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Theodor H. Schiebler Horst-W.

Korf

Anatomie
Histologie, Entwicklungsgeschichte,
makroskopische und mikroskopische Anatomie,
Topographie
Unter Berücksichtigung des Gegenstandskatalogs
10., vollständig überarbeitete Auflage
Theodor H. Schiebler Horst-W. Korf

Anatomie
Histologie, Entwicklungsgeschichte,
makroskopische und mikroskopische Anatomie,
Topographie

Unter Berücksichtigung des Gegenstandskatalogs

10., vollständig überarbeitete Auflage

Mit 538 Abbildungen in 842 Einzeldarstellungen


und 111 Tabellen
Professor Dr. med. Dr. h.c. (Nancy) Theodor Heinrich Schiebler
Friedrich-Ebert-Straße 6
D-97209 Veitshöchheim

Professor Dr. med. Horst-Werner Korf


Dr. Senckenbergische Anatomie
Fachbereich Medizin
der J. W. Goethe-Universität Frankfurt/Main
Theodor-Stern-Kai 7
D-60590 Frankfurt/Main

1.–9. Auflage sind im Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York, erschienen

ISBN 978-3-7985-1770-7 Steinkopff Verlag

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Inge Szasz, Frankfurt
Günther Hippmann, Schwarzenbruck
SPIN 11548720 85/7231 – 5 4 3 2 1 0 – Gedruckt auf säurefreiem Papier
„wie du dem Menschen gegenüberstehst“
Leonardo da Vinci (1493)
VII

Inhaltsverzeichnis
1 Einführung in die Anatomie . . . . . . . . 1 3.6.2 Mesoderm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
1.1 Gestalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 3.6.3 Entoderm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
1.2 Bauplan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 3.6.4 Ausbildung der Körperform . . . . . . . . 116
3.7 Fetalperiode . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.8 Neugeborenes . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
2 Histologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 3.9 Mehrlinge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
2.1 Epithelgewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.10 Fehlbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
2.1.1 Oberflächenepithel . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.1.2 Drüsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.2 Binde- und Stützgewebe . . . . . . . . . . 32 4 Blut und Immunsystem . . . . . . . . . . . 125
2.2.1 Bindegewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 4.1 Blut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
2.2.2 Stützgewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 4.1.1 Blutplasma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
2.3 Muskelgewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 4.1.2 Erythrozyten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
2.3.1 Glatte Muskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . 59 4.1.3 Leukozyten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
2.3.2 Skelettmuskulatur . . . . . . . . . . . . . . . 61 4.1.4 Thrombozyten . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
2.3.3 Herzmuskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 4.2 Blutbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
2.3.4 Myoepithelzellen, Myofibroblasten, 4.3 Abwehr-/Immunsystem . . . . . . . . . . . 136
Perizyten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 4.3.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
2.4 Nervengewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 4.3.2 Angeborene Immunität . . . . . . . . . . . 138
2.4.1 Neuron, Nervenzelle . . . . . . . . . . . . . . 70 4.3.3 Erworbene Immunität . . . . . . . . . . . . 140
2.4.2 Synapsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 4.3.4 Allergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
2.4.3 Nervenfasern und Nerven . . . . . . . . . . 79 4.4 Lymphknoten . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
2.4.4 Gliazellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.5 Grundzüge histologischer Techniken . . 87
2.5.1 Untersuchungen an lebenden Zellen 5 Allgemeine Anatomie
und Geweben . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 des Bewegungsapparates . . . . . . . . . 155
2.5.2 Untersuchungen an toten oder 5.1 Knochen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
abgetöteten Zellen und Geweben . . . . . 88 5.1.1 Knochenformen . . . . . . . . . . . . . . . . 156
2.5.3 Zytochemie, Histochemie . . . . . . . . . . . 90 5.1.2 Periost . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
2.5.4 Verfahren zur Gewinnung räumlicher 5.1.3 Leichtbau der Knochen . . . . . . . . . . . 157
Bilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 5.1.4 Funktionelle Anpassung . . . . . . . . . . . 159
5.1.5 Kalziumstoffwechsel und Blutbildung . . 159
5.2 Gelenke und Bänder . . . . . . . . . . . . . 160
3 Allgemeine Entwicklungsgeschichte . . . 91 5.2.1 Synarthrose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
3.1 Befruchtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 5.2.2 Diarthrose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
3.2 Entwicklung des Keims 5.2.3 Sonderstrukturen und Hilfseinrichtungen 162
vor der Implantation . . . . . . . . . . . . . 94 5.2.4 Gefäße und Innervation . . . . . . . . . . . 162
3.2.1 Furchung und Blastozystenentwicklung . 94 3.2.5 Bewegungsführung von Gelenken . . . . 162
3.2.2 Tuben- und Uteruswanderung . . . . . . . 95 5.2.6 Gelenktypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
3.3 Implantation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 5.2.7 Funktionelle Anpassung und Alterung . 165
3.4 Plazenta und Eihäute . . . . . . . . . . . . . 97 5.3 Muskeln, Sehnen und Muskelgruppen . 166
3.4.1 Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 5.3.1 Muskeln als Individuen . . . . . . . . . . . . 167
3.4.2 Reife Plazenta und Eihäute, Amnion . . . 100 5.3.2 Bindegewebige Hüllsysteme . . . . . . . . 168
3.5 Frühentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . 106 5.3.3 Sehnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
3.6 Embryonalperiode . . . . . . . . . . . . . . . 111 5.3.4 Hilfseinrichtungen von Muskeln
3.6.1 Ektoderm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 und Sehnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
VIII Inhaltsverzeichnis

5.3.5 Muskelmechanik, Muskelwirkung 9 Rücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227


auf Gelenke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 9.1 Wirbelsäule, allgemein . . . . . . . . . . . . 228
5.3.6 Innervation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 9.1.1 Osteologie der Wirbel . . . . . . . . . . . . . 228
5.3.7 Muskelgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 9.1.2 Wirbelgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
5.3.8 Anpassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 9.1.3 Entwicklung der Wirbelsäule
5.4 Allgemeine Aspekte der Biomechanik . 175 und der Rückenmuskulatur,
Entwicklungsstörungen . . . . . . . . . . . . 229
9.1.4 Verbund der Wirbelsäule . . . . . . . . . . . 232
6 Blutkreislauf und Herz, Lymphgefäße – 9.2 Wirbelsäule, speziell . . . . . . . . . . . . . . 236
Allgemeine Organisation . . . . . . . . . . 177 9.2.1 Halswirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
6.1 Überblick über den Blutkreislauf . . . . . 178 9.2.2 Brustwirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
6.2 Entwicklung des Blutkreislaufs . . . . . . 180 9.2.3 Lendenwirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . 238
6.2.1 Herzentwicklung und Entwicklung 9.2.4 Kreuzbein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
der herznahen Gefäße . . . . . . . . . . . . 181 9.2.5 Steißbein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
6.3 Fetaler Kreislauf und seine Umstellung 9.2.6 Eigenform und Beweglichkeit
auf den postnatalen, bleibenden der Wirbelsäule . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
Kreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 9.3 Rückenmuskeln . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
6.4 Fehlbildungen am Herzen 9.3.1 Oberflächliche Rückenmuskeln . . . . . . . 242
und im Kreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . 188 9.3.2 Tiefe Rückenmuskeln . . . . . . . . . . . . . 243
6.5 Blutgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 9.3.3 Nackenmuskeln . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
6.5.1 Wandbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 9.4 Faszien des Rückens . . . . . . . . . . . . . 249
6.5.2 Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 9.5 Topographie und angewandte Anatomie
6.5.3 Mikrozirkulation . . . . . . . . . . . . . . . . 191 des Rückens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
6.5.4 Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
6.5.5 Sonderstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . 194
6.5.6 Regulation der Durchblutung . . . . . . . 195 10 Thorax . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
6.6 Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 10.1 Gliederung des Thorax . . . . . . . . . . . . 254
6.6.1 Systematik der Lymphgefäße . . . . . . . . 197 10.2 Brustdrüse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
10.3 Oberflächliche Thoraxmuskulatur . . . . . 258
7 Organisation des peripheren 10.4 Thoraxwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Nervensystems . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 10.4.1 Knöcherner Thorax, Bänderthorax . . . . . 260
7.1 Nn. spinales . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 10.4.2 Tiefe Thoraxmuskulatur und Faszien
7.2 Nn. craniales . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 des Thorax . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
7.3 Autonome Nerven . . . . . . . . . . . . . . 205 10.4.3 Gefäße und Nerven der Thoraxwand . . . 263
7.3.1 Sympathikus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 10.5 Zwerchfell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
7.3.2 Parasympathikus . . . . . . . . . . . . . . . . 209 10.6 Thorax als Ganzes und Atemmechanik . 267
7.3.3 Afferenzen und autonome Geflechte . . 210 10.7 Brusthöhle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
7.3.4 Darmnervensystem . . . . . . . . . . . . . . 211 10.7.1 Pleura und Pleurahöhle . . . . . . . . . . . . 269
10.7.2 Atmungsorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
10.8 Mediastinum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
8 Haut und Hautanhangsorgane . . . . . . 213 10.8.1 Herzbeutel, Herz
8.1 Epidermis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 und große Gefäßstämme . . . . . . . . . . . 280
8.2 Dermis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 10.8.2 Oberes, hinteres
8.3 Tela subcutanea . . . . . . . . . . . . . . . . 219 und vorderes Mediastinum . . . . . . . . . 293
8.4 Blut- und Lymphgefäße . . . . . . . . . . . 219
8.5 Nerven und Rezeptororgane . . . . . . . 221
8.6 Drüsen der Haut . . . . . . . . . . . . . . . 222 11 Abdomen und Pelvis . . . . . . . . . . . . . 307
8.7 Pili . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 11.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
8.8 Ungues . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 11.2 Oberflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
IX
aInhaltsverzeichnis

11.2.1 Bauchoberfläche . . . . . . . . . . . . . . . . 308 13 Kopf und Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . 581


11.2.2 Beckenoberfläche . . . . . . . . . . . . . . . . 309 13.1 Kopf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 582
11.3 Bauchwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 13.1.1 Schädel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 582
11.3.1 Bauchmuskeln und Faszien . . . . . . . . . 310 13.1.2 Gesicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 601
11.3.2 Aufgaben der Bauchwand . . . . . . . . . . 314 13.1.3 Mundhöhle und Kauapparat . . . . . . . . 605
11.3.3 Regio inguinalis . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 13.1.4 Nase, Nasenhöhle
11.4 Becken und Beckenwände . . . . . . . . . 320 und Nasennebenhöhlen . . . . . . . . . . . 626
11.4.1 Hüftbein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 13.1.5 Topographie des Kopfes . . . . . . . . . . . 629
11.4.2 Articulatio sacroiliaca . . . . . . . . . . . . . 322 13.2 Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 632
11.4.3 Becken als Ganzes . . . . . . . . . . . . . . . 323 13.2.1 Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 632
11.4.4 Beckenraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 13.2.2 Zungenbein, Zungenbeinmuskulatur,
11.4.5 Beckenmuskeln und Faszien . . . . . . . . . 326 weitere Halsmuskeln . . . . . . . . . . . . . 636
11.5 Cavitas abdominalis et pelvis . . . . . . . 329 13.2.3 Fascia cervicalis, Spatien . . . . . . . . . . . 639
11.5.1 Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 13.2.4 Organe des Halses . . . . . . . . . . . . . . . 640
11.5.2 Peritoneum und Peritonealhöhle . . . . . . 330 13.2.5 Topographie des Halses . . . . . . . . . . . 654
11.5.3 Bauchsitus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 13.3 Leitungsbahnen an Kopf und Hals,
11.5.4 Organe des Verdauungssystems . . . . . . 347 systematische Darstellung . . . . . . . . . 656
11.5.5 Milz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 13.3.1 Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 656
11.5.6 Spatium extraperitoneale . . . . . . . . . . . 379 13.3.2 Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 661
11.5.7 Nebenniere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384 13.3.3 Lymphgefäßsystem . . . . . . . . . . . . . . 663
11.5.8 Harnorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 13.3.4 Nerven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 665
11.5.9 Männliche Geschlechtsorgane . . . . . . . 404
11.5.10 Weibliche Geschlechtsorgane . . . . . . . . 420
11.6 Leitungsbahnen in Abdomen und Pelvis 439 14 Sinnesorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . . 681
11.6.1 Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 14.1 Organe der somatischen
11.6.2 Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 und viszeralen Sensibilität . . . . . . . . . 682
11.6.3 Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 14.2 Sehorgan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 683
11.6.4 Nerven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 446 14.2.1 Bulbus oculi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 683
14.2.2 Hilfsapparat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 697
14.2.3 Gefäße und Nerven der Orbita . . . . . . 701
12 Extremitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 14.3 Hör- und Gleichgewichtsorgan . . . . . . 704
12.1 Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450 14.3.1 Äußeres Ohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 704
12.2 Schultergürtel und obere Extremität . . 454 14.3.2 Mittelohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 706
12.2.1 Osteologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454 14.3.3 Innenohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 711
12.2.2 Schultergürtel und Schulter . . . . . . . . . 461 14.3.4 Hörorgan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 712
12.2.3 Oberarm und Ellenbogen . . . . . . . . . . 473 14.3.5 Gleichgewichtsorgan . . . . . . . . . . . . . 716
12.2.4 Unterarm und Hand . . . . . . . . . . . . . . 478
12.2.5 Leitungsbahnen im Schulter-/Armbereich 500
12.2.6 Topographie und angewandte Anatomie 511 15 Zentralnervensystem . . . . . . . . . . . . . 719
12.3 Untere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . 517 15.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 720
12.3.1 Osteologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 517 15.2 Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 724
12.3.2 Hüfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 526 15.2.1 Entwicklung von Nervenzellen
12.3.3 Oberschenkel und Knie . . . . . . . . . . . . 536 und Gliazellen . . . . . . . . . . . . . . . . . 724
12.3.4 Unterschenkel und Fuß . . . . . . . . . . . . 547 15.2.2 Entwicklung des Rückenmarks . . . . . . . 726
12.3.5 Stehen und Gehen . . . . . . . . . . . . . . . 562 15.2.3 Entwicklung des Gehirns . . . . . . . . . . 728
12.3.6 Leitungsbahnen der unteren Extremität . 564 15.2.4 Entwicklung des peripheren
12.3.7 Topographie und angewandte Anatomie 574 Nervensystems . . . . . . . . . . . . . . . . . 732
15.3 Gehirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 734
15.3.1 Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 734
X Inhaltsverzeichnis

15.3.2 Telencephalon . . . . . . . . . . . . . . . . . 735 15.5.9 Vegetative Zentren . . . . . . . . . . . . . . . 838


15.3.3 Diencephalon . . . . . . . . . . . . . . . . . . 748 15.5.10 Neurotransmittersysteme . . . . . . . . . . . 839
15.3.4 Hypophyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 757 15.5.11 Besondere Leistungen des menschlichen
15.3.5 Truncus encephali . . . . . . . . . . . . . . . 762 Gehirns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 843
15.3.6 Cerebellum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 784 15.6 Hüllen des ZNS, Liquorräume,
15.4 Rückenmark . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 791 Blutgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 845
15.5 Neurofunktionelle Systeme . . . . . . . . 804 15.6.1 Hüllen von Gehirn und Rückenmark . . . 845
15.5.1 Motorische Systeme . . . . . . . . . . . . . . 804 15.6.2 Äußerer Liquorraum und Ventrikelsystem 849
15.5.2 Sensorisches System . . . . . . . . . . . . . 814 15.6.3 Sinus durae matris . . . . . . . . . . . . . . . 852
15.5.3 Olfactorisches System . . . . . . . . . . . . 820
15.5.4 Gustatorisches System . . . . . . . . . . . . 821
15.5.5 Visuelles System . . . . . . . . . . . . . . . . 822 Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 855
15.5.6 Auditives System . . . . . . . . . . . . . . . . 828
15.5.7 Vestibuläres System . . . . . . . . . . . . . . 830
15.5.8 Limbisches System . . . . . . . . . . . . . . 832 Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 857
XI

Vorwort zur 10. Auflage


Vieles hat sich gewandelt: das Fühlen, Denken, Werten und Handeln der Ärzte ist
anders geworden, auch das Lehren und Lernen. Die Medizin von heute ist nicht
mehr jene von gestern. Das Erlernen der Anatomie bleibt jedoch eine wesentliche
Voraussetzung für jede ärztliche Tätigkeit.
Anatomie ist ein Fach zwischen Tradition und Zukunft. Viele Fakten, die Sie
kennen lernen werden, wurden von unseren Altvorderen erarbeitet und bleiben
gültig. Doch es ist weiter gegangen und hat schließlich zur gegenwärtigen funktio-
nellen Betrachtungsweise der Anatomie und zur Eroberung der molekularen Di-
mension geführt. Dies hat eine enorme Ausweitung des Faches Anatomie und damit
die Verknüpfung mit anderen Grundlagenfächern, der Physiologie und physiologi-
schen Chemie, aber vor allem mit der Klinik mit sich gebracht. Auf dieser Basis
wird Ihnen in diesem Buch Anatomie vermittelt.
Liebe Studentin, lieber Student, dieses Buch ist für Sie geschrieben. Es vermittelt
Ihnen als klassisches Lehrbuch straff und prägnant das für die Examina und die
spätere berufliche Tätigkeit notwendige anatomische Wissen. Gleichzeitig führt es
Sie in ärztliche Denkweisen und die ärztliche Sprache ein. Schon als Lernender sol-
len Sie beim Studium der Anatomie den lebenden Menschen vor sich sehen. Die
Darstellung geht daher von der klinischen Relevanz aus und folgt dem Motto: »wie
du dem Menschen gegenüber stehst«.
Das Buch geht aber noch weiter. Es ist eng mit interaktiven internet-basierten
Lernprogrammen (e-learning) verbunden, die an der Dr. Senckenbergischen Anato-
mie der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main entwickelt wurden. Hier-
durch wird die neue Auflage der ANATOMIE um einen Atlas der Histologie und mi-
kroskopischen Anatomie erweitert, der alle gängigen und examensrelevanten Prä-
parate in verschiedenen Vergrößerungen darstellt und durch Kurzbeschreibungen
erläutert. Weitere interaktive Lernprogramme gibt es zu den Grundlagen der Ana-
tomie, zur Osteologie und Angiologie sowie zum Thorax. Diese Programme fördern
Ihre Lerneffizienz und stehen Ihnen online unter www.schieblerkorf.de zur Verfü-
gung *. Die Entwicklung der Programme wurde dankenswerterweise finanziell
durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie den Fachbereich
Medizin der J. W. Goethe-Universität gefördert.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg beim Studium der Anatomie, gleichzeitig eine in-
teressante Zeit bei der Beschäftigung mit dem Stoff und Freude daran. Gerne stehen
wir Ihnen als Ratgeber zur Seite und sind für kritische Hinweise und Verbesse-
rungsvorschläge dankbar. Ihre Meinung zu der Verknüpfung von klassischem Lehr-
buch mit dem e-learning-Programm im Internet interessiert uns sehr, denn es geht
um die Erweiterung des Programms. Bitte schreiben Sie uns. Sie erreichen uns per
E-Mail unter schieblerkorf@gmx.de.

* Diese Programme gibt es auch als CD; sie kann gegen einen Unkostenbeitrag von 7 1 (incl. Porto)
über die Dr. Senckenbergische Anatomie, Fachbereich Medizin der J. W. Goethe Universität,
Theodor-Stern-Kai 7, 60590 Frankfurt (Tel. 069 6301 6901; E-mail: Kaethe.Neumann@em.uni-
frankfurt.de) bezogen werden.
XII Vorwort zur 10. Auflage

Danksagungen. Unser Dank geht an erster Stelle an Herrn Dr. T. Thiekötter in der
Geschäftsführung des Springer Medizin Verlages, und Frau S. Ibkendanz, Verlags-
leiterin beim Dr. Dietrich Steinkopff Verlag. Durch sie wurde die 10. Auflage der
ANATOMIE möglich. Entscheidend war für uns die Mitarbeit von Frau U. Schiebler,
die in aufopferungsvollem Einsatz und äußerst kompetent die gesamte Texterfas-
sung durchgeführt hat. Herzlichen Dank. Unterstützung fanden wir bei der Compu-
tererfassung und Manuskriptbearbeitung durch große Hilfsbereitschaft von Herrn
M. Christof, Herrn B. Dranga, Frau P. Joa, Frau D. von Meltzer und Frau K. Neu-
mann. Geholfen haben uns durch ihren Rat die Herren em. Prof. Dr. W. Schmidt,
Innsbruck, Prof. Dr. M. Davidoff, Hamburg, Prof. Dr. A. Brehmer, Erlangen und
auf studentischer Seite vor allem Matthias Fröhlich und Sebastian Brand, jedoch
auch andere. Unser Dank geht auch an die zurückgetretenen Autoren früherer Auf-
lagen der ANATOMIE, die das Wachstum des Buches beginnend mit der 1. Auflage
1976 mitgetragen haben. Hervorzuheben ist die zeichnerische Kunstfertigkeit von
Frau I. Szasz, die alle neuen Abbildungen angefertigt und die Korrekturen an vor-
handenen in dankenswerter Weise durchgeführt hat. Die e-learning-Programme
zum Kursus der Histologie und mikroskopischen Anatomie wurden unter akribi-
scher Federführung von Herrn Priv.-Doz. Dr. med. F. Dehghani und tatkräftiger
Mitarbeit von Herrn F. Fußer und Herrn A. Kosowski erstellt. Die e-learning-Pro-
gramme zur makroskopischen Anatomie sind dem Ideenreichtum, der Kreativität
und der fachlichen Kompetenz von Herrn Priv.-Doz. Dr. rer. nat. H. Wicht zu ver-
danken, der die Lerneinheiten gemeinsam mit Frau Priv.-Doz. Dr. rer. nat. G. Klauer
und Herrn Dr. med. S. Kornfeld entwickelt hat. Graphische Gestaltung und Pro-
grammierung sind das Ergebnis der professionellen Arbeit von Frau Dipl.-Des.
B. Schwalm und Herrn Dipl.-Ing. S. Grotta. Frau Dipl.-Ing. K. Lang leistete wertvolle
Dienste bei allen Fragen rund ums Internet. Allen Genannten gilt unser herzlicher
Dank für ihr unermüdliches Engagement. Sehr dankbar sind wir auf der Seite des
Steinkopff Verlages unserer Betreuerin Frau Dr. A. Gasser für stete Freundlichkeit
und Bereitschaft auf unsere Wünsche einzugehen, Frau C. Funke für das ausgezeich-
nete Lektorat. Frau S. Lüttges für die Erfassung der Stichworte des Sachregisters.
Herausragend war die Zusammenarbeit mit Herrn K. Schwind, der die Herstellung
des Buches mit Pfiff, großer Erfahrung, vielen eigenen Ideen und größtem Engage-
ment durchgeführt hat. Last but not least danken wir den Mitarbeitern der Setzerei
und Druckerei sowie zahlreichen ungenannten Helfern im Hintergrund. Ohne sie
wäre es nicht gegangen.

Veitshöchheim, Frankfurt am Main T. H. Schiebler


im September 2007 H.-W. Korf
XIII

Hinweise zur Benutzung


dieses Lehrbuchs
Liebe Leserin, lieber Leser,

bevor Sie mit Ihrer Arbeit beginnen, sollen Sie erfahren, wie dieses Buch konzipiert
und aufgebaut ist.
Zunächst bitten wir Sie, sich nicht durch den Umfang des Buches beeinträchti-
gen zu lassen. Er wird vor allem von den repetitiven und erläuternden Elementen
hervorgerufen, die der Wiederholung, dem Verständnis und der Horizonterweite-
rung dienen. Sie sind typographisch abgesetzt und leicht zu erkennen. Was den
zu erarbeitenden Stoff angeht, bewegt sich das Buch auf der Ebene eines Kurzlehr-
buches. Es ist konzis, prägnant, lerngerecht, examensorientiert, kliniknah und auf
das Wesentliche ausgerichtet. Inhaltlich werden die makroskopische Anatomie ein-
schließlich der Topographie, die Entwicklungsgeschichte, Histologie mit integrier-
ter Zytologie und die mikroskopische Anatomie behandelt, also die Anatomie in ih-
rer Gesamtheit.
Gegliedert ist das Buch in einführende, stärker allgemein gehaltene und speziel-
le Kapitel mit Besprechung der einzelnen Gebiete. In den einführenden Kapiteln fin-
den Sie die Grundbegriffe, die Sie immer wieder nachschlagen können. Die speziel-
len Kapitel basieren auf dem Konzept, Zusammenhänge darzustellen, sodass Sie
den Menschen als Ganzes sehen können.
Lerngerecht wird der Stoff durch eine starke Strukturierung des Textes und
Hervorhebungen innerhalb des Drucks. Sie sehen sofort, worauf es ankommt. Ei-
nige Leitungsbahnen tragen das Symbol + , um anzudeuten, dass diese besonders
im Gedächtnis bleiben sollen. Ergänzt wird der Text durch Tabellen und Abbildun-
gen. Die Abbildungen sind schematisch gehalten und heben das Wesentliche hervor.
Das Buch ist nach dem Modul-Prinzip aufgebaut, so dass Sie jeden Abschnitt
unabhängig von anderen bearbeiten können. Modul-Prinzip bedeutet, dass jedes
Teilgebiet in Bausteine gegliedert ist, die mit Angabe der Lernziele unter der Be-
zeichnung »Kernaussagen« beginnen und mit einer Zusammenfassung unter der
Bezeichnung »In Kürze« enden. Bei umfangreicheren Modulen mit Unterkapiteln
sind weitere Kernaussagen unter der Bezeichnung »Wichtig« eingefügt, um zu ver-
hindern, dass Sie den Faden verlieren. Im Kapitel Zentralnervensystem werden Sie
mit satzförmigen Zwischenüberschriften durch den Stoff geführt.
Für die konkrete Lernarbeit empfehlen wir Ihnen, zunächst Kernaussagen und
Zusammenfassungen zur Kenntnis zu nehmen. Dann kennen Sie das Gerüst des Ka-
pitels. Wenn Sie beim anschließenden Lesen eines Kapitels auf zunächst Nichtver-
standenes stoßen, haben Sie keine Scheu darüber hinwegzugehen. Das Verständnis
kommt bei der Repetition. Im Vordergrund muss immer die Erarbeitung des
Gerüstes stehen.
Die Kliniknähe wird durch »Klinische Hinweise«, vor allem aber durch die Aus-
wahl des schier unbegrenzten Stoffes erreicht. Verblieben ist das für die Examina,
für Ihre weitere Ausbildung zum Arzt und für Ihre spätere Tätigkeit Wichtige.
Um Ihnen die Lernarbeit zu erleichtern, ist die 10. Auflage der ANATOMIE
durch internet-basierte, interaktive Lernprogramme (e-learning) ergänzt, die an
der Dr. Senckenbergischen Anatomie der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt
XIV Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuchs

am Main entwickelt wurden. Hierdurch wird die neue Auflage der ANATOMIE um
einen Atlas der Histologie und mikroskopischen Anatomie erweitert, der alle gän-
gigen und examensrelevanten Präparate in verschiedenen Vergrößerungen darstellt
und durch Kurzbeschreibungen erläutert. Mit fanatomic (Frankfurter Anatomie im
Computer) steht Ihnen ein weiteres Lernprogramm mit ausgewählten Kapiteln der
makroskopischen und systematischen Anatomie (Körperregionen, Ebenen, Bewe-
gungen, Osteologie, Kreislaufsystem und Thoraxraum) zur Verfügung.
Beide Lernprogramme finden Sie im Internet unter www.schieblerkorf.de. An al-
len Stellen, an denen es Verknüpfungen zu den elektronischen Lernprogrammen
gibt, erscheint im Buch das Symbol . Verweise zum elektronischen Histologie-
atlas sind mit H und der entsprechenden Präparatenummer gekennzeichnet. Bei
den Verweisen auf fanatomic folgt dem der Text aus dem dortigen Inhaltsver-
zeichnis.

Beispiele. Um Text und Abbildungen über mehrschichtiges verhorntes Plattenepi-


thel der Haut (im Text mit H4 bezeichnet) zu finden, klicken Sie auf der Webseite
www.schieblerkorf.de aufeinander folgend an: HistoOnline – Histologie: Kursus der
mikroskopischen Anatomie – Präparatenummern – 1 bis 10 – (bei Präparatenum-
mer 4) Haut: Mehrschichtiges verhorntes Plattenepithel. Um sich im Lernpro-
gramm über die Wirbelsäule (im Text mit Osteologie: Wirbelsäule bezeichnet)
zu informieren, klicken Sie aufeinander folgend an: fanatomic – Hier kommen
Sie direkt zur Online-Version – (Spalte Osteologie) Wirbelsäule.
Durch die Verwendung von Buch und elektronischen Medien können Sie Ihre
Lerneffektivität erheblich steigern.
Die Lernprogramme sind auch auf einer CD erhältlich, die Sie gegen eine
Schutzgebühr von 7 1 erwerben können. Die Adresse für die Bestellung finden
Sie in der Fußnote zum Vorwort.
Für das Erlernen der Anatomie sind Lehrbücher und Lernprogramme unerläss-
lich. Dennoch kann nichts die Anschauung im Präpariersaal und die Arbeit am Mi-
kroskop ersetzen. Nur dann bekommen Sie ein Gefühl für die wunderbare Ordnung
im menschlichen Körper und auch dafür, dass Strukturen die Grundlage jeder
Funktion sind.
Für Ihre Arbeit alles Gute und trotz der Mühe viel Freude daran. Wenn Sie Fra-
gen haben, stehen wir Ihnen zur Verfügung.

Ihre Scriptores
XV

Allgemeine Begriffe Grundlagen: Grundbegriffe

Alle Bezeichnungen erfolgen nach den Terminologia 4 externus, externa, externum, äußerer, äußere, äußeres
Anatomica (1998) 4 profundus, profunda, profundum, tief, der/die/das
tiefer gelegene
Körperabschnitte Grundlagen: Regionen 4 superficialis, oberflächlich, der/die/das oberflächli-
4 Caput, Kopf cher gelegene
4 Collum, Cervix, Hals 4 transversal, quer
4 Truncus, Stamm, Rumpf 4 sagittal, in Pfeilrichtung von vorne nach hinten
4 Thorax, Brust
4 Abdomen, Bauch Richtungsbezeichnungen von Bewegungen
4 Pelvis, Becken der Gliedmaßen Grundlagen: Bewegungen
4 Dorsum, Rücken 4 Extension, Streckung
4 Cavitas, (Körper-) Höhle 4 Flexion, Beugung
4 Membrum superius, obere Extremität 4 Abduktion, Wegführen in der Frontalebene
4 Brachium, Arm 4 Adduktion, Heranführen in der Frontalebene
4 Cubitus, Ellenbogen 4 Anteversion, Führung nach ventral
4 Antebrachium, Unterarm 4 Retroversion, Führung nach dorsal
4 Manus, Hand 4 Elevation, Erheben über die Horizontale
4 Membrum inferius, untere Extremität 4 Rotation, Innen- bzw. Außendrehung
4 Coxa, Hüfte 4 Zirkumduktion, Kreiseln
4 Femur, Oberschenkel
4 Genu, Knie Am Schädel werden zusätzlich verwendet
4 Crus, Unterschenkel 4 frontal, in Richtung Stirn
4 Pes, Fuß 4 nasal, in Richtung Nase
4 okzipital, in Richtung Hinterhaupt
Richtungsbezeichnungen Alle Richtungsbezeichnungen 4 basal, in Richtung Schädelbasis
sind unabhängig von der Stellung des Körpers im Raum
Grundlagen: Richtungen
4 cranial, kopfwärts
4 caudal, schwanz-/steißbeinwärts
4 ventral, bauchwärts
4 dorsal, rückenwärts
4 axial, in der Längsachse
4 peripher, zur Peripherie hin
4 dexter, dextra, dextrum, rechts, rechter, rechte, rechtes
4 sinister, sinistra, sinistrum, links, linke, linkes
4 anterior, weiter vorne, vordere, vorderer, vorderes
4 posterior, weiter hinten, hinterer, hintere, hinteres
4 superior, weiter oben, oberer, obere, oberes
4 inferior, unten, weiter unten, unterer, untere, unteres
4 lateral, seitlich, von der Mittelebene weg
4 medial, zur Mittelebene hin
4 median, in der Mittelebene gelegen
4 medius, der mittlere (von dreien) . Abb. Richtungs- und Lagebezeichnungen. Richtungsbezeich-
nungen (schwarze Pfeile), Ebenen und Achsen (rote Linien) in Be-
4 proximal, näher zum Rumpf zug auf den Menschen in Normalstellung. Achsen und Ebenen
4 distal, entfernter vom Rumpf (nicht die Medianebene) können in beliebiger Zahl durch den
4 internus, interna, internum, innerer, innere, inneres Körper gelegt werden Grundlagen: Ebenen
XVI Allgemeine Begriffe · Abkürzungen

Am Gehirn bedeutet Körperebenen (Abb.) sind


4 rostral, stirnwärts 4 Horizontalebenen = Transversalebenen
4 Sagittalebenen
In der Histologie meint 4 Frontalebenen (parallel zur Stirn)
4 apikal, zur freien Oberfläche hin
4 basal, zur Basallamina hin Ein Sonderfall der Sagittalebene ist die
4 Medianebene = Mittelebene, sie zerlegt den Körper
Körperachsen (Abb.) Es stehen senkrecht aufeinander in zwei bilateral symmetrische Hälften
4 Sagittalachsen
4 Transversalachsen
4 Longitudinalachsen = Vertikalachsen

Abkürzungen
Im Text, in den Abbildungen und Tabellen werden folgende Abkürzungen gebraucht:

ant., anterior, -ius-, iores, -iora; A., Arteria; a., z. B. Sul- Mm., Musculi; N., Nervus; n., z. B. Rr. buccales n(ervi)
cus a(rteriae) vertebralis; Aa., Arteriae; caud., caudalis, facialis; Nn., Nervi; Nd., Nodus lymphaticus; Ndd., Nodi
-e, -es, -ia; cran., cranialis, -e, -es, -ia; dex., dexter, -tra, lymphatici; post., posterior, -ius, -iores, -iora; prof., pro-
-trum, -tri, -trae, tra; dist., distalis, -e, -es, -ia; dors., dor- fundus, -a, -um, -i, -ae, -a; prox., proximalis, -e, -es, -ia;
salis, -e, -es, -ia; ext., externus, -a, -um, -i, -ae, -a; R., Ramus; Rr., Rami; Reg., Regio; sin., sinister, -tra,
For., Foramen; Ggl., Ganglion; Ggll., Ganglia; Gl., Glan- -trum, -tri, -trae, -tra; superf., superficialis, -e, -es, -ia;
dula; Gll., Glandulae; inf., inferior, -ius, -iores, -iora; sup., superior, -ius, -iores, -iora; Tr., Tractus; V., Vena;
lat., lateralis, -e, -es, -ia; Lig., Ligamentum; Ligg., Liga- v., z. B. Bulbus v(enae) jugularis; Vv., Venae; vent., vent-
menta; maj., major, -us, -ores, -ora; med., medialis, -e, ralis, -e, -es, -ia.
-es, -ia; min., minor, -us, -ores, -ora; M., Musculus;
XVII

Grammatikalische Hinweise
Die Anwendung der Terminologia Anatomica erfolgt Hauptwortes (Substantiv). Zu berücksichtigen ist dabei,
nach den Regeln der lateinischen Sprache. dass es im Lateinischen verschiedene Beugungsformen
Dies bedeutet: Das Eigenschaftswort (Adjektiv) rich- (Deklinationen) gibt. Vier von ihnen sind mit Ziffern
tet sich in seiner Endigung nach Geschlecht (Genus), in den folgenden Beispielen aufgeführt:
Anzahl (Singular bzw. Plural) sowie Fall (Kasus) des

die tiefe Vene V. profunda die tiefen Venen Vv. profundae (1)
der tiefe Ring Anulus profundus die tiefen Ringe Anuli profundi (2)
das tiefe Band Ligamentum die tiefen Bänder Ligamenta profunda (2)
profundum
der oberflächliche Canalis superficialis die oberflächlichen Canales superficiales (3)
Kanal Kanäle
der quer verlaufende Processus transversus die quer verlaufenden Processus transversi (4)
Fortsatz Fortsätze

Achtung bei Worten wie anterior (vorne, der vordere), Beispiele: die Arterie für die Lippe: A. labialis (Plu-
z. B. Processus anterior – Processus anteriores, Liga- ral: Aa. labiales), der Nerv für das Hinterhaupt: N. occi-
mentum anterius – Ligamenta anteriora pitalis (Plural: Nn. occipitales), das Seitenband: Liga-
mentum collaterale (Plural: Ligamenta collateralia).
In der Terminologia Anatomica wird zu einer genauen
Bezeichnung einer Struktur zu einem übergeordneten
Begriff eine Bezeichnung adjektivisch angefügt.
1

Einführung in die Anatomie


1.1 Gestalt – 2
1.2 Bauplan – 3
2 Kapitel 1 · Einführung in die Anatomie

1 1 Einführung in die Anatomie

Kernaussagen | 1.1 Gestalt


5 Die Gestalt des Menschen ist uneinheitlich.
5 Ein Gestaltwechsel kann nur innerhalb einer Leonardo da Vinci (1453–1519) hatte sich für sein anato-
genetisch festgelegten Variationsbreite er- misches Werk zur Aufgabe gemacht, den Menschen so
folgen. zu erfassen »wie er dir gegenübersteht«. Gemeint ist
5 Der Bauplan des Menschen ist überindividu- das Erfassen der räumlichen Erscheinung des Men-
ell und setzt sich bis in den molekularen Be- schen, aber auch der inneren Zusammenhänge zwi-
reich fort. schen allen Bestandteilen des Körpers, die das Ganze
5 Alle Lebensvorgänge sind an das Vorhan- ausmachen. Hieraus hat sich die Lehre von der Gestalt,
densein dynamischer Strukturen gebunden. die Morphologie, entwickelt.
Die Erfahrung lehrt, dass alle Menschen einen ge-
Seit jeher ist es ein Grundbedürfnis der Menschen, meinsamen Bauplan haben, dass aber die Erscheinungs-
mehr über sich selbst zu erfahren. Deswegen ist die form der Gestalt variabel ist, denn in der Natur ist nicht
Anatomie die älteste medizinische Wissenschaft. Gestei- die Norm das Normale, sondern die Variabilität. Die Va-
gert ist das Grundbedürfnis nach anatomischem Wissen riationsbreite ist dabei genetisch festgelegt und kann
im Krankheitsfall. nicht überschritten werden. Auf dieser Basis erfolgt
Darüber hinaus spielt bei jeder Kommunikation von auch während des Lebens ein Gestaltwandel, z. B. wäh-
Menschen untereinander die Gestalt des jeweiligen Ge- rend des Wachstums oder beim Altern.
genüber, seine Bewegungseigentümlichkeiten und die Nach der körperlichen Beschaffenheit, aber auch
in der Haltung ausgedrückte Körpersprache eine kaum nach Art und Ablauf von Funktionen und Reaktionen
zu überschätzende Rolle. lässt sich trotz aller Zwischenformen, die die Regel sind,
Der Arzt muss zudem die Zusammenhänge zwi- unterscheiden zwischen
schen der individuellen körperlichen (und psychischen) 4 leptosom,
Erscheinung des Patienten und den evtl. durch Krank- 4 pyknisch und
heit bedingten Veränderungen erfassen. Dies erfordert 4 athletisch gebauten Menschen.
vom Anbeginn der Begegnung mit dem Patienten Wis- Hinzu kommt der
sen und Können in der Anatomie (des Gesunden) als 4 Geschlechtsdimorphismus.
zuverlässige Basis. Wie sollen sonst Veränderungen er-
fasst, gar verstanden werden. Völlig unerlässlich werden Der Leptosome ist schlankwüchsig, oft schmalbrüstig
Kenntnisse in der Anatomie jedoch bei Untersuchungen und langbeinig. Als asthenisch wird die Extremform
und Behandlungen (nicht nur in der Chirurgie). des Leptosomen bezeichnet.
Am Anfang des Studiums der Anatomie steht die Be- Der Pykniker ist gedrungen, eher kurzbeinig und
schäftigung mit der neigt zum Fettansatz.
4 Gestalt und dem Athletische Menschen sind muskulös, verfügen über
4 Bauplan des menschlichen Körpers. einen groben Knochenbau und straffes Hautbindege-
webe.
Geschlechtsdimorphismus. Er betrifft die primären
Geschlechtsmerkmale (innere und äußere Geschlechts-
a1.2 · Bauplan
3 1
organe) sowie die sekundären Geschlechtsmerkmale, die bilaterale Symmetrie erhalten, wenn sich auch die
die sich während der Pubertät ausbilden. Hervorste- beiden Körperhälften niemals spiegelbildlich gleichen.
chend sind Unterschiede in der Behaarung, der Brust- Dies äußert sich außerdem in der Seitigkeit: beispiels-
bildung, den Proportionen, der Größe des Kehlkopfs, weise der Rechtshänder verfügt nicht nur über eine
der Verteilung des Fettpolsters und der Ausbildung größere Geschicklichkeit auf dieser Seite, sondern auch
des Beckens. Dimorph ist auch der psychische Status. über eine kräftiger ausgebildete Muskulatur.

i Zur Information Kraniokaudale Ordnung. Sie ergibt sich aus dem auf-
Der Begriff der Gestalt spielt auch in Philosophie und Psycho-
rechten Gang des Menschen. Der kranial, »oben« liegen-
logie eine eminente Rolle. In der Philosophie wird die Gestalt
als Erscheinungsform des Geistes aufgefasst, in der Psycho- de Körperabschnitt ist der Kopf (Caput). Er trägt Öff-
logie als Einheit von (Sinnes-) Empfindungen und Leistungen nungen für Nahrungsaufnahme und Luftzufuhr. Der
der empfangenden und ausführenden Organe, z. B. des Bewe- Kopf wird vom Hals (Collum bzw. Cervix) beweglich ge-
gungsapparats. Dies bedingt die »Körpersprache«. halten. Die Hauptmasse des Körpers bildet der Rumpf
( Truncus). Er besteht aus dem knochenbewehrten Tho-
Gestaltwandel. Evident ist ein Gestaltwandel während rax, aus dem Bauch (Abdomen bzw. Venter), aus dem
der Entwicklung. Dabei verschieben sich die Größenver- Rücken (Dorsum) und aus dem Becken (Pelvis). Kopf,
hältnisse der einzelnen Körperteile. Als Maßeinheit gilt Hals und Rumpf werden auch unter der Bezeichnung
die Kopfhöhe. Während beim Neugeborenen der Körper Stamm zusammengefasst. An der vorderen Rumpfwand
4 Kopfhöhen entspricht, sind es beim Erwachsenen 8 sind die primär für die Lokomotion ausgebildeten
(. Abb. 3.18). Die Schamfuge bildet die Mitte. Abwei- Gliedmaßen (Extremitäten) befestigt. Die dorsal gelege-
chungen von diesem Schema ergeben sich in Abhängig- ne Wirbelsäule ist das wichtige, bewegliche Achsen-
keit von Geschlecht und Rasseeigentümlichkeiten. skelett. Es läuft in den Schwanz (Cauda) aus.
Außerdem können zahlreiche Faktoren modulierend Die dorsoventrale Ordnung ist allen Vertebraten und
auf die Gestalt Einfluss nehmen. So führt z. B. Nicht- den Menschen gemeinsam. Dorsal liegt die Wirbelsäule
gebrauch der Muskulatur zur Atrophie, Überbeanspru- (Columna vertebralis) mit dem Rückenmark (Medulla
chung hingegen zur Hypertrophie (Bodybuilding). Der spinalis).
Organismus als Ganzes ist nämlich ein sich selbst re-
gelndes System, das sich innerhalb seiner Variations-
breite den sich dauernd verändernden Umweltbedin- Segmentale Gliederung, Metamerie. Die verschiedenen
gungen optimal anpassen kann. Körperabschnitte lassen einen unterschiedlichen Bau-
plan erkennen. Die Rumpfwand zeigt das Phänomen
der Metamerie. Hierunter versteht man eine Folge
gleichartiger Bauteile (Segmente). Die metamere Glie-
1.2 Bauplan
derung ist beim Fisch noch sehr auffällig. Sie tritt beim
Menschen nur in der Embryonalperiode deutlich in Er-
Unter Bauplan werden generelle, überindividuelle Ge- scheinung (. Abb. 3.13). Reste der Metamerie beim Er-
meinsamkeiten des Menschen verstanden, die von wachsenen sind die segmental angeordneten Wirbel
Körperbautyp, psychischem Status, Hautfarbe und Ras- und Rippen, die Muskeln zwischen den Rippen und ei-
se unabhängig sind. Hierauf baut die Medizin auf, wes- nige Muskelgruppen am Rücken. Auch die Innervati-
halb »Ärzte ohne Grenzen« tätig werden können. onsfelder der Haut lassen noch die ursprüngliche Meta-
Charakteristisch für den Menschen sind seine merie erkennen (7 S. 115).
4 bilaterale Symmetrie, Unsegmentiert, d. h. nicht metamer angelegt, ist der
4 kraniokaudale und dorsoventrale Ordnung und Kopf (Caput) mit dem von Weichteilen umgebenen Ge-
4 segmentale Gliederung. hirnschädel (Neurocranium) und Gesichtsschädel (Vis-
cerocranium), der den Schlunddarm umschließt. Unseg-
Bilaterale Symmetrie. Sie besteht primär nicht nur für mentiert sind auch Gehirn und Rückenmark. Auch den
die äußere Körperform, sondern auch in den Anlagen Eingeweiden und der Leibeshöhle (Zölom) fehlt jegliche
der Organe und Systeme. Sie wird später durch die de- segmentale Gliederung. Das Zölom findet sich nur im
finitive Lage der Organe verwischt. Nur äußerlich bleibt Rumpf. Es fehlt im Kopf-, Hals- und Schwanzbereich.
4 Kapitel 1 · Einführung in die Anatomie

i Zur Information aller Art, mögen sie nun geformte Teilchen enthalten
1 Das Spektrum der Methoden, alle Einzelheiten des mensch- oder nicht, ihr Recht haben. Erst aus der Ermittlung
lichen Körpers und evtl. Veränderungen zu erfassen, ist groß. der Leistungen aller Bestandteile des Körpers und ihrer
Unerlässlich ist in der ärztlichen Praxis die visuelle Inspektion mannigfaltigen Wechselwirkungen wird am Ende eine
ohne jedes weitere Hilfsmittel. In der Anatomie bzw. Patholo-
gie wird sie durch die Präparation bzw. Sektion weitergeführt.
volle Erkenntnis der Lebensvorgänge und ihrer Störun-
Für die ärztliche Praxis haben jedoch die bildgebenden Ver- gen entstehen«.
fahren die denkbar größte Bedeutung. Sie reichen von der An- Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde die heute gülti-
wendung der Röntgenstrahlen (X-Strahlen) – auch in Form ge Lehre von der dynamischen Bauweise der lebendigen
der Computertomographie – bis zu Magnetresonanztomo- Materie entwickelt. Sie geht davon aus, dass sich alle Tei-
graphie, Positronenemissionstomographie und Sonographie.
le der Zellen und Gewebe nie in einem stationären, son-
dern immer in einem höchst dynamischen, dauerndem
Der Bauplan setzt sich aber weit über das Geschilderte
Wechsel unterworfenen, äußert labilen Zustand befin-
hinaus fort. Stationen auf diesem Weg sind in absteigen-
den. Dabei ist abgesichert, dass größere Einheiten, z. B.
der Größenordnung:
Membranen, erhalten bleiben, obgleich ihre Bausteine
4 Organe und Organsysteme
laufend ausgetauscht werden. Ermöglicht wird dies da-
4 Gewebe
durch, dass jeder Umbau geregelt erfolgt. Ein lebender
4 Zellen mit ihren Bestandteilen
Organismus mit all seinen Teilen bildet ein sich selbst
4 molekularer submikroskopischer Bereich.
regulierendes System. Intravital sind Strukturen daher
nie unverrückbar, sondern ein Vorgang: »Funktion ist
Organe sind geschlossene Funktionseinheiten mit be-
Geschehen im Molekulargefüge, d. h. Strukturwandel«
stimmten Leistungen, z. B. der Harnbildung der Niere.
(Bargmann, Anatom 1906–1978). Damit ist die Brücke
Jedes Organ besteht aus mehreren Geweben und hat ei-
von der Struktur zur Funktion geschlagen. Die Anato-
ne charakteristische innere Organisation. Untereinan-
mie bringt dabei den morphologischen Aspekt in die
der stehen die einzelnen Organe des Körpers in enger
Ganzheit des Geschehens ein.
Wechselbeziehung. Dort, wo sie zusammenwirken, bil-
den sie Organsysteme, z. B. Nervensystem, Verdauungs-
system, Urogenitalsystem, Gefäßsystem, endokrines Molekularer Bereich. Er wird von der Molekularbiologie
System usw. abgedeckt. Hierbei handelt es sich um einen Grenz-
bereich zwischen Morphologie, Biochemie und Physio-
Gewebe sind Verbände von Zellen, die einer gemein- logie. Die Molekularbiologie bemüht sich, den moleku-
samen Aufgabe dienen. Die Lehre von den Geweben laren Bau des Organismus in all seinen Teilen und seiner
ist die Histologie (7 S. 6). Die Grundgewebe sind Epi- Dynamik zu erfassen. Hier liegt der gegenwärtige Fort-
thelgewebe, Binde- und Stützgewebe, Muskelgewebe schritt in der Medizin. Die Molekularbiologie mit ihren
und Nervengewebe. Erkrankungen stehen in enger Be- enormen Auswirkungen auf die Klinik, vor allem auf die
ziehung zu Gewebeveränderungen. Therapie von Erkrankungen, ist Forschungsschwer-
punkt. Dabei spielt die Erkenntnis der Morphologie ei-
Die Zelle ist nach Rudolf Virchow (Pathologe, ne wesentliche Rolle, dass alle Systeme einschließlich
1821–1902) »das wirklich letzte Formelement aller leben- des molekularen Bereiches geordnet sind.
digen Erscheinungen, sowohl im Gesunden als auch im Die Verankerung dieser Erkenntnis, der morpholo-
Kranken«. Koelliker (Anatom, 1817–1905) ergänzte dies gische Gedanke, ist ein Leitfaden für das Studium der
durch die Aussage, dass »auch die Zwischensubstanzen Anatomie.
2

Histologie
2.1 Epithelgewebe – 7
2.1.1 Oberflächenepithel – 7
2.1.2 Drüsen – 22

2.2 Binde- und Stützgewebe – 32


2.2.1 Bindegewebe – 33
2.2.2 Stützgewebe – 46

2.3 Muskelgewebe – 58
2.3.1 Glatte Muskulatur – 59
2.3.2 Skelettmuskulatur – 61
2.3.3 Herzmuskulatur – 67
2.3.4 Myoepithelzellen, Myofibroblasten, Perizyten – 69

2.4 Nervengewebe – 70
2.4.1 Neuron, Nervenzelle – 70
2.4.2 Synapsen – 74
2.4.3 Nervenfasern und Nerven – 79
2.4.4 Gliazellen – 85

2.5 Grundzüge histologischer Techniken – 87


2.5.1 Untersuchungen an lebenden Zellen und Geweben – 88
2.5.2 Untersuchungen an toten oder abgetöteten Zellen
und Geweben – 88
2.5.3 Zytochemie, Histochemie – 90
2.5.4 Verfahren zur Gewinnung räumlicher Bilder – 90
6 Kapitel 2 · Histologie

2 Histologie
2

i Zur Information und Definition Im Einzelnen


Die Histologie ist die Lehre von den Geweben des Körpers. Hypertrophie, Atrophie. Bei der Hypertrophie kommt es ohne
Gewebe bzw. deren Untergruppen sind dynamische Zell- Zellvermehrung zur Vergrößerung der Zellen mit oder ohne
verbände, die Funktionsgemeinschaften bilden. Die Zellen ei- Zunahme der Interzellularsubstanz (z. B. Aktivitätshypertro-
nes Gewebes können gleiche morphologische und funktio- phie der Muskulatur durch Training). – Das Gegenteil heißt
nelle Eigenschaften haben, sich aber in Struktur und Auf- Atrophie. Bei gleich bleibender Zellzahl nehmen Zellvolumen
gabenstellung unterscheiden. Jedoch haben alle Zellen eines und Interzellularsubstanz ab = einfache Atrophie, z. B. Inaktivi-
Gewebes einen gemeinsamen Auftrag. tätsatrophie der Muskulatur nach längerer Ruhigstellung. Eine
Unterschieden werden 4 Grundgewebe: numerische Atrophie liegt vor, wenn die Zellzahl abgenommen
4 Epithelgewebe hat, z. B. durch Zelluntergang.
4 Bindegewebe und Stützgewebe Hyperplasie bedeutet, dass es durch einen Reiz zu einer re-
4 Muskelgewebe aktiven Vermehrung der Zellzahl kommt. – Das Gegenteil da-
4 Nervengewebe von ist die Involution, z. B. Involution der Brustdrüsen nach
Einstellung der Milchabsonderung.
Jedes Organ besteht aus mehreren Grundgeweben. Der Ge-
websanteil eines Organs, der die organspezifische Leistung Hypoplasie und Aplasie haben wenig mit den reaktiven
erbringt, wird als Parenchym bezeichnet. Die Anteile, die Leistungen eines Gewebes auf erhöhten oder verminderten Sti-
vor allem Stützfunktion haben, bilden das Stroma des Organs. mulus zu tun. Sie beziehen sich vielmehr auf Vorgänge wäh-
Oft sind Parenchym und Stroma nicht voneinander zu tren- rend der Entwicklung. Wird während der Entwicklung ein Or-
nen. gan unvollständig ausgebildet, liegt eine Hypoplasie vor; wird
es nicht ausgebildet, handelt es sich um eine Aplasie. Wird es
Unter normalen Umständen befinden sich alle Bestand- überhaupt nicht angelegt, spricht man von einer Agenesie.
teile eines Gewebes in einem Gleichgewicht zwischen Regeneration ist ein Vorgang, bei dem Gewebsverluste
Erneuerung und Verbrauch ihrer Zellen (durch Zellun- durch Gewebsneubildung ersetzt werden. So werden z. B. Zel-
tergang = Apotose 7 S. 22) und ihrer Interzellularsub- len, die im Rahmen der normalen Zellalterung zugrunde ge-
hen, durch neue Zellen ersetzt, die sich von Stammzellen ablei-
stanzen. Sie sind den Anforderungen angepasst. Jedoch
ten. Dieser Vorgang wird als physiologische Regeneration be-
sind Gewebe auch zu Anpassungsreaktionen im Sinne
zeichnet. Die Regenerationsfähigkeit der Gewebe nach Defek-
einer Leistungssteigerung (Hypertrophie bzw. Hyperpla- ten ist unterschiedlich groß. Vielfach entsteht nach Verletzung
sie) oder einer Leistungsminderung (Atrophie bzw. Hy- eine bindegewebige Narbe, d. h. zugrunde gegangenes Gewebe
poplasie) fähig. Auch ist ein Zellersatz (Regeneration) wird durch regenerationsfreudiges Bindegewebe ersetzt.
durch Zellvermehrung (Proliferation) möglich. Als An- Metaplasie. Bei der Regeneration können noch nicht diffe-
passung ist ebenfalls eine Änderung einer Gewebsdiffe- renzierte Zellen eine Differenzierungsrichtung nehmen, die
renzierung nach wiederholten Reizen aufzufassen (Me- nicht der des Ausgangsgewebes entspricht; dadurch kann in
taplasie). gewissen Grenzen ein Gewebe Gestalt, Struktur und Verhalten
ändern. Als Ursachen spielen u. a. andauernde mechanische,
chemische oder entzündliche Reize eine Rolle. Durch Metapla-
sie passt sich ein Gewebe veränderten Umständen an. Ein Bei-
spiel ist die Umwandlung des respiratorischen Epithels in Plat-
tenepithel bei chronischer Entzündung der Schleimhaut der
Luftwege. – Metaplasie ist z. T. reversibel.
Degeneration. Charakteristisch ist eine Schädigung der
spezifischen Zellleistung mit Untergang der Zelle.
a2.1 · Epithelgewebe
7 2
2.1 Epithelgewebe H1–7, 42–44 5 Die apikale Domäne von Zellen des Oberflä-
chenepithels kann Mikrofalten, Mikrovilli,
i Zur Information und Definition Stereozilien oder Kinozilien bzw. Geißeln
Unter Epithelgewebe (kurz: Epithel) werden Zellverbände oh- aufweisen.
ne nennenswerte Interzellularsubstanzen verstanden. Sie sind 5 Die basolaterale Domäne von Zellen des
gefäßfrei und polar gegliedert. Epithel bedeckt innere und äu- Oberflächenepithels weist Einrichtungen zur
ßere Oberflächen des Körpers und hat Schutzfunktion. Es ist
Zellhaftung auf: Zonula occludens, Zonula
fähig zu resorbieren, absorbieren, transportieren und sezer-
nieren. Es lässt einen Gasaustausch zu. Eine Zuordnung be- adhaerens, Macula adhaerens, Hemidesmo-
stimmter Funktionen zu bestimmten Epithelien ist allerdings somen.
nur unter Berücksichtigung aller im jeweiligen Epithelverband 5 Eine Kommunikation zwischen Zellen des
vorhandener Zellen möglich. Oberflächenepithels ermöglichen Nexus (gap
junctions).
Sowohl morphologisch als auch funktionell ist Epithel 5 Oberflächenepithel ist an einer Basallamina
ein sehr dynamisches jedoch heterogenes Gewebe. Es befestigt.
geht aus Ektoderm, Mesoderm und Entoderm hervor 5 Oberflächenepithel ist durch ein Zytoskelett
(7 Entwicklungsgeschichte). seiner Zellen versteift und verspannt.
Nach Vorkommen und Funktion unterscheiden sich 5 Epithel ist durch Endozytose zu Stoffaufnah-
4 Oberflächenepithel und me bzw. Transzytose befähigt.
4 Drüsenepithel 5 Im Zytosol erfolgt eine Materialverarbeitung
Hinzu kommt unter Mithilfe von Lysosomen bzw. Protea-
4 Myoepithel. Es geht wie anderes Epithel aus dem Ek- somen.
toderm hervor, ist aber durch das Vorkommen von 5 Die Zellen des Oberflächenepithels unterlie-
Aktin und Myosin zur Kontraktion befähigt gen fortlaufend einer Zellenmauserung
(7 S. 64). durch Zelltod und Regeneration.

Ortsabhängig dient Epithel dem


Das Oberflächenepithel bildet einen engen Verbund von
4 Schutz durch Bildung innerer und äußerer Oberflä-
Epithelzellen an inneren und äußeren Oberflächen des
chen.
Körpers. Die Epithelzellen selbst weisen nach Form
Außerdem kann Epithel
und Anordnung große Unterschiede auf. Dadurch ent-
4 resorbieren, absorbieren, transportieren, und sezer-
stehen verschiedene Epithelformen. Außerdem sind
nieren.
die Oberflächen der Epithelzellen differenziert gestaltet.
Gesichert ist der Epithelverband durch Haftungen zwi-
schen benachbarten Epithelzellen, die intrazellulär mit
2.1.1 Oberflächenepithel H1–7
einem zytoplasmatischen Zytoskelett in Verbindung ste-
hen, sowie durch Anknüpfung an eine Basallamina. Die
Kernaussagen | Beanspruchung jedes Oberflächenepithels macht einen
5 Oberflächenepithel kann aus platten, iso- fortlaufenden Ersatz verbrauchter Zellen durch Regene-
prismatischen oder hochprismatischen Zellen ration erforderlich.
bestehen, die ein- oder mehrschichtig, zwei-
oder mehrreihig angeordnet sein können.
Form und Anordnung von Epithelzellen
Die Oberfläche von Epithel kann unverhornt
oder verhornt sein. Form. Räumlich gesehen sind die meisten Epithelzellen
5 Im Übergangsepithel sind die Epithelzellen polyedrisch (vielflächig), in der Aufsicht vieleckig.
formvariabel. Nach der Form lassen sich unterscheiden
(. Abb. 2.1):
4 platte Epithelzellen H1–3
4 isoprismatische Epithelzellen H42–44
4 hochprismatische Epithelzellen H6, 7
8 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.1 a–h. Epithelarten. Jedes Epithel steht mit einer Basallamina in Verbindung und erreicht apikal das Lumen bzw. die Oberfläche
H1–7
a2.1 · Epithelgewebe
9 2
Platte Epithelzellen sind im Schnitt flach und in der Auf- oberflächlichen Zellen lassen sich unterscheiden
sicht plattenförmig. (. Abb. 2.1, . Tabelle 2.1)
Isoprismatische Epithelzellen sind annähernd gleich 4 ein- bzw. mehrschichtiges
hoch und breit. 4 zwei- bzw. mehrreihiges
Hochprismatische Epithelzellen sind höher als breit. 4 verhorntes bzw. unverhorntes Oberflächenepithel

i Zur Information
Einschichtiges Epithel besteht nur aus einer Zelllage.
Lichtmikroskopisch ist häufig die Zellform nicht zu beurteilen,
da die Zellgrenzen ungefärbt bleiben. Jedoch kann (mit Vor-
behalten) von der Form der Zellkerne auf die Epithelform ge- Beim mehrschichtigen Epithel liegt eine Schicht über
schlossen werden: z. B. querovale Zellkerne bei platten Epi- der anderen.
thelzellen, runde Zellkerne bei isoprismatischen Epithelzellen,
längsovale Zellkerne bei hochprismatischen Epithelzellen.
Beim zwei- und mehrreihigen Epithel berühren alle Zel-
Art und Anordnung von Epithelzellen. Nach Zahl der len die Basallamina, aber nicht alle erreichen die Ober-
Zellschichten sowie nach Form und Eigenschaft der fläche. Die Zellkerne liegen in Reihen übereinander.

. Tabelle 2.1. Einteilung des Oberflächenepithels H1–7

Nach der Zahl Nach der Vorkommen (Beispiele) Funktion (Beispiele)


der Zellschichten Zellform

einschichtig platt Alveolarepithel, Auskleidung von Durchlässigkeit, aktiver Transport


Gefäßen (Endothel), seröses durch Transzytose, Erleichterung
Epithel zur Auskleidung von von Gleitbewegungen der Einge-
Hohlräumen: Perikard, Pleura, weide gegeneinander
Peritoneum (Mesothel)

isoprismatisch an der Oberfläche des Ovars, Bedeckung, Sekretion


in Drüsenausführungsgängen,
Linsenepithel

hochprismatisch Darm, Gallenblase Schutz, Resorption, Sekretion

mehrreihig (alle Zellen erreichen die Basal- Auskleidung von Trachea, Schutz, Partikeltransport,
lamina, aber nicht alle die Oberfläche; Bronchien, Nasenhöhle Sekretion
die Kerne der Zellen liegen in verschiedenen
Ebenen)

mehrschichtig (zwei verhornt, platt Haut Schutz, verhindert Wasserverlust


oder mehr Lagen)

unverhornt, platt Mund, Ösophagus, Vagina, Schutz


Analkanal

unverhornt, hochpris- Fornix conjunctivae Schutz


matisch

Übergangsepithel Nierenbecken, Ureter, Harnblase Schutz


10 Kapitel 2 · Histologie

Verhornt ist ein Epithel, das an der Oberfläche eines Übergangsepithel, Urothel. Übergangsepithel ist überwie-
mehrschichtigen Epithels eine Hornschicht bildet. gend mehrschichtig, partiell mehrreihig (. Abb. 2.1 g). Es klei-
det die ableitenden Harnwege aus, z. B. Harnleiter, Harnblase
Im Einzelnen (7 S. 398). H5, 73
2 Einschichtiges Plattenepithel (. Abb. 2.1 a) kommt an Oberflä- Charakteristisch für das Übergangsepithel ist die Fähigkeit
chen mit besonders hoher Durchlässigkeit vor. Die Zellen sind seiner Zellen, sich in Abhängigkeit vom Dehnungszustand zu
flach ausgebreitet und oft durch Ausläufer miteinander ver- verändern. Insbesondere werden bei starker Füllung der Harn-
zahnt. Beispiele sind das Endothel von Gefäßen, das Alveolar- wege die an der Oberfläche gelegenen Deckzellen abgeplattet.
epithel in der Lunge, das Epithel der Bowman-Kapsel des Nie- In mittleren Schichten werden die Zellen dann auseinander ge-
renkörperchens, das Hornhautepithel an der Innenseite des zogen, sodass die Schichtenfolge vermindert erscheint.
Auges. Das einschichtige Plattenepithel an der Oberfläche
der serösen Häute (Peritoneum, Pleura, Perikard) wird auch
Mesothel genannt. Sowohl Endothel als auch Mesothel leiten Zelloberflächen
sich vom Mesoderm ab. H1, 2
Einschichtiges iso- bzw. hochprismatisches Epithel (. Abb. Epithelzellen sind polar gegliedert. Hierauf geht die Ge-
2.1 a–c) kommt vor allem an Oberflächen vor, die Austausch- staltung ihrer Oberfläche zurück. Dort lassen sich un-
vorgängen dienen. Als einschichtiges isoprismatisches Epithel terscheiden (. Abb. 2.2) eine
liegt es in Drüsenausführungsgängen, in Teilen des Nephrons,
4 apikale Domäne und eine
in Sammelrohren, als Pigmentepithel des Auges, als Linsenepi-
4 basolaterale Domäne.
thel und an der Oberfläche des Plexus choroideus vor. Ein-
schichtig hochprismatisch ist das Epithel des Verdauungskanals
– vom Magen bis zum Rektum –, in der Gallenblase, in einigen Am deutlichsten ist diese Gliederung bei einschichtigem
Drüsenausführungsgängen, in den Ductus papillares der Nie- Epithel. Die Grenze zwischen den Domänen bildet die
re, in Eileiter und Uterus. H7, 42 Zonula occludens (7 unten).
Apikal zeigen diese Epithelzellen häufig als besondere Dif-
ferenzierung zur Oberflächenvergrößerung Mikrovilli
(7 S. 12), die mit denen der Nachbarzellen einen Bürstensaum
bilden können.
Mehrschichtiges unverhorntes Plattenepithel (. Abb. 2.1 e)
ist das Schutzepithel innerer Oberflächen, z. B. der Mundhöhle,
des Ösophagus, der Vagina. Seltener kommt es als mehrschich-
tiges unverhorntes hochprismatisches Epithel vor: Fornix con-
junctivae, hinteres Ende des Nasenvorhofs. H2, 3
Bei allen mehrschichtigen Epithelien geht der Zellersatz
von der basalen Schicht aus, Stratum basale. Hier sind die Zel-
len meist prismatisch. Die Zellen wandern dann zur Oberflä-
che, wobei sie ihre Form verändern und schließlich in den
obersten Lagen abgeplattet sind. Auch in der oberflächlichsten
Schicht haben die Zellen noch Zellkerne.
Mehrschichtiges verhorntes Plattenepithel (. Abb. 2.1 f )
bildet die Epidermis (7 S. 215), das ist die oberflächlichste
Schicht der Haut. Mehrschichtiges verhorntes isoprismatisches
bzw. hochprismatisches Epithel gibt es nicht. H4
Zwei- und mehrreihiges Epithel (. Abb. 2.1 d) ist auf die
Luftwege, Teile des Urogenitalsystems und einige Drüsenaus-
führungsgänge beschränkt. Zweireihig ist es in Nebenhoden-
gang (mit Stereozilien), Samenleiter, Ductus parotideus.
Häufig weisen die an der freien Oberfläche gelegenen Zel-
len besondere apikale Differenzierungen auf, z. B. Stereozilien
beim zweireihigen Epithel des Nebenhodens, Kinozilien beim
mehrreihigen hochprismatischen Epithel der Atemwege (dort
respiratorisches Epithel). H6, 75
. Abb. 2.2. Domänengliederung der Zelloberfläche
a2.1 · Epithelgewebe
11 2
Zur Zelloberfläche
Die Oberfläche aller Zellen wird von einer Plasmamembran
(auch Plasmalemm genannt) gebildet (. Abb. 2.3). Sie besteht
aus Lipiden und Proteinen und ist dreischichtig. Bedeckt wird
die Oberfläche von einer Glykokalix.
Lipide. Die Dreischichtigkeit der Plasmamembran geht auf
die Anordnung von Phospholipiden zurück, die eine äußere
und innere Schicht bilden (. Abb. 2.3). Zwischen den Schich-
ten befindet sich ein für wasserlösliche Moleküle undurchläs-
siger Bereich. Diese Zwischenschicht entsteht dadurch, dass
die lipophilen Pole der Phospholipide der äußeren und inneren
Schicht einander zugekehrt sind. Die hydrophilen Pole weisen
dagegen nach außen. Gase und kleine lipophile Moleküle pas-
sieren die Plasmamembran ohne Behinderung.
Die Lipidfilme der Plasmamembran befinden sich in ei- . Abb. 2.3. Plasmamembran. Die Phospholipidschichten sind
nem halbflüssigen Zustand. Hierauf nehmen Cholesterin- durch Cholesterinmoleküle (rot) versteift. In die Phospholipidla-
moleküle Einfluss, die sich zwischen den Phospholipiden der mellen sind Proteine eingelagert (integrale, periphere Proteine).
Membranschichten befinden. Insbesondere gibt stark erhöhter Dazu gehören auch Ionenkanäle (rechts). Die Glykokalix besteht
Cholesterolbestand der Membran vermehrte Rigidität. aus Zuckerketten, die an Proteine und Lipide gebunden sind.
Dieser Aggregatzustand ermöglicht den Bestandteilen der An der Membraninnenseite liegen membranassoziierte Proteine,
Plasmamembran im Bereich von Oberflächendomänen eine an denen Filamente des Zytoskeletts befestigt sind
fließende Verlagerung im Sinne einer Lateralverschiebung.
Hinzu kommt die prinzipielle Möglichkeit eines Wechsels Glykokalix (. Abb. 2.3). Bei einem Teil der Membranprotei-
von Lipidmolekülen aus einer Lamelle in die andere (»Flip- ne handelt es sich um Glykoproteine. Sie liegen in der dem ex-
flop-Bewegung«) und (vielleicht damit im Zusammenhang) ei- trazellulären Raum zugewandten Schicht der Plasmamembran
ne Herein- und Herausnahme einzelner Membranmoleküle. und werden durch Glykolipide ergänzt. Glykoproteine und Gly-
Dieses Konzept vom Aufbau der Zytomembranen wird als kolipide besitzen Kohlenhydratseitenketten, die in die äußere
Fluid-mosaic-Modell bezeichnet. Umgebung ragen und dort einen Oberflächenmantel (Glykoka-
Proteine. Die Proteinkomponenten der Plasmamembran lix) bilden.
sind mosaikartig in die bipolaren Lipidfilme eingelagert Die Glykokalix hat in ihrer chemischen Zusammensetzung
(. Abb. 2.3). Sie bilden ein »patchwork« (Flickenteppich) mit außerordentliche Unterschiede und dadurch eine hohe Spezifi-
vielen Spezialfunktionen, u. a. für den Stoff- und Informations- tät. Dies ist eine der Voraussetzungen für die Bildung von Ge-
austausch zwischen Zellumgebung und Zellinnerem. Einige weben. Gleichartig differenzierte Zellen mit gleichartig diffe-
der Proteinmoleküle durchsetzen die ganze Dicke der Memb- renzierten Glykoproteinen/Glykolipiden erkennen einander
ran (integrale Proteine), andere liegen nur in der äußeren, wie- und schließen sich zu Verbänden zusammen. Dabei können
der andere nur in der dem Innenraum zugewandten Lamelle. auch Anteile der Glykokalix, die abgestoßen wurden, infolge
Die nur einer Lamelle zugeordneten Proteine werden als peri- ihrer Spezifität chemotaktisch auf gleichartig differenzierte
phere Proteine bezeichnet. An welche Stelle ein bestimmtes Zellen wirken und auf diese eine Signalwirkung ausüben.
Protein in die Membran eingebaut wird, wird durch Merkmale Lichtmikroskopie. Die lichtmikroskopisch bei üblichen Fär-
seitens der Polypeptidkette sowie durch die Eigenschaften der bungen sichtbare »Zellmembran« ist das Äquivalent des Kom-
ansässigen Lipide festgelegt. plexes aus Plasmamembran + Glykokalix + artifiziell angela-
Im Einzelnen sind die Aufgaben der Membranproteine gerten Zytoplasmabestandteilen, vergröbert durch optische
vielfältig. Sie können als Tunnelproteine für die Aufnahme Phänomene. Sie ist also ein Artefakt.
von Stoffen in die Zelle verantwortlich sein, z. B. als Kalzium-
kanal, Chloridkanal, Aquaporine usw. (. Abb. 2.3). Sie können Apikale Domäne. Apikal können bei Epithelzellen auf-
als Carrierproteine dem Stofftransport durch die Plasmamemb-
treten:
ran dienen. Ferner kann es sich um Enzymproteine, Rezept-
4 Mikrofalten
orproteine, Zelladhäsionsmoleküle oder um membranassozi-
ierte Ansatzproteine für das Zytoskelett handeln. Rezeptorpro- 4 Mikrovilli
teine sind für die Weitergabe von Signalen verantwortlich, die 4 Stereozilien
die Zelle z. B. durch bestimmte Wirkstoffe (u. a. Hormone), 4 Kinozilien und Geißeln
Neurotransmitter (Überträgerstoffe im Nervensystem) und
auch durch manche Medikamente erhält.
12 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.4 a–c. Mikrovilli. a elektronenmikroskopisch, b moleku-


larbiologisch, c lichtmikroskopisch

Mikrofalten sind nicht sehr häufig. Sie kommen an


Oberflächen mit Flüssigkeitsfilm vor, z. B. an der Horn-
haut des Auges. Grundlage ist ein unverhorntes mehr-
schichtiges Plattenepithel.
Mikrovilli (. Abb. 2.4) sind typisch für Epithel mit
starker Resorption, z. B. des Dünndarms oder des
Hauptstücks der Niere. Jedoch sind fast alle Zellen im-
stande, bei Bedarf kurze Mikrovilli zu bilden, die dann . Abb. 2.5 a–d. Kinozilien. a Elektronenmikroskopisch, b licht-
wieder verschwinden. mikroskopisch, c Kinetosom, elektronenmikroskopisch, d Zilien-
querschnitt, elektronenmikroskopisch
Im Einzelnen
Mikrovilli sind fingerförmige Ausstülpungen der Zelloberflä- einander verbunden. Bei einer Länge von 4–8 lm verkle-
che. Sie sind im Dünndarm etwa 100 nm dick und können ben sie bei der histotechnischen Bearbeitung des Gewe-
bis zu 2 mm lang werden. In ihrem Inneren verlaufen längs ori- bes und vereinigen sich zu Büscheln. Sie stehen wahr-
entierte Aktinfilamente, die basal in die Mikrofilamente des scheinlich mit Resorptions- oder auch mit Sekretions-
Zellkortex (Terminalgespinst) einstrahlen (. Abb. 2.4 a, vorgängen im Zusammenhang. Stereozilien kommen
7 auch S. 355). Die Aktinfilamente sind untereinander durch z. B. im Epithel des Ductus epididymidis vor (7 S. 412).
Fimbrin- und Villinbrücken und durch laterale Verankerungs-
H75
proteine mit der Plasmamembran verbunden (. Abb. 2.4 b).
Mikrovilli vergrößern die Zelloberfläche erheblich (7 S. 354, Kinozilien (. Abb. 2.5) sind ungefähr 6–12 lm lang und
Enterozyt). Gemeinsam mit ihren Nachbarzellen können
haben einen Durchmesser von etwa 0,3 lm. Sie sind al-
Mikrovilli einen dichten Rasen bilden, der lichtmikroskopisch
so länger und dicker als Mikrovilli. Sie sind aktiv be-
als Bürstensaum wahrnehmbar ist (. Abb. 2.4 c). Bürstensäume
sind im Gegensatz zu den einzeln stehenden mikrovillösen Bil- weglich und können deshalb Flüssigkeiten und Partikel
dungen stationäre Strukturen. weitertransportieren. Kinozilien kommen z. B. im respi-
ratorischen Epithel von Trachea und Bronchien sowie in
Stereozilien gleichen in ihrem Aufbau Mikrovilli, ein- der Tuba uterina vor. H6, 81
schließlich der Aktinfilamente. Allerdings sind Stereo- Jede Kinozilie ist in einem Basalkörperchen (Kineto-
zilien häufig über dünne Zytoplasmabrücken unter- som) (. Abb. 2.5 a–c) verankert, das sich aus 9 Mikrotu-
a2.1 · Epithelgewebe
13 2
bulustripletten zusammensetzt. In zilienreichen Flim- Cadherine und Integrine stehen gleichzeitig mit Struk-
merepithelzellen stehen sie so eng nebeneinander, dass turen der Zellumgebung und mit dem intrazellulären
sie lichtmikroskopisch als Basalkörperchensaum Zytoskelett in Verbindung.
(. Abb. 2.5 b) imponieren.
i Zur Information
Im Einzelnen Zelladhäsionsmoleküle sind nicht auf Epithelzellen be-
In dem Abschnitt der Zilie, der über die Zelloberfläche hinaus- schränkt. Sie kommen bei allen Zellen jedoch in unterschied-
ragt, dem Zilienschaft, gruppieren sich 9 Mikrotubuluspaare licher Form vor.
(Dubletten) ringförmig um ein zentrales Tubuluspaar Im Einzelnen
(. Abb. 2.5 d). Sie bilden zusammen das Axonema, den Ach- Cadherine sind eine Familie integraler Membranproteine. Als
senfaden. Der Querschnitt einer Zilie zeigt somit ein typisches E-Cadherine liegen sie an der lateralen Oberfläche von Epithel-
9 ´ 2+2-Muster. Die peripheren Tubulusdubletten sind so ange- zellen. »E« steht für epithelial. Dort finden sie jeweils an gleich-
ordnet, dass sie an der Kontaktstelle eine gemeinsame Wan- artige E-Cadherine der gegenüberliegenden Zelle Anschluss.
dung besitzen (A+B-Tubulus). Vom A-Tubulus gehen Armfort- Auf der zytoplasmatischen Seite binden an E-Cadherine unter
sätze aus, die aus dem Protein Dynein und ATPase bestehen. Vermittlung von Cateninen Aktinfilamente. E-Cadherine sind
Bei Bewegung der Kinozilie treten in Anwesenheit von ATP die wichtigsten Adhäsionsmoleküle für die Aufrechterhaltung
die Dyneinarme des einen Tubuluspaares mit dem benachbar- eines epithelialen Zellverbundes.
ten Paar in Verbindung. Gleichzeitig bewegen sich auf der ei- Selektine sind Lektine. Sie sind Proteine, die spezifische-
nen Seite der Zilie die zu den beiden zentralen Tubuli radiär Kohlenhydratstrukturen erkennen und binden. Durch diese
ausgerichteten »Speichen« auf deren Oberfläche entlang. Da- Fähigkeit verknüpfen sie entsprechend ausgestattete Zellen.
durch wird auf dieser Seite der Zilienschaft gekrümmt. Immunglobulinadhäsionsmoleküle enthalten Domänen,
die denen von Immunglobulinen ähnlich sind. Sie halten adhä-
Geißeln (Flagella) sind bis zu 5 lm lange, stets in der sive Kontakte mit gleichartigen Zellen aufrecht.
Einzahl vorhandene zytoplasmatische Oberflächendiffe- Integrine befinden sich bevorzugt im basalen Zellbereich.
renzierungen, die in ihrem Feinbau den Kinozilien glei- Es handelt sich um Heterodimere. Ihre b-Einheit bindet auf der
chen. Sie erzeugen einen Flüssigkeitsstrom oder dienen zytoplasmatischen Seite unter Vermittlung von Verbindungs-
der Fortbewegung, z. B. als Flagellum des Spermiums proteinen an Aktin, ihre a-Einheit extrazellulär an Laminin
(7 S. 409). und Fibronektin (in Basallaminae), die ihrerseits mit verschie-
denen Kollagentypen interagieren. Die Bindungen an Laminin
Basolaterale Domänen zeichnen sich durch das Vor- und Fibronektin können durch Desintegrine gelöst werden,
kommen von wodurch Zellbewegungen möglich werden.
4 Zelladhäsionsmolekülen und
Zellverbindungen (cell junctions). Es handelt sich um lo-
4 Zellverbindungen (Cell junctions) aus.
kalisierte Zellverbindungen im basolateralen Bereich von
Hinzu kommen
Epithelzellen. Teilweise sind an ihrem Aufbau Cadherine
4 Nexus (gap junctions), die der Zellkommunikation
beteiligt.
dienen, und
Die Zellverbindungen (. Tabelle 2.2) dienen der
4 basale Zelleinfaltungen.
4 Zellhaftung und
Zelladhäsionsmoleküle sind diffus über die basolaterale 4 Zellkommunikation.
Zellmembran verteilt. Sie dienen der Haftung von zu- Zellhaftung. Sie wird durch die Zellverbindungen stabi-
sammengehörigen Zellen. Zelladhäsionsmoleküle sind lisiert. Es handelt sich um (. Abb. 2.6):
transmembranöse Proteine, die jeweils zu Proteinfamili- 4 Zonula occludens (tight junction)
en mit zahlreichen, z. T. zellspezifischen Untergruppen 4 Zonula adhaerens (Gürteldesmosom)
gehören. 4 Macula adhaerens (Punktdesmosom)
Zelladhäsionsmolekülfamilien sind: 4 Haftkomplex (junctional complex)
4 Ca++-abhängig 4 Hemidesmosom
– Cadherine 4 Nexus (gap junction)
– Selektine
4 Ca++-unabhängig Mit Ausnahme der Hemidesmosomen bekommen die
– Immunglobuline (7 S. 148) Zellhaftungen ihre charakteristische Struktur dadurch,
– Integrine dass sich gleichartig gebaute Abschnitte der Zelloberflä-
14 Kapitel 2 · Histologie

