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WAS IST MEDITATION ?

45 Briefe Bhagwans
© der englischen Originalausgabe
WHAT IS MEDITATION ?
Rajneesh Foundation • Poona • India
© der deutschen Ausgabe
Sannyas Verlag • Purvodaya
Margarethenried
Herausgeber: Swami Ananda Siddhartha
Übersetzung: Swami Anand Amareesh
Fotos: Rajneesh Foundation und
Ma Guru Puja
Gestaltung: Swami Deua Amiya
Druck: Swami Prem Yatri
Ungekürzte eBook-Ausgabe mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erscheint in der Reihe: Eine Welt des Wissens - Eine Welt des Friedens
© 2003 E.V.C. Elaboraziones, Vatican City
Diese Ausgabe ist unverkäuflich.
Bhagwan Shree Raineesh
WAS IST MEDITATION ?

Sannyas Verlag
Meditation ist die Antwort
1

Es ist Sache des Verstandes, Fragen zu stellen.


Aber nur Fragen.
Er gibt keine Antworten.
Und er kann sie auch nie geben.
Das geht über seinen Horizont.
Dafür ist er auch nicht gedacht.
Es ist nicht seine Aufgabe.
Aber er versucht zu antworten.
Was dabei herauskommt, ist der Wirrwarr,
der sich Philosophie nennt!
Meditation stellt keine Fragen,
sondern sie gibt Antwort.
Meditation ist die Antwort.
Denn sie ist Leben.
Denn sie ist Dasein.
Frage, und du findest keine Antwort.
Frage nicht, und du bist die Antwort.
Aber warum ist das so?
Das ist so, weil das fragende Bewußtsein — das Denken -
verwirrt ist.
Und das nicht-fragende Bewußtsein — das Nicht-Denken
schweigend und still in seinem So-Sein ruht.
Philosophie kommt aus dem Fragen,
Religion dagegen aus dem nicht-fragenden Bewußtsein.
Logik ist die Methode der Philosophie.
Und Meditation ist die Methode der Religion.
Meditation ist eine lebendige Kunst

Meditation kann nicht direkt gelehrt werden,


denn sie ist keine mechanische Technik,
sondern eine lebendige Kunst.
Dogo hatte einen Schüler namens Soshin.
Soshin wartete lange, um von seinem Meister in der Kunst
der Meditation unterrichtet zu werden. Er erwartete
Unterricht wie ein Schuljunge in der Schule.
Aber es kamen keine besonderen Aufgaben.
Und das verwirrte und enttäuschte ihn.
Eines Tages sagte er zum Meister: „Ich bin jetzt schon
so lange Zeit hier und habe noch kein einziges Wort
über das Wesen der Meditation zu hören bekommen!"
Dogo lachte aus vollem Herzen darüber und sagte:
„Was sagst du da, mein Junge!
Seit deiner Ankunft habe ich dir ständig Lektionen darin
erteilt!" Diese Antwort verwirrte den Schüler nur noch mehr,
Und eine Zeitlang wußte er nichts zu sagen.
Eines Tages faßte er jedoch wieder Mut und fragte:
„Was für eine Art von Lektionen soll das gewesen sein, Herr?"
Dogo sagte: „Wenn du mir am Morgen eine Tasse Tee bringst,
nehme ich sie; wenn du mir das Essen bringst, nehme ich es
an; und wenn du dich vor mir verbeugst, erwidere ich das
mit einem Kopfnicken. Wie sonst stellst du dir den
Unterricht in Meditation denn vor?"
Soshin ließ den Kopf hängen und dachte über die rätselhaften
Worte des Meisters nach. Aber da sagte der Meister wieder:
„Wenn du wirklich sehen willst, dann sieh sofort richtig.
Denn wenn du anfängst zu denken,
dann bist du schon auf dem Holzweg."
Im Zwischenraum geschieht Meditation

Sieh: dies ist ein weißes Papier — darauf ist eine Zeichnung.
Du kannst es als weißes Papier oder als Zeichnung ansehen.
Oder: höre die Stille in einer Sonate -- du kannst auf
die Stille achten oder auf die Sonate.
Oder: denk dir den Raum, den ein Gebäude einnimmt -
du kannst deine Aufmerksamkeit auf den Raum oder auf
das Gebäude richten. Oder: stelle dir ein leeres Haus vor,
du kannst es als Wände oder als Leere sehen.
Wenn du die Zeichnung, das Gebäude, die Sonate und die
Wände vor Augen hast, bist du im Verstand -- aber wenn du
das weiße Papier, oder die Stille, oder den Raum oder die
Leere siehst, dann bist du in Meditation.
Meditation ist nicht Denken, sondern Leben

Denken ist notwendig, aber nicht genug.


Man muß auch zu leben verstehen.
Sonst ergeht es einem wie jenem Philosophen, den
Sören Kierkegaard erwähnt: der einen schönen Palast baut,
jedoch dazu verdammt ist, nicht darin zu wohnen. Für sich
selbst hat er nur einen Schuppen nebenan. Der Palast wurde
nur dafür gebaut, damit andere, wie auch er selbst,
ihn von außen bestaunen konnten.
Meditation ist nicht Denken, sondern Leben.
Lebe sie täglich, von Augenblick zu Augenblick.
Das heißt, lebe in ihr oder laß sie in dir leben.
Die Meditation gehört auch nicht einer anderen Welt an,
denn alle solchen Unterscheidungen entstammen dem
Verstand; sie sind spekulativ und nicht existentiell.
Und Meditation ist existentiell.
Sie ist nichts weiter als die Erfahrung des täglichen Lebens,
bis zum Äußersten gelebt. Wenn Mencius sagt:
„Die Wahrheit ist nahe und die Leute suchen sie in der
Ferne", dann meint er dies.
Oder wenn Tokusan darüber gefragt wird, gibt er zur Antwort:
„Wenn du hungrig bist, dann ißt du, wenn du durstig bist,
trinkst du, und wenn du einen Freund triffst,
dann grüßt du ihn." Er meint dies.
Oder da singt Ho Koji:
„Wie wunderbar, wie geheimnisvoll!
Ich trage Holz, ich hole Wasser."
Er meint dies.
Und wenn du mir nahe bist, dann meine ich dies,
was auch immer ich sagen mag. Oder wenn ich nichts sage,
dann meine ich auch immer dies.
Erkenne dich — so wie du bist

Der Mensch ist ein Nimmersatt.


