VO StEOP Mehrsprachigkeit und
Linguae francae
Sabine Dengscherz
WS 2022/23
5. Sprachen lernen
Begrifflichkeiten …
• Gesteuerter / ungesteuerter Spracherwerb
• Sprachen erwerben / lernen
• Sprachen „natürlich“ lernen bzw. im Unterricht
• Was gehört zusammen?
• Gesteuert, lernen, im Unterricht (prototypisch:
Fremdsprachenunterricht in der Schule)
• Ungesteuert, erwerben, im lebensweltlichen Umfeld, „natürlich“
(prototypisch: Erwerb der Erstsprache/n bzw. der Zweitsprache/n)
Spezifika der Sprachverwendung
• Jim Cummins:
• BICS und CALP
• Basic Interpersonal Communicative Skills
• Cognitive Academic Language Proficiency
Bildungssprache / Alltagssprache
Bildungssprache:
• CALP Cognitive Academic Language Proficiency
Manipulation von Sprache in dekontextualisierten 'akademischen' Situationen
∼ Schriftsprache (vgl. Cummins 1979)
• Biographisch: eine Sprache, die in Bildungskontexten verwendet wird (z.B. im
Schulunterricht für Geographie, Mathematik, Geschichte etc.)
Alltagssprache:
• BICS Basic Interpersonal Communicative Skills
Manifestation von Sprache im unmittelbaren persönlichen Austausch ∼
Mündlichkeit (vgl. Cummins 1979)
• Biographisch: eine Sprache, die im lebensweltlichen Alltag verwendet wird
Modelle und Konzepte
• Eisberg-Modell
• => Interdependenzhypothese
• => Schwellenhypothese (umstritten bis widerlegt)
• „Truncated repertoires“
Interdependenzhypothese
• Sprachkompetenzen in verschiedenen Sprachen beeinflussen
einander
• lässt sich aus Cummins’ Eisbergmodell schlussfolgern
• aus der Interdependenzhypothese wurde in weiterer Folge die
Schwellenhypothese abgeleitet:
Kritik am Konzept des Semilingualismus
• Begriffe wie „Halbsprachigkeit“, „doppelte Halbsprachigkeit“ oder
„Semilingualismus“ gelten mittlerweile als „wissenschaftlich nicht haltbar“
und sind „mit Repertoirekonzepten kaum zu vereinen“ (Busch 2013: 53)
• Cummins selbst hat sich sich vom Konzept des Semilingualismus distanziert
• Kritikpunkte am Konzept:
• Zu schematisch: Wirtschaftliche, politische und soziale Faktoren werden zu wenig
berücksichtigt
• Zu statisch: Menschen verwenden ihre sprachlichen Ressourcen für verschiedene
Zwecke und in verschiedenen Situationen und entwickeln sie permanent weiter
• Semilingualismus als „stigmatisierendes Etikett“
„Truncated repertoires“ (Blommaert 2010)
• Niemand weiß oder kennt ALLES in einer Sprache
• … das ist ganz normal!
• „trunk“ (Stamm, Stumpf, Grundstock)
• Sprachenrepertoires sind immer unvollständig, bilden immer einen
Grundstock, auf dem aufgebaut werden kann (lebenslanges Lernen ;)
• Berufliche Expertise: Wissen um „truncated repertoires“ und
Bereitschaft, sie zu erweitern … Es kommen immer wieder neue
Situationen, für die wir uns Neues aneignen müssen …
Fremdsprache / Zweitsprache
• Was ist der Unterschied?
• Fremdsprache: gesteuertes Lernen, außerhalb des
Zielsprachenlandes
• Zweitsprache: auch ungesteuertes Erwerben, im Zielsprachenland
• „Typischer DaF-Kontext“; Vgl. Springsits (2012: 97)
• „Typischer DaZ-Kontext“; Vgl. Springsits (2012: 99)
• „Untypisches“; Vgl. Springsits (2012: 101)
Und am ZTW?
• Amtlich deutschsprachige Region
• Lernen / Erwerben?
• Migration?
• Bewusste Entscheidung für eine Sprache …?
• Lernende mit der gleichen L1 in einer Gruppe?
• L1 bleibt dominant?
• Bedeutung in Bildungskontexten / im Lebensweltlichen Umfeld … ?
• => Sprachenrepertoires sind komplexer als so manche
„Kategorisierungen“ zeigen …
Fremdsprachenkenntnisse beschreiben
Der Europäische Referenzrahmen für Sprachen
Sprachen-“Assessment“
• Europäