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Walter Krämer / Denis Krämer/ Götz Trenkler

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer

Über 1.000 Mißverständnisse, Vorurteile und Denkfehler von Abendrot bis Zyniker

Directmedia • Berlin 2003

Digitale Bibliothek Sonderband

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer

Einführung

Einführung

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer

LexPI Bd. 1

Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer«

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»Die Erlösung von der eigenen Irrtumsschwerkraft wird am mühelosesten mit dem Gelächter erreicht, durch das man vom fremden Irrtum behaglich Abstand nimmt.«

Carl Haensel, Über den Irrtum

Vorwort

Die Idee zu diesem Lexikon entstand, als einer von uns (W. Krämer) mit einer ebenso offensichtlichen wie gern verdrängten Wahrheit auf großes Unver- ständnis stieß, nämlich daß das Rauchen und die Rau- cher unsere Gesundheitskosten nicht erhöhen, wie fast alle glauben, sondern eher reduzieren. Von den reinen Kosten her sind Raucher eher Beitragsminimierer (weil sie früher sterben), ohne Raucher und Raucher- innen würde unser Sozialsystem pro Jahr um mehrere Milliarden DM teurer. Diese Wahrheit, die weiter unten unter »R« noch näher ausgebreitet werden wird, liegt so klar zutage wie das Matterhorn. Trotzdem wird sie immer wieder gern verdrängt, und so haben wir gedacht: »Wenn hier schon ein klarer Irrtum offenbar nicht auszurotten ist, vielleicht gibt es noch andere? Laßt uns doch mal sehen!« Das Ergebnis ist dieses Lexikon. Es enthält 500

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Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer«

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Irrtümer aus Politik, Geschichte, Technik, Wirtschaft, Medizin, populäre Mythen, die sich hartnäckig wei- gern zu verschwinden, logische Kurzschlüsse, Zei- tungsenten, gern geglaubte Wunschbilder, ohne An- sicht der Bedeutung, allein nach dem Gesichtspunkt ausgesucht: »Ist die betreffende Aussage falsch, und wird sie heute immer noch geglaubt?« Bei der Auswahl der Irrtümer haben wir uns nicht gefragt, ob eine Behauptung wichtig, sondern ob sie richtig ist; deshalb enthält unsere Sammlung neben vielen kapitalen Böcken, um einmal diesen Jägerausdruck zu gebrauchen, auch manche Triviali- täten, neben historischen Falschmeldungen mit welt- geschichtlichen Konsequenzen auch viele kleine All- tagsfehler, die uns nur am Rande interessieren. Neben teuren Irrtümern zu AIDS, Gesundheit und Sozialpro- dukt, die uns Milliarden kosten oder kosten können, beleuchten wir auch billige Mißverständnisse zur Herkunft von Wörtern oder zur Echtheit von Zitaten, neben lebensgefährlichen Illusionen zu Strahlenbela- stung und Umweltschäden listen wir auch harmlose Pannen bei Glücksspielen und Wahrscheinlichkeiten auf, so daß wir uns durchaus nicht ohne gewisse Skrupel entschlossen haben, alle diese Irrtümer zwi- schen den Einbanddeckeln ein und desselben Buches auszubreiten. Letztendlich haben wir es aber doch getan. Denn

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Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer«

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Wahrheiten, auch wenn sie folgenschwer und wichtig sind, müssen durchaus nicht immer ernst und schwarz dahergeschritten kommen, sie vertragen auch leichtere Gesellschaft, werden dadurch sogar aufgewertet, so daß unsere Mischung aus Lappalien und dicken Brok- ken die Verdaulichkeit der dicken Brocken, die von Carl Haensel beschworene »Erlösung von der eigenen Irrtumsschwerkraft«, vielleicht sogar noch fördert, statt sie zu behindern. Dabei sind wir uns durchaus bewußt, daß manche unserer »Irrtümer« die jeweiligen Experten nur ein müdes Lächeln kosten. Kein Ökonom z.B. würde denken, daß die auf einem Markt verkauften und ge- kauften Mengen eines Gutes differieren könnten (jeder Verkauf ist zugleich auch ein Kauf und umgekehrt), kein Jurist behaupten, daß ein rechtsgültiger Vertrag immer Schriftform haben müsse, kein Biologe lehren, daß Bakterien grundsätzlich schädlich seien. Aber auf der anderen Seite haben wir schon zu oft in den Ab- endnachrichten als Erklärung eines schlechten Tages an der Börse hören müssen: »Die Aktien sind gefal- len, es wurden mehr Aktien verkauft als gekauft«, um Irrtümer von dieser Sorte ganz zu unterschlagen – auch was Experten lange schon als Fehler kennen, wird von Nicht-Experten häufig noch geglaubt. Und außerdem können auch Experten selber irren. Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts etwa haben Phy-

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siker bezweifelt, daß Moleküle und Atome existieren, haben Nobelpreisträger Stein und Bein geschworen, daß Atome, wenn sie schon existieren, so doch nie- mals spaltbar wären, haben Biologen, Zoologen, Psy- chologen, Astrologen, haben Wissenschaftler aller Sparten einen Unfug nach dem anderen verkündet. Aristoteles, einer der größten Gelehrten seiner Zeit und aller Zeiten, lehrte, daß Insekten spontan aus Schlamm heraus entstehen oder daß die Welt aus nur vier Elementen – Feuer, Wasser, Luft und Erde – be- stehe, plus dem sogenannten »Äther«, der den Him- mel füllt. Schwere Gegenstände fallen nach seiner Na- turlehre schneller als leichte, Wein in einem großen Faß mit Wasser wird selbst zu Wasser, ein Rebhuhn- weibchen wird befruchtet, wenn der Wind vom Männ- chen her weht, und Leute mit großen Köpfen schlafen viel, um nur einige der Wahrheiten aufzuführen, an die man früher Hunderte von Jahren glaubte. Der Astronom Edmond Halley – nach dem auch der Hal- leysche Komet benannt ist – hielt die Erde für eine hohle Kugel, in die wie in einer russischen Matrjoschka weitere Welten eingeschachtelt sind, und der große Immanuel Kant glaubte entdeckt zu haben, daß die Wanzen, die ihm seine Ruhe störten, durch Sonnenlicht entstehen. Worauf er bis zu seinem Tod – dieser Theorie die Treue haltend – sein Schlafzimmer verdunkelte. »Ich ließ ihn bei seiner Meinung«, be-

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richtet sein Schüler und Faktotum Wasianski, »sorgte für die Reinigung seines Schlafzimmers und Bettes, wodurch die Wanzen sich verminderten, obgleich die Läden und Fenster, um frische Luft zu schaffen, fast täglich – freilich ohne sein Mitwissen – geöffnet wur- den.« Unsere Anfälligkeit für Irrtümer hängt also nicht vom Intelligenzquotienten ab, falls das den einen oder anderen Leser trösten sollte. Der einzige Schutz gegen das Irren besteht darin, überhaupt nicht nachzuden- ken, und deshalb ist auch nicht die Existenz von Irr- tümern das eigentlich verblüffende, sondern daß sie häufig wie Falschgeld so erstaunlich lang im Umlauf bleiben; manche scheinen niemals auszusterben. Eini- ge überleben, weil sie nützlich sind – zum Durchset- zen oder Kaschieren von Interessen, oder weil es be- quem ist, oder weil der Pfarrer oder die Gewerkschaft es so sagt, oder weil man seine Ruhe haben will. An- dere, wie die bekannte Großstadtsage von der Ratte in der Pizza, dienen dem unbewußten Ausleben von Ängsten und Aggressionen, die sich in solchen My- then ungestraft entladen dürfen, wieder andere, wie das Märchen von der grundsätzlichen Gefährlichkeit des Alkohols, werden von wohlmeinenden Paternali- sten vor allem zum Schutz des dummen Volkes aus- gebreitet, das ja bekanntlich die Wahrheit nicht ver- trägt, und wieder andere schließlich sind glatte Lügen

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oder simple Denkfehler, die nur noch nicht entschlei- ert worden sind. Am leichtesten sind dabei diejenigen Irrtümer zu entlarven, die reine Fakten betreffen. Hier reicht ein Blick in den Brockhaus oder in das Statistische Jahr- buch, und der Irrtum ist erkannt. Schwieriger war bei der Vorbereitung dieses Lexikons die Entscheidung bei Irrtümern der Definition und Interpretation, wie etwa bei der Frage, ob Armut, Krebsgefahr und Woh- nungsnot in Deutschland zunehmen; hier hängt die Wahrheit oft entscheidend davon ab, was man mit Armut, Krebsgefahr und Wohnungsknappheit meint. Und am schwersten zu entlarven sind falsche Theo- rien, zum einen, weil auch die beste Theorie die Wirk- lichkeit immer nur annäherungsweise beschreiben kann und deshalb angreifbar bleibt, zum anderen, weil viele Theorien sich gegen Widersprüche quasi imprägnieren, so wie die folgende Kurzfassung der marxistischen Verelendungstheorie: Definition: »Der Kapitalismus ist ein System, das den Arbeiter ausbeu- tet.« Satz: »Arbeiter werden im Kapitalismus ausge- beutet.« Einer solchen Theorie ist offensichtlich weder mit Logik noch mit Fakten beizukommen. In dieser letzten Irrtums-Klasse haben wir uns daher sehr zurückgehalten und nur solche gern ge- glaubten Theorien aufgenommen, die entgegen der Folklore von den meisten Fachleuten als irrig angese-

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hen werden (wie etwa der populäre Irrglaube, daß man durch Handelsschranken Arbeitsplätze retten könnte, oder daß Exporte unseren Wohlstand si- chern), und erheben nicht den Anspruch, der Weisheit letzten Schluß zu kennen. Glaubensfragen und verwandte irrtumsschwangere Gebiete – Ist der Papst unfehlbar? Gibt es Gott? Lebt Elvis Presley? – haben wir dagegen vollständig ge- mieden, obwohl auch hier viele unserer Leser und Le- serinnen einem Irrtum unterliegen (entweder die eine Hälfte, die daran glaubt, oder die andere Hälfte, die nicht daran glaubt), genauso wie Irrtümer der Art: die Titanic kann nicht sinken, das Dritte Reich wird 1000 Jahre dauern, ein Computer wird niemals einen Schachgroßmeister schlagen, die sich regelmäßig selbst enttarnen, auch wenn viele davon heute noch als Wahrheit gelten. Manche der weiter unten aufgeführten Irrtümer sind auch in der großen Grauzone zwischen wahr und falsch zuhause, wie »Ehemänner leben länger« oder »Elefanten haben Angst vor Mäusen«. Solche Aussa- gen haben wir immer dann als Irrtum in die Samm- lung aufgenommen, wenn auch noch andere, von der Folklore abweichende Erklärungen für die jeweiligen Phänomene existieren (wie für die Häufung von gleichlautenden Anfangsbuchstaben in den Sonetten Shakespeares, die anders, als viele glauben, auch

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durch Zufall zu erklären sind). Bei Themen außerhalb unserer eigenen beruflichen Kompetenz haben wir uns in der Regel auf die eta- blierte Wissenschaft verlassen, wohl wissend, daß auch diese durchaus irren kann. Aber vor die Wahl gestellt, entweder einer Zeitgeistmode oder der Mehr- heit aller Universitätsgelehrten zu vertrauen, haben wir uns für das kleinere Risiko, d.h. für die Universi- tät entschieden. Denn auch wenn die meisten wissen- schaftlichen Durchbrüche von den Universitätsgelehr- ten zunächst belächelt worden sind, der populäre Um- kehrschluß, jeder Spinner wäre allein schon deshalb ein Genie, ist genauso falsch. Wie etwa Martin Gard- ner in Frauds and fallacies in the name of science so überzeugend wie unterhaltsam vorführt, tragen die al- lermeisten von der Schulwissenschaft als Quacksalber ignorierten Zeitgenossen diesen Titel durchaus zu recht, von Ufo-Jägern über Parapsychologen bis hin zum großen Heer der modernen Diät- und Ernäh- rungsgurus, die uns als die großen Rattenfänger des ausgehenden 20. Jahrhunderts in zahlreichen Stich- wörtern noch oft in diesem Buch begegnen werden. (Nicht umsonst halten aufmerksame Beobachter unser Verhältnis zu Essen und Ernährung für die letzte große Bastion von Dummheit und Aberglauben auf der Welt, und gibt es zwischen den aufgeklärten »Du- bist-was-du-ißt« Klienten moderner Bioläden und den

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Kannibalen Neu-Guineas, die ihre Nachbarn essen, um deren Verstand zu erben, nur graduelle Unter- schiede.) Zu den meisten Stichwörtern dieser Sammlung geben wir Hinweise auf weiterführende Literatur, wo Zweifler, wenn sie wollen, tiefer graben können (immer nur als erster Einstieg zu verstehen; in aller Regel haben wir mehr Quellen konsultiert als explizit zitiert). Als Faustregel für das Zuweisen von Verant- wortung kann dabei gelten, daß wir für Irrtümer, die durch eigene, in dieser Literaturliste dokumentierte Recherchen abgesichert sind, auch persönlich wissen- schaftlich haften; für die übrigen Irrtümer stehen wir nur insofern gerade, als sie nach unserer persönlichen Interpretation der einschlägigen wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung bzw. nach dem aktuellen Stand von Lexika wie Brockhaus oder Meyer als Irrtümer betrachtet werden müssen; hier geben wir vor allem Schulbuchweisheit, so wie wir sie sehen, nach bestem Wissen und Gewissen wieder. Als Testleser und Schiedsrichter in Zweifelsfragen, ob ein Irrtum wirklich noch Anhänger bei potentiellen Lesern und Leserinnen haben könnte, haben Dennis und Doris Krämer, Birgit Trenkler, Uwe Gruhle und Matthias Bischoff an dieser Sammlung mitgewirkt. Bei unseren Exkursen in fachfremde Regionen, spe- ziell in Medizin, Geschichte und Ernährung, haben

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uns geholfen (nicht immer wissend, wobei sie uns ge- holfen haben), in alphabetischer Reihenfolge: Bene- dikt Burkard, William Farebrother, Ekkehard Frauen- dorf, Konrad Fuchs, Karl Grammer, Ulrike Guba, Carsten Heuer, Axel Klein-Klute, Günter Krämer, Rolf von Lüde, Antje Martin, Gert von Paczensky, Michael Schmidt, Tamara Schröter, Natalie und Achim Strutz, Jens Sylvester und Rainold Tute. Wir danken allen diesen Helfern herzlich und weisen deut- lich darauf hin, daß sie für weltanschaulich anstößige Schlußfolgerungen aus den Materialien, die sie uns zugetragen haben, keiner Haftung unterliegen; ver- mutlich stimmen nicht wenige unserer Freunde ver- schiedenen Passagen weiter unten überhaupt nicht zu. Diesen und anderen vielleicht mißgestimmten Les- ern zum Trost sei deshalb gleich zu Anfang darauf hingewiesen, daß unsere Irrtümer keine ideologischen Grenzen kennen und daß wir vermutlich vielen Par- teien, Professionen, Religionen gleichermaßen auf die Füße treten werden: Die einen werden uns die Bemer- kung verübeln, daß unser deutscher Mieterschutz den Mietern netto eher schadet, die anderen werden uns die unter Experten altbekannte Wahrheit ankreiden, daß weiche Drogen wie Marihuana oder Haschisch nicht gefährlicher als Rotwein sind; die einen werden uns Reaktionäre schimpfen, weil wir glauben, daß die westlichen Kolonialmächte durch ihre Kolonien nicht

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reicher, sondern ärmer wurden, die anderen uns für linke Spinner halten, weil wir die unter Ökonomen altbekannte These wiederholen, daß eine hohe Staats- verschuldung keinesfalls per se von Übel ist, oder daß der sogenannte Arbeitgeberbeitrag zur Sozialversiche- rung, den die deutsche Wirtschaft gern als ihren Bei- trag zum sozialen Frieden feiert, in Wahrheit aus der Tasche der Arbeitnehmer fließt und genauso zum Bruttogehalt der Arbeitnehmer zählt wie die Lohn- steuer und andere Abzüge von unserem Einkommen auch. Und so weiter durch das ganze Spektrum der modernen Meinungen hindurch. Wir nehmen es nie- mandem übel, wenn er oder sie seine oder ihre Lieb- lingsillusion nicht ohne Kampf begraben will, und sind im übrigen gerne bereit, getreu der Devise des großen Georg Christoph Lichtenberg, daß »es fast un- möglich ist, die Fackel der Wahrheit durch ein Ge- dränge zu tragen, ohne jemand den Bart zu sengen«, den Zorn der Andersgläubigen mit Würde zu ertragen.

Dortmund

Walter Krämer und Götz Trenkler

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»Irrtum verläßt uns nie; doch ziehet ein höher Bedürfnis immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.«

Goethe

Vorwort

Bekanntlich gibt es weit mehr Möglichkeiten, sich zu irren, als im Recht zu bleiben. Und kaum war die

Druckerschwärze unseres »Lexikons der Populären Irrtümer« getrocknet, begannen schon die ersten Brie-

fe einzutreffen: »He, da haben Sie was übersehen

Hier sind also all die Irrtümer, denen wir selber bis vor kurzem angehangen oder die wir für den ersten Band zu spät gefunden haben, oder über die wir bis- her, d.h. bis uns unsere Leser mit der Nase draufge- stoßen haben, nie gezwungen waren nachzudenken – wie gehabt querbeet aus Politik und Wirtschaft, Mode, Kunst, Geschichte, Medizin und Technik, ohne Ansicht der Bedeutung, allein nach dem Kriterium ge- wertet, ob Schein und Sein zu einem Sachverhalt zu- sammenpassen, ob man sich zu einem Thema hinrei- chend häufig irrt oder nicht. Auch diesmal sind die einzelnen Stichwörter strikt alphabetisch aufgelistet, mit oft brutalen Konsequenzen (Denk ich an Deutsch- land vor Deodorant, Guernica vor Gulaschsuppe).

«

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Wie im ersten Band finden sich Trivialitäten (haben die alten Gallier Wildschweine gegessen?) neben »dicken Brocken« wie etwa dem Irrtum, daß unsere »kostenlose« Hochschulbildung eine soziale Aus- gleichswirkung hätte (sie ist im Gegenteil ein Instru- ment der Ausbeutung der Unterklasse durch die Ober- klasse), es finden sich Lügen und Legenden zu Attila und Aschenputtel, zu Glühbirne und Global War- ming, zu Karies und Kaspar Hauser, Nationalhymnen und Nasenbluten, Schweinefleisch und Schwarzarbei- tern, zu Walnuß, Waldsterben und Weihnachtsbäu- men nur Zentimeter auseinander, wie das Alphabet es eben will. Viele dieser Irrtümer sind weniger wegen eines möglichen Aha-Effektes von Interesse – Chinesen tra- gen keine Zöpfe, Eskimos haben gar nicht so viele Wörter für Schnee, Delphine sind keine Fische, Fred- dy Quinn kommt nicht aus Hamburg; das muß man nicht in jedem Fall zum Glücklichwerden wissen –, sie beleuchten vielmehr dadurch, daß sie allen Gegen- argumenten trotzend scheinbar ewig weiterleben, quasi indirekt ganz andere Defekte der Gesellschaft (warum z.B. erscheint es uns aufgeklärten Mitteleuro- päern überhaupt bemerkenswert, daß auch Eskimos sich auszudrücken wissen?). Sie sind Ventile für un- eingestandene Vorurteile, verborgene Leidenschaften und politisch inkorrekte Glaubenssätze, sie stützen

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liebgewonnene, aber falsche Theorien, sie helfen uns in vielfacher Hinsicht besser durch das Leben, so daß unsere Irrtumsbücher über den Gebrauch als Klo- und Bettlektüre hinaus dem einen oder anderen Leser einen Anstoß geben könnten, einmal über die Geburt und Resistenz von Irrtümern als solchen nachzuden- ken. Wie schon im ersten Band vertrauen wir bei der Unterscheidung von Irrtum und Wahrheit den eta- blierten Wissenschaften, auch wenn diese die Wahr- heit anerkanntermaßen nicht gepachtet haben. Weitere Hilfe verdanken wir verwandten Irrtums-Büchern, von denen wir größtenteils bisher nicht wußten, daß sie existieren; in einer kleinen kommentierten Biblio- graphie am Ende stellen wir diese Quellen für unsere geneigte Leserschaft nochmals kompakt zusammen. Offenbar hat sich hier ein Zeitgeist in Druckerschwär- ze ergossen, dem vielleicht auch unser erster Band seinen Anklang beim Publikum verdankt, der grund- sätzlich dem Zweifel den Vorrang vor dem Glauben gibt, anders können wir uns das unabhängige Sprieß- en solcher Bücher in Amerika und England, Australi- en und den Niederlanden, Italien und Frankreich nicht erklären. Weiteren Dank schulden wir Frank Scherer, Lars Tschiersch und Osman Sankoh für monatelange uner- müdliche Recherchen sowie vielen Freunden und Kol-

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legen, die zu zahlreich sind, sie hier alle aufzuzählen, für ihre Hilfe bei der Quellensuche, nicht zu verges- sen all den Lesern unseres ersten Bandes, die uns so eifrig mit weiteren Stichwörtern bereichert haben. Stellvertretend für alle nennen wir hier nur Alfredo Grünberg, er hält wohl den Rekord (alle anderen wer- den, sofern wir noch die Namen wissen, bei den Stichwörtern selbst genannt, die sie für uns beigetra- gen haben; wer sich zu Unrecht dort nicht wiederfin- det, bitte melden; wir werden den Mangel in der nächsten Auflage beheben). Für die Korrektheit unserer Thesen haften wir na- türlich selber; wir haben alle Stichwörter nochmals überprüft bzw. überprüfen lassen, durch eigene Re- cherchen (Drehen sich Sonnenblumen nach der Sonne? Nein, wie wir selber sehen konnten, blicken sie morgens, mittags und abends in die gleiche Rich- tung) oder durch Appelle an etablierte Fachbücher und Lexika, so daß wir hoffen, daß uns Zuschriften wie die von Hans Riedwyl zum Stichwort »Lloyd's« im ersten Band nicht allzuoft erreichen: Wir hatten, auf die Encyclopaedia Britannica vertrauend, behaup- tet, Lloyd's biete keine Versicherungen für das Leben an, und in der Post war folgende Police:

§ Debit Note

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Ansonsten nehmen wir nicht in Anspruch, der Wahrheit letzten Grund zu kennen, sind aber guten Mutes, mit diesem Lexikon nicht mehr neue Irrtümer in die Welt zu setzen, als alte aufzuklären.

Dortmund und Göttingen

Walter Krämer, Denis Krämer und Götz Trenkler

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Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur

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Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur

Isaac Asimov: Wenn die Wissenschaft irrt

, Ber-

gisch Gladbach 1990. Tatsachen und Spekulation-

en zu kosmischen Phänomenen.

Paul Bairoch: Economics and world history: Myths and paradoxes, New York 1993. Irrtümer und Mythen aus der Wirtschaftsgeschich- te, erläutert von einem der führenden Wirtschaftshi- storiker unseres Planeten. Bairochs Forschungen zur europäischen Kolonialgeschichte haben wir ausführlich für den ersten Band verwendet.

Pierre

Paris 1697. Ein Klassiker und ein »Monument kritischer Durchdringung der Tradition« (K. Stierle), war An- regung und Ausgangspunkt für die Enzyklopädi- sten wie für den kritischen Voltaire. Ursprünglich geplant als ein »Dictionnaire des fautes«, eine En- zyklopädie der Irrtümer, dann aber zu einer Ge- samtschau (aus der Warte des späten 17. Jahrhun- derts) des überlieferten Wissens inklusive seiner Fehler ausgebaut.

Arnold E. Bender: Health or hoax? The truth about health food and diets, Goringon-Thames 1985.

Bayle:

Dictionnaire

historique

et

critique,

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Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur

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Räumt mit den Vorurteilen der modernen Müsli- Esser auf; vor allem in Band 1 haben wir oft auf diese Quelle zurückgegriffen.

Wolfgang Benz (Hrsg.): Legenden, Lügen, Vorurtei- le, München 1990 (inzwischen in einer überarbei- teten Fassung auch als Taschenbuch erschienen). Legenden, Lügen und Vorurteile aus der Nazizeit.

Jean-François Bouvet (Hrsg.): Du fer dans les épi- nards, Paris 1997. 40 Irrtümer aus Biologie, Ernährungswissenschaft und Medizin, angefangen mit dem berühmten Klas- siker vom vielen Eisen im Spinat (siehe auch Band 1 unseres eigenen Lexikons; auch die meisten ande- ren Irrtümer finden sich schon in unserem eigenen Band 1, einige sind hier in Band 2 zu finden).

