten.“ Und an anderer Stelle (Am. IV,108) sagt er:
„Wir sehen heute, wie Papisten sich den Namen der Kirche anmaßen
unter dem Vorwand der ununterbrochenen Nachfolge, die sie vorschüt-
zen. Und um die Wahrheit zu sagen, wir sind tatsächlich gezwungen anzu-
erkennen, daß von ihrer Seite das Amt rechtmäßig besteht; weil sie aber
ihre Vollmacht mißbraucht haben, können wir über ihre Prahlerei la-
chen.“ Wenn aber Mornay die Sendung Luthers und seines Gefolges von
unseren Bischöfen herleitet, anerkennt er dann nicht am offenkundigsten
von allen die Berufung unserer Bischöfe? Richtig und besser, als er glaubt,
sagt daher Calvin, daß „in den rechtlich gegründeten Kirchen“ kein Platz
für seine Berufung und für die der Seinen ist.
Wenn man das gelten läßt, wird es uns erlaubt sein, folgendermaßen
zu argumentieren: Die Kirche Christi wurde einmal rechtmäßig gegrün-
det, so daß die Pforten der Hölle sie nie überwältigen können (Mt 16, 18);
folglich kann in ihr eine außerordentliche Berufung keinen Platz ha-
ben, außer soweit sie von der ordentlichen anerkannt wird; denn Chris-
tus ist nicht geteilt (1 Kor 1,13). Sie bestätigen aber die ordentliche
Berufung, die „bis zum Ende der Welt“ dauern wird, wie Luther sagt;
folglich müssen wir der ordentlichen Berufung Gehorsam leisten. Wenn
eine außerordentliche Berufung im Widerspruch zu ihr stünde, würde
ja Christus einander widersprechende Berufungen fördern und wäre der
Urheber der Spaltung. So darf man mit Recht diesen abtrünnigen Re-
formatoren die Worte Tertullians vorhalten: „Wer seid ihr oder woher
seid ihr gekommen?“ Wer hat euch die Sendung zu predigen gegeben?
„Sie sollen die Anfänge ihrer Kirchen vorweisen, sie sollen die Abfolge
ihrer Bischöfe aufzeigen.“ Ja sogar Luthers eigene Worte, der (Jena IV,
7b) von der Berufung spricht, die von den Aposteln eingesetzt wurde,
und sagt: „Man darf daher die Berufung nicht verachten, denn es genügt
nicht, das Wort und die reine Lehre zu haben; auch die Berufung muß
sichtbar sein. Wer ohne sie eintritt, kommt, um zu töten und zu verder-
ben (Joh 10,10). Nie segnet Gott die Arbeit derjenigen, die nicht beru-
fen sind. So führen heute unsere fanatischen Geister Worte des Glau-
bens im Mund, bringen aber keine Frucht.“ Und an der gleichen Stelle:
„Der Teufel pflegt seine Diener anzuspornen, daß sie als Unberufene
hingehen und Eifer vorschützen.“

275
Drittes Kennzeichen der Häretiker:
Verachtung der Kirche

Das dritte Merkmal aller Häretiker ist, daß sie die Kirche mißachten.
Wenn einer auf die Kirche nicht hört, sei er dir wie ein Heide und ein
Zöllner, sagt Christus (Mt 18,17). Dazu sagt der hl. Augustinus konse-
quent und deutlich, daß es eine überhebliche Torheit ist, zu leugnen und
abzulehnen, woran die ganze Kirche festhält. Darüber hinaus sagt der-
selbe an anderer Stelle, er würde dem Engel nicht glauben, wenn ihn
nicht die Kirche dazu bewöge. Und wiederum an anderer Stelle, wo er
darüber spricht, daß die Häretiker nicht noch einmal getauft werden
müssen, schreibt er folgende Worte: „Obwohl in dieser Frage von den
kanonischen Schriften kein Beispiel angeführt wird, folgen wir auch in
dieser Sache doch der Wahrheit dieser Schriften, wenn wir tun, was
schon die ganze Kirche für gut fand, die die Autorität der Schriften
selbst empfiehlt.“ Diese Autorität konnte ja der Apostel Paulus nicht
offenkundiger empfehlen, als die Kirche (1 Tim 3,15) Säule und Grund-
feste der Wahrheit zu nennen. Wenn nun Christus wollte, daß die Kirche,
seine vielgeliebte Braut, die Mutter aller Christen sei, wie kann dann
jemand sie mißachten, ohne dadurch auch Christus zu verachten? „Chris-
tus legt für die Kirche Zeugnis ab“, sagt Augustinus. „Wenn du das nicht
willst, leistest du nicht mir oder irgendeinem Menschen Widerstand,
sondern zum größten Nachteil für dein Heil dem Erlöser selbst. Du
willst nicht glauben, daß er dich so annehmen wird, wie dich die Kirche
annimmt, die jener durch sein Zeugnis empfiehlt, dem nicht zu glauben
nach deinem Eingeständnis ein Unrecht wäre.“
Diese Autorität treten aber alle unsere Neuerer unverschämt mit Fü-
ßen. Das wird schon allein daraus ganz deutlich sichtbar, daß sie wie aus
einem Mund erklären, sie habe geirrt, sei verfallen und abtrünnig ge-
worden, so daß sie sich unleugbar Reformatoren und Wiederhersteller
der Kirche nennen könnten und es zu tun wagten. Daher kommt es, daß
Luther (Jena IV,20.22 u. a.) sich laufend rühmt, er werde sich nicht
darum kümmern, was die Kirche meint. Und in jenem großartigen Dis-
put, dem lieblichsten von allen, die er mit dem Teufel gehabt zu haben
sich rühmt (Wi. VII,28), sei er von den Argumenten des Teufels über-
zeugt worden, von der Lehre der Kirche abzugehen. Dann verhöhnt er
triumphierend die Katholiken und sagt: „Wenn ihr die Schläge des Teu-
fels auszuhalten hättet, würdet ihr nicht lange die von der Kirche und in

276
alter Weise überkommene Leier singen.“ Und an einer anderen Stelle
(Jena I, Vorwort) rühmt er sich, er habe von Anfang an allein gegen die
Kirche gekämpft. Wie oft aber und wie ausdrücklich verficht Calvin,
die Kirche könne irren (vgl. Inst. IV,4 u. a.).

Viertes Kennzeichen der Häretiker:


Mißachtung der Konzile

Das vierte Merkmal der Häretiker ist die Mißachtung der allgemei-
nen Konzile. Ihre Autorität war aber immer so groß, daß der hl. Gregor
von Nazianz ohne Zögern versicherte, sie seien keine Häretiker, wenn
sie von einem katholischen Konzil anerkannt wurden; sie seien aber
Häretiker, wenn sie nicht angenommen wurden. Und der hl. Basilius
erklärt, die beste und sicherste Methode, Häretiker zu unterscheiden,
sei die Annahme oder Mißachtung des Konzils von Nicäa.
Calvin dagegen erklärt offen ganz im Gegenteil, die Konzile könnten
irren und hätten geirrt. Luther aber, wie gewöhnlich freimütig und un-
verschämt, sagt: „Der Papst lügt gemeinsam mit den Konzilen.“7 Und
später: „Es ist töricht, daß die Konzile beschließen und bestimmen
wollen, was man glauben muß, da doch oft niemand dabei ist, der im
geringsten den Geist Gottes empfangen hätte. So ist es auf dem Konzil
von Nicäa vorgekommen, als sie Gesetze über den geistlichen Stand zu
erlassen versuchten, damit diesem Stand die Ehe untersagt werden soll-
te, wobei gewiß alle auf dem Konzil von der Wahrheit abirrten.“

Fünftes Kennzeichen der Häretiker:


Mißachtung des Apostolischen Stuhles

Die Häretiker haben ein fünftes Merkmal, die Mißachtung des Apo-
stolischen Stuhles. Darin zeichnet sich allerdings Luther vor den übri-
gen aus. Denn nachdem er an einer Stelle (Jena II,561b) behauptet hat,
alles, was gegen die römische Kirche geschehe, gereiche zur Ehre Got-
tes, alles, sagt er: „Da aber auch ich einer der Papstgegner bin, durch
göttliche Offenbarung dazu berufen, dieses Reich des Fluches zu ver-
nichten, zu zerstreuen und niederzureißen, walte ich dieses Amtes be-
gierig und gern, wie ich es bisher getan habe.“ Doch an anderer Stelle
(Jena II,310), wo er seine Behauptung verteidigt, der Krieg gegen die
Türken sei unerlaubt, sagt er: „Wieviel gerechter handelten wir, wenn

277
der Kaiser und die Fürsten dem römischen Idol Einhalt geböten, ... die
Seelen zu verderben! Denn um einmal zu prophezeien, auch wenn ich
nicht gehört werde, wie ich weiß: wenn der römische Papst nicht zur
Ordnung gebracht wird, ist es um die ganze Christenheit geschehen ...
Das Papsttum kann nichts als Sünde und Verderben bewirken ... Wer
Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11,15), der lasse vom Türkenkrieg ab,
solange der Name des Papstes unter dem Himmel mächtig ist. Ich habe
es gesagt.“ Und an anderer Stelle (II,307b) sagt er: „Ob also der Papst
oder die Väter oder die Konzile so oder so lehren, darf für niemand
maßgebend sein, sondern jeder sei in seinem Inneren überzeugt (Röm
14,5).“ Doch was halte ich mich dabei auf? Wenn du aus den Büchern
Luthers und Calvins die Beleidigungen und Verleumdungen entfernst,
mit denen sie den Apostolischen Stuhl angreifen, wird in ihnen kaum
die eine oder andere Seite übrig bleiben.
Wenn aber einer noch zweifeln sollte, ob die Mißachtung des römi-
schen Bischofsstuhls wirklich ein Merkmal der Häresie ist, so höre er
Christus. Als er den Apostel Petrus zum Oberhaupt der Kirche einsetz-
te (Mt 16,18), sprach er: Und auf diesen Felsen will ich meine Kirche
bauen. Denn daraus folgt, daß der nicht zur Kirche gehört, der sich
nicht auf diesen Felsen stützt, der durch den Mund Christi so hervorge-
hoben wird. Da aber derselbe Christus (Joh 21,15-17) dem gleichen
Petrus seine Schafe zu weiden anvertraute, kann der keineswegs ein
Schaf Christi sein, der nicht von Petrus geweidet werden will.
Es ist auch nicht so, wie die Häretiker faseln, daß der römische Papst
nicht Petri Nachfolger wäre oder daß dem römischen Papst nicht die
Vollmacht übertragen worden sei, die Petrus verliehen wurde; denn da
diese Vollmacht dem Petrus zum allgemeinen Wohl der Kirche verlie-
hen wurde, durfte sie nicht mit Petrus enden, der nach einigen Jahren
vergehen und sterben mußte, sondern erst mit der streitenden Kirche,
die bis zum Ende der Welt dauern wird: folglich muß die Kirche auch
jemand als Nachfolger Petri in dieser Vollmacht haben. Ferner wurde
von der Kirche nie jemand als Nachfolger Petri in diesem Sinn bezeich-
net, außer der römische Papst. Geben wir also die Wahrheit zu, daß der
Sitz des römischen Papstes jener Fels ist, auf den die Kirche gegründet
wurde, auf dem die Herde des Herrn geweidet wird.
Daher sagt Cyprian sehr richtig: „Nirgends sind Häresien aufgekom-
men und nirgends sonst Spaltungen entstanden als daher, daß man dem
Hohepriester Gottes nicht gehorcht und man nicht einen in der Kirche
an Christi statt auf Zeit als Hohepriester und auf Zeit als Richter be-

278
trachtet. Wenn ihm die Gesamtheit der Brüder entsprechend den göttli-
chen Weisungen gehorchte, würde niemand gegen die Gemeinschaft
der Priester irgendetwas in Bewegung setzen. Niemand würde nach dem
Entscheid Gottes, nach dem Urteil des Volkes, nach der Übereinstim-
mung der Bischöfe sich selbst nicht nur zum Richter des Bischofs, son-
dern Gottes machen. Keiner würde durch die Zerreißung der Einheit
die Kirche Christi spalten. Keiner würde aus Selbstgefälligkeit und Auf-
geblasenheit öffentlich eine neue Häresie begründen.“ Fast die gleichen
Worte desselben Lehrers finden wir an anderer Stelle. Nicht anders
schreibt Hieronymus an Damasus, den römischen Papst: „Ich folge nur
Christus als dem Ersten und verbinde mich mit Eurer Heiligkeit, d. h.
mit der Cathedra Petri, zur Gemeinschaft; ich weiß, daß auf ihr die
Kirche erbaut ist. Wer außerhalb dieses Hauses das Lamm ißt, ist ein
Gottloser; wenn jemand nicht in der Arche Noachs ist, wird er durch
die Sintflut umkommen ... Wer nicht mit dir sammelt, der zerstreut; d.
h. wer nicht zu Christus gehört, der gehört zum Antichristen.“
Schließlich kann man nicht sagen, wie bewunderswert und wie groß
die Einmütigkeit der alten Väter ist, den römischen Bischofssitz zu
rühmen, und wie sehr sie sich darin gefallen, Namen und Titel zu fin-
den, durch die sie ihn ehren. Cyprian nennt die Cathedra Petri „die
Hauptkirche, den Ursprung der priesterlichen Einheit, das Band der
Einheit, Wurzel und Stamm der Kirche“. Irenäus nennt sie die Kirche
mit dem größten Vorrang; Prosper das Haupt der Hirtenehre und den
Sitz Petri; Augustinus den Vorrang des apostolischen Lehrstuhls; Vic-
tor Mirensis und unser Justinian das Haupt aller Kirchen; Leo und Pros-
per das Haupt des Erdkreises und der Religion der Welt; Ignatius die
Kirche, die den Vorsitz hat; Hieronymus den sichersten Hafen der ka-
tholischen Gemeinschaft.
Doch guter Gott, mit welch ausgezeichneten und würdigen Namen
ehren sie erst den römischen Papst! Bischof der heiligen katholischen
Kirche nennt ihn Cyprian, andere den ganz heiligen und seligen Patriar-
chen, den universalen Patriarchen, das Haupt der Konzile, das Haupt
der universalen Kirche, so auf dem Konzil von Chalzedon; den seligsten
Herrn, auf den apostolischen Gipfel erhoben, Vater der Väter, den höch-
sten Bischof der Bischöfe, wie bei Bischof Stephanus von Karthago; den
obersten Priester, wie bei Hieronymus; den Fürsten der Priester, wie
bei Valentinian; den Hüter des Weinbergs des Herrn, wie das Konzil
von Chalzedon; den Lenker des Hauses des Herrn, Ambrosius; den
Stellvertreter Christi, Cyprian.

279
Es sei erlaubt, den Stimmen so vieler altehrwürdiger Väter noch den
Beifall des hl. Bernhard hinzuzufügen; nicht weil ich nicht wüßte, daß
er viel jünger ist, sondern weil sich die Calviner nicht schämen, unter
der persönlichen Führung Calvins diesen Lehrer in einer Weise zu lo-
ben, als wäre er ein Verächter des Apostolischen Stuhles gewesen. Er
bezeichnet nun den römischen Papst mit folgenden Namen: Bestärker
der Brüder, Hohepriester, höchster Bischof, Fürst der Bischöfe, Erbe
der Apostel, Abel an Vorrang, Noach an Führung, Patriarch wie Abra-
ham, der Ordnung nach Melchisedek, Aaron an Würde, Mose an Auto-
rität, Salomo an Urteil, Petrus an Macht, Hirt der Herde des Herrn,
Inhaber der Schlüsselgewalt des Hauses des Herrn, Hirt aller Hirten.
Aber selbst Calvin kann sich nicht enthalten, daß er zu gestehen und
anzuerkennen gezwungen ist, daß schon zur Zeit des Athanasius des Gro-
ßen alle Frommen der römischen Kirche gern die größte Autorität ein-
räumten. „Aber“, sagt er (Inst.IV,7, § 5), „das Ganze war nichts anderes,
als daß man die Gemeinschaft mit ihr sehr schätzte und es für schimpf-
lich gehalten wurde, von ihr ausgeschlossen zu werden.“ Hättest nicht
auch du, Calvin, und alle die Deinen, aus dem gleichen Grund dasselbe
tun müssen, wenn ein Funke der alten Gottesfurcht in euch war?
Luther aber hat in all den Schriften, die er am Beginn seines Abfalls
verfaßte, so ehrenvoll vom Papst gesprochen, daß er in späteren Schriften,
als er schon kühner und unverschämter geworden war, sich entschuldigte,
daß er in den früheren dem Papst so viel Großes zugestanden habe (Jena
I,1). Auf alle diese Verächter des apostolischen römischen Stuhles kann
man gut die Worte anwenden, die einst Augustinus gegen Petilianus
gebrauchte, und Luther und Calvin folgendermaßen anreden, wenn es
einen gäbe, der in ihrem Namen antworten wollte: „Was hat euch die
Cathedra der römischen Kirche getan, auf der Petrus saß und heute
Anastasius sitzt? Warum nennt ihr die apostolische Cathedra einen ‚Lehr-
stuhl der Pestilenz‘? Falls der Menschen wegen, von denen ihr meint,
daß sie das Gesetz verkünden aber nicht befolgen, hat etwa Christus, der
(Mt 23,3) von den Pharisäern sagte, daß sie vom Gesetz reden aber
nicht danach handeln, ihretwegen im geringsten den Lehrstuhl ge-
schmäht, auf dem sie saßen? Hat er nicht den Lehrstuhl des Mose hoch-
geschätzt und sie unter Wahrung der Ehre des Lehrstuhls gerügt? Wenn
ihr das überlegtet, würdet ihr nicht der Menschen wegen, die ihr ver-
dächtigt, gegen den apostolischen Lehrstuhl lästern, mit dem ihr keine
Gemeinschaft habt. Was heißt denn das anderes, als nichts zu sagen zu
wissen und sich doch nicht der Verleumdung enthalten zu können?“

280
Sechstes Kennzeichen der Häretiker:
Verachtung der Väter

Das sechste Merkmal der Häretiker ist die Mißachtung der alten Kir-
chenväter, die sie verehren und hochschätzen müßten, wenn sie auf Jere-
mia (6,16) hörten oder vielmehr auf den Heiligen Geist, der durch Jere-
mia spricht: So spricht der Herr: Steht an den Wegen und schaut; fragt
nach den alten Pfaden, welcher Weg gut ist, und wandelt auf ihm, und ihr
werdet Erquickung für eure Seelen finden. An anderer Stelle (Sir 8,9) sagt
die Heilige Schrift: Verschmähe die Rede der Greise nicht; sie haben sie
von ihren Vätern gelernt. Ausgezeichnet ist daher der Rat des Sisinnius,
den Theodosius der Ältere befolgte, daß man die Lehre der Häretiker an
der Auffassung und Norm der alten Väter prüfe, und wenn sie ihr wider-
spricht, soll sie sogleich auf dem ganzen Erdkreis verworfen werden.
Am schönsten von allen sagt jedoch Vinzenz von Lerin, wo er von der
Autorität der alten Väter spricht: „Wer sie verachtet, die von Gott in der
Kirche auf die Zeiten und Orte verteilt wurden und im Sinn des katho-
lischen Dogmas über etwas dasselbe in Christus lehrten, der verachtet
nicht einen Menschen, sondern Gott. Wenn einer von der Gemeinsam-
keit ihrer Lehre abweicht, der höre das Wort das Apostels (1 Kor 14,33):
Er ist kein Gott der Uneinigkeit, sondern des Friedens.“ Und etwas spä-
ter: „Daher müssen ferner alle Katholiken, die sich als rechtmäßige
Kinder der Kirche erweisen wollen, dem heiligen Glauben der heiligen
Väter anhangen, an ihm festhalten, in ihm sterben.“
Unheiliges Geschwätz (1 Tim 6,20) der Gottlosen verurteilt der hl.
Augustinus mit der Autorität der alten Väter; er sagt: „Ich will nur
wenig von Wenigem anführen, wodurch aber unsere Widersacher errö-
ten und aufgeben müssen, wenn in ihnen noch irgendeine Gottesfurcht
oder ein Schamgefühl vor den Menschen ist.“ Was er mit „wenig von
Wenigem“ meinte, das er den Häretikern entgegenhalten wollte, das tat
er, weil diese Wenigen mit den anderen in offenkundiger Gemeinschaft
verbunden waren. Und an anderer Stelle, wo er von Cyprian, Basilius,
Hilarius und ähnlichen spricht, sagt ebenfalls Augustinus: „So viele
und so große Männer versichern, daß nach dem katholischen Glauben,
der überall auf der ganzen Welt verkündet wird, dies und das wahr ist, so
daß eure fragwürdige und vergleichsweise winzige Neuerung allein durch
ihre Autorität zermalmt wird; abgesehen davon, daß das, was sie lehren,
so ist, daß die Wahrheit selbst bezeugt, durch sie zu sprechen.“ Und

281
wieder etwas später sagt er: „Was sie in der Kirche gefunden haben,
daran hielten sie fest; was sie gelernt haben, lehrten sie; was sie von den
Vätern empfangen haben, gaben sie weiter.“ Dasselbe sagen wir heute
von dir, großer Augustinus, und von deinen Zeitgenossen gegen diese
Schwätzer; wir können aber doch nicht erreichen, daß sie sich ihrer
Torheit und Unverschämtheit schämen.

III.
Neuerungen unserer Häretiker

Wie sehr Luther und Calvin die Autorität der alten Väter mißachten,
wird jeder auf den ersten Blick sehen, der ihre Schriften noch so schläf-
rig liest. Luther schreibt ja an einer bestimmten Stelle (Jena II,293):
„Vor allem will ich, sie sollen wissen und zu Zeugen angerufen sein, daß
ich mich durch die Autorität eines noch so großen heiligen Vaters über-
haupt nicht bezwingen lassen will.“ Als ob er sich mit allen Vätern
einlassen wollte, wendet er sie hin und her, um sie zu stürzen. „Wie viele
Irrtümer“, sagt er (294), „sind in den Schriften aller Väter schon gefun-
den worden! Wie oft widersprechen sie sich selbst, wie oft widerstreiten
sie sich gegenseitig! Wo ist einer, der nicht öfter die Heilige Schrift
verdreht hätte? Wie oft erörtert Augustinus nur, definiert nichts; Hiero-
nymus in seinen Kommentaren behauptet fast nichts.“ Dann folgert er
schließlich: „Niemand halte mir die Autorität des Papstes oder irgend-
eines Heiligen entgegen, wenn sie nicht von der Heiligen Schrift unter-
mauert ist.“ Und in dem Buch, das er gegen den König von England
veröffentlichte, sagt er (Jena II,531) so hochmütig: „Das Wort Gottes
ist über allem. Die göttliche Majestät macht mit mir, daß ich mir um
nichts Sorgen mache, ob tausend Augustinus, tausend Cyprian ... gegen
mich stehen ... Augustinus und Cyprian konnten wie alle Auserwählten
irren.“ Und am Schluß (533b) sagt er: „Ich frage nämlich nicht, was
Ambrosius, Augustinus, die Konzile und die Übung der Jahrhunderte
sagen; ich brauche auch nicht König Heinrich als Lehrer, der mich lehr-
te, der ich so gut wußte, daß ich auch bekämpft werde, daß die Dumm-
heit Satans erstaunlich ist, die mich damit bekämpft, was ich von mir
aus bekämpfe, und ständig den Grundsatz verlangt.“
Calvin aber, der ein Mann voll Trug und List war und den Geist eines
wahrhaft schlauen Fuchses hatte, verrät (Inst. Vorwort), daß sich der
bessere Teil des Sieges ihm zuneigen werde, „wenn der gegen die Katho-

282
liken angestrengte Streit durch die Autorität der Väter“ entschieden
werden muß. Weil er aber als verschlagener Mann, der mit zwei Herzen
redet, befürchtete, er könnte sich durch sein Wort binden, fügte er sofort
hinzu: „Wir gehen aber mit ihren Schriften so um, immer eingedenk,
daß alles für uns sei, daß sie uns dienen, nicht beherrschen. Wer diese
Auswahl nicht trifft, wird in der Religion nichts Feststehendes haben,
weil diese heiligen Männer vieles nicht wußten, oft einander widerstrei-
ten, sich manchmal auch selbst widersprechen.“
Was er so im allgemeinen und insgesamt daherschwätzt, das hat er
dann in seinem ganzen Werk gegen die Autorität der Väter im einzelnen
und Stück für Stück eingehalten und nicht verhehlt, daß er von den
Vätern auch da abweiche, wo die Väter in einmütiger Auffassung über-
einstimmen. Und das nicht in irgendeiner geringfügigen Frage, sondern
in den schwerwiegendsten Artikeln unseres Glaubens; z. B. in der Frage
der Willensfreiheit, in der er (Inst. II,2.4) sagt, die Lateiner hätten an-
maßend, „die Griechen noch anmaßender“ gesprochen; über die Per-
son des Mittlers, wobei er (II,14,3) den angeblichen Irrtum der Väter
entschuldbar nennt; über die Begierlichkeit, wo er (III,3,10) behauptet,
in dem einen Zeugnis des Augustinus sei die ganze Auffassung enthal-
ten, von der er sogleich bekennt, daß er sie nicht teile. Er erklärt (III,4,38),
in der Frage der Genugtuung „haben alle Alten gefehlt oder doch derb
und hart gesprochen“; in der Frage der Gebete für die Verstorbenen
(III, 5,10) seien alle Alten „zum Irrtum“ hingerissen worden; in der
Frage der Verdienste (III,15,2) hätten die alten Lehrer am schlimmsten
die Einfalt des Glaubens zu Rate gezogen; ebenso habe das Altertum
gesündigt „durch maßlose Strenge, weil es vom Bischof den Zölibat“
(IV,410) verlangte. In der Frage der Buße (IV,12,8) könne „die maßlose
Strenge der Alten in keiner Weise entschuldigt werden“; in der Frage
der Fastenzeit (IV,12,20) hätten die alten Väter den Samen eines gewis-
sen Aberglaubens gesät und seien einer bloßen ,kakozelia‘ (falschen
Nachahmung) und vollendetem Aberglauben verfallen. An anderer Stelle
(IV,15,20) mißbilligt er, daß sie Laien erlauben, „jemand in Todesge-
fahr zu taufen“, obwohl er zugibt, daß diese Übung von der Kirche selbst
fast von ihrem Ursprung an angenommen war. In der Frage der Anbe-
tung (I, 12,2) anerkennt er zwar, daß die Alten die Unterscheidung der
zweifachen Verehrung der ‚dulia‘ und ‚latria‘ gebrauchten, er verachtet
sie aber trotzdem so sehr, daß er ausruft: „Was soll’s? Wenn alle sie
prüfen, wird sie nicht nur unpassend sondern geradezu abgeschmackt“
empfunden.

