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Walter Krämer / Denis Krämer/ Götz Trenkler

Das digitale Lexikon


der populären Irrtümer

Über 1.000 Mißverständnisse, Vorurteile


und Denkfehler von Abendrot bis Zyniker

Directmedia • Berlin 2003

Digitale Bibliothek Sonderband

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


Einführung

Einführung

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 3

»Die Erlösung von der eigenen Irrtumsschwerkraft


wird am mühelosesten mit dem Gelächter erreicht,
durch das man vom fremden Irrtum behaglich Abstand
nimmt.«
Carl Haensel, Über den Irrtum

Vorwort

Die Idee zu diesem Lexikon entstand, als einer von


uns (W. Krämer) mit einer ebenso offensichtlichen
wie gern verdrängten Wahrheit auf großes Unver-
ständnis stieß, nämlich daß das Rauchen und die Rau-
cher unsere Gesundheitskosten nicht erhöhen, wie fast
alle glauben, sondern eher reduzieren. Von den reinen
Kosten her sind Raucher eher Beitragsminimierer
(weil sie früher sterben), ohne Raucher und Raucher-
innen würde unser Sozialsystem pro Jahr um mehrere
Milliarden DM teurer.
Diese Wahrheit, die weiter unten unter »R« noch
näher ausgebreitet werden wird, liegt so klar zutage
wie das Matterhorn. Trotzdem wird sie immer wieder
gern verdrängt, und so haben wir gedacht: »Wenn
hier schon ein klarer Irrtum offenbar nicht auszurotten
ist, vielleicht gibt es noch andere? Laßt uns doch mal
sehen!«
Das Ergebnis ist dieses Lexikon. Es enthält 500
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 3

Irrtümer aus Politik, Geschichte, Technik, Wirtschaft,


Medizin, populäre Mythen, die sich hartnäckig wei-
gern zu verschwinden, logische Kurzschlüsse, Zei-
tungsenten, gern geglaubte Wunschbilder, ohne An-
sicht der Bedeutung, allein nach dem Gesichtspunkt
ausgesucht: »Ist die betreffende Aussage falsch, und
wird sie heute immer noch geglaubt?«
Bei der Auswahl der Irrtümer haben wir uns nicht
gefragt, ob eine Behauptung wichtig, sondern ob sie
richtig ist; deshalb enthält unsere Sammlung neben
vielen kapitalen Böcken, um einmal diesen
Jägerausdruck zu gebrauchen, auch manche Triviali-
täten, neben historischen Falschmeldungen mit welt-
geschichtlichen Konsequenzen auch viele kleine All-
tagsfehler, die uns nur am Rande interessieren. Neben
teuren Irrtümern zu AIDS, Gesundheit und Sozialpro-
dukt, die uns Milliarden kosten oder kosten können,
beleuchten wir auch billige Mißverständnisse zur
Herkunft von Wörtern oder zur Echtheit von Zitaten,
neben lebensgefährlichen Illusionen zu Strahlenbela-
stung und Umweltschäden listen wir auch harmlose
Pannen bei Glücksspielen und Wahrscheinlichkeiten
auf, so daß wir uns durchaus nicht ohne gewisse
Skrupel entschlossen haben, alle diese Irrtümer zwi-
schen den Einbanddeckeln ein und desselben Buches
auszubreiten.
Letztendlich haben wir es aber doch getan. Denn
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 4

Wahrheiten, auch wenn sie folgenschwer und wichtig


sind, müssen durchaus nicht immer ernst und schwarz
dahergeschritten kommen, sie vertragen auch leichtere
Gesellschaft, werden dadurch sogar aufgewertet, so
daß unsere Mischung aus Lappalien und dicken Brok-
ken die Verdaulichkeit der dicken Brocken, die von
Carl Haensel beschworene »Erlösung von der eigenen
Irrtumsschwerkraft«, vielleicht sogar noch fördert,
statt sie zu behindern.
Dabei sind wir uns durchaus bewußt, daß manche
unserer »Irrtümer« die jeweiligen Experten nur ein
müdes Lächeln kosten. Kein Ökonom z.B. würde
denken, daß die auf einem Markt verkauften und ge-
kauften Mengen eines Gutes differieren könnten (jeder
Verkauf ist zugleich auch ein Kauf und umgekehrt),
kein Jurist behaupten, daß ein rechtsgültiger Vertrag
immer Schriftform haben müsse, kein Biologe lehren,
daß Bakterien grundsätzlich schädlich seien. Aber auf
der anderen Seite haben wir schon zu oft in den Ab-
endnachrichten als Erklärung eines schlechten Tages
an der Börse hören müssen: »Die Aktien sind gefal-
len, es wurden mehr Aktien verkauft als gekauft«, um
Irrtümer von dieser Sorte ganz zu unterschlagen –
auch was Experten lange schon als Fehler kennen,
wird von Nicht-Experten häufig noch geglaubt.
Und außerdem können auch Experten selber irren.
Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts etwa haben Phy-
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LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 4

siker bezweifelt, daß Moleküle und Atome existieren,


haben Nobelpreisträger Stein und Bein geschworen,
daß Atome, wenn sie schon existieren, so doch nie-
mals spaltbar wären, haben Biologen, Zoologen, Psy-
chologen, Astrologen, haben Wissenschaftler aller
Sparten einen Unfug nach dem anderen verkündet.
Aristoteles, einer der größten Gelehrten seiner Zeit
und aller Zeiten, lehrte, daß Insekten spontan aus
Schlamm heraus entstehen oder daß die Welt aus nur
vier Elementen – Feuer, Wasser, Luft und Erde – be-
stehe, plus dem sogenannten »Äther«, der den Him-
mel füllt. Schwere Gegenstände fallen nach seiner Na-
turlehre schneller als leichte, Wein in einem großen
Faß mit Wasser wird selbst zu Wasser, ein Rebhuhn-
weibchen wird befruchtet, wenn der Wind vom Männ-
chen her weht, und Leute mit großen Köpfen schlafen
viel, um nur einige der Wahrheiten aufzuführen, an
die man früher Hunderte von Jahren glaubte. Der
Astronom Edmond Halley – nach dem auch der Hal-
leysche Komet benannt ist – hielt die Erde für eine
hohle Kugel, in die wie in einer russischen
Matrjoschka weitere Welten eingeschachtelt sind, und
der große Immanuel Kant glaubte entdeckt zu haben,
daß die Wanzen, die ihm seine Ruhe störten, durch
Sonnenlicht entstehen. Worauf er bis zu seinem Tod –
dieser Theorie die Treue haltend – sein Schlafzimmer
verdunkelte. »Ich ließ ihn bei seiner Meinung«, be-
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richtet sein Schüler und Faktotum Wasianski, »sorgte


für die Reinigung seines Schlafzimmers und Bettes,
wodurch die Wanzen sich verminderten, obgleich die
Läden und Fenster, um frische Luft zu schaffen, fast
täglich – freilich ohne sein Mitwissen – geöffnet wur-
den.«
Unsere Anfälligkeit für Irrtümer hängt also nicht
vom Intelligenzquotienten ab, falls das den einen oder
anderen Leser trösten sollte. Der einzige Schutz gegen
das Irren besteht darin, überhaupt nicht nachzuden-
ken, und deshalb ist auch nicht die Existenz von Irr-
tümern das eigentlich verblüffende, sondern daß sie
häufig wie Falschgeld so erstaunlich lang im Umlauf
bleiben; manche scheinen niemals auszusterben. Eini-
ge überleben, weil sie nützlich sind – zum Durchset-
zen oder Kaschieren von Interessen, oder weil es be-
quem ist, oder weil der Pfarrer oder die Gewerkschaft
es so sagt, oder weil man seine Ruhe haben will. An-
dere, wie die bekannte Großstadtsage von der Ratte in
der Pizza, dienen dem unbewußten Ausleben von
Ängsten und Aggressionen, die sich in solchen My-
then ungestraft entladen dürfen, wieder andere, wie
das Märchen von der grundsätzlichen Gefährlichkeit
des Alkohols, werden von wohlmeinenden Paternali-
sten vor allem zum Schutz des dummen Volkes aus-
gebreitet, das ja bekanntlich die Wahrheit nicht ver-
trägt, und wieder andere schließlich sind glatte Lügen
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oder simple Denkfehler, die nur noch nicht entschlei-


ert worden sind.
Am leichtesten sind dabei diejenigen Irrtümer zu
entlarven, die reine Fakten betreffen. Hier reicht ein
Blick in den Brockhaus oder in das Statistische Jahr-
buch, und der Irrtum ist erkannt. Schwieriger war bei
der Vorbereitung dieses Lexikons die Entscheidung
bei Irrtümern der Definition und Interpretation, wie
etwa bei der Frage, ob Armut, Krebsgefahr und Woh-
nungsnot in Deutschland zunehmen; hier hängt die
Wahrheit oft entscheidend davon ab, was man mit
Armut, Krebsgefahr und Wohnungsknappheit meint.
Und am schwersten zu entlarven sind falsche Theo-
rien, zum einen, weil auch die beste Theorie die Wirk-
lichkeit immer nur annäherungsweise beschreiben
kann und deshalb angreifbar bleibt, zum anderen,
weil viele Theorien sich gegen Widersprüche quasi
imprägnieren, so wie die folgende Kurzfassung der
marxistischen Verelendungstheorie: Definition: »Der
Kapitalismus ist ein System, das den Arbeiter ausbeu-
tet.« Satz: »Arbeiter werden im Kapitalismus ausge-
beutet.« Einer solchen Theorie ist offensichtlich
weder mit Logik noch mit Fakten beizukommen.
In dieser letzten Irrtums-Klasse haben wir uns
daher sehr zurückgehalten und nur solche gern ge-
glaubten Theorien aufgenommen, die entgegen der
Folklore von den meisten Fachleuten als irrig angese-
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LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 6

hen werden (wie etwa der populäre Irrglaube, daß


man durch Handelsschranken Arbeitsplätze retten
könnte, oder daß Exporte unseren Wohlstand si-
chern), und erheben nicht den Anspruch, der Weisheit
letzten Schluß zu kennen.
Glaubensfragen und verwandte irrtumsschwangere
Gebiete – Ist der Papst unfehlbar? Gibt es Gott? Lebt
Elvis Presley? – haben wir dagegen vollständig ge-
mieden, obwohl auch hier viele unserer Leser und Le-
serinnen einem Irrtum unterliegen (entweder die eine
Hälfte, die daran glaubt, oder die andere Hälfte, die
nicht daran glaubt), genauso wie Irrtümer der Art: die
Titanic kann nicht sinken, das Dritte Reich wird 1000
Jahre dauern, ein Computer wird niemals einen
Schachgroßmeister schlagen, die sich regelmäßig
selbst enttarnen, auch wenn viele davon heute noch
als Wahrheit gelten.
Manche der weiter unten aufgeführten Irrtümer sind
auch in der großen Grauzone zwischen wahr und
falsch zuhause, wie »Ehemänner leben länger« oder
»Elefanten haben Angst vor Mäusen«. Solche Aussa-
gen haben wir immer dann als Irrtum in die Samm-
lung aufgenommen, wenn auch noch andere, von der
Folklore abweichende Erklärungen für die jeweiligen
Phänomene existieren (wie für die Häufung von
gleichlautenden Anfangsbuchstaben in den Sonetten
Shakespeares, die anders, als viele glauben, auch
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LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 6

durch Zufall zu erklären sind).


Bei Themen außerhalb unserer eigenen beruflichen
Kompetenz haben wir uns in der Regel auf die eta-
blierte Wissenschaft verlassen, wohl wissend, daß
auch diese durchaus irren kann. Aber vor die Wahl
gestellt, entweder einer Zeitgeistmode oder der Mehr-
heit aller Universitätsgelehrten zu vertrauen, haben
wir uns für das kleinere Risiko, d.h. für die Universi-
tät entschieden. Denn auch wenn die meisten wissen-
schaftlichen Durchbrüche von den Universitätsgelehr-
ten zunächst belächelt worden sind, der populäre Um-
kehrschluß, jeder Spinner wäre allein schon deshalb
ein Genie, ist genauso falsch. Wie etwa Martin Gard-
ner in Frauds and fallacies in the name of science so
überzeugend wie unterhaltsam vorführt, tragen die al-
lermeisten von der Schulwissenschaft als Quacksalber
ignorierten Zeitgenossen diesen Titel durchaus zu
recht, von Ufo-Jägern über Parapsychologen bis hin
zum großen Heer der modernen Diät- und Ernäh-
rungsgurus, die uns als die großen Rattenfänger des
ausgehenden 20. Jahrhunderts in zahlreichen Stich-
wörtern noch oft in diesem Buch begegnen werden.
(Nicht umsonst halten aufmerksame Beobachter unser
Verhältnis zu Essen und Ernährung für die letzte
große Bastion von Dummheit und Aberglauben auf
der Welt, und gibt es zwischen den aufgeklärten »Du-
bist-was-du-ißt« Klienten moderner Bioläden und den
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Kannibalen Neu-Guineas, die ihre Nachbarn essen,


um deren Verstand zu erben, nur graduelle Unter-
schiede.)
Zu den meisten Stichwörtern dieser Sammlung
geben wir Hinweise auf weiterführende Literatur, wo
Zweifler, wenn sie wollen, tiefer graben können
(immer nur als erster Einstieg zu verstehen; in aller
Regel haben wir mehr Quellen konsultiert als explizit
zitiert). Als Faustregel für das Zuweisen von Verant-
wortung kann dabei gelten, daß wir für Irrtümer, die
durch eigene, in dieser Literaturliste dokumentierte
Recherchen abgesichert sind, auch persönlich wissen-
schaftlich haften; für die übrigen Irrtümer stehen wir
nur insofern gerade, als sie nach unserer persönlichen
Interpretation der einschlägigen wissenschaftlichen
Mehrheitsmeinung bzw. nach dem aktuellen Stand
von Lexika wie Brockhaus oder Meyer als Irrtümer
betrachtet werden müssen; hier geben wir vor allem
Schulbuchweisheit, so wie wir sie sehen, nach bestem
Wissen und Gewissen wieder.
Als Testleser und Schiedsrichter in Zweifelsfragen,
ob ein Irrtum wirklich noch Anhänger bei potentiellen
Lesern und Leserinnen haben könnte, haben Dennis
und Doris Krämer, Birgit Trenkler, Uwe Gruhle und
Matthias Bischoff an dieser Sammlung mitgewirkt.
Bei unseren Exkursen in fachfremde Regionen, spe-
ziell in Medizin, Geschichte und Ernährung, haben
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uns geholfen (nicht immer wissend, wobei sie uns ge-


holfen haben), in alphabetischer Reihenfolge: Bene-
dikt Burkard, William Farebrother, Ekkehard Frauen-
dorf, Konrad Fuchs, Karl Grammer, Ulrike Guba,
Carsten Heuer, Axel Klein-Klute, Günter Krämer,
Rolf von Lüde, Antje Martin, Gert von Paczensky,
Michael Schmidt, Tamara Schröter, Natalie und
Achim Strutz, Jens Sylvester und Rainold Tute. Wir
danken allen diesen Helfern herzlich und weisen deut-
lich darauf hin, daß sie für weltanschaulich anstößige
Schlußfolgerungen aus den Materialien, die sie uns
zugetragen haben, keiner Haftung unterliegen; ver-
mutlich stimmen nicht wenige unserer Freunde ver-
schiedenen Passagen weiter unten überhaupt nicht zu.
Diesen und anderen vielleicht mißgestimmten Les-
ern zum Trost sei deshalb gleich zu Anfang darauf
hingewiesen, daß unsere Irrtümer keine ideologischen
Grenzen kennen und daß wir vermutlich vielen Par-
teien, Professionen, Religionen gleichermaßen auf die
Füße treten werden: Die einen werden uns die Bemer-
kung verübeln, daß unser deutscher Mieterschutz den
Mietern netto eher schadet, die anderen werden uns
die unter Experten altbekannte Wahrheit ankreiden,
daß weiche Drogen wie Marihuana oder Haschisch
nicht gefährlicher als Rotwein sind; die einen werden
uns Reaktionäre schimpfen, weil wir glauben, daß die
westlichen Kolonialmächte durch ihre Kolonien nicht
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LexPI Bd. 1 Vorwort zum »Lexikon der populären Irrtümer« 7

reicher, sondern ärmer wurden, die anderen uns für


linke Spinner halten, weil wir die unter Ökonomen
altbekannte These wiederholen, daß eine hohe Staats-
verschuldung keinesfalls per se von Übel ist, oder daß
der sogenannte Arbeitgeberbeitrag zur Sozialversiche-
rung, den die deutsche Wirtschaft gern als ihren Bei-
trag zum sozialen Frieden feiert, in Wahrheit aus der
Tasche der Arbeitnehmer fließt und genauso zum
Bruttogehalt der Arbeitnehmer zählt wie die Lohn-
steuer und andere Abzüge von unserem Einkommen
auch. Und so weiter durch das ganze Spektrum der
modernen Meinungen hindurch. Wir nehmen es nie-
mandem übel, wenn er oder sie seine oder ihre Lieb-
lingsillusion nicht ohne Kampf begraben will, und
sind im übrigen gerne bereit, getreu der Devise des
großen Georg Christoph Lichtenberg, daß »es fast un-
möglich ist, die Fackel der Wahrheit durch ein Ge-
dränge zu tragen, ohne jemand den Bart zu sengen«,
den Zorn der Andersgläubigen mit Würde zu ertragen.
Dortmund
Walter Krämer und Götz Trenkler

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 2 Vorwort zu »Das neue Lexikon der populären Irrtümer« 5

»Irrtum verläßt uns nie; doch ziehet ein höher Bedürfnis


immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.«
Goethe

Vorwort

Bekanntlich gibt es weit mehr Möglichkeiten, sich zu


irren, als im Recht zu bleiben. Und kaum war die
Druckerschwärze unseres »Lexikons der Populären
Irrtümer« getrocknet, begannen schon die ersten Brie-
fe einzutreffen: »He, da haben Sie was übersehen ...«
Hier sind also all die Irrtümer, denen wir selber bis
vor kurzem angehangen oder die wir für den ersten
Band zu spät gefunden haben, oder über die wir bis-
her, d.h. bis uns unsere Leser mit der Nase draufge-
stoßen haben, nie gezwungen waren nachzudenken –
wie gehabt querbeet aus Politik und Wirtschaft,
Mode, Kunst, Geschichte, Medizin und Technik, ohne
Ansicht der Bedeutung, allein nach dem Kriterium ge-
wertet, ob Schein und Sein zu einem Sachverhalt zu-
sammenpassen, ob man sich zu einem Thema hinrei-
chend häufig irrt oder nicht. Auch diesmal sind die
einzelnen Stichwörter strikt alphabetisch aufgelistet,
mit oft brutalen Konsequenzen (Denk ich an Deutsch-
land vor Deodorant, Guernica vor Gulaschsuppe).
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LexPI Bd. 2 Vorwort zu »Das neue Lexikon der populären Irrtümer« 5

Wie im ersten Band finden sich Trivialitäten (haben


die alten Gallier Wildschweine gegessen?) neben
»dicken Brocken« wie etwa dem Irrtum, daß unsere
»kostenlose« Hochschulbildung eine soziale Aus-
gleichswirkung hätte (sie ist im Gegenteil ein Instru-
ment der Ausbeutung der Unterklasse durch die Ober-
klasse), es finden sich Lügen und Legenden zu Attila
und Aschenputtel, zu Glühbirne und Global War-
ming, zu Karies und Kaspar Hauser, Nationalhymnen
und Nasenbluten, Schweinefleisch und Schwarzarbei-
tern, zu Walnuß, Waldsterben und Weihnachtsbäu-
men nur Zentimeter auseinander, wie das Alphabet es
eben will.
Viele dieser Irrtümer sind weniger wegen eines
möglichen Aha-Effektes von Interesse – Chinesen tra-
gen keine Zöpfe, Eskimos haben gar nicht so viele
Wörter für Schnee, Delphine sind keine Fische, Fred-
dy Quinn kommt nicht aus Hamburg; das muß man
nicht in jedem Fall zum Glücklichwerden wissen –,
sie beleuchten vielmehr dadurch, daß sie allen Gegen-
argumenten trotzend scheinbar ewig weiterleben,
quasi indirekt ganz andere Defekte der Gesellschaft
(warum z.B. erscheint es uns aufgeklärten Mitteleuro-
päern überhaupt bemerkenswert, daß auch Eskimos
sich auszudrücken wissen?). Sie sind Ventile für un-
eingestandene Vorurteile, verborgene Leidenschaften
und politisch inkorrekte Glaubenssätze, sie stützen
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LexPI Bd. 2 Vorwort zu »Das neue Lexikon der populären Irrtümer« 6

liebgewonnene, aber falsche Theorien, sie helfen uns


in vielfacher Hinsicht besser durch das Leben, so daß
unsere Irrtumsbücher über den Gebrauch als Klo- und
Bettlektüre hinaus dem einen oder anderen Leser
einen Anstoß geben könnten, einmal über die Geburt
und Resistenz von Irrtümern als solchen nachzuden-
ken.
Wie schon im ersten Band vertrauen wir bei der
Unterscheidung von Irrtum und Wahrheit den eta-
blierten Wissenschaften, auch wenn diese die Wahr-
heit anerkanntermaßen nicht gepachtet haben. Weitere
Hilfe verdanken wir verwandten Irrtums-Büchern,
von denen wir größtenteils bisher nicht wußten, daß
sie existieren; in einer kleinen kommentierten Biblio-
graphie am Ende stellen wir diese Quellen für unsere
geneigte Leserschaft nochmals kompakt zusammen.
Offenbar hat sich hier ein Zeitgeist in Druckerschwär-
ze ergossen, dem vielleicht auch unser erster Band
seinen Anklang beim Publikum verdankt, der grund-
sätzlich dem Zweifel den Vorrang vor dem Glauben
gibt, anders können wir uns das unabhängige Sprieß-
en solcher Bücher in Amerika und England, Australi-
en und den Niederlanden, Italien und Frankreich nicht
erklären.
Weiteren Dank schulden wir Frank Scherer, Lars
Tschiersch und Osman Sankoh für monatelange uner-
müdliche Recherchen sowie vielen Freunden und Kol-
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LexPI Bd. 2 Vorwort zu »Das neue Lexikon der populären Irrtümer« 6

legen, die zu zahlreich sind, sie hier alle aufzuzählen,


für ihre Hilfe bei der Quellensuche, nicht zu verges-
sen all den Lesern unseres ersten Bandes, die uns so
eifrig mit weiteren Stichwörtern bereichert haben.
Stellvertretend für alle nennen wir hier nur Alfredo
Grünberg, er hält wohl den Rekord (alle anderen wer-
den, sofern wir noch die Namen wissen, bei den
Stichwörtern selbst genannt, die sie für uns beigetra-
gen haben; wer sich zu Unrecht dort nicht wiederfin-
det, bitte melden; wir werden den Mangel in der
nächsten Auflage beheben).
Für die Korrektheit unserer Thesen haften wir na-
türlich selber; wir haben alle Stichwörter nochmals
überprüft bzw. überprüfen lassen, durch eigene Re-
cherchen (Drehen sich Sonnenblumen nach der
Sonne? Nein, wie wir selber sehen konnten, blicken
sie morgens, mittags und abends in die gleiche Rich-
tung) oder durch Appelle an etablierte Fachbücher
und Lexika, so daß wir hoffen, daß uns Zuschriften
wie die von Hans Riedwyl zum Stichwort »Lloyd's«
im ersten Band nicht allzuoft erreichen: Wir hatten,
auf die Encyclopaedia Britannica vertrauend, behaup-
tet, Lloyd's biete keine Versicherungen für das Leben
an, und in der Post war folgende Police:

¤ Debit Note
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Ansonsten nehmen wir nicht in Anspruch, der


Wahrheit letzten Grund zu kennen, sind aber guten
Mutes, mit diesem Lexikon nicht mehr neue Irrtümer
in die Welt zu setzen, als alte aufzuklären.
Dortmund und Göttingen
Walter Krämer, Denis Krämer und Götz Trenkler

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 383

Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur

Isaac Asimov: Wenn die Wissenschaft irrt ..., Ber-


gisch Gladbach 1990. Tatsachen und Spekulation-
en zu kosmischen Phänomenen.
Paul Bairoch: Economics and world history: Myths
and paradoxes, New York 1993.
Irrtümer und Mythen aus der Wirtschaftsgeschich-
te, erläutert von einem der führenden Wirtschaftshi-
storiker unseres Planeten. Bairochs Forschungen
zur europäischen Kolonialgeschichte haben wir
ausführlich für den ersten Band verwendet.
Pierre Bayle: Dictionnaire historique et critique,
Paris 1697.
Ein Klassiker und ein »Monument kritischer
Durchdringung der Tradition« (K. Stierle), war An-
regung und Ausgangspunkt für die Enzyklopädi-
sten wie für den kritischen Voltaire. Ursprünglich
geplant als ein »Dictionnaire des fautes«, eine En-
zyklopädie der Irrtümer, dann aber zu einer Ge-
samtschau (aus der Warte des späten 17. Jahrhun-
derts) des überlieferten Wissens inklusive seiner
Fehler ausgebaut.
Arnold E. Bender: Health or hoax? The truth about
health food and diets, Goringon-Thames 1985.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 383

Räumt mit den Vorurteilen der modernen Müsli-


Esser auf; vor allem in Band 1 haben wir oft auf
diese Quelle zurückgegriffen.
Wolfgang Benz (Hrsg.): Legenden, Lügen, Vorurtei-
le, München 1990 (inzwischen in einer überarbei-
teten Fassung auch als Taschenbuch erschienen).
Legenden, Lügen und Vorurteile aus der Nazizeit.
Jean-François Bouvet (Hrsg.): Du fer dans les épi-
nards, Paris 1997.
40 Irrtümer aus Biologie, Ernährungswissenschaft
und Medizin, angefangen mit dem berühmten Klas-
siker vom vielen Eisen im Spinat (siehe auch Band
1 unseres eigenen Lexikons; auch die meisten ande-
ren Irrtümer finden sich schon in unserem eigenen
Band 1, einige sind hier in Band 2 zu finden).
Tom Burnam: The dictionary of misinformation,
New York 1975.
Irrtümer aus allen Bereichen von Wissenschaft und
Alltag, mit Schwerpunkt Literaturwissenschaften.
Keine Belege oder Quellen, vor allem für ein ame-
rikanisches Publikum geschrieben.
Graeme Donald: Things you thought you thought
you knew, London 1986.
Alphabetisch sortierte, journalistisch flott erzählte
Mythen aus allen Bereichen unseres Lebens, leider
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 383

nur wenig durch Quellen untermauert und deshalb


sehr schwer nachzuprüfen.
Graeme Donald: Things you didn't know you didn't
know, London 1993.
Neuauflage des Buches von 1986, diesmal nach
Sachgebieten geordnet (Krieg und Frieden, See-
fahrt, Religion, Law and Order usw.).
Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt, Frankfurt
a.M. 1998.
Räumt mit diversen Mythen betreffend Darwinis-
mus und Fortentwicklung unserer Spezies auf.
Hanswilhelm Haefs: Handbuch des nutzlosen Wis-
sens, München 1989.
Stopft neben weniger gefährlichen Wissenslük-
ken – »Eine Stunde mit dem Kopf gegen die Wand
schlagen verbraucht 150 Kalorien« – auch manches
dicke Loch in unserem Weltverständnis. Inzwi-
schen durch ein zweites und drittes »Handbuch des
nutzlosen Wissens« ergänzt.
Eckhard Henscheid, Gerhard Henschel und Brigitte
Kronauer: Kulturgeschichte der Mißverständnis-
se, Stuttgart 1997.
Ein Irrtumslexikon mit belletristischem Anspruch.
Schwerpunkt Geisteswissenschaften.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 384

William Lewis Hertslet: Der Treppenwitz der Welt-


geschichte, 11. Auflage, Berlin 1965.
Ein Klassiker, und heute noch genauso frisch wie
bei der Erstauflage vor über 100 Jahren; Irrtümer,
Legenden, Mythen der Geschichte.
Walter Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt
des Zufalls und der Zahlen, Frankfurt a.M. 1995
(1998 als Taschenbuch erschienen).
Streifzug durch mentale Eigentore beim Umgang
mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten.
Peter Kuhlemann: Ethnologische und zoologische
Irrtümer in der Archäologie, Köln 1979.
Deckt diverse Fehlinterpretationen steinzeitlicher
Höhlenmalereien auf.
Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt?, 3.
Auflage, Gütersloh 1989.
Übersetzungsfehler in der Bibel (»Kamel durch
Nadelöhr«, »Nimm Dein Bett und wandle« usw.);
wir selbst zitieren es an vielen Stellen.
H. van Maanen, J.J.E. van Everdingen und H.E.
Fokke: Uit het oog, uit het hart, Amsterdam 1983
(französische Übersetzung: Le cœur se situe à gau-
che – mille et une idées reçues en matière de méde-
cine, Amsterdam 1995).
Irrtümer aus der Medizin, enthält neben manchen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 384

»alten Kamellen« auch viele Dinge, die wir selbst


nicht wußten ...
J.L. McCarey: Sexual myths and fallacies, New York
1971.
Veraltet, heute nur noch als Dokument der ameri-
kanischen Prüderie der Voraufklärung von Interes-
se.
Fritz C. Müller: Wer steckt dahinter?, Düsseldorf
1964.
Alphabetisch geordnetes Herkunftslexikon von
»Abrahams Schoß« bis »Zilletypen«. Deckt quasi
nebenbei auch diverse Irrtümer zur Herkunft von
Namen und Begriffen auf.
Burkhard Müller-Ulrich: Medienmärchen – Gesin-
nungstäter im Journalismus, München 1996.
Zeichnet anhand diverser Medienkampagnen der
letzten Jahre die Genesis von Mythen zum Tier-
und Umweltschutz, zum Waldsterben und zu ande-
ren Hobbythemen progressiver Journalisten auf.
Ein absolutes Muß für jeden, der diesen Predigern
einmal auf die Schliche kommen möchte.
Sven Ortoli und Nicolas Witkowski: Die Badewanne
des Archimedes – Berühmte Legenden aus der
Wissenschaft, München 1997.
Eine Übersetzung aus dem Französischen, daher
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 385

für deutsche Leser kaum genießbar (typisches fran-


zösisches Gelehrtengeschwafel).
Udo Pollmer, Andrea Fock, Ulrike Gonder und Karin
Haug: Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Er-
nährung, Köln 1994.
Räumt mit diversen Mythen unserer Gesund-Ernäh-
rer auf; ähnlich wie Bender.
Gerhard Prause: Tratschkes Lexikon für Besserwis-
ser, München 1986.
Neben Hertslets »Treppenwitz« der zweite Klassi-
ker zu Irrtümern aus der Geschichte; hat uns für
Band 1 zahlreiche Hinweise gegeben.
Gerhard Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht,
Düsseldorf 1986.
Die gröbsten Irrtümer aus »Tratschkes Lexikon«
ausführlich und sehr unterhaltsam nochmals ausge-
breitet.
Carol Ann Rinzer: Feed a cold, starve a fever – A
dictionary of medical folklore, New York 1991.
Hunderte von populären Vorurteilen und Mißver-
ständnissen aus der Medizin.
Lynn Scarlett: A consumer's guide to environmental
myths and realities, Dallas 1994.
Eine Abrechnung mit grünen Alarmaposteln und
ihren falschen Umwelttheorien.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 385

George W. Simpson: Why do some shoes squeak?,


New York 1984.
Erklärt über 500 alltägliche und nicht so alltägliche
Phänomene aus Naturwissenschaft und Alltagsle-
ben. Deckt dabei auch den einen oder anderen Irr-
tum auf.
Petr Skrabanek und James McCormick: Torheiten
und Trugschlüsse in der Medizin, 4. Auflage,
Mainz 1995.
Abrechnung mit den bekannten Vorurteilen zu Pla-
cebos, Prävention und moderner Medizin im allge-
meinen.
Chris Thurman: Lügen, die wir glauben, Aßlar 1994.
Populäre Irrtümer aus der Selbsterfahrungsszene
und aus der Populärpsychologie.
Chris Thurman: Noch mehr Lügen, die wir glauben,
Aßlar 1997.
Siehe oben.
Tad Tulleja: Fabulous Fallacies, New York 1982.
300 populäre Irrtümer aus allen Bereichen unseres
Lebens, und wie sie entstanden sind.
Claude Vallette und Tom Burnam: Encyclopédie des
idées reçues, Monaco 1978.
Im wesentlichen eine französische Fassung von
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eine kleine Bibliographie der Irrtumsliteratur 386

Burnam (1975).
Philip Ward: A dictionary of common fallacies, 2
Bände, New York 1980.
Enthält neben »echten« Irrtümern auch viel ordinä-
ren Aberglauben. Gibt in der Regel Quellen an.
Der zweite Band enthält eher Ladenhüter.
H.J. Winkler: Legenden um Hitler, Berlin 1963.
Der Titel ist selbsterklärend.
Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was der
Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche
Fragen, München 1998.
Ein unterhaltsamer Streifzug durch Physik, Chemie
und Alltagsleben; klärt nebenbei auch viele Irrtüm-
er zu chemischen und physikalischen Gesetzen auf.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


Zur digitalen Ausgabe 387

Zur digitalen Ausgabe

Wer glaubt nicht an die Geschichte mit dem Stück


Fleisch, das sich in Cola auflöst? – Die, die es aus-
probiert haben. Oder die, die den Artikel ›Coca-Cola‹
im »Lexikon der populären Irrtümer« kennen. Noch
schneller zur Aufklärung der Irrtümer gelangt man
nun mit der digitalen Ausgabe der beiden im Eichborn
Verlag erschienenen Buchausgaben »Lexikon der po-
pulären Irrtümer« und »Das neue Lexikon der populä-
ren Irrtümer«.
Die digitale Ausgabe gibt den vollständigen Text
unverändert wieder. Die Stichwörter der beiden Buch-
ausgaben wurden zu einer Stichwortliste zusammen-
geführt. Das Registerblatt »Register« ermöglicht mit
dem Verzeichnis der Stichwörter und dem Verzeich-
nis der Irrtümer einen schnellen Zugriff auf die ge-
wünschten Informationen. Mit der Stichwortsuche fin-
det man nicht nur die Lexikoneinträge, sondern auch
alle anderen Stellen, wo das gesuchte Thema noch ge-
streift wird. Besonders nützlich ist hier die Möglich-
keit des Kopierens und Einfügens: wenn mal wieder
Uneinigkeit über die eine oder andere Binsenweisheit
herrscht, weiß es der Besitzer der CD nicht nur bes-
ser, sondern kann auch gleich per e-mail den Beweis
erbringen!
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
Zur digitalen Ausgabe 387

Eine ausführliche Beschreibung aller zur Verfü-


gung stehenden Funktionen der »Digitalen Biblio-
thek« bieten die »Hilfe«-Funktion, die jederzeit über
die Taste »F1« aufgerufen werden kann, sowie die der
Ausgabe beiliegende gedruckte »Einführung in die
Software«.

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Sigel, Seitenkonkordanz und Copyright 387

Sigel, Seitenkonkordanz und Copyright

Wird im Funktionsregister »Diverses« die Option


»Konkordanz zu gedruckten Ausgaben« gewählt, er-
scheinen im Kolumnentitel des wiedergegebenen Tex-
tes links das Sigel und rechts die entsprechende Sei-
tenzahl der folgenden Buchausgaben:

LexPI Bd. 1
Krämer, Walter / Trenkler, Götz: Lexikon der po-
pulären Irrtümer. 500 kapitale Mißverständnisse,
Vorurteile und Denkfehler von Abendrot bis Zep-
pelin. 14. Auflage, Frankfurt am Main: Eichborn,
1997.
© 1996 Eichborn AG, Frankfurt am Main. Lizenz-
ausgabe mit freundlicher Genehmigung der Eich-
born AG, Frankfurt am Main.

LexPI Bd. 2
Krämer, Walter / Krämer, Denis/ Trenkler, Götz:
Das neue Lexikon der populären Irrtümer. 555 wei-
tere Vorurteile, Mißverständnisse und Denkfehler
von Advent bis Zyniker. Frankfurt am Main: Eich-
born, 1998.
© 1998 Eichborn AG, Frankfurt am Main. Lizenz-
ausgabe mit freundlicher Genehmigung der Eich-
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Sigel, Seitenkonkordanz und Copyright 387

born AG, Frankfurt am Main.

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Impressum der digitalen Ausgabe 387

Impressum der digitalen Ausgabe

Copyright 2003:
Directmedia Publishing GmbH

ISBN:
3-932544-83-8

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


Lexikon

Lexikon

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


A 9

»Die gemeinsten Meinungen und was jeder für


ausgemacht hält, verdient oft am meisten
untersucht zu werden.«
Georg Christoph Lichtenberg

»Man erkennt den Irrtum daran,


daß alle Welt ihn teilt.«
Jean Giraudoux

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Abendessen 9

Abendessen (s.a. ð »Frühstück«)


Das Essen abends schlägt mehr an als mittags
oder morgens
Für das Dicker-werden ist es unerheblich, wann am
Tag wir eine Mahlzeit zu uns nehmen. »Es gibt keine
Beweise dafür, daß wenn die Nahrung bei Nacht auf-
genommen wird, wesentlich mehr Kalorien als Fett
gespeichert werden, als wenn die gleichen Nahrungs-
mittel während des Tages verzehrt werden« (Gesund-
heitsreport Intern der Universität Berkeley in Kalifor-
nien). »Die Kalorien, die Sie in der Nacht zu sich
nehmen, werden einfach dann verbraucht, wenn sie
benötigt werden.«
& Lit.: Gesundheitsreport »Intern«, Band 9, Heft 12,
Dez. 1993.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Abendrot 9

Abendrot
Abendrot verheißt schönes Wetter
»Des Abends sprecht ihr: es wird ein schöner Tag
werden, denn der Himmel ist rot«, sagt Jesus in der
Bibel (Matthäus 16,2; in manchen Übersetzungen
fehlt die Stelle). Aber das stimmt nur bedingt. Richtig
ist, daß ein schwaches, pinkfarbenes Abendrot durch
eine besonders trockene Luft entsteht und daß deshalb
die Wahrscheinlichkeit für Regen sinkt. Ein knallroter
Abendhimmel dagegen entsteht oft durch feuchte
Staubpartikel in der Atmosphäre; er kündet eher
Regen an.
& Lit.: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift,
Stuttgart 1929.

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LexPI Bd. 1 Ablaß 10

Ablaß
Die Reformation ist aus Luthers Kampf gegen
den Ablaßhandel entstanden (s.a. ð »Luther«)
Es ist eine weitverbreitete, aber falsche Ansicht, Mar-
tin Luther wäre vor allem wegen seiner grundsätzli-
chen Ablehnung des Ablaßhandels zu dem großen
Reformator geworden, als den wir ihn heute kennen.
In Wahrheit hatte Luther nur eine bestimmte Form
des Ablaßhandels, den zur Finanzierung des Peters-
doms in Rom ausgeschriebenen sogenannten »Peters-
kirchen-Ablaß« angegriffen, den man anders als ande-
re auch post mortem, nach dem Tod, erwerben konnte
(d.h. auch Tote waren aus dem Fegefeuer freizukau-
fen). Außerdem mußten die Sünder ihre Taten noch
nicht einmal bereuen – schon das Geld allein sollte
den Erlaß der Sündenstrafen garantieren. Hier sah Lu-
ther einen Mißbrauch, den griff er in seinen berühm-
ten 95 Thesen an.
Daß dann aus dieser Meinungsverschiedenheit
unter Theologen die evangelische Kirche entstehen
sollte, hat er vermutlich weder geahnt noch damals so
geplant.
& Lit.: Gerhard Ritter: Luther, Frankfurt 1985; Ger-
hard Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht,
Düsseldorf 1986 (besonders das Kapitel »Luthers
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ablaß 10

Thesenanschlag ist eine Legende«).

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LexPI Bd. 2 Aborigines 9

Aborigines
Aborigines gibt es nur in Australien
»Aborigine« ist das lateinische »ab origine« (= vom
Anfang an). Damit meint man seit antiken Zeiten die
Ureinwohner eines Landes, schon die alten Italiener
(außer den Römern selber) mußten sich von den Rö-
mern so bezeichnen lassen.

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LexPI Bd. 2 Advent 9

Advent
Die Adventszeit umfaßt die letzten vier Wochen
vor Weihnachten
Die von den frühen Christen als Zeit der Buße und
des Fastens und als Vorbereitung auf das Weih-
nachtsfest gesehene Adventszeit währte anders als
heute je nach Land und Leuten von zwei bis sieben
Wochen. Erst Papst Gregor der Große (590–604) be-
stimmte eine für alle Christen einheitliche Vier-Wo-
chen-Frist (plus die Tage vom letzten Advent bis Hei-
ligabend, wenn Heiligabend selbst kein Sonntag ist);
diese Frist wurde auf dem Konzil von Aachen 825
auch offiziell für Deutschland gültig.
& Lit.: Hartmut Schickert: Der kleine wissenschaft-
liche Adventsbegleiter, München 1997.

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LexPI Bd. 2 Adventskranz 9

Adventskranz
Der Adventskranz ist ein alter deutscher Weih-
nachtszeit-Begleiter (s.a. ð »Weihnachtsbaum«)
Der Adventskranz ist keine 150 Jahre alt; er wurde
erst Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Pädagogen
Johann Hinrich Wichern in das deutsche Brauchtum
eingeführt. Wichern hielt in seiner Einrichtung für ju-
gendliche Straftäter Adventsandachten ab, wegen der
frühen Dämmerung bei Kerzenlicht. Jedoch ließ er
nicht alle Kerzen auf einmal brennen, er begann mit
einer Kerze am ersten Abend, zwei Kerzen am zwei-
ten Abend und so weiter. Die Kerzen für die Sonntage
waren dabei groß und weiß, die für die Wochentage
klein und rot. Zum Aufstecken der Kerzen hing ein
Holzreifen von der Decke des Versammlungsraumes,
in den Anfangsjahren unbekränzt, seit 1860, dem offi-
ziellen Geburtsjahr des Adventskranzes, mit Tannen-
grün geschmückt.
Etwa zur gleichen Zeit und unabhängig von Wi-
chern hatte auch ein Pastor in Pommern damit begon-
nen, in seinen sonntäglichen Adventsandachten
jeweils eine weitere Kerze anzuzünden, anfangs auf
einem Weihnachtsbaum, später auf einem Kranz, und
diese Sitte wurde schnell und flächendeckend auch
von anderen übernommen. Die Symbolkraft dieses
Kranzes – der Baum und das Grün als das Symbol
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Adventskranz 10

des Lebens, der Kreis als das Zeichen der Ewigkeit,


der Auferstehung und des Lebens, die Kerzen als der
Hinweis auf das Licht, das in der Weihnachtsnacht
die Welt erleuchten wird –, einer dermaßen geballten
Ladung Tiefsinn konnte das Gemüt der Deutschen un-
möglich lange widerstehen.
& Lit.: H. Kirchhoff: Christliches Brauchtum im
Jahreskreis, München 1990; »Ein junger Brauch
ist der Adventskranz«, Westdeutsche Allgemeine
Zeitung, 27.11.1995; Stichwort vorgeschlagen
von Michael Schmidt.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Affen 10

Affen
Affen lausen sich
Anders als viele Zoobesucher glauben, suchen Affen
in den Fellen ihrer Artgenossen nicht nach Läusen.
Dieses häufige gegenseitige »Lausen« (»ich glaub',
mich laust der Affe«) dient vor allem dem Entfernen
von abgestorbenen Hautresten und Salzkrusten, die
durch den Schweiß entstehen, sowie quasi als Neben-
produkt auch dem Einüben eines solidarischen Sozial-
verhaltens – man »laust« sich, um die »Affenbande«
aneinander zu gewöhnen. Besonders die Schimpansen
haben dieses »groomen« (vom englischen »to groom«
= pflegen) zu einer großen Perfektion getrieben.
Affen sind im allgemeinen, wenn sie nicht in ex-
trem schmutzigen Käfigen leben, völlig frei von allen
Körperparasiten.
& Lit.: Deutsches Institut für Fernstudien: Evolution
des Menschen, Tübingen 1990.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Affenschande 11

Affenschande
Das Wort »Affenschande« hat mit Affen nichts zu
tun; es kommt aus dem Plattdeutschen: »Dat ist eine
apenbare (offenbare) Schande.«
& Lit.: Walter Zerlett-Olfenius: Aus dem Stegreif,
Berlin 1943.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Aggression 11

Aggression
Der Aggressionstrieb ist grundsätzlich schädlich
Wenn man Nobelpreisträger Konrad Lorenz glauben
darf, ist Aggression durchaus nicht immer etwas
Schlechtes. Vielmehr kann Aggression, im Sinn eines
»auf den Artgenossen gerichteten Kampftriebs«, für
das Überleben einer Spezies geradezu notwendig sein:
Nur wenn ein Tier sein Territorium wenn nötig auch
gegen Artgenossen verteidigt, verbreitet sich die Art
wie Fettaugen auf einer Suppe so schnell wie möglich
über den verfügbaren Lebensraum; so nützt sie die
natürlichen Ressourcen optimal zum Überleben aus
(wohlgemerkt der Spezies, nicht des individuellen
Tieres).
Wäre Aggression nicht für das Überleben wichtig,
so das Argument von Zoologen, wären aggressive
Arten lange ausgestorben. Und da wir bei fast allen
Tieren Aggression gegen Artgenossen in der einen
oder anderen Form beobachten, muß Aggression per
Umkehrschluß der Arterhaltung dienen.
Wie auch immer wir daher die aktuellen Auswir-
kungen des Aggressionstriebes bei der Species Homo
sapiens bewerten, eins scheint sicher: Ohne diesen
Aggressionstrieb wären wir wahrscheinlich schon viel
früher ausgestorben.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Aggression 11

& Lit.: Konrad Lorenz: Das sogenannte Böse: Zur


Naturgeschichte der Aggression, Wien 1963;
Desmond Morris: The naked ape, London 1967;
Arno Plack (Hrsg.): Der Mythos vom Aggressi-
onstrieb, München 1973.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Agrarsubventionen 11

Agrarsubventionen
Die Europäische Union ist der größte Agrarsub-
ventionierer der Welt
Das stimmt nur in absoluten Zahlen – legt man die
Hilfen für die Bauern auf die Bevölkerung um, ent-
puppen sich ganz andere Länder als die größten
»Sünder«, etwa Norwegen und die Schweiz: Sie un-
terstützen ihre Bauern mit fast 900 Dollar (Schweiz)
oder sogar 1000 Dollar (Norwegen) pro Kopf und
Jahr, verglichen mit 500 Dollar in der Europäischen
Union.
& Lit.: »Guilty on all counts«, The Economist
21.8.1993; Peter Sutherland: Trade, the Uruguay
round and the consumer, Broschüre des GATT,
1993.

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LexPI Bd. 1 AIDS 12

AIDS
Ein AIDS-Test für alle wäre medizinisch sinnvoll
Ein Zwangs-Aids-Test für alle Bundesbürger, so wie
zuweilen öffentlich gefordert, wäre medizinisch wie
menschlich eine reine Katastrophe. Denn selbst bei
einem sehr zuverlässigen Test hätten dann rund 9 von
10 AIDS-Positiven in Wahrheit überhaupt kein
AIDS!
Dieses paradoxe Resultat hängt mit der Fehlerquo-
te bei medizinischen Tests zusammen. Diese ist bei
einem guten Test sehr klein: Wer AIDS hat, wird mit
großer Wahrscheinlichkeit als infiziert erkannt. Diese
Wahrscheinlichkeit, die sogenannte »Sensitivität« des
Tests, wird bei den aktuellen Verfahren auf 99,8% ge-
schätzt. Und auch wer kein AIDS hat, wird mit großer
Wahrscheinlichkeit als nicht infiziert erkannt. Diese
Wahrscheinlichkeit, die sogenannte »Spezifität« des
Tests, beträgt bei den aktuellen Verfahren rund 99%.
Aber trotzdem wären dann bei einer die ganze Bevöl-
kerung erfassenden Reihenuntersuchung noch nicht
einmal ein Zehntel der positiv getesteten auch wirk-
lich infiziert!
Angenommen, rund 1 Promille der sexuell aktiven
deutschen Bevölkerung, d.h. 50000 von rund 50 Mil-
lionen, sind tatsächlich infiziert. Das ist die heute von
Experten meistgenannte Zahl. Von diesen 50000 wür-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 AIDS 12

den dann 99,8%, = 49900, also fast alle, richtig dia-


gnostiziert; nur ganze 100 der 50000 Infizierten wür-
den, wenn wir diesen Wahrscheinlichkeiten einmal
glauben dürfen, nicht erkannt. Und genauso sicher
wäre der Test auch für die Bundesbürger ohne AIDS,
denn auch von den 49950000 nicht Infizierten würden
99% = 49450500 korrekt als nicht infiziert erfaßt.
Was dabei aber häufig übersehen wird, ist die pro-
zentual zwar kleine, absolut aber immer noch recht
große Zahl von 499500 nicht infizierten Menschen,
die dennoch und damit zu Unrecht als infiziert gemel-
det würden. Diese Zahl ist mehr als zehnmal so groß
wie die Zahl der korrekt als infiziert Erkannten, oder
anders ausgedrückt: von den als infiziert Erkannten
sind mehr als neun Zehntel überhaupt nicht infiziert.
& Lit.: Heinz Boer: »AIDS – Welche Aussagekraft
hat ein ›positives‹ Test-Ergebnis?« Stochastik in
der Schule 13, 1993, S. 2–12.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Akropolis 13

Akropolis
Nur in Athen gibt es eine Akropolis
»Akropolis« heißt auf griechisch »höchste Stadt«;
damit war eine besonders befestigte Burg innerhalb
der Stadtmauer gemeint. In den Städten des alten
Griechenland gab es davon mehrere Dutzend; die
Akropolis in Athen ist nur die bekannteste.
¤ Athen vor zwei Jahrtausenden: Die Akropolis

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LexPI Bd. 1 Aktien 1 13

Aktien 1
Aktienkurse sind vorhersagbar (s.a. ð »Börsen-
profis« und ð »Chartanalyse«)
Aktienkurse sind genauso vorherzusagen bzw. nicht
vorherzusagen wie die Lottozahlen – ob die Kurse
steigen oder fallen, kann man erst nach Schluß der
Börse wissen.
Diese Unsicherheit ist aber kein Mangel, sondern
ganz im Gegenteil ein Zeichen für Gesundheit: Je we-
niger die Auf- und Abschwünge vorhergesehen wer-
den können, desto besser für den Markt.
In einem gut funktionierenden Kapitalmarkt ist der
aktuelle Preis eines Wertpapiers immer auch der im
Licht der aktuellen Informationen gerechte Preis, alias
der »innere Wert«. Dieser innere Wert hängt davon
ab, was künftig an Erträgen für die Eigentümer an-
fällt; der innere Wert am Abend ist am Morgen nicht
bekannt, denn am Morgen wissen wir noch nicht, wel-
che der Ereignisse dieses Tages uns die Renditesuppe
versüßen oder versalzen werden, je nachdem.
Um den inneren Wert am Morgen zu bestimmen,
benützen clevere Börsianer alle Informationen, die
dafür wichtig werden könnten: Rohstoffpreise, Wech-
selkurse, Steuern, Inflation, alles was die zu bewer-
tende Aktie betreffen könnte. Wenn aber der Kurs am
Morgen schon alle wertbestimmenden Faktoren ent-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Aktien 1 13

hält – der Idealfall – wird er sich tagsüber nur durch


neue, zuvor unbekannte Daten oder Fakten ändern
(denn wären diese Daten oder Fakten vorher schon
bekannt gewesen, wären sie auch schon im Kurs vor-
weggenommen). Mit anderen Worten, nur bei nicht
vorhergesehenen Ereignissen verändern sich die
Kurse – ihre Schwankungen müssen in einem idealen
Kapitalmarkt ein Produkt des Zufalls sein.
& Lit.: C. Granger und O. Morgenstern: Predictabi-
lity of stock market prices, Lexington 1970; W.
Krämer: Stichwortartikel »Kapitalmarkteffizienz«
in: Handwörterbuch des Finanz- und Börsenwe-
sens, 2. Aufl., Stuttgart 1994.

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LexPI Bd. 1 Aktien 2 14

Aktien 2
Aktienkurse sind freitags in der Regel niedriger
als montags
Diese Theorie – immer wieder in populären Börsen-
sendungen des deutschen Fernsehens zu hören – be-
sagt, daß Börsenhändler sich gerne freitags »glattstel-
len«, also über das Wochenende lieber nicht auf gro-
ßen Wertpapierbeständen sitzen. Dadurch sollen dann
die Kurse freitags häufig sinken.
Betrachtet man aber die durchschnittlichen Tages-
Renditen deutscher Aktien genauer, kommt exakt das
Gegenteil heraus: Von Donnerstag auf Freitag ändern
sich die Kurse im langfristigen Durchschnitt positiv,
von Freitag auf Montag aber negativ. Das folgende
Schaubild zeigt für jeden Wochentag getrennt die
durchschnittlichen prozentualen Änderungen des
deutschen Aktienindex DAX verglichen mit dem Vor-
tag an. Es basiert auf mehr als 7500 täglichen Rendi-
ten vom Januar 1960 bis Dezember 1989 und zeigt
klar, daß Freitag unter allen Wochentagen im Durch-
schnitt den höchsten Kursanstieg vermelden kann.
Die eigentliche Anomalität in diesem Diagramm ist
aber nicht der Kursanstieg am Freitag, sondern der
Kursabstieg am Montag. Denn nach der üblichen Ka-
pitalmarkttheorie müßten die Kurse im Mittel immer
steigen – sonst würde niemand Aktien kaufen. Zwar
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Aktien 2 15

ist dieser mittlere Kursverfall von Freitag auf Mon-


tag – der sogenannte »Montagseffekt« – nicht sehr
dramatisch, weniger als 0,2 Prozent, verglichen mit
den sonst üblichen Schwankungen von Tag zu Tag
kaum wahrnehmbar, aber dennoch viel zu groß, um
allein durch Zufall zu entstehen. Seine Quelle ist zur
Zeit noch ungeklärt.
& Lit.: Walter Krämer und Ralf Runde: »Wochen-
tagseffekte am deutschen Aktienmarkt«, Allge-
meines Statistisches Archiv 1992; dieselben:
»Kalendereffekte auf Kapitalmärkten: eine empiri-
sche Untersuchung für deutsche Aktien und den
DAX«, Zeitschrift für betriebswirtschaftliche For-
schung, Sonderheft 31, 1993.
¤ Die durchschnittliche tägliche Rendite des deut-
schen Aktienindex DAX (in Prozent) von 1960 bis
1990, nach Wochentagen aufgeteilt: Von Freitag
auf Montag fallen deutsche Aktienkurse öfter als
daß sie steigen

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LexPI Bd. 2 Alkohol 10

Alkohol
Ein Liter Alkohol und ein Liter Wasser ergeben
zwei Liter eines alkoholischen Getränks
Wenn man einen Liter reinen Alkohol mit einem Liter
reinem Wasser mischt, erhält man nur 1,93 Liter
eines alkoholischen Getränks: Die Moleküle des
Wassers und des Alkohols rücken wegen sogenannter
»Wasserstoffbrückenbindungen« enger zusammen
und brauchen deshalb weniger Platz als in getrennter
Form.
& Lit.: Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was
der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche
Fragen, München 1998.

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LexPI Bd. 1 Alkohol 1 15

Alkohol 1
Alkohol ist ungesund
Damit wir uns nicht mißverstehen: Natürlich ist Alko-
hol in großen Mengen ungesund. Aber das gilt für
viele andere Dinge auch (man kann sich auch an Mi-
neralwasser vergiften). Oder um mit dem großen Pa-
racelsus zu sprechen:
»Was das nit gifft ist?
Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft.
Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist.
Als ein Exempel: ein jetliche speiß und ein jetlich
getranck so es über sein dosis eingenommen wirdt,
so ist es gifft.«
Wenn wir dagegen fragen: Ist Alkohol grundsätzlich
ungesund, so heißt die Antwort: Ganz im Gegenteil.
»Ein Gläschen Wein stützt das Gedächtnis im Alter«,
können wir in einer deutschen Illustrierten lesen:
»Ein, zwei Glas Wein (oder ein Bier) täglich halten
das Gedächtnis im Alter jung«, sagt Dr. Joe C. Chri-
stian (Universität Indiana). »Bei mäßigem Alkoholge-
nuß verbessert sich das Kurzzeit-Gedächtnis um 17
Prozent. Eindrücke werden schneller gespeichert, man
denkt logischer. Grund: Alkohol in Maßen regt den
Stoffwechsel an und fördert die Durchblutung.«
Andere Forscher finden andere Effekte: »Alkohol
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Alkohol 1 15

stärkt die Substanz des Knochengewebes« (aus einer


deutschen Tageszeitung). »Mäßiger Genuß von Alko-
hol erhöht offensichtlich die Knochendichte und senkt
möglicherweise das Risiko der Osteoporose (Kno-
chenschwund). Das ergab die Auswertung einer Stu-
die in Kalifornien, bei der Trinkgewohnheiten und
Knochensubstanz untersucht worden waren.«
Die gleichen Stimmen auch in wissenschaftlichen
Journalen. Eine Studie der Harvard-Universität an
über 50000 Männern hat ergeben, daß das Risiko für
koronare Herzkrankheit für Abstinenzler höher ist als
für Männer, die regelmäßig Alkohol konsumieren,
und nicht nur das: Das Risiko einer koronaren Herz-
krankheit wird umso kleiner, je mehr Alkohol man
trinkt (und zwar auch dann, wenn man andere Fakto-
ren wie Ernährung, Blutdruck, Alter usw. ausschaltet
bzw. nur Männer vergleicht, die sich bezüglich dieser
Variablen nicht unterscheiden).
Die folgende Tabelle (aus Rimm et al., 1991, S.
466) gibt an, um wieviel das Risiko für verschiedene
koronare Herzbeschwerden mit wachsendem Genuß
von Alkohol sinkt (jeweils verglichen mit ansonsten
vergleichbaren Männern, die überhaupt nicht trinken):

Risikoreduktion beim täglichen Genuß der folgenden


Mengen Alkohol

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Alkohol 1 16

5–30 Gramm mehr als


30 Gramm
nicht-tödlicher Infarkt: 36% 45%
tödlicher Infarkt: 41% 37%
Bypass-Operation 10% 65%
alle kor. Herzkrankh. zus.: 28% 48%

Wie wir sehen, wird das Risiko einer koronaren Herz-


krankheit bei regelmäßigem Alkoholgenuß nicht grö-
ßer, sondern kleiner (die Risikoreduktion ist durch-
weg positiv). Und nicht nur das: Von tödlichen Her-
zinfarkten einmal abgesehen, nimmt das Risiko umso
mehr ab, je mehr wir trinken.
In einer anderen Studie haben allerdings Mediziner
aus Dänemark herausgefunden, daß nicht ein Promille
so gut ist wie das andere, sondern daß auch die Art
des Alkohols – Wein, Bier oder Schnaps – von Be-
deutung ist: Bei über 6000 untersuchten Männern und
über 7000 untersuchten Frauen haben sie ermittelt,
daß vor allem Wein das lange Leben fördert – Männer
und Frauen mit einem Konsum von täglich drei bis
fünf Glas Wein reduzieren ihr Todesrisiko verglichen
mit Abstinenzlern auf die Hälfte (das sogenannte »al-
tersadjustierte Risiko«; irgendwann müssen natürlich
auch Weintrinker und -trinkerinnen sterben). Bier und
Schnaps dagegen bewirken, was die reinen Sterbera-
ten angeht, keine großen Unterschiede.
Nun wäre zu diesen Ergebnissen natürlich noch ei-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Alkohol 1 16

niges zu sagen. (Wie kam die Stichprobe zustande?


Wahrheitsliebe der Probanden? Geht die Abnahme
des Risikos mit wachsendem Alkoholgenuß immer
weiter, oder kehrt sich die Kurve irgendwann wieder
um? etc.) Aber diese Ergebnisse werden von zu vielen
anderen Untersuchungen bestätigt, um sie einfach als
Produkt des Zufalls abzutun.
& Lit.: Eric B. Rimm et al.: »Prospective study of
alcohol consumption and risk of coronary disease
in men«, The Lancet 338, Aug. 1991, 464–468;
Morten Gronbeck et al.: »Mortality associated
with moderate intakes of wine, beer, or spirits«,
British Medical Journal 310, Mai 1995,
1165–1169.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Alkohol 2 17

Alkohol 2
Alkohol wärmt
Nachdem wir einige unvermutete gute Seiten des Al-
kohols betrachtet haben, müssen wir aber auch vor
einer gern geglaubten positiven Wirkung warnen, die
er in Wahrheit gar nicht hat. Denn auch wenn wir
nach einem heißen Grog an einem kalten Winterabend
anders denken: Alkohol erwärmt den Körper nicht.
Zwar fühlen wir subjektiv eine Wärme, die sich so
schön vom Magen über den ganzen Körper ausbreitet,
aber objektiv gesehen macht Alkohol die Blutgefäße
an der Körperoberfläche weiter; das Blut strömt an
die Außenseite und wird kühler, die Temperatur des
Körpers sinkt. Auf diese Weise kann Alkohol bei gro-
ßer Kälte sogar zum Erfrieren führen.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Alkohol 3 17

Alkohol 3
Alkohol läßt sich durch Kaffeetrinken vertreiben
Es nützt nichts, nach einigen Bier noch schnell einen
Kaffee vor der Heimfahrt mit dem Auto zu bestellen –
weder senkt Kaffee den Alkoholspiegel, noch läßt er
uns schneller reagieren. Er vertreibt vielleicht die Mü-
digkeit, die sich oft nach dem Trinken einstellt, aber
das nachfolgende Gefühl der Nüchternheit ist trüge-
risch; die Reflexe sind weiter gebremst, und die Fä-
higkeit zum Autofahren wird kein bißchen besser.
& Lit.: B. Kissin: »Interactions of ethyl alcohol and
other drugs«, in B. Kissin und H. Begleiter: The
biology of alcoholism, New York 1974.

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LexPI Bd. 1 Alliterationen 17

Alliterationen
Alliterationen entstehen aus Absicht
Alliterationen alias Stabreime, also gleiche Anfangs-
klänge mehrerer Wörter hintereinander, gelten vielen
als Stilmittel, das große oder nicht so große Künstler
absichtlich benutzen: »Komm Kühle, komm küsse
den Kummer/süß säuselnd von sinnender Stirn« (Cle-
mens Brentano).
Nach Meinung des amerikanischen Statistikers und
Psychologen B.F. Skinner müssen solche Gleichklän-
ge durchaus nicht immer Absicht sein – sie können
genausogut auch zufällig entstehen. Skinner hat das
für die insgesamt 1400 Zeilen sämtlicher Sonette Sha-
kespeares einmal nachgerechnet. Hätte Shakespeare
die Anfangslaute aller Wörter zufällig aus einem Hut
gezogen, müßten sich darunter z.B. 161 Zeilen mit
zweimal S als Anfangsbuchstabe und 29 Zeilen mit
dreimal S als Anfangsbuchstaben finden (um nur zwei
der von Skinner errechneten Erwartungswerte aufzu-
führen). Und tatsächlich gibt es in Shakespeares So-
netten genau 161 Zeilen mit zweimal S und 26 Zeilen
mit dreimal S an erster Stelle – mit anderen Worten,
die für Leser und Hörer oft so verblüffende Häufung
identischer Anfangslaute kann neben der dichteri-
schen Genialität genauso auch den Zufall als Erzeuger
haben.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Alliterationen 18

Eine ähnlich gute Übereinstimmung von Theorie


und Praxis beobachtete Skinner auch bei anderen
Buchstaben des Alphabets.
& Lit.: B.F. Skinner: »The alliteration in Shakespea-
re's sonnets: A study in literary behaviour«, The
Psychological Record 1939.

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LexPI Bd. 1 Altar 18

Altar
Der Altar ist eine christliche Erfindung
Die ersten Christen kannten keine besonderen Plätze
in ihren Versammlungsorten, so wie in modernen Kir-
chen die Altäre. Sie wurden sogar, weil sie keine Al-
täre hatten, von den anderen Religionen als Barbaren
angegriffen.
Der Altar als der besondere Platz, wo man den
Göttern opfert, existierte lange vor Jesus Christus in
fast allen Religionen dieser Erde.
& Lit.: Stichwort »Altar« in Encyclopaedia Britan-
nica, 11. Auflage, Chicago 1910.

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LexPI Bd. 1 Amateure 18

Amateure
Bei den antiken olympischen Spielen waren nur
Amateure zugelassen
Antike Sportler waren keine Amateure. Neben dem
notorischen Kranz vom heiligen Ölbaum, den griechi-
sche Olympiasieger als Belohnung mit nach Hause
brachten, kannten und erwarteten diese durchaus auch
noch andere Belohnung; Amateure, die »eine Tätig-
keit aus Liebe an der Sache ausüben, ohne einen
Beruf daraus zu machen« (Meyers Enzyklopädisches
Lexikon), waren diese Sportler sicher nicht.
Der Siegespreis eines Olivenkranzes darf nicht
über die indirekten, zum Teil beträchtlichen Preisgel-
der hinwegtäuschen, die mit einem Olympiasieg ver-
bunden waren: Steuerfreiheit, lebenslange Renten,
Denkmäler, auch Bargeld (der Athener Staatsmann
Solon etwa ließ jedem Olympiasieger seiner Stadt
500 Drachmen, den Zwei-Jahres-Sold eines Soldaten
zahlen). Denn da ein Olympiasieger auch den Ruhm
der Heimatstadt des Siegers mehrte, ließen sich die
griechischen Städte ihre Sportler einiges kosten, vor
den Spielen und erst recht danach: Stadien, Masseure,
Trainer, Köche, Ärzte, und die Sportler selbst natür-
lich auch; sie wollten bezahlt und unterhalten werden,
und da es außer den olympischen Spielen auch noch
die pythischen Spiele (alle vier Jahre), die nemäischen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Amateure 19

Spiele (alle zwei Jahre) und die isthmischen Spiele


gab, von mehreren hundert Provinzsportfesten jähr-
lich völlig abgesehen, konnten die Athleten von die-
sen Preisgeldern und Spesen prächtig leben (so soll
einmal ein Olympiasieger nur für seine Teilnahme an
einem dieser kleineren Spektakel 30000 Drachmen
gefordert und bekommen haben).
Nach den Regeln, wie sie etwa bei den ersten Spie-
len der Neuzeit Ende des letzten und Anfang des aktu-
ellen Jahrhunderts üblich waren, müßten wir also den
meisten antiken Olympiasiegern ihre Palmenzweige
posthum aberkennen.
& Lit.: Stichwortartikel »Olympic Games« in Col-
liers Encyclopedia, Band 18, 1975.

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LexPI Bd. 1 Amerika 19

Amerika
Daß Amerika nicht von Kolumbus, sondern schon
Jahrhunderte vorher von den Wikingern entdeckt
wurde, ist keine große Sensation. Aber daß auch
schon die Wikinger vielleicht zu spät gekommen sind,
ist weniger bekannt.
Manche Forscher glauben, daß schon 500 v.Chr.
Seefahrer aus dem Mittelmeer bis nach Amerika ge-
kommen sind. Technisch möglich wäre es gewesen,
wenn man die zerbrechlichen Boote betrachtet, in
denen Menschen heute den Atlantik überqueren ...
Aber wenn griechische oder römische Segler tat-
sächlich Amerika erreicht haben sollten, sie haben
kein großes Aufhebens davon gemacht. Und vielleicht
hat auch nur ein Witzbold ein paar antike Münzen in
Mexiko vergraben ...
Die Vorfahren der heutigen Indianer, und damit die
ersten Amerikaner überhaupt, waren Mongolvölker,
die vor mehreren tausend Jahren von Asien über die
damals noch intakte Landbrücke nach Alaska und von
dort nach Süden eingewandert sind. Insofern ist es
also reichlich chauvinistisch, das erstmalige Sichten
des Kontinents durch Menschen aus Europa mit des-
sen Entdeckung gleichzusetzen.
& Lit.: T.P. Christensen: Discovery and rediscovery
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LexPI Bd. 1 Amerika 20

of America, Cedar Rapids 1934; Hjamar R. Ho-


land: Explorations in America before Columbus,
New York 1956; Cyrus H. Gordon: Before Co-
lumbus: Links between the old world and ancient
America, New York 1971.

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LexPI Bd. 1 Amtsschimmel 20

Amtsschimmel
Der Amtsschimmel hat etwas mit Pferden zu tun
Der bekannte Amtsschimmel wurde vermutlich aus
dem Wort »Simile« geboren; damit meinte man in den
Kanzleien des alten Österreich ein vorgedrucktes Mu-
sterformular. Deshalb nannte man einen nach vorge-
schriebenem Muster arbeitenden Kanzlisten spöttisch
»Similereiter«, und daraus wurde dann unser Schim-
melreiter.
& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
2. Auflage, durchgesehen und ergänzt von Wolf-
gang Pfeifer, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 2 Anarchie 11

Anarchie
Anarchie bedeutet Unfrieden und Durcheinander
Anarchismus hatte ursprünglich mit Chaos, »Anar-
chie« und Durcheinander nichts zu tun. Die ersten
Anarchisten wollten die Menschen zu einem gewalt-
und herrschaftslosen Miteinander führen; dazu forder-
ten sie eine schrankenlose Freiheit des einzelnen, ab-
solute Vereinigungsfreiheit, unbeschränktes Privatei-
gentum usw., also Dinge, die heute dem eher liberalen
Credo zugerechnet werden. Die zahlreichen anarchi-
stischen Attentate Ende des 19. Jahrhunderts (die Er-
mordung der Kaiserin Sissi oder des russischen Zaren
Alexander) zielten daher auch weniger darauf ab, die
Herrschaft selbst zu übernehmen, als darauf, Herr-
schaft als solche aus dem Weg zu räumen.
& Lit.: Stichwort »Anarchismus« in der Brockhaus
Enzyklopädie, Wiesbaden 1990.

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LexPI Bd. 2 Antarktis 11

Antarktis
In der Antarktis wachsen keine Blumen
Ganz so unwirtlich, wie viele glauben, ist die Antark-
tis nun auch wieder nicht; auf der Antarktisinsel Jenny
z.B. blüht die Nelke »colobanthus crassofolius«.
& Lit.: »7 Irrtümer über Blumen«, Fernsehwoche
38/1997; Stichwort vorgeschlagen von Judith Sie-
vers.

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LexPI Bd. 2 Antikommunismus 11

Antikommunismus
Thomas Mann sagte: »Antikommunismus ist die
Grundtorheit unseres Jahrhunderts«
Diese von früher von der SED und heute von der PDS
immer wieder ausgegrabene Bemerkung Thomas
Manns aus einer 1944 in Chile erschienenen Exilzei-
tung lautet im vollen Wortlaut so: »Sie sehen, daß ich
in dem Sozialismus, in dem die Idee der Gleichheit
die der Freiheit vollkommen überwiegt, nicht das
menschliche Ideal erblicke, und ich glaube, ich bin
vor dem Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des
Kommunismus zu sein. Trotzdem kann ich nicht
umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor
dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von
dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Aber-
gläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtor-
heit unserer Epoche.« Mit anderen Worten: Thomas
Mann kritisierte nur, was die Faschisten mit dem An-
tikommunismus machten. Aber den Kommunismus
selber als erstrebenswert zu schildern, wäre ihm nie-
mals in den Sinn gekommen.
& Lit.: Josef Nyary: »Vom Umgang mit Roten und
Rothäuten«, Welt am Sonntag, 15.2.1998; Stich-
wort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Apfel 20

Apfel
Eva hat im Paradies von einem Apfelbaum ge-
pflückt
Eine verbotene Frucht namens Apfel kommt in der
Bibel nirgends vor. In der deutschen Einheitsüberset-
zung heißt es nur: »Die Frau entgegnete der Schlange:
Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir
essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der
Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft
ihr nicht essen, und daran dürft ihr nicht rühren, sonst
werdet ihr sterben.«
Wie aus diesem Baum, »der in der Mitte des Gar-
tens steht«, ein Apfelbaum geworden ist, weiß nie-
mand so genau. Der Autor dieser Bibelstelle hat si-
cher kaum an einen Apfelbaum gedacht – die gab es
nämlich im Nahen Osten damals nicht. Viel wahr-
scheinlicher wäre ein Feigenbaum, denn Adam und
Eva haben sich nach dem Genuß der Frucht mit Fei-
genblättern zugedeckt.
Der Apfel geriet vermutlich über die Mythen der
Griechen und Kelten in die Bibel. Er galt bei diesen
Völkern als ein Symbol der Liebesgöttin, und da Sex
für gute Christen etwas Böses ist, kann der verbotene
Baum ja nur ein Apfelbaum gewesen sein.
¤ Lucas Cranach d. Ä.: Adam und Eva
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LexPI Bd. 2 Apfel. 12

Apfel
Jemanden »veräppeln« hat etwas mit Äpfeln zu
tun (s.a. ð »Dufte«, ð »Guter Rutsch« und ð
»Nassauer«)
»Veräppeln« hat mit Äpfeln nichts zu tun; es kommt
aus dem Jiddischen (der im Mittelalter entstandenen
Mischung aus Mittel- und Oberdeutsch mit semiti-
schen und slawischen Sprachelementen) und hat seine
Wurzel wohl in »eppel« (= nichts). Veräppeln hieße
demgemäß vernichten (auch eine alternative jiddische
Wurzel in dem Wort »ewil« = Dummkopf wird von
Sprachforschern nicht ausgeschlossen).
& Lit.: Kurt Krüger-Lorenzen: Deutsche Redensar-
ten – und was dahinter steckt, Wiesbaden 1960;
Bernd-Lutz Lange: Dämmerschoppen, Köln 1997
(besonders das Kapitel »Sprachdenkmäler«).

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LexPI Bd. 2 Apfelbaum 12

Apfelbaum
Luther hat gesagt: »Und wenn ich wüßte, daß
morgen die Welt unterginge, würde ich heute
noch ein Apfelbäumchen pflanzen«
Dieses Kleinod aus der Zitatenkiste des politisch kor-
rekten deutschen Bildungsspießers stammt nicht von
Martin Luther. Wer es wirklich in die Welt gesetzt
hat, weiß man zwar auch nicht so genau (prominente
Alternativkandidaten sind Eduard Mörike, Friedrich
Rückert oder verschiedene schwäbische Pietisten des
frühen 19. Jahrhunderts), aber eines steht doch fest: In
keiner einzigen schriftlich oder mündlich überlieferten
Äußerung von Martin Luther war je von diesem
Baumpflanz-Wunsch die Rede.
& Lit.: Martin Schloemann: Luthers Apfelbäum-
chen?, München 1994; Eckhard Henscheid, Ger-
hard Henschel und Brigitte Kronauer: Kulturge-
schichte der Mißverständnisse, Stuttgart 1997
(besonders der Abschnitt »Jedermanns Apfel-
bäumchen«).

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LexPI Bd. 2 Apfelsinen 13

Apfelsinen
Apfelsinen und Zitronen enthalten von allen
Früchten das meiste Vitamin C
Apfelsinen und Zitronen sind zwar fünf- bis zehnmal
Vitamin-C-haltiger als des Teutonen liebste Früchte
Äpfel oder Birnen, aber das hohe C bei Obst gebührt
den Kiwis und Johannisbeeren; pro Gewichtseinheit
enthalten sie rund doppelt bzw. dreimal soviel Vita-
min C wie Apfelsinen und Zitronen (und wenn wir
auch noch Sanddornbeeren oder Hagebutten zum Ver-
gleich erlauben, stehen selbst die Schwarzen Johan-
nisbeeren sehr bescheiden da). Die folgende Tabelle
zeigt die genauen Zahlen:
Vitamingehalt ausgewählter
Früchte (roh, in mg pro 100 g)
Birnen 5
Aprikosen 10
Pfirsiche 10
Bananen 11
Äpfel 12
Avocados 13
Ananas 20
Heidelbeeren 22
Apfelsinen 50
Zitronen 53
Erdbeeren 62
Ebereschenfrucht 98
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LexPI Bd. 2 Apfelsinen 13

Kiwis 100
Schwarze Johannisbeeren 189
Sanddornbeeren 450
Hagebutten 1250

& Lit.: I. Elmadfa u.a.: Die große GU Nährwertta-


belle, Neuausgabe 1992/93, ohne Ort und Jahr;
Stichwort vorgeschlagen von Michaela Wieben.

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LexPI Bd. 1 Aphrodisiaka 21

Aphrodisiaka
Aphrodisiaka (von griechisch »zum Liebesgenuß ge-
hörend«), d.h. Mittel zur Steigerung des Geschlechts-
triebs und der Potenz, wirken nur in unserer Phanta-
sie.
Den folgenden Substanzen wurden in verschiede-
nen Kulturen und zu verschiedene Zeiten sexuelle
Kräfte zugeschrieben: Alkohol, Austern, Bananen,
Bilsenkraut, rohe Eier, Ginsengwurzeln, Kantharidin
(enthalten in bestimmten Sorten von Käfern wie der
berühmten spanischen Fliege), Kaviar, kleingeriebene
Nashorn-Hörner, Salbei, Sellerie, Spargel, Tollkir-
schen, Trüffel, ganz normales Wasser, Yohimbin (ein
Extrakt aus der Rinde des afrikanischen Yohimbebau-
mes). Bei einigen dieser Mittel (Bananen, Ginseng-
wurzel, Nashorn-Hörner) beruht die vermutete Wir-
kung wohl auf der gleichen Illusion, wegen der man-
che Sportler gerne Fleisch und Kannibalen ihre Nach-
barn essen: weil man glaubt, die Eigenschaften des
Essens gingen auf den Esser über (s.a. ð »Du bist
was du ißt« und ð »Fleisch«); andere, wie etwa Al-
kohol, wirken enthemmend und können so vielleicht
indirekt ein sexuelles Abenteuer fördern, und wieder
andere, wie Austern, Kaviar und rohe Eier, beziehen
ihre vermeintliche Wirkung aus den sexuellen Hel-
dentaten von Personen wie dem notorischen Casano-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Aphrodisiaka 21

va, die gerne solche Dinge aßen, ohne daß hier aber
ein Zusammenhang besteht. (Genauso könnte man be-
haupten, daß, um Bundeskanzler zu werden, der häu-
fige Verzehr von Pfälzer Saumagen sehr hilfreich sei.)
Allenfalls die Extrakte des Yohimbebaumes und
der spanischen Fliege können durch örtliche Gefäßer-
weiterungen auf den Fortgang der Dinge einen gewis-
sen unmittelbaren Einfluß nehmen. Jedoch ist insbe-
sondere die spanische Fliege so giftig, schmerzhaft
und wegen der Entzündung der Harnwege auch ge-
fährlich, daß ein so erzwungener Liebesgenuß dann
doch wieder keine reine Freude, und oft auch der letz-
te auf dieser schönen Erde ist.
& Lit.: Friedrich Robert Lehmann: Rezepte der Lie-
besmittel. Eine Kulturgeschichte der Liebe, Hei-
denheim 1966.

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LexPI Bd. 1 Äquator 22

Äquator
Auf der Erde ist es an den Polen am kältesten und
am Äquator am wärmsten.
Die höchsten Temperaturen für »normale« Luft im
Schatten wurden bisher im Death Valley in Kalifor-
nien und in der Stadt Azizia in Libyen gemessen:
56,7 bzw. 58 Grad Celsius. Beide Orte sind mehrere
tausend Kilometer vom Äquator entfernt. Die tiefsten
Temperaturen wurden bisher an der russischen Ant-
arktisstation Vostok gemessen: -88 Grad Celsius.
Diese Station liegt mehr als tausend Kilometer nörd-
lich des Südpols. (Die tiefsten Temperaturen auf der
Nordhalbkugel mit -71 Grad Celsius gab es bisher im
Ort Oimakon in Ostsibirien, 320 Kilometer südlich
des Polarkreises und 3000 km vom Nordpol entfernt.)
Auch sonstwo kümmern sich die Temperaturen nur
wenig um die Breitengrade: In der isländischen
Hauptstadt Reykjavík, die fast am nördlichen Polar-
kreis liegt, ist es im Winter wärmer als in New York,
und im amerikanischen Bundesstaat Virginia fällt
mehr Schnee als in vielen Gegenden der Arktis.
& Lit.: The Guinness Book of Records; Isaac Asi-
mov: Buch der Tatsachen, Bergisch-Gladbach
1981.

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LexPI Bd. 1 Arabische Ziffern 22

Arabische Ziffern
Die arabischen Ziffern stammen von den Arabern
Die arabischen Ziffern 1, 2, 3, 4, 5 ... sind keine Er-
findung der Araber – ursprünglich stammen sie aus
Indien. Von dort kamen sie dann mit den Arabern
über Nordafrika und Spanien nach Europa.
Der eigentliche Vorteil der »arabischen« verglichen
mit den römischen Ziffern sind nicht die Symbole 1,
2 ... 9; der eigentliche Vorteil ist die geniale Überein-
kunft, daß diese Symbole je nach Standort etwas an-
deres bedeuten: die 5 in 15 steht für 5, aber die 5 in
2523 steht für 5 mal 100 (denn 2523 = 2 x 1000 + 5
x 100 + 2 x 10 + 3).
Dieser Gedanke steht auf einer Stufe mit der Zäh-
mung des Feuers und der Erfindung des Rades – ohne
ihn würden wir noch heute 27 mal 115 als XXIIIX
mal CXV berechnen müssen, ohne diese so simple
wie geniale Idee hätte es keine moderne Physik und
keine moderne Chemie, keine Raumfahrt und auch
keine Atombomben gegeben.
& Lit.: John A. Paulos: Von Algebra bis Zufall,
Frankfurt 1992.

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LexPI Bd. 1 Arbeit 23

Arbeit
»Arbeit ist köstlich«
Diese Kurzfassung einer oft zitierten Bibelstelle
kommt in Wahrheit in der Bibel nirgends vor. Zwar
heißt es in Luthers Übersetzung des 90. Psalms:
»Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn's
hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köst-
lich gewesen ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen«,
aber in Wahrheit meinte der Originalautor damit
genau das Gegenteil: Wir müssen uns das ganze
Leben plagen, selbst dann noch, wenn wir es für köst-
lich halten.
Neuere Bibelübersetzer sind hier weit exakter:
»Die Zahl unserer Jahre ist siebenzig Jahr, und wenn
es hochkommt, achtzig Jahr. Und ihr Gepräge ist
Mühsal und Trug.« (H.-J. Kraus, 1960); » ... und
selbst das Köstliche daran ist nur Elend und Trug«
(P. Schulz, 1978); »das Beste daran ist nur Mühsal
und Beschwer, rasch geht es vorbei, wie fliegen
dahin« (Katholische Bibelanstalt, 1980), auch die seit
1965 vorliegende korrigierte Luther-Bibel läßt an der
wahren Bedeutung dieser Bibelstelle keinen Zweifel:
»Unser Leben währet siebenzig Jahr, und wenn es
hochkommt sind es achtzig Jahre, und was daran
köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe ...«
Trotzdem ist Luthers Irrtum offenbar nicht auszu-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Arbeit 23

rotten, vermutlich aus dem gleichen Grund, warum


auch viele andere Irrtümer die Jahrhunderte so unbe-
schadet überleben: weil er so gut ins Weltbild – hier
das der protestantischen Arbeitsethik – paßt.
& Lit.: Katholische Bibelanstalt: Die Bibel – Altes
und Neues Testament – Einheitsübersetzung,
Freiburg 1980; Gerhard Prause: Tratschkes Lexi-
kon für Besserwisser, München 1986.

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LexPI Bd. 1 Arbeitgeberbeitrag 23

Arbeitgeberbeitrag
Den Arbeitgeberbeitrag zahlt der Arbeitgeber
(s.a. ð »Selbstbeteiligung«)
Keinen Pfennig des Arbeitgeberbeitrags zahlt der Ar-
beitgeber. Den Arbeitgeberbeitrag zahlt der Arbeit-
nehmer, genauso wie der Arbeitnehmer seine Steuern,
Mieten, Zinsen, Hypotheken zahlt; die nach deut-
schem Sozialrecht zur Hälfte von den Arbeitgebern zu
tragenden Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversiche-
rungsbeiträge ihrer Beschäftigten sind ein reiner
Taschenspielertrick.
Rein wirtschaftlich gesehen gehören alle Aufwen-
dungen des Arbeitgebers für einen Beschäftigten zu
dessen Bruttolohn, unabhängig davon wie sie heißen,
ob Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, ob Werkswohnung
oder Dienstwagen, ob Zuschüsse zum Mittagessen
oder Beiträge zu Versicherungen aller Art: Alle Aus-
lagen, die dem Arbeitgeber für einen Beschäftigten
entstehen, zählen zu dessen Lohn oder Gehalt. Punkt.
Diese Arbeitskosten betrugen etwa 1993 durch-
schnittlich 4900 Mark im Monat (verglichen mit
1350 Mark im Monat noch 1970).
Aber von diesen 4900 Mark im Monat kamen nur
54% oder DM 2646 bei den Arbeitnehmern und Ar-
beitnehmerinnen wirklich an. Der Rest ging an das
Finanzamt (15%) oder an die Sozialversicherung
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Arbeitgeberbeitrag 24

(31%), und damit haben wir auch schon einen der


Gründe für die Popularität des Arbeitgeberbeitrag-
Mythos gefunden: Wir merken nicht, wie man uns
schröpft. Je mehr von unseren Gehalt und Lohn als
sogenannter »Arbeitgeberanteil« nicht von uns, son-
dern von anderen getragen wird, desto unbelasteter
gehen wir scheinbar durchs Leben, desto mehr schei-
nen wir von unserem Verdienst für uns selbst zu be-
halten.
Das ist aber eine Illusion. Dem Arbeitgeber ist es
nämlich im Prinzip gleichgültig, wo die 4900 Mark
für seinen Arbeitnehmer letztlich landen; ob 10, 20
oder 30 Prozent an das Finanzamt fließen, ist für ihn
oder sie genauso unerheblich wie der Anteil für die
Sozialversicherung oder wie man diesen Anteil nennt.
Ob davon die Hälfte oder alles oder gar nichts »Ar-
beitgeberanteil« heißt, spielt für den Arbeitgeber
keine Rolle. Für ihn gilt Kosten = Bruttolohn, diese
Gleichung ist das einzige was ökonomisch zählt, wie
man diese Kosten nennt spielt keine Rolle.
Die ganze Absurdität des sogenannten »Arbeitge-
berbeitrags« wird vielleicht am besten deutlich, wenn
wir einmal unterstellen, daß alle Sozialversicherungs-
abgaben »Arbeitgeberanteil« hießen. Dann wäre –
hokus-pokus-fidibus – die Sozialversicherung um-
sonst! Denn nach herkömmlicher Sicht hätten wir
jetzt einen Arbeitnehmeranteil von Null Prozent!
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Arbeitgeberbeitrag 24

Aber in Wahrheit bleibt natürlich alles wie es vor-


her war. Alles, was von unserem Lohn oder unserem
Gehalt abfließt, ist und bleibt zu 100% unser eigener
Arbeitnehmeranteil, ganz egal wie man ihn nennt.
& Lit.: Walter Krämer: »Babylonische Sprachver-
wirrung«, Arbeit- und Sozialpolitik 42, 9/1988,
290–292; »Bald nur noch die Hälfte«, Informati-
onsdienst des Instituts der Deutschen Wirtschaft,
22.7.1993.

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LexPI Bd. 1 Arbeitslosenstatistiken, internationale 24

Arbeitslosenstatistiken, internationale
Wenn wir in der Presse lesen, die Arbeitslosenquoten
in Japan und Amerika wären kleiner als in Deutsch-
land oder Österreich, so ist das zum Teil eine statisti-
sche Illusion. Denn die Arbeitslosenquote ist in ver-
schiedenen Ländern verschieden definiert.
Im Prinzip ist diese Quote immer gleich: ein Bruch
mit den Arbeitslosen im Zähler und mit den Erwerbs-
personen im Nenner. Aber weder der Zähler noch der
Nenner werden überall auf die gleiche Weise gemes-
sen. Am augenfälligsten sind die Unterschiede beim
Zähler, also bei den Arbeitslosen selbst. Nach deut-
scher Praxis gehört in diesen Zähler, wer offiziell
beim Arbeitsamt als arbeitsuchend gemeldet ist und
außerdem (i) mehr als 18 Stunden in der Woche ar-
beiten will, (ii) nicht nur vorübergehend Arbeit sucht,
(iii) älter als 15 und jünger als 65 Jahre ist, und (iv)
dem Arbeitsmarkt sofort zur Verfügung steht. Studie-
rende auf der erfolglosen Suche nach einem Ferienjob
oder Teilnehmer von Umschulungskursen etwa sind
damit niemals arbeitslos. Ebenfalls ausgeklammert
sind die Entmutigten, die die Suche über das Arbeits-
amt aufgegeben haben (die sog. »stille Reserve«),
aber auch alle über 65-jährigen, die gerne noch einen
kleinen Nebenverdienst hätten, und alle, die weniger
als 18 Stunden in der Woche gegen Entgelt arbeiten
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Arbeitslosenstatistiken, internationale 25

wollen.
Anderswo ist man sowohl restriktiver wie auch li-
beraler. In Japan etwa muß, wer Arbeitsloser werden
will, vorher gearbeitet haben – Schulabgänger und
frischgebackene Akademiker werden in Japan niemals
arbeitslos. In den USA dagegen ist weder das Alter
noch die wöchentliche Dauer der gesuchten Arbeit
eine Grenze – wer arbeiten will und keine Arbeit fin-
det, ist unabhängig von seinem Alter automatisch ar-
beitslos.
Aber auch der Nenner der Arbeitslosenquote macht
Probleme. In Deutschland ist das die sogenannte »Er-
werbsbevölkerung«, minus Selbständige, Beamte,
Bauern und Soldaten, also die Summe aller Personen,
die dem Risiko der Arbeitslosigkeit auch wirklich un-
terliegen. Anderswo dagegen, etwa in England, steht
die komplette Erwerbsbevölkerung inklusive Selbst-
ändige, Bauern und Soldaten im Nenner der Arbeits-
losenquote, und auch so entstehen künstliche Unter-
schiede: Da ein Bruch umso größer ist, je kleiner der
Nenner, und umso kleiner ist, je größer der Nenner,
ist die deutsche Quote größer als sie bei englischer
Berechnungsweise wäre.
Keine dieser Definitionen ist von sich aus besser
oder schlechter als die anderen, und solange man nur
die Arbeitslosigkeit in einem einzigen Land betrach-
tet, kann man auch mit diesen Differenzen leben.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Arbeitslosenstatistiken, internationale 25

Denn ob die Arbeitslosenquote steigt oder fällt, also


die in aller Regel einzig wirklich interessante Infor-
mation, hängt kaum von der gewählten Begriffsbe-
stimmung ab (vorausgesetzt natürlich, diese bleibt im
Zeitverlauf konstant).
Aber für einen Vergleich der Arbeitslosigkeit über
verschiedene Volkswirtschaften hinweg sind die je-
weiligen nationalen Quoten völlig ungeeignet. Nach
einer Studie der OECD machen diese statistisch und
nicht sachlich induzierten Unterschiede zuweilen
mehrere Prozentpunkte aus. In Belgien etwa stieg die
Quote nach OECD-Definition von 12,2% auf 15,9%,
während sie in Deutschland etwas sank, und das ame-
rikanische Bureau of Labor Statistics kam sogar zu
noch drastischeren Ergebnissen: Bei gleicher, vom
Bureau of Labor Statistics neu konstruierter Meßlatte
stieg die Quote in den USA von 6,4% auf 9,3%, und
in Japan sogar um mehr als das Dreifache, von 2,9%
auf 9,6%!
& Lit.: Ulrich Cramer: »Konzeptionelle Probleme
der Arbeitsmarktstatistik aus der Sicht der Ar-
beitsmarktforschung«, Allgemeines Statistisches
Archiv 1990; Walter Krämer: So lügt man mit
Statistik, Frankfurt 1995.

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LexPI Bd. 2 Arche Noah 14

Arche Noah
Die Arche Noah landete auf dem Berge Ararat
Vermutlich ist das in der Bibel erwähnte »Gebirge
Ararat« nicht der heute als »Ararat« bekannte Berg in
Armenien. Erst lange nach der Entstehung der Bibel
haben westliche Europäer der höchsten Spitze des ar-
menischen Berglandes den Namen »Ararat« gegeben,
dort wollen sie auf »schiffsförmige Reste«, wenn
nicht gar auf Holzbalken der Arche selbst gestoßen
sein.
Die Bibel selbst schweigt sich zum Ort des Ge-
schehens aus: »Am siebzehnten Tage des siebten Mo-
nats setzte die Arche im Gebirge Ararat auf«, ist in
der Genesis zu lesen, aber die Lage des Gebirges wird
nirgendwo erwähnt, und andere Religionen sehen das
Gebirge denn auch woanders. Z.B. vermuten die Mus-
lime, in deren Überlieferungen ebenfalls die Arche
Noah und die Sintflut vorkommt, diesen Berg in
Saudi-Arabien.
& Lit.: Die Bibel – Einheitsübersetzung, Stuttgart
1980; Stichwort vorgeschlagen von Emanuel
Pfeil.

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LexPI Bd. 1 Archimedes 26

Archimedes
Unter den großen Taten des großen Archimedes sind
auch einige, die man ihm nur angedichtet hat. So lernt
man oft noch in der Schule, Archimedes hätte die rö-
mische Belagerungsflotte vor Syrakus mit Brennspie-
geln in Brand gesetzt.
Diese Tat ist aber nachweisbar unmöglich, wie mo-
derne Ingenieure bei dem Versuch herausgefunden
haben, sie zu wiederholen. Zwar waren Brennspiegel
im Jahr 212 v.Chr., als die Römer im Lauf des zwei-
ten punischen Krieges die Stadt Syrakus in Sizilien
belagerten, durchaus schon bekannt – die Römer
selbst etwa benutzten sie, um erloschene Tempelfeuer
wieder zu entzünden –, und man kann auch nicht aus-
schließen, daß der große Tüftler und Erfinder Archi-
medes tatsächlich daran dachte, solche Spiegel auch
auf feindliche Schiffe zu richten. Aber wenn, hat er
den Gedanken sicher bald begraben, denn ein fahren-
des Schiff aus größerer Entfernung so in Brand zu set-
zen, ging über die damaligen technischen Möglich-
keiten weit hinaus.
Der römische Historiker Plutarch, der die sonstigen
Verteidigungsmaschinen des Archimedes ausführlich
schilderte – Wurfmaschinen oder Kräne etwa, um die
römischen Galeeren auf Klippen zu ziehen –, erwähnt
die Spiegel nicht. Sie tauchen zum ersten Mal rund
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LexPI Bd. 1 Archimedes 26

700 Jahre später in einer Abhandlung über Hohl- und


Brennspiegel des Anathemios von Tralles auf, einem
der Konstrukteure der Hagia Sophia in Istanbul, und
dann nochmals weitere 600 Jahre später in der Welt-
chronik des Mönches Johannes Zonaras. Und seitdem
sind die Brennspiegel des Archimedes aus den kultur-
ellen Erbe des Abendlandes nicht mehr wegzudenken.
& Lit.: Gerhard Prause: Tratschkes Lexikon für Bes-
serwisser, München 1986; Stichwort »Archime-
des« in Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage,
Mannheim 1987.

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LexPI Bd. 1 Armada 27

Armada
Der Untergang der Armada hat das Ende des
spanischen Weltreiches eingeleitet
Mit dem Untergang der spanischen Armada im Som-
mer 1588 begann der Abstieg Spaniens und der Auf-
stieg Englands, liest man immer wieder.
In Wahrheit war dieses Desaster für die Spanier ge-
nauso wichtig wie der Untergang der Bismarck für
Hitler: ziemlich unbedeutend. Genausowenig wie das
Schicksal der Nazis durch den Untergang der Bis-
marck, war das Schicksal des spanischen Weltreiches
durch den Untergang der Armada vorgezeichnet. Zwar
wurden so die Invasionspläne Philipps des Zweiten
vereitelt, aber nur 24 unter den rund 120 spanischen
Schiffen waren Kriegsgaleonen; die Seemacht Spa-
niens hatte durch die Niederlage kaum gelitten. Bin-
nen weniger Jahre hatte Spanien die verlorenen Schif-
fe ersetzt, und in den 15 Jahren nach 1588 erreichten
mehr Gold und Silber aus Amerika die spanischen
Küsten als jemals in einer Spanne von 15 Jahren
zuvor oder danach.
Der Aufstieg Englands und der Abstieg Spaniens
müssen also andere Gründe haben als den Untergang
der Armada. (Nach Meinung mancher Historiker
nahm nach 1588 die bis dahin unbestrittene Über-
macht der Engländer im Atlantik sogar eher ab.) Wie
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LexPI Bd. 1 Armada 27

oft wird hier in ein singuläres Ereignis mehr Bedeu-


tung hineingelegt als es verdient.
& Lit.: Garrett Mattingly: The Armada, Boston
1959.