Tom

New York 1975. Irrtümer aus allen Bereichen von Wissenschaft und Alltag, mit Schwerpunkt Literaturwissenschaften. Keine Belege oder Quellen, vor allem für ein ame- rikanisches Publikum geschrieben.

Graeme Donald: Things you thought you thought you knew, London 1986. Alphabetisch sortierte, journalistisch flott erzählte Mythen aus allen Bereichen unseres Lebens, leider

Burnam:

The

dictionary

of

misinformation,

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nur wenig durch Quellen untermauert und deshalb sehr schwer nachzuprüfen.

Graeme Donald: Things you didn't know you didn't know, London 1993. Neuauflage des Buches von 1986, diesmal nach Sachgebieten geordnet (Krieg und Frieden, See- fahrt, Religion, Law and Order usw.).

Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt, Frankfurt a.M. 1998. Räumt mit diversen Mythen betreffend Darwinis- mus und Fortentwicklung unserer Spezies auf.

Hanswilhelm Haefs: Handbuch des nutzlosen Wis- sens, München 1989. Stopft neben weniger gefährlichen Wissenslük- ken – »Eine Stunde mit dem Kopf gegen die Wand schlagen verbraucht 150 Kalorien« – auch manches dicke Loch in unserem Weltverständnis. Inzwi- schen durch ein zweites und drittes »Handbuch des nutzlosen Wissens« ergänzt.

Eckhard Henscheid, Gerhard Henschel und Brigitte Kronauer: Kulturgeschichte der Mißverständnis- se, Stuttgart 1997. Ein Irrtumslexikon mit belletristischem Anspruch. Schwerpunkt Geisteswissenschaften.

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William Lewis Hertslet: Der Treppenwitz der Welt- geschichte, 11. Auflage, Berlin 1965. Ein Klassiker, und heute noch genauso frisch wie bei der Erstauflage vor über 100 Jahren; Irrtümer, Legenden, Mythen der Geschichte.

Walter Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des Zufalls und der Zahlen, Frankfurt a.M. 1995 (1998 als Taschenbuch erschienen). Streifzug durch mentale Eigentore beim Umgang mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten.

Peter Kuhlemann: Ethnologische und zoologische Irrtümer in der Archäologie, Köln 1979. Deckt diverse Fehlinterpretationen steinzeitlicher Höhlenmalereien auf.

Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt?, 3. Auflage, Gütersloh 1989. Übersetzungsfehler in der Bibel (»Kamel durch Nadelöhr«, »Nimm Dein Bett und wandle« usw.); wir selbst zitieren es an vielen Stellen.

H. van Maanen, J.J.E. van Everdingen und H.E. Fokke: Uit het oog, uit het hart, Amsterdam 1983 (französische Übersetzung: Le cœur se situe à gau- che – mille et une idées reçues en matière de méde- cine, Amsterdam 1995). Irrtümer aus der Medizin, enthält neben manchen

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»alten Kamellen« auch viele Dinge, die wir selbst nicht wußten

J.L. McCarey: Sexual myths and fallacies, New York

1971.

Veraltet, heute nur noch als Dokument der ameri- kanischen Prüderie der Voraufklärung von Interes- se.

Fritz C. Müller: Wer steckt dahinter?, Düsseldorf

1964.

Alphabetisch geordnetes Herkunftslexikon von »Abrahams Schoß« bis »Zilletypen«. Deckt quasi nebenbei auch diverse Irrtümer zur Herkunft von Namen und Begriffen auf.

Burkhard Müller-Ulrich: Medienmärchen – Gesin- nungstäter im Journalismus, München 1996. Zeichnet anhand diverser Medienkampagnen der letzten Jahre die Genesis von Mythen zum Tier- und Umweltschutz, zum Waldsterben und zu ande- ren Hobbythemen progressiver Journalisten auf. Ein absolutes Muß für jeden, der diesen Predigern einmal auf die Schliche kommen möchte.

Sven Ortoli und Nicolas Witkowski: Die Badewanne des Archimedes – Berühmte Legenden aus der Wissenschaft, München 1997. Eine Übersetzung aus dem Französischen, daher

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für deutsche Leser kaum genießbar (typisches fran- zösisches Gelehrtengeschwafel).

Udo Pollmer, Andrea Fock, Ulrike Gonder und Karin Haug: Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Er- nährung, Köln 1994. Räumt mit diversen Mythen unserer Gesund-Ernäh- rer auf; ähnlich wie Bender.

Gerhard Prause: Tratschkes Lexikon für Besserwis- ser, München 1986. Neben Hertslets »Treppenwitz« der zweite Klassi- ker zu Irrtümern aus der Geschichte; hat uns für Band 1 zahlreiche Hinweise gegeben.

Gerhard Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht, Düsseldorf 1986. Die gröbsten Irrtümer aus »Tratschkes Lexikon« ausführlich und sehr unterhaltsam nochmals ausge- breitet.

Carol Ann Rinzer: Feed a cold, starve a fever – A dictionary of medical folklore, New York 1991. Hunderte von populären Vorurteilen und Mißver- ständnissen aus der Medizin.

Lynn Scarlett: A consumer's guide to environmental myths and realities, Dallas 1994. Eine Abrechnung mit grünen Alarmaposteln und ihren falschen Umwelttheorien.

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George W. Simpson: Why do some shoes squeak?, New York 1984. Erklärt über 500 alltägliche und nicht so alltägliche Phänomene aus Naturwissenschaft und Alltagsle- ben. Deckt dabei auch den einen oder anderen Irr- tum auf.

Petr Skrabanek und James McCormick: Torheiten und Trugschlüsse in der Medizin, 4. Auflage, Mainz 1995. Abrechnung mit den bekannten Vorurteilen zu Pla- cebos, Prävention und moderner Medizin im allge- meinen.

Chris Thurman: Lügen, die wir glauben, Aßlar 1994. Populäre Irrtümer aus der Selbsterfahrungsszene und aus der Populärpsychologie.

Chris Thurman: Noch mehr Lügen, die wir glauben, Aßlar 1997. Siehe oben.

Tad Tulleja: Fabulous Fallacies, New York 1982. 300 populäre Irrtümer aus allen Bereichen unseres Lebens, und wie sie entstanden sind.

Claude Vallette und Tom Burnam: Encyclopédie des idées reçues, Monaco 1978. Im wesentlichen eine französische Fassung von

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Burnam (1975).

Philip Ward: A dictionary of common fallacies, 2 Bände, New York 1980. Enthält neben »echten« Irrtümern auch viel ordinä- ren Aberglauben. Gibt in der Regel Quellen an. Der zweite Band enthält eher Ladenhüter.

H.J. Winkler: Legenden um Hitler, Berlin 1963. Der Titel ist selbsterklärend.

Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche Fragen, München 1998. Ein unterhaltsamer Streifzug durch Physik, Chemie und Alltagsleben; klärt nebenbei auch viele Irrtüm- er zu chemischen und physikalischen Gesetzen auf.

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Zur digitalen Ausgabe

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Zur digitalen Ausgabe

Wer glaubt nicht an die Geschichte mit dem Stück Fleisch, das sich in Cola auflöst? – Die, die es aus- probiert haben. Oder die, die den Artikel ›Coca-Cola‹ im »Lexikon der populären Irrtümer« kennen. Noch schneller zur Aufklärung der Irrtümer gelangt man nun mit der digitalen Ausgabe der beiden im Eichborn Verlag erschienenen Buchausgaben »Lexikon der po- pulären Irrtümer« und »Das neue Lexikon der populä- ren Irrtümer«. Die digitale Ausgabe gibt den vollständigen Text unverändert wieder. Die Stichwörter der beiden Buch- ausgaben wurden zu einer Stichwortliste zusammen- geführt. Das Registerblatt »Register« ermöglicht mit dem Verzeichnis der Stichwörter und dem Verzeich- nis der Irrtümer einen schnellen Zugriff auf die ge- wünschten Informationen. Mit der Stichwortsuche fin- det man nicht nur die Lexikoneinträge, sondern auch alle anderen Stellen, wo das gesuchte Thema noch ge- streift wird. Besonders nützlich ist hier die Möglich- keit des Kopierens und Einfügens: wenn mal wieder Uneinigkeit über die eine oder andere Binsenweisheit herrscht, weiß es der Besitzer der CD nicht nur bes- ser, sondern kann auch gleich per e-mail den Beweis erbringen!

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Zur digitalen Ausgabe

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Eine ausführliche Beschreibung aller zur Verfü- gung stehenden Funktionen der »Digitalen Biblio- thek« bieten die »Hilfe«-Funktion, die jederzeit über die Taste »F1« aufgerufen werden kann, sowie die der Ausgabe beiliegende gedruckte »Einführung in die Software«.

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Wird im Funktionsregister »Diverses« die Option »Konkordanz zu gedruckten Ausgaben« gewählt, er- scheinen im Kolumnentitel des wiedergegebenen Tex- tes links das Sigel und rechts die entsprechende Sei- tenzahl der folgenden Buchausgaben:

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Krämer, Walter / Trenkler, Götz: Lexikon der po- pulären Irrtümer. 500 kapitale Mißverständnisse, Vorurteile und Denkfehler von Abendrot bis Zep- pelin. 14. Auflage, Frankfurt am Main: Eichborn,

1997.

© 1996 Eichborn AG, Frankfurt am Main. Lizenz- ausgabe mit freundlicher Genehmigung der Eich- born AG, Frankfurt am Main.

LexPI Bd. 2 Krämer, Walter / Krämer, Denis/ Trenkler, Götz:

Das neue Lexikon der populären Irrtümer. 555 wei- tere Vorurteile, Mißverständnisse und Denkfehler von Advent bis Zyniker. Frankfurt am Main: Eich- born, 1998. © 1998 Eichborn AG, Frankfurt am Main. Lizenz- ausgabe mit freundlicher Genehmigung der Eich-

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Sigel, Seitenkonkordanz und Copyright

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born AG, Frankfurt am Main.

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Impressum der digitalen Ausgabe

387

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Copyright 2003:

Directmedia Publishing GmbH

ISBN:

3-932544-83-8

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A

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A

»Die gemeinsten Meinungen und was jeder für ausgemacht hält, verdient oft am meisten untersucht zu werden.« Georg Christoph Lichtenberg

»Man erkennt den Irrtum daran, daß alle Welt ihn teilt.«

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Jean Giraudoux

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Abendessen

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Abendessen (s.a. »Frühstück«) Das Essen abends schlägt mehr an als mittags oder morgens

Für das Dicker-werden ist es unerheblich, wann am Tag wir eine Mahlzeit zu uns nehmen. »Es gibt keine Beweise dafür, daß wenn die Nahrung bei Nacht auf- genommen wird, wesentlich mehr Kalorien als Fett gespeichert werden, als wenn die gleichen Nahrungs- mittel während des Tages verzehrt werden« (Gesund- heitsreport Intern der Universität Berkeley in Kalifor- nien). »Die Kalorien, die Sie in der Nacht zu sich nehmen, werden einfach dann verbraucht, wenn sie benötigt werden.«

& Lit.: Gesundheitsreport »Intern«, Band 9, Heft 12, Dez. 1993.

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Abendrot

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Abendrot Abendrot verheißt schönes Wetter

»Des Abends sprecht ihr: es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot«, sagt Jesus in der Bibel (Matthäus 16,2; in manchen Übersetzungen fehlt die Stelle). Aber das stimmt nur bedingt. Richtig ist, daß ein schwaches, pinkfarbenes Abendrot durch eine besonders trockene Luft entsteht und daß deshalb die Wahrscheinlichkeit für Regen sinkt. Ein knallroter Abendhimmel dagegen entsteht oft durch feuchte Staubpartikel in der Atmosphäre; er kündet eher Regen an.

& Lit.: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift, Stuttgart 1929.

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Ablaß

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Ablaß Die Reformation ist aus Luthers Kampf gegen den Ablaßhandel entstanden (s.a. »Luther«)

Es ist eine weitverbreitete, aber falsche Ansicht, Mar- tin Luther wäre vor allem wegen seiner grundsätzli- chen Ablehnung des Ablaßhandels zu dem großen Reformator geworden, als den wir ihn heute kennen. In Wahrheit hatte Luther nur eine bestimmte Form des Ablaßhandels, den zur Finanzierung des Peters- doms in Rom ausgeschriebenen sogenannten »Peters- kirchen-Ablaß« angegriffen, den man anders als ande- re auch post mortem, nach dem Tod, erwerben konnte (d.h. auch Tote waren aus dem Fegefeuer freizukau- fen). Außerdem mußten die Sünder ihre Taten noch nicht einmal bereuen – schon das Geld allein sollte den Erlaß der Sündenstrafen garantieren. Hier sah Lu- ther einen Mißbrauch, den griff er in seinen berühm- ten 95 Thesen an. Daß dann aus dieser Meinungsverschiedenheit unter Theologen die evangelische Kirche entstehen sollte, hat er vermutlich weder geahnt noch damals so geplant.

& Lit.: Gerhard Ritter: Luther, Frankfurt 1985; Ger- hard Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht, Düsseldorf 1986 (besonders das Kapitel »Luthers

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Ablaß

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Thesenanschlag ist eine Legende«).

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Aborigines

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Aborigines Aborigines gibt es nur in Australien

»Aborigine« ist das lateinische »ab origine« (= vom Anfang an). Damit meint man seit antiken Zeiten die Ureinwohner eines Landes, schon die alten Italiener (außer den Römern selber) mußten sich von den Rö- mern so bezeichnen lassen.

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Advent

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Advent Die Adventszeit umfaßt die letzten vier Wochen vor Weihnachten

Die von den frühen Christen als Zeit der Buße und des Fastens und als Vorbereitung auf das Weih- nachtsfest gesehene Adventszeit währte anders als heute je nach Land und Leuten von zwei bis sieben Wochen. Erst Papst Gregor der Große (590–604) be- stimmte eine für alle Christen einheitliche Vier-Wo- chen-Frist (plus die Tage vom letzten Advent bis Hei- ligabend, wenn Heiligabend selbst kein Sonntag ist); diese Frist wurde auf dem Konzil von Aachen 825 auch offiziell für Deutschland gültig.

& Lit.: Hartmut Schickert: Der kleine wissenschaft- liche Adventsbegleiter, München 1997.

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Adventskranz

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Adventskranz Der Adventskranz ist ein alter deutscher Weih- nachtszeit-Begleiter (s.a. »Weihnachtsbaum«)

Der Adventskranz ist keine 150 Jahre alt; er wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Pädagogen Johann Hinrich Wichern in das deutsche Brauchtum eingeführt. Wichern hielt in seiner Einrichtung für ju- gendliche Straftäter Adventsandachten ab, wegen der frühen Dämmerung bei Kerzenlicht. Jedoch ließ er nicht alle Kerzen auf einmal brennen, er begann mit einer Kerze am ersten Abend, zwei Kerzen am zwei- ten Abend und so weiter. Die Kerzen für die Sonntage waren dabei groß und weiß, die für die Wochentage klein und rot. Zum Aufstecken der Kerzen hing ein Holzreifen von der Decke des Versammlungsraumes, in den Anfangsjahren unbekränzt, seit 1860, dem offi- ziellen Geburtsjahr des Adventskranzes, mit Tannen- grün geschmückt. Etwa zur gleichen Zeit und unabhängig von Wi- chern hatte auch ein Pastor in Pommern damit begon- nen, in seinen sonntäglichen Adventsandachten jeweils eine weitere Kerze anzuzünden, anfangs auf einem Weihnachtsbaum, später auf einem Kranz, und diese Sitte wurde schnell und flächendeckend auch von anderen übernommen. Die Symbolkraft dieses Kranzes – der Baum und das Grün als das Symbol

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Adventskranz

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des Lebens, der Kreis als das Zeichen der Ewigkeit, der Auferstehung und des Lebens, die Kerzen als der Hinweis auf das Licht, das in der Weihnachtsnacht die Welt erleuchten wird –, einer dermaßen geballten Ladung Tiefsinn konnte das Gemüt der Deutschen un- möglich lange widerstehen.

& Lit.: H. Kirchhoff: Christliches Brauchtum im Jahreskreis, München 1990; »Ein junger Brauch ist der Adventskranz«, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 27.11.1995; Stichwort vorgeschlagen von Michael Schmidt.

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Affen

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Affen Affen lausen sich

Anders als viele Zoobesucher glauben, suchen Affen in den Fellen ihrer Artgenossen nicht nach Läusen. Dieses häufige gegenseitige »Lausen« (»ich glaub', mich laust der Affe«) dient vor allem dem Entfernen von abgestorbenen Hautresten und Salzkrusten, die durch den Schweiß entstehen, sowie quasi als Neben- produkt auch dem Einüben eines solidarischen Sozial- verhaltens – man »laust« sich, um die »Affenbande« aneinander zu gewöhnen. Besonders die Schimpansen haben dieses »groomen« (vom englischen »to groom« = pflegen) zu einer großen Perfektion getrieben. Affen sind im allgemeinen, wenn sie nicht in ex- trem schmutzigen Käfigen leben, völlig frei von allen Körperparasiten.

& Lit.: Deutsches Institut für Fernstudien: Evolution des Menschen, Tübingen 1990.

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Affenschande

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Affenschande

Das Wort »Affenschande« hat mit Affen nichts zu tun; es kommt aus dem Plattdeutschen: »Dat ist eine apenbare (offenbare) Schande.«

& Lit.: Walter Zerlett-Olfenius: Aus dem Stegreif, Berlin 1943.

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Aggression

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Aggression Der Aggressionstrieb ist grundsätzlich schädlich

Wenn man Nobelpreisträger Konrad Lorenz glauben darf, ist Aggression durchaus nicht immer etwas Schlechtes. Vielmehr kann Aggression, im Sinn eines »auf den Artgenossen gerichteten Kampftriebs«, für das Überleben einer Spezies geradezu notwendig sein:

Nur wenn ein Tier sein Territorium wenn nötig auch gegen Artgenossen verteidigt, verbreitet sich die Art wie Fettaugen auf einer Suppe so schnell wie möglich über den verfügbaren Lebensraum; so nützt sie die natürlichen Ressourcen optimal zum Überleben aus (wohlgemerkt der Spezies, nicht des individuellen Tieres). Wäre Aggression nicht für das Überleben wichtig, so das Argument von Zoologen, wären aggressive Arten lange ausgestorben. Und da wir bei fast allen Tieren Aggression gegen Artgenossen in der einen oder anderen Form beobachten, muß Aggression per Umkehrschluß der Arterhaltung dienen. Wie auch immer wir daher die aktuellen Auswir- kungen des Aggressionstriebes bei der Species Homo sapiens bewerten, eins scheint sicher: Ohne diesen Aggressionstrieb wären wir wahrscheinlich schon viel früher ausgestorben.

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Aggression

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& Lit.: Konrad Lorenz: Das sogenannte Böse: Zur Naturgeschichte der Aggression, Wien 1963; Desmond Morris: The naked ape, London 1967; Arno Plack (Hrsg.): Der Mythos vom Aggressi- onstrieb, München 1973.

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Agrarsubventionen

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Agrarsubventionen Die Europäische Union ist der größte Agrarsub- ventionierer der Welt

Das stimmt nur in absoluten Zahlen – legt man die Hilfen für die Bauern auf die Bevölkerung um, ent- puppen sich ganz andere Länder als die größten »Sünder«, etwa Norwegen und die Schweiz: Sie un- terstützen ihre Bauern mit fast 900 Dollar (Schweiz) oder sogar 1000 Dollar (Norwegen) pro Kopf und Jahr, verglichen mit 500 Dollar in der Europäischen Union.

& Lit.: »Guilty on all counts«, The Economist

21.8.1993; Peter Sutherland: Trade, the Uruguay round and the consumer, Broschüre des GATT,

1993.

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AIDS

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AIDS Ein AIDS-Test für alle wäre medizinisch sinnvoll

Ein Zwangs-Aids-Test für alle Bundesbürger, so wie zuweilen öffentlich gefordert, wäre medizinisch wie menschlich eine reine Katastrophe. Denn selbst bei einem sehr zuverlässigen Test hätten dann rund 9 von 10 AIDS-Positiven in Wahrheit überhaupt kein AIDS! Dieses paradoxe Resultat hängt mit der Fehlerquo- te bei medizinischen Tests zusammen. Diese ist bei einem guten Test sehr klein: Wer AIDS hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit als infiziert erkannt. Diese Wahrscheinlichkeit, die sogenannte »Sensitivität« des Tests, wird bei den aktuellen Verfahren auf 99,8% ge- schätzt. Und auch wer kein AIDS hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit als nicht infiziert erkannt. Diese Wahrscheinlichkeit, die sogenannte »Spezifität« des Tests, beträgt bei den aktuellen Verfahren rund 99%. Aber trotzdem wären dann bei einer die ganze Bevöl- kerung erfassenden Reihenuntersuchung noch nicht einmal ein Zehntel der positiv getesteten auch wirk- lich infiziert! Angenommen, rund 1 Promille der sexuell aktiven deutschen Bevölkerung, d.h. 50000 von rund 50 Mil- lionen, sind tatsächlich infiziert. Das ist die heute von Experten meistgenannte Zahl. Von diesen 50000 wür-

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AIDS

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den dann 99,8%, = 49900, also fast alle, richtig dia- gnostiziert; nur ganze 100 der 50000 Infizierten wür- den, wenn wir diesen Wahrscheinlichkeiten einmal glauben dürfen, nicht erkannt. Und genauso sicher wäre der Test auch für die Bundesbürger ohne AIDS, denn auch von den 49950000 nicht Infizierten würden 99% = 49450500 korrekt als nicht infiziert erfaßt. Was dabei aber häufig übersehen wird, ist die pro- zentual zwar kleine, absolut aber immer noch recht große Zahl von 499500 nicht infizierten Menschen, die dennoch und damit zu Unrecht als infiziert gemel- det würden. Diese Zahl ist mehr als zehnmal so groß wie die Zahl der korrekt als infiziert Erkannten, oder anders ausgedrückt: von den als infiziert Erkannten sind mehr als neun Zehntel überhaupt nicht infiziert.

& Lit.: Heinz Boer: »AIDS – Welche Aussagekraft hat ein ›positives‹ Test-Ergebnis?« Stochastik in der Schule 13, 1993, S. 2–12.

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Akropolis

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Akropolis Nur in Athen gibt es eine Akropolis

»Akropolis« heißt auf griechisch »höchste Stadt«; damit war eine besonders befestigte Burg innerhalb der Stadtmauer gemeint. In den Städten des alten Griechenland gab es davon mehrere Dutzend; die Akropolis in Athen ist nur die bekannteste.

§ Athen vor zwei Jahrtausenden: Die Akropolis

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Aktien 1

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Aktien 1 Aktienkurse sind vorhersagbar (s.a. »Börsen- profis« und »Chartanalyse«)

Aktienkurse sind genauso vorherzusagen bzw. nicht vorherzusagen wie die Lottozahlen – ob die Kurse steigen oder fallen, kann man erst nach Schluß der Börse wissen. Diese Unsicherheit ist aber kein Mangel, sondern ganz im Gegenteil ein Zeichen für Gesundheit: Je we- niger die Auf- und Abschwünge vorhergesehen wer- den können, desto besser für den Markt. In einem gut funktionierenden Kapitalmarkt ist der aktuelle Preis eines Wertpapiers immer auch der im Licht der aktuellen Informationen gerechte Preis, alias der »innere Wert«. Dieser innere Wert hängt davon ab, was künftig an Erträgen für die Eigentümer an- fällt; der innere Wert am Abend ist am Morgen nicht bekannt, denn am Morgen wissen wir noch nicht, wel- che der Ereignisse dieses Tages uns die Renditesuppe versüßen oder versalzen werden, je nachdem. Um den inneren Wert am Morgen zu bestimmen, benützen clevere Börsianer alle Informationen, die dafür wichtig werden könnten: Rohstoffpreise, Wech- selkurse, Steuern, Inflation, alles was die zu bewer- tende Aktie betreffen könnte. Wenn aber der Kurs am Morgen schon alle wertbestimmenden Faktoren ent-

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Aktien 1

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hält – der Idealfall – wird er sich tagsüber nur durch neue, zuvor unbekannte Daten oder Fakten ändern (denn wären diese Daten oder Fakten vorher schon bekannt gewesen, wären sie auch schon im Kurs vor- weggenommen). Mit anderen Worten, nur bei nicht vorhergesehenen Ereignissen verändern sich die Kurse – ihre Schwankungen müssen in einem idealen Kapitalmarkt ein Produkt des Zufalls sein.

