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Philosophie der Quantenphysik

Cord Friebe Meinard Kuhlmann Holger Lyre Paul M. Näger Oliver Passon Manfred Stöckler

Philosophie der Quantenphysik

Zentrale Begriffe, Probleme, Positionen

2. Auflage

Oliver Passon • Manfred Stöckler Philosophie der Quantenphysik Zentrale Begriffe, Probleme, Positionen 2. Auflage
Oliver Passon • Manfred Stöckler Philosophie der Quantenphysik Zentrale Begriffe, Probleme, Positionen 2. Auflage
Oliver Passon • Manfred Stöckler Philosophie der Quantenphysik Zentrale Begriffe, Probleme, Positionen 2. Auflage

Prof. Dr. Cord Friebe Philosophisches Seminar Universität Siegen Deutschland

PD Dr. Meinard Kuhlmann Philosophisches Seminar Johannes Gutenberg-Universität Mainz Deutschland

Prof. Dr. Holger Lyre Lehrstuhl für Theoretische Philosophie Universität Magdeburg Deutschland

Dr. Paul M. Näger Philosophisches Seminar Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland

Dr. Oliver Passon Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften Bergische Universität Wuppertal Deutschland

Prof. Dr. Manfred Stöckler Institut für Philosophie Universität Bremen Deutschland

ISBN 978-3-662-54275-0

ISBN 978-3-662-54276-7 (eBook)

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Vorwort

Die Philosophie der Quantenphysik geht auf eine Initiative des Springer-Spektrum Verlages zurück, wofür unser besonderer Dank Frau Dr. Vera Spillner gilt. Die Koordinierung der Zusammenarbeit zwischen den Autoren und mit dem Verlag be- sorgte Cord Friebe – die anderen Autoren danken ihm für diese mühevolle Arbeit ganz herzlich! Leitidee war es, eine Lücke auf dem deutschsprachigen Lehrbuchmarkt zu schließen, die zwischen allgemeinen Einführungen in diesen Themenkreis und spezialisierten Monografien besteht. Gerade die Vielzahl populärer Darstellungen dokumentiert das große Interesse auch einer breiten Leserschaft an den erkenntnis- theoretischen und ontologischen Implikationen der Quantentheorie. Unser Ziel war es nun, fortgeschrittenen Philosophiestudenten mit einem Interesse für Physik ei- ne aktuelle und solide Einführung in die Philosophie der Quantentheorie zu geben. Zugleich konfrontiert das Buch auch Physikerinnen und Physiker mit den philo- sophischen Fragen ihres Faches. Ebenso können dem Band Anregungen für die Lehramtsausbildung in den Fächern Philosophie und Physik entnommen werden. Dass zwischen diesen Disziplinen ein enger Zusammenhang besteht, bedarf kaum einer besonderen Begründung, und dieses Verhältnis erfährt in Phasen des wissenschaftlichen Umbruchs stets eine Intensivierung. Neue physikalische Theo- rien können das bisherige philosophische Wirklichkeitsverständnis herausfordern oder sogar revidieren. Gleichzeitig kann die Philosophie einen Beitrag zum genaue- ren Verständnis und zur Interpretation naturwissenschaftlicher Ergebnisse leisten. Die Umwälzungen in der Physik des frühen 20. Jahrhunderts durch die Entwicklung von Quantenmechanik und Relativitätstheorie belegen das nachdrücklich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, in deren Verlauf die Philosophie der Physik zu einem sehr lebendigen und hoch professionalisierten Zweig der angelsächsisch geprägten Wissenschaftsphilosophie wurde. Zwar spielen Anregungen durch Physiker weiter eine Rolle, aber die Hauptströmung der Forschung wird von Philosophinnen und Philosophen getra- gen, die in der Physik einen guten fachwissenschaftlichen Hintergrund haben, in ihrer Arbeit sich aber ganz auf Grundlagenfragen und philosophische Pro- bleme der jeweiligen physikalischen Theorien konzentrieren. Die Ergebnisse dieser Forschungen werden in spezialisierten Zeitschriften publiziert und diskutiert. Die- se Professionalisierung hat auch dazu geführt, dass die neueren Debatten und Ergebnisse dieser Auseinandersetzung in Physikerkreisen wenig bekannt sind.

VI

Vorwort

Dieses Buch will deshalb an den maßgebenden gegenwärtigen Diskussionsstand heranführen. Die Fachdiskussion in den Zeitschriften setzt meistens detaillierte mathema- tische, physikalische und philosophische Kenntnisse voraus. Unsere Darstellung möchte auch hier eine Brückenfunktion übernehmen und setzt im Wesentlichen nur Schulkenntnisse voraus. Alle weiteren (auch mathematischen) Hilfsmittel und Be- griffe werden grundständig eingeführt; je nach Stand der Vorkenntnisse setzt dies jedoch ein aktives Durcharbeiten vor allem der ersten beiden Kapitel voraus. Charakteristisch für die Quantenphysik ist, dass auch ein Jahrhundert nach ihrer Entwicklung ihre Folgen für unser Wirklichkeitsverständnis noch kontro- vers diskutiert werden. Während diese Theorie in beeindruckendem Maße die Beschreibung und Berechnung von Phänomenen erlaubt, ist ihre Beziehung zu den Dingen und Eigenschaften der Welt weiterhin unklar bzw. konkurrieren zahl- reiche Ansätze um die Aufklärung dieses zentralen Zusammenhangs. Dieses Buch bietet eine Einführung in die zahlreichen philosophischen Herausforderungen der Quantentheorie. Dabei werden Debatten nachgezeichnet und in den Kontext der aktuellen Forschungsergebnisse eingeordnet. Grundsätzlich folgt das Buch jedoch einer systematischen Darstellung. Die folgende Übersicht über die Kapitel soll dem Leser die Orientierung erleich- tern und die Beziehungen zwischen den Teilen verdeutlichen. Das erste Kapitel wählt, im Sinne der Gesamtkonzeption des Buches, einen systematischen Ein- stieg in die zentralen Grundkonzepte der Quantentheorie, darunter insbesondere den Begriff der „Superposition“, und stellt sukzessive den mathematischen Apparat be- reit. Auf die Verwendung von Differenzialrechnung und Differenzialgleichungen wird weitgehend verzichtet. Vorausgesetzt sind lediglich einfache Grundlagen der Koordinatengeometrie, Vektor- und Matrizenrechnung. Nach Klärung der Grundlagen führt das zweite Kapitel in die Minimalinter- pretation und die von vielen Physikern immer noch als Standardinterpretation angesehene Kopenhagener Deutung ein. Die Kopenhagener Deutung wurde jedoch weder je streng kodifiziert, noch ist sie ohne Probleme. So sind insbesondere die Behandlung des Messprozesses und die Rolle des Beobachters innerhalb dieser Deutung umstritten. Ghirardi, Rimini und Weber haben deshalb 1986 eine Modi- fikation der Theorie vorgeschlagen. Diese – nach den Anfangsbuchstaben der Autorennamen GRW genannte Theorie – beschreibt einen spontanen Kollaps und wird am Ende des zweiten Kapitels vorgestellt. Während die ersten beiden Kapitel lediglich 1-Teilchen-Zustände betrachten, werden im dritten Kapitel Mehrteilchen-Systeme eingeführt und ihre Besonder- heiten diskutiert. Dabei spielt das ebenso erstaunliche wie für die Quantentheorie charakteristische Faktum der empirischen Ununterscheidbarkeit gleichartiger Quan- tenobjekte eine entscheidende Rolle. Es findet seinen Niederschlag vor allem in der Quantenstatistik, die eine bedeutsame Revision der klassischen statistischen Mechanik darstellt. Die empirische Ununterscheidbarkeit von Quantenobjekten wirft tiefliegende ontologische Fragen nach Identität und Individualität auf, die sich vor allem in der in jüngerer Zeit wieder neu belebten Debatte um die Anwendbarkeit des Leibniz-Prinzips in der Quantentheorie manifestieren.

Vorwort

VII

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Themenkreis „Verschränkte Zustän- de“ und „Nicht-Lokalität“. Da Verschränkung eine Relation zwischen zwei (oder mehr) Quantensystemen ist, knüpft das Kapitel inhaltlich an die Konzepte an, die im dritten Kapitel eingeführt wurden. Die Besonderheit dieser Systeme besteht dar- in, dass sie sich zu beeinflussen scheinen, auch wenn sie räumlich beliebig weit voneinander entfernt sind. Diese Nicht-Lokalität der Quantentheorie ist vor allem deshalb problematisch, weil sich solche Einflüsse schneller als Licht ausbreiten müssten, was nach üblichem Verständnis der speziellen Relativitätstheorie wider- spricht. Die Debatte um Verschränkung hat ihre Ursprünge in einer berühmten Arbeit von Einstein, Podolsky und Rosen aus dem Jahre 1935, in der ein Gedanken- experiment an verschränkten Systemen dargestellt wird, das bis heute prägend für die Debatte ist. EPR benutzten das Gedankenexperiment, um ein Argument gegen die Vollständigkeit der Quantenmechanik zu geben, nahmen dabei aber fälschlicher- weise an, dass die Quantenwelt lokal ist. Anfang der 60er Jahre demonstrierte Bell durch sein Theorem, dass das Gedankenexperiment von EPR vielmehr zeigt, dass die Quantenwelt nicht-lokal ist: auch eine Vervollständigung der Quantenmechanik durch verborgene Variablen kann die von Einstein geforderte Lokalität nicht retten. Mittlerweile ist das von EPR ersonnene Experiment vielfach tatsächlich durchge- führt und die Nicht-Lokalität ist eine bestätigter Grundzug der Quantenwelt. Aus Bells Argument sind weitreichende Konsequenzen gezogen worden, und das vierte Kapitel beinhaltet eine ausführliche Diskussion dieser Zusammenhänge und ihrer Begründungen. Mithilfe kausaler Graphen soll die abstrakte Diskussion um Bells Theorem anschaulicher zugänglich gemacht werden. Das Stichwort „verborgene Variablen“ wurde bereits angesprochen, und im ersten Teil des fünften Kapitels wird mit der de Broglie-Bohm-Theorie der be- kannteste Vertreter dieser Interpretationsgattung vorgestellt. Hier werden einige der radikalen erkenntnistheoretischen und ontologischen Implikationen beispielsweise der Kopenhagener Deutung vermieden: Quantenobjekte bewegen sich gemäß dieser Deutung tatsächlich auf Bahnen, und in einem formalen Sinne ist diese Theorie sogar deterministisch. Der Preis, der dafür gezahlt werden muss, liegt in Eigenschaf- ten, deren Annehmbarkeit kontrovers diskutiert wird. Ähnlich verhält es sich mit der Viele-Welten-Interpretation der Quantentheorie, die im zweiten Teil des fünften Kapitels vorgestellt wird. Ihre Lösung des Messproblems ist ebenso elegant, wie ihre metaphysischen Implikationen extravagant sind. Beide Interpretationen haben die Gemeinsamkeit, auf den Kollaps der Wellenfunktion zu verzichten, daher ihre gemeinsame Vorstellung in einem Kapitel. Im sechsten Kapitel wird der Bogen zu (relativistischen) Quantenfeldtheorien geschlagen. Teilchenzahlen werden nun variabel (man spricht etwa von „Erzeu- gung“ und „Vernichtung“ von Teilchen). Quantenfeldtheorien erlauben es, auch die Wechselwirkung von Strahlung und Materie im Rahmen der Quantentheorie zu erfassen. So können alte Probleme wie der Dualismus von Welle und Teilchen und die Nicht-Lokalität der Mikrowelt mit neuen mathematischen Mitteln diskutiert werden. Allerdings wird hier noch einmal besonders deutlich, was in allen Kapiteln für Schwierigkeiten gesorgt hat: Die Frage, wie der mathematische Formalismus der Theorie mit der realen Welt in Zusammenhang gebracht werden kann, ist nicht mehr

VIII

Vorwort

einfach beantwortbar, wenn man über die Zuweisung von möglichen Messwerten für konkrete Messungen hinausgeht, wenn man also mit einer Minimalinterpretation der Quantentheorie nicht zufrieden ist. Schließlich rundet das siebte Kapitel das Buch im Rahmen einer kleinen Chronologie wichtiger Entwicklungsschritte in physikalisch-mathematischer wie auch interpretatorischer Hinsicht ab. Der im wesentlichen systematische Aufbau des Buches wird hier durch historische Angaben ergänzt, und die kurzen Erläu- terungen zu Meilensteinen der Entwicklung können auch wie ein Glossar gelesen werden. Zudem kommen hier Interpretationsansätze zur Sprache, die im Rahmen des Buches nicht eingehender behandelt werden konnten. Die vielen intensiven Diskussionen im Kreis der Autoren haben gezeigt, dass jeder der sechs Autoren zum gleichen Thema ein anderes Buch geschrieben hätte. Wir hoffen, dass unsere Kooperation zur besten aller möglichen Versionen geführt hat.

Juli 2014

Cord Friebe, Meinard Kuhlmann, Holger Lyre, Paul M. Näger, Oliver Passon, Manfred Stöckler

Vorwort zur 2. Auflage

Das Angebot des Springer-Verlags zu einer zweiten Auflage haben wir gerne als Gelegenheit genutzt, nicht nur einige Druck- und Schönheitsfehler zu beseitigen, sondern auch Verbesserungen an der Textgestaltung sowie inhaltliche Ergänzun- gen vorzunehmen. Viele hilfreiche Hinweise haben wir dazu von Studierenden aus unseren Seminaren in Wuppertal, Mainz, Saarbrücken und Bonn erhalten. Die Auf- nahme von Übungsaufgaben am Ende jeden Kapitels soll sowohl Hilfe für das Selbststudium bieten als auch Anhaltspunkte für Seminardiskussionen liefern. Mus- terlösungen zu den Aufgaben finden sich am Ende des Buches.

