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GK Katholische Religion 13 (Heil) – Klausur Nr. 2 (Gotteslehre) – Donnerstag, 18.

November 2010

Name: ______________________________________________

„Es gibt keinen Gott, und der Mensch ist sein Prophet!“ entgegnete Niels bitter, doch zugleich traurig.
„Ja, nicht wahr?“ spottete Hjerrild, und sagte bald darauf: „Der Atheismus ist doch grenzenlos nüchtern, und
sein Ziel ist doch zu guter Letzt nichts anderes als eine Menschheit ohne alle Illusionen. Der Glaube an einen al -
les lenkenden, richtenden Gott ist der Menschheit letzte große Illusion, und wenn sie den verliert, was hat sie
05 dann? Klüger ist sie geworden; aber ob reicher, glücklicher? Das sehe ich nicht ein.“
Niels Lyhne unterbrach ihn: „Aber begreifen Sie denn nicht, dass an dem Tage, an dem die Menschheit frei auf-
jubeln kann: es gibt keinen Gott! - wie mit einem Zauberschlage ein neuer Himmel und eine neue Erde entste-
hen würden? Erst dann wird der Himmel der freie, unendliche Raum, anstatt ein drohendes Späherauge zu sein.
Erst dann wird die Erde unser und werden wir der Erde eigen sein, wenn jene dunkle Welt der Seligkeit und der
10 Verdammnis wie eine Luftblase geplatzt sein wird. Die Erde wird unser wahres Vaterland, unseres Herzens Hei-
mat sein, wo wir nicht wie fremde Gäste eine armselige Spanne Zeit, sondern alle unsere Zeit zubringen wer-
den. Und welche Intensität wird es dem Leben verleihen, wenn alles darin Raum finden und nichts nach außen
hin verlegt werden wird. Der ungeheure Liebesstrom, der jetzt zu jenem Gott emporsteigt, an den man glaubt,
wird, wenn der Himmel leer ist, sich über die ganze Erde ergießen, wird alle die schönen, menschlichen Eigen -
15 schaften und Fähigkeiten liebend auslösen, die wir potenziert, und mit denen wir die Gottheit geschmückt ha -
ben, um sie unserer Liebe würdig zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer vermag sie alle zu nennen? Be-
greifen Sie nicht, welchen Adel es der Menschheit verleihen wird, wenn sie in voller Freiheit ihr Leben leben und
ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor der Hölle und ohne Hoffnung auf das Himmelreich, aber sich selber
fürchtend und auf sich selber hoffend? Wie wird das Gewissen wachsen und welche Festigkeit wird es geben,
20 wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr sühnen können, und wenn keine andere Vergebung möglich ist,
als das Böse, das man mit Bösem verbrochen hat, durch das Gute gut zu machen.“
„Sie müssen einen wunderbaren Glauben an die Menschheit haben; der Atheismus wird ja noch größere Forde-
rungen an sie stellen als das Christentum.“
„Natürlich !“
25 „Natürlich; aber wo wollen Sie alle die starken Individuen hernehmen, deren Sie bedürfen, um Ihre atheistische
Menschheit zusammenzusetzen?“
„Nach und nach wird der Atheismus sie selbst erziehen; weder diese Generation noch die nächste und die über-
nächste wird den Atheismus ertragen können, das erkenne ich wohl, aber in jeder Generation werden stets ein-
zelne sein, die sich ehrlich ein Leben und einen Tod innerhalb dieses Atheismus erkämpfen werden, und sie wer-
30 den in der Zeiten Lauf eine Reihe geistiger Ahnen bilden, auf die die Nachkommen mit Stolz zurückblicken kön -
nen und durch deren Betrachtung sie Kraft gewinnen werden. Am Anfang werden die Bedingungen die schwie-
rigsten sein, da werden die meisten im Kampfe unterliegen, und die, die siegen, weil ihr innerstes Mark noch
Traditionen eingesogen hat, und weil in einem Menschen noch soviel anderes existiert, was überzeugt werden
muss - Blut und Nerven, Hoffnungen und Sehnsüchte, und wenn Träume vorhanden sind, auch diese. Aber mag
35 es drum sein, einst wird es kommen, und die wenigen werden die vielen sein.“
„Glauben Sie? - Ich suche nach einem Namen; könnte man das nicht den pietistischen Atheismus nennen?“
„Jeder wahre Atheismus ...“ begann Niels, aber Hjerrild unterbrach ihn schnell:
„Natürlich, natürlich! Lasst uns endlich nur ein einziges Tor haben, ein einziges Nadelöhr für alle Kamele des
Erdreiches!“
Auszug aus: Jens Peter Jacobsen, Niels Lyhne. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel Verlag, 1973, S. 115-117 .

