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25 Kommunikation zwischen Zellen:


Extrazelluläre Signalmoleküle,
Rezeptoren und Signaltransduktion
Peter C. Heinrich, Serge Haan, Heike M. Hermanns, Georg Löffler,
Gerhard Müller-Newen, Fred Schaper

25.1 Extrazelluläre Signalmoleküle und die Kommunikation


zwischen Zellen – 757
25.1.1 Kommunikation zwischen Zellen – 757
25.1.2 Kommunikation und ihre Entsprechung in biologischen Systemen – 758
25.1.3 Glanduläre Hormone und Gewebshormone – 758

25.2 Stoffwechsel und Analyse von Hormonen und Cytokinen – 760


25.2.1 Biosynthese und Sekretion – 760
25.2.2 Transport im Blut – 760
25.2.3 Abbau und Ausscheidung – 761
25.2.4 Methoden zur Konzentrationsbestimmung – 761

25.3 Rezeptoren für Hormone und Cytokine – 763


25.3.1 Nucleäre Rezeptoren – 763
25.3.2 Liganden-regulierte Ionenkanäle als Rezeptoren – 765
25.3.3 Membranrezeptoren – 767

25.4 Prinzipien der Signaltransduktion von Membranrezeptoren – 769


25.4.1 Rezeptoraktivierung – 770
25.4.2 Rekrutierung cytoplasmatischer Effektorproteine an die Plasma-
membran – 770
25.4.3 Organisierte Kinasekaskaden – 772
25.4.4 G-Proteine – 773
25.4.5 Second messenger – 773

25.5 Einteilung der Cytokine – 777


25.5.1 Wachstumsfaktoren – 778
25.5.2 Interleukine – 778
25.5.3 Interferone – 778
25.5.4 Chemokine – 779

25.6 Signaltransduktion G-Protein-gekoppelter Rezeptoren – 779


25.6.1 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren signalisieren über
heterotrimere G-Proteine – 779
25.6.2 Rezeptoren, die an das Adenylatcyclase-System gekoppelt sind – 780
25.6.3 Rezeptoren, die an die Phospholipase Cβ gekoppelt sind und
zur Ca2+-Freisetzung führen – 783
25.6.4 Die GPCR-vermittelte Signaltransduktion am Beispiel
von Interleukin-8 – 783

25.7 Signaltransduktion von Rezeptor-Tyrosinkinasen


und Rezeptor-Serin/Threoninkinasen – 785
25.7.1 Rezeptor-Tyrosinkinasen – 785
25.7.2 Rezeptor-Serin/Threoninkinasen – 790

25.8 Signaltransduktion über Rezeptoren mit assoziierten


Kinasen – 791
25.8.1 Interleukin-1-Signaltransduktion – 791
25.8.2 TNF-Signaltransduktion – 792
25.8.3 Interleukin-6-Signaltransduktion – 794
25.8.4 Interferon-Signaltransduktion – 796
25.8.5 Pathobiochemie: Septischer Schock und multiples Organversagen – 798

25.9 Besondere Aktivierungsmechanismen – 801


25.9.1 Stickstoffmonoxid (NO) und lösliche Guanylatcyclasen – 801
25.9.2 Membrangebundene Guanylatcyclasen – 802
25.9.3 cGMP-Effektormoleküle – 803

25.10 Regulation der Signaltransduktion – 804


25.10.1 Rezeptorexpression – 804
25.10.2 Rückkopplungsmechanismen – 805

Literatur – 807
25.1 · Extrazelluläre Signalmoleküle und die Kommunikation zwischen Zellen
757 25

> > Einleitung

Extrazelluläre Signalmoleküle spielen eine entscheidende Rolle für die Kommunikation zwischen Organen und Zellen. Die
innerhalb des Organismus synthetisierten und sezernierten Botenstoffe lassen sich in die Gruppen der Hormone und Cytokine
einteilen. Sie werden von bestimmten Zellen auf definierte Reize hin freigesetzt und wirken auf Zellen, die den passenden
Rezeptor tragen. Die Zielzellen antworten nach Initiation einer Signalkaskade mit Änderungen einer Vielzahl von biochemi-
schen und biologischen Prozessen.
Störungen der Kommunikation zwischen Zellen und Organen führen, soweit es Hormone betrifft, zu klinisch gut definier-
ten Krankheitsbildern. In verstärktem Maße werden vor allem akut und chronisch entzündliche Erkrankungen auch als Kon-
sequenzen einer gestörten Regulation durch Cytokine verstanden, sodass speziell dieser Gruppe von Signalmolekülen eine
zunehmende klinische Bedeutung zukommt. Daher werden im folgenden Kapitel die verschiedenen Unterfamilien der Cyto-
kine (Interleukine, Interferone, Wachstumsfaktoren und Chemokine), deren Rezeptoren und die intrazelluläre Signaltransduk-
tion besprochen.

25.1 Extrazelluläre Signalmoleküle mittlung von Zelle zu Zelle bzw. von Organ zu Organ. In
und die Kommunikation . Abb. 25.1 sind die verschiedenen realisierten Mechanis-
zwischen Zellen men der interzellulären Kommunikation zusammenge-
stellt. Die Signale werden auf humoralem Weg (lat. humor,
25.1.1 Kommunikation zwischen Zellen Flüssigkeit) in Form chemischer Verbindungen als Signal-
vermittler übertragen. Die Signalmoleküle wirken nur auf
! Extrazelluläre Signalmoleküle erreichen ihre Zielzellen
solche Zellen, die einen passenden Rezeptor tragen. Die
auf unterschiedlichen Wegen.
spezifische Bindung des Signalmoleküls (Ligand) an den
Die Entwicklung vielzelliger, arbeitsteilig organisierter Le- Rezeptor löst eine zelluläre Reaktion aus.
bewesen aus dem Zusammenschluss von Einzelzellen stellt Erfolgt die Signalübermittlung durch Diffusion von der
einen gewaltigen Fortschritt in der Evolution dar. Eine sezernierenden direkt auf eine benachbarte Zelle, so spricht
seiner wesentlichen Voraussetzungen ist die Signalüber- man von parakriner Signaltransduktion (. Abb. 25.1a).

. Abb. 25.1. Mechanismen der interzellulären Signalübermittlung. (a) parakrine, (b) juxtakrine, (c) endokrine, (d) autokrine,
(e) neuronale Signalübertragung. (Einzelheiten 7 Text)
758 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

Einen Sonderfall stellt die juxtakrine Signalübermitt- Signalverarbeitung biologische Antworten


lung (. Abb. 25.1b) dar, bei der das Signalmolekül in der ’ ’
Plasmamembran der produzierenden Zelle verankert ist Signalabschaltung Hemmung durch Rückkopplung
und für die Wechselwirkung mit dem entsprechenden Re- (feedback inhibition)
zeptor auf der Zielzelle ein direkter Zell-Zell-Kontakt not-
wendig ist. Es gibt eine sehr große Zahl exogener und endogener Si-
Wird dagegen das Signalmolekül von einer spezifi- gnale auf die Zellen ansprechen. Hierzu zählen z.B.
schen, sezernierenden Zelle in die Blutbahn abgegeben, um 4 Licht
seine Wirkung an einer oft weit entfernten Zielzelle auszu- 4 Wärme
üben, so handelt es sich um eine endokrine Signalübertra- 4 akustische Reize
gung (. Abb. 25.1c). 4 mechanische Reize
Von parakriner und endokriner Signaltransduktion ab- 4 Geruchsstoffe
25 zugrenzen ist schließlich die autokrine Signalweiterleitung 4 Geschmacksstoffe
(. Abb. 25.1d). Sie beruht darauf, dass von einer sezernie- 4 Pheromone (Sexuallockstoffe)
renden Zelle gebildete Signalmoleküle auf diese Zelle selbst 4 Komponenten der extrazellulären Matrix
bzw. auf Nachbarzellen vom gleichen Zelltyp einwirken. So 4 Zelloberflächen-Glycoproteine und -Glycolipide
wirkt beispielsweise das von einer stimulierten T-Zelle se- 4 Antigene
zernierte Interleukin-2 autokrin und führt zur Proliferation 4 Hormone
der T-Zelle. 4 Cytokine
Die autokrine Sekretion von Wachstumsfaktoren spielt
auch bei manchen Tumoren eine wichtige Rolle. So konnte Von den genannten Signalmolekülen spielen für die Kom-
gezeigt werden, dass bestimmte Mammakarzinomzellen munikation zwischen Zellen Hormone und Cytokine eine
in großer Menge den insulinähnlichen Wachstumsfaktor-1 sehr wichtige Rolle.
(IGF-1, 7 Kap. 27.7.2) abgeben, der auf die Tumorzellen als
Proliferationsfaktor wirkt.
Einen weiteren Sonderfall der interzellulären Kommu- 25.1.3 Glanduläre Hormone
nikation stellt die neuronale Signalübertragung dar (. Abb. und Gewebshormone
25.1e und 7 Kap. 31.3.1).
Endogen synthetisierte extrazelluläre Signalmoleküle kön-
nen in
25.1.2 Kommunikation und ihre Entspre- 4 glanduläre Hormone und
chung in biologischen Systemen 4 aglanduläre Hormone = Gewebshormone

Kommunikation ist durch eine Abfolge von Ereignissen eingeteilt werden.


charakterisiert, die auch in biologischen Systemen zu finden
ist. Hier beginnt die Signalweiterleitung mit der Stimulation Glanduläre Hormone werden in endokrinen Drüsen ge-
einer Zelle gefolgt von Signalrezeption, Signaltransduktion, bildet, von diesen sezerniert und auf dem Blutweg zu den
biologischer Antwort, z.B. Expression von Zielgenen, Pro- jeweiligen Zielzellen transportiert, an denen sie spezifische
liferation, Apoptose, Migration und schließlich Signalab- Wirkungen entfalten. Endokrine Drüsen sind:
schaltung. Dementsprechend können die einzelnen Kom- 4 der Hypothalamus und die Hypophyse (Vorder- und
munikationsschritte wie folgt gegliedert werden: Hinterlappen)
4 die Langerhans’schen Inseln des Pankreas
Kommunikation 4 die Schilddrüse
Allgemein in biologischen Systemen 4 die Nebenschilddrüsen (Epithelkörperchen)
Signalentstehung Freisetzung eines Botenstoffs 4 die Nebennieren (Nebennierenmark und -rinde)
’ ’ 4 die männlichen und weiblichen Keimdrüsen
Signalaufnahme Bindung des Botenstoffs an seinen 4 die Placenta
’ Rezeptor
’ Bis auf wenige Ausnahmen sind glanduläre Hormone
Signalweiterleitung Umwandlung des extrazellulären 4 Polypeptide (z.B. Insulin, Glucagon, adrenocortico-
’ Signals in ein intrazelluläres Signal tropes Hormon)
’ 4 Aminosäure-Derivate (z.B. Schilddrüsenhormone:
Signalent- Aktivierung von intrazellulären Thyroxin, T4 und Trijodthyronin, T3; Katecholamine:
schlüsselung Signalkaskaden Adrenalin, Noradrenalin oder Neurotransmitter: Sero-
’ ’ tonin)
25.1 · Extrazelluläre Signalmoleküle und die Kommunikation zwischen Zellen
759 25

. Tabelle 25.1. Einteilung der Cytokine (Auswahl) und ihre biologischen Funktionen
Wachstumsfaktoren Interleukine Interferone Chemokine
Signaltransduktion über pro-inflammatorische Cytokine Typ-1-Interferone CC-Chemokine (CCL1 bis CCL28)
Rezeptor-Tyrosinkinasen 5 Interleukin-1 (IL-1) 5 Interferon-α (IFNα1,-2,-4,-5,-6,- 5 Eotaxine
5 brain-derived nerve growth 5 Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) 7,-8,-10,-13,-14,-16,-17,-21) – Eotaxin 1 (CCL11)
factor (BDNF) 5 Interferon-β (IFNβ) – Eotaxin 2 (CCL24)
5 colony stimulating factor (CSF) Signaltransduktion über die 5 Interferon-ε (IFNε) – Eotaxin 3 (CCL26)
5 epidermal growth factor (EGF) common β Kette 5 Interferon-κ (IFNκ) 5 macrophage inflammatory
5 fibroblast growth factor (FGF) 5 Interleukin-3 (IL-3) 5 Interferon-ω (IFNω1, IFNω2) proteins
5 insulin-like growth factor (IGF) 5 Interleukin-5 (IL-5) – MIP1α (CCL3)
5 keratinocyte growth factor 5 granulocyte macrophage colony Typ-2-Interferon – MIP1β (CCL4)
(KGF) stimulating factor (GM-CSF) 5 Interferon-γ (IFNγ) – MIP1δ (CCL15)
5 macrophage colony stimula- – MIP3α (CCL20)
ting factor (MCSF) Signaltransduktion über die Interferon-ähnliche Cytokine – MIP3β (CCL19)
5 nerve growth factor (NGF) common γ Kette 5 Interleukin-10 (IL-10) 5 regulated on activation, normal
5 platelet derived growth factor 5 Interleukin-2 (IL-2) 5 Interleukin-19 (IL-19) T-cell expressed and secreted
(PDGF) 5 Interleukin-4 (IL-4) 5 Interleukin-20 (IL-20) (RANTES) (CCL5)
5 stem cell factor (SCF) 5 Interleukin-7 (IL-7) 5 Interleukin-22 (IL-22) 5 monocyte chemoattractant
5 vascular endothelial growth 5 Interleukin-9 (IL-9) 5 Interleukin-24 (IL-24) proteins
factor (VEGF) 5 Interleukin-15 (IL-15) 5 Interleukin-28 (IL-28) – MCP1 (CLC2)
5 Interleukin-21 (IL-21) 5 Interleukin-29 (IL-29) – MCP2 (CLC8)
Signaltransduktion über – MCP3 (CLC7)
Rezeptor-Serin/Threonin- IL-6-Typ-Cytokine – MCP4 (CLC13)
kinasen (pro- und anti-inflammatorisch)
5 transforming growth factor β 5 Interleukin-6 (IL-6) CXC-Chemokine (CXCL1 bis
(TGFE) 5 Interleukin-11 (IL-11) CXCL15)
5 bone morphogenetic protein 5 Interleukin-27 (IL-27) 5 Interleukin-8 (IL-8, CXCL8)
(BMP) 5 Oncostatin M (OSM) 5 stromal derived factor 1 (SDF1,
5 Aktivine 5 leukemia inhibitory factor (LIF) CXCL12)
5 ciliary neurotrophic factor 5 growth related oncogenes
(CNTF) – GROα (CXCL1)
5 cardiotrophin-1 (CT-1) – GROβ (CXCL2)
5 cardiotrophin-like cytokine (CLC) – GROγ (CXCL3)
5 Neuropoetin (NP)
XC-Chemokine
Signaltransduktion über 5 Lymphotactin (XCL1)
homodimere Rezeptoren 5 SCM-1β (XCL2)
5 Erythropoetin (EPO)
5 growth hormone (GH) CX3C-Chemokine
5 granulocyte colony stimulating 5 Fractalkin (CX3CL1)
factor (GCSF)
5 Leptin
5 Thrombopoetin (TPO)
Biologische Funktion:
Proliferation, Differenzierung Immunabwehr, Entzündung, Virusabwehr, Proliferations- Migration, Chemotaxis
Hämatopoese, Apoptose hemmung, Apoptose

4 Steroide (z.B. Glucocorticoide: Cortisol; Mineralocor- Gewebshormone, die keine Polypeptide sind, werden
ticoide: Aldosteron; männliche Sexualhormone: Testos- von der großen Gruppe der Cytokine, die alle zu den Poly-
teron; weibliche Sexualhormone: Östradiol) peptiden zählen, abgegrenzt.
Zur Gruppe der Gewebshormone, die keine Polypeptide
Die Funktionen der glandulären Hormone sind im Ein- sind, zählen
zelnen in den Kapiteln 26 und 27 besprochen. 4 biogene Amine (Histamin, Serotonin)
Aglanduläre Hormone = Gewebshormone. Im Ge- 4 Eikosanoide (Prostaglandine, Leukotriene)
gensatz zu den glandulären Hormonen werden die Ge- 4 Gase (Stickstoffmonoxid (NO))
webshormone oder aglandulären Hormone von in den 4 Neurotransmitter (Acetylcholin, J-Aminobuttersäure
verschiedensten Geweben verstreuten Zellen synthetisiert. (GABA), Glutamat, Glycin)
760 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

Zu den Cytokinen gehören (. Tab. 25.1) Im Einzelfall kann die Zuordnung eines extrazellulären
4 Wachstumsfaktoren Signalmoleküls zu einer der oben genannten Gruppen
4 Interleukine schwierig sein.
4 Interferone Die aglandulären nicht-peptidischen Hormone werden
4 Chemokine weiter unten und in den Kapiteln 13, 26, 27, 31, 34 be-
handelt.

In Kürze
Die Kommunikation zwischen verschiedenen Geweben oder aber als autokrine Faktoren auf die Zellen zurückwir-
und Organen im vielzelligen Organismus erfolgt mit Hilfe ken, von denen sie produziert werden.
endogener Signalmoleküle. Diese können dabei als endo- Neben den in den endokrinen Drüsen gebildeten Hor-
krine Faktoren von den Drüsen, in denen sie produziert monen kommt im Organismus eine große Zahl von Ge-
25 werden, über den Blutweg an ihre Zielzellen gelangen, als webshormonen vor, welche durch endokrin aktive, in den
parakrine Faktoren auf benachbarte Zellen einwirken Geweben verstreute, einzelne Zellen gebildet werden.

25.2 Stoffwechsel und Analyse von und man nimmt an, dass Kinesin (7 Kap. 6.3.1) den für den
Hormonen und Cytokinen Transport notwendigen Motor darstellt.
Während die meisten Cytokine für ihre Sekretion mit
25.2.1 Biosynthese und Sekretion einem N-terminalen Signalpeptid synthetisiert werden,
gibt es Ausnahmen. Ohne dass eine klassische Signal-
Cytokine sind immer Polypeptide und werden meist de sequenz vorliegt, werden die Cytokine Interleukin-1 (IL-1),
novo synthetisiert. Glanduläre Hormone gehören dagegen tumor necrosis factor (TNF), ciliary neurotrophic factor
chemisch zu den unterschiedlichsten Verbindungen. Sie (CNTF) und macrophage migration inhibitory factor (MIF)
können Derivate von Aminosäuren, Abkömmlinge des über einen im Detail noch unbekannten Mechanismus se-
Cholesterins aber auch Peptide und Proteine sein. Dement- zerniert.
sprechend unterschiedlich sind natürlich auch die Mecha-
nismen ihrer Biosynthese. Besonders die Peptid- und Pro-
teohormone (z.B. Insulin, Glucagon, Parathormon) werden 25.2.2 Transport im Blut
wie andere sekretorische Proteine in Form höhermoleku-
larer Vorstufen synthetisiert. Gelegentlich tragen derartige Die glandulären Hormone gelangen über den Blutkreislauf
Vorläufer (precursors) sogar mehrere unterschiedliche Hor- an ihren Wirkungsort. Im Allgemeinen sind die Serumkon-
mone, die durch entsprechende proteolytische Spaltung zentrationen von Hormonen äußerst gering. Für Peptid-
freigesetzt werden (z.B. Proopiomelanocortin, 7 Kap. 32.3.8, und Proteohormone liegen sie bei etwa 10–12–10–10 mol/l,
Glicentin, 7 Kap. 26.2.2). für Schilddrüsen- und Steroidhormone zwischen 10–9 und
Bei vielen Peptid- und Proteohormonen, aber auch bei 10–6 mol/l.
Aminosäurederivaten wie den Katecholaminen erfolgt eine Die vom Cholesterin abgeleiteten Steroidhormone so-
Speicherung in Form intrazellulärer Sekretvesikel. Einen wie die Hormone der Schilddrüse sind besonders hydro-
besonderen Fall stellen die Schilddrüsenhormone dar, die phob. Aus diesem Grund können sie nur durch Bindung an
als Teil des Thyreoglobulin extrazellulär in großen Mengen spezifische Transportproteine im Serum transportiert
in der Schilddrüse gespeichert werden (Kolloid). Andere werden. Aufgrund der hohen Affinität dieser Hormone zu
Hormone, z.B. Steroidhormone oder das Parathormon ihren Transportproteinen liegen immer nur sehr geringe
(PTH) werden nur in geringem Umfang gespeichert. Daher Mengen der betreffenden Hormone in freier und damit
muss in diesen Fällen die Biosynthese sehr genau reguliert biologisch aktiver Form vor. Daher ist nicht nur die Kon-
werden. zentration des Hormons, sondern auch die seines Binde-
Die Sekretion der in Vesikeln gespeicherten Signal- proteins für die biologische Aktivität von Bedeutung.
moleküle erfolgt entsprechend den zellbiologischen Vor- Im Unterschied zu den Hormonen, die in der Regel im
gängen beim regulierten vesikulären Transport (7 Kap. Blut transportiert werden, wirken die meisten Cytokine
6.2.4). Ein wichtiger Auslöser ist meist die Erhöhung der eher lokal. Bei akuten und chronischen Entzündungen las-
cytosolischen Calciumkonzentration. Bei einer Reihe von sen sich jedoch Cytokine wie IL-1, TNF, IL-6 und IL-8 im
endokrinen Zellen ist experimentell nachgewiesen worden, Blut nachweisen. Die Bioaktivität dieser Cytokine im Blut
dass ein intaktes mikrotubuläres System für den Transport wird häufig durch lösliche Rezeptoren moduliert.
der sekretorischen Vesikel vom Golgi-Apparat zur Plasma-
membran notwendig ist. Dieser Transport ist ATP-abhängig
25.2 · Stoffwechsel und Analyse von Hormonen und Cytokinen
761 25
25.2.3 Abbau und Ausscheidung Dieser Nachweis ist der für die biologische Funktion wich-
tigste Test, da in ihm inaktive Vorstufen oder Abbaupro-
Besonders unter pathologischen Bedingungen kann die dukte des Hormons oder Cytokins nicht wirksam sind. V.a.
Geschwindigkeit des Abbaus und der Ausscheidung von zur Aufdeckung neuer hormonell aktiver Verbindungen
Hormonen für ihre Serumkonzentration und damit für ihre sind biologische Nachweisverfahren unerlässlich, da bis zur
biologische Aktivität wichtig werden. Cytokine, Peptid- endgültigen Strukturaufklärung des Signalmoleküls andere
und Proteohormone werden durch Endozytose von den Methoden (7 u.) nicht anwendbar sind.
Zielzellen aufgenommen und durch anschließende Pro- Ein Nachteil biologischer Testverfahren liegt in der
teolyse abgebaut. Die hierfür wichtigen Organe sind v.a. die Komplexität und Störanfälligkeit der Bestimmungsme-
Leber, daneben aber auch die Nieren. thode. Es ist außerordentlich schwierig, die für derartige
Für den Abbau und die Ausscheidung von Steroid- bzw. Tests benötigten Gewebe oder Zellpräparationen in gut
Schilddrüsenhormonen oder Katecholaminen sind wesent- reproduzierbarer Form herzustellen. Darüber hinaus
lich spezifischere Mechanismen notwendig. Auch hierfür werden gelegentlich auch von anderen Signalmolekü-
ist das wichtigste Organ die Leber. Die Metabolisierungs- len ähnliche zelluläre Antworten ausgelöst, sodass häu-
reaktionen für die genannten Hormone finden nach den fig auch die Spezifität solcher Analysen nicht sehr groß
Mechanismen der Phase I und II des Biotransformations- ist.
systems (7 Kap. 33.3.1) statt.
! Für alle Hormone und Cytokine stehen spezifische und
Bei Funktionsstörungen des Leberzellparenchyms sind
sensitive immunologische Nachweisverfahren zur Ver-
naturgemäß auch diese Reaktionen betroffen, sodass es
fügung.
dann zu entsprechenden Störungen im Stoffwechsel dieser
Hormone kommt. Die Entdeckung des Prinzips der immunologischen Kon-
zentrationsbestimmungen durch Solomon Berson und
Rosalyn Yalow Anfang der 60er Jahre hat die Endokrino-
25.2.4 Methoden zur Konzentrations- logie in ihrer heutigen Form erst möglich gemacht, da nur
bestimmung diese Verfahren die notwendige Spezifität und Empfind-
lichkeit für die Konzentrationsbestimmung von Hormonen
! Biologische Nachweisverfahren beruhen auf der Quan- und Cytokinen in Körperflüssigkeiten liefern. Die Methode
tifizierung zellulärer Effekte von Signalmolekülen. beruht auf der Reaktion mit spezifischen Antikörpern, die
inzwischen gegen jedes bekannte Hormon oder Cytokin
Grundlage der biologischen Nachweisverfahren für Hor- in ausreichender Spezifität und Menge gewonnen werden
mone und Cytokine ist deren biologische Aktivität am in- können. Der Vorteil der immunologischen Konzentrations-
takten Tier, in Gewebspräparaten oder an isolierten Zellen. bestimmungen liegt in der Einfachheit ihrer Durchführung

. Abb. 25.2. Prinzip des Radioimmuno-


assays (RIA). (Einzelheiten 7 Text)
762 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

und in der hohen Empfindlichkeit des Nachweises. Ihr


Nachteil ist, dass auch Vorstufen oder Abbauprodukte vom
Antikörper gebunden werden, wenn sie nur das für die Anti-
körperbindung notwendige Epitop enthalten. Daher ist es
manchmal zur Lösung bestimmter Fragestellungen not-
wendig, neben der immunologischen Bestimmung auch
die biologische Aktivität eines Hormons oder Cytokins zu
messen.