283
Wenn er aber (IV,6,16) von der römischen Kirche spricht, sagt er:
„Ich will zunächst vorausschicken, daß ich nicht leugne, daß die Alten
der römischen Kirche große Ehre erwiesen und sehr ehrfurchtsvoll von
ihr sprachen.“ Und etwas später: „Denn jene Auffassung, sie sei durch
das Amt des Petrus gegründet und errichtet worden, hat am meisten
dazu beigetragen, ihr Ansehen und Autorität zu verschaffen; deshalb
wurde sie im Abendland ehrenhalber Apostolischer Stuhl genannt.“ Und
doch schmäht er an der gleichen Stelle die römische Kirche, soviel er
kann, und bestreitet, daß sie von Petrus gegründet wurde. Also wider-
spricht er offenkundig allen Alten.
Ebenso anerkennt er (IV, 13, § 9), daß in der frühen Kirche die Mön-
che sehr in Ehren gehalten wurden, besonders zur Zeit des Augustinus;
von ihm betont er, daß er „in seinem Buch ‚Von den Sitten der katholi-
schen Kirche‘ den Manichäern am meisten die ‚Heiligkeit des Lebens-
wandels‘ der Mönche vorgehalten habe. Und doch verachtet er (IV,13. §
10f) gleichzeitig die Mönche nicht weniger; und nicht nur die Mönche
unserer Zeit, sondern auch jene früheren, die Augustinus so sehr lobt; er
behauptet nämlich, in jener früheren Form der Mönche gebe es einiges,
was ihm mißfalle, nämlich ein übertriebener Eifer und eine ‚kakozelia‘
(falsche Nachahmung), und daß sie in der Kirche ein unnützes und ge-
fährliches Beispiel eingeführt hätten (IV,13, § 16).
In der Frage der Zeremonien der Taufe (IV,15, § 19) gibt er zwar zu,
daß sie ältesten Ursprungs sind, aber er fügt sofort hinzu: „Dennoch ist
es mir und allen Frommen erlaubt, es zurückzuweisen, daß die Men-
schen es gewagt haben, sie auf die Einsetzung durch Christus zurückzu-
führen.“ In der Frage des Altarssakramentes, das als Wegzehrung für
die Kranken aufbewahrt wird (IV,17,39), eine Frage von höchster Be-
deutung für die Bestätigung des Glaubens an die wirkliche Gegenwart
des Leibes des Herrn, macht er sich selbst den Einwand: „Die das tun,
haben nämlich dafür das Beispiel der frühen Kirche.“ Dann antwortet
er: „Ich gestehe aber, in einer so wichtigen Frage, in der ein Irrtum nicht
ohne große Gefahr ist, ist nichts sicherer, als der Wahrheit selbst zu
folgen.“ Als ob die frühe Kirche einem Irrtum gefolgt wäre! An anderer
Stelle spricht er von den Zeremonien der Messe (IV,17,43) und sagt:
„Wenn jemand solche Erfindungen mit ihrem Alter rechtfertigen will,
so weiß ich wohl, daß nicht lange nach der Zeit der Apostel das Abend-
mahl des Herrn bei dem gedeckten Rost gehalten wurde; aber das ist
natürlich eine Forderung des menschlichen Selbstvertrauens.“ Aber an
anderer Stelle (IV,18, § 8) gibt er zu, die alten Kirchenlehrer hätten das

284
Wort Messe „fast nur in der Mehrzahl“ gebraucht; und anderswo (IV,
18,11) sagt er: „Ich sehe auch, daß die Alten dieses Gedächtnis in einem
anderen Sinn verdreht haben, als es der Einsetzung durch den Herrn
entsprach.“ Und kurz darauf: „Ich halte dafür, sie sind nicht zu ent-
schuldigen, daß sie in der Handlungsweise gesündigt haben.“ Und wie-
derum: „Mit Recht kann sie jemand widerlegen, daß sie zu sehr in den
Schatten des Alten Testaments abgebogen sind.“ Um schließlich nicht
alles im einzelnen durchzugehen, was er in dieser Art geschrieben hat,
was fast endlos wäre, derselbe Calvin gibt zu, daß die Übung der Beichte
sehr alt ist, und trotzdem verachtet er sie.
Wenn die Mißachtung der Kirche und des Altertums das geeignetste
und sicherste Kennzeichen der Häresie ist, kann demnach niemand mehr
daran zweifeln, daß Luther und Calvin, so viele auch ihrer Anhänger
sind, am meisten von allen Häretiker sind; wie sehr haben sie, mehr als
alle übrigen früheren Häretiker, sowohl die Kirche als auch das ganze
Altertum verachtet.

Siebentes Kennzeichen der Häretiker:


die Neuerungssucht

§ 1.

Das siebente Merkmal der Häretiker ist, daß sie nicht nur das ganze
Altertum nicht ehren und achten, sondern auch mit größtem Eifer nach
Veränderung streben und trachten, soviel sie können. Auf sie trifft gut
der Satz des Vinzenz von Lerin zu: „Meide, sagt Paulus, unheiliges Ge-
schwätz von Neuerungen (1 Tim 6,20); sie anzunehmen und ihnen zu
folgen, war nie Sache der Katholiken, immer aber der Häretiker ... Das
gilt fast bei allen Häresien als üblich und rechtmäßig, daß sie stets un-
heilige Neuerungen lieben, das Altehrwürdige mißachten und durch
Streitfragen unter dem falschen Namen der Erkenntnis im Glauben Schiff-
bruch erleiden. Dagegen ist es den Katholiken allgemein eigen, die von
den heiligen Vätern überkommene Überlieferung zu bewahren und
unheilige Neuerungen zu verwerfen.“
Bei unseren Neuerern sehen wir aber, daß sie alles daransetzen, Neue-
rungen einzuführen und festzusetzen. Im Glauben sagen sie gegen die
Katholiken nichts, was neu ist oder wenigstens nur aus alten und über-
holten Irrlehren erneuert. Das geht offenkundig aus dem hervor, was

285
wir bisher gesagt haben, und genauer aus dem, was der berühmte und nie
genug gewürdigte Kardinal Bellarmin über diese Frage geschrieben hat.
Und was bedeutet es in der Tat, daß sie behaupten, die Kirche habe so
viele Jahrhunderte hindurch geirrt, anderes, als daß sie eine neue, der
alten Kirche völlig entgegengesetzte Lehre vortragen? Daher ist es ge-
kommen, daß die ganze Kirche vor Schreck zusammenfuhr, wie es die
Schafe und Lämmer zu tun pflegen, wenn sie den rasenden Wolf auf sich
zukommen sehen.
„Zuerst war ich allein“, sagt Luther (Jena I,1), „und der Ungeeignet-
ste und Ungelehrteste, um so große Dinge zu behandeln.“ Und kurz
darauf: „Alle Deutschen erwarteten gespannt den Ausgang einer so gro-
ßen Sache, an die vorher niemand, nicht einmal ein Bischof und Theo-
loge zu rühren gewagt hatte.“ Doch derselbe Luther sagt (VII,381) kurz
nach dem Anfang der ‚Verteidigung der Worte des Abendmahls‘, wo er
von den Sakramentariern spricht: „Nichts fördert diese Irrlehre mehr
als die Neuerung; denn wir Deutsche sind Menschen, die das, was neu
ist, lieben und begierig aufgreifen.“ Und in der ‚Antwort auf die Schmäh-
schrift des Königs von England‘ sagt er über die gleichen Sakramentari-
er (Wi II,492): „Bisher habe ich keine tödlicheren Feinde kennenge-
lernt als diese reizenden Brüder, Genossen und Freunde, die wir als
Lehrer der neuen Lehren wie Söhne genährt haben. Ich spreche von den
Sakramentariern und anderen Fanatikern. Sieh, welchen Dank sie uns
abstatten.“ Und etwas später: „Wir haben zunächst begonnen, die Frei-
heit und die Ehre Christi zu beanspruchen und zu wahren und gegen die
päpstliche Gewaltherrschaft vorzugehen. In diesem Kampf haben wir
vieles zur Heiligen Schrift entworfen. Hätten wir ihnen nicht den Weg
gewiesen, würden sie anscheinend noch nichts vom Evangelium begrei-
fen. Es hätte weit gefehlt, schätze ich, daß sie durch eigene Anstrengung
das päpstliche Joch hätten abschütteln können; oder wenn es etwa nicht
an Eifer fehlte, hätte es doch an Seelenstärke gefehlt. Denn damals, als
ich allein in der Schlacht stand, als ich mich allein den Pfeilen und
Blitzen des Kaisers und der Päpste entgegenstellen wollte, da waren sie,
sage ich, aus übergroßer Hochherzigkeit und Festigkeit stumm wie die
Frösche von Seriphos.8 Inzwischen war Luther, von allen verlassen, ge-
gen alle kämpfend, von niemand unterstützt, allein der Gefahr ausge-
setzt.“ Und etwas später: „So werde ich ebenso den Sakramentariern als
Papst wie den Papisten als Sakramentarier vorgeführt, während indes-
sen jene den Kirchen das Sakrament des Abendmahls des Herrn zu
entreißen versuchen wie diese Christus. Diese rühmen sich zwar, sie

286
würden allein Christus predigen, dessen Sakramente sie aber in der Kir-
che zu bloßen Zeichen und gleichsam zu Erkennungsmarken9 mach-
ten.“ Und einige Sätze weiter sagt er (Wi. II,493): „Das ist die Dankbar-
keit von Schweinen und Hunden; wenn ihnen jemand das Heilige und
Perlen hinwirft, wenden sie sich sogleich gegen den Wohltäter, überfal-
len und zerreißen ihn.“
Soweit Luther, der in der ‚Verteidigung der Worte des Abendmahls‘
(Wi. III,380) fast das gleiche sagt. Und an anderer Stelle (Wi. VII,502)
beklagt er sich, daß an vielen Orten falsche und neue Propheten auftra-
ten. Von einigen Straßburgern sei ihm angezeigt worden, daß von Karl-
stadt große Gerüchte und Aufregung über das Sakrament, über die Zer-
störung von Bildern und über die Taufe hervorgerufen wurde. In der
‚Verteidigung der Worte des Abendmahls‘ spricht er von neuem (Wi.
VII,387) von den Sakramentariern und sagt: „Diese einzige Sekte hat so
viele Meinungen wie Köpfe, die in der Hauptsache alle übereinstimmen
und jeder den Heiligen Geist im Mund führen. Dieser Heilige Geist
wird aber, wenn es darum geht, die Echtheit zu erweisen und die Funda-
mente zu legen, nicht nur als vielgestaltig gefunden, sondern auch als in
sich selbst widersprüchlich und unbeständig. Aus diesem Grund bin ich
überzeugt, der Heilige Geist wird offen zeigen, daß jeder von ihnen
irrt.“ Dann zählt er sieben verschiedene Ansichten der Sakramentarier
auf.
Aus all diesen Zeugnissen Luthers selbst wird schließlich doch deut-
lich, daß er selbst die Neuerung der Lehre in die Welt gesetzt hat. Er
rühmt sich ja voll Stolz, daß er am Anfang allein war und gegen alle
kämpfte. Er bestätigt auch, daß die Sakramentarier neue Lehren gesät
haben und daß sie aus ihm hervorgegangen sind, daß sie nicht bei ihm
stehen blieben, so daß er zwar ein Neuerer war, die anderen aber größe-
re Neuerer.
Wenn aber etwa jemandem das Zeugnis Luthers über die Sakramenta-
rier verdächtig scheinen könnte, hören wir, was sie selbst über sich sa-
gen. Theodor Beza preist in seinem französischen Vorwort10 die Lehre
seines Calvin über die Sakramente so hoch, daß er ihn sogar den Apo-
steln vorzuziehen scheint; dort schreibt er wörtlich: „Eines ist festzu-
stellen, wie klug sich besagter Calvin bei der Behandlung dieses Gegen-
standes verhalten hat, sowohl in seiner ‚Institution‘ wie in dem genann-
ten kleinen Büchlein; denn als er sah, daß der unselige Streit, der über
die Frage des Abendmahls ausgebrochen war, einen Brand entfachte,
der eine Spaltung unter den Kirchen zu bewirken drohte, da war sein

287
einziger Wunsch, ihn durch eine klare Darstellung des Gegenstandes zu
löschen, ohne sich an eine Person zu halten. Das hat er so gut und so
geschickt gemacht, daß nach Gott ihm die Ehre für die Lösung gebührt,
der dann alle Menschen mit gutem Urteil gefolgt sind.“ Also, Beza, hat
Calvin als einziger die Regel erkannt, richtig über die Eucharistie zu
denken? Alle bis Calvin haben die Kraft und Wirksamkeit dieses gro-
ßen Sakramentes nicht erkannt?
Du siehst also, mein Leser, wer du auch seist, wie sehr sich diese
Neuerer in ihren Neuerungen gefallen: Luther, weil er gewagt habe, was
nie irgendein Theologe oder Bischof gewagt hatte; Beza dagegen, weil
Calvin gefühlt und gelehrt habe, was nie ein anderer wußte. Wenn du
aber den Antrieb und die Kraft für die Neuerung in diesen Neuerern
deutlicher erkennen willst, wirst du sie leicht in ihren Schriften und
Taten finden. Sie haben gewiß einen neuen Kanon der Heiligen Schrift
herausgegeben, der entweder mehr oder weniger Bücher enthält, als im
Kanon irgendeines Konzils oder bei den alten Vätern zu finden ist; sie
haben die Heilige Schrift durch zahllose neue Versionen verdreht, wo-
bei niemand mit der Version des anderen zufrieden ist; sie haben die
Zahl der Sakramente auf eine neue Zahl, nämlich auf zwei beschränkt;
sie haben neue Riten der Spendung der Sakramente eingeführt; sie ha-
ben die kirchliche Hierarchie durch eine vollkommene Anarchie um-
geworfen; sie haben die Minister, d. h. Diakone neuer Art, über die
Priester und Bischöfe gestellt; die Bischöfe, die die Kirche immer und
vor allem in besonderen Ehren hielt, haben sie auf den letzten Platz
verwiesen. Doch nicht zufrieden mit so vielen Neuerungen, haben sie
auch den alten Namen schärfsten Kampf angesagt; davon wurden alle
diese: Kleriker, Bischöfe, Priester, vor allem verworfen. Messe und
Eucharistie haben sie in Abendmahl verändert, ein Name, der ganz welt-
lich ist; Altar in Tisch. Calvin hat sogar den Ausdruck ‚Verdienst‘ ganz
offen verworfen, der sehr alt ist, sehr heilig und von den frühesten Chris-
ten viel verwendet wurde. Luther hat den alten Ausdruck ‚freie Ent-
scheidung‘ in ‚knechtische Entscheidung‘ verwandelt; Calvin hat sie so-
gar mit der Bezeichnung der Anmaßung gebrandmarkt.
Doch wer wird nicht die ausgeprägteste Neuerungssucht bei Calvin deut-
licher erkennen, wenn er bei der Behandlung der Trinität und der Aus-
drücke ‚Person, Wesen, Wesensgleichheit‘ (Inst. I,12,5) sagt: „Sollen sie
doch begraben sein! Soll doch nur bei allen der Glaube feststehen: der
Vater, der Sohn und der (Heilige) Geist sind Gott.“ Und an anderer Stelle
(I,12,6) ändert er den Ausdruck ‚Person‘ in ‚Residenz‘, wenn wir den

288
älteren, vor allem den französischen Ausgaben seiner ‚Institutiones‘ fol-
gen, besonders der 1504 von Thomas Courteau besorgten. Das muß hin-
zugefügt werden, weil du in der letzten lateinischen Ausgabe von 1602
‚subsistentiam‘ statt ‚Person‘ finden wirst, nicht ‚residentiam‘. Wie ich
meine, geschah das deswegen, weil sich die Schüler Calvins, von den Un-
seren aufmerksam gemacht, dieser neuen Theologie schämten und es für
notwendig hielten, ihren Lehrer in dieser Weise zu korrigieren. Außer-
dem, während die alten Väter und die ganze Kirche immer verkünden,
daß die göttliche Wesenheit in den Personen besteht, sagte Calvin, sei es
aus sträflicher Unkenntnis, die man bei ihm hinlänglich gewohnt ist, oder
aus unglaublicher Neuerungssucht, von der er am meisten beherrscht war,
die Personen bestünden in der Wesenheit.
Schließlich sagt Luther (Jena II,407) über den Ausdruck ‚homo-usi-
on‘ (wesensgleich): „Es hilft nichts, daß du mir dieses ‚homo-usion‘
vorhältst, gegen die Arianer angenommen, von vielen, uzw. von den
Bedeutendsten nicht angenommen.“ Und etwas später sagt er, man müsse
den Vätern verzeihen, daß sie einmal einen profanen Ausdruck außer-
halb der Heiligen Schrift prägten, nämlich den, über den wir sprechen,
‚homo-usion‘. Und dann nach einigen weiteren Sätzen: „Wenn meine
Seele das Wort ‚homo-usion‘ haßt und ich nichts damit anfangen kann,
bin ich deswegen noch kein Häretiker; denn wer will mich zwingen, es
zu gebrauchen, wenn ich nur an der Sache festhalte, die vom Konzil
nach der Heiligen Schrift definiert wurde? Mögen die Arianer auch im
Glauben geirrt haben, so haben sie doch, in guter oder böser Absicht,
mit Recht gefordert, daß man in die Regeln des Glaubens keinen profa-
nen Ausdruck aufnehmen darf.“
Ich beschwöre dich, kannst du dir etwas Unverschämteres als diesen
Windbeutel vorstellen? Die katholischen Väter des Altertums kämpf-
ten fast 300 Jahre, um diesen Ausdruck ‚homo-usion‘ heilig zu halten,
durch dessen Verkündigung sich die Katholiken von den Häretikern
unterscheiden, und siehe, dieser Neuerer und Schwätzer erklärt ihn für
neu und profan! Deswegen ist es nicht verwunderlich, daß sich unter
seinen Schülern und Anhängern welche fanden, die äußerst ketzerisch
‚homo-usion‘ durch ‚homoiousion‘ (wesensähnlich) ersetzten. Das sind
wahrhaft würdige Schüler dieses Apostaten und Fahnenflüchtigen, der
das Konzil von Nicäa, das ehrwürdigste von allen, die je gehalten wur-
den, nach 1300 Jahren der Profanierung beschuldigt, den Arianern aber
frommen Eifer bescheinigt. Wie ganz anders sagte einst Hieronymus zu
Papst Damasus: „Ich beschwöre Eure Heiligkeit beim gekreuzigten Heil

289
der Welt, bei der ‚wesensgleichen‘ Dreifaltigkeit ...“ Von den heiligsten
Vätern war dieses ‚homo-usion‘ mit solcher Verehrung angenommen
worden, daß sie sich dessen beim Schwören bedienten. Es ist aber weni-
ger erstaunlich, daß die häretische Seele Luthers sich an diesem Aus-
druck stieß, denn wie Ambrosius treffend sagt, „haben die Väter dieses
Wort in die Abhandlung des Glaubens aufgenommen“, weil sie sahen,
daß es „den Gegnern ein Graus“ ist.

Von der äußeren Gestalt der Kirche,


die unsere Häretiker verändern.

§ 2.

Schließlich haben diese Neuerer auch in der äußeren Gestalt der Kir-
che Neuerungen vorgenommen. Ich rufe euch an, ihr Väter, hier nicht
als Lehrer und bedeutendste Interpreten der Heiligen Schrift, sondern
als zuverlässigste Zeugen der Verhältnisse in der Kirche zu der Zeit, als
ihr sie geleitet habt. Wenn sich die Gegner schon nicht scheuen, euch
unwissende und schwachsinnige Lehrer zu nennen (Inst. I,155f), dann
sollen sie wenigstens eure Worte und Schriften als die von treuen und
gediegenen Zeugen annehmen. Wie sollten sie dazu auch nicht verpflich-
tet sein, da sie zugeben, daß ihr gläubig und heilig gewesen seid? Außer-
dem werde ich, damit keine Möglichkeit für Ausflüchte bleibt, nur an-
führen, wovon feststeht, daß es in den erst 500 Jahren üblich war, zumal
Calvin (Inst. I,11,13), darin Luther folgend, uns auffordert: „Erinnern
wir uns an die ungefähr 500 Jahre, in denen die Religion noch mehr in
Blüte stand und die Lehre reiner war.“ Und von der Zeit des Augustinus
sagt er (IV,2,3) an anderer Stelle: „Es ist unbestritten, daß in der Lehre
vom Anfang bis zu dieser Zeit nichts geändert worden ist.“
Um also nicht endlos schreiben zu müssen, wenn wir nacheinander
bei den Vätern etwas unseren Gegenstand Betreffendes finden und es
aufzählen, wollen wir nur Augustinus hören, den Luther den besten Leh-
rer nach den Aposteln nennt, den Calvin als treuen Interpreten der Früh-
zeit anerkennt. Außerdem wollen wir von Augustinus nicht alles erör-
tern, sondern ein einziges Kapitel; das wird das 8. Kapitel im 22. Buch
vom ‚Gottesstaat‘ sein. Am Anfang dieses Kapitels wirst du sogleich
sehen, daß Augustinus selbst Zeuge war, wie in Mailand der große Am-

290
brosius im Traum dazu aufgefordert wurde, die Leiber der heiligen
Märtyrer Gervasius und Protasius auszugraben und aufzustellen, wie
das Volk zu diesem heiligen Unterpfand der Märtyrer zusammenström-
te, darunter ein Blinder, der nach der Berührung ihrer Reliquien wieder
sehen konnte.
Du wirst sehen, daß Augustinus selbst und Alypius damals noch nicht
Kleriker waren (das wird von Augustinus angegeben, weil die Kleriker
damals von den Laien unterschieden wurden); du wirst da auch den hl.
Saturninus, Bischof von Uzalum, finden, den Priester Gelosus und die
Diakone von Karthago; daß alle vom Bischof als dem Höheren den
Segen empfingen, weil damals ein Unterschied war zwischen dem Bi-
schof und den Priestern, zwischen dem Priester und den Diakonen, und
weil der Bischof als hoch über dem Priester stehend betrachtet wurde.
Deshalb wurde selbst zur Zeit des gleichen Augustinus Aerius von der
Kirche als Häretiker verurteilt, weil er behauptete, daß zwischen dem
Bischof und dem Priester kein Unterschied sei. „Das Recht, die Taufe
zu spenden, hat der höchste Priester, das ist der Bischof, dann die Pries-
ter und Diakone, aber nicht ohne Bevollmächtigung durch den Bischof.“
Das sind Worte Tertullians.
Du wirst Innocentia finden, eine fromme Frau in Karthago, die durch
das Zeichen des Kreuzes Christi Heilung von einem unheilbaren Krebs-
geschwür erlangte. Du wirst sehen, daß Hesperius von Fussale die Pries-
ter rief, damit sie sein Haus von den Angriffen der bösen Geister befrei-
ten. Du wirst auch sehen, daß einer von jenen Priestern, „der dort das
Opfer des Leibes Christi darbrachte“ (das sind genau die Worte des
Augustinus selbst), „nach Kräften betete, daß diese Plage aufhöre, und
durch Gottes Erbarmen hörte sie sogleich auf.“ Also wurde damals, als
die Kirche ganz rein war, wenn wir Augustinus glauben, das Opfer des
Leibes Christi von Priestern dargebracht.
Du wirst sehen, daß der gleiche Hesperius heilige Erde von Jerusa-
lem, wo Christus am dritten Tag auferstand, die ihm ein Freund brachte,
in seinem Zimmer aufbewahrte, damit auch ihm nichts Böses widerfah-
re. Als aber sein Haus von dieser Plage befreit war, wollte er die heilige
Erde nicht länger in seinem Zimmer behalten, und zwar aus keinem
anderen Grund als aus Ehrfurcht. Du wirst sehen, wie er die Bischöfe
bat, daß diese heilige Erde anderswo vergraben und dort eine Kirche
errichtet werde; und so geschah es. Du wirst auch sehen, daß der ge-
lähmte Rusticus in diese Kirche gebracht wurde und von dort sogleich
gesund auf seinen eigenen Füßen fortging.

