Sie sind auf Seite 1von 29

Johann Gustav Droysen

HISTORIK
Historisch-kritische Ausgabe
von Peter Leyh

Band 1
Johann Gustav Droysen

HISTORIK
Band 1: Rekonstruktion der ersten
vollständigen Fassung der Vorlesungen
(1857)
Grundriß der Historik in der ersten
handschriftlichen (1857/1858) und
in der letzten gedruckten Fassung (1882)

frommann - holzboog
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Droysen, Johann Gustav


[Sammlung]
Historik: histor.-krit. Ausg. / von Peter Leyh.
— Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog.

Bd. 1. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung


der Vorlesungen (1857). Grundriß der Historik
in der ersten handschriftlichen (1857/1858)
und in der letzten gedruckten Fassung (1882).
— 1. Aufl. — 1977. —
ISBN 3-7728-0676-7

© Friedrich Frommann Verlag Günther Holzboog GmbH & Co


Stuttgart-Bad Cannstatt 1977
Satz und Druck: Aumüller Druck KG Regensburg
Bindung: Verlagsdruckerei Zluhan, Bietigheim
Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers IX

Zeichenerklärung XXX

HISTORIK. Die Vorlesungen von 1857 (Rekon-


struktion der ersten
vollständigen Fassung aus den
Handschriften) 1

3
Einleitung
Vorbemerkung 3
Kapitel I. Die Geschichte und die historische Methode 7
Kapitel II. Unsere Aufgabe 43

Erster Teil: Methodik 65

1. Die Heuristik 67
2. Die Kritik 111
3. Die Interpretation 159
4. Die Apodeixis 217

Der zweite Teil: Die Systematik 285

A. Die sittlichen Mächte 290


I. Erste Reihe: Die natürlichen Gemeinsamkeiten 291
II. Zweite Reihe: Die idealen Gemeinsamkeiten 313
III. Dritte Reihe: Die praktischen Gemeinsamkeiten 336

B. Der Mensch und die Menschheit 363


GRUNDRISS DER HISTORIK. Die erste vollständige hand-
schriftliche Fassung (1857 oder 1858) 395
Einleitung 397
Die Methodik 399
1. Die Heuristik 400
2. Die Kritik 401
3. Die Interpretation 403
4. Die Darstellung 405
Die Systematik 406
a. Die geschichtliche Arbeit nach ihrem Stoff 408
b. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Formen 408
c. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Arbeitern 409
d. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken 410

GRUNDRISS DER HISTORIK. Die letzte Druckfassung (1882) 413


Vorwort 415
Einführung 417
Einleitung 421
Die Methodik 425
I. Die Heuristik 426
II. Die Kritik 428
III. Die Interpretation 431
Die Systematik 435
I. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Stoffen 436
II. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Formen 437
III. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Arbeitern 441
IV. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken 443
Die Topik 445
Beilagen 451
1. Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft 451
2. Natur und Geschichte 470
3. Kunst und Methode 480
Nachweise zu den Einschüben 489
Register 494
Vorwort des Herausgebers'

Johann Gustav Droysens Vorlesungen über die Theorie der Geschichts-


wissenschaft in propädeutischer Absicht, zwischen 1857 und 1882/83 ins-
gesamt 17mal, sporadisch unter dem Titel „Historik", gehalten', waren
eine wissenschaftstheoretische und geschichtsdidaktische Pionierleistung,
die bei seinen Fachgenossen „einiges Kopfschütteln" veranlaßte' und
bei den Studierenden vergleichsweise geringen Widerhall fand: Droysen
las kein Kolleg häufiger als das über „Historik", doch so großen Wert
er auf diese Vorlesungen legte, — in keinem seiner mehrfach wiederholten
Kollegien in jenen 25 Jahren hat er weniger Zuhörer gehabt 4 .

1 Mit Band 1 der historisch-kritischen Edition kongruiert — abgesehen von Titel-


blatt und äußerer Aufmachung — die (wohlfeile) „Textausgabe". Von daher
bestimmt sich der Zweck dieses Vorworts. In erster Linie soll dem Benutzer der
„Textausgabe" die Zielsetzung der Edition und das gewählte editionstechnische
Verfahren wenigstens in Grundzügen offengelegt werden. Dem Benutzer der
historisch-kritischen Ausgabe mag das Vorwort zur vorläufigen Orientierung
dienen; den ausführlichen editorischen Bericht und einen Abriß der Entwick-
lungsgeschichte der „Historik" findet er im dritten Band dieser Edition.
2 Droysen hielt das Kolleg in den Semestern: 1857, 58, 59, 59/60, 60/61, 62/63,
63/64, 65, 68, 70, 72, 75, 76, 78, 79, 81, 82/83. Im „Index Scholarum ...
publice et privatim in Universitate Litterarum Ienensi habendarum" kündigte
er die Vorlesungen 1857 als „Encyclopaediam et methodologiam historiarum",
1858 und 1859 als „Encyclopaediam historiarum" an; das „Verzeichnis der Vor-
lesungen, welche ... auf der ... Universität zu Berlin gehalten werden", über-
liefert für die Semester 1860/61, 1863/64 bis 1872 und 1879 bis 1881 die An-
kündigung „Historische Methodologie und Enzyklopädie", für 1862/63 „Hi-
storik oder Methodologie und Enzyklopädie der historischen Wissenschaften",
für 1875 „Methodologie und Enzyklopädie der Geschichtsstudien", für 1876
„Methodologie und Enzyklopädie der historischen Wissenschaften" und für
1878 sowie 1882/83 „Methodologie und Enzyklopädie der Geschichte". In den
Vorlesungsmanuskripten, die Droysen zwischen 1857 und 1882/83 dem Vor-
trag zugrunde legte, lauten die Übersdiriften : „Historik", „Enzistorik" und
„Enzyklopädie". — Weshalb diese Ausgabe unter dem Titel „Historik" er-
scheint, ergibt sich aus Droysens Erörterungen über ,den Namen' seiner Diszi-
plin, unten S. 43 f.
3 Brief Droysens vom 20. 3. 1857 an Wilhelm Arendt. In: Johann Gustav Droy-
sen, Briefwechsel. Hg. Rudolf Hübner. Bd. 1.2. Berlin, Leipzig 1929. — Bd. 2,
S. 442.
4 Nach einem Schreiben der Universitätsbibliothek Jena vom 22. 3. 1917 an
Rudolf Hübner hatte Droysen in den Semestern 1857, 1858, 1859 im „Histo-
rik"-Kolleg 9, 8, 17 Hörer; in den Vorlesungen über Neueste Geschichte in den

IX
Diese Disproportion erklärt sich zumindest teilweise daraus, wie Droy-
sen seine Aufgabe anfaßte, angehende Historiker theoretisch auf die
fachwissenschaftliche Praxis vorzubereiten. Im Gegenzug zum zeitgenös-
sischen Typus geschichtswissenschaftlicher Einführungen, der lediglich die
Vorstellung und Illustration eines weithin aggregatorischen Kanons von
historischen Elementar- und Hilfswissenschaften (,Enzyklopädie`) und
von heuristischen, quellenkritischen und topischen Kunstregeln (,Metho-
dologie`) vorsah', unternahm Droysen in den „Historik"-Vorlesungen
den Versuch, die in herkömmlicher Weise methodisch geregelte, aber in
diesen Regeln nicht verrechenbare geschichtswissenschaftliche Forschungs-
praxis seiner Zeit umfassend und systematisch konsistent zu begründen
und der ihr immanenten Logik nach zu explizieren'. ‚Enzyklopädie' und

Semestern 1857, 1858 und 1858/59 belief sich die Zahl der Hörer dagegen
auf 52, 94, 113, in den Vorlesungen über Neuere Geschichte 1857/58 und 1859
auf 55 bzw. 65; nach einem Schreiben der „Königlichen Universitäts-Kasse
und Quästur" s. d. Berlin, 24. 1. 1917 an dens., in dem sämtliche Hörerzahlen
aus Droysens (zweiter) Berliner Zeit (1859/60-1884) im einzelnen nachge-
wiesen sind, hatte er in der „Historik" zwischen 1859/60 und 1863/64 durch-
schnittlich knapp 37 Zuhörer, im selben Zeitraum in den Kollegien über
Neuere Geschichte durchschnittlich etwas über 81, in denen über Alte Ge-
schichte knapp über 61, und in den Vorlesungen über Neueste Geschichte ca.
115 Zuhörer; die durchschnittlichen Zahlen für die Vorlesungen zwischen 1865
und 1879 sind: Historik: etwas über 53, Neuere Geschichte: ca. 74, Alte Ge-
schichte: knapp 66, Neueste Geschichte: 119; erst 1881 und 1882/83 fand die
„Historik" ein größeres Auditorium: 83 bzw. 61 Zuhörer (Vergleichszahlen:
Alte Geschichte 1882: 97; Neuere Geschichte 1880/81, 81/82, 82/83, 83: 88, 96,
74, 71; Preußische Geschichte 1880/81, 81/82, 83/84: 104, 79, 66). — Beide
Schreiben in: Universitätsbibliothek Jena, Nach'. Droysen, Nr. 5.
5 Als exemplarisch können z. B. gelten: Friedrich Rühs, Entwurf einer Pro-
pädeutik des historischen Studiums. Berlin 1811, und Friedrich Rehm, Lehr-
buch der historischen Propädeutik und Grundriß der allgemeinen Geschichte.
Zum Gebrauche bei akademischen Vorlesungen entworfen. Marburg 2 1850
[neu herausgegeben von Heinrich v. Sybel]. Wie solche ,akademischen Vor-
lesungen' aussahen, lassen die beiden folgenden Kollegnachschriften erkennen:
Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, früher Preußische Staats-
bibliothek, Ms. germ. qu. 1076, 9: Enzyklopädie und Methodologie des histo-
rischen Studiums, vorgetragen von Andreas Ludwig Jakob Michelsen [Kiel]
1832/33. Kollegnachschrift von Georg Waitz. Und: Rudolf Koepke, Enzyklo-
pädie der Geschichte, Wintersemester 1856/57. Nachschrift von E. Winkelmann.
Universitätsbibliothek Heidelberg, Hdb. Hs. 1883. — Die Edition dieser
oder ähnlicher Kollegnachschriften bzw. Vorlesungsmanuskripte wäre sehr
wünschenswert, da bislang von derartigem Material nichts gedruckt ist.
6 Zum Folgenden vgl. vor allem die verschiedenen Arbeiten von Jörn Rüsen
über Droysens Theorie der Geschichte und der Geschichtswissenschaft, in denen