Januar 2018

Cord Friebe, Meinard Kuhlmann, Holger Lyre, Paul M. Näger, Oliver Passon, Manfred Stöckler

Inhaltsverzeichnis

1 Physikalisch-mathematische Grundlagen Cord Friebe

1

1.1 Spin und Superposition

3

 

1.1.1 Stern-Gerlach-Experiment

4

1.1.2 Aufeinanderfolgende Spinmessungen

6

1.1.3 Superpositionsprinzip

10

1.2 Mathematischer Formalismus der Quantenmechanik

15

 

1.2.1 Vektoren und ihre Darstellung

16

1.2.2 Operatoren und ihre Eigenwerte

19

1.2.3 Das Problem mehrfacher Eigenwerte

27

1.2.4 Spezielle Operatoren und Ortsdarstellung

31

Übungsaufgaben zu Kap. 1

39

Literatur zu Kap. 1

39

2 Messproblem, Minimal- und Kollapsinterpretationen Cord Friebe

41

2.1 Minimalinterpretation

42

2.2 Ensemble-Interpretation und Kopenhagener

46

 

2.2.1 Ensemble-Interpretation

49

2.2.2 Kopenhagener Deutung(en)

51

2.3 Messproblem und Dekohärenz

57

 

2.3.1 Quantenmechanisches Messproblem

59

2.3.2 Dekohärenzprogramm

63

2.4 Realistische Kollaps-Deutung:

66

 

2.4.1 Nicht-lineare Dynamik

66

2.4.2 GRW-Ontologien und ihre Kritik

70

Übungsaufgaben zu Kap. 2

73

Literatur zu Kap. 2

73

3 Quanten-Identität und Ununterscheidbarkeit Holger Lyre

75

3.1

Quantentheorie gleichartiger Objekte

75

3.1.1 Statistische Mechanik

75

3.1.2 Mehr-Teilchen-Tensorprodukt

77

XII

Inhaltsverzeichnis

 

3.1.3 Quantenstatistik

79

3.1.4 Symmetrische Gruppe

82

3.2

Ontologie der Quantentheorie

85

3.2.1 Identität und Leibniz-Prinzip

85

3.2.2 Leibniz-Prinzip und Quantentheorie

92

3.2.3 Schwache Unterscheidbarkeit

97

3.2.4 Ausblick

100

Übungsaufgaben zu Kap. 3

103

Literatur zu Kap. 3

103

4 Verschränkung und Nicht-Lokalität: EPR, Bell und die Folgen Paul M. Näger und Manfred Stöckler

107

4.1

Einführung und Überblick

107

4.2

Das EPR-Argument und seine Folgen

110

4.2.1 Das EPR-Argument im Überblick

110

4.2.2 Analyse des EPR-Arguments

112

4.2.3 Die Debatte um den EPR-Aufsatz und Nachwirkungen

118

4.2.4 Analyse des Singulett-Zustandes

121

4.3

Der Bellsche Beweis

125

4.3.1

Experimentelle Grundlagen

126

4.3.2

Das ursprüngliche Bell-Theorem

134

4.3.3

Bells Theorem als Strategie-Spiel

136

4.3.4

Bells Theorem präzise

141

4.4

148

 

4.4.1

Lokalität vs. Hintergrundannahmen

148

4.4.2

Konfliktfelder mit der Relativitätstheorie

149

4.4.3

Signale, Kausalität und Feinabstimmung

152

4.4.4

Ergebnis-Abhängigkeit vs. Parameter-Abhängigkeit

156

4.4.5

Kausale Nicht-Lokalität vs. Nicht-Separabilität

158

4.4.6

Holismus

164

4.4.7

Nicht-Lokalität und Relativitätsprinzip

166

4.5

Alternative Lösungsvorschläge

171

4.5.1 Kausale Markov-Bedingung

172

4.5.2 Interventionsannahme

174

4.5.3 Rückwärtsverursachung

177

4.5.4 Fazit zu den alternativen Lösungsvorschlägen

180

4.6

Resümee

180

Übungsaufgaben zu Kap. 4

181

Literatur zu Kap. 4

182

5 Nicht-Kollaps-Interpretationen der Quantentheorie Oliver Passon

187

5.1

Die de Broglie-Bohm-Theorie

188

5.1.1 Mathematische Beschreibung

189

5.1.2 Die Quantengleichgewichtshypothese

192

Inhaltsverzeichnis

XIII

5.1.4 Anwendungen der de Broglie-Bohm-Theorie

196

5.1.5 Die Lösung des Messproblems

200

5.1.6 Die Schulen der de Broglie-Bohm-Theorie

203

5.1.7 Kritik an der de Broglie-Bohm-Theorie

205

5.2 Die Everett-Interpretation

207

5.2.1 Die Grundidee

208

5.2.2 Die Viele-Welten-Interpretation

209

5.2.3 Das Problem der bevorzugten Basis

211

5.2.4 Die Rolle der Dekohärenztheorie

214

5.2.5 Wahrscheinlichkeit in der Everett-Interpretation

216

5.2.6 Kritik an der Everett-Interpretation

222

5.3 Zusammenhang zwischen den verschiedenen Interpretationen

225

Übungsaufgaben zu Kap. 5

227

Literatur zu Kap. 5

227

6 Quantenfeldtheorie

231

Meinard Kuhlmann und Manfred Stöckler

6.1 Charakterisierung der Quantenfeldtheorie

231

6.2 Raumzeitliche Beschreibung von Prozessen

233

6.3 Mathematische Struktur der Quantenfeldtheorie

235

6.3.1 Quantisierung von Feldern

236

6.3.2 Das einfachste Beispiel einer Quantenfeldtheorie

239

6.3.3 Besetzungszahldarstellung

244

6.3.4 Quantenfeldtheorie und Experiment

249

6.3.5 Probleme der konventionellen Quantenfeldtheorie

253

6.4 Interpretationen der Quantenfeldtheorie

258

6.4.1 Vorbemerkungen

258

6.4.2 Teilcheninterpretation

259

6.4.3 Feldinterpretation

266

6.5 Neue Wege der Interpretation

268

6.5.1 Ontischer Strukturenrealismus

268

6.5.2 Eine tropenontologische Interpretation

270

6.5.3 Fazit zur Ontologie der Quantenfeldtheorie

272

Übungsaufgaben zu Kap. 6

273

Literatur zu Kap. 6

273

7 Chronologie und Ausblick Cord Friebe, Meinard Kuhlmann und Holger Lyre

277

7.1 Frühphase der

278

7.2 Etablierung der Standard-Quantenmechanik

280

7.3 Bestätigung und neue Herausforderungen

282

Musterlösungen der Übungsaufgaben

291

Sachverzeichnis

301

Autoren

Cord Friebe studierte Philosophie, Physik und Mathematik in Freiburg/Br. und Padua. Pro- motion 1998 mit einer Arbeit zur Ontologie „ununterscheidbarer“ Objekte in Quantenmechanik und Quantenfeldtheorie. Seit 2018 Professor für Theoretische Philosophie mit einem Schwerpunkt in Analytischer Philosophie an der Universität Siegen. Forschungsschwerpunkte: Philosophie der Physik, Analytische Ontologie, Theoretische Philosophie Kants. Forschungsaufenthalte in Trient und Sydney; Lehrtätigkeit in Freiburg/Br., Bonn, Saarbrücken, Köln, Konstanz und Siegen. Letzte Buchveröffentlichungen: Zeit–Wirklichkeit–Persistenz. Eine präsentistische Deutung der Raumzeit (2012); Geld: eine philosophische Orientierung (2015). Ge- genwärtiges Forschungsprojekt (DFG) zu neueren Entwicklungen bezüglich der Individualität von Quantenobjekten.

Meinard Kuhlmann studierte Physik und Philosophie an den Universitäten Bochum, München, St. An- drews (Schottland) und Köln, 1995 Diplom in Physik in Köln; 2000 Promotion und 2008 Habilitation in Philosophie in Bremen. Forschungsaufenthalte an den Universitäten Chicago und Irvine (1998), Oxford (2002/2003), Pittsburgh (2010) und LSE London (2011). Seit 2012 Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Philosophie der Physik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. 2010–2012 Lehrstuhlver- tretungen an den Universitäten Hannover, Jena und Bielefeld. Seit 2014 vertritt er die Professur für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Mainz. Haupt- arbeitsgebiete: Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie und Analytische Ontologie; dabei speziell die Ontologie physikalischer Theorien, Erklärungstheorien sowie die Philosophie komplexer Systeme (insb. Econophysics). Monographien: Ontological Aspects of Quantum Field Theory (hg. mit H. Lyre und A. Wayne 2002); The Ulti- mate Constituents of the Material World - In Search of an Ontology for Fundamental Physics (2010).

Holger Lyre studierte Physik, Philosophie und Neuroinformatik an den Universitäten Marburg, Dortmund und Bochum. 1993 Diplom in Physik in Dortmund, 1996 Promotion

XVI

Autoren

in Philosophie in Bochum und 2003 Habilitation in Bonn. Lehrstuhlvertretungen in Bielefeld und Augsburg, seit 2009 Professor für Theoretische Philo- sophie/Philosophie des Geistes an der Universität Magdeburg. Auslandsforschungs- aufenthalte an den Universitäten Pittsburgh (1998/1999) und San Diego (2014), 2011–2016 Gründungspräsident der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP). Hauptarbeitsgebiete: Wissenschaftsphilosophie (speziell Philosophie der Physik und Wissenschaftstheorie der kognitiven Neurowissenschaften) sowie Philo- sophie des Geistes. Monographien: Quantentheorie der Information (1998); Onto- logical Aspects of Quantum Field Theory (hg. mit M. Kuhlmann und A. Wayne, 2002); Informationstheorie. Eine philosophisch-naturwissenschaftliche Einführung (2002); Lokale Symmetrien und Wirklichkeit (2004); C. F. v. Weizsäcker: The Structure of Physics (hg. mit T. Görnitz 2006); Kants „ Prolegomena“: Ein kooperativer Kommentar (hg. mit O. Schliemann 2012).

Paul M. Näger studierte Physik und Philosophie in München (2006 Diplom in Physik, LMU Mün- chen). Nach einem Forschungsaufenthalt in Oxford (2008/2009) war er 2010–2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen, wo er mit einer wis- senschaftsphilosophischen Arbeit zu verschränkten Quantensystemen promoviert wurde („Quantum Entanglement and Causation“). Seit 2013 forscht und lehrt er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (2013–2017 als wissenschaft- licher Mitarbeiter, seit 2017 als akademischer Rat a. Z.). Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Philosophie der Physik (insb. Quantenphysik, Relativitätstheorie), der Wissenschaftsphilosophie (insb. statistische Methoden und kausales Schließen, Er- klärungen, Reduktion/Emergenz) und in der Metaphysik (insb. Raum und Zeit, Kausalität, Mereologie).

Oliver Passon studierte Physik, Mathematik, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität Wuppertal. Diplom (1998) und Promotion (2002) in der experimentel- len Elementarteilchenphysik mit einer Datenanalyse für das DELPHI Experiment am Europäischen Labor für Hochenergiephysik (CERN) in Genf. Wissenschaft- licher Mitarbeiter am Forschungszentrum Jülich im Zentralinstitut für Angewandte Mathematik (2004–2007). Referendariat für das Lehramt Physik und Mathematik (2. Staatsexamen 2008). Lehrer für Physik und Mathematik am Carl-Duisberg Gym- nasium in Wuppertal (bis 2013). Seit 2013 akademischer Rat in der Arbeitsgruppe Physik und ihre Didaktik der Bergischen Universität Wuppertal und Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Wissenschafts- und Technikforschung (IZWT). Zu den Hauptarbeitsgebieten gehören Phänomenologische Optik, Wissenschaftstheo- rie und Interpretation der Quantenmechanik. Monographien: Bohmsche Mechanik (2004, 2. verbesserte Auflage 2010).

Manfred Stöckler studierte Physik und Philosophie in Heidelberg und Gießen und wurde nach ei- nem Diplom in Theoretischer Atomphysik mit einer Arbeit über philosophische

Autoren

XVII

Probleme der relativistischen Quantenmechanik zum Dr. phil. promoviert (1984). Thema der Habilitationsschrift war eine philosophische Untersuchung der Ele- mentarteilchenphysik und der Grundlagen der Quantenfeldtheorie. Akademische Stationen: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Philosophie und Grund- lagen der Wissenschaften in Gießen und am Philosophischen Seminar der Uni- versität Heidelberg. Seit 1991 Professor für Theoretische Philosophie mit dem Schwerpunkt Naturphilosophie und Philosophie der Naturwissenschaften an der Universität Bremen. Arbeitsschwerpunkte: Philosophische Probleme der gegenwär- tigen Physik (insbesondere der Quantentheorie und der Kosmologie), Philosophie der Zeit, methodologische Probleme bei der Erforschung komplexer Systeme.

Physikalisch-mathematische

Grundlagen

Cord Friebe

Inhaltsverzeichnis

1

1.1 Spin und Superposition

3

1.2 Mathematischer Formalismus der Quantenmechanik

15

Übungsaufgaben zu Kap. 1

39

Literatur zu Kap. 1

39

Gegenstand dieses ersten Kapitels zur Philosophie der Quantenphysik 1 sind physikalische Systeme, von deren innerer Struktur abgesehen werden kann. Wir betrachten also zunächst Einzelsysteme, einzelne Silberatome etwa oder auch ein- zelne Elektronen, welche letztere nach heutigem Wissensstand tatsächlich keine innere Struktur besitzen. Damit lassen wir all jene Probleme zunächst beiseite, die Mehrteilchen- oder zusammengesetzte Systeme dem philosophischen Verständnis bereiten: den „Individualitätsverlust“ gleichartiger Teilchen ebenso wie das neuarti- ge Verhältnis zwischen einem Ganzen und seinen Teilen, wie es das berühmte EPR- Paradoxon zeigt. Beiden Herausforderungen ist je ein eigenes Kapitel gewidmet. Schon ein Einzelsystem aber, das Gegenstand der Quantenmechanik ist, wirft er- hebliche philosophische Interpretationsprobleme auf. Dies zu sagen, bedeutet wohl- gemerkt nicht, dass makroskopische Objekte der Alltagswelt oder der klassischen Physik keine Gegenstände philosophischer Kontroversen wären. Ganz im Gegen- teil: Die Theoretische Philosophie (Erkenntnistheorie, Ontologie) nahm bei Platon und Aristoteles ihren Ausgang gerade bei der Betrachtung gewöhnlicher, sinnlich wahrnehmbarer Einzelgegenstände. So bezeichnen wir numerisch verschiedene

1 Die Quantenphysik umfasst wie die klassische Physik mehr als nur Mechanik, insbesondere auch Quantenfeldtheorie. Insofern diese ausdrücklich mitgemeint ist, wird von „Quantenphysik“ gesprochen, in der Regel aber beschäftigt sich dieses Grundlagenkapitel mit der Quantenmechanik.