& Lit.: C. Granger und O. Morgenstern: Predictabi- lity of stock market prices, Lexington 1970; W. Krämer: Stichwortartikel »Kapitalmarkteffizienz« in: Handwörterbuch des Finanz- und Börsenwe- sens, 2. Aufl., Stuttgart 1994.

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Aktien 2

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Aktien 2 Aktienkurse sind freitags in der Regel niedriger als montags

Diese Theorie – immer wieder in populären Börsen- sendungen des deutschen Fernsehens zu hören – be- sagt, daß Börsenhändler sich gerne freitags »glattstel- len«, also über das Wochenende lieber nicht auf gro- ßen Wertpapierbeständen sitzen. Dadurch sollen dann die Kurse freitags häufig sinken. Betrachtet man aber die durchschnittlichen Tages- Renditen deutscher Aktien genauer, kommt exakt das Gegenteil heraus: Von Donnerstag auf Freitag ändern sich die Kurse im langfristigen Durchschnitt positiv, von Freitag auf Montag aber negativ. Das folgende Schaubild zeigt für jeden Wochentag getrennt die durchschnittlichen prozentualen Änderungen des deutschen Aktienindex DAX verglichen mit dem Vor- tag an. Es basiert auf mehr als 7500 täglichen Rendi- ten vom Januar 1960 bis Dezember 1989 und zeigt klar, daß Freitag unter allen Wochentagen im Durch- schnitt den höchsten Kursanstieg vermelden kann. Die eigentliche Anomalität in diesem Diagramm ist aber nicht der Kursanstieg am Freitag, sondern der Kursabstieg am Montag. Denn nach der üblichen Ka- pitalmarkttheorie müßten die Kurse im Mittel immer steigen – sonst würde niemand Aktien kaufen. Zwar

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Aktien 2

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ist dieser mittlere Kursverfall von Freitag auf Mon- tag – der sogenannte »Montagseffekt« – nicht sehr dramatisch, weniger als 0,2 Prozent, verglichen mit den sonst üblichen Schwankungen von Tag zu Tag kaum wahrnehmbar, aber dennoch viel zu groß, um allein durch Zufall zu entstehen. Seine Quelle ist zur Zeit noch ungeklärt.

& Lit.: Walter Krämer und Ralf Runde: »Wochen- tagseffekte am deutschen Aktienmarkt«, Allge- meines Statistisches Archiv 1992; dieselben:

»Kalendereffekte auf Kapitalmärkten: eine empiri- sche Untersuchung für deutsche Aktien und den DAX«, Zeitschrift für betriebswirtschaftliche For- schung, Sonderheft 31, 1993.

§ Die durchschnittliche tägliche Rendite des deut- schen Aktienindex DAX (in Prozent) von 1960 bis 1990, nach Wochentagen aufgeteilt: Von Freitag auf Montag fallen deutsche Aktienkurse öfter als daß sie steigen

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Alkohol

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Alkohol Ein Liter Alkohol und ein Liter Wasser ergeben zwei Liter eines alkoholischen Getränks

Wenn man einen Liter reinen Alkohol mit einem Liter reinem Wasser mischt, erhält man nur 1,93 Liter eines alkoholischen Getränks: Die Moleküle des Wassers und des Alkohols rücken wegen sogenannter »Wasserstoffbrückenbindungen« enger zusammen und brauchen deshalb weniger Platz als in getrennter Form.

& Lit.: Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche Fragen, München 1998.

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Alkohol 1

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Alkohol 1 Alkohol ist ungesund

Damit wir uns nicht mißverstehen: Natürlich ist Alko- hol in großen Mengen ungesund. Aber das gilt für viele andere Dinge auch (man kann sich auch an Mi- neralwasser vergiften). Oder um mit dem großen Pa- racelsus zu sprechen:

»Was das nit gifft ist? Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft. Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist. Als ein Exempel: ein jetliche speiß und ein jetlich getranck so es über sein dosis eingenommen wirdt, so ist es gifft.«

Wenn wir dagegen fragen: Ist Alkohol grundsätzlich ungesund, so heißt die Antwort: Ganz im Gegenteil. »Ein Gläschen Wein stützt das Gedächtnis im Alter«, können wir in einer deutschen Illustrierten lesen:

»Ein, zwei Glas Wein (oder ein Bier) täglich halten das Gedächtnis im Alter jung«, sagt Dr. Joe C. Chri- stian (Universität Indiana). »Bei mäßigem Alkoholge- nuß verbessert sich das Kurzzeit-Gedächtnis um 17 Prozent. Eindrücke werden schneller gespeichert, man denkt logischer. Grund: Alkohol in Maßen regt den Stoffwechsel an und fördert die Durchblutung.« Andere Forscher finden andere Effekte: »Alkohol

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Alkohol 1

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stärkt die Substanz des Knochengewebes« (aus einer deutschen Tageszeitung). »Mäßiger Genuß von Alko- hol erhöht offensichtlich die Knochendichte und senkt möglicherweise das Risiko der Osteoporose (Kno- chenschwund). Das ergab die Auswertung einer Stu- die in Kalifornien, bei der Trinkgewohnheiten und Knochensubstanz untersucht worden waren.« Die gleichen Stimmen auch in wissenschaftlichen Journalen. Eine Studie der Harvard-Universität an über 50000 Männern hat ergeben, daß das Risiko für koronare Herzkrankheit für Abstinenzler höher ist als für Männer, die regelmäßig Alkohol konsumieren, und nicht nur das: Das Risiko einer koronaren Herz- krankheit wird umso kleiner, je mehr Alkohol man trinkt (und zwar auch dann, wenn man andere Fakto- ren wie Ernährung, Blutdruck, Alter usw. ausschaltet bzw. nur Männer vergleicht, die sich bezüglich dieser Variablen nicht unterscheiden). Die folgende Tabelle (aus Rimm et al., 1991, S. 466) gibt an, um wieviel das Risiko für verschiedene koronare Herzbeschwerden mit wachsendem Genuß von Alkohol sinkt (jeweils verglichen mit ansonsten vergleichbaren Männern, die überhaupt nicht trinken):

Risikoreduktion beim täglichen Genuß der folgenden Mengen Alkohol

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Alkohol 1

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5–30 Gramm

mehr als 30 Gramm

nicht-tödlicher Infarkt:

36%

45%

tödlicher Infarkt:

41%

37%

Bypass-Operation

10%

65%

alle kor. Herzkrankh. zus.:

28%

48%

Wie wir sehen, wird das Risiko einer koronaren Herz- krankheit bei regelmäßigem Alkoholgenuß nicht grö- ßer, sondern kleiner (die Risikoreduktion ist durch- weg positiv). Und nicht nur das: Von tödlichen Her- zinfarkten einmal abgesehen, nimmt das Risiko umso mehr ab, je mehr wir trinken. In einer anderen Studie haben allerdings Mediziner aus Dänemark herausgefunden, daß nicht ein Promille so gut ist wie das andere, sondern daß auch die Art des Alkohols – Wein, Bier oder Schnaps – von Be- deutung ist: Bei über 6000 untersuchten Männern und über 7000 untersuchten Frauen haben sie ermittelt, daß vor allem Wein das lange Leben fördert – Männer und Frauen mit einem Konsum von täglich drei bis fünf Glas Wein reduzieren ihr Todesrisiko verglichen mit Abstinenzlern auf die Hälfte (das sogenannte »al- tersadjustierte Risiko«; irgendwann müssen natürlich auch Weintrinker und -trinkerinnen sterben). Bier und Schnaps dagegen bewirken, was die reinen Sterbera- ten angeht, keine großen Unterschiede. Nun wäre zu diesen Ergebnissen natürlich noch ei-

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niges zu sagen. (Wie kam die Stichprobe zustande? Wahrheitsliebe der Probanden? Geht die Abnahme des Risikos mit wachsendem Alkoholgenuß immer weiter, oder kehrt sich die Kurve irgendwann wieder um? etc.) Aber diese Ergebnisse werden von zu vielen anderen Untersuchungen bestätigt, um sie einfach als Produkt des Zufalls abzutun.

& Lit.: Eric B. Rimm et al.: »Prospective study of alcohol consumption and risk of coronary disease in men«, The Lancet 338, Aug. 1991, 464–468; Morten Gronbeck et al.: »Mortality associated with moderate intakes of wine, beer, or spirits«, British Medical Journal 310, Mai 1995,

1165–1169.

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Alkohol 2

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Alkohol 2 Alkohol wärmt

Nachdem wir einige unvermutete gute Seiten des Al- kohols betrachtet haben, müssen wir aber auch vor einer gern geglaubten positiven Wirkung warnen, die er in Wahrheit gar nicht hat. Denn auch wenn wir nach einem heißen Grog an einem kalten Winterabend anders denken: Alkohol erwärmt den Körper nicht. Zwar fühlen wir subjektiv eine Wärme, die sich so schön vom Magen über den ganzen Körper ausbreitet, aber objektiv gesehen macht Alkohol die Blutgefäße an der Körperoberfläche weiter; das Blut strömt an die Außenseite und wird kühler, die Temperatur des Körpers sinkt. Auf diese Weise kann Alkohol bei gro- ßer Kälte sogar zum Erfrieren führen.

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Alkohol 3

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Alkohol 3 Alkohol läßt sich durch Kaffeetrinken vertreiben

Es nützt nichts, nach einigen Bier noch schnell einen Kaffee vor der Heimfahrt mit dem Auto zu bestellen – weder senkt Kaffee den Alkoholspiegel, noch läßt er uns schneller reagieren. Er vertreibt vielleicht die Mü- digkeit, die sich oft nach dem Trinken einstellt, aber das nachfolgende Gefühl der Nüchternheit ist trüge- risch; die Reflexe sind weiter gebremst, und die Fä- higkeit zum Autofahren wird kein bißchen besser.

& Lit.: B. Kissin: »Interactions of ethyl alcohol and other drugs«, in B. Kissin und H. Begleiter: The biology of alcoholism, New York 1974.

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Alliterationen

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Alliterationen Alliterationen entstehen aus Absicht

Alliterationen alias Stabreime, also gleiche Anfangs- klänge mehrerer Wörter hintereinander, gelten vielen als Stilmittel, das große oder nicht so große Künstler absichtlich benutzen: »Komm Kühle, komm küsse den Kummer/süß säuselnd von sinnender Stirn« (Cle- mens Brentano). Nach Meinung des amerikanischen Statistikers und Psychologen B.F. Skinner müssen solche Gleichklän- ge durchaus nicht immer Absicht sein – sie können genausogut auch zufällig entstehen. Skinner hat das für die insgesamt 1400 Zeilen sämtlicher Sonette Sha- kespeares einmal nachgerechnet. Hätte Shakespeare die Anfangslaute aller Wörter zufällig aus einem Hut gezogen, müßten sich darunter z.B. 161 Zeilen mit zweimal S als Anfangsbuchstabe und 29 Zeilen mit dreimal S als Anfangsbuchstaben finden (um nur zwei der von Skinner errechneten Erwartungswerte aufzu- führen). Und tatsächlich gibt es in Shakespeares So- netten genau 161 Zeilen mit zweimal S und 26 Zeilen mit dreimal S an erster Stelle – mit anderen Worten, die für Leser und Hörer oft so verblüffende Häufung identischer Anfangslaute kann neben der dichteri- schen Genialität genauso auch den Zufall als Erzeuger haben.

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Alliterationen

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Eine ähnlich gute Übereinstimmung von Theorie und Praxis beobachtete Skinner auch bei anderen Buchstaben des Alphabets.

& Lit.: B.F. Skinner: »The alliteration in Shakespea- re's sonnets: A study in literary behaviour«, The Psychological Record 1939.

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Altar

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Altar Der Altar ist eine christliche Erfindung

Die ersten Christen kannten keine besonderen Plätze in ihren Versammlungsorten, so wie in modernen Kir- chen die Altäre. Sie wurden sogar, weil sie keine Al- täre hatten, von den anderen Religionen als Barbaren angegriffen. Der Altar als der besondere Platz, wo man den Göttern opfert, existierte lange vor Jesus Christus in fast allen Religionen dieser Erde.

& Lit.: Stichwort »Altar« in Encyclopaedia Britan- nica, 11. Auflage, Chicago 1910.

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Amateure

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Amateure Bei den antiken olympischen Spielen waren nur Amateure zugelassen

Antike Sportler waren keine Amateure. Neben dem notorischen Kranz vom heiligen Ölbaum, den griechi- sche Olympiasieger als Belohnung mit nach Hause brachten, kannten und erwarteten diese durchaus auch noch andere Belohnung; Amateure, die »eine Tätig- keit aus Liebe an der Sache ausüben, ohne einen Beruf daraus zu machen« (Meyers Enzyklopädisches Lexikon), waren diese Sportler sicher nicht. Der Siegespreis eines Olivenkranzes darf nicht über die indirekten, zum Teil beträchtlichen Preisgel- der hinwegtäuschen, die mit einem Olympiasieg ver- bunden waren: Steuerfreiheit, lebenslange Renten, Denkmäler, auch Bargeld (der Athener Staatsmann Solon etwa ließ jedem Olympiasieger seiner Stadt 500 Drachmen, den Zwei-Jahres-Sold eines Soldaten zahlen). Denn da ein Olympiasieger auch den Ruhm der Heimatstadt des Siegers mehrte, ließen sich die griechischen Städte ihre Sportler einiges kosten, vor den Spielen und erst recht danach: Stadien, Masseure, Trainer, Köche, Ärzte, und die Sportler selbst natür- lich auch; sie wollten bezahlt und unterhalten werden, und da es außer den olympischen Spielen auch noch die pythischen Spiele (alle vier Jahre), die nemäischen

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Amateure

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Spiele (alle zwei Jahre) und die isthmischen Spiele gab, von mehreren hundert Provinzsportfesten jähr- lich völlig abgesehen, konnten die Athleten von die- sen Preisgeldern und Spesen prächtig leben (so soll einmal ein Olympiasieger nur für seine Teilnahme an einem dieser kleineren Spektakel 30000 Drachmen gefordert und bekommen haben). Nach den Regeln, wie sie etwa bei den ersten Spie- len der Neuzeit Ende des letzten und Anfang des aktu- ellen Jahrhunderts üblich waren, müßten wir also den meisten antiken Olympiasiegern ihre Palmenzweige posthum aberkennen.

& Lit.: Stichwortartikel »Olympic Games« in Col- liers Encyclopedia, Band 18, 1975.

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Amerika

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Amerika

Daß Amerika nicht von Kolumbus, sondern schon Jahrhunderte vorher von den Wikingern entdeckt wurde, ist keine große Sensation. Aber daß auch schon die Wikinger vielleicht zu spät gekommen sind, ist weniger bekannt. Manche Forscher glauben, daß schon 500 v.Chr. Seefahrer aus dem Mittelmeer bis nach Amerika ge- kommen sind. Technisch möglich wäre es gewesen, wenn man die zerbrechlichen Boote betrachtet, in denen Menschen heute den Atlantik überqueren Aber wenn griechische oder römische Segler tat- sächlich Amerika erreicht haben sollten, sie haben kein großes Aufhebens davon gemacht. Und vielleicht hat auch nur ein Witzbold ein paar antike Münzen in Mexiko vergraben Die Vorfahren der heutigen Indianer, und damit die ersten Amerikaner überhaupt, waren Mongolvölker, die vor mehreren tausend Jahren von Asien über die damals noch intakte Landbrücke nach Alaska und von dort nach Süden eingewandert sind. Insofern ist es also reichlich chauvinistisch, das erstmalige Sichten des Kontinents durch Menschen aus Europa mit des- sen Entdeckung gleichzusetzen.

& Lit.: T.P. Christensen: Discovery and rediscovery

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Amerika

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of America, Cedar Rapids 1934; Hjamar R. Ho- land: Explorations in America before Columbus, New York 1956; Cyrus H. Gordon: Before Co- lumbus: Links between the old world and ancient America, New York 1971.

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Amtsschimmel

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Amtsschimmel Der Amtsschimmel hat etwas mit Pferden zu tun

Der bekannte Amtsschimmel wurde vermutlich aus dem Wort »Simile« geboren; damit meinte man in den Kanzleien des alten Österreich ein vorgedrucktes Mu- sterformular. Deshalb nannte man einen nach vorge- schriebenem Muster arbeitenden Kanzlisten spöttisch »Similereiter«, und daraus wurde dann unser Schim- melreiter.

& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 2. Auflage, durchgesehen und ergänzt von Wolf- gang Pfeifer, Berlin 1993.

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Anarchie

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Anarchie Anarchie bedeutet Unfrieden und Durcheinander

Anarchismus hatte ursprünglich mit Chaos, »Anar- chie« und Durcheinander nichts zu tun. Die ersten Anarchisten wollten die Menschen zu einem gewalt- und herrschaftslosen Miteinander führen; dazu forder- ten sie eine schrankenlose Freiheit des einzelnen, ab- solute Vereinigungsfreiheit, unbeschränktes Privatei- gentum usw., also Dinge, die heute dem eher liberalen Credo zugerechnet werden. Die zahlreichen anarchi- stischen Attentate Ende des 19. Jahrhunderts (die Er- mordung der Kaiserin Sissi oder des russischen Zaren Alexander) zielten daher auch weniger darauf ab, die Herrschaft selbst zu übernehmen, als darauf, Herr- schaft als solche aus dem Weg zu räumen.

& Lit.: Stichwort »Anarchismus« in der Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden 1990.

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Antarktis

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Antarktis In der Antarktis wachsen keine Blumen

Ganz so unwirtlich, wie viele glauben, ist die Antark- tis nun auch wieder nicht; auf der Antarktisinsel Jenny z.B. blüht die Nelke »colobanthus crassofolius«.

& Lit.: »7 Irrtümer über Blumen«, Fernsehwoche 38/1997; Stichwort vorgeschlagen von Judith Sie- vers.

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Antikommunismus

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Antikommunismus Thomas Mann sagte: »Antikommunismus ist die Grundtorheit unseres Jahrhunderts«

Diese von früher von der SED und heute von der PDS immer wieder ausgegrabene Bemerkung Thomas Manns aus einer 1944 in Chile erschienenen Exilzei- tung lautet im vollen Wortlaut so: »Sie sehen, daß ich in dem Sozialismus, in dem die Idee der Gleichheit die der Freiheit vollkommen überwiegt, nicht das menschliche Ideal erblicke, und ich glaube, ich bin vor dem Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des Kommunismus zu sein. Trotzdem kann ich nicht umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Aber- gläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtor- heit unserer Epoche.« Mit anderen Worten: Thomas Mann kritisierte nur, was die Faschisten mit dem An- tikommunismus machten. Aber den Kommunismus selber als erstrebenswert zu schildern, wäre ihm nie- mals in den Sinn gekommen.

& Lit.: Josef Nyary: »Vom Umgang mit Roten und Rothäuten«, Welt am Sonntag, 15.2.1998; Stich- wort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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Apfel

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Apfel Eva hat im Paradies von einem Apfelbaum ge- pflückt

Eine verbotene Frucht namens Apfel kommt in der Bibel nirgends vor. In der deutschen Einheitsüberset- zung heißt es nur: »Die Frau entgegnete der Schlange:

Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen, und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.« Wie aus diesem Baum, »der in der Mitte des Gar- tens steht«, ein Apfelbaum geworden ist, weiß nie- mand so genau. Der Autor dieser Bibelstelle hat si- cher kaum an einen Apfelbaum gedacht – die gab es nämlich im Nahen Osten damals nicht. Viel wahr- scheinlicher wäre ein Feigenbaum, denn Adam und Eva haben sich nach dem Genuß der Frucht mit Fei- genblättern zugedeckt. Der Apfel geriet vermutlich über die Mythen der Griechen und Kelten in die Bibel. Er galt bei diesen Völkern als ein Symbol der Liebesgöttin, und da Sex für gute Christen etwas Böses ist, kann der verbotene Baum ja nur ein Apfelbaum gewesen sein.

§ Lucas Cranach d. Ä.: Adam und Eva

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Apfel.

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Apfel Jemanden »veräppeln« hat etwas mit Äpfeln zu tun (s.a. »Dufte«, »Guter Rutsch« und »Nassauer«)

»Veräppeln« hat mit Äpfeln nichts zu tun; es kommt aus dem Jiddischen (der im Mittelalter entstandenen Mischung aus Mittel- und Oberdeutsch mit semiti- schen und slawischen Sprachelementen) und hat seine Wurzel wohl in »eppel« (= nichts). Veräppeln hieße demgemäß vernichten (auch eine alternative jiddische Wurzel in dem Wort »ewil« = Dummkopf wird von Sprachforschern nicht ausgeschlossen).

& Lit.: Kurt Krüger-Lorenzen: Deutsche Redensar- ten – und was dahinter steckt, Wiesbaden 1960; Bernd-Lutz Lange: Dämmerschoppen, Köln 1997 (besonders das Kapitel »Sprachdenkmäler«).

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Apfelbaum

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Apfelbaum Luther hat gesagt: »Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen«

Dieses Kleinod aus der Zitatenkiste des politisch kor- rekten deutschen Bildungsspießers stammt nicht von Martin Luther. Wer es wirklich in die Welt gesetzt hat, weiß man zwar auch nicht so genau (prominente Alternativkandidaten sind Eduard Mörike, Friedrich Rückert oder verschiedene schwäbische Pietisten des frühen 19. Jahrhunderts), aber eines steht doch fest: In keiner einzigen schriftlich oder mündlich überlieferten Äußerung von Martin Luther war je von diesem Baumpflanz-Wunsch die Rede.

& Lit.: Martin Schloemann: Luthers Apfelbäum- chen?, München 1994; Eckhard Henscheid, Ger- hard Henschel und Brigitte Kronauer: Kulturge- schichte der Mißverständnisse, Stuttgart 1997 (besonders der Abschnitt »Jedermanns Apfel- bäumchen«).

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Apfelsinen

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Apfelsinen Apfelsinen und Zitronen enthalten von allen Früchten das meiste Vitamin C

Apfelsinen und Zitronen sind zwar fünf- bis zehnmal Vitamin-C-haltiger als des Teutonen liebste Früchte Äpfel oder Birnen, aber das hohe C bei Obst gebührt den Kiwis und Johannisbeeren; pro Gewichtseinheit enthalten sie rund doppelt bzw. dreimal soviel Vita- min C wie Apfelsinen und Zitronen (und wenn wir auch noch Sanddornbeeren oder Hagebutten zum Ver- gleich erlauben, stehen selbst die Schwarzen Johan- nisbeeren sehr bescheiden da). Die folgende Tabelle zeigt die genauen Zahlen:

Vitamingehalt ausgewählter Früchte (roh, in mg pro 100 g)

Birnen

5

Aprikosen

10

Pfirsiche

10

Bananen

11

Äpfel

12

Avocados

13

Ananas

20

Heidelbeeren

22

Apfelsinen

50

Zitronen

53

Erdbeeren

62

Ebereschenfrucht

98

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Apfelsinen

13

Kiwis

100

Schwarze Johannisbeeren

189

Sanddornbeeren

450

Hagebutten

1250

& Lit.: I. Elmadfa u.a.: Die große GU Nährwertta- belle, Neuausgabe 1992/93, ohne Ort und Jahr; Stichwort vorgeschlagen von Michaela Wieben.

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Aphrodisiaka

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Aphrodisiaka

Aphrodisiaka (von griechisch »zum Liebesgenuß ge- hörend«), d.h. Mittel zur Steigerung des Geschlechts- triebs und der Potenz, wirken nur in unserer Phanta- sie. Den folgenden Substanzen wurden in verschiede- nen Kulturen und zu verschiedene Zeiten sexuelle Kräfte zugeschrieben: Alkohol, Austern, Bananen, Bilsenkraut, rohe Eier, Ginsengwurzeln, Kantharidin (enthalten in bestimmten Sorten von Käfern wie der berühmten spanischen Fliege), Kaviar, kleingeriebene Nashorn-Hörner, Salbei, Sellerie, Spargel, Tollkir- schen, Trüffel, ganz normales Wasser, Yohimbin (ein Extrakt aus der Rinde des afrikanischen Yohimbebau- mes). Bei einigen dieser Mittel (Bananen, Ginseng- wurzel, Nashorn-Hörner) beruht die vermutete Wir- kung wohl auf der gleichen Illusion, wegen der man- che Sportler gerne Fleisch und Kannibalen ihre Nach- barn essen: weil man glaubt, die Eigenschaften des Essens gingen auf den Esser über (s.a. »Du bist was du ißt« und »Fleisch«); andere, wie etwa Al- kohol, wirken enthemmend und können so vielleicht indirekt ein sexuelles Abenteuer fördern, und wieder andere, wie Austern, Kaviar und rohe Eier, beziehen ihre vermeintliche Wirkung aus den sexuellen Hel- dentaten von Personen wie dem notorischen Casano-

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Aphrodisiaka

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va, die gerne solche Dinge aßen, ohne daß hier aber ein Zusammenhang besteht. (Genauso könnte man be- haupten, daß, um Bundeskanzler zu werden, der häu- fige Verzehr von Pfälzer Saumagen sehr hilfreich sei.) Allenfalls die Extrakte des Yohimbebaumes und der spanischen Fliege können durch örtliche Gefäßer- weiterungen auf den Fortgang der Dinge einen gewis- sen unmittelbaren Einfluß nehmen. Jedoch ist insbe- sondere die spanische Fliege so giftig, schmerzhaft und wegen der Entzündung der Harnwege auch ge- fährlich, daß ein so erzwungener Liebesgenuß dann doch wieder keine reine Freude, und oft auch der letz- te auf dieser schönen Erde ist.

