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Ulrich Kobbe

Corpus delicti: Der Täter als Körpersubjekt?


als Körperobjekt?
Eine kasuistische Diskussion

Skizziert wird die zwanzigjährige Entwicklung eines schwer gestörten Täters mit
Phantasien des Tutens, Verslümmeins, Einverleibens usw. Am Beispiel von Kör-
perphantasien und Abwehrprozessen der Inkorporation und Exkorporation wer-
den entwicklungspsychologische Aspekte verdeutlicht. Ein intersubjektives Struk-
turmodell unterscheidet Körpersubjekt, Körperobjekt und Körperabjekt.

The development of an extremely disturbed äffender with fantasies of honücide,


mutilation, symbiosis etc. is exemplified over a period of 20 years. His body fan-
tasies anddefence mechanisms ofin-corporation or ex-corporation allow to under-
stand psychological development. An intersubjective paradigm differentiates the
corporal subject, thecorporalobject, andthecorporalabject. Moreover, theessen-
tial difference ofthe so-called symbolic castration from a surgically realized cas-
tration is elaborated in its real, imaginary and symbolic consequences.

Die Rolle des Körpers in der Delinquenz bleibt in der aktuellen Diskursen
über Straftaten, Straftäter und Strafen unterbelichtet. Selbst im Bereich der
Behandlung von Tätern werden körperbezogene Aspekte nur unzureichend
beachtet. Nicht einmal zu psychosomatischen Störungen und deren Rele-
vanz für ein Verständnis der Psychodynamik des Täters lassen sich diffe-
renzierte Aussagen, geschweige denn empirische Befunde finden (Kobbe
2002). Dabei bildet diese — im Sinne der cartesianischen Spaltung in
Geist/Seele/Psyche einerseits und Körper/Leib/Soma andererseits — gene-
ralisierte soziale Repräsentanz die tatsächlichen Subjektverhältnisse höchst
unzureichend ab und verhindert zwangsläufig ein ,ganzheitliches' Verständnis,
sprich, einen bio-psycho-sozialen Zugang zum Subjekt.

Kasuistik
Dass und wie körperbezogene Phantasien, Affekte und Einstellungen nicht
nur Begleitumstände des Funktionierens sind, sondern in Einzelrallen gera-
dezu existentielle Bedeutung mit dramatischen Auswirkungen haben kön-
nen, soll im Folgenden kasuistisch aufgezeigt und in seinen psychodynami-
schen Aspekten näher untersucht werden. Vor zwanzig Jahren publizierten
Pfäfflin und Haake (1983) den Fallbericht einer „Behandlung besonders
schwerwiegender Sexualdelikte", der insbesondere wegen der detailreichen
Untersuchungsbeschreibung und der Reflexion eigener Emotionen, Phan-
tasien, Eindrücke als Gegenübertragungsreaktionen beim Behandler Beach-
tung verdient. Für eine Diskussion eignet sich das Beispiel auch, weil der
Verfasser den Probanden 1998, also 15 Jahre nach der genannten Veröffent-
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lichung, im Rahmen einer Prognosebegutachtung ausfuhrlieh exploriercn verleibt" werden (Piaget 1973: 17). Das heißt, schon bei den ersten funda-
konnte. Hinsichtlich des subjektiven Erlebens dieses Patienten schrieben die mentalen, sinnlichen Erfahrungen und Strukturbildungen handelt es sich um
Autoren: körperliche, ja, leibbezogene Internalisierungen, die
,Ich habe da so Mordgedanken beim Sex, habe viermal versucht, einen Jungen im • von der primären, leibbezogenen Inkorporation
Bett umzubringen. Gott sei Dank blieb es nur beim Versuch. Wenn ich einen Jun- • über sprachbezogene Introjektionen (z. B. Übernahme von Normen)
gen erwürge, würde es nicht beim Erwürgen bleiben. Ich würde ihn abschlachten, • hin zu imaginärer Identifizierung (z. B. abbildhafte Entwicklung des Ideal-
wie ein Stück Vieh, um es hart auszudrücken.' Der Patient berichtet, dass er dies Ich)
tun wolle und gleichzeitig nicht tun wolle. Oft habe er quälende Phantasien, wie
er einem Jungen den Kopf abschneidet, den Bauch aufschlitzt, ihn ausweidet, den reichen sowie um Mechanismen der entlastend-spannungsreduzierenden Aus-
Penis abschneidet, sich die blutigen, warmen Eingeweide auf den Leib legt, viel- stoßung (Externalisierung)
leicht das Blut aus der Halsschlagader trinkt. Ekel vor einer solchen Tat und das - im Sinne von körperlichen Exkorporationen (z. B. Sich-Auskotzen, Hal-
Verlangen danach seien etwa gleichstark. luzinieren)
Der Patient steht unübersehbar unter extremem Leidensdruck, wirkt innerlich unru- - über imaginative Projektionen (z. B. Verfolgungsideen, Übertragungen)
hig, voller Angst, panisch. Die Ambivalenz gegenüber seinen fast ständig präsen- - bis hin zu Selbstobjektivierungen (z. B. Personifizierung von Selbstantei-
ten sexuellen Phantasien ist im Interview gut erlebbar. Bei der Schilderung dieser len in äußeren Objekten, Delegationen).
