Sie sind auf Seite 1von 2

Kirchengeschichte nach Martin Jung, Kirchengeschichte, Tübingen 2014 (Auszüge)

evRel BEH

„Das Christentum entstand, als die Römer die Welt beherrschten. Es war jedoch keine Religion der
Römer, sondern es entstand auf dem Boden des Judentums. [Es] war attraktiv, weil es wie eine verein-
fachte Form des Judentums erschien. Wer Christ werden wollte, musste sich nur zu Jesus Christus be-
kennen. Die Öffnung für Nichtjuden hatte Konsequenzen. Schon nach wenigen Jahrzehnten dominier-
ten im Christentum die Nichtjuden über die Juden; und das Christentum entfernte sich von seiner jü-
dischen Mutterreligion. Dadurch verloren die Christen aber auch den Schutz, der den Juden im Römer-
reich gewährt wurde, was zu Feindschaft und Verfolgung führte. Die Christen reagierten auf die Ver-
folgung, indem sie sich mit Worten verteidigten. Mehrfach griffen philosophisch gebildete Christen zur
Feder [und] stellten ihren christlichen Glauben dar.

Das Ende der Verfolgungsperiode kam unter Kaiser Konstantin, der im Jahr 306 an die Macht gekom-
men war. Er wendete sich im Zusammenhang mit einer Schlacht und einem unerwarteten Sieg dem
Christengott zu. Konstantin bereitete nicht nur den Verfolgungen ein Ende, sondern begann sogar das
Christentum zu fördern, zum Beispiel durch den Bau großer Kathedralen. Er berief eine große Kirchen-
versammlung ein. Hier wurde beschlossen, dass Jesus Christus in gleicher Weise Gott ist wie Gott Va-
ter. 381 tagte ein neues Konzil, das den heiligen Geist in das Bekenntnis einbezog. Ein Jahr zuvor wurde
das Christentum Staatsreligion. Die Bevölkerung des Römischen Reichs wurde, mit Ausnahme der Ju-
den, auf den christlichen Glauben verpflichtet.

Wichtig durch die ganze Geschichte hin [ist] der Gedanke der „apostolischen Sukzession“: Alle Bischöfe
verstehen sich in direkter Linie als Nachfolger der Apostel, denn die Apostel hätten die ersten Gemein-
den gegründet und die ersten Bischöfe eingesetzt und geweiht und diese dann alle weiteren. Nur in
den meisten Kirchen der Reformation ist diese nahtlose Abfolge der Bischöfe abgebrochen.

Im Zusammenhang mit der Völkerwanderung ging der westliche Teil des Römerreichs mit Rom als
Hauptstadt 476 unter. Im Jahr 498 jedoch ließ sich der fränkische König Chlodwig taufen, und mit ihm
schlossen sich 3.000 weitere hoch stehende Stammesmitglieder dem Christentum an. Es war die erste
Massentaufe in der Geschichte des Christentums und eine Taufhandlung, bei der nicht mehr eine ein-
gehende Glaubensunterweisung der Taufe vorausging. Im Jahr 800 besuchte König Karl Rom und sei-
nen Bischof und ließ sich von ihm zum Kaiser krönen. Es entstand [das Papsttum und] das „Heilige
Römische Reich deutscher Nation“. Karl der Große förderte das Christentum in jeder Hinsicht. Im Nor-
den und Osten brachte Karl das Christentum zu den Sachsen, allerdings mit Gewalt. Wieder kam es zu
Massentaufen.

Ab 919 wurde es üblich, Bischöfe mit politischer Macht auszustatten. Die Kaiser setzten hohe Adlige
als Bischöfe ein. Dies trug erheblich zur Stabilisierung des Reiches bei, da Bischöfe ehelos lebten und
ihr Herrschaftsgebiet nicht an ihre Kinder vererben konnten. [Dieses „Reichskirchensystem“] hatte
kirchlich gesehen aber erhebliche schädliche Wirkungen, da die politisch aktiven Bischöfe ihre kirchli-
chen Aufgaben stark vernachlässigten. Von 1059 an [kam es darüber zum] Konflikt zwischen Kaiser und
Papst [weil der Papst das Recht, Bischöfe einzusetzen, für sich beanspruchte]. Konfliktreich entwickel-
ten sich in der gleichen Zeit die Beziehungen zwischen der östlichen und westlichen Christenheit. 1054
kam es zum definitiven Bruch: Die beiden obersten Repräsentanten ihrer jeweiligen Kirchen schlossen
sich gegenseitig aus der Kirche Jesu Christi aus. Die Verurteilungen wurden [erst] 1965 aufgehoben.

Gegen die Krieg führende und im Reichtum schwelgende Kirche regte sich vom 12. Jahrhundert an
Widerstand, [zum Beispiel] die Armuts- und Predigtbewegung der Waldenser. Obwohl sie von der Kir-
che sofort und hartnäckig bekämpft wurden, konnten die Waldenser überleben. Radikaler noch waren
die Katharer. Aus ihrem Namen entstand vermutlich der Begriff Ketzer. Auch sie wurden bekämpft und
in den sogenannten Albigenser-Kreuzzügen restlos ausgerottet. [Daneben] traten Einzelgestalten als
Kirchenkritiker auf und nahmen Anliegen der Reformation vorweg. Luther hat sich auf Hus berufen,
der 1415 wegen seiner Lehren in Konstanz verbrannt worden war.