Information: Jens Peter Jacobsen (1847-1885) war dänischer Schriftsteller. »Niels Lyhne« ist nach dessen Übersetzer, Paul Volk, Jacobsens größtes
Werk: "Es sollte die Geschichte einer »Jugend« werden, »eine psychologische Schilderung jener Gruppe freidenkend angelegter Romantiker«, »jener
Jugend, die jetzt alt ist«. [...] Niels Lyhne ist die Gestalt des großen Träumers, der, hin und her geworfen zwischen Traum und Leben, das Leben nicht
zwingen kann, weil er, ewig ein Träumer, nie sich selbst ganz fand, und der den Traum, die Illusion nicht entbehren kann, weil nur im Traum Glück ist,
weil er weiß, daß Sehnen mehr ist als Erfüllung." (Vorwort) – Der Pietismus ist eine protestantische Strömung des 18./19. Jahrhunderts, die als
Gegenbewegung zur Aufklärung wieder die persönliche Frömmigkeit (lat. pietas) in den Vordergrund des Glaubens zu stellen versuchte.

Aufgaben
1. Fassen Sie den Text in eigenen Worten zusammen. (20%)
2. Setzen Sie Niel Lyhnes Position kritisch in Beziehung zu drei weiteren Typen von
Gottesbestreitung! (30%)
3. Stellen Sie diesen Gottesbestreitungen zentrale Aspekte neutestamentlicher
Gottesvorstellungen gegenüber. (30%)
4. Entwickeln Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse eine eigene Position
zur Frage, ob der christliche Gottesglaube heute zeitgemäß ist. (20%)

Bitte zählen Sie Ihre Wörter! – Viel Erfolg!


GK Katholische Religion 13 (Heil) – Klausur Nr. 2 – Gotteslehre – Nachschreiber Name: _______________________________________________

Friedrich Nietzsche, Die „Rede des tollen Menschen“


Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vor-
mittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche
Gott! Ich suche Gott!“ – Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht
an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte
05 der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt?
Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? – so schrien und lachten
sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit
seinen Blicken. „Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr
und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das
10 Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?
Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und
rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten?
Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es
15 nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht
Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der To-
tengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung?
– auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie
trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt
20 bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit
welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele
werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir
nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größe-
re Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine hö-
25 here Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah
wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf
er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. – „Ich komme zu
früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch un-
terwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz
30 und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch
nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer
noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“ – Man erzählt
noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei
und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede ge-
35 setzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie
nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“
Quelle: Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in: Giorgio Colli/Mazzino Montinari (Hg.),
Nietzsche Werke, Abteilung 5, Band 2, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1973, S.158ff.
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) war ein deutscher Philosoph, Dichter und klassischer Philologe.

Aufgaben:
1. Beschreiben Sie Nietzsches Position zur Gottesfrage. (20%)
2. Setzen Sie Nietzsches Position kritisch in Beziehung zu drei weiteren Typen von
Gottesbestreitung! (30%)
3. Stellen Sie diesen Gottesbestreitungen zentrale Aspekte neutestamentlicher
Gottesvorstellungen gegenüber. (30%)
4. Entwickeln Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse eine eigene Position
zur Frage, ob der christliche Gottesglaube heute zeitgemäß ist. (20%)

Bitte zählen Sie Ihre Wörter! – Viel Erfolg!