Weil er voll von Begierden ist, ohne sich selbst zu kennen.
Weil er etwas werden will, ohne zu wissen, was er ist.
Und das ist absurd.
Zuerst muß man erfahren, wer man ist.
Sonst ist alles nur Schmerz.
Werden bedeutet Schmerz.
Denn es bedeutet eine dauernde Spannung zwischen dem,
was ist, und dem, was sein sollte.
Diese Sehnsucht ist unerfüllbar.
Weil nur das sein kann, was ist.
Deshalb erkenne dich -- so wie du bist.
Ohne irgendwelche Ideale,
ohne irgendein Werturteil,
und ohne etwas zu verdammen.
Schaue tief in dich ohne irgendein Verlangen, etwas zu werden.
Weil du dich nur dann erkennen kannst.
Entdecke dich selbst, nicht nach fremden Maßstäben,
sondern so wie du bist.
Entdecke das Tatsächliche.
Entdecke das Wirkliche
in seiner völligen Nacktheit,
in seiner vollkommenen Ursprünglichkeit.
Sei einfach Zeuge davon.
Dann gewinnt das Leben eine völlig andere Dimension.
Die Dimension des Loslassens.
Dann ist man völlig entspannt.
Und alles Erblühen geschieht in Entspannung.
Und aller Segen.
Sei dir deiner Maske bewußt

John Burroughs erinnert sich: „Eines Tages tötete mein


Junge eine Ente, die sich als Entenattrappe herausstellte;
sie sah wie eine Ente aus. schwamm wie eine Ente, als sie
aber auf den Tisch kam, waren wir die Angeschmierten."
Vergiß nicht, eine klare Unterscheidung zwischen deinem Selbst
und deinen Selbstattrappen -- den Masken -- zu treffen.
Sonst werden sie dich am Ende alle anschmieren. ,* "V ,"*' *
* :%,
Ego ist Unwissenheit

Das Ego ist Voraussetzung sowohl für Schmerz als auch für
Freude. Umgekehrt ist es genauso.
Denn die Empfindung von Schmerz und das Gefühl von
Freude ist auch für die Existenz des Ego Voraussetzung.
Tatsächlich sind beide die zwei Seiten einer Münze.
Der Name der Münze ist Unwissenheit.
Mach dir das klar.
Und kämpfe nicht mit dem Ego.
Oder mit Schmerz und Freude.
Denn erst, wenn die Unwissenheit verschwunden ist,
verschwinden auch sie. Vorher können sie nicht vergehen.
Und du kannst nicht mit der Unwissenheit kämpfen,
denn Unwissenheit ist nur die Abwesenheit von etwas:
Die Abwesenheit deines Selbst.
Sei dir deiner Unwissenheit bewußt.
Halte sie im Auge.
Und dann wirst du sein, und es wird keine Unwissenheit
mehr geben.
Weil du und die Unwissenheit nicht gleichzeitig sein
können. Genau wie Licht und Dunkelheit.
Das Leben ist eine Predigt

Das Leben ist eine Predigt.


Das Dasein predigt auf seine eigene Weise, aber immer indirekt.
Und das ist das Schöne daran.
Die Harmonie in der Natur lehrt, ohne jede Absicht,
die Lektion vom rechten Maß im Leben.
Sieh dir den Vogel im Flug an,
und du versinkst mühelos in Meditation.
Oder lausche seinem Gesang,
und es rührt dein Herz ganz von selbst.
Und wenn du nichts erzwingen willst,
geht die Meditation tief,
und auf einmal bist du verwandelt.
Und wenn kein Beweggrund da ist und du dich bewegst,
dann bewegst du dich im Göttlichen.
Das Leben geht weiter — ein ewiges Fließen

Das Leben fließt weiter und weiter.


Es wartet nicht.
Der Verstand jedoch denkt und benötigt deshalb Zeit.
Um dazusein ist Zeit unnötig.
Aber um zu denken braucht man Zeit.
Tatsächlich gibt es keine Zeit im Dasein.
Sie erscheint nur im Gefolge von Verstand und Denken.
Das Sein ist nicht in der Zeit,
sondern in der Ewigkeit.
Es ist im ewigen Jetzt.
Da gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft.
Nur die Gegenwart.
Oder nicht einmal das.
Denn ohne Vergangenheit und Zukunft ist es sinnlos,
von Gegenwart zu sprechen.
Lebe nicht aus dem Verstand heraus.
Sonst wirst du immer hinterherhinken.
Weil das Leben niemals auf dich und deinen sogenannten
Verstand wartet. Deshalb hat der Verstand immer das Gefühl,
als ob etwas fehlte:
Weil er am Leben selbst vorbeigeht, und zwar immer.
Ein Meister sagte einmal zu seinen Schülern:
„Wer auch nur ein Wort sagt, kriegt dreißig Stockhiebe.
Wenn du nichts sagst, dann gibt's genau dasselbe: dreißig
Hiebe mit dem Stock. Und jetzt redet, sagt was!"
Ein Schüler trat vor, aber noch bevor er sich vor dem Meister
verbeugen konnte, schlug ihn dieser.
Der Schüler protestierte: „Ich habe kein einziges Wort gesagt,
aber schweigen durfte ich auch nicht.
Warum schlägst du mich dann?"
Der Meister lachte und sagte:
„Wenn ich auf dich und deine Rede
oder dein Schweigen warte, dann ist es zu spät,
und das Leben kann nicht warten.
Das Leben ist keine Theorie, sondern ein Mysterium

Leben ist Bewegung.


Ein Vorgang.
Ein Fließen.
Aber Vorstellungen erstarren.
Und damit werden sie auch lebensfeindlich.
Sie werden zum toten Block.
Halte dich nicht mit ihnen auf.
Geh weiter!
Und fürchte dich nicht vor Widersprüchen.
Denn das Leben ist kein logischer Schluß.
Es ist keine Theorie.
Sondern ein Mysterium.
Jemand fragte Mulla Nasruddin: „Wie alt bist du, Mulla?"
„Vierzig."
„Aber das letzte Mal, als ich dich fragte,
- vor fünf Jahren — hast du das auch gesagt."
„Ja, ich bleibe mir treu
und stehe immer zu dem, was ich gesagt habe."
Meditation ist Nicht-Beschäftigtsein

Ein Leben ohne Meditation ist wie eine Winterlandschaft.