X
,Methodologie` schließen sich zur systematischen Einheit der „Historik"
zusammen, indem geschichtswissenschaftliches Erkennen als methodisch
kontrollierte Form eines historischen Reflexionsprozesses begriffen wird,
in welchem die Geschichte als sinnhafte Selbsthervorbringung und Objek-
tivation des dem Menschen (gattungs-)spezifischen Geistes verstanden und
gegenwärtige menschliche Handlungsentwürfe als sinnvoll, da durch den
Sinnzusammenhang der Geschichte vermittelt, ausgewiesen werden. Was
im traditionellen methodologischen Selbstverständnis der Historie durch
die strikte Beschränkung der wissenschaftlichen Arbeit auf die quellen-
kritische Ermittlung historischer Daten eliminiert werden sollte: die
durchgängige vor- und außerwissenschaftliche Bestimmtheit der histori-
schen Erkenntnis, wird in der — zuerst von Droysen explizit geleisteten —
Konzeption der Geschichtswissenschaft als verstehender Geisteswissen-
schaft ganz im Gegenteil ins Zentrum der erkenntnistheoretisch-methodo-
logischen Selbstreflexion und der Methodik selbst gerückt. Zwar beginnt
die geschichtswissenschaftliche Arbeit mit der Skepsis der historischen
Frage; doch die Infragestellung von historischen Erinnerungsinhalten
setzt voraus, daß diese, wie der gesamte geistige Inhalt der Subjektivität,

eine neue Droysen-Interpretation erarbeitet worden ist: Jörn Rüsen, Begriffene


Geschichte. Genesis und Begründung der Geschichtstheorie J. G. Droysens. Pa-
derborn 1969. — Ders., Johann Gustav Droysen. In: Deutsche Historiker. Hg.
Hans-Ulrich Wehler. Bd. 2. Göttingen 1971. S. 7 — 23. — Ders., Politisches
Denken und Geschichtswissenschaft bei J. G. Droysen. In: Ders., Für eine
erneuerte Historik. Studien zur Theorie der Geschichtswissenschaft. Stuttgart-
Bad Cannstatt 1976. S. 76-91. — In einigen anderen Aufsätzen in diesem
Band finden sich gleichfalls wichtige Erörterungen über Droysens „Historik".
— Aus der neueren Droysen-Literatur bzw. Versuchen, in kritischem Anschluß
an die „Historik" eine Theorie der Geschichtswissenschaft zu entwickeln, sind
ferner in erster Linie zu nennen: Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode.
Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen 2 1965. S. 199-205.
— Hans-Walter Hedinger, Subjektivität und Geschichtswissenschaft. Grund-
züge einer Historik. Berlin 1969. — Herbert Schnädelbach, Geschichtsphiloso-
phie nach Hegel. Die Probleme des Historismus. Freiburg, München 1974.
S. 89-113. — Alfred Schmidt, Geschichte und Struktur. Fragen einer marxi-
stischen Historik. München 1971. — Ders., Zum Problem einer marxistischen
Historik. In: Wozu noch Geschichte? Hg. Willi Oelmüller. München 1977.
S. 135 - 181. — Aus demselben Sammelband ist hervorzuheben der Aufsatz
von Jörn Rüsen, Probleme und Funktionen der Historik (Wozu noch Ge-
schichte? S. 119-134). — Aus der älteren Literatur zu Droysens „Historik" ist
vor allem noch erwähnenswert: Friedrich Meinecke, Johann Gustav Droysen.
Sein Briefwechsel und seine Geschichtsschreibung. In: Ders., Schaffender Spie-
gel. Studien zur Geschichtsschreibung und Geschichtsauffassung. Stuttgart 1948.
S. 146 - 210.

XI
geschichtlich, vorwissenschaftlich, an sie gekommen sind; die Kontinuität
der Vermittlung geistiger Inhalte in Sozialisationsprozessen konstituiert
Geschichte als realen, an sich sinnhaften Zusammenhang, indem alles Han-
deln von Individuen innerhalb eines — als Gesamtgesellschaft realen —
intentionalen Horizontes steht, der in der Vermittlung der Willen von
Individuen sich als allgemeiner Zusammenhang zwischen und über ihnen
formiert. Erst innerhalb dieses historisch gewordenen intentionalen Hori-
zonts werden geistige Inhalte, auch die in der Sozialisation vermittelten
historischen Bewußtseinsinhalte, in Frage gestellt. Die historische Frage
entspringt dem Bedürfnis des menschlichen Ich, die gleichsam naturhaft an
es gekommene und sein Handeln mitbestimmende Vergangenheit sich re-
flektierend anzueignen, um sie als Bedingung seines gegenwärtigen Han-
delns in seine auf Zukunft gerichteten Zwecksetzungen einzubringen. In-
sofern kommt Geschichte als Objekt der historischen Erkenntnis erst als
Moment theoretischer Selbst-Vergewisserung in praktischer Absicht in
den Blick. — Zur Beantwortung der historischen Frage werden inter-
subjektiv überprüfbar in empirischer Forschung Daten über Vergangenes
gemäß den traditionellen heuristischen und kritischen Regeln aus den
Quellen ermittelt. Doch diese Daten sind nicht die gesuchte Antwort.
Sie müssen zuerst durch ein Wissen von Geschichte, das nicht aus den
Quellen zu gewinnen ist, als Geschichte zusammengefaßt werden, um
eigentlich historisch zu werden: durch das Wissen von dem Zweck der
Geschichte und den Formen seiner Verwirklichung. — Solange aller-
dings die Geschichte noch nicht ihr Ziel erreicht hat, kann ihr Zweck
theoretisch nicht zureichend ausgemacht werden; wie er gefaßt wird,
bleibt von den außer- und vorwissenschaftlichen praktischen Zweckbestim-
mungen des erkennenden Subjekts mit abhängig, das seine Handlungs-
absichten mittels der Methode des ,forschenden Verstehens" in histori-
scher Reflexion auf ihre praktische Vernünftigkeit überprüft. — Während
die allgemeinen Annahmen über das Wesen der Geschichte, wie Droysen
sie im zweiten Teil der „Historik", in der „Systematik", entfaltete, im
herkömmlichen Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft als außer-
wissenschaftlich aus der Methodologie verdrängt und der — literarischen
— Kunst der historischen Darstellung überwiesen wurden, operationali-
sierte Droysen sie ausdrücklich innerwissenschaftlich-methodologisch als
historischen Interpretationsrahmen, der die Daten über menschliches Han-
deln in der Vergangenheit erst als Geschichte organisiert. Damit sollte
die wissenschaftliche Rationalität historischer Forschung nicht gemindert,

7 Vgl. unten S. 22 u. ö.

XII
sondern gesteigert werden, um zugleich als Moment vernünftiger Praxis
zu fungieren: Die historische Präsentation der Forschungsergebnisse wird
dem Anspruch unterworfen, nicht ephemeren, partikularen Interessen zu
dienen, sondern gegenwärtige Praxis an der Richtschnur historischer Ver-
nunft zu normieren. —
In einer wissenschaftsgeschichtlichen Situation, in der noch immer die
Quellenkritik als Inbegriff der historischen Methode galt, war es für
Droysen naturgemäß schwer, sein „Historik"-Konzept als Gegenstand
der Propädeutik im Lehrbetrieb zu behaupten. Schon vom Sommerseme-
ster 1858 an kürzte er den Vorlesungsstoff um den geschichtsphilosophisch
besonders anspruchsvollen zweiten Teil der „Systematik" („Der Mensch
und die Menschheit"), von 1865 an verzichtete er auf die Behandlung
der „Systematik" ganz, und als er in den beiden letzten „Historik”-
Kollegien (1881 und 1882/83) die „Systematik" doch wieder besprach,
tat er sie in 5 bzw. 6 Kollegstunden ab, während er ihr 1857 nicht weni-
ger als 14 Stunden gewidmet hatte. Statt dessen verwandte er auf die
Behandlung der „Methodik", insbesondere der „Heuristik" und „Kritik"
(bisweilen sogar auf Kosten der „Interpretation" und der „Apodeixis"),
desto mehr Zeit. Es scheint kein ‚Zufall' zu sein, daß mit der Restriktion
des Vorlesungsstoffes zugunsten der Besprechung der historischen Tech-
niken die Anzahl der Hörer zunahm 8 , — zumal da diese Restriktion die
scheinbare didaktische Widersinnigkeit in der Aufgabenstellung des Kol-
legs verringerte: Um die Studierenden mit der Forschungspraxis über-
haupt erst bekannt zu machen, verlangte Droysen ihnen ja Reflexions-
leistungen ab, die die Forschungspraxis zum Gegenstand haben, sie be-
gründend, transzendieren und insofern bereits als bekannt voraus-
setzen.
Um die daraus resultierenden didaktischen Schwierigkeiten zu mindern
und um einen groben Überblick über das systematische Ganze der „Histo-
rik" auch dann zu vermitteln, wenn nur ein Teil davon im Kolleg zur
Sprache kam, gab Droysen seinen Hörern, zuerst im Sommersemester
1858, einen Leitfaden zu den Vorlesungen an die Hand, der „als Manu-
skript gedruckt", d. h. nicht über den Buchhandel zu beziehen war'.