. Tabelle 2.2. Zellverbindungen

Kontakte Interzellulär Intrazellulär Funktion


2
Zonula occludens Zelle-Zelle Occludin, Claudin submembranöse Verschluss des
(tight junction) Verdichtung Interzellularraums,
Unterbrechung von
Lateralverschiebun-
gen in der Plasma-
membran

Zonula adhaerens, Zelle-Zelle transmembranöses submembranöse mechanische


Fascia adhaerens Verbindungsprotein: Verdichtungen: Kopplung
Cadherin Vinkulin, Aktin-
filamente

Punctum adhaerens Zelle-extrazelluläre Fibronektin submembranöse mechanische


Matrix Verdichtung: Kopplung
a-Aktinin, Vinkulin,
Talin, Aktinfilamente

Fleckdesmosom Zelle-Zelle transmembranöse Haftplatten: mechanische


(Macula adhaerens) Verbindungs- Desmoplakin, Kopplung
glykoproteine: Zytokeratin
Desmogleine (intermediäre
Filamente)

Hemidmosom Zelle-Basallamina Zellanheftung

Nexus Zelle-Zelle Poren (Connexon) metabolische


(gap junction) und ionale Kopplung

che benachbarter Zellen gegenüberliegen. Alle Zellhaf- Zonula adhaerens (Gürteldesmosom). Sie folgt in der
tungen sind dadurch ausgezeichnet, dass sich unter Regel der Zonula occludens und verläuft gleich dieser
der Plasmamembran Proteinplaques befinden. gürtelförmig um die Zelle. Sie stabilisiert die Zonula
occludens und hat vor allem mechanische Funktionen.
Zonula occludens (tight junction). Sie verläuft gürtelför- Intrazellulär steht sie mit Aktinfilamenten in Verbin-
mig um den apikalen Bereich der zugehörigen Zelle he- dung.
rum und trennt die apikale von der basolateralen Ober- Tragender Molekularanteil der Zonula adhaerens
flächendomäne. Eine Zonula occludens besteht aus ei- sind Cadherine, die mit denen der Gegenzelle verbun-
nem Netzwerk von leistenförmigen Erhebungen der den sind. Die intrazelluläre Verbindung mit Aktinfila-
Plasmamembran, deren Spitze mit den Erhebungen menten wird durch Catenine vermittelt und befindet
der Nachbarzelle durch das transmembranöse Protein sich in Proteinplaques unter der Plasmamembran. Die
Occludin verbunden ist. Eine Vierergruppe von Occlu- Aktinfilamente verlaufen parallel zu den Gürteldesmo-
dinmolekülen umgreift jeweils transmembranöse Clau- somen.
dine, die selektiv für Wasser und bestimmte Ionen Den Zonulae adhaerentes vergleichbar sind leis-
durchlässig sind. Dadurch sind tight junctions eine Dif- tenförmige Fasciae adhaerentes, z. B. in der Herzmusku-
fusionsbarriere mit begrenzter Wirksamkeit. Unterla- latur (7 S. 69).
gert sind die Verbindungsproteine durch Proteinpla-
ques.
a2.1 · Epithelgewebe
15 2

. Abb. 2.6. Zellhaftungen. Pm Plasmamembran

Maculae adhaerentes (Fleckdesmosomen, Desmosomen Die Spaltmitte weist elektronenmikroskopisch Verdich-


im engeren Sinne). Sie sind punktförmig, zahlreich tungen auf. Der parazelluläre Transport wird durch
und auffällig (Durchmesser 0,3 lm). Auch sie sind me- Desmosomen nicht behindert (7 unten). Verankert sind
chanische Haftverbindungen vermittels E-Cadherinen die Cadherine der Fleckdesmosomen in Proteinplaques
(Desmocolline und Desmogleine). Fleckdesmosomen unter der Plasmamembran. Dort wird durch die Protei-
treten ubiquitär zwischen gleichen, aber auch verschie- ne Desmoplakin und Plakoglobin die Verbindung zu
denartigen Zellen auf. In ihrem Bereich ist der Interzel- den intrazellulären Intermediärfilamenten des Zytoske-
lularspalt auf 30–50 nm erweitert (üblich sind 20 nm). letts hergestellt (7 S. 18).
16 Kapitel 2 · Histologie

> Klinischer Hinweis sind starke Einfaltungen der basalen Zellmembran


Beim Pemphigus, einer Hauterkrankung mit intraepithelialer (. Abb. 2.7). Sie vergrößern die Zelloberfläche erheb-
Blasenbildung, entwickelt der Körper Antikörper gegen die lich und zeichnen sich durch das Vorkommen von Na+-
transmembranösen Verbindungsproteine (Cadherine) der und K+-ATPase aus. Zwischen den Einfaltungen (ba-
2 Desmosomen. Die Folgen sind durch Auflösung der Zellhaf-
sales Labyrinth) befinden sich schmale Zytoplasmaab-
tung Blasenbildungen in Haut und Schleimhäuten.
schnitte mit hintereinander gereihten Mitochondrien.
Haftkomplex (junctional complex). Als Haftkomplex Lichtmikroskopisch erscheint dies als basale Streifung.
wird die unmittelbare Aufeinanderfolge von Zonula Vielfach sind Einfaltungen mit denen von Nachbarzellen
occludens (am weitesten oben), Zonula adhaerens und verzahnt. Typisch sind basale Einfaltungen für die Epi-
Desmosom im oberen Teil der Seitenfläche von iso- thelzellen des Nierenhauptstücks und für die Strei-
oder hochprismatischen Oberflächenepithelzellen be- fenstücke der Speicheldrüsen. H42
zeichnet. Lichtmikroskopisch erscheinen z. B. bei Versil-
berung die Haftkomplexe an Tangentialschnitten als i Zur Information
Zwischen den Epithelzellen befinden sich Interzellularräume.
sog. Schlussleistennetz.
Sie sind in der Regel spaltförmig (Durchschnittswert 20 nm)
und dienen dem parazellulären Transport, insbesondere von
Hemidesmosomen befinden sich im basalen Zellbe-
Ionen und Wasser. Erreicht werden Interzellularspalten durch
reich. Sie dienen der Verbindung mit der Basallamina Öffnungen in den Claudinen der tight junctions, vor allem
(7 unten). In ihrer Struktur gleichen sie einer asym- aber transzellulär. Beim transzellulären Transport erfolgt die
metrischen Macula adhaerens, nicht jedoch bioche- Membranpassage ionenvermittelt aktiv gegen Gradienten
misch. Sie gliedern sich in intrazelluläre Platten, die zy- durch Transportkanälchen in den basolateralen Plasma-
membranen unter Mitwirkung von Transport-ATPasen. Der
toplasmaseits mit Intermediärfilamenten des Zytoske-
Zustrom von Ionen ins Zytoplasma ist ein passiver Vorgang
letts (. Abb. 2.6), andererseits mit transmembranösem an den apikalen Plasmamembranen durch zugehörige Kanäl-
Integrin und Immunglobulin in Verbindung stehen. chen. Wasser folgt dieser Ionenbewegung und passiert dabei
An diesen sowie an einer Verdichtung der Plasma- Aquaporine.
membran befestigen sich Ankerfilamente, die die Ver- Epithelien mit diesem Mechanismus, der auch im Sinne
einer Sekretion in entgegengesetzter Richtung verlaufen
bindung zur Basallamina herstellen (7 unten).
kann, werden als transportierende Epithelien bezeichnet.
Nexus (gap junctions). Hierbei handelt es sich um ka-
nälchenartige Verbindungen zwischen benachbarten
Zellen. Sie dienen der Zellkommunikation.
Nexus werden von transmembranösen Proteinen
(Connexinen) gebildet. Jeweils 6 Connexine umgeben
einen Halbkanal (Connexon), der sich mit dem der ge-
genüberliegenden Zelle trifft und verbindet. Das Lumen
eines Nexus hat einen Durchmesser von 1–1,5 nm und
ist hydrophil.
Nexus befinden sich überwiegend im unteren Be-
reich der seitlichen Zelloberfläche und bilden Gruppen
mit einem Durchmesser von 0,3 lm. In ihrem Bereich
ist der Interzellularspalt auf 2–4 nm vermindert. Dies
behindert den parazellulären Transport nicht.
Nexus schließen Zellen zu größeren Funktionsein-
heiten zusammen. Sie ermöglichen einen interzellulären
Austausch niedermolekularer Substanzen, z. B. von Glu-
kose, Steroidhormonen und Aminosäuren (metaboli-
sche Kopplung) und die Passage von Ionen (ionale,
elektrische Kopplung).
. Abb. 2.7. Basales Labyrinth. Es besteht aus Einfaltungen des ba-
Basale Zelleinfaltungen. Eine Besonderheit von Epithel- salen Plasmalemms und ist mit Zellausläufern benachbarter Zellen
zellen mit hohem Flüssigkeits- und Elektrolytdurchgang verschränkt
a2.1 · Epithelgewebe
17 2
Basallamina Zum Zytoskelett gehören:
4 Mikrotubuli
Die Basallamina gehört an der Basis eines Epithelver- 4 Mikrofilamente
bandes zu einer Schichtenfolge (. Abb. 2.6) aus 4 intermediäre Filamente
4 Lamina rara externa, auch Lamina lucida, die dem
Epithel zugewandt ist und als typisches Protein La- Mikrotubuli (. Abb. 2.8) sind gestreckt verlaufende
minin aufweist, Röhrchen unterschiedlicher Länge, die einzeln liegen
4 Lamina densa, auch Basallamina (Stärke 20–100 nm). oder Bündel bilden. Der Durchmesser der Mikrotubuli
Sie weist vor allem Typ-IV-Kollagen, Laminin sowie beträgt 24 nm, ihre lichte Weite 15 nm. Sie bestehen
eingelagerte Proteoglykane und weitere Proteine aus globulären Proteinen ( Tubulinen), die sich zu Tubu-
auf und ist elektronenmikroskopisch dicht (daher linprotofilamenten zusammenfügen. Jeweils 13 Tubulin-
der Name), protofilamente bilden die Wand eines Tubulus.
4 Lamina rara interna (inkonstant) und
4 Lamina fibroreticularis, die dicker ist als die übrigen Im Einzelnen
Schichten. Sie enthält vor allem Typ-III-Kollagen Mikrotubuli haben ein Plusende und ein Minusende. Am Plus-
(retikuläre Fasern). ende können Mikrotubuli durch Einfügen oder Ausgliedern
von Untereinheiten relativ schnell auf- bzw. abgebaut werden.
Am Minusende sind die Tubuli im Mikrotubulus-Organisations-
i Zur Information
zentrum (MTOC) verankert. Das MTOC bildet zusammen mit
Aus der Lichtmikroskopie stammt der Begriff Basalmembran.
einem Zentriolenpaar einen Komplex, der als Zentrosom be-
Gemeint ist damit eine Verdichtung an einer Epithelbasis. Sie
ist bei der histotechnischen Gewebsvorbereitung artefiziell zeichnet wird. Hier erfolgt eine sehr viel langsamere Neubil-
aus allen dort vorhandenen Schichten entstanden. dung von Mikrotubuli.
Zentriolen (Zentralkörperchen) sind lichtmikroskopisch
Die Basallamina (Lamina densa) ist dabei die tragende rundliche Körperchen mit einem Durchmesser von 0,2 mm.
Sie bestehen aus 9 zylinderförmig angeordneten Dreiergrup-
Schicht. An ihr befestigt sich einerseits das Epithel, an-
pen (Tripletten) von Mikrotubuli, die untereinander durch
dererseits steht sie mit den Fasersystemen der Lamina
Proteinbrücken verbunden sind (. Abb. 2.8). Die beiden Zen-
fibroreticularis in Verbindung. Die Befestigung des Epi- triolen eines Zentrosoms stehen senkrecht aufeinander.
thels an der Basallamina erfolgt durch Laminine, die
mit Integrinen der Plasmamembran in Verbindung ste-
hen. Im Bereich der Hemidesmosomen bildet Laminin
zusammen mit dem Transmembranprotein BP 180 An-
kerfilamente. Die Verbindung zu den Kollagenfibrillen
der Lamina fibroreticularis stellen Ankerfibrillen her
(. Abb. 2.6).

Zytoskelett

Das Zytoskelett ist ein veränderungsfähiges, dynami-


sches Verspannungs- und Versteifungssystem, das die
charakteristische Gestalt einer Zelle trotz der solartigen
Konsistenz des Zytoplasmas und des halbflüssigen Zu-
stands der Plasmamembran sichert. Das Zytoskelett
wirkt bei allen Vorgängen zur Formveränderung der
Zelle, bei Zytoplasmabewegungen und beim Transport
von Zellorganellen mit. Im Epithel trägt das Zytoskelett
zur Aufrechterhaltung des Zellverbandes und dessen
Form bei. Das Zytoskelett besteht aus Strukturproteinen . Abb. 2.8. Mikrotubulus und Zentriol. Ein Mikrotubulus besteht
unterschiedlicher Zusammensetzung. aus perlschnurartig angeordneten globulären Proteinen (oben
links)
18 Kapitel 2 · Histologie

Mikrotubuli dienen vor allem der dynamischen Stabili- Aktinfilamente ohne oder mit wenig Myosin bilden
sierung des Zytoplasmas. Dies ist möglich, weil sie ei- 4 Zellkortex,
nerseits relativ starr sind und andererseits bei Form- 4 Ringstrukturen und sind im
veränderungen von Zellen und Zellbewegungen laufend 4 Zytoplasma verteilt.
2 umgebaut werden. Dabei werden Mikrotubuli dort auf-
gebaut, wo an der Zelloberfläche Vorwölbungen und Zellkortex. Es handelt sich um eine Schicht dünner
Fortsätze (Pseudopodien) ausgebildet werden bzw. ab- schichtvernetzter Aktinfilamente, die durch Filamin
gebaut werden, wo Einziehungen entstehen. Damit sind verknüpft sind. Verspannt sind sie durch geringe Men-
Mikrotubuli an den Ordnungsprozessen in der Zelle be- gen Myosin. Dies ermöglicht in begrenztem Umfang
teiligt. Bei diesen Vorgängen wirken mikrotubuliassozi- Zellkontraktionen. Die Aktinfilamente des Zellkortex
ierte Proteine (MAP) mit, die gleichzeitig die Mikro- sind durch Proteine an der Zellmembran befestigt (u. a.
tubuli stabilisieren und der Interaktion mit anderen durch Spektrin, Dystrophin), z. T. an Transmembran-
Zellbestandteilen dienen. proteinen (u. a. durch a-Aktinin, Vinculin). Eine Son-
Ferner spielen die Mikrotubuli für den intrazellulä- derrolle kommt den Vernetzungen von Aktinfilamenten
ren Transport von Partikeln oder Mitochondrien sowie in Mikrovilli zu, die dadurch versteift werden. Sie sind
als Leitstrukturen für den transzellulären Transport, z. B. durch laterale Verankerungsproteine an der Plasma-
von Bläschen, eine wichtige Rolle. Sowohl die Partikel membran befestigt (7 S. 12).
als auch die Transportvakuolen bewegen sich entlang Ringförmige Aktinfilamente wirken bei der Durch-
der Tubulusoberfläche. Dabei ist die Transportrichtung schnürung von Zellen mit, z. B. bei der Mitose.
unterschiedlich. Verlauf im Zytoplasma. Aktinfilamente erstrecken
Für den Kontakt zwischen Organellen und Mikrotu- sich auch ins Zellinnere und können dort mit Zonulae
bulusoberfläche sorgen Proteinkomplexe. Kinesin sorgt adhaerentes (7 oben) und mit der Kernmembran in
für einen Transport zum Plusende, Dynein Richtung Mi- Verbindung stehen.
nusende. Bei Dynein und Kinesin handelt es sich um
ATPasen. Intermediäre Filamente sind die stabilsten Komponen-
Schließlich sind Mikrotubuli charakteristische Be- ten des Zytoskeletts. Sie bestehen aus helikalen Polypep-
standteile von Zilien und Geißeln (7 oben). tidketten, die durch nichthelikale Abschnitte miteinan-
der verbunden sind. Der Durchmesser der intermediä-
Mikrofilamente entstehen durch Polymerisation von Ak- ren Filamente liegt mit 8–10 nm zwischen dem der
tin, einem globulären Protein. Aktinfilamente haben ei- Mikrofilamente und dem der Mikrotubuli. Die Länge
nen Durchmesser von 7 nm. Auch sie haben ein Plus- der intermediären Filamente kann mehrere Mikrometer
und Minusende. Am Plusende erfolgt durch rasche Po- betragen.
lymerisation eine Verlängerung, am Minusende ein eher Intermediäre Filamente bilden um den Zellkern, mit
langsamer Zerfall. Dadurch ist die Länge der Mikrofila- dem sie verknüpft sind, ein Netzwerk, das sich von hier
mente variabel. Durch ihre große Variabilität sind aus über die Zelle hinweg erstreckt und in der Periphe-
Mikrofilamente sowohl an Zellbewegungen als auch an rie an Desmosomen und Hemidesmosomen herantritt.
der Stabilisierung von Zellstrukturen beteiligt. Durch Intermediäre Filamente lassen aufgrund ihrer Ami-
Begleitproteine können Filamentbündel oder -netze ent- nosäurefrequenzen mehrere Gruppen unterscheiden,
stehen. von denen in Epithelzellen vorkommen
Zu unterscheiden sind 4 Zytokeratine und
4 Aktinfilamente, die mit Myosin assoziiert sind, und 4 Vimentine.
4 Aktinfilamente ohne oder mit nur wenig Myosin.
Zytokeratin. Zytokeratinfilamente können in Epithelzel-
Aktinfilamente mit Myosin kommen vor allem in der len bis zu 50% des Zytoplasmaproteins ausmachen. Sie
Muskulatur vor, wo es durch das Zusammenwirken bei- bilden eine komplexe Klasse mit einem Molekularge-
der Proteine zu Zellkontraktionen kommt (7 S. 64). wicht zwischen 40 000 und 68 000 Dalton.
Im Groben ist eine Gliederung in saures und neutra-
les bzw. basisches Keratin möglich. Eine weitere Unter-
teilung mit Zuordnung zu jeweils bestimmten Epithe-
a2.1 · Epithelgewebe
19 2
lien, Haaren und Nägeln ist möglich. In allen Fällen die-
nen Zytokeratine der mechanischen Stabilisierung der
Epithelien sowie dem Schutz vor Wasserverlust und Hit-
ze. Zytokeratinfilamente bilden die Tonofibrillen der
Lichtmikroskopie. Sie verlaufen abhängig von der me-
chanischen Beanspruchung trajektoriell.

Vimentinfilamente sind vor allem für Zellen mesenchy-


malen Ursprungs einschließlich der zugehörigen Epi-
thelzellen, besonders für Endothelzellen der Blutgefäße,
charakteristisch. Häufig haben Vimentinfilamente Ver-
bindung zu Zellkernen oder Desmosomen. Vermutlich
spielen sie eine strukturerhaltende Rolle.

Weitere intermediäre Filamente, die jedoch nicht im


Epithel vorkommen, sind Desmin, glial fibrillary acidic
protein (GFAP, 7 S. 86), neurofilamentäres Triplettprote-
in, nukleäres Lamin.

Endozytose, Transzytose

Endozytose dient der Stoffaufnahme aus der Zellum- . Abb. 2.9 a–d. Endozytose. b–d Pinozytose
gebung. Sie erfolgt durch Bläschen, die sich von der
Plasmamembran abschnüren und ins Zytosol gelangen Die Stoffaufnahme bei der Pinozytose erfolgt an jeweils
(. Abb. 2.9). Durch Resorption werden Flüssigkeiten festgelegten Domänen des Plasmalemms. Dabei können spezi-
und niedermolekulare Substanzen, durch Absorption fische Membranrezeptoren wirksam werden (rezeptormediier-
Proteine und deren Abbauprodukte sowie anderes te Resorption) oder die Stoffaufnahme ist unspezifisch (Fluid-
phase-Resorption).
höher molekulares Material aufgenommen.
Phagozytose. Hier fehlt ein Clathrinmantel. Als Ab-
Außer durch Endozytose kann es zur Wasseraufnah-
schnürungen des Plasmalemms entstehen Bläschen mit einem
me in die Zelle durch Aquaporine kommen, die als zel-
Durchmesser bis zu mehr als 1 lm und es kommt zu einer Bin-
luläre Wasserschleusen wirken. Sie bestehen aus trans- dung zwischen Proteinen an der Oberfläche der zu resorbie-
membranösen Proteinen um einen Wasserkanal (Poren) renden Produkte und der resorbierenden Zelle, z. B. bei der
(z. B. Nierenepithel). Substanzaufnahme in Makrophagen (7 S. 138).

Im Einzelnen Transzytose. Die durch Endozytose ins Zytosol aufgenomme-


Bei der Stoffaufnahme durch Endozytose werden unterschie- nen Bläschen werden dort verarbeitet oder wandern durch
den: die Zelle hindurch und geben das Material an einer anderen
4 Pinozytose Stelle der Zelloberfläche wieder ab. Als Leitstruktur dienen
4 Phagozytose Mikrotubuli, an deren Oberfläche die Bläschen binden.

Beide Vorgänge beginnen mit Einsenkungen des Plasma-


Materialverarbeitung in der Zelle
lemms.
Bei der Pinozytose (. Abb. 2.9) lagert sich im Bereich der
Das Schicksal der durch Endozytose entstandenen Blä-
Einsenkung auf der zytoplasmatischen Seite der Plasmamemb-
schen ist verschieden. Löst sich die Bläschenmembran
ran das Protein Clathrin an. Auf diesen als »coated pits« be-
zeichneten Abschnitten entstehen durch Abschnürung flüssig- auf, wird der Bläscheninhalt dem Zytoplasma einver-
keitsgefüllte Bläschen mit Durchmessern von 50–150 nm. We- leibt. Meist jedoch vereinigen sich endozytotische Blä-
gen ihres Clathrinmantels werden solche Bläschen »coated ve- schen mit vorhandenen unregelmäßigen Membransys-
sicles« genannt. Das Hüllprotein löst sich jedoch nach der Ve- temen zu Endosomen, an die primäre Lysosomen he-
sikelbildung wieder ab. rantreten.
20 Kapitel 2 · Histologie

Lysosomen sind katabole Strukturen (. Abb. 2.10). Sie


sind in der Regel rund und haben einen Durchmesser
von 0,5 lm. Lysosomen gehen aus dem Golgiapparat
hervor und beinhalten vor allem hydrolytische Enzyme
2 für den Abbau von Proteinen, Lipiden, Glykogen u. a.
Durch die Vereinigung von primären Lysosomen
mit Endosomen entstehen Heterophagosomen und in
der Folge sekundäre Lysosomen.

Proteasomen. Abgebaut werden im Zytosol aber auch


zelleigene Proteine, insbesondere wenn sie fehlerhaft
sind. Der Abbau erfolgt in speziellen granulären Multi-
enzymkomplexen, den Proteasomen, nachdem die für
den Abbau vorgesehenen Proteine durch Ubiquitin mar-
kiert wurden.

Regeneration

Die Zellen des Epithels unterliegen einer permanenten


physiologischen Regeneration durch Zellersatz (Zell-
mauserung), da die Lebensdauer der einzelnen Zelle be-
grenzt ist. Der Zellersatz erfolgt durch Vermehrung
(Proliferation). Sie geht von den jeweils basal gelegenen . Abb. 2.10. Lysosomenzyklus. Pm Plasmamembran
Zellen aus. Dort kommt es unter dem Einfluss von
Wachstumsfaktoren, u. a. epidermal growth factor
(EGF), zur Zellteilung (Mitose).

Einzelheiten zur Mitose einschließlich der Beschreibung


der Struktur und Funktion des Zellkerns und seines In-
halts, insbesondere der Chromosomen, finden Sie in
den Lehrbüchern der Zellbiologie.

Zusammenfassungen zu Zellzyklus, Zellwachstum, Zelltod


Zellzyklus (. Abb. 2.11). Jede Zelle mit Teilungsfähigkeit durch-
läuft eine
4 Interphase und eine
4 Mitosephase.
Die Interphase umfasst den Zeitraum zwischen zwei Mito-
sen und dauert wesentlich länger als die Mitosephase.
Der Intermitosezyklus besteht aus der
4 G1-Phase. »G« steht für »gap« und meint einen ersten In-
tervall zwischen zwei Mitosen,
4 S-Phase. »S« steht für DNA-Synthese
4 G2-Phase. Dies ist ein zweiter Intervall vor der Mitose.
In der G1-Phase wächst die durch die Mitose neu entstan- . Abb. 2.11. Zellzyklus
dene Zelle zur festgelegten Größe heran, differenziert sich und
erbringt die jeweiligen spezifischen Zellleistungen (Arbeits-
phase der Zelle). Die Dauer der G1-Phase ist bei verschiedenen
Zellarten sehr unterschiedlich, aber stets relativ lang.
a2.1 · Epithelgewebe
21 2
Voraussetzung für die Beendigung der G1-Phase ist, dass in men weiter verdichten, trennen sich die verdoppelten
Zellen vorhandene Proteinkinasen durch Zykline aktiviert wer- Zentrosomen und gelangen an entgegengesetzte Kernpole.
den, die zeitspezifisch unter dem Einfluss von extrazellulären Durch die Polbildung ist die Teilungsrichtung der Zelle
Wachstumsfaktoren exprimiert werden. Vor Eintritt in die fol- festgelegt. Gleichzeitig bilden sich neue Mikrotubuli und
gende Phase muss dabei ein »Restriktionspunkt« und ein Kon- es entstehen einerseits die Astrosphäre, die die getrennten
trollpunkt für DNA-Schäden (unter Mitwirkung von P53, Tu- Zentrosomen verbindet, andererseits solche Mikrotubuli,
mor-suppressing-protein) überschritten werden. Danach ist die dem Zellkortex zustreben. Dauer der Prophase:
der Eintritt in die nachfolgende Phase unwiderruflich. Wird 30 min–4 h.
der Kontrollpunkt nicht überschritten, verweilt die Zelle lang- 4 Prometaphase. Die Kernhülle löst sich auf. Weitere Mikro-
fristig in einer als G0 bezeichneten Phase oder es kommt zur tubuli bekommen Zugang zu den nun sichtbar gewordenen
Apoptose (7 unten). Extrazelluläre Faktoren können den Wie- Chromosomen und befestigen sich dort am jeweiligen Zen-
dereintritt einer Zelle aus der G0-Phase in den Zellzyklus be- tromer, einer Einziehung an den Chromosomen, an der die
wirken. Chromatiden verknüpft sind. Es entsteht die Mitosespindel.
In der S-Phase wird durch Replikation das genetische Ma- 4 Metaphase. Die Chromosomen ordnen sich in der Äquato-
terial in jedem Chromosom verdoppelt. Die DNA-Synthese rialebene an und bilden die Metaphaseplatte. Die Chromo-
nimmt ungefähr 8 h in Anspruch. In dieser Zeit teilt sich somenarme sind nach außen gerichtet. Dadurch entsteht
das Zentriol (7 oben) unter Neubildung von Mikrotubuli zu das Bild des Monasters. Sofern auch nur eine Chromatide
einem Diplosom. nicht von der Mitosespindel erreicht wird, arretiert die Mi-
In manchen Zellen wird der Zellzyklus nach der S-Phase tose (Kontrollpunkt der Mitose). Die Dauer der Metaphase
abgebrochen. Dann ist es zwar zu einer Verdopplung der beträgt ungefähr 10 min.
DNA (und der Chromatiden) gekommen, aber die anschlie- 4 Anaphase. Die Chromosomenhälften (Chromatiden,
ßende Ausbildung von Chromosomen, die Kern- und Zelltei- 7 oben) strecken und trennen sich (Anaphase A) und wer-
lung unterbleiben. Dieser Vorgang wird Endomitose genannt. den von den sich verkürzenden Mikrotubuli (Chromoso-
Er kann sich wiederholen, sodass schließlich Zellen entstehen, menfasern) zu den Polen gezogen (Anaphase B). Es ent-
deren Kerne das Vielfache des üblichen Chromosomensatzes steht das Bild des Diasters. Dauer ungefähr 3 min.
enthalten. Diese Zellen sind polyploid. Häufig haben polyploi- 4 Telophase. An den Polen angekommen, entspiralisieren
de Zellkerne eine erhöhte Nukleolenzahl. – Polyploide Zellen sich die Chromosomen wieder. Aus dem sich neu formie-
kommen nur in den Epithelzellen der Leber, der Herzmusku- renden endoplasmatischen Retikulum bildet sich die
latur, der Samenblase und im Hypophysenvorderlappen vor. Kernhülle. Am Nukleolusorganisator der Chromosomen
G2-Phase. Sie dauert etwa 1–3 h und leitet zur Mitose bilden sich wieder die Nukleolen.
(M-Phase) über. In dieser Phase wird Zyklin B synthetisiert, 4 Zytokinese. Hierunter versteht man die Durchschnürung
das an die vorhandene Proteinzyklase CDK 1 bindet. Es entsteht des Zellleibs durch einen Aktinring, der sich um den Zell-
ein Komplex, der nach dem Kontrollpunkt 2 (DNA-damage äquator bildet und zunehmend kontrahiert.
checkpoint) durch Dephosphorylierung zum M-Phase-Pro- 4 Restitutionsphase. Die Zelle gliedert sich wieder in den
motingfaktor (MPF) wird, durch den die Mitose ausgelöst wird. Verband ein, tritt in die G1-Phase ein und bildet ihre spezi-
fischen Strukturen aus. Unterbleibt die Zytokinese, ent-
> Klinischer Hinweis steht ein Plasmodium; erfolgt eine nur unvollständige
Entartete Zellen (Krebszellen) können ihre Zellteilung einstel- Durchschnürung, dann resultiert das Symplasma (z. B.
len, wenn es zu einer vermehrten Expression von P53 (7 oben) während der Spermatogenese, 7 S. 406), bei dem die bei-
kommt. Dann wird von replikativer Seneszenz (programmiertes den Tochterzellen durch eine Zytoplasmabrücke verbun-
Altern) gesprochen, Vorgänge, die unter normalen Bedingun- den bleiben. Und schließlich kann es zur Verschmelzung
gen im Alter stattfinden. Bei Tumoren können sich Zellen auf
des Zytoplasmas mehrerer gleichartiger Zellen kommen.
diesem Weg vor weiteren Wucherungen schützen.
Dann entsteht ein Synzytium, z. B. als Synzytiotrophoblast
Mitosephase. Ziel der Mitose ist die erbgleiche Verteilung des der Plazenta.
Genmaterials auf zwei Tochterzellen. Dazu werden zu Beginn 4 Als differenzielle Zellteilung wird ein Vorgang bezeichnet,
der Mitose die Chromosomen durch Kondensation und Spira- bei dem die eine der beiden Tochterzellen im undifferen-
lisation in eine Transportform gebracht und die Zentrosomen zierten Zustand als Stammzelle für weitere Mitosen zurück-
mit ihren Zentriolen verdoppelt. Danach werden folgende Sta- bleibt, z. B. Spermatogonien, Hämozytoblasten. Die zweite
dien durchlaufen: Tochterzelle wird dagegen zu einer sich vermehrenden, dif-
4 Prophase. Die Arbeitsstrukturen der Zelle werden weit- ferenzierenden Zellgeneration. Gäbe es diesen Modus der
gehend aufgelöst und im Kern werden die Chromosomen Zellvermehrung nicht, würde der Zellnachschub bald
sichtbar. Es entsteht ein Chromosomenknäuel, das Spirem. erschöpft sein. Die Stammzellen haben also Blastemcharak-
Der Nukleolus verschwindet. Während sich die Chromoso- ter (Blastem 7 Allgemeine Entwicklungsgeschichte, S. 110).
22 Kapitel 2 · Histologie

Zellwachstum. Das Zellwachstum erfolgt unter dem Einfluss tor, induziert wird. Dabei kommt es u. a. zu einer Aktivierung
extrazellulärer Faktoren. Hierzu gehören Hormone, Wachs- intrazellulärer Proteasen (Caspasen = Cystein-abhängige-As-
tumsfaktoren und Zytokine. Wird beim Zellwachstum ein partat-spezifische Proteasen), die ihrerseits Endonukleasen ak-
für die jeweilige Zellart genetisch festgelegter Grenzwert über- tivieren. Bei der Apoptose bleibt die Plasmamembran erhalten.
2 schritten, kommt es zu Mitose oder Polyploidisierung des Die geschrumpften Zellkerne zerfallen jedoch. Die Zelle wird
Kerns (7 oben). Die Zellgröße selbst ist ein Wert, der von dürr und ihre Teile werden von benachbarten phagozytieren-
der Kern-Plasma-Volumenrelation bestimmt wird. Die Steue- den Zellen (Makrophagen) aufgenommen und abgebaut.
rung geht offenbar von der Plasmamembran aus. Apoptose ist während der Embryonalentwicklung formbil-
dend (7 S. 451).
Zelltod. Zum Zelltod kommt es durch irreversible Zellschädi-
gungen.
Zu unterscheiden sind (. Abb. 2.12): > In Kürze
4 Nekrose (provozierter Zelltod) Oberflächenepithel ist ein dynamischer, dennoch
4 Apoptose (programmierter Zelltod). fest gefügter Zellverband an inneren und äuße-
Ein provozierter Zelltod wird durch exogene oder endoge- ren Oberflächen des Körpers. Durch Unterschie-
ne Schädigungen (Noxen) verursacht, z. B. exogen durch Strah-
de zwischen Form und Anordnung der Epithel-
leneinwirkungen, endogen durch mangelhafte Blutversorgung
zellen lassen sich ein- und mehrschichtiges, zwei-
(ischämische Nekrose). Geschädigt werden die Zytomembra-
nen, vor allem die Plasmamembran, und der Zellkern. Zerfal-
und mehrreihiges sowie verhorntes und unver-
len dabei die Membranen der Lysosomen (7 S. 20), gelangen horntes Epithel unterscheiden. Eine spezielle
abbauende Enzyme ins Zytoplasma und bewirken eine Auto- Form ist das Übergangsepithel. An den Epithel-
lyse. Im Zellkern kommt es zu einer Verdichtung des Chroma- zellen sind eine apikale und eine basolaterale
tins, insbesondere unter der Kernhülle (Kernpyknose). Dann Oberflächendomäne zu unterscheiden. Apikal
zerfällt der Kern in einzelne Stücke (Karyorrhexis) und löst sich kommen Falten, Zotten, Zilien und Geißeln vor,
schließlich auf (Karyolyse). basolateral insbesondere Strukturen, die der
Der programmierte Zelltod betrifft immer nur einzelne Zelladhäsion dienen: Zonula occludens (tight-
Zellen. Bei der Apoptose handelt es sich um einen aktiven Vor- junction), Zonula adhaerens (Gürteldesmosom),
gang, der durch Bildung letaler Proteine (z. B. P53) von der Zelle
Macula adhaerens (Punktdesmosom), Hemides-
selbst ausgelöst oder von der Umgebung, u. a. durch Hormon-
mosom. Der metabolischen und elektrischen
entzug, Mangel an Wachstumsfaktoren, Tumor-Nekrose-Fak-
Kopplung dienen Nexus (gap junctions). Stabili-
siert werden die Epithelzellen durch das Zytoske-
lett: Mikrotubuli, Mikrofilamente, intermediäre
Filamente. Der basalen Befestigung des Epithels
am darunterliegenden Bindegewebe dient die
Basallamina. Stoffaufnahme erfolgt durch Endo-
zytose, die Aufnahme von Wasser durch Aquapo-
rine. Das Epithel wird fortlaufend durch Zeller-
satz regeneriert.

2.1.2 Drüsen H6, 7, 42–44, 86–89

i Zur Information und Definition


Drüsen sind Zellkomplexe (oder Einzelzellen) des Epithels, die
Sekrete bilden. Der Vorgang der Stoffbildung und -abgabe
wird als Sekretion bezeichnet.

Es werden unterschieden:
4 exokrine Drüsen H6, 7, 42–44
. Abb. 2.12. Zelltod. Provozierter und programmierter Zelltod 4 endokrine Drüsen H86–89
a2.1 · Epithelgewebe
23 2
Exokrine Drüsen haben einen Ausführungsgang , durch einsenken. Anschließend entwickeln die Zellen an der Spitze
den sie ihr apikal freigesetztes Sekret durch apikale Se- der Epithelzapfen die Fähigkeit zur Sekretion: Sie werden
kretion an innere oder äußere Körperoberflächen abge- zur Anlage der Drüsenendstücke. Bleibt auch später die Ver-
ben. Das Sekret hat daher überwiegend lokale Wirkung. bindung zwischen der Anlage des Drüsenendstücks und dem
Oberflächenepithel erhalten, entstehen exokrine Drüsen. Aus
der Verbindung zwischen Oberfläche und Drüsenendstück
Endokrine Drüsen (Drüsen mit innerer Sekretion, inkre- wird der Drüsenausführungsgang.
torische Drüsen) sezernieren ihre Produkte (Inkrete, Geht die Beziehung zwischen Oberflächenepithel und
Hormone) durch basale Sekretion in die Blut- bzw. Endstückanlage dagegen verloren, z. B. durch Abbau der Zel-
Lymphbahn (ohne Ausführungsgänge) oder in den In- len, die den Ausführungsgang bilden sollen, entstehen endokri-
terzellularraum (parakrine Sekretion). Sie haben also ne Drüsen (. Abb. 2.13). Eine andere Entstehungsart der endo-
keine Ausführungsgänge. Die Hormone gelangen auf krinen Drüsen ist die Abspaltung der inkretorischen Zellen
aus den Anlagen von Endstücken exokriner Drüsen, z. B. Insel-
humoralem Weg zu allen Zellen und Geweben des
apparat des Pankreas. – Ein Sonderfall ist die Schilddrüse. Hier
Körpers.
entstehen Follikel (. Abb. 2.13), die das von den Follikelepi-
thelzellen gebildete Inkret speichern.
i Zur Information
Zur Sekretion sind jedoch auch Epithelzellen befähigt, die
nicht zu einer Drüse gehören, z. B. das Epithel der Gallenblase. Exokrine Drüsen H6, 7, 42–44
Außerdem kommt Sekretion bei nichtepithelialen Mesen-
chymabkömmlingen vor, z. B. Fibroblasten, Chondroblasten, Kernaussagen |
Osteoblasten. Diese Zellen geben u. a. das zur Bildung von
Bindegewebsfasern und amorpher Grundsubstanz erforderli- 5 Becherzellen sind einzellige intraepitheliale
che Material in den Interzellularraum ab. Drüsen, die vor allem Glykoproteine
(Schleim) bilden.
Zur Entwicklung 5 Mehrzellige Drüsen liegen überwiegend
Drüsen bzw. Drüsenzellen sind überwiegend epithelialer Her- extraepithelial. Sie bestehen aus sekretbil-
kunft. Sie entstehen durch lokale Proliferation von Oberflä-
denden Endstücken und Drüsenausfüh-
chenepithel (. Abb. 2.13). Es bilden sich zunächst Epithelzap-
rungsgängen.
fen, die sich in das unter dem Epithel gelegene Bindegewebe

. Abb. 2.13. Drüsenentwicklung


von exokrinen und endokrinen Drüsen
24 Kapitel 2 · Histologie

5 Die Sekretbildung in den Drüsenendstücken


gleicht einer Fließbandproduktion, an der der
Zellkern, das endoplasmatische Retikulum,
2 der Golgiapparat und Transportvakuolen be-
teiligt sind.
5 Seröse Drüsen bilden ein dünnflüssiges,
proteinreiches Sekret.
5 Das Sekret der mukösen Drüsen ist zähflüssig
(schleimig) und enzymarm.
5 Die Sekretion kann merokrin, apokrin oder
holokrin erfolgen.
5 In den Ausführungsgängen wird die ionale
Zusammensetzung des Sekrets verändert.

Exokrine Drüsen liegen vor als


4 einzellige Drüsen H6, 7
4 mehrzellige Drüsen H42–44

Einzellige Drüsen. Typische einzellige Drüsen sind die


Becherzellen (. Abb. 2.14). Sie kommen in allen Ab-
schnitten des Darms und in den Luftwegen vor. Ihr Se-
kret ist ein regional gering unterschiedlich zusammen-
gesetzter Schleim (Hauptbestandteil sind Glykoprotei-
ne), der apikal unter Eröffnung der Zelloberfläche abge-
geben wird. Die Form der Becherzellen ist charakteris- . Abb. 2.14. Becherzelle H6, 7
tisch: Sie verjüngen sich nach basal; hier liegen Zellkern
und raues endoplasmatisches Retikulum (RER, 7 un- Extraepitheliale Drüsen bestehen in der Regel aus
ten). Über dem Kern befindet sich ein stark entwickelter einem
Golgiapparat, der bei der Schleimbildung eine Rolle 4 Drüsenkörper, der sich aus
spielt (7 unten). Nach apikal erweitern sich die Becher- – sekretbildenden Drüsenendstücken,
zellen kelchförmig. Der Kelch enthält die von einer zarten – Teilen des Ausführungsgangsystems und
Membran umgebenen Sekret(Muzin-)granula (Schleim- – Bindegewebe mit Gefäßen und Nerven zusam-
tröpfchen). Die apikale Oberfläche der Becherzellen hat mensetzt, und einem oder mehreren
Mikrovilli. 4 Drüsenausführungsgängen.
Weitere einzellige exokrine Drüsen sind die Paneth-
Klassifizierung mehrzelliger Drüsen
Körnerzellen des Dünndarms (7 S. 356).
Zur Klassifizierung mehrzelliger Drüsen werden die Formen
der sezernierenden Abschnitte und das Ausführungsgang-
Mehrzellige Drüsen liegen vor als
system herangezogen (. Abb. 2.15). Es kommen vor
4 endoepitheliale Drüsen
4 einfach-tubulöse Drüsen. Die sezernierenden Abschnitte
4 extraepitheliale Drüsen sind schlauchförmig gestreckt und das Drüsenlumen
Endoepitheliale mehrzellige Drüsen gibt es nur an weni- öffnet sich an der Epitheloberfläche, z. B. Glandulae intes-
tinales (7 S. 357), Krypten im Kolon (7 S. 361)
gen Stellen, z. B. in der Nasenschleimhaut und in der
4 gewunden-tubulöse Drüsen. Sie haben einen gestreckten
Harnröhre.
Ausführungsgang und ein gewundenes schlauchförmiges
Extraepitheliale mehrzellige Drüsen sind in der Re- Endstück, z. B. Schweißdrüsen (7 S. 223)
gel eigenständige Organe mit einer Bindegewebskapsel 4 verzweigt-tubulöse Drüsen mit einem kurzen Ausfüh-
und einer Septierung durch Bindegewebe in Lappen rungsgang, z. B. in der Mundschleimhaut, der Zunge und
und Läppchen, z. B. bei den Mundspeicheldrüsen, der dem Ösophagus oder ohne Ausführungsgang in der
Tränen- oder Bauchspeicheldrüse. Schleimhaut von Magen und Uterus
a2.1 · Epithelgewebe
25 2

. Abb. 2.15. Drüsenformen. Die sezernierenden Abschnitte sind verstärkt gezeichnet

4 einfach-azinöse und einfach-alveoläre Drüsen. Ihre Endstü- rat die »Verpackung« des Sekrets. Anschließend lösen
cke sind kugelförmig: Beim Azinus sind die Drüsenzellen sich die Sekretgranula vom Golgiapparat, gelangen in
hoch und das Drüsenlumen ist schmal, beim Alveolus sind den apikalen Zellbereich und werden zur Abgabe an
die Drüsenzellen abgeflacht und das Lumen ist weit die Zelloberfläche transportiert. Sekretgranula sind
4 zusammengesetzte Drüsen. Die sezernierenden Endstücke
meist rund, von einer glatten Membran umgeben und
setzen sich zusammen aus unregelmäßig verzweigten tu-
haben einen dichten Inhalt. Die Sekretabgabe erfolgt
bulösen, azinösen oder gemischten tubuloazinösen
Endstücken. Die Ausführungsgänge sind verzweigt. Zu
überwiegend durch Exozytose.
diesem Typ gehören die meisten großen Drüsen.
Einzelheiten über die Biosynthese von Proteinen, Glyko-
proteinen und Sekreten anderer Art finden Sie in den
Lehrbüchern der Zellbiologie und der physiologischen
Drüsenendstücke
Chemie.
Drüsenendstücke bestehen aus Drüsenzellen und wer-
den von einer Basallamina umgeben. Außerdem befin- Zusammenfassende Darstellung der an der Sekretbereitung
den sich bei zahlreichen Drüsen zwischen Basallamina beteiligten Zellorganellen und ihrer Funktionen
und Drüsenzellen Myoepithelzellen, deren Zytoplasma An der Sekretbildung in Drüsenzellen wirken mit:
kontraktile Myofilamente enthält. Möglicherweise wir- 4 Ribosomen
4 endoplasmatisches Retikulum
ken die Myoepithelzellen bei der Sekretentleerung mit.
4 Golgiapparat
Drüsenzellen sind auf Bildung und Ausschüttung
4 Mitochondrien
von Sekreten spezialisiert (. Abb. 2.16). Sie sind polar
gegliedert. Basal beginnt nach dem Prinzip eines Fließ- Ribosomen dienen der Biosynthese von Proteinen. Morpholo-
bandes die Synthese der Produkte, wird aufsteigend gisch handelt es sich um etwa 20nm große Partikel, die als freie
fortgesetzt und apikal vollendet. Apikal erfolgt dann Ribosomen oder in einem spiralig-rosettenförmigen Verband
auch die Sekretfreisetzung. Entsprechend sind die zu- als Polyribosomen (= Polysomen) oder als membrangebundene
gehörigen Strukturen angeordnet. Ribosomen (raues endoplasmatisches Retikulum, RER) vorlie-
Basal liegen der Zellkern und die für die Sekretbil- gen.
dung erforderlichen Zellorganellen. Es handelt sich Ribosomen bestehen aus zwei unterschiedlich großen Ein-
um Ribosomen, an denen aus dem Blut aufgenommene heiten (. Abb. 2.16, oben), die eine mit einer Sedimentations-
Aminosäuren unter dem Einfluss von Messenger- und konstanten von 40 S, die andere von 60 S (S = Svedberg-Einhei-
ten). Beide Untereinheiten werden im Zellkern gebildet und ge-
Transfer-Ribonukleinsäure (7 unten) zu den Vorläufern
trennt ins Zytoplasma abgegeben und dort zusammengefügt.
der Sekretproteine zusammengefügt werden. Diese ge-
An den Ribosomen werden vermittels Transfer-RNA (tRNA)
langen ins Lumen der Membransysteme des endoplas- herangeschaffte Aminosäuren an Messenger-RNA (mRNA),
matischen Retikulums und von dort durch Vesikeltrans- welche die Information für die Aminosäurefrequenz des späte-
port zu dem supranukleär gelegenen Golgiapparat. Dort ren Produktes trägt, in festgelegter Reihenfolge gebunden und
werden die Produkte verdichtet und so modifiziert, dass zu einer jeweils spezifischen Peptidkette zusammengefügt. Für
das fertige Sekret entsteht. Ferner erfolgt im Golgiappa- die Sekretbildung werden unter Fortsetzung der Proteinbio-
26 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.16. Sekretbildung. Zugehörige Organellen sind das raue zur Glykosylierung, sekretorische Granula, Vakuolen zum Memb-
endoplasmatische Retikulum (RER) mit angelagerten Ribosomen rantransport. Rote Pfeile Aminosäureinput; t Transfer-RNA, an die
zur Proteinbiosynthese, das glatte endoplasmatische Retikulum Aminosäuren binden; m Messenger-RNA mit genetischer Informa-
(GER) zur Synthese von Membranphospholipiden und Steroidhor- tion
monen, Ribosomen (molekularer Bau rechts oben), Golgiapparat

synthese die Ribosomen an die Membranen des endoplasma- Transportvakuolen übergeben, die sich unter Bildung eines
tischen Retikulums gebunden. Von dort lösen sie sich wieder, Hüllproteins (Coatomer) abschnüren. Die Transportvakuolen
sobald die Peptidketten in die Zisternen des endoplasmati- bringen die Proteine zum Golgiapparat (. Abb. 2.16).
schen Retikulums gelangt sind. Glattes endoplasmatisches Retikulum (GER) tritt bevorzugt
in tubulärer Form auf (. Abb. 2.16). Das GER dient vor allem
Endoplasmatisches Retikulum (ER, . Abb. 2.16). Es handelt sich der Synthese von Membranphospholipiden und Steroidhormo-
überwiegend um flache, abgeplattete Säckchen, aber auch um nen, der Glukoneogenese und der Speicherung von Ionen, z. B.
Tubuli oder Sacculi. Das Lumen des ER ist durchschnittlich Ca++ in Muskelzellen, sowie dem Fremdstoffmetabolismus. Be-
30–50 nm breit, jedoch zu Zisternen erweiterungsfähig. sonders reichlich kommt es in den Zellen der Nebennierenrin-
Es liegt vor als de und in den Zwischenzellen des Hodens (dort als gestapelte
4 raues (granuliertes) endoplasmatisches Retikulum Membransäckchen, Lamellae anulatae) vor.
4 glattes (ungranuliertes) endoplasmatisches Retikulum
Beide Formen können in ein und derselben Zelle vorkom- Der Golgiapparat liegt supranukleär und besteht aus gestapel-
men und ineinander übergehen. ten abgeplatteten Membransäckchen hoher Aktivität
Raues endoplasmatisches Retikulum (RER, . Abb. 2.16). Die (. Abb. 2.16). Im Golgiapparat werden aus dem ER antrans-
Membranen des RER sind an der Außenseite mit Ribosomen portierte Proteine in eine exportable Form gebracht, konden-
besetzt. Es nimmt in Zellen mit umfangreicher Proteinsynthese siert und zum Weitertransport auf Bläschen verteilt.
als Ergastoplasma große Teile des Zytoplasmas ein. Färberisch- Der Golgiapparat ist schüsselförmig. Er hat eine konvex-
lichtmikroskopisch ist es basophil. Im RER werden die wäh- konkave Gestalt und gliedert sich in einen konvexen cis-, einen
rend der Proteinsynthese gesammelten Proteine durch Helfer- mittleren und einen konkaven trans-Bereich. An die konvexe
proteine in eine transportable Form gebracht, gesammelt, wei- cis-Seite treten Vesikel heran, die vom ER abgeschnürt wurden.
tergeleitet und schließlich an ribosomenfreien Abschnitten Sie werden in den Membranstapel des Golgiapparates inkorpo-
a2.1 · Epithelgewebe
27 2
riert (Bildungs- oder Aufnahmeseite). In der mittleren und Permeabilität mindert. Gleichzeitig ist die innere Membran
trans-Zone erfolgt die Sortierung der zur Sekretion vorgesehe- der Sitz der Enzyme der Atmungskette und der oxidativen
nen Proteine und ihre Reifung durch Abspaltung von Seiten- Phosphorylierung im Dienst der ATP-Bildung.
ketten. Auch kann es zur Glykosylierung kommen, da aus- Die innere Membran bildet Aufwerfungen:
schließlich der Golgiapparat die Kohlenhydratanteile von Gly- 4 Cristae mitochondriales (Falten, Cristatyp, . Abb. 2.17 a, b),
koproteinen und Glykolipiden bildet. An der trans-Seite bilden 4 Tubuli mitochondriales (röhrenförmige Bildungen, Tubu-
dann die Golgisäckchen ein Netzwerk und es schnüren sich lustyp, . Abb. 2.17 c; findet sich in Zellen, die Steroidhor-
unter Bildung eines Clathrinmantels Vesikel zur Weitergabe mone bilden) und
der exportablen Sekrete an die Umgebung ab. Die Sekretgranu- 4 Sacculi mitochondriales (bläschenförmige Erweiterungen,
la können Durchmesser bis zu mehreren lm erreichen. Beim Sacculustyp).
Vesikeltransport wird das Sekret konzentriert. Die Freisetzung Die Cristae sind mit 8 nm großen Elementarpartikeln
der Sekrete erfolgt schließlich durch Exozytose (7 unten). Im (. Abb. 2.17 b) besetzt, die Träger von Enzymen, insbesondere
Überschuss gebildete Sekrete können zuvor von Lysosomen der ATP-Synthetase sind. An den Elementarpartikeln findet die
abgebaut werden (Krinophagie). ATP-Synthese statt.
Außer sekretorischen Bläschen bildet der Golgiapparat Durch das innere Membransystem werden innerhalb jedes
auch Lysosomen (7 unten). Mitochondriums zwei voneinander getrennte Räume geschaf-
Ungeklärt ist, ob der Transport der Produkte innerhalb des fen (. Abb. 2.17):
Golgiapparates durch eigene Vesikel oder durch Vorrücken der 4 äußerer Stoffwechselraum zwischen äußerer und innerer
Membransäckchen erfolgt. Membran (Hüllenkompartiment). Hier befindet sich ATP
zusammen mit den Substraten für die verschiedenen Stoff-
Mitochondrien (. Abb. 2.17) sind nicht direkt an der Sekretion wechselzyklen der Mitochondrien und
beteiligt. Sie liefern jedoch die erforderliche Energie, die durch 4 innerer Stoffwechselraum mit der Matrix mitochondrialis.
den oxidativen Abbau von Glukose und Fettsäure und die Syn- Im Matrixraum finden finden Fettsäureoxidation und Zi-
these von ATP (Adenosintriphosphat) entsteht. tratzyklus statt. Er enthält alle hierfür erforderlichen Enzyme.
Mitochondrien sind unterschiedlich lang, formvariabel Außerdem befinden sich in der Matrix noch Desoxyribonukle-
und in der Zelle nicht stationär. Als mittlere Maße gelten eine insäure (mtDNA) in ringförmiger Anordnung und Ribonukle-
Länge von 0,5–5 lm und ein Durchmesser von 0,2 lm. insäure (mtRNA) in Form ribosomenähnlicher Granula. Offen-
Mitochondrien sind von einer bar verfügen die Mitochondrien über einen eigenen geneti-
4 äußeren Membran und einer schen Apparat und sind zur Proteinsynthese befähigt.
4 inneren Membran umschlossen. Schließlich sind in der Matrix 30–50 nm große Granula mi-
Die äußere Membran wird als Hüllmembran bezeichnet. tochondrialia eingebettet (. Abb. 2.17 a), die reich an Ca++ sind
Sie ist für Moleküle bis zu 10 kDa ungehindert permeabel und möglicherweise der Regulation des inneren Milieus des
und weist als spezielles Kanalprotein Porin für die Passage Mitochondriums dienen.
von organischen und anorganischen Anionen und Wasser auf. Die Erhöhung des Energiebedarfs einer Zelle, z. B. durch
Die innere Membran ist dagegen wenig permeabel. Sie eine Leistungssteigerung, führt zu einer reversiblen Aufwei-
verfügt über Cardiolipin als spezielles Phospholipid, das die tung des Spaltraums in den Cristae mitochondriales oder wird

. Abb. 2.17 a–c. Mitochondrien. a Cristatyp, räumlich. b Cristatyp, lia. Daneben: Crista mit Elementarpartikeln. c Mitochondrium vom
Schnitt. Rot DNA-Ringstrukturen; kleine Granula RNA-haltige, ribo- Tubulustyp
somenähnliche Gebilde; große Granula Granula mitochondria-
28 Kapitel 2 · Histologie

mit Vermehrung der Cristae beantwortet. Auch kann es zu ei-


ner Vermehrung der Mitochondrien durch Querteilung kom-
men. Mitochondrien sollen 10–20 Tage funktionstüchtig blei-
ben, werden dann aber abgebaut.
2 Mitochondrien bilden jedoch auch zellschädigende Pro-
dukte, u. a. freie Sauerstoffradikale und verschiedene Oxidan-
tien, etwa Wasserstoffperoxyd. Der von diesen hochaggressi-
ven Stoffen ausgehende oxidative Stress spielt bei der Zellalte-
rung eine wesentliche Rolle, besonders wenn die Abwehr durch
Antioxidantien ungenügend wirksam ist und defekte Proteine
entstehen, die nicht mehr ausreichend entsorgt werden.

Gliederung der exokrinen Drüsen nach Art ihres Sekrets:


4 seröse Drüsen
4 muköse Drüsen
4 gemischte Drüsen

Seröse Drüsen bilden ein proteinreiches, dünnflüssiges


Sekret. Das Lumen ihrer Endstücke ist in der Regel re-
lativ eng (. Abb. 2.18). Für die Drüsenzellen ist ein gro-
ßer runder Zellkern etwa in der Zellmitte charakteris-
tisch. Basal befindet sich häufig ein umfangreiches RER. . Abb. 2.18. Gemischte Drüse. Rechts Einzeldarstellungen von
Dadurch ist das Zytoplasma hier färberisch-lichtmikro- Querschnitten H43, 44
skopisch kräftig basophil. Perinukleär liegt ein großer
Golgiapparat und apikal füllen Zymogengranula die
Gemischte Drüsen (. Abb. 2.18). In gemischten Drüsen
Zelle.
kommen in den Endstücken sowohl seröse als auch
Rein seröse Drüsen sind die Gl. parotis, Gl. lacrima-
muköse Drüsenzellen vor, deswegen Gl. seromucosa. Je-
lis, einige Zungen- und Nasendrüsen, die Bauchspei-
de dieser Zellen hat den für ihre Art charakteristischen
cheldrüse.
Feinbau und produziert das entsprechende Sekret, das
in das Drüsenlumen abgegeben wird. Das Sekret dieser
Muköse Drüsen. In den mukösen Drüsen wird ein
Drüsen ist dann gemischt.
zähflüssiger, enzymarmer Schleim gebildet. Die Lumina
Typische gemischte Drüsen sind die Speicheldrüsen
ihrer Endstücke sind meist relativ weit (. Abb. 2.18). In
des Mundbodens. Hier sitzen die serösen Drüsenzellen
den Endstücken liegt der Zellkern basal und ist abge-
den mukösen Endstücken kappenförmig auf (Gianuzzi-
plattet. Apikal befindet sich muzinhaltiger Schleim.
oder Ebner-Halbmonde).
Lichtmikroskopisch sieht das Zytoplasma wabig aus. –
Hinsichtlich der relativen Anteile der serösen und
Rein muköse Drüsen sind selten, z. B. hintere Zungen-
mukösen Endstücke bestehen jedoch zwischen ge-
drüsen, Gll. palatinae.
mischten Speicheldrüsen Unterschiede: In der Gl. sub-
Oft bereitet die Unterscheidung von mukösen und
mandibularis ist der Anteil der serösen Endstückzellen
serösen Drüsenzellen Schwierigkeiten, da bei manchen
hoch, in der Gl. sublingualis niedrig.
Zellen muköse und seröse Sekretion ineinander über-
gehen. Aus Drüsenzellen dieser Art bestehen z. B. die Gliederung nach Art der Sekretabgabe aus Drüsenend-
Gll. oesophageae, die Drüsen am Mageneingang und stückzellen. Zu unterscheiden sind (. Abb. 2.19)
-ausgang und die Gll. bulbourethrales. Sie bilden ein Se- 4 merokrine Sekretion
kret, das reich an Glykokonjugaten und Proteinen ist. 4 apokrine Sekretion
Die Drüsenzellen dieser Art haben in der Regel einen 4 holokrine Sekretion
runden Zellkern. Das Zytoplasma ist nur schwach baso-
phil. Merokrine (ekkrine) Sekretion (. Abb. 2.19 a). Bei der
merokrinen Sekretion erfolgt die Sekretabgabe aus zu-
vor angesammelten Sekretgranula durch Exozytose.
a2.1 · Epithelgewebe
29 2

. Abb. 2.19 a–c. Merokrine, apokrine und holokrine Sekretion

Ausgelöst wird die Sekretabgabe durch Erhöhung der zur Abgabe in die Zellumgebung (Apozytose). Ein cha-
Ca++-Konzentration im Zytosol aufgrund nervöser oder rakteristisches Beispiel ist die Abgabe von Fetttropfen
hormonaler Signale aus der Umgebung: regulierte Sek- durch Drüsenzellen der Brustdrüse (7 S. 257). Die Fett-
retion. Sie liegt vor allem in Drüsen mit hoher Sekreti- tropfen sind von einem Zytoplasmasaum umgeben (spe-
onsleistung vor, z. B. in den Speicheldrüsen, in Drüsen zifische Apozytose). Eine unspezifische Apozytose liegt
des Geschlechtsapparats, in allen endokrinen Drüsen. vor, wenn Matrixvesikel mit Zytosol abgegeben werden.
Der regulierten Sekretion steht die konstitutive
Holokrine Sekretion (. Abb. 2.19 c). Hierbei geht die
(kontinuierliche) Sekretion gegenüber (. Abb. 2.16),
Drüsenzelle zugrunde. Das Sekret füllt die Zelle, der
z. B. bei der Freisetzung von Matrixmaterial. Sie erfolgt
Zellkern wird pyknotisch, die Zelle zerfällt. Holokrine
kontinuierlich.
Sekretion findet in den Talgdrüsen der Haut statt.
Zur Exozytose
Bei der Exozytose verbinden sich die Membranen der Sekret-
granula mit der Plasmamembran, öffnen sich und das Sekret Ausführungsgänge H42
wird in die Umgebung abgegeben. Bei der Fusion der Membra-
nen wirken spezielle Proteine mit, SNARE-Proteine (7 Bioche- Alle Ausführungsgänge exokriner Drüsen münden an
mie). Nach der Freisetzung des Sekrets wird die Membran des Epitheloberflächen. Während des Transports durch die
Sekretgranulums in die Plasmamembran eingefügt. Ausführungsgänge werden die Sekrete verändert, ins-
Vesikel des Golgiapparats dienen aber nicht immer dem besondere in ihrer Elektrolytzusammensetzung.
Sekrettransport. Sie können auch für den Plasmalemmersatz Das Ausführungsgangsystem der großen Speichel-
sorgen und dabei Membranproteine verschiedener Art mit- drüse des Mundes besteht aus (. Abb. 2.18):
bringen.
4 Schaltstück, das dem Endstück folgt,
Apokrine Sekretion (. Abb. 2.19 b). Hierbei kommt es 4 Streifenstück (Sekret-, Speichelrohr) und
zur Abschnürung eines umschriebenen Bereichs des 4 Ausführungsgang im engeren Sinne (Ductus excre-
Plasmalemms mit spezifischen Produkten des Zytosols torius)
30 Kapitel 2 · Histologie

Zwischen den verschiedenen Drüsen bestehen hinsicht-


these. Die Sekretabgabe kann merokrin, apokrin
lich des Vorkommens, der Größe und der Verzweigun-
oder holokrin sein. Bei der merokrinen erfolgt sie
gen der verschiedenen Abschnitte des Ausführungs-
durch Exozytose. Die Drüsenausführungsgänge
2 gangsystems z. T. erhebliche Unterschiede. So fehlen
der Mundspeicheldrüsen bestehen aus Schalt-
z. B. in der Tränendrüse Schalt- und Streifenstücke
und Streifenstücken, die sich in den Ductus ex-
und in der Bauchspeicheldrüse Streifenstücke. Die
cretorius fortsetzen. Während des Durchflusses
meisten Drüsen haben nur einen, in der Regel verzweig-
wird das Sekret verändert.
ten Ductus excretorius. Jedoch gibt es Ausnahmen, z. B.
bei der Milchdrüse.

Schaltstücke sind in der Regel kurz und werden von ei-


nem platten bis isoprismatischen Epithel ausgekleidet.
Sie sind meist englumig. Differenzialdiagnostisch müs- Endokrine Drüsen H86–89
sen sie von Kapillaren unterschieden werden. Sie neh-
men keinen Einfluss auf die Sekretzusammensetzung. Kernaussagen |
Streifenstücke haben ein einschichtiges iso- bis 5 Endokrine Drüsen haben keinen Ausfüh-
hochprismatisches Epithel. Die Zellen besitzen eine ba- rungsgang.
sale Streifung, die durch Einfaltung der basalen Zell- 5 Außer endokrinen Drüsen kommen endokri-
membran und Mitochondrien in Palisadenstellung zu- ne Zellgruppen und endokrine Einzelzellen
stande kommt. Die Streifenstücke liegen in der Regel in- vor.
nerhalb der Drüsenläppchen. Sie sind der Ort, an dem 5 Die Sekrete der endokrinen Zellen werden als
die Sekretzusammensetzung verändert wird. In den Hormone bezeichnet, die als Botenstoffe mit
Mundspeicheldrüsen werden z. B. Natrium- (und Chlo- den Flüssigkeiten des Körpers (humoral) an
rid-)ionen reabsorbiert und in geringem Ausmaß Kali- den Ort ihrer Wirkung gelangen.
um, Jod und andere Ionen abgegeben. Die Wasserdurch-
lässigkeit der Streifenstücke ist gering. Dadurch ändert
Endokrine Drüsen sind selbständige Organe. Jedoch ha-
sich die Osmolalität des Speichels. Ferner kommt es zu
ben sie anders als exokrine Drüsen keinen Ausführungs-
einer aktiven HCO-Sekretion, die bei Stimulation an-
gang.
steigt und den pH-Wert verändert.
Die Sekrete der endokrinen Drüsen werden als Hor-
Der Ductus excretorius beginnt interlobulär, im
mone bezeichnet. Sie werden in endokrinen Drüsenzel-
Pankreas allerdings intralobulär (7 S. 374). Er wird
len gebildet und gelangen von dort ins Gefäßsystem
von einem zweireihigen iso- bis hochprismatischen Epi-
(Blut- und Lymphgefäße, . Abb. 2.20 a). Auf diesem
thel mit deutlichen Schlussleisten begrenzt.
Weg werden sie im ganzen Körper verteilt (endokrine
Sekretion).
Endokrine Drüsenzellen können in Form von Zell-
> In Kürze gruppen oder einzeln vorliegen. Die von den in ver-
Einzellige exokrine Drüsen sind die intraepithe- schiedenen Geweben zerstreuten Einzelzellen gebildeten
lialen Becherzellen. Die Mehrzahl der exokrinen Hormone werden als Gewebshormone bezeichnet. Dazu
Drüsen ist jedoch mehrzellig. Sie haben sehr un- gehören insbesondere Zytokine, die Differenzierung
terschiedliche Formen: einfach-, gewunden- oder und Wachstum unterschiedlichster Zellen beeinflussen.
verzweigt-tubulös. Ihre Endstücke können azinös Die Sekretabgabe aus den endokrinen Zellgruppen
oder alveolär sein. Die Sekretion erfolgt in den und Einzelzellen kann wie bei den endokrinen Drüsen
Drüsenendstücken. Die Drüsenzellen bilden ein in die Blut- und Lymphbahn erfolgen, jedoch auch
proteinreiches, dünnflüssiges, in mukösen End- ins interstitielle Gewebe (parakrine Sekretion)
stücken ein schleimiges, zähflüssiges, enzym- (. Abb. 2.20 b). Transportiert werden die Hormone
armes Sekret. Drüsenendstückzellen sind typi- dann mit der interstitiellen Flüssigkeit. Die Hormonwir-
sche Orte der Protein- aber auch Muzinbiosyn- kung ist lokal, evtl. auf die hormonproduzierende Zelle
selbst gerichtet (autokrine Sekretion) (. Abb. 2.20 c).
a2.1 · Epithelgewebe
31 2

. Abb. 2.20 a–c. Endokrine Drüsenzellen. a Endokrine Sekretion, b parakrine Sekretion, c autokrine Sekretion

Eine Besonderheit stellen die im Abwehrsystem Nervenzellen, die Neurohormone bilden, befinden sich
wirksamen Botenstoffe dar, z. B. die Zytokine (7 S. 139). im Hypothalamus (7 S. 756).
Neurohormone. Auch Nervenzellen können Hormo-
ne bilden. Wenn diese Hormone ihr Ziel auf dem Blut- Zur Biosynthese von Hormonen
weg erreichen, werden sie als Neurohormone bezeich- Verglichen mit exokrinen Drüsenzellen wird in den meisten
net. Anders verhält es sich mit parakrin auf die Aktivi- endokrinen Drüsenzellen nur verhältnismäßig wenig, dafür
tät benachbarter Nervenzellen wirkenden Substanzen. aber hochwirksames Sekret gebildet. Dadurch sind in den en-
Sie werden als Neurotransmitter bezeichnet (7 S. 76). dokrinen Zellen die entsprechenden Organellen verhältnis-
mäßig klein, z. B. das RER und der Golgiapparat. Das Ergebnis
der intrazellulären Hormonbildung sind Sekretgranula, in de-
i Zur Information nen die Hormone, teilweise an Trägersubstanzen gebunden,
Hormone sind Botenstoffe, die chemische Signale auf humo- gespeichert werden. Die Hormonabgabe erfolgt durch Exo-
ralem Weg weitergeben. Zur Entfaltung ihrer Wirkung müssen zytose.
am Zielort spezifische Rezeptoren vorhanden sein. Diese be-
Schilddrüse. Unter den proteohormonbildenden Drüsen-
finden sich als Membran- oder als intrazelluläre Rezeptoren
zellen nimmt die Schilddrüse eine Sonderstellung ein. Sie ist
in Zytosol oder Zellkern. Die Hormonwirkung ist stets aus-
gesprochen spezifisch. Dies schließt nicht aus, dass Hormone entwicklungsgeschichtlich eine exokrine Drüse und gibt ihr
auch gleichzeitig auf mehrere Organe wirken können. Hormo- Sekret apikal in das Lumen von Schilddrüsenfollikeln ab.
ne wirken stets in kleiner Menge. Sie nehmen an den Reaktio- Von dort wird das Hormon bei Bedarf mobilisiert (Einzelhei-
nen, die sie anregen, selbst nicht teil. ten 7 S. 651). Die in der Schilddrüse gespeicherte Hormon-
Im Vergleich zum Nervensystem, das gleichfalls der Infor- menge ist auffällig groß.
mationsübertragung dient, arbeitet das endokrine System Steroidhormonbildende Zellen, z. B. in der Nebennieren-
langsam. Zwischen Reiz und Erfolg können Minuten bis Stun- rinde und im Ovar, nehmen gleichfalls eine Sonderstellung ein.
den vergehen. Diese Zellen haben wenig RER und wenig freie Ribosomen.
Dafür ist das glatte endoplasmatische Retikulum und der Gol-
Endokrine Drüsen sind Hypophyse, Zirbeldrüse, Schild- gikomplex relativ groß und es kommen zahlreiche Lysosomen
drüse, Nebenschilddrüsen und Nebennieren. H86–89 und Peroxisomen vor. Auffällig sind ferner Mitochondrien vom
tubulären Typ. Die Zellen speichern nur wenig Hormon, ent-
halten aber Vorstufen in größerer Menge, z. B. Cholesterol.
Endokrine Zellgruppen kommen u. a. als Langerhans-In-
Die Synthese der steroidbildenden Zellen passt sich den jewei-
seln im Pankreas, als Leydig-Zwischenzellen im Hoden,
ligen Anforderungen an.
als Follikelepithelzellen und als Corpus-luteum-Zellen Diffuses neuroendokrines System (DNES). Hierbei handelt
im Ovar sowie in Paraganglien vor. es sich um disseminierte endokrine Zellen, die Polypeptide
mit hormonaler Aktivität bilden und gleichzeitig die Vorläufer
Endokrine Einzelzellen treten an vielen Stellen auf, ge- von biogenen Aminen aufnehmen und verarbeiten (amin pre-
häuft im Gastrointestinaltrakt, aber auch anderen Ortes. cursor uptake and decarboxylation = APUD) können. Zytolo-
32 Kapitel 2 · Histologie

gisch zeichnen sich diese Zellen durch wenig entwickeltes RER geordnete Zentrum im Hypothalamus der Kontrolle so-
und einen kleinen Golgiapparat sowie kleine runde Sekret- wohl durch Hormone als auch durch das Zentralnerven-
granula aus. Die Zellen liegen mehr oder weniger verstreut system. Es wird deswegen von neuroendokriner Regula-
in vielen Organen, teilweise isoliert, teilweise in Gruppen. Da tion gesprochen.
2 die Zellen Proteine bilden, die gleichzeitig für Nervenzellen ty-
pisch sind, werden sie zum diffusen neuroendokrinen System
zusammengefasst. > In Kürze
Regulation der Tätigkeit endokriner Drüsen. Endokrine Endokrine Drüsenzellen kommen in endokrinen
Drüsen hängen in ihrer Funktion voneinander ab. Drüsen, als endokrine Zellgruppen oder als Ein-
Sie sind durch Regelkreise miteinander verbunden zelzellen vor. Hinzu kommen Nervenzellen mit
(. Abb. 2.21). Regelgrößen sind dabei die Hormonkon- endokriner Sekretion. Die Sekrete dieser Zellen
zentrationen. Diese haben überwiegend einen hemmen- sind glanduläre Hormone, Gewebshormone,
den Einfluss auf die im Regelkreis nachgeschaltete Drüse: Neurohormone. Die Sekretabgabe erfolgt ins Ge-
Steigt die Hormonproduktion an einer Stelle und damit fäßsystem (endokrine Sekretion) oder ins Inter-
die Hormonkonzentration im Blut an, bewirkt dies in der stitium (parakrine Sekretion). Bei Rückwirkung
nachgeschalteten Drüse eine Hemmung der dortigen auf die hormonbildenden Zellen selbst handelt
Hormonproduktion. Dies führt rückkoppelnd zu einer es sich um autokrine Sekretion. Bei der Hormon-
Senkung der Hormonproduktion in der Ausgangsdrüse synthese entstehen Sekretgranula, die bei Bedarf
(negative Rückkopplung). Dies ruft dann seinerseits eine durch Exozytose abgegeben werden. Hormon-
Enthemmung (Steigerung) der Tätigkeit der nachgeschal- produktion und -sekretion erfolgen im Rahmen
teten Drüse hervor u.s.w. Im Rahmen der endokrinen geschlossener Regelkreise.
Regelkreise haben Hypothalamus und Adenohypophyse
eine übergeordnete Stellung.
Hormonale Regelkreise wirken eng mit nervalen Re-
gelkreisen zusammen. Insbesondere unterliegt das über-
2.2 Binde- und Stützgewebe H3, 8–22

i Zur Information
Binde- und Stützgewebe sind heterogen. Während Bindege-
webe ubiquitär im Körper vorhanden ist und in sehr unter-
schiedlichen Formen vorliegt, gehören zum Stützgewebe
Knorpel und Knochen. Gemeinsames histologisches Kennzei-
chen aller Binde- und Stützgewebe ist das Vorkommen von
Interzellularsubstanzen, die den interstitiellen Raum zwischen
den zugehörigen Zellen füllen. Sie bilden die Matrix des Bin-
de- und Stützgewebes.
Der histologischen Heterogenität entspricht die Vielzahl
der Aufgaben. Binde- und Stützgewebe haben
4 mechanische Aufgaben, dienen
4 Stofftransport und Speicherung,
4 Schutz und Abwehr und sind an der
4 Wundheilung beteiligt.
Mechanische Aufgaben stehen im Vordergrund. Bindegewebe
gibt als Organkapsel oder Bindegewebsgerüst den Organen
Halt. Es fungiert jedoch auch als Verschiebeschicht zwischen
Muskeln oder Organen. Nerven und Gefäße werden durch
Bindegewebe in den Verbund des Körpers eingefügt. Stützge-
webe, Knorpel und Knochen bilden das Skelett des Körpers.
. Abb. 2.21. Endokrines System, Regelkreise. Durchgezogene Lini- Stofftransport und Speicherung. Der gesamte Stofftrans-
en Wirkungsrichtung auf Zielorgane; unterbrochene Linien rück- port von den Gefäßen zu den Zellen und umgekehrt erfolgt
koppelnde Wirkung der Hormone peripherer endokriner Organe durch den Interzellularraum. Dabei werden Stoffwechselpro-
auf Hypothalamus und Adenohypophyse dukte in der interstitiellen Flüssigkeit gelöst.
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
33 2
Zu Bindung und Speicherung von Wasser kommt es vor Ortsständige Bindegewebszellen
allem durch die Hydrophilie der Glykosaminoglykane der In-
terzellularsubstanz. Eine Wasserbewegung erfolgt durch die
im Gewebe herrschenden Druckverhältnisse.
Wichtig | |
Knochen ist das größte Speicherorgan für Kalzium. Ortsständige Bindegewebszellen dienen vor al-
Schutz und Abwehr. Amorphe Interzellularsubstanzen bil- lem der Faser- und Grundsubstanzbildung. Sie
den durch ihre Viskosität einen Schutz gegen die Ausbreitung
fremder Partikel im Gewebe. Insbesondere aber dienen freie
treten in aktiver Form auf (dann als »-blasten«
Bindegewebszellen, soweit sie zum Immunsystem gehören, bezeichnet) oder befinden sich in einer Ruhe-
der Abwehr. phase (dann als »-zyten« bezeichnet).
Wundheilung. Hieran ist das Bindegewebe in allen Phasen
beteiligt. Durch Vermehrung des Bindegewebes an verletzten
Stellen kann es zur Narbenbildung kommen. Typische ortsständige Bindegewebszellen sind
4 Fibrozyten
4 Fibroblasten
2.2.1 Bindegewebe H3, 8–16
Fibrozyten (. Abb. 2.22) sind flach, in Seitenansicht
spindelförmig und haben lange, membranartig ausgezo-
Kernaussagen | gene, äußerst dünne Enden, die verzweigt sein können.
5 Bindegewebe verfügen über ortsständige Der Zellkern ist abgeplattet und erscheint in der Auf-
und freie Bindegewebszellen sowie über sicht ellipsoid, im Profil spindelförmig. Im Zytoplasma
extrazelluläre Matrix mit Fasern bzw. unge- kommen nur wenig RER, wenige Mitochondrien und
formter Interzellularsubstanz. ein kleiner Golgiapparat vor.
5 Kollagene Fasern überwiegen gegenüber
retikulären und elastischen. i Zur Information
5 Kollagene Fasern bestehen aus Tropokolla- In der Gewebekultur sind Fibrozyten außerordentlich tei-
genmolekülen, deren Vorstufen in ortsstän- lungsfreudig, in vivo werden dagegen selten Zellteilungen ge-
funden (Ausnahme: Wundheilung).
digen Bindegewebszellen, Fibroblasten,
gebildet werden.
Fibroblasten sind ebenfalls spindelförmig, jedoch meist
5 Unter den ungeformten Interzellularsubstan-
plump mit gröberen Fortsätzen. Fibroblasten sind Zel-
zen überwiegen Proteoglykane.
len mit hoher Syntheseleistung. Sie haben deswegen
5 Bindegewebe liegen in sehr verschiedenen
ein umfangreiches RER und einen auffälligen Golgi-
Formen vor.
apparat.
5 Sehnen und Bänder sind zugfest.
Fibroblasten bilden die Interzellularsubstanzen: Fa-
5 Bindegewebe haben mechanische und
sern und Grundsubstanzen.
metabolische Aufgaben.

i Zur Information
Die Begriffe Fibrozyt und Fibroblast werden häufig synonym
gebraucht. Tatsächlich kann wegen der fließenden Übergän-
ge zwischen beiden Formen (Stadien) eine Unterscheidung
schwierig sein.