Radioimmunoassay (RIA)
Es wird eine konstante Menge Hormon- bzw. Cytokin-
spezifischer Antikörper mit einer im Überschuss vorhan-
25 denen Menge radioaktiv markierten Hormons/Cytokins
(in . Abb. 25.2 als Ligand (rot) bezeichnet) inkubiert. Alle
Antikörper binden radioaktiv (meist 125J) markierten Li-
ganden (maximal gebundene Radioaktivität = 100%). Über-
schüssige 125J-Liganden werden von Antikörper-gebun-
denen abgetrennt und die Antikörper-gebundene Radio-
aktivität wird gemessen (. Abb. 25.2a). Ist neben dem
radioaktiv markierten Liganden auch noch nicht markier-
ter Ligand (blau), dessen Konzentration bestimmt werden
soll, vorhanden, tritt dieser mit dem radioaktiv markierten
Liganden in Konkurrenz um die Bindung an den Antikör-
per (. Abb. 25.2b). Wenn die Zahl der nicht markierten
Liganden gleich groß wie die 125J-Liganden ist, wird nach
Bindung an die Antikörper und Trennung von freien und
gebundenen Liganden nur die Hälfte der Radioaktivität
für die Zahl der 125J-Ligand/Antikörper-Komplexe gemes-
sen. Durch Zugabe verschiedener Mengen eines bekannten
unmarkierten Standardpräparats, lässt sich eine Eichkurve
erstellen. Die Messung der Ligandenkonzentration in un-
bekannten Proben erfolgt dann durch Vergleich mit dem
Standard.

ELISA (enzyme-linked immunosorbent assay)


Der ELISA vermeidet die Gefahren der Radioaktivität und
wird deshalb heute bevorzugt. . Abb. 25.3. Enzym-gekoppelter Immunoadsorptionstest (ELISA,
Wie in . Abb. 25.3 gezeigt wird ein erster Antikörper enzyme-linked immunosorbent assay). (Einzelheiten 7 Text)
(blau) an eine Festphase (Mikrotiterplatte) gebunden. Der
im Überschuss vorliegende Festphasen-gebundene Anti-
körper bindet das in der zu messenden Probe vorliegende
Hormon/Cytokin (rot). Durch einen mit einem Enzym ge- In Kürze
koppelten zweiten Antikörper (gelb) gegen weitere Epitope Die Konzentrationen von Hormonen und Cytokinen in
auf dem zu messenden Hormon/Cytokin erfolgt nun das der extrazellulären Flüssigkeit liegen in einem Bereich
eigentliche Nachweisverfahren. Das an den Zweitantikör- zwischen 10–6 und 10–10 mol/l. Die Entwicklung immu-
per gekoppelte Enzym setzt ein zugegebenes Substrat zu nologischer Bestimmungsverfahren für diese Verbin-
einem farbigen oder fluoreszierenden Produkt um, dessen dungen stellt einen Meilenstein in der Endokrinologie
Konzentration hoch empfindlich gemessen werden kann. dar, da nur durch sie derartig geringe Konzentrationen
Eine Variante des in . Abb. 25.3 dargestellten immuno- in spezifischer und gut reproduzierbarer Weise ermit-
metrischen Testverfahrens ist die Bestimmung von Anti- telt werden können.
körperkonzentrationen in Gewebeproben oder Körperflüs-
sigkeiten mit Hilfe von an Mikrotiterplatten immobilisier-
tem Hormon/Cytokin.
25.3 · Rezeptoren für Hormone und Cytokine
763 25
25.3 Rezeptoren für Hormone 25.3.1 Nucleäre Rezeptoren
und Cytokine
Einige extrazelluläre Signalmoleküle wie die Steroid- oder
Unabhängig von Wirkort und Wirkungsspektrum muss Schilddrüsenhormone (7 Kap. 8.5.2, 27.2), aber auch Re-
man für alle extrazellulären Signalmoleküle (Liganden) an- tinsäure (7 Kap. 23.2.1) oder die D-Vitamine (7 Kap. 23.2.2)
nehmen, dass sie primär mit einem Rezeptor interagieren können aufgrund ihrer lipophilen Eigenschaften durch die
und dass der dabei entstehende Ligand-Rezeptor-Komplex Plasmamembran gelangen. Nach ihrer Aufnahme in die
für die Ausbildung der intrazellulären Signale verantwort- Zelle binden sie an intrazellulär vorliegende spezifische
lich ist: Rezeptorproteine. Durch die Interaktion des Hormons/
Vitamins mit seinem Rezeptor entsteht ein Komplex, der
Extrazelluläres Signalmolekül + Rezeptor durch Bindung an spezifische Promotorregionen respon-
o Ligand-Rezeptor-Komplex o intrazelluläre Signale siver Gene (enhancer/silencer) deren Transkription positiv
(. Abb. 25.4a) oder negativ beeinflussen kann.
Rezeptoren sind immer Proteine und die Kinetik der Bin-
! Durch die Bindung des Signalmoleküls an intrazelluläre
dung des Signalmoleküls an seinen Rezeptor verläuft ana-
Rezeptoren entsteht ein Komplex, der als Transkriptions-
log zur Bindung eines Substrats an das aktive Zentrum
faktor wirkt.
eines Enzyms (7 Kap. 4.2.1). Da die Anzahl der Rezeptoren
einer Zelle begrenzt ist, erreicht die Ligandenbindung Die Mitglieder der Superfamilie der nucleären Rezeptoren
mit steigender Ligandenkonzentration eine Sättigung. weisen untereinander eine große Ähnlichkeit auf. Ihre
Man kann eine Bindungskonstante bestimmen, die Infor- Struktur ist modular, d.h. aus verschiedenen Domänen
mationen über die Affinität des Liganden zum Rezeptor aufgebaut. Beginnend vom N-Terminus besitzen nucleäre
liefert. Rezeptoren eine variable Region, die essentielle Bereiche
Die meisten Rezeptoren durchspannen die Plasmamem- zur Regulation der Genexpression enthält, eine DNA-Bin-
bran. Einige liegen jedoch im Zellinnern vor und binden dungsdomäne, eine Kern-Lokalisationssequenz und die
ihre lipophilen Liganden nach deren Transport durch die Ligandenbindungsdomäne, die immer C-terminal zu fin-
Plasmamembran. Man unterscheidet die drei Klassen der den ist (. Abb. 25.4b). Die Homologie der Rezeptoren ist
4 Nucleären Rezeptoren besonders im Bereich der DNA-Bindungsdomäne sehr
4 Liganden-regulierte Ionenkanäle hoch.
4 Membranrezeptoren Soweit bisher bekannt binden alle nucleären Rezeptoren
die DNA als Dimere. Sie erkennen zwei konservierte DNA-
Die intrazellulär vorliegenden nucleären Rezeptoren kön- Sequenzen aus je sechs Basen, die entweder auf dem glei-
nen selbst als mobile Signalweiterleiter angesehen werden, chen DNA-Strang als sogenannte direct repeats oder auf
die nach Ligandenbindung die Information bis in den Zell- entgegengesetzten Strängen, d.h. als inverted repeats vorlie-
kern und an die DNA tragen können. Dies ist verständ- gen (. Abb. 25.5). Während die in homodimerer Form
licherweise für die Ionenkanäle und die membranveran- bindenden Steroidhormonrezeptoren, z.B. Glucocorticoid-
kerten Rezeptormoleküle nicht möglich. Im Fall der Ionen- rezeptor und Östrogenrezeptor, an inverted repeats binden,
kanäle führt die Ligandenbindung zur Änderung der erkennen die in heterodimerer Form bindenden Rezepto-
Durchlässigkeit für bestimmte Ionen, meist Na+, K+, Ca2+ ren für Vitamin D3, Retinsäure und Schilddrüsenhormone
oder Cl– Ionen. An die Aktivierung membranverankerter direct repeats. Inzwischen gibt es gute Vorstellungen über
Rezeptoren schließen sich auf deren cytoplasmatischer die Raumstruktur der DNA-Bindungsdomäne der Hormon-
Seite Signaltransduktionskaskaden an, bei denen auf- rezeptoren. Sie enthalten häufig Cystein-reiche Sequenzen,
einander folgend verschiedene Proteine aktiviert werden. die Zink-Ionen koordinativ binden und werden daher
Diese Aktivierungen sind häufig mit Phosphorylierungen »Zinkfingermotive« genannt (7 Kap. 8.5.2).
(dem Anhängen eines Phosphatrests an die Seitenketten Die Spezifität der Bindung wird im Fall der Steroid-
von Aminosäuren wie Serin, Threonin oder Tyrosin) ver- hormonrezeptoren über feine Unterschiede in der DNA-
bunden oder durch den Austausch von an G-Proteinen ge- Erkennungssequenz (z.B. AGAACA (Glucocorticoid) im
bundenem GDP durch GTP gekennzeichnet. In selteneren Vergleich zu AGGTCA (Östrogen)) oder im Fall der
Fällen kann die Aktivierung auch über eine Dephosphory- heterodimeren nucleären Rezeptoren durch den Abstand
lierung der Proteine erfolgen. der beiden Sequenzen zueinander, der zwischen einem
Sowohl für nucleäre als auch für membranverankerte und fünf Basenpaaren variieren kann, bestimmt
Rezeptoren führt die Signaltransduktion zu gesteigerter (. Abb. 25.5).
oder verminderter Transkription von Zielgenen und der Der Aktivierungsmechanismus der nucleären Rezep-
entsprechenden Proteinexpression, zu Stoffwechselände- toren unterscheidet die in homodimerer Form an die DNA
rungen, Differenzierung, Proliferation, Apoptose oder Mi- bindenden Steroidhormonrezeptoren von den in hete-
gration. rodimerer Form bindenden Rezeptoren für Vitamin D3,
764 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.4. Signaltransduktion nucleärer Rezeptoren. (a) Akti- Hitzeschockprotein Hsp90 löst sich ab und gibt die Kernlokalisations-
vierung intrazellulärer Rezeptoren durch Liganden. Die Abbildung sequenz des Rezeptors frei. Dieser wird in dimerer Form in den Zell-
zeigt den bei Glucocorticoiden aufgeklärten Mechanismus. Glucocor- kern transportiert, bindet dort an enhancer-Sequenzen responsiver
ticoide diffundieren durch die Zellmembran und binden an den intra- Gene und führt zur Aktivierung des basalen Transkriptionsapparats.
zellulären Glucocorticoidrezeptor. Das zuvor an diesen gebundene (b) Domänenstruktur einiger nucleärer Rezeptoren. AS = Aminosäuren

Retinsäure (7 Kap. 23.2.2) und Schilddrüsenhormone Bindungsdomäne blockieren. Als solches ist u.a. das Hitze-
(7 Kap. 27.2). Die Rezeptoren für die D-Vitamine, Retin- schockprotein (7 Kap. 9.2.1) Hsp90 identifiziert worden.
säure und Schilddrüsenhormone sind ausschließlich Die Bindung des Hormons an den Rezeptor führt zur
nucleär lokalisiert. In Abwesenheit der Hormone (= Ligan- Dissoziation der Hitzeschockproteine und anschließend
den) reprimieren sie als Monomere die Transkription zur Bildung von homodimeren Formen der jeweiligen
bestimmter Gene. Nach Ligandenbindung erfolgt eine Hormonrezeptoren. . Abb. 25.4a gibt die heutigen Vor-
drastische Konformationsänderung und nach Rekrutie- stellungen über die Aktivierung derartiger intrazellulä-
rung des zweiten Rezeptors die Aktivierung der Gentrans- rer Hormonrezeptoren durch ihre jeweiligen Liganden
kription. wieder.
Im Gegensatz dazu sind die Rezeptoren für Steroid-
hormone in Abwesenheit ihrer Liganden cytoplasmatisch
lokalisiert, meist gebunden an Proteine, die ihre DNA-
25.3 · Rezeptoren für Hormone und Cytokine
765 25

gulationsmechanismus hier darauf, dass die Bindung spe-


zifischer Liganden den Öffnungszustand des Kanals be-
einflusst. Liganden-aktivierte Ionenkanäle kommen in der
Plasmamembran sowie in intrazellulären Membranen vor
(. Tabelle 25.2).
Extrazelluläre Liganden sind beispielsweise die Neuro-
transmitter
4 J-Aminobutyrat (GABA)
4 Acetylcholin
4 Glutamat
4 Serotonin

Intrazellulär aktivierte Ionenkanäle spielen u.a. bei der


Regulation der intrazellulären Calciumkonzentration
z.B. durch Inositolphosphate eine wichtige Rolle (7 Kap.
. Abb. 25.5. Enhancer-Sequenzen, die durch aktivierte, dimere 25.6.3).
Hormonrezeptor-Komplexe erkannt werden. GRE = glucocorticoid
Liganden-regulierte Ionenkanäle vermitteln die
response element; ERE = estrogen response element; VDRE = vitamine D
response element; TRE = thyroid hormone response element; RARE = schnellsten bekannten zellulären Reaktionen auf Signal-
retinoic acid response element; N: beliebige Base (A, G, C oder T) (die stoffe, da die Bindung des Liganden unmittelbar mit der
Sequenzen können in einzelnen Genen leicht von den oben darge- spezifischen Antwort, nämlich dem Öffnen oder Schlie-
stellten enhancer-Sequenzen abweichen) ßen eines Ionenkanals verknüpft ist. Im Unterschied
zu den anderen Rezeptortypen (7 u.) ist die Erzeugung
eines intrazellulären Boten- oder zweiten Signalstoffs
(second messenger) für die Signaltransduktion nicht not-
25.3.2 Liganden-regulierte Ionenkanäle wendig.
als Rezeptoren Die durch extrazelluläre Liganden aktivierten Ionen-
kanäle haben eine gemeinsame Grundstruktur. Sie sind
Im Gegensatz zu den intrazellulären Rezeptoren für Signal- jeweils aus fünf Proteinuntereinheiten zusammengesetzt.
moleküle sind die Liganden-regulierten Ionenkanäle ihrer So hat z.B. der nikotinische Acetylcholinrezeptor die
Natur nach immer Membranproteine. Wie für Ionenkanäle Struktur DEJG (. Abb. 25.6) Jede der Untereinheiten
üblich (7 Kap. 6.1.3, 6.1.4, 32.2.2), sind sie für den nicht- besteht aus einem integralen Membranprotein mit vier
ATP-abhängigen Transport verschiedener Ionen durch die Transmembrandomänen. Der N- sowie der C-Terminus
Membran verantwortlich. Viele Ionenkanäle zeichnen sich liegen extrazellulär, außerdem findet sich eine relativ
dadurch aus, dass ihr Öffnungszustand und damit ihr Sub- große cytoplasmatische Schleife. Die durch intrazelluläre
stratfluss regulierbar ist. Anders als bei den spannungsge- Liganden regulierten Ionenkanäle zeigen einen etwas an-
steuerten Ionenkanälen, die sich in Abhängigkeit vom deren Aufbau und sind im Einzelnen im 7 Kap. 25.3.2 be-
Membranpotential öffnen oder schließen, beruht der Re- sprochen.

. Tabelle 25.2. Liganden-regulierte Ionenkanäle (Beispiele)


Rezeptor (Kanal) Ligand Ionenselektivität Besprochen in Kapitel
Extrazellulär aktivierte Ionenkanäle
Nikotinischer Acetylcholinrezeptor Acetylcholin Na+, K+, Ca+ 31.3.2, 31.3.3
GABAA-Rezeptor GABA Cl–, HCO3– 31.3.4

Glycinrezeptor Glycin Cl , HCO3– 31.3.4
Intrazellulär aktivierte Ionenkanäle
IP3-abhängiger Calciumkanal Inositol-(1,4,5)-trisphosphat Ca2+ 31.3, 25.4.5
2+
Ryanodinrezeptor cyclo-ADP-Ribose Ca 30.3.2
Na+-Kanal der Stäbchen in der Retina cyclo-GMP Na+
766 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.6. Nikotinischer Acetylcholinrezeptor. Der nikotinische


Acetylcholinrezeptor besteht aus fünf Untereinheiten (D, D, E, J, G),
die jeweils vier Transmembranhelices besitzen (M1–M4). Die M2-Trans-
membranhelices (rot) der fünf Untereinheiten bilden eine Pore. Zwei
Acetylcholin-Moleküle (blau) binden zwischen den D und J bzw. den
D und G Untereinheiten des Rezeptors

Infobox
Myasthenia gravis (myo: Muskel; asthenia: Schwäche; Im Serum von etwa 85% der Myasthenia gravis-Patien-
gravis: schwer) ist eine relativ seltene neurologische Er- ten konnten erhöhte Spiegel von Acetylcholin-Rezeptor-
krankung, die mit einem Verlust der nikotinischen Acetyl- spezifischen Antikörpern (hauptsächlich IgG1 und IgG3)
cholin-Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran nachgewiesen werden. Die Wirkungsweise der Autoantikör-
einhergeht. Dies resultiert in einer Schwäche und Erschöp- per ist vielfältig. So aktivieren einige das Komplement-
fung der quer gestreiften Muskulatur, die lebensbedroh- System und führen damit zur Lyse der Muskelmembran,
lich enden kann. Es handelt sich um eine Antikörper- andere verbrücken zwei Acetylcholin-Rezeptoren in der
vermittelte Autoimmunerkrankung, deren Entstehung bis Membran und beschleunigen so deren Degradation.
heute nicht vollständig geklärt ist. Etwa 75% der Myasthenia gravis-Patienten weisen
Der erste Patient wurde vermutlich schon 1672 von Thymus-Abnormalitäten auf (z.B. Hyperplasie der Keim-
Thomas Willis in De Anima Brutorum (wörtlich: Von der zentren oder Thyome) und eine Thymektomie führte bei
Seele der Tiere) beschrieben, wo er von einer Frau berich- einigen Patienten zur Linderung der Symptome. Nachdem
tet, die lang-anhaltende Paralysen der Extremitäten und erkannt wurde, dass es sich um eine Autoimmunerkran-
der Zunge aufwies. Zwei Jahrhunderte später beschrie- kung handelt, hat sich der Langzeiteinsatz von Steroiden
ben Erb und Goldflam die genauen klinischen Symptome oder Azathioprinen (Imuran£) zur Immunsuppression als
von Myasthenia gravis. Der Name selbst wurde aber erst erfolgreich herausgestellt.
von Jolly 1895 geprägt.

Infobox
Curare und Neurotoxine wurde von den südamerikanischen Indianern als Pfeilgift
Das Pflanzengift Curare (»ourari« aus der Sprache der genutzt. Seine todbringende Wirkung entfaltet es haupt-
Tupi-Indianer bedeutet so viel wie »Flüssigkeit, die einen sächlich über die Lähmung der Atemmuskulatur. Es ver-
Vogel töten kann«) wird aus Curarea bzw. Strychnos toxi- hindert das Öffnen der Kanäle im nikotinischen Acetyl-
fera oder Chondrodendron tomentosum gewonnen und cholin-Rezeptor der motorischen Endplatte, indem es die
6
25.3 · Rezeptoren für Hormone und Cytokine
767 25

Bindungsorte für Acetylcholin kompetitiv blockiert. Somit gen Tollwut, Epilepsie, Tetanus und Morbus Parkinson ein-
wirken bei Curare-Vergiftungen alle Stoffe, die die Acetyl- gesetzt.
cholin-Menge im synaptischen Spalt erhöhen können Neurotoxine sind Substanzen, die eine normale Neu-
(z.B. die Acetylcholinesterase-Hemmer Neostigmin oder rotransmission stören. Hierbei handelt es sich interessan-
Physostigmin), als Gegenmittel. terweise oft um Schlangen- oder Spinnengifte, wie z.B. das
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Curare als Relaxans D-Bungarotoxin der Bungarus-Schlangen, das D-Dendro-
bei chirurgischen Eingriffen verwendet. Dies war nicht toxin der schwarzen Mamba, das D-Latrotoxin der schwar-
ohne Risiko, da die lähmende Wirkung erst im Laufe zen Witwe oder die Agatoxine der Trichterspinnen. Diese
der Zeit gut kontrolliert werden konnte. Zu Beginn des Substanzen hemmen entweder den nikotinischen Acetyl-
20. Jahrhunderts wurde das Gift auch therapeutisch ge- cholin-Rezeptor oder andere Ionenkanäle.

25.3.3 Membranrezeptoren covalenter Verknüpfung mit einem hydrophoben Molekül


(Myristoylierung, Palmitoylierung, Prenylierung) in der
! Die Stimulierbarkeit eines Zelltyps durch hydrophile Zellmembran verankert (7 Kap. 9.2.4).
Signalmoleküle ist davon abhängig, ob auf der Zell- G-Protein-gekoppelte Rezeptoren werden von den un-
oberfläche Rezeptoren für diese Moleküle vorhanden terschiedlichsten Signalmolekülen als Signalvermittler ge-
sind. nutzt. Zu ihnen gehören glanduläre Hormone, Cytokine
(v.a. die Gruppe der Chemokine), Neurotransmitter, aber
Die extrazelluläre Bindung eines Liganden an seinen Re- auch Geschmacks- und Geruchsstoffe sowie divalente
zeptor löst intrazelluläre Reaktionskaskaden aus. Häufig Kationen und sogar Lichtquanten.
werden hierbei intrazelluläre Botenstoffe gebildet, die auch
als second messenger und dementsprechend die primären Rezeptor-Tyrosinkinasen und Rezeptor-Serin/
Signalstoffe als first messenger bezeichnet werden. In Ab- Threoninkinasen
hängigkeit von ihrer Struktur und den Mechanismen der Die Rezeptoren für eine Vielzahl von Wachstumsfaktoren
Signalweiterleitung im Cytoplasma unterscheidet man drei gehören zur Familie der Rezeptor-Tyrosinkinasen. Hierbei
Arten von Membranrezeptoren (. Abb. 25.7a,b,c) handelt es sich um integrale Membranproteine mit einer
4 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren Transmembranhelix (. Abb. 25.7b). Der N-Terminus des
4 Rezeptor-Tyrosinkinasen und Rezeptor-Serin/Threo- Proteins befindet sich auf der Außenseite der Zelle, wäh-
ninkinasen rend der C-Terminus im Zellinnern lokalisiert ist (Typ-I-
4 Rezeptoren mit assoziierten Kinasen Transmembranproteine). Rezeptor-Tyrosinkinasen sind
Glycoproteine, die aus meist Immunglobulin-ähnlichen
Bei den Membranrezeptoren kann es sich um ein einzel- Domänen modular aufgebaut sind.
nes Protein, um Multimere eines Proteins (homooligo- Die Bindung des Liganden erfolgt auf der extrazellu-
mere Rezeptoren) oder Multimere aus mehreren unter- lären Seite des Rezeptors und wird über spezifische, nicht-
schiedlichen Proteinen (heterooligomere Rezeptoren) covalente Wechselwirkungen zwischen definierten Re-
handeln. gionen des Liganden und entsprechenden Bereichen des
Rezeptors vermittelt (7 Kap. 25.7).
G-Protein-gekoppelte Rezeptoren Der Name Rezeptor-Tyrosinkinase leitet sich von einer
G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (G-protein-coupled recep- Domäne mit Enzymaktivität in der cytoplasmatischen Re-
tors, GPCR) durchspannen die Plasmamembran siebenmal gion des Proteins ab, die nach Stimulation unter ATP-Ver-
und werden daher auch als heptahelicale, 7-Transmem- brauch Proteine an Tyrosinseitenketten phosphorylieren
brandomänen- oder Serpentin-Rezeptoren bezeichnet. Sie kann.
bilden die größte Familie der Membranrezeptoren. Ihr Insulin (7 Kap. 26.1.7) und eine Reihe von Wachstums-
Aufbau ist in . Abb. 25.7a dargestellt. Es handelt sich um faktoren sind Liganden von Rezeptor-Tyrosinkinasen. Ein-
Proteine aus 350–800 Aminosäuren und Molekularmassen zelheiten zum Aufbau dieser Membranrezeptoren finden
zwischen 40 und 90 kDa. Der N-Terminus liegt extrazel- sich in 7 Kap. 25.7.1.
lulär, der C-Terminus intrazellulär. Auffallend ist bei vie- Eine Besonderheit stellt der Rezeptor für TGF-E dar.
len GPCR eine große intrazelluläre Schleife zwischen der Hier werden nicht Tyrosin-, sondern Serin-Seitenketten
5. und 6. Transmembrandomäne. Teile von ihr sind für phosphoryliert. Solche Rezeptoren werden als Rezeptor-
den Signaltransduktionsmechanismus verantwortlich, bei Serin/Threoninkinasen bezeichnet.
dem immer heterotrimere (D,E,J) G-Proteine beteiligt sind
(7 Kap. 25.4.4 und 25.6) (. Abb. 25.7a). Diese sind mittels
768 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.7. Membranständige Rezeptoren. Aktivierungsmechanismen von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (a), Rezeptoren mit intrin-
sischer Kinaseaktivität (b) und assoziierter Kinaseaktivität (c). KD = Kinase-Domäne; P = Phosphat

Rezeptoren mit assoziierten Kinasen Die Bindung des Liganden erfolgt extrazellulär an spe-
Die meisten Kinase-assoziierten Rezeptoren haben prin- zifische Bereiche (7 Kap. 25.4.1). Viele Rezeptoren dieser
zipielle Ähnlichkeit mit den Rezeptor-Tyrosinkinasen mit Gruppe weisen in diesem Bereich mindestens ein Cytokin-
dem Unterschied, dass die enzymatische Aktivität nicht auf rezeptor-Homologiemodul auf. Die Interferonrezeptoren
dem selben Polypeptid vorliegt, sondern als separates Pro- enthalten dieses Modul nicht.
tein konstitutiv an den Membranrezeptor gebunden ist Die intrazellulären Regionen dieser Rezeptoren sind
(. Abb. 25.7c). in weiten Teilen wenig homolog und strukturell noch
Auch die Kinase-assoziierten Rezeptoren gehören zur nicht näher charakterisiert. Im Unterschied zu den Re-
Familie der Typ-I-Transmembranproteine. Der Großteil zeptor-Tyrosinkinasen besitzen sie keine Enzymaktivität.
der Interleukine und die Interferone, aber auch einige Sie enthalten aber zwei membrannah liegende konser-
Wachstumsfaktoren (z.B. Wachstumshormon, Erythro- vierte Regionen, die der dauerhaften Assoziation mit
poetin und Prolactin) signalisieren über Rezeptoren dieser cytoplasmatischen Tyrosinkinasen dienen. Nach Ausbil-
Familie. dung eines signaltransduzierenden Rezeptorkomplexes
25.4 · Prinzipien der Signaltransduktion von Membranrezeptoren
769 25

kommt es zur Aktivierung dieser assoziierten Tyrosinki-


nasen.
Wichtige Ausnahmen bilden z.B. die Rezeptoren der
Cytokine Interleukin-1 und Tumor-Nekrose-Faktor, die
in 7 Kap. 25.8.1 und 25.8.2 ausführlich besprochen sind,
sowie die Toll-like Rezeptoren, die eine zentrale Rolle
bei der angeborenen Immunität spielen (7 Kap. 25.8.5 und
7 Kap. 34.1).