291
Du wirst finden, daß ein vom Teufel besessener junger Mann zum
Grabmal der Märtyrer Gervasius und Protasius gebracht wurde, damit
er geheilt werde. Du wirst dort auch Nonnen die abendlichen Hymnen
und Gebete singen sehen. Du wirst auch sehen, wie ein Junge dort den
Altar umfaßte und auf die Fürbitte der Heiligen sein Auge geheilt wur-
de. Du wirst sehen, wie ein Mädchen, das unser Augustinus sehr gut
kannte, alsbald vom Dämon befreit wurde, als es sich mit Öl salbte, in
das die Tränen des Priesters tropften, der für sie betete (so sagt nämlich
Augustinus); ebenso ein anderer junger Mann auf die Gebete des Bi-
schofs hin. Also wurde schon damals Öl durch Gebete des Priesters
gesegnet, um die Dämonen zu bändigen und zu vertreiben.
Du wirst die erfreuliche Geschichte des greisen Schneiders Florenti-
us von Hippo lesen, der durch die Fürbitte der zwanzig Märtyrer Gott
um das Notwendige bat, sich zu nähren und zu kleiden. Als er vom
Gebet aufstand, sah er einen großen Fisch zappeln, den er dem Koch
Carchisus, einem Christen, für 300 Kreuzer verkaufte. Als aber der Koch
im Bauch des Fisches einen goldenen Ring fand, gab er von Mitleid
gerührt und vom Gewissen erschreckt den Fisch dem Florentius zurück
und sagte: „Schau, wie dich die zwanzig Märtyrer kleiden.“ Du wirst
auch junge Männer sehen, die sich über die Frömmigkeit des Florentius
lustig machen; man könnte meinen, es hätte schon damals Calviner oder
Lutheraner gegeben.
Du wirst sehen, wie der Bischof in Tiblis Reliquien des heiligen Mär-
tyrers Stephanus trug und eine große Menge ihm begegnete und folgte;
du wirst auch sehen, wie dort eine blinde Frau durch die Berührung der
Reliquien sehend wurde. Du wirst sehen, wie der Bischof Lucillus eben-
falls inmitten des Volkes Reliquien des hl. Stephanus als fromme Last
trug und von einer sehr lästigen Fistel befreit wurde, als er die heiligen
Reliquien berührte. Du wirst sehen, daß der Priester Hispanus bei den
Reliquien des gleichen Heiligen von einem alten Steinleiden geheilt
wurde; daß derselbe Priester, als er halbtot mit einer anderen Krankheit
darniederlag, wieder hergestellt wurde, als man eine Tunika von der
Gedenkstätte des Märtyrers brachte und ihm auflegte. Du wirst Martial
sehen, einen vornehmen Mann in vorgerücktem Alter, der aber eine
Abneigung gegen die christliche Religion hatte. Auf die Fürbitte des hl.
Stephanus und durch die Berührung mit Blumen vom Altar bekehrte er
sich, tat zur Verwunderung aller Buße und wurde von den Priestern
getauft. Solange er noch lebte, betete er oft mit den Worten des hl. Ste-
phanus (Apg 7,58): Christus, nimm meinen Geist auf.

292
Du wirst auch drei Gichtkranke finden, die durch den gleichen Märty-
rer geheilt wurden. Ebenso einen Knaben, der von einem Wagenrad
getroffen fast am Sterben war. Seine Mutter riß ihn an sich und trug ihn
sogleich zur selben Gedenkstätte, wo er nicht nur wieder auflebte, son-
dern sogar unverletzt schien. Du wirst auch eine Nonne sehen, die unter
einem sehr schweren Kummer litt; als sie verzweifelte, wurde ihr Kleid
zur gleichen Gedenkstätte gebracht. Die Leidende starb inzwischen,
aber als man ihren Leichnam mit dem zurückgebrachten Kleid bedeck-
te, kehrte sie ins Leben zurück. Ebenso und auf gleiche Weise erging es
der Tochter des Syrers Bassus. Du wirst sehen, daß der Sohn des Irenäus
nach dem Tod mit dem Öl des Märtyrers gesalbt und wiederbelebt wur-
de; daß das entseelte Knäblein Eleusinus auf den Gedenkstein des Mär-
tyrers gelegt wurde und nach einem Gebet lebendig aufstand. Du wirst
sehen, wie Paulus und Pauladia, ein armseliges Paar, die durch den
Fluch der Mutter von einem Zittern der Glieder geschüttelt wurden, an
der Gedenkstätte des gleichen Märtyrers geheilt wurden. Und Augusti-
nus selbst, der von höherer Warte aus predigt und die ihm anvertrauten
Schafe zum Lob Gottes und zur Danksagung auffordert. Er schließt
dieses bedeutende Kapitel mit den Worten: „Was erfüllte die Herzen
der Frohlockenden anderes als der Glaube an Christus, für den das Blut
des Stephanus vergossen wurde?“
Wer kann daher schon fragen oder zweifeln, ob die Kirche jener Zei-
ten die gleiche ist wie die römisch-katholische dieses Jahrhunderts?
Oder ist sie heute nicht dieselbe, wie wir sagen und fühlen? Schau auf
die Gestalt und beachte die Züge, die Augustinus so sorgfältig schon in
diesem einzigen Kapitel gezeichnet hat. Bemerkst du nicht das Opfer
des Leibes Christi, den Altar, die Weihe der Kirche, Nonnen, die Weihe
des Öls, ebenso den bischöflichen Segen, daß man die Leiber der Heili-
gen, die durch so viele Wunder berühmt sind, schätzte, und ihre Grab-
mäler in den Kirchen? Hast du nicht gehört, daß eine Frau durch das
Kreuzzeichen geheilt wurde, daß der Arme durch die Anrufung der
Heiligen gekleidet wurde, daß man die heilige Erde in Ehren hielt, daß
Reliquien unter Ehrungen herumgetragen wurden, und das von Bischö-
fen, daß die Nonnen Hymnen und Gebete sangen?
Was gibt es, frage ich, in den Synagogen Calvins und Luthers Ähnli-
ches, die das alles verspotten, als hätte es sich durch Mißbrauch und
Aberglauben in den letzten Jahrhunderten in die Kirche Gottes einge-
schlichen? Die Kirche war doch damals rein, war heilig und sogar nach
dem Geständnis dieser Schwätzer noch durch keinerlei verkehrte Lehre

293
entstellt. Daher muß man sich wundern, daß nicht alle Lutheraner und
Calviner durch dieses einzige Kapitel besiegt und überzeugt sind, wenn
sie weder Luther und Calvin für Lügner halten, die zugeben, daß die
Kirche zur Zeit des Augustinus rein war, noch Augustinus für einen
Lügner, der das oben Gesagte alles als ganz wahr und sicher berichtet.
Seid ihr nicht zu aufrichtig gewesen, Luther und Calvin, als ihr uns
zugestanden habt, daß die Kirche Gottes in den ersten 500 Jahren durch
keine Irrtümer oder Mißbräuche entstellt war? Was ist denn für uns leich-
ter, als nachzuweisen, daß die Väter jener Jahrhunderte alles geglaubt
haben, was wir heute glauben und worüber wir mit euch diskutieren? Das
haben die erlauchten Kardinäle nachgewiesen, die großen Leuchten und
Zierden unseres Jahrhunderts, Baronius in den ‚Kirchlichen Annalen‘
und Bellarmin in den ‚Kontroversen‘, so daß ihr nicht länger zweifeln
könnt. Ihr hättet es ja bezweifeln können, wenn auch fälschlich und un-
verschämt wie alles übrige; denn wer nicht nur einmal sondern so oft die
Grenzen der Zurückhaltung überschritten hat, der mußte redlich und
männlich unverschämt sein. Betrachtet euch also durch euer Bekenntnis
als besiegt. Denn was sind das für Reformatoren, guter Gott, die alle diese
Übungen, Ausstattungen und Handlungen der reinen und heiligen Kir-
che als unheilig verachteten und verwarfen! Muß man sie nicht wahrheits-
gemäßer als Deformatoren bezeichnen? Müssen nicht alle sie als taktlose
und unverschämte Neuerer betrachten, auspfeifen und mißbilligen? Tref-
fend sagte schon einst Tertullian: „Wir pflegen vor den Häretikern der
Kürze wegen als vor Neuankömmlingen zu warnen.“ Warum sollten wir
daher nicht auch vor den unseren warnen?

Achtes Kennzeichen der Häretiker:


der Geist der Uneinigkeit

§ 1.

Das achte Merkmal aller Häresien ist der Geist der Uneinigkeit; denn
wie der Apostel (1 Kor 14,33) sagt, ist Gott nicht der Gott der Uneinig-
keit, sondern des Friedens. Daher pflegen wir zu sagen, den Häretikern
ist es eigen, zu zerstreuen, wie es den Katholiken eigen ist, zu sammeln.
Christus ist ja gekommen, um die verstreuten Schafe in eins zu sammeln
(Joh 11,52). Ebenso beschreibt der Apostel Judas (19) die Häretiker
mit den Worten: Das sind jene, die untereinander gespalten sind.

294
Wer sieht denn schon nicht, welche Uneinigkeit unter den Häretikern
unserer Zeit herrscht? Luther nennt die Sakramentarier offen Häretiker;
die Sakramentarier tun dasselbe mit den Lutheranern und Wiedertäu-
fern; die Wiedertäufer mit den Trinitariern, die Trinitarier mit den An-
glo-Calvinern, die Anglo-Calviner mit den Puritanern, und umgekehrt.
Doch als ein Beispiel für alle soll Luther genügen, der in seinem Buch
gegen die Sakramentarier (Wi. VII,379) nicht obenhin, sondern ex pro-
fesso nachweist, daß in den zwei vorhergehenden Jahren sieben grundver-
schiedene und häretische Auslegungen aufgetaucht waren von den Wor-
ten (Mt 26,26): Nehmt und eßt, das ist mein Leib. Nachdem er sechs
aufgezählt hat, fügt er hinzu: „Außer diesen kommen andere dazu, damit
die Zahl sieben voll wird; sie behaupten, das sei kein Glaubensartikel,
daher sei jeder frei, hier zu denken, was er will. Sie treten alles mit Füßen
und zerstören es. Gleichwohl ist der Heilige Geist in jedem von ihnen
und keiner will des Irrtums bezichtigt werden bei diesen so verschiede-
nen und gegensätzlichen Prüfungen und Anordnungen des Textes, wäh-
rend doch notwendiger Weise nur eine Auffassung richtig sein kann. So
krass und offenkundig rümpft der Teufel die Nase über uns.“ Sieh doch,
wie fein und deutlich der erzürnte Mann sich selbst und die Seinen be-
schreibt, während er die anderen zu beschreiben und zu rupfen glaubt!
Und in der Antwort auf die ‚Schmähschrift des Königs von England‘
(Wi. II,492) schreibt er: „Ich bitte, beachtet doch die harten Bedingun-
gen, unter denen ich diese Kämpfe führe. Ich habe den Krieg nach außen
geführt, habe offen mit den Papisten gekämpft. Inzwischen überfallen
die verbündeten Soldaten, unsere Brüder, daheim das Vaterland, verwü-
sten alles mit Eisen und Feuer, halten eine grausame und fürchterliche
Schlägerei unter den eigenen Bürgern.“ Und etwas später sagt er über
Karlstadt oder Zwingli: „Mein Abschalom, der seinen Vater seines Rei-
ches und der Ehre beraubt und ihn verstößt; mein Judas, der sowohl
seinen Herrn verraten als auch die Schar der ergebenen Jünger zerstreut
hat; sie haben dasselbe noch nicht auch gegen mich geplant.“
Aber die schönste Stelle von allen ist jene, wo Luther nach einigen
Worten (493) alle seine Gegner zum Kampf gegen ihn auffordert: „So
kommt denn alle, ihr sektiererischen Papisten, ihr Helfershelfer und
Anhänger Satans, die ganze Heerschar des teuflischen Haufens, verei-
nigt einmütig eure Kräfte. Führt eure Scharen herbei; in gedrängter
Schlachtreihe werdet ihr Luther allein gegenüberstehen. Papisten, ord-
net die Schlachtreihe; die Sakramentarier, die Wiedertäufer werden
angreifen“, etc. Sehr treffend stellt er die Sakramentarier und Wieder-

295
täufer hinter seinem Rücken auf, nicht nur weil sie seine Anhänger
waren, sondern auch vom gleichen Ausgangspunkt und auf dem glei-
chen Weg kamen. Sie stehen zwar alle gegen die katholische Kirche,
aber untereinander streitend und kämpfend: Ich will Ägypter gegen Ägyp-
ter anrennen lassen, spricht der Herr (Jes 19,2). Wie Luther selbst an
anderer Stelle (Wi. II,291) von den Midianitern sagt, hat Gott es so
eingerichtet, daß sich die Gottlosen stets selbst bekämpfen und daß die
Lügen nicht übereinstimmen, sondern sich immer selbst verraten. So
sagte der hl. Hilarius einst zu Recht und zutreffend: „Der Krieg zwi-
schen den Häretikern bedeutet Frieden für die Kirche.“

Die Häretiker unserer Zeit sind vom Geist


der Uneinigkeit beherrscht

§ 2.

Die Häretiker unserer Zeit sind aber nicht nur unter sich uneins, son-
dern auch vom Geist der Uneinigkeit beherrscht, wie wir schon gesagt
haben. Sie haben ja alles weggenommen, was die Köpfe der Vielen zur
Einigung oder zur Einheit des Geistes und des Glaubens zurückführen
könnte. Bei ihnen gibt es keinen übergeordneten Lehrstuhl, an den sich
die ganze Kirche wenden kann, wie Irenäus sagte; jeder maßt sich den
Richterstab an; sie verachten die Autorität der Konzile, die vor allem
den Nutzen hat, daß sie die auseinanderstrebenden Meinungen durch
den gegenseitigen Beitrag der Katholiken zur Übereinstimmung brin-
gen. Wie können sie also übereinstimmen, wenn sie alle Wege zur Über-
einstimmung versperrt haben?
Nun ist aber, sagen sie, die Heilige Schrift der einzige Weg, recht zu
denken und übereinzustimmen. Wenn wir alle auf ihn bedacht sind,
werden wir leicht übereinstimmen; so schreien sie nämlich. Doch wer
sieht nicht die krummen Windungen der alten Schlange? Denn um fast
nichts anderes als um die Heilige Schrift geht der Streit. Und welcher
von den Häretikern, wenn du den einen oder anderen ausnimmst, hat je
anders als unter dem Vorwand der Schrift den Krieg geführt und die
Massen gegen die Kirche Gottes aufgestachelt? Alle Häretiker sind ge-
wohnt zu schreien: Wort des Herrn! Wort des Herrn! und dabei die
Schrift durch die Schrift zu untergraben, d. h. den lebendigmachenden
Geist durch den toten Buchstaben auszulöschen (vgl. 2 Kor 3,6; 1 Thess

296
5,19). Weil die Heilige Schrift allerdings einen mehrfachen Sinn hat,
sucht sich jeder seinen eigenen heraus und verficht ihn, bildet seine
eigene Häresie und Sekte.
Insofern sagt Augustinus: „Die gute Heilige Schrift wird nicht gut ver-
standen“; und Hilarius: „Im Verständnis liegt die Häresie; und den Sinn,
nicht das Wort trifft die Anklage“; und Hieronymus: „Die Heilige Schrift
besteht nicht im Lesen, sondern im Verstehen“; und an anderer Stelle:
„Der Teufel spricht Schriftworte; und nach Ezechiel (13,18) nähen sich
alle Häresien aus ihnen ‚Kissen‘ zusammen, die sie jedem Alter zum Schla-
fen unterlegen.“ Doch am offensten und passendsten sagt es Vinzenz von
Lerin, von dem man meinen kann, er wollte die Sitten und Geister der
Häretiker unserer Zeit beschreiben: „Lies die Schriften des Paulus von
Samosata, des Priscillianus, Eunomius, Jovianian und der anderen Seu-
chen“ (weder die Lutheraner noch die Calviner selbst leugnen jedoch,
daß sie alle Häretiker waren): „du wirst einen endlosen Haufen von Bei-
spielen sehen und fast keine Seite ausgelassen, die nicht mit Sentenzen
des Alten oder Neuen Testaments geschmückt und gefärbt wäre.“ Und
etwas später: „Was ist das Kleid der Schafe anderes als die Aussprüche
der Propheten und Apostel? Und was sind die reißenden Wölfe anderes
als die wilden und rasenden Auslegungen der Häretiker?“
Folglich ist die Heilige Schrift allein nicht geeignet für die Überein-
stimmung und Einheit der Gläubigen, sondern bedarf eines Interpreten,
der ihren Sinn im gleichen Geist erschließt, in dem sie geschrieben und
geoffenbart wurde. Ein solcher Interpret kann niemand anders sein als
die Kirche, die Säule und Grundfeste der Wahrheit (1 Tim 3,15), deren
Autorität es immer zukam, die Irrlehren und die Irrlehrer zu beurteilen
und zu verurteilen. Wer daher behauptet, die Kirche könne irren, trägt
notwendig den Geist der Uneinigkeit in die Geister und hebt geradezu
die Gewißheit des Glaubens auf. Gerade das aber tun alle Häretiker und
haben es immer getan, nie aber durch ein einleuchtenderes Beispiel, als
die Häretiker unserer Zeit geliefert haben, die diese vier Worte des Evan-
geliums: Das ist mein Leib in so verschiedenem und widersprüchlichem
Sinn verstanden haben, daß Luther schon zu seiner Zeit sieben ganz ver-
schiedene Auslegungen beobachtete, wie wir weiter oben sagten.
Als er sah, daß die Sakramentarier unverschämt mit der Heiligen
Schrift prahlten, sagt er (Wi. VII,380b): „ Das Schlimmste dabei ist: der
Teufel ist uns mit seiner Schlauheit und Macht weit überlegen; überall
kämpft er und leistet Widerstand. Wenn wir unsere Zuflucht zur Heili-
gen Schrift nehmen, ist er sogar da und entfacht in ihr solchen Streit und

297
solche Uneinigkeit, daß wir ihrer demnächst überdrüssig werden, der
Heiligen Schrift lässiger zustimmen und vertrauen. Und gerade da muß
man immer gegen ihn kämpfen.“ Und etwas später sagt er vom Satan:
„Er wird in der Heiligen Schrift so viel und so große Verwirrung und
Parteien schaffen, daß du nicht weißt, wo die Heilige Schrift, der Glau-
be, Christus ist, wo du selbst stehst.“ Und dann sagt er zur selben Frage
an der gleichen Stelle: „Obwohl der Teufel von uns ablassen muß, hat er
doch seine Künste nicht vergessen: denn ganz heimlich hat er in unsere
Reihen Unkraut gesät, d. h. falsche Brüder. Sie haben unsere Lehren
und Worte angenommen, nicht in der Absicht, uns in der Verbreitung
der Heiligen Schrift zu unterstützen, sondern während wir in vorderster
Front kämpfen, unser Heer vom Rücken her anzugreifen, die Massen
aufzustacheln und wütend gegen uns zu kämpfen.“ Und etwas später:
„Er wird nicht ablassen; je weiter die Entwicklung fortschreitet, um so
mehr Glaubensartikel wird er auch angreifen. Schon jetzt flackern seine
Augen von Irrtümern über die Taufe, die Erbsünde und die Menschheit
Christi; darüber gibt es so viel Streit in der Heiligen Schrift, entsteht so
viel Uneinigkeit, erheben sich so viele Sekten, daß wir wahrhaftig mit
Paulus (2 Thess 2,7) behaupten können, daß jetzt das Geheimnis der
Bosheit am Werk ist.“
So hat er auch selbst vorausgesehen, daß nach ihm viele Sekten entste-
hen würden: „Wenn diese Weltordnung noch einige Jahre dauert, wird
man nach der Art der Väter wieder nach menschlichen Mitteln suchen,
um die Streitigkeiten zu beenden; man wird Gesetze und Dekrete erlas-
sen, um die Einigkeit in der Religion wiederherzustellen und zu wah-
ren. Das wird allerdings auf einen ähnlichen Erfolg hinauskommen wie
der frühere.“ Und etwas später erklärt er, was diese menschlichen Mit-
tel sind, um Streitigkeiten zu beenden, und sagt, das seien Konzile. Und
kurz vorher, wo er von den Sakramentariern und ihrer Häresie spricht,
sagt er (S. 380b): „Auf dieser Seite hat er (Satan) ungefähr zehn Löcher
gemacht und sich Ausflüchte geschaffen, so daß ich kaum von einer
entstellteren Irrlehre gelesen habe. Sie hatte von allem Anfang an so
viele ungleiche Sekten und uneinige Meinungen wie Köpfe, die den-
noch auf das gleiche Ziel ausgerichtet sind, nämlich Christus zu verfol-
gen.“ Soweit Luther.
Daraus siehst du: 1. daß er die Sakramentarier als Häretiker und als
die abscheulichsten von allen Häretikern betrachtete; 2. daß sie alle
unverschämt die Heilige Schrift vorschützen; 3. daß die Heilige Schrift
allein eine solche Menge von Streitigkeiten nicht schlichten kann; 4.

298
daß Konzile der einzige Weg zur Übereinstimmung sind; 5. daß es bei
den Vätern üblich war, Konzile zu halten: daß das alles sehr wahr ist,
obwohl von einem Lügner vorgebracht, der zu lügen gewohnt ist. Damit
er sich jedoch auch darin als Häretiker erweise, lügt er kräftig, wenn er
die Konzile ein „menschliches“ Mittel nennt. Sie sind doch ein göttli-
ches, nicht ein menschliches Mittel; sie leiten ihre Dekrete ein mit den
Worten: Es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen (Apg 15,28). Oder
wenn sie lediglich ein menschliches Mittel wären, ich bitte euch, wo
gibt es dann ein göttliches? Und wenn es irgendein anderes göttliches
gibt, warum bemüht sich Luther so sehr, daß er nicht gezwungen sei,
menschliche Mittel zu suchen, wenn er andere, göttliche haben kann?
Und das, obwohl er selbst nicht zweifelt, daß sie besser und sicherer
sind als menschliche? Kann denn einer wirklich meinen, der allgütige
und erhabene Gott hätte keines geschaffen, das folglich ganz göttlich ist,
um die Einheit und den Frieden seiner ganzen Kirche zu bewahren?

Neuntes Kennzeichen der Häretiker:


der Geist der Rechthaberei

§ 1.