C. Friebe ( )

Philosophisches Seminar, Universität Siegen, Siegen, Deutschland e-mail: cgf88@hotmail.com

c Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

C. Friebe et al., Philosophie der Quantenphysik,

1

2

C. Friebe

Personen etwa gleichermaßen als „tapfer“, wie es bei Sokrates schon in einem Früh- dialog Platons heißt. Daher stelle sich die Frage, was sie denn gemeinsam haben. Die Tapferkeit vielleicht, also eine Universalie, die irgendwie Mehrerem zukommen kann? Nämlich entweder als eine Idee ante rem in Platons Himmel, an der die kon- kreten, individuellen Personen ‚teilhaben‘, oder aber als etwas in re, das zu einem und demselben Zeitpunkt sowohl in dieser als auch in jener Person ‚instantiiert‘ ist. Das hiermit erstmals aufgeworfene Problem des Verhältnisses eines Objekts oder ei- ner Person zu seinen/ihren Eigenschaften ist bis heute Gegenstand philosophischer Debatten – ganz unabhängig von den Entwicklungen in der modernen Physik. Oder nehmen wir als zweites Beispiel den neuzeitlichen britischen Philosophen David Hume und sein skeptisches Argument gegen bestimmte Auffassungen der Kausalität: Wenn wir meinen, dass ein Ereignis wie etwa die Bewegung einer Billardkugel durch den Stoß einer anderen bewegten Billardkugel verursacht oder hervorgerufen werde, so glauben wir offenbar, dass die stoßende Billardkugel die gestoßene zu ihrer Bewegung zwinge, dass eine Art Kraft dafür sorge, dass das Er- eignis der Wirkung nicht ausbleiben kann, sondern stattfinden muss. Was wir aber tatsächlich beobachten, so Hume, sei lediglich ein zeitliches Nacheinander und ein räumliches Nebeneinander von zwei Bewegungen; eine bloß faktische Regularität und keinen Zwang, keine Notwendigkeit. Sind Verursachungsverhältnisse somit gar nichts anderes als raumzeitliche Regularitäten, oder gibt es über das Beobachtbare hinaus notwendige Vernüpfungen zwischen Ereignissen in der Welt? Auch die- se Kontroverse dauert bis heute an – ganz unabhängig von quantenphysikalischen Phänomenen. Worauf es in diesem ersten Kapitel vor allem ankommt, ist daher dieses:

Herauszustellen, dass ein quantenmechanisches Einzelsystem jedem theoretischen Philosophen zusätzliche Schwierigkeiten bereitet. Gleichgültig, ob jemand ein (moderner) Aristoteliker, Humeaner oder auch Kantianer ist: Es gibt empirische Phänomene im Bereich des Mikroskopischen und theoretische Konsequenzen der Quantenmechanik, die unabhängig von der philosophischen Grundeinstellung ei- ne besondere Herausforderung darstellen – und zwar schon beim Einzelsystem. Die Diskussion dieser Phänomene und Konsequenzen kann dann grundsätzlich auf zwei verschiedene Weisen philosophisch fruchtbar sein: entweder als Befruchtung andauernder philosophischer Kontroversen, indem die Quantenmechanik zur Stüt- zung einer vorhandenen Position ins Feld geführt wird, oder aber in dem Sinne, dass sie zur Entwicklung gänzlich neuartiger philosophischer Theorien zwingt. Auf diese Weisen einzusteigen, könnte man aber als tendenziös empfinden:

Denn danach erscheint die Quantenmechanik ausschließlich als ein Problem für die Philosophie, nämlich insofern anscheinend nur die Frage gestellt ist, welche die zur Quantenmechanik passende philosophische Theorie sein möge. PhysikerInnen, aber auch viele Physik-PhilosophInnen, sehen das vielleicht ganz anders: Wenn etwa der Physiker Niels Bohr den Begriff „Komplementarität“ zur Deutung der Quantenmechanik ins Spiel brachte, so habe dies vor allem den folgenden Zweck gehabt: „Komplementär“ sollen laut Bohr zwei Größen oder zwei Beschreibungen sein, die einerseits einander ausschließen, anderseits sich aber doch ergänzen; was ja auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingt. Was Bohr aber intendierte, sei keineswegs widersprüchlich, da sich die beiden von ihm hauptsächlich betrachteten

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

3

Größen – Teilchenbild und Wellenbild – klassisch ausschlössen und quantenme- chanisch ergänzten. Worum es ihm ging, sei nämlich die Frage gewesen: Wie passt die Quantenmechanik zum Weltbild der klassischen Physik? Davon hat man sich zwar anscheinend entfernt – wen interessiert noch das ‚Weltbild der klassi- schen Physik‘? –, doch in Bohrs Sinne wird immer wieder gefragt: Wie passt eine realistische Deutung der Quantenphysik zu anderen Teilen der aktuellen Physik, also etwa zur speziellen Relativitätstheorie? Wie passen die Theorien des Mikro- skopischen zur anschaulichen, mesokosmischen Welt (Stichwort: Messproblem)? Und wie passt das Mikroskopische (insbesondere die Quantenfeldtheorie, QFT) zum Makrokosmos (zur allgemeinen Relativitätstheorie)? Demnach ist die Frage also nicht, welche philosophische Theorie im Angesicht der modernen Physik die plausibelste sei, sondern ob und wie die Quantenphysik ein einheitliches Theorien- gebäude der Physik gewährleisten könne. Dies muss nicht unbedingt ein Gegensatz sein, doch: Es ist ein Unterschied, ob man ein philosophisches Problem erst dort erblickt, wo die Physik selbst (noch) inkonsistent ist – wie etwa beim Widerspruch zwischen QFT und allgemeiner Relativitätstheorie –, oder auch dort schon, wo die Physik einheitlich und konsistent ist. Der Schwerpunkt dieses Lehrbuchs zur Philosophie der Quantenphysik liegt auf diesem letzten Problem: In erster Linie nämlich kommen Phänomene und theoretische Konsequenzen zur Sprache, die in der Physik als etabliert gelten kön- nen. Dies gilt sogar noch für das letzte Kapitel zur QFT, solange sie nämlich nicht mit der allgemeinen Relativitätstheorie konfrontiert wird, vor allem aber gilt es für das wichtige Phänomen der ‚Ununterscheidbarkeit‘ gleichartiger Teilchen (vgl. Kap. 3), das ganz ohne das notorische Messproblem eine erhebliche philosophische Herausforderung darstellt. Selbstverständlich aber spielt auch das Theoriengebäude der Physik hier eine wichtige Rolle, hauptsächlich in Gestalt eben des Messpro- blems, also des Zusammenhangs von Mikro- und Makrowelt, das in der Physik selbst als nicht gelöst anzusehen ist. Zu seiner Lösung oder auch Auflösung kom- men dann auch Theorien zur Sprache – wie die realistische Kollaps-Deutung nach Ghirardi, Rimini und Weber (GRW; vgl. Abschn. 2.4) oder die deterministische De-Broglie-Bohm-Theorie (vgl. Abschn. 5.1) –, die in der Physik gerade nicht als Standard gelten. In diesem ersten Kapitel sollen aber zunächst die physikalischen und mathematischen Grundlagen der gewöhnlichen Standard-Quantenmechanik von Einzelsystemen gelegt werden.

1.1 Spin und Superposition

Die Quantenphysik in erster Linie als Herausforderung für philosophische Theorien anzusehen, 2 hat gleich zu Beginn eine (auch didaktische) Konsequenz: Wenn es

2 Also Probleme zu behandeln wie die Beziehungen eines Einzelgegenstandes zu seinen Eigen- schaften und eines Ganzen zu seinen Teilen, das Verhältnis von Ursache und Wirkung sowie die fragliche zeitüberdauernde Identität und zeitliche Veränderung von Quantensystemen.

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C. Friebe

demnach nicht so sehr um das Theoriengebäude der Physik geht, erscheint ein Einstieg, welcher die Quantenmechanik aus der klassischen Physik hervorgehen lässt und ihre ungewöhnlichen Phänomene mit Vorstellungen über klassische Teil- chen oder Wellen zu veranschaulichen versucht, als unangemessen. Der historische Entdeckungszusammenhang ist vielleicht systematisch irrelevant, weshalb wir – im Gegensatz zu vielen populären Darstellungen der Quantenmechanik – weder mit der Planckschen Strahlungsquantelung (entdeckt schon im Jahr 1900) noch mit dem Doppelspaltexperiment oder dem Photoeffekt (1905) beginnen, also nicht mit solchen physikalischen Phänomenen, die laut Bohr die klassisch unverständliche Doppelnatur des Quantensystems als Teilchen und Welle nahelegen; Bilder, die sich klassisch ausschließen, quantenmechanisch vorgeblich aber doch ergänzen sollen. Stattdessen sei das Quantensystem von vornherein als ein Objekt mit eigenem Recht angesehen, für das wir – nahezu unabhängig von der Frage, ob es eher ein klassisches Teilchen oder doch eher eine Welle oder vielleicht beides sei – etwa fragen, ob es in Ursache-Wirkungs-Verhältnissen steht, ob es Zeit überdauert, ob es intrinsische Eigenschaften hat oder bloß relational individuiert werden kann, usw. Wir setzen daher eher mit Bohrs zweitem, gänzlich anderem Verständnis von „Komplementarität“ an, wonach vielmehr zwei Größen – wie etwa der Ort und der Impuls 3 – sich quantenmechanisch ‚ausschließen‘, die klassisch einander noch er- gänzten. Wie sich zeigen wird, lässt sich dies im mathematischen Formalismus der Quantenmechanik präzise wiedergeben. Und wir setzen daher mit einem Experi- ment ein, das erst 1922 – als die Quantenmechanik also bereits über 20 Jahre auf ihrem Wege war – durchgeführt wurde und eine Eigenschaft quantenphysikalischer Systeme zutage förderte, für die es klassisch überhaupt kein Analogon gibt, die al- so paradigmatisch für die Eigenständigkeit des Quantensystems stehen kann: den Spin. 4 Dieser Spin zeigt physikalisch, was quantenmechanisch eigentümlich ist, und motiviert direkt den anschließend darzustellenden Vektorraum-Formalismus der Quantenmechanik. Eine Warnung ist allerdings angebracht: Auf diese Weise wird das Problem der Einbettung in den (Anschauungs-)Raum heruntergespielt, was für die Standard- Quantenmechanik durchaus angemessen ist. Im weiteren Verlauf wird sich aber zeigen, dass dieses Problem weiterhin auf der Agenda der (Philosophie der) Quan- tenphysik steht. Die raumzeitliche Interpretation der Quantenobjekte steht im Zentrum von GRW, Bohm und QFT.

1.1.1

Stern-Gerlach-Experiment

Im Februar 1922 führten die Physiker Otto Stern und Walther Gerlach in Frank- furt/M. ein Experiment durch, das theoretisch einen wichtigen Beitrag zur reifen, in sich abgerundeten neuen Quantenmechanik lieferte, die seinerzeit noch immer

3 Der Impuls eines Objekts ist die mit seiner Masse multiplizierte Geschwindigkeit. 4 Der Spin ist ein Drehimpuls, der vielleicht als die Rotation des Objekts um sich selbst veranschaulicht werden kann, was bei punktförmigen Teilchen aber eigentlich unanschaulich ist.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

5

Spin-up

50 % N Ag-Strahl S 50 % Quelle
50
%
N
Ag-Strahl
S
50
%
Quelle

Ag-Dampf-

Spin-down

Abb. 1.1 Das Stern-Gerlach-Experiment: Ein Strahl von Silberatomen wird durch ein Magnetfeld aufgespalten, was durch den Elektronen-Spin erklärt wird

eher ein Theoriengemenge aus klassischen Elementen und neuen Prinzipien war (Stichwort: Bohrsches Atommodell). Praktisch findet die Entdeckung der „Raumquantisierung der magnetischen Momente in Atomen“, wie es auf einer Tafel am Gebäude des Physikalischen Vereins heißt, ihre Anwendung insbeson- dere bei der Kernspintomographie. 1943 erhielt Stern für die Entdeckung des (Elektronen-)Spins den Nobelpreis für Physik. Mit einem Atomstrahlofen erzeugten Stern und Gerlach einen Strahl von Silber- atomen, der anschließend durch ein inhomogenes Magnetfeld geleitet wurde. Hinter dem Magnetfeld wurde das Silber mit einem ‚Schirm‘ aufgefangen. Eigentlich war nichts Besonderes zu erwarten: Sämtliche Atome des Silberdampfstrahls sind natürlich elektrisch neutral, so dass sie nicht etwa durch das Magnetfeld eine Lorentz-Kraft erfahren können. Es könnten aber magnetische Momente eine Rolle spielen, welche durch Bahndrehimpulse der Elektronen in der Atomhülle zustande kommen. Wie man aber damals schon wusste, gleichen sich die magnetischen Mo- mente in vollbesetzten ‚Energieschalen‘ aus, so dass hier höchstens das einzige Valenz-Elektron der Silberatome zum Zuge kommen kann. Dieses aber befindet sich im rotationssymmetrischen (5-)s-Orbital, so dass sein Bahn-dreh-impuls 0 ist – es dürfte also eigentlich gar kein magnetisches Moment besitzen. Dennoch beobach- teten Stern und Gerlach eine Aufspaltung des Silberdampfstrahls, und zwar derart, dass am Schirm zwei getrennte Silberflecken entstanden, was darauf hindeutet, dass hier ein magnetisches Moment zwei diskrete Einstellungen hat. Man folgert, dass das Valenz-Elektron der Silberatome – und damit Elektronen im Allgemeinen – eine zusätzliche, bis dahin unbekannte Eigenschaft hat, die sich wie ein Eigendreh- impuls verhält, der das magnetische Moment erzeugt und nur zwei mögliche Werte hat: Spin-up und Spin-down. 5

5 Eine Bemerkung für LeserInnen mit Physik-Hintergrund: Auch mathematisch sollte sich der Spin wie ein Drehimpuls verhalten, also etwa denselben Vertauschungsrelationen genügen wie die Operatoren des Bahndrehimpulses. Dass er sich nicht nur analog zu einem Drehimpuls ver- hält, sondern tatsächlich einer ist, zeigt, dass der Bahndrehimpuls in der Quantenmechanik in der Regel nur zusammen mit dem Spin eine Erhaltungsgröße bildet.