Ohne Sonnenschein.
Die Blumen sind erfroren.
Und der Wind raschelt im toten Laub.
Und jeder kennt es.
Denn jeder lebt so.
Obwohl niemand auf diese Weise zu leben brauchte.
Aber warum ist das so?
Weil die Bedürfnisse des Lebens
einen beschäftigten Kopf erfordern.
Meditation jedoch ist Nicht-Beschäftigtsein.
Wir richten uns dazu ab, dauernd beschäftigt zu sein,
und vergessen dann,
daß man manchmal unbeschäftigt sein muß,
um die Ekstase reinen Daseins zu erfahren.
Man muß im Innern frei und leer sein, weil man nur dann
den göttlichen Gast bei sich aufnehmen kann.
Demut: das Wesen der Meditation

Eines Tages wurde Lin-Chi gefragt:


„Was ist das Wesen der Meditation?"
Lin-Chi sprang von seinem Sitz herunter,
packte den Frager beim Kragen,
gab ihm einen Schlag ins Gesicht und ließ ihn stehen.
Der Mann stand natürlich völlig verblüfft da.
Da lachte Lin-Chi und sagte:,,Warum verbeugst du dich nicht?"
Und das erweckte ihn aus seiner Träumerei,
und gerade als er sich vor dem Meister verbeugen wollte,
bekam er seine erste Kostprobe von Meditation.
Bitte lies diese Zeilen immer wieder und wieder,
und wenn du nicht auf den Geschmack kommst,
dann gib dir selber einen Schlag ins Gesicht,
und dann lache und verbeuge dich vor dir selber,
und dann kommst du auch auf den Geschmack - ganz gewiß!
I
Ohne Worte zu sein ist Meditation

Das Wort ist nicht das Ding.


Das Wort Gott ist nicht Gott.
Aber der Verstand ist ein Haufen Worte,
und er fügt immer noch mehr dazu.
Und dann werden die Worte zum Hindernis.
Erkenne, daß es in dir so ist.
Kannst du irgendetwas sehen,
ohne es in Worte zu fassen?
Kannst du irgendetwas fühlen,
ohne Worte zu gebrauchen?
Kannst du auch nur für einen
einzigen Augenblick
ohne Worte leben?
Denke nicht, sondern sieh.
Und dann bist du in Meditation.
Ohne Worte dasein, heißt in Meditation sein.
Sei als ob du nicht bist

Der Weg der Meditation geht über das Selbst hinaus.


Sein Ausgangspunkt ist die Selbstaufgabe.
Gib dein Selbst für dein Nicht-Selbst auf.
Werde — sei, als ob du nicht bist.
Oh, welch ein Segen,
einfach alles dem Nicht-Selbst zu überlassen.
Buddha nannte dieses Phänomen Anatma
oderAnatta (Nicht-Selbst).
Man muß sich zur Marionette
in den Händen des Nicht-Selbst verwandeln.
Und dann fließt alles wie von selbst, ganz spontan.
So wie ein Fluß ins Meer fließt.
Oder eine Wolke über den Himmel zieht.
Laotse sagt, das ist Tun im Nicht-Tun.
Man hört auf, sein eigener Meister zu sein
und wird zum Werkzeug des Unbekannten.
Und was für ein Unsinn, sein eigener Meister sein zu wollen.
Denn es gibt niemanden, der das könnte.
Suche nicht, und du wirst dich weiter für ein Selbst halten.
Suche, und du entdeckst, daß es das nirgendwo gibt.
Das Selbst gibt es nur in Unwissenheit.
Es ist Unwissenheit.
Wenn man weiß, gibt es kein Selbst.
Denn da ist keiner, der weiß.
Dieses Wissen ist sich selbst genug.
Unbeteiligtes Zusehen ist Meditation

„Wie kann ein Mensch lernen, sich selbst zu erkennen?"


fragt Goethe.
Und er antwortet: „Niemals durch Nachdenken,
sondern nur durch Handeln."
John Burroughs bezweifelt das und sagt:
„Ist das nicht eine Halbwahrheit?
Denn durch Handeln kann man nur seine Tatkraft kennenlernen,
die Geisteskraft jedoch nur durch Denken."
Ich aber sage, daß der Mensch mehr ist,
als alle seine Taten und Gedanken zusammengenommen.
Und bevor man dieses Mehr nicht erkennt,
weiß man nicht, wer man ist.
Und dieses Mehr kann weder durch Handeln,
noch durch Denken erkannt werden.
Denn beides gehört zur Peripherie,
das Mehr jedoch ist das ewige Zentrum.
Man kann es nur erkennen, indem man sowohl den Gedanken,
als auch den Taten unbeteiligt zusieht,
nicht durch sie, sondern indem man sie einfach betrachtet.
Und: Zeugesein ist Meditation.
Das Leben ist ein Spiel

Das Dasein ist, um dazusein.


Das Leben ebenso.
Es hat keinen Sinn außer seiner selbst.
Lege deshalb niemals einen Sinn hinein;
sonst wirst du es als sinnlos empfinden.
Es ist nicht sinnlos und kann es nicht sein;
weil es überhaupt nichts mit Sinn zu tun hat.
Das Dasein ist einfach da.
Und das Leben ebenso.
Es zielt auf nichts ab.
Und es kennt keinen Zweck.
Oh! Fühl es!
Hier und Jetzt.
Bitte mach keine Pflichtübung daraus,
denn das wäre Zweckdenken.
Sei spielerisch, nur dann wirst du das Spiel
des Universums erkennen.
Und das erkennen heißt religiös sein.
Meditation — mit einem Sprung ins Unbekannte