Phantasien ist er sichtlich erregt, schlägt mit der Hand aufsein offenbar erigier-
tes Glied. Er möchte sich unbedingt behandeln lassen, beteuert seine Bereitschaft, Kleine Entwicklungspsychologie des Körper-Ich
sich jedweder Behandlung zu .unterwerfen', auch einer Unterbringung in einer
geschlossenen Anstalt oder einem hirnchirurgischen Eingriff (Pfafflin/Haake Auf den frühen Beziehungsebenen zwischen dem Kleinkind und seiner Mut-
1983:98). ter gingen Autoren wie Mahler et al. (1982: 62 f.) davon aus, dass beide „eine
Zweieinheit innerhalb einer gemeinsamen Grenze" bilden. Das Kleinkind
Mechanismen der Inkorporation vs. Exkorporation befinde sich in einer undifferenzierten Symbiose, einem Zustand „der Fusion
mit der Mutter, in dem das ,lch' noch nicht vom ,Nicht-Ich' unterschieden
Selbstbeschreibung und Fremdbild zeigen, dass es um höchst körperbezo- ist und Innen und Außen erst allmählich als verschieden empfunden wer-
gene Phantasien besonderer Art geht, die in ihrer Qualität und Unvermittelt- den". Dem widerspricht allerdings die neuere Säuglingsforschung und
heit zunächst ebenso erschrecken, befremden und abstoßen, wie sie auch fas- Kleinkindbeobachtung: Kind und Mutter sind diesen Befunden zufolge kei-
zinieren. Welches Verhältnis zur Körperlichkeit der im homosexuellen Kon- neswegs im Sinne einer Symbiose undifferenziert oder verschmolzen, son-
takt quasi ,gleichähnlichen' männlichen Sexualpartner hat dieser Patient? dern initial differenziert. Symbiotische Phantasien des Erwachsenenalters
Welche Entstehungsgeschichte und welche Funktion besitzen die körperbe- stellen daher keineswegs eine Regression auf undifferenzierte Beziehungs-
zogenen aggressiv-destruktiven Phantasien und Impulse? muster der frühen Kindheit dar, sondern diese Fusionsphantasien erweisen
sich als ein imaginativer „Zufluchtsort" des damals wie heute „überforder-
Offenbar geht es nicht einfach um sadistische Arrangements, in denen das
ten" Subjekts (Domes 1994: 77).
Leiden, die Qual des Opfers und/oder der Akt des hingezogenen Quälens im
Vordergrund stehen und Lust bereiten. Vielmehr handelt es sich um Für die weitere Entwicklung beschreibt Freud (1923: 253) fast lapidar, das
die vorgenannten Bewältigungsprozesse steuernde Ich sei „vor allem ein kör-
• Vorgänge einer das Gegenüber „wie ein Stück Vieh" entsubjektivierenden, perliches", und gibt damit an, dass diese psychische Instanz des ,Ich' einer-
sprich: verobjektivierenden Fremdaggression,
seits „vor allem" — ursprünglich, bevor es zu etwas anderem, Psychischem,
• Formen konkretisierender, kannibalistischer Einverleibung (Inkorporation), werde — eine körperlich bedingte Funktion (gewesen) sei, andererseits „vor
• Verschmelzungswünsche im Sinne einer Symbiose, allem" - sprich, insbesondere - auch als psychische Instanz spezifisch kör-
• Sexualisierungen von Beziehungen, perlich konstituiert werde. In dieser Entstehung des Ich gerate „der eigene
• Symptome einer gleichzeitig selbstaggressiven Bestrafung und „Unter- Körper und vor allem die Oberfläche desselben" zu einem Ort gleichzeitig
werfung". äußerer wie innerer Wahrnehmung, sodass der Körper „wie ein anderes Objekt
Entwicklungspsychologisch fuhrt dies zurück in die frühen lebensge- gesehen" werde. Das Ich sei dabei nichts anderes als „nur ein Oberflächen-
schichtlichen Prozesse der Auseinandersetzung des Säuglings mit den wesen", zudem seinerseits „selbst die Projektion einer Oberfläche". Inso-
Objekten seiner Umwelt und den eigenen affektiven wie somatischen Reak- fern geht es um die verschränkten Aspekte von Körper-Sein und Körper-
tionen hierauf. Diese Prozesse beinhalten assimilatorisch-adaptive Formen Haben, oder besser formuliert, um den Körper, den ich habe, und den Leib,
der Verinnerlichung. Assimilation vollzieht sich als „Strukturierung durch der ich bin. Dennoch ist diese scheinbar eindeutige Differenz und begriffli-
Einverleibung der äußeren Wirklichkeit" in vorhandene Schemata und die ehe Differenzierung keineswegs trennscharf: Denn in den Entwicklungsphasen
parallele Akkommodation als eine psychische Anpassung, indem „die neuen von Subjekt und Objekt gibt es, so Kristeva (1982), vorsprachliche und nicht-
Elemente" der sensomotorischen Erfahrung „den vorhandenen Schemata ein- erinnerbare Krisen traumatischer Art, die zu späteren Störungen der Iden-
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tität führen und meist nur anhand körperlicher Repräsentanzen idenlili/ier- da/u, sieh durch die aktive, gegen den eigenen / projektiv-identifikatorisch
bar sind. Während dieser frühen assimilatorisch-akkommodierenden Ent- angeeigneten und gleichzeitig als ich-fremd abgespaltenen — Körper gerich-
wicklungsprozesse existiert charakteristischerweise „bei der Entstehung des tete destruktive Handlung eine Art imaginäres Übergangsobjekt zu schaf-
psychischen Objekts eine Zwischenphase der Unklarheit darüber, was fen: „Das Übergangsobjekt hilft, die relative Abwesenheit der Mutter zu ertra-
äußerlich ist, Objekt oder Ding, und was innerlich ist, Subjekt oder gen, indem es an ihre Stelle tritt, und zwar durch die Aktivität des Kindes
Ich/Selbst" (Warsitz 2000: 54). Dieses Zwischending, das Kristeva Abjekt selbst, durch die die (phantasierte) Einheit wiederhergestellt wird" (Hirsch
nennt, stellt einen präverbalen ,Rest' dar, der als ,Fremdkörper' im Subjekt 1989b: 11).