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LexPI Bd. 2 Armbrust 14

Armbrust
Eine Armbrust hat etwas mit Arm oder Brust zu
tun
Das Wort »Armbrust« ist eine sogenannte »volksety-
mologische« Umdeutung und Eindeutschung fremd-
ländischer Wörter: Fremde Laute, die in ihrer Her-
kunftssprache etwas ganz anderes meinen, werden in
dieser volksetymologischen Eindeutschung zu Wör-
tern unserer eigenen Sprache (andere Beispiele sind
die schon in Band 1 erwähnte Hängematte, oder die
Osterluzei, eine Pflanze, die im Juni blüht und ihren
Namen nicht von Ostern, sondern von dem mittella-
teinischen »aristolocia« hat). Die Armbrust ist aus
dem lateinischen »arcoballista« (= Bogenschleuder)
über das altfranzösische »arbaleste« in die deutsche
Sprache gekommen, dabei ganz offenbar auf ein Be-
dürfnis stoßend, diesen seltsamen Silben irgendeinen
Sinn zu geben. Der »Arm« kam wohl deshalb herein,
weil diese Waffe anders als andere Wurf- und Schleu-
dermaschinen in der Hand zu halten war. Über die
»Brust« dagegen streiten noch immer die Gelehrten:
Vermutlich kommt sie von dem mittelhochdeutschen
»berust/berost« (= Ausrüstung, Bewaffnung).
& Lit.: Jost Trier: Wege der Etymologie, Berlin
1982; Stichwort vorgeschlagen von Hans
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LexPI Bd. 2 Armbrust 14

Schwarz.

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LexPI Bd. 1 Armut 27

Armut
Die Armut in der Bundesrepublik nimmt zu
Anders als manche Medien uns glauben machen wol-
len, werden wir Deutschen keinesfalls im Lauf der
Jahre immer ärmer. Die folgende Meldung, mit dem
Titel »Immer mehr Armut in reicher Republik«, steht
stellvertretend für diesen weit verbreiteten Irrtum über
Armut und Reichtum in unserem Land (erschienen
Anfang der 90er Jahre in mehreren deutschen Tages-
zeitungen):
»Die Armut wird in der reichen Bundesrepublik ein
immer größeres Problem. Nach einer gestern vom
Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Pa-
ritätischen Wohlfahrtsverband veröffentlichten Stu-
die lebt jeder zehnte Westdeutsche an oder unter
der Armutsschwelle ... ›Noch nie lebten in der rei-
chen Bundesrepublik so viele Arme wie zur Zeit‹,
so faßte die stellvertretende DGB-Vorsitzende ...
gestern in Düsseldorf das Ergebnis einer Studie
›Armut in Wohlstand‹ zusammen.«
Diese Hiobsbotschaft kommt durch einen statistischen
Trick zustande – man setzt eine Zahl, die für sich al-
lein genommen durchaus stimmt, nämlich den Anteil
der Haushalte mit einem Einkommen unter der Hälfte
des Durchschnittseinkommens, als Maßstab für die
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LexPI Bd. 1 Armut 28

Armut ein – zu Unrecht, wie man sehr leicht sieht.


Verdoppelt man nämlich alle Einkommen, bleiben
alle Armen weiter arm. Selbst ein Verzehn- oder Ver-
hundertfachen ändert an der Armut nichts – der Anteil
der Haushalte unter der Hälfte des Durchschnittsein-
kommens rührt sich keinen Millimeter von der Stelle.
So wie der Tiefgang eines Schiffs in einer Schleuse
unabhängig vom Wasserstand der Schleusenkammer
sich nie ändern kann, bleibt nach obiger Definition
auch die »Armutsquote« bei noch so hohen Einkom-
men immer gleich.
Anders als Meldungen wie oben vermuten lassen,
werden die Deutschen in Wahrheit immer reicher (rein
materiell und im Durchschnitt, wohlgemerkt). Das
reale Einkommen aller Einkommensschichten hat in
den letzten 10, 20, 30, 40 Jahren ständig zugenom-
men. Zwar mag der eine oder andere heute schlechter
leben, aber das sind Ausnahmen. Der typische Bun-
desbürger und die typische Bundesbürgerin verfügt
heute über ein rund doppelt so hohes Realeinkommen
wie vor 30 Jahren, und selbst ein Arbeitsloser hat
heute mehr reale Mittel zur Verfügung als ein in voll-
em Lohn stehender Facharbeiter des Jahres 1960.
Von einer Verarmung unserer Republik kann also
trotz des einen oder anderen kurzfristigen Konjunktur-
einbruchs beim besten Willen keine Rede sein.
Ein Vergleich von »Armut« über Raum und Zeit
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Armut 29

hinweg ist sinnlos, wenn dabei der Wasserspiegel in


der Schleuse alias die Armutsgrenze schwankt. In der
obigen Meldung war sie bei 2000 Mark im Monat für
eine vierköpfige Familie angesetzt. Hätte man statt-
dessen die Grenze von 1970 verwendet (damals weni-
ger als 1000 DM pro Haushalt und Monat), hätte man
einen dramatischen Rückgang der Armut konstatiert.
Hätte man dagegen die heute noch unbekannte Ar-
mutsgrenze von 1999 angelegt, wären selbst viele
heute Reiche plötzlich arm.
Genau die gleichen Probleme haben wir auch bei
internationalen Vergleichen. Legen wir etwa in
Deutschland die gleiche Armutsgrenze wie in Indien
an, sind alle Deutschen reich. Legen wir dagegen in
Indien die gleiche Armutsgrenze wie in Deutschland
an, sind bis auf ein paar Maharadschas alle Inder arm
(obwohl sehr viele dieser »Armen« sich selbst als
durchaus reich bezeichnen würden).
& Lit.: W. Krämer: So lügt man mit Statistik,
Frankfurt 1995.
¤ Wie hoch auch immer das Wasser in der Schleuse
steigt, es bleibt stets der gleiche Teil des Schiffes
unterhalb der Wasserlinie

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LexPI Bd. 1 Ärzte 1 29

Ärzte 1
Es gibt zu viele Ärzte in der Bundesrepublik
Das ist ein sogenanntes Werturteil und als solches
weder zu beweisen noch zu widerlegen. Wären wir
heute mit der Ärztedichte aus Kaiser Wilhelms Zeiten
zufrieden, hätten wir mehr als 100000 Ärzte zuviel.
Würden wir dagegen wie das englische Königshaus
oder der Sultan von Brunei auf einem eigenen Arzt für
jede Familie bestehen (die Finanzierung einmal aus-
geklammert), dann hätten wir mehrere Millionen
Ärzte zuwenig. Wie viele Ärzte wir wirklich »brau-
chen«, weiß niemand auf dieser Welt – so etwas wie
einen eindeutig feststellbaren »Bedarf« an Ärzten gibt
es nicht.
Noch viel mehr Ärzte als in Deutschland gibt es im
fernen Island, wo sich, wenn wir einem Artikel in der
Stuttgarter Zeitung glauben dürfen, »viele Ärzte ...
mit nichts anderem als Daumendrehen« beschäftigen.
Rund 700 Ärzte haben auf der Insel eine Praxis auf-
gemacht, für je 350 Isländer und Isländerinnen einer.
Das ist absoluter Weltrekord. »In den meisten Praxen
wird jeder angehende Patient mit freudiger Erwartung
begrüßt. Die Ärzteschwemme und die geringe Nach-
frage nach medizinischer Heilkunst bedeutet für tat-
sächlich krankwerdende Isländer eine optimale Ver-
sorgung: Die Wartezimmer sind leer, der Doktor hat
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ärzte 1 30

viel Zeit.«
Diese leeren Wartezimmer sind wohl auch der
Grund, warum vor allem die Ärzte selber immer mei-
nen, es gäbe ihrer viel zu viele. »Die 700 praktizie-
renden Ärzte freuen sich weniger«, schreibt die Stutt-
garter Zeitung. »Zehn Prozent von ihnen können nach
amtlicher Schätzung nur mit öffentlicher Wohlfahrts-
unterstützung leben. Einige Praktiker füllen ihre Zeit
mit einem Nebenberuf aus. Einer verkauft beispiels-
weise Zeitungen, und ein anderer betreibt einen noch
zusätzlich berufsschädigenden Bio-Laden. Ein halbes
Hundert zusätzlicher Ärzte macht sich gar nicht erst
die Mühe einer Praxiseröffnung und geht vollberuf-
lich einer anderen Beschäftigung nach: sie fahren als
Fischer zur See, helfen in landwirtschaftlichen Betrie-
ben der Eltern oder verdingen sich im mittleren
Staatsdienst.«
& Lit.: H. Thorgrimson: »Zu viele Ärzte auf Is-
land«, Stuttgarter Zeitung, 13.4.1987.

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LexPI Bd. 1 Ärzte 2 30

Ärzte 2
Die Ärzteschwemme muß die Kosten im Gesund-
heitswesen in die Höhe treiben
Viele Sozialpolitiker in der Bundesrepublik befürch-
ten, unsere gesetzliche Krankenversicherung könnte
im Kielwasser der Ärzteschwemme durch die von
Ärzten induzierten Folgekosten quasi leckgeschlagen
werden. Denn im geltenden System verursachen mehr
Ärzte auch dann mehr Kosten, wenn ihr eigenes Ges-
amthonorar gedeckelt bleibt: Sie schreiben krank und
überweisen ins Krankenhaus, sie vorordnen Kuren,
Medikamente, Brillen, Hörgeräte, Rollstühle, und
diese von niedergelassenen Ärzten veranlaßte Sekun-
därwelle von Drittleistungen mitsamt den induzierten
Kosten, die inzwischen die unmittelbaren Kosten der
ambulanten Versorgung um das Drei- bis Vierfache
übersteigen, macht vielen Verantwortlichen im Ge-
sundheitswesen große Angst.
Diese Angst ist aber unbegründet. Wie die Erfah-
rungen mit dem Arzneibudget sehr deutlich zeigen,
können Ärzte durchaus beim Verordnen sparen, wenn
sie die Konsequenzen selber tragen müssen. Und wo
steht geschrieben, daß jeder niedergelassene Arzt mit
der Zulassung quasi automatisch auch einen Schlüssel
zum Tresor der gesetzlichen Krankenversicherung er-
halten muß? Genauso können wir ihm oder ihr dieses
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ärzte 2 31

Privileg auch wieder aberkennen. Nicht jeder Rechts-


anwalt ist gleichzeitig auch Notar, und so könnte man
auch im Gesundheitswesen die »Notarfunktion« des
Kassenarztes auf besonders zuverlässige Ärzte be-
schränken, die eben nicht jeden Simulanten auf
Wunsch krankschreiben oder die Ressourcen der Ka-
ssen durch wildes Verordnen von Drittleistungen
plündern. Der befürchtete »kontraproduktive Wettbe-
werb mit Gefälligkeitsleistungen« muß also durchaus
nicht ewig zu Lasten der Krankenkassen gehen.
& Lit.: W. Krämer: Wir kurieren uns zu Tode,
Frankfurt 1993.

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LexPI Bd. 1 Ärztliche Leistungen 31

Ärztliche Leistungen
Das Leistungsgeschehen in den Praxen der nie-
dergelassenen Ärzte richtet sich nach dem Befin-
den und der Anzahl der Patienten
Das ist eine der teuersten Illusionen der deutschen So-
zialpolitik. Sie beruht auf der Fiktion, daß zu jeder
Krankheit und zu jedem Symptombild eine mehr oder
weniger fest bestimmte medizinische Antwort existie-
re: 40 Grad Fieber mit periodischem Schüttelfrost und
Durchfall bedingt Therapie X, und diffuse Kopf-
schmerzen mit morgendlicher Übelkeit erzwingen
Diagnosemethode Y. Das weiß der Arzt, und genau
das tut er auch.
Die Wahrheit sieht aber ganz anders aus, wie jeder
AOK-Geschäftsführer gerne bestätigen wird, in des-
sen Bezirk ein neuer Arzt gezogen ist: Gibt es auf ein-
mal zwei Ärzte statt nur einen Arzt am Ort, sinkt der
Aufwand pro Arzt nicht etwa auf die Hälfte – der
Aufwand pro Patient steigt vielmehr auf das Doppel-
te.
Das heißt unter Ärzten »Ausweichen in die
Menge«: Je weniger Patienten, desto umfangreicher
die Behandlung pro Patient. Dieser Effekt ist in vielen
Studien empirisch nachgewiesen.
& Lit.: Walter Krämer: »Der Markt für ambulante
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ärztliche Leistungen 31

kassenärztliche Leistungen«, Zeitschrift für die


gesamte Staatswissenschaft 137,1981, S. 47–61.

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LexPI Bd. 2 Aschenputtel 15

Aschenputtel
Aschenputtel hatte einen Schuh aus Glas
Bekanntlich hatte Aschenputtel auf dem Heimweg
vom Ball des Prinzen ihren Schuh verloren, einen
Schuh aus Glas (zumindest in der angelsächsischen
Version, der auch Walt Disney in seiner Zeichentrik-
kverfilmung folgt; in der Grimmschen Fassung ist der
Schuh aus Gold). Diesen Schuh, vom Königssohn ge-
funden, müssen dann die bösen Schwestern anprobie-
ren; er paßt ihnen nicht, er hat nur Platz für Aschen-
puttels Mini-Füßchen, und so finden der Prinz und
Aschenputtel trotz aller Hindernisse schließlich den-
noch zueinander.
In Wahrheit ist der Glasschuh schließlich das Kind
eines Übertragungsfehlers: In den ersten französi-
schen Fassungen des Märchens trug Cinderella nur
Pantoffeln aus »vair« (= Pelz), das hat ein Weiterer-
zähler falsch verstanden und machte daraus »verre«
(= Glas).
& Lit.: zahlreiche Seiten zum Thema »Cinderella«
im Internet, etwa: http://indy4.fdl.cc.mn.us//isk/
stories/cinder2.html.

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LexPI Bd. 1 Asterix 1 32

Asterix 1
Asterix und Obelix haben ihre Hosen mit Gürteln
hochgehalten
Die bekannten Bilder von Asterix und Obelix in ihren
Gürtelhosen sind historisch nicht korrekt: Die alten
Gallier trugen keine Gürtel, sondern Hosenträger.
& Lit.: »Asterix trug keinen Gürtel«, Westdeutsche
Allgemeine Zeitung, 2.9.1995.

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LexPI Bd. 1 Asterix 2 32

Asterix 2
Asterix und Obelix trugen Zöpfe
Die Gallier zur Zeit der römischen Besatzung
schmierten ihr Haar »mit einer Art Naßgel aus Kalk-
wasser ein, von dem es blonder und fettiger wurde,
und kämmten es dann nach hinten.« Also keine Zöpfe.
& Lit.: »Asterix vermittelt Studenten die Historie«,
Mainzer Allgemeine Zeitung, 16.9.1995.

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LexPI Bd. 2 Asterix und Obelix 15

Asterix und Obelix


Asterix und Obelix aßen gerne Wildschweine und
handelten mit Hinkelsteinen
Nicht alle Details in der bekannten Comic-Serie sind
historisch korrekt. Daß die alten Gallier keine Gürtel,
sondern Hosenträger trugen, haben wir schon in Band
1 gesagt. Inzwischen haben Historiker darauf hinge-
wiesen, daß sie auch keine Wildschweine aßen und
keine Hinkelsteine zugehauen haben: Wildschweine
galten bei den Galliern als heilig; eines davon zu
essen, wäre dem Schlachten einer Kuh in Indien
gleichgekommen, und die zahlreichen heute in der
Bretagne herumliegenden Hinkelsteine alias Menhire
haben schon lange vor den Kelten dort gelegen.
& Lit.: R. van Royen und S. van der Vegt: Asterix –
die ganze Wahrheit, München 1997; »Wild-
schweine waren heilig«, Der Spiegel 11/1998.

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LexPI Bd. 1 Atlantis 32

Atlantis
Atlantis hat wirklich existiert
Ein Kontinent oder eine Insel namens Atlantis hat
niemals existiert. Die Sage von Atlantis ist eine reine
Erfindung des griechischen Philosophen Plato, der in
seiner Schrift Kritias von einem mächtigen Imperium
namens Atlantis berichtet, jenseits der Säulen des
Herkules (=Straße von Gibraltar), mitten im Meer
und größer als Kleinasien und Nordafrika zusammen.
Dessen Bewohner hätten dort lange glücklich und zu-
frieden gelebt, bis ein moralischer Verfall sie über-
kam und sie beschlossen hätten, die ganze Erde zu be-
herrschen. Zur Strafe, so Plato, ließ der mächtige Zeus
den Kontinent von einem Erdbeben erschüttern; das
Land versank mit Mann und Maus im Meer.
Obwohl Plato mehrfach beteuerte, dies sei eine
wahre Geschichte, die er selbst von dem großen
Staatsmann Solon und dieser von Priestern in Ägyp-
ten wüßte (siehe dazu auch den Stichwortartikel ð
»New York 3« über Alligatoren im Kanalsystem),
kann sie so wie von Plato berichtet, nämlich 9000
Jahre vor seiner Zeit, und vom Wirken des Gottes
Zeus ganz abgesehen, niemals stattgefunden haben.
Denn Plato berichtet auch von Plänen der Atlanter,
Athen und Griechenland zu unterjochen, und 9000
Jahre vor Plato war Athen noch eine unbewohnte
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Atlantis 33

Wiese. Und auch näher gegen Platos eigene Zeit gibt


es für verschwundene Riesenreiche nicht die gering-
sten Anhaltspunkte.
Natürlich gab es so wie heute große Katastrophen:
Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche,
denen blühende Gemeinwesen, wie in Kreta oder auf
der Insel Santorin, zum Opfer fielen, aber hier kann
man beim besten Willen nicht von Riesenreichen
sprechen; außerdem fanden diese Katastrophen außer-
halb des Atlantiks statt.
Die Anhänger von Plato, die ihn dennoch wörtlich
nehmen, verweisen darauf, daß Kontinente zuweilen
in der Tat im Meer verschwanden und daß an der
Stelle des heutigen Atlantik tatsächlich einstmals
Land gewesen ist. Aber das war vor 200 Millionen
Jahren, als Afrika, Europa und Amerika noch eine zu-
sammenhängende Landmasse bildeten und lange
bevor der erste Mensch auf unserem Globus aufgetre-
ten ist. Und seit rund 70 Millionen Jahren, also immer
noch 69 Millionen Jahre länger als die Zeit des Homo
sapiens, sind die Kontinente und der Atlantik in etwa
an der heutigen Stelle.
& Lit. (Auswahl): Otto Mueck: The secret of atlan-
tis, New York 1978; Edwin Ramage: Atlantis,
fact or fiction?, Bloomington 1978; Charles Ber-
litz: Atlantis, the lost continent, New York 1984;
Edgar Cayce: Das Atlantis-Geheimnis, München
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Atlantis 33

1992.

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LexPI Bd. 2 Atlas 16

Atlas
Atlas muß die Erdkugel tragen
Die bekannten Darstellungen mit Atlas als Träger der
Erdkugel, wie sie etwa Mercator (1595) auf der
Frontseite seiner Kartensammlungen benutzt, sind
mythologisch inkorrekt. Nach der griechischen Über-
lieferung muß Atlas als Strafe für seine Auflehnung
gegen Zeus nicht die Erdkugel, sondern das Himmels-
gewölbe tragen (dabei helfen ihm zwei Säulen jenseits
des Horizonts im Meer, wovon das Atlasgebirge im
Norden Afrikas seinen Namen hat).
& Lit.: Encyclopaedia Britannica, 15. Auflage, Chi-
cago 1994.
¤ Mythologisch inkorrekt: Atlas mit Erdball auf den
Schultern

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LexPI Bd. 2 Atmung 16

Atmung
Menschen atmen großteils durch die Haut
»Die Haut konnte nicht mehr atmen«, sagte James
Bond; deshalb mußte seine Kollegin sterben. Denn
Goldfinger alias Gerd Fröbe hatte Bonds Verbündete
von Kopf bis Fuß vergoldet – Exitus.
Zum Glück drohen diese Gefahren, durch Überzie-
hen mit luftundurchlässigen Substanzen umzukom-
men, nur im Kino. Anders als Würmer oder Schwäm-
me atmen Menschen fast ausschließlich durch Mund
und Nase, nur ein einziges Prozent des Sauerstoffs,
den wir für unsere Atmung brauchen, erreicht uns
durch die Haut. Damit ist zumindest atemtechnisch
das Morden per Vergolden ausgeschlossen (weitere
Gefahren drohen durch Überhitzung mangels Schwit-
zen, aber daran stirbt man nicht).
& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's?«, Die Zeit,
8.8.1997.

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LexPI Bd. 2 Attila 17

Attila
Der Hunne Attila war von furchterregender Ge-
stalt (s.a. ð »Napoleon«)
Der wahre Attila war anders als der Attila der Comics
und der Kinos eher klein und schmächtig: ein häßli-
cher, rotbärtiger Zwerg mit viel zu großem Kopf,
»like the little, red-bearded characters out of the Bugs
Bunny cartoons« (G. Donald).
Seinen Ruf als Hüne hat Attila wohl dem Nibe-
lungenlied zu verdanken. »Wie vor tausend Jahren die
Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen
gemacht haben, der sie noch jetzt in Überlieferung
und Märchen gewaltig erscheinen läßt«, rief Wilhelm
II. in seiner berüchtigten »Hunnenrede« dem deut-
schen Expeditionskorps gegen den Boxeraufstand in
China zu, »so möge der Name Deutscher in China auf
tausend Jahre durch Euch in einer Weise bestätigt
werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt,
einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.«
Eigentlich wären diese markigen Worte daher ein
Appell gewesen, in China mit schmächtigen rotbärti-
gen Zwergen aufzutreten.
& Lit.: Chronik des 20. Jahrhunderts, Dortmund
1988.

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LexPI Bd. 2 Attila 18

¤ Der gewaltige Attila war eigentlich ein Zwerg

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LexPI Bd. 1 Aufpreis 33

Aufpreis
»Entweder wir packen auf ihren neuen Mazda
323 noch zwei Airbags drauf«, verspricht die
Werbung eines japanischen Automobilkonzerns,
»oder wir geben ihnen 1500 Mark zurück«
Die Botschaft ist: Bei uns kosten Airbags keinen
Pfennig extra. Aber wer keinen will, kriegt 1500
Mark.
Das ist aber ein Irrtum. Das Auto kostet mit Air-
bags 33000 Mark, ohne Airbags 31500. Damit ko-
sten die Airbags einen Aufpreis von 1500 Mark.
Auf solche Tricks fallen nicht nur dumme deutsche
Autokäufer herein. Wenn man Ärzte fragt: »Wollen
Sie operieren, wenn der Patient mit 10% Wahrschein-
lichkeit dabei stirbt?«, so sagen viele nein. Wenn man
aber fragt: »Wollen Sie operieren, wenn der Patient
mit 90% Wahrscheinlichkeit überlebt?«, so sagen die
gleichen Ärzte ja.
& Lit.: Daniel Kahnemann und Amos Tverski: »Ra-
tional choice and the framing of decisions«, Jour-
nal of Business 1986, 251.278.

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LexPI Bd. 2 Auftrieb 18

Auftrieb
Flugzeugflügel erzeugen den nötigen Auftrieb
durch ihre gewölbte Oberseite
So kann man in Schulbüchern oft lesen: Die Luft, die
sich an der Vorderkante des Flugzeugflügels teilt,
muß sich an der Hinterkante wieder treffen, wegen der
Wölbung des Flügels strömt die Luft an dessen Ober-
seite schneller, sie erzeugt so den Auftrieb, der das
Flugzeug daran hindert, der Einladung der Schwer-
kraft nach unten nachzukommen. »Der Auftrieb wird
vor allem durch den ›Sog‹ von oben hervorgerufen«,
wie es in einem Physiklehrbuch für deutsche Schulen
heißt.
Spätestens beim Anblick eines mit dem Rücken
nach unten fliegenden Flugzeugs muß man aber an
dieser Erklärung zweifeln – dergleichen Kunststücke
dürften dann nicht möglich sein. Und in der Tat ist
der »Sog von oben« für das Fliegen reichlich uner-
heblich; Flugzeuge halten sich durch die schräge Stel-
lung, den sogenannten »Anstellwinkel«, nicht durch
die Wölbung ihrer Flügel in der Luft. Je nach Ge-
schwindigkeit des Flugzeugs drücken diese schräg ge-
stellten Flügel die Luft mehr oder weniger stark nach
unten und damit das Flugzeug nach oben (es sei denn,
daß man den Anstellwinkel übertreibt – dann »sackt
das Flugzeug durch«).
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LexPI Bd. 2 Auftrieb 19

& Lit.: O. von Höfling (Hrsg.): Lexikon der Schul-


physik, Köln 1970.
¤ An der Oberseite eines gewölbten Flügels strömt
die Luft schneller

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LexPI Bd. 2 Auge um Auge 19

Auge um Auge
Das alte Testament fordert »Auge um Auge, Zahn
um Zahn«
Diese immer wieder zur Rechtfertigung aller mögli-
chen Rachegelüste herangezogene Bibelstelle ist
falsch übersetzt. Eine korrekte Übersetzung wäre:
»Der Schädiger muß dem Geschädigten etwas geben,
das an die Stelle des Gliedes oder Organs tritt, das
nicht mehr seine volle Funktion erfüllen kann« (Lapi-
de). Diese Entschädigung wird von einem Richter
festgesetzt, mit Rache hat das nichts zu tun. Das Wort
»um« in »Auge um Auge« heißt »an Stelle von«, und
in diesem Sinn, d.h. Wiedergutmachung entsprechend
dem zugefügten Schaden, wird und wurde diese Bi-
belstelle von den Juden stets verstanden.
& Lit.: Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig über-
setzt?, Gütersloh 1989.

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LexPI Bd. 2 August der Starke 19

August der Starke


August der Starke konnte Hufeisen verbiegen
August der Starke konnte vieles, aber keine Hufeisen
verbiegen. Zunächst einmal ist das in der Rüstkam-
mer zu Dresden ausgestellte Hufeisen, das August der
Starke laut einer Urkunde des Kunstkämmerers
Tobias Beutel » ... mit Dero Eigenen Händen am 15.
Februar 1711 im 41. Jahr Ihres Alters, voneinander
gebrochen«, eben nicht verbogen, sondern durchge-
brochen. Und zweitens war das Eisen auch noch prä-
pariert. Nach neueren Analysen durch Hans-Joachim
Eckstein von der Bergakademie Freiberg ist an der In-
nenkante der Bruchfläche eine von plastischer Defor-
mation herrührende Abplattung erkennbar, die von
einer möglichen, vor dem Kraftakt angebrachten
Kerbe stammen könnte, und auch der ungewöhnlich
hohe Phosphorgehalt des Eisens spricht für Manipu-
lation: Während Hufeisen aus historischen Stallfun-
den maximal 0,45% Phosphor enthalten, liegt der
Phosphorgehalt beim Hufeisen August des Starken
weit über 1%. Derart extreme Phosphoranteile ver-
mindern aber die ertragbare Nennspannung und füh-
ren zu einer Bildung von sogenanntem »Grobkorn«,
das das Durchbrechen erleichtert. Rechnet man dann
noch die Kälte jenes 15. Februar hinzu, an dem die
Heldentat stattfand, welche der Sprödigkeit des Ei-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 August der Starke 20

sens nochmals nachgeholfen hatte, so schrumpfen die


übermenschlichen Kräfte des starken August wieder
auf Menschenmaß zurück.
& Lit.: Die Rüstkammer zu Dresden. Führer durch
die Ausstellung im Semperbau, München 1995;
Hans-Joachim Eckstein: »Ergebnis der Untersu-
chung des Hufeisens aus dem Historischen Mu-
seum Dresden«, unveröffentlichtes Manuskript,
Freiberg 1988.

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LexPI Bd. 1 Ausbeutung 34

Ausbeutung
Der reiche Norden beutet den armen Süden die-
ser Erde aus (s.a. ð »Außenhandel«, ð »Dritte
Welt« und ð »Kolonien«)
Zwar reklamieren die reichsten anderthalb Milliarden
Menschen im Norden unseres Planeten ungefähr drei
Viertel, die restlichen viereinhalb Milliarden Men-
schen im Süden nur ein Viertel der insgesamt pro Jahr
auf der Erde erzeugten Güter und Dienstleistungen,
aber das alleine heißt noch nicht, daß der Norden den
Süden ausbeuten muß. Denn man kann doch offenbar
nur dann von Ausbeutung sprechen, wenn der Aus-
beuter mehr fordert als er gibt, und davon kann im ge-
genwärtigen Nord-Süd-Konflikt keine Rede sein.
Die Länder der ersten Welt konsumieren nämlich
nicht nur drei Viertel der Weltproduktion, sie produ-
zieren auch drei Viertel, und zwar Industrie- wie Ag-
rarprodukte gleichermaßen. Allein die EU könnte,
wenn sie wollte, heute fast die ganze Welt ernähren;
sie produziert mehr Autos und Maschinen als sie
braucht, sie fördert auch die nötigen Rohstoffe wie
Kohle, Düngemittel, Erdöl, Erz allein, und sie
könnte – rein ökonomisch – sehr gut ohne Indien,
Bangladesh und Indonesien existieren.
Die Entwicklungsländer mit drei Vierteln der Welt-
bevölkerung dagegen produzieren nur ein Viertel des
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ausbeutung 34

Welt-Sozialprodukts: Asien 12 Prozent, Südamerika


7 Prozent, Afrika 4 Prozent. Die besonders armen
Länder Südostasiens wie Indien, Pakistan oder Bang-
ladesh erzeugen mit mehr als einer Milliarde Men-
schen, fast einem Fünftel der Weltbevölkerung, sogar
nur ganze 2 Prozent des Weltprodukts. Wenn diese
Länder also vom großen Kuchen weniger abbekom-
men, dann nicht, weil man sie um ihren Beitrag be-
raubt, sondern weil sie weniger zu diesem Kuchen
beitragen als andere. Würde man heute die Entwick-
lungsländer des Südens und die Industrienationen des
Nordens jeweils mit einem großen Zaun umgeben und
jede Gruppe mit ihren Rohstoffen, ihren Menschen,
ihrem Kapital, ihrem Wissen und ihrer Kultur alleine
lassen – es wäre für den reichen Norden rein wirt-
schaftlich gesehen kein Verlust. Der arme Süden da-
gegen wäre und würde dann erst richtig arm und wäre
wirtschaftlich fast völlig ruiniert.
& Lit.: Peter F. Drucker: The new realities, London
1990; Siegfried Kohlhammer: »Leben wir auf Ko-
sten der Dritten Welt? Über moralische Erpres-
sung und edle Seelen«, Merkur 1992, S.
876–898.

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LexPI Bd. 2 Ausländer 20

Ausländer
Ausländer sind nicht mehr und nicht weniger kri-
minell als Deutsche
Das kommt darauf an. Zählt man allein die Straftaten
pro 100.000 deutsche bzw. ausländische Bewohner
unseres Landes, so sind Ausländer weit krimineller.
Jeder zehnte Tatverdächtige bei Vergewaltigung und
Mord ist heute ein Asylbewerber, und viele Auslän-
der, vor allem aus Ost- und Südosteuropa, reisen nur
für ihre kriminellen Taten überhaupt nach Deutsch-
land ein. Die folgende Tabelle des Statistischen Bun-
desamtes gibt für 1996 den Prozentsatz aller Auslän-
der an den von deutschen Gerichten insgesamt verur-
teilten Straftätern für ausgewählte Tatbestände an:
Verurteilte Ausländer In Prozent aller
insgesamt Straftäter
Vergewaltigung 335 27,1%
Mord und Totschlag 270 33,2%
Sexueller Mißbrauch
von Kindern 291 14,3%
Leichte und schwere
Körperverletzung 10.693 28,9%
Diebstahl und
Unterschlagung 48.862 29,4%
Raub und Erpressung 3.659 39,1%
Betrug 10.460 18,2%
Straftaten insgesamt 207.315 27,1%

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LexPI Bd. 2 Ausländer 21

Wenn man also berücksichtigt, daß ausländische Mit-


bürger inklusive aller Asylbewerber, Touristen und
Soldaten weniger als 10% der Gesamtbevölkerung
ausmachen, ist ihre höhere Brutto-Kriminalitätsanfäl-
ligkeit von niemandem zu bestreiten.
Dieser Vorsprung bleibt auch dann bestehen, wenn
man zwischen Tatverdächtigen und Verurteilten un-
terscheidet (die obige Tabelle zählt nur die Straftäter,
die rechtsgültig verurteilt worden sind) oder all die
Straftaten wie etwa Vergehen gegen das Asylverfah-
rensgesetz ausschließt, die nur von Ausländern began-
gen werden können, oder wenn man berücksichtigt,
daß Ausländer vermehrt in kriminalitätsanfälligen
großen Städten wohnen und sich nach Alter, Einkom-
men, Geschlecht und Ehestatus vermehrt in solchen
Bevölkerungsgruppen aufhalten, in denen auch die
Eingeborenen vermehrt zu kriminellen Taten neigen:
Wie sich durch statistische Regressionsanalysen zei-
gen läßt, liegt die Kriminellenquote bei den Auslän-
dern auch dann noch über der der Deutschen; in einer
Studie von Horst Entorf (1998) etwa steigt die Zahl
der amtlich erfaßten Straftaten unter sonst gleichen
Umständen bei einer einprozentigen Erhöhung des
Ausländeranteils um 0,21%.
& Lit.: Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminal-
statistik, Wiesbaden (verschiedene Jahre); »Streit-
fall Ausländerkriminalität«, Focus 6/1994; Horst
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Ausländer 21

Entorf: »Kriminalität und Ökonomie«, Zeitschrift


für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 116,
1996, S. 417–450; derselbe: »Socioeconomic and
demographic factors of crime in Germany«, un-
veröffentlichtes Manuskript, Mannheim 1998;
www.statistik-bund.de/basis/de/rechts05.htm.

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LexPI Bd. 2 Austern 22

Austern
Austern sind etwas für reiche Leute (s.a. ð
»Kaviar«)
Mitte des 19. Jahrhunderts waren Austern in England
so gewöhnlich, daß Charles Dickens seinen Helden
Sam Weller in den »Pickwick Papers« sagen lassen
konnte: »Armut und Austern sieht man nur zusam-
men«.
»Das verstehe ich nicht, Sam«, sagte Mr. Pickwick.
»Was ich meine«, sagte Sam, »ist: je ärmer eine
Gegend, desto größer ist die Nachfrage nach Au-
stern. Gucken Sie sich nur mal um – eine Austern-
bude für jedes halbe Dutzend Häuser, die Straße ist
voll davon. Gottverdammich, es ist doch so, wer
gar nichts mehr zu essen hat, rennt aus dem Haus
und stopft sich voll mit Austern.«
»Stimmt«, sagte Mr. Weller Senior, »und mit
Lachs ist es genau das gleiche.«
Als Dickens diese Zeilen Mitte des 19. Jahrhunderts
schrieb, aßen die Engländer 500 Millionen Austern
jährlich, genauso viel wie die Franzosen. Wegen der
zunehmenden Verschmutzung der Küstengewässer im
Verein mit einer nachlassenden Nachfrage kam die
englische Austernfischerei dann aber zum Erliegen;
als die Nachfrage wieder anstieg, fehlte das Angebot,
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Austern 22

und so wurden Austern dann tatsächlich eine Speise


vor allem für die reichen Leute.
& Lit.: Charles Dickens: Pickwick Papers (obiges
Zitat ist von uns aus der bei Collins in London
1953 erschienenen Ausgabe, S. 309, übersetzt);
R. Neild: The English, the French, and the Oyster,
London 1996.

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LexPI Bd. 1 Autobahn 37

Autobahn
Die deutschen Autobahnen entstanden auf Befehl
von Hitler
Nach offizieller Nazi-Propaganda hatte Hitler wäh-
rend seiner Haft in Landsberg 1924 die Vision, ein
Netz kreuzungsfreier Straßen nur für Autos quer
durchs deutsche Land zu spannen – also Autobahnen
einzuführen.
In Wahrheit gibt es Autobahnen schon seit 1921;
damals wurde in Berlin die AVUS eingeweiht, die
erste Autobahn der Welt. In Italien gibt es Autobah-
nen seit 1923 (die Autostrada von Mailand Richtung
Schweiz), 1926 wurde die Autobahn Köln-Düsseldorf
geplant, im gleichen Jahr konstituierte sich der »Ver-
ein zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte-
Frankfurt-Basel« (HAFRABA), und als Hitler
Reichskanzler wurde, waren quer über die ganze Re-
publik und ohne sein Zutun zahlreiche Autobahnen
geplant oder im Bau. Daß die meisten erst unter sei-
ner Herrschaft fertig wurden, ist nicht sein Verdienst
gewesen.
& Lit.: H.-J. Winkler: Legenden um Hitler, Berlin
1963.

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LexPI Bd. 2 Autofahren 1 22

Autofahren 1
Autofahren ist die gefährlichste Art der Fortbe-
wegung
Wahr ist: die Wahrscheinlichkeit, bei einer Autoreise
umzukommen, ist weit größer als beim Fliegen oder
bei Fahrten mit Bahn oder Bus. Aber noch gefährli-
cher ist das Reisen mit der Kutsche: »Der Ausflug mit
Kutsche oder Reitpferd endet jedes Jahr für rund 2000
Menschen im Krankenhaus« (Borkener Zeitung),
mindestens 20 Menschen kommen dabei Jahr für Jahr
ums Leben. Damit ist die Kutsche weit vor Auto,
Bahn und Flugzeug das pro Passagierkilometer ge-
fährlichste Verkehrsmittel der Welt.
& Lit.: »Kutschfahrt mit Risiko«, Borkener Zeitung,
8.3.1997; Stichwort vorgeschlagen von Jens Syl-
vester.

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LexPI Bd. 2 Autofahren 2 23

Autofahren 2
Bezüglich Autofahren zeigen Frauen und Männer
keine Unterschiede
Diese Hypothese ist politisch korrekt, aber faktisch
falsch. Denn nach neueren verkehrspsychologischen
Erkenntnissen fahren Frauen anders, und nicht immer
besser, als die Männer. Sie verschätzen sich leichter
bei Entfernungen, haben deshalb im Vergleich zu
Männern größere Probleme beim Einparken, oder bie-
gen, falls erforderlich, zu früh oder zu spät in Neben-
straßen ab. Und auch ihr Zögern bei kritischen Vor-
fahrtssituationen macht diese oft noch kritischer als
sie ohnehin schon sind.
Keine Unterschiede fanden die Forscher dagegen
beim Kampf um Parkplätze (hier reagieren Frauen
wie Männer gleichermaßen rabiat auf Konkurrenten)
oder beim Lenken PS-starker Kraftfahrzeuge: Hier
drücken Frauen wie Männer gleichermaßen auf die
Gaspedale.
& Lit.: »Zaudern und Zockeln«, Der Spiegel
22/1997; Frank McKenna: Driving behaviour of
men and women, London 1998.

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LexPI Bd. 2 Autos 1 23

Autos 1
Autos haben die Umwelt seit jeher vor allem
durch Abgase und Lärm belästigt (s.a. ð »Fahr-
verbot 2«)
Der vor hundert Jahren mit Abstand häufigste Grund
zu Klagen über Autos war der Staub. »Der Arbeiter
auf dem Heimwege, das Kind auf dem Gange zur
Schule, der erholungsbedürftige Wanderer, alle leiden
darunter.« Der durch Autos aufgewirbelte Staub
wurde als dermaßen lästig empfunden, daß man Ge-
setze vorschlug, wonach Autofahrer beim Sichten von
Fußgängern zwecks Staubvermeidung das Fahren ein-
zustellen hätten ...
Die »geradezu fürchterliche Staubplage, die das
Auto geschaffen und die natürlich besonders auf den
nicht gepflasterten Straßen an den schwach genom-
men 200 trockenen Jahrestagen in die ekelhafteste Er-
scheinung tritt« (aus einem Beschwerdebrief von
1910), erregte Anfang des Jahrhunderts viele Bürger
weit stärker als heute der Lärm und der Gestank. »Es
besteht kein Zweifel, daß die Abneigung gegen das
Automobil, die sich überall geltend macht und der
Ausbreitung des Motorverkehrs entgegenwirkt, in al-
lererster Linie auf die Staubbelastung zurückzuführen
ist« (Münchner Neueste Nachrichten). »Die Schnel-
ligkeit der Motorfahrzeuge [damals maximal 20 km/h;
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LexPI Bd. 2 Autos 1 24

WK] würde weniger Zorn erregen (...) wenn nur der


Staub nicht wäre.«
& Lit.: Münchener Neueste Nachrichten, 7.3.1910;
Zeitschrift »Rauch und Staub« von 1910/11; F.-J.
Brüggemeier und M. Toyka-Seid: Industrie-
Natur: Lesebuch zur Geschichte der Umwelt im
19. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1995.
¤ Früher Automobilist, eine Dame und einen Dackel
einstaubend (gezeichnet 1896 von H. Toulouse-
Lautrec

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LexPI Bd. 2 Autos 2 24

Autos 2
Erst mit den Autos fing das Chaos in den Städten
an
Die größte Umweltplage in den Städten des 19. Jahr-
hunderts waren die Pferde und der Pferdemist; gegen
den Gestank und das Gedränge auf manchen Straßen
des 19. Jahrhunderts sind moderne Großstadt-Boule-
vards idyllische Parfümgeschäfte.
Eine noch größere Plage als die lebenden Pferde
waren allerdings die toten: Um die Jahrhundertwende
verendeten auf New Yorker Straßen jährlich 15.000
Pferde, in Chicago 12.000; die Kadaver blieben oft
tagelang dort liegen, wo sie hingefallen waren.
& Lit.: B. Bryson: Made in America, London 1995;
Stichwort vorgeschlagen von Dietrich Groh.

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LexPI Bd. 2 Autos 3 25

Autos 3
Man darf sein Auto auf öffentlichen Straßen nur
mit gültigen Kennzeichen bewegen
Dieser Irrtum hat viele Autofahrer schon viel Geld ge-
kostet (Taxi zum An- und Abmelden des Autos, weil
das eigene Auto mit ungültigem Nummernschild in
der Garage stand). »Fahrten zur Abstempelung der
Kennzeichen und Rückfahrten nach Entfernen des
Stempels dürfen mit ungestempeltem Kennzeichen
ausgeführt werden«, stellt § 23 der Straßenverkehrs-
zulassungsordnung lapidar fest.
Allerdings sollte man dabei möglichst keine priva-
ten Umwege fahren; auch Einkaufen oder die Kinder
an der Schule absetzen ist eigentlich verboten – die
Fahrt darf nur dem einen Zweck des Abstempelns des
Nummernschildes dienen.
& Lit.: H. Jagusch und P. Hentschel: Straßenver-
kehrsrecht, München 1997; Stichwort vorgeschla-
gen von Sascha Waßmann.

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LexPI Bd. 1 Außenhandel 1 35

Außenhandel 1
Die reichen Industrienationen schöpfen ihren
Wohlstand aus dem Handel mit der Dritten Welt
(s.a. ð »Ausbeutung«, ð »Dritte Welt« und ð
»Kolonien«)
Die reichen Industrienationen handeln vor allem un-
tereinander, und nicht mit der Dritten Welt, wie die
folgende Tabelle des Außenhandels der Bundesrepu-
blik Deutschland zeigt 1994 (nach Ursprungs- und
Bestimmungsländern aufgespalten und in Millionen
DM):
sonst. sonst. Entwik-
EU Europa Industriel. klungsländer
Einfuhr aus 331866 131834 88568 71116
Ausfuhr nach 364619 151834 70078 77228

& Lit.: Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahr-


buch für das Ausland, verschiedene Jahre; Fach-
serie Außenhandel.

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LexPI Bd. 1 Außenhandel 2 35

Außenhandel 2
Eine positive Leistungsbilanz zeugt für die wirt-
schaftliche Leistung einer Volkswirtschaft (s.a. ð
»Export« und ð »Wettbewerbsfähigkeit«)
Eine positive Leistungsbilanz kann, aber muß kein
Zeuge für die Leistung einer Wirtschaft sein. Diese
Leistungsbilanz stellt alle in einem Rechnungsjahr an
das Ausland gelieferten Güter und Dienstleistungen
den aus dem Ausland importierten Gütern und Dienst-
leistungen gegenüber; ist die erste Summe größer als
die zweite, sprechen wir von einem Leistungsüber-
schuß, ist die erste Summe kleiner als die zweite,
sprechen wir von einem Leistungsdefizit.
Die Bundesrepublik Deutschland erwirtschaftet in
der Regel einen Leistungsüberschuß und ist darauf
nicht wenig stolz. Dabei vergessen wir aber gern, daß
dieser Leistungsüberschuß notwendigerweise mit
einem Nettoexport von Kapital zusammengehen muß.
Denn dieser Leistungsüberschuß bedeutet: Wir be-
kommen vom Ausland mehr Geld für Güter und
Dienstleistungen als wir diesem unsererseits für Güter
und Dienstleistungen zahlen (das muß so sein, so ist
ein Leistungsüberschuß gerade definiert). Und dieses
Geld muß irgendwo herkommen. Die Ausländer kön-
nen die DM-Bestände ihrer Zentralbanken plündern,
sie können den Deutschen ausländische Aktien, Im-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Außenhandel 2 36

mobilien oder Firmen oder auch ihnen gehörige deut-


sche Firmen oder Wertpapiere verkaufen, sie können
ihre DM-Konten in Deutschland auflösen – wo auch
immer sie die Gelder hernehmen, in jedem Fall wer-
den die deutschen Forderungen an das Ausland netto
größer.
Umgekehrt bei einem Leistungsdefizit. Bei einem
Leistungsdefizit bekommen wir vom Ausland für un-
sere Güter und Dienstleistungen weniger Geld, als wir
diesem für seine Güter und Dienstleistungen zahlen,
und diese Differenz muß durch Kapitalimporte ausge-
glichen werden: Wir können deutsche Wertpapiere,
Immobilien, Firmen, welche Kapitalgüter auch immer
an Ausländer verkaufen, ersatzweise auch unsere ei-
genen Investitionen im Ausland auflösen – in jedem
Fall werden unsere Verbindlichkeiten gegenüber dem
Ausland netto größer.
So gesehen trägt ein Leistungsdefizit also auch eine
gute Botschaft: Das Ausland investiert bei uns, wir
sind als Standort attraktiv. Je nachdem, aus welchen
Quellen diese Kapitalimporte fließen, ob aus auslän-
dischen Direktinvestitionen in inländische Wirt-
schaftsunternehmen, ob aus Käufen inländischer
Wertpapiere oder ob aus der Rückführung eigener
Auslandsinvestitionen in die Heimat, können sie ein
Zeichen ökonomischer Gesundheit sein.
Und umgekehrt kann ein Leistungsüberschuß ge-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Außenhandel 2 36

nausogut auf Krankheit deuten: Das Ausland traut uns


nicht, das Kapital fließt ab. So meldete etwa Mexiko
über lange Jahre einen Leistungsüberschuß, aber nicht
wegen der Attraktivität mexikanischer Güter und
Dienstleistungen auf den Weltmärkten, sondern
wegen eines tiefen Mißtrauens gegenüber der mexika-
nischen Wirtschaftspolitik. Die Ausländer zogen ihre
Investitionen ab, das Kapital verließ das Land, und da
die Ausländer die mexikanischen Pesos nicht essen
können, blieb ihnen nur übrig, davon nolens volens
mexikanisch einzukaufen. Hier war der Leistungs-
überschuß also nur das Abfallprodukt eines gleichzei-
tigen massiven Kapitalexports.
So wie es in einer Gesellschaft immer genausoviele
Ehemänner wie Ehefrauen gibt, gibt es in einer
Volkswirtschaft immer genauso hohe Überschüsse in
der Leistungs- wie Defizite in der Kapitalbilanz (oder
auch umgekehrt). Das eine ist das Spiegelbild des an-
deren, und deshalb sollten alle, die sich über Über-
schüsse in der einen Sparte freuen, erst einmal beden-
ken, durch welche Defizite in der anderen Sparte diese
Überschüsse ausgeglichen werden.
& Lit.: Peter von der Lippe: Wirtschaftsstatistik, 4.
Aufl., Stuttgart 1990 (besonders Abschnitt X. 7:
Messung der internationalen Wettbewerbsfähig-
keit); Paul Krugmann: »Competitiveness: A dan-
gerous obsession«, Foreign Affairs, März/April
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Außenhandel 2 37

1994, 28–44.

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B 37

»Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum


nehmen, der ihr nützt. Sie würde an
Unsterblichkeit glauben, und wenn sie das
Gegenteil wüßte.«
Christian Friedrich Hebbel, Tagebücher

»Nichts wird so fest geglaubt wie das,


was wir am wenigsten wissen.«
Montaigne

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 2 Babyboom 26

Babyboom
Neun Monate nach dem großen New Yorker
Stromausfall gab es einen Babyboom
»Führt der Weg zu neuen Kunden für uns nur über
Stromausfälle?« fragten die VEW in großformatigen
Anzeigen im Spiegel und in der FAZ. »Die Geschich-
te ist bekannt: 1977 war das sommerliche New York
eine Nacht lang ohne Strom. Neun Monate später
dann der große Baby-Boom und damit viele potentiel-
le Neukunden.«
Antwort: Der Weg zu neuen Kunden führt weder
über Stromausfälle noch über Annoncen so wie diese.
»Offensichtlich erregt es die Phantasie so mancher
Leute, sich vorzustellen, daß ihre Zeitgenossen, wenn
durch unvorhergesehene Ereignisse von ihren norma-
len Tagesgeschäften abgehalten, zwangsläufig dem
Sexualverkehr obliegen«, schreibt ein Demograph,
der einmal den bevölkerungspolitischen Folgen sol-
cher Stromausfälle nachgegangen ist. Denn weder
nach dem Stromausfall von 1977 noch nach dem weit
dramatischeren von 1965, sind hier Besonderheiten
nachzuweisen.
Am 9. November 1965 kurz nach fünf Uhr nach-
mittags fiel im gesamten Nordosten der USA die
Stromversorgung aus: Ein Kurzschluß nahe des Nia-
gara-Kraftwerks und dadurch binnen Sekunden ausge-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Babyboom 26

löste zahlreiche weitere Kurzschlüsse im Leitungsnetz


legten fast alle Kraftwerke in dieser Gegend lahm,
rund 30 Millionen elektrizitätsverwöhnte Amerikaner
in und um New York sind bis zu 13 Stunden ohne
Licht und Strom. Aber offensichtlich haben sie diese
Dunkelheit zu anderem genutzt, als was die VEW
vermuten. Denn neun Monate später, im August
1966, lagen die Geburten in Stadt und Staat New
York zwar geringfügig über denen des Juli und Sep-
tember, aber das ist in allen Jahren so, mit oder ohne
Stromausfall, und auch die absoluten Geburtenzahlen
des August 1966 weichen nicht von den »normalen«
Zahlen ab. Die folgende Tabelle zeigt, wie viele Kin-
der in der Stadt New York vom 29. Juni bis 15. Au-
gust des Jahres geboren wurden (der Zeitraum, der für
die am 9. November des Vorjahres gezeugten Kinder
in Frage kommt, und zwar für jedes Jahr von 1961
bis 1966). Wie wir sehen, hat sich von Ende Juni bis
Mitte August des Jahres 1966 nichts Besonderes er-
eignet (für diejenigen, die glauben, daß von Empfäng-
nis bis Geburt exakt neun Monate verstreichen, ist
auch noch die Geburtenzahl des 9. August mit ange-
geben):
Geburten in New York vom 29. Juni bis 16. August
Insgesamt Anteil an den Geburten Geburten am
des jeweiligen Jahres 9. August
1961 23471
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
13,9% 475
LexPI Bd. 2 Babyboom 27

1962 22883 13,9% 497


1963 23324 13,9% 431
1964 23030 13,9% 406
1965 22491 14,1% 468
1966 21364 13,9% 431

& Lit.: Martin Tolchin: »Births up nine months after


blackout«, New York Times, 10.8.1966; J. Ri-
chard Udry: »The effect of the great blackout of
1965 on births in New York City«, Demography
7, 1970, S. 325–327; »The great northeast black-
out of 1965«, über die Internet-Adresse. Stich-
wort beigetragen von H. van Maanen.

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LexPI Bd. 2 Backfisch 27

Backfisch
Backfisch kommt von Backen
Ein Backfisch ist ein Fisch, der, weil zu klein und
mager, ins Wasser zurückgeworfen wird (»back« =
zurück). Deshalb wurden vor der modernen Englisch-
Welle junge Mädchen häufig »Backfische« genannt.
& Lit.: Kurt Krüger-Lorenzen: Deutsche Redensar-
ten – und was dahinter steckt, Wiesbaden 1960.

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LexPI Bd. 2 Badewanne 28

Badewanne
Der Dreckrand an der Badewanne kommt von
unserem Dreck
Der ärgerliche Dreckrand, der oft nach einem Wan-
nenbad die Badewanne kränzt, hat mit unserer körper-
lichen Reinlichkeit nicht unbedingt zu tun; er wäre
auch dann vorhanden, wenn wir ohne jeden Schmutz
am Körper in das Badewasser steigen würden. Vor-
aussetzung ist Seife und »hartes«, mineralstoffreiches
Badewasser. Dann verbinden sich die Seifenmoleküle
mit den Mineralien zu unlöslichen, wachsartigen wei-
ßen Klumpen, die auch dann den bekannten Ring am
Rand der Wanne bilden würden, wenn wir selber völ-
lig sauber wären.
& Lit.: Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was
der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche
Fragen, München 1998.

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LexPI Bd. 1 Bakterien 38

Bakterien
Bakterien sind ungesund
Anders als in der Waschmittelreklame sind durchaus
nicht alle Bakterien kleine Teufel. Die meisten Bakte-
rien sind harmlos, viele sogar äußerst nützlich: Bakte-
rien helfen bei der Produktion von Wein und Bier
(Hefe), von Buttermilch und Sauerkraut, von
Yoghurt, Käse, Sauerteig, sie erzeugen in unseren Ge-
därmen Vitamine (etwa die Vitamine B2 und K), in
unserem Garten Humus, sie reinigen Abwässer, die-
nen als Katalysator für komplizierte Synthesen in der
Chemie, »veredeln« Erdöl, Erdgas oder Zellulose, und
lassen aus Gras und Blättern im Magen von Kühen
Zucker werden. (Nur weil wir Menschen diese nützli-
chen Bakterien nicht in unseren Gedärmen tragen,
können wir, anders als viele Pflanzenfresser, nur von
Gras nicht überleben.) Würden heute alle Bakterien
auf der Erde ausgerottet, würde das meiste andere
Leben mit ihnen zugrunde gehen.
Nur wenige Bakterienarten, wie die bekannten Er-
reger des Typhus oder der Cholera, sind wirklich
schädlich.
& Lit.: D.G. Mackean: Einführung in die Biologie,
Reinbek 1970; Hans G. Schlegel: Allgemeine Mi-
krobiologie, 7. Aufl., Stuttgart 1992.
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LexPI Bd. 2 Banken 28

Banken
Das Bankgewerbe ist eine vom Aussterben be-
drohte Industrie
So lautet eine moderne, von Finanzwirtschaftlern hef-
tig diskutierte These: Weil immer mehr Geldgeber
ihre Mittel ohne den Umweg über die Banken direkt
den Firmen gäben, die Geld brauchten, würden Ban-
ken überflüssig. Der Weg des Geldes von den letzt-
endlichen Gläubigern zu den letztendlichen Schuld-
nern ginge immer öfter an den Banken vorbei (Firmen
geben Aktien aus oder leihen sich die benötigten Mit-
tel an der Börse), so daß die traditionelle Mittlerfunk-
tion der Banken obsolet zu werden drohe.
Sieht man sich die Finanzverflechtungen moderner
Volkswirtschaften aber näher an, kann von einem
Verschwinden der Banken keine Rede sein: Die ge-
samten Verbindlichkeiten des Nichtbankensektors ge-
genüber Banken und anderen Finanzintermediären
(Versicherungen, Bausparkassen usw.) und spiegel-
bildlich auch die gesamten Forderungen der Unterneh-
men und Haushalte gegen Banken und Versicherun-
gen sind heute mit 60 bis 70 Prozent, gemessen an
allen ausstehenden Forderungen und Verbindlichkeit-
en in der Volkswirtschaft, nicht kleiner als vor zehn
oder zwanzig Jahren. Von einigen Ausnahmeländern
wie Frankreich abgesehen, wo die Banken wegen no-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Banken 28

torischer Ineffizienz zunehmend umgangen werden,


kann von einer sog. »disintermediation«, einem Aus-
schalten des Finanzsektors bei dem Verknüpfen von
Gläubigern und Schuldnern, keine Rede sein. Die
Fäden mögen heute vielleicht anders aussehen und
heißen wie zu Zeiten des alten Rothschild (etwa
Fondsbeteiligungen statt Sparbücher und Sichteinla-
gen), aber genauso wie früher sitzen die Banken wie
die Spinne in der Mitte.
& Lit.: Reinhard H. Schmidt, Andreas Hackethal
und Marcel Tyrell: »Disintermediation and the
role of banks in Europe: an international compari-
son«, Vortrag auf dem Symposium »The design of
financial systems and markets«, Amsterdam 1998.

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LexPI Bd. 1 Barras 38

Barras
Dieser Ausdruck für das Militär wird oft, aber falsch,
von dem französischen Grafen Barras (1755–1829)
abgeleitet. Während der französischen Besetzung An-
fang des 19. Jahrhunderts, so diese Erklärung, hätten
die Truppen Napoleons mit Plakaten um Freiwillige
geworben, und diese Aufrufe wären mit dem Namen
des Chefintendanten des Heeres, Barras, unterzeichnet
gewesen. Ergo der Spruch: Ich gehe zum Barras.
In Wahrheit hatte sich der Graf von Barras schon
1799, also einige Jahre vor den fraglichen Ereignis-
sen, aus dem politischen Leben Frankreichs zurük-
kgezogen. Er war zwar zu seiner aktiven Zeit auch
mit der Aushebung von Truppen befaßt gewesen, aber
nur in Frankreich selbst, und die oben zitierten Aufru-
fe in Deutschland hat er niemals unterschrieben.
Vermutlich kommt der Ausdruck »beim Barras«
aber dennoch aus Frankreich, wenn auch anders:
durch das Wort »embaras« (Verlegenheit, mißliche
Sache). Nach dem Ersten Weltkrieg bezeichneten
viele im Rheinland stationierte französische Soldaten
das Militär als »embaras«, und dieser Ausdruck
könnte dann unter Weglassen der ersten Silbe von
dort auch in die deutsche Umgangssprache eingegan-
gen sein.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Barras 39

& Lit.: Fritz C. Müller: Wer steckt dahinter?


Namen, die Begriffe wurden, Eltville 1964.

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LexPI Bd. 2 Baseball 29

Baseball
Die »World Series« der amerikanischen Baseball-
Liga heißt so, weil sie als Weltmeisterschaft ge-
wertet wird
Viele Beobachter der USA sehen in dem Namen
»World Series« für die Endrunde der lokalen Base-
ballmeisterschaften ein weiteres Zeichen für den be-
kannten US-amerikanischen Chauvinismus und Autis-
mus. Aber diesmal tun sie den Amerikanern Un-
recht – die »World Series« hat ihren Namen von
einem der ersten Finanziers dieser Veranstaltung, der
Zeitung New York World.
& Lit.: B. Arp: »World champions«, Leserbrief im
Economist, 16.11.1996.

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LexPI Bd. 1 Bastille 39

Bastille
Die Bastille wurde von der Pariser Bevölkerung
erstürmt
Anders als wir in der Schule lernen, wurde die Bastil-
le nie erstürmt; sie wurde friedlich übergeben. Streng
genommen müßte also der französische Nationalfeier-
tag am 14. Juli nicht den Sturm auf die Bastille, son-
dern die Übergabe der Bastille feiern. Aber derart un-
spektakuläre Taten taugen schlecht für nationale Fei-
ertage, und so wird es wohl auf ewig beim Sturm auf
die Bastille bleiben ...
Die offizielle Geschichtsbuchfassung der Ereignis-
se ist so: Am 14. Juli 1789 ziehen einige tausend Pa-
riser demonstrierend zur Bastille, jene berüchtigte
Zwingburg des Königs mitten in Paris, um gegen
einen befürchteten Staatsstreich ihres Königs Ludwig
und gegen die Entlassung des beliebten Finanzmini-
sters Necker zu protestieren; aus der Festung werden
sie mit Kanonen und Musketen unter Feuer genom-
men, deshalb erstürmen sie heldenmutig dieses ver-
haßte Symbol des Feudalismus, unter großen Op-
fern – in einschlägigen Berichten ist von hundert
Toten und ebensovielen Verwundeten die Rede – und
gegen den erbitterten Widerstand der Verteidiger; sie
befreien die in den Kerkern der Bastille schmachten-
den Gefangenen und läuten so das Ende des Despotis-
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LexPI Bd. 1 Bastille 40

mus und eine bessere Zukunft für die Menschheit ein.


In Wahrheit hat sich aber alles anders zugetragen.
Erstens war die Bastille keine finstere Zwingburg,
eher ein Luxusgefängnis für noble Scheckbetrüger
und andere zwielichtige Blaublüter wie den Marquis
de Sade, die dort ihre Diener und nicht selten sogar
freien Ausgang hatten. Die wenigen Gefangenen – am
14. Juli 1789 keine zehn Personen – lebten innerhalb
ihrer Mauern vermutlich besser als die meisten Pari-
ser außerhalb; es soll sogar vorgekommen sein, wenn
wir Gerhard Prause glauben dürfen, dem wir mit die-
ser Darstellung folgen, daß Häftlinge darum baten,
noch etwas länger bleiben zu dürfen. Die »Wach-
mannschaft« bestand aus ein paar Dutzend Invaliden.
Zweitens wollte der Pariser Mob, der sich am 14.
Juli 1789 gegen die Bastille wälzte, nicht für oder
gegen irgend etwas demonstrieren, geschweige denn
diese obsolete Halbruine mit Gewalt erstürmen; man
will ein paar Kanonen konfiszieren, die in einem
Schuppen neben der Bastille lagern. Jedoch hatte Ba-
stille-Kommandant de Launey diese Kanonen einen
Tag zuvor in die Bastille selber überführen lassen,
und so sendet man eine Delegation zu de Launey, um
zu erkunden, was dieser denn zu tun gedenke.
»Nichts,« sagt de Launey in etwa sinngemäß. Er
könne den Parisern zwar keine Waffen geben, werde
aber auch nicht auf sie schießen, wenn er nicht ange-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bastille 40

griffen würde. Diese Antwort übermitteln die Dele-


gierten in das Rathaus von Paris.
Währenddessen tun ihre vor der Bastille zurük-
kgebliebenen Genossen aber genau das: Sie fangen an
zu schießen. Ob aus Langeweile oder Übermut – sie
dringen in einen Vorhof der Bastille ein und schießen
auf die Invaliden der Besatzung. Die Invaliden schie-
ßen zurück, die Angreifer weichen, überrascht ob die-
ses Widerstandes, und da sie diese Schüsse als Bruch
der Abmachung betrachten, marschieren sie voller
Zorn zum Rathaus, die Stadtregierung zum Erstürmen
aufzufordern.
Diese versucht erst einmal zu verhandeln: Eine
neue Delegation wird losgeschickt, von der Bastille-
Besatzung auch freundlich aufgenommen, die über
diesen Ausweg mehr als glücklich ist: Man werde die
Festung übergeben, vorausgesetzt, die Deputierten
seien wirklich Abgesandte der Stadtregierung von
Paris.
Diese Frage bleibt aber ohne Antwort; aus bis
heute ungeklärten Gründen bleiben die Deputierten
im Vorhof der Bastille stehen und weichen dann sogar
zurück. Sie selber sagten später, man habe auf sie ge-
schossen, aber vermutlich hatten sie nur Angst ge-
habt. Denn die Schießerei ging erst nach ihrem Rük-
kzug los, als die zahlreichen Begleiter der Delegierten
weiter vordringen und sich nicht um die Warnungen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bastille 41

der Besatzung scheren. Die Besatzung warnt noch-


mals, die Menge dringt nochmals weiter vor, die Be-
satzung schießt, die Menge, minus einige Tote und
Verwundete, weicht zum zweiten Mal zurück, dabei
die Küchen, Ställe und Wagenschuppen außerhalb der
eigentlichen Festung plündernd.
Um diese Verwüstung aufzuhalten, gibt die Besat-
zung einen ersten und einzigen Schuß mit einer Kano-
ne auf die Marodeure ab.
Dafür wird sie nun selber mit Kanonen beschossen.
Denn inzwischen hat der Wäschereibesitzer Hulin
zwei vor dem Rathaus stationierte Garde-Kompanien
überredet, mit ihm vor die Bastille zu ziehen und
diese sturmreif zu schießen. Aber dazu kommt es
nicht – vorher hißt Kommandant de Launey die weiße
Fahne, zunächst als Signal seiner Verhandlungsbe-
reitschaft, dann aber, als Hulin ihm freien Abzug zu-
sichert, zum Zeichen der endgültigen Kapitulation.
Die Invaliden erklären sich bereit, die Bastille zu
übergeben – dieses Faktum ist historisch, daran ist
nicht zu rütteln. Die Tore werden geöffnet, die Besat-
zung versammelt sich ohne Waffen zur Übergabe auf
dem Hof, die Bastille ist kampflos aufgegeben.
Das war nachmittags gegen 5 Uhr. Bis dahin hatte
es kaum ein Dutzend Tote gegeben – für die damalige
Zeit ein eher ruhiger Nachmittag. Hulin und der Kom-
mandant der Gardekompanien, die als erste die Bastil-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bastille 41

le betreten, nehmen die Kapitulation entgegen, bzw.


wollen sie entgegennehmen, denn hinter ihnen dringt
ein auf Plündern und Lynchen versessener Mob in die
Bastille ein, von den regulären Gardekompanien nur
unzulänglich aufgehalten: de Launey und mehrere In-
validen werden umgebracht, und nachdem alles nicht
Niet-und Nagelfeste demoliert bzw. weggetragen ist,
zieht die Menge triumphierend durch Paris, de Lau-
neys Kopf auf einer Stange vorneweg.
So endete der 14. Juli 1789, kein Tag, auf den man
unbedingt besonders stolz sein müßte.
& Lit.: Friedrich Kircheisen: Die Bastille, Berlin
1927; Georges Pernoud und Sabine Flaissier
(Hrsg.): Die Französische Revolution in Augen-
zeugenberichten, Düsseldorf 1962; Gerhard
Prause: Niemand hat Kolumbus ausgelacht, Düs-
seldorf 1986 (besonders das Kapitel »Der Sturm
auf die Bastille fand nicht statt«).
¤ Eigentlich war alles anders ...

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LexPI Bd. 1 Bauchredner 42

Bauchredner
Ein Bauchredner redet mit dem Bauch
Ein Bauchredner redet eigentlich ganz normal. Durch
das Zusammenziehen der Gaumenbögen, das Zurük-
kziehen der Zunge und durch das Verengen des Kehl-
kopfeinganges kann er aber so die Resonanz der
Stimme mindern, daß der Mund sich nicht bewegt und
seine Stimme aus dem Bauch zu kommen scheint.
Solche Bauchredner gab es schon im alten Griechen-
land (Engastrimanten = Bauchwahrsager).
& Lit.: Stichwortartikel »Bauchreden« in Meyers
Großes Taschenlexikon, Mannheim 1992.

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LexPI Bd. 2 Bauhaus 29

Bauhaus
Das Bauhaus war eine international einflußreiche
Architektenschule
Die als »Bauhaus« bekannte »Schule für gestaltendes
Handwerk, Architektur und bildende Künste«, 1919
von Walter Gropius in Weimar gegründet, 1925 nach
Dessau umgezogen und 1933 aufgelöst, ist vor allem
eine Medienblase; die architektonischen und erst recht
die politischen Leistungen ihrer Hauptfiguren Gropi-
us und Mies van der Rohe gelten unter Fachleuten als
weniger bedeutend.
Nach Paul Betts ist die große öffentliche Anerken-
nung für die Bauhaus-Architekten in erster Linie ein
Produkt des Kalten Krieges: Es galt, die Deutschen
fest im Westen zu verankern, es mußte auf Teufel
komm raus ein Bindeglied zwischen Deutschland und
Amerika geschaffen werden. Und dafür schien das
Bauhaus gut geeignet: Seine Gründer waren vor den
Nazis nach Amerika geflohen und damit beiderseits
des Ozeans als Botschafter des guten Willens akzep-
tabel – eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, auf
den sich beide Seiten gern verständigten. Dafür war
man gern bereit, die zahlreichen Schwachstellen der
Bauhaus-Leute – ihre »unerträgliche Phraseologie«,
ihr »Versagen im Technischen« (Schwarz), die »of-
fensichtliche Hybris ihrer herausragenden Figuren«
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LexPI Bd. 2 Bauhaus 30

(Betts) – taktvoll schweigend zu erdulden.


Anders als die Politik und die Medien haben die in-
ternationalen Architekturexperten das Bauhaus und
die Bauhaus-Ideologie schon lange vor dem Ende des
Kalten Krieges als »niederdrückend«, »unmensch-
lich« und »kalt« (Betts) empfunden.
& Lit.: R. Schwarz: »Bilde Künstler, rede nicht«,
Baukunst und Werk, Januar 1953; Tom Wolfe:
From Bauhaus to our house, New York 1981; P.
Betts: »Die Bauhaus-Legende. Amerikanisch-
Deutsches Joint Venture des Kalten Krieges«, in:
A. Lüdtke u.a. (Hrsg.): Amerikanisierung: Traum
und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhun-
derts, Stuttgart 1996, S. 270–290.

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LexPI Bd. 2 Beamte 30

Beamte
Beamte müssen nichts für ihre Renten und Pensi-
onen zahlen
Deutsche Beamte genießen viele unverdiente Privile-
gien (warum z.B. müssen Hochschullehrer Beamte
und unkündbar sein?), aber die angeblich kostenlose
Alterssicherung gehört nicht dazu.
Diese Versorgung ist nämlich alles andere als ko-
stenlos. Das wird jeder Hochschullehrer merken,
wenn er oder sie einmal ein Angebot auf eine Profes-
sur im Ausland hat; dann muß er sich von seinem
Dienstherrn nämlich sagen lassen: »Was wollen Sie
denn, das Gehalt in X ist überhaupt nicht höher als
bei uns in Deutschland, inklusive unserer Beiträge zu
Ihrer Altersversorgung verdienen Sie hier genausoviel
wie da.« Mit anderen Worten, bei dem Verhandeln
von Gehältern wird ganz selbstverständlich der
Staatsbeitrag zur Altersversorgung als Teil des Ein-
kommens des Staatsdieners betrachtet.
Daß dann der Staat als der Arbeitgeber der Beam-
ten diese Gelder, statt sie wie andere Arbeitgeber an
die Rentenversicherung zu überweisen, erst einmal
anderweitig ausgibt, sollte man nicht den Beamten in
die Schuhe schieben.

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LexPI Bd. 2 Beitragsfreie Mitversicherung 31

Beitragsfreie Mitversicherung
Die beitragsfreie Mitversicherung ist ein Instru-
ment der Familienlastenausgleichs-Politik
Die deutschen Krankenversicherungen geben pro Jahr
mehr als 50 Milliarden Mark für Patienten aus, die
keinen Pfennig Beitrag zahlen: die Kinder, Frauen
oder Männer von zahlenden Mitgliedern, die selber
kein eigenes Einkommen haben und deshalb ohne
Beitrag mitversichert sind.
Viele Kritiker unseres Sozialsystems sehen dadurch
die Gesetzliche Krankenversicherung mißbraucht:
Wenn man schon kinderreichen Familien oder Ehen
mit nur einem Geldverdiener helfen wolle, dann bitte
doch direkt und ohne die Krankenversicherung vor
den Karren dieses durchaus ehrenwerten Zieles zu
spannen. Nach einem Vorschlag des Sachverständi-
genrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheits-
wesen z.B. sollten beitragsfrei mitversicherte Ehepart-
ner von »regulären« Mitgliedern künftig einen »Son-
derbeitrag« zahlen.
In Wahrheit hat die beitragsfreie Mitversicherung
von Familienangehörigen für sich allein genommen
mit Lastenausgleich nichts zu tun. Denn diese Men-
schen würden auch ohne diese familiäre Bindung kei-
nen Beitrag zahlen; der Status des Angehörigen eines
regulären Mitglieds ist für die Beitragspflichten eines
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Beitragsfreie Mitversicherung 31

Bundesbürgers ohne eigenes Einkommen völlig uner-


heblich: Bei Arbeitslosen zahlt die Bundesanstalt für
Arbeit, bei Sozialhilfeempfängern zahlt das Sozial-
amt, zumindest für Pflichtversicherte hat der Tatbe-
stand der Ehe mit einem regulären Krankenkassenmit-
glied keine Konsequenzen für die Beitragszahlung: so
oder so wird nichts gezahlt.
& Lit.: Friedrich Breyer: »›Beitragsfreie Mitversi-
cherung‹ und ›Familienlastenausgleich‹ in der
GKV: ein populärer Irrtum«, Konjunkturpolitik
43, 1997, S. 213–223.

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LexPI Bd. 1 Beleidigen 42

Beleidigen
Man darf seine Mitmenschen nicht ungestraft be-
leidigen
Doch, man darf. Die Frage ist nur wen und wie, und
ab und zu auch wo.
Teuer und strafbar ist auf jeden Fall das Beleidigen
von Amtspersonen. Rund 200 Mark kostet eine
»dienstgeile Politesse«, rund 2000 Mark eine »blöde
Sau«, sofern die »blöde Sau« beamtet ist. Auch gegen
Gerichtsvollzieher, Richter, Staatsanwälte oder den
Bundespräsidenten sollte man sich solche
Kraftausdrücke besser nicht erlauben.
Anders dagegen im nichtamtlichen Sprachverkehr –
hier führen Klagen selten zum Erfolg. Den meisten
Klägern geht es wie der Dame aus dem Hannoveraner
Kaffeekränzchen, die aufgrund einer »vertrockneten
Zimtziege« den Staatsanwalt bemühte. »Denn bei der
Staatsanwaltschaft war man der Meinung«, so lesen
wir in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, »daß
›vertrocknete Zimtziege‹, im privaten Kreis von sich
gegeben, keine öffentliches Interesse berühre und
nicht als Beleidigung im Sinne des Gesetzes angese-
hen werden könne.«
Wenn der Staatsanwalt ein Delikt nicht von Amts
wegen verfolgt, bleibt nur noch eine Privatklage, und
die kostet Geld. Außerdem landen die Kontrahenten,
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LexPI Bd. 1 Beleidigen 43

um einen kostspieligen Prozeß zu vermeiden, erst ein-


mal vor einer Sühnestelle (je nach Bundesland ein
Schiedsgericht, eine öffentliche Rechtsauskunftstelle
oder die Gemeindeverwaltung), und kommt es wirk-
lich zu einem Prozeß, endet dieser oft in einem Ver-
gleich, bei dem der Kläger selbst noch einen Teil der
Kosten zahlen muß.
& Lit.: Michael Scheele und Reinhard Wetter: Rat-
geber Recht, München 1990.

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LexPI Bd. 2 Bergisches Land 31

Bergisches Land
Das Bergische Land ist bergig
Das Bergische Land hat seinen Namen von den Gra-
fen von Berg (Stammsitz Düsseldorf, früher Burg an
der Wupper und Altenberg im Sauerland).

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LexPI Bd. 2 Bernhardiner 32

Bernhardiner
Bernhardiner bringen Alkohol zu verschütteten
Alpinisten
Die bekannten Szenen mit den Bernhardinerhunden
und den Branntweinfäßchen sind von Witzblattzeich-
nern frei erfunden. Wahr ist, daß Bernhardinerhunde
seit 1760 den Mönchen des Hospizes auf der Paßhöhe
des Großen St. Bernhard bei der Rettung verirrter
oder verschütteter Reisender halfen (einer von ihnen,
ein Bernhardiner namens Barry, der einmal ein halb
erfrorenes Kleinkind aus einer Schneewehe zerrte und
ins Hospiz transportierte und insgesamt mehr als 40
Menschen vor dem Erfrieren rettete, hat am Eingang
des Tierfriedhofs von Asnières bei Paris ein Denkmal
erhalten; sein ausgestopfter Körper kann im Naturhi-
storischen Museum von Bern bewundert werden).
Aber am Hals haben diese Rettungshunde allenfalls
ein Sanitätspäckchen und niemals eine Flasche
Schnaps getragen.
& Lit.:
http://www-nmbe.unibe.ch/abtwt/swiss-
dogs.html.
¤ Grosser St. Bernhard, Hospiz mit dem See, Bern-
hardiner.
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LexPI Bd. 2 Besiedelung Amerikas 32

Besiedelung Amerikas
Amerika wurde vor rund 12.000 Jahren von
Norden über die Beringstraße besiedelt
Diese lange allgemein geglaubte These gilt inzwi-
schen als erschüttert: Aufgrund von Höhlenfunden in
Chile und Brasilien verdichten sich Indizien, daß
schon viel früher Menschen nach Amerika gekommen
waren.
Vermutlich waren diese Reisen nicht geplant. So
wie noch heute immer wieder von Stürmen abgetrie-
bene afrikanische Fischer an den Küsten Südamerikas
gefunden werden, haben auf See versprengte Afrika-
ner und vielleicht auch Polynesier schon vor mehr als
20.000 Jahren in Amerika eine neue Heimat gefun-
den: Die über 12.000 Jahre alten Knochenfunde und
Höhlenmalereien im chilenischen Monte Verde oder
die fast genauso alten Werkzeuge und Waffen, die in
den letzten Jahren im brasilianischen Nationalpark
Serra da Capivara aufgefunden wurden, können un-
möglich von den Großwildjägern stammen, die zur
gleichen Zeit, aber mehrere Tausend Kilometer weiter
nördlich, aus Asien durch Alaska südwärts zogen.
& Lit.: »Der erste Amerikaner«, Focus 40/1997.

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LexPI Bd. 2 Bestseller 33

Bestseller
Bestseller kommen auf die Bestsellerliste
Nicht alle Bestseller kommen auf die Bestsellerliste.
Die Spiegel-Bestsellerliste z.B., die Mutter aller sol-
cher Bücherlisten, läßt längst nicht alle Bücher auf ihr
Treppchen. Der »Neue Duden« etwa, das meistver-
kaufte Sachbuch des Jahres 1996, war niemals in der
Spiegel-Liste aufzufinden.
Die Spiegel-Liste gründet sich auf eine Stichprobe
von 280 deutschen Sortiments-Buchhändlern (von
insgesamt über 1500 in der Bundesrepublik, die einen
Umsatz von mehr als einer halben Million DM pro
Jahr erzielen); diese melden jeden Donnerstag ihre 15
in der Woche bestverkauften Titel an die Zeitschrift
Buchreport: Der bestverkaufte Titel erhält 15 Punkte,
der zweitbeste 14 Punkte usw.; diese Punkte werden
aufaddiert, wer dann die meisten Punkte hat, ist auf
der Spiegel-Liste Nr. 1.
Diese Rechnung hat aber ein paar Haken. Z.B.
werden die Umsätze des größten deutschen Buch-
händlers überhaupt, nämlich des Kaufhauses Kar-
stadt, überhaupt nicht mitgezählt (Kaufhäuser und
Großmärkte bleiben in der Spiegel-Liste außen vor),
genauso wie Bücher, die über Buchklubs wie Bertels-
mann und Büchergilde Gutenberg vertrieben werden;
auch deren Verkaufszahlen fließen nicht in die Spie-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Bestseller 33

gel-Liste ein. Und nicht gezählt werden schließlich


alle Bücher, die nicht auf der Spiegel-Vorschlagsliste
stehen. Lexika und Lehrbücher z.B., aber auch Koch-
bücher oder die Bibel, kommen niemals auf die rund
75 Titel lange Spiegel-Vorschlagsliste, aus der die
Buchhändler dann ihre 15 Besten wählen dürfen. (Ein
Grenzfall ist das »Lexikon der populären Irrtümer«;
dem Vernehmen nach hatte der erste Band, der über
mehr als 70 Wochen die Spiegel-Sachbuchliste
schmückte, vor seinem Einzug in die Vorschlagsliste
einige Debatten auszuhalten ...)
& Lit.: »Von Woche zu Woche: Bestsellerliste«,
Buchreport 40/1988.

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LexPI Bd. 2 Bethlehem 34

Bethlehem
Jesus wurde in Bethlehem geboren
Jesus Christus wurde nach Meinung fast aller moder-
nen Bibelforscher in Nazareth geboren; die These der
Evangelisten Lukas und Johannes, Jesus sei in Beth-
lehem zur Welt gekommen, sei eher als Versuch zu
werten, die Geburt des Messias dorthin zu verlegen,
wo sie nach dem Willen des Alten Testamentes statt-
zufinden hatte: in die Stadt Davids, in die Stadt, wo
David geboren und zum König wurde: »Aber du,
Bethlehem-Ephratha, so klein unter den Gauen Judas,
aus dir wird hervorgehen, der über Israel herrschen
soll (...). Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der
Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines
Gottes.« (Micha 5,1–3).
Also schreibt Lukas: »So zog auch Josef von der
Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die
Stadt Davids, die Bethlehem heißt, denn er war aus
dem Haus und dem Geschlecht Davids. Er wollte sich
eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein
Kind erwartete.« Aber außer dieser einen einzigen Be-
gründung – »er war aus dem Haus und dem Ge-
schlecht Davids« – hat Lukas und haben andere frühe
Kirchenmänner keine weiteren Indizien für diese
Reise vorzuweisen, so daß man diese wie auch Ma-
rias Niederkunft in Bethlehem als Fiktion und als
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Bethlehem 34

Versuch bewerten sollte, das Alte und das Neue Te-


stament nachträglich besser aufeinander abzustim-
men.
& Lit.: Die Bibel – Einheitsübersetzung, Stuttgart
1980; Stichwort »Bethlehem (Jordan)« in der MS
Microsoft Enzyklopädie Encarta, 1994; Hans
Josef Miller: »Abschied von Bethlehem?«, Katho-
lisches Sonntagsblatt 50/1996, S. 20.

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LexPI Bd. 2 Beton 35

Beton
Erst seit der Neuzeit baut man mit Beton
Schon die Römer bauten mit Beton. Dieses aus Ze-
ment und Wasser und sogenannten Zuschlagstoffen
(Kies, Schotter, Split) hergestellte Kunstgestein, das
anders als normaler Mörtel auch unter Wasser abbin-
det, diente schon im alten Rom den Architekten:
Brückenpfeiler, Aquädukte, Hafenmauern, auch Ba-
dewannen wuchsen aus Beton, wobei auch schon die
Schalentechnik des 20. Jahrhunderts angewendet
wurde (im Keller der Kaiserthermen in Trier sieht
man noch heute die Abdrücke der Bretter).
»Es gibt eine Erdart, die von Natur wunderbare Er-
gebnisse hervorbringt«, schreibt der römische Militär-
techniker und Architekt Vitruv einige Jahre vor Chri-
sti Geburt. »Sie steht im Gebiet von Baiae und der
Städte, die rund um den Vesuv liegen. Mit Kalk und
Bruchstein gemischt, gibt sie nicht nur den übrigen
Bauwerken Festigkeit, sondern auch Dämme werden,
wenn sie damit im Meer gebaut werden, unter Wasser
fest ...«
Diese Vulkanerde von den Füßen des Vesuvs, mit
Kalk, Sand, Kiesel und Bruchgestein vermischt, ent-
spricht in allen wesentlichen Eigenschaften dem heu-
tigen Beton.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Beton 35

& Lit.: J. Zahn: Nichts Neues mehr seit Babylon,


Hamburg 1959; G. Prause: Tratschkes Lexikon
für Besserwisser, München 1986; Stichwort
»Beton« in der Brockhaus Enzyklopädie, Wiesba-
den 1990.

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LexPI Bd. 2 Bett 35

Bett
Jesus sagte: »Steh auf, nimm dein Bett und geh!«
Das Jesus-Wort zu einem Kranken am See Bethesda:
»Steh auf, nimm dein Bett und geh!« ist vermutlich
falsch übersetzt und muß richtig heißen: »Steh auf,
nimm deinen Stock und geh!«; das hebräische
»matte« für Stock wurde wohl mit »mitta« für Bett
verwechselt.
& Lit.: Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig über-
setzt?, Gütersloh 1989; Eckhard Henscheid, Ger-
hard Henschel und Brigitte Kronauer: Kulturge-
schichte der Mißverständnisse, Stuttgart 1997
(besonders der Abschnitt »Gott und die Bibel«).

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LexPI Bd. 1 Bevölkerungsexplosion 43

Bevölkerungsexplosion
Die Bevölkerungsexplosion ist nur durch freien
Zugang zu Verhütungsmitteln abzubremsen (s.a.
ð »Geburten«)
Es ist nicht wahr, wie viele heute glauben, daß man
nur den Menschen Pillen und Kondome geben müßte,
um das Gespenst der Übervölkerung zu bannen. Denn
die Menschen sind längst nicht so dumm und
ungeschickt, wie manche Demographen denken; sie
haben schon immer und lange vor der Pille Mittel und
Wege gefunden, die Zahl der Kinder ihren Wünschen
anzupassen.
Deshalb bremsen wir die Bevölkerungsexplosion
auch nicht mit UN-Bürokraten, die wie im Karneval
Pillen und Kondome werfend durch Entwicklungslän-
der ziehen; die beste Bremse ist eine andere Einstel-
lung in den Köpfen der Menschen, eine Abkehr von
der vor allem in der Dritten Welt noch sehr verbreite-
ten Vorstellung, daß ein sicheres und menschenwürdi-
ges Leben nur mit vielen Kindern möglich sei.
& Lit.: »Population misconceptions«, The Econo-
mist, 28.5.1994, S. 93–94.

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LexPI Bd. 2 Bibel 36

Bibel
In der Bibel sind verborgene Botschaften enthal-
ten (s.a. ð »Nostradamus«)
So behauptet Michael Drosnin in seinem Bestseller
»Der Bibel-Code«; demnach sind in der Bibel – ge-
nauer: in den fünf Büchern Mose – codierte Progno-
sen der Judenvernichtung, der Präsidentschaft Clin-
tons oder der Ermordung Itzhak Rabins sowie fast
aller anderen Großereignisse und Katastrophen des
20. Jahrhunderts aufzufinden: »Jedes große Ereignis
steht im Buch der Bücher« (Bild-Zeitung).
In Wahrheit kann man mit der Methode Drosnin in
jedem hinreichend langen Text jede beliebige Bot-
schaft finden – man muß nur geduldig suchen. Ob die
Bibel oder das Bürgerliche Gesetzbuch, ob das Nibe-
lungenlied oder ein Zufallstext auf einer Schreibma-
schine – ist der Text nur lang genug, findet man darin
jede Botschaft, die man will.
Dazu haben wir einmal unseren Computer ange-
wiesen, vierhundert Buchstaben zufällig und unab-
hängig voneinander auszudrucken, mit Wahrschein-
lichkeiten entsprechend den Häufigkeiten in der deut-
schen Sprache, und wie wir anhand des unten abge-
druckten Sprachsalates sehen, können wir in dem Er-
gebnis durchaus die eine oder andere Bedeutung wie-
derfinden, erst recht, wenn wir auch andere Sprachen
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LexPI Bd. 2 Bibel 36

als Deutsch erlauben:

Bestimmte Worte finden wir in solchen zufälligen


Buchstabenfolgen natürlich seltener – die Wahr-
scheinlichkeit, darin etwa den Namen Walter Krämer
zu finden, ist natürlich viel kleiner als die, irgendein
sinnvolles Wort oder irgendeine sinnvolle Wortkom-
bination zu finden; aber auch diese Wahrscheinlich-
keit ist größer als Null, und worauf es vor allem an-
kommt, sie wird mit zunehmender Länge des Zufall-
stextes immer größer.
Wenn wir etwa alle Buchstaben unabhängig von-
einander mit Wahrscheinlichkeit 1/26 wählen und »ä«
als »ae« schreiben, beträgt die Wahrscheinlichkeit,
daß eine zufällig ausgewählte Kette von 26 Zeichen
den Text »Walter Krämer« ergibt, genau (1/26)13
oder, in Worten ausgedrückt, fast Null (und in der Tat
beginnt ja auch der obige Test nicht mit WALTER
sondern mit EWASYC). Die Wahrscheinlichkeit
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LexPI Bd. 2 Bibel 37

aber, daß dieser Name in einem doppelt so langen


Zufallstext erscheint, ist schon größer, konkret: Sie ist
größer als
1 - (1 - (1/26)13)2,
wie man sich leicht klarmacht, wenn man zuerst über-
legt, mit welcher Wahrscheinlichkeit mein Name
nicht erscheint.
Ganz analog kann man sich überzeugen, daß die
Zeichenfolge »WALTER KRAEMER« in einem drei-
mal so langen Zufallstext mindestens mit Wahr-
scheinlichkeit
1 - ( - (1/24)13)3
und in einem zehnmal so langen Zufallstext minde-
stens mit Wahrscheinlichkeit
1 - (1 - (1/24)13)10
erscheint usw. Diese Ausdrücke werden aber immer
größer, sie nähern sich langsam, aber unaufhaltsam
einem Grenzwert Eins, d.h. in einem hinreichend lan-
gen Zufallstext wird irgendwo todsicher »Walter Krä-
mer« stehen! Aber warum mit »Walter Kraemer« auf-
hören? Nehmen wir einen längeren Text, etwa das
Vaterunser mit 290 Buchstaben. Die Wahrscheinlich-
keit, daß ein Zufallstext von 290 Buchstaben das Va-
terunser ist, beträgt
(1/24)290
also fast Null. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein dop-
pelt so langer Zufallstext das Vaterunser irgendwo als
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LexPI Bd. 2 Bibel 38

ungestörte Textsequenz enthält, ist aber schon größer


als
1 - (1 - (1/24)290)2
und die Wahrscheinlichkeit, daß ein zehnmal so lan-
ger Zufallstext das Vaterunser irgendwo enthält, ist
größer als
1 - (1 - (1/24)290)10
und auch dieser Ausdruck strebt gegen einen Grenz-
wert Eins! Auch die Wahrscheinlichkeit, daß in sehr
langen Zufallstexten das Vaterunser auftritt, wird be-
liebig groß!
Und das ist nun wirklich sehr verblüffend. Denn
was für das Vaterunser gilt, gilt auch für Schillers
»Lied von der Glocke« und für Goethes »Faust«, und
wir haben damit das durchaus beunruhigende Resul-
tat, daß ein unsterblicher Schimpanse, den wir an eine
Schreibmaschine setzen, todsicher irgendwann das
Neue Testament geschrieben haben wird.
& Lit.: Jonathan Swift: Ausgewählte Werke, Berlin
1967; Martin Gardner: Gotcha – Paradoxien für
den Homo Ludens, München 1985; D. Witzum et
al.: »Equidistant letter sequences in the book of
Genesis«, Statistical Science 9, 1994; Walter
Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des
Zufalls und der Zahlen, Frankfurt a.M. 1995;
Michael Drosnin: Der Bibel-Code, München
1997; »Demnächst im Kino«, Der Spiegel
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Bibel 38

23/1997; Christoph Drösser: »Wer sucht, der fin-


det«, Die Zeit, 21.11.1997.

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LexPI Bd. 2 Biber 1 38

Biber 1
Biber fressen Fische
Biber sind reine Vegetarier, sie fressen weder Fleisch
noch Fisch. Ihre Hauptnahrung sind frische Baumrin-
den und weiches Holz, auch Wasserpflanzen sowie
Beeren oder Wurzeln (pro Jahr verbraucht ein er-
wachsener Biber davon rund vier Tonnen).
& Lit.: Grzimeks Tierleben, Bd. 11, Stuttgart 1969.

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LexPI Bd. 2 Biber 2 39

Biber 2
Biber können planvoll Bäume fällen
Von Bibern angefressene Bäume fallen, wenn sie fal-
len, in alle Himmelsrichtungen, so wie es der Zufall
will. Daß sie, falls am Wasser stehend, meistens auch
ins Wasser fallen, liegt daran, daß am Wasser wach-
sende Bäume mehr Zweige zum Wasser hin entwik-
keln und deshalb in dieser Richtung schwerer sind.
Genauso wenig Anhaltspunkte gibt es für die
These, daß die Biber die Fallrichtung der Bäume so
bestimmen, daß deren Kronen nicht in Nachbarbäu-
men landen.
& Lit.: Grzimeks Tierleben, Bd. 11, Stuttgart 1969.

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LexPI Bd. 2 Bienen 39

Bienen
Bienen sterben nach dem Stechen
Normalerweise nicht. Wenn Bienen stechen, dann ste-
chen sie in der Regel andere Insekten oder Tiere, die
wie Insekten einen Chitinpanzer besitzen, aus dem die
Biene ihren Stachel trotz des Widerhakens unverletzt
herauszieht. Nur in der Haut des Menschen bleibt der
Stachel stecken, und die beim Abreißen entstehende
Wunde ist für die Biene meistens tödlich.
& Lit.: Adolf Braun: Taschenbuch der Waldinsek-
ten, 4. Auflage, Stuttgart 1991.

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LexPI Bd. 2 Bier 1 39

Bier 1
Alkoholfreies Bier ist alkoholfrei
Alkoholfreies Bier ist nicht völlig alkoholfrei; es darf
bis zu 0,5% Alkohol enthalten; bei den meisten be-
kannten Marken liegt der Alkoholanteil zwischen
0,35% und 0,48%.

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LexPI Bd. 2 Bier 2 40

Bier 2
Bier auf Wein, das laß sein
Die Verträglichkeit von Alkohol hängt vor allem von
der Menge und der Reinheit ab (ein gegebenes Quan-
tum Alkohol hat die geringsten Nebenwirkungen,
wenn es als Klarer wie Wodka oder Doppelkorn ge-
nossen wird). Deshalb ist auch die Reihenfolge von
Wein und Bier für die Folgen des Genusses unerheb-
lich – es kommt allein auf Zeit und Mengen an; eine
Überdosis Wein und Bier am Abend erzeugt am
nächsten Morgen immer den gleichen Kater, ganz
gleich in welcher Reihenfolge wir zuviel von beidem
trinken.
Allenfalls wegen seines im Vergleich zu Wein ge-
ringeren Alkoholgehalts könnte es unter Umständen
von Nutzen sein, ein Besäufnis mit Bier zu beginnen:
Dadurch trifft der höherprozentige Wein auf einen
schon etwas trainierten Magen, und der Weinalkohol
kommt weniger schnell ins Blut, als wenn wir gleich
mit Wein begonnen hätten. Aber dieser Effekt berührt
den Kater hinterher nur ganz am Rand. Vermutlich ist
obiger Rat aus der Sitte entstanden, vor dem Essen,
als Aperitif oder gegen den Durst, noch schnell ein
Bier zu trinken, danach erst wird die gute Flasche
Wein geöffnet. Aber in manchen Ländern trinkt man
Bier auch nach dem Essen, und hier empfiehlt der
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Bier 2 40

Volksmund genau das Gegenteil: »Beer after wine


and you feel fine, wine after beer and you feel queer«
(England).
Genauso ohne wissenschaftliche Grundlage ist
auch der Ratschlag der Franzosen, bei Rot- und
Weißwein eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten:
»Blanc sur rouge, rien ne bouge – rouge sur blanc,
tout fout le camp.«
& Lit.: H. van Maanen, J.J.E. van Everdingen und
H.E. Fokke: Le cœur se situe à gauche – mille et
une idées reçues en matière de médecine, Amster-
dam 1995; Christoph Drösser: »Stimmt's?«, Die
Zeit, 7.11.1997.

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LexPI Bd. 1 Big Ben 43

Big Ben
Dieses Wahrzeichen der englischen Hauptstadt Lon-
don ist weder der Turm noch die Uhr in diesem
Turm – es ist die Glocke. Sie wiegt dreizehn Tonnen
und hat ihren Namen von Sir Benjamin Hall, dem
Verantwortlichen für öffentliche Bauten zu der Zeit
ihrer Entstehung.

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LexPI Bd. 1 Bio-Nahrung 44

Bio-Nahrung
Bio-Nahrungsmittel sind gesünder als normale
Kost (s.a. ð »Du bist, was du ißt« und ð
»Fremdstoffe«)
Nach verbreiteter Meinung sind biologisch-natürlich
angebaute, hergestellte und gelagerte Nahrungsmittel
gleich zweifach besser als »normale« Kost: Erstens
enthalten sie mehr von den Dingen, die wir brauchen,
wie Vitamine oder Nährstoffe, und zweitens enthalten
sie weniger von den Dingen, die wir nicht brauchen,
wie Rückstände und Gifte aller Art.
Diese Thesen sind nach wissenschaftlicher Mehr-
heitsmeinung beide falsch. »Der Lebensmittelchemi-
ker ist bisher nicht in der Lage, Ökomehl von her-
kömmlichem und einen Bioblumenkohl von einem
vergleichbaren aus dem Supermarkt zu unterschei-
den« (Stiftung Warentest); »Die Empfehlung, vorwie-
gend Lebensmittel aus ›alternativem‹ Anbau zu be-
vorzugen, ist abzulehnen, weil Lebensmittel aus ›al-
ternativem‹ Anbau keine nachweisbaren Vorteile hin-
sichtlich des Nährstoffgehalts aufweisen« (Deutsche
Gesellschaft für Ernährung); »Die Unterschiede zwi-
schen konventionellen und alternativen Nahrungsmit-
teln sind, wenn überhaupt vorhanden, so gering, daß
es sich nicht lohnt, ihnen noch weitere Forschungen
zu widmen« (Prof. J.F. Diehl von der Bundesfor-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bio-Nahrung 44

schungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe).