Ein Schüler Rinzais traf auf drei Männer,


die auf einer Brücke standen.
Einer der drei Männer fragte:
„Wie tief ist der Fluß der Meditation?"
„Finde es selbst heraus", sagte er und schickte sich an,
den Frager von der Brücke zu werfen.
Aber unglücklicherweise rannte der Mann rechtzeitig davon
und entkam.
Wenn du so einen Menschen triffst,
der dich in den Fluß werfen kann, so sei froh darüber
und laß es zu.
Und du hast einen solchen Mann getroffen.
Jetzt laß dich hineinwerfen.
\
Bewußtsein kennt kein Selbst

Du kannst nicht vor dem Selbst davonlaufen,


weil du das Selbst bist.
Wie kannst du davor weglaufen?
Es ist, als ob du vor deinem eigenen Schatten davonläufst,
alle Anstrengung ist umsonst.
Hör damit auf und erkenne ihn.
Beobachte ihn.
Nimm ihn wahr.
Stell dich dem Schatten, wo ist er dann?
Es hat ihn nie wirklich gegeben.
Stellst du dich nicht,
dann rufst du ihn dadurch erst ins Leben.
Du hast ihn durch dein Davonlaufen gestärkt.
Und ist es nicht wirklich an der Zeit,
das Spiel jetzt zu beenden?
19 Der Teufelskreis der Begierde

Ein Mönch fragte Daishu Ekai: „Was ist Nirvana?"


Der Meister antwortete:
„Sich nicht dem Teufelskreis von Geburt und Tod
oder von Freude und Leid zu verschreiben,
bedeutet großes Nirvana."
„Was ist dann der Teufelskreis von Geburt und Tod,
Freude und Leid?"
Der Meister sagte:,, Nirvana zu begehren."
Nun schweige und fühle, was es heißt, Nirvana zu begehren.
Und ich sage nicht, du sollst darüber nachdenken.
Denn denken heißt, es verfehlen.
Du mußt es fühlen.
Fühle es.
Fühle es.
Meditation ist der Schlüssel

Meditation ist der Schlüssel.


Er kann die Tore zum Unendlichen öffnen.
Und das Mysterium des Unbekannten erschließen.
Aber der Schlüssel allein hilft nichts —
man muß ihn benützen.
Idries Shah erzählt eine Derwischgeschichte:
Es war einmal ein weiser und reicher Mann,
der einen Sohn hatte.
Er sagte zu ihm: „Mein Sohn, hier ist ein kostbarer Ring.
Behalte ihn zum Zeichen,
daß du einer meiner Nachfolger bist
und gib ihn an deine Nachkommen weiter.
Er ist sehr wertvoll und schön,
und er kann außerdem
eine bestimmte Tür zum Reichtum öffnen."
Einige Jahre später bekam er einen zweiten Sohn.
Als dieser alt genug war,
gab ihm der Weise einen anderen Ring
mit demselben Rat.
Auch mit dem dritten und letzten Sohn geschah dasselbe.
Als der Alte gestorben
und seine Söhne groß geworden waren,
erhob einer nach dem anderen Anspruch auf Vorrang,
weil er einen der Ringe besaß.
Niemand konnte mit Sicherheit sagen,
welcher der Ringe der kostbarste war.
Jeder der Söhne fand Anhänger, und jeder behauptete,
daß sein Ring der kostbarste und schönste sei.
Aber merkwürdigerweise blieb die ,Tür zum Reichtum'
für die Besitzer der Ringe
und für ihre engsten Anhänger verschlossen.
Sie waren alle zu sehr mit dem Problem des Vorrangs beschäftigt,
dem Besitz des Rings, seinem Wert und seinem Aussehen.
Nur wenige versuchten überhaupt,
die Tür zum Schatz des Alten zu finden.
Aber die Ringe hatten auch Zauberkraft.
Obwohl sie Schlüssel waren,
konnte man die Tür nicht direkt damit öffnen.
Es genügte, sie ohne Ehrgeiz
und unbeeindruckt von ihren magischen Eigenschaften
anzublicken, um zu wissen, wo der Schatz lag.
Die Tür öffnete sich bereits dadurch,
daß man sich den Ring in seinen Umrissen vorstellte.
Und außerdem war der Schatz unerschöpflich.
Inzwischen wurde in jeder der drei Ring-Parteien
die Geschichte der Vorfahren
vom Wert der Ringe weitergereicht, jede auf andere Art.
Die erste Partei glaubte,
sie hätte den Schatz schon gefunden,
weil sie ja den Schlüssel hatte.
Die zweite glaubte, der Schatz sei nur ein Gleichnis
und tröstete sich damit.
Die dritte verlegte die Möglichkeit, die Tür zu öffnen,
in eine weit entfernte Zukunft,
und damit ließ sich im Augenblick nichts tun.
Es ist leicht möglich, daß du zu einer dieser Gruppen gehörst.
Denn jeder, der sich auf die Suche begibt, läuft Gefahr,
in eine dieser drei Fallen zu geraten.
Es handelt sich nämlich wirklich nur
um die drei hauptsächlichen Tricks, die der Verstand kennt,
um sich vor der Meditation zu retten.
Nimm dich also vor diesen alten Täuschungsmanövern in acht.
Das Mysterium der Leere

Wir lassen uns da nieder,


wo man sich nicht ansiedeln kann.
Wir gründen ein Heim,
obwohl Heimatlosigkeit die wahre Natur unseres Bewußtseins ist.
Oh, wir versuchen dauernd, Unmögliches zu tun.
Und dann leiden wir.
Aber das liegt an uns selbst.
Wir kämpfen mit der Leere
und müssen uns doch geschlagen geben.
Nicht weil die Leere stärker ist als wir,
sondern weil sie nicht ist.
Steh auf und kämpfe mit der Leere deines Zimmers,
dann bekommst du einen Geschmack
von der völligen Unsinnigkeit des menschlichen Denkens.
Und dann setze dich hin und lache über dich.
Und wenn das Lachen aufhört,
dann sei still und schau nach innen.
Und dann wirst du ein tiefes Mysterium erfahren:
Die Leere ist nicht nur außen, sie ist ebenso innen.
Nimm Unsicherheit hin — mit Freude

Es gibt keine Sicherheit im Leben.