weder versprachlicht (symbolisiert) noch ver(sinn)bildlicht (imaginiert)
werden kann und einen diffusen Aspekt des Körperlichen ausmacht. Mechanismen der Inkarnation und Inkorporation
Wie ist die so beschriebene Dynamik im konkreten, forensischen Fallbei-
Doppelnatur von Körperobjekt und Körpersubjekt spiel zu verstehen?
Wie unmittelbar Psychisches und Körperlichen miteinander verschränkt sind, Die Reaktion des Opfers ist ganz unwichtig. Vielmehr geht es um das Töten eines
wie sehr Internalisierung und Externalisierung einander ergänzen, wie aus- schönen, unbefleckten und unschuldigen Knaben, die Suche nach der Lebendig-
geprägt Fremd- und Selbstaggression aufeinander bezogen sind, wird an einer keit dieses Knaben in seinem Inneren, das Vordringen zu den Eingeweiden, das
weiteren Verhaltensbeschreibung ,in abruptem Wechsel' zweier Seiten des- Trinken des Lebenssaftes, das Einverleiben und dann natürlich das Erbrechen des
selben Patienten deutlich: Einverleibten, weil die zwei Seiten in der Phantasie des Patienten antagonistisch
sind [...]. A ufEnttäuschung in der Beziehung [...] reagiert er mit verstärkten sadis-
Es gab Momente, in denen er dumpf vor sich hinbrütend dasaß, er schien dann wie tischen Phantasien nicht etwa deshalb, weil er (auf das Gegenüber) wütend ist,
ein Greis, das Gesicht in tiefe Furchen gelegt, wie eingeschrumpft, die Augen vol- sondern weil er auf seine eigene Bedürftigkeit und Sehnsucht wütend ist, auf sei-
ler Angst, verbrannte sich die Hand mit glimmenden Zigaretten oder schlug mit nen Wunsch nach Anlehnung, Vertrauen, Sicherheit, die Hoffnung auf Angenom-
dem Hinterkopf ganz unvermittelt hart gegen die Wand. Meist brütete er dann über men-Werden. Diese rudimentären Gefühle muss er in sich abtöten, sobald er sie
seinen sexuellen Phantasien, und wenn er schließlich Worte fand, entwickelte er merkt. Normalerweise merkt er sie nicht, weil er sie sich durch den Abwehrme-
diese Phantasien in allen Details, wurde zunehmend erregt. Daneben gab es Zei- chanismus der Abspaltung vom Leibe hält, sie allenfalls in anderen projektiv erle-
ten, in denen er mit Witz und Humor den Stationsbetrieb schilderte und überhaupt ben kann. Sobald [...] die Abwehr zusammenbricht, brechen die mörderischen
eine Empfindsamkeit und Feinfühligkeit für soziale Situationen an den Tag legte Impulse durch. Die hilflose Sehnsucht und Bedürftigkeit ist für ihn so aufgeilend,
(Pfäfflin/Haake 1983: 99). weil er sie natürlich auch zulassen möchte, sie ist ja ein verschütteter Teil seiner
Offensichtlich alternieren Tendenzen zu selbst- und fremdaggressiver Reak- Selbst. [...] Die hilflose Sehnsucht und Bedürftigkeit ist die große Schweinerei, und
tion; es besteht eine Not(wendigkeit) intensiver Gefühlszustände. Dabei wird das Schwein muss geschlachtet werden. Sie ist, in seiner Phantasie, lebensgefährlich,
der eigene Körper geradezu objekthaft — „wie ein anderes Objekt" (Freud) deshalb muss er sie töten und beweist sich damit erneut, wie lebensgefährlich sie
ist, schafft er sich dadurch doch sein eigenes Gefängnisgrab. Die sadistischen Phan-
- be- und misshandelt: Der Körper erweist sich als einerseits narzisstisch tasien dienen der Abwehr der verschütteten Liebesfähigkeit und Liebesbedürftig-
besetztes „Liebesobjekt", andererseits als eine Grenzfläche einer körperlichen keit, auf deren Boden Symbiose und Abgrenzung im Sinne der Individuation über-
Innenwelt: Die in der Selbstverletzung durch den Schmerz erzeugte Grenze haupt erst gedeihen können (Pfäfflin/Haake 1983: 100 f.).