Das neunte Merkmal der Häretiker ist der Geist der Streitsucht, des
Stolzes, der Anmaßung und des Starrsinns; denn so beschreibt der hl.
Judas im kanonischen Brief (11f) ihre Haltung: Wehe ihnen; sie wan-
deln auf dem Weg Kains; sie geben sich aus Gewinnsucht dem Irrtum
Bileams hin und kommen in der Empörung Korachs um. Sie sind Wolken
ohne Wasser, die vom Wind dahingetrieben werden, wilde Meereswogen,
die ihren Unrat ausspeien, Irrsterne. Sie sind unzufriedene Nörgler, die
nach ihren Wünschen vorgehen, und ihr Mund führt freche Reden. Und
der hl. Paulus (1 Kor 11,16) sagt: Will einer durchaus recht behalten, wir
haben diese Gewohnheit nicht, auch die Kirche Gottes nicht. Daher defi-
niert der hl. Augustinus den Häretiker zu Recht als einen, der „die Hei-
lige Schrift nicht richtig versteht und gegen ihren wahren Sinn auf sei-
nen falschen Auffassungen besteht.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Irr-
lehren entstehen nur, wenn die gute Heilige Schrift nicht recht verstan-
den wird und das, was in ihr falsch verstanden wurde, auch noch unbe-
sonnen und frech behauptet wird.“ Und wieder an anderer Stelle: „Jene,

299
die in der Kirche etwas Ungesundes und Verkehrtes denken und, wenn sie
zurechtgewiesen werden, damit sie gesund und recht denken, hartnäckig
Widerstand leisten und ihre vergiftenden Ansichten nicht verbessern
wollen, sondern sie weiter verteidigen, die werden Häretiker.“
Wie groß nun die Anmaßung und der Stolz der Häretiker unserer Zeit
sind, das wird durch ihren Vater Luther deutlich, wenn wir seine eige-
nen Worte hören. In der Antwort auf die ‚Schmähschrift des Königs von
England‘ (Wi. II,493) schreibt er wörtlich: „Daher möchte ich ohne
Anmaßung freimütig sagen, daß von mir die Heilige Schrift wieder so
gereinigt, so erläutert wurde, daß sie während tausend Jahren weder
klarer noch vielen verständlicher war.“ Und etwas später: „Mir ist es
gleichgültig, ob mir nun auch die ganze Welt anhängt, ob sie mich wie-
der in Stich läßt; beides will ich mit Gleichmut hinnehmen, denn wer
hat mich am Anfang unterstützt, als ich allein war?“ Und an anderer
Stelle (Jena II, 520) rühmt er sich und den Geist der Hartnäckigkeit in
erstaunlicher Weise: „Das sind die Waffen“, sagt er, „mit denen die
Häretiker heute siegen: Feuer und Wut der abgeschmacktesten Esel
und thomistischen Schweine. Doch sollen diese Schweine nur fortfah-
ren und mich verbrennen, wenn sie es wagen! Hier bin ich und erwarte
sie. Allein durch die Asche, auch wenn sie in tausend Meere gestreut
wird, werde ich nach dem Tod fortfahren und dieses abscheuliche Pack
verabscheuen. Mit einem Wort: lebendig bin ich der Feind des Papst-
tums, verbrannt werde ich doppelt sein Feind sein. Tut, was ihr könnt,
ihr thomistischen Schweine: Luther wird euch wie ein Bär und eine
Löwin im Weg sein; überall wird er euch entgegentreten und keinen
Frieden lassen, bis er euren eisernen Nacken und eure eherne Stirn
zermalmt hat, sei es zum Heil oder zum Verderben. Nun reicht es, daß
ich bisher so viel Geduld verschwendet habe. Wenn ihr weiterhin ver-
härtet und verblendet die Hörner aufstellt und aus eigenem Willen un-
verbesserlich und unbezähmbar seid, soll künftig niemand von mir er-
warten, daß ich das Ungeheuer beweine und etwas Freundliches und
Schmeichelhaftes über euch sage. Ich will nämlich, daß ihr mehr und
mehr gereizt werdet, bis ihr alle Kraft und allen Zorn verspritzt habt
und in euch selbst zusammensinkt. Wer als erster den anderen bezähmt,
sei selbst der Sieger. Wie ihr wollt, soll es geschehen.“ Und im gleichen
Buch (Jena II,523): „Wir gehören nicht dem Papst, sondern der Papst
gehört uns. Es steht uns zu, nicht von ihm gerichtet zu werden, sondern
ihn zu richten, denn der Geisterfüllte wird von niemandem gerichtet und
er richtet selbst (1 Kor 2,15) alle.“

300
Und wieder an anderer Stelle (Jena I,1) sagt er: „Andererseits kam
mir die Volksgunst zugute und die Deutschen erwarteten schwanken-
den Geistes den Ausgang einer so bedeutenden Sache, an die vorher
niemand, nicht einmal ein Bischof noch ein Theologe, zu rühren gewagt
hatte.“ Du wirst schließlich auf Schritt und Tritt sehen, wie dieses Unge-
heuer sich mit erstaunlichen Lobsprüchen überhebt und nur Anma-
ßung und Unverschämtheit daherschwätzt. Das leugnet er selbst nicht,
denn einem Freund antwortete er (Wi. III,356) in einem Brief: „Mit
Recht ermahnst du mich zur Bescheidenheit; ich fühle es selbst, aber
ich bin meiner nicht mächtig, ich werde fortgerissen, ich weiß nicht, von
welchem Geist. Obwohl ich mir nicht bewußt bin, jemand übel zu wol-
len, bedrängen sie mich wahrhaftig ganz wütend, so daß ich den Gegner
nicht genügend achte.“
Wir wollen aber vorzüglich an zwei von unzähligen Beispielen, die
man anführen könnte, zeigen, wie groß der Geist der Rechthaberei und
des Starrsinns in Luther ist. Das erste stammt aus dem Brief, den er an
die Straßburger schrieb, in dem er (Wi. VII,502) von den Sakramentari-
ern sagt: „Ich kann und will nicht in Abrede stellen, wenn mir Karlstadt
oder irgendein anderer vor fünf Jahren hätte beweisen können, daß im
Sakrament der Eucharistie außer Brot und Wein nichts sei, hätte er
mich zu großem Dienst gegen ihn verpflichtet. Mit großer Sorgfalt und
unter Anspannung aller Nerven habe ich mich nämlich ängstlich sehr
bemüht, diesen Gegenstand zu untersuchen, und habe versucht, mich
loszumachen und herauszuwinden, da ich mir ganz klar darüber war,
daß ich vor allem damit dem Papsttum sehr zusetzen konnte. Ich bin
wahrhaftig gebunden, es bleibt kein Ausweg.“ Und etwas später (S. 502b):
„Wenn selbst heute jemand mich durch ein sicheres Zeugnis der Heili-
gen Schrift glauben machen könnte, im Sakrament sei nichts außer Brot
und Wein, wäre es doch nicht nötig, mich so heftigen Geistes anzugrei-
fen; denn o Schmerz, ich neige mehr als billig nach dieser Seite, als ich
nach meiner Adamsnatur wahrnehmen kann.“ Ich beschwöre euch, was
gibt es Streitsüchtigeres als solche Sinnesart, die nicht sucht, was wahr
ist oder falsch, sondern wie er selbst sagt, was dem Papsttum oder der
Kirche zusetzen kann, die nicht aus Liebe zur Wahrheit forscht, son-
dern aus Haß gegen das Papsttum?
Das andere, noch deutlichere Beispiel kann einer anderen Stelle (Jena
II,269) entnommen werden, wo er von der Messe spricht und sagt: „Was
sollen wir also zum Kanon und zur Autorität der Väter sagen? Ich ant-
worte erstens: Wenn man nichts zu sagen hat, ist es sicherer, alles zu

301
leugnen, als die Messe zuzugeben ...“ Was heißt denn das anderes, als
um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Recht oder Unrecht seine Mei-
nung behaupten zu wollen und das Wort des Dichters (Horaz) zu be-
wahrheiten: ‚Handle gut, wenn du kannst; wenn nicht, tu etwas auf ir-
gendeine Weise.‘
Über Zwingli, Karlstadt, Ökolampadius, Calvin, die Väter der Sakra-
mentarier und Söhne Luthers, können wir doch kein würdigeres und si-
chereres und weniger verdächtiges Zeugnis beibringen als das Luthers
selbst. Er bestätigt (Wi. II,492), daß sie wie Abschalom nach dem Reich
und Ruhm des Vaters begierig ihre Irrlehren aufstellten. Er spricht zwar
nicht ausdrücklich von Calvin, der zu Lebzeiten Luthers nicht so berüch-
tigt war und keinen großen Namen hatte; aber paßt nicht auch auf Calvin
sehr gut, was er von den anderen Häuptern der Sakramentarier sagte? Er
war ja um so anmaßender, als er der Zeit nach später als sie war. Wenn
also Karlstadt anmaßend war und Zwingli, die dem Vater Luther wider-
sprachen, so war gewiß jener noch anmaßender, der auch Luther und
Zwingli und allen Christen aller Zeiten widersprach. Doch was kannst du
dir Unverschämteres vorstellen, als daß Calvin zu verkünden gewagt hat,
alle Väter seien dem Irrtum verfallen oder hätten anmaßend gesprochen?
Und ebenso was Anmaßenderes als Beza, der nur Calvin die Ehre der
rechten Auffassung und der Entdeckung der Wahrheit über das Geheim-
nis der Eucharistie zuschreibt, so als hätte überhaupt kein Sterblicher vor
Calvins Zeiten richtig über das Sakrament gedacht? Doch ich bitte dich,
wenn Beza am Schluß der Lebensbeschreibung Calvins, die er geschrie-
ben hat, die Worte des Elischa anführt, der Elija hinweggerafft und in den
Himmel erhoben sah: Mein Vater, mein Vater, Israels Wagen und Lenker
(2 Kön 2,11f), was will er damit in Anspruch nehmen, als daß man Calvin
für Elija und ihn für Elischa halte?

§ 2.

Von der Auslegung der Heiligen Schrift

Dieser Geist der Anmaßung und des Starrsinns kann aber noch deut-
licher enthüllt werden, wenn wir diese Neuerer disputieren hören. So
soll z. B. gefragt werden, ob die Werke der Liebe rechtfertigen. Sie wer-
den es bestreiten. Was werden sie antworten, wenn du ihnen die Worte

302
aus dem Brief des hl. Jakobus (2,14-26) entgegenhältst? Luther (Jena
II,14f) wird ausrufen: „Wenn irgendetwas wahnwitzig ist, dann ist das
wahnwitzig“, und man müsse eher den Brief des Apostels verwerfen, als
zuzugeben, daß die Rechtfertigung aus der Liebe hervorgehe. Was spricht
denn aus dieser Antwort, wenn nicht Frechheit und Hartnäckigkeit?
Calvin dagegen wird antworten, die Worte des Jakobus bezögen sich
nicht auf die Rechtfertigung, sondern auf die Offenbarung der Recht-
fertigung. Wenn du erwiderst, die Worte des Jakobus könnten diese Aus-
legung nicht zulassen, weil er versichert, daß die Rechtfertigung sowohl
aus dem Glauben als auch aus den Werken stammt, dann wird er den-
noch auf seiner Meinung beharren und alle Katholiken für besiegt und
der schlechten Auslegung überführt erklären (Inst. III,17, § 8ff). Aber
wer soll Richter sein? Die Heilige Schrift, sagt er. Nun betrifft aber
unsere Meinungsverschiedenheit gerade die Heilige Schrift, die offen-
kundig auf unserer Seite steht; der Apostel schreibt ja: die Rechtferti-
gung, nicht die Offenbarung der Rechtfertigung. Wenn du also darauf
bestehst, gehen wir zu den Vätern, den Konzilen, zur Kirche. Das ist gut,
sagt er, wenn sie nach der Regel der Heiligen Schrift sprechen.
Siehst du den Starrsinn nicht? Er fordert Schriftstellen; wir geben sie;
er verdreht sie durch eine schiefe Auslegung, wir halten dawider die
wahre und wirkliche, die aus der eigenen Kraft und Bedeutung der Wor-
te selbst hervorgeht; er läßt sie nicht zu. Die Frage ist, wer sie richtiger
vorlegt; es geht ja nicht an, daß jemand in seinem Verfahren Zeuge und
Richter ist. Er beruft sich auf die Heilige Schrift, um nicht besiegt zu
erscheinen und bei den Alten und bei der Masse Eindruck zu machen.
Wer sieht hier nicht die Kreise der Frechheit und des Starrsinns? Mit
einem Wort, er will, daß man auf ihn hört und ihm allein Glauben
schenkt. Wenn du fragst, ob er auf die alten Väter und die Konzile hören
will, sagt er: „Ich werde auf sie hören, wenn sie nach der Regel der
Heiligen Schrift sprechen.“ Sie werden entscheiden, sage ich; wirst du
dich an ihren Spruch halten? Ich werde mich daran halten, sagt er, doch
nur, wenn ich sie vorher geprüft habe (Inst. IV,9, § 8.12). Wer aber hat
dich zu ihrem Richter bestellt? Gerade danach fragen wir ja: Warum
sollte es dir mehr zustehen, ihre Entscheidung und Auslegung zu unter-
suchen, als ihnen und uns, die deine; und wer soll bei gleichem Recht
für alle Richter sein? Denn wenn sie sich bei der Auslegung irrten, weil
sie Menschen waren, wie du einwendest, wieso sollst nicht auch du dich
irren? Bist etwa du nicht auch ein Mensch [oder gar ein Tier]? Ich glau-
be nämlich nicht, daß du ein Engel bist oder ein Gott oder irgendetwas

303
Unbeseeltes. Davon hängt die Schlußfolgerung ab. Und sogleich wen-
det die Schlange den Kopf sich selbst zu: weil ich nach der Heiligen
Schrift auslegen werde, sagt er. Guter Gott, gerade danach fragen wir
doch, wer die Heilige Schrift richtiger auslegt.
Was willst du machen mit den Gottlosen, die stets im Kreis gehen (Ps
12,9) und immer wieder dahin zurückkehren, von wo du sie so oft ver-
jagt hast? Gibt es einen unverschämteren Starrsinn, als sich nicht an die
Entscheidung der Kirche, der Väter, der Konzile halten zu wollen? Was
wird denn das Ende eines so wichtigen Streites sein, wenn es keinen
gibt, der den Streit schlichten kann, und der nicht die Autorität besitzt,
ihn schließlich zu beenden? Dann wird die Streitsucht ohne Zweifel
unsterblich sein. Jeder wohlbestellte Staat hat seine Gesetze, und sie
sind gut und unverletzlich. Wenn sie jedoch dem Gutdünken der Strei-
tenden ausgeliefert würden, wäre des Streitens nie ein Ende, während
jeder sich auf seine Klugheit verläßt und in seinem Sinnen nicht nur
überreich ist (Röm 14,5), sondern auch darin schwelgt. Daher kommt
die Notwendigkeit von Richtern in weltlichen Dingen, aber viel mehr
von Konzilen in der Kirche Gottes. Denn wenn es keinen Richter gäbe,
gegen den es keinen Einspruch mehr gibt, würde die Verkehrtheit und
Sucht der Streitenden dazu führen, daß weder ein Ende des Streitens
noch des Einspruchs gefunden wird.
Als Beispiel diene Luther selbst. Zuerst legte er gegen den Legaten
des Apostolischen Stuhles Berufung beim Apostolischen Stuhl ein (Jena
I,65); als er dann vom Apostolischen Stuhl verurteilt wurde, hat er sich
da still verhalten und beruhigt? Keines von beiden, sondern kühner
geworden legte er wieder Berufung an das Konzil ein. Doch würdest du
zustimmen, Luther, wenn das Konzil einen Spruch gegen dich fällte?
Ich unterscheide, sagt er: wenn es nach der Schrift entscheidet, werde
ich zustimmen; wenn nicht, werde ich alles bestreiten (I,86,143). Wer
aber, erwidere ich, wird beurteilen, ob das Konzil den Spruch gemäß
der Schrift gefällt hat? Ich, sagt er, denn der geisterfüllte Mensch beurteilt
alles (1 Kor 2,15). Du wirst also vom Konzil und von der Übereinstim-
mung des ganzen Erdkreises an dich selbst und an dich als einzelnen
Berufung einlegen? So wird der wahnwitzige Kopf Luthers zum höch-
sten Richter göttlichen und menschlichen Rechts eingesetzt, um fein
oder unfein über Böses das Urteil zu sprechen.
Und was wir von Luther gesagt haben, scheint in gleicher Weise von
allen übrigen Häretikern zu gelten. Daher haben sie ja den Namen Hä-
retiker bekommen, weil sie die Auslegung der Heiligen Schrift für sich

304
aussuchen. Wenn sie finden, daß sie mit den Konzilen und der Kirche
übereinstimmt, verteidigen sie diese nicht mit der Autorität der Kirche
oder Konzile, sondern mit ihrer eigenen Meinung; wenn sie sehen, daß
sie im Widerspruch (zur Kirche) steht, halten sie an ihr trotzdem gegen
die Autorität der Kirche und der Konzile fest.

§ 3.

Von der Anrufung der Heiligen nach dem hl. Augustinus

Ähnlich wird der Ausgang sein, wenn es sich um die Autorität irgend-
eines Kirchenvaters handelt. Stelle dir vor, daß gefragt wird, ob der hl.
Augustinus der Auffassung ist, daß man die Heiligen anrufen soll. Wir
führen die Stelle aus seinen Kommentaren zum Buch Exodus an, wo er
offen sagt, daß „auf das Gebet der Märtyrer hin Gott die Sünden seines
Volkes vergibt.“ Wir führen auch die oben zitierte Stelle an, wo er aus-
drücklich bezeugt, daß auf die Fürbitte des hl. Stephanus mehrere ge-
heilt oder ihnen geholfen wurde. Und wir führen an, was ebenfalls Au-
gustinus an anderer Stelle schreibt, daß „die Seelen der Verstorbenen
dem Gebet der Märtyrer empfohlen werden an ihren Orten, d. h. an
Orten, die durch den Namen und das Andenken der Märtyrer ehrwür-
dig sind, wo ihr Leib begraben ist.“ Was haben dazu diese Schwätzer zu
sagen, um davonzukommen? Nichts anderes als, das sei nicht mit Ab-
sicht gesagt, sondern in der Eile und ohne Aufmerksamkeit. Doch füh-
ren wir noch eine weitere, deutlichere Stelle an, wo er selbst den hl.
Cyprian anruft mit folgender Beteuerung seines Begehrens: „Er komme
uns mit seinen Gebeten zu Hilfe, damit der Herr uns verleihe, das Gute
an ihm nachzuahmen, soviel wir können.“ Das ist zu wenig, sagen sie,
weil er sich nicht lange bei solchen Bitten aufhält. Was kann denn selbst
der geduldigste Mensch mit ihnen noch anfangen?
Führen wir indessen noch eine andere Stelle an, um ihnen zu genügen.
Dort ruft Augustinus nicht nur nebenbei, sondern in einem langen und
wiederholten Gebet einen Heiligen an, der im Himmel herrscht; sie steht
in der zweiten Predigt über die Verkündigung: „Heilige Maria“, sagt er,
„erwirke uns durch dein Gebet Vergebung unserer Schuld, trag unsere
Gebete in das Heiligtum der Erhörung und bring uns die Gegengabe der
Versöhnung. Durch dich werde der Vergebung würdig, was wir durch
dich vortragen; es werde erreichbar, was wir gläubigen Sinnes erbitten.

305
Nimm an, was wir darbringen, erwirke uns, was wir erbitten, entschuldi-
ge, was wir befürchten, weil du die einzige Hoffnung der Sünder bist.
Durch dich hoffen wir auf Nachlaß der Sünden und auf dir, Allerseligste,
beruht die Erwartung unseres Lohnes. Heilige Maria, komm den Elenden
zu Hilfe, hilf den Kleinmütigen, ermuntere die Klagenden; bitte für das
Volk, tritt für den Klerus ein, leg Fürsprache ein für die gottgeweihten
Frauen. Mögen alle deinen Beistand erfahren, die dein heiliges Gedächt-
nis feiern. Steh bereitwillig den Wünschen der Bittenden bei und verhilf
allen zur erwünschten Wirkung. Laß es dir angelegen sein, unablässig für
das Volk Gottes zu beten, Gebenedeite, die gewürdigt wurde, den Erlöser
der Welt zu tragen, der lebt und herrscht in alle Ewigkeit.“
Erwartet oder verlangt ihr etwa noch, soweit ihr Lutheraner und Cal-
viner seid, daß wir noch etwas Deutlicheres anführen? Wir gestehen
freimütig, daß wir es nicht haben und es uns nicht vorstellen können,
auch wenn ihr uns das Recht und die Erlaubnis geben wolltet, die wir
nicht verlangen, es uns nach freiem Ermessen vorzustellen. Aber was
werdet ihr antworten? Die Predigt ist nicht von Augustinus, sagen sie.
Wenn du fragst, warum, dann sagen sie: weil sie nicht nach dem Geist
des Augustinus schmeckt. Doch wem schmeckt sie nicht, dir oder mir?
Was wird es denn noch geben, was man nicht einfach bestreiten kann,
wenn diese Art, die Autorität der Väter zu verwerfen, zugelassen wird?
Denn wenn sie nach dem Belieben der Streitenden untersucht würden,
können auch die deutlichsten Stellen für die Widersprechenden nie-
mals schmackhaft genug sein. Das ist allerdings etwas, was wir nicht
ungern denen verzeihen, die so töricht über die Schriften der Väter
spotten, da sie es mit der Heiligen Schrift selbst ebenso machen und sie
nur nach ihrem Geschmack annehmen und zurückweisen. Denn was
konnte Luther dazu bewegen, den Jakobusbrief zu verdammen? „Weil
er nicht nach apostolischem Geist schmeckt“, sagt er. Warum verurteilt
Calvin die Makkabäerbücher? Weil sie nicht nach göttlichem Geist
schmecken (Inst. I,6f; III,5, § 8), sagt er. Soll also das Manna, weil es
den Aufrührern und Frechen nicht nach Brot vom Himmel schmeckt
(Ex 16,20), deswegen nicht mehr Manna und Brot vom Himmel sein?
Wird die Sonne für uns nicht scheinen, weil sie für die Nachteule nicht
scheint? Wenn dem so wäre, dann wäre es um die ganze Heilige Schrift
geschehen, wie unser gelehrter Augustinus einst gegen Faustus argu-
mentierte, der in der gewohnten Überheblichkeit der Häretiker die Stel-
len der Heiligen Schrift, durch die er in die Enge getrieben wurde, als
nicht echt, sondern als gefälscht bezeichnete.

306
Ich habe einen der ersten Prädikanten von Genf getroffen, der auffal-
lend gegen die Fürsprache der Heiligen tobte, obwohl sie nicht nur
durch die Autorität der Heiligen Schrift, sondern auch durch die der
Väter erwiesen ist. Er sagte schließlich, er sei bereit zuzustimmen, wenn
nachgewiesen werde, daß Augustinus an irgendeiner Stelle die seligste
Jungfrau angerufen hat. Da führte der Katholik die oben zitierte Stelle
an und fragte den Prädikanten: „Was sagst du dazu, großer Lehrer?“ Der
schien zunächst unschlüssig und erstaunt, faßte sich aber schnell, als
habe er etwas Großes und Erlesenes zu sagen, damit du in seinem Ge-
sicht leicht den größten Reformator der Kirche erkennen kannst, und
sagte: „Das ist ein Muttermal an einem schönen Leib.“ Was sollte der
bedauernswerte Katholik mit diesem Windbeutel anderes machen, als
den Herrn bitten, daß er ihm das nicht als Sünde anrechne, weil er nicht
wußte, was er sagte und was er tat? [Geh du nur ins Verderben mit
diesen deinen Muttermalen und Possen!] Hättest du nicht richtiger sa-
gen können, das sei ein Muttermal an der Auffassung deines Calvin, der
ohne Grund die Fürsprache der seligsten Jungfrau und aller Heiligen
verwirft? Nichts spricht ja dagegen, daß ein Muttermal an einem verun-
stalteten Leib sei, um ihn um so häßlicher zu machen, als es einen Leib
lieblicher macht, der schön ist.
Unsere Häretiker gefallen sich ferner in ihrem Starrsinn sehr darin,
wenn sie in den Büchern der Väter irgendeine Sentenz entdecken, die
auf den ersten Blick und dem Anschein nach für sie günstig zu sein
scheint. Das ist und war immer allen Häretikern gemeinsam, wie schon
früher unser Vinzenz von Lerin bemerkte: „Wenn sie eine Irrlehre un-
ter fremdem Namen aufzustellen beabsichtigen“, sagt er, „suchen sie
meistens die Schriften irgendeines früheren Mannes zu übernehmen,
die etwas unverständlicher abgefaßt sind, die wegen der eigenen Dun-
kelheit mit ihrer Lehre irgendwie übereinstimmen, damit sie scheinbar
nicht als erste und nicht als einzige denken, was immer sie verkünden,
was es auch sei.“ An diese Handlungsweise hat sich auch unser braver
Prädikant gehalten, von dem ich eben gesprochen habe. Er hat so vielen
überaus klaren Stellen des Augustinus, die wir schon zitiert haben, eine
Stelle entgegengesetzt, an der Augustinus von Christus spricht und sagt:
„Er ist selbst der Priester, der in das Innere des Zeltes eingetreten ist, als
einziger von denen, die im Fleisch lebten, und bittet für uns (vgl. Hebr
9,12; 7,25).“ So wollte also der scharfsinnige Lehrer Augustinus mit
Augustinus streitend auftreten lassen und hat nicht gesehen, daß Augu-
stinus an dieser Stelle von keiner anderen Fürbitte spricht als der, die

307
durch die Erlösung geschieht, was die vorausgehenden und nachfolgen-
den Sätze dieser Stelle ganz offenkundig zeigen. Wenn auch diese Kunst
der Fälschung in den Schriften der Väter allen Häretikern gemeinsam
ist, haben sie doch die Calviner beinahe zu ihrer eigenen gemacht; sie
zeichnen sich darin so sehr aus, wie aus der Zusammenkunft des er-
lauchten Kardinals und Bischofs von Evreux mit jenem Armseligen
deutlich wird,11 den zu nennen man sich schämt [oder er selbst, daß er
sich nicht schämt, nach so vielen und so großen Irrlehren und sogar
Fälschungen noch zu leben], die in Gegenwart des erlauchtesten christ-
lichen Königs selbst und vor einer überaus glänzenden Zuhörerschaft
aus ganz Frankreich aufgedeckt und widerlegt wurden.

§ 4.

Von der Fürsprache der Heiligen

Doch fügen wir diesen Merkmalen des Starrsinns ein anderes hinzu,
das mit dem obigen verwandt, aber doch von ihm verschieden ist: daß
unsere Neuerer ‚Nörgler‘ sind, wie der heilige Apostel Judas (16) sagte,
und rechthaberisch, wie Paulus (1 Kor 11,16) sagt; soviel du auch auf
ihre Argumente antwortest, du wirst sie doch nie zufriedenstellen. So
wahr ist, was Augustinus schon damals sagte, daß sie überführt, aber
nicht besiegt werden können.12 Als Beispiel in dieser Frage diene, was
wir kurz vorher (§ 3) über die Fürsprache der Heiligen gesagt haben.
Sie wenden ein: wenn wir die Heiligen anrufen, stellen wir Christus
Gefährten und Helfer an die Seite (Inst. III,20, § 21.27). Wir antworten
jedoch ganz eindeutig, daß wir weder Gott, zu dem wir beten, Helfer an
die Seite stellen, von dem wir ja hinreichend wissen, daß er keine Helfer
braucht, um Barmherzigkeit zu üben, noch Christus, durch den wir be-
ten, weil wir seine Fürsprache beim Vater anerkennen; wohl aber uns
selbst, die wir beten, deren Gebete und Bitten durch die Bitten unserer
Brüder unterstützt werden, am meisten aber durch die frommer und
heiliger Männer, damit sie von Gott durch Christus allein erhört wer-
den. Daher anerkennen wir die Heiligen nicht eigentlich als Mittler in
dem Sinn, als ob sie zwischen Gott und uns stünden wie Christus, der
wirklich die Mitte ist, da er nämlich beide Naturen, die Gottes und die
der Menschen besitzt, weil er sowohl der Sohn Gottes als auch der Sohn
eines Menschen ist. Wir rufen aber die Heiligen an, damit sie uns Mit-

308
Beter seien durch den einen Herrn Jesus Christus. Begreifen wir doch,
daß sie Christus wohlgefälliger sind als wir und ihm gewissermaßen
näher, da sie ja schon in der Herrlichkeit sind; deshalb haben die meis-
ten der Alten sie Mittler genannt, nicht aus dem Grund, warum Christus
Mittler genannt wird, der wirklich in der mathematischen Mitte steht,
wenn ich so sagen darf; vielleicht wie einer, der dem anderen näher
steht, wenn auch mit sehr kleinem Abstand, Mitte genannt wird zwi-
schen ihm und jenem, von dem er weiter entfernt ist. So sagen wir ja, daß
mitten zwischen uns und der Sonne unsere Sonnenschirme und Zelte
sind, obwohl sie nicht nur nicht in der Mitte sind, sondern auch mit uns
in großer Entfernung (von der Sonne). Wenn sich einer durch diese
Antwort nicht zufriedengestellt glaubt, ich bitte euch, für welches Geis-
tes kann der gehalten werden, außer eines dreisten und streitsüchtigen?
Es soll genügen, statt vieler Beispiele dieses eine angeführt zu haben,
denn das Ziel unseres Plans erlaubt nicht, bei mehreren zu verweilen.
Dennoch kann ich einen bezeichnenden Ausspruch Luthers nicht aus-
lassen. Die katholische Kirche lehrt und hat immer gelehrt, jeder from-
me und christliche Mann muß sich vor der Exkommunikation hüten,
selbst wenn sie ungerecht ist, als ob sie, wenn sie auch nicht unmittelbar
den Verlust des ewigen Heiles bedeutet, so doch ganz offenkundig die
Gefahr enthält, ihn herbeizuführen. Um der Kirche zu widersprechen,
schrieb er (Jena II,305), die Christen lehrten, daß sie die Exkommuni-
kation eher liebten als fürchteten. Wozu sollte aber diese ruchlose Be-
hauptung dienen, wenn nicht dazu, dem Verlangen nach dem Wider-
sprechen zu genügen, von dem der unglückselige Mann überströmte?