Weil es kein Leben gibt, es sei denn als Unsicherheit.
Deshalb wirst du lebloser, je sicherer du bist.
Der Tod ist die vollkommene Sicherheit.
Suche deshalb niemals nach Sicherheit,
weil du damit den Tod suchst.
Wer bis zum Äußersten lebt, in Ekstase,
fragt niemals nach Sicherheit.
Nimm Unsicherheit freudig hin.
Und wenn du sie annimmst,
dann weißt du, daß sie eine ganz eigene Schönheit hat.
Mulla Nasrudins Grabmal hatte an der Vorderfront
eine große hölzerne Tür,
verriegelt und mit Vorhängeschlössern gesichert.
Niemand konnte hinein, jedenfalls nicht durch die Tür.
Als letzten Scherz verfügte Mulla,
daß das Grab ringsherum keine Mauern haben solle.
Oh! Was Mulla mit seinem Grab tat,
macht jeder mit seinem Leben.
Und ohne es zu wissen.
Wenn du es ebenfalls so tun willst,
dann tu es wenigstens bewußt.
Denn ich weiß, daß du es bewußt nicht tun kannst.
Und nicht nur du, niemand kann das.
Weil man keine Dummheit bewußt tun kann.
Das Leben, auf den Kopf gestellt

In dieser Welt steht alles auf dem Kopf.


Und einer, der meditiert, wird alles wieder
auf die Füße stellen müssen.
Man sollte nicht versuchen,
das Leben zu erkennen, sondern den Tod,
und dann werden einem die Mysterien des Lebens enthüllt.
Mit anderen Worten: Frage nie nach Sicherheit,
dann gibt es auch keine Unsicherheit.
Bunan sagt in einem Gedicht:
"Sei schon im Leben ein toter Mann,
sei durch und durch tot
und dann tu, was du willst,
denn dann ist alles gut."
Denken ist Krankheit

Takuan sagt: Im festen Eis kannst du nicht baden.


Genausowenig kannst du in einem gefrorenen
Bewußtsein leben.
Und was ist der Verstand anderes?
Geh in dich und finde es heraus.
Frage niemanden.
Schlage in keinen Schriften nach.
Geh nach innen und finde es heraus.
Denke nicht darüber nach,
weil das absurd ist.
Wie kannst du gegen den Verstand denken?
Weil jedes Denkergebnis den Verstand nur stärken kann.
Denke nicht, denn denken heißt zögern und erstarren.
Das Denken ist die Krankheit.
Gehe nach innen und finde es heraus — sofort.
Einen Augenblick nachgedacht, und du bist wieder im alten Trott.
Einen Augenblick nachgedacht, und du bist so weit
vom Wirklichen entfernt, wie es nur geht.
rr

Der Verstand will nicht loslassen — das ist die Knechtschaft

Halte dich an keiner Sache oder Idee fest.


Denn Festhalten ist Knechtschaft.
Selbst wenn man an der Idee der Freiheit hängt -
Moksha oder Nirvana - ist man versklavt.
Wer an etwas hängt, kann nicht meditieren.
Denn dieses Verhaftetsein ist Denken: die Fessel.
Und Nicht-Verhaftetsein ist Meditation: die Freiheit.

Im Buch des Amu Daria gibt es eine alte Sufi-Geschichte:


Es war einmal ein Affe, der ganz wild auf Kirschen war.
Eines Tages sah er eine verlockend aussehende Kirsche
und kam von seinem Baum herunter,
um sie sich zu holen.
Aber die Frucht befand sich in einer durchsichtigen Glasflasche,
und um sie herauszuholen,
mußte er seine Hand in die Flasche stecken.
Er umschloß die Kirsche mit seiner Hand,
sah sich jedoch verhindert,
seine Faust wieder herauszuziehen,
da sie größer war als der Flaschenhals.
Das war jedoch die Absicht des Affenjägers,
der die Falle gestellt hatte,
denn er wußte, wie Affen denken.
Als der Jäger das Wimmern des Affen hörte, kam er herbei;
der Affe versuchte wegzulaufen.
Weil er jedoch dachte, daß seine Hand in der Flasche festsaß,
konnte er sich nicht schnell genug bewegen, um zu entkommen.
Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß er ja immer noch die
Kirsche hatte. Der Jäger aber packte ihn und versetzte ihm einen
scharfen Hieb auf den Ellenbogen, woraufhin er die Frucht so-
gleich loslassen mußte. Der Affe war jetzt zwar von der Flasche be-
freit, doch er selbst war gefangen, und der Jäger konnte Kirsche
und Flasche von neuem verwenden.
Diese Affenart zu denken ist genau die Art des Verstandes.
Und wenn am Ende der Tod — der Jäger — kommt,
findet sich jeder in seiner eigenen Flasche gefangen.
Vergiß nicht, deine Hand aus der Flasche zu ziehen,
bevor der Jäger kommt.
Der unlogische und irrationale Sprung ins Unbekannte

Der Verstand lebt im Schlafwandel der Logik.


Seine Nahrung besteht aus Argumenten und Worten.
Du kannst ihn nicht schrittweise hinter dir lassen.
Oder auf logische Weise.
Oder auf rationale Weise.
Mach lieber den Sprung!
Unlogisch und irrational.
Der Sprung kann nicht anders sein.
Du kannst ihn nicht berechnen.
Oder planen.
Oder seinen Ablauf vorausbestimmen.
Weil er ins Unbekannte führt.
Es gibt keine Wegweiser,
man kann nichts voraussagen.
Du springst letztlich nicht nur ins Unbekannte,
sondern ins Unkennbare.
Meditation bedeutet im Unbekannten leben

Glaube nicht ans Denken.