Nach W. Schuphan, ehemaliger Direktor der Bun-
desanstalt für Qualitätsforschung pflanzlicher Erzeug-
nisse in Geisenheim und viel zitierter Kronzeuge des
alternativen Landbaus (wenn es dessen Anhängern in
den Kram paßt), sind Qualitätsvergleiche zwischen
herkömmlichem und alternativem Anbau sinnlos, weil
ganz andere Faktoren den Nährwert des Produkts be-
stimmen: die Sorte, der Standort, ja sogar der Ast des
Baumes, an dem die Frucht gewachsen ist. Je nach der
Bestrahlung durch die Sonne und je nachdem, wie oft
ein Apfel naß geworden ist, ob häufig oder selten, bil-
den sich die Vitamine einmal so und einmal anders,
und gegen diese natürlichen Schwankungen sind die
durch unterschiedliche Düngung bewirkten Unter-
schiede minimal.
Aber auch die zweite These, »natürlich« produzier-
te Lebensmittel wären allein schon deshalb freier von
Schadstoffen als »unnatürlich« produzierte, ist so si-
cher falsch. Denn Schadstoffe und Gifte kommen auch
natürlich vor, und das nicht zu knapp. (Wer sich
gerne einmal gründlich selbst mit Blausäure vergiften
will, muß nur genug »natürliche« Mandeln oder die
Samen anderer Steinfrüchte essen.)
Viele künstliche Konservierungsmittel und -metho-
den sind nur dazu da, schädliche Bakterien und natür-
liche Gifte, die in vielen Pflanzen ganz ohne das
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bio-Nahrung 45

Zutun des Menschen von selber vorkommen, von un-


serem Körper fernzuhalten. Anders als das von den
Freunden der Vollwertnahrung so geliebte kaltgepreß-
te enthält z.B. raffiniertes Olivenöl keine krebserzeu-
genden Lösungsmittel wie etwa Perchlorethylen.
(Ganz allgemein werden durch das Raffinieren von
Speiseölen, besonders durch die Behandlung mit sog.
»Bleicherde«, viele Gifte wie die sogenannten Myoto-
xine fast völlig eliminiert, während sie in kaltgepreß-
ten Ölen mehrheitlich erhalten bleiben.) Durch das oft
als unnatürlich gebrandmarkte Erhitzen oder Kochen
von Nahrungsmitteln werden Tuberkelbazillen oder
Pflanzengifte ausgeschaltet oder nützliche Stoffe wie
bestimmte Vitamine überhaupt erst freigesetzt.
Rohmilch von Bio-Bauernhöfen dagegen ist ein
idealer Brutplatz für Bakterien, welche die Infektions-
krankheit Listerose übertragen, vorzugsweise auf
Kinder von Müttern, die versuchen, während der
Schwangerschaft besonders gesund zu leben. Die
Säuglinge »litten unter starken Atembeschwerden.
Die Lungen waren sehr angegriffen, das Fruchtwasser
der Mutter merkwürdig grün«, berichten Ärzte eines
schleswig-holsteinischen Krankenhauses über eine lo-
kale, durch die Biokost der Eltern ausgelöste Listero-
se-Epidemie. Rund die Hälfte aller mit Listerose ge-
borenen Säuglinge sterben, bei den übrigen muß man
mit Spätfolgen, wie etwa Hirnschäden, rechnen. In der
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bio-Nahrung 45

Schweiz war deshalb der Direktverkauf von Milch


sogar verboten.
& Lit.: Werner Thumshirn: Keine Angst vor dem
Essen, Düsseldorf 1984; Arnold E. Bender:
Health or hoax? The truth about health food and
diets, Goring-on-Thames 1985; Karlheinz Gier-
schner und A. Kohler (Hrsg.): Lebensmittel – Ge-
sunde Ernährung, Weikersheim 1990; Stiftung
Warentest: Test Spezial Ernährung, 1993; »Ärzte
warnen vor Rohmilch«, Hannoversche Allgemei-
ne Zeitung, 6.6.1995.

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LexPI Bd. 2 Biorhythmus 40

Biorhythmus
Die Menschen unterliegen einem Biorhythmus
Diese These geht auf Wilhelm Fliess zurück, einen
Freund von Sigmund Freud, der mit unserer Geburt
drei jeweils 23 Tage, 28 Tage und 33 Tage lange Zy-
klen starten sah, die, sich wellenförmig überlagernd,
unser Schicksal mitbestimmen. So die Theorie von
Fliess. Insbesondere solle man sich vor Nulldurch-
gängen dieser Zyklen hüten, den sogenannten »kriti-
schen« Stunden oder Tagen, an denen eine dieser
Wellen aus den positiven in die negativen Werte
wechselt. Hier sei die Lebenstüchtigkeit gefährdet,
das Risiko von Unfällen und Mißgeschicken aller Art
nähme, nach Fliess, zu diesen Zeiten zu.
Diese noch heute kommerziell verwertete Theorie
ist aber wissenschaftlich nicht zu halten; in mehreren
Untersuchungen zu Biorhythmus und sportlicher Lei-
stung, zu Biorhythmus und Verkehrsunfällen oder zu
Biorhythmus und dem Sensenmann konnten keine Re-
gelmäßigkeiten aufgefunden werden. Das Schaubild
auf S. 41 (mit freundlicher Genehmigung entnommen
aus Riedwyl und Widmer, 1976) zeigt z.B. sämtliche
10.480 amtlichen Selbstmordfälle in der Schweiz von
1961 bis 1970, auf die Tage des Biorhythmus der
Selbstmörder aufgeteilt: Keiner dieser Tage, ob kri-
tisch oder nicht, fällt in irgendeiner Weise aus der
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Biorhythmus 42

Reihe.
& Lit.: W. Dällenbach: »Zur Frage von Biorhyth-
men und deren technische Anwendung«, Schwei-
zerisches Archiv für angewandte Wissenschaft
und Technik 1948; W. Fliess: Der Ablauf des Le-
bens, Leipzig 1906; M. Gardner: »Freud's friend
Wilhelm Fliess and his theory of male and female
life cycles«, Scientific American 1967; L. Pircher:
»Biorhythmik und Unfallprophylaxe«, Zeitschrift
für Präventivmedizin 1972; H. Riedwyl und A.
Widmer: »Zur ›Lehre von den Biorhythmen‹ nach
Fliess«, Sozial- und Präventivmedizin 1976; G.
Schönholzer et al.: »Biorhythmik«, Zeitschrift für
Sportmedizin 1972; Stichwort angeregt von Hans
Riedwyl.
¤ 10.480 Selbstmorde in der Schweiz, auf die Tage
der Biorhythmen aufgeteilt

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LexPI Bd. 1 Bisam 45

Bisam
Die Bisamratte ist eine Ratte
Die aus Nordamerika stammende und dort wegen
ihres Pelzes intensiv gejagte Bisamratte ist eine soge-
nannte Wühlmaus (Microtina), keine Ratte (Rattus).
Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Böhmen ausge-
setzt, gibt es sie heute auch häufig in Europa.
& Lit.: Stichwortartikel »Bisamratte« in Meyers
Großes Taschenlexikon, Mannheim 1992.

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LexPI Bd. 2 Blaue Mauritius 42

Blaue Mauritius
Die »Blaue Mauritius« ist die teuerste, seltenste
und älteste Briefmarke der Welt
Die »Blaue Mauritius« ist weder die teuerste noch die
älteste, noch die seltenste Briefmarke der Welt. Die
älteste Briefmarke der Welt ist ein von der Pariser
Stadtpost 1653 herausgegebener Papierstreifen (»Bil-
let de poste payé«), der allerdings nicht aufgeklebt,
sondern mit Klammer oder Faden am Brief befestigt
wurde. Die älteste aufklebbare Briefmarke ist der
»Penny Black« aus England von 1840. Die teuerste
Briefmarke der Welt, gemessen an Auktionserlösen,
ist die 1852 von der AJ Dallas Co. im amerikanischen
Pittsburgh herausgegebene »Lady McGill, 2 Cent
Rot-Braun«; sie wechselte 1987 für 1,1 Millionen
Dollar den Besitzer. Die seltenste Briefmarke ist die
schwedische »3 Skilling Banco, Gelbe Fehlfarbe« von
1853, sie existiert nur noch in einem Exemplar.
& Lit.: Stichwörter »Mauritius« und »Postwertzei-
chen« in der Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden
1990; Das Neue Guinness Buch der Rekorde,
Berlin 1995.
¤ Two Pence Mauritius

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LexPI Bd. 2 Blauer Engel 43

Blauer Engel
Marlene Dietrich war der Blaue Engel
Der »Blaue Engel« in dem gleichnamigen Film von
Josef von Sternberg ist der Nachtklub, in dem Lola
Fröhlich alias Marlene Dietrich singt und tanzt.
¤ Sie ist nicht der Blaue Engel

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LexPI Bd. 2 Blei 44

Blei
Blei ist das schwerste Metall
Blei wiegt 11,34 g pro Kubikzentimeter; damit nimmt
es unter allen Metallen den Rang 24 ein. Die folgen-
den Metalle sind alle schwerer als Blei:
Gewicht (g/cm3)
Technetium 11,49
Thorium 11,72
Thallium 11,85
Palladium 12,02
Rhodium 12,41
Ruthenium 12,45
Berkelium 13,25
Hafnium 13,31
Curium 13,51
Quecksilber 13,55
Americium 13,70
Californium 14,11
Protactinium 15,37
Tantal 16,68
Uran 18,97
Wolfram 19,26
Gold 19,32
Plutonium 19,74
Neptunium 20,48
Rhenium 21,03
Osmium 22,61
Iridium 22,65
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LexPI Bd. 2 Blei 44

& Lit.: Barbara Elvers (Hrsg.): Ullman's encyclope-


dia of industrial chemistry, Weinheim 1992.

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LexPI Bd. 2 Bleifreies Benzin 44

Bleifreies Benzin
Bleifreies Benzin ist bleifrei
Nach DIN EN 228 darf bleifreies Benzin pro Liter bis
zu 0,013 g Blei enthalten.

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LexPI Bd. 1 Bleistift 46

Bleistift
Bleistifte enthalten Blei
Anders als der Name vermuten läßt, enthalten Blei-
stifte keine Spur von Blei, und haben niemals Blei
enthalten.
Der Name »Bleistift« geht vermutlich auf die run-
den Scheibchen Blei zurück, die man im Mittelalter
und in der Antike zum Zeichnen benutzte. So be-
schreibt etwa der Schweizer Conrad Gesner 1565 ein
Schreibwerkzeug, das aus einem Stück Blei in einer
Holzhülle bestand. Oder aber der »Bleistift« hat sei-
nen Namen von den im 12. Jahrhundert gerne von
Künstlern verwendeten Silberstiften, die aus einer Le-
gierung von Blei und Zinn bestanden.
Die »Bleistifte«, so wie sie etwa ab dem 17. Jahr-
hundert in Nürnberg von Friedrich Städler hergestellt
wurden (der deshalb mit der Schreinerzunft in
Schwierigkeiten kam, die das Monopol für Holzverar-
beitung beanspruchte), enthielten aber niemals Blei,
sondern von Anfang an Graphit, rund 100 Jahre frü-
her im englischen Cumberland entdeckt und schon
bald als Schreibstift in ganz Europa sehr beliebt. Im
18. Jahrhundert gelang es Caspar Faber aus Stein bei
Nürnberg, das gemahlene Graphit mit Schwefel, Anti-
mon und Harzen derart zu vermischen, daß die Stifte
weder bröckelten noch brachen, und im Jahr 1795 er-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bleistift 46

hielt der französische Mechaniker Conté ein Patent


auf einen Stift aus Graphit und Ton. Nach diesen
Prinzipien entstehen »Bleistifte« auch heute noch.
& Lit.: Roland Michel: Wie, was, warum? Augsburg
1990.

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LexPI Bd. 2 Blinddarm 45

Blinddarm
Eine Blinddarmoperation entfernt den Blind-
darm
Bei einer Blinddarmoperation wird nur der sogenann-
te Wurmfortsatz (Appendix) entfernt, nicht das als
Blinddarm bekannte blinde Ende des Dickdarms
selbst (Intestum Caecum).
& Lit.: H.-J. Lewitzka-Reitner: Großes Gesundheits-
lexikon, Niedernhausen 1987.
¤ Blinddarm und Appendix

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LexPI Bd. 2 Blinde 45

Blinde
Blinde Menschen hören besser
Blinde Menschen hören nicht besser und nicht
schlechter als andere Menschen auch, das Spektrum
der wahrgenommenen Lautstärken und Frequenzen ist
das gleiche wie bei Menschen, die noch ihr Augen-
licht besitzen. Wenn man trotzdem so oft Blinde etwa
unter Klavierstimmern findet, so liegt das einmal
daran, daß Blinde ihren Hörsinn besser üben, vor
allem aber daran, daß man für diesen Beruf das Au-
genlicht nicht braucht – die Saiten lassen sich ertasten
(aus dem gleichen Grund findet man auch viele Blin-
de in Telefonzentralen, da kann man ebenfalls den Ar-
beitsplatz ertasten).

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LexPI Bd. 1 Blindschleiche 1 46

Blindschleiche 1
Blindschleichen sind Schlangen
Blindschleichen sind Eidechsen mit verkümmerten
Füßen, keine Schlangen.

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LexPI Bd. 1 Blindschleiche 2 46

Blindschleiche 2
Blindschleichen sind blind
Eine Blindschleiche ist genausowenig blind wie die
anderen Eidechsen, zu deren Familie der Anguiden sie
gehört. Ihren Namen hat sie von dem althochdeut-
schen »plintslicke« = »blendende Schleiche«; so
nannten sie unsere Vorfahren wegen ihres oft blen-
dend hellen Körpers.

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LexPI Bd. 1 Blitz 1 47

Blitz 1
Der Blitz schlägt nirgends zweimal ein
Dieser verbreitete Irrglaube entspringt der gleichen
Logik, wegen der ein Mathematiker in Frankfurt ein-
mal seinen Führerschein verlor: »Verrechnet hatte
sich in der Nacht zum Donnerstag ein 44jähriger Sy-
stemanalytiker und Mathematiker, der von Beamten
einer Polizeistreife gebeten worden war, wegen star-
ken Alkoholgenusses sein Fahrzeug stehen zu la-
ssen«, lesen wir in einer deutschen Tageszeitung. Der
Wissenschaftler versicherte, er würde sich von seiner
Frau abholen lassen, schloß sein Auto ab und ging.
Als aber die Beamten kurz darauf an der gleichen
Stelle vorbeikamen, sahen sie ihren Freund am Steuer
seines Autos davonfahren. »Mit einer solchen Kon-
trolle hatte ich nicht gerechnet«, entschuldigte sich
der Delinquent. »Vorhin wurde ich zum allerersten
mal überhaupt kontrolliert, und nach der Wahrschein-
lichkeitsrechnung findet die nächste Kontrolle erst in
hundert Jahren statt ...«
In Wahrheit ist die sog. bedingte Wahrscheinlich-
keit, in der nächsten Stunde kontrolliert zu werden,
genau die gleiche wie die »normale« Wahrscheinlich-
keit: die Wahrscheinlichkeit für zwei Kontrollen in
einer einzigen Nacht ist zwar sehr klein, aber wenn
man schon einmal angehalten worden ist, steigt sie
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Blitz 1 47

ganz gewaltig an; sie ist jetzt so groß wie die Wahr-
scheinlichkeit für nur eine einzige Kontrolle.
Daher hat es auch keine Zweck, beim Fliegen eine
Bombe mitzunehmen: »Was haben Sie mit der
Bombe vor?« fragt streng die Polizei. »Ich dachte nur,
zwei Bomben in einem Flieger sind doch extrem un-
wahrscheinlich«, entgegnet der bekannte Witzbold,
»und deshalb habe ich schon mal eine mitgebracht ...«
Genauso ist auch die Wahrscheinlichkeit für zwei
Blitze am gleichen Ort zwar klein, aber die bedingte
Wahrscheinlichkeit eines weiteren Einschlages gege-
ben, der Blitz hat schon einmal eingeschlagen, ist die
gleiche wie die unbedingte, normale Wahrscheinlich-
keit. (Das Empire-State Building in New York wurde
in den ersten 10 Jahren seiner Existenz 68 mal vom
Blitz getroffen.) Wer also bei Gewitter unter einen ge-
rade vom Blitz getroffenen Baum flüchtet, wird nur
unnütz naß – die Wahrscheinlichkeit, daß der Blitz
dort nochmals einschlägt, ist die gleiche wie den
Baum zu treffen, unter dem man gerade steht.
& Lit.: Stichwort »Lightning« in Microsoft CD-
ROM Encyclopädie Encarta, 1994; W. Krämer:
Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des Zufalls
und der Zahlen, Frankfurt 1995.

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LexPI Bd. 1 Blitz 2 48

Blitz 2
»Vor Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du
suchen«
Dieser Rat ist Unsinn. Die Wahrscheinlichkeit für
einen Blitzeinschlag hängt vor allem von der Höhe,
nicht von der Art des Baumes ab. Unter einer tiefen
Eiche ist man unter sonst gleichen Umständen sicher-
er als unter einer hohen Buche.
Daß Eichen dennoch als gefährlicher gelten, liegt
an ihrer zerklüfteten und durch Blitze immer augen-
fällig demolierten Rinde. An der glatten Rinde einer
Buche dagegen gleiten die Blitze ohne großen Scha-
den einfach ab. Aber für einen Menschen, der dane-
ben steht, ist die Gefahr deshalb kein bißchen kleiner.
& Lit.: W.R. Newcott: »Lightning, nature's high-
voltage spectacle«, National Geographic 7/1993,
83–103.

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LexPI Bd. 1 Blitz 3 48

Blitz 3
Zu jedem Blitz gehört ein Donner
Nicht immer, wenn es blitzt, muß es auch donnern;
rund 40% aller Blitze gehen lautlos über die Welten-
bühne.
& Lit.: Stichwort »Lightning« in Microsoft CD-
ROM Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Blitz 4 48

Blitz 4
Blitze schlagen vom Himmel auf die Erde
Nicht alle Blitze schlagen aus den Wolken auf die
Erde; manchmal schlägt die Erde auch zurück. Rund
ein Zehntel aller Blitze gehen von der Erde aus, be-
sonders von Wolkenkratzern oder Fernsehtürmen.
& Lit.: Stichwort »Lightning« in Microsoft CD-
ROM Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 2 Blitz 1 45

Blitz 1
Der Blitz schlägt immer in die höchsten Stellen
Stimmt nur bedingt. Richtig ist: der Blitz sucht sich
gern den höchstgelegenen Kontaktpunkt aus – aber
nur in einer räumlich eng begrenzten Fläche. Wer also
auf einem von hohen Bäumen umsäumten freien Feld
von einem Gewitter überrascht wird, darf nicht darauf
vertrauen, daß der Blitz die Bäume wählt; der Blitz
kann ebensogut im freien Feld einschlagen, ohne
einen Baum zu treffen.
& Lit.: G.E. Schwartz: Teaching introductory phy-
sics, New York 1997; »Common myths and truths
about lightning«, über die Internet-Adresse
wvit.wvnet.edu/~djrobi/myths.html.

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LexPI Bd. 2 Blitz 2 46

Blitz 2
Der Blitz schlägt nur in elektrisch gut leitende
Gegenstände
Stimmt gleichfalls nur bedingt. Wenn zwei gleich
hohe Telefonmasten sehr dicht beieinander stehen, der
eine aus Holz, der andere aus Aluminium, schlägt der
Blitz in den Mast aus Aluminium. Aber wenn die Ma-
sten weiter als zehn Meter auseinanderstehen, ist jeder
gleich vom Blitz gefährdet.
& Lit.: »Common myths and truths about light-
ning«, über die Internet-Adresse wvit.wvnet.edu/
~djrobi/myths.html.

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LexPI Bd. 1 Blitzkrieg 1 48

Blitzkrieg 1
Der Begriff »Blitzkrieg« ist eine Wortschöpfung
Adolf Hitlers
»Ich habe noch nie das Wort Blitzkrieg verwendet,
weil es ein ganz blödsinniges Wort ist«, sagte Hitler
am 8. November 1941. Damals war die deutsche
Rußlandoffensive gerade vor Moskau
steckengeblieben, und offensichtlich waren Hitler die
Vergleiche mit den leichten Siegen gegen Polen und
Frankreich peinlich.
& Lit.: Max Domarus: Hitler: Reden und Proklama-
tionen 1932–1945, Würzburg 1962.

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LexPI Bd. 1 Blitzkrieg 2 49

Blitzkrieg 2
Der Begriff »Blitzkrieg« wurde nach den Feldzü-
gen der deutschen Wehrmacht in Polen und
Frankreich eingeführt
»This was not a war of occupation, but a war of quick
penetration and obliteration – Blitzkrieg, lightning
war«, schreibt das Time-Magazine nach dem Polen-
Feldzug am 25. September 1939.
Anders als viele glauben, ist das aber nicht die
erste Belegstelle für »Blitzkrieg«, die es gibt. Schon
1935 z.B. ist in der Militärzeitschrift »Deutsche
Wehr« von Blitzkriegen die Rede. Danach sollen roh-
stoffarme Länder danach streben, »einen Krieg
schlagartig zu beenden, indem sie gleich zu Anfang
durch den rücksichtslosen Einsatz ihrer totalen
Kampfkraft versuchen, eine Entscheidung zu erzwin-
gen.«
& Lit.: Fritz Sternberg: Germany and a lightning
war, London 1938.

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LexPI Bd. 1 Blitzkrieg 3 49

Blitzkrieg 3
Der Frankreichfeldzug der deutschen Wehr-
macht 1940 war als Blitzkrieg vorbereitet und ge-
plant
Anders als die deutsche Heeresleitung später glauben
machen wollte, war sie selbst vom schnellen Ende des
Frankreichfeldzugs 1940 am meisten überrascht. Als
die deutschen Truppen im Mai 1940 ihre Offensive
starteten, waren Hitler und seine Generäle, die alle
noch das vierjährige Massenschlachten in den Schüt-
zengräben des I. Weltkriegs in Erinnerung hatten, auf
eine lange, zähe Auseinandersetzung eingestellt; an
ein frühes Ende dieses Feldzugs glaubte niemand.
Daß es dann doch anders kam, lag an der Dumm-
heit der Franzosen, dem unbeschreiblichen Glück der
Deutschen und an der Insubordination verschiedener
deutscher Truppenführer, die die Haltebefehle ihrer
Vorgesetzten einfach ignorierten. Als die deutschen
Panzer bei Sedan durchgebrochen waren, rief Hitler:
»Es ist ein Wunder, ein ausgesprochenes Wunder«,
und auch den nachfolgenden sogenannten »Sichel-
schnitt« zur Kanalküste versuchte er aus Angst vor
einer Falle zu bremsen wo er konnte (und hat ja auch
die Engländer bei Dünkirchen entweichen lassen).
Erst nach dem Feldzug machte dann die Nazi-Pro-
paganda daraus die genial geplante Superoffensive,
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Blitzkrieg 3 50

als die sie noch heute in den Köpfen vieler Menschen


weiterlebt.
& Lit.: Karl-Heinz Frieser: Die Blitzkrieg Legende:
Der Westfeldzug 1940, München 1995.

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LexPI Bd. 2 Blumen 1 46

Blumen 1
Frauen lassen sich gerne Blumen schenken
Nur 15% aller Frauen freuen sich über Blumen (falls
der Schenkende ihr Partner ist). Weit beliebter, wenn
wir einer Umfrage der Fernsehwoche glauben dürfen,
sind Liebesgedichte, romantische Abendessen oder
ein spontanes Wochenende zu zweit ...
& Lit.: »7 Irrtümer über Blumen«, Fernsehwoche
38/1997; Stichwort angeregt von Judith Sievers.

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LexPI Bd. 2 Blumen 2 46

Blumen 2
In Krankenhäusern nimmt man Blumen nachts
zum Schutz der Kranken aus den Zimmern
Weil sie der Luft den Sauerstoff entzögen oder weil
sie der Hygiene schadeten, um nur zwei der bekannte-
sten einschlägigen Mythen zu nennen.
In Wahrheit gibt es kaum medizinische Gründe
gegen Blumen auch in Krankenzimmern. Es trifft
zwar zu, daß Blumen Sauerstoff verbrauchen. Wie
alle Lebewesen müssen sie Energie erzeugen, das tun
sie wie andere Pflanzen auch durch Umwandeln von
Traubenzucker in Kohlendioxid und Wasser; dabei
verbrauchen sie auch Sauerstoff. Aber dieser Sauer-
stoffverbrauch ist viel zu gering, um kranke Men-
schen zu gefährden – selbst hundert Zimmerpflanzen
verbrauchen weniger Sauerstoff als der Patient im
Nachbarbett. Wahr ist auch, daß Topfpflanzen Unge-
ziefer anlocken könnten, so daß man sie in vielen Kli-
niken verbietet. Aber der alte Brauch, auch Schnitt-
blumen nachts in Krankenhäusern auf den Flur zu
stellen, kann allenfalls den Blumen nützen: Nachts ist
es auf den Fluren kälter als im Zimmer, und die Blu-
men halten länger.
& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's?«, Die Zeit,
24.10.1997 (siehe auch die Richtigstellung am
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Blumen 2 47

7.11.1997).

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LexPI Bd. 1 Blut 50

Blut
Es ist nützlich, seine Blutgruppe zu kennen
Wenn ein Arzt die Blutgruppe eines Patienten wissen
muß, bestimmt er diese selbst (bzw. läßt sie von
einem Labor bestimmen); kein Arzt würde sich hier
auf die Auskunft des Patienten verlassen. Deshalb
lohnt es sich auch nicht, viel Mühe auf das Auswen-
diglernen seiner Blutgruppe zu verwenden; die
Schreiber dieser Zeilen haben die ihre längst verges-
sen.

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LexPI Bd. 2 Blut. 47

Blut
Blut ist rot
Wenn unser Blut durch die Venen zurück zum Herzen
fließt, ist es purpurfarben, fast blau. Tritt es allerdings
durch eine verletzte Vene aus, so wird es durch den
Kontakt mit Sauerstoff sofort wieder rot. Bei anderen
Spezies ist das Blut auch grün (Borstenwurm), weiß
(Heuschrecke) oder wie bei einigen Seeigelarten auch
orange.

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LexPI Bd. 1 Blut und Eisen 50

Blut und Eisen


Die Redensart von »Blut und Eisen« ist keine Erfin-
dung Bismarcks, wie gemeinhin angenommen. Sie
findet sich schon in den »Declamationes« des Römers
Quintilian (»caedes videtur significare sanguinem et
ferrum«), in den Gedichten »Lehre an den Menschen«
von Ernst Moritz Arndt (»Zwar der Tapfere nennt
sich Herr der Länder/durch sein Eisen, durch sein
Blut«) oder in »Das Eiserne Kreuz« von Max v.
Schenkendorf (»Denn nur Eisen kann uns retten, und
erlösen kann nur Blut«), auch in dem Aufsatz »Über
Deutschland und die europäische Kriegsfrage 1840«
von Erhard Schneckenburger.
Als daher Bismarck im preußischen Abgeordneten-
haus 1862 sagte: »Nicht durch Reden und Majoritäts-
beschlüsse werden die großen Fragen der Zeit ent-
schieden ... sondern durch Eisen und Blut«, war diese
Wendung schon recht abgegriffen.
& Lit.: Georg Büchmann: Geflügelte Worte, Ausga-
be Ex Libris, 6. Auflage, Frankfurt 1991.

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LexPI Bd. 2 Blutdruck 47

Blutdruck
Überhöhter Blutdruck entsteht u.a. auch durch
Salz im Essen
»Die Meinung, daß zuviel Salz im Essen eine Haupt-
ursache der Volkskrankheit Bluthochdruck sei, galt
den Ärzten lange Zeit als Dogma«, schreibt Bild der
Wissenschaft. »Jetzt nicht mehr. Zumindest in
Deutschland herrscht Einigkeit darüber, daß man mit
salzarmer Diät den Blutdruck bei Hochdruckpatienten
um höchstens drei Prozent senken kann – viel zu
wenig für eine wirksame Therapie.«
& Lit.: »Kontroverse um Kochsalz«, Bild der Wis-
senschaft 11/1996; »Fünf Vorurteile übers
Essen«, Bild der Wissenschaft 1/1997.

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LexPI Bd. 2 Blüten 47

Blüten
Blüten sind Falschgeld
Nicht im Amtsdeutsch unserer Polizei: Die »Richtli-
nien für den Nachrichtenaustausch bei Falschgeldde-
likten« des Hessischen Landeskriminalamtes von
1985 stellen klar: »Blüten sind Abbildungen/Nach-
ahmungen von Banknoten, die ein- oder zweiseitig
bedruckt sind, oft abweichende Druckbilder aufwei-
sen und nach dem Willen des Herstellers nicht als
Zahlungsmittel verwendet werden sollen.« Also: Blü-
ten werden bei Monopoly verwendet, falsche Hunder-
ter dagegen sind keine Blüten, sondern einfach –
Falschgeld.
& Lit.: Stichwort angeregt von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Bockbier 51

Bockbier
Bockbier hat etwas mit Ziegenbock zu tun
Auch wenn auf fast jeder Bockbierflasche und in jeder
Bockbierwerbung ein Ziegenbock zu sehen ist –
Bockbier hat mit Böcken nichts zu tun.
Der Name »Bockbier« kommt von der Stadt Ein-
beck, wo diese Sorte Bier erfunden wurde (»Ainpök-
khisch Bier«). Von Einbeck brachte es der Braumei-
ster Elias Pichler 1614 nach München (»Oabok-
kbier«), und ab da geriet die Herkunft des Namens in
Vergessenheit.
& Lit.: Roland Michael: Wie, Was, Warum? Augs-
burg 1990.

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LexPI Bd. 2 Bombenschäden 48

Bombenschäden
Die alliierten Bombenangriffe des Zweiten Welt-
kriegs haben die deutsche Industrie vernichtet
(s.a. ð »Marshallplan 2«)
Der Bombenterror der Alliierten 1943–1945 hat eine
halbe Million Frauen und Kinder umgebracht, aber
die deutsche Industrie nicht wesentlich getroffen:
Kaum 10% aller Maschinen wurden beschädigt (und
selbst von diesen nur ein Zehntel so, daß sie nicht
mehr zu reparieren waren), selbst in der strategisch
zentralen Kugellagerindustrie sind weniger als 20%
der Werkzeugmaschinen durch alliierte Bomben un-
brauchbar geworden. In der Stahlindustrie waren nur
wenige Hochöfen und ein einziges Walzwerk ausge-
fallen, fast alle Fördertürme der Kohlengruben stan-
den noch – »die deutsche Wirtschaft ging also mit
einem (...) bemerkenswert großen und modernen
Kapitalstock in die Nachkriegszeit« (Abelshauser).
Der Schwerpunkt des alliierten Bombenterrors lag
auf reinen Wohngebieten und auf Brücken oder Ei-
senbahnen: Durch diese Lähmung des Transportsy-
stems, nicht durch den Ausfall der Produktionskapazi-
täten selber, nahm die deutsche Industrieproduktion
ab Mitte 1944 dann tatsächlich drastisch ab. Aber die
Kapazitäten selber lagen 1945 kaum unter denen von
1939.
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LexPI Bd. 2 Bombenschäden 48

& Lit.: W. Abelshauser: Wirtschaftsgeschichte der


Bundesrepublik Deutschland 1945–1980, Frank-
furt a.M. 1983.

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LexPI Bd. 1 Börse 51

Börse
Börsenprofis wissen mehr (s.a. ð »Aktien« und
ð »Chartanalyse«)
»Der erfolgreiche Aktienbesitzer verläßt sich niemals
ausschließlich auf sein eigenes Urteil; er sucht den
Rat von kompetenten, unabhängigen Börsenexper-
ten«, heißt es in einer Annonce der Frankfurter Bör-
senbriefe.
Das ist in aller Regel falsch. Schon Anfang der
dreißiger Jahre hat der amerikanische Industrielle und
Hobby-Wirtschaftsforscher Alfred Cowles (der nach-
malige Begründer der unter Ökonomen wohlbekann-
ten Cowles-Kommission) herausgefunden, daß Zeit-
genossen, die mit Börsentips ihr Geld verdienen, auch
nicht mehr wissen als andere, eher weniger. Cowles
hatte die Prognosen von 16 Börsendiensten, 24 Fi-
nanzzeitschriften und des Herausgebers des Wall
Street Journal untersucht und dabei festgestellt, daß
der Kaiser keine Kleider hat: Die Börsenbriefe hatten
ihren Kunden über fünf Jahre ein jährliches Minus
von durchschnittlich 1,4% gebracht (verglichen mit
dem Aktienmarkt im allgemeinen; da dieser ebenfalls
gefallen war, war der tatsächliche Verlust der Kunden
weitaus größer). Die Finanzblätter erwirtschafteten
ein relatives Minus von jährlich 4% (absolut ein viel-
fach größeres), und selbst der Herausgeber des Wall
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Börse 51

Street Journal schaffte es, über 26 Jahre um mehrere


Punkte jährlich hinter seinem eigenen Dow-Jones
Index zurückzubleiben.
Und so ist es bis heute geblieben: Professionelle
Anlageberater und Börsenprofis gewinnen nicht mehr
als der Markt im allgemeinen, eher weniger, und der
Sparer, der sein Geld, statt es nach Gutdünken selber
anzulegen, Spezialisten in die Hände gibt, legt im all-
gemeinen dabei drauf, und das sogar zweifach (weil
nämlich von den ohnehin schon mageren Renditen
auch noch die Gebühren der Berater abzuziehen sind).
Natürlich werden einige Ratschläge und Börsendien-
ste auch Gewinne produzieren, aber in der Kategorie,
die allein langfristig zählt, nämlich im Durchschnitt,
ist außer Spesen nichts gewesen.
»Affe erfolgreicher als fünf Börsenmakler – Eine
Affenschande für fünf Börsenmakler hat jetzt die
schwedische Zeitung Expressen enthüllt. Sie hatte
dem Quintett und dem Schimpansen Ola je 10000
Schwedenkronen zur Verfügung gestellt, um damit an
der Börse den größtmöglichen Gewinn herauszuschla-
gen. Ola gewann ... Er warf Dart-Pfeile auf den Kurs-
zettel«, schreibt Associated Press.
Die gleiche Affenschande meldet die Zeitschrift Fi-
nanztest auch für Börsendienste auf dem deutschen
Aktienmarkt. »Kein einziger der zwölf getesteten
Börsendienste schaffte es, den Deutschen Aktienindex
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LexPI Bd. 1 Börse 52

(DAX) im Untersuchungszeitraum zu schlagen. Viel-


mehr waren die Anlageergebnisse der Börsengurus
etwa zwei bis elf Prozent schlechter als der Markt-
durchschnitt.«
Dito Banken. »Wer auf die Aktienempfehlungen
der deutschen Banken setzt, muß höllisch aufpassen«,
schreibt das Manager-Magazin. Die folgende Tabelle
dokumentiert das Schicksal einiger dieser Ratschläge
(gegeben zwischen Juli 1991 und Juni 1992, auf Jah-
resrenditen umgerechnet, nach Manager-Magazin
4/1993):
Bank empfohlene Aktie Kurs-
verlust
LB Schleswig-Holstein Markt &Technik 54,1%
Sal. Oppenheim BUS 54,8%
Sal. Oppenheim Villeroy &Boch 56,0%
Volks- und Raiffeisenb. AML 60,4%
Sal. Oppenheim Oberland Glas 62,5%
LB Schleswig-Holstein Hermle 64,7%
Trinkhaus &Burkart Hertel 70,1%
B. Metzler Pittler 72,5%
Sal. Oppenheim Escada 74,5%
Bethman Bank MVG 79,7%

Wie wir sehen, kann man mühelos auf Empfehlung


seiner Bank binnen eines Jahres drei Viertel seines
Vermögens verlieren.
Selbst wenn solche isolierten Betrachtungen natür-
lich unfair sind (denn Banken empfehlen nicht nur
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Börse 52

Tiefflieger; das in obiger Tabelle mehrfach negativ er-


wähnte Bankhaus Salomon Oppenheim hatte etwa
neben manchen Enttäuschungen auch die zwei besten
Tips des Jahres, die Deutsche Pfandbriefanstalt in
Wiesbaden und die Firma Kampa-Haus, deren Kurse
beide um rund 50 Prozent gestiegen waren, im Pro-
gramm gehabt): bei den Renditen der Gesamt-Portfo-
lios steht bis heute der Beweis noch aus, daß professi-
onelle Anlageberater mehr verdienen als ein Schimp-
anse, der Pfeile auf den Kurszettel des Handelsblattes
wirft.
Der Grund für diesen Mangel an systematischen
Erfolgen ist natürlich, daß das Steigen und Fallen von
Aktien sich prinzipiell jeder Vorhersage entzieht
(siehe Stichwort ð »Aktien«). Die optimale Prognose
für den Kurs eines Papiers nach einem Jahr (oder
auch nach einem Monat oder einem Tag) ist immer
der aktuelle Kurs plus ein gewisser Zuschlag, der u.a.
von der Länge des Zeitraums und dem Risiko des Pa-
piers abhängt und für dessen Erklärung mittlerweile
schon Nobelpreise vergeben worden sind. Mehr weiß
weder der freundliche Berater in der Bank um die
Ecke noch der wichtigtuende Finanzbrief-Verfasser in
der Telebörse, und deshalb ist der eine so überflüssig
wie der andere.
& Lit.: Alfred Cowles: »Can stock market foreca-
sters forecast?« Econometrica 1933, S. 309–324;
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LexPI Bd. 1 Börse 53

»Strategiedefizit«, Manager-Magazin 4/1993;


»Leere Versprechen«, Finanztest 2/1993; W. Krä-
mer: »Kapitalmarkteffizienz«, Stichwortartikel in
»Handwörterbuch des Bank- und Börsenwesens«,
2. Auflage 1994.

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LexPI Bd. 1 Boxen 53

Boxen
Boxhandschuhe sollen den Gegner vor den Schlä-
gen schützen
Boxhandschuhe schützen vor allem den Schläger,
nicht den Geschlagenen – sie verhindern, daß der
Schläger sich die Hände bricht. Die auf Kopf oder
Körper des Getroffenen aufprallende kinetische Ener-
gie und damit die Gefahr einer Verletzung wird durch
die 200 bis 400 Gramm schweren Handschuhe nicht
kleiner, sondern größer.
Bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde
daher grundsätzlich ohne Handschuhe geboxt. Der
letzte Boxweltmeister, der seinen Titel mit bloßen
Fäusten verteidigte, war John Sullivan im Jahr 1889.
& Lit.: Stichwort »Boxing« in Microsoft CD-ROM
Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 2 Boxring 48

Boxring
Der Boxring war ursprünglich rund
Das »Ring« im Boxring kommt vom englischen »to
ring« (= läuten, klingeln). Aber dieses Klingeln ertön-
te schon immer in einer durchaus eckigen Arena.
& Lit.: Ruhr-Nachrichten vom 20.9.1996 und
27.11.1996 in der Rubrik »Leser fragen«.

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LexPI Bd. 2 Braten 49

Braten
Der Braten kommt vom Braten
Das Essen kommt vom Essen, der Husten kommt
vom Husten, aber der Braten kommt nicht vom Bra-
ten – »Braten«, im Sinn eines gebratenen Stückes
Fleisch, hat eine andere sprachliche Wurzel als das
Zeitwort »braten«. Letzeres entspringt vermutlich der
indogermanischen Wurzel »bhret«, die auch für das
lateinische »fretala« (= Bratpfanne) und für unser
»brüten« oder »Brodem« Pate stand. Der »Braten«
dagegen entstammt einer alten germanischen Bezeich-
nung für »Fleisch«, die heute noch in »Wade« oder
»Wildbret« weiterlebt.
& Lit.: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörter-
buch der deutschen Sprache, Berlin 1957; Stich-
wort angeregt von Josef Stern.

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LexPI Bd. 1 Bratwurst 54

Bratwurst
Die Bratwurst heißt so, weil sie gebraten ist bzw.
wird
Das Wort »Bratwurst« leitet sich vom altdeutschen
Wort »brat« ab, das heißt »weiches, kleingehacktes
Fleisch«.
& Lit.: Walter Zerlett-Olfenius: Aus dem Stegreif,
Berlin 1943.

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LexPI Bd. 2 Brecht 1 49

Brecht 1
Bertolt Brecht starb als deutscher Dichter (s.a. ð
»Freddy Quinn«)
Bertolt Brecht, geboren in Augsburg/Deutschland
1898, starb 1956, nach kurzen Gastspielen in den
USA und in der Schweiz, als Staatsbürger unseres
Nachbarlandes Österreich.

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LexPI Bd. 2 Brecht 2 49

Brecht 2
Bertolt Brecht hatte ernsthaft vorgehabt, sich in
Österreich niederzulassen
Bertolt Brecht hatte seinen Antrag auf österreichische
Staatsbürgerschaft damit begründet, daß er die Stadt
Salzburg zum Zentrum seines Wirkens machen wolle;
in Wahrheit ging es ihm vor allem um die Vorteile der
österreichischen Staatsbürgerschaft (Österreicher wur-
den von den Alliierten aus strategischen Gründen
unter die Opfer der Nazis eingestuft, sie hatten damit
nach dem Krieg mehr Freiheiten als Deutsche). Als
eigentliche Wirkensstätte hatte Brecht von Anfang an
den Ort bestimmt, wo man den größten roten Teppich
für ihn hatte, also Ost-Berlin (wohlweislich aber ohne
die Rechte an seinen Werken und seine irdischen
Güter dorthin mitzunehmen). »Im Sommer 1949 hatte
Brecht, mit viel Lüge und Betrug, genau das was er
wollte: den Paß aus Österreich, das regierungsamtli-
che Wohlwollen aus Ostdeutschland, den Verleger
aus Westdeutschland, und das Konto in der Schweiz«
(Johnson).
& Lit.: P. Johnson: Intellectuals, London 1993 (be-
sonders Kapitel 7: »Bertolt Brecht: Heart of Ice«).

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LexPI Bd. 2 Brent Spar 50

Brent Spar
Das verhinderte Versenken der »Brent Spar« war
ein Sieg der ökologischen Vernunft
Die von (vermeintlichen) Umweltschützern erzwunge-
ne alternative Entsorgung der Ölplattform »Brent
Spar« belastet die Umwelt je nach Art und Weise weit
stärker als die ursprünglich geplante Versenkung auf
dem Meeresboden. Die Ökologie des Tiefseebodens,
der geplanten letzten Heimat der »Brent Spar«, unter-
scheidet sich beträchtlich von der Ökologie des
Festlandsockels, auf die sich die Szenarien der Brent-
Spar-Aktivisten stützen: Die auf dem Boden des At-
lantiks in 2000 m Tiefe residierenden Mikroben und
Bakterien sind nicht nur gegen die Schwermetalle und
Ölrückstände resistent, vor denen man den Meeresbo-
den zu beschützen müssen glaubte, sie leben regel-
recht von ihnen; für diese Tiere wäre die Ankunft der
»Brent Spar« ein Fest gewesen wie Weihnachten und
Ostern auf einmal (»But, far from finding heavy metal
residues lethal or even mildly unappetizing, the bacte-
ria of the ocean floor would have greeted the arrival of
the Brent Spar as if all their Christmasses had come
at once«, wie die Zeitschrift Nature schreibt).
Auch die tatsächlich vorhandenen Rückstände wur-
den von Greenpeace gewaltig überschätzt: Nur 100
Tonnen Ölrückstände statt 5000, 0 Tonnen statt 100
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LexPI Bd. 2 Brent Spar 51

Tonnen Giftschlamm (die vorhandenen


Schlammrückstände haben sich bei einer Untersu-
chung durch unabhängige Experten als ungiftig her-
ausgestellt), keinerlei Batterien, Motoren, Pumpen,
elektrische Anlagen (wohl wissend, daß diese vor der
Versenkung auszubauen waren, hatte Greenpeace
dennoch diesbezüglich Ängste angemeldet), keinerlei
nennenswerte Radioaktivität usw.
Geblieben wären 14.000 Tonnen Ballast und Stahl,
ein Nichts verglichen mit den Tausenden von Kriegs-
und Handelsschiffen, die bereits heute auf dem Mee-
resboden lagern (Titanic, Bismarck, Hood) bzw. Jahr
für Jahr durch »natürliche« Katastrophen neu dazu-
kommen, und ebenfalls ein Nichts verglichen mit den
wirklichen Gefahren der Ölförderung auf See, welche
die Umwelt tatsächlich und weit nachhaltiger bela-
sten, als es die Versenkung der »Brent Spar« je hätte
bewirken können, und die durch diesen Öko-Aktionis-
mus auch weiter außerhalb der Medien-Entrüstungs-
zone bleiben.
& Lit.: »Brent Spar, broken spur«, Nature 375,
1995; »Das dicke Ende kommt erst noch«, Rhei-
nischer Merkur, 23.6.1995; »Abwracken von
Brent Spar an Land ist langwierig und gefähr-
lich«, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1995;
Deutsche Shell AG (Hrsg.): Die Ereignisse um
die Brent Spar in Deutschland, Hamburg 1996.
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LexPI Bd. 2 Brent Spar 51

¤ Brent Spar: für die Bakterien der Tiefsee ein Fest


wie Weihnachten und Ostern auf einmal

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LexPI Bd. 2 Bridge 51

Bridge
Bridge ist typisch angelsächsisch
Bridge wurde erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts in
Istanbul gespielt. Erst mehrere Jahrzehnte später ist
dieses Kartenspiel dann auch nach England und Ame-
rika gekommen.
& Lit.: Das Große Hör-Zu Buch der Erfindungen,
Frankfurt a.M. 1987; Stichwort »Bridge (Game)«
in der MS Microsoft Enzyklopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Brosamen 54

Brosamen
Brosamen kommt von Brotsamen
Das Wort Brosamen hat weder etwas mit Brot noch
mit Samen zu tun; es leitet sich vielmehr von dem
mittelhochdeutschen »brosem« oder »brosme« = klei-
nes Bröckchen her. Auch die Wörter Brösel und brö-
seln stammen aus dieser gleichen Quelle.
& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
2. Auflage, durchgesehen und ergänzt von Wolf-
gang Pfeifer, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 1 Brücken 54

Brücken
Venedig hat die meisten Brücken
In Venedig gibt es 398 Brücken, in Amsterdam 1281
und in Berlin 1662. Den europäischen Rekord hält
aber Hamburg mit 2123 Brücken.
& Lit.: Guiness Buch der Rekorde.

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LexPI Bd. 2 Brüderlichkeit 1 52

Brüderlichkeit 1
Die Französische Revolution stand unter dem
Motto »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« (s.a.
ð »Résistance« sowie in Band 1 ð »Bastille«)
Erst unter Napoleon III., mehr als 50 Jahre nach der
Französischen Revolution, wurde die Parole »Liberté,
Egalité, Fraternité« zur offiziellen Devise der franzö-
sischen Republik erkoren.
Die Französische Revolution stand unter dem
Motto »Freiheit, Gleichheit, Eigentum«. In der Erklä-
rung der Bürger- und Menschenrechte vom 26. Au-
gust 1789 kommt die »fraternité« nicht vor. »Da die
Vertreter des französischen Volkes, als Nationalver-
sammlung eingesetzt, erwogen haben, daß die Un-
kenntnis, das Vergessen oder die Verachtung der
Menschenrechte die einzigen Ursachen des öffentli-
chen Unglücks und der Verderbtheit der Regierungen
sind, haben sie beschlossen, die natürlichen, unveräu-
ßerlichen und heiligen Rechte der Menschen in einer
feierlichen Erklärung darzulegen, damit diese Erklä-
rung allen Mitgliedern der Gesellschaft beständig vor
Augen ist und sie unablässig an ihre Pflichten erin-
nert.«
»Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit
und Widerstand gegen Unterdrückung«, sagt Artikel
2. Und dann fährt die Erklärung mit diversen Defini-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Brüderlichkeit 1 52

tionen und Detailvorschriften fort: Souveränität »ruht


letztlich in der Nation« (Artikel 3), Freiheit »besteht
darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht
schadet« (Artikel 4), Gesetze sind »Ausdruck des all-
gemeinen Willens«, an deren Entstehung alle Bürger
ohne Unterschied des Standes und der Religion teil-
nehmen dürfen (Artikel 6), Rede- und Gedankenfrei-
heit ist »eines der kostbarsten Menschenrechte« über-
haupt (»un des droits les plus précieux«, Artikel 11).
Weitere Artikel legen fest, daß Angeklagte solange
unschuldig sind, bis ihre Schuld bewiesen ist, oder
daß niemand aufgrund eines Gesetzes verurteilt wer-
den darf, das es zur Tatzeit noch nicht gab – alles in
allem ein bemerkenswertes Dokument, das zu Recht
als Wiege der modernen Demokratie gefeiert werden
darf.
Aber kein einziger der 17 Artikel dieser Erklärung
erwähnt die Brüderlichkeit.
Auch später ist in den offiziellen Dokumenten der
Französischen Revolution von Brüderlichkeit keine
Rede. Die Verfassung von 1793 benennt als Rechte
»Freiheit, Gleichheit, Sicherheit, Eigentum«, »frater-
nité« kommt darin nirgends vor; die Direktorialver-
fassung von 1795 nennt als Menschenrechte ebenfalls
»Freiheit, Gleichheit, Sicherheit, Eigentum«, die Brü-
derlichkeit kommt an keiner Stelle vor; die Proklama-
tion der Konsuln vom 15. Dezember 1799 zitiert die
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Brüderlichkeit 1 53

»geheiligten Rechte des Eigentums, der Gleichheit


und der Freiheit«, und auch hier ist von Brüderlich-
keit an keiner Stelle die Rede.
Bemerkenswert dagegen die konstante Betonung
des Menschenrechts auf Eigentum (»das Recht, sein
Vermögen, seine Einkünfte, den Ertrag seiner Arbeit
und seines Fleißes zu genießen und darüber frei zu
verfügen«, so die Direktorialverfassung von 1795).
»Das Eigentum der Patrioten ist heilig«, schreibt
Saint-Just in den Ausführungsbestimmungen zu den
Ventôse-Dekreten von 1794. Artikel 8 der Verfassung
von 1793 sagt: »Die Sicherheit beruht in dem Schutz,
den die Gesellschaft jedem ihrer Glieder für die Erhal-
tung seiner Person, seiner Rechte und seines Eigen-
tums zusichert«, und auch die Erklärung der Men-
schenrechte von 1789 läßt an der Bedeutung des Ei-
gentums nicht den geringsten Zweifel: »Da das Eigen-
tum ein unverletzliches und heiliges Recht ist, kann es
niemandem genommen werden, wenn es nicht die ge-
setzlich festgelegte, öffentliche Notwendigkeit augen-
scheinlich erfordert und unter der Bedingung einer ge-
rechten und vorherigen Entschädigung.«
Eine zarte Spur von Brüderlichkeit findet sich al-
lein in einem Beschluß des Direktoriums des Départe-
ment Paris von 1793, auf alle Häuser die folgende Pa-
role anzubringen: »Unité, Indivisibilité de la Républi-
que, Liberté, Egalité, Fraternité ou la mort«. Jedoch
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Brüderlichkeit 1 53

wurden diese Worte nie zur offiziellen Devise oder


zum Kampfruf der neuen Republik, genausowenig
wie es das Motto der Bundesrepublik Deutschland ist,
daß die RAF lebt, oder daß es schade ist, daß Beton
nicht brennt, oder daß die 32-Stunden-Woche einzu-
führen sei, auch wenn wir diese Sprüche auf noch so
vielen Häuserwänden aufgeschrieben finden ...
& Lit.: W. Grab (Hrsg.): Die Französische Revoluti-
on – eine Dokumentation, München 1973; G. van
Heuvel: Der Freiheitsbegriff der Französischen
Revolution, Göttingen 1988; Jean-Paul Bertrand:
Alltagsleben während der Französischen Revolu-
tion, Freiburg 1989; Stichwort angeregt von Ul-
rich Kinkelin.

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LexPI Bd. 2 Brüderlichkeit 2 54

Brüderlichkeit 2
»Brüderlichkeit« ist ein altes deutsches Wort (s.a.
ð »Leidenschaft« in Band 1)
Das Wort »Brüderlichkeit« gab es bis zum 19. Jahr-
hundert in der deutschen Sprache nicht; es wurde von
dem Braunschweiger Schriftsteller und Sprachfor-
scher Heinrich Campe 1801 als Ersatz für das franzö-
sische Fremdwort »fraternité« erfunden (zusammen
mit »Feingefühl« für »tact«, »Minderheit« für »mino-
rité«, »Freistaat« für »république«, »Fallbeil« für
»Guillotine« oder »Streitgespräche« für »Debatte«).
& Lit.: Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders, Rein-
bek 1997.

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LexPI Bd. 1 Brustkrebs 54

Brustkrebs
Brustkrebs ist erblich
Nach einer Studie der Harvard Universität ist Brust-
krebs weit weniger durch Erbfaktoren bedingt als bis-
her angenommen. Stattdessen kommen zunehmend
Auslöser wie Vitaminmangel und Alkohol in Ver-
dacht.
Bisher war man davon ausgegangen, daß Frauen,
deren Mutter und Schwester schon an Brustkrebs er-
krankt waren, verglichen mit anderen Frauen ein vier-
zehnfach größeres Risiko hätten, ebenfalls an Brust-
krebs zu erkranken. In der besagten Harvard-Studie,
die seit 1976 insgesamt 121000 Krankenschwestern
über mehr als 15 Jahre beobachtete, betrug diese
Quote aber nur 2,5 Prozent. Nach Meinung der Auto-
ren kommt damit Vererbung in 97,5 Prozent aller
Brustkrebsfälle nicht als Ursache in Frage.
Stattdessen werden ein Mangel an Vitamin A oder
zuviel Alkohol als Auslöser vermutet. Denn die Kran-
kenschwestern mit einer an Vitamin A armen Ernäh-
rung hatten ein um 20 Prozent höheres Brustkrebsrisi-
ko als diejenigen mit einer an Vitamin A reichen Er-
nährung. Und bei Frauen, die regelmäßig täglich ein
Glas Wein tranken, stieg das Risiko sogar auf das
Doppelte.
Natürlich darf man aus solchen Korrelationen noch
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Brustkrebs 55

nicht auf Kausalitäten schließen (siehe auch das


Stichwort ð »Korrelation«). Denn Menschen, die
gerne ein Glas Wein trinken, unterscheiden sich auch
in anderer Hinsicht von strikten Anti-Alkoholikern, so
daß die eigentliche Ursache vielleicht ganz woanders
liegt. Aber wer oder was auch immer den Brustkrebs
letztendlich verursacht, die Gene scheinen es wohl
nicht zu sein.
& Lit.: D.L. Weed: »Alcohol, breast cancer and cau-
sal inference: where ethics meets epidemiology«,
Contemporary drug problems 21, 1994, 185–204;
»Brustkrebs durch Vitaminmangel und Alkohol?«
Welt am Sonntag Nr. 30/1995, S. 11.

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LexPI Bd. 2 Brustkrebs. 54

Brustkrebs
Brustkrebs-Vorsorge ist immer medizinisch nütz-
lich (s.a. ð »Prävention« in Band 1)
Nach dem »Breast cancer awareness month« in Eng-
land 1996 forderte der bekannte englische Krebsarzt
Michael Baum einen »Breast cancer unawareness
month«: Nach seiner Meinung, und auch nach An-
sicht anderer führender Krebsspezialisten in anderen
Ländern, richten die Brustkrebs-Vermeidungs- und
Früherkennungskampagnen, mit denen die deutschen
und internationalen Medien uns periodisch heimzusu-
chen pflegen, netto mehr Schaden an, als daß sie
Nutzen stiften. Nach Baum ist Brustkrebs bei Frauen
unter 50 so selten (nur eine von tausend Frauen pro
Jahr erkrankt daran), daß man diese Frauen, sofern
nicht erblich vorbelastet, vor den Risiken der Vorsor-
ge verschonen sollte: Röntgenstrahlen, Fehlalarme,
die ganze Aufregung und Hektik, die mit zweideuti-
gen Befunden immer verbunden ist. Zählt man alle
diese physiologischen und psychologischen Schäden
zusammen, lohnt sich zumindest bei jüngeren Frauen
der ganze Früherkennungsaufwand nicht.
Auch die Warnungen vor Brustkrebs durch die
Pille haben nach Baum mehr Menschenleben gekostet
als gerettet (all die Frauen, die als Folge ungewollter
Schwangerschaften gestorben sind).
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Brustkrebs. 54

& Lit.: Michael Baum: »The lab«, Prospect, Juni


1997, S. 72.

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LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 1 55

Bruttosozialprodukt 1
Das Bruttosozialprodukt sagt uns, wie reich wir
sind
Das sogenannte Bruttosozialprodukt gilt als bester
Maßstab für Erfolg, Reichtum und Wirtschaftskraft
einer Nation. Es betrug 1990 in der Bundesrepublik
Deutschland (alte Bundesländer) rund 2400 Milliar-
den oder 2,4 Billionen Mark; pro Kopf der Bevölke-
rung damit rund 39000 Mark, mehr als in den meisten
anderen Staaten dieser Welt. Nur in der Schweiz, in
Japan und in den USA sowie in einigen kleineren
Ländern wie Norwegen, Kuwait oder Luxemburg, war
das Pro-Kopf-Einkommen größer. In England, Frank-
reich oder Italien, und in den restlichen 160 Ländern
dieser Welt erst recht, war es dagegen kleiner.
Daher sind nicht wenige Bundesbürger und Bun-
desbürgerinnen auf diese Leistung und auf diesen
Wohlstand ganz schön stolz – nicht ganz zu Recht,
zumindest was den Wohlstand anbetrifft. Denn auch
wenn wir das Bruttosozialprodukt als Maßstab für die
reine Produktion und Leistung einer Wirtschaft gelten
lassen – als Anzeiger für den Nutzen und den Wohl-
stand, der uns aus dieser Produktion erwächst, ist es
nur mit großer Vorsicht zu gebrauchen.
Der erste Grund ist sehr einfach: Das Sozialpro-
dukt mißt die Produktion und damit indirekt auch das
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LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 1 55

Einkommen, nicht aber das Vermögen. Oder anders


ausgedrückt: Es sagt, was jedes Jahr an Gütern neu
hinzukommt, nicht jedoch, was man schon hat. Und
wie jeder aus dem Alltagsleben weiß, sind Einkom-
men und Vermögen zwei verschiedene Paar Schuhe.
Die meisten Bauern in der Bundesrepublik z.B. haben
ein großes Vermögen, aber ein kleines Einkommen,
während viele »normale« Arbeitnehmer ein großes
Einkommen, aber kein Vermögen haben.
Und genauso auch auf internationaler Ebene: Ver-
mutlich ist ein typischer Einwohner unseres schönen
Nachbarlandes Frankreich trotz eines niedrigeren So-
zialprodukts pro Kopf doch reicher als ein Bürger un-
seres eigenen Landes, weil er oder sie im Mittel ein
größeres, durch keine Inflation und Kriegsverwüstung
gemindertes Vermögen hat.
& Lit.: Alfred Stobbe: Volkswirtschaftslehre 1:
Volkswirtschaftliches Rechnungswesen, Berlin
1966; W. Krämer: Statistik verstehen, Frankfurt
1992.

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LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 2 56

Bruttosozialprodukt 2
Das Bruttosozialprodukt sagt uns, wieviel wir ar-
beiten
Das Bruttosozialprodukt sagt weder, wie reich wir
sind, noch wieviel wir arbeiten. Denn es erfaßt nur
einen Teil der in einer Volkswirtschaft produzierten
Güter und Dienstleistungen – im wesentlichen solche,
die gegen Geld gehandelt werden: Autos, Straßen,
Waschmaschinen, Lebensmittel, Heizöl, Taxifahrten,
Dienstleistungen von Ärzten, Krankenhäusern, Ban-
ken, Post. Das hat den großen Vorteil, daß man so im
wahrsten Sinn des Wortes Äpfel und Birnen aufaddie-
ren kann: 1000 kg Äpfel à 4 Mark und 2000 kg Bir-
nen à 3 Mark ergibt ein Sozialprodukt von 1000 x 4
+ 2000 x 3 = 10000 Mark, hat aber den großen Nach-
teil, daß alle Produkte ausgeschlossen bleiben, die
nicht gegen Geld gehandelt werden: Die statt in der
Werkstatt selbst aufgezogenen Winterreifen, das
selbst tapezierte Wohnzimmer, das selbst getippte
Manuskript, die selbst reparierte Armbanduhr: Was
man selber macht statt von anderen gegen Entgelt ma-
chen läßt, fällt systematisch durch den Rost. Wenn
wir vom Sohn des Nachbarn für 20 Mark den Rasen
mähen lassen, steigt das Sozialprodukt um 20 Mark.
Mähen wir den Rasen selbst, bleibt das Sozialprodukt
konstant. Der frisch gemähte Rasen ist in beiden Fäl-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 2 56

len gleich, aber einmal zählt er zum Sozialprodukt


und einmal nicht.
Ein weiterer Teil der Wirtschaftsleistung, der auf
dem Weg in das Statistische Jahrbuch spurenlos ver-
schwindet, ist die sogenannte »Schattenwirtschaft«:
Wenn in Land A ein Maurer für tausend Mark eine
Grube gräbt und diesen Lohn versteuert, steigt das
Sozialprodukt um tausend Mark. Wenn in Land B
eine anderer Maurer die gleiche Arbeit schwarz erle-
digt, so steigt das »eigentliche« Sozialprodukt dort
ebenfalls um tausend Mark. Jedoch bleibt diese
Summe statistisch unsichtbar, und deshalb ist das
amtliche Sozialprodukt um tausend Mark zu klein.
Diese Schattenwirtschaft wird heute in westlichen
Industrienationen auf rund 10 Prozent des amtlichen
Sozialprodukts geschätzt. Die höchste Quote (13 Pro-
zent) vermutet man für Schweden und Italien, die
kleinsten Quoten von 4,1 und 4,3 Prozent für Japan
und die Schweiz. Die Bundesrepublik Deutschland
(West) belegt mit geschätzten 8,6 Prozent einen Mit-
telplatz – bei einem Sozialprodukt von 2,4 Billionen
Mark immerhin mehr als 200 Milliarden Mark. Um
diese Summe ist also die offizielle deutsche Zahl zu
klein.
Auch die durchaus legale, aber in aller Regel unbe-
zahlte Arbeit unserer Hausfrauen und Hausmänner
bleibt so außerhalb des offiziellen Sozialprodukts:
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LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 2 57

Spülen, Waschen, Kochen, Treppenputzen, Kinder er-


ziehen, Kranke pflegen. Inklusive dieser sozusagen
»gratis« erbrachten Dienstleistungen wäre unser So-
zialprodukt im Handumdrehen um fast die Hälfte grö-
ßer. Oder anders ausgedrückt: Je mehr Güter und
Dienstleistungen im Familien- oder Freundeskreis
quasi informell produziert, getauscht und gehandelt
werden, desto kleiner ist das amtliche Sozialprodukt.
Je mehr Güter und Dienstleistungen dagegen gegen
Rechnung den Besitzer wechseln, desto größer ist das
amtliche Sozialprodukt, desto reicher scheinen wir zu
sein.
& Lit.: Hannelore Weck u.a.: Schattenwirtschaft,
München 1984; M. Hilzenbecher »Die schatten-
wirtschaftliche Wertschöpfung der Hausarbeit«,
Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik
1986.

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LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 3 57

Bruttosozialprodukt 3
Das Bruttosozialprodukt sagt uns, wie gut wir
leben
Das Bruttosozialprodukt sagt uns weder, wie reich
wir sind, noch wieviel wir arbeiten, noch wie gut wir
leben. Vermutlich leben in nicht wenigen Ländern der
Welt die Menschen trotz eines kleineren Sozialpro-
dukts pro Kopf rein materiell weit besser als in
Deutschland (immaterielles Glück und Wohlbefinden
kann man ohnehin in Geld nicht messen), und sind
andererseits die Menschen hierzulande trotz eines
kleineren Sozialprodukts pro Kopf mit irdischen Gü-
tern besser versorgt als anderswo, etwa in Japan oder
in den USA, wo das Sozialprodukt pro Kopf noch
höher ist.
Neben der statistischen Erfassung wirft das Sozial-
produkt nämlich noch zwei weitere Probleme auf. Er-
stens zählt es nur die Güter, für die wir arbeiten mü-
ssen, nicht aber die, die wir umsonst bekommen. Wo
die Menschen in der Sonne dösen und kein Gas und
keine Kohle zum Heizen brauchen, ist das Sozialpro-
dukt daher unter sonst gleichen Umständen kleiner als
in einem Land mit rauhem Klima, wo die Menschen
hart dafür arbeiten müssen, im Winter nicht zu frie-
ren. Und im Schlaraffenland oder im Garten Eden
sinkt das Bruttosozialprodukt sogar auf Null.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 3 58

Zweitens unterscheidet das Sozialprodukt nur un-


vollkommen zwischen Gütern, die uns letztendlich
wirklich zur Verfügung stehen, und den sogenannten
»Vorleistungen«, die zum Produzieren dieser Güter
nötig sind. Denn was wir wissen wollen, ist doch,
was zum Konsumieren und zum Investieren übrig
bleibt – die dabei eingesetzten Rohstoffe und Vorpro-
dukte interessieren nicht. Wenn Robinson Crusoe auf
seiner Insel 3 Zentner Getreide erntet, dafür aber
einen Zentner Saatgut braucht, beträgt sein Sozialpro-
dukt nicht drei Zentner, sondern zwei; die Vorleistun-
gen sind von der Gesamtproduktion natürlich abzu-
ziehen.
Leider geschieht das aber in der aktuellen Praxis
nur sehr unvollkommen. So schätzen wir etwa die
Dienste von Polizei, Justiz und Feuerwehr wohl kaum
um ihrer selbst; wir wären im Gegenteil wahrschein-
lich mehr als froh, wenn es keine Brände gäbe und
alle Menschen Engel wären, wir Polizei und Feuer-
wehr also überhaupt nicht bräuchten. Deren Dienste
und unsere Ausgaben dafür wären also besser als
Vorleistung des Staates für das Funktionieren der So-
zial-Gemeinschaft anzusehen; zu unserem Wohlstand
tragen sie per se nichts bei. Die Leistungen von Poli-
zei, Justiz, Feuer- und Bundeswehr an sich will keiner
haben – sie sind nur Inputs für das eigentlich Ge-
wünschte – Friede, Ordnung, Sicherheit – und daher
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 3 58

streng genommen als Vorleistung vom Produktions-


wert abzuziehen. Aber nach aktueller Praxis zählen
sie dennoch zum Sozialprodukt.
So kommt es, daß Erdbeben, kleine Kriege, Wir-
belstürme, Überschwemmungen oder Tankerkatastro-
phen mit Riesenumweltschäden das Sozialprodukt er-
höhen: Die Schäden werden, falls überhaupt, nur un-
zureichend abgezogen, die Arbeiten der Retter und
Helfer dagegen voll dem Produktionswert zugeschla-
gen. Wenn in den Städten der USA Tausende von Po-
lizeibeamten die Straßen patrouillieren müssen, um
die Bürger des Landes vom gegenseitigen Umbringen
abzuhalten, sind die Kosten dafür (als Maß der
Dienstleistungen der Polizei) Teil des amerikanischen
Sozialprodukts, und je mehr Polizisten patrouillieren,
desto größer das Sozialprodukt. Anderswo dagegen,
in Schweden oder Finnland etwa, wo die Menschen
seit jeher friedlicher miteinander verkehren und des-
halb auch nicht so viele Polizisten brauchen, ist das
amtliche Sozialprodukt pro Kopf vielleicht kleiner –
aber der Wohlstand der Menschen vermutlich trotz-
dem größer.
& Lit.: Christian Leipert: Die heimlichen Kosten des
Fortschritts, Frankfurt 1989; Peter von der Lippe:
Wirtschaftsstatistik, Stuttgart 1990; W. Krämer:
Statistik verstehen, Frankfurt 1992. Weltbank:
Monitoring environmental progress. Washington
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LexPI Bd. 1 Bruttosozialprodukt 3 59

1995.

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LexPI Bd. 2 Bücherverbrennung 1 55

Bücherverbrennung 1
Die Bücherverbrennung 1933 war eine Aktion
der Nazis
Die berüchtigten Bücherverbrennungen des 10. Mai
1933 sind von deutschen Studenten organisiert und
abgehalten worden; die Nazis waren nur im Hinter-
grund und indirekt beteiligt. Man traf sich in der Un-
iversität zu einem Fackelzug, marschierte unter Ab-
singen von nationalen Liedern zu einem zentralen
Platz, hörte sich nationale Reden an und warf dann
Bücher in ein Feuer. Solche Aktionen fanden an fast
allen deutschen Universitäten statt; die auf dem Berli-
ner Opernplatz war nur die medienwirksamste und
größte.
& Lit.: C. Schelle: »Bücherverbrennung 1933 – Ein
kurzer Abriß«, in: N. Schiffbauer und C. Schelle:
Stichtag der Barbarei, Braunschweig 1983, S.
20–40.

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LexPI Bd. 2 Bücherverbrennung 2 55

Bücherverbrennung 2
Die Bücherverbrennung 1933 war eine histori-
sche Premiere
Das öffentliche Verbrennen mißliebiger Bücher ist so
alt wie die Bücher selbst: Schon 250 v. Chr. ließ der
erste Herrscher der chinesischen Tsin-Dynastie die
Bücher des Konfuzius und seiner Anhänger verbren-
nen. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden
in Italien, Portugal und Spanien die Werke von Ovid,
Boccaccio und Dante öffentlich verbrannt (in Florenz
hieß dieser Ort »Der Scheiterhaufen der Eitelkeiten«),
in Frankreich teilten dieses Schicksal etwas später,
neben vielen anderen, die Werke von Voltaire, Pascal
und Rousseau, unter Napoleon wurde das »Buch
Über Deutschland« von Madame de Staë'l wegen
»unfranzösischer politischer Ansichten« aus dem Ver-
kehr gezogen und verbrannt.
Im 20. Jahrhundert stehen neben den Deutschen die
Amerikaner in der ersten Linie der Verbrenner: Teile
des »Ulysses«, die als Vorabdruck in der Zeitschrift
The Little Review erschienen waren, werden von der
amerikanischen Post konfisziert und verbrannt, auch
Werke von Wilde und Steinbeck landen auf öffentli-
chen Scheiterhaufen (letztere »wegen der vulgären
Ausdrucksweise der darin auftretenden Figuren«).
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LexPI Bd. 2 Bücherverbrennung 2 55

& Lit.: A.L. Haight: Verbotene Bücher, Düsseldorf


1956.

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LexPI Bd. 1 Buchweizen 59

Buchweizen
Buchweizen ist eine Weizenart
Der Buchweizen (Fagopyrum esculentum) ist ein
Knöterichgewächs, kein Getreide. Obwohl man seine
Früchte oft zu Mehl oder Grütze, besonders für Brei
(Polenta), seltener für Brot verarbeitet, hat der Buch-
weizen mit den »normalen« Getreidesorten, die alle
der Familie der Gräser angehören, nichts zu tun.
& Lit.: Stichwort »Buchweizen« in Brockhaus Enzy-
klopädie, 19. Aufl., Wiesbaden 1990.

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LexPI Bd. 1 Büffel 59

Büffel
Der amerikanische Westernheld Buffalo Bill müßte
eigentlich »Bison Bill« heißen; er hat in seinem gan-
zen Leben vermutlich keinen einzigen Büffel zu Ge-
sicht bekommen.
In Nordamerika gibt es nur Bisons, keine Büffel.
Bisons sind mit den Büffeln zoologisch nicht ver-
wandt.
& Lit.: Wilhelm Eigener: Großes Farbiges Tierlexi-
kon, Herrsching 1982.

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LexPI Bd. 2 Bulle 56

Bulle
Mit der Bezeichnung »Bulle« für Polizisten ist ein
Horntier angesprochen
Im 18. Jahrhundert hießen die Landjäger »Landpul-
ler« oder »Bohler«, nach dem niederländischen »bol«
(= Kopf, kluger Mensch). Ein »Bulle« ist daher ein
Mensch mit Kopf. Wann dieser Ausdruck erstmals als
Beleidigung verstanden wurde, bleibt im Dunkel der
Historie verborgen.
& Lit.: M. Scheele und R. Wetter: Ratgeber Recht,
München 1990.

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LexPI Bd. 1 Bumerang 1 60

Bumerang 1
Der Bumerang ist eine Exklusiv-Erfindung der
Aborigines in Australien
Bumerangs gab es schon im alten Ägypten und gibt
es noch heute als Jagdwaffe bei gewissen Indianer-
stämmen Nordamerikas. Und da diese Kulturen wohl
kaum mit den australischen Aborigines in Verbindung
standen, haben sie dieses Krummholz wohl auch un-
abhängig voneinander erfunden.
& Lit.: Stichwortartikel »Boomerang« in Microsoft
CD-ROM Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Bumerang 2 60

Bumerang 2
Ein guter Bumerang kommt zum Abwurfpunkt
zurück
Der Hauptvorteil des Bumerangs ist nicht, daß er zum
Werfer zurückkehrt, sondern daß er weiter fliegt als
ein gerades Holz. Der Rückkehr-Bumerang wird von
den Aborigines vor allem zum Üben oder zum Auf-
scheuchen von Vögeln verwendet; die »richtigen«
Jagd-Bumerangs kehren nicht zurück.
Würden Bumerangs den Werfer suchen, hätte die
australische Armee im I. Weltkrieg wohl kaum einen
Handgranaten-Bumerang gebaut:
¤ Mit diesem Bumerang warfen australische Solda-
ten im Ersten Weltkrieg auf deutsche Schützengrä-
ben; er ist im australischen Infanteriemuseum in
Singleton zu sehen

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C 61

»Der Irrtum ist viel leichter zu erkennen, als die


Wahrheit zu finden; jener liegt auf der
Oberfläche, damit läßt sich wohl fertig werden;
diese ruht in der Tiefe, danach zu forschen ist
nicht jedermannes Sache.«
Goethe

»Zum zehnten Mal wiederholt


wird es gefallen«
Horaz

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LexPI Bd. 2 Casanova 57

Casanova
Casanova war ein Tunichtgut und Schürzenjäger
Giacomo Girolamo Casanova (1725–1798) war ein
Liebhaber der Frauen, aber auch der Wissenschaften:
Er war bereits mit 16 Jahren »Doctor iuris«, hatte an-
schließend Medizin, Chemie und Mathematik studiert
und kannte sich als einer von wenigen Menschen des
18. Jahrhunderts mit Wahrscheinlichkeiten aus (u.a.
auch deshalb wurde Casanova mit der Organisation
der französischen Nationallotterie betraut). Außerdem
dilettierte er als Ingenieur und Unternehmer, er leitete
eine Manufaktur zur Herstellung und Bemalung von
Seidenstoffen und diskutierte mit Friedrich dem Gro-
ßen über den Betrieb von Wasserspielen. Vielleicht
gerade wegen dieser Vielfalt an Talenten konnte er
aber, von den Erfolgen bei den Frauen abgesehen, in
keiner dieser anderen Sparten nachhaltig reüssieren.
& Lit.: O. Krätz und H. Merlin: Casanova, Liebha-
ber der Wissenschaften, München 1995.

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LexPI Bd. 2 Catgut 57

Catgut
Catgut wird aus Katzendarm gemacht
Die als Catgut (englisch für Katzendarm) bekannten
Nähfäden der Chirurgen wurden einst aus Schaf- und
Ziegendarm gemacht. Heute werden sie synthetisch
hergestellt.
& Lit.: Stichwort »Catgut« in der Encyclopaedia
Britannica, 15. Auflage, Chicago 1994; Stichwort
»Katgut« in Pschyrembel, 267. Auflage, Berlin
1994.

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LexPI Bd. 1 Chamäleon 61

Chamäleon
Das Chamäleon paßt seine Farbe der Umgebung
an
Das Chamäleon kann in der Tat die Farbe wechseln.
Aber wenn, dann wegen Hitze, Kälte, Hunger oder
Angst, nicht, um seine Farbe der Umgebung anzupas-
sen (nachts z.B. wird die Farbe des Chamäleons hel-
ler).
& Lit.: Stichwort »Chameleon« in Encyclopaedia
Britannica, 15. Auflage, Chicago 1976.

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LexPI Bd. 2 Champagner 58

Champagner
Champagner ist eine französische Erfindung
Auch wenn die Franzosen den Ersten Weltkrieg u.a.
mit dem Ziel bestritten haben, den Deutschen das Be-
nennen ihres deutschen Sektes als »Champagner« zu
verbieten (es gibt einen eigenen Abschnitt im Vertrag
von Versailles, der es deutschen Winzern verbietet,
ihren Sekt in diesem Sinne zu vermarkten), erfunden
haben sie den Schaumwein nicht. Vermutlich geht
dieser auf eine Beobachtung von englischen Wein-
händlern des 17. Jahrhunderts zurück, die bemerkten,
daß ihr »normaler« aus der Champagne eingeführter
Wein trotz Abfüllens in Flaschen weitergärte (das lag
an den speziellen in England benutzten Korken). Das
Prickeln, das durch die bei der durchaus ungewollten
zweiten Gärung produzierte Kohlensäure entstand,
schien den Kunden aber zu gefallen, und so hat man
diese Art der Weinbereitung systematisch kultiviert
und beibehalten.
Es ist nicht auszuschließen, daß unabhängig davon
auch Winzer in Frankreich auf ähnliche Gedanken
kamen. Fest steht aber, es waren keine Winzer aus der
Champagne, und es war auch nicht der legendäre Pro-
kurator der Abtei Hautvillers, Dom Pérignon, der dort
von 1668 bis 1715 wirkte und in Frankreich als der
Erfinder des Champagners gilt (dieser Anspruch geht
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Champagner 58

auf eine nachgewiesenermaßen gefälschte Urkunde


aus dem Jahr 1880 zurück).
& Lit.: Helmut Arntz: Deutsches Sektlexikon, Wies-
baden 1987; Stichwort vorgeschlagen von Mich-
ael Freitag.

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LexPI Bd. 1 Chartanalyse 61

Chartanalyse
Mit »Charts« läßt sich an der Börse Geld verdie-
nen (s.a. ð »Aktien« und ð »Börsenprofis«)
Die sogenannte »Börsensoftware«, die den Aktien-
käufern und -verkäufern anhand von gleitenden
Durchschnitten, Trendgeraden, Dreiecksformationen
und Kopf-Schulter-Kursverläufen sagt, wann sie zu
kaufen und zu verkaufen haben, macht nur die Soft-
warehäuser reich; von »Aktia Online«, »Brokis« oder
»Chartheft« über »Option Machine« und »Prognos«
bis zu »Tai-Pan« oder »Winchart« nützen sie nur die
Dummheit ihrer Käufer aus. Wie ein empirischer Test
nach dem anderen beweist, kann man aus vergange-
nen Kursen keine Schlüsse auf die künftige Entwick-
lung eines Wertpapieres ziehen, und sind alle derarti-
gen Versuche nichts als Kaffeesatzleserei.
Die wahren Börsenprofis wissen das sehr wohl;
ihre Kursprognosen sind meistens von der Sorte:
»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist / ändert sich das
Wetter / oder es bleibt, wie es ist«. So ist man hinter-
her immer auf der richtigen Seite.
Aktienmärkte scheren sich nicht um die Vergan-
genheit; sie rollen das Weltgeschehen quasi aus der
Zukunft auf: Ein Investor, der ein Wertpapier zu
einem »korrekten« alias »fundamental gerechten«
Preis erwerben will, fragt nicht danach, was das Pa-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Chartanalyse 62

pier vor einem Jahr gekostet hat; er will wissen, was


das Papier ein Jahr später kosten wird. Der Börse
zählt allein die Zukunft; sie schaut wie ein Steuer-
mann im Nebel nur nach vorne, nie nach hinten, sie
ändert ihren Kurs in aller Regel nur dann, wenn aus
diesem Nebel neue, bis dato nicht bekannte Fakten
sichtbar werden.
Diese Fakten sind vorher nicht bekannt, sonst
wären sie nicht neu. Mit anderen Worten, sie erschei-
nen zufällig, und damit sind auch Auf und Ab der
Kurse zufällig: Aktuell kann niemand sagen, ob die
nächste Nachricht Gutes oder Böses bringen wird, ob
der für das nächste Jahr erwartete Kurs und damit per
Umweg über die geforderte Rendite auch der aktuelle
Kurs nach oben oder unten anzupassen ist. Die einzi-
ge Konstante ist die erwartete Rendite, die diese bei-
den Kurse verbindet (in Deutschland inflationsberei-
nigt etwa 5%), und deshalb muß die beste Prognose
des künftigen Kurses immer der aktuelle Kurs plus
diese geforderte Rendite sein.
Diese Theorie wird durch die Wirklichkeit bemer-
kenswert bestätigt, besser jedenfalls als die meisten
anderen ökonomischen Theorien, und daher ist es
auch sinnlos, in dem Heuhaufen vergangener Kurse
nach Informationen über die künftige Entwicklung
herumzustochern. Von kleinen Kalendereffekten und
anderen Anomalien abgesehen läßt sich auf Aktien-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Chartanalyse 62

märkten durch Kurvenanalyse langfristig keine müde


Mark verdienen. Auch wenn der eine oder andere
Chartist so wie im Lotto einmal einen Treffer landet,
das Gewerbe der Kurvenleser insgesamt kann seine
Meister nicht ernähren, und systematische Treffer bei
Kursprognosen sind so häufig wie systematische
Hauptgewinne in einer Lotterie.
Die einzige Möglichkeit zur Verbesserung der Pro-
gnose »aktueller Kurs plus erwartete alias geforderte
Rendite« sind Insiderinformationen, wie auf einem
Schiff im Nebel, das anders als die anderen ein Ra-
dargerät besitzt. Aber selbst solche Insider schöpfen
ihren Vorsprung nicht aus der Vergangenheit, sondern
daraus, daß sie weiter als andere in die Zukunft sehen;
außerdem tragen sie gerade durch ihre Aktivitäten
selber dazu bei, den aktuellen Kurs auf das Niveau zu
heben oder auch zu drücken, das mit der Zukunft
kompatibel ist.
& Lit.: Clive Granger und Oskar Morgenstern: Pre-
dictability of stock market prices, Lexington
1970; S.J. Taylor: Modelling financial time se-
ries, New York 1986; W. Krämer: Stichwortarti-
kel »Kapitalmarkteffizienz« in: Handwörterbuch
des Finanz- und Börsenwesens, 2. Aufl., Stuttgart
1994; »Börsensoftware«, mehrteilige Serie im
Handelsblatt, 1994/1995.
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LexPI Bd. 1 China 63

China
Chinesen haben gelbe Haut (s.a. ð »Indianer«)
Ein typischer Chinese ist nicht gelber als ein typischer
Franzose – an der Haut allein sind Europäer und Chi-
nesen nicht zu unterscheiden.
Bei der ersten Begegnung des Fernen Ostens mit
Europa ist auch von einer »gelben« Rasse keine Rede.
»Di nostra qualità« – »von unserer Art« seien die
Chinesen, berichtet der italienische China-Reisende
Andrea Corsali 1515, und einige Jahre später hält der
kaiserliche Geheimschreiber Transsylvanus aufgrund
von Aussagen heimkehrender portugiesischer Seeleute
fest, die Chinesen seien »ein weißhäutiges Volk mit
recht hochstehendem Gemeinwesen, ... das unserem
Deutschen ähnelt«.
Zum ersten Mal taucht die Farbe gelb im 18. Jahr-
hundert auf, als man begann, die Menschen in Rassen
aufzuteilen; weil man dazu eine »Zwischenrasse«
zwischen den Weißen im Norden und den Schwarzen
im Süden brauchte, erfand man die Gelben – zunächst
die Inder, dann auch die Chinesen wurden per Dekret
für gelb erklärt. Nach einem damals sehr beliebten
Handbuch des Göttinger Medizinprofessors Johann
Friedrich Blumenbach ist die sog. »kaukasische
Rasse« von weißer Farbe, die mongolische Rasse da-
gegen »meist waizengelb (theils wie gekochte Quit-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 China 63

ten, oder wie getrocknete Citronschaalen)«, die ameri-


kanische Rasse »kupferroth« und die afrikanische
Rasse schwarz.
Diese Urteile wurden meist zu Hause am Schreib-
tisch aufgrund von heute eher lächerlich anmutenden
theoretischen Überlegungen getroffen (Beispiel: Asia-
ten erkranken oft an Gelbsucht; deshalb bleiben sie
für den Rest des Lebens gelb), in der Regel ohne die
Objekte dieser Eingruppierung je von Angesicht zu
Angesicht zu sehen, nur unterstützt von einer Vorlie-
be der Chinesen selber für die Farbe gelb: »Sooft ich
an meine Kindheit zurückdenke«, schreibt der letzte
Kaiser Pu Yi in seinen Erinnerungen, »legt sich ein
Schleier von Gelb über meine Erinnerungen: Die gla-
sierten Dachziegel waren gelb, die Sänfte war gelb,
das Futter meiner Kleider und Hüte, die Schalen und
Teller, aus denen ich aß und trank, waren gelb ... Es
gab nichts um mich, was nicht gelb war.«
Mit dieser Vorliebe für gelb (der »gelbe Fluß«, der
mythologische »gelbe Kaiser«, alles Große, Göttliche
war gelb) kamen die Chinesen den klassifizierungs-
wütigen europäischen Naturforschern quasi auf hal-
bem Weg entgegen, auch wenn ihre Haut dadurch
kein bißchen gelber wurde.
& Lit.: Walter Demel: »Wie die Chinesen gelb wur-
den«, Historische Zeitschrift 255, 1992, S.
625–666.
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LexPI Bd. 2 China. 58

China
Im alten China trugen die Männer Zöpfe
Im alten China trugen Männer keine Zöpfe; erst die
zopftragenden Mandschu, die ab Mitte des 17. Jahr-
hunderts als Fremde über China herrschten, zwangen
die Chinesen, so wie die Mandschu einen Zopf zu tra-
gen. Aber dieses aufgezwungene Tragen eines Zopfes
wurde von den Chinesen eher als demütigend empfun-
den und bei der ersten Gelegenheit auch wieder abge-
schafft.
& Stichwort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Chinesische Mauer 1 59

Chinesische Mauer 1
Die Chinesische Mauer und das Aachener Groß-
klinikum sind die einzigen Gebäude auf der Erde,
die man vom Mond mit bloßem Auge sehen kann
Zumindest der erste Teil dieser Behauptung wurde
und wird noch immer gern geglaubt (der zweite Teil
ist ein Kommentar von Norbert Blüm zum Wachstum
des deutschen Medizinbetriebs). In Wahrheit sind
aber beide Teile dieses Satzes falsch; die Chinesische
Mauer ist maximal zehn Meter breit, ein solches Ob-
jekt ist vom Mond, d.h. aus 300.000 km Abstand, ge-
nausogut zu sehen wie ein 1 mm breiter Bindfaden
aus 30 km Entfernung – nur mit einem starken Fern-
rohr, aber nicht mit bloßem Auge. Allenfalls die Spa-
celab- oder Shuttle-Astronauten können noch die
Mauer sehen – wenn die Sonne sehr tief steht und die
Mauern lange Schatten werfen. Aber diese fliegen
auch nicht 300.000 km, sondern nur einige Hundert
km über dieser Mauer.
& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's? Die Chinesi-
sche Mauer kann man vom Mond aus mit bloßem
Auge erkennen«, Die Zeit, 18.7.1997; Stichwort
vorgeschlagen von Manfred Alberti.

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LexPI Bd. 2 Chinesische Mauer 2 59

Chinesische Mauer 2
Die Chinesische Mauer ist die längste Grenzbefe-
stigung der Welt
Die Chinesische Mauer ist 2000 km kürzer als der
»Große Australische Hundezaun«; mit einer Gesamt-
länge von 5530 km ist dieser die längste feste Grenze
auf der Welt.
Der Große Australische Hundezaun zieht sich quer
durch den Osten des Kontinents von der Großen Au-
stralischen Bucht im Süden durch die Weiden und
Wüsten der Bundesstaaten South Australia, New
South Wales und Queensland bis zum Pazifischen
Ozean bei Brisbane, wo er kurz vor dem Meer in den
Äckern und Baumwollfeldern des Küstenstreifens
endet, und er trennt keine Menschen, sondern Tiere:
Dingos auf der einen und Schafe auf der anderen
Seite. Ende des 19. Jahrhunderts als lokaler Schutz
begonnen, dann immer mehr erweitert, schließlich zu
einem einzigen, den Kontinent zertrennenden riesigen
Drahtgeflecht verbunden, schützt er die riesigen
Schafherden des australischen Südostens vor den Din-
gos, den vor mehreren Tausend Jahren von asiati-
schen Seefahrern nach Australien gebrachten wilden
Hunden, die sich gedacht haben: Jetzt ist Weihnach-
ten und Ostern auf einmal, als sie die ersten europäi-
schen Siedler mit ihren Schafen sahen.
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LexPI Bd. 2 Chinesische Mauer 2 60

Dingos fressen alles, was sich im Busch bewegt,


Schlangen, Känguruhs, Kaninchen, auch Kälber, am
liebsten aber Schafe, und sie haben schon manchen
Schafzüchter in den Ruin getrieben. Als diese daher
merkten, daß Fallen stellen, Gift verstreuen oder Prä-
mien für tote Dingos auszusetzen nicht mehr halfen,
zäunten sie ihre Schafreviere einfach ein, verbanden
diese Zäune dann peu à peu zu immer größeren Gebil-
den (»The dog fence« im Bundesstaat South Austra-
lia, »The border fence« im Bundesstaat New South
Wales, »The barrier fence« im Bundesstaat Queens-
land) und schlossen diese schließlich 1960 zu einem
einzigen Zaun – dem Großen Australischen Hunde-
zaun – zusammen.
& Lit.: Stichwort »Dingo« in der MS Microsoft En-
zyklopädie Encarta, 1994; »Travelling the Austra-
lian Dog Fence«, National Geographic 191, April
1997, S. 18–37.
¤ Der Große Australische Hundezaun – die längste
Grenzbefestigung der Welt

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LexPI Bd. 2 Chinesische Sprache 61

Chinesische Sprache
Es gibt eine chinesische Sprache
Eine Sprache namens Chinesisch gibt es nicht, es gibt
nur diverse Dialekte wie Mandarin oder Kantone-
sisch, aber keine »Hochsprache«, die alle diese Dia-
lekte überdeckt, so wie das Hochdeutsche das Platt-
deutsche und das Bayrische überdeckt. Ein Chinese,
der von Shanghai Richtung Peking reist, gleicht
sprachlich einem Bayern auf den Nordseeinseln; aber
anders als ein Bayer auf den Nordseeinseln kann er
sich mit seinen Gastgebern nicht auf einen gemeinsa-
men Nenner einigen, einen solchen gemeinsamen
Nenner gibt es für Chinesen nicht.
Das einigende Band der Chinesen ist nicht die
Sprache, sondern die Schrift – eine auf Symbolen auf-
bauende Bilderschrift wie die Figuren und Symbole
auf unseren Flughäfen und Bahnhofstoiletten. Wie
man das Gemeinte ausspricht, ist dann nebensächlich,
das Symbol wird überall in China gleich verstan-
den ...
& Lit.: Eduardo Fazzioli: Gemalte Wörter, Bergisch
Gladbach 1987; Stichwort vorgeschlagen von Al-
fredo Grünberg.
¤ Chinesisch für »Frau«: je nach Dialekt verschieden
ausgesprochen, aber als Schrift überall gleich ver-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Chinesische Sprache 61

standen

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Cholesterin 64

Cholesterin
Hohe Cholesterinwerte im Blut sind zu bekämp-
fen
Ein Übermaß an Cholesterin alias Blutfett soll unsere
Arterien verkalken und so alle möglichen Herz-Kreis-
laufkrankheiten bewirken, aber wenn man verschiede-
nen neuen Studien dazu glauben darf, ist das Reduzie-
ren eines tatsächlich oder vermeintlich zu hohen Blut-
fettspiegels oft gefährlicher als dieser Blutfettspiegel
selbst. Denn auch wenn es stimmt, daß dann das Risi-
ko von gewissen Krankheiten abnimmt, das Risiko
von anderen Krankheiten nimmt dadurch zu, und das,
worauf es letztlich ankommt, die Lebenserwartung
nämlich, bleibt genauso wie sie vorher war.
So hat eine amerikanische Forschergruppe von der
Universität Pittsburg herausgefunden, daß Patienten,
deren Blutfettwerte mit welchen Mitteln auch immer
gesenkt worden waren, öfter als andere tödlich
verunglückten, Selbstmord begingen oder Opfer von
Gewaltverbrechen wurden (Muldoon et al., 1990);
wie die Forscher meinen, fördert Blutfettsenkung un-
sere Aggression. Deshalb wird der Netto-Nutzen der
Cholesterinsenkung von vielen Medizinern immer
mehr bezweifelt.
Daß diese und ähnliche Wahrheiten über die Ne-
benwirkungen von Blutfettsenkung sich nur schwer
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Cholesterin 64

verbreiten, liegt vor allem an den Interessen derer, die


an der Cholesterinhysterie so gut verdienen, und die
vor allem solche Studien zitieren, die günstige Effekte
bei Blutfettsenkung finden: Wie eine Auswertung der
einschlägigen Literatur ergab (Ravnskov 1992), wer-
den Studien, die Blutfettsenkung unterstützen, im
Durchschnitt fünf- bis achtmal häufiger zitiert als Stu-
dien mit widersprüchlichen oder ungünstigen Ergeb-
nissen.
& Lit.: Matthew F. Muldoon et al.: »Lowering cho-
lesterol concentrations and mortality: a quantitati-
ve review of clinical prevention trials«, British
Medical Journal 301, 1990, 309–314; U.
Ravnskov: »Cholesterol lowering trials in corona-
ry heart disease: frequency of citation and outco-
me«, British Medical Journal 305, 1992, 15–19;
Dieter Borges: Cholesterin: Das Scheitern eines
Dogmas. Berlin 1993.

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LexPI Bd. 2 Cholesterin. 61

Cholesterin
Cholesterin ist schädlich (s.a. ð »Fett«)
Cholesterin ist für den Körper durchaus nützlich
(ohne Cholesterin z.B. könnte unser Organismus
keine Sexualhormone produzieren, deswegen bewir-
ken cholesterinsenkende Medikamente zuweilen Im-
potenz). Wie immer ist auch hier die Menge und die
Herkunft wichtig: Menschen mit einem hohen Butter-,
Ei- und Milchkonsum z.B. werden eher seltener von
einem Herzinfarkt betroffen als Menschen, die diese
cholesterinhaltigen Lebensmittel meiden.
& Lit.: H.-J. Holtmeier: Cholesterin: Zur Physiolo-
gie, Pathophysiologie und Klinik, Berlin 1996;
Stichwort vorgeschlagen von Max Dienel.

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LexPI Bd. 1 Chop Suey 65

Chop Suey
Chop Suey ist ein typisch chinesisches Gericht
(s.a. ð »Ketchup«)
Chop Suey ist in China unbekannt. Es wurde im 19.
Jahrhundert als »Gericht nach chinesischer Art« in
den USA erfunden; von dort hat es seinen Siegeszug
durch viele China-Lokale auf der Erde angetreten, nur
nicht in China selbst.
& Lit.: H. Haenchen (Hrsg.): Menü, Hamburg 1976.

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LexPI Bd. 2 Coca-Cola 62

Coca-Cola
Ein Stück Fleisch löst sich über Nacht in Coca-
Cola auf
Stimmt nicht, wie der Zeit-Redakteur Christoph Drös-
ser herausgefunden hat: »Nach 24 Stunden in der
Koffeinbrause hat sich das Stückchen Rinderfilet hell-
braun verfärbt, ist sehr mürbe geworden und riecht
übel. Die braune Farbe der Cola ist ausgefällt und
schwebt in Gestalt unappetitlicher Flocken in der
trüben Brühe. Auf der Oberfläche hat sich ein brauner
Schaum gebildet.«
Aber aufgelöst hat sich das Filet nicht. Wahr ist
dagegen, daß ein über Nacht in Cola eingelegter rosti-
ger Nagel entrostet wird und sogar noch einen Anti-
korrosionsbezug erhält.
& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's?«, Die Zeit,
21.11.1997.

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LexPI Bd. 2 Code Napoléon 62

Code Napoléon
Der »Code Napoléon« geht auf Napoleon zurück
Der »Code Napoléon« ist das französische Gegen-
stück des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (kor-
rekter Name: »code civil«). Er regelt in 2281 Artikeln
den Umgang der Franzosen miteinander und hat auch
das Vorbild für ähnliche Gesetzeswerke in Italien,
Spanien, Portugal und Holland abgegeben; anders als
sein Name vermuten läßt, wurde er zwar während der
Regierung Napoleons, aber durchaus ohne dessen
Mitwirkung verfaßt (die wichtigsten Autoren waren
die Juristen F.-D. Tronchet, F. Bigot de Prémaneu,
J.-E.-M. Portalis und J. de Meleville; der Code trat
1804 in Kraft).
& Lit.: Stichwort »Code« in der Brockhaus Enzyklo-
pädie, Wiesbaden 1990; Stichwort vorgeschlagen
von H. van Maanen.

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LexPI Bd. 1 Colosseum 65

Colosseum
Im römischen Colosseum wurden Christen abge-
schlachtet
Auch wenn verschiedene Romane und Theaterstücke
uns anderes erzählen (siehe etwa »Androkles und der
Löwe« von George Bernard Shaw): Im Colosseum
wurden niemals Christen den Löwen oder irgendwel-
chen anderen Tieren vorgeworfen, noch wurden sie
hier ganz »normal« getötet. Die Christen, die im alten
Rom als Märtyrer gestorben sind, haben ihren Tod
woanders gefunden, nicht im Colosseum.
& Lit.: Stichwortartikel »Coliseum« in Catholic En-
cyclopaedia, Chicago 1963.

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LexPI Bd. 2 Computer 1 63

Computer 1
Die Computer sind der Hauptmotor des wirt-
schaftlichen Produktivitätsfortschritts
Computer tragen weit weniger zur Produktivität der
Wirtschaft bei, als viele glauben; die »Produktivitäts-
wunder« (»productivity miracles«), die viele von der
Computerisierung der modernen Welt erhoffen, sind
bislang leider ausgeblieben: Gemessen am Sozialpro-
dukt pro Arbeitsstunde sind wir heute nicht viel wei-
ter als vor 20 Jahren, verglichen mit der Erfindung
des Fließbands Anfang des Jahrhunderts ist die Erfin-
dung des Computers für die Wirtschaft eine Margina-
lie gewesen.
Wahr ist: Die Computer selber werden immer effi-
zienter. Wahr ist aber auch: Computer sind für unsere
Wirtschaft längst nicht so wichtig, wie die meisten
glauben, oft behindern sie sogar den Fortschritt, statt
ihn zu befördern. Daten kann man nicht essen, und
die Datenverarbeitung ist eine brotlose Kunst, wenn
sie wie oft zu beobachten zum Selbstzweck wird. Mil-
liarden von Arbeitsstunden werden aufgewendet, nicht
um irgend etwas Nützliches zu produzieren, sondern
um Computer aufzustellen und zu warten, in vielen
Universitäten und Behörden verbringen immer mehr
Menschen immer mehr Dienststunden nicht damit,
Kunden zu bedienen oder Akten zu besorgen, sondern
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Computer 1 63

damit, vor Computern herumzusitzen und überflüssi-


ge Informationen zu verdauen oder die jeweils letzten
Versionen der zum Bearbeiten der Akten nötigen Pro-
gramme einzuüben (die Autoren dieses Buches haben
einen guten Teil der letzten Monate damit zugebracht,
nicht diesen Text zu schreiben, sondern das Manu-
skript von Word 5.0 auf Word '97 umzustellen). Zieht
man daher von den unbestrittenen Vorteilen der EDV,
vor allem in der Beschleunigung von Routine-Abrech-
nungs- und Adressierfunktionen, die Nachteile ab, die
überhaupt erst durch die EDV entstanden sind, so
bleibt von den Wundern der EDV-Revolution nicht
allzuviel zurück – manche Wissenschaftler meinen,
daß die Welt von heute nicht viel ärmer wäre, hätte
man die Rechner nie erfunden.
& Lit.: Alan S. Blinder und Richard E. Quandt:
»The computer and the economy«, Atlantic
Monthly 12/1997.

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LexPI Bd. 2 Computer 2 64

Computer 2
Computerfreaks sind Menschenfeinde
Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Al-
lensbach fürchten 52% aller Bundesbürger, Computer
könnten schlimme Folgen für die Menschen haben –
Computerfreaks zögen sich immer mehr in die eige-
nen vier Wände zurück, sie würden so zu Menschen-
feinden.
In Wahrheit haben Computerfachleute aber eine
»überdurchschnittlich stark ausgeprägte kommunika-
tive Persönlichkeit«, so Allensbach, sie trügen dazu
bei, »den Zug in Richtung auf eine hochtechnisierte
Informationsgesellschaft« auf humane Weise anzu-
treiben.
Andere Forscher haben Gleiches festgestellt. »Ent-
gegen der Annahme, daß intensive Computernutzung
zu Persönlichkeitsstörungen führt, konnten wir bei
unserer studentischen Stichprobe feststellen, daß gera-
de die expliziten Computerhasser und die distanziert
unerfahrenen StudentInnen durch hohe Werte auf der
zusammenfassenden Neurotismus-Skala (...) auffal-
len«, berichten Psychologen aus der Universität Düs-
seldorf; auch sie fanden unter den Computerfreunden
eher menschenfreundliche Naturen. »Solche Jugendli-
che verfügen über Ausgeglichenheit und Selbstver-
trauen und sind reif, belastbar, emotional stabil und
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Computer 2 64

kontaktbereit.«
& Lit.: Georg Gittler und Willy Kriz: »Jugendliche
und Computer: Einstellungen, Persönlichkeit und
Interaktionsmotive«, Zeitschrift für experimentelle
und angewandte Psychologie 49, 1992, S.
171–193; Matthias Petzold, Manuela Romahn
und Sabine Schikorra: »Persönlichkeitseinstellun-
gen und Computernutzung bei Studentinnen und
Studenten«, Medien + Erziehung 6/1996; »Um-
frage: Computer machen nicht einsam«, Borkener
Zeitung, 8.3.1997; Stichwort vorgeschlagen von
Jens Sylvester.

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LexPI Bd. 2 Coriolis-Kraft 64

Coriolis-Kraft
Wegen der Coriolis-Kraft dreht sich das Bade-
wasser am Abfluß immer linksherum
Das Badewasser dreht sich am Abfluß einmal links-
herum und einmal rechtsherum, wie es der Zufall will.
Die sogenannte Coriolis-Kraft, die etwa dafür sorgt,
daß sich großflächige Hoch- und Tiefdruckwirbel auf
der Nordhalbkugel unserer Erde wie der Uhrzeiger
(Hoch) oder gegen den Uhrzeiger (Tief) bewegen, ist
viel zu schwach, um unser Badewasser umzulenken.
Wegen der Coriolis-Kraft wird ein Riese, der auf
dem Nordpol steht und einem zweiten Riesen am
Äquator einen Ball zuwirft, seinen Kompagnon ver-
fehlen: Wenn der Ball den Äquator erreicht, hat die
rotierende Erde den Fänger weggedreht, die Coriolis-
Kraft lenkt alle Materie nach links, die sich auf der
Nordhalbkugel von Norden nach Süden bewegt (und
umgekehrt auf der Südhalbkugel: hier lenkt sie alle
nordwärts strebende Materie nach rechts). Aber an-
ders als uns manche Physik-Lehrbücher lehren, reicht
die Coriolis-Kraft nicht aus, die Abflußrichtung unse-
res Badewassers zu bestimmen, dazu ist sie viel zu
klein.
& Lit.: Paul A. Tipler: Physik, Heidelberg 1994 (be-
sonders Kapitel 5.4: »Scheinkräfte«); Stichwort
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Coriolis-Kraft 65

»Bad meteorology« über die Internet-Adresse


www.ems.psu.edu/fraser/bad/badCoriolis.html.

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LexPI Bd. 2 Croissants 65

Croissants
Croissants kommen aus Frankreich
Croissants kommen nicht aus Frankreich, sondern aus
Österreich, genau gesagt aus Wien, wo sie 1683 wäh-
rend der Belagerung durch die Türken erfunden wur-
den. Der Legende nach hörten Wiener Bäcker bei
ihrer nächtlichen Arbeit die Türken einen Tunnel gra-
ben, um die Stadt von unten einzunehmen; sie alar-
mierten die Wachsoldaten und vereitelten den türki-
sche Plan; zur Erinnerung kreierten die Bäcker das
bekannte halbmondförmige Backwerk, das sie mit
dem eleganten Namen »Croissant« (frz.: Halbmond)
schmückten.
& Lit.: Helmut Haenchen (Hrsg.): Menü. Das große
moderne Kochlexikon, Hamburg 1978.

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LexPI Bd. 2 Curry 65

Curry
Curry ist ein indisches Gewürz
Curry – vom tamilischen »kari« (= Soße oder
Tunke) – ist kein Gewürz, sondern eine Mischung
von Gewürzen: u.a. Anis, Zimt, Paprika, Ingwer,
Kümmel, Pfeffer, Nelken, Muskat, Mohnsamen und
Koriander.
& Lit.: J. Rani: Feast of India, Neu-Delhi 1991;
Stichwort vorgeschlagen von Tobias Krämer.

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D 66

»Der Mensch ist bereit, für jede Idee zu sterben,


vorausgesetzt, daß ihm die Idee nicht ganz klar
ist.«
G.K. Chesterton

»Ein aufrichtiger Irrtum ist keine Lüge,


er ist nur ein Schritt auf die Wahrheit zu.«
Romain Rolland

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LexPI Bd. 2 Dalai Lama 66

Dalai Lama
Ein typischer Bundesbürger kennt den Dalai
Lama nur über viele Zwischenstationen
Jeder Leser dieser Zeilen kennt nach vier bis fünf Sta-
tionen (= gemeinsamen Bekannten) jeden anderen
Menschen dieser Erde, auch den Dalai Lama.
Ein erwachsener Mensch hat typischerweise zwi-
schen 1000 und 2000 Bekannte, also Leute, die er mit
Namen kennt und die auch ihn mit Namen kennen.
Dieser Kreis von unmittelbaren Bekannten explodiert
jedoch geradezu, wenn wir zu den Bekannten dieser
Bekannten übergehen. Diese mittelbaren Bekannten
vermehren sich nämlich nicht additiv, wie viele hier
intuitiv unterstellen, sondern multiplikativ: Die tau-
send Bekannten unserer Bekannten sind nicht zu un-
seren eigenen Bekannten hinzuzuzählen, sondern mit
unseren eigenen Bekannten malzunehmen. Wenn
jeder unserer eigenen – sagen wir tausend – Bekann-
ten wieder tausend Menschen kennt, und wenn es
dabei keine Überlappungen gibt, sind wir schon nach
einem einzigen Zwischenschritt bei tausend mal tau-
send = einer Million Bekannten zweiter Stufe ange-
kommen!
Auch wenn die jeweils tausend Bekannten unserer
eigenen Bekannten nicht alle verschieden sind (was
auch unmöglich ist, denn mindestens eine Person –
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Dalai Lama 66

wir selber – kommt sogar in allen diesen Mengen


vor), so nimmt doch der Bekanntenkreis mit dieser
zweiten Stufe ungeheuer zu: Wenn wir einmal unter-
stellen, daß nur hunderttausend dieser einen Million
Bekannter zweiter Stufe wirklich unterschiedliche
Personen sind, so ist trotzdem die Wahrscheinlichkeit
recht groß, daß ein zufällig ausgewählter Bundesbür-
ger, etwa unser Sitznachbar im ICE, zumindest einen
davon kennt; sie beträgt
1 - (79.900.000/80.000.000)1000 = 71,4%
Das heißt, mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als
zwei Drittel sind wir mit einem beliebig ausgewählten
Bundesbürger über maximal zwei Stationen persön-
lich bekannt.
Bei drei Stationen ist die Wahrscheinlichkeit für
eine Bekanntschaft nochmals größer, und bei vier Sta-
tionen bleibt fast niemand in der Republik mehr
übrig, der nicht mit uns selber über die eine oder an-
dere Bekanntenkette zusammenhängt.
Nun ist der Dalai Lama kein Bundesbürger; aber es
reicht, wenn er einen einzigen Bundesbürger kennt:
Wenn wir zu diesem Zwischenglied drei Schritte
brauchen, dann sind es bis zum Dalai Lama vier.
& Lit.: S. Milgram: »The small world problem«,
Psychology Today, Mai 1967; M. Kochen
(Hrsg.): The small world, Norwood 1989; W.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Dalai Lama 67

Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des


Zufalls und der Zahlen, Frankfurt a.M. 1995.

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LexPI Bd. 1 Dampfmaschine 66

Dampfmaschine
Die Dampfmaschine ist eine Erfindung von James
Watt
Die erste Dampfmaschine wurde 1655 von Edward
Somerset, Marquis und Earl von Worcester entwor-
fen. Im Jahr 1685 produzierte Denis Papin ein erstes
funktionierendes Modell, und 1712 installierte Tho-
mas Newcomen in Tipton, England, die erste echte
Dampfmaschine – zwei Dutzend Jahre vor James
Watts Geburt.
Das Verdienst von James Watt – kein geringes,
aber eben nicht die Erfindung der Maschine selbst –
bestand vor allem in einer drastischen Steigerung der
Effizienz. Die Maschinen seiner Vorgänger z.B. er-
hitzten und kühlten den Dampf im gleichen Zylinder –
in James Watts Maschine dagegen bleibt der Arbeits-
zylinder immer heiß; der verbrauchte Dampf konden-
siert woanders, die Wärmeenergie wird besser ausge-
nutzt. Durch diese und verschiedene andere Verbes-
serungen war es möglich, Dampfmaschinen nicht nur
wie bis dato zum Betreiben langsamer Pumpen in
Bergwerken, sondern auch in Fabriken und später
dann in Eisenbahnen einzusetzen.
& Lit.: L.T.C. Holt: »Steam engine«, in E. de Bono
(Hrsg.): Eureka!, London 1947; Stichwortartikel
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Dampfmaschine 66

»Steam engine« in Microsoft CD-ROM Enzyclo-


pädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Dampfschiff 66

Dampfschiff
Viele Lexika wie Brockhaus oder Meyer bezeichnen
den 1807 gebauten Dampfer »Claremont« des Ameri-
kaners Robert Fulton als das erste brauchbare Dampf-
schiff der Welt. In Wahrheit hieß Fultons Dampfer
aber »North River Steam Boat«, und er war auch
nicht der erste seiner Art. Schon 1783 hatte ein
Dampfboot des Marquis d'Abbans die französische
Saone befahren, und auch die amerikanischen Inge-
nieure James Ramsey und John Fitch hatten schon vor
Fulton erfolgreich Dampfschiffe betrieben und ge-
baut. Jedoch war Fulton der erste, der das Ganze auch
wirtschaftlich erfolgreich tat, und so trug er allein die
Lorbeeren davon.
Der falsche Name seines Schiffes stammt vermut-
lich von einem Ort namens Clermont, wo Fultons
Boot öfters anlegte.
& Lit.: Ashley Montagu und Edward Darling: The
prevalence of nonsense, New York 1967.
¤ Fulton's erste Dampffähre »Clermont« zwischen
New York und Albany, 1807

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LexPI Bd. 1 Davidstern 67

Davidstern
Der Davidstern ist ein altes jüdisches Symbol
Der sechszackige Davidstern, den die Juden unter der
Naziherrschaft auf den Kleidern tragen mußten, ist
erst sehr spät, im 19. Jahrhundert, zu dem Symbol des
Judentums geworden, als das wir ihn heute kennen.
Damals begannen die Juden, diesen Stern als Kenn-
zeichen ihres Glaubens auf ihren Synagogen anzu-
bringen, so wie die Christen auf ihren Gotteshäusern
ihre Kreuze.
Bis dato hatte man dem Stern keine besondere Be-
deutung beigemessen; er war als eines von vielen ma-
gischen Symbolen auch in anderen Kulturen weit ver-
breitet.
& Lit.: Encyclopedia Judaica, Philadelphia 1971.

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LexPI Bd. 2 Delphine 67

Delphine
Delphine sind Fische
Delphine sind Säugetiere wie die Wale, keine Fische.
Säugetiere sind Warmblütler und atmen durch die
Lunge (außerdem säugen sie ihre Jungen mit Milch
aus Milchdrüsen, daher der Name). Fische dagegen
sind Wechselblütler, sie atmen durch Kiemen und zie-
hen ihre Jungtiere auf, ohne sie zu säugen.
& Stichwort angeregt von Michaela Wieben.

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LexPI Bd. 1 Demokratie 67

Demokratie
Demokratie bedeutet Herrschaft durch das Volk
Als man ihnen sagte, sie seien jetzt in einer Demokra-
tie, sollen zwei blinde Passagiere aus Kuba im Hafen
von Antwerpen voller Panik über Bord gesprungen
und ertrunken sein.
Daran sehen wir zumindest schon einmal das eine:
Demokratie bedeutet verschiedenen Menschen Ver-
schiedenes. Die hierzulande am weitesten verbreitete
Bedeutung ist »Herrschaft durch das Volk«: »Demo-
kratie, Form des polit. Lebens, die die Willensbildung
der Gemeinschaft oder des Staates vom Willen des
gesamten Volkes ableitet« (Brockhaus Kompakt).
Mit dieser Begriffsbestimmung sind viele Denker
aber nicht ganz einverstanden. »Für uns gibt es nur
zwei Regierungsformen«, schreibt etwa der große
Philosoph Karl Popper, »solche, die es den Regierten
möglich machen, ihre Machthaber ohne Blutvergießen
loszuwerden, und solche, die es ihnen nicht möglich
machen oder nur durch Blutvergießen. Die erste die-
ser Regierungsformen nennen wir gewöhnlich Demo-
kratie, die zweite Tyrannei oder Diktatur.«
In diesem Sinn war etwa die Schweiz auch ohne
Frauen-Wahlrecht eine gute Demokratie, das Rußland
Stalins mit seinem allgemeinen Wahlrecht aber nicht.
Denn die Schweiz ließ auch ohne Frauenwahlrecht
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LexPI Bd. 1 Demokratie 68

einen Wechsel der Regierung ohne Blutvergießen zu,


Rußland trotz Frauenwahlrecht aber nicht. Nach die-
ser Sicht der Dinge ist das A und O einer demokrati-
schen Verfassung allein die Leichtigkeit, mit der die
Regierten, wenn sie wollen, ihre Regierer loswerden
können; ob alle oder nur wenige der Bürger an diesem
Hinauswerfen teilhaben, ist erst in zweiter Linie wich-
tig.
& Lit.: Karl Popper: Auf der Suche nach einer bes-
seren Welt, München 1984.

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LexPI Bd. 2 Denk ich an Deutschland in der Nacht ... 67

Denk ich an Deutschland in der Nacht ...


Mit diesen Worten beklagte Heinrich Heine den
desolaten Zustand seines Vaterlandes
Die obigen, gern falsch zitierten Worte Heinrich Hei-
nes galten seiner Mutter; Heines Heimat Deutschland
kommt in dem Gedicht »Nachtgedanken«, das mit
dem berühmten Satz anfängt, eher sorgenfrei und son-
nig vor. Hier das komplette Gedicht:
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!


Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.


Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,


Und in den Briefen, die sie schrieb,
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LexPI Bd. 2 Denk ich an Deutschland in der Nacht ... 68

Seh ich, wie ihre Hand gezittert,


Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.


Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,


Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,


Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,


So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl


Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!
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LexPI Bd. 2 Denk ich an Deutschland in der Nacht ... 68

Gottlob! durch meine Fenster bricht


Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

& Lit.: Heinrich Heine: Sämtliche Schriften, Mün-


chen 1971 (die »Nachtgedanken« sind aus dem
Band »Neue Gedichte«); Stichwort angeregt von
Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Deodorant 69

Deodorant
Deos sind neumodische Luxusgüter (s.a. ð
»Schweiß 2«)
Schon die alten Ägypter und Sumerer nutzten Deos:
Sie empfahlen das Einreiben der Achselhöhlen mit
parfümiertem Öl, wofür sie spezielle Zitrus- und Zim-
tölkonzentrate entwickelt hatten, die auch in großer
Hitze nicht ranzig werden konnten. Diese Rezepte
wanderten auch nach Griechenland und Rom, dann
wurden sie vergessen.
Zu den eigentlichen Gründen des Körpergeruchs,
zu den Bakterien, die in feuchten, warmen Achselhöh-
len so prächtig gedeihen, sind aber weder die Ägypter
noch die Griechen noch die Römer vorgestoßen; anti-
ke Deos überdeckten im wesentlichen nur einen Ge-
ruch durch einen anderen, erst vor wenigen Jahrzehn-
ten entlarvte man die Feuchtigkeit und die darin le-
benden Bakterien als die eigentlichen Bösewichte.
& Lit.: C. Panati: Universalgeschichte der ganz ge-
wöhnlichen Dinge, Frankfurt a.M. 1994.

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LexPI Bd. 2 Destilliertes Wasser 69

Destilliertes Wasser
Wer ausschließlich destilliertes Wasser trinkt,
muß sterben
Destilliertes Wasser enthält keine Salze; nach einer
verbreiteten Legende sollen deshalb Menschen, die
nur destilliertes Wasser trinken, ein Opfer der soge-
nannten Osmose werden: Von destilliertem Wasser
umgebene Körperzellen sollen sich demnach bei dem
Versuch, durch Flüssigkeitsaufnahme den Konzentra-
tionsunterschied von Salzen innerhalb und außerhalb
der Zelle auszugleichen, derart vollpumpen, daß sie
schließlich platzen.
Diese Theorie ist aber allein schon deshalb falsch,
weil Menschen den größten Teil der nötigen Salze
und Mineralien über feste Nahrung zu sich nehmen,
die sich dann im Magen mit Getränken aller Art ver-
mengt. Mit anderen Worten: Ob Mineral- oder destil-
liertes oder Kranenwasser, das Wasser, das mit unse-
ren Verdauungsorganen in Kontakt gerät, enthält auf
jeden Fall ausreichend Salz, um diese Osmose zu ver-
hindern.
& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's? Wer destil-
liertes Wasser trinkt, stirbt«, Die Zeit, 19.9.1997;
Stichwort angeregt von Christian Kleiber.

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LexPI Bd. 2 Deutsche Autos 70

Deutsche Autos
Deutsche Autos werden in Deutschland herge-
stellt
Jeder dritte Pkw mit deutschem Markenzeichen ver-
läßt inzwischen das Fließband jenseits unserer Lan-
desgrenze, Tendenz steigend: Im Jahr 1990 wurden
insgesamt 1,6 Millionen von insgesamt 6,3 Millionen
Einheiten im Ausland hergestellt, 1996 schon 2,4
Millionen (von insgesamt 6,9 Millionen).
& Lit.: »Mobile Wirtschaft«, Informationsdienst des
Instituts der Deutschen Wirtschaft 17/1997.

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LexPI Bd. 1 Deutsche Sprache 68

Deutsche Sprache
Deutsch wäre um ein Haar die Amtssprache der
USA geworden
Richtig ist, daß Englisch als die Sprache der verhaß-
ten Kolonialmacht England im Nordamerika des spät-
en 18. Jahrhunderts nicht von allen Menschen gern
gesprochen wurde. Und wenn wir den Berichten des
Deputierten Johan Jakob Mühlenberg vertrauen dür-
fen, hat das Englische sogar in einer einschlägigen re-
gionalen Abstimmung nur mit einer einzigen Stimme
gegenüber dem Deutschen die Oberhand behalten.
Aber daraus darf man keine übereilten Schlüsse
ziehen; die Mehrheit der Menschen in den damaligen
englischen Kolonien konnte kein Deutsch, und diese
Abstimmung war wohl eher als Beleidigung der Eng-
länder gedacht.
& Lit.: P.G. Crean: Believe it or not, Toronto 1982.

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LexPI Bd. 2 Deutsche Sprache 1 70

Deutsche Sprache 1
Die »Eindeutscher« des 18. und 19. Jahrhunderts
waren fremdenfeindlich (s.a. ð »Brüderlichkeit
2«)
Schon im 18. und 19. Jahrhundert hatten Freunde der
deutschen Sprache zum Angriff auf Fremdwörterei ge-
blasen. Aber »es wäre ungerecht und geradezu falsch,
der ganzen Verdeutschungsbewegung der letzten Jahr-
hunderte fremdenfeindliche und nationalistische Moti-
ve zu unterstellen« (Zimmer). »Die meisten ›Sprach-
reiniger‹ wurden von keiner Feindseligkeit gegen
Nichtdeutsches getrieben und erst recht nicht von dem
Glauben, daß die deutsche Sprache anderen überlegen
sei.« Diesen Männern, wie Philipp von Zesen oder Jo-
achim Heinrich Campe, ging es vor allem um Ver-
ständlichkeit; statt eines mißverstandenen und ver-
ballhornten Pidgin-Französisch (heute: Pidgin-Eng-
lisch) wollten sie eine »anständige Literatursprache«;
sie glaubten, Sprache solle Menschen verbinden und
nicht Menschen trennen, viele der von ihnen als Er-
satz für mißglückte Fremdwörter erfundenen deut-
schen Wörter (»Brüderlichkeit« für »fraternité«, »Lei-
denschaft« für »passion« oder »Minderheit« für »mi-
norité«, um nur die bekanntesten Beispiele aus den
seinerzeitigen Eindeutschungsbüchern aufzuzählen)
gelten längst nicht mehr als Kunstprodukte; wir wis-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Deutsche Sprache 1 71

sen heute gar nicht mehr, daß sie erfunden wurden.


& Lit.: Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders, Rein-
bek 1997.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 2 Deutsche Sprache 2 71

Deutsche Sprache 2
Der moderne Kreuzzug gegen Fremdwörter im
Deutschen wurde von den Nazis ausgerufen
Der vorerst letzte Kreuzzug gegen Fremdwörter im
Deutschen wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom
»Allgemeinen Deutschen Sprachverein« ausgerufen –
ein durchaus national gesinnter Club mit dem Motto:
»Gedenke, auch wenn Du die deutsche Sprache
sprichst, daß Du ein Deutscher bist.« Nach 1933 ver-
suchte der Verein, den Nazis seine Ziele anzudienen,
stieß dort jedoch auf wenig Gegenliebe und wurde
1941 wegen Deutschtümelei verboten. »Die Nazis
dachten gar nicht daran, sich ihre Lieblingsfremdwör-
ter anschwärzen oder verbieten zu lassen. Sie hatten
anderes im Sinn als ein Volk nur germanische Wort-
stämme benutzender Untertanen« (Zimmer). »Wenn
irgend etwas unvölkisch ist, dann ist es dieses Herum-
werfen mit besonders altgermanischen Ausdrücken,
die weder in die heutige Zeit passen, noch etwas Be-
stimmtes vorstellen« (Goebbels, 1937).
Es ist also historisch inkorrekt, Fremdwörterphobie
und Nazitum in einen Topf zu werfen.
& Lit.: Peter v. Polenz: »Sprachpurismus und Nati-
onalsozialismus: Die ›Fremdwort‹-Frage gestern
und heute«, in: Germanistik – eine deutsche Wis-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Deutsche Sprache 2 71

senschaft, Frankfurt a.M. 1967; Dieter E. Zim-


mer: Deutsch und anders, Reinbek 1997.

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LexPI Bd. 2 Deutschlandlied 1 71

Deutschlandlied 1
Das »Deutschland, Deutschland über alles« in der
ersten Strophe des Deutschlandliedes steht für
teutonischen Chauvinismus (s.a. ð »National-
hymnen«)
Der Text des Deutschlandliedes, so wie von dem
Breslauer Professor August Heinrich Hoffmann alias
Hoffmann von Fallersleben Mitte des 19. Jahrhun-
derts auserdacht, war zunächst einmal ein Aufruf zur
Überwindung der deutschen Kleinstaaterei des frühen
19. Jahrhunderts, ein Appell an alle deutschen Patri-
oten, mit der Kirchturmpolitik des 18. Jahrhunderts
aufzuhören.
In diesem Sinn sind diese Worte auch schon vorher
vorgekommen: »Wir verdienen wahrlich das Hohn-
gelächter aller Völker und die Hineinspielung der Pla-
gen aller Kriege in unsere Grenzen, wenn wir das
Kleine nicht in dem Großen untergehen lassen wollen,
wenn wir nicht unablässig nach der Einheit streben,
wodurch wir allein unseren Feinden die Spitze bieten
und rufen können: Teutschland über alles, wenn es
will«, schreibt Ernst Moritz Arndt während der Napo-
leonischen Kriege 1813. Durch das ganze, eben aus
den Fesseln Napoleons entkommene Europa ging ein
Ruck der Nationalbegeisterung, »Österreich über
alles, wenn es nur will«, riefen auch die Patrioten wei-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Deutschlandlied 1 72

ter südlich, aber eben nicht als ein Appell zur Front
nach außen, sondern als ein Appell zur Einigkeit nach
innen: Deutschland über Schaumburg-Lippe, Lippe-
Detmold, Anhalt-Köthen, Sachsen-Coburg-Gotha,
Hessen-Nassau, Schwarzburg-Sondershausen, und
wie die Herzogtümer, Großherzogtümer, Grafschaften
und Fürstentümer damals alle hießen.
Hoffmann von Fallersleben war kein pan-teutonis-
cher Chauvinist, sondern ein 48er Demokrat und ein
Anhänger der sogenannten »Freisinnigen«, einer Vor-
gängerpartei der F.D.P. Sein »Lied der Deutschen«
wurde erstmals am 5. Oktober 1841 zur Ehrung des
bedeutenden badischen Liberalen Karl Wencker auf-
geführt und von seinen ersten Anhängern immer nur
als Ruf nach innen, nicht als Drohung nach außen
verstanden. So wie wir heute »Europa über Deutsch-
land, Frankreich, Großbritannien« sagen, so war
»Deutschland über alles« damals als Appell zu sehen,
das Kleine in dem Großen aufzulösen, über den eige-
nen Kirchturmhorizont hinauszublicken. Verglichen
mit den offen blutrünstigen englischen, französischen
und besonders amerikanischen Hymnen ist der Text
von Hoffmann von Fallersleben sehr gemäßigt, »rein-
ste Lyrik« sozusagen (Golo Mann); der Sozialdemo-
krat Friedrich Ebert, den man wohl kaum als Säbel-
rasseler und als pan-teutonischen Nationalisten kennt,
hat ihn mit allen seinen Strophen nach dem Ersten
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Deutschlandlied 1 72

Weltkrieg zur nationalen Hymne vorgeschlagen.


& Lit.: Guido Knapp und Ekkehard Kuhn: Das Lied
der Deutschen: Schicksal einer Hymne, Berlin
1988; Golo Mann: »Kleine Betrachtung zu Nati-
onalhymnen«, in: Die Nationalhymne, Broschüre
des Hessischen Kultusministeriums, Wiesbaden
1989; Eckart Busch und Dieter Brenneis: »Text-
verständnis und Rezeptionsgeschichte des
Deutschlandliedes«, Der aktuelle Begriff
22/1996; Stichwort angeregt von Alfredo Grün-
berg.

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LexPI Bd. 2 Deutschlandlied 2 73

Deutschlandlied 2
Die erste Strophe des Deutschlandliedes ruft zu
territorialen Eroberungen auf
»Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis
an den Belt« sollte nach Hoffmann von Fallerslebens
Meinung das Reich der Deutschen reichen. Anders als
viele glauben, spekulierte er mit diesen Versen aber
nicht auf fremde Länder: Bei der Entstehung des
Deutschlandliedes 1841 umgrenzten Maas, Memel,
Etsch und Belt (= Ostsee) das Gebiet der 38 Staaten,
die zu dem 1815 auf dem Wiener Kongreß gegründe-
ten Deutschen Bund gehörten: im Westen das Her-
zogtum Limburg und das Großherzogtum Luxemburg
(Maas), im Osten Preußen mit Ostpreußen (Memel),
im Süden die Grafschaft Tirol (Etsch), im Norden das
Herzogtum Holstein (Belt). Ergo reklamierte Hoff-
mann von Fallersleben keine Länder anderer Natio-
nen.
& Lit.: Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19.
und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1958; Stich-
wort angeregt von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Deutschlandlied 3 73

Deutschlandlied 3
Das Deutschlandlied war schon im 19. Jahrhun-
dert die Nationalhymne der Deutschen
Kaiser Wilhelm I. fand das Deutschlandlied zu demo-
kratisch; bei der Reichsgründung 1871 ließ er deshalb
das Lied »Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Va-
terlands« zur Nationalhymne erklären.

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LexPI Bd. 1 Diamanten 68

Diamanten
Diamanten können nicht verbrennen
Anders als ihre Fassungen aus Gold und Platin kön-
nen Diamanten sehr wohl brennen. Da sie aus reinem
Kohlenstoff bestehen, verbrennen sie bei Temperatu-
ren über 900° ohne eine Spur zu hinterlassen. Und
solche Temperaturen werden, wenn auch nicht in
»normalen« Bränden, bei ausgedehnten Feuersbrün-
sten wie nach dem Erdbeben von San Francisco oder
in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges
durchaus auch erreicht. Wer also nach einem solchen
Feuer den Familienschmuck vergeblich suchen sollte,
braucht sich nicht zu wundern: die Diamanten haben
sich im wahrsten Sinn des Wortes in Luft aufgelöst.
& Lit.: Isaac Asimov: Buch der Tatsachen, Ber-
gisch-Gladbach 1981.

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LexPI Bd. 1 Diät 69

Diät
Diät macht dünn (s.a. ð »Essen«)
Wir Deutschen essen immer weniger. Trotzdem wer-
den wir immer dicker. Und nicht nur wir:
»Throughout the western world, an obsession with
diet and dieting seems to be coupled with an increase
in obesity« (New Scientist). Trotz einer fast hysteri-
schen Besessenheit mit Abnehm-Prozeduren aller Art
nimmt das mittlere Körpergewicht der Erwachsenen
in fast allen reichen Industrienationen dieser Erde
ständig zu. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung
meldet einen Anteil von übergewichtigen bis fetten
(»adipösen«) Männern und Frauen von 18% (18- bis
24jährige) bis 75% (55- bis 64jährige), und ähnliche
Zahlen kommen auch aus anderen reichen Industrie-
nationen wie den USA; dort sind 43% aller erwachse-
nen Männer und 40% aller erwachsenen Frauen über-
gewichtig bzw. adipös, in Kanada sogar 49% der
Männer und 40% der Frauen, in England 40% und
32%, in Australien 41% und 31%, und in den Nieder-
landen 38% und 30%. Und was das sonderbare ist:
Diese Zahlen sind nicht nur absolut gesehen hoch,
sondern trotz rückläufigen Kalorienverbrauchs auch
noch höher als sie vor zehn bis zwanzig Jahren
waren, soweit die einschlägigen Statistiken einen Ver-
gleich erlauben.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diät 69

Es ist also ein Irrtum, daß Diäten dünner machen.


Diäten machen dicker. Wenn man der aktuellen Ex-
perten-Mehrheitsmeinung glauben darf, dann sind die
meisten Diäten nicht nur nutzlos, sondern sogar kon-
traproduktiv, dann haben ganze Generationen von
Nachkriegs-Europäern und Europäerinnen umsonst
gehungert, dann werden wir immer dicker, nicht ob-
wohl, sondern weil wir immer weniger an Kalorien zu
uns nehmen.
Die meisten Diäten vergessen oder ignorieren
nämlich, daß unser Körpergewicht nicht nur von den
Kalorien abhängt, die wir essen, sonderen langfristig
noch viel entscheidender von den Kalorien, die wir
verbrauchen. Unsere Körpermasse ist wie Wasser in
der Badewanne: oben fließt Wasser in die Wanne hin-
ein, unten fließt es heraus. Fließt mehr Wasser zu als
ab, wird die Badewanne voller. Fließt mehr Wasser
ab als zu, wird die Badewanne leerer. Und die mei-
sten Diäten kümmern sich vor allem um den Zufluß;
den Abfluß nehmen sie als gottgegeben hin (verständ-
licherweise, denn sonst würde keiner diese Bücher
kaufen).
In Wahrheit ist jedoch der Abfluß durchaus wichtig
und vor allem variabel. Schon eine simple Über-
schlagsrechnung zeigt, daß die Abflußrate mit der
Menge der Nahrung, die wir aufnehmen, variieren
muß; schon nach den reinen Gesetzen der Logik kann
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diät 69

das gar nicht anders sein. Wäre nämlich diese Abfluß-


rate unabhängig von der Nahrungsaufnahme immer
gleich, müßte z.B. eine tägliche Extraflasche Bier mit
sagen wir 300 Kalorien alle vier bis fünf Wochen ein
Extrakilo Körperfett erzeugen (ein Kilogramm Fett =
9100 [Kilo-]Kalorien = 30,3 Flaschen Bier = Kon-
sum von vier bis fünf Wochen). Mit anderen Worten,
wer solange statt Wasser Bier zum Essen trinkt, ist
hinterher – wenn diese Rechnung stimmt – ein Kilo
schwerer als er oder sie sonst gewesen wäre. Nach 8
Wochen ist er oder sie dann zwei Kilo schwerer, nach
80 Wochen 20 Kilo, nach 800 Wochen 200 Kilo, und
nach einem erfüllten Biertrinkerleben von 4000 Wo-
chen oder 77 Jahren genau 1000 Kilo oder eine
Tonne.
Das kann jedoch nicht stimmen. Ein Gegenbeweis
sitzt vor der Schreibmaschine, auf der diese Zeilen ge-
rade entstehen. Der Autor trinkt seit 25 Jahren pro
Tag rund zwei bis vier Glas Bier bzw. Wein mehr als
für das Überleben nötig wäre, und müßte nach dieser
Logik heute 300 bis 400 Kilo wiegen (verglichen mit
den bescheidenen 88, die er wirklich auf die Waage
bringt).
Diese aus der Alltagserfahrung abgeleitete Wider-
legung der »9100 Kalorien = ein Kilo Fett« – Theorie
wird durch verschiedene Experimente bestätigt. An-
fang des Jahrhunderts hat der deutsche Mediziner
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diät 70

R.O. Neumann per Selbstversuch über mehrere Mo-


nate täglich 800 Kalorien mehr konsumiert als sonst –
und wurde nach anfänglicher Gewichtszunahme trotz
800 Extrakalorien kaum noch dicker. In den 60er Jah-
ren wurde dieses Experiment in den USA mit mehrer-
en Dutzend Freiwilligen und mit 1000 Extrakalorien
täglich wiederholt, mit dem gleichen Resultat: »Es er-
eignete sich eine deutliche Anpassung an die Kalo-
rienzufuhr, dergestalt daß die Gewichtszunahme im
Lauf des Experiments stetig weniger wurde. Jedoch
gab es bemerkenswerte Schwankungen von Indivi-
duum zu Individuum, und es ist schon bemerkenswert
[quite remarkable], wie einige Personen mehr als
10000 Extrakalorien in der Woche konsumieren und
dabei abnehmen.« (Eigene Übersetzung; zitiert nach
Cannon und Einzig) Ganz offensichtlich paßt sich
also unser Körper an die Extrakalorien an, und eta-
bliert nach einiger Zeit ein neues, wenn auch erhöhtes
Gleichgewicht.
Der zweifelhafte Wahrheitsgehalt der »9100 Kalo-
rien = ein Kilo« – Theorie wird sogar noch deutlicher,
wenn wir den umgekehrten Fall betrachten, daß je-
mand, der bisher zu Mittag immer ein Glas Bier ge-
trunken hat, fortan stattdessen Wasser trinkt; sonst
soll die Nahrung unverändert bleiben. Nach vier Wo-
chen hätte diese Person dann ein Kilo Körperfett ver-
loren, nach 40 Wochen 10 Kilo, und nach 400 Wo-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diät 70

chen oder etwas mehr als sieben Jahren 100 Kilo –


bei einem Ausgangsgewicht von 88 Kilo würde sie
dann minus 12 Kilo wiegen.
Da dies aber auf dieser Erde nur schwer möglich
ist, bleibt nur die Konsequenz, daß die Abflußrate,
daß das Loch in unserer Kalorienbadewanne variabel
ist. Und vor allem: daß es durch dauerndes Diäten in
der Regel kleiner wird! Denn dieses Loch in der
Wanne, d.h. die Kalorien, die der Körper, weil zur
Gewichtserhaltung nötig, rückstandslos verbraucht,
hängt, wie die einschlägigen Experimente zeigen, von
unseren Eßgewohnheiten ab: Nicht alle Kalorien, die
wir essen, landen auch in unseren Körperzellen. Mehr
oder weniger, bei manchen Menschen fast die Hälfte,
werden bei der Produktion von Energie verschwendet,
so wie ein Automotor fast 70 Prozent der Benzinener-
gie verschwendet; sie laufen quasi durch.
Wenn nun die Kalorien knapper werden, versucht
der Körper, diese Verschwendung zu vermeiden: Er
führt einen größeren Prozentsatz der zugeführten Ka-
lorien dem Stoffwechsel wirklich zu, die Verschwen-
dung geht zurück, und zwar im Extremfall soweit
zurück, daß wir zwar weniger Kalorien zu uns neh-
men, aber trotzdem mehr davon als vorher in den
Stoffwechsel gelangen.
Zusätzlich und von dieser Verschwendung völlig
abgesehen kommt der Körper aber auch noch mit we-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diät 71

niger Kalorien aus: Langes Fasten, so fast überein-


stimmend zahlreiche internationale Ernährungsfor-
scher, reduziert sogar den unmittelbaren Kalorienbe-
darf der Körperzellen selbst, so als würde unser Auto
bei gleicher Geschwindigkeit und gleicher Energie-
ausnutzung nur 6 statt 8 Liter Benzin auf 100 Kilo-
meter brauchen: »Jemand, der mit 3000 Kalorien pro
Tag sein Gewicht gut hält, kann nach einer 1000-Ka-
lorien-3-Wochen-Kur einiges abnehmen. Aber mit der
anschließenden 2500-Kalorien-Alltagsdiät alles wie-
der zunehmen« (Ludwig).
Hartnäckige Diäter manipulieren ihren Stoffwech-
sel also gleich auf zweifache Weise: Erstens kommt
ein größerer Teil der aufgenommenen Kalorien auch
tatsächlich bei den Endverbraucher-Zellen an, und
zweitens brauchen diese auch noch weniger – eine
klassische Links-Rechts-Kombination, wie die Boxer
sagen, gegen unseren Energiehaushalt.
Das ist der Hintergrund des Phänomens, daß typi-
sche Westeuropäer und Nordamerikaner (und Euro-
päerinnen und Amerikanerinnen noch weit mehr)
heute nach allen einschlägigen Statistiken weniger
essen als vor dreißig, vierzig Jahren, aber im Durch-
schnitt trotzdem dicker sind: nicht obwohl, sondern
weil sie allzuviel gehungert haben, nicht obwohl, son-
dern weil sie so auf ihre Pfunde achten. Neben die
dicken Menschen, die es schon immer gab, die dick
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diät 71

sind, weil sie fressen, hat die moderne Diät-Industrie


eine Armee von dicken Leichtessern gestellt, deren Si-
syphus-Kampf gegen das eigene Körpergewicht mit
jedem Teilerfolg nur immer aussichtsloser wird.
& Lit.: Geoffrey Cannon und Hetty Einzig: Dieting
makes you fat, London 1983; »Schrei aus der
Tiefe des Bauches« Spiegel Nr. 15/1985; George
A. Bray: »Obesity«, in: M.L. Brown (Hrsg.):
Present knowledge in nutrition, Washington
1990; Bernhard Ludwig: Anleitung zum Dik-
kwerden, München 1990; »Schlankheitskuren I
&II«, Test März und April 1993 (S. 282–285 und
S. 389–401); P.S. Shetty: »Chronic undernutriti-
on and metabolic adaptation«, Proceedings of the
Nutrition Society 52, 1993, S. 267–284.

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LexPI Bd. 2 Dinosaurier 73

Dinosaurier
Die Dinosaurier sind ausgestorben
»Für die Paläontologen wird es immer mehr zur Ge-
wißheit: Die Dinosaurier leben«, schreibt der Spiegel.
Und zwar als Vögel. Demnach wären die Dinosaurier
keine überproportionalen Riesenechsen, eher »gerupf-
te Riesenhühner« gewesen; sie waren auch nicht, wie
bisher immer angenommen, Kaltblüter, sondern
Warmblüter wie die Vögel und die Säugetiere, sie
legten Eier wie die Vögel, brüteten wie die Vögel (zu-
mindest einige von ihnen: in der Mongolei wurden
zwei über ihrem Gelege hockende, vermutlich von
einem Sandsturm verschüttete Dinosaurier ausgegra-
ben) und leben heute in den mit ihnen genetisch ver-
wandten Vögeln weiter.
& Lit.: »Gerupfte Riesenhühner«, Der Spiegel
21/1996.

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LexPI Bd. 2 Diogenes 74

Diogenes
Diogenes lebte in einer Tonne (s.a. ð »Zyniker«)
Der griechische Philosoph Diogenes von Sinope war
ein Verfechter des einfachen und anspruchslosen Le-
bens; zu Alexander dem Großen, der ihm einen
Wunsch freigegeben hatte, soll er geäußert haben:
»Geh mir aus der Sonne.«
Aber so weit, in einer Tonne seinen Haushalt auf-
zuschlagen, ging Diogenes ganz sicher nicht. Diese
Legende geht vermutlich auf den römischen Philoso-
phen Seneca zurück, der in seiner Biographie des
Diogenes schreibt, ein Mensch von derart anspruchs-
loser Lebensweise hätte wie ein Hund genausogut in
einer Tonne leben können.
& Lit.: R. Peyrefitte: Alexander der Eroberer, Ham-
burg 1982; Das große Personenlexikon zur Welt-
geschichte in Farbe, 2 Bände, Dortmund 1983; G.
Maurach: Senecas Leben und Werk, Darmstadt
1991.
¤ Diogenes, von Wilhelm Busch gesehen:
»Diogenes schaut aus dem Faß
Und spricht: ›Ei, ei, was soll denn das!?«
(aus: »Diogenes und die bösen Buben von Ko-
rinth‹«)
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diskriminierung 72

Diskriminierung
Ein unterproportionaler Frauenanteil bei Stu-
dienanfängern deutet auf Diskriminierung hin
Im Wintersemester 1973 hatte die Universität Berke-
ley in Kalifornien 12763 Bewerber, 8442 Männer und
4321 Frauen. Von den Männern wurden 44%, von
den Frauen 35% aufgenommen. Darauf wurde Berke-
ley von vielen abgewiesenen Frauen der Diskriminie-
rung des weiblichen Geschlechts bezichtigt – zu Un-
recht, wie man sehr leicht sieht.
Nehmen wir der Einfachheit halber einmal an, es
bewerben sich 1000 Kandidaten, 500 Männer und
500 Frauen, und es gäbe nur zwei Fächer, Mathema-
tik und Soziologie. Der Fachbereich Soziologie sei
reichlich überlaufen und akzeptiere nur einen kleinen
Prozentsatz der Bewerber, konkret 12,5 Prozent der
Frauen und 10 Prozent der Männer. Der weniger
überlaufene Fachbereich Mathematik dagegen akzep-
tiere 50 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Män-
ner. Mit anderen Worten, beide Fächer lassen lieber
Frauen zu; in beiden Fächern haben Frauen, wenn sie
sich bewerben, bessere Aussichten als Männer. Trotz-
dem kann es vorkommen, daß insgesamt gesehen
mehr Frauen als Männer abgewiesen werden.
Angenommen etwa, Frauen entscheiden sich eher
für die gerade modische Soziologie, Männer mehr für
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diskriminierung 72

die harte Mathematik, entsprechend der folgenden


Aufteilung:
Soziologie Mathematik zusammen
Männer 320 180 500
Frauen 480 20 500
zusammen 800 200 1000

Bei dieser Aufteilung der Bewerber werden insgesamt


70 Frauen (60 für Soziologie und 10 für Mathematik)
und 104 Männer zugelassen (32 für Soziologie und
72 für Mathematik), obwohl in beiden Fächern Frau-
en Vorzugsrecht genießen, und genauso ist es damals
auch in Berkeley gewesen: Frauen drängten bevorzugt
in die gerade sehr begehrten Studiengänge und blie-
ben deshalb öfter in den Maschen des Auswahlverfah-
rens hängen.
Um bei diesen Maschen zu bleiben: in gewisser
Weise entsprechen die hoffnungsvollen Studienplatz-
bewerber durchaus einem Schwarm gleich großer
(alias gleich intelligenter) Fische, die einem Netz ent-
gegenschwimmen. Das Netz hat zwei Arten von Ma-
schen, enge und weite, und alle Weibchen wollen
durch die engen Maschen. Wenn dann auf der anderen
Seite des Netzes nur noch Männchen übrigbleiben, ist
das Netz dann frauenfeindlich?
& Lit.: P. Bickel et al.: »Sex bias in graduate admis-
sions: data from Berkeley«, Science 187, 1975,
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Diskriminierung 73

398–404; Erhard Künzel: »Über Simpson's Para-


doxon«, Stochastik in der Schule 1/1991, 54–62;
W. Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt
des Zufalls und der Zahlen, Frankfurt 1995.

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LexPI Bd. 2 Doktortitel 75

Doktortitel
In Deutschland ist der Doktortitel Teil des Na-
mens
Das hätten die Doktoren sicher gerne, aber es ist nicht
so: Der Doktorgrad ist kein Teil des Namens, er wird
auf Antrag in den Reisepaß und in den Personalaus-
weis, darüber hinaus aber in keine anderen amtlichen
Personalpapiere eingetragen.
& Lit.: F. Kahle: Der Mißbrauch von Titeln. Berufs-
bezeichnungen und Abzeichen – Rechtsgut,
Schutzzweck und Anwendungsbereich des § 132a
StGB, Marburg 1995; »Kein Bestandteil des Na-
mens«, Leserbrief von Gerhard Schlund, Vorsit-
zender Richter am Oberlandesgericht, in: For-
schung und Lehre 12/1996, S. 660.

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LexPI Bd. 1 Dolchstoß 73

Dolchstoß
Die Deutsche Armee des Ersten Weltkriegs war
im Felde ungeschlagen und wurde von der Hei-
mat hinterrücks »erdolcht«
Dieser Irrtum war einmal sehr populär; heute glaubt
vermutlich keiner mehr daran, und wir führen ihn
auch nur aus Pietät hier mit den anderen zusammen
auf. (Immerhin kann man mit gewissem Recht be-
haupten, daß ohne diesen Irrtum das 20. Jahrhundert
anders abgelaufen wäre.)
Am 14. August 1918 hatte die Oberste Deutsche
Heeresleitung den Kaiser wissen lassen, daß man
nicht mehr hoffen dürfe, »den Kriegswillen unserer
Feinde durch kriegerische Handlungen zu brechen«
(aus einem Brief von General Ludendorff an Kaiser
Wilhelm II.). Nach mehreren erfolglosen Offensiven
der Deutschen, zuletzt im Juli an der Marne, hatten
die Alliierten die deutsche Front bei Amiens und St.
Quentin durchbrochen, auch anderswo mit Hilfe der
frischen amerikanischen Divisionen zunehmend die
Oberhand gewonnen, ein Verbündeter nach dem ande-
ren fiel von den Deutschen ab, der Krieg war militä-
risch aussichtslos geworden.
Um wenigstens einen geordneten Rückzug zu er-
möglichen, bedrängte General Ludendorff den Kaiser
mit großem Nachdruck, einen Waffenstillstand anzu-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Dolchstoß 73

bieten, und erst danach, als an der Front nichts mehr


zu gewinnen war, begann auch in der Heimat das
große Chaos auszubrechen.
& Lit.: Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19.
und 20. Jahrhunderts, Frankfurt 1958.

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LexPI Bd. 1 Don Carlos 74

Don Carlos
Don Carlos war ein Held und Freiheitskämpfer
Don Carlos, Thronfolger von Spanien und Held des
nach ihm benannten Trauerspiels von Friedrich Schil-
ler und vieler anderer Trauerspiele, war im wahren
Leben überhaupt kein Held – heute würde man ihn
wohl als Psychopath bezeichnen: Klein und schwäch-
lich, mit viel zu großem Kopf, von krummer Statur
und ungesunder Gesichtsfarbe, ohne Talente, aber mit
viel Ehrgeiz und mit einem großen Haß auf seinen
Vater, König Philipp II., der ihm überall im Wege
stand.
Don Carlos benahm sich zeit seines kurzen Lebens
»so wunderlich, daß selbst unerschütterliche Anhän-
ger des Königshauses bei dem Gedanken erschauer-
ten, ihn eines Tages als ihren Herren ansehen zu mü-
ssen«, schreibt ein Biograph. »Als er einmal neue
Schuhe erhielt, die ihn drückten, hielt er es für einen
guten Scherz, sie kochen zu lassen und den Schuhma-
cher zu zwingen, sie aufzuessen. Manchmal ver-
schlang er irgend etwas Ekelerregendes – und befahl
sodann den Dienern und Höflingen in Reichweite, ein
Gleiches zu tun. Einen Diener, den er nicht leiden
konnte, warf er fast aus einem hohen Fenster; einem
anderen drohte er damit, ihn zu entmannen.«
Der Botschafter des deutschen Kaisers schrieb nach
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LexPI Bd. 1 Don Carlos 74

Hause, der Thronfolger sei »so kindisch wie ein Kind


von sieben Jahren«. Der Botschafter Venedigs berich-
tete, daß Don Carlos »an ehrsamen und lobenswerten
Dingen niemals Gefallen finde, sondern nur am Übel-
tun«, und der englische Botschafter berichtete, er habe
»niemals mit einem liederlicheren, rasenderen und un-
einsichtigeren Menschen zu tun gehabt«.
Wie ein solches Ekel posthum zum Helden großer
Dramen werden konnte, wird wohl ewig ein Geheim-
nis bleiben. Vermutlich wollten Schiller und die viel-
en anderen, die den debilen Thronfolger schon im 16.
Jahrhundert zur Lichtgestalt erhoben, damit vor allem
den verhaßten König Philipp treffen, nach dem
Motto: Die Feinde unseres Feindes sind automatisch
unsere Freunde. Vor allem in den spanischen Nieder-
landen hatte man den Propagandawert dieser Ereig-
nisse schnell erkannt; man ließ das später auch von
Schiller übernommene Gerücht verbreiten, Don Car-
los habe sich auf die Seite der Rebellen schlagen wol-
len, deshalb habe Philipp ihn ermorden lassen.
In Wahrheit wollte umgekehrt Don Carlos seinen
Vater töten (nicht um den holländischen Rebellen zu
helfen, sondern um selbst schneller König zu werden),
was von diesem aber mit bemerkenswerter Nachsicht
aufgenommen wurde. Z.B. hat Philipp die Mordab-
sichten seines Sohnes immer abgestritten und ihn erst
verhaften lassen, als die Staatsraison dies unumgäng-
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LexPI Bd. 1 Don Carlos 75

lich machte. Aber auch dann hat er Don Carlos nicht,


wie viele glauben, heimlich im Gefängnis vergiften
lassen – Don Carlos hatte sich durch Hungerstreiks,
gefolgt von Freßgelagen, wobei er einmal, um seinen
großen Durst nach einer stark gewürzten Rebhuhnpa-
stete zu löschen, große Mengen Eiswasser in sich hin-
einschüttete und darauf Brechdurchfall bekam, an
dem er schließlich sterben sollte, mehr oder weniger
selber umgebracht.
& Lit.: Jack Beeching: Don Juan d'Austria, Mün-
chen 1983. Wie geschah es wirklich? Stuttgart
1990.

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LexPI Bd. 2 Döner Kebap 75

Döner Kebap
Döner Kebap ist ein altes türkisches Nationalge-
richt (s.a. ð »Hamburger« sowie ð »Chop Suey«
und ð »Hamburger« in Band 1)
In der Türkei ist Döner Kebap weder ein traditionel-
les noch ein besonders verbreitetes Gericht. Die typi-
sche Art der Zubereitung, Fleisch an senkrecht rotie-
renden Spießen langsam zu grillen und in dünnen
Scheiben zu servieren, wurde erst Mitte des letzten
Jahrhunderts in Anatolien erfunden, in Istanbul kann
man Döner Kebap erst seit etwa 1960 kaufen. Wegen
seines vergleichsweise hohen Preises ist der Döner
Kebap in der Türkei auch nie zu einem Nationalge-
richt geworden.
Die Welt-Hauptstadt des Döner Kebap mit mehr
als tausend Grillstationen ist Berlin.
& Lit.: E. Seidel-Pielen: Aufgespießt – Wie der
Döner nach Deutschland kam, Hamburg 1996;
»Deutschland – Dönerland«, Welt am Sonntag,
30.6.1996.

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LexPI Bd. 2 Dreizehn 76

Dreizehn
Die Dreizehn ist die internationale Unglückszahl
In Japan ist die Unglückszahl die vier: Das Wort
dafür heißt »shi« (= Tod), man findet in ganz Japan
kein Hotelzimmer und keinen Sitz im Flugzeug mit
der Nummer 4. In Italien ist nicht Freitag, der 13.,
sondern Freitag, der 17. der Unglückstag: Die römi-
schen Ziffern für 17, also XVII, lassen sich zu »vixi«
= lateinisch für »ich bin tot« umstellen. Deshalb kann
man in Italien auch keinen Renault 17 kaufen – das
Auto heißt dort Renault 117.
& Lit.: Brockhaus – Wie es nicht im Lexikon steht,
Mannheim 1996.

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LexPI Bd. 1 Dritte Welt 75

Dritte Welt
Die Armut der Dritten Welt ist eine Folge ihrer
wirtschaftlichen Verstrickung mit den reichen In-
dustrienationen (s.a. ð »Ausbeutung«, ð
»Außenhandel« und ð »Kolonien«)
»Unterentwicklung ist ein sich historisch entfaltendes
integrales Moment des von kapitalistischen Metropo-
len dominierten internationalen Wirtschaftssy-
stems, ... [eine Folge] internationaler Herrschaft und
Ökonomisierung, die eine kumulative Bereicherung
des einen Pols, der Metropolen, und eine kumulative
relative und sogar absolute Pauperisierung der Peri-
pherien systematisch, d.h. mit strukturbedingter Ver-
läßlichkeit und Regelmäßigkeit fördert.« (D. Seng-
haas: Peripherer Kapitalismus: Analysen über Abhän-
gigkeit und Unterentwickung; Frankfurt 1974, S.
18–19).
Oder in normalem Deutsch: Würde man die Dritte
Welt alleine lassen, ginge es ihr besser.
Das ist aber so ganz sicher falsch. Es mag durchaus
zutreffen, daß die Dritte Welt durch den westlichen
Imperialismus des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich ge-
litten hat (ohne daß die Kolonialmächte dadurch ge-
wonnen hätten; siehe auch ð »Kolonien«). Aber es
ist nicht richtig, daß die aktuelle Armut in der Dritten
Welt durch ihre Einbindung in den Welthandel ent-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Dritte Welt 75

steht. Die Länder der Dritten Welt sind vor allem des-
halb arm, weil sie zu wenig, nicht weil sie zuviel mit
großen Industrienationen handeln, nicht weil zuviel,
sondern weil zuwenig internationale Konzerne sich
dort angesiedelt haben.
Die modernen Musterländer unter den ehemaligen
Armenhäusern unseres Planeten sind Hongkong, Tai-
wan, Südkorea, Singapur. Dort setzt man konsequent
auf freien Handel, dort stehen internationale Großkon-
zerne für die Niederlassung Schlange (in Hong Kong
soll es heute für chic gehalten werden, englische Ox-
ford-Absolventen als Hausdiener einzustellen). Die
modernen Armenhäuser unter den ehemaligen Armen-
häusern sind Länder wie Kuba, Nordkorea oder In-
dien. Hier schwört man auf Autarkie und Selbstbe-
stimmung, hier bleibt das Sozialprodukt trotz allem
Fleiß der Menschen hinter dem der Nachbarn weit
zurück.
Der Grund ist einfach: Freiwilliger Handel nützt
immer beiden Partnern. Sonst fände er nicht statt. Die
Weltwirtschaft ist kein Nullsummenspiel, bei dem der
Gewinn des einen nur durch den Verlust des anderen
entsteht. In einem freien Handel gewinnen beide Part-
ner; je mehr eine Nation handelt, desto reicher wird
sie unter sonst gleichen Umständen werden, und wenn
heute immer noch Menschen in Indien und Pakistan
vor Hunger sterben, dann können sie sich dafür auch
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LexPI Bd. 1 Dritte Welt 76

bei verschiedenen wohlgenährten und gutbezahlten


Dependenztheoretikern an deutschen Soziologenfa-
kultäten bedanken.
& Lit.: Erich Weede: »Dependenztheorien und Wirt-
schaftswachstum: eine international vergleichende
Studie«, Kölner Zeitschrift für Soziologie und So-
zialpsychologie, 1981; Peter F. Drucker: The new
realities, London 1990; Peter Bauer: The develop-
ment frontier, London 1991; Ulrich Menzel: Das
Elend der Dritten Welt und das Scheitern der gro-
ßen Theorie, Frankfurt 1992.

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LexPI Bd. 2 Drittes Reich 76

Drittes Reich
Das »Dritte Reich« war eine Wortschöpfung der
Nazis
Das »Dritte Reich« geht auf ein gleichnamiges, 1922
erschienenes Buch des konservativen Politikwissen-
schaftlers Artur Moeller van den Bruck zurück; van
den Bruck hatte darin die seinerzeitige parlamentari-
sche Demokratie heftig angegriffen und statt dessen
ein neues, national-konservatives »Drittes Reich« be-
schworen. Dieses Schlagwort haben dann die Nazis
später wieder aufgegriffen.

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LexPI Bd. 1 »Du bist was du ißt« 76

»Du bist was du ißt« (s.a. ð »Bio-Nahrungsmit-


tel«)
Dieser moderne Aberglaube hängt uns noch aus unse-
ren Urwald-Zeiten an. Hundefleisch macht schnell,
Löwenfleisch dagegen stark, oder die Geschlechtsteile
von Büffeln machen einen großen Liebhaber. Eine
Frau, die ihrem Mann das Hirn einer Hyäne kocht,
macht diesen dumm wie die Hyäne, und wer schlecht
hört, muß viele Fledermäuse essen. So glaubten und
glauben immer noch viele Naturvölker auf dieser
Erde, und die meisten Kunden moderner Bio-Läden
sind kein bißchen klüger.
Moderne Ernährungswissenschaftler mögen über
viele Dinge streiten – in einem stimmen sie doch
überein: Ob die Kartoffel zu unserem Rinderbraten
mit Kuhmist oder Chemikalien aus Ludwigshafen
großgeworden ist, regt unseren Körper im Gegensatz
zu unserer Seele wenig auf. Genauso wie ein Automo-
tor weder weiß noch wissen muß, ob das Benzin, das
er verbrennt, aus Brent Crude oder Saudi Light ge-
wonnen worden ist, genauso können und wollen auch
die Körperzellen, in denen ganz am Ende der Stoff-
wechselkette die letztendliche Umwandlung von Nah-
rung in Energie stattfindet, die Herkunft ihres Brenn-
stoffs nicht erkennen. Eiweiß bleibt Eiweiß, Fett
bleibt Fett, Kohlehydrate bleiben Kohlehydrate, und
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 »Du bist was du ißt« 77

Vitamine bleiben Vitamine, ob von glücklichen oder


unglücklichen Hühnern, ob aus Tiefkühl- oder fri-
scher Ware, ob chemisch oder biologisch hergestellt,
ob aus der Dose oder frisch, ob bei McDonald's oder
in der »Aubergine« eingenommen.
Natürlich gibt es bei Nahrungsmitteln durchaus
Unterschiede: im Geschmack, im Preis, im Gehalt an
Nährstoffen. Das wollen wir auf keinen Fall bestrei-
ten. Unser Punkt ist allein der, daß es bei gegebenen
Nährstoffen unseren Körper wenig interessiert, wie
diese in ihn hineingekommen sind.
& Lit.: R.M. Deutsch: The new nuts among the ber-
ries: how nutrition nonsense captured America,
Palo Alto 1977; Virginia Aaronson: A practical
guide to optimal nutrition, Boston 1983.

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LexPI Bd. 1 Duckmäuser 77

Duckmäuser
Duckmäuser ducken sich
Ein Duckmäuser ist ein Leisetreter; er hat seinen
Namen vom mittelhochdeutschen »tocken« = verber-
gen, versenken und »musen« = Mäuse fangen, listig
sein, betrügen. Im 15. Jahrhundert hießen die Duck-
mäuser deshalb »Duckelmuser«.
& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
2. Auflage, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 1 Dudelsack 77

Dudelsack
Der Dudelsack ist ein typisch schottisches Musi-
kinstrument
Der Dudelsack kommt nicht aus Schottland; es gab
ihn schon im alten Griechenland. Auch in Persien, in
China und im alten Rom (als »tibia utricularis«) war
er bekannt. Im Mittelalter kannten ihn die Franzosen
als »cornemuse«, die Italiener als »cornamusa« und
die Deutschen als »Sackpfeife«, und selbst in der
Bibel wird der Dudelsack erwähnt: »Sobald ihr den
Klang der Hörner, Pfeifen und Zithern, der Harfen,
Lauten und Sackpfeiffen und aller anderen Instrumen-
te hört, sollt ihr niederfallen und das goldene Stand-
bild anbeten, das König Nebukadnezar errichtet hat«
(Buch Daniel, 3, 5).
Vermutlich kam der Dudelsack mit Caesar nach
England und von dort aus zu den Schotten, die noch
heute gerne darauf spielen. Aber erfunden haben sie
die Pfeife sicher nicht.
& Lit.: Stichwortartikel »Bagpipe« in Microsoft
CD-ROM Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Duden 78

Duden
Die Rechtschreibung des Duden ist verbindlich
Es gibt keine von der Duden-Redaktion in Mannheim
überwachte »amtliche Kodifizierung der deutschen
Rechtschreibung«.
Richtig ist: Es existiert eine »Vereinbarung« der
verbündeten Regierungen des Deutschen Reiches aus
dem Jahr 1901, »eine einheitliche Rechtschreibung in
den Schulunterricht und in den amtlichen Gebrauch
der Behörden einzuführen und von dieser Recht-
schreibung nicht ohne wechselseitige Verständigung
untereinander und mit Österreich abzuweichen«.
Diese einheitliche Rechtschreibung sollte in den
Schulen mit Beginn des Schuljahres 1903/04, in den
Behörden per 1.1.1903 verbindlich werden.
Die »Vereinbarung« war kein Gesetz. Sie betraf
auch nur die Schulen und den Schriftverkehr der amt-
lichen Behörden untereinander; eine irgendwie gearte-
te Verpflichtung für das breite Publikum oder für die
Parlamente und Gerichte ergab sich daraus nicht: So-
wohl unsere eigenen Briefe als auch Gesetzestexte als
auch Urteile, Beschlüsse und Verfügungen der Ge-
richte brauchen sich im Prinzip um den Duden nicht
zu kümmern (und weichen auch tatsächlich öfters von
ihm ab: das Bundesverfassungsgericht schreibt »der
Einzelne«, der Duden verlangt »der einzelne«, und
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Duden 78

andere Abweichungen mehr).


Das verbreitete Mißverständnis von der Allgemein-
verbindlichkeit der Duden-Rechtschreibregeln geht
vermutlich auf einen Beschluß der Ständigen Konfe-
renz der Kultusminister der Länder vom 19.11.1955
zurück, der so beginnt: »Die in der Rechtschreibre-
form von 1901 und den späteren Verfügungen festge-
legten Schreibweisen und Regeln sind auch heute
noch verbindlich für die deutsche Rechtschreibung«,
gefolgt von dem Zusatz: »In Zweifelsfällen sind die
im Duden gebrauchten Schreibweisen und Regeln
verbindlich.«
Dieser Beschluß ist aber größtenteils deklarato-
risch und nur insofern konstitutiv, als er die Duden-
Redaktion zum Schiedsrichter bestimmt. Und auch
das nur für den amtlichen Schriftverkehr von einer
Behörde zur anderen, auch wenn viele Germanisten
das gern anders sehen; der Rest der Republik kann
ohne Strafe schreiben wie er will.
& Lit.: Othmar Jauernig: »Glorienschein der totalen
Amtlichkeit ... Die Rechtschreibung, der Duden
und das Recht«, Forschung und Lehre 6/95,
332–334.

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LexPI Bd. 2 Dufte 76

Dufte
Der Ausdruck »dufte« für »toll« hat etwas mit
dem Geruch zu tun (s.a. ð »Apfel«, ð »Guter
Rutsch«, ð »Nassauer« und ð »Sauregurken-
zeit«)
Der Berliner Ausdruck »dufte« für aufregend, toll
(»dufte Biene«) kommt aus dem hebräischen »tow«,
das gut und fein bedeutet, und ist über das Jiddische
in unsere Sprache eingegangen.
Andere jiddische Worte oder Redewendungen,
deren Herkunft die meisten heute nicht mehr kennen,
sind »Pleite«, »Macke«, »mies« und »Kaff« (aus den
jiddischen bzw. hebräischen Worten »pleitje« für
Flucht, »maka« für Hieb oder Schlag, »miuss« für
häßlich sowie »kfar« für Dorf. Auch die Wörter
»Kies« und »Moos« für finanziellen Reichtum
stammen aus dem Jiddischen, sie leiten sich ab aus
»kiss« für Geldbeutel und »moess« für Geld.
& Lit.: Bernd-Lutz Lange: Dämmerschoppen, Köln
1997 (besonders das Kapitel »Spachdenkmäler«).

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LexPI Bd. 1 Durchschnitt 79

Durchschnitt
Durchschnittsmenschen sind nicht attraktiv
Ganz im Gegenteil. Wie neue psychologische For-
schungen ergeben haben, sind gerade Durchschnitts-
menschen attraktiv. Wenn Männer Portraitfotos von
Frauen nach »Attraktivität« sortieren, gewinnt typi-
scherweise ein Bild wie das untere.
¤ Dieses Foto wurde unter 32 Bildern als das attrak-
tivste eingestuft

Dieses Foto hat nur einen Nachteil: Die Frau da-


hinter gibt es nicht; sie wurde mittels der sogenannten
»Morphing-Technik« aus 32 zufällig ausgewählten
Frauen »gemittelt«: Jedes Einzelfoto (schwarz-weiß)
wird dabei in Graupunkte zerlegt, ähnlich wie man
Fotos in Zeitungen druckt, dann werden aus den Ein-
zelfotos Durchschnitte gebildet: der Grauwert des
neuen, synthetischen Bildes ist der Durchschnitt der
Grauwerte der Einzelbilder. So entsteht aus individu-
ellen Gesichtern ein Durchschnittsgesicht, ein Ge-
sicht, das bezüglich Ohren, Augen, Nase, Mund gera-
de der Durchschnitt der individuellen Augen, Ohren,
Nasen, Münder ist. Und diese Durchschnittsgesichter
schneiden bei Attraktivitätsbewertungen regelmäßig
besser als die Einzelfotos ab.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Durchschnitt 80

Das gleiche gilt für Männerfotos: legt man Frauen


Männerfotos vor, so gewinnt auch hier der Durch-
schnitt; durchschnittliche Augen, Ohren, Nasen, Mün-
der gefallen besser als die individuellen Komponen-
ten. Und nicht nur das: je mehr Einzelgesichter in den
Durchschnitt eingehen, desto attraktiver ist das
Kunstgesicht, für Männer und Frauen gleicherma-
ßen – je durchschnittlicher ein Gesicht, desto besser
sieht es aus.
& Lit.: Judith Langlois und Lori Roggman: »Attrac-
tive faces are only average«, Psychological Scien-
ce 1990, S. 115–121. Ronald Hens: Spieglein,
Spieglein an der Wand: Geschlecht, Alter und
physische Attraktivität, Weinheim 1992.

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LexPI Bd. 2 Durchschnitt. 77

Durchschnitt
Der Durchschnitt teilt eine Menge von Zahlen in
zwei Hälften
Über diesen Irrtum können Statistiker nur müde lä-
cheln, deshalb war er auch im ersten Band nicht auf-
genommen. Aber nachdem wir seither mehr als ein-
mal hören mußten, »Durchschnitt – klar, die eine
Hälfte kleiner, die andere Hälfte größer«, sei hier
doch darauf verwiesen, daß dies nur für eine bestimm-
te Art von Durchschnitt gilt, für den »Zentralwert«
oder »Median«. Für den Durchschnitt, den die mei-
sten Menschen meinen, wenn sie von Durchschnitt
reden, für das arithmetische Mittel nämlich, gilt dieser
Satz dagegen nicht.
Wenn neun Menschen ein Vermögen o besitzen,
der zehnte ein Vermögen 100, so haben im Durch-
schnitt alle 10 (Durchschnitt im Sinn des arithmeti-
schen Mittels, also Summe der Werte geteilt durch
deren Anzahl, hier hundert geteilt durch zehn). Aber
nur einer von zehn hat mehr als der Durchschnitt,
neun dagegen haben weniger.
Dieses Mißverständnis läßt sich durchaus auch po-
litisch nutzen. Wenn etwa in der Bundesrepublik vom
Einkommen der Zahnärzte die Rede ist (oder irgendei-
ner anderen Gruppe, von der viele meinen, sie ver-
dienten zu viel), so wird gern als Durchschnittsein-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Durchschnitt. 78

kommen das arithmetische Mittel zitiert: Ein deut-


scher Zahnarzt verdient im Jahr durchschnittlich
640.000 Mark. Und sofort denkt jeder: Diese Gauner,
jeder zweite Zahnarzt verdient pro Jahr mehr als
640.000 Mark!
In Wahrheit liegt bei Daten wie Einkommen, Ver-
mögen, Grundbesitz das arithmetische Mittel in aller
Regel oberhalb des Medians: Nach unten sind die
Werte durch die Null beschränkt, nach oben gibt es
keine Grenze, und so können einige wenige Spitzen-
verdiener das arithmetische Mittel stark nach oben
ziehen. Dem Median dagegen sind solche »Ausrei-
ßer« egal.
& Lit.: Walter Krämer: Statistik verstehen, 3. Aufla-
ge, Frankfurt a.M. 1998.
¤

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LexPI Bd. 2 Dynamische Lebensversicherung 78

Dynamische Lebensversicherung
Dynamische Lebensversicherungen sind eine gute
Kapitalanlage
Bei einer dynamischen Lebensversicherung sind Ver-
sicherungssumme und Beitrag nicht konstant, sie
wachsen jährlich, daher die Beifügung »dynamisch«.
Dieses jährliche Wachstum rentiert sich vor allem
für die Versicherungsgesellschaften, die Versicherten
selber erhalten für ihre Extrabeiträge in den letzten
Jahren der Laufzeit des Vertrages oft nicht einmal die
Einzahlung zurück. »Beim Einschluß der Dynamik in
die Verträge werden die Versicherten oft gelinkt. Sie
lohnt sich in den letzten Jahren eines Vertrages über-
haupt nicht. Zuviel geht für die Kosten des Versiche-
rers und die einkalkulierten Todesfalleistungen drauf«
(Arno Surminski).
Das Problem (aus der Sicht der Beitragszahler) ist
das folgende: Jede Erhöhung, der nicht widersprochen
wird, zählt im Umfang der Erhöhung als neuer Ver-
trag, mit allen Konsequenzen. Z.B. bezieht der Versi-
cherungsvertreter die volle Provision, die mit den üb-
rigen Abschlußkosten bereits die erste Jahresprämie
schluckt, so daß jeder dieser zusätzlichen Mini-Ver-
träge erst einmal im Minus anfängt, und aus diesen
Minus kommen die gegen Laufzeitende abgeschlosse-
nen Verträge dann nie mehr heraus.
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LexPI Bd. 2 Dynamische Lebensversicherung 78

& Lit.: »Fehlbetrag«, Capital 12/1989.

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E 79

»If all men acted from enlightened self interest,


the world would be a paradise in comparison to
what it is.«
Bertrand Russell

»Das sind die Weisen,


die durch Irrtum zur Wahrheit reisen.
Die bei dem Irrtum verharren,
das sind die Narren.«
Friedrich Rückert, Vierzeiler

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LexPI Bd. 1 Edelgas 81

Edelgas
Edelgase gehen keine chemische Verbindung ein
Edelgase (Helium, Argon, Neon, Krypton, Xenon und
Radon) verbinden sich normalerweise nicht mit ande-
ren Elementen, ihre äußere Elektronenschale ist voll
besetzt. Trotzdem ist es Chemikern 1962 gelungen,
diese stabile äußere Hülle aufzubrechen und Edelgas-
verbindungen herzustellen (die beständigste Edelgas-
verbindung ist das Xenonhexafluorid).
& Lit.: Stichwortartikel »Edelgase«. in: Das neue
große farbige Lexikon, Niedernhausen 1988.

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LexPI Bd. 1 Ehemänner 81

Ehemänner
Ehemänner leben länger
Ehemänner leben im Durchschnitt zwischen fünf und
fünfzehn Jahre länger als Witwer oder Junggesellen.
Aber sie leben nicht deswegen länger, weil sie Ehe-
männer sind – sie sind grob gesprochen Ehemänner,
weil sie länger leben. Oder wie schon der Engländer
William Farr in einer Studie aus dem Jahr 1858 über
Tod und Ehe in Frankreich formulierte:
»Cretins do not marry; idiots do not marry; idle
vagrants herd together, but rarely marry. Criminals
by birth and education do not marry to any great
extent .... The children of families which have been
afflicted with lunacy are not probably sought in
marriage to so great an extent as others; and several
hereditary diseases present practically some bar to
matrimony. The beautiful, the good, and the healthy
are mutually attractive, and their unions are promo-
ted by the parents in France.«
Und so ähnlich ist das auch noch heute, ob in Frank-
reich oder anderswo.
Vielleicht trägt auch die Ehe als solche zu langem
Leben bei, etwa weil verheiratete Männer gesünder
essen als unverheiratete (da getreu dem hergebrachten
Rollenmuster Frauen immer noch besser und gesünder
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ehemänner 82

kochen). Und wie jeder Psychologe weiß, kann auch


die aus einer glücklichen Ehe fließende emotionale
Stabilität die körperliche Gesundheit und damit die
Lebenserwartung beider Partner positiv berühren.
Diese widerstreitenden Kausalbeziehungen – in der
Demographie als »marriage selection« und »marriage
protection« bekannt – sind nicht leicht zu trennen.
Wir haben hier den klassischen Fall, daß eine unbe-
streitbare Korrelation ganz offensichtlich mehr als
einen Vater (bzw. eine Mutter) hat und daß die domi-
nierende Kausalbeziehung aus den Daten alles andere
als einfach abzulesen ist. Und da hier kontrollierte
Experimente nur schwer durchzuführen sind, wird die
Debatte wohl noch eine Zeitlang weitergehen. Fest
steht aber, daß die Ehe nicht nur die Ursache, wie
immer wieder in den Medien zu lesen, sondern auch
die (Neben-)Wirkung eines langen Lebens ist.
& Lit.: Noreen Goldmann: »Marriage selection and
mortality patterns«, Demography, Mai 1993.

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LexPI Bd. 1 Ei des Kolumbus 82

Ei des Kolumbus
Mit dem »Ei des Kolumbus« meint man eine einfache
Lösung für ein scheinbar schwieriges Problem: Wie
stellt man ein Ei auf seine Spitze? Antwort: man kickt
es auf, dann bleibt es stehen. So soll Christoph Ko-
lumbus, nach einem Bericht des Italieners Benzoni
(Venedig 1565), auf einem Bankett des Kardinals
Mendoza 1493 diese Aufgabe gemeistert haben.
Schon einige Jahre früher schreibt aber Benzonis
Kollege Vasari diese Tat dem Florentiner Filippo
Brunelleschi zu. Brunelleschi hätte nach einer heißen
Diskussion mit Fachkollegen, wie denn die Kuppel
des Florentiner Doms zu bauen sei, die Bezweifler
seines Plans gefragt: »Kann einer von euch ein Ei auf
seine Spitze stellen?« Natürlich wußte niemand eine
Lösung. Dann brachte Brunelleschi auf die bekannte
Art das Ei zum Stehen und sagte, genauso einfach
wäre es, nach seinen Plänen eine Kuppel für den Dom
zu bauen.
Vermutlich hat aber weder Brunelleschi noch Ko-
lumbus diesen Geistesblitz erfunden; in Spanien gab
es schon viel länger die Redensart von »Hänschens
Ei«: »Das andere kennst du doch mit Hänschens Ei?
Womit viele hoch erhabene Geister sich umsonst be-
mühen, um auf einen Tisch von Jaspis solches auf-
recht hinzustellen; aber Hänschen kam und gab ihm
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Ei des Kolumbus 82

einen Knicks, und es stand« (Calderon, »Dame Ko-


bold«). Vermutlich ist diese Geschichte des aufgekik-
kten Eis mit den Arabern nach Spanien gekommen.
& Lit.: Fritz C. Müller: Wer steckt dahinter?
Namen, die Begriffe wurden, Eltville 1964; Georg
Büchmann: Geflügelte Worte, München 1977.

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LexPI Bd. 2 Eichenholz 79

Eichenholz
Eichenholz ist das härteste unter den in Deutsch-
land wachsenden Hölzern
Die Eiche ist bei weitem nicht der beste Lieferant von
harten Hölzern. Härter als Eiche sind zum Beispiel:
Buchsbaum, Flieder, Rosenholz, Weißbuche und
Weißdorn. Am härtesten von allen hierzulande wach-
senden Hölzern ist das der Kornelkirsche.
& Lit.: W. Lenz: Kleines Handlexikon, Gütersloh
1980; Stichwort vorgeschlagen von Jürgen Klop-
penburg.

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LexPI Bd. 1 Eichhörnchen 83

Eichhörnchen
Eichhörnchen haben ihren Namen von den Ei-
chen
Das »Eich« in Eichhörnchen kommt vermutlich von
dem althochdeutschen »aig« = sich heftig bewegen,
schwingen.
& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
2. Auflage, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 1 Eier 1 83

Eier 1
Braune Eier sind nahrhafter als weiße
Das Äußere eines Hühnereis hat mit dem Inneren
nichts zu tun. Insbesondere hängt die Farbe der Eier
allein von der äußeren Schicht der Schale ab; die
Farbe reicht von reinem Weiß bis Dunkelbraun und
ist durch die Rasse des Huhnes festgelegt: Die wegen
ihrer Widerstandsfähigkeit und Fruchtbarkeit ge-
schätzte Weiße Leghornhenne etwa legt nur weiße
Eier (die Farbe der Eier kann man an den Ohrläpp-
chen der Henne erkennen: Sind sie weiß, sind auch
die Eier weiß, sind sie rot, so sind die Eier braun).
Braune Eier sind seltener, weil Hühner, die braune
Eier legen, weniger legefreudig und deshalb in Hüh-
nerfarmen seltener vertreten sind. Und nur deshalb
sind ihre Eier auch oft teurer – nicht weil sie besser,
sondern weil sie seltener sind und weil niemand
einem Eierhändler verbieten kann, die Dummheit sei-
ner Kunden auszunutzen.
& Lit.: David Feldmann: Warum ist die Banane
krumm? München 1987.

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LexPI Bd. 1 Eier 2 83

Eier 2
Je größer die Eier, desto länger müssen die Vögel
brüten
Große Vögel mit großen Eiern brüten nicht notwen-
dig länger als kleine Vögel mit kleinen Eiern. Der
afrikanische Strauß, mit 150 kg Gewicht und 3 Me-
tern Abstand zwischen Kopf und Fuß der größte und
schwerste aller Vögel, brütet nur 42 Tage auf seinen
1,5 kg schweren Eiern, der Wanderalbatros dagegen
73 und der Kiwi 80. Am kürzesten brüten Brillenvö-
gel (Zosteropidae), Rote Erdtauben (Geotrygon mon-
tana) oder Paradieswitwen (Steganura paradisae), die
ihren Nachwuchs schon nach 10 bis 11 Tagen aus
dem Ei entlassen.
Die größten Vögel legen auch nicht immer die
größten Eier. Bezogen auf das Körpergewicht wiegt
ein Straußenei zwischen ein und zwei Prozent, ein
Kiwiei dagegen 30 bis 40 Prozent der Vogelmutter;
eine feste Regel, aus der Größe des Vogels auf die
Größe seines Eis zu schließen, gibt es nicht.
& Lit.: Jürgen Nicolai: Vogelleben, Stuttgart 1973.

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LexPI Bd. 1 Eier 3 84

Eier 3
Ein gekochtes Ei paßt niemals heil durch einen
engen Flaschenhals
Wer jemals versucht hat, ein hartgekochtes und ge-
pelltes Ei in eine enge Milchflasche zu schieben, wird
sagen: sowas ist unmöglich. Denn die Luft in der Fla-
sche drückt gegen das Ei, sie verhindert so das Ein-
schieben, und wenn man fester drückt, zerbricht das
Ei.
Trotzdem geht ein dickes Ei durch einen dünnen
Flaschenhals, und zwar so: die Luft in der Flasche er-
hitzen (etwa ein brennendes Streichholz hineinwer-
fen), dann das Ei dicht auf die Öffnung drücken, war-
ten. Beim Abkühlen der Luft entsteht ein Unterdruck,
der saugt das Ei heil und unbeschädigt durch den Fla-
schenhals.
& Lit.: Klaus Freyer u.a.: Gut gedacht ist halb ge-
löst, Leipzig 1972.

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LexPI Bd. 2 Eier 1 79

Eier 1
Eier sind immer rund
Es gibt auch Eier mit Ecken; die Eier des Katzenhais
z.B. sind viereckig wie Würfel.

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LexPI Bd. 2 Eier 2 79

Eier 2
Man sollte Eier mit einem Plastiklöffel essen (s.a.
ð »Kartoffeln 1«)
Diese Regel sollte besser heißen: Man sollte niemals
Eier mit einem Silberlöffel essen. Denn dieses geht
mit dem Eigelb eine chemische Verbindung ein
(Schwefelwasserstoff), die den Geschmack des Eies
verdirbt. Außerdem verfärben sich die Löffel durch
das ebenfalls erzeugte Silbersulfid schwarz. Aber mit
modernen Chrom-Mangan-Bestecken kann das alles
nicht passieren.
& Stichwort vorgeschlagen von Maria Krämer.

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LexPI Bd. 1 Eigennutz 84

Eigennutz
Eigennutz und Gemeinwohl vertragen sich nicht
Eigennutz ist durchaus mit Gemeinwohl unter einen
Hut zu bringen. Ja mehr noch: Nach der Mehrheits-
meinung aller Ökonomen ist der Eigennutz geradezu
eine Garantie für Wohlstand und Wirtschaftswach-
stum auf der Welt.
Wichtig ist allein: Der Eigennutz, also unser Stre-
ben nach unserem eigenen Wohlergehen, muß gezü-
gelt werden. Und das geschieht in einer Marktwirt-
schaft im wesentlichen dadurch, daß jeder Teilnehmer
des Wirtschaftslebens nur dadurch seinen eigenen
Nutzen mehren kann, daß er simultan auch anderen
nützt: Der Bäcker verkauft uns seine Brötchen nicht
aus Sympathie – er will etwas verdienen. Der Taxi-
fahrer wartet nicht um drei Uhr morgens vor dem
Bahnhof, damit auch noch die Reisenden des letzten
Zuges heil nach Hause kommen – er spekuliert auf
seine Nachtzulage. Und der Zahnarzt um die Ecke
macht nicht deshalb Überstunden, weil wir vor
Schmerzen nicht mehr schlafen können – er will sei-
nen neuen Porsche abbezahlen. Und selbst eine Biene
befruchtet eine Blüte nicht zwecks Überleben dieser
Pflanze, sondern weil sie selber überleben will.
»Diese Einsicht kommt jedem zu seiner Zeit mit
dem aufregenden Gefühl einer persönlichen Offenba-
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LexPI Bd. 1 Eigennutz 85

rung« (Mark Blaug).


Eine Gesellschaft dagegen, die nur dann funktionie-
ren kann, wenn alle Menschen Mütter Theresas sind,
geht auf unserem Planeten unter.
PS: Die Abneigung gegen den Eigennutz als Trieb-
feder des menschlichen Handelns ist nicht nur linken
Radikalen eigen: Schon in dem allerersten, 1920 von
Adolf Hitler verfaßten Flugblatt der NSDAP prangt
stolz der Wahlspruch »Gemeinnutz geht vor Eigen-
nutz«.
& Lit.: Adam Smith: An inquiry into the nature and
causes of the wealth of nations, London 1776;
Mark Blaug: Systematische Theoriegeschichte der
Ökonomie, München 1971.

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LexPI Bd. 2 Einstein 80

Einstein
Einstein war ein reiner Theoretiker
Einstein betätigte sich durchaus auch in angewandter
Wissenschaft; in den 20er Jahren hat er z.B., weil ihm
die damalige Kühltechnik nicht gefiel, mehrere Dut-
zend Kühlschrank-Patente angemeldet. (»Es würde
mich interessieren«, schrieb ein amerikanischer Paten-
tanwalt, »ob dieser Einstein der gleiche ist, der die
Relativitätstheorie erfunden hat.«)
Die ersten Kühlschränke, die damals noch giftiges
Methylchlorid und Schwefeldioxid zum Kühlen nutz-
ten, waren eine Gefahr für Leib und Leben. Einstein
hatte in der Zeitung von einer Familie gelesen, die
durch diese aus dem Kompressor ausgetretenen gifti-
gen Gase umgekommen war, und hatte sich, um der-
gleichen Unglücksfälle zu verhindern, zusammen mit
seinem Studenten und nachmaligen Physikerkollegen
Leo Szilard verschiedene ohne Kompressor arbeiten-
de Kühlschränke ausgedacht, die das Erhitzen und
Abkühlen des Kühlgases auf andere Weise besorgten.
Eines seiner Modelle ersetzte den mechanischen Kol-
ben durch magnetisch angetriebenes flüssiges Metall,
ein anderes trieb den Kühlkreislauf durch Hitze an,
und wieder andere Modelle nutzten Verdampfungs-
kälte oder Wasserdruck; insgesamt meldeten Einstein
und Szilard mehr als 45 Kühlschrankpatente an.
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LexPI Bd. 2 Einstein 80

Mindestens drei dieser Patente wurden von Elektro-


firmen aufgekauft (zwei von der schwedischen Firma
AB Elektrolux, eines von der deutschen AEG, die
auch 1931 einen ersten Prototyp erstellte), aber es
kam nie zur Massenproduktion. Inzwischen hatten
amerikanische Chemiker ein ungiftiges Gas für kon-
ventionelle Kompressor- Kühlschränke gefunden, und
damit waren die Einstein-Kühler kommerziell nicht
mehr von Interesse. Daß dieses ungiftige, als FCKW
bekannte Kühlschrankgas aus ganz anderen Gründen
später selber in die Schlagzeilen geraten sollte, konnte
damals niemand ahnen ...
Nach seiner Übersiedlung in die USA setzte Ein-
stein seine Exkursionen in die Praxis fort; u.a. entwarf
er für die amerikanische Marine einen Zünder für Tor-
pedos.
& Lit.: G. Alefeld: »Einstein as inventor«, Physics
today 33, 1980; L.G. Danen: »The Einstein-Szi-
lard refrigerators«, Scientific American 1/1997;
»Einsteins Kühlschrank«, Süddeutsche Zeitung,
30.1.1997; »Einsteins Torpedos,« Der Spiegel
19/1998, S. 221.

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LexPI Bd. 1 Einstein 1 85

Einstein 1
Einstein war ein schlechter Schüler
Diese Legende hat schon manchen Schüler über
schlechte Noten weggetröstet. Wenn selbst Ein-
stein ...
In Wahrheit war Einstein alles andere als ein
schlechter Schüler; er war nur an Sport und Sprachen
wenig interessiert, und auch der Umgangston im Un-
terricht gefiel ihm nicht: »Die Lehrer in der Elemen-
tarschule kamen mir wie Feldwebel vor, und die Lehr-
er im Gymnasium wie Leutnants«, schrieb er später.
Deshalb und wegen seiner Verachtung für das Mi-
litär – »Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied
zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich
ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum
bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig
genügen würde« – war Einstein bei den Lehrern unbe-
liebt, aber diese Unbeliebtheit reichte nie, ihn sitzen-
bleiben zu lassen oder von der Schule – dem
Luitpoldgymnasium in München – zu entfernen.
»Es wäre nett, wenn du uns eines Tages verlassen
könntest«, sagte ihm einmal ein Lehrer, und auf Ein-
steins Einwand, er habe doch gar nichts getan, erklär-
te er: »Deine Anwesenheit und deine träumerische
und gleichgültige Haltung gegenüber allem, was wir
hier zu lehren versuchen, untergräbt den Respekt der
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LexPI Bd. 1 Einstein 1 85

Klasse.«
In diesem Sinn war Einstein also wirklich ein
schlechter Schüler. Aber seine Leistung in Fächern
wie Mathematik und Physik, die ihn interessierten,
war immer erste Spitzenklasse .....
& Lit.: Gerhard Prause: Genies in der Schule, Rein-
bek 1976.

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LexPI Bd. 1 Einstein 2 86

Einstein 2
Einstein hat den Nobelpreis in Physik für seine
Relativitätstheorie bekommen
Albert Einstein hat den Nobelpreis für Physik von
1921 nicht für seine berühmte, 16 Jahre vorher ver-
öffentlichte Relativitätstheorie, sondern für seine Ar-
beiten zu den sog. photoelektrischen Effekten bekom-
men. Außerdem erhielt er diesen Preis erst ein Jahr
später, zusammen mit dem Physik-Nobelpreisträger
1922, dem dänischen Physiker Niels Bohr.
& Lit.: Chronik des 20. Jahrhunderts, Dortmund
1988.

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LexPI Bd. 2 Eis 81

Eis
Eis ist glatt (s.a. ð »Schlittschuhe«)
Eis ist wie alle festen Körper überhaupt nicht glatt;
die Moleküle an der Oberfläche sind miteinander fest
verbunden und erzeugen einen hohen Reibungswider-
stand.
Glatt wird Eis erst, wenn es schmilzt – durch das
Wasser auf der Oberfläche nimmt die Reibung ab. So
gleiten dann auch Schlittschuhläufer über das Eis –
nicht auf dem Eis selber, sondern auf einer dünnen
Wasserpfütze, die sie mit ihren Schlittschuhen durch
die Reibungswärme erzeugen.
& Lit.: Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was
der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche
Fragen, München 1998.

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LexPI Bd. 2 Eisbein 81

Eisbein
Eisbein hat etwas mit Frost und Eis zu tun
Das beliebte deutsche Eisbein hat seinen Namen von
den »Isbeinen«, den früher so genannten Hüftbeinen
der Schweine. Später hat sich diese Bezeichnung dann
auf jedwede gepökelten oder gekochten Schweinsfüße
oder -beine übertragen.
& Lit.: Walter Zerlett Olfenius: Aus dem Stegreif,
Berlin 1943.

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LexPI Bd. 1 Eisenbahn 86

Eisenbahn
Der wirtschaftliche Aufstieg der USA im 19. Jahr-
hundert ist vor allem den Eisenbahnen zu ver-
danken
Die Eisenbahn war durchaus nicht der große Antrei-
ber des frühen Wirtschaftswachstums in den USA, als
den sie viele in einer durch ungezählte Filme und Ro-
mane verfestigten Legende heute sehen. In Wahrheit,
so der Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Fogel,
wäre die amerikanische Wirtschaft des 19. Jahrhun-
derts fast genauso schnell auch ohne Eisenbahn ge-
wachsen.
Fogel hatte dazu einmal simuliert, was ohne Eisen-
bahn in Nordamerika geschehen wäre, mit dem Er-
gebnis: mehr oder weniger das gleiche, nur anders.
Der Massen-Transport von Weizen, Stahl und Kohle
wäre über Flüsse und Kanäle, und die schnelle Fort-
bewegung der Menschen so wie heute vor allem über
Straßen, zunächst mit Pferdekutschen, dann mit Autos
möglich gewesen, wobei letztere ohne die Konkurrenz
der Eisenbahn auch viel früher serienreif geworden
wären – die Technik dafür war vorhanden. Industrien
und Städte hätten sich anders und anderswo entwi-
ckelt, entlang der Flüsse und Kanäle statt entlang der
Eisenbahnen, gewisse Industrien hätten sich langsam-
er, andere schneller ausgebreitet, aber der Nettoeffekt
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LexPI Bd. 1 Eisenbahn 86

der fehlenden Eisenbahnen wäre weit geringer gewe-


sen als die meisten glauben: eine Einbuße am Sozial-
produkt bis zum Jahr 1890 von maximal rund fünf
Prozent. Soviel wächst die Wirtschaft in den USA im
Durchschnitt in normalen Zeiten in zwei Jahren, d.h.
wenn wir Fogel glauben dürfen, hat die Eisenbahn die
USA rein wirtschaftlich nur zwei Jahre schneller
dahin gebracht, wohin sie auch ohne Eisenbahn ge-
kommen wäre.
& Lit.: Robert William Fogel: Railroads and Ameri-
can economic growth, Baltimore 1964.