6

C. Friebe

Inzwischen kennt man auch Teilchen mit mehr als bloß zwei möglichen Einstel- lungen ihres Spins; ein Strahl solcher Teilchen – elektrisch neutralisiert, um keine überlagernden Effekte zu erzeugen – führt also zu einer mehrfächrigen Aufspaltung im inhomogenen Magnetfeld. Darüber hinaus unterteilt man Quantensysteme heut- zutage in solche mit halbzahligem Spin („Fermionen“, wie beispielsweise Elek- tronen) und solche mit ganzzahligem („Bosonen“, wie etwa Photonen). Letzteres wird im Kapitel über ‚ununterscheidbare‘ Quantenteilchen von Bedeutung werden, und Ersteres sollte man im Hinterkopf behalten und sich an gegebener Stelle fragen, wie sich die Physik und Mathematik des zweiwertigen Spins auf höhere Spinsysteme verallgemeinern. An dieser Stelle ist aber nur noch Folgendes zu be- rücksichtigen: Die Stern-Gerlach-Apparatur hat immer eine bestimmte räumliche Ausrichtung, welche ihr inhomogenes Magnetfeld bestimmt. Auf diese Weise wird, genauer gesagt, die Spinprojektion der Teilchen in einer bestimmten Raumrich- tung gemessen, und diese hat bei Elektronen nur zwei mögliche Werte. Tatsächlich hat das Elektron (und haben viele andere Teilchen) noch viele weitere mögliche Spinwerte, nämlich (das Elektron) je zwei in jeder möglichen Raumrichtung. Mit Hilfe von Stern-Gerlach-Apparaturen kann man aber zu einem bestimmten Zeit- punkt den Spin eines Quantensystems immer nur in einer Raumrichtung messen, was die philosophisch wichtigen Fragen aufwirft, ob etwa ein Elektron alle diese nicht gleichzeitig messbaren Spinwerte ‚dennoch‘ zugleich hat oder nicht und was bei einer Stern-Gerlach-Messung eigentlich geschieht, wenn nicht. Die besonderen Charakteristika dieser neuen Eigenschaft(en) kommen entspre- chend dann besonders klar zum Vorschein, wenn man mehrere Stern-Gerlach- Experimente in Folge durchführt. 6 Zunächst kann man etwa nach einer Messung 7 in einer bestimmten Raumrichtung erneut in dieser Raumrichtung messen, was intui- tiv der bloßen Wiederholung einer Messung entspricht. Dann lassen sich mehrere Spinmessungen in unterschiedlichen Raumrichtungen nacheinander miteinander kombinieren, wobei sich vielleicht Unerwartetes zeigen wird. Von herausragender Bedeutung wird schließlich sein, was geschieht, wenn man eine anscheinend zu- nächst durchgeführte Messung anschließend rückgängig macht: Dies führt direkt zum Prinzip der Superposition von Spin-Zuständen und somit zum Vektorraum- Formalismus (vgl. zum Folgenden insbesondere Albert 1992, Kap. 1).

1.1.2 Aufeinanderfolgende Spinmessungen

Eines der wichtigsten Interpretationsprobleme der Quantenmechanik werfen Eigen- schaften auf, die aktual nicht gemessen sind, und von denen wir auch nicht mit Sicherheit sagen können, ob sie vorliegen oder nicht. Man kann daraus die anti- realistische Konsequenz ziehen, dass man besser überhaupt nicht mehr von realen

6 Das kann man natürlich nur dann, wenn man die Teilchen gerade nicht mit einem Schirm auffängt. 7 Hier und im Folgenden wird „Messung“ so vorausetzungslos wie möglich verwendet. Weder wird vorausgesetzt, dass ein makroskopischer Detektor (Schirm) etwas irreversibel registrieren muss, noch gar, dass das quantenmechanische System irgendwie kollabiert.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

7

Eigenschaften eines einzelnen Quantensystems sprechen sollte, sondern vielleicht nur von makroskopischen Messgeräten und Messausgängen oder nur von Quanten- systemen als Ensembles, also nur von einer großen Anzahl von Quantenteilchen.

Lassen wir diese Interpretationslinien aber zunächst beiseite und versuchen wir so lange wie möglich, die Vorstellung eines Quantensystems als eines Objekts, das Eigenschaften hat, Zeit überdauert und also Eigenschaften unter Wahrung seiner Identität auch wechseln kann, aufrechtzuerhalten. Wir wollen sehen, wie weit man damit kommen kann. Nehmen wir daher zuerst einmal an, ein Elektron habe zu einem Zeitpunkt die Eigenschaft Spin-up (in x-Richtung) und zu einem späteren Zeitpunkt die gegensätzliche Eigenschaft Spin-down (in x-Richtung). Dieser Wechsel der Spin- Eigenschaft sei hervorgerufen durch ein externes Magnetfeld und mit Sicherheit vorhersagbar. Der Übergang ist demnach sowohl kausal als auch deterministisch. Dennoch mag man bereits darin ein philosophisches Problem ausmachen: Ver- änderung könne es nämlich prinzipiell nur als kontinuierliche geben, so dass eine solche diskontinuierliche Veränderung nur ein ‚hölzernes Eisen‘ sein kann. Die Na- tur mache keine Sprünge, denn Aristoteles habe bereits gezeigt (vgl. Aristoteles, Physik, Buch VI): Bei einer diskontinuierlichen Veränderung könne das Objekt nur entweder noch im Ausgangszustand sein oder aber schon im Endzustand, was be- deuten müsste, dass es die Veränderung entweder noch vor sich oder schon hinter sich hätte, ohne sie je durchgemacht zu haben. Auf diesen Einwand kann man auf zwei Weisen reagieren: Entweder man zeigt, dass Aristoteles irrt, dass es al- so sehr wohl sprunghafte Veränderungen geben kann, oder aber man behauptet, dass quantenmechanische Objekte sich gar nicht verändern, sondern bloß wech- seln. Denn Veränderung verlangt etwas Beharrendes, so Kant (vgl. Kant 1781/87,

A 187/B 230ff.), etwas zeitüberdauernd Selbiges, an dem Eigenschaften wechseln

(können), was auch heute noch unbestritten ist: „change [Veränderung] needs identi-

ty as well as difference“ (Mellor 1998, S. 89). Identität über die Zeit hinweg ist aber

(vielleicht) für quantentheoretische Systeme nicht anzunehmen. Das alte Teilchen

verschwindet, und das neue mit anderem Spin tritt an seine Stelle, etwa weil sie, wie

es die sogenannte Tropenontologie sagt (vgl. dazu Abschn. 6.5.2), nur Bündel von

(partikularen) Eigenschaften sind. Zu dem einen Zeitpunkt existiert demnach das Bündel [Elektronenladung, Elektronenmasse, Spin-up in x-Richtung etc.] und zum späteren Zeitpunkt das davon numerisch verschiedene [Elektronenladung, Elek- tronenmasse, Spin-down in x-Richtung, etc.], so dass ein diskontinuierlicher Sprung möglich ist. Wie dem auch sei: Wir nehmen hier an, dass Quantensprünge kein philosophisches Problem mehr sind. Wirklich problematisch wird es eben erst, wenn man zusätzlich Spin- Eigenschaften in abweichenden Raumrichtungen in Betracht zieht. Richtet man das inhomogene Magnetfeld der Stern-Gerlach-Apparatur beispielsweise in y-Richtung aus, so ergeben sich ja ebenfalls zwei mögliche Messwerte, die zwei weiteren Eigen- schaften der Silberatome bzw. der Elektronen entsprechen sollten: Spin-up und Spin-down in y-Richtung. Zeitlich-nach einer Messung des Spins in der ursprüngli- chen x-Richtung haben wir nun also zwei Möglichkeiten, fortzufahren: Wir können zum einen, wie in Abb. 1.2, erneut den Spin in x-Richtung messen. Es stellt sich heraus, was man wohl auch erwarten sollte, dass nämlich dann sämtliche Teilchen,

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C. Friebe

N N 50 % S S
N
N
50 %
S
S

100 %

Ag-Strahl

Spiegel

Spin-down

Abb. 1.2 Die Wiederholungsmessung: 100 % aller Teilchen, die zuvor Spin-down in einer bestimmten Raumrichtung hatten, zeigen erneut Spin-down in derselben Raumrichtung

die zuvor Spin-up (bzw. Spin-down) zeigten, anschließend mit Sicherheit erneut Spin-up (bzw. Spin-down) zeigen, gleichgültig, wieviel Zeit zwischen den beiden Messungen verstrichen ist – solange keine äußeren Einflüsse (Magnetfelder) die Teilchen stören. Man sagt: Spinmessungen seien wiederholbar . 8 Messen wir dagegen beim zweiten Mal den Spin in y-Richtung, so stellt sich heraus, was man vielleicht weniger erwarten sollte, dass sich nämlich nun nicht mit Sicherheit vorhersagen lässt, welcher Spinwert sich ergeben wird. Sowohl die Spin- up-Teilchen der ersten Messung als auch deren Spin-down-Teilchen zeigen je zum Teil Spin-up und Spin-down in y-Richtung. In unserem Beispiel einer von der ur- sprünglichen Raumrichtung senkrecht abweichenden gilt genauer, dass je 50 % der Teilchen Spin-up und Spin-down zeigen werden. Bei Vorliegen von beispielsweise Spin-up in x-Richtung erfolgt anscheinend der Übergang zu beispielsweise Spin- up in y-Richtung indeterministisch. Dies ist erstaunlich und nicht zu verwechseln mit einer möglichen Indeterminiertheit der ursprünglichen Messung: Bei jener be- saßen wir nämlich vorher keinerlei Kenntnis über den genauen Zustand der Teilchen (abgesehen davon, dass es sich um Silberatome bzw. Elektronen handelt). Sie war gewissermaßen eine Messung ins Blaue hinein. Dieses Mal hingegen wissen wir bereits, dass die Teilchen die Eigenschaft Spin-up (bzw. Spin-down) in x-Richtung haben. Wie sich zeigen wird, ist diese Information gemäß dem Formalismus der Quantenmechanik und seiner Standard-Deutung(en) sogar bereits maximal – und also die Indeterminiertheit des Spins in y-Richtung bei gegebenem Spinwert in x-Richtung unvermeidlich. Einstein sah darin ein erhebliches Problem, wie sein berühmter Ausspruch, dass Gott nicht würfele, klar zum Ausdruck bringt. Was denn wäre die Erklärung, wenn die zweite Messung etwa Spin-down in y-Richtung ergibt? Hatte das Teilchen diese Eigenschaft schon zeitlich-vor dieser Messung, gewissermaßen ‚schon immer‘? Dann existierte in der Welt mehr, als wir maxi- mal wissen können, und die Standard-Quantenmechanik wäre unvollständig. Ein

8 Wie aber „zeigen“ die Teilchen bestimmte Spinwerte, wenn kein Detektor (Schirm) registriert, dass sie nach oben oder unten abgelenkt wurden? – So mag fragen, wer das Problem schon kennt:

Wir aber folgen den Teilchen in Gedanken auf ihren ‚Wegen‘ und zeigen, dass dies unvermeidlich inkonsistent wird.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

9

angenommener kausaler Einfluss durch den Stern-Gerlach-Apparat auf das Teilchen jedenfalls liefert offenbar nicht die ausreichende Erklärung. Denn bei vollkommen gleichem Einfluss des Messgeräts hätte sich genausogut statt Spin-down das ge- gensätzliche Resultat Spin-up (in y-Richtung) ergeben können. Die Messung in y-Richtung ‚bewirkt‘ anscheinend höchstens, dass sich überhaupt ein Spinwert in y-

Richtung einstellt: entweder Spin-up oder Spin-down. Oder gibt es probabilistische, nicht-hinreichende Verursachung, wie viele PhilosophInnen inzwischen annehmen? Doch lassen wir nicht nur das Problem der Quantensprünge, sondern auch das des Indeterminismus (vorerst) beiseite. Die Geschichte ist nämlich bei Weitem noch nicht zu Ende. Wir haben jetzt nacheinander zwei Messungen durchgeführt: Zu-

ˆ

nächst haben wir den Spinwert in x-Richtung ermittelt (gemessene Größe: S x ),

ˆ

anschließend den in y-Richtung (gemessene Größe: S y ). Zu einem noch späte-

ren Zeitpunkt können wir nun insbesondere entweder erneut die Messung von

S x

durchführen oder aber erneut die von S y . Betrachten wir zunächst die Variante

ˆ

S x S y

chen ist, und solange keine äußeren Einflüsse (Magnetfelder) vorliegen – offenbar

S y : Die zweite S y -Messung ist – gleichgültig, wieviel Zeit seit der ersten verstri-

ˆ

ˆ

ˆ

ˆ

ˆ

ˆ

die Wiederholung der ersten. Beide S y -Messungen folgen unmittelbar aufeinan-

der, d. h. es liegt keine weitere Messung oder Ähnliches dazwischen. Es kann

daher mit Sicherheit vorhergesagt werden, dass Teilchen mit Spin-up (bzw. Spin- down) in y-Richtung erneut Spin-up (bzw. Spin-down) in eben dieser Richtung

zeigen werden. Was aber geschieht bei Variante

S x (vgl. Abb. 1.3)? Ist nun

die zweite S x -Messung ebenso nur Wiederholung der ersten, so dass sämtliche Teil-

ˆ

ˆ

ˆ

S x S y

ˆ

ˆ

chen, welche die S y -Apparatur verlassen – solche mit Spin-up in y-Richtung ebenso

(analog)

ù 1. S x up x N S down x % ù 50 S N
ù
1.
S
x up x
N
S down x
%
ù
50
S
N S
y
N
N
up y
down y
S
S
ù
ù
2.
S
2.
S
x
x

50

up x

down x

%

up x

down x

50 %

50 %

ˆ

Abb. 1.3 Zerstörung des Resultats einer Spinmessung, von S x , durch eine weitere in abweichen-

der Raumrichtung, von

ˆ

S y

10

C. Friebe

ˆ

wie solche mit Spin-down – erneut das Resultat der ersten S x -Messung zeigen:

diejenigen mit Spin-up in x-Richtung mit Sicherheit erneut Spin-up und diejenigen

mit Spin-down in x-Richtung erneut mit Sicherheit Spin-down? Folgen die beiden

ˆ

S x -Messungen hier wie zuvor die beiden S y -Messungen ebenso unmittelbar aufein-

ˆ

ˆ

ander, weil dazwischen ja ‚nur‘ eine von S y liegt, also eine Messung ganz anderer

Art? Die Quantenmechanik (und natürlich die empirischen Belege) sagen: Nein!

ˆ

Zeitlich-nach der S y -Messung verhalten sich alle Teilchen auf eine Weise, als hätte

ˆ

die von S x zuvor gar nicht stattgefunden. Sowohl Teilchen, die zunächst Spin-up in x-Richtung zeigten – und nun (zusätzlich?) entweder Spin-up oder Spin-down in y-Richtung –, als auch solche, die zunächst Spin-down in x-Richtung zeigten –

und nun (zusätzlich?) entweder Spin-up oder Spin-down in y-Richtung –, liefern bei

ˆ

der zweiten S x -Messung zum Teil Spin-up und zum Teil Spin-down in x-Richtung,

ˆ

nämlich zu je 50 % Spin-up und Spin-down. Die Messung von S y zerstört offenbar

ˆ

ˆ

das Ergebnis der vorherigen S x -Messung, so dass eine erneute Messung von S x hier

nicht die Wiederholung der ersten ist.