8 Vgl. oben Anm. 4.


9 Johann Gustav Droysen, Grundriß der Historik. Als Manuskript gedruckt.
Jena 1858. — Die drei im Buchhandel erschienenen Auflagen haben Leipzig
zum Verlagsort. Die dritte Auflage ist auf dem Titelblatt als „dritte, um-
gearbeitete Auflage" gekennzeichnet. Zum ,Manuskriptdruck` vgl. auch unten
Anm. 35.

XIII
Diesen „Grundriß der Historik" — seine einzige mit „Historik" be-
titelte Publikation — veröffentlichte Droysen, in einer vom Manuskript-
druck z. T. erheblich abweichenden Form, zuerst 1868; 1875 erschien eine
nur geringfügig modifizierte zweite Ausgabe, 1882 schließlich die dritte
(und letzte autorisierte) Auflage, die in mehreren Abschnitten beträcht-
lich verändert ist.
Droysen hatte zwar „zur Erläuterung einiger Punkte" 10 , die ihm be-
sonders wichtig schienen, in allen drei Auflagen dem sehr abstrakt und
bündig gefaßten, in manchen Teilen sogar nur stichwortartig formulier-
ten „Grundriß" drei Aufsätze beigelegt". Doch diese „Beilagen" kon-
kretisierten eben nur ,einige Punkte; anderes blieb höchst erläuterungs-
bedürftig, obgleich er namentlich in der 3. Auflage den „Grundriß"
gegenüber dem Manuskriptdruck erheblich erweitert hatte. Kurz, das
Schriftchen konnte keineswegs die Vorlesungen ersetzen 1 ?. Nach Droysens
Tod (1884) mußte es daher als dringendes Desiderat erscheinen, den
„Grundriß" an Hand dessen zu ergänzen, was von den Vorlesungen
selbst überliefert war.
Doch erst 1907 geschah ein erster Schritt in dieser Richtung. Chr. D.
Pflaum teilte im Anhang seiner Untersuchung über „ J. G. Droysens
Historik in ihrer Bedeutung für die moderne Geschichtswissenschaft" Aus-
schnitte aus einer „Nachschrift der mündlichen Vorlesungen zu Jena im
Sommer 1858" mit". Diese Publikation war unbefriedigend, weil es
sich zum einen eben nur um Ausschnitte handelte, und weil zum andern
der „Grundriß" mitsamt den „Beilagen" nur eine sehr unzureichende
Handhabe bot, die durch brillante Formulierungen bestechende Nach-
schrift auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen.
Daß erst 1937 die erste Ausgabe der „Historik" auf der Grundlage
von Droysens Vorlesungsmanuskripten erschien, und daß der Heraus-
geber, Rudolf Hübner, bei der Beschaffung der Druckkosten" immense
Schwierigkeiten hatte, zeigt nur zu deutlich, wie wenig ,Bedeutung für die

10 S. unten S. 415.
11 Der Aufsatz „Die Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft"
war zuvor schon erschienen in: Historische Zeitschrift 9 (1863) S. 1-22.
12 Vgl. Meinecke, a.a.O. (Anm. 6), S. 286.
13 Chr. D. Pflaum, J. G. Droysens Historik in ihrer Bedeutung für die moderne
Geschichtswissenschaft. Gotha 1907. S. 3.
14 Johann Gustav Droysen, Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Me-
thodologie der Geschichte. Hg. Rudolf Hübner. München 1937 [künftig zit.
als Hüb]. S. XIX f. — Die Ausgabe ist inzwischen in B. Aufl. erschienen
(1977); die späteren Auflagen unterscheiden sich von der ersten lediglich
durch Druckfehlerberichtigungen.

XIV
moderne Geschichtswissenschaft` tatsächlich lange Zeit von der Historiker-
zunft der „Historik" beigemessen wurde''. So darf das Verdienst Hübners,
eine Ausgabe veranstaltet zu haben, nicht über deren Mängeln übersehen
werden; sie krankt — abgesehen von zahlreichen z. T. sinnentstellenden
Unrichtigkeiten der Textwiedergabe 16 und mehr als problematischen edi-
torischen Eingriffen 17 — vor allem daran, daß der Text aus verschiedenen
Fassungen der Kolleghandschriften kompiliert ist. Hübner legte seiner
Ausgabe zu mehr als 70 5 /0 Droysens letzte Ausarbeitung der Vorlesungs-
manuskripte (niedergeschrieben für die Semester 1881 und 1882/3) zu-
grunde, ca. 20 0 /0 des Texts entstammt dagegen einer Fassung, die Droysen
zwischen 1857 und 1863/64 zum Vortrag brachte und mehrfach über-
arbeitete. Freilich mußte Hübner so verfahren, um einen Text präsentie-
ren zu können, der das Konzept der „Historik", wie es der „Grundriß"
(3. Aufl.) festhält, vollständig abdeckt. Dagegen ist völlig uneinsichtig,
warum er fast über den ganzen Text hinweg in die letzte Ausarbeitung
(als Einschübe nicht gekennzeichnete) Wörter, Sätze, kürzere Abschnitte
aus früheren Fassungen inserierte und jene ca. 20 0 /0 des Texts aus den
verschiedenen Textschichten der 1857 bis 1863/64 benutzten Blätter kom-
pilierte. Dieses Verfahren bedingt vielfache Brechungen des historischen,
insbesondere des politischen und des wissenschaftshistorischen Horizonts
des Texts und hebt die z. T. beträchtlichen Umbildungen von Droysens
Historik-Konzeption aus ihrer geschichtlichen Kontingenz anachronistisch
im Schein einer konzeptionellen Homogenität auf, die bereits von den
Brüchen in der Sinnlinie des von Hübner hergestellten Texts widerlegt
wird".
Günter Birtsch veröffentlichte 1972 den zweiten Teil der „Systematik"

15 Der Philosoph Erich Rothacker veranstaltete 1925 einen Neudruck des


„Grundrisses". — Johann Gustav Droysen, Grundriß der Historik. HalleJS.
1925.
16 Zwei Beispiele für viele: Hüb 36 stellt Droysen die Frage, wie man an-
fangen solle, die historische Frage zu beantworten, und fährt dann fort: „Wir
kehren einfach den Speer um: wie kam ich zu dieser Frage? [...] Es ist
gleichsam das Besinnen, die Frage auf sich selbst." Natürlich muß es heißen:
„das Besinnen der Frage auf sich selbst". — Hüb 212 findet sich der alles
sonst über Droysen Bekannte revolutionierende Satz: „Ein wirklich nur
patriarchalischer Zustand würde geschichtlich der aufwuchsbarste sein [...]."
— Statt „aufwuchsbarste" steht in der Handschrift „unfruchtbarste".
17 Vor allem „Streichungen und Kürzungen" sowie stilistische Glättungen. Vgl.
Hüb. XIV.
18 Der in Band 3 dieser Edition gegebene historisch - kritische Apparat wird das
hier Beschriebene zur Genüge deutlich machen.

XV
aus der Fassung von 1857 19 . Wenngleich auch seine Textwiedergabe an
Genauigkeit zu wünschen übrig läßt", hat er doch das Verdienst, durch
diese Publikation deutlich gemacht zu haben, wie sehr Droysen im Lauf
der Jahre Wortlaut und Konzeption der „Historik" veränderte. Zu-
gleich hat Birtsch den Wunsch nach einer „historisch-kritischen Gesamt-
ausgabe von Droysens ,Historik'« 21 geäußert, dem diese Edition nun
Rechnung tragen soll.

Erstes Ziel der Ausgabe muß es sein, Droysens Vorlesungen erstmals


in einer authentischen Fassung vorzulegen, in der das systematische Ganze
der „Historik" zusammenhängend, in einem Stück, ausgeführt ist. Diese
Zielsetzung korrespondiert mit der Aufgabe, die vielfachen Verände-
rungen des Texts der Vorlesungsmanuskripte und des gesprochenen Texts,
soweit dieser überliefert ist, in ihren inneren Zusammenhängen mittels
geeigneter editionstechnischer Verfahren zu veranschaulichen. Außerdem
läßt sich die Entwicklungsgeschichte der „Historik" als ein textgeschicht-
liches Kontinuum an Hand anderer Vorlesungsmanuskripte Droysens bis
zum Beginn seiner akademischen Lehrtätigkeit (1833) zurückverfolgen,
an Hand weiterer (gleichfalls zumeist ungedruckter) Materialien sogar
bis in seine Studienzeit (1826-29); so erweitert sich die Aufgabe der
Edition dazu, die Entwicklung von Droysens expliziter Theorie der histo-
rischen Wissenschaften und seines darin beschlossenen Konzepts der histo-
risch-politischen Bildung nicht nur an Hand der „Historik", sondern auch
im Rückgriff auf andere ungedruckte sowie einige an entlegener Stelle
publizierte, aber unbekannte Texte über 6 Jahrzehnte hinweg (ca. 1826
bis ca. 1883), somit einen paradigmatischen Ausschnitt der Wissenschafts-
geschichte zwischen Hegel und Dilthey, zu dokumentarischer Anschaulich-
keit zu bringen.