Während die Kirche im Westen mit sich selbst beschäftigt war, gerieten die Kirchen des Ostens in äu-
ßere Bedrängnis. Die Türken und der Islam drängten die Griechen und das Christentum zurück. Nach-
dem 1453 das Zentrum der östlichen Christenheit von den Türken erobert worden war, wurde aus
Konstantinopel Istanbul. Im Zusammenhang setzte eine Gelehrtenflucht von Ost nach West ein. Die
Gelehrten führten alte Handschriften mit sich und gaben der westlichen Wissenschaft neue Impulse.

Beeinflusst vom Humanismus, wollten viele theologische Gelehrte, allen voran Martin Luther, in der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Neuausrichtung am Eigentlichen, Alten und Bewährten. Diese
Reformation (wörtlich: Zurückformung) fand statt, hatte aber entgegen den Absichten eine Neuerung
und Modernisierung zur Folge und eine dauerhafte Spaltung der abendländischen Christenheit in zwei
große Konfessionen und viele miteinander rivalisierende Kirchen.

Ende Oktober 1517 brachte Luther 95 Thesen zu Papier, gedacht für eine universitäre Disputation (Aus-
tausch unter Gelehrten). Ohne Luthers Zutun wurden sie gedruckt, verbreiteten sich in Windeseile und
fanden große Resonanz. Die Kirche reagierte, aber nicht mit Verständnis, sondern mit Gegenmaßnah-
men. Luther [wurde] zu einem Ketzer erklärt und aus der Kirche ausgeschlossen. Obwohl auch der
Kaiser ein Todesurteil sprach, konnte Luther überleben und weiter in seinem Sinn wirken. Auf der
Grundlage seiner Gedanken baute sich eine Kirche auf, in der regelmäßig gepredigt wurde, in der Pfar-
rer verheiratet waren und in der keine Heiligen angerufen, sondern der Blick auf die Bibel gerichtet
wurde.

Das [evangelische] Bekenntnis wurde jedoch von der alten Kirche und dem Kaiser zurückgewiesen.
1546 erklärte der Kaiser [erfolglos] den Evangelischen den Krieg. 1555 [beschloss] ein Reichstag: Den
Regierenden wurde das Recht eingeräumt, sich für oder gegen die Reformation zu entscheiden und
die jeweiligen Untertanen hatten ihnen zu folgen. Wer regierte, bestimmte auch die Religion seines
Landes und Volkes. In Skandinavien entstanden lutherische Kirchen, in England und in den Niederlan-
den hatte Calvin mehr Resonanz, Zwingli blieb auf die Schweiz beschränkt.

Die Reformation förderte die Bildung. Ein evangelischer Pfarrer sollte studiert haben. Dem evangeli-
schen Pfarrhaus hat es Deutschland zu verdanken, dass es zu einem Land der Dichter und Denker
wurde. Die Katholiken hatten dem nichts entgegenzusetzen, denn durch das Festhalten am Zölibat
konnte das katholische Pfarrhaus nicht zu einer Brutstätte der deutschen Geisteselite werden.

Um das Jahr 1670 nahm ein religiöser Neuaufbruch seinen Anfang, der als Pietismus bezeichnet wird,
weil seine Anhänger die Pietas, die Frömmigkeit, betonten. Hauptanliegen sind die Beschäftigung mit
der Bibel und die Aktivierung der Gemeindemitglieder. Zunächst wurde der Pietismus vielerorts von
den Obrigkeiten bekämpft., doch er konnte sich behaupten. [Daneben] entfaltete sich auch die Aufklä-
rung: Autoritäten wurden hinterfragt, Bekenntnisse wurden relativiert. Vor allem wollten die Aufklärer
mit Hilfe der Vernunft Licht in die Religion bringen.

Die Französische Revolution wurzelte in der Aufklärung. Unter dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit brachen in Frankreich die alten Machtgefüge zusammen. Doch die Herrschaft der Ver-
nunft wandelte sich zu einer Herrschaft der Gewalt. Zuletzt gelangte in Frankreich Napoleon an die
Macht, der sich 1804, allen revolutionären Idealen zum trotz zum Kaiser krönen ließ – nein: selbst die
Krone aufsetzte. Napoleon endete als Gescheiterter, aber einige der von ihm in Deutschland ausgelös-
ten Umwälzungen wurden nicht wieder rückgängig gemacht. Das „Heilige Römische Reich deutscher
Nation“ und sein „Reichskirchensystem“ endeten. In der evangelischen Kirche kam es zu immer weiter
fortschreitenden Pluralisierungen. Laufend entstanden neue Kirchen. Gleichzeitig gingen Kirchen auf-
einander zu und bemühten sich, Trennungen zu überwinden.“