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LexPI Bd. 2 Eisenbahn. 82

Eisenbahn
Die erste deutsche Eisenbahn führte von Nürn-
berg nach Fürth
Die erste größere deutsche Eisenbahn führte von der
Zeche Himmelsfürster Erbstollen im heutigen Essen-
Steele durch das Deilbachtal über Kupferdreh nach
Langenberg; sie wurde schon 1830, fünf Jahre vor der
Strecke Nürnberg-Fürth, gebaut. Allerdings wurden
die bis zu sieben Wagen, die hintereinandergespannt
auf dieser Eisenbahn verkehrten, noch von Pferden
gezogen – der König von Preußen, dem diese Gegend
Deutschlands damals unterstand, hatte, u.a. auch auf
Druck der Kohlentreiber, die um ihre Arbeitsplätze
fürchteten, den Dampfbetrieb verboten.
& Lit.: W. Schneider: Essen – Abenteuer einer
Stadt, Düsseldorf 1971; R. Ostendorf: Die Ge-
schichte der Eisenbahndirektion Essen, Stuttgart
1983; W. Gantenberg: Auf alten Kohlenwegen,
Essen 1994; Stichwort vorgeschlagen von Udo
Thein.

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LexPI Bd. 1 Eiserner Vorhang 87

Eiserner Vorhang
Der »Eiserne Vorhang« ist eine Wortschöpfung
von Winston Churchill
Im März 1946 hatte Churchill in einer Rede am West-
minster College im amerikanischen Missouri auf das
Auseinanderdriften der Siegermächte anspielen wol-
len und gesagt: »Von Stettin an der Ostsee bis nach
Triest an der Adria senkt sich ein eiserner Vorhang
durch Europa« (From Stettin in the Baltic to Trieste
in the Adriatic an iron curtain has descended across
the continent); dieses Schlagwort wurde in dem gera-
de beginnenden Kalten Krieg begierig aufgegriffen
und seitdem immer Churchill zugeschrieben.
In Wahrheit hatte schon die belgische Königin Eli-
sabeth nach dem Einmarsch der Deutschen 1914 die-
ses Bild gebraucht: »Zwischen [Deutschland] und mir
ist nun für immer ein eiserner Vorhang niedergegan-
gen.« Mitte der zwanziger Jahre kommentierte der
britische Botschafter in Berlin den geplanten deutsch-
französischen Sicherheitspakt wie folgt: »Ich bleibe
bei meiner Überzeugung, daß der beste Schutz so-
wohl für Frankreich wie für Deutschland der ›Eiserne
Vorhang‹ wäre, das heißt der Gedanke einer neutrali-
sierten Zone, die nicht überschritten werden darf ...
Könnte nicht der Ärmelkanal zu einem ›Eisernen Vor-
hang‹ gemacht werden?« Am 18. Februar 1945 gab
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LexPI Bd. 1 Eiserner Vorhang 87

es eine Schlagzeile »Hinter dem Eisernen Vorhang«


in der Berliner Zeitung »Das Reich«, am 25. Februar
1945 berichtet die gleiche Zeitung, daß Propaganda-
minister Goebbels zweimal von einem Eisernen Vor-
hang zwischen den Deutschen und den Russen ge-
sprochen hätte.
& Lit.: Georg Büchmann: Geflügelte Worte, Ausga-
be Ex Libris, 6. Auflage, Frankfurt 1991.

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LexPI Bd. 2 Eiweiß 82

Eiweiß
Das Weiße vom Ei enthält mehr Eiweiß als der
Dotter
Das Weiße vom Ei heißt Eiklar, es enthält weit weni-
ger Eiweiß als der Dotter.
& Stichwort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Elefanten 1 88

Elefanten 1
Elefanten werden bis zu 100 Jahre alt
Die ältesten Elefanten, deren Alter nachgewiesen wer-
den konnte, wurden bisher laut Guiness Book of Re-
cords 70 bzw. 76 Jahre alt. Die meisten werden aber
keine 50.

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LexPI Bd. 1 Elefanten 2 88

Elefanten 2
Elefanten haben Angst vor Mäusen
Elefanten haben keine besondere Angst vor Mäusen;
man sieht sie oft im Zirkusheu oder in Zoogehegen
friedlich mit diesen zusammen. Bei einem von Bern-
hard Grzimek durchgeführten einschlägigen Experi-
ment rannten die Versuchselefanten denn auch keines-
wegs unter erschreckten Trompetenstößen aufgelöst
davon; sie brachten vielmehr »ihre Rüssel weit geöff-
net ganz dicht an die Mäuse heran und zertraten sie
schließlich«.
Anders bei Grzimeks Versuchen mit Kaninchen
und Dackeln: Hier wichen die Elefanten ängstlich
zurück und bewarfen die anderen Tiere aus der Ferne
mit Sand und Steinen.

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LexPI Bd. 1 Elefanten 3 88

Elefanten 3
Elefanten haben ein außergewöhnliches Gedächt-
nis
Auch das phänomenale Gedächtnis von Elephanten
existiert vor allem in der Phantasie von Zeitungschrei-
bern. Es mag zwar durchaus stimmen, wie man zu-
weilen liest, daß ein Elefant einen Peiniger nach Jah-
ren wiedererkennt und attackiert, aber das kann einem
Löwen- oder Tigerquäler ebenso passieren.

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LexPI Bd. 2 Elefanten 1 82

Elefanten 1
Elefanten sind Dickhäuter
Elefantenhaut ist eher dünn: kaum dicker als 2–4 cm
und bis dicht unter die verhornte Schicht sehr gut
durchblutet. »Sie ist überall sehr tastempfindlich.«
Falsch ist auch, daß Elefanten durch den Rüssel
trinken: Sie trinken mit dem Rüssel; sie saugen Was-
ser mit dem Rüssel auf und spritzen es dann in den
Mund. Auf diese Weise leeren sie zuweilen mehr als
ein Dutzend Eimer hintereinander.
Und falsch ist schließlich auch, daß Elefanten ihre
Stoßzähne abwerfen, um diese durch neue zu ersetzen.
Zwar ersetzen Elefanten tatsächlich ihre Zähne bis zu
sechsmal während ihres Lebens, nur die zwei Stoß-
zähne nicht. Sind diese abgebrochen oder ausgefallen,
muß der Elefant den Rest des Lebens ohne sie ver-
bringen.
& Lit.: Vitus B. Dröscher (Hrsg.): Rettet die Elefan-
ten Afrikas, Hamburg 1990; Bertelsmann Lexi-
kon der Tiere, Gütersloh 1991; Stichwort vorge-
schlagen von Herbert Hamacher.

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LexPI Bd. 2 Elefanten 2 83

Elefanten 2
Es gibt weiße Elefanten
Weiße Elefanten hat es nie gegeben. Die heute als
»weiße« Elefanten verehrten und in Südostasien sehr
geschätzten Tiere (angeblich war Buddha vor seiner
Geburt als Mensch ein weißer Elefant, in Thailand
werden weiße Elefanten deshalb automatisch Eigen-
tum des Königs) sind hellgrau oder rosa gefärbte Al-
binos.
& Lit.: Jeheskel Shoshani (Hrsg.): Elefanten. Enzy-
klopädie der Tierwelt, Hamburg 1992.

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LexPI Bd. 2 Elefanten 3 83

Elefanten 3
Es gibt Elefantenfriedhöfe
Afrikanische Elefanten sterben mit ca. 60 Jahren, und
zwar vor Hunger. Weil nach der bis zu sechsmaligen
Erneuerung seiner verbrauchten Zähne keine neuen
mehr nachwachsen, kann der Elefant seine aus Gras
und Laub bestehende Standardnahrung nicht mehr
richtig zerkauen, das unzerkaute Gras bleibt großteils
unverdaut, und der Elefant muß hungern. Deshalb
sucht er gern in Sümpfen nach besser verdaulichen
weichen Gräsern, wobei er oft ganz ohne jede Ab-
sicht, und ohne einen Friedhof aufzusuchen, im
Schlamm versinkt und stirbt.
& Lit.: Jeheskel Shoshani (Hrsg.): Elefanten. Enzy-
klopädie der Tierwelt, Hamburg 1992.

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LexPI Bd. 2 Elefanten 4 84

Elefanten 4
Elefanten wurden erstmals von Hannibal im
Krieg verwendet
Schon hundert Jahre vor Hannibal hatte König Poros
von Pandschab gegen Alexander den Großen Kriegse-
lefanten in die Schlacht geschickt; dito Dareios III.,
der in der Schlacht von Gaugamela seine Truppen mit
15 indischen Elefanten stärkte. Auch Alexander selber
hatte später mehr als 200 Kriegselefanten, er gewann
mit diesen u.a. die Schlacht am Hydaspes (der Fluß
heißt heute Jhelum).
Selbst die Römer hatten schon lange vor Hannibal
Erfahrung mit gegnerischen Elefanten: In der Schlacht
bei Herakleia unterlagen sie dem Molosserkönig Pyrr-
hus (der Urheber des »Pyrrhussieges«), dieser hatte
20 Elefanten auf seiner Seite. Als daher Hannibal mit
seinen 8 übriggebliebenen Kampfelefanten in Nordi-
talien erschien, konnte diese Waffe keinen mehr er-
schrecken.
& Lit.: E. Brumford: Hannibal, New York 1981;
Brockhaus – Wie es nicht im Lexikon steht,
Mannheim 1996.
¤ Hannibal setzt mit seinem Heere und Schlachtele-
fanten über die Rhone, so wie ihn Zeichner nach
2000 Jahren sehen
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LexPI Bd. 2 Elektrischer Strom 84

Elektrischer Strom
Das Wesen der Elektrizität wurde erst in der
Neuzeit anerkannt und ausgenutzt (s.a. ð »Ver-
silbern«)
Schon vor mehr als 2000 Jahren haben die Parther im
heutigen Persien den elektrischen Strom zu handwerk-
lichen Zwecken (Galvanisieren) ausgenutzt. Wie mo-
derne Archäologen herausgefunden haben, sind die
seltsamen, 1936 bei Ausgrabungen in der Nähe von
Bagdad und später noch an vielen anderen Stellen ge-
fundenen Terrakottavasen mit inwendigem Kupferzy-
linder in Wahrheit nichts als primitive Batterien. Alle
nötigen Zutaten wie Eisen, Blei oder Bitumen waren
vorhanden, mit einer sauren oder laugenartigen Flüs-
sigkeit gefüllt sind diese Vasen sogenannte »galvani-
sche Elemente«. Anläßlich der Ausstellung »Sumer –
Assur – Babylon« im Hildesheimer Roemer- und Pa-
lizaeus-Museum 1978 hat der Ägyptologe Arne Egge-
brecht aus diesen Zutaten plus dem Saft von frisch ge-
preßten Trauben einen Strom von einer Spannung
eines halben Volt erzeugt.
& Lit.: J. Zahn: Nichts Neues mehr seit Babylon,
Hamburg 1959; G. Prause: Tratschkes Lexikon
für Besserwisser, München 1986.

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LexPI Bd. 2 »Elementary, my dear Watson« 85

»Elementary, my dear Watson«


Diese wohl berühmtesten Worte des berühmten De-
tektivs kommen in keiner einzigen der 68 Sherloc-
-Holmes-Novellen vor, die Arthur Conan Doyle in
seinem Leben schrieb.
& Lit.: H. van Maanen: Kleine encyclopedie van
misvattingen, Amsterdam 1994.

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LexPI Bd. 2 Elfenbein 85

Elfenbein
Elfenbein entsteht nur aus den Stoßzähnen von
Elefanten
Elfenbein wird auch aus den Hauern von Narwalen,
Walrossen, Flußpferden und Keilern hergestellt. Das
Wort hat auch nichts mit Elfen zu tun; es leitet sich
vom althochdeutschen »helfantbein« ab, das heißt
»Elefantenknochen«.
& Lit.: Stichwort »Elfenbein« in der Brockhaus En-
zyklopädie, Wiesbaden 1990.

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LexPI Bd. 2 Elfmeter 85

Elfmeter
Der gefoulte Spieler ist ein schlechter Elfmeter-
schütze
Diese Faustregel ist zumindest für die Bundesliga
falsch. Nach der folgenden Statistik von SAT.1 sind
die gefoulten Spieler ganz im Gegenteil die besseren
Elfmeterschützen:
Verwandelte Elfmeter bezogen auf die Anzahl aller
Elfmeter in %
Jahr Gefoulte Spieler Alle Elfmeter
1993/94 100,0% (5 von 5) 83,78% (62 von 74)
1994/95 83,33% (10 von 12) 82,35% (70 von 85)
1995/96 100,0% (6 von 6) 74,70% (62 von 83)
1996/97 80,00% (4 von 5)1 73,17% (30 von 41)

Aufsummiert über die letzten 3 1/2 Jahre:


Gefoulte Spieler (93–97) Alle Elfmeter (93–97)
89,29% (25/28) 78,50% (224/283)

Von 1993 bis 1997 haben nur drei gefoulte Spieler –


Peter Közle, Giovane Elber und Harry Decheiver –
den Strafstoß nicht verwerten können.
& Quelle: Persönliche Mitteilung von Heiko Rahlfs,
Sportredaktion SAT.1.
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LexPI Bd. 2 Elfmeter 86

Fußnoten

1 Stand: 17. Spieltag 1997

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LexPI Bd. 2 Elise 86

Elise
Beethoven schrieb »Für Elise« für Elise
Beethoven schrieb »Für Elise« in Wahrheit für There-
se. Das Manuskript für dieses berühmte Klavierstück
von 1808 ist zwar verschollen, bekannt ist aber, daß
Beethoven zu dieser Zeit für die Tochter Therese
eines Wiener Arztes namens Malfatti schwärmte, und
dieser Therese hat er auch sein Stück gewidmet. Bei
der Drucklegung hat man aber die notorisch unlesbare
Handschrift Beethovens mißdeutet und »Therese« in
»Elise« umgewandelt, und dabei ist es dann geblie-
ben.
& Lit.: H. van Maanen: Kleine encyclopedie van
misvattingen, Amsterdam 1994; Stichwort vorge-
schlagen von H. van Maanen.

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LexPI Bd. 1 Elstern 88

Elstern
Elstern stehlen Ringe und Edelsteine
Die diebischen Elstern tragen ihren Ruf nicht ganz zu
Recht, wenn man dem Vogelkundler Wolfgang
Makatsch glauben darf: »Obwohl die Elster eine ge-
wisse Vorliebe für blinkende Gegenstände hat, habe
ich noch nie in den zahlreichen von mir untersuchten
Elsternnestern irgendwelche derartige Sachen gefun-
den.«
& Lit.: W. Makatsch: Die Vögel in Feld und Flur, 2.
Aufl. Radebeul 1955.

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LexPI Bd. 2 Eltern 87

Eltern
Von allen Mitgliedern einer Familie bestimmen
vor allem die Eltern den späteren Lebensweg der
Kinder
Den größten Einfluß auf den späteren Lebensweg von
Kindern haben nicht die Eltern, sondern – falls vor-
handen – die Geschwister. So die vieldiskutierte
Theorie des amerikanischen Historikers und Soziolo-
gen Frank J. Sulloway. Ob ein Junge oder ein Mäd-
chen später ein Neuerer oder ein Bewahrer, ein Revo-
luzzer oder ein Systemerhalter wird, hänge mehr als
von allen anderen familiären Variablen davon ab, ob
er oder sie zuerst oder zuletzt geboren ist.
Fast alle großen Umstürzler der Weltgeschichte, ob
in Politik, Religion oder Wissenschaft, waren nachge-
boren: Fidel Castro, Che Guevara, Karl Marx, Fried-
rich Engels, Jean-Jacques Rousseau, Isaac Newton,
Voltaire, Kopernikus, Charles Darwin, alle waren
keine ersten Kinder. Und wenn Erstgeborene zu Re-
voluzzern werden, haben sie selten die typische Fami-
lienkarriere von Erstgeborenen erlebt: Galilei, ein
Erstgeborener, war neun Jahre älter als das älteste sei-
ner Geschwister und damit fast ein Einzelkind, Kep-
ler, ein anderer Revolutionär der Wissenschaft, wurde
im Alter von 17 von seinem Vater verlassen, den er
niemals wiedersah, und Martin Luther, ein anderer
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eltern 87

Erstgeborener, sah sich selbst wohl eher als Bewahrer


denn als Umstürzler und Revoluzzer (z.B. konnte er
den aufständischen Bauern nur wenig Sympathie ent-
gegenbringen, er unterstützte stets die Staatsgewal-
ten).
Denn das ist eines der Kennzeichen von Erstgebo-
renen: Sie haben die Tendenz, den hergebrachten Sta-
tus quo zu schützen. Da nun die Nachgeborenen diese
Stelle des Systemerhalters in der Familie schon be-
setzt gefunden haben, so die These Sulloways, mü-
ssen sie, um sich ihren Anteil an Aufmerksamkeit und
Zuneigung der Eltern zu sichern, ein anderes Verhal-
tensfeld besetzen. Und das ist eben das des Revoluz-
zers.
& Lit.: Frank J. Sulloway: Born to rebel, New York
1996; Daniel Goleman: »First, but not always
equal«, The Times, 10.5.1996; Stichwort vorge-
schlagen von Percy A. Rhode und Dietrich Groh.

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LexPI Bd. 1 Emanzipation 89

Emanzipation
Die Reformation hat die Emanzipation der Frau-
en eingeleitet
Die protestantische Reformation des 16. Jahrhunderts
hat nicht, wie viele glauben, die Emanzipation der
Frau vorangebracht; sie hat sie eher hintertrieben.
Weil Luther, Calvin, Zwingli und die anderen Refor-
matoren anders als die etablierte Kirche auf Eigenver-
antwortung und individuelle Selbstentfaltung setzten,
glauben viele, daß damit auch die Frauen ihren langen
Marsch zur Gleichberechtigung begonnen hätten, aber
das ist falsch.
Wenn man einer einschlägigen neuen Studie von
Lyndal Roper glauben darf, war fast das Gegenteil der
Fall. Durch die vielfältigen Zwänge der neuen »bür-
gerlichen Rechtschaffenheit«, durch die weit strengere
Verfolgung sexueller Abweichungen, durch die neue
protestantische Arbeitsethik gerieten Frauen von dem
mittelalterlichen Regen in eine neuzeitliche Traufe.
Sie waren nicht weniger, sondern eher mehr abhängig
als zuvor, sie hatten nicht mehr, sondern weniger als
zuvor ihr Schicksal in den eigenen Händen, und hat-
ten, was die Emanzipation betrifft, durch den Abfall
der Reformatoren von der etablierten Kirche nur ver-
loren.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Emanzipation 89

& Lit.: Lyndal Roper: Das fromme Haus: Frauen


und Moral in der Reformation, Frankfurt 1995.

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LexPI Bd. 1 Encyclopaedia Britannica 89

Encyclopaedia Britannica
Die Encyclopaedia Britannica kommt aus Groß-
britannien
Die Encyclopaedia Britannica kommt schon lange
nicht mehr aus Großbritannien; der aktuelle Verleger
und Eigentümer aller Rechte ist die amerikanische
Aktiengesellschaft »Encyclopaedia Britannica Inc.«
mit Sitz in Chicago.
Schon 1920 waren die Rechte an diesem berühm-
ten Lexikon, dem auch die Autoren des vorliegenden
Buches viele Informationen verdanken, nach Amerika
gewechselt, damals an das Versandkaufhaus Sears-
Roebuck; von dort wanderten sie über die Universität
von Chicago zu einer eigens für dieses Lexikon ge-
gründeten Aktiengesellschaft, die seit 1941 die Ge-
schicke dieses Werkes in den Händen hält.
& Lit.: Stichwort »Encyclopaedia Britannica« in
»The New Encyclopaedia Britannica, Ready Refe-
rence«, Chicago 1994.

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LexPI Bd. 2 Engel 88

Engel
Engel haben Flügel
Wo immer diese Gottesboten im Alten oder Neuen
Testament erscheinen, ist von Flügeln keine Rede:
»Der Engel des Herrn fand Hagar in der Wüste« (Ge-
nesis 16,7); »Der Engel Gottes, der den Zug anführte,
erhob sich und ging an das Ende des Zuges« (Exodus
14,19); »Der Engel des Herrn kam und setzte sich
unter die Eiche bei Ofra« (Richter 6,11); »im sechsten
Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine
Stadt in Galiläa namens Nazareth (...) gesandt«
(Lukas 1,26) usw. Die einzigen biblischen Gestalten
mit Flügeln sind die Serafim und Cherubim, aber das
sind keine Boten Gottes, sondern Mitglieder des gött-
lichen Hofstaates, die auch schon durch ihre Löwen-
leiber etwas aus der Rolle fallen.
Demzufolge werden Engel in der frühchristlichen
Kunst auch durchweg ohne Flügel abgebildet. Erst ab
Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts sieht man
Engel auch mit Flügeln, vermutlich um ihr plötzliches
Erscheinen und Verschwinden wie auch die Auffahrt
in den Himmel für die Menschen nachvollziehbarer
zu machen. In der Renaissance entwickeln sich dann
zusätzlich die beflügelten Mädchen- oder Kinderengel
(Putten; bis dato waren Engel durchweg junge Män-
ner), und heute gehört der Flügel zum Engel wie der
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LexPI Bd. 2 Engel 89

Zylinderhut zum Schornsteinfeger.


& Lit.: C. Westermann: Gottes Engel brauchen
keine Flügel, Berlin 1957; Engeldarstellungen aus
zwei Jahrtausenden (Ausstellungskatalog), Rek-
klinghausen 1959; Wörterbuch des Christentums,
München 1995.
¤ Angelo Bronzino: Girlande mit flügellosem Engel
(Detail aus den Fresken der Kapelle der Eleonora
da Toledo im Palazzo Vecchio in Florenz)

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LexPI Bd. 1 England 1 90

England 1
In England regnet es mehr als in Italien
In London fallen pro Jahr 590 mm Niederschlag, in
Rom 760, in Florenz 870, in Mailand 1000 und in
Genua sogar 1100. Damit ist London eine der
trockensten Städte in Europa.
Auch im Rest des Landes ist England trockener als
Italien: durchschnittlich 900 Millimeter Niederschlag,
verglichen mit 950 in Italien. Daß trotzdem die aus-
ländischen Gäste einen ganz anderen Eindruck mit
nach Hause nehmen, liegt an der Verteilung: in Italien
regnet es vor allem im Herbst und Winter, in England
gleichmäßig das ganze Jahr. Und auch die Dauer der
Regenschauer ist verschieden: In England kommt der
Regen britisch-dezent in kleinen Dosen, dafür aber
öfter (im Durchschnitt regnet es an jedem zweiten
Tag), in Italien seltener, aber dann gewaltig. Daher
hat man das Gefühl, es regnet weniger, obwohl die
reine Menge des Regens in Italien größer ist.
& Lit.: World survey of climatology, Bände 5 und 6,
Amsterdam 1970 bzw. 1977.

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LexPI Bd. 1 England 2 90

England 2
In England wächst kein Wein
Nur wenige Kontinentaleuropäer denken beim Stich-
wort England an Weinberge und Wein. Trotzdem
wird auf den britischen Inseln schon seit Jahrhunder-
ten Wein angebaut, wenn auch früher mehr als heute.
Die mittelalterlichen englischen Klöster bis hinauf
nach Liverpool und Nottingham z.B. produzierten
einen sehr beliebten Wein, der den Überlieferungen
zufolge keinen Vergleich mit anderen zu scheuen
brauchte, und hätte sich England nicht 1152 das fran-
zösische Bordeaux gesichert (und damit den einheimi-
schen Winzern selber Konkurrenz gemacht), wer weiß
wieviele Winzer es noch heute auf der Insel gäbe.
Die meisten noch verbliebenen Anbauflächen lie-
gen im Süden und Südosten, in der Grafschaft Kent,
entlang der Themse und um Cambridge. Sie sind
heute nach mehreren hundert Jahren der Vernachlässi-
gung wieder im Wachsen begriffen und bedecken zu-
sammen wieder etwa 400 ha, soviel wie in Deutsch-
land das Anbaugebiet der Saar.
Ein anderes weinproduzierendes Land, das man
normalerweise nicht als solches kennt, ist Kanada.
& Lit.: Hugh Johnson: Der große Weinatlas, 24.
Auflage, Bern 1992.
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LexPI Bd. 1 England 2 91

¤ In England produziert und abgefüllt

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LexPI Bd. 1 England 3 91

England 3
In England wird der meiste Tee getrunken
Pro Kopf und Jahr wird in Irland mehr Tee getrunken
als in England (Quelle: International Tea Committee
LTD, London).

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LexPI Bd. 1 England 4 91

England 4
Alle erwachsenen Engländer dürfen wählen
Die Mitglieder des englischen Oberhauses sowie die
Königin haben bei den britischen Unterhauswahlen
keine Stimme.
& Lit.: John McEldowney: Public law, London
1994.

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LexPI Bd. 2 Englischhorn 89

Englischhorn
Das Englischhorn ist ein englisches Horn
Das als Englischhorn bekannte Musikinstrument ist
eine Art Oboe; es wird aus Holz hergestellt und hat
weder mit einem Horn noch mit England das Minde-
ste zu tun. Vermutlich verdankt es seinen Namen
einer gewissen Ähnlichkeit mit den gebogenen Jagd-
hörnern, wie man sie aus England kennt.
& Stichwort vorgeschlagen von Josef Stern.

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LexPI Bd. 2 Entschlackungskuren 89

Entschlackungskuren
Entschlackungskuren räumen den Darm auf
»Fasten bis zur völligen Darmentleerung ist medizi-
nisch unsinnig«, schreibt Bild der Wissenschaft.
»Vor allem ältere Menschen werden von der Roßkur
nur unnötig geschwächt. Besser als gar nichts zu
essen ist eine ballaststoff- und faserreiche Nahrung
mit Rohkost und viel Gemüse, die die Verdauung an-
regt und die Darmfalten ausputzt.«
& Lit.: »Fünf Vorurteile übers Essen«, Bild der
Wissenschaft 1/1997, S. 68.

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LexPI Bd. 1 Entwicklungshilfe 91

Entwicklungshilfe
Entwicklungshilfe hilft armen Ländern beim Ent-
wickeln
Wenn man verschiedenen Ökonomen glauben darf,
die sich mit diesem Thema befassen, so landet ein
Großteil unserer Entwicklungshilfe letztendlich da,
wo wir sie nicht sehen wollen: auf den Konten und in
den Bäuchen der Reichen, die es auch in armen Län-
dern gibt.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben die
westlichen Entwicklungsgelder, die seit dem Zweiten
Weltkrieg in die Dritte Welt geflossen sind, weder für
mehr Wachstum gesorgt, also indirekt den Lebens-
standard aller angehoben, noch das Los der Armen di-
rekt merklich aufgebessert. Selbst wenn die Entwick-
lungsgelder zweckgebunden ausgegeben werden mü-
ssen, finden sie per Umweg doch den Weg in falsche
Kassen. Denn wenn andere Krankenhäuser bauen und
Kinder impfen, braucht es die eigene Regierung nicht
zu tun; sie kann das Geld stattdessen für Panzer oder
Staatsempfänge nutzen.
Und genau das ist, wenn wir verschiedenen ein-
schlägigen Studien glauben dürfen, in großem Um-
fang auch geschehen: Sowohl Armut wie Wirtschafts-
wachstum eines armen Landes sind im wesentlichen
unabhängig von Entwicklungshilfe. So sind etwa die
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LexPI Bd. 1 Entwicklungshilfe 92

von der EG und ganz besonders Frankreich sehr gene-


rös bedachten ehemaligen französischen Kolonien in
Zentralafrika in den letzen 30 Jahren genauso schnell
bzw. besser gesagt genauso langsam gewachsen wie
ihre weniger gut versorgten Nachbarländer, und auch
für den Rest der Dritten Welt ist die Korrelation zwi-
schen Wirtschaftswachstum und Entwicklungshilfe
nahe Null.
& Lit.: »Down the rathole«, The Economist,
10.12.1994; P. Boone: »The impact of foreign aid
on savings and growth«, Diskussionspapier, Lon-
don School of Economics 1994.

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LexPI Bd. 1 Epoche 92

Epoche
»Von hier und heute geht eine neue Epoche der
Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid
dabeigewesen«
So soll Goethe im September 1792 in Valmy ange-
sichts einer vor den revolutionären Franzosen fliehen-
den preußischen Armee gesprochen haben. Aber kei-
ner der Zeitgenossen weiß etwas davon. In den Me-
moiren eines Majors von Massenbach aus dem Jahr
1809 wird Goethe nur der weit weniger prägnante
Ausspruch zugeschrieben: »Der 20. September 1792
hat der Welt eine andere Gestalt gegeben; es ist der
wichtigste Tag des Jahrhunderts.«
Erst 1820/22, als Goethe seine Kampagne in
Frankreich 1792 niederschrieb und damit 30 Jahre
Zeit gehabt hatte, an seinem spontanen Wort zu ba-
steln (und auch keine Angst mehr haben mußte, daß
die Vorhersage danebengeht), kommt diese berühmte
Prognose zum ersten Mal in Goethes Werken vor.
& Lit.: William Lewis Hertslet: Der Treppenwitz
der Weltgeschichte, 11. Auflage, Berlin 1965.

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LexPI Bd. 2 Erbkrankheiten 89

Erbkrankheiten
Das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nach-
wuchses« war ein geistiges Produkt der Nazis
Das berüchtigte »Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses« von 1933 wurde schon lange vor der
Machtübernahme der Nationalsozialisten von alles
andere als braunen Ärzten ausgearbeitet und von den
Nazis einfach übernommen. Es fußt auf Gedanken der
englischen Statistiker Francis Galton und Ronald
Fisher, die schon lange vor den Nazis im Ausland
willig aufgegriffen worden waren. »Das unnatürliche
und zunehmend schnellere Anwachsen der geistes-
schwachen und wahnsinnigen Bevölkerungsschichten,
das mit stetem Rückgang bei den tüchtigen, starken
und überlegenen Schichten einhergeht, konstituiert
eine Gefahr für Nation und Rasse, die gar nicht über-
bewertet werden kann«, schrieb Winston Churchill im
Jahr 1910. »Ich finde, daß die Quelle, aus welcher der
Strom des Wahnsinns gespeist wird, ausgetrocknet
und versiegelt werden sollte, noch bevor ein weiteres
Jahr ins Land zieht.«
Ein Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuch-
ses gab es in den USA schon 1909 (über 50.000 Ste-
rilisierungen bis 1950). Im Jahr 1928 folgte die
Schweiz und 1929 Dänemark, und auch Island, Nor-
wegen, Finnland und Schweden kamen wenig später
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LexPI Bd. 2 Erbkrankheiten 90

ebenfalls dazu.
& Lit.: H. Nachtsheim: »Das Gesetz zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses aus dem Jahr 1933 in
heutiger Sicht«, Ärztliche Mitteilungen,
18.8.1962; J. Fischer: »Rückblick und Vorschau
zu einem Sterilisierungsgesetz«, Gesundheitspoli-
tik 6, 1964, S. 340–354; Luc Bürgin: Irrtümer
der Wissenschaft, München 1997 (besonders der
Abschnitt »Irrweg Eugenik«); Stichwort vorge-
schlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Erbsen 90

Erbsen
Erbsen haben Schoten
Erbsen haben Hülsen, keine Schoten. Mit »Schoten«
meint man in der Botanik die Früchte der sogenannten
Kreuzblütler, das sind Kräuter oder Sträucher mit je
vier kreuzweise stehenden Kelch- und Blütenblättern.
& Lit.: F. Jacob, E.J. Jäger und E. Ohmann: Bota-
nik, 4. Auflage, Stuttgart 1991; Stichwort vorge-
schlagen von Maren Sylvester und Ralf
Kehlenbeck.

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LexPI Bd. 2 Erdbeeren 90

Erdbeeren
Erdbeeren sind Beeren
Die Erdbeere ist biologisch gesehen keine Beere, son-
dern eine sogenannte Sammelnußfrucht. Was wir als
»Erdbeere« verzehren, ist in Wahrheit eine – zugege-
ben ungewöhnlich fleischige – Blütenachse, die ei-
gentlichen Früchte der Erdbeerpflanze aber sind die
winzigen, auf dieser fleischigen roten Blütenachse an-
gebrachten Nüsse (ähnlich bei Himbeeren und Brom-
beeren – hier treten an die Stelle der Mini-Nüsse klei-
ne Steinfrüchte, weshalb auch Himbeeren und Brom-
beeren in der Botanik nicht als Beeren, sondern als
»Sammelsteinfrüchte« zählen).
Mit »Beeren« meint man in der Botanik Früchte,
die nur aus fleischigen Schichten bestehende Frucht-
schalen haben, wie etwa Stachelbeeren, Hagebutten
oder Heidelbeeren, aber auch Kürbisse und Gurken.
& Lit.: F. Jacob, E.J. Jäger und E. Ohmann: Bota-
nik, 4. Auflage, Stuttgart 1991; Stichwort vorge-
schlagen von Maren Sylvester und Ralf
Kehlenbeck.

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LexPI Bd. 2 Erdnüsse 91

Erdnüsse
Erdnüsse sind Nüsse (s.a. ð »Walnuß«)
Erdnüsse sind Bohnen, keine Nüsse; sie gehören wie
die Erbsen und die Bohnen zu den Hülsenfrüchten,
die ihre Samen durch eine elastisch-ledrige Hülse
schützen; »Nüsse« dagegen haben harte Schalen.
Anders als viele glauben, kommen Erdnüsse auch
nicht vorzugsweise aus den USA – deren jährliche
Ernte von zwei Millionen Tonnen fällt weit hinter die
acht Millionen Tonnen aus Indien oder die zehn Mil-
lionen Tonnen aus China zurück (Zahlen für 1995) –
und sind auch keine alte amerikanische Knabberspe-
zialität. Sie dienten in den USA zunächst und aus-
schließlich als Schweinefutter. Erst um 1880 begann
der Zirkusunternehmer Barnum, in den Pausen Erd-
nüsse in kleinen Tüten auch für Menschen anzubie-
ten, ab da entdeckten die Amerikaner parallel zur
Liebe für den Zirkus auch die Liebe für die Erdnuß.
& Lit.: Stichwort »Peanut« in der MS Microsoft En-
zyklopädie Encarta, 1994; C. Panati: Universal-
geschichte der ganz gewöhnlichen Dinge, Frank-
furt a.M. 1994; FAO Production Yearbook, Band
50, Rom 1996.

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LexPI Bd. 1 Erdöl 93

Erdöl
Deutschland bezieht das meiste Erdöl aus dem
Nahen Osten
Der wichtigste deutsche Erdöllieferant ist England.
Im Jahr 1990 hat Deutschland aus England 14,8 Mil-
lionen Tonnen Erdöl importiert, aus Norwegen 6,6
Millionen und aus Saudi-Arabien nur 6 Millionen.
Der wichtigste arabische Lieferant war Libyen mit 11
Millionen Tonnen.
& Lit.: Jahrbuch Bergbau, Öl und Gas, Essen 1992.

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LexPI Bd. 2 Erfrierungen 92

Erfrierungen
Erfrierungen lassen sich durch Einreiben mit
Schnee bekämpfen
Erfrorene Körperteile sollte man auf keinen Fall mit
Schnee einreiben – dadurch werden die abgekühlten
und durch den Frost sehr spröden Körperzellen noch
weiter abgekühlt und u.U. sogar beschädigt. Das Rote
Kreuz empfiehlt statt dessen, die erfrorenen Körper-
stellen sanft und allmählich zu erwärmen, etwa durch
Eintauchen in warmes Wasser (nicht in heißes, denn
erfrorene Körperzellen fühlen keinen Schmerz und
können daher auch nicht vor Verbrennen warnen).
& Lit.: Carol Ann Rinzler: Feed a cold, starve a
fever – A dictionary of medical folklore, New
York 1991; Verena Corazza et al.: Kursbuch Ge-
sundheit, Köln 1992.

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LexPI Bd. 2 Erkältung 92

Erkältung
Kalte Duschen und das Schlafen in kalten Räu-
men mindern die Gefahr einer Erkältung
Eher das Gegenteil ist der Fall: Erkältungen verbrei-
ten sich durch Viren, und denen ist unsere Dusch- und
Zimmertemperatur reichlich gleichgültig. Eher ist
durch das Schlafen in kalten Räumen sogar ein höhe-
res Erkältungsrisiko zu befürchten, denn im Kalten
trocknet leicht die Nasenschleimhaut ein, dann fällt es
den Erkältungsviren leichter, diese Schleimhaut zu
durchdringen, und die Gefahr, sich zu erkälten, wird
nicht kleiner, sondern größer.
& Lit.: Carol Ann Rinzler: Feed a cold, starve a
fever – A dictionary of medical folklore, New
York 1991.

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LexPI Bd. 1 Erkältungen 93

Erkältungen
Erkältungen bekommt man von der Kälte
Erkältungen entstehen durch Viren, nicht durch Kälte.
Wir erkälten uns, indem wir uns anstecken, nicht
indem wir unter Kälte oder Nässe leiden.
Daß trotzdem Nässe und Kälte so oft mit Erkältun-
gen gemeinsam auftreten, hat verschiedene Gründe.
Z.B. halten wir uns bei kaltem öfter als bei warmem
Wetter gemeinsam mit anderen Menschen in ge-
schlossenen Räumen auf, dadurch steigt die Gefahr
einer Virusübertragung. Oder die Kälte könnte unsere
Virus-Abwehr schwächen. Was auch immer die wahr-
en Ursachen einer Erkältung sind – die Kälte selber
ist es nicht.

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LexPI Bd. 2 Eroberung Amerikas 1 92

Eroberung Amerikas 1
Die Spanier konnten Amerika vor allem mit Hilfe
der den Indianern unbekannten Pferde und Feu-
erwaffen erobern
Noch heute wundern sich viele Historiker, wie weni-
ger als hunderttausend Spanier so schnell und so pro-
blemlos dreißig bis fünfzig Millionen Indianer unter-
werfen konnten. »Durch das Schwert, das Kreuz und
den Hunger«, meint Pablo Neruda und meinen mit
ihm viele andere, aber diese Sicht ist falsch. Die Ur-
einwohner hätten vor den Spaniern Angst gehabt; vor
allem ihr Entsetzen angesichts der unbekannten Feu-
erwaffen und der riesigen Tiere, auf denen die Kon-
quistadoren daherkamen (die den Indianern bis dato
unbekannten Pferde), hätten den Spaniern das Siegen
leicht gemacht. Die Eingeborenen wären von den
glänzenden Rüstungen und bunten Fahnen der Spa-
nier eingeschüchtert und gelähmt gewesen, die Spa-
nier wären ihnen wie Götter vorgekommen, denen
man sich nolens volens unterwerfen müsse.
In Wahrheit war der anfangs tatsächlich vorhande-
ne Respekt der Indianer vor den ungewohnten Ein-
dringlingen und vor deren Pferden und Musketen bald
verschwunden. Auch an die Fahnen und Kleider,
sogar an die Kanonen der Europäer hatten sie sich
bald gewöhnt. »Als Cortez bei Xicalango, einem Ort
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Eroberung Amerikas 1 93

südlich des Hafens von Veracruz, eine Kanone abfeu-


ern ließ, als Montezumas Gesandte eintrafen, fiel die
ganze Gesandtschaft wie tot auf den Boden, und die
Spanier hatten Mühe, sie wieder aufzurichten«,
schreibt Ferdinand Salentiny, aber dieser Knalleffekt
war bald vorüber; beim zehnten Abschuß einer Kano-
ne (sofern es überhaupt dazu kam, denn das Pulver
wurde in dem feuchtheißen Klima Mittel- und Süda-
merikas sehr schnell naß und war dann nicht mehr zu
gebrauchen) fielen sie schon nicht mehr hin. Zudem
waren die antiken Kanonen wie auch die Hakenbüch-
sen der Spanier schwer zu laden; auf all ihren Erobe-
rungsfeldzügen führten die Spanier als wichtigste
Waffe die althergebrachte Lanze, und die war den
Steinschleudern und Bogen der Inkas und Azteken
nicht sehr überlegen.
Daß die Spanier dennoch so schnell und so gründ-
lich siegen konnten, hatten sie weder ihrer waffentech-
nischen Überlegenheit noch ihrem Götternimbus, son-
dern vor allem der Zwietracht der Indianer zu verdan-
ken; diese brachten sich schneller selber gegenseitig
um, als die Spanier mit dem Zählen nachkamen, sie
besorgten so das Handwerk ihrer Henker im wesentli-
chen selber. »Ohne die massive militärische Hilfe der
Herrscher von Tlaxcala (...) hätten die Spanier die Er-
oberung von Tenochtitlan, der Hauptstadt der Mexica,
wochen- oder monatelang hinausschieben müssen«
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LexPI Bd. 2 Eroberung Amerikas 1 93

(Salentiny). »In Altperu waren es die Stämme der Ka-


narr, Wanka und Chachapuyas, die ›ewigen‹ Rebellen
im Land der Inka, die Pizarro bei der Niederwerfung
des Inkareiches behilflich waren. Man darf heute ruhi-
gen Gewissens behaupten, daß die altamerikanischen
Reiche kaum ohne die massive Hilfe der Eingebore-
nen und Kaziken hätten bezwungen werden können.«
& Lit.: J. Hemming: The conquest of the Incas, Lon-
don 1970; H.J.M. White: Cortez and the downfall
of the Atztek empire, London 1971; F. Salentiny:
Santiago! Die Zerstörung Altamerikas, Frankfurt
a.M. 1980.

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LexPI Bd. 2 Eroberung Amerikas 2 94

Eroberung Amerikas 2
Vor der Ankunft der Europäer lebten die Urein-
wohner Amerikas glücklich und in Frieden
Die Herrscher Mexikos und Perus herrschten auch vor
den Spaniern so wie alle Herrscher damals herrschten:
brutal und mit Gewalt. Die Azteken etwa waren be-
kannt für ihre Menschenopfer; sie pflegten Kriegsge-
fangenen lebendigen Leibes Herzen zu entreißen. Die
Inka in Peru unterhielten ein Schädelmuseum mit den
Köpfen ihrer besiegten Feinde, »zu ihren Besonder-
heiten gehörte es, aus der Haut erschlagener Häuptlin-
ge Kriegstrommeln zu fertigen«, der Inka Atahualpa,
den Pizarro in einem Schauprozeß zum Tode verurtei-
len und durch die Garotte hinrichten ließ, »trank seine
Chicha aus der goldgeschmückten Schädelschale sei-
nes Bruders Atoc, den er im Kampf gefangennahm
und grausam töten ließ« (Huber). Unter den Opfern
dieses Terrors rekrutierten die Spanier ihre Hilfssol-
daten, nur mit diesen war es ihnen möglich, so schnell
und mit so wenig eigenen Soldaten einen ganzen Kon-
tinent zu unterwerfen.
& Lit.: S. Huber: Pizarro, Olten 1978: F. Salentiny:
Santiago! Die Zerstörung Altamerikas, Frankfurt
a.M. 1980.

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LexPI Bd. 2 Eros 95

Eros
Die Eros-Statue auf dem Londoner Picadilly Cir-
cus zeigt den griechischen Gott Eros
Der Eros auf dem Picadilly Circus wurde 1893 zum
Gedenken an den englischen Grafen und Philanthro-
pen Shaftesbury als »Engel der christlichen Barmher-
zigkeit« errichtet (anfangs hieß die Statue daher auch
»Shaftesbury Monument«).
& Lit.:
http://www.speel.demon.co.uk/other/eros.htm;
Stichwort vorgeschlagen von H. van Maanen.
¤ Dieser Griechengott ist eigentlich ein Engel

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LexPI Bd. 2 Erster Diener 95

Erster Diener
»Der König ist der erste Diener des Staates«
Diese berühmten Worte des berühmten Großen Fried-
rich sind leicht irreführend aus dem Französischen
übersetzt (Friedrich II. sprach mit Vorliebe Franzö-
sisch). Die französische Urfassung spricht von »do-
mestique« (= Hausknecht), nicht wie vielfach später
von »serviteur« (= Diener). Und zwischen diesen Be-
griffen gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied:
Ein Hausknecht verrichtet mehr oder wenig widerwil-
lig Dinge, die er verrichten muß, ein Diener dient
voller Liebe seinem Herren. Und mit seinem »Dome-
stiken« drückte Friedrich seinen bekannten Widerwil-
len gegen seine Königsrolle aus; er war alles andere
als glücklich, seinem Land zu »dienen«.
& Lit.: S. Haffner: Preußen ohne Legende, 3. Aufla-
ge, Hamburg 1979.

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LexPI Bd. 2 Esel 96

Esel
Esel sind dumm
Unter allen Huftieren schneiden Esel bei Intelligenz-
tests oft am besten ab. Esel auf der Weide testen mit
ihren Barthaaren, ob der Elektrozaun angeschaltet ist,
Pferde oder Kühe lassen sich erst durch Stromschläge
belehren. »Einer unserer Esel macht sich abends das
Licht im Stall an«, erfahren wir vom 2. Vorsitzenden
der »Interessengemeinschaft für Eselfreunde e.V.« in
Bochum (840 Mitglieder).
Kein Esel betritt einen unsicheren Weg, ohne vor-
her nachzudenken, wie er ihn bewältigen kann. Über
schmale Brücken und trübe Pfützen geht ein Esel nur,
wenn sein Treiber es ihm vormacht. »Folge einer
Ziege, und du wirst in einen Abgrund stürzen. Folge
einem Esel, und er führt dich in dein Dorf«, lautet ein
spanisches Sprichwort.
Ihren unverdienten Ruf als mentale Tiefflieger
haben Esel vermutlich wegen ihrer Sturheit bekom-
men. Aber genau diese Sturheit ist ein weiterer Be-
weis für Intelligenz. Denn wenn Esel stur und stör-
risch sind, haben sie in aller Regel einen Grund. »Auf
einem schmalen Pfad in der südmarokkanischen
Steinwüste trieb ein junger Berber seinen schwerbela-
denen Packesel der Oase Quarzaza zu«, schreibt
Vitus B. Dröscher. »Unvermittelt blieb das Tier ste-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Esel 96

hen und dachte nicht daran, auch nur einen einzigen


Schritt zu tun. Der Berber drosch mit einem Stock auf
den scheinbar störrischen Esel ein. Vergebens. Dann
zerrte er am Zügel. Mit der ihm eigenen Halsstarrig-
keit stemmte sich das Tier mit allen vier Beinen dage-
gen. Einen Schritt wurde es vorwärtsgeschleift, einen
zweiten und noch einen dritten. In diesem Augenblick
schrie der Berber auf. Eine giftige Kobra, die auf dem
Pfad lag, hatte ihn gebissen.«
& Lit.: Vitus B. Dröscher: Sie turteln wie die Tau-
ben, Hamburg 1988; Christina Will-Bruhn:
»Trotzkopf«, TV Hören und Sehen 43/1997;
Stichwort vorgeschlagen von Dieter Holtzmann.

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LexPI Bd. 2 Esperanto 96

Esperanto
Esperanto ist eine Kunstsprache, die von nieman-
dem wirklich gesprochen wird
Esperanto ist zwar eine Kunstsprache (es wurde 1887
von dem jüdischen Augenarzt Ludwig Zamenhof aus
Polen als kulturell neutrale und leicht zu lernende in-
ternationale Sprache quasi frei erfunden), aber es gibt
heute mehrere Millionen Menschen, die diese Sprache
sprechen. Unter den 3000 bis 4000 Sprachen, die es
heute auf der Erde gibt und die in der Mehrzahl nur
von wenigen hunderttausend Menschen gesprochen
werden, liegt Esperanto damit in der Spitzengruppe;
es ist von der katholischen Kirche als Liturgiesprache,
vom Internationalen PEN-Club als Literatursprache
und vom Weltpostverein als Sprache für Telegramme
zugelassen. Im Internet gibt es Diskussionsrunden in
Esperanto, und die jährlichen Weltkongresse der »Es-
perantisten« (1997 in Adelaide/Australien, 1998 in
Montpellier und 1999 in Berlin) ziehen jeweils meh-
rere Tausend Menschen an.
& Stichwort beigetragen von Rudolf Fischer.

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LexPI Bd. 1 Essen 93

Essen
Dicke Leute essen mehr als dünne (s.a. ð »Diät«)
Warum sind dicke Leute dick?
Die populäre Antwort ist: weil sie zuviel essen.
Und in gewisser Weise stimmt das auch. Würden sie
weniger essen, dann würden sie auch weniger wiegen.
Diese Binsenweisheit gilt für jedermann, dick oder
dünn. Jede Kalorie über das hinaus, was unser Körper
braucht, macht uns schwerer, jede Kalorie, die zum
Ausgleich der Energieverluste fehlt, macht uns leicht-
er.
In gewisser Weise ist die Antwort aber auch falsch.
Denn dicke Menschen mögen vielleicht mehr essen
als sie zur Gewichtserhaltung brauchen; aber sie
essen im Durchschnitt weniger als dünne. »Generally
speaking, fatter people eat less than thinner people«
(Ernährungswissenschaftler Peter Wood von der Stan-
ford Universität in Kalifornien). Wie eine Ernäh-
rungsstudie nach der anderen ergibt, sind unter sonst
gleichen Umständen Vielesser in der Regel dünner.
So essen etwa englische Teenager weit weniger als
ihre Eltern, im Durchschnitt sogar 300 bis 500 Kalo-
rien am Tag weniger als von der Weltgesundheitsor-
ganisation empfohlen – und sind trotzdem mehrheit-
lich zu dick. Eine andere Studie aus Schottland ergab,
daß dicke Mädchen nicht mehr essen als dünne – sie
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Essen 94

essen weniger. Und eine Untersuchung von mehr als


3000 englischen Erwachsenen – 900 Mitarbeiter der
Firma »Beecham Foods«, 1000 Angestellte der Lon-
doner Stadtverwaltung und 1500 Staatsbeamte –
ergab zur nicht geringen Überraschung aller Beteilig-
ten eine »hoch signifikante negative Korrelation zwi-
schen Kalorienverbrauch und Körperfett, und zwar
für beide Geschlechter und alle drei Teilpopulationen
gleichermaßen« (zitiert nach Cannon und Einzig;
Übersetzung von uns): »Whatever the exact figure
may be, it is save to say that we are getting fatter
while eating less.«
Die folgende Tabelle gibt dazu exakte Zahlen. Sie
zeigt den durchschnittlichen Kalorienkonsum von
normal- bzw. untergewichtigen und übergewichtigen
Versuchspersonen an, so wie er in verschiedenen Stu-
dien ermittelt worden ist:

Zu dieser Tabelle wäre noch einiges zu sagen (Defini-


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LexPI Bd. 1 Essen 94

tion von »Übergewicht«, Alter, Beruf und Normalge-


wicht der Versuchspersonen etc.), aber in dem Um-
fang, wie die normal- und übergewichtigen Probanden
in ihren sonstigen Merkmalen übereinstimmen, ist das
Ergebnis klar genug: Mit einer einzigen Ausnahme
essen dicke Probanden weniger als dünne.
Diese dicken Probanden sind in der Regel dick,
nicht obwohl, sondern weil sie soviel fasten. Denn der
Energiebedarf unseres Körpers hängt ebenfalls von
unserem Essen ab: Wer wenig ißt, trainiert den Kör-
per, dieses knappe Essen besser auszunutzen, weniger
von den Kalorien in der Nahrung zu verschwenden,
kurz, wie die Bauern sagen, das Futter besser zu ver-
werten. Wenn also zwei 1,80 große Männer mit
jeweils 80 kg Körpergewicht und identischem Ener-
giebedarf von 2800 Kalorien pro Tag je zwei Steaks
mit Beilagen und mehrere Bier mit zusammen 3500
Kalorien vertilgen, kann der eine dadurch dünner und
der andere dicker werden. Wenn der eine vorher lang
gefastet und Diät gehalten hat, wird sein Körper viel-
leicht 3000 der 3500 Kalorien wirklich auch verwer-
ten – 200 mehr als zur Gewichtserhaltung nötig – mit
anderen Worten, er nimmt zu. Der andere hat keine
Diätkur hinter sich und geht mit seiner Nahrung viel
salopper um, verwertet sagen wir nur 2500 der 3500
aufgenommenen Kalorien. Das sind 300 weniger als
er braucht, und er nimmt ab.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Essen 95

Davon zu unterscheiden ist der Fall, daß zwei Per-


sonen mit gleicher Größe, Statur und gleichem Ge-
wicht trotzdem unterschiedliche Mengen an Kalorien
brauchen, etwa weil der eine sich fit gehalten und
Sport getrieben hat und der andere nicht. Dann
braucht der Sportler wegen des größeren Muskelan-
teils am Körpergewicht, auch bei völliger Ruhe, allein
durch »base metabolic rate«, mehr Kalorien als sein
fauler Nachbar und kann auch bei identischer Futter-
Verwertungsrate abnehmen, während der andere kein
Gramm mehr ißt und verwertet und trotzdem zu-
nimmt.
& Lit.: Cannon/Einzig: Dieting makes you fat, Lon-
don 1983. Die Tabelle ist eine kondensierte Fas-
sung von Tabelle 4 aus George A. Bray: »Obesi-
ty« in: M.L. Brown (Hrsg.): Present knowledge in
nutrition, Washington 1990, S. 23–38; Bernhard
Ludwig: Anleitung zum Dickwerden, München
1990.
Die Originalquellen sind: R. Beaudoin und J.
Mayer: »Food intakes of obese and nonobese
women«, Journal of the American Dietary Asso-
ciation 1953; J.E. Lincoln: »Calorie intake, obesi-
ty, and physical activity«, American Journal of
clinical nutrition 1972; J.A. Baecke et al.: »Food
consumption, habitual physical activity, and body
fatness in young dutch adults«, American Journal
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LexPI Bd. 1 Essen 95

of clinical nutrition 1983; D. Kromhout: »Chan-


ges in energy and macronutrients in 871 middle-
aged men during 10 years of the follow up (the
Zutphen study)«, American Journal of clinical nu-
trition 1983; L.E. Braitman et al.: »Obesity and
caloric intake: the national health and nutrition
examination survey of 1971–1975«, Journal of
chronic deseases 1985; I. Romieu et al.: »Energy
intake and other determinants of relative weight«,
American Journal of clinical nutrition 1988.

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LexPI Bd. 2 Essen 1 97

Essen 1
Wir essen, was uns schmeckt
Andersherum wird ein Schuh daraus: Es schmeckt
uns, weil wir essen. Die Vorlieben für geröstete
Heuschrecken, gekochte Schweinefüße, Blutwurst
oder faule Eier, die wir Menschen in verschiedenen
Kulturen hegen, sind uns nicht in die Wiege gelegt,
sie sind uns durch Gewohnheit anerzogen.
Dieses Appetitanregen durch Gewöhnung steckt in
unseren Genen. Zu den Eigenschaften der Spezies
Homo sapiens, die dieser seit ihren Kindertagen im
Urwald das Überleben sichern, gehört auch die Freu-
de an Bekanntem: Was der Urwaldaffe schon einmal
gegessen hatte, ohne dadurch umzukommen, das aß er
gerne immer wieder; Stammesgenossen, die lieber
immer wieder Neues ausprobierten, taten dies nicht
lange (auch im Urwald gab es giftige Beeren oder
Pilze), sie selbst und ihre Gene waren bald gestorben.
Auch der kurzfristige Überdruß nach übermäßigem
Genuß von Lieblingsspeisen ist genetisch program-
miert: Er regt uns an, die Nahrung abzuwechseln.
Denn auch die Affen, die immer nur die gleichen Bee-
ren aßen, sind inzwischen – nämlich wegen Nähr-
stoffmangel – ausgestorben. So hat ein mehrere Milli-
onen Jahre langer Ausleseprozeß bewirkt, daß die
überlebenden Mitglieder der Spezies Homo sapiens
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Essen 1 97

von Natur aus ihrer gewohnten Nahrung treu bleiben,


aber innerhalb ihres kulturell geprägten Nahrungs-
spektrums gerne wechseln.
& Stichwort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Essen 2 98

Essen 2
Unser Körper braucht im Winter mehr zu essen
als im Sommer
Weil es im Winter kälter ist, so die populäre Theorie,
und der Körper Energie zum Heizen brauche. Aber
diese Theorie ist falsch, die Energie, die unser Körper
im Sommer zum Kühlen braucht, entspricht fast exakt
dem Heizbedarf im Winter.
& Lit.: Carol Ann Rinzler: Feed a cold, starve a
fever – A dictionary of medical folklore, New
York 1991.

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LexPI Bd. 2 Essig 98

Essig
Essig verdünnt das Blut
So konnte man zuweilen früher von der Oma hören.
Aber in Wahrheit läßt selbst übermäßiger Genuß von
Essig, ganz gleich welcher Sorte, Blutbild und Organ-
funktionen unverändert.
& Stichwort vorgeschlagen von Günter Niederast-
roth.

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LexPI Bd. 2 EU-Kommission 1 98

EU-Kommission 1
Die EU-Kommission in Brüssel fordert symmetri-
sche Weihnachtsbäume
Es gibt keine EU-Regeln zu Weihnachtsbäumen. Es
gibt eine private »Christmas Tree Growers Associa-
tion of Western Europe«, der wie allen derartigen An-
bieter-Vereinen, die ja in aller Regel zur Abwehr von
Billig-Konkurrenz gegründet werden (siehe Stichwort
ð »Lizenzen« in Band 1), eine solche Forderung
durchaus zuzutrauen wäre, aber die EU hat damit
nichts zu tun..
Andere frei erfundene Euromythen betreffen das
europäische Standardpräservativ (je nach Herkunft
der Legende einmal in Italien, dann wieder Frankreich
oder England als zu klein empfunden), die europäi-
sche Standardpizza, das Verbot von Bierdeckeln (an-
geblich unhygienisch), das Verbot von krummen Gur-
ken und Bananen oder die Forderung, daß Hochseefi-
scher Haarnetze zu tragen hätten. Einige dieser Enten
sind bei gutem Willen noch als Mißverständnisse zu
deuten, etwa daß hausgemachte Gelees und Marmela-
den auf Weihnachtsmärkten und ähnlichen Basaren
nicht mehr angeboten werden dürften (es gibt zwar
EU-weite Kennzeichnungspflichten für Gelees und
Marmeladen, aber nichtkommerzielle Hersteller sind
davon ausdrücklich ausgenommen), andere gründen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 EU-Kommission 1 99

sich auf tatsächlich bestehenden, aber nicht EU-rele-


vanten Regeln (nach englischem Recht z.B. dürfen
gewisse Nahrungsmittel wegen möglicher
Ungenauigkeiten beim Wiegen nicht einzeln verkauft
werden, daraus wurde dann die Zeitungsente: »EU-
Kommission verbietet den Verkauf von Pfefferscho-
ten«), wieder andere Euromythen wurden aus ver-
schiedenen, in der Regel von Interessenverbänden
vorgebrachten Vorschlägen geboren, die jedoch nie
EU-verbindlich wurden. Aber die meisten sind genau
das, was ihr Name sagt, nämlich Mythen und frei er-
fundene Legenden.
& Lit.: »Do you still believe all you read in the new-
spapers«, Broschüre der EU-Kommission, Brüs-
sel (ohne Jahr); weitere Euromythen sind über
verschiedene Internet-Adressen zu erfahren:
www.cec.lu, www.fco.gov.uk und europa.eu.int;
Stichwort vorgeschlagen von Peter Berninger.

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LexPI Bd. 2 EU-Kommission 2 99

EU-Kommission 2
Die EU-Kommission will unser Leben regulieren
Die meisten EU-Erlasse, die uns ärgern oder amüsie-
ren, sind keine Kopfgeburten von Brüsseler Bürokra-
ten – sie sind wie die berühmten »landgebundenen Fi-
sche« die Kinder durchaus enger, nationaler Interes-
sen, die sich per Umweg über Brüssel durchzusetzen
trachten (bei den »landgebundenen Fischen« handelte
es sich um einen zum Glück erfolglosen Versuch fran-
zösischer Bauernfunktionäre, Schnecken und Frösche
zu Meerestieren zu erklären, um den notleidenden
französischen Schneckenzüchtern einen bequemen
Zugriff auf die reichlichen EU-Mittel für Fischerei zu
sichern).

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LexPI Bd. 1 Eunuchen 95

Eunuchen
Eunuchen sind unfähig zum Geschlechtsverkehr
Das hängt von der Art des Eingriffs ab, durch den
man zum Eunuchen wird. »Im allgemeinen bestand
der Eingriff nur im Wegschneiden der Hoden«,
schreibt Werner Keller. »Da jedoch auch danach oft
noch eine gewisse Erektionsfähigkeit des Gliedes und
damit die potentia coeundi bleibt, wurde im Orient
manchem Unglücklichen, vor allem, wenn er als Har-
emswächter vorgesehen war, obendrein auch noch der
Hodensack und der Penis entfernt. Die wenigen, die
diese fürchterliche Operation überlebten, standen
umso höher im Preis und waren sehr begehrt.«
& Lit.: Werner Keller: Da aber staunte Herodot,
München 1972; A.S. Ackermann: Popular falla-
cies, Detroit 1995.

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LexPI Bd. 1 Export 1 96

Export 1
Mehr Export heißst mehr Wohlstand
Mehr Export heißt keinesfalls mehr Wohlstand. Die-
ser Mythos wurde von den sogenannten Merkantili-
sten des 18. Jahrhunderts in die Welt gesetzt; die
Merkantilisten bemaßen den Reichtum eines Landes
vor allem an dem Geld, das von außen hereinkam, an
Gold, Devisen, Wertpapieren. Je mehr Güter ein Land
exportierte und je mehr Gold es netto dafür importier-
te, desto reicher war nach dieser Theorie das Land.
Diese Theorie führt aber in die Irre, denn Gold und
Wertpapiere kann man nicht essen. Wer mehr expor-
tiert als importiert, sammelt netto ausländisches Geld
alias Devisen (Gold ist heute kein internationales
Zahlungsmittel mehr). Dieses Geld können wir auf-
häufen bis wir daran ersticken, oder aber wir geben es
aus, sei es für den Kauf ausländischer Konsumgüter,
sei es für Urlaubsreisen oder sei es durch eine Investi-
tion in ausländische Wertpapiere. Was auch immer
wir mit diesen Zahlungsmitteln machen – letztendlich
können wir sie nur für Importe nützen.
Bleiben die Devisen dagegen im Keller der Zentral-
bank liegen, droht immer die Gefahr, daß die Herstel-
ler dieser Papierschnitzel eines Tages sagen: Ȁtsch,
die Zettel sind ab morgen nichts mehr wert.« Und
dann hat man seine schönen Autos oder Stahlwalz-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Export 1 96

straßen gegen ein paar Tonnen Zellstoffasern einge-


tauscht.
Ein Land mit chronischen Außenhandelsüberschüs-
sen produziert quasi gratis für den Rest der Welt. Nur
wenn den Exporten gleich hohe Importe gegenüber-
stehen, ist das ganze langfristig ein gutes Geschäft.
Exporte für sich allein gesehen sind genauso wohl-
standsmehrend wie ein harter Arbeitstag am Fließ-
band, wenn die Firma hinterher den Lohn nicht zahlt.
& Lit.: Artur Woll: Allgemeine Volkswirtschaftsleh-
re, München 1987.

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LexPI Bd. 1 Export 2 97

Export 2
Rohstoffexportierende Länder sind ärmer als ent-
wickelte Industrienationen
Wer Rohstoffe exportiert, ist arm, wer Fertigwaren
exportiert, ist reich – diese populäre Gleichung geht
nicht auf. Zu Anfang unseres Jahrhunderts waren fünf
der acht reichsten Länder dieser Erde Nettoexporteure
von sog. Primärgütern, allen voran das schon damals
reichste Land der Welt, die USA: die USA exportier-
ten damals weder Flugzeuge noch Hollywoodfilme,
auch keine Computer oder Autos, sondern Baumwol-
le, und sie lebten gut davon. Und auch die meisten an-
deren damals reichen Länder, wie Argentinien, Au-
stralien, Neuseeland, Kanada und Dänemark, expor-
tierten vor allem Lebensmittel wie Fleisch und Käse
oder Rohstoffe wie Holz und Wolle. Gegenüber die-
sen Rohstoffexporteuren fielen die meisten Exporteure
von Industrieprodukten im Lebensstandard damals
deutlich ab.
& Lit.: Paul Bairoch: Economics and world history:
Myths and paradoxes, New York 1993.

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LexPI Bd. 1 Export 3 97

Export 3
Japan ist Exportweltmeister
Seit Mitte der 80er Jahre wechseln sich Deutschland
und die USA als Spitzenreiter der Exportnationen ab.
Die gemeinhin als Exportweltmeister sowohl gefeier-
ten wie gehaßten Japaner belegen in der Regel nur
Platz 3 (im Jahr 1994 etwa exportierten die USA
Güter und Dienstleistungen im Wert von 513 Milliar-
den Dollar, Deutschland 422 Milliarden Dollar, und
Japan 397 Milliarden Dollar).
Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet geht der Titel
des Exportweltmeisters an den Stadtstaat Singapur
(mehr als 30000 Dollar pro Kopf im Jahr 1994, ge-
genüber 5000 Dollar in der Bundesrepublik und 2000
Dollar in den USA). Auch als Anteile am Sozialpro-
dukt gerechnet führen die Exporte Singapurs die Liga
der Nationen an, gefolgt von Hongkong, Malaysia,
Tschechien und Rußland! So gesehen liegen auch
Thailand, Ungarn, Chile, China oder Griechenland
noch vor Deutschland, Japan und den USA.
& Lit.: Statistisches Jahrbuch für das Ausland, ver-
schiedene Jahre.

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F 98

»Irrtümer entspringen nicht allein daher, weil


man gewisse Dinge nicht weiß, sondern weil
man sich zu urteilen unternimmt, obgleich man
noch nicht alles weiß, was dazu erfordert wird.«
Immanuel Kant

»Die Menschen glauben an die Wahrheit all


dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird.«
Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches

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LexPI Bd. 2 Fahrverbot 1 100

Fahrverbot 1
Fahrverbot ist das gleiche wie Führerscheinent-
zug (s.a. ð »Führerschein«)
Führerscheinentzug bedeutet: der Führerschein ist
weg. Und man bekommt ihn auch nicht wieder; wer
dennoch auf legale Weise wieder Auto fahren möchte,
muß einen neuen Führerschein erwerben, mit allen
Formalitäten (Prüfung, Sehtest usw.), die damit ver-
bunden sind.
Verglichen damit ist ein Fahrverbot weit weniger
dramatisch; man erhält am Ende denselben Führer-
schein zurück, und anders als der Führerscheinentzug
wird das Fahrverbot auch erst mit Rechtskraft der zu-
grundeliegenden Entscheidung wirksam; durch geziel-
ten Einspruch können geschickte Delinquenten die
Affäre damit dergestalt verzögern, daß die führer-
scheinlose Zeit gerade in den Urlaub auf Mallorca
fällt.
& Lit.: Klaus Mollenkott und Oliver Kleine: »Wann
ist der Führerschein in Gefahr?«, Recht und Pra-
xis Digital, September 1996, über die Internet-
Adresse http://www.vrp.de/sept96/beitrag/
bt055.htm.

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LexPI Bd. 2 Fahrverbot 2 100

Fahrverbot 2
Generelle Fahrverbote an bestimmten Wochenta-
gen werden erst seit der ersten Ölkrise erwogen
(s.a. ð »Autos 1«)
Schon Anfang des Jahrhunderts wurden für bestimmte
Tage generelle Fahrverbote vorgeschlagen: nicht für
Sonntage wie Anfang der 70er Jahre, aber für Son-
nentage, weil die Staubbelästigung durch Autos da-
mals viele Menschen auf die Palme brachte.
Die Autofabrikanten konterten diese Drohung mit
einem Patent für eine »verblüffend einfache Vorrich-
tung«, die darin bestand, »daß beiderseits der Tritt-
bretter des Automobils längliche Wasserbehälter an-
geordnet werden, von denen aus die Vorder- und Hin-
terräder während der Fahrt durch belebte Orte, Stra-
ßen, Villenquartiere je nach Notwendigkeit in drei
verschiedenen Graden besprengt werden. Die benetz-
ten Räder wirbeln keinen Staub auf und hinterlassen
eine nasse Spur. Da die Staubplage naturgemäß da
am stärksten ist, wo viele Automobile verkehren, wird
bei allgemeiner Anwendung die Straße durch die Au-
tomobile selbst stets feucht erhalten, so daß durch
Adhäsion und Luftwirbel keine Staubwolke erzeugt
werden kann. So erweisen die Automobilisten der All-
gemeinheit einen Dienst und sichern sich deren Wohl-
wollen«.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Fahrverbot 2 101

Durch die zunehmende Asphaltierung unserer Stra-


ßen wurde diese Neuerung dann überflüssig.
& Lit.: F.-J. Brüggemeier und M. Toyka-Seid: Indu-
strie-Natur: Lesebuch zur Geschichte der Umwelt
im 19. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1995.

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LexPI Bd. 2 Fallschirm 101

Fallschirm
Der erste Fallschirmspringer war ein Franzose
Am 22. Oktober 1797 sprang der Franzose André-
Jacques Garnerin aus 400 m Höhe über dem Pariser
Parc Monceau aus einem selbstgebauten Wasserstoff-
ballon mit einem Fallschirm ab, der erste Fallschirm-
sprung in Europa. Was aber weder Garnerin noch
Leonardo da Vinci wußten (der uns schon im 16.
Jahrhundert die Skizze eines Fallschirms hinterlassen
hatte): Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts sind in
China Zirkuskünstler mit einer Art Sonnenschirm von
Türmen abgesprungen.
& Lit.: »Der Pionier ließ seinem Hund den Vortritt«,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.1997;
Stichwort vorgeschlagen von Michael Schmidt.

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LexPI Bd. 1 Fast Food 98

Fast Food
Fast Food ist ungesund
Ein Big-Mac von McDonald's ist weder gesünder
noch ungesünder als ein Menü in einem Drei-Sterne-
Spesenritter-Speisentempel. Er enthält gemessen an
seinen Kalorien etwas zu viel Fett und etwas zu wenig
Ballaststoffe, dafür aber mehr Vitamine, Calcium und
Eisen als viele andere Speisen, die zehnmal soviel ko-
sten (und selbst das Fett-Ballaststoff-Gleichgewicht
läßt sich durch ein Glas Orangensaft billig und pro-
blemlos herstellen).
»Die ... publikumswirksamen Angriffe gegen ›Fast
Food‹, vor allem gegen den zum Symbol gewordenen
McDonald's Hamburger, gehen von falschen Annah-
men aus«, sagt der Gourmet-Kritiker und vormalige
Panorama-Moderator Gert von Paczensky. »Sie zeu-
gen von einer geradezu grotesken Unkenntnis unserer
Ernährungsgeschichte.« Denn »Fast-Food«, vorge-
kochtes Essen aus Garküchen und Buden, gab es in
den Städten Europas und Asiens schon Tausende
Jahre vor McDonald's, nur nicht so gesund. Die mei-
sten modernen Ernährungsspezialisten können bei
Fast-Food-Produkten von der Stange kaum Nährwert-
nachteile gegenüber Designer-Mahlzeiten aus der
Feinschmeckerküche entdecken. »Wer Spaß an ›Fast
Food Kultur‹ hat, sollte sich den Appetit nicht verder-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fast Food 98

ben lassen« (AID-Verbraucherdienst). »Die Frage


kann nicht heißen: Darf ich Fast Food essen? Son-
dern: Wie viel davon und wie oft kann ich es essen?«
(Allgemeine Ortskrankenkassen).
Aber diese Regel, nämlich daß es auf die Menge
ankommt, gilt für alle Nahrungsmittel. Die Feind-
schaft des aktuellen Zeitgeistes hat sich das moderne
»Fast Food« ganz offensichtlich aus ganz anderen
Gründen als aus Nährwertmängeln zugezogen: Pro-
duktionsmethoden, Abfall, Marktbeherrschung. Das
sind alles diskutable Argumente, aber deshalb sollten
wir uns doch von elitären Profi-Essern nicht die Freu-
de an der Bratwurst und dem Big Mac nehmen lassen.
& Lit.: Auswertungs- und Informationsdienst für Er-
nährung, Landwirtschaft und Forsten (AID): Fast
Food: Essen auf die Schnelle, Bonn 1990; »Vor-
urteile auf dem Teller? Die Wahrheit über Big
Mac, Currywurst &Co.«, AOK-Mitgliedermagzin
»Bleib Gesund«, Mai 1994; Gert von Paczensky
und Anne Dünnebier: Leere Töpfe, volle Töpfe –
Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens,
München 1994; Gert v. Paczensky: »Zweimal
Hamburger und zurück? Fundstücke aus der Kul-
turgeschichte des Essens und Trinkens«, Vor-
tragsmanuskript 1995. M. Wagner: Fast schon
Food: Die Geschichte des schnellen Essens.
Frankfurt 1995.
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LexPI Bd. 2 Faultier 102

Faultier
Faultiere sind die faulsten Tiere
Das Faultier schläft 18 von 24 Stunden täglich, aber
noch fauler ist der Koalabär (eigentlich ein Beuteltier,
kein Bär; siehe Stichwort ð »Koalabär« in Band 1),
der bis zu 22. Stunden täglich schläft.
& Stichwort vorgeschlagen von Marc Schuhmacher.

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LexPI Bd. 2 Fax 102

Fax
Das Faxgerät kam nach dem Telefon
Schon 1840, Jahrzehnte vor den ersten Telefonen,
hatte der schottische Uhrmacher Alexander Bain einen
Apparat ersonnen, um beliebige Zeichen über Tele-
graphendraht zu senden: Über das zu sendende Zei-
chen – dieses mußte aus elektrisch leitendem Material
gefertigt sein – schwang ein an einen Stromkreis an-
geschlossenes Pendel hin und her. Wann immer das
Pendel das Zeichen berührte, wurde der Stromkreis
geschlossen, und ein ähnliches Pendel am anderen
Ende der Leitung schwärzte ein chemisch behandeltes
Papier. Indem sowohl das zu sendende Zeichen als
auch das Papier auf der Empfängerseite stetig unter
den jeweiligen Pendeln durchgeschoben wurden, ent-
stand beim Empfänger ein Bild des Zeichens, das zu
übertragen war.
Dieses System, das im Prinzip noch heute gilt (nur
mit Lichtstrahlen statt Pendel) wurde von dem Italie-
ner Giovanni Caselli weiterentwickelt und für eine
ständige, von 1865 bis 1870 bestehende Faxverbin-
dung zwischen Paris und Lyon eingesetzt.
& Lit.: G. Tibballs: The Guinness book of oddities,
London 1995.

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LexPI Bd. 2 Fegefeuer 104

Fegefeuer
Schon die Bibel droht uns mit dem Fegefeuer
Anders als viele Christen glauben, kommt das be-
rühmte Fegefeuer in der Bibel nirgends vor; weder im
Alten noch im Neuen Testament ist von dieser »post-
mortalen Läuterung« die Rede. Erst 200 Jahre nach
Christus stellte ein alexandrinischer Kirchenmann na-
mens Origines die These auf, daß wir nach dem Tod
noch einer Läuterung bedürften (er gibt sogar exakte
Zahlen an: ein Jahr Fegefeuer für jeden Tag, den wir
in Sünde auf der Erde leben), und diese These ist
dann peu à peu zur offiziellen Kirchenlehre aufgestie-
gen.
& Lit.: Theologische Realenzyklopädie, Berlin
1983.

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LexPI Bd. 2 Feiern 104

Feiern
Einmal im Monat darf man auch als Mieter
abends lautstark feiern
Nein, sagen die Lärmexperten des »Zentralverbandes
der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentü-
mer«: »reines Wunschrecht« sei das hartnäckige Ge-
rücht, einmal im Monat feiern sei erlaubt.
Nach aktueller Rechtslage hat in Deutschland zwi-
schen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens
Nachtruhe zu herrschen; wer diese Nachtruhe nach-
barschaftsstörend mißachtet, hat mit Geldstrafen zu
rechnen, ganz gleich ob einmal im Monat oder einmal
in zehn Jahren.
& Lit.: »Experte: Lautstarke Feier stört Ruhe der
Nachbarn«, Hannoversche Allgemeine Zeitung,
24.10.1996.

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LexPI Bd. 1 Felleisen 99

Felleisen
Dieses Gepäckstück hat mit Fell und Eisen nichts zu
tun. Der Name kommt von dem französischen »vali-
se« (Koffer oder allgemein Gepäckstück) und von
dem arabischen »waliha« (Getreidesack) und bezeich-
net im deutschen eine Reisetasche oder einen
Reisesack aus Leder.

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LexPI Bd. 2 Fernrohr 104

Fernrohr
Das Fernrohr ist eine Erfindung von Galileo Gali-
lei (s.a. ð »Glühbirne« und ð »Leonardo da
Vinci«)
Bekanntlich hat Galilei im Januar des Jahres 1610
mit einem selbstgebauten Fernrohr die Monde des Ju-
piters entdeckt. Aber erfunden hat er dieses Fernrohr
nicht. Vielmehr wird unter Experten der holländische
Optiker Hans Lipperhey als der eigentliche Erfinder
angesehen; er hat nach alten Protokollen der General-
staaten schon 1608 um ein Patent dafür ersucht, und
vermutlich waren es einschlägige Gerüchte aus Hol-
land, wo damals neben Lipperhey auch andere Erfin-
der an einem Fernrohr arbeiteten, die Galilei auf den
Gedanken brachten, sich selbst ein Teleskop zu
bauen.
Aber schon mehr als 100 Jahre vor den Holländern
und Galilei hatte Leonardo da Vinci »dicke Brillen-
gläser« zur Vergrößerung von Bildern vorgeschlagen:
»Mache Gläser für die Augen, um den Mond groß zu
sehen.« Und auch der italienische Physiker Giambati-
sta della Porta hatte schon mehrere Jahrzehnte vor
Galilei ein Instrument erdacht, »um aus der Ferne
sehen zu können«.
& Lit.: F.M. Feldhaus: »Fernrohre im Mittelalter«,
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Fernrohr 105

Geschichtsblätter für Technik und Industrie 5,


1918; W. Hübschmann: »Leonardo da Vinci er-
fand das Fernrohr«, Zeitschrift für Naturlehre und
Naturkunde 16, 1968; Rolf Riekher: Fernrohre
und ihre Meister, 2. Auflage, Berlin 1990; Stich-
wort vorgeschlagen von J.V. Feitzinger und H.
Greßmann.

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LexPI Bd. 1 Fett 99

Fett
Der weibliche Körper enthält mehr Fett als der
männliche
Nach herkömmlicher Meinung besteht der Körper
einer Frau zu 25%, der Körper eines Mannes zu 15%
aus Fett. Aber nach neueren Erkenntnissen ist diese
Hypothese von der relativen Überzahl des Fetts im
Frauenkörper falsch.
Herkömmlicherweise bestimmt man das Fettgewe-
be in einem lebendigen menschlichen Körper durch
einen Umweg über dessen Dichte: ein Körper wird
gewogen, dann in Anlehnung an eine uralte, von dem
griechischen Mathematiker Archimedes erfundene
Methode in eine Wanne getaucht, wo er über den An-
stieg des Wasserpegels sein Volumen verrät, und der
Quotient Volumen/Gewicht dient dann als Indikator
für die Zusammensetzung der Körpermasse, mit dem
bekannten Resultat, daß Frauen in aller Regel prozen-
tual mehr Fett durchs Leben tragen als die Männer.
Eine weitere traditionelle Methode der Fettmessung
ist der sogenannte »pinch-test«. Dieser nützt aus, daß
für gewisse Körperpartien die Dicke der Fettschicht
unter der Haut ein guter Indikator für die gesamte
Fettmenge im Körper ist. Sehr beliebt für diesen Test
ist etwa die Rückseite des Oberarms, in der Mitte
zwischen Schulter und Ellbogen: man läßt den Arm
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fett 99

locker hängen, ein freundlicher Helfer klemmt (auf


Englisch: »pincht«) einige Quadratzentimeter lockere
Haut von den Muskeln weg, und mißt wie dick sie ist;
aus der Abweichung vom Sollwert schließt man dann
auf den Fettgehalt im Körper insgesamt. (Bei einem
Mann von 30 Jahren gelten z.B. 23 Millimeter Haut +
Fettschicht, für eine gleichaltrige Frau 30 Millimeter
als »normal«.) Auch dieses Verfahren weist für Frau-
en prozentual mehr Fett im Körper aus.
Eine neue, auf der sogenannten Kernspinresonanz
beruhende Meßmethode, kommt dagegen zu anderen
Ergebnissen: Wenngleich Männer und Frauen das
Fettgewebe in verschiedenen Körperregionen konzen-
trieren – Frauen vorzugsweise unter, Männer vor der
Gürtellinie –, sind doch die reinen Mengen dieses un-
geliebten Gewebes für beide Geschlechter etwa
gleich: ungefähr 23%, wie amerikanische Wissen-
schaftler herausgefunden haben.
& Lit.: R.M. Deutsch: Realities of Nutrition, Palo
Alto 1976 (besonders der Abschnitt »How fatness
is measured«).

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LexPI Bd. 2 Fett. 105

Fett
Fett ist ungesund (s.a. ð »Cholesterin«)
Für Fett gilt das gleiche wie für Alkohol und viele an-
dere Dinge: auf die Menge kommt es an. Eine völlig
fettfreie Kost würde zu schweren Mangelerscheinun-
gen führen, dem Körper würden die im Fett gelösten
Vitamine A, D, E und K und auch die essentiellen
Fettsäuren fehlen. Genauso ist es auch ein Irrtum zu
glauben, fette Menschen wären wegen Fett so fett –
die meisten Übergewichtigen essen zu viele hochkon-
zentrierte Kohlehydrate wie Schokolade oder Kuchen,
auch diese werden dann als Fett im Körper abgelegt.
Und auch der Glaube, daß Freunde fetter Nahrung
öfter als andere einen Herzinfarkt erleiden, konnte zu-
mindest für naturbelassene Fette wie in Nüssen, But-
ter, Speck und kaltgepreßten Ölen bisher wissen-
schaftlich nicht bestätigt werden.
& Lit.: G. Fraser et al.: »Protective effect of nut con-
sumption«, Arch. Intern. Med. 152, 1992, S.
1416ff.; W.C. Willett et al.: »Nurses health
study«, Lancet 341, 1993, S. 581ff.; Stichwort
vorgeschlagen von Max Dienel.

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LexPI Bd. 1 Feuer 100

Feuer
Das Gefährliche bei Bränden sind die Flammen
Die meisten Menschen, die bei Bränden sterben, ster-
ben durch den Rauch, nicht durch die Flammen: Pro
Jahr kommen in Deutschland mehr als tausend Men-
schen durch Kohlenmonoxyd ums Leben, nur rund
800 sterben an Verbrennungen.
& Lit.: Fachserie 12: Gesundheitswesen, des Stati-
stischen Bundesamtes (besonders Reihe 4: Todes-
ursachen).

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LexPI Bd. 2 Figur 1 106

Figur 1
Bei Figurproblemen sollte man vor allem die je-
weiligen Problemzonen trainieren (s.a. ð »Diät«
und ð »Essen« in Band 1)
Einer der größten Fitness-Mythen sagt, man könne
Fett durch gezieltes Training der befallenen Körper-
zonen quasi punktuell vertreiben – bei Bierbauch
Bauchmuskeln trainieren, bei dicken Oberschenkeln
Treppen steigen usw.
Aber so einfach funktioniert das Fett-Verbrennen
nicht – das Fett in unserem Körper verschwindet ent-
weder gleichmäßig oder gar nicht; man kann nicht das
Fett an einer Stelle vertreiben und an einer anderen
Stelle schonen. Durch gezieltes Training bestimmter
Körperpartien, etwa der Bauchmuskeln, verschwindet
allenfalls das lokale Muskelfett, aber da dieses nur
einen sehr kleinen Teil unserer angesammelten Fett-
vorräte bildet, schrumpft der eigentliche Rettungsring
zwischen Haut und Bauchmuskeln um keinen Milli-
meter.
& Lit.: Carol Ann Rinzler: Feed a cold, starve a
fever – A dictionary of medical folklore, New
York 1991; J. Garret: »The spot reduction myth«,
über die Internet-Adresse http://carlisle-
www.army.mil.
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LexPI Bd. 2 Figur 2 106

Figur 2
Idealfiguren regen zum Nachahmen an
Amerikanische Psychologen haben Frauen, die schon
seit längerer Zeit eine Schlankheitsdiät einhielten,
einen Spielfilm in drei Versionen vorgeführt: die erste
ohne alle Werbung, die zweite mit eingestreuten Wer-
befilmen, die aber nichts mit Diät zu tun hatten, und
die dritte mit Werbung, in der superschlanke Manne-
quins Diätmittel verkauften. Außerdem standen im
Vorführraum zahlreiche Schüsseln mit
Knabbergebäck herum.
Ergebnis: die der Diätwerbung ausgesetzten Frauen
aßen doppelt soviel Knabbergebäck wie die anderen,
die keine Diätwerbung gesehen hatten.
& Stichwort vorgeschlagen von Marc Schuhmacher.

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LexPI Bd. 1 Fingernägel 100

Fingernägel
Fingernägel wachsen nach dem Tode weiter
Entgegen einem alten Aberglauben wachsen unsere
Fingernägel nach dem Tode nicht mehr weiter. Die
Sorgen aus einer alten Germanensage sind also unbe-
gründet: »Kein Toter soll beerdigt werden, ohne daß
jemand ihm die Nägel schneidet; denn sonst wird das
Schiff Naglfar schneller fertig.« (Das Schiff Naglfar
wird mit den Fingernägeln der Toten zusammengehal-
ten.)
Hier noch ein paar andere einschlägige Legenden:
Nägelschneiden am Karfreitag ist gut gegen Zahnweh
(alternativ: bringt Unglück, läßt den künftigen Mann
im Traum erscheinen etc.); Menschen mit krummen
Nägeln sterben früh; eine Schwangere, die über abge-
schnittene Nägel läuft, verliert ihr Kind; ein Säugling,
dessen Nägel man hinter der Eingangstür des Hauses
schneidet, lernt gut singen (es sei denn, das Nägel-
schneiden passiert montags – dann verliert das Kind
früh alle Zähne); man muß abgeschnittene Nägel tief
vergraben, sonst holen einen die Hexen (alternativ:
dreimal draufspucken oder nochmals in drei Teile
schneiden); und so weiter. Jedoch hat sich nur der
Glaube an das Weiterwachsen nach dem Tode bis
heute weltweit halten können.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fingernägel 101

& Lit.: Sophie Lasne und Andre Pascal Gaultier:


Dictionnaire des superstitions (engl. Übersetzung:
A dictionary of superstitions, Englewood Cliffs
1984).

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Fisch 1 101

Fisch 1
Fische sind taub und stumm
Viele Fische können durchaus Schallwellen wahrneh-
men; die nötigen Organe, die sog. »Fischohren«, be-
finden sich in Kapseln hinter den Augen. Manche,
wie Knurrhahn, Tigerfisch, Krächzerfisch, Hornfisch,
Katzenwels und der gemeine Trommelfisch, erzeugen
auch mehr oder weniger laute Töne (um sich mit Art-
genossen zu verständigen, aber auch um Feinde abzu-
schrecken), die mit empfindlichen Mikrofonen aufge-
fangen werden können. Dabei bedienen sie sich der
Flossenknorpel, der Zähne oder ihrer Luftblase. (Bei
Katzenwelsen etwa wird die ausweichende Luft an
Membranen vorbeigeführt, die zu schwingen anfan-
gen und damit Geräusche hervorbringen.)
& Lit.: Roland Michael: Wie, Was, Warum? Augs-
burg 1990.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Fisch 2 101

Fisch 2
Fisch ist gut für das Gehirn (s.a. ð »Fleisch« und
ð »Du bist, was du ißt«)
Dieser Mythos kam im Kielwasser von Untersuchun-
gen des deutschen Mediziners und Philosophen Lud-
wig Büchner (1824–1899) auf. Büchner hatte Phos-
phor im menschlichen Gehirn entdeckt und zog dar-
aus den Schluß, daß Phosphor eine Art Katalysator
für das Denken sei. Und da Fischfleisch ebenfalls viel
Phosphor enthält, empfahlen Ärzte eine Zeitlang
gerne Fisch zur Aktivierung des Gehirns.
In Wahrheit brauchen wir den Phosphor aus den
Fischen nicht; dieser ist reichlich genug in Eiern,
Fleisch, Milch und Gemüse enthalten, und für das
Denken ohnehin nicht nötig: eine Überdosis über un-
seren »normalen« Phosphorbedarf hinaus läßt uns
keine Zehntelsekunde schneller überlegen.

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LexPI Bd. 2 Flache Scheibe 107

Flache Scheibe
Im Mittelalter hielt man die Welt für eine flache
Scheibe (s.a. ð »Inquisition« sowie ð »Galilei«,
ð »Hexen« und ð »Kolumbus« in Band 1)
Seit Aristoteles hält und hielt kein seriöser Gelehrter
die Welt für eine flache Scheibe. Insbesondere haben
auch die gelehrten Mönche des Mittelalters niemals
und zu keiner Zeit behauptet, daß die Erde eine Schei-
be wäre. Von Beda Venerabilis (673–735) bis Tho-
mas von Aquin (1225–1292), von den Lehrern Karls
des Großen bis zu den Beichtvätern der Könige von
Spanien und Portugal (die den Plan des Kolumbus,
durch Westwärtssegeln Indien zu erreichen, als un-
möglich abgewiesen haben sollen, da man so vom
Rand der Welt herunterfallen müsse): Kein maßgebli-
cher Kirchenmann des Mittelalters hat je die Kugel-
form der Erde angezweifelt, in keinem einzigen aner-
kannten, zwischen den Jahren 200 n. Chr. und 2000
n. Chr. erschienenen, ob von geistlichen oder weltli-
chen Gelehrten verfaßten Lehrbuch der Astronomie
oder Physik ist je von einer flachen Welt gesprochen
worden.
Der Kronzeuge der populären Theorie, daß man im
Mittelalter die Welt für flach gehalten hätte, ist der
griechische Mönch Kosmas Indikopleustes (Kosmas
der Indienfahrer), der im 6. nachchristlichen Jahrhun-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Flache Scheibe 107

dert vermutlich in Alexandria lebte und der nicht nur


die Welt für flach, sondern in strenger Auslegung di-
verser Bibelverse darüber hinaus auch für viereckig
und im Norden von einem hohen Berg begrenzt er-
klärte, um den sich Mond und Sonne drehten. Ver-
schwindet die Sonne hinter dem Berg, so wird es
Nacht; im Sommer steigt die Sonne höher, wegen des
mit der Höhe geringeren Umfangs des Berges werden
dann die Nächte kürzer.
Und so soll dann der Siegeszug der Dummheit an-
gefangen haben: »Jeder, der sich z.B. nur mit antiker
Geographie befaßt hat, kann ein Lied davon singen,
wie es eben die büffelhafte Borniertheit der Mönche
war, die über ihren christlich-topographischen Träu-
men fast sämtliche alten Geographien verloren gehen
ließen« (Arno Schmidt). »Unter dem Einfluß des
Christentums geriet die Erkenntnis von der Kugelge-
stalt der Erde annähernd anderthalb Jahrtausend in
Vergessenheit. Solange die Erde als Scheibe angese-
hen wurde, war jede gegenteilige Lehre Ketzerei.«
(Dreyer-Eimbcke).
In Wahrheit wurde die »Christianike Topographia«
des Kosmas Indikopleustes nie sehr ernst genommen;
sie wurde weder ins Lateinische übersetzt, noch
sonstwie weit verbreitet, sie war nie die Mehrheits-
meinung klerikaler Geographen. Niemand wurde im
Mittelalter von der Kirche zum Glauben an die flache
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Flache Scheibe 108

Erde angehalten, und so war auch bis weit in die Auf-


klärung von klerikalen Flacherdenvertretern keine
Rede; kein einziger der durchaus antiklerikalen Ratio-
nalisten des 18. Jahrhunderts, weder Voltaire noch
Diderot noch Kant noch Hume noch Leibniz, hat dem
Mittelalter, dem man ansonsten alles Schlechte zu-
traute, diesen Irrtum vorgeworfen.
Der moderne Mythos von den dummen Mönchen
ist eine Schöpfung des späten 19. Jahrhunderts, als
man fast zwanghaft jeden Fortschritt in den Wissen-
schaften als einen Kampf zwischen klerikalen Dun-
kelmännern und aufgeklärten Wissenschaftlern sehen
wollte. Vor allem zwei Männer, der amerikanische
Arzt und Kirchenhasser John B. Draper (1811–1882)
und der Gründer der Cornell-Universität, Andrew
Dickson White (1832–1918), waren für dieses nach-
trägliche Umschreiben der Wissenschaftsgeschichte
verantwortlich. In seiner »History of the conflict bet-
ween religion and science« (mehr als 50 Auflagen seit
1874) schreibt Draper: »Die Geschichte der Wissen-
schaften ist nicht allein eine Geschichte isolierter Ent-
deckungen; es ist die Geschichte eines Kampfes
zweier rivalisierender Mächte, der vorwärtsschreiten-
den Macht des menschlichen Geistes auf der einen
und des retardierenden traditionellen Glaubens auf der
anderen Seite. (...) Glaube ist von Natur aus behar-
rend, Wissenschaft ist von Natur aus vorwärtsstre-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Flache Scheibe 108

bend, deshalb kann es zwischen diesen beiden keinen


dauerhaften Frieden geben.«
Und zum Beweis für diesen Kampf zwischen der
vorwärtsstrebenden Wissenschaft auf der einen und
der »retardierenden« Religion auf der anderen Seite
streute Draper dann den Mythos von der flachen Erde
aus.
Dito White. Anders als Draper sieht er zwar nicht
die Religion an sich, sondern die Heilsgewißheit man-
cher Kirchenmänner als die eigentlichen Stolpersteine
auf dem Weg des Fortschritts, aber letztendlich läuft
auch seine 1896 erschienene »History of warfare of
science with theology in christendom« auf eine exklu-
sive Verurteilung der Religion hinaus. Und wie Dra-
per macht auch White seine These an der angeblich
von Kirchenleuten propagierten flachen Erde fest.
Der Erfolg dieser Kampagne ist noch heute welt-
weit nachzuweisen: Um 1870 z.B. war in keinem ein-
zigen englischen Schul-Geschichtsbuch von der mit-
telalterlichen flachen Welt die Rede – zehn Jahre
später fast in allen.
& Lit.: Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des
Nordens, Frankfurt a.M. 1955; Oswald Dreyer-
Eimbcke: Die Entdeckung der Erde, München
1988; J.B. Russell: Inventing the flat earth, New
York 1991; Rudolf Simek: Erde und Kosmos im
Mittelalter, München 1992; Stephen Jay Gould:
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Flache Scheibe 109

The Dinosaur in a haystack, London 1997 (beson-


ders Kapitel 4: »The late birth of a flat earth«);
Eckhard Henscheid, Gerhard Henschel und Brigit-
te Kronauer: Kulturgeschichte der Mißverständ-
nisse, Stuttgart 1997 (besonders der Abschnitt
»Scheibe, Kugel, Birne, Tisch«); Stichwort vorge-
schlagen von Hartmut Kliemt.

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LexPI Bd. 1 Flammenwerfer 102

Flammenwerfer (s.a. ð »Giftgas«)


Diese Mordinstrumente gibt es nicht erst seit dem Er-
sten oder Zweiten Weltkrieg. Man kannte sie schon
900 Jahre früher, und zwar in China, wo sie im 11.
Jahrhundert sowohl bei der Verteidigung wie bei der
Belagerung zum Einsatz kamen. »Der Flammenwerfer
bestand aus einem Kupfertank, an dem vier Rohre an-
gebracht waren. Der austretende Erdölstrahl entzün-
dete sich an einer Zündpfanne. Der Antrieb der
Pumpe erfolgte durch menschliche Muskelkraft.«
& Lit.: Walter Böttger: Kultur im alten China, Leip-
zig 1977.

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LexPI Bd. 1 Fleisch 102

Fleisch
Sportler brauchen viel Fleisch (s.a. ð »Fisch«
und ð »Du bist, was du ißt«)
Wenn sich der Boxer Rocky von seinem Schwager im
Schlachthaus einen Packen Steaks einwickeln läßt, sie
brät, ißt und dann Boxweltmeister wird, so liegt das
nicht an diesen Fleischportionen – genauso hätte
Rocky eine Schüssel Sojabohnen essen können.
Unserem Körper ist es völlig gleich, woher das Ei-
weiß stammt, aus dem er seine Muskeln baut – er
weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Hat das
Eiweiß erst einmal alle Stoffwechsel-Stationen vor
der letztendlichen Umwandlung in Muskelmasse
durchlaufen, ist seine Herkunft, ob aus einem T-Bone-
Steak, einem Omelett oder einem Yoghurt, nicht mehr
festzustellen.
Außerdem ist Eiweiß schon in unserer Standard-
nahrung so reichlich vorhanden, daß selbst ein Hoch-
leistungssportler keine Extramengen davon braucht.
Skilangläufer etwa brauchen an Tagen mit 50 bis 100
Trainingskilometern kaum mehr Eiweiß als an Ruhe-
tagen, und nach Untersuchungen amerikanischer
Sportmediziner unterscheidet sich der Eiweißbedarf
eines Footballspielers und eines gleichgroßen Büro-
angestellten nur ganz minimal.
Der höhere Kalorienbedarf von Leistungssportlern
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fleisch 102

läßt sich genausogut durch Nudeln oder Pizza dek-


ken – für die körperliche Fitness ist das völlig gleich
(sofern alle Nährstoffe ausreichend vorhanden sind).
Und jede Kalorie über diesen Bedarf hinaus, ob aus
Koteletts, Käse oder Kartoffeln, erzeugt im Football-
spieler wie im Buchhalter auch das gleiche Resultat,
nämlich ganz normales Fett.
& Lit.: Bergström, J. und Hultman, E.: Nutrition for
maximal sports performance, Journal of the Ame-
rican Medical Association 1972, vol 221, S.
999–1006; Segal, Wolfe: Food and nutrition:
facts and fallacies, Perth 1977 (besonders Kap.
35: Food for thought on sport).