Zehntes Kennzeichen:
Vom Geist der Lästerung, der Frechheit,
der Verhöhnung und Verleumdung

Das zehnte Kennzeichen der Häresie ist Lästerung und Frechheit, der
Geist des Spottes und der Verleumdung. ‚Spötter‘ nennt sie der hl. Judas
in seinem Brief (18); und der hl. Bernhard sagte von den Häretikern
seiner Zeit: „ Seht die Verleumder, seht die Hunde. Sie verspotten uns,
weil wir Kinder taufen, weil wir für die Verstorbenen beten, weil wir um
die Fürsprache der Heiligen bitten.“
Es bedarf keiner großen Untersuchung, um zu beweisen, daß die Lu-

309
theraner und unsere Calviner in diesem Geist handeln. Denn was Lu-
ther betrifft, hat er seine Sache so mutwillig und schmähsüchtig ver-
folgt, daß Beza sich nicht scheute, ihm deswegen zu grollen. Doch was
brauchen wir das Zeugnis Bezas? Wir haben das Geständnis des Schul-
digen selbst, daß er zügellos schreibe und handle und in einer Weise, die
einem Menschen ziemt, der seiner nicht mächtig ist, wie er selbst (Wi.
III,456) sagt. Aber, guter Gott, wie zügellos geht er mit dem Papst um,
mit dem König von England, mit dem ganzen Stand der Bischöfe, mit
den Universitäten von Paris und Löwen! Fast die geringste Schmähung,
mit der er um sich wirft, ist die, daß er sie Schweine, Esel, tölpelhafte
Anhänger Satans und anderes dieser Art nennt; und das so oft und so
scharf. Wenn du aus seinen Werken alle Schmähungen entfernst, wirst
du die acht Bände seiner Schriften leicht auf einen reduzieren.
Wenn aber jemand an ihren Lästerungen und an ihrem Geist des Spot-
tes zweifelt, so lese er doch, wenn es erlaubt ist, welches Spiel Luther
mit den Theologen von Paris trieb, ebenso Beza mit Passavantius. Er
wird sich wahrlich wundern über den Unverstand und die Armseligkeit
jener, die solche Menschen für Reformatoren der Kirche, für Wieder-
hersteller der Frömmigkeit und Religion hielten und noch halten. Ich
fühle mich dennoch gedrängt, eine Stelle aus Calvin (Inst. IV,7,27) vor-
zulegen, an der er mit sich selbst kämpft, damit er nicht unverschämter
oder unvernünftiger werde beim Ersinnen von Verdrehungen und Schmä-
hungen: „Wenn wir auf Menschen zu sprechen kommen“, sagt er, „ist
hinreichend bekannt, welche Stellvertreter Christi wir vorfinden wer-
den. Julius und Leo, Clemens und Paulus werden natürlich die Säulen
des christlichen Glaubens und die hauptsächlichen Interpreten der Re-
ligion sein, die von Christus nichts anderes hielten, als was sie in der
Schule des Lucianus gelernt haben. Doch wozu zähle ich drei oder vier
Päpste auf? Als ob es einen Zweifel daran gäbe, zu welcher Religion
sich die Päpste schon seit langem mit dem ganzen Kardinalskollegium
bekannt haben und heute bekennen? Denn das erste Kapitel jener gehei-
men Theologie, die unter ihnen vorherrscht, heißt, daß es keinen Gott
gebe; das zweite, was über Christus geschrieben wurde und gelehrt wird,
sei alles Lüge und Fabeln. Obwohl das allen sehr bekannt ist, die Rom
kennen, hören dennoch die römischen Theologen nicht auf“, etc. Ich
bitte euch, wer schämte sich nicht über diesen giftigen Lügner und Be-
trüger? Doch um seine Unverschämtheit unerträglich zu machen, versi-
chert er an der gleichen Stelle (§ 29), er spreche nicht von Menschen,
sondern von der römischen Cathedra. So können wir ihm mit Recht

310
jene Worte des Augustinus vorhalten, die wir oben zitiert haben: „Was
hat dir die Cathedra Petri getan?“
Sie sind aber nicht damit zufrieden, die streitende Kirche Gottes mit
so vielen Schmähungen zu überhäufen; das schien ihnen zu wenig, wenn
sie die Pfeile ihrer Lästerungen nicht gleichzeitig auch auf die Bürger
der triumphierenden Kirche abschossen. Höre Calvin (Inst. III,20,27):
„Wir folgern, daß die Papisten Christus nichts überlassen; sie halten
seine Fürsprache für nichtig, wenn nicht Georg, Hippolyth oder ähnli-
che Gespenster hinzukommen.“ Und anderswo (III,20,21) lügt er ganz
unverschämt und unterstellt den Katholiken, „in allen ihren Litaneien,
Hymnen und Sequenzen, in denen den toten Heiligen nur Ehre darge-
bracht wird, erwähnen sie Christus überhaupt nicht“. Luther greift aber
an einer bestimmten Stelle (Jena II,410b) Thomas von Aquin außeror-
dentlich an, so daß er sich nicht schämt zu behaupten, er sei wahrschein-
lich verdammt. Mit einem Wort, sie lassen nichts im Himmel und auf
Erden unangetastet; es wäre auch nicht gerecht, wenn sie den Doctor
angelicus geschont hätten, die weder die Engel noch Gott verschonten.

IV.

Die Anfänge der Häresien unserer Zeit

§ 1.

Ferner haben alle Häresien das gemeinsam, daß sie einen niedrigen und
abscheulichen Ursprung haben. (Von da her kommt das berühmte Wort
des hl. Hieronymus: Die Irrlehren auf ihren Ursprung zurückführen be-
deutet, sie verachten). Sehen wir deshalb nun, im Sinn eines Nachtrags,
welch vornehmen Ursprungs sich die Häresien unserer Zeit rühmen.
Alle führen ihn auf Luther zurück; er war der erste von allen und
überhaupt ihr Urheber. Das bestätigt in der Tat Luther selbst (Jena I,1):
„Am Anfang war ich allein“, sagt er, „und gewiß der Ungeschickteste
und Ungeeignetste, so große Dinge zu behandeln.“ Und Beza sagt in den
‚Icones‘13 von Luther, er sei erweckt worden, damit er das Licht des
Evangeliums aus der dichtesten Finsternis hervorhole. Und wenn auch
weder Luther noch Beza es bestätigten, wäre doch jener tiefste Friede
hinreichend bezeugt, dessen die Kirche sich erfreute, als Luther ihr den

311
Krieg erklärte und plötzlich alle Stände zu ihm aufgerufen wurden,
sobald er auftrat. Luther rechnet es sich ja zur Ehre an, daß er der erste
und der einzige war, der die Massen aufgerufen hat; denn er beglück-
wünscht sich selbst, daß „die Deutschen schwankenden Geistes abwar-
teten“, welchen Ausgang der Streit nehmen würde, den er selbst ent-
fachte und, sagt er, „an den vorher keiner, weder ein Bischof noch ein
Theologe, zu rühren gewagt hatte“. Und er schätzt diesen häretischen
Ruhm so hoch, daß er es als Beleidigung betrachtet hätte, wenn jemals
gesagt würde, er habe seine Auffassung von anderen gelernt. Als viele
meinten, er sei Hussit, verwahrte er sich selbst dagegen (Jena II,308)
und rief aus: „Die mich einen Hussiten nennen, tun das zu Unrecht,
denn er stimmt nicht mit mir überein. Wenn er ein Häretiker war, bin
ich zehnmal mehr ein Häretiker, weil er viel Unwichtigeres und viel
weniger gesagt hat als ich.“
Doch sehen wir, auf welchen Wegen und durch welchen Genius er zu
dieser Neuerung der Lehre gekommen ist. Das eine steht sicher fest, daß
er das Ganze nicht auf göttliche Anregung unternommen hat (obwohl
er an anderer Stelle – Wi. II,305 – sagt, er sei von Gott berufen, wie alle
Häretiker sich zu brüsten pflegen), sondern auf menschlichen und gera-
dezu fleischlichen Antrieb: „Zufällig“, sagt er (Jena I,1), „nicht gewollt
und absichtlich bin ich in diese Streitigkeiten geraten; ich rufe Gott
zum Zeugen an.“ Was gibt es denn so Widersprüchliches wie das, daß er
meint, auf göttliche Anregung sei geschehen, was zufällig geschah? Oder
was ist offenkundiger, als daß sich dieser Apostat den oben zitierten
Worten zufolge nicht in die friedliche Predigt des Evangeliums, son-
dern in Streitereien gestürzt hat? Das bestätigt in der Tat nicht nur er
selbst, sondern auch Philipp Melanchton, ein vorzüglicher Lutheraner:
„Das waren die Anfänge dieser Kontroverse“, sagt er (Wi. II,6), „in
denen Luther noch nichts ahnte oder träumte von der künftigen Ände-
rung der Riten, ja nicht einmal die Ablässe ganz und gar verwarf, son-
dern nur dringend Mäßigung forderte. Daher“, sagt er, beschuldigen
„ihn jene zu Unrecht, die behaupten, er hätte sie aus einem stichhaltigen
Grund angezettelt, um nachher den Staat zu verändern und für sich oder
andere die Macht zu ergreifen.“
Ferner waren die ersten Anstöße und Eingebungen, die Luther dazu
führten, die katholische Lehre zu verlassen, reine und gröbste Blasphe-
mien; er schreibt ja (Jena I,2) selbst von sich: „Ich haßte das Wort ‚Ge-
rechtigkeit Gottes‘; nach dem Brauch und der Gewohnheit aller Dokto-
ren war ich gelehrt worden, sie philosophisch als formelle und tätige

312
Gerechtigkeit Gottes aufzufassen, durch die Gott gerecht ist und die
Sünder und Ungerechten bestraft.“ Und etwas später sagt er: „Ich liebte
den gerechten Gott nicht, der die Sünder bestraft, ja haßte ihn sogar; in
stummer, wenn nicht blasphemischer, so gewiß ungeheurer Auflehnung
war ich über Gott empört.“ Und an anderer Stelle (Wi. VI,412) sagt er
in der Auslegung der Stelle bei Paulus (Röm 1,16f): Die Gerechtigkeit
Gottes wird enthüllt im Evangelium, alle Kirchenlehrer außer Augusti-
nus hätten sie von der strafenden Gerechtigkeit Gottes verstanden; dann
fügt er hinzu: „Sooft ich diese Stelle las, wünschte ich immer, Gott hätte
das Evangelium nie geoffenbart. Wer könnte denn einen zürnenden,
richtenden, verdammenden Gott lieben?“ Und wieder an anderer Stelle
(Wi. VI,632b) sagt er: „Früher, als ich das Psalmwort (Ps 31,2) lesen
und beten mußte: In deiner Gerechtigkeit mache mich frei, war ich ganz
entsetzt und haßte dieses Wort von ganzem Herzen.“ Und etwas später:
„Hier haben wahrlich alle Väter, Augustinus, Ambrosius etc., gefaselt
und ihm gewissermaßen ein Ärgernis aufgedrängt.“ Von diesem Haß
gegen den zürnenden und gerechten Gott kam er zur Überlegung, durch
die er seinen rechtfertigenden Glauben gefunden zu haben behauptet:
„Dann fühlte ich mich wie neu geboren“, sagt er (Jena I,2), „und durch
offene Tore in das Paradies selbst eingetreten. Hier zeigte sich mir so-
gleich ein anderes Gesicht der Heiligen Schrift.“
In all dem habe ich stets folgendes vor allem für bemerkenswert ge-
halten: Erstens daß Luthers Neuerung ihren Ursprung im Gotteshaß
genommen hat, der schwersten aller Sünden. Das war eine wahrhaft
würdige Quelle, die so viele Bäche der Irrlehren sich ergießen ließ.
Das zweite ist, daß Luther nicht zur Besinnung kam, als er die Irrlehre
hervorgerufen hatte, sondern in diesem furchtbaren Haß verharrte:
„Denn wer könnte einen zürnenden, richtenden, verdammenden Gott
lieben?“ sagt er. Mit diesen Worten bekennt er nicht nur, daß er Gott
gehaßt hat, sondern auch, daß er ihn nicht hatte lieben können und nicht
könne. So denkt jedoch nicht jener, der (Ps 11) freudig singt: Der Herr ist
gerecht, er liebt die Gerechtigkeit; sein Gesicht sah die Redlichkeit; und
an anderer Stelle (Ps 72,1): Gott, gib dein Gericht dem König und deine
Gerechtigkeit dem Königssohn. Und dann ruft er von jedem Gerechten
(Ps 58,11) aus: Der Gerechte freut sich, wenn er die Vergeltung sieht; er
wird seine Hände im Blut des Sünders waschen.
Das dritte ist, daß Luther seine überaus grobe Unwissenheit verrät,
wenn er behauptet, alle Kirchenlehrer außer Augustinus hätten die Pau-
lusstelle im Römerbrief von der strafenden Gerechtigkeit Gottes ver-

313
standen; denn wenn ich Chrysostomus und Theodoret übergehe, der hl.
Thomas und Nikolaus von Lyra, der allen zugänglich ist, haben jeden-
falls die Stelle offenkundig interpretiert von der Gerechtigkeit, durch
die Gott uns rechtfertigt; gleichwohl ist auch die gegenteilige Ausle-
gung nicht völlig zu verwerfen.
Das vierte ist, daß Luther seine Unverschämtheit zeigt, wenn er be-
hauptet, die zitierte Psalmstelle sei von keinem der Katholiken und
Väter verstanden worden von der Gerechtigkeit, durch die Gott uns
rechtfertigt; denn Augustinus selbst, Nikolaus von Lyra und die Glossa
ordinaria interpretieren sie ausdrücklich so: In deiner Gerechtigkeit
mache mich frei, das heißt: weil ich durch meine Gerechtigkeit, die
keine ist, nicht befreit werden kann, verlange ich sehr, durch die deine
befreit zu werden, guter Gott. Gleichwohl bemerkt die Glossa ordina-
ria klug, was diese Stelle betrifft, diese Auslegung sei eher moralisch,
während dem Buchstaben nach der Psalmist von der richtenden Ge-
rechtigkeit Gottes spricht, als wollte er sagen: Da du gerecht bist, Herr,
entreiß mich und befreie mich aus den Händen meiner Verfolger, die
mich ungerecht bedrängen und verfolgen. Doch zur Sache.
Nachdem Luther diesen Anfang seiner Lehre gemacht hatte, hat er,
was folgerichtig war, vieles durch Heuchelei und Lüge unternommen,
um seine Irrlehre aufrecht zu erhalten. Er hat ja selbst dem römischen
Papst lange Zeit geschmeichelt, und als er ungerecht gegen den König
von England geschrieben hatte, schickte er ihm nachher einen Brief
(Wi. II,488), in dem er den Geist des Königs durch Schmeicheleien und
Beschönigungen zu besänftigen versuchte, indem er folgendermaßen
schrieb: „Ich bin mir bewußt, daß Eure Majestät zutiefst gekränkt sein
muß durch mein Büchlein, das ich töricht und übereilt verfaßt habe.“
Und etwas später schreibt er: „Mit tiefer Scham erfüllt fürchte ich jetzt,
meine Augen vor Eurer Majestät zu erheben, der ich mich aus Leicht-
sinn gegen einen so guten und großen König aufbringen ließ, zumal ich
nur Bodensatz und ein Wurm bin, der nur mit Verachtung bestraft und
übergangen zu werden verdiente.“ Dann bittet er zu Füßen des Königs
hingestreckt um Vergebung und verspricht einen Widerruf, wenn der
König das wünsche. Doch kurze Zeit später, als der König von England
ihm von neuem geschrieben hatte, griff er (Wi. II,489f) den König mit
viel grimmigeren Schmähungen erneut an, bedauerte, den Brief geschrie-
ben zu haben, tat nicht das geringste, um seine Heuchelei zu entschuldi-
gen, durch die er einen Widerruf versprochen hatte, und erklärte, er
habe jenen Brief geschrieben, um den König zur Annahme seiner Häre-

314
sie zu verlocken. „Ganz trunken von dieser Überzeugung habe ich diese
Abbitte ausgesprochen und jenen unglückseligen Bittbrief geschrieben,
den diese Schweine schmählich behandeln und zerreißen.“ Und kurz
darauf (490b) sagt er, er habe den gleichen Kunstgriff angewendet beim
Herzog Georg von Sachsen; und nach einigen Worten verkündet er, es
reue ihn nicht, diese List angewandt zu haben, als hätte er alles getan,
um das Evangelium zu verbreiten, und er schämt sich nicht, solche Täu-
schung und Heuchelei einen frommen und ehrenhaften Eifer zu nen-
nen. Wahrhaftig ein frommer Mann, der glaubt, der Fromme diene auch
durch die Lüge der Wahrheit!
Wem wird jemals glaubwürdig sein, daß diese trügerischen Lippen
Luthers, die aus einem geteilten Herzen (Ps 12,3) sprechen, von Gott
erwählt worden seien, um der Welt wieder das Licht des Evangeliums zu
entzünden? Oder wer hat je etwas Niederträchtigeres und Abscheuli-
cheres gesehen oder gelesen über die Anfänge irgendeiner Irrlehre, die
zufällig, nicht ernsthaft und überlegt, entstanden ist, aus Haß gegen Gott,
nicht aus Liebe, aus Lügen und Heuchelei, nicht aus der Wahrheit? Ihr
Urheber war ja selbst ein unruhiger Mensch und so unbändig, daß nach
dem Zeugnis Philipp Melanchtons (Wi. II,4) nicht nur Erasmus bei
ihm Milde und Mäßigung gewünscht hätte, sondern auch Herzog Fried-
rich, unter dessen Protektion und Herrschaft Luther seine ganze Tragö-
die aufführte. Er leugnete ja selbst nicht, daß sie ihm mangelte, als er
zugab, seiner selbst nicht mächtig zu sein.

§ 2.

Schauderhafter Beginn der Häresie Luthers

Doch von allem, was wir bisher angeführt haben, bleibt noch der ab-
scheuliche und überaus schreckliche Beginn der Häresie Luthers. Wir
haben weiter oben den bezeichnenden Ausspruch Luthers (Jena II,269)
wiedergegeben, wo er bestätigt, daß ihm die Messe so sehr mißfalle, daß
er lieber alles leugnen wollte, als die Messe anzunehmen. Aber ich bitte,
was kann die Ursache solchen Hasses gewesen sein? Ob etwa Luther
durch himmlische Eingebung irgendeines Engels oder Gottes selbst dazu
gebracht wurde, die Messe mit solchem Haß zu verwünschen? Nein,
vielmehr war naturgemäß der Teufel der ausgezeichnete und würdige
Lehrer und Urheber solcher Erbitterung Luthers gegen die Messe; auf

315
sein Wort schwor er. Wer wird das glauben? Niemand, wahrhaftig nie-
mand, wenn es nicht Luther selbst gesagt hätte. Daher soll Luther selbst
berichten und sich nicht zu sagen schämen, welchen Lehrer er von An-
fang an hatte, daß er die Messe zerstören wollte. Denn auch in unserem
Recht ist sichergestellt, daß der Ursprung und Anfang jeder Sache un-
tersucht werden muß.
Im Buch ‚Von der Winkelmesse und Pfaffenweihe‘ (Wi. VII,207) ver-
sichert er nicht nebenbei, sondern ex professo und berichtet ausführ-
lich, Satan sei ihm um Mitternacht erschienen und habe durch fünf Ar-
gumente, die er durch verschiedene Bilder ausschmückte, bewirkt, daß
er von da an die Messe und die Priesterweihe völlig verachtete und
verwarf. Auch der Einwand, den er sich selbst machte, der Teufel sei ein
Lügner, dem man deshalb nicht glauben dürfe, habe ihn doch nicht über-
zeugen können, daß er sich durch die Argumente des Teufels nicht ge-
schlagen geben müsse, dessen Kraft und Elan im Disputieren er großar-
tig hervorhob. Dann wendet er sich an die Katholiken und sagt: „Hättet
ihr die Schläge des Teufels aushalten und seine Beweisführungen anhö-
ren müssen, ihr hättet nicht länger die alte und überkommene Leier der
Kirche gesungen. Satan hat nämlich in einem Augenblick plötzlich den
ganzen Geist mit Schrecken und Finsternis überschattet.“ Damit er an-
stelle des Teufels seinem Einwand gerecht werde und antworte, versucht
er dann durch verschiedene Dinge zu zeigen, daß der Teufel manchmal
auch die Wahrheit lehre und so lüge, daß er die Lüge durch die Wahrheit
überdecke. „Ich bekannte, vom Gesetz Gottes überführt, vor dem Teu-
fel“, sagt Luther, „daß ich gesündigt habe, daß ich verdammt sei wie
Judas; aber ich wende mich mit Petrus an Christus und blicke auf seine
unermeßliche Wohltat und sein Verdienst. Er wird alle schreckliche
Verdammnis verdammen. Mit einem Wort (und das ist die Folgerung
Luthers), wir sind von ihren Winkelmessen und von der Salbung der
Bischöfe befreit.“
Vortrefflich, vortrefflich, ihr Männer mit Herz; unsere Ohren haben es
gehört, unsere Augen haben es gesehen! Ei, das ist jene herrliche und
evangelische Freiheit, die Luther und nach seinem Beispiel die übrigen
Häretiker unserer Zeit eingeführt haben! „Wir sind befreit“, sagt Luther,
aber nicht durch die Freiheit, die Christus uns durch sein kostbares Blut
erworben hat (Gal 5,1; Apg 20,28), sondern durch die Freiheit, die Satan
Luther von der Hölle gebracht hat. Guter Gott, wer hat je so etwas gehört?
Wer aber kann es jetzt ohne Schaudern hören? Wer kann sich schließlich
der Tränen erwehren, wenn er es ausspricht? Und dennoch gibt es, ach, so

316
viele Menschen, die sich so grauenhafter, abscheulicher und widerwärti-
ger Auffassungen rühmen, die aus der Hölle stammen, und ihrem Urhe-
ber, dem Teufel folgen. Doch wir Katholiken hangen Christus an und
widersagen dem Satan und seiner Lehre. Möge sich also Luther mit sei-
nen Anhängern rühmen, soviel er will, daß er seine Lehre gegen die Messe
vom Satan erhalten habe; wir werden immer auf den Apostel hören, der
vom gleichen Geheimnis, aber ganz anders als Luther spricht: Ich habe
nämlich vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe, sagt er
(1 Kor 11,23). Schließlich werden wir allen, die Luther folgen, stets jenes
ganz wahre und überaus schimpfliche Kennzeichen einbrennen, das von
Luthers eigenem Geständnis abgeleitet ist, das auch niemand verhöhnen
kann: Ihr habt den Teufel zum Vater (Joh 8,44).

V.

Einige politische Irrlehren der Neuerer

[Es wäre längst Zeit, diese Untersuchung zu beenden, die mich länger
aufgehalten hat, als ich glaubte, oder aus Überdruß über einen so schau-
derhaften Bericht, wenn ich mich nicht aus Rücksicht auf das öffentli-
che Wohl verpflichtet fühlte, so kurz ich kann, darzulegen, welcher Scha-
den auch dem Staatswesen der Christen durch die Einfälle unserer Neue-
rer droht und zugefügt wird. Niemand kann daran zweifeln, daß sie im
politischen Bereich nicht weniger Irrlehrer sind als im kirchlichen. Das
wird leicht zu machen sein, wenn wir einige ihrer Behauptungen vorle-
gen, die sie ebenso verbissen vertreten, als wären sie Glaubensartikel.]