Gleiches gilt im umgekehrten Fall, also bei Variante

ˆ

ˆ

ˆ

S

y S x

ˆ

S y ; Messungen von

ˆ

S

x

und S y zerstören sich wechselseitig. Und all dies gilt unabhängig davon, wieviel Zeit

zwischen den jeweiligen Messungen vergangen ist (andere Einflüsse vernachläs-

sigt); d. h. insbesondere, dass schon zeitlich-unmittelbar nach der zweiten Messung

ˆ

(im Diagramm: von S y ) die dritte zu je 50 % Spin-up und Spin-down ergibt, gleich-

gültig, was die erste Messung sagte. Weder die zeitliche Reihenfolge (ob also

ˆ

S

S y ) noch der zeitliche Abstand zwischen den Messungen ha-

ˆ

x S y

ˆ

S x oder aber

ˆ

S y S x ˆ

ˆ

ben also einen relevanten Einfluss auf das entscheidende Ergebnis, die Zerstörung des Resultats einer Spinmessung durch eine andere, in abweichender Raumrich- tung durchgeführte. Daraus wird gefolgert: Die gleichzeitige Messung des Spins in unterschiedlichen Raumrichtungen ist prinzipiell unmöglich, wie es ja auch prak- tisch unmöglich ist, eine Stern-Gerlach-Apparatur zu bauen, deren inhomogenes Magnetfeld zugleich in zwei verschiedene Raumrichtungen zeigt. An dieser Stelle nun entspringt, wie bereits erwähnt, eines der Hauptprobleme der Interpretation der Quantenmechanik: Ist dies nur ein epistemisches Problem oder auch ein onto-

logisches ? Ist es also bloß so, dass unser Wissen (notwendig) beschränkt ist, wir niemals in der Lage sind, Spinwerte in abweichender Raumrichtung festzustellen? Oder ist es sogar so, dass quantenmechanische Systeme solche Eigenschaften nicht zugleich haben, sondern immer nur eine – also etwa nur Spin-up (bzw. Spin-down) in x-Richtung und keinen Spinwert in y-Richtung und auch keinen in irgendeiner anderen Raumrichtung? Im Moment einer Spinmessung, also etwa während der

ˆ

von S y , würde dann in der Regel ein realer Wechsel von Eigenschaften (etwa von Spin-up in x-Richtung zu Spin-up in y-Richtung) erzeugt , indeterministisch zudem!

1.1.3

Superpositionsprinzip

Auch dieses Problem bleibt aber vorerst außer Betracht. Die sich jeweils erge- benden philosophischen Probleme seien an dieser Stelle bloß angedeutet, geht

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

11

es hier einleitend doch in erster Linie darum, den mathematischen Formalismus der Quantenmechanik zu motivieren. Diesem Zweck dient nun vor allem ei- ne weitere Erweiterung unserer Spinmessungen am Einzelsystem. Dazu nehmen

ˆ

wir aus einer ursprünglichen Spinmessung, von S y , sämtliche Teilchen, die (bei-

spielsweise) Spin-up zeigen, und schicken diese durch eine senkrecht-abweichende

ˆ

Stern-Gerlach-Apparatur, durch eine S x -Apparatur. Zu erwarten ist, dass die Hä-

ˆ

lfte der Teilchen die S x -Messvorrichtung durch den Spin-up-Ausgang verlassen

und die andere durch den gegensätzlichen Spin-down-Ausgang. Die auf diese

Weise getrennten Teilchen seien anschließend durch ein System von ‚Spiegeln‘ wieder zusammengeführt und gemischt, so dass sich nicht mehr unterscheiden lässt, welche Teilchen welchen Weg durchschritten haben (vgl. Albert 1992, S. 7ff.). Was würde nun passieren, wenn man danach im Anschluss erneut S x messen

ˆ

würde? „Erneut“ deshalb, da doch wohl zuvor S x gemessen worden ist. 9 Und da

ein System von Spiegeln keine weitere Spinmessung bedeutet, erfolgt die zwei-

ˆ

ˆ

te S x -Messung auch unmittelbar nach der ersten. Dann aber handelt es sich bei

ˆ

der zweiten S x -Messung um eine Wiederholungsmessung, die mit Sicherheit, also

zu 100 %, ein bestimmtes Resultat zeigen sollte. Andererseits wird man behaup-

ten wollen, dass je 50 % der Teilchen Spin-up und Spin-down zeigen müssten, da

ˆ

sie durch das Spiegelsystem ja gemischt wurden und folglich die erste S x -Messung

rückgängig gemacht worden sei. Und in der Tat verhält es sich so, dass die zwei-

ˆ

te S x -Messung nicht genau ein bestimmtes Resultat ergibt, sondern je zur Hälfte Spin-up und Spin-down. Das mag selbstverständlich erscheinen, ist aber nicht ganz unproblematisch: Es zeigt nämlich, dass „Wiederholbarkeit“ als ein Wesensmerk- mal von dem, was als Messung gilt, nicht recht angenommen werden kann. Es ist anscheinend eine nicht leicht zu beantwortende Frage, was zwischen zwei Mes- sungen desselben Typs stattfinden darf und was nicht, damit die eine als eine bloße Wiederholung der anderen gelten kann. Manche Physiker- und PhilosophInnen

folgern daraus, dass der besondere quantenmechanische Messvorgang ein grund- sätzlich problematisches Konzept ist, das man besser vermeiden sollte, wie etwa die GRW-Theorie (vgl. Abschn. 2.4). Man könnte aber auch ganz anders reagieren: Zum Wesen einer Messung, so könnte man sagen, gehöre nicht nur Wiederholbarkeit, sondern eben auch Irre- versibilität . Eine Messung sei erst dann wirklich eine Messung, wenn sie nicht, ohne Spuren zu hinterlassen, rückgängig gemacht werden kann. Da in dem dis-

ˆ

kutierten Fall die vermeintlich erste S x -Messung durch das Spiegelsystem offenbar

rückgängig gemacht werden kann, gebe es sie nie als wirkliche Messung, so dass

ˆ

die vermeintlich zweite S x -Messung auch (fast trivialerweise) keine Wiederholung

der ersten sein könne. Mit dieser Deutung aber haben viele heutzutage erst recht ihre Schwierigkeiten, da demnach mit Irreversibilität eine makroskopische Grö- ße zum Wesensmerkmal einer Messung erhoben wird und mithin ein wesentlicher

9 In dem Sinne jedenfalls, dass wir wieder in Gedanken den Teilchen auf ‚Wegen‘ folgen können, auf denen sie bestimmte Spinwerte in x-Richtung haben sollten.

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C. Friebe

100 %

up

y

Spiegel up x ù ù 50 % 50 % 1. S 2. S x x
Spiegel
up x
ù
ù
50
%
50 %
1.
S
2.
S
x
x
N
N
S
S
Misch-Gerӓt
50
%
50 %
down x
Spiegel

ˆ

Abb. 1.4 Das Rückgängigmachen einer (vorgeblichen) Spinmessung, von S x , durch Mischen der Teilchen

Unterschied zwischen Makrowelt und Quantenwelt vorausgesetzt würde, der, wenn überhaupt, sich in einer angemessenen Interpretation der Quantenmechanik erst ergeben sollte.

Unabhängig davon zeigt sich an dieser Stelle aber ein unstrittiges Resultat, das jede Interpretation der Quantenmechanik berücksichtigen muss und das als das eigentlich Eigentümliche des Einzelsystems wie auch aller anderen Quantensysteme gelten kann: die Superposition unterschiedlicher Zustände. Statt nämlich, wie in

ˆ

Abb. 1.4, zum (vorgeblich) zweiten Male S x zu messen, kann man selbstverständlich

nach dem Durchlaufen des Spiegelsystems und also nach der Zusammenführung der

ˆ

Teilchen zum tatsächlich zweiten Male vielmehr S y messen. Zur Erinnerung: Eine

ˆ

erste, ursprüngliche S y -Messung (nicht im Bild!) hatte zuvor für sämtliche Teilchen,

ˆ

welche durch die (vorgeblich erste) S x -Apparatur und durch das Spiegelsystem lau-

ˆ

fen, Spin-up in y-Richtung ergeben. Was würde nun eine zweite S y -Messung nach

dem Durchmischen ergeben? Erneut für sämtliche Teilchen mit Sicherheit Spin-up in y-Richtung? Dagegen spricht folgende Überlegung: Während des Durchgangs durch das Spiegelsystem befinden sich die Teilchen auf zwei getrennten Wegen, auf denen sie Spin-up bzw. Spin-down in x-Richtung haben sollten, da doch wohl die vor-

ˆ

geblich erste S x -Messung zumindest dieses bewirken sollte und auch tatsächlich

ˆ

bewirkt. Denn wenn man in einen dieser Wege eine weitere S x -Vorrichtung setzt, so

ˆ

zeigt diese nun tatsächlich zweite S x -Messung mit Sicherheit bei allen Teilchen ein

bestimmtes Resultat – nämlich entweder nur Spin-up oder nur Spin-down, je nach-

ˆ

dem, in welchen Weg diese zweite S x -Apparatur eingebaut wird. Teilchen aber, die

Spin-up (bzw.: Spin-down) in x-Richtung haben, zeigen bei einer Spinmessung in senkrecht-abweichender Richtung zu je 50 % Spin-up und Spin-down. Würde man

ˆ

also in einen der Wege eine S y -Vorrichtung platzieren, so ergäbe sich zu je 50 %

Spin-up und Spin-down (in y-Richtung). Innerhalb eines jeden Weges verhält sich

ˆ

S x ; wie es auch zu

demnach alles so wie zuvor bei den Varianten

ˆ

ˆ

x S y

S

ˆ

S y und

ˆ

ˆ

x S y

S

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

13

ù 100 %! 2. S x N up x Spiegel S ù 1. S x
ù
100 %!
2. S
x
N
up x
Spiegel
S
ù
1. S
x
N
up x
up y
S
Misch-Gerät
down x
ù
S
N
S
y
Spiegel
100 %
up y ?

ˆ

Abb. 1.5 Wird durch das Mischen der Teilchen ‚auch‘ der ursprüngliche S y -Wert wieder hergestellt?

ˆ

erwarten ist. Das durch die ursprüngliche S y -Messung erzielte Resultat von Spin-up

ˆ

in y-Richtung wird durch die S x -Messung vor dem Spiegelsystem zugunsten eines

Spinwerts in x-Richtung zerstört. Wenn dem aber so ist, so laufen nach dem Spiegel-

system jeweils 50 % Spin-up und Spin-down in y-Richtung zusammen, so dass eine

ˆ

S y -Messung nach dem Durchmischen vielmehr zu je 50 % Spin-up und Spin-down

zeigen sollte.

Darüber hinaus: Würde eine S y -Messung nach dem Durchmischen mit Sicher-

heit den einen Spinwert vom Anfang ergeben (Spin-up in y-Richtung), so wäre

ˆ

ˆ

diese zweite S y -Messung die bloße Wiederholung der ersten, so dass man sagen

ˆ

müsste, dass zwischen der ursprünglichen S y -Messung und dieser zweiten am En-

de des gesamten Durchgangs durch unser System gar nichts Relevantes geschieht.

ˆ

Insbesondere scheint die S x -Messung vor dem Spiegelsystem gar nichts Relevantes

zu bewirken, da man höchst plausibel der Auffassung zu sein hat, dass die ‚Spiegel‘ nichts für den Spinwert der Teilchen Relevantes bewirken. Es kann jedoch nicht

ˆ

sein, dass auch die S x -Apparatur nichts für den Spinwert der Teilchen Relevantes

ˆ

ˆ

bewirkt, wie ja sowohl S y - als auch S x -Messungen innerhalb der Wege bezeugen

ˆ

könnten! Und dennoch ist es tatsächlich so, dass die zweite S y -Messung mit Sicher-

heit das Resultat der ursprünglichen reproduziert: Sämtliche Teilchen zeigen nach dem Durchmischen wieder ihren ursprünglichen Wert – Spin-up in y-Richtung.

ˆ

Daraus kann nur folgen, dass auch dieser Effekt einer S x -Messung – nämlich die Zerstörung des Spinwerts in y-Richtung – durch das Durchmischen der Teil- chen rückgängig gemacht wird. Während man aber für das Rückgängigmachen

14

C. Friebe

ˆ

der S x -Messung im Sinne der Zerstörung des Spinwerts in x-Richtung eine an-

schauliche Erklärung hat (bzw. zu haben glaubt) – nämlich das Mischen von Teilchen mit Spin-up in x-Richtung mit Teilchen, die Spin-down in x-Richtung

zeigen –, versteht man eigentlich nicht, wie denn das Durchmischen der Teilchen

ˆ

die S x -Messung auch im Sinne der Wiederherstellung des ursprünglichen Spinwerts

in y-Richtung rückgängig machen kann. Gemischt werden doch Teilchen, die auf ihren jeweiligen Wegen je zur Hälfte Spin-up und Spin-down in y-Richtung zeigen (würden)!

Beide Phänomene – also zum einen dasjenige, dass am Ende eine zweite

ˆ

S x -Messung zu je 50 % Spin-up und Spin-down in x-Richtung ergibt, als hätte

ˆ

es die erste von S x nicht gegeben, und zum anderen dasjenige, dass eine zweite

ˆ

S y -Messung das Resultat der ersten reproduziert, indem sie zu 100 % Spin-up in

ˆ

y-Richtung ergibt, als hätte es eine S x -Messung dazwischen nie gegeben – können

ˆ

anscheinend nur so erklärt werden, dass jene S x -Messung überhaupt nur einen Effekt hat. Es ist eben nicht so, dass eine solche Messung zwei verschiedene Wirkungen hätte, die dann auch voneinander unabhängig rückgängig gemacht werden könn- ten: zum einen diejenige, dass Teilchen einen bestimmten Spinwert in x-Richtung annehmen, und zum anderen die Zerstörung jedes Spinwerts in abweichender Raumrichtung. Dabei handelt es sich vielmehr um eine und dieselbe Wirkung: Das Annehmen eines Spinwerts in einer Raumrichtung ist zugleich und nichts Zusätz- liches als die Zerstörung eines Spinwerts in abweichender Raumrichtung. Indem , in unserem Falle, der Spinwert in x-Richtung später wieder zerstört wird, wird der Spinwert in y-Richtung wiederhergestellt. Das lässt sich nicht trennen, weil das Das- selbe ist. Man sagt: Der Zustand eines Teilchens mit einem bestimmten Spinwert in einer bestimmten Raumrichtung ist zugleich nichts anderes als die Superposi- tion zweier gegensätzlicher Spinwerte in abweichender Raumrichtung. Damit ist nicht gemeint, dass etwa ein Teilchen mit Spin-up in y-Richtung darüber hinaus sowohl Spin-up als auch Spin-down in x-Richtung hätte: Dies wäre vielmehr wider- sprüchlich, zumal es dann ja auch noch all die anderen Spinwerte in allen anderen abweichenden Raumrichtungen haben müsste. Was stattdessen gemeint ist, ist un- klar: ‚Superposition‘ ist an dieser Stelle vielmehr bloß ein Ausdruck für etwas, das noch nicht verstanden ist, das aufzuklären das Hauptproblem der Interpretation der gesamten Quantenphysik darstellt. 10 Worauf es hier nur ankommt: „Superposition“ motiviert den mathematischen Formalismus der (gewöhnlichen) Quantenmecha- nik. Sie verhält sich offenbar wie die Linearkombination von Vektoren – jede solche Linearkombination ergibt einen neuen Vektor desselben Vektorraums, und jeder Vektor ist auf unendlich viele Weisen als Linearkombination anderer Vekto- ren darstellbar – und motiviert daher die Mathematik der Quantenmechanik als Vektorraum-Theorie.

