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Ambivalenzen aushalten knnen

Seelische Gesundheit bedeutet, Widersprche zu erkennen, auszuhalten, bewusst mit ihnen zu leben. Der dialektische Kompromiss oder die Entscheidung fr einen Pol heben den Widerspruch niemals auf, sondern lassen ihn weiter lebendig bestehen. Wir alle - gesunde wie 'kranke' Menschen - tendieren jedoch dazu, Spannungen aus dem Wege zu gehen und Widersprche zu verdrngen. Die Forderung, bewusst mit Ambivalenz und Widersprchen zu leben, sie nicht so schnell wie mglich 'lsen' oder 'auflsen' zu wollen, stellt die klassische Harmonievorstellung in Frage: Nicht das Vorhandensein strkerer Konflikte in Individuum, Familie oder Gesellschaft zeigt einen pathologischen Zustand, sondern die Unfhigkeit, derartige Spannungen auszuhalten. Die Betonung muss von der Konfliktbewltigung oder -lsung auf die 'Konfliktfhigkeit' verlagert werden, denn eine weitgehende Konfliktfreiheit kann zu Stagnation fhren. Das Individuum hofft, durch die 'Lsung' des Konflikts die Realitt eindeutig wahrzunehmen und damit zuknftigem Zwiespalt aus dem Weg gehen zu knnen. Erhlt das Streben nach Eindeutigkeit Vorrang, so wird die Entwicklung blockiert und die vielfltige Realitt verflscht. Derartige Realittsverflschungen lassen sich berall dort finden, wo dialogische Gegenber um der Vereinfachung willen knstlich voneinander getrennt werden mssen.[1]
-------------------------------------------------------------------------------[1] Ambivalenz, Geschichte und Interpretation der menschlichen Zwiespltigkeit. Elisabeth Otscheret (1988). Heidelberg: Asanger, S. 149 f