In Kürze
Die Interaktion mit einem spezifischen Rezeptor ist der
erste Schritt in der Wirkung von Hormonen und Cyto-
kinen. Intrazellulär lokalisierte Hormonrezeptoren
gehören i. Allg. zur Gruppe der ligandenaktivierten
Transkriptionsfaktoren. Diese treten mit enhancer-
. Abb. 25.8. Signalamplifikation bei der Signalweiterleitung
Sequenzen der entsprechenden Gene in Wechselwir-
kung und kontrollieren so die Genexpression. Ein
großer Teil von Rezeptoren ist in zellulären Membra- werden kann (. Abb. 25.11b). Es gibt Hinweise, dass be-
nen, i. Allg. in die Plasmamembran, integriert. Nach stimmte Bereiche der Plasmamembran mit veränderter
ihrem Aufbau können Rezeptoren in ligandenaktivierte Lipidkomposition (lipid rafts, 7 Kap. 2.2.6) für die Ausbil-
Ionenkanäle, G-Protein-gekoppelte Rezeptoren oder dung solcher Plattformen prädestiniert sind. Verschiedene
Rezeptoren mit intrinsischer oder assoziierter Kinase- Signalwege können sich wechselseitig beeinflussen (cross-
aktivität unterteilt werden. talk), wodurch die Komplexität der Signaltransduktion wei-
ter gesteigert wird. Letztlich ist die Zelle gefordert, aus der
Vielzahl der auf sie einwirkenden Mediatoren mit Hilfe der
Signalintegration die vom Gesamtorganismus gewünschte
25.4 Prinzipien der Signal- biologische Antwort hervorzurufen. Die Untersuchung
transduktion von dieser komplexen Signaltransduktionsvorgänge ist ein hoch-
Membranrezeptoren aktuelles Forschungsgebiet.
! Bei allen Membranrezeptoren muss das extrazelluläre
Die Plasmamembran einer Zelle stellt in vielerlei Hinsicht
Signal in eine intrazelluläre Reaktion umgewandelt
eine Barriere dar, nicht zuletzt auch für die meisten Hor-
werden.
mone und alle Cytokine. Nur die lipophilen Hormone kön-
nen die Membran passieren und an Rezeptoren im Zell- Der allgemeine Mechanismus der Umwandlung des extra-
inneren binden (7 Kap. 25.3.1). Für die übrigen hydrophilen zellulären Signals beruht auf folgenden Schritten:
Mediatoren erfolgt die Signaltransduktion an integralen 4 Zuerst erfolgt die spezifische Bindung des Liganden
Membranproteinen der Plasmamembran. Im Falle der Li- (first messenger) an den Membranrezeptor
ganden-gesteuerten Ionenkanäle ist diese Umwandlung 4 Die Ligandenbindung führt zu einer Konformations-
sehr direkt. Nach Ligandenbindung wird die Membran änderung des Rezeptors, die mit einer Oligomerisie-
augenblicklich für bestimmte Ionen passierbar. Im Ver- rung einhergehen kann
gleich dazu erfolgt die Signaltransduktion anderer Mem- 4 Die Konformationsänderung initiiert eine intrazelluläre
branrezeptoren eher indirekt. Die Ligandenbindung an Signalkaskade
der extrazellulären Region der Rezeptoren muss über die
Transmembranhelices in ein cytoplasmatisches Signal Aktivierte Membranrezeptoren lösen verschiedene intra-
übersetzt werden. Auf der cytoplasmatischen Seite sind zelluläre Reaktionen aus, wie z.B.:
unterschiedliche Signalproteine in die Signalweiterleitung 4 die Rekrutierung von Signalproteinen an den Rezeptor
eingebunden. Dieser komplexe Mechanismus bietet aber 4 die Aktivierung oder Inaktivierung von Enzymen durch
auch eine Reihe von Möglichkeiten. So kann ein einzelner covalente Modifikation (häufig Phosphorylierung) und
aktivierter Membranrezeptor eine Vielzahl von nachge- 4 die Bildung von second messengern (z.B. cAMP oder
schalteten Signalproteinen aktivieren und damit zu einer Ca2+)
Signalamplifikation (. Abb. 25.8) beitragen. Durch die
Rekrutierung verschiedener Signalproteine an einen Rezep- Die daraus resultierenden zellulären Antworten äußern
tor entsteht eine regelrechte Signalplattform auf der cyto- sich in Veränderungen
plasmatischen Seite der Plasmamembran, die durch Adap- 4 der Genexpression
terproteine und scaffold (Gerüst)-Proteine weiter ausgebaut 4 des Stoffwechsels
770 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

4 des Cytoskeletts und der Migration Infobox


4 der Proliferation und der Apoptose Bindung von Cytokinen an Rezeptoren
4 der Differenzierung der Zelle Für eine Reihe von Cytokinen konnten die Bereiche, mit
denen sie in Kontakt zu ihren Rezeptoren treten, defi-
niert werden. Ebenso ließen sich die an der Bindung
25.4.1 Rezeptoraktivierung beteiligten Bereiche auf den entsprechenden Rezepto-
ren identifizieren. Beispielhaft lässt sich diese Wechsel-
Die Bindung des Liganden an den Membranrezeptor ist der wirkung am Komplex aus Wachstumshormon (growth
erste Schritt einer jeden Signaltransduktionskaskade. Die hormone, GH, welches auf Grund struktureller Merkma-
Ligand-Rezeptor-Wechselwirkung ist durch Spezifität und le der Familie der helicalen Cytokine zugeordnet wird)
hohe Affinität charakterisiert. und seinem Rezeptor in . Abb. 25.9 veranschaulichen.
Dargestellt ist ein Komplex aus zwei Wachstumshor-
! Die Bindung eines Liganden an den Extrazellulärteil
25 eines Rezeptormoleküls wird über mehrere nichtco-
mon-Rezeptoruntereinheiten (rot und grün) und dem
gebundenen Wachstumshormon (blau). Von den bei-
valente Wechselwirkungen vermittelt.
den Rezeptoren sind nur die Extrazellulärdomänen
Die Rezeptorkinasen (7 Kap. 25.7) und die Rezeptoren gezeigt. Hierbei handelt es sich um zwei je etwa 100
mit assoziierten Tyrosinkinasen (7 Kap. 25.8) werden erst Aminosäuren lange Fibronektin-Typ-III-Domänen. Jede
nach ihrer Dimerisierung oder Oligomerisierung aktiviert. Fibronektin-Typ-III-Domäne ist aus sieben E-Strängen
Eine einzelne, starre Transmembranhelix könnte extra- aufgebaut.
zelluläre Konformationsänderungen nur schlecht ins Zell- Die Interaktionsflächen zwischen Ligand und Re-
innere weitergeben. Die Oligomerisierung wird durch zeptoren bestehen aus einem hydrophoben Zentrum
multivalente Liganden erreicht, die mit mehreren Rezep- (gelb), das von einem Rand aus polaren Aminosäuren
torproteinen gleichzeitig interagieren. Bei der Bindung von umgeben ist. Die Spezifität der Wechselwirkung wird
Cytokinen an Rezeptorkomplexe, die aus mehr als einer dabei durch die polaren Interaktionen vermittelt, wäh-
Proteinspezies aufgebaut sind (Heterooligomere), kann rend die van-der-Waals-Wechselwirkungen im Zentrum
häufig eine definierte Reihenfolge der Bindungsereignisse der Interaktionsflächen den entscheidenden Beitrag
festgestellt werden. Das Cytokin bindet zunächst an eine zur Bindungsenergie liefern.
der beteiligten Rezeptoruntereinheiten. Erst nach Bindung
einer weiteren Rezeptoruntereinheit entsteht ein signalisie-
render Komplex auf der Zellmembran.
In diesem Zusammenhang werden auch vorgeformte
Komplexe aus Rezeptoruntereinheiten auf der Zellmem-
bran diskutiert, die durch Ligandenbindung nur noch in
eine aktivierte, signaltransduzierende Konformation ge-
bracht werden müssen. Es ist jedoch nicht genau verstan-
den, wie die Bindung des Liganden zur Aktivierung der
Kinasen führt.
Im Fall von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (7 Kap.
25.6) scheint die Liganden-induzierte Rezeptor-Oligome-
risierung eher von untergeordneter Bedeutung. Hier kann
die Bindung des Liganden auf der extrazellulären Seite die
Orientierung der an sich starren Transmembranhelices
zueinander verändern. Diese Konformationsänderung des
Rezeptors wird auf der cytoplasmatischen Seite von den
assoziierten trimeren G-Proteinen erkannt und führt zur
Auslösung der Signalkaskaden.

25.4.2 Rekrutierung cytoplasmatischer


Effektorproteine an die Plasma-
membran . Abb. 25.9. Erkennung eines Liganden durch seinen Rezeptor.
Kristallstruktur des Komplexes aus Wachstumshormon (blau) und
den extrazellulären Regionen zweier Wachstumshormon-Rezeptoren
Nach Aktivierung von Membranrezeptoren gehen alle wei- (grün und rot) (DeVos, Ultsch, Kossiakoff 1992). Das Prinzip der Erken-
teren Signaltransduktionsvorgänge von der zellinneren Sei- nung des Liganden durch den Rezeptor ist vergrößert dargestellt.
te der Plasmamembran aus. Hierzu werden cytoplasma- (Einzelheiten 7 Infobox)
25.4 · Prinzipien der Signaltransduktion von Membranrezeptoren
771 25

tische Signalproteine an die Plasmamembran rekrutiert.


Die Lokalisierung an die Membran wird erreicht durch
4 Protein-Protein-Wechselwirkungen
4 Protein-Membranlipid-Wechselwirkungen
4 Lipidanker

Protein-Protein-Wechselwirkungen
Diese spielen in der Signaltransduktion eine wichtige Rolle.
An den aktivierten Rezeptor werden weitere Signalmole-
küle rekrutiert, die wiederum in Wechselwirkung mitein-
ander treten. Die Ausbildung dieser Komplexe wird über
spezifische Interaktionsdomänen ermöglicht, welche zum
Beispiel an phosphorylierte Aminosäureseitenketten oder
an Proteinabschnitte mit definierten Aminosäuresequen-
zen binden. Es handelt sich hierbei um eine 1:1 Signalüber-
tragung, im Unterschied zur häufig beobachteten Signal-
verstärkung über second messenger (. Abb. 25.8).
! SH2-Domänen und PTB-Domänen binden spezifisch an
Phosphotyrosin-Motive (. Abb. 25.10).

Die Phosphotyrosin-Seitenketten im cytoplasmatischen


Teil eines aktivierten Cytokinrezeptors oder einer akti-
vierten Rezeptortyrosinkinase dienen als Rekrutierungs-
stellen für weitere Signalmoleküle. Proteine mit SH2-Do-
mänen- (src-homology 2 domains) oder PTB-Domänen
(phosphotyrosine binding domains) binden spezifisch an
Phosphotyrosin-Motive. Die spezifische Interaktion zwi-
. Abb. 25.10. Prinzip der spezifischen Erkennung von Phospho-
schen Proteinen ist ein grundlegendes Prinzip der Signal-
tyrosin-Motiven durch SH2-Domänen enthaltende Proteine.
transduktion. Die Erkennung von Phosphotyrosin-Motiven Dargestellt sind zwei Proteine mit SH2-Domänen, die jeweils nur
durch SH2-Domänen ist in . Abb. 25.10 verdeutlicht. Ob- spezifische Tyrosin-Motive in der phosphorylierten Form erkennen.
wohl Proteine mit SH2-Domänen prinzipiell Phosphotyro- Diese spezifische Erkennung ist die Grundlage für die Spezifität der
sin-Motive erkennen, ist es von grundlegender Bedeutung Signalweiterleitung
für eine gerichtete, spezifische Signaltransduktion, dass nur
bestimmte SH2-Domänen enthaltende Proteine (z.B. Pro-
tein 1 in . Abb. 25.10) mit bestimmten phosphorylierten Nicht alle Interaktionsdomänen binden an aktivierte
Proteinen (Protein 3) interagieren. Aus diesem Grund ent- Strukturen. Häufig existieren auch konstitutive Protein-
halten SH2-Domänen eine konservierte Region, die die Protein-Interaktionen. So ermöglichen SH3-Domänen (src
Erkennung von Phosphotyrosinen gewährleistet (rot) so- homology 3 domains) die Interaktion mit Prolin-reichen
wie eine variable Region (blau), die für die spezifische Er- Peptidabschnitten anderer Signalmoleküle.
kennung der C-terminal zum Phosphotyrosin liegenden Interaktionen zwischen den Todes-Domänen (DD,
Aminosäuren (orange bzw. grün) zuständig ist. Diese duale death domains) der Signalmoleküle aus den TNF- und
Erkennung gewährleistet, dass nur bestimmte Proteine mit Fas-Signalkaskaden ermöglichen die Zusammensetzung
einer festgelegten Aminosäure-Sequenz in phosphory- großer Signalmolekülkomplexe, die Apoptose induzieren
lierter Form gebunden werden. (7 Kap. 7.1.5). Um eine permanente Interaktion von death-
Auf diese Weise können z.B. Transkriptionsfaktoren Domänen enthaltenden Proteinen zu verhindern, werden
wie die STAT-Faktoren (7 Kap. 25.8.3) an den Rezeptor ge- sie durch die Bindung an SODD (silencer of death domains)-
bunden und dort aktiviert werden. Die STAT-Proteine wer- Proteine blockiert.
den am Rezeptor phosphoryliert, dimerisieren und wan- Proteine, die in der Signaltransduktion als Adapter fun-
dern daraufhin in den Zellkern um Zielgene zu induzieren. gieren, besitzen mehrere Interaktionsdomänen und kön-
Ähnlich funktioniert die Aktivierung der Smad-Proteine nen so unterschiedliche Signalproteine zusammenführen.
im Rahmen der TGF-E Signaltransduktion (7 Kap. 25.7.2).
Nur ist hier eine Serin-Phosphorylierung des Rezeptors Protein-Membranlipid-Wechselwirkungen
der Auslöser. Entsprechend verfügen Smad-Proteine über Eine Rekrutierung von Signalmolekülen an die Zellmem-
MH–Domänen (MAD homology domains), die spezifisch bran kann auch durch die Modifizierung von Membran-
mit Phosphoserin-Motiven interagieren. lipiden erreicht werden. Bestimmte Lipidkinasen wie die
772 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25.4.3 Organisierte Kinasekaskaden

Ein weit verbreiteter Signalweg, der sowohl von G-Protein-


gekoppelten Rezeptoren als auch von Rezeptorkinasen
und Rezeptoren mit assoziierten Kinasen genutzt wird,
ist die so genannte Mitogen-aktivierte Proteinkinase
(MAPK)-Kaskade. Seit der Entdeckung der ersten Kinase
dieser Familie im Jahre 1987 wurden große Fortschritte in
der Entschlüsselung ihrer Aktivierungs- und Wirkungs-
weise gemacht. Heute weiß man, dass es drei Familien von
MAP-Kinasen gibt (. Abb. 25.11a), die aufgrund ihrer
aktivierenden Faktoren in zwei Gruppen eingeteilt werden
25 können:
4 die hauptsächlich bei wachstumsfördernden Prozes-
sen aktivierten Kinasen ERK1 und ERK2 (extracellular
signal regulated kinases)
4 die durch extrazellulären Stress (wie z.B. UV-Licht,
oxidativen Stress, Hungersignale, osmotische Verände-
rungen) und pro-inflammatorische Cytokine aktivierte
Familie der p38-Kinasen (p38D, β, γ, G; benannt nach
ihrer Molekülmasse von 38 kDa) und die JNK-Familie
(c-Jun N-terminale Kinase) (JNK1, -2 und -3).

Die erwähnten Kinasen können nicht direkt von den Mem-


branrezeptoren aktiviert werden, sondern stehen als aus-
führende (executive) Kinasen am Ende einer wohl organi-
sierten Kinasen-Kaskade aus drei einzelnen Kinasen mit
unterschiedlichen Kinaseaktivitäten:
. Abb. 25.11. MAP-Kinase-Kaskaden. (a) Die drei Familien der 4 MAP-Kinase Kinase Kinase (MAP3K)
MAP-Kinasen. MEK = mitogen-activated/extracellular signal-activated
4 MAP-Kinase Kinase (MAP2K)
kinase kinase; MKK = mitogen-activated protein kinase kinase; ERK =
extracellular signal-regulated kinase; MEKK = mitogen-activated/extra-
4 MAP-Kinase (MAPK)
cellular signal-activated kinase kinase kinase; MLK = mixed-lineage
kinase; ASK = apoptosis signalling kinase; TAK = TGFE-activated kinase; Dieses Modul ist für alle drei MAPK-Familien ähnlich or-
JNK = c-Jun N-terminal kinase (b) Aktivierung der MAP-Kinasen am ganisiert (. Abb. 25.11a). Die MAP3K ist immer eine Serin/
scaffold-Protein
Threoninkinase, d.h. sie aktiviert die unter ihr stehende
MAP2K über eine Phosphorylierung spezifischer Seryl-
und/oder Threonylreste. Die MAP2K hingegen ist eine
Phosphatidylinositid-3-Kinase (PI3K) phosphorylieren dual-spezifische Kinase, d.h. sie besitzt sowohl eine Serin/
Phosphatidylinositolphosphate. Proteine mit PH-Domä- Threoninkinase- als auch eine Tyrosinkinase-Aktivität,
nen (pleckstrin-homology domains) binden spezifisch an eine Fähigkeit, die sehr wenige Kinasen aufweisen. Diese
die so erzeugten Phosphatidylinositolphosphate. Dieser Me- duale Kinaseaktivität ist erforderlich, da die unter ihr
chanismus spielt eine wichtige Rolle bei dem anti-apopto- stehende MAPK durch die Phosphorylierung eines, in allen
tischen PI3K/PKB-Signalweg (7 Kap. 25.7.1). MAPK konservierten, Tyrosin-X-Threonin Motivs akti-
viert wird (wobei »X« im Fall der ERKs Glutamat, im Fall
Lipidanker der JNKs Prolin und im Fall der p38 Glycin ist). Die MAPK
Proteine können auch über einen Lipidanker an die selbst sind wieder reine Serin-/Threoninkinasen, d.h. sie
Innenseite der Plasmamembran gebunden sein. Wird aktivieren ihre Substrate über eine Phosphorylierung von
die Myristinsäure (eine gesättigte Fettsäure aus 14 C-Ato- Seryl- und/oder Threonylresten (. Abb. 25.11b).
men) an den N-Terminus eines Proteins gebunden, so Es ist leicht einzusehen, dass eine solche Abfolge von
spricht man von Myristoylierung. Bei der Palmitoylie- Phosphorylierungsreaktionen eine räumliche Nähe der
rung wird die Palmitinsäure über eine Thioesterbin- drei MAPK zueinander erfordert. In der Tat ist in den letz-
dung an eine Cysteinseitenkette des Proteins gebunden. ten Jahren klar geworden, dass es so genannte Gerüst- (scaf-
Auch Isopren-Derivate können an Cysteine gebunden fold) Proteine gibt, die alle drei Kinasen gleichzeitig binden
werden wie z.B. bei der Farnesylierung von Proteinen können und somit in unmittelbare räumliche Nähe zuein-
(7 Kap. 9.2.4). ander bringen (. Abb. 25.11b).
25.4 · Prinzipien der Signaltransduktion von Membranrezeptoren
773 25

Während die Anzahl der MAPK und der MAP2K re- als molekulare Schalter von großer Bedeutung. Wie aus
lativ gering zu sein scheint, werden immer wieder neue . Abb. 25.12 hervorgeht, kommen G-Proteine in zwei
Kinasen beschrieben, die den MAP3K zuzuordnen sind. Sie unterschiedlichen Zuständen vor, die sich nur durch das
stellen mit Sicherheit die sowohl strukturell als auch funk- jeweils gebundene Guaninnucleotid unterscheiden. In ak-
tionell variabelste Gruppe dar. tiver Form sind sie mit GTP beladen und imstande, eine
Zusätzlich erlaubt ein solcher kaskadenartiger Ablauf Reihe unterschiedlicher Proteine zu aktivieren (7 u.). Für
einer Aktivierung eine enorme Signalamplifikation. So die Überführung der aktiven in die inaktive Form des
besitzt eine normale Säugerzelle ca. 10.000 Moleküle der G-Proteins wird die intrinsische GTPase-Aktivität des
MAP3K Raf-1, aber schon 36–80.000 Moleküle der MAP2K G-Proteins genutzt. Diese wird oft durch einen Hilfsfaktor,
MEK1 und ca. 1.000.000 Moleküle der MAPK ERK1 und ein sog. GTPase-aktivierendes Protein (GAP) induziert.
ERK2. Soll das inaktive, GDP-beladene G-Protein wieder in die
Bevor die MAP3K die Kaskade auslösen kann, muss aktive Form überführt werden, so ist zunächst die Disso-
sie ihrerseits aktiviert werden. Hierzu sind die kleinen ziation des GDP notwendig. Hierfür werden Proteine un-
G-Proteine der Ras- und der Rho-Familie notwendig terschiedlichster Art benötigt, die allgemein als guanine
(7 Kap. 25.4.4). nucleotide-exchange factors (GEF) bezeichnet werden. Das
Guaninnucleotid-freie G-Protein hat eine hohe Affinität
Infobox für GTP und nimmt dieses rasch auf, womit es wieder in
Ras – ein Protoonkogen den aktiven Zustand überführt wird.
Das kleine G-Protein Ras liegt in 30% aller menschlichen Bis heute sind mehr als 50 unterschiedliche Isofor-
Krebsformen in einer mutierten, konstitutiv aktiven men von G-Proteinen isoliert und charakterisiert wor-
Form vor. Im Fall des Prostatakarzinoms liegt die Muta- den. Sie lassen sich in drei Untergruppen einteilen (. Ta-
tionsrate sogar bei nahezu 100%, bei Colonkarzinomen belle 25.3):
bei 50%. Es ist hauptsächlich involviert in Zellwachstum 4 heterotrimere G-Proteine, die durch G-Protein-gekop-
und verhindert die Einleitung apoptotischer Prozesse. pelte Rezeptoren (7 Kap. 25.6) aktiviert werden
Hauptaktivatoren von Ras sind Wachstumsfaktoren. 4 kleine G-Proteine, die als Schalter bei der Regulation
Ras kommt in drei Isoformen vor (H-Ras, N-Ras, K-Ras), von Wachstum und Differenzierung, beim Vesikeltrans-
die alle C-terminal über einen Lipidanker membran- port und bei vielen anderen Vorgängen benötigt wer-
lokalisiert vorliegen (7 Kap. 9.2.4). den sowie
4 Translationsfaktoren mit ubiquitärem Vorkommen

25.4.4 G-Proteine 25.4.5 Second messenger

Häufig sind an der Signaltransduktion Guaninnucleotid- Einige Signalwege führen zur Synthese oder Freisetzung
bindende Proteine (G-Proteine) beteiligt. eines niedermolekularen zweiten Botenstoffs (second mes-
senger), der sich im Cytoplasma verteilt. So aktivieren be-
! G-Proteine dienen als molekulare Schalter bei der Signal-
stimmte G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR) über
transduktion.
trimere G-Proteine die membranständige Adenylatcyclase
G-Proteine sind nicht nur für hormonelle, sondern auch (. Abb. 25.13a). Diese synthetisiert zyklisches AMP
für nichthormonelle Signaltransduktions-Mechanismen (cAMP) aus ATP. Ein aktiviertes Adenylatcyclase-Enzym

. Abb. 25.12. Der Aktivierungszyklus der G-


Proteine. G-Proteine werden durch den Austausch
von GDP durch GTP aktiviert und wirken als »mole-
kulare Schalter«. (Einzelheiten 7 Text) GEF = guanine
nucleotide-exchange factor; GAP = GTPase aktivieren-
des Protein
774 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