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LexPI Bd. 1 Fliegen 1 103

Fliegen 1
Die sicherste Art des Reisens ist das Fliegen
Je nachdem, wie man es nimmt. Zählt man weltweit
die Todesopfer des Bahn- und Luftverkehrs zusam-
men (das Auto als den unbestrittenen Killer Nr. 1 la-
ssen wir außen vor) und teilt diese Zahlen durch die
zurückgelegten Passagierkilometer, so kommt folgen-
des heraus:
Bahn: 9 Todesopfer pro 10 Milliarden Passagierkilometer
Flugzeug: 3 Todesopfer pro 10 Milliarden Passagierkilometer

Teilen wir die Zahl der Opfer aber durch die Passa-
gierstunden statt durch die Passagierkilometer, ergibt
sich das umgekehrte Bild:
Bahn: 7 Todesopfer pro 100 Millionen Passagierstunden
Flugzeug: 24 Todesopfer pro 100 Millionen Passagierstunden

Mit anderen Worten, die Gefahr, die nächste Stunde


nicht zu überleben, ist im Flugzeug mehr als dreimal
so groß, und so gesehen ist die Angst so vieler Men-
schen vor dem Fliegen gar nicht so irrational, wie wir
immer weisgemacht bekommen.
& Lit.: G. Lopez-Real: »Die Statistik des sicheren
Reisens,« Stochastik in der Schule 1/1989,
28–31; W. Krämer: So lügt man mit Statistik,
Frankfurt 1995.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fliegen 2 103

Fliegen 2
Der erste erfolgreiche Motorflug war eine Tat der
Brüder Wright (s.a. ð »Lindbergh« und ð
»Zeppelin«)
Als die Brüder Wilbur und Orville Wright am 17.
Dezember 1903 bei Kitty Hawk, North Carolina, ihre
berühmten Erstlingsflüge von zweimal 300 Metern
machten, standen sie in einer langen Tradition – die
Franzosen Penaud, Le Bris und Tatin, die Engländer
Cayley, Stringfellow und Henson, die Amerikaner
Chanute und Langley, der Deutsche Otto Lilienthal
oder der Australier Hargraves hatten schon mehr oder
weniger vorher erfolgreich Flugmaschinen in die Luft
geschickt.
Viele – aber nicht alle – dieser Vorgänger-Maschi-
nen waren motorlos oder unbemannt; manche flogen
wie die Wrights schon mit Bemannung und Motor.
Wenn wir dem Guinness book of air facts and feats
vertrauen dürfen, hatte etwa der Franzose Clement
Ader schon 1890 ähnliche Distanzen wie die Wrights
per Motorflug überwunden, genauso wie auf der ande-
ren Seite des Erdballs der Neuseeländer Richard Wil-
liam Pierse, der ein halbes Jahr vor den Brüdern
Wright in einem Flugzeug mit Benzinmotor die
»Main Waitohi Road« bei South Canterbury entlang-
geflogen ist.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fliegen 2 104

Der einzige Rekord, den die Wrights vermutlich


wirklich reklamieren dürfen, ist für den ersten kon-
trollierten Motorflug mit einer Flugmaschine, die
schwerer ist als Luft.
& Lit.: The Guiness book of air facts and feats;
Stichwort »Aviation« im Microsoft CD-Rom Le-
xikon Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Fließband 104

Fließband
Viele Menschen verbinden mit dem Stichwort »Fließ-
band« den Namen Henry Ford und sein berühmtes
Auto Modell T. Dabei wird häufig übersehen, daß
Henry Ford durchaus nicht als erster und noch nicht
einmal als erster Autobauer die Fließbandfertigung er-
funden hat. Schon 1902 und damit sechs Jahre vor
dem ersten Modell T hatte etwa Ransom E. Olds, ein
Konkurrent von Henry Ford, mit Fließbändern gear-
beitet: Er ließ seine Autos auf Holzgestellen durch die
Fabrikhalle ziehen (rund 2500 Stück pro Jahr). Unter
Ford wurde dann aus den Holzgestellen ein durchge-
hendes Band, aber die Grundidee, nicht die Einzeltei-
le und die Arbeiter zum Auto, sondern das Auto zu
den Arbeitern zu bringen, stammt von anderen.

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LexPI Bd. 2 Fort Knox 109

Fort Knox
In Fort Knox lagern die weltweit größten Goldbe-
stände
Richtig ist, daß die USA einen großen Teil ihrer eige-
nen Goldreserven in Fort Knox verwahren (daneben
gibt es noch Lager in West Point, San Francisco, Phi-
ladelphia und Denver). Aber die weltweit größten
Goldbestände, rund 10.000 Tonnen, mehr als ein
Viertel der offiziellen Goldreserven der gesamten
Welt und fünfmal mehr als in Fort Knox, lagern in
Manhattan im Keller der »Federal Reserve Bank of
New York«.
Anders als in Fort Knox liegt in New York auch
Gold von außerhalb der US-Landesgrenzen: Zahlrei-
che Staaten dieser Erde lagern ihre Goldreserven in
New York, wo sie erstens sicherer sind als in Nairobi
oder São Paulo, und wo sie zweitens internationale
Goldbewegungen erleichtern: Wenn die Vereinten
Arabischen Emirate dem Sultan von Brunei zwei
Tonnen Gold zukommen lassen wollen, reicht es, auf
den Stapel des Emirs einen neuen Zettel aufzukleben.
& Lit.: »The world's goldkeeper«, über die Internet-
Adresse http://woodrow.mpls.frb.fed.us/
site collection/pubs/region/reg9112b.html.

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LexPI Bd. 1 »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was 104

»Frage nicht, was dein Land für dich tun kann,


frage, was du für dein Land tun kannst«
Dieser Appell stammt nicht von John F. Kennedy.
Schon Jahrzehnte vorher hatten der amerikanische
Bundesrichter Holmes und auch Kennedys mittelbarer
Amtsvorgänger Harding Gleiches ausgesprochen: »It
is now the moment ... to recall what our country has
done for each of us, and to ask ourselves what we can
do for our country in return« (Holmes). »We must
have a citizenship less concerned about what the go-
vernment can do for it and more anxious about what it
can do for the nation« (Harding).
Aber wie so oft macht auch hier der Ton alias die
konkrete Wortwahl die Musik, und so wurde dieses
Motto erst durch Kennedys prägnante Kurzfassung
richtig populär: »Ask not what your country can do
for you; ask what you can do for your country.«
& Lit.: Bill Burnam: The dictionary of misinformati-
on, New York 1975.

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LexPI Bd. 1 Frankenstein 105

Frankenstein
Frankenstein ist ein Monster
Die Figur des Frankenstein aus Mary Shelleys gleich-
namigem Roman ist ein junger, durchaus attraktiver
Student der Mathematik und Naturwissenschaften an
der Universität von Ingolstadt; er ist alles andere als
ein Monster. Das Monster ist vielmehr der Kunst-
mensch, den sich Frankenstein erschafft. Aber dieser
Unterschied zwischen »Frankensteins Monster« und
»Frankenstein, das Monster« ist im Lauf der Jahr-
zehnte in Vergessenheit geraten.
& Lit.: Mary Shelley: Frankenstein, München 1995.

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LexPI Bd. 2 Freddy Quinn 110

Freddy Quinn
Freddy Quinn ist Hamburger Urgestein
Freddy Quinn wurde 1931 in Wien als Franz Eugen
Nidl-Petz geboren und ist noch heute Österreicher.

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LexPI Bd. 2 Freie und Hansestadt Hamburg 110

Freie und Hansestadt Hamburg


Die Freie und Hansestadt Hamburg hat ihren
Titel von Kaiser Barbarossa
So steht es heute noch in vielen Büchern: Im Jahr
1189 soll Kaiser Barbarossa der Stadt Hamburg einen
»Freibrief« (eine Bestätigung diverser Privilegien, be-
sonders des zollfreien Transports von Waren auf der
Unterelbe) übergeben haben.
Diese Urkunde ist aber nachweislich gefälscht; sie
stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, und zwar
aus Hamburg selbst: Um sich die Konkurrenz aus
Bremen und aus Stade vom Leibe halten, und weil
wegen des gerade herrschenden Interregnums kein
Kaiser zum Ausstellen des nötigen »Kaiserbriefs«
verfügbar war, schrieben sich die Hamburger den
Brief halt selbst.
& Lit.: G. Prause: Tratschkes Lexikon für Besser-
wisser, München 1986 (besonders das Kapitel
»Freie und Hansestadt: Hamburgs stolzer Titel ist
gefälscht«).

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LexPI Bd. 1 Freihandel 105

Freihandel
Das 19. Jahrhundert war die hohe Zeit des Frei-
handels
Anders als viele Ökonomen glauben, war das 19.
Jahrhundert nicht die hohe Zeit des freien, von Lizen-
zen, Zöllen und anderen Schikanen unbeschwerten
Handels. Schon vor hundert Jahren gab es zwischen
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspraxis große Un-
terschiede: Allen allgemeinen Lippenbekenntnissen
zu den Laissez-faire-Maximen des großen schotti-
schen Gelehrten Adam Smith zum Trotz läßt sich die
Wirtschaftspolitik der damaligen Mächte besser als
»ein Ozean von Protektionismus mit ein paar libera-
len Inseln« beschreiben (Paul Bairuch).
Einen wirklich freien Handel erlaubten im 19. Jahr-
hundert nur einige kleinere Länder wie Dänemark,
Holland, Portugal oder die Schweiz, mit weniger als
fünf Prozent der europäischen Bevölkerung. Die gro-
ßen Staaten wie England, Frankreich, Österreich und
Preußen dagegen suchten im Vorgriff auf moderne
Praktiken entweder ihre Bauern oder ihre Fabrikanten
oder beide zu beschützen.
Nur für kurze Zeiten siegte die ökonomische Ver-
nunft, wie in einem vergleichsweise liberalen Inter-
mezzo von 1860 bis 1879; ansonsten wurde an fast
allen Grenzen fleißig Zoll erhoben, in Frankreich
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LexPI Bd. 1 Freihandel 105

durchschnittlich 12 bis 15 Prozent, in Österreich-Un-


garn 15 bis 20 Prozent, in Deutschland und England
etwas weniger, aber von einem wirklich freien Handel
konnte damals keine Rede sein.
& Lit.: Paul Bairuch: Economics and world history:
Myths and paradoxes, New York 1993.

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LexPI Bd. 2 Freiheit 110

Freiheit
Freiheit ist immer nur die Freiheit des anders
Denkenden
In ihrer 1918 im Gefängnis abgefaßten Schrift über
die Russische Revolution schreibt Rosa Luxemburg:
»Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für
die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahl-
reich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur
die Freiheit des anders Denkenden.« Dieser wohl be-
rühmteste Ausspruch der berühmten Rosa Luxemburg
ist aber durchaus anders gemeint, als ihre Freunde uns
heute gerne glauben machen wollen. Beim Weiterle-
sen stellt sich nämlich heraus, daß diese »anders Den-
kenden« vor allem anders denkende Kommunisten
sind; anders denkende Liberale, Nationale, Klerikale
usw. sind in der guten alten Tradition der Kommuni-
sten von dieser Freiheit ausgenommen und möglichst
schnell zu liquidieren: »Der Sozialismus (...) hat (...)
zur Voraussetzung eine Reihe Gewaltmaßnahmen –
gegen Eigentum usw.«, schreibt die rote Rosa eine
Seite weiter, und wer mit »usw.« gemeint ist, bleibt
nicht lange im dunkeln: »Wer sich dem Sturmwagen
der sozialistischen Revolution entgegenstellt, wird
mit zertrümmerten Gliedern am Boden liegen blei-
ben.«
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LexPI Bd. 2 Freiheit 111

& Lit.: F. Weil: »Rosa Luxemburg über die russi-


sche Revolution. Einige unveröffentlichte Manu-
skripte«, Archiv für die Geschichte des Sozialis-
mus und der Arbeiterbewegung 13, 1928, S.
285–298; Josef Nyary: »Vom Umgang mit Roten
und Rothäuten«, Welt am Sonntag, 15.2.1998;
Stichwort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Freitag, der Dreizehnte 111

Freitag, der Dreizehnte


Freitag, der Dreizehnte hebt sich durch nichts Be-
sonderes hervor
Der Dreizehnte eines Monats fällt öfter auf einen
Freitag als auf jeden anderen Wochentag.
Der Kalender wiederholt sich alle 400 Jahre. Wenn
wir, beginnend an irgendeinem Tag, die nächsten 400
Jahre = 4800 Monate auszählen, haben wir 4800 mal
einen Dreizehnten des Monats, und der verteilt sich
wie folgt auf die Wochentage:
Montag 685
Dienstag 685
Mittwoch 687
Donnerstag 684
Freitag 688
Samstag 684
Sonntag 687
Summe 4800

In 400 Jahren macht das keine großen Unterschiede.


Aber wenn die Erde noch weitere vier Milliarden
Jahre überdauert (dann wird die Sonne zu einem
Roten Riesen und frißt die Erde auf), werden wir 40
Millionen mal mehr den Dreizehnten an einem Freitag
als an einem Samstag haben.
& Lit.: J.O. Irwin: »Friday 13th«, The Mathematical
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LexPI Bd. 2 Freitag, der Dreizehnte 111

Gazette 55, 1971, S. 412–415.

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LexPI Bd. 2 Fremdenfeindlichkeit 112

Fremdenfeindlichkeit
Die Deutschen sind besonders fremdenfeindlich
Deutschland ist seit jeher ein Magnet für Fremde;
über lange Jahrhunderte wurden sie hier weit gastli-
cher als sonstwo in Europa aufgenommen. Vor allem
Preußen war einer der nach außen offensten Staaten
auf der ganzen Erde, »eine Freistatt und ein Rettungs-
hafen für die Verfolgten, Beleidigten und Erniedrigten
ganz Europas« (Haffner); Waldenser, Mennoniten,
schottische Presbyterianer, auch Juden, »sogar gele-
gentlich Katholiken«, strömten in Scharen in die
Mitte unseres Landes und wurden hier mit großem
Wohlwollen empfangen. Um 1700 war jeder dritte
Berliner ein Franzose, die Gäste »bekamen Wohnun-
gen und Kredite und sie wurden keineswegs genötigt,
ihre Nationalität zu verleugnen. Alles vorbildlich«,
wie Sebastian Haffner schreibt, der darin einen der
»Grundzüge des klassischen Preußen« sieht, einen
Zug, »der ebenso charakteristisch und auffallend ist
wie sein Militarismus, nämlich seine beinahe gren-
zenlose Fremdenfreundlichkeit« (S. 78).
Nun ist das moderne Deutschland nicht das alte
Preußen, aber auch heute müssen wir uns bezüglich
unserer Fremdenfreundlichkeit vor niemandem
verstecken: Derzeit leben mehr als sieben Millionen
Ausländer in Deutschland (ohne Flüchtlinge und
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LexPI Bd. 2 Fremdenfeindlichkeit 112

Asylbewerber), und auch bei Flüchtlingen und Asyl-


bewerbern steht Deutschland weltweit als ein Vorbild
da: Allein die alten Bundesländer beherbergten Mitte
der 90er Jahre mehr als doppelt so viele davon wie
Frankreich, England und Italien zusammen.
& Lit.: Sebastian Haffner: Preußen ohne Legende, 3.
Auflage, Hamburg 1979; »Jeder fünfte ist ein
Flüchtling«, Informationsdienst des Instituts der
Deutschen Wirtschaft 35/1997.

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LexPI Bd. 2 Fremdenlegion 1 112

Fremdenlegion 1
Die französische Fremdenlegion ist ein Zufluchts-
ort für Kriminelle
Die 1831 von Louis Philippe gegründete französische
Fremdenlegion akzeptiert beim Eintritt die verschie-
densten Motive – Liebeskummer, Rauflust, Maso-
chismus – aber keine ungesühnte Kriminalkarriere.
Alle Bewerber werden vor der Aufnahme sowohl von
Interpol wie vom französischen Deuxième Bureau auf
Herz und Nieren überprüft; sollten später dennoch
kriminelle Taten ruchbar werden, müssen die Übeltä-
ter mit einer Überführung in die Heimatländer rech-
nen.

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LexPI Bd. 2 Fremdenlegion 2 113

Fremdenlegion 2
Nur die Franzosen haben eine Fremdenlegion
Auch Spanien unterhält eine Fremdenlegion; sie be-
steht aus einigen Infanteriebataillonen in den spani-
schen Besitzungen entlang der marokkanischen Mit-
telmeerküste.
& Lit.: Stichwort »Fremdenlegion« in der Brockhaus
Enzyklopädie, Wiesbaden 1990.

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LexPI Bd. 1 Fremdstoffe 106

Fremdstoffe
Fremdstoffe in Lebensmitteln sind generell ge-
sundheitsschädlich (s.a. ð »Bio-Nahrung«)
Nicht alles, was wir täglich essen, ist gut für die Ge-
sundheit: Manche Teile unserer Nahrung machen
unser Leben nicht länger, sondern kürzer. Viele dieser
Gifte sind in den Lebensmitteln von Natur enthalten,
andere kommen erst durch uns dazu.
Dabei werfen viele aber die schädlichen und die
nützlichen Fremdstoffe in einen Topf. Schädlich sind
z.B. Schwermetalle wie Blei oder Zinn, die ohne Ab-
sicht des Produzenten aus Dosen, Wasserleitungen
oder Keramiktassen in unser Essen kommen, schäd-
lich sind auch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln,
Nitrat und Nitrit aus Düngemitteln oder andere sog.
»Mitläufer« bei der Produktion und Verarbeitung von
Lebensmitteln, die unseren Organismus gehörig
durcheinanderbringen können, wie der Schreiber die-
ser Zeilen seit dem Genuß einer Dose Waldpilze aus
einem bekannten deutschen Supermarkt aus eigener
Erfahrung weiß. Hier reichen z.T. schon kleinste
Dosen, etwa des Killergiftes Dioxin, um uns ein für
allemal den Appetit zu nehmen.
Von diesen Rückständen und Verunreinigungen
unterscheiden muß man aber sogenannte »Hilfs-«
oder »Zusatzstoffe« wie Farben oder Konservierungs-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fremdstoffe 106

mittel, die durchaus mit Absicht den Lebensmitteln


beigegeben werden. Diese sind vielleicht nicht immer
nötig, aber in der Regel auch nicht schädlich. Nach
deutschem Lebensmittelrecht z.B. müssen Zusatzstof-
fe gesundheitlich unbedenklich sein (wobei man na-
türlich über Belastungsgrenzen lange streiten kann);
sie dürfen den Verbraucher auch nicht über die wahre
Qualität der Nahrung täuschen. Aber die Risiken, die
bei übermäßiger Verwendung solcher Hilfs- und Zu-
satzstoffe auftreten können, scheinen gegen die Ge-
fahren einer selber auferlegten einseitigen oder unmä-
ßigen Ernährung eher zu verblassen.
& Lit.: Ulrich Rüdt: Essen wir Gift?, Stuttgart 1978;
Werner Thumshirn: Keine Angst vor dem Essen,
Düsseldorf 1984; Karlheinz Gierschner und A.
Kohler (Hrsg.): Lebensmittel – Gesunde Ernäh-
rung, Weikersheim 1990.

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LexPI Bd. 2 Friedenstaube 113

Friedenstaube
Tauben sind friedliche Tiere
Tauben sind durchaus nicht friedlich; in ihrer Rolle
als Symbol des Friedens sind sie eine klare Fehlbeset-
zung. »Außer am Marterpfahl der Indianer hat wohl
kaum ein anderes Lebewesen einem Artgenossen in
solch ausdauernder Kleinarbeit ähnlich gräßliche, zu
einem langsamen, fürchterlichen Tod führende Wun-
den beigebracht« wie eine Taube.
Damit spielt Vitus B. Dröscher, dem wir in diesem
Stichwort folgen, auf ein Experiment von Konrad Lo-
renz an; Lorenz hatte über eine kurze Dienstreise sein
Taubenmännchen Willy und sein Taubenweibchen
Petra in ein und demselben Käfig zurückgelassen, in
der Hoffnung, so ihrer Liebe etwas nachzuhelfen.
Doch bei seiner Rückkehr war von Liebe keine Rede:
»Willy lag in einer Käfigecke auf dem Boden. Hinter-
kopf, Oberseite des Halses und der ganze Rücken bis
an die Schwanzwurzel waren nicht nur völlig kahlge-
rupft, sondern so geschunden, daß sie eine einzige
Wundfläche bildeten. Auf der Mitte dieser Fläche,
wie ein Adler auf seiner Beute, stand das zweite Frie-
denstäubchen, Petra, die ›Braut‹. Mit dem versonne-
nen Gesichtsausdruck, der dem vermenschlichenden
Beobachter diese Vögel so sympathisch erscheinen
läßt, pickte das Vieh pausenlos in den Wunden des
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Friedenstaube 114

buchstäblich ›Unterlegenen‹ herum. Raffte sich der


auf, um mit letzter Kraft zu entkommen, war die
Amazone schon wieder hinter ihm, klapste ihn mit
den weichen Flügelchen zu Boden und setzte ihr er-
barmungsloses, langsames Tötungswerk fort, obwohl
sie selbst davon schon so müde war, daß ihr immer
wieder die Augen zufallen wollten.«
Dieses Verhalten zeigen Tauben regelmäßig, wenn
man mehr als zwei in einen Käfig sperrt: Sie hacken
so lange aufeinander ein, bis einer oder eine nicht
mehr lebt.
& Lit.: Vitus B. Dröscher: Mit den Wölfen heulen,
Düsseldorf 1978.
¤ Als Allegorie des Friednes und der Zärtlichkeit
eine klare Fehlbesetzung

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LexPI Bd. 1 Friedhof 106

Friedhof
Friedhof hat etwas mit »Frieden« zu tun
Friedhof kommt vom althochdeutschen »frithof« =
Vorhof, Vorplatz, Vorraum einer Kirche. Es bedeutet
»eingefriedeter, beschützter Platz«. Da dieser einge-
friedete, beschützte Platz vor den Kirchen oft auch als
Begräbnisstätte diente, hat diese eingeschränkte Be-
deutung peu à peu das Wort für sich alleine in Be-
schlag genommen.
& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
2. Auflage, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 2 Frostschutzmittel 114

Frostschutzmittel
Je mehr Frostschutzmittel im Kühlwasser des
Autos, desto besser ist der Schutz vor großer
Kälte
So dachten zumindest die Autoren dieses Buches und
haben deshalb oft am Winteranfang reines Frost-
schutzmittel in die Kühler ihrer Autos eingefüllt. Das
war aber ein Fehler, denn unverdünntes Frostschutz-
mittel gefriert weit schneller – je nach Marke schon
bei -12° Celsius, während eine Mischung aus 50%
Frostschutzmittel und 50% Wasser noch bei Tempe-
raturen unter -30° Celsius flüssig bleibt.
Der Grund ist, daß beide Flüssigkeiten sich gegen-
seitig am Einfrieren hindern – das Glykol das Wasser,
aber auch das Wasser das Glykol. Indem die Flüssig-
keiten sich gegenseitig verdünnen, sinkt die Zahl der
jeweils pro Raumeinheit vorhandenen, zur Bildung
von Eiskristallen nötigen Moleküle, und zwar für das
Wasser genauso wie für das Glykol. Während letztere
in unverdünnter Fassung schon bei -12°C die ersten
Eiskristalle bildet, senkt die Beimischung von Wasser
diesen Punkt bis unter -30°C – das eigentliche Frost-
schutzmittel ist hier also in gewissem Sinn das Was-
ser.
& Lit.: Robert L. Wolke: Woher weiß die Seife, was
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LexPI Bd. 2 Frostschutzmittel 115

der Schmutz ist? Kluge Antworten auf alltägliche


Fragen, München 1998.

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LexPI Bd. 2 Frühling 115

Frühling
Auf einen trockenen Frühling folgt ein nasser
Sommer (s.a. ð »Januar«, ð »Martinstag« und
ð »Siebenschläfer«)
Diese alte Bauernregel konnte für Deutschland nicht
bestätigt werden – zwischen den Niederschlägen im
Frühling und im Sommer können Meteorologen hier-
zulande keinerlei Zusammenhang erkennen.
& Lit.: P. Bisolli: »Eintrittswahrscheinlichkeit und
statistische Charakteristika der Witterungsfälle in
der Bundesrepublik Deutschland und West-Ber-
lin«, Institut für Meteorologie und Geophysik,
Universität Frankfurt a.M. 1991; H. Malberg:
Bauernregeln aus meteorologischer Sicht, Berlin
1993.

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LexPI Bd. 1 Frühstück 107

Frühstück
Gesund essen heißt gut frühstücken
Das Frühstück gilt vielen als die wichtigste Mahlzeit
des Tages – nach Meinung von englischen Ernäh-
rungswissenschaftlern nicht ganz zu Recht. Sie fanden
nach einer umfangreichen Auswertung einschlägiger
Studien »kaum eine Stütze für die Hypothese, daß das
Auslassen des Frühstücks die körperliche und geistige
Leistungsfähigkeit (›performance‹) negativ beein-
flußt ... oder gar dafür, daß das Frühstück die wich-
tigste Mahlzeit des Tages ist«.
Die Legende von der Wichtigkeit des Frühstücks
geht vermutlich auf eine Reihe von Studien aus den
späten 40er Jahren zurück; diese hatten Versuchsper-
sonen auf ihre Belastbarkeit mit oder ohne Frühstück
getestet. Obwohl die Studien selber ohne eindeutiges
Ergebnis blieben, gelang es den Auftraggebern – der
amerikanischen Cornflakes-Industrie – diese Ergeb-
nisse in der Öffentlichkeit so darzustellen, daß hinfort
alle an die Wichtigkeit des Frühstücks glaubten.
Bis heute, fünfzig Jahre später, konnte trotz zahl-
reicher Versuche eine Sonderrolle für das Frühstück
in keiner einzigen Studie überzeugend nachgewiesen
werden; nach Meinung vieler Ernährungswissen-
schaftler spricht zumindest bei Erwachsenen nichts
dagegen, die tägliche Ernährung mit dem Mittagessen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Frühstück 107

zu beginnen.
& Lit.: N.H. Dickie und A.E. Bender: »Breakfast
and performance«, Applied Nutrition 55, 1982,
36–46.

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LexPI Bd. 2 Führerschein 115

Führerschein
Man kann seinen Führerschein auch durch Trun-
kenheit beim Fahrradfahren verlieren (s.a. ð
»Fahrverbot 1«)
In Deutschland kann man seinen Führerschein nur
dann wegen »Führen eines Fahrzeugs in fahruntüch-
tigem Zustand« verlieren, wenn das Führen dieses
Fahrzeugs einen Führerschein verlangt. Zum Fahrrad-
fahren braucht man keinen Führerschein, also kann
man beim Fahrradfahren auch keinen Führerschein
verlieren.
Anders dagegen, wenn die Trunkenheit auf dem
Fahrrad die Behörden vermuten läßt, der oder die Be-
treffende wäre generell zum Führen eines Kraftfahr-
zeuges ungeeignet. Wer z.B. mit mehr als zwei Pro-
mille Alkohol im Blut beim Fahrradfahren auffällt,
gilt bis zum Beweis des Gegenteils als Trinker; wer
diesen Verdacht nicht ausräumt, kann also wegen ge-
nereller Fahruntüchtigkeit den Führerschein verlieren.
& Lit.: »Stichwort: Führerscheinentzug wegen be-
trunkenen Fahrradfahrens«, Recht und Praxis Di-
gital, Nov./Dez. 1995, über die Internet-Adresse
http://www.vrp.de/nov95/eilinfo/stw5.htm.

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LexPI Bd. 2 Führung 116

Führung
Bei gleichstarken Kontrahenten wechselt die Füh-
rung ständig ab
Zwei gleichstarke Schach- oder Tennisspieler haben
nur selten eine ausgeglichene Matchbilanz (in dem
Sinn, daß die Führung in der Gesamtwertung häufig
wechselt). Mit weit größerer Wahrscheinlichkeit liegt
der anfangs Führende immer vorn, und liegt der an-
fangs Zurückliegende immer hinten.
Der gleiche Effekt tritt auch bei Glücksspielen auf.
Angenommen, wir wetten eine Mark, daß bei einem
fairen Münzwurf »Kopf« erscheint, unser Gegner hält
eine Mark dagegen. Auch dann liegt der anfangs Füh-
rende mit weit größerer Wahrscheinlichkeit immer
vorn und der anfangs Zurückliegende immer hinten,
und daß bei diesem Glücksspiel einer der Kontrahen-
ten genau die Hälfte aller Runden führt, ist nicht die
wahrscheinlichste, sondern die unwahrscheinlichste
aller Möglichkeiten. Am wahrscheinlichsten ist, daß
der letztendliche Sieger immer führt und daß der letzt-
endliche Verlierer immer zurückliegt: Entweder füh-
ren wir selber die ganze Zeit, oder wir liegen die
ganze Zeit zurück.
Das macht man sich an einem einfachen Beispiel
mit nur vier Runden sehr leicht klar: Wir werfen vier-
mal eine faire Münze und setzen jeweils eine Mark
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LexPI Bd. 2 Führung 116

auf Zahl, der Gegner eine Mark auf Kopf. Dann sind
die folgenden Sequenzen möglich sowie gleich wahr-
scheinlich (in Klammern dahinter die Zahl der Run-
den, die wir führen; bei Gleichstand geht die Runde
an den, der vorher vorne lag).
1. K K K K (0) 9. Z K K K (2)
2. K K K Z (0) 10. Z K K Z (2)
3. K K Z K (0) 11. Z K Z K (4)
4. K K Z Z (0) 12. Z K Z Z (4)
5. K Z K K (0) 13. Z Z K K (4)
6. K Z K Z (0) 14. Z Z K Z (4)
7. K Z Z K (2) 15. Z Z Z K (4)
8. K Z Z Z (2) 16. Z Z Z Z (4)

Bei sechs der möglichen sechzehn Spielverläufe lie-


gen wir immer hinten, bei sechs der sechzehn liegen
wir immer vorn, und nur in vier von sechzehn Fällen
führen wir über die Hälfte der Gesamtspieldauer und
liegen über die andere Hälfte zurück.
Mit wachsender Zahl der Runden wird dieses Un-
gleichgewicht noch größer: Bei zwanzig Runden lie-
gen wir verglichen mit einer gleichmäßigen Auftei-
lung von Führung und Rückstand sechsmal so wahr-
scheinlich immer vorne oder immer hinten, und bei
hundert Runden liegen wir sogar rund zehnmal so
wahrscheinlich immer vorne oder immer hinten – je
länger die Serie, desto unwahrscheinlicher wird eine
völlig gleichmäßige verglichen mit einer völlig extre-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Führung 117

men Verteilung der Zeit, die wir in Führung liegen.


Im Grenzfall, wenn die Serien immer länger werden,
läßt sich diese Wahrscheinlichkeit mittels der soge-
nannten Arcus-Sinus-Funktion beschreiben, deshalb
heißt dieses Phänomen auch »Arcus-Sinus-Paradox«.
& Lit.: R.A. Epstein: The theory of gambling and
statistical logic, New York 1967; W. Feller: An
introduction to probability theory and its applica-
tions, Band 1, 3. Auflage, New York 1968; W.
Riemer: »Das Arcsin-Gesetz der Wahrscheinlich-
keitsrechnung«, Der Mathematikunterricht
4/1989, S. 64–75; G.J. Székely: Paradoxa: klassi-
sche und neue Überraschungen aus Wahrschein-
lichkeitstheorie und mathematischer Statistik,
Thun 1990; W. Krämer: Denkste! Trugschlüsse
aus der Welt des Zufalls und der Zahlen, Frank-
furt a.M. 1995.

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LexPI Bd. 1 Fürst-Pückler-Bombe 107

Fürst-Pückler-Bombe
Damit meint man ein halbgefrorenes, meistens in drei
Schichten aus Schokolade, Erdbeer und Vanille ange-
botenes und mit Maraschino und Rosenlikör veredel-
tes Eis. Anders als der Name glauben macht, wurde
dieser Nachtisch aber nicht von Hermann Fürst von
Pückler-Muskau erfunden (1785–1871), der gemein-
hin als der Schöpfer gilt.
Der wahre Erfinder hieß Schulz, und war Konditor
in der Lausitz, wo der Fürst ein Schloß bewohnte. In
der völlig richtigen Einschätzung, daß »Schulz-
Bombe« weniger verkaufsfördernd klingt als »Fürst-
Pückler-Bombe«, fragte er den Fürsten, ob er, Schulz,
diese Kreation nach ihm benennen dürfe, und der
Fürst war einverstanden (er war dafür bekannt, sich
gerne kulinarisch zu verewigen; damals trugen auch
Schinken, Kartoffelsorten oder Torten seinen Namen).
& Lit.: Fritz C. Müller: Was steckt dahinter:
Namen, die Begriffe wurden, Eltville 1964.

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LexPI Bd. 2 Furz 117

Furz
»Den leisen, die da schleichen, muß man wei-
chen«
Nichts bleibt auf diesem Globus unerforscht: Auf der
»Digestive Desease Week 1997« in Washington
haben Ärzte eine populäre Theorie zum Zusammen-
hang von Volumen und Gestank von Fürzen widerlegt
und eine hohe Korrelation zwischen dem Volumen
und dem Schwefelgehalt von solchen Gasen festge-
stellt.
& Lit.: »Forschungsobjekt Furz: Spezialhose dämpft
Gestank – Studie widerlegt These der ›schlimmen
Schleicher‹«, Rheinpfalz, 23.8.1997; Stichwort
vorgeschlagen von W. Rupprecht.

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LexPI Bd. 1 Fußball 108

Fußball
Fußball ist als Sport der Arbeiter entstanden
Als Ende des 19. Jahrhunderts der Fußballsport den
Weg von England auch nach Deutschland fand, war
er so wie heute Golf und gestern Tennis eher eine
Sache für die bessere Gesellschaft: für Angestellte,
Ingenieure, Techniker. Arbeiter dagegen wurden, falls
überhaupt, in Fußballklubs nicht gern gesehen (der
damalige Arbeitersport war Turnen).
Die frühen kontinentalen Fußballspieler orientier-
ten sich vor allem an englischen Internaten und deut-
schen Burschenschaften; sie nannten ihre Vereine
Alemannia und Borussia, sie waren von Beruf Juri-
sten, Offiziere und höhere Verwaltungsbürokraten,
auch Maler, Opernsänger oder Dichter wie der Hei-
desänger Hermann Löns, sie waren auf sozialen Auf-
stieg programmiert.
Erst 1908 ließ die deutsche Kriegsmarine auch
Schiffsjungen zum Fußballspielen zu (Geschwader-
meisterschaft). Im Jahr 1910 folgte das Heer; um den
Zusammenhalt der Truppe zu stärken, nahm es Fuß-
ball in seine Ausbildungspläne auf, und brachte so
diesen Sport auch Rekruten aus den weniger guten
Kreisen nahe. Aber noch in den zwanziger Jahren
kamen erst fünfzehn Prozent, in den dreißiger Jahren
erst dreißig Prozent der deutschen Fußball-National-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Fußball 108

spieler aus Arbeiterfamilien, trotz der Schalker Fuß-


ballhelden Szepan und Kuzorra, die im Kreis ihrer
Nationalmannschafts-Kollegen eher als Exoten glänz-
ten.
Die heutige Begeisterung quer durch alle Stände
und Berufe (wenn auch nicht quer durch die Ge-
schlechter) sollte also nicht darüber hinwegtäuschen,
daß Fußball durchaus nicht immer der Sport für alle
Sportverliebte war, der er unbestritten heute ist.
& Lit.: Christiane Eisenberg: »Fußball in Deutsch-
land 1890–1914«, Geschichte und Gesellschaft,
Heft 2, 1994.

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LexPI Bd. 2 Fußball. 118

Fußball
Im internationalen Vereinsfußball zählen
Auswärtstore doppelt
Natürlich wissen alle Fußballfreunde, daß dieser Satz
nicht stimmt. Gewinnt Borussia Dortmund zu Hause
gegen Ajax Amsterdam mit 1:0, verliert aber in Am-
sterdam mit 2:4, so nützen auch die Auswärtstore
wenig. Bei wörtlicher Auslegung obiger Regel hätte
Dortmund 5:4 gewonnen, aber diese Regel tritt nur
dann in Kraft, wenn Heim- und Auswärtsspiel zusam-
men unentschieden enden.
& Stichwort vorgeschlagen von Christian Witte.

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G 119

»Die Menschen glauben gerne, was sie


wünschen.«
Caesar, De bello gallico

»Man soll öfter dasjenige untersuchen, was von


den Menschen meist vergessen wird, wo sie
nicht hinsehen und was so sehr als bekannt
angenommen wird, daß es keiner Untersuchung
mehr wert geachtet wird.«
Georg Christoph Lichtenberg

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LexPI Bd. 1 Galilei 109

Galilei
Galileo Galilei war ein Opfer der katholischen
Kirche (siehe auch ð »Und sie bewegt sich
doch!«)
Wenn man Historikern wie Gerhard Prause glauben
darf, war der große Galileo Galilei (1564–1642)
durchaus nicht das unglückliche Opfer der katholi-
schen Kirche, als das ihn die nachfolgenden Jahrhun-
derte bis heute gerne sehen. Sein berühmtes Schar-
mützel mit der Inquisition ist aus heutiger Sicht wohl
eher als Spiegelfechterei zu werten, und der Mantel
des Märtyrers, der ihm von seinen Jüngern umgewor-
fen wurde, paßt dem guten Galilei hinten und vorne
nicht.
Anders als der unglückliche, nur wenige Jahrzehnte
vorher auf dem Scheiterhaufen verbrannte Giordano
Bruno befand sich Galilei Zeit seines Lebens mit den
Mächtigen von Staat und Kirche in durchaus gutem
Einvernehmen. Auch wenn er von letzterer, wie Papst
Johannes Paul II. 1979 formulierte, »viel zu leiden«
hatte: Galileis größte Feinde waren seine weltlichen
Kollegen, die Professoren auf den Universitätskathe-
dern, nicht die Mönche auf den Kirchenkanzeln. Vor
allem aus Angst vor dem Spott der anderen Physik-
professoren, nicht aus Angst vor der Kirche wagte
Galilei erst als über 50-jähriger, öffentlich für die
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Galilei 109

Lehren des Kopernikus zu werben; als er die Monde


des Jupiters entdeckte, lehnten es die Physiker-Kolle-
gen ab, zum Beweis durch Galileis Teleskop zu
sehen – nach dem Motto, daß nicht sein kann, was
nicht sein darf, erschienen Experimente und Natur-
beobachtungen den meisten Gelehrten des frühen 17.
Jahrhunderts reichlich überflüssig.
Die Kirche dagegen behandelte den unkonvention-
ellen Physikprofessor aus der Toskana mit bemer-
kenswerter Toleranz; er wurde vom Papst zur Audi-
enz empfangen, von den Jesuiten sogar für seine wis-
senschaftlichen Verdienste ausgezeichnet, und anders
als die weltlichen Gelehrten ließen sich die Jesuiten
auch durch Fakten (nämlich durch die Monde des Ju-
piters) überzeugen, daß das ptolemäische Weltbild
wissenschaftlich nicht zu halten war.
Erst als Galilei nicht nur das ptolemäische Welt-
bild als falsch, sondern darüber hinaus sein eigenes
als das einzig richtige bezeichnete (was nicht stimmt,
wie wir spätestens seit Einstein wissen), wurde diese
Toleranz der Kirche ernsthaft auf die Probe gestellt.
Denn als Arbeitshypothese hätte man Galileis Thesen
durchaus gelten lassen, aber als endgültige Wahrheit
nicht. Hier sah die Kirche ihren Monopolanspruch
verletzt, und als Galilei trotz Abmahnung immer dezi-
dierter von dem System des Kopernikus als einer »be-
wiesenen Wahrheit« sprach, den Beweis aber nicht
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Galilei 110

beibringen konnte (was auch gar nicht geht, denn wis-


senschaftliche Theorien lassen sich nur widerlegen,
aber nicht beweisen), reagierte die Kirche auch ihrer-
seits recht überzogen mit einem Dekret, das die Lehre
von der Bewegung der Erde für »falsch und in allen
Punkten der Heiligen Lehre widersprechend« erklärte.
Persönlich wurde Galilei jedoch nicht belangt.
Weder wurden seine Bücher verboten, noch seine
guten Beziehungen zu den Mächtigen ernsthaft ange-
griffen. Hätte er hinfort von seinen Thesen als Theo-
rien und nicht letzten Wahrheiten gesprochen, wäre es
wohl nie zu der berühmten Vorladung vor die Inquisi-
tion nach Rom gekommen.
Diese Vorladung erging aufgrund eines neuen Bu-
ches, in dem Galilei weiter und allen Abmahnungen
zum Trotz von absoluter Wahrheit sprach. Sie wurde
im Oktober 1632 zugestellt, wegen Krankheit Galileis
aber aufgeschoben, erst im Februar 1633 reiste Gali-
lei dann nach Rom. Dort wohnte er zunächst als Gast
des florentinischen Botschafters in der Villa Medici,
dann, während des eigentlichen Inquisitionsverfahrens
vom 12. April bis 22. Juni 1633, in einem Drei-Zim-
mer-Apartment im Vatikan, mit Diener und Blick auf
den Garten. Er wurde weder eingekerkert noch gefol-
tert.
Wie vielen genialen Menschen war es auch Galilei
immer schwergefallen, seine weniger begabten Zeitge-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Galilei 110

nossen ernst zu nehmen. Auch in seinem Inquisitions-


verfahren ging er wohl davon aus, nach Klarstellung
einiger strittiger Passagen, welche die ignoranten Kar-
dinäle nicht verstanden hatten, nach Hause geschickt
zu werden. Erst als die gar nicht so dummen Inquisi-
toren durch keine wissenschaftlichen Argumente
davon abzubringen waren, daß Galilei verbotenerwei-
se und falsch von absoluten Wahrheiten geschrieben
habe, geriet Galilei in Panik; vielleicht dachte er
dabei an Giordano Bruno, vielleicht wollte er nur
seine Ruhe haben – wie auch immer: Unaufgefordert
und ohne Druck von außen stritt er seine Lehren en
bloc einfach ab.
Das Urteil lautete auf Ungehorsam. Die Strafe
waren sieben Bußpsalmen jede Woche für drei Jahre,
plus eine Kerkerstrafe, die Galilei aber niemals anzu-
treten brauchte. Nach dem Verfahren lebte er als Gast
beim Großherzog der Toskana, dann beim Erzbischof
von Siena, dann als Staatsrentner in dem kleinen Dorf
Arcetri bei Florenz, wo er unbelästigt seine Forschun-
gen weiterführte und 1642 starb.
& Lit.: Karl von Gebler: Galileo Galilei und die rö-
mische Kurie. Nach authentischen Quellen, Stutt-
gart 1976; Arthur Koestler: Die Nachtwandler:
Das Bild des Universums im Wandel der Zeit,
Bern 1959; Walter Brandmüller: Galilei und die
Kirche oder das Recht auf Irrtum, Regensburg
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Galilei 111

1982; Gerhard Prause: Niemand hat Kolumbus


ausgelacht, Düsseldorf 1986 (besonders das Ka-
pitel »Galilei war kein Märtyrer«); »Der Fall Ga-
lilei«, Forschung &Lehre, Heft 3, 1994.
¤ Galilei im Kerker: diese Szene hat nie stattgefun-
den

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LexPI Bd. 1 Geburten 111

Geburten
Der Geburtenrückgang ist vor allem eine Folge
der Anti-Baby-Pille (s.a. ð »Bevölkerungsexplo-
sion«)
Der Geburtenrückgang, den wir heute überall auf der
Welt beobachten, hat viel weniger mit der Anti-Baby-
Pille und anderen Verhütungsmitteln zu tun als viele
glauben. Er hat in den entwickelten Industrienationen
des Westens schon lange vor der Anti-Baby-Pille an-
gefangen, und er wird mit oder ohne Anti-Baby-Pille
bald auch die Dritte Welt erreichen.
Schon heute fallen die Geburtenraten weltweit ohne
Rücksicht auf Verhütungsmittel: in Thailand von
durchschnittlich 4,6 Kindern pro Frau 1975 auf 2,3
Kinder 1987, in Kolumbien von 4,7 Kindern 1976
auf 2,8 Kinder 1990, und ähnlich auch anderswo in
Afrika und Asien. Zwar kann man dabei durchaus
einen positiven Zusammenhang zwischen der Verbrei-
tung von Verhütungsmitteln und den Geburtenraten
messen (d.h. in Ländern mit leichtem Zugang zu Ver-
hütungsmitteln sind die Geburtenraten in der Regel
kleiner), aber das muß genausowenig auf eine Kausal-
beziehung hindeuten wie der positive Zusammenhang
zwischen Geburten und Klapperstörchen, den man in
manchen deutschen Bundesländern nachgewiesen hat;
vielmehr hängen beide Variablen gemeinsam von
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Geburten 112

einer dritten Variablen ab.


Diese gemeinsame dritte Variable ist die Vorstel-
lung der Eltern, wieviele Kinder sie denn haben wol-
len. Diese geplante Familiengröße war schon immer
und ist noch heute die mit Abstand wichtigste Bestim-
mungsgröße für die Zahl der Kinder einer Ehe. Zwar
hat es immer auch ungewollte Kinder gegeben (und in
gewisser Weise kann man den Rückgang dieser unge-
wollten Kinder als den eigentlichen Erfolg der Anti-
Baby-Pille und anderer Verhütungsmittel sehen), aber
im großen und ganzen haben die Menschen zu allen
Zeiten, wenn auch mit verschiedenen Methoden, ihre
Kinderwünsche in der Praxis durchgesetzt. So hatten
etwa europäische Bauernfamilien zu Anfang des 19.
Jahrhunderts im Mittel vier Kinder, amerikanische da-
gegen sechs; aber nicht, weil die Bauern und Bäuerin-
nen diesseits des Atlantiks nicht so fruchtbar waren,
sondern weil sie nicht so viele Kinder haben wollten:
Das Ackerland war aufgeteilt, für mehr Kinder gab es
weder Brot noch Platz. In Amerika dagegen konnte
der Farmer seine Kinder einfach nur nach Westen
schicken ...
In gewisser Weise verläuft die Kausalbeziehung
zwischen Verhütung und Geburten also genau anders-
herum: Die Menschen benützen Verhütungsmittel,
weil sie weniger Kinder wollen; sie bekommen nicht
deshalb weniger Kinder, weil sie Verhütungsmittel
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Geburten 112

nutzen. Der Vorschlag eines westlichen Entwick-


lungshilfe-Bürokraten, »den ganzen Kontinent von
Flugzeugen mit Kondomen und Pillen zu beregnen«,
hätte also nur den zahlreichen verschwendeten Mil-
liarden für Entwicklungshilfe noch ein paar weitere
hinzugefügt; wenn die Menschen Afrikas wirklich we-
niger Kinder wollen, brauchen sie dafür keine westli-
che Entwicklungshilfe – das schaffen sie allein; wol-
len sie dagegen weiterhin soviele Kinder wie schon
immer, nützen auch Kondome wenig.
& Lit.: B. Robey et al.: »The fertility decline in de-
veloping countries«, Scientific American, Dez.
1993, S. 30–37; »Population misconceptions«,
The Economist, 28.5.1994.

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LexPI Bd. 1 Geburtstag 113

Geburtstag
Es ist unwahrscheinlich, daß unter zwei Dutzend
Zufallsbekannten zwei am gleichen Tag Geburts-
tag haben (s.a. ð »Zufall«)
Ab 23 Personen ist die Wahrscheinlichkeit größer als
1/2, daß mindestens zwei davon am gleichen Tag Ge-
burtstag haben.
Das scheint vielen Menschen unplausibel; sie den-
ken: »Mit welcher Wahrscheinlichkeit hat jemand an-
ders am gleichen Tag Geburtstag wie ich selbst?«
Diese Wahrscheinlichkeit ist natürlich bei dreiund-
zwanzig Personen nicht sehr groß (konkret nur 5,9
Prozent); daraus schließen wir dann scheinbar lo-
gisch, daß diese Wahrscheinlichkeit auch insgesamt
sehr klein sein muß.
In Wahrheit wird diese Wahrscheinlichkeit mit
wachsender Gruppengröße sehr schnell sehr groß.
Wenn wir bei zwei Zufallsbekannten anfangen (und
zunächst der Einfachheit halber den 29. Februar weg-
lassen sowie unterstellen, daß alle Tage des Jahres als
Geburtstag gleich wahrscheinlich sind), dann ist die
Wahrscheinlichkeit für zwei identische Geburtstage
genau 1/365: Unabhängig vom Geburtstag der ersten
Person hat die zweite immer eine Chance unter 365,
genau den gleichen Tag zu treffen, und da alle Tage
gleich wahrscheinlich sind, beträgt die Wahrschein-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Geburtstag 113

lichkeit dafür genau 1/365 oder rund 0,3 Prozent.


Bei mehr als zwei Personen wird die Sache kompli-
zierter. Hier hilft ein Trick: Statt nach der Wahr-
scheinlichkeit, daß mindestens zwei davon am glei-
chen Tag Geburtstag haben, fragen wir: Mit welcher
Wahrscheinlichkeit sind alle Geburtstage verschie-
den? Denn da diese Ereignisse sich gegenseitig aus-
schließen, aber eines davon auf jeden Fall eintritt, ist
die Wahrscheinlichkeit für das eine immer eins weni-
ger als die Wahrscheinlichkeit für das andere.
Bei drei Personen berechnen wir die Wahrschein-
lichkeit für drei verschiedene Geburtstage wie folgt:
Die erste Person hat freie Wahl, die zweite bei jedem
Geburtstag der ersten noch die Auswahl unter 364
von 365 Tagen, und die dritte noch die Auswahl unter
363 Tagen. Mit anderen Worten, die Wahrscheinlich-
keit für drei verschiedene Geburtstage ist

Die Wahrscheinlichkeit des Gegenteils, also daß min-


destens zwei Personen den gleichen Geburtstag
haben, ist demnach 0,9 Prozent.
Genauso rechnen wir auch die Wahrscheinlichkeit
für mindestens zwei identische Geburtstage bei mehr
als drei Personen aus und erhalten:
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Geburtstag 114

Wahrscheinlichkeit, Wahrscheinlichkeit
Gruppen- daß alle Geburtstage für mindestens zwei
größe verschieden gleiche Geburtstage
2 99,7% 0,3%
3 99,1% 0,9%
4 98,4% 1,6%
5 97,3% 2,7%
• • •
• • •
• • •
20 58,9% 41,1%
21 55,6% 44,4%
22 52,4% 47,6%
23 49,3% 50,7%
• • •
• • •
• • •
30 29,4% 70,6%
40 10,9% 89,1%
50 3,0% 97,0%

Wir sehen: ab 23 Personen ist die Wahrscheinlichkeit


für mindestens zwei gleiche Geburtstage größer als
1/2, ab 40 Personen sogar schon 90% – in einer sol-
chen Menschenmenge ist es also äußerst unwahr-
scheinlich, daß keine zwei am gleichen Tag Geburts-
tag haben.
Wenn die Geburtstage nicht alle gleich wahrschein-
lich sind, werden die Wahrscheinlichkeiten für identi-
sche Geburtstage sogar noch größer. Im Extremfall,
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Geburtstag 114

daß alle Menschen am gleichen Tag geboren sind, ist


das auch sehr leicht einzusehen: Dann finden wir
immer zwei identische Geburtstage, ganz gleich, wie
groß die Gruppe ist. Aber auch für andere ungleiche
Verteilungen ist dieses Ansteigen der Wahrscheinlich-
keiten nicht schwer nachzuweisen.
Bei drei statt zwei identischen Geburtstagen wird
die Sache etwas komplizierter. Aber auch hier sind
die Wahrscheinlichkeiten größer als die meisten glau-
ben: Ab einer Gruppengröße 88 wird hier die Wahr-
scheinlichkeit, daß mindestens drei davon am glei-
chen Tag Geburtstag haben, größer als 1/2.
Noch allgemeiner kann man fragen: »Wie groß
muß eine Gruppe sein, damit mit einer Wahrschein-
lichkeit von mehr als fünfzig Prozent mindestens vier,
fünf, sechs oder sonstwieviele Personen am gleichen
Tag Geburtstag haben?« Die Antwort für zwei und
drei Personen kennen wir bereits: dreiundzwanzig
bzw. achtundachtzig, und die folgende Tabelle zeigt
die nötigen Gruppengrößen auch für andere Zahlen
an:
Soviele Menschen Soviele Menschen brauchen
haben am gleichen wir mindestens für eine
Tag Geburtstag Wahrscheinlichkeit von
mehr als 50 Prozent
2 23
3 88
4
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
187
LexPI Bd. 1 Geburtstag 115

5 313
6 460
7 623
8 798
9 985
10 1181
11 1385
12 1596
13 1813

Wie wir sehen, brauchen wir selbst für neun identi-


sche Geburtstage, also für ein auf den ersten Blick
doch sehr verblüffendes Ereignis, noch nicht einmal
tausend Menschen, um dieses Ereignis wahrschein-
licher zu machen als sein Gegenteil. Oder anders aus-
gedrückt, in mehr als der Hälfte aller deutschen
Schulen mit mehr als tausend Schülern müssen min-
destens neun Schüler oder Schülerinnen am gleichen
Tag Geburtstag haben.
& Lit.: Georg Schrage: »Ein Geburtstagsproblem«,
Stochastik in der Schule 1992, Heft 2, 30–36;
Walter Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der
Welt des Zufalls und der Zahlen, Frankfurt 1995.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 2 Geheimrat 119

Geheimrat
Ein Geheimrat hat etwas mit Heimlichtuerei zu
tun
Ein Geheimrat oder auch Geheimer Rat ist ein »Ver-
trauter Rat«. »Geheim« hieß früher »zum Haus gehö-
rig«, im Sinn von »vertrauenswürdig«; erst viel später
erhielt das Wort »geheim« auch die Bedeutung von
heimlich oder »streng vertraulich«.
& Lit.: Duden – Herkunftswörterbuch; München
1989.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Gehirn 115

Gehirn
Intelligente Menschen haben ein schwereres Ge-
hirn als dumme
Entgegen einem alten Vorurteil hat das Gewicht unse-
res Gehirns nicht viel mit dessen Qualität zu tun.
Worauf es ankommt, ist in erster Linie die Zahl der
grauen Zellen in der Rinde unseres Hirns.
Bei Männern wiegt das Gehirn im Durchschnitt
1375 Gramm; wie die folgende Tabelle zeigt, weicht
das Gehirngewicht von Männern, die alle als begabte
Denker galten, davon nach oben wie nach unten teils
beträchtlich ab:

Iwan Turgenjew 2012 g


Otto von Bismarck 1807 g
Immanuel Kant 1600 g
Friedrich Schiller 1530 g
Raffaelo Santi 1161 g
Anatole France 1160 g

& Lit.: Kleines Handlexikon, Gütersloh 1969.

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LexPI Bd. 2 Gehirn 1 119

Gehirn 1
Der Mensch nutzt nur 10 Prozent seines Gehirns
Sämtliche Zellen unseres Gehirns sind auf die eine
oder andere Weise an unserem Denken und Erinnern
beteiligt (das sieht man allein schon daran, daß bei
Ausfall eines Teils der Zellen immer irgendwelche
Gehirnfunktionen leiden). Vermutlich hatte Einstein,
dem obige These zuweilen zugesprochen wird, nur
sagen wollen, zu einem gegebenen Zeitpunkt wäre nur
jede zehnte Zelle unseres Gehirns aktiv.
Das mag stimmen oder auch nicht – in jedem Fall
wird jede Zelle des Gehirns und nicht nur jede zehnte
Zelle wirklich auch gebraucht ...
& Lit.: Christoph Drösser: »Stimmt's? Der Mensch
nutzt nur zehn Prozent seiner Gehirnkapazität«,
Die Zeit, 26.9.1997; Stichwort vorgeschlagen von
Christian Kleiber.

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LexPI Bd. 2 Gehirn 2 120

Gehirn 2
Von allen Tieren haben die Menschen das
schwerste Gehirn
Das menschliche Gehirn wiegt durchschnittlich 1,5 kg
(mit beträchtlichen Abweichungen nach oben und
unten, siehe den Stichwortartikel ð »Gehirn« in
Band 1); das Gehirn eines Elefanten oder eines Wals
wiegt vier- bis fünfmal mehr. Und auch im Verhältnis
zum Körpergewicht sind wir Menschen nicht die Spit-
zenreiter: Das Gehirn einer Maus z.B. erreicht mit
rund 5 Prozent des gesamten Körpergewichts mehr
als das Doppelte des Gehirns des Menschen.
Trotzdem können Menschen Schachfiguren lenken,
Elefanten, Wale oder Mäuse aber nicht. Aber das liegt
nicht an der Masse, sondern einmal an der Zahl der
Zellen, aus denen das Gehirn besteht (beim Menschen
15 Milliarden), besonders aber an der Art und Weise
der Verbindung dieser Zellen. Vor allem deshalb,
weil die Zellen unterschiedlich miteinander in Verbin-
dung stehen, kann die eine Spezies Atome und die an-
dere nur Steine spalten.
& Lit.: H. van Maanen, J.J.E. van Everdingen und
H.E. Fokke: Le cœur se situe à gauche – mille et
une idées reçues en matière de médecine, Amster-
dam 1995.
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LexPI Bd. 1 Geld 116

Geld
Unser Geld ist durch Gold und Devisen der Zen-
tralbank abgesichert (s.a. ð »Girokonto«)
Unser Papiergeld ist genau das: Papier. Der Bäcker
gibt uns dafür Brötchen, und der Autohändler Autos,
nicht weil diese Scheine einen Anspruch auf einen
Staatsschatz irgendwo in den Kellern der Bundesbank
in Frankfurt verbriefen – das tun sie nämlich nicht –,
sondern weil er weiß, daß er mit diesen Scheinen sei-
nerseits etwas bezahlen kann.
Früher war Geld, ob in Form von Gold, Silber, Ka-
melen, Muscheln oder Zigaretten, auch aus sich selbst
heraus geschätzt und wertvoll, und deshalb haben
viele Menschen auch heute noch die vage Vorstel-
lung, daß die Scheine in unseren Geldbörsen eine Art
Ersatzgutscheine sind, um uns das Herumschleppen
des »echten« Geldes zu ersparen.
Diese Zeiten sind aber lange vorbei. Im London
des 17. Jahrhunderts, in den Kindertagen des Papier-
gelds, stellten Juweliere ihren Kunden gegen Gold
Bescheinigungen des Inhalts aus, daß die Kunden je-
derzeit das Gold zurück verlangen konnten; diese
Scheine wurden später übertragbar und ersparten
damit den Besitzern bei größeren Transaktionen sehr
viel Mühe: statt des »echten« Geldes zahlte man mit
Scheinen; dem Verkäufer war das einerlei, denn er
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Geld 116

konnte jederzeit beim Juwelier das »echte« Geld


zurückverlangen.
Heute dagegen bürgen weder private noch staatli-
che Notenbanken für irgendwelche Werte hinter dem
Papiergeld, das sie drucken. Als letzte hat die ameri-
kanische Notenbank die Verpflichtung widerrufen, je-
derzeit zu einem festen Preis ihre Dollarscheine gegen
Gold zurückzutauschen (am 15.8.1971); seitdem
verbrieft Papiergeld weltweit nur noch das Recht, daß
wir damit unsere Schulden abbezahlen dürfen (gesetz-
liches Zahlungsmittel); davon abgesehen ist es aus
sich selbst gesehen völlig ohne Wert.
& Lit.: E.V. Morgan: A history of money, London
1965, R. Sedillot: Muscheln, Münzen und Papier.
Geschichte des Geldes. Frankfurt 1995.

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LexPI Bd. 2 Geldbörsen 120

Geldbörsen
80 Prozent aller in den USA verlorenen Geldbör-
sen werden samt Inhalt retourniert (s.a. ð »Um-
fragen«)
In Reader's Digest war einmal zu lesen, mehr als 80
Prozent der in den USA verlorenen Brieftaschen wür-
den samt Inhalt dem Besitzer wieder ausgehändigt. So
das Ergebnis der Umfrage eines Journalisten, der
seine Leser aufgefordert hatte: »Haben Sie schon ein-
mal Ihre Geldbörse verloren? Dann schreiben Sie mir
bitte, ob Sie sie zurückerhalten haben oder nicht.«
Von den Menschen, die darauf antworteten, hatten
mehr als 80 Prozent ihre verlorene Geldbörse zurük-
kerhalten.
Leider sagt das nicht, daß 80 Prozent aller verlore-
nen Geldbörsen zurückgegeben werden; es sagt allein,
daß 80 Prozent der Verlierer, die sich auf den Aufruf
meldeten, ihre Geldbörse zurückerhalten hatten; die
Verlierer, deren Börsen sich nicht wiederfanden –
vermutlich die große Mehrheit –, sahen keinen großen
Anlaß, deshalb einen Brief zu schreiben.
Aus dem gleichen Grund ist auch einer Umfrage
der Dortmunder Ruhr-Nachrichten zu dem üblen Pid-
gin-Englisch in der deutschen Sprache nicht zu trau-
en. »Werden im Deutschen zu viele englische Wörter
benutzt?« fragte die Zeitung im Dezember 1996.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Geldbörsen 121

»Sagen Sie uns telefonisch heute von 11 bis 18 Uhr


Ihre Meinung. Wenn Sie meinen, daß zu viele engli-
sche Wörter benutzt werden, sprechen Sie ein ›Ja‹ auf
das Band, sonst ›Nein‹.«
97 Prozent der Anrufer sagten »ja«. Aber nicht,
weil 97 Prozent der Bundesbürger diese Ansicht teil-
ten, sondern weil von den anderen kaum jemand sich
die Mühe machte, bei den Ruhr-Nachrichten anzuru-
fen. Deshalb ist auch bei Meldungen wie »90 Prozent
der Deutschen glauben, daß die Erde demnächst un-
tergeht« keine Panik nötig. Vermutlich hatte nur einer
Zeitung eine Karte mit der folgenden Frage beigele-
gen: »Glauben Sie, daß die Erde demnächst unter-
geht? Bitte antworten Sie mit Ja oder Nein und
schicken Sie die Karte an die Redaktion.«
& Lit.: W. Krämer: So lügt man mit Statistik, 7.
Auflage, Frankfurt a.M. 1997.

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LexPI Bd. 2 General Custer 121

General Custer
General Custer war ein General
Der bekannte General George Armstrong Custer,
Kommandeur des in der Schlacht am Little Big Horn
im Juni 1867 von einer vereinten Streitmacht der
Sioux- und Cheyenne-Indianer vernichteten 7. Kaval-
lerieregiments, war erstens und anders, als wir in
amerikanischen Filmen immer wieder vorgesetzt be-
kommen, einer der unfähigsten Militärführer aller Zei-
ten (siehe dazu auch die Liste »Sieben unfähige Mili-
tärführer« in W. Krämer und M. Schmidt: »Das Buch
der Listen«, S. 427 f.), und zweitens war er auch kein
General. Unter den 34 Offiziersanwärtern seines
West-Point-Jahrgangs hatte Custer den Rang 34 ein-
genommen, und obwohl während des amerikanischen
Bürgerkrieges kurzzeitig »Brigadier general of
volunteers«, wurde er nie offizieller General; das
Ende des Krieges sah ihn als Major (»Captain«). Da-
nach gelang es ihm, als »Lieutenant Colonel« (ent-
spricht dem deutschen Oberstleutnant) zum vorüber-
gehenden Befehlshaber des 7. Kavallerieregiments er-
nannt zu werden, das zunächst in Kansas, dann in den
heutigen Dakotas gegen die Indianer kämpfte. Und
mit diesem Rang eines »Lieutenant Colonel« ist er
zusammen mit den meisten seiner Männer aufgrund
seiner katastrophalen Fehler bei der Feinderkundung
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 General Custer 122

und Truppenführung auch gestorben.


& Lit.: H.J. Stammel: Der Cowboy – Legende und
Wirklichkeit, Reinbek 1976; Stichwort »Custer,
George Armstrong« in der MS Microsoft Enzy-
klopädie Encarta, 1994 (ein seltenes Beispiel von
Chauvinismus, den man sonst nur bei Franzosen
kennt, in diesem ansonsten durchaus seriösen Le-
xikon); G. Regan: The Guinness book of military
blunders, London 1996; Stichwort vorgeschlagen
von Werner Wenz.
¤ »General« George Armstrong Custer, von den In-
dianern auch Squaw-Killer genannt, einer der viel-
en falschen Helden des amerikanischen Wilden
Westens

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Gerichtsvollzieher 117

Gerichtsvollzieher
Das Pfandsiegel des Gerichtsvollziehers zeigt
einen Kuckuck
Obwohl man heute immer noch den Ausdruck hört
»Da klebt der Kuckuck drauf«, an einem modernen
Pfandsiegel erinnert nichts an einen Vogel, geschwei-
ge denn an einen Kuckuck.
Früher zeigte das Pfandsiegel einen Reichsadler,
der dann vom Volksmund abwertend als »Kuckuck«
bezeichnet wurde. Aus dem gleichen Grund nannten
die Bayern die Münzen mit dem preußischen Adler
auch »Gugetzergroschen«.
& Lit.: Roland Michael: Wie, Was, Warum? Augs-
burg 1990.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Gesetz der Großen Zahl 117

Gesetz der Großen Zahl


Nach dem Gesetz der Großen Zahl muß die
Wahrscheinlichkeit für lange nicht gezogene Lot-
tozahlen steigen
Die seltenste Zahl beim deutschen Samstagslotto ist
die 13. In den ersten zweitausend Ausspielungen, von
1955 bis 1995, wurde sie weniger als zweihundertmal
gezogen, die 32 als die bis dato häufigste Zahl dage-
gen fast dreihundertmal, und deshalb kreuzen viele
Lottospieler gern die 13 an; sie denken so:
»Jede Lottozahl kommt in 49 Ziehungen im Durch-
schnitt sechsmal vor, in zweitausend Ziehungen also
rund 250 mal, und deshalb muß die 13 sich etwas be-
eilen.«
Auch in Spielkasinos kann man häufig solche Ar-
gumente hören: Es ist mehrmals in Folge Rot gefal-
len, also kommt jetzt Schwarz. »Denn da Schwarz auf
lange Sicht genauso häufig fällt wie Rot, hat Schwarz
jetzt einen Rückstand aufzuholen.«
In Wahrheit denkt Schwarz überhaupt nicht daran,
einen Rückstand aufzuholen, genausowenig wie die
13; Würfel und Lottokugel haben, so der französische
Mathematiker Joseph Bertrand, »weder Gewissen
noch Gedächtnis«, sie fallen immer mit den gleichen
Wahrscheinlichkeiten, ganz egal, was vorher war, ob
dreimal Rot oder zehnmal Rot, ob oft die 13 oder nie.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesetz der Großen Zahl 118

Selbst nach hundertmal Rot bleibt die Wahrschein-


lichkeit für Schwarz ein halb; sie wird nicht einen
Millimeter größer oder kleiner, genausowenig wie die
13 beim Lotto künftig öfter fällt.
Daß trotzdem viele Menschen anders denken, liegt
am Gesetz der Großen Zahl. Dieses berühmte Gesetz
der Großen Zahl besagt, daß bei vielen unabhängigen
Wiederholungen eines Zufallsexperiments, sei es
Münzwurf, Würfeln, Lotto, Kartenspielen oder was
auch immer, die relative Häufigkeit und die Wahr-
scheinlichkeit eines Ereignisses immer näher
zusammenrücken müssen: Je häufiger wir eine faire
Münze werfen, desto näher kommt der Anteil von
»Kopf« seiner Wahrscheinlichkeit ein halb, je häufi-
ger wir würfeln, desto näher kommt der Anteil der
Sechsen der Wahrscheinlichkeit für Sechs, und je
häufiger wir Lotto spielen, desto näher kommt die re-
lative Häufigkeit der 13 der Wahrscheinlichkeit der
13. An diesem Gesetz gibt es nicht herumzudeuteln,
dieses Gesetz ist in gewisser Weise die Krönung der
gesamten Wahrscheinlichkeitstheorie.
Daraus folgt aber nicht, und das wird immer wieder
übersehen, daß auch die absolute Anzahl von »Kopf«
oder »Dreizehn« oder »Sechs« (oder irgendeines an-
deren zufälligen Ereignisses) dem jeweiligen theoreti-
schen Wert immer näher rücken muß. Genau das Ge-
genteil ist wahr. Die absolute Häufigkeit für »Kopf«
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesetz der Großen Zahl 118

oder »Dreizehn« oder »Sechs« wird sich ganz im Ge-


genteil und mit großer Wahrscheinlichkeit immer wei-
ter von der Zahl entfernen, die man nach der Theorie
erwarten muß – wenn wir etwa viermal öfter würfeln,
verdoppelt sich der durchschnittliche Abstand der tat-
sächlich gewürfelten von den theoretisch erwarteten
Sechsen, wenn wir hundertmal öfter würfeln, wird der
durchschnittliche absolute Abstand zehnmal größer,
wenn wir eine Millionen mal häufiger würfeln, wird
er tausendmal größer usw. (Für Experten: der mittlere
Abstand zwischen der tatsächlichen und der theoreti-
schen Anzahl der Sechsen wächst wie die Wurzel aus
der Zahl der Würfe.) Aber der relative Abstand geht,
so wie in der folgenden Abbildung, trotzdem zurück;
zwischen dem Auseinanderdriften der absoluten und
dem Zusammenfallen der relativen Häufigkeiten gibt
es keinen Widerspruch.
& Lit.: H.J. Benz: »Hat die Münze doch ein Ge-
dächtnis?« Der Mathematikunterricht 29, 1983,
8–10; Georg Schrage: »Stochastische Trugschlüs-
se«, Mathematica Didactica 7, 1984, 3–19; Wal-
ter Krämer: Denkste! Trugschlüsse aus der Welt
des Zufalls und der Zahlen, Frankfurt 1995.
¤ Der absolute Abstand wächst, der relative Abstand
schrumpft

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Gesundheit 1 119

Gesundheit 1
Die Preise im Gesundheitswesen explodieren
Wir geben in Deutschland pro Jahr rund 500 Milliar-
den Mark, mehr als das komplette Sozialprodukt von
Portugal und Griechenland zusammen, nur für die Ge-
sundheit aus (zum Vergleich: 1970 beliefen sich un-
sere Gesamtausgaben für Gesundheit auf rund 70
Milliarden Mark).
Diese Ausgabenexplosion hat aber andere Gründe
als viele Kritiker des modernen Medizinbetriebes
glauben. Ausgaben sind nämlich immer das Produkt
von zwei Faktoren, von Preisen auf der einen und
Mengen auf der anderen Seite, und wenn wir die Aus-
gabenexplosion der vergangenen Jahrzehnte einmal
auf diese beiden Komponenten aufteilen, stellen wir
fest, daß nicht die Preise, sondern die Mengen der
Hauptmotor gewesen sind.
Die folgende Tabelle vergleicht einmal die
Preisentwicklung einiger Gesundheits- und sonstiger
Güter über 20 Jahre. Und wie wir sehen, steigen die
Preise von Gesundheitsgütern in aller Regel langsam-
er als andere Preise:
1975 1995 W-rate
Eine Packung
Adalat (100 Kapseln) 54,40 47,43 -12,8%
Hörgerät 960,00 1106,00 15,5%
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 1 119

Zahn ziehen (einwurzlig) 9,70 15,98 64,7%


Einfache Beratung (Arzt) 4,50 7,92 76,0%
Superbenzin (1 l, verbleit) 0,90 1,69 87,7%
Standardbrief 0,50 1.00 100,0%
Kino (mittlere Reihe) 4,86 10,32 112,3%
Mischbrot (dunkel, 1 kg) 2,04 4,01 115,3%
Frisörleistungen für
Damen (Haare färben). 15,74 37,80 145,4%
1 Std. Tennisunterricht 22,20 56,50 154,5%
Kotflügel lackieren (vorne,
durchschnittlicher Aufwand) 109,00 460,00 322,0%

Selbst im Krankenhaus, das hier mit seinen exorbitan-


ten Steigerungsraten bei den Pflegesätzen etwas aus
dem Rahmen fällt, sind die Preise im Prinzip gar nicht
so stark gestiegen. Denn ein Pflegetag in einem Kran-
kenhaus von heute ist doch etwas ganz anderes als ein
Pflegetag vor 40 oder 50 Jahren, und zwar etwas sehr
viel besseres, wie wir einmal hoffen wollen. Wer aber
früher einen VW-Käfer fuhr und sich heute einen
Mercedes leistet, darf auch nicht darüber klagen, daß
der Preis des Fahrzeuges gestiegen ist. Hier von einer
»Kostenexplosion« zu reden, wäre offensichtlich
wenig angebracht.
& Lit.: Walter Krämer: Wir kurieren uns zu Tode,
Frankfurt 1993; Fachserie »Preise« des Statisti-
schen Bundesamtes, verschiedene Jahre.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Gesundheit 2 120

Gesundheit 2
Mehr Geld für die Gesundheit macht gesünder
Wir Deutsche sind ein Volk von Kranken. Jeder zehn-
te Deutsche ist heute amtlich schwerbehindert, jeder
fünfte psychisch krank, und jeder dritte Opfer einer
Allergie. Jeweils mehr als zehn Millionen Bundesbür-
ger haben überhöhten Blutdruck, Rheuma oder Rük-
kenschmerzen (und mindestens drei Millionen der
Rheumakranken solche Schmerzen, daß sie laut Deut-
scher Rheumaliga ständige Behandlung nötig hätten),
fünf Millionen haben Gallensteine, vier Millionen Le-
berschäden, drei Millionen chronische Bronchitis, und
mehr als eine Million Menschen in Deutschland
haben Krebs. Eine weitere halbe Million Menschen,
meist jüngere Frauen, leiden an Muskel-, mehr als
zwei Millionen an Knochenschwund. Hier sehen Ex-
perten sogar »eine neue Volkskrankheit« am Hori-
zont. Rund 10 Prozent aller Schulkinder unter 14 Jah-
ren haben Asthma. Zehn Millionen Bundesbürger
hören schlecht und bräuchten eigentlich ein Hörgerät.
15 Millionen Bürger sind zu dick, mehr als drei Milli-
onen leben krankheitshalber auf Diät, und als »venen-
krank«, d.h. mit dem Risiko einer tödlichen Thrombo-
se lebend, stufen Ärzte nochmals vier Millionen Men-
schen ein. Dazu kommen jeweils mehrere Millionen
Suchtkranke oder »Eßgestörte« (darunter laut der
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 2 120

»Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren« al-


lein drei Millionen behandlungsbedürftige Alkoholi-
ker) sowie mehrere hunderttausend Lungenkranke,
Magenkranke, oder Unfallopfer – von AIDS bis
Zahnweh nimmt die Bedrohung unserer Gesundheit,
trotz 500 Milliarden DM jährlich für das Gesund-
heitswesen allein in Deutschland, ständig zu.
»Das Gesundheitswesen, dem bereits Ende der
60er Jahre nahezu 10 Prozent des Bruttosozialpro-
dukts, also ein Zehntel der geldwerten Leistungen un-
serer Volkswirtschaft zur Verfügung standen, wirt-
schaftet mit diesen Mitteln nicht sehr erfolgreich«
(Christian und Lieselotte von Ferber). »Der früher
verbreitete Optimismus, daß eine Leistungsauswei-
tung im Gesundheitswesen einen Nutzen für die ge-
sundheitliche Situation der Bevölkerung habe und
von daher sich selbst rechtfertige, ist heute – nach
einem weltweiten Läuterungsprozeß, der durch die
starken Kostenschübe in nahezu allen Gesundheitssy-
stemen ausgelöst wurde – kaum noch nachvollzieh-
bar« (Ulrich Geissler). »Es kann definitiv keine Rede
davon sein, daß die Menschen zunehmend gesünder
werden ... Die Steigerung der Kosten ist, was die
Morbidität betrifft, total unergiebig gewesen« (Hans
Schäfer). »Mit einem immer größeren Aufwand an
Personal und Materialien, an Spitälern, Ärzten, tech-
nischen Einrichtungen und Heilmitteln ist es uns le-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 2 121

diglich gelungen, den Gesundheitszustand des Volkes


auf dem Niveau des Jahres 1960 zu halten« (Meinrad
Schär). »Große Fortschritte haben wir trotz des aus-
gegebenen Heidengeldes nicht gemacht.«
Dieses Paradox, daß wir mit wachsenden Ausgaben
für Gesundheit trotzdem immer kränker werden, hat
aber ganz andere Wurzeln als die meisten Menschen
glauben. Dieser vermeintliche Widerspruch von Ge-
sundheitsausgaben und Krankenständen ist in Wahr-
heit nämlich überhaupt nicht widersprüchlich, und der
vermeintlich so bescheidene Ertrag des modernen Me-
dizinbetriebs ist in Wahrheit alles andere als beschei-
den. Die Wahrheit, die paradoxe und sehr schmerz-
hafte Wahrheit ist vielmehr, daß uns die Medizin
nicht trotz, sondern wegen ihres Könnens immer
kränker macht und immer kränker machen muß.
Diese Einsicht wird am besten mittels des Beispiels
einer größeren Versammlung von Menschen klar, die
aus irgendeinem Anlaß in einem Saal versammelt sind
(etwa eine Geburtstagsrunde). Diese Versammlung ei-
nigt sich auf ein »Spiel« – jeder, der weniger als einen
bestimmten Geldbetrag mit sich führt, muß den Saal
verlassen. Wieviel Geld haben die anderen dann im
Durchschnitt in der Tasche?
Offenbar hängt das ganz entscheidend von der kri-
tischen Grenze ab. Liegt diese etwa bei eintausend
Mark, d.h. jeder mit weniger als tausend Mark im
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 2 121

Portemonnaie muß den Saal verlassen, so haben die


Zurückbleibenden logisch notwendigerweise jeder für
sich und damit auch im Durchschnitt mehr als tausend
Mark dabei. Das muß per Konstruktion so sein, hier
gibt es kein Vertun. Im Durchschnitt besitzt jeder der
Zurückbleibenden mehr als tausend Mark.
Senken wir dagegen die kritische Grenze auf ein-
hundert Mark, so bleiben einerseits mehr Menschen
im Saal zurück, die aber andererseits im Durchschnitt,
und die Betonung liegt auf Durchschnitt, ärmer sind.
Das Vermögen der »Stammbesatzung« bleibt zwar
gleich, aber der Durchschnitt sinkt, weil jetzt auch
viele Personen mitzählen, die vorher nicht dabeigewe-
sen sind.
Dieses Spiel können wir nach Belieben weitertrei-
ben: Bei einer Grenze von zehn Mark etwa dürfen
nochmals mehr Menschen bleiben, die aber im Durch-
schnitt nochmals ärmer sind, und genau diesen Effekt
hat, grob gesprochen, wenn wir Geld mit Gesundheit
vertauschen, auch die moderne Medizin: Sie gibt
immer mehr Menschen, die ohne sie den Saal bzw.
unsere schöne Welt verlassen müßten, sozusagen eine
Aufenthaltsverlängerung.
Beispiel Nierenversagen: Wir haben in Deutsch-
land mit die höchsten Raten an Nierenkranken in der
ganzen Welt, aber nicht, weil unsere Medizin so
schlecht ist, sondern weil sie so gut ist. Hätten wir
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 2 122

nicht die weltweit vorbildlichen Möglichkeiten der


künstlichen Blutwäsche für alle, die sie brauchen,
gäbe es heute bei uns sehr viele Nierenkranke weni-
ger. In England z.B. gibt es nur rund 100 Nierenkran-
ke pro eine Million Einwohner, verglichen mit mehr
als 200 in der Bundesrepublik, aber nicht, weil in
England diese Krankheit seltener auftritt, sondern
weil dort kaum ein Nierenkranker seinen 60. Geburts-
tag überlebt.
Oder nehmen wir Diabetes. Heute gibt es rund 2
Millionen Zuckerkranke in der Bundesrepublik, mehr
als 10mal soviel wie zu Zeiten Röntgens oder Kochs.
Das liegt aber nicht an der Unfähigkeit der Medizin,
sondern daran, daß vor 60 Jahren das Insulin erfunden
wurde. Auch hier das gleiche Resultat – und wir bit-
ten, dies genauso zu interpretieren wie es gemeint ist,
nämlich als reine und völlig wertneutrale Feststellung
einer Tatsache: Ohne medizinischen Fortschritt wäre
der Durchschnitt der Überlebenden heute gesünder.
Beispiele gibt es genug, und wir wollen auch gar
nicht weiter in die Einzelheiten gehen. Der Punkt ist
einfach der, und dabei zitieren wir fast wörtlich den
Präsidenten der deutschen Bundesärztekammer, daß
es, je besser die Medizin ist, umso mehr Kranke
geben wird. Der moderne Arzt ist also weniger ein
weißer Engel, der uns die Tür zum ewigen Leben auf-
schließt, als vielmehr ein neuer Sisyphus, dessen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 2 122

Mühen und Sorgen mit jedem Erfolg nur immer grö-


ßer werden. Es ist daher auch eine absolute Illusion
zu glauben, daß ein medizinisch effizienteres Gesund-
heitswesen uns als Kollektiv gesünder macht. Den
einzelnen Patienten ja, aber den Durchschnitt der
Überlebenden nein. Die große Gleichung »mehr Geld
= mehr Gesundheit« ist ganz eindeutig falsch. Genau-
so könnten wir versuchen, einen Brand zu löschen,
indem wir Benzin hineinschütten. Je mehr die Medi-
zin sich anstrengt, desto kränker werden wir, die mo-
derne Medizin sitzt ein für allemal in einer großen
Fortschrittsfalle fest.
& Lit.: Walter Krämer: Wir kurieren uns zu Tode,
Frankfurt 1993.

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


LexPI Bd. 1 Gesundheit 3 123

Gesundheit 3
Der technische Fortschritt macht das Gesund-
heitswesen billiger
Anders als z.B. in der EDV, die durch den techni-
schen Fortschritt immer preiswerter wird, hat der
Fortschritt in der Medizin den Medizinbetrieb enorm
verteuert. Der Grund ist, daß der Fortschritt in der
EDV vor allem sogenannte »Ersatztechnologien« pro-
duziert, also Verfahren, womit eine gegebene Lei-
stung wie etwa die Addition von 1 und 1 effizienter
und damit auch billiger herzustellen ist.
Solche Ersatztechnologien gibt es in der Medizin
zwar auch, aber nur am Rand. Hier dominieren ganz
eindeutig die sogenannten »Zusatztechnologien«, also
Verfahren, die etwas bis dato prinzipiell unmögliches
auf einmal möglich machen. Zusatztechnologien wie
Organverpflanzungen oder Operationen am offenen
Herz erzeugen aber erst einen Bedarf, der vorher al-
lenfalls latent vorhanden war, und die meisten medizi-
nischen Fortschritte, etwa aus der folgenden Tabelle
sind genau von diesem Typ.
Medizintechnische Großgeräte in Westdeutschland
1951 1971 1991
LHK-Meßplätze 0 76 210
DSA-Geräte 0 0 491
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Gesundheit 3 123

Strahlentherapiegeräte 0 146 334


Gamma-Kameras 0 30 1204
CT-Geräte 0 0 700
Kernspintomographen 0 0 156

Das Prinzip ist also nur allzu einfach: was nicht exi-
stiert, das kostet auch nichts. Das fängt bei Kontakt-
linsen an und hört bei Kernspintomographen auf, und
das und nichts anderes ist für den größten Teil der
Milliarden verantwortlich, die uns das deutsche Ge-
sundheitswesen jährlich kostet. Der große Kostentrei-
ber des modernen Gesundheitswesens sind nicht die
Gesundheitsberufe oder die Pharmaindustrie, auch
nicht die Patienten oder Krankenkassen, trotz aller
Kleinkriminalität, die es hier an allen Ecken und
Enden immer wieder gibt, der große Kostentreiber ist
der medizinische Fortschritt selbst. Unser Gesund-
heitswesen war früher preiswerter, nicht weil die
Menschen gesünder, die Ärzte bescheidener oder die
Preise niedriger waren, sondern weil es all die teuren
Wunderdinge, die heute die Kassenbudgets belasten,
damals noch nicht gab.
& Lit.: Walter Krämer: Wir kurieren uns zu Tode,
Frankfurt 1993.

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LexPI Bd. 2 Gewalt in der Ehe 122

Gewalt in der Ehe


Gewalt in der Ehe geht mehrheitlich von Män-
nern aus
Gewalt in der Ehe geht genauso oft von Frauen wie
von Männern aus. So das Fazit diverser neuer und
nicht so neuer Studien, »wonach Frauen genauso häu-
fig häusliche Gewalt ausüben wie Männer und Män-
ner im gleichen Umfang Opfer häuslicher Gewaltakte
werden wie Frauen« (Wadham).
Nach nationalen und internationalen Kriminalstati-
stiken werden rund die Hälfte aller ermordeten Frauen
von ihrem eigenen Mann oder Lebensgefährten, und
etwas weniger als die Hälfte aller ermordeten Männer
von ihrer eigenen Frau oder Lebensgefährtin umge-
bracht; bei Delikten unterhalb von Mord und Tot-
schlag wird der Verwandtschaftsgrad zwischen Opfer
und Täter meist nicht statistisch festgehalten, aber wie
eine aufwendige Umfrage von Strauss u.a. (1981) für
die USA beweist, sind auch hier die Männer wie die
Frauen als Opfer wie als Täter gleich beteiligt. Nach
Strauss u.a. ist Gewalt »eine Tat, mit der Absicht aus-
geführt, den anderen oder die andere körperlich zu
verletzen«; sie wurde nach folgender Skala abgefragt
(S. 33):
– Habe nach meinem Partner mit einem Gegenstand
geworfen
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LexPI Bd. 2 Gewalt in der Ehe 123

– Habe Partner gestoßen


– Habe Partner mit der flachen Hand geschlagen
– Habe Partner getreten oder mit der Faust geschlagen
– Habe Partner mit einem Gegenstand geschlagen
oder zu schlagen versucht
– Habe Partner verprügelt
– Habe Partner mit Messer oder Pistole bedroht
– Habe Partner mit Messer oder Pistole verletzt
16 Prozent der befragten Paare hatten sich im letz-
ten Jahr vor der Befragung auf eine dieser Arten »un-
terhalten«; in der Hälfte dieser Fälle waren beide Part-
ner gewalttätig geworden, in einem Viertel nur die
Männer, in einem Viertel nur die Frauen. Bei Be-
schränkung auf Gewaltakte mit einem hohen Risiko
von körperlichen Schäden (in der obigen Skala alles
von »getreten oder mit der Faust geschlagen« ab-
wärts) waren insgesamt 4% der befragten Frauen und
5% der befragten Männer von ihrem Partner körper-
lich mißhandelt worden.
Interessant ist in der Studie von Strauss u.a. auch
die Aufspaltung nach Erziehung, Alter und besonders
Religion: Am meisten schlagen sich demnach Paare
ohne alle oder mit unterschiedlicher religiöser Bin-
dung, gefolgt von religiösen Minderheiten, dann erst
Katholiken oder Protestanten. Und auch die Opfer-
Täter-Symmetrie ist nicht religionsneutral: Der Anteil
der geschlagenen Männer unter den geschlagenen
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LexPI Bd. 2 Gewalt in der Ehe 123

Ehepartnern ist mit Abstand am höchsten bei den


Juden.
Diese Studie ist nicht ohne Widerspruch geblieben,
bemängelt wurde etwa, daß auch Gewaltversuche ein-
bezogen waren (und in dem Umfang, wie diese den
Frauen seltener gelingen als den Männern, wird so die
tatsächlich ausgeübte weibliche Gewalt leicht über-
trieben), aber der Grundtenor, daß Gewalt in eheli-
chen und sonstigen Partnerschaften kein Monopol der
Männer ist, wurde unabhängig davon auch vielfach
anderswo bestätigt.
Warum halten trotzdem die meisten Menschen das
Gegenteil für richtig? Die folgenden Gründe drängen
sich hier auf:
1. Gewalt von Frauen gegen Männer ist politisch
inkorrekt.
2. Männliche Opfer weiblicher Gewalt hängen ihre
Probleme ungern an die große Glocke.
3. Auch bei einer Neigung zur Gewalt als solcher
bei beiden Geschlechtern gleichermaßen sind die Fol-
gen der Gewalt doch sehr verschieden: ein und diesel-
be Ohrfeige kann je noch Körperkraft des Austeilen-
den durchaus unterschiedliche Effekte haben, und des-
halb werden wohl auch in Zukunft die Häuser für ge-
schlagene Männer, die es in einigen deutschen Städten
bereits gibt, im wesentlichen Kuriosa bleiben.

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LexPI Bd. 2 Gewalt in der Ehe 124

& Lit.: C. Benard und E. Schlaffer: Die ganz ge-


wöhnliche Gewalt in der Ehe, Reinbek 1978;
M.A. Strauss, R.J. Gelles und S.K. Steinmetz:
Behind closed doors: violence in the American fa-
mily, New York 1981; R. Simm: Gewalt in der
Ehe, IBS-Materialien Nr. 7, Bielefeld 1983; S.
Lindner: Tatort Ehe, Wien 1992; K. Dunn:
»Media beat-ups conceal truth on female domestic
violence«, The Australian, 21.7.1994; J.
Coochey: »All men are bastards«, The Indepen-
dent Monthly, Nov. 1995; B. Wadham: »The
myth of male violence?«, XY – Men, Sex, Poli-
tics, 6 (1) 1996 (auch erreichbar über die Internet-
Adresse coombs.anu.edu.au/gorkin/XY/maleviol-
ence.htm).

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LexPI Bd. 1 Giftgas 124

Giftgas
Giftgas ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts
(s.a. ð »Flammenwerfer«)
Mehr als tausend Jahre vor dem Ersten Weltkrieg
haben die Chinesen in Kriegen Giftgas eingesetzt.
Schon im 4. Jahrhundert hatten sie die Mittel, ihre
Feinde mit Rauch aus Senfgas zu betäuben: sie trie-
ben den Rauch mit Gebläsen auf die feindlichen Sol-
daten zu. Bekannt ist auch, daß die Mongolen in der
Schlacht bei Liegnitz 1241 die christlichen Ritter mit
»dampfausstoßenden Kriegsmaschinen« in Erschrek-
ken setzten.
& Lit.: Walter Böttger: Kultur im alten China, Leip-
zig 1977.

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LexPI Bd. 1 Ginseng 124

Ginseng
Ginseng hält jung
Die Wunderwurzel Ginseng wirkt ihre Wunder leider
nur in der Reklame: »Irgendwann trifft es jeden.
Plötzlich merkt man, daß man nicht mehr so kann wie
früher. Jetzt heißt es: nicht den Kopf hängen lassen.«
Und möglichst viele teure Ginseng-Wurzeln essen.
Denn »Ginseng ist ein Kraftquell zur Stärkung der
körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit«, es
macht müde Männer munter und läßt uns alle spritzle-
bendig 120 werden.
Nach aktueller Mehrheitsmeinung der Ernährungs-
wissenschaft ist das aber alles Einbildung – im gro-
ßen und ganzen enthält die Ginseng-Wurzel nicht
mehr und nicht weniger Wirkstoffe als viele andere
Wurzeln auch; ihre Popularität verdankt sie vor allem
der Cleverness ihrer Produzenten und der Dummheit
ihrer Käufer.
& Lit.: Arnold E. Bender: Health or hoax? The truth
about health food and diets, Goring-on-Thames
1985.

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LexPI Bd. 2 Giraffen 124

Giraffen
Giraffen haben mehr Halswirbel als Mäuse
Giraffen haben genau sieben Halswirbel, so wie die
meisten anderen Säugetiere inklusive Menschen oder
Mäuse auch.
& Stichwort vorgeschlagen von Werner Helbig.

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LexPI Bd. 1 Girokonto 125

Girokonto
Ein Girokonto ist so gut wie Bargeld (s.a. ð
»Geld«)
Viele Menschen sehen ihr Girokonto als eine Art Tre-
sor, so wie die notorische Großmutter, die ihr ganzes
Konto abhebt, das Geld nachzählt und dem Kassierer
mit den Worten wiedergibt: »Ich wollte nur sehen, ob
noch alles da ist.«
Ganz so dumm wie viele glauben war die Oma
nicht – die Summe aller Girokonten Deutschlands ist
durch Noten bei weitem nicht gedeckt, und das Ban-
kensystem lebt in gewisser Weise davon, daß die
Menschen ihm vertrauen, daß sie sicher daran glau-
ben, jederzeit ihr Konto in Bargeld umtauschen zu
können, und daß nicht allzuviele Leute simultan so
wie die Oma denken.
& Lit.: H. J Jarchow: Theorie und Politik des Gel-
des, Göttingen 1976.

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LexPI Bd. 2 Gleichberechtigung 124

Gleichberechtigung
In der DDR war die Gleichberechtigung der
Frauen weiter fortgeschritten als im Westen
Auf dem Papier waren Frauen in der DDR stets
gleichberechtigt: In Artikel 7 der Verfassung von
1949 wurde die Gleichberechtigung gesetzlich festge-
schrieben, alle noch geltenden Gesetze aus dem Ehe-,
Familien- und Erbrecht, die diesem Grundsatz wider-
sprachen, wurden eingestampft, ein »Demokratischer
Frauenbund Deutschlands« (DFD) mit der Überwa-
chung dieses Programms betraut. »Der DFD ver-
pflichtet sich, die Frauen mit allen Rechten, die ihnen
erstmalig in der deutschen Geschichte auf allen Ge-
bieten des politischen, wirtschaftlichen und kulturel-
len Lebens zuerkannt sind, vertraut zu machen, damit
sie lernen, sie in vollem Umfang anzuwenden.«
In der Praxis aber waren Frauen in der DDR wie
vorher unter Hitler vor allem als Arbeiter und Mütter
interessant. Auch wenn die SED die »Frauenfrage«
Anfang der 70er Jahre für gelöst erklärte, der »ekla-
tante Widerspruch des Verdrängens von Frauen aus
dem politischen Gestaltungsprozeß der DDR und dem
staatlicherseits proklamierten Anspruch auf Gleichbe-
rechtigung der Geschlechter« war kaum zu übersehen
(Bühler). Angefangen bei den »Hausfrauenbrigaden«
der 50er Jahre, den Vorläufern der späteren Dienstlei-
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LexPI Bd. 2 Gleichberechtigung 125

stungskombinate, mit denen man Frauen aus dem


»Nur-Hausfrauendasein« herauszulocken hoffte, bis
zu den 3-Kinder-Familien-Kampagnen der 70er und
80er Jahre stand immer nur die wirtschaftliche und
soziale Nützlichkeit der Frau im Mittelpunkt; bei
wirklich wichtigen Entscheidungen in Politik und
Wirtschaft blieben Frauen in der DDR genauso aus-
geschlossen wie im Westen und im ganzen Rest des
Erdballs auch.
& Lit.: August Bebel: Die Frau und der Sozialis-
mus, Berlin 1879; Grit Bühler: Mythos Gleichbe-
rechtigung in der DDR, Frankfurt a.M. 1997.

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LexPI Bd. 2 Gleichschritt 125

Gleichschritt
Im Gleichschritt marschierende Soldaten können
eine Brücke zum Einsturz bringen
So scheint zumindest die Bundeswehr zu glauben: Es
ist üblich, daß Kompanien beim Überqueren einer
Brücke »ohne Tritt« marschieren.
Die Gefahr scheint aber übertrieben; es ist kein ein-
ziger Fall bekannt, daß eine Brücke durch die Reso-
nanz der Tritte marschierender Soldaten derart ins
Schwingen geraten wäre, daß sie einstürzte. Selbst die
bekannteste durch Resonanz bewirkte Brückenkata-
strophe, der Einsturz der Tacoma Narrows Bridge im
US-Staat Washington 1940, ist nach neueren Er-
kenntnissen nicht durch rhythmische Anstöße von
außen, sondern durch »Aufschaukeln« aus sich selbst
heraus entstanden.
& Lit.: K.Y. Bilah und R.H. Scanlan: »Resonance,
Tacoma Narrows Bridge failure, and undergra-
duate physics textbooks«, American Journal of
Physics 1991, S. 118–114; Christoph Drösser:
»Stimmt's?«, Die Zeit, 1.8.1997.
¤ Das kann durch Gleichschritt nicht passieren ...