10 In der Physik kennt man Superpositionen auch aus der klassischen Feldtheorie als Überlage- rungen von Wellen. Historisch wurde das Superpositionsprinzip daher in die Quantenmechanik eingeführt, um den Wellencharakter der Teilchen zu beschreiben. Hier aber fungiert es als ein sehr abstraktes Prinzip: Spin-Zustände sind ja keine Wellen.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

15

1.2 Mathematischer Formalismus der Quantenmechanik

Gesucht wird ein mathematischer Formalismus, der geeignet ist, die dargestell- ten Phänomene und insbesondere das entscheidend Neue der Superposition von ‚Zuständen‘ 11 wiederzugeben. Als ein solcher erweist sich die Struktur eines Vektorraums , die hier zunächst rein mathematisch vorgestellt werden soll. Um die Sache nicht zu abstrakt werden zu lassen, geschieht dies möglichst anschaulich- geometrisch, und auch die intendierte physikalische Interpretation soll nicht völlig außer Betracht bleiben. Es ist aber zu beachten, dass zwischen dem Formalismus und seiner Deutung sorgfältig unterschieden werden muss, um sich klarzumachen, was strittig ist und was nicht, und wo die Interpretationsprobleme der Quanten- mechanik genau liegen. Des Weiteren ist zu beachten, dass in diesen einführenden Abschnitten der Standard-Formalismus der gewöhnlichen Quantenmechanik be- trachtet wird, wie er 1932 in John von Neumanns Grundlagenwerk (vgl. von Neumann 1932) geschaffen wurde. Abweichungen davon – wie sie etwa in der GRW-Variante (vgl. Abschn. 2.4), bei Bohm und bei Everett (vgl. Kap. 5) oder in der QFT (vgl. Kap. 6) vorgenommen werden – werfen weitere Deutungsprobleme auf. Man kann gar fragen: Sind solche mathematische Modifikationen wirklich Inter- pretationen derselben Quantenphysik oder nicht vielmehr schon Alternativen zur Standard-Quantenmechanik? Schließlich betreffen, wie eingangs bereits angemerkt, viele Deutungsprobleme „zusammengesetzte Systeme“, die ‚Ununterscheidbarkeit‘ gleichartiger Teilchen ebenso wie das berüchtigte EPR-Paradoxon: Ihre Behandlung hat mathematische Besonderheiten, die an gegebener Stelle nachgetragen werden. Wir beschränken uns hier noch immer auf das Einzelsystem. Die folgende Darstellung gliedert sich in vier Abschnitte. Die ersten beiden – „Vektoren und ihre Darstellung“ und „Operatoren und ihre Eigenwerte“ – liefern die für das Verständnis der philosophischen Debatten um die Quantenphysik not- wendigen Voraussetzungen. Sie knüpfen an Schulmathematik an, erweitert um die zentralen Begriffe „(hermitescher) Operator“ (vorläufige Deutung: Messvor- richtung; Messgröße), „Eigenwert“ (Messwert; Eigenschaft) und „Eigenvektor“ (Eigenzustand). Der darauffolgende Abschnitt – „Das Problem mehrfacher Eigen- werte“ – ist komplexer. Er wird vor allem für ein vertieftes Verständnis von „Ununterscheidbarkeit“ und „EPR/Bell“ benötigt und kann daher von LeserInnen, die vor allem an den Interpretationskapiteln (zu ‚Kopenhagen‘, GRW, Bohm, Ever- ett) interessiert sind, übergangen werden. Der vierte Abschnitt schließlich behandelt „Spezielle Operatoren“, die je nach Problemstellung relevant werden. Es empfiehlt sich, die entsprechenden Unterabschnitte zu konsultieren, wenn darauf verwiesen wird. 12

11 Der Ausdruck „Zustand“ wird erst in den verschiedenen Abschnitten zur Interpretation der Quantenmechanik präzisiert. Intuitiv bildet er irgendwie die Menge der Eigenschaften ab, die ein Quantensystem gerade hat. 12 Noch eine Anmerkung: Wir wählen den abstrakteren, insbesondere auch auf die QFT ver- allgemeinerbaren algebraischen Zugang zur Quantenmechanik. Er ist rechentechnisch weniger

16

C. Friebe

1.2.1 Vektoren und ihre Darstellung

Ein Vektorraum V ist eine nicht-leere Menge, für deren Elemente, den Vekto- ren, eine innere Verknüpfung + und eine äußere Verknüpfung · mit reellen oder komplexen 13 Zahlen definiert ist. Diese etwas abstrakt klingende Formulierung hat den Zweck, den Begriff des Vektorraums möglichst weit zu fassen, also auch nicht-anschauliche Räume unter ihn zu subsumieren. Im zweidimensionalen An- schauungsraum jedenfalls entspricht sie der bekannten Addition und Streckung von Pfeilen, wie in Abb. 1.6 dargestellt. Zugleich liefert diese Veranschaulichung eine erste Vorstellung davon, wie Superposition mathematisch gefasst wird: Korrespondieren mit den Vektoren auf irgendeine Weise quantenphysikalische Zustände, so repräsentiert der Vektor 14 | C eine Superposition derjenigen Zustände, die durch | A und | B repräsentiert werden. 15

Abb. 1.6 Vektor c entsteht durch Linearkombination der Vektoren a und b mit den Streckfaktoren c i : c = c 1 a + c 2 b

→ b → c → a
b
c
a

aufwendig; so findet sich etwa keine einzige zu lösende Differenzialgleichung. Für den (viel- leicht anschaulicheren, aber rechentechnisch komplexeren) Analysis-Zugang sei Philosophie- Studierenden die Arbeit von Nortmann (2008) empfohlen. 13 Komplexe Zahlen bilden eine Erweiterung der reellen. Die Idee ist, dass quadratische Glei- chungen immer, d. h. auch für negative Zahlen, lösbar sein sollen, indem für x 2 = –1 die imaginäre Größe i als Lösung gesetzt wird (das vereinfacht viele Rechnungen). Mit den reellen Zahlen a und b haben komplexe dann im Allgemeinen die Form a + ib, also einen Realteil und einen Ima- ginärteil, und können anschaulich in der Ebene dargestellt werden, wobei die eine Achse des Koordinatensystems imaginäre Einheit hat. 14 Statt c ist es in der Quantenmechanik üblich, für Vektoren |C zu schreiben. Der dazu duale Vektor schreibt sich C |, so dass, wie wir gleich sehen werden, das Skalarprodukt zweier Vektoren einfach durch A |B ausgedrückt wird (Bra-Ket-Schreibweise). 15 Durch Addition und Streckung erhält man stets neue Vektoren, die Elemente desselben Raumes sind wie die addierten und gestreckten ursprünglichen Vektoren. Die Superposition zweier mög- licher Zustände eines bestimmten physikalischen Einzelsystems ist ebenso stets ein weiterer möglicher Zustand desselben Systems. Für mehrere, aber gleichartige Teilchen gilt diesbezüglich eine wichtige Einschränkung (Stichwort: Superauswahlregel; vgl. Kap. 3).

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

17

|B〉
|B〉

A | B

|A

Abb. 1.7 Das Skalarprodukt A |B zweier Vektoren ist die geometrische Projektion des einen auf den anderen und bestimmt somit den Winkel zwischen ihnen

Ein Vektorraum heißt euklidisch (im komplexen Fall: unitär), wenn auf ihm ein Skalarprodukt definiert ist. Damit ist gemeint, dass man zwei Vektoren auch miteinander multiplizieren kann – Schreibweise: A| B (sprich: A mal B). Man er- hält auf diese Weise allerdings keinen neuen Vektor, sondern eben einen Skalar, d. h. eine reelle (bzw. komplexe) Zahl. Anschaulich entspricht dem Skalarprodukt die geometrische Projektion des einen Vektors auf den anderen (vgl. Abb. 1.7). Ein Skalarprodukt dient dazu, Längen von Vektoren zu messen – Norm: a =

| A| A | – sowie Abstände und Winkel zwischen ihnen. Im Besonderen verschwin- det das Skalarprodukt zwischen zwei aufeinander senkrecht stehenden Vektoren:

A| B = 0. Dies ermöglicht, den zentralen Begriff der Orthonormalbasis (kurz:

Basis) einzuführen: 16 Um eine solche Basis zu erhalten, müssen wir zunächst die entsprechenden Vektoren auf Länge 1 normieren und dann eine maximale Anzahl N von Vektoren wählen, die paarweise aufeinander senkrecht stehen, für die also A i | A j = 0 ist; i , j laufen von 1 bis N, mit i =/ j . Im zweidimensionalen An- schauungsraum gibt es maximal zwei aufeinander senkrecht stehende Vektoren – eine Basis spannt dort ein rechtwinkliges, zweiachsiges Koordinatensystem auf –, und allgemein gilt, dass N genau der Dimension des betrachteten Vektorraums ent- spricht. 17 Sonach lässt sich jeder Vektor in unserem Vektorraum bezüglich einer Basis desselben wie in Abb. 1.8 darstellen.

|A 2

Basis desselben wie in Abb. 1.8 darstellen. | A 2 〉 | B 〉 | A

|B

|A 1

Abb. 1.8

2|A 2 bzw.

Bezüglich der Basis {|A 1 , |A 2 } hat |B die Komponentendarstellung: |B = 3|A 1 +

3

2

16 Eine Menge von Vektoren ist eine Basis eines Vektorraums, wenn daraus alle anderen Vektoren dieses Raumes durch Linearkombination erzeugt werden können. Wir betrachten nur Orthonormal- basen. Wichtig ist, dass ein Vektorraum unendlich viele solcher Basen hat. 17 Im Extremfall kann diese Dimension (abzählbar) unendlich sein.

18

C. Friebe

War ein Vektor bislang ein abstraktes Objekt, für das wir nur | A geschrieben hatten, wird es nun schon etwas konkreter, bekommt er doch bestimmte Zahlen- werte als Komponenten, deren Anzahl der Dimension des Vektorraums entspricht; so erhält etwa der anschauliche Vektor die Darstellung: | B = 2 . Auch die

Basisvektoren selbst lassen sich in Komponentendarstellung schreiben – im reellen,

–, und danach lassen sich die Skalarprodukte

konkret ausrechnen, nämlich nach folgender Regel: 18

zweidimensionalen Raum:

3

0 und 0

1

1

Für | A =

a

i

a

.

.

.

N

und | B =

A| B = a 1 b 1 + ··· + a N b N =

b

.

.

.

i

b

N

N

i =1

gilt

a i b i .

(1.1)

Nun gibt es allerdings nicht nur eine Basis, sondern vielmehr unendlich viele davon. Bezüglich jeder solchen Basis haben die Vektoren je eigene Komponenten, so dass die konkrete Zahlendarstellung davon abhängt, welche Basis man auswählt. Ein und derselbe Vektor hat also unendlich viele mögliche Komponentendarstel- lungen, die man mathematisch über sogenannte Basistransformationen berechnen kann. Dieser Variabilität der Darstellung soll entsprechen, dass ein und derselbe quantenphysikalische Zustand – also beispielsweise derjenige Zustand, Spin-up in x-Richtung zu zeigen – nicht nur eine Superposition der Zustände zu Spin-up und Spin-down in y-Richtung ist, sondern vielmehr zugleich unendlich viele andere Superpositionen zu Spin-up und Spin-down in beliebiger anderer Raumrichtung. Man muss allerdings beachten, dass der Wahl einer bestimmten Basis eine erheb- liche Willkür anhaftet: Streng mathematisch ist sie rein konventionell und von physikalischer Bedeutung sind daher eher solche Größen, die von der Wahl ei- ner bestimmten Basis unabhängig, die also invariant unter Basistransformationen sind – was die Komponenten der Vektoren klarerweise nicht sind. Ihre Längen und Winkel zueinander sollten dagegen nicht davon abhängen, welche Basis man zu

|B〉 |C 1 〉
|B〉
|C 1 〉

|C 2

Abb. 1.9 Bezüglich einer anderen Basis {|C 1 , |C 2 } hat derselbe Vektor eine andere Darstellung:

|B = 3, 3|C 1 + 1, 2|C 2 (numerische Werte so, dass die Norm erhalten bleibt)

18 Man verifiziert leicht, dass die obigen Basisvektoren tatsächlich auf 1 normiert sind und orthogonal zueinander stehen.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

19

ihrer Darstellung wählt, und in der Tat ist das Skalarprodukt eine unter Basistrans- formationen unveränderliche Größe. Nicht zuletzt deshalb wird das Skalarprodukt auch physikalisch von besonderer Bedeutung sein. Der Unterschied zwischen dem Vektor selbst und seiner Darstellung bzgl. einer bestimmten Basis gibt ein erstes Gefühl dafür, dass der Vektorraum-Formalismus zunächst ein sehr abstrakter ist. Worauf eine empirische Theorie wie die Quanten- mechanik aber letztlich abzielt, ist die Konfrontation der Theorie mit der Erfahrung, d. h. mit Beobachtungsdaten. Es sind letztlich erfolgreiche Voraussagen für be- stimmte Messresultate, mit denen sich eine empirische Naturwissenschaft bewährt. Für Messwerte gibt es allerdings nur eine denkbare mathematische Repräsentation, nämlich reelle Zahlen, die wir jedoch hier noch nicht einmal dann erreicht haben, wenn wir eine bestimmte Basis zur konkreten Darstellung von Vektoren ausge- wählt haben. Vektoren liefern nur Zahlenspalten mit möglicherweise gar (abzählbar) unendlich vielen Komponenten, die darüber hinaus in der Quantenmechanik in der Regel komplexwertig sind. Auch deshalb ist das Skalarprodukt von besonde- rer Bedeutung: Sein Betragsquadrat – | A| B | 2 – liefert verwertbare reelle Zahlen, die, wie sich herausstellt, aber noch nicht die Messwerte, sondern zunächst nur die Wahrscheinlichkeiten für zu erzielende Messausgänge wiedergeben. Um zu den Messwerten zu gelangen, müssen wir ein weiteres mathematisches Objekt einführen: den Operator .