. Tabelle 25.3. Die Großfamilie der G-Proteine


Familie Bezeichnung Funktion
heterotrimere G-Proteine Gs Aktivierung der Adenylatcyclase
Golf Aktivierung der Adenylatcyclase
Gi Hemmung der Adenylatcyclase
Go Aktivierung der PLC-E
Gt Aktivierung der cGMP-Phosphodiesterase
Gg unbekannt
Gq Aktivierung der PLC-E
G13 Aktivierung der Rho-Kinase
25 kleine G-Proteine Ras-Proteine Wachstum, Differenzierung, Genexpression
Rho/Rac/Cdc42-Proteine Organisation des Zytoskeletts, Genexpression
Rab-Proteine Vesikulärer Transport (vesicle trafficking)
Sar1/Arf-Proteine Vesikel-Knospung (vesicle budding)
Ran-Proteine nukleozytoplasmatischer Transport, Organisation von Mikrotubuli
Translationsfaktoren eIF-2 Initiation der Translation
eEF-Tu; eEF-1; eEF-2 Elongation

kann viele tausend cAMP-Moleküle synthetisieren. Auf Jede Erhöhung der cytosolischen Calciumkonzentration
diese Weise trägt der second messenger zur effizienten Ampli- führt zu markanten Änderungen des Zellstoffwechsels. So
fikation des Signals bei und verteilt die Information von kommt es u.a. zu einer Stimulierung des Glycogenabbaus
der Plasmamembran ausgehend über die gesamte Zelle in Leber und Muskulatur, zu einer Stimulierung sekreto-
(. Abb. 25.8). cAMP aktiviert die Proteinkinase-A (PKA) rischer Prozesse (7 Kap. 6.2), sowie zur Verstärkung einer
und nimmt damit unter anderem Einfluss auf den Glyco- Reihe von cAMP-vermittelten Effekten.
genmetabolismus (7 Kap. 11.2). Über diese amplifizierende Die cytosolische Calciumkonzentration wird durch
Signalkaskade führt die Aktivierung von wenigen Mem- verschiedene Transportsysteme sehr genau reguliert (. Abb.
branrezeptoren zur Freisetzung von Glucose-Molekülen 25.14).
wie sie z.B. für die Aufrechterhaltung des Blutzuckerspie- 4 Mechanismen für die schnelle Bereitstellung von Ca2+
gels durch die Leber notwendig ist. Durch das Enzym Phos- im Cytoplasma:
phodiesterase wird 3c,5c-cAMP in 5c-AMP umgewandelt 5 Calciumeinstrom aus intrazellulären Calcium-
und damit das Signal abgeschaltet. speichern durch die IP3-aktivierten Calciumka-
Der second messenger zyklisches GMP (cGMP) ent- näle (①) des endoplasmatischen Retikulums. In
steht analog zu cAMP durch die Umsetzung von GTP vielen Geweben, besonders in der Skelettmuskula-
durch Guanylatcyclasen. Die Stimulation der löslichen tur, finden sich zusätzlich als Liganden-aktivierte
Guanylatcyclasen erfolgt über Stickstoffmonoxid (NO) Calciumkanäle des sarkoplasmatischen Retikulums
(7 Kap. 25.9.1). sog. Ryanodinrezeptoren. Sie werden durch Span-
Weitere second messenger sind Inositoltrisphosphat nungs- oder Liganden-regulierte Calciumkanäle
(IP3), Diacylglycerin (DAG) und Calcium (Ca2+). Das in der Plasmamembran aktiviert. Möglicherweise
Enzym Phospholipase C (PLC), von dem mehrere Iso- ist das aus NAD+ gebildete cyclo-ADP-Ribosemole-
formen existieren, spaltet Phosphatidylinositol-4,5-bis- kül der natürliche Ligand dieses Rezeptors
phosphat (PIP2) in IP3 und DAG. . Abb. 25.13b zeigt die 5 Calciumeinstrom aus dem extrazellulären Raum
Aktivierung verschiedener PLC-Isoformen durch Rezep- durch spannungsregulierte Calciumkanäle (②). Die
tor-Tyrosinkinasen (PLCγ) oder G-Protein-gekoppelte Öffnung derartiger Kanäle, die in einer Reihe unter-
Rezeptoren (PLCβ). Über IP3 wird anschließend Ca2+ aus schiedlicher Isoformen vorkommen, erfolgt nach De-
dem endoplasmatischen Retikulum freigesetzt. DAG und polarisierung von Zellen. Interessanterweise kann die
Ca2+ aktivieren unter anderem die Proteinkinase C (PKC) Öffnungswahrscheinlichkeit des spannungsregulier-
(. Abb. 25.23c und . Abb. 25.24) und induzieren so die ten Calciumkanals, z.B. im Herzmuskel dadurch ver-
zelluläre Antwort. größert werden, dass das Kanalprotein durch die
cAMP-abhängige Proteinkinase A phosphoryliert
! Eine Vielzahl zellulärer Prozesse wird über die cytosoli- wird. Dies ist eine der Möglichkeiten, die intrazelluläre
sche Calciumionen-Konzentration gesteuert. Calciumkonzentration durch Hormone zu regulieren
25.4 · Prinzipien der Signaltransduktion von Membranrezeptoren
775 25

. Abb. 25.13. Synthese der second messenger Moleküle cAMP tol-4,5-bisphosphat (PIP2). Während G-Protein-gekoppelte Rezeptoren
und IP3. (a) Generierung von cAMP aus ATP nach Stimulation der (GPCR) über trimere G-Proteine die Phospholipase CE (PLCE) aktivie-
Adenylatcyclase durch trimere G-Proteine. (b) Entstehung der second ren, können Rezeptor-Tyrosinkinasen (RTK) Phospholipase CJ (PLCJ)
messenger Inositol-1,4,5-trisphosphat (IP3) und Diacylglycerin (DAG) rekrutieren und aktivieren. Die Bildung von DAG und IP3 führt zur
durch Phospholipase C-vermittelte Spaltung von Phosphatidylinosi- Aktivierung der Proteinkinase C bzw. zur Ca2+-Freisetzung
776 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.14. Regulation des zellulären Calciumstoffwechsels. Retikulum; G = trimeres G-Protein; L = Ligand; MLCK = myosin light
AC = Adenylatcyclase; CaM = Calmodulin; ER = endoplasmatisches chain kinase; PKA = Proteinkinase A; PLC = Phospholipase C

5 Calciumeinstrom aus dem extrazellulären Raum Die cytosolische Ca2+-Konzentration tierischer Zellen
durch Liganden-regulierte Calciumkanäle (③). liegt im Ruhezustand bei etwa 10–7 mol/l und kann nach
Derartige Kanäle öffnen sich dann, wenn entspre- voller hormoneller Aktivierung auf etwa 10–5 mol/l an-
chende Liganden, meist Hormone, gebunden wer- steigen. Jede Wechselwirkung enzymatischer Systeme
den. Hierzu gehören Vasopressin, Leukotriene oder mit intrazellulärem Ca2+ kann aufgrund dieser Tatsache
extrazelluläres ATP (Purinrezeptoren) nur dann erfolgen, wenn sie über hochaffine Bindungs-
4 Mechanismen für den Export von Ca2+ aus dem Cyto- stellen für Calcium verfügen. Darüber hinaus müssen
plasma: solche Bindungsstellen sehr spezifisch für Calcium sein,
5 eine in der Plasmamembran aller Zellen nachweis- da intrazellulär andere zweiwertige Kationen, v.a. Magne-
bare Ca2+-ATPase (④) sium, in einer Konzentration von etwa 10–3 mol/l vorkom-
5 ein Ca2+/Na+-Antiport (⑤), ein System welches den men.
mit Hilfe der Na+/K+-ATPase erzeugten Natrium- Calcium wirkt meist nicht direkt, sondern über Cal-
Gradienten über der Zellmembran sekundär zum cium-bindende Proteine auf die enzymatischen Systeme
aktiven Calciumexport benutzt ein. Das Vorkommen calciumbindender Proteine war
5 eine im endoplasmatischen Retikulum lokalisierte schon aus Untersuchungen über die Skelettmuskel-Kon-
Ca2+-ATPase (⑥), die die Sequestrierung von Cal- traktion bekannt. Hier ist Troponin das Calcium-bin-
cium in diesen Organellen ermöglicht sowie dende Protein (7 Kap. 30.2.2). Weiterhin wurde als Cal-
5 ein nur bei Calciumüberladung von Zellen be- cium-bindendes Protein das Calmodulin nachgewiesen,
nutztes System, das die Akkumulierung von Cal- ein aus einer einzelnen Peptidkette aus 148 Aminosäuren
cium als Calciumphosphat in den Mitochondrien bestehendes Protein, das große Ähnlichkeit mit Troponin
ermöglicht (in . Abb. 25.14 nicht dargestellt) C hat (7 Kap. 30.3.2). Nach Bindung von Calcium ändert
Calmodulin seine Konformation und kann dann an wei-
Die genannten Exportsysteme sind dafür verantwortlich, tere Effektorproteine wie z.B. Calmodulin-abhängige
dass im Ruhezustand im Cytoplasma eine niedrige Cal- Kinasen oder Phosphatasen binden. So spielt beispiels-
cium-Konzentration aufrechterhalten wird. weise die Calcium-regulierte Phosphatase Calcineurin
bei der T-Zell-Rezeptor Signaltransduktion eine wichtige
! Calcium-bindende Proteine vermitteln die Calciumwir-
Rolle.
kung auf zelluläre Systeme.
25.5 · Einteilung der Cytokine
777 25

. Tabelle 25.4. Beispiele Calmodulin-bindende Proteine


Calmodulin bindendes Protein Effekt der Calmodulin-Bindung Funktion des Proteins Vgl. Kapitel
CaM-Kinase III ? Rolle bei der Proteinbiosynthese 9.1.4
CaM-Kinase II Freigabe der autoinhibierenden pleiotrope Funktionen; wichtig für 31.2
Domäne (AID) die synaptische Plastizität
Myosin light-chain kinase (MLCK) Freigabe der AID beeinflusst den Kontraktionszyklus 30.3.2
der glatten Muskulatur
Phosphorylasekinase ? Bedeutung für die Glycogenolyse 11.5
Anthrax Adenylatcyclase Konformationsänderung im Ödemischer Faktor beim Milzbrand 25.4.5
aktiven Zentrum
Ca2+-aktivierter K+-Kanal Dimerisierung von Regulation der neuronalen Erregung 31.2.2
Kanal-Untereinheiten

Infobox
Calmodulin Pathobiochemie:
Viele der zellulären Funktionen von Calcium werden Aktivierung der Anthrax Adenylatcyclase durch Calmodulin:
durch mit Ca2+ beladenem Calmodulin vermittelt. Etwa Das Milzbrand (Anthrax) auslösende Bakterium Bacillus
1% des gesamten zellulären Proteins tierischer Zellen anthracis, das selbst kein Calmodulin exprimiert, nutzt
besteht aus Calmodulin, welches nicht nur im Cytosol Calmodulin, um auf die Zellen eines infizierten Organismus
vorkommt, sondern auch an verschiedene zelluläre Struk- zu wirken. Hierbei wird die Aktivität eines der bakteriellen
turen wie Mitosespindeln, Aktinfilamente und Interme- Toxine, einer löslichen Adenylatcyclase, durch die Bindung
diärfilamente assoziiert ist. von Calmodulin bis zu 1000-fach verstärkt. Als Konsequenz
Calmodulin verfügt über vier hochaffine Bindungs- werden 20% bis 50% des zellulären ATPs zu cAMP umge-
stellen für Calcium. Diese zeichnen sich dadurch aus, setzt, die Membranpermeabilität verändert sich und es
dass das Calcium über eine Reihe von Carboxylaten sowie kommt zu einem Flüssigkeitsverlust im infizierten Gewebe.
Carbonyl-Gruppen der Peptidbindung fixiert wird Die Adenylatcyclase ist somit die Ödem-auslösende Kom-
(7 Kap. 3.1.2). Das mit Ca2+ beladene Calmodulin kann ponente von Anthrax. Die Nutzung des Calmodulins ist für
unterschiedliche Konformationen annehmen und auf das Bakterium sinnvoll, da es ubiquitär exprimiert wird und
diese Weise mit vielen Proteinen interagieren. In 7 Tabel- die Aminosäuresequenz des Calmodulins in allen Verte-
le 25.4 sind einige durch Calmodulin regulierte Proteine braten hoch konserviert ist.
aufgeführt.

In Kürze
Aktivierung von Membranrezeptoren durch ihre 4 Rekrutierung von Effektorproteinen an die Plasma-
Liganden können folgende Mechanismen der Signal- membran und deren Aktivierung
transduktion auslösen: 4 Überführung von G-Proteinen in die aktive, mit GTP
4 Konformationsänderung der Rezeptoren beladene Form
4 Aktivierung von Kinasen 4 Bildung von second messengern

25.5 Einteilung der Cytokine Cytokine


4 sind Polypeptide mit Molekulargewichten von ca. 15–
Cytokine entfalten im Unterschied zu den Hormonen, die 25 kDa
endokrin über den Blutstrom weit entfernte Zielgewebe/ 4 werden nach auslösenden Reizen/Noxen, schnell syn-
-zellen erreichen, ihre Wirkung über sehr viel kürzere thetisiert und sezerniert
Distanzen (wenige Micrometer) entweder parakrin oder 4 werden selten als präformierte Moleküle gespeichert
autokrin. 4 werden von verschiedenen Zelltypen produziert
Merkmale, die auf Cytokine zutreffen, sind im Folgen- 4 wirken im pico- bis nanomolaren Bereich
den zusammengestellt. 4 wirken auf unterschiedliche Zelltypen (Pleiotropis-
mus), aber auch autokrin
778 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

4 wirken über spezifische Rezeptoren auf der Oberfläche Weiterhin sind Einteilungen nach strukturellen Gesichts-
von Zielzellen punkten möglich, z.B. nach der dreidimensionalen Struktur
4 unterschiedlicher Art können auf ihren Zielzellen Glei- der Cytokine oder nach gemeinsam genutzten Rezeptor-
ches bewirken (Redundanz) komponenten.
4 beeinflussen die Synthese anderer Cytokine In . Tabelle 25.1 findet sich ein Überblick über die ver-
4 beeinflussen die Wirkung anderer Cytokine additiv, schiedenen Cytokine, die sich nach ihren biologischen
synergistisch oder antagonistisch Funktionen und der Natur ihrer Rezeptoren in Wachstums-
4 spielen eine wichtige Rolle für die Regulation der Gen- faktoren, Interleukine, Interferone und Chemokine ein-
expression in den Zielzellen teilen lassen.
4 können Differenzierung, Proliferation, Migration oder
Apoptose der Zielzellen induzieren
25.5.1 Wachstumsfaktoren
25 Eine Dysregulation der Cytokin-Signaltransduktion kann
zu schwerwiegenden akuten und chronischen Entzün- ! Wachstumsfaktoren regulieren die Entwicklung von
dungen, Autoimmunerkrankungen und Neoplasien füh- Vorläuferzellen zu differenzierten Zelltypen und stimu-
ren. Daher ist das Verständnis der molekularen Mechanis- lieren die Zellproliferation.
men der Cytokin-Signaltransduktionskaskaden für thera-
peutische Ansätze von großer Bedeutung. Innerhalb der Wachstumsfaktoren ist eine Einteilung nach
funktionellen Eigenschaften schwierig. Die meisten Wachs-
Infobox tumsfaktoren signalisieren über Rezeptoren mit intrin-
Lösliche Rezeptoren als Cytokin-Inhibitoren sischer Kinaseaktivität (Rezeptor-Tyrosinkinasen oder
Im Blutplasma, häufig auch im Urin, kann man lösliche Rezeptor-Serin/Threoninkinasen). Ein gemeinsamer, zen-
Formen von Cytokinrezeptoren nachweisen. Die lösli- traler Mechanismus in den Signalwegen aller Wachstums-
chen Rezeptoren bestehen aus der Extrazellulärregion faktoren besteht in der Aktivierung der Ras/Raf/MAPK-
des Rezeptors, die Transmembrandomäne und der cyto- Kaskade (7 Kap. 25.4.3).
plasmatische Teil fehlen. Lösliche Rezeptoren entstehen
durch Translation einer alternativ gespleißten mRNA
oder durch limitierte proteolytische Spaltung membran- 25.5.2 Interleukine
ständiger Rezeptoren (shedding). Sie binden ihren Li-
ganden mit vergleichbarer Affinität und Spezifität wie ! Interleukine besitzen vielfältige Aufgaben in der Regu-
der membranständige Rezeptor. Cytokine, die an den lation der Immunabwehr, der Entzündungsreaktion,
löslichen Rezeptor gebunden sind, können nicht mehr der Hämatopoese und der Apoptose.
an den membranständigen Rezeptor binden und sind
daher unwirksam. Lösliche Rezeptoren wirken deswe- Bisher sind 33 Interleukine bekannt. Andere Cytokine wie
gen mit wenigen Ausnahmen als Cytokin-Inhibitoren. z.B. Tumor-Nekrose-Faktor (TNF), Leptin, Erythropoetin
Man nimmt an, dass sie bei der Modulation von Cyto- (EPO), Thrombopoetin (TPO) werden auch zur Gruppe
kinsignalen eine wichtige Rolle spielen (7 Kap. 25.10.1). der Interleukine gerechnet. Die meisten Interleukine signa-
Chronische Entzündungen werden durch eine lisieren über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen und nut-
Überproduktion von pro-inflammatorischen Cytokinen zen als gemeinsamen zentralen Signalweg die Janus Kinase/
wie Interleukin-1 (IL-1), Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) signal transducer and activator of transcription (JAK/STAT)-
und Interleukin-6 (IL-6) aufrechterhalten. Daher ist die Kaskade (7 Kap. 25.8.3). TNF und IL-1 nehmen innerhalb
gezielte Hemmun pro-inflammatorischer Cytokine ein der Interleukin-Familie im Hinblick auf ihre Rezeptoren
vielversprechender Therapieansatz. Der lösliche TNF- und Effektorproteine (NF-NB) eine Sonderstellung ein
Rezeptor wird in dimerer Form in großen Mengen (7 Kap. 25.8.1, 25.8.2).
biotechnologisch produziert und als TNF-Inhibitor mit
Erfolg zur Behandlung von Morbus Crohn sowie rheu-
matischer Erkrankungen eingesetzt (Etanercept/En- 25.5.3 Interferone
brel®). Weitere Cytokin-Inhibitoren auf der Basis lösli-
cher Rezeptoren befinden sich im Entwicklungs- ! Die mit den Interleukinen nahe verwandten Interferone
stadium. spielen eine wesentliche Rolle bei Immunabwehr (be-
sonders nach Virusinfektionen) und Apoptose, sie wir-
ken stark wachstumshemmend.
Cytokine lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten
klassifizieren: Im Hinblick auf ihre Funktionen kann eine Von den Interleukinen werden die sehr nahe verwandten
Einteilung nach den biologischen Antworten erfolgen. Interferone abgegrenzt. Auch die Interferone signalisieren
25.6 · Signaltransduktion G-Protein-gekoppelter Rezeptoren
779 25

über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen und nutzen die 25.6 Signaltransduktion G-Protein-
JAK/STAT-Signalkaskade (7 Kap. 25.8.4). gekoppelter Rezeptoren
Die Interferone selbst werden in zwei Klassen eingeteilt.
Alpha-Interferone (IFN-D), E-Interferon (IFN-E), H-Inter- Mit etwa 950 identifizierten Genen stellen die G-Protein-
feron (IFN-H), N-Interferon (IFN-N) und Z-Interferone gekoppelten Rezeptoren (G-protein-coupled receptors;
(IFN-Z) gehören zu den Typ-1-Interferonen. Sie signali- GPCR) die größte Rezeptorklasse dar. Die Rezeptoren die-
sieren über die gleichen Rezeptorheterodimere. Von den ser Familie weisen typischerweise sieben Transmembran-
D-Interferonen sind derzeit 13, von den ω-Interferonen zwei domänen auf. Sie vermitteln die Effekte vieler unterschied-
Subtypen und von den E-, H-, N-Interferonen nur jeweils licher Liganden (von Aminosäurederivaten wie Adrenalin
eine Form bekannt. IFN-J ist das einzige derzeit bekannte bis zu den Chemokinen wie Interleukin-8). Die Struktur
Typ-2-Interferon. Es bindet als Dimer an IFN-J-spezifische von GPCRs ist in . Abb. 25.15 am Beispiel des α1B-adren-
Rezeptor-Heterodimere. Die Cytokine der Interleukin-10- ergen Rezeptors verdeutlicht. Während die extrazellulären
Familie gehören trotz ihrer anders lautenden Bezeichnung Schleifen des Rezeptors für die Ligandenbindung verant-
strukturell gesehen zu den Typ-2-Interferonen. wortlich sind, vermitteln die intrazellulären Schleifen die
Rekrutierung der trimeren G-Proteine. . Tabelle 25.5 zeigt
die Einteilung der trimeren G-Proteine.
25.5.4 Chemokine
Infobox
! Chemokinrezeptoren gehören zur Klasse der G-Protein- Medizin-Nobelpreis 2004
gekoppelten Rezeptoren und vermitteln Chemotaxis. Für ihre Arbeiten zur Funktionsweise des Geruchssinns
erhielten Linda Buck und Richard Axel im Jahr 2004 den
Der Name Chemokine (chemotactic cytokine) stellt die Medizin-Nobelpreis. Die Forscher zeigten, dass etwa
Funktion dieser Cytokine als Migration-auslösende Fak- zwei Prozent der menschlichen Gene für Geruchsrezep-
toren heraus. Chemokine sind für die Immunantwort von toren codieren. Bei diesen Rezeptoren handelt es sich
Bedeutung. Im Unterschied zu den Wachstumsfaktoren, um GPCRs, die durch Aktivierung der Adenylatcyclase
Interleukinen und Interferonen signalisieren die Chemo- zur Bildung von zyklischem AMP führen und über die-
kine über G-Protein-gekoppelte Rezeptoren. Die Liganden- ses Ionenkanäle aktivieren (7 Kap. 25.6.2). Beim Men-
bindung an den Rezeptor führt zur Aktivierung trimerer schen scheinen viele der etwa 600 Geruchsrezeptoren
G-Proteine, die mit den cytoplasmatischen Schleifen der degeneriert zu sein. Über die etwa 350 funktionellen
Rezeptoren assoziiert sind. Rezeptoren können jedoch rund 10.000 verschiedene
Chemokine werden in zwei Haupt-Klassen unterteilt: Gerüche wahrgenommen werden.
CC- und CXC-Chemokine. CXC-Chemokine enthalten
zwischen zwei konservierten, N-terminal lokalisierten
Cysteinen (C) eine weitere Aminosäure, während bei CC-
Chemokinen diese Cysteine direkt benachbart sind. Ent- 25.6.1 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren
sprechend ihrer Liganden werden auch die Chemokin- signalisieren über heterotrimere
rezeptoren in CXC- und CC-Rezeptoren unterteilt. Einzelne G-Proteine
Chemokine sind in der Lage, verschiedene Rezeptoren
der gleichen Klasse zu binden. Interleukin-8 ist trotz seines In . Abb. 25.16 ist das Prinzip der Signaltransduktion von
Namens bei den CXC-Chemokinen einzuordnen. G-Protein-gekoppelten Rezeptoren dargestellt. Ihnen allen
ist gemeinsam, dass sie über heterotrimere G-Proteine si-
In Kürze gnalisieren, deren Aktivierungs-/Inaktivierungszyklus sich
Cytokine werden nach ihrer biologischen Funktion in folgende Schritte einteilen lässt:
eingeteilt in: 4 Das inaktive, an den Rezeptor gebundene hetero-
4 Wachstumsfaktoren trimere G-Protein besteht aus den drei Untereinhei-
4 Interleukine ten D, E und J, wobei die D-Untereinheit mit GDP
4 Interferone beladen ist
4 Chemokine 4 Der durch den entsprechenden Liganden aktivierte
Rezeptor dient als GEF (guanine nucleotide exchange
Die meisten Wachstumsfaktoren signalisieren über factor) und bewirkt den Austausch des an die D-Unter-
Rezeptor-Tyrosinkinasen. Interleukine und Interferone einheit gebundenen GDP durch GTP
signalisieren über Rezeptoren mit assoziierten Tyrosin- 4 Das aktivierte G-Protein zerfällt in seine D- und EJ-
kinasen. Chemokine benutzen G-Protein gekoppelte Untereinheiten und löst sich vom Rezeptor
Rezeptoren. 4 Die mit GTP beladene D-Untereinheit oder die EJ-
Untereinheiten des G-Proteins assoziieren mit den für
780 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.15. Aufbau von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren. aus 350–800 Aminosäuren. Der N-Terminus ist extrazellulär, der C-
Der für heptahelicale Membranrezeptoren typische Aufbau mit sieben terminale Bereich intrazellulär lokalisiert. Der extrazelluläre Bereich
Transmembrandomänen ist am Beispiel des D1B-adrenergen Rezep- des Rezeptors enthält Kohlenhydrat-Ketten (durch Rauten dargestellt)
tors dargestellt. G-Protein-gekoppelte Rezeptoren bestehen i. Allg.