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LexPI Bd. 2 Glenn Miller 126

Glenn Miller
Glenn Miller ist im Krieg mit einem Flugzeug ab-
gestürzt
Es gibt mindestens drei Versionen für den Tod dieses
legendären Musikers: In der ersten, offiziellen Fas-
sung ist Miller am 15. Dezember 1944 auf einem
Flug von England nach Paris mit einem kleinen Flug-
zeug abgestürzt – auf den Tragflächen der Maschine
hätte sich Eis gebildet, mangels Enteisungsvorrich-
tungen wäre das Flugzeug in den Kanal gestürzt. In
der zweiten Fassung ist Glenn Miller ebenfalls in
einem Flugzeug über dem Kanal gestorben, aber als
Folge eines ungewollten Bombentreffers: Eine Grup-
pe englischer Lancaster-Bomber, unverrichteter Dinge
von einem Angriff zurückkehrend (der Angriff soll
dem Hauptbahnhof von Siegen gegolten haben), hät-
ten demnach wie in solchen Fällen üblich ihre nicht
benutzten Bomben vor der Landung in den Kanal ge-
worfen und dabei den unter ihnen fliegenden Glenn
Miller getroffen. Und die dritte und vermutlich kor-
rekte Fassung ist die, daß Glenn Miller durchaus
wohlbehalten in Paris ankam, dort heimlich ein Bor-
dell besuchte, einen Herzinfarkt erlitt und daran starb.
Da diese Nachricht aber die Moral der Truppe unter-
graben hätte, wurde sie vom amerikanischen Geheim-
dienst zu einem spurlosen Verschwinden über dem
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Glenn Miller 127

Kanal gemacht.
& Lit.: George T. Simon: Glenn Miller: Sein Leben,
seine Musik, Wien 1987; Udo Ulfkotte: Ver-
schlußsache BND, München 1997; Stichwort vor-
geschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Gletscher 125

Gletscher
In Afrika gibt es keine Gletscher
Afrika besitzt rund 13 Quadratkilometer Gletscherflä-
che, den größten Teil davon auf dem Kilimandscharo.
Von allen Kontinenten hat allein Australien keine
Gletscher (auf den oft zu Australien gezählten Inseln
Neu-Guinea und Neuseeland gibt es aber Gletscher).
Das afrikanische Klima war auch längst nicht
immer so warm wie heute. Der Nil z.B. war seit Jesus
Christus mindestens zweimal, in den Jahren 829 und
1010, zugefroren.
& Lit.: Isaac Asimov: Buch der Tatsachen, Ber-
gisch-Gladbach 1981.

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LexPI Bd. 2 »Global Warming« 127

»Global Warming«
Die mögliche Erwärmung der Erde durch die Zu-
nahme von Kohlenstoff in der Luft ist eine Ent-
deckung der letzten Jahre
Der als »Global Warming« bekannte (vermutete)
Treibhauseffekt als Folge der Verbrennung von
Kohle, Holz und Erdöl ist in der Physik seit mehr als
100 Jahren wohlbekannt; allerdings hielt man damals
die Natur für ausreichend robust, von selbst für
Gleichgewicht zu sorgen: »Steigt nämlich die Kohlen-
säuremenge der Luft, nimmt auch die Assimilation
der Pflanzen zu«, schreibt 1903 der deutsche Physiker
Arrhenius. »Eine relativ geringe Zunahme der Vegeta-
tion vermag demnach das durch die wachsende Ver-
brennung der Kohle gestörte Gleichgewicht wieder-
herzustellen. (...) Denn die Zunahme der Kohlensäure
in der Luft würde die Temperatur des Erdbodens er-
höhen und eine Ausgleichung der Temperaturextreme
herbeiführen, was offenbar für die Vegetation sehr
förderlich wäre. Es würde sich also das Gleichgewicht
in bezug auf den Luftsauerstoff nur äußerst wenig ver-
schieben.«
& Lit.: S.A. Arrhenius: Lehrbuch der kosmischen
Physik, Leipzig 1903.

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LexPI Bd. 1 Glücksspiele 125

Glücksspiele
Mit Vorsicht kommt man bei Glücksspielen noch
am ehesten ans Ziel
Wer bei Glücksspielen aus einem bestimmten Aus-
gangskapital mit der größtmöglichen Wahrscheinlich-
keit ein bestimmtes höheres Endkapital erreichen will,
tut gut daran, möglichst riskant zu spielen – Vorsicht
wäre hier nur kontraproduktiv. Bei Glücksspielen, die
im Mittel weniger auszahlen als sie kosten, ist es
immer vorteilhaft, auf maximales Risiko zu setzen.
Wer etwa beim Roulette in Las Vegas aus neun-
hundert Dollar tausend Dollar machen will, darf auf
keinen Fall immer nur einen Dollar auf einfache
Chancen setzen. Denn trotz einer auf den ersten Blick
recht fairen Auszahlungsquote von 94,7 Prozent beim
amerikanischen Roulette ist die Wahrscheinlichkeit,
so irgendwann einmal auf tausend Dollar zu kommen,
nur 0,003 Prozent. Mit anderen Worten, das ist fast
unmöglich, dieses scheinbar nahe Ziel bleibt bei vor-
sichtigem Spielen praktisch unerreichbar.
Wenn wir dagegen hundert statt einen Dollar auf
eine einfache Chance setzen und bei Verlust jeweils
verdoppeln, bis wir entweder gewinnen oder unser
ganzes Geld verlieren, erreichen wir die tausend Dol-
lar mit einer Wahrscheinlichkeit von 89 Prozent.
Das ist zugleich auch schon Obergrenze – bei kei-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Glücksspiele 126

ner anderen Strategie ist die Wahrscheinlichkeit der


Zielerreichung größer.
Die allgemeine Formel für diese Obergrenze der
Wahrscheinlichkeit, aus einem Anfangskapital ein
vorbestimmtes Endkapital zu erspielen, ist
1-(1-Anfangskapital/Endkapital)Auszahlungsquote.
Sie liefert uns etwa für europäisches Roulette, mit
einer Auszahlungsquote bei einfachen Chancen von
98,6 Prozent und einem Verhältnis von Anfangs- zu
Endkapital von 1:2, die Obergrenze
1 - (1 - 1/2)0,986 = 0,495 = 49,5 Prozent,
und dieser Obergrenze kommen wir nie näher, als
wenn wir gleich im ersten Spiel das ganze Kapital auf
einmal setzen.
Bei anderen Glücksspielen, Zielsummen und Quo-
ten sind auch die optimalen Strategien anders. Wollen
wir beim Roulette das Anfangskapital nicht verdop-
peln, sondern verzehnfachen, so kann das bedeuten,
immer soviel Geld wie zum Erreichen dieses Zieles
nötig auf eine einzige Zahl zu setzen. Beim Lotto
kann es heißen, alle Tippreihen identisch auszufüllen,
und bei Pferdewetten sind die besten Strategien noch-
mals anders (etwa auf Außenseiter setzen). Aber eins
bleibt immer gleich: Der vorsichtige Spieler mag
zwar nicht als armer Mann nach Hause gehen, aber an
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LexPI Bd. 1 Glücksspiele 126

das Ziel kommt er zuletzt.


& Lit.: Lester E. Dubins und Leonard J. Savage:
How to gamble if you must, New York 1965;
Cynthia A. Coyle und Chamont Wang: »Wonna
bet? On gambling strategies that may or may not
work in a casino,« The American Statistician 47,
1993, 108–111; Walter Krämer: Denkste! Trug-
schlüsse aus der Welt des Zufalls und der Zahlen,
Frankfurt 1995.

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LexPI Bd. 2 Glühbirne 127

Glühbirne
Die Glühbirne wurde von Thomas Alva Edison
erfunden
Der Erfinder der Glühbirne ist der deutsche Uhrma-
cher Heinrich Goebel aus Springe bei Hannover; er
hatte nach seiner Auswanderung nach Amerika schon
1854 seine Werkstatt in New York damit elektrisch
ausgeleuchtet.
Rund 25 Jahre später kam Edison auf die gleiche
Idee; statt einer verkohlten Bambusfaser, wie noch
Goebel, nahm er einen Kohlefaden (aber auch der war
schon vorher von dem Engländer Swan als Leuchtkör-
per erfunden worden), und anders als Goebel wußte er
seine Erfindung dann auch zu vermarkten.
& Lit.: W. Schneider: Die Sieger, Hamburg 1992
(besonders Kapitel 7: »Erfinder im Dutzend«).

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LexPI Bd. 1 Glühwürmchen 128

Glühwürmchen
Glühwürmchen sind Käfer, keine Würmer. Es gibt
mehrere Arten, in Europa am bekanntesten die Lam-
pyris noctiluca.
Das Licht erzeugen die Glühwürmchen (übrigens
nur die Weibchen) durch die Reaktion von Luziferin,
einer chemischen Substanz, und Sauerstoff, wobei ein
weiterer Stoff, Luziferase, eine Katalysatorrolle über-
nimmt, d.h. die chemische Reaktion als neutraler Be-
gleiter unterstützt. Außerdem bewirkt noch eine
Schicht von Ammoniumnitratkristallen eine bessere
Streuung des Lichts.
Ein besonders bemerkenswertes Glühwürmchen ist
das Weibchen des Phrixothrix, welches in Südameri-
ka vorkommt: Es sendet sowohl rotes als auch grün-
gelbliches Licht aus, entweder gleichzeitig oder ab-
wechselnd. Das Rotlicht kommt vom Kopf, das Grün-
licht von einer Anzahl leuchtender Organe am Leib.
& Lit.: William C. Vergara: Das Blaue vom Him-
mel herunter gefragt, Augsburg 1993.

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LexPI Bd. 2 Goethe 128

Goethe
Goethe und Schiller waren die erfolgreichsten
deutschen Bühnendichter
Nicht als sie noch lebten: Anfang des 19. Jahrhun-
derts hieß der weltweit meistgespielte deutsche
Stückeschreiber August Kotzebue. Mit mehr als 200
Lustspielen, Satiren oder Dramen war er nicht nur
mengenmäßig weit produktiver als Goethe und Schil-
ler zusammen, er schaffte es auch, daß seine
Rührstücke die Leute in Massen ins Theater lockten:
»Sentimentale Familienszenen, ein tränenseliges
Schlußtableau, liebenswürdige Ehebrecherinnen und
gescheite Kinder, (...) die Leichtigkeit des Dialogs
und effektvolle Situationswirkung« (Harenbergs Lexi-
kon der Weltliteratur) – keine Frage, Kotzebue wäre
in Hollywood steinreich geworden.
& Lit.: Stichwort »Kotzebue« in Harenbergs Lexi-
kon der Weltliteratur, 3. Band, Dortmund 1989.

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LexPI Bd. 1 Gold 1 127

Gold 1
Gold kommt vor allem in Goldminen vor
Das meiste Gold gibt es nicht auf dem Land, sondern
im Wasser: In den Ozeanen unserer Erde schwimmen
fast neun Millionen Tonnen Gold, rund 200mal mehr
als im bisherigen Verlauf der Menschheitsgeschichte
in allen Goldminen des Globus zusammen gefunden
und gefördert worden sind.
Außer Gold sind auch noch viele andere Mineralien
im Meerwasser enthalten. Die folgende Tabelle zeigt,
wieviel davon rund auf einen Kubikkilometer Meer-
wasser kommen:
Soviele Tonnen sind in einem Kubikkilometer
Meerwasser enthalten:
Natriumchlorid (gew. Salz): 72600000
Magnesiumchlorid 10150000
Magnesiumsulfat 4430000
Kaliumsulfat 3560000
Calciumcarbonat 328000
Magnesiumbrom 198000
Bromide 170100
Bor 12000
Silber 25
Gold 14
Uran 4

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LexPI Bd. 1 Gold 1 127

Von diesen Mineralien wird aber nur Natriumchlor,


also gewöhnliches Salz, sowie Magnesium in größe-
rem Umfang kommerziell aus Meerwasser gewonnen.
& Lit.: Isaac Asimov: Buch der Tatsachen, Ber-
gisch-Gladbach 1981.

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LexPI Bd. 1 Gold 2 127

Gold 2
Gold ist seltener als Eisen
Gold war durchaus nicht immer seltener als Eisen.
Die Inkas Südamerikas z.B. kannten vor den spani-
schen Eroberungen überhaupt kein Eisen, besaßen
aber reichlich Gold. Sie verwendeten es außer zur De-
koration auch für Eßbestecke, Kämme oder Nägel.
Im frühen Ägypten war auch Silber wertvoller als
Gold, weil man es seltener in Klumpen findet.
& Lit.: Isaac Asimov: Buch der Tatsachen, Ber-
gisch-Gladbach 1981.

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LexPI Bd. 1 Gold 3 128

Gold 3
Gold widersteht jeder Säure
Gold löst sich in einer Mischung von 3 Teilen Salz-
säure und einem Teil Salpetersäure auf. Der Trick ist
dabei der, daß die Salpetersäure das Gold zunächst
nur oxidiert; dieses oxidierte Gold wird dann in der
Salzsäure gelöst.

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LexPI Bd. 2 Good Bye 128

Good Bye
»Good Bye« hat etwas mit »gut« zu tun
Dieser amerikanische Abschiedsgruß kommt von
»God Bye« = »God be with you« (= Geh mit Gott).
Ein anderer, hierzulande oft mißverstandener ame-
rikanischer Abschiedsgruß ist »So long«; dieser ist
nicht aus der langen Zeit bis zum nächsten Wiederse-
hen, sondern aus dem arabischen »salaam« bzw. aus
dem hebräischen »shalom« entstanden.

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LexPI Bd. 1 Göttliche Komödie 128

Göttliche Komödie
Dieses große Werk des großen Dante Alighieri wurde
von Dante selbst nie »Göttliche Komödie« genannt –
er nannte es »La Commedia«. Das Beiwort »göttlich«
wurde erst 200 Jahre später, lange nach Dantes Tod,
von geschäftstüchtigen Buchdruckern dazugesetzt;
zum ersten Mal erschien es auf einer von Lodovico
Dolci besorgten Ausgabe im Jahr 1555.
& Lit.: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Dort-
mund 1989.

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LexPI Bd. 2 Gourmet 129

Gourmet
Ein Gourmet ist ein Feinschmecker und ein
Gourmand ist ein Vielfraß
»Gourmet« kommt vom altfranzösischen »gormet«
oder »gromet« (= Gehilfe des Weinhändlers). Später
wurde es zum Synonym für Weinkenner; dieser kann,
aber muß nicht auch vom Essen etwas verstehen.
»Gourmand« heißt naschhaft, gefräßig; die Her-
kunft ist ungeklärt und wahrscheinlich unabhängig
von »Gourmet«. Ein »Gourmand« ist also ein
Schlemmer, jemand, der gern ißt. Er kann durchaus
auch als Gourmet gelten, die Begriffe schließen sich
nicht gegenseitig aus. »In dem Raum herrschte der
Luxus der Tafel, der bekanntlich in der Zeit der Re-
stauration seinen Höhepunkt erreichte«, schreibt Bal-
zac in »Père Goriot«. »Monsieur de Beauséant kann-
te, wie so manche blasierten Menschen, kaum noch
ein anderes Vergnügen als das eines guten Tisches; er
stammte ganz aus der Schule Ludwigs XVIII. und des
Duc d'Escars, dieser größte Gourmand seiner Zeit.«
& Lit.: Das Deutsche Wörterbuch, München 1985;
Stichwort vorgeschlagen von Heide Aßhoff.

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LexPI Bd. 2 Grand Slam 129

Grand Slam
»Grand Slam« gibt es nur im Tennis
Einen »Grand Slam« gibt es auch im Golf (das Ma-
sters in Augusta, die offenen Meisterschaften Groß-
britanniens und der USA, und das PGA-Turnier) und
in anderer Bedeutung auch bei Kartenspielen wie
Bridge oder Whist.

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LexPI Bd. 1 Grasmücke 129

Grasmücke
Die Grasmücke hat etwas mit Mücken oder Gras
zu tun
Dieser beliebte Singvogel aus der Familie Sylviidae,
auch »Schwarzplättchen« oder »Plattmönch« genannt,
hat seinen Namen von dem mittelhochdeutschen
»Gra-smiege« = Grau-Schlüpfer; er ist grau und ein
»Meister im Durchkriechen, Durchhüpfen und Durch-
schlüpfen des Gebüschs«.
& Lit.: O. Kleinschmidt: Die Singvögel der Heimat,
Leipzig 1931.
¤ Sperber-, Garten- und Mönchsgrasmücke (Sylvia
nisoria, hortensis und atricapilla)

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LexPI Bd. 2 Graubrot 129

Graubrot
Graubrot ist gesünder als Toastbrot
Zwischen Graubrot und Toastbrot gibt es nährwert-
mäßig keine großen Unterschiede; beide werden aus
Auszugsmehlen hergestellt – ihnen fehlen die Vitami-
ne und Nährstoffe aus den Randschichten des Getrei-
dekorns. Gesünder als diese beiden Sorten ist daher
das Vollkornbrot.
& Lit.: »Die 15 großen Lügen übers Essen«, Hörzu
30/1996.

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LexPI Bd. 2 Graue Eminenz 130

Graue Eminenz
Eine graue Eminenz hat etwas mit grauhaarigen,
älteren Herren zu tun
Die erste »Graue Eminenz« war der als »Vater Josef«
bekannte Kapuzinerpater und Berater des Kardinals
Richelieu, François Leclerc du Tremblay
(1577–1638). Da der Kardinal aufgrund der roten
Kardinalsgewänder den Namen »Rote Eminenz« er-
hielt, nannten die Leute den Vater Josef wegen seiner
grauen Kapuzinerkleider »Graue Eminenz«.
Diese »Graue Eminenz« war aber ansonsten alles
andere als grau. Er hatte Sprachen und Juristerei stu-
diert, konnte fechten und reiten (letzterer Leidenschaft
mußte er dann als Kapuzinermönch entsagen, Kapuzi-
ner gehen nur zu Fuß), er galt als guter »Kriegsmann«
und machte auch als Mönch noch eine stattliche
Figur: »Unter der breiten, intellektuellen Stirn waren
die weit offenen blauen Augen ein wenig vorgewölbt
und hatten etwas Starrendes. Die Nase hatte den kraft-
vollen Schwung eines Adlerschnabels. Ein langer, un-
gepflegter rötlicher (...) Bart bedeckte Wangen und
Kinn; aber der entschlossene Mund mit seinen vollen
Lippen deutete auf eine entsprechend feste Formung
der Kiefer darunter« (Huxley).
Diese »Graue Eminenz« im Hintergrund der fran-
zösischen Politik des 17. Jahrhunderts wurde dann
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Graue Eminenz 130

zum Sinnbild für versteckte Macht im allgemeinen.


& Lit.: A. Huxley: Die Graue Eminenz, München
(ohne Jahr); H. van Maanen: Kleine encyclopedie
van misvattingen, Amsterdam 1994.

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LexPI Bd. 2 Griechische Statuen 130

Griechische Statuen
Griechische Statuen sind unbemalt
So ist man nach zwei Stunden Louvre gern geneigt zu
glauben, und so glaubt auch die Kunstwelt seit Win-
kelmanns »Anmerkungen über die Baukunst der
Alten« von 1762. Darin heißt es, der Bildhauer solle
die Natur nachahmen und eine Marmorplastik unbe-
handelt lassen, er dürfe den Marmor nicht mit Farbe
überdecken.
In Wahrheit waren die meisten antiken Statuen und
Reliefs recht bunt bemalt, wie man schon bald nach
Winkelmann herausgefunden hatte – die Farbschicht
war im Lauf der Zeit nur abgeblättert. Zur späten Eh-
renrettung dieser alten wie auch vieler moderner
Stein- und Pinselkünstler gab es im November 1996
eine Ausstellung »Farbe in der Skulptur« im Van
Gogh Museum Amsterdam.

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LexPI Bd. 2 Grüner Punkt 131

Grüner Punkt
Der grüne Punkt garantiert eine umweltfreundli-
che Verpackung (s.a. ð »Müll« in Band 1)
Der grüne Punkt bezeugt allein, daß der Hersteller des
Produktes, auf oder an dem sich dieser grüne Punkt
befindet, an das »Duale System Deutschland GmbH«
eine Gebühr zur Entsorgung und Wiederverwertung
der Verpackung abgeliefert hat; weitergehende Aussa-
gen zur Verträglichkeit von Umwelt und Verpackung
folgen daraus nicht.
Nach der »Verpackungsverordnung« von 1991 mü-
ssen Händler und Hersteller von Konsumprodukten
sog. »Verkaufs Verpackungen« (Joghurtbecher, Kon-
servendosen, Flaschen usw.) zurücknehmen und wie-
derverwerten. Diese Verpflichtung entfällt bei einem
grünen Punkt; für rund 20 Pfennig pro Kilo
Glasverpackung oder für 3 Mark pro Kilo Kunststoff
sammelt statt dessen die Firma DSD den Abfall ein
(Umsatz 1996: über 4 Mrd. Mark), der Rest geht den
Produzenten nichts mehr an. Mit anderen Worten, die
Umweltverträglichkeit der mehr als 5 Millionen Ton-
nen Abfall, die die DSD pro Jahr einsammelt und ver-
wertet, ist durch den grünen Punkt in keiner Weise
nachgewiesen.
& Lit.: H.-J. Kursawa-Stucke et al.: Der grüne
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LexPI Bd. 2 Grüner Punkt 131

Punkt und der Recycling-Schwindel, München


1994; Duales System Deutschtand GmbH: Duales
System von A-Z: das kleine Lexikon, Broschüre,
Köln 1995; »DSD macht Anfangsverluste wett«,
Die Welt, 25.6.1997; Stichwort vorgeschlagen
von Judith Krämer.

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LexPI Bd. 2 Grünspan 131

Grünspan
Auf Kupferdächern kann man zuweilen Grün-
span sehen
Der grüne Belag auf Kupferdächern ist kein Grün-
span, sondern Patina. Beides sind Kupferverbindun-
gen, wenn auch von unterschiedlichem Charakter:
Grünspan entsteht durch die Verbindung von Kupfer
mit einer Säure (konkret: durch die Verbindung von
Kupfer mit Essigsäure), Patina (italienisch für Firnis)
entsteht durch die Verbindung von Kupfer mit einer
Base (konkret: durch die Verbindung von Kupfer mit
basischen Karbonaten, Sulfaten und Chloriden). Und
da Essigsäure in der Atmosphäre nur in verschwin-
dend kleinen Mengen vorkommt, entsteht der Grünbe-
lag auf Kupferdächern durch Basen und ist damit Pa-
tina.
& Lit.: Gmelins Handbuch der anorganischen Che-
mie, Berlin 1977; Stichwort vorgeschlagen von
Stefan Faßbinder.

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LexPI Bd. 2 Guernica 132

Guernica
Guernica war ein Opfer deutscher Terrorbomber
Neben den Engländern und Amerikanern haben zwar
auch die Deutschen im letzten Weltkrieg Bomben nur
zu Terrorzwecken abgeworfen, die auf Guernica gehö-
ren vermutlich aber nicht dazu.
Guernica war ein vielbefahrener Verkehrsknoten-
punkt dicht hinter der Front; die deutschen Bomber
sollten den zurückweichenden Nationalspaniern den
Rückweg nach Bilbao abschneiden. Sofern also das
Bombenwerfen auf zivile Ziele überhaupt als militä-
risch sinnhaft angesehen werden darf (etwa nach den
Kriterien für alliierte Bombenangriffe auf Köln oder
Frankfurt), war hier ein Luftangriff zumindest nicht
verboten. Allerdings entartete diese Militäroperation
schnell in eine unkontrollierte Bombenwerferei, ver-
gleichbar dem späteren Bombenterror der Engländer
und Amerikaner. »Neuere Forschungen ergaben, daß
die Zerstörung Guernicas (...) nicht so geplant war,
wie sie dann erfolgte« (S. Berloge). Statt auf Brücken
oder Straßen fielen Bomben auch auf Wohnhäuser
und Kirchen, ob mit oder ohne Absicht, ist heute nicht
mehr festzustellen (die deutschen Bomberpiloten be-
haupteten, sie hätten ihre Ziele nicht erkennen kön-
nen).
Der Mythos von Guernica als dem ersten Opfer ge-
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LexPI Bd. 2 Guernica 133

planten Bombenterrors speist sich aus mehreren Quel-


len. Eine ist der englische Militärhistoriker Hugh
Thomas, der in seiner »Geschichte des Spanischen
Bürgerkriegs« behauptet, die Nazis hätten ihre neuen
Bomber und deren Wirkung auf Zivilpersonen einfach
einmal ausprobieren wollen; Göring hätte dies in
Nürnberg eingestanden: »Man kommt aber kaum um
den Schluß herum, daß die Deutschen den Ort bewußt
mit der Absicht der Zerstörung bombten, um sozusa-
gen klinisch die Wirkungen eines solchen Terroran-
griffs zu studieren.«
In Wahrheit findet sich in den Prozeßakten von
Nürnberg nur ein allgemeiner Hinweis Görings auf
den Erprobungscharakter des deutschen Luftwaffen-
einsatzes in Spanien; Guernica wird nicht erwähnt.
Weitere Quellen für den Guernica-Mythos und
dafür, daß das vergleichsweise unbelästigte Guernica,
in dem kaum tausend Menschen starben, und nicht
Hiroshima und Dresden mit ihren Hunderttausenden
von Toten so vielen als Sinnbild blinden Bombenter-
rors gilt, sind darin zu sehen, daß in diesem Fall die
Täter nicht den Krieg gewonnen haben und daß die
Gegenseite für ihre Propaganda einen guten Maler
hatte.
& Lit.: H. Thomas: Der Spanische Bürgerkrieg, Ber-
lin 1961; K.A. Meier: Guernica, 26.4.1937. Die
deutsche Intervention in Spanien und der Fall
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LexPI Bd. 2 Guernica 133

Guernica, Freiburg 1975; H.H. Abendroth:


»Guernica: Ein fragwürdiges Symbol«, Militärge-
schichtliche Mitteilungen 41, 1987; S. Berloge:
»Guernica«, in: W. Benz (Hrsg.): Legenden,
Lügen, Vorurteile, München 1995.
¤ Der Frontverlauf im Norden Spaniens im April
1937: Guernica war ein zentraler Rückzugspunkt
der Republikaner

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LexPI Bd. 1 Guillotine 129

Guillotine
Die Guillotine ist eine Erfindung des Dr. Guillotin
Diese Tötungsmaschine ist keineswegs eine Erfin-
dung des französischen Wundarztes Joseph Ignace
Guillotin (1738–1814), von dem sie ihren Namen hat.
Ähnliche Fallbeile für den gleichen Zweck gab es
schon im alten Persien oder im deutschen Mittelalter,
wo man dieses Instrument als »Diele«, »Hobel« oder
»welsche Falle« kannte.
Nach Frankreich kam die Guillotine gegen Ende
des 18. Jahrhunderts aufgrund eines Gutachtens des
Arztes Dr. Anton Louis aus Metz; sie hieß deshalb
zunächst »Louisette« oder »Petite Louison«. Der
Konstrukteur des ersten Prototyps war ein Deutscher
namens Schmitt, das erste Opfer ein Straßenräuber
namens Pelissier.
Ihren heutigen Namen erhielt die Guillotine erst ei-
nige Jahre nach dieser Premiere; man fand in den Pro-
tokollen der Nationalversammlung von 1789 einen
Antrag des Bürgers Guillotin, die Todesstrafe in
Frankreich künftig ohne Ansicht des Standes des Op-
fers immer auf die gleiche Weise zu vollstrecken, am
besten mittels Fallbeil, das sei noch am humansten.
Mit dem Terror der französischen Revolution hatte
der gute Dr. Guillotin aber nichts zu tun, und seine
Kinder waren über die Verbindung dieses Namens
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LexPI Bd. 1 Guillotine 129

mit dem Terror so entsetzt, daß sie beim Tod des


Doktors 1814 den Familiennamen ändern ließen.
& Lit.: Fritz C. Müller: Was steckt dahinter?
Namen, die Begriffe wurden, Eltville 1964.

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LexPI Bd. 2 Gulaschsuppe 133

Gulaschsuppe
Ein Gulasch ist schon eine Suppe, »Gulaschsuppe«
ist damit »doppelt gemoppelt«, wie die bekannte Fla-
sche Flaschenbier.
Gulasch kommt von »Gulyás« (= Schafhirte); für
ihre langen Wanderungen schnitten ungarische Hirten
früher Rind-, Hammel- oder Schweinefleisch in große
Würfel, die sie in einem Eisenkessel bis zum Ver-
dampfen aller Flüssigkeiten kochten; dann wurde das
Fleisch in der Sonne getrocknet und auf die Reise mit-
genommen. Hatte der Schäfer Hunger, nahm er ein
paar Stücke, gab Wasser dazu, erhitzte das Ganze,
und schon hatte er sein »Gulasch«.
Was wir normalerweise mit »Gulasch« meinen,
heißt in Ungarn »Pörkölt«.
& Lit.: J. Römer und M. Ditter (Hrsg.): Culinaria,
Köln 1995; Stichwort vorgeschlagen von Alfredo
Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Gustav Adolf 130

Gustav Adolf
Der Schwedenkönig Gustav Adolf ist vor allem
zur Rettung der deutschen Protestanten in den
30jährigen Krieg gezogen
Gustav Adolf ist aus den gleichen Gründen in den
Krieg gezogen, aus denen Könige schon immer in den
Krieg gezogen sind: um seine Macht zu mehren. Es
ging ihm vor allem darum, die Ostsee zu beherrschen,
und um die Chance, nach dem erfolgreichen Ende des
schwedisch-polnischen Krieges 1629 das Chaos in
Deutschland für seine Zwecke auszunutzen. Daß er
dabei quasi nebenbei zum »Retter Deutschlands«
wurde (aus protestantischer Sicht), hat ihm sicher sehr
geschmeichelt, aber nach der Mehrheitsmeinung der
Historiker sein Handeln nicht allein und auch nicht
vordringlich geleitet.
Als Gustav Adolf am 6. Juli 1630 mit 13000
Schweden an der Peenemündung landete, blieb der
Jubel unter Deutschlands Protestanten denn auch sehr
begrenzt. Nur die Fürsten von Hessen-Kassel und
Sachsen-Weimar grüßten ihn freundlich, wenn auch
aus der Ferne; die übrigen protestantischen Landes-
herren blieben zunächst mißtrauisch bis feindlich-
neutral; Gustavs bester Verbündeter war lange ein
gutkatholischer Herrscher, der König von Frankreich,
während viele deutsche Protestanten mit ihm nichts zu
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LexPI Bd. 1 Gustav Adolf 130

schaffen haben wollten.


Erst die Eroberung und Plünderung Magdeburgs
durch den kaiserlichen Feldherrn Tilly schmiedete die
geschlagenen Protestanten zusammen; aus Furcht vor
einem Sieg des Kaisers wandten sie sich schließlich
Gustav Adolf zu.
& Lit.: Hans F. Helmolt: Weltgeschichte, 7. Band,
Leipzig 1920; William Lewis Hertslet: Der Trep-
penwitz der Weltgeschichte, 11. Auflage, Berlin
1965.

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LexPI Bd. 2 Gutenberg 134

Gutenberg
Gutenberg war der Erfinder der Buchdruckkunst
(s.a. ð »Dampfmaschine«, ð »Fließband« und ð
»Morsetelegraph« in Band 1)
Schon mehr als tausend Jahre vor Gutenberg wurden
in China Bücher nicht mehr handgeschrieben, sondern
maschinell gedruckt. Anders als die Griechen oder
Römer, die auf Papyrus oder Vellum schreiben muß-
ten, beides zum Drucken nicht geeignet (Papyrus war
zu zerbrechlich, Vellum zu teuer), kannten die Chine-
sen seit etwa 100 v. Chr. schon das druckerfreundli-
che Papier, und sie druckten auch darauf. Die ältesten
noch erhaltenen, noch mittels Holzrelief gedruckten
Texte stammen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Eben-
falls noch per Holzrelief gedruckt wurden mehrere
hundert Jahre später die 130.000 Seiten der als »Tri-
pitaka« bekannten Bibel des Buddhismus, aber noch
vor der Jahrtausendwende und damit mehr als 400
Jahre vor Gutenberg begann man, die im wahrsten
Sinn des Wortes »en bloc« in eine Holzplatte ge-
schnitzten durch bewegliche Schriftzeichen zu erset-
zen.
Gutenbergs Verdienst liegt also nicht in der Erfin-
dung, sondern in der Perfektionierung dieser Technik:
Seine Schriftzeichen waren aus Metall, die der Chine-
sen aus Holz; seine Druckerfarbe löste sich nicht in
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Gutenberg 134

Wasser, die der Chinesen löste sich in Wasser auf,


und anders als die Chinesen preßte Gutenberg nicht
das Papier gegen eine feste Druckerplatte, sondern
eine bewegliche Druckerplatte gegen das festliegende
Papier.
Und dann hatte Gutenberg auch noch Glück: Wäh-
rend seine chinesischen Konkurrenten mit mehreren
Tausend Schriftzeichen zu kämpfen hatten (die chine-
sische Schrift kennt keine Buchstaben, nur Zeichen
für Silben oder ganze Wörter; siehe Stichwort ð
»Chinesische Sprache«), waren es bei Gutenberg nur
26.
& Lit.: Stichwort »Printing« in der MS Microsoft
Enzyklopädie Encarta, 1994; Stichwort vorge-
schlagen von P. Häcker.

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LexPI Bd. 2 Guter Rutsch 135

Guter Rutsch
Wir wünschen »Guten Rutsch«, um gut ins neue
Jahr zu rutschen
Unser »Guter Rutsch« an Silvester und an Neujahr
kommt aus dem hebräischen »rösch« (= Anfang) und
hat mit Rutschen nichts zu tun.
& Lit.: Christoph Gutknecht: Lauter böhmische
Dörfer, München 1996.

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H 136

»Wahrheiten, die man ganz besonders ungern


hört, hat man besonders nötig.«
La Bruyère

»Ein Irrtum ist um so gefährlicher,


je mehr Wahrheit er enthält.«
H.F. Arniel

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LexPI Bd. 1 Haare 1 131

Haare 1
Häufiges Haareschneiden fördert den Haarwuchs
Das stimmt nur bedingt. Richtig ist: Je kürzer das
Haar, desto schneller wächst es. Kurzes Kopfhaar
wächst rund zwei Zentimeter im Monat, langes Haar
(30 cm) nur noch halb so schnell. Außerdem hängt
das Wachstum noch von Hautpartie, Geschlecht und
Alter ab: Am schnellsten wächst das Haar auf dem
Kopf von 18- bis 25-jährigen Frauen.
Falsch ist allerdings, daß die Zahl der Haare durch
das Schneiden wächst. Diese Zahl ist genetisch pro-
grammiert und durch den Menschen (noch) nicht zu
beeinflussen.
& Lit.: Stichwort »Hair« in Microsoft CD-ROM En-
cyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Haare 2 131

Haare 2
Häufiges Haarewaschen führt zu Haarausfall
Der Mensch verliert pro Tag im Durchschnitt 50 bis
100 Kopfhaare, ob wir diese waschen oder nicht.
& Lit.: Dr. Reitners Großes Gesundheitslexikon,
Niedernhausen 1987.

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LexPI Bd. 1 Haare 3 131

Haare 3
Menschliches Haar wird zuweilen binnen Stun-
den weiß
Die einzige Methode, binnen weniger Stunden seine
Haarfarbe zu ändern, ist ein Frisörbesuch.
Die zahlreichen Anekdoten, die vielerorts über
Menschen kursieren, deren Haare aufgrund eines
Schocks oder tragischen Ereignisses über Nacht er-
bleicht sein sollen, beruhen auf einem Mißverständ-
nis: die dunklen Haare sind nicht weiß geworden,
sondern ausgefallen. Gewisse Haarkrankheiten (etwa
die sog. alopecia areata) fallen nämlich vorzugsweise
dunkle Haare an; sie lassen weiße Haare stehen. Men-
schen, die sowohl helle als auch dunkle Haare haben,
lassen einen dann leicht denken, das dunkle Haar sei
weiß geworden.
Natürlich können dunkle Haare auch ergrauen, wie
jeder Leser über 40, der in den Spiegel schaut, gerne
bzw. nicht so gerne bestätigen wird. Aber da unser
Haar nur rund einen Zentimeter pro Monat wächst
und das Weißwerden an der Wurzel anfängt, dauert
ein kompletter Farbwechsel pro Haar mehrere Wo-
chen, nicht mehrere Stunden; mit den über Nacht
schlohweiß gewordenen Gestalten der Folklore hat
das nichts zu tun.
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LexPI Bd. 1 Haare 3 132

& Lit.: A.J. Ephraim. »On sudden or rapid white-


ning of the hair«, Archives of Dermatology 79,
1959, 142–149; F. Helm und H. Milgrom: »Can
scalp hair suddenly turn white?« Archives of Der-
matology 102, 1970, 102–103.

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LexPI Bd. 1 Haare 4 132

Haare 4
Unser Haar wächst nach dem Tode weiter (s.a. ð
»Fingernägel«)
Mit unserem Tod (korrekt: mit dem Stillstand des
Herzens) hört auch das Wachstum unseres Haares
auf, allen anderslautenden Anekdoten zum Trotz.
»Der Grabstein sprang beim ersten Schlag mit der
Hacke in Stücke, aus der Öffnung ergoß sich, leuch-
tend kupferfarben, eine lebendige Haarflut«, schreibt
Gabriel García Márquez in der Vorrede zu seinem
Roman »Von der Liebe und anderen Dämonen«, um
die Heldin seiner Geschichte, ein junges Mädchen,
einzuführen, der kurz vor ihrem Tod die Haare abge-
schnitten wurden. »Der Maurermeister erklärte mir
unbeeindruckt, daß menschliches Haar einen Zentime-
ter im Monat wächst, auch noch nach dem Tod ...«
Aber der Maurermeister irrt. Unsre Haare wachsen
dadurch, daß sich in der Haarwurzel die Haarzellen
teilen. Mit dem Stillstand des Herzens endet der Blut-
kreislauf, die über das Blut mit Nährstoff versorgten
Haarwurzeln erhalten keine Nahrung mehr, sie stellen
die Zellteilung ein; damit ist das Haarwachstum been-
det. Allenfalls die Barthaare am Kinn können nach
dem Tod einige Millimeter länger erscheinen – aber
nicht, weil sie gewachsen wären, sondern weil die
Kopfhaut trocken wird und schrumpft.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Haare 4 133

& Lit.: Gabriel García Márquez: Von der Liebe und


anderen Dämonen, Köln 1994.
¤ Auch dieses Haar ist nach dem Tod nicht mehr ge-
wachsen: Eleanor Siddal, deren Haarpracht ihre
Trägerin um einiges überlebt haben soll

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LexPI Bd. 2 Haare 1 136

Haare 1
Manche Menschen haben graue Haare
Kein Mensch hat graue Haare. Graue Haare gibt es
nicht, es gibt nur braune, blonde, rote oder schwarze
Haare, auch weiße – aber keine grauen. Die scheinbar
grauen Haare vieler Menschen sind eine durch die Mi-
schung weißer und anderer Haare hervorgerufene op-
tische Täuschung; netto und von weitem wirkt das
Ganze grau. Sieht man aber näher hin, wird man
keine grauen Haare finden.
& Lit.: »Graue Haare gibt's nicht«, Ruhr-Nachrich-
ten, 21.6.1996.

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LexPI Bd. 2 Haare 2 136

Haare 2
Das Spülen mit Bier, Tee oder Essig bringt Haar
zum Glänzen
Dieser Irrtum geht auf die shampoolose Zeit unserer
Großeltern zurück, als man sich das Haar mit Seife
waschen mußte. Nach dieser Seifenwäsche war das
Haar oft stumpf und spröde, und das konnte durch die
Säure in Bier, Tee oder Essig abgemildert werden.
Aber mit modernen Shampoos werden Haare nicht
mehr spröde, deshalb sind auch die Geheimrezepte
unserer Oma heute überflüssig.
Falsch ist auch, daß man Haare häufig kämmen
sollte – nach Expertenmeinung reichen zwanzig Bür-
stenstriche täglich zum Entfernen von Staub und
Schuppen und anderen unerwünschten Dingen völlig
aus; darüber hinausgehendes Kämmen schadet nur.
& Lit.: »Hair care facts and fallacies«, über die In-
ternet-Adresse http://www.b4-u-buy.com.

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LexPI Bd. 1 Haftung 133

Haftung
Eltern haften für ihre Kinder
Eltern haften nicht in jedem Fall für ihre Kinder. Sie
haften nur, wenn sie deren Missetaten absichtlich oder
fahrlässig ermöglicht oder gar gefördert haben.
Zahlen müssen wir zum Beispiel, wenn unser sie-
benjähriger Filius beim Spielen mit Zündhölzern die
Scheune des Nachbarn abbrennt. Nach einer Entschei-
dung des Bundesgerichtshofs reicht es hier nicht, das
Kind vor der Gefahr des Feuers nur zu warnen; zu-
sätzlich müssen wir die Zündhölzer auch noch für
dieses unzugänglich aufbewahren.
Nicht zahlen müssen wir dagegen, wenn die Kinder
die Zündhölzer zufällig und ohne unser Zutun finden.
Hier hat der Bundesgerichtshof die Eltern eines Acht-
jährigen, der mit anderen Kindern im Öllagerraum
unter einer Gaststätte mit dort herumliegenden Zünd-
hölzern ein Feuer entfacht und einen Schaden von
mehr als 200000 Mark verursacht hatte, von der Haf-
tung freigesprochen.
Ebensowenig verletzen wir im allgemeinen unsere
Aufsichtspflicht, wenn
– ein Elfjähriger sich allein in der Wohnung aufhält;
– vierjährige Kinder gemeinsam mit neunjährigen auf
Dorfwegen spazierengehen;
– ein fünfjähriges Kind nach ausreichender Belehrung
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LexPI Bd. 1 Haftung 134

alleine einkaufen geht;


– ein fünfjähriges Kind allein auf dem Gehweg spielt,
nachdem es vorher ermahnt wurde, nicht die Fahr-
bahn zu betreten;
– oder ein vierjähriges Kind mit dem Roller auf einer
verkehrsarmen Straße fährt.
In allen diesen Fällen hatten Kinder Schäden ange-
richtet, aber die Eltern wurden von der Haftung frei-
gesprochen.
& Lit.: Michael Scheele und Reinhard Wetter: Rat-
geber Recht, 2. Auflage, München 1988.

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LexPI Bd. 2 Hagestolz 137

Hagestolz
Ein Hagestolz ist ein Frauenfeind und Einzelgän-
ger
Ursprünglich meinte man mit »Hagestolz« einen
armen Hagbesitzer (althochdeutsch »Hagestalt«), den
Besitzer eines bäuerlichen Nebengutes (in der Regel
jüngere Bauernsöhne, da der älteste Sohn das Haupt-
gut erbte). Da diese Hagen wenig einbrachten, konn-
ten ihre Besitzer oft den Preis für eine Braut nicht
zahlen und blieben so ganz gegen ihren Willen Jung-
gesellen.
& Lit.: Kurt Krüger-Lorenzen: Deutsche Redensar-
ten – und was dahinter steckt, Wiesbaden 1960.

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LexPI Bd. 1 Haie 134

Haie
Haie greifen gerne Menschen an
Haie greifen nur im Notfall Menschen an, wenn man
sie reizt oder sie nichts anderes zu fressen finden. Nur
von 10 oder 12 der rund 350 Arten ist bekannt, daß
sie, ohne provoziert zu werden, Menschen attackieren;
die anderen geben sich in der Regel mit kleinerem
Futter zufrieden ...
Zwischen 1916 und 1969 wurden weltweit insge-
samt 32 Angriffe des Weißen Hais, des größten und
gefährlichsten Exemplars der Gattung, auf Menschen
registriert, 13 davon mit Todesfolge. Das macht pro
Jahr und weltweit weniger als einen einzigen Angriff
eines Weißen Hais auf einen Menschen.
Nimmt man auch andere Haie mit dazu, etwa den
Tigerhai, den Blauhai oder den Bullenhai, die eben-
falls Menschen attackieren, wird die Zahl der Todes-
opfer größer, kommt aber immer noch nicht an die
Zahl der Menschen heran, die jährlich von Hunden
totgebissen werden.
& Lit.: Lee Server: Haie, Erlangen 1990; Stichwort
»Great White Shark« in Microsoft CD-ROM En-
cyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 2 Haken und Ösen 137

Haken und Ösen


Eine Sache mit »Haken und Ösen« ist nicht ganz
in Ordnung
Eine Sache »mit Haken und Ösen« ist nicht verdor-
ben, sie ist ganz im Gegenteil sehr gut gelungen. Vor
der Erfindung der Knöpfe (und das ist weniger als
1000 Jahre her; siehe Stichwort ð »Knöpfe«) wurden
Mäntel mit Haken und Ösen geschlossen; eine Sache
mit Haken und Ösen ist also etwas, das mit allem Nö-
tigen versehen ist, wo alles gut zusammenpaßt.
& Stichwort vorgeschlagen von Richard M. Müller.

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LexPI Bd. 2 Halogenleuchten 137

Halogenleuchten
Häufiges Ein- und Ausschalten verkürzt die Le-
bensdauer von Halogenleuchten
Dieses hartnäckige Gerücht wurde vermutlich von
Stromverkäufern in die Welt gesetzt. Wegen der ex-
trem überhöhten Spannung beim Einschalten und
wegen der für das Zünden der Lampe nötigen anfäng-
lichen Stromstärken gingen Halogen- und andere
Leuchtstoffröhren durch häufiges Ein- und Ausschal-
ten schnell kaputt, so diese These, deshalb sollte man
die Lampe lieber brennen lassen.
In Wahrheit liegt die Stromstärke vor der Zündung
einer Leuchtstoffröhre weniger als 30% über der
Stromstärke im Betriebszustand, und die hohen Span-
nungsspitzen beim Einschalten werden durch einen
Kondensator aufgefangen – man kann also Leucht-
stoffröhren beliebig an- und ausschalten, ohne daß es
ihrer Lebensdauer schadet.
Schaden nehmen können allenfalls herkömmliche
Glühlampen, die sich bei jedem Einschalten erneut er-
hitzen. Durch diese Temperatursprünge leidet der
Glühfaden, er schmilzt schneller durch. Da aber
Glühlampen so billig zu ersetzen sind, regt dieser
Verschleiß die Leute wenig auf.
& Stichwort vorgeschlagen von Stefan Faßbinder.
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LexPI Bd. 2 Hals- und Beinbruch 138

Hals- und Beinbruch


Die Floskel »Hals- und Beinbruch« hat etwas mit
gebrochenen Knochen zu tun
»Hals- und Beinbruch« kommt aus dem jiddischen
»hazloche und broche« = Glück und Segen.
& Lit.: Eckhard Henscheid, Gerhard Henschel und
Brigitte Kronauer: Kulturgeschichte der Mißver-
ständnisse, Stuttgart 1997 (besonders der Ab-
schnitt »Etymologie auf dem Holzweg«).

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LexPI Bd. 1 Hamburger 135

Hamburger
Die meisten Engländer und Amerikaner, aber auch
manche Schnellimbiß-Kunden hierzulande glauben,
»Hamburger« käme von Schinken = ham, so wie
»Cheeseburger« von cheese = Käse oder »Fishbur-
ger« von Fisch.
In Wahrheit hat der Hamburger seinen Namen tat-
sächlich von der Stadt Hamburg. Ursprünglich ein
einfaches Hackfleisch, so wie von den Tataren Ruß-
lands im Deutschland des 14. Jahrhunderts übernom-
men (die Tataren wollten durch das Kleinhacken vor
allem das zähe Fleisch der russischen Steppenrinder
genießbarer machen; noch heute erinnern wir uns
daran mit dem »Beefsteak Tatar«), kam dieses mit
deutschen Auswanderern über Hamburg nach Ameri-
ka; dort klemmte man es dann, vermutlich um Besteck
zu sparen, nach dem Braten zwischen die zwei Seiten
eines aufgeschnittenen Brötchen.
Auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 wurden
dieses Hackfleischbrötchen als »Hamburg« verkauft
(noch ohne »er« am Schluß); weniger später kam
dann noch das »er« dazu, und so heißen diese Hack-
fleischbrötchen heute noch Hamburger.
& Lit.: Charles Panati: Universalgeschichte der ganz
gewöhnlichen Dinge, Frankfurt 1994.
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LexPI Bd. 2 Hamburger. 138

Hamburger
Hamburger sind der beliebteste deutsche Schnell-
imbiß (s.a. ð »Döner Kebap«)
Wenn man der Welt am Sonntag glauben darf, wer-
den in Deutschland mehr Döner als Hamburger ge-
gessen: für insgesamt 3,6 Milliarden Mark im Jahr,
das entspricht 200 Tonnen Döner Kebab täglich oder
über das Jahr gerechnet 800 Millionen Portionen, pro
Bundesbürger 10.
& Lit.: »Deutschland – Dönerland«, Welt am Sonn-
tag, 30.6.1996.

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LexPI Bd. 1 Hameln 135

Hameln
Der Rattenfänger von Hameln ist eine historische
Figur
Der Rattenfänger von Hameln hat niemals existiert;
diese wohl bekannteste deutsche Sagengestalt ist eine
aus mehreren Quellen gespeiste Erfindung.
Wahr ist vermutlich, daß an einem Sonntag des
Jahres 1284 zahlreiche junge Menschen (die Sage
spricht von 130) aus Hameln weggezogen und nie
zurückgekommen sind. Das waren aber keine Kin-
der – man hat nur lange Zeit das alte »Kint« als
»Kind« verstanden; »Kint« konnte im mittelhochdeut-
schen aber auch »Jüngling«, »Jungmann« oder »Jung-
frau« heißen. Und der Mann mit der Pfeife war auch
kein Rattenfänger, sondern höchstwahrscheinlich ein
Werber, der neue Siedler in den Osten locken sollte.
Für diese Sicht der Dinge spricht etwa das Dorf Ham-
lingow bei Brünn in Mähren, dessen Namen möglich-
erweise aus Hamlingen = Hamelin = Hameln entstan-
den ist, sowie auch eine andere Variante der Ratten-
fängersage, wonach die Kinder in einer großen Höhle
verschwunden und in Siebenbürgen wieder herausge-
kommen seien.
Auch die älteste bekannte schriftliche Fassung der
Sage, festgehalten in einer Lüneburger Handschrift
von etwa 1430, spricht nur von einem eleganten Jüng-
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LexPI Bd. 1 Hameln 136

ling, der mit den jungen Menschen verschwunden ist,


aber nicht von deren Tod und nicht von Ratten.
Andere, aber weniger wahrscheinliche Erklärungen
sind der Kinderkreuzzug von 1212 oder die Schlacht
bei Sedemünde 1259, bei der viele junge Männer Ha-
melns, geführt von einem bunt gekleideten Haupt-
mann, im Kampf gegen den Bischof von Minden um-
gekommen sind. Diesen beiden Erklärungen steht
aber das Datum 1284 entgegen, das seit den Frühzei-
ten der Sage immer fest geblieben ist.
Die Ratten wurden dem Auszug erst später vorge-
schaltet, um den im Lauf der Zeiten unverständlich
gewordenen Auszug der »Kinder« nachträglich zu er-
klären. Wie in den modernen Großstadtmythen von
der Ratte in der Fertigpizza hat hier die Volksseele
ein Ventil gefunden, ihre Angst und ihr Gerechtig-
keitsempfinden ohne Schuldgefühle auszuleben.
& Lit.: William L. Hertslet: Der Treppenwitz der
Weltgeschichte, Berlin 1965; Gerhard Prause:
Tratschkes Lexikon für Besserwisser, München
1986.
¤ Diesen Rattenfänger hat es nie gegeben ...

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LexPI Bd. 1 Handelsdefizit 136

Handelsdefizit
Die USA importieren mehr als sie exportieren
Die oft gehörte Klage der Amerikaner: »Wir kaufen
eure Güter, aber ihr kauft nichts bei uns« ist nach
neueren Studien nicht berechtigt – das berühmte ame-
rikanische Handelsdefizit ist nämlich eine statistische
Seifenblase.
Die herkömmliche Außenhandelsstatistik zählt al-
lein den grenzüberschreitenden Güterverkehr, und so
gesehen haben die Amerikaner Recht: danach haben
die USA etwa im Jahr 1991 für insgesamt 28 Milliar-
den Dollar mehr Güter und Dienstleistungen aus dem
Ausland importiert als in das Ausland exportiert.
Aber diese herkömmliche Statistik verzerrt das
wahre Bild. Denn auf das Überschreiten der Landes-
grenze kommt es hier doch gar nicht an. Was zählt,
ist das, was Amerikaner an Ausländer verkaufen, und
selbst von Ausländern kaufen, unabhängig davon, ob
die gehandelten Güter und Dienstleistungen dabei die
Landesgrenze überschreiten. Ob eine amerikanische
Whiskybrennerei ihre Produkte in den USA (etwa an
Touristen) oder in Deutschland an deutsche Haushalte
verkauft, ist rein ökonomisch betrachtet dasselbe – in
beiden Fällen verkauft eine amerikanische Firma ihr
Produkt an einen Ausländer.
Ermittelt man den internationalen Handel aber mit
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Handelsdefizit 137

dieser Methode, wird aus dem amerikanischen Han-


delsdefizit ein Handelsüberschuß. Statt 28 Milliarden
Dollar Defizit etwa 1991 verbuchen die USA einen
Überschuß von je nach Berechnungsmethode 24 bis
160 Milliarden Dollar, und haben damit keinen
Grund, dem Rest der Erde etwas vorzujammern.
& Lit.: S. Landefeld et al.: »Alternative frameworks
for U.S. international transactions«, Survey of
Current Business, Dez. 1993; »Grossly distorted
picture«, The Economist, 5.2.1994.

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LexPI Bd. 1 Hängematte 133

Hängematte
Hängematte kommt von »hängende Matte«
»Hängematte« leitet sich von dem indianischen »ha-
maca« ab – so nennen viele Indianer im tropischen
Südamerika ihre zwischen Bäume aufgespannten
Schlaf- und Ruhemöbel (die Mayas verwendeten die
Hängematte auch als Sänfte). Über »Amakken« und
»Hangmak« wurde dann daraus die deutsche Hänge-
matte.
Wegen ihres geringen Platzbedarfs wurden diese
indianischen Hamacas dann auf den Segelschiffen der
Europäer sehr beliebt und haben sich so auch außer-
halb Amerikas verbreitet. Auf Englisch heißt Hänge-
matte »hammock«.
& Lit.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen,
2. Auflage, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 1 Haschisch 1 137

Haschisch 1
Haschisch macht süchtig
Haschisch alias Marihuana, der Blütenextrakt der
weiblichen Hanfpflanze Cannabis sativa, macht nicht
süchtiger als Alkohol oder Nikotin, eher weniger. So
das übereinstimmende Fazit zahlreicher medizinischer
und soziologischer Untersuchungen zu Haschisch und
Haschischkonsum, die in den vergangenen fünfzig
Jahren in den USA und weltweit unternommen wor-
den sind.
Daß trotzdem viele Menschen etwas anderes glau-
ben, liegt vor allem daran, daß sie diese Droge im Ge-
gensatz zu Alkohol und Nikotin nicht kennen und mit
den wirklich gefährlichen harten Drogen wie Heroin
und Kokain zusammenwerfen.
& Lit.: R.W. Leonhardt: Haschisch-Report, Mün-
chen 1970; Stichwortartikel »Marijuana« im Mi-
crosoft CD-ROM Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Haschisch 2 138

Haschisch 2
Haschisch ist eine Einstiegsdroge
Viele Menschen, die von harten Drogen abhängen,
haben früher auch Haschisch geraucht. Daraus wird
dann oft geschlossen, sie seien rauschgiftsüchtig, weil
sie Haschisch geraucht hätten.
Diese These ist aber nach der Mehrheitsmeinung
der modernen Drogenforscher nicht zu halten. Es läßt
sich allenfalls ein indirekter Zusammenhang dadurch
nachweisen, daß Haschischraucher beim Einkauf fast
notwendig auch in Kreise hineingeraten, in denen man
auch harte Drogen handelt; durch ihre Stellung außer-
halb der aktuellen Normen sind sie quasi Freiwild für
die »echten« Drogenhändler. »Es ist möglich, daß ge-
wisse langfristige Effekte auf das Verhalten zu einem
mehr oder weniger großen Maße vom gesellschaft-
lich-kulturellen Milieu abhängen, in dem sich das In-
dividuum dem Rauschmittel hingibt«, schreibt die
Weltgesundheitsorganisation. »So befindet sich der
Haschisch-Raucher in einer Gesellschaft, in der der
Cannabiskonsum illegal ist und allgemein verworfen
wird, automatisch in einem Zustand des Nichtkon-
formseins. Diese einfache Tatsache kann ihm ver-
schiedene Möglichkeiten der gesellschaftlichen An-
passung verschließen und drängt ihn dazu, einen un-
terschiedlichen Lebensstil anzunehmen, der oft mit
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Haschisch 2 138

der Einnahme von Rauschmitteln nicht das geringste


zu tun hat.«
Kein Mensch z.B. käme auf den Gedanken, daß
etwa die Sucht nach Kokain durch Nikotin entsteht,
nur weil ein Großteil der modernen Kokain-Konsu-
menten früher Zigarettenraucher war oder heute auch
noch ist. Oder um dieses Schein-Argument einmal auf
die Spitze zu treiben: dann müßten wir auch Hühner-
eier oder Milch verbieten, denn es gibt kaum einen
Übeltäter, Massenmörder oder Sexualverbrecher auf
dem Globus, der nicht irgendwann in seinem Leben
einmal Milch getrunken oder ein Spiegelei gegessen
hat.
Wir haben hier das ewige Problem der Korrelation
und Kausalität: Zwei Verhaltensweisen treten gehäuft
zusammen auf, und schon wird geschlossen, daß die
eine die andere verursacht. Aber wie wir unter dem
Stichwort »Korrelation« noch sehen werden, kann
eine positive Korrelation auch auf andere Art entste-
hen, etwa dadurch, daß beide Verhaltensweisen ge-
meinsam von einer dritten Ursache abhängen, und
genau das scheint bei harten und weichen Drogen in
der Tat der Fall zu sein.
& Lit.: Ulf Homann: Das Haschischverbot, Frank-
furt 1972; D.F. Duncan: »Marijuana and Heroin«,
British Journal of Addiction 70, 1975, S.
192–197.
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LexPI Bd. 1 Hauptmann von Köpenick 139

Hauptmann von Köpenick


Der Hauptmann von Köpenick war ein ewiger
Verlierer
Der in Literatur und Film gern als der typische Verlie-
rer dargestellte Schuster Wilhelm Voigt alias Haupt-
mann von Köpenick war vom Schicksal weit weniger
geschlagen als uns diese Quellen glauben machen.
Zumindest sein letztes und berühmtestes Gaunerstück
hat dem Schuster nämlich durchaus etwas einge-
bracht.
Als Wilhelm Voigt in seiner gebrauchten Haupt-
mannsuniform am 16. Oktober 1906 ein paar Grena-
diere anhält und mit diesen das Rathaus in Köpenick
besetzt, hat er zwar schon 28 Jahre, fast genau die
Hälfte seines Lebens, hinter Gittern zugebracht, denen
noch 20 weitere Monate wegen Freiheitsberaubung,
Betrug und Urkundenfälschung folgen sollten. Aber
anders als bei seinen früheren Delikten – kleine Dieb-
stähle, Urkundenfälschungen, Einbruch – ist er dies-
mal trotz der baldigen Verhaftung der Gewinner: Die
Geschichte kommt in die Zeitungen, Voigt wird be-
rühmt, bekommt ins Gefängnis Geld und sogar Hei-
ratsanträge geschickt, und der Kaiser höchstpersön-
lich erläßt dem Schuster den größten Teil der Strafe.
Nach dem Gefängnis tingelt Voigt mehrere Jahre
als Alleinunterhalter durch deutsche Jahrmärkte und
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LexPI Bd. 1 Hauptmann von Köpenick 139

Wirtshäuser, von seinen Abenteuern erzählend. Von


den Honoraren für diese Auftritte und aus dem Erlös
von signierten Postkarten mit ihm selbst in Haupt-
mannsuniform kauft er sich 1912 in Luxemburg ein
Haus, in dem er als Rentner noch 10 Jahre friedlich
und weit komfortabler als die meisten anderen Deut-
schen damals lebt.
& Lit.: Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von
Köpenick, Berlin 1931; Gerhard Prause:
Tratschkes Lexikon für Besserwisser, München
1986 (besonders den Abschnitt »Köpenick: Am
Ende hat der Hauptmann doch gewonnen«).
¤ Wilhelm Voigt alias »Hauptmann von Köpenick«.

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LexPI Bd. 1 Haut 140

Haut
Nach dem Baden schrumpft die Haut
Durch ein warmes Wannenbad wird unsere Haut nicht
enger, sondern weiter; sie dehnt sich aus. Besonders
die Hornhaut an Fingern, Handflächen und Füßen er-
weitert, wenn sie sich mit Wasser vollsaugt, ihre Ob-
erfläche, so daß sie seltsam faltig wirkt.
Weniger ausgeprägt, aber ebenfalls vorhanden, ist
dieser Effekt auch auf dem Rest der Haut. Diese kann
mehr Wasser aufnehmen, ohne an Volumen zuzuneh-
men, dehnt sich aber gleichfalls durch das warme
Baden aus.
& Lit.: David Feldman: Warum ist die Banane
krumm? München 1987.

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LexPI Bd. 2 Hefepilze 138

Hefepilze
Hefepilze im Darm sind schädlich
Der Hefepilz »Candida albicans«, derzeit ein
Lieblingsschrecken der Teutonen, ist in aller Regel
harmlos; jeder Mensch hat Tausende davon im Stuhl
(zwischen 100 und 10.000 pro Gramm durchverdau-
tem Essen).
Die Warnung von Pilztherapeuten, diese
Mikroorganismen könnten das menschliche Abwehr-
system durchbrechen und den ganzen Körper mit Pilz-
giften überschwemmen, scheinen nach neueren For-
schungen kaum begründet; manche sehen sogar in den
empfohlenen Therapien, etwa dem Patienten für mehr
als 100 Mark pro Sitzung die Pilznester aus dem
Darm herauszuspülen, ein »Abzocken sonderglei-
chen« (der Freiburger Hygiene-Professor Fritz Dasch-
ner). »An der erfundenen Epidemie verdienen [nur]
Labors und Heilkundler« (Der Spiegel).
& Lit.: »Der Mythos der Hefepilze im Darm«, Der
Spiegel 26/1996.

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LexPI Bd. 2 Heile, heile Gänschen 139

Heile, heile Gänschen


Das »heile« in »heile Gänschen« hat etwas mit
Wundheilung zu tun
Das »heile« in dem bekannten Lied von Ernst Neger:
Heile, heile Gänschen,
es wird bald wieder gut
heile, heile Mausespeck
in 100 Jahren ist alles weg,
usw.

kommt von »hiele« bzw. »biele«, auf sächsisch »klei-


ne Gans«. So wie man noch heute »put put put« ruft,
um die Hühner anzulocken, rief man in Sachsen
»hiele hiele hiele« für die Gänse.
& Lit.: G. Bergmann: Kleines sächsisches Wörter-
buch, Leipzig 1985; Stichwort vorgeschlagen von
Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Heilige Drei Könige 140

Heilige Drei Könige (s.a. ð »Stern von Bethle-


hem«)
Die Heiligen Drei Könige, deren Gebeine man im
Kölner Dom verehrt, sind strikt gesehen keine Heili-
gen: ein Heiliger oder eine Heilige muß von der Ka-
tholischen Kirche in einem eigenen Verfahren dazu
erhoben werden, und ein solches Verfahren hat es für
die Heiligen Drei Könige nie gegeben.
Auch Könige sind die Herren Kaspar, Balthasar
und Melchior nie gewesen – in der Bibel ist nur von
»Weisen«, »Magiern« bzw. »Sterndeutern« die Rede.
Und auch die Namen selber sind erfunden, sie werden
in der Bibel nirgendwo erwähnt; zum ersten Mal ist in
einer um 500 nach Christus in armenischer Sprache
abgefaßten Kindheitsgeschichte Jesu von den drei Kö-
nigen Melkon von Persien, Gaspar von Indien und
Baltassar von Arabien die Rede, vorher nicht. Der
Evangelist Matthäus, der als einziger im Neuen Te-
stament von der Anbetung berichtet, erwähnt mit kei-
ner Silbe, wie die Anbeter heißen, oder wieviele es
überhaupt waren.
Daß es drei gewesen seien, wurde aus den drei
Gaben – Weihrauch, Myrrhe, Gold – nicht ganz was-
serdicht zurückgeschlossen (oder man hat auch nur
die in der christlichen Mythologie so wichtige Zahl
Drei auf die Anbetung im Stall zu Bethlehem übertra-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Heilige Drei Könige 140

gen). Zu Königen wurden die Sterndeuter erst in


nachträglichen Interpretationen, u.U. wegen einer
mißverständlichen Übersetzung von »Magier«
(»König« meinte zu Zeiten Jesu etwas ganz anderes
als im Mittelalter, nämlich weit weniger; fast jeder
Vasall der Römer war damals ein »König«) oder aber
aufgrund einer Prophezeiung aus dem Alten Testa-
ment, wo es heißt: »Die Könige von Tarsis und auf
den Inseln sollen Geschenke bringen ...«
Nach Köln kamen die Könige bzw. deren Gebeine
im Jahr 1158 auf Veranlassung des Reichskanzlers
und Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel; er hatte
sie einem Reliquienhändler in Mailand abgekauft,
vielleicht sich auch von den Bürgern der Stadt Mai-
land schenken lassen – die näheren Umstände des Er-
werbs sind nicht genau geklärt. Die Mailänder hatten
die Reliquien angeblich Ende des 4. Jahrhunderts
selbst als ein Geschenk erhalten, und zwar vom Kai-
ser aus Byzanz, wohin wiederum sie aus Palästina ge-
kommen sein sollen, wo sie die Mutter des Kaisers
bei einer Pilgerfahrt gefunden haben will.
Aber was tun die Gebeine der Sterndeuter in Palä-
stina? So heißt es etwa in der Bibel, die Weisen seien
nach Anbetung in ihre Heimat, wahrscheinlich das
Zweistromland Mesopotamien, zurückgekehrt, so daß
dort auch ihre Knochen liegen. Und auch die Über-
führung von Konstantinopel nach Mailand ist nur in
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Heilige Drei Könige 141

einer posthumen Biographie eines Mailänder Bischofs


erwähnt, der »Vita Eutorgii«, die mehrere hundert
Jahre später ausgerechnet in Köln entstand. Vermut-
lich hat also Rainald von Dassel als rechte Hand des
Deutschen Kaisers diese Legende einfach politisch
ausgenützt, um im damaligen Streit zwischen Papst
und Kaiser seinem Herrn, dem Kaiser, einen Vorteil
zu verschaffen: die Könige, also die weltlichen Herr-
scher, waren die ersten, die das Christkind anbeteten,
und haben deshalb, so die Logik Dassels, Vorrecht
vor dem Papst. Daher ist auch klar, warum die Partei
des Papstes keine Eile hatte, durch eine Heiligspre-
chung diese Sicht der Dinge zu befördern.
& Lit.: Gerhard Prause: Tratschkes Lexikon für Bes-
serwisser, München 1986 (besonders der Ab-
schnitt »Drei Könige«); Konradin Ferrari
d'Occhieppo: Der Stern von Bethlehem in astro-
nomischer Sicht, Gießen 1994 (besonders der Ab-
schnitt »Über die Magier« auf den Seiten 133ff.).

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LexPI Bd. 2 Heinrich Heine 139

Heinrich Heine
Heinrich Heine hieß mit Vornamen Heinrich
Heinrich Heine hieß bis in seine jungen Mannesjahre
Harry, nach einem Geschäftsfreund seines Vaters; als
Harry Heine wurde er am 13. Dezember 1797 in Düs-
seldorf geboren, erst mit 28 Jahren nannte er sich erst-
mals Heinrich.
& Lit.: W. Wadepuhl: Heinrich Heine – sein Leben,
seine Werke, Köln 1974.

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LexPI Bd. 1 Heißes Wasser 141

Heißes Wasser
Heißes Wasser löscht Feuer schlechter als kaltes
Wasser löscht Feuer nicht direkt, sondern indirekt,
per Umweg über den Wasserdampf, der beim Kontakt
des Wassers mit dem brennenden Material entsteht.
Dieser Wasserdampf hüllt den Brandherd ein und ver-
hindert so die Zufuhr von Sauerstoff – das Feuer er-
stickt.
Ist das Wasser also schon von sich aus heiß, wird
dieses Verdampfen und damit das Löschen des Feuers
erleichtert. Hinzu kommt noch die höhere Viskosität
des heißen Wassers, das sich damit schneller an der
Brandstelle ausbreiten kann als kaltes und damit
nochmals das Feuerlöschen leichter macht.

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LexPI Bd. 2 Hering 140

Hering
Der Hering ist ein reiner Salzwasserfisch
Von den rund 160 Heringsarten, die es heute gibt,
leben einige auch in süßem Wasser: Der Maifisch und
der Kaspi-Hering etwa wandern weit in den Oberlauf
von Flüssen.
& Lit.: W. Eigener: Großes Farbiges Tierlexikon,
Herrsching 1982.

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LexPI Bd. 1 Herz 142

Herz
Unser Herz schlägt links
Unser Herz schlägt weder links noch rechts, sondern
in der Mitte. Es sitzt ziemlich zentral in unserem
Brustkorb, unmittelbar hinter dem Brustbein zwi-
schen linkem und rechtem Lungenflügel.

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LexPI Bd. 2 Heute gehört uns Deutschland ... 140

Heute gehört uns Deutschland ...


... und morgen die ganze Welt. So erinnert sich etwa
Lehrer Matthes in Walter Kempowskis »Uns geht's ja
noch gold«. »Dieses Lied, das hätte uns schon stutzig
machen müssen ...«
Dieses Lied schrieb Hans Baumann 1932 für die
katholische »Deutschmeister Jungenschaft«. Hier die
so oft zitierte Textpassage, wie sie wirklich heißt (zi-
tiert nach P. Buscher: »Das Stigma«, Koblenz 1988,
S. 336):
Wir werden weiter marschieren,
wenn alles in Scherben fällt,
denn heute, da hört uns Deutschland,
und morgen die ganze Welt.

Kein Lied für Greenpeace, zugegeben, aber zwischen


Gehörtwerden und Besitzen gibt es dennoch einen
Unterschied.
& Stichwort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 1 Hexen 142

Hexen
Hexenverbrennungen sind eine Erfindung des
Mittelalters
Das sogenannte »finstere Mittelalter« (»the dark
ages«, wie die Engländer sagen), die Zeit vom Unter-
gang des weströmischen bis zum Untergang des ost-
römischen Reiches, also von rund 500 bis 1500 nach
Christus, hat heute einen schlechten Ruf – es gilt
nicht gerade als die große Wunschepoche, in die wir
aufgeklärten Neuzeitler uns gern zurückversetzen la-
ssen würden.
Unter diesem kollektiven Naserümpfen wird aber
häufig übersehen, daß eine der finstersten Episoden
der ganzen Menschheitsgeschichte, die heute kaum
mehr nachvollziehbare Hexenhysterie vergangener
Jahrhunderte, gar nicht im Mittelalter stattgefunden
hat. Sie kam vielmehr erst nach dessen Ende, in der
Renaissance, in dem Zeitalter des Lichts und der Er-
leuchtung, und mit der aktiven Unterstützung vieler
heute hochverehrter Menschenfreunde, so richtig in
die Gänge.
Die Wahrscheinlichkeit, als Hexe oder Hexer auf
dem Scheiterhaufen zu enden, war zu Zeiten Luthers,
Galileis oder Gutenbergs weit größer als davor. Zwar
konnte man auch im Mittelalter durchaus durch das
Feuer sterben, vor allem wegen Ketzerei und Insubor-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hexen 142

dination gegen die allgegenwärtige Kirche, aber He-


xenprozesse, wie wir sie aus dem modernen Kino
kennen, mit ihren absurden Anklagen wegen Be-
schwören des Wetters, Beischlaf mit dem Satan, Ver-
zaubern ungeliebter Nachbarskinder oder Orgien auf
Besenstielen, so wie sie später routinemäßig gegen
fast jeden und jede erhoben und beglaubigt wurden,
der oder die sich zu sehr von seinem oder ihrem
Nachbar unterschied, solchen kollektiven Wahnsinn
gab es damals nicht.
Der richtige Hexenwahnsinn geht erst viel später
los, zunächst mit vereinzelten Prozesse ab etwa 1400:
hier ein exaltierter Mystiker, da ein Wünschelruten-
gänger, Ketzer, Zauberer – für damalige Zeiten nichts
besonderes. Dann, im Jahr 1419, erscheint in einem
Prozess im schweizerischen Luzern zum ersten Mal
das Wort »hexereye«, und das Konzil zu Basel nimmt
sich dieses Themas an. Aber von Hexenhysterie noch
keine Rede (auch wenn im Jahr 1430 die Heilige Jo-
hanna als Semi-Hexe auf dem Scheiterhaufen stirbt:
sie war eher Opfer eines politischen Schauprozesses,
was auch von den meisten Beteiligten genau in die-
sem Sinn gesehen wurde).
Diese Massenhysterie, die den Hexenwahn zu einer
wohl nur noch mit dem Nazi-Rassenwahn vergleich-
baren historischen Entgleisung ausarten läßt, entwi-
ckelt sich erst langsam in vereinzelten Regionen um
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hexen 143

die Alpenberge, wie ein zaghaftes Kaminfeuer zuerst,


bis dann im Jahr 1487 und damit fast pünktlich mit
Beginn der Renaissance der berühmte »Hexenham-
mer« erscheint, ein Buch mit dem Titel »Malleus Ma-
leficarum« des Dominikanermönches Heinrich Insti-
toris, das die Hexenhysterie dann wirklich flächendek-
kend lostritt. Denn mit diesem Buch und mit ver-
wandten Werken, die um diese Zeit erscheinen, wird
quasi wissenschaftlich nachgewiesen, daß es Hexen
gibt, wird in gelehrten Worten abgehandelt, warum
sie existieren, was sie alles anrichten, wie man sie er-
kennt, und natürlich auch, wie mit ihnen zu verfahren
ist. Erst jetzt, nach dem Motto »Gefahr erkannt, Ge-
fahr gebannt« wird das Hexenverbrennen quasi zur
Staatsaufgabe, erst jetzt, hundert Jahre nachdem das
Mittelalter begraben ist, wird Hexenjagd zur Bürger-
pflicht: In mehreren Wellen, besonders intensiv zwi-
schen 1560 und 1630, wälzt sich der Wahn über
Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, über
England, Schottland, Rußland, Böhmen, Skandina-
vien, nicht von dumpfem Aberglauben, sondern von
feingebildeten Juristen und akkuraten Bürokraten an-
getrieben, die ihre Bücher und Paragraphen bestens
kennen und die alles andere als »Hinterwäldler und
Dorftrottel« gewesen sind.
»Es waren Wissenschaftler, Universitätsprofesso-
ren, hochangesehene Theologen, Philosophen, Juri-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hexen 144

sten, die die Existenz von Hexen, die von der Kirche
jahrhundertelang bestritten worden war, für wahr und
ihre Verfolgung für notwendig erklärten« (Gerhard
Prause). Als etwa der durchaus gebildete und human
gesinnte Kaiser Maximilian I., der dem Hexenwahn
eher skeptisch gegenüberstand, einen Humanisten um
ein Gutachten dazu bat, wurde ihm die Existenz von
Hexen quasi wissenschaftlich beglaubigt (soviel zur
Seriosität wissenschaftlicher Gutachten). Auch der
berühmte Arzt Paracelsus wie auch viele Reformato-
ren inklusive Martin Luther haben die Hexenverfol-
gungen ausdrücklich gebilligt und oft und nachdrük-
klich gefordert, daß diese getötet werden müßten und
»keine Barmherzigkeit« verdienten; denn Zauberei
und Hexerei seien ganz klar Teufelsdinge.
Der vielleicht größte und brutalste Wüterich unter
diesen heute gern als Lichtgestalten verehrten Refor-
matoren war wohl der Schweizer Johann Calvin. Vor
seinem Auftreten auf der politischen Bühne kamen
vermeintliche Hexer und Hexen in Calvins Heimat-
stadt Genf oft mit leichten Strafen wie Verbannung
davon – verbrannt wurden in den Jahren 1495 bis
1531 kaum ein Dutzend. Erst Calvin nötigte die Gen-
fer Bürger, alle Hexen mit Stumpf und Stiel und mög-
lichst grausam – als Abschreckung für andere – aus-
zurotten, und anders als die weltlichen Ratsherren be-
stand er rigoros auf der Verbrennung aller Zauberer
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hexen 144

und Hexer, auch der für Mensch und Tiere unschädli-


chen, die man bis dato hatte laufen lassen. Das alles
ist in überlieferten Protokollen von Genfer Ratssitz-
ungen noch heute wörtlich nachzulesen.
Die Mechanik hinter diesem Ausbruch kollektiven
Wahnsinns ist immer noch ein Rätsel. War es religi-
öser Übereifer (zweifelhaft: die eifrigsten Hexenjäger
waren Laien), die Angst des Mannes vor dem »ewig
unergründlich Weiblichen« (genauso zweifelhaft:
auch Männer wurden als Hexen verbrannt, in gewis-
sen nördlichen Ländern sogar mehrheitlich) oder ein-
fach nur ein grandioser Zusammenbruch aller Werte
und Normen nach den Pestkatastrophen und sonstigen
Verheerungen der vergangenen Jahrhunderte? Welche
finsteren Seiten der menschlichen Natur auch immer
hier den Ausschlag geben – das Mittelalter hat mit all
dem nur am Rand zu tun.
& Lit.: Oskar Pfister: Calvins Eingreifen in die
Hexer- und Hexenprozesse von Peney 1545 nach
seiner Bedeutung für Geschichte und Gegenwart,
Zürich 1947; Gerhard Prause: Tratschkes Lexikon
für Besserwisser, München 1984 (besonders der
Abschnitt über Hexen); Wolfgang Behringer:
»Erträge und Perspektiven der Hexenforschung«,
Historische Zeitschrift 1989, S. 619–640; Andre-
as Blauert (Hrsg.): Die Anfänge der europäischen
Hexenverfolgungen, Frankfurt 1990.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hexen 144

¤ Hexenverbrennungen waren das Werk von Huma-


nisten und Gelehrten

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LexPI Bd. 1 »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« 145

»Hier stehe ich, ich kann nicht anders«


Als Martin Luther am 18. April 1521 vor dem Reich-
stag zu Worms seine »ketzerischen« Schriften vertei-
digte, schloß er seine Rede mit dem damals üblichen:
»Gott helfe mir. Amen.« So zumindest berichten alle
Augenzeugen. Aber dieser Schluß erschien Luthers
Anhängern nicht stark genug, und so fügten sie später
noch das obige Bekenntnis an. Es erschien zum ersten
Mal in der Wittenberger Ausgabe von Luthers Wer-
ken (1539–1558), wurde aber auf dem Wormser
Reichstag nie gesprochen.
& Lit.: Georg Büchmann: Geflügelte Worte, Mün-
chen 1977; Gerhard Ritter: Luther: Gestalt und
Tat, Frankfurt 1985.
¤ Luther vor dem Reichstag: »Hier stehe ich, ich
kann nicht anders« hat er nicht gesagt

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LexPI Bd. 2 Himalaya 140

Himalaya
Im Himalaya gibt es nur Eis und Schnee
Der größte Teil des Himalayas ist staubtrocken und
durch ein Wüstenklima mit Temperaturen von im
Sommer bis zu 30°C bestimmt.
& Lit.: Stichwort »Himalaya« in der MS Microsoft
Enzyklopädie Encarta, 1994; Stichwort vorge-
schlagen von Judith Sievers.

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LexPI Bd. 1 Hippokrates 146

Hippokrates
Der Eid des Hippokrates soll vor allem die Pa-
tienten schützen (s.a. ð »Ärzte«)
Der sogenannte »Eid des Hippokrates« stammt weder
von Hippokrates, noch sagt er das, was viele Medizi-
ner und auch Laien glauben.
Als Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike,
um 377 vor Christus starb, gab es diesen Eid noch
nicht. Wie viele andere Schriften, wurde auch diese
ihm später angedichtet, vermutlich um ihr größeres
Gewicht zu geben.
Und selbst dieser Text wird heute gerne falsch ver-
standen. Denn die moderne Fassung dieses Eides, das
sogenannte Genfer Ärztegelöbnis von 1948, läßt
große Teile des Ausgangstextes aus. Neben Ver-
schwiegenheit und Fürsorge für Patienten (»Die Ge-
sundheit meiner Patienten wiederherzustellen und zu
erhalten wird mein erstes Gebot sein ...« etc.) enthält
dieses Originalgelöbnis nämlich auch verschiedene
Passagen, die weniger das Wohl der Patienten als das
Wohl der Ärzte schützen sollen: »Ich werde die Leh-
ren der Medizin nur meinen Söhnen, den Söhnen mei-
ner Lehrer und rechtmäßig eingeschriebenen Studen-
ten weitergeben, und niemandem sonst«, heißt es etwa
in dem alten Text, in kaum verhüllter Umschreibung
der Absicht, die Zahl der Mediziner und damit die
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LexPI Bd. 1 Hippokrates 146

Zahl der Konkurrenten möglichst klein zu halten, und


auch die in manchen Versionen des Eides enthaltene
Aufforderung, Kollegen und deren Familien kostenlos
zu behandeln, soll wohl primär den Ärzten nützen.
& Lit.: Walter Krämer: »Schotten dicht!« Der Spie-
gel Nr. 30/1981.

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LexPI Bd. 2 Hitler 1 141

Hitler 1
Adolf Hitler hieß eigentlich Adolf Schicklgruber
Hitlers Vater Alois war das uneheliche Kind von
Maria Anna Schicklgruber und Johann Huettler (ge-
schrieben auch Hiedler oder Hitler). Die beiden heira-
teten, als Alois fünf Jahre alt war; mit 40 Jahren
nahm Alois dann den Namen seines Vaters Johann
Hitler an. Als daher 12 Jahre später sein eigener Sohn
Adolf geboren wurde, hieß dieser vom ersten Tag an
Hitler.
& Lit.: Stichwort »Hitler« in Meyers Großes Ta-
schenlexikon, Band 9, Mannheim 1992; Stich-
wort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Hitler 2 141

Hitler 2
Hitlers gefährlichste politische Gegner in
Deutschland waren die Sozialdemokraten und
Kommunisten
Sozialdemokraten und Kommunisten waren zwar Hit-
lers Feinde, aber sie waren Hitler nie gefährlich. »Die
einzigen innenpolitischen Gegner oder Konkurrenten,
mit denen Hitler in den Jahren 1930–1934 ernsthaft
zu rechnen und zeitweise zu kämpfen hatte, waren die
Konservativen. Die Liberalen, Zentrumsleute und So-
zialdemokraten haben ihm nie im geringsten zu schaf-
fen gemacht, ebensowenig wie die Kommunisten«
(Haffner).
Und so ist es auch in den Jahren von Hitlers unum-
schränkter Macht nach 1934 geblieben. Ob in innerer
oder äußerer Emigration: Überzeugte Liberale, Chri-
sten oder Sozialisten waren für die Nazis ungefähr-
lich, genauso wie der »rein symbolische Widerstand«
der Kommunisten. Nur die Konservativen blieben
immer »ein echtes politisches Problem«; es waren fast
durchweg konservative Politiker und Generäle, die
seit 1934 gegen Hitler konspirierten, auch der 20. Juli
1944 war ein »hochkonservatives« Unternehmen. Der
Rest des Widerstands gegen Hitler hatte zwar die
Moral und das gute Gewissen, aber keinerlei Erfolgs-
aussicht auf seiner Seite.
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LexPI Bd. 2 Hitler 2 141

& Lit.: Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler,


München 1978.

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LexPI Bd. 2 Hitler 3 142

Hitler 3
Adolf Hitler war seit seiner Jugend Judenhasser
Hitlers notorischer Antisemitismus ist erst nach dem
Ersten Weltkrieg virulent geworden, als Hitler schon
erwachsen war, als »Erfolgsrezept, wie man aus
einem kleinen Verein eine Massenpartei, eine Volks-
partei machen kann, nämlich durch ein alle Gruppen
einigendes Feindbild« (Hamann). Auch wenn Hitler
selber in »Mein Kampf« das Gegenteil behauptet:
Weder in seiner Linzer noch in seiner Wiener Zeit ist
er als Judenfeind hervorgetreten, seine jüdischen Mit-
schüler an der Linzer Realschule kamen gut mit ihm
zurecht, seine Lieblingsschauspieler am Linzer Stadt-
theater waren fast ausschließlich Juden, sein Linzer
Hausarzt war Jude (und Hitler hat sich ihm gegenüber
immer dankbar gezeigt), und in Wien gab Hitler
große Teile seines knappen Geldes für Operninsze-
nierungen des Juden Gustav Mahler aus.
Auch die oft kolportierte Legende, Hitlers Juden-
haß sei durch sein Scheitern an der Kunstakademie,
das er den jüdischen Professoren angelastet habe, ver-
ursacht oder mitverursacht worden, wird von Brigitte
Hamann nicht bestätigt: unter Hitlers Lehrern gab es
keine Juden.
& Lit.: B. Hamann: Hitlers Wien – Lehrjahre eines
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LexPI Bd. 2 Hitler 3 142

Diktators, München 1996; K.-H. Janßen: »Die


Mitgift aus Wien«, Die Zeit 41/1996.

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LexPI Bd. 2 Hitler 4 142

Hitler 4
Hitler war ein Faschist
»Nichts ist irreführender, als Hitler einen Faschisten
zu nennen«, schreibt Sebastian Haffner. Und in der
Tat, wenn man getreu dem Lexikon unter »Faschis-
mus« eine »durch künstliche Massenbegeisterung ab-
gestützte Herrschaft der Oberklasse« versteht, so
kann man Hitler kaum einen Faschisten nennen. Seine
Ziele und Methoden standen Stalin weitaus näher als
Mussolini, die Nazi-Ideologie propagierte fast das
Gegenteil der typisch faschistischen Ideale einer stän-
disch-bürgerlich-hierarchischen Gesellschaft.
& Lit.: Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler,
München 1978; Stichwort »Faschismus« in Mey-
ers Großes Taschenlexikon, Band 7, Mannheim
1992.

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LexPI Bd. 2 Hochwald 143

Hochwald
Ein Hochwald ist ein hoher Wald
Ein Hochwald muß weder aus hohen Bäumen beste-
hen noch hoch gelegen sein; er ist einfach das Gegen-
teil von Niederwald, und das ist wiederum ein Wald,
dessen Bäume in jungen Jahren kurz über der Erde
abgeschnitten werden. Dadurch kommen unterhalb
des Schnittes neue Triebe, die jeder für sich zu einem
neuen Baumstamm werden; so entsteht rein massemä-
ßig viel mehr Holz.
Naturgemäß wachsen diese neuen Stämme nicht so
hoch, wie ein Einzelstamm gewachsen wäre; bei einer
gegebenen Art von Baum ist Hochwald also wirklich
höher als der aus der gleichen Holzart gewachsene
Niederwald. Auf der anderen Seite aber können die
Niederwälder mancher Bäume durchaus gewisse
Hochwälder an Höhe übertreffen.
& Stichwort vorgeschlagen von Ludwig Krämer.

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LexPI Bd. 1 Höhlenmenschen 146

Höhlenmenschen
Die ersten Menschen lebten größtenteils in Höh-
len
Weil wir so viele Zeugnisse der frühen Menschen
ausgerechnet in Höhlen finden, kann man in der Tat
leicht glauben, unsrere Vorfahren hätten dort auch
größtenteils gelebt. In Wahrheit dienten Höhlen aber
immer nur als kurzfristige Ausweichquartiere und
Verstecke – die ersten Menschen lebten, jagten, arbei-
teten und schliefen wenn immer möglich im Freien an
der frischen Luft. Daß wir dort viel weniger Zeugen
ihres Lebens finden, liegt einfach daran, daß Wind
und Wetter diese Zeugen anders als in Höhlen bald
zerstörten.
& Lit.: Stichwort »Cave dwellers« in Microsoft
CD-ROM Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 2 Holland 143

Holland
Holland ist ein anderer Name für die Niederlande
Die Niederlande bestehen aus elf Provinzen, nur zwei
davon heißen »Holland«: die Provinzen »Noord Hol-
land« und »Zuid Holland« zwischen Ijsselmeer und
Nordsee (die anderen Provinzen sind Groningen,
Friesland, Overijssel, Gelderland, Fleveland, Drenthe,
Utrecht, Zeeland, Noord Brabant und Limburg). Mit
dem gleichen Recht könnten wir die Niederlande also
auch »Zeeland« oder »Limburg« nennen.
& Stichwort vorgeschlagen von Ronald Müller.

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LexPI Bd. 2 Hollywood 143

Hollywood
Hollywood ist die Hochburg der weltweiten Spiel-
filmindustrie
Die weltweit meisten Spielfilme werden seit vielen
Jahren in Indien gedreht – rund 900 jährlich, pro Tag
mehr als zwei, verglichen mit nur 400 jährlich in den
USA.
& Lit.: P. Robertson: Das neue Guinness Buch
Film, Berlin 1993.

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LexPI Bd. 1 Holz 147

Holz
Holz schwimmt immer auf dem Wasser
Es gibt tropische Hölzer wie das Ebenholz
(1080g/cdm), das Pockholz (1280g/cdm) oder das
Veilchenholz (1300g/cdm), die, wenn man sie ins
Wasser wirft, sofort versinken. Am schwersten ist
wohl das Holz des von Holzfällern auch »Axtbre-
cher« genannten Quebrachobaums mit 1490 Gramm
pro Kubikdezimeter, der vor allem in Südamerika
wächst und dort als Bauholz und Rohstoff für Gerb-
mittel dient (Tannin).
& Lit.: William C. Vergara: Das Blaue vom Him-
mel herunter gefragt, Augsburg 1993.

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LexPI Bd. 2 Holzfreies Papier 144

Holzfreies Papier
Holzfreies Papier ist holzfrei
Holzfreies Papier enthält durchaus auch Holz; nur der
sogenannte Holzschliffanteil fehlt. »Holzschliff« ist
einer der sogenannten »Halbstoffe«, aus denen man
den »Ganzstoff«, das Material für das Papier, zusam-
menmischt; er wird aus kleingeraspelten Baumstäm-
men, in der Regel von Nadelbäumen, hergestellt. An-
dere »Halbstoffe« basieren auf Altpapier, Textilien
(»Hadern«) oder Stroh, aber auch aus Holz: neben
dem Holzschliff noch der Sulfidzellstoff, der in einem
Zellstoffkocher aus kleingehacktem Holz entsteht.
& Lit.: Stichwort »Papier« in Meyers Großes Ta-
schenlexikon, Band 16, Mannheim 1992; Stich-
wort vorgeschlagen von H. van Maanen.

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LexPI Bd. 2 Holzwurm 144

Holzwurm
Der Holzwurm ist ein Wurm
Der Holzwurm (Anobium pertinax) ist ein Käfer; an
Würmer erinnern allenfalls seine Larven, die in alten
Holzschnittwerken die bekannten Gänge hinterlassen.
& Lit.: W. Eigener: Großes Farbiges Tierlexikon,
Herrsching 1982; Stichwort vorgeschlagen von
Ursula Klein.

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LexPI Bd. 2 Hongkong 144

Hongkong
Es gibt eine Stadt namens Hongkong
Vielleicht in den USA, wo es ja auch Dutzende von
Moskaus, Wiens und Londons gibt, aber nicht in
Asien. In der ehemaligen britischen Kronkolonie
Hongkong gab und gibt es viele Städte und Gemein-
den, keine davon heißt Hongkong. Die Städte auf der
Insel Hongkong, von der die Ex-Kolonie den Namen
hat, heißen Victoria und Aberdeen, die Stadt auf dem
Festland gegenüber heißt Kowloon.
& Stichwort vorgeschlagen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Hornissen 145

Hornissen
Ein Hornissenstich ist besonders gefährlich
Der Stich einer Hornisse (Vespa crabro) ist nicht ge-
fährlicher als der Stich einer Biene oder Wespe; der
Volksglaube, drei Hornissen könnten einen Menschen
töten, sieben gar ein Pferd, ist falsch. Entscheidend ist
allein, wohin die Hornisse sticht. Ein Stich in die
Zunge oder in die Lippe, in den Mund oder in ein
Blutgefäß ist immer gefährlich, aber dies gilt auch für
eine Biene oder Wespe. In jedem Fall ist der Stich
einer Hornisse wegen des hohen Anteils von Seroto-
nin, Acetylcholin und Histamin im Hornissengift be-
sonders schmerzhaft, und manche Menschen reagieren
auf das Gift allergisch.
& Lit.: Grzimeks Tierleben, Bd. 2, Stuttgart 1969.

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LexPI Bd. 2 Hula-Hoop 145

Hula-Hoop
Die Hula-Hoop-Reifen sind ein neumodischer Fir-
lefanz
Der Hula-Hoop-Welle der späten 50er Jahre – allein
in den USA wurden in sechs Monaten 20 Millionen
Reifen verkauft – hatte ihre ersten Vorläufer schon in
der Antike: Um 1000 v. Chr. etwa legten sich Kinder
im Vorderen Orient Reifen aus Reblaub zum Kreisen
um die Hüften. Auch in Südamerika (Reifen aus Zuk-
kerrohr) oder im mittelalterlichen England gab es
schon lange vor dem 20. Jahrhundert viele Hula-Tän-
zer, die unter König Edward sogar eine regelrechte
Hula-Manie erzeugten; mehrere Menschen sollen vor
Überanstrengung gestorben sein. Die neuzeitlichen
Vermarkter brauchten diesen humanen Hüftschwung-
Urtrieb also nur noch wiederzuerwecken.
& Lit.: C. Panati: Universalgeschichte der ganz ge-
wöhnlichen Dinge, Frankfurt a.M. 1994.

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LexPI Bd. 1 Hummeln 147

Hummeln
Hummeln stechen nicht
Anders als Wespen oder gar Hornissen gelten Hum-
meln als eher gutartig; sie haben wie die Honigbienen
eine strenge soziale Hackordnung mit Königin, Droh-
nen und Arbeiterinnen; sie sammeln wie diese Nektar
aus den Blüten von Pflanzen. Anders als die Bienen
lassen sie sich auch, wenn man vorsichtig ist, mit der
Hand einfangen, ohne sich mit ihrem Stachel zu wehr-
en. Aber wenn sie sich ernsthaft bedroht fühlen, kön-
nen sie auch stechen.
& Lit.: Stichwortartikel »Bumblebee« in Encyclo-
paedia Britannica, Chicago 1985.

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LexPI Bd. 1 Hunde 147

Hunde
Hunde und Katzen vertragen sich nicht
Es gibt keine genetisch oder biologisch begründete
Feindschaft zwischen Hunden und Katzen. Natürlich
werden Aggressionen wach, wenn einer das Territo-
rium des anderen verletzt, auch Mißverständnisse der
Körpersprache kommen vor. Hebt etwa ein Hund die
Vorderpfote, heißt das »Ich will spielen«, hebt eine
Katze ihre Vorderpfote, heißt das »Hau ab, oder es
kracht«. Auch halten Hunde das Schnurren der Kat-
zen – ein Zeichen des Wohlbefindens – falsch für
Knurren und damit für das Gegenteil, was weitere
Mißverständnisse erzeugt. Aber mit etwas Übung
können sich Hunde und Katzen durchaus auf eine ge-
meinsame Sprache verständigen und problemlos mit-
einander leben.
& Lit.: Götz Weihman (Hrsg.): Gibt's das wirklich?
50 Fragen an die Wissenschaft, Stuttgart 1976.

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LexPI Bd. 2 Hunde 1 145

Hunde 1
Hunde sind die klügsten Haustiere
Das klügste Haustier ist das Schwein; es landet in
einer Liste der intelligentesten Säugetiere des Har-
vard-Zoologen E.O. Wilson hinter diversen Affen
(Menschen eingeschlossen), hinter dem Delphin und
dem Elefanten, aber noch vor dem Hund auf einem
ehrenvollen elften Platz.
Auch unter Hunden gibt es große Unterschiede.
Wenn es gilt, verstecktes Futter aufzufinden oder zu
bemerken, daß Herrchen oder Frauchen Gassi gehen
möchte, verstehen Border Collies, Pudel oder Schäfer-
hunde am schnellsten die Signale; am längsten brau-
chen die englische Bulldogge, der Basenji und beson-
ders der Afghane, der dümmste unter allen unseren
Hunden.
& Lit.: »Intelligenzbestien im Härtetest«, Focus
16/1994; S. Coren: The intelligence of dogs, New
York 1994.