Die Ausgabe ordnet sich in drei Bände. Die im vorliegenden Band


wiedergegebene Fassung des Vorlesungsmanuskripts, das Droysen im

19 Johann Gustav Droysen, Texte zur Geschichtstheorie. Mit ungedruckten Ma-


terialien zur „Historik". Hg. Günter Birtsch u. Jörn Rüsen. Göttingen 1972.
S. 11-39.
20 Zwei Beispiele für mehrere: S. 17 liest Birtsch: „das Werden der Menschheit
als ein geschlossenes Werden zu beobachten" statt: „das Wesen der Menschheit
als ein geschichtliches Werden zu beobachten", und S. 37: „wie es denn die
trägen Elemente sind, der Trieb zum wahren Wesen" statt: „wie es dann die
trägen Elemente sind, die sich zur Wehr setzen".
21 S. 11.

XVI
Sommersemester 1857 dem Vortrag zugrunde legte, ist die einzige der
verschiedenen Versionen, die (bis auf ein einziges Blatt) lückenlos erhal-
ten ist, und vor allem die einzige, in der Droysen je das Gesamtkonzept
der „Historik" zusammenhängend und vollständig schriftlich ausgearbeitet
hat. Deshalb wird die Edition auf diese Fassung hin zentriert. Es wäre
zwar möglich gewesen, statt dessen eine vollständige Rekonstruktion der
Vorlesungen vom Wintersemester 1882/83, in dem Droysen gleichfalls
den ganzen Stoff behandelte, in den Mittelpunkt der Ausgabe zu stellen.
Doch dagegen sprechen insbesondere drei Gründe: 1. Das in der letzten
Fassung der Kolleghandschriften nicht ausgearbeitete Kapitel über „Die
Formen der geschichtlichen Arbeit" '-' müßte aus der Nachschrift Friedrich
Meineckes" in die Wiedergabe von Droysens Manuskript inseriert wer-
den. 2. Die noch von Hübner benutzten Blätter dieser Fassung, auf denen
die „Einleitung" und die „Topik" niedergeschrieben sind, scheinen in-
zwischen verlorengegangen zu sein 24 ; „Einleitung" und „Topik" sind
somit nur noch durch die Nachschrift Meineckes und das Druckmanuskript
der Hübnerschen Ausgabe" einigermaßen zuverlässig überliefert. 3. Die
Gewichtung der einzelnen Teile und Kapitel der „Historik" in dieser
Fassung mag zwar den Bedürfnissen des damaligen Wissenschaftsbetriebs
besonders nahe gekommen sein, doch sie entspricht nicht dem systemati-
schen Stellenwert, der den einzelnen Gliederungspunkten in allen Fas-
sungen und Auflagen des „Grundrisses" übereinstimmend zugewiesen ist
(namentlich die „Systematik" ist, wie schon angedeutet", im Kolleg von
1882/83 sehr stiefmütterlich behandelt). Es gilt hier also, an der eigent-
lichen Intention Droysens, wie sie im „Grundriß" ausgestaltet ist, gegen
seine Konzessionen an den Lehrbetrieb festzuhalten, anders gesagt, die

22 Droysen schrieb nur den Eingang zu diesem Kapitel nieder und überließ das
Weitere dem freien Vortrag. Vgl. vorläufig noch Hüb XIII.
23 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Rep. 92 Meinecke, Nr. 113.
24 Der Nachlaß Droysen, vormals im Besitz des Geheimen Preußischen Staats-
archivs, Berlin-Dahlem, war während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert
und befindet sich heute im Besitz des Zentralen Staatsarchivs, Dienststelle
Merseburg. Der Nachlaß ist derzeit noch ungeordnet. Die fraglichen Teile der
Handschrift konnten auch bei einer vom Archiv eigens angestellten Nach-
forschung in bislang unbearbeiteten Restbeständen von Nadilässen nicht ge-
funden werden.
25 Zentrales Staatsarchiv, Dienststelle Merseburg. Rep. 92 Droysen Nr. 171. —
Das Druckmanuskript, aus Transkriptionen unmittelbar hervorgegangen, läßt
genauere Rückschlüsse auf die fraglichen Textteile zu als die gedruckte Aus-
gabe.
26 Vgl. oben S. XIII.

XVII
Wissenschaftskonzeption Droysens in ihrer fortdauernden wissenschafts-
geschichtlichen Bedeutung gegen die ephemere hochschuldidaktische Praxis
zu behaupten, die zwar wissenschaftshistorisch aufschlußreich ist, aber
erst vom wissenschaftstheoretischen Interesse an der „Historik" aus in den
Blick kommt. — So sehr die Vorlesungen von 1857 sich in einzelnen
Punkten von den diversen Fassungen des „Grundrisses" unterscheiden, —
in ihnen ist dennoch der Gesamtentwurf der „Historik", wie er oben an-
gedeutet wurde 27 , adäquater konkretisiert als in irgendeiner späteren
Fassung des Kollegs.
Weil der „Grundriß" gegenüber allem, was von den Vorlesungen
überliefert ist, den Vorzug unzweifelhafter Autorisation besitzt, muß er
in die Edition aufgenommen werden, und zwar, damit er auch dem Be-
nutzer der „Textausgabe" jederzeit zugänglich ist, in den ersten Band. Das
Schriftchen wird in der dritten und letzten Auflage — gewissermaßen in
der Ausgabe letzter Hand — wiedergegeben, damit die „Textausgabe"
die Möglichkeit bietet, wenigstens grobe Vergleiche zwischen der Früh-
form der „Historik", repräsentiert vom Kollegmanuskript von 1857, und
der Endstufe ihrer Entwicklung anzustellen. Allerdings können solche
Vergleiche am leichtesten und angemessensten an Hand verschiedener
Fassungen desselben Texts vorgenommen werden. Deshalb wird im ersten
Band zusätzlich (und erstmalig) die erste vollständige handschriftliche
Fassung des „Grundrisses" reproduziert 28 ; sie ist vermutlich später als
Mitte August 1857 und noch vor dem Jahreswechsel, in jedem Fall früher
als Mitte Februar 1858, niedergeschrieben".
Im „Appendix" in Band 2 der historisch-kritischen Ausgabe werden
aus Vorfassungen von Droysens Kolleghandschriften von 1857 und aus
den späteren Fassungen der Vorlesungsmanuskripte sowie aus Meineckes
Nachschrift einzelne Kapitel und Paragraphen wiedergegeben, die sich
nach Wortlaut und/oder Konzeption von der Fassung von 1857 so stark
unterscheiden, daß sie, um den Zusammenhang der Fülle der einzelnen
Varianten zu veranschaulichen, geschlossen dargeboten werden müssen;

27 Vgl. oben S. X—XIII.


28 Zentrales Staatsarchiv, Dienststelle Merseburg, Rep. 92 Droysen Nr. 165,
fol 17-25.
29 Die Vorlesungen im Sommer 1857, in denen Droysen die „Systematik" noch
in zwei Teile gliederte — der „Grundriß" dagegen weist bereits die Vier-
teiligkeit auf — , endeten am 15. August. Bereits am 14. 2. 1858 schickte
Droysen ein Exemplar des ,Manuskriptdrucks` an Johannes Schulze. —
Droysen, Briefwechsel a.a.O. (Anm. 3), Bd. 2, S. 524.

XVIII
Historik
DIE VORLESUNGEN VON 1857
(Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung aus den Handschriften)
Historik

;Einleitung;

[Vorbemerkung]
Ich bin oft gefragt worden, wie man Geschichte zu studieren habe, wo-
mit man anfangen, was treiben müsse, um ein Historiker zu werden. Ich
habe dann wohl geantwortet, man könne von der Theologie, von der
Philologie, von der Staatswissenschaft ausgehen, oder auch, der rechte
Historiker müsse wo möglich alles wissen, er müsse auf der Höhe mensch-
licher Bildung zu stehen suchen, oder ähnliches. [Ein Buch aber, in dem
Sie Antwort auf diese Frage fänden, könnte ich Ihnen nicht nennen, wenn-
schon es deren nicht wenige über die Kunst der Geschichtsschreibung
gibt.
Ich will es nun unternehmen, auf diese Fragen zusammenhängend, durch
eine systematische Darstellung des Gebietes und der Methode unserer
Wissenschaft zu antworten.
Jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was Geschichte und Ge-
schichtsschreibung, was Studium der Geschichte ist. Aber mehr als diese
ungefähre Vorstellung hat bisher auch unsere Wissenschaft nicht [; je
nach Talent und Takt haben wir unser Geschäft betrieben, und ich bin
der letzte, der leugnete, daß es damit zu herrlichsten Leistungen gekom-
men ist] . [Aber] wenn man sie [unsere Wissenschaft] nach ihrer R e c h t -
f er t i g u n g, nach ihrem Verhältnis zu anderen Formen und Richtungen
menschlicher Erkenntnis, wenn man sie nach der Begründung ihres Ver-
fahrens und nach dem Wesen ihrer Aufgabe fragt, so ist sie nicht in der
Lage, genügende Auskunft zu geben.
Daher die nicht eben erfreuliche Erscheinung, daß in allen wichtigeren
Fragen unserer Wissenschaft zwischen den Meistern selbst Zwiespalt ist,
daß sowohl sachlich wie methodisch der eine so, der andere anders urteilt
und verfährt; immer wieder kommt es in Frage, ob der Historiker künst-
lerisch oder wissenschaftlich oder beides zugleich arbeitet, ob er unpar-
teiisch sein müsse oder wenigstens für das Gute und Wahre Partei nehmen