. Tabelle 25.5. Einteilung der trimeren G-Proteine


G-Protein Familie Unter- Liganden, die zur Aktivierung Effekt auf Schlüsselenzyme weitere Effekte
gruppen des G-Proteins führen (Beispiele) (Auswahl) (Auswahl)
(Auswahl)
Gs-Familie Gs Katecholamine, Histamin, Glucagon, LSH, Aktivierung der Adenylatcyclase cAMP n
FSH, TSH, Vasopressin, Prostaglandin E2
Golf Geruchsstoffe Aktivierung der Adenylatcyclase cAMP n
Gi-Familie Gi Angiotensin, Somatostatin, Glutamat, Opiate, Hemmung der Adenylatcyclase cAMPp
Chemokine, Histamin, Katecholamine
Gt Photonen, Opsin, Rhodopsin Aktivierung der cGMP-Phospho- cGMP p
diesterase
Ggust Geschmacksstoffe Aktivierung der cGMP-Phospho- cGMP p
diesterase
Gq-Familie Gq Bradykinin, Bombesin, Angiotensin, Aktivierung der PLCβ IP3n, DAG n
Katecholamine Ca2+-Influx
G12/13-Familie G13 Bradykinin, Bombesin, TSH Aktivierung der Rho-Kinase Wirkung auf das
Cytoskelett

die biologische Antwort verantwortlichen Effektorpro- 25.6.2 Rezeptoren, die an das Adenylat-
teinen. Diese werden dadurch aktiviert oder inaktiviert cyclase-System gekoppelt sind
4 Eine intrinsische GTPase-Aktivität der D-Untereinheit
sorgt für die Spaltung des gebundenen GTP zu GDP ! Das Adenylatcyclase-System besteht aus Rezeptoren,
und anorganischem Phosphat (Pi). Diese Hydrolyse heterotrimeren G-Proteinen und Adenylatcyclasen.
wird durch GTPase-aktivierende Proteine (GAP) be-
schleunigt. Damit ist die D-Untereinheit inaktiviert und Eine große Zahl von Signalstoffen bedient sich des Adenyl-
das Signal abgeschaltet atcyclase-Systems zur Signaltransduktion. Wichtige Bei-
4 Die GDP-beladene D-Untereinheit assoziiert mit den spiele sind neben Geruchsstoffen die Botenstoffe Glucagon,
EJ-Untereinheiten und dem Rezeptor, womit der Aus- Adrenalin und Serotonin. Der extrazelluläre Ligand wird
gangszustand wieder hergestellt ist auch als erster Botenstoff oder first messenger bezeichnet. Er
25.6 · Signaltransduktion G-Protein-gekoppelter Rezeptoren
781 25

. Abb. 25.16. Prinzip der Signaltransduktion von trimeren dieses in eine D- und eine EJ-Untereinheit, die dann auf verschiedene
G-Proteinen. Nach der Aktivierung des trimeren G-Proteins zerfällt Effektorproteine wirken. GPCR = G-Protein-gekoppelter Rezeptor

. Abb. 25.17. Das Adenylatcyclase-System. Die katalytische EJ-Untereinheiten wurde verzichtet. Rs = stimulierender Rezeptor;
Domäne der Adenylatcyclase kann durch stimulierende GsD-Unter- Ri = inhibierender Rezeptor; Gs = stimulierendes G-Protein; Gi = inhi-
einheiten oder inhibierende GiD-Untereinheiten reguliert werden. bierendes G-Protein; PPi = Pyrophosphat
Auf die Darstellung der Regulation der Adenylatcyclasen durch die

bindet an seinen spezifischen GPCR und aktiviert über ein bzw. hemmende Hormone oder Substanzen (Rs bzw. Ri),
heterotrimeres G-Protein die auf der Innenseite der Zell- über die die zelluläre cAMP Konzentration gesteigert oder
membran lokalisierte katalytische Domäne der Adenylat- gesenkt werden kann. Durch die Bindung des Liganden an
cyclase (7 Infobox). Diese katalysiert die Reaktion: den Rezeptor wird das entsprechende heterotrimere G-Pro-
tein aktiviert. Während die stimulatorischen G-Proteine
ATP o 3c,5c-cyclo-AMP + Pyrophosphat (Gs-Proteine) über ihre α-Untereinheit Gsα die Adenylat-
cyclase aktivieren können, führen die inhibitorischen G-
Der amerikanische Biochemiker Earl Sutherland entdeckte Proteine (Gi-Proteine) zu einer Hemmung der Adenylat-
als Erster, dass das Nucleotid 3c,5c-cyclo-AMP (cAMP, cyclase durch die Giα-Untereinheit.
. Abb. 25.13a, 7 Kap. 5.1.2) als intrazellulärer Vermittler der Die Rolle der βγ-Untereinheiten trimerer G-Pro-
Wirkung vieler Hormone eine einzigartige Rolle spielt. Aus teine:
diesem Grund wird für diese Verbindung auch die Bezeich- In den vergangenen Jahren wurde gezeigt, dass die
nung zweiter Botenstoff (second messenger) verwendet. EJ-Untereinheiten der trimeren G-Proteine ebenfalls eine
In . Abb. 25.17 ist das in die Plasmamembran integrier- Rolle bei der Regulation der GPCR-vermittelten Signale
te Adenylatcyclase-System dargestellt. Zu diesem System spielen (z.B. Chemotaxis/Migration). Folgende Funktionen
gehören die Rezeptoren für Adenylatcyclase stimulierende können durch die EJ-Untereinheiten ausgeübt werden:
782 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

4 Die EJ-Untereinheiten sind von Bedeutung für die 4 Sie aktivieren weitere Effektorenzyme wie z.B. die
Interaktion des trimeren G-Proteins mit dem GPCR Phospholipase CE(PLCE; 7 Kap. 25.6.3) oder die Phos-
4 Sie inhibieren die spontane Dissoziation des an die phatidylinositid-3 Kinase-J (PI3K-J)
D-Untereinheit gebundenen GDPs und erfüllen so die 4 Sie steuern die Aktivität von Ionenkanälen
Funktion eines guanine nucleotide dissociation inhibitors 4 Sie regulieren die an der Signalabschaltung beteiligten
(GDI) G-Protein-gekoppelten Rezeptorkinasen (GRK)
4 Sie aktivieren bzw. hemmen verschiedene Isoformen
der Adenylatcyclase

Infobox
Adenylatcyclasen ten der trimeren G-Proteine, aber auch z.B. in der unter-
Alle Mitglieder der Adenylatcyclase-Familie zeichnen sich schiedlichen Regulation durch second messenger-aktivierte
25 durch einen ähnlichen Aufbau aus insgesamt 12 Trans- Kinasen wie PKC und PKA.
membrandomänen aus. Zwischen der 6. und 7. Trans-
membran-Helix sowie am C-terminalen Ende existiert Pathobiochemie:
jeweils ein großer cytoplasmatischer Bereich (. Abb. Wegen der Vielzahl an G-Protein-gekoppelten Rezeptoren
25.18). Beide Regionen besitzen eine Tertiärstruktur und und ihrer großen Bedeutung bei nahezu allen physiologi-
bilden zusammen die katalytische Domäne der Adenylat- schen Prozessen wurde diese Rezeptorklasse zum wichtig-
cyclase, die in ihrer Struktur der DNA-Polymerase ähnelt. sten Ziel für therapeutische Interventionen. Über die Hälfte
Dies ist verständlich, da beide Enzyme eine ähnliche der verschreibungspflichtigen Medikamente beeinflussen
Reaktion katalysieren: Während die Adenylatcyclase die GPCR-vermittelte Signale.
Bildung einer intramolekularen 3c,5c-Diester-Bindung Es ist von besonderem medizinischen Interesse, dass die
vermittelt, katalysiert die DNA-Polymerase die Bildung Effekte einiger Bakterientoxine offensichtlich über Wechsel-
einer intermolekularen 3c,5c-Diester-Bindung. wirkungen mit den G-Proteinen vermittelt werden. So führt
Bis heute sind neun Isoformen der membrangebun- beispielsweise das Choleratoxin des Cholera-Erregers Vibrio
denen Adenylatcyclase nachgewiesen worden, die eine cholerae zu einer ADP-Ribosylierung (7 Kap. 23.3.4) der GsD
unterschiedliche Gewebsverteilung aufweisen. So werden Untereinheit, wodurch diese irreversibel aktiviert wird und
Adenylatcyclasen des Typs IV und IX in vielen Geweben das Adenylatcyclase-System in einen permanent aktiven
exprimiert und solche des Typs I, II und VIII kommen vor- Zustand überführt (über die Bedeutung dieses Effekts für
wiegend in neuronalem Gewebe vor. Adenylatcyclasen die intestinale Symptomatik bei der Cholera 7 Kap. 32.2.4).
des Typs III finden sich in olfaktorischem Gewebe und die Das Toxin des Keuchhusten-Erregers Bordetella pertussis
des Typs V und VI werden verstärkt in Leber, Lunge, Nieren ADP-ribosyliert dagegen die GiD-Untereinheit und hält diese
und Herzmuskel exprimiert. Unterschiede zwischen den in einer inaktiven Form. Wie beim Choleratoxin wird also die
einzelnen Subtypen liegen in ihrer Aktivierung und Inakti- Adenylatcyclase in einen permanent aktiven Zustand über-
vierung durch die verschiedenen D- und EJ-Untereinhei- führt, allerdings über einen anderen Mechanismus.

! cAMP aktiviert die Proteinkinase A und löst damit spe- an jede R-Untereinheit führt zu einer Konformations-
zifische Phosphorylierungskaskaden aus. änderung, die eine Dissoziation der beiden katalytischen
C-Untereinheiten auslöst. Dadurch werden die Substrat-
cAMP übt mehrere intrazelluläre Funktionen aus; es akti- bindungsstellen der PKA freigelegt und diese somit in die
viert: Lage versetzt, ihre Substrate an Serylresten zu phosphory-
4 die Proteinkinase A (PKA) lieren.
4 einige cyclic nucleotide gated (CNG) Kationenkanäle Erhöhte zelluläre cAMP-Spiegel aktivieren bzw. inak-
4 bestimmte guanine nucleotide exchange factors (GEF), tivieren nicht nur Stoffwechselenzyme, sondern lösen auch
die kleine G-Proteine aktivieren die Transkription spezifischer Gene aus. Derartige cAMP-
abhängige Gene enthalten in ihrer Promotorregion eine
Eine Hauptfunktion von cAMP ist die Aktivierung der Pro- spezifische Sequenz,
teinkinase A. . Abb. 25.19 stellt den Aufbau der PKA dar.
Es handelt sich um ein tetrameres Enzym, welches aus zwei 5c-TGACGTCA-3c
regulatorischen (regulatory) R-Untereinheiten sowie
zwei katalytischen (catalytic) C-Untereinheiten besteht. die als cAMP-response-element oder CRE bezeichnet wird.
In Abwesenheit von cAMP werden durch die R-Unterein- Die Aktivierung von Genen, die CRE als enhancer-Element
heiten die Substratbindungsstellen der C-Untereinheiten enthalten, erfolgt nach Bindung eines spezifischen Trans-
blockiert. Die Bindung von jeweils zwei cAMP-Molekülen kriptionsfaktors, des CREB (cAMP response-element bind-
25.6 · Signaltransduktion G-Protein-gekoppelter Rezeptoren
783 25

reotropin releasing hormone (TRH) sowie für Chemokine


und Geruchsstoffe führen nach Bindung des jeweiligen
Liganden über ein heterotrimeres G-Protein nach Aus-
tausch von GDP mit GTP zur Aktivierung der Phospho-
lipase Cβ, welche in mehreren Isoformen vorkommt. Inte-
ressanterweise binden Rezeptor-Tyrosinkinasen (7 Kap.
25.7.1) nach Aktivierung die Phospholipase Cγ, was eben-
falls zur Hydrolyse von PIP2 führt (. Abb. 25.13b).
Phosphatidylinositol-4,5-bisphosphat (PIP2) wird
durch zweimalige, ATP-abhängige Phosphorylierung von
Phosphatidylinositol (7 Kap. 2.2.3) gebildet (. Abb. 25.20).
Die genannten Phospholipasen spalten PIP2 in Inositol-
(1,4,5)-trisphosphat (IP3) und Diacylglycerin (DAG). IP3
löst einen Anstieg der intrazellulären Ca2+-Konzentration
aus, was zu Änderungen des Stoffwechsels der Zielzellen
führt. Das in der Membran zurück bleibende Diacylgly-
. Abb. 25.18. Schematische Darstellung der Adenylatcylase. Die
cerin erfüllt ebenfalls eine wichtige Funktion bei der Sig-
meisten Adenylatcyclasen sind integrale Membranproteine mit 12
Transmembrandomänen. Sie enthalten eine große cytoplasmatische
nalweiterleitung. Es aktiviert zusammen mit Ca2+ spezifi-
Schleife zwischen den 6. und 7. Membran-durchspannenden Helices sche Kinasen, die Proteinkinasen C (PKC) (7 Kap. 25.7.1,
sowie einen längeren cytoplasmatischen C-terminalen Bereich. Diese Infobox Proteinkinase C)
beiden Bereiche bilden zusammen die katalytische Domäne der
Adenylatcyclase. In ihrem katalytischen Zentrum binden Mg2+-Ionen ! IP3 vermittelt die calciumabhängige Zellaktivierung.
und das Substrat ATP
IP3 ist imstande, die cytoplasmatische Calciumkonzentrati-
on zu erhöhen. Die Calciummobilisierung erfolgt hierbei im
Wesentlichen aus intrazellulären Calciumspeichern, welche
im endoplasmatischen Retikulum lokalisiert sind. Dort fin-
den sich die IP3-Rezeptoren, von denen 3 Subtypen bekannt
sind. Es handelt sich um ligandenaktivierte Ionenkanäle mit
zwei Membrandomänen und einer großen cytoplasmati-
schen N-terminalen Schleife. Man nimmt an, dass hier die
Bindungsstelle für IP3 liegt. Insgesamt bilden vier derartige
Rezeptormoleküle ein Homotetramer, das einen durch den
. Abb. 25.19. Mechanismus der PKA-Aktivierung. Die Bindung Liganden IP3 aktivierten Calciumkanal darstellt.
von cAMP an die regulatorischen Untereinheiten der PKA führt zur
Freisetzung der enzymatisch aktiven C-Untereinheiten

25.6.4 Die GPCR-vermittelte Signal-


ing protein). CREB ist ein dimeres Protein, mit einer Leucin- transduktion am Beispiel von
Zipper-Struktur, die für die Dimerisierung verantwortlich Interleukin-8
ist. Das dimere CREB wird durch die in den Zellkern trans-
lozierte PKA phosphoryliert und kann danach mit dem Interleukin-8 (auch CXCL-8 genannt) ist ein pro-inflamm-
Transkriptionsfaktor TF II D sowie der RNA-Polymerase atorisches, chemotaktisch wirkendes Cytokin, das zur
II assoziieren und die Transkription von Zielgenen indu- Gruppe der CXC-Chemokine gehört. Es wird im Zuge ei-
zieren. Beispiele für CRE-Elemente enthaltende Gene sind ner Cytokinkaskade produziert: So stimuliert z.B. Tumor-
diejenigen für Somatostatin, Parathormon, für die Schlüs- Nekrose-Faktor (TNF) die Freisetzung von Interleukin-1E
selenzyme der Gluconeogenese (7 Kap. 11.3) und das vaso- (IL-1E), das seinerseits die Bildung von Interleukin-8 in-
aktive intestinale Peptid (VIP). duziert. IL-8 ist einer der potentesten chemotaktischen Fak-
toren für neutrophile Granulozyten, spielt aber auch eine
Rolle bei Angiogenese und Zellteilung.
25.6.3 Rezeptoren, die an die Phospho-
lipase Cβ gekoppelt sind und zur ! Die Produktion von Interleukin-8 im Entzündungsherd
Ca2+-Freisetzung führen ist von zentraler Bedeutung für die Rekrutierung von
neutrophilen Granulozyten.

G-Protein-gekoppelte Rezeptoren wie die Rezeptoren für Das sezernierte IL-8 bildet im Gewebe einen Konzentra-
Katecholamine (7 Kap. 26.3.4), Acetylcholin, Histamin, tionsgradienten aus und wird an der Innenseite der Blut-
Angiotensin, Vasopressin, Pankreozymin, Serotonin, thy- gefäßwand präsentiert. Zusätzlich bewirken die ebenfalls
784 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.20. Biosynthese und Spaltung von Phosphatidyl-4,5-bisphosphat (PIP2). ER = endoplasmatisches Retikulum; PKC = Pro-
teinkinase C; PLC = Phospholipase C

ausgeschütteten Cytokine TNF und IL-1 die Bildung von Während CXCR1 vorwiegend durch IL-8 aktiviert wird,
Adhäsionsmolekülen durch Endothelzellen. Die im Blut bindet CXCR2 in erster Linie GroD, einen Mitose-aktivie-
zirkulierenden Neutrophilen heften sich an die Endothel- renden Faktor, und MIP2, das Monozyten aktiviert.
zellen an und rollen durch wiederholtes Binden und Lösen Nach IL-8-Stimulus werden G-Protein-vermittelt PI3-
an diesen entlang. Das präsentierte IL-8 aktiviert die heran- Kinase, Phospholipase CE2 und Rho A aktiviert. Rho A
rollenden Leukozyten, bewirkt eine vermehrte Integrin- gehört zur Gruppe der kleinen G-Proteine (. Abb. 25.11a).
Expression an deren Oberfläche und führt somit zu einer Es beeinflusst die Aktin-Polymerisation und damit die
stabilen Anheftung an die Endothelzellen und zur Passage Organisation des Cytoskeletts und die Zellmigration. Die
durch die Gefäßwand in das Gewebe (Diapedese). Im Ge- PI3-Kinase katalysiert einerseits die Phosphorylierung
webe bewegen sich die Neutrophilen entlang des IL-8-Kon- verschiedener Phosphatidylinositole an Position 3 des Ino-
zentrationsgradienten zum Entzündungsherd. Die Be- sitolringes. Wie unter 25.6.3 besprochen, führt die Phos-
kämpfung der Pathogene erfolgt durch reaktive Sauerstoff- pholipase CE2 zur Freisetzung der second messenger IP3,
spezies und freigesetzte Proteasen (u.a. Kathepsin G). DAG und Ca2+.
Auf molekularer Ebene werden die beschriebenen Pro-
zesse folgendermaßen vermittelt:
Die Interleukin-8-Rezeptoren – CXCR1 und CXCR2 –
sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (. Abb. 25.21).
25.7 · Signaltransduktion von Rezeptor-Tyrosinkinasen und Rezeptor-Serin/Threoninkinasen
785 25

. Abb. 25.21. Interleukin-8 Signaltransduktion. IL-8 bindet an die des membrangebundenen kleinen G-Proteins RhoA induziert. ER =
G-Protein-gekoppelten Rezeptoren CXCR1 oder CXCR2. Diese aktivie- endoplasmatisches Retikulum; PI3 K = Phosphatidylinositid-3-Kinase;
ren ein heterotrimeres G-Protein, welches neben dem MAPK-Weg und TF = Transkriptionsfaktor
der Erhöhung des cytoplasmatischen Ca2+-Spiegels die Aktivierung

In Kürze
G-Protein-gekoppelte Rezeptoren sind mit sieben Trans- wortlich, das unter anderem die Proteinkinase A aktiviert
membrandomänen in der Plasmamembran verankert. Sie und dadurch in den Stoffwechsel vieler Gewebe ein-
können durch eine Vielzahl von extrazellulären Signalen greift.
aktiviert werden und signalisieren über heterotrimere Ein weiteres durch G-Proteine reguliertes Enzym ist die
G-Proteine. Phospholipase CE. Sie spaltet das Membranphospholipid
Die Adenylatcyclase ist ein Membranenzym, das PIP2, wobei Diacylglycerin und IP3 gebildet werden. IP3 löst
durch verschiedene G-Proteine aktiviert (Gs-Proteine) eine Calciumfreisetzung aus dem endoplasmatischen Reti-
bzw. inhibiert (Gi-Proteine) wird. Sie ist für die Synthese kulum aus, die zur Zellaktivierung und zusammen mit Dia-
des intrazellulären second messengers cAMP verant- cylglycerin zur Aktivierung der Proteinkinase C führt.

25.7 Signaltransduktion von dene Rezeptor-Tyrosinkinasen besitzt. Rezeptor-Tyrosin-


Rezeptor-Tyrosinkinasen und kinasen sind modulartig aufgebaut. Sie enthalten alle eine
Rezeptor-Serin/Threoninkinasen cytoplasmatische Tyrosinkinase-Domäne, während sich
die extrazellulären Bereiche von Rezeptor zu Rezeptor be-
Alle Rezeptorkinasen bestehen aus einer Liganden-binden- trächtlich unterscheiden können (. Abb. 25.22). Die Fami-
den Extrazellulärregion, einer einzelnen Transmembran- lie der Rezeptor-Tyrosinkinasen umfasst eine Reihe medi-
domäne und einem cytoplasmatischen Teil, der die Kinase- zinisch relevanter Proteine (siehe Info-Box: ErbB2 und
domäne enthält. Die Rezeptorkinasen lassen sich in die Brustkrebs), die fundamentale biologische Prozesse steuern.
großen Familien der Rezeptor-Tyrosinkinasen und der Re- So ist der Rezeptor für den vascular endothelial growth
zeptor-Serin/Threoninkinasen unterteilen. In beiden Fällen factor (VEGFR) für die Bildung neuer Blutgefäße von
führt die Ligandenbindung am extrazellulären Teil des Rezep- Bedeutung (Angiogenese). Durch Inhibition der VEGFR-
tors zur Aktivierung der cytoplasmatischen Kinasedomäne. Signaltransduktion versucht man die Vaskularisierung von
Tumoren zu verhindern und dadurch ihr Wachstum zu
bremsen. Auch der Insulinrezeptor ist eine Rezeptortyro-
25.7.1 Rezeptor-Tyrosinkinasen sinkinase. Wegen der herausragenden Bedeutung der In-
sulinrezeptor Signaltransduktion für die Glucose-Homö-
Seit der vollständigen Sequenzierung des menschlichen ostase und den Diabetes mellitus ist ihm ein gesondertes
Genoms weiß man, dass der Mensch Gene für 58 verschie- Kapitel gewidmet (7 Kap. 26.1.7).
786 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

Infobox
ErbB2 und Brustkrebs
Rezeptor-Tyrosinkinasen aktivieren häufig mitogene
und anti-apoptotische Signalwege, die gemeinsam zur
Zellproliferation führen. Eine Dysregulation solcher Si-
gnalwege trägt zur Krebsentstehung bei. In der Tat ist
in einer Vielzahl von Brustkrebstumoren die Rezeptor-
Tyrosinkinase ErbB2 (auch Her2 genannt), die zur Fa-
milie der epidermal growth factor Rezeptoren (EGFR)
gehört, vermehrt auf der Zelloberfläche zu finden.
Zudem ist der Rezeptor in diesen Krebszellen dauerhaft
aktiviert und trägt damit zum unkontrollierten Zell-
25 wachstum bei.
Die Blockierung von ErbB2 ist eine vielversprechen-
de Strategie bei der Brustkrebstherapie. Man hat daher
gegen die extrazelluläre Domäne des humanen Rezep-
tors eine Reihe von monoklonalen Antikörpern in Mäu-
sen produziert und in Zellkulturexperimenten ihr inhi-
bitorisches Potential analysiert. Dabei wurde ein beson-
ders wirksamer neutralisierender Antikörper identifi-
ziert. In humanisierter Form wird dieser Antikörper
®
(Herceptin ) nun mit Erfolg in der Brustkrebstherapie
eingesetzt, wobei etwa 30% der Patientinnen auf diese
Behandlung ansprechen.

. Abb. 25.22. Aufbau von Rezeptor-Tyrosinkinasen. Während Platelet-derived growth factor (PDGF) (. Abb. 25.23) ist ein
sich die extrazellulären Bereiche der verschiedenen Rezeptor-Tyrosin- Wachstumsfaktor, der auch chemotaktische Aktivitäten
kinase-Familien unterscheiden, sind alle Rezeptoren durch eine
besitzt. PDGF liegt in seiner biologisch aktiven Form als
konservierte intrazelluläre Tyrosinkinase-Domäne charakterisiert.
EGFR = epidermal growth factor Rezeptor; PDGFR = platelet-derived Homo- oder Heterodimer vor. Die beiden PDGF-A- und
growth factor Rezeptor; INSR = Insulinrezeptor; FGFR = fibroblast PDGF-B-Polypeptide sind im Dimer über Disulfid-
growth factor receptorr Brücken verknüpft. Die Zusammensetzung des Dimers aus
zwei A-Polypeptiden, zwei B-Polypeptiden oder jeweils
eines A- und eines B-Polypeptids ist für die Rezeptorbin-
dung von Bedeutung. PDGF-C entsteht im Unterschied zu
Die Bindung des Liganden an eine Rezeptortyrosinki- PDGF-A und PDGF-B nach proteolytischer Spaltung aus
nase führt zur Aktivierung der cytoplasmatischen Tyrosinki- einer Prä-PDGF-C-Form. PDGF-C enthaltende Hetero-
nasedomäne mit der Konsequenz der Phosphorylierung dimere sind noch nicht beschrieben. Ebenfalls durch limi-
cytoplasmatischer Tyrosylreste des Rezeptors. Die resultie- tierte Proteolyse entsteht aus dem vor kurzem identifi-
renden Phosphotyrosinmotive sind spezifische Bindungs- zierten Prä-PDGF-D das aktive PDGF-D. Bisher ist nur das
stellen für Proteine mit SH2-Domänen (. Abb. 25.10) oder PDGF-D-Homodimer bekannt.
PTB-Domänen (7 Kap. 25.4.2). Die auf diese Weise an den
Rezeptor rekrutierten Proteine lösen die weiteren Signal- PDGF/PDGF-Rezeptor-Interaktion. Die Bindung von PDGF
kaskaden aus. Interessanterweise treten Vernetzungen der an seinen Rezeptor führt zur Dimerisierung zweier PDGF-
Signaltransduktion dieser Rezeptoren mit anderen, insbe- Rezeptor-Tyrosinkinasen. Der entstehende PDGF-Rezep-
sondere den G-Protein-gekoppelten Rezeptoren auf, die tor-Komplex kann dabei aus zwei D-Rezeptoren, zwei E-Re-
auch als »receptor crosstalk« bezeichnet werden. Die Grund- zeptoren oder aus je einem D- und E-Rezeptor zusammen-
züge der Rezeptortyrosinkinase-Signaltransduktion sollen gesetzt sein. Die PDGF-Typen AA, AB, BB und CC binden
im Folgenden am Beispiel der PDGF-Rezeptoren erläutert D-Rezeptor-Dimere (. Abb. 25.23a). PDGF-Dimere, die
werden. PDGF-B enthalten, sowie das PDGF-C-Homodimer bin-
den D/E-Rezeptor-Heterodimere. PDGF-B- und PDGF-D-
! Die wichtigsten durch Rezeptor-Tyrosinkinasen akti- Homodimere binden E/E-Rezeptor-Homodimere.
vierten Signalwege sind der Ras/Raf/MAPK-Weg, der PDGF-A und -B haben eine unterschiedliche Bedeu-
Phosphatidylinositid-3-Kinase (PI3K)-Weg und der tung in der Embryonalentwicklung. In Knockout-Mäusen
Phospholipase CJ (PLCJ)-Weg. wurde gezeigt, dass PDGF-B bzw. der PDGF-E-Rezeptor
25.7 · Signaltransduktion von Rezeptor-Tyrosinkinasen und Rezeptor-Serin/Threoninkinasen
787 25

. Abb. 25.23. PDGF-Signaltransduktion. (a) Aktivierung der PDGF- Kaskade aus (rechts); Bindung der PI3-Kinase resultiert in der PKB-
Rezeptoren durch die verschiedenen PDGF-Isoformen A, B, C und D. Aktivierung (links). (c) Assoziation der PLCJ führt zur Erhöhung der
PDGF-Isoformen binden als Dimere an den PDGF-Rezeptor. Der ge- cytoplasmatischen Ca2+-Konzentration und zur Aktivierung der Pro-
strichelte Pfeil verdeutlicht eine niedrig-affine Bindung. (b) Vom teinkinase C (PKC). ER = endoplasmatisches Retikulum; KD = Kinase-
aktivierten Rezeptor können verschiedene Signaltransduktionswege Domäne; PDK = phospholipid-dependent kinase; PI3 K = Phosphatidyli-
ausgehen: Grb2/SOS-Assoziation löst die Aktivierung der MAPK- nositid-3-Kinase; PKB = Proteinkinase B; PLC = Phospholipase C
788 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

. Tabelle 25.6. Signaltransduktionsmoleküle, die an den PDGF-Rezeptor binden

Signaltransduktionsmolekül Funktion Interaktionsdomänen*

Phosphatidylinositid-3-Kinase (PI3K) Lipidkinase SH2, SH3

Phospholipase CJ (PLCJ) Lipase SH2, SH3, PH

Src Tyrosinkinase SH2, SH3

SH2-containing tyrosine phosphatase (SHP2) Tyrosinphosphatase, Adapterprotein SH2