Erste politische und häretische Behauptung:

Von der besten Staatsführung

Die erste Behauptung stammt von Calvin, der sie in klaren Worten
ausdrückt: Die beste Art der Staatsführung sei die aristokratische, ja
sogar demokratische; und was darauf folgt: die schlechteste von allen
die Monarchie (Inst. IV,208). Obwohl er nun denjenigen, die Monar-
chen unterstehen, erklärt, sie müßten weiter nichts unternehmen, zeigt
er selbst, der unter einem so hervorragenden Monarchen14 geboren und

317
erzogen wurde, hinreichend seine Gesinnung gegen seinen Fürsten, in-
dem er die Monarchie verachtet und erklärt, sie sei eher zu dulden, um
ein größeres Übel zu vermeiden, als wegen ihrer Vorzüglichkeit zu lie-
ben. Diesem Mann, der für einen ganz großen Politiker gehalten werden
wollte, war auch nicht unbekannt, daß nichts gefährlicher ist, als das
Volk und die Vornehmen durch die Hoffnung auf eine bessere Regie-
rung zu reizen, an die Herrschaft zu denken und sie zu wünschen, damit
sie diese nicht auch an sich zu reißen versuchen, nachdem sie daran
gedacht und sie gewünscht haben. Diese Gefahr zu fürchten, besteht
nicht die gleiche Ursache, wenn wir in Ehren, auch unter Demokraten
oder aristokratischen Amtsträgern, über die Monarchie sprechen. Dar-
aus entsteht ja kein Anlaß zur Unruhe, weil der Wunsch, zu herrschen
oder zu regieren, viele von denen, die die Geister beherrschen, daran
hindert, die Monarchie herbeizuwünschen.
Wie völlig falsch ist, was er behauptet, die Herrschaft vieler sei der
Herrschaft eines einzigen vorzuziehen, steht nach all denen fest, die
über den Staat geschrieben haben,15 die man für erfahrener sowohl in
kirchlichen als auch in politischen Fragen halten muß. So regierte Gott,
der überaus Gute und Erhabene, sein Volk Israel durch Führer, Richter
und Könige, die Kirche durch Päpste, die himmlischen Scharen durch
den Erzengel Michael, dem die anderen Engel unterstellt genannt wer-
den. Ja sogar bei den Tieren, die in Herden leben, scheint eines immer
über den anderen zu stehen: so die Elefanten, Hirsche, Schafe, Krani-
che, Bienen, Perlmuscheln etc. Naturgemäß ist die Regierungsform die
beste von allen, die der Leitung Gottes, des überaus Guten und Erhabe-
nen, am nächsten kommt, so daß sie wünschenswerter und liebenswer-
ter ist als die übrigen, so daß das Verlangen nach ihr von Gott der Natur
selbst eingepflanzt zu sein scheint.

Zweite politische und häretische Behauptung:

Von der Gleichheit aller Sünden

Die zweite ist die Behauptung Luthers (Jena II,417b), die von uns
schon früher angeführt wurde: „Es ist überhaupt kein Unterschied zwi-
schen allen Umständen, die nach allgemeiner Meinung und Auffassung
aller Menschen die Sünden schwerwiegender machen sollen.“ So sündi-
ge jener nicht schwerer, der Blutschande mit der Tochter oder Schwe-

318
ster begeht, als einer, der mit einer fremden Witwe oder einer Dirne
verkehrt; ebenso nicht jener, der den Vater oder die Mutter oder einen
Fürsten ermordet, als wer einen Feind tötet. [Wenn jemand nicht sieht,
wie gefährlich das für den Staat ist, so verdient er wahrhaftig beschuldigt
zu werden, er habe Blutschande mit der Tochter oder Mutter begangen
oder er habe das Leben des Fürsten angetastet; und er soll glaubhaft
machen, daß er zu erfahren versucht, ob er auch die Fürsten und Obrig-
keiten davon überzeugen kann, wozu er sich so töricht von Luther über-
reden ließ.]

Dritte politische und häretische Behauptung:

Daß man nicht gegen die Türken kämpfen dürfe

Die dritte Behauptung, ebenfalls von Luther (Jena II,310), heißt: „Ge-
gen die Türken kämpfen, heißt Gott widerstehen, der durch sie unsere
Missetaten bestraft.“ Was kann Dümmeres als diese Behauptung gesagt
werden, ich beschwöre euch; was ist ungerechter und geeigneter, den
ganzen christlichen Staat zu zerstören? Demnach dürfte kein Fürst ge-
gen Wegelagerer vorgehen, gegen Verwüster der Felder, Brandstifter,
schließlich gegen Feinde, die von innen und von außen angreifen? Es ist
ja sicher, daß verruchte Menschen, die die Guten bedrücken, mit Gottes
Zulassung so handeln, damit die Guten durch ihre Mißhandlung von
Gott heimgesucht und gebessert werden. Dürfen also die Ärzte nicht
gegen eine Seuche kämpfen, darf man keine Vorsorge für Getreide und
Nahrungsmittel gegen den Hunger treffen, so daß also Gott uns durch
solche Betrübnisse nicht nur heimsucht und züchtigt, sondern sie auch
billigt, gutheißt und bewirkt? Warum trägt also der Fürst das Schwert,
warum tragen die Soldaten Waffen, wenn nicht dazu, um eindringende
Feinde zurückzuschlagen und Angriffe auf den Staat abzuwehren?
Daher ist es nicht verwunderlich, daß die Soldaten auch im Evangelium
(Mt 8,10; Lk 7,4f.9) gelobt werden, weil sie auch gerecht sein können, wie
jener vornehme Hauptmann Kornelius, von dem in der Apostelgeschich-
te (10,1f) berichtet wird; daß sie ferner auch von Johannes dem Täufer
anerkannt werden, nicht wenn sie den Kriegsdienst aufgeben, sondern
wenn sie niemand bedrücken, kein Unrecht verüben und mit ihrem Sold
zufrieden sind (Lk 3,14). Der König, sagt Paulus (Röm 13,4), trägt das
Schwert nicht umsonst, er ist ja Diener Gottes, um rächend zu strafen.

319
Zu dieser ganzen Frage gibt es eine goldene Predigt des hl. Bernhard
für die Templer: „Geht ohne Furcht vor, ihr Soldaten, und vertreibt
unerschrockenen Geistes die Feinde des Kreuzes Christi. Seid über-
zeugt, weder Tod noch Leben kann euch von der Liebe Christi scheiden
(Röm 8,38f). Wie ruhmvoll kehren die Sieger aus dem Krieg heim! Wie
selig sterben die Märtyrer im Kampf! Das Leben ist gewiß nützlich und
der Sieg ruhmvoll, doch beiden wird ein heiliger Tod vorgezogen.“ Und
später: „Die Soldaten Christi führen zuversichtlich die Kriege ihres
Herrn und fürchten keineswegs eine Sünde, wenn sie den Feind töten,
noch die Gefahr von ihrem eigenen Tod. Der Soldat Christi, sage ich,
tötet unbesorgt und ist noch furchtloser, wenn er getötet wird. Er steht
für sich ein, wenn er getötet wird, für Christus, wenn er tötet. Wenn er
den Übeltäter tötet, wird er gewiß nicht als Mörder betrachtet, sondern
als Rächer des Bösen, wenn ich so sagen darf.“

Vierte politische und häretische Behauptung:

Daß Gesetze der Fürsten die Untertanen


nicht im Gewissen binden

Die vierte Behauptung stammt von Calvin, der (Inst. IV,10,5) bestrei-
tet, daß die Gesetze des Fürsten im Gewissen verpflichten. Warum denn?
Weil es „unser Gewissen nicht mit Menschen zu tun hat, sondern mit
Gott“, sagt er.
„At non ille, satum quo te mentiris,
16
Achilles Talis in hoste fuit Priamo.“
Paulus lebte zu der Zeit, da die Fürsten und Kaiser Christus nicht nur
nicht folgten, sondern ihn sogar verfolgten und sich zusammentaten ge-
gen den Herrn und gegen seinen Gesalbten (Ps 2,2); und doch rief er
(Röm 13,1f) aus: Jeder sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan; es gibt ja
keine Gewalt außer von Gott. Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der wider-
steht der Anordnung Gottes. Die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst
das Strafgericht zu. Ihr müßt euch daher unterwerfen, nicht nur der Strafe
wegen, sondern auch des Gewissens wegen, denn sie sind Diener Gottes.
Was hast du dazu zu sagen, Calvin? Siehst du nicht, daß es unser Ge-
wissen auch mit Menschen zu tun hat, nämlich mit jenen, die an Gottes
statt das Gemeinwesen leiten, sei es das kirchliche oder das politische?
Jeder kann sehen, wie nach dieser Lehre Calvins die Autorität der Für-

320
sten und der Gesetze geschwächt wird; und auch die Fürsten selbst wer-
den es fühlen und erfahren, wenn sie dulden, daß diese verderblichen
und aufrührerischen Stimmen in ihrem Staat überhandnehmen.

Fünfte politische und häretische Behauptung:

Daß die Untertanen die Macht ihrer Fürsten nicht


wünschen müssen

Von der fünften Behauptung weiß ich nicht, ob sie anziehender oder
gefährlicher ist; sie stammt ebenfalls von Calvin:17 die Untertanen müß-
ten die Macht ihrer Fürsten nicht wünschen. Dann spricht er von den
Franzosen und Spaniern im einzelnen, damit du nicht etwa meinst, es
handle sich um die Türken oder Inder, und sagt: Daran erkennen wir,
wie groß die Dummheit der Völker ist, die nach einem mächtigen Kö-
nig verlangen, der mit großen Vollmachten herrscht, und welchen Preis
sie dafür bezahlen. Frankreich und Spanien rühmen sich heute, daß sie
von großen Fürsten regiert werden; doch wie wertlos das ist, was sie
unter dem Vorwand einer trügerischen Ehre betört, das spüren sie durch
den eigenen Schaden. Wenn wir dir glauben, Calvin, ist es also für die
Untertanen gut und ehrenhaft, ja sogar nützlich, wenn sie die Erniedri-
gung ihrer Fürsten anstreben.
[Ihr Könige, ihr Fürsten, erlaubt mir, ob eurer und eures Volkes Si-
cherheit auszurufen: Was macht ihr denn? Was erwartet ihr denn, die
ihr die Urheber und Anhänger einer so gefährlichen und schädlichen
Lehre in eurem Machtbereich begünstigt, sie liebt und gleich großen
Propheten Gottes aufnehmt? Denn nur euch mahne ich und wundere
mich über euch, nicht über jene, die beinahe wider Willen auch die
dulden, die sie hassen, um nicht durch Kriege und Aufstände alles in
Aufruhr zu bringen.] Wann leben denn die Königreiche und Völker
besser und glücklicher, als wenn ihre Fürsten, sofern sie es gerecht und
billig tun, über möglichst große Gebiete herrschen? Wann stand es um
die Gallier besser, als zur Zeit, da Karl der Große regierte, der mächtig-
ste König und Kaiser? Wann stand es besser um die Israeliten als unter
der Herrschaft des großen Salomo?

321
Sechste politische und häretische Behauptung:
Daß kein Staat durch Gesetze glücklich regiert werde

Die sechste Behauptung (Wi. II,38) stammt von Luther (wir sprechen
ja von Luther und Calvin gemeinschaftlich, weil wir der Auffassung
sind, daß zwischen ihnen kein großer Unterschied besteht): „Kein Staat
wird durch Gesetze glücklich regiert.“ Als unsere Theologen das aus
seinen Äußerungen folgerten und es ihm als widersinnigsten Irrtum
vorhielten, leugnete er das nicht nur nicht, sondern bestätigte es und
begründete seine Behauptung (Jena II,418b) mit den Worten: „Das lehrt
ja die Erfahrung.“ Welche Erfahrung denn, Luther? Hast du etwa einen
Staat gesehen, von ihm gehört oder gelesen, sei er monarchisch, aristo-
kratisch oder demokratisch, der nicht durch Gesetze regiert und gelei-
tet wird? Oder bist du etwa ein besserer Staatsmann und klüger als Gott,
der überaus Gute, oder erfahrener in der Kunst, den Staat glücklich zu
lenken?
Indessen hat Gott seinem Volk Israel aufgetragen und geboten, die
Gesetze zu befolgen, uzw. nicht nur sittliche und religiöse, sondern auch
politische und rechtliche. Von da her stammt die göttliche Weisheit
(Spr 8,15): Durch mich herrschen die Könige; und die Gesetzgeber ent-
scheiden gerecht. Die Könige, die durch Gott herrschen, erlassen daher
durch Gott auch Gesetze, um gerecht zu entscheiden. Wir sollten auch
nicht diese Behauptung des Aristoteles und anderer profaner Autoren
weiter verfolgen. [Lieber möchte ich diese ganze Frage mit den Grün-
den gebührend erörtern, die den Rechtsgelehrten ziemen und die unse-
re Jurisprudenz hinreichend bietet, wenn wir die Muße hätten, die der
Umfang und die Fülle des Gegenstandes erfordern.] Es soll genügen,
daß bei den Christen nie ein Staat ohne Gesetze gelenkt wurde.

Siebente politische und häretische Behauptung:


Daß irdische Gerechtigkeit nichts mit dem
Gewissen zu tun habe

Die siebente Behauptung, die die letzte sein soll, stammt ebenfalls
von Luther, wo er (Wi. V,304; Jena NV,33) den Unterschied zwischen
dem Gesetz und dem Evangelium behandelt und sagt: „Das Gewissen
hat nichts zu tun mit dem Gesetz, den Werken und der irdischen Ge-
rechtigkeit. Im Gegenteil, im staatlichen Bereich wird aufs strengste

322
Gehorsam gegen das Gesetz gefordert; hier weiß man nichts vom Evan-
gelium, von Gewissen, Gnade, Vergebung der Sünden, himmlischer
Gerechtigkeit, ... von Christus, sondern nur von Mose, von Gesetz und
Werken.“ So weit Luther. Im Gegensatz zu ihm ermahnt König David
(Ps 2,10-12) die Völker ausdrücklich, dem Herrn zu dienen in Furcht
und Zittern. Und nun, ihr Könige, bedenkt es wohl, sagt er: Lernt es, die
ihr die Erde richtet. Dient dem Herrn in Furcht und huldigt ihm mit Zit-
tern. Lernt Gehorsam, oder wie eine andere Version lautet: küßt den
Sohn. Nach diesen Worten gibt es keinen Zweifel, daß die Alten alle
gehorchten und die Könige eingeladen werden, Christus zu huldigen.
Wurde denn das christliche Staatswesen jemals glücklicher gelenkt
als unter Konstantin, Theodosius dem Älteren, Honorius, Theodosius
dem Jüngeren, Justinian, Karl dem Großen, Ludwig und unseren Für-
18
sten mit dem Namen Amadeus? Sie waren die gottesfürchtigsten Kai-
ser, Könige und Fürsten. Daher sagt Jesaja (9,12) zu Recht und in Wahr-
heit, wie es einem so großen Propheten Gottes zustand, über Christus
und die Kirche: Ein Volk und ein Reich, das dir nicht dient, wird unterge-
hen. Und ferner, aus keinem anderen Grund trägt Christus auf der Hüf-
te geschrieben: König der Könige und Herr der Herrschenden (Offb
19,16), als deswegen, damit die Könige wissen, daß sie niemals besser
und glücklicher herrschen können, als wenn sie von ganzem Herzen
Christus, dem Evangelium und der Frömmigkeit dienen, da Christus
die Weisheit ist, die im Buch der Sprichwörter (8,15) sagt: Durch mich
herrschen die Könige.

Luthers lästerliche und unverschämte Lüge


gegen alle christlichen Fürsten

Luther hat also den Fürsten einen sehr schlechten Dienst erwiesen;
nach der Meinung, die er von ihnen hatte, dennoch einen guten.
Er scheut sich ja nicht, alle Könige und Fürsten (Wi. VI,126.129;
Jena II,309b) „gewaltige Jäger“ zu nennen, wie die Heilige Schrift (Gen
10,9) von Nimrod sagt: Es sei zu viel der Ehre und des Ruhmes, sagt er,
zu behaupten, „das Papsttum sei die gewaltige Jagd des römischen Bi-
schofs; denn nach dem Vorbild Nimrods kommt sie zwar allen weltli-
chen Herrschaften zu; Gott will dennoch, daß wir ihnen untertan sind,
sie ehren, segnen und für sie beten.“ Was für ein Mensch aber Nimrod
war und wie gewaltig seine Jagd, das erklärt der hl. Hieronymus: weil er

323
nämlich als erster im Volk die Gewaltherrschaft an sich gerissen hat.
Dasselbe bestätigt Josephus, wo er von ihm spricht. Aber vielleicht sagt
jemand, das habe Luther nicht gemeint, als er sagte, alle Fürsten glichen
Nimrod; auch ich würde das gern glauben, wenn ich nicht sähe, wie
Luther selbst das in seinen Kommentaren zur Genesis (Wi. VI.125b) so
auslegt. Dort fordert er nämlich alle Herrscher und Fürsten auf, gewal-
tige Jäger zu sein, nicht um Wild zu jagen, sondern Menschen, und fügt
hinzu: „Das war später der allgemeine Titel aller Gewaltherrscher und
Fürsten.“
Wenn aber irgendwo auf Erden ein Fürst so sehr Lutheraner ist, daß er
mit dir, Luther, bekennen wollte, so zu sein, dann wirst du ihm gut raten
und dich als würdiger Berater eines so unwürdigen Fürsten erweisen; du
willst ja, daß die Fürsten nach dem Vorbild Nimrods ihre Sorge nicht
dem Christentum, sondern der Gottlosigkeit angedeihen lassen. Du wirst
aber zu denen, die dem zustimmen oder danach handeln, nicht all die
christlichen und katholischen Könige, Herzöge und Fürsten zählen kön-
nen; wie sie die übrigen deiner gottlosen Lehren verurteilen, werden sie
auch diese törichte und schmachvolle Lästerung deiner Unbesonnen-
heit und Unverschämtheit zuschreiben und sich wenig darum kümmern,
was du von ihnen denkst, während sie Dem einen wohlgefälligen Dienst
leisten, „dem zu dienen herrschen heißt“.

– – –

Lob sei dem Herrn, Ruhm. Ehre und Lobpreis unserem Gott (Offb
5,13; 7,12). Wir sehen, daß es durch sein göttliches Erbarmen dazu
gekommen ist, daß alle diese Häresien schon abzunehmen und zuletzt
doch zu verfallen beginnen. Denn fast niemand wird heute irgendwo auf
der Welt Häretiker, wenn du von jenen absiehst, die unter Häretikern
geboren werden und von den Häretikern über unsere katholische Reli-
gion immer nur die Stimmen der Verleumder gehört haben; oder sol-
che, die mehr den Wunsch haben, vom Ordens- oder Priesterstand als
von der Religion abzufallen, um bei den Häretikern für sich Straffrei-
heit von Vergehen zu suchen, deretwegen sie bei uns ehrlos sind; oder
um größere und leichtere Freiheit für Zügellosigkeit und Unzucht zu
erlangen, die sie Freiheit des Gewissens nennen; oder schließlich sol-
che, die durch Erwägungen irgendeines Nutzens oder auch der Scham-
losigkeit mehr als durch irgendwelche Gründe der Wissenschaft oder
des Gewissens davon abgehalten werden, zu uns zurückzukehren. Alle

324
Häresien haben mit Dirnen gemeinsam, daß sie an der bloßen Neuheit
Gefallen finden, darin aufwachsen und beharrren, daß sie ebenso durch
das bloße Alter mißfallen, abnehmen und verfallen.19
Ich beklage wahrhaft, beklage es von ganzem Herzen und schreibe es
beinahe unter Tränen, daß noch so viele übrig bleiben, die von Kindheit
an all dieses Geschwätz gewöhnt sind und so hartnäckig darin beharren;
übrigens auch sehr große Männer, ganz berühmt durch Gelehrsamkeit
und Begabung; ja unter ihnen, was mich besonders quält, auch nicht
wenige Rechtsgelehrte und mir sehr vertraute Freunde, die ich, abgese-
hen von der Frage der Religion, verehre und stets mit tiefem Respekt
verehren werde. Für sie möchte ich, wenn es erlaubt wäre, verworfen
sein (Röm 3,9), damit sie doch wieder zu sich kommen und nicht zulas-
sen, daß sie aus dem Buch der Lebenden getilgt werden.
Euch aber, ihr großen Männer, wie viele und wo immer ihr seid, vor
allem aber euch, die ihr mich liebt, bitte ich inständig um des herzli-
chen Erbarmens (Lk 1,78) Christi des Herrn willen, prüft eine Sache
von solcher Bedeutung endlich ernsthaften und ruhigen Sinnes, wie es
sich geziemt, aber im Geist der Demut, nicht des Stolzes, wie es bisher
geschehen ist. Genug und schon übergenug habt ihr Luther, Calvin und
dem Genius gegeben. Ihr habt bis jetzt die Neuerungen dieser Schwät-
zer den Vätern des Altertums, dem Konzil von Trient und der ganzen
Kirche vorgezogen. Wer wird glauben, ihr wäret so große Rechtsgelehr-
te gewesen, daß ihr in den dunkelsten und verborgensten Sinn der Wer-
ke Papinians eindringen konntet und trotzdem die törichten und kindi-
schen Albernheiten dieser Leute nicht zu unterscheiden vermochtet,
die gegen jedermanns gesundes Urteil verstoßen; ihr, die ihr auch durch
so viele Bücher unserer Theologen belehrt wurdet?
Ich bitte euch, kehrt zurück zur Kirche Gottes, die euch bei der Ge-
burt durch das Bad der Wiedergeburt liebevoll aufgenommen hat; um
euch von neuem aufzunehmen, sieht sie verehrungswürdig mit zahllo-
sen Seufzern und Tränen eurer Umkehr entgegen. Die Reue wird nie zu
spät sein, wenn sie nur echt ist; aber glaubt mir, sie wird lobenswerter
und sicherer sein, wenn sie weniger spät kommt. Wie viele Vorbilder
habt ihr schon von solchen, die einst zu euch gehörten und sehr berühmt
bei euch waren; nachdem sie in die Kirche Gottes zurückgekehrt waren,
schämen sie sich, daß sie erst später getan haben, was sie früher hätten
tun müssen.
Ihr bestreitet nicht, daß unsere und die römische Kirche diejenige ist,
deren Reformatoren ihr euch nennt; gebt also zu, daß sie die wahre ist;

325
sonst müßtet ihr ja den Islam und den Koran zu reformieren unterneh-
men, nicht die römische Kirche, wenn ihr nur die Menge der Mißstände
und die Reformation einer falschen Kirche gesucht hättet. Wenn aber
unsere Kirche die wahre ist, warum sucht ihr dann eine andere? Warum
gründet ihr eine neue? Die Mißstände, die nach eurer irrigen Meinung
in großer Zahl in ihr herrschten, mußten abgeschafft werden, wenn es
welche gab, aber nicht von euch, sondern vom Hirten und Lenker der
Kirche. Die Kirche selbst aber mußte immer als die gleiche bewahrt
werden; sie konnte nicht eine neue werden, ohne dadurch von selbst
eine falsche zu werden. Wenn ihr daher eine neue gründet, gebt ihr zu,
daß sie falsch ist. Wenn ihr an der unseren festhaltet, ist also unsere
diejenige, die der hl. Paulus (1 Tim 3,15) die Säule der Wahrheit nennt;
mit ihr könnt ihr folglich nicht mehr irren, als gegen sie recht denken.
Schließlich bitte ich euch in der Liebe Gottes und mit dem Respekt,
den ich euch zolle: wenn ihr meint, ich habe etwas zu Hartes gegen die
Häresien und die Urheber der Häresien gesagt, dann glaubt, daß es ge-
sagt und geschrieben wurde, nicht um euch als Feinde herauszufordern,
sondern um euch als Freunde aus dem Schlaf der Lethargie aufzuwek-
ken.

326
FF.. Kleine Schrif ten
Schriften

I. TTexte
exte über die Prädestination

Die Frage der Vorherbestimmung war zur Zeit des hl. Franz von Sales ein viel
diskutiertes theologisches Thema, besonders seit Calvins rigoros pessimistischen
Thesen. Franz von Sales wurde von der Frage zunächst ganz persönlich betroffen in
der schweren inneren Krise während seiner Studienzeit in Paris, als er sich 1586/87
zur Verdammnis vorherbestimmt glaubte. Später hat er sich bei seinen theologi-
schen Studien in Padua mit dieser Frage mehrfach befaßt und in der Auseinander-
setzung mit dem Calvinismus seinen optimistischen katholischen Standpunkt in
den ‚Kontroversen‘ und im ‚Codex Fabrianus‘ vertreten. Darüber hinaus gibt es
einige Schriftstücke, die sich mit der Vorherbestimmung befassen:
1. In der Zeit seiner inneren Krise in Paris hat er außer einer Sammlung von
Stoßgebeten aus den Psalmen (OEA XXII,14-18) Anrufungen und Gebete (XXII,18f)
niedergeschrieben, die seine innere Not, aber auch sein Vertrauen verraten.
2. Auf dem Höhepunkt der Krise verfaßte er einen Akt heroischer Hingabe
(XXII,19f). Kurz darauf wurde er auf die Fürbitte der Gottesmutter plötzlich von
der inneren Not befreit. Diese beiden Schriftstücke sind den Akten des Seligspre-
chungsprozesses entnommen.
Während des Prozesses ‚de non cultu‘ 1648 wurden der Kommission neun Hefte
des hl. Franz von Sales mit seinen Aufzeichnungen über Theologie (6) und das
bürgerliche Recht (3) vorgelegt. Wegen des großen Umfangs übernahm die Kom-
mission nur einige Auszüge in die Akten des Prozesses; die Hefte gingen später
verloren. Aus den Prozeßakten stammen die nächsten Texte, die zugleich den Stand
der theologischen Bildung des Heiligen vor dem Abschluß seines Jura-Studiums
zeigen.
3. Erklärung vom 15. Dezember 1590 (XXII,46f) über seine Treue zum Glauben
der Kirche (aus dem 2. Heft, über die Gnade).
4. Vorbehalt gegen einen Irrtum (XXII,48-50) aus der ersten Hälfte 1591 (aus
dem 4. Heft, über die Prädestination).
5. Fragment über die Prädestination (XXII,51-63) aus der ersten Hälfte 1591
(nach einem Manuskript im Oratorium von Neapel).