. Abb. 2.22 a, b. Bindegewebszellen. a Fixe Bindegewebszelle: oben Aufsicht, unten Längsschnitt. b Freie Bindegewebszellen
34 Kapitel 2 · Histologie

Weitere ortsständige Zellen des Binde- und Stützgewe-


der Bildung von Interzellularsubstanzen, sind
bes sind Mesenchymzellen (7 S. 41), Retikulumzellen
aber generell zur Stoffabgabe befähigt. Sie die-
(im retikulären Bindegewebe, 7 S. 42), Fettzellen (Fett-
nen der Abwehr.
gewebe, 7 S. 45), Chondrozyten (Knorpelgewebe, 7 S.
2 47) und Osteozyten (Knochengewebe, 7 S. 58). Über-
gangsformen zu glatten Muskelzellen sind Myofibroblas- Als freie Zellen kommen im Bindegewebe vor (. Tabelle
ten (7 S. 69). 2.3; . Abb. 2.22):
Besonderer Erwähnung bedürfen die Mesothelzellen. 4 Leukozyten
Es handelt sich um transformierte Bindegewebszellen, 4 Plasmazellen
die an der Oberfläche seröser Häute (z. B. Pleura, Peri- 4 Makrophagen
toneum, 7 S. 330) eine epithelartige Bedeckung bilden. 4 Fremdkörperriesenzellen
4 Mastzellen

Freie Bindegewebszellen Einzelheiten zu den freien Bindegewebszellen


Leukozyten und Plasmazellen halten sich nur temporär im Bin-
Wichtig | | degewebe auf. Ihre Besprechung erfolgt in Kapitel 4 (Blut und
Freie Bindegewebszellen sind mobil. Sie dienen Immunsystem). Makrophagen, Fremdkörperriesenzellen und
Mastzellen verweilen dagegen im Gewebe.
vor allem der Abwehr. Freie Bindegewebszellen
Makrophagen gehen aus den Monozyten hervor, die die
sind z. T. aus den Blutgefäßen ins Bindegewebe
Blutbahn verlassen haben. Sie können vorliegen als
eingewandert und können es wieder verlassen.
4 ortsständige Makrophagen oder als
Freie Bindegewebszellen beteiligen sich nicht an 4 Wanderzellen.

. Tabelle 2.3. Bindegewebszellen und ihre Funktionen

Zelltyp Produkte Funktion

fixe Bindegewebszellen: Fasern und Grundsubstanz Sekretion, mechanische Stabilität


Fibroblasten, Fibrozyten, Retikulum-
zellen, Chondrozyten, Osteozyten,
Odontoblasten

Fettzellen Fettspeicher: Energiereserve,


Wärmeisolierung

freie Bindegewebszellen:
neutrophile Granulozyten Faktoren, die Krankheitserreger Zytotoxizität, Phagozytose
eosinophile Granulozyten und Fremdzellen abtöten

basophile Granulozyten steuernde Faktoren parakrine Entzündungssteuerung,


Mastzellen für die Entzündungsreaktion Gerinnungshemmung

Monozyten steuernde Faktoren Phagozytose, Entzündungssteuerung,


? Makrophagen für die Entzündungsreaktion, Steuerung des Zellwachstums
Wachstumsfaktoren

Lymphozyten Antikörper Immunabwehr,


? Plasmazellen Bindung von Fremdprotein
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
35 2
Ortsständige Makrophagen kommen in zahlreichen Orga- Wichtig | |
nen vor und haben jeweils eigene Namen (7 S. 138). Im locke-
ren Bindegewebe werden sie auch als Histiozyten, ruhende Kollagene Fasern sind die häufigsten Bindege-
Wanderzellen, bezeichnet. Liegen sie in der Nähe kleiner Blut- websfasern. Sie kommen praktisch überall im
gefäße, handelt es sich um Adventitiazellen. Körper vor. Sie sind die wichtigsten Bestandteile
Ortsständige Makrophagen des Bindegewebes können ab- des lockeren und dichten Bindegewebes sowie
gerundet, aber auch spindel- oder sternförmig sein. Sie haben der Sehnen. Kollagene Fasern und ihre Anord-
einen mittleren Durchmesser von 10–20 lm. Ihr Kern ist etwas nung bestimmen die mechanischen Eigenschaf-
kleiner und dichter als der von Fibrozyten. Das Zytoplasma ten des Bindegewebes.
enthält zahlreiche Granula und Vakuolen. Sie sind schwer
von Fibrozyten zu unterscheiden. Sie phagozytieren und sezer-
nieren (Einzelheiten hierzu 7 S. 138). Bindegewebe mit überwiegend kollagenen Fasern er-
Fremdkörperriesenzellen. In der Umgebung von Fremd- scheint bei Betrachtung mit bloßem Auge weiß.
körpern, die zu groß sind, um von Zellen aufgenommen und Chemisch bestehen kollagene Fasern aus Kollagen
abgebaut zu werden, kann es passieren, dass Makrophagen und Polysacchariden.
fusionieren. Es entstehen dann Fremdkörperriesenzellen mit Die Bezeichnung „Kollagen“ geht darauf zurück,
100 oder mehr Zellkernen. dass Kollagenfasern beim Kochen quellen und Leim ge-
Wanderzellen. Aus der ruhenden Wanderzelle kann eine
ben (Kolla = Leim). Dabei gehen das Kollagen und die
bewegliche Wanderzelle werden. Dann bekommen die Zellen
polysaccharidhaltigen Kittsubstanzen in Lösung. Aus
kurze, pseudopodienartige Fortsätze und eine irreguläre Form.
Im Zytoplasma kommen zahlreiche Einschlüsse vor, insbeson-
dem Leim können wieder Fibrillen ausgefällt werden
dere Lysosomen und sehr häufig Fetttropfen. (Gelatine).
Mononukleäres Phagozytosesystem (MPS). Monozytenvor-
Einzelheiten zum Kollagen
läufer (im Knochenmark), Monozyten und Makrophagen sind
Kollagen ist das häufigste Protein des Körpers, etwa 30% des
Zellen einer Zelllinie. Da sie außerdem gemeinsame Eigen-
Körperproteins. Gegenwärtig sind mehr als 20 Kollagene be-
schaften haben, vor allem Phagozytose und parakrine Sekreti-
kannt. Gemeinsam bestehen sie aus Tropokollagenmolekülen.
on, wurden sie zum mononukleären Phagozytosesystem (MPS)
Die Unterschiede zwischen den Kollagenen gehen auf die Pri-
zusammengefasst.
märstruktur und auf den Aufbau der Tropokollagenmoleküle
Mastzellen. Sie sind im lockeren Bindegewebe weit verbrei-
zurück.
tet und liegen besonders in der Nähe kleiner Blutgefäße. Sie
Die Kollagene lassen sich zu Hauptgruppen zusammenfas-
gehören zu den Hilfszellen des Abwehrsystems (7 S. 149).
sen, zu fibrillären Kollagenen mit kettenförmig angeordneten
Charakteristisch für die relativ großen Mastzellen sind
Tropokollagenmolekülen (Typ I, II, III, V, XI), zu Kollagenen,
dicht liegende, basophile Granula im Zytoplasma. Die Granula
die Netzwerke bilden (Typ IV, VIII) und zu Kollagenen, die Ver-
enthalten Heparin und Chondroitinsulfat; beides sind stark sau-
bindung zu anderen Kollagenen herstellen (Typ VI, VII, XII,
re Proteoglykane (7 S. 40). Heparin wirkt der Blutgerinnung
XIV).
entgegen. Außerdem enthalten Mastzellen Histamin, das die
Hervorzuheben sind (. Tabelle 2.5)
Gefäße erweitert, die Gefäßpermeabilität erhöht, und z. B. bei
4 Typ I. Er kommt am häufigsten vor (90%) und ist für locke-
Entzündungen und allergischen Erkrankungen freigesetzt
res und dichtes Bindegewebe typisch (7 unten).
wird.
4 Typ II bildet meist dünne Netze und ist für den hyalinen
Knorpel charakteristisch.
i Zur Information
Häufig kommen im Bindegewebe Pigmentzellen vor. Her-
4 Typ III ist wesentlicher Bestandteil der retikulären Fasern
kunftsmäßig gehören sie nicht zum Bindegewebe, da sie (7 unten). Er kann mit anderen Kollagentypen kopoly-
aus der Neuralleiste stammen (7 S. 733). merisieren.
4 Typ IV kommt in der Basallamina vor. Seine Tropokollagen-
moleküle sind weder zu Fibrillen noch zu Fasern zusam-
Kollagene Fasern mengefügt. Sie liegen als Filamente vor und bilden zweidi-
mensionale Netze. Außerdem wird Typ-IV-Kollagen nicht
i Zur Information von Fibroblasten, sondern u. a. von Epithel- und Muskelzel-
Kollagene Fasern liegen wie alle Bindegewebsfasern (kollage- len gebildet.
ne, retikuläre, elastische Fasern) extrazellulär. Die verschiede-
nen Bindegewebsfasern haben unterschiedliche Strukturen Strukturell lassen sich beim Typ-I-Kollagen licht- bzw.
und unterschiedliche physikalische Eigenschaften (. Tabelle elektronenmikroskopisch in hierarchischer Folge unter-
2.4). scheiden
36 Kapitel 2 · Histologie

4 kollagene Faserbündel, > Klinischer Hinweis


4 kollagene Fasern, Längere Ruhigstellung von Gelenken führt durch Verkürzung
4 kollagene Fibrillen und in Fortsetzung wie bei allen der kollagenen Fasern des Bandapparats zu einer vorüberge-
Kollagentypen henden Versteifung. Durch Übung kann der vorherige Zu-
2 4 Tropokollagenmoleküle.
stand wieder hergestellt werden. Auch eine Überdehnung
ist möglich.

Kollagenfaserbündel entstehen dadurch, dass kollagene


Im Lichtmikroskop sind die einzelnen frischen Kolla-
Fasern Bündel bilden. Kollagene Fasern liegen selten
genfasern farblos. Sie lassen sich jedoch anfärben, u. a.
einzeln. Im lockeren Bindegewebe verlaufen die Kolla-
mit sauren Farbstoffen: mit Eosin rot (HE-Färbung),
genfasern oft gewellt (haarlockenförmig).
mit Anilinblau blau (Azan-Färbung), mit Lichtgrün
Kollagene Fasern haben einen durchschnittlichen
grün (Trichrom-Färbung nach Goldner bzw. Masson).
Durchmesser zwischen 1 und 10 lm. Sie sind unver-
zweigt. Ihre Länge hängt wesentlich von ihrem Span-
Kollagene Fibrillen (. Abb. 2.23). Kollagene Fasern be-
nungszustand ab. Wird längere Zeit die Spannung
stehen aus kollagenen Fibrillen (durchschnittlicher
erhöht, werden die Kollagenfasern länger, wird die
Durchmesser 0,2–0,5 lm). Im Elektronenmikroskop fal-
Spannung vermindert, verkürzen sie sich.
len kollagene Fibrillen durch dunkle und helle Quer-
streifen mit einer sich wiederholenden Periodizität
von durchschnittlich 64 nm auf. Die dunklen Streifen
entstehen nach entsprechender Vorbehandlung des Ge-

. Tabelle 2.4. Bindegewebsfasern

Kollagenfasern retikuläre Fasern elastische Fasern

Eigenfarbe weiß-opak gelb

mechanische Eigenschaften zugfest (5% dehnbar) zugfest zugelastisch 100–150%

Lichtmikroskopie unverzweigt, Durchmesser feinste netzartig gestreckt, nicht in Fibrillen


1–20 lm, wenig angeordnete Fäserchen auflösbar, stark licht-
lichtbrechend brechend

Anordnungsweise gewellte Bündel, Geflechte Netze, Gitter Netze, gefensterte


Membranen

Elektronenmikroskopie Aufgliederung in quer- Grundsubstanz mit


gestreifte Kollagenfibrillen randständigen Mikrofibrillen
(Durchmesser 0,2–0,5 lm)

Verhalten in kochendem quellen, löslich, leimbildend unlöslich unlöslich


Wasser und
in verdünnten Säuren

Färbungen:
Azan blau blau schwach rot bis violett
HE rot rosa ungefärbt
Elastika-Färbungen ungefärbt ungefärbt rotbraun, violett
Van-Gieson rot rot indifferent
Versilberung hellbraun schwarz ungefärbt
. Tabelle 2.5. Kollagentypen I–IV

Kollagen- Vorkommen Lichtmikroskop Elektronenmikroskop Syntheseort Interaktion mit Funktion


typ Glykosamino-
glykanen

I Dermis, Faszien, typische Kollagen- Unterschiede im Fibroblasten, Chond- gering, hauptsächlich zugfest
Sehnen, Sklera, fasern, dick, dicht Durchmesser, roblasten, Osteoblas- mit Dermatansulfat
Organkapseln, gepackt und in Querstreifung der ten, Odontoblasten
a2.2 · Binde- und Stützgewebe

Faserknorpel, Bündeln, nicht Mikrofibrillen


Dentin, Knochen argyrophil

II hyaliner und nur polarisations- sehr dünne Fibrillen Chondroblasten intensiv, hauptsächlich widerstandsfähig
elastischer Knorpel, mikroskopisch sicht- (Durchmesser mit Chondroitinsulfat gegen
Nucleus pulposus, bar 10–20 lm) in viel intermittierende
Glaskörper Grundsubstanz Drücke

III als retikuläre netzförmig, dünn, eher einheitlicher Fibroblasten, retiku- mittelmäßig, Strukturerhaltung
Fasern argyrophil Durchmesser, läre Zellen, glatte hauptsächlich in Organen, die
(Durchmesser 50 lm) Querstreifung der Mi- Muskelzellen, mit Heparansulfat sich ausdehnen
krofibrillen Schwann-Zellen,
Hepatozyten

IV Basallaminae dünne Filamente Endothel, Epithel, mit Heparansulfat stützend


Muskelzellen
2 37
38 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.23. Fibrillogenese. Kollagenfaserbildung. Intrazellulär gen in Tropokollagen (3) umgewandelt. Durch Aggregation ent-
entsteht nach Aufnahme von Aminosäuren (1) Prokollagen (2). stehen kollagene Fibrillen (4) mit charakteristischer Querstreifung
Im Golgiapparat werden außerdem saure Proteoglykane gebildet. (5). Kollagene Fibrillen lagern sich zu kollagenen Fasern (6) und
Prokollagen und saure Proteoglykane werden durch Exozytose in diese zu einem Kollagenfaserbündel (7) zusammen
die Umgebung der Zelle abgegeben. Extrazellulär wird Prokolla-

webes dort, wo Schwermetallionen vermehrt gebunden Intrazellulär wird im RER der Fibroblasten als Vorstufe Pro-
bzw. in die Fibrillen eingelagert werden. kollagen synthetisiert (. Abb. 2.23). Dabei erfolgt eine unter-
Tropokollagenmoleküle (. Abb. 2.23) sind die schiedliche Glykolysierung. Die Abgabe von Prokollagen aus
Grundeinheiten des Kollagens. Tropokollagenmoleküle der Zelle erfolgt durch konstitutive Exozytose entweder direkt
aus den Zisternen des RER in die Zellumgebung oder via Gol-
sind gestreckt. Sie sind 300 nm lang und 1,5 nm breit.
giapparat. Die Fibroblasten produzieren außer den Peptiden
Tropokollagenmoleküle setzen sich aus je drei helixartig
noch Glykokonjugate, die gleichfalls in die Zellumgebung ge-
umeinander gewundenen Polypeptidketten mit charak- langen (7 unten).
teristischer Aminosäuresequenz zusammen. Vor allem Extrazellulär wird in unmittelbarer Nähe der Zelloberfläche
kommen die Aminosäuren Glycin, Prolin und Hydroxy- Prokollagen enzymatisch (durch Prokollagenpeptidase) in Tro-
prolin vor. Die Polypeptidketten sind durch Querbrü- pokollagen umgewandelt. Hierbei wird insbesondere an den
cken miteinander verbunden. nichthelikal gewundenen Enden des Prokollagens ein schützen-
Zu Kollagenfibrillen fügen sich die Tropokollagen- des Registerprotein abgespalten, sodass die Verknüpfung der
moleküle extrazellulär dadurch zusammen, dass sie in Tropokollagenmoleküle zu Mikrofibrillen (Durchmesser
Reihen liegen und von Ende zu Ende und von Seite zu 0,03–0,2 lm) und dann zu Kollagenfibrillen möglich wird.
Seite verknüpft sind. Von Reihe zu Reihe sind die Tro-
pokollagenmoleküle jeweils um ein Viertel ihrer Länge Retikuläre Fasern
versetzt.
Die Verknüpfung zwischen den Tropokollagenmo- Wichtig | |
lekülen und ihren Querbrücken rufen die hohe Zugfes- Retikuläre Fasern bestehen überwiegend aus
tigkeit der Kollagenfasern hervor (bis zu 50–100 Typ-III-Kollagen, schließen aber Typ-I-Kollagen
Newton/mm2). Biegungskräften setzen Kollagenfasern ein. Dadurch lässt sich in retikulären Fasern eine
dagegen keinen Widerstand entgegen. Reversibel dehn- Querstreifung nachweisen.
bar sind die Kollagenfasern etwa um 5%. Tritt akut eine
stärkere Dehnung auf, kommt es vor dem Zerreißen zu
Retikuläre Fasern bestehen überwiegend aus Typ-III-
einer irreversiblen Längsdehnung (»fließen«).
Kollagen, schließen aber Typ-I-Kollagen ein. Dadurch
lässt sich in retikulären Fasern eine Querstreifung nach-
Zur Fibrillogenese weisen. In lymphatischen Organen werden retikuläre
Die Fibrillogenese erfolgt teilweise intrazellulär in Fibroblasten, Fasern von Ausläufern der Retikulumzellen allseitig
teilweise extrazellulär. umschlossen (7 S. 42).
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
39 2
Retikuläre Fasern sind sehr fein (Durchmesser 2.24 c). Elastische Fasern sind homogen und bestehen
0,2–1,0 lm) und reich an Glykoproteinen (bis 12%, ge- aus einer amorphen glykoproteinreichen Grundsub-
genüber 1% in kollagenen Fasern). Deshalb sind retiku- stanz (Elastin), in die Mikrofibrillen (Durchmesser
läre Fasern durch Silberimprägnation darstellbar (Argy- 10 nm) aus Fibrillin eingelagert sind. Elastin ist ein Pro-
rophilie, argyrophile Fasern). Die Silbersalze legen sich tein, das sich in seiner Aminosäurezusammensetzung
auf die Faseroberfläche. vom Kollagen unterscheidet.
Retikuläre Fasern bilden Fasergerüste, z. B. in den Elastische Fasern werden lediglich von embryonalen
hämatopoetischen Organen (rotes Knochenmark, Milz, oder juvenilen Fibroblasten und glatten Muskelzellen
Lymphknoten) und im Bindegewebe (Stroma) zahlrei- gebildet.
cher anderer Organe. Außerdem kommen sie an der Die färberische Darstellung von elastischen Fasern
Oberfläche von Nervenfasern (7 S. 82), Muskelzellen, gelingt nur mit speziellen Farbstoffen, z. B. Orzein, Re-
Kapillaren und manchen Epithelzellen vor. Retikuläre sorzinfuchsin, Aldehydfuchsin.
Fasern sind wesentlicher Bestandteil der Lamina fibro- Ihre reversible Dehnbarkeit ist begrenzt. Wird ein
reticularis in Nachbarschaft der Basallamina (7 S. 17). Grenzwert überschritten, zerreißen auch sie. Im Alter
Gebildet werden retikuläre Fasern sowohl von Retiku- nimmt die Elastizität der elastischen Fasern ab.
lumzellen als auch von Fibroblasten (7 S. 42). Vorkommen. In der Regel kommen elastische Fasern
Retikuläre Fasern sind geringfügig dehnbar und und Netze (. Abb. 2.24 a) zusammen mit kollagenen Fa-
biegungselastisch; sie geben dem Gewebe eine gewisse sern vor, z. B. in der Kapsel und im Stroma von Orga-
Festigkeit. nen. Der Bestand an elastischen Fasern wechselt jedoch
regional stark. Besonders viele elastische Fasern besitzt
Elastische Fasern die Lunge.
Außer elastischen Fasern kommen elastische ge-
fensterte Membranen vor (. Abb. 2.24 b), z. B. in der
Wichtig | |
Aorta.
Elastische Fasern sind verzweigt und bilden Nur ausnahmsweise bilden elastische Fasern Bänder
dreidimensionale Netze (7 Abb. 2.24 a). Elastische (. Abb. 2.24 c), beim Menschen z. B. zwischen den Wir-
Fasern und Netze sind reversibel dehnbar. belbögen. Sie wirken energiesparend und ersetzen dort
Muskeln. Aufgrund der Eigenfarbe der elastischen Fa-
Der Durchmesser der elastischen Fasern schwankt sern erscheinen sie gelb (Ligg. flava). Die Eigenfarbe
stark: Dünnere haben Durchmesser von 0,2–1,0 lm, der elastischen Fasern (Membranen) ruft auch die
elastische Fasern im Nackenband von 4–5 lm (. Abb. Gelbtönung der Aortenwand hervor.

. Abb. 2.24 a–c. Elastisches Material. Es kann a als elastisches In der oberen Reihe sind die Gebilde in Längsrichtung, in der unte-
Netz, b als elastische Membran, c als elastisches Band vorliegen. ren im Querschnitt dargestellt
40 Kapitel 2 · Histologie

Ungeformte Interzellularsubstanzen

Wichtig | |
2 Ungeformte, amorphe Interzellularsubstanzen
werden auch als Grundsubstanzen bezeichnet.
Sie kommen bei allen Bindegeweben vor. Auf sie
geht der Verbund des Bindegewebes zurück, da
sie mit den geformten Bestandteilen, u. a. den
Kollagenfibrillen, verknüpft sind. Grundsubstan-
zen besitzen je nach chemischer Zusammenset-
zung und physikochemischem Verhalten unter-
schiedliche Konsistenz. Ergänzt werden sie durch
interstitielle Flüssigkeit.

Grundsubstanzen und interstitielle Flüssigkeit sind


morphologisch nur schwer zu erfassen, da sie in der Re-
gel bei der üblichen histotechnischen Vorbehandlung
der Gewebe herausgelöst werden. Eine Ausnahme be-
steht dort, wo Grundsubstanzen geformt sind, z. B. im
Knorpel und Knochen (7 unten).
. Abb. 2.25. Interzellularsubstanz. Proteoglykane sind durch ih-
Zum molekularen Aufbau von Interzellularsubstanzen
ren Proteinanteil (CP core protein) einerseits an Hyaluronsäure-
(. Abb. 2.25)
stränge (HA), andererseits an Kollagenfibrillen gebunden. PS Poly-
Hauptbestandteile von Grundsubstanzen sind: saccharidseitenketten (Glykosaminoglykane)
4 Glykosaminoglykane
4 Proteoglykane
4 Glykoproteine Wichtige Proteoglykane sind u. a. Aggrecan mit Chondroi-
Glykosaminoglykane bestehen aus langen Polysaccharidketten tinsulfat als Glykosaminoglykanseitenkette (im Knorpel), Per-
aus repetitiven Disaccharideinheiten. Durch Karboxyl- und lecan mit Heparansulfat als Seitenkette (in der Basallamina),
Sulfatgruppen sind die Disaccharideinheiten negativ geladen Vesican mit Chondroitin- und Dermatansulfat (in der Gefäß-
und die Glykosaminoglykane der Grundsubstanz deshalb stark wand), Decorin mit nur einer Chondroitin- und Dermatansei-
sauer. tenkette (ubiquitär im kollagenen Bindegewebe). Einige Pro-
In Abhängigkeit vom Aufbau der Disaccharideinheiten las- teoglykane, z. B. Syndecan, sind an Zelloberflächen gebunden.
sen sich sulfatierte und nichtsulfatierte Glykosaminoglykane Ihr Core-Protein durchspannt die Plasmamembran und enthält
unterscheiden. Die Glykosaminoglykane sind in der Regel an eine kurze zytosolische und eine lange extrazelluläre Domäne.
Proteine gebunden, mit denen sie Proteoglykane bilden (7 un- Extrazellulär sind Proteoglykane über elektrostatische und
ten). Das im Körper am häufigsten vorkommende nichtsulfa- Wasserstoffbrückenbindungen mit Kollagenfibrillen verbun-
tierte Glykosaminoglykan ist die Hyaluronsäure. Sie ist nicht den.
an Protein gebunden, vermag aber Proteoglykane miteinander Glykoproteine. Im Gegensatz zu den Proteoglykanen beste-
zu verknüpfen (. Abb. 2.25). Hyaluronsäure kommt u. a. in hen hier die Kohlenhydratseitenketten aus Monosacchariden.
Dermis, Nabelschnur, Glaskörper und Nucleus pulposus der Dadurch überwiegt der Protein- gegenüber dem Kohlenhydrat-
Zwischenwirbelscheiben vor. anteil. Außerdem sind Glykoproteine nicht sulfatiert. Glyko-
Proteoglykane machen den Hauptteil des interstitiellen Ge- proteine im Gewebe werden auch als Strukturglykoproteine
webes aus. Es handelt sich um sehr große Moleküle, die ein bezeichnet. Sie kommen vor u. a. in der Aorta, in Sehnen,
Molekulargewicht bis zu 106 Dalton erreichen können. Der Knorpel und Knochen, der Kornea, der Dermis, Basallamina.
Proteinanteil besteht aus einem langen fadenförmigen, zentra- Wichtige Strukturglykoproteine sind u. a. Fibronektin, La-
len »Kern« (Core-Protein). Dieser ist mit unterschiedlich ge- minin, Vitronektin, Tenascin, Osteonektin. In allen Fällen die-
bauten Glykosaminoglykanketten besetzt. nen sie der Zellhaftung (adhäsive Glykoproteine), da sie mit
Die Proteoglykane geben der Interzellularsubstanz eine ge- Adhäsionsrezeptoren (Integrine) in der Plasmamembran ver-
wisse Festigkeit, zu der der Polymerisationsgrad der Glykosa- bunden sind. Fibronektin kommt auch dort vor, wo eine Basal-
minoglykane in direkter Beziehung steht. lamina fehlt, z. B. bei Fibroblasten.
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
41 2
Die Synthese von Proteoglykanen und Glykoproteinen er-
folgt in den Zellen, in deren Umgebung sie vorkommen.
Grundsätzlich entstehen die Proteineinheiten an den Riboso-
men. Die ersten Zuckermoleküle werden im endoplasmati-
schen Retikulum angeknüpft und weitere Zuckermoleküle im
Golgiapparat. Die Abgabe erfolgt durch Exozytose.
Interstitielle Flüssigkeit. Von den etwa 11 Litern interstitiel-
ler Flüssigkeit des menschlichen Körpers kommen nur sehr ge-
ringe Mengen im Gewebe frei vor. Überwiegend ist die inter-
stitielle Flüssigkeit an die Grundsubstanzen gebunden und bil-
det dort einen Hydratationsmantel. Sofern freie Gewebsflüssig-
keit auftritt, ist sie in ihrer Zusammensetzung dem Blutplasma
ähnlich. Sie wird von Lymphkapillaren abgeleitet.

> Klinischer Hinweis


Vom Umfang der Wasserspeicherung im Bindegewebe hängt
die Gewebespannung, Turgor, ab. Eine Vermehrung der Was-
sereinlagerung nennt man Ödem.
. Abb. 2.26. Mesenchym H8

Hyaluronsäure. Ihr Turgor ist für die Aufrechterhaltung


Formen des Bindegewebes
der Gestalt des frühen Embryos entscheidend, Fasern
fehlen. H8
Wichtig | |
Bindegewebe liegen in verschiedenen Formen Gallertiges Bindegewebe. Die Zellen des gallertigen Bin-
vor. degewebes sind flach und besitzen lang gestreckte ver-
zweigte Ausläufer, die mit denen der Nachbarzellen in
Unter Berücksichtigung der Unterschiede im Bestand Berührung stehen. Die Interzellularsubstanz wird von
und der Anordnung seiner Anteile lassen sich unter- einer Gallerte gebildet, die reich an Proteoglykanen ist
scheiden: und zarte, locker gebündelte Kollagenfasern sowie ein-
4 Mesenchym H8 zelne retikuläre Fasern enthält. Obgleich gallertiges Bin-
4 gallertiges Bindegewebe H9 degewebe embryonalem Bindegewebe ähnlich ist, ver-
4 spinozelluläres Bindegewebe H80 mag es nicht, sich weiter zu differenzieren. – Das galler-
4 retikuläres Bindegewebe H10 tige Bindegewebe der Nabelschnur wird Wharton-Sulze
4 lockeres Bindegewebe H3, 4 genannt (7 S. a). H9
4 dichtes, straffes Bindegewebe H15
4 Sehnen und Bänder H17 Spinozelluläres Bindegewebe kommt nur in Ovar und
Uterusschleimhaut (7 S. 429) vor. Es besteht aus dicht
Mesenchym kommt nur während der Entwicklung vor gepackten spindelförmigen Zellen und hat nur wenig
(deswegen auch »embryonales Bindegewebe«). Es ist Interzellularsubstanz (. Abb. 2.27). Das spinozelluläre
ein pluripotentes Grundgewebe, aus dem sich alle Bin- Bindegewebe ist pluripotent. Es steht dem Mesenchym
de- und Stützgewebe sowie einige andere Gewebe, z. B. nahe. Im Ovar gehen die hormonproduzierenden Zellen
Teile der Muskulatur, entwickeln. der Theca folliculi und in der Uterusschleimhaut die des
Mesenchymzellen (. Abb. 2.26) sind fortsatzreich mütterlichen Anteils der Dezidua aus ihm hervor. Au-
und amöboid beweglich. Sie haben einen ovalen Kern ßerdem regeneriert sich spinozelluläres Bindegewebe
mit deutlichem Nukleolus. Mesenchymzellen bilden sehr schnell, z. B. in der Proliferationsphase des Zyklus
ein lockeres dreidimensionales Netzwerk. Die Zellfort- (7 S. 430). H80
sätze stehen durch veränderliche Haftungen mitein-
ander in Verbindung. Die Interzellularsubstanz ist Retikuläres Bindegewebe kommt nur in lymphatischen
amorph und solartig. Sie besteht im Wesentlichen aus Organen und im Knochenmark vor. H10
42 Kapitel 2 · Histologie

Lymphatische Organe sind Lymphknoten, Milz, Retikulumzellen bilden einen weitmaschigen dreidimen-
Thymus und Tonsillen. Sie gehören zum Abwehrsystem sionalen Zellverband: Ihre langen Ausläufer stehen un-
(7 S. 136). tereinander in Verbindung. Sie dürfen nicht mit »histio-
2 Das retikuläre Bindegewebe (. Abb. 2.28) besteht zytären Retikulumzellen« (= interstitielle Makropha-
aus gen) verwechselt werden.
4 Retikulumzellen Retikuläre Fasern werden von den Retikulumzellen
4 retikulären Fasern gebildet und von ihren Ausläufern umschlossen. Sie be-
stehen aus Typ-III-Kollagen (7 oben). Sie bilden ein fei-
nes, lichtmikroskopisch durch Versilberung erkennba-
res Gitterwerk.
Retikuläre Fasern kommen aber auch zellunabhän-
gig vor. Dann werden sie von Fibrozyten gebildet.
Lockeres Bindegewebe. Charakteristisch sind weite In-
terzellularräume mit viel amorpher Grundsubstanz
(deswegen die Fähigkeit des lockeren Bindegewebes,
Wasser zu speichern) und vielen Bindegewebszellen
(. Abb. 2.29).
Die Kollagenfasern treten im lockeren Bindegewebe
gegenüber der Grundsubstanz zurück, sind aber doch
vorhanden. Sie bilden in der Regel locker angeordnete
Bündel, die häufig im Scherengitter angeordnet sind
(. Abb. 2.30). Dies bedeutet, dass bei Zug der Bindege-
websverband durch Änderung des Winkels zwischen
den einzelnen Faserbündeln nachgeben kann, obgleich
die Kollagenfasern selbst zugfest sind.
Regelmäßig kommen im lockeren Bindegewebe
auch elastische Fasern vor. Sie stellen, wenn der Zug
. Abb. 2.27. Spinozelluläres Bindegewebe H80 nachlässt, die Ausgangsstellung wieder her.

. Abb. 2.28. Retikuläres Bindegewebe H10 . Abb. 2.29. Lockeres Bindegewebe H3, 4
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
43 2

. Abb. 2.30. Kollagenfaserbündel in Scherengitteranordnung . Abb. 2.31. Sehne H17

Das lockere Bindegewebe füllt Lücken, ermöglicht In Sehnen (. Abb. 2.31) verlaufen die Kollagenfasern
die Verschiebung benachbarter Organe (Verschiebe- parallel, in großen Sehnen häufig in leichten Spiralen.
schicht), kann als Hüllgewebe (interstitielles Bindegewe- In ungedehntem Zustand sind die Kollagenfaserbündel
be) Gefäße u. a. umgeben und bildet im Omentum ma- leicht gewellt.
jus ein netzförmiges Bindegewebe. Verbindet es in einem Zwischen den Kollagenfasern, nun Sehnenfasern,
Organ dessen spezifische Anteile, wird es als Stroma be- liegen die Fibrozyten als Sehnenzellen in Reihenstellung
zeichnet. – Lockeres Bindegewebe ist sehr regenerati- hintereinander. Diese Zellen haben lang gestreckte Ker-
onsfreudig. ne und wenig Zytoplasma. Sie passen sich in ihrer Form
der Umgebung dadurch an, dass ihr schmal ausgezoge-
Dichtes, straffes Bindegewebe ist im Gegensatz zum lo- ner Zelleib »flügelartig« den Sehnenfasern anliegt
ckeren Bindegewebe faserreich, jedoch relativ zellarm. (Flügelzellen).
Es besitzt wenig amorphe Interzellularsubstanz. Es Sehnen werden von lockerem Bindegewebe umhüllt
hat einen vergleichsweise geringen Stoffwechsel. Es ist (Peritendineum externum), das in das Innere der Sehne
mechanisch sehr widerstandsfähig. eindringt (Peritendineum internum) und kleine Bündel
Geflecht- oder filzartig ist das dichte Bindegewebe (primäre Bündel) und größere Bündel (sekundäre
z. B. in den Kapseln vieler Organe, um Sehnen und in Bündel) zusammenfasst. Mit dem lockeren Bindegewebe
Nerven, im Corium der Haut und in der Submukosa dringen Nerven und Blutgefäße in die Sehne ein. – Seh-
des Darmtraktes. Die Faserbündel bilden ein dreidi- nen haben eine gute Regenerationsfähigkeit. H17
mensionales Netzwerk, wodurch den Zugbeanspru-
chungen aus allen Richtungen Widerstand geleistet wer- Bänder. In Bändern, Faszien und Aponeurosen verlaufen
den kann. Schichtweise verlaufen die Kollagenfasern in die Kollagenfaserbündel nach einem festgelegten Mus-
Muskelfaszien (lamelläres Bindegewebe). ter, das der Zugbeanspruchung angepasst ist. In der
Sklera des Auges (7 S. 686), die zu dieser Gruppe von
Sehnen und Bänder Bindegewebsstrukturen gehört, beträgt der Winkel zwi-
schen den einzelnen Faserbündeln nahezu 908.
Wichtig | |
Elastische Bänder. Ein elastisches Band (. Abb. 2.24 c)
Sie bestehen aus parallelfaserigem dichten
besteht aus Bündeln dicker, parallel angeordneter elasti-
Bindegewebe und setzen Zugkräften großen
scher Fasern (7 oben). Jedes Bündel wird von geringen
Widerstand entgegen.
Mengen lockeren Bindegewebes mit abgeplatteten Fib-
44 Kapitel 2 · Histologie

rozyten umfasst. Die elastischen Fasern rufen in fri- Fettgewebe ist eine Sonderform des Bindegewebes. Das
schem Gewebe eine gelbe Farbe hervor. – Beim Men- Fett befindet sich im Zytoplasma der Fettzellen (Adipo-
schen kommen geschlossene elastische Bündel in den zyten). Histologisch nachweisbar ist Fett jedoch nur an
2 Ligg. flava der Wirbelsäule und im Lig. suspensorium Gefrierschnitten bzw. elektronenmikroskopisch nach
penis vor. H16 Osmiumfixierung. Bei der üblichen histologischen
Technik wird Fett herausgelöst (7 S. 89), sodass Fett-
gewebe dann ein wabiges Aussehen hat (. Abb. 2.32).
> In Kürze
Fettgewebe kommt fast überall im Körper vor; es
Ortsständige Bindegewebszellen sind Fibrozyten fehlt jedoch u. a. in Augenlid und Penis. Die Fettzellen
bzw. Fibroblasten. Außerdem kommen freie Bin- können einzeln liegen, z. B. in Organen; meist jedoch
degewebszellen vor: Leukozyten, Plasmazellen, bilden sie kleinere oder größere Gruppen im Bindege-
Makrophagen, Fremdkörperriesenzellen, Mast- webe oder bilden Fettläppchen (Fettorgane), die von ei-
zellen. Interzellulär liegen Bindegewebsfasern ner Bindegewebskapsel umgeben sind; Bindegewebszü-
und amorphe Interzellularsubstanz. Sie bilden ge können Fettgewebsfelder steppkissenartig untertei-
die Bindegewebsmatrix. Im dichten, straffen Bin- len. Das Fettgewebe beträgt durchschnittlich 10–20%
degewebe überwiegen Bindegewebsfasern, im des Körpergewichts.
lockeren Bindegewebe amorphe Grundsubstan-
zen. Fasern fehlen nur im Mesenchym. Unter i Zur Information
Fettgewebe hat regional unterschiedliche Aufgaben. Das sub-
den Bindegewebsfasern herrschen die kollage-
kutane Fettgewebe dient insbesondere bei übermäßiger Ka-
nen Fasern vor und unter diesen die aus Typ- lorienzufuhr als Fettspeicher, z. B. am Bauch. An anderen Stel-
I-Kollagen. Kollagene Fasern setzen sich aus kol- len erfüllt es mechanische Aufgaben, z. B. als Druckpolster an
lagenen Fibrillen zusammen, die elektronenmi- Hand- und Fußsohlen. Es trägt dazu bei, die Körperform zu
kroskopisch eine durch die Gewebevorbehand- modellieren. Im Gegensatz hierzu überwiegen beim Fett-
gewebe der Bauchhöhle metabolische Aufgaben. Dort sezer-
lung hervorgerufene Querstreifung aufweisen.
nieren Fettzellen verschiedene Proteine (Adipokine), u. a. Adi-
Molekularer Baustein aller kollagenen Bindege- ponectin, Interleukin Il 6 und Leptin. Adiponectin erhöht die
websfasern sind Tropokollagenmoleküle. Den Insulinempfindlichkeit von Zellen und unterdrückt atheros-
kollagenen Fasern stehen retikuläre und elasti- klerotische Gefäßveränderungen. Il 6 vermindert dagegen
sche Fasern zur Seite. Bindegewebe liegt in ver- die Insulinempfindlichkeit. Leptin führt durch Wirkung auf
den Hypothalamus (7 S. 755) bei zunehmender Fettspeiche-
schiedenen Formen vor: als Mesenchym, gallerti-
rung zur Verminderung der Nahrungsaufnahme und zur Lipo-
ges, spinozelluläres, retikuläres, lockeres und lyse. Auch bilden Fettzellen in geringer Menge Östrogene; ein
dichtes Bindegewebe sowie als Sehnen und Bän- Umstand, dem im Klimakterium Bedeutung zukommen kann.
der.

Fettgewebe H12–14

Kernaussagen |
5 Fettgewebe besteht aus Fettzellen (Adipozy-
ten) mit Fetttropfen im Zytoplasma.
5 Unterschieden wird zwischen univakuolärem,
weißem Fettgewebe und plurivakuolärem,
braunem Fettgewebe.
5 Univakuoläres Fettgewebe hat mechanische
und metabolische Aufgaben. Es sezerniert
Adipokine.
5 Braunes Fettgewebe ist auf wenige Körper- . Abb. 2.32 a, b. Fettgewebe. a Weißes Fettgewebe mit univakuo-
regionen beschränkt. lären Fettzellen. b Braunes Fettgewebe mit plurivakuolären Fett-
zellen H12–14
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
45 2
Es lassen sich unterscheiden: Fettspeicherung. Sie geht auf die Veresterung von Fettsäuren
4 Baufett, das schwer mobilisierbar ist, z. B. an der mit a-Glyzerolphosphat, einem Produkt des Glukosestoff-
wechsels, zu Triazylglyzerol (Neutralfett) im Zytoplasma der
Ferse, in Nierenkapsel und Wange (Bichat-Fettpfrop-
Fettzelle zurück. Die Fettsäuren stammen aus der verdauten
fen), Nahrung, werden auf dem Blutweg in Chylomikronen trans-
4 Speicherfett, das leicht mobilisiert werden kann. Be- portiert, an der Oberfläche der Fettzelle durch Lipoproteinli-
vorzugte Lokalisationen sind das Unterhautbindege- pasen wieder freigesetzt und dann durch Fettsäuretranspor-
webe sowie das große Netz (Omentum majus). ter in die Zelle aufgenommen. Fettsäuren stammen aber auch
aus der Leber. Von dort gelangen sie auf dem Blutweg als very
low density lipoprotein (VLDL) zum Fettgewebe. Schließlich
Histologisch und funktionell liegt Fettgewebe vor als werden Fettsäuren in geringer Menge in der Fettzelle selbst
4 weißes, univakuoläres Fettgewebe synthetisiert.
4 braunes, plurivakuoläres Fettgewebe Gefördert wird die Lipogenese durch Insulin und Östrogen.

Alle Fettzellen, insbesondere die des braunen Fettge- > Klinischer Hinweis
Hohe Anteile von VLDL im Blut begünstigen die Entstehung
webes, haben einen hohen Stoffumsatz. Die biologische von Arteriosklerose und ihren Folgen. Außerdem werden von
Halbwertzeit für Depotfett beträgt 15–20 Tage. Fettzellen Lipoproteine hoher Dichte (high density lipopro-
tein = HDL) freigesetzt, die vor Arteriosklerose schützen.
Zur Entwicklung
Fettzellen entstehen ab der 30. Entwicklungswoche sowie post- Die Fettmobilisierung erfolgt durch hormonsensitive Lipasen
natal in den ersten 2 Lebensjahren und präpubertal. Grund- in den Fettzellen unter dem Einfluss von Adrenalin und Nor-
sätzlich ist jedoch eine Neubildung von Fettzellen während adrenalin sowie der Hypophysenvorderlappenhormone ACTH
und TSH sowie des Schilddrüsenhormons Thyroxin. Es bilden
des ganzen Lebens möglich. Die Herkunft der Fettzellen geht
sich in den Fettzellen 60–100 nm große Bläschen, die ver-
auf pluripotente mesenchymale Stammzellen (Adipoblasten)
schmelzen können und freigesetzte Fettsäuren ausschleusen.
zurück. Ihre Differenzierung erfolgt unter dem Einfluss von Bei Nahrungsentzug kommt es zu einer Steigerung der
Fibroblastenwachstumsfaktoren und Glukokortikoiden sowie Durchblutung und des Stoffwechsels des Fettgewebes. Die
von Insulin und Trijodthyronin. Zahl der mikropinozytotischen Bläschen in den Fettzellen
nimmt zu und der Fetttropfen verkleinert sich. Bei stärkerer
Weißes Fettgewebe besteht aus univakuolären Fettzellen Abmagerung entstehen sog. »seröse Fettzellen«.
(Durchmesser bis zu 100 lm, . Abb. 2.32). Sie enthalten
jeweils einen großen membranlosen Fetttropfen, der Die Fettverteilung ist alters- und geschlechtsabhängig.
von Vimentinfilamenten umgeben wird. Kern und Zyto- Bei Kindern findet sich Fett gleichmäßig verteilt im sub-
plasma sind an den Rand gedrängt (Siegelringform der kutanen Bindegewebe, bei Frauen überwiegt das Vor-
Fettzelle nach Herauslösung des Fettes). Auffällig sind kommen an Brust und Gesäß, bei Männern im Nacken
im randständigen Zytoplasma Caveolae, die die Ober- und am Bauch.
fläche der Plasmamembran vergrößern. Umgeben wird
jede Fettzelle von einer Basallamina mit retikulären Fa- Braunes Fettgewebe setzt sich aus plurivakuolären Fett-
sern. Fettzellen sind verformbar. zellen (. Abb. 2.32) zusammen, die vielgestaltig und
Fettgewebe ist reichlich vaskularisiert und inner- kleiner als die univakuolären Fettzellen sind. Sie enthal-
viert. Rechnerisch kommt auf jede Fettzelle eine Kapil- ten stets mehrere kleinere Fetttropfen, die zahlreich und
lare. Bei den Nerven handelt es sich um postganglionäre dicht gepackt sind. Charakteristisch sind zahlreiche Mi-
sympathische Fasern. Sie setzen an Varikositäten als tochondrien. Die braune Farbe entsteht durch Lipo-
Transmitter Adrenalin und Noradrenalin frei, die an Re- chrome.
zeptoren im Plasmalemm der Fettzellen binden. Plurivakuoläres Fettgewebe kommt beim Säugling
an Hals und Brust und im Retroperitonealraum vor.
i Zur Information Später wird es nur noch an wenigen Stellen angetroffen,
Univakuoläres Fettgewebe ist außerordentlich dynamisch. Es z. B. in der Fettkapsel der Niere.
unterliegt einem dauernden Fettumsatz. Die Halbwertzeit Charakteristisch für braunes Fettgewebe ist das Vor-
zwischen Speicherung und Mobilisierung beträgt 2–3 Wo- kommen zahlreicher vegetativer Nerven, die sich den Zel-
chen. len anlegen und synapsenähnliche Strukturen bilden.
Braunes Fettgewebe kann rasch eingeschmolzen werden.
Die Lipolyse erfolgt auf vegetativ-nervösen Reiz hin.
46 Kapitel 2 · Histologie

i Zur Information 5 Knorpel hat eine hohe Druck- und Bie-


Braunes Fettgewebe dient vor allem der chemischen Thermo-
gungselastizität.
genese. Sie erfolgt dadurch, dass die durch Oxidation der
Fettsäuren freigesetzte Energie nicht zur Synthese von ATP 5 Zu unterscheiden sind hyaliner, elastischer
2 verwendet, sondern als Wärme frei wird und durch Erhöhung und Faserknorpel.
der Bluttemperatur die Körpertemperatur steigert.
Knorpel gehört zu den geformten Bindegeweben und ist
> In Kürze durch die feste Konsistenz seiner Interzellularsubstanz
ein Stützgewebe. Umgeben wird Knorpel von Peri-
Fettgewebe liegt als Baufett mit mechanischen
chondrium aus straffem Bindegewebe.
Aufgaben und als Speicherfett als Energiereserve
Die wesentlichen Bestandteile des Knorpels sind
vor. Das Fettgewebe in der Bauchhöhle nimmt
(. Abb. 2.33)
metabolische Aufgaben wahr. Das Fett befindet
4 Chondrozyten (Knorpelzellen)
sich als Triazylglyzerol im Zytoplasma der Fettzel-
4 Interzellularsubstanzen (extrazelluläre Matrix)
len. Bei univakuolären Fettzellen sammelt sich
das Fett in einem einzigen großen, membranlo-
Zur Entwicklung
sen Fetttropfen. Braune Fettzellen sind dagegen Die Knorpelentwicklung beginnt mit der Entstehung von prä-
plurivakuolär. Fettgewebe ist reich vaskularisiert chondralem Gewebe (Vorknorpel) im Mesenchym. Sie erfolgt
und innerviert. in Gebieten, in denen Zug- und Scherkräfte wirken. Eingeleitet
wird die Knorpelbildung durch Zusammenrücken von Mesen-
chymzellen, die ihre Fortsätze einziehen. Gleichzeitig vermehrt
sich in diesen Zellen das RER und es entsteht ein großer Golgi-
apparat. Die Mitochondrien nehmen zu. Die Zellen beginnen,
2.2.2 Stützgewebe H6, 18–22
Tropokollagen und große Mengen proteoglykanhaltige Matrix
zu bilden; sie werden jetzt als Chondroblasten (Knorpelbildner)
i Zur Information bezeichnet. Die Chondroblasten geben die von ihnen syntheti-
Stützgewebe sind Knorpel und Knochen. Charakteristisch sierten Substanzen nach allen Seiten ab: »Sie mauern sich ein«.
sind ihre Interzellularsubstanzen, die dem Gewebe erhöhte Die Abgabe wird vom Transkriptionsfaktor Sox 9 kontrolliert.
Festigkeit geben und formgestaltend wirken. Beim Knorpel Aus Chondroblasten sind Chondrozyten geworden. Durch die
handelt es sich fast ausschließlich um organisches Material Teilung von Chondrozyten entstehen kleine Zellgruppen. In
(Glykane), beim Knochen überwiegend um Mineralien. So- der Folgezeit rücken die Zellen bzw. Zellgruppen durch das
wohl Knorpel als auch Knochen haben die Fähigkeit, Gewicht Ausscheiden von weiteren Interzellularsubstanzen auseinan-
zu tragen und zu stützen. Knochen hat außerdem metabo-
der, der Knorpel wächst. Diese Art des Knorpelwachstums
lische Aufgaben. Er ist der wichtigste Kalziumspeicher. Durch
Knochenabbau und -aufbau kann der Kalziumspiegel im
Körper den jeweilgen Bedürfnissen angepasst werden.

Knorpel H6, 18, 19

Kernaussagen |
5 In histologisch homogen erscheinender In-
terzellularsubstanz liegen Knorpelzellen
(Chondrozyten), z. T. als isogene Zellgruppen.
5 Die Interzellularsubstanz des Knorpels be-
steht aus Proteoglykanen mit Kollagenfibril-
len aus Typ-II-Kollagen.
5 Umgeben werden die Knorpelzellen von ei-
nem Knorpelhof (Territorium).
5 An der Knorpeloberfläche befindet sich ein
. Abb. 2.33 a–c. Knorpel. a Hyaliner Knorpel. b Elastischer Knor-
Perichondrium.
pel. c Faserknorpel H6, 18, 19
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
47 2
wird als interstitiell bezeichnet; sie findet nur während der Proteoglykane bestehen aus einem gestreckten zentra-
Knorpelbildung statt. Später wächst der Knorpel appositionell, len Protein (Core-Protein), von dem zahlreiche unver-
d. h. von der Knorpeloberfläche aus. zweigte Glykosaminoglykanketten verschiedener Zu-
sammensetzung ausgehen. Das Core-Protein bindet ei-
nerseits an gestreckte Hyaluronsäuremoleküle, anderer-
Knorpelzellen, Interzellularsubstanzen, Perichondrium
seits an Kollagenfibrillen (. Abb. 2.25). Das wichtigste
Proteoglykan des Knorpels ist Aggrecan (zu 90% aus
Wichtig | |
Chondroitinsulfat).
Knorpelzellen liegen, häufig als isogene Zell-
gruppen, in Knorpelhöhlen, die von einem Kollagene. Knorpelspezifisch ist Typ-II-Kollagen, das
Knorpelhof umgeben werden. Knorpelzellen bil- durch Typen IX und XI ergänzt wird. Die Kollagene bil-
den neue Knorpelgrundsubstanz und sind re- den feine Fibrillennetze.
sorptiv tätig. Knorpelwachstum geht von der Eine Sonderstellung nehmen die Knorpelhöfe ein.
subperichondralen Region aus. Die Knorpel- Sie sind besonders reich an Aggrecan, enthalten aber
grundsubstanz besteht aus Proteoglykanen und nur wenig Kollagen. Außerdem weisen sie das Glyko-
Kollagenfibrillen, insbesondere vom Typ II. protein Chondronektin auf, das die Knorpelzellen am
Kollagen der Grundsubstanz befestigt. Färberisch fällt
Chondrozyten können einzeln liegen, bilden aber häufig der Knorpelhof durch eine zur weiteren Umgebung
Gruppen. Da es sich jeweils um Tochterzellen eines hin abnehmende Basophilie auf.
Chondrozyten handelt, wird von einer isogenen Zell-
gruppe gesprochen. Umgeben werden die Knorpelzellen Perichondrium. Hierbei handelt es sich um das den
von verdichteter basophiler Interzellularsubstanz, einem Knorpel umgebende Bindegewebe. An der Knorpelober-
Knorpelhof (Territorium). Knorpelzellen und Knorpel- fläche ist das Perichondrium sehr zellreich (Stratum cel-
hof bilden ein Chondron. Werden die Knorpelzellen ar- lulare), weiter außen faserreich (Stratum fibrosum).
tifiziell, z. B. durch die Fixierung, aus der umgebenden Vom Perichondrium aus kann Knorpel neu gebildet
Interzellularsubstanz herausgelöst, entsteht der Ein- werden.
druck von Knorpelhöhlen, deren Wand als Knorpelkap- Das Perichondrium ist gefäß- und nervenreich. Da
sel bezeichnet wird. Knorpel gefäß- und nervenfrei ist, erfolgt die Ernäh-
Knorpel unterliegt während des ganzen Lebens ei- rung des Knorpels nur langsam durch Diffusion vom
nem langsamen Umbau. In diesem Rahmen sind die Perichondrium aus.
Chondrozyten sowohl resorptiv als auch sekretorisch Ein Perichondrium fehlt am Gelenkknorpel, der
durch Abgabe von Knorpelgrundsubstanz tätig. Ent- deswegen nicht neu gebildet werden kann. Die Ernäh-
sprechend ist die Ausstattung der Knorpelzellen mit Ly- rung des Gelenkknorpels erfolgt durch die Gelenk-
sosomen und einem umfangreichen RER, Golgiapparat flüssigkeit.
und vielen Mitochondrien. Zusätzlich sind Knorpelzel-
len glykogenreich.
Knorpelarten
Eine Neubildung von Knorpel (Knorpelwachstum)
beim Erwachsenen findet nur subperichondral statt.
Hier sind die Knorpelzellen flach. Im Knorpelinneren
Wichtig | |
sind sie dagegen in der Regel voluminös und oft hyper- Hyaliner Knorpel ist lichtmikroskopisch an seinen
trophiert. Chondronen und seiner homogenen Grundsub-
Die Tätigkeit der Chondrozyten wird durch Thyro- stanz zu erkennen. Elastischer Knorpel hat in
xin und Testosteron gesteigert, durch Kortison, Hydro- seiner Grundsubstanz zusätzlich elastische Fa-
kortison und Östradiol gehemmt. sern. Beim Faserknorpel liegen Chondrone in ei-
nem Geflecht interterritorealer Typ-I-Kollagenfa-
Interzellularsubstanzen (7 auch S. 40). Es handelt sich sern.
vor allem um
4 Proteoglykane
4 Kollagene
48 Kapitel 2 · Histologie

. Tabelle 2.6. Knorpelarten H6, 18, 19

hyaliner Knorpel elastischer Knorpel Faserknorpel


2
Lage der Chondrozyten isogene Gruppen einzeln oder in kleinen kleine Gruppen
(bis zu 10 Zellen) Gruppen

Grundsubstanz reichlich Matrix, reichlich Matrix, wenig Matrix,


überwiegend elastische Fasern, sehr viele Kollagenfasern,
Typ-II-Kollagen Typ-II-Kollagen Kollagentyp I und II

Eigenschaften druckelastisch elastisch wenig elastisch

Ort des Vorkommens Rippenknorpel, Gelenk- Ohrknorpel Symphysis pubica,


(Beispiele) knorpel, Trachealknorpel, Discus intervertebralis,
Nasenknorpel, Kehlkopf: Kehlkopf: Gelenkknorpel:
Cartilago thyroidea Cartilago epiglottica Kiefergelenk
Cartilago cricoidea

Es lassen sich unterscheiden (. Abb. 2.33, . Tabelle In allen Fällen umgreifen die Kollagenfibrillen die
2.6): Chondrone und bilden unter der Knorpeloberfläche ei-
4 hyaliner Knorpel ne Tangentialfaserschicht, die eigentliche Druckschicht
4 elastischer Knorpel des Knorpels.
4 Faserknorpel
i Zur Information
Hyaliner Knorpel ist die häufigste Knorpelart. Sein Was- Charakteristisch für Knorpel sind seine Druck- und Biegungs-
sergehalt beträgt 60–70%. Da anorganische Substanzen elastizität. Sie gehen auf das Zusammenwirken der Proteogly-
kane der Interzellularsubstanz mit dem Kollagen zurück. Zent-
fehlen, ist hyaliner Knorpel schneidbar. Makroskopisch ral ist die Fähigkeit der Proteoglykane, in großer Menge Was-
hat hyaliner Knorpel ein bläulich-milchglasartiges Aus- ser zu binden. Dadurch entsteht innerhalb des hyalinen Knor-
sehen. H6 pels ein hoher Quelldruck. Lässt nach Kompression des Knor-
Histologisch ist für hyalinen Knorpel die Gliederung pels der Druck nach, wird sofort wieder der Ausgangszustand
in mehr oder weniger weit voneinander entfernte hergestellt.
Chondrone und in lichtmikroskopisch homogene Ma-
trix charakteristisch. Die Matrix (Interzellularsubstanz) Altersveränderungen. Der Wassergehalt des Knorpels
gliedert sich in Territorien (Knorpelhöfe) und Interterri- nimmt im Alter ab. Dadurch lässt die Druckelastizität
torien. Lichtmikroskopisch erscheint die Matrix homo- nach. Gleichzeitig können sich die Proteoglykane ver-
gen, weil das Kollagen im hyalinen Knorpel in Form mindern und es entstehen Kollagenfaserbündel: Es tritt
von Fibrillen vorliegt, jedoch keine Fasern bildet. Die eine sog. Asbestfaserung auf. Ferner kann es zu Höhlen-
Fibrillen können jedoch polarisationsmikroskopisch bildung im Knorpel bzw. Verkalkungen kommen.
und elektronenmikroskopisch nachgewiesen werden. Vorkommen. U. a. während der Knochenentwick-
Die Kollagenfibrillen des hyalinen Knorpels haben lung, als Rippenknorpel, als Gelenkknorpel, in den Luft-
einen jeweils charakteristischen, trajektoriellen Verlauf wegen als Nasenknorpel, als Knorpelspangen in der Tra-
(vgl. 7 S. 157). Er wird von der funktionellen Beanspru- chea, als Knorpelstückchen in den Bronchen.
chung bestimmt. So verlaufen z. B. die Kollagenfibrillen
im Rippenknorpel (. Abb. 2.34 a), der vor allem durch Elastischer Knorpel tritt nur an wenigen Stellen auf, z. B.
Biegung beansprucht wird, S-förmig, oder im Gelenk- in der Ohrmuschel und im äußeren Gehörgang, in der
knorpel, der vor allem Druck ausgesetzt ist, arka- Tuba auditiva und im Kehlkopfskelett (7 S. 645). H18
denförmig zur freien Oberfläche hin (. Abb. 2.34 b).
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
49 2
Faserknorpel unterscheidet sich von den anderen Knor-
pelarten dadurch, dass
4 in den Interterritorien Typ-I-Kollagen vorliegt, das
Fasergeflechte bildet,
4 Proteoglykane nur in geringer Konzentration vor-
kommen und
4 ein Perichondrium fehlt. H19

Vorhanden sind jedoch Chondrone mit schmalen Terri-


torien. Die Chondrone des Faserknorpels sind in der
Regel klein, spärlich und enthalten nur einen oder weni-
ge Chondrozyten; oft liegen die Chondrone des Faser-
knorpels in Reihen. Faserknorpel ist gegen Zug sehr wi-
derstandsfähig.
Vorkommen. In Zwischenwirbelscheiben (die Kolla-
genfasern sind hier nach Art eines Fischgrätenmusters
angeordnet), als Gelenkzwischenscheiben, z. B. Meniski
des Kniegelenks, als Symphysis pubica, als Sesambeine
in Sehnen. Außerdem wird bei der Regeneration von
Knorpel zunächst unter dem Perichondrium Faserknor-
pel gebildet, der sich dann jedoch in hyalinen Knorpel
umwandelt.

> In Kürze
Die häufigste Knorpelart ist hyaliner Knorpel. Sei-
ne Matrix ist lichtmikroskopisch homogen – ge-
gliedert in Territorien und Interterritorien – und
schließt isogene Zellgruppen ein. Die Matrix ist
ein Verbund aus Fibrillen vom Typ-II-Kollagen
und Proteoglykan-Hyaluronsäure-Aggregaten.
Das wichtigste Proteoglykan ist Aggrecan. Elasti-
. Abb. 2.34 a, b. Hyaliner Knorpel, Anordnung der Knorpelzellen
scher Knorpel hat zusätzlich zum Kollagen elasti-
und Verlauf der Kollagenfasern. a Rippenknorpel: Die Kollagenfa-
sern verlaufen S-förmig. b Gelenkknorpel: Die Kollagenfasern bil- sche Fasern, Faserknorpel Typ-I-Kollagen und
den Arkaden. Die Pfeile geben die Richtungen der möglichen Proteoglykane in geringer Konzentration. Knor-
Krafteinwirkung an H6 pel ist gefäß- und nervenfrei. Seine Ernährung er-
folgt durch Diffusion vom Perichondrium bzw.
vom Gelenkspalt aus.
Elastischer Knorpel ähnelt dem hyalinen Knorpel.
Jedoch sind die Chondrone kleiner und enthalten nur
wenige Zellen. Interterritorial kommen zusätzlich zu
Kollagenfibrillen elastische Fasern vor, die Netze bilden.
Sie umfassen die Chondrone und strahlen ins Peri-
chondrium ein. Färberisch-histologisch können die
elastischen Fasern mit Elastika-Färbungen dargestellt
werden.
50 Kapitel 2 · Histologie

Knochen H20–22

Kernaussagen |
2 5 Knochenzellen (Osteozyten) liegen in Kno-
chenhöhlen der Interzellularsubstanz.
5 In der Interzellularsubstanz des Knochens
sind Kollagenfasern durch anorganische
Hydroxylapatitkristalle verfilzt und geben
dem Knochen seine Festigkeit.
5 Nach der inneren Organisation sind Lamel-
len- und Geflechtknochen zu unterscheiden.
5 Periost und Endost umgeben den Knochen.
5 Knochen unterliegt einem dauernden Abbau
durch Osteoklasten und Wiederaufbau durch
Osteoblasten.
5 Bei der Knochenentwicklung überwiegt die
chondrale Ossifikation gegenüber der des-
. Abb. 2.35. Lamellenknochen. Zu unterscheiden sind Osteonla-
malen. mellen, Schaltlamellen, Generallamellen. Verlaufsrichtung und
Steigungswinkel der Kollagenfasern wechseln von Lamelle zu La-
Knochen besteht aus melle H20
4 Osteozyten (Knochenzellen)
4 Interzellularsubstanzen Osteozyten und Interzellularsubstanzen

Gleichzeitig besteht eine innere Gliederung, die auf die Wichtig | |


Anordnung der Knochenzellen und Interzellularsub- Osteozyten haben lange Fortsätze. Die Osteozy-
stanzen zurückgeht. Unter diesem Gesichtspunkt lassen ten befinden sich in Knochenhöhlen, die für die
sich unterscheiden Fortsätze Knochenkanälchen bilden. Die Fort-
4 Lamellenknochen sätze erreichen Gefäße, wo ein Stoffaustausch
4 Geflechtknochen stattfindet. Die Interzellularsubstanz besteht aus
anorganichen Kristallen, die mit Kollagen Typ-I-
Lamellenknochen überwiegt. Die Lamellen entstehen Fasern vernetzt sind.
durch den Wechsel des Steigungswinkels von Kollagen-
faserbündeln von Lamelle zu Lamelle (. Abb. 2.35). Die Osteozyten (. Abb. 2.36) sind flache Zellen mit allseitig
Kollagenfaserbündel liegen in der Interzellularsubstanz. langen Fortsätzen. Der Zellleib jedes einzelnen Osteozy-
An den Lamellengrenzen liegen die Osteozyten. H20 ten liegt in einer kleinen Lacuna ossea (Knochenzellhöh-
le), die von Interzellularsubstanz umgeben ist. Von den
Im Geflechtknochen ist dagegen der Faserverlauf orien- Lacunae osseae gehen feine Canaliculi ossei (Knochen-
tierungslos. kanälchen) aus, in die Fortsätze der Knochenzellen hi-
neinragen. Die Knochenkanälchen stehen untereinan-
Periost, Endost. Ergänzt wird der Knochenaufbau durch der in Verbindung. Sie bilden ein Labyrinth, das sich
Periost und Endost. Sie bekleiden die äußere und innere zu einer Oberfläche hin öffnet. Aber auch die Fortsätze
Knochenoberfläche. Von hier aus erfolgt die Ernährung der Knochenzellen stehen untereinander in Verbindung.
und die Neubildung von Knochen. Sie bilden Nexus. Hier erfolgt offenbar ein Stoffaus-
tausch zwischen den Knochenzellen. Die Fortsätze der
am weitesten zum Lumen der Knochenkanälchen hin
gelegenen Knochenzellen ragen über die Knochenkanäl-
chen hinaus und treten an Gefäße heran, wo sie aufneh-
men und abgeben, was ihr Stoffwechsel erfordert. Ein
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
51 2

. Abb. 2.36. Osteozyten. Sie befinden sich in Knochenhöhlen


und deren Ausläufern. Zwischen den Fortsätzen der Osteozyten
bestehen gap junctions/Nexus. Die Fortsätze der jeweils innersten
Osteozyten erreichen den Havers-Kanal. Pfeile geben die Richtun-
gen des Stoffaustauschs an

Stofftransport im Knochen dürfte allerdings auch in . Abb. 2.37. Osteon mit Osteonlamellen. Zwischen den Osteonen
schmalen perizellulären Räumen erfolgen, die dadurch befinden sich Schaltlamellen H20
entstehen, dass Knochenzellen die Knochenhöhlen un-
vollständig füllen.
Lamellenknochen ist das typische Knochengewebe des
Interzellularsubstanzen setzen sich zusammen aus: Erwachsenen.
4 organischen Bestandteilen Zu unterscheiden sind
4 anorganischen Bestandteilen 4 Osteonlamellen, „Speziallamellen“ in einem Osteon,
4 Schaltlamellen, Lamellen zwischen den Osteonen,
Organische Bestandteile. Zu 95% handelt es sich um Kol- 4 flach liegende Lamellen in Knochenbälkchen und
lagenfasern (Typ-I-Kollagen). Der Rest sind amorphe In- 4 Generallamellen an der äußeren und inneren Kno-
terzellularsubstanzen, vor allem Glykosaminoglykane chenoberfläche eines Knochenschaftes.
und spezielle Proteine, z. B. Osteonektin und Osteokalzin.
Bitte informieren Sie sich jetzt über die Gliederung der
Anorganische Bestandteile (etwa 50% des Trockenge- Knochen (7 S. 156), da im Folgenden dort erklärte Be-
wichts) liegen als intra- und interfibrilläre Kristalle vor, griffe verwendet werden.
vor allem aus Hydroxylapatit (Ca10[PO4]6[OH]2), die die
Kollagenfasern zu einem Kristallfilz vernetzen. Osteone, Osteonlamellen (. Abb. 2.35, 2.37). Osteone
(Durchmesser um 300 lm) sind Komplexe aus 4–20
Lamellenknochen, Geflechtknochen konzentrisch um einen Kanal, den Canalis centralis
(Zentralkanal, auch Havers-Kanal), gelegenen Osteonla-
Wichtig | | mellen. Gegeneinander sind Osteone durch Kittsubstan-
zen abgesetzt.
Überwiegend bestehen die Knochen des Er-
Osteone kommen nur in der Kompakta von langen
wachsenen aus Lamellenknochen. Die Lamellen
Knochen vor (7 S. 156). Sie können mehrere Zentimeter
bilden Osteone mit einem Zentralkanal für Ge-
lang sein (durchschnittlich 0,5–1 cm). Gewöhnlich ver-
fäße. Zwischen den Osteonen liegen Schalt-
laufen sie in der Knochenlängsachse, sind verzweigt
lamellen. Generallamellen bilden die äußere und
und kommunizieren untereinander. Sie bilden ein ver-
innere Knochenoberfläche von Diaphysen der
schachteltes System. Osteone sind jedoch keine statio-
Röhrenknochen. Beim Geflechtknochen verlau-
nären Strukturen, sondern unterliegen einem dauern-
fen die Kollagenfasern der Knochengrundsub-
den, wenn auch langsamen Umbau, vor allem bei Ände-
stanz irregulär.
rung der Statik.
52 Kapitel 2 · Histologie

Der Zentralkanal (Havers-Kanal) enthält Blutgefäße, Periost, Endost


Nerven und lockeres Bindegewebe sowie Zellen des
Endosts. Die Durchmesser der Zentralkanäle schwan- Wichtig | |
2 ken erheblich (20–100 lm); meistens sind sie in jünge- Im Periost an der äußeren Knochenoberfläche
ren Knochen größer als in älteren. Vom Zentralkanal verlaufen die den Knochen ernährenden Gefäße
aus erfolgt die Ernährung der Knochenzellen durch Dif- sowie Nerven. Außerdem befinden sich in einer
fusion (7 oben). inneren Schicht (Stratum osteogenicum) osteo-
Schaltlamellen (Lamellae interstitiales) (. Abb. 2.37) gene Stammzellen, die sich bei Bedarf zu Zellen
sind Lamellenbruchstücke, die in der Kompakta der des Knochenumbaus bzw. der Knochenneubil-
Diaphyse von Röhrenknochen die Räume zwischen dung differenzieren.
den Osteonen füllen. Es handelt sich um Reste von Os-
teonen, die während des Lebens dem Umbau anheim ge-
Die Oberflächen des Knochens werden von Bindegewe-
fallen sind.
be bedeckt:
Flach ausgebreitete Lamellen kommen überall dort
4 Periost
vor, wo Osteone fehlen, z. B. in der Spongiosa der Epi-
4 Endost
physen oder der kurzen Knochen sowie in der Diploë
des Schädeldachs.
Das Periost befindet sich an der äußeren Knochenober-
Generallamellen (. Abb. 2.35). Es handelt sich um
fläche und gliedert sich in ein Stratum fibrosum und
jeweils mehrere Lamellen, die an der äußeren und inne-
Stratum osteogenicum (7 S. 157). Es führt Nerven und
ren Oberfläche von Diaphysen den Knochen als Ganzes
Gefäße.
umfassen. Die äußeren Generallamellen liegen unter
Größere Äste der Arterien treten als Aa. nutritiae auf.
dem Periost. Die inneren Generallamellen liegen im
Sie gelangen durch Foramina nutritia in den Knochen
Röhrenknochen zur Knochenmarkhöhle hin, sind nicht
und erreichen durch Canales nutritii das Knochenmark.
sehr zahlreich und an vielen Stellen unterbrochen.
In umgekehrter Richtung verlaufen die Vv. nutritiae.
Kleinere Äste der Aa. periostales verlaufen in Canales
Geflechtknochen tritt vor allem während der Knochen-
perforantes (Volkmann-Kanäle), die senkrecht zur Kno-
bildung, aber auch bei der Knochenbruchheilung (7 un-
chenoberfläche orientiert und lamellenunabhängig
ten) auf.
sind. Sie werden nicht von Osteonlamellen umgeben
Geflechtknochen zeichnet sich durch einen zufäl-
(diagnostisch wichtig). Die Gefäße der Canales per-
ligen, orientierungslosen Verlauf der Kollagenfasern
forantes geben längs verlaufende Havers-Gefäße (Kapil-
aus, die teils grobe, teils feine Bündel bilden. Lamellen
laren) ab, die in den Zentralkanälchen der Osteone ver-
fehlen. Der Bestand an Osteozyten ist beim Geflecht-
laufen. Sie werden gelegentlich von einzelnen Nervenfa-
knochen höher, der an Mineralien geringer als beim La-
sern begleitet.
mellenknochen. Insgesamt ist Geflechtknochen mecha-
nisch weniger belastbar als Lamellenknochen.
Das Endost bekleidet die der äußeren Oberfläche ent-
In der Regel wird Geflechtknochen in Lamellenkno-
gegengesetzten Seiten des Knochens (zur Knochen-
chen umgebaut. Dadurch kommt Geflechtknochen beim
markhöhle bzw. zum intertrabekulären Raum hin), aber
Erwachsenen nur an wenigen Stellen vor, z. B. Pars pet-
auch die Wände der Zentralkanälchen im Knochen. Es
rosa des Felsenbeins, in der Umgebung der Schädelnäh-
besteht aus einer dünnen Faserschicht und flachen Zel-
te oder an der Insertion einzelner Sehnen.
len (mesenchymale Stammzellen und ruhende Osteo-
blasten).
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
53 2
Knochenumbau, Knochenbruchheilung Freisetzung aus dem Hydroxylapatit der Interzellularsubstanz
des Knochens, bei Erhöhung des Kalziumspiegels wird Kalzi-
um im Knochen abgelagert.
Wichtig | |
Knochen wird permanent umgebaut. Osteoklas- Durch die Fähigkeit zum Umbau ist Knochen plastisch.
ten bauen Knochen ab. Osteoblasten bilden
Knochengrundsubstanz und wandeln sich in > Klinischer Hinweis
Osteozyten um. Bei der Knochenbruchheilung Ausgenutzt wird die Plastizität des Knochens bei der Zahn-
wird zunächst Geflechtknochen gebildet, der zu regulierung. Dort, wo durch kieferorthopädische Maßnahmen
Lamellenknochen umgebaut wird. ein dauernder starker Druck auf den Knochen ausgeübt wird,
wird Knochen abgebaut; dort, wo der Druck nachlässt, wird
Knochen aufgebaut. Auf diese Weise ändern die Zähne im
Charakteristisch für den Knochen ist sein permanenter Laufe der Zeit ihre Stellung.
Umbau. Hierbei handelt es sich um einen ausbalancier-
ten, nahezu gleichzeitig verlaufenden Knochenab- und Verlauf des Knochenumbaus. Eingeleitet wird der Kno-
-aufbau. Durchschnittlich werden jährlich 10% der Kno- chenumbau durch Abbau. Dabei kommt es im Bereich
chensubstanz ersetzt. Gesteigert ist der Umbau, wenn von Knochenbälkchen zur Buchtenbildung, in kompak-
sich Knochen neuen Bedingungen anpassen muss ten Knochenabschnitten mit Osteonen zur Kanalbildung.
(funktionelle Anpassung), z. B. bei Veränderung der Be- In beiden Fällen werden neue Knochenlamellen gebil-
lastung oder des Stoffwechsels im Organismus, u. a. det, die sich in kompakten Knochenabschnitten zu Os-
durch Änderung der Ernährung oder bei Kalzium- teonen zusammenfügen.
bedarf. Tätig werden beim Knochenumbau:
4 Osteoblasten
i Zur Information 4 Osteoklasten
Knochen ist ein Speicherorgan für Kalzium. Obgleich sich 99%
des Kalziums im Knochen und nur 1% im Blut und Gewebe Osteoblasten (. Abb. 2.38) entstehen während des gan-
befinden, besteht ein lebhafter Austausch zwischen Blut- zen Lebens – von der Embryonalzeit bis zum Lebens-
und Knochenkalzium. Benötigt wird Kalzium zur Knochensta-
bilisierung, in gleicher Weise aber auch bei Muskelkontraktio-
ende. Sie gehen durch differenzielle Zellteilung aus os-
nen, Blutgerinnung, Zellhaftung und zahlreichen enzymati- teogenen Stammzellen des pluripotenten embryonalen
schen Vorgängen. Bei erhöhtem Kalziumbedarf erfolgt eine Bindegewebes hervor. Im postnatalen und reifen Kno-

. Abb. 2.38 a, b. Knochenbildung durch


Osteoblasten. a lichtmikroskopisch,
b elektronenmikroskopisch/molekular
54 Kapitel 2 · Histologie

chen befinden sich derartige Zellen im osteogenen Ge- activation of nuclear factor kappa B ligand) verantwortlich,
webe des Periosts und der Havers-Kanälchen. der an seinen Receptor RANK (receptor for activation of nucle-
Osteoblasten haben die Fähigkeit, ar factor kappa B) an der Oberfläche von Osteoklastenvorläu-
4 Osteoklastenvorläuferzellen zu aktivieren und ferzellen bindet. Zur Hemmung der Osteoklasten kommt es,
2 4 Knochenmatrix zu bilden wenn Osteoprotegerin die Signalwirkung von RANKL behin-
dert. Letztlich erfolgt ein Knochenabbau durch Osteoklasten
nur dann, wenn in den Osteoblasten die Produktion von
Osteoklasten sind vielkernige Riesenzellen. Sie gehen OPG vermindert, die von RANKL jedoch erhöht ist.
aus hämatopoetischen Stammzellen via Monozyten,
Makrophagen und Osteoklastenvorläufern hervor. Os- Matrixbildung durch Osteoblasten (. Abb. 2.39). Sie er-
teoklasten bewirken den Abbau der anorganischen Be- folgt dort, wo Osteoklasten Knochensubstanz abgebaut
standteile des Knochens durch Ansäuerung und der or- haben. Im ersten Schritt werden die Buchten mit Osteo-
ganischen Bestandteile durch Lyse. Osteoklasten liegen id gefüllt. Es folgen Vorgänge wie bei der Knochenent-
in der Regel in Knochenvertiefungen (Howship-Laku- wicklung (7 unten).
nen).
Knochenbruchheilung. Sie geht vom Periost bzw. Endost
aus. Bei Knochenbrüchen ist eine Dislokation der Bruch-
i Zur Information
Osteoklasten zeichnen sich durch zahlreiche kleine Falten an
der dem Knochen zugewandten Seite aus (. Abb. 2.38). Dort
haften sie mit Zelladhäsionsmolekülen an der Knochenober-
fläche und setzen H+-Ionen frei. H+-Ionen werden zusammen
mit HCO3-Ionen durch Carboanhydrasen aus H2CO3 im Zyto-
plasma der Osteoklasten gebildet. Sie säuern das Mikromilieu
zwischen Osteoklasten und Knochenoberfläche an. Es kommt
zum Abbau von Knochen. Die Lyse der organischen Bestand-
teile erfolgt durch lysosomale und nichtlysosomale Enzyme,
u. a. Kathepsin K. Bruchstücke von Kollagenfibrillen und Kno-
chenkristallen werden von Osteoklasten in heterophage Va-
kuolen aufgenommen und abgebaut.