Signal transducer and activator of transcription Transkriptionsfaktor SH2


(STAT1, 3 und 5)

Shc Adapterprotein SH2, PTB

Grb2 Adapterprotein SH2, SH3,


25 Grb7 Adapterprotein SH2, SH3

Nck Adapterprotein SH2, SH3

Crk Adapterprotein SH2, SH3

* SH2- und PTB-Domänen binden Phosphotyrosin-Motive; SH3-Domänen binden Prolin-reiche Sequenzen; PH-Domänen binden Phosphat-
idylinositolphosphate

essentiell für die Nierenentwicklung, PDGF-A jedoch wich- dienen ausschließlich als Adaptermoleküle, andere stellen
tig für die Lungenentwicklung ist. Der Verlust des D-Rezep- Enzyme oder Transkriptionsfaktoren dar.
tors führt zu weiterreichenden Fehlentwicklungen als der
Verlust des PDGF-A-Gens; dies lässt sich dadurch erklären, PDGF-induzierte Signalkaskaden. Im Wesentlichen wer-
dass über den PDGF-D-Rezeptor sowohl PDGF-A als auch den nach PDGF-Stimulation drei Signalkaskaden aktiviert
PDGF-B und PDGF-C signalisieren. Die hier für das (. Abb. 25.23b,c):
PDGF-System exemplarisch beschriebenen Kombinations- 4 die Mitogen-aktivierte-Proteinkinase-(MAPK)-Kaskade
möglichkeiten bei der Zusammensetzung der Liganden 4 die Phosphatidylinositid-3-Kinase-(PI3K)-Kaskade
und der Rezeptorkomplexe ermöglichen verschiedenen 4 die Phospholipase CJ (PLCJ)-Kaskade
Zellen – bedingt durch eine Zelltyp-spezifische Expression
der Liganden- und Rezeptoruntereinheiten – jeweils indi- Die Mitogen-aktivierte-Proteinkinase (MAPK)-Kaskade
viduell zu reagieren. Dieses Prinzip ist von genereller Be- (7 Kap. 25.4.3) beginnt mit der Rekrutierung eines Grb2/
deutung innerhalb der Familie der Rezeptor-Tyrosinkina- SOS-Proteinkomplexes an den Rezeptor (. Abb. 25.23b).
sen, aber auch für die Wirkung anderer Cytokine und wird Hierbei kann Grb2/SOS entweder direkt oder über die Ad-
in 7 Kap. 25.8.3 im Zusammenhang mit der Signaltrans- apter Shc oder SHP2 an den PDGF-Rezeptor gebunden
duktion von Interleukin-6 skizziert. werden. SOS gelangt hierdurch in die Nähe des in der
Membran verankerten G-Proteins Ras und bewirkt dessen
PDGF-induzierte Rezeptoraktivierung. Die Liganden- Übergang in die aktivierte, GTP-bindende Form. Die nun
induzierte Rezeptordimerisierung führt zur Autophos- mögliche Interaktion von Ras-GTP mit der Serin/Threo-
phorylierung und damit zur Aktivierung der Rezeptor- ninkinase Raf-1 führt zur Raf-1-Aktivierung. Raf-1 ist
Tyrosinkinasen. Die aktivierten Kinasen phosphorylieren wiederum der Aktivator der MAP-Kinase-Kinase (MEK).
daraufhin Tyrosylreste im cytoplasmatischen Teil der Re- Diese dualspezifische Threonin/Tyrosin-Kinase phospho-
zeptorkette. Diese Phosphotyrosinreste dienen weiteren ryliert schließlich die Mitogen-aktivierten-Proteinkinasen
Signalmolekülen als Rekrutierungsstellen. Für die spezifi- ERK1 und ERK2, deren Substrate unter anderem Trans-
sche Bindung dieser Moleküle ist die Aminosäuresequenz kriptionsfaktoren sind.
in unmittelbarer Nähe zum Phosphotyrosin entscheidend. Die Phosphatidylinositid-3-Kinase (PI3K), die aus
Die rekrutierten Proteine besitzen SH2- oder PTB-Domä- einer regulatorischen und einer katalytischen Untereinheit
nen, um mit den Phosphotyrosin-Motiven des Rezeptors besteht, bindet über die regulatorische Untereinheit eben-
interagieren zu können. Für die in . Tabelle 25.6 beschrie- falls an den aktivierten PDGF-Rezeptor (. Abb. 25.23b).
benen Proteine sind die Interaktionsstellen am PDGF-Re- Dies führt zur Aktivierung der katalytischen Untereinheit
zeptor bekannt. der PI3K und somit zur Phosphorylierung von Phosphatidyl-
Häufig besitzen die an den Rezeptor rekrutierten Pro- inositol-4,5-bisphosphat (PIP2). Das entstehende Phos-
teine mehrere Interaktionsdomänen und können darüber phatidylinositol-3,4,5-trisphosphat (PIP3) wird von der
mit weiteren Proteinen assoziieren. Viele dieser Proteine Pleckstrin-Homologie-Domäne (PH-Domäne) der Pro-
25.7 · Signaltransduktion von Rezeptor-Tyrosinkinasen und Rezeptor-Serin/Threoninkinasen
789 25

teinkinase B (PKB, auch Akt-Kinase genannt) gebunden. mit ihrer PH-Domäne an das durch die PI3K-generierte
Die Rekrutierung der PKB an die Zellmembran ist ein essen- PIP3. Sie hydrolysiert PIP2 zu Inositol-(1,4,5)-trisphosphat
tieller Schritt für die Phosphorylierung und Aktivierung (IP3) und Diacylglycerin (DAG). Cytoplasmatisches IP3
der PKB durch die Threonin-Kinase-PDK1 (phospholipid- führt zur Freisetzung des second messengers Ca2+ aus dem
dependent kinase), die ebenfalls über ihre PH-Domäne an endoplasmatischen Retikulum. Der zweite second messen-
PIP3 gebunden wird. Über weitere Phosphorylierungen ger Diacylglycerin aktiviert zusammen mit dem freige-
spezifischer Serin- und Threoninseitenketten von bestimm- setzten Ca2+ die Serin/Threonin-Proteinkinase-C (PKC)
ten Apoptose-regulierenden Proteinen wirkt die aktivierte (7 u.). Diese ist wiederum ein Regulator für Transkriptions-
PKB anti-apoptotisch. Aktivierte PKB kann auch in den faktoren und beeinflusst somit auch die Genexpression.
Zellkern translozieren und reguliert dort Transkriptions- Auch der JAK/STAT-Signalweg kann durch Rezeptor-
faktoren, die für die Zellproliferation wichtig sind und trägt Tyrosinkinasen aktiviert werden. Mitglieder der Familie
somit zur proliferationsfördernden Wirkung des Wachs- der signal transducers and activators of transcription (STAT1,
tumsfaktors bei. Im Rahmen der Insulin-Signaltransduk- STAT3 und STAT5) werden an den PDGF-Rezeptor re-
tion sorgt der PI3K/PKB-Signalweg für eine verstärkte krutiert und durch Tyrosin-Phosphorylierung aktiviert (in
Glycogensynthese (7 Kap. 11.2.1). . Abb. 25.23 nicht dargestellt). Der JAK/STAT-Signalweg
Phospholipase CJ (PLCJ) wird ebenfalls am PDGF- spielt bei der Signaltransduktion der meisten Interleukine
Rezeptor durch Tyrosinphosphorylierung aktiviert (. Abb. und der Interferone eine zentrale Rolle und wird in den
25.23c). PIP2 ist sowohl Substrat der PI3K als auch der 7 Kapiteln 25.8.3 und 25.8.4 genauer beschrieben.
PLCJ. Nach Aktivierung am PDGF-Rezeptor bindet PLCJ

Infobox
Proteinkinase-C
Die Proteinkinasen-C (PKC) wurden ursprünglich als
eine Familie von durch Calcium-Ionen aktivierbaren
Kinasen beschrieben (daher PKC). Heute versteht man
darunter eine aus mindestens 12 Mitgliedern beste-
hende Familie von Proteinkinasen, die in konventio-
nelle PKC (cPKC), neue PKC (nPKC) und atypische PKC
(aPKC) unterteilt wird. Nur die cPKC zeigen die cha-
rakteristische Aktivierbarkeit durch Diacylglycerin
(DAG) und Calcium-Ionen. Die PKC spielen eine wich-
tige Rolle bei der Signaltransduktion, der Regulation
von Wachstum und Differenzierung sowie der Krebs-
entstehung.
. Abb. 25.24 stellt den Aufbau von Enzymen der
PKC-Familie dar. Die PKC-Proteine lassen sich in eine
durch eine Art Scharnierregion verbundene N-termina-
le regulatorische und C-terminale katalytische Region
unterteilen. In der N-terminalen Region finden sich
zwei Domänen, die die Regulierbarkeit des Enzyms
durch Diacylglycerin bzw. Calcium vermitteln. Am
weitesten N-terminal liegt eine Pseudosubstrat-Region
(PSR), die für die Regulation des Enzyms von großer
Bedeutung ist. Die katalytische Domäne enthält eine
gut konservierte ATP-Bindungsregion sowie eine
Substratbindungsstelle mit relativ breiter Substrat-
spezifität. . Abb. 25.24. Schematische Darstellung des Aufbaus der Prote-
Die Aktivierung der verschiedenen PKC-Isoformen inkinase C. (a) Aktivierung der Proteinkinase C durch Diacylglycerin
(DAG), Phosphatidylserin (PS) und Calcium-Ionen. PSR = Pseudosub-
erfordert ein komplexes Zusammenspiel von Membran-
strat-Region (b) Aufbau verschiedener Isoformen der Proteinkinase C.
lipiden und Proteinkinasen. So genannte pflanzliche (Einzelheiten 7 Infobox)
Phorbolester können die aktivierende Rolle von DAG
nachahmen. Da sie nur langsam abgebaut werden,
können sie die PKC über längere Zeit aktivieren und
wirken daher als Tumorpromotoren.
790 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25.7.2 Rezeptor-Serin/Threoninkinasen

Im Unterschied zu Rezeptor-Tyrosinkinasen folgt nach Li-


gandenbindung an eine Rezeptor-Serin/Threoninkinase
die Phosphorylierung von Serin- und Threonin-Seiten-
ketten von Signalproteinen.
Alle Cytokine, die über Rezeptor-Serin/Threoninkina-
sen signalisieren, gehören zur transforming growth factor
β-Familie (TGFE), die sich in drei Gruppen einteilen
lässt:
4 TGFE-Isoformen TGFE1 bis TGFE3
4 die Gruppe der bone morphogenetic proteins (BMP)
25 4 Aktivine
! Die Moleküle der TGFE-Familie spielen eine wichtige
Rolle in der Regulation der Gewebehomöostase und
bei der Entwicklung vielzelliger Organismen.

Entsprechend ihrer Heterogenität vermitteln die Mitglieder


der TGFE-Familie vielfältige biologische Antworten: Die
TGFE-Isoformen kontrollieren die Proliferation epithelia-
ler und mesenchymaler Zellen (wachstumsinhibierende
Wirkung), stimulieren die Bildung der extrazellulären
. Abb. 25.25. TGFβ Signaltransduktion. TGFE-Isoformen binden
Matrix (profibrotische Wirkung) und können Immunant- als Dimere an TGFE-Rezeptoren vom Typ II. Nachfolgend werden Typ-I-
worten unterdrücken (anti-inflammatorische Wirkung). TGFE-Rezeptoren rekrutiert, welche das Signal an R-Smad-Proteine
Diese Eigenschaften sind mit Hilfe von knockout-Mäusen weitergeben. Aktivierte R-Smad-Proteine müssen ein Co-Smad-Pro-
belegt worden, bei denen das Fehlen der jeweiligen TGFE- tein binden, um in den Zellkern zu gelangen. Die Aktivierung von
R-Smads wird durch I-Smad-Proteine inhibiert. SARA = (Smad anchor
Isoformen gravierende Fehlentwicklungen in verschiedenen
for receptor activation); Smad = Kunstwort aus Sma (ein Protein des
Organen und Geweben zur Folge hat. Darüber hinaus wei- Fadenwurms Caenorhabditis elegans) und dem verwandten Protein
sen TGFE1-knockout-Mäuse multifokale Entzündungs- Mad (mothers against decapentaplegic) aus der Fruchtfliege Drosophila
herde auf und sterben infolge unkontrollierter Lympho- melanogaster
zyten-Infiltration. TGFE1 spielt daher zusätzlich eine be-
deutende Rolle in der Modulation von Immunantworten.
Serinresten. Dies führt zur Dimerisierung und zur nach-
! Die BMP induzieren die Bildung von Knochen- und
folgenden Assoziation mit einem Co-Smad (common part-
Knorpelgewebe. Aktivine beeinflussen die Erythro-
ner Smad), dem Smad 4. Die Anlagerung des Co-Smad-
poese und die Neuralentwicklung im Stadium der
Proteins ist für die Translokation des entstehenden Hetero-
Gastrulation.
trimers in den Zellkern notwendig. Dort assoziieren weitere
Die Signaltransduktion dieser Cytokine wird im Folgenden Transkriptionsfaktoren oder Cofaktoren und die Trans-
am Beispiel von TGFE-Rezeptoren dargestellt. kription von TGFE-Zielgenen wird induziert.
TGFE-Moleküle binden als Dimere an ihre Rezeptoren Eine feedback-Inhibition der TGFE-Signaltransduktion
(. Abb. 25.25). Die Bindung des Ligandendimers an den erfolgt unter anderem über das TGFE-induzierte I-Smad-
dimeren TGFβ-Typ-II-Rezeptor ist Voraussetzung dafür, Protein (Inhibitory Smad) Smad 7, das die Phosphorylie-
dass ein Dimer aus TGFβ-Typ-I-Rezeptoren rekrutiert rung und Dimerisierung der R-Smad-Moleküle blockiert.
wird. Bei beiden Rezeptortypen handelt es sich um Serin/ An der BMP-Signaltransduktion sind die R-Smad-
Threonin-Kinasen. Der Typ-II-Rezeptor ist konstitutiv ak- Proteine Smad 1, Smad 5 und Smad 8 und die I-Smad-Pro-
tiv und phosphoryliert nach Assoziation den Typ-I-Rezep- teine Smad 6 und Smad 7 beteiligt.
tor. Das Typ-I-Rezeptordimer leitet das Signal des Liganden
an cytoplasmatische Effektorproteine weiter, die als Smad- In Kürze
Proteine bezeichnet werden. Die R-Smad-Proteine (recep- Rezeptor-Tyrosinkinasen aktivieren nach liganden-
tor activated Smads) Smad 2 und Smad 3 werden über das induzierter Phosphorylierung von Tyrosylresten eine
membranverankerte Hilfsprotein SARA (Smad anchor for Reihe von Signalproteinen. Zu diesen gehören die
receptor activation) an den Typ-I-Rezeptor rekrutiert. SARA MAP-Kinasen, die Phospholipase CJ und die PI3-Kinase.
interagiert dabei sowohl mit dem Rezeptor als auch mit Rezeptor-Serin/Threoninkinasen signalisieren über
dem R-Smad-Protein. Die Kinase-Domäne des Typ-I-Re- den Smad-Signalweg.
zeptors phosphoryliert das R-Smad-Protein an bestimmten
25.8 · Signaltransduktion über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen
791 25
25.8 Signaltransduktion über
Rezeptoren mit assoziierten
Kinasen

Neben Rezeptor-Tyrosinkinasen und Rezeptor-Serin/


Threoninkinasen existieren Rezeptoren ohne intrinsische
Kinasedomänen. Diese Rezeptoren binden Tyrosin- oder
Serin/Threoninkinasen entweder direkt oder über Adapter-
proteine. Hierzu gehören die Rezeptoren für die pro-in-
flammatorischen Cytokine IL-1 und TNF, die Rezeptoren
für IL-6-Typ-Cytokine sowie die Interferon-Rezeptoren;
letztere vermitteln anti-virale Wirkungen.

25.8.1 Interleukin-1-Signaltransduktion

Interleukin-1 wird als 31 kDa Präkursor ohne Signalpeptid


synthetisiert und zunächst im Cytoplasma zurückgehalten.
Erst durch Aktivierung der Cysteinprotease ICE (interleu-
kin-1 converting enzyme = Caspase 1) entsteht durch limi-
tierte Proteolyse das reife 17,5 kDa IL-1, welches über einen
nicht-klassischen Sekretionsweg die Zelle verlässt. Der Me-
chanismus dieser Sekretion ist noch nicht aufgeklärt.
Das pro-inflammatorische Cytokin Interleukin-1
kommt in zwei Isoformen (IL-1D und IL-1E) vor, die sich
in ihren biologischen Wirkungen kaum unterscheiden. Sie
signalisieren über einen Rezeptorkomplex, der aus zwei
Polypeptid-Ketten besteht: dem Interleukin-1-Rezeptor-I
(IL-1RI) und dem Interleukin-1-receptor accessory protein
(IL-1RAcP) (. Abb. 25.26).
Nach Ligandenbindung und Oligomerisierung des
Rezeptors werden verschiedene Signalmoleküle rekrutiert.
Zunächst bindet MyD88 (myeloid-differentiation) über
seine TIR (Toll/IL-1 receptor)-Domäne an die TIR-Domäne
des IL-1-Rezeptors I. MyD88 verfügt neben seiner TIR-
Domäne noch über eine death-domain (DD), die zur Rekru-
tierung der IL-1 Rezeptor-assoziierten Kinasen (IRAK) 1
und 4 dient. Death domains wurden ursprünglich im Rah-
men apoptotischer Signalwege beschrieben (7 Kap. 7.1.5,
25.8.2), finden aber auch als Proteininteraktionsdomänen . Abb. 25.26. Interleukin1-Signaltransduktion. Nach Bindung
in anderen Signalwegen Verwendung. Nach Phosphorylie- des IL-1 an den IL-1-Rezeptorkomplex wird der NF-NB-Signaltransduk-
rung von IRAK1 wird der TNF-receptor-associating factor tionsweg aktiviert. Dies resultiert in der Induktion pro-inflammatori-
TRAF6 an den Rezeptorkomplex rekrutiert und aktiviert. scher Zielgene. (Abkürzungen 7 Text)
Nach Ubiquitinylierung dissoziiert TRAF6 vom Rezeptor-
komplex und bindet an einen Komplex aus der Serin/Threo- p50 und p65 – transloziert in den Zellkern und bindet hier
ninkinase TAK1 (TGF-E activated kinase) und den TAB an enhancer-Elemente von Zielgenen. Wichtige Zielgene,
(TAK-binding protein)-Proteinen TAB1 und TAB2. In die- die in der pro-inflammatorischen Phase von Entzündungs-
sem Komplex wird TAK1 durch Phosphorylierung akti- reaktionen durch NF-NB induziert werden, sind die für die
viert. In der Folge wird der INB (inhibitor of NF-NB)- Chemokine Interleukin-8 und RANTES. Diese Cytokine
Kinase(IKK)-Komplex, der aus den drei Untereinheiten wirken chemotaktisch auf Granulozyten. Auch Interferon-J
IKKD, IKKE und IKKJ aufgebaut ist, durch Phosphorylie- und IL-6 werden nach IL-1-Stimulation verstärkt expri-
rung aktiviert. Nach Phosphorylierung von INB, welches im miert. Über die ebenfalls beobachtete Induktion der Cyclo-
Komplex mit NF-NB vorliegt, wird dieses an Lysin-Resten oxygenase 2 (COX2) werden andere Entzündungsmedia-
ubiquitinyliert und über das Proteasom abgebaut. Das frei- toren, wie die fieberauslösenden Prostaglandine generiert
gesetzte NF-NB – bestehend aus den beiden Untereinheiten (7 Kap. 12.4.2).
792 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

Neben dem Interleukin-1-Rezeptor IL-1RI existiert Rezeptoren und untereinander zu interagieren. Der für die
auch eine cytoplasmatisch verkürzte Form des Rezeptors, Apoptose wichtige Signaltransduktionsprozess ist die Re-
der IL-1-Rezeptor-II. Dieser Rezeptor bindet die Liganden krutierung der Pro-Caspasen 8 und 2, die am Anfang einer
IL-1D/E, transduziert aber kein Signal und wirkt deshalb Caspase-Kaskade stehen (initiator-caspases). Caspasen
antagonistisch. gehören zur Familie der Cystein-Proteasen, die ihre Subs-
trate C-terminal von Aspartat spalten. Die Pro-Caspase 8
In Kürze wird durch Abspaltung eines Pro-Peptids autokataly-
Interleukin-1 führt über verschiedene, an den Rezeptor tisch aktiviert und vermag ihrerseits verschiedene cyto-
assoziierte Proteine zur Translokation von NF-NB in den plasmatisch lokalisierte Pro-Caspasen (3, 6 und 7) durch
Zellkern. Nach Bindung an die enhancer-Elemente ver- limitierte Proteolyse zu aktivieren. Die aktivierten Cas-
schiedener Zielgene wird unter anderem die Expres- pasen (executive-caspases) leiten den Zelltod auf ver-
sion von Chemokinen, Interferon-J und IL-6 induziert. schiedenen Ebenen ein: Sie zerstören wichtige Struktur-
25 proteine der Zelle wie z.B. Proteine der Kernmembran
und das Aktincytoskelett oder sie aktivieren eine DNAase
und lösen damit die Zerstörung der nucleären DNA aus.
25.8.2 TNF-Signaltransduktion Auch DNA-Reparatur und Zellzyklus werden außer Kraft
gesetzt.
Der Name Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) geht auf Ex- Zur TNF-Rezeptor Superfamilie wird auch der Rezep-
perimente zurück, in denen Tumore in Mäusen nach Be- tor Fas (CD95) gezählt. Nach Bindung des Fas-Liganden
handlung mit TNF absterben. In der Tat kann über den (FasL) wird FADD an den Rezeptor rekrutiert und über die
TNF-Rezeptor eine Apoptose ausgelöst werden. Für die Aktivierung der Caspasen 8 und 3 Apoptose ausgelöst.
Behandlung humaner Tumore spielt TNF bisher noch
keine Rolle. TNF ist ein sehr wirksames pro-inflamma-
torisches Cytokin, welches wie Interleukin-1 und Inter-
leukin-6 Fieber hervorruft (Pyrogene). Es wird nach
Endotoxinwirkung von Monozyten/Makrophagen in be-
trächtlichen Mengen freigesetzt und kann so zum sep-
tischen Schock führen. TNF ist darüber hinaus ein bedeu-
tender Mediator chronisch entzündlicher Erkrankungen
(7 Kap. 25.8.5).
Der Tumor-Nekrose-Faktor existiert in einer Mem-
bran-gebundenen sowie in einer löslichen Form (. Abb.
25.27a). Das Enzym TNF-alpha converting enzyme (TACE)
überführt den Membran-gebundenen Tumor-Nekrose-
Faktor in die lösliche Form. Beide liegen in oligomerisierter
Form – bevorzugt als Trimere – vor. Es existieren zwei
TNF-Rezeptoren, die ebenfalls als trimere Komplexe signa-
lisieren: TNF-Rezeptor-1 und TNF-Rezeptor-2. Während
löslicher TNF ausschließlich über den TNF-Rezeptor-1
wirkt, kann Membran-gebundener TNF über beide Rezep-
torkomplexe signalisieren.
! Eine Besonderheit des TNFR1 ist die death-domain (DD)
im intrazellulären Teil des Rezeptors.

Der TNFR1 ist in der Lage, sowohl NF-NB zu aktivieren . Abb. 25.27. TNFα-Signaltransduktion. (a) Lösliches TNF entsteht
(. Abb. 25.27b) – ähnlich der IL-1-Signaltransduktion – aus membrangebundenem TNF durch Einwirkung des Enzyms TACE.
Sowohl lösliches als auch membrangebundenes TNF kann den TNFR1
und damit pro-inflammatorische Prozesse zu induzieren
aktivieren. Der TNFR2 kann nur durch membrangebundenes TNF
als auch den programmierten Zelltod (Apoptose) hervor- aktiviert werden. (b) Die Aktivierung des NF-NB-Signaltransduktions-
zurufen. weges durch TNF erfolgt über ähnliche Mechanismen wie beim
Die Auslösung der Apoptose erfolgt nach Liganden- IL-1-Rezeptor (c) Der TNFR1 ist im Gegensatz zum TNFR2 in der Lage,
bindung und Aktivierung des TNFR1-Rezeptorkomple- Caspasen zu aktivieren. Diese leiten den programmierten Zelltod
(Apoptose) ein. FADD = Fas associated protein with a death domain;
xes durch Rekrutierung verschiedener cytoplasmatischer
RIP = receptor interacting protein; RAIDD = RIP-associated ICH-1/CED-3
Effektorproteine (TRADD, FADD, RIP und RAIDD) homologous protein with a death domain; TAK1 = TGF-E activated
(. Abb. 25.27c). Diese Effektormoleküle enthalten eben- kinase 1; TRADD = TNF-receptor associated protein with a death domain;
falls death-domains, die sie in die Lage versetzen, mit den Ub = Ubiquitin
25.8 · Signaltransduktion über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen
793 25

. Abb. 25.27b,c.
794 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

In Kürze (OSM), ciliary neurotrophic factor (CNTF), cardiotrophin-1


(CT-1), cardiotrophin-like cytokine (CLC) und Neuro-
TNF führt sowohl zur NF-NB-Aktivierung als auch zur
poetin (NP) angehören, weisen eine gemeinsame dreidi-
Apoptose. Hierfür sind Effektormoleküle mit so ge-
mensionale Struktur auf: sie gehören zu den so genann-
nannten death-domains verantwortlich. Die Apoptose
ten langkettigen 4-D-Helix-Bündel-Cytokinen und üben
wird durch Caspasen ausgelöst.
vielfältige physiologische Funktionen aus. Die IL-6-Typ-
Cytokine sind an der Akutphase-Reaktion des Körpers,
an der Hämatopoese, der Differenzierung und dem
25.8.3 Interleukin-6-Signaltransduktion Wachstum von B- und T-Zellen sowie an der neuronalen
Differenzierung beteiligt. Die Familie ist durch die
Eine Besonderheit der Cytokinwirkung ist ihre Redundanz, Nutzung einer gemeinsamen Rezeptoruntereinheit, dem
d.h. verschiedene Cytokine können gleiche zelluläre Ant- Glycoprotein 130 (gp130), charakterisiert (. Abb. 25.28,
25 worten hervorrufen. Dieses Phänomen beruht auf der 25.29a).
Tatsache, dass verschiedene Cytokine über gemeinsame Als zweite Signal-weiterleitende Untereinheit kann je
Rezeptoruntereinheiten signalisieren (. Abb. 25.28). nach Cytokin ein LIF-Rezeptor, ein OSM-Rezeptor oder ein
Die wichtigsten gemeinsam genutzten Rezeptorunter- zweites gp130 beteiligt sein.
einheiten sind IL-6 und IL-11 führen zu einer Homodimerisierung
4 die common E (Ec)-Kette für die Cytokine IL-3, IL-5 von gp130. CNTF, LIF und CT-1 signalisieren über ein
und den granulocyte macrophage-colony stimulating gp130/LIFR-Heterodimer. OSM ist das einzige Cytokin, das
factor (GM-CSF) über zwei Rezeptorkomplexe, nämlich gp130/LIFR und
4 die common J (Jc)-Kette für die Cytokine IL-2, IL-4, gp130/OSMR, signalisieren kann.
IL-7, IL-9, IL-15 und IL-21 Während LIF und OSM direkt an die signaltransdu-
4 das Glycoprotein 130 (gp130) für die Mitglieder zierenden Rezeptor-Untereinheiten binden können – LIF
der Interleukin-6-Typ Cytokinfamilie (. Abb. 25.28, an den LIFR und OSM an gp130 – benötigen IL-6, IL-11
. Tab. 25.1) und CNTF spezifische, nicht signalisierende D-Rezeptoren.
Die D-Rezeptoren für IL-6, IL-11 und CNTF kommen au-
Die Mechanismen der Signaltransduktion über gemein- ßer in Membran-ständiger auch in löslicher Form vor. Im
sam genutzte Rezeptoruntereinheiten sind ähnlich und Gegensatz zu vielen anderen löslichen Rezeptoren, die
sollen hier am Beispiel der IL-6-Typ-Cytokine erläutert eine antagonistische Wirkung zeigen, können die löslichen
werden. α-Rezeptoren für IL-6, IL-11 und CNTF nach Bindung
Die Mitglieder dieser Familie, der neben IL-6 auch IL- ihrer Liganden die signaltransduzierenden Ketten dimeri-
11, IL-27, leukemia inhibitory factor (LIF), oncostatin M sieren und somit agonistisch wirken.

