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Hildebrandslied 770-780

Ik gihorta ðat seggen, Ich hörte (glaubwürdig) berichten,

ðat sih urhettun ænon muotin, daß zwei Krieger, Hildebrand und Hadubrand, (allein)
Hiltibrant enti Haðubrant untar heriun tuem. zwischen ihren beiden Heeren, aufeinanderstießen.
sunufatarungo: iro saro rihtun, Zwei Leute von gleichem Blut, Vater und Sohn,
rückten da ihre Rüstung zurecht,
5 garutun sê iro guðhamun, gurtun sih iro suert sie strafften ihre Panzerhemden und gürteten ihre
ana,
helidos, ubar hringa do sie to dero hiltiu ritun. Schwerter über die Eisenringe, die Männer,
als sie zu diesem Kampf ritten.
Hiltibrant gimahalta, [Heribrantes sunu,] her uuas heroro man, Hildebrand, Heribrands Sohn, begann
die Rede – er war der Ältere,
ferahes frotoro; her fragen gistuont auch der Erfahrenere –, mit wenigen Worten
fohem uuortum, hwer sin fater wari fragte er, von welchen Leuten im Volk
10 fireo in folche, . . . . . . . . . . . . der Vater des anderen sei,
. . . . . . . . . . . . «eddo hwelihhes cnuosles du sis. „oder (sag mir,) zu welchem Geschlecht du zählst.
ibu du mi enan sages, ik mi de odre uuet, Wenn du mir nur einen nennst, weiß ich schon, wer die
chind, in chunincriche: chud ist mir al irmindeot.» andern sind, die Angehörigen im Stammesverband. Ich
kenne das ganze Volk.“ –
Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu: Hadubrand, Hildebrands Sohn, antwortete:
15 «dat sagetun mi usere liuti, „Es haben mir unsere Leute gesagt,
alte anti frote, dea erhina warun, alte und erfahrene, die schon früher lebten,
dat Hiltibrant hætti min fater: ih heittu Hadubrant. daß mein Vater Hildebrand heiße. Mein Name ist
Hadubrand.
forn her ostar giweit, floh her Otachres nid, Einst ist mein Vater nach Osten gezogen, auf der
Flucht vor Odoakars Haß,
hina miti Theotrihhe enti sinero degano filu. zusammen mit Theoderich und vielen seiner Krieger.
20 her furlaet in lante luttila sitten Er hat in der Heimat, in seinem Haus
prut in bure, barn unwahsan, hilflos und ohne Erbe seine junge Frau (und) ein
kleines Kind
arbeo laosa: her raet ostar hina. zurückgelassen. Er ist nach Osten fortgeritten.
des sid Detrihhe darba gistuontun Danach sollte Dietrich den Verlust meines Vaters
fateres mines. dat uuas so friuntlaos man: noch sehr spüren: er war so ohne jeden Freund.
25 her was Otachre ummet tirri, (Mein Vater aber,) Dietrichs treuester Gefolgsmann,
degano dechisto miti Deotrichhe. hatte seinen maßlosen Zorn auf Odoakar geteilt.
her was eo folches at ente, imo was eo fehta ti leop: Immer ritt er dem Heer voran. Jeder Kampf war ihm
so sehr willkommen.
chud was her. . . chonnem mannum. Die Tapfersten kannten ihn.
ni waniu ih iu lib habbe» . . . Ich glaube nicht, daß er noch am Leben ist.“ –
30 «wettu irmingot, [quad Hiltibrant] obana ab hevane, „Ich rufe Gott vom Himmel“, sprach Hildebrand da,
„zum Zeugen an,
dat du neo dana halt mit sus sippan man daß du bisher noch nicht einen so nah Verwandten
dinc ni gileitos» . . . zum Gegener gewählt hast.“
want her do ar arme wuntane bauga, Darauf löste er Ringe vom Arm,
cheisuringu gitan, so imo se der chuning gap, aus Kaisergold geschmiedet, wie sie ihm der König,
35 Huneo truhtin: «dat ih dir it nu bi huldi gibu.» der Herrscher der Hunnen, geschenkt hatte: „Das
schenke ich dir aus Freundschaft.“
Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu: – Hadubrand, Hildebrands Sohn, entgegnete aber:
«mit geru scal man geba infahan „Ein Mann soll (solche) Gaben mit dem Speer
aufnehmen:
ort widar orte. . . . . . . . . . . . Spitze gegen Spitze!
du bist dir, alter Hun, ummet spaher, Alter Hunne, du bist überaus listig;
40 spenis mih mit dinem wortun, wili mih dinu speru werpan. wiegst mich mit deinen Worten in Sicherheit,
um mich dann (um so besser) mit deinem Speer
zu treffen.
pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos. Du bist schon so alt, und doch bist du immer (noch)
voll Hinterlist. –
dat sagetun mi seolidante Ich weiß es von Seefahrern, die westwärts über Meer
westar ubar wentilseo, dat inan wic furnam: (gekommen sind), daß ein Kampf mir meinen Vater
genommen hat:
tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.» tot ist Hildebrand, der Sohn Heribrands!“ –
45 Hiltibrant gimahalta, Heribrantes suno: Hildebrand, Heribrands Sohn, sagte da:
«wela gisihu ih in dinem hrustim, „An deiner Rüstung sehe ich deutlich,
dat du habes heme herron goten, daß du zuhause einen mächtigen Herrn hast
dat du noh bi desemo riche reccheo ni wurti. - und daß du dieses Herrschers wegen noch nicht in die
Verbannung hast gehen müssen. –
welaga nu, waltant got», quad Hiltibrant, «wewurt skihit. O waltender Gott“, fahr Hildebrand fort, „das
Schicksal will seinen Lauf!
50 ih wallota sumaro enti wintro sehstic ur lante, Ich bin sechzig Sommer und Winter außer Landes
gegangen.
dar man mih eo scerita in folc sceotantero: Da hat man mich immer in die Schar der
Bogenschützen gestellt.
so man mir at burc enigeru banun ni gifasta, Nachdem mich vor keiner Burg der Tod ereilt hat,
nu scal mih suasat chind suertu hauwan, soll es nun geschehn, daß mich mein eigener Sohn mit
dem Schwert erschlägt,
breton mit sinu billiu, eddo ih imo ti banin werdan. mich mit seiner Waffe zu Boden fällt – oder daß ich
ihm den Tod bringe.
55 doh maht du nu aodlihho, ibu dir din ellen taoc, Doch kannst du nun leicht, wenn deine Kraft ausreicht,
in sus heremo man hrusti giwinnan, von einem so alten Krieger die Rüstung gewinnen,
rauba birahanen, ibu du dar enic reht habes.» - die Beute an dich bringen, wenn du irgendein Recht
darauf haben wirst.“ –
«der si doh nu argosto quad Hiltibrant ostarliuto, „Der wäre nun wirklich einer der Feigsten unter denen,
die nach Osten gegangen sind“, sprach Hildebrand,
der dir nu wiges warne, nu dih es so wel lustit, „der dir den Kampf verweigern wollte, da du so darauf
brennst,
60 gudea gimeinun: niuse de motti auf den Kampf zwischen uns. So erprobe nun der, dem
es auferlegt ist,
hwerdar sih hiutu dero hregilo rumen muotti, wer von uns beiden den Harnisch verlieren muß,
erdo desero brunnono bedero uualtan.» wer von uns beide Brünnen gewinnen wird!“
do lettun se ærist asckim scritan, Da ließen sie zunüchst die Eschenlanzen
scarpen scurim: dat in dem sciltim stont gegeneinander rasen, mit einem so harten Stoß, daß sie
sich fest in die Schlde gruben.
65 do stoptun to samane staimbort chludun, Darauf ließen sie ihre laut dröhnenden Schilde selbst
aufeinanderprallen.
heuwun harmlicco huitte scilti, Sie schlugen voll Ingrimm auf die weißen Schilde ein,
unti im iro lintun luttilo wurtun, bis ihnen das Lindenholz zu Spänen zerfiel,
giwigan miti wabnum . . . . . . . . . . . von den Waffen zerschlagen...

