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Die Merseburger Zaubersprüche

1. Allgemeines

Die Texte wurden im ersten oder zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts auf der Vorderseite von Blatt 85 der Handschrift 136 (früher: 58) der Domstiftsbibliothek Merseburg (zur Zeit aufbewahrt im Domstift zu Naumburg) eingetragen; wie alt die zwei Zaubersprüche in der vorliegenden Gestalt (in Wortfolge und Verszeilen) sind, läßt sich schwer bestimmen (9. Jahrhundert?). Die Texte sind in einem althochdeutschen Dialekt gehalten, der teilweise Berührungen mit dem Altniederdeutschen zeigt. Es handelt sich um 'zweistöckige' Zaubersprüche: auf eine narratio im ersten Teil, die einen Präzedenzfall aus der mythischen Vorzeit schildert, folgt als zweiter Teil ein edictum, der eigentliche spell, der sich sowohl auf den einstigen Vorbildfall als auch auf den aktuellen Gebrauchsfall bezieht (und somit womöglich sowohl Figurenrede als auch Sprecherrede ist). Der Erste Merseburger Zauberspruch ist ein Lösezauber, der Zweite Merseburger Zauberspruch ein Heilzauber.

2. Diplomatische Wiedergabe

der beiden althochdeutschen Textpartien im oberen Teil des Blattes:

1 Eiris sazun idisi sazun hera duoder suma

2 hapt heptidun sumaherilezidun suma clu

3 bodun umbicuonio uuidi insprinc hapt

4 bandun inuar uigandun ·H·

5 P h ol ende uuodan uuorun ziholza du uuart

6 demobalderes uolon sinuuoz birenkict

7 thubiguolen sinhtgunt . sunna erasuister

8 thubiguolen friia uolla erasuister thu

9 biguolen uuodan sohe uuola conda

10 sosebenrenki sosebluotrenki

soselidi

11 renki ben zibena bluot zibluoda

12 lid zigeliden sosegelimida sin ·

Zeile 4: Sinn und Zweck des ·H· am Ende der Zeile bleiben ganz unsicher. Zeile 5: Das auf P folgende h ist verkleinert über den linken Rand des dritten Buchstabens o übergeschrieben.

linken Rand des dritten Buchstabens o übergeschrieben. 3.1. Überlieferungskritischer Text und Übersetzung:

3.1. Überlieferungskritischer Text und Übersetzung: Erster Merseburger Zauberspruch (Robert Nedoma):

1 Eiris sāzun idisi,

2 sumā hapt heptidun,

sāzun hēra, duo, der;

sumā heri lezidun,

3

sumā clūbōdun

umbi cuoniouuidi:

4 insprinc haptbandun,

inuar uīgandun!

'Zuerst saßen Idise, saßen hier, da, dort (?); einige hefteten Bande (oder: fesselten den Gefangenen), einige hemmten das Heer, einige klaubten (zupften) an den (starken) Fesseln: Entspring den Haftbanden (Fesseln), entflieh (entrinne) den Feinden!'

Vers 1: hēra (oder hĕra?) duo, der 'hier, da, dort' (drei Standortadverbien) Neudeutung. - Vers 2 f.: sumā oder sumă (Vokalquantität unsicher).

3.2. Überlieferungskritischer Text und Übersetzung: Zweiter Merseburger Zauberspruch (Heiner Eichner):

1 Phol ende Uuodan

2 Dū uuart demo Balderes uolon bīrenkīct.

3 Thū biguol en Sinhtgunt

4 thū biguol en Frīia

5 thū biguol en Uuodan,

uuorun zi holza.

sīn uuoz

Sunna, era suister;

Uolla, era suister;

sō hē uuola conda.

6 Sōse bēnrenkī

sōse bluotrenkī

7 sōse lidirenkī

8 - bēn zi bēna,

bluot zi bluoda,

9 sō se gelīmida sīn!

lid zi geliden -,

'Phol und Wuodan zogen ins Gehölz (in den Wald). Da wurde dem Fohlen Balders sein Fuß verrenkt (von Verrenkung betroffen). Da besang ihn (scil. den Fuß) Sinhtgunt mit Sunna, ihrer Schwester; da besang ihn Frija mit Volla, ihrer Schwester; da besang ihn Wuodan, wie er [es] gut konnte. So wie die Knochenrenkung, so wie die Blutrenkung, so wie die Gliedrenkung [zusammengeklebt wurde], - Knochen zu Knochen, Blut zu Blut (Ader zu Ader?), Glied zu den Gliedern -, so seien sie (scil. die vom Unfall betroffenen Entitäten) zusammengeklebt!'

Vers 2: bīrenkīct (oder bĭ-; Vokalquantität unsicher) mit Ligatur c + t sprachwirkliche Form.

Literatur:

Heiner Eichner und Robert Nedoma, Die Merseburger Zaubersprüche: Philologische und sprachwissenschaftliche Probleme aus heutiger Sicht. In: insprinc haptbandun. Referate des Kolloquiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000), hrsg. von Heiner Eichner und Robert Nedoma. II (= Die Sprache 42,1-2, 2000/2001 [erschienen 2003]), S. 1-195.

Letzte Änderung am: 25.10.2006. Kontakt: heiner.eichner@univie.ac.at bzw. robert.nedoma@univie.ac.at.