3
dürfe, ob die historische Forschung nach Gesetzen suchen müsse oder sich
mit Tatsachen zu begnügen habe, und wie die Aporemata weiter lauten.
Das lebhafte Interesse für die Geschichte, das sich überall zeigt, hat denn
ein wüstes Vielerlei von Ansichten auf den Markt gebracht, und die Lite-
raten der Journalistik, welche die Meinung des sog. gebildeten Publikums
repräsentieren, glauben uns sagen zu müssen, wie es eigentlich mit unserem
wissenschaftlichen Arbeiten stehen sollte.
Da scheint es denn allerdings an der Zeit zu sein, daß unsere Studien
selbst ihr Wesen, ihre Aufgabe, ihre Kompetenz festzustellen suchen.
'Noch nicht existiert. Ich unternehme es, Ihnen eine Disziplin vorzu-
tragen, die bisher noch nicht existiert, noch keinen Namen, keine Stelle
in dem Kreise der Wiss[enschaften] hat. Es muß zunächst nachgewiesen
werden, daß sie möglich und daß sie wissenschaftlich berechtigt ist.

Die Aufgabe ist schwieriger, als sie auf den ersten Blick erscheint; sie
vertieft sich, je schärfer man sie ansieht. Es zeigt sich, daß es hier Fragen
zu lösen gilt, die weit über den Bereich der üblichen Geschichtsstudien
hinausreichen.
Denn sachlich wie methodisch umfaßt unsere Disziplin einen ganz an-
deren Bereich, als die gewöhnliche Meinung von der Geschichte meint.
Sachlich hat sie nicht bloß zu tun mit dem, was herkömmlich in den
Bereich der Geschichtsschreibung gehört; sondern alles Werden und Sein
menschlicher Dinge hat ein Moment an sich, das geschichtlicher
Natur ist, also wissenschaftlich nur der Historie zusteht, und dies Moment
ist das in menschlichen Dingen wichtigste, es ist das wesentlich mensch-
liche.
Daraus ergibt sich zugleich, daß für die Betrachtung dieser Dinge nicht
in derselben Art verfahren werden kann wie in der völlig anders gearte-
ter; denn die wissenschaftliche Methode bestimmt sich nach dem Gegen-
stand, den sie zu behandeln hat, wie der Weg nach dem Ziel, zu dem er
führen soll. Für diese geschichtlichen Dinge muß in ihnen selbst ihr Maß
und ihre Art gefunden werden, es muß eine geschichtliche Methode geben,
es muß in diesen Bereichen diese und nur diese anwendbar sein. Die Be-
deutung dieses Satzes wird man würdigen, wenn man sich erinnert, wie
wieder die falsche Alternative der spekulativen und materialistischen
Weltanschauung, der Gegensatz der philosophischen und der mathema-
tisch-physikalischen Methode die Gedanken beherrscht, gleich als ob das
menschliche Denken und Erkennen entweder unter die eine oder die
andere dieser Formen fallen müsse. Diese Alternative ist falsch, weil in
ihr die geistig-sinnliche Natur des Menschen je nur nach einer Seite dieses

4
abstrakten Gegensatzes gefaßt wird, dessen stete und präsente Ausglei-
chung und Einheit sie in jedem Augenblick ist; alles drängt dahin, die-
jenige Methode zu finden, welche, obschon empirisch, sich in den Ideen
bewegt, und welche, obschon mit der Spekulation einig in der Gewißheit
der idealen Mächte, sie nur in der empirischen Wirklichkeit und auf em-
pirischem Wege sucht.
Die Aufgabe der historischen Studien ist, daß man historisch denken
lerne. Die Bedeutung der historischen Methode ist, daß sie darlegt, in
welchen Formen sich das historische Denken bewegt ^ , und das historische
Gebiet erstreckt sich so weit, wie diese Methode anwendbar ist . Sie tritt
mit Bewußtsein zwischen jene falsche Alternative.
Historisch zu denken hat mitnichten bloß der historische Forscher oder
der Geschichtsschreiber; sondern jeder, der theoretisch oder praktisch mit
den Gestaltungen der sittlichen Mächte zu tun hat, muß die Fähigkeit
haben und üben, diese Mächte in ihren wechselnden Erscheinungen und
ihrer Kontinuität zu fassen und zu erfassen. Er muß, wie W. v. Hum-
boldt sehr treffend sagt, den Sinn für die Wirklichkeiten wecken
und nähren. Denn in den Wirklichkeiten ist beides, die Erscheinun-
g e n und was in ihnen zur Erscheinung kommt, }die Idee, d. ihre
Wahrheit; die Erscheinungen wechseln, weil die Wahrheit nie ganz in
ihnen ausgestaltet ist; in der Bewegung, im Fortschreiten haben die End-
lichkeiten ihre Analogie des Vollkommenseins. Der Sinn für die Wirk-
lichkeiten ist, daß die Wahrheit in ihnen erkannt, daß in ihrer Bewegung
die Sehnsucht, zu ihrer Wahrheit zu kommen, verstanden werde. Wer
historisch denken gelernt hat, der kennt nicht die philosophische Lieb-
losigkeit gegen das Einzelne und Besondere, noch die größere Lieblosigkeit,
überall nur Zahl und Stoff, nur physikalische Kräfte zu sehen; er wendet
sich an die wechselnden Erscheinungen mit der Gewißheit, daß die Wahr-
heit sittlicher Mächte hinter ihnen sei, und er erfüllt den Geist an diesen
Mächten mit der Zuversicht, daß sie ihre Verwirklichung zu finden und
zu regeln, daß sie zu erscheinen wissen.
Wenn die Geschichte Wissenschaft sein will, so verfährt sie in der
Voraussetzung, daß das, was sie sucht, wahr sei, denn jede Wissenschaft,
die empirischen so gut wie die spekulativen, sucht Wahrheit. Der Begriff
wahr hat immer ein Doppeltes in sich: Wahr heißt uns ein Sein, auf das
sich unser Denken richtet, wenn es mit dem Gedanken übereinstimmt,
und wahr heißt uns der Gedanke, welcher ein Sein faßt und darstellt,
wie es ist. Kein wahres Sein, das nicht von dem Denken erkannt werden
kann und mit dem Gedanken übereinstimmt. Kein wahrer Gedanke, der
nicht den Gegenstand in seinem Wesen erfaßt und ausspricht. Die Wahr-

5
heit des Seins hat an dem Gedanken, die Wahrheit des Gedankens an dem
Sein ihre Kontrolle.
Welcher Art ist nun das Sein, dem das Denken und die Gedanken
unserer Wissenschaft entsprechen? Welche Art sind die Gedanken, die
das Sein so darstellen, wie es istl

Ich habe mich zunächst zu einer Reihe von Vorbetrachtungen zu wen-


den, die uns den Weg zu unserer Aufgabe bahnen müssen ^ , es ist dieselbe
Mühseligkeit, mit der jede Wissenschaft, wenn sie sich auf ihr eigenes
Wesen besinnen und dasselbe begründen will, ihren Anfang zu suchen
hat .
Es liegt in der Natur der Sache, daß wir unseren Anfang nicht etwa
aus dem Zusammenhang einer philosophischen Wissenschaftslehre oder
einem theologischen System nehmen und etwa da ansetzen, wo sie zu dem
Begriff der Geschichte kommen: Wir würden uns damit einer Methodik
unterwerfen, deren Kritik wir nicht vornehmen können, weil ihre Be-
gründung außer unserem Bereich liegt, deren Herrschaft wir nicht aner-
kennen können, ohne der Autonomie unserer Wissenschaft zu nahe zu
treten; ja wir würden uns einer Definition des Begriffs Wissenschaft un-
terwerfen müssen, nach dem die Historie als gar keine Wissenschaft, die
Geschichte nach dem Ausdruck des/ Sext. Empir. als ágffobo; IET er-
scheint; oder wenn wir der Theologie folgten, uns Antizipationen unter-
werfen, die dem gläubigen Gemüt genügen, aber dem Verstande nichts
weiter schuldig zu sein glauben, als daß sie ihn für unbefugt erklären.
Noch weniger können wir gemeint sein, anzuerkennen, wenn jetzt in
dem Bereich der naturwissenschaftlichen Methodik geltend gemacht wird,
daß nur sie wissenschaftliche Erkenntnis ergebe und daß, wie der Aus-
druck eines französischen Physikers/ lautet, die Wissenschaft erst da
anfange, wo es gelinge, vitale Erscheinungen in die Klasse der physika-
lischen zu versetzen. Es wird für uns vielmehr darauf ankommen, geltend
zu machen, daß neben dem metaphysischen und dem physikalischen Er-
kenntniswege der historische sich aus sich selbst zu rechtfertigen, sich selbst
seinen Anfang und sein Maß zu setzen weiß.
Es darf uns nicht irremachen, daß wir diese Beweise weder in der
Form mathematischer Schlußfolgerungen noch metaphysischer Spekula-
tion noch in irgendeinem Bereich, der außer unserer Wissenschaft selbst
liegt, finden und suchen können, sondern daß wir wie jede andere der
großen wissenschaftlichen Sphären ihre Methode schon anwenden, um
deren Bereich und Kompetenz zu bestimmen, und von diesem Kompetenz-
bereich ausgehen, um ihre Methode zu finden.