327
6. Erklärung über die Verdammung der Sünder (XXII,63-67) aus dem Jahr 1591
(aus dem 5. Heft).
7. Fragment über die Prädestination (XXIII,1-7) erstmals von der Annecy-Aus-
gabe nach einem Manuskript veröffentlicht, das klar zeigt, daß dieser Text aus der
Zeit der Chablais-Mission stammt und sich gegen die Häretiker wendet.

1. Anrufungen und Gebete

– – – Ich Elender, ach, ich soll also der Gnade dessen beraubt sein, der
mir seine Güte so köstlich zu verkosten gab. O Liebe, o Güte, o Schön-
heit, der ich alle meine Affekte geweiht habe, ach, soll ich also deine
Wonnen nicht mehr kosten? Soll ich nicht mehr trunken sein vom Über-
fluß deines Hauses? Wirst du mich nicht mehr berauschen mit dem
Strom deiner Wonne (Ps 36,9)? Vielgeliebte Zelte des Gottes der Heer-
scharen (Ps 84,2), ich werde also nie an den Ort des wunderbaren Zeltes
gelangen, bis zum Haus Gottes (Ps 42,5)?
O Jungfrau, wohlgefällig unter allen Töchtern Jerusalems, deren Won-
nen sich die Hölle nicht erfreuen kann, ach, ich werde dich also nie im
Reich deines Sohnes sehen, schön wie der Mond, strahlend wie die Sonne
(Hld 6,9)?
Und niemals soll ich also der unermeßlichen Wohltat der Erlösung
teilhaft werden? ... Ist denn mein gütiger Jesus nicht ebenso für mich
wie für die anderen gestorben? ... Wie dem auch sei, Herr, möge ich dich
wenigstens in diesem Leben lieben, wenn ich dich im ewigen nicht lie-
ben kann, weil dich in der Unterwelt niemand liebt (Ps 6,6; Jes 38,18)?

2. Akt heroischer Hingabe

Was auch kommen mag, Herr, in dessen Hand alles gelegt ist und
dessen Wege alle Gerechtigkeit und Wahrheit (Ps 25,10) sind; was im-
mer durch den ewigen Ratschluß der Vorherbestimmung und Verwer-
fung, dessen Urteile ein tiefer Abgrund sind, über mich beschlossen
sein mag, der du stets ein gerechter Richter und barmherziger Vater
bist: ich will dich wenigstens in diesem Leben lieben, mein Gott; ich
werde immer auf deine Barmherzigkeit hoffen und werde stets dein Lob
vermehren (Ps 71,14), was immer der Engel Satans (2 Kor 12,7) mir
unablässig Gegenteiliges einflüstern mag. Herr Jesus, du wirst immer

328
meine Hoffnung und mein Heil im Land der Lebenden (Ps 142,6) sein.
Wenn ich verdientermaßen ein Verdammter unter Verdammten sein
muß, die dein überaus gütiges Angesicht nicht schauen werden, dann
gewähre mir wenigstens, daß ich nicht einer von denen sei, die deinem
heiligen Namen fluchen.

3. Erklärung vom 15. Dezember 1590

– – – Das habe ich mit Furcht und Zittern am 15. Dezember 1590
festgehalten, damit, falls später, wenn ich durch Alter und Gelehrsam-
keit erfahrener bin, die Ansicht, die ich mir in meiner Jugend gebildet
habe, nicht wahrer als das Urteil und die Entscheidung der Kirche zu
bleiben scheine, wie sie mir einst in der Kindheit erschien. Daher habe
ich zu ihrer Befestigung erwogen, was die Frage zu betreffen scheint und
was mir vielleicht verloren geht. In der Spekulation ereignet sich ja
manchmal in einem Augenblick, was in einem Jahr nicht geschieht.
Das habe ich also in aller Demut geschrieben, um zu bezeugen, daß
ich sehr bereit bin, zugunsten der Auffassung, die die katholische, apos-
tolische römische Kirche, meine Mutter und die Säule der Wahrheit (2
Tim 3,15) angenommen hat oder in der Folge annehmen wird, auch
wenn sich mein Verstand völlig dagegen sträubt, nicht nur alle Schluß-
folgerungen zu verwerfen, die ich habe oder haben werde, sondern auch
den Kopf selbst, aus dem sie entspringen, und daß ich, solange mir Gott
den Verstand gibt, nie irgendetwas sagen will, außer was offenbar mit
dem katholischen Glauben übereinstimmt. Denn ich habe geglaubt, und
deshalb habe ich gesprochen (Ps 116,1). Das heißt, der Glaube muß die
Regel des Glaubens sein, aber die Demut beschließt alles: Ich habe
mich aber sehr gedemütigt. Amen, amen.
Im ersten Monat des Pontifikates unseres Heiligen Vaters Gregor XIV.

4. Vorbehalt gegen einen Irrtum

– – – Das gilt, wenn es mit dem Glauben der heiligen römischen


Kirche übereinstimmt; wenn es aber anders wäre, sollen diese Schrift-
stücke vernichtet und nicht mit den übrigen aufbewahrt werden. Das
sage ich zur größeren Sicherheit, denn die Auffassung scheint so sehr
mit der Heiligen Schrift, mit den Vätern, mit der Lehrweise der Kirche

329
und den Theologen unseres Jahrhunderts übereinzustimmen, daß ich
sie ohne Angst und ohne irgendeine Befürchtung annehmen kann.
Weil ich mich aber derart täuschen könnte, daß es nicht so ist, wie es
scheint, vertraue ich in allem dem Heiligen Geist, dem Paraclet, der
durch unsere Kirche die Geister lenkt. Er verleiht Weisheit den Kleinen
(Ps 19,8; 119,130), nicht den Stolzen. Er ist „das Licht der Herzen, der
Vater der Armen, der Spender“ der Erleuchtungen; in seinem Licht
werden wir das Licht schauen (Ps 36,10); ihm sei Lob von Ewigkeit zu
Ewigkeit mit dem Vater und dem Sohn. Fiat, fiat. Ich empfehle mich
auch unserer heiligen Herrin, der Gottesmutter Maria; da sie die Mut-
ter des Wortes ist, möge sie durch ihre Fürbitte unsere Worte nach dem
Wort, ihrem Sohn, lenken; ebenso den Heiligen Petrus und Paulus,
Augustinus, Thomas und dem ruhmvollen Lehrer Bonaventura, ebenso
dem hl. Josef. Fiat, fiat.
Das alles habe ich zur Ehre Gottes und zum Trost der Seelen nieder-
geschrieben. Doch Gott ist selbst der Vater allen Trostes (2 Kor 1,3);
daher dürfen wir uns nicht rühmen, so als käme etwas von uns, gleich-
sam als von uns stammend, denn wie ich an anderer Stelle gezeigt habe,
stammt all unser Genügen von Gott (2 Kor 3,5). Die Lehre von der
Vorherbestimmung besagt ja nicht, daß die vorhergesehenen Werke die
Gabe der freien Willensentscheidung ausschließen, sondern es bedarf
immer der vorhergesehenen Gnade des Herrn, durch dessen Erbarmen
wir zu seinem Haus gehen, wenn in diesem Leben unsere Füße in deinen
Hallen, Jerusalem, stehen (Ps 122,1); denn ohne Christus vermögen wir
nichts zu tun (Joh 15,5).
„Du König der Herrlichkeit, Christus; du bist des Vaters ewiger Sohn;
du hast den Schoß der Jungfrau nicht gescheut, um den Menschen zu
befreien“ (Te Deum). Jesus, Sohn Davids, hosanna, hosanna (Mt 21,9).
Amen.
Was zwischen Anführungszeichen steht, habe ich von Pater Gesualdi
gehört, das übrige habe ich meditiert und meine Hoffnung auf den Herrn
(Ps 73,28) gesetzt, stets bereit, das Gegenteil zu denken, wenn die Kir-
che das Gegenteil als wahr bezeichnet: das könnte vielleicht geschehen.
Selig der Mann, den du unterweisen wirst, Herr, und den du über dein
Gesetz belehrst (Ps 94,12). Wunderbar sind deine Zeugnisse, Herr; des-
halb hat meine Seele sie erforscht (Ps 119,129). Erleuchte meine Augen,
damit ich nicht sterbe oder der Feind sage: ich habe über ihn gesiegt (Ps
13,4f). Sende deinen Geist, und sie werden geschaffen, und du wirst das
Angesicht der Erde erneuern (Ps 104,30). Amen.

330
5. Fragment über die Prädestination (1591)

Was wir aus vielen Autoren auf den Seiten XV, LXII und LXX über
die Vorherbestimmung auf Grund der vorhergesehenen Verdienste fest-
gestellt haben, kann bekräftigt werden durch die Autorität des Petrus
Emotte, Professor der Theologie in Paris, in seinem vorzüglichen ‚Be-
kenntnis des Glaubens‘ unter dieser Überschrift, wo er ausdrücklich
dasselbe behauptet wie wir: daß nämlich nicht nur die Verwerfung auf
Grund der vorhergesehenen Mißverdienste erfolgt, sondern auch die
Auserwählung auf Grund der vorhergesehenen Verdienste, und er be-
weist das unabänderlich. Dann zitiert Tartaretus zur gleichen These
Heinrich (de Gand), ebenso auch Occam, und versichert selbst, daß sie
annehmbar ist und nicht im Widerspruch zu Scotus steht. Im übrigen ist
unter der Voraussetzung der sicher wahren These, daß die Verwerfung
auf Grund der vorhergesehenen Mißverdienste erfolgt, die obige These
leicht zu erhärten. Diese Voraussetzung kann evident bewiesen werden.
Erstens: Wem es zukommt, das Ziel zu bestimmen, dem kommt es
auch zu, die Mittel anzuordnen. Bestimmt Gott das Ziel, nämlich die
Verdammnis, dann ordnet er folglich die Mittel zum Ziel an, nämlich
die Sünden. Die Folgerung ist ganz absurd, daher muß die Vorausset-
zung erklärt werden. Denn nach der gegenteiligen Auffassung ist die
Verdammnis nicht das Ziel und nicht absolut ihrer selbst wegen ge-
wollt, sondern sie ist das Mittel zur Bestrafung der Bösen und unter der
Voraussetzung gewollt, daß es Böse gibt. Als Beispiel diene: Ich will
absolut die Medizin; wenn feststeht, daß niemand die Medizin nimmt,
ohne krank zu sein, müßte ich die Krankheit als Mittel wollen, oder
aber ich will die Medizin nicht auf wirksame Weise. Ähnlich: ich will
als Richter jemand verurteilen; weil ich ihn nicht verurteilen könnte,
wenn er nicht vorgeladen wird, muß ich die Vorladung machen. Wenn
aber jemand die Medizin nicht absolut will, sondern sie nur will zur
Wiedererlangung der Gesundheit, dann ist es nicht notwendig, daß er
die Krankheit der Medizin wegen will, da er vielmehr die Medizin der
Kranken wegen will. So ist es in ähnlichen Fällen.
Zweitens wird bewiesen: Gott hat kein Gefallen an der Verdammung
oder Verwerfung, insofern sie Verwerfung ist, vor allem insofern sie
einen Verlust bedeutet, sondern nur insofern sie gerecht ist. Gerecht
aber kann sie nur in Bezug auf die Schuld sein, wie von selbst klar ist:
Gott verwirft keinen ohne Rücksicht auf die Schuld; nicht auf eine un-

331
vorhergesehene Schuld, weil wir Unvorhergesehenes nicht ordnen kön-
nen; folglich auf die vorhergesehene Schuld. Der Obersatz ist offenkun-
dig: Da Gott seinem Wesen nach mitteilsam ist, kann ihm von sich aus
und seinem Wesen nach nicht angenehm sein, was ihn jemandem ent-
zieht. Es widerspricht auch der Ausdrucksweise der Heiligen Schrift,
die allenthalben verkündet, daß Gott Verlangen nach unserer Verherrli-
chung hat, daß er Mitleid mit unserem Verderben hat und es abzuwen-
den bereit ist, wenn die Sünden abgewendet werden. Der Psalmist (Ps
113,17) sagt ferner: Nicht die Toten loben dich, Herr, und keiner von
denen, die hinabsteigen in die Unterwelt.
Drittens: Dein Verderben, Israel, kommt von dir (Hos 13,9). Ich habe
einen Weinberg gepflanzt in der Erwartung, daß er Trauben trage, und er
hat Härlinge getragen (Jer 2,21; Jes 5,3). Er ließ alle zum Mahl einladen
(Lk 14,16). Er will, daß alle gerettet werden (1 Tim 2,4). Kommt alle zu
mir (Mt 11,28). Diese Ausdrücke können gewiß nicht richtig und zu-
treffend verstanden werden, wenn er im voraus beschlossen hätte, be-
stimmten die Glorie nicht zu verleihen; es hieße sich doch über einen
lustig machen, wenn du ihn zur Hochzeit einlädst und ohne sein Ver-
dienst ihn auszuschließen beschlossen hättest. Das sind jedoch geläufi-
ge Redewendungen der Kirche; wer sie in derart dunklem und irrefüh-
rendem Sinn auslegte, der machte die Kirche zur Betrügerin der einfa-
chen Leute, wenn die Kirche sie ständig in Predigten, Gottesdiensten
und Gebeten allen in gleicher Weise vorträgt.
Was bedeutet denn das Wort: „Gott ist dir nicht fern, wenn du dir
nicht selbst fern bist“?1 Wenn diese Meinung, härter als jedes Eisen,
wahr wäre, dann war er mir von Grund auf fern, als ich mir weder anwe-
send noch abwesend war. Hat Gott nicht schließlich den Menschen er-
schaffen, damit er ihn schaue? Warum also hat er ihn, ohne daß ein
anderer Grund vorlag, dazu bestimmt, ihn nicht zu schauen? Sooft fer-
ner zwei Ursachen sich so verhalten, daß eine ohne die andere keine
Wirkung erzielen kann, sagt man nicht, daß einer die Wirkung erzielen
kann, wenn er eine Ursache nicht hat; wer eine Ursache ausschaltet,
hebt die Wirkung auf. Aber ohne den Willen Gottes vermögen wir nichts;
wenn er also aufgehoben wird, können wir nicht gerettet werden und
wenn er von Gott verneinend aufgehoben und zurückgenommen wird,
dann scheint die Wirkung verweigert zu werden, nämlich die Herrlich-
keit; das ist aber ganz absurd. Das ist aber in unserer Auffassung nicht
wichtig, da sie den Willen vor den vorhergesehenen Sünden nicht be-
streitet.

332
Doch beweisen wir dasselbe klar durch ein anderes Argument. Wenn
Gott welche zur Strafe bestimmt hat vor der Vorhersehung der Schuld,
warum heißt es dann (2 Kor 5,10): damit jeder empfange, was er im Leib
getan hat, sei es Gutes oder Böses? Wie kann es denn geschehen, daß der
Strafe, die Gott ohne jede Rücksicht auf die Schuld bestimmt hat, die
Schuld nach unserem freien Willen so genau entspricht? Gott mußte
gewiß die Schuld anordnen, damit sie der bereits bestimmten Strafe
entspreche, oder es unserem freien Willen überlassen, daß wir ohne
Schuld verdammt werden, wie sich klar ergibt. Doch das alles sind Blas-
phemien; folglich verwirft Gott nicht ohne vorhergesehene Sünden. Wenn
z. B. der König Titius töten möchte, ihn aber nicht ungerecht töten will,
dann muß er seine Schuld voraussehen oder sich bemühen, daß er die
Schuld zugibt, sonst setzt er sich tatsächlich der Gefahr aus, Titius nicht
gerechterweise zu töten, wie er beschlossen hat. Hier nehme ich ‚gerech-
terweise‘ dem Anschein nach.
Zu dieser These2 ist zu bemerken: Erstens, die These, daß die Vorher-
bestimmung ohne vorhergesehene Werke erfolge, nicht aber die Ver-
werfung, kann vielleicht in der Weise erklärt werden, daß Gott zuerst
allen Menschen hinreichenden Beistand gibt; wenn er dann sieht, daß
viele ihn nicht nützen, verwirft er sie; andere dagegen, sowohl solche,
die ihn nützen, als auch solche, die ihn nicht nützen, rettet er durch
wirksame Mittel: so daß er von denen, die keinen Gebrauch machen,
bestimmte verdammt, andere vom abschüssigen Weg zur Verdammnis
wirksam zurückhält. Anders kann man diese These wirklich nicht ver-
stehen. So aber ist sie verständlich genug, und der Herr tut keinem un-
recht: denn die er verdammen wird, die wird er wegen ihrer Mißver-
dienste verdammen; die er retten wird, rettet er aus Barmherzigkeit,
und wer sich beschwert, dem wird er sagen: Freund, nimm, was dein ist;
wenn ich aber auch ihnen geben will, was hat das mit dir zu tun? (Mt
20,13f).
Es ist aber zweitens zu bemerken, daß diese These nicht dem Aus-
spruch des Herrn (Gen 4,7) entspricht: Wirst du nicht, wenn du recht
handelst, Lohn empfangen? Müßte es nicht eher heißen: Wirst du nicht
recht handeln, wenn du empfängst?
Drittens ist zu bemerken, daß diese These durch keinerlei Zeugnis
der Heiligen Schrift gesichert ist; da sie nämlich der Autorität des Pau-
lus im Römerbrief (11. Kapitel) entsprechen muß, und diese Autorität
das eine nicht mehr beweist als das andere, muß man sagen, daß sie
keines von beiden beweist.

333
Viertens ist zu bemerken, daß auf diese Weise eine solche Entschei-
dung oder These zu denen gehört, von denen die Rechtsgelehrten sagen,
daß das Gesetz weder dagegen noch dafür spricht (es spricht jedoch
auch irgendwie dagegen, und stark, so daß dann die unsere bestätigt
werden könnte).
Fünftens ist zu bemerken: Wenn Gott solche rettet, die sonst ver-
dammt werden müßten, wo bleibt da die Gerechtigkeit? Wie wird er
jedem nach seinen Werken vergelten (Sir 11,28), wenn man eher sagen
müßte, daß jeder handeln wird entsprechend seiner Vergeltung? Dann,
warum sah Gott voraus, daß jene sündigen, die verdammt werden sol-
len, während er die anderen nicht sah? Warum sah er eher voraus, daß
bestimmte recht handeln als andere? Und wenn er es vorhersah, warum
sagen wir nicht lieber, daß er die Strafe nach den Sünden vorherbe-
stimmt hat, als den Lohn nach den Verdiensten?
Sechstens ist zu bemerken: Wie soll es den Preis und Lohn, den Kampf-
preis und Sieg geben ohne Rücksicht auf die Anstrengung? Das wäre
zwar Freigebigkeit aber keine Belohnung, und unsere Werke wären ein
Ausgleich für die Großzügigkeit Gottes, aber nicht verdienstlich im
eigentlichen Sinn.
Siebentens ist zu bemerken: Es ist wahrscheinlich, daß Gott in seiner
großen Güte viele zur Glorie bestimmt hat, indem er ihnen stärker als
das Mittelmaß gab, die nicht entsprechend gehandelt hätten, hätte er
ihnen schwächer und das Gewöhnliche gegeben. Denn das richtet sich
nach der Güte Gottes (obwohl es nicht die Gerechtigkeit Gottes be-
trifft, jemand zu verdammen, indem er ihm das Mittelmaß versagt, das
für ihn, ich sage: für ihn notwendig ist; denn was hat es zu bedeuten,
wenn es für andere ausreichend ist, nicht für sie? Es betrifft auch nicht
die Macht, da doch die Macht Gottes um so viel mehr im Retten als im
Verdammen erstrahlt). Man muß aber annehmen, daß nicht alle auf
diese Weise berufen sind.
Achtens ist zu bemerken: Da es sich nicht nach der Gerechtigkeit
Gottes richtet noch nach seiner Macht (mehr noch als die Rettung),
jemand ohne Mißverdienste zu verdammen, ist die Art der Verwerfung,
die einige behaupten, ganz und gar unvernünftig.
Neuntens ist zu bemerken, daß alles, was bisher gesagt wurde,3 wun-
derbar für die Auffassung spricht, die behauptet, daß die Menschen und
auch die Engel nach dem Vorhersehen der Verdienste und Mißverdien-
ste verdammt und gerettet werden. Denn wenn es wahr ist, daß die Men-
schen nicht ohne Vorhersehen verdammt werden, wie man auf den Rö-

334
merbrief antworten muß, dann bleibt die aufgestellte These unange-
fochten bestehen. Und es ist sehr zwingend, wenn die eine wahr ist, muß
auch die andere wahr sein, was ich an fünfter Stelle angemerkt habe und
wofür zahllose Argumente beigebracht werden könnten. Daß niemand
ohne vorhergesehene Sünden verdammt wird, daran hielt aber Pater
Gesualdi vom Orden der Konventualen fest, ein sehr gelehrter und from-
mer Mann.4 Außerdem erinnere ich mich, daß Alfons Carillo aus der
Gesellschaft Jesu, ein sehr großer Theologe, den Thomisten sehr erge-
ben und ebenfalls sehr fromm, die gleiche These vertrat. In der Folge
nehmen das fast alle in unserer Zeit an und viele von den Alten. – – –

6. Erklärung über die Verdammung der Sünder (1591)

– – – Es gibt eine Stelle irgendwo im Alten Testament, an der der


Prophet die künftige Erlösung durch Christus vorhersagt und sagt, zu
jener Zeit dürfe man nicht mehr sagen, die Väter hätten saure Trauben
gegessen und den Kindern seien die Zähne stumpf geworden; denn wenn
Christus kommt, sagt er, wird der Sohn nicht die Schuld des Vaters tra-
gen, sondern der Mensch, der gesündigt hat, wird selbst sterben (Jer 31,29;
Jes 18,20). – – – Das alles kann sein.
Zu Füßen der Heiligen Augustinus und Thomas bin ich bereit, alles
zu vergessen, um jenen zu kennen, der das Wissen des Vaters ist, Chris-
tus den Gekreuzigten (1 Kor 2,2), obwohl ich nicht an der Wahrheit
dessen zweifle, was ich geschrieben habe, weil ich nichts sehe, was einen
Zweifel an dessen gediegener Wahrheit wecken könnte. Da ich jedoch
nicht alles sehe und das überaus tiefe Geheimnis zu hell ist, als daß ich
es mit meinen eulenartigen Augen fest ansehen könnte, wenn später das
Gegenteil offenbar würde (wovon ich glaube, daß es nie geschehen wird);
ja, wenn ich mich verdammt wüßte (das sei fern, Herr Jesus!) durch
jenen Willen, den die Thomisten5 in Gott annehmen, damit Gott seine
Gerechtigkeit zeige (Röm 9,22), dann würde ich ganz betäubt meine
Augen zum höchsten Richter erheben und mit dem Propheten (Ps 62,2)
sagen: Sollte meine Seele sich nicht Gott unterwerfen? Amen, weil es dir
so gefallen hat, Vater (Mt 11,26), geschehe dein Wille (Mt 6,10; Lk 22,42).
Und das würde ich in der Bitterkeit meines Herzens so oft sagen, bis
Gott mein Leben und sein Urteil änderte und mir antwortete: Hab’
Vertrauen, mein Sohn (Mt 9,2); ich will nicht den Tod des Sünders, son-
dern mehr, daß er sich bekehre und lebe (Ez 33,11). Nicht die Toten

335
werden mich loben und keiner, der hinabsteigt in die Unterwelt (Ps 114,17).
Ich habe dich wie alles andere meiner selbst wegen erschaffen, ja selbst
die Frevler, die durch ihre Schuld für den Tag des Schreckens (Spr 16,4)
bestimmt sind, habe ich meiner selbst wegen erschaffen. Mein Wille ist
nichts anderes als deine Heiligung (1 Thess 4,3), und meine Seele haßt
nichts von dem, was sie geschaffen hat (Weish 11,25). Warum ist deine
Seele traurig und warum wird sie verwirrt? Hoffe auf Gott, denn solange
du auf ihn vertraust, ist er das Heil deines Angesichts und dein Gott (Ps
43,5). Du wirst nicht hinabfahren, sondern hinaufsteigen zum Berg des
Herrn, zum Zelt des Gottes Jakobs (Jes 2,3). Du bist nicht tot, sondern
schläfst (Mt 9,24); deine Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient
dazu, daß du dich bekehrst und Gott verherrlichst (Joh 11,4).
Wohlan, kleiner Knecht, unwürdig zwar aber getreu, weil du auf mich
gehofft und auf meine Barmherzigkeit vertraut hast, und weil du in we-
nigem getreu gewesen bist (nämlich mich auch durch das Erdulden der
Verdammnis zu verherrlichen, wenn es mir so gefiele), will ich dich über
vieles setzen (Mt 25,21.23). Und weil du meinen Namen, wenn es not-
wendig wäre, auch durch Leiden verherrlichen wolltest, wenn es not-
wendig wäre (obwohl darin ein geringer Lobpreis und eine kleine Ver-
herrlichung meines Namens liegt, der nicht Verdammer heißt, sondern
Jesus), deshalb will ich dich über vieles setzen, damit du mich in ewiger
Glückseligkeit lobst, in der mein Name sehr verherrlicht wird. Bei mir
selbst habe ich geschworen: weil du das getan hast, nämlich dein Herz
zur Folgsamkeit gegen meine Gerechtigkeit bereitet, und deiner nicht
geschont und dich meinem Willen auch bis zur Verdammnis gefügt
hast meinetwegen, will ich dich segnen (Gen 22,16f) mit ewigem Segen,
und du wirst eingehen in die Freude deines Herrn (Mt 25,21.23).
Auch dann werde ich nichts anderes als vorher zu antworten wissen:
Amen, denn so war es wohlgefällig vor dir (Ps 42,2). Gott, mein Herz ist
bereit deinetwegen zur Strafe; bereit ist mein Herz (Ps 57,8; 108,2) zur
Glorie um deines Namens willen, Jesus. Vor dir bin ich gleichsam zum
Lasttier geworden, und du selbst wirst immer bei mir sein, Herr (Ps 73,
23). Soll meine Seele dir nicht unterworfen sein, denn von dir kommt
mein Heil (Ps 62,2)? Weil ich dein Knecht bin, Herr (Ps 116,6), gesche-
he mir nach deinem Wort (Lk 1,38). Ich will nicht den Tod des Sünders,
sondern vielmehr, daß er sich bekehre und lebe (Ez 33,11). In deinem
Namen will ich daher meine Hände zum Heiligtum erheben (Ps 63,5;
134,2). Amen. Jesus, Maria.