1.2.2 Operatoren und ihre Eigenwerte

Vorweg eine didaktische Anmerkung: Dieser Abschnitt präsentiert die entschei- dende Erweiterung der einfachen Vektorrechnung in Hinblick auf ihre quantenme- chanische Anwendung. Die typischerweise intendierte Interpretation ist geeignet, die Experimente des vorhergehenden Unterkapitels mathematisch zu erfassen, insbesondere die Wiederholungsmessung (vgl. Abb. 1.2) und die Zerstörung des

Resultats einer Spinmessung (vgl. Abb. 1.3). Intendiert ist also, dass ein Opera-

ˆ

tor eine Stern-Gerlach-Apparatur bzw. eine Messgröße wie etwa S y repräsentiert und seine Eigenwerte die Messwerte (bzw. Eigenschaften) wie etwa Spin-up in y- Richtung. Da aber nicht jeder mathematische Operator dazu geeignet ist, weil etwa nicht jeder Operator überhaupt Eigenwerte besitzt, müssen wir etwas allgemeiner,

also abstrakter beginnen.

Etwas allgemeiner ist ein Operator O eine Abbildung, die jedem Vektor aus

einem (seiner Dimension nach) vorgegebenen Vektorraum genau einen bestimmten,

ˆ

ˆ

in der Regel anderen, Vektor dieses Raumes zuordnet. Man schreibt: O| A = | A ,

ˆ

und sagt, dass die „Anwendung“ von O auf einen gegebenen Vektor | A zu einem Vektor | A aus V führt. Im zweidimensionalen Anschauungsraum ist beispielsweise eine Drehung mit dem Winkel θ um eine bestimmte Drehachse eine (geometrische) Operation, wie sie ein solcher Operator ‚bewirken‘ kann. Ein anderes Beispiel wäre

die Streckung jedes Vektors um einen Faktor λ . Prinzipiell gibt es eine große Anzahl verschiedener solcher Operatoren mit re- chentechnisch zuweilen sehr ungünstigen Eigenschaften. Eine besonders leicht zu behandelnde Klasse bilden lineare Operatoren. Linearität bedeutet mathematisch,

20

C. Friebe

∧ |B〉 ∧ O |A〉 |A〉
|B〉
O
|A〉
|A〉

O |B

ˆ

Abb. 1.10 Der Operator O ‚bewirkt‘ eine Drehung aller Vektoren um einen bestimmten Winkel

dass Superpositionen in folgendem Sinne bewahrt werden:

ˆ

O | A + μ| B ) =

λ O| A

ˆ

ˆ

+ μ O | B .

(1.2)

Geometrisch kann man sagen, dass sie Parallelität erhalten, d. h. ehemals parallele (durch Vektoren aufgespannte) Geraden bleiben parallel. 19 Drehungen, Streckungen oder Verschiebungen sind daher Beispiele für lineare Operationen. Mit Blick auf unsere Suche nach den mathematischen Repräsentanten quan- tenmechanischer Messwerte ist eine weitere mathematische Eigenschaft linearer Operatoren hilfreich: Lineare Operatoren, die zunächst ebenso wie zunächst auch die Vektoren mathematisch-abstrakte Objekte sind, haben – bei gegebener Basis – ebenfalls eine Komponentendarstellung. Hierzu braucht man, mit N als der Dimen-

sion des Vektorraums, N 2 Komponenten – nämlich diese: A i | O| A j –, so dass ein

linearer Operator als quadratische Matrix dargestellt werden kann. Die Anwendung

ˆ

ˆ

eines Operators auf einen Vektor – also O| A = | A – lässt sich dann als Multiplika-

tion seiner Matrix mit dem Vektor nach folgender Regel berechnen (hier für den zweidimensionalen Fall):

a 2 = O

(1.3)

O

O

O

O 22 a

a

O 22 a 2 .

11

21

12

1

11 1

O 21 a 1 +

a

+ O

12 2

Der Drehoperator, um wieder das konkrete Beispiel zu nehmen, hat im Zweidimen- sionalen die folgende Matrix-Darstellung

cos θ sinθ

– sin θ cos θ

,

(1.4)

19 In jeder Deutung des Formalismus korrespondieren mit parallelen Vektoren physikalisch unun- terscheidbare Zustände, so dass durch lineare Operationen kein physikalischer Unterschied ins Spiel kommt, wo ‚vorher‘ keiner war.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

21

so dass sich für einen Winkel von 90 in Anwendung auf den einen Basisvektor ergibt:

1
0

0 –1

1

0

0

1

= 0

1

(1.5)

Wie zu erwarten, bildet der Drehoperator in diesem speziellen Fall den einen Basisvektor genau auf den orthogonalen anderen ab. Man beachte, dass die Drehachse hier senkrecht zur Ebene liegt, also außer- halb des zweidimensionalen Vektorraums. Mit Blick auf den nächsten Schritt ist es jedoch geschickter, eine Drehung um eine Achse innerhalb des zugrunde ge- legten Vektorraums zu betrachten, also etwa eine Drehung um die z-Achse im dreidimensionalen Anschauungsraum. Die entsprechende Matrix sieht dann so aus:

⎛ ⎜ 0

(1.6)

cos θ

sinθ

0

– sin θ

cos θ

0

01

Dieser Operator, der also im Dreidimensionalen eine Drehung mit dem Winkel θ um die z-Achse ‚bewirkt‘, hat eine charakteristische Eigenschaft: Er lässt genau einen (normierten) Vektor unverändert, denjenigen nämlich, der die Drehachse aufspannt. Im Allgemeinen heißen Vektoren, deren Richtung beibehalten wird, Eigenvektoren des entsprechenden Operators, und die dazugehörigen Streckfaktoren heißen dessen Eigenwerte. Seine Eigenvektoren und Eigenwerte hat ein Operator unabhängig von der Basis, mit welcher er gerade als Matrix dargestellt wird, so dass sie ihn aus- sagekräftig charakterisieren. Unsere Drehung im Dreidimensionalen ist natürlich vor allem durch ihre Drehachse gekennzeichnet; der sie aufspannende Vektor ist also Eigenvektor des Drehoperators, mit dem Eigenwert 1. Man beachte aber, dass keineswegs alle Operatoren überhaupt Eigenvektoren (und Eigenwerte) haben, wie etwa der Drehoperator im Zweidimensionalen in der Regel (d. h. außer für bestimm- te Winkel) keinen Eigenvektor hat: Er dreht sämtliche Vektoren gleichermaßen, ändert also die Richtung von allen Vektoren. Des Weiteren sind in komplexen Vek- torräumen – wie im Fall der Quantenmechanik – Eigenwerte in der Regel komplexe Zahlen, so dass sie weder geometrisch-anschaulich als Streckfaktoren aufgefasst werden noch physikalisch als Messwerte dienen können. Nun gibt es aber schließlich eine besondere Unterklasse linearer Operatoren, sogenannte selbstadjungierte oder hermitesche Operatoren, deren Matrizen (un- ter Berücksichtigung komplexer Konjugation 20 ) symmetrisch sind. Sie haben, wie sich mathematisch beweisen ließe, immer maximal viele – nämlich N – und ausschließlich reelle Eigenwerte. Diese reellen Eigenwerte sind es, welche die mathematischen Repräsentanten quantenphysikalischer Messwerte sein werden, und zwar nahezu unabhängig von der jeweils vertretenen, speziellen Interpretation

22

C. Friebe

des mathematischen Formalismus der Quantenmechanik. Lineare und selbstadjun- gierte Operatoren stellen daher Messgeräte bzw. Messgrößen (Eigenschaftstypen) dar 21 und deren Eigenwerte die entsprechenden Messwerte, also Zeigerstellungen bzw. konkrete Eigenschaften; wobei hier jeweils im „beziehungsweise“ bereits ein Interpretationsspielraum angedeutet sei. (Insbesondere bei der Bohmschen Interpre- tation wird sich herausstellen, dass Spin-Eigenwerte zwar Messausgänge, aber keine

Eigenschaften des Mikrosystems darstellen.) Zu lösen ist sonach in erster Linie das

ˆ

Eigenwertproblem, nämlich die Gleichung (mit O selbstadjungiert)

ˆ

O| A = λ| A ,

(1.7)

die also sicher reelle Lösungen für λ hat. Betrachten wir ein rechentechnisch einfaches Beispiel. 22 Zu bestimmen sind die Eigenwerte des folgenden linearen und selbstadjungierten Operators in einem abstrakten (weil komplexen), zweidimensionalen Vektorraum:

S = 0 –i

ˆ

i

0

(1.8)

Nach Einsetzen in Gl. 1.7 ergibt eine erste Umformung:

λ

i

i λ a

a 2 = 0

1

0

(1.9)

Ein solches Gleichungssystem (für a 1 und a 2 !) ist lösbar, so lehrt halbwegs elemen- tare Mathematik, wenn die sogenannte Determinante der Matrix 0 ist. Dies führt zu folgender Gleichung für λ :

(1.10)

λ 2 + i 2 = 0

Der gegebene Operator hat also die Eigenwerte 1 und –1, was, wie man sich an dieser Stelle vielleicht schon denken kann, den Messwerten Spin-up und Spin-down in einer bestimmten Raumrichtung entsprechen soll. 23

21 Für Einzelsysteme können wir sagen, dass jeder selbstadjungierte Operator irgendeine quan- tenmechanische Messgröße wie Spin, Energie etc. darstellt, auch wenn es nicht immer leicht ist, zu einem gegebenen mathematischen Operator die physikalische Realisierung konkret anzugeben. Für Mehrteilchen-Systeme jedoch korrespondiert nicht mit jedem selbstadjungierten Operator auch eine Messgröße (Stichwort: Superauswahlsektoren; vgl. Kap. 3). 22 Die folgende Rechnung soll nur illustrieren: Es gibt ein mathematisches Standardverfahren zur Berechnung der Eigenwerte und Eigenvektoren selbstadjungierter Matrizen. Ausführlicheres zur Mathematik der Physik findet der Unerfahrene in Räsch (2011). 23 Für Elektronen sind die Spinprojektionswerte natürlich 2 und – 1 2 ; aber numerische Details sind hier irrelevant.

1

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

23

Die dazugehörigen Eigenvektoren 24 erhält man durch Einsetzen der Eigenwerte in Gl. 1.9, also, normiert auf Länge 1:

1/ 2

i

/ 2

und

1/ 2

2

i /

(1.11)

Das Skalarprodukt zwischen diesen Eigenvektoren ist 0 (komplexe Konjugation be- achten!), d. h. sie bilden eine Orthonormalbasis des zugrunde gelegten Vektorraums; ein Ergebnis, das sich verallgemeinern lässt: Jeder lineare und selbstadjungierte Operator eines Vektorraums der Dimension N hat zum einen N (nicht notwen- dig verschiedene) reelle Eigenwerte und zum anderen (mindestens) eine Basis aus Eigenvektoren. Stellt man nun den Operator in einer (hier: der) Basis seiner Eigenvektoren dar – was in unserem Beispiel bislang nicht der Fall war –, so bekommt seine Matrix Diagonalgestalt, wobei in der Diagonalen gerade seine Eigenwerte stehen:

ˆ

S = 0 –1

1

0

(1.12)

Bislang, d. h. bevor wir ihn (bzw. seine Matrix) in Diagonalgestalt gebracht haben, war unser Operator – und waren ebenso seine Eigenvektoren – also in einer anderen Basis dargestellt (vgl. Abb. 1.11). Aus der Perspektive der Vektorraumtheorie mag es trivial erscheinen, dass es demnach viel mehr Basen gibt als solche, deren Elemente Eigenvektoren eines gege- benen Operators sind. Mit Blick auf ihre quantenphysikalische Deutung ist dies aber äußerst bemerkenswert, da es im Kern die Inkommensurabilität zweier Messgrö- ßen und das Superpositionsprinzip impliziert. Um dafür ein Gespür zu bekommen, wählen wir nochmals die Basis, in der unser Operator zunächst dargestellt war: Ihre Elemente sind also keine Eigenvektoren des gegebenen Operators. Es gilt aber, dass es nun einen anderen linearen und selbstadjungierten Operator geben muss, dessen

|EV 1 〉 |EV 2 〉
|EV 1 〉
|EV 2 〉

ˆ

Abb. 1.11 Darstellung der Eigenvektoren von S bzgl. der fett gedruckten Basis. Sie wiederum

ˆ

bilden selbst die Eigenvektor-Basis eines anderen Operators S

24 Vorsicht: Eigentlich gehört nur zu jedem Eigenvektor genau ein Eigenwert, während umgekehrt zu einem Eigenwert nur dann genau ein Eigenvektor gehört, wenn er (der Eigenwert) einfach ist, d. h. nur einmal vorkommt – was hier ja der Fall ist. Zum Problem mehrfacher Eigenwerte vgl. den folgenden Abschn. 1.2.3.