Funktioneller Hinweis
Funktionell stehen Osteoblasten und Osteoklasten in enger Be-
ziehung (. Abb. 2.39). Führend sind die Osteoblasten, sie set-
zen nämlich Faktoren frei, die die Umwandlung von Osteoklas-
tenvorläuferzellen in aktive Osteoklasten bewirken, und eben-
falls Faktoren, die die Aktivität der Osteoklasten hemmen. Au-
ßerdem sezernieren Osteoblasten M-CSF (macrophage colony-
stimulating factor), der die Proliferation von Osteoblastenvor-
läuferzellen fördert.
Aber auch die Osteoblasten unterliegen regelnden Ein-
flüssen. Gefördert wird die Tätigkeit der Osteoblasten zur Ak-
tivierung von Osteoklasten bei Absinken des Kalziumspiegels
im Serum durch vermehrte Ausschüttung von Parathormon
aus der Nebenschilddrüse (7 S. 652). Möglich wird dies, weil
Osteoblasten Rezeptoren für Parathormon besitzen. Zur Hem-
mung der Tätigkeit der Osteoklasten durch die Osteoblasten
kommt es, wenn bei Abbau von Knochen aus dessen Matrix
der Faktor TGFb freigesetzt wird und auf die Osteoblasten
wirkt. Dann setzen die Osteoblasten den Osteoklastenhemmer
Osteoprotegerin (OPG) frei.
. Abb. 2.39. Knochenumbau. Osteoklasten entstehen unter dem
Im Einzelnen Einfluss von Osteoblasten aus Osteoklastenvorläufern (Makropha-
Für die Umwandlung der Osteoklastenvorläuferzellen in aktive gen). Osteoklasten liegen dann in Lakunen und bauen Knochen
Osteoklasten ist der Osteoblastenfaktor RANKL (receptor for ab. Abkürzungen siehe Text
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
55 2
enden üblich. Dabei kommt es zum Bluterguss. Gleich- Die mineralischen Bestandteile verlassen den Osteo-
zeitig räumen Makrophagen das an den Bruchenden zu- blasten als Matrixvesikel, die Kalzium in Komplexbin-
grundegegangene Gewebe ab. Anschließend füllt faser- dung mit basischen Proteinen oder Phospholipiden ent-
reiches Bindegewebe die Spalten aus und Osteoblasten halten. Die Matrixvesikel lagern sich auf den Kollagen-
bilden Geflechtknochen oder es kommt zur Knorpelbil- fasern auf, ihr Inhalt kristallisiert und vernetzt sich zu
dung mit folgender Ossifikation. Das neu gebildete Ge- einem Kristallfilz (7 oben). Der so entstandene Kno-
webe wird als Kallus bezeichnet. Schließlich entsteht chen entspricht einem verkalkten faserreichen Bindege-
durch Umbau Lamellenknochen. Der Vorgang dauert webe und ist Geflechtknochen.
mehrere Wochen und ist mit Bildung überschüssigen Diese Art der Knochenbildung erfolgt bei einigen
Kallus verbunden. Die Rückbildung des Kallus dauert Schädelknochen bzw. bei Teilen davon (Os frontale,
sehr viel länger. Os parietale, Teile der Ossa temporalia, des Os occipita-
le, des Os mandibulare, des Os maxillare, 7 S. 553) so-
wie von anderen platten Knochen. Sie geht jeweils von
Knochenentwicklung H21, 22
isoliert gelegenen Zentren aus, die in der Folgezeit ver-
schmelzen, Knochenbälkchen und schließlich eine
Wichtig | |
Spongiosa bilden (bei den Schädelknochen als Diploë
Die Knochenentwicklung erfolgt desmal, bezeichnet). Als Letztes entsteht die äußere und innere
überwiegend aber chondral. Die chondrale Knochenschale.
Knochenentwicklung findet auf der Basis einer
Knorpelmatrize statt. Bei Röhrenknochen ver- Die chondrale Ossifikation (. Abb. 2.40) ist typisch für
läuft die Knochenentwicklung am Schaft peri- die Entwicklung langer und kurzer Knochen. Sie geht
chondral, am Schaftende enchondral. von einer Knorpelmatrize aus. Der hyaline Knochenvor-
läufer ist verglichen mit dem späteren Knochen plump
Zu unterscheiden sind und weist keine Oberflächendetails auf. Erkennbar sind
4 desmale Ossifikation (direkte Knochenbildung), bei jedoch bei den Anlagen von Röhrenknochen die beiden
der Knochen direkt im Mesenchym entsteht, und Epiphysen und die Diaphyse. H22
4 chondrale Ossifikation (indirekte Knochenbildung). Bei der chondralen Ossifikation von langen und kur-
Hierbei geht die Knochenbildung von einer Knor- zen Knochen spielen sich zwei Teilvorgänge ab:
pelmatrize aus, die schrittweise abgebaut und durch 4 perichondrale Ossifikation
Knochen ersetzt wird. 4 enchondrale Ossifikation

In beiden Fällen wird zunächst Geflechtknochen gebil- Die perichondrale Ossifikation (. Abb. 2.40 a) beginnt in
det, der mit wenigen Ausnahmen (7 oben) während der Mitte des Knochenschafts und schreitet von dort bis
der weiteren Entwicklung durch Lamellenknochen er- zum Übergangsbereich zu den Epiphysen fort. Dabei
setzt wird. entsteht um die Knorpelmatrize ein Mantel aus Ge-
flechtknochen (perichondrale Knochenmanschette).
Die desmale Ossifikation (. Abb. 2.38) beginnt mit Ver- Sie wird von Osteoblasten gebildet, die aus dem Mesen-
dichtung und starker Kapillarisierung des Mesenchyms chym des Perichondriums hervorgehen. Später wird der
an den für die Knochenbildung vorgesehenen Stellen. Geflechtknochen in Lamellenknochen umgewandelt.
Die Mesenchymzellen wandeln sich durch Vergröße- Der unter der Manschette liegende Knorpel wird ab-
rung in Knochenvorläuferzellen mit großem ovalen gebaut. Zunächst jedoch hypertrophieren die Knorpel-
Kern und relativ viel Zytoplasma um. Durch weitere zellen, die Interzellularsubstanz vermindert sich und
Vergrößerung der Zellen und Vermehrung der Ausstat- beginnt zu verkalken. Es ist Blasenknorpel entstanden.
tung mit Zellorganellen (RER, Golgiapparat, Mito- Dann wird die Knochenmanschette von Osteoklasten
chondrien) und Ausbildung von Fortsätzen entstehen perforiert. Blutgefäße dringen ein und erreichen den
schließlich Osteoblasten. H21 Knorpel. Miteingedrungene Mesenchymzellen bauen
Die Knochenbildung beginnt mit der Abgabe einer als Chondroklasten den Knorpel teilweise ab. Teilweise
homogenen Grundsubstanz (Osteoid), in die Kollagen- füllen sie die ehemaligen Knorpellakunen aus. Es ist ei-
fibrillen eingelagert sind. ne Einbruchzone entstanden. Viele der Mesenchymzel-
56 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.40 a, b. Knochenentwicklung, Röh-


renknochen. a Perichondrale Knochenbildung.
b Enchondrale Knochenbildung H22

len werden zu Osteoblasten, die an der Oberfläche der Enchondrale Ossifikation (. Abb. 2.40 b). Die Umbauzo-
Knorpelreste Geflechtknochen bilden. Es resultiert ein ne zwischen Epiphyse und Diaphyse bleibt erhalten, so-
Bälkchenwerk aus Geflechtknochen (primäres Ossifika- lange der Knochen wächst, auch wenn Epiphyse und
tionszentrum). Diaphyse bereits weitgehend verknöchert sind. Die Um-
Die Räume zwischen den Bälkchen werden von Blut- bauzone wird dann als Wachstumsfuge (Metaphyse, Epi-
gefäßen und Mesenchym ausgefüllt (primäres Knochen- physenplatte) bezeichnet. Die Umbauzone lässt eine Zo-
mark). Etwa ab 5. Entwicklungsmonat wandeln sich Me- nengliederung erkennen. Jede Zone entspricht einem
senchymzellen in Retikulumzellen und Blutvorläuferzel- Entwicklungsschritt.
len um. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die Blutbildung Von der Epiphyse her folgen aufeinander:
und es wird von sekundärem Knochenmark gesprochen. 4 Reservezone. Sie besteht aus hyalinem Knorpel. In
Die Knochenbälkchen unter der Knochenmanschet- frühen Entwicklungsstadien handelt es sich um die
te werden im Laufe der Zeit durch Osteoklasten abge- ganze Epiphyse; später, wenn in der Epiphyse die
baut; dadurch erweitert sich die Knochenmarkhöhle Verknöcherung beginnt (7 unten), handelt es sich
bis zu einer Umbauzone zwischen Diaphyse und Epiphy- um einen breiten Streifen aus hyalinem Knorpel.
se. Hier erfolgt die enchondrale Ossifikation. 4 Proliferationszone. In dieser Zone teilen sich die
Knorpelzellen lebhaft und ordnen sich säulenartig
a2.2 · Binde- und Stützgewebe
57 2
in der Längsachse des Knochens an; deswegen wird i Zur Information
auch von Säulenknorpel gesprochen. Die Interzellular- Entwicklung und Erhaltung der Knochensubstanz unterliegen
substanzen werden kaum noch gebildet und nehmen ab. humoralen (hormonalen) und mechanischen Einflüssen.
4 Resorptionszone. Diaphysenwärts werden die Knor- Zu den Hormonen, die die Knochenentwicklung beein-
flussen, gehört das Wachstumshormon der Hypophyse. Mangel
pelzellen (und damit die Knorpelhöhlen) immer an diesen Hormonen im Kindesalter bedingt Zwergwuchs,
größer; die Knorpelzellen enthalten viel Glykogen. überschüssige Bildung Gigantismus, beim Erwachsenen Akro-
Es liegt Blasenknorpel vor. Interzellularsubstanz be- megalie (Wachstum der »Akren«: Hände, Füße, Nase, Kinn).
schränkt sich auf schmale Septen, die Kalkeinlage- Ferner haben Geschlechtshormone Einfluss auf das Kno-
rungen aufweisen. chenwachstum und die Erhaltung des Knochens. Bei Mangel
an Geschlechtshormonen kommt es zum vermehrten Kno-
4 Verknöcherungszone. Die Knorpelzellen gehen ent- chenabbau (Osteoporose), z. B. bei der Frau mit Beginn des Kli-
weder zugrunde oder werden aus ihren Knorpel- makteriums.
höhlen durch Chondroklasten freigesetzt – daher Vitamine. Einen direkten Einfluss auf die Ossifikation hat
auch Eröffnungszone. In der Knorpelgrundsubstanz Vitamin D. Bei Vitamin-D-Mangel tritt eine ungenügende Kal-
kommt es zu Kalkablagerungen. Vor allem lagern zifizierung des Knochens ein. Dadurch kann es zur Rachitis
mit Knochenverformungen kommen.
sich aber den verbliebenen, z. T. verkalkten Knorpel- Vitamin A steuert die reguläre Verteilung und Aktivität
spangen Osteoblasten auf, die Geflechtknochen bil- von Osteoblasten und Osteoklasten. Bei Vitamin-A-Mangel
den. Dadurch entsteht ein Netzwerk aus Knochen- wird nicht ausreichend amorphe Interzellularsubstanz synthe-
bälkchen, das mit der perichondralen Knochenman- tisiert.
schette in Verbindung steht. Mechanische Einflüsse. Für die Aufrechterhaltung des Kal-
ziumbestandes ist eine Beanspruchung des Knochens erforder-
lich. Bei Patienten, die lange bettlägerig sind, kommt es zu ei-
Verknöcherung der Epiphyse. Sehr viel später als in den ner Verminderung der anorganischen Bestandteile im Kno-
Diaphysen bildet sich im Inneren der Epiphysen Blasen- chen. Außerdem wirkt die Belastung strukturerhaltend auf
knorpel. Aus der Umgebung wachsen in dieses Gebiet den Knochen; Kalziumverlust tritt bei Aufenthalt im schwere-
Gefäße und Mesenchymzellen ein. Es folgen Umbauvor- losen Raum auf.
gänge, die denen in den Diaphysen während der Ver-
knöcherung entsprechen (7 oben). Die Ausbildung
der Knochenbälkchen schreitet vom Epiphysenzentrum > In Kürze
zur Peripherie hin fort. An der Oberfläche der Epiphy- Stabilität, Plastizität sowie Knochenbruchheilung
sen bildet sich eine Knochenschale. Ausgenommen sind an eine permanente Aktivität von Osteozy-
bleibt der Gelenkbereich (Gelenkknorpel) und – solange ten gebunden. Alle Vorgänge unterliegen regeln-
der Knochen wächst – die Grenze zwischen Epi- und den Einflüssen, vor allem von Hormonen und Vi-
Diaphyse (Metaphyse, Wachstumsfuge, 7 oben). taminen. – Jugendformen von Osteozyten sind
Die Knochenkerne in den Epiphysen bilden sich in Osteoblasten. Sie gehen aus dem Mesenchym
jedem einzelnen Knochen zu festgelegter Zeit, meist hervor und können auch noch im reifen Knochen
postnatal. Zur Zeit der Geburt besitzen lediglich die dis- aus osteogenen Stammzellen entstehen. Osteo-
talen Femurepiphysen und proximalen Tibiaepiphysen blasten bilden die organischen und anorgani-
Knochenkerne. Anhand der bereits gebildeten epiphy- schen Interzellularsubstanzen des Knochens
sären Knochenkerne kann das Alter eines Kindes be- und induzieren beim Knochenumbau die Entste-
stimmt werden (Reifezeichen 7 S. 121). hung von Osteoklasten aus Monozyten bzw.
Knochenwachstum. Beim Dickenwachstum wird im Makrophagen. Osteozyten liegen im reifen Kno-
Wesentlichen Knochen an der äußeren Oberfläche ap- chen in Knochenzellhöhlen, die vermittels feiner
positionell angelagert, während von der inneren Ober- Kanälchen ein Labyrinth bilden. Untereinander
fläche her Knochen abgebaut wird. Das Längenwachs- stehen die Osteozyten über ihre Fortsätze in Ver-
tum kommt dadurch zustande, dass das Gebiet der en- bindung und treten letztlich zu Kapillaren in Be-
chondralen Verknöcherung im Bereich der späteren ziehung. Im Lamellenknochen liegen die Osteo-
Epiphysenplatte unter Beibehaltung der Dicke der zyten an den Lamellengrenzen. Die Lamellen
Wachstumsfuge langsam epiphysenwärts rückt. können als Osteonlamellen um einen Zentral-
kanal (Havers-Kanal) angeordnet sein, aber auch
58 Kapitel 2 · Histologie

als Schaltlamellen, flache Lamellen oder General-


lamellen vorliegen. Im Geflechtknochen beste-
hen keine Lamellen. – Die Knochenentwicklung
2 kann direkt im Mesenchym vermittels desmaler
Ossifikation oder indirekt unter Vermittlung ei-
ner Knorpelmatrize erfolgen (chondrale Ossifika-
tion). Die chondrale Ossifikation spielt sich peri-
chondral durch Bildung einer Knochenmanschet-
te oder enchondral in einer Umbauzone zwi-
schen Dia- und Epiphyse ab, die tätig bleibt, so-
lange der Knochen wächst (Wachstumsfuge).
Die Umbauzone gliedert sich in verschiedene Zo-
nen, die den Entwicklungsschritten entsprechen.

2.3 Muskelgewebe H23–25

i Zur Information
Muskulatur ist kontraktil. Sie kann sich unter ATP-Verbrauch
verkürzen und Spannung entwickeln. Gebunden ist dies an
zytoplasmatische Myofibrillen in den immer langgestreckten
Muskelzellen. Dies gilt für alle drei Arten von Muskelgewebe.
Myofibrillen bestehen aus den Proteinen Aktin und Myo-
sin. Durch ihr Zusammenwirken wird bei der Kontraktion che-
mische Energie direkt in mechanische Energie verwandelt.

Unter Berücksichtigung morphologischer und funktio-


neller Gesichtspunkte lassen sich unterscheiden (. Abb. . Abb. 2.41 a–c. Muskelgewebe. a Glatte Muskelzellen. b Quer
2.41, . Tabelle 2.7): gestreifte Skelettmuskelfasern. c Herzmuskelzellen. Zur Beach-
tung: der Maßstab ist verschieden, genaue Maße im Text
4 glatte Muskulatur H23
H23–25
4 quer gestreifte Muskulatur
– Skelettmuskulatur H24
– Herzmuskulatur H25
4 die glatte Muskulatur und die Herzmuskulatur hauptsäch-
i Zur Information lich aus dem unsegmentierten viszeralen Mesoderm
Kontraktile Zellen kommen nicht nur im Muskelgewebe vor, (Splanchnopleura, 7 S. 116) und der Kutisplatte (7 unten).
sondern auch als Eine Sonderstellung nehmen die Kopfmuskulatur und die
4 Myoepithelzellen in exokrinen Drüsen, aus den Branchialbögen hervorgegangenen Muskeln (z. B.
4 Myofibroblasten, z. B. in den Alveolarsepten der Lunge und Kaumuskulatur) ein. Obgleich es sich um quer gestreifte Ske-
4 Perizyten in Kapillarwänden. lettmuskulatur handelt, entstehen sie wie die glatte Muskulatur
aus unsegmentiertem Mesoderm. Gleiches gilt für die quer ge-
Zur Entwicklung streifte Muskulatur im unterem Drittel des Ösophagus.
Die Muskulatur entwickelt sich überwiegend aus dem Meso- Eine weitere Ausnahme machen innere Augenmuskelzellen
derm: und Myoepithelzellen. Sie gehen aus dem Ektoderm hervor.
4 die Skelettmuskulatur aus Myoblasten des segmentierten Während der Muskeldifferenzierung treten im Zytoplasma
Mesoderms der Somiten und des paraxialen Kopfmeso- der Myoblasten als erstes dünne, noch unregelmäßig angeord-
derms (7 S. 115), nete Aktinfilamente auf. Später folgen dickere Filamente aus
Myosin. Schließlich ordnen sich im Skelett- und Herzmuskel
dünne und dicke Filamente zu den für die reife Muskelfaser
a2.3 · Muskelgewebe
59 2
. Tabelle 2.7. Vergleich zwischen den Muskelgeweben

glatte Muskulatur Skelettmuskulatur Herzmuskulatur

kleinstes Bauelement spindelige Muskelzelle Muskelfaser verzweigte Muskelzelle

Anordnung der Bauelemente Bündelung, Überlappung parallele Bündelung Raumnetz

Zellkern ein, zentral, viele, randständig, ein bis zwei, zentral,


stäbchenförmig ovoid-linsenförmig ovoid-abgestumpft

kontraktile Struktur Myofilament quer gestreifte Myofibrille quer gestreifte Myofibrille

Verbindung der Muskelzellen tight und gap junctions, Endomysium, Sarkolemm Disci intercalares
untereinander argyrophile Fasern

Innervation vegetatives Nervensystem animales Nervensystem Erregungsleitungssystem,


vegetative Nerven

Strukturen der Erregungs- Synapsen en distance motorische Endplatten gap junctions,


übertragung Synapsen en distance

charakteristischen Myofibrillen. Die Vermehrung der Myofib- 2.3.1 Glatte Muskulatur H23
rillen erfolgt durch Längsteilung, nachdem durch Anlagerung
von neu gebildeten Myofilamenten eine bestimmte Größe
überschritten ist. Kernaussagen |
Skelettmuskelfasern entstehen durch Verschmelzung 5 Glatte Muskulatur besteht aus spindelförmi-
von Myoblasten und sind deswegen vielkernige Synzytien. Ihre
gen Zellen.
Zellkerne liegen zunächst in der Fasermitte, wandern später je-
5 Die Aktin- und Myosinfilamente sind unre-
doch unter die Zelloberfläche.
Nomenklatur. Muskelfasern sind hoch differenzierte Zel- gelmäßig angeordnet.
len. Ihre Strukturen haben spezielle Bezeichnungen: 5 Eine Querstreifung fehlt.
4 Sarkoplasma: Zytoplasma der Muskelzellen (ohne Myofib- 5 Die Kontraktion der glatten Muskelzellen er-
rillen), folgt langsam und unwillkürlich.
4 sarkoplasmatisches Retikulum: glattes endoplasmatisches
Retikulum,
Glatte Muskulatur kommt dort vor, wo ohne großen
4 Sarkosomen: Mitochondrien,
Energieaufwand ein Tonus gehalten werden muss, z. B.
4 Sarkolemm: Plasmalemm der Muskelfasern. Ursprünglich
stammt dieser Begriff aus der Lichtmikroskopie; mit in Gefäßwänden oder in der Wand der Eingeweide, z. B.
dem Lichtmikroskop sind jedoch die drei Schichten an des Magen-Darmkanals. Damit steht im Zusammen-
der Oberfläche der Muskelfasern, nämlich Plasmalemm, hang, dass glatte Muskulatur nicht ermüdet. Verharrt
Basallamina und Netzwerk retikulärer Fasern, nicht von- glatte Muskulatur in einem Kontraktionszustand, ent-
einander zu unterscheiden. stehen Spasmen oder Koliken. Innerviert wird die glatte
Muskulatur vom vegetativen Nervensystem.
Häufig bilden glatte Muskelzellen Bündel, die durch
Bindegewebe zusammengehalten werden und in denen
sich die Muskelzellen überlappen. Die Verlaufsrichtung
der glatten Muskelzellen kann lagenweise wechseln. In
manchen Organen liegen glatte Muskelzellen jedoch ein-
60 Kapitel 2 · Histologie

zeln und sind locker im Bindegewebe verteilt (z. B. Pros- von dünnen Aktinfilamenten eingenommen, die in man-
tata, Samenblase). Schließlich können glatte Muskelzel- chen glatten Muskelzellen parallel zur Längsachse, in
len kleine Muskeln bilden, beispielsweise die Mm. ar- anderen gitterwerkähnlich angeordnet sind. Sie befesti-
rectores pilorum der Haut (7 S. 225). gen sich an lokalen Verdichtungen des Zytoplasmas und
2 Glatte Muskelzellen (. Abb. 2.41, 2.42) sind meist des Plasmalemms (Plaques). Zwischen den Aktinfila-
spindelförmig und selten verzweigt. Ihre Länge beträgt menten liegen relativ wenige Myosinfilamente, die mit
50–400 lm, ihr Durchmesser 2–10 lm. Besonders lang den Aktinfilamenten kooperieren.
sind die glatten Muskelzellen des Uterus (in der
Schwangerschaft bis zu 500 lm). Glatte Muskelzellen i Zur Information
können sich mitotisch teilen und sind zur Hypertrophie Durch die Kooperation von Aktin und Myosin kommt es zur
befähigt. Glatte Muskelzellen sind an ihrer gesamten Verkürzung (Kontraktion) der glatten Muskelzelle. Sie erfolgt,
Oberfläche von einer Basallamina umgeben. wenn im Zytoplasma der Zelle befindliches Ca++ an Kalmodu-
Der Kern der glatten Muskelzellen ist zigarrenförmig lin (kalziumbindendes Protein) bindet, Myosin aktiviert wird
und ein Gleitmechanismus zwischen Aktin und Myosin ähnlich
und hat abgerundete Enden. Er liegt in der Mitte der dem der Skelettmuskulatur zustande kommt (7 unten). Die
Zellen und fältelt sich bei Kontraktion. Kontraktionen der glatten Muskulatur sind sehr viel lang-
Das Zytoplasma der glatten Muskelzellen weist in samer (wurmartig), jedoch ausdauernder als die der Skelett-
der Umgebung des Kerns wenige Mitochondrien, wenig muskulatur.
GER und einen kleinen Golgiapparat auf. Glatte Muskel-
zellen sind sehr glykogenreich. An der Plasmamembran Außer Myofilamenten kommen in glatten Muskelzellen
befinden sich zahlreiche Caveolae, die wohl Orte des intermediäre Filamente aus Desmin bzw. Vimentin vor,
Einstroms von Ca++-Ionen sind. Außerdem kommen die kreuz und quer durch das Zytoplasma verlaufen
im Zytoplasma glatter Muskelzellen Sekretgranula vor, und zusammen mit Aktinfilamenten an den zytoplas-
da glatte Muskelzellen Kollagen, Elastin und Glykosami- matischen Verdichtungen und an Plaques der Plasma-
noglykane sezernieren können. membran befestigt sind.
Hauptsächlich wird der größte Teil des Zytoplasmas Verbindungen zwischen glatten Muskelzellen. Glatte
der glatten Muskelzellen außerhalb der Kernzone aber Muskelzellen sind, sofern sie nicht einzeln liegen, durch

. Abb. 2.42 a, b. Glatte Muskelzellen. a Elektronenmikroskopisch, b molekular


a2.3 · Muskelgewebe
61 2
Zelladhäsionen (bei stets vorhandener Basallamina)
5 Es gibt verschiedene Muskelfasertypen.
verbunden. Hinzu kommen Nexus (gap junctions).
5 Die Innervation der Skelettmuskelfasern er-
Zahlreich sind sie bei Verbänden glatter Muskelzellen,
folgt durch motorische Endplatten und deren
die sich zu Einheiten zusammenschließen können und
Regulation durch Muskelspindeln.
zu Eigenkontraktionen fähig sind, z. B. die Muskulatur
der Darmwand. Immer sind glatte Muskelzellen von ar-
gyrophilen Fasernetzen umsponnen und in umgebende Skelettmuskulatur ist die Muskulatur des Bewegungs-
Bindegewebsstrukturen eingebunden, die die von Kon- apparats. Sie besteht aus quer gestreiften Muskelfasern
traktionen erzeugten Spannungen weitergeben. (. Abb. 2.43 a). Skelettmuskulatur wird sie genannt,
Die Innervation der glatten Muskulatur erfolgt durch weil sie überwiegend am Skelett entspringt und ansetzt.
das vegetative Nervensystem, in der Regel durch Synap- Es gibt jedoch Ausnahmen, z. B. in der Zunge, im Pha-
sen en passant (7 S. 78). An manchen glatten Muskelzel- rynx, Larynx und im oberen Ösophagus.
len, z. B. im Ductus deferens, bestehen jedoch auch di- Quer gestreifte Muskelfasern können bis zu 15 cm
rekte Membrankontakte zwischen Nervenendigungen lang und zwischen 10 und 100 lm dick sein. Sie sind
und dem Plasmalemm der Muskelzelle. An den zu Ei- vielkernig, haben bis zu 100 Zellkerne, die randständig
genkontraktionen fähigen Verbänden glatter Muskelzel- unter dem Plasmalemm liegen. Umgeben werden die
len hat das vegetative Nervensystem lediglich modulie- Muskelfasern von einer Basallamina.
renden Einfluss. Weitere Charakteristika der Skelettmuskelfasern
sind:
4 quer gestreifte Myofibrillen
> In Kürze 4 sarkoplasmatisches Retikulum
Glatte Muskelzellen können einzeln liegen, 4 Sarkosomen
Bündel oder kleine Muskeln bilden. Die Zellkerne 4 Myoglobin
befinden sich in der Muskelzellmitte und Aktin
bildet in der Regel ein zytoplasmatisches Netz- Myofibrillen (. Abb. 2.43 b) haben einen Durchmesser
werk. Eingelagert ist Myosin. Dort, wo zwischen von 1–2 lm. Sie sind lichtmikroskopisch eben sichtbar.
benachbarten glatten Muskelzellen zahlreiche Myofibrillen liegen in der Längsachse der Muskelzellen
Nexus vorkommen, entsteht ein funktionelles und sind untereinander durch das Protein Desmin
Synzytium, das zu autonomen Kontraktionen fä- verknüpft. Sie bilden Gruppen. Unter dem Einfluss der
hig ist. Glatte Muskelzellen werden vom vegeta- Fixierung entsteht dadurch auf Querschnitten das Bild
tiven Nervensystem innerviert. einer Myofibrillenfelderung (Cohnheim-Felderung).
Die Myofibrillen der Skelettmuskulatur sind quer
gestreift. Dadurch, dass bei allen in einer Muskelfaser
vorhandenen Myofibrillen die jeweils gleichen Streifen
2.3.2 Skelettmuskulatur H24 in gleicher Höhe nebeneinander liegen, sind auch die
Muskelfasern der Skelettmuskulatur als Ganzes quer ge-
Kernaussagen | streift.
Ultrastrukturell bestehen Myofibrillen aus
5 Skelettmuskulatur besteht aus quer gestreif-
4 Myofilamenten, die sich aus
ten Muskelfasern.
– dünnen Aktinfilamenten und
5 Die Querstreifung geht auf die Anordnung
– dicken Myosinfilamenten zusammensetzen.
von Aktin- und Myosinfilamenten zurück, die
gemeinsam Myofibrillen bilden.
Durch Zusammenwirken von Aktin- und Myosinfila-
5 Bei Muskelkontraktion erfolgt eine teleskop-
menten kommt es zu Kontraktionen.
artige Verschiebung der Aktin- und Myosin-
Die Myofilamente sind die Struktur- und Funktions-
filamente.
träger der quer gestreiften Muskulatur.
5 Kontraktionen werden durch Freisetzung von
Ca++-Ionen aus dem sarkoplasmatischen Re-
Aktinfilamente sind etwa 1 lm lang und 5–6 nm dick.
tikulum der Muskelzellen ausgelöst.
Sie bestehen aus Aktin, Tropomyosin und Troponin.
62 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.43 a–g. Skelettmuskulatur. a Quer gestreifte Skelett- Myosinfilamente sind miteinander verzahnt. d Querschnitte durch
muskelfaser. N Nukleus; I helle, A dunkle Streifen einer Myofibrille. die verschiedenen Segmente (I, M, H, A). e Molekularer Bau von
b Myofibrille mit I-, A-, H- und Z-Streifen. c Sarkomere von Z- zu Aktin- und Myosinfilamenten. f Sarkomere in Ruhestellung, g bei
Z-Streifen mit ihrer Gliederung. Dünne Aktinfilamente und dicke Kontraktion

Aktin ist ein globuläres Protein. Die einzelnen Partikel schen die Myosinfilamente. Das andere Ende des Aktin-
(Durchmesser 5,5 nm) legen sich zu zwei verdrillten filaments liegt dagegen frei. Daraus ergibt sich die Quer-
Strängen zusammen (. Abb. 2.43 e). In den Rinnen zwi- streifung der Myofibrillen.
schen den Aktinketten liegen lange, starre Tropomyosin-
moleküle, die ihrerseits in regelmäßigen Abständen mit Querstreifung. Licht- und elektronenmikroskopisch las-
Troponin verbunden sind. An Troponin binden während sen sich unterscheiden (. Abb. 2.43 a, b):
der Kontraktion Kalziumionen (7 unten). 4 A-Streifen. A bedeutet anisotrop, d. h. im polarisier-
ten Licht doppelbrechend
Myosinfilamente sind dicker als Aktinfilamente: etwa 4 I-Streifen. I bedeutet isotrop, im polarisierten Licht
1,5 lm lang, 10–15 nm dick. Sie bestehen aus Myosin einfach brechend
(. Abb. 2.43 e), einem Faserprotein von etwa 150 nm 4 Z-Streifen. Z bedeutet Zwischenstreifen
Länge. Ergänzt wird der A-Streifen durch
Die Myosinmoleküle haben einen dünnen, stäb- 4 H-Zone (Hensen-Zone) und
chenförmigen Schaftteil (leichtes Meromyosin) und ei- 4 M-Streifen (Mesophragma).
nen kugelförmigen Kopf (schweres Meromyosin). Der
Kopf besteht aus einem Myosin-ADP-Komplex und hat A-Streifen erscheinen bei Färbungen dunkel. Sie werden
hohe ATPase-Aktivität. Er befindet sich seitlich am En- von dicken (Myosin-)Filamenten mit zwischengelager-
de des Schaftes, mit dem er durch einen spiraligen, be- ten Aktinfilamenten gebildet. Jedoch befindet sich in
weglichen Hals verbunden ist. Bei Kontraktionen bindet der Mitte des A-Streifens ein Bereich, der frei von Aktin
der Kopf kurzfristig an Aktin. ist: H-Zone. Er entsteht dadurch, dass die Aktinfilamen-
te nicht ganz die Mitte von A erreichen. Im Bereich der
Anordnung der Aktin- und Myosinfilamente (. Abb. H-Zone sind die Myosinfilamente besonders dick. Au-
2.43 c, d). Aktin- und Myosinfilamente liegen in einer ßerdem befindet sich in der Mitte der H-Zone ein feiner
Reihe und sind miteinander verzahnt. Es ragt jeweils dunkler Streifen (M-Streifen). Hier sind die dicken Fila-
von beiden Seiten her ein Ende der Aktinfilamente zwi- mente quer verbunden.
a2.3 · Muskelgewebe
63 2
Im Überlappungsbereich von Myosin und Aktin lie-
gen jeweils um ein dickes Myosinfilament sechs dünne
Aktinfilamente, sodass bei Querschnitten eine hexa-
gonale Struktur entsteht.

I-Streifen. Er erscheint bei Färbungen hell und befindet


sich zwischen den A-Streifen. Der I-Streifen besteht aus
den Anteilen dünner Aktinfilamente, die außerhalb der
A-Streifen liegen.

Z-Streifen. Er erscheint als dunkle Querlinie in der Mitte


des I-Streifens. Im Z-Streifen sind die dünnen Aktinfila-
mente untereinander durch ein quer orientiertes Gitter
aus Desmin- und Vimentin (10 nm)-Filamenten verbun-
den. Außerdem sind periphere Myofibrillen durch Vin-
kulin, einem aktinbindenden Protein, mit der Plasma-
membran verknüpft. Vinkulin bildet zusammen mit an-
deren Anteilen eines subplasmalemmalen Zytoskeletts
als Costamere bezeichnete Verdichtungen unter dem
Plasmalemm.

Sarkomer. Hierunter wird der Teil einer Myofibrille ver-


. Abb. 2.44. Quergestreifte Muskelfaser. T transversales System;
standen, der sich zwischen zwei Z-Streifen befindet. Die
L longitudinales System (sarkoplasmatisches Retikulum)
Streifenfolge in einem Sarkomer ist Z-I-A-H-M-H-A-I-Z.
Die Länge eines Sarkomers im erschlafften Muskel be-
trägt 2 lm. Durch die Proteinfilamente Titin und Nebu- Streifen an. Die T-Tubuli sind für eine einheitliche Kon-
lin, die an den Z-Scheiben und von beiden Seiten her an traktion aller Myofibrillen in einer Skelettmuskelfaser
M befestigt sind, wird eine Überdehnung der Sarkome- verantwortlich (7 unten).
ren verhindert. Titin hat einen gefalteten Abschnitt im
Bereich des I-Streifens, der wie eine Feder wirkt. Triaden (. Abb. 2.44) entstehen dadurch, dass zwei sich
gegenüberliegende Erweiterungen des sarkoplasmati-
Zytomembranen. Es handelt sich um die Membranen schen Retikulums, sog. Zisternen, an einen transver-
des/der salen Tubulus herantreten. Gelegentlich kommen auch
4 sarkoplasmatischen Retikulums Diaden vor; dann legt sich nur eine Zisterne des sarko-
4 transversalen Tubuli plasmatischen Retikulums einem Tubulus an. Verbin-
4 Triaden dungen zwischen Zisternen und T-Tubuli werden durch
4 Sarkolemms Proteinbrücken hergestellt.

Sarkoplasmatisches Retikulum (. Abb. 2.44). Das sarko- i Zur Information


plasmatische Retikulum ist das glatte endoplasmatische Myofibrillen, T-Tubuli und sarkoplasmatisches Retikulum wir-
Retikulum der Skelettmuskelfaser (7 oben). Es umgibt ken bei Kontraktionen und Erschlaffung von Muskelfasern
eng zusammen. Entscheidend ist die Bewegung von Ca++-Io-
jede Myofibrille netzförmig. Wegen seiner longitudina- nen, die nach nervöser Erregung durch eine Permeabilitätsän-
len Orientierung wird es auch als L-System bezeichnet. derung (Depolarisation) der Membranen der Tubuli und des
Das sarkoplasmatische Retikulum speichert die für die sarkoplasmatischen Retikulums ins Sarkoplasma gelangen.
Auslösung von Kontraktionen erforderlichen Kalzium- Dann binden sie an die Myosinköpfchen der Myofibrillen
ionen. und induzieren deren Bewegung. Hieraus resultieren Muskel-
kontraktionen.
Transversale (T-)Tubuli sind quer liegende, schlauch-
förmige Invaginationen des Sarkolemms. Sie legen sich
den Myofibrillen an der Grenze zwischen I- und A-
64 Kapitel 2 · Histologie

Zu unterscheiden sind moleküle mit der Basallamina verbunden ist. Die Basal-
4 isotonische Kontraktionen, bei denen sich der Muskel lamina ihrerseits steht in Verbindung mit kollagenen
verkürzt,
Fasern, die sich den Sehnenansätzen der Skelettmuskel-
4 isometrische Kontraktionen, bei denen es ohne Verkür-
2 zung des Muskels zur Kraftentfaltung kommt. faser anschließen.
Die Verbindung zwischen Muskelzellen und Sehnen
Bei isotonischer Kontraktion (. Abb. 2.43 g) ändert sich das
Ausmaß der Überlappung zwischen dünnen und dicken Fila- ist sehr stabil, da die Muskelfasern am Ort der Sehnen-
menten. Es werden in Abhängigkeit von der Stärke der Kon- befestigung fingerförmige Einstülpungen aufweisen, in
traktion die Aktinfilamente mehr oder weniger weit zwischen die sich Sehnenfasern hineinschieben (. Abb. 2.45).
die Myosinfilamente gezogen. Dadurch werden die Sarkomere Dort kommen Hemidesmosomen vor. Die Sehnenfasern
kürzer, I und H schmaler oder können verschwinden. dienen der Befestigung der Muskeln am Knochen
Die Verschiebung der dünnen Filamente kommt nach der
Sliding-Filament-Theorie dadurch zustande, dass induziert (7 S. 168).
durch Ca++-Ionen eine Verbindung zwischen den Köpfchen
des Myosins und den Aktinfilamenten zustandekommt, sich Reparaturvorgänge. Eine Neubildung von Muskelzellen
die Myosinköpfchen umlegen und dünne Filamente durch ei- erfolgt beim Erwachsenen nicht. Jedoch spielen sich Re-
ne Art Ruderbewegung zwischen die dicken gezogen wer-
paraturvorgänge ab. Sie gehen von lichtmikroskopisch
den. Die erforderliche Energie wird in den Myosinköpfchen
durch ATP-Spaltung gewonnen.
kaum abgrenzbaren Satellitenzellen aus, die sich an
Flaut die nervöse Erregung ab, wird die Freisetzung von der Oberfläche von quer gestreiften Muskelfasern befin-
Kalziumionen aus dem sarkoplasmatischen Retikulum unter- den. Es handelt sich um verbliebene Myoblasten, die
brochen und es setzt ein aktiver Rücktransport von Kalziumio- sich zu Muskelfasern differenzieren können.
nen in das sarkoplasmatische Retikulum ein. An den Membra-
nen des sarkoplasmatischen Retikulums kommt es zu einer
Repolarisation. Nicht alle Skelettmuskelfasern sind gleich. Vielmehr gibt
Isometrische Kontraktion. Die Länge der Sarkomere und es mehrere Fasertypen, die sich physiologisch, metabo-
die Breite der Querstreifen ändert sich bei der isometrischen lisch und morphologisch unterscheiden, z. B. nach Kon-
Kontraktion nicht. Zur Kraftentfaltung kommt es dadurch, traktionsgeschwindigkeit, Stoffwechselleistung und
dass die beweglichen Myosinköpfchen zyklisch an immer die- Zellorganellen. In einem Skelettmuskel als Einheit kom-
selbe Stelle der Aktinfilamente herantreten und die durch die
Drehbewegung des Myosinköpfchens entstandene Span- men jedoch alle Fasertypen gleichzeitig vor, wenn auch
nung nach außen abgegeben wird. in unterschiedlichem Verhältnis. Hieraus ergibt sich die
Leistung des Muskels. So bestehen Ausdauermuskeln,
Sarkosomen und weitere Bestandteile des Sarkoplas- z. B. Zwerchfell oder die langen Rückenmuskeln, haupt-
mas. Sarkosomen sind die Mitochondrien der Muskelfa- sächlich aus Slow-Fasern mit hohem oxidativen Stoff-
ser. Sie liegen in einer Reihe zwischen den Myofibrillen wechsel. In Schnellkraftmuskeln, z. B. dem M. extensor
und tragen dadurch zur Längsstreifung der Muskelfa-
sern bei. Sie dienen der Energiegewinnung.
Ferner kommt in größerer Menge Glykogen vor. Es
ist das Energiedepot der Muskelzelle, das während der
Muskelarbeit mobilisiert werden kann.
Schließlich befindet sich im Sarkoplasma noch Myo-
globin. Es ist für die rote Farbe der Muskulatur verant-
wortlich. Myoglobin bindet Sauerstoff und ist besonders
reichlich in Muskelfasern vorhanden, die lang dauernde
Kontraktionen auszuführen haben.
Weniger entwickelt sind dagegen RER und Riboso-
men. Auch der Golgiapparat ist klein. Entsprechend ge-
ring ist die Proteinsynthese der Skelettmuskulatur.

Plasmamembran, Basallamina, Sehnenverbindungen.


Dem Sarkolemm ist an der zytoplasmatischen Seite
ein Membranskelett aus fadenförmigen Proteinen (vor
allem Dystrophin) angelagert, das über Zelladhäsions- . Abb. 2.45. Sehnenansatz an einer Skelettmuskelfaser
a2.3 · Muskelgewebe
65 2
digitorum longus, überwiegen dagegen Fast-Fasern mit deshalb früher als »rote Fasern« bezeichnet. Ihr Durch-
hohem glykolytischen Stoffwechsel. messer (etwa 50 lm) ist kleiner als der von glykolyti-
schen (FG-)Fasern (etwa 100 lm). FG-Fasern haben we-
Unterschiede zwischen den Muskelfasertypen im Einzelnen niger Mitochondrien, weniger Kapillaren, weniger Myo-
Kontraktionsgeschwindigkeit. Sie hängt von den verschiedenen globin. Sie wurden deshalb früher als »weiße Fasern«
Isoformen der schweren Myosinketten (Myosin heavy chains = bezeichnet. FOG-Fasern ähneln morphologisch den SO-
MHCs) ab, die ATP langsam oder schnell spalten. Fasern.
Unterscheiden lassen sich
4 langsam kontrahierende Slow-Fasern
4 schnell kontrahierende Fast-Fasern i Zur Information
Slow-Fasern enthalten die Myosinisoformen MHC I und Muskelfasern können sich durch Veränderung ihres Metabo-
werden dementsprechend auch Typ-I-Fasern genannt. Sie sind lismus und ihrer molekularen Zusammensetzung funktionel-
zu Ausdauerleistungen befähigt und ermüden langsam. len Beanspruchungen anpassen, z. B. Training, Krankheit, Al-
Fast-Fasern enthalten die Myosinisoformen MHC IIA, IIB, tern. Das kann zur Umwandlung eines Fasertyps in einen an-
deren führen.
IIX und entsprechen den Typ-II-Fasern. Sie können schnell viel
Kraft entwickeln, ermüden aber auch schnell.
Nach der Stoffwechselleistung kann man Slow- und Fast- Innervation. Zu unterscheiden sind
Fasern typisieren in 4 motorische Endplatten
4 SO-Fasern, bei denen der oxidative Metabolismus über- 4 Muskelspindeln.
wiegt (slow-oxidative). Sie entsprechen den Typ-I-Fasern, Hinzu kommen
4 FG- mit bevorzugt glykolytischem Metabolismus (fast-gly- 4 Golgisehnenorgane
colytic) und 4 Gelenkkapselorgane
4 FOG-Fasern, Fast-Fasern mit sowohl oxidativem als auch
glykolytischem Metabolismus (fast-oxidative-glycolytic).
FG- und FOG-Fasern gehören zu Typ-II-Fasern. Motorische Endplatten (. Abb. 2.46) sind Kontaktstel-
len zwischen Axonendigungen von Motoneuronen
Morphologische Unterschiede finden sich hauptsächlich (7 S. 796) und quer gestreifter Muskelfaser. Es handelt
zwischen oxidativen und glykolytischen Fasern. Oxida- sich um neuromuskuläre Synapsen (7 S. 78). Werden
tive SO-Fasern haben viele Mitochondrien, sind reich sie erregt, kommt es zur Kontraktion der Skelettmuskel-
kapillarisiert und enthalten viel Myoglobin. Sie wurden faser.

. Abb. 2.46 a, b. Motorische Endplatte, elektronenmikroskopisch. a Starke Vergrößerung. b Übersicht


66 Kapitel 2 · Histologie

Motorische Endplatten bestehen aus dem Endkolben und efferenten Nervenfasern erreicht, sind Dehnungs-
einer efferenten Nervenfaser und der subsynaptischen rezeptoren. Sie ermitteln die Länge eines Muskels und
Membran der Muskelfaser. Der Endkolben ist wannen- dienen der Regulation der Spannung des jeweiligen
2 förmig in die Muskelfaser eingebuchtet. Die Plasma- Muskels.
membran der Muskelfaser bildet in diesem Bereich tiefe Muskelspindeln sind bis zu 8 mm lang und etwa
parallele Falten, das subneurale Faltenfeld. Zwischen 0,2 mm dick. Sie werden von einer Bindegewebskapsel
den sich gegenüberliegenden Membranen befindet sich (mit elastischen Netzen) umgeben. Muskelspindeln sind
ein Spalt von 30–50 nm, der ein Material enthält, das an ihren beiden Enden mit sehnenartigen Bindege-
kontinuierlich mit der Basallamina der Muskelfaser in webszügen am Perimysium der sie umgebenden Skelett-
Verbindung steht. Der Transmitter motorischer End- muskelfasern befestigt, die in diesem Zusammenhang
platten ist Azetylcholin, das bei Bedarf aus synaptischen als extrafusale Fasern bezeichnet werden.
Bläschen freigesetzt wird (7 S. 77). Im Inneren der Muskelspindel liegen 4–10 quer ge-
streifte Muskelfasern, die als intrafusale Fasern bezeich-
i Zur Information net werden. Sie stehen durch Bindegewebe untereinan-
An den motorischen Endplatten kommt es durch Freisetzung der in Verbindung. Die intrafusalen Fasern verlaufen
von Azetylcholin zur Depolarisation des dem Endkolben der
Nervenfaser gegenüberliegenden Teils des Sarkolemms. Von
parallel zu den extrafusalen Muskelfasern ihrer Umge-
hier breitet sich die Depolarisation über die gesamte Oberflä- bung.
che der Muskelzelle einschließlich des transversalen Systems Jede intrafusale Faser hat in der Mitte einen nicht-
aus. Von dort wird die Kontraktion veranlasst (7 oben). kontraktilen Bereich, während an den Enden der Fasern
quer gestreifte Myofibrillen vorkommen. Nach Form der
Motorische Einheit. Sie besteht aus einer motorischen Fasern und Anordnung der Zellkerne werden unter-
Nervenzelle und allen von ihr innervierten Muskelfa- schieden:
sern. Die Anzahl der innervierten Muskelfasern variiert 4 Kernsackfasern (1–2 pro Muskelspindel)
erheblich (Einzelheiten 7 S. 172). 4 Kernkettenfasern

Muskelspindeln (. Abb. 2.47) sind eigene Organe inner-


Kernsackfasern. Der zentrale Abschnitt ist sackartig er-
halb eines Skelettmuskels. Sie befinden sich im Muskel-
weitert und enthält bis zu 50 Zellkerne.
bindegewebe. Muskelspindeln werden von afferenten
Kernkettenfasern sind dünn und ihre Zellkerne sind
reihenförmig hintereinander angeordnet.
Die intrafusalen Fasern haben enge Beziehungen
zum Nervensystem:
4 Die mittelständigen, nicht kontraktilen Abschnitte
werden von anulospiraligen Endigungen afferenter
Nervenfasern vom Typ Ia (7 unten) umwickelt. Bei
Dehnung des Muskels werden diese rezeptorischen
anulospiraligen Endigungen verformt und damit er-
regt. Bei Entspannung des mittelständigen Anteils
der intrafusalen Fasern, z. B. bei Kontraktion der Ar-
beitsmuskulatur, erlischt die Erregung in den anulo-
spiraligen Endigungen.
4 Beiderseits der anulospiraligen Endigungen – vor-
wiegend an Kernkettenfasern – liegen blütendol-
denförmige Endigungen von afferenten Typ-II-Fa-
sern. Diese Endigungen ermitteln nur konstante
Dehnungen der intrafusalen Fasern.
4 Die dünnen kontraktilen Enden der Kernsackfasern
tragen kleine motorische Endplatten, die Kernket-
tenfasern Endnetze von efferenten Ac-Fasern aus
. Abb. 2.47. Muskelspindel dem Rückenmark. Diese Nervenfasern können eine
a2.3 · Muskelgewebe
67 2
isolierte Kontraktion der Enden der intrafusalen Fa-
kelfasern unterscheiden. Quer gestreifte Skelett-
sern bewirken und damit die Spannung in den zent-
muskelfasern werden durch motorische Endplat-
ralen Faserabschnitten verändern. Dies beeinflusst
ten innerviert. Muskelspindeln stehen im Dienst
die anulospiraligen Endigungen (7 oben). Ins-
der Spannungsregulierung von Muskeln. Sie sind
gesamt können die Ac-Fasern die Empfindlichkeit
Dehnungsrezeptoren.
der Muskelspindeln steuern und sie unterschiedli-
chen Kontraktionszuständen des Muskels anpassen.
Viele Bewegungen werden durch eine primäre Akti-
vierung der Ac-Fasern eingeleitet (Starterfunktion
des c-Systems). 2.3.3 Herzmuskulatur H25

Golgi-Sehnenorgane informieren über die Muskelspan-


Kernaussagen |
nung. Die Golgisehnenorgane (Tendorezeptoren) liegen
im muskelnahen Anfang von Kollagenfaserbündeln der 5 Die Herzmuskulatur besteht aus einem
Sehne, ein Golgiorgan auf 5–25 Muskelfaserinsertionen. Netzwerk von quer gestreiften Muskelzellen,
Das geringfügig aufgetriebene Organ (»Sehnenspin- die durch End- zu Endverbindungen (Disci
del«) besteht aus zahlreichen Zweigen der dendritischen intercalares) verknüpft sind.
Anfänge von Ib-Nervenfasern, die zwischen den Kolla- 5 Der Kern der Herzmuskelzellen liegt zentral
genfasern enden. Diese Rezeptoren werden bei Dehnung und wird von Myofibrillen umrahmt. Herz-
der Sehne, z. B. bei Kontraktion des Muskels, erregt. muskelzellen sind mitochondrienreich.
5 Herzmuskelzellen weisen in Höhe ihrer
Gelenkkapselorgane sind Propriozeptoren. Sie tragen Z-Streifen relativ weite transversale (T-)Tubuli
dazu bei, über die Lage des Körpers im Raum zu infor- auf. Das sarkoplasmatische Retikulum (L-Tu-
mieren. Bei den Gelenkkapselorganen handelt es sich buli) ist vergleichsweise spärlich entwickelt.
um verzweigte dendritische Endigungen afferenter Neu- 5 Herzmuskelzellen werden vom vegetativen
rone, die frei oder von einer dünnen Bindegewebshülle Nervensystem innerviert.
umgeben in der Gelenkkapsel liegen sowie um lamel- 5 Die Muskelzellen des Erregungsleitungssys-
lenförmige, den Vater-Pacini-Körpern (7 S. 221) ähn- tems sind sarkoplasmareich aber myofibril-
liche Gebilde. lenarm.

Der Herzmuskel besteht aus quer gestreifter


> In Kürze 4 Arbeitsmuskulatur
Die Myofibrillen quer gestreifter Skelettmuskelfa- 4 Muskulatur des Erregungsbildungs- und -leitungs-
sern bestehen aus einer Aufeinanderfolge von systems.
Sarkomeren (von Z bis Z). Sarkomere gliedern
sich in »helle« I- und einen »dunklen« A-Streifen. Besonderheiten der Arbeitsmuskulatur (. Abb. 2.41,
Im A-Streifen verzahnen sich dicke Myosinfila- 2.48).
mente und dünne Aktinfilamente, lassen jedoch 4 Die Herzmuskelzellen sind unregelmäßig verzweigt
einen H-Streifen mit einem M-Streifen frei. I-Strei- und etwa 100 lm lang. Ihr Durchmesser beträgt
fen bestehen nur aus Anteilen von Aktinfilamen- 10–20 lm.
ten. Ca++-Ionen, die eine teleskopartige Verschie- 4 Die Herzmuskelzellen sind hintereinander angeord-
bung zwischen Aktin- und Myosinfilamenten net und haben eine gemeinsame Basallamina. Herz-
auslösen, stammen aus dem sarkoplasmatischen muskelzellen bilden durch ihre Verzweigungen ein
Retikulum. An Tri- oder Diaden treten Membranen Netzwerk.
des sarkoplasmatischen Retikulums an Memb- 4 Zwischen den Herzmuskelzellen befinden sich End-
ranen transversaler Tubuli heran. Aufgrund mor- zu-End-Verbindungen mit Interzellularspalten und
phologischer, physiologischer und metabolischer Zelladhäsionen. Unter Berücksichtigung ihrer
Eigenschaften lassen sich Typ-I- und Typ-II-Mus- Räumlichkeit werden sie als Disci intercalares
(Glanzstreifen) bezeichnet.
68 Kapitel 2 · Histologie

4 Zwischen den Myofibrillen und unter der Zellober-


fläche liegen sehr viele Mitochondrien in Reihen-
stellung.
2 4 Das transversale System ist im Herzmuskel kräftiger
entwickelt als im Skelettmuskel. Es liegt in Höhe der
Z-Streifen, reicht aber auch mit längs orientierten
Ausläufern zwischen die Myofibrillen. Durch Öff-
nung von Ca++-Kanälen in den Membranen der
T-Tubuli kommt es zum Einstrom von Ca++ ins In-
nere der Herzmuskelzelle. Dies leitet die Aktivie-
rungsphase des Herzmuskels ein.
4 Das L-System (sarkoplasmatisches Retikulum) ist
vergleichsweise gering entwickelt. Es bildet mit
T-Tubuli Diaden. Funktionell wirkt es als Kalzium-
speicher, der zur Kontraktion der Myofibillen ent-
leert wird und bei Relaxation Ca++-Ionen zurück-
nimmt.
4 Satellitenzellen fehlen. Dadurch ist eine Regenerati-
on von Herzmuskulatur nicht möglich. Herzmuskel-
zellen können aber hypertrophieren.

. Abb. 2.48. Herzmuskelzelle mit Discus intercalaris > Klinischer Hinweis


Treten Leckbildungen in den Membranen des sarkoplasmati-
schen Retikulums auf, ist die Rücknahme der Ca++-Ionen
4 Der Kern der Herzmuskelzelle liegt zentral. Gele- gestört und es kann zu stark erhöhten Herzfrequenzen (Herz-
rasen) kommen. Außerdem werden durch die Überschwem-
gentlich kommen zwei bis drei Kerne in einer Herz-
mung der Herzmuskelzellen mit Ca++-Ionen die Mitochond-
muskelzelle vor. rien geschädigt, wodurch in den Zellen übermäßiger oxidati-
4 An den oberen und unteren Polen der Zellkerne ist ver Stress (7 S. 28) entsteht. Gehen gar Mitochondrien zu-
Sarkoplasma angereichert. Außer den Zellorganellen grunde, sterben die Herzmuskelzellen ab.
kommt braunes Pigment (Lipofuszin) vor, das mit
fortschreitendem Alter zunimmt. 4 Jede Herzmuskelzelle wird von einer Kapillare be-
4 Im Sarkoplasma kommen neuroendokrine Granula gleitet.
vor: in den Kardiomyozyten des Vorhofs mit Cardio- 4 Die Innervation der Herzmuskulatur erfolgt durch
natrin (atrial natriuretic factor = ANF, mit diureti- das vegetative Nervensystem (Einzelheiten 7 S. 290).
scher und natriuretischer Wirkung) und Cardiodila-
tin (Angriffspunkt ist die glatte Gefäßmuskulatur), Disci intercalares (. Abb. 2.48, 2.49) verzahnen die
in der Ventrikelmuskulatur vorwiegend mit BNP Herzmuskelzellen. Sie können gerade oder stufenförmig
(brain natriuretic peptide). Bei starker Vorhofdeh- zwischen den Herzmuskelzellen verlaufen. Myofibrillen
nung werden dort Cardionatrin und Cardiodilatin überschreiten die Zellgrenzen der Herzmuskelzellen
abgegeben. nicht.
In den Disci intercalares treten auf
4 Maculae adhaerentes (Desmosomen)
> Klinischer Hinweis
Für BNP steht ein Schnelltest zur Verfügung. BNP im Blut
4 Fasciae adhaerentes
steigt bei Vorliegen einer Herzinsuffizienz stark an und korre- 4 Nexus (gap junctions)
liert mit der Schwere der Insuffizienz.
Maculae adhaerentes dienen insbesondere der Kraftü-
4 Der Feinbau der Myofibrillen des Herzmuskels ent- bertragung zwischen den Herzmuskelzellen. Sie stehen
spricht dem des Skelettmuskels (7 oben). Jedoch mit intermediären Vimentinfilamenten des Sarkoplas-
bilden die Myofibrillen größere Gruppen. mas der Herzmuskelzelle in Verbindung.
a2.3 · Muskelgewebe
69 2

> In Kürze
Die Muskelzellen der Arbeitsmuskulatur des Her-
zens stehen an Disci intercalares (mit gap junc-
tions) mit einander in Verbindung und bilden
ein Netzwerk. Herzmuskelzellen sind quer ge-
streift, haben in der Regel einen zentral gelege-
nen Zellkern. Die transversalen Tubuli liegen in
Höhe von Z und haben längs orientierte Anteile.
Die Muskelzellen des Erregungsbildungs- und
-leitungssystems sind relativ myofibrillenarm
und haben einen verminderten oxidativen Stoff-
wechsel.

2.3.4 Myoepithelzellen, Myofibroblasten,


. Abb. 2.49. Discus intercalaris. Z Z-Streifen der Myofibrillen Perizyten H42, 84

An den Fasciae adhaerentes befestigen sich Aktinfi- Kernaussagen |


lamente der Myofibrillen. Die Fasciae adhaerentes auf-
Myoepithelzellen, Myofibroblasten und Perizyten
einander folgender Herzmuskelzellen liegen sich ge-
sind kontraktile Zellen, die jedoch genetisch
genüber und sind durch Zelladhäsionsmoleküle verbun-
nicht aus Myoblasten hervorgegangen sind.
den.
Die Nexus (gap junctions) befinden sich vor allem
am Rand der Disci intercalares. Sie dienen der Erre- Myoepithelzellen sind lang gestreckt oder sternförmig
gungsübertragung von einer Zelle zur anderen. Sie ver- mit einem zentral gelegenen Zellkern und langen Zyto-
mitteln die Synchronisation der Kontraktion der Herz- plasmafortsätzen. Sie verfügen über Aktin- und Myosin-
muskelzellen. filamente und ähneln glatten Muskelzellen.
Myoepithelzellen kommen an den Endstücken eini-
Muskulatur des Erregungsbildungs- und -leitungssys- ger Drüsen vor, z. B. Speicheldrüsen, Schweißdrüsen,
tems. Die Muskelzellen sind in der Regel größer als Brustdrüse. Dort liegen sie zwischen der Basallamina
die der Arbeitsmuskulatur. Sie sind sarkoplasmareich und dem basalen Pol der Drüsenzellen, mit dem sie
aber myofibrillenarm. Die Myofibrillen liegen überwie- durch Desmosomen verbunden sind. Es wird angenom-
gend randständig. In der Fasermitte kommen in der Re- men, dass Myoepithelzellen die Sekretion der Drüsen-
gel mehrere Zellkerne vor. Die Muskelzellen des Erre- zellen durch Kompression der sezernierenden Abschnit-
gungsleitungssystems sind glykogenreich und haben ei- te beeinflussen können.
nen geringen oxidativen Stoffwechsel. Die Zellgrenzen Myoepithelzellen werden vom autonomen Nerven-
sind kaum miteinander verzahnt (Einzelheiten über die- system innerviert.
ses System 7 S. 289). Myofibroblasten sind spindelförmige Zellen mit lan-
gen Fortsätzen, einem länglichen Zellkern mit dunklem
Nukleolus. In der Kernumgebung kommen viele Mito-
chondrien, ein deutlicher Golgiapparat, viel RER und
zahlreiche freie Ribosomen vor. Außerdem verfügen
sie über viel Aktin und Desmin. Untereinander sind
Myofibroblasten durch zahlreiche Nexus verbunden.
Myofibroblasten kommen u. a. in der Lamina prop-
ria der Hodenkanälchen, wo sie durch rhythmische
70 Kapitel 2 · Histologie

Kontraktionen den Spermientransport unterstützen sol- Zur Entwicklung


len, in der Theca externa der Ovarialfollikel und in den Alle Nervenzellen stammen aus dem Ektoderm. Die Neuroglia
Zotten des Darms vor. Insgesamt handelt es sich um ei- ist teilweise neuroektodermaler, teilweise mesenchymaler Her-
ne unauffällige Zellpopulation, die aber bei Wundhei- kunft (Einzelheiten 7 S. 724).
2 lung und auch Erkrankungen (Leberzirrhose, Lungen-
fibrose) aktiv wird und dann in großer Menge Kollagen
bilden kann. 2.4.1 Neuron, Nervenzelle H26–28, 90, 92
Perizyten befinden sich in den Wänden von Kapilla-
ren und Venulen, sind sternförmig und durch Nexus mit Kernaussagen |
den Endothelzellen verbunden. Sie sind organellenarm
und ihr Zellkern ist relativ groß. Auffällig ist das Vor- 5 Jede Nervenzelle ist eine genetische, mor-
kommen von Aktin und Myosin sowie von Desmin in phologische, funktionelle und trophische
ihrem Zytoplasma. Sie können als mesenchymale Einheit. Sie dient der Informationsübertra-
Stammzellen fungieren. Nach Gewebeverletzungen gung.
sprossen Perizyten aus und können sich zu Myofibro- 5 Das trophische Zentrum einer Nervenzelle ist
blasten differenzieren. der Zellleib (Perikaryon).
5 Dendriten sind verzweigte Fortsätze der
Nervenzellen und Signalempfänger.
> In Kürze 5 Das Axon leitet Signale vom Perikaryon zum
Myoepithelzellen, Myofibroblasten und Perizyten Signalempfänger. Im Axon erfolgt außerdem
sind kontraktile Zellen. Myoepithelzellen befin- ein Stofftransport.
den sich am basalen Pol von Drüsenzellen, Myo- 5 Nervenzellen sind vielgestaltig und unter-
fibroblasten an Hodenkanälchen und an Ovarial- scheiden sich funktionell.
follikeln, Perizyten an Gefäßen.
Im menschlichen Gehirn kommen etwa 1010 bis 1012
Nervenzellen vor. Sie können
4 durch Veränderungen in ihrer Umgebung erregt
2.4 Nervengewebe H26–30, 90, 92 werden (als Reiz bezeichnet),
4 Erregungen über sehr weite Strecken leiten,
4 die durch Erregungen übermittelten Informationen
i Zur Information
»verarbeiten« und
Nervengewebe ist ubiquitär im Körper vorhanden. Es dient
der Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von Signalen 4 Erregungen auf andere Nervenzellen bzw. Erfolgs-
sowie der Zuleitung von Signalen zu Erfolgsorganen. Signale organe, z. B. Muskeln, Drüsenzellen, übertragen.
können erregend und hemmend wirken. Nervengewebe be-
steht aus einem Netzwerk von Nervenfasern (Axone von Ner- Nervenzellen bestehen aus (. Abb. 2.50)
venzellen), die mit Synapsen an andere Nervenzellen heran-
4 Perikaryon (Zellleib), das den Zellkern enthält, und
treten. Durch Gliazellen wird die Funktion der Nervenzellen
sichergestellt. 4 Fortsätzen
– Dendriten (in der Regel mehrere) und
Bausteine des Nervensystems sind: – einem Axon.
4 Nervenzellen mit Fortsätzen
4 Gliazellen Untereinander stehen Nervenzellen durch Synapsen in
Verbindung, die der Erregungsübertragung dienen.
Nervenzellfortsätze bilden in Gehirn und Rückenmark
(zentrales Nervensystem = ZNS) Nervenbahnen (Trac- > Methodischer Hinweis
tus), im peripheren Nervensystem Nerven. Zur histologischen Darstellung von Nervenzellen in ihrer Ge-
samtheit sind Silberverfahren geeignet, z. B. nach Golgi, nach
Cajal. Mit anderen Methoden werden Teilstrukturen erfasst,
z. B. die Nissl-Substanz (7 unten), Markscheiden (7 unten)
oder Synapsen. Schließlich gibt es experimentelle Verfahren,
die mit markierenden Stoffen arbeiten. H26, 92
a2.4 · Nervengewebe
71 2
Perikaryon H26, 92 erweisen. Größe und Anzahl der Nissl-Schollen sind
funktionsabhängig. – Die Nissl-Substanz ist der Ort
Sehr auffällig ist im Perikaryon der Zellkern (. Abb. der Synthese von Struktur- und Transportproteinen.
2.50). Er ist in der Regel groß, besitzt einen deutlichen Golgiapparat und Nissl-Substanz arbeiten bei der
Nukleolus und liegt zentral im Zellleib. Proteinsynthese eng zusammen (7 S. 26). Ein Golgi-
apparat ist in jeder Nervenzelle vorhanden und in man-
i Zur Information
chen besonders stark entwickelt. Dann erscheint er
Nervenzellen befinden sich in der G0-Phase des Zellzyklus. Of-
fen ist, ob es Umstände gibt, unter denen sie wieder mitotisch netzförmig in der Umgebung des Kerns.
aktiv werden können. Experimentell ist das Vorkommen von
neuronalen Stammzellen subventrikulär, im Gyrus dentatus i Zur Information
des Hippocampus und Bulbus olfactorius gesichert. Nach übermäßiger Beanspruchung einer Nervenzelle, z. B.
durch gesteigerte Muskeltätigkeit oder in der Regenerations-
Für das Zytoplasma sind charakteristisch: phase nach Durchtrennung von Fortsätzen (7 S. 83), kommt
4 Nissl-Substanz (benannt nach ihrem Entdecker, dem es zu Veränderungen der Nissl-Substanz und des Golgiappa-
deutschen Psychiater Franz Nissl) H26 rats. Insbesondere vermindert sich die Anzahl der Nissl-Schol-
len, sie diversifiziert sich. Dieser Vorgang wird als Chromato-
4 auffälliger Golgiapparat (benannt nach dem italie- lyse bezeichnet (7 unten). Gleichzeitig vergrößert sich der
nischen Histologen Camillo Golgi, Nobelpreis 1906) Golgiapparat. Verbunden sind diese Veränderungen mit stark
4 Neurofibrillen. erhöhtem Proteinumsatz in der Nervenzelle.

Bei der Nissl-Substanz (. Abb. 2.50) handelt es sich um Neurofilamente und Neurotubuli. Beide Strukturen
basophile Schollen, die sich elektronenmikroskopisch gehören zum Zytoskelett (7 S. 17). Neurofilamente sind
als lokale Anhäufungen von RER und freien Ribosomen intermediäre Filamente (7 S. 18). Sie bilden entweder
Bündel, die lichtmikroskopisch sichtbar sein können
und dann als Neurofibrillen bezeichnet werden, oder
sie sind so angeordnet, dass sie die basophilen Struktu-
ren zu Nissl-Schollen zusammenfassen. – Mikrotubuli
(hier Neurotubuli) kommen vor allem in Axonen vor
und stehen im Dienst des Vesikeltransports.
Weitere Bestandteile des Neuroplasmas. Mitochond-
rien sind in der Regel zahlreich, da der Energiebedarf
der Nervenzellen hoch ist. Er wird fast ausschließlich
durch Glukose gedeckt. Zahlreich sind auch Lysosomen,
die dem Abbau z. B. des aus dem Axon herangeführten
Materials dienen. Schließlich besitzen viele Nervenzel-
len Pigment, weshalb z. B. im Gehirn eine charakteristi-
sche Pigmentarchitektonik entsteht. Besonders auffällig
ist in der Substantia nigra (7 S. 766) das Vorkommen
von Melanin, einem dunkelbraunen bzw. schwarzen Pig-
ment oder im Nucleus ruber des Mittelhirns eines eisen-
haltigen roten Pigments.

Dendriten H92

Dendriten sind baumartig verzweigte Fortsätze der Ner-


venzellen. Anzahl und Verzweigungen sind sehr unter-
schiedlich.
. Abb. 2.50. Multipolare Nervenzelle mit Synapsen. 1 axodendri- Dendriten enthalten Zytoplasma mit einem Feinbau
tische Synapse; 2 axosomatische Synapse; 3 axoaxonale Synapse ähnlich dem des Perikaryons. Nissl-Schollen werden je-
72 Kapitel 2 · Histologie

doch nur perikaryonnah gefunden. Mit jeder Aufzwei- mit der Folgestruktur sind die Axonenden häufig leicht
gung wird der Durchmesser der Dendriten kleiner. In aufgetrieben; sie bilden ein Bouton.
sehr dünnen Dendriten fehlen Mitochondrien.
2 Dendriten haben an ihrer Oberfläche viele kleine Feinbau des Axons. Die Oberflächenmembran des
dorn- oder knospenförmige Fortsätze (Spines), an die Axons wird als Axolemm bezeichnet. Das Zytoplasma
die Fortsätze (Axone) anderer Nervenzellen mit Synap- in den Axonen (Axoplasma) ist organellenarm (nur we-
sen (7 unten) herantreten (axodendritische Synapsen) nige Mitochondrien und wenig GER). Hauptbestandtei-
und ihre Signale übertragen. Spines sind polysomen- le sind Neurofilamente und Neurotubuli. Außerdem
reich, haben viele Aktinfilamente und tubuläre Zister- kommen zahlreiche Bläschen vor.
nen. Von den Spines werden die Signale in Richtung Das Axoplasma ist dauernd im Fluss (axoplasmati-
Perikaryon und von dort zum Axon weitergeleitet. Sy- scher Fluss). Überwiegend ist die Strömung nach distal
napsen finden sich auch an der Oberfläche der Perikarya. gerichtet (anterograd), in geringerem Umfang zum Pe-
rikaryon hin (retrograd).
Anterograd erfolgen ein
Axon H92 4 schneller Transport, 50–400 mm/Tag, und ein
4 langsamer Transport, 0,2–8 mm/Tag.
Das Axon dient der efferenten Erregungsleitung. Der schnelle Transport findet im Zentrum des Axons
Jede Nervenzelle besitzt nur ein Axon. Es kann bis statt, der langsame oberflächennah. Schnell transpor-
zu 1 m lang sein. Die meisten Axone sind von einer tiert wird alles, was im Axon benötigt wird, z. B. Memb-
Hülle umgeben (Nervenfaser, 7 unten). ranproteine oder Vesikel mit Neuropeptiden. Dabei die-
Folgende Abschnitte lassen sich unterscheiden: nen die Mikrotubuli als Leitstrukturen. Langsamer wird
4 Ursprungskegel transportiert, was dem Axoplasmaaustausch dient. Er
4 Initialsegment ist unabhängig von Mikrotubuli.
4 Hauptverlaufsstrecke Der retrograde Transport ist relativ langsam. Er
4 Endverzweigung bringt Produkte aus der Peripherie des Axons zum Ab-
bau durch Lysosomen ins Perikaryon.
Ursprungskegel. Der Ursprungskegel (Axonhügel,
. Abb. 2.50) gehört zum Perikaryon. Er befindet sich
dort, wo das Axon das Perikaryon verlässt, und ist frei Klassifizierung von Nervenzellen
von Nissl-Substanz.
Initialsegment (. Abb. 2.50). Das kurze Initialseg- Zwischen Nervenzellen bestehen hinsichtlich Größe,
ment des Axons ist stets ohne Hülle. Da die Erregungs- Form und Feinbau der Perikarya sowie hinsichtlich Zahl
schwelle des Plasmalemms des Anfangssegments ext- und Art der Verzweigungen der Fortsätze und auch in
rem niedrig ist, nimmt hier die Fortleitung der Erre- funktioneller Hinsicht Unterschiede. Die größten Perika-
gung ihren Ausgang. rya haben Durchmesser bis zu 120 lm (Motoneurone des
Hauptverlaufsstrecke (7 unten). Die Hauptverlaufs- Rückenmarks), die kleinsten von 4–5 lm (Körnerzellen
strecke des Axons kann Abzweigungen aufweisen, die des Kleinhirns). Dadurch, dass viele Nervenzellen glei-
als Kollaterale bezeichnet werden. Sofern es sich um chen Aussehens zusammenliegen und sich von denen
Kollaterale von markhaltigen Nervenfasern handelt, er- der Nachbarschaft unterscheiden, entsteht in Gehirn
folgt die Abzweigung an einem Ranvier-Schnürring und Rückenmark eine zytoarchitektonische Gliederung.
(7 S. 81). Kollaterale können das Axon begleiten und
das gleiche Ziel erreichen, an andere, auch weit entfernt Klassifizierung unter Berücksichtigung der Fortsätze. Es
gelegene Nervenzellen – evtl. der Gegenseite –, oder lassen sich unterscheiden (. Abb. 2.51):
rückläufig an das eigene Perikaryon herantreten, wes- 4 unipolare Nervenzellen
halb sie dann rekurrente Kollaterale genannt werden. 4 pseudounipolare Nervenzellen
Endverzweigungen. Sie werden als Telodendron be- 4 bipolare Nervenzellen
zeichnet. Durch sie kann eine Nervenzelle mit mehreren 4 multipolare Nervenzellen
anderen Nervenzellen bzw. Effektoren, z. B. Skelettmus- Eine Sonderform sind
kelfasern, in Verbindung stehen. An den Kontaktstellen 4 anaxonische Nervenzellen
a2.4 · Nervengewebe
73 2
Unipolare Nervenzellen. Sie haben nur ein Axon, aber Golgi-Typ-I-Nervenzellen. Diese multipolaren Nervenzellen ha-
keine Dendriten, z. B. modifizierte Nervenzellen in der ben ein langes Axon und nur 1–2 dicke Dendriten, die sich stark
Netzhaut des Auges (7 S. 694). verzweigen. Besonders auffällige Beispiele sind die Pyramiden-
Pseudounipolare Nervenzellen (. Abb. 2.51 b). Bei zellen der Großhirnrinde (. Abb. 2.51 e) sowie die Stern- und
Purkinje-Zellen des Kleinhirns (. Abb. 2.51 f ). Die Dendriten
pseudounipolaren Nervenzellen, z. B. im Spinalganglion
der Purkinje-Zellen verzweigen sich wie Spalierobst in einer
(7 S. 201), waren ursprünglich zwei Fortsätze vorhan-
Ebene.
den, die sich dann aber perikaryonnah zu einem Fort- Golgi-Typ-II-Nervenzellen. Sie treten in zahlreichen Unter-
satz vereinigt haben. Der Fortsatz teilt sich nach kurzem formen auf. Gemeinsam ist allen Golgi-Typ-II-Nervenzellen
Verlauf T-förmig, wobei der eine Ast in die Peripherie, ein kurzes Axon, das in unmittelbarer Nachbarschaft des Peri-
der andere zum Zentralnervensystem zieht. Beide Fort- karyons bleibt (. Abb. 2.51d). Sowohl die Axone als auch die
sätze sind von einer Myelinscheide (7 unten) umgeben Dendriten können sich stark verzweigen. Golgi-Typ-II-Nerven-
und sind Axone. zellen sind Interneurone (7 unten, Relaiszellen) und dienen
Bipolare Nervenzellen (. Abb. 2.51a ). Bipolar ist ei- der Integration von Signalen. Sie haben vorzugsweise hem-
ne Nervenzelle dann, wenn außer dem Axon noch ein mende Funktion.
Dendrit vorhanden ist, z. B. im Ganglion cochleare des
Gehörorgans (7 S. 715). Anaxonische Nervenzellen kommen nur an wenigen
Multipolare Nervenzellen (. Abb. 2.51 c–f ). Die Stellen vor: in der Netzhaut des Auges als amakrine Zel-
meisten Nervenzellen sind multipolar, d. h. sie haben len (. Abb. 2.51 g) und im Bulbus olfactorius.
viele Fortsätze. Ein typisches Beispiel sind die motori-
Funktionelle Klassifizierung. Hierbei wird die Richtung
schen Vorderhornzellen des Rückenmarks (Motoneuro-
der Erregungsleitung berücksichtigt.
ne, . Abb. 2.51 c). Diese Nervenzellen haben zahlreiche
Es liegen vor:
Dendriten, die sich in der Umgebung des Perikaryons
4 efferente Neurone (7 S. 200), die die Erregung vom
verzweigen, und ein langes Axon, das in die Peripherie
Zentralnervensystem weg in die Peripherie, z. B. zu
zieht und sich dort verzweigt.
quer gestreifter oder glatter Muskulatur, leiten,
Im Einzelnen
4 afferente Neurone (7 S. 200), die der Erregungslei-
Es lassen sich verschiedene Typen von multipolaren Nervenzel- tung von Reizen aus der inneren und äußeren Körper-
len unterscheiden. peripherie zum Zentralnervensystem dienen, und
Auffällig sind: 4 Interneurone (7 S. 722), die Zwischenglieder neuro-
4 Golgi-Typ-I-Nervenzellen naler Ketten oder Kreise sind.
4 Golgi-Typ-II-Nervenzellen

. Abb. 2.51 a–g. Nervenzelltypen. * Axon; K Kollaterale. a Bipolare le vom Golgi-Typ II. e, f Nervenzellen vom Golgi-Typ I: e Pyrami-
Nervenzelle. b Pseudounipolare Nervenzelle. c, d Multipolare Ner- denzellen der Hirnrinde, f Purkinje-Zellen des Kleinhirns. g Amakri-
venzellen: c multipolare Vorderhornzelle, d multipolare Nervenzel- ne Zelle H92
74 Kapitel 2 · Histologie

Klassifizierung nach Transmitter an Synapsen (7 unten). 2.4.2 Synapsen


Transmitter sind Überträgerstoffe von Signalen an Kon-
taktstellen (Synapsen) zwischen Nervenzellen
(. Tabelle 2.8). Es werden unterschieden:
Kernaussagen |
2 4 Nervenzellen mit erregend wirkenden Transmittern: 5 Synapsen sind Orte der Signalübertragung.
der häufigste erregend wirkende Transmitter im 5 An chemischen Synapsen vermitteln Über-
Zentralnervensystem ist Glutamat (glutamaterge trägerstoffe (Transmitter) die Signalweiter-
Neurone) gabe.
4 Nervenzellen mit hemmend wirkenden Transmittern, 5 Chemische Synapsen sind durch prä- und
vor allem c-Aminobuttersäure (GABA) postsynaptische Membranspezialisierungen
sowie einen synaptischen Spalt gekenn-
Endokrine Neurone sind Nervenzellen, die zur Synthese zeichnet.
und Abgabe von Hormonen bzw. endokrin wirksamen 5 An elektrischen Synapsen erfolgt die Signal-
Stoffen befähigt sind. Ein charakteristisches Beispiel weitergabe an gap junctions.
sind spezielle multipolare Nervenzellen im Zwischen-
hirn, die die Peptidhormone Oxytozin und Vasopressin An Synapsen werden Signale von einem Neuron auf das
bilden (7 S. 756). Endokrine Neurone im Gehirn nächste oder auf ein Erfolgsgewebe (Muskulatur, Drü-
können auch Peptide bilden, die außerhalb des Nerven- senzellen u. andere) übertragen. Es handelt sich um um-
systems als Hormone vorkommen (. Tabelle 15.12). Sie schriebene Kontaktstellen zwischen den beteiligten Zel-
werden dort in endokrinen Zellen synthetisiert und ab- len.
gegeben, die unter der Bezeichnung disseminiertes neu-
roendokrines System zusammengefasst sind (7 S. 841). i Zur Information
Lichtmikroskopisch können Synapsen durch Versilberung
nach Golgi (im »Golgipräparat«) als knopfförmige Verdickung
> In Kürze an der Oberfläche von Nervenzellen und Dendriten darge-
Das Perikaryon ist das trophische Zentrum der stellt werden. Immunhistochemisch lassen sich Synapsen
Nervenzelle. Charakteristisch sind insbesondere durch Darstellung der Transmitter, enzymhistochemisch durch
Nachweis von Enzymen, die die Transmitter auf- bzw. abbau-
der große Zellkern, die Nissl-Substanz, der auffäl- en, erfassen. Die strukturellen Einzelheiten der Synapse zei-
lige Golgiapparat. Die Dendriten sind überwie- gen sich im Elektronenmikroskop.
gend rezeptiv. Sie können dornartige Fortsätzen
besitzen. Der Signalleitung vom Perikaryon weg Nach Art der Erregungsübertragung lassen sich unter-
dient das stets in Einzahl vorhandene Axon. Im scheiden:
Axon erfolgt gleichzeitig eine Zytoplasmaströ- 4 chemische Synapsen
mung, die bidirektional, jedoch überwiegend dis- 4 elektrische Synapsen
tal (anterograd) gerichtet ist. Dem Vesikeltrans-
port dienen Neurotubuli. Nervenzellen lassen Chemische Synapsen bedienen sich zur Signalweiterga-
sich unter Berücksichtigung ihrer Fortsätze klas- be Überträgerstoffen ( Transmitter). Beim Menschen
sifizieren. überwiegt dieser Synapsentyp.
Bei elektrischen Synapsen sind die gegenüberliegen-
den Membranen durch gap junctions verknüpft, an de-
nen die Erregung direkt von einem Neuron auf das
nächste überspringt. Die Erregungsrichtung kann auch
rückläufig sein. Verwirklicht ist dieser Synapsentyp bei
einigen Sinneszellen, z. B. zwischen den Photorezeptor-
zellen der Retina.