2. JÜNGERES HILDEBRANDSLIED
Derselbe Stoff wie das ‘Ältere Hildebrantslied’ begegnet hier in spätmittelalterlicher Form als
Ballade. Sie ist seit der 2. Hälfte des 15. Jhs. weit verbreitet. Die Strophenform ist der
sogenannte ‘Hildebrandston’, der in einer Art Rezitativgesang vorgetragen werden konnte.

Text aus: Das deutsche Volkslied, hg.v. John Meier I: Balladen, 1935; eine Übertragung
findet sich bei Michael Curschmann und Ingeborg Glier, Deutsche Dichtung des Mittelalters
I: Von den Anfängen bis zum hohen Mittelalter, Ffm 1987.
1.

»Ich wil zu Land ausreiten«, sprach sich Meister Hiltebrant,


»Der mir die Weg tet weisen gen Bern wol in die Land,
Die seind mir unkund gewesen vil manchen lieben Tag:
In zwei und dreißig jaren Fraw Utten ich nie gesach.«

2.

»Wilt du zu Land ausreiten«, sprach sich Herzog Abelung,


»Was begegent dir auf der Heiden? Ein schneller Degen jung.
Was begegent dir auf der Marke? Der jung Herr Alebrant;
Ja, rittest du selbzwölfte, von im wurdest angerant.«

3.

»Ja, rennet er mich ane in seinem Ubermut,


Ich zerhaw im seinen grünen Schild, es tut im nimmer gut,
Ich zerhaw im sein Brinne mit einem Schirmenschlag,
Und daß er seiner Mutter ein ganz jar zu klagen hat.«

4.