6
[Kapitel I. Die Geschichte und die historische Methode]

§ 1 [SUBJEKT UND OBJEKT DER GESCHICHTSWISSEN-


SCHAFT]

Empirisch wie unsere Wissenschaft ist, können wir nicht anders als
unseren Anfang ganz empirischerweise nehmen. Wir finden in unserem
Vorstellungskreise das Wort Geschichte, wir brauchen es mit einem un-
gefähren Gefühl seiner Bedeutung. Es kommt zuerst darauf an, zu unter-
suchen, was diese Vorstellung enthält und enthalten kann.
Die Frage ist nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheint. Es
handelt sich nicht darum, die Vorstellung von einem uns äußerlichen,
uns gleichsam objektiv vorliegenden Gegenstand auszudrücken und be-
grifflich festzustellen.]
Beginnen wir damit einzusehen, daß wir an die Geschichte herantretend
uns nichts weniger als unbefangen verhalten, daß wir sofort eine Menge
von Voraussetzungen mit heranbringen, sowohl sachlichen wie methodi-
schen, wie wir denn selbst, jeder einzelne, recht eigentlich ein historisches
Ergebnis, durch Erziehung, Bildung, Gewohnheit, Vorurteil mit einer
unermeßlichen Fülle von Vorstellungen bestimmt sind, deren unbewußte
Durchdringung und Zusammenfassung die geistige Fülle unseres Ich, das
Organ unseres Wollens und Könnens bilden.
So wie diese Erfüllung dieses Ich, so ist der ganze reiche Inhalt unseres
Volks, unserer Zeit, das sagt sich jeder, ein geschichtliches Ergebnis, und
zunächst nur in diesem ihrem Ergebnis ist die Vergangenheit unvergangen;
sie ist ideell in diesem ihrem Ergebnis. FUnd in analoger Weise war es
jedes frühere Zeitalter, jedes frühere Volk, jede frühere Gegenwart./
Gleich hier begegnet uns eine große methodische Schwierigkeit. Aller-
dings nennen wir die Geschichte objektiv einen Verlauf von Dingen. Wir
sprechen von historischer Entwicklung, von organischem Zusammenhang,
von Ursachen und Folgen, und beachten kaum, wie viel wir aus der anti-
zipierten Kunde des Resultats hineintragen in den objektiven Verlauf der
Dinge: Bald theologische, bald philosophische Voraussetzungen führen
uns unbewußt dazu, letzte Zwecke, allgemeine Prinzipien, Bestimmungen
eines Weltplanes usw. nachzuweisen, in dem das Ganze erst Halt und
Zusammenhang zu gewinnen, worin erst die volle Bedeutung des histo-
rischen Zusammenhangs zu bestehen scheint. Aber wir beobachten uns
selbst nicht genau, wenn wir meinen, daß das, was wir so historisch
nennen, den Vergangenheiten angehöre, aus ihnen hervorspreche, ihre

7
Sprache sei. Sie sind eben vergangen, bis auf das, was von ihnen als Er-
gebnis oder als Überbleibsel noch gegenwärtig ist. Indem wir nicht scharf
den Weg unseres Forschens und Erkennens untersuchen, sondern der Ge-
wöhnung [unseres Wahrnehmens und Denkens] auch in der Wissenschaft
folgen, erfüllen wir uns die Nacht der Vergangenheiten mit schematischen
Bildern, Vorstellungen, Zusammenhängen und nennen dies Geschichte;
es ist ähnlich, wie man die Karten der Länder in ein kartographisches
Netz und mit den konventionellen Zeichen für Berge, Städte usw. zeich-
net, nur daß der Reisende nicht den Anspruch macht, etwa den Äquator
leibhaftig zu sehen oder eine Ähnlichkeit zwischen dem wirklichen
Montblanc und seiner kartographischen Schraffierung zu finden.
Also nicht das Geschehene, weder alles Geschehene noch das meiste
oder vieles davon ist Geschichte. Denn soweit es äußerlicher Natur war,
ist es vergangen, und soweit es nicht vergangen ist, gehört es nicht der
Geschichte, sondern der Gegenwart an.
Sie selbst existiert nicht mehr, wenigstens nicht mehr in äußerlicher,
empirischer, für uns unmittelbarer Weise. Denn was war es, was sie ent-
hielt? Eine Fülle menschlicher Dinge mit ihren Bedingungen, Wirkungen,
Zwecken, eine Unendlichkeit menschlichen Tuns und Verhaltens, prak-
tischer Geschäfte und komplizierter Willensakte, jeder einzelne darin für
seine Zwecke, seine Gegenwart, seinen Kreis von Verhältnissen bestimmt,
in ihm bedingt und bedingend. Dies alles, wie es in jeder Gegenwart vor-
handen und in Bewegung war, ist vergangen. Äußerlich ist davon nur
übrig, was in die folgenden Gegenwarten mehr oder weniger verändert
mit übergegangen ist oder was in die Erinnerung aufgenommen, d. h.
aus seiner Äußerlichkeit in den wissenden Geist und in dessen Kombina-
tionen verlegt ist. In dieser Übertragung aber tritt sofort die epitoma-
torische Natur des Geistes ein; er kann nur in sich aufnehmen, indem
er das Viele und Verschiedene unter Gesichtspunkte, Kategorien, Zweck-
bestimmungen usw. zusammenfaßt und, was dahin nicht gehört, fallen-
läßt. An die Stelle der äußerlichen Realitäten setzt er Namen, Begriffe,
Urteile, Gedanken. Und nur so umgearbeitet kann das äußerlich Seiende
erinnert, Erinnerung werden.

Also, das scheint zu folgen, ist jener skeptische Ausspruch richtig, der
die Geschichte eine fable convenue nennt?
Es fällt niemandem ein, an der Physik zu zweifeln, deren ganzes stol-
zes Gebäude ebenfalls nur innerhalb des wissenden Geistes steht. Und
unsere kluge Sprache geht so weit, nur das gewiß zu nennen, was gewußt
wird, denn gewiß ist das Partizip von wizzan; unsere Sprache hat den

8
tiefsinnigen Instinkt, nicht das äußerliche Sein der Dinge gewiß zu nen-
nen, sondern nur das gewußte Seiende, das gewußte Geschehene. Das
heißt, nicht die Sinne und deren Erregung geben das Gewisse, sondern der
Geist, der diese Sinnenerregung wahrnimmt, kontrolliert und in die ge-
bührende Reihe von Vorstellungen, Begriffen und Schlüssen einordnet.
Es kommt darauf an, sicher zu erfassen, was sie [die Geschichte] geben
will und kann. Wenn wir, nach der Natur unserer Wissenschaft, die durch
und durch empirisch ist, mit der Frage beginnen, was ihr zur Erforschung,
zum lo ropeiv als Objekt vorliegt, so lautet die Antwort durch-
aus nicht: die Jahrhunderte und Jahrtausende der Vergangenheit. Es wäre
das die allerbedenklichste Illusion, es wäre ein völliges Verwischen des
Objekts und unserer subjektiven Anschauungsweise. Es wäre wie wenn
der Astronom den scheinbaren Lauf der Himmelskörper für deren wahre
Bewegung halten wollte.
Unser Auge empfängt die Bilder der Dinge, die es sieht, als lägen sie
in einer Fläche; daß sie räumlich voneinander entfernt und in mannig-
fachen Abständen hintereinander sind, ist erst ein subjektiv hinzugefügtes
Urteil aus der Farbe, Größe, Bestimmtheit der von dem Sehnerv empfan-
genen Bilder, ein Urteilen freilich, welches zur Gewohnheit des Sehens in
dem Maße wird, daß der Maler erst künstlich wieder es ablegen muß, um
das Hintereinander der Gegenstände auf die Fläche seiner Leinwand zu
bringen.
Die Analogie für unsere Frage ergibt sich von selbst. Der erste Schritt
zur richtigen historischen Erkenntnis ist die Einsicht, daß sie es zu tun
hat mit einer Gegen wart von Materialien. Da sind Schriftsteller,
Akten, Monumente, Gesetze, Zustände, Überbleibsel aller Art, von denen
wir freilich wissen, daß ihr Ursprung in andere und andere Zeiten hin-
aufreicht; aber sie liegen uns so gegenwärtig vor, daß wir sie erfassen
können, und nur weil sie so noch in der Gegenwart stehen, können wir sie
erfassen und u. a. als Material historischer Forschung benutzen.
Man kann diesem wichtigen Satz auch folgende Fassung geben. Mag
immerhin die Geschichtserzählung von einem Anfangspunkt an den Ver-
lauf der Dinge berichten, das Nacheinander des Werdens in der Darstel-
lung imitierend, — die Forschung, das wahre ioropeiv geht den entgegen-
gesetzten Weg; sie ist sich bewußt, daß sie es mit einem Material zu tun
hat, welches in der Gegenwart steht, und daß sie von diesem Punkt aus in
die Vergangenheit zurückgeht; oder genauer zu sprechen, daß sie, diesen
Punkt in der Gegenwart, dies Gewordene und Vorhandene analysierend
und interpretierend, das Gedankenbild einer Vergangenheit zeichnet, die
tot wäre und bliebe, wenn die Forschung nicht jenen Punkt gleichsam wie-