24

C. Friebe

Eigenvektoren eben diese Basis bilden. Nicht nur hat nämlich jeder solche Opera- tor (mindestens) eine Basis aus Eigenvektoren, sondern zu jeder Basis gehört auch ein Operator, dessen Eigenvektor-Basis sie ist. 25 Derjenige Operator, der zu unse- rer Basis „passt“, muss als Diagonalmatrix dargestellt sein, und in ihrer Diagonalen stehen dessen Eigenwerte. Wie sich zeigt, ist dies eben diese:

1

S = 0 –1

ˆ

0

(1.13)

Sie ist nicht zu verwechseln mit dem gerade oben (vgl. Matrix 1.12) dargestellten Operator, dessen (gleiche) Diagonalgestalt ja in einer ganz anderen Basis auftritt. Dennoch hat sie natürlich etwas Wesentliches mit dem ursprünglich gewählten Ope- rator gemeinsam: Beide reellen Eigenwerte sind ebenfalls 1 und –1, was ebenfalls den beiden Messwerten Spin-up und Spin-down in einer bestimmten Raumrich- tung entsprechen soll. Tatsächlich stellt sich heraus, dass diesen beiden Operatoren gerade unsere Messungen des Spins in x- und in y-Richtung zugeordnet werden können. Betrachten wir nochmals die beiden zweidimensionalen Koordinatensysteme bzw. die beiden Basen aus den jeweiligen Eigenvektoren: Je ein Operator ist dann als Diagonalmatrix darstellbar, während der jeweils andere eine andere Gestalt hat. Auch dieses Ergebnis lässt sich verallgemeinern: Haben zwei (lineare und selbstad- jungierte) Operatoren keine gemeinsame Basis aus Eigenvektoren, so können ihre Matrizen nicht zugleich, d. h. nicht in derselben Basis, in Diagonalgestalt gebracht werden (und umgekehrt). Diese Formulierung legt nahe, dass es sehr wohl verschie- dene Operatoren gibt, die gemeinsam in Diagonalgestalt gebracht werden können, weil sie tatsächlich eine gemeinsame Basis aus Eigenvektoren haben. 26 Für je zwei Operatoren, die beide nicht bereits als Diagonalmatrizen dargestellt sind, wo also die Basis ungünstig gewählt ist, stellt sich daher die aufschlussreiche Frage, ob sie eine gemeinsame Basis aus Eigenvektoren haben, ob ihre Matrizen also gemeinsam in Diagonalgestalt gebracht werden können. Zur Beantwortung dieser Frage braucht man die folgende rein rechentechnische Regel für die Multiplikation zweier Matrizen (hier wieder für den zweidimen- sionalen Fall):

a

a

11

21

a

a 22 b b 21

12

11

b

b 22 = a a 21 b 11

12

b

11 11

+ a

+

12 21

a 22 b 21

b

a b

11 12 a 21 b 12

+ a

+ a 22 b 22

b

12 22

(1.14)

Die Multiplikation zweier Matrizen ergibt also wieder eine Matrix derselben Di- mension; sie stellt das Hintereinanderschalten zweier Operatoren dar, 27 welches

25 Auch dies gilt für Mehrteilchen-Systeme nur mit Einschränkung. 26 Im zweidimensionalen Fall ist diese Aussage nicht sehr gehaltvoll. Wir werden aber sehen, dass es in höherdimensionalen Vektorräumen hierzu interessante Beispiele gibt. 27 Mit Blick zurück: Aufeinanderfolgende Spinmessungen werden durch das Hintereinanderschal- ten (selbstadjungierter) Operatoren mathematisch dargestellt.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

25

ˆ ˆ

wiederum als ein (weiterer) linearer Operator wirkt: B| . Von zentraler Bedeu-

tung ist dann, dass die serielle Anwendung von Operatoren in ihrer Wirkung von der Reihenfolge abhängen kann. 28 Die wie oben definierte Matrizenmultiplikation

ist nämlich im Allgemeinen nicht kommutativ; wie etwa unser Beispiel zeigt:

A

jedoch: 29

1

0 –1 0 –i

0

i

0

=

0

i

0 –i i

0

1

0

–1 = 0 i

0

i

0

,

0 .

i

0 . i

(1.15)

Es stellt sich heraus, dass eben genau dann die Multiplikation zweier Matrizen kommutativ ist, wenn sie gemeinsam in Diagonalgestalt gebracht werden können, wenn die dargestellten Operatoren also eine gemeinsame Basis aus Eigenvektoren haben. Kommutieren sie hingegen nicht , können sie nicht zugleich in Diagonal-

gestalt gebracht werden, haben die Operatoren sonach keine gemeinsame Basis aus

ˆ ˆ

Eigenvektoren. Da, wie man zeigen kann, der Kommutator zweier Matrizen A und B

ˆ

ˆ

ˆ

ˆ

ˆ

ˆ

[ A, B] = A · B B · A

(1.16)

invariant unter Basistransformationen ist, ist er mathematisch aussagekräftig, d. h. die Frage, ob zwei Operatoren eine gemeinsame Basis aus Eigenvektoren haben und gemeinsam als Diagonalmatrix dargestellt werden können, hat eine eindeutige Antwort. 30 Physikalisch interpretiert, wird der Kommutator zur wohl wichtigsten Gleichung der Quantenmechanik: Ist er nicht 0 (bzw. nicht die Null-Matrix) – wie in unserem Beispiel, wo er vielmehr

0

–2i

–2i

0

(1.17)

ist –, so zerstört die Messung der einen Größe das Resultat der Messung der ande- ren, wie im Eingangsabschnitt vorgeführt, und zwar unabhängig von der zeitlichen Reihenfolge und unabhängig vom zeitlichen Abstand der jeweiligen Messungen. Realistisch kann man interpretieren, dass dem quantenphysikalischen System die den jeweiligen Eigenwerten entsprechenden Eigenschaften nicht zugleich zukom- men können. Nicht-kommutierende Matrizen (Operatoren) bilden daher das präzise mathematische Gegenstück zu inkommensurablen (schlechter: komplementären)

28 Man betrachte etwa zwei aufeinanderfolgende Drehungen um verschiedene Achsen. 29 Man beachte, dass die resultierenden Matrizen hier nicht selbstadjungiert sind, also keine Messgrößen darstellen. 30 Daher kann im Folgenden einfach von (nicht-)kommutierenden Operatoren gesprochen werden, wenn die sie darstellenden Matrizen (nicht) kommutieren.

26

C. Friebe

Messgrößen. Ist der Kommutator zweier Matrizen hingegen 0, dann ist die se- rielle Anwendung der durch sie dargestellten Operatoren unabhängig von der Reihenfolge, zerstören die dadurch repräsentierten physikalischen Messungen sich nicht wechselseitig ihre Resultate und kommen – realistisch interpretiert – dem quantenphysikalischen System die den jeweiligen Eigenwerten entsprechenden Eigenschaften gleichzeitig zu. 31 So formuliert, gilt es aber, sich einer gewissen Zweideutigkeit bewusst zu werden: Unstrittig ist nämlich nur, dass wenn der ‚Zustand‘ des quantenphysika- lischen Systems durch einen Eigenvektor eines bestimmten Operators dargestellt wird, eine Messung mit Sicherheit den Wert ergibt, der dem dazugehörigen Eigen- wert entspricht. Dagegen strittig ist die Umkehrung, dass wenn eine Messung den Wert eines bestimmten Eigenwerts eines bestimmten Operators ergibt, das Sys- tem dann zumindest ‚unmittelbar anschließend‘ in dem Zustand ist, der durch den entsprechenden Eigenvektor repräsentiert wird. Dies zu behaupten, heißt die (in der Physik häufig als selbstverständlich angenommene) Eigenwert-Eigenvektor- Verknüpfung anzunehmen – nämlich von Neumanns „ Projektionspostulat“. In der Philosophie ist diese Verknüpfung aber umstritten (vgl. beispielsweise van Fraassen 1991). Deshalb sei nur festgehalten, was wirklich unstrittig ist:

1. Jeder Vektor im Hilbertraum 32 ist Eigenvektor irgendeines linearen und selbst- adjungierten („hermiteschen“) Operators. In Bezug auf einen solchen Vektor | A i ist der Erwartungswert dieses Operators identisch mit dem dazugehörigen Eigenwert: 33

(1.18)

ˆ

A i | O| A i = λ i

Da die Streuung um diesen Mittelwert 0 ist, 34 kann man sagen, dass in diesem Zustand der dem Eigenwert λ i entsprechende Messwert mit Sicherheit gemessen wird bzw. dass die λ i entsprechende Eigenschaft mit Sicherheit vorliegt.

2. Jeder Vektor ist zugleich als Superposition von Eigenvektoren eines anderen, mit

ˆ

O ˆ nicht kommutierenden Operators O darstellbar: 35

| A = a i | B i

i

(1.19)

31 Man beachte, dass die Kommutator-Beziehung nicht transitiv ist: Es kommt vor, dass A zwar mit B und B mit C kommutiert, nicht aber A mit C . 32 So bezeichnet man in der Quantenmechanik den zugrunde gelegten unitären Vektorraum von höchstens abzählbar unendlicher Dimension. 33 Der Erwartungswert eines Operators ist mathematisch dem üblichen Mittelwert nachgebildet.

ˆ

Geometrisch wird dabei der durch Anwendung von O auf |A resultierende Vektor auf |A zu-

rückprojiziert. Physikalisch entspricht er (unstrittigerweise) eben dem Mittelwert von zahlreichen

ˆ

Messungen der O zugeordneten Messgröße.

34 Die Streuung (hier: Standard-Abweichung) berechnet sich als:

hier 0 ist. 35 Diese Darstellung ist nicht eindeutig: Es gibt davon unendlich viele verschiedene.

O = A | O 2 |A | A | O |A | 2 , was

ˆ

ˆ

ˆ

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

27

In Bezug auf | A ist der Erwartungswert dieses anderen Operators nicht identisch mit einem seiner Eigenwerte μ i (und die Streuung ist auch nicht 0):

A| O | A = ( a B i | ) O ( a i | B i ) =

i

ˆ

ˆ

i

i

i

μ i | a i | 2

(1.20)

Zu jedem Vektor gibt es daher Operatoren, die Messgrößen entsprechen, deren Messwerte streuen, die also nicht mit Sicherheit, sondern nur mit einer gewis- sen Wahrscheinlichkeit einen bestimmten Messwert ergeben, der einem seiner Eigenwerte entspricht. In jedem Zustand gibt es daher Eigenschaften des quan- tenphysikalischen Systems, von denen es nicht sicher ist, dass sie nach einer Messung vorliegen. Es gibt dafür nur gewisse Wahrscheinlichkeiten.

Bislang waren die Eigenwerte eines gegebenen Operators nicht nur alle reell, son- dern auch alle verschieden. Jedem solchen Eigenwert war genau ein Eigenvektor zugeordnet. Dies muss nicht so sein, und wenn derselbe Eigenwert mehrfach auftritt, ergeben sich aufschlussreiche Schwierigkeiten. Das Problem mehrfacher Eigenwerte verdient einen eigenen Abschnitt.

1.2.3 Das Problem mehrfacher Eigenwerte

Mehrfache Eigenwerte führen aufschlussreiche Besonderheiten mit sich, die in physik-philosophischer Literatur häufig übersehen werden. Dieser entsprechend komplexe Abschnitt richtet sich in erster Linie an Studierende der Philosophie oder Physik mit weitergehenden Ambitionen im Bereich der Philosophie der Physik. Insbesondere kann er übergangen werden, wenn das Interesse bzw. das Seminar ausschließlich den Interpretationskapiteln gilt. Betrachten wir in Bezug auf den zweidimensionalen Anschauungsraum die folgende Matrix:

5

0

0

5

(1.21)

Sie ist in Diagonalgestalt, also in einer Basis aus Eigenvektoren des durch sie dar- gestellten Operators angegeben, und es stehen folglich N – nämlich 2 – reelle Eigenwerte in ihrer Diagonalen. Im Gegensatz zum Bisherigen sind diese beiden Eigenwerte aber nicht verschieden, was in diesem zweidimensionalen Beispiel den ziemlich uninteressanten Fall widerspiegelt, dass durch diesen Operator, physika- lisch interpretiert, nichts gemessen wird. Er ist mathematisch ja die Operation, bei der jeder Vektor einfach um den Faktor 5 gestreckt wird, so dass in diesem speziellen

28

C. Friebe

Fall also jeder Vektor Eigenvektor dieses Operators ist – er differenziert daher in keiner Weise. 36 Treten dagegen in höheren Dimensionen mehrfache, aber nicht sämtlich gleiche Eigenwerte auf – also etwa ein doppelter im dreidimensionalen Fall –, so hat dies sehr wichtige und interessante Konsequenzen. Zunächst kann man sagen, dass ein mehrfacher Eigenwert immer ein Hinweis darauf ist, dass der entsprechende Mess- wert noch nicht genügend differenziell ist. Mathematisch gehört nämlich zu einem mehrfachen Eigenwert keineswegs bloß genau ein (normierter) Eigenvektor, son- dern vielmehr ein ganzer Eigenraum entsprechender Dimension, zu dem doppelten Eigenwert im Dreidimensionalen also eine zweidimensionale Ebene, innerhalb de- rer jeder Vektor Eigenvektor zu diesem doppelten Eigenwert ist. Vorausschauend hatten wir daher zuvor formuliert, dass jeder lineare und selbstadjungierte Opera- tor mindestens eine Basis aus Eigenvektoren hat, was wir jetzt präzisieren können:

Er hat genau eine Basis aus Eigenvektoren, wenn sämtliche seiner Eigenwerte ver- schieden sind, und im Falle mehrfacher Eigenwerte zwar nicht beliebige, aber doch unendlich viele verschiedene. Dieser Spielraum weist darauf hin, dass es im Fal- le mehrfacher Eigenwerte (mindestens) noch einen weiteren, echt verschiedenen

Operator gibt, der mit dem gegebenen kommutiert, dass es folglich (mindestens) noch eine weitere informative Messvorrichtung bzw. Messgröße gibt, die zugleich messbar ist, und dass – in entsprechender Interpretation – das quantenphysikalische System (mindestens) noch eine weitere Eigenschaft anderen Typs gleichzeitig hat. Im Zweidimensionalen haben aber – abgesehen von dem Trivialfall einer gleich- mäßigen Streckung – alle Operatoren verschiedene Eigenwerte und also jeder genau eine Basis aus Eigenvektoren, weshalb es keinen echt verschiedenen Operator mehr gibt, der mit einem gegebenen kommutierte, die beide also eine gemeinsame Ba- sis aus Eigenvektoren hätten, welche ja nur die eine gemeinsame sein könnte. Und deshalb gibt es für ein einzelnes Elektron keine zwei Spinwerte verschiedenen Typs (d. h. in unterschiedlichen Raumrichtungen), die es zugleich haben könnte. 37 Betrachten wir dagegen den ersten Anregungszustand des Wasserstoffatoms bzw. das zweite Energieniveau des aus dem Chemieunterricht bekannten Orbital- Modells. Wie man sich erinnert, unterscheidet man dort im Wesentlichen vier verschiedene Zustände, nämlich ein kugelsymmetrisches s-Orbital und drei ‚Han- teln‘, die p-Orbitale. Sie korrespondieren zunächst mit den Eigenwerten des

Bahndrehimpuls-Operators L 2 , und zwar das s-Orbital mit dem Eigenwert 0 und die p-Orbitale mit dem Eigenwert 1. Der Eigenwert 1 ist also dreifach; zu ihm ge-

hört also ein dreidimensionaler Eigenraum, der alle drei p-Orbitale (und noch mehr als diese) umfasst. Es muss daher noch (mindestens) einen weiteren, gehaltvollen

ˆ

ˆ

Operator geben, der mit L 2 kommutiert; uns fehlt noch eine gleichzeitig messbare Größe, ein weiterer Messwert, der u. a. zwischen den drei p-Orbitalen differenziert.

36 Dies hat zur Konsequenz, dass in jeder physikalischen Interpretation des Formalismus zwei Vektoren, die sich nur in ihren Längen unterscheiden, physikalisch ununterscheidbare Zustände korrespondieren. 37 Wie gesagt: Diese letzte Formulierung ist zwar Standard, aber doch interpretationsabhängig.

1

Physikalisch-mathematische Grundlagen

29

ˆ

Ein solcher Operator ist (beispielsweise) L z , die Bahndrehimpuls-Komponente in

z-Richtung. Er hat drei verschiedene Eigenwerte, nämlich 1, –1 und 0 (doppelt!).

Da L 2 und L z also kommutieren, können sie gemeinsam auf Diagonalgestalt gebracht werden, so dass in den jeweiligen Diagonalen ihre Eigenwerte – gemäß ihrer Vielfachheit – aufgelistet sind:

ˆ

ˆ

L 2 =

ˆ

1000

0100

0000

0001

und L z =

ˆ

100

000

000