Funktionell lassen sich unterscheiden:


4 erregende, exzitatorische Synapsen
4 hemmende, inhibitorische Synapsen
a2.4 · Nervengewebe
75 2
Zur Entwicklung Präsynaptische und subsynaptische Membran liegen
Die meisten Synapsen des Zentralnervensystems bilden sich sich gegenüber und sind durch den synaptischen Spalt
erst nach der Geburt. Ihre Entstehung wird erheblich durch voneinander getrennt (. Abb. 2.52). Sofern eine Axon-
Sinneseindrücke und Aktivierung des Bewegungsapparats scheide (7 unten) vorhanden ist, gibt diese im Bereich
gefördert. Synapsen können sich aber auch noch im Nerven-
der Synapse das Axonende frei.
system Erwachsener bilden und sie können sich auch wieder
Präsynaptische Membran. Sie ist ein Teil des Plasma-
lösen.
lemms des innervierenden Axons und befindet sich in
der Regel im Bereich eines aufgetriebenen Axonendes
Bau chemischer Synapsen. Eine Synapse besteht aus
(Synapsenkolben, Bouton, 7 oben; Durchmesser etwa
4 präsynaptischer Membran
0,5 lm). Zu erkennen ist die präsynaptische Membran
4 synaptischem Spalt
an einer Verdichtung aus proteinreichem Material an
4 subsynaptischer Membran
der Innenseite der Plasmamembran. Die Verdichtung
lässt hexagonale Räume frei, in die synaptische Bläs-
chen (7 unten) eintreten und mit der Oberfläche Kon-

. Abb. 2.52 a–d. Synapsen. a Axodendritische, axosomatische bau einer Typ-II-Synapse. d Transportmechanismus und Abbau
und axoaxonale Synapsen. b Feinbau einer Typ-I-Synapse. c Fein- des Überträgerstoffes Azetylcholin
76 Kapitel 2 · Histologie

takt aufnehmen können. Hier werden Transmitter frei- i Information zur Synapsenfunktion
gesetzt. Bei der Weitergabe der Signale von einer Nervenzelle an die
Der synaptische Spalt ist etwa 20 nm breit. Er wird nächste entsteht bei chemischen Synapsen postsynaptisch
von Zelladhäsionsmolekülen zwischen prä- und post- ein Aktionspotenzial, das zum Erfolgsorgan weitergeleitet
2 synaptischer Membran durchquert. Seitlich kommuni-
wird. Eingeleitet wird die Signalübermittlung durch Transmit-
terfreisetzung aus synaptischen Bläschen. Von der Art des
ziert der Spalt mit dem extrazellulären Raum, ist aber Transmitters und den Rezeptoren auf der postsynaptischen
vielfach von Astrozytenfortsätzen (7 unten) bedeckt. Membran hängt ab, ob eine Nervenzelle auf die folgende er-
Subsynaptische Membran. Sie gehört zum Plasma- regend oder hemmend wirkt.
lemm der innervierten Nervenzelle. Die subsynaptische
Membran ist der Teil der postsynaptischen Membran, Transmitter gibt es in reicher Zahl. . Tabelle 2.8 fasst
der der präsynaptischen Membran gegenüberliegt. Die Neurotransmitter zusammen, die histochemisch nach-
subsynaptische Membran weist in unterschiedlicher gewiesen werden können. Der häufigste exzitatorische
Dichte Rezeptoren für präsynaptisch freigesetzte Neu- Neurotransmitter ist Glutamat, der häufigste inhibitori-
rotransmitter auf. Außerdem ist die postsynaptische sche c-Aminobuttersäure (GABA). Transmitter geben
Membran meist durch Substanzanlagerungen verdickt, auch gleichzeitig den Synapsen, an denen sie vorkom-
in die Aktinfilamente einstrahlen. men, den Namen, z. B. cholinerge Synapse, glutamaterge
Synapse usw.
i Zur Information
Gemeinsam ist allen Transmittern, dass sie in den
Transmitter können nach Freisetzung auch auf den präsynap- jeweiligen Nervenzellen synthetisiert, gespeichert und
tischen Bereich wirken, da sich auch hier Rezeptoren befin- bei Bedarf sezerniert werden können. Ein Unterschied
den. Dabei handelt es sich um Autorezeptoren, wenn sie ist jedoch, dass Azetylcholin, Transmitteraminosäuren
die eigenen, im Bouton gebildeten Transmitter binden, um und Monoamine im präsynaptischen Bouton syntheti-
Heterorezeptoren, wenn sie mit anderen Wirkstoffen, z. B.
siert und dort in synaptischen Bläschen gespeichert
Transmittervorläufern oder Pharmaka, reagieren.
werden, während Neuropeptide im Perikaryon entste-
Einzelheiten zu Synapsenformen hen und von dort in Bläschen mit dem axoplasmati-
Morphologisch werden nach der Breite des synaptischen Spalts schen Fluss zur Synapse gelangen.
und dem Aussehen der Verdichtungszonen an den gegenüber-
liegenden Synapsenmembranen in der Großhirnrinde die Sy- i Zur Information
napsentypen I und II (nach Gray 1959) unterschieden. Außer- Was die Zuordnung der Transmitter und neuroaktiven Sub-
dem gibt es Zwischentypen. stanzen zu den Synapsen angeht, so scheinen mehrere
Beim Typ I (. Abb. 2.51 b) ist der synaptische Spalt etwas Möglichkeiten zu bestehen, nämlich dass Synapsen
breiter (30 nm) und die prä- und subsynaptischen Membran- 4 nur einen Transmitter haben,
verdichtungen sind an den ganzen Synapsenflächen vorhanden, 4 über mehr als einen Neurotransmitter bzw. Neuromodu-
jedoch subsynaptisch dicker als präsynaptisch (deswegen asym- lator verfügen und
metrische Synapse). Die synaptischen Bläschen sind rund und 4 ihre Transmitter ändern.
Bei gleichzeitigem Vorkommen mehrerer Transmitter kann
hell. Dieser Synapsentyp (I) soll erregende Funktionen haben.
der eine Transmitter die Wirkung des anderen modulieren.
Beim Typ II (. Abb. 2.51 c) ist der Synapsenspalt schmal Modulierend wirken insbesondere Neuropeptide.
(20 nm) und die Membranverdichtungen sind nur stellenweise Änderung des Transmittergehaltes. Möglicherweise spielen
vorhanden, dann aber symmetrisch. Dieser Synapsentyp (II) extrazelluläre Faktoren eine Rolle. Dies spielt bei der synapti-
soll hemmend wirken. schen Plastiziät eine Rolle. Sie gilt als zelluläre Grundlage kog-
Weitere Unterscheidungen betreffen die Synapsenformen. nitiver Leistungen.
Von einer Dornsynapse wird gesprochen, wenn eine Synapse
an einer dornartigen Vorwölbung eines Dendriten sitzt Transmitterorganellen. Es handelt sich um synaptische
(7 oben). Ist der Dorn unterteilt und trägt er mehrere Synap-
Bläschen. Sie speichern die Transmitter und geben sie
sen, handelt es sich um eine komplexe Synapse. Schließen sich
bei Bedarf frei. Synaptische Bläschen sind jedoch keine
mehrere Axone und Dendriten zu einem Komplex mit vielen
Synapsen zusammen, liegen synaptische Glomeruli vor (z. B. einheitliche Population. Sie unterscheiden sich nach
in der Kleinhirnrinde, 7 S. 790). Schließlich gibt es noch rezi- Größe, Form und Inhalt. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre
proke Synapsen, an denen die Signalübermittlung teils axoden- Membran spezielle Glykoproteine aufweist, u. a. Synap-
dritisch, teils in umgekehrter Richtung erfolgt (Synapsen en tophysin, die ein Andocken an das Plasmalemm der
distance 7 S. 78). präsynaptischen Membran ermöglichen.
a2.4 · Nervengewebe
77 2
. Tabelle 2.8. Histochemisch nachweisbare Transmitter, deren Wirkung, Vorkommen und Nachweise

Überträgerstoffe/Wirkung Vorkommen Nachweise

Azetylcholin motorische Endplatten, vegetatives Cholinazetyltransferase


überwiegend exzitatorisch Nervensystem, in zahlreichen (CAT, immunhistochemisch),
Neuronen des ZNS, cholinerges System Azetylcholinesterase
(AChE, enzymhistochemisch)

Aminosäuren in zahlreichen Neuronen, v. a. im Groß- immunhistochemisch, Glutamat-


c-Aminobuttersäure (GABA) und Kleinhirn decarboxylase (GAD,
inhibitorisch immunhistochemisch)
Glycin Hirnstamm, Rückenmark lektinhistochemisch
inhibitorisch
Glutamat ubiquitär Glutamatdehydrogenase
exzitatorisch (immunhistochemisch)

Monoamine (biogene Amine) immunhistochemisch


Histamin Hypothalamus Histidindecarboxylase
exzitatorisch (Nucl. tuberomammillaris)
inhibitorisch
Dopamin ZNS, z. B. Hirnstamm, Hypothalamus, Tyrosinhydroxylase
inhibitorisch Corpus striatum, dopaminerges System (immunhistochemisch)
Noradrenalin 2. Neuron im efferenten Teil des Dopamin-b-Hydroxylase
teils exzitatorisch Sympathikus; ZNS, z. B. noradrenerges (immunhistochemisch)
teils inhibitorisch System, Hypothalamus Phenylethanolamin-N-methyltransferase
Adrenalin ZNS, z. B. Hirnstamm (immunhistochemisch)
Serotonin ZNS, z. B. Hirnstamm, serotoninerges Tryptophanhydroxylase
inhibitorisch System (immunhistochemisch)

gasförmige Transmitter
Stickoxid (NO) ZNS, z. B. Zerebellum Stickoxidsynthase
PNS, z. B. Plexus myentericus (immunhistochemisch)
Kohlenmonoxid (CO) ZNS, z. B. Hippocampus Hämoxygenase-2
PNS, z. B. Plexus myentericus, Ganglien (immunhistochemisch)

Neuropeptide (7 S. 842) ZNS und PNS immunhistochemisch

Einzelheiten zu synaptischen Bläschen i Zur Information zu Transmitterfreisetzung


Synaptische Bläschen treten auf: und Wirkung
4 rund oder abgeflacht Eingeleitet wird der Transmittermechanismus nach Eintreffen
4 hell oder mit dichtem Zentrum eines Aktionspotenzials durch Öffnung von Ca++-Kanälen an
Diese Unterschiede stehen zu dem jeweilig gespeicherten der präsynaptischen Membran und den Einstrom von Kalzi-
Transmitter in Beziehung. Es können helle runde Transmitter- um. Es folgt die Fusion synaptischer Bläschen mit der prä-
bläschen (40–60 nm) Glutamat, Azetylcholin oder c-Amino- synaptischen Membran und eine Exozytose des Transmitters
buttersäure führen. Bläschen mit »dunklem Kern«, der einen (. Abb. 2.52 d).
hellen Hof unter der Bläschenmembran freilässt, enthalten bio- An der subsynaptischen Membran wird das chemische
gene Amine, z. B. Noradrenalin, Adrenalin oder Dopamin. Gro- Signal wieder in ein elektrisches Signal verwandelt. Erreicht
wird dies dadurch, dass die Transmitter an zugehörige Rezep-
ße synaptische Vesikel mit »dichtem Kern« (Durchmesser
toren der subsynaptischen Membran binden (Liganden-ge-
60–150 nm) führen Neuropeptide als Transmitter.
steuerte Rezeptoren) und Kanäle für die Passage bestimmter
Ionen öffnen. Im Fall exzitatorischer Transmitter, z. B. Gluta-
mat, handelt es sich um Na+- und Ca++-Ionen. Die Permeabi-
78 Kapitel 2 · Histologie

litätszunahme v. a. für Na+ führt zu einer Depolarisation der an einem Neuron schwankt stark, von einzelnen bis
subsynaptischen Membran (Zunahme der positiven Ladun- zu vielen tausenden (etwa 60 000 bei Purkinje-Zellen
gen auf der Innenseite der Membran) und damit zur Ausbil-
des Kleinhirns, 7 S. 789).
dung eines exzitatorischen postsynaptischen Potenzials
2 (EPSP). Durch Summation mehrerer EPSP kann ein fortleit-
bares Aktionspotenzial entstehen. i Zur Information
Es gibt jedoch auch hemmende und modulierende Trans- Zur Konvergenz der Erregungsleitung kommt es, wenn Axone
mitter. Hemmende Transmitter, z. B. GABA, öffnen ihre Rezep- zahlreicher Nervenzellen mit einer Nervenzelle Synasen bil-
toren für den Einstrom von Chloridionen und führen zur Aus- den. Eine Divergenz der Erregungsleitung erfolgt, wenn das
bildung eines inhibitorischen postsynaptischen Signals (IPSP). Axon einer Nervenzelle durch Endverzweigungen mit zahlrei-
– Die modulierenden Transmitter, z. B. Peptidüberträgerstoffe, chen anderen Nervenzellen Synapsen bildet.
wirken auf G-Protein-gekoppelte Rezeptoren, die über intrazel-
luläre Signalketten Einfluss auf die Empfindlichkeit der Zelle Neuromuskuläre (myoneurale) Synapsen (. Abb. 2.46)
gegenüber der Depolarisation nehmen.
Der Abbau der Neurotransmitter findet extrazellulär statt.
befinden sich zwischen Axonende und dem Plasma-
Er erfolgt nach Wirkungseintritt. Der Abbau kann sehr schnell, lemm quer gestreifter Muskelfasern. Sie dienen der Sig-
aber auch sehr langsam erfolgen. Schnell, d. h. innerhalb von nalgebung zur Muskelzellkontraktion (Einzelheiten
Millisekunden, erfolgt er z. B. bei Azetylcholin (enzymatisch 7 S. 63).
durch Azetylcholinesterase) und Noradrenalin, langsam dage-
gen bei Neuropeptiden, die bis zu Minuten im Interzellular-
raum verweilen können. Teile der schnell abgebauten Trans-
Synapsen en distance treten vor allem zwischen Axonen
mitter bzw. ihre Metaboliten werden vom Nervenfaserende vegetativer Nerven und glatten Muskelzellen, z. B. in der
resorbiert und zur Synthese neuer Transmitter wiederverwen- Gefäßwand, aber auch an Herzmuskelzellen auf. In der
det. Glutamat wird teilweise von Astrozyten aufgenommen Regel sind sie gleichzeitig Synapsen en passant. Die
(7 S. 86). Neuropeptide dagegen werden extrazellulär abge- Axone der vegetativen Nerven bilden nämlich perl-
baut und ihre Spaltprodukte von der Glia durch Phagozytose
beseitigt. Bestimmte Neurotransmitter (z. B. Noradrenalin, Se-
schnurartig angeordnete, spindelförmige Verdickungen
rotonin) können wieder in die präsynaptische Endigung auf- ( Varikositäten), in denen gehäuft Transmitterorganellen
genommen werden („re-uptake“). vorkommen. An den Varikositäten wird Transmitter (ty-
pisch ist Noradrenalin) abgegeben. Der synaptische
Synapsen verbinden verschiedene Partner. Nach Lokali- Spalt beträgt bis zu 500 nm.
sation der Synapsen können u. a. unterschieden werden:
4 interneuronale Synapsen Neuroglanduläre Synapsen bestehen zwischen Axonen-
4 neuromuskuläre Synapsen de und der Plasmamembran exokriner und endokriner
4 Synapsen en distance Drüsenzellen.
4 Synapsen en passant
4 neuroglanduläre Synapsen > In Kürze
Überwiegend kommen chemische Synapsen mit
Interneuronale Synapsen (. Abb. 2.52 a). Es gibt Transmittern als Überträgersubstanz vor. Prä-
4 axodendritische Synapsen: Dies ist die häufigste synaptisch befinden sich die Transmitter in sy-
Form der interneuronalen Synapse; naptischen Bläschen, die nach Eintreffen eines
4 axosomatische Synapsen: Sie befinden sich zwi- Signals an die präsynaptische Membran binden
schen Axon und Perikaryon. Axodendritische und und ihren Inhalt in den synaptischen Spalt
axosomatische Synapsen sind überwiegend asym- (Durchmesser 20 nm) freisetzen. Postsynaptisch
metrische, erregende Synapsen; werden an subsynaptischen Membranen durch
4 axoaxonale Synapsen: häufig am Initialsegment des Transmitter Ionenkanäle geöffnet (oder ge-
Axons (Anfangssegmentsynapse) oder am Axonen- schlossen) und exzitatorische oder inhibitorische
de. Sie sind symmetrisch und wirken hemmend. Potenziale ausgelöst.

An jeder Nervenzelle sind praktisch alle Synapsentypen


vorhanden (Ausnahme: Perikaryon der pseudounipola-
ren Nervenzellen im Spinalganglion, 7 S. 201; hier feh-
len axosomatische Synapsen). Die Zahl der Synapsen
a2.4 · Nervengewebe
79 2

. Abb. 2.53. Nervenfaser, zentral und peripher, einer multipolaren Nervenzelle

2.4.3 Nervenfasern und Nerven H29, 30

Kernaussagen |
5 Nervenfasern bestehen aus Axon und
Myelinscheide.
5 Die Durchmesser der Nervenfasern und die
Dicke der Myelinscheiden variieren.
5 Nervenfasern mit Myelinscheide haben Ran-
vier-Schnürringe, auf die die saltatorische
Erregungsleitung zurückgeht.
5 Nerven bestehen aus vielen Nervenfasern,
die durch Bindegewebe gebündelt werden.

Nervenfasern
Nervenfasern bestehen aus einem
4 Axon und seiner
4 Axonscheide/Myelinscheide).
. Abb. 2.54. Nervenfaserbündel mit markreichen und markarmen
Das Axon ist der efferent leitende Fortsatz der Nerven- Nervenfasern. a Markscheiden sind ungefärbt (z. B. bei Hämatoxy-
zelle. Die Besprechung ist oben erfolgt (7 S. 72). lin-Eosin-Färbung), im Zentrum jeder Nervenfaser ist der Quer-
schnitt durch das Axon deutlich zu erkennen. b Markscheiden sind
Die Myelinscheide besteht aus Hüllzellen (. Abb. 2.53): mit einem Fettfarbstoff (z. B. Sudanschwarz) intensiv angefärbt
4 im Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) H29, 30
aus Oligodendrozyten
4 im peripheren Nervensystem aus Schwann-Zellen
Die Anzahl der Lamellen variiert stark. Danach las-
Oligodendrozyten und Schwann-Zellen gehören zur sen sich unterscheiden:
Neuroglia (7 unten). Sie sind neuroektodermaler Her- 4 markhaltige Nervenfasern (. Abb. 2.54)
kunft und in der Lage Lamellen zu bilden, die als Mark- – markreich oder
oder Myelinscheide das Axon umhüllen (. Abb. 2.56). – markarm
80 Kapitel 2 · Histologie

4 marklose Nervenfasern der Oligodendrozyten (7 S. 86) hervorgegangen sind


4 markscheidenfreie Nervenfasern ohne jede Hülle (. Abb. 2.55). Da der einzelne Oligodendrozyt nur ei-
(nur in der grauen Substanz des Nervensystems) nen Abschnitt eines Axons umgreift, ist die Axonhülle
2 eine Aufeinanderfolge von Myelinsegmenten verschie-
i Zur Information dener Oligodendrozyten. Eine Basallamina fehlt.
Myelin hat einen sehr hohen Lipidanteil. Daher sind zur färbe-
risch-histologischen Darstellung markhaltiger Nervenfasern Markhaltige Nervenfasern des peripheren Nervensys-
Gefrierschnitte und Fettfarbstoffe besonders (. Abb. 2.54),
tems. Zu besprechen sind
aber auch die Markscheidenfärbung nach Weigert (mit Osmi-
umsäure) geeignet. 4 Markscheide
4 zytoplasmatischer Anteil der umhüllenden Schwann-
Markscheiden im Zentralnervensystem bestehen aus La- Zellen
mellen, die aus Plasmamembranen von Zellfortsätzen 4 Ranvier-Schnürringe H30

Markscheide. Es handelt sich um Lipidlamellen, die


ringförmig um das Axon angeordnet sind. Sie sind im
peripheren Nervensystem aus dem Plasmalemm der
Schwann-Zellen hervorgegangen.

Zur Entwicklung
Markhaltige Nervenfasern entstehen dadurch, dass sich wäh-
rend der Entwicklung das Axon in eine flache Einbuchtung ei-
ner Schwann-Zelle legt. Durch Vertiefung der Einbuchtung ent-
steht eine Einfaltung, in deren Bereich sich die Membranen der
Schwann-Zelle aneinander legen und das Mesaxon bilden
(. Abb. 2.56).
In der Folgezeit verlängern sich die Berührungsstellen zwi-
schen den Oberflächenmembranen der Schwann-Zelle und wi-
ckeln sich um das Axon (Myelogenese). Dabei verschmelzen
die Außenschichten der gegenüberliegenden Membranen und
bilden zusammen mit ihrer Glykokalix die Intermediärlinie
der späteren Axonscheide. Durch die Zusammenlagerung der
inneren Blätter der trilaminären Oberflächenmembran entste-
hen die dichten Hauptlinien (. Abb. 2.56). Von der Anzahl der
entstandenen Lamellen hängt ab, ob die Nervenfaser mark-
reich oder markarm ist.
. Abb. 2.55. Ein Oligodendrozyt bildet die Markscheide von meh- Abgeschlossen wird die Myelogenese erst im zweiten Le-
reren Axonen bensjahrzehnt.

. Abb. 2.56. Markscheidenentwicklung eines peripheren Nerven


a2.4 · Nervengewebe
81 2
Zytoplasmatische Abschnitte der Schwann-Zellen Die übrigen Abschnitte des Axons (Internodien) haben keine
(. Abb. 2.57) befinden sich entsprechenden Kanäle und sind außerdem durch die Myelin-
scheide isoliert. Die Folge ist, dass die Depolarisation von ei-
4 unter dem Plasmalemm als schmale oberflächliche
nem Ranvier-Schnürring zum anderen springt (saltatorische
und tiefe Zytoplasmaschicht, Erregungsleitung).
4 als Zytoplasmabrücken zwischen oberflächlicher
und tiefer Zytoplasmaschicht – früher aufgrund Durchmesser von Axon und Myelinscheide beeinflussen
des färberisch-lichtmikroskopischen Erscheinungs- die Geschwindigkeit der axonalen Erregungsleitung. Sie
bilds als Schmidt-Lanterman-Einkerbung bezeichnet, ist umso größer, je größer der Durchmesser des Axons,
4 in der paranodalen Region am Ranvier-Schnürring. je dicker die Markscheide und je länger die Internodien
sind. . Tabelle 2.9 zeigt, dass sich Nervenfasern ent-
Ranvier-Schnürringe sind Unterbrechungen der Mark- sprechend klassifizieren lassen.
scheide. Es handelt sich um erweiterte Interzellularräu-
In marklosen Nervenfasern werden mehrere Axone von
me zwischen aufeinander folgenden Schwann-Zellen,
einer Schwann-Zelle umfasst (. Abb. 2.58). Marklos
von denen jede ein Axon maximal auf einer Länge
sind sie, da während der Entwicklung die auch bei ih-
von 0,08 bis 1 mm umhüllt. Der Abschnitt einer Nerven-
nen vorhandenen Mesaxone von Hüllzellen nicht aus-
faser von einem Ranvier-Schnürring zum nächsten wird
wachsen und sich dadurch keine Myelinscheiden bilden.
als Internodium bezeichnet. H30
Gleichzeitig fehlen Ranvier-Schnürringe. Dadurch gibt
Den Aufbau eines Ranvier-Schnürringes zeigt . Abb.
es keine saltatorische Erregungsleitung. Vielmehr wird
2.57. Zu erkennen ist, dass die Enden der Schwann-Zel-
die Erregung wegen einer kontinuierlich fortschreiten-
len feine Ausläufer haben, die locker miteinander ver-
den Änderung der Membranpermeabilität wie eine sich
zahnt sind bzw. füßchenförmig an das Axolemm heran-
ausbreitende Welle fortgeleitet. Da außerdem die Axone
treten. Im Bereich des Schnürrings ist das Axon leicht
sehr dünn sind, ist die Leitungsgeschwindigkeit gering.
erweitert.
Im peripheren Nervensystem gehören marklose
Nervenfasern meist zum autonomen (vegetativen) Ner-
i Zur Information
Das Plasmalemm des Axons (Axolemm) ist im Bereich des Ran-
vensystem (7 S. 205). Häufig werden dort mehrere
vier-Schnürrings durch viele spannungsabhängige Na+-Kanä- Axone von einer Hüllzelle umfasst (. Abb. 2.58). Sie bil-
le gekennzeichnet. Ihre Öffnung führt zu einer Depolarisation. den Leitstränge. Dabei können häufig einzelne Axone

. Abb. 2.58. Marklose Nervenfaser. Mehrere Axone werden von


. Abb. 2.57. Ranvier-Schnürring. Oben rechts lichtmikroskopisch, einer Schwann-Zelle umhüllt. Der Pfeil weist auf das Gebiet einer
sonst elektronenmikroskopisch Synapse en distance
82 Kapitel 2 · Histologie

. Tabelle 2.9. Klassifizierung von Nervenfasern nach ihrem Durchmesser

Gruppe Nervenfaser- Leitungsgeschwindigkeit Beispiele


2 durchmesser (Warmblüter)

markhaltige Nervenfasern

Aa 10–20 lm 60–120 m/s Efferenzen zu quer gestreiften Muskelfasern


(Skelettmusulatur
Afferenzen aus Muskelspindeln, auch als Ia-Afferenzen
bezeichnet

Ab 6–12 lm 30–70 m/s Afferenzen aus der Haut für Berührung und Druck

Ac 4–8 lm 15–30 m/s Efferenzen zu intrafusalen Muskelfasern


von Muskelspindeln

Ad 3–5 lm 12–30 m/s Afferenzen aus der Haut für Temperatur und Schmerz

B 1–3 lm 3–15 m/s präganglionäre sympathische Nervenfasern

marklose Nervenfasern

C 0,3–1 lm 0,5–2 m/s postganglionäre sympathische Nervenfasern


Afferenzen aus der Haut für Schmerz

aus einem Leitstrang in einen anderen überwechseln; Das Bindegewebe eines Nerven gliedert sich in
dadurch können Vernetzungen entstehen. Nie verlieren (. Abb. 2.59)
dabei die einzelnen Axone ihre Integrität. 4 Endoneurium
4 Perineurium
4 Epineurium
Nerven H29
Endoneurium nennt man das zarte kollagene und reti-
Nerven befinden sich im peripheren Nervensystem. Sie kuläre Fasern führende Bindegewebe, das jede einzelne
bestehen aus Bündeln von Nervenfasern, die durch Bin- Nervenfaser umgibt. Die Fasern sind an der Basallami-
degewebe zusammengehalten werden. Hinsichtlich Zahl na der Schwann-Zellen befestigt und stehen mit denen
und Kaliber der Nervenfasern bestehen zwischen Ner- benachbarter Nervenfasern im Austausch. Das Endo-
ven große Unterschiede. neurium führt Blut- und Lymphkapillaren.
Die Nervenfasern verlaufen im Bindegewebe eines Zwischen Endoneurium und Perineurium befindet
Nerven gewellt. Dies verschafft den Nervenfasern eine sich der mit wenig Flüssigkeit gefüllte Endoneuralraum.
Reservelänge, wodurch bei Bewegungen Überdehnun- Im Endoneuralraum soll Flüssigkeit von proximal nach
gen verhindert werden. distal strömen.

Perineurium besteht aus mehreren Schichten konzen-


trisch angeordneter Fibroblasten. Dadurch bildet es eine
Diffusionsbarriere zwischen Endoneuralraum und epi-
a2.4 · Nervengewebe
83 2
Nach einer Nervenfaserdurchtrennung (. Abb. 2.60)
treten sowohl proximal als auch distal der Durchtren-
nungsstelle Veränderungen auf.
Veränderungen des proximalen Segments (. Abb.
2.60 b) werden als aufsteigende (retrograde) Degenerati-
on bezeichnet. Sie wirken sich auch am zugehörigen Pe-
rikaryon aus. Es rundet sich ab, schwillt an, der Kern
tritt an den Rand der Zelle, die Nissl-Substanz ver-
schwindet weitgehend (Chromatolyse).
Veränderungen am distalen Segment (. Abb. 2.60 b)
nennt man absteigende (sekundäre, Waller-) Degenera-
tion. Dabei geht das distale Axonfragment einschließ-
lich seiner Synapsenkolben zugrunde. Die Axonscheide,
. Abb. 2.59. Nerv mit seinen Bindegewebshüllen H29 sofern sie markhaltig ist, zerfällt in Markballen. Diese
können in den ersten 2 Wochen mit Osmiumsäure ge-
schwärzt (Marchi-Stadium), später nach Abbau der Lipi-
neuralem Bindegewebe. Zwischen den Zellen des Peri- de zu Neutralfetten mit Scharlachrot angefärbt werden
neuriums liegen viele Kollagenfasern, die spiralig ver- (Scharlachrot-Stadium). Das zerfallende Material wird
laufen und dadurch eine geringe Verlängerung des Ner- durch Makrophagen abgeräumt.
ven zulassen.
Das Perineurium fasst jeweils wenige bis zu einigen Regeneration (. Abb. 2.60 c–e). In nennenswertem Um-
100 Nervenfasern mit dem dazugehörigen Endoneuri- fang erfolgt sie nur bei Nervenfasern des peripheren
um zu Nervenfaserbündel zusammen. Es begleitet den Nervensystems. Eingeleitet wird sie durch eine ver-
Nerven bis zu seinen feinsten Ausläufern und setzt sich mehrte Proteinsynthese im Perikaryon. Dort kommt es
an der Grenze zum Zentralnervensystem in das sub- zu Zunahme der Nissl-Substanz und Vergrößerung des
durale Neurothel fort. Golgiapparats. Außerdem gewinnt der Zellkern seine
zentrale Lage im Perikaryon zurück.
Das Epineurium ist die äußere Bindegewebshülle des Das Wachstum selbst geht vom proximalen Axon-
Nerven. Es besteht aus lockerem Bindegewebe und fasst stumpf aus, dessen Ende sich zu einem Wachstumskol-
die von Perineurium umgebenen Nervenfaserbündel ben erweitert. Er entsteht durch das aus dem Perikaryon
zum Nerven zusammen. Gleichzeitig dient es mit seiner axoplasmatisch antransportierte Zellmaterial.
äußersten Schicht (Paraneurium) dem beweglichen Ein- Distal der Durchtrennungsstelle bildet sich durch
bau des Nerven in das umgebende Gewebe. Auch lässt Proliferation verbliebener Schwann-Zellen eine Leit-
es eine gegenseitige Verschiebung der Nervenfa- schiene für das auswachsende Axon. Bei der Leitschiene
serbündel zu. Durch längs verlaufende Kollagenfa- handelt es sich um eine geschlossene Zellsäule,
serzüge verhindert es eine Überdehnung des Nerven. Büngner-Bänder, mit zusammenhängender Basallami-
na.
Den Anreiz zum Aussprossen erhalten die Axone
Regeneration von Nervenfasern durch Wachstumsfaktoren, die u. a. von den Schwann-
Zellen (NGF = nerve growth factor) sowie von den um-
Wichtig | | liegenden Bindegewebszellen (FGF = fibroblast growth
Nervenfasern im peripheren Nervensystem factor) gebildet werden. Ferner wirkt von den Schwann-
können regenerieren. Die Regeneration geht an Zellen abgegebenes Laminin mit.
der Durchtrennungsstelle vom Axonstumpf aus. Das tägliche Wachstum eines aussprossenden Axons
Das auswachsende Axon benutzt verbliebene beträgt 0,5–3 mm. Ist das Erfolgsorgan erreicht, entste-
Schwann-Zellen als Leitschienen. hen dort wieder Synapsenkolben. Schließlich bilden die
Schwann-Zellen um das regenerierte Axon erneut eine –
wenn auch dünnere – Axonscheide.
84 Kapitel 2 · Histologie

. Abb. 2.60 a–e. Regeneration einer Nervenfaser nach Durchtren- ne durch Proliferation von Schwann-Zellen und Beginn des Aus-
nung. a Normale Verhältnisse. b Aufsteigende und absteigende sprossens des Axons. d Erfolgreiche Regeneration. e Amputations-
Degeneration. c Etwa nach 3 Wochen Ausbildung einer Leitschie- neurom, Muskelfaserdegeneration

i Zur Information ser. Aus dem Plasmalemm der Schwann-Zelle


Der Erfolg einer Regeneration, d. h. die Reinnervation des Er-
geht während der Entwicklung die lamellen-
folgsgewebes, hängt hauptsächlich von der Ausbildung der
Leitschienen ab. Entstehen dagegen an der Durchtrennungs- förmige Myelinscheide hervor. Von der Anzahl
stelle des Nerven durch zwischengelagertes Bindegewebe der Lamellen hängt ab, ob die Nervenfaser mark-
Narben oder sind die Abstände zum distalen Segment zu reich oder markarm ist. Unterbrochen wird die
groß, verirrt sich das auswachsende Axon und bildet am pro- Myelinscheide durch Ranvier-Schnürringe, die In-
ximalen Axonende einen makroskopisch sichtbaren Knoten
ternodien begrenzen. Nervenfasern werden
(Neurom) (. Abb. 2.60 e).
Problematisch wird es, wenn in die Leitschiene ehemals durch ein Bindegewebssystem aus Endoneurium,
motorischer Nerven sensible Nervenfasern einwachsen. Dann Perineurium und Epineurium zum Nerven zusam-
wird die Muskelfunktion nicht oder nur ungenügend wieder- mengefasst. Zum Perineurium gehören mehrere
hergestellt. Schichten konzentrisch angeordneter Zellen.
In jedem Fall ist eine Reinnervation ein sehr langsamer
Nervenfaserdurchtrennung führt zu einer auf-
Vorgang. Ein Erfolg lässt oft mehr als ein Jahr auf sich warten.
steigenden (retrograden) und einer absteigen-
den (sekundären) Degeneration. Eine Regenerati-
> In Kürze
on der Nervenfasern geht von einem Wachs-
Axone außerhalb des Zentralnervensystems wer- tumskolben des proximalen Faserstumpfes aus.
den von Schwann-Zellen umhüllt. Gemeinsam Das auswachsende Axon bedient sich einer Leit-
bilden Axon und Schwann-Zelle eine Nervenfa- schiene aus verbliebenen Schwann-Zellen.
a2.4 · Nervengewebe
85 2
2.4.4 Gliazellen mens einnehmen. Obgleich etwa 10 Gliazellen auf 1 Ner-
venzelle kommen, beansprucht die Glia nur die Hälfte
des Gesamtvolumens des Nervensystems, da Gliazellen
Kernaussagen | viel kleiner als Nervenzellen sind.
5 Gliazellen sind eine Population sehr unter-
schiedlicher Zellen. Zur Entwicklung
5 Gliazellen können proliferieren. Die Neuroglia des Zentralnervensystems geht überwiegend aus
5 Astrozyten sind am Informationsaustausch den Matrixzellen der Neuralanlage hervor (Entwicklung des
der Nervenzellen des Zentralnervensystems Nervensystems, 7 S. 725), ist also wie Nervenzellen ektoder-
maler Herkunft. Eine Ausnahme macht die Mikroglia, die ab
beteiligt.
dem fünften Entwicklungsmonat aus dem Mesenchym in die
5 Oligodendrozyten bilden die Markscheiden
Anlage des Nervensystems einwächst.
der Axone des Zentralnervensystems.
Zu unterscheiden sind (. Abb. 2.61)
Die Glia ist ein wichtiger Bestandteil des Nervensys- 4 Astrozyten
tems. Sie wirkt eng mit Nervenzellen zusammen. 4 Oligodendrozyten
Gliazellen behalten auch nach Abschluss der Ent- 4 Mikroglia
wicklung ihre Teilungsfähigkeit. Dadurch können sie In umschriebenen Gebieten des Gehirns kommen
nach Reizungen und nach Verletzungen proliferieren als spezielle Formen hinzu:
und Narben bilden. 4 Ependymzellen und Tanyzyten
4 Zellen des Plexus choroideus
i Zur Information 4 Pituizyten der Neurohypophyse (7 S. 758).
Gliazellen haben vor allem metabolische Aufgaben. Sie resor-
bieren, transportieren, sezernieren, dienen der Abwehr, der
Isolierung und damit der Ausrichtung der Erregungsleitung. Astrozyten sind die größten Gliazellen. Sie haben viele,
Sie haben auch mechanische Aufgaben. z. T. sehr lange Fortsätze, die einerseits enge Beziehun-
gen zu den Kapillaren, andererseits zu Nervenzellen ha-
Zu unterscheiden sind ben, insbesondere zur Umgebung der Synapsen. Dort
4 Glia des Zentralnervensystems kommen im Zytoplasma der Astrozyten Vesikel vor,
4 Glia des peripheren Nervensystems die denen der Boutons von Axonen ähneln. An der
Oberfläche der Kapillaren enden Astrozytenfortsätze
Glia des Zentralnervensystems. Sie füllt die Räume zwi- mit Verbreiterungen, sog. Füßchen, und bilden perika-
schen den Nervenzellen und ihren Fortsätzen, weshalb pillär eine dichte Membrana limitans gliae vascularis
dort nur schmale, etwa 20 nm breite Interzellularspalten (. Abb. 2.62). Eine ähnliche Grenzmembran besteht
übrig bleiben, die in ihrer Gesamtheit 5–7% – nach Be- auch unter der äußeren Oberfläche von Gehirn und
rechnungen von Physiologen 14–15% – des Hirnvolu- Rückenmark (Membrana limitans gliae superficialis).

. Abb. 2.61 a–d. Gliazellen. a Faserastrozyten. b Protoplasmatische Astrozyten. c Oligodendrozyten. d Mikroglia


86 Kapitel 2 · Histologie

Faserastrozyten (. Abb. 2.61 a). Sie haben lange dünne,


sehr schmale Fortsätze. Ihr Zytoplasma enthält Bündel
spezieller intermediärer Filamente mit einem sauren
Protein (GFAP = glial fibrillary acidic protein). Faser-
2 astrozyten kommen insbesondere in der weißen Sub-
stanz von Gehirn und Rückenmark vor (7 S. 721).
Protoplasmatische Astrozyten (. Abb. 2.61 b). Sie
sind sehr viel stärker verzweigt, haben relativ dicke,
aber kürzere Fortsätze. Protoplasmatische Astrozyten
sind vor allem in der grauen Substanz des Nervensys-
tems (7 S. 721) zu finden und können sich der Oberflä-
che der Nervenzellkörper anlegen.

. Abb. 2.62. Astrozyt. Nach links Astrozytfüßchen an der Oberflä- Zur Diagnostik
che einer Gehirnkapillare. Die Pfeile geben die Richtung eines Im Gegensatz zu Nervenzellen haben Gliazellen keine Nissl-
transzellulären Stofftransports an Substanz. Außerdem ist bei den Astrozyten das Zytoplasma
verhältnismäßig schmal und der Kern teilweise sehr chroma-
tinreich. Schwieriger ist es, die beiden Astrozytentypen von-
i Zur Information einander zu unterscheiden, da es zahlreiche Übergangsformen
In der Umgebung der Synapsen nehmen Astrozytenausläufer
gibt.
überschüssig freigesetzte Aminosäuretransmitter (Glutamat,
GABA, . Tabelle 2.8) sowie Abbauprodukte von Neuropepti-
den auf. Radiäre Glia. Hierbei handelt es sich um eine Frühform
Astrozyten interagieren mit Nervenzellen. So sind sie der Glia, die jedoch auch noch in Teilen des reifen Ge-
durch Aufnahme von Glutamat und GABA aus dem synapti- hirns (z. B. Kleinhirn) vorkommt. Die Zellen haben sehr
schen Spalt am Transmitterstoffwechsel beteiligt. Im Astrozy-
ten wird durch Glutamat die Kalziumkonzentration verändert.
lange Fortsätze, an denen junge Nervenzellen aus ihrer
Steigt sie, z. B. nach Aktivierung der Nervenzellen, wird in den Bildungszone an ihren endgültigen Platz wandern kön-
Astrozytenfüßchen vermehrt Kalzium ausgeschüttet. Dies nen.
führt in der Regel zu einer Erweiterung der zugehörigen Ge-
fäße und einer Steigerung der Durchblutung in betroffenen
Oligodendrozyten (. Abb. 2.55, 2.61 c) sind kleiner als
Gebieten, die mit der Kernspintomographie sichtbar gemacht
werden können. Astrozyten, haben meist ein dunkles, sehr schmales Zy-
Die Abbauprodukte von Neuropeptiden dagegen finden toplasma mit vielen Ribosomen und Mitochondrien
keine Wiederverwendung. und einen kleinen, runden, dichten Zellkern. Ihre Fort-
sätze sind weniger zahlreich und kürzer als die von Ast-
Weitere Aufgaben der Astrozyten sind:
4 Kontrolle des extrazellulären Milieus, z. B. der Kaliumkon-
rozyten. Sie kommen in der grauen und weißen Sub-
zentration durch Aufnahme von K+-Ionen stanz von Gehirn und Rückenmark vor. Oligodendrozy-
4 Aufnahme von Glukose und Abbau zu Laktat, das zur ten bilden die Markscheiden der Axone des Zentralner-
Energiegewinnung an Nervenzellen weitergegeben wird vensystems (7 oben). Dabei kann ein Oligodendrozyt
4 Bildung von Wachstumsfaktoren mehrere Nervenfasern umfassen. Bei Reizung bewegen
4 Bildung von gasförmigem Stickoxid, das die Neurone ak-
tiviert
sich die Oligodendrozyten und umschließen die Ner-
4 Ausbildung von »Kanälen« für Nervenzellen und deren venzellen; sie erscheinen dann als Satellitenzellen.
Isolierung
4 Proliferation und Narbenbildung bei Verletzungen Mikroglia (. Abb. 2.61 d). Zellen der Mikroglia sind me-
senchymaler Herkunft (7 S. 109). Sie kommen in der
Nach ihrer Form lassen sich mehrere Astrozytenarten grauen und weißen Substanz von Gehirn und Rücken-
unterscheiden: mark vor. Im Ruhezustand sind die Zellen klein, ihr
4 Faserastrozyten Zellkörper ist schmal und dicht, der Zellkern lang ge-
4 protoplasmatische Astrozyten streckt und dunkel gefärbt – dadurch unterscheidet er
4 radiäre Glia sich deutlich von den runden Zellkernen der anderen
Gliazellen. Die Mikroglia hat zahlreiche verzweigte,
a2.5 · Grundzüge histologischer Techniken
87 2
wie mit Dornen besetzte Fortsätze. Aktivierte Mikro-
Sonderformen der Glia des ZNS sind Ependymzel-
gliazellen runden sich ab und ziehen ihre Fortsätze ein.
len und Zellen des Plexus choroideus. Gliazellen
– Mikrogliazellen sind umgewandelte Makrophagen
des peripheren Nervensystems sind Schwann-
und gehören damit zu den Abwehrzellen.
zellen und Mantelzellen in Ganglien.

Die Ependymzellen bilden die Oberflächen der Ventrikel


des Gehirns (7 S. 849) bzw. des Zentralkanals im
Rückenmark (7 S. 849). Sie sind epithelial angeordnet.
Apikal haben sie Mikrovilli und stellenweise Kinozilien.
Ependymzellen stehen durch Nexus und Desmosomen 2.5 Grundzüge histologischer
miteinander in Verbindung. Ein Stoffaustausch zwi- Techniken H Allgemeines
schen dem Liquor cerebrospinalis und dem Nervenge-
webe durch das Ependym hindurch wird diskutiert.
Kernaussagen |
Zwischen den Ependymzellen der verschiedenen Re-
gionen bestehen Unterschiede: z. B. isoprismatisch in 5 Zur Anwendung histologischer Techniken
den Seitenventrikeln, hochprismatisch mit langen Fort- werden Gewebe in der Regel fixiert.
sätzen, die weit ins Nervengewebe hineinragen, am Bo- 5 Die Fixierung dient der Konservierung und
den des 3. Ventrikels ( Tanyzyten). Härtung des Gewebes unter Erhaltung eines
lebensnächsten Zustandes.
Die Plexus choroidei sind Auffaltungen in der Wand der 5 Zur mikroskopischen Untersuchung werden
Hirnventrikel (7 S. 852). Sie bilden den Liquor cerebro- Gewebeschnitte hergestellt (Schnittdicke für
spinalis. Die die Plexus choroidei bekleidenden Zellen die Lichtmikroskopie 5–10 lm) und gefärbt.
haben apikal zahlreiche, an ihren Enden aufgetriebene 5 Mit spezifischen histochemischen Verfahren
Mikrovilli sowie Kinozilien. Das Zytoplasma ist mito- können in Gewebeschnitten nicht nur Struk-
chondrienreich und basolateral ist die Zellmembran turen, sondern auch deren molekulare Bau-
stark eingefaltet. Subepithelial liegt ein zellreiches lo- steine erfasst werden.
ckeres Bindegewebe und zahlreiche Kapillaren.
Standardinstrumente für histologische Untersuchungen
Glia des peripheren Nervensystems. Es handelt sich um sind
4 Schwann-Zellen (7 S. 80) 4 Lichtmikroskop
4 Mantelzellen der Ganglien (7 S. 201) 4 Fluoreszenzmikroskop
4 konfokales Laserscanning-Mikroskop
4 Elektronenmikroskop
> In Kürze
Die Neuroglia des Zentralnervensystems besteht Im Lichtmikroskop können Strukturen im Mikrometer-
aus Astrozyten, Oligodendrozyten und Mikroglia. bereich (lm) beurteilt werden (1 lm = 10–3 mm). Die
Astrozyten sind die größten Gliazellen und je Auflösungsgrenze des Lichtmikroskops liegt bei 0,5 lm.
nach Astrozytentyp unterschiedlich fortsatzreich. Das Elektronenmikroskop gestattet Aussagen im Nano-
Sie bilden unter Verbreiterung ihrer Fortsatz- meterbereich (1 nm = 10–3 lm). Die Auflösungsgrenze
enden perikapillär und unter der Oberfläche eines Elektronenmikroskops liegt etwa bei 0,3 nm; die
des Gehirns Grenzmembranen. Faserastrozyten meisten elektronenmikroskopischen Untersuchungen
zeichnen sich durch intermediäre Filamente aus. werden jedoch bei einer weit geringeren Auflösung
Sie liegen insbesondere in der weißen Substanz (2–3 nm) durchgeführt.
des Zentralnervensystems. Protoplasmatische
Astrozyten kommen vor allem in der grauen Sub-
stanz und dort an Oberflächen von Perikarya vor.
Oligodendrozyten bilden Markscheiden um Axo-
ne im ZNS. Mikroglia gehört zum Abwehrsystem.
88 Kapitel 2 · Histologie

2.5.1 Untersuchungen an lebenden Zellen 2.5.2 Untersuchungen an toten oder


und Geweben abgetöteten Zellen und Geweben

2 Zur Untersuchung lebender Zellen und Gewebe sind Hierbei handelt es sich um die am häufigsten gebrauch-
4 Gewebekulturen geeignet. ten Methoden zur histologischen Untersuchung von
Hinzu kommen Verfahren, bei denen Intravitalbe- Zell- und Gewebsstrukturen.
handlungen vorgenommen werden, die Untersuchungen
selbst aber postmortal erfolgen. Es handelt sich um i Zur Information
4 Vitalfärbungen Anwendung finden diese Verfahren vor allem an Biopsien,
4 Autoradiographie d. h. an Gewebestückchen, die Patienten zur Diagnosestellung
(z. B. bei Krebsverdacht) intravital entnommen wurden.

Gewebekulturen. Um sie herzustellen, werden kleine


Alle einschlägigen Verfahren haben die Herstellung von
Gewebsstückchen oder Zellen nach der Entnahme aus
Schnitten, d. h. von dünnen Gewebsscheiben, und deren
dem lebenden Organismus in speziellen Medien ge-
Anfärbung zum Ziel.
züchtet. Hierbei ist zu bedenken, dass kultivierte Gewe-
be durch Wegfall ihrer intravitalen Umgebung ihre spe-
Folgende Schritte sind zur Präparatherstellung erforder-
zifischen Strukturen verlieren können.
lich:
Eingesetzt werden Gewebekulturen besonders bei
4 Fixierung
zytogenetischen Untersuchungen, z. B. bei der Chromo-
4 Weiterbehandlung
somenanalyse in gezüchteten Fetalzellen zur Diagnostik
4 Herstellung von Schnitten
genetischer Störungen.
4 Anfärben
4 Nachbehandlung
Vitalfärbungen. Vor der Gewebeentnahme werden intra-
Ergänzend gibt es optische Verfahren, die an
vital Farbstoffe oder Substanzen injiziert, die im leben-
4 ungefärbten Schnitten anwendbar sind.
den Organismus spezifisch gebunden werden. Es han-
delt sich also um Markierungsverfahren. Nach der Ge-
Fixierung. Sie dient der
webeentnahme werden dann die vitale Substanz- bzw.
4 Konservierung und
Farbstoffbindung, aber auch das Verhalten der markier-
4 Härtung des Gewebes.
ten Strukturen untersucht.
Beide Vorgänge sind miteinander verknüpft.
Es kann aber auch auf eine Gewebeentnahme ver-
zichtet und die Untersuchung mit bildanalytischen Ver-
Konservierung. Sie kann durch
fahren (u. a. Magnetresonanztomographie, Positronen-
4 Kältefixierung und
emissionstomographie intravital) durchgeführt werden.
4 chemische Fixierung erfolgen.
Jedoch erreicht die Bildauflösung gegenwärtig noch
nicht jene der Mikroskopie.
Zur Kältefixierung werden in der Regel flüssiger Stick-
stoff oder Kohlensäureschnee verwendet. Die Kältefixie-
Autoradiographie dient vor allem dem Studium von
rung geht schnell. Sie ist daher für sog. Schnellschnitte,
Stoffumsätzen. Hierzu werden intravital radioaktiv
z. B. zur Gewebebeurteilung während einer Operation,
markierte Substanzen injiziert, die von den Zellen im
und zur Untersuchung des Vorkommens leicht löslicher
Laufe ihres normalen Stoffwechsels eingebaut werden,
und solcher Substanzen geeignet, die gegen jede andere
z. B. markierte Aminosäuren in Membranrezeptoren.
Vorbehandlung empfindlich sind.
Nach Gewebeentnahme und Herstellung von Gewe-
beschnitten (7 unten) können unter Verwendung von
Chemische Fixierung. Sie erfolgt durch
Photoemulsionen die Orte der radioaktiven Strahlung
4 Immersionsfixierung (Einbringen von Gewebe in ei-
mikroskopisch nachgewiesen werden.
ne Fixierungsflüssigkeit)
4 Perfusionsfixierung (Injektion eines Fixierungsmit-
tels in ein Blutgefäß)
a2.5 · Grundzüge histologischer Techniken
89 2
Das verbreitetste, jedoch nicht einzige Fixierungsmittel schiedliche jedoch verschieden gefärbt werden. Der
ist Formalin. Farbton selbst, ob blau, rot oder grün, ist ohne Belang.

i Zur Information i Zur Information


Auf das Ergebnis der Färbungen nehmen die submikroskopi-
Jede Fixierung ist ein erheblicher Eingriff in das Gefüge der
schen Strukturen und der chemische Aufbau der Gewebs-
Zell- und Gewebsstrukturen und führt oft zu groben Artefakt-
bestandteile sowie die physikochemischen Eigenschaften
bildungen. So können z. B. Bestandteile bei der Fixierung he-
der Farblösungen Einfluss. Nach der chemischen Theorie der
rausgelöst werden, u. a. Fette und Lipide durch Alkohol. Au-
Färbung von Paul Ehrlich kommt es zu einer salzartigen, also
ßerdem verhalten sich die Strukturen unterschiedlich gegenü-
physikochemischen Bindung der Farbstoffe an die jeweiligen
ber Fixierungsmittel. Es gibt Strukturen, die ausgesprochen
Gewebsstrukturen. Danach werden azidophile, basophile und
fixationslabil sind, und solche, die in gewissen Grenzen die Na-
neutrophile Strukturen unterschieden, je nachdem, ob ein sau-
turtreue von Zell- und Gewebsstrukturen bewahren, also fixa-
rer oder ein basischer Farbstoff oder beide zugleich gebunden
tionsstabil sind.
werden. Zusätzlich spielen bei der Färbung aber auch andere
Umstände eine Rolle, z. B. Lipidlöslichkeit und Teilchengröße
Fixierungsmittel im Einzelnen des Farbstoffs oder die Strukturdichte des Gewebes.
Schnell wirken Proteinkoagulatoren, u. a. Alkohol, Sublimat,
Essigsäure, Pikrinsäure. Sie werden jedoch nur in Ausnahme- Basische Farbstoffe, die in der Histologie viel verwendet
fällen als alleiniges Fixierungsmittel verwendet, da sie struk- werden, sind Methylenblau, Toluidinblau, Hämatoxylin-
turzerstörend wirken.
und Karmin-Lacke, Azokarmin. Einige basische Farb-
Besser werden Strukturen durch Lipoidstabilisatoren er-
stoffe, z. B. Toluidinblau, haben unter bestimmten Be-
halten, z. B. Osmiumsäure, Chromsäure, Kaliumbichromat
und in gewissen Grenzen auch durch das vielbenutzte Forma-
dingungen die Fähigkeit, ihre Farbe zu wechseln; sie
lin. sind metachromatisch. Der Farbwechsel selbst wird als
In der Regel werden Fixierungsgemische verwendet. Metachromasie bezeichnet.
Besonders kritisch ist die Fixierung in der Elektronenmik- Saure Farbstoffe sind u. a. Eosin, Anilinblau, Säure-
roskopie, da sie jede Gewebsveränderung sofort sichtbar fuchsin, Pikrinsäure.
macht. Deswegen werden in der Elektronenmikroskopie nur
Lipoidstabilisatoren verwendet, bevorzugt Osmiumsäure oder Färbevorschriften gibt es in großer Zahl. Am bekanntes-
Glutaraldehyd. ten ist die Hämatoxylin-Eosin(HE)-Färbung. Hierbei tre-
ten basophile Zell- und Gewebsstrukturen (z. B. das
Weiterbehandlung. Für die Herstellung üblicher licht- Chromatin der Zellkerne, manche Zytoplasmabestand-
mikroskopischer Dauerpräparate wird das fixierte Ge- teile, Knorpelgrundsubstanz) blau hervor. Das Eosin
webe in der Regel durch Alkohol entwässert und gehär- wird zur Gegenfärbung für die im fixierten Präparat azi-
tet. Es folgt eine Einbettung in erstarrende Massen, z. B. dophilen Zell- und Gewebebestandteile (Zytoplasma,
Paraffin, Celloidin, Kunstharz (speziell in der Elektro- die meisten Interzellularsubstanzen) verwendet.
nenmikroskopie). Andere Methoden benutzen die Erfahrung, dass ein-
zelne Gewebsteile nach Vorbehandlung (Beizung) mit
Herstellung von Gewebeschnitten. Für die Lichtmikro- Schwermetallsalzen oder Phosphorwolfram- bzw. Phos-
skopie müssen die Schnittdicken um 10 lm, in der phormolybdänsäure mit bestimmten Farbstoffen färbe-
Elektronenmikroskopie um 20 nm liegen. risch hervorgehoben werden können, z. B. Bindegewebs-
Verwendet werden zur Schnittherstellung Mikroto- fasern mit Azokarmin-Anilinblau: Azan-Färbung oder
me (Feinhobel), die in der Elektronenmikroskopie mit mit Hämatoxylin-Säurefuchsin-Pikrinsäure: Van-Gie-
Diamantmessern arbeiten. son-Färbung usw.
Schnitte aus unfixierten oder fixiert eingefrorenen
Geweben werden im Kryostaten (Kältekammer) oder Nachbehandlung. Nach der Färbung werden die Schnit-
mit dem Gefriermikrotom hergestellt. te gewöhnlich mit Alkohol entwässert, in Xylol aufge-
hellt und mit Harz (Kanadabalsam oder Kunstharze) so-
Anfärben. Zur Färbung wird das Einbettmittel entfernt. wie einem dünnen Deckglas eingedeckt.
Danach erfolgt die Behandlung der Schnitte mit den
Farblösungen. Die Färbung selbst hat zum Prinzip, dass In der Elektronenmikroskopie werden keine im licht-
gleichartige Zell- und Gewebsbestandteile gleich, unter- mikroskopischen Sinne gefärbten Präparate benutzt.
90 Kapitel 2 · Histologie

Durch Anlagerung von Schwermetallionen an bestimm- einer eingeführten markierten Nukleotidsequenz (sog. Son-
te Strukturen wird jedoch deren Elektronendichte den) gekoppelt. Der Nachweis erfolgt je nach Art der Markie-
erhöht (Kontrastierung). Dies bedeutet, dass die auf rung autoradiographisch oder immunhistochemisch. Erfasst
das Präparat auftreffenden Elektronen verstärkt ge- werden damit einzelne Gene, Gensequenzen oder RNA-Spezies.
2 streut werden und diese Strukturen auf dem Bildschirm
dunkler erscheinen.
2.5.4 Verfahren zur Gewinnung
Ungefärbte Präparate. Ihre Untersuchung ist mit speziel- räumlicher Bilder
len optischen Verfahren möglich, z. B. der Phasenkon-
trastmikroskopie (Hervorheben von Brechungsunter- Licht- und Elektronenmikroskopie liefern zweidimen-
schieden), Polarisationsmikroskopie (Bestimmung der sionale Bilder. Zusätzliche Aussagen über räumliche
Doppelbrechung), Fluoreszenzmikroskopie (Nachweis Verhältnisse in Zellen und Geweben ermöglichen
einer Eigenfluoreszenz), Ultrarot-, Ultraviolett- und 4 Stereologie
Röntgenmikroskopie. 4 konfokale Lasermikroskopie
4 Rasterelektronenmikroskopie

2.5.3 Zytochemie, Histochemie Bei der Stereologie wird unter Verwendung von For-
meln, die aus der geometrischen Statistik abgeleitet
werden, die räumlichen Oberflächen von Organellen
Das Ziel dieser Methoden ist der topographisch ein-
aus der Länge ihrer Konturen auf dem Schnitt oder
wandfreie, also ortsrichtige Nachweis von kleinsten Sub-
ihr Volumen aus ihrer Anschnittsfläche berechnet.
stanzmengen bzw. Enzymen in Zellen und Geweben. Sie
Bei der konfokalen Lasermikroskopie entsteht ein
übertragen chemisch-analytische Verfahren auf Mikro-
räumliches Bild dadurch, dass durch feinst fokussiertes
tomschnitte. Es werden hierbei höchste Anforderungen
Laserlicht Signale aus verschiedenen Schichten eines
an Empfindlichkeit und Spezifität der Methoden ge-
Präparats aufgenommen und im Computer zu einem
stellt, da die in Mikrotomschnitten nachzuweisenden
dreidimensionalen Bild zusammengefügt werden.
Substanzmengen sehr klein sind.
Die Raster-(Scanning-)Elektronenmikroskopie liefert
unmittelbar räumliche Bilder von Oberflächen.
Zyto- und histochemische Methoden (für Licht- und
Elektronenmikroskopie) stehen für alle wichtigen Stoff-
klassen (Baustoffhistochemie) sowie für den Nachweis > In Kürze
von etwa 80 Enzymen (Enzymhistochemie) zur Verfü-
Alle histologischen Techniken zielen auf eine le-
gung. Sehr große Bedeutung haben die Feulgen-Reakti-
bensnahe Erhaltung der Zell- und Gewebsstruk-
on zum DNA-Nachweis, immunhistochemische Verfah-
turen. Obgleich auch lebende oder intravital
ren zur Darstellung spezifischer Proteine und Lektin-
markierte Gewebe untersucht werden können,
methoden, mit denen bestimmte Zuckerreste erfasst
werden in der Regel fixierte (konservierte) Gewe-
werden können.
be verwendet. Die Fixierung kann durch Einfrie-
Histochemische Verfahren im Einzelnen
ren oder chemisch erfolgen. Das bekannteste Fi-
Bei immunhistochemischen Verfahren wird das konventionell xierungsmittel ist Formalin. Nach der Fixierung
vorbereitete Präparat mit einer Lösung beschichtet, die einen wird das Gewebe eingebettet, geschnitten (für
Antikörper gegen ein im Gewebe vorhandenes Protein enthält. die Lichtmikroskopie etwa 10 lm, für die Elektro-
Der am Ort des Proteins entstehende Antigen-Antikörper- nenmikroskopie etwa 20 nm dick) und anschlie-
komplex wird anschließend visualisiert. ßend gefärbt. Dabei sollen jeweils gleiche Struk-
Die Perjodsäure-Schiff-(PAS-)Reaktion ist eine sehr häufig turen in gleicher Farbe erscheinen. Unter den vie-
gebrauchte histochemische Methode zum Nachweis von len Färbungen sind HE-, Azan- und Van-Gieson-
1,2-Diolen, die unter den Bedingungen des Paraffinschnitts Färbung die gebräuchlichsten. Spezifisch sind
vor allem in Kohlenhydraten vorkommen.
histochemische Verfahren zum ortsrichtigen
In-Situ-Hybridisation. Hierbei werden durch entsprechende
Substanznachweis (Baustoffe, Enzyme).
Gewebevorbehandlung getrennte DNA- oder RNA-Stränge mit
3

Allgemeine Entwicklungsgeschichte
3.1 Befruchtung – 92
3.2 Entwicklung des Keims vor der Implantation – 94
3.2.1 Furchung und Blastozystenentwicklung – 94
3.2.2 Tuben- und Uteruswanderung – 95

3.3 Implantation – 95
3.4 Plazenta und Eihäute – 97
3.4.1 Entwicklung – 97
3.4.2 Reife Plazenta und Eihäute, Amnion – 100

3.5 Frühentwicklung – 106


3.6 Embryonalperiode – 111
3.6.1 Ektoderm – 111
3.6.2 Mesoderm – 115
3.6.3 Entoderm – 116
3.6.4 Ausbildung der Körperform – 116

3.7 Fetalperiode – 119


3.8 Neugeborenes – 121
3.9 Mehrlinge – 122
3.10 Fehlbildungen – 122
92 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

3 Allgemeine Entwicklungsgeschichte

i Zur Information Die Entwicklung beginnt mit der Befruchtung. Sie er-
Die Entwicklungsgeschichte (Embryologie) beschäftigt sich folgt unter natürlichen Umständen in der Ampulla tu-
mit allen Vorgängen von der Befruchtung bis zur Bildung ei- bae uterinae. Voraussetzung hierfür sind befruchtungs-
nes ausgewachsenen Organismus. Die Entwicklung ist also fähige Keimzellen: Oozyten (7 S. 424) und Spermatozo-
keineswegs mit der Geburt abgeschlossen. Der Zeitpunkt
en (7 S. 409).
der Geburt wird nicht vom Entwicklungszustand des Feten,
sondern durch Umstände bei der Mutter bestimmt. Die Befruchtung selbst besteht aus zahlreichen Teil-
Alle Vorgänge der Entwicklung basieren auf einer zeitlich prozessen, die in ihrer Gesamtheit als Befruchtungskas-
abgestuften Umsetzung genetischer Informationen. Dabei kade bezeichnet werden.
finden Grundvorgänge in den ersten zwei Entwicklungs-
monaten statt, der Embryonalperiode. In dieser Zeit werden Herausragende Ereignisse sind (. Abb. 3.1):
alle Organe und Organsysteme angelegt. Es folgt die Fetal-
4 Auftreten und Vereinigung der Vorkerne
periode (bis zur Geburt), in der die Differenzierung weiter fort-
schreitet und sich spezielle Funktionen herauszubilden begin- 4 Imprägnation
nen.
Die Entstehung der verschiedenen Körpergewebe wird Imprägnation nennt man das Eindringen von Spermien
als Histogenese, die der Organe als Organogenese und die in eine Oozyte. Sie findet nach der Insemination statt,
der Gestalt als Morphogenese bezeichnet. Sie erfolgen bei je- d. h. nachdem männliche Keimzellen in den weiblichen
der Art nach gleichem Muster – die Entstehung der Art ist die Genitaltrakt gelangt sind.
Phylogenese – jedoch bei jedem Individuum in eigener Form
(Ontogenese). Der Entwicklung liegen genetische und mole-
Die Vorgänge bei Insemination und Imprägnation
kulare Mechanismen zugrunde, mit denen sich die Entwick- sind auf 7 S. 435 dargestellt.
lungsbiologie beschäftigt, eine Domäne der Molekularbiolo-
gie. > Klinischer Hinweis
Während der Entwicklung sind Störungen möglich. Da- Etwa 15–20% verheirateter Paare stehen vor ungewollter Kin-
durch kann es zu Fehlbildungen kommen. Mit Fehlbildungen derlosigkeit. Die am häufigsten eingesetzte Infertilitätsthera-
beschäftigt sich die Teratologie. pie ist gegenwärtig die In-vitro-Fertilisation (IVF). Hierzu wer-
den durch Punktion des Ovars gewonnene Oozyten (nach
Hormonstimulation) und Spermatozoen in vitro kultiviert.
Dort erfolgt eine Spontanfertilisation. Es ist aber auch eine as-
3.1 Befruchtung sistierte Fertilisation durch Mikroinjektion eines Spermatozoon
in die Eizelle möglich (intrazytoplasmatische Spermieninjek-
tion = ICSI). Im 4- bis 8-Zellstadium wird dann der Keim ins Ca-
Kernaussagen | vum uteri übertragen, wo es zur Implantation in die Uterus-
5 Die Befruchtung erfolgt in der Ampulla tubae schleimhaut kommt bzw. kommen kann. Den rechtlichen
uterinae. Rahmen zur Durchführung einer IVF gibt das Embryonen-
schutzgesetz vom 13. 12. 1990.
5 Der Imprägnation (Eindringen eines Spermi-
ums in die Oozyte) folgt die Vereinigung von Vorkerne und ihre Vereinigung. Vorkerne sind die nach
mütterlichem und väterlichem Zellkern. der Imprägnation in der Oozyte gleichzeitig vorhande-
5 Die neu entstandene Zelle mit mütterlichen nen Kerne der Oozyte und des Spermienkopfes. Jeder
und väterlichen Chromosomen ist die Zygote. Kern ist haploid, hat also einen halben Chromosomen-
satz. Der Vorkern der Oozyte ist erst nach der Impräg-
nation entstanden, da erst zu dieser Zeit ihre zweite Rei-
feteilung vollendet wurde.
a3.1 · Befruchtung
93 3

. Abb. 3.1. Synoptische Darstellung von Follikelsprung, Befruch- und Uterus. Die Tube ist ebenso wie der Uterus mit einer stark pro-
tung, Furchung und Implantation der Blastozyste. Die Keimstadien liferierten Schleimhaut ausgekleidet, welche hier nur schematisch
sind in einem wesentlich größeren Maßstab gezeichnet als Tube angedeutet ist

Nach der Imprägnation durchläuft jeder Vorkern ge- Bei der geschlechtlichen Befruchtung wird auch das Ge-
trennt eine S-Phase und verdoppelt damit seine DNA- schlecht des neuen Lebewesens festgelegt, genetisches (chro-
mosomales) Geschlecht. Die Geschlechtsfestlegung ist zufällig
Menge. Danach bilden sich die Chromosomen. Es folgt
und hängt von der Chromosomenausstattung des befruch-
die Auflösung der Kernmembran der Vorkerne und die tenden Spermatozoons mit einem X- oder einem Y-Chromo-
homologen Chromosomen von Ei- und Samenzellen som ab. Die Oozyten verfügen stets über ein X-Chromosom,
vereinigen sich zu Paaren (Karyogamie oder Syngamie). weshalb die Kombination entweder XX (weiblich) oder XY
Damit ist die Konzeption erfolgt und die Befruchtungs- (männlich) ist.
Eine ungeschlechtliche Befruchtung findet beim Klonieren
kaskade abgeschlossen. Die neue Zelle ist die Zygote.
statt. Sie ist nur experimentell (extrakorporal) möglich. Unter
Sobald die Zygote entstanden ist, kommt es zu einer »Klon« wird eine identische Kopie eines Organismus verstan-
normalen Mitose. Damit ist die erste Zellteilung des den. Zu diesem Zweck wird durch Mikromanipulation der
neuen Organismus eingeleitet. Gleichzeitig beginnen Zellkern einer befruchteten Eizelle durch den Kern einer so-
die transkriptorischen Tätigkeiten der neu entstande- matischen Zelle des zu klonierenden Organismus ersetzt. Da-
bei müssen die zu transplantierenden Zellkerne aus Zellen in
nen Zellen.
der G0-Phase stammen. Anschließend wird die hybride Zygo-
te in den Uterus eines weiblichen Organismus implantiert, um
i Zur Information sich dort zu entwickeln.
Durch geschlechtliche Befruchtung, d. h. durch Vereinigung ge-
schlechtsdifferenter Keimzellen entsteht ein Individuum mit
einem Genotyp, der durch die Vermischung der halbierten > In Kürze
mütterlichen und väterlichen Chromosomensätze unbere-
chenbar ist. Auch unter Geschwistern – eineiige Zwillinge
Die Befruchtung führt zu einer neuen Zelle (Zy-
weitgehend ausgenommen – gleicht kein Individuum dem gote) mit mütterlichen und väterlichen Chromo-
anderen (Variabilität). somen.
94 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

3.2 Entwicklung des Keims Maulbeere aussehen, Morula genannt (Durchmesser


vor der Implantation 150 lm). Die einzelnen Zellen, die durch die Furchungs-
teilungen entstehen, heißen Blastomeren.
Die Blastomeren der frühen Furchungsstadien glei-
i Zur Information chen einander morphologisch und offenbar auch funk-
Die frühsten Entwicklungsstadien durchläuft der Keim in der
tionell völlig. Eine jede dieser Blastomeren hat bis zum
3 Tuba uterina, ohne Kontakt mit der Mutter. Seine Versorgung
erfolgt durch Tubensekrete. Das Uteruslumen wird etwa am 4. dritten Teilungsschritt die Fähigkeit, wie die befruchtete
Tag nach der Befruchtung erreicht. An embryonalen Stamm- Eizelle einen ganzen Embryo samt Fruchthüllen zu bil-
zellen, die von den Frühstadien gewonnen werden, kann eine den. Die Zellen sind totipotent.
Präimplantationsdiagnostik (PID) durchgeführt werden (in Das 2-Zellenstadium wird beim Menschen in der
Deutschland nur in Einzelfällen zugelassen).
Regel etwa 30 h nach der Befruchtung erreicht, das
4-Zellenstadium nach 40–50 h. Die weiteren Zellteilun-
gen verlaufen nicht synchron, sodass häufig Furchungs-
3.2.1 Furchung
stadien mit ungeraden Zellzahlen gefunden werden.
und Blastozystenentwicklung
Nach dem 16-Zellenstadium ordnen sich die Blastome-
ren so an, dass eine Gruppe »innen« und eine andere
Kernaussagen | »außen« liegt. Hiermit ist die zukünftige Entwicklung
5 Durch Furchungen, die im Lumen der Tuba festgelegt, d. h. determiniert. Die Zellen sind nun nicht
uterina erfolgen, entstehen Morula und mehr totipotent, sondern pluripotent. Die inneren Zel-
Blastozyste. len bilden den Embryo. Sie fügen sich zum Embryoblast
5 Die Blastozyste gliedert sich in Embryoblast, zusammen. Die äußeren Zellen dagegen liefern das Er-
Trophoblast und Blastozystenhöhle. nährungsorgan des Kindes, die Plazenta, und einen Teil
der Fruchthüllen. Sie werden als Trophoblast bezeichnet
(. Abb. 3.2).
Die ersten Zellteilungen der Zygote (Furchungen) laufen Etwa am 4. Tag entsteht im Inneren der Morula eine
in schneller Folge ab. Die Tochterzellen erreichen je- flüssigkeitsgefüllte Höhle. Ihre Wand ist der Trophoblast.
doch nicht die Größe der Mutterzelle. Sie werden viel- Ihm liegt als Vorwölbung der Embryoblast an. Der
mehr bei jeder Zellteilung kleiner, da die Zona pellucida Trophoblast ist zunächst einschichtig, bekommt aber
(7 S. 423), solange sie erhalten bleibt (bis zum 5. Tag), bald eine weitere Zelllage. Aus der Morula ist eine Blasto-
jede Vergrößerung des Keims verhindert (. Abb. 3.1). zyste mit der Blastozystenhöhle geworden (. Abb. 3.2).
Die frühen Entwicklungsstadien werden Furchungs- Die Flüssigkeit stammt aus Eileiter und Uteruslumen.
stadien oder, wenn sie ab dem 8-Zellenstadium wie eine

. Abb. 3.2. Halbschematische Darstellung der Furchungsteilun- Blastozystenhöhle durch Konfluieren von Interzellularräumen zu
gen und Blastozystenentwicklung des Menschen. Nach der Be- bilden. Während die Zona pellucida sich ausdünnt (ihr Material
fruchtung wird ungefähr 30 h später das 2-Zellstadium erreicht. wird aufgelöst), vergrößert sich die Blastozyste langsam und hat
Die Blastomeren teilen sich asynchron weiter, sodass ein Zellhau- 5 Tage nach der Befruchtung meist mehr als 100 Zellen
fen, die Morula, entsteht. Im Alter von 3–4 Tagen beginnt sich die
a3.3 · Implantation
95 3
Trophoblast. Bei der Flüssigkeitsaufnahme wirkt der
Trophoblast als selektives Stoffwechselorgan. Er regelt > In Kürze
den Flüssigkeits- und Stoffaustausch vom und zum Während der Tubenwanderung, die 2–3 Tage
mütterlichen Milieu. Deswegen sind die Zellen des Tro- dauert, entwickelt sich durch Furchungen aus
phoblasten früher differenziert als die des Embryoblas- der Zygote die Blastozyste, die aus umhüllendem
ten. Aufgenommen werden in die Blastozystenhöhle aus Trophoblast, aus Embryoblast mit wenig diffe-
dem mütterlichen Organismus Sauerstoff, Ionen, Ami- renzierten embryonalen Stammzellen, die keine
nosäuren, Kohlenhydrate und Proteine. Außerdem ver- Zellkontakte haben, und der Blastozystenhöhle
mag der Trophoblast Hormone zu bilden, speziell hCG besteht. Aus dem Trophoblast geht die Plazenta
(human chorionic gonadotropin = humanes Chorion- hervor.
Gonadotropin), das dem Organismus das Vorliegen ei-
ner Schwangerschaft signalisiert. Morphologisch zeich-
nen sich die Trophoblastzellen durch Mikrovilli, durch
zahlreiche Zellhaften (tight and gap junctions) und Ver-
zahnungen (Interdigitationen) aus. 3.3 Implantation

Embryoblast. Die Zellen des Embryoblasten sind mor-


Kernaussagen |
phologisch wenig differenziert; Zellkontakte fehlen. Da-
durch lassen sie sich zur Durchführung zytogenetischer 5 Bei der Implantation dringt die Blastozyste
Untersuchungen (Präimplantationsdiagnostik = PID) invasiv unter Auflösung mütterlichen Gewe-
bei Verdacht auf genetische Defekte relativ einfach ge- bes in die Uterusschleimhaut ein.
winnen (7 s. oben). 5 Der Trophoblast differenziert sich in Syn-
zytiotrophoblast und Zytotrophoblast.
i Zur Information 5 Die Uterusschleimhaut wird zur Decidua
Die Zellen des Embryoblasten werden auch als embryonale graviditatis.
Stammzellen bezeichnet. Aus ihnen gehen durch fortschrei-
tende Differenzierung die etwa 300 Zellarten des neuen Orga-
nismus hervor. Embryonale Stammzellen sind im Gegensatz Die Implantation (Nidation, Einnistung) beginnt um den
zu den früheren Blastomeren der ersten Furchungsstadien 6. Tag nach der Befruchtung, meist im oberen Drittel
nicht mehr totipotent, sondern pluripotent. der Hinterwand oder gelegentlich auch der Vorderwand
des Uterus. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich das
Endometrium in der Sekretionsphase (Lutealphase
3.2.2 Tuben- und Uteruswanderung 7 S. 430).