ist nunmehr „die zwischen dem Körper und dem wahrnehmenden Ich", sodass
es einerseits um die Errichtung einer Außengrenze, andererseits um die intra- Auf dieser frühen Ebene des Konstitutionsprozesses von Subjekt und Objekt
psychische Spaltung des Selbst „in einen schmerzenden und einen den entsteht bei dem Patienten ein traumabedingtes Artefakt, ein entwicklung-
Schmerz spürenden Teil" geht (Hirsch 1989a: 3). Die hierin erkennbar wer- psychologisches Abfallprodukt: Dieses Abjekt ist in seiner Essenz „auch das
dende Doppelnatur des „Leibes, der ich bin, und des Körpers, den ich habe" Abscheuliche, das ist der Horror, das ist das Grausame" (Warsitz 2000: 54),
(Hirsch 1989a: 4), weist daraufhin, dass der Körper einerseits als Körper- das sich als nicht integrierbar erweist und als nicht-repräsentierbares Rest-
selbst oder Körpersubjekt erlebt, andererseits als Körperobjekt wahrgenom- phänomen auf einer diffusen Körperebene somalischer Spannung präsent
men werden kann. Je nach Entwicklungsstand und Differenzierung der Kör- bleibt. Sich den anderen darüber einverleibend anzueignen, ist selbst mit dem
per-, Selbst- und Objektvorstellungen bieten sich Möglichkeiten zur Disso- Akzent destruktiv-körperbezogener, ja, mörderischer Aggression an sich
ziation des objekthaften Körperbildes vom Subjekt, wobei die als bedroh- nichts Besonderes: Umgangssprachlich haben wir gerade bei liebevollen
lich verarbeitete Desintegration für die Erhaltung eines kohärenten Selbst Beziehungen den anderen ,zum Fressen gern' mit der Tendenz, ihn ,mit Haut
„auf den abgespaltenen Körper zu lenken" gesucht wird (Hirsch 1989a: 7). und Haar' zu verschlingen. Diesem kannibalistischen Begehren begegnen
Schmerzhafte Abgrenzung einerseits, Symbiosewunsch andererseits ver- wir auch im rituellen Abendmahl in Form der identifikatorischen Inkorpo-
weisen auf einen virulenten Konflikt der Autonomieentwicklung, auf das ration des ,Fleisches' oder ,Leibes Christi' wie des ,Blutes Christi'. Doch
Bedürfnis nach Trennung, Selbstständig- und Unabhängigkeit bei gleichzei- bleibt diese instituierende Akkulturationspraxis der kreativen Gründungsre-
tig abzuwehrender, zu überbrückender Regression in existentielle Angstzu- ferenz (Legendre 1995: 209) auf der Ebene des Imaginären, sprich, der Inkar-
stände, Kontrollverluste, Ohnmachtaffekte usw. Die destruktive Manipula- nationsphantasien über den fleischgewordenen Gott, und des Symbolischen,
tion des eigenen und des angeeigneten fremden Körpers dient offensichtlich der Magie der Sprache, sodass fremdaggressive Handlungen nur noch abstra-

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hiert oder repräsentiert werden. „Jeder Kontakt mit einem realen anderen ihre Konsistenz geradezu insofern verleiht, als es aus ihr als eine Art Fremd-
Wesen aus Fleisch und Blut, jedes sexuelle Vergnügen, das uns die Berüh- körper herausfallen muss. Und insofern im Kern des Symptoms ein Kern
rung eines anderen Menschen bereitet, ist nicht etwas Offensichtliches, son- des Genießens persistiert, der jeder Interpretation widersteht", liegt das Ziel
dern etwas inhärent Traumatisches und nur zu ertragen, wenn dieser andere der Behandlung „nicht in einer interpretativen Auflösung des Symptoms [...],
in den phantasmatisehen Rahmen des Subjekts integriert wird (Zizek 1999: sondern in einer Identifikation mit ihm, in einer Identifikation des Subjekts
111). mit diesem nicht-analysierbaren Punkt" partikulärer Pathologie, die letzt-
Im Fall des Patienten jedoch erweisen sich die Affekte nicht (mehr) als de- endlich die einzige Stütze dieses Daseins bildet (Zizek 1991: 26 f.).