Weil das der größte Aberglaube ist,
wenn auch gut getarnt.
Denn er gibt vor, gegen den Aberglauben zu sein.
Denken ist nichts anderes als Sand in einem blinden Verstand.
Weil du das Unbekannte nicht denken kannst.
Und das, was schon bekannt ist, brauchst du nicht denken.
Und du triffst immer nur auf das Unbekannte.
Das Unbekannte ist überall.
Innen und außen.
Und das Denken bewegt sich immer nur im Rahmen dessen,
was wir schon wissen.
Du kannst jedoch durch das Bekannte
niemals in Kontakt mit dem Unbekannten kommen.
Wirf alles Bekannte von dir und laß das Unbekannte an dich heran.
Das nenne ich Meditation.
Meditation ist die größte Kunst

Die neue Welt, die sich durch die Meditation offenbart,


ist nicht etwas, das von außen kommt.
Sie war immer da — innen.
Sie ist im Sein selbst.
Sie ist das Sein selbst.
Ob man darum weiß oder nicht: sie ist da.
Natürlich nur als Saat, als Anlage.
Man muß sie erst zum Keimen bringen, das ist alles.
So kommt es, daß man,
wenn sie sich offenbart, wenn sie erblüht,
in schallendes Gelächter ausbricht,
weil sie immer schon da war, aber man hat es nie gewußt.
Auf die Meditation hinzuarbeiten, ist so wie Bildhauerei.
Genau wie ein Bildhauer eine Figur herausmeißelt,
die in den Tiefen einer trägen Masse schläft,
so verwandelt der Meditierende seine unerweckten Anlagen
in lebendige, dynamische, bewußte Schöpfungen.
Nur daß hier der Schöpfer, die Schöpfung
und das schöpferische Mittel nicht verschieden sind,
sondern eins.
Denn der Meditierende selbst ist alles.
Und darum nenne ich Meditation die größte Kunst.
Das Dasein selbst ist das ewige Leben

Die Formen des Daseins sind begrenzt.


Alle Formen.
Eine Form haben bedeutet in Wirklichkeit, begrenzt sein.
Das Dasein selbst jedoch ist unendlich.
Weil nur das Formlose unendlich sein kann.
Und das Dasein besteht aus Formlosigkeit.
Deshalb kann es alle Formen annehmen.
Eine Form annehmen bedeutet jedoch, sich dem Tod aussetzen.
Denn Form ist ein Todesurteil,
während das Dasein selbst ewiges Leben ist.
Identifiziere dich nicht mit der Form.
Diese Identifikation verursacht die Todesangst, alle Angst.
Erinnere dich an das Formlose,
und du wirst die Unsterblichkeit erkennen.
Denn dann bist du es.
Das Sein liegt jenseits der Nützlichkeit

Das Universum kennt nichts als Spiel.


Aber der Mensch verbringt fast das ganze Leben mit Arbeit.
Und deshalb gerät alles drunter und drüber.
Und darum muß er sich so quälen.
Das Gesetz — das Tao — des Universums ist Spiel: Leela*
Und das Gesetz des menschlichen Verstandes ist Arbeit.
Denn der Verstand kann nicht über die Nützlichkeit hinausdenken.
Doch das Dasein liegt jenseits aller Nützlichkeit.
Meditiere über diesen Unterschied, und du wirst die Brücke finden.
Und diese Brücke ist notwendig.
Denn du kannst ohne Arbeit nicht sein.
Aber nur für die Arbeit dazusein, ist unerträglich
und macht das Leben zur Hölle.
Der meditative Mensch arbeitet, damit er spielen kann,
er arbeitet aus Liebe zum Spiel.
Ein nicht-meditativer Mensch spielt, damit er arbeiten kann,
der Zweck seines Spiels ist die Arbeit.

*sprich: lila, sanskrit für Spiel


Verstehen: nicht aus dem Intellekt, sondern aus dem Wesen heraus

Ich habe keine bestimmte Doktrin oder Philosophie.


Kein Gebäude aus Konzepten.
Oder intellektuelle Formeln.
Sondern nur gewisse irrationale Hilfsmittel,
mit denen ich dich ins Unbekannte stoßen kann.
Ich glaube nicht an irgendwelche Theorien
oder an irgendein Gedankensystem,
sondern ich vertraue auf gewisse existentielle Situationen,
durch die ich dich ins Unbekannte stoßen kann.
Intellektuelles Verstehen ist überhaupt kein Verstehen,
sondern nur Täuschung.
Verstehen umfaßt immer das Ganze, das ganze Wesen.
Der Intellekt ist nur ein Teil, und nicht einmal ein wesentlicher,
aber er spielt sich als das Ganze auf.
Und setzt damit alle möglichen Dummheiten in die Welt.
Identifiziere dich nicht mit deinem Intellekt.
Löse ihn in die Gesamtheit deines Wesens auf.
Und dann lernst du das wahre Verstehen kennen.
Und die Seligkeit, die Ekstase, die immer darauf folgt.
Liebe das Alleinsein

Liebe das Alleinsein.


Alleinsein ist der Tempel des Göttlichen.
Und sei dir bewußt,
daß es keinen anderen Tempel gibt.
Das Sein kristallisiert sich durch Bewußtheit

Wir sind verkrampft.


Mit Bewußtheit bewußt zu sein, heißt verkrampft zu sein.
Aber das liegt nicht am Bewußtsein,
sondern daran, daß es sich nur auf einen Teil erstreckt.
Hinter dem sogenannten Bewußtsein liegt immer das Unbewußte.
Das führt zu Spannungen.
Weil dadurch ein Zwiespalt entsteht.
Eine Zweiheit.
Daher unsere Verspanntheit.
Unser an sich unteilbares Wesen wird geteilt,
daher die Verspannung.
Das Unnatürliche der Situation ist die Wurzel dieser Spannung
und aller Spannungen schlechthin.
Man ist dann kein Individuum mehr, keine unteilbare Einheit,
und deshalb verspannt.
Und du kannst nicht wirklich gelöst sein, wenn du nicht eins bist.
Entweder sei ganz unbewußt, wie im tiefen, traumlosen Schlaf,
dann bist du gelöst.
Oder sei völlig bewußt, dann bist du auch gelöst.
Denn das Ganze kann nie in einem Zustand der Spannung sein.
Darum ist das Ganze, das Heile, zugleich das Heilige.
Aber sich in Tiefschlaf, in Trance zu versetzen,
ist nur eine Flucht von kurzer Dauer.
Denn bald kommst du wieder zu dir.
Und du bist noch schlimmer dran.
Denn so eine Flucht kann die Kluft zwischen
Bewußtem und Unbewußtem nicht überbrücken.
Im Gegenteil: sie wird noch tiefer.
Man wird gespalten und schizophren.
Sei deshalb vor dem Verstand auf der Hut,
denn er sucht Trost in jeder erdenklichen Bewußtlosigkeit,
mit Hilfe von chemischen Drogen, von Selbsthypnose und anderem.
Fang an, bewußter zu sein in all dem,
was gewöhnlich unbewußt geschieht.
Zum Beispiel: in Ärger, Eifersucht, Stolz.
Und dein Bewußtsein wird sich vertiefen.
Handle bewußt,
auch in den alltäglichen Dingen.
Zum Beispiel beim Gehen, Essen, Sprechen.
Und dein Bewußtsein wird sich erweitern.
Sei aufmerksam auch beim Denken.
Kein einziger Gedanke sollte unbemerkt vorbeigehen.
Und schließlich kommt es zur Explosion,
durch die du vollkommen bewußt wirst
und nichts Unbewußtes zurückbleibt.
Und wenn das geschieht, ist man eins.
Und eins zu sein heißt, still zu sein.
Diese Stille ist jenseits von Zeit und Raum.
Denn sie ist jenseits aller Dualität.
Ein leerer Kopf ist das Tor zum Göttlichen

