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EIN TRAUM VON CHINA

von Torsten Schwanke (Shi Tuo-Tang)

ERSTER GESANG

Und ich, der Dichter, war dereinst im Geist


Auf einem fernen Berg im Morgennebel
Und las in einem alten Buch die Zeilen:
Es war ein Mann in Ramatajim-Zofim,
Der war auf dem Gebirge Ephraim.
Und da ward ich mit einemmal entrückt
Und überquerte eine schmale Brücke
Und kam in meinem Traum ins Himmelreich.
Da führte eine Himmlische mich ein
In den Palast des weisen Hohenpriesters,
Der mir in der Gestaltung eines Alten
Mit einem langen weißen Bart erschien,
Der auf dem Haupte trug als die Tiara
Ein Seidenkäppchen weiß mit Seidenbändern,
In seiner Rechten hielt er einen Stab,
Er war gehüllt in purpurrote Seide
Wie eine Majestät, mit einem Umhang,
Der war aus schwanenweißem Hermelin.
Der teilte freundlich nun mit mir das Man-hu
Und reichte einen Kelch gegornen Wein,
Und er vertraut mir ein Geheimnis an:
Hoch über allen Heiligen des Himmels
Ist eine Göttin namens Guan Yin.
Nachdem ich dieses Wort vernommen hatte,
Die Himmlische mich führt auf einer Wolke
In aller Ruhe durch die Himmelsweiten,
Wir kamen schließlich zu dem Morgenstern.
Da sagte sie zu mir: Du schaust nun China,
Denn China ist die Heimat deiner Seele.
Nun wird die Gnade dir zuteil der Göttin,
Nun darfst du deine Heimat wiedersehen.
Da, was erkennst du auf der Erde da?
Die Meere und die Berge, das ist China.
Als Bauwerk ist zu sehn die Große Mauer.
Du wirst nun in der Mitte Reich gelangen,
Um anzuschaun Tau Ti in seinem Dasein.
Ich werde bei dir sein, und du wirst alles,
Was du erkennst, in Stille niederschreiben
Und den Bericht der Nachwelt hinterlassen. -
Wir schwebten Arm in Armen langsam nieder
Auf einer Wolke, nahten uns den Bergen,
Auf einer Wolke, nahten uns den Meeren.
Zur Erde kamen bei der Mauer wir,
Das Erste Tor auf Erden war geschlossen.
Wir schwebten genial durch Raum und Zeit,
Und ich schrieb die Geschichte nieder. Dies
Ist der Bericht von einem Traum von China.

ZWEITER GESANG

Nachdem die junge Dame Ma-Ma war


Zu Bett gegangen und im Schlaf versunken,
Geschah mit ihr merkwürdig Seltsames.
Sie war allein. Ihr Mann I-Se war nämlich
Auf einem Esel in die Stadt geritten,
Um in der Stadt mit Händlern zu verhandeln.
Nun Ma-Ma schlief auf ihrer Ruhematte,
Nachdem sie einen Schlummertrunk genommen.
Im Traume war ihr, als erwachte sie
Und sei im Traume wach. Da saß sie still
Vor einem Spiegel. Auf dem Kandelaber
Die Kerze, von dem Glimmstab angezündet.
Im Spiegel sah sie Widerschein des Flämmchens,
Das war ganz ruhig. Sie im Lotussitz
Saß vor dem Spiegel, meditierte über
Den Widerschein des Flämmchens in dem Spiegel.
Da war die Flamme eine Mandorla,
Drin sah sie die Gestalt von einem Jüngling,
Von einem wunderschönen jungen Mann,
Der hatte in dem Rücken einen Baum
Und breitete die Arme offen aus,
Sein Haupt war schräg geneigt und voller Schmerzen,
Zu gleicher Zeit sanftmütig-gütig lächelnd.
Und auf dem Haupte trug der junge Mann
Von Dornenblumen einen Kranz gewunden.
Dann schwand der Jüngling aus der Mandorla.
Sie wieder sah ein Bildnis in dem Spiegel,
Den Jüngling wieder in der Mandorla,
Den Baum im Rücken, Schmerz im Angesicht,
Er transformierte sich und war ganz Herz
Und füllte gänzlich aus die Mandorla.
Und Ma-Ma fühlte sich zutiefst verbunden
Mit diesem Herzen und mit diesem Licht,
Das Herz war ihr zum Mutterschoß geworden,
Sie sah im Schoße einen Embryo
Und sah sich selbst als diesen Embryo.
Und immer deutlicher erkannte sie
Das Werden dieses ungebornen Lebens.
Da wandelte das Bild sich in dem Spiegel,
Und Ma-Ma schaute ihren eignen Rücken,
Sie kam sich selber näher, unbeweglich,
Kam unbeweglich diesem Bilde näher.
Gleichzeitig merkte sie, wie jemand ihr
Im Rücken war, ein unsichtbares Wesen.
Sie hörte eine Stimme in dem Raum:
Mein Kind, nie war ich dir so nah wie jetzt. -
Da war sie innen seelisch überwältigt,
Als sie die große Liebe überkam.
Drauf sank sie auf den Boden, wie in Ohnmacht,
Und lag mit ausgestreckten Armen da.
Da sah sie glühend eine Himmlische
Im Raume schimmern gleich wie Schnee und Glut,
Die säuselte mit einer sanften Stimme:
Erhebe dich, o Ma-Ma, von der Erde! -
Da setzte sie sich auf und sah die Form,
Gekleidet in ein langes Seidenkleid
Mit weiten Ärmeln über ihre Hände,
Mit einem roten Seidenband gegürtet,
Das ihr hinunter hing an ihrer Lende,
Das schwarze Haar von einem seidnen Glanz,
Das Angesicht wie weiche Pfirsichhaut.
In ihrer rechten Hand die Himmlische
Hielt eine Primel oder Himmelsschlüssel.
Mit einer sanften Stimme sprach sie dann:
Ich bin: Wer ist vollkommen und vollendet?
Ich bringe zu dir eine gute Botschaft.
Erinnerst du dich noch, wie du vor kurzem,
Als Sterne fielen von dem Firmament,
Zu sieben Kindern du ein achtes wünschtest?
Ich bin gekommen nun, um dir zu sagen,
Dass du ein Kind zur Erde bringen wirst.
O Ma-Ma, nenne du dein Kind Tau Ti,
Er wird der Himmelssohn in China sein.
Ich segne dich im Namen Guan Yins. -
Und nun benetzte ihr die Himmlische
Mit einem Tropfen Tau das holde Haupt
Und führte Ma-Ma in das Badezimmer,
Sie schöpfte aus der Wanne etwas Wasser
Und wusch die Füße ihr. Und Ma-Ma bat:
O Himmlische, du wasch mir auch die Hände.
Da wusch sie ihr die Hände, sagte lächelnd:
Du hattest mystisch teil am Dritten Himmel. -
Drauf gingen sie zurück zur Glut im Spiegel,
Da sprach die Himmlische: Ich scheide jetzt. -
Und Ma-Ma weinte nun wie eine Grotte,
Sie wäre gern gefolgt der Himmlischen
Ins wunderschöne himmlische Gefilde.
Sie aber sank in eine tiefe Ohnmacht.
Im nächsten Morgenrot erwachte sie.
Sie sprach zu keinem Menschen von dem Traum,
Er schien ihr selber auch zu wunderbar.
Nur langsam fand sie sich im Leben wieder.
Sie steckte täglich eine Kerze an
Vorm Spiegel, der mit Gaze war verschleiert.
Bald merkte sie, dass sie geschwängert war.

DRITTER GESANG
I-Se und Ma-Ma waren in Ba-xian,
Das nahe dem Bo Hai, der Bucht im Norden
Des Gelben Meeres oder Huang Hai.
Die Ma-Ma war geboren auf der Insel
Mit Namen Cheju-Do, die liegt im Osten
Im Gelben Meer, der Wasserstraße von
Tshushima nah. I-Se, er war vom Südland
Gekommen. Als sie einst die Ehe schlossen,
War Überschwemmung von dem Gelben Strom,
Dem Huanghe, nach einem großen Deichbruch.
Dann hatten sie gewohnt im Ort Ba-xian,
Wo weite Wälder sind, mit sieben Söhnen.
Jedoch nach jener himmlischen Erscheinung
War anders nun die Schwangerschaft als sonst.
Neun Monde wachsender Glückseligkeit
Ging sie und wurde stets von innen froher,
Wie Tropfen Tau im Wasser Kreise ziehen,
Dass sie vielleicht vor Glück gestorben ist.
Sie ist entschlafen zu den Gelben Quellen.
Doch die Geburt im Hause in Ba-xian
War von dem Elternpaar gewollt. Sie lag
Im Bett, wo Ziegelsteine aufgeschichtet
Und Matten drüber, Seidenkissen mit
Brokat bestickt. Da lag sie niederkommend.
Bei ihr war eine Hebamme, ein Arzt,
Die Mutter von I-Se, die Oma Pau.
Das Kind kam aus dem Mutterschoß hervor,
Die Mutter fiel in eine tiefe Ohnmacht.
Die Amme hatte dieses Kind, das mit
Dem Kopf zuerst nach unten auf die Welt kam,
Vorsichtig mit der Hand am Kopf gefasst
Und sacht herausgezogen. Und der Arzt,
Er trennte ab die Nabelschnur (die Hand
Hat nicht gezittert) und er gab das Kind
Der Oma Pau in ihre guten Hände,
Die wusch das Kind in einer Messing-Wanne
Und wichelte das Kind. Die Windel war
Der weiße Hochzeitsschleier seiner Mutter.
Das Kind lag da, geschlossner Augenlider,
Es wimmerte. Drei Tage später konnte
Sich Ma-Ma immer noch erheben nicht
Vom Lager, immer häufiger sank sie
In Schlummer, bis am dritten Tage sie
Entschlief. I-Se fand sie, da war sie kalt.
Das ganze Haus brach aus in lautes Weinen.
Nach dem Begräbnis, bei der Trauerfeier,
I-Se zum Trost den Trauernden den Wein
Kan-Peh aus großem Kruge schenkte aus.
Die sieben Söhne waren alle da:
Tam, Fu, Tsing, Meng, Sung, Jin und Ping der Jüngste.
Sie sprachen Sprüche aus als Angedenken.
Drei Monde später kam zum Ort Ba-xian
Der Priester der Kapelle des Erbarmens.
Der war schon alt und hatte weiße Haare
Und ging an einem krummen Knotenstock,
Der eben diesen Tag begann zu sprießen.
Er kam in einem langen blauen Kleid
Mit einem purpurroten Überhang,
Gegürtet, an dem Gürtel war ein Onyx.
So kam er in das Haus I-Ses und Oma Paus.
Da stellten sie ein Becken auf von feinem
Und weißem Porzellan und schön gemustert,
Da zwischen Zweigen eine junge Dame
Gemalt, die schwarzen Haare aufgebunden,
Das weißliche Gewand hernieder wallend,
Von einem purpurroten Band gehalten,
Das an der Seite lang hinunter fiel.
In diesem Becken war gewärmtes Wasser
Und rosa Pfirsichblüten schwammen drauf.
Das Buch vom Himmel und der Erde und
Vom Menschen schlug der alte Priester auf
Und las ein Wort: Das Tao ist die Mutter.

VIERTER GESANG

Die Ma-Ma leitete die Ahnentafel


Bis auf die Xia-Dynastie zurück.
Wie sie im Traum besucht ward, ist es auch
Beschrieben in des Lenzes und des Herbstes
Annalen von dem weisen Kung Fu Tse,
Dort heißt es nämlich: Markgraf war von Dscheng
Der Markgraf Wen, der hatte eine Zweitfrau
Mit Namen Dji von Yän, die einst im Traum
Erblickte einen schönen Himmelsboten.
Er gab ihr eine Orchidee und sagte:
Ich, Magd, bin einer deiner toten Ahnen.
Du wirst gebären, Jungfrau, einen Sohn,
Der ähnlich dieser Orchidee sein wird.
So wird er auch der Duft des Landes sein.
Das Volk wird ihm vertrauen und ihn lieben,
Wie diese Blume, diese Orchidee.
Und später suchte sie der Markgraf auf,
Da schenkte er ihr eine Orchidee
Und wollte sich ihr nähern liebevoll,
Doch sie wies zärtlich ihn zurück und sprach:
Herr, Eure Dienerin hat kein Talent.
Soll dennoch ihr das Glück beschieden sein,
Euch einen Sohn in diese Welt zu bringen,
So würde niemand glauben, o mein Herr,
Dass Ihr ihn selbst gezeugt habt. Darf ich kühn
Die Blume als Beweis der Welt vorlegen?
Ja, sprach er. Sie gebar den Markgraf Mu
Und rief ihn Orchidee, sagt Kung Fu Tse.

FÜNFTER GESANG

Und als es lichter Morgen war geworden,


Da hatte Oma Pau sich aufgemacht,
Um einen Sarg für Ma-Ma zu besorgen,
Dazu auch Weihrauch, Kerzen, Silberschuhe
Und Pappgebilde, wie man sie verbrennt
Bei den Begräbnissen. Nach ihrer Rückkehr
Sie zündete die Totenlampe an
Und stellte sie am Haupt der Leiche auf,
Die Totenlampe wurde hochgehalten
Von einer knieenden Figur aus Stein.
Das Totenkleid aus vielen Jadeplättchen
Zusammen ward gehalten von dem Golddraht.
Am Abend gab es einen guten Schmaus
Für alle Trauergäste, und am Tag
Darauf die Priester der Barmherzigkeit
Die Totenmesse lasen für die Seele.
Am dritten Tag erschien ein Männertrupp
Und trug den Leichnam vor des Ortes Mauern.
Die Nachbarn gaben weinend das Geleit,
Voran in einer Sänfte zog der Witwer
In weißer Treauerkleidung, tief bekümmert.
Nachdem der Leichnam außerhalb der Mauern
Zum Platz der Irdischen Verwandlung kam,
Da ward der Sarg der Erde übergeben.
Es schloss sich an die Speisung vieler Leute
Beim Kloster der Barmherzigkeit und Gnade,
I-See bezahlt das, der Weinende.
Beim Trostmahl Oma Pau hielt eine Rede:
Wie heißt es doch im alten Buch der Oden?
Die Fische gehen in die Reusen ein,
Ja, Schlei und Sahm gehn in die Reusen ein,
Der Herr hat Wein genug und guten Wein.
Die Fische gehen in die Reusen ein,
Der Butt, der Karpfen in die Reusen ein,
Der Herr hat Wein genug und guten Wein.
O wie die guten Dinge reichlich waren,
Dem Herren und der Zeit zum Wohlgefallen.
I-Se nun schenkte Wein aus großen Kannen,
Den Wein aus Sorghum-Korn, den Wein Kan-Peh.
Sie leerten alle fleißig ihre Becher,
Die sieben Söhne leerten ihre Becher,
Da überkam der Geist der Göttin sie,
Der allerhöchsten Göttin Guan Yin,
Dass sie es drängte, jeden einzelnen,
Der Wehgemeinde einen Trost zu sagen.
Zuerst erhob sich Tam, er sprach die Worte:
Ach, meine Mutter war mir Zuversicht
Und Hoffnung mir von meiner Jugend an!
Drauf redete der zweitgeborne Fu:
Ich bin ein Zeichen tiefer Trauer vielen,
Doch soll die reine Seele meiner Mutter
Mir jeden Tag der Lippen Lobpreis sein!
Und da erhob sich Tsing und sagte dies:
Mir war die Mutter eine feste Burg,
Zu der ich immer, immer fliehen konnte,
Die meine Zuflucht und mein hoher Berg!
Darauf erhob sich Meng und sagte dies:
Ach, meine Mutter hat mich ach verlassen!
Nacheilen wollt ich ihr! Sie sei nicht ferne!
Die Göttin komm mir in der Not zu Hilfe!
Und nun erhob sich Sung und sagte dies:
Dein Angedenken will ich wahren, Mutter,
Und allezeit erzählen deine Werke
Und Taten, die ich nimmer zählen kann!
Und jetzt erhob sich Jin und sagte dies:
Von meiner Jugend an hat mich die Mutter
Den Weg geführt, und jetzt noch will ich reden
Von allen ihren wunderbaren Werken!
Und nun erhob sich Ping und sagte dies:
Aus meiner Mutter Schoß zog mich hervor
Die Göttin Guan Yin, so werde ich
Auf immerdar sie voller Liebe ehren!
Nachdem die sieben Söhne ausgesprochen,
Die Gäste schwiegen eine stille Zeit,
Versunken in die Nacht der Traurigkeit.
Die Erde und das Korn, die gelbe Heimat,
Sie gab zum Troste den gegornen Wein.
So tranken die Betrübten sich zum Trost,
Bedurfte Ma-Ma dessen doch nicht mehr.
Sie leerten ganz die Becher grünen Weines.
Momente später sich erhob I-Se
Vom Sitz, er stand im weißen Trauerkleid,
Gebeugt von Last des Kummers und der Trauer.
Er sprach mit einer wohlgestimmten Stimme:
Es mangelte mir früher und gebrach
Am Wein, nun füllt der Opferwein den Becher.
O süßer Most, den man im Mai genießt,
Wann wird der wiederum mein Herz erfreuen?
Die Tische stehen voll mit leckern Speisen,
Doch Tränen von den Kindern und den Gästen
Benetzen alle Speisen bei dem Mahl.
Ich möchte reden. Mir versagt die Stimme,
Ich wollte sehen, doch mein Auge bricht.
Soeben ward im hohen Leichensaal
Die Holde aufgebahrt, die liebe Frau,
Schon ist sie in der Nacht bei Gelben Quellen,
Und weiße Blümchen blühn auf ihrem Grab.
Weit sind die Länder, einsam ist die Ruhe.
So fernhin ist die Sicht betrübter Augen,
Unüberschaubar aber ist die Leere.
Am frühen Morgen aus dem Tor gekommen,
Bald Heimkehr in die tiefe Dunkelheit,
Zum Himmlischen Gefilde, sprach I-Se.

SECHSTER GESANG

Tau Ti war eben erst ein halbes Jahr alt,


Da zog nun die Familie von Ba-xian
Zum nah gelegnen Ort Anci hinüber,
Nur ein paar Meilen weiter nördlich, wo
I-Se mit Hilfe seiner sieben Söhne
Ein Haus gebaut. Sie hatten Pfähle in
Der Erde Grund gestemmt und Fundamente
Gelegt, die hohen Wände aufgerichtet
Und eine Mauer rings umher gezogen.
Sie brannten Steine und sie schichteten
Die Steine an der Richtschnur grad entlang,
So eine Reihe auf der andern Reihe.
Besondre Freude hatte daran Ping,
Er hatte schon als kleines Kind am Meer
Lehm aufgefunden, Schlänglein sich gedreht
Und diese dann in Reihen aufgewunden,
Dies in den Sonnenstrahlen trocknen lassen,
Dann glatt gestrichen noch mit feuchtem Lehm,
So hatte schöne Vasen er gemacht,
Die er mit trocknen Immortellen dann
Im Haus der lieben Oma aufgestellt.
Sie fällten Kiefern, schnitten diese kantig
Und so erbauten sie den hohen Dachstuhl,
Den deckten sie mit Ziegeln und Keramik.
Sie auch vergaßen nicht, im Mauerwerk
Zu lassen Freiraum für die Tür und Fenster.
Dann bei der Schwelle stellten sie ein Paar
Von Pfosten auf, wo Angeln dran befestigt,
Dort war die hohe Pforte eingehängt.
An allen Seiten waren schöne Fenster.
Es waren nun zwei Wohnungen in einer
Und jede Wohnung hatte eine Tür.
I-Se im großen Haus mit seinen Söhnen,
Im kleinen Haus die Oma mit Tau Ti.
Tau Ti wuchs schnell heran im alten Park,
Der bei dem Hause in Anci erblühte,
Im Garten, den I-Se selbst angelegt.
Die Oma Pau mit ihren weißen Haaren,
Gehüllt in einen Kimono aus Japan,
Sie sagte: Geh, Tau Ti, und spiel im Garten!
Dann sie bedeckte sich das Angesicht
Mit einer dünnen Schicht von Puderreis,
So glättete sie sich des Alters Falten.
Ihr schönes Antlitz hätte fast erstarrt
Zu einer Totenmaske ausgesehen,
Ja, wären da nicht schmale Augenschlitze,
Die mandelförmigen, erleuchteten.
Die mächtig schweren Zweige der Magnolie
Ausbreiteten sich nahe an dem Eingang
Zum Haus der vielgeliebten Oma Pau.
Von einer kleinen Mauer rings umgeben,
Stand in der Mitte jenes schönen Parkes
Ein Ginko-Baum, der unerschütterlich.
Da war an jener Mauer eine Tafel
Von Stein, mit dieser Inschrift eingraviert:
Dies Baumes Blatt gibt den geheimen Sinn
Zu kosten, wie‘s den Wissenden erbaut.
Da waren Obstbaum auch an Obstbaum in
Dem Garten eingepflanzt, der Garten war
Durch einen Graben von dem Park getrennt,
Dem schönen kultivierten Park von China.

SIEBENTER GESANG

An Schwanensee von Xian, dort war eine


Steinstele aufgestellt mit diesen Zeichen:
Die Majestät von Xian dies empfange,
Ich bitte sie um die drei schwarzen Schwäne
Vom Schwanensee, drei weiße Nephritsteine
Ich wollte gern als Zahlung dafür spenden.
Die schwarzen Trauerschwäne sind so schwarz
Wie schöner Schimmer schwarzer Mädchenhaare.
Die Schatten dieser schwarzen Trauerschwäne
Versinken in dem transparenten See.
Die Schwäne reinigen die Schwingen nahe
Dem jadegrünen Weidenbaum. In Nächten
Sie schlafen still im Schimmerschein des Mondes,
Zur Morgenröte auf dem Wasser schwimmen
Sie ganz gemächlich bei den Pfirsichblüten.
Die Schwäne wollte ich zum Eigentum,
Mit ihnen spielen auf dem Huanghe,
Mit ihnen spielen in dem Gelben Meer.
Die Majestät sie mög mir bitte schenken,
Dem Boten drum ein Zeichen überreichen.