somatisiert, wie dies Freud in der Projektion aus dem Somatischen auf eine
psychische Oberfläche modellhaft formuliert. Sondern es kommt zu einer Die Verkörperung des perversen Phantasmas
Resomatisierung (Schur) der basalen Affekte und Phantasien mit der affekt- Tragischerweise - jedoch affektlogisch durchaus konsequent - bricht der
logischen Konsequenz, dass diese in der Regression von symbolischen Inter- Patient die Behandlung ab, wird alsbald nach erneuter Straffälligkeit wieder
aktionsformen auf konkrete Körperwahrnehmung und -erfahrung nicht in Kliniken der forensischen Psychiatrie untergebracht, entweicht dort in
mehr abspaltend „vom Leibe gehalten" werden können, sondern unmittel- Abständen von Jahren zweimal und begeht wieder Straftaten, wobei er zuletzt
bar erlebt und agiert werden müssen: „Die Mechanismen der Einverleibung sein eingangs skizziertes Phantasma auf genauso monströs-erschreckende
des Objekts und die Fusion libidinöser und destruktiver Triebziele sind hier Weise in die Tat umsetzt. Paradoxerweise bieten weder dieses Phantasma noch
sehr deutlich zu erkennen" (Schur 1955: 362). die Realisierung dieser Phantasie Möglichkeiten der Erfüllung oder Befrie-
digung des Begehrens. Erst durch das Phantasma besteht für den Patienten
Der Körper als Brücken-Objekt die Möglichkeit, sein Begehren überhaupt zu realisieren, sprich, sich also
als begehrendes Subjekt zu konstituieren und dadurch - zwar beunruhigt und
Damit aber stehen prototypische Objektrepräsentanzen nicht (mehr) so zur zwiespältig, so doch sich selbst / sein Selbst spürend - überhaupt als leben-
Verfügung, dass das gute - mütterliche - Übergangsobjekt kompensatqrisch dig-pulsierendes Subjekt existieren können. Insofern ist das Phantasma zwar
wirksam sein könnte: Der eigene Körper muss als Vorläufer des Über- ein existentielles Problem, doch zugleich buchstäblich Verkörperung des Zie-
gangsobjekts diese Funktionen übernehmen und fungiert nun als ein inter- les, das weder zu erreichen ist noch erreicht werden darf. Deutlich wird dies
mediäres Objekt, das in seiner Brückenfunktion verlässlich präsent und kon- u. a. auch in der Vorgeschichte dieser letzten Tag: Bis dahin waren die als
trollierbar ist, weil das Subjekt sich dieses selbst geschaffen hat. Es handelt Tötungs- und Einverleibungsversuche interpretierbaren Fremdaggressionen
sich also um eine krisenhafte Regression von der Phantasie einer symboli- nie wirklich erfolgreich' im Sinne einer effektiven, kompletten Realisierung
schen Repräsentanz auf konkret präsente Selbstobjekte, den Körper eben, des Phantasmas. Dies jedoch ist sachlich nicht erklärbar und deutet eher dar-
der dabei zum Körper-Brücken-Objekt wird und entbehrte Beziehungser- aufhin, dass die plötzlichen Attacken erfolgten, um sich der Unmöglichkeit
fahrungen kompensiert (Kestenberg 1971, nach Lemche 1999). Dabei wird der Realisierung des Phantasmas zu versichern und sich dieses so als eben
dieser offensichtlich einerseits als ,Nicht-lch', als ich-dystones Körperob- leibhaftiges Phantasiegeschehen zu erhalten. Paradoxerweise ist folglich nicht
jekt, wahrgenommen und benutzt, andererseits im Sinne der von Freud (1923: unbedingt die phantasmatische Szene selbst, sein Inhalt, die unterstellte
253) als „zweierlei Empfindungen" beschriebenen Körperwahrnehmungen Absicht usw. die grundlegende Komponente des Phantasmas, sondern die
zugleich auch ich-synton als (Teil des) Selbst, als Körpersubjekt, erlebt. All- Differenz absichernde Unmöglichkeit seiner Verkörperung und Umsetzung
täglich ist dieser autoaggressive, objekthaft-selbststabilisierende Bezug in der Tat (Zizek 1992: 16). Denn: „Angst tritt nicht auf, wenn die Objekt-
zum eigenen Körper in Tattoos, in Brandings, in Piercings usw. beobacht- Ursache des Begehrens fehlt; nicht das Fehlen des Objekts löst sie aus, son-
bar: Wird in diesem selbstobjektivierenden Manöver die - latente oder mani- dern, im Gegenteil, die Gefahr, sich dem Objekt zu sehr zu nähern und dadurch
feste - Ungewissheit über die eigene Identität und Individualität symboli- des Mangels selbst verlustig zu gehen - anders gesagt, das Verschwinden
sierend zu beseitigen versucht, beinhaltet die pervers strukturierte, genitale des Begehrens zu erleiden" (ebenda, 11). Tatsächlich erwies sich der Patient
Sexualität für den Patienten „etwas inhärent Traumatisches", das gerade vor nach der entleibenden Tat als extrem verstört und destabilisiert, was zwar als
dem Hintergrund sexualisierter Beziehungsmodi nur zu ertragen ist, „wenn Traumatisierung durch das Erleben der eigenen Tat, aber eben auch als fun-
dieser andere in den phantasmati sehen Rahmen des Subjekts integriert" und damentale Ängstigung durch Modifizierung des bis dahin stabilisierenden
vor diesem Hintergrund auf entsublimierte Art und Weise angeeignet wird Phantasmas verstanden werden kann. Als passage a l'acte wirkt diese Tat-
(Zizek 1999: 111). handlung - wie jede Handlung - wie eine Art von Selbstmord des Subjekts:
Und in diesem Sinne ist sein fremdaggressives Handeln - als solches kon- „Das macht den Akt im eigentlichen Sinn aus, dass das Subjekt vorher und
sequent zu Ende gedacht- ein perverses Symptom besonderer Art, ein Abjekt, nachher nicht mehr das gleiche ist" (Miller 1989: 42).