»Das solt du nicht entun«, sprach sich [von Bern] Herr Dieterich,
»Wann der jung Herr Alebrant der ist mir von Herzen lieb;
Du solt im freundlich zusprechen wol durch den Willen mein,
Daß er dich wöl lassen reiten, als lieb als ich im mag sein.«

5.

Do er zum Rosengarten ausreit wol in des Berners Marke,


Do kam er in große Arbeit von einem Helden starke,
Von einem Helden junge da ward er angerant:
»Nun sag an, du vil Alter, was suchst in meines Vatters Land?

6.

»Du fürst dein Harnisch lauter und rain, recht wie du seist eins Königs Kind,
Du wilt mich jungen Helden mit gesehenden augen machen blind;
Du soltest da heimen bleiben und haben gut Hausgemach
Ob einer heißen Glute.« Der Alte lachet und sprach:

7.

»Sölt ich da heimen bleiben und haben gut Hausgemach?


Mir ist bei allen meinen Tagen zu raisen aufgesetzt,
Zu raisen und zu fechten bis auf mein Hinefart,
Das sag ich dir vil jungen, darumb grawet mir mein bart.«
8.

»Dein Bart will ich dir ausraufen, das sag ich dir vil alten Man,
Daß dir dein rosenfarbes plut uber dein wangen muß abgan;
Ein Harnisch und dein grünen Schild must du mir hie aufgeben,
Darzü must mein gefangner sein, wilt du behalten dein leben.«

9.

»Mein Harnisch und mein grüner Schild, die teten mich dick ernern,
Ich traw Christ vom Himel wol, ich wil mich dein erweren.«
Sie ließen von den Worten, sie zugen zwei scharpfe Schwert,
Und was die zwen Helden begerten, des wurden die zwen gewert.

10.

Ich weiß nit, wie der junge dem Alten gab einen Schlag,
Daß sich der alte Hiltebrant von Herzen sere erschrack.
Er sprang hinter sich zu rucke wol siben Klafter weit:
»Nun sag an, du vil junger, den Streich lernet dich ein Weib!«

11.

»Sölt ich von Weibern lernen, das wer mir immer ein Schand,
Ich hab vil Ritter und Knechte in meines Vatters Land,
Ich hab vil Ritter und Grafen an meines Vatters Hof,
Und was ich nit gelernet hab, das lerne ich aber noch.«

12.

Er erwüscht in bei der Mitte, da er an dem schwechsten was,


Er schwang in hinder sich zu rucke wol in das grüne Gras:
»Nun sag mir, du vil junger, dein Beichtvater wil ich wesen:
Bist du ein junger Wölfinger, von mir magst du genesen.

13.

Wer sich an alte Kessel reibt, der empfahet gern Rame,


Also geschieht dir, vil jungen, wol von mir alten Manne;
Dein Beicht solt du hie aufgeben auf diser Heiden grün,
Das sag ich dir vil eben, du junger helde kün.«

14.

»Du sagst mir vil von Wölfen, die laufen in dem Holz:
Ich bin ein edler Degen aus Krichenlanden stolz,
Mein Mutter die heißt Fraw Utte, ein gewaltige Herzogin,
So ist der Hiltebrant der alte der liebste Vater mein.«
15.

»Heißt dein Muter Fraw Utte, ein gewaltige Herzogin,


So bin ich Hiltebrant der alte, der liebste Vatter dein.«
Er schloß ihm auf sein gulden Helm und kust in an seinen Mund:
»Nun müß es Gott gelobet sein, wir seind noch beid gesund.«

16.

»Ach Vater, liebster Vater, die Wunden, die ich dir hab geschlagen,
Die wolt ich dreimal lieber in meinem Haubte tragen.«
»Nun schweig, du lieber Sune: der Wunden wirt gut Rat,
Seid daß uns got all beide zusammen gefüget hat.«

17.

Das weret von der None biß zu der Vesperzeit,


Biß daß der jung Her Alebrant gen Bern einhin reit.
Was fürt er an seinem Helme? Von Gold ein Krenzelein.
Was fürt er an der Seiten? Den liebsten Vater sein.

18.

Er fürt in mit im in seinen Sal und satzt in oben an den Tisch,


Er pot im Essen und Trinken, das daucht sein Mutter unbillich.
»Ach Sune, lieber Sune, ist der Eren nicht zu vil,
Daß du mir ein gefangen Man setzst oben an den Tisch?«

19.

»Nun schweige, liebe Mutter, ich will dir newe Meer sagen:
Er kam mir auf der Heide und het mich nahent erschlagen;
Und höre, liebe Mutter, kein Gefangner sol er sein:
Es ist Hiltebrant der alte, der liebste Vater mein.

20.

»Ach Mutter, liebe Mutter mein, nun beut im Zucht und Er!«
Do hub sie auf und schenket ein und trug ims selber her;
Was het er in seinem Munde? Von Gold ein Fingerlein,
Das ließ er inn Becher sinken der liebsten Frawen sein.

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