ACHTER GESANG

Tau Ti gern spielte mit der Nachbarin,


Mit Jiu. Deren Vater, Architekt,
Er lud die beiden Kinder ein zum Segeln
Auf dem Bo Hai. Mit Puppen hatten sie
Gespielt und Schattenspiele auch gespielt.
Im Garten war ihm eine Imme in
Das Ohr gekrochen, und er hatte Fieber,
Drei Tage lang. Die Wickel, mit Chitin
Getränkt, sie konnten nicht das Fieber lindern,
Da redete er wirr in seinem Wahn:
Die Erde bebt, die Berge stürzen ein,
Die Meere beben und die Sterne stürzen!
Gesundet, er begann sehr süß zu singen.
Der Vater Jius hatte eine Dschunke.
Das rote Segel hisste er und zog
Den Anker hoch, und mit dem Westwind sie
Begaben sich aufs Meer zur großen Fahrt.
Wir heben Gegenwind, wir müssen kreuzen,
So sprach der Vater, dann bläst stets im Wechsel
Der Wind von rechts ins Segel und von links.
Und das ist Yang und Yin. Die Alten nannten
Einst China Land der Meere und der Berge.
Wie ich euch Yin und Yang erklärt nun habe
Mit Winden überm Meer, so haben es
Die Alten mit dem Licht am Berg erklärt.
Die Seite des Gebirges, die im Licht ist,
Das ist das Yang, die Schattenseite Yin.
Da sprach Tau Ti: Die Sonne wandert aber,
Dann ist die Sonne auf der andern Seite,
Die Sonne da, wo vorher Schatten war.
Das Mädchen Jiu stand da bei Tau Ti
Und zeigte auf die ferne Uferküste,
Die sie zur rechten Hand begleitete.
Was liegt denn dort? Der liebe Vater sprach:
Der letzte Küstenort dort heißt Peng-lai,
Den nennt man so in der Erinnerung
Ans Eiland der Unsterblichen und Geister,
Dort sind glückselig alle Genien.
Doch weoiß man nicht, wo jenes Eiland liegt
Der Seligen, Unsterblichen und Geister,
Am Ufer dort ist nur der Ausgucksturm.
Der Wind ward heftiger, die Wellen stiegen
Hoch an der Bordwand, doch die Dschunke kam
Darüber weg. Sie hatten Gegenwind
Und kreuzten. Und der Vater Jius sprach
Zum Kind Tau Ti, dem er die Schiffermütze
Aufs Haupt gesetzt, und sprach zum Mädchen Jiu,
Die vorne an dem Bug der Dschunke stand,
Die Strähne ihrer schwarzen Haare wehten
Im Winde: Dort die Wasserstraße von
Tshushima werden wir nicht überqueren,
Die Insel Cheju-Do erreichen wir
Wohl heute nicht mehr. Es wird dunkel werden.
Wir werden uns zur Umkehr rüsten müssen.
Tau Ti ward traurig und er sagte traurig:
Dort kam doch meine Mutter einst zur Welt,
Ich war so lange Zeit schon nicht mehr dort.
Wie gerne wollt ich doch die Heimat sehen
Der lieben Mutter, wo sie ward geboren.
Sie machten rechter Hand im Küstenhafen
Station. Da in der Bordkabine schliefen
Der Alte und die Tochter, doch Tau Ti
Im Freien lieber wollte übernachten,
Im Freien unterm Formament der Sterne.
Schön stieg herauf der lichte Stern des Abends,
Der nach dem Tod der Nacht genannt wird Stern
Des Morgens. Und sie schliefen auf der Dschunke.
Des Morgens früh den Anker hoch gezogen
Und dann gehisst das Segel, schwamm die Dschunke
Vom Hafen fort. Sie kamen an dem Strand
Vorüber. Unansprechbar war der Vater,
Denn ihn entzückte eine junge Dame,
Die schwebend an dem Wasser wandelte,
Gehüllt in feine weiße Sommerseide.
Sie zog den Haarpfeil eben aus den Haaren
Und schüttelte den Zopf und fasste ihn
Und löste ihre langen Haare auf,
Die auf den feuchten Boden nieder fielen.
Die Dschunke aber setzte fort die Fahrt,
Und so verlor die schöne Aussicht sich
In die verschwommne Ferne. Bald sie waren
Hinausgefahren von der Bucht Bo Hai
Aufs Huang Hai, das Gelbe Meer im Osten.
In der Unendlichkeit vergeht die Zeit
Sehr schnell. Tau Ti und Jiu setzten sich
In der Kajüte auf die Bambusmatten
Und spielten Schach. Tau Ti war sehr zerstreut.
Die vierundsechzig Felder, sprach Tau Ti,
Entsprechen im I Ging den Hexagrammen. -
Hast du befragt schon das Orakel mit
Schafgarbe? - Ja, ich nahm einst fünfzig Halme,
Eins legte ich zur Seite für die Göttin,
Die Göttin der Barmherzigkeit und Gnade.
Dann habe ich die Stängel abgezählt
Von einer in die andre Hand und immer
Aufs neue einen Stängel weggelegt.
Und da erfuhr ich von dem ersten Menschen
Und von dem letzten Mann, dem Himmelssohn. -
Lass ab von abergläubischer Magie,
Sprach in Tau Ti die innre Stimme sanft.
Die Dschunke heftig fing zu schaukeln an,
Der Vater rief von oben: Kommt hervor!
Ich sehe einen Drachen in dem Meer!
Tatsächlich gingen hoch die Meereswogen,
Es spritzte Gischtschaum auf des Schiffes Deck.
Bald stehen uns die Wasser bis zum Hals,
So rief Tau Ti durchs laute Meeresbrausen.
Da stellten sich die Wogen auf wie Mauern,
Ein Haupt erhob sich, goldenweiß und morgenrötlich,
Der Panzer Stein, der Schweif ein Regenbogen,
In Buntheit schillernd wie der Thron der Göttin.
Das Ungeheuer tauchte wieder unter,
Das Meer fand wieder seine Seelenruhe.
Der Regenbogen blieb am Himmel stehen.
Das ist ein gutes Zeichen, sprach Tau Ti,
Nun wird das Ungeheuer abgewehrt.
Dass uns der Drache nicht vernichten konnte,
Das kommt daher, weil wir im Bunde stehen
Wohl mit dem Königsvater aus dem Osten.
Am Mastbaum und am Querholz aufgehängt
Mit Schlaufen wehte schön das rote Segel
Im leichten Wind. Die Fahrt ward fortgesetzt
Nach Cheju-Do, dem Heimatort von Ma-Ma.
Schon war ein schmaler Landstrich da zu sehen
Am Horizont. Da breitete Tau Ti
Die Arme aus mit namenloser Sehnsucht
Und schwebte mit den Füßen überm Boden,
Den blanken, und er bot vor Euphorie
Sein Herz dem Herzen an der Gnadengöttin.
Sie liefen nun den Hafen an im Westen.
Im Norden war der Leuchtturm da von Yösu,
Der schaute nach Tshushimas Wasserstraße
Und schaute auf das Eiland Cheju-Do.
Der Kapitän und Jiu wollten auf
Den Marktplatz gehen, um auf der Terrasse
Des schönen Pavillons der Sommerfreuen
Jasmin-Tee still zu trinken und zu speisen
Gebratne Ente, langen Lebens Nudeln.
Tau Ti sprach aber sanft: Nach Speis und Trank
Steht mir das Herz nicht. An der Insel Ostrand
Ich möchte atmen, wo einst Ma-Ma sang.
Und so besprachen sich die Reisenden,
Dass sie zur neunten Stunde wieder wollten
Zusammen bei der roten Dschunke sein.
Da ging Tau Ti den Pfad, von Steinen schön
Gepflastert und belegt mit braunen Planken,
Der schließlich in der Wildnis sich verlor,
In schönen Kurven sandig durch die Wiesen.
Zu Seiten waren Gruben der Kaninchen,
Da kam er durch ein dunkles Kiefernwäldchen,
Da strahlte gelbes Licht der Sonne längs
Den Schattenrändern. Über einen Hügel
Ging er und kam zum Rand des Inselostens.
Da sank Tau Ti verehrend auf die Knie,
Die Trauer überschwemmte ihm sein Herz,
Als er an seine liebe Mutter dachte,
Die nun nicht mehr im Tal der Tränen lebte.
Er schloss die feuchten Augen, redete
Im innern Geist mit Göttin Guan Yin.
Da wurde es auf einmal Licht um ihn,
Als wär umher der reinste Schnee des Himmels.
Da sprach er: Wache auf, o Gnadengöttin,
O sende einen Trost in meine Trauer,
Denn meine Seele ist gebeugt zum Sand,
Mein Körper ist wie roter Staub der Erde,
Ich bin ein Nichts in der Einöde Mitte,
So mach dich auf vom himmlischen Gefilde,
Erlöse mich von meinem Leib im Elend,
Um deiner Gnade willen, Guan Yin! -
Wie schnell ward Abend, eben war noch Mittag.
Tau Ti ging nun zurück den schmalen Pfad,
Da wuchsen Ginseng-Pflanzen, Wunderwerke,
Die Medizin hilft gegen das Vergessen.
Da grub er eine Ginseng-Wurzel aus,
Die aussah wie ein altes Wurzelweib,
Und tat das Ginseng-Weib in seine Tasche.
Er ging den Pfad zum Sandstrand in dem Süden,
Da hob er Muscheln auf und schwarzen Tang.
Den Tang aufrollte er wie schwarzes Haar,
Den legte er in das Gehäus der Muscheln
Wie kleine Schlänglein in ein offnes Grab.
Die Muscheln schloss mit der sanften Hand
Und übergab das Muschelgrab dem Meer.
Nun wünschte er sich Glück, das Los des Himmels.
Noch waren seine schmalen Augen feucht,
Die Trauer war die Stimmung seiner Seele.
Er ging zurück zur Dschunke, da empfing
Der Vater ihn mit seiner Tochter Jiu.
Da machten sie sich wieder auf die Fahrt.
Das stille Wasser überquerten sie
Bei gutem Wind in einer milden Mondnacht.
Der Kapitän blieb wach noch über Nacht,
Tau Ti zog sich zurück in die Kabine,
Mit dunklem Schimmer brannte eine Lampe.
Tau Ti war eingeschlafen, doch da hörte
Im Schlaf er eine lieblich sanfte Stimme,
Die rief ihn. Und er redete: Hier bin ich.
Und da erwachte er und trat hinaus
Und redete zur Göttin Guan Yin:
Hier bin ich, rede, Göttin des Erbarmens,
Dein Diener hört auf deine lieben Worte.
Da gingen ihm die schmalen Augen auf,
Da sah er überm grünlichweißen Vollmond
Des Traumes Lichtgestalt, wie Mondlicht hell,
Ein wunderschönes liebliches Gesicht,
Die makellose Haut wie Pfirsichhaut,
Die schmalen Augen in der Form von Mandeln,
Verborgen unter Lidern langer Wimpern,
Die Augenbrauen fein gezogne Bögen,
Der Mund war himbeerrot, die Lippen lächelnd,
Das schwarze Haar umfloss die Lichtgestalt,
Umgab sie ganz vom Haupt bis zu den Füßen,
Die schlanken Füße weiß wie Lilienblüten,
Umschwommen ganz vom Schimmerlicht des Mondes,
Ein Schwan sich schmiegte ihr zu ihren Füßen.
Und also sprach die liebevolle Stimme:
Tau Ti, ich bin die Göttin Guan Yin,
Ich habe dich geprüft und dich geläutert,
Wie Silber in der Trübsal Feuerofen.
Die Hoffnung aller Elenden ist nicht
Verloren. O mein Kind, ich liebe dich,
Und meine Gnade und Barmherzigkeit
Begleiten dich dein ganzes Erdenleben.
Gibst du den Geist auf und hast du vollbracht,
Was deine himmlische Berufung war,
Wirst du in meinem Arm die Wonne finden! -
Tau Ti sank überwältigt nieder und
Versank in einen Schlaf wie eine Trance.

NEUNTER GESANG

Dann kamen endlich sie in Anci an,


Tau Ti blieb in dem Haus des Architekten,
Damit er Oma Pau nicht wecken musste.
Am nächsten Morgen machte Lan, die Frau
Des Architekten, Lan heißt Orchidee,
Ein leckres Frühstücksmahl. Da gab es Hirse
In Honig, für die Kinder Kirschensaft
Und für die alten dunkle Pflaumenbrühe,
Gekocht, das stärkte ihren müden Geist.
Tau Ti und Jiu gingen in den Garten,
Um Ping-Pong dort am grünen Tisch zu spielen.
Schön schaute Jiu aus in weißer Seide
Mit einem purpurroten Phönixmuster,
Sie trug ein faltergleiches Band im Haar,
Sandalen trug sie, bunt wie Morgentau
Im Lichte schillernd auf den grünen Gräsern.
Mit beiden Händen hielt sie einen Becher
Mit rotem Saft und setzte an und trank,
Da war ein Lächeln schon auf ihrem Antlitz.
O wenn ihr schönes Antlitz lächelte,
So wurde stille seine tiefe Seele!
Der weißen Wolke an dem blauen Himmel
Glich sie und einer reinlichen Orange.
Tau Ti nahm Abschied nun mit wohlgesetzten
Und schönen Dankesworten von dem Vater,
Von Orchidee und ihrer Tochter Jiu.
Drei Monde später zogen sie ins Südland,
Sie zogen in ein Haus in Kanton, das
Umgeben war von Mandarinenbäumen.

ZEHNTER GESANG

Es nahte nun des Mondes Fest im Herbst.


I-Se rief seinen Sohn Tau Ti ins Haus,
Er tat die Eingangstür auf, die genannt ward:
Das Tor des Himmels. Kam I-Se hervor,
Kam aus dem inneren Gemach des Hauses
Und wandelt durch den Wasserperlenvorhang.
Er war gekleidet in ein dunkles Kleid,
Er setzte sich die Kappe auf das Haupt
Und band die rote Schärpe um die Hüfte.
Da saßen nun am Tische Tam und Fu
Und Meng und Sung und Jin. Sie saßen vor
Den Jadebechern mit dem heißen Reiswein,
Auf welchem Chrysanthemenblüten schwammen.
Der wegen seiner Schönheit hochgerühmte,
Der schöne Tam hob seine Stimme, sprach:
Vollzählig sind wir fast. Nur Tsing und Ping,
Sie fehlen uns. Ist Ping noch auf den Weiden,
Die Eselinnen waren ausgebrochen,
Er will zurück sie führen auf die Weide.
Ach, hoffentlich stö0t unserm Ping nichts zu,
Unsicher ist die Gegend, seit der Kaiser
Den Krieg hat ausgerufen. Seit der Zeit
Weiß keiner: Wer ist kaiserlicher Söldner
Und wer ist Räuber aus der Bande Dschis?
Die Räuber nennen sich nach dem berühmten
Verbrecher Dschi, der vor dreitausend Jahren
Zur Zeit des Gelben Kaisers tat das Seine.
So gebe Ping nun acht, wenn er verfolgt
Die Eselinnen, die geflohen sind,
Dass er nicht in die Hände der Banditen
Gerät, denn dann verlöre er sein Leben.
Dann besser doch die Eselinnen lassen.
Ach, seufzte Tam, auch Tsing vermissen wir.
Er kämpft im Heere hoch im Norden gegen
Die reitenden mongolischen Barbaren.
Wir haben einen Boten ihm gesendet
Mit einem aufgerollten Siegel, ob
Er Urlaub kriegen kann zu unserm Fest.
Er hat sich auf die Reise schon gemacht
Vielleicht. Drei Tage noch, dann scheint der Vollmond,
Dann werden alle wir beisammen sein.
Tam sprachs. Die alte Oma Pau trat ein,
Gewandet in ein seidenes Gewand,
Mit einer Kopfbedeckung gelben Kashmirs,
Die über ihre schmalen Schultern fiel.
Sie sprach: Ihr Lieben, ich hab eben mir
Die Hände in der Unschuld rein gewaschen.
Drei Hühner habe ich zum Fest geschlachtet.
Ich gab sie hin als Opfer an die Göttin.
Ja, wenn das Ende kommt, dann kommt das Ende.
Ich werde diese Opferhühner kochen,
Um das Gefieder ihnen auszurupfen,
Dann werde ich sie köstlich zubereiten.
Wir speisen Hühner dann mit Reis und Sauce.
Mein lieber Sohn I-Se, ich bin schon alt.
Des Menschen Leben währt nicht wie ein Stein.
Auch habe ich das Elixier noch nicht
Gefunden, das die Jugend ewig macht.
So meine ich, du solltest dich, mein Sohn,
Nach einer Dienerin umsehen, die
Den Haushalt dir besorgt und deinen Söhnen.
Denn wenn du Holz sägst oder deine Söhne
Arbeiten auf dem Feld, sind auf dem Feldzug,
Dann könnt ihr nicht den Haushalt noch besorgen.
Wenn ich dir dies als alte Oma sage,
Dann hoff ich, dass du meinen Rat beherzigst.
So sprach sie, und sie lächelte sehr gütig.
Am nächsten Tag kam Ping zurück, es waren
Die Eselinnen wieder auf der Weide.
Er sprach: Ein Mann des Kaisers hatte sie
Gefunden und erkannt am Messingplättchen
Am Ohr und wusste so, wem sie gehören.
Er hat sie mir gebracht und sagte noch:
Wenn ich des Feindes Eselinnen fände,
Ich müsste sie ihm dennoch wieder bringen.
So ist es recht im Sinn der Tugendlehre
Von unserm weisen Meister Kung Fu Tse.
Ich zog zur Weide mit den Eselinnen,
Da unterwegs ich einen Wandrer traf,
Der sprach: Ich will zum weisen Seher gehen,
Den Weg in die Unsterblichkeit zu lernen.
Die Eselinnen sind nun eingebracht.
Nun fehlt uns nur noch Tsing, der ist im Norden,
Dann ist die Sippe wieder ganz beisammen.
Am nächsten Tag vom Norden kam ein Bote.
Es war am Tage vor dem Vollmondfest.
Der Bote grüßte die Familie würdig:
Ich wollte eine Botschaft Ihnen bringen,
So lassen Sie in Pietät mich sagen,
Wie Tsing es, Eurem Sohn, ergangen ist.
Wir waren an dem Berge Tianshan,
Da kämpften wir mit Schildern und mit Schwertern.
Wie groß die Wüste ist in großer Hitze!
Doch fanden wir ein schönes Weideland,
Da die Oase frisches Wasser gab.
Zweitausend Jahre ist es her, da grasten dort
Verschiedner Stämme zahme Ziegenherden.
Der Kaiser Tsao sandte die Armee,
Zu machen jene Ländereien urbar.
Nachdem die Grenze zum Barbarenland
Gesichert worden war, da legten andre
Abteilungen die scharfen Schwerter nieder,
Pflugscharen nahmen sie in ihre Hände.
Wir waren eine Schar von Pionieren,
Wir ewurden angeführt von Bruder Tsing,
Ich ging an seiner Seite immer treu.
So gingen wir durch einen Pinienwald
Am südlichen Gebirge. Müde machten
Uns hohe Temperaturen. Öfter tauchte
In gelber Steppe eine Jute auf.
In weiter Ferne war ein Wasserfall.
Dann stiegen wir den Bogdashan hinan,
Den hohen Berg, der hob sich in den Himmel
Mit schneebedeckten Gipfeln. Wolken flogen
Ihm um das Haupt. Tsing leitete die Truppe,
Er führte uns zum stillen Himmelssee.
Ich sprach zu ihm: Gut, dass wir fern sind von
Den kriegerischen Fronten in der Welt,
Denn dort verliert man schnell sein kleines Leben,
Von eines bösen Feindes Schwert durchbohrt.
Da sagte Tsing: Das aber sei mir ferne,
Dass ich das scharfe Schwert nicht gürten wollte.
Tu auf dein Ohr! Das Jenseits zeigt sich hold!
Den Menschen sind in diesem Erdendasein
Nur kleine eitle Nichtigkeiten Trost,
Sie kriechen durch den roten Staub der Erde.
Dem Himmel näher, siehe, spiegelt sich
Im klaren Himmelssee das Himmelsfenster.
Der Dieb nur kommt durchs Fenster in das Haus,
Ich aber trete durch die Pforte ein. -
Der See gespeist ward von geschmolznem Eis,
Das von des Gipfels Höhe kam hernieder.
Wir waren wahrlich an dem See des Himmels,
Am Tian Chi! Dreitausend Jahre früher
Der Kaiser gab ein leckres Festmahl für
Die Himmelsmutter, hier an diesem See.
Wir tranken vom gegornen Wein Kan-Peh
Und speisten Pilze. Tsing hat sich gegürtet
Mit seinem Hemd und schwamm im klaren See.
Er war schon in der Mitte, als er schrie:
Hilf Himmel, Himmel, ich versinke!
Da war er schon versunken. Ich weiß nicht,
Ob ihn ein tiefer Sog hinab gesogen,
Er tauchte nicht mehr auf. - So sprach der Bote.
Ach, die Versammlung brach in laute Tränen aus.
Ping saß zur Rechten von I-Se und weinte,
Der Vater aber war verstummt vor Schmerzen:
Mein lieber Bruder, ach, mein lieber Bruder,
Was hast du mich allein gelassen, Lieber!
Sie speisten noch Melonen und Rosinen,
Der Bote brachte sie vom Norden mit.
Und Tam hielt die Karaffe in der Hand
Und schenkte Wein dem Vater in den Becher.
Der setzte gleich den Becher an und leerte
In Einem Zuge ihn und sprach voll Trauer:
Wie herrlich ist der Himmel überm Reich
Der Mitte, ja, die Macht gebührt dem Himmel!
Ich will ein Opfer bringen meiner Göttin.
Nun ist wohl Tsing bei seiner lieben Ma-Ma
Im Jenseits in dem Reich der gelben Quellen,
In dem Gefild der Geister, sprach I-Se.
Da sprach Tau Ti: Ich habe einst gehört,
Die Se, das edelste der Saitenspiele,
Von Seligen im Himmel wird gehört.
Ich wünschte mir nur, mit der Göttin Segen
Und mit dem Segen aller Seligen,
Die edle Se zu streichen und zu zupfen.
Ich hörte einst von einem blinden Seher,
Sie habe einen schön geschwungnen Leib
Von Holz und Saiten aus dem Darm des Fisches. -
Am nächsten Tag, dem Tag des Herbstmondfestes,
Ging Ping mit seinem Bruderherz Tau Ti
Im Freien. In den Beeten Chrysanthemen,
Des Herbstes Blumen, blühten, wie Päonien,
Pfingstrosen sind des süßen Frühlings Blumen.
Sie gingen in dem Park des Dorfs Anci,
Dort waren Wutung-Bäume, ließen fallen
Die goldnen Blätter. Bei der Steinlaterne
Sie setzten sich auf eine Wiese nieder.
Auf der granitnen Säule war der Körper
Der Lampe, die aus Mandelstein geformt,
Der Baldachin darauf von purem Nephrit.
Da sagte Ping: Ich rede von den Vasen.
Denn unsre Ahnenmütter hinterließen
Ein Erbe uns, das reicht von den sakralen
Und edlen Bronzen bis zu feinem Porzellan,
Die Vasen sind glasiert. Verschiedne Arten.
Ein transparentes Muster nennt sich da
Nach Himmelsvögeln und nach Wasserfischen.
Ping sprach. Da aber redete Tau Ti:
Im Himmel sehe ich sakrale Bronze. -
Sie saßen vor dem Haus auf der Terrasse,
Und Jin kam durch den Wasserperlenvorhang
Des innern Tores, durch den Bambusvorhang
Des äußern Tores, glatt sein schwarzes Haar,
Wie eine Schlange an der Stirn die Locke.
Und Jin sprach diese bWorte zu Tau Ti:
Es ist ein Ort, gelegen nah am Gelben Meer,
Der Ji geheißen, nahe bei Tongxian.
Es gibt nun eine Prophetie, dass dort
Soll die verbotne Stadt errichtet werden.
Ich, Jin, war einmal dort, im Orte Ji.
Es gibt auch eine Heiligen-Legende,
Dass Hsi Wang Mu, die Mutterkönigin
Des Westgebirges oder des Kunlun,
Ein Töchterchen besaß und die hieß Ji.
Sie weilte oftmals bei den Himmlischen
Und kam für einen Tag zu einem Jüngling
Auf diese Erde. Also sagte Jin.
Im Herbste wird es früh in Anci kühl,
Lag auf der Mondterrasse Reisigholz.
Jin sprach: Des Himmels liebste Tochter Ji
Ist schön, sehr schön. Aussagen kann ichs nicht.
Ich wollt ihr weihen eine schöne Vase,
Geformt aus allerfeinstem Porzellan,
Mit einem Pflaumenblütenzweig darauf,
Ganz weich gepinselt mit Mangan, die Vase
Nennt sich Mei Ping, die Pflaumenblütenvase.
Es trauerte Tau Ti um seinen Bruder,
Um Tsing, im hohen Himmelssee ertrunken.
Tau Ti schwamm unterm Lide eine Träne.
Die Augen aufgetan, die Tränen rollten
Hinab die Wange, pfirsichrote Wange.
Er sagte: An den Knöcheln des Gebirges,
Zum Gipfel klangen Horn und Trommel laut.
Der Feind umgab uns da mit tausend Mann,
Wir blieben standhaft und wir wichen nicht.
Und unsere Verteidigung war fest
Wie eine Mauer. Unser Wille war
Wie eine Festung. Jenseits nun der Scheide
Sind leuchtende Raketen aufgestiegen
Wie an dem Neujahrsfest. Das Heer der Andern
War auf der Flucht, verschwand in dunkler Nacht.
Tau Ti ging in das Haus, wo ihn die Oma
Begrüßte: Yao, Shun und Yü, die alten
Verehrten Patriarchen segnen dich.
Der Himmelsbaldachin ist über dir.
Sie kam vom Spiegel, und ihr Angesicht
Glich einer weißen Maske, und Tau Ti
Fand, dass die Neunundneunzigjährige
Unübertrefflich war an edler Anmut.
Sie sprach: Ich dachte jüngst an meine Mutter,
Die hatte einen Kranich, wenn sie den
Betrachtete, so sprach sie ein Orakel,
Das Tao wird verkörpert in dem Te,
Die Gottesweisheit in der Lebenskraft.
Nun aber, o mein Junge, geh hinaus
Und gürte deine Lenden des Gemütes.
Tau Ti ging auf sein Zimmer, wählte aus
Den Stoffen einfach schwarzes Linnen sich
Zum Oberkleid und Unterkleid und legte
Sich um den Hals ein grünes Kragenband
Von Seide, voller silberner Verzierung
Mäander-förmig, drüber legte ere
Ein Tuch von himbeerfarbnem Kaschmirstoff.
Die schwarzen Haare auf der Stirne reichten
Ihm nicht ganz zu den schwarzen Augenbrauen,
Den schwingengleichen feinen Augenbögen.
Die Augen waren schmal und dunkel-tief.
Er hatte bei der Unschuld des Gesichts
Ganz feine Falten um die tiefen Augen,
Und um die Augen lagen Schattenfelder,
Da sammelten sich oftmals seine Tränen.
Die Wangen waren sanft wie Pfirsichhaut,
Die Nase aber war ein wenig blasser,
Die Lippen von der Farbe roter Himbeern,
Es lag ein trauervoller Ausdruck um
Den liebevollen weichgeschwungnen Mund,
Das schwarze Haar hing ihm mit einer Strähne
Hinab die Wange, schmiegte sich ans Haupt
So sanft wie dämmerschwarzes Seidentuch,
Die Ohren waren unterm Haar verborgen.
Er nahm vom Tische eine Messingschere
Und schnitt sich seine langen Fingernägel,
Wusch sich die Hände, roch an der Mimose,
Die er in einer Vase stehen hatte.
Er ging mit einem schwärmerischen Taumel
In seiner Seele aus dem kleinen Zimmer.
Die Oma hatte einen Vollmond aus
Papier sich ausgeschnitten. Lange hatte
Sie kunsthandwerklich sich betätigt, etwa
Kreisrunde Rahmen wunderschön bestickt,
Sie hatte auch gesponnen und gewoben,
Wofür die Wolle sie vom Hirten hatte.
Lass uns hinüber gehen, sagte sie.
Auf der Terrasse saßen schon I-Se
Und seine Söhne. Und Tau Ti hielt den
Papiermond in der Hand, mit einem Nagel
Befestigte den Mond er an dem Balken.
Dann sprach I-Se: Geehrte alte Oma,
Nach deinem weisen Ratschlag hab ich mich
Nach einer neuen Hausmagd umgesehen.
Und morgen wird sie kommen in mein Haus.
Da sagte Pau: Wie heißt es im Gedicht:
Das leere Bett ist schwer allein zu halten.
Die Jadebecher standen auf dem Tisch
Und eine marmorne Karaffe mit
Gegornem Wein, auf dessen Spiegel schwammen
Des Herbstes weiße Chrysanthemenblüten.
Und auf dem Tisch stand eine bronzene
Schildkröte, deren Panzer war zu öffnen,
Darin war etwas Weihrauch für die Göttin.
I-Se trug an der Linken einen Ring,
Daran war ein Brillant, der hohl war, da
Ein Deckel drauf, den konnte auch man öffnen,
Und grünen Jadestaub zum Weine trinken.
Er winkte, und der Wein ward eingeschenkt.
Und in den Speiseschalen waren Mandeln.
Tau Ti saß geistversunken da und starrte,
Wie ein Kaninchen auf die Schlange, auf
Den Mond, der rein und rund am Himmel stand.
Sie nahmens mit der Sitze Ordnung ganz
Genau, denn also sagte Lao Tse:
Bei gutem Anlass rechts der Ehrenplatz,
Bei bösem Anlass links der Ehrenplatz.
Tau Ti zu Seiten saß da Oma Pau
Zur Rechten und zur Linken saß I-Se.
Tau Ti sprach: Du wirst finden eine Frau,
O Vater, die der Ma-Ma ähneln wird.
Dann sanken ihm die Augen zu. Sie schliefen.