das mitnichten psychologistisch auf eine anderweitig verweisende Chiffre
zu reduzieren wäre, sondern es ist für diesen Patienten als integraler Teil sei- Symbolische vs. reale Kastration
nes Corpus delicti in ,Fleisch und Blut' übergegangen. Damit ist diese Per- Als ultima ratio empfehlen die forensischen Experten der Klinik und der gesetz-
version als Struktur „das einzige, das wahrhaftig existiert, das der Realität lich vorgeschriebenen Begutachtung „zur Vorbereitung einer Entscheidung über
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den Antrag einer operativen Entmannung" vor dem Hintergrund einer bereits komplettiert die Kastration das vorhergehende Tatgeschehen geradezu auf affekt-
früher mit AndrocurOO erfolgten medikamentösen Triebdämpfung, d. h. einer logische Art und Weise. Obwohl der Patient einerseits davon phantasiert, „wie
chemischen Kastration durch Antiandrogene, schließlich eine chirurgische Kas- er einem Jungen [...] den Penis abschneidet" (Pfäfflin/Haake 1983: 98) und
tration durch operative Entfernung der Hoden. Während Schorsch (1976: 84) schließlich die eigene Kastration mit veranlasst, werden diese Aspekte der oszil-
die chirurgische Kastration als „in jedem Fall eine therapeutische Verzwei- lierenden Fusion des eigenen und des fremden Körpers, der selbst- und fremd-
flungstat" kennzeichnet und sogar in der o.g. Indikationsbegutachtung selbst destruktiven Phantasien und Impulse, der Einverleibungs- und Ausstoßungs-
noch diskutiert wird, es sei je nach wissenschaftstheoretischer Definition mit- bedürfnisse anlässlich der Entscheidung über den operativen Eingriff in ihrer
unter „strittig [...], ob mit der operativen Entmannung tatsächlich auch die psychodynamischen Bedeutung und indikationsbezogenen Relevanz nicht ein-
sadistischen Regungen, Vorstellungen Ausgelöscht' werden", heißt es dann wei- mal ansatzweise, geschweige denn kritisch diskutiert. Dabei müsse doch - so
ter, dennoch müssten „Zweifelsfragen dieser Art [...] ganz zurückgestellt wer- Schoof(1976: 138)-„immer klar sein, dass hier lediglich Sexualität insgesamt
den"*. Daher dürfe „mit gutem Grund erwartet werden [...], dass durch Reduk- in ihren Äußerungen und ihrer Dynamik unterdrückt oder vernichtet, aber prin-
tion bis zur Aufhebung des Sexualtriebes auch die Dynamik der Vorstel- zipiell nicht verändert wird im Sinne von Abbau devianter Strukturen und ,Umpo-
lungstätigkeit soweit reduziert wird, dass einschlägige Verhaltensdeterminan- lung' zu irgendeiner Normalität". So fällt auf, dass die symbolische Kastration
ten nicht mehr wirksam werden"*. Mit dieser mindestens „bedenklichen Pra- als subjektivierende Form von (psycho-)therapeutischer, verbaler Integration
xis" befinden sich die Behandler in genau der körperbezogen-genitalzentrier- des Patienten in die gängigen Bedeutungs- und Normensysteme, als instituie-
ten Problemlöselogik, die der Patient Jahre zuvor bereits avisierte: Die Kas- rende Einordnung des Subjekts des Unbewussten durch Inkorporation von Ver-
tration gehört zu den Maßnahmen, „die sich mehr oder minder darin erschöp- haltensmaximen — incorporation thesis (Allison 1991:208) - ersetzt wird durch
fen, Sexualität auszulöschen, ohne die zugrunde liegenden Konflikte zu berück- eine reale Kastration: Anstelle einer subjektivierenden Einsetzung (Instituie-
sichtigen" (Schorsch/Schmidt 1976: 10). rung) des Patienten vollzieht die abspaltende Verwerfungsoperation an ihm eine
In seiner sexualmedizinischen „Bestandsaufnahme" charakterisiert Sigusch
objektivierende Absetzung (Destitutiori) zum entmannten Abjekt (vgl. Legen-
(1990: 200) die hinter derart durchgreifenden Interventionen stehende Überzeu- dre 1995; 1988). Weder das therapeutische Nein mitsamt der Verinnerlichung
gung, „in der anatomischen und hormoneilen Ausstattung des Menschen habe man dieser Verneinung noch das therapeutische Fragen inklusive taktvollen Spre-
das ,Radikal' der Sexualität vor sich", als „vorwissenschaftlich": „Die Furie des chens (Kobbe 1999), beides Aspekte der symbolischen Kastration (Kristeva
Somalischen, die die heutige Sexualität wieder so sehr fasziniert, kommt immer 1991), spielen hier noch eine wesentliche Rolle: Institutionell wird dieser (Rück-
erst dann zum durchschlagenden Erfolg, wenn die Prozesse des Lebendigen ent- )Schritt in invasive körperbezogene Behandlungsmaßnahmen erst durch den
flochten oder stillgestellt sind. Werden die Nerven durchtrennt, ist eine Erektion weitgehenden Verzicht auf jedwedes theoretisch-wissenschaftliche Referenz-
nicht mehr möglich. Solche Eingriffe folgen den Gesetzen der Mechanik, nicht system ermöglicht; einer „Mikrophysik" therapeutischer Gewalt wird Vorschub
den Bedingungszusammenhängen des Lebendigen." geleistet, die an die disziplinierenden „peinlichen" Körperstrafen früherer Sank-
Im Effekt wird anschließend gutachterlich festgestellt, der Patient habe „einen tionssysteme erinnert. Anders formuliert, geht es mit Foucault (1976: 43) mit-
Zustand nie gekannter Asexualität bei sich erlebt, ohne Erektion, aber auch ohne unter doch auch weiterhin „um jene ganze Technologie der Macht über den Kör-
sadistische Phantasien, nur noch auf junge Männer gerichtete Zärtlichkeitsbe- per, die von der Technologie der ,Seele' - derjenigen der Erzieher, Psycholo-
dürfnisse, zwar libidinös aber ohne somatisch-sensorische Resonanz"*. Dies gen und Psychiater - weder maskiert noch kompensiert werden kann, da sie ja
sei als „Entaktualisierung einer langjährigen Belastung"*, mithin als „Gefahr- nur eines ihrer Instrumente ist".