9
der erweckte und auseinanderlegte; wir dürfen sagen, das Wesen der For-
schung ist, in dem Punkt der Gegenwart, den sie erfaßt, die erloschenen
Züge, die latenten Spuren wieder aufleben, einen Lichtkegel in die Nacht
der Vergessenheit rückwärts strahlen zu lassen.
Denn jeder Punkt in der Gegenwart, jede Sache und jede Person ist ein
historisches Ergebnis, enthält in sich eine Unendlichkeit von Bezügen, die
in sie hinein versenkt und verinnerlicht worden sind. Das Vergangene ist
vergangen, soweit es nicht so verinnerlicht und damit gegenwärtig geblie-
ben ist. Jede Gegenwart schwindet uns sofort, vergeht; nach unserer end-
lichen Art haben wir nur den flüchtigen Moment, aber ihn auch mit allem,
was in ihm noch da ist, mit allen Überbleibseln vergangener Gegenwarten,
mit allen Verinnerlichungen. Um mehr als diesen Moment, als nur dies
Hier und Jetzt zu haben, können wir menschlicherweise nicht anders, als
diese ideellen Vergangenheiten, diese Erinnerungen beleben, und in ihnen
das, was war, vergegenwärtigen; der endliche Geist, und nur er, hat die
Fähigkeit, erinnernd und hoffend dem flüchtigen Augenblick eine Weite
zu geben, die ein Abbild der Ewigkeit Gottes ist; von dem Moment aus
werfen wir diese Scheine unseres innersten Lebens, Erinnerung und
Wünsche, in das Dunkel vor uns und hinter uns; ja, das Hoffen ist nur
ein Widerschein von dem, was uns die Vergangenheit ersetzt. *In
diesem Rückwärtsscheinen und Rückwärtsstrahlen — denn es schafft die
Gedankenbilder, die unser Denken erfüllen —, hat der Mensch seine Kraft
und sein Verständnis Er umleuchtet seine Gegenwart mit einer Welt von
Erinnerungen, nicht beliebigen, willkürlichen, sondern solchen, die die
Entfaltung, die Ausdeutung dessen sind, was er um sich her und in sich als
Ergebnis der Vergangenheiten hat; er hat diese Momente zunächst unmit-
telbar, ohne Reflexion, ohne Bewußtsein, er hat sie, als habe er sie nicht,
erst indem er sie betrachtet und zum Bewußtsein bringt, erkennt er, was er
an ihnen hat, nämlich das Verständnis seiner selbst und seiner zunächst
unmittelbaren Bedingtheit und Bestimmtheit : Er wäre nichts ohne sie b
sein Geist wäre eine latente Kraft, ein leeres Blatt, eine bloße Möglich-
keit/ , er [der Mensch] wäre nicht Geist Erst mit jenen Erkenntnissen
gewinnt er Inhalt und Tiefe. Es sind nicht bloße Bilder, die sein Inneres
reicher schmücken, in ihnen i s t seine Kraft, sein Können und Wollen,
seine Zwecke, sein Hoffen , und mit tiefer Einsicht läßt Aischylos den
Prometheus sagen, er habe den Menschen, die sehend nichts sahen und
hörend nichts hörten, die Erinnerung gegeben, die Musen erzeugende
Werkmeisterin von allem, Etvf gs v ázávrcuv uouao!_ti roo' ip ávriv.
Das also ist das erste in unseren Betrachtungen, daß die historische For-
schung auf durchaus gegenwärtige Objekte gewandt ist. Die Naturwissen-

10
schalten machen den Vorzug geltend, den sie darin haben, daß ihnen, wie
der Ausdruck lautet, die Natur Rede stehen müsse. Auch wir haben diesen
Vorzug, nur daß wir sofort über das bloß Gegenwärtige hinausschreiten
und eine Analysis vornehmen, die allerdings anderer Art ist als die der
naturhistorischen Forschung.

§ 2 DER CHARAKTER DES GESCHICHTLICHEN MATERIALS

Es ist in unserer wie in jeder Wissenschaft, daß von der richtigen Würdi-
gung der Erkenntnisquelle alles abhängt; ein wissenschaftliches Arbeiten
beginnt erst dann, wenn man sich dieses Bedürfnisses bewußt geworden
ist. Es ist das große Verdienst der deutschen Wiss[enschaft] des letzten
Jahrhunderts, diesen Gesichtspunkt erfaßt zu haben, und mit Recht rüh-
men sich die Schüler Niebuhrs und Rankes des Namens der Kritischen
Schule. Es ist da eine große und scharfsinnige Methode der historischen
Kritik entwickelt, es wird da in der Kritik die wesentliche Technik der
historischen Kunst erkannt.
Ich gehe hier noch nicht auf die Einseitigkeit dieser Doktrin ein, welche
den anderen großen Faktor, die Interpretation, das Verstehen gänzlich
aus den Augen läßt. Aber die Kritische Schule faßte, indem sie sich das
Wesen der Geschichte und der geschichtlichen Forschung nicht klarmachte,
den Begriff der Erkenntnisquelle außerordentlich eng; sie war unermüd-
lich in der sog. Quellenkritik, d. h. in der Nachforschung, welche Nach-
richten in dem einen Autor aus einem anderen stammen, welche original
auf Autopsie gegründet seien; sie glaubte auf diesem Wege bis zu den
reinen Tatsachen gelangen zu können, und wenn sie aus Gesandtschafts-
berichten, aus den amtlichen Korrespondenzen arbeiten konnten, meinten
sie die Geschichte gleichsam leibhaftig erfaßt zu haben.
Man wird leicht einsehen, daß das noch weit entfernt ist, Geschichte zu
sein. Wenn man alle denkbaren Memoires, Verhandlungen und Korre-
spondenzen der Napoleonischen Zeit zusammenstellte, so würde man noch
nicht einmal ein photographisch richtiges Bild der Zeit haben, in den
Archiven liegt nicht etwa die Geschichte, sondern es liegen da die laufen-
den Staats- und Verwaltungsgeschäfte in ihrer ganzen unerquicklichen
Breite, die sowenig Geschichte sind, wie die vielen Farbenkleckse auf einer
Palette ein Gemälde; und wenn es wenig oder nichts von derartigem ur-
kundlichen Material aus dem Mittelalter, aus dem Altertum gibt, so wird
man darum auf diese Zeiten nicht weniger das Studium richten wollen.
Unsere Wissenschaft muß den großen Schritt tun, ihre Aufgabe anders und

11
tiefer zu fassen, ihren Forschungen einen durchaus anderen und großarti-
geren Umfang zu geben, einen Umfang, in dem erst die Wissenschaft zu
ihrem Recht und zu ihrer ganzen Bedeutung zu gelangen vermag. Es ist
nur ein Teilchen Geschichte, was von den Geschichtsschreibern berichtet
wird, nur ein Teilchen der Geschichte, was etwa über Krieg und Frieden,
über staatliche und kirchliche Verhältnisse in den Archiven beruht; wenig-
stens theoretisch beginnt man es anzuerkennen, daß die Geschichte auch
die sozialen und rechtlichen, die intellektuellen und ästhetischen, die reli-
giösen und technischen Bildungen des Menschengeschlechtes zu umfassen
hat, daß sie sich gegenseitig bedingen und erläutern, ja daß in einzelnen
derartigen Momenten historische Zeugnisse aus Zeitaltern vorliegen, wel-
che über jede Überlieferung hinaufreichen; so ist die Sprache der mensch-
lichen Stämme Äonen weit rückwärts führend, weit über alle historische
Aufzeichnung hinauf, so klingen in unseren Märchen von Frau Holle oder
Schneewittchen Mythologeme nach, die einer Zeit angehörten, in der sich
die germanischen Stämme noch nicht von den indischen Ariern getrennt
hatten.

Wir kommen so zu der Frage, die wir in diesem § 2 zu erläutern haben.


Wir haben gefunden, daß der Stoff für die historische Forschung durchaus
ein gegenwärtiger ist, mag er in noch vorhandenen Geschichtserzählungen
oder in Urkunden und geschäftlichen Papieren, in Kunstwerken, in Ge-
setzen und Institutionen oder worin sonst bestehen. Das Geschäft der
Kritik ist es, solches Material zu reinigen, zu konstatieren und zur Inter-
pretation fertig zu machen. Die Frage jetzt ist, ob denn alles in der Gegen-
wart Vorliegende Material zur historischen Forschung ist und sein kann,
oder ob noch eine weitere Eigenschaft dazugehört, als gegenwärtig zu
sein; genauer gefragt: Welche Eigenschaft ist es, wodurch das in der Ge-
genwart Vorhandene historisches Material ist?
Wir haben in unserer empirischen Weise nicht das Recht zu apriorisch
begrifflichen Deduktionen, sondern wir müssen auf dem weiten Umwege
des Beobachtens und Verstehens zu unseren Resultaten zu kommen suchen.
Wir sahen, daß der historische Stoff ein Gegenwärtiges ist, aber ein so
Gegenwärtiges, daß es zugleich ein Vergangenes überall enthält. Da kann
man nun sagen, jedes Weizenkorn ist ein solches, denn es enthält ideell die
durchlebte Pflanze, jeder Stein ist ein solches, denn er ist das Ergebnis
einer Fülle von physikalischen, chemischen, tellurischen Momenten, die in
ihm zu ihrem Abschluß gekommen sind. Es gibt nichts Seiendes, das nicht
sein Werden, seine Geschichte hätte. Es ist daher ganz in der Ordnung,
wenn man von der Naturgeschichte, von der Entwicklungsgeschichte des