ELFTER GESANG

Drei Tage später Su-ngo kam ins Haus.


Am Morgen früh erhob sich schon Tau Ti
Und salbte seine Schuppen an dem Arm.
Er zog sein Kleid an, legte an die roten
Kniebinden, ging hinaus und sang dies Lied:
Ein Entenpaar ruft quakend Wechsellaut,
Sie haben in dem Inselreich ein Nest.
Wie still ist doch die wunderschöne Maid,
Sie ist dem Fürsten eine liebe Braut.
Seerosen schwimmen mannigfach dahin,
Wir greifen nach den Rosen rechts und links.
Wie still ist doch die wunderschöne Maid,
Und Trommeln, Glocken küssen ihre Seele.
Und Su-ngo nun, die jugendliche Maid,
Zog in das Haus ein, Su-ngo, Weißgans,
Das schöne Mädchen sprach von ihrer Herkunft,
Sie kam vom Küstenort Lu Cheng, dem Feld
Des Hirsches, wo die Bürger einmal sahen
Das Zeichen gutes Glücks, den weißen Hirsch.
Nah diesem Küstenorte ist ein Berg,
Das ist das Nordgebirg der weißen Wildgans,
Und dort war Su-ngo auf die Welt gekommen.
Sie ging dort wandernd oft in dem Gebirge,
Die höchste Höhe hieß der Göttin Gipfel.
Und jedes Jahr im Herbste ziehen Schwärme
Von wilden Gänsen zu der Göttin Gipfel,
An einem Bergsee überwintern sie.
Drei Wasserfälle gibts beim Göttin-Gipfel.
Und Su-ngo hatte brav sich vorgestellt,
I-Se hat sie zu sich ins Haus genommen.
Jetzt hießen alle Zimmer Duftgemächer.
Oh, Su-ngo war wie eine Mangofrucht,
Sie war die Perle von der Göttin Gipfel.
In ihrem langen Haar trug sie die Nadel
Der Heiratsmündigkeit. Sie war gereift
Zu einer schlanken Maid von wahrer Schönheit.
Hauchzart wie Falterflügel ihre Brauen
Und phönixmäßig leuchteten die Augen.
Sie hatte ein ovales Angesicht
Und Wangen wie im Mai die Pfirsichblüten,
Die Knochen waren jadezart und fein,
Und ohne Makel schimmerte die Haut,
Die fühlte glatt sich an wie klares Eis.
Mit zierlich kleinen Lotosschritten ging
Sie wie im Luftmeer eine Mauerschwalbe.
Und kam man über ihre Schwelle in
Das reine Duftgemach, man hielt den Ort
Für eine Wohnung einer Himmlischen.
Sie war Dschu-Nü, sie war noch reine Jungfrau.
In ihrem hellen grünen Seidenkleid
Trat eines Morgens Su-ngo aus der Tür,
Sie hatte blaue Schatten auf den Lidern
Wie feinen Staub, der schimmerte wie Luft.
Da gab Tau Ti ihr ein Papier von Sung:
O Su-ngo, lobenswürdig schöne Maid,
Zwei Knaben laden in der neunten Stunde
Der frühen Nacht zum nahen Park der Birnen,
Wo wir dir dann lobsingen wollen, Jungfrau.
Zwei heimlich Liebende von ganzem Herzen.
Da Su-ngo in der schönen Jugend war
Zu Scherzen aufgelegt, ging sie des nachts
Zum wunderschönen Park der Birnenbäume.
Die Strecke führte am Magnolienbaum
Und an dem Ginkobaum vorüber, führte
Entlang der Quelle, die dem Stein entsprang
Und als ein Rinnsal leise weiter rollte.
Dort war ein Bachbett von Gestrüpp und Steinen
Und lange Gräser wehten in dem Wind.
Die Vögel riefen aus den dunklen Wolken,
Tautropfen sanken von den hohen Ästen.
Die Sängerin des Himmels gab den Vögeln
Unsterbliche Gesänge ein der Liebe.
Da kam zum Park der Birnenbäume Su-ngo,
Wo auch der Wu-tung-Baum und der Papierbaum,
Der Maulbeerfeigenbaum im Mondlicht standen.
Sie dachte an die Bäume der Erkenntnis,
Da sah sie schon die grünen Birnenbäume,
Den graden jungen und den krummen alten.
Und unterm jungen Baum, durch dessen Wipfel
Des Mondenlichtes Silber schimmerte,
Da stand Tau Ti mit seinem Bruder Sung.
Sie sah zu ihnen, stille und gespannt.
Da sangen sie dies Lied der schönen Su-ngo:
Du bist so lieblich wie der Mondenschein.
Der stille Mond muss überall erscheinen
Zur rechten Zeit, Gezeiten anzuzeigen,
Und muss ein Zeichen sein dem Zeitenlauf.
Man rechnet Fest und Feier nach dem Mondlicht,
Es ist ein Licht, das ab- und wieder zunimmt,
Es ist wie Flut und Ebbe, und es wächst
Und es verändert sich sehr wunderbar,
Feldzeichen ist es für die Himmelschöre,
Wenn es am Firmament des Himmels aufscheint.
Ein jedes ist geordnet nach dem Sinn
Der himmlischen Bestimmung durch das Schicksal.
Und wenn wir manches singen, reicht es nicht,
Die Schönheit schön zu loben. Lob sei dir,
O Su-ngo, Schönste aller Menschenkinder!
Jedoch im inneren Gemach der Düfte
I-See sprach zu der neuen Gattin Su-ngo:
Komm, setze dich an meine rechte Seite.
Und in der Nacht erkannte er die Schöne.
Des Morgens klopfte laut Tau Ti ans Tor
Mit seinem Nephrit-Zepter, und er fragte:
Was macht ihr da zusammen in dem Bett?
Und Su-ngo wurde schwanger. Sie gebar
Ein Kind, es war ein Mädchen, und sie nannte
Es Li-Li. Su-ngo sprach: Wenn ich das Baby
Entwöhnt hab, kann sie mit Tau Ti im Garten
Sehr schöne Spiele spielen, Falter haschen.
Zum Opfer für die Göttin Guan Yin
Sie brachte dar ein Rind und Reis und Wein.
Da sagte Su-ngo: Dieses Kindlein hab
Ich mir gewünscht, die wundervolle Li-Li.
O Vater, nimm den Wurm auf deine Arme.
Da freute Su-ngo sich und ihre Schönheit
Erblühte wie die weiße Seidenblüte
Am schneebedeckten Pflaumenbaum im Winter.
Ich neig mein Haupt zu Boden vor der Gnade
Der Göttin Guan Yin, sprach sie, mein Mund
Ist nicht verschlossen, denn kein Felsen ist
Dem Felsen gleich der Göttin Guan Yin.
Die Taten und die Worte werden alle
Gewogen von der Göttin Guan Yin.
Die Schwachen, sie umgürten sich mit Kraft,
Die Hunger litten, hungern nun nicht mehr,
Die Durst erlitten, dürsten nun nicht mehr.
Wer tötet und wer mach lebendig wieder?
Die Toten wurden einst hinab geführt,
Nun steigen sie hinauf zu Himmelsgeistern.
Die armen Menschen sitzen bei den Fürsten.
Das Recht wird herrschen an der Erde Enden.
Die Macht besitzt die Göttin Guan Yin.
Des Menschenkindes Haupt wird hoch erhoben
In der Glückseligkeit der Ewigkeit.
So sang die schöne Su-ngo und erfreute
An ihrem Kinde sich, der Tochter Li-Li.
Laternen glänzten farbig durch die Nacht,
Denn es war Winter und das Neujahrsfest
Ging still vorüber, wieder kam der Lenz.

ZWÖLFTER GESANG

Es herrschte zu der Zeit der Kaiser Tao


In Luoyang, der schönen Residenz
Am Huanghe. Er leitete den Stammbaum
Vom legendären Gelben Kaiser ab,
Er nahm sich Huang Ti zum lichten Vorbild.
Er wusste, dass der Gelbe Kaiser einst
Dem Reich der Mitte viel Errungenschaften
Gebracht, Gebrauch des Feuers und des Pfluges,
Und auch den Seidenwebstuhl. Kaiser Tsao
Las die Geheime Überlieferung
Des Gelben Kaisers, die Gespräche mit der Jungfrau
Su Nü, Musik und Liebe war das Thema,
So kannte Kaiser Tsao das Gespräch auch
Des Gelben Kaisers mit Tsai Nü, der Jungfrau
Im Iris- und Libellenflügelkleid.
Und schließlich überliefert waren auch
Gespräche mit dem Weisen Tien Lao,
Wie man zurückkehrt zu dem Quell des Seins.
Geheimes Buch der Überlieferung,
In dir las oft und gern der Kaiser Tsao!
Und dies war Trost in seiner Traurigkeit,
Denn er war die Verkörperung der Schwermut.
Man meinte, zu der Zeit des Gelben Kaisers
Es gab da noch nicht der Chinesen Schrift,
Doch alle wahrhaft Wissenden bezeugen,
Dass das Geheime Buch geschrieben war
In der Geheimen Schrift des Himmelreichs.
Der Gelbe Kaiser hatte abgeschlossen
Sein frommes Leben und war aufgestiegen
Ins himmlische Gefilde Guan Yins.
Der Kaiser Tsao konnte doch nicht immer
Geheime Überlieferungen lesen,
Er musste seine Pflichten auch erfüllen,
Er war ja Oberhaupt der Kaiser-Truppen.
Die Residenz in Luoyang war ein
Palast, wo Mandarine und Gelehrte
In Stille lebten und des Kaisers Heer.

DREIZEHNTER GESANG

Im inneren Palast der Residenz


Der Kaiser Tsao wohnte mit den Kindern,
Mei-Shan, der Tochter, und dem Sohne Gen.
Nun kam zur Residenz des Kaisers Tsao
Der Bruder Ping, der Bruder von Tau Ti.
Ping war an Stelle seines toten Bruder
Berufen in die kaiserliche Truppen.
Dort wurde er das Haupt der kaiserlichen
Leibwache. Kaiser Tsao hatte Reichtum
Sich angehäuft zu seinem Ruhm und Ehre,
Die Edelsteine lagen ihm am Herzen.
Er hatte nun den schönen Jüngling Ping
Zum Hüter seines Schatzes auserkoren.
Da lag vor ihm der Stern-Saphir, the Star
Of Asia, der reine Diamant
Der Mendschurei, der purpurne Rubin
Des Großmoguls des Landes der Bengalen.
Und Ping, Liebhaber schön geschmückter Schönheit,
Ist in Versuchung vor dem Schatz geraten.
Er öffnete die Truhe mit dem Schwert
Und nahm die teuren Edelsteine an sich.
Doch da entdeckte ihn der treue Wächter.
Der ist es! rief der Wächter und nahm Ping
Gefangen mit der Stange. Kaiser Tsao
Ließ nun den Jüngling ins Gefängnis werfen.
Vier Wachen von je vier Soldaten wachten.
Enthauptet werden sollte später er,
Sein Haupt auf einer Mauer aufgerichtet werden,
Um alle andern Diebe abzuschrecken.
So Ping ward im Gefängnis festgehalten.
Als dieses die Familie dann erfuhr,
Da weinten sie und opferten den Weihrauch
Der Göttin Guan Yin, der Gnaden-Göttin,
Dass sich die Göttin über Ping erbarme
Und ihm ein Beistand sei in seiner Not.
In jener Nacht, bevor der Kaiser Tsao
Am nächsten Morgen Ping enthaupten wollte,
Schlief ruhig zwischen zwei Soldaten Ping.
Vor dem Gefängnistore standen Wachen.
Da hörte Ping der Nachtigall Gesang,
Er wachte auf und schaute eine Jungfrau:
Ich heiße Ji, ich bin der Göttin Tochter.
Ein Purpurduft umschwebte die Gestalt,
Und wenn sie schwebte, klangen kleine Glöckchen.
Ihr Angesicht war schön, Gesang die Stimme,
Ein Schimmer leuchtete in seiner Zelle.
Sie rührte Ping an seiner Hüfte, sagte:
Steh auf! - Die Ketten fielen von den Gliedern.
Sie sprach: Tu deine Schärpe um und zieh
Die Scvhuhe an und folge mir, der Himmelsjungfrau.
So tat er. Da sprach Ji, die Himmelsjungfrau:
Häng deinen Umhang um von weißem Lammvlies
Und folg der Himmelsjungfrau in die Freiheit.
So ging nun Ping hinaus und wusste nicht,
Dass dies wahrhaftig ihm durch Ji geschah,
Er meine, eine Illusion zu sehen.
Sie gingen aber mitten durch die Wachen
Und kamen zu dem Tor von Luoyang.
Und überm Tor stand Tian Men geschrieben,
Denn dieses wahrlich war die Himmelspforte.
Sie gingen an dem Gelben Strom entlang,
Die schöne Ji verließ den Jüngling Ping,
Auf einer purpurfarbnen Wolke schwebte
Die Himmelsjungfrau aufwärts in den Himmel.
O Ji, o Ji, wohin entschwindest du?
So seufzte Ping. Dann nahm er sich zusammen.
Er sagte zu sich selber unter Tränen:
Mir scheint, vom Himmel kam die schöne Ji,
Auf den Befehl der Göttin half sie mir
Aus dem Gefängnis, aus der Hand des Kaisers.
Das Volk wird auf der Mauer nicht mein Haupt sehn.
Ich bin nicht wie die Freier Turandots,
Die Liebe wurde ihnen zum Verhängnis.
Mein Haupt wird sein erhöht auf andre Weise.
Als er sich so besonnen und gesammelt,
Er macht sich auf den Weg zu seiner Freundin
Erl Nü, die an dem Gelben Ostmeer wohnte,
Im Ort Penglai, der an der Küste lag,
Sie lebte dort mit ihrem Sohn allein,
Der stiller Fischer war und An-To hieß.
Sie saßen dort zusammen, tranken Tee.
Sie sammelte die porzellanen Blumen,
Teekannen, Vasen. Da kam Ping ans Hoftor
Und klopfte an, da kam die Magd, zu hören,
Wer da sei. Als sie aber Ping erkannte
An seiner Stimme, tat vor Freude sie
Das Tor nicht auf, sie lief hinein und sagte
Zur Frau Erl Nü: Der liebe Ping ist da!
Erl Nür da meinte, dass die Magd von Sinnen,
Doch die bestand darauf, dass Ping da sei.
Da meinten sie, die Hausmagd hätt gesehen
Pings Doppelgänger oder Genius.
Ping aber klopfte wieder an das Tor.
Da öffnete Erl Nü das Hoftor und
Entsetzte sich, denn er stand da in Lumpen.
Ping winkte mit der Hand: Der Ritt hat mich
Erschöpft, der rote Staub hat mich entstellt.
Und dann erzählte er den guten Leuten,
Wie er aus dem Gefängnis ward befreit.
Ich will euch nur nicht bringen in Gefahr,
Drum will ich in dem Untergrund verschwinden.
Lasst bald I-Se zukommen eine Nachricht.
Und dann ging Ping davon. Er kam geritten
An Baxian und Anci zwar vorbei,
Doch kehrte er nicht ein, um nicht I-See
In tödliche Gefahr zu bringen. Doch
Er sah Tau Ti am Wege sinnend wandeln,
Die schöne Bambusflöte in der Hand.
Da streckte Ping die Hand aus und ergriff
Tau Ti und küsste ihn, dann eilte er
Beglänzt von Tränen weiter. O Tau Ti,
Mein Bruder, du hast mir das Herz geraubt!
So seufzte Ping. Er hatte in den Ohren
Da noch das Spiel der Bambusflöte, als
Er ankam in dem Städtchen Sui-zhong,
Bereitete ein Schälchen weißen Reis
Und aß mit Stäbchen, setzte einen Becher
Voll Reiswein an den Mund und leerte ihn
Auf Einen Zug. Und so erfüllte sich
Die Prophezeiung aus dem Munde Su-ngos:
Die Hungrigen, sie werden nicht mehr hungern,
Die Durstigen, sie werden nicht mehr dürsten.
Die kaiserliche Truppe war ihm dicht
Schon auf den Fersen. Ringsumher viel Kämpfe.
In Sui-zhong ging Ping umher und sprach:
O Göttin Guan Yin, so wie du willst,
So will ich tun. Das Eine ist doch besser
Als die zehntausend Dinge. Gnadengöttin,
Errette mich aus der Bedrängnis bitte!
Da trat er an das Tor der Stadt und sah
Die vielen Krieger rings umher, sie sahen
Ihn aber nicht. Der Kaiser Tsao sprach:
Bringt Uns den Hüter Unsrer Edelsteine,
Der Uns die Edelsteine hat gestohlen!
Es nahte sich dem Ort die Kaisertruppe.
Die Kämpfe tobten in dem ganzen Land.
Der Wald fraß an dem Tage mehr des Volkes
Als fraß das Schwert. Die Bäume schritten vorwärts.
Ping ritt auf seinem schwarzen Edelross,
Begegnete der kaiserlichen Truppe,
Da floh er, von den Reitern rasch verfolgt.
Da kam er vor die Mauern Sui-zhongs,
Da rief er aus: O Göttin Guan Yin,
Mit deiner Hilfe spring ich über Mauern!
Und er erklomm die Mauer, und sein Ross
Lief ihm davon, da stand er auf der Mauer,
Die war von grünem Efeu wild bewachsen,
Da wollt er auf der andern Seite wieder
Herunter springen, blieb mit seinen Füßen
Im Efeu hängen, fiel und hing den Kopf
Zu unterst an der Mauer. Das sah einer
Der Stadtbewohner, der dies meldete
Dem Haupt der kaiserlichen Kriegertruppe,
Der Hauptmann kam auch rasch herbei geritten,
Ins seiner Hand den Speer, den stieß er Ping
Ins Herz, der tot nun an der Mauer hing.
Tau Ti sprach: Einst da wird der Gottmensch kommen
Und wird sich selbst für uns dem Tod ergeben.
Hingebungsvoll mit Leidenschaft der Herr ist.
So saß Tau Ti im Garten bei den Bäumen,
Dem Ginkobaum und dem Magnolienbaum.
Wie sang dich einst so süß die Mauerschwalbe
Vom Dach die Botschaft? Vom Gesimse rief sie:
So schau, ein Bote kommt, ein Mann allein.
Der Knabe sprach: Dies ist ein guter Bote.
Der Bote sprach: Zehntausendfacher Friede!
Voll Demut senkte er die Stirn zu Boden,
Weil er gesehn der Zukunft Himmelssohn.
Tau Ti sprach: Wie gehts meinem Bruder Ping?
Er sah im Boten gleich des Kaisers Boten,
Das sah er an dem gelben Tigersiegel,
Das als des Kaisers Tsao Zeichen galt
Und ausgegeben wurde an die Boten.
Und der Chinese von dem Volk der Han sprach:
Es soll den Feinden meines Herrn, des Kaisers,
Ergehen, wie‘s dem Jüngling Ping ergangen,
Nun ist der Staub, nun ist das Grab sein Erbe.
So solls mit allen gehn, die Speere schütteln,
Und allen jenen Völkern, die das Haupthaar
Voll Hochmut schütteln über dich, mein Herr.
Tau Ti war da wie schwarzer Erde Beben.
Da ging er auf sein Zimmer, schloss die Tür,
Verloren in Gedanken und versunken
In Schmerzen wie in einen tiefen See.
O Ping, mein Bruder Ping, mein lieber Bruder!
Ach wollt die Göttin, ich wär jetzt gestorben
An deiner Stelle, wie du nun gestorben,
Ach wäre ich an deiner Stelle tot!
Da hörte seine Oma Pau sein Schluchzen.
Sie dachte sich: Es weint der Himmelssohn
Und trägt ein schweres Leid um seinen Bruder.
An diesem Tag war eine tiefe Trauer,
Als sich Tau Ti um seinen Bruder grämte,
Sein Antlitz war verschleiert, er schrie laut:
Ach Ping, mein Bruder, ach mein Bruder Ping!