minderung" und - bei aller Vorsicht - , jetzt eher" als „eine Tendenz zu einer
Normalisierung' der Persönlichkeitsstruktur"* zu bewerten. Und der nächste Die prothetische Funktion des Phantasmas
Gutachter attestiert dann, nunmehr finde sich ein „angemesseneres" Verhalten,
„dies offenbar nicht nur im Sinne eines Sichfügens in das Unvermeidliche, son- Bei eingehenderer theoriegeleiteter Diskussion hätte deutlich werden kön-
dern als eine aktive und in Grenzen akzeptierte eigene Anpassungsleistung", nen, dass der somatisch verhafteten Kompensationsfunktion des Körper-Brü-
die als „Zugewinn an Autonomie" innerhalb „der erheblichen Fremdbestim- cken-Objekts im Bereich der psychischen Struktur eine perverse Phantasie-
mung in Maßregelvollzugsinstitutionen" zu „deuten" sei*. Im weiteren Ergeb- bildung entspricht, die „sich am besten als Plombe, Pfropf, als ein hetero-
nis konstatieren die Behandler, „auch infolge der Kastration" sei „in gewisser genes Gebilde beschreiben (lässt), das die Lücke schließt, die eine fehlge-
Weise auch eine Verflachung des Patienten eingetreten"*. gangene narzisstische Entwicklung geschaffen hat. Dank dieser Plombe wird
die Homöostase im narzisstischen Bereich ermöglicht und aufrechterhalten".
Verfolgt man diese Kastrationspraxis, so scheint sie - nachdem das fremdag- Dabei bleibt, weil Illusion und Wirklichkeit nicht durchgängig in Überein-
gressive Phantasma in der Tat bereits agiert wurde - nunmehr auch die frühe- stimmung zu bringen sind, zwar „ein innerer Widerspruch bestehen, der dau-
ren autoaggressiven Körperphantasien des Patienten in die Realität umzuset- ernd die realitätsangepassten Ich-Strukturen bedrhot und in Frage stellt", doch
zen. Vor dem Hintergrund, dass es - so ein Gutachter - „um das Aufschneiden absorbiert diese Struktur die narzisstische Wut des Subjekts und stellt als
und nicht um die Person" ging und „für den Ausdrucksgehalt dieser Phantasie „prophetische Ergänzung [...] das Resultat einer Umformung aggressiver
[...] ferner wichtig [war], dass sich die Phantasien zu Beginn auf ihn und den Energien in eine polymorphe Struktur dar". Indem das perverse Syndrom so
eigenen Körper bezogen, erst später auf den Körper des anderen"* richteten, „ein fester Bestandteil der Gesamtperson" ist (Morgenthaler 1974: 29 f.),
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stellen Körperobjekt- und Körpersubjektanteile beide Seiten eines quasi ein- sehr destabilisiert, dass er den ihm unaussprechlichen Horror der Tat nicht
gefleischten Exoskeletts dar. dauerhaft verdrängen kann. Im Gegensatz zur gutachterlichen Beurteilung
zunehmender Autonomie des Subjekts erlebt sich der Patient mehr denn je
Der Versuch, die - dennoch - virulente Aggressionsproblematik im Sinne einer als Objekt dieser einschießendenßash-backs, als Objekt einer,innen' statt-
Defizitheilung operativ aufzulösen, kommt einerseits einer „Sprengung der findenden Introjektion, von der weder eine fremd- noch eine selbstaggres-
Plombenfunktion" (Morgenthaler) gleich und ist zudem der befremdliche Ver- sive Befreiung möglich ist. Tatsächliche Autonomie sei „den subjektiven Nei-
such, die ebenso bedrohliche wie lästige Perversion - verkörpert durch das gungen ganz und gar fremd", konstatiert Zupancic (1995: 24). Demzufolge
phallische Corpus delicti - als im Grunde existentiell irrelevantes Körper- könnte wirkliche Autonomie nur auf dem irreduziblen pathologischen Kern
symptom zu isolieren und das Subjekt als sonst eigentlich ,normaP und unge- des Subjekts beruhen, auf seinem dem - im Abjekt verkörperten - Mangel
fährlich' zu phantasieren (Kobbe 1997). Das heißt, der Eingriff destabilisiert entspringenden Phantasma beispielsweise. Gerade dieses aber erweist sich
nicht nur die ohnehin labile narzisstische Balance dieses Patienten, sondern im konkreten Fall als eliminiert.