. Abb. 25.28. Cytokin-Familien


nutzen gemeinsame Rezeptorketten.
Die Cytokinrezeptoren common E-Kette
(Ec), common J-Kette (Jc) und gp130
dienen unterschiedlichen Cytokin-
Familien als gemeinsame signaltrans-
duzierende Rezeptor-Untereinheit.
Die Cytokine können nur dann ihre
Wirkung entfalten, wenn neben der
gemeinsamen Rezeptorkette auch
eine Cytokin-spezifische Rezeptorkette
exprimiert wird. (Abkürzungen 7 Text)
25.8 · Signaltransduktion über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen
795 25

. Abb. 25.29. Interleukin-6 Signaltransduktion. (a) Schematische Jak/STAT-Signaltransduktion. (Einzelheiten 7 Text) (c) Neben dem
Darstellung (links) und Kristallstruktur (rechts) des signalkompetenten Jak/STAT-Weg kann ausgehend von aktiviertem gp130 auch die
IL-6-Rezeptorkomplexes bestehend aus zwei IL-6-Molekülen (grün), MAPK-Kaskade initiiert werden. Die Protein-Tyrosin-Phosphatase SHP2
zwei IL-6RD (orange) und zwei gp130 Signaltransduktor-Unterein- fungiert hierbei als Adapterprotein. APRE = Akutphase responsives
heiten (blau). Die extrazellulären Domänen D1, D2 und D3 von gp130 Element; Jak = Janus-Kinase; STAT = signal transducer and activator
und IL-6RD sind gekennzeichnet. (b) Ablauf der IL-6-induzierten of transcription
796 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

25

. Abb. 25.29c

! Ligandenbindung führt zur Dimerisierung/Multimeri- In Kürze


sierung der Rezeptorketten und zur Aktivierung von Mitglieder der Familie der IL-6-Typ-Cytokine führen
konstitutiv assoziierten Tyrosin-Kinasen der Janus- zur Aktivierung assoziierter Tyrosinkinasen der Janus-
Familie. Familie. Diese aktivieren Transkriptionsfaktoren der
STAT-Familie, sowie die MAP-Kinasen.
Bei der IL-6-Typ-Cytokin-Signaltransduktion (. Abb.
25.29b) spielen die konstitutiv assoziierten Janus-Kinasen
Jak1, Jak2 und Tyk2 eine Rolle. Nach Ligandenbindung
aktivieren sich die Janus-Kinasen durch Tyrosin-Phos- 25.8.4 Interferon-Signaltransduktion
phorylierung ① und phosphorylieren anschließend Tyro-
sin-Reste im cytoplasmatischen Bereich der Cytokin-Re- ! Interferone sind Cytokine, die die Virusvermehrung
zeptoren ②. Diese Phosphotyrosin-Reste fungieren dann hemmen.
als Rekrutierungsstellen für Proteine mit SH2 (src homology
2)-Domänen wie STAT (signal transducer and activator of Die Biosynthese von Interferonen wird durch Viren, Bak-
transcription) Transkriptionsfaktoren, die Tyrosinphospha- terien, Antigene und Cytokine wie Interleukin-1, Interleu-
tase SHP2, oder feed-back-inhibitor-Proteine der SOCS- kin-2 und Tumor-Nekrose-Faktor stimuliert. Zu den Typ-1-
Familie (suppressors of cytokine signaling) (7 Kap. 25.10). Interferonen werden die Interferon-α-Mitglieder (IFND)
Im Fall der IL-6-Signaltransduktion assoziieren STAT3 und und das Interferon-β (IFNE) gezählt. IFND wird haupt-
STAT1 an Rezeptoruntereinheiten ③ und werden ihrerseits sächlich von Lymphozyten, Monozyten und Makrophagen,
Tyrosin-phosphoryliert ④, verlassen den Rezeptorkom- IFNE von nahezu allen differenzierten Zellen produziert.
plex, homo- bzw. heterodimerisieren ⑤, werden Serin- Das Typ-2-Interferon IFNJ wird von T-Zellen und natür-
phosphoryliert ⑥ und translozieren in den Zellkern. Hier lichen Killerzellen sezerniert.
binden die STAT-Dimere an enhancer-Elemente verschie- Die antivirale Wirkung der Interferone greift auf allen
dener Zielgene ⑦ und beeinflussen deren Transkription Ebenen der Virusreplikation: Virus-Aufnahme, Transkrip-
(. Abb. 25.29b). Der aktivierte Signaltransduktor gp130 tion, Translation, Reifung und Freisetzung. Zellzyklus-
bindet die Phosphatase SHP2, (. Abb. 25.29c) und aktiviert Komponenten wie c-myc, Retinoblastom-Protein (Rb), oder
wie für PDGF (7 Kap. 25.7.1) beschrieben die Ras/Raf/ Cyclin D3 (7 Kap. 7.1.3) sind Ziele der antiproliferativen und
MAP-Kinase-Kaskade. apoptotischen Wirkung der Interferone. Die immunoregu-
latorische Wirkung insbesondere von Interferon-J besteht
Infobox in der Induktion der Expression von Antigen-präsentieren-
Janus-Kinasen den MHC-Proteinen der Klasse I und II sowie der Modula-
Janus – Römischer Gott mit einem Kopf und zwei Ge- tion der Antigen-Prozessierung durch das Proteasom.
sichtern. Janus-Tyrosinkinasen besitzen zwei Kinase- Typ-1- und Typ-2-Interferone signalisieren über unter-
Domänen, von denen nur eine enzymatische Aktivität schiedliche Oberflächen-Rezeptoren. Der Rezeptor für In-
besitzt. terferon-D/E besteht aus zwei Untereinheiten: Interferon-
D/E-Rezeptor-1 (IFNAR1) und Interferon-D/E-Rezeptor-2
25.8 · Signaltransduktion über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen
797 25

. Abb. 25.31. Antivirale Wirkung von IFNα/β durch Blockade der


Proteinsynthese. Die Signaltransduktion von IFND/E führt zur Expres-
sion von inaktiver Protein-Kinase R (PKR). Nach Bindung doppelsträn-
giger RNA (dsRNA) während der Virusreplikation wird das Enzym
aktiviert. Dies führt zur Hemmung der Initiation der Proteinsynthese

Komplex transloziert in den Zellkern und bindet hier an


interferon stimulated regulatory elements (ISRE) von Inter-
feron-D/E-Zielgenen. IFN-D/E-induziert die Expression
. Abb. 25.30. Interferon-α/β Signaltransduktion. IFND/E bindet
an einen Rezeptorkomplex aus IFNAR1 und IFNAR2. Nach Tyrosin- von Protein-Kinase R (PKR). Dieses Enzym liegt zunächst
Phosphorylierung des IFNAR1 durch assoziierte Janus-Kinasen werden in inaktiver Form vor, wird aber durch Bindung an doppel-
STAT1/STAT2-Komplexe phosphoryliert. Diese induzieren nach Bin- strängige RNA, die nach Virusreplikation gebildet wird,
dung eines weiteren Proteins (IRF9 = interferon regulatory factor 9) die durch Autophosphorylierung an Serin-Threonin-Resten
Transkription spezifischer Gene. Die STAT-Faktoren liegen möglicher-
aktiviert (. Abb. 25.31). Die aktivierte PKR phosphoryliert
weise in prä-assoziierter Form an den IFNAR2 gebunden vor (gestri-
chelter Doppelpfeil). IFNAR = Interferon-D/E-Rezeptor; ISGF = inter- den eukaryotischen Protein-Synthese-Initiationsfaktor 2D
feron-D-stimulated gene factor; ISRE = interferon-stimulated response (eIF2D, 7 Kap. 9.1.5). Der modifizierte eIF2D kann nicht
element mehr die Proteinsynthese initiieren und hemmt somit auch
die Bildung viraler Proteine.
Neben der Hemmung der Proteinbiosynthese induziert
(IFNAR2) (. Abb. 25.30). IFNAR1 bindet die Janus-Kinase Interferon D/E auch die 2c-5c-Oligo-A-Synthetase-Expres-
Tyk2, IFNAR2 die Janus-Kinase Jak1. Nach Liganden- sion (2c-5c-OASE) (. Abb. 25.32). Die 2c-5c-OASE wird
bindung dimerisieren die Rezeptoren, die Janus-Kinasen über doppelsträngige RNA aktiviert. Die aktive 2c-5c-OASE
werden durch Tyrosin-Phosphorylierung aktiviert und homopolymerisiert ATP zu 2c-5c-Oligoadenylat. Im Unter-
phosphorylieren Tyrosin-Reste im cytoplasmatischen Teil schied zu den üblichen 3c-5c-Phosphodiesterbindungen
des IFNAR1. Die am IFNAR2 präassoziierten dimerisier- handelt es sich hier um eine 2c-5c-Phosphodiesterbindung.
ten STAT-Faktoren STAT1 und STAT2 werden anschlie- 2c-5c-Oligo-A bindet inaktive RNAseL und aktiviert dieses
ßend über einen noch unverstandenen Mechanismus am Enzym, welches virale mRNA zu Nucleotiden abbaut.
IFNAR1 rekrutiert und Tyrosin-phosphoryliert. Die akti- Im Unterschied zu Interferon-D/E wirkt Interferon-J
vierten STAT1/STAT2-Heterodimere binden nach Ablö- (IFNJ) als Dimer (. Abb. 25.33). Es bindet an einen Re-
sung vom Rezeptor den Transkriptionsfaktor IRF9, der zeptorkomplex, der aus zwei D- und zwei E-Ketten besteht.
zur interferon regulatory factor (IRF)-Familie gehört. Der An die D-Ketten bindet konstitutiv Jak1, an die E-Ketten
Komplex aus STAT1, STAT2 und IRF9 wird auch als inter- die Janus-Kinase Jak2. Nach Ligandenbindung und Re-
feron-stimulated gene factor-3 (ISGF3) bezeichnet. Dieser zeptoraktivierung werden die Janus-Kinasen durch Trans-
798 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

phosphorylierung aktiviert und können Tyrosin-Reste im


cytoplasmatischen Teil der D-Rezeptor-Untereinheit phos-
phorylieren. Nach Rekrutierung von STAT1 an die Phos-
photyrosin-Reste der D-Rezeptorketten sowie dessen fol-
gender Tyrosin-Phosphorylierung löst sich der Transkrip-
tionsfaktor STAT1 vom Rezeptor, homodimerisiert und
transloziert in den Zellkern. Das Dimer bindet hier an so
genannte interferon-J activated sequences (GAS Elemente)
von IFN-J-Zielgenen, wie die für die Antigen-Präsentation
wichtigen MHC-I und MHC-II Gene, deren Expression
hierdurch stimuliert wird.

25 In Kürze
Interferone hemmen die Virusvermehrung in nahezu
allen Zellen. Über Änderung der Bildung von Zellzyklus-
komponenten, Induktion der Antigenpräsentation
. Abb. 25.32. Antivirale Wirkung von IFNα/β durch mRNA-Abbau
nach Aktivierung von RNaseL. Die Signaltransduktion von IFND/E sowie durch Hemmung der Translation und Abbau der
führt zur Expression inaktiver 2c-5c-Oligo-A-Synthetase (OASE). Nach mRNA wird die Virusreplikation inhibiert. Interferone
Bindung doppelsträngiger RNA während der Virusreplikation wird das signalisieren über den Jak/STAT-Weg.
Enzym aktiviert. Es synthetisiert daraufhin 2c-5c-Oligo A, welches nach
Bindung die RNaseL aktiviert. Diese hydrolysiert mRNA, weshalb keine
Proteinsynthese in der Zelle mehr stattfinden kann. PDE = Phospho-
diesterase
25.8.5 Pathobiochemie: Septischer
Schock und multiples Organ-
versagen

Für die Abwehr lokaler bakterieller Infekte ist die unspezi-


fische Immunantwort von großer Bedeutung (7 Kap. 34.1).
Ihre frühen Ereignisse sind die Freisetzung pro-inflamma-
torischer Cytokine (TNFD, IL-1, IL-6, IL-12 und IL-18)
sowie die Bildung von chemotaktischen Faktoren (Chemo-
kine, Komplementfaktoren C3a, C5a), Prostaglandinen,
Thromboxanen und Prostazyklinen, die auf die Gefäße im
Sinne einer Vasodilatation und Permeabilitätszunahme
wirken. Diese Vorgänge sind lokal und leiten die spezifische
Immunantwort u.a. durch Bildung von IL-12 und IL-18
sowie IL-4 und IL-10 ein.
! Der Übertritt bakterieller Infektionen in die Zirkulation
führt zu einer systemischen generalisierten Entzün-
dungsreaktion.

Die Reaktionen der unspezifischen Immunantwort sind


normalerweise streng lokalisiert und haben den Sinn, die
bakterielle Infektion auf den Ort ihrer Entstehung zu be-
schränken und zu beenden (7 Kap. 34.5).
Kommt es jedoch zu einem Übertritt von Bakterien,
z.B. Gram-negative Pathogene und bakteriellen Endotoxi-
nen in die Blutbahn, so entwickelt sich eine Sepsis. Diese
verläuft unter einer Symptomatik, die auch nach schweren
. Abb. 25.33. Interferon-γ-Signaltransduktion. IFNJ bindet als Traumen oder Verbrennungen vorkommt und als systemi-
Dimer an einen Komplex aus zwei D- und zwei E-Rezeptorketten.
sche Entzündungsreaktion oder SIRS (systemic inflamm-
Der aktivierte Rezeptor löst die Jak/STAT-Signaltransduktionskaskade
aus. Dies führt zur Bildung von STAT1-Homodimeren (GAF = J inter- atory response syndrome) bezeichnet wird. Unter dem Be-
feron activated factor), die nach Translokation in den Zellkern an GAS- griff Sepsis versteht man heute ein durch bakterielle Infek-
Elemente binden (GAS = J interferon activated site) tion ausgelöstes SIRS. Es handelt sich hierbei um eine akut
25.8 · Signaltransduktion über Rezeptoren mit assoziierten Kinasen
799 25

. Abb. 25.34. Aktivierung von Zellen durch das bakterielle Lipo- tiation (88 kDa), Mal = MYD88 adapter-like; IRAK = IL-1 receptor asso-
polysaccharid. LPS = bakterielles Lipopolysaccharid; LBP = LPS- ciated kinase; TAK = TGFE-activated kinase; TAB = TAK binding protein;
Bindeprotein; TLR-4 = toll like receptor-4; IL = Interleukin; IFN = Inter- NF-NB = nuclear factor NB; INB = inhibitor of NF-NB; IKK = INB Kinase,
feron; TRAF = TNF-receptor associated factor; MyD88 = myeloid differen- PLA2 = Phospholipase A2, ACT = Acetyltransferase

lebensbedrohliche Situation. Man schätzt, dass z.B. in den 4 Von Gram-negativen Bakterien erzeugtes LPS wird
USA jährlich 300.000–500.000 Sepsisfälle vorkommen, wo- im Blut gebunden an das LPS-Bindeprotein trans-
bei die Mortalität zwischen 20 und 40% liegt. In den frühen portiert. Dieser Komplex ist ein Ligand für einen als
Stadien der Sepsis ist ein nicht beherrschbares Absinken des CD14 bezeichneten Rezeptor auf Makrophagen/
Blutdrucks, ein septischer Schock, die häufigste Todesur- Monozyten und neutrophilen Granulozyten. Darüber
sache. In späteren Stadien der Sepsis kommt es zum Multi- hinaus bestehen Anhaltspunkte dafür, dass LPS
organversagen oder MOF (multi organ failure). Dieser Zu- auch direkt Endothelzellen der Blutgefäße aktivieren
stand ist mit einer Mortalität von 60–70% verknüpft. kann
Die bakteriellen Toxine haben eine direkte toxische 4 CD14 ist ein GPI-verankertes Protein (7 Kap. 9.2.4)
Wirkung. Daneben ist die generalisierte Aktivierung von ohne cytoplasmatische Domäne, kann also keine Signal-
Mediatorzellen wie Makrophagen und Granulozyten durch weiterleitung ins Cytosol auslösen
die bakteriellen Toxine eine Hauptursache für den lebens- 4 Der LPS/CD14-Komplex bindet an den TLR-4 (toll like
bedrohlichen Verlauf des SIRS. Besonders gut ist dies für receptor 4). Dieser gehört zu einer aus 10 Mitgliedern
das so genannte Lipopolysaccharid (LPS) gezeigt, einem bestehenden Familie von Rezeptoren, die wegen ihrer
wichtigen Bestandteil der Zellwand Gram-negativer Bak- Ähnlichkeit mit dem bei Drosophila vorkommenden
terien. In . Abb. 25.34 sind wichtige Schritte beim Zustan- Membranrezeptor Toll als toll like bezeichnet werden
dekommen des SIRS zusammengestellt. Die einzelnen Stu- und für die Erkennung von bakteriellen Strukturen ver-
fen sind: antwortlich sind
800 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

. Tabelle 25.7. Symptomatik der generalisierten Freisetzung pro-


inflammatorischer Zytokine (die Angaben basieren auf Versuchen,
bei denen Versuchspersonen die angegebenen Zytokine intra-
venös in relativ hohen Konzentrationen erhalten haben; vgl. auch
Abb. 25.35). (Nach Slifka, Whitton (2000) J Mol Med 78(2): 74–80)
Symptome Ausgelöst durch
Akute respiratorische Insuffizienz TNFα, IL-2, IL-12
(respiratory distress syndrom)
Hypotension TNFα, IL-2, IL-12
Schädigung des Gastrointestinaltraktes TNFα, IL-2, IL-12
(Nekrose, Durchfälle, Hämorrhagie)
Arrhythmie TNFα, IL-2, IL-12
25 Mikrothrombosen TNFα, IL-2, IL-12
Thrombocytopenie TNFα, IL-2, IL-12
Gesteigerte Kapillarpermeabilität TNFα, IL-2,
Fieber TNFα, IL-1, IL-6, IL-12,
IL-18, IFNJ
. Abb. 25.35. Serumspiegel von TNFα, IL-6, IL-8 und IL-10 nach
Renale Tubulusnekrose TNFα intravenöser Gabe von LPS-Endotoxin. Gesunde Versuchspersonen
erhielten LPS-Endotoxin in einer Menge von 2 ng/kg Körpergewicht.
Veränderte Serum-Akutphase-Protein IL-6, IL-1
Die Serumkonzentrationen der Cytokine wurden zu den angegebenen
Spiegel (z. B. CRP)
Zeitpunkten bestimmt (nach Lin et al. (2000) Surgery 127: 117–126)

4 Die durch LPS induzierte Aktivierung von TLR-4 führt Beim SIRS kommt es zu einer generalisierten Freisetzung
über sehr komplexe, im Einzelnen noch nicht aufge- von inflammatorischen Cytokinen (. Abb. 25.35) sowie der
klärte Signalwege zur Freisetzung pro-inflammatori- oben genannten Mediatoren, die in den verschiedensten
scher Cytokine. Zu diesen gehören TNFD, IL-1E, IL-6, Zellen Cytokin-vermittelt gebildet werden. Die . Tab. 25.7
IL-8 sowie Interferon-J zeigt eine Auswahl klinischer Symptome, die nach intra-
4 Diese lösen über verschiedene Mechanismen die mas- venöser Gabe hoher Konzentrationen pro-inflammato-
sive und generalisierte Freisetzung von reaktiven Sauer- rischer Cytokine beobachtet wurden. Wird eine Freisetzung
stoffspezies (ROS, reactive oxigen species) aus, z.B. Super- dieser Cytokine durch LPS ausgelöst, ergibt sich ein kom-
oxidanion (O2–), Stickstoffmonoxid (NO), sowie von pliziertes Netzwerk von Reaktionen, die für den Abfall des
Prostaglandinen, Hypochlorit und dem Plättchenakti- Blutdrucks, die Verminderung der Herzleistung, das Auf-
vierungsfaktor (PAF, 7 Kap. 18.1.1) treten von Mikrothrombosen, die Hypoperfusion von Ge-
weben, die Gewebszerstörung und schließlich das Multi-
! Die überschießende Produktion von pro-inflammato- organversagen verantwortlich sind. Einen Überblick über
rischen Cytokinen und niedermolekularen Mediatoren die dabei auftretenden Zusammenhänge gibt . Abbil-
löst Hypotension und multiples Organversagen aus. dung 25.36.

. Abb. 25.36. Multiorganversagen als


Folge einer bakteriell verursachten
Sepsis. (Einzelheiten 7 Text)
25.9 · Besondere Aktivierungsmechanismen
801 25

Obwohl man also einigermaßen klare Vorstellungen Bei der Immunantwort besteht in der Regel ein Gleichge-
über das Zustandekommen des SIRS hat, ist die Umsetzung wicht zwischen pro- und anti-inflammatorischen Cytokinen.
dieser Erkenntnisse in therapeutische Maßnahmen bisher SIRS ist dadurch gekennzeichnet, dass dieses Gleichgewicht
enttäuschend verlaufen. Antikörper gegen TNFα, Gabe von zugunsten der pro-inflammatorischen Cytokine gestört ist.
IL-1-Rezeptorantagonisten sowie Hemmstoffe der Prosta- Überwiegen dagegen die anti-inflammatorischen Cytokine,
glandin- oder NO-Biosynthese vermögen die Mortalitäts- kommt es zu einer Hemmung der Immunantwort. Nur
rate bestenfalls um 10% zu verringern. wenn das Gleichgewicht erhalten bleibt, haben die Patien-
ten eine einigermaßen gute Prognose.
! Beim SIRS ist das Gleichgewicht zwischen pro-inflamma-
torischen und anti-inflammatorischen Cytokinen gestört.

In Kürze
Die dramatische Symptomatik der Sepsis – des septischen 4 einer dadurch ausgelösten Freisetzung von Mediatoren
Schocks und des multiplen Organversagens – wird da- wie reaktiven Sauerstoffspezies (ROS), NO, Prostaglan-
durch verursacht, dass die Vorgänge, die bei der lokalisier- dinen sowie dem Plättchenaggregationsfaktor (PAF)
ten, unspezifischen Immunantwort auftreten, durch den
Übertritt von bakteriellen Pathogenen ins Blut in genera- Die gesteigerte NO-Bildung löst eine allgemeine Gefäßre-
lisierter Form ablaufen und dabei die verschiedensten laxation mit Blutdruckabfall, am Myokard darüber hinaus
Organsysteme und Gewebe schwer schädigen. Im Einzel- eine Verminderung der Kontraktilität und der Herzleistung
nen beruht dies darauf, dass die Sepsis eine systemische aus.
Entzündungsreaktion oder SIRS (systemic inflammatory Am Zustandekommen des sich anschließenden Organ-
response syndrome) auslöst. Diese führt zunächst zu: versagens sind außer den genannten Mediatoren u.a. eine
4 einer gesteigerten und generalisierten Freisetzung Verminderung der Organperfusion sowie Mikrothromben
pro-inflammatorischer Cytokine durch Makrophagen/ verantwortlich, weil die Fibrinbildung die Fibrinolyse über-
Monozyten und Granulozyten sowie Endothelzellen wiegt.
und

25.9 Besondere Aktivierungs- Drei Isoformen dieser Enzyme sind gut charakterisiert:
mechanismen die endotheliale (eNOS), die neuronale (nNOS) und die
induzierbare (iNOS) NO-Synthase. Die konstitutiv expri-
25.9.1 Stickstoffmonoxid (NO) und mierten eNOS und nNOS werden durch eine Erhöhung der
lösliche Guanylatcyclasen Ca2+/Calmodulin-Konzentration aktiviert. Im Gegensatz
dazu wird die iNOS, die hauptsächlich in Makrophagen
Stickstoffmonoxid (NO) kann als Gas frei durch die Zell-
membran diffundieren und ist daher ein wichtiges intra-
und interzelluläres Signalmolekül (. Abb. 25.37). Aufgrund
seiner extrem kurzen Halblebenszeit (2–30 Sekunden) kann
es vom Ort seiner Synthese nur in die umliegenden Gewebe
und Zellen einwandern. Zu seinen wichtigsten physio-
logischen Funktionen gehören die Relaxation der glatten
Gefäßmuskulatur (. Abb. 25.37) und die Hemmung der
Thrombozytenaggregation. Die NO-Synthasen (NOS) kata-
lysieren die Bildung von NO aus Arginin (. Abb. 25.37).