VIERZEHNTER GESANG

Im Maien sang Tau Ti das Wort des Dichters


Mit Namen Morgenstern, da sang Tau Ti:
Wir sind noch nicht durchs Jadetor gezogen!
Wenn auf des Hauses andern Seite war
Zu hören ein Gefährt, so dachte er:
Ein Bote ist gekommen! Und es kam
Ein Botenmann mit einem Brief an Tam.
Der schöne Tam brach eilig auf das Siegel
Mit seinen langen schlanken Lilienfingern.
Ein Phönix stieg mit Rosenfedern auf.
Es hatte Tam ja eine Vielgeliebte,
Die Y-Ma hieß, der Lotos Hindostans.
Sie schrieb: O Lotos mein, o Schwänchen mein!
Schau, Mondstein fand und Perlmuttglimmer ich
Am heiligen Himalaja des Himmels.
Des Mondes Aura wie ein Spiegelrahmen,
Die Wolken bläulich wie der Kindheit Insel.
Ich hab ein kleines Kind in Hindostan.
Ich hab Gemüse angepflanzt im Beet,
Das Kind zu nähren. Du kennst doch den Satz:
Nährmutter aller Lebenden ist Tao!
O Himmelsschrift, ich wollt, ich könnt dich lesen,
Wie einst der Gelbe Kaiser dich gelesen.
Wie aber wird man alt wie Peng Dsu Djing,
Zweihundertneunundneunzig Jahre alt?
Ob wohl ein Seidenwurm im Maulbeerbaum
Denkt dran, dass mir ein seidenes Gewand
Gewoben wird aus seines Cocons Fäden?
Der Vorhof zu den heiligsten Gemächern
Ist dort zu sehen, wo das Himmelstor
Ist aufgetan, aus Wolken Regen strömt,
Ein Regenbogen schwingt sich auf als Brücke.
Erinnerst du dich noch an unser Kind
Ho Hua, diese reinste Lotosblüte?
Er ist wie eine Flamme der Verzweiflung,
Wenn er mit großen heißen Tränen ruft:
O weh, der Ozean ist heimgegangen!
Die Lenden des Gemütes sind gegürtet,
So ist das Reich der Mitte auch gegürtet
Vom gelben Gürtelband der Großen Mauer.
In mir ist viel, das führt zum Meditieren,
Das führt zur Stille, wenn die Ruhe einkehrt
Und jegliche Bewegung schläft im Rücken.
Es gibt ein Zeichen, dass der Gottmensch kommt,
Der wird dann zu den Toten nieder steigen.
Gefunden hab ich am Himalaya
Den allerschönsten reinsten weißen Jaspis.
Wer hat zum Himmelstore Tian Men
Die goldnen und die silberweißen Schlüssel?
Ich wandle an dem Kauriala-See
Und seh die Lotosblüten auf den Wellen.
Allmächtiger du meiner armen Seele,
Ich bin nur eine Bettlerin um Liebe!
O welche wunderschöne Morgenröte
Nach dieser dunklen Nacht der Sternenschauer!
Die scheiden, reden trunken. Dein, Y-Ma.

FÜNFZEHNTER GESANG

Wie weiß ich, dass die Liebe zu dem Leben


Nicht eine Illusion und Täuschung ist?
Wie weiß ich, dass, wenn ich den Tod verachte,
Ich nicht ein Mensch bin, der die Kinderheimat
Verließ und dann den Weg vergessen hat?
Der wahre Mensch, der findet wohl Gefallen
An seinem Tod, der Heimkehr in die Heimat.
Tau Ti vernahm der Silberkettchen Klingeln
An feinen Knöcheln bloßer Füße Su-ngos,
Denn er saß einen Steinwurf weit vom Tor.
In einem Weidenkörbchen unterm Birnbaum
Lag still die kleine Li-Li, Su-ngos Tochter.
Kam Su-ngo durch den Wasserperlenvorhang
Und kam dann durch das Tor ins Offene,
Gewandet sie in feinste grüne Seide,
Die Ärmel hingen über ihre Hände.
Tau Ti ging daraufhin ins Haus zurück,
Er holte eine Mangofrucht für Su-ngo.
Sie faltete die Hände, neigte sich,
Bedankte sich mit ihrer süßen Stimme,
Verzücktem Lächeln um die süßen Lippen.
Und Li-Li wimmerte im Weidenkorb.
Da zog Tau Ti die Jadeflöte vor
Und spielte Li-Li eine stille Weise,
Die Weise: Ich bin stille zu dem Fels.
Bekanntlich war das alte Liedgut Ausdruck
Des Geistes, wer die Ohren auftat, hörte
Den Geist im Wandelwesen der Person.

SECHZEHNTER GESANG

Tau Ti nahme eine weiße Eselin


Und ritt allein nach Luo-yang, der Hauptstadt.
Die Bäume streuten ihre weißen Blüten,
Die Maulbeerbäume und die Wu-tung-Bäume,
Die Phönixbäume und Papyrusbäume.
So kam er schließlich an in Luo-yang.
Bereits im grauen Altertume waren
Hier Siedlungen, wie Funde das bewiesen.
Dreitausend Jahre schon vor unsrer Zeit
Ward eine weiße Stele hier erichtet,
Drauf stand: Zu meiner Göttin bin ich stille.
Neun Dynastien hatten Luo-Yang
Zur kaiserlichen Hauptstadt. Und gigantisch
War dort die Bücherei mit dem I Ging,
Dem Dau-De-Ging, dem Buch vom Blütenland
Des Südens, mit den Lenz- und Herbst-Annalen,
Die Kung Fu Tse dereinst zusammenstellte,
Dem Kommentar zu den Annalen auch,
Dem Dso Tschuan und auch dem Buch der Riten,
Das sprach von Seide und von Edelsteinen,
Urkundenbücher, Kräuterbuch Pan Tsao,
Annalen Sima Qians, Reichsgesprächen,
Den Klassikern der Poesie, Shi Ging,
Den Elegien von Tschu und auch den Neunzehn
Ehrwürdigen Gedichten und der Sammlung
Der fünfzigtausend Liedern, Reim und Metrum,
Von zweiundzwanzigtausend Dichtern Chinas.
Ein selbstgemachtes Buch besaß Tau Ti,
Mit Schriften der geheimen Gottesweisheit.
Pfingstrosenstadt ward Luo-yang genannt.
Den Wandelgang mit Balustrade ging
Tau Ti. Die beiden wundervollen Dichter
Du Fu und Li Tai-Bo, die lebten hier.
Im Schatten Xians wird noch lang die Stadt
Erblühen, Luo-Yang, mit den Päonien.
Gerechtigkeit und Gnade und Erbarmen
Für immer walten über Luo-yang.
Tau Ti ließ sich am Gelben Strome nieder,
Pfingstrosen dufteten um sein Gemüt,
Im Wasserspiegel sah er Bruder Fu.
Der ging in Luo-yang und ward umschwebt
Von einem Schmetterling, er wandelte
Im Kiefernwäldchen nah der Bücherei.
Dort sah er eine alte Dame sitzen,
Schneeweißes Haar zum Knoten aufgebunden,
Mit einem goldnen Haarpfeil in den Haaren.
In ihr erkannte er des Kaisers Mutter.
Voll Ehrfurcht war ihm seine Seele da.
Er wollte sie nicht stören in der Stille,
Denn tiefe Stille war sein Schlüsselwort.
So ging er in den Hain, wo Bambus rauschte.
Dort ging der Kaiser oft und las Gedichte.
Er liebte der Chinesen Poesie,
Da diese sein Gemüt besänftigte,
Und darum auch erlaubte er den Dichtern,
In seiner näheren Umgebung sich
In Stille zu ergehen und zu singen.
Und nun sah Fu den Kaiser Tsao kommen,
Ihm folgten seine beiden großen Kinder,
Mei-Shan und Gen. Und deren Worte wurden
Vom Wind getragen an die Ohren Fus.
O meine liebe Schwester, o Mei-Shan,
Ich werde bald dich wohl verlassen müssen,
Sprach Bruder Gen. Mein lieber Bruder Gen,
Warum denn müssen wir uns trennen? sprach
Mei-Shan. Und Gen gab darauf diese Antwort:
Von unserm Vater ich erhielt den Auftrag,
Zu reiten in den Westen. Mit der Truppe
Des Kaisers werde ich die Seidenstraße
Durchs Jadetor hin ziehen, durch das Land
Der Perser in das Land des fernen Juda.

SIEBZEHNTER GESANG

Gen sprach: In Juda war ich einst mit einem


Kundschafter, meinem Jugendfreunde Shih,
Dem Stein. Wir ritten, Fels und Stein, in Juda.
Ich wandelte mit meiner lieblichen
Selima dort am Gottesberge Sina.
Der Berg erhebt sich in das Wolkenmeer.
Steht droben eine weiße Jade-Tafel,
Mit einer Schrift, die kurz berichtet vom
Erlesnen Stein des Paradieses: Schoham.
Da ritt ich mit Selima an den Tigris,
Dort sollt der Schoham-Stein zu finden sein.
Wohl tausendmal vernahm ich, dieser Stein,
Er sei ein Diamant, doch es war anders.
Wir kamen damals übern Tigris nicht,
Wir hätten auf dem Wasser wandeln müssen.
Und so bekamen wir den Schoham nicht,
Der Edelstein war an dem andern Ufer.
Nun gut, ich werde gürten jetzt mein Schwert,
Ich ziehe aus, den Edelstein zu finden,
O meine Schwester, und ich seh voraus:
Ich werde wie ein Fels im Kampfe stehen
Mit meinem lieben Freunde Shih, dem Stein.
Die Perser werden sich zum Kampfe sammeln,
Die Hufe ihrer Rosse schlagen Staub,
Zehntausend Li fern unsrer Heimat China
Des Kaisers Heer wird ziehen in den Kampf.
Wir lagen uns am gelben Tigris-Ufer,
Wir wollen fimden ja den edlen Schoham.
Die Göttin Guan Yin wird mit uns sein!
Die Göttin der Barmherzigkeit ist mit uns!
So werden wir errettet vor den Feinden,
Die drängend dicht sich um uns lagern werden.
Doch werden wir in unsre Hände klatschen!
Die Perser tiehen wieder in den Kampf,
Es schäumen hitzig ihre Vollblut-Rosse,
Und unsre Kaisertruppe wird geschlagen.
Da können viele in die Zelte fliehen.
Bedeutend aber ist die Niederlage.
Denn dreiunddreißigtausend Kaiser-Krieger
Im Kriege fallen, wie man Bäume fällt.
Und da kommt unser junger Bruder Renmin,
Zerreißt sein Kleid und wirft sich in den Staub.
Und wieder überkommen uns die Perser
Und rauben uns den edlen Schoham-Stein
Und bringen ihn in ihre Hauptstadt Susan,
Dort stellen sie den Schoham vor das Denkmal
Der lilienschönen göttlichen Susanna.
Doch wenn wir durch den Ratschlag unsrer Göttin
Nach Susan kommen, sehen wir das Denkmal
Der göttlichen Susanna auf der Erde
Im Staube liegen vor dem Steine Schoham.
Und wieder werden wir zurückgeschlagen,
Und wieder überkommen wir die Perser,
Da sehen wir das Bildnis der Susanna
Enthauptet liegen vor dem Schoham-Stein.
Bei dem verschütteten Gewässer
Des Tempels liegen die getrennten Hände
Der göttlichen Susanna und der Rumpf
Der Statue liegt dort allein im Raum.
Die Hand der Göttin Guan Yin liegt schwer
Auf der Armee der Perser, Eiterbeulen
Schlägt sie den Perserkriegern an die Glieder
Und schickt sehr viele Ratten in das Land.
Wir aber führen dann den Schoham-Stein
Mit uns und reiten in das Reich der Mitte,
Dem Kaiser Tsao diesen Stein zu bringen.
Den Weg entlang der Seidenstraße kommen
Wir über Samarkand, wo unsre Truppen
Die Skythen schlägt, ins Land Kirgisien.
Da ruft Kirgisien: Ah weh, die Han!
Sie kommen mit dem Schoham-Stein ins Land,
Damit sie mich ermorden! Oh mein Haar
Wird schwimmen da im Blut, mein Herz wird springen,
So wie ein Stein-Ei in dem Meere aufbricht!
So redet dort die wilde Landesseele.
O meine Schwester, o Mei-Shan, vernimm,
Wir bringen dann den Schoham-Stein nach China
Und werden ihn mit anderm Namen nennen,
Wir bringen ihn zu unserm großen Kaiser.
Wir reiten von Kirgisien, vorbei
An Alma Ata, zu dem Issyk-Kul,
Wo wir in Unschuld unsre Hände waschen
Und gürteten die Lenden des Gemütes,
Und ziehen dann die Tarimhe entlang,
Die durch die weite Tarimsenke strömt,
Gelegen in der Taklamakan-Wüste.
Da sehen wir den wunderbaren See,
Den schönen Miran, in den stillen See
Die Tarimhe mit lautem Rauschen mündet.
Ein Phönix schwebt dort geistig überm Wasser.
Von dort begeben wir uns zum Gebirge
Des Yadradagze Shan, von wo entspringt
Der Gelbe Strom und nimmt den langen Lauf.
Ich stehe an dem Quell des Gelben Stromes,
Fünftausend Meter überm Wasserspiegel.
Der Gelbe Strom wird strömen in zwei Seen
Und dort sich sammeln. Mit dem Gelben Strom
Wir ziehn den langen Weg vom Berg zum Meer.
Die Mitte in dem schönen Reich der Mitte
Erkennen wir, wir ziehen dort durch Xian.
Die Treue ist der Tochter Xian sicher,
Ja, meine Treue ist der Grabstadt sicher!
So gebet nun der Göttin Guan Yin,
Sagt eine Stele, was der Göttin ist,
Dem Kaiser aber gebt, was seines ist.
Dann kommen wir von Xian zu der Stadt
Des Kaisers, in das schöne Luo-Yang.
Mei-Shan, geliebte Schwester, ich muss scheiden,
Um das Gesagte zu vollbringen, doch
Im Ewigen ist alles schon vollendet.
Gen sprachs. Mei-Shan, die Schwester, ging von dannen.

ACHTZEHNTER GESANG
Die Unschuld hat im Himmel einen Freund.
Tau Ti sah in des Gelben Stromes Wasser,
Das war ein Spiegel fernen Geschehens.
Es war am Meer, ein Punkt nur Raum und Zeit,
Tau Ti sah in den Punkt hinein, wie einer,
Der schaut ein Kerzenflämmlein an im Spiegel
Und meditiert darüber. Und er sah
Und nahm die Vision mit seiner Seele auf,
Die war voll junger Traurigkeit und Tugend.
Da sah er seine beiden Brüder reiten,
Sah Sung und Meng, sie ritten da entlang
Der Küste an dem Gelben Meere zur
Halbinsel Shantung. Dort wird einmal säen
Der Himmelsmeister mit dem gelben Turban
Den Samen seiner stillen Weisheitslehre.
Meng rit auf einem feurig roten Ross
Und Sung auf einem weißen Ross, sie flogen.
Am Saum des Meeres hielten sie, ganz nah
Dem Ort Penglai, dort sahn sie grünen Tag
Wie Efeu an den Ufersteinen hängen.
Meng sprach: Wonach mir nun der Sinn steht, das
Sind Betten, Schüsseln, irdene Gefäße,
Mehl, Weizen, Mandeln, Bohnen, Linsen, Erbsen
Und Honig. Sung sprach: Lass uns reiten zur
Poetin Sarl. Ein todeswürdiges
Verbrechen ists, zu einer Zauberin
Zu gehen, um die Leibesfrucht zu morden.
Sarl weilt ja dort mit ihrem Sohne An-To.
Meng sprach: Das soll mir recht sein, lass uns reiten
Zum Ort Peng-lai. Du weißt ja, Peng-lai-shan
Die Insel der Glückseligen den Namen
Gab diesem Ort. Das Eiland selber soll
Im Gelben Ostmeer liegen. Von der Küste
Von Shatung wollt ich mich schon auf die Reise
Zur sagenhaften Geisterinsel machen,
Nach Peng-lai-shan zu den Unsterblichen.
Sarls Vater war Kirgise und sie selbst
Studierte eine Zeit in Alma Ata,
Wo Tao sie, die schöpferische Mutter,
Genährt mit ihrem Wort. Voll Liebe dachte
Sie an die Mutter, die begraben lag
Beim schönen Kloster Sera Sela Si.
Sarl sprach zu Sung: Wir wollen uns nun tausend
Gelehrte Reden um die Ohren schlagen.
Sung sprach zu Sarl: Wir wollen auch zehntausend
Verliebte Lieder singen mit der Schönheit
Der Stimme und der Pipa Saiten spielen.
Vorm Fenster hüpfte eine Siamkatze
Durchs Beet von Thymian und Petersilie.
Sie tranken den Jasmintee und besahen
Die Porzellanmimosen ihrer Sammlung.
Mir, sagte Sarl, mir steht der Sinn danach,
Das Heiligtum des Berges Taishan heute
Mit euch, o meine Freunde, zu besteigen.
Der Stein schläft in dem morgenroten Ostwald. -
Der Berg Taishan ist Ostberg auch genannt,
Ist einer von den fünf verehrten Bergen,
Gab Antwort drauf der junge Bruder Sung.
Und Sarl zog ihren neuen Mantel an,
Genäht von vielen Vliesen, auch darunter
Das Vlies von einem purpurroten Füchslein.
Dann gingen sie zu dritt hinaus ins Offne.
Da waren sie allein auf weitem Felde.
Da plötzlich Sarl den neuen Mantel nahm
Und riss ihn in ein Dutzend Teile, sprechend:
Nimm du neun Teile dir, mein lieber Sung,
Die Königreiche sinds im Kaiserreich,
Nimm du dir an dein Herz die Tochter Xian!
Sie gingen eilig nun in Richtung Ostberg.

NEUNZEHNTER GESANG

Fünf Berge sind im Reich der Mitte heilig,


Der Ostberg ist der Heilige im Osten,
Schon seit dreitausend Jahren kommen Kaiser,
Um Opfer darzubringen, Reis und Wein.
Entworfen wie mit schnellen Pinselstrichen
Geschickten Künstlers in der Höh und Breite,
Stellt sich der Ostberg in der Landschaft dar
Vorm Auge in dem Inneren der Seele.
Ayaya! Schön mit vielen Wasserfällen
Und Pavollon und Tempeln ist der Berg,
Verschleiert von den weißen Nebelschwaden.
Ein Zeuge in dem Meer des Schweigens steht
Der Ostberg, der bezeugt des Landes Dauer,
Des Reichs der Berge und der Meere: China.
Ein warmer Tag im Wonnemonat Mai.
Wer einst im Altertum war gut als Meister,
Der war sublim, geheimnisvoll und weise,
Sprach Lao Tse. Die Menschen unter ihnen,
Die Menschen unter Sarl und Sung bewegten
Den Seidenfächer unablässig, in
Der Höhe eine kühle Brise spülte
In trauervollen Zweigen der Zypressen.
Sie kamen nun zu einer höhern Plattform,
Zum Pavillon auf rotem Fundament,
Mit Pinienholz befestigt und mit Säulen
Von Elfenbein, darüber war ein Dach
Von grünen Ziegeln, überm Pavillon
War das Azurmeer endlos weiten Himmels.
Phantastisch bunt geschwungene Gesimse
Im Rücken Sungs. Und um den Pavillon
War eine lange Mauer, Efeuranken
Schön hingen bis zum Grund, und oben war
Die Mauer von dem feinsten Perlmutglimmer
Fein ziseliert und überreich geschmückt.
Das Mauerwerk war immer wieder neu
Mit kleinen Toren offen für den Wind,
Die offnen Tore herzgeformte Blätter,
Dem Fehlen gleich von herzgeformten Steinen.
Tau auf den Lippen, sprach der Bruder Sung:
Wie schön du bist, o Sarl, wie schön du bist!
Dein langes Haar ist schön wie schwarze Seide.
Es kamen Sung und Sarl aus einem Tempel
Und standen auf dem Berg, da sahen sie
Auf einmal einen schönen Knaben vor sich,
Neun Jahre alt. Das war Tau Ti. Sein Geistleib
War von dem Himmelsgeist dahin entrückt.
Doch sie erkannten nicht Tau Ti, den Bruder.
Und durch die Lüfte in der Höhe wurden
Mit einmal Sung und Sarl sehr müde, sanken
Aufs Felsbett, wie der Tau des Morgens sinkt.
Tau Ti in seinem Geistleib stieg hinan.
Wie schlummertrunken war ihm seine Seele,
Da sprach er, wusste nicht, was er da sprach:
Bald wird ein Mensch das Diesseits überwinden.
Ich winke mit dem Wolkenstab dem Himmel,
Dem Morgenmeere überm Himmel zu.
So sprach Tau Ti in seiner Träumerseele,
Nun aber sprach er so zur Felsenwand:
Musik und Speise locken Wandrer an,
Doch niemand bleibt bei Mutter Tao stehen.
Südöstlich schaute dann Tau Ti den Gipfel
Der schönen Aussicht auf die Morgenröte.
Dann stieg der schöne Knabe auf zum Gipfel
Der Göttin Guan Yin, da sang Tau Ti:
O große Mutter in dem Himmelreich,
O liebe Göttin der Barmherzigkeit!
Die heiligen Gebirge sind von dir
Gegründet, deine Tore sind mir lieb.
Wie ist mir? Seh ich doch den Himmel offen
Und mir erscheint die schönste Herrlichkeit!
Die Göttin Guan Yin ist mir erschienen!
Sie kommt auf einem Wolkenboot des Himmels.
Nun ging der Geistleib des Tau Ti zurück
Zu Sung und Sarl und weckte beide auf:
Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen?

ZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti erhob sich an dem Gelben Strom


Aus seinem tiefen Meditieren, ritt
Auf seiner Eselin zum Ort Kaifeng
Und spielte seine neue Knochenflöte.
Und dann begann er selbst ein Lied zu singen,
Es war als gäbe ihm der gute Geist
Die Worte ein, da über Zwillingshügel
Und blümchenübersäte Wiesen er
Alleine ritt, da sang am Gelben Strom
Er einsam seine Lieder. Bald zog er
Im Ort Kaifeng ein, wo dem Tor zur Rechten
Stand schön ein Pfirsichaum und wo zur Linken
Stand schön ein Pflaumenbaum, und beide blühend.
Und da begann Tau Ti dies Wort zu reden:
Einst eine Stadt wird sein in aller Schönheit,
Da Jadepfade führen kreuz und quer
Hindurch in weiser Ordnung, Jaspismauern
Umgürten fest die Stadt, ein Dutzend Türme
Stehn an den Seiten aufrecht, dreiunddreißig
Stadtteile gibt es dort, zu hören ist
Das Tönen von zehntausend Saitenspielen.
So zog er auf der Eselin durchs Tor
Des Orts Kaifeng ein. Und er kam zum Haus
Von Mosü an der weißen Friedensbrücke.
Der alte Mosü, seines Vaters Freund,
Saß in der Eingangshalle, eine Rolle
In seiner Hand, und darauf stand geschrieben:
Seid klug wie Schlangen, wahrhaft wie die Tauben.
Tau Ti besaß ein selbstgemachtes Buch
Mit den Orakeln aus dem Altertums
Und den Orakeln seines jungen Meisters.
Dies Buch in Angst er presste an sein Herz
Und bettete darauf des nachts sein Haupt.
Tau Ti trat ein ins Haus, verneigte sich
Voll Anstand vor dem alten Mosü, der
Mit Freundlichkeit Tau Ti entgegen trat:
Ich hab für dich hier eine Überraschung,
Mein lieber Sohn Tau Ti, komm mit ins Offne.
Sie gingen in den Garten, da der Weg
Gesäumt von Kiefern und Zypressen war.
Da neben einem runden Zierteich, darin
Goldfische schwammen, lag ein Wunderstein,
Ein leuchtender, das Blumenherz genannt.
In malerischer Pose standen zwischen
Den Bäumen und Gebüschen halb verborgen
Die zierlich schönsten Pavillons. In Mitten
Des ‚Gartens ragte auf der Pavillon
Des Friedens mit Zinnober-Balustrade
Und silbernem Gesimse, überm Dach
Ein zweites Dach war schön hinauf geschwungen.
Zu Seiten rings gewundene Arkaden,
Dahinter lag das Wohnhaus mit den innern
Gemächern, eine mächtige Veranda
Ging da bis in den Innenhof hinein.
Dies alles sahen Mosü und Tau Ti,
Die in den Pavillon des Friedens traten.
Da, und das war die schönste Überraschung,
Da saßen Su-ngo und die Tochter Li-Li.
Tau Ti! sprach Su-ngo und umarmte ihn,
Ich las soeben über den Erfinder
Des himmlischen Papiers. Cai Lun war nämlich
Eunuch am Hof des Kaisers. Eines Tages
Er dachte daran, Rinde eines Baumes
Und Hanf und Fischernetze zu benutzen
Anstatt des Bambus nun als Stoff zum Schreiben.
Er wurde hochgelobt für sein Talent.
Er wurde aber später in Intrigen
Verwickelt zwischen seiner Kaiserin
Und seines Kaisers Oma, die für ihn
Sehr schwere Folgen hatten. Denn Cai Lun
Ging in sein Haus und nahm ein Bad und kämmte
Sein Haar und tat sein reinlichstes Gewand an
Und leerte einen tiefen Kelch mit Gift.
So sagte Su-ngo in dem Pavillon
Des Friedens, also sprach sie zu Tau Ti.
Da fragte er die wunderhübsche Su-ngo,
Wie es ergangen sei denn der Familie.
Es glich ihr Angesicht dem zarten Teint
Der Blüte eines Erdbeerbaums im Frühling,
Die Augen waren so wie lichte Sterne,
Die durch das dunkle Nachtgefilde schimmern
Mit einer grünen Welle von der Farbe
Der ersten Weidensprösslinge, herzförmig
Und kirschrot ihre Lippen, wie zum Küssen,
Mondsichelschmal die feinen Augenbrauen,
Die Grübchen reizend, angehaucht von Purpur.
So schön und unvergleichlich war das Mädchen.
Es war ein süßer Wohlgeruch im Raum.
Mosü saß still mit seiner Pfeife in
Im weißen Pavillon des Friedens. Da
Hob Su-ngo an zum Flug, und sie erzählte:
In Zorn und Grimm war ausgebrochen jüngst
I-Se, denn Tam, er hatte den Respekt
Des Altertumes übertreten (mehr
Will ich dazu nicht sagen), dass I-Se
Den Tam erschlagen wollte. Doch da kam
In ihres Alters Würde Oma Pau
Herein und rief: Und tötest du den Tam,
So töte mich zuerst mit deinem Dolch!
Großmutters Macht verlangte unbedingten
Gehorsam, so dass sich der Vater und
Das Oberhaupt der Sippe unterwarf.
Dein Wille nur geschehe! rief I-Se
Und warf sich auf den Boden, schlug die Stirn
Auf harten Stein und bat dann um Vergebung.
Großmutter wandte still sich ab und ging,
Ich ging mit ihr und nahm auch Li-Li mit,
Und Tam ging ihr zur rechten Seite, schließlich
Ging auch I-Se und folgte wie ein Knecht,
Großmutter immer um Verzeihung bittend.
So also sagte Su-ngo zu Tau Ti,
Sie sprachs im weißen Pavillon des Friedens.
Tau Ti und Mosü, Su-ngo dann und Li-Li,
Sie setzten sich zusammen zu dem Mahl
Im Innenhof an einen runden Tisch.
Zur Seite stand ein leerer Stuhl am Tisch.
Tau Ti nun fragte Mosü nach dem Stuhl.
Nun, sagte Mosü, ich bekam ihn einst
Geschenkt von meinem Meister zu dem Tag
I-Mau im zweiten Jahr. Und jedes Jahr
Am Tag I-Mau begeh ich feierlich
Das Stuhlfest, sonst der Stuhl bleibt unbesetzt.
Nun nahmen sie die leckre Mahlzeit ein.
Da war ein kleingeschnittner Fisch in Sauce
Und Rinderbraten, der gewürzt mit Ingwer
Und Essigfleischmustunke, weißer Reis
Und süße Essigpflaumen. Grünen Wein
In Jadebechern tranken Mosü, Su-ngo,
Tau Ti und Li-Li tranken Birnensaft.
Nun sprach Tau Ti, von Mitleid überschwemmt:
Dort draußen auf den Straßen sah ich Bettler,
Sie hatten nicht genug für einen Hahn.
Wir wollen doch den Armen etwas geben. -
Die Bettler sind doch alle Tage da,
Sprach Mosü, heute seid ihr meine Gäste,
Da will ich, dass ihr alle werdet satt. -
Das kleine Kindlein Li-Li sabberte,
Da putzte Su-ngo ihr das Mäulchen ab.
Sie gingen alle schlafen in den Betten.
Vor dem Zubettgehn stand Tau Ti am Becken
Vorm Spiegel, schöpfte mit den Händen Wasser
In sein Gesicht und sang dazu dies Lied:
O Göttin, aus dem Mund der Säuglinge
Und Kinder hast du dir ein Lob bereitet!
Denn wessen Finger Werk sind doch der Himmel,
Der Mond, die Sonne und die vielen Sterne?
Ich denke an das schöne Menschenkind
Und an des Menschenkindes Menschenkindlein.
Ich wollt dem Menschenkind wohl Pfirsichblüten
Ins Haar tun und dem Kindeskinde schenken
Ein Glöckchen zu dem Spiele der Musik.
Der Li-Li wollt ich eine Lilie sein,
Die Li-Li nähre ich mit Litschifrüchten,
Mit Liebesfrüchten und mit Liebesliedern.
Da tat Tau Ti die Augen zu und sank
In tiefen Schlaf, wie durch des Todes Tor
Ging er ins Totenreich der Gelben Quellen.
Auch Mosü trat ins Ohrenzimmer ein,
Da eine Rolle an der Mauer hing:
So gürtet nun die Lenden des Gemütes,
Setzt eure Hoffnung nur auf Guan Yin,
Die Gnade, die euch wahrlich angeboten. -
Auch schwebte Li-Li schon in ihrem Traum,
Allein lag in dem Bette Su-ngo nackt.
Zu Mosü kam im Traume ein Gesicht:
Da schien ihm eine Schönheit durch ein Tor
Zu kommen, durch ein fest verschlossnes Tor.
Ein Frauenleib wie transparente Jade,
An Frauenschönheit unaussprechlich reich,
Mit aufgesteckten Haaren, schwarz wie Lack.
Ein Schauer überkam den alten Mosü.
Ich scheide jetzt, die Schöne sprach und schwand.
Tau Ti, das Haupt auf dem Geheimen Buch,
Tau Ti nun träumte dies: Die Göttin sprach:
Lass ihren Tisch zu einem Fangnetz werden,
Doch wenn die Wurzel gut ist, wird es gut
Auch mit den Früchten an dem Baume stehen. -
Im Traum nun schwebte mit dem Geist Tau Ti
Und sah das Gelbe Meer, da schaute er
Die Göttin Guan Yin in weißer Seide,
Sie wandelte so über dem Gewässer,
Die Flut umspülte ihre nackten Füße.
Sie hielt ein Baby auf dem Arm und sprach:
O du mein vielgeliebtes Kind Tau Ti!
Dies Kind wird einst sein deiner Seele Sohn,
Du sollst ihn Erbprinz nennen. Dieser Erbprinz
Wird einmal bauen die Verbotne Stadt. -
Dann wandelte des Himmels Göttin sich
Und setzte sich im Lotossitz aufs Meer,
Die schönen Haare glänzend wie von Salböl.
So kam sie mit den Wellen an das Land,
Dort trat ans Ufer sie, in ihrer Rechten
Hielt sie den Hirtenstab von Ölbaumholz,
Ein Hölzchen quer vom Maulbeerfeigenbaum,
Drauf stand geschrieben: Göttin Guan Yin
Ist die Erlöserin des Reichs der Mitte!
Dort bei dem Kreuze stand die Göttin nun,
Umschimmert von der süßen Morgenröte,
Dann ging sie übers Gelbe Meer davon.

EINUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti ging durch den schönen Ort Kaifeng,


Wo Kinderlein um Gaben bettelten
Und arme Fremdlinge vom fernen Juda.
Da saß ein Mädchen an dem Straßenrand
Und hielt in ihrer Hand ein Saitenspiel.
Ihr Antlitz war so weiße wie Bergschnee in
Der Mittagssonne. Sprach Tau Ti sie an:
Was hast du für ein Instrument in Händen?
Das Mädchen sprach: Ich hab es selbst gebaut,
Schildkrötenpanzer bildete den Körper,
Das Griffbrett ist von Holz, die Saiten Fischdarm.
Ich habe andre Instrumente noch. -
Wie heißt du denn, und wo bist du zuhause? -
Ich heiße Mahanajim, wohne in
Kaifeng, geboren wurde ich in Juda. -
Oh, Mahanajim ist ein schöner Name! -
Ich habe einst ein Instrument gemacht,
Da höhlt ich mit dem Beile einen Baum aus,
Dann auf die Öffnung spannte ich eine weiße
Schweinsblase, man kann es als Trommel nutzen,
Bespannte dann das Holz mit sieben Saiten,
Dass man es als Gitarre nutzen kann.
Dann hab ich noch ein andres Instrument:
Da fand ich einen Totenschädel nachts
Im Mondenschein, da hatte eine Spinne
Gezogen einen Faden überm Schädel
Zum Rand des Grabes hin, nun wehte leicht
Der Wind, und von der linden Luft bewegt,
Der Spinnenfaden tönte, von dem Schädel
Ward dann der Ton verstärkt, so hörte ich
Den Lobgesang der freundlichen Natur.
Ich nahm den Schädel mit und ging mit Pfeil
Und Bogen und da schoss ich aus den Lüften
Hinunter eine Mauerschwalbe und
Ich machte aus dem Schwalbendarm die Saiten.
So sagte Mahanajim. Sprach Tau Ti:
O Mahanajim, schön streichst du die Saiten.
Was gibts in Juda denn für Instrumente?
Sie sprach: Da gibts zuerst die Harfe Davids,
Dann mit zehn Saiten auch das Saitenspiel,
Dann mit acht Saiten auch das Saitenspiel,
Die schöne Gittith und des Hirten Flöte.
Da sprach Tau Ti: Im Reich der Mitte gibts
Die alte Se, das edle Saitenspiel,
Die Zheng, die nur ein Meister spielen kann,
Die Chin, auf der die Tao-Jünger spielen,
Die Pipa, eine Art Chinesenleier.
Dann gibt es auch die Jadeflöte und
Die Knochenflöte und die Bambusflöte.
Dann gibt es auch das Glockenspiel aus Bronze,
Den Klangstein, den Musikstein. Und es sprach
Konfuzius: Der Meister des Musiksteins,
Siang, ging übers weite Gelbe Meer. -
Es sprach zu Mahanajim nun Tau Ti:
Wie vieles wäre noch zu sagen, Mädchen,
Ich sehe, Mosü drängt und Su-ngo drängt,
Sie wollen durch Kaifeng spazieren gehen.
Doch sage mir noch rasch: Bleibst du in China,
O Mahanajim, oder musst du fort? -
Ich bleibe hier, ich weiß auch nicht, warum
Ich einst im fernen Westen ward geboren. -
Dann können wir uns einmal wiedersehen,
So sprach Tau Ti gefühlvoll und ging fort.

ZWEIUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti schied von Kaifeng und zog am Strom


Entlang, am Gelben Strom, dem Huanghe,
Und dann hinauf an dem Kanal des Kaisers,
Hindurch die weite Ebene des Ostens.
Und wo der Gelbe Strom trifft den Kanal,
Da hielt er seine gelbe Mütze fest,
Ein Sturm kam auf. Da wars wie Schwingenrauschen,
Und eine Wolke kam daher, ein Feuer,
Und Glanz und Schimmer war es rings umher,
Und mitten in dem Feuer wars wie Messing.
Und da erschien ihm eine Himmlische!
Sie hatte ihr Hände in den Ärmeln
Des weißen Seidenkleides ganz verborgen.
Da schien es ihm mit einem Mal, als ob
Sie vier Gesichter hätte, überm Haupt
Wars einer goldnen Kerzenflamme gleich.
Sie kam auf einem großen Himmelswagen,
Die Räder waren von Türkis, und über
Dem Wagen ein kristallner Baldachin.
Und wenn sie sich bewegte, wars wie Rauschen
Des Weltmeers, wie des Gelben Meeres Wasser.
Sie wies Tau Ti auf einen Sternsaphir
Hin über ihrem lichten schönen Haupt,
Der Sternsaphir war wie ein Himmelsthron,
Und darauf saß die Göttin Guan Yin,
Die von den Hüften aufwärts war wie Kupfer.
Und zu Tau Ti sprach nun der Gnade Göttin:
Tu deinen Mund auf, iss, was ich dir gebe! -
Da reichte ihm die Göttin ein Papier.
Die Göttin sprach: Mein liebes Kind, mein Liebling,
Du sollst das himmlische Papier verschlingen! -
Er tats, in seinem Mund wars wie ein Pfirsich.
Die Göttin sprach: Ich habe deine Stirn
So hart gemacht wie einen Diamanten.
Was ich dir sag, nimm mit dem Herzen auf. -
Da hob die Göttin den Tau Ti empor,
Und unter ihm war lärmendes Getöse,
Da war ein Rauschen und da war ein Klingen,
Als rollten fort die Räder von Türkis.
Die Göttin ließ ihn wieder auf die Erde
Und zog von dannen auf dem Himmelswagen.

DREIUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti vernahm von einem Seligen


Mit Namen Toa, der ein Jüngling war
Auf Erden, in der Ruhestätte Xian.
Da sah er plötzlich eine Himmlische,
Die sanft und hold an ihm vorüber ging.
Er sah ihr voller Kinderstaunen nach.
Nun haztte Toa laut geklagt der Göttin,
Denn er fand Guan Yin in Xian nicht,
Noch lagen da die göttlichen Gewänder.
O wenn ich ihren Tod in Xian stürbe!
Rief Toa und er sah sich um und sah
Im Tale Scharen da von Seligen,
Mit Pfirsichblüten in den schwarzen Haaren,
Erfüllt vom Strom der Himmelsharmonie.
Und Toa wandelte hinab im Gang,
Im Tal von Xian all sein W3eh zu singen.
Verwundert fühlt er seine Seele schwebend.
Nach langer Zeit, da sah er seine Heimat,
Da sah er China leuchten, wie man sieht
Den lichten Morgenstern am Himmel funkeln.
Er sah und staunte über seine Heimat.
Und eine Himmlische mit Namen Moa,
Hinan sie führte seine junge Seele.
Und Toa sagte: Himmlische, wohin
Entführst du mich? - Da schwieg die Himmlische
Zum ersten Mal. Warum hab ich geweint,
Sprach Toa. Und es schwieg die Himmlische
Zum zweiten Mal. O hilf mir, ich versinke!
Rief Toa. Und es schwieg die Himmlische
Zum dritten Mal der Weisheit stilles Schweigen.
Wie Purpurglut war es auf ihren Wangen,
Sie wurde bleicher als der erste Schnee.
Zusammen in der Stille schwammen sie
Auf einer Wolke mit des Windes Schwingen.
Soeben sahen sie die Erde fern,
Doch offne Gräber. Da sprach Toa dies:
O das ist Xian, ist das Tal des Todes! -
Da sagte Moa eine Stele steht dort
Mit diesen Zeichen: Ach, der Schlachten Staub
Verdunkelte die Wolken und die Meere.
Und Gras und Baum von Todeshauch geschüttelt.
Den Glanz verloren droben die Gestirne,
Der Mond verborgen war von schwarzen Wolken.
Gebeine wurden mächtige Gebirge. -
Sprach Toa: Oh wie wird mir? Alles schimmert,
Ich mein, ich seh die Göttin Guan Yin! -
Sprach Moa: Ja, du siehst der Gnade Göttin! -
Sprach Toa: Führst du mich zu Guan Yin? -
Sprach Moa: Bald! Zur Erde nieder kommen
Sehr bald die Seligen vom Himmelreich. -
Und Toa kam mit guten Himmelsgeistern
Zum weißen Gipfel des Himalaya,
Wo die Tibeter sich versammelt hatten,
Der höchste Gipfel hieß: die dritte Göttin.
Am liebsten wäre Toa nun geflohen,
Doch Moa hielt ihn mit den weißen Armen.
Und da stand Toa vor der Gnaden-Göttin!
Da sammelten sich auch die Seligen.

VIERUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti ritt weiter nach Tonxian,


Da wollte er den Sa-Muan besuchen,
Der seines wunderbaren ‚Vaters Freund war.
Zehntausend Wesen, sie erlangten durch
Die Eine nur ihr Dasein, - stand geschrieben
Am Tor der Stadt, ein Spruch von Lao Tse.
Tazu Ti trat in das Vordertor des Hauses
Von Sa-Muan, ins Haus und grüßte dort:
Tsing an, der Friede sei mit diesem Haus!
Und Pin, der junge Sohn von Sa-Muan,
Er hatte schon vorm Haus Tau Ti gesehen,
Da saß er hoch im Maulbeerfeigenbaum,
Und heilig sprang herunter wie ein Eichhorn.
Bald saß Tau Ti mit Sa-Muan im Haus
Beim Mittagsmahl zu Ehren ihrer Göttin.
Und Sa-Muan war eingesetzt im Dienst
Des Kaisers Tsao, arbeitend als Richter.
Und Sa-Muan war schön umgürtet mit
Der seidnen Schärpe. Seine Mutter hatte
Von Purpurtuch ein Oberkleid genäht,
Darüber trug er einen Blauhuhn-Mantel.
Jetzt aßen alle drei zusammen, tranken
Den Tee und strichen mit dem feuchten Tuch
Sich übers Antlitz, über ihre Hände.
Dann teilten sie den bergschneeweißen Reis,
Dazu gabs Schwalbennester, Haifischflossen,
Seegurken, Fisch dazu, gefüllt mit Nudeln,
Und Aal mit Chrysanthemen angefüllt
Und Hummer, angefüllt mit Bambussprossen.
Das Hühnerfleisch geschnitten war in Fischform,
Garnelen schön geziert. Und Sa-Muan
Stand auf und brachte Wein im Jadekrug.
Tau Ti bekam auf einmal Nasenbluten.
Da gab ihm Sa-Muan ein Seidentuch,
Getaucht in kaltes Wasser, dass die Blutung
Ihm werde so gestillt, sich schließt die Ader.
Tau Ti trat in sein Gästezimmer ein
Und sah, ob alles war in bester Ordnung.
Sein Messer steckte in dem Futteral,
Sein Buch war in der Tasche seines Mantels,
Die Knochenflöte in der Seidenschärpe.
Und nun trat Sa-Muan ins Zimmer ein
Und sagte: Einmal wirst du lesen, was
Der Gelbe Kaiser aufgeschrieben über
Den Weg zu der Unsterblichkeit der Seele
Und Jugendleben in dem Himmelreich. -
Und draußen war es dunkel, Nacht wie Samt,
Und Sa-Muan entzündete die Kerze
Im Zimmer, in der Steinlaterne, die
Im Raume schimmerte wie Sternenlicht.
Und bald sank Sa-Muan in tiefe Träume
Und hörte eine ernste Stimme mahnen:
Wer Mich ehrt, den will Ich auch wieder ehren,
Wer Mich verachtet, den will Ich verachten.
Es kommt die Zeit, dass ich den Arm abhaue
Und deines bösen Vaters Arm abhaue,
Es gibt dann keinen Alten mehr im Haus,
Das deines ist, und niemand wird mehr alt.
Nicht jeden nehm ich fort vom Hausaltar,
Dass nicht verschmachten werden deine Augen.
Pin aber, deinen Liebling, nehm ich dir. -
Nun war Tau Ti in seinem Traum ein Falter,
Ein Trauermantel, der den Mai verkündet.
Da flehte er zur Göttin Guan Yin,
Da flehte er zur Mutter in dem Himmel,
Die war ein Schild und Schirm ihm allezeit.
Er hörte eine wunderbare Stimme:
O Tod, o Tod, ich werde dir ein Gift sein! -
Da war ein Trost in seiner Klageseele.
Und da sang seine Seele dieses Lied:
Vom Himmel sank ein lichter ‚Tau herab.
Ich werd allein sein in den öden Bergen.
Von weit her schimmern Steinlaternen sanft,
Ein Schiff schwimmt übers Gelbe Meer des Ostens.
Zwei Bambushölzer werden über Kreuz
Geschlagen an dem Platz, wo ich die Hände
In Unschuld wusch. Ach, mich erreicht kein Brief,
Kein Mensch erbarmt sich meiner armen Seele!
Wo Mauerschwalben am Gesimse nisten,
Da steh ich einsam, auf den Stab gestützt.
Ich schau hinauf zum Sternbild Rinderhirt
Und schau hinauf zum Scheffel-Stern des Nordens.
Ich möchte dir ein guter Hirte sein.
Nicht unter einen Scheffel stell dein Licht.
Der Milchpfad reicht bis an die Phönixstadt! -
Mit einem bangen zitternden Gemüt
Tau Ti erwachte an dem frühen Morgen,
Da sprang schon Pin umher im roten Hemd,
Da kam auch Sa-Muan aus seinem Zimmer
Und sagte: Ich bin krank an meiner Seele!