verkennt auch, dass und wie sehr dieses körpernahe Abwehrsystem der struk-
turellen Perversion - auch jenseits der symptomatischen Phantasie - durch dyna-
mische Aspekte der Erniedrigung (humiliation) bzw. Selbsterniedrigung und Jenseits des Corpus delicti
der Feindseligkeit (hostility) geprägt ist (Stoller 1979: 17). Gerade aus diesen Was dem Subjekt seine Würde verleiht, ist das ihm eigene ,absolut Partiku-
Gründen bedarf es nicht der Leugnung des Symptoms durch Beseitigung, son- läre', ist sein Phantasma als „jener Teil von ihm, von dem wir sicher sein kön-
dern der Identifizierung des Patienten mit dieser Fundamentalphantasie. nen, dass wir niemals daran Teil haben werden". Die dahinter nur zu erah-
nende Verflechtung von Körpersubjekt, Körperobjekt und Körperabjekt, die
Da dem Patienten nun seine ursprüngliche phantasmatische Körpersympto-
nur höchst ambivalent mitzuverfolgende Dynamik von Einverleibung und Ent-
matik und sein (Über-)Lebensskript des Körperhandelns nicht mehr für die leibung, von Inkorporationen und Exkorporationen, die nur distanziert zu ertra-
Exkorporierung von „Feindseligkeit" und zur Distanzierung des Bezie- gende Körperlichkeit desomatisierter Basisaffekte macht transparent, wie die-
hungsobjekts zur Verfügung stehen und zugleich auch die inkorporierende
ses subjektive Absolute auf höchst partikuläre Weise organisiert wird. „Um
Wiederherstellung (s)eines Kernselbst nicht mehr möglich ist, hat sich die Kants Worte zu verwenden: Wir respektieren den anderen nicht aufgrund des
intrapsychische Situation eher verschärft denn entspannt. Gerade indem die universellen Gesetzes, das in jedem von uns wohnt, wir tun es im Gegenteil
bis dahin in der Perversion aufrecht erhaltene Differenz von Realität und Phan- aufgrund seines äußersten pathologischen Kerns, aufgrund der absolut par-
tasma nun zerstört und der phantasmatische Raum auf eine gewöhnliche All- tikulären Weise, in der jeder von uns ,seine eigene Welt träumt', sein Genie-
tagsroutine reduziert wurde, findet sich der Patient des ,Ortes' beraubt, an ßen organisiert (Zizek 1992: 85). Der Exzess dieser transgressiven (Selbst-)
dem er bis dahin sein Begehren „artikulieren" konnte (Zizek 1992: 15). Das Befriedigung scheint um ein phallisches Corpus delicti zentriert zu sein und
heißt, die Auslöschung des Phantasmas bewirkt eine ,Kastration' des Begeh-
erweist sich letztlich nur als ein um die Unmöglichkeit des realen Genießens,
rens und damit eine Annullierung seiner Lebendigkeit, die er zwar wie eine
als ein um die Leere des Phantasmas aufgebautes Körpersymptom, denn:
unerträgliche Wahrheit, als eine Art Lust-in-Unlust, als nicht-integrierbares „Genießen kann nur für den Körper, für ,die Materie' behauptet werden"
Introjekt empfand, die jedoch als unmöglicher Wesenskern ein Überleben (Zupancic 1995: 20) und ist hors corps außerhalb des Körpers, als Imagi-
des eigenen Traumas garantierte. näres oder Symbolisches, im Psychischen also - als solches nicht möglich.
Traumatisierung - Intrusion - Introjektion Anmerkung
Parallel findet sich der Patient einer kombiniert psychiatrischen, chirurgi- * Aufgrund der personenbezogenen Daten und zur Wahrung der Anonymität wer-
schen und strukturellen Gewalt unterworfen, deren reale wie imaginäre Macht- den die diversen Gutachten weder qualifiziert noch Datum oder Ort angegeben.
effekte „in die Tiefe der Körper materiell eindringen können, ohne von der
Vorstellung der Subjekte übernommen zu werden" (Foucault 1977:108). Denn Literatur
tatsächlich erscheint der Patient den Psychiatern nun ,angemessen-fügsam', Allison, H.E. (1991): Kants Theory of Freedom, Cambridge.
ja, normalisiert' bis hin zur ,Verflachung' und perversionsbezogen ,entak- Domes, Martin (1994): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des
tualisiert'. Andererseits jedoch wird er durch einschießende Erinnerungsbilder Menschen, Frankfurt/M.
an die letzte Tat und begleitende Affektzustände gepeinigt und durch diese Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frank-
flash-backs beunruhigt. Wenngleich mit der Kastration die vorher dominie- furt/M.
renden perversen Phantasien „verschwunden" sind, erweist er sich in dieser Foucault, Michel (1978): Die Machtverhältnisse durchziehen das Körperinnere, in:
Hinsicht auftragische Weise dennoch weiter als an (s)ein grausames, trau- Foucault, Michel (Hrsg.): Dispositive der Macht, Berlin, S. 104-117.
matisierendes Tatgeschehen, an diese vergeblichen Versuche von Verein- Freud, Sigmund (1923): Das Ich und das Es, in: Freud, Sigmund (Hrsg.): Gesammelte
nahmung und Distanzierung, von ohnmächtiger Intrusionserfahrung und des- Werke, Bd. XIII, Frankfurt/M., S. 246-255.
truktivem Selbsthass gebunden. Durch diese affektive Belastung ist er höchst Hirsch, Mathias (1989a): Der eigene Körper als Objekt, in: Hirsch, Mathias (1989c)
beunruhigt und in seiner bis dahin kompensatorisch wirksamen Abwehr so a.a.O., S. 1-8.

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