Der Transport der Blastozyste durch die Tube dauert 2 > Klinischer Hinweis
Nur die ausgewogene Östrogen- und Progesteronsekretion
bis 3 Tage. Dabei gehen etwa 25% der Blastozysten zu-
des Ovars macht den Uterus während der Sekretionsphase
grunde. Für den Transport sorgen der Zilienschlag der »reif« für die Implantation. Daher ist die Erhöhung des Östro-
Flimmerzellen des Tubenepithels, der Flüssigkeitsstrom gen- und Progesteronblutspiegels, z. B. durch »Pilleneinnah-
in der Tube und möglicherweise Kontraktionen der Tu- me«, ebenso implantationshemmend wie die drastische Er-
benmuskulatur. Erreicht wird das Uteruslumen in der niedrigung oder der Entzug der Ovarialhormone, z. B. nach
Ovarektomie oder bei Corpus-luteum-Insuffizienz.
Regel am 4. Tag nach der Befruchtung. Zu dieser Zeit
hat die Blastozyste einen Durchmesser von 2–3 mm.
Die Implantation verläuft in drei Schritten:
Am 6. Tag nach der Befruchtung kommt es zur Einnis-
4 Apposition. Die Blastozyste »schlüpft« aus der sich
tung (Implantation) in die Uterusschleimhaut.
auflösenden Zona pellucida und lagert sich dem
Uterusepithel an.
4 Adhäsion. Die Blastozyste bindet am Implantations-
pol fest an die Epithelzellen der Uterusschleimhaut.
Die dafür erforderlichen Adhäsionsmoleküle (Inte-
grine und deren Liganden) werden nur in einer etwa
96 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

24-stündigen rezeptiven Phase des Zyklus (»Implan- Die Trophoblastzellen, die den Synzytiotrophoblast
tationsfenster«) vom Epithel der Uterusschleimhaut als zweite Schicht unterlagern, verschmelzen jedoch
exprimiert. Diese rezeptive Phase muss auch bei In- nicht. Sie werden als Zytotrophoblast bezeichnet
vitro-Fertilisationen getroffen werden, um eine Im- (. Abb. 3.3). Zytotrophoblastzellen sind weiterhin in
plantation gelingen zu lassen. der Lage, sich zu teilen. Sie können mit dem Synzytio-
4 Invasion. Die Trophoblastzellen am Implantations- trophoblast verschmelzen. Die Zellen des Zytotropho-
3 pol verdrängen und zerstören durch Freisetzung blastes sind daher Stammzellen für den Synzytiotro-
proteolytischer Enzyme das Uterusepithel. Die Blas- phoblast.
tozyste gelangt dadurch ins Stroma des Endometri- Mit der Implantation beginnt sich die Uterus-
ums. Es kommt zur interstitiellen Implantation schleimhaut unter Volumenzunahme ihrer Stromazellen
(. Abb. 3.1), die in der Regel am 11. Tag nach der in die Decidua graviditatis umzuwandeln.
Konzeption abgeschlossen ist. Der Epitheldefekt
am Eintrittsort der Blastozyste wird durch ein Fib-
i Zur Information
ringerinnsel verschlossen. Dort zeigt die Uterus- Ermöglicht wird eine Schwangerschaft dadurch, dass das
schleimhaut einen Implantationskegel. mütterliche Immunsystem vorübergehend die vom Vater mit-
gegebenen Fremdmerkmale des Embryos toleriert. Erreicht
i Zur Information wird dies durch Hemmung mütterlicher Abwehrzellen, vor al-
Überwacht wird die Einnistung des Embryos durch NK-Zellen lem der T-Lymphozyten, durch Proteine von Trophoblastzel-
(natürliche Killerzellen, 7 S. 139) des mütterlichen Immunsys- len, z. B. das Enzym Indolaminooxygenase, das Tryptophan
tems, die sich zu dieser Zeit in großen Mengen in der Uterus- abbaut. Tryptophan benötigen T-Lymphozyten für ihr Wachs-
schleimhaut aufhalten. Außerdem dürften regulatorische Lym- tum. Ein weiteres Schutzprotein der Trophoblastzellen bindet
phozyten (7 S. 145) mitwirken, die die Angriffe des mütter- an aktivierte Immunzellen der Mutter und startet bei diesen
lichen Immunsystems auf väterliche Antigene blockieren. ein Selbstmordprogramm (Apoptose).
Implantation in deziduafreien Zonen, z. B. intrauterin über
Narben in der Uteruswand (nach Kaiserschnitt) oder extraute-
Während der Invasion verlieren die oberflächlichen Tro- rin in der Tubenschleimhaut, führt zu überschießender, unge-
phoblastzellen ihre Zellgrenzen und verschmelzen syn- bremster Trophoblastinvasion mit destruktiver Wirkung (Blu-
zytial zum Synzytiotrophoblast. Sie verlieren dabei auch tungen, Rupturen).
ihre Fähigkeit zur DNA-Synthese und damit zur Teilung.

. Abb. 3.3 a, b. Implantation und Invasion. a 8 Tage alter Keim schluss an die mütterlichen Blutgefäße beginnt. b 13 Tage alter
während der Implantation. Aus dem Zytotrophoblast entsteht menschlicher Keim. Synzytiotrophoblast dunkel. In einige Trabe-
durch Auflösung der Zellgrenzen der Synzytiotrophoblast. Ferner kel (oben) ist Zytotrophoblast eingedrungen (Primärzotten). Unten
entstehen die Amnionhöhle und der primäre Dottersack. Der An- primäre Trophoblastschale
a3.4 · Plazenta und Eihäute
97 3
Mit der Implantation kommt der Gelbkörper im mütterli- 3.4.1 Entwicklung
chen Ovar unter den Einfluss von hCG, das der Trophoblast
sezerniert. Der Gelbkörper wird zum Corpus luteum gravidita-
tis (7 S. 424). Dadurch werden weitere Eireifungen und Men- Kernaussagen |
struationen verhindert.
5 Nach der Implantation des Keims in die Ute-
> Klinischer Hinweis russchleimhaut wird mütterliches Gewebe
Blastozysten können sich grundsätzlich an allen epithelialen durch proteolytische Aktivität des Synzytio-
Oberflächen implantieren. Fehlimplantationen sind deswe- trophoblasts abgebaut und dient so der Er-
gen auch außerhalb des Uterus (Extrauteringravidität oder ek- nährung des Keims (histiotrophe Phase).
topische Schwangerschaft) sowie an weniger geeigneten 5 Es folgt die hämatotrophe Phase, in der ein
Stellen im Uterus möglich.
4 Eine Ovarialgravidität liegt vor, wenn die Eizelle während
Lakunensystem im Synzytiotrophoblast ent-
der Ovulation die Follikelhöhle nicht verlässt und es dort steht, das sich durch Gefäßarodierung mit
zu Befruchtung und Embryonalentwicklung kommt. mütterlichem Blut füllt. Versorgung und Ent-
4 Eine Tubenschwangerschaft kann eintreten, wenn der sorgung des Keims erfolgen nun durch die
Transport des befruchteten Keims durch hormonelle Plazentabarriere hindurch mittels mütterli-
Störungen oder durch Verwachsungen der Tuben-
schleimhaut nach entzündlichen Erkrankungen gestört
chen Bluts.
ist. 5 Um den 12. Tag nach der Befruchtung be-
4 Eine Bauchhöhlenschwangerschaft entsteht, wenn die be- ginnen sich aus Synzytiotrophoblast und
fruchtete Eizelle aus dem Infundibulum der Tube heraus- Zytotrophoblast Primärzotten zu entwickeln,
gespült wird und der Keim an der Oberfläche der Bauch- die durch Einwachsen von embryonalem
organe implantiert.
4 Zu einer Placenta praevia kommt es, wenn sich die Blas-
Bindegewebe zu Sekundärzotten, und durch
tozyste in der Nähe des inneren Muttermundes einnistet. Eindringung embryonaler Gefäße zu Tertiär-
Dabei verlegt die Plazenta bei der Geburt den Weg des zotten werden. Die Tertiärzotten entwickeln
Kindes durch den inneren Muttermund und führt so zu sich zu Zottenbäumen.
schwangerschafts- oder geburtsgefährdenden Blutun- 5 Die Zottenbäume sind am Chorion befestigt.
gen.
5 Die Basalplatte besteht aus kindlichem und
mütterlichem Gewebe.
> In Kürze 5 Ab der vierten Woche nach der Befruchtung
Die Implantation der Blastozyste in die Uterus- gliedert sich das Chorion in einen zottentra-
schleimhaut ist nur in einer etwa 24-stündigen genden villösen Abschnitt (plazentarer Be-
Phase um den 6. Tag nach der Befruchtung reich) und einen extravillösen Abschnitt.
möglich. Beendet ist sie um den 11. Tag. Wäh- 5 Durch das Wachstum des Keims verödet das
rend der Implantation wird das Endometrium Uteruslumen.
proteolytisch aufgelöst. Der Trophoblast gliedert
sich in Synzytiotrophoblast und Zytotrophoblast. Die Entwicklung der Plazenta erfolgt schrittweise. Sie
durchläuft mehrere sich überlappende Stadien und ist
eng mit der Umgestaltung der Dezidua verbunden. Im
Vordergrund der Veränderungen steht eine Vergröße-
rung der fetomaternalen Austauschfläche, sodass die
3.4 Plazenta und Eihäute Versorgung des wachsenden Kindes den jeweiligen
Bedürfnissen optimal angepasst ist.
i Zur Information
Die Plazenta (Mutterkuchen) ist ein temporäres Organ für den Bei der Plazentaentwicklung (. Abb. 3.4) folgen auf-
Stoffaustausch zwischen Mutter und Kind. Der Stoffaustauch einander
erfolgt durch die Oberfläche von Plazentazotten (Plazentabar-
4 Trabekelstadium, Tag 8–13 p.c. (post conceptionem)
riere), die vom mütterlichen Blut des intervillösen Raums
bespült werden. Der intervillöse Raum ist mütterlicherseits ei- 4 Zottenstadien:
ne offene Strombahn zwischen Arterien und Venen der Ute- – Primärzottenstadium, Tag 12–15 p.c.
russchleimhaut. – Sekundärzottenstadium, Tag 15–21 p.c.
– Tertiärzottenstadium, Tag 18 p.c. bis zur Geburt
98 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

Trabekelstadium. Die Entwicklung der Plazenta beginnt


an der gesamten Oberfläche des Trophoblasten, hat je-
doch im Bereich des Implantationspols einen Vor-
sprung.

Im ersten Schritt kommt es zu einer Verdickung des


3 Synzytiotrophoblasten. Dann folgen aufeinander
4 ab 8. Tag p.c. die Entstehung von Hohlräumen (La-
kunen) innerhalb der zunächst kompakten Synzy-
tiotrophoblasthülle,
4 fast gleichzeitig eine Vergrößerung und Verschmel-
zung der Lakunen, sodass ein zusammenhängendes
Lakunensystem entsteht (. Abb. 3.3, 3.4). Die Laku-
nen sind zunächst mit Absonderungen des Synzy-
tiotrophoblasten gefüllt,
4 Sichtbarwerden von radiär orientierten Trabekeln.
Die Trabekel sind die zwischen den Lakunen ver-
bliebenen Anteile des Synzytiotrophoblasten.

Durch die Entwicklung des Lakunensystems hat sich die


Synzytiotrophoblasthülle des Keims gespalten. Der fe-
talwärts gerichtete Teil wird als primäre Chorionplatte
bezeichnet. Er ist vom Zytotrophoblast unterlagert.
Der zum Endometrium hin gerichtete Teil wird zur Ba-
salplatte.
In dieser Phase der Entwicklung erfolgt die Ernäh-
rung des Embryos ausschließlich durch Diffusion. Der
Diffusionsweg ist lang: von der Dezidua durch die Pla-
zentaanlage, durch die Frucht(Blastozysten)höhle zur
Anlage des Keims. Verwendet wird zur Ernährung u. a.
das während der Implantation durch den Gewebsabbau
freigewordene Material, deswegen wird dieser Zeitraum
als histiotrophe Phase (. Abb. 3.4 a) bezeichnet.
Es folgt die hämatotrophe Phase, die bis zur Geburt
des Kindes währt. Eingeleitet wird diese Phase dadurch,
dass an der Invasionsfront des Keims durch die proteo-
lytische Aktivität des Trophoblasten endometriale Gefä-
ße arrodiert werden (. Abb. 3.3, 3.4 b). Dieser Vorgang
ist bis zum 12. Tag p.c. soweit fortgeschritten, dass
mütterliches Blut aus den Gefäßen austritt und durch
Öffnungen in der Basalplatte in das Lakunensystem zwi-
schen die Trabekel gelangt. Dort werden nun die zur Er-
nährung des Embryos erforderlichen Stoffe direkt von

. Abb. 3.4 a–e. Stadien der Plazentabildung. a, b Stadien mit La- 7


kunen und Trabekeln im primären Chorion. c Primärzotten. d Se-
kundärzotten; die Haftzotten bestehen noch aus Zellsäulen. e Ter-
tiärzotten mit Blutgefäßen und zunehmender Verzweigung der
Zottenbäume
a3.4 · Plazenta und Eihäute
99 3
der kindlichen Oberfläche aus dem zirkulierenden zyste – recht einheitlich mit Tertiärzotten besetzt. Dann
mütterlichen Blut aufgenommen. Der Abfluss des Blutes jedoch werden Unterschiede sichtbar: Am ehemaligen
aus den Lakunen erfolgt durch gleichzeitig eröffnete Ve- Implantationspol wachsen die Zotten stärker und wer-
nen. Dadurch entsteht ein uteroplazentarer Kreislauf, den gefäßreicher, während sich die Plazentazotten in
dessen Stromrichtung sich aus der arteriovenösen den übrigen Gebieten zurückbilden (. Abb. 3.5 a). Ab-
Druckdifferenz ergibt. geschlossen ist die Umgestaltung Ende der 12.Woche
p.c. Nun wird die ehemalige Trophoblasthülle, verstärkt
i Zur Information durch Mesenchym, als Chorion bezeichnet. Das Chori-
Eine Plazenta, in der die Oberfläche des Synzytiotrophoblas- on besteht zu dieser Zeit aus Synzytiotrophoblast, Zyto-
ten unmittelbar von mütterlichem Blut bespült wird, wird als trophoblast und extraembryonalem Mesenchym. Hinzu
hämochorial bezeichnet. Sie existiert lediglich beim Men-
kommt auf der der Keimblase zugewandten Seite das
schen, bei höheren Primaten und Nagetieren.
Amnionepithel als äußere Begrenzung der Amnion-
höhle (7 S. 108).
Zottenstadien. Sie sind durch seitliches Aussprossen
von fingerförmigen Zotten aus den Trabekeln gekenn-
Chorion. Nach der teilweisen Rückbildung der Zotten
zeichnet.
gliedert sich das Chorion in einen
4 villösen Abschnitt (etwa 30%). Dieser Teil des Cho-
Primärzotten. Etwa am 12.Tag beginnt, ausgehend von
rions wird als Chorion frondosum bezeichnet. In
der primären Chorionplatte, Zytotrophoblast in die Tra-
diesem Bereich entsteht die definitive Plazenta;
bekel einzudringen. Dort erreicht der Zytotrophoblast
4 extravillösen Abschnitt (etwa 70%), das Chorion lae-
am 13. Tag den äußeren Teil der Basalplatte (. Abb.
ve. Hieraus werden die Eihäute.
3.4 b). Ferner kommt es durch Proliferation des Zytotro-
phoblasten zu Aussprossungen der Trabekel in die La-
Villöser Abschnitt (Chorion frondosum). Im Vordergrund
kunen hinein (. Abb. 3.4 c). Diese Aussprossungen sind
stehen hier Wachstum, Differenzierung und Entfaltung
Primärzotten. Sie sind teilweise noch synzytial, teilweise
der Zottenbäume. Dabei vergrößert sich die Zotten-
enthalten sie Zytotrophoblast.
oberfläche – also die fetomaternale Austauschfläche –,
sodass sie zum Geburtstermin etwa 14 m beträgt. Die
Sekundärzotten. Ab dem 15. Tag p.c. dringt extraemb- Zottenoberfläche selbst verändert sich dadurch, dass
ryonales Bindegewebe in das sprossende Zottensystem der unter dem Synzytiotrophoblast gelegene Zytotro-
ein. Dadurch bekommen alle Anteile des Systems einen phoblast lückenhaft wird, ohne jedoch zu verschwin-
Bindegewebskern und sind zu Sekundärzotten gewor- den. Ferner expandiert das Kapillarnetz in den Zotten
den (. Abb. 3.4 d). Das Bindegewebe stammt aus der und es entsteht ein Mikrozirkulationssystem. Im Zotten-
primären Chorionplatte, der sich ab dem 14. Tag p.c. stroma treten in großer Zahl Makrophagen (Hofbauer-
extraembryonales Mesenchym angelagert hat. Zellen) auf.
Veränderungen erfahren auch die den Zottenbereich
Tertiärzotten (. Abb. 3.4 e). Ihre Entwicklung beginnt umgebenden Strukturen. Aus der primären Chorion-
am 18. Tag p.c. mit der Entstehung zunächst noch blind platte wird die definitive Chorionplatte und basal ent-
endender Kapillaren im Zottenkern. In der Folgezeit be- steht eine Durchdringungszone, in der sich Gewebean-
kommen die Zottengefäße jedoch Anschluss an Gefäße teile kindlicher und mütterlicher Herkunft vermischen.
in der Chorionplatte, die mit Nabelschnurgefäßen in
Verbindung stehen. Extravillöser Abschnitt (Chorion laeve). Die Rückbildung
Mit der Umwandlung des ehemaligen Trabekelsys- der Zotten steht im Zusammenhang mit dem Wachstum
tems in Tertiärzotten sind ein starkes Wachstum und des Keims, der sich zunehmend in das Uteruslumen
die Entfaltung von Zottenbäumen verbunden. Das vorwölbt, der Umgestaltung des Chorions dieses Berei-
Wachstum verläuft zunächst stürmisch, verlangsamt ches und der Dezidua.
sich dann aber, ohne jedoch aufzuhören. Auch in der Im Bereich des Chorion laeve verliert das Chorion
reifen Plazenta wachsen die Zottenbäume noch weiter. seinen Synzytiotrophoblast. Erhalten bleibt jedoch Zy-
Bis zur vierten Woche p.c. ist die gesamte Oberflä- totrophoblast. Verstärkt wird das Bindegewebe, das teil-
che der Fruchtblase – hervorgegangen aus der Blasto- weise zum Chorion, teilweise zum Amnion gehört.
100 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

. Abb. 3.5 a–d. Plazentation, Eihautbildung und Ausweitung der c am Ende des zweiten und d des vierten Schwangerschafts-
Amnionhöhle. a Fruchtblase gegen Ende des ersten Monats. Zu monats mit Obliteration des Uteruslumens. Das extraembryonale
unterscheiden sind das zottentragende Chorion frondosum und Zölom ist durch die Verwachsung des Amnions mit dem Chorion
das zottenarme Chorion laeve. b Uterus zu Beginn des zweiten, bereits obliteriert. Rot Entoderm, Chorion und Derivate

Dezidua. Mit Implantation und Entwicklung des Keims


verändert sich die Schleimhaut im Corpus uteri, jedoch > In Kürze
kaum die der Cervix uteri. Im Corpus uteri kommt es Die Plazentaentwicklung beginnt an der gesam-
durch die Vergrößerung des Keims zu einer Gliederung ten Oberfläche des Keims. Zunächst entstehen
der Dezidua. Sie wird ab dem vierten Monat nach der Trabekel und ein Lakunensystem, das ab dem
Befruchtung evident, wenn der Keim einen Durchmes- 12. Tag p.c. von mütterlichem Blut durchströmt
ser von etwa 90 mm erreicht hat. Der Embryo hat dann wird. Aus den Trabekeln entwickeln sich Zotten-
eine Scheitel-Steiß-Länge (SSL) von 80 mm. bäume, die ab dem 18. Tag p.c. kapillarisiert sind
(Tertiärzotten). Die Zottenoberfläche besteht aus
Zu dieser Zeit lassen sich unterscheiden (. Abb. 3.5): Synzytiotrophoblast, der von Zytotrophoblast
4 Decidua basalis, die Uterusschleimhaut, die basal (Langhans-Zellen) unterlagert ist. Bis zur 12. Wo-
von der Plazenta liegt che p.c. werden die Zotten im Bereich des Chori-
4 Decidua capsularis, die die sich vorwölbende Frucht- on laeve zurückgebildet. Es verbleiben die Eihäu-
blase bedeckt und von der Uterushöhle trennt te. Der Teil, der seine Zotten behält (Chorion
4 Decidua parietalis, die Dezidua im übrigen Teil des frondosum), wird zur definitiven Plazenta – die
Uterus, seitlich und gegenüber dem Implantationsort Schleimhaut im Corpus uteri wird zur Dezidua.
Deciduae capsularis und parietalis verschmelzen.
Durch die weitere Vergrößerung des Keims bekommt Damit verödet in der Mitte der Schwangerschaft
die Decidua capsularis Kontakt mit der Decidua parie- das Uteruslumen.
talis der gegenüberliegenden Uteruswand (. Abb. 3.5 d).
Dabei verschmelzen Deciduae capsularis und parietalis
ab Mitte der Schwangerschaft unter weitgehender Verö-
dung der Gebärmutterlichtung.
a3.4 · Plazenta und Eihäute
101 3
3.4.2 Reife Plazenta und Eihäute, Amnion Die reife menschliche Plazenta ( H85, . Abb. 3.6) ist
ein scheibenförmiges Organ. Sie hat einen Durchmesser
von etwa 20 cm, ist etwa 3 cm dick und wiegt um 500 g.
Kernaussagen | An der dem Kind zugewandten Oberfläche inseriert die
5 Die Chorionplatte besteht aus Amnionepi- Nabelschnur (. Abb. 3.6 a). In der Regel liegt der Nabel-
thel, Chorionbindegewebe mit Chorionge- schnuransatz etwa in der Mitte der Plazenta, gelegent-
fäßen und zum intervillösen Blutraum hin aus lich, ohne funktionelle Beeinträchtigung, exzentrisch.
Zytotrophoblast, der von Langerhans-Fibri- Bei der geborenen Plazenta sind auf der Seite, die
noid bedeckt ist. dem Endometrium zugewandt ist, unterschiedlich tiefe,
5 Die Zottenbäume sind vielfach verzweigt. Sie unregelmäßig angeordnete Furchen zu erkennen
gehen von der Chorionplatte aus und sind in (. Abb. 3.6 b). Sie markieren undeutlich die Grenzen
der Basalplatte verankert. Ihre Oberfläche von Plazentalappen (maternale Kotyledonen).
bedeckt Synzytiotrophoblast, der von Zyto-
trophoblast (Langhans-Zellen) unterlagert ist. Die Plazenta besteht aus (. Abb. 3.6 c):
5 Im Zottenbindegewebe befinden sich Zot- 4 der Chorionplatte, die zum Fetus weist und eine
tengefäße, die ein Mikrozirkulationssystem glänzende Oberfläche hat
bilden, und Hofbauer-Zellen. 4 der Basalplatte, die zur Mutter zeigt, bei der Plazen-
5 Die Gefäße der Basalplatte öffnen sich zum talösung entsteht und deren Oberfläche dann matt
intervillösen Raum. Dort befinden sich erscheint
Strömungseinheiten. 4 den Zottenbäumen (fetale Kotyledonen), die von der
5 Auffaltungen der Basalplatte bilden Plazen- Chorionplatte aus in den Raum zwischen Chorion-
tasepten. und Basalplatte hinein hängen und fetale Gefäße
5 Im Synzytiotrophoblast der Zotten werden führen
Plazentahormone gebildet. 4 Sonderstrukturen
5 Die extraplazentaren Anteile des Chorions 4 intervillösem Raum mit mütterlichem Blut. Er befin-
sind die Eihäute. det sich zwischen den Verzweigungen der Zotten-
bäume

. Abb. 3.6 a–c. Oberflächenbeschaffenheit und Feinbau der Pla-


zenta am Ende der Schwangerschaft. a Fetale Seite der Plazenta Darstellung des Feinbaus der Plazenta mit Zottenbäumen, Plazen-
mit Nabelschnurgefäßen und deren Verzweigungen. b Maternale tasepten, Dezidua basalis und Blutgefäßen. Rot markiert sind in
Seite mit unregelmäßig angeordneten Furchen. c Schematische a und c die Vena umbilicalis und im linken Sektor von c Fibrinoid
102 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

Chorionplatte und Basalplatte verschmelzen am Rand Die Basalplatte ist der Boden des intervillösen Raums.
der Plazenta miteinander. Ihre Fortsetzung sind die Ei- Sie ist ein Teil der während der Entwicklung entstande-
häute, die Frucht und Fruchtwasser umgeben. nen Durchdringungszone aus fetalem und maternem
Gewebe (7 oben). Sichtbar wird die Basalplatte erst
Die Chorionplatte H85 ist der Teil des Chorions nach der postnatalen Plazentalösung, wenn sie sich
(Fruchthüllen), der zur Plazenta gehört. Sie besteht vom basalen Teil der Durchdringungszone, dem Plazen-
3 aus (. Abb. 3.7): tabett, trennt.
4 einschichtigem prismatischen Amnionepithel mit ei-
ner dünnen Schicht Amnionbindegewebe Die Basalplatte H185 ist nur wenige 100 lm dick und
4 Chorionbindegewebe, das dem Amnionbindegewe- besteht aus einer bunten Mischung verschiedener Kom-
be locker anhaftet und die Choriongefäße führt, ponenten:
die Äste der Nabelschnurgefäße sind 4 invasive Trophoblastzellen, die durch Größe, poly-
4 einer am Plazentarand meist mehrschichtigen, zen- gonale Form und basophile Anfärbbarkeit auffallen
tralwärts sich auflockernden Lage aus Zytotropho- 4 Deziduazellen mit ovalen, blass angefärbten Zelllei-
blast; im Zentrum kann Zytotrophoblast fehlen bern, die meist in Gruppen liegen
4 einer unterschiedlich dicken Schicht aus Langhans- 4 vielkernige trophoblastische Riesenzellen, die durch
Fibrinoid, das den intervillösen Raum begrenzt Fusion von invasiven Trophoblastzellen entstehen
4 Fibrinoid (7 unten), eine dichte extrazelluläre Mat-
rix, die diese bunte Zellpopulation einbettet
4 uteroplazentare Arterien und Venen, die das mütter-
liche Gefäßsystem mit dem intervillösen Raum ver-
binden

Das Plazentabett (. Abb. 3.7) ist der Teil der materno-


fetalen Durchdringungszone, der nach der Geburt im
Uterus bleibt. Es ähnelt im Aufbau der Basalplatte und
wird in den der Geburt folgenden Tagen („Wochenbett“)
durch Blutungen (Lochien) ausgestoßen.

> Klinischer Hinweis


Die Rechtsmedizin kann bei der Beurteilung von Abrasions-
material (durch Ausschabung gewonnene Uterusschleim-
haut) vor der Frage stehen, ob eine Schwangerschaft vorgele-
gen hat. Kommen Deziduazellen oder invasive Trophoblast-
zellen vor, ist die Frage zu bejahen.

Zottenbäume. Die reife menschliche Plazenta hat 60 bis


70 Zottenbäume (. Abb. 3.6 c). Sie sind die funktions-
tragenden Strukturen der Plazenta. Ihre Oberfläche,
durch die der Stoffaustausch zwischen Mutter und Kind
erfolgt, beträgt zur Zeit der Geburt 10–14 m2.

Jeder Zottenbaum besteht aus


4 Stammzotten, stark fibrosierten großkalibrigen Zot-
ten mit fetalen Arterien und Venen. Sie dienen u. a.
dem mechanischen Halt des jeweiligen Zotten-
baums. Einem Baum mit seinen Verzweigungen ver-
gleichbar folgen aufeinander
– ein Truncus chorii (Durchmesser 1–2 mm)
– mehrere Rami chorii (Durchmesser 0,5–1 mm)
. Abb. 3.7. Schnitt durch eine reife Plazenta – viele Ramuli chorii (Durchmesser 100–500 lm)
a3.4 · Plazenta und Eihäute
103 3
4 peripheren Zottenästen mit vielen fetalen Kapilla-
ren. Hier erfolgt der Gas- und der größere Teil des
Stoffaustausches zwischen Mutter und Kind. Zu un-
terscheiden sind
– Intermediärzotten (Durchmesser 70–200 lm)
– Endzotten (Terminalzotten, Durchmesser 60–
80 lm). Die Endzotten machen am Geburtster-
min 40–50% des Zottenvolumens von insgesamt
250–300 cm3 aus

Der Truncus chorii ist etwa 1–5 mm lang und teilt sich
wie jeder folgende Abschnitt – mit Ausnahme der End-
zotten – mehrfach dichotomisch. Insgesamt finden sich
. Abb. 3.8. Querschnitt durch eine Plazentazotte am Ende der
zwischen Truncus chorii und Endzotten 15 bis 25 Auf- Schwangerschaft. Der Pfeil symbolisiert den Weg des Stoff- und
zweigungen. Bei jeder Aufteilung verlieren die Zotten Gasaustausches
an Durchmesser. In Analogie zu einem Baum entspre-
chen die Stammzotten dem Stamm, die Rami und Ra-
muli chorii seinen verholzten Ästen, die Intermediärzot- Stoffaustausch zwischen Mutter und Kind zu. Dabei ver-
ten den Grünholzästen und die Endzotten den Blättern. mag das Synzytium aktiv zu selektieren und in den
Transport einzugreifen.
Die Verankerung der Zottenbäume erfolgt jeweils durch:
4 Truncus chorii an der Chorionplatte Epithelplatten sind 0,5–1 lm dicke Abschnitte des Syn-
4 Haftzotten an der Basalplatte (. Abb. 3.4 e, 3.6 c) zytiums, die in der Regel über sinusoidal erweiterten
Hierbei handelt es sich um Ramuli chorii Kapillaren liegen. Je nach Zottentyp nehmen sie bis zu
4 nachträglich entstandene, durch Fibrinoid vermittel- 40% der Zottenoberfläche ein. Sie dienen vorwiegend
te Verklebungen zwischen peripheren Zottenästen der Diffusion von Atemgasen (O2, CO2), Wasser und
und Chorionplatte, Inseln (7 unten), Septen (7 un- dem Carriertransport von Glukose.
ten) und Basalplatte
Dickeres Synzytium. Es ist 2–6 lm dick, organellenreich
Insgesamt haben die Zottenbäume ein festes Gefüge. Er- und hat viele Mikrovilli. Es kommen kernfreie, aber
halten bleibt jedoch eine gewisse Beweglichkeit der auch kernhaltige Abschnitte vor. Im dicken Synzytiotro-
Endzotten im mütterlichen Blutstrom. phoblast finden bevorzugt energieverbrauchende Trans-
portvorgänge (aktiver Transport) mit Ab- und Umbau-
Bauplan der Zotten H85. Alle Zottentypen haben vorgängen sowie endokrine und metabolische Synthese-
den gleichen Bauplan (. Abb. 3.8). Am deutlichsten leistungen statt.
ist er an den Endzotten zu erkennen. Beteiligt sind:
4 Synzytiotrophoblast Vor allem werden folgende Hormone in der Plazenta ge-
– Epithelplatten bildet:
– dickere Zonen 4 humanes Chorion-Gonadotropin (hCG) zum Erhalt
– Synzytialknoten des Gelbkörpers im Ovar
4 Zytotrophoblast (Langhans-Zellen) 4 Plazenta-Laktogen (hPL), ein wachstums- und brust-
4 Bindegewebe mit fetalen Makrophagen (Hofbauer- drüsenstimulierendes Hormon
Zellen) 4 Progesteron und Östrogene, die den Gesamtorganis-
4 fetale Blutgefäße mus, speziell den Uterus an die Schwangerschaft
adaptieren und weitere Eireifung blockieren
Synzytiotrophoblast. Er bildet eine kontinuierliche, viel- Hinzu kommen Releasinghormone (7 S. 757), welche
kernige, synzytiale, nicht durch laterale Zellgrenzen un- die Hormonsekretion regulieren. Sie werden im Zyto-
terbrochene Epithellage, die mütterlichen und kindli- trophoblast gebildet.
chen Kreislauf voneinander trennt. Er lässt jedoch einen
104 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

> Klinischer Hinweis Zottenbindegewebe. Das Zottenbindegewebe besteht


Das humane Chorion-Gonadotropin (hCG) wird in größerer aus einem Netzwerk ortsständiger Bindegewebszellen
Menge mit dem Harn ausgeschieden. Wird hCG im Harn nach- (Mesenchymzellen, Fibroblasten, Myofibroblasten), aus
gewiesen, liegt eine Schwangerschaft vor (Schwangerschafts- ungeformter Interzellularsubstanz sowie aus retikulären
nachweis).
Fasern und Kollagenfasern. Außerdem kommen Makro-
phagen (Hofbauer-Zellen) vor. Das Zottenbindegewebe
3 Synzytialknoten sind Ansammlungen alter, genetisch to-
ist in den Stammzotten dicht und kollagenreich, in
ter Kerne des Synzytiotrophoblast. Sie sind von Plasma-
den Endzotten locker gepackt.
lemm umgeben, können abgeschnürt und von mütterli-
chem Blut weggeschwemmt werden, im letzten Schwan-
i Zur Information
gerschaftsmonat täglich bis zu 3 g. Abgebaut und pha-
Die Hofbauer-Zellen sind für den Proteinaustausch zwischen
gozytiert werden die Synzytialknoten in der Lunge. Mutter und Kind eine zweite, dem Synzytiotrophoblast fol-
gende, mobile Barriere. Außerdem produzieren sie viele
Zytotrophoblast (aus Langhans-Zellen) ist auch noch Wachstumsfaktoren, die Zottenwachstum und Zottendiffe-
zum Geburtstermin vorhanden. Die Zellen unterlagern renzierung steuern. Die Aktivität der Hofbauer-Zellen wird
durch Umgebungsbedingungen, z. B. den Sauerstoffpartial-
an 20–25% der Zottenoberfläche den Synzytiotropho-
druck, reguliert.
blast. Synzytiotrophoblast und Zytotrophoblast sind ge-
meinsam durch eine Basallamina vom Zottenbindege-
Zottengefäße. Die Zottengefäße gehören zum fetopla-
webe getrennt.
zentaren Gefäßsystem. Es besteht aus
Der Zytotrophoblast ist bis zur Beendigung der
4 Nabelschnurgefäßen (7 S. 118)
Schwangerschaft mitotisch aktiv und kann mit Syn-
4 Arterien und Venen von Chorionplatte und Stamm-
zytiotrophoblast fusionieren. Dadurch wird kompen-
zotten
siert, dass der Synzytiotrophoblast die Fähigkeit zur
4 Mikrozirkulationssystem in den peripheren Zotten-
DNA-Reduplikation und damit zu eigenem Wachstum
ästen
und zur Transkription seiner Gene verloren hat. Dies
übernehmen die Zytotrophoblastzellen, die nach ihrer
Das Mikrozirkulationssystem setzt sich aus Arteriolen
synzytialen Fusion kontinuierlich mRNA und Proteine
bzw. Venulen sowie Kapillaren mit sinusoidal dilatierten
von Enzymen, Rezeptoren und Transportermoleküle
Kapillarabschnitten zusammen. Die Sinusoide befinden
ins Synzytium einbringen.
sich vor allem in den Endzotten und können Durchmes-
ser von 20–40 lm erreichen. Dort, wo sie sich dem Tro-
i Zur Information
phoblast unmittelbar anlegen, verschmelzen die Basalla-
Um ausreichend mRNA in das Synzytium zu transferieren,
wird kontinuierlich mehr Zytotrophoblast in den Synzytiotro- minae von Trophoblast und Kapillaren miteinander
phoblast einbezogen als für sein Wachstum erforderlich ist. (. Abb. 3.8). Dadurch sind die Diffusionsstrecken zwi-
Dadurch entsteht überschüssiges Synzytium, das laufend in schen mütterlichem und kindlichem Blut kurz (minimal
Form von Synzytialknoten in das mütterliche Blut abgegeben 1–2 lm).
wird. Unterbleibt jedoch die Fusion von Zyto- und Synzytio-
trophoblast auch nur wenige Tage, wird der Synzytiotropho-
blast durch Fehlen von mRNA und Proteinen wichtiger Enzy- Sonderstrukturen:
me sowie Rezeptoren nekrotisch. 4 Plazentasepten
4 Zellsäulen
> Klinischer Hinweis 4 Zellinseln
Gelangen größere Mengen von nekrotischem Trophoblast ins 4 Fibrinoid
mütterliche Blut, kann es in mütterlichen Gefäßen zu Entzün-
dungsreaktionen kommen. Hiermit wird die Präeklampsie in Plazentasepten (. Abb. 3.6 c). Hierbei handelt es sich
Zusammenhang gebracht, die verbunden mit Ödemen, Pro-
teinurie und Hypertonie bei etwa 5–10% der Schwanger-
um säulen-, platten- und segelförmige Auffaltungen
schaften auftritt. der Basalplatte in den intervillösen Raum. Sie beginnen
sich im Verlauf des vierten Monats p.c. zu entwickeln.
Bei der geborenen Plazenta liegen Plazentasepten in
der Regel dort, wo an der Unterseite Furchen zu erken-
nen sind. Histologisch gleichen sie der Basalplatte. Pla-
a3.4 · Plazenta und Eihäute
105 3
zentasepten sind rudimentäre Strukturen ohne Giede- Rh-negative Mutter) gegen das kindliche Blut Antikörper. Die-
rungsfunktionen für den intervillösen Raum. se können bei einer erneuten Schwangerschaft durch die Zot-
tenoberfläche hindurch in den neuen kindlichen Organismus
gelangen und dort bei entsprechender Blutgruppenkonstella-
Zellsäulen befinden sich an den Anheftungsstellen der
tion das Krankheitsbild der Rh-Inkompatibilität (Erythroblasto-
großen Stammzotten an der Basalplatte. Es handelt sich se) hervorrufen.
um die Endabschnitte der Haftzotten (7 oben), die we-
der Bindegewebe noch Gefäße enthalten. Sie gehen auf Intervillöser Raum. Der intervillöse Raum wird von
die trophoblastischen Primärzotten zurück (7 oben) mütterlichem Blut durchströmt. Er befindet sich zwi-
und enthalten die Stammzellen von invasiven Tropho- schen den Zotten – seine Spaltbreite entspricht dort
blastzellen in Basalplatte und Plazentabett (7 oben). vielfach einem Erythrozytendurchmesser – und wird
von der Chorion- und Basalplatte begrenzt. Im inter-
Zellinseln. Auch die Zellinseln stehen mit der Frühent-
villösen Raum tritt mütterliches Blut direkt an die feta-
wicklung der Plazenta in Zusammenhang. Es sind per-
len Austauschflächen heran. Bei der reifen Plazenta ent-
sistierende Endabschnitte frei endender Primärzotten.
hält der intervillöse Raum etwa 150 ml Blut. Die Durch-
Sie hängen als kugelförmige Ansammlungen von Zyto-
blutungsrate beträgt etwa 150 ml/min/kg Fetus.
trophoblast peripher am Zottenbaum und sind in große
Der intervillöse Raum kann hämodynamisch in
Mengen Fibrinoid eingebettet, das an den meisten Stel-
Strömungseinheiten unterteilt werden. Die Strömungs-
len die ursprüngliche Bedeckung von Synzytiotropho-
einheiten, bei der reifen Plazenta etwa 40 bis 70, entste-
blast ersetzt hat.
hen dadurch, dass mütterliches Blut an der Oberfläche
der Basalplatte aus Spiralarterien (uteroplazentare Arte-
Fibrinoid (. Abb. 3.6 c, 3.7). Es entsteht als Sekretions-
rien) unter Druck in den intervillösen Raum eintritt, in
produkt des Trophoblasten und durch Blutgerinnung an
einem eiförmigen zottenarmen Bereich (zentrale Kavi-
der intervillösen Oberfläche des Synzytiums. Das Fib-
tät) zwischen den Verzweigungen eines Zottenbaums
rinoid hat eine mechanisch sehr derbe, intensiv anfärb-
sehr schnell zur Chorionplatte aufsteigt und von dort
bare Matrix, die im Laufe der Schwangerschaft zu einem
langsam durch die engen Spalträume zwischen den um-
internen Stützskelett der Plazenta wird.
gebenden, dichtgepackten Zotten zur Basalplatte zu-
Nach ihrer Lokalisation werden unterschieden: rückfließt. Dort wird es von uteroplazentaren Venen
4 Langhans-Fibrinoid an der intervillösen Oberfläche der Mutter aufgenommen. Eine derartige Strömungs-
der Chorionplatte einheit wird als Plazenton bezeichnet.
4 Rohr-Fibrinoid an der intervillösen Oberfläche von
Zotten und Basalplatte, dort wo bedeckender Syn- Eihäute. Sie befestigen sich allseitig an der Plazenta und
zytiotrophoblast verloren gegangen ist sind aus dem Chorion frondosum zusammen mit dem
4 Nitabuch-Fibrinoid im Bereich der maternofetalen Amnion hervorgegangen. Die Eihäute, auch Frucht-
Durchdringungszone, das als eine Art »Klebstoff« hüllen, sind weniger als 1 mm dick aber derb, sodass
die mütterlichen und fetalen Gewebe miteinander sie den Feten einschließlich der Fruchtblase (Amnion-
verankert höhle) mechanisch schützen.
Die Eihäute bestehen aus:
i Zur Barrierefunktion der Plazenta 4 Amnionepithel
Unter normalen Bedingungen ist Immunglobulin G das ein- 4 Bindegewebe
zige Protein, das die gemeinsam von Synzytiotrophoblast 4 verbliebenen Zytotrophoblastzellen in lockerer Ver-
und Makrophagen gebildete Plazentabarriere von der Mutter
bindung mit der Decidua parietalis
zum Kind passieren kann. Dadurch wird dem Kind eine mehr-
monatige Immunität gegen alle jene Keime verliehen, gegen Die Eihäute zerreißen bei Geburtsbeginn (sog. Bla-
die die Mutter immun ist. sensprung) und werden zusammen mit der Plazenta
Die Plazentaschranke ist aber auch für manche Medika- nach der Geburt ausgestoßen.
mente, lipidlösliche Stoffe, u. a. Alkohol, durchlässig. Für Blut-
zellen dagegen ist die Plazentaschranke im Prinzip undurch- Plazentalösung. Sie wird bereits pränatal vorbereitet.
lässig. Jedoch kann während der Geburt oder bei einer Fehl-
geburt die Zottenoberfläche einreißen und dadurch kindli- Durch Apoptose von Trophoblastzellen und durch Ab-
ches Blut in den mütterlichen Kreislauf gelangen. Dann bildet bau dezidualer Kollagenfasern entsteht in der materno-
die Mutter bei Blutgruppenunterschieden (Rh-positives Kind, fetalen Durchdringungszone ein Demarkationsbereich.
106 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

Unter der Geburt kommt es dort durch die Wehen zu Ge- Kernaussagen |
fäßverletzungen und es entwickelt sich ein retroplazen-
täres Hämatom. Schließlich löst sich die Plazenta zusam- 5 In der 1. Entwicklungswoche entsteht aus
men mit der Basalplatte und den Eihäuten (Nachgeburt). dem Embryoblast der Blastozyste die Keim-
Einzelheiten zum Wochenbett mit seinen Lochien scheibe, die zwei Zelllagen aufweist: Epiblast
7 S. 438. und Hypoblast.
3 5 In der 2. Entwicklungswoche bilden sich
zwischen Epiblast und Trophoblast 1. die
> In Kürze Amnionhöhle, 2. durch Auswandern von
Die reife Plazenta besteht aus der Chorionplatte, Hypoblastzellen der Dottersack, 3. zwischen
60–70 Zottenbäumen, dem intervillösen Raum Dottersackepithel und Trophoblast das
und der Basalplatte. Die Zottenbäume sind an extraembryonale Zölom, entstanden aus
der Chorionplatte und durch Haftzotten an der erweiterten Spalten zwischen extraembryo-
Basalplatte befestigt. Die Endzotten flottieren nalen Mesenchymzellen, die aus ausgewan-
im vorbeiströmenden mütterlichen Blut. Die Zot- derten Hypoblastzellen hervorgegangen
tenoberfläche besteht aus dünnen Epithelplatten sind, und 4. der Haftstiel als eine mesen-
– vor allem für Gasaustausch sowie Glukosetrans- chymale Verbindung zwischen Keimscheibe
port –, dicken Abschnitten mit metabolischen und Trophoblastschale.
Leistungen und Synzytialknoten mit toten Zell- 5 In der 3. Entwicklungswoche treten in der
kernen. Zytotrophoblast unter dem Synzytium Mittellinie der Keimscheibe der Primitivstrei-
ist auch in der reifen Plazenta vorhanden. Er fu- fen mit Primitivrinne und rostralem Primitiv-
sioniert laufend mit dem Synzytium. Im Zotten- knoten auf, von dem der Chordafortsatz
kern stellen Makrophagen (Hofbauer-Zellen) eine auswächst. Vom Primitivstreifen wandern
zweite Barriere zur Verhinderung eines schädi- seitlich Mesenchymzellen aus und schieben
genden Proteinaustausches dar. In der Tropho- sich zwischen Epi- und Hypoblast. Sie bilden
blastschale der Zotten werden Hormone gebil- das Mesoderm. Vom Chordafortsatz wachsen
det. – Eihäute haben weitgehend mechanische seitliche Zellen aus, verdrängen den Hypo-
Aufgaben. Sie werden mit der Nachgeburt aus- blast und werden zum Entoderm.
gestoßen. 5 Der Dottersack bekommt eine Aussackung
(Allantois).

Ausgangspunkt der Entwicklung sowohl des Embryos


3.5 Frühentwicklung als auch der Embryonalanhänge ist der Embryoblast
(s. oben). Dort beginnen sich die Zellen kurz vor bzw.
Überblick während der Implantation – um den 7. Tag p.c. – in zwei
Bis zum Ende der 3. Entwicklungswoche entstehen als Pri- Lagen anzuordnen. Die Zellen, die auf der der Blasto-
mitivorgane die zystenhöhle zugewandten Seite liegen, flachen sich ab
5 Keimscheibe mit und formieren den Hypoblast (. Abb. 3.3 a). Darüber
– Primitivstreifen entsteht eine Schicht aus etwas größeren prismatischen
– Primitivrinne Zellen, der Epiblast. Beide Zelllagen zusammen bilden
– Primitivknoten die runde Keimscheibe.
– intraembryonalem Mesoderm
– Chordafortsatz
5 Embryonalanhänge:
– Amnion
– Dottersack
– Allantois
– extraembryonales Mesoderm
Die Entstehung dieser Strukturen ist die Voraussetzung für den
geregelten Ablauf der anschließenden Organogenese.
a3.5 · Frühentwicklung
107 3
Zu den Grundlagen der Entwicklung quantitativen Verhältnisse eine Rolle. Schließlich können Sig-
Alle Entwicklungsvorgänge sind komplex. Sie basieren auf ei- nalmoleküle auch mehrere Gene aktivieren.
nem Zusammenwirken von genetischen, intra- und extrazellulä- Für die Signalübertragung selbst stehen teils antagonis-
ren Faktoren. Der Start erfolgt durch Induktion. tisch wirkende intrazelluläre Mechanismen zur Verfügung, de-
Die genetischen Faktoren sind bereits in der DNA der Zy- ren Balance das Hintanhalten bzw. die Freigabe der Tätigkeit
gote kodiert. Sie bewirken, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt der Regulatorgene bewirkt.
Entwicklungskontroll(Regulator)gene aktiviert werden und ex- Induktion. Das Auslösen von Entwicklungs- bzw. Differen-
primieren. Sie können später auch wieder blockiert (»abge- zierungsvorgängen wird als Induktion bezeichnet. Gemeint ist
schaltet«) werden. damit die Freisetzung von Entwicklungspotenzen, die auf-
Die Regulatorgene kodieren Transkriptionsfaktoren, grund des genetischen Programms in den Zellen zur Verfü-
die sich an Zielgene anlagern und diese wirksam werden las- gung stehen. Die Induktion selbst geht von primären Indukto-
sen. Ein Regulatorgen steuert jeweils eine Gruppe von Zielge- ren (Organisatoren) durch Freisetzung von Induktionsstoffen
nen. aus. So induziert z. B. Chordagewebe die Ausbildung des Neu-
Zu den Regulatorgenen, die während der Frühentwicklung ralrohrs (7 unten). Jede Induktion leitet eine Kettenreaktion
tätig werden, gehören insbesondere homeotische Gene (Home- aufeinander folgender Induktionsschritte ein.
obox = HOX). Sie kodieren jeweils für eine homologe Region Induktionen werden jedoch nur innerhalb einer bestimm-
von ungefähr 60 zusammenhängenden Aminosäuren. Durch ten Periode wirksam, der Determinationsperiode.
HOX wird der Grundriss des Organismus mit seinen Haupt- In dieser Zeit wird der Rahmen festgelegt, in dem sich die
abschnitten (Kopf, Rumpf, Extremitäten) festgelegt. Bei Muta- Zelle bzw. Zellgruppe differenzieren kann. Determination be-
tionen der Homeobox können Körperregionen fehlen oder in- deutet aber auch gleichzeitig irreversible Einschränkung ur-
einander umgewandelt sein (homeotische Transformation). sprünglicher Entwicklungsmöglichkeiten, der prospektiven
Zurzeit sind mehr als 30 HOX-Gene bekannt. Ihre Genorte be- Potenzen. In Fortführung der Determination entwickeln sich
finden sich beim Menschen in 4 Clustern (HOX A – HOX D) schließlich in den jeweiligen Zellen spezifische strukturelle
auf den Chromosomen 7, 17, 12, 2. und funktionell-biochemische Merkmale, die unter normalen
HOX-Gene sind phylogenetisch sehr konstant, weshalb in- Umständen zu einem stabilen Differenzierungszustand führen.
nerhalb einer Klasse, hier der Wirbeltiere, bei allen zugehöri- Bei weiteren Zellteilungen entstehen dann nur noch Zellen
gen Organismen gleichartige Grundstrukturen entstehen. Da- gleicher Art. Die Zellen haben ihre Pluripotenz verloren.
nach erfolgt dann die artspezifische Differenzierung. Hierbei Allerdings sind Modulationen möglich, jedoch nur inner-
wirken für die Organogenese als weitere Regulatorgene Paired- halb einer Zelllinie. So können sich Abkömmlinge mesenchy-
box-Gene (= PAX) sowie Zinkfingergene mit. Bisher sind acht maler Stammzellen in Abhängigkeit von den Umständen in be-
PAX-Gene beim Menschen identifiziert. stimmte Zellen des Zentralnervensystems, der Leber, in Osteo-
Eine fehlerfreie Entwicklung hängt jedoch auch vom rich- blasten oder Muskelzellen umwandeln.
tigen Zeitpunkt des Einsetzens der verschiedenen Entwick- Stammzellen. Hierunter werden Zellen verstanden, die ihre
lungsschritte und deren Koordination ab. Nach gegenwärtigem Entwicklungspotenz noch nicht bzw. noch nicht vollständig
Wissen spielt hierbei der Methylierungsgrad der DNA eine ent- verloren haben. Sie können totipotent sein, z. B. die Furchungs-
scheidende Rolle. Methylierung der DNA führt nämlich zu zellen der Morula, bzw. pluripotent, z. B. die Zellen des Em-
einer Blockade der Genorte. Nicht benötigte Genorte bleiben bryoblastes. Bei Stammzellen kann also das gesamte geneti-
permanent blockiert, andere werden nach Bedarf freigegeben sche Programm noch mehr oder weniger uneingeschränkt ab-
bzw. wieder besetzt. gerufen werden. Gekennzeichnet sind Stammzellen dadurch,
Intra- und extrazelluläre Signalketten. Die Regulatorgene dass sie langfristig in der Ruhephase des Zellzyklus, also der
ihrerseits stehen unter dem Einfluss intra- und extrazellulärer Go-Phase, verweilen können, dass sie sich unbegrenzt teilen
Signalketten. Extrazelluläre Signale gehen z. B. von der ionalen können, ohne sich sofort zu differenzieren – dadurch entstehen
Zusammensetzung des äußeren Milieus, aber auch von para- Zelllinien –, dass sie sich, wenn sie zur Differenzierung anste-
krinen oder endokrinen Faktoren aus, z. B. Wachstumsfak- hen, differenziell teilen, d. h. ungleichmäßig. Von den Tochter-
toren (u. a. fibroblast-growth factors, transforming growth- zellen bleibt eine als Stammzelle im Zellzyklus, die andere
factors), Hormonen (u. a. Thyroxin, Androgene) und Zytoki- schert aus und differenziert sich.
nen. Ferner können Signalmoleküle aus Nachbarzellen stam- Stammzellen gibt es in jeder Phase des Lebens und in allen
men, die vermittels Konnexinen an gap junctions übertragen Geweben (Organen) des Organismus, sowohl beim Embryo
werden. Alle Signale wirken über Rezeptoren, die sich an der (embryonale Stammzellen) als auch später (adulte Stammzel-
Zelloberfläche oder intrazellulär befinden. Da sehr viele extra- len). Während aus der embryonalen Stammzelle alle etwa
zelluläre Faktoren und unterschiedliche Rezeptoren existieren, 300 Gewebearten des neuen Organismus hervorgehen können,
hängt die Richtung einer Zelldifferenzierung sehr von der ist der Umfang der Differenzierungsmöglichkeiten bei adulten
Kombination der beteiligten Substrate ab. Auch spielen die Stammzellen begrenzt.
108 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

> Klinischer Hinweis ten Zellen gefüllt, die vom Hypoblast auswandern. Zwi-
Von den Differenzierungsmöglichkeiten, die auch noch adulte schen diesen Zellen verbleiben weite Räume mit einer
Stammzellen haben, wird in der Klinik bereits bei der Behand- sol- bis gelartigen Grundsubstanz. Bei dem neu entstan-
lung der Leukämie Gebrauch gemacht, einer bösartigen Tu- denen Gewebe handelt es sich um extraembryonales
morerkrankung der Leukozyten. Nach vollständiger chemo-
Mesenchym (7 unten). Es drängt sich auch zwischen
therapeutischer Zerstörung des erkrankten Knochenmarks
werden dem Patienten suspendierte Blutstammzellen inji- Amnionepithel und Trophoblast.
3 ziert, die zur Neubesiedlung des Knochenmarks und damit Mit fortschreitender Entwicklung fließen die Inter-
zur tumorfreien Blutbildung führen. zellularräume des extraembryonalen Mesenchyms zu-
sammen und es entsteht das extraembryonale Zölom
Zweite Entwicklungswoche. In der 2. Entwicklungswo- (auch Chorionhöhle). Neben Amnion und Dottersack
che werden ist die Chorionhöhle die dritte Höhle des Keims. Mit Er-
4 die zukünftige Kranialregion markiert, weiterung der Interzellularräume im extraembryonalen
4 die Embryonalanhänge angelegt: Zölom wird das extraembryonale Mesenchym an den
– Amnionhöhle Rand gedrängt. Dort liegt es vor als:
– Dottersack 4 extraembryonales Splanchnopleuramesenchym (ex-
– extraembryonales Zälon traembryonales viszerales Mesenchym), das dem
– extraembryonales Mesenchym Dottersack anliegt
4 extraembryonales Somatopleuramesenchym (extra-
Die Markierung der Kranialregion erfolgt durch Ausbil-
embryonales parietales Mesenchym), das dem Zyto-
dung eines Randbogens. Sie geht auf eine Verdichtung
trophoblast anliegt (. Abb. 3.3 b)
der Hypoblastzellen im späteren vorderen Bereich des
Embryos zurück. Haftmesenchym. Zwischen Trophoblast und Amnion
unterbleibt die Ausbildung des extraembryonalen
Amnionhöhle. Sie entsteht über der Keimscheibe. Dort
Zöloms. Dadurch entsteht der Haftstiel als mesenchy-
bilden sich zwischen Epiblast und Zytotrophoblast
male Befestigung der Embryonalanlage (mit Amnion-
Spalträume, die zur primären Amnionhöhle konfluieren.
höhle) am Chorion (. Abb. 3.3 b). Der Haftstiel ist
Sie enthält Interzellularflüssigkeit. In der Folgezeit ver-
der Vorläufer der Nabelschnur.
größert sich der Raum und wird bis zum 9. Entwick-
lungstag von einer Schicht flacher polygonaler Zellen Dritte Embryonalwoche. In der 3. Embryonalwoche wer-
(Amnioblasten) ausgekleidet, die aus dem Epiblast der den als Primitivorgane angelegt:
Keimscheibe auswandern. Dann ist aus der primären 4 Primitivstreifen, Primitivrinne, Primitivknoten
die definitive Amnionhöhle geworden (. Abb. 3.3). 4 intraembryonales Mesoderm
Die Amnionhöhle wird sich weiter um den Embryo he- 4 Chorda dorsalis
rum vergrößern und Fruchtwasser enthalten (7 unten). 4 Allantois

Der Dottersack ist ein temporäres Gebilde mit indukti- Die Entwicklung der Primitivorgane bewirkt die Ausbil-
ven Funktionen (7 unten). Der Dottersack entsteht dung von drei Keimblättern:
durch Auswandern von Hypoblastzellen der Keimschei- 4 Ektoderm
be, die entlang der Innenwand der Blastozyste wachsen 4 Mesoderm
und die Heuser-Membran bilden. Hierdurch entsteht als 4 Entoderm
zweite Höhle des Embryoblastes der primäre Dottersack. Aus den drei Keimblättern entstehen alle Gewebe und
In der Folgezeit zerfällt der primäre Dottersack in kleine Organe des Embryos (7 unten). Schließlich ändert sich
bläschenförmige Teilabschnitte. Der Rest davon wird in der 3. Entwicklungswoche Länge und Form der Emb-
auch als sekundärer Dottersack bezeichnet (. Abb. 3.3). ryonalanlage.

Extraembryonales Zölom, extraembryonales Mesenchym Primitivstreifen, Primitivrinne, Primitivknoten. Anfang


(. Abb. 3.3). Zwischen Dottersackepithel und Tropho- der 3. Entwicklungswoche erscheint im Epiblast ein un-
blast befindet sich zunächst ein schmaler Spaltraum, scharf konturierter Streifen, der vom spitz-oval gewor-
der sich durch verstärktes Wachstum der Trophoblast- denen kaudalen Ende der Keimscheibe bis fast zur Mitte
hülle der Blastozyste vergrößert. Er wird von verzweig- reicht; es handelt sich um den Primitivstreifen, der sehr
a3.5 · Frühentwicklung
109 3
bald eine rinnenförmige Einsenkung, die Primitivrinne, Primitivstreifen und Primitivknoten sind Verdi-
bekommt (. Abb. 3.9, 3.10 a). An seinem vorderen Ende ckungen im Epiblast. Sie entstehen durch Proliferation
bildet sich durch Verlängerung und Verdickung der Pri- und Umwandlung der hier gelegenen Zellen.
mitivknoten (Hensen-Knoten).
Intraembryonales Mesoderm. Mit der Ausbildung des
Primitivstreifens beginnen lateral gelegene Epiblastzel-
len nach medial zu wandern (. Abb. 3.9). Sie bewegen
sich auf den Primitivstreifen zu, runden sich ab, »ver-
sinken« in der Primitivrinne und wandern aus. Dabei
verlieren sie ihre Zellhaftungen und bekommen Fortsät-
ze. Sie verändern ihre Form und werden zu Mesenchym-
zellen. Die so veränderten Zellen schieben sich zwi-
schen Epiblast und Hypoblast und bilden eine neue
Zelllage, das zunächst ungegliederte primäre (intra-
embryonale) Mesoderm. Dieser Vorgang wird in Anleh-
nung an ähnliche bei niederen Tieren als Gastrulation
bezeichnet. Am Rand der Keimscheibe gehen intra-
und extraembryonales Mesenchym ineinander über.

> Klinischer Hinweis


In der Regel degeneriert der Primitivstreifen vollständig. Aus
Resten des Primitivstreifens können jedoch Tumoren hervor-
gehen, sog. Teratome, am häufigsten sakrokokzygeale Terato-
me bei Neugeborenen.
. Abb. 3.9. Weg der Zellen (Pfeilrichtung), die im Epiblast in die
Primitivrinne einwandern und dann zwischen Epiblast und Hypo-
blast gelangen. Vor dem Transversalschnitt Zellen, die im Bereich
des Primitivknotens in die Primitivgrube einwandern und den
Chordafortsatz bilden

. Abb. 3.10 a–d. 17 Tage alter menschlicher Keim. a Ansicht von im Bereich des Primitivstreifens. Rot Entoderm; schraffiert Ekto-
oben (nach Wegnahme des Amnions, Schnittrand). b Median- derm; punktiert Mesoderm
schnitt. c Querschnitt im Bereich des Chordafortsatzes. d Schnitt
110 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

i Zur Information neurentericus) (. Abb. 3.11). Vor dem Kopffortsatz be-


Die Begriffe »Mesoderm« und »Mesenchym« sind nicht gleich- findet sich ein umgrenzter Bezirk von Mesodermzellen,
bedeutend. Mesoderm ist ein entwicklungsgeschichtlicher Be- die vor Beginn der Entstehung des Chordafortsatzes aus
griff und bezeichnet das mittlere Keimblatt. Mesenchym dage- dem Primitivknoten ausgewandert sind (prächordales
gen ist ein histologischer Begriff. Es bezeichnet ein primitives,
Mesoderm). Es wird ins Entoderm integriert und bildet
pluripotentes Bindegewebe, aus dem das Mesoderm besteht.
Das Mesenchym ist das frühe nichtepitheliale Gewebe des die Prächordalplatte.
3 Keims. Es formiert sich zum embryonalen Bindegewebe
(. Abb. 2.26). Verdichtungen von Mesenchymzellen, die als In der Folgezeit vermehren sich die lateralen Zellen des
erste Anlage von Organen entstehen, werden als Blasteme Chordafortsatzes stark und verdrängen die Hypoblast-
bezeichnet.
zellen. Sie bilden das Entoderm. Aber auch der verblie-
Chorda dorsalis. Anders als beim Primitivstreifen ver- bene Epiblast verändert sich. Unter dem Einfluss von
hält sich die Gewebsinvagination im Bereich des Pri- Wachstumsfaktoren aus benachbarten Zellverbänden
mitivknotens. Dort entsteht zunächst eine seichte Ein- entsteht hier das Ektoderm.
senkung (Primitivgrube), die sich zunehmend vertieft. Ektoderm und Entoderm sind durch das Mesoderm
Dann erfolgt auch hier eine Invagination von Epiblast- voneinander getrennt. Jedoch sind sowohl am kranialen
zellen. Jedoch bilden sie einen in sich geschlossenen als auch am kaudalen Pol umschriebene Bezirke von der
epithelialen Zellstrang, der sich zwischen die Zellen Trennung ausgespart. Kranial – vor der Prächordalplatte
des Hypoblastes drängt und zunächst als Chordaplatte, – handelt es sich um die Rachenmembran, kaudal um
dann als Chordafortsatz bezeichnet wird (. Abb. 3.10). die Kloakenmembran (. Abb. 3.11 a). Beide Gebiete sind
Der am weitesten vorn gelegene Abschnitt ist der Kopf- mesodermfrei, weil Ektoderm und Entoderm miteinan-
fortsatz; der kaudal folgende Teil wird zur Chorda dor- der verklebt sind und das Einwandern von Mesenchym-
salis. Gelegentlich kann der Chordafortsatz zellen verhindern.
röhrenförmig sein, weshalb eine offene Verbindung zwi- Mit der Entwicklung des Primitivstreifens sind die
schen Amnionhöhle und Dottersack entsteht (Canalis Richtungen im zukünftigen Körper abschließend fest-
gelegt. Es lassen sich eine ventrale und dorsale Seite,

. Abb. 3.11 a, b. Entwicklung der Chorda (massiv schwarz) und Schicht gebildet. – Am kranialen Pol des Keims beginnt die Abfal-
Differenzierung des Mesoderms (punktiert). a Der Chordafortsatz tung. Dabei ändert sich die Stellung der Rachenmembran. – Die
wird in den Hypoblast integriert. b Ausbildung der Chorda dorsa- Pfeile kennzeichnen die Stelle der Querschnitte (rechts im Bild).
lis. Inzwischen hat sich das Entoderm (rot) als geschlossene * Extraembryonales Zölom
a3.6 · Embryonalperiode
111 3
ein kranialer und kaudaler Pol und eine rechte und lin-
Dottersack und Trophoblast. Das extraembryona-
ke Körperseite unterscheiden. Gleichzeitig kommt es in
le Zölom geht auf Erweiterungen von Interzellu-
der 3. Embryonalwoche zu einem verstärkten Wachstum
larräumen im extraembryonalen Mesenchym zu-
des vorderen Teils der Keimscheibe mit starker Verlän-
rück. Der Haftstiel ist ein extraembryonaler Me-
gerung des Chordafortsatzes. Dadurch scheint sich der
senchymsockel zwischen Amnionhöhle und Tro-
Primitivstreifen, der im kaudalen Teil liegt, zu verkür-
phoblast. In der 3. Entwicklungswoche entstehen
zen. Aus der Keimscheibe ist nun ein länglich-ovaler
die Primitivorgane. Führend ist der Epiblast, aus
Keimschild geworden.
dem durch aufeinander folgende Induktionen al-
Infolge des starken Wachstums des vorderen Teils
le drei Keimblätter entstehen: Ektoderm, Meso-
der Keimscheibe verlagert sich der Haftstiel in den kau-
derm, Entoderm. Gleichzeitig werden die Körper-
dalen Bereich der Anlage. Damit wird programmiert,
richtungen festgelegt.
dass sich die zukünftige Kopfregion im Uterus nach un-
ten wendet und bei der Geburt der Kopf vorausgeht.

Allantois. Am kaudalen Embryonalpol entsteht eine Aus-


sackung des Dottersacks, die von Hypoblastzellen aus- 3.6 Embryonalperiode
gekleidet ist. Sie ragt in den Haftstiel hinein und wird
als Allantois bezeichnet (. Abb. 3.10 b, 3.11 a). Die Überblick
Rückbildung erfolgt nach kurzer Zeit. Die Allantois in- Zwischen der 4. und 8. Entwicklungswoche entstehen die An-
duziert jedoch die extraembryonale Gefäßentwicklung lagen aller bleibenden Organe durch Differenzierung von Ek-
und Blutbildung (7 S. 180). toderm, Mesoderm und Entoderm (. Tabelle 3.1). Außerdem
bildet sich die Körperform.
Alle Differenzierungs- und Wachstumsvorgänge verlaufen
i Zur Information
in kraniokaudaler Richtung. Infolgedessen ist der Differenzie-
Besonders bei der Frühentwicklung spielt die Wanderung von
Zellen (Zellmigration) eine große Rolle. Die zur Wanderung be- rungsgrad im kranialen Bereich des Keims weiter fortgeschrit-
fähigten Zellen lösen sich aus ihrem Verband, verlieren ihre ten als kaudal. Kaudal verbleibt als Rest des Primitivstreifens
Zellhaftungen, bilden Pseudopodien und bewegen sich noch einige Zeit ein pluripotentes Gewebsareal, die Rumpf-
zum Ort ihrer späteren Bestimmung. Für die Wanderung spie- schwanzknospe.
len Wachstumsfaktoren eine Rolle, die von den Zellen des
Zielgebietes exprimiert werden, sowie spezifische Rezeptoren
an der Spitze der Pseudopodien, welche die Zielgebiete und 3.6.1 Ektoderm
auch gleichartig differenzierte Zellen erkennen. Die Wan-
derung der Zellen selbst kommt durch Interaktionen von Ak-
tin- und Myosinfilamenten in den Pseudopodien zustande. Kernaussagen |
Leitstrukturen für die Wanderung sind Fibronektinstraßen.
Am Ziel treten gleichartig differenzierte Zellen in Kontakt 5 Das neurale Ektoderm liegt dorsal der Chorda
und bilden Kontaktstrukturen (Desmosomen). Durch sie dorsalis und differenziert sich zu allen An-
kommt es zur Kontaktinhibition und Einstellung der Pseudo- teilen des Nervensystems.
podienbildung. Auf diese Weise entsteht ein Gewebe als Ver-
5 Das epidermale Ektoderm liefert Anteile der
band gleichartig differenzierter Zellen.
Sinnesorgane.

> In Kürze Das Ektoderm ist kein einheitliches Keimblatt. Es glie-


Am Ende der 1. Entwicklungswoche ist der Emb- dert sich vielmehr (. Abb. 3.11 b, c) in:
ryoblast in Epiblast und Hypoblast gegliedert. In 4 neurales Ektoderm
der 2. Entwicklungswoche wird die Kranialregion 4 epidermales Ektoderm
durch eine Randleiste im Hypoblast markiert. Es
entstehen die Amnionhöhle zwischen Epiblast Die Gliederung geht auf Inhibitoren zurück, die die
und Trophoblast, der Dottersack durch Auswach- Chorda dorsalis während der Differenzierung des Epi-
sen von Zellen des Hypoblastes und das extra- blastes exprimiert. Sie behindern die Wirkung von
embryonale Zölom als dritte Höhle zwischen Wachstumsfaktoren, die die Entstehung des epiderma-
len Ektoderms bewirken.
112 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

. Tabelle 3.1. Übersicht über die wichtigsten Abkömmlinge der Keimblätter

Ektoderm Mesoderm Entoderm

zentrales und peripheres Nervensystem Bindegewebe epitheliale Bestandteile des


Verdauungskanals und seiner
3 Anhangsdrüsen

Augenlinse Stützgewebe Thymus

Sinnesepithel (Innenohr, Riechorgan) Muskelgewebe Nebenschilddrüsen

Hypophysenvorderlappen Blut- und Abwehrapparat Schilddrüse

Zahnschmelz Blut- und Lymphgefäßsystem Epithel des Respirationstraktes

Epidermis mit Anhangsgebilden Nebennierenrinde und Auskleidung epitheliale Bildungen der


seröser Höhlen harnableitenden Wege

Nebennierenmark große Teile des Urogenitalsystems Prostata


distaler Teil der Vagina

Neurales Ektoderm. Aufeinander folgend entwickeln sich 4 Neuroporus rostralis


(. Abb. 3.12): 4 Neuroporus caudalis (. Abb. 3.13 d, e)
4 Neuralplatte Der Neuroporus rostralis schließt sich am 25., der
4 Neuralrinne Neuroporus caudalis am 27. Embryonaltag.
4 Neuralfalten (Neuralwülste)
4 Neuralrohr > Klinischer Hinweis
Hinzu kommt die Bei Störungen der induktiven Wirkung des Chordagewebes
4 Neuralleiste kann der Verschluss der Neuralrinne beeinträchtigt werden.
Es entstehen Dysraphien, u. a. eine Spina bifida (Wirbelsäulen-
spaltung, 7 S. 232).
Die Neuralplatte befindet sich in der Mittellinie dorsal
der Chorda dorsalis. Sie ist scharf vom epidermalen Ek-
Bereits am 20. Embryonaltag wird die Neuralplatte im
toderm der Umgebung abgesetzt und besteht aus einem
vorderen Bereich breiter und markiert damit die Ge-
mehrreihigen, verdickten, sich lebhaft teilenden Epithel.
hirnanlage (. Abb. 3.13, 3.14). Nach dem Verschluss
Am 18. Tag beginnen sich dann die Mitte der Neural-
des Neuroporus rostralis weitet sich dieser Bereich zu
platte zur Neuralrinne abzusenken und die Ränder beid-
zwei primären Gehirnbläschen aus und gliedert sich in:
seitig zu Neuralfalten aufzuwulsten (. Abb. 3.12). An-
4 Prosencephalon (Vorderhirn)
schließend entsteht das Neuralrohr durch Verschmel-
4 Rhombencephalon (Rautenhirn)
zung der Neuralfalten zunächst in Höhe einer tail-
4 Mesencephalon (Zwischenbereich)
lenförmigen Einziehung des Embryos. Von dort schrei-
tet die Verschmelzung nach kranial und kaudal fort.
Weitere Differenzierungen folgen, wobei im Bereich des
Gleichzeitig wird das Neuralrohr in die Tiefe verlagert
Prosencephalon die Anlage des Telencephalons (Groß-
und das epidermale Ektoderm schließt sich über ihm.
hirn) und des Diencephalons (Zwischenhirn) entstehen.
Jedoch verbleiben am Kopf- und Schwanzende für kurze
Am Ende der Embryonalperiode sind bereits die meis-
Zeit Öffnungen des Neuralrohrs:
ten Strukturmerkmale des zukünftigen Gehirns vorhan-
den.
a3.6 · Embryonalperiode
113 3
Der sehr viel längere Teil des Neuralrohrs dagegen
wird zum Rückenmark, das gleich dem rostralen Ab-
schnitt bis zur 8. Entwicklungswoche seine Forment-
wicklung abgeschlossen und seine innere Gliederung
entworfen hat (7 S. 726).

Neuralleiste (. Abb. 3.12, 3.14 a). Die Neuralleiste ist ein


Abkömmling der Neuralanlage.
Am Anfang der 4. Embryonalwoche wandern vom
Rand der Neuralfalten Zellen aus und ordnen sich über
oder beiderseits der Neuralanlage vom Mesencephalon
bis zum kaudalen Spinalbereich an. Sie bilden kranial
gesonderte Zellgruppen und anschließend eine zusam-
menhängende Leiste, zusammen als Neuralleiste be-
zeichnet.

Neuralleistenzellen zeichnen sich durch ihre Fähigkeit


zur Wanderschaft aus. Ihr Schicksal ist vielfältig
(7 S. 733).

. Abb. 3.12 a–d. Entwicklungsreihe verschieden alter Embryonen 7


im Querschnitt (nach Langman 1985). a–c entsprechen einem
Querschnitt in den korrespondierenden Entwicklungsstadien
der Abb. 3.13 a–c (18., 20. und 22. Tag) und der Querschnitt in
d einer Schnittführung durch das Stadium in Abb. 3.13 e (25. Tag).
Bearbeiten Sie nacheinander: 1. Die Entstehung des Neuralrohrs,
2. die Bildung der Neuralleiste (schwarz Neuralleistenzellen, zu-
nächst im Ektoderm), 3. die Differenzierung des Mesoderms: in
a treten in den Seitenplatten Spalten auf, die in b–d zum intra-
embryonalen Zölom konfluiert sind, in c wandern erste Sklero-
tomzellen aus und es treten zwei Aorten auf, die in d konfluiert
sind. Rot Entoderm

. Abb. 3.13 a–f. Verschiedene Stadien der Embryonalentwick- des Keims am 25. und am 28. Tag der Entwicklung nach der kra-
lung. a–d Dorsalansicht; Amnion abgeschnitten. * Schnittrand. niokaudalen Krümmung. Rot Schnittführungen durch den Embryo
a Am 18., b am 20., c am 22. und d am 23. Tag. e, f Seitenansicht entsprechend der Querschnitte in Abb. 3.12 a–d
114 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

Neuralleistenzellen
4 tragen zum Aufbau des peripheren Nervensystems
bei. Sie differenzieren sich zu:
– Neuronen der Spinalganglien,
– Neuronen der Ganglien des III., V., VII., IX. und
X. Hirnnerven,
3 – Neuronen vegetativer Ganglien,
– chromaffinen Zellen des Nebennierenmarks,
– Glia des peripheren Nervensystems (Mantelzel-
len, Schwann-Zellen),
4 werden zu Melanozyten des gesamten Organismus
(mit Ausnahme der Pigmentzellen der Retina und
des Zentralnervensystems) und ausgewählten endo-
bzw. parakrinen Zellen und
4 bilden das Mesektoderm des Kopfbereichs.
Die Ausführungen über die aus der Neuralleiste her-
vorgehenden Strukturen finden Sie bei den jeweiligen
Organen (Zugang über das Sachregister).

Epidermales Ektoderm. Hieraus gehen die Epidermis


und ihre Anhangsgebilde hervor (7 S. 214).
Außerdem kommt es an umschriebenen Stellen zur
Plakodenbildung. Gemeint sind hiermit Verdickungen
im Ektoderm. Nach Lage und Herkunft werden unter-
schieden:
4 dorsolaterale Plakoden für die Anlagen von Sinnes-
organen:
– Linsenplakoden
– Ohrplakoden
– Riechplakoden
4 epipharyngeale Plakoden für die Ausbildung von
– Geschmacksknospen

. Abb. 3.14 a, b. Darstellung ektodermaler und entodermaler Bil- Die Linsenplakoden entstehen dort, wo sich die Augen-
dungen eines ungefähr 1 Monat alten Embryos. a Ektodermale Bil- bläschen als Ausstülpungen des Prosencephalons dem
dungen: Neuralrohr, Neuralleiste, Spinalganglien, Augen- und
Ohrbläschen (nach Forssmann u. Heym 1985). b Entodermale Bil-
Oberflächenektoderm nähern. Sie liefern die Epithelzel-
dungen (rot): Darmrohr, Schlundtaschen, Leber- und Pankreas- len der Augenlinse. Die Ohrplakoden (. Abb. 3.13 f )
anlagen. Allantois und Dottersack sind aus dem Hypoblast hervor- senken sich als Ohrbläschen in die Tiefe und verlieren
gegangen. Zwischen Herz- und Leberanlage liegt das Septum den Zusammenhang mit der Epidermis. Aus den Ohr-
transversum, unterhalb der 4. Schlundtasche die Anlage des Thy- und Riechplakoden gehen die Sinneszellen für das Hör-
mus und des oberen Epithelkörperchens. – Nicht berücksichtigt
sind die mesodermalen Bildungen; s. hierzu . Abb. 6.2, Blutge-
und Gleichgewichtsorgan sowie das Geruchsorgan her-
fäße und Herz beim Embryo vor.
Die Geschmacksknospen werden von Neuronen in-
duziert, die aus den epipharyngealen Plakoden hervor-
gehen. Gemeinsam ist allen Plakoden, dass sie Potenzen
wie die Neuralleisten haben. Sie können auch Mesen-
chym bilden.

Zusammenfassung 7 S. 119.
a3.6 · Embryonalperiode
115 3
3.6.2 Mesoderm pers durch (. Abb. 3.13). Dadurch sind die Somiten
leicht zu erkennen, und es ist üblich, zwischen dem
20. und 30. Tag der Entwicklung das Alter des Keims
Kernaussagen | nach der Zahl der Somiten anzugeben.
5 Aus dem paraxialen Mesoderm seitlich der Auf Querschnitten erscheinen Somiten dreieckig,
Chorda dorsalis gehen blockförmige Somiten wobei die Basis der Neuralanlage zugewandt ist
hervor, deren ventromediale Abschnitte, (. Abb. 3.12 a, b). Seitlich haben sie an das intermediäre
Sklerotome, die Hartsubstanzen des Axen- Mesoderm Anschluss gefunden. Anfangs sind die Somi-
skeletts bilden. Dorsolaterale Anteile liefern ten zelldicht, dann jedoch entstehen im Inneren größere
als Dermomyotome das Bindegewebe von Interzellularräume.
Haut und Muskulatur.
5 Aus dem intermediären Mesoderm seitlich In der Folgezeit kommt es unter dem Einfluss von Sig-
der Sklerotome entstehen große Anteile des nalmolekülen und Wachstumsfaktoren aus der Umge-
Urogenitalsystems. bung zu Gestaltwandel und Umstrukturierung der So-
5 Das Seitenplattenmesoderm entwickelt das miten (. Abb. 3.12 c, d). Sie betreffen:
intraembryonale Zölom mit der Splanchno- 4 ventromediale Abschnitte
pleura, u. a. für Bindegewebe und Muskulatur 4 dorsolaterale Abschnitte
des Magen-Darm-Kanals und mit der Soma-
topleura für die Leibeswand. Der ventromediale Abschnitt verliert seine epitheliale
Struktur. Der Zellverband löst sich auf und es entsteht
ein Verband von Mesenchymzellen (Sklerotom), der zu-
Das Mesoderm wird zuerst als unsegmentierte Zell-
sammen mit dem der Gegenseite die Chorda dorsalis
schicht zwischen Ektoderm und Entoderm angelegt.
umgibt. Hieraus gehen die Hartsubstanzen des Achsen-
Aus dieser Stammplatte (primäres Mesoderm) entstehen
skeletts hervor.
durch Induktion seitens der Chorda dorsalis (. Abb.
3.12 a):
Der dorsolaterale Abschnitt bleibt zunächst epithelial.
4 paraxiales Mesoderm
Er bekommt eine zweite epitheliale Schicht. Beide
4 intermediäres Mesoderm
Schichten zusammen werden als Dermomyotom be-
4 Seitenplatten
zeichnet. Aus der zum Oberflächenektoderm hin gelege-
nen Schicht geht das Bindegewebe der Haut hervor, des-
Paraxiales Mesoderm. Das seitlich der Chorda dorsalis wegen Dermatom, aus der zum Sklerotom hin gelegenen
gelegene paraxiale Mesoderm formiert sich unter den Seiten die Skelettmuskulatur, deswegen Myotom.
Neuralfalten zu blockförmigen Zellaggregaten, den
4 Somiten (. Abb. 3.12) Myotom. Bei Weiterdifferenzierung unterteilt sich das
Myotom in:
Somiten sind paarig. Die Somitenbildung beginnt dort, 4 Epimer (dorsaler Anteil)
wo die Neuralfalten anfangen sich zum Neuralrohr zu 4 Hypomer (ventraler Anteil)
vereinigen. Von dort aus bilden sich mit fortschreiten-
dem Längenwachstum des Embryos sowohl nach krani- Die Zellen des Epimer bleiben am Ort ihrer Entstehung
al als auch nach kaudal weitere Somitenpaare. Insge- und liefern das Material für die autochthone Rücken-
samt entstehen 42–44 Somitenpaare: 4 okzipitale, 8 zer- muskulatur. Die Zellen des Hypomer bilden die seitliche
vikale, 12 thorakale, 5 lumbale, 5 sakrale und 8–10 kok- und vordere Rumpfwand. Dort, wo später Extremitäten-
zygeale. Allerdings sind nie alle Somiten gleichzeitig knospen entstehen, verlassen myogene Zellen das Hy-
vorhanden: während die letzten angelegt werden, lösen pomer und bilden die Muskulatur der Gliedmaßen.
sich die ersten bereits wieder auf. Durch die Somitenbil-
dung kommt es zu einer segmentalen Gliederung (Meta- Kopfmesoderm. Eine Sonderstellung hat die zukünftige
merie) des Embryos. Kopfregion. Hier entstehen keine Somiten. Das Mesen-
Die Somiten wölben das Ektoderm etwas vor und chym geht hier vielmehr überwiegend aus der Neural-
schimmern durch die Oberfläche des Embryonalkör- leiste hervor. Es wird als Mesektoderm bezeichnet. Zu-
116 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

sätzlich wandern Mesenchymzellen aus der Prächordal- Aus der Somatopleura gehen Anteile der Leibeswand
platte in die Kopfregion ein. hervor. Somato- und Splanchnopleura gemeinsam bil-
Aus dem Mesektoderm gehen Bindegewebszellen, den die serösen Häute der Leibeshöhlen (7 S. 330).
die sich auch an der Bildung der weichen und harten
Hirnhäute beteiligen, Knorpel- bzw. Knochenzellen für Zusammenfassung 7 S. 119.
das Viszeralskelett und die Deckknochen des Schädels
3 sowie Odontoblasten für das Zahndentin und auch Mus-
3.6.3 Entoderm
kulatur hervor.