FÜNFUNDZWANZIGSTER GESANG

Und Gen erzählte seiner Schwester Mei-Shan:


Ich bin geritten weit in den Südwesten
Von China und durch Tibet und hinan
Die Stiegen des Himalaya zum Grenzort
Mit Namen Pedo Shankou, kehrte dann
Durchs Westgebirg Kunlun zurück, ritt südlich
Entlang der Tarim-Senke, ritt am Srom
Entlang, dem Huanghe, und kam nach Xian.
O Tochter China! Wie sie schlummert friedlich
Am stillen Schwanensee von Xian!
Dort war ich. In der Morgenröte schlief
Ein Schwan. Ich hörte seinen Schwanensang.
Denn nach dem Tode ist das Singen schön,
Die Ahnung naher Schönheit stimmt das Wesen
Wohl auf den hohen Ton der Seligkeit.
Nun war ich im Gebiet von Xian, ritt
Nach Luo-Yang. Ich traf auf halber Fahrt
Den Kaiser Tsao mit des Kaisers Truppen.
Und nun will ich berichten von dem Stein,
Der zwischen Euphrat liegt und Tigris, Schoham
Genannt, wir nennen ihn den Stein des Himmels.
Er ist das Eigentum des Kaisers Tsao,
Die Mandarine fragten ihre Lose,
Was mit dem Stein des Himmels soll geschehen,
An welchem Ort er aufgestellt sein soll.
Da lasen sie ein wunderbares Wort:
Der Geist des Himmels wacht am Tor zum Norden. -
Die Mandarine nicht das Wort verstanden
Und fragten abermals, da lasen sie:
Macht euch fünf goldne Beulen, goldne Ratten,
Denn diese richten euch das Land zugrunde. -
Die Mandarine dies verstanden nicht
Und fragten abermals. Beim dritten Mal
Erklang das Losungswort: O Tochter Xian,
Den Segen gibt dir Göttin Guan Yin! -
Ein Wagen wurde also angefertigt.
Vom Wege zum verborgenen Geheimnis:
Den hohen Himmel nimm dir als dein Dach,
Die gelbe Erde nimm als deinen Wagen,
So steige man hinan in goldner Wolke,
Man fliege bis zur Straße weißer Milch,
Erhebe sich auf hoher Geister Stufe
Vorm Schöpferischen. Den Verstand und Geist
Ganz frei von den gemeinen Wünschen, man
Gelangt dann zu den himmlischen Gefilden,
Dort schreitet man, die Füße nicht benutzend,
Rasch, aber ohne Eile, leicht voran,
Bedient des Regens sich, den Weg zu ebnen,
Des Windes, um den Staub hinweg zu blasen,
Die Blitze macht man sich zur langen Peitsche,
Den Donner macht man sich zu Wagenrädern.
So schwebt man dann empor, in Milch zu baden
Der Weißen Straße. Und man schwebt hinan,
Passiert die Pforte der Unsterblichkeit!
So etwa war der Wagen unsres Kaisers,
Von Rossen nicht gezogen, nein, von Kühen,
Die Mutterkühe zogen jenen Wagen,
Auf die kein Joch bisher gekommen war,
Und ihre Kälber blieben auf der Weide.
So legten nun die Mandarine jenen
Stein in die Truhe ganz aus Elfenbein
Und stellten diese Truhe auf den Wagen.
In einem Kästchen ganz aus Ebenholz
Verwahrte man die andern Edelsteine,
So den Saphir von Asien, dazu
Den Diamant der Mandschurei und den
Rubin des Großmogules von Bengalen.
Des Kaisers Steine waren dies
Als Zeichen guter Nachbarschaft der Völker
Zu seiner großen kaiserlichen Macht.
Ich selbst hab eine Sammlung auch von Steinen
Aus China, viele Jade und Nephrit
Und auch den tibetanischen Türkis.
Es war die Truhe aber mit dem Stein
Des Himmels auf dem kaiserlichen Wagen,
Die Kühe gingen gradewegs nach Xian
Und stets den gleichen Pfad am Gelben Strom
Entlang, sie brüllten immer, und sie wichen
Vom Weg nicht ab, nach links nicht und nach rechts nicht.
Die Bauern dort in Xians weitem Umland,
Sie waren fleißig, ernteten den Mais.
Mit Schaufeln warfen das Getreide sie
Hinauf, die Körner von der Spreu zu trennen.
Mit Besen fegten sie den Mais zusammen.
Die Frauen werden später dann
Die Spreu entfernen von den Körnern, die
Der Reinigung entgangen, andre werden
Das Maisgetreide auf der Waage wiegen
Und tauschen gegen Soyabohnenquark.
Es werden in den Höfen lange noch
Maiskolben von der letzten Ernte liegen,
Sie werden aufgeknüpft an einem Hanftau
An Bäumen hängen oder vom Gesims,
Gespeichert auf dem Dach des Bauernhauses.
Da kam ein Knabe an und strich die Saiten
Der Chin und sang zum Saitenspiel dies Lied:
O Gelber Strom, o Vene Chinas du!
O Stein des Himmels! O Pokal des Kaisers!
Die Schlüssel zu dem Tor des Nordens sind
Verloren? Wurden sie nicht überflutet
Von weisheitsvollem Schweigen und von Blut?
O Hirten und Geschwister! Ist erloschen
Die Steinlaterne in des Kaisers Park?
Vom Feldenfrieden großer Wasserbüffel
Bis zu den schimmernden Gestaden mir
Ertönt mein Lied. O schwarzer Schwan von Xian!
Schneegänse, Mandarinen-Enten Xians!
Mein Land, ich bin wie eine Purpurlanze!
O Tochter China, wie dein Duft hinauf steigt
Zu mir durch alle meine tiefen Wurzeln,
Ja, bis zum Becher, den ich gänzlich leere,
Ja, bis zum Wort, dem letzten Tropfen Tau!
Wer ohne Schwert, so scharf wie Geisterzungen,
Bewahrt sein Blut? Der Tung-Ölbaum errichtet,
Der Mais gewachsen, die Gestalt entkörnt,
Der Mais verteilt sein Mehl, und bei den Wurzeln
Bewahrt die Toten sind, sie ruhen friedlich
Im dunklen Totenreich der Gelben Quellen. -
So sang der Knabe zu dem Spiel der Chin,
Auf der die Tao-Jünger gerne spielen.
Die Leute auf den Feldern sahn den Wagen
Des Kaisers mit der Truhe, und sie riefen:
Barbaren schlagen Menschenköpfe ab,
Doch wir Chinesen schlagen nur die Saiten
Des Saitenspieles zum Empfang des Kaisers! -
Die Mandarine aber, als der Wagen
Im schönen Xian angekommen war,
Die Truhe hoben mit dem Stein des Himmels
Und hoben sie auf einen festen Felsen.
Ein fester Felds ist Göttin Guan Yin!
Der Fels ist immer noch zu sehen dort,
Auch heute, bei der Tochter Xian Maisfeld,
Dort steht noch heut der Stein des Himmels auf
Dem treuen Zeugen-Fels der Tochter Xian.
Da sprach der Kaiser zu den Mandarinen,
Da sprach der Kaiser zu dem ganzen Volk:
Ach, wenn ihr euch doch nur von ganzem Herzen
Zuwenden wolltet Göttin Guan Yin!
Tut ab von euch die fremden Teufel alle
Und richtet euer Herz nur auf die Göttin
Und dient der Göttin Guan Yin allein! -
Zusammen kamen alle in der Frühe
Und schöpften von dem Gelben Strome Wasser
Und schütteten es aus vor Guan Yin.
Dort bei dem Felsen sagte Tochter China,
Des Maisfelds Bauernschaft zum Kaiser Tsao:
O lass nicht ab, für uns zu flehn zur Göttin,
Auf dass wir stehen unter ihrem Schutz,
Dass uns die fremden Teufel nicht mehr plagen! -
Und Kaiser Tsao brachte dar den Weihrauch
Und schüttete die Milch aus rotem Mohnkelch
Zum Preis der Herrlichkeit der lieben Göttin.
An diesem Tage kamen die Mandschuren
Daher auf Rossen, schwangen ihre Schwerter.
Die Göttin ließ es von dem Himmel donnern,
Mit großem Schallen, gegen die Mandschuren,
Die da erschraken und entflohen eilig.
Die kaiserlichen Truppen folgten den
Mandschuren bis zur Großen Mauer und
Erschlugen sie beim Ersten Tor auf Erden.
Bei diesem Tor war auch der Mauer Hauptpass,
Dem Gelben Meere nah. Dort bauten sie
Zum Angedenken an den Tag des Sieges
Vier turmbewehrte Tore auf mit Scharten
Für Schützen. Die Verlängerung zum Meer
Der Zitadelle ist berühmt: Der Kopf
Des Alten Drachen, weil der Feind vernichtet.
Dies ist der Ostabschluss der Großen Mauer.

SECHSUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti sprach: Sieh, es ist ein weiser Mann,


Shang Kiu, Schüler er des Kung Fu Tse.
Was jener sagt, das trifft in Wahrheit ein.
So will ich zu ihm gehn, vielleicht er sagt mir
Den Weg voraus in dieser Welt des Staubes. -
Da sagte Gen, der Fels, der Sohn des Kaisers:
Ich weiß vom Buch der Weisheit, habe selbst
Gezogen das Orakel. Übrigens,
Es gibt ein Zeichen, Gen genannt wie ich.
Und Gen ist das Gebirg, der kleine Stein,
Der rechte Pfad, des Tores schließen und
Gewisses Dauern in der Ewigkeit. -
Die beiden gingen nun zusammen durch
Tongxian, aber trennten wieder sich.
Am Hofe war der Großhistoriograph
Der Han-Chinesen eben angekommen,
Mit Namen Sima Quian, die Annalen
Der Monarchie von China sind sein Werk.
Und Gen, der Sohn des Kaisers, sollte ihn
Einführen in des Kaisers Halle, darum
Hat Gen den treuen Freund Tau Ti verlassen.
Da ging Tau Ti zur Schule. Schau, da kamen
Ein paar der schönsten Mädchen froh vorbei.
Tau Ti war ganz verzückt von ihrer Schönheit
In ihren lenzlichen Gewändern fein,
Den Angesichtern mit den Pfirsichwangen.
Er meinte, auf dem Morgenstern zu sein.
Und andre kamen auch vorbei, die waren
Gehüllt in Linnen, Holz auf ihren Schultern,
Und daran hingen volle Wassereimer,
Sie waren Wasser schöpfen ja gegangen.
Die sprachen zu Tau Ti: Willst du zum Weisen? -
Shang Kiu nannte man den weisen Mann,
Pries ihn als heiligen und wahren Menschen.
Die Weisen und die Heiligen in ihrem
Gemüt einander ähnlich sind, erfüllt
Von Stille, sie sind gleich den Eremiten
Und auch den Geistern der Unsterblichen.
Tau Ti verstummte knabenhaft verschüchtert
Vorm Reiz der Anmut dieser jungen Mädchen,
Er schlug die Augen nieder, und dann sah er
Vorsichtig auf und meinte, anzuschauen
Die feuchte Welle unter feiner Wimper
Der Morgenröte, denn so war das Schönste
Der Mädchen. Und Tau Ti trat ein ins Haus
Des Weisen und des Heiligen Shang Kiu.
Und da erhob Shang Kiu sich, er hörte
Die liebe Nebenfrau, die ging den Gang,
Ihr Schritt war wie mit kleinen Silberglöckchen,
Und wie Gesang war ihre Flötenstimme,
Und sie verzauberte die Atmosphäre
Mit ihrer wunderlieben Gegenwart.
Und sie war seine Nebenfrau, ihr Name
War Bi, das heißt die Grazie, die Anmut.
Er wollte eben ihr vom grünen Tee
Anbieten, Früglingstee, als sie herein kam
In aller Schönheit junger Morgenröte,
In ihrem wohlgeformten Jadeleib
In einem frühlingshaften Seidenkleid.
Sie flüsterte Shang Kiu in das Ohr,
Dass sie zur Zeit unpässlich sei, sie habe
Die monatliche Blutung Yüa-djing,
In der des Blutes Brunnen überquillt.
Drauf sie entfernte sich mit blassem Antlitz
In ihre Duftgemächer. Wieder hob
Shang Kiu seine liebe sanfte Stimme,
Er sprach nun zu Tau Ti, der in Geduld
Dem Lehrer lauschte, wenn auch leicht verwirrt
Von der Verzauberung der Atmosphäre
Durch das Parfüm des weiblichen Geschöpfs.
Da sprach Shang Kiu: Höre, Sohn! Sich opfern,
Um selbst sich zu verwirklichen, so sprach
Der weise Lao Tse, und drum: Empfangen,
Um so ein Weiser, Heiliger zu werden!
Dies nenne ich die Pforten, dieses nenn ich
Den Schlüssel zu dem Buch der Prophetie.
Doch halte ein, o meine schnelle Zunge,
Unruhig ist mein Herz. Mein lieber Sohn,
Noch niemand hörte so geduldig zu
Wie du, dran habe ich mein Wohlgefallen.
Doch meiner Bi scheint es nicht gut zu gehen,
Abweichen muss ich drum von meinem Plan.
Ich kenne keinen, der die Weisheit und
Die Tugend liebt so sehr wie Mädchenschönheit. -
Und Bi kam aus dem Zimmer, und ihr Antlitz
War wie ein offnes, ungeschriebnes Buch,
So weiß wie Schnee, von Schamrot angehaucht.
Sie war noch jung, so etwa fünfzehn Jahre.
Sie trug die Lockenhaare aufgebunden,
Der Haarpfeil war vom Holz des Phönixbaums,
Sie trug das weiße Kleid bis auf die Füße,
Ein rotes Seidenband um ihre Taille.
Sie hatte ein so feines Angesicht
Mit schmalen lichten Augen-Meteoren
Und einem lieben Lächeln um die Lippen,
Die Lippen himbeerrot, der Körper aufrecht,
So schlank, und sie bewegte sich mit Anmut.
Die süße Stimme war voll Grazie,
Berückend, zauberhaft, sie sagte leise:
Shang Kiu, mir ist heute etwas unwohl,
Wir haben keine Medizin im Haus,
Hol bitte mir die Milch der Roten Blume. -
Da sprach Shang Kiu mit der sanften Stimme:
Wer nicht bereit ist, seiner Frau zu dienen,
Der ist kein guter Lehrer seinen Schülern. -
Er warf sich um den seidnen Purpur-Umhang,
Dann winkte er Tau Ti, dass er ihm folge.
Tau Ti tat seine gelbe Mütze auf,
So gingen sie hinaus. Der Lehrer sprach
Zum Schüler auf dem Weg Tongxians:
Ich will den nächsten Tag nach Qufu reiten,
Wo Kung Fu Tse in seinem Tempel lehrt.
Da ich dich schon ins Herz geschlossen habe
Und zwar vom ersten Augenblicke an,
Da ich dich sah, so wollt ich gerne
Vorstellen meinem Meister in der Weisheit.
Viel lernen könntest du vom weisen Meister,
Er hat studiert des Altertumes Schriften,
Der Erbe ist er der geliebten Vorwelt. -
Tau Ti sprach: Das wär eine große Ehre
Für mich, den Meister Kung Fu Tse zu sehen,
Von Angesicht zu Angesicht den Alten
Der Tage. Ich vernahm, dass er von Tugend
Gepredigt und von wahrer Menschenliebe.
Das ist sehr gut zur Ordnung der Gemeinschaft
Der Menschheit, einer heiligen Familie.
Ich bin nun aufgefordert, mich beim Meister
In seine Weisheitsschule zu begeben.
Doch hab ich Sehnsucht nach dem See von Xian!
O schöner Schwanensee der Tochter Xian! -
So sprach Tau Ti, der unentschieden war
Wie eine Waage, wenn die Schalen schwanken.
Er sprach: Ich will die Tochter Xian sehen!
Den Meister werde ich mich lehren hören,
Konfuzius, im Heiligtum von qufu! -
Drauf sprach Shang Kiu: Ich hab keine Ruhe,
Denn die Befindlichkeit der lieben Bi
Ist mir im Herz ein aufgewühltes Meer,
Worin der Fels um Festigkeit bemüht.
Ein passionierter Mensch mit heißem Blut,
Taugt der zur Unterweisung in der Tugend?
Wir wollen trennen uns, mein lieber Sohn,
Ich hole nun die Milch der Roten Blume,
Geh du so lange deinen eignen Weg,
Komm wieder in drei Tagen, willst du mit
Nach Qufu, dort den Heiligen zu hören. -
Da stand Tau Ti nun auf dem Weg Tongxians.
Ein alter Mann auf einem Schimmel ritt
Vorüber, schlohweiß waren seine Haare,
Sein Bart war lang und reichte bis zum Nabel,
Die Augenbrauen weiß, die Augen schmal.
Er sah Tau Ti an, lächelte und sprach:
Mein Sohn, schau an dein liebes Vaterland! -
Mit diesem Wort entschwand der weiße Alte.
Tau Ti ging staunend seines Weges weiter
Ins Haus von Sa-Muan, dem Friedensrichter.
Der saß vor einem hohen Stapel Akten,
Er machte manchen Auszug und Notizen.
Der Herr Man Wang, notierte er soeben,
War König in dem Süden. Ay, Tau Ti,
Ich habe einen Fall zu untersuchen,
Und dankbar greife ich dabei zurück
Auf Sima Qian, den Annalen-Schreiber.
Für die Annalen hat er reichlich Stoff
Gesammelt, auch das, was hier vor mir liegt.
Das dreiundfünfzigste Kapitel der
Annalen hat vor kurzem er beendet.
Ich mache einen Auszug für den Fall,
Den ich als Richter zu entscheiden habe. -
Da sprach Tau Ti: O Sa-Muan, wenn du
Die Zeit noch hast, um Atem frisch zu schöpfen,
Erzähl mir von dem Fall. Hast du denn etwas
Zu tun mit Herrn Man Wang, des Südens König?
Ich möchte auch gern in den Süden reisen,
Ich hörte von der Insel Hainan an
Dem Ende dieser Welt. O Welten-Ende!

SIEBENUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti ritt fort und kam zum Schwanensee


In Xian, und er seufzte: Einst wird kommen
Ein Dichter in der Dynastie des Tang,
Da wohnt der große Dichter nahe Xian
Am grünen Hange eines sanften Berges. -
Und nun besah Tau Ti den Schwanensee.
Am Weg vermischte sich der Duft von Zimt
Und Mandelbäumen lieblichen Aromas.
In Kiefern säuselte der sanfte Wind.
Das Wasser glänzte hell und dunkel, still
Und manchmal wellend. Fern zu sehen war
Der Li-Berg, die Gebirge weit und fern
Umflort von Wolken. Einsam war der Wandrer,
Gekannt von keinen, sah er nach dem Damwild.
Es sangen Vögel, Meisen und Pirole.
Die leisen Wellen waren silbern glänzend.
Der Wind im Bambus säuselt mit Rascheln.
Saphoren standen an dem schmalen Pfad
Und die von ihm geliebten bunten Blumen.
Auf einmal hörte er vom fernen Berg
Den lauten Klageschrei der wilden Affen.
Ein Boot lag einsam schwankend auf den Wellen
Am braunen Ufer zwischen Schilf und Rohr.
Und zwischen Silberweiden lag ein Haus,
Das nannte man die stille Trauerhütte.
Geflogen kamen wilde weiße Möwen
Mit lauten Rufen, leise quäkend schwammen
Die Mandarinen-Enten, ein Symbol
Der Harmonie, und in den Ufergräsern
Gesellig standen Wildgans, Weißgans, Schneegans.
Bei ihrem Anblick dachte an Su-ngo
Der Jüngling, wie es jetzt der Frau wohl ging?
Die Bäume an dem See wie grüne Jade
Und golden schimmernd. Und Tau Tieg stieg auf
Den Steinen zu dem Schwanensee hinunter.
Da sah er einen schwarzen Trauerschwan,
Der nah ans Ufer kam heran geschwommen
Mit stolz erhobnem Haupt, und in dem schwarzen
Gefieder eine weiße Feder, die
Ins Wasser sank. Da orgelte der Schwan.
Tau Ti empfand es tief in seiner Seele,
Er sah des Trauerschwanes rote Augen,
Empfand den schwarzen Lidschlag überm Auge.
In dem Moment schien ihm der Schwan zu singen:
Die weiße Feder nimm vom schwarzen Schwan! -
Er nahm sie. Und da tauchte ab der Schwan,
Das Haupt er tunkte in das stille Wasser,
Verschwand bei einem Trauerweidenzweig,
Der neigte silbrig übers Wasser sich.
Da sah Tau Ti am andern Ufer Bäume,
Magnolienbäume und Hibiskus sah er.
Und übern See rief von den Gräsern eine
Zikade. Da entdeckte erst Tau Ti
Den Pavillon am Schwanensee mit schön
Geschwungen Simsen über schlanken Pfeilern
Von weißem Elfenbein. Ein süßer Duft
War überm See von mancher Lotosblume.
Mit einem Mal erschien Tau Ti in einer
Vision die Gnadengöttin Guan Yin!
Die Schöne war in ein Gewand gehüllt
Wie Morgenröte, über ihre Schultern
Und dann hinab an beiden Seiten hingen
Die Seidenbänder gelb. Sie war geschmückt
Mit rosa Perlen und mit weißen Muscheln.
Ihr Angesicht war rein und weiß wie Schnee,
Mit Reis gepudert, milchig, maskenhaft.
In ihren Händen hielt sie einen Fächer,
Mimosen, Mandelblüten drauf gemalt
Auf weißer Seide über Bambusstäbchen.
Die Göttin winkte ihm und sprach zu ihm:
Komm her, Tau Ti, komm her zu deiner Göttin!
Du kannst gewiss auch übers Wasser wandeln,
Wenn du Vertrauen hast zu Guan Yin! -
Tau Ti ging übers Wasser zu der Göttin,
Er staunte selber, wie ihm da geschah,
Verzagte, sank ins Wasser, und da standen
Die Wasser ihm zum Hals, da rief er: Hilf mir! -
Sie schwebte überm Wasser wie ein Geist
Und fasste ihn mit ihrer rechten Hand
An seiner linken Schulter, und so zog
Sie ihn aus tiefen Wassern. Daraufhin
Fand er am andern Ufer schnell sich wieder.
Die Göttin schwand, nachdem sie ihn geküsst
Auf seine Stirn. Gezweifelt hätte er
An der Erscheinung, wäre er nicht wirklich
Am andern Ufer. Und da schwamm der Schwan,
Da schwamm der schwarze Trauerschwan von Xian
Und schlug mit seinen Schwingen, und dann schwamm
Die Majestät dahin, blutrot der Schnabel,
Von dem das Wasser troff wie Morgentau.