Der Verstand lebt im Zwiespalt.


Und zwar immer.
Weil der Verstand ohne Zwiespalt nicht bestehen kann.
Durch Konflikte erhält er Kraft.
Selbst das Ankämpfen gegen den Zwiespalt ist Zwiespalt.
Und der Kampf, um den Verstand hinter sich zu lassen,
kommt auch aus dem Verstand.
Erkenne das in seiner ganzen Tiefe in diesem Augenblick.
Und ohne alle Erwartungen.
Wie wenn du auf der Straße einer Schlange begegnest -
Und der Sprung!
Dann ist es nicht so, daß du springst,
sondern der Sprung.
Der Sprung geschieht spontan.
Ohne Anstrengung.
Und ohne Zwiespalt.
Und wenn dies geschieht, setzt der Verstand aus.
Und dein leerer Kopf wird zum Tor des Göttlichen.
Meditiere den Tod

Das Leben wird wahrhaftiger,


wenn man dem Tod unmittelbar ins Auge sieht.
Aber wir versuchen immer, der Tatsache des Todes auszuweichen.
Und damit wird das Leben falsch und unecht.
Denn selbst wahrhaft erfahrener Tod hat seine eigene Schönheit,
während ein Pseudo-Leben einfach nur häßlich ist.
Meditiere den Tod,
weil es keinen Weg gibt, das Leben zu kennen,
bevor du dem Tod nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübertrittst.
Und er ist überall.
Überall wo Leben ist, ist auch Tod.
Sie sind tatsächlich die zwei Aspekte ein und derselben Erscheinung.
Und wer das erkennt, geht über beide hinaus.
Und nur in diesem Darüberhinausgehen
geschieht das vollkommene Aufblühen des Bewußtseins
und die Ekstase des Seins.
Spannung und Krankheit:die Folge des eingeengten Bewußtseins

Der Verstand ist eine Einschränkung des Bewußtseins.


Es kann auf jeden Teil des Körpers beschränkt werden.
Normalerweise haben wir das Bewußtsein im Kopf.
Aber andere Kulturen und andere Zivilisationen der Vergangenheit
haben es auch mit anderen Körperteilen versucht.
Auf anderen Planeten gibt es Wesen,
bei denen andere Körperteile die Kopfarbeit erfüllen.
Welcher Körperteil aber auch immer dafür eingesetzt wird,
die örtliche Beschränkung des Bewußtseins bedeutet Erstarrung.
Immer wenn es aufhört, so frei zu fließen, wie es sollte,
ist es nicht mehr das Bewußtsein in seinem So-Sein.
Und Meditation bedeutet: Bewußtsein in seinem So-Sein.
Laß deshalb das Bewußtsein deinen ganzen Körper erfüllen.
Laß es durch dein gesamtes Wesen fließen,
und du wirst ein Gefühl von Lebendigkeit spüren,
das man mit räumlich eingeengtem Bewußtsein
niemals kennen und fühlen kann.
Immer, wenn es zu einer Lokalisierung des Bewußtseins kommt,
wird der entsprechende Teil verspannt und krank;
und den übrigen Körper befällt eine tödliche Schwere.
Mit einem meditativen oder fließenden Bewußtsein jedoch
verändert sich alles.
Der ganze Körper wird lebendig, empfindsam und wach.
Und als Folge davon schwerelos.
Dann gibt es kein Zentrum, wo Spannungen wirken
und sich anhäufen könnten,
weil sie nicht ohne Bewußtseinsfixierungen bestehen können.
Das Fließen, das pulsierende Bewußtsein,
wäscht sie jeden Augenblick von neuem hinweg.
Erst wenn der ganze Körper lebendig ist,
beginnst du das kosmische Bewußtsein rings um dich her zu fühlen.
Wie könnte ein erstarrtes Bewußtsein,
das auch noch von einem toten Körper
umgeben ist, das Kosmische fühlen?
Verstand bedeutet Zweiheit - Meditation bedeutet Eins-Sein

Verstand bedeutet Zweiheit.


Und Meditation: Einheit.
Im Zen heißt es: Das Eine Schwert.
Kusonoki Masashige kam zu einem Zen-Kloster, kurz vor seinem
Zusammentreffen mit der gewaltigen Armee des Ashikaga Takanji,
und fragte den Meister:
„Wenn ein Mann am Scheideweg von Leben und Tod steht,
wie soll er sich verhalten?"

Der Meister antwortete: „Die Zweiheit geköpft:


das Eine Schwert,
heiter wie der Himmel,
ruht in sich."
Bleibe zufrieden mit den Dingen — so wie sie sind

Wählen ist die Wurzel allen Leidens.


Wähle, und du wählst immer die Hölle,
selbst wenn du den Himmel wählst.
Und wer wählt schon freiwillig die Hölle?
Und trotzdem lebt jeder in der Hölle.
Was für ein Trick!
Die Pforten zum Himmel öffnen sich in der Hölle.
Was soll man also tun?
Überhaupt nichts.
Denn wenn du nichts tust,
kannst du zufrieden bleiben mit allen Dingen, so wie sie sind,
und jetzt hast du an die richtige Tür geklopft,
ohne überhaupt zu klopfen.
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Gott ist immer Hier und Jetzt

Der Mensch kann nur wissen, was Gott nicht ist.