12
Tiers, der Pflanze, von Krankheitsgeschichte usw. spricht. Aber es sagt
uns ein unmittelbares Empfinden, daß dies nicht die Geschichte in unserem
Sinn ist; daß der Stein, das Weizenkorn wohl eine Geschichte hat, aber
ohne Erinnerung und Hoffnung, ohne Bewußtsein; das ist eine Geschichte,
die nur metaphorisch Geschichte heißen kann, denn sie ist nur ein peri-
pherischer Verlauf, ein Nacheinander äußerlicher, selbstloser, ichloser
Wechsel. Mag hinter der Summe natürlicher Dinge und in ihrer Mitte eine
ewige Vernunft, ein höchstes Wollen stehen, mag die Natur in Gott ihre
Geschichte haben, die einzelnen Momente der Natur, menschlich betrach-
tet, sind geschichtslos.
Aber ebenso bestimmt empfinden wir, daß sich auch an diese natür-
lichen Dinge Geschichte in unserem Sinn anknüpfen kann, Erinnerungen,
die an diesem Baum, an diesem Felsen haften, ein paar eingemeißelte
Runen auf der Küste Nordamerikas, kauf der Klippe New Yorks, die
alten Steinringe in Bretagne und Irland, das sind historische Materialien;
diese sprechen zu uns, oder vielmehr, aus ihnen die uns gleichen Wesen,
die diese Steine ordneten, diese Zeichen einritzten. Nicht die Natur hat
Geschichte, aber sie wird geschichtlich, wir dürfen sagen, die Natur über-
all, wo der Mensch hinkommt mit seiner Qual.
Also die Eigenschaft, Stoff für unsere Wissenschaft zu sein, finden wir
da, wo die Dinge das Gepräge von Menschenhand und Menschengeist er-
halten haben, wo sie gleichsam durch die menschliche Persönlichkeit hin-
durchgegangen, in den Bereich ihres Wollens und Erkennens gezogen
gleichsam von der ätzenden Schärfe des menschlichen Geistes, wie flüchtig
immer, berührt worden sind. Geschichtlich interessiert uns an ihnen
nichts als eben diese menschliche Signatur, die ihnen gegeben ist. Und nur
noch unmittelbarere Produkte dieser menschlichen Geistesnatur sind dann
die höheren Formgebungen etwa der Architektur, der Plastik, der Indu-
strie, die noch höheren, in denen Menschen selbst der geformte Stoff sind,
so Staat, Gesellschaft, endlich die höchsten, in denen sich die Geistesnatur
selbst als Objekt behandelt hat, Sprache, Religion, Wissenschaft usw. In
allen diesen ist das Wesentliche, daß die Geistesnatur in einem Zeit-
moment ein Zeugnis, einen Ausdruck von sich hingestellt hat, daß uns in
demselben eine Ausstrahlung, ein Reflex derselben -noch übrig ist, den
wir nur geistig zu berühren brauchen, um ihn wieder lebendig werden,
wieder strahlen zu lassen, und daß tausend und abertausend solche
Scheine jede menschliche Seele füllen und innerlich erhellen.

Wir sagten, jeder einzelne sei ein historisches Ergebnis. Ich meine nicht
nach seiner kreatürlichen Seite hin, denn diese fällt der Naturgeschichte

13
usw. anheim. Aber von dem Moment seiner Geburt, ja seiner Empfängnis
an, wirken unberechenbare historische Faktoren auf ihn ein, bewußtlos
noch empfängt er die Fülle von Einwirkungen seiner Eltern, ihrer leib-
lichen und geistigen Disposition, landschaftlicher, klimatischer, ethnogra-
phischer Umgebungen usw. Er wird hineingeboren in die ganze historische
Gegebenheit seines Volkes, seiner Sprache, seiner Religion, seines Staates
usw.; und erst dadurch, daß er das so Vorgefundene, Unendliches lernend,
ohne es selbst zu wissen, in sich nimmt und verinnerlicht, es so mit seinem
eigensten Wesen verschmilzt, daß er damit, wie leiblich mit seinen Or-
ganen und Gliedern, unmittelbar schaltet, erst dadurch hat er ein mehr als
tierisches, ein menschliches Leben. Er ist nicht durch seine Geburt schon
in dem Hier und Jetzt, er ist es nur erst der Möglichkeit nach, er muß
es auch in der Tat und Wahrheit werden. }Er muß erst ein Mensch
werden, um ein Mensch zu sein, und nur in dem Maß ist er es, als er es zu
werden und immer mehr zu werden weiß. Darum sind die Kinder nicht
etwa diminutive Erwachsene, sie sind nicht bloß quantitativ von den
Erwachsenen unterschieden, ein Kind ist ein qualitativ anderes als der
Jüngling, der Mann, der Greis. Das ist ein Fundamentalsatz für alle
Erziehung, und nichts Unseligeres, als wenn sie das vergißt, wie in über-
bildeten Verhältnissen nur zu oft geschieht. Er [der Mensch] lernt sich
erst hinein oder hinauf zu diesem lebendigen Inhalt seiner Gegenwart,
welche die Summe und das Ergebnis unendlicher historischer Durchlebun-
gen ist, diese hat er innerlich zu erleben und nachzuleben, d. h. nachzu-
lernen. Von dem ersten Wort an, das das Kind sprechen lernt, beginnt
dies Erleben und Nachleben. Das ganze Werk der Bildung ist historischer
Natur, ruht auf der freilich unbewußt geübten historischen Methode. Da-
durch daß jeder sich in die Resultate des von seiner Familie, seinem Volk,
seiner Zeit, von der Menschheit Durchlebten hineinstellt, sich in dies
Niveau der gewordenen Gegenwart hinaufarbeitet, dadurch also, daß er
in der Geschichte und die Geschichte in ihm ist, eben dadurch erhebt er
sich über die bloß kreatürliche zu der geistigen Existenz, die den Men-
schen über die Monotonie der übrigen Schöpfung stellt, ihn aus dem
bloßen peripherischen Dasein zu einem neuen Mittelpunkt macht.
-Mit gutem Grund nennen die Alten das Menschsein die humanitas,
Bildung, die Bildung ist durch und durch historischer Natur; und der
Inhalt der Geschichte ist die werdende humanitas, die werdende Bildung.
Hier haben wir den Punkt, der unserer Wissenschaft ihre eigentümliche
Bedeutung gibt. Wir sehen sie mit einer Aufgabe beschäftigt, die spezifisch
der menschlichen Natur, dem Sein des endlichen Geistes ange-
hört; die geschichtliche Welt ist die wesentlich menschliche. Sie ist zwi-

14
schen der natürlichen Welt und der des unendlichen, des absoluten Geistes;
sie nimmt an beiden teil. Die Menschenwelt ist durch und durch ge-
schichtlicher Natur, und das ist ihr spezifischer Unterschied von der na-
türlichen Welt.

Wir können dies Ergebnis auch in folgender Ausführung aussprechen.


Die Geologie lehrt, wie in ungeheuren Umwälzungen alles dahin gearbei-
tet hat, die tote planetarische Masse des Erdkörpers aus der bloß äußerlich
bestimmten siderischen Bewegung, aus ihrer bloß astronomischen Formel
heraus zu individualisieren; bald plutonische, bald vulkanische Gewalten
haben an ihr gearbeitet, haben endlich ein eigentliches Erdleben von
Vegetationen und Tierformen hervorgehen lassen, um, sie wieder und
wieder zerstörend, neue Bildungen zu ermöglichen. Die Schalen mikrosko-
pischer Tierchen sind zu mächtigen Kreidegebirgen zusammengedrückt,
unermeßliche Graswälder liegen als Kohlenlager unter massigen darüber
abgesetzten Wasserniederschlägen; in immer neuen Verwitterungen der
Oberfläche hat sich ein neuer Boden für Pflanzen und Tiere gebildet, sich
mit ihnen erfüllt. So haben Äonen daran gearbeitet, auf dem starren Erd-
körper eine Kruste ^ , eine Patina organischer Lebendigkeit hervorzu-
bringen, und in immer weiterschreitenden Oxydierungen die Bedingungen
und Mittel zu höheren Organisationen zu erzeugen.
Die Geschichte ist, kann man sagen, die potenzierte Fortsetzung dieses
Prozesses, die Geschichte ist nur eine neue, höchste Oxydierung, gleichsam
die aerugo nobilis der Erdoberfläche; sie überzieht diese mit einer eigen-
tümlichen geistigen und sittlichen Schicht, sie drückt ihr das Gepräge des
bewußten Menschenwesens auf, macht sie zu einem Gehäuse des freien
Willens und des gottähnlichen Geistes, schafft da eine eigentümliche Welt
von Gedanken, die in irdischen Stoffen Gestalt gewinnen, von Stoff-
formungen, in denen das Stoffliche wie dahinschmilzt unter der F o r -
m u n g, die es trägt, unter dem Hauch des Geistes, der es erfüllt und
bewegt. Es ist noch Endlichkeit, aber schon durchleuchtet von einem
Schimmer der Ewigkeit. Das ist die Welt, die der Mensch sich geschaffen
hat und schafft. Und unsere Wissenschaft hat die Erforschung und Er-
kenntnis dieser Menschenwelt zu ihrer Aufgabe.

3 DER GATTUNGSBEGRIFF [DER MENSCHHEIT]

Wir haben den ungefähren Charakter der Sphäre, mit der unsere Wissen-
schaft zu tun hat, kennenlernen. Ist denn -nun diese Sphäre von solcher

15