336
7. Fragment über die Prädestination
– – – Was soll ich vom hl. Thomas sagen: Wenn ihr alle Väter außer
acht laßt, könnt ihr von seiner Autorität eine gewisse, wenn auch nicht
rechtmäßige, so doch weniger verwegene Rechtfertigung für euch ablei-
ten. In Wirklichkeit ist er so weit entfernt, die vorhergesehene und zuge-
teilte hinreichende Gnade annehmen zu wollen, die in eurer Auffassung
vorausgesetzt wird, daß er mit seiner These ein Hauptargument gegen
euch liefert. Der Wirkende, sagt er,6 will das Ziel vor den Mitteln zum
Zweck; nun ist die Glorie das Ziel, die Bereitstellung der Gnade ist das
Mittel: folglich will er den Auserwählten die Glorie verleihen, ehe er
die Gnade schenken will. Nach seiner Auffassung besteht daher die Vor-
herbestimmung nicht zuerst im Wollen und im Erwählen zur Gnade,
wie ihr euch das vorstellt; vielmehr will sie dem einen eher als anderen
die Glorie verleihen, anderen vorenthalten; dann folgerichtig diesen
wirksame Mittel vorenthalten, jenen gewähren.
Somit beweist die Schlußfolgerung des hl. Thomas den Willen über-
haupt im allgemeinen, abgesehen vom absoluten und bedingten, vom
vorausgehenden und nachfolgenden; das spricht gegen euch. Denn wie
es zum Wollen der hinreichenden Mittel genügt, daß ihm das Wollen
des Zieles vorausgeht sowie das unwirksame Wollen oder der bedingte
Wille, ebenso setzt das Wollen der hinreichenden Mittel durchaus das
Wollen und Beabsichtigen des Zieles voraus. Dieses Beabsichtigen des
Zieles muß also vom Wollen der Mittel verschieden sein und ihm natur-
gemäß vorausgehen. Daher beweist die Argumentation des hl. Thomas
durchaus, daß Gott einem zuerst vorausgehend die Glorie verleihen
will und daß dann folgerichtig die notwendigen Mittel folgen; das spricht
gegen euch. Es beweist nämlich nicht, daß das wirksame Wollen des
Zieles dem wirksamen Wollen der nicht wirksamen aber hinreichenden
Mittel vorausgehe, was gegen uns spräche. Es bleibt also dabei: die ge-
nannte These wird durch keine gewichtige Autorität gestützt; und da es
in einer so wichtigen und bedeutsamen Frage äußerst gefährlich ist,
allein mit ihr dazustehen, kann diese Auffassung schwerlich sicher sein.
Damit wir nun zu den einzelnen ihrer Behauptungen etwas im einzel-
nen sagen, sei festgestellt, daß die erste durch die Argumentation des hl.
Thomas widerlegt ist. Weil nämlich das Wollen des Zieles der Berei-
tung der Mittel vorausgeht, muß die Vorbereitung des Zieles der Berei-
tung der Mittel vorausgehen, da doch die Mittel des Zieles wegen berei-
tet werden. Daher ist dieses Wollen des Zieles die erste Wurzel aller

337
übernatürlichen Güter. Unter Prädestination verstehen aber alle diese
erste Wurzel; folglich ist oder umfaßt die Prädestination vor allem die
Vorbereitung des Zieles, nicht nur der Gnade, wie sie wollen. Außer-
dem wird durch dieses Argument des hl. Thomas deutlich, daß der hl.
Thomas anders dachte, daß nämlich die Prädestination in der Vorberei-
tung der Mittel und des Zieles besteht, uzw. zuerst des Zieles, dann der
Mittel. 3. So verstehen sie fast alle Scholastiker, wie aus dem ‚Lexicon
theologicum‘ zu ersehen ist. 4. Diese erste Behauptung steht im Wider-
spruch zur vierten, denn es gibt fast niemand, der in der ganzen Abfolge
oder Ordnung der Gnade keine mehr als hinreichende Gnade empfin-
ge, durch die er gerechtfertigt wird und (vor allem bei den Christen)
gute Wünsche faßt; aber in der vierten heißt es, den Verworfenen würde
nur die hinreichende Gnade gegeben. Das muß falsch sein, weil sehr
viele Verworfene zu den Christen gehören, die mehr als die hinreichen-
de haben.
Zur zweiten zeige ich aber die gleiche Folgerung; denn wenn es heißt,
„bevor sie etwas getan haben“, wird das nach ihrer Meinung ohne Zwei-
fel so aufgefaßt: bevor sie es im Geist Gottes getan haben. Somit haben
sie nach eurer Meinung keinen Gebrauch von der hinreichenden Gnade
gemacht, die für sie vorhergesehen war. Also nicht, „bevor sie etwas
getan haben“; tun wird nämlich hier nicht nur als positiv handeln ver-
standen, sondern im entziehenden Sinn.
Drittens: Hätten sie von der hinreichenden Gnade Gebrauch gemacht,
wie sie konnten, dann hätte er alle geliebt. Folglich hat er sie deswegen
gehaßt (Röm 9,13), d. h. nicht geliebt (so wird es nämlich erklärt), weil
sie keinen Gebrauch gemacht haben. Wenn er sie nämlich im Fall der
Zustimmung liebt und die Zustimmung die Ursache ist, daß er sie liebt,
dann wird er sie im Fall der Ablehnung nicht lieben, und die Ablehnung
wird die Ursache sein, daß er sie nicht liebt. Folglich nach den Werken,
denn die Werke umfassen den Ausschluß von Werken mit der Ordnung
zur Verpflichtung. Daher steht fest, daß diese Auffassung vor allem durch
die Autorität des Paulus unhaltbar ist.
Daß sie aber die Autorität des hl. Augustinus mißachten, wird da-
durch bewiesen, daß sie mit ihm nur in Worten übereinstimmen, sich
aber dem Sinn nach sehr weit von ihm entfernen. Sie folgen ihm näm-
lich nur darin, daß sie das Vorhersehen (von Verdiensten und Mißver-
diensten) leugnen; sie kümmern sich aber nicht darum, was er mit die-
ser Ablehnung meint und sagen will. Während Augustinus sagen will,
daß nur den Auserwählten die hinreichende Gnade verliehen wird, wol-

338
len sie diese für alle. Augustinus will sagen, daß der Grund für die Ver-
werfung die Erbsünde ist, sie nehmen keinen an. Augustinus will, daß
die Vorherbestimmung nach dem Vorhersehen der Sünden geschah, sie
sagen: nachher. Augustinus bestreitet nicht, daß Gott will, daß alle ge-
rettet werden, sie leugnen es. Tatsächlich stimmen sie mit ihm nur darin
überein, daß Augustinus bestreitet, daß irgendein Grund für die Vor-
herbestimmung in uns liege; in der Auslegung weichen sie aber völlig
von ihm ab. Das heißt, sie stimmen mit ihm in den Worten überein,
nicht in der Sache. Sie behaupten nämlich, daß der Nichtgebrauch der
Gnade vorhergesehen sei, Augustinus nur die Erbsünde. Augustinus ist
viel weniger streng als sie, da er nicht annimmt, daß jemand ohne seine
Schuld verworfen werde, gerechterweise aber wegen der Erbschuld; sie
wollen, daß Unzählige ohne Rücksicht auf Schuld verworfen werden,
keiner der Sünde wegen, und daß nur wenige gerettet werden. Wahrhaf-
tig, wenn man so hart sprechen mußte, dann mußte man es mit Augusti-
nus tun; denn es wäre unerträglich, sich ohne Augustinus mit der gan-
zen ehrwürdigen Schar der Väter anzulegen.
Sie sagen aber: wir stimmen mit Augustinus in der Hauptsache über-
ein, nämlich zu bestreiten, daß die Prädestination einen Grund habe;
das genügt. Aber auch wir behaupten, mit ihm übereinzustimmen; wir
wissen nämlich, daß Augustinus vor allem Pelagius zu bekämpfen
wünschte. Während dieser behauptete, wir verdienten das Heil nur durch
die Entscheidung des freien Willens, bestritt Augustinus, um ihm här-
ter zuzusetzen, daß von unserer Seite ein Grund für die Vorherbestim-
mung gegeben werde. Wenn wir bestreiten, daß von unserer Seite ein
Grund gegeben wird, soweit es an uns liegt, muß man zu Recht sagen,
daß wir wie Augustinus denken. Da es das Hauptziel des Augustinus
war, Pelagius zu bekämpfen, können wir, wenn wir das richtig tun, mit
Augustinus nicht mehr uneins sein als ihr. Wenn wir nämlich behaup-
ten, daß wir alle umsonst und durch die Barmherzigkeit Gottes vorher-
bestimmt sind, so drückt das Augustinus auf seine Art aus, ihr auf die
eure, wir auf die unsere; und wir entfernen uns von Augustinus mit um
so größerer Sicherheit, als wir den Spuren aller anderen Väter folgen;
ihr aber entfernt euch von Augustinus um so gefährlicher, je weiter ihr
als Einzelgänger von allen übrigen flieht und abirrt. – – –

339
II. Notizen und Entwür fe
Entwürfe

Es gibt einige kleine Schriftstücke, die einen Einblick in die Arbeitsmethode des
hl. Franz von Sales geben, darunter solche, die seine Auseinandersetzung mit dem
Calvinismus betreffen; sie seien abschließend angeführt.
Die Umstände, unter denen Franz von Sales seine Mission im Chablais begann,
waren recht ungünstig. Solange er auf der Festung Les Allinges wohnen mußte,
hatte er nicht einmal ein geeignetes Zimmer zum Arbeiten, verlor außerdem viel
Zeit für den täglichen Weg nach Thonon und zurück. Auch als er in Thonon
wohnte, fehlte ihm für die Vorbereitung seiner Predigten und für die schriftliche
Kontroverse eine ausreichende Bibliothek (und die Erlaubnis, häretische Bücher
zu lesen). So entstanden oft nur kurze (lateinische) Notizen; ein solches Beispiel ist
erhalten:
1. Theologische Notizen (OEA XXIII,8-12), wahrscheinlich aus der Zeit 1594-
1596, nach einem Manuskript im Archiv der Heimsuchung von Annecy. Die Vertei-
digung des katholischen Glaubens beschäftigte Franz von Sales auch in der Zeit
nach den apologetischen Werken, die in diesen beiden Bänden enthalten sind, in
seinem späteren Wirken bis an sein Lebensende immer wieder; davon zeugen die
beiden folgenden Notizen und Entwürfe:
2. Über die Verehrung der Heiligen (XXIII,242f), vermutlich aus der Zeit 1608-
1613, geschrieben auf der Rückseite eines Predigtentwurfs (im Besitz der Salesia-
ner Don Boscos in Turin).
3. Über die heiligste Dreifaltigkeit (XXIII,243f), ein Entwurf, nach einem Manu-
skript in der Heimsuchung von Turin; von der Redaktion datiert zwischen 1600 und
1616. Bei seinem letzten Aufenthalt in Paris 1619 bekehrten sich durch seinen
Einfluß zahlreiche Calvinisten; der folgende Entwurf ist möglicherweise für einen
von ihnen bestimmt:
4. Über die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie (XXIII,244-246),
nach einem Manuskript in der Heimsuchung von Annecy.
Bei diesem Aufenthalt in Paris traf er am Sterbebett der Marschallin de Fervas-
ques den Prädikanten Dumoulin, mit dem er anschließend ein improvisiertes Reli-
gionsgespräch u. a. über die Eucharistie führte. Dabei fand Franz von Sales in der
‚Vulgata‘ nicht die von ihm als Beweis angeführte Stelle. Ein Teilnehmer an diesem
Gespräch hat die folgende Erklärung niedergeschrieben:
5. Erklärung zum Gespräch mit M. Dumoulin (XXIII,246-249), nach einem
Manuskript im Besitz der Missionare des hl. Franz von Sales in Annecy.

340
1. Theologische Notizen

Kann der Mensch kraft der Natur die natürlichen Wahrheiten erkennen?

Unter natürlichen versteht man jene, die aus sinnlich wahrnehmbaren


Gegenständen gewonnen werden können.
Erster Satz: Er kann bald eine spekulative, bald eine praktische (Wahr-
heit) getrennt voneinander (erkennen), weil es nicht außerhalb des na-
türlichen Verhältnisses zur natürlichen Fähigkeit liegt; weil es so gehal-
ten wird, Röm 1,20, Ps 4,7, Weish 13,1; weil die anderen natürlichen
Dinge Tätigkeiten ausüben, die mit ihrer Form übereinstimmen.
Zweiter Satz: Er kann nicht miteinander eine spekulative und prakti-
sche (erkennen), weil alle Philosophen irrten; so sagt Justin in ‚Parene-
tica‘, Theodoret in ‚De curandis Graecorum affect‘, Lactanz in ,Divin.
Instit.‘
3. Augustinus in ‚De Civitate Dei‘ 8. Weil der Irrtum eine Strafe der
Ursünde ist; Clemens von Alexandrien in ‚Stromata‘ 5 glaubte, daß dem
so ist wegen der äußeren Hindernisse, nämlich wegen der Kürze des Le-
bens etc. Ansonsten wären sie kein unangemessener Gegenstand für den
menschlichen Verstand, aber dazu wäre ein unbegrenztes Leben und Ge-
dächtnis erforderlich. Tatsächlich liegen diese Hindernisse, mögen sie
auch außerhalb des menschlichen Verstandes liegen, nicht außerhalb des
Menschen, sondern in ihm, weil er von sich aus sterblich ist.

Kann er auch ein moralisch gutes Werk verrichten?

Erster Satz: Er kann es, auch eines, das zum ewigen Heil führt (2.
Konzil von Orange, c. 23, 22, 25; Trident., sessio 6, c. 7, 21), weil es
gegen die Natur zu sein scheint, wenn der Mensch nicht gut handeln
könnte. Dann, weil ein solcher Mensch nicht sündigen könnte, obwohl
er das Naturgesetz hat. Was aber vom Heil gesagt wird, zu dem es führt,
heißt das, daß ein größeres Hindernis überwunden wird, denn er wird
weniger behindert, weil er moralisch gut handelt. Mt 5,47: Tun das nicht
auch die Heiden?
Wenn er also Gott erkennt und das Werk auf Gott bezieht, wird es gut,
wenn auch nicht vollkommen; wenn er ihn nicht erkennt und es tut, weil
es ehrenhaft und vernunftgemäß ist, dann wird dieser Akt seiner Natur
nach auf Gott bezogen.

341
Einwand: Gott wirkt mehr zum moralisch guten Werk mit als zum
bösen; zum bösen aber wirkt er durch allgemeine Mitwirkung mit: folg-
lich zum guten durch besondere.
Antwort: Was das Materielle des Guten und des Bösen betrifft, wirkt
er physisch in gleicher Weise mit; zum Formalen des Bösen wirkt er
aber nicht mit, weil es ein Mangel ist. Zum Formalen des Guten wirkt er
mit; zwischen beiden ist ja ein realer Unterschied: also zum ganzen
Guten, nicht zum ganzen Bösen. Ebenso, Gott läßt das Böse nur zu, das
Gute will er, rät dazu, fordert dazu auf. Ebenso, zum Materiellen der
Sünde wirkt Gott mit, da er von der Voraussetzung her die natürliche
und notwendige Ursache ist; zum Guten aber kann er auch mitwirken,
insofern er die freie Ursache ist.
Bemerkung: Die Auffassung des Gregor von Rimini, Gott wirke zu
bösen Handlungen durch seinen Einfluß auf den Willen mit, der sich
entscheidet, zu guten, indem er den Willen im voraus bestimmt und
entscheidet, die überzeugt mich nicht, weil sie die Freiheit bei guten
Handlungen fast aufhebt; darüber unten mehr. Dann ist ganz unmög-
lich, was er sagt; denn wenn Gott den Willen zu bösen Handlungen
nicht bestimmt, läßt er folglich zu, daß er eine gute Handlung voll-
bringt, wenn er will, während er eine böse tut.
Ich erkläre es auf andere Weise: entweder ist diese Bestimmung unbe-
dingt notwendig, damit wir eine gute Handlung vollbringen, oder nicht.
Wenn das zweite zutrifft, muß sie folglich nicht immer geschehen; wenn
das erste, dann müssen wir folglich das Böse tun, wenn sie fehlt, am
meisten, wenn wir handeln. Folglich wird nicht nur zugelassen, daß wir
das Böse tun, denn die Zulassung ist indifferent gegen beide Gegensät-
ze, und sooft es in unserer Macht liegt, uns zur bösen Tat zu entscheiden,
ist sie es auch, uns zur guten Tat zu entscheiden.

2. Über die Verehrung der Heiligen

1. Ein Beispiel für Wallfahrten zu heiligen Orten enthält 2 Sam 15,7f;


ebenso für Gebete für die Verstorbenen; denn Abschalom will offenbar
den Anschein erwecken, daß er aus Frömmigkeit zu den Stätten der
Väter gehen wolle.
Brot nennen die Hebräer jede Speise: 1 Sam 14,27.
2. Die Anrufung der Heiligen findet sich in der Äthiopischen Messe,
bei Genebrard, im 7. Kapitel der ‚Liturgie des Dionysius‘: „Ende des

342
Kanons unserer Väter, der Apostel, deren Gebet und Segen mit uns sei.
Amen.“
3. Ein hervorragendes Beispiel für fromme Wünsche zum Gedenken
und für die Grabmäler der Märtyrer: 2 Sam 15,8.

3. Über die heiligste Dreifaltigkeit

Einheit in der Dreifaltigkeit, Dreifaltigkeit in der Einheit; ‚Dreifaltig-


keit‘ bezeichnet die Vielfalt.
Dreifaltigkeit: Einheit der Drei; und umgekehrt: drei Personen des
Einen.
Dreifaltigkeit, nicht Dreifachheit; dreifaltig, nicht dreifach; der Eine
vom Anderen unterschieden, nicht verschieden.
Arius, Sabellius: Jener nahm drei Substanzen an, dieser eine Person.
Unterscheidung, nicht Verschiedenheit oder Unterschied.
Zu meiden ist der Ausdruck der ‚Trennung‘ und ‚Teilung‘; weil es die
Auflösung des Ganzen in Teile bedeutet. Ebenso der Ausdruck ‚Un-
gleichheit‘, damit nicht die Gleichheit aufgehoben wird; der Ausdruck
‚fremd‘ und ‚abweichend‘.
Zu vermeiden ist der Ausdruck ‚Einzigkeit‘, damit nicht die Mitteil-
samkeit aufgehoben wird; der Ausdruck ‚einzig‘, damit nicht die Drei-
zahl der Personen aufgehoben wird; der Ausdruck ‚vermischt‘, damit
nicht die Ordnung der Natur aufgehoben wird.
Für sich stehend.

4. Über die wirkliche Gegenwart Christi


in der Eucharistie

Das Konzil von Trient erklärt in der 13. Sitzung, Kapitel 1: „Das hei-
lige Konzil lehrt und bekennt offen und einfach, daß im erhabensten
Sakrament der heiligen Eucharistie nach der Konsekration von Brot
und Wein unser Herr Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch,
unter der Gestalt der wahrnehmbaren Dinge wahrhaft, wirklich und
wesentlich enthalten ist.“
Wenn es heißt, daß „Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch“,
hier gegenwärtig ist, dann ist damit folglich gesagt, daß hier der wahre
Leib Jesu Christi gegenwärtig ist, denn ein wahrer Mensch kann nicht
ohne Leib gegenwärtig sein.

343
Um aber die Gegenwart dieses heiligen Leibes im allerheiligsten Sa-
krament so zu erklären, daß niemand mehr zweifeln kann, wie die Ka-
tholiken an sie glauben, sage und versichere ich: Es ist der wahre, wirk-
liche, wesentliche natürliche Leib Jesu Christi, d. h. der gleiche Leib,
der im Schoß der Jungfrau und aus ihrem reinsten Blut gebildet wurde;
der gleiche Leib, der ans Kreuz geheftet und ins Grab gelegt wurde; der
gleiche Leib, der auferweckt wurde, den der hl. Thomas berührte (Joh
20,27), der in den Himmel erhöht wurde (Mk 16,19; Lk 25,51) und jetzt
dort ist, den der hl. Stephanus (Apg 7,55) gesehen hat; dieser gleiche
Leib, sage ich, ist wahrhaft, wirklich und wesentlich in diesem göttli-
chen Sakrament der Eucharistie gegenwärtig.
Dessen versichert uns das heilige Wort Jesu Christi beim hl. Johannes
(6,52ff), beim hl. Matthäus (26,26), beim hl. Markus (14,22), beim hl.
Lukas (22,19) und im 1. Korintherbrief (11,24); an diesen Stellen sind
die Worte, die diese Wahrheit lehren, klarer als die Sonne am hellen
Mittag.
Dazu aber, daß ein Leib, ein wahrhaft natürlicher Leib, auf natürliche
oder übernatürliche Weise, an irgendeinem Ort gegenwärtig sein kann,
erkläre ich, daß der natürliche, wirkliche und wesentliche heilige Leib
unseres Herrn Jesus Christus durch die Allmacht Gottes im göttlichen
Sakrament nicht auf natürliche, sondern auf übernatürliche Weise ge-
genwärtig ist. So wurde der wahre natürliche Leib des Erlösers im Schoß
der allerseligsten Jungfrau nicht auf natürliche Weise gebildet, sondern
auf übernatürliche Weise durch das Wirken des Heiligen Geistes (Mt
1,18; Lk 1,35); so wurde dieser selbe natürliche Leib von der allerselig-
sten Jungfrau geboren, die Jungfrau blieb nicht auf natürliche Weise,
sondern durch ein Wunder auf übernatürliche Weise; so wurde dieser
gleiche natürliche Leib auf dem Berg Tabor (Mt 17,1f; Mk 9,1f) nicht
auf natürliche, sondern auf übernatürliche Weise verklärt; so wurde er
nicht auf natürliche, sondern auf übernatürliche Weise auferweckt.

5. Erklärung zum Gespräch mit M. Dumoulin

Der Bischof von Genf hat mir gesagt, er wollte um keinen Preis die
Tatsache seiner Mängel leugnen; es ist also wahr, daß ihm bei der Begeg-
nung im Haus der Frau Marschallin Fervasque ein Gedächtnisfehler
unterlaufen ist, als er in der alten lateinischen Überlieferung der Bibel
ein Wort nicht an der Stelle fand, wo er sie zu finden glaubte, obwohl es

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in der gleichen Übersetzung zum selben Gegenstand an anderen Stellen
mehrmals vorkommt.7 Und obwohl das nur ein einfacher Fehler des
Gedächtnisses war, tut es ihm leid, daß er ihm unterlaufen ist, denn er
fürchtet, daß dadurch schwache Geister verwirrt werden könnten; er
kann jedoch nicht glauben, daß Herr Dumoulin sich dieser Begegnung
rühmen werde, die ohne Ordnung und Regel stattfand.
Dies deswegen, weil jener der Frage im Wesentlichen zustimmte. Mei-
nes Wissens ging es darum, ob Unser Herr den Aposteln aufgetragen
hat, in der Eucharistie zu opfern; er gab es schließlich zu, daß er es getan
hat und daß die Eucharistie ein Opfer ist, das das Opfer des Kreuzes
darstellt: das war alles, was man zu dieser Frage verlangen konnte.
Der Bischof von Genf sagte, er wolle sich dessen in keiner Weise
rühmen, obwohl er sich sehr freuen würde, wenn der besagte Herr Du-
moulin dabei bliebe, freimütig die Wahrheit dieses heiligen Opfers zu
bekennen.

III. Fragment eines Katechismus-Dialogs

Nach einem alten Manuskript des ‚Année Sainte de la Visitation‘ kamen im Juli
1596 die jüngeren Brüder des hl. Franz von Sales, von der Mutter geschickt, nach
Thonon, um ihren großen Bruder zu besuchen. Diese Gelegenheit ergriff der Mis-
sionar zu einem originellen Versuch, das Interesse der Jugend zu gewinnen: mit
seinem jüngsten Bruder Bernhard, der damals 13 Jahre alt war, hielt er am 16. Juli
öffentlich einen Katechismus-Dialog (OEA XXIII,12-15), der im folgenden wie-
dergegeben wird, soweit das Manuskript erhalten ist. Nach Aussage von Zeugen
hielt er diese Katechese in der Folge oft öffentlich oder im Haus Blonay oder
Marin.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und
der gebenedeiten Jungfrau Maria.
Franz spricht als erster und sagt: Mein Bruder, bist du Christ?
Bernhard, der Franz gegenüber Platz genommen hat, antwortet: Ja,
mein Bruder, ich bin es durch die Gnade Gottes.
Franz: Wann hat man dich zum Christen gemacht?
Bernhard: Im heiligen Sakrament der Taufe.