& Lit.: Friedrich Robert Lehmann: Rezepte der Lie- besmittel. Eine Kulturgeschichte der Liebe, Hei- denheim 1966.

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Äquator

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Äquator Auf der Erde ist es an den Polen am kältesten und am Äquator am wärmsten.

Die höchsten Temperaturen für »normale« Luft im Schatten wurden bisher im Death Valley in Kalifor- nien und in der Stadt Azizia in Libyen gemessen:

56,7 bzw. 58 Grad Celsius. Beide Orte sind mehrere tausend Kilometer vom Äquator entfernt. Die tiefsten Temperaturen wurden bisher an der russischen Ant- arktisstation Vostok gemessen: -88 Grad Celsius. Diese Station liegt mehr als tausend Kilometer nörd- lich des Südpols. (Die tiefsten Temperaturen auf der Nordhalbkugel mit -71 Grad Celsius gab es bisher im Ort Oimakon in Ostsibirien, 320 Kilometer südlich des Polarkreises und 3000 km vom Nordpol entfernt.) Auch sonstwo kümmern sich die Temperaturen nur wenig um die Breitengrade: In der isländischen Hauptstadt Reykjavík, die fast am nördlichen Polar- kreis liegt, ist es im Winter wärmer als in New York, und im amerikanischen Bundesstaat Virginia fällt mehr Schnee als in vielen Gegenden der Arktis.

& Lit.: The Guinness Book of Records; Isaac Asi- mov: Buch der Tatsachen, Bergisch-Gladbach

1981.

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Arabische Ziffern

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Arabische Ziffern Die arabischen Ziffern stammen von den Arabern

Die arabischen Ziffern 1, 2, 3, 4, 5

findung der Araber – ursprünglich stammen sie aus Indien. Von dort kamen sie dann mit den Arabern über Nordafrika und Spanien nach Europa. Der eigentliche Vorteil der »arabischen« verglichen

mit den römischen Ziffern sind nicht die Symbole 1,

2

kunft, daß diese Symbole je nach Standort etwas an- deres bedeuten: die 5 in 15 steht für 5, aber die 5 in 2523 steht für 5 mal 100 (denn 2523=2x 1000+5 x 100+2x 10 + 3). Dieser Gedanke steht auf einer Stufe mit der Zäh- mung des Feuers und der Erfindung des Rades – ohne ihn würden wir noch heute 27 mal 115 als XXIIIX mal CXV berechnen müssen, ohne diese so simple wie geniale Idee hätte es keine moderne Physik und keine moderne Chemie, keine Raumfahrt und auch keine Atombomben gegeben.

& Lit.: John A. Paulos: Von Algebra bis Zufall, Frankfurt 1992.

sind keine Er-

9; der eigentliche Vorteil ist die geniale Überein-

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Arbeit

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Arbeit »Arbeit ist köstlich«

Diese Kurzfassung einer oft zitierten Bibelstelle kommt in Wahrheit in der Bibel nirgends vor. Zwar heißt es in Luthers Übersetzung des 90. Psalms:

»Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köst- lich gewesen ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen«, aber in Wahrheit meinte der Originalautor damit genau das Gegenteil: Wir müssen uns das ganze

Leben plagen, selbst dann noch, wenn wir es für köst- lich halten. Neuere Bibelübersetzer sind hier weit exakter:

»Die Zahl unserer Jahre ist siebenzig Jahr, und wenn es hochkommt, achtzig Jahr. Und ihr Gepräge ist

Mühsal und Trug.« (H.-J. Kraus, 1960); »

selbst das Köstliche daran ist nur Elend und Trug«

und

(P. Schulz, 1978); »das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wie fliegen dahin« (Katholische Bibelanstalt, 1980), auch die seit 1965 vorliegende korrigierte Luther-Bibel läßt an der wahren Bedeutung dieser Bibelstelle keinen Zweifel:

»Unser Leben währet siebenzig Jahr, und wenn es hochkommt sind es achtzig Jahre, und was daran

köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe

«

Trotzdem ist Luthers Irrtum offenbar nicht auszu-

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Arbeit

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rotten, vermutlich aus dem gleichen Grund, warum auch viele andere Irrtümer die Jahrhunderte so unbe- schadet überleben: weil er so gut ins Weltbild – hier das der protestantischen Arbeitsethik – paßt.

& Lit.: Katholische Bibelanstalt: Die Bibel – Altes und Neues Testament – Einheitsübersetzung, Freiburg 1980; Gerhard Prause: Tratschkes Lexi- kon für Besserwisser, München 1986.

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Arbeitgeberbeitrag

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Arbeitgeberbeitrag Den Arbeitgeberbeitrag zahlt der Arbeitgeber (s.a. »Selbstbeteiligung«)

Keinen Pfennig des Arbeitgeberbeitrags zahlt der Ar- beitgeber. Den Arbeitgeberbeitrag zahlt der Arbeit- nehmer, genauso wie der Arbeitnehmer seine Steuern, Mieten, Zinsen, Hypotheken zahlt; die nach deut- schem Sozialrecht zur Hälfte von den Arbeitgebern zu tragenden Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversiche- rungsbeiträge ihrer Beschäftigten sind ein reiner Taschenspielertrick. Rein wirtschaftlich gesehen gehören alle Aufwen- dungen des Arbeitgebers für einen Beschäftigten zu dessen Bruttolohn, unabhängig davon wie sie heißen, ob Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, ob Werkswohnung oder Dienstwagen, ob Zuschüsse zum Mittagessen oder Beiträge zu Versicherungen aller Art: Alle Aus- lagen, die dem Arbeitgeber für einen Beschäftigten entstehen, zählen zu dessen Lohn oder Gehalt. Punkt. Diese Arbeitskosten betrugen etwa 1993 durch- schnittlich 4900 Mark im Monat (verglichen mit 1350 Mark im Monat noch 1970). Aber von diesen 4900 Mark im Monat kamen nur 54% oder DM 2646 bei den Arbeitnehmern und Ar- beitnehmerinnen wirklich an. Der Rest ging an das Finanzamt (15%) oder an die Sozialversicherung

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Arbeitgeberbeitrag

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(31%), und damit haben wir auch schon einen der Gründe für die Popularität des Arbeitgeberbeitrag- Mythos gefunden: Wir merken nicht, wie man uns schröpft. Je mehr von unseren Gehalt und Lohn als sogenannter »Arbeitgeberanteil« nicht von uns, son- dern von anderen getragen wird, desto unbelasteter gehen wir scheinbar durchs Leben, desto mehr schei- nen wir von unserem Verdienst für uns selbst zu be- halten. Das ist aber eine Illusion. Dem Arbeitgeber ist es nämlich im Prinzip gleichgültig, wo die 4900 Mark für seinen Arbeitnehmer letztlich landen; ob 10, 20 oder 30 Prozent an das Finanzamt fließen, ist für ihn oder sie genauso unerheblich wie der Anteil für die Sozialversicherung oder wie man diesen Anteil nennt. Ob davon die Hälfte oder alles oder gar nichts »Ar- beitgeberanteil« heißt, spielt für den Arbeitgeber keine Rolle. Für ihn gilt Kosten = Bruttolohn, diese Gleichung ist das einzige was ökonomisch zählt, wie man diese Kosten nennt spielt keine Rolle. Die ganze Absurdität des sogenannten »Arbeitge- berbeitrags« wird vielleicht am besten deutlich, wenn wir einmal unterstellen, daß alle Sozialversicherungs- abgaben »Arbeitgeberanteil« hießen. Dann wäre – hokus-pokus-fidibus – die Sozialversicherung um- sonst! Denn nach herkömmlicher Sicht hätten wir jetzt einen Arbeitnehmeranteil von Null Prozent!

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Arbeitgeberbeitrag

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Aber in Wahrheit bleibt natürlich alles wie es vor- her war. Alles, was von unserem Lohn oder unserem Gehalt abfließt, ist und bleibt zu 100% unser eigener Arbeitnehmeranteil, ganz egal wie man ihn nennt.

& Lit.: Walter Krämer: »Babylonische Sprachver- wirrung«, Arbeit- und Sozialpolitik 42, 9/1988, 290–292; »Bald nur noch die Hälfte«, Informati-

onsdienst des Instituts der Deutschen Wirtschaft,

22.7.1993.

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Arbeitslosenstatistiken, internationale

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Arbeitslosenstatistiken, internationale

Wenn wir in der Presse lesen, die Arbeitslosenquoten in Japan und Amerika wären kleiner als in Deutsch- land oder Österreich, so ist das zum Teil eine statisti- sche Illusion. Denn die Arbeitslosenquote ist in ver- schiedenen Ländern verschieden definiert. Im Prinzip ist diese Quote immer gleich: ein Bruch mit den Arbeitslosen im Zähler und mit den Erwerbs- personen im Nenner. Aber weder der Zähler noch der Nenner werden überall auf die gleiche Weise gemes- sen. Am augenfälligsten sind die Unterschiede beim Zähler, also bei den Arbeitslosen selbst. Nach deut- scher Praxis gehört in diesen Zähler, wer offiziell beim Arbeitsamt als arbeitsuchend gemeldet ist und außerdem (i) mehr als 18 Stunden in der Woche ar- beiten will, (ii) nicht nur vorübergehend Arbeit sucht, (iii) älter als 15 und jünger als 65 Jahre ist, und (iv) dem Arbeitsmarkt sofort zur Verfügung steht. Studie- rende auf der erfolglosen Suche nach einem Ferienjob oder Teilnehmer von Umschulungskursen etwa sind damit niemals arbeitslos. Ebenfalls ausgeklammert sind die Entmutigten, die die Suche über das Arbeits- amt aufgegeben haben (die sog. »stille Reserve«), aber auch alle über 65-jährigen, die gerne noch einen kleinen Nebenverdienst hätten, und alle, die weniger als 18 Stunden in der Woche gegen Entgelt arbeiten

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Arbeitslosenstatistiken, internationale

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wollen. Anderswo ist man sowohl restriktiver wie auch li- beraler. In Japan etwa muß, wer Arbeitsloser werden will, vorher gearbeitet haben – Schulabgänger und frischgebackene Akademiker werden in Japan niemals arbeitslos. In den USA dagegen ist weder das Alter noch die wöchentliche Dauer der gesuchten Arbeit eine Grenze – wer arbeiten will und keine Arbeit fin- det, ist unabhängig von seinem Alter automatisch ar- beitslos. Aber auch der Nenner der Arbeitslosenquote macht Probleme. In Deutschland ist das die sogenannte »Er- werbsbevölkerung«, minus Selbständige, Beamte, Bauern und Soldaten, also die Summe aller Personen, die dem Risiko der Arbeitslosigkeit auch wirklich un- terliegen. Anderswo dagegen, etwa in England, steht die komplette Erwerbsbevölkerung inklusive Selbst- ändige, Bauern und Soldaten im Nenner der Arbeits- losenquote, und auch so entstehen künstliche Unter- schiede: Da ein Bruch umso größer ist, je kleiner der Nenner, und umso kleiner ist, je größer der Nenner, ist die deutsche Quote größer als sie bei englischer Berechnungsweise wäre. Keine dieser Definitionen ist von sich aus besser oder schlechter als die anderen, und solange man nur die Arbeitslosigkeit in einem einzigen Land betrach- tet, kann man auch mit diesen Differenzen leben.

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Arbeitslosenstatistiken, internationale

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Denn ob die Arbeitslosenquote steigt oder fällt, also die in aller Regel einzig wirklich interessante Infor- mation, hängt kaum von der gewählten Begriffsbe- stimmung ab (vorausgesetzt natürlich, diese bleibt im Zeitverlauf konstant). Aber für einen Vergleich der Arbeitslosigkeit über verschiedene Volkswirtschaften hinweg sind die je- weiligen nationalen Quoten völlig ungeeignet. Nach einer Studie der OECD machen diese statistisch und nicht sachlich induzierten Unterschiede zuweilen mehrere Prozentpunkte aus. In Belgien etwa stieg die Quote nach OECD-Definition von 12,2% auf 15,9%, während sie in Deutschland etwas sank, und das ame- rikanische Bureau of Labor Statistics kam sogar zu noch drastischeren Ergebnissen: Bei gleicher, vom Bureau of Labor Statistics neu konstruierter Meßlatte stieg die Quote in den USA von 6,4% auf 9,3%, und in Japan sogar um mehr als das Dreifache, von 2,9% auf 9,6%!

& Lit.: Ulrich Cramer: »Konzeptionelle Probleme der Arbeitsmarktstatistik aus der Sicht der Ar- beitsmarktforschung«, Allgemeines Statistisches Archiv 1990; Walter Krämer: So lügt man mit Statistik, Frankfurt 1995.

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Arche Noah

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Arche Noah Die Arche Noah landete auf dem Berge Ararat

Vermutlich ist das in der Bibel erwähnte »Gebirge Ararat« nicht der heute als »Ararat« bekannte Berg in Armenien. Erst lange nach der Entstehung der Bibel haben westliche Europäer der höchsten Spitze des ar- menischen Berglandes den Namen »Ararat« gegeben, dort wollen sie auf »schiffsförmige Reste«, wenn nicht gar auf Holzbalken der Arche selbst gestoßen sein. Die Bibel selbst schweigt sich zum Ort des Ge- schehens aus: »Am siebzehnten Tage des siebten Mo- nats setzte die Arche im Gebirge Ararat auf«, ist in der Genesis zu lesen, aber die Lage des Gebirges wird nirgendwo erwähnt, und andere Religionen sehen das Gebirge denn auch woanders. Z.B. vermuten die Mus- lime, in deren Überlieferungen ebenfalls die Arche Noah und die Sintflut vorkommt, diesen Berg in Saudi-Arabien.

& Lit.: Die Bibel – Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980; Stichwort vorgeschlagen von Emanuel Pfeil.

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Archimedes

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Archimedes

Unter den großen Taten des großen Archimedes sind auch einige, die man ihm nur angedichtet hat. So lernt man oft noch in der Schule, Archimedes hätte die rö- mische Belagerungsflotte vor Syrakus mit Brennspie- geln in Brand gesetzt. Diese Tat ist aber nachweisbar unmöglich, wie mo- derne Ingenieure bei dem Versuch herausgefunden haben, sie zu wiederholen. Zwar waren Brennspiegel im Jahr 212 v.Chr., als die Römer im Lauf des zwei- ten punischen Krieges die Stadt Syrakus in Sizilien belagerten, durchaus schon bekannt – die Römer selbst etwa benutzten sie, um erloschene Tempelfeuer wieder zu entzünden –, und man kann auch nicht aus- schließen, daß der große Tüftler und Erfinder Archi- medes tatsächlich daran dachte, solche Spiegel auch auf feindliche Schiffe zu richten. Aber wenn, hat er den Gedanken sicher bald begraben, denn ein fahren- des Schiff aus größerer Entfernung so in Brand zu set- zen, ging über die damaligen technischen Möglich- keiten weit hinaus. Der römische Historiker Plutarch, der die sonstigen Verteidigungsmaschinen des Archimedes ausführlich schilderte – Wurfmaschinen oder Kräne etwa, um die römischen Galeeren auf Klippen zu ziehen –, erwähnt die Spiegel nicht. Sie tauchen zum ersten Mal rund

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Archimedes

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700 Jahre später in einer Abhandlung über Hohl- und Brennspiegel des Anathemios von Tralles auf, einem der Konstrukteure der Hagia Sophia in Istanbul, und dann nochmals weitere 600 Jahre später in der Welt- chronik des Mönches Johannes Zonaras. Und seitdem sind die Brennspiegel des Archimedes aus den kultur- ellen Erbe des Abendlandes nicht mehr wegzudenken.

& Lit.: Gerhard Prause: Tratschkes Lexikon für Bes- serwisser, München 1986; Stichwort »Archime- des« in Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Mannheim 1987.

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Armada

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Armada Der Untergang der Armada hat das Ende des spanischen Weltreiches eingeleitet

Mit dem Untergang der spanischen Armada im Som- mer 1588 begann der Abstieg Spaniens und der Auf- stieg Englands, liest man immer wieder. In Wahrheit war dieses Desaster für die Spanier ge- nauso wichtig wie der Untergang der Bismarck für Hitler: ziemlich unbedeutend. Genausowenig wie das Schicksal der Nazis durch den Untergang der Bis- marck, war das Schicksal des spanischen Weltreiches durch den Untergang der Armada vorgezeichnet. Zwar wurden so die Invasionspläne Philipps des Zweiten vereitelt, aber nur 24 unter den rund 120 spanischen Schiffen waren Kriegsgaleonen; die Seemacht Spa- niens hatte durch die Niederlage kaum gelitten. Bin- nen weniger Jahre hatte Spanien die verlorenen Schif- fe ersetzt, und in den 15 Jahren nach 1588 erreichten mehr Gold und Silber aus Amerika die spanischen Küsten als jemals in einer Spanne von 15 Jahren zuvor oder danach. Der Aufstieg Englands und der Abstieg Spaniens müssen also andere Gründe haben als den Untergang der Armada. (Nach Meinung mancher Historiker nahm nach 1588 die bis dahin unbestrittene Über- macht der Engländer im Atlantik sogar eher ab.) Wie

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Armada

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oft wird hier in ein singuläres Ereignis mehr Bedeu- tung hineingelegt als es verdient.

Mattingly: The Armada, Boston

& Lit.:

Garrett

1959.

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LexPI Bd. 2

Armbrust

14

Armbrust Eine Armbrust hat etwas mit Arm oder Brust zu tun

Das Wort »Armbrust« ist eine sogenannte »volksety- mologische« Umdeutung und Eindeutschung fremd- ländischer Wörter: Fremde Laute, die in ihrer Her- kunftssprache etwas ganz anderes meinen, werden in dieser volksetymologischen Eindeutschung zu Wör- tern unserer eigenen Sprache (andere Beispiele sind die schon in Band 1 erwähnte Hängematte, oder die Osterluzei, eine Pflanze, die im Juni blüht und ihren Namen nicht von Ostern, sondern von dem mittella- teinischen »aristolocia« hat). Die Armbrust ist aus dem lateinischen »arcoballista« (= Bogenschleuder) über das altfranzösische »arbaleste« in die deutsche Sprache gekommen, dabei ganz offenbar auf ein Be- dürfnis stoßend, diesen seltsamen Silben irgendeinen Sinn zu geben. Der »Arm« kam wohl deshalb herein, weil diese Waffe anders als andere Wurf- und Schleu- dermaschinen in der Hand zu halten war. Über die »Brust« dagegen streiten noch immer die Gelehrten:

Vermutlich kommt sie von dem mittelhochdeutschen »berust/berost« (= Ausrüstung, Bewaffnung).

& Lit.: Jost Trier: Wege der Etymologie, Berlin 1982; Stichwort vorgeschlagen von Hans

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LexPI Bd. 2

Armbrust

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Schwarz.

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Armut

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Armut Die Armut in der Bundesrepublik nimmt zu

Anders als manche Medien uns glauben machen wol- len, werden wir Deutschen keinesfalls im Lauf der Jahre immer ärmer. Die folgende Meldung, mit dem Titel »Immer mehr Armut in reicher Republik«, steht stellvertretend für diesen weit verbreiteten Irrtum über Armut und Reichtum in unserem Land (erschienen Anfang der 90er Jahre in mehreren deutschen Tages- zeitungen):

»Die Armut wird in der reichen Bundesrepublik ein immer größeres Problem. Nach einer gestern vom

Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Pa- ritätischen Wohlfahrtsverband veröffentlichten Stu- die lebt jeder zehnte Westdeutsche an oder unter

›Noch nie lebten in der rei-

chen Bundesrepublik so viele Arme wie zur Zeit‹,

so faßte die stellvertretende DGB-Vorsitzende gestern in Düsseldorf das Ergebnis einer Studie ›Armut in Wohlstand‹ zusammen.«

der Armutsschwelle

Diese Hiobsbotschaft kommt durch einen statistischen Trick zustande – man setzt eine Zahl, die für sich al- lein genommen durchaus stimmt, nämlich den Anteil der Haushalte mit einem Einkommen unter der Hälfte des Durchschnittseinkommens, als Maßstab für die

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LexPI Bd. 1

Armut

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Armut ein – zu Unrecht, wie man sehr leicht sieht. Verdoppelt man nämlich alle Einkommen, bleiben alle Armen weiter arm. Selbst ein Verzehn- oder Ver- hundertfachen ändert an der Armut nichts – der Anteil der Haushalte unter der Hälfte des Durchschnittsein- kommens rührt sich keinen Millimeter von der Stelle. So wie der Tiefgang eines Schiffs in einer Schleuse unabhängig vom Wasserstand der Schleusenkammer sich nie ändern kann, bleibt nach obiger Definition auch die »Armutsquote« bei noch so hohen Einkom- men immer gleich. Anders als Meldungen wie oben vermuten lassen, werden die Deutschen in Wahrheit immer reicher (rein materiell und im Durchschnitt, wohlgemerkt). Das reale Einkommen aller Einkommensschichten hat in den letzten 10, 20, 30, 40 Jahren ständig zugenom- men. Zwar mag der eine oder andere heute schlechter leben, aber das sind Ausnahmen. Der typische Bun- desbürger und die typische Bundesbürgerin verfügt heute über ein rund doppelt so hohes Realeinkommen wie vor 30 Jahren, und selbst ein Arbeitsloser hat heute mehr reale Mittel zur Verfügung als ein in voll- em Lohn stehender Facharbeiter des Jahres 1960. Von einer Verarmung unserer Republik kann also trotz des einen oder anderen kurzfristigen Konjunktur- einbruchs beim besten Willen keine Rede sein. Ein Vergleich von »Armut« über Raum und Zeit

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LexPI Bd. 1

Armut

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hinweg ist sinnlos, wenn dabei der Wasserspiegel in der Schleuse alias die Armutsgrenze schwankt. In der obigen Meldung war sie bei 2000 Mark im Monat für eine vierköpfige Familie angesetzt. Hätte man statt- dessen die Grenze von 1970 verwendet (damals weni- ger als 1000 DM pro Haushalt und Monat), hätte man einen dramatischen Rückgang der Armut konstatiert. Hätte man dagegen die heute noch unbekannte Ar- mutsgrenze von 1999 angelegt, wären selbst viele heute Reiche plötzlich arm. Genau die gleichen Probleme haben wir auch bei internationalen Vergleichen. Legen wir etwa in Deutschland die gleiche Armutsgrenze wie in Indien an, sind alle Deutschen reich. Legen wir dagegen in Indien die gleiche Armutsgrenze wie in Deutschland an, sind bis auf ein paar Maharadschas alle Inder arm (obwohl sehr viele dieser »Armen« sich selbst als durchaus reich bezeichnen würden).

& Lit.:

W.

Krämer:

Frankfurt 1995.