Intermediäres Mesoderm (. Abb. 3.12 a). Es verbindet Kernaussage |


die Somiten nach lateral mit den Seitenplatten und lie- 5 Das Entoderm ist an der Bildung des Darm-
fert das Material für große Teile des Urogenitalsystems rohrs beteiligt.
(. Abb. 11.67).
Das Entoderm (hervorgegangen aus dem Hypoblast)
Seitenplattenmesoderm (. Abb. 3.12). Dies ist der am
unterfüttert zunächst die ektodermale Schicht der Emb-
weitesten lateral gelegene Teil des Mesoderms. Es
ryonalanlage und steht mit dem mit Hypoblastzellen
stammt aus dem mittleren Abschnitt des Primitivstrei-
ausgekleideten Dottersack in Verbindung. Die weitere
fens. Die Seitenplatten sind unsegmentiert. Sie setzen
Entwicklung des Entoderms – im Wesentlichen in Zu-
sich ohne scharfe Grenze am Rand des Embryonalschil-
sammenhang mit der Bildung des Darmrohres – erfolgt
des in das extraembryonale Splanchnopleura- und So-
erst mit der Abfaltung des Keims (7 unten).
matopleuramesenchym fort.
Von speziellem Interesse sind die Urkeimzellen. Sie
In den Seitenplatten treten bereits gegen Ende der
können im Verlauf der Entwicklung erstmals Ende der
3. Entwicklungswoche erweiterte Interzellularräume
3. Woche in der Dottersackwand geortet werden. Ver-
auf. Sie konfluieren zu einem gemeinsamen Spalt, dem
mutlich entstehen sie im hinteren Bereich des Primitiv-
intraembryonalen Zölom (. Abb. 3.12 c), das zunächst
streifens. Von dort gelangen sie zur Darmanlage und
in offener Verbindung mit dem extraembryonalen
wandern dann in die Anlagen der Gonaden ein.
Zölom steht. Erst später, wenn es zur Abfaltung des
Keimschildes kommt (7 unten), wird das intraembryo- Zusammenfassung 7 S. 119.
nale Zölom zur Leibeshöhle.
Bei der Entstehung des intraembryonalen Zöloms
wird das Mesenchym des Seitenplattenmesoderms 3.6.4 Ausbildung der Körperform
zum Entoderm bzw. Ektoderm hin randständig.
Dadurch lassen sich unterscheiden das Kernaussagen |
4 dem Entoderm anliegende viszerale Mesoderm:
Splanchnopleura und das 5 Grundvorgänge zur Ausbildung der Körper-
4 dem Ektoderm anliegende parietale Mesoderm: So- form sind
matopleura. – Abfaltung und kraniokaudale Krümmung,
– Schädel- und Kopfentwicklung und
Aus der Splanchnopleura gehen das Bindegewebe und – Entstehung der Extremitätenanlagen.
die Muskulatur des Magen-Darm-Kanals und außerdem 5 Durch die Abfaltung entsteht die Nabel-
intraembryonale Blut- und Gefäßanlagen hervor. Die schnur.
intraembryonalen Gefäßanlagen bekommen Anschluss 5 Die Abfaltung führt zu einer Vergrößerung
an die extraembryonalen Dottersackgefäße. Kranial bil- der Amnionhöhle.
det sich in der Splanchnopleura die Herzanlage. Sie
wird durch eine Mesenchymplatte, die Splanchnopleura Abfaltung und kraniokaudale Krümmung. Die Keim-
und Somatopleura verbindet (Septum transversum), scheibe ist zunächst flach. Zu Beginn der 4. Woche ver-
vom distalen Teil des intraembryonalen Zöloms ge- größern sich die rostralen Abschnitte des Neuralrohrs
trennt. (Anlage des Gehirns) stark und überwachsen die vor ih-
nen gelegene Herzanlage und die Rachenmembran
a3.6 · Embryonalperiode
117 3
(Oropharyngealmembran). Gleichzeitig erfolgt ein star- ihrer Ränder gleicht, werden diese Vorgänge als Abfal-
kes Längenwachstum des Keims. Dies führt zu einer tung bezeichnet.
starken kraniokaudalen Krümmung des frühembryona- Durch die Abfaltung des Keims wird das zunächst
len Körpers, sodass er in der Seitenansicht C-Form nur leicht gewölbte Entoderm in den Embryonalkörper
hat (. Abb. 3.13 f, 3.15). Dabei gelangen kranial Herz- einbezogen. Im vorderen Rumpfabschnitt entsteht die
anlage und Rachenmembran sowie kaudal die Kloaken- vordere Darmbucht, später Vorderdarm (. Abb. 3.15),
membran nach ventral. Zu ähnlichen Faltenbildungen und im hinteren Körperabschnitt die hintere Darm-
kommt es lateral, vor allem durch verstärktes Wachstum bucht, später der End- oder Schwanzdarmabschnitt.
der Somatopleura. Wegen dieser allseitigen Faltenbil- Das Verbindungsstück zwischen Anlage von Vorder-
dung am Rand der Keimscheibe, die einem Einrollen darm und Hinterdarm ist der Mitteldarm. Die vordere
Darmbucht wird durch die Rachenmembran begrenzt,
die hintere Darmbucht durch die Kloakenmembran.
Durch die Ventralverlagerung und das fortschrei-
tend starke Wachstum der Gehirnanlage vertieft sich
von der Oberfläche her die Einsenkung des Ektoderms
über der Rachenmembran; es entsteht die Mundbucht
(Stomatodeum) (. Abb. 3.15 d unterer Pfeil). In der
3. Woche wird die Rachenmembran, da sie keine mesen-
chymale Unterlage enthält, dehiszent und die Mund-
bucht tritt mit dem Vorderdarm in offene Verbindung.
Kaudal kommt es durch Mesenchymproliferationen in
der Umgebung der Kloakenmembran gleichfalls zu
einer Einsenkung der Körperoberfläche. Dort entsteht
die Afterbucht (Proktodeum).
Vorderdarm und Mitteldarm gehen unscharf an der
vorderen Darmpforte, Mitteldarm und Hinterdarm an
der hinteren Darmpforte ineinander über.

Schädel- und Kopfentwicklung. Sie geht in der Umge-


bung der Gehirnanlage vom Mesektoderm der Neural-
leiste und dem Mesoderm der Prächordalplatte aus.
Das Kopfmesenchym liefert das Material für die Bildung
der Schädelknochen und der Umhüllungen der Gehirn-
anlage (Meninx primitiva).

Extremitätenanlagen. Die Entwicklung der Extremitäten


beginnt mit der Ausbildung von paddelförmigen Extre-
mitätenknospen an der Seite der vorderen Rumpfwand
in der 4. Entwicklungswoche. Die Anlagen befinden
sich in Höhe der unteren Halssomiten bzw. der Lumbal-
und oberen Sakralsomiten. Sie werden vom paraxialen
Mesoderm induziert (weitere Einzelheiten 7 S. 450).

. Abb. 3.15 a–d. Entwicklungsreihe. Längsschnitte: a am 19., Nabelschnur (Funiculus umbilicalis). Die Nabelschnur
b am 25., c am 28. und d am 35. Tag. Dargestellt ist die Abfaltung entsteht (. Abb. 3.15, 3.16) nach der Abfaltung durch
des Embryos (Pfeilrichtung), die Bildung des Ductus vitellinus und Vereinigung von
die Hereinnahme der Herzanlage, die Bildung der Nabelschnur
nach einer Drehung des Keims, verbunden mit der Aneinander- 4 Haftstiel mit Gefäßen
lagerung von Haftstiel und Dottersackstiel, sowie die Bildung 4 Dottersackstiel
des Amnionüberzugs. * Extraembryonales Zölom 4 Resten des Zöloms
118 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

. Abb. 3.16 a–d. Querschnitt durch die Nabelschnur und ihre Ge- entericus (= Ductus vitellinus) und den Vasa vitellina (2 Arterien,
fäße. a Unten Haftstiel mit den Allantois-Begleitgefäßen, A A. um- 2 Venen). b Frühe Nabelschnur; c Nabelschnur in späteren Stadien;
bilicalis, V Vena umbilicalis; die 2. Vene in Rückbildung und nicht d nach der Geburt. Blutgefäße kontrahiert
bezeichnet. Darüber Dottersackstiel mit dem Ductus omphalo-

Der Haftstiel ist die ursprüngliche, mesenchymale Ver- Dort bildet sich der Nabelring. Durch die Bauch-
bindung zwischen extraembryonalem Splanchnopleura- wand hindurch treten die Gefäße des ehemaligen Haft-
und Somatopleuramesenchym (7 oben, . Abb. 3.15 b). stiels, der Dottersack und die Zölomreste. Die Zölom-
Vor der Abfaltung befindet sich der Haftstiel am kau- reste im Bereich des Nabelringes werden bei der Darm-
dalen Pol der Keimscheibe und umschließt Allantois so- entwicklung wichtig, da sie in der Lage sind, vorüber-
wie Gefäßanlagen. Dann gelangt er jedoch durch die gehend Darmschlingen aufzunehmen, die in der Leibes-
Faltenbildung am kaudalen Abschnitt der Keimscheibe höhle keinen Platz finden. Am Nabelring entsteht der
auf die ventrale Seite des Embryonalkörpers. Dort physiologische Nabelbruch.
kommt er in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dotter-
gang.
Die Nabelschnur am Ende der Schwangerschaft ist un-
gefähr 50–70 cm lang und 12 mm dick. Da die Gefäße
Auch der Dottersackstiel entsteht durch die Abfaltung. stärker gewachsen sind als die Nabelschnur selbst und
Er beinhaltet den Dottergang (Ductus omphaloenteri- die Umbilikalvene kürzer als die Arterien ist, sind die
cus) und begleitende Gefäße. Beim Dottergang handelt Nabelschnurgefäße umeinander verdrillt und bilden
es sich um einen englumigen Gang, der den Teil des häufig Krümmungen oder Verschlingungen. Derartige
Dottersacks, der zur Darmanlage geworden ist, und Gefäßschlingen werden als »falsche Knoten« bezeichnet;
den extraembryonalen Dottersackrest verbindet. Der sie sind funktionell belanglos. Die Aa. umbilicales
Dottersackrest, der zunächst noch als Bläschen neben führen kohlensäurehaltiges und schlackenreiches Blut
dem Nabelstrang im extraembryonalen Zölom liegt, bil- (Mischblut) vom Embryo zur Plazenta, die V. umbilicalis
det sich sehr bald zurück. sauerstoff- und nährstoffreiches Blut von der Plazenta
zum Keim. Die Nabelschnur hat durch das mukosub-
stanzreiche Bindegewebe, das die Gefäße umgibt, ein
Reste des Zöloms. Vor der Abfaltung besteht eine breite weißliches Aussehen.
Verbindung zwischen intra- und extraembryonalem Histologisch (. Abb. 3.16 c, d, H9) ist für die reife
Zölom (7 oben). Diese Verbindung bleibt auch bei der Nabelschnur das Bindegewebe in der Gefäßumgebung
Abfaltung erhalten, wird jedoch stark eingeengt. Am charakteristisch. Es besteht aus Fibroblasten mit langen
Embryonalkörper kommt sie in unmittelbarer Nachbar- Fortsätzen. Sie bilden ein dreidimensionales Netzwerk.
schaft zu Haftstiel und Dottergang zu liegen. Dadurch Die Interzellularsubstanz ist weitgehend amorph und
wird die vordere Bauchwand gemeinsam von ehemali- besteht aus sauren Glykosaminoglykanen, die das gal-
gem Haftstiel, Dottergang und Zölomresten erreicht. lertige Aussehen der Nabelschnur hervorrufen (Gallert-
a3.7 · Fetalperiode
119 3
gewebe, Warthon-Sulze). Vereinzelt kommen Kollagen-
fasern vor. Die Nabelarterien haben eine dicke, muskel- > In Kürze
reiche Media aus sich kreuzenden, in Spiraltouren ver- Das Ektoderm gliedert sich in ein neurales und
laufenden Fasern. Eine Elastica interna fehlt. Die Vene epidermales Ektoderm. Aus dem neuralen Ekto-
hat dagegen dünne Muskelschichten, jedoch eine kräfti- derm entsteht über Zwischenschritte (Neural-
ge Elastica interna. Bedeckt wird die Nabelschnur von platte, Neuralrinne, Neuralfalten) das Neuralrohr
Amnionepithel. als Vorläufer von Gehirn und Rückenmark. Ein
weiterer Abkömmling ist die Neuralleiste als Mut-
i Zur Information tergewebe für große Teile des peripheren Ner-
Nach der Geburt führt die Abkühlung zur Kontraktion der
vensystem sowie für die Melanozyten und das
Muskulatur der Nabelschnurgefäße und damit zur Unterbre-
chung des Blutzu- und -abflusses zur Plazenta. Dadurch wird Mesektoderms zur Schädelbildung. Aus dem epi-
ein größerer Blutverlust nach dem »Abnabeln« verhindert. dermalen Ektoderm geht die Epidermis hervor.
Auch nach dem Abbinden der Nabelschnur befindet sich in Außerdem bilden sich Plakoden für Anteile von
den Vasa umbilicalia noch kindliches Blut mit fetalen Stamm- Sinnesorganen. Das Mesoderm gliedert sich in
zellen. Auf sie wird zur Stammzelltherapie zurückgegriffen.
Somiten, intermediäres Mesoderm, Seitenplat-
ten. Aus den Somiten gehen Sklerotome für die
Amnionhöhle. Das Amnion wölbt sich wie eine Kuppel
Bildung des Achsenskeletts, Myotome und Der-
über den Embryo. Bei der Abfaltung vergrößert sich
matome hervor. Das intermediäre Mesoderm lie-
die Amnionhöhle dadurch, dass sie auch auf die ventra-
fert Anteile des Urogenitalsystems und in den
le Seite des Embryonalkörpers gelangt. Dort schlägt das
Seitenplatten entwickelt sich das intraembryona-
Amnion auf die Nabelschnur über (. Abb. 3.15 d). Von
le Zölom sowie Splanchnopleura und Somato-
diesem Zeitpunkt an »schwimmt« der Embryo im
pleura. Das Entoderm liefert das Epithel des
Fruchtwasser, dem Inhalt der Amnionhöhle. Dies si-
Darmrohrs. – Die Körperform entsteht durch Fal-
chert die ungehemmte Entwicklung des Keims und
tenbildung an allen Rändern der Embryonalanla-
schützt ihn vor Austrocknung und Schäden von außen.
ge. Am kranialen Pol kommt es durch starkes
Durch die Vergrößerung der Amnionhöhle wird das
Wachstum und Differenzierung zu Kopf- und
extraembryonale Zölom mehr und mehr eingeengt, bis
Schädelbildung, lateral entstehen die Extremit-
schließlich Splanchnopleuramesenchym und Somato-
ätenanlagen. Ventral bildet sich die Nabelschnur
pleuramesenchym miteinander verkleben. Schließlich
aus Haftstiel, Dottersackstiel und Zölomresten.
bilden Amnion und Chorion mit ihrem Mesenchym ge-
Die Amnionhöhle umgreift den ganzen Embryo.
meinsam wichtige Anteile der Eihäute (7 S. 105).

Fruchtwasser (Liquor amnii). Am Ende der Schwanger-


schaft beinhaltet die Amnionhöhle 800–1000 ml Frucht-
wasser. Es entsteht vor allem durch Flüssigkeitsabgabe 3.7 Fetalperiode
aus der Harnblase des Feten. Das Fruchtwasser wird alle
2–3 h erneuert. An dem Austausch beteiligt sich außer Kernaussagen |
dem Amnionepithel der Fetus, indem er, besonders im
letzten Drittel der Schwangerschaft, Fruchtwasser 5 Die Fetalperiode umfasst die Zeit vom
»trinkt«. Epidermiszellen und Zellen der Mundschleim- 3. Entwicklungsmonat bis zur Geburt.
haut werden in das Fruchtwasser abgestoßen. 5 In der Fetalperiode wächst das Kind stark und
nimmt an Gewicht zu. Es finden die organ-
> Klinischer Hinweis spezifischen Differenzierungsprozesse statt
Bei Verdacht auf Chromosomenschäden des Keims kann und die Körperproportionen ändern sich.
durch Punktion der Amnionhöhle (Amniozentese) Fruchtwas-
ser gewonnen und untersucht werden. Bei schweren Entwick-
lungsschäden des ZNS ist die Konzentration von a-Fetopro-
tein, einem speziellen Fruchtwasserprotein, erhöht.
120 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

Längen- und Gewichtsentwicklung (. Abb. 3.17). Die plikation der Zahl der Monate mit dem Faktor 5; sie be-
intrauterine Längen- und Gewichtszunahme des heran- trägt z. B. im 7. Monat 7 ´ 5 = 35 cm. Um aus der SFL den
wachsenden Kindes zeigt einen starken Anstieg beson- Monat zu errechnen, müsste man die Wurzel ziehen
ders in der Fetalperiode. Als Längenmaße werden die bzw. den Wert durch den Faktor 5 dividieren.
Scheitel-Steiß-Länge (SSL) und die Scheitel-Fersen-Län- Erheblichen Veränderungen unterliegen in der Fe-
ge (SFL) verwendet. talperiode auch die Körperproportionen (. Abb. 3.18).
3 Die SSL gibt die Körperlänge von der Scheitelbeuge Dies geht auf ein heterogenes Wachstum der einzelnen
bis zur Schwanzkrümmung an. Da die Krümmungen Teile des Organismus zurück. So nimmt zu Beginn des
sehr verschieden sind, können die SSL-Maße nur unge- 3. Monats der Kopf etwa die Hälfte der SSL ein, zu Be-
fähre Anhaltspunkte liefern. Die SFL dagegen bezieht ginn des 5. Monats ein Drittel, kurz vor der Geburt aber
sich auf die Gesamtlänge des Fetus. Sie gilt besonders nur noch ein Viertel. Durch seine Größe ist der Kopf bei
für die Zeit nach dem 3. Entwicklungsmonat, wenn sich der Geburt der Wegbereiter, dem alle übrigen Körpertei-
der Fetus gestreckt hat und die untere Extremität weiter le relativ leicht durch den Geburtskanal folgen können.
entwickelt ist. Weitere Proportionsveränderungen erfolgen während
des postnatalen Wachstums.
Rückschluss auf das Alter des Feten. Als Faustregel für Abgesehen von der Länge kann auch aus dem äußer-
den Rückschluss von der Scheitel-Fersen-Länge (SFL) lich erkennbaren Differenzierungszustand des Embryos
auf das Alter gilt: Im 3. bis 5. Lunarmonat lässt sich und dem Entwicklungsstand einiger Organe auf das Al-
durch Quadrieren der Anzahl der Monate die SFL in ter geschlossen werden. So haben z. B. gegen Ende der
cm errechnen; sie beträgt z. B. im 4. Monat 4 ´ 4 = 16 cm. Fetalzeit die Gliedmaßen typische Stellungen:
Ab dem 6. Monat erfolgt die Bestimmung durch Multi-

. Abb. 3.17. Wachstumskurven


in der Fetalzeit (nach Drews 1993)
a3.8 · Neugeborenes
121 3
3.8 Neugeborenes

Kernaussagen |
5 Die Geburt erfolgt in der Regel etwa 38 Wo-
chen nach der Befruchtung.
5 Das Neugeborene zeigt Reifezeichen.
5 Die Entwicklung ist mit der Geburt nicht ab-
geschlossen.

Die Geburt eines Kindes erfolgt in der Regel zwischen


dem 240. und 335. Tag nach dem 1. Tag der letzten Regel-
blutung der Mutter. 280 Tage = 40 Wochen p. m. (post
menstruationem) sind die Norm. Das tatsächliche Alter
des Kindes ist jedoch geringer. Es ergibt sich aus dem
Termin der Ovulation (p. o.) durch Abzug von 14 Tagen
vom P.-m.-Termin. Es liegt bei ungefähr 266 Tagen = 38
. Abb. 3.18. Gestalt, Gestaltänderung und Proportionsverschie-
bungen in der Embryonal- und Fetalperiode. Zum Vergleich Pro- Wochen.
portionen des Erwachsenen
Reifezeichen. Das Gewicht des reifen Neugeborenen be-
4 Unterarm und Hände in Pronationsstellung trägt 3000–3500 g, die Scheitel-Fersen-Länge ungefähr
4 Daumen in Opposition 50–52 cm, der Schulterumfang 33–35 cm, der frontookzi-
4 Füße in Supination pitale Kopfumfang 35 cm. Finger- und Zehennägel über-
4 Großzehe in Abduktion ragen die Kuppen der Finger und Zehen. Die Hoden ha-
ben den Deszensus ins Skrotum vollzogen. Bei Mädchen
Organentwicklung. Sie beginnt mit Ausbildung der Or- bedecken die großen Labien die kleinen. Proximale Ti-
gananlage, in der Regel während der Embryonalperiode, bia- und distale Femurepiphyse haben einen röntgeno-
und ist meist erst postnatal beendet. Sie verläuft organ- logisch nachweisbaren Knochenkern. Durch die Ausbil-
spezifisch und ist mit einer bereits pränatal beginnen- dung des subkutanen Fettgewebes erscheint die Haut ro-
den Funktionsaufnahme verbunden. Aus diesem Grund sig (bei einer Frühgeburt »krebsrot«). Sie trägt Här-
erfolgt die Besprechung der Entwicklung der Organe im chen, die Lanugobehaarung, und ist mit einer weißen
Rahmen der einzelnen Kapitel. fettigen »Schmiere« (Vernix caseosa) überzogen. Es
handelt sich um das Sekret der Talgdrüsen, das sich
mit Lipiden des Fruchtwassers und abgestoßenen Epi-
> In Kürze dermiszellen vermischt hat.
In der Fetalperiode ändern sich die Körperpro-
portionen, da das Wachstum zwar stark, jedoch
heterogen ist. Von der Körpergröße kann auf > In Kürze
das Alter geschlossen werden. Die Organogenese Das Neugeborene befindet sich etwa in der 38.
ist bis zur 28. Entwicklungswoche soweit fort- Entwicklungswoche. Es ist zwar lebensfähig, aber
geschritten, dass prinzipielle Lebensfähigkeit be- nicht reif. Sog. Reifezeichen markieren lediglich
steht. einen Entwicklungszustand.
122 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

3.9 Mehrlinge

Kernaussage |
5 Zu Mehrlingen kann es durch Befruchtung
von mehreren Oozyten oder durch atypische
3 Trennung des Keims während der Entwick-
lung kommen.

Zwillingsgeburten kommen in 1%, Drillingsgeburten in


0,01% und Vierlingsgeburten in 0,0001% vor. Auch über
Fünf- bis Siebenlinge wird berichtet. Zweieiige Zwillinge
machen 75% aller Zwillingsgeburten aus. Sie entstehen
aus zwei verschiedenen Eizellen, die annähernd gleich-
zeitig aus zwei verschiedenen Follikeln freigesetzt und
befruchtet wurden. Bisweilen enthält ein Follikel auch
zwei Oozyten. Die beiden Blastozysten implantieren
sich getrennt. Jede bildet ihre eigene Plazenta, ihr eige-
nes Amnion und ihr eigenes Chorion. Liegen die Im-
plantationsstellen dicht beieinander, können die Plazen-
ten und anscheinend auch die Chorionhöhlen konfluie-
ren. Die Amnionhöhlen bleiben jedoch stets getrennt. . Abb. 3.19. Entstehung eineiiger Zwillinge. Die beiden Blasto-
Die Ähnlichkeit zwischen zweieiigen Zwillingen ist meren haben sich voneinander getrennt und bilden zwei Blasto-
nicht größer als unter Geschwistern. Sie können also zysten (A). In der Blastozyste hat sich der Embryoblast geteilt (B).
auch verschiedengeschlechtlich sein. Im Blastozystenstadium (C) zeigt das Ektoderm der Keimscheibe
eine Längsspaltenbildung

Eineiige Zwillinge entstehen aus einer Zygote. Dadurch


sind eineiige Zwillinge genetisch identisch. Die Tren- 3.10 Fehlbildungen
nung in zwei Individuen erfolgt meist im frühen Blasto-
zystenstadium oder bei der Bildung des Primitivkno-
tens. Im Übrigen kann auf die verschiedenen Möglich- Kernaussagen |
keiten der Entstehung eineiiger Zwillinge aus Eihautbe- 5 Fehlbildungen können auf genetische
funden geschlossen werden (. Abb. 3.19). Störungen zurückgehen.
Eineiige Drillinge kommen wohl dadurch zustande, 5 Für die Entstehung von Fehlbildungen durch
dass sich die Embryonalanlage im 3-Zellstadium in drei exogene Schäden gibt es häufig teratogene
Blastomeren geteilt hat. Determinationsperioden.
5 Fehlbildungen können einzelne Organe be-
treffen, aber auch Mehrfachbildungen oder
> In Kürze
ein Situs inversus sein.
Mehrlinge sind selten. Sie können eineiig – her-
vorgegangen aus einer Zygote – oder zweieiig
Etwa 2–3% aller Lebendgeborenen weisen eine, oft meh-
sein – durch Befruchtung von zwei Eizellen.
rere Fehlbildungen auf. Manche Fehlbildungen sind mit
dem Leben unvereinbar, andere sind unauffällige Ano-
malien. Bemerkenswert ist, dass 50–60% aller Früh-
aborte Chromosomenstörungen aufweisen.
a3.10 · Fehlbildungen
123 3
Fehlbildungen können hervorgerufen werden durch X-Chromosom vorhanden. Es kommt zu Dysplasie der
4 endogene Faktoren Gonaden und Minderwuchs. Ein wesentlich erhöhtes
4 exogene Faktoren Risiko für weitere Fehlbildungen besteht jedoch nicht.
Sonderfälle sind Es treten auch keine Intelligenzdefekte auf.
4 Mehrfachbildungen
4 Situs inversus Strukturelle Chromosomenaberrationen. Sie können zu
vielfältigen Fehlbildungen mit schweren Krankheitsbil-
Endogene Faktoren sind vor allem Chromosomenstö- dern führen. Auch hierbei können Autosomen und Go-
rungen, Chromosomenaberrationen. Sie sind entweder nosomen betroffen sein (Einzelheiten 7 Lehrbücher der
4 nummerisch oder Humangenetik).
4 strukturell

Nummerische Störungen gehen auf eine fehlerhafte Ver- Exogene Schäden. Die Liste exogener Faktoren – als Te-
teilung von Chromosomen während der Meiose zurück. ratogene bezeichnet –, die Fehlbildungen hervorrufen,
Durch non-disjunction gelangen jeweils zwei homologe ist lang. Hierzu gehören der Alkohol (zur Zeit in
Chromosomen in eine Keimzelle. Bei der Befruchtung Deutschland das häufigste Teratogen), körpereigene
entsteht dadurch eine Zygote, bei der statt eines Chro- und körperfremde Giftstoffe (z. B. manche Medikamen-
mosomenpaares drei Chromosomen vorhanden sind te), Erreger von Infektionskrankheiten (z. B. Rötelvi-
( Trisomie). Andererseits gibt es nummerische Störun- ren), Röntgenstrahlen und manches andere. Vielfach
gen, bei denen einem Chromosomenpaar ein Chromo- spielt die Art der Teratogene für die Entstehung der
som fehlt (Monosomie). Fehlbildung eine nachgeordnete Rolle. Entscheidend
ist in jedem Fall, dass sich die betroffene Organanlage
Nummerische Störungen können auftreten bei der Ver- in einer gegenüber Teratogenen sensiblen Phase, in
teilung der der teratogenetischen Determinationsperiode, befindet.
4 Autosomen (Autosomen sind die 22 Chromosomen- Diese liegt zeitlich vor der Manifestation der Fehlbil-
paare, die beiden Geschlechtern gemeinsam sind) dung, überwiegend in der Embryonalperiode. Deswe-
und gen werden die Missbildungen, die durch exogene Tera-
4 Gonosomen (Geschlechtschromosomen). togene bis zur 12. Woche der Embryonalentwicklung her-
vorgerufen werden, auch als Embryopathien bezeichnet.
Autosomal-bedingte Fehlbildungen. Am häufigsten ist Fehlbildungen, die durch Teratogene hervorgerufen
die Trisomie von Chromosom 21. Sie führt zum Down- werden, die in der Fetalzeit wirken (z. B. am Gehirn),
Syndrom (überholte Bezeichnung: Mongolismus). Hier- sind Fetopathien.
bei kommt es zu erheblichen Intelligenzdefekten. Die
Fehlbildung entsteht vermehrt bei Kindern von Eltern Mehrfachbildungen entstehen bei eineiigen Zwillingen
höheren Lebensalters. durch unvollständige Trennung der Individuen während
der Entwicklung. Das Ausmaß der Gewebebrücken zwi-
Gonosomal-bedingte Fehlbildungen. Eine gonosomale schen den Zwillingen ist sehr unterschiedlich.
Trisomie oder Polysomie liegt beim Klinefelter-Syndrom Es kommen vor
vor. Die Chromosomenkombination lautet 44 + XXY 4 Kraniopagus (Verbindung im Kopfbereich),
oder 44 + XXXY. Sie führt zu einem Individuum männ- 4 Thorakopagus (Verbindung im Brustbereich, Siame-
lichen Geschlechts mit weiblichem Habitus. Beim »dou- sische Zwillinge),
ble-male-syndrom« liegt die Kombination 44 + XXYY 4 Pygopagus (Verbindung im Kreuz-/Steißbeinbe-
vor. reich),
Die häufigste gonosomale Chromosomenaberration 4 Dizephalus, ein Individuum mit zwei Köpfen; eine
beim weiblichen Geschlecht ist das »triple-x-syndrom« Spaltbildung, die nur den Kopf betrifft,
(»super-femal-syndrom«) mit der Chromosomenkombi- 4 Teratom: Es handelt sich um einen völlig unförmi-
nation 44 + XXX. gen »inkorporierten Zwilling«, der nur aus einigen
Ein Beispiel für eine gonosomale Monosomie ist das Knochenanlagen, Muskeln, Haaren, Zähnen und
Ullrich-Turner-Syndrom. Hier ist nur das mütterliche Epidermis besteht.
124 Kapitel 3 · Allgemeine Entwicklungsgeschichte

Als Situs inversus wird die spiegelbildliche Verlagerung


von Eingeweiden bezeichnet. Er entsteht durch eine ge- > In Kürze
netisch bedingte Störung bei der Festlegung der Latera- Die Mehrzahl fehlgebildeter Kinder wird nicht le-
lität. Ein Situs inversus tritt gelegentlich bei einem von bend geboren. Von allen lebendgeborenen Kin-
den beiden eineiigen Zwillingen, aber auch bei Einzel- dern haben 2–3% Fehlbildungen. Fehlbildungen
kindern auf. entstehen durch Chromosomenaberrationen,
3 aber auch durch exogene Faktoren. Chromoso-
menaberrationen können autosomal oder gono-
somal bedingt sein. Manche rufen schwere
Krankheitsbilder hervor, u. a. Down-Syndrom,
Klinefelter-Syndrom, Ullrich-Turner-Syndrom. An-
dere führen lediglich zu Anomalien. – Mehrfach-
bildungen betreffen eineiige Zwillinge. Ein Situs
inversus kann sowohl bei eineiigen Zwillingen
als auch bei Einzelkindern auftreten.
4

Blut und Immunsystem


4.1 Blut – 126
4.1.1 Blutplasma – 127
4.1.2 Erythrozyten – 128
4.1.3 Leukozyten – 129
4.1.4 Thrombozyten – 133

4.2 Blutbildung – 133


4.3 Abwehr-/Immunsystem – 136
4.3.1 Überblick – 137
4.3.2 Angeborene Immunität – 138
4.3.3 Erworbene Immunität – 140
4.3.4 Allergie – 149

4.4 Lymphknoten – 150


126 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

4 Blut und Immunsystem

4
i Zur Information 5 Blutplättchen (Thrombozyten) dienen der
Blut und Abwehr-/Immunsystem sind eine untrennbare Ein-
Blutgerinnung z. B. nach Verletzungen.
heit, weil im Blut alle zum Abwehrsystem gehörenden Zellen,
Leukozyten (weiße Blutzellen), und extrazelluläre humorale
Abwehrstoffe vorhanden sind. Quantitativ überwiegen im Blut ist ein Abkömmling des Mesenchyms (7 S. 116). Es
Blut jedoch Erythrozyten (rote Blutzellen), die dem Transport strömt von wenigen Ausnahmen abgesehen (Milz, Pla-
der Atemgase dienen. Erythrozyten und Leukozyten haben
nur eine begrenzte Lebenszeit und werden laufend im roten
zenta) in einer geschlossenen Strombahn und dient
Knochenmark aus hämatopoetischen Stammzellen neu ge- dem Transport von:
bildet. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Erythrozyten 4 Nährstoffen und Sauerstoff zur Versorgung der Kör-
und Leukozyten ist, dass Erythrozyten mit Ausnahme derer perzellen
in der Milz an die Blutbahn gebunden sind, Leukozyten je- 4 Kohlendioxid und anderen Stoffwechselprodukten
doch die Blutbahn verlassen und auch dorthin zurückkehren
können. Zum Abwehrsystem gehören ferner die lymphati-
der Gewebe zu den Ausscheidungssorganen
schen Organe. In primären lymphatischen Organen (Kno- 4 Wirkstoffen zu ihren Zielorganen
chenmark, Thymus) werden Zellen des Abwehrsystems gebil- 4 Zellen und Molekülen des Immunsystems
det. Sie verlassen die primären lymphatischen Organe jedoch 4 Körperwärme von wärmeproduzierenden Organen
in inaktivem Zustand. In den sekundären lymphatischen Or- zur Haut, über die sie an die Umgebung abgegeben
ganen reifen die Abwehrzellen zu Effektorzellen, d. h. zu akti-
ven Abwehrzellen heran. Der Transport der Abwehr-/Immun-
wird
zellen zum Ort ihrer Tätigkeit in den Geweben, in denen sie der
Vernichtung von Krankheitserregern dienen, erfolgt im Blut. Blut besteht aus (. Abb. 4.1)
4 Blutplasma
4 Blutzellen (Blutkörperchen)
4.1 Blut H31
Blutplasma ist der flüssige Anteil des Blutes.

Kernaussagen | Blutzellen sind die geformten Bestandteile des Blutes.


Ihre Neubildung erfolgt im roten Knochenmark. Sie ge-
5 Blut ist eine Suspension von Blutzellen im
hen aus hämatopoetischen Stammzellen hervor. H32
Blutplasma. Es transportiert und verteilt, was
Zu unterscheiden sind:
in die Blutbahn gelangt.
4 kernhaltige Blutzellen:
5 45% des Blutes sind korpuskulär. Es handelt
– Leukozyten (weiße Blutkörperchen)
sich um rote und weiße Blutzellen sowie
4 Blutkörperchen ohne Zellkern:
Blutplättchen.
– Erythrozyten (rote Blutkörperchen)
5 Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) dienen
– Thrombozyten (Blutplättchen)
dem Transport der Atemgase O2 und CO2.
5 Weiße Blutzellen (Leukozyten) sind Bestand-
Die Gesamtblutmenge beträgt etwa ein Zwölftel des
teile des Abwehrsystems. Sie vermitteln Im-
Körpergewichts, bei Erwachsenen ca. 5 Liter. Blutzellen
munreaktionen gegen krankheitsverursa-
machen normalerweise etwa 45% des Blutvolumens aus.
chende Pathogene (Mikroorganismen,
Erythrozyten überwiegen stark. Sie können durch Zen-
körperfremde bzw. veränderte körpereigene
trifugation gewonnen werden. Die messbare Menge des
Zellen) und Substanzen verschiedenster Art.
Zentrifugats wird als Hämatokrit bezeichnet.
a4.1 · Blut
127 4

. Abb. 4.1. Bestandteile des Blutes. Die absoluten Zahlen der angaben der einzelnen Leukozytenarten beziehen sich auf die Ge-
Blutkörperchen beziehen sich jeweils auf 1 Liter Blut; die Prozent- samtzahl der Leukozyten

4.1.1 Blutplasma

Kernaussage |
5 Das Blutplasma ist der zellfreie Anteil des
Blutes. Er macht 54–56% des Blutvolumens
aus.

Blutplasma ist eine wässrige Lösung mit 6,5–8% Protei-


nen und 1% niedermolekularen Bestandteilen. Etwa
60% der Proteine sind Albumine, die im Wesentlichen
. Abb. 4.2. Schema der grundlegenden Faktoren der Blutgerin-
den kolloidosmotischen Druck des Blutplasmas bestim- nungskaskade. Die mit Raster unterlegten Faktoren sind stets
men. Die restlichen 40% sind Globuline, zu denen als gelöst im Blutplasma vorhanden. Die anderen werden primär oder
Gerinnungsfaktor Fibrinogen gehört. Fibrinogen ist sekundär durch Thrombozytenzerfall freigesetzt
die Vorstufe des hochmolekularen wasserunlöslichen Fi-
> Klinischer Hinweis
brins (7 Kapitel 4.1.4, . Abb. 4.2). Andere Globuline
Das Mengenverhältnis von Albuminen zu Globulinen be-
(a, b) haben spezielle Transportaufgaben, c-Globuline stimmt die Stabilität der Suspension der Blutkörperchen im
(lösliche Antikörper) spezifische Abwehrfunktionen. Blutplasma. Nehmen die Albumine ab, z. B. bei schwerem
Hunger oder bei proteinverbrauchenden Tumorerkrankun-
gen, bzw. die Globuline zu, z. B. bei Entzündungen und Aller-
gien, reduziert sich die Stabilität der Suspension und es
Die nach der Gerinnung übrigbleibende Flüssigkeit des erhöht sich die Senkungsgeschwindigkeit der Blutkörperchen
Blutplasmas ist das Blutserum (7 Einzelheiten Lehrbücher im ungerinnbar gemachten Blut: Bestimmung der Blutsen-
der Physiologie). kungsgeschwindigkeit (BSG) in graduierten Glasröhrchen.
128 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

4.1.2 Erythrozyten H31 Im ungefärbten Präparat hat der Erythrozyt eine


gelblich-grüne Farbe. In dickerer Schicht ruft das Hä-
moglobin dagegen die Rotfärbung des Blutes hervor.
Kernaussagen | Dabei gibt sauerstoffreiches Hämoglobin (Oxyhämoglo-
5 Erythrozyten sind kernlos und organellenfrei. bin) dem Blut eine hellrote, sauerstoffarmes (desoxy-
5 95% des Trockengewichts der Erythrozyten geniertes) Hämoglobin eine dunkle blaurote Farbe.
besteht aus Hämoglobin, das dem Transport
der Atemgase O2, CO2 dient. > Klinischer Hinweis
4 5 Die Lebensdauer von Erythrozyten beträgt Bei Anämien (Blutarmut) ist der Hb-Wert (Hämoglobin in 100
100–120 Tage. ml Blut) erniedrigt. Nach Blutverlust ist der Hämoglobingehalt
jedes einzelnen Erythrozyten normal, die Anzahl der Erythro-
zyten jedoch reduziert (normochrome Anämie). Bei Eisenman-
1 mm3 (ll) Blut enthält beim Mann 5–6, bei der Frau et- gel, der zu einer reduzierten Hämoglobinsynthese bei norma-
ler Proliferation der Knochenmarkstammzellen führt, ist der
wa 4,5 Mio. Erythrozyten (4,5–5,0 ´ 1012/l). Geringe Ab- Hb- Gehalt der Erythrozyten reduziert (hypochrome Anämie).
weichungen fallen in die normale Variationsbreite, stär- Bei Vitamin-B12-Mangel, durch den die Proliferation von Blut-
kere Vermehrung (Polyzythämie) oder Verminderung, stammzellen bei normaler Hämoglobinsynthese beeinträch-
(Anämie) sind pathologisch. Bei einer Gesamtblutmen- tigt wird, ist die Erythrozytenzahl erniedrigt, der Hb-Gehalt
ge von 5 Litern verfügt der menschliche Körper über 25 des einzelnen Erythrozyten aber erhöht (hyperchrome Anä-
mie).
Billionen (25 ´ 1012) Erythrozyten, die eine Gesamtober- In hypotonen Lösungen schwellen die roten Blutkörper-
fläche von 3000–4000 m2 haben. chen durch osmotische Wasseraufnahme. Sie platzen und ge-
ben das Hämoglobin an das Medium ab (Hämolyse). In hyper-
tonen Lösungen schrumpfen die Erythrozyten zur »Stech-
Mikroskopische Anatomie. Die roten Blutkörperchen des
apfelform«.
Menschen sind kernlose, runde, bikonkave Scheiben
(. Abb. 4.1). Ihre starke elastische Verformbarkeit, her-
Die Lebensdauer der menschlichen Erythrozyten be-
vorgerufen durch ein Membranskelett aus Spektrin- und
trägt 100 bis 120 Tage. Sie werden von Makrophagen
Aktinfilamenten, ermöglicht ihre Passage durch sehr
in Milz, Leber und Knochenmark abgebaut. Aus den
enge Kapillaren. Der mittlere Durchmesser eines
Abbauprodukten des Hämoglobins wird in der Leber
menschlichen Erythrozyten beträgt 7,5 lm. Stärkere
Gallenfarbstoff gebildet; das Eisen wird für die Neubil-
Größenabweichungen (Poikilozytose) sind krankhaft.
dung von Erythrozyten im roten Knochenmark verwen-
Am Rand ist der Erythrozyt etwa 2,5 lm, im Zentrum
det. Zum Ausgleich für die abgebauten Erythrozyten
etwa 1 lm dick. Daher erscheint in der Aufsicht das
werden täglich 200–250 Mrd., etwa 1% aller Erythrozy-
Zentrum heller als der Rand. Der ausgereifte Erythrozyt
ten, neu gebildet (»Blutmauserung«). Dies entspricht
enthält keine Zellorganellen. Die Glykokalix der Plasma-
dem Erythrozytenanteil von 45 ml Blut.
membran beherbergt Blutgruppenantigene, die die
Blutgruppen charakterisieren (AB0-System, Rhesusfak-
tor u. a.). > In Kürze
Der Inhalt des Erythrozyten besteht, bezogen auf
Erythrozyten bilden die größte Fraktion der Blut-
das Trockengewicht, zu 95% aus dem eisenhaltigen Blut-
zellen. Sie sind kernlos, flexibel und haben Schei-
farbstoff Hämoglobin (Hb), der dem Transport der
benform (Durchmesser 7,5 lm). Die Lebensdauer
Atemgase O2 und CO2 dient. 100 ml Blut enthalten nor-
der Erythrozyten beträgt 100 bis 120 Tage. Der
malerweise 12–17 g Hb, im Mittel 16 g/100 ml (= Hb-
rote Blutfarbstoff ist das Hämoglobin, das O2
Wert). Dies entspricht 30–32 pg Hb je Erythrozyt (= nor-
bzw. CO2 bindet.
maler MCH-Wert = mean corpuscular hemoglobin).
a4.1 · Blut
129 4
4.1.3 Leukozyten H31
. Tabelle 4.1. Normalwerte des weißen Differenzialblut-
bildes in Prozent
Kernaussagen | Granulozyten
neutrophile 60% (55–65%)
5 Leukozyten (weiße Blutzellen) sind Zellen des
eosinophile 3,4% (2–4%)
Immunsystems. Sie wechseln zwischen intra- basophile 0,5% (0,5–1%)
vasalem und extravasalem Aufenthalt.
5 Bei Leukozyten wird zwischen einer mye-
Lymphozyten 30% (20–40%)
loischen und einer lymphatischen Zelllinie
unterschieden.
Monozyten 6% (4–7%)
5 Zur myeloischen Zelllinie gehören neutro-
phile, eosinophile und basophile Leukozyten, * Mittelwert und Streuung
die zusammenfassend als Granulozyten be-
zeichnet werden, Monozyten und dendriti-
sche Vorläuferzellen. Die Zellen dieser Zell-
Im Blutausstrich lassen sich lichtmikroskopisch unter-
linie sind insbesondere an der angeborenen
scheiden (. Abb. 4.1):
Immunität beteiligt.
4 Granulozyten
5 Lymphozyten als Zellen der lymphatischen
4 Lymphozyten
Zelllinie kommen gehäuft in den lymphati-
4 Monozyten
schen Organen vor. Sie dienen teils der er-
worbenen (B- und T-Lymphozyten), teils der
Ihr jeweiliger prozentualer Anteil an der Gesamtzahl der
angeborenen Immunität (NK-Zellen).
Leukozyten ist trotz physiologischer Schwankungen
recht charakteristisch (. Tabelle 4.1). Bei Erkrankun-
Leukozyten sind kernhaltige Blutzellen. gen können sich die Zahlenverhältnisse erheblich ver-
Die Zahl der Leukozyten beträgt im Blut des Er- schieben.
wachsenen 5000–10000 pro ll (= 5–10 ´ 109/l). Die Zahl
variiert innerhalb dieser physiologischen Werte unter i Zur Information
den Einflüssen von Tageszeit, Verdauungstätigkeit, kör- Blutausstriche dienen der Ermittlung des quantitativen Vor-
perlicher Arbeit, Gravidität u. a. kommens der verschiedenen Leukozytenarten. Sie werden
durch Ausstreichen eines nativen Bluttropfens auf einem Ob-
jektträger hergestellt, der nach Lufttrocknung, Fixierung und
> Klinischer Hinweis Färbung mit einem Deckglas eingedeckt wird. Die Unterschei-
Bei zahlreichen Erkrankungen kommt es zu einer Vermehrung dung der verschiedenen Blutzellformen erfolgt nach struktu-
(Leukozytose) oder Verminderung (Leukopenie) der Leukozy- rellen und färberischen Gegebenheiten.
tenzahl bzw. zum Fehlen von Leukozyten (Agranulozytose). Ei-
ne Leukozytose tritt z. B. bei akuten Entzündungen und bei
Leukämien, das sind Tumorerkrankungen des Knochenmarks, Granulozyten
auf; eine Leukopenie z. B. nach Verabreichung von Zytostati-
ka, durch radioaktive Strahlen und als Nebenwirkung von Me-
dikamenten. Wichtig | |
Granulozyten verweilen im Blut bis sie aktiviert
Nur ein kleiner Teil der Leukozyten hält sich im werden. Dann gelangen sie ins Gewebe und sind
strömenden Blut auf. Die meisten Leukozyten befinden an der Abwehr von Mikroorganismen beteiligt.
sich außerhalb der Blutbahn in den Geweben, Lympho-
zyten vor allem in lymphatischen Organen. Leukozyten Granulozyten sind runde Zellen mit einem Durchmes-
sind amöboid beweglich. Sie können die Wand post- ser von 10–15 lm.
kapillärer Venolen durchwandern, sich im Gewebe fort-
bewegen und in die Blutbahn zurückkehren. Die Le- Das Zytoplasma der Granulozyten enthält typische Gra-
bensdauer der weißen Blutkörperchen beträgt je nach nula, die sich in reifen Granulozyten durch ihre Affinität
Art und Funktion einige Tage bis zu mehreren Jahren. zu sauren bzw. basischen Farbstoffen unterscheiden.
130 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

i Zur Information > Klinischer Hinweis


Zur Darstellung dieser färberischen Unterschiede eignet sich Bei Erkrankungen kann sich das Mengenverhältnis von unrei-
am besten eine Farbmischung aus Methylenblau und Eosin fen zu reifen Neutrophilen ändern. Treten mehr Stabkernige
bzw. Azur. Von ihren verschiedenen Modifikationen wird in auf, z. B. bei Infektionskrankheiten, spricht man von Linksver-
der Hämatologie am häufigsten die von Pappenheim einge- schiebung; treten mehr Hypersegmentierte auf von Rechtsver-
führte Kombination der May-Grünwald- mit der Giemsa-Fär- schiebung.
bung verwendet.
Neutrophile Granulozyten verlassen in der Region einer
Nach Art der Anfärbung der Granula werden unter- Entzündung unter dem Einfluss von Zytokinen und an-
4 schieden: deren Mediatoren die Blutbahn. Zytokine sind von Zel-
4 neutrophile Granulozyten len gebildete Proteine, die das Verhalten anderer Zellen
4 eosinophile Granulozyten beeinflussen. Zunächst kommt es zu einer Anheftung
4 basophile Granulozyten der Neutrophilen an die Kapillarwand. Anschließend
passieren sie das Endothel (Diapedese) und wandern
Granulozyten unterscheiden sich jedoch nicht nur in ih- amöboid ins entzündete Gewebe. Dort können sie Pa-
rer Granulierung sondern auch durch ihre Kernformen. thogene binden, da sie über Rezeptoren verfügen, die
in der Lage sind, zwischen Oberflächenmolekülen von
Gemeinsam sind die Granulozyten Träger einer angebo- Pathogenen, z. B. bakteriellen Lipopolysacchariden,
renen Immunität (7 S. 138). Die einzelnen Granulozy- und körpereigenen Zellen zu unterscheiden. Bei der
tentypen sind funktionell unterschiedlich. Bindung eines Pathogens können auch Komplemente
mitwirken, d. h. Plasmaproteine, die das Pathogen
Neutrophile Granulozyten umhüllt (opsoniert) haben (7 S. 148). Kennzeichnend
ist, dass Neutrophile aktiv werden, ohne vorher dem
Wichtig | | zu bindenden Pathogen begegnet zu sein. Außerdem
nehmen sie unspezifisch jedes Pathogen auf, deswegen
Neutrophile Granulozyten sind unspezifisch angeborene unspezifische Immunität.
phagozytierende Zellen. Aktiviert nehmen sie in Die Aufnahme des an den Rezeptor gebundenen Pa-
den Körper eingedrungene Bakterien auf und thogens erfolgt aktiv durch Phagozytose (7 S. 19). In-
bauen diese ab. Die Neutrophilen sind die wich- trazellulär entstehen Phagosomen, die mit Granula der
tigsten Komponenten der angeborenen Immu- Neutrophilen verschmelzen. Die Granula der Neutrophi-
nität. len enthalten Lysozym, das Bakterienwände andaut, au-
ßerdem toxische Sauerstoff- und Stickstoffderivate, an-
Neutrophile Granulozyten bilden die häufigste Leukozy- timikrobielle Peptide und Laktoferrin, das freies Eisen
tenpopulation des Blutes. Im Blutbild machen sie bindet und damit den Bakterien Nährstoff entzieht. Es
55–65% aller Leukozyten aus. Der Durchmesser eines kommt zum Bakterienabbau.
Neutrophilen beträgt etwa 12 lm. Kurz nach der Phagozytose gehen die Neutrophilen
Die Granula im Zytoplasma der Neutrophilen sind zugrunde. Die toten und absterbenden Neutrophilen
sehr fein und färben sich mit den üblichen Farbstoff- sind Hauptbestandteil des Eiters.
gemischen leicht violett an (. Abb. 4.1). Der kräftig ge- Zusätzlich vermögen Neutrophile Substanzen, die
färbte Zellkern zeigt 2–4 miteinander verbundene Seg- intrazellulär toxisch wirken, in die Umgebung abzuge-
mente: segmentkernige neutrophile Granulozyten. ben. Dadurch kann es zu Gewebeschäden mit Ein-
schmelzungsherden kommen, so dass Furunkel entste-
Bei noch nicht ausgereiften Jugendformen der Neutro- hen.
philen fehlt die Segmentierung. Man spricht hier von
stabkernigen Granulozyten, etwa 2–4% im Blutaus- i Zur Information
strich. Kürzlich wurde entdeckt, dass sich 5–8% der Neutrophilen
ähnlich wie T-Lymphozyten verhalten (7 S. 141). Aktiviert
schütten sie den Botenstoff Interleukin 8 aus, der andere
Neutrophile zu einem Infektionsherd lockt.
a4.1 · Blut
131 4
> Klinischer Hinweis Eosinophile Leukozyten können ebenfalls phagozytie-
Erhöhte Zahlen von neutrophilen Granulozyten im Blut ren, jedoch langsamer und selektiver als Neutrophile.
(> 9000 je mm3 Blut) sind in der Regel Anzeichen einer akuten Aufgenommen und in Lysosomen abgebaut werden
bakteriellen Entzündung. Mikroorganismen und Antigen-Antikörperkomplexe.

> Klinischer Hinweis


Eosinophile Granulozyten Bei chronischem Parasitenbefall, z. B. durch Würmer, werden
im Knochenmark vermehrt Eosinophile gebildet und es
Wichtig | | kommt zu einer Zunahme der Eosinophilen im Blut, die dann
bis zu 10% der Leukozyten ausmachen können (normal 2–4%)
Eosinophile Granulozyten sezernieren Substan- (Eosinophilie).
zen, die für Parasiten zytotoxisch sind, und
können sich an allergischen Reaktionen beteili-
gen. Basophile Granulozyten

Wichtig | |
Eosinophile Granulozyten machen im peripheren Blut
2–4% der Leukozyten aus. Ihre Lebensdauer beträgt Basophile Granulozyten und die ihnen nahe
10 Tage, ihre Verweildauer im Blut 4–10 Stunden. Eosi- verwandten Mastzellen können auf entspre-
nophile sind etwas größer (Durchmesser über 12 lm) chende Reize hin durch parakrine Sekretion ak-
als die Neutrophilen und enthalten grobe Zytoplasma- tiver Botenstoffe eine unspezifische Entzün-
granula, die sich mit dem sauren Farbstoff Eosin inten- dungsreaktion auslösen.
siv rot anfärben (Azidophilie) (. Abb. 4.1). Dies geht auf
argininreiches basisches Protein in den Granula zurück. Basophile Granulozyten sind selten, < 1% der Leukozy-
Die Granula liegen in der Regel sehr dicht und ver- ten. Sie sind die kleinsten Granulozyten (Durchmesser
decken teilweise den Kern, der meist aus zwei Segmen- 10 lm). Ihre sehr groben Granula färben sich mit basi-
ten besteht. Ultrastrukturell zeigen die von einer Memb- schen Farbstoffen tief blauschwarz und verdecken meist
ran umgebenen, ovalen Granula zahlreiche längsorien- den glatten Zellkern. Die basophilen Granulozyten ha-
tierte elektronendichte Kristalloide. ben nur kurze Überlebenszeiten: Stunden bis Tage.
Überwiegend kommen sie im Blut vor, können aber
Die Granula eosinophiler Granulozyten enthalten lyso- ins Gewebe gelangen. Sie treten im Bereich von
somale Enzyme sowie hochtoxische kationische Protei- Entzündungen auf.
ne, aber kein Lysozym (im Gegensatz zu neutrophilen
Granula). > Klinischer Hinweis
Basophile sind bei allergischen Erkrankungen, z. B. Heuschnup-
Im Blut sind die Eosinophilen inaktiv. Jedoch verlassen fen, im Blut vermehrt.
sie die Blutbahn bei Befall des Organismus mit vielzel-
ligen Parasiten, z. B. Würmern, oder Allergenen, z. B. i Zur Information
Pollen, unter dem Einfluss spezifischer Zytokine und Strukturelle, molekulare und funktionelle Gemeinsamkeiten
bestehen zwischen basophilen Leukozyten und Mastzellen.
gelangen ins Gewebe. Dort kommt es unter Vermittlung Beide Zellen verfügen über basophile Granula, die bei allergi-
von Antikörpern (Immunglobuline, 7 S. 147) und ande- scher Reizung Mediatoren für lokale Entzündungen freisetzen
ren Mediatoren zur Degranulierung. Freigesetzte toxi- (7 S. 139). Weiter werden von aktivierten Basophilen und
sche Granulaproteine (major basic protein) und freie Mastzellen chemotaktische Faktoren ausgeschüttet, die die
Radikale sind in der Lage, Parasiten und Fremdzellen aus den Gefäßen austretenden Granulozyten und Makropha-
gen gezielt anlocken und aktivieren. Jedoch kommen Mast-
abzutöten. Außerdem synthetisieren Eosinophile zellen nur im Gewebe (nicht im Blut) vor, haben eine andere
Entzündungsmediatoren, Prostaglandine, Leukotriene, Stammzellherkunft und sind langlebiger als Basophile. Mast-
plättchen-aktivierenden Faktor, die weitere Eosinophile zellen sind freie Bindegewebszellen (Einzelheiten 7 S. 34).
sowie andere Entzündungszellen anlocken und Entzün-
dungen bzw. allergische Reaktionen einleiten (7 S. 149). Ausführungen zur Granulopoese 7 S. 136.
132 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

Lymphozyten i Zur Information


Die Klassifizierung in kleine und große Lymphozyten basiert
Wichtig | | auf färberisch-lichtmikroskopischen Kriterien. Sie geben je-
doch nicht die funktionellen Unterschiede zwischen den ver-
Lymphozyten können die Blutbahn verlassen schiedenen Lymphozytenklassen wider (7 Ausführungen
und ins Gewebe wandern. Wenn sie dort auf ein über B- und T-Lymphozyten S. 145 und S. 141).
Antigen treffen, werden sie aktiviert. Sie prolife-
rieren und entwickeln ihre Funktionsmerkmale. Monozyten
Anschließend können Lymphozyten erneut in die
4 Blutbahn gelangen, d. h. sie rezirkulieren. Wichtig | |
Monozyten befinden sich nur kurzfristig im Blut.
20–40% der Leukozyten des Blutes sind Lymphozyten.
Danach wandern sie aus und differenzieren sich
Sie stammen hauptsächlich aus dem Thymus und den
im Gewebe zu Makrophagen.
peripheren lymphatischen Organen. Die Lymphozyten-
stammzellen befinden sich dagegen im Knochenmark.
Knochenmark und Thymus sind primäre lymphatische Monozyten (4–7% der Leukozyten im Blutausstrich)
Organe. Kennzeichnend für Lymphozyten ist ein häufi- sind mit 10–18 lm Durchmesser die größten Leukozy-
ger Wechsel des Aufenthaltsortes. ten. Der mäßig chromatinreiche, häufig exzentrisch ge-
legene Zellkern ist oval bis nierenförmig, seltener ge-
Im Blutausstrich werden unterschieden: lappt (wichtiges Kriterium zur Unterscheidung von gro-
4 kleine Lymphozyten ßen Lymphozyten). Im Zytoplasma kommen viele Mito-
4 große Lymphozyten chondrien, ein umfangreicher Golgiapparat und zahlrei-
che Lysosomen vor, jedoch nur wenig RER und wenig
Kleine Lymphozyten (Durchmesser 6–8 lm) sind kaum Ribosomen. Lichtmikroskopisch erscheint das Zytoplas-
größer als Erythrozyten und erscheinen lichtmikrosko- ma daher nur schwach basophil und mit feinen Azur-
pisch ungranuliert. Der runde, sehr dichte Zellkern mit granula übersät.
kondensiertem Chromatin ist von einem dünnen, durch Monozyten halten sich im Blut nur kurzfristig auf
viele freie Ribosomen basophilen Zytoplasma umgeben. (Halbwertzeit 12–100 h). Dann wandern sie dank ihrer
Lichtmikroskopisch kann der Eindruck »nackter« Kerne amöboiden Beweglichkeit durch die Wände der post-
entstehen. kapillären Venolen ins Gewebe, wo sie mehrere Monate
Kleine Lymphozyten sind keine einheitliche Popula- überleben und sich mehrheitlich in Abhängigkeit von
tion. Teilweise gehören sie zu Antikörper-produzieren- ihrer Umgebung zu verschiedenen Typen von Makro-
den B-Lymphozyten, teilweise zu zytotoxischen T-Lym- phagen differenzieren (7 S. 138).
phozyten (7 unten). Sie sind Träger der erworbenen
Monozyten haben auf ihrer Oberfläche Rezeptoren, die
Immunität. Kleine Lymphozyten sind im Blut inaktive
Fremdmaterial binden können, z. B. Immunglobuline,
Zellen.
Komplementkomponenten, Fibronectin. Mit Hilfe dieser
Rezeptoren wirken Monozyten bei der Abwehr von
Große Lymphozyten sind im Blut selten. Ihr Durchmes-
Mikroorganismen durch Phagozytose und intrazellulä-
ser liegt zwischen 8–12 lm. Der Zellkern ist oval oder
rem Abbau mit.
leicht eingebuchtet. Im Zytoplasma kommen sehr feine
azurophile Granula vor, bei denen es sich um primäre
Lysosomen handelt. In aktivierter Form sind die großen Dendritische Zellen
Lymphozyten natürliche Killerzellen, NK-Zellen, die
u. a. Tumorzellen und virusinfizierte Zellen erkennen Wichtig | |
können. NK-Zellen gehören zu den Leukozyten mit an- Dendritische Zellen reifen erst in Lymphknoten,
geborener Immunität (7 S. 138). wenn sie auf ein Pathogen getroffen sind.

Dendritische Zellen liegen im Blut nur als Vorläuferzel-


len in unreifer Form vor.
a4.2 · Blutbildung
133 4
> Klinischer Hinweis
> In Kürze Jede Schädigung oder Verletzung des Gefäßendothels, aber
Leukozyten erfüllen Abwehraufgaben. Nach auch eine längerfristige Stase (Stillstand) von Blut führt zu
Verklumpen und Zerfall der Blutplättchen. Es bildet sich bei
strukturellen und funktionellen Kriterien werden
Zerstörung der Gefäßwand zunächst ein Thrombozyten-
sie unterteilt in neutrophile, eosinophile und ba- pfropf, der an das freigelegte Kollagen der Gefäßwand bindet
sophile Granulozyten, große bzw. kleine Lym- und durch Fibrinogen verfestigt wird. Durch Gerinnung des
phozyten und Monozyten. Jede dieser Zellarten Blutplasmas kann eine Blutung aus kleinen Gefäßen zum Ste-
spielt eine spezielle Rolle bei der Bekämpfung hen gebracht werden. Da die Thrombozyten außerdem große
Mengen Serotonin enthalten, das glatte Muskelzellen zur
von Fremdorganismen.
Kontraktion veranlasst, fördert ihr Zerfall die Stillung der Blu-
tung durch Gefäßverengung. Es können aber auch ohne Ge-
fäßverletzung Blutgerinnsel entstehen (Thromben). Werden
Blutgerinnsel verschleppt, kann es an anderer Stelle zum Ge-
fäßverschluss (Embolie) kommen. Mangel an Gerinnungsfak-
4.1.4 Thrombozyten H31 toren, z. B. genetisch bedingter Mangel an Faktor VIII, als Hä-
mophilie A bezeichnet, oder Leberschäden mit mangelhafter
Produktion von Prothrombin und Fibrinogen oder Leukämien
Kernaussage | mit gestörter Produktion von Thrombozyten führen zu einer
5 Thrombozyten (Blutplättchen) leiten bei Zer- gesteigerten, z. T. fatalen Blutungsneigung.
fall durch Freisetzung von Thrombokinase
die Blutgerinnung ein. > In Kürze
Thrombozyten sind kleine unregelmäßig gestal-
Thrombozyten sind kernlose und äußerst fragile Plat-
tete kernlose Scheiben (Durchmesser 2 lm). Im
ten. Ihr Durchmesser beträgt etwa 2 lm. Mit konventio-
zentralen Granulomer kommen kleine Mitochon-
nellen Methoden lassen sie sich kaum anfärben. Im Blut-
drien, Vakuolen und Vesikel u .a. mit Thromboki-
ausstrich liegen sie meist gruppenförmig zusammen.
nase vor, die bei Zerfall der Thrombozyten freige-
Ihre Zahl schwankt unter normalen Bedingungen zwi-
setzt wird und die Blutgerinnung einleitet.
schen 200 000 und 300 000 je mm3 Blut (2–3 ´ 1011/l).
Thrombozyten zirkulieren nur kurzfristig, 5–10 Ta-
ge, im Blut und werden dann hauptsächlich in der Milz
phagozytiert.
Elektronenmikroskopisch lassen sich ein granulier- 4.2 Blutbildung H32
tes Zentrum (Granulomer), eine mit Filamenten ausge-
stattete Außenzone (Hyalomer) und eine unregelmäßige
Oberfläche mit filopodienartigen Fortsätzen unterschei-
Kernaussagen |
den. Die Granula des Granulomers sind teils kleine Mi- 5 Pränatal lassen sich eine megaloblastische,
tochondrien, teils Vakuolen und Vesikel. eine hepatolienale und eine medulläre Phase
Das Granulomer enthält zahlreiche Signalmoleküle, der Blutbildung unterscheiden.
u. a. Serotonin und das Enzym Thrombokinase, die 5 Die Blutbildung im roten Knochenmark geht
beim Plättchenzerfall freigesetzt werden. Die Thrombo- von hämatopoetischen Stammzellen aus.
kinase aktiviert in Gegenwart weiterer Gerinnungsfak- 5 Hämatopoetische Stammzellen differenzie-
toren, beispielsweise Faktor VIII und Kalziumionen, ren sich zu determinierten Stammzellen, aus
das in der Leber gebildete Prothrombin zum Thrombin. denen Erythroblasten und Vorläuferzellen für
Letzteres wandelt das im Blutplasma gelöste Fibrinogen die myeloische und lymphatische Zelllinie der
(7 S. 127) in das fibrilläre Polymerisat Fibrin um Leukozyten hervorgehen.
(. Abb. 4.2). Fibrinnetze verfestigen das Blut zu einem 5 Zur myeloischen Zelllinie gehören Granulo-
Blutgerinnsel. zyten und Monozyten, zur lymphatischen
Zelllinie B-Lymphozyten, T-Lymphozyten und
NK-Zellen. Dendritische Zellen gehen aus
beiden Zelllinien hervor.
134 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

und dendritische Vorläuferzellen gebildet. Der Ersatz


5 Die Differenzierung der B-Lymphozyten er-
von T-Lymphozyten erfolgt in den lymphatischen Orga-
folgt im Knochenmark, die der T-Lymphozy-
nen.
ten im Thymus.
Die Blutbildung im roten Knochenmark geht von
pluripotenten hämatopoetischen Stammzellen aus. Sie
Alle Blutzellen haben eine begrenzte Lebenszeit sind sehr teilungsfreudig und entwickeln sich nach
(7 oben). Überwiegend beträgt sie Tage bis Wochen. mehreren differenziellen Teilungschritten zu determi-
Deshalb müssen alle Blutzellarten fortlaufend ersetzt nierten Stammzellen. Sofern Stammzellen erkennbar
4 werden. Postnatal erfolgt dieser Ersatz im Knochen- sind, ähneln sie mit ihren dichten, runden Zellkernen
mark. Pränatal beginnt die Blutbildung extraembryonal und einem basophilen Zytoplasma strukturell kleinen
in der 2. Entwicklungswoche und intraembryonal ab Lymphozyten. Aus diesen determinierten Stammzellen
der 4. Embryonalwoche. gehen unter dem Einfluss von Zytokinen durch differen-
zielle Zellteilung Vorläuferzellen für die verschiedenen
Zur pränatalen Blutbildung Zelllinien hervor, die als Charakteristikum das Oberflä-
Zu unterscheiden sind chenmolekül CD34 aufweisen (CD = Differenzierungs-
4 megaloblastische Periode cluster).
4 hepatolienale Periode
4 medulläre Periode
> Klinischer Hinweis
Eine heute bei manchen Formen der Leukämie (bösartige Tu-
Megaloblastische Periode. Im 1. Entwicklungsmonat beginnt
morerkrankung der weißen Blutstammzellen) eingesetzte
die Blutbildung in der mesenchymalen Hülle des Dottersacks
Therapie besteht in der vollständigen medikamentösen
(7 S. 108). Aus kompakten Mesenchyminseln entstehen Zell- Tötung aller Knochenmarkstammzellen durch Chemothera-
stränge, die sich oberflächlich zu einem Endothelschlauch pie. Danach wird das Knochenmark durch Injektion von ge-
aus Angioblasten zusammenlagern. Sie bilden die ersten Ge- sunden Knochenmarkstammzellen von geeigneten Spendern
fäßanlagen (7 S. 180). Die zentral gelegenen Zellen (Hämozy- wieder besiedelt. Diese Knochenmarktransplantation ist die
toblasten) differenzieren sich zu auffallend großen, kernhalti- am besten etablierte Form der so genannten Stammzellthera-
gen Erythrozytenvorstufen, die als Megaloblasten bezeichnet pie.
werden.
Erythropoese. Sie nimmt ihren Ausgang von schnell
Hepatolienale Periode. Im 3. Entwicklungsmonat wird das Me- proliferierenden Proerythroblasten, die über Erythro-
senchym der Leberanlage zur wichtigsten Blutbildungsstätte.
blasten durch Einlagerung von viel Hämoglobin und
Etwas später und in geringem Umfang beteiligt sich auch die
durch Verlust der Ribosomen (Verlust der Basophilie)
Milz. In dieser Phase erscheinen erstmalig weiße Blutkörper-
chen. Die Erythrozyten sind in dieser Periode bereits überwie-
zu Normoblasten werden. Diese stoßen durch Zytoplas-
gend kernlos und normal groß; nur noch vereinzelt, meist als makontraktion den apoptotischen Zellkern aus. Dieser
Zeichen eines Sauerstoffmangels, gelangen kernhaltige Eryth- Prozess dauert 2–3 Tage. Die resultierenden kernlosen
rozyten (Normoblasten) ins Blut. Scheiben (Retikulozyten) werden in das Blut abgegeben;
sie enthalten mit Spezialfärbungen darstellbare RNS-
Medulläre Periode. Während Leber und Milz bis zur Geburt für haltige Reste von Zellorganellen. Voll ausgereift und or-
die Blutbildung an Bedeutung verlieren, übernimmt mit dem ganellenfrei sind die Erythrozyten nach 1–2 Tagen. Im
6. Entwicklungsmonat das Knochenmark die Bildung von peripheren Blut sind durchschnittlich 0,5–1,5% Retiku-
Erythrozyten und myeloischen Leukozyten. Auch lympha- lozyten zu finden. Eine Vermehrung weist auf eine ver-
tische Vorläuferzellen proliferieren im Knochenmark, wo
stärkte Erythropoese hin, z. B. bei chronischem Sauer-
B-Lymphozyten zu naiven B-Lymphozyten heranreifen. Unrei-
stoffmangel. Bei größeren Blutverlusten kann die Eryth-
fe T-Lymphozyten wandern dagegen mit dem Blut zum Thy-
mus, reifen dort, werden vermehrt und selektioniert.
ropoese maximal auf das 7fache gesteigert werden, so
dass ein Blutverlust von etwa 300 ml in etwa 1 Tag kom-
pensiert werden kann.
Postnatale Blutbildung (. Abb. 4.3). Auch postnatal Die Erythropoese steht unter dem Einfluss des Hor-
werden im roten Knochenmark während des ganzen Le- mons Erythropoetin, das in der Niere gebildet wird.
bens Erythrozyten, myeloische Leukozyten, B-Lympho- Chronischer Sauerstoffmangel stimuliert die Erythro-
zyten, Megakaryozyten (Vorläufer der Thrombozyten) poese.
a4.2 · Blutbildung
135 4

. Abb. 4.3. Blutzellbildung im Knochenmark. Schematische Übersicht H31, 32


136 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

> Klinischer Hinweis Reife Erythrozyten und Monozyten werden im Knochen-


Erythropoetin steht als pharmakologisches Präparat zur mark nicht gespeichert, sondern nach Ausreifung in die
Verfügung. Missbräuchlich wird es von Sportlern zum Doping Sinus abgegeben. Im Gegensatz dazu werden stabkerni-
verwendet, da es durch Steigerung der Erythrozytenbildung ge Granulozyten auf Vorrat gebildet und zunächst in
und damit verbundener Erhöhung des Sauerstofftransports
den Maschen des retikulären Knochenmarkbindegewe-
Stoffwechsel und Leistungsfähigkeit der Muskulatur steigert.
bes eingelagert, bevor sie durch die Sinuswände ins Blut
Granulopoese. Die Vorläufer der Granulozyten (Promye-
gelangen. Bei erhöhtem Bedarf, z. B. akuten Entzündun-
lozyt, Myelozyt, Metamyelozyt) entstehen ortsständig gen, stehen sie daher unmittelbar zur Verfügung. Erst
4 im Knochenmark. Der anfangs rundliche Zellkern baso- wenn der Speicher entleert ist, werden weitere Granulo-
philer Vorläuferzellen streckt sich allmählich. Es entste- zyten neu gebildet und als stabkörnige neutrophile Gra-
hen die zunächst noch einheitlichen stabkernigen oder nulozyten in die Blutbahn abgegeben (7 Linksverschie-
bung S. 130).
jugendlichen Granulozyten, die in diesem Stadium ins
Blut gelangen und dort 2–3% aller Leukozyten aus-
machen. Pro Tag gelangen etwa 12 ´ 109 Granulozyten > In Kürze
aus dem Knochenmark in die Blutbahn.
Blutbildung (Hämatopoese) findet während des
vor- und nachgeburtlichen Lebens an verschie-
Lymphopoese. Sie verläuft unterschiedlich für B-Zellen,
denen Orten statt. In den ersten beiden Entwick-
T-Zellen und NK-Zellen. B- und NK-Zellen werden im
lungsmonaten werden Erythrozytenvorstufen im
Knochenmark laufend neu gebildet. Zur Ausbildung
Dottersack gebildet (megaloblastische Periode).
von T-Lymphozyten verlässt ein Teil der lymphatischen
In der folgenden hepatolienalen Periode verla-
Vorläuferzellen den Ort ihrer Entstehung und gelangt
gert sich die Bildung von roten und ersten wei-
auf dem Blutweg zum Thymus. Unter dem Einfluss loka-
ßen Blutkörperchen in Leber und Milz. Ab dem
ler Zytokine vermehren sich dort die Vorläuferzellen
letzten Drittel der Fetalzeit übernimmt das rote
stark, entwickeln sich zu naiven T-Lymphozyten, wer-
Knochenmark die Hämatopoese (medulläre Peri-
den selektioniert und ins Blut abgegeben (7 S. 142). B-
ode). Im roten, blutbildenden Knochenmark wer-
und T-Lymphozyten sind die wesentlichen Vertreter
den die Stammzellen aller Blutkörperchen aus
der spezifischen Abwehr (7 unten).
mesenchymalen Vorläufern gebildet. Sie diffe-
renzieren sich über Zwischenstufen zu definiti-
Thrombopoese. Pro Tag werden etwa 500 ´ 109 Throm-
ven Blutzellen, die in den Sinus des Knochen-
bozyten im Knochenmark gebildet. Sie schnüren sich
marks in die Blutbahn gelangen. – Nach der Ge-
von Pseudopodien der Megakaryozyten ab, die durch
burt verfettet das Knochenmark zunehmend. Ro-
ihre Größe (Durchmesser 50–100 lm) und ihren unre-
tes Knochenmark bleibt nur in platten und kur-
gelmäßig gelappten, polyploiden Zellkern in Knochen-
zen Knochen sowie in den Epiphysen der Röhren-
markausstrichen auffallen H32.
knochen erhalten.