ACHTUNDZWANZIGSTER GESANG

Tau Ti schwang wieder sich auf seinen Schimmel


Und ritt, immenses Wundern in der Seele,
Nach Xian. Und er sprach: O Göttin Chnas,
Solang du willst, will ich im Lieid ausharren!
Lass mich nur stets in deiner Gnade sein,
Die schon von Ewigkeit in dir beschlossen!
Fern war der Li-Berg, wo der Leichnam liegt
Si Huangdis, des ersten Kaisers Chinas.
Da sprach Tau Ti die Worte: Ich weiß wohl,
Dem Kaiser raste Ingrimm durch die Venen,
Und wie er die Unsterblichkeit gesucht,
Den Tod gefunden hat. Vor Xian seh ich
Das Dörfchen Banpo, und dort will ich speisen,
Die Stäbchen nehmen und ein Schälchen Reis,
Dann trink ich frisches Wasser von der Quelle.
Des Leibes Durst und Hunger kann man stillen,
Doch mir bleibt ein Verlangen nach der Liebe:
Die finde ich auf Erden aber nimmer!
Wie öde liegt dir ganze Welt vor mir!
Wann nahm ein Mensch mich je mit Zärtlichkeit
In warme Arme? Lange ist das her.
Wie lang hab ich zu warten auf Erfüllung
Der göttlichen Verheißung! Ach, mir ist
Wie dem Gefangnen. Dasein ist der Kerker.
Ich höre die Gefängniswände seufzen
Und Tau der Tränen innen rinnt herab.
Wo bleibt der Mutter Hilfe denn, die Tröstung?
Mir ist so weh in meiner tiefen Seele
Und einsam irr ich durch den roten Staub.
Darf ich nicht sterben, Göttin Guan Yin?
Ach, wär ich doch im süßen Bund des Todes
Und hielt mich der Tod in seinen Armen!
Des Todes Wasser überschauerten
Mein Herz! Ich tauchte zu den Gelben quellen!
Ein Jenseits gibt es. Zeigt es sich auch hold?
Und werd ich übers Wasser wandeln können
Und werd ich von der Göttin angenommen?
Im Rot des Morgens will ich ganz vergehen
Und Liebe finden auf dem Morgenstern!
Wer gibt mir Antwort? Alle Menschen lügen!
Und was ich denke, das ist Illusion.
Sei stille, meine arme Seele, dulde!
Ich bin zu einem Schmerzensmann geboren!
Ich wandle meines Weges, falle, wandle
Und sinke wieder, nehme mich zusammen
Und stürze nieder in den roten Staub
Und wieder reißt die Göttin mich empor.
Was mir zu trinken geben all die Menschen,
Das ist so bitter wie das Schierlingskraut,
Was sie zu essen geben, schmeckt wie Schleim.
Ach, von der Göttin redet niemand mehr,
Und doch steht mir nach ihr allein der Sinn.
Es war ein Kreis im Himmel, darin war
Erfülltes Glück. Ich komme wohl daher
Und bin verloren in der Welt und kehre
Zurück, will wieder in die Seligkeit,
Heim in die Liebe! Hsi! So seufzte er.
Ich nehme mich zusammen, messe aus
Die Tochter Xian, messe schöne Tore,
Ich sehe dort den Wall von hohen Mauern. -
Fünftausend Meter weit entfernt von Xian
das alte Dörflein Banpo war gelegen,
Das gab es schon seit dreimal tausend Jahren.
Zur Zeit der ersten Dynastie der Xia
In Banpo war das alte Volk der Mütter.
Nun stand Tau Ti vor schönen alten Häusern.
Und da saß eine alte Dame still
In weißer Trauerseide vor dem Haus
In einem Korbstuhl, der geflochten war
Aus Trauerweide. Da sah sie Tau Ti
Und sagte: Hast du Hunger, lieber Junge? -
Da sprach Tau Ti, er habe großen Hunger,
Sie sprach: Komm rein, mein Sohn, ich gebe dir
Ein Mahl für deines lieben Mahles Wohl. -
Da kam er in das Haus, da stand am Fenster
Beim roten Vorhangtuch ein junges Mädchen.
Die Luft umsäuselte die Schönheit sanft.
Sie trug ein grünliches Gewand und stand
Versunken in Gedanken da, in Träume.
Die alte Dame reichte ihm Dim Sum,
Das heißt das Kleine Herz und kommt aus Kanton.
Vorm Essen bat sie ihm Jasmintee an.
Das junge Mädchen hob die sanfte Stimme,
Der Stimme Reiz war wie des Körpers Anmut.
Das war ihr Wort, sie flüsterte es leise:
Ich war in Peixian vor wenig Tagen,
Im Süden ist gelegen Peixian,
Ist die Geburtsstadt eines großen Kaisers,
Des ersten Kaisers aus der Zeit der Han,
Des Kaises Liu Bang. In einen Stein
Graviert las ich sein selbstverfasstes Lied.
Da sah ich Himmlisches in Peixian,
Da macht ich selber ein Gedicht daraus.
Soll ichs dir rezitieren, lieber Knabe? -
Da rief die alte Dame aus der Küche:
O Pian, hilf mir bitte in der Küche!
Da rief das Mädchen: Nian! Eben wollte
Ich unserm Freunde Verse rezitieren! -
Das Mädchen Pian ging zu einem Schrank,
Wo eine Vase stand von Kaolin,
Und nahm ein Blatt Papier aus einer Lade.
Sie wusste wohl zu führen einen Pinsel,
Getaucht in schwarze Tusche, übers Blatt,
Denn schön geschwungen waren ihre Zeichen.
Sie las ihr Lied vor, und er war ganz Ohr:
Mir war, als sei entsprungen ich dem Leben
Der Göttin, taumelnd in des Äthers Räumen,
Ein irres Kind! Ich musste weinen, weinen!
In Tränen rinnend sank ich in den Schoß
Der Mutter! Bunte Kelche süßer Blumen
Erfassten meine Tränen, ich durchdrang
Die bunten Kelche alle und rann abwärts,
Durch Blumen und durch Blüten, immer tiefer,
Und immer tiefer, bis zum Mutterschoß,
Der tief verhüllten Quelle allen Seins! -
So las die schöne Pian ihr Gedicht,
Das sie in Peixian geschrieben hatte.
Da überlegte sich Tau Ti, wie er
Die Dichterin mit Bambus krönen könne,
Er nahm es schwarzen Schwanes weiße Feder
Und gab sie ihr. Sie freute sich darüber
Und küsste ihn, das war ihm angenehm,
Sie war von auserlesner Anmutsschönheit
Und duftete wie Öl von Rosenblüten.
Der Kuss der Träumerin blieb auf der Wange,
Ein Tropfen Tau auf einer Nelkenblüte.
Nun gab die alte Dame Nian ihm
Noch glutinierten Reis mit Maniok
In einem Töpfchen mit als Reisekost
Und eine Flasche mit Orangensaft.
Er danke herzlich, neigte sich vor Schönheit
Und Alter, neigte bis zum Grund sein Haupt,
Setzt seine gelbe Mütze auf und ging.
Auf seinem Schimmel flog Tau Ti nach Xian.
Da an der Mauer war das Tor des Ostens,
Wo eine Stele stand mit dieser Inschrift:
Die Sonne wandelt sich in Finsternis,
Der Mond in Blut, wie Feigen fallen Sterne!
In seinem purpurroten Mantel spielte
Der Wind, der von den sanften Hügeln kam.
Er dachte wieder an die Zärtlichkeit
Und tiefe Sympathie, an ihn verschwendet.
Da sah er schon das Osttor in der Mauer
Von Xian. Da sang seine sanfte Seele,
Pfingstrosenfinger strichen seine Chin,
Die Taoisten-Leier, und er sang:
O tu dich auf, o Tor, und mach dich weit,
Der Sohn der Göttin zieht jetzt ein in Xian!
Begeisterung kam über den Tau Ti,
Pfingstrosenfinger strichen seine Chin,
Sein Saitenspiel, vorm Tor des Ostens Xians.
Tau Ti ging hin im purpurnen Gewand,
Die gelbe Mütze in dem schwarzen Haar,
Er ging zum schönen Park der Festlichkeiten,
Der sich im Osten Xians breitete
Um einen See. Dort standen Pavillons,
An deren Simsen Mauerschwalben bauten.
Wir wollen sein ein Pärchen Mauerschwalben,
Das Nest uns bauen an des Edlen Haus!
Tau Ti verließ nun Xian auf dem Schimmel.
Da wollte er das Umland Xians sehen.
Da kam er wieder zu dem Dörflein Banpo,
Er kam zu einem Pavillon-Museum.
Da waren Öfen aus antiker Zeit,
Und Steingeräte, Terrakotta-Werkzeug
Und Knochen-Werkzeug. Die Keramik zeigte
Die Fische dort mit Schwalbenschwänzen und
Geritzte Zeichen: dies die Schrift der Mütter.
Dann schwang Tau Ti sich wieder auf den Schimmel
Mit der orangnen Decke und dem Silberzaum,
So preschte er dahin im Geist des Windes.
Mehr als an eines Pferdes starker Kraft
Und mehr als an des Menschensohnes Schenkeln
An Xian hat die Göttin Wohlgefallen,
Der schönen festen Burg der Guan Yin!
Im Norden Xians war das Grab Jing Dis,
Des fünften Kaisers aus der guten Han-Zeit.
Es liegt auf einem prächtigen Gelände,
Wo tausend andre Gräber angelegt.
Da ging Tau Ti die Zeile durch den Sinn:
Du bist ein Totengräber im Verborgnen,
Sie gehn an dir vorüber, keiner kennt dich.

NEUNUNDZWANZIGSTER GESANG

Da sah er eine rote Wolke Staubes,


Ein Reiter tauchte auf und kam ihm nah,
Begrüßte ihn mit einem Friedensgruß:
Tsing an! Ich bin Chang Heng, der Astronom
Des Kaisers Tsao. - Der berühmte Mann
Der Han-Zeit hatte einen gelben Hut,
Aus dem sein schwarzes Haar hervorkam.
Er blinzelte aus seinen schmalen Augen
Durchs helle Tageslicht und redete:
Ich komme grad aus Xian, wo ich war
Bei den Ruinen der Palaststadt des
Berühmten Himmelssohns Shi Huang Di.
Man baute damals ein Magneten-Tor,
Dass keiner durch die Pforte konnte gehen
Mit Waffen, und das war das Nordtor des
Efang-Palastes, das aus Eisen war.
Und als die Efang-Halle abgebrannt,
Da blieb das eiserne Magnettor stehen.
So sprach der große Astronom Chang Heng.
Tau Ti und er zusammen ritten nun
Am Gelben Strom entlang, dem Kummer Chinas.
Dann kamen sie an jene Stelle, wo
Der Gelbe Strom zusammenströmte mit
Dem heiligen Kanals des großen Kaisers.
Da saßen am Kanale stille Angler,
Doch plötzlich jauchzte einer auf und rief:
Yu-liau, ich habs! Ich fing den Silberfisch,
Der eine Perle in dem Maule trägt.
Tau Ti nun und des Kaisers Astronom,
Sie ritten etwas weiter südlich, da
Chang Heng zu reden anfing: Ich erfand
Den großen Seismographen, der jetzt ist
Das Prunkstück an dem Observatorium.
Mein Seismograph kann Donner registrieren
Auf unsrer Erde Oberfläche, ob
Das Beben auch zehntausend Li entfernt.
Der Mechanismus ist verborgen in
Dem Kupferkessel. So wird unser Kaiser
Stets informiert, wenn in dem Reich der Mitter
Der Himmelsdonner lässt die Erde beben. -
So sprach Chang Heng, der Astronom des Kaisers.
Sie ritten südwärts hin an dem Kanal,
Der Brücke zwischen Gelb– und Blauem Strom
Dem großen Yangtsekiang im Süden Chinas.
Tau Ti ritt auf dem schönen feinen Schimmel,
Den er von Sa-Muan geschenkt bekommen,
Chang Heng ritt auf dem edlen schwarzen Ross,
Das Tsiän Li-Ki ward genannt, und das
Bedeutet etwa Tausendmeilenrenner.
Der Zaum war silbern und die Zügel ledern,
Des Rosses schwarze Mähne flog im Wind.
Und dann verfielen von Galopp in Trab sie,
Da redete der Astronom des Kaisers:
Ich hab erfunden einen Himmelsglobus. -
Sie ritten beide durch ein kleines Dorf,
Wo grade Jahrmarkt war. Die Buden standen
Am Straßenrand und waren bunt bemalt.
An einer kleinen Buden sah es so aus:
Ein Bild, darauf gemalt war die Palaststadt
Am Hange des Gebirges. Das war Peking.
Die Straße führte aufwärts zum Palast,
Vorn standen an den Straßenseiten Pfauen,
Und schlanke Vasen standen auf dem Grün.
Umgeben der Palast von Pfirsichbäumen,
In jeder Himmelsrichtung, rosa blühend,
Und in der fünften Himmelsrichtung stand
In schöner Mitte der Palast von Peking.
Dort, an der Mündung vieler Wasser, wird
Einst Hof gehalten und regiert das Reich.
Und übers Wasser führte eine Brücke,
Am andren Ufer aus dem Grün erhob sich
Die weiße Stadt Taidu. Und vorn am Weg
Sah aufgemalt man wunderschöne Menschen,
Flankiert von Vasen mit sehr schönen Blumen.
Da war zu sehen eine feine Dame,
Die saß in einem kleinen Zweiradwagen,
Der ward von einem jungen Mann gezogen.
Die Dame trug ein langes blaues Kleid
Bis auf die Schuh, mit rotem Phönixmuster
Bestickt das Kleid. Und in der einen Hand
Hielt sie den aufgespannten roten Schirm,
Das Holz an ihre schmale Schulter lehnend,
Den Baldachin zum Schutze überm Haupt,
Gemacht von fast durchsichtigem Papier.
Und in der andern Hand ein Fächer mit
Pfingstrosen fein bemalt, wie rote Blüten
Und rosa Blüten bei einander blühten,
Davor ein Schmetterling in Lüften schwebte,
Gemalt auf Seide und auf Bambusstäbchen
Gespannt. Sie fächelte sich Kühlung zu.
Die Wangen waren sanfte Pfirsichwangen,
So rötlich und dazu so samtig weich.
Im aufgebundnen schwarzem Haare Schmuck
Von rötlichem Nephrit. Der junge Mann,
Der an der Stange zog der Dame Wagen,
Ein Lächeln hatte er im Angesicht
Und einen gelben Strohhut auf dem Kopf
Und trug ein blaues linnenes Gewand.
Am Wege stand ein Mädchen blaugewandet,
Die Haut des Angesichts und ihrer Hände Haut
Von makelloser Pfirsichblütenreinheit,
So weiß wie Schnee und rot wie Glut behaucht.
Zu ihrer Seite standen Männer, zwei,
Im roten Kleid, die Haare aufgebunden,
Trug einer einen gelben Hut im Haar,
Ein Loch war in des Hutes Mitte oben,
Geknotet kam das Haar so an die Luft.
Und alles war gemalt in süßer Anmut,
Die grünen Wiesen und die weißen Vasen
Und überdies die roten Pfirsichbäume.
Dies nun war Peking, die Verbotne Stadt.
Tau Ti nun und Chang Heng, sie schritten fort,
Zu einer Bude kamen sie, da sprach
Ein Mädchen zu Tau Ti: Willst du probieren?
Dies hier ist das gebackne Muschelfleisch. -
Sie gab Tau Ti den Teig mit Muschelfleisch,
Es mundete dem Jüngling köstlich, ja,
Er hatte Wohlgefallen an dem Mahl
Und sagte das dem Mädchen, die gekommen
Vom Mekong war, dem großen Strom im Süden,
Ihr Antlitz gelbweiß, ihre Augen dunkel,
Der Mund sehr schmal, im Lächeln Perlenzähne.
Da wurde allerlei zum Mahl geboten,
Dim Sum, das Kleine Herz, und Köstlichkeiten
Wie Frühlingsrollen und gebackne Muscheln.
Den kleinen Holzspieß aus dem Muschelfleisch
Herausgezogen, nahm Tau Ti ihn mit
Als Angedenken, denn das Mädchen hatte
Ihm die gebackne Muschel ja geschenkt.
Da sprach Tau Ti zu seiner eignen Seele:
Aus wessen Hand hab ich Geschenk genommen,
Das mir die Augen so geblendet werden?
Nun gingen sie zur nächsten Bude weiter,
Die Pferde an den Zügeln mit sich führend.
Tau Ti nun und Chang Heng, sie schwangen sich
Auf ihre Rosse wieder, ritten südlich
Am heiligen Kanal des Kaisers weiter.
Chang Heng sprach zu dem Freunde diese Worte:
Bald treffen wir die Truppe unsres Kaisers,
Zu meinem Kaiser Tsao will ich stoßen. -
Tau Ti sprach zu dem Freund diese Worte:
Und ich will weiter reiten und im Tempel
Den Meister hören übers Altertum,
Den alten Weisheitslehrer Kung Fu Tse. -
Da sahen sie die Truppe ihres Kaisers.
Mit Kaiser Tsao waren Gen, sein Sohn,
Und Sa-Muan, der milde Friedensrichter,
Und Mosü, der Gelehrte in den Schriften.
Und Gen der Fels sprach zu des Kaisers Truppe:
Wohlan, ich führe euch durchs Jadetor
Die Seidenstraße hin und wieder heim,
Befrei euch aus der Königreiche Händen,
Die euch bedrängen wie die schlimmsten Feinde.
Habt ihr die höchste Göttin nun verworfen,
Die mit euch war in Gnade und Erbarmen,
Und sprecht: Ein Kaiser möge uns beherrschen?
So tretet vor den Herrn mit euren Fahnen. -
Da setzte Kaiser Tsao sich und ließ
Das Los befragen, des I Ging Orakel.
Gen nahm die Schafgarbstängel, zählte sie,
Und Sa-Muan trug das Ergebnis ein
In das papierne Buch. Und da ergab sich,
Dass unter ihnen war ein alter Mann,
Der einen andern Mann erschlagen hatte.
Da suchte man nach dem Gelehrten Mosü
Und fand ihn nicht. Und da befragten sie
Noch einmal das Orakel, und sie sahen,
Dass auch in den Annalen der Geschichte
War solch ein Fall beschrieben. Tsao sprach:
Man trage Unsrer Hoheit vor den Fall! -
Da jubelte das ganze Volk und sprach:
Lang lebe unser Herrscher Kaiser Tsao!
Der Friedensrichter Sa-Muan ließ kommen
Den Schreiber der Geschichte, Sima Qian,
Der die Geschichte seines Volks studierte
In jedem Wechselfall von Recht und Unrecht,
In den Annalen alles aufgeschrieben,
Das dreiundfünfzigste der Bücher schrieb er,
Den Tuscheflecken an dem Zeigefinger,
Schwarz wie die dunkle Nacht die Tuscheflecken.
Mit Sima Qian gingen alle nun
Vom Volke, denen ihre Gnadengöttin
Das Herz gerührt, die große Guan Yian.
Der Schreiber der Geschichte sprach vorm Kaiser
Von der Geschichte seines gelben Reiches
Und von der Überlieferung der Alten.
Chang Heng nun und Tau Ti zum Lager kamen,
Da trennten sich der beiden Freunde Wege,
Es wollte ja Tau Ti zum Meistertempel,
Den weisen Kung Fu Tse dort zu vernehmen.
Es ritt der Astronom ins Lager ein
Des Kaisers Tsao. Der saß auf dem Thron.
Chang Heng trat vor den Kaiser, sich verneigend.
Der Kaiser sagte: Gue hsia, knie
Hier nieder, und Wir lauschen deiner Rede. -
Chang Heng nun sagte: Bu gan dank, zuviel
Der Ehre! - Und da sprach der edle Kaiser:
Wir wollen nun in Unsrer Nichtigkeit
Um die geneigteste Belehrung bitten,
Man wolle Uns die Binsen Unrer Torheit
Entfernen, die das Auge Uns verdunkeln.
Wie steht es mit dem Bau nun des Palastes
In Peking, den zu bauen Wir erbaten? -
Da räusperte Chang Heng sich und hob an,
Das Wort zu reden: Ich war jüngst in Xian,
Dort die Palastruinen zu studieren,
Vor allem das Magnettor, dass errichtet
Shi Huangdi in dem Palast von Efang.
Dann ritt ich, um Euch hier zu treffen, Herr.
Ihr batet Eueren Berater ja,
Ihr batet Euren Astronomen ja
Und Meister aller Künste der Mechanik,
Euch einen klassischen Palast zu bauen.
Jetzt traf ich auf dem Wege einen Jüngling,
Der reiste, Kung Fu Tse zu hören, nach
Qufu. Mit diesem Jüngling lauschte ich
Den Liedern über die Prinzessin An,
Die einst der Kaiser Chinas hat verschenkt
An einen Hunnenfürsten um den Frieden.
Ich habe da ein Los gezogen, hab
Ein Röllchen von Papier gezogen aus
Der Kupferschale, und das Los besagte:
O man gerät noch in Bedrängnis unter
Dem kahlen Baum und geht im finstern Tal,
Doch ohne Bangen vor dem Todesschatten.
Den Hunnen-Khan ein Löwe mag zerreißen
Am Brunnen, und die Hand des Frevlers soll
Mir überbringen eine Marmorlöwin.
Verzeiht, o Majestät, ich schweife ab.
Ich habe Zeichnungen gefertigt für
Den klassischen Palast. Die Münzen und
Die Perlen aber habe ich verschwendet,
Das muss ich Euch gestehn, an eine arme
Und schöne Bettlerin, Mahanajim,
Die saß im Orte Kaifeng an dem Tor.
Ich habe aber Pläne, edler Kaiser,
Euch den Palast im Jenseits zu errichten. -
Da ward der Kaiser Tsao plötzlich traurig,
Die Schwermut tropfte ihm wie Perlentränen.
Und dann erhob der Kaiser sich und sprach:
Man bringe Uns die Jadeschnitzerei,
Die Göttin Guan Yin auf einer Muschel!
Du, Unser Astronom, du kniee nieder
Und bitte Guan Yin um ihr Erbarmen! -
So tat Chang Heng, und da erweichte sich
Die Jade, schmolz wie Wachs, da war es
Im Jadeleibe wie geschmolzner Wachs.
Da sprach der edle Kaiser Tsao dies:
Du bau Uns einen klassischen Palast,
Im Jenseits drunten an den Gelben Quellen! -
Und da trat Gen der Fels mit einem Schwert
Zur Seite dem Chang Heng und schlug dem Mann
Mit einem Schwert die Schädeldecke ab
Und spaltete den Körper senkrecht durch.
Da lag der Astronom im Staube tot.
Da ließ der große Kaiser Tsao salben
Die Überreste seines Astronomen
Und in ein Linnen hüllen und begraben.
Man setzte eine ehrenvoll Stele,
Darauf geschrieben stand dies Epigraph:
Jetzt ruht Chang Heng im roten Staub der Erde,
Im Jenseits baut dem Herrn er den Palast.
Auch haben Maler drauf sein Bild gemalt,
Wie er ein Winkelmaß in Händen hält
Und einen Himmelsglobus in den Händen,
In seinem Mantelbausch zwölf Sterne bunt
Wie blumige Gefilde in der Lenzzeit.
Tau Ti ritt nun auf seinem Mandschu-Schimmel
Gen Qufu, wo geboren ward vorzeiten
Der greise Weisheitslehrer Kung Fu Tse.
Da sah er in der Ferne schon die Zinnen
Der Stadt. Er ritt durch eine grüne Landschaft.
Da kam mit einem Mal ein Reiter an
Auf einem roten Rosse, aufgerichtet
Die Lanze, preschte jener Reiter nun
Auf unsern Jüngling zu, und dieser spornte
Den Schimmel an, da flog er übers Land,
Der Reiter auf dem Ross verfolgte ihn,
Da war Qufu vorüber, im Südosten
Erblühten Mandelbäume, und an einem
Der Mandelbäume blieb der Jüngling hängen
Mit seinem schönen langen schwarzen Haaren,
Der Reiter auf dem Rotfuchs stieß die Lanze
Dem Mandschu-Schimmel in die weiße Flanke,
So dass zusammenbrach der Mandschu-Schimmel,
Tau Ti vom Pferderücken fiel ins Blut.
Da ritt der Reiter auf dem Rotfuchs fort
Mit einem Wahnsinnslachen durch den Wind.