So lügt man mit Statistik,

§ Wie hoch auch immer das Wasser in der Schleuse steigt, es bleibt stets der gleiche Teil des Schiffes unterhalb der Wasserlinie

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Ärzte 1

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Ärzte 1 Es gibt zu viele Ärzte in der Bundesrepublik

Das ist ein sogenanntes Werturteil und als solches weder zu beweisen noch zu widerlegen. Wären wir heute mit der Ärztedichte aus Kaiser Wilhelms Zeiten zufrieden, hätten wir mehr als 100000 Ärzte zuviel. Würden wir dagegen wie das englische Königshaus oder der Sultan von Brunei auf einem eigenen Arzt für jede Familie bestehen (die Finanzierung einmal aus- geklammert), dann hätten wir mehrere Millionen Ärzte zuwenig. Wie viele Ärzte wir wirklich »brau- chen«, weiß niemand auf dieser Welt – so etwas wie einen eindeutig feststellbaren »Bedarf« an Ärzten gibt es nicht. Noch viel mehr Ärzte als in Deutschland gibt es im fernen Island, wo sich, wenn wir einem Artikel in der Stuttgarter Zeitung glauben dürfen, »viele Ärzte mit nichts anderem als Daumendrehen« beschäftigen. Rund 700 Ärzte haben auf der Insel eine Praxis auf- gemacht, für je 350 Isländer und Isländerinnen einer. Das ist absoluter Weltrekord. »In den meisten Praxen wird jeder angehende Patient mit freudiger Erwartung begrüßt. Die Ärzteschwemme und die geringe Nach- frage nach medizinischer Heilkunst bedeutet für tat- sächlich krankwerdende Isländer eine optimale Ver- sorgung: Die Wartezimmer sind leer, der Doktor hat

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Ärzte 1

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viel Zeit.« Diese leeren Wartezimmer sind wohl auch der Grund, warum vor allem die Ärzte selber immer mei- nen, es gäbe ihrer viel zu viele. »Die 700 praktizie- renden Ärzte freuen sich weniger«, schreibt die Stutt- garter Zeitung. »Zehn Prozent von ihnen können nach amtlicher Schätzung nur mit öffentlicher Wohlfahrts- unterstützung leben. Einige Praktiker füllen ihre Zeit mit einem Nebenberuf aus. Einer verkauft beispiels- weise Zeitungen, und ein anderer betreibt einen noch zusätzlich berufsschädigenden Bio-Laden. Ein halbes Hundert zusätzlicher Ärzte macht sich gar nicht erst die Mühe einer Praxiseröffnung und geht vollberuf- lich einer anderen Beschäftigung nach: sie fahren als Fischer zur See, helfen in landwirtschaftlichen Betrie- ben der Eltern oder verdingen sich im mittleren Staatsdienst.«

& Lit.: H. Thorgrimson: »Zu viele Ärzte auf Is- land«, Stuttgarter Zeitung, 13.4.1987.

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Ärzte 2

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Ärzte 2 Die Ärzteschwemme muß die Kosten im Gesund- heitswesen in die Höhe treiben

Viele Sozialpolitiker in der Bundesrepublik befürch- ten, unsere gesetzliche Krankenversicherung könnte im Kielwasser der Ärzteschwemme durch die von Ärzten induzierten Folgekosten quasi leckgeschlagen werden. Denn im geltenden System verursachen mehr Ärzte auch dann mehr Kosten, wenn ihr eigenes Ges- amthonorar gedeckelt bleibt: Sie schreiben krank und überweisen ins Krankenhaus, sie vorordnen Kuren, Medikamente, Brillen, Hörgeräte, Rollstühle, und diese von niedergelassenen Ärzten veranlaßte Sekun- därwelle von Drittleistungen mitsamt den induzierten Kosten, die inzwischen die unmittelbaren Kosten der ambulanten Versorgung um das Drei- bis Vierfache übersteigen, macht vielen Verantwortlichen im Ge- sundheitswesen große Angst. Diese Angst ist aber unbegründet. Wie die Erfah- rungen mit dem Arzneibudget sehr deutlich zeigen, können Ärzte durchaus beim Verordnen sparen, wenn sie die Konsequenzen selber tragen müssen. Und wo steht geschrieben, daß jeder niedergelassene Arzt mit der Zulassung quasi automatisch auch einen Schlüssel zum Tresor der gesetzlichen Krankenversicherung er- halten muß? Genauso können wir ihm oder ihr dieses

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Ärzte 2

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Privileg auch wieder aberkennen. Nicht jeder Rechts- anwalt ist gleichzeitig auch Notar, und so könnte man auch im Gesundheitswesen die »Notarfunktion« des Kassenarztes auf besonders zuverlässige Ärzte be- schränken, die eben nicht jeden Simulanten auf Wunsch krankschreiben oder die Ressourcen der Ka- ssen durch wildes Verordnen von Drittleistungen plündern. Der befürchtete »kontraproduktive Wettbe- werb mit Gefälligkeitsleistungen« muß also durchaus nicht ewig zu Lasten der Krankenkassen gehen.

& Lit.: W. Krämer: Wir kurieren uns zu Tode, Frankfurt 1993.

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Ärztliche Leistungen

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Ärztliche Leistungen Das Leistungsgeschehen in den Praxen der nie- dergelassenen Ärzte richtet sich nach dem Befin- den und der Anzahl der Patienten

Das ist eine der teuersten Illusionen der deutschen So- zialpolitik. Sie beruht auf der Fiktion, daß zu jeder Krankheit und zu jedem Symptombild eine mehr oder weniger fest bestimmte medizinische Antwort existie- re: 40 Grad Fieber mit periodischem Schüttelfrost und Durchfall bedingt Therapie X, und diffuse Kopf- schmerzen mit morgendlicher Übelkeit erzwingen Diagnosemethode Y. Das weiß der Arzt, und genau das tut er auch. Die Wahrheit sieht aber ganz anders aus, wie jeder AOK-Geschäftsführer gerne bestätigen wird, in des- sen Bezirk ein neuer Arzt gezogen ist: Gibt es auf ein- mal zwei Ärzte statt nur einen Arzt am Ort, sinkt der Aufwand pro Arzt nicht etwa auf die Hälfte – der Aufwand pro Patient steigt vielmehr auf das Doppel- te.

Das heißt unter Ärzten »Ausweichen in die Menge«: Je weniger Patienten, desto umfangreicher die Behandlung pro Patient. Dieser Effekt ist in vielen Studien empirisch nachgewiesen.

& Lit.: Walter Krämer: »Der Markt für ambulante

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Ärztliche Leistungen

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kassenärztliche Leistungen«, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 137,1981, S. 47–61.

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Aschenputtel

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Aschenputtel Aschenputtel hatte einen Schuh aus Glas

Bekanntlich hatte Aschenputtel auf dem Heimweg vom Ball des Prinzen ihren Schuh verloren, einen Schuh aus Glas (zumindest in der angelsächsischen Version, der auch Walt Disney in seiner Zeichentrik- kverfilmung folgt; in der Grimmschen Fassung ist der Schuh aus Gold). Diesen Schuh, vom Königssohn ge- funden, müssen dann die bösen Schwestern anprobie- ren; er paßt ihnen nicht, er hat nur Platz für Aschen- puttels Mini-Füßchen, und so finden der Prinz und Aschenputtel trotz aller Hindernisse schließlich den- noch zueinander. In Wahrheit ist der Glasschuh schließlich das Kind eines Übertragungsfehlers: In den ersten französi- schen Fassungen des Märchens trug Cinderella nur Pantoffeln aus »vair« (= Pelz), das hat ein Weiterer- zähler falsch verstanden und machte daraus »verre« (= Glas).

& Lit.: zahlreiche Seiten zum Thema »Cinderella« im Internet, etwa: http://indy4.fdl.cc.mn.us//isk/

stories/cinder2.html.

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Asterix 1

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Asterix 1 Asterix und Obelix haben ihre Hosen mit Gürteln hochgehalten

Die bekannten Bilder von Asterix und Obelix in ihren Gürtelhosen sind historisch nicht korrekt: Die alten Gallier trugen keine Gürtel, sondern Hosenträger.

& Lit.: »Asterix trug keinen Gürtel«, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 2.9.1995.

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Asterix 2

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Asterix 2 Asterix und Obelix trugen Zöpfe

Die Gallier zur Zeit der römischen Besatzung schmierten ihr Haar »mit einer Art Naßgel aus Kalk- wasser ein, von dem es blonder und fettiger wurde, und kämmten es dann nach hinten.« Also keine Zöpfe.

& Lit.: »Asterix vermittelt Studenten die Historie«, Mainzer Allgemeine Zeitung, 16.9.1995.

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Asterix und Obelix

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Asterix und Obelix Asterix und Obelix aßen gerne Wildschweine und handelten mit Hinkelsteinen

Nicht alle Details in der bekannten Comic-Serie sind historisch korrekt. Daß die alten Gallier keine Gürtel, sondern Hosenträger trugen, haben wir schon in Band 1 gesagt. Inzwischen haben Historiker darauf hinge- wiesen, daß sie auch keine Wildschweine aßen und keine Hinkelsteine zugehauen haben: Wildschweine galten bei den Galliern als heilig; eines davon zu essen, wäre dem Schlachten einer Kuh in Indien gleichgekommen, und die zahlreichen heute in der Bretagne herumliegenden Hinkelsteine alias Menhire haben schon lange vor den Kelten dort gelegen.

& Lit.: R. van Royen und S. van der Vegt: Asterix – die ganze Wahrheit, München 1997; »Wild- schweine waren heilig«, Der Spiegel 11/1998.

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Atlantis

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Atlantis Atlantis hat wirklich existiert

Ein Kontinent oder eine Insel namens Atlantis hat niemals existiert. Die Sage von Atlantis ist eine reine Erfindung des griechischen Philosophen Plato, der in seiner Schrift Kritias von einem mächtigen Imperium namens Atlantis berichtet, jenseits der Säulen des Herkules (=Straße von Gibraltar), mitten im Meer und größer als Kleinasien und Nordafrika zusammen. Dessen Bewohner hätten dort lange glücklich und zu- frieden gelebt, bis ein moralischer Verfall sie über- kam und sie beschlossen hätten, die ganze Erde zu be- herrschen. Zur Strafe, so Plato, ließ der mächtige Zeus den Kontinent von einem Erdbeben erschüttern; das Land versank mit Mann und Maus im Meer. Obwohl Plato mehrfach beteuerte, dies sei eine wahre Geschichte, die er selbst von dem großen Staatsmann Solon und dieser von Priestern in Ägyp- ten wüßte (siehe dazu auch den Stichwortartikel »New York 3« über Alligatoren im Kanalsystem), kann sie so wie von Plato berichtet, nämlich 9000 Jahre vor seiner Zeit, und vom Wirken des Gottes Zeus ganz abgesehen, niemals stattgefunden haben. Denn Plato berichtet auch von Plänen der Atlanter, Athen und Griechenland zu unterjochen, und 9000 Jahre vor Plato war Athen noch eine unbewohnte

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Atlantis

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Wiese. Und auch näher gegen Platos eigene Zeit gibt es für verschwundene Riesenreiche nicht die gering- sten Anhaltspunkte. Natürlich gab es so wie heute große Katastrophen:

Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, denen blühende Gemeinwesen, wie in Kreta oder auf der Insel Santorin, zum Opfer fielen, aber hier kann man beim besten Willen nicht von Riesenreichen sprechen; außerdem fanden diese Katastrophen außer- halb des Atlantiks statt. Die Anhänger von Plato, die ihn dennoch wörtlich nehmen, verweisen darauf, daß Kontinente zuweilen in der Tat im Meer verschwanden und daß an der Stelle des heutigen Atlantik tatsächlich einstmals Land gewesen ist. Aber das war vor 200 Millionen Jahren, als Afrika, Europa und Amerika noch eine zu- sammenhängende Landmasse bildeten und lange bevor der erste Mensch auf unserem Globus aufgetre- ten ist. Und seit rund 70 Millionen Jahren, also immer noch 69 Millionen Jahre länger als die Zeit des Homo sapiens, sind die Kontinente und der Atlantik in etwa an der heutigen Stelle.

& Lit. (Auswahl): Otto Mueck: The secret of atlan- tis, New York 1978; Edwin Ramage: Atlantis, fact or fiction?, Bloomington 1978; Charles Ber- litz: Atlantis, the lost continent, New York 1984; Edgar Cayce: Das Atlantis-Geheimnis, München

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Atlantis

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1992.

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Atlas

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Atlas Atlas muß die Erdkugel tragen

Die bekannten Darstellungen mit Atlas als Träger der Erdkugel, wie sie etwa Mercator (1595) auf der Frontseite seiner Kartensammlungen benutzt, sind mythologisch inkorrekt. Nach der griechischen Über- lieferung muß Atlas als Strafe für seine Auflehnung gegen Zeus nicht die Erdkugel, sondern das Himmels- gewölbe tragen (dabei helfen ihm zwei Säulen jenseits des Horizonts im Meer, wovon das Atlasgebirge im Norden Afrikas seinen Namen hat).

& Lit.: Encyclopaedia Britannica, 15. Auflage, Chi- cago 1994.

§ Mythologisch inkorrekt: Atlas mit Erdball auf den Schultern

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Atmung

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Atmung Menschen atmen großteils durch die Haut

»Die Haut konnte nicht mehr atmen«, sagte James Bond; deshalb mußte seine Kollegin sterben. Denn Goldfinger alias Gerd Fröbe hatte Bonds Verbündete von Kopf bis Fuß vergoldet – Exitus. Zum Glück drohen diese Gefahren, durch Überzie- hen mit luftundurchlässigen Substanzen umzukom- men, nur im Kino. Anders als Würmer oder Schwäm- me atmen Menschen fast ausschließlich durch Mund und Nase, nur ein einziges Prozent des Sauerstoffs, den wir für unsere Atmung brauchen, erreicht uns durch die Haut. Damit ist zumindest atemtechnisch das Morden per Vergolden ausgeschlossen (weitere Gefahren drohen durch Überhitzung mangels Schwit- zen, aber daran stirbt man nicht).

& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's?«, Die Zeit,

8.8.1997.

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Attila

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Attila Der Hunne Attila war von furchterregender Ge- stalt (s.a. »Napoleon«)

Der wahre Attila war anders als der Attila der Comics und der Kinos eher klein und schmächtig: ein häßli- cher, rotbärtiger Zwerg mit viel zu großem Kopf, »like the little, red-bearded characters out of the Bugs Bunny cartoons« (G. Donald). Seinen Ruf als Hüne hat Attila wohl dem Nibe- lungenlied zu verdanken. »Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht haben, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt«, rief Wilhelm II. in seiner berüchtigten »Hunnenrede« dem deut- schen Expeditionskorps gegen den Boxeraufstand in China zu, »so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch Euch in einer Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.« Eigentlich wären diese markigen Worte daher ein Appell gewesen, in China mit schmächtigen rotbärti- gen Zwergen aufzutreten.

& Lit.: Chronik des 20. Jahrhunderts, Dortmund

1988.

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Attila

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§ Der gewaltige Attila war eigentlich ein Zwerg

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Aufpreis

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Aufpreis »Entweder wir packen auf ihren neuen Mazda 323 noch zwei Airbags drauf«, verspricht die Werbung eines japanischen Automobilkonzerns, »oder wir geben ihnen 1500 Mark zurück«

Die Botschaft ist: Bei uns kosten Airbags keinen Pfennig extra. Aber wer keinen will, kriegt 1500 Mark. Das ist aber ein Irrtum. Das Auto kostet mit Air- bags 33000 Mark, ohne Airbags 31500. Damit ko- sten die Airbags einen Aufpreis von 1500 Mark. Auf solche Tricks fallen nicht nur dumme deutsche Autokäufer herein. Wenn man Ärzte fragt: »Wollen Sie operieren, wenn der Patient mit 10% Wahrschein- lichkeit dabei stirbt?«, so sagen viele nein. Wenn man aber fragt: »Wollen Sie operieren, wenn der Patient mit 90% Wahrscheinlichkeit überlebt?«, so sagen die gleichen Ärzte ja.

& Lit.: Daniel Kahnemann und Amos Tverski: »Ra- tional choice and the framing of decisions«, Jour- nal of Business 1986, 251.278.

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Auftrieb

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Auftrieb Flugzeugflügel erzeugen den nötigen Auftrieb durch ihre gewölbte Oberseite

So kann man in Schulbüchern oft lesen: Die Luft, die sich an der Vorderkante des Flugzeugflügels teilt, muß sich an der Hinterkante wieder treffen, wegen der Wölbung des Flügels strömt die Luft an dessen Ober- seite schneller, sie erzeugt so den Auftrieb, der das Flugzeug daran hindert, der Einladung der Schwer- kraft nach unten nachzukommen. »Der Auftrieb wird vor allem durch den ›Sog‹ von oben hervorgerufen«, wie es in einem Physiklehrbuch für deutsche Schulen heißt. Spätestens beim Anblick eines mit dem Rücken nach unten fliegenden Flugzeugs muß man aber an dieser Erklärung zweifeln – dergleichen Kunststücke dürften dann nicht möglich sein. Und in der Tat ist der »Sog von oben« für das Fliegen reichlich uner- heblich; Flugzeuge halten sich durch die schräge Stel- lung, den sogenannten »Anstellwinkel«, nicht durch die Wölbung ihrer Flügel in der Luft. Je nach Ge- schwindigkeit des Flugzeugs drücken diese schräg ge- stellten Flügel die Luft mehr oder weniger stark nach unten und damit das Flugzeug nach oben (es sei denn, daß man den Anstellwinkel übertreibt – dann »sackt das Flugzeug durch«).

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Auftrieb

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& Lit.: O. von Höfling (Hrsg.): Lexikon der Schul- physik, Köln 1970.

§ An der Oberseite eines gewölbten Flügels strömt die Luft schneller

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Auge um Auge

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Auge um Auge Das alte Testament fordert »Auge um Auge, Zahn um Zahn«

Diese immer wieder zur Rechtfertigung aller mögli- chen Rachegelüste herangezogene Bibelstelle ist falsch übersetzt. Eine korrekte Übersetzung wäre:

»Der Schädiger muß dem Geschädigten etwas geben, das an die Stelle des Gliedes oder Organs tritt, das nicht mehr seine volle Funktion erfüllen kann« (Lapi- de). Diese Entschädigung wird von einem Richter festgesetzt, mit Rache hat das nichts zu tun. Das Wort »um« in »Auge um Auge« heißt »an Stelle von«, und in diesem Sinn, d.h. Wiedergutmachung entsprechend dem zugefügten Schaden, wird und wurde diese Bi- belstelle von den Juden stets verstanden.

& Lit.: Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig über- setzt?, Gütersloh 1989.

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August der Starke

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August der Starke August der Starke konnte Hufeisen verbiegen

August der Starke konnte vieles, aber keine Hufeisen verbiegen. Zunächst einmal ist das in der Rüstkam- mer zu Dresden ausgestellte Hufeisen, das August der Starke laut einer Urkunde des Kunstkämmerers

Tobias Beutel »

Februar 1711 im 41. Jahr Ihres Alters, voneinander gebrochen«, eben nicht verbogen, sondern durchge- brochen. Und zweitens war das Eisen auch noch prä- pariert. Nach neueren Analysen durch Hans-Joachim Eckstein von der Bergakademie Freiberg ist an der In- nenkante der Bruchfläche eine von plastischer Defor- mation herrührende Abplattung erkennbar, die von einer möglichen, vor dem Kraftakt angebrachten Kerbe stammen könnte, und auch der ungewöhnlich hohe Phosphorgehalt des Eisens spricht für Manipu- lation: Während Hufeisen aus historischen Stallfun- den maximal 0,45% Phosphor enthalten, liegt der Phosphorgehalt beim Hufeisen August des Starken weit über 1%. Derart extreme Phosphoranteile ver- mindern aber die ertragbare Nennspannung und füh- ren zu einer Bildung von sogenanntem »Grobkorn«, das das Durchbrechen erleichtert. Rechnet man dann noch die Kälte jenes 15. Februar hinzu, an dem die Heldentat stattfand, welche der Sprödigkeit des Ei-

mit Dero Eigenen Händen am 15.

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August der Starke

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sens nochmals nachgeholfen hatte, so schrumpfen die übermenschlichen Kräfte des starken August wieder auf Menschenmaß zurück.

& Lit.: Die Rüstkammer zu Dresden. Führer durch die Ausstellung im Semperbau, München 1995; Hans-Joachim Eckstein: »Ergebnis der Untersu- chung des Hufeisens aus dem Historischen Mu- seum Dresden«, unveröffentlichtes Manuskript, Freiberg 1988.

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Ausbeutung

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Ausbeutung Der reiche Norden beutet den armen Süden die- ser Erde aus (s.a. »Außenhandel«, »Dritte Welt« und »Kolonien«)

Zwar reklamieren die reichsten anderthalb Milliarden Menschen im Norden unseres Planeten ungefähr drei Viertel, die restlichen viereinhalb Milliarden Men- schen im Süden nur ein Viertel der insgesamt pro Jahr auf der Erde erzeugten Güter und Dienstleistungen, aber das alleine heißt noch nicht, daß der Norden den Süden ausbeuten muß. Denn man kann doch offenbar nur dann von Ausbeutung sprechen, wenn der Aus- beuter mehr fordert als er gibt, und davon kann im ge- genwärtigen Nord-Süd-Konflikt keine Rede sein. Die Länder der ersten Welt konsumieren nämlich nicht nur drei Viertel der Weltproduktion, sie produ- zieren auch drei Viertel, und zwar Industrie- wie Ag- rarprodukte gleichermaßen. Allein die EU könnte, wenn sie wollte, heute fast die ganze Welt ernähren; sie produziert mehr Autos und Maschinen als sie braucht, sie fördert auch die nötigen Rohstoffe wie Kohle, Düngemittel, Erdöl, Erz allein, und sie könnte – rein ökonomisch – sehr gut ohne Indien, Bangladesh und Indonesien existieren. Die Entwicklungsländer mit drei Vierteln der Welt- bevölkerung dagegen produzieren nur ein Viertel des

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Ausbeutung

34

Welt-Sozialprodukts: Asien 12 Prozent, Südamerika 7 Prozent, Afrika 4 Prozent. Die besonders armen Länder Südostasiens wie Indien, Pakistan oder Bang- ladesh erzeugen mit mehr als einer Milliarde Men- schen, fast einem Fünftel der Weltbevölkerung, sogar nur ganze 2 Prozent des Weltprodukts. Wenn diese Länder also vom großen Kuchen weniger abbekom- men, dann nicht, weil man sie um ihren Beitrag be- raubt, sondern weil sie weniger zu diesem Kuchen beitragen als andere. Würde man heute die Entwick- lungsländer des Südens und die Industrienationen des Nordens jeweils mit einem großen Zaun umgeben und jede Gruppe mit ihren Rohstoffen, ihren Menschen, ihrem Kapital, ihrem Wissen und ihrer Kultur alleine lassen – es wäre für den reichen Norden rein wirt- schaftlich gesehen kein Verlust. Der arme Süden da- gegen wäre und würde dann erst richtig arm und wäre wirtschaftlich fast völlig ruiniert.

& Lit.: Peter F. Drucker: The new realities, London 1990; Siegfried Kohlhammer: »Leben wir auf Ko- sten der Dritten Welt? Über moralische Erpres- sung und edle Seelen«, Merkur 1992, S.

876–898.

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Ausländer

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Ausländer Ausländer sind nicht mehr und nicht weniger kri- minell als Deutsche

Das kommt darauf an. Zählt man allein die Straftaten pro 100.000 deutsche bzw. ausländische Bewohner unseres Landes, so sind Ausländer weit krimineller. Jeder zehnte Tatverdächtige bei Vergewaltigung und Mord ist heute ein Asylbewerber, und viele Auslän- der, vor allem aus Ost- und Südosteuropa, reisen nur für ihre kriminellen Taten überhaupt nach Deutsch- land ein. Die folgende Tabelle des Statistischen Bun- desamtes gibt für 1996 den Prozentsatz aller Auslän- der an den von deutschen Gerichten insgesamt verur- teilten Straftätern für ausgewählte Tatbestände an:

 

Verurteilte Ausländer insgesamt

In Prozent aller Straftäter

Vergewaltigung

335

27,1%

Mord und Totschlag Sexueller Mißbrauch

270

33,2%

von Kindern Leichte und schwere

291

14,3%

Körperverletzung Diebstahl und

10.693

28,9%

Unterschlagung

48.862

29,4%

Raub und Erpressung

3.659

39,1%

Betrug

10.460

18,2%

Straftaten insgesamt

207.315

27,1%

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Ausländer

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Wenn man also berücksichtigt, daß ausländische Mit- bürger inklusive aller Asylbewerber, Touristen und Soldaten weniger als 10% der Gesamtbevölkerung ausmachen, ist ihre höhere Brutto-Kriminalitätsanfäl- ligkeit von niemandem zu bestreiten. Dieser Vorsprung bleibt auch dann bestehen, wenn man zwischen Tatverdächtigen und Verurteilten un- terscheidet (die obige Tabelle zählt nur die Straftäter, die rechtsgültig verurteilt worden sind) oder all die Straftaten wie etwa Vergehen gegen das Asylverfah- rensgesetz ausschließt, die nur von Ausländern began- gen werden können, oder wenn man berücksichtigt, daß Ausländer vermehrt in kriminalitätsanfälligen großen Städten wohnen und sich nach Alter, Einkom- men, Geschlecht und Ehestatus vermehrt in solchen Bevölkerungsgruppen aufhalten, in denen auch die Eingeborenen vermehrt zu kriminellen Taten neigen:

Wie sich durch statistische Regressionsanalysen zei- gen läßt, liegt die Kriminellenquote bei den Auslän- dern auch dann noch über der der Deutschen; in einer Studie von Horst Entorf (1998) etwa steigt die Zahl der amtlich erfaßten Straftaten unter sonst gleichen Umständen bei einer einprozentigen Erhöhung des Ausländeranteils um 0,21%.

& Lit.: Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminal- statistik, Wiesbaden (verschiedene Jahre); »Streit- fall Ausländerkriminalität«, Focus 6/1994; Horst

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Ausländer

21

Entorf: »Kriminalität und Ökonomie«, Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 116, 1996, S. 417–450; derselbe: »Socioeconomic and demographic factors of crime in Germany«, un- veröffentlichtes Manuskript, Mannheim 1998;

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Austern

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Austern Austern sind etwas für reiche Leute (s.a. »Kaviar«)

Mitte des 19. Jahrhunderts waren Austern in England so gewöhnlich, daß Charles Dickens seinen Helden Sam Weller in den »Pickwick Papers« sagen lassen konnte: »Armut und Austern sieht man nur zusam- men«.

»Das verstehe ich nicht, Sam«, sagte Mr. Pickwick. »Was ich meine«, sagte Sam, »ist: je ärmer eine Gegend, desto größer ist die Nachfrage nach Au- stern. Gucken Sie sich nur mal um – eine Austern- bude für jedes halbe Dutzend Häuser, die Straße ist voll davon. Gottverdammich, es ist doch so, wer gar nichts mehr zu essen hat, rennt aus dem Haus und stopft sich voll mit Austern.« »Stimmt«, sagte Mr. Weller Senior, »und mit Lachs ist es genau das gleiche.«

Als Dickens diese Zeilen Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, aßen die Engländer 500 Millionen Austern jährlich, genauso viel wie die Franzosen. Wegen der zunehmenden Verschmutzung der Küstengewässer im Verein mit einer nachlassenden Nachfrage kam die englische Austernfischerei dann aber zum Erliegen; als die Nachfrage wieder anstieg, fehlte das Angebot,

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Austern

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und so wurden Austern dann tatsächlich eine Speise vor allem für die reichen Leute.

& Lit.: Charles Dickens: Pickwick Papers (obiges Zitat ist von uns aus der bei Collins in London 1953 erschienenen Ausgabe, S. 309, übersetzt); R. Neild: The English, the French, and the Oyster, London 1996.

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Autobahn

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Autobahn Die deutschen Autobahnen entstanden auf Befehl von Hitler

Nach offizieller Nazi-Propaganda hatte Hitler wäh- rend seiner Haft in Landsberg 1924 die Vision, ein Netz kreuzungsfreier Straßen nur für Autos quer durchs deutsche Land zu spannen – also Autobahnen einzuführen. In Wahrheit gibt es Autobahnen schon seit 1921; damals wurde in Berlin die AVUS eingeweiht, die erste Autobahn der Welt. In Italien gibt es Autobah- nen seit 1923 (die Autostrada von Mailand Richtung Schweiz), 1926 wurde die Autobahn Köln-Düsseldorf geplant, im gleichen Jahr konstituierte sich der »Ver- ein zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte- Frankfurt-Basel« (HAFRABA), und als Hitler Reichskanzler wurde, waren quer über die ganze Re- publik und ohne sein Zutun zahlreiche Autobahnen geplant oder im Bau. Daß die meisten erst unter sei- ner Herrschaft fertig wurden, ist nicht sein Verdienst gewesen.

& Lit.: H.-J. Winkler: Legenden um Hitler, Berlin

1963.

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Autofahren 1

22

Autofahren 1 Autofahren ist die gefährlichste Art der Fortbe- wegung

Wahr ist: die Wahrscheinlichkeit, bei einer Autoreise umzukommen, ist weit größer als beim Fliegen oder bei Fahrten mit Bahn oder Bus. Aber noch gefährli- cher ist das Reisen mit der Kutsche: »Der Ausflug mit Kutsche oder Reitpferd endet jedes Jahr für rund 2000 Menschen im Krankenhaus« (Borkener Zeitung), mindestens 20 Menschen kommen dabei Jahr für Jahr ums Leben. Damit ist die Kutsche weit vor Auto, Bahn und Flugzeug das pro Passagierkilometer ge- fährlichste Verkehrsmittel der Welt.

& Lit.: »Kutschfahrt mit Risiko«, Borkener Zeitung, 8.3.1997; Stichwort vorgeschlagen von Jens Syl- vester.

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Autofahren 2

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Autofahren 2 Bezüglich Autofahren zeigen Frauen und Männer keine Unterschiede

Diese Hypothese ist politisch korrekt, aber faktisch falsch. Denn nach neueren verkehrspsychologischen Erkenntnissen fahren Frauen anders, und nicht immer besser, als die Männer. Sie verschätzen sich leichter bei Entfernungen, haben deshalb im Vergleich zu Männern größere Probleme beim Einparken, oder bie- gen, falls erforderlich, zu früh oder zu spät in Neben- straßen ab. Und auch ihr Zögern bei kritischen Vor- fahrtssituationen macht diese oft noch kritischer als sie ohnehin schon sind. Keine Unterschiede fanden die Forscher dagegen beim Kampf um Parkplätze (hier reagieren Frauen wie Männer gleichermaßen rabiat auf Konkurrenten) oder beim Lenken PS-starker Kraftfahrzeuge: Hier drücken Frauen wie Männer gleichermaßen auf die Gaspedale.

Spiegel

& Lit.:

»Zaudern

und

Zockeln«,

Der

22/1997; Frank McKenna: Driving behaviour of men and women, London 1998.

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Autos 1

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Autos 1 Autos haben die Umwelt seit jeher vor allem durch Abgase und Lärm belästigt (s.a. »Fahr- verbot 2«)

Der vor hundert Jahren mit Abstand häufigste Grund zu Klagen über Autos war der Staub. »Der Arbeiter auf dem Heimwege, das Kind auf dem Gange zur Schule, der erholungsbedürftige Wanderer, alle leiden darunter.« Der durch Autos aufgewirbelte Staub wurde als dermaßen lästig empfunden, daß man Ge- setze vorschlug, wonach Autofahrer beim Sichten von Fußgängern zwecks Staubvermeidung das Fahren ein- zustellen hätten Die »geradezu fürchterliche Staubplage, die das Auto geschaffen und die natürlich besonders auf den nicht gepflasterten Straßen an den schwach genom- men 200 trockenen Jahrestagen in die ekelhafteste Er- scheinung tritt« (aus einem Beschwerdebrief von 1910), erregte Anfang des Jahrhunderts viele Bürger weit stärker als heute der Lärm und der Gestank. »Es besteht kein Zweifel, daß die Abneigung gegen das Automobil, die sich überall geltend macht und der Ausbreitung des Motorverkehrs entgegenwirkt, in al- lererster Linie auf die Staubbelastung zurückzuführen ist« (Münchner Neueste Nachrichten). »Die Schnel- ligkeit der Motorfahrzeuge [damals maximal 20 km/h;

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Autos 1

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WK] würde weniger Zorn erregen ( Staub nicht wäre.«

)

wenn nur der

& Lit.: Münchener Neueste Nachrichten, 7.3.1910; Zeitschrift »Rauch und Staub« von 1910/11; F.-J. Brüggemeier und M. Toyka-Seid: Industrie- Natur: Lesebuch zur Geschichte der Umwelt im 19. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1995.

§ Früher Automobilist, eine Dame und einen Dackel einstaubend (gezeichnet 1896 von H. Toulouse- Lautrec

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Autos 2

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Autos 2 Erst mit den Autos fing das Chaos in den Städten an

Die größte Umweltplage in den Städten des 19. Jahr- hunderts waren die Pferde und der Pferdemist; gegen den Gestank und das Gedränge auf manchen Straßen des 19. Jahrhunderts sind moderne Großstadt-Boule- vards idyllische Parfümgeschäfte. Eine noch größere Plage als die lebenden Pferde waren allerdings die toten: Um die Jahrhundertwende verendeten auf New Yorker Straßen jährlich 15.000 Pferde, in Chicago 12.000; die Kadaver blieben oft tagelang dort liegen, wo sie hingefallen waren.

& Lit.: B. Bryson: Made in America, London 1995; Stichwort vorgeschlagen von Dietrich Groh.

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Autos 3

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Autos 3 Man darf sein Auto auf öffentlichen Straßen nur mit gültigen Kennzeichen bewegen

Dieser Irrtum hat viele Autofahrer schon viel Geld ge- kostet (Taxi zum An- und Abmelden des Autos, weil das eigene Auto mit ungültigem Nummernschild in der Garage stand). »Fahrten zur Abstempelung der Kennzeichen und Rückfahrten nach Entfernen des Stempels dürfen mit ungestempeltem Kennzeichen ausgeführt werden«, stellt § 23 der Straßenverkehrs- zulassungsordnung lapidar fest. Allerdings sollte man dabei möglichst keine priva- ten Umwege fahren; auch Einkaufen oder die Kinder an der Schule absetzen ist eigentlich verboten – die Fahrt darf nur dem einen Zweck des Abstempelns des Nummernschildes dienen.

& Lit.: H. Jagusch und P. Hentschel: Straßenver- kehrsrecht, München 1997; Stichwort vorgeschla- gen von Sascha Waßmann.

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Außenhandel 1

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Außenhandel 1 Die reichen Industrienationen schöpfen ihren Wohlstand aus dem Handel mit der Dritten Welt (s.a. »Ausbeutung«, »Dritte Welt« und »Kolonien«)

Die reichen Industrienationen handeln vor allem un- tereinander, und nicht mit der Dritten Welt, wie die folgende Tabelle des Außenhandels der Bundesrepu- blik Deutschland zeigt 1994 (nach Ursprungs- und Bestimmungsländern aufgespalten und in Millionen DM):

 

sonst.

sonst.

Entwik-

 

EU

Europa

Industriel.

klungsländer

Einfuhr aus

331866

131834

88568

71116

Ausfuhr nach

364619

151834

70078

77228

& Lit.: Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahr- buch für das Ausland, verschiedene Jahre; Fach- serie Außenhandel.

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Außenhandel 2

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Außenhandel 2 Eine positive Leistungsbilanz zeugt für die wirt- schaftliche Leistung einer Volkswirtschaft (s.a. »Export« und »Wettbewerbsfähigkeit«)

Eine positive Leistungsbilanz kann, aber muß kein Zeuge für die Leistung einer Wirtschaft sein. Diese Leistungsbilanz stellt alle in einem Rechnungsjahr an das Ausland gelieferten Güter und Dienstleistungen den aus dem Ausland importierten Gütern und Dienst- leistungen gegenüber; ist die erste Summe größer als die zweite, sprechen wir von einem Leistungsüber- schuß, ist die erste Summe kleiner als die zweite, sprechen wir von einem Leistungsdefizit. Die Bundesrepublik Deutschland erwirtschaftet in der Regel einen Leistungsüberschuß und ist darauf nicht wenig stolz. Dabei vergessen wir aber gern, daß dieser Leistungsüberschuß notwendigerweise mit einem Nettoexport von Kapital zusammengehen muß. Denn dieser Leistungsüberschuß bedeutet: Wir be- kommen vom Ausland mehr Geld für Güter und Dienstleistungen als wir diesem unsererseits für Güter und Dienstleistungen zahlen (das muß so sein, so ist ein Leistungsüberschuß gerade definiert). Und dieses Geld muß irgendwo herkommen. Die Ausländer kön- nen die DM-Bestände ihrer Zentralbanken plündern, sie können den Deutschen ausländische Aktien, Im-

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mobilien oder Firmen oder auch ihnen gehörige deut- sche Firmen oder Wertpapiere verkaufen, sie können ihre DM-Konten in Deutschland auflösen – wo auch immer sie die Gelder hernehmen, in jedem Fall wer- den die deutschen Forderungen an das Ausland netto größer. Umgekehrt bei einem Leistungsdefizit. Bei einem Leistungsdefizit bekommen wir vom Ausland für un- sere Güter und Dienstleistungen weniger Geld, als wir diesem für seine Güter und Dienstleistungen zahlen, und diese Differenz muß durch Kapitalimporte ausge- glichen werden: Wir können deutsche Wertpapiere, Immobilien, Firmen, welche Kapitalgüter auch immer an Ausländer verkaufen, ersatzweise auch unsere ei- genen Investitionen im Ausland auflösen – in jedem Fall werden unsere Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland netto größer. So gesehen trägt ein Leistungsdefizit also auch eine gute Botschaft: Das Ausland investiert bei uns, wir sind als Standort attraktiv. Je nachdem, aus welchen Quellen diese Kapitalimporte fließen, ob aus auslän- dischen Direktinvestitionen in inländische Wirt- schaftsunternehmen, ob aus Käufen inländischer Wertpapiere oder ob aus der Rückführung eigener Auslandsinvestitionen in die Heimat, können sie ein Zeichen ökonomischer Gesundheit sein. Und umgekehrt kann ein Leistungsüberschuß ge-

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nausogut auf Krankheit deuten: Das Ausland traut uns nicht, das Kapital fließt ab. So meldete etwa Mexiko über lange Jahre einen Leistungsüberschuß, aber nicht wegen der Attraktivität mexikanischer Güter und Dienstleistungen auf den Weltmärkten, sondern wegen eines tiefen Mißtrauens gegenüber der mexika- nischen Wirtschaftspolitik. Die Ausländer zogen ihre Investitionen ab, das Kapital verließ das Land, und da die Ausländer die mexikanischen Pesos nicht essen können, blieb ihnen nur übrig, davon nolens volens mexikanisch einzukaufen. Hier war der Leistungs- überschuß also nur das Abfallprodukt eines gleichzei- tigen massiven Kapitalexports. So wie es in einer Gesellschaft immer genausoviele Ehemänner wie Ehefrauen gibt, gibt es in einer Volkswirtschaft immer genauso hohe Überschüsse in der Leistungs- wie Defizite in der Kapitalbilanz (oder auch umgekehrt). Das eine ist das Spiegelbild des an- deren, und deshalb sollten alle, die sich über Über- schüsse in der einen Sparte freuen, erst einmal beden- ken, durch welche Defizite in der anderen Sparte diese Überschüsse ausgeglichen werden.

& Lit.: Peter von der Lippe: Wirtschaftsstatistik, 4. Aufl., Stuttgart 1990 (besonders Abschnitt X. 7:

Messung der internationalen Wettbewerbsfähig- keit); Paul Krugmann: »Competitiveness: A dan- gerous obsession«, Foreign Affairs, März/April

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1994, 28–44.

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B

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B

»Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt. Sie würde an Unsterblichkeit glauben, und wenn sie das Gegenteil wüßte.« Christian Friedrich Hebbel, Tagebücher

»Nichts wird so fest geglaubt wie das, was wir am wenigsten wissen.«

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Montaigne

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Babyboom

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Babyboom Neun Monate nach dem großen New Yorker Stromausfall gab es einen Babyboom

»Führt der Weg zu neuen Kunden für uns nur über Stromausfälle?« fragten die VEW in großformatigen Anzeigen im Spiegel und in der FAZ. »Die Geschich- te ist bekannt: 1977 war das sommerliche New York eine Nacht lang ohne Strom. Neun Monate später dann der große Baby-Boom und damit viele potentiel- le Neukunden.« Antwort: Der Weg zu neuen Kunden führt weder über Stromausfälle noch über Annoncen so wie diese. »Offensichtlich erregt es die Phantasie so mancher Leute, sich vorzustellen, daß ihre Zeitgenossen, wenn durch unvorhergesehene Ereignisse von ihren norma- len Tagesgeschäften abgehalten, zwangsläufig dem Sexualverkehr obliegen«, schreibt ein Demograph, der einmal den bevölkerungspolitischen Folgen sol- cher Stromausfälle nachgegangen ist. Denn weder nach dem Stromausfall von 1977 noch nach dem weit dramatischeren von 1965, sind hier Besonderheiten nachzuweisen. Am 9. November 1965 kurz nach fünf Uhr nach- mittags fiel im gesamten Nordosten der USA die Stromversorgung aus: Ein Kurzschluß nahe des Nia- gara-Kraftwerks und dadurch binnen Sekunden ausge-

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Babyboom

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löste zahlreiche weitere Kurzschlüsse im Leitungsnetz legten fast alle Kraftwerke in dieser Gegend lahm, rund 30 Millionen elektrizitätsverwöhnte Amerikaner in und um New York sind bis zu 13 Stunden ohne Licht und Strom. Aber offensichtlich haben sie diese Dunkelheit zu anderem genutzt, als was die VEW vermuten. Denn neun Monate später, im August 1966, lagen die Geburten in Stadt und Staat New York zwar geringfügig über denen des Juli und Sep- tember, aber das ist in allen Jahren so, mit oder ohne Stromausfall, und auch die absoluten Geburtenzahlen des August 1966 weichen nicht von den »normalen« Zahlen ab. Die folgende Tabelle zeigt, wie viele Kin- der in der Stadt New York vom 29. Juni bis 15. Au- gust des Jahres geboren wurden (der Zeitraum, der für die am 9. November des Vorjahres gezeugten Kinder in Frage kommt, und zwar für jedes Jahr von 1961 bis 1966). Wie wir sehen, hat sich von Ende Juni bis Mitte August des Jahres 1966 nichts Besonderes er- eignet (für diejenigen, die glauben, daß von Empfäng- nis bis Geburt exakt neun Monate verstreichen, ist auch noch die Geburtenzahl des 9. August mit ange- geben):

Geburten in New York vom 29. Juni bis 16. August

Insgesamt

1961

23471

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Anteil an den Geburten des jeweiligen Jahres

13,9%

Geburten am 9. August

475

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Babyboom

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1962

22883

13,9%

497

1963

23324

13,9%

431

1964

23030

13,9%

406

1965

22491

14,1%

468

1966

21364

13,9%

431

& Lit.: Martin Tolchin: »Births up nine months after blackout«, New York Times, 10.8.1966; J. Ri- chard Udry: »The effect of the great blackout of 1965 on births in New York City«, Demography 7, 1970, S. 325–327; »The great northeast black- out of 1965«, über die Internet-Adresse. Stich- wort beigetragen von H. van Maanen.

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Backfisch

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Backfisch Backfisch kommt von Backen

Ein Backfisch ist ein Fisch, der, weil zu klein und mager, ins Wasser zurückgeworfen wird (»back« = zurück). Deshalb wurden vor der modernen Englisch- Welle junge Mädchen häufig »Backfische« genannt.

& Lit.: Kurt Krüger-Lorenzen: Deutsche Redensar- ten – und was dahinter steckt, Wiesbaden 1960.

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Badewanne

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Badewanne Der Dreckrand an der Badewanne kommt von unserem Dreck

Der ärgerliche Dreckrand, der oft nach einem Wan- nenbad die Badewanne kränzt, hat mit unserer körper- lichen Reinlichkeit nicht unbedingt zu tun; er wäre auch dann vorhanden, wenn wir ohne jeden Schmutz am Körper in das Badewasser steigen würden. Vor- aussetzung ist Seife und »hartes«, mineralstoffreiches Badewasser. Dann verbinden sich die Seifenmoleküle mit den Mineralien zu unlöslichen, wachsartigen wei- ßen Klumpen, die auch dann den bekannten Ring am Rand der Wanne bilden würden, wenn wir selber völ- lig sauber wären.

& Lit.: Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche Fragen, München 1998.

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Bakterien

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Bakterien Bakterien sind ungesund

Anders als in der Waschmittelreklame sind durchaus nicht alle Bakterien kleine Teufel. Die meisten Bakte- rien sind harmlos, viele sogar äußerst nützlich: Bakte- rien helfen bei der Produktion von Wein und Bier (Hefe), von Buttermilch und Sauerkraut, von Yoghurt, Käse, Sauerteig, sie erzeugen in unseren Ge- därmen Vitamine (etwa die Vitamine B2 und K), in unserem Garten Humus, sie reinigen Abwässer, die- nen als Katalysator für komplizierte Synthesen in der Chemie, »veredeln« Erdöl, Erdgas oder Zellulose, und lassen aus Gras und Blättern im Magen von Kühen Zucker werden. (Nur weil wir Menschen diese nützli- chen Bakterien nicht in unseren Gedärmen tragen, können wir, anders als viele Pflanzenfresser, nur von Gras nicht überleben.) Würden heute alle Bakterien auf der Erde ausgerottet, würde das meiste andere Leben mit ihnen zugrunde gehen. Nur wenige Bakterienarten, wie die bekannten Er- reger des Typhus oder der Cholera, sind wirklich schädlich.

& Lit.: D.G. Mackean: Einführung in die Biologie, Reinbek 1970; Hans G. Schlegel: Allgemeine Mi- krobiologie, 7. Aufl., Stuttgart 1992.

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Banken

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Banken Das Bankgewerbe ist eine vom Aussterben be- drohte Industrie

So lautet eine moderne, von Finanzwirtschaftlern hef- tig diskutierte These: Weil immer mehr Geldgeber ihre Mittel ohne den Umweg über die Banken direkt den Firmen gäben, die Geld brauchten, würden Ban- ken überflüssig. Der Weg des Geldes von den letzt- endlichen Gläubigern zu den letztendlichen Schuld- nern ginge immer öfter an den Banken vorbei (Firmen geben Aktien aus oder leihen sich die benötigten Mit- tel an der Börse), so daß die traditionelle Mittlerfunk- tion der Banken obsolet zu werden drohe. Sieht man sich die Finanzverflechtungen moderner Volkswirtschaften aber näher an, kann von einem Verschwinden der Banken keine Rede sein: Die ge- samten Verbindlichkeiten des Nichtbankensektors ge- genüber Banken und anderen Finanzintermediären (Versicherungen, Bausparkassen usw.) und spiegel- bildlich auch die gesamten Forderungen der Unterneh- men und Haushalte gegen Banken und Versicherun- gen sind heute mit 60 bis 70 Prozent, gemessen an allen ausstehenden Forderungen und Verbindlichkeit- en in der Volkswirtschaft, nicht kleiner als vor zehn oder zwanzig Jahren. Von einigen Ausnahmeländern wie Frankreich abgesehen, wo die Banken wegen no-

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Banken

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torischer Ineffizienz zunehmend umgangen werden, kann von einer sog. »disintermediation«, einem Aus- schalten des Finanzsektors bei dem Verknüpfen von Gläubigern und Schuldnern, keine Rede sein. Die Fäden mögen heute vielleicht anders aussehen und heißen wie zu Zeiten des alten Rothschild (etwa Fondsbeteiligungen statt Sparbücher und Sichteinla- gen), aber genauso wie früher sitzen die Banken wie die Spinne in der Mitte.

& Lit.: Reinhard H. Schmidt, Andreas Hackethal und Marcel Tyrell: »Disintermediation and the role of banks in Europe: an international compari- son«, Vortrag auf dem Symposium »The design of financial systems and markets«, Amsterdam 1998.

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Barras

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Barras

Dieser Ausdruck für das Militär wird oft, aber falsch, von dem französischen Grafen Barras (1755–1829) abgeleitet. Während der französischen Besetzung An- fang des 19. Jahrhunderts, so diese Erklärung, hätten die Truppen Napoleons mit Plakaten um Freiwillige geworben, und diese Aufrufe wären mit dem Namen des Chefintendanten des Heeres, Barras, unterzeichnet gewesen. Ergo der Spruch: Ich gehe zum Barras. In Wahrheit hatte sich der Graf von Barras schon 1799, also einige Jahre vor den fraglichen Ereignis- sen, aus dem politischen Leben Frankreichs zurük- kgezogen. Er war zwar zu seiner aktiven Zeit auch mit der Aushebung von Truppen befaßt gewesen, aber nur in Frankreich selbst, und die oben zitierten Aufru- fe in Deutschland hat er niemals unterschrieben. Vermutlich kommt der Ausdruck »beim Barras« aber dennoch aus Frankreich, wenn auch anders:

durch das Wort »embaras« (Verlegenheit, mißliche Sache). Nach dem Ersten Weltkrieg bezeichneten viele im Rheinland stationierte französische Soldaten das Militär als »embaras«, und dieser Ausdruck könnte dann unter Weglassen der ersten Silbe von dort auch in die deutsche Umgangssprache eingegan- gen sein.

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Barras

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& Lit.:

Fritz

C.

Müller:

Wer

steckt

dahinter?

Namen, die Begriffe wurden, Eltville 1964.

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Baseball

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Baseball Die »World Series« der amerikanischen Baseball- Liga heißt so, weil sie als Weltmeisterschaft ge- wertet wird

Viele Beobachter der USA sehen in dem Namen »World Series« für die Endrunde der lokalen Base- ballmeisterschaften ein weiteres Zeichen für den be- kannten US-amerikanischen Chauvinismus und Autis- mus. Aber diesmal tun sie den Amerikanern Un- recht – die »World Series« hat ihren Namen von einem der ersten Finanziers dieser Veranstaltung, der Zeitung New York World.

& Lit.: B. Arp: »World champions«, Leserbrief im Economist, 16.11.1996.

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Bastille

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Bastille Die Bastille wurde von der Pariser Bevölkerung erstürmt

Anders als wir in der Schule lernen, wurde die Bastil- le nie erstürmt; sie wurde friedlich übergeben. Streng genommen müßte also der französische Nationalfeier- tag am 14. Juli nicht den Sturm auf die Bastille, son- dern die Übergabe der Bastille feiern. Aber derart un- spektakuläre Taten taugen schlecht für nationale Fei- ertage, und so wird es wohl auf ewig beim Sturm auf die Bastille bleiben Die offizielle Geschichtsbuchfassung der Ereignis- se ist so: Am 14. Juli 1789 ziehen einige tausend Pa- riser demonstrierend zur Bastille, jene berüchtigte Zwingburg des Königs mitten in Paris, um gegen einen befürchteten Staatsstreich ihres Königs Ludwig und gegen die Entlassung des beliebten Finanzmini- sters Necker zu protestieren; aus der Festung werden sie mit Kanonen und Musketen unter Feuer genom- men, deshalb erstürmen sie heldenmutig dieses ver- haßte Symbol des Feudalismus, unter großen Op- fern – in einschlägigen Berichten ist von hundert Toten und ebensovielen Verwundeten die Rede – und gegen den erbitterten Widerstand der Verteidiger; sie befreien die in den Kerkern der Bastille schmachten- den Gefangenen und läuten so das Ende des Despotis-

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Bastille

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mus und eine bessere Zukunft für die Menschheit ein. In Wahrheit hat sich aber alles anders zugetragen. Erstens war die Bastille keine finstere Zwingburg, eher ein Luxusgefängnis für noble Scheckbetrüger und andere zwielichtige Blaublüter wie den Marquis de Sade, die dort ihre Diener und nicht selten sogar freien Ausgang hatten. Die wenigen Gefangenen – am 14. Juli 1789 keine zehn Personen – lebten innerhalb ihrer Mauern vermutlich besser als die meisten Pari- ser außerhalb; es soll sogar vorgekommen sein, wenn wir Gerhard Prause glauben dürfen, dem wir mit die- ser Darstellung folgen, daß Häftlinge darum baten, noch etwas länger bleiben zu dürfen. Die »Wach- mannschaft« bestand aus ein paar Dutzend Invaliden. Zweitens wollte der Pariser Mob, der sich am 14. Juli 1789 gegen die Bastille wälzte, nicht für oder gegen irgend etwas demonstrieren, geschweige denn diese obsolete Halbruine mit Gewalt erstürmen; man will ein paar Kanonen konfiszieren, die in einem Schuppen neben der Bastille lagern. Jedoch hatte Ba- stille-Kommandant de Launey diese Kanonen einen Tag zuvor in die Bastille selber überführen lassen, und so sendet man eine Delegation zu de Launey, um zu erkunden, was dieser denn zu tun gedenke. »Nichts,« sagt de Launey in etwa sinngemäß. Er könne den Parisern zwar keine Waffen geben, werde aber auch nicht auf sie schießen, wenn er nicht ange-

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griffen würde. Diese Antwort übermitteln die Dele- gierten in das Rathaus von Paris. Währenddessen tun ihre vor der Bastille zurük- kgebliebenen Genossen aber genau das: Sie fangen an zu schießen. Ob aus Langeweile oder Übermut – sie dringen in einen Vorhof der Bastille ein und schießen auf die Invaliden der Besatzung. Die Invaliden schie- ßen zurück, die Angreifer weichen, überrascht ob die- ses Widerstandes, und da sie diese Schüsse als Bruch der Abmachung betrachten, marschieren sie voller Zorn zum Rathaus, die Stadtregierung zum Erstürmen aufzufordern. Diese versucht erst einmal zu verhandeln: Eine neue Delegation wird losgeschickt, von der Bastille- Besatzung auch freundlich aufgenommen, die über diesen Ausweg mehr als glücklich ist: Man werde die Festung übergeben, vorausgesetzt, die Deputierten seien wirklich Abgesandte der Stadtregierung von Paris. Diese Frage bleibt aber ohne Antwort; aus bis heute ungeklärten Gründen bleiben die Deputierten im Vorhof der Bastille stehen und weichen dann sogar zurück. Sie selber sagten später, man habe auf sie ge- schossen, aber vermutlich hatten sie nur Angst ge- habt. Denn die Schießerei ging erst nach ihrem Rük- kzug los, als die zahlreichen Begleiter der Delegierten weiter vordringen und sich nicht um die Warnungen

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der Besatzung scheren. Die Besatzung warnt noch- mals, die Menge dringt nochmals weiter vor, die Be- satzung schießt, die Menge, minus einige Tote und Verwundete, weicht zum zweiten Mal zurück, dabei die Küchen, Ställe und Wagenschuppen außerhalb der eigentlichen Festung plündernd. Um diese Verwüstung aufzuhalten, gibt die Besat- zung einen ersten und einzigen Schuß mit einer Kano- ne auf die Marodeure ab. Dafür wird sie nun selber mit Kanonen beschossen. Denn inzwischen hat der Wäschereibesitzer Hulin zwei vor dem Rathaus stationierte Garde-Kompanien überredet, mit ihm vor die Bastille zu ziehen und diese sturmreif zu schießen. Aber dazu kommt es nicht – vorher hißt Kommandant de Launey die weiße Fahne, zunächst als Signal seiner Verhandlungsbe- reitschaft, dann aber, als Hulin ihm freien Abzug zu- sichert, zum Zeichen der endgültigen Kapitulation. Die Invaliden erklären sich bereit, die Bastille zu übergeben – dieses Faktum ist historisch, daran ist nicht zu rütteln. Die Tore werden geöffnet, die Besat- zung versammelt sich ohne Waffen zur Übergabe auf dem Hof, die Bastille ist kampflos aufgegeben. Das war nachmittags gegen 5 Uhr. Bis dahin hatte es kaum ein Dutzend Tote gegeben – für die damalige Zeit ein eher ruhiger Nachmittag. Hulin und der Kom- mandant der Gardekompanien, die als erste die Bastil-

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Bastille

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le betreten, nehmen die Kapitulation entgegen, bzw. wollen sie entgegennehmen, denn hinter ihnen dringt ein auf Plündern und Lynchen versessener Mob in die Bastille ein, von den regulären Gardekompanien nur unzulänglich aufgehalten: de Launey und mehrere In- validen werden umgebracht, und nachdem alles nicht Niet-und Nagelfeste demoliert bzw. weggetragen ist, zieht die Menge triumphierend durch Paris, de Lau- neys Kopf auf einer Stange vorneweg. So endete der 14. Juli 1789, kein Tag, auf den man unbedingt besonders stolz sein müßte.

& Lit.: Friedrich Kircheisen: Die Bastille, Berlin 1927; Georges Pernoud und Sabine Flaissier (Hrsg.): Die Französische Revolution in Augen- zeugenberichten, Düsseldorf 1962; Gerhard Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht, Düs- seldorf 1986 (besonders das Kapitel »Der Sturm auf die Bastille fand nicht statt«).

§ Eigentlich war alles anders

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Bauchredner

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Bauchredner Ein Bauchredner redet mit dem Bauch

Ein Bauchredner redet eigentlich ganz normal. Durch das Zusammenziehen der Gaumenbögen, das Zurük- kziehen der Zunge und durch das Verengen des Kehl- kopfeinganges kann er aber so die Resonanz der Stimme mindern, daß der Mund sich nicht bewegt und seine Stimme aus dem Bauch zu kommen scheint. Solche Bauchredner gab es schon im alten Griechen- land (Engastrimanten = Bauchwahrsager).

& Lit.: Stichwortartikel »Bauchreden« in Meyers Großes Taschenlexikon, Mannheim 1992.

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Bauhaus

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Bauhaus Das Bauhaus war eine international einflußreiche Architektenschule

Die als »Bauhaus« bekannte »Schule für gestaltendes Handwerk, Architektur und bildende Künste«, 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, 1925 nach Dessau umgezogen und 1933 aufgelöst, ist vor allem eine Medienblase; die architektonischen und erst recht die politischen Leistungen ihrer Hauptfiguren Gropi- us und Mies van der Rohe gelten unter Fachleuten als weniger bedeutend. Nach Paul Betts ist die große öffentliche Anerken- nung für die Bauhaus-Architekten in erster Linie ein Produkt des Kalten Krieges: Es galt, die Deutschen fest im Westen zu verankern, es mußte auf Teufel komm raus ein Bindeglied zwischen Deutschland und Amerika geschaffen werden. Und dafür schien das Bauhaus gut geeignet: Seine Gründer waren vor den Nazis nach Amerika geflohen und damit beiderseits des Ozeans als Botschafter des guten Willens akzep- tabel – eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich beide Seiten gern verständigten. Dafür war man gern bereit, die zahlreichen Schwachstellen der Bauhaus-Leute – ihre »unerträgliche Phraseologie«, ihr »Versagen im Technischen« (Schwarz), die »of- fensichtliche Hybris ihrer herausragenden Figuren«

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Bauhaus

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(Betts) – taktvoll schweigend zu erdulden. Anders als die Politik und die Medien haben die in- ternationalen Architekturexperten das Bauhaus und die Bauhaus-Ideologie schon lange vor dem Ende des Kalten Krieges als »niederdrückend«, »unmensch- lich« und »kalt« (Betts) empfunden.

& Lit.: R. Schwarz: »Bilde Künstler, rede nicht«, Baukunst und Werk, Januar 1953; Tom Wolfe:

From Bauhaus to our house, New York 1981; P. Betts: »Die Bauhaus-Legende. Amerikanisch- Deutsches Joint Venture des Kalten Krieges«, in:

A. Lüdtke u.a. (Hrsg.): Amerikanisierung: Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhun- derts, Stuttgart 1996, S. 270–290.

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Beamte

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Beamte Beamte müssen nichts für ihre Renten und Pensi- onen zahlen

Deutsche Beamte genießen viele unverdiente Privile- gien (warum z.B. müssen Hochschullehrer Beamte und unkündbar sein?), aber die angeblich kostenlose Alterssicherung gehört nicht dazu. Diese Versorgung ist nämlich alles andere als ko- stenlos. Das wird jeder Hochschullehrer merken, wenn er oder sie einmal ein Angebot auf eine Profes- sur im Ausland hat; dann muß er sich von seinem Dienstherrn nämlich sagen lassen: »Was wollen Sie denn, das Gehalt in X ist überhaupt nicht höher als bei uns in Deutschland, inklusive unserer Beiträge zu Ihrer Altersversorgung verdienen Sie hier genausoviel wie da.« Mit anderen Worten, bei dem Verhandeln von Gehältern wird ganz selbstverständlich der Staatsbeitrag zur Altersversorgung als Teil des Ein- kommens des Staatsdieners betrachtet. Daß dann der Staat als der Arbeitgeber der Beam- ten diese Gelder, statt sie wie andere Arbeitgeber an die Rentenversicherung zu überweisen, erst einmal anderweitig ausgibt, sollte man nicht den Beamten in die Schuhe schieben.

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Beitragsfreie Mitversicherung

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Beitragsfreie Mitversicherung Die beitragsfreie Mitversicherung ist ein Instru- ment der Familienlastenausgleichs-Politik

Die deutschen Krankenversicherungen geben pro Jahr mehr als 50 Milliarden Mark für Patienten aus, die keinen Pfennig Beitrag zahlen: die Kinder, Frauen oder Männer von zahlenden Mitgliedern, die selber kein eigenes Einkommen haben und deshalb ohne Beitrag mitversichert sind. Viele Kritiker unseres Sozialsystems sehen dadurch die Gesetzliche Krankenversicherung mißbraucht:

Wenn man schon kinderreichen Familien oder Ehen mit nur einem Geldverdiener helfen wolle, dann bitte doch direkt und ohne die Krankenversicherung vor den Karren dieses durchaus ehrenwerten Zieles zu spannen. Nach einem Vorschlag des Sachverständi- genrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheits- wesen z.B. sollten beitragsfrei mitversicherte Ehepart- ner von »regulären« Mitgliedern künftig einen »Son- derbeitrag« zahlen. In Wahrheit hat die beitragsfreie Mitversicherung von Familienangehörigen für sich allein genommen mit Lastenausgleich nichts zu tun. Denn diese Men- schen würden auch ohne diese familiäre Bindung kei- nen Beitrag zahlen; der Status des Angehörigen eines regulären Mitglieds ist für die Beitragspflichten eines

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Beitragsfreie Mitversicherung

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Bundesbürgers ohne eigenes Einkommen völlig uner- heblich: Bei Arbeitslosen zahlt die Bundesanstalt für Arbeit, bei Sozialhilfeempfängern zahlt das Sozial- amt, zumindest für Pflichtversicherte hat der Tatbe- stand der Ehe mit einem regulären Krankenkassenmit- glied keine Konsequenzen für die Beitragszahlung: so oder so wird nichts gezahlt.

& Lit.: Friedrich Breyer: »›Beitragsfreie Mitversi- cherung‹ und ›Familienlastenausgleich‹ in der GKV: ein populärer Irrtum«, Konjunkturpolitik 43, 1997, S. 213–223.

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Beleidigen

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Beleidigen Man darf seine Mitmenschen nicht ungestraft be- leidigen

Doch, man darf. Die Frage ist nur wen und wie, und ab und zu auch wo. Teuer und strafbar ist auf jeden Fall das Beleidigen von Amtspersonen. Rund 200 Mark kostet eine »dienstgeile Politesse«, rund 2000 Mark eine »blöde Sau«, sofern die »blöde Sau« beamtet ist. Auch gegen Gerichtsvollzieher, Richter, Staatsanwälte oder den Bundespräsidenten sollte man sich solche Kraftausdrücke besser nicht erlauben. Anders dagegen im nichtamtlichen Sprachverkehr – hier führen Klagen selten zum Erfolg. Den meisten Klägern geht es wie der Dame aus dem Hannoveraner Kaffeekränzchen, die aufgrund einer »vertrockneten Zimtziege« den Staatsanwalt bemühte. »Denn bei der Staatsanwaltschaft war man der Meinung«, so lesen wir in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, »daß ›vertrocknete Zimtziege‹, im privaten Kreis von sich gegeben, keine öffentliches Interesse berühre und nicht als Beleidigung im Sinne des Gesetzes angese- hen werden könne.« Wenn der Staatsanwalt ein Delikt nicht von Amts wegen verfolgt, bleibt nur noch eine Privatklage, und die kostet Geld. Außerdem landen die Kontrahenten,

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Beleidigen

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um einen kostspieligen Prozeß zu vermeiden, erst ein- mal vor einer Sühnestelle (je nach Bundesland ein Schiedsgericht, eine öffentliche Rechtsauskunftstelle oder die Gemeindeverwaltung), und kommt es wirk- lich zu einem Prozeß, endet dieser oft in einem Ver- gleich, bei dem der Kläger selbst noch einen Teil der Kosten zahlen muß.

& Lit.: Michael Scheele und Reinhard Wetter: Rat- geber Recht, München 1990.

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Bergisches Land

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Bergisches Land Das Bergische Land ist bergig

Das Bergische Land hat seinen Namen von den Gra- fen von Berg (Stammsitz Düsseldorf, früher Burg an der Wupper und Altenberg im Sauerland).

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Bernhardiner

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Bernhardiner Bernhardiner bringen Alkohol zu verschütteten Alpinisten

Die bekannten Szenen mit den Bernhardinerhunden und den Branntweinfäßchen sind von Witzblattzeich- nern frei erfunden. Wahr ist, daß Bernhardinerhunde seit 1760 den Mönchen des Hospizes auf der Paßhöhe des Großen St. Bernhard bei der Rettung verirrter oder verschütteter Reisender halfen (einer von ihnen, ein Bernhardiner namens Barry, der einmal ein halb erfrorenes Kleinkind aus einer Schneewehe zerrte und ins Hospiz transportierte und insgesamt mehr als 40 Menschen vor dem Erfrieren rettete, hat am Eingang des Tierfriedhofs von Asnières bei Paris ein Denkmal erhalten; sein ausgestopfter Körper kann im Naturhi- storischen Museum von Bern bewundert werden). Aber am Hals haben diese Rettungshunde allenfalls ein Sanitätspäckchen und niemals eine Flasche Schnaps getragen.

& Lit.:

dogs.html.

§ Grosser St. Bernhard, Hospiz mit dem See, Bern- hardiner.

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Besiedelung Amerikas

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Besiedelung Amerikas Amerika wurde vor rund 12.000 Jahren von Norden über die Beringstraße besiedelt

Diese lange allgemein geglaubte These gilt inzwi- schen als erschüttert: Aufgrund von Höhlenfunden in Chile und Brasilien verdichten sich Indizien, daß schon viel früher Menschen nach Amerika gekommen waren. Vermutlich waren diese Reisen nicht geplant. So wie noch heute immer wieder von Stürmen abgetrie- bene afrikanische Fischer an den Küsten Südamerikas gefunden werden, haben auf See versprengte Afrika- ner und vielleicht auch Polynesier schon vor mehr als 20.000 Jahren in Amerika eine neue Heimat gefun- den: Die über 12.000 Jahre alten Knochenfunde und Höhlenmalereien im chilenischen Monte Verde oder die fast genauso alten Werkzeuge und Waffen, die in den letzten Jahren im brasilianischen Nationalpark Serra da Capivara aufgefunden wurden, können un- möglich von den Großwildjägern stammen, die zur gleichen Zeit, aber mehrere Tausend Kilometer weiter nördlich, aus Asien durch Alaska südwärts zogen.

& Lit.: »Der erste Amerikaner«, Focus 40/1997.

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Bestseller

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Bestseller Bestseller kommen auf die Bestsellerliste

Nicht alle Bestseller kommen auf die Bestsellerliste. Die Spiegel-Bestsellerliste z.B., die Mutter aller sol- cher Bücherlisten, läßt längst nicht alle Bücher auf ihr Treppchen. Der »Neue Duden« etwa, das meistver- kaufte Sachbuch des Jahres 1996, war niemals in der Spiegel-Liste aufzufinden. Die Spiegel-Liste gründet sich auf eine Stichprobe von 280 deutschen Sortiments-Buchhändlern (von insgesamt über 1500 in der Bundesrepublik, die einen Umsatz von mehr als einer halben Million DM pro Jahr erzielen); diese melden jeden Donnerstag ihre 15 in der Woche bestverkauften Titel an die Zeitschrift Buchreport: Der bestverkaufte Titel erhält 15 Punkte, der zweitbeste 14 Punkte usw.; diese Punkte werden aufaddiert, wer dann die meisten Punkte hat, ist auf der Spiegel-Liste Nr. 1. Diese Rechnung hat aber ein paar Haken. Z.B. werden die Umsätze des größten deutschen Buch- händlers überhaupt, nämlich des Kaufhauses Kar- stadt, überhaupt nicht mitgezählt (Kaufhäuser und Großmärkte bleiben in der Spiegel-Liste außen vor), genauso wie Bücher, die über Buchklubs wie Bertels- mann und Büchergilde Gutenberg vertrieben werden; auch deren Verkaufszahlen fließen nicht in die Spie-

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Bestseller

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gel-Liste ein. Und nicht gezählt werden schließlich alle Bücher, die nicht auf der Spiegel-Vorschlagsliste stehen. Lexika und Lehrbücher z.B., aber auch Koch- bücher oder die Bibel, kommen niemals auf die rund 75 Titel lange Spiegel-Vorschlagsliste, aus der die Buchhändler dann ihre 15 Besten wählen dürfen. (Ein Grenzfall ist das »Lexikon der populären Irrtümer«; dem Vernehmen nach hatte der erste Band, der über mehr als 70 Wochen die Spiegel-Sachbuchliste schmückte, vor seinem Einzug in die Vorschlagsliste

einige Debatten auszuhalten

)

& Lit.: »Von Woche zu Woche: Bestsellerliste«, Buchreport 40/1988.

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Bethlehem

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Bethlehem Jesus wurde in Bethlehem geboren

Jesus Christus wurde nach Meinung fast aller moder- nen Bibelforscher in Nazareth geboren; die These der Evangelisten Lukas und Johannes, Jesus sei in Beth- lehem zur Welt gekommen, sei eher als Versuch zu werten, die Geburt des Messias dorthin zu verlegen,

wo sie nach dem Willen des Alten Testamentes statt- zufinden hatte: in die Stadt Davids, in die Stadt, wo David geboren und zum König wurde: »Aber du, Bethlehem-Ephratha, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird hervorgehen, der über Israel herrschen

Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der

Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes.« (Micha 5,1–3). Also schreibt Lukas: »So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, denn er war aus dem Haus und dem Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.« Aber außer dieser einen einzigen Be- gründung – »er war aus dem Haus und dem Ge- schlecht Davids« – hat Lukas und haben andere frühe Kirchenmänner keine weiteren Indizien für diese Reise vorzuweisen, so daß man diese wie auch Ma- rias Niederkunft in Bethlehem als Fiktion und als

soll (

).

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Bethlehem

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Versuch bewerten sollte, das Alte und das Neue Te- stament nachträglich besser aufeinander abzustim- men.

& Lit.: Die Bibel – Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980; Stichwort »Bethlehem (Jordan)« in der MS Microsoft Enzyklopädie Encarta, 1994; Hans Josef Miller: »Abschied von Bethlehem?«, Katho- lisches Sonntagsblatt 50/1996, S. 20.

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Beton

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Beton Erst seit der Neuzeit baut man mit Beton

Schon die Römer bauten mit Beton. Dieses aus Ze-

ment und Wasser und sogenannten Zuschlagstoffen (Kies, Schotter, Split) hergestellte Kunstgestein, das anders als normaler Mörtel auch unter Wasser abbin- det, diente schon im alten Rom den Architekten:

Brückenpfeiler, Aquädukte, Hafenmauern, auch Ba- dewannen wuchsen aus Beton, wobei auch schon die Schalentechnik des 20. Jahrhunderts angewendet wurde (im Keller der Kaiserthermen in Trier sieht man noch heute die Abdrücke der Bretter). »Es gibt eine Erdart, die von Natur wunderbare Er- gebnisse hervorbringt«, schreibt der römische Militär- techniker und Architekt Vitruv einige Jahre vor Chri- sti Geburt. »Sie steht im Gebiet von Baiae und der Städte, die rund um den Vesuv liegen. Mit Kalk und Bruchstein gemischt, gibt sie nicht nur den übrigen Bauwerken Festigkeit, sondern auch Dämme werden, wenn sie damit im Meer gebaut werden, unter Wasser

fest

« Diese Vulkanerde von den Füßen des Vesuvs, mit Kalk, Sand, Kiesel und Bruchgestein vermischt, ent- spricht in allen wesentlichen Eigenschaften dem heu- tigen Beton.

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Beton

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& Lit.: J. Zahn: Nichts Neues mehr seit Babylon, Hamburg 1959; G. Prause: Tratschkes Lexikon für Besserwisser, München 1986; Stichwort »Beton« in der Brockhaus Enzyklopädie, Wiesba- den 1990.

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Bett

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Bett Jesus sagte: »Steh auf, nimm dein Bett und geh!«

Das Jesus-Wort zu einem Kranken am See Bethesda:

»Steh auf, nimm dein Bett und geh!« ist vermutlich falsch übersetzt und muß richtig heißen: »Steh auf, nimm deinen Stock und geh!«; das hebräische »matte« für Stock wurde wohl mit »mitta« für Bett verwechselt.

& Lit.: Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig über- setzt?, Gütersloh 1989; Eckhard Henscheid, Ger- hard Henschel und Brigitte Kronauer: Kulturge- schichte der Mißverständnisse, Stuttgart 1997 (besonders der Abschnitt »Gott und die Bibel«).

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Bevölkerungsexplosion

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Bevölkerungsexplosion Die Bevölkerungsexplosion ist nur durch freien Zugang zu Verhütungsmitteln abzubremsen (s.a. »Geburten«)

Es ist nicht wahr, wie viele heute glauben, daß man nur den Menschen Pillen und Kondome geben müßte, um das Gespenst der Übervölkerung zu bannen. Denn die Menschen sind längst nicht so dumm und ungeschickt, wie manche Demographen denken; sie haben schon immer und lange vor der Pille Mittel und Wege gefunden, die Zahl der Kinder ihren Wünschen anzupassen. Deshalb bremsen wir die Bevölkerungsexplosion auch nicht mit UN-Bürokraten, die wie im Karneval Pillen und Kondome werfend durch Entwicklungslän- der ziehen; die beste Bremse ist eine andere Einstel- lung in den Köpfen der Menschen, eine Abkehr von der vor allem in der Dritten Welt noch sehr verbreite- ten Vorstellung, daß ein sicheres und menschenwürdi- ges Leben nur mit vielen Kindern möglich sei.

& Lit.: »Population misconceptions«, The Econo- mist, 28.5.1994, S. 93–94.

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Bibel

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Bibel In der Bibel sind verborgene Botschaften enthal- ten (s.a. »Nostradamus«)

So behauptet Michael Drosnin in seinem Bestseller »Der Bibel-Code«; demnach sind in der Bibel – ge- nauer: in den fünf Büchern Mose – codierte Progno- sen der Judenvernichtung, der Präsidentschaft Clin- tons oder der Ermordung Itzhak Rabins sowie fast aller anderen Großereignisse und Katastrophen des 20. Jahrhunderts aufzufinden: »Jedes große Ereignis steht im Buch der Bücher« (Bild-Zeitung). In Wahrheit kann man mit der Methode Drosnin in jedem hinreichend langen Text jede beliebige Bot- schaft finden – man muß nur geduldig suchen. Ob die Bibel oder das Bürgerliche Gesetzbuch, ob das Nibe- lungenlied oder ein Zufallstext auf einer Schreibma- schine – ist der Text nur lang genug, findet man darin jede Botschaft, die man will. Dazu haben wir einmal unseren Computer ange- wiesen, vierhundert Buchstaben zufällig und unab- hängig voneinander auszudrucken, mit Wahrschein- lichkeiten entsprechend den Häufigkeiten in der deut- schen Sprache, und wie wir anhand des unten abge- druckten Sprachsalates sehen, können wir in dem Er- gebnis durchaus die eine oder andere Bedeutung wie- derfinden, erst recht, wenn wir auch andere Sprachen

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Bibel

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als Deutsch erlauben:

LexPI Bd. 2 Bibel 36 als Deutsch erlauben: Bestimmte Worte finden wir in solchen zufälligen Buchstabenfolgen

Bestimmte Worte finden wir in solchen zufälligen Buchstabenfolgen natürlich seltener – die Wahr- scheinlichkeit, darin etwa den Namen Walter Krämer zu finden, ist natürlich viel kleiner als die, irgendein sinnvolles Wort oder irgendeine sinnvolle Wortkom- bination zu finden; aber auch diese Wahrscheinlich- keit ist größer als Null, und worauf es vor allem an- kommt, sie wird mit zunehmender Länge des Zufall- stextes immer größer. Wenn wir etwa alle Buchstaben unabhängig von- einander mit Wahrscheinlichkeit 1/26 wählen und »ä« als »ae« schreiben, beträgt die Wahrscheinlichkeit, daß eine zufällig ausgewählte Kette von 26 Zeichen den Text »Walter Krämer« ergibt, genau (1/26)13 oder, in Worten ausgedrückt, fast Null (und in der Tat beginnt ja auch der obige Test nicht mit WALTER sondern mit EWASYC). Die Wahrscheinlichkeit

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Bibel

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aber, daß dieser Name in einem doppelt so langen Zufallstext erscheint, ist schon größer, konkret: Sie ist größer als

1 - (1 - (1/26) 13 ) 2 ,

wie man sich leicht klarmacht, wenn man zuerst über- legt, mit welcher Wahrscheinlichkeit mein Name nicht erscheint.

Ganz analog kann man sich überzeugen, daß die Zeichenfolge »WALTER KRAEMER« in einem drei- mal so langen Zufallstext mindestens mit Wahr- scheinlichkeit

1-(- (1/24) 13 ) 3 und in einem zehnmal so langen Zufallstext minde- stens mit Wahrscheinlichkeit

1 - (1 - (1/24) 13 ) 10

erscheint usw. Diese Ausdrücke werden aber immer größer, sie nähern sich langsam, aber unaufhaltsam einem Grenzwert Eins, d.h. in einem hinreichend lan- gen Zufallstext wird irgendwo todsicher »Walter Krä- mer« stehen! Aber warum mit »Walter Kraemer« auf- hören? Nehmen wir einen längeren Text, etwa das Vaterunser mit 290 Buchstaben. Die Wahrscheinlich- keit, daß ein Zufallstext von 290 Buchstaben das Va- terunser ist, beträgt

(1/24) 290 also fast Null. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein dop- pelt so langer Zufallstext das Vaterunser irgendwo als

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Bibel

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ungestörte Textsequenz enthält, ist aber schon größer als

1 - (1 - (1/24) 290 ) 2 und die Wahrscheinlichkeit, daß ein zehnmal so lan- ger Zufallstext das Vaterunser irgendwo enthält, ist größer als

1 - (1 - (1/24) 290 ) 10 und auch dieser Ausdruck strebt gegen einen Grenz- wert Eins! Auch die Wahrscheinlichkeit, daß in sehr langen Zufallstexten das Vaterunser auftritt, wird be- liebig groß! Und das ist nun wirklich sehr verblüffend. Denn was für das Vaterunser gilt, gilt auch für Schillers »Lied von der Glocke« und für Goethes »Faust«, und wir haben damit das durchaus beunruhigende Resul- tat, daß ein unsterblicher Schimpanse, den wir an eine Schreibmaschine setzen, todsicher irgendwann das Neue Testament geschrieben haben wird.

& Lit.: Jonathan Swift: Ausgewählte Werke, Berlin 1967; Martin Gardner: Gotcha – Paradoxien für den Homo Ludens, München 1985; D. Witzum et al.: »Equidistant letter sequences in the book of Genesis«, Statistical Science 9, 1994; Walter Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des Zufalls und der Zahlen, Frankfurt a.M. 1995; Michael Drosnin: Der Bibel-Code, München 1997; »Demnächst im Kino«, Der Spiegel

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Bibel

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23/1997; Christoph Drösser: »Wer sucht, der fin- det«, Die Zeit, 21.11.1997.

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Biber 1

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Biber 1 Biber fressen Fische

Biber sind reine Vegetarier, sie fressen weder Fleisch noch Fisch. Ihre Hauptnahrung sind frische Baumrin- den und weiches Holz, auch Wasserpflanzen sowie Beeren oder Wurzeln (pro Jahr verbraucht ein er- wachsener Biber davon rund vier Tonnen).

& Lit.: Grzimeks Tierleben, Bd. 11, Stuttgart 1969.

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Biber 2

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Biber 2 Biber können planvoll Bäume fällen

Von Bibern angefressene Bäume fallen, wenn sie fal- len, in alle Himmelsrichtungen, so wie es der Zufall will. Daß sie, falls am Wasser stehend, meistens auch ins Wasser fallen, liegt daran, daß am Wasser wach- sende Bäume mehr Zweige zum Wasser hin entwik- keln und deshalb in dieser Richtung schwerer sind. Genauso wenig Anhaltspunkte gibt es für die These, daß die Biber die Fallrichtung der Bäume so bestimmen, daß deren Kronen nicht in Nachbarbäu- men landen.

& Lit.: Grzimeks Tierleben, Bd. 11, Stuttgart 1969.

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Bienen

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Bienen Bienen sterben nach dem Stechen

Normalerweise nicht. Wenn Bienen stechen, dann ste- chen sie in der Regel andere Insekten oder Tiere, die wie Insekten einen Chitinpanzer besitzen, aus dem die Biene ihren Stachel trotz des Widerhakens unverletzt herauszieht. Nur in der Haut des Menschen bleibt der Stachel stecken, und die beim Abreißen entstehende Wunde ist für die Biene meistens tödlich.

& Lit.: Adolf Braun: Taschenbuch der Waldinsek- ten, 4. Auflage, Stuttgart 1991.

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Bier 1

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Bier 1 Alkoholfreies Bier ist alkoholfrei

Alkoholfreies Bier ist nicht völlig alkoholfrei; es darf bis zu 0,5% Alkohol enthalten; bei den meisten be- kannten Marken liegt der Alkoholanteil zwischen 0,35% und 0,48%.

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Bier 2

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Bier 2 Bier auf Wein, das laß sein

Die Verträglichkeit von Alkohol hängt vor allem von der Menge und der Reinheit ab (ein gegebenes Quan- tum Alkohol hat die geringsten Nebenwirkungen, wenn es als Klarer wie Wodka oder Doppelkorn ge- nossen wird). Deshalb ist auch die Reihenfolge von Wein und Bier für die Folgen des Genusses unerheb- lich – es kommt allein auf Zeit und Mengen an; eine Überdosis Wein und Bier am Abend erzeugt am nächsten Morgen immer den gleichen Kater, ganz gleich in welcher Reihenfolge wir zuviel von beidem trinken. Allenfalls wegen seines im Vergleich zu Wein ge- ringeren Alkoholgehalts könnte es unter Umständen von Nutzen sein, ein Besäufnis mit Bier zu beginnen:

Dadurch trifft der höherprozentige Wein auf einen schon etwas trainierten Magen, und der Weinalkohol kommt weniger schnell ins Blut, als wenn wir gleich mit Wein begonnen hätten. Aber dieser Effekt berührt den Kater hinterher nur ganz am Rand. Vermutlich ist obiger Rat aus der Sitte entstanden, vor dem Essen, als Aperitif oder gegen den Durst, noch schnell ein Bier zu trinken, danach erst wird die gute Flasche Wein geöffnet. Aber in manchen Ländern trinkt man Bier auch nach dem Essen, und hier empfiehlt der

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Bier 2

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Volksmund genau das Gegenteil: »Beer after wine and you feel fine, wine after beer and you feel queer« (England). Genauso ohne wissenschaftliche Grundlage ist auch der Ratschlag der Franzosen, bei Rot- und Weißwein eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten:

»Blanc sur rouge, rien ne bouge – rouge sur blanc, tout fout le camp.«

& Lit.: H. van Maanen, J.J.E. van Everdingen und H.E. Fokke: Le cœur se situe à gauche – mille et une idées reçues en matière de médecine, Amster- dam 1995; Christoph Drösser: »Stimmt's?«, Die Zeit, 7.11.1997.

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Big Ben

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Big Ben

Dieses Wahrzeichen der englischen Hauptstadt Lon- don ist weder der Turm noch die Uhr in diesem Turm – es ist die Glocke. Sie wiegt dreizehn Tonnen und hat ihren Namen von Sir Benjamin Hall, dem Verantwortlichen für öffentliche Bauten zu der Zeit ihrer Entstehung.

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Bio-Nahrung

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Bio-Nahrung Bio-Nahrungsmittel sind gesünder als normale Kost (s.a. »Du bist, was du ißt« und »Fremdstoffe«)

Nach verbreiteter Meinung sind biologisch-natürlich angebaute, hergestellte und gelagerte Nahrungsmittel gleich zweifach besser als »normale« Kost: Erstens enthalten sie mehr von den Dingen, die wir brauchen, wie Vitamine oder Nährstoffe, und zweitens enthalten sie weniger von den Dingen, die wir nicht brauchen, wie Rückstände und Gifte aller Art. Diese Thesen sind nach wissenschaftlicher Mehr- heitsmeinung beide falsch. »Der Lebensmittelchemi- ker ist bisher nicht in der Lage, Ökomehl von her- kömmlichem und einen Bioblumenkohl von einem vergleichbaren aus dem Supermarkt zu unterschei- den« (Stiftung Warentest); »Die Empfehlung, vorwie- gend Lebensmittel aus ›alternativem‹ Anbau zu be- vorzugen, ist abzulehnen, weil Lebensmittel aus ›al- ternativem‹ Anbau keine nachweisbaren Vorteile hin- sichtlich des Nährstoffgehalts aufweisen« (Deutsche Gesellschaft für Ernährung); »Die Unterschiede zwi- schen konventionellen und alternativen Nahrungsmit- teln sind, wenn überhaupt vorhanden, so gering, daß es sich nicht lohnt, ihnen noch weitere Forschungen zu widmen« (Prof. J.F. Diehl von der Bundesfor-

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Bio-Nahrung

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schungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe). Nach W. Schuphan, ehemaliger Direktor der Bun- desanstalt für Qualitätsforschung pflanzlicher Erzeug- nisse in Geisenheim und viel zitierter Kronzeuge des alternativen Landbaus (wenn es dessen Anhängern in den Kram paßt), sind Qualitätsvergleiche zwischen herkömmlichem und alternativem Anbau sinnlos, weil ganz andere Faktoren den Nährwert des Produkts be- stimmen: die Sorte, der Standort, ja sogar der Ast des Baumes, an dem die Frucht gewachsen ist. Je nach der Bestrahlung durch die Sonne und je nachdem, wie oft ein Apfel naß geworden ist, ob häufig oder selten, bil- den sich die Vitamine einmal so und einmal anders, und gegen diese natürlichen Schwankungen sind die durch unterschiedliche Düngung bewirkten Unter- schiede minimal. Aber auch die zweite These, »natürlich« produzier- te Lebensmittel wären allein schon deshalb freier von Schadstoffen als »unnatürlich« produzierte, ist so si- cher falsch. Denn Schadstoffe und Gifte kommen auch natürlich vor, und das nicht zu knapp. (Wer sich gerne einmal gründlich selbst mit Blausäure vergiften will, muß nur genug »natürliche« Mandeln oder die Samen anderer Steinfrüchte essen.) Viele künstliche Konservierungsmittel und -metho- den sind nur dazu da, schädliche Bakterien und natür- liche Gifte, die in vielen Pflanzen ganz ohne das

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Bio-Nahrung

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Zutun des Menschen von selber vorkommen, von un- serem Körper fernzuhalten. Anders als das von den Freunden der Vollwertnahrung so geliebte kaltgepreß- te enthält z.B. raffiniertes Olivenöl keine krebserzeu- genden Lösungsmittel wie etwa Perchlorethylen. (Ganz allgemein werden durch das Raffinieren von Speiseölen, besonders durch die Behandlung mit sog. »Bleicherde«, viele Gifte wie die sogenannten Myoto- xine fast völlig eliminiert, während sie in kaltgepreß- ten Ölen mehrheitlich erhalten bleiben.) Durch das oft als unnatürlich gebrandmarkte Erhitzen oder Kochen von Nahrungsmitteln werden Tuberkelbazillen oder Pflanzengifte ausgeschaltet oder nützliche Stoffe wie bestimmte Vitamine überhaupt erst freigesetzt. Rohmilch von Bio-Bauernhöfen dagegen ist ein idealer Brutplatz für Bakterien, welche die Infektions- krankheit Listerose übertragen, vorzugsweise auf Kinder von Müttern, die versuchen, während der Schwangerschaft besonders gesund zu leben. Die Säuglinge »litten unter starken Atembeschwerden. Die Lungen waren sehr angegriffen, das Fruchtwasser der Mutter merkwürdig grün«, berichten Ärzte eines schleswig-holsteinischen Krankenhauses über eine lo- kale, durch die Biokost der Eltern ausgelöste Listero- se-Epidemie. Rund die Hälfte aller mit Listerose ge- borenen Säuglinge sterben, bei den übrigen muß man mit Spätfolgen, wie etwa Hirnschäden, rechnen. In der

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Bio-Nahrung

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Schweiz war deshalb der Direktverkauf von Milch sogar verboten.

& Lit.: Werner Thumshirn: Keine Angst vor dem Essen, Düsseldorf 1984; Arnold E. Bender:

Health or hoax? The truth about health food and diets, Goring-on-Thames 1985; Karlheinz Gier- schner und A. Kohler (Hrsg.): Lebensmittel – Ge- sunde Ernährung, Weikersheim 1990; Stiftung Warentest: Test Spezial Ernährung, 1993; »Ärzte warnen vor Rohmilch«, Hannoversche Allgemei- ne Zeitung, 6.6.1995.

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Biorhythmus

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Biorhythmus Die Menschen unterliegen einem Biorhythmus

Diese These geht auf Wilhelm Fliess zurück, einen Freund von Sigmund Freud, der mit unserer Geburt drei jeweils 23 Tage, 28 Tage und 33 Tage lange Zy- klen starten sah, die, sich wellenförmig überlagernd, unser Schicksal mitbestimmen. So die Theorie von Fliess. Insbesondere solle man sich vor Nulldurch- gängen dieser Zyklen hüten, den sogenannten »kriti- schen« Stunden oder Tagen, an denen eine dieser Wellen aus den positiven in die negativen Werte wechselt. Hier sei die Lebenstüchtigkeit gefährdet, das Risiko von Unfällen und Mißgeschicken aller Art nähme, nach Fliess, zu diesen Zeiten zu. Diese noch heute kommerziell verwertete Theorie ist aber wissenschaftlich nicht zu halten; in mehreren Untersuchungen zu Biorhythmus und sportlicher Lei- stung, zu Biorhythmus und Verkehrsunfällen oder zu Biorhythmus und dem Sensenmann konnten keine Re- gelmäßigkeiten aufgefunden werden. Das Schaubild auf S. 41 (mit freundlicher Genehmigung entnommen aus Riedwyl und Widmer, 1976) zeigt z.B. sämtliche 10.480 amtlichen Selbstmordfälle in der Schweiz von 1961 bis 1970, auf die Tage des Biorhythmus der Selbstmörder aufgeteilt: Keiner dieser Tage, ob kri- tisch oder nicht, fällt in irgendeiner Weise aus der

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Biorhythmus

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Reihe.

& Lit.: W. Dällenbach: »Zur Frage von Biorhyth- men und deren technische Anwendung«, Schwei- zerisches Archiv für angewandte Wissenschaft und Technik 1948; W. Fliess: Der Ablauf des Le- bens, Leipzig 1906; M. Gardner: »Freud's friend Wilhelm Fliess and his theory of male and female life cycles«, Scientific American 1967; L. Pircher:

»Biorhythmik und Unfallprophylaxe«, Zeitschrift für Präventivmedizin 1972; H. Riedwyl und A. Widmer: »Zur ›Lehre von den Biorhythmen‹ nach Fliess«, Sozial- und Präventivmedizin 1976; G. Schönholzer et al.: »Biorhythmik«, Zeitschrift für Sportmedizin 1972; Stichwort angeregt von Hans Riedwyl.

§ 10.480 Selbstmorde in der Schweiz, auf die Tage der Biorhythmen aufgeteilt

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Bisam

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Bisam Die Bisamratte ist eine Ratte

Die aus Nordamerika stammende und dort wegen ihres Pelzes intensiv gejagte Bisamratte ist eine soge- nannte Wühlmaus (Microtina), keine Ratte (Rattus). Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Böhmen ausge- setzt, gibt es sie heute auch häufig in Europa.

& Lit.:

Stichwortartikel

»Bisamratte«

in

Meyers

Großes Taschenlexikon, Mannheim 1992.

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Blaue Mauritius

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Blaue Mauritius Die »Blaue Mauritius« ist die teuerste, seltenste und älteste Briefmarke der Welt

Die »Blaue Mauritius« ist weder die teuerste noch die älteste, noch die seltenste Briefmarke der Welt. Die älteste Briefmarke der Welt ist ein von der Pariser Stadtpost 1653 herausgegebener Papierstreifen (»Bil- let de poste payé«), der allerdings nicht aufgeklebt, sondern mit Klammer oder Faden am Brief befestigt wurde. Die älteste aufklebbare Briefmarke ist der »Penny Black« aus England von 1840. Die teuerste Briefmarke der Welt, gemessen an Auktionserlösen, ist die 1852 von der AJ Dallas Co. im amerikanischen Pittsburgh herausgegebene »Lady McGill, 2 Cent Rot-Braun«; sie wechselte 1987 für 1,1 Millionen Dollar den Besitzer. Die seltenste Briefmarke ist die schwedische »3 Skilling Banco, Gelbe Fehlfarbe« von 1853, sie existiert nur noch in einem Exemplar.

& Lit.: Stichwörter »Mauritius« und »Postwertzei- chen« in der Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden 1990; Das Neue Guinness Buch der Rekorde, Berlin 1995.

§ Two Pence Mauritius

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Blauer Engel

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Blauer Engel Marlene Dietrich war der Blaue Engel

Der »Blaue Engel« in dem gleichnamigen Film von Josef von Sternberg ist der Nachtklub, in dem Lola Fröhlich alias Marlene Dietrich singt und tanzt.

§ Sie ist nicht der Blaue Engel

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Blei

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Blei Blei ist das schwerste Metall

Blei wiegt 11,34 g pro Kubikzentimeter; damit nimmt es unter allen Metallen den Rang 24 ein. Die folgen- den Metalle sind alle schwerer als Blei:

Gewicht (g/cm 3 )

Technetium

11,49

Thorium

11,72

Thallium

11,85

Palladium

12,02

Rhodium

12,41

Ruthenium

12,45

Berkelium

13,25

Hafnium

13,31

Curium

13,51

Quecksilber

13,55

Americium

13,70

Californium

14,11

Protactinium

15,37

Tantal

16,68

Uran

18,97

Wolfram

19,26

Gold

19,32

Plutonium

19,74

Neptunium

20,48

Rhenium

21,03

Osmium

22,61

Iridium

22,65

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Blei

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& Lit.: Barbara Elvers (Hrsg.): Ullman's encyclope- dia of industrial chemistry, Weinheim 1992.

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Bleifreies Benzin

44

Bleifreies Benzin Bleifreies Benzin ist bleifrei

Nach DIN EN 228 darf bleifreies Benzin pro Liter bis zu 0,013 g Blei enthalten.

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Bleistift

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Bleistift Bleistifte enthalten Blei

Anders als der Name vermuten läßt, enthalten Blei- stifte keine Spur von Blei, und haben niemals Blei enthalten. Der Name »Bleistift« geht vermutlich auf die run- den Scheibchen Blei zurück, die man im Mittelalter und in der Antike zum Zeichnen benutzte. So be- schreibt etwa der Schweizer Conrad Gesner 1565 ein Schreibwerkzeug, das aus einem Stück Blei in einer Holzhülle bestand. Oder aber der »Bleistift« hat sei- nen Namen von den im 12. Jahrhundert gerne von Künstlern verwendeten Silberstiften, die aus einer Le- gierung von Blei und Zinn bestanden. Die »Bleistifte«, so wie sie etwa ab dem 17. Jahr- hundert in Nürnberg von Friedrich Städler hergestellt wurden (der deshalb mit der Schreinerzunft in Schwierigkeiten kam, die das Monopol für Holzverar- beitung beanspruchte), enthielten aber niemals Blei, sondern von Anfang an Graphit, rund 100 Jahre frü- her im englischen Cumberland entdeckt und schon bald als Schreibstift in ganz Europa sehr beliebt. Im 18. Jahrhundert gelang es Caspar Faber aus Stein bei Nürnberg, das gemahlene Graphit mit Schwefel, Anti- mon und Harzen derart zu vermischen, daß die Stifte weder bröckelten noch brachen, und im Jahr 1795 er-

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Bleistift

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hielt der französische Mechaniker Conté ein Patent auf einen Stift aus Graphit und Ton. Nach diesen Prinzipien entstehen »Bleistifte« auch heute noch.

& Lit.: Roland Michel: Wie, was, warum? Augsburg

1990.

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Blinddarm

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Blinddarm Eine Blinddarmoperation entfernt den Blind- darm

Bei einer Blinddarmoperation wird nur der sogenann- te Wurmfortsatz (Appendix) entfernt, nicht das als Blinddarm bekannte blinde Ende des Dickdarms selbst (Intestum Caecum).

& Lit.: H.-J. Lewitzka-Reitner: Großes Gesundheits- lexikon, Niedernhausen 1987.

§ Blinddarm und Appendix

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Blinde

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Blinde Blinde Menschen hören besser

Blinde Menschen hören nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen auch, das Spektrum der wahrgenommenen Lautstärken und Frequenzen ist das gleiche wie bei Menschen, die noch ihr Augen- licht besitzen. Wenn man trotzdem so oft Blinde etwa unter Klavierstimmern findet, so liegt das einmal daran, daß Blinde ihren Hörsinn besser üben, vor allem aber daran, daß man für diesen Beruf das Au- genlicht nicht braucht – die Saiten lassen sich ertasten (aus dem gleichen Grund findet man auch viele Blin- de in Telefonzentralen, da kann man ebenfalls den Ar- beitsplatz ertasten).

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Blindschleiche 1

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Blindschleiche 1 Blindschleichen sind Schlangen

Blindschleichen sind Eidechsen mit verkümmerten Füßen, keine Schlangen.

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Blindschleiche 2

46

Blindschleiche 2 Blindschleichen sind blind

Eine Blindschleiche ist genausowenig blind wie die anderen Eidechsen, zu deren Familie der Anguiden sie gehört. Ihren Namen hat sie von dem althochdeut- schen »plintslicke« = »blendende Schleiche«; so nannten sie unsere Vorfahren wegen ihres oft blen- dend hellen Körpers.

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