Zu wissen, was Gott ist, ist unmöglich;
denn hier beginnt das Reich des Seins.
Du kannst Gott nicht kennen, aber du kannst sein.
Und in dieser Dimension ist das einzige Wissen.
Aber dieses Wissen unterscheidet sich völlig
von all unserem anderen Wissen.
Denn in diesem Wissen gibt es keinen Wissenden.
Und nichts Gewußtes, sondern nur Wissen.
Aus diesem Grunde sind Wissen und Sein
in dieser Dimension identisch.
Es gibt nicht einmal ein Wissen von etwas.
Denn ein „Wissen von etwas" ist tot und daher dinglich.
Außerdem gehört dieses Wissen immer der Vergangenheit an.
Gott ist jedoch weder in der Vergangenheit,
noch in der Zukunft.
Gott ist Jetzt.
Immer Jetzt.
Und Hier.
Und immer Hier.
Schließe deine Augen und sieh.
Und dann öffne deine Augen und sieh.
Und dann schließe sie weder, noch öffne sie, und sieh.
Die Offenbarung dessen, was ist

Die Vergangenheit ist nicht.


Noch ist die Zukunft.
Der Verstand jedoch bewegt sich in diesen
beiden nicht-existenten Sphären.
Daher das Elend.
Im Verstand zu leben heißt im Elend leben.
Im Leid und in der Hölle.
Der Verstand ist die Hölle.
Mach dir dies mit einem Schlag klar.
Und dann tut sich etwas Neues auf.
Die Gegenwart tut sich auf.
Das, was ist, tut sich auf.
Und die Gegenwart ist das einzige Sein.
Oder das Dasein.
Sei darin und du bist frei.
Lebe darin und du bist glückselig.
Öffne deine inneren Türen und Fenster

Verschließe dich nicht dem Universum.


Öffne also deine Türen und Fenster.
Und laß alles ungehindert herein und hinaus - hinaus und herein.
Denn nur dann bist du fähig, die Wahrheit zu empfangen.
Durchbruch in die Meditation

Du kannst nichts Großes erreichen, ohne verrückt zu werden.


Das heißt, ohne die gewöhnliche Bewußtseinsebene zu durchbrechen,
ohne tieferliegende verborgene Kräfte freizusetzen
oder ohne in höhere Bereiche einzudringen.
Das mag für andere große Dinge nicht zutreffen,
aber für die Meditation ist es absolut gültig.
Meditation bedeutet Verrücktheit, aber natürlich mit Methode.
Meditation erfordert Verstehen — keine Anstrengung

Meditation erfordert Verstehen, keine Anstrengung.


Denn Verstehen ist das Wesentliche — nicht die Anstrengung.
Und mach dir immer wieder klar, daß du das Verstehen
durch keinerlei Anstrengung ersetzen kannst.
Aber was meine ich mit Verstehen?
Mit Verstehen meine ich, ein natürliches Leben zu führen.
Aber du kannst nicht bewußt versuchen, natürlich zu sein.
Das ist ein Widerspruch in sich.
Du kannst natürlich sein, aber du kannst es nicht versuchen.
Verstehst du das?
Suzuki erzählt eine Geschichte:
Einst fragte ein Mönch einen der alten chinesischen Meister:
„Was ist der Weg?"
Der Meister gab zur Antwort:
„Der natürliche — der gewöhnliche Weg."
„Wie", fragte der Mönch weiter,
„kann ich damit in Einklang kommen?"
„Wenn du versuchst, damit in Einklang zu kommen",
sagte der Meister, „dann kommst du vom Weg ab."
Bedeutet dies, daß man es nicht versuchen soll?
Nein — denn das wäre auch eine Art Versuch.
Natürlich ein indirekter,
aber dahinter steckt immer noch eine Absicht.
Das wird auch nicht helfen.
Sondern sieh einfach das Dilemma ganz klar,
und du bist es los.
Oder etwa nicht?
44 Meditation geht über das Wissen hinaus

Meditation liegt jenseits des Wissens.


Du kannst es sein, aber du kannst nicht wissen, was es ist.
Alles Wissen ist oberflächlich.
Und niemals etwas anderes als äußerliche Bekanntschaft.
Es ist immer über etwas,
nie die Sache selbst.
Als der chinesische Kaiser Wu zu Bodhidarma kam,
fragte er den Meister:
„Was ist die allerheiligste Wahrheit?"
Bodhidarma lachte und erwiderte:
„Nichts Heiliges, Herr, es ist die Leere selbst."
Natürlich fühlte Wu sich vor den Kopf gestoßen,
doch er fragte weiter:
„Wer ist dann der, der gerade vor mir steht?"
Bodhidarma sagte einfach: „Ich weiß es nicht."
Erkennst du die Schönheit, die darin liegt?
Und die Wahrheit?
Und die Unschuld?
Und die Heiligkeit?
Und die Fülle?
Und die unendliche Endgültigkeit?
Was ist Meditation?

Verstand bedeutet Bewußtsein irgendwo


gebündelt,
ausgerichtet
und angespannt.
Meditation bedeutet Bewußtsein nirgendwo.
Und wenn es nirgendwo ist, ist es überall.
Ungebunden,
nicht auf einen Punkt gerichtet,
und entspannt.
Der Verstand ist seiner Natur nach Angst und Verkrampfung.
Meditation: Ekstase.
Halte dein Bewußtsein nicht wie eine Katze an der Leine.
Gerade diese Behandlung
oder Mißhandlung erzeugt den Verstand.
Das Bewußtsein muß sich selbst überlassen bleiben.
Mit vollkommener Bewegungsfreiheit.
Und so sein, wie es seiner Natur entspricht.
Mach es nirgendwo fest.
Teile es nicht auf.
Das ist die Essenz meiner Disziplin der Nicht-Disziplin.
Bewahre die vollkommene Beweglichkeit deines Bewußtseins,
und dann wirst du nicht sein.
Und wenn du nicht bist und nur Bewußtsein ist,
dann stehen dir zum ersten Mal
die Tore zum Göttlichen offen.