DREISSIGSTER GESANG

Tau Ti erhob sich aus der Lache Blutes


Und ging zu Fuß aufs schöne Qufu zu,
Vor dem er sich südöstlich nun befand.
Da klagte er um seinen Mandschu-Schimmel.
Doch dann war er ganz eingewoben in
Die Schönheit des geheiligten Geländes.
Jetzt kam an einen Fluss er, der kam aus
Der Nishan-Grotte sprudelnd leis hervor.
Da sang Tau Ti ein Klagelied und strich
Die Fischdarmsaiten seiner Chin dazu
Das, Leser, war das Ende dieses Tages,
Tau Ti hat sich da einmal ausgeruht.
Am Morgen bei dem goldnen Schwingenschlag
Der Morgenröte mit den roten Wimpern
Nahm er ein Bad im klaren Grottenwasser,
Warf sich den edlen Purpurmantel um
Und setzte seine gelbe Mütze auf
Und wanderte aufs schöne Qufu zu.
Da kam ein alter Mann mit weißem Bart
Vorbei, mit dichten weißen Augenbrauen,
Der führte eine Eselin mit sich.
Da sprach der weiße Alte diese Worte:
Dies ist das Füllen einer Eselin,
Noch niemand saß darauf. So setze dich
Und reite in die Stadt des Kung Fu Tse. -
Da blühten schöne Bäume an dem Wege,
Da hingen Vogelbeeren in den Bäumen,
Da waren Beeren auf den Weg gefallen,
Die Straße schaute wie ein Teppich aus
Von Blutorangen. Und der Alte sprach:
Die Vogelbeeren können von den Vögeln
Gefressen werden, Menschen sind sie Gift,
Drum halte du dich an des Nordens Nudeln,
Drum halte du dich an des Südens Reis.
Wie spricht doch Lao Tse: Bei Speisen und
Musik, da bleiben alle Menschen stehen,
Doch von dem Tao keiner möchte hören. -
Sie waren angekommen in der Stadt.
Es kam der Meister Kung Fu Tse herbei
Zum süßen Aprikosenbaum gewandelt,
Der in der Mitte seines Tempels stand.
Und da verneigte sich Tau Ti vor ihm,
Das Haupt in dem Kotau zum Grund geneigt.
Im langen roten Kleid, mit blauem Gürtel,
Kam er gewandelt, an dem grauen Haupt
Zu Seiten hing ein langes Band herab.
Sein Bart war schwarz wie noch in seiner Jugend
Und reichte ihm bis auf die Mannesbrust,
Sein Angesicht war würdevoll, erhaben,
Und über seinen Ohren blühten süß
Und duftend reine Aprikosenblüten.
Er winkte mit der rechten Hand und sagte:
O liebe Kinder! Friede, Friede, Friede!
Ich habe den Beruf vom Himmelreich,
Was können da mir freche Menschen tun?
Ein Menschenkind soll kindlich liebend sein
Und seine Liebe überfließen lassen.
Einst sprach der Grenzwart von dem Orte I:
Was trauert ihr, als wäre alles aus?
Die Erdenwelt war ohne Gottes Wort,
Der Himmel braucht den Meister nun als Glocke.
Am Morgen früh die Wahrheit zu vernehmen
Und abends dann zu sterben, ist nicht schlimm.
Der Edle liebt das Innere des Herzens.
Die kleinen Kinder möcht ich herzlich kosen.
Wer kann hineingehn anders als durchs Tor?
Warum denn wandeln Menschen nicht den Weg? -
Da winkte Kung Fu Tse mit seiner Hand
Und sprach: Wir wollen uns im Walde treffen,
Ich ziehe mich so lang allein zurück. -
Drauf ging Ehrwürden fort. Tau Ti verließ
Den Tempel, ging vom Aprikosenbaum
Zum Walde, wo er mit der Göttin sprach.
Jetzt kam gewandelt wieder Kung Fu Tse,
Der Heilige. Da neigte sich Tau Ti.
Der Meister hob die Stimme, winkte, sprach:
Mein liebes Kind, der Friede sei mit dir!
Dereinst besuchte ich die Dame Nan,
Darüber war mein Schüler missvergnügt,
Da sprach ich: Hab ich etwa falsch gehandelt,
So möge mich der hohe Himmel hassen.
Und einmal fragte mich ein kluger Jünger:
Wenn einer weiß die Menschheit zu erlösen,
Was wäre dieser Mensch? Da sagte ich:
Er wär nicht nur ein tugendhafter Mensch,
Der Menschheit Retter wär ein wahrer Gottmensch!
Einst schwante mir, es ginge mit mir abwärts,
Lang hatte ich den Fürsten nicht gesehen,
Der Fürst war ja mein hochverehrtes Vorbild,
Das mir zu Tag und Nacht vor Augen steht. -
Ich bin ein Mensch, der in der Freude am
Erkennen alle Traurigkeit vergisst
Und so nicht merkt, dass ihm das Alter naht.
Was ist die klare Quelle meines Wissens?
Die Gottheit hat den Geist in mir gezeugt.
Mein Kind, du denkst, ich hab Geheimnisse?
Ich habe kein Geheimnis mehr vor dir.
Mein ganzer Wandel liegt ja offen vor dir.
Den Gottmensch wollt ich sehen, das war mir
Im Leben nicht gegönnt, doch wollt ich sehen
Zumindest Menschen eines guten Herzens.
Einst wollten kleine Kinder mich besuchen,
Doch meine Jünger hielten sie zurück,
Da sprach ich: Lasst die Kinder zu mir kommen.
Wenn Schwäne sterben, sind die Lieder klagend,
Wenn Menschen sterben, sind die Reden gut.
Mein Jünger sprach: Die Menschlichkeit ist Last,
Ist nicht die Menschlichkeit zu leben schwierig?
Im Tod bin ich am Ziel, ist das nicht fern?
Fürwahr, das Himmlische ist schwer zu finden.
Tau Ti, mein Kind, ich will nun stille sein.
Wir sehen wieder uns im Reich der Himmel.

EINUNDDREISSIGSTER GESANG

Nun saß Tau Ti allein in einer Grotte.


Er war zwölf Jahre alt, und die Belehrung
Des Meisters waren alle noch im Ohr.
Still, still war seine Seele zu der Göttin,
Die sich auf weiße Jade gründete.
Da tauchte aus der weiten Ferne eine
Staubwolke auf, es kam ein Bote an
Auf einem Apfelschimmel, einen Rotfuchs
An seiner Hand. Tau Ti, so rief der Bote,
Ich habe eine Botschaft dir zu bringen. -
Der Bote reichte daraufhin dem Jüngling
Ein Blatt, Tau Ti entfaltet es und las:
Mein liebes Kind, die Oma Pau ist gestern
Gestorben, in dem Licht des vollen Mondes.
Sie sprach noch vorm Entschlafen von dem Enkel,
Sah deinen Geist an ihrem Sterbebett
Und hörte dich zur Leier Lieder singen
Vom großen Schlafe an den Gelben Quellen.
So schnell du kannst, komm her. I-Se, dein Vater. -
Da nahm Tau Ti die Chin und seine Tasche
Und schwang sich auf den Rotfuchs, mit dem Boten
Er ritt von Qufu nach Anci zum Vater.
Drei Tage später war er angekommen.
Vorm Hause trennte sich Tau Ti vom Boten,
Tau Ti trat nun allein ins Trauerhaus.
I-Se begrüßte ihn, und ihm zu Seiten
Stand die noch immer lieblich schöne Su-ngo.
Es waren grad die ersten Frühlingstage
Und überall die Blüten trauerten,
Der Tau des Morgens war wie Himmelstränen.
I-Se sprach: Oma Pau ist schon begraben,
Mein Lieber. Ruh dich von der Fahrt aus.
In ihrem Hause ist ja noch dein Zimmer.
Wir sehn uns später. - Darauf schwand I-See
Mit seiner Su-ngo durch den Bambusvorhang,
Da war ein Wohlgeruch von Sandelöl.
Tau Ti ging in die Wohnung seiner Oma
Und trat ins schöne Zimmer seiner Kindheit.
Drei Jahre stand das Kinderzimmer leer.
Er steckte eine rote Kerze an
Auf einem großen grünen Kerzenständer
Und setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach.
Da war die arme Seele dreimal traurig.
Er nahm die Chin und strich die Fischdarmsaiten
Und sang: O Göttin Guan Yin, o Herrin,
Ach Göttin, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber fern ist meine Hilfe.
Auf deine Gnade hofften unsre Mütter,
Und da sie hofften, hast du auch geholfen. -
Dann war es dunkle Mitternacht geworden,
Die rote Kerze war herabgebrannt,
Tau Ti schlief ein in seinem tiefen Kummer.
Da sah er vor sich das Gesicht der Oma,
Da stand sie vor ihm, und sie rührt ihn an,
Und da umarmten sie sich beide innig.
Sie hatte geistliche Unsterblichkeit!
Und da ergriff ein Schwindel ihn, ein Taumel,
Da schwebten sie wie Wolken, Scharen sangen
Unsterbliche und Geister zu dem Klang
Von Glocken und zum süßen Saitenspiel
Sehr schöne Lieder, und die Sterne rollten,
Er sah in der Unendlichkeit die Herrin
Des Himmels und der Erde, Guan Yin,
Die prächtig war in ihrer Herrlichkeit,
Ein unbeflecktes Lamm in ihren Armen.
Da schwebten sie vorüber, wo zehntausend
Kristallne Sterne ausgesät im Raum,
Und unter ihnen rollten wilde Wetter.
Da sprach die Oma Pau zu ihm: Zehntausend
Geschöpfe leben, sind in ihrem Schoß.
Die Mutter Peking wird die Hüterin
Geliebter Kinder sein, das Volk wird glücklich
In Wonnemauern rings von weißer Jade
Und in den roten Jaspis-Tempelhallen,
In goldnen Straßen und in Perlentoren. -
Da sang Tau Ti begeistert dieses Lied:
Bei Guan Yin ist Gnade und Erbarmen
Und viel Erlösung ist bei meiner Göttin.
Erlösen wird sie unser Reich der Mitte.
Ich geh nicht um mit Dingen, die zu hoch,
Zu wunderbar für meine Seele sind.
Mein Herz ist still und ruhig wie ein Kind,
Das an der lieben Mutterbrust gestillt wird.
So wie ein kleines Kind bei seiner Mutter,
Ist meine Seele bei der Gnadengöttin.
O China, hoffe du auf Guan Yin!

ZWEIUNDDREISSIGSTER GESANG

Berufen war er jetzt, der Herde Schafes


Zu hüten seines Vaters und zu weiden,
Und darum ging er in das Westgebirge,
Ging auf den sagenhaften Berg Kunlun,
An dem geschnitzten Stabe ging er hin.
Er hatte sich vom Mandelbaum genommen
Den schönsten Ast, die Rinde abgezogen,
So dass er weiß war. Mit der gelben Mütze
Auf seinem Haupt und seinem Purpurmantel
Um seine Schultern umgeworfen und
Gegürtet an den Lenden des Gemütes
Mit einem Ledergürtel, ging er an
Den klaren Wasserbächen, kniete nieder,
Er trank, erhob sein Haupt und wusch die Hände
Und wusch Versuchungen aus seinen Ohren.
Dann legte er sich hin auf einem weich
Bemoosten Hügel, sah zum Himmel auf.
Es war ein wunderschöner Maientag
In diesem Land des grenzenlosen Lenzes,
Da war Tau Ti getaucht in eine Wolke,
So glühend wie Orangen. Und er sah
Das Bächlein rieseln und am Ufersaum
Zypressen in verhaltner Trauer stehen
In Lieblichkeit und Anmut, schlanke Flammen,
Mit Silberglanz beträufelt wie die Mondnacht.
Und als der Sang der Vogelschar erwachte
Und ein Pirol sang dort in einer Kiefer,
Sah er ein wunderschönes Mädchen schweben
Gerade auf ihn zu, sie kam ihm nahe,
Da sah er wie sie hübsch war und blutjung.
Ihr Haar war auf dem Haupt gesteckt zum Knoten,
Es war so schwarz wie Lack, wie Öl so glänzend.
Die Augen waren schmal wie Mandelkerne.
Es kam das wunderschöne Mädchen näher.
Sie sprach zu ihm: Ich heiße Tao-Yä,
Und das bedeutet junges Pfirsichblatt.
Ich liebe dich! Ich sah dich manches Mal
Schon traurig einsam in der Welt des Staubes
Hier wandeln. - Und da sah Tau Ti sie an,
Und er geriet in tobende Verzückung:
O Tao-Yä, wenn ich dein Auge sehe,
Das wunderbare süße schwimmende,
Das Mandelauge, schmilzt mir mein Gebein
Wie eine Kerzen, und mein Blut wird Zimttee. -
Da strich er ihr sehr zärtlich eine Strähne
Aus ihrer Stirn. Sie nahm ihn bei den Händen,
Die Haut war weiche wie weiße Schwanendaunen.
Da sagte sie mit still verschmitztem Lächeln:
Oh ich verlange sehr danach, mit dir
Die Pekingente einmal zu verspeisen!
Doch jetzt lass uns zusammen gehn des Weges. -
Sie flatterte voran so wie ein Falter
Von Purpurfarbe, auf den Flügeln Augen
Von tiefer Schwärze. Früher hatte er
Gehascht nach Schmetterlingen, aber seine
Geliebte Oma hatte ihm gesagt,
Abstreifen dürfe er den Farbstaub nicht.
Sie gingen miteinander. Bald am Brunnen
Sie blieben stehen. Und er lehnte sanft
Sein müdes Haupt an ihre weiße Schulter.
Die Liebe hatte gütig wie der Himmel
Verkörpert sich in menschlicher Gewandung,
Und allerlieblichst war ihr schlanker Leib,
Schneeweißer Vase gleich, ein Pfirsichzweig
War in der Vase drin mit rosa Blüten.
Sie schöpfte etwas Wasser aus dem Brunnen
Und gab ihm eine Beere von der Pflanze
Mit Namen Wunderbare Purpur-Perle.
Da kam ein wenig Kraft in ihn zurück,
Sein Atem zirkulierte von den Fersen
Bis zu dem Haarschopf über seinem Scheitel,
Erquicklich süß erfrischend, und er sagte:
O Tao Yä, wie wunderschön du bist!
Tau Ti und jene wunderschöne Maid
Sich hielten an den Händen wie Geschwister,
Sie gingen auf dem Wege des Kunlun
Und kamen an bei einer Felsengrotte,
Da sprach die Liebliche: Ich wollte singen
Ein Lied der Liebe aus dem Buch der Lieder,
Ob ich das Lied nun von der Hirschkuh singe,
Die da gejagt ward in der Morgenröte,
Ob ich das Lied der reinen Lilie singe?
Da sah Tau Ti sie an aus tiefen Spiegeln
Der Seele, aus den Augen, und er sprach:
Die Lieder im Gefild der Seligen
Sind sicher tausend mal zehntausend mal
Erhabener und lieblicher als unsre.
Und wenn die Geister singen auf Peng-lai,
Der Wunderinsel der Glückseligen,
Vergehn die Seelen ganz gewiss in Wonne.
Und da ist Jugend, welche ewig währt,
In einer ewigen Glückseligkeit!
O Göttin Guan Yin, gewähre mir
Die Gnade ewiger Glückseligkeit!
Da faltete Tau Ti die Hände fromm
Vor seiner Brust, und Tao Yä berührte
Ihn voller Innigkeit an seiner Seite,
Da ihn durchströmt ein heißer Wonneschauer,
Sein Herz erblühte wie ein Himmelsschlüssel.
Da seufzte er in Sehnsucht und in Hoffnung:
Ich habe Lust an meiner Himmelsgöttin!
Und sie umarmte ihn und küsste ihn
Mit ihren Himbeerlippen auf die Lippen,
Sie küsste seinen Mund mit ihrem Mund,
Da war ihm selig so wie einem Fisch,
Der einen Augenblick im Wasser aufspringt.
Er setzte sich auf einen Stein und sprach:
Geliebte, setze dich zu meiner Seite1
Tau Ti begann und spielte auf der Flöte,
Dann sang er nach der Melodie der Lilien:
Sei gnädig, meine liebste Himmelsgöttin,
Auf dich allein vertraut mein kleines Herz,
Und unterm Schatten deiner weißen Schwingen
Ist meine Zuflucht. Ja, ich ruf zur Göttin,
Die meine Sache führt zum guten Ende!
So sang Tau Ti. Er hatte es vollbracht,
Für Tao Yä gesungen. Und die Schöne
Froh klatschte in die Hände, lächelte
Ihm liebevoll und süß entzückend zu,
Dass ihm das Herz in Glut und Flut verging
Und wie ein Phönix aufflog seine Seele
Auf einer Tau-geschwellten weißen Wolke
Voll Sehnsucht der Geliebten an den Busen.
Und sie erhoben sich und wandelten
Durch Hirtenfelder, da unendlich dehnte
Sich aus das Westgebirge des Kunlun,
Darüber hin die weißen Wolken schwebten,
Grün war das Laub der Bäume wie ein Meer,
Und Mandelbäume blühten an den Wegen,
Und Purpur-Schmetterlinge taumelten
Und tanzten wie betrunken durch die Lüfte.
Tau Ti und Tao Yä ergingen sich
Im Bogen auf dem Pfad zur Hirtenhütte.
Da sprach Tau Ti zu seiner Vielgeliebten:
Da in der Hütte wohnt der alte Hirte,
Er trägt den Ehrennamen Chi Pu-Tei.
Er hat mir beigebracht, wie man die Schafe
Und kleinen Lämmer aus dem Pferch heraus lässt
Und sammelt wieder sie zur Abendzeit.
Jetzt aber ist er nicht in seiner Hütte,
Er wandert, nach den Lämmern auszuschauen,
Ob ihm nicht ging ein kleines Lamm verloren.
Da gingen beide jugendlich verliebt
Hin auf der Spur der Schafe. Und er sprach:
Im nächsten Tale weiden dann die Zicklein,
Yak-Rinder weiden westlich auf der Weide.
Vorbei kam neulich auch ein Schweinehirte,
Der abseits lebt mit einer Zauberin,
Die nachts zu einer schwarzen Krähe wird.
Der Schweinehirte ging zu einem Fest,
Wo Schäfer sich versammelten beim Jäger,
Den kenn ich auch, er lebt mit einer Schönen,
Er schießt mit Pfeil und Bogen manches Reh,
Und neulich hat er einen Hirsch erlegt,
Den speisten sie und tranken viel und sangen.
Doch da wird gleich die Hirtenhütte sein,
Wir müssen nur noch durch den Ölbaumhain.
Da lächelte die Schöne lieb und sprach:
Mein lieber Träumer, lass uns weitergehen.
Es ruhen Jäger, Schweinehirt und Schäfer.
Wir wollen wandeln über diesen Hügel,
Umschimmert von den schönen Tung-Ölbäumen.
Da waren sie im Hain und sahn von weitem
Durchs Silber und durchs Grün den Hirten nahen,
Den alten Chi Pu-Tei. Sein Haar war weiß
Wie Schnee, sein Barthaar wallte ihm hinab
Bis zu dem Nabel. Auf dem weißen Haupt
Trug eine goldne Seidenkappe er.
Sein Antlitz war in jugendlicher Frische,
War weiß und purpurn blühend, dass im Alter
Er blutjung aussah, denn er übte Tao,
Das sich im Te verkörpert, wie das Wort
Im Fleisch, wie Lao Tse dereinst geredet:
Ich weiß den Namen nicht, drum nenn ich sie
Die Mutter Tao, die am Anfang war.
Da nahte sich der Hirte Chi Pu-Tei
Den beiden Liebenden, dem schönen Mädchen
Mit ihrem Jüngling, grüßte sie voll Demut,
Wie es das Ritual ihm vorgeschrieben,
Und sagte: Friede, Friede, ihr Geliebten!
Wie freue ich mich, meinen treuen Schüler
In der Gesellschaft einer Maid zu sehen.
Da lächelte der Hirte fein und sprach:
Tau Ti, hast du das schöne Mädchen lieb?
So wandle hin und weide kleine Lämmer.
Tau Ti, hast du auch lieb die Selige?
Da staunte sehr Tau Ti, dass er das fragte,
Der Weise musste seinen Geist doch kennen
Und wissen, dass Tau Ti ergeben war
Mit Ganzhingabe junger Mädchen Anmut.
Da sprach Tau Ti: O Chi Pu-Tei, mein Hirte,
Ich liebte sie, bevor ich sie gesehen,
Allein weil ich der Gnadengöttin traue,
Der Guan Yin, die mir die Freundin schickte,
Die zu den Träumen meiner Liebe passt.

(Fragment)