Freisetzung neugebildeter Blutzellen aus dem Knochen-


mark. Sie erfolgt in die venösen Sinus des Knochen-
marks.
Das Knochenmarkstroma besteht aus retikulärem
4.3 Abwehr-/Immunsystem
Bindegewebe mit reichlich entwickelten retikulären Fa-
sergespinsten, Fibroblasten, Makrophagen und vielen
Fettzellen. Versorgt wird das Knochenmarkstroma von i Zur Information
Kapillaren, die aus den Aa. nutriciae der Knochen her- Das Abwehr- oder Immunsystem hat die Aufgabe, den Körper
vor Schäden durch pathogene Organismen, die von außen
vorgehen und sich in ein Geflecht aus 50–70 lm weiten
eingedrungen sind, und vor eigenen entarteten Zellen zu
venösen Sinus fortsetzen. Diese Sinus nehmen die reifen schützen. Hierzu muss die schädigende Substanz (Antigen) er-
Blutzellen auf, um sie – in der Regel schubweise – in die kannt und beseitigt werden. Die Vorgänge, die sich hierbei
nachfolgenden Gefäßabschnitte abzugeben. abspielen, werden als Immunantwort bezeichnet. Beteiligt
sind immunkompetente Zellen, die ihren Ursprung in pluri-
potenten Zellen des Knochenmarks haben (7 oben), lösliche
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
137 4
humorale Faktoren, z. B. Antikörper und Komplemente, sowie 4.3.1 Überblick
lymphatische Gewebe. Eine enge Kooperation besteht zwi-
schen einer angeborenen Immunität, die bereits existiert, be-
vor der Organismus mit dem jeweiligen Pathogen in Berüh- Pathogene Organismen sind Bakterien, Viren, Protozo-
rung gekommen ist, und einer erworbenen Immunität, die en, Pilze und Würmer. Teilweise bilden sie Toxine, d. h.
nach Pathogenkontakt entsteht und hohe Spezifität hat.
Gifte, die dem Körper gleichfalls schaden.
Als Antigene werden Moleküle bezeichnet, die von spezi-
fischen Zellrezeptoren bzw. einem Antikörper erkannt und Gegen das Eindringen von Krankheitserregern
gebunden werden. Bei Antigenen handelt es sich meist um schützt das Epithel an der äußeren und inneren Oberflä-
körperfremde Proteine oder Peptide, gelegentlich um Zucker che des Körpers. Hinzu kommen bei der Haut ein Säure-
oder Lipide, z. B. an der Oberfläche von Parasiten. Auch anor- schutzmantel, bei Schleimhäuten ein Oberflächenfilm
ganische Substanzen, beispielsweise Metalle, können in Ver-
aus Schleimstoffen sowie Sekrete mit Peptiden antibak-
bindung mit Proteinen/Peptiden als Antigene wirken.
Antikörper sind Proteine, die spezifisch an ihr Antigen terieller Wirkung (Defensine), z. B. das Lysozym der Pa-
binden. Alle Antikörper werden unter der Bezeichnung Im- nethzellen im Dünndarm (7 S. 356), oder Opsonine an
munglobuline (Ig) zusammengefasst. Sie haben eine identi- der Oberfläche der Lungenalveolen, sowie im Darm eine
sche Grundstruktur. Immunglobuline binden, neutralisieren Bakterienflora, die Krankheitserregern Platz für Nähr-
und eliminieren Krankheitserreger. Antikörper werden von
stoffe streitig macht, und Antikörper.
Plasmazellen gebildet und in die Blutbahn abgegeben (hu-
morale Abwehr). Haben Pathogene dennoch die Oberflächenbarriere
durchbrochen, steht ihnen eine Schar von Abwehrzellen
gegenüber, die entweder im Gewebe vorhanden sind
Kernaussagen | oder durch Freisetzung von löslichen Proteinen (Zytoki-
5 Immunantworten werden durch pathogene nen) angelockt werden. Im Blut treten zusätzlich Kom-
Organismen oder durch entartete Zellen plementproteine auf.
ausgelöst. Für die Wirksamkeit der Abwehrzellen sind das Er-
5 Als Sofortreaktion leiten durch Phagozytose kennen des Pathogens und seine Bindung wesentlich.
von Pathogenen aktivierte Makrophagen so- Dies erfolgt durch Rezeptoren an der Oberfläche der
wohl angeborene als auch erworbene Im- Abwehrzellen bzw. durch humorale Faktoren. Zur Ver-
munantworten ein. nichtung des Pathogens kommt es durch Phagozytose
5 Zellen der angeborenen Immunantwort sind bzw. durch Freisetzung toxischer Substanzen seitens
neben Makrophagen vor allem neutrophile der Abwehrzellen.
Granulozyten. Außerdem geben zytotoxische In einer Sofortreaktion können Pathogene durch
natürliche Killer(NK)zellen eine angeborene Makrophagen mit angeborener Immunität innerhalb
Immunantwort. von 5 Stunden beseitigt werden. Gelingt dies nicht oder
5 Zur angeborenen Keimabwehr steht als lös- nur unvollständig, erfolgt eine akute Entzündungsreak-
licher humoraler Faktor das Komplementsys- tion, bei der weitere Abwehrzellen mobilisiert und akti-
tem zur Verfügung. viert werden. Dieser Vorgang dauert bis zu 4 Tagen. Ist
5 Die erworbene Immunantwort erfolgt durch dieser Vorgang unwirksam, erfolgt eine erworbene Im-
aktivierte T- und B-Lymphozyten. munantwort durch antigenspezifische Lymphozyten.
5 Zur Aktivierung naiver Lymphozyten sind
antigenpräsentierende Zellen erforderlich,
insbesondere dendritische Zellen in lympha-
tischen Organen.
5 Aktivierte T-Zellen wandern zum Infektions-
herd und wirken zytotoxisch.
5 B-Zellen werden durch T-Helferzellen akti-
viert und differenzieren zu Plasmazellen, die
lösliche Antikörper zur Antigenentfernung
freisetzen.
5 T- und B-Zellen können sich zu Gedächtnis-
zellen entwickeln.
138 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

4.3.2 Angeborene Immunität Zellen umwandeln, die in einer geschlossenen Forma-


tion zusammenliegen. Die epitheloiden Zellen können
verschmelzen und große Zellen mit 100 oder mehr Ker-
Wichtig | | nen bilden, die als Fremdkörperriesenzellen bezeichnet
Die angeborenen Immunantworten sind nicht werden.
antigenspezifisch. Die Abwehrzellen können je- Die Lebensdauer der Makrophagen beträgt Tage bis
doch »körperfremd« von »körpereigen« unter- Monate. Danach werden sie meist durch nachrückende
scheiden. Hierfür stehen Rezeptoren zur Verfü- Blutmonozyten ersetzt. In einzelnen Organen können
4 gung, mit deren Hilfe die Abwehrzellen Mole- sich Makrophagen durch Mitose vermehren und sind
külmuster von Krankheitserregern erkennen, die dann mehr oder weniger unabhängig vom Pool der
Erreger an ihre Oberfläche binden und Phago- Blutmonozyten.
zytose mit anschließendem Abbau einleiten.
i Zur Information
Subtypen von Makrophagen sind:
Angeborene Immunität steht mit Lebensbeginn zur 4 Makrophagen des lockeren Bindegewebes (in der älteren
Literatur auch Histiozyten genannt)
Verfügung und richtet sich gegen jedes erkannte Patho-
4 Makrophagen der Milz, der Lymphknoten und des Kno-
gen. chenmarks
4 Makrophagen der serösen Häute: Serosamakrophagen
Bei der angeborenen Immunität werden vor allem wirk- des Peritoneums, der Pleura usw.
sam: 4 Kupffer-Zellen der Lebersinusoide (7 S. 367)
4 phagozytierende Zellen 4 Alveolarmakrophagen in der Alveolarwand der Lunge
(7 S. 278)
– Makrophagen 4 Mikroglia im Gehirn (7 S. 86)
– neutrophile Granulozyten 4 Hofbauerzellen in der Plazenta (7 S. 104)
4 natürliche Killerzellen (NK-Zellen) 4 Chondroklasten und Osteoklasten der Knochen (7 S. 53).
4 humorale Faktoren
Tätigkeiten. Makrophagen bilden die erste Verteidi-
Makrophagen sind die aktive, im Gewebe vorhandene gungslinie gegen in den Körper eingedrungene Erreger.
Form ihrer im Blut zirkulierenden inaktiven Vorstufe, Ihre Rezeptoren erkennen jeweils die Strukturmuster
den Monozyten (7 S. 132). einer Klasse von Krankheitserregern; spezifisch für spe-
Monozyten (. Abb. 4.1) verlassen die Blutbahn zielle Erreger sind sie aber nicht. Ihre Mustererken-
ständig, um die subepithelialen, subserösen und peri- nungsrezeptoren entstehen embryonal. In einer Sofort-
vaskulären Bindegewebe mit einer Sicherheitsreserve reaktion binden Makrophagen schädigende Mikroorga-
von Makrophagen zu versorgen. Bei Entzündungen wer- nismen und phagozytieren sie. Dadurch werden die
den sie durch verschiedene chemotaktische Substanzen Makrophagen aktiviert und zerlegen die Erreger in Pha-
und aktivierte Komplementkomponenten (7 S. 140) so- golysosomen, in die der Inhalt von Lysosomen abge-
wie durch Produkte von Mastzellen (7 S. 149) ange- geben wird. Die Makrophagen überleben. Bei einigen
lockt. Infektionen ist eine spezielle Stimulierung der Makro-
Makrophagen sind morphologisch vielgestaltig. Ihr phagen durch T-Helferzellen erforderlich (7 S. 144).
Aussehen hängt vom Ort ihres Vorkommens und ihrer Anders ist es, wenn sich Erreger (Viren) im Zyto-
Tätigkeit ab. Makrophagen liegen in verschiedenen Sub- plasma von Makrophagen befinden. Dann werden zyto-
typen vor. Überwiegend ist der Zellkern der Makropha- toxische T-Lymphozyten angelockt, die die Makropha-
gen oval oder rund sowie chromatinreich. Das Zytoplas- gen vernichten (7 unten).
ma hat viele Lysosomen und zahlreiche Vakuolen. Oft
ist die Oberfläche der Makrophagen irregulär und zeigt i Zur Information
Pseudopodien, Fältelungen, Protrusionen und Ein- Die Rezeptoren auf der Oberfläche von Makrophagen sind
stülpungen. Kennzeichnend für Makrophagen ist ihre unterschiedlicher Art. Die wichtigsten werden als TOLL-like-
Rezeptoren bezeichnet (TOLL steht für »toll« als Ausdruck
Fähigkeit zu Phagozytose und Wanderung. der Überraschung ihrer Entdecker, dass diese Rezeptoren ei-
Unter bestimmten Umständen, z. B. bei andauernder nem Gen der Fliege Drosophila ähneln). TOLL-like-Rezeptoren
Stimulierung, können sich Makrophagen in epitheloide kommen in mindestens 10 verschiedenen Formen vor.
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
139 4
Aktivierte Makrophagen erfüllen weitere Aufgaben. Sie ne u. a. als Mediatoren in infizierten und entzündeten
bilden und sezernieren nämlich Mediatoren, z. B. Zyto- Gebieten in Funktion.
kine, Chemokine, Adhäsionsmoleküle zur Aktivierung
anderer Zellen. Aktivierte Makrophagen sind also sekre-
torisch tätig. Sie können durch Leukotriene und Prosta- Entzündung
glandine unspezifische Entzündungsreaktionen einlei- Werden Sofortreaktionen auf Erregerbefall nicht oder un-
ten (7 unten). Induziert wird die Bildung der Media- genügend wirksam, kommt es zu Entzündungsreaktionen. Da-
durch wird die Ausbreitung der Infektion behindert.
toren durch Aktivierung der TOLL-like-Rezeptoren.
Bei Entzündungen kommt es zu
Makrophagen produzieren aber auch toxische Sub-
4 Erweiterung lokaler Blutgefäße. Dies führt zu einer Verstär-
stanzen, z. B. freie Radikale und Stickoxid, die Gewe- kung der Durchblutung, die mit Rötung (Rubor) und loka-
beschäden hervorrufen können. ler Temperaturerhöhung (Calor) verbunden ist.
4 Extravasation von neutrophilen Granulozyten und anschlie-
ßend von Monozyten. Diese Mobilisierung ist eine wesent-
i Zur Information
Zytokine sind Zellproteine, die das Verhalten anderer Zellen
liche Effektorfunktion der angeborenen Immunantwort.
beeinflussen. Sie wirken autokrin und parakrin. Zu Zytokinen 4 Zunahme der Durchlässigkeit der Gefäßwände für Flüssig-
gehören u. a. die Familie der Interleukine (IL) und Interferone keiten und Proteine. Die Folge sind Schwellungen des Ge-
(IFN). Zytokine aktivieren u. a. Entzündungszellen, vor allem webes durch ein Ödem (Tumor) und Schmerzen (Dolor)
Makrophagen und neutrophile Granulozyten. durch Reizung von Schmerzrezeptoren.
Chemokine sind niedrig molekulare Zytokine, die eine Für diese Veränderungen sind eine Reihe von Entzündungs-
gerichtete Bewegung von Leukozyten stimulieren. Sie locken mediatoren verantwortlich, insbesondere Zytokine, unter de-
u.a. neutrophile Leukozyten und andere Granulozyten aus nen der Tumornekrosefaktor a (TNFa) der Makrophagen be-
dem Blut in erregerbesiedelte Gebiete. sondere Bedeutung hat. Er ist ein Schlüsselmolekül zur Ein-
Adhäsionsmoleküle bewirken u. a., dass im Blut befindli-
dämmung einer Infektion, da er u. a. Makrophagen und Granu-
che Leukozyten, bevor sie ins Gewebe gelangen, an die Ober-
fläche von Endothelzellen gebunden werden. Sie vermitteln
lozyten aktiviert, die Produktion von Neutrophilen stimuliert
außerdem die Bindung von Zellen untereinander oder an Pro- und die Wanderung von dendritischen Zellen in Lymphknoten
teine der zellulären Matrix. verstärkt.

Natürliche Killerzellen (NK-Zellen). Während Makro-


Nicht in allen Fällen bauen Makrophagen aufgenom-
phagen und neutrophile Granulozyten bei der Abwehr
mene Mikroorganismen vollständig ab. Dann entstehen
extrazellulärer Krankheitserreger führend sind, setzen
Proteinfragmente, die mit MHC-II-Molekülen an die
sich NK-Zellen vor allem mit von Viren befallenen Zel-
Zelloberfläche transportiert und dort anderen Zellen
len auseinander (. Abb. 4.4).
(T-Lymphozyten) als Antigen präsentiert werden
NK-Zellen entwickeln sich aus lymphatischen Vor-
(7 S. 140). Dadurch können Makrophagen auch eine er-
läuferzellen im Knochenmark. Sie gehören zur lympha-
worbene Immunantwort auslösen. Sie wirken dann als
tischen Zelllinie (7 S. 132). Jedoch haben sie keine Anti-
nicht-professionelle antigenpräsentierende Zellen.
genrezeptoren wie T- und B-Lymphozyten. Sie sind des-
Makrophagen entfalten ihre Fähigkeit zur Phagozy-
wegen Zellen der angeborenen Immunantwort.
tose jedoch nicht nur gegenüber Erregern. Sie phagozy-
NK-Zellen können durch Makrophagen-Zytokine
tieren z. B. in Entzündungsgebieten körpereigene zellu-
aktiviert werden und umgekehrt durch ihre Zytokine
läre Zerfallsprodukte, Trümmer abgestorbener neutro-
Makrophagen aktivieren. Ferner werden NK-Zellen
philer Leukozyten und an anderen Orten überalterte
durch virusinfizierte Zellen und auch Tumorzellen akti-
und degenerierte körpereigene Zellen, z. B. Erythrozy-
viert. Mit Viren infizierte Zellen exprimieren nämlich
ten in der Milz, sowie anorganische Partikel, die Epithe-
Proteine, an die Antikörper binden. An diese Anti-
lien passiert haben (z. B. Kohlenstaub, Eisenoxid u. a.).
körper binden dann wiederum NK-Zellen (. Abb. 4.4).
Aktivierte NK-Zellen setzen Granula mit zytotoxischen
Neutrophile Granulozyten (7 S. 130) sind die häufigsten Stoffen frei, die Apoptose der infizierten Zellen auslösen.
Zellen der angeborenen Immunität. Ihre Hauptaufgabe Nicht infizierte Körperzellen sind dagegen vor NK-
ist die Phagozytose. Sie können bereits im Blut tätig Zellen geschützt. NK-Zellen besitzen nämlich killerzell-
werden und dort Erreger phagozytieren und abbauen. hemmende Rezeptoren, die an MHC-I-Moleküle binden
Überwiegend treten sie jedoch, angelockt durch Zytoki- (7 unten), die jede kernhaltige Zelle bildet. Je mehr
140 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

Eine weitere Aufgabe der Komplemente ist, durch


Abspaltung von Anaphylatoxinen inflammatorische Zel-
len anzulocken, zu mobilisieren und Entzündungsreak-
tionen durch Degranulierung von Mastzellen und Eosi-
nophilen zu induzieren.

4.3.3 Erworbene Immunität


4
Wichtig | |
Erworbene Immunantworten sind hochspezi-
fisch. Sie kommen von aktivierten Lymphozyten.
Die Aktivierung erfolgt durch antigenpräsentie-
rende Zellen in sekundären lymphatischen Or-
. Abb. 4.4. Wirkung natürlicher Killerzellen (NK-Zellen). Wird eine ganen. Lymphozyten liegen als T- und B-Zellen
NK-Zelle durch einen Liganden einer virusinfizierten Zelle akti- vor. Aktivierte T-Zellen spielen die führende
viert, setzt sie apoptoseinduzierende Faktoren frei, die die geschä- Rolle. Sie vernichten als zytotoxische Tc-Zellen
digte Zelle töten. Voraussetzung ist, dass ein killerzellhemmender
infizierte Zellen und tragen als T-Helferzellen
Rezeptor (KIR) auf der Oberfläche der NK-Zelle nicht an die infizier-
te Zelle bindet. Geschieht dies, ist die Zelle vor der Wirkung der wesentlich zur Aktivierung von B-Zellen bei.
NK-Zelle geschützt (in Anlehnung an Vollmar et al. 2005) B-Zellen werden zu Plasmazellen, die Antikörper
zur Beseitigung extrazellulärer Pathogene sezer-
nieren.

MHC-I-Moleküle auf der Oberfläche einer Zelle vorhan- Zu erworbenen Immunantworten kommt es, wenn an-
den sind, umso besser ist der Schutz vor der toxischen geborene Immunantworten zur Erregerabwehr erfolglos
Wirkung von NK-Zellen. waren. Im Gegensatz zur angeborenen Immunantwort
sind erworbene Immunantworten sehr spezifisch, d. h.
Lösliche Faktoren bilden ein eigenständiges humorales sie richten sich jeweils gegen ein spezielles Antigen.
Abwehrsystem, das Komplementsystem. Wirkt es selb-
ständig, ist es ein Teil der angeborenen Immunantwort, Bei der erworbenen Immunität werden tätig:
komplementiert es Antikörper, die von Plasmazellen ge- 4 antigenpräsentierende Zellen
bildet werden (7 S. 147), ist es der erworbenen Immun- 4 Lymphozyten
antwort zuzurechnen.
Antigenpräsentierende Zellen (. Abb. 4.5) sind erfor-
derlich, um T-Lymphozyten zu aktivieren. Hierzu
Komplemente sind Proteine, die in der Leber gebildet
müssen Lymphozyten durch ihre Rezeptoren die von
werden und im Blut in größerer Menge vorkommen. den antigenpräsentierenden Zellen angebotenen Anti-
Sie tragen zur Beseitigung von Krankheitserregern bei. gene erkennen.
Aktiviert werden die Komplemente durch ihre pro-
teolytische Spaltung, sodass Effektormoleküle entste-
i Zur Information
hen. Diese werden an die Oberfläche von Erregern ge- Bei den Antigenen, die antigenpräsentierende Zellen auf ih-
bunden und hüllen sie ein (Opsonierung). Phagozyten ren Oberflächen anbieten, handelt es sich um Peptide, die
erkennen dann die Komplementfaktoren auf opsonier- durch Abbau von Erregerproteinen in den antigenpräsentie-
ten Pathogenen. Durch Phagozytose werden die Kom- renden Zellen entstanden sind. Die Peptide werden mit MHC-
plemente entfernt und die lysosomalen Enzyme in den Molekülen an die Zelloberfläche gebracht.
MHC (major histocompatibility complex) ist eine Gruppe
Phagolysosomen führen zum Erregerabbau. Komple- von unterschiedlichen spezifischen Membranglykoproteinen,
mente können aber auch direkt auf Erreger einwirken die von stark polymorphen Genen auf Chromosom 6 des
und eine Lyse herbeiführen. Menschen kodiert werden. Sie kommen als MHC-I-Moleküle
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
141 4
in allen kernhaltigen Zellen und als MHC-II-Moleküle aus- Es gibt jedoch Erkrankungen, bei denen sich Immunre-
schließlich in antigenspezifischen Zellen vor. aktionen auch gegen körpereigene Gewebsantigene richten
Die genetisch bedingte hohe Variabilität der MHC-Mole- und charakteristische Gewebsschäden hervorrufen (Autoim-
küle sowie die Diversität der Proteine und Rezeptoren (7 un- munerkrankungen). Sie treten auf, wenn im Organismus die
ten) an der Oberfläche der Lymphozyten führen zur Spezifiät
Fähigkeit, zwischen »selbst« und »nicht-selbst« zu unterschei-
der erworbenen Immunantwort.
den, verloren gegangen ist, z. B. beim Diabetes Typ I (Schädi-
gung der B-Zellen im Pankreas) und vermutlich auch bei mul-
Die Lymphozyten liegen vor als: tipler Sklerose (Schädigung von Gliazellen).
4 T-Lymphozyten Am Ende der Lymphozytenentwicklung in den primären
4 B-Lymphozyten lymphatischen Organen stehen reife naive T-Lymphozyten bzw.
B-Lymphozyten. »Naiv« bedeutet, dass die Zellen noch keinen
T- und B-Lymphozyten gehen gemeinsam aus Knochen- Antigenkontakt hatten, aber darauf vorbereitet sind. Sie sind
markstammzellen hervor. Hieraus entwickeln sich deter- immunologisch inaktiv.
minierte T- bzw. B-Vorläuferzellen.
Die weitere Entwicklung der B-Zellen erfolgt im
Knochenmark, die der T-Zellen im Thymus. Knochen-
mark und Thymus werden als primäre lymphatische Or- T-Lymphozyten
gane bezeichnet H32, 37.
Die weitere Entwicklung der Lymphozyten besteht Wichtig | |
in einer Proliferation der Vorläuferzellen, der Expression T-Lymphozyten sind die führenden Immunzellen.
von Antigenrezeptoren und einer Selektion der heran- Sie werden durch antigenpräsentierende Zellen,
gereiften Zellen. Anschließend verlassen die Lymphozy- insbesondere von interdigitierenden dendriti-
ten ihre Bildungsstätten. Ihre Aktivierung und Um- schen Zellen in lymphatischen Geweben, akti-
wandlung zu Effektorzellen erfolgt in sekundären lym- viert. Als zytotoxische Zellen (Tc-Zellen) erken-
phatischen Organen, u. a. Lymphknoten, Milz, Tonsil- nen sie Zellen mit intrazellulären Krankheits-
len, mucosaassoziierten lymphatischen Geweben, z. B. erregern, die sie vernichten. Als Helferzellen
des Darms, GALT (7 S. 358), und der Luftwege, MALT (TH-Zellen) stimulieren sie B-Lymphozyten, de-
H33–36. ren weiterentwickelte Form (Plasmazellen) An-
tikörper freisetzen, die extrazellulär wirken.
Einzelheiten
Zytotoxische T-Zellen erkennen Peptidfragmente
T steht für thymusabhängig. Gemeint ist damit, dass alle T-Zel-
intrazellulärer Krankheitserreger, die mit MHC-
len auf die im Thymus herangereiften Lymphozyten zurück-
gehen, obgleich der Thymus nach der Pupertät einer Involu- I-Molekülen an die Zelloberfläche gebracht wur-
tion unterliegt (7 S. 294) H13. den. T-Helferzellen sind auf das Erkennen von
B stand ursprünglich für Bursa fabricii des Vogeldarms, in Antigenen auf MHC-II-Molekülen spezialisiert.
der die als B-Zellen bezeichneten Lymphozyten entdeckt wur- Ein Teil der T-Lymphozyten wird zu Gedächtnis-
den. Dem Menschen fehlt dieses Organ, B steht hier für »bone zellen.
marrow« (Knochenmark).
Die Proliferation von T- und B-Vorläuferzellen wird durch
einen von Stromazellen des Knochenmarks bzw. des Thymus T-Lymphozyten erreichen sekundäre lymphatische Or-
freigesetzten Mediator (Interleukin 7) induziert. gane als reife naive Zellen, die noch keinen Antigenkon-
Bei T- und B-Zellen kommt es zunächst zur Expression takt hatten. Bevor sie als Abwehrzellen effektiv werden
von Präantigenrezeptoren. Anschließend differenzieren kom- können, müssen sie aktiviert werden.
plette Antigenrezeptoren, die jedoch bei T- und B-Zellen un- Zur Aktivierung in Lymphknoten verlassen reife nai-
terschiedlich sind. Die hohe Spezifität der erworbenen Immun-
ve T-Lymphozyten die Blutbahn in Venolen, die sich
antwort ist dadurch bedingt, dass die Aminosäurefrequenzen
durch ein spezielles, hohes isoprismatisches Endothel
im Antigenbindungsbereich der Rezeptoren von Lymphozyt
zu Lymphozyt unterschiedlich sind. auszeichnen (hochendotheliale Venolen = HEV, 7 S. 152).
Dann folgt eine Selektion, bei der nur T- bzw. B-Lympho- Im Gewebe der Lymphknoten kommt es dann zu einer
zyten mit schwacher Erkennungsfähigkeit körpereigener Pro- Aktivierungskaskade zwischen reifen antigenpräsentie-
teine übrigbleiben. Dadurch wird erreicht, dass körpereigene renden dendritischen Zellen – sie werden als professio-
Zellen vor Schädigungen durch Immunzellen geschützt sind. nelle antigenpräsentierende Zellen bezeichnet – und
142 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

naiven Lymphozyten. Allerdings können auch Makro- interdigitierender Zellen werden von CD8-positiven T-Lym-
phagen und B-Lymphozyten als nicht-professionelle an- phozyten erkannt. CD8-positive Zellen sind zytotoxisch.
tigenpräsentierende Zellen wirken.
Aktivierung von T-Zellen (Aktivierungskaskade). Der erste
Schritt ist eine Bindung naiver T-Lymphozyten an antigenprä-
Das Ergebnis der Aktivierung sind zwei Arten von T-Ef-
sentierende Zellen durch Adhäsionsmoleküle.
fektorzellen, die sich durch ihre Korezeptoren funktio-
Der darauf folgende Schritt ist die Antigenerkennung
nell unterscheiden: durch die Rezeptoren der T-Lymphozyten. Sie ist spezifisch: je-
4 CD8-T-Zellen, zytotoxische T-Zellen (Tc-Zellen) der Lymphozyt bzw. jedes Lymphozytenklon erkennt ein spezi-
4 4 CD4-T-Zellen, T-Helferzellen (TH-Zellen) fisches Antigen. Hervorgerufen wird diese Spezifität durch die
Diversität der antigenerkennenden Domänen der Rezeptoren
Als mögliche gesonderte Gruppen kommen regulatori- an der Oberfläche der T-Lymphozyten und dadurch, dass
sche T-Zellen sowie der Subtyp CD56-bright-CD16 in der Rezeptor nur an bestimmte Aminosäuresequenzen von
der Gebärmutterschleimhaut hinzu. Peptidfragmenten bindet (. Abb. 4.5, 4.6).
Benachbart sind den Rezeptoren Korezeptoren, die an die
MHC-Moleküle binden. Korezeptoren sind die Oberflächen-
i Zur Information moleküle CD4 bzw. CD8. Sie sorgen für das Zusammenkom-
CD bedeutet Cluster of Differentiation und meint spezielle men der jeweils spezifischen Zellen. CD4 erkennt nur MHC-II-
Zellmembranmoleküle. Die Ziffer bezeichnet lediglich die Rei- und CD8 nur MHC-I-Moleküle.
henfolge ihrer Entdeckung. Die Cluster ermöglichen die Un-
Die dann folgende Aktivierung des T-Lymphozyten hängt
terscheidung von Leukozytenpopulationen des Immunsys-
von der Signalübertragung durch Kofaktoren der T-Zellrezepto-
tems und deren Untergruppen, die morphologisch nicht
möglich ist. ren ab. Die Signale bewirken in den T-Zellen die Expression
verschiedener Proteine, die für Proliferation und Differenzie-
rung der Zellen erforderlich sind.
Im Einzelnen
Zur Aktivierung der T-Zellen bedarf es schließlich eines 2.
Interdigitierende dendritische Zellen gehen aus Vorläuferzellen
kostimulatorischen Signals. Es ist unspezifisch, d. h. es wird
im Knochenmark hervor, aus denen auch Monozyten entste-
von Oberflächenmolekülen abgegeben, die sowohl bei CD8
hen (. Abb. 4.3). Als unreife dendritische Zellen gelangen
als auch bei CD4 vorkommen. Das Signal entsteht, wenn eine
sie ins Blut und von dort in die verschiedensten Organe, in de-
Bindung zwischen dem Molekül B7 an der Oberfläche der an-
nen sie sich weiter entwickeln. In der Epidermis der Haut lie-
tigenpräsentierenden Zellen und CD28 an der Oberfläche des
gen sie als Langerhans-Zellen vor (7 S. 217).
T-Lymphozyten erfolgt ist.
In der Peripherie und auch im Blut können die noch un-
Es gibt den Sonderfall, dass CD8-positive Zellen kostimu-
reifen dendritischen Zellen durch Endozytose Mikroorganis-
latorische Proteine fehlen. Dann sollen CD4-positive (Helfer)
men aufnehmen, in Phagolysosomen abbauen und antigene
Zellen Zytokine freisetzen, die die Aktivierung der CD8-Zellen
Peptide freisetzen (. Abb. 4.5). Peptidfragmente werden dann
übernehmen.
im rauen endoplasmatischen Retikulum an MHC-II-Moleküle
Die Aktivierung von T-Zellen dauert Stunden bis Tage.
gebunden. MHC-II-Moleküle kommen in der Regel nur in an-
tigenpräsentierenden Zellen vor. In diesem Zustand wandern
die dendritischen Zellen in lokale Lymphgewebe. Dort werden Effektormechanismus. Nach ihrer Aktivierung prolife-
sie zu reifen interdigitierenden dendritischen Zellen, die die rieren T-Lymphozyten. Dies geschieht in T-Zellarealen
MHC-II-Antigen beladenen Moleküle in Vakuolen an die Zel- der sekundären lymphatischen Organe in Nachbar-
loberfläche transportieren und die Antigene dort CD4-positive schaft der Lymphfollikel (7 S. 152). Ausgelöst wird die
Lymphozyten (Helferzellen) präsentieren (. Abb. 4.5 a). Außer- Proliferation durch Zytokine (Interleukin 2), die sowohl
dem exprimieren sie Adhäsionsmoleküle und kostimulatori- von den CD8- als auch von den CD4-Lymphozyten ge-
sche Proteine. Die MHC-II-positiven dendritischen Zellen sind bildet und autokrin gebunden werden (. Abb. 4.6).
die effektivsten antigenpräsentierenden Zellen. Als Helfer- Die Proliferationsrate ist bei den CD8-Zellen sehr viel
zellen aktivieren CD4-positive Lymphozyten B-Lymphozyten
höher als bei CD4-Zellen. Dies geht darauf zurück, dass
(7 unten).
CD8-Zellen als zytotoxische Zellen selbst aktiv und in
In dendritischen Zellen kommen auch MHC-I-Moleküle vor.
Sie treten praktisch in allen kernhaltigen Zellen auf und großen Mengen gebraucht werden. CD4-Zellen wirken
binden dort zelleigene Proteine. In antigenpräsentierenden dagegen durch Zytokine aktivierend auf andere Effek-
Zellen werden Peptide an MHC-I-Moleküle gebunden, die torzellen.
im Zytoplasma u. a. nach Virusinfektion freigesetzt werden Nach der Proliferation verlassen die aktivierten
(. Abb. 4.5 b). Mit Antigen beladene MHC-I-Moleküle reifer T-Lymphozyten das lymphatische Gewebe und gelangen
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
143 4

a b

. Abb. 4.5. Antigenpräsentation und Aktivierung von T-Lympho- das an CD28 der T-Zelle bindet. b Aktivierung von CD8-zytotoxi-
zyten. a Aktivierung von CD4-T-Helferzellen durch MHC-II/Peptid- schen T-Zellen durch MHC-I/Peptidkomplexe. Manche Antigene be-
komplexe. In antigenpräsentierenden Zellen gelangen Erreger finden sich im Zytoplasma, besonders solche, die von Viren syn-
nach Phagozytose in Endosomen, die mit Lysosomen zu Phagoly- thetisiert sind. Nach Bindung von mehreren Ubiquitinmolekülen
sosomen verschmelzen. Durch Abbau mikrobieller Proteine wer- werden sie in Proteasomen durch Proteolyse gespalten. Die so
den Peptidfragmente freigesetzt und an MHC-II-Moleküle gebun- entstandenen Peptidfragmente werden im rauen endoplasmati-
den, die im rauen endoplasmatischen Retikulum synthetisiert wer- schen Retikulum an MHC-I-Moleküle gebunden und an die Zell-
den. Die MHC-II/Peptidkomplexe werden an die Zellmembranen oberfläche transportiert. Dort werden sie von CD8-positiven T-Zel-
transportiert und dort von einem T-Zellrezeptor erkannt, der ei- len erkannt. Das zweite kostimulatorische Signal für die Aktivie-
nen CD4-Korezeptor hat (1. Signal). Für die Aktivierung des T-Lym- rung entspricht dem von CD4-Zellen (in Anlehnung an Vollmar
phozyten ist ein 2. Signal durch kostimulatorisches B7 erforderlich, et al. 2005)

auf dem Blutweg zum infizierten Gewebe. Dort durch- Effektorfunktion von CD8-T-Lymphozyten. Sie führt zur
wandern sie das Endothel, das vorher aktiviert wurde. Apoptose (Zelltod) infizierter Zellen. Deswegen sind
Die aktivierten T-Zellen werden, um zu wirken, in der CD8-positive Zellen zytotoxisch (Tc-Zellen, T-Killerzel-
extrazellulären Matrix festgehalten. len; nicht zu verwechseln mit NK-Zellen = natürliche
Killerzellen, 7 S. 139). Tc-Zellen können jede infizierte
Zelle in jedem Gewebe töten. Hierzu setzen sie den In-
halt ihrer Granula durch Exozytose frei.
144 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

Die Granula enthalten ein porenproduzierendes Pro-


tein (Perforin), das die Oberfläche der erregerhaltigen
Zelle aufbricht. Durch die Poren gelangt dann ein Gran-
enzym in die infizierte Zelle, das gleichzeitig mit dem
Perforin aus den Granula freigesetzt wird. Granenzym
aktiviert Caspasen im Zytoplasma der infizierten Zelle,
welche die Apoptose bewirken.
Weitere apoptoseinduzierende Mechanismen gehen
4 auf die Oberflächenmoleküle CD95 und die Tumorne-
krosefaktoren a und b zurück, die außerdem Makropha-
gen aktivieren.

Effektorfunktion von CD4-T-Lymphozyten. Sie beruht


auf der Freisetzung löslicher Botenstoffe (Zytokine)
aus CD4-Zellen, die andere Zellen des Immunsystems
aktivieren (. Abb.4.6 b). CD4-Zellen vermitteln also Im-
munantworten, ohne den Erregerabbau selbst durchzuf-
ühren. Deswegen werden CD4-T-Lymphozyten als
T-Helferzellen (TH-Zellen) bezeichnet. CD4-T-Lympho-
zyten selbst werden durch Antigene aktiviert, die an
MHC-II- Moleküle antigenpräsentierender Zellen ge-
bunden sind (7 oben).

Aufgrund der Freisetzung unterschiedlicher Zytokine


und unterschiedlicher Zielzellen lassen sich unterschei-
den:
4 TH1-Helferzellen
4 TH2-Helferzellen

TH1-Helferzellen aktivieren bevorzugt Makrophagen


und die zytotoxischen CD8-positiven Zellen, denen ko-
stimulatorische Proteine fehlen (7 oben), aber auch
B-Zellen (7 unten). Als Zytokin wird bevorzugt Inter-
feron c freigesetzt. TH1-Zellen vermitteln auf diesem
Weg also eine zelluläre Immunantwort.

. Abb. 4.6. Aktivierung von zytotoxischen CD8-Zellen und


CD4-Helferzellen. a Nach Antigenbindung und Kostimulation se-
zernieren aktivierte zytotoxische CD8-Zellen Interleukin 2, das au-
tokrin Proliferation der T-Zellen und ihre Differenzierung zu Effek-
torzellen bewirkt. b Naive CD4-T-Zellen proliferieren und ent-
wickeln sich nach autokriner Stimulation zu unreifen TH0-Helfer-
zellen. Durch Interleukin 12, das von antigenpräsentierenden Zel-
len nach Aufnahme von Bakterien oder Viren freigesetzt wird, dif-
ferenzieren sich TH0-Zellen zu TH1-Effektorzellen. Setzen antigen-
präsentierende Zellen kein Interleukin 12 frei, z. B. nach Infektion
mit Parasiten, bilden sich unter Einfluss von Interleukin 4 TH2-Zel-
len (angelehnt an Vollmar et al. 2005)
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
145 4
TH2-Helferzellen nehmen mit freigesetztem Interleukin Der Subtyp CD56-bright-CD16 in der Gebärmutter-
4 Einfluss auf die Ausreifung von B-Zellen zu Plasmazel- schleimhaut (Endometrium) bildet auffällig viele
len und deren Antigenproduktion (s. unten) sowie mit Wachstumsfaktoren wie VEGF (vascular endothelial
Interleukin 5 auf die Funktion von eosinophilen Leuko- growth factor) und PLGF (placental growth factor).
zyten, die beim Abbau von Parasiten, z. B. Würmern, Über jene Mediatoren fördert dieser Subtyp der Killer-
mitwirken (7 S. 131). TH2-Zellen vermitteln also humo- zellen eine Invasion von Trophoblastzellen. Darüber
rale Immunantworten. hinaus begünstigt er die Entstehung von Blutgefäßen.
Für diese expansionsfördernden Produkte besitzen die
i Zur Information embryonalen Trophoblastzellen besondere Rezeptoren.
Zur Differenzierung zu TH1-Zellen kommt es durch Il12, das Wesentlich ist, dass dieser Subtyp von Killerzellen keine
von antigenpräsentierenden Zellen nach Aufnahme von Bak- zerstörende Wirkung entfaltet.
terien oder Viren sezerniert wird (. Abb. 4.6 b). Liegt eine Pa-
rasiteninfektion vor, wird kein Interleukin 12 gebildet. Dann
entstehen unter Einfluss von Interleukin 4 TH2-Zellen.
Die Abgabe von Zytokinen aus TH1-Zellen erfolgt, wenn
Makrophagen Antigene von aufgenommenen Mikroorganis- B-Lymphozyten
men freisetzen. Diese werden von TH1-Zellen erkannt, die
ihrerseits Zytokine mit Wirkung auf TH1-Zellen sezernieren.
Es besteht also eine gegenseitige Aktivierung, zunächst von Wichtig | |
TH1-Zellen durch Antigene von Makrophagen, dann von B-Lymphozyten binden extrazelluläre Antigene
Makrophagen durch Zytokine der TH1-Zellen. Vergleichbares
ihrer Umgebung. Ihre Rezeptoren sind Immun-
geschieht zwischen TH2-Helferzellen und B-Zellen.
globuline. Zur Aktivierung von B-Lymphozyten
bedarf es T2-Helferzellen, die Zytokine freisetzen.
> Klinischer Hinweis Aktivierte B-Lymphozyten proliferieren im Zent-
Bei HIV-Infektion (AIDS) bindet das HIV-Virus u. a. an CD4 von
rum von Lymphfollikeln zu Zentroblasten, aus
T-Helferzellen, das den Viren den Entritt in die Zelle ermög-
licht. Diese werden somit infiziert und schließlich vernichtet. denen Zentrozyten und schließlich am Ort ihrer
Durch die fehlende Stimulation von T-Killerzellen und anti- Wirksamkeit Plasmazellen hervorgehen. Plasma-
körperbildenden B-Lymphozyten kommt es zur HIV-typischen zellen sind die Effektorzellen der B-Lymphozyten.
Immunschwäche. Plasmazellen sezernieren verschiedene Immun-
globuline, die zu Neutralisierung und Eliminie-
Gedächtniszellen. Die meisten T-Effektorzellen sterben rung von Erregern und ihren Toxinen extrazel-
sehr bald nach Beseitigung einer Infektion durch Apop- lulär Antigen-Antigenkörperkomplexe bilden.
tose. Jedoch überleben einige Zellen und kommen in ei-
nen Ruhezustand. Sie werden zu Gedächtniszellen, die B-Lymphozyten verlassen das Knochenmark als reife
sehr langlebig sind. Gedächtniszellen sind ausdifferen- naive Zellen und gelangen in lymphatische Gewebe.
zierte T-Lymphozyten, die auf eine erneute Infektion Dort durchwandern sie Lymphfollikel und können,
mit dem spezifischen Erreger warten. Sie wandeln sich wenn ihre Rezeptoren Antigene gebunden haben, von
dann sehr rasch in Effektorzellen um. TH2-Zellen und follikulären dendritischen Zellen akti-
viert werden. Die Rezeptoren der B-Lymphozyten sind
Regulatorische Zellen sind eine weitere funktionelle Immunglobuline (Ig) der Typen IgM und IgD (7 unten).
Klasse von T-Lymphozyten. Sie sind durch CD4- und
CD25-Oberflächenmoleküle gekennzeichnet. Regulato- Aktivierung von B-Lymphozyten (. Abb. 4.7). Sie be-
rische Zellen wirken auf die gleichen Teile des Immun- ginnt mit der Bindung eines Antigens an B-Zellrezepto-
systems wie die T-Helferzellen, jedoch durch immun- ren (1. Signal). Die Antigene kommen aus der extrazel-
suppressive Zytokine hemmend. Sie verhindern eine lulären Umgebung der B-Lymphozyten und werden di-
unbegrenzte Stimulierung. Den regulatorischen Zellen rekt wahrgenommen. Antigenpräsentierende Zellen,
wird eine Kontrollfunktion bei Immunantworten zuge- wie sie T-Lymphozyten benötigen, sind nicht erforder-
schrieben. Sie sind in der Lage, autoreaktive T-Zellant- lich. Bei den Antigenen für B-Lymphozyten handelt es
worten zu unterdrücken und Autoimmunreaktionen zu sich um mikrobielle Proteine, aber auch um Polysaccha-
verhindern. ride (z. B. als Kapsel von Pneumokokken), Glykolipide
146 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

. Abb. 4.7. Aktivierung von B-Zellen durch TH2-Helferzellen und Migration in die Keimzentren von Lymphfollikeln kommt es zu
Differenzierung zu Plasmazellen. B-Zellen werden durch extrazel- Proliferation und Selektion hochaffiner B-Zellen, die sich zu anti-
luläre Antigene, die an Immunglobuline der Zelloberfläche binden genproduzierenden Plasmazellen differenzieren. Freigesetzte Im-
(1. Signal), und durch Zytokine von TH2-Zellen (2. Signal) aktiviert, munoglobuline haben unterschiedliche Effektorfunktionen (in An-
deren Freisetzung wiederum von B-Zellen induziert wird. Nach lehnung an Vollmar et al. 2005)
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
147 4
(z. B. Zellwände von gramnegativen Bakterien) oder likuläre dendritische Zellen selektioniert. Die übrigen
Nukleinsäuren. Die Ig-Rezeptoren erkennen und binden B-Lymphozyten gehen zugrunde.
die Antigene, veranlassen aber weder Proliferation noch
Differenzierung der B-Zellen. Hierfür stehen rezeptor- Follikuläre dendritische Zellen dürften aus dem Bindege-
assoziierte Signalmoleküle zur Verfügung. webe der Lymphfollikel hervorgehen. Da sie ortsständig
Die Bindung zwischen Antigen und Immunglobulin sind und nicht wandern, kommen sie nur in Lymphfol-
ist sehr spezifisch. Sie erfolgt an einer variablen Domä- likeln vor (. Abb. 4.8 b). Sie sind langlebig. Follikuläre
ne des Ig-Rezeptors der B-Zelle. Durch diese Spezifität dendritische Zellen haben verzweigte Ausläufer, die
wird erreicht, dass ein Antigen nur passende B-Zellen mit Nachbarzellen durch Desmosomen verknüpft sind.
aktiviert. Ihre Zellkerne sind irregulär und in ihrem Zytoplasma
Ferner bedarf es zur Aktivierung der B-Lymphozy- sind alle Zellorganellen für Phagozytose und Sekretion
ten eines 2. Signals (vgl. T-Zellaktivierung 7 S. 142). vorhanden. Follikuläre dendritische Zellen präsentieren
Es kommt von T2-Helferzellen (. Abb. 4.7). Antigene in Form von Immunkomplexen oder Komple-
Das 2. Signal kann aber auch T-zellunabhängig sein, mentkomplexen auf ihrer Oberflächen, an die B-Zellen
wenn B-Zellen polymere Antigene, z. B. Polysaccharide, mit passenden Oberflächenglobulinen binden. Nur die-
gebunden haben. Das Signal entsteht vor allem durch se B-Zellen überleben.
Quervernetzung der Ig-Rezeptoren. Die überlebenden hochaffinen B-Zellen werden
Zentroblasten genannt. Ihre Tochterzellen sind Zentro-
zyten (. Abb. 4.8 b), die zur weiteren Reifung die
Zur Aktivierung von B-Zellen durch T2-Helferzellen
(2. Signal)
Lymphfollikel verlassen. Aus ihnen gehen Plasmazellen
T2-Helferzellen bedürfen, um aktivierend wirken zu können, bzw. Gedächtniszellen hervor.
zunächst selbst der Aktivierung. Diese erfolgt im Lymphfolli-
kel. Dort treten T2-Helferzellen mit B-Zellen in Wechselwir- Plasmazellen sind die Effektorzellen der B-Lymphozy-
kung (. Abb. 4.7), nachdem die T2-Helferzelle auf ein Antigen ten. Sie produzieren die verschiedenen Immunglobuli-
gestoßen war, das ihr von einer antigenpräsentierenden Zelle ne, die als Antikörper sezerniert werden und mit dem
angeboten wurde (7 oben). Zur Wechselwirkung von T-Hel- Blut jeden beliebigen Infektionsherd im Körper errei-
ferzelle und B-Zelle kommt es, wenn die B-Zelle der T-Helfer- chen.
zelle ein Antigen anbietet, das diese erkennen kann. Dann bil- Plasmazellen kommen in geringer Zahl im Bindege-
det die T-Helferzelle Zytokine, die auf die B-Zelle zurückwir-
webe der meisten Gebiete des Körpers vor. Im Knochen-
ken und sie aktivieren.
mark können sie lange verweilen und laufend geringe
Das Angebot eines Antigens durch die B-Zellen an die
T-Zelle geht darauf zurück, dass die B-Zelle ihren IgM-Rezep-
Mengen Immunglobuline abgeben. Zahlreich sind Plas-
tor mit dem gebundenen Antigen internalisiert. Anschließend mazellen an den Stellen, an denen Bakterien oder
werden der Komplex in den B-Zellen in Phagolysosomen abge- Fremdkörperproteine bevorzugt in den Körper eindrin-
baut, die Peptidfragmente an MHC-II-Moleküle gebunden und gen, z. B. der Darmschleimhaut, und in Gebieten mit
ein neuer Komplex an die Oberfläche der B-Zelle transportiert. chronischer Entzündung.
Dort erkennen T2-Helferzellen mit ihren Rezeptoren das Plasmazellen sind groß, oval und haben einen run-
körperfremde Peptid. den Zellkern. Dessen Heterochromatin ist dicht und
Je nach Subtyp der T-Helferzelle werden unterschiedliche zeigt eine typische Radspeichenstruktur. Charakteris-
Zytokine sezerniert. Diese legen fest, welcher Immunglobulin- tisch für das Zytoplasma ist ein kräftig entwickeltes,
typ in den empfangenden B-Zellen und den aus ihnen hervor-
raues endoplasmatisches Retikulum, in dessen Zister-
gehenden Plasmazellen gebildet werden (7 unten).
nen die speziellen Antikörper nachgewiesen werden
können. In Kernnähe kommen Zentriolen und ein auf-
Die aktivierten B-Lymphozyten gelangen vom Rand der fälliger Golgiapparat vor.
Lymphfollikel in deren zentralen Bereich, das Keimzent-
rum der Follikel (7 unten, . Abb. 4.8 a). Dort proliferie- Effektorfunktion von Antikörpern. Wesentliche Aufga-
ren die aktivierten B-Lymphozyten. ben der Antikörper sind:
Während der Proliferation kommt es zu einer Affini- 4 Neutralisierung von Erregern und Toxinen durch
tätsreifung ihrer Immunglobuline. Die B-Lymphozyten Antikörperbindung an deren Proteinfragmente; es
mit Antikörpern höchster Affinität werden durch fol- entstehen neutrale Antigen-Antikörperkomplexe
148 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

4 Opsonisierung und Phagozytose. Opsonisierung be- wird jedoch zu Gedächtniszellen. Gedächtniszellen ge-
deutet das Umhüllen von Erregern mit Antikörpern, ben, solange sie nicht aktiviert sind, keine Antikörper
durch die eine nachfolgende Phagozytose, insbeson- ab, zirkulieren jedoch im Blut oder überleben im Kno-
dere durch aktivierte Makrophagen, erleichtert wird chenmark. Hat ein erneuter Antigenkontakt stattgefun-
4 antikörpervermittelte Abtötung von Zellen; Antikör- den, werden sie zu antikörperproduzierenden Zellen.
per erkennen infizierte Zellen und binden an deren Gedächtniszellen sind die Zellen der Sekundärantwort.
Oberfläche, so dass NK-Zellen an die markierten Sind sie aktiviert, bilden sie mehr Antikörper mit höhe-
Zellen binden und sie unter Freisetzung zytotoxi- rer Aktivität als die Zellen der Primärantwort. Außer-
4 scher Granula abtöten dem reagieren sie schneller. Ausgelöst werden Sekun-
4 Aktivierung von Mastzellen und Eosinophilen, vor al- därantworten vor allem von Proteinantigenen (7 unten).
lem zur Abwehr von Parasiten
4 Komplementaktivierung > Klinischer Hinweis
Aktive Immunisierung. Nach einer Impfung mit toten oder
abgeschwächten Krankheitserregern entstehen spezifische
Im Einzelnen Gedächtniszellen, die eingedrungene Erreger vor der Krank-
Beim Menschen gibt es fünf Haupttypen von Immunglobuli- heitsauslösung eliminieren.
nen: IgM, IgD, IgG, IgA, IgE (. Abb. 4.7). Sie sind so ausgelegt, Passive Immunisierung. Werden dem Körper exogen (von au-
dass alle Bereiche des Körpers geschützt werden. ßen) spezifische Antikörper zugeführt, entsteht der Impfschutz
IgM und IgD sind vorherrschende Immunglobuline an der zwar unmittelbar, wirkt aber nur für Wochen oder Monate, da
Oberfläche von B-Lymphozyten. Dort bilden sie B-Zellrezepto- die körperfremden Antikörper wieder eliminiert werden.
ren und initiieren die unmittelbare erste Immunantwort, wenn
der Organismus zum ersten Mal von einem bestimmten Erre-
ger befallen wird. Sie kommen bei Erregerbefall, aber auch im > In Kürze
Serum in löslicher Form als Sekrete von Plasmazellen bzw. von Zum erworbenen Immunsystem gehören T- und
T-zellunabhängigen B-Lymphozyten vor. Dem IgM, das von B-Lymphozyten sowie antigenpräsentierende
Plasmazellen sezerniert wird, fehlt die transmembranöse Do-
Zellen. T- und B-Lymphozyten werden unter-
mäne, die IgM-Rezeptormoleküle an der Oberfläche der B-Zel-
schiedlichen Systemen zugerechnet. Antigenprä-
len zur Befestigung aufweisen. Die wesentliche Effektorfunk-
tion von IgM ist die Komplementaktivierung (7 S. 140). IgM
sentierende Zellen sind vor allem interdigitieren-
befindet sich überwiegend im Blut. de dendritische Zellen, aber auch Makrophagen
IgG ist der wichtigste Antikörper der Sekundärantwort. Er und B-Lymphozyten. Sie können Erreger durch
kommt sowohl im Blut als auch extravaskulär vor. Zur Sekun- Phagozytose bzw. unspezifische Rezeptoren auf-
därantwort kommt es durch Aktivierung von Gedächtniszellen nehmen, zerlegen und ihre Peptide durch MHC-
(7 unten). Die wichtigsten Effektorfunktionen von IgG sind Moleküle T-Lymphozyten präsentieren und diese
Neutralisierung, Opsonisierung und Phagozytose mit an- dadurch aktivieren. T-CD8-Lymphozyten richten
schließendem Abbau von Erregern und ihren Toxinen sowie sich als zytotoxische Zellen gegen infizierte Zel-
die Komplementaktivierung. Außerdem ist IgG das einzige pla- len und vernichten diese. T-CD4-Lymphozyten
zentagängige Immunglobulin; es gewährt Neugeborenen in
wirken als T-Helferzellen. T1-Helferzellen sind
den ersten Lebenstagen Schutz vor verschiedenen Infektionen.
für die Aktivierung von Makrophagen wichtig.
IgE hat große Affinität zu Rezeptoren an der Oberfläche
von Mastzellen und Eosinophilen. Es ist für allergische Reak-
T2-Helferzellen wirken durch Zytokine bei Akti-
tionen verantwortlich (7 unten). vierung, Proliferation und Differenzierung von
IgA wird vor allem von Plasmazellen synthetisiert, die sich B-Lymphozyten mit. Die Immunantwort von
unter dem Schleimhautepithel befinden. An die Schleimhaut- B-Lymphozyten wird durch extrazelluläre Pro-
oberfläche gelangt schützt es gegen dort vorhandene Erreger. teine oder polyvalente Antigene ausgelöst. Die
Außerdem ist IgA das Hauptimmunglobulin in Sekreten, z. B. Rezeptoren von B-Zellen sind Immunglobuline
der Tränendrüsen, Nasendrüsen, Speicheldrüsen, Bronchial- (IgM, IgD). Hervorgerufen wird die Immunant-
drüsen, Darmdrüsen usw. wort von Plasmazellen, die aus aktivierten
IgD. Dessen Funktion ist nicht genau geklärt. B-Lymphozyten hervorgehen. Plasmazellen bil-
den Antikörper, die sich extrazellulär im Blut bzw.
Gedächtniszellen. Die Mehrzahl der aktivierten B-Zellen extravasal befinden. Einige aktivierte T- und
stirbt nach überstandener Infektion ab. Ein kleiner Teil
a4.3 · Abwehr-/Immunsystem
149 4
Atemwege und des Darms sowie in der Nähe kleiner Ge-
B-Zellen verbleiben als Gedächtniszellen und ste-
fäße vor. Mastzellen können sich teilen und gehen auf
hen beim Wiederauftreten eines Antigens der
eigene Stammzellen im Knochenmark zurück.
Immunabwehr sofort zur Verfügung.

Funktion von Mastzellen. Nach Bindung eines Allergens


an zellständige IgE-Antikörper kommt es bei Mastzellen
zu Degranulierung und Freisetzung von Entzündungs-
4.3.4 Allergie
mediatoren:
4 Histamin, das die Gefäßpermeabilität steigert, eine
Kernaussagen | Kontraktion der glatten Muskulatur, speziell der
5 Allergien gehen vor allem auf eine Aktivie- Bronchien, bewirkt und eine Schleimsekretion her-
rung von Mastzellen durch IgE nach Aller- vorruft
genkontakt zurück. 4 Leukotriene mit langsam einsetzender bronchokon-
5 Mastzellen setzen Entzündungsmediatoren striktorischer Wirkung; sie dürften die Symptome
aus ihren Granula und ihrem Zytoplasma frei. des Asthma bronchiale mithervorrufen
5 Allergiesymptome treten nach einem zweiten 4 Plättchenaktivierungsfaktor, der auf Thrombozyten
Allergenkontakt auf. wirkt und eine Gefäßpermeabilität und Plättchen-
5 Bei Allergien kommt es zu einer Sofort- und aggregation anregt
einer systemischen Spätreaktion. 4 Prostaglandine, die die Gefäßpermeabilität steigern
4 Bradykinin, das Schmerzrezeptoren aktiviert
Allergien gehören zu den überschießenden Immunant-
worten. Zentral ist die Aktivierung von Mastzellen Eosinophile Granulozyten setzen nach Aktivierung
durch allergiespezifische IgE-Antikörper, die von Plas- hochtoxische Proteine (major basic protein u. a.) aus ih-
mazellen produziert werden (7 oben). Die Vorgänge ren Granula, freie Radikale und weitere Entzündungs-
spielen sich bevorzugt dort ab, wo Allergene die Ober- mediatoren frei, die beträchtliche Zellschäden in ihrer
flächen des Körpers überwunden haben. Zu allergischen Umgebung hervorrufen.
Symptomen kommt es jedoch erst ab dem zweiten Kon- Allergische Reaktionen treten in zwei Phasen auf.
takt mit dem Allergen. Die Sofortphase erfolgt innerhalb von Minuten nach
dem Allergenkontakt und geht auf die Histaminwirkung
i Zur Information zurück. Die Spätphase (systemische Phase) beginnt et-
Allergene sind nichtinfektiöse Antigene, in der Regel kleine wa nach fünf Stunden und geht auf die Wirkung der
lösliche Proteine, die in geringer Dosis in der Luft oder in Prostaglandine und Leukotriene zurück. Als Folge
der Nahrung vorkommen, oder Polysaccharide, z. B. in Erdbee- kommt es zu lokaler oder systemischer Anaphylaxie.
ren.
Die Allergenwirkung beginnt mit der Aktivierung von
TH2-Zellen (. Abb. 4.6 b). Sie erfolgt durch antigenpräsentie- > Klinischer Hinweis
rende dendritische Zellen am Ort des Eindringens des Aller- Als Sofortreaktion kann es zu Rötung und Schwellung der
gens. Aktivierte TH2-Zellen stimulieren B-Zellen, sich zu IgE- Haut und Schleimhaut mit Quaddelbildung kommen (Urtika-
produzierenden Plasmazellen zu differenzieren (. Abb. 4.7). ria, Nesselsucht). Auch sind Heuschnupfen oder ein Asthmaan-
In einer Sensibilisierungsphase binden dann IgE-Mole- fall möglich.
küle an hochaffine Bindungsstellen auf der Oberfläche von Systemisch sind häufig die Lunge oder die Kreislaufperi-
Mastzellen, in geringerem Umfang auch von eosinophilen pherie betroffen.
und basophilen Granulozyten. Beim zweiten und allen wei- Allergische Reaktionen können auch tödlich verlaufen
teren Kontakten mit demselben Allergen setzen Mastzellen (anaphylaktischer Schock).
Mediatoren frei, die zu allergischen Reaktionen führen.

Mastzellen sind lang oder oval, oft polymorph und ha- Zur Ergänzung
ben gelegentlich Protrusionen. Der Zellkern ist rund Weitere Typen von Überempfindlichkeitsreaktionen kommen
und liegt zentral. Oft wird er von zytoplasmatischen vor. Sie spielen bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle, bei
Granula verdeckt. Mastzellen kommen bevorzugt in denen sich Antikörper gegen körpereigene Strukturen richten,
der Subkutis, unter den Oberflächenepithelien der z. B. rheumatoide Arthritis durch Zerstörung der Synovia.
150 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

5 B-Lymphozyten wandern durch die überwie-


> In Kürze
gend von T-Lymphozyten besiedelte para-
Allergien werden häufig von niedermolekularen kortikale Zone des Lymphknotens zum Kor-
Proteinen oder Polysacchariden ausgelöst. Es tex.
kommt nach Allergenbindung an IgE-Rezeptoren 5 Im Kortex des Lymphknotens überwiegen die
von Mastzellen, eosinophilen und basophilen B-Lymphozyten.
Granulozyten zur Freisetzung von Entzündungs- 5 In den Keimzentren der Lymphfollikel des
mediatoren aus Granula bzw. dem Zytoplasma Kortex werden B-Lymphozyten aktiviert, se-
4 der betreffenden Zellen. Es folgen Sofort- und lektioniert und zur Proliferation gebracht. Sie
systemische Reaktionen. liegen dort als Zentroblasten und Zentrozy-
ten vor.
5 Ansammlungen von Abwehrzellen, insbe-
4.4 Lymphknoten H33 sondere von Plasmazellen, setzen sich als
Markstränge in das Innere des Lymphknotens
(Mark) fort.
i Zur Information
Lymphknoten sind sekundäre lymphatische Organe. Sie dienen
Reifung, Aktivierung und Vermehrung von Lymphozyten. In Lymphknoten (Durchmesser 2–20 mm) sind im Körper
Lymphknoten können schädigende Mikroorganismen, Toxine weit verbreitete Filterstationen der Lymphe und Orte
u. a. Schadstoffe sowie Tumorzellen abgefangen werden. Cha- der Auseinandersetzung mit Krankheitserregern oder
rakteristisch für Lymphknoten, aber auch für andere sekundäre
Tumorzellen. In Lymphknoten werden T- und B-Lym-
lymphatische Organe sind Lymphfollikel, die auch einzeln im
Bindegewebe als Solitärfollikel vorkommen können. phozyten aktiviert, gespeichert, können proliferieren
Im Folgenden wird der Lymphknoten als Beispiel für sekun- und werden Antikörper gebildet.
däre lymphatische Organe besprochen. Die Darstellung der Lymphknoten sind in den Verlauf von Lymphgefä-
übrigen lymphatischen Organe erfolgt jeweils im topographi- ßen eingeschaltet. Als regionäre Lymphknoten sammeln
schen Zusammenhang ihres Vorkommens: Milz 7 S. 376, Ton-
sie die Lymphgefäße aus einer Körperregion, z. B. des
sillen 7 S. 618, Thymus 7 S. 294, darmassoziiertes Lymphsys-
tem = GALT 7 S. 358. Arms (7 S. 505), oder eines Organs, z. B. des Magens
(7 S. 352). Sie treten immer als Lymphknotengruppen
Kernaussagen | auf. Nach Passage dieser regionären Lymphknoten ge-
langt die Lymphe in Gruppen von Sammellymphknoten
5 Lymphknoten sind meist bohnenförmig und und schließlich über den Ductus thoracicus bzw. Ductus
werden an ihrer konvexen Oberfläche von lymphaticus dexter in das Venensystem (linker und
lymphatischen Vasa afferentia erreicht, die rechter Venenwinkel, 7 S. 304).
sich in den Randsinus ergießen und in die
Rinden-, Intermediär- und Marksinus fortset- > Klinischer Hinweis
zen. Regionäre Lymphknoten schwellen bei Entzündungen inner-
5 Lymphknoten filtrieren Lymphe und befreien halb ihres Einzugsgebietes an, sind tastbar und schmerzhaft.
sie von Antigenen. Bei bösartigen Tumoren können Tumorzellen durch Lymph-
5 Am Hilum an der konkaven Seite verlassen gefäße in regionäre Lymphknoten gelangen und Lymphkno-
tenmetastasen hervorrufen.
lymphatische Vasa efferentia den Lymph-
knoten. Ihre Lymphe ist mit zytotoxischen
Lymphknoten sind meist bohnenförmig mit eingezoge-
T-Lymphozyten und Zentrozyten angerei-
nem Hilum (. Abb. 4.8 a). Dort verlässt das ableitende
chert.
Lymphgefäß (lymphatisches Vas efferens) den Lymph-
5 Die freien Zellen der Lymphknoten (T-Lym-
knoten. Am Hilum befinden sich außerdem eine zu-
phozyten, B-Lymphozyten, Makrophagen,
führende Arterie und eine ableitende Vene. Im Lymph-
interdigitierende dendritische Zellen) gelan-
knoten verlaufen die Blutgefäße in Bindegewebsbalken
gen in hochendothelialen Venolen aus dem
( Trabekel), die von der Bindegewebskapsel des Lymph-
Blut in das Maschenwerk des lymphoretiku-
knotens ausgehen und das Organ unvollständig kom-
lären Gewebes.
partimentieren.
a4.4 · Lymphknoten
151 4

. Abb. 4.8. Lymphknoten. a Schematische Übersicht. Gliederung wird von reifen inaktiven B-Lymphozyten gebildet. In der Nach-
in Rinde (B-Zellregion) mit Sekundärfollikeln, Parakortex (T-Zell- barschaft liegen T-Helferzellen. Das Keimzentrum gliedert sich
region) mit hochendothelialen Venolen, Markstränge, Marksinus. in eine dunkle Zone mit Zentroblasten und eine helle Zone mit
Die Pfeile geben die Richtung des Lymphflusses an: Vasa afferen- Zentrozyten. Im Keimzentrum kommen follikuläre dendritische
tia, Randsinus, Vas efferens. b Sekundärfollikel. Die Mantelzone Zellen, T-Helferzellen und Makrophagen vor

Anders als die Blutgefäße erreichen die zuführenden sensystem, durch das die Lymphe sehr langsam fließt
Lymphgefäße (Vasa afferentia) die Lymphknoten an ih- und großflächig mit Makrophagen und Fibroblasten in
rer konkaven Oberfläche. Im Lymphknoten fließt die Berührung kommt.
Lymphe in einem System weitmaschiger Lymphsinus.
Sie liegen vor als: i Zur Information
4 Randsinus, der sich unmittelbar unter der Bindege- In Lymphknoten wird die Lymphe nahezu vollständig durch
webskapsel befindet (. Abb. 4.8 a), phagozytierende Makrophagen und dendritische Zellen von
Antigenen befreit.
4 intermediäre Sinus in der Tiefe der Lymphknoten-
rinde und in der Parakortikalzone; sie verlaufen pa-
ratrabekulär Lymphknoten bestehen aus:
4 Marksinus, die weitlumig sind, die Intermediärsinus 4 stationärem Grundgerüst
sammeln und am Hilum des Lymphknotens in Vasa 4 wandernden freien Zellen
efferentia münden; am Übergang zum Vas efferens
bestimmen Klappen die Flussrichtung der Lymphe Stationär ist das lymphoretikuläre Bindegewebe, das aus
H33 mesenchymalem Bindegewebe hervorgegangen ist. Es
besteht aus Fibroblasten oder Fibrozyten sowie retikulä-
Begrenzt werden die Lymphsinus von Fibroblasten ren Fasern.
(Uferzellen), zwischen denen Makrophagen bzw. deren Die freien Zellen befinden sich in den Maschen des
Fortsätze liegen, die auch innerhalb des Sinus ein locke- lymphoretikulären Bindegewebes. Sie liegen stellenwei-
res Schwammwerk bilden. Der Sinus gleicht einem Reu- se so dicht, dass die Fibroblasten nicht zu erkennen
152 Kapitel 4 · Blut und Immunsystem

sind. Bei den freien Zellen handelt es sich überwiegend In der Parakortikalzone überwiegen T-Lymphozyten mit
um die verschiedenen Arten von Lymphozyten. Hinzu allen ihren Formen (7 S. 141). Hinzu kommen antigen-
kommen Makrophagen und interdigitierende dendriti- präsentierende interdigitierende dendritische Zellen so-
sche Zellen, die in der Umgebung der Lymphsinus ver- wie Makrophagen. B-Lymphozyten kommen in geringer
mehrt sind. Zahl vor. Sie sind auf der Wanderung zum Kortex des
Lymphknotens.
Gliederung der Lymphknoten (. Abb. 4.8 a). Von außen Im Parakortex befinden sich außerdem die venösen
nach innen werden unterschieden: Gefäßabschnitte, in denen B- und T-Lymphozyten die
4 4 Rinde (Kortex), ein B-Lymphozyten-Areal Blutbahn verlassen. Es handelt sich um hochendothelia-
4 Parakortikalzone, das T-Lymphozyten-Areal le Venolen. Die Lymphozytenpassage durch die Veno-
4 Mark mit plasmazellreichen Marksträngen zwischen lenwand steht unter dem Einfluss chemotaktischer Sub-
weitmaschigem Marksinus stanzen. Sie bewirken eine Interaktion zwischen ver-
schiedenen Adhäsionsmolekülen auf der Oberfläche
Rinde. Sie ist zelldicht. Es überwiegen reife, naive von Lymphozyten und Endothelzellen (Selektine, Inte-
B-Lymphozyten (7 S. 145). Charakteristisch für die Rin- grine, immunglobulinartige Moleküle), der die Wan-
de sind Lymphfollikel. Sie setzen sich von der übrigen derung (Diapedese) durch die Gefäßwand folgt.
Rinde durch die dichte Lage ihrer B-Lymphozyten ab. Verglichen mit der Diapedese in den hochendothe-
Lymphfollikel können vorliegen als lialen Venolen gelangen nur wenige B- und T-Lympho-
4 Primärfollikel, die vor allem bei Feten und Neugebo- zyten auf dem Lymphweg in den Lymphknoten.
renen, seltener bei Erwachsenen vorkommen; Pro-
liferationen kommen im Primärfollikel nicht vor, Bei den Lymphozyten, die in die Lymphknoten eintre-
da die Zellen noch keinen Antigenkontakt hatten ten, handelt es sich vielfach um rezirkulierende Zellen,
4 Sekundärfollikel (. Abb. 4.8 b) mit die zu einem früheren Zeitpunkt den Lymphknoten
– Keimzentrum als zentrale Aufhellung nach ihrer Aktivierung durch das efferente Lymphsys-
– Mantelzone als dichte Lymphozytenkappe tem verlassen hatten. Solange keine antigene Stimulie-
rung vorliegt, ist die Zahl der auswandernden Lympho-
Keimzentren entstehen, wenn aktivierte B-Lymphozyten zyten relativ klein. Dies ändert sich bei Antigenbefall.
in den primären Lymphfollikel eindringen. Die B-Lym- Die ausgewanderten aktivierten B- und T-Lymphozyten
phozyten haben zuvor die T-Zellregion des Parakortex verteilen sich in den Geweben des Körpers.
(7 unten) durchwandert und wurden durch CD4-T-Hel- B-Lymphozyten können dort zu Plasmazellen wer-
ferzellen vorstimuliert. Im Keimzentrum treffen die den (7 S. 147). Einige Zellen gelangen dann wieder über
B-Lymphozyten erneut auf CD4-T-Helferzellen und auf den Ductus thoracicus ins Blut und kehren in den
follikuläre dendritische Zellen (7 S. 147). Sie reifen, wer- Lymphknoten zurück, von dem aus sie erneut auf Wan-
den selektioniert und beginnen sich zu teilen. Sie wer- derschaft gehen können. In den Lymphknoten ist daher
den zu Zentroblasten. Hieraus werden Zentrozyten, ein ständiges Kommen und Gehen von Lymphozyten,
die innerhalb des Keimzentrums eine eigene helle Zone ohne dass sich die mikroskopisch erkennbare Gliede-
bilden, die sich von der dunklen Zone mit Zentroblasten rung der Lymphknoten ändert.
absetzt. In der hellen Zone entscheidet sich, ob aus den
Zentrozyten Plasmazellen oder Gedächtniszellen wer- Die Markstränge weisen in einer Matrix aus Fibroblas-
den. Anschließend verlassen die Zentrozyten das Keim- ten vor allem B-Lymphozyten und Plasmazellen auf.
zentrum und wandern in die Peripherie. Die Plasmazellen sezernieren Antikörper, die in die
Umgeben wird das Keimzentrum von einer Mantel- Lymphe gelangen. Außerdem gibt es in der Nachbar-
zone (Korona) aus B-Lymphozyten, die kein passendes schaft der Marksinus viele Makrophagen.
Antigen auf der Oberfläche der follikulären dendriti-
schen Zellen gefunden haben. Die Mantelzone ist un-
gleichmäßig dick, zur parakortikalen Zone hin schmä-
ler als zur Gegenseite (. Abb. 4.8).
a4.4 · Lymphknoten
153 4

> In Kürze
Lymphknoten liegen entweder als regionäre zyten, die parakortikale Zone mit verschiedenen
oder als Sammellymphknoten vor. Regionäre T-Lymphozyten. Die Lymphozyten gelangen
Lymphknoten filtern die Lymphe eines bestimm- hauptsächlich über die Blutbahn in den Lymph-
ten Körpergebietes oder Organs. Sammellymph- knoten und verlassen das Blut im Bereich der
knoten sind den regionären Lymphknoten nach- hochendothelialen Venolen im Parakortex. Die
geschaltet. Die Lymphe erreicht die Lymphkno- B-Lymphozyten wandern durch den Parakortex
ten über mehrere lymphatische Vasa afferentia, zum Kortex. Dort befinden sich die charakteristi-
die in den Randsinus münden. Von dort fließt schen Lymphfollikel. Im Keimzentrum des Sekun-
die Lymphe in Rinden-, Intermediär- und Marksi- därfollikels werden B-Lymphozyten aktiviert, se-
nus durch den Lymphknoten. In der Umgebung lektioniert und sie proliferieren. Sie werden zu
der Sinus befinden sich viele Makrophagen und Zentroblasten und Zentrozyten, die zusammen
interdigitierende dendritische Zellen, die zu Pha- mit zytotoxischen T-Lymphozyten die Lymph-
gozytose und Antigenpräsentation befähigt sind. knoten in einem lymphatischen Vas efferens ver-
Die Antigene stammen aus der Lymphe. Über- lassen. Plasmazellen liegen im Mark der Lymph-
wiegend sind die Lymphknoten mit Lymphozy- knoten in Marksträngen. Sie reichern die Lymphe
ten besiedelt, die Rinde (Kortex) mit B-Lympho- mit Antikörpern an.
5

Allgemeine Anatomie
des Bewegungsapparates
5.1 Knochen – 156
5.1.1 Knochenformen – 156
5.1.2 Periost – 157
5.1.3 Leichtbau der Knochen – 157
5.1.4 Funktionelle Anpassung – 159
5.1.5 Kalziumstoffwechsel und Blutbildung – 159

5.2 Gelenke und Bänder – 160


5.2.1 Synarthrose – 160
5.2.2 Diarthrose – 161
5.2.3 Sonderstrukturen und Hilfseinrichtungen – 162
5.2.4 Gefäße und Innervation – 162
3.2.5 Bewegungsführung von Gelenken – 162
5.2.6 Gelenktypen – 163
5.2.7 Funktionelle Anpassung und Alterung – 165

5.3 Muskeln, Sehnen und Muskelgruppen – 166


5.3.1 Muskeln als Individuen – 167
5.3.2 Bindegewebige Hüllsysteme – 168
5.3.3 Sehnen – 168
5.3.4 Hilfseinrichtungen von Muskeln und Sehnen – 169
5.3.5 Muskelmechanik, Muskelwirkung auf Gelenke – 170
5.3.6 Innervation – 172
5.3.7 Muskelgruppen – 173
5.3.8 Anpassung – 174

5.4 Allgemeine Aspekte der Biomechanik – 175


156 Kapitel 5 · Allgemeine Anatomie des Bewegungsapparates

5 Allgemeine Anatomie
des Bewegungsapparates

Der Bewegungsapparat setzt sich aus einem passiven Nach der äußeren Form lassen sich unterscheiden:
5 und einem aktiven Anteil zusammen. Zum passiven Be- 4 lange Knochen
wegungsapparat gehören die Knochen, die zum Skelett 4 kurze Knochen
zusammengefasst und durch Gelenke und Bänder mit- 4 platte Knochen
einander verbunden sind. Der aktive Bewegungsappa-
rat umfasst die Skelettmuskulatur, die die einzelnen Ske- Lange Knochen oder Röhrenknochen finden sich in den
lettteile gegeneinander bewegt oder in einer bestimm- Extremitäten. Sie zeigen von allen Knochen am deut-
ten Stellung fixiert. lichsten den Aufbau aus funktionell unterschiedlichen
Eine Teilaufgabe des Bewegungsapparates ist ent- Abschnitten (. Abb. 5.1):
sprechend die Ausführung von Bewegungen, die andere 4 Die Diaphyse (Schaft) ist das röhrenförmige Mit-
die Haltefunktion. telstück. Dessen Kortikalis ist massiv (Substantia
compacta). Sie umschließt einen mit gelbem Kno-
chenmark gefüllten Hohlraum, die Markhöhle (Cavi-
5.1 Knochen Osteologie tas medullaris).

Kernaussagen |
5 Knochen haben einen gemeinsamen Bau,
aber unterschiedliche Formen.
5 An ihrer äußeren Oberfläche werden Kno-
chen von einer strumpfartigen Hülle aus
Bindegewebe überzogen, dem Periost.
5 Knochen haben eine Leichtbauweise.
5 Die Knochenstrukturen passen sich Druck-,
Zug- und Biegebeanspruchungen an.
5 Knochen haben neben mechanischen auch
metabolische Aufgaben.

5.1.1 Knochenformen

Allen Knochen gemeinsam ist eine dünne oberflächliche


Schicht kompakten Knochens (Substantia corticalis). Im
Inneren befindet sich ein Schwammwerk aus feinen
Knochenbälkchen (Substantia spongiosa).

. Abb. 5.1. Schematische Darstellung eines Röhrenknochens


(Humerus). Der distale Knochenabschnitt ist in der Länge halbiert,
um Kompakta, Kortikalis und Spongiosa zu veranschaulichen
a5.1 · Knochen
157 5
4 2 Epiphysen; es handelt sich um die meist verdickten Das Stratum fibrosum besteht aus straff angeordneten
Endstücke der Röhrenknochen, die am Aufbau der Kollagenfaserbündeln, von denen einige als Sharpey-Fa-
Gelenke beteiligt sind (7 S. 161). Sie haben eine re- sern in die Substantia corticalis des Knochens eindrin-
lativ dünne Kortikalis, aber eine dichte Spongiosa. gen und dadurch das Periost am Knochen befestigen.
Zwischen den Spongiosabälkchen befindet sich ro- Andererseits stehen die Kollagenfasern des Stratum fib-
tes Knochenmark. rosum mit Sehnen und Bändern in Verbindung, die sich
4 2 Epiphysenfugen kommen nur während des Wachs- am Knochen befestigen (7 S. 168). Dadurch gehört das
tums vor. Sie bestehen aus hyalinem Knorpel und Periost zum Bindegewebssystem des Bewegungsappa-
befinden sich zwischen den Epiphysen und der Dia- rates.
physe. Epiphysenfugen stehen im Dienst des Län-
genwachstums des Knochens (7 S. 57). Mit Ab- Das Stratum osteogenicum, auch als Kambiumschicht
schluss des Wachstums sind sie noch einige Zeit bezeichnet, dient der Knochenneubildung, z. B. bei der
als Epiphysenlinien zu erkennen, verschwinden Knochenbruchheilung (7 S. 53). Es enthält Stammzel-
dann aber. len, die sich zu Osteoblasten und Osteoklasten differen-
4 2 Metaphysen sind die an die Epiphysen angrenzen- zieren können. Außerdem führt es zahlreiche kleine Ge-
den verdickten Anteile der Diaphyse. fäße und Kapillaren, die mit den Volkmann- und Ha-
4 Apophysen sind Knochenvorsprünge für den Ansatz vers-Gefäßen der Substantia compacta (7 S. 51) in Ver-
von Muskeln und Bändern. bindung stehen und die Ernährung des Knochens si-
cherstellen. Ferner kommen viele freie Nervenendigun-
Kurze Knochen (Hand- und Fußwurzelknochen, Wir- gen vor, die die Schmerzempfindlichkeit des Periosts er-
belkörper) sind vielgestaltig und haben keine allge- klären.
meingültige Gliederung.

Platte Knochen (Brustbein, Rippen, Schulterblatt, Hüft-


bein, Knochen des Schädeldachs) haben an ihrer Ober- 5.1.3 Leichtbauweise der Knochen
fläche eine unterschiedlich dicke Kompakta, welche die
Spongiosa mit rotem, blutbildendem Knochenmark Leichtbau meint, dass mit einem Minimum an Material
umgibt. Bei sehr flachen Knochen kann die Spongiosa ein Maximum an Stabilität erreicht wird. Dies führt
fehlen, z. B. im dünnen Teil des Schulterblatts. In den beim Knochen zu einer Absenkung von Gewicht und
Knochen des Schädeldachs wird die Spongiosa als Di- Energiebedarf und ermöglicht eine relativ grazile Ske-
ploë bezeichnet. lettmuskulatur; beides ein Selektionsvorteil. Beim Men-
schen entfallen nur etwa 10% des Körpergewichts – etwa
Nicht alle Knochen sind in dieses Schema einzuordnen. 7 kg – auf das Skelett und 30% auf die Muskulatur.
Einige haben Strukturmerkmale verschiedener Kno-
chenformen in unterschiedlicher Mischung. Dazu gehö- Der Leichtbau wird beim Knochen realisiert durch
ren die pneumatisierten Knochen des Schädels. Sie ent- 4 Verwendung von Lamellenknochen (7 S. 51), einem
halten luftgefüllte, mit Schleimhaut ausgekleidete Hohl- Baumaterial mit hochwertigen mechanischen Eigen-
räume. schaften,
4 Verstärkung des Baumaterials jeweils im Bereich der
größten Druck- und Zugspannungen sowie der Bie-
gebeanspruchung – bei gleichzeitiger Einsparung
5.1.2 Periost von Material an weniger belasteten Stellen. Diese
Anordnung wird als trajektorielle Bauweise bezeich-
Das Periost (Knochenhaut) (. Abb. 5.1) ist mit dem net. Trajektorien sind in der Technik Linien, die die
Knochen verwachsen. Es besteht aus zwei funktionell Richtung des größten Drucks oder Zuges bzw. der
unterschiedlichen Schichten: Biegung angeben, z. B. die Verstrebungen eines Bau-
4 Stratum fibrosum, einer derben äußeren Schicht krans (. Abb. 5.2 a–c). Sichtbar werden Trajektorien
4 Stratum osteogenicum, einer zell-, gefäß- und ner- besonders in der Spongiosa (. Abb. 5.2 e), sie sind
venreichen inneren Schicht aber auch in der Substantia compacta vorhanden.
158 Kapitel 5 · Allgemeine Anatomie des Bewegungsapparates

. Abb. 5.2. Materialeinsparung durch Leichtbauweise am Beispiel beanspruchung in verschiedenen Richtungen (Kräfte P1–P7) ist
eines Krans. Die exzentrisch angreifende Kraft P erzeugt links die Rohrform am günstigsten; hier wirken Muskeln als Zuggurte;
Druckbelastung und rechts Biegebelastung. a Massivbauweise. e Leichtbauweise des proximalen Femurendes. Die schwarzen Stri-
Verteilung der Druck- und Zugspannungen (Pfeile); b Leichtbau- che innerhalb des Knochens symbolisieren die Verstärkung der
weise durch Anordnung des Materials in Richtung der Druck- Spongiosa (Trajektorien) (vgl. b). Die roten Striche außerhalb
und Zugspannungen; c Zuggurte vermindern die Biegebeanspru- des Knochens zeigen die Zuggurtung durch Muskeln und Faszien
chung und führen zu weiterer Materialeinsparung; d bei Biege- analog c

Zur Erläuterung
Wird ein massiver Rundstab (. Abb. 5.3) gebogen, so treten an
der Konkavität Druckspannungen und an der Konvexität Zug-
spannungen auf. Sowohl die Druckspannungen als auch die
Zugspannungen sind in der äußersten Zone des Rundstabs
am größten und nehmen nach innen ab (Länge der Pfeile in . Abb. 5.3. Verteilung der