Infobox
Nobelpreis für biologische Funktion von NO
Die Amerikaner Robert Furchgott, Ferid Murad und
Louis Ignarro wurden 1998 für die Entdeckung der
großen Bedeutung von NO für die Blutversorgung von
. Abb. 25.37. Wirkungsweise des Stickstoffmonoxids (NO). Das
Organen sowie der biologischen Funktion als Boten-
in Endothelzellen aus Arginin unter Sauerstoffeinwirkung erzeugte
stoff im Organismus mit dem Nobelpreis für Physiolo- Stickstoffmonoxid (NO-Synthase-Reaktion 7 Kap. 13.6.3) diffundiert
gie und Medizin ausgezeichnet. in die umliegenden glatten Muskelzellen. Dort aktiviert es die lösliche
Guanylatcyclase und führt somit zur Vasodilatation
802 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

meinsame Expression beider Untereinheiten führt zu einer


katalytisch aktiven GC. In den C-Termini beider Untereinhei-
ten befinden sich die Cyclase-Homologiedomänen, die die
katalytische Aktivität besitzen und stark den entsprechenden
Domänen der Adenylatcyclasen ähneln. Die Aktivität dieser
Enzyme verhält sich proportional zur vorhandenen NO-
Konzentration. Im N-terminalen Bereich ist an konservierte
Histidinreste eine prosthetische Hämgruppe gebunden, die
essentiell für die Bindung von NO an die GC ist.
Die Guanylatcyclase katalysiert die folgende Reaktion:

GTP o 3c,5c-cyclo-GMP + Pyrophosphat


25
cGMP ist eine dem cAMP analoge Verbindung.
Außer seiner Funktion als Stimulator der löslichen
Guanylatcyclase dient NO im Nervensystem als Neuro-
transmitter (nitrinerge Neuronen) bzw. im Immunsystem
als Bestandteil des Verteidigungssystems gegen Bakterien.

25.9.2 Membrangebundene
Guanylatcyclasen

! Membrangebundene Guanylatcyclasen sind Rezep-


toren für natriuretische Peptide und Guanyline.

Membranständige Guanylatcyclasen unterscheiden sich


von den Adenylatcyclasen dadurch, dass sie nur eine einzige
Transmembran-Domäne enthalten und durch extrazellu-
läre Liganden-Bindung aktiviert werden (. Abb. 25.38b).
Im Gegensatz zu den heterodimer vorliegenden lösli-
chen Guanylatcyclasen bilden die membrangebundenen
Guanylatcyclasen Homodimere.
Membranständige Guanylatcyclasen kommen in sieben
Isoformen vor: GC-A bis GC-G. Bislang sind nur die phy-
siologischen Liganden für GC-A, GC-B und GC-C be-
kannt:
b
4 GC-A und GC-B binden das atriale natriuretische
. Abb. 25.38. Guanylatcyclasen. (a) Lösliche Guanylatcyclasen. Peptid (ANP), sowie die natriuretischen Peptide B
Diese bestehen aus zwei verschiedenen Untereinheiten (D und E), die und C (7 Kap. 28.4.2)
im N-terminalen Bereich ein als prosthetische Gruppe gebundenes
4 GC-C bindet die Guanyline, eine aus drei Typen be-
Häm enthalten, welches die Bindung mit NO eingeht. Im C-terminalen
Bereich befinden sich die Guanylatcyclase-Domänen. (b) Membran- stehende Klasse von Peptiden, die im Intestinaltrakt,
gebundene Guanylatcyclasen. Diese bilden Homodimere und binden den Nieren sowie im lymphatischen Gewebe gebildet
über die extrazelluläre Region ihre Liganden. Intrazellulär findet sich werden
die Kinase-Homologiedomäne, die Gelenkregion und im C-Terminus
die Guanylatcyclase-Domäne
Infobox
Reise-Diarrhöe
und anderen Zellen des Immunsystems vorkommt, nicht Das hitzestabile Enterotoxin von Enterobakterien bindet
Ca2+-abhängig reguliert, sondern durch eine Reihe von ebenfalls an die membranständige GC-C Isoform und
Cytokinen induziert. kann diese aktivieren. Der Anstieg der intrazellulären
Seine physiologische Wirkung entfaltet NO haupt- cGMP-Spiegel führt in der Folge zu einer Verschiebung
sächlich über die Aktivierung der NO-sensitiven, löslichen des Elektrolyt-Gleichgewichts. Pathophysiologische
Guanylatcyclasen (GC) (. Abb. 25.38a). Diese werden in Folge dieser Veränderung der Elektrolyt-Homöostase
nahezu allen Säugetierzellen exprimiert und bestehen aus ist die bekannte Durchfallerkrankung.
zwei verschiedenen Untereinheiten (D und E). Nur die ge-
25.9 · Besondere Aktivierungsmechanismen
803 25

Die membranständige Guanylatcyclase besteht aus einer Nach Bindung des Liganden kommt es zur Phosphory-
extrazellulären Ligandenbindungsregion, einer Transmem- lierung des intrazellulären Teils des Rezeptors, zur Aktivie-
bran-Domäne und einer Intrazellulärregion. Der cytoplas- rung des Enzyms und somit zur Bildung des second messen-
matische Bereich enthält eine Kinase-Homologiedomäne, gers cGMP.
eine amphipathische Gelenkregion und die Cyclase-Homo- cGMP-abbauende Phosphodiesterasen hydrolysieren
logiedomäne (. Abb. 25.38b). Es wird angenommen, dass cGMP zu GMP und sind in Säugergeweben weit verbreitet.
die Kinase-Homologiedomäne ihre katalytische Aktivität Sowohl die Dauer als auch die Intensität eines cGMP-ver-
verloren hat, da katalytisch wichtige Aminosäuren mutiert mittelten Signals werden durch Phosphodiesterasen (PDE)
sind. Sie scheint jedoch einen negativ-regulatorischen Ein- reguliert. Bislang sind elf PDE-Isoformen bekannt, wobei
fluss auf die Cyclaseaktivität zu haben. Die Gelenkregion PDE5, PDE6 und PDE9 eine hohe Spezifität für cGMP auf-
vermittelt bei der Dimerisierung den Kontakt der beiden weisen.
Untereinheiten.

Infobox
Sildenafil (Viagra )® ®
baut. Somit kommt es beim Einsatz von Viagra im Verlaufe
Sowohl die Dauer als auch das Ausmaß einer Erektion einer normalen sexuellen Stimulation durch Verhinderung
hängt vom Blutfluss in das Corpus cavernosum penis ab. des Abbaus von cGMP zu einem erhöhten intrazellulären
Dieses ist ein arterieller Schwellkörper, der im nicht eri- Spiegel und damit zu einer verstärkten Erektion. Ohne die
gierten Zustand aufgrund der angespannten ringförmigen ®
sexuelle Erregung löst Viagra keine Erektion aus.
Muskulatur in der Arterienwand blutleer gehalten wird. Im ®
Fatale Folgen können eintreten, wenn Viagra gleich-
Verlauf der Erektion wird Stickstoffmonoxid (NO) produ- zeitig mit Nitrat-/Nitrithaltigen Medikamenten oder NO-
ziert, welches in den betreffenden Muskelzellen die Bil- Donatoren eingenommen wird. Zu diesen gehören auch
dung von cGMP induziert. Die Muskeln entspannen sich die als Rauschmittel verwendeten und unter dem slang-
und arterielles Blut kann in den Schwellkörper fließen und Namen Poppers bekannten Drogen. Sie bestehen aus den
damit die Erektion auslösen. leicht flüchtigen Substanzen Amylnitrit, Butylnitrit oder
®
Viagra wird zur Behandlung erektiler Dysfunk- Isobutylnitrit und werden direkt aus Glasampullen inhaliert.
tionen eingesetzt und stellt einen potenten selektiven Durch die kombinierte Wirkung von NO-Donatoren und
Inhibitor der cGMP-spezifischen PDE5 dar, die das im ®
Viagra , welches die Wirkung von NO verlängert, droht ein
Corpus cavernosum gebildete cGMP wieder zu GMP ab- akuter lebensbedrohlicher Blutdruckabfall.

25.9.3 cGMP-Effektormoleküle der cGMP-abhängigen Proteinkinase der glatten Muskula-


tur beruht auf ihrer relaxierenden Wirkung. Dies ist übri-
! cGMP aktiviert cGMP-abhängige Kinasen und cGMP- gens auch das therapeutische Prinzip aller NO-freisetzen-
regulierte Ionenkanäle. den Vasodilatatoren wie Nitroprussit oder dem zur Be-
handlung der akuten koronaren Herzkrankheit eingesetzten
Wie für cAMP sind eine Reihe von intrazellulären cGMP- Nitroglycerin. Ähnlich der Proteinkinase C (. Abb. 25.24)
bindenden Proteinen beschrieben worden (. Tabelle 25.8). enthält der N-terminale Bereich der cGMP-abhängigen
Proteinkinasen eine autoinhibitorisch wirksame Pseudo-
cGMP-abhängige Proteinkinasen. Diese zur Familie der substrat-Region. Durch die Bindung von cGMP an die Ki-
Serin-/Threoninkinasen gehörenden Enzyme finden sich nase wird die negativ-regulatorische Wirkung der Pseudo-
in besonders hoher Konzentration in glatten Muskelzellen, substrat-Region aufgehoben.
Thrombozyten und im Kleinhirn. Die wichtigste Funktion

. Tabelle 25.8. Intrazelluläre cGMP-Bindungsproteine


Bindungsprotein Vorkommen Effekt
cGMP-abhängige Proteinkinasen glatte Muskulatur Relaxation
Thrombocyten Hemmung der Aggregation
cGMP-abhängige Na+-Kanäle Retina (Zapfen und Stäbchen) Photorezeption
olfaktorisches Epithel olfaktorische Rezeption
renales Sammelrohr Natriurese
cGMP-abhängige Phosphodiesterasen viele Zellen cGMP-Abbau
804 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

Substrate der cGMP-abhängigen Proteinkinasen sind Zustands niedrigen Membranpotentials dieser Zelle. Erst
z.B. Proteine, die an der Regulation der intrazellulären Cal- durch Aktivierung einer cGMP-spezifischen Phosphodi-
cium-Konzentration beteiligt sind wie die IP3-Rezeptoren esterase kommt es zur Hyperpolarisierung dieser Sinnes-
(7 Kap. 25.4.3). zellen und damit zur Reizweiterleitung (7 Kap. 23.2.1). In
den Sammelrohrepithelien ist der cGMP-abhängige Na-
cGMP-abhängige Ionenkanäle. Sie finden sich in den triumkanal möglicherweise verantwortlich für die Stimu-
Photorezeptorzellen, einzelnen olfaktorischen sensori- lierung der Natriurese durch das atriale natriuretische
schen Neuronen sowie dem Epithel der renalen Sammel- Peptid (7 Kap. 28.4.2).
rohre (. Tabelle 25.8). In den ersten beiden Systemen cGMP-abhängige Proteinkinasen und Ionenkanäle ent-
spielt der cGMP-abhängige Natriumkanal eine wichtige halten ein so genanntes cNMP (cyclic nucleotide monophos-
Rolle bei der Aufrechterhaltung des im unstimulierten phate)-Motiv als cGMP-bindende Sequenz.

In Kürze
25
Stickstoffmonoxid (NO) ist ein wichtiger intra- bzw. inter- durch lösliche Guanylatcyclasen kann cGMP auch durch
zellulär wirkender Signalmetabolit. Es aktiviert lösliche membrangebundene Guanylatcyclasen gebildet werden.
Guanylatcyclasen. Das dabei entstehende cGMP wirkt Diese stellen Rezeptoren für die natriuretischen Peptide
relaxierend auf glatte Muskelzellen und ist ein Ligand für und Guanyline dar.
Ionenkanäle und aktiviert Phosphodiesterasen. Außer

25.10 Regulation der Signal- 25.10.1 Rezeptorexpression


transduktion
Die primäre Voraussetzung, damit eine Zelle auf Cytokine
Die Termination einer Signalkaskade muss ebenso genau reagieren kann, ist das Vorhandensein von spezifischen
kontrolliert werden wie ihre Initiation. Rückkopplungs- Rezeptoren auf der Zelloberfläche. Zusätzlich ist die Zu-
mechanismen sind daher von großer pathophysiologischer gänglichkeit des Rezeptors für das Hormon/Cytokin von
Bedeutung. Ein Ausfall dieser Mechanismen innerhalb Bedeutung: Eine polarisierte Epithelzelle, die auf endokrine
einer Signaltransduktionskaskade führt zu ähnlichen Er- Botenstoffe reagieren soll, muss die notwendigen Rezepto-
scheinungen wie eine Hyperstimulation. So verursacht z.B. ren auf ihrer basolateralen, dem Blut zugewandten Seite
die Dysregulation der Signaltransduktion eines pro-inflam- exprimieren. In den cytoplasmatischen Bereichen einer
matorischen Cytokins den Übergang von akuter zu chroni- Reihe von Transmembranrezeptoren sind Signalsequen-
scher Entzündung, die im Falle der Leber zur Cirrhose zen für die polare Expression identifiziert worden, die
führen und schließlich in der Manifestation eines hepato- den Transport des Rezeptors an die basolaterale oder api-
zellulären Karzinoms enden kann. kale Seite einer polaren Zelle vermitteln. Somit ist nicht
nur die Anzahl der Rezeptoren, sondern auch ihre Lokali-
sation von zentraler Bedeutung für die Stimulierbarkeit
einer Zelle.

Infobox
Messung der Rezeptorexpression meter bestimmen. Die Rezeptoren werden auf der Zell-
Neben den bereits erwähnten Methoden der Liganden- oberfläche über die spezifische Bindung eines Fluoreszenz-
bestimmung (RIA, ELISA, 7 Kap. 25.2.4) existieren ver- markierten Antikörpers nachgewiesen. Diese Methode
schiedene Verfahren, um die Anzahl der Rezeptoren für ermöglicht auch die Sortierung lebender Zellen nach der
extrazelluläre Signalmoleküle auf Zellmembranen zu Ober flächenexpression bestimmter Proteine. Alternativ
bestimmen. lässt sich die Zahl der Oberflächenrezeptoren auch mit Hilfe
Die Anzahl der Cytokinrezeptoren auf Zelloberflächen von Bindungsstudien mit radioaktiv markierten Liganden
ist im Unterschied zu nutritiven Rezeptoren (z.B. dem LDL- ermitteln. Hierbei wird die spezifische radioaktive Bindung
Rezeptor) sehr gering. Man findet zwischen 100 und 5.000 als Differenz der gesamten Bindung und der unspezifischen
Cytokinrezeptoren im Vergleich zu 500.000 LDL-Rezepto- Bindung errechnet. Durch die Wahl geeigneter Auswer-
ren pro Zelle. Dennoch lassen sich diese relativ niedrigen tungsverfahren (Scatchard-plots) kann die Anzahl der Bin-
Rezeptorzahlen mit Hilfe der so genannten FACS-(fluores- dungsstellen (Rezeptoren) und deren Bindungsaffinitäten
cence activated cell sorting)-Analyse im Durchflusszyto- zum Liganden (Cytokin) ermittelt werden.
25.10 · Regulation der Signaltransduktion
805 25

. Abb. 25.39. Biosynthese löslicher Rezeptoren. Differentielles Domänen und einem alternativen Carboxy-Terminus (C). Bei der
Spleißen (links) einer Rezeptor-prä-mRNA resultiert in der Expression limitierten proteolytischen Spaltung (rechts) im Extrazellulärteil eines
unterschiedlicher Proteine. Während der Membran-gebundene membranständigen Rezeptors durch eine spezifische Protease
Rezeptor transmembranäre und cytoplasmatische Bereiche enthält (shedding) entsteht ein löslicher Rezeptor, der keinen alternativen
(D, E), besteht der lösliche Rezeptor nur aus den extrazellulären Carboxy-Terminus enthält

Einige Cytokine signalisieren über Rezeptorkomplexe, Lösliche Rezeptoren entstehen entweder durch alterna-
in denen Liganden-bindende Untereinheiten mit Signal- tives Spleißen der Prä-mRNA des Transmembranrezeptors
transduzierenden Untereinheiten assoziiert sind. Häufig oder werden durch eine Protease-vermittelte Abspaltung
ist die Stimulierbarkeit einzelner Zellen über die Expres- des extrazellulären Teils des Membran-ständigen Rezeptors
sion der Liganden-bindenden Rezeptoruntereinheit re- (receptor-shedding) generiert (. Abb. 25.39).
guliert. Das Fehlen dieser Untereinheit kann in einigen
wenigen Fällen durch das Vorhandensein ihrer löslichen
Form kompensiert werden. Dabei assoziieren Ligand und 25.10.2 Rückkopplungsmechanismen
lösliche Rezeptoruntereinheit, binden an die Signal-trans-
duzierenden Rezeptorketten und lösen dort die Signalkas- Zellen reagieren häufig nur transient auf eine Cytokin-
kade aus. Stimulation. Es existieren mehrere Rückkopplungsme-
In der Regel hemmen aber lösliche Rezeptoren die chanismen, um die Signaltransduktion bei andauernder
Signaltransduktion, indem sie den Liganden binden und Cytokin-Präsenz zu dämpfen oder sogar ganz zu hemmen.
so seine Assoziation mit Membran-ständigen Rezeptoren Eine Überstimulation – besonders an Orten der Cytokin-
verhindern. freisetzung – wird somit verhindert.
806 Kapitel 25 · Kommunikation zwischen Zellen: Extrazelluläre Signalmoleküle, Rezeptoren und Signaltransduktion

. Abb. 25.40. Negative Regulation


der Signaltransduktion. Die Modula-
tion und Termination eines Cytokin-
induzierten Signals kann auf verschie-
denen Ebenen der Signaltransduktion
erfolgen: neben der Verfügbarkeit von
Rezeptorkomponenten entscheidet das
Vorhandensein von cytoplasmatischen
Inhibitoren über die Signalintensität.
(Einzelheiten 7 Text)

25

Rezeptoren können Liganden-abhängig durch Endo- Proteasom abgebaut ② (. Abb. 25.40). Im Unterschied
zytose internalisiert werden (. Abb. 25.40) ①. Sie stehen dazu dient die Degradation von Inhibitoren der Signal-
dann für eine weitere Stimulation nicht mehr zur Verfü- weiterleitung (INB-Degradation, . Abb. 25.26). Die Bin-
gung. Die Zelle ist desensitisiert. Internalisierte Rezeptor- dung inhibitorischer Proteine an aktivierte Signalmole-
komplexe können nach Ablösung des Liganden zurück küle ist auf allen Ebenen der Signaltransduktion zu finden:
zur Zellmembran transportiert (recycling) oder abgebaut Liganden können durch lösliche Rezeptoren abgefangen ③,
werden. Degradierte Rezeptoren werden durch Neusyn- Kinasen durch spezifische Inhibitoren gehemmt ④, Trans-
these ersetzt. kriptionsfaktoren durch Bindung an Inhibitor-Proteine an
Die Desensitisierung durch Phosphorylierung und der Kerntranslokation und/oder DNA-Bindung gehindert
Internalisierung von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren ist werden ⑤.
in weiten Teilen verstanden. Die Phosphorylierung der
! Die reversible Phosphorylierung von Signalmolekülen
Rezeptoren erfolgt an Serin- oder Threonin-Seitenketten
ist bei der Modulation der Cytokin-Signaltransduktions-
und kann durch second messenger-aktivierte Kinasen (z.B.
wege von zentraler Bedeutung.
PKA oder PKC) oder über die so genannten G-Protein-
gekoppelten Rezeptorkinasen (GRK) erfolgen. Ein Bei- Stimulation mit Wachstumsfaktoren, Interleukinen oder
spiel hierfür ist die Kinase für den E-adrenergen Rezeptor Interferonen löst Phosphorylierungskaskaden aus. Aktivier-
(E-ARK bzw. GRK2). Die Phosphorylierung des Rezeptors te Kinasen können durch Kinase-Inhibitoren in ihrer en-
erlaubt die Rekrutierung von Proteinen der Arrestin- zymatischen Aktivität gehemmt und so an der Signalwei-
Familie. Eine Funktion der Arrestine besteht in der Verhin- terleitung gehindert werden. Der Phosphorylierungsstatus
derung der erneuten Bindung von trimeren G-Proteinen der Signalmoleküle wird durch Serin/Threoninkinasen
und führt somit zu einer Desensitisierung des Rezeptors. oder Tyrosinkinasen und deren Gegenspielern, den Phos-
Sie bewirken zudem die Internalisierung des Rezeptors. phatasen bestimmt ⑥ ⑦ (. Abb. 25.40). Für viele Wachs-
Beide Mechanismen resultieren in einer länger anhalten- tumsfaktor-, Interleukin- und Interferon-Rezeptoren ist
den Desensitisierung. Die Internalisierung der phosphory- bekannt, dass sich neben Kinasen auch Phosphatasen im
lierten Rezeptoren ist oft Voraussetzung für deren Dephos- aktivierten Rezeptorkomplex befinden ⑥. Andere Phos-
phorylierung und die erneute Präsentation an der Plasma- phatasen wirken im Zellkern ⑦. Für einige Cytokine ist
membran. beschrieben, dass die Inaktivierung basal aktiver Phos-
Prinzipiell können alle Signalmoleküle durch Abbau phatasen einen initialen und essentiellen Schritt für die Si-
eliminiert werden: So werden nach Cytokin-Stimulation gnalweiterleitung darstellt. Erst nach Inhibierung der Phos-
Proteasen sezerniert, die das stimulierende Cytokin ab- phatasen kommt es zu einer effizienten Phosphorylierung
bauen. Häufig werden Transkriptionsfaktoren durch das weiterer Signalproteine durch die Kinasen.
Literatur
807 25

Die bei der Signaltransduktion über G-Protein-gekop- Ubiquitinylierung und anschließende Degradation des
pelte Rezeptoren aktivierten trimeren G-Proteine werden PDGF-R durch die Bindung des Cbl-Proteins an den akti-
durch eine intrinsische GTPase Aktivität nach Interaktion vierten PDGF-R initiiert.
mit GTPase aktivierenden Proteinen (GAP) inaktiviert. Bei-
! Die Kerntranslokation von Transkriptionsfaktoren ist ein
spiele für GAP sind die regulators of G-protein signalling (RGS)
entscheidender Schritt der Signaltransduktion.
und die Gα-interacting proteins (GAIP). Auch die second mes-
senger können abgebaut werden. So werden z.B. cAMP und Häufig werden Transkriptionsfaktoren im Cytoplasma zu-
cGMP durch Phosphodiesterasen hydrolysiert, IP3 zu Inosi- rückgehalten und translozieren erst nach Stimulation der
tol dephosphoryliert, DAG nach Phosphorylierung wieder Zelle in den Zellkern (. Abb. 25.40). Zum Beispiel bindet
zu Phospholipiden umgebaut oder die Ca2+-Konzenteration INB an NF-NB und deckt dabei dessen Kernlokalisie-
in der Zelle durch aktiven Export aus dem Cytosol reduziert. rungssequenz ab. Erst der Abbau von INB ermöglicht die
Interleukine induzieren so genannte suppressors of Kerntranslokation von NF-NB (7 Kap. 28.4.3). Eine Hor-
cytokine signalling (SOCS)-Proteine. Diese sehr früh nach mon-induzierte erhöhte Expression von INB kann einer
Cytokin-Stimulation nachweisbaren Proteine binden und NF-NB-Aktivierung somit entgegenwirken. STAT-Faktoren
hemmen aktivierte Janus-Kinasen oder kompetieren mit translozieren als phosphorylierte Dimere in den Zellkern
STAT-Faktoren um die Bindung am Rezeptor. SOCS-Pro- und binden dort an enhancer-Sequenzen Cytokin-indu-
teine selbst werden sehr schnell durch das Proteasom abge- zierter Gene. Protein inhibitors of activated STATs (PIAS)-
baut und können daher nur kurzfristig in die Signalweiter- Proteine assoziieren spezifisch mit STAT-Dimeren und ver-
leitung eingreifen. Ähnlich wie die SOCS-Proteine werden hindern so die Promotoraktivierung. Ähnlich wirken Smad
auch an Rezeptor-Tyrosinkinasen inhibitorische Proteine 6 und Smad 7 in der TGF-E-Signalkaskade (7 Kap. 25.6.2).
rekrutiert: APS (adapter-containing PH and SH2 domains) Schließlich findet man in den enhancer-Sequenzen von
bindet an den aktivierten PDGF-Rezeptor und inhibiert die Promotoren meist Bindungsstellen für verschiedene Trans-
Expression PDGF-induzierbarer Gene. Slap (src-like adap- kriptionsfaktoren. Diese Transkriptionsfaktoren kompe-
tor protein) kompetiert mit der Src-Kinase um die Assozia- tieren um DNA-Bindungsstellen, wenn diese überlappen
tion am aktivierten PDGF-Rezeptor. Schließlich wird die (cross-talk).

In Kürze
Die Cytokin-Signaltransduktion wird reguliert durch: 4 Blockierung der Kerntranslokation von Transkrip-
4 die Anzahl und Lokalisation von Rezeptoren auf der tionsfaktoren sowie
Plasmamembran
4 lösliche Rezeptoren eine Reihe von Inhibitionsmechanismen wie Internalisie-
4 Phosphorylierung/Dephosphorylierung von Signal- rung von Rezeptoren durch Endozytose, proteolytischer
molekülen Abbau von Cytokinen, Rezeptoren und Transkriptionsfak-
4 Bindung inhibitorischer Proteine an aktivierte Signal- toren.
moleküle

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