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LexPI Bd. 2 Hunde 2 146

Hunde 2
Hunde, die bellen, beißen nicht
Hunde bellen aus den verschiedensten Gründen: um
zum Spielen aufzufordern, um Freude oder Langewei-
le auszudrücken, aber auch zur Abwehr und als Dro-
hung. Und wenn man diese Drohung ignoriert, dann
wird nach dem Bellen auch gebissen.
& Lit.: F. Ohl: »Ontogenese der Lautäußerung bei
Haushunden«, Diplomarbeit, Fachbereich Biolo-
gie, Universität Kiel 1994; »Wehe, wenn er drei-
mal bellt«, Focus 11/1994.

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LexPI Bd. 2 Hunde 3 146

Hunde 3
Der Ausdruck »vor die Hunde gehen« hat etwas
mit Hunden zu tun
Wenn in alten Zeiten ein Bergmann schlecht gearbei-
tet hatte, mußte er zur Strafe den Transportkarren, die
sogenannte Hunte ziehen; so kam jeder, den das Er-
denglück verlassen hatte, »vor die Hunte«.
& Lit.: Vitus B. Dröscher: Sie turteln wie die Tau-
ben, Hamburg 1988; Stichwort vorgeschlagen
von Jürgen Kloppenburg.

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LexPI Bd. 2 Hundertjähriger Kalender 146

Hundertjähriger Kalender
Der Hundertjährige Kalender hilft bei der Wet-
terprognose
Die Prognosen des Hundertjährigen Kalenders und
das wahre Wetter sind völlig unabhängig voneinan-
der; wie zahlreiche Vergleiche immer wieder zeigen,
haben das tatsächliche Wetter und der Hundertjährige
Kalender miteinander nichts gemein. Der Hundertjäh-
rige Kalender wurde von einem Abt des Klosters
Langheim namens Moritz Knauer im 17. Jahrhundert
aufgestellt. Knauer glaubte, die sieben »Planeten« re-
gierten unser Wetter: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne,
Venus, Merkur und Mond; diese wechselten ihren
Einfluß in festem Rhythmus ab. Saturn: kalt und
feucht; Jupiter: warm und trocken; Mars: trocken,
heiße Sommer; Sonne: mäßig warm und trocken;
Venus: warm und schwül; Merkur: kalt und trocken;
Mond: kalt und feucht, aber mit warmen Sommern.
Und dann das Ganze von vorne, immer wieder ...
Das Jahr 1998 gehört dem Merkur. Die Prognosen
sind:
»Januaris continuiert die Kälte, den 8. Schnee, 9.
kalt bis 14.; da es gelinde schneit. Es regnet bis den
23., da es gelinde wird. Februaris fängt trüb an, den
5. schön, darauf unlustig. Den 9. fällt große Kälte ein,
den 10. ein sehr kalter Tag, dergleichen in vielen Jah-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Hundertjähriger Kalender 147

ren nicht gewesen ist« usw.


Damit kann jeder Leser die Korrektheit dieser
Prophezeiung selber überprüfen.
& Lit.: P. Bisolli: »Eintrittswahrscheinlichkeit und
statistische Charakteristika der Witterungsfälle in
der Bundesrepublik Deutschland und West-Ber-
lin«, Institut für Meteorologie und Geophysik,
Universität Frankfurt a.M. 1991; H. Malberg:
Bauernregeln aus meteorologischer Sicht, Berlin
1993.

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LexPI Bd. 1 Hundertjähriger Krieg 148

Hundertjähriger Krieg
Der Hundertjährige Krieg dauerte hundert Jahre
Der sogenannte Hundertjährige Krieg, den sich die
Franzosen und Engländer im Mittelalter lieferten,
dauerte in Wahrheit 114 Jahre, von 1339 bis 1453. Er
begann, als die französische Königsfamilie der Kape-
tinger ausstarb und der englische König Eduard III.,
den vakanten Thron reklamierend, Frankreich Eng-
land einverleibte. Die Franzosen wehrten sich, und
nach wechselvollen Kämpfen mußten sich die Englän-
der bis 1453 vollständig zurückziehen, sie behielten
nur die Kanalinseln und Calais (bis 1558 englisch).
& Lit.: Stichwort »Hundertjähriger Krieg« in Brock-
haus Enzyklopädie, 19. Auflage, Mannheim
1990.

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LexPI Bd. 1 Hundstage 148

Hundstage
Die Hundstage heißen so, nicht weil es selbst Hunden
zu heiß wird, sondern weil um diese Zeit des Jahres
der Sirius, der Hundestern, mit der Sonne zusammen
aufgeht. In der Antike glaubte man, daß dieser Stern
noch zusätzliche Hitze brächte.
& Lit.: Stichwort »Hundstage« in Brockhaus Enzy-
klopädie, 19. Auflage, Mannheim 1990.

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LexPI Bd. 2 Hünengräber 147

Hünengräber
Hünengräber sind Gräber für Hünen
Die sogenannten Dolmen- oder Hünengräber, wie
man sie oft in der Bretagne, aber auch in anderen Re-
gionen Frankreichs wie auch Deutschlands findet,
sind zwar Gräber, aber nicht für Hünen. Ihre überpro-
portionalen Ausmaße – bis drei Meter lang, zwei
Meter breit, rechts und links und obenauf ein riesiger,
massiver Stein – erklären sich einfach daraus, daß in
einer einzigen solchen Grabstätte mehrere Dutzend
Männer, Frauen und Kinder auf einmal ihre letzte
Ruhe fanden.
& Stichwort vorgeschlagen von Heidi Wettich.

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LexPI Bd. 1 Hunger 148

Hunger
Hungersnöte entstehen durch ein Defizit an Nah-
rungsmitteln
Nur wenige Hungerkatastrophen entstehen durch ein
Defizit an Nahrungsmitteln. Bei den meisten Hun-
gersnöten dieses Jahrhunderts und vergangener Jahr-
hunderte waren sowohl weltweit als auch in den be-
troffenen Regionen der Erde selber reichlich Brot und
Reis vorhanden.
Während der großen 1974er Hungersnot in Bangla-
desch z.B. gab es dort mehr Reis pro Kopf als in
jedem anderen Jahr von 1971 bis 1976. Während der
Hungersnot in Äthiopien 1973 war die örtliche Nah-
rungsmittelproduktion nur minimal gesunken, und
auch bei anderen großen Hunger-Katastrophen wie
der in Irland 1845 stellt man immer wieder fest, daß
es eigentlich genug zu essen gab. (Damals starben in
Irland rund eine Million Menschen; andere wanderten
aus, die Bevölkerung ging von 8 auf 5 Millionen
Menschen zurück, aber dennoch wurden Tausende
von Tonnen Fleisch und Weizen von Irland nach Eng-
land exportiert.)
Das eigentliche Problem bei Hungerkatastrophen,
so der Harvard-Wirtschaftsprofessor Amartya Sen, ist
nicht die Menge der Nahrungsmittel, sondern die Ver-
teilung: Obwohl es prinzipiell für alle ausreichend zu
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hunger 149

essen gibt, bleiben die Brotkörbe oder Reisschüsseln


vieler Menschen leer – die Lebensmittel finden nicht
den Weg zum Endverbraucher, Brot und Reis verrot-
ten in den Lagerhäusern. Die große Hungersnot in
Bangladesh im Jahr 1974 z.B. entstand vor allem
durch die Massenarbeitslosigkeit im Herbst: Durch
riesige Überschwemmungen im Sommer kam die
Landwirtschaft in großen Teilen des Landes zum Er-
liegen, Hunderttausende von Tagelöhnern verloren
ihre Arbeit und damit die Mittel, Reis zu kaufen; ob-
wohl es noch genug Reis aus der Ernte des Vorjahres
gab und auch die aktuelle Ernte durch die Über-
schwemmungen nur marginal betroffen war, sind Tau-
sende von Menschen vor Hunger umgekommen.
Das beste Mittel gegen Hunger, so Sen, ist nicht
eine direkte Lebensmittelhilfe; diese beruhigt im wes-
entlichen nur das westliche Gewissen (und reduziert
ganz nebenbei auch unsere Butter-, Fleisch- und Wei-
zenberge), entmutigt aber die lokale Produktion und
macht so die Lage letzten Endes nur noch schlimmer.
Das beste Mittel gegen Hunger ist Bargeld für die
Hungernden. Dann können sie sich ihr Essen ganz
einfach wieder an der nächsten Ecke kaufen.
& Lit.: Amartya Sen: Poverty and Famines, Oxford
1981; Amartya Sen: »The economics of life and
death«, Scientific American, Mai 1993, S. 18–25;
»Famine? What Famine?«, The Economist,
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Hunger 149

24.6.1995; »Bis zur letzten Kartoffel«, Frankfur-


ter Allgemeine Zeitung, 30.6.1995.

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LexPI Bd. 2 Hyänen 148

Hyänen
Hyänen sind feige Aasfresser (s.a. ð »Löwen 2«)
Hyänen sind weder feige, noch fressen sie ausschließ-
lich Aas. Der holländische Verhaltensforscher Hans
Kruuk hat mehrere Jahre das Leben der afrikanischen
Hyänen beobachtet und dabei verschiedene überra-
schende Entdeckungen gemacht. Z.B. daß Hyänen
eher gesunde, erwachsene Tiere jagen als alte oder
kranke, und daß Hyänen Aas nur essen, wenn sie per
Zufall welches finden. Im großen und ganzen aber
töten Hyänen ihre Beute selbst.
Eine einzige Hyäne jagt ein großes, gesundes Gnu
oft viele Kilometer weit. »Dann verbeißt sie sich mit
starken Kiefern schnell so tief in das Gnu, daß es in
Sekunden vom Schock gelähmt ist. Die Hyäne tötet
rasch und macht sich dann über ihr Opfer her.«
»Doch nichts widerspricht den üblichen Vorstel-
lungen, die wir bisher von den Hyänen hatten, so sehr
wie ihre Methoden bei der Zebrajagd«, lesen wir bei
Rensberger. »Sie sind ein sehr guter Beweis sowohl
für die komplexe soziale Struktur, innerhalb derer die
Hyänen leben, als auch für ihre erstaunlichen Leistun-
gen als Jäger.« Denn Zebras wissen sich durchaus zu
wehren, eine einzelne Hyäne hätte gegen die Hufe
eines Zebras keine Chance. Deshalb schließen sich
die Hyänen zur Zebrajagd zusammen, sie umkreisen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Hyänen 148

und verfolgen diese, versuchen, einzelne Tiere von der


Herde abzudrängen, dabei immer auf der Flucht vor
starken Zebrahengsten, die die Hyänen beißen und mit
Hufen treten. Dann: »Plötzlich faßte ein Hyäne ein
junges Zebra, während der Hengst eine andere Hyäne
jagte. Dieses Fohlen blieb etwas zurück, und in weni-
gen Sekunden hatten sich 12 Hyänen auf das Tier ge-
stürzt. Innerhalb von 30 Sekunden hatten sie das Ze-
brafohlen zu Boden gerissen, während die anderen
Zebras langsam weiterliefen. (...) Zehn Minuten,
nachdem das Zebra gerissen worden war, lief die letz-
te Hyäne mit dem Kopf des Fohlens davon, und an
der Stelle, wo es gelegen hatte, sah man nur noch
einen dunklen Fleck ...«
Auf diese Weise jagen Hyänen auch andere große
Tiere. Aber diese Jagd geschieht oft nachts, wenn die
Verhaltensforscher und Touristen schlafen. Beim
Morgengrauen sieht man dann den Löwen bei der
Beute, die Hyänen abwartend dahinter. Aber nicht der
Löwe hat das Tier getötet, während die Hyänen feige
auf die Reste warten, in Wahrheit hat der feige Löwe
seine Beute den Hyänen weggenommen.
& Lit.: Hans Kruuk: The spotted Hyena, New York
1972; Jan van Lawick-Goodall und Hugo van
Lawick: Unschuldige Mörder. Bei den Raubtieren
der Serengeti, Reinbek 1974; B. Rensberger: Der
Kult mit der Wildnis, Berlin 1980; J.D. Scott:
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Hyänen 149

»Von feigen Löwen und mutigen Hyänen«, Das


Beste, März 1997.
¤ Streifenhyänen

Das digitale Lexikon der populären Irrtümer


I 150

»Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist,


kommt keine Klugheit auf.«
Theodor Fontane

»Die Menschen können nicht sagen,


wie sich eine Sache zugetragen,
sondern nur wie sie meinen,
daß sie sich zugetragen hätte.«
Georg Christoph Lichtenberg

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LexPI Bd. 2 »Ich schau dir in die Augen, Kleines!« 150

»Ich schau dir in die Augen, Kleines!« (s.a. ð


»Play it again, Sam!« in Band 1)
Offenbar fühlen sich viele Falschübersetzer durch das
Trio Bogart-Casablanca-Bergman ganz besonders an-
gezogen. Eine korrekte Übersetzung des Bogartschen
»Here's looking at you, kid!« – oben mit »Ich schau
dir in die Augen, Kleines!« übersetzt – wäre z.B. »Na
dann Prost!«
Die Floskel »Here's looking at you« geht auf alte
englische Wirtshausbräuche zurück. Damals mußte
man beim Trinken Angst vor stehlenden Kumpanen
haben; besonders gefährlich war dabei das Heben und
Leeren des Bierkruges, da dann für kurze Zeit die
Sicht auf potentielle Taschendiebe unterbrochen
wurde; um diese abzuschrecken, pflegte man beim
Heben des Bierkruges zu sagen: »Versuch's erst gar
nicht, ich habe dich im Blick« – »Here's looking at
you«. Historisch inkorrekt sind daher auch die folgen-
den von H. Metes und T. Rubinowitz erfundenen Ver-
sprecher:
1. Ich schau dir in die Augen, Großes
2. Ich schau dir in die Ohren, Kleines.
3. Ich schau dir in die Augen, Ingrid.
4. Ich ruf dich an. Blödsinn!
5. Ich schau dir Ingrid Ausschnitt, Klei – Mist!
6. Ich klau dir was vom Aufschnitt, Reiner.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 »Ich schau dir in die Augen, Kleines!« 150

& Lit.: R. Hanewald: Spaß mit Sprachen, Bielefeld


1984; Stichwort vorgeschlagen von Christian
Kleiber und Osman Sankoh.

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LexPI Bd. 1 »Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen« 150

»Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen


kämen« (siehe auch ð »Waterloo«)
So soll Wellington vor Waterloo gesprochen haben,
aber diesen Ausspruch hat er nie getan. Als Welling-
ton vor der Schlacht mit seinen Generälen zum letzten
Mal zusammensaß, sagte er nur: »Unser Plan ist ganz
einfach: die Preußen oder die Nacht.« Mit anderen
Worten, Wellington setzte darauf, daß sich die Fran-
zosen beim ständigen Anrennen gegen die Engländer
erschöpfen würden; diese bräuchten dann nur zu war-
ten, bis es entweder dunkel würde oder die Preußen
kämen.
Und so geschah es auch: Die Franzosen rannten an
bis es dunkel wurde, dann kamen die Preußen.
& Lit.: William Lewis Hertslet: Der Treppenwitz
der Weltgeschichte, 11. Auflage, Berlin 1965.

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LexPI Bd. 1 Iglu 150

Iglu
Eskimos leben in Iglus
»Iglu« heißt in der Eskimosprache ganz einfach
»Haus«; in diesem Sinn wohnen die Eskimos natür-
lich so wie wir in Iglus. Aber wenn wir mit »Iglu« die
typischen Schneehäuser meinen, die wir alle instinktiv
mit »Eskimo« verbinden, dann ist dieser Satz ganz si-
cher falsch.
Von den rund 30000 Eskimos, die heute in Kanada
und Grönland leben, haben mehr als die Hälfte noch
nie in ihrem Leben einen Schnee-Iglu gesehen, ge-
schweige denn darin gewohnt. Nur einige wenige ka-
nadische Eskimo-Stämme leben in diesen »echten«
Iglus, das auch nur im Winter, und auch nur, wenn sie
keine anderen Materialien für ihre Quartiere finden.
Die übrigen Eskimos kennen Schnee-Iglus allenfalls
als temporäre Jagdquartiere.
& Lit.: Stichwort »Inuit« im Microsoft CD-ROM
Encyclopädie Encarta.

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LexPI Bd. 2 Importe 151

Importe
Deutschland importiert aus Frankreich vor allem
Mode, Käse und Kosmetik
Deutschland importiert aus Frankreich, seinem welt-
weit größten Lieferanten (Importwert jährlich über 70
Milliarden DM) in erster Linie Autos, gefolgt von
Flugzeugen, Kühlschränken und Waschmaschinen
sowie Chemie- und Eisenwaren. Erst dann kommen
Lebensmittel und Textilien.
Auch die wertmäßig wichtigsten Importe aus ande-
ren Ländern entsprechen vielfach nicht den populären
Vorurteilen: Aus Italien importieren wir vor allem
Maschinen, Autos und Elektrowaren, aus Großbritan-
nien Autos und Büromaschinen, aus Griechenland
Textilien, aus Holland Öl und Erdgas, aus Schweden
Maschinen und Papier.
& Lit.: Fachserie 7 (»Außenhandel«) des Statisti-
schen Bundesamtes, Wiesbaden.

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LexPI Bd. 1 Indianer 151

Indianer
Indianer haben rote Haut (s.a. ð »China«)
Als die ersten europäischen Siedler nach Nordamerika
kamen, nannten sie die Ureinwohner nicht »Rothäu-
te«; sie nannten sie »Indianer«, »Wilde« oder »Hei-
den«.
Der Mythos von den »Rothäuten« geht vermutlich
auf den schwedischen Naturforscher Karl Linné
zurück; Linné hatte im 18. Jahrhundert die Menschen
in »homo europaeus albescens, homo americanus ru-
bescens, homo asiaticus fuscus, homo africanus
niger« eingeteilt, hatte dabei aber übersehen, daß die
manchmal rötliche Gesichtsfarbe der nordamerikani-
schen Indianer allein der Schminke zu verdanken war,
mit der sich diese einzureiben pflegten. Die natürliche
Hautfarbe der Indianer ist ein blasses Braun.
Nichtsdestoweniger wurde in den späteren Aufla-
gen der Linnéschen Werke aus »rubescens = rötlich«
sogar ein »rufus = fuchsrot«, vermutlich angeregt
durch die gleichen Schreibtischgelehrten, die auch die
Chinesen per Ferndiagnose zu Gelben machten; als
dann sogar der große Immanuel Kant, der wohl nie im
Leben einen Indianer von Angesicht gesehen hatte,
deren Hautfarbe als »kupferfarbig = roth« bezeichne-
te, waren die Indianer im westlichen Bewußtsein ein
für allemal als Rothäute verankert.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Indianer 151

& Lit.: Immanuel Kant: »Von den verschiedenen


Racen der Menschen« in: Kants gesammelte
Schriften, 1. Abt., Berlin 1902–1983, Band 1/2,
S. 427ff; Urs Bitterli: Die »Wilden« und die »Zi-
vilisierten«. Grundzüge einer Geistes- und Kultur-
geschichte der europäisch-überseeischen Begeg-
nung, München 1976.

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LexPI Bd. 2 Inflation 151

Inflation
Die deutsche Hyperinflation von 1923 war absolu-
ter Weltrekord
Im Januar 1923 kostete ein Dollar in Deutschland
17.000 Mark, im Juni 4 Millionen Mark und zum
Höhepunkt der Inflation im November 4000 Milliar-
den Mark; ein Pfund Brot kostete im November 1923
250 Milliarden, ein Pfund Fleisch 3000 Milliarden
Mark; Briefmarken wurden im November 1923 in
Deutschland ohne Aufdruck hergestellt – der Post-
beamte übertrug den aktuellen Preis von Hand, und
für die Ersparnisse eines ganzen Lebens konnte sich
ein Universitätsprofessor noch nicht einmal ein Bröt-
chen kaufen.
Aber das ist nicht der Weltrekord: In Ungarn koste-
te ein Dollar im Jahr 1946 4 x 1030 Pengös (die da-
malige ungarische Währung), das ist 10 Trillionen
mal soviel wie das Alter der Erde, in Sekunden seit
dem Urknall ausgedrückt.
& Lit.: B. Nagaro: A short treatise on money and
monetary systems, London 1949; Chronik des 20.
Jahrhunderts, Dortmund 1988.

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LexPI Bd. 2 Inquisition 152

Inquisition
Die Inquisition war eine kirchliche Terrororgani-
sation (s.a. ð »Flache Scheibe« und ð »Jus pri-
mae noctis« sowie in Band 1 ð »Don Carlos«, ð
»Galilei«, ð »Hexen« und ð »Kopernikus«)
Wohl zu keinem Aspekt der menschlichen Geschichte
klaffen Wahrheit und Folklore so weit auseinander
wie in Religions- und Glaubensdingen. Und wohl
keine Epoche der Menschheitsgeschichte hat eine der-
art konzentrierte Falschberichterstattung angezogen
wie das Mittelalter.
Bei dem Stichwort »Inquisition« treffen beide Feh-
lerquellen – das aufgeklärte Schablonendenken in
allen Dingen, die Religion betreffen, und die moderne
Geringschätzung des Mittelalters – sich verstärkend
aufeinander. Und sie produzieren eine geradezu gro-
teske Fehleinschätzung. Denn anders als uns Hunder-
te von Büchern oder Filmen glauben machen wollen,
waren die Inquisitoren des Mittelalters vergleichswei-
se warmherzige, ernsthaft um Gerechtigkeit und Recht
bemühte Leute (»among their contemporaries, the in-
quisitors generally had a reputation for justice and
mercy« – MS Microsoft Enzyklopädie Encarta); zu-
mindest in den Anfangsjahren sahen sie ihre Haupt-
aufgabe eher darin, nicht die Menschen mit Gewalt zu
ihrem Seelenheil zu zwingen, sondern die Menschen
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Inquisition 152

vor Gewalt zu schützen.


Vor der Einsetzung der Inquisition durch Papst In-
nozenz III. regierte in Glaubensdingen das gesunde
Volksempfinden; aufgebrachte Gläubige pflegten als
Ketzer verdächtige Personen kurzerhand zu lynchen,
an geordnete Verfahren war in solchen Fällen nicht zu
denken: »Daraufhin reisten wir zum Konzil in Beau-
vais, um die Bischöfe zu befragen, was zu tun sei«,
berichtet der als »unbequemer, selbständig denkender
Kritiker« bekannte Guibert von Nogent, als mehrere
seiner Schutzbefohlenen wegen Ketzerei verleumdet
worden waren. »Inzwischen aber fürchtete das gläubi-
ge Volk die Nachgiebigkeit der Kleriker, lief beim
Gefängnis zusammen, riß die Häretiker heraus, legte
ihnen draußen vor der Stadt Feuer unter und ver-
brannte sie.«
Um dergleichen Übergriffe zu verhindern, verlangte
Papst Innozenz III. Anfang des 13. Jahrhunderts vor
jeder Verurteilung eine genaue Untersuchung (eben
eine »Inquisition«). Mindestens zwei Zeugen waren
beizubringen, die Beschuldigten waren zu hören und
wurden, wenn sie bereuten, ohne großen Schaden wie-
der freigelassen – verglichen mit der Willkür und der
Lynchjustiz davor ein großer Schritt in Richtung auf-
geklärtes Rechtsverständnis. Todesurteile wurden nur
sehr selten, vor allem gegen »Mehrfachtäter« ausge-
sprochen: Von den insgesamt 930 Urteilen, die der
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Inquisition 153

bekannte Inquisitor Bernard Gui zwischen 1308 und


1332 gegen Ketzer fällte, lauteten 9 auf Wallfahrt, 22
auf Wüstung des Hauses, 69 auf Ausgrabung schon
verstorbener Ketzer, 132 auf das Tragen von Bußge-
wändern, 143 auf Dienst im Heiligen Land, 307 auf
Kerkerhaft und 132 auf Freispruch; nur in 42 Fällen
erkannte Gui auf Verbrennen. Von den insgesamt 114
Angeklagten, gegen die der Inquisitor und Bischof
von Pamiers, Jaques Fournier, verhandelte (der späte-
re Papst Benedikt XII.), dessen Wirken Emmanuel
LeRoy Ladurie in seinem Klassiker »Montaillou« so
plastisch nachgezeichnet hat, landeten nur fünf auf
einem Scheiterhaufen, und Folterungen hat es in den
von Fournier geleiteten Prozessen anders als in weltli-
chen Verfahren nicht gegeben: »Im übrigen ließ Jac-
ques Fournier seine Gefangenen nicht foltern, um Ge-
ständnisse zu erpressen. Er verstand es, im Gespräch
vor Gericht hinter die Geheimnisse der Vorgeladenen
zu kommen: mit viel Spürsinn und viel Geduld. Wo
er Widersprüche in der Aussage eines Zeugen ent-
deckte, oder zwischen den Aussagen verschiedener
Zeugen Widersprüche fand, ruhte er nicht, bis er sich
diese Widersprüche zu seiner Zufriedenheit erklärt
hatte; und er war anspruchsvoll, denn er wollte die
Wahrheit wissen« (LeRoy Ladurie).
Selbst die vielgeschmähte spanische Inquisition
hob sich in vielfacher Weise positiv von ihrem Um-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Inquisition 153

feld ab; die meisten spanischen Inquisitoren, »unter


ihnen feinsinnige, beredte, weltkluge Juristen«, wid-
meten sich der von der Krone gestellten Aufgabe, die
Religion und die religiöse Praxis zu schützen, »mit
dem gebührenden Ernst, auch mit dem dafür notwen-
digen Eifer, doch bekümmert darüber, daß ihre Tätig-
keit dringend erforderlich sei« (E. Straub). Hexenpro-
zesse, im »freien« England oder Holland an der Ta-
gesordnung, waren für die spanische Inquisition kein
Thema, genausowenig wie sexuell abweichendes Ver-
halten, und auch die Zensur gefährlicher Schriften
wurde von der Inquisition nur kurzfristig aus Angst
vor protestantischen Einflüssen energisch betrieben.
»Schon unter Philipp II. begnügte man sich mit harm-
losen Eingriffen. Wer irrige Meinungen widerlegen
mochte, mußte sich mit ihnen vertraut machen kön-
nen. Das war der aufgeklärte Standpunkt der [spani-
schen] Inquisition, den nur wenige in Europa teilten.
Die Bibliothek des Escorial verfügte über eine stattli-
che Sammlung verbotener Schriften für den wissen-
schaftlichen Gebrauch. Höchst kontroverse Erörterun-
gen, etwa über das Recht, sich die Neue Welt anzu-
eignen, konnten damals nur in Spanien geführt wer-
den.«
Im damaligen England hätte man solche Dissiden-
ten einfach aufgeknüpft.

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LexPI Bd. 2 Inquisition 155

& Lit.: O. Pfister: Calvins Eingreifen in die Hexer-


und Hexenprozesse in Peney, Zürich 1947; J. Du-
vernoy: Le registre d'inquisition de Jacques Four-
nier, Toulouse 1965; A. Miller: Hexenjagd,
Frankfurt a.M. 1997; E. LeRoy Ladurie: Montail-
lou – Ein Dorf vor dem Inquisitor, Frankfurt a.M.
1989; Stichwort »Inquisition« in der MS Micro-
soft Enzyklopädie Encarta, 1994; A. Zimmer-
mann: »Finsteres Mittelalter – Bemerkungen zu
einem Schlagwort«, Miscellanea Medievala 23,
1995, S. 1–19; R. Lemm: Die Spanische Inquisi-
tion – Geschichte und Legende, München 1996;
E. Straub: »Gnade! Robert Lemm rettet die Inqui-
sition«, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
1.10.1996; A. Angenendt: Geschichte der Reli-
giosität im Mittelalter, Darmstadt 1997.

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LexPI Bd. 1 Intellektuelle 151

Intellektuelle
Die Intellektuellen sind das moralische Gewissen
einer Nation
Intellektuelle, also Leute, die ihren Lebensunterhalt
mit Schreiben und Reden bestreiten bzw. gerne be-
streiten würden, sind, wenn wir die letzten hundert
Jahre als ein Zeugnis nehmen, eher leichter denn
schwerer als »normale« Menschen weltanschaulich zu
verführen.
Hier ist als ein Beispiel von vielen eine Ode des
obersten DDR-Intellektuellen Johannes R. Becher an
den 10millionfachen Massenmörder Josef Stalin:

Es wird ganz Deutschland einstmals Stalin danken.


In jeder Stadt steht Stalins Monument.
Dort wird er sein, wo sich die Reben ranken,
und dort in Kiel erkennt ihn ein Student.

Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte


der Apfelbäume an dem Bodensee,
und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
und winkt zu sich heran ein Reh.

Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben,


dankt man dir, Stalin, und sagt nichts als: »Du!«
Ein Armer flüstert »Stalin« noch im Sterben

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LexPI Bd. 1 Intellektuelle 152

und Stalins Hand drückt ihm die Augen zu.

Jetzt könnte man vielleicht einwenden: Der arme Be-


cher konnte nicht anders, er war DDR-Kulturminister.
Aber andere Intellektuelle jauchzten auch ganz ohne
Zwang: »Als Stalins Herz zu schlagen aufhörte, fühl-
ten sich Millionen Menschen verwaist« (Anna Seg-
hers); »Wir Kunstschaffenden Deutschlands geloben,
in unserer Arbeit die Lehren Stalins zu verwirklichen
und ihm, dem Genius des Friedens, die Treue zu hal-
ten« (Brecht); »Ruhe in Frieden, Josef Stalin« (Ar-
nold Zweig); »Stalin ist der hohe Mittag – der Men-
schen und der Völker Reife« (Pablo Neruda), und so
weiter und so fort.
Und Stalin ist kein Einzelfall; von Mao über Ca-
stro bis zu Ho Chi Minh, ja sogar Pol-Pot und Sad-
dam Hussein, gibt es kaum einen Diktator auf der
Welt, der sich nicht mit einer stattlichen Schar west-
licher Intellektuellen-Groupies schmücken konnte.
Einzige Bedingung: Der Diktator muß den Intellektu-
ellen schmeicheln. Dann aber ist die Einäugigkeit die-
ser Wahrheitssucher nicht zu übertreffen. Der unbe-
stechliche Sozialkritiker George Bernard Shaw z.B.
warf auf seiner Rußlandreise 1930, als gerade Milli-
onen Russen Hungers starben, seine mitgebrachten
Lebensmittel aus dem Fenster seines Zuges – wer
braucht ins Paradies noch Brot und Butter mitzubrin-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Intellektuelle 152

gen! (nachzulesen bei Paul Hollander). »Ich bin noch


nie im Leben so luxuriös gereist«, schreibt André
Gide aus Rußland 1938, zur Zeit der großen Säuber-
ungen. »Immer das beste Abteil im Zug, das beste
Zimmer im Hotel, das beste Essen, das man sich nur
denken kann. Und was für ein Empfang! Was für eine
Aufmerksamkeit! Alles applaudierte, feierte.«
Dieser Applaus ist Chloroform für die sonst so ag-
gressive Kritikfähigkeit so mancher moderner Litera-
ten; solange man ihnen applaudiert, sehen sie die
Welt vor allem durch die Augen derer, die sie loben.
Schriftsteller und Fernsehmacher, die in Frankfurt,
London oder Kopenhagen jeden Obdachlosen wachen
Auges registrieren würden, lassen sich durch die
Elendsviertel Moskaus oder Pekings fahren und sehen
nichts als glückliche Gesichter. (Oder um mit einem
bei Paul Hollander zitierten Rußlandreisenden der
30er Jahre zu sprechen: »Anderswo ist Dreck und
Unrat irgendwie deprimierend, aber hier erschien er
uns so romantisch proletarisch«). Jean Paul Sarte war
entzückt von Fidel Castro – dieser hatte anders als de
Gaulle den Literaten fast als Staatsgast aufgenommen.
(Was bedeutet dagegen schon die Tatsache, daß die
Kubaner unter Castro zu einem der ärmsten Völker
dieser Welt verkommen sind.) Salman Rushdie und
Franz Xaver Kroetz dichten Hymnen auf die Diktato-
ren Nicaraguas – dort wird man anders als in
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Intellektuelle 153

Deutschland oder England vom Kulturminister einge-


laden (daß zur gleichen Zeit ein staatlich organisierter
Massenmord an Indianern stattfand, ist dagegen eher
nebensächlich), und Graham Greene berichtet mit
Tränen in den Augen von einer Rede des Generalse-
kretärs der KPdSU.
Da kann auch die Ausrede nur wenig überzeugen,
man habe, wenn auch spät, das wahre Gesicht der
einstmals verehrten Lichtgestalten durchaus gesehen;
denn die nächste Lichtgestalt ist schon gefunden.
Gegen diese Masse kollektiver Blindheit sind die
wirklich kritischen Intellektuellen wie Hans-Magnus
Enzensberger, George Orwell oder Bertrand Russell
an den Fingern von zwei Händen abzuzählen.
& Lit.: Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die ande-
ren, München 1977; Paul Hollander: Political Pil-
grims, Oxford 1981; Paul Johnson: Intellectuals,
London 1988; Gerd Koenen: Die großen Gesän-
ge, 2. Aufl., Frankfurt 1992.

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LexPI Bd. 2 Interpol 155

Interpol
Interpol jagt internationale Kriminelle
Die als »Interpol« (korrekt IKPO für »Internationale
kriminalpolizeiliche Organisation«) bekannte Behör-
de jagt keine Kriminelle, sie ist eher eine Postvertei-
lerstelle. Die Pariser Interpol-Zentrale tauscht Infor-
mationen aus und leitet Amtshilfeersuchen weiter, sie
ist besetzt mit Fernmeldetechnikern, Schreibkräften,
Übersetzern, auch Juristen, aber keinen Detektiven;
einen Jerry Cotton oder James Bond sucht man bei In-
terpol vergeblich, so etwas wie »Interpol-Agenten«,
die Leute ausfragen und verhaften dürfen, gibt es
nicht.
Diese eigentliche kriminalistische Arbeit obliegt
den sogenannten »Nationalen Zentralbüros« – dem
Bundeskriminalamt in Deutschland, der Generaldirek-
tion für öffentliche Sicherheit in Österreich, dem
Schweizerischen Zentralen Polizeibüro und den ver-
gleichbaren Behörden anderswo. Und diese Ämter
würden sich nicht wenig wundern, wenn ihnen ein In-
terpol-Agent bei ihrer Arbeit helfen wollte.
& Lit.: Stichwort »Interpol« in der Brockhaus Enzy-
klopädie, Wiesbaden 1990; Stichwort vorgeschla-
gen von Alfredo Grünberg.

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LexPI Bd. 2 Irish coffee 155

Irish coffee
Irish coffee kommt aus Irland
Der als »Irish coffee« bekannte Trank aus Kaffee,
Whisky, Sahne, Zucker war bis weit über die Mitte
des 20. Jahrhunderts in Irland völlig unbekannt.
»Irish coffee« wurde quasi in der Luft geboren: Zur
Zeit der ersten mit Passagieren beladenen Transatlan-
tikflüge, als es noch keine geheizten Kabinen und
wenig Wärmendes auf dem Weg von den USA nach
Europa gab, wurde dieses Gemisch den durchgefrore-
nen Passagieren bei der damals noch nötigen Zwi-
schenlandung angeboten. Und diese Zwischenlandung
fand rein zufällig in Irland statt.
& Lit.: »The story of Irish Coffee«, über die Inter-
net-Adresse http://www.classiccalmus.com/
bmgclassics/promotion/irish/irishcoffeestory.html.

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LexPI Bd. 2 Isolierglas 156

Isolierglas
Isolierglasfenster haben ein Vakuum zwischen
den Scheiben
In DIN 1259 Teil 2 »Glas, Begriffe für Glaserzeug-
nisse« ist zum Thema »Isolierglas« folgendes zu
lesen: »Mehrscheiben-Isolierglas ist eine Vergla-
sungseinheit, hergestellt aus zwei oder mehreren
Glasscheiben (Fensterglas, Spiegelglas, Gußglas,
Flachglas), die durch einen oder mehrere luft- bzw.
gasgefüllte Zwischenräume voneinander getrennt
sind.«
Also kein Vakuum. Das wäre auch rein physika-
lisch sehr schwer möglich – ohne Druck im Innern
würden Innen- und Außenscheibe sofort zusammen-
gepreßt, der Schalldämpf- und Isoliereffekt ginge
vollständig verloren.
& Lit.: E. Achenbach: Glas. Moderner Werkstoff für
Fenster und Fassade, Verlag Wegra, 1995; Stich-
wort vorgeschlagen von Klaus Meier.

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LexPI Bd. 2 Italien 156

Italien
Italiener geben viel Geld für Kleidung aus
Nicht, wenn wir der Zeitschrift Prospect glauben dür-
fen (Ausgabe Dezember 1996, S. 5). Danach sind
unter allen europäischen Nationen die Holländer die
größten Kleiderkäufer – 13 Prozent des Haushalts-
gelds entfallen auf die Kleidung. Bei den Italienern
beträgt dieser Anteil 9 Prozent, bei den Engländern
und Franzosen 6 Prozent (die Deutschen werden nicht
genannt).

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LexPI Bd. 2 Iwo Jima 157

Iwo Jima
Das berühmte Foto mit der Fahne zeigt amerika-
nische Soldaten im Kampf um Iwo Jima
Die Eroberung der Insel Iwo Jima Anfang 1945 war
für die Amerikaner eine der verlustreichsten Operatio-
nen des Zweiten Weltkriegs; das berühmte Foto, das
vier amerikanische Soldaten mitten im Kampf beim
Hissen der Stars 'n Stripes auf einem Berg der Insel
zeigt, wurde allerdings erst nach den Kämpfen für die
Presse nachgestellt.
& Lit.: Stichwort »Iwo Jima, Battle of« in der MS
Microsoft Enzyklopädie Encarta, 1994.

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J 158

»Die Wahrheit ist für den Dummen wie eine


Fackel, die den Nebel erleuchtet, ohne ihn zu
vertreiben.«
Helvetius: Vom Menschen ...

»Hoffentlich unterläuft dem Irrtum ein Fehler.


Dann kommt alles von selbst in Ordnung.«
Stanislaw Jerzy Lec,
Das große Buch der unfrisierten Gedanken

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LexPI Bd. 2 Jahr 158

Jahr
Ein Jahr hat immer 365 oder 366 Tage (s.a. ð
»Schaltjahr«)
Das Jahr 1582 bestand nur aus 355 Tagen – anläßlich
der Einführung des Gregorianischen Kalenders wur-
den der 5. bis 14. Oktober ausgelassen.
Solche verschieden langen Jahre gab es auch schon
bei den Römern – sie zählten das Jahr zu 355 Tagen
entsprechend 12 Umläufen des Mondes; alle paar
Jahre wurde dann zum Ausgleich ein Extra-Monat
eingeschoben. Diesem Flickwerk machte Cäsar im
Jahr 46 v. Chr. mit seinem Julianischen Kalender ein
Ende: Hinfort hatte ein »normales« Jahr 365 Tage,
ein Schaltjahr 366 Tage. Aber auch diese Rechnung
war noch ungenau: Es kamen langfristig mehr Tage
zusammen, als den gezählten Umläufen um die Sonne
entsprachen. Deshalb wird seit 1582 bei jedem vollen
Jahrhundert der Schalttag ausgelassen (ausgenommen
solche, die durch 400 teilbar sind; das Jahr 2.000 ist
also ein Schaltjahr); die bis dato zuviel gezählten
Tage wurden im Oktober 1582 eingespart.
& Lit.: K.G. Irwin: The 365 days: the story of the
calendar, Crowell 1963.

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LexPI Bd. 1 Jahr Null 154

Jahr Null
In der Zeitrechnung der Menschheit gibt es kein Jahr
Null. Wir zählen die Jahre vor Christus rückwärts,
also 1 vor Christus, 2 vor Christus und so weiter, und
die Jahre nach Christus vorwärts, also 1 nach Chri-
stus, 2 nach Christus und so weiter. Dabei ist »2 nach
Christus« im Sinn von 2 A.D., also »Anno Domini
Nr. 2«, »im zweiten Jahr des Herrn« zu lesen, so daß
kein »Nulltes Jahr des Herrn« existiert. Mit anderen
Worten, die Jahreszählung springt bei der Zeitenwen-
de gleich von -1 auf +1.
Ein Herrscher wie Augustus, der vom Jahr -31 bis
zum Jahr +14 regierte, war also nicht 31 + 1 + 14 =
46, sondern nur 45 Jahre auf dem Thron (wenn wir
einmal der Einfachheit halber annehmen, daß die Re-
gierungsjahre des Augustus von Anfang -31 bis Ende
+14 zählen).
& Lit.: Konradin Ferrari d'Occhieppo: Der Stern von
Bethlehem in astronomischer Sicht, Gießen 1994
(besonders der Abschnitt »Zeitrechnung und Ka-
lenderwesen« auf den Seiten 96ff.).

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LexPI Bd. 1 Jahrtausendwende 154

Jahrtausendwende
Das dritte Jahrtausend beginnt um Mitternacht
des letzten Tages 1999
Das dritte Jahrtausend beginnt nicht am 1. Januar
2000, sondern am 1. Januar 2001. Denn vom 1.
Januar des Jahres 1 bis zum 31. Dezember des Jahres
1999 sind erst 1999 Jahre vergangen. Damit ist das
Jahr 2000 das 2000. Jahr der modernen Zeitrechnung;
erst wenn dieses Jahr vorüber ist, beginnt Jahrtausend
Nr. 3.

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LexPI Bd. 2 Januar 158

Januar
Je frostiger der Januar, desto freundlicher das
ganze Jahr (s.a. ð »Frühling«, ð »Martinstag«
und ð »Siebenschläfer«)
Diese alte Bauernregel konnte durch moderne meteo-
rologische Kontrollen nicht bestätigt werden: Der
Wetterforscher Horst Malberg hat aus 80 Jahren Ber-
liner Wetterdaten herausgefunden, daß die jährliche
Sonnenscheindauer wie auch die jährlichen Nieder-
schläge, die auf einen kalten Januar folgen, den lang-
jährigen Durchschnitt genauso oft unter- wie über-
schreiten.
Ebenso treffsicher (nämlich gar nicht) ist auch die
verwandte Regel »Im Hornung (Februar) Schnee und
Eis, macht den Sommer lang und heiß«.
& Lit.: P. Bisolli: »Eintrittswahrscheinlichkeit und
statistische Charakteristika der Witterungsfälle in
der Bundesrepublik Deutschland und West-Ber-
lin«, Institut für Meteorologie und Geophysik,
Universität Frankfurt a.M. 1991; H. Malberg:
Bauernregeln aus meteorologischer Sicht, Berlin
1993.

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LexPI Bd. 2 Jefferson 159

Jefferson
Thomas Jefferson war ein »gewaltiger Apostel für
die Demokratie« (s.a. ð »Sklaven 1« in Band 1)
So schrieb Tocqueville über den dritten Präsidenten
der Vereinigten Staaten, seitdem gilt dieser als Muster
des frühen US-Menschenfreunds und Humanisten.
In Wahrheit war Jefferson ein notorischer Sklaven-
treiber; er hielt Farbige für rassisch minderwertig, und
anders als George Washington ließ Jefferson seine
Sklaven niemals frei; sie wurden bis auf fünf nach sei-
nem Tod versteigert.
Nach Jefferson sind Schwarze faul und dümmer als
die Weißen; sie seien, so Jefferson, notorische Schür-
zenjäger, unstet, einer starken Führungshand bedürf-
tig: »Ich vermute daher, daß Schwarze, ob wegen der
Verschiedenheit der Rasse oder wegen Verschieden-
heit der Umstände und der Erziehung, den Weißen so-
wohl körperlich wie geistig unterlegen sind« (P.
Smith, S. 154, Übersetzung von uns).
Anderslautende Ansichten wurden von Jefferson
nicht gern gesehen. »Mein Buch gegen die Sklaverei
ist in Madrid nicht verboten«, klagte Alexander von
Humboldt über die Bemühungen seines Freundes Jef-
ferson, seine – Humboldts – kritische Thesen zur
Sklaverei in den USA zu unterdrücken, »und hat in
den Vereinigten Staaten, die Sie die ›Republik vor-
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LexPI Bd. 2 Jefferson 160

nehmer Leute‹ nennen, nur mit Weglassung all des-


sen, was die Leiden der farbigen, nach meiner politi-
schen Ansicht zum Genusse jeder Freiheit berechtig-
ten Mitmenschen betrifft, kaufbar werden können.«
Verglichen mit den meisten seiner Landsleute war
Thomas Jefferson trotzdem ein aufgeklärter, um so-
zialen Fortschritt ernst bemühter Mensch; nach mo-
dernen Maßstäben war er aber ein Rassist.
& Lit.: P. Smith: Jefferson – a revealing biography,
New York 1976; A. Wasser: »Wir halten den
Wolf an den Ohren ... Thomas Jefferson und das
Institut der Sklaverei«, Amerikastudien 41, 1996;
A. Kosfeld: »Thomas Jefferson und die Sklaverei:
Fehlbarer Apostel«, Frankfurter Allgemeine Zei-
tung, 15.1.1997.
¤ Der »fehlbare Apostel«: Thomas Jefferson, zweiter
von links

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LexPI Bd. 1 Jerusalem 155

Jerusalem
Von der Vertreibung der Juden aus Palästina
durch die Römer bis zur Gründung Israels war
Jerusalem eine überwiegend arabische Stadt
Anders als manche Araber uns gerne glauben machen
würden, haben schon lange vor 1948 in Jerusalem
mehr Juden als Araber gelebt:
Bevölkerung Jerusalems
Jahr Juden Moslems Christen
1844 7120 5000 3390
1876 12000 7560 5470
1896 28112 9560 8748
1922 33971 13413 14699
1931 51222 19894 19335
1948 100000 40000 25000
1967 195700 54963 12646
1970 215000 61600 11500
1983 300000 105000 15000

Diese Zahlen stammen aus der Encyclopaedia Britan-


nica (1844), dem französischen »Indicateur de la
Terre-Sainte« (1876), dem »Palästinensischen Kalen-
der« (1896) sowie aus amtlichen und halbamtlichen
Volkszählungen in Jerusalem und Umgebung; sie
sind teilweise verdächtig genau, und sicher nicht mit
modernen Zählergebnissen zu vergleichen. Aber sie
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LexPI Bd. 1 Jerusalem 155

widerlegen doch die häufige arabische Behauptung,


erst durch die Gründung Israels wäre das bis dahin
vorwiegend arabische Jerusalem zu einer Stadt der
Juden geworden.
& Lit.: Leonard J. Davis: Myths and facts, 1985: A
concise record of the Arab-Israeli conflict, Wa-
shington 1985.

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LexPI Bd. 1 Jesus Christus 155

Jesus Christus
Jesus wurde im Jahr 0 bzw. 1 geboren (s.a. ð
»Jahr Null« und ð »Stern von Bethlehem«)
Nach unserer Zeitrechnung gibt es kein Jahr Null.
Das Geburtsjahr von Jesus Christus ist vielmehr das
Jahr 1.
Vermutlich war Jesus allerdings im Jahre 1 schon 5
bis 7 Jahre alt. Denn wenn er während der Regierung
des Königs Herodes geboren worden ist, kann er nicht
nach dessen Tod geboren worden sein. Und König
Herodes starb mit großer Wahrscheinlichkeit im
Frühjahr des Jahres 4 vor Christus.
Die große Volkszählung des Augustus, wegen
derer sich Maria und Joseph nach Bethlehem bega-
ben, fand im Jahr 8 vor Christus statt. Auch die ver-
schiedenen Interpretationen des Sterns von Bethle-
hem – seien es Planeten, Kometen oder Supernovae –
deuten auf eine Geburt von Jesus ein paar Jahre vor
der Zeitenwende hin: Es gab eine Nova im April des
Jahres -4, einen Kometen zwischen März und Mai des
Jahres -5 und, was viele für das wahrscheinlichste
Original des Sternes halten, eine Dreifach-Konjunkti-
on von Saturn und Jupiter im Jahre -7. Um die Jahre -
1 und +1 dagegen war der Sternenhimmel Palästinas
ruhig.
Das Geburtsjahr 1 wurde Jesus erst viel später, im
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Jesus Christus 156

6. Jahrhundert, zugeschrieben; da waren viele Quellen


und alle Zeitgenossen längst zu Staub zerfallen. Es
entspricht dem Jahr 754 römischer Zeitrechnung, und
wie viele Historiker glauben, hat sich der Mönch Dio-
nysius Exiguus, der diese Rechnung im Auftrag des
Papstes durchführte, dabei um 4 Jahre verrechnet.
Nach seiner eigenen Logik hätte er das Jahr 750 römi-
scher Zeitrechnung ermitteln müssen, nach christli-
cher Zeitrechnung also das Jahr -4. Auch diese Rech-
nung spricht daher für eine Geburt von Jesus vor der
Zeitenwende.
Es gibt aber auch Argumente für eine Geburt im
Jahre 1. Laut Evangelium des Lukas war Jesus bei
seiner Taufe durch Johannes »etwa« 30 Jahre alt.
Diese Taufe fand statt im 16. Jahr der Herrschaft des
Kaisers Tiberius (wiederum nach Lukas), die Geburt
damit 14 Jahre vor Beginn der Herrschaft, d.h. im
Jahr 1 (wenn wir die 30 Jahre wörtlich nehmen).
Um die Debatte nochmals zu verkomplizieren,
kann man aber auch Argumente für eine Geburt im
Jahre 7 nach Christus finden. Denn nach dem Evange-
lium des Lukas hieß der Statthalter Roms in Syrien
zur Zeit der Volkszählung Quirinius, und Quirinius
war Statthalter von 6 bis 7 nach Christus.
& Lit.: H. Conzelmann und A. Lindemann: Arbeits-
buch zum Neuen Testament (9. Aufl.), Tübingen
1988; Konradin Ferrari d'Occhieppo: Der Stern
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LexPI Bd. 1 Jesus Christus 156

von Bethlehem in astronomischer Sicht, Gießen


1994.

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LexPI Bd. 1 Jodeln 156

Jodeln
Nur in Bayern wird gejodelt
Das als Jodeln bekannte Singen mit dem charakteri-
stischen, schnellen Wechsel von Brust- und Kopf-
stimme ist weit über Bayern hinaus verbreitet, etwa in
Polen, Finnland und Rumänien. Außerhalb Europas
kennt man es unter anderem in China, Thailand und
Kambodscha. Besonders beliebt ist das Jodeln auch
in den USA und Kanada – den Weltrekord im Jodeln
mit sieben Stunden 29 Minuten hält der Kanadier
Don Reynolds (27. November 1976 in Brampton,
Ontario).
& Lit.: Roland Michael: Wie, Was, Warum? Augs-
burg 1990.

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LexPI Bd. 1 Journalisten 157

Journalisten
Journalisten berichten neutral und unabhängig
Wir wissen alle, Journalisten sind auch nur Men-
schen; daher berichten sie nie neutral. Verblüffend ist
allein das Ausmaß, mit dem die eigenen Meinungen
und Vorurteile in die verbreiteten Nachrichten einge-
hen. Eine Umfrage des Instituts für Publizistik der
Universität Mainz hat diese Voreingenommenheit ein-
mal an einem konkreten Beispiel festgenagelt: »Der
Ministerpräsident X soll für seine Partei Gelder in
Höhe von etwa 100000 Mark beschafft haben«, diese
fiktive Meldung wurde rund 140 deutschen Zeitungs-
redakteuren vorgelegt. »Aus den Informationen über
den Vorgang geht nicht klar hervor, ob die Geldbe-
schaffung rechtmäßig oder rechtswidrig war.« Bei der
einen Hälfte der Journalisten stand für X der Name
»Strauß«, bei der anderen Hälfte »Rau«. Außerdem
wurden die Journalisten aufgefordert, ihre Sympathien
für Rau oder Strauß auf einer Skala von -3 bis +3 an-
zugeben.
Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Redakteure
würden bei einem ihnen unsympathischen Minister-
präsidenten noch vor Abschluß der amtlichen Ermitt-
lungen einen Bericht oder Kommentar des Inhalts
schreiben, daß sie sein Verhalten für rechtswidrig
hielten. Bei einem ihnen sympathischen Ministerprä-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Journalisten 157

sidenten würden das nur 29% der Redakteure tun.


»Die Rechtfertigung der journalistischen Eingriffe in
das Persönlichkeitsrecht, nämlich eine öffentliche
Aufgabe im Interesse der Allgemeinheit wahrzuneh-
men, hält nach den vorliegenden Ergebnissen einer
empirischen Überprüfung nicht stand«, wird daher in
der Studie konstatiert. »Die öffentliche Aufgabe im
Dienst der Allgemeinheit erhält in einem solchen Fall
vorwiegend eine Art Alibifunktion für publizistische
Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht eines Politikers,
die letztlich zumindest überwiegend von den Eigenin-
teressen der Presse und ihrer Mitarbeiter motiviert
sind.«
& Lit.: Matthias Rosenthal: Der Einfluß von Sympa-
thie oder Antipathie auf das journalistische Ver-
halten von Tageszeitungsredakteuren bei Kon-
flikten um Politiker, Magisterarbeit, Institut für
Publizistik, Universität Mainz, 1987.

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LexPI Bd. 2 Juden 160

Juden
Juden leben mehrheitlich in Israel
Von den rund 16 Millionen Juden auf der Welt leben
6 Millionen in den USA, nur 4 Millionen leben in
Israel.
& Lit.: Das Guinness Buch der Rekorde, ohne Ort,
verschiedene Jahre.

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LexPI Bd. 1 Jungen 1 158

Jungen 1
Es werden im Durchschnitt genausoviele Jungen
wie Mädchen geboren
Jungen- und Mädchengeburten sind nicht gleich wahr-
scheinlich. Seitdem zu diesem Thema offizielle Zah-
len existieren, also seit etwa drei- bis vierhundert Jah-
ren, werden quer durch Zeit und Raum immer mehr
Jungen- als Mädchengeburten registriert.
Die folgende Tabelle teilt einmal alle Geburten in
Deutschland (alte Bundesländer) von 1950 bis 1990
nach Geschlechtern auf:
Jahr Lebendgeboren Lebendgeboren Jungen auf 100
ingesamt männlich Mädchen
1950 812835 420944 107.4
1951 795608 410582 106.6
1952 799080 413043 107.0
1953 796096 410184 106.3
1954 816028 420866 106.5
1955 820128 423235 106.6
1956 855887 441115 106.4
1957 892228 460820 106.8
1958 904465 466861 106.7
1959 951442 490791 106.5
1960 968629 498182 105.9
1961 1012687 520590 105.8
1962 1018552 523801 105.9
1963 1054123 541812 105.8
1964 1065437 547979 105.9
1965 1044328 536930 105.8
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Jungen 1 158

1966 1050345 539492 105.6


1967 1019459 523634 105.6
1968 969825 498202 105.6
1969 903456 464430 105.8
1970 810808 416321 105.5
1971 778526 400423 105.9
1972 701214 360337 105.7
1973 635633 326181 105.4
1974 626373 321480 105.4
1975 600512 309135 106.1
1976 602851 309385 105.4
1977 582344 299735 106.1
1978 576486 296348 105.8
1979 581984 298175 105.1
1980 620657 318490 105.4
1981 624557 320633 105.5
1982 621173 319293 105.8
1983 594177 305255 105.7
1984 584157 300120 105.7
1985 586155 300053 104.9
1986 625963 321184 105.4
1987 642010 330659 106.2
1988 677259 348138 105.8
1989 681537 349179 105.1
1990 727199 373727 105.7

Ähnliche Zahlen wurden schon im alten Preußen, im


London des 17. Jahrhunderts oder im Paris
Napoleons ermittelt: Immer war und ist die Anzahl
Jungen pro 100 Mädchen um die 105 bis 106.
Bei näherer Betrachtung gibt es aber große Unter-
schiede. Schon der berühmte Charles Babbage, einer
der Väter des Computers, hatte Anfang des 19. Jahr-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Jungen 1 159

hunderts festgestellt, daß die Anzahl Jungen pro 100


Mädchen bei ehelichen verglichen mit unehelichen
Geburten immer größer ist. Aber auch das Alter der
Mutter (je älter, desto mehr Mädchen), die Rangfolge
des Kindes (Mädchenanteil bei Erstgeborenen am
kleinsten) und ganz besonders die Hautfarbe, der
Beruf und das Einkommen der Eltern haben einen
Einfluß darauf, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein
Kind ein Junge bzw. ein Mädchen wird. So beobach-
tet man überall auf der Welt bei Farbigen einen höhe-
ren Mädchenanteil als bei Weißen, oder hatten Fami-
lien mit hohem Einkommen in Deutschland 1989 (alte
Bundesländer) 112 Jungen pro 100 Mädchen, Famili-
en mit niedrigem Einkommen (weniger als DM
4000,-Brutto/Monat) aber nur 104.
Natürlich sind alle diese Faktoren nicht die eigent-
lichen Ursachen. Aber sie können helfen, den wahren
Gründen auf die Spur zu kommen. Wenn es zum Bei-
spiel stimmt, wie manche Mediziner glauben, daß
zum Zeitpunkt der Befruchtung der Anteil Jungen
sogar nochmals höher liegt, männliche Embryos aber
eher tot- bzw. fehlgeboren werden, würde das mehrere
der obigen Sachverhalte auf einen Schlag erklären:
reiche Mütter können sich während der Schwanger-
schaft mehr schonen (und so eher die Fehlgeburt eines
männlichen Embryos verhindern). Außerdem sind sie
meist verheiratet und weiß.
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Jungen 1 160

& Lit.: Manuela Müller: »Determinanten der sekun-


dären Sexualproportion und Verteilung der Ge-
schlechter in Familien«, Diplomarbeit, Fachbe-
reich Statistik, Universität Dortmund, September
1992.

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LexPI Bd. 1 Jungen 2 160

Jungen 2
Man kann den Männeranteil der Bevölkerung er-
höhen, wenn jedes Ehepaar mindestens einen
Jungen haben muß
Paradoxerweise kann eine bewußte Familienplanung
die Verteilung der Geschlechter nicht berühren. In
dem Umfang etwa, wie heute immer noch Jungen be-
vorzugt werden, könnten Familien, wenn das erste
Kind ein Junge ist, eher auf weitere Kinder verzichten
und so, wie manche glauben, die Balance der Ge-
schlechter durcheinander bringen.
Aller Emanzipation zum Trotz scheint nämlich
genau das, also eine Bevorzugung männlichen Nach-
wuchses, auch in Deutschland immer noch der Fall zu
sein. So ist etwa unter Kindern aus Ein-Kind-Famili-
en der Jungenanteil mit Abstand am größten (vergli-
chen mit Kindern aus größeren Familien) – nicht not-
wendigerweise, weil das erste Kind so oft ein Junge
ist, sondern genau umgekehrt: weil Jungen oft Ein-
Kind-Familien generieren. Ist erst mal ein Junge da,
ist die Familienplanung abgeschlossen.
Solche Verhaltensweisen können aber, so paradox
das auf den ersten Blick auch scheint, allenfalls die
Zahl der Kinder pro Familie, nicht aber den Jungen-
oder Mädchenanteil bei den Geburten insgesamt be-
rühren. Selbst in dem Extremfall einer Orwell-Dikta-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Jungen 2 160

tur, wo jede Familie solange Kinder zeugen muß, bis


ein Junge darunter ist (also Ein-Kind-Familien per
Konstruktion nur Jungen haben können), bleibt, wie
man mit einer kleinen Anleihe bei der Wahrschein-
lichkeitsrechnung zeigen kann, das Verhältnis Jung-
en-Mädchen davon völlig unberührt: wenn etwa auf
»normale« Weise auf 100 Mädchen 105 Jungen kom-
men, so bleibt dieses Verhältnis völlig unverändert,
wenn jede Familie mindestens einen Jungen haben
muß. Gegen Naturgesetze rennt selbst der Große Bru-
der vergeblich an.
Wer das nicht glaubt, hier ist ein Zahlenbeispiel:
Angenommen, die Wahrscheinlichkeit für Junge wie
für Mädchen wäre genau 1/2, und jede Familie hört
mit dem Kinderkriegen auf, sobald ein Junge da ist.
Dann hat die Hälfte der Familien gerade ein Kind,
nämlich einen Jungen. Von der anderen Hälfte hat
wiederum die Hälfte zwei Kinder (Mädchen-Junge),
die Hälfte mehr als zwei Kinder (aber mindesten zwei
Mädchen). Diese restliche Hälfte von der Hälfte mit
den mindestens zwei Mädchen teilt sich wiederum in
zwei Hälften, eine mit genau drei Kindern (Mädchen-
Mädchen-Junge), und eine mit mehr als drei Kindern,
davon die ersten drei nur Mädchen, und so weiter. Je
mehr Kinder eine Familie hat, desto mehr Mädchen
hat sie auch, und gleicht damit die Ein-Kind-Familien
mit nur Jungen aus. Zählt man dann alle Kinder zu-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Jungen 2 161

sammen, sind am Ende genausoviele Mädchen wie


Jungen darunter, trotz aller Jungen-Vorzugspolitik.
& Lit.: Christian Seidl: »The desire for a son is the
father of many daughters: A sex ratio paradox«,
Journal of Population Economics 8, 1995,
185–204.

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LexPI Bd. 2 Jus primae noctis 160

Jus primae noctis


Es gab einmal ein »Recht der ersten Nacht«
Ein »Privileg des Grundherrn auf Beiwohnung in der
Brautnacht einer Grundhörigen«, so das »Handwör-
terbuch zur deutschen Rechtsgeschichte«, hat niemals
existiert; trotz verschiedentlicher Erwähnung in diver-
sen alten Schriften fehlt es völlig an Beweisen, die
einschlägigen Quellen sind inzwischen als Fälschun-
gen, Fehlinterpretationen oder Dorflegenden nachge-
wiesen, der ganze Mythos hat sich unter der Lupe mo-
derner Historiker ins Nichts verflüchtigt.
In den Rechtsbüchern des Mittelalters wie der Neu-
zeit, in den Dorfordnungen und sogenannten »Wei-
stümern« (Sammlungen von Gewohnheitsrecht) des
14. bis 17. Jahrhunderts wird nirgendwo von einem
»Recht der ersten Nacht« gesprochen; als die Bauern
bei ihrem Aufstand 1525 die Abschaffung von allen
möglichen Mißständen verlangten, ist dieser nicht
dabei. Allenfalls ein Passus in einem Schweizer Wei-
stum von 1543 könnte als Indiz gewertet werden –
»und so die Hochzeit vergat, so sol der brütgam den
meyer by sim wib lassen ligen die ersten nacht, oder
er sol sy lösen mit 5 Schilling 4 Pfg« –, aber das war
eher als Erinnerung an die »Ablösesumme« zu verste-
hen, die ein leibeigener Brautwerber für Frauen aus
dem Herrschaftsgebiet eines anderen Leibesherrn zu
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Jus primae noctis 161

zahlen hatte; wer diese nicht aufbringen konnte,


bekam auch keine Frau, die Drohung mit dem Bei-
schlaf durch den »meyer« war wie vieles in diesen
alten Weisbüchern als Scherz zu lesen.
Genauso entpuppen sich auch verschiedene Erwäh-
nungen des Rechtes der ersten Nacht in französischen
und spanischen Quellen beim näheren Hinsehen als
Satiren oder absichtliche Verleumdungen: Indem er
etwa den Landadeligen derartige Perversitäten unter-
stellte, konnte der französische König diese besser
unterdrücken, stand sogar selbst noch als der Hüter
von Moral und Ordnung da. Und auch Beaumarchais
benutzte diese Legende in seinem Lustspiel »Le ma-
riage du Figaro« (die Grundlage für Mozarts Oper)
aus offen politischen Motiven: Um die antiaristokrati-
sche Stimmung der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts
anzuheizen, läßt er den Figaro dem Grafen danken,
weil dieser auf sein Recht der ersten Nacht verzichtet
habe.
In einer von der Kirche und der Religion dominier-
ten Gesellschaft wie dem Mittelalter oder auch der
frühen Neuzeit, die Jungfräulichkeit als hohes Gut
verehrte und Männer verachtete, die ein »gefallenes«
Mädchen heiraten mußten, wäre eine Einrichtung wie
das Recht der ersten Nacht völlig undenkbar gewesen;
jeder auf diesem Recht bestehende »meyer«, Pfarrer
oder Ritter hätte sich am nächsten Morgen auf dem
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Jus primae noctis 161

Scheiterhaufen vorgefunden.
& Lit.: E.A. Osenbrüggen: Deutsche Rechtsalterthü-
mer aus der Schweiz, Zürich 1858 (besonders Ka-
pitel 12: »Das ius primae noctis«); Otto Gierke:
Der Humor im deutschen Recht, Berlin 1871; K.
Schmidt: Jus primae noctis. Eine geschichtliche
Untersuchung, Freiburg 1881; W. Schmidt-Bleib-
treu: Jus primae noctis im Widerstreit der Mein-
ungen. Eine historische Untersuchung über das
Recht der ersten Nacht, Bonn 1988; R. Kunz:
»Das angebliche Recht der ersten Nacht«, Genea-
logie, Heft 1–2/1996; A. Boureau: Das Recht der
ersten Nacht – Zur Geschichte einer Fiktion, Düs-
seldorf 1996; Stichwort angeregt von Bernd Hu-
esmann.

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K 162

»Unsichtbar wird die Dummheit, wenn sie


genügend große Ausmaße angenommen hat.«
Bertolt Brecht

»An nichts muß man mehr zweifeln als an


Sätzen, die zur Mode geworden sind.«
Georg Christoph Lichtenberg

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LexPI Bd. 2 Kaffee 162

Kaffee
Kaffeetrinken fördert Herzinfarkte
Kaffee und Herzinfarkt, so die bisher umfangreichste
Studie zu diesem kontroversen Thema (Willett u.a.,
1996), haben miteinander nichts zu tun: Unter 87.000
amerikanischen Krankenschwestern, viermal zwi-
schen 1980 und 1990 zu Kaffeekonsum und Herzlei-
den befragt, zeigten sich trotz großer Differenzen
beim Konsum von Kaffee bezüglich Herzkrankheiten
keine Unterschiede: 20 Prozent der Frauen tranken
überhaupt keinen Kaffee, 10 Prozent mehr als fünf
Tassen täglich (der Rest hatte einen Konsum irgend-
wo dazwischen), aber der koronaren Herzkrankheit
war das egal. Die insgesamt 748 in dieser Dekade bei
den untersuchten Frauen aufgetretenen Herzinfarkte
z.B. waren über Kaffeefreunde und Kaffeefeinde
gleichmäßig verteilt. (Die Studie beschränkte sich auf
Frauen, weil bis dato vor allem Männerkollektive be-
trachtet worden waren.)
& Lit.: »Kein Herzinfarkt durch Kaffeetrinken«, Der
Tagesspiegel, 12.5.1996: W. Willett u.a.: »Coffee
consumption and coronary heart disease in
women«, Journal of the American Medical Asso-
ciation 275, 1996.

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LexPI Bd. 2 Kain und Abel 162

Kain und Abel


Adam und Eva hatten nur die Söhne Kain und
Abel
Nach der Ermordung Abels kam Eva nochmals nie-
der: »Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Set (Setz-
ling); denn sie sagte: Gott setzte mir anderen Nach-
wuchs ein, weil ihn Kain erschlug« (Genesis 4,25).
Danach lebte Adam laut Bibel noch 800 Jahre »und
zeugte [weitere] Söhne und Töchter«.
& Lit.: Die Bibel – Einheitsübersetzung, Stuttgart
1980.

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LexPI Bd. 1 Kainsmal 162

Kainsmal
Ein Kainsmal brandmarkt einen Mörder
Anders als viele glauben, die lange nicht die Bibel ge-
lesen haben, wollte Gott den Brudermörder Kain mit
diesem Mal nicht strafen, sondern ganz im Gegenteil
beschützen. Als Kain nämlich nach der Ermordung
Abels Reue zeigte und verzweifelt ausrief: »Rastlos
und ruhelos werde ich auf Erden sein, und wer mich
findet, wird mich erschlagen«, versicherte ihm Gott,
niemand würde ihm zu nahe treten, und »machte ...
dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der
ihn finde. Dann ging Kain vom Herrn weg und ließ
sich im Land Nod nieder, östlich von Eden.«

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LexPI Bd. 1 Kaiserschnitt 162

Kaiserschnitt
Kaiserschnitt kommt von Kaiser = Caesar
Vermutlich hat der Kaiserschnitt seinen Namen von
der sogenannten »lex regia« oder »lex caesarea« (von
caedere = ausschneiden), ein römisches Gesetz, wo-
nach schwangeren, vor der Geburt verstorbenen Frau-
en das Kind aus dem Bauch geschnitten werden soll-
te, weniger um es zu retten, als um es getrennt von
seiner Mutter zu begraben. Anders als viele in Anleh-
nung an den römischen Schriftsteller Plinius glauben,
der den Namen Caesar als »den aus dem Mutterleib
geschnittenen« erklärte, wurde der große Julius Cae-
sar daher auch nicht als erster Mensch per Kaiser-
schnitt geboren, denn seine Mutter hat die Geburt um
viele Jahre überlebt.
Die ersten Kaiserschnitte an lebenden Müttern gab
es im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. So soll
ein Schweinschneider Nufer aus dem Schweizer Kan-
ton Thurgau um das Jahr 1500 in letzter Verzweif-
lung sein eigenes Kind per Kaiserschnitt von seiner
lebenden Frau entbunden haben. Der erste in Deutsch-
land an einer lebenden Mutter ausgeführte Kaiser-
schnitt geschah um 1610 in Wittenberg.
& Lit.: Michael Grant: Caesar, München 1985; Karl
Sudhoff: Kurzes Handbuch der Geschichte der
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 1 Kaiserschnitt 162

Medizin, Leipzig 1922.

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LexPI Bd. 1 Kalauer 163

Kalauer
Kalauer kommen von der Stadt Calau
Die als Kalauer bekannten Wortplattheiten haben
ihren Namen von dem französischen »Calembour« (=
Wortspiel); dieser Ausdruck wurde dann im Deut-
schen »in lautlicher Anlehnung an die Stadt Calau bei
Cottbus volksetymologisch nachgebildet«.
& Lit.: Das große Deutsche Wörterbuch, München
1985.

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LexPI Bd. 1 Kalbsleberwurst 163

Kalbsleberwurst
Kalbsleberwurst muß Kalbsleber enthalten
Eine Kalbsleberwurst muß keine Kalbsleber enthal-
ten. Die deutschen »Leitsätze für Fleisch- und
Fleischerzeugnisse« verlangen nur, daß ein als
»Kalbsleberwurst« deklariertes Nahrungsmittel sog.
»grob entsehntes« Kalb- oder Jungrindfleisch enthält;
zur Herkunft der Leber, die in der Kalbsleberwurst
natürlich auch enthalten ist, schreiben diese Leitsätze
überhaupt nichts vor.
Die Bezeichnung »Kalbsleberwurst« meint daher
eine Leberwurst, die Kalbfleisch enthält. Woher die
Leber kommt, wird dadurch nicht gesagt. Und in der
Tat enthält Kalbsleberwurst in aller Regel Schweine-
leber – Kalbsleber schmeckt den meisten Menschen
viel zu bitter.
& Lit.: Deutsches Lebensmittelbuch, Bundesanzei-
ger, 1992, S. 90–91.

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LexPI Bd. 1 Kalkutta 163

Kalkutta
Vico Torriani hat nur teilweise recht mit seinem
Schlager:

Kalkutta liegt am Ganges


Paris liegt an der Seine,
doch daß ich so verliebt bin,
das liegt an Madeleine.

Wenn Kalkutta am Ganges liegt, dann liegt Frankfurt


am Rhein – Kalkutta ist rund 100 km vom Ganges
entfernt.
¤ Kalkutta und Umgebung – der Ganges fließt weit
im Nordosten an der Stadt vorbei

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LexPI Bd. 1 Kalorien 164

Kalorien
Eine Kalorie macht ein Gramm Wasser ein Grad
wärmer
Die folgende, unter Biertrinkern weit verbreitete
Theorie ist leider falsch: Einen Liter Bier von 10
Grad Celsius auf die Körpertemperatur von 37 Grad
Celsius zu erwärmen, kostet den Körper 37 minus 10
mal 1000 = 27000 Kalorien. Ein Liter Bier enthält
selbst aber nur 400 Kalorien, d.h. das Aufwärmen des
Bieres braucht mehr Kalorien auf als das Bier uns zu-
führt – man nimmt durch das Trinken eisgekühlten
Bieres ab.
Diese Rechnung ist falsch, weil es sich bei den be-
kannten Kalorienangaben bei Nahrungsmitteln nicht
um Kalorien, sondern um Kilokalorien handelt. Eine
Kalorie in Sinne der Physik ist diejenige Energiemen-
ge, die nötig ist, um ein Gramm Wasser ein Grad zu
erwärmen (und zwar, wenn man es genau wissen will,
von 14,5 auf 15,5 Grad Celsius). Eine Kalorie im
Sinn der meisten Diätbücher und Energietabellen ist
dagegen diejenige Energiemenge, die nötig ist, 1000
Gramm Wasser, als die tausendfache Menge, um ein
Grad zu erwärmen. Der korrekte Ausdruck dafür wäre
Kilokalorie, aber aus Gründen, die im Dunkel der Hi-
storie verschwimmen, spart man diese zwei Extrasil-
ben gerne ein.
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LexPI Bd. 1 Kalorien 164

Wenn wir also lesen: ein Gramm Fett enthält 9 Ka-


lorien, so heißt das: Kilokalorien. Und 27000 »nor-
male« Kalorien sind nur 27 Kilokalorien, und damit
verbleiben von den 400 Kilokalorien in einem Liter
kaltem Bier immer noch 373 übrig, um den Bierbauch
weiter vorzutreiben.
& Lit.: Rolf Fischer und Klaus Vogelsang: Größen
und Einheiten in Physik und Technik, 6. Auflage,
Berlin 1993.

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LexPI Bd. 2 Kamel 163

Kamel
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein
Reicher in das Himmelreich (s.a. ð »Reichtum 1«
in Band 1)
Diese bekannte Bibelstelle aus Matthäus 19,24 und
Markus 10,25 beruht auf einem Übersetzungsfehler:
Das aramäische Originalwort »gamta« (= Seil oder
Tau) wurde mit »gamla« (= Kamel) verwechselt. Ge-
meint war also: Eher geht ein Schiffstau durch ein
Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel. Das ist zu-
gegebenermaßen auch nicht einfach, aber nicht mehr
ganz so ausgeschlossen wie die gleiche Übung mit
Kamel.
Vermutlich wären ohne diesen Übersetzungsfehler
auch nicht so viele sogenannte »Anti-Zitate« erfunden
worden, die sich auf dieses Kamel beziehen:
– »Eher geht ein Jaguar durch den TÜV als ein Kamel
durchs Nadelöhr.« (Werner Mitsch)
– »Nur Kamele gehen durchs Nadelöhr.« (Bert Ber-
kenstätter)
– »Kein Reicher geht durch ein Nadelöhr, aber es
kommen viele Kamele in den Himmel.« (Gottfried
Edel)
– »Ein Fachidiot ist ein Kamel, welches durch ein
Nadelöhr guckt.« (Gerhard Uhlenbruck)
– »Zynismus: Wenn das Kamel nicht durchs Nadelöhr
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LexPI Bd. 2 Kamel 163

geht und man zu ihm sagt, es solle die Sache nicht


so eng sehen.« (Roland Michael)
– »Numerus clausus: Ein Nadelöhr, das auch für Ka-
mele durchgängig ist.« (Gerhard Uhlenbruck)
– »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß
es etwas Gescheites einfädelt.« (Gerhard
Uhlenbruck)
– »Eher kommt ein Kamel in den Zoo als ein Reicher
in des Teufels Küche.« (Werner Mitsch)
– »Ein reiches Kamel geht durch Helsingör.« (Ulrich
Erckenbrecht)
& Lit.: Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig über-
setzt?, 3. Auflage, Gütersloh 1989; Eckhard Hen-
scheid, Gerhard Henschel und Brigitte Kronauer:
Kulturgeschichte der Mißverständnisse, Stuttgart
1997 (besonders der Abschnitt »Gott und die
Bibel«); Wolfgang Mieder: Verkehrte Worte,
Wiesbaden 1997; Stichwort vorgeschlagen von
Marc Schuhmacher.

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LexPI Bd. 1 Kamele 164

Kamele
Kamele speichern Wasser in den Höckern
Kamele speichern Fett, nicht Wasser, in den Höckern.
Daß sie so lange ohne Wasser überleben können – bis
zu einer Woche bei aktiver Arbeit und bis zu zwei
Wochen, wenn sie ruhen –, liegt vor allem daran, daß
Kamele wenig schwitzen (ihre Körpertemperatur kann
auf 40 Grad ansteigen, bevor sie schwitzen) und daß
sie die Feuchtigkeit ihrer ausgeatmeten Luft zum Teil
zurückgewinnen: Nachts, wenn die Kamele schlafen,
saugen ihre Nasenhöhlen das Wasser aus der Atem-
luft.
Außerdem haben Kamele ein kluges Kühlsystem:
dichte Haare auf dem Rücken, die vor Sonne schüt-
zen, und dünne Haare auf dem Bauch, durch welche
die Körperwärme nach unten in den Schatten strahlt.

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LexPI Bd. 1 Kanada 165

Kanada
Kanada liegt nördlicher als Deutschland
Die meisten Kanadier leben auf der Höhe von Italien:
Toronto liegt südlicher als Mailand, und selbst das
kalte Montreal liegt südlicher als alle deutschen Städ-
te; insgesamt leben rund 20 Millionen der 27 Million-
en Kanadier südlicher als der Bodensee.
Daß wir dennoch »Kanada« gern mit »kalt« verbin-
den, liegt daran, daß es dort trotz aller südlichen Brei-
tengrade im Winter weitaus kälter werden kann als
hierzulande, und daß ein großer Teil der Landesfläche
in sehr nördliche Regionen reicht; aber dort leben nur
sehr wenige Menschen.

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LexPI Bd. 1 Kanarische Inseln 165

Kanarische Inseln
Die Kanarischen Inseln haben ihren Namen von
den Kanarienvögeln
Die Kanarischen Inseln haben ihren Namen von dem
lateinischen canis = Hund. In den ersten überlieferten
Berichten zu diesen Inseln, die auf den römischen Ge-
lehrten Plinius zurückgehen, ist von wilden Hunden
die Rede, die dort in großen Mengen anzutreffen
seien, deshalb nannte man die Inseln allgemein »Ca-
naria«. Die Kanarienvögel haben ihren Namen von
den Kanarischen Inseln, und nicht umgekehrt.
& Lit.: Stichwort »Canarys« im Microsoft CD-ROM
Encyclopädie Encarta, 1994.

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LexPI Bd. 1 Kannibalismus 165

Kannibalismus
Kannibalen verspeisen ihre Opfer aus Hunger
(s.a. ð »Du bist was du ißt«)
Der unter fast allen Naturvölkern der Erde verbreitete
Kannibalismus (auch »Anthropophagie« genannt, von
griechisch »Genuß von Menschenfleisch«) dient nicht
der Ernährung; vielmehr sollen die Seele und die
Kraft des Opfers in den Esser übergehen.
Die aus vielen Witzblättern bekannten Missionare,
die in den Kochtöpfen der Kannibalen schmoren, sind
also historisch inkorrekt: Kein Kannibale hätte mit
diesen Gestalten tauschen oder ihre Seelen überneh-
men wollen.
& Lit.: Stichwort »Kannibalismus« in Brockhaus
Enzyklopädie, Mannheim 1970.

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LexPI Bd. 1 Kap der Guten Hoffnung 166

Kap der Guten Hoffnung


Das Kap der Guten Hoffnung ist der südlichste
Punkt des afrikanischen Kontinents
Das Kap der Guten Hoffnung ist nicht der südlichste
Punkt Afrikas. Etwa 160 Kilometer östlich und 65
Kilometer südlich vom Kap der Guten Hoffnung liegt
noch das sogenannte Nadelkap (Cap Agulhas).
Genausowenig ist das Kap Hoorn der südlichste
Punkt des amerikanischen Kontinents. Anders als
beim Kap der Guten Hoffnung kommt zwar weiter
südlich nichts mehr nach, aber Kap Hoorn liegt nicht
auf dem Festland; es ist nur die Südspitze der Insel
Hornos im Feuerland-Archipel. Der südlichste Punkt
des Festlands ist die Halbinsel Brunswick 260 Kilo-
meter weiter nördlich.

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LexPI Bd. 2 Kap Horn 164

Kap Horn
Das Kap Horn sieht aus wie ein Horn
Das Kap Horn (auch Kap Hoorn), die südlichste Spit-
ze Südamerikas, hat seinen Namen nicht von seiner
äußeren Erscheinung, sondern von der Heimatstadt
Hoorn des Holländers Willem Schouten, der 1616 an-
geblich als erster dieses Kap umsegelte.
In Wahrheit war vermutlich der Engländer Francis
Drake schon 30 Jahre früher um das Kap gesegelt; je-
doch habe Elisabeth I. die Entdeckung zum Staatsge-
heimnis erklärt, so die Londoner Times; man glaubte
damals, daß der Pazifik vom Atlantik nur durch die
von Spanien kontrollierte Magellanstraße weiter
nördlich zu erreichen wäre. Und die zweite Route
weiter südlich wollte man in England natürlich kei-
nem Ausländer verraten ...
& Lit.: »Kap Hoorn war Elisabeths Staatsgeheim-
nis«, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.8.1997.

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LexPI Bd. 2 Kapitän 164

Kapitän
Der Kapitän verläßt ein sinkendes Schiff zuletzt
Bei einer Totalhavarie auf See gilt das Gesetz: Rette
sich, wer kann. Das gilt auch für den Kapitän. Nach
internationalem Seerecht macht sich also ein Kapitän
in keiner Weise strafbar, der bei sinkendem Schiff als
erster in die Rettungsboote steigt. Zwar gilt das unge-
schriebene Gesetz, daß die Mannschaft und natürlich
auch der Kapitän dabei den Passagieren und speziell
den Frauen oder Kindern einen Vortritt läßt, aber wie
diverse Vorfälle mit italienischen Passagierdampfern
der letzten Jahre zeigen, darf man auf diese Tradition
nicht immer bauen.
& Lit.: Schriftliche Auskunft der Wirtschaftsbehörde
der Freien und Hansestadt Hamburg, Abteilung
Hafen und Luftverkehr, 1997.

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LexPI Bd. 2 Karies 164

Karies
Karies entsteht durch Zucker
Nach neueren Studien entsteht Karies an unseren Zäh-
nen nicht in erster Linie durch Zucker, so wie bisher
angenommen, sondern durch gekochte Stärke: Karies
entsteht, wenn Bakterien in den Zahnbelägen Säure
produzieren, und wie amerikanische Forscher heraus-
gefunden haben, ist diese Säureproduktion nur unmit-
telbar nach dem Verzehr von süßen Speisen am
höchsten. »Während die zuckerhaltigen Produkte die
Mundhöhle verhältnismäßig schnell verlassen und die
Säureproduktion damit deutlich abnimmt, haben Le-
bensmittel, die gekochte Stärke enthalten, eine relati-
ve lange Verweildauer.« Die gekochte Stärke wird im
Mund allmählich zu Glukose, und diese fördert die
Säureproduktion und damit das Entstehen von Karies
viel nachhaltiger als der längst verschwundene Zuk-
ker.
& Lit.: dpa-Wissenschaftsdienst, 6.2.1998; »Süß
und unschuldig«, Forschung und Lehre 4/1998, S.
203.

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LexPI Bd. 1 Karl der Große 166

Karl der Große


Karl der Große hat bei Verden an der Aller 4000
Sachsen abgeschlachtet
Diese Horrorgeschichte, die man immer wieder in
Biographien und Geschichtsbüchern liest, beruht ver-
mutlich auf einem historischen Mißverständnis. Wahr
ist, daß die Sachsen Karl dem Großen mehr als andere
zu schaffen machten und daß beide Seiten in diesem
Kampf auf Leben und Tod nicht allzu zimperlich zu
Werke gingen. Aber daß Karl gleich 4000 gefangenen
Sachsen auf einmal die Köpfe abschlagen ließ, wäre
selbst nach damaligen Maßstäben ein unentschuldbar-
er Exzeß gewesen.
Wir wissen von diesem angeblichen Gemetzel vor
allem aus den um 1100, also mehr als 300 Jahre spät-
er geschriebenen Aufzeichnungen des Erzbischofs
Jean Turpin aus Reims. Und wie leicht aus 40 Toten
in der Überlieferung 400 und dann 4000 Tote werden,
ist auch aus anderen Zusammenhängen nur zu gut be-
kannt. Vielleicht hat aber auch nur ein nachlässiger
Kopist aus delocati (= umgesiedelt) ein decollati (=
hingerichtet) werden lassen. Denn daß Karl wie vor
ihm schon die Römer aufsässige Barbarenstämme ein-
fach umsiedelte statt sie umzubringen, ist eine weitere
Erklärung. Noch heute zeugen Ortsnamen wie Sach-
senhausen bei Frankfurt oder Sachsen bei Ansbach
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LexPI Bd. 1 Karl der Große 166

von der Herkunft der Menschen, die dort wohnen.


& Lit.: William Lewis Hertslet: Der Treppenwitz
der Weltgeschichte, 11. Auflage, Berlin 1965.

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LexPI Bd. 1 Karotten 167

Karotten
Karotten sind gut für die Augen
Karotten enthalten Karotin, den Rohstoff für das
wichtige Vitamin A, und weil der Mensch ohne Vita-
min A im Halbdunkel schlecht sieht (bei vollständiger
Dunkelheit sieht keiner etwas, mit oder ohne Vitami-
ne), gelten Karotten oft als gutes Mittel gegen
schlechtes Sehen allgemein.
In Wahrheit haben Vitamine – von dieser schlech-
ten Sicht im Halbdunkel einmal abgesehen – mit den
Augen nichts zu tun. Und selbst für eine gute Sicht
bei Dämmerung sind Extra-Karotten überflüssig,
denn die normale Alltagskost enthält Vitamin A
genug.

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LexPI Bd. 2 Kartoffeln 1 165

Kartoffeln 1
Es schickt sich nicht, Kartoffeln mit dem Messer
zu zerteilen (s.a. ð »Eier 2«)
Diese Regel stammt noch aus den Zeiten, als die
Schneiden der Messer noch aus Eisen oder rostanfälli-
gem Stahl gefertigt waren. Auch in Silberbestecken
waren zumindest die Messerschneiden in der Regel
weiterhin aus Eisen, dieses Eisen verband sich che-
misch mit der Stärke der Kartoffeln, das ergab einen
üblen Beigeschmack und deshalb schnitt man Kartof-
feln niemals mit dem Messer. Mit modernen Chrom-
Mangan-Bestecken kann das aber nicht passieren,
man darf also die Kartoffeln heute ruhigen Gewissens
mit dem Messer schneiden.
& Stichwort vorgeschlagen von Maria Krämer.

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LexPI Bd. 2 Kartoffeln 2 165

Kartoffeln 2
Die meisten Nährstoffe der Kartoffel befinden
sich in oder direkt unterhalb der Schale
Wahr ist: Die mehr als 200 Inhaltsstoffe der Kartoffel
verteilen sich recht ungleichmäßig auf die Knolle.
Stärke, Zucker und Proteine finden sich vorzugsweise
in der Mitte, Vitamine und Mineralien wie Magne-
sium, Natrium, Kalium oder Calcium mehr am Rand.
In der Schale sammeln sich heute vor allem Dünge-
mittel und Pestizide; sie ist auf keinen Fall das
Filetstück der Knolle. (Allenfalls ist sie als Schutz
gegen das Auslaugen der Wirkstoffe beim Kochen zu
gebrauchen; man hat nachgewiesen, daß gekochte
Pellkartoffeln einen höheren Vitamin- und Mineral-
stoffanteil haben als Kartoffeln, die erst nach dem
Schälen gekocht worden sind).
Aber anders als viele glauben, konzentriert sich
insbesondere das in der Kartoffel enthaltene Vitamin
C nicht in der Schale oder in der Schicht direkt darun-
ter, sondern nochmals ein paar Millimeter tiefer; es
geht also durch Schälen nicht verloren. Allenfalls
muß man beim Schälen mit einem Schwund an B-Vi-
taminen rechnen, aber dieser wird von Lebensmittel-
chemikern angesichts der verbleibenden Nährstoffe
als akzeptabel angesehen. Die folgende Tabelle von
Wirths (1996) stellt die in 100 g geschälten und un-
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LexPI Bd. 2 Kartoffeln 2 166

geschälten Kartoffeln enthaltenen Mineralien und Vi-


tamine gegenüber:
Mit Schalen Ohne Schalen
Natrium 3 mg 3 mg
Kalium 330 mg 410 mg
Calcium 5 mg 6 mg
Phosphor 40 mg 50 mg
Magnesium 16 mg 20 mg
Eisen 0,3 mg 0,4 mg
Fluorid 8 μg 10 μg
Carotin 4 μg 10 μg
Vitamin E 0,1 mg 0,1 mg
Vitamin B1 0,08 mg 0,10 mg
Vitamin B2 0,38 mg 0,05 mg
Niacin 1,0 mg 1,2 mg
Vitamin B6 0,25 mg 0,20 mg
Vitamin C 14 mg 17 mg

& Lit.: L. Acker u.a. (Hrsg.): Handbuch der Lebens-


mittelchemie, Berlin 1968; Katalyse Umweltgrup-
pe Köln e.V. (Hrsg.): Chemie in Nahrungsmit-
teln, Frankfurt a.M. 1981; R. Grunnenel und F.
Persch: Rund um die Kartoffel, Leipzig 1985; W.
Ternes: Naturwissenschaftliche Grundlagen der
Lebensmittelzubereitung, Hamburg 1994; W.
Wirths: Kleine Nährwert-Tabelle der Deutschen
Gesellschaft für Ernährung, 39. Auflage, Frank-
furt a.M. 1996.
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LexPI Bd. 1 Käse 167

Käse
Mäuse essen ganz besonders gerne Käse
Mäuse essen viele Dinge – Butter, Haferflocken,
Schokolade, Schinken, alles was sie in der Küche fin-
den. Eine besondere Vorliebe für Käse haben sie nach
Meinung der meisten Zoologen nicht. Die Vermutung
entstand vermutlich dadurch, daß früher wohl vor
allem Käse ohne Schutz und Aufsicht in Küchen und
Vorratsräumen liegenblieb, und deshalb besonders oft
zur Mäusebeute wurde.

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LexPI Bd. 2 Kaspar Hauser 167

Kaspar Hauser
Kaspar Hauser war ein badischer Fürstensohn
Diese Legende ist nach einer vom Spiegel und von
der Stadt Ansbach veranlaßten DNS-Analyse des Blu-
tes an Kaspar Hausers Kleidern falsch.
Das Findelkind unbekannter Herkunft Kaspar Hau-
ser war 1828 in Nürnberg im Alter von 16 Jahren auf-
gegriffen worden; er konnte kaum sprechen, benahm
sich seltsam, war – so sagte er dann schließlich – fern
von den Menschen in einem dunklen Keller aufge-
wachsen, und zwar als ein aus dem Weg geräumter,
angeblich bei der Geburt verstorbener Erbprinz von
Baden, wie die Leute schon bald anfingen zu trat-
schen.
Nach diesen bis zu den Spiegel-Analysen 1996 viel
geglaubten Tratsch-Geschichten war Kaspar Hauser
ein Opfer der Gräfin Hochberg, zweite Ehefrau des
Markgrafen Friedrich von Baden, die lieber einen
ihrer eigenen Söhne auf dem Fürstenthron gesehen
hätte. Aber dazu mußten zunächst einmal alle männli-
chen Nachkommen aus der ersten Ehe ihres Mannes
sterben, was diese auch der Reihe nach dann taten:
Der Erbprinz selber starb bei einem Unfall, sein älte-
ster Enkel zwei Wochen nach der Geburt (angeblich
war es dieser Prinz, der, im Kindbett mit einem toten
Säugling vertauscht, später als Kaspar Hauser wieder-
Das digitale Lexikon der populären Irrtümer
LexPI Bd. 2 Kaspar Hauser 167

auferstand), ein weiterer Enkel starb im Alter von


einem Jahr »an den Folgen eines beschwerlichen
Zahnausbruches«, und die zwei Söhne des Erbprinzen
selber starben ebenfalls kurz hintereinander im Alter
von knapp 30 Jahren. Damit war der Weg für den äl-
testen Sohn der Gräfin Hochberg frei, der dann auch
wie vorgesehen nach dem Tod Karl-Friedrichs 1830
den Herzogsthron bestieg.
Bei so vielen für die Gräfin günstigen unwahr-
scheinlichen Ereignissen hintereinander kann man es
den Menschen und den Medien nicht verübeln, wenn
sie hier nicht an Zufall glauben und hinter allem ein
System vermuten (zumal Karl-Friedrich selbst auf
dem Sterbebett geäußert haben soll, er selbst und
seine Söhne seien vergiftet worden, und bereits ein er-
ster Anschlag auf Kaspar Hauser 1829 alle Hobbyde-
tektive Deutschlands inklusive des Königs von Bay-
ern auf den Plan gerufen hatte, der 500 Gulden Beloh-
nung für die Ergreifung des Attentäters zur Verfügung
stellte). Als daher Kaspar Hauser nach einem zweiten
geheimnisvollen und von keinem Zeugen beobachte-
ten Anschlag 1833 an den Folgen einer Stichverlet-
zung stirbt, ist allen Zeitgenossen sonnenklar, daß
hier ein unbequemer Thronfolger beseitigt werden
sollte.
Aber welcher Art auch immer die Intrigen waren,
mit denen damals Thronfolgen geregelt wurden – Ka-
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LexPI Bd. 2 Kaspar Hauser 168

spar Hauser hatte damit nichts zu tun. Wie zwei par-


allele Analysen des forensischen Dienstes des briti-
schen Innenministeriums und des Instituts für Rechts-
medizin der Universität München übereinstimmend
und zweifelsfrei ergeben haben, können die bis heute
sichtbaren Blutreste an Kaspar Hausers Kleidern
nicht von einem Nachkommen des Erbprinzen von
Baden stammen.
& Lit.: »Kaspar Hauser – der entzauberte Prinz«,
Der Spiegel 48/1996.
¤ Doch kein Fürstensohn – der berühmte Findling
zeitgenössisch dargestellt

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LexPI Bd. 1 Kasseler Rippespeer 167

Kasseler Rippespeer
Kasseler Rippespeer kommt aus Kassel
Kasseler Rippenspeer oder Rippespeer ist geräucher-
tes Schweinerippenfleisch, hat aber mit dem hessi-
schen Kassel vermutlich nichts zu tun. Stattdessen
geht der Name auf einen Fleischermeister Kassel,
Cassel oder Casel aus Berlin zurück, der als erster
den bis dahin nur gepökelten Schweinerippenspeer
geräuchert angeboten haben soll.
Allerdings gibt es für diese Version keine schriftli-
chen Quellen; sie ist nur mündlich überliefert, so daß
auch die hier als falsch zitierte Herkunft nicht ganz
auszuschließen ist.
& Lit.: Fritz C. Müller: Wer steckt dahinter, Eltville
1964.

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LexPI Bd. 2 Katakomben 1 168

Katakomben 1
Die frühen Christen nannten ihre unterirdischen
Begräbnisstätten »Katakomben«
Die frühen Christen nannten ihre unterirdischen Be-
gräbnisstätten »coemeteria« – Plätze der Ruhe. Das
Wort »Katakomben« kommt von dem Flurstück »ad
catacumbas« an der Via Appia, wo sich eine dieser
mehr als 40 »coemeteria« befand; es wurde erst viel
später zum Sammelbegriff für unterirdische Begräb-
nisstätten überhaupt.
Diese Katakomben sind ferner weder eine Erfin-
dung der frühen Christen, noch auf Rom beschränkt:
Die Sitte, Tote in unterirdischen Felskammern zu be-
statten, war überall in der Antike weit verbreitet, es
gibt Katakomben auf Malta und Sizilien, in Tunesien,
im Libanon und in Ägypten; auch die Juden kannten
Katakomben.
& Lit.: Stichwort »catacomb« in der Encyclopaedia
Britannica, 15. Auflage, Chicago 1994.

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LexPI Bd. 2 Katakomben 2 169

Katakomben 2
Die römischen Katakomben waren ein beliebter
Zufluchtsort der ersten Christen
Die römischen Katakomben waren als Verstecke wie
auch als Stätten der Begegnung viel zu klein. Sie
waren ab der Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhun-
derts von den frühen Christen als reine Begräbnisstät-
ten ausgehoben worden; zuweilen traf man sich auch
an den Gräbern von Märtyrern, um »in Freude und
Fröhlichkeit (...) die Wiederkehr des Tages seines
Martyriums zu feiern«, aber für »reguläre« Gottes-
dienste oder als Verstecke wurden Katakomben nie
genutzt (ihre Lage war den Behörden wohlbekannt, es
gab nur wenige Aus- und Eingänge, die Christen hät-
ten wie die Mäuse in der Falle festgesessen).
& Lit.: J. Stevenson: Im Schattenreich der Katakom-
ben, Bergisch Gladbach 1980.

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LexPI Bd. 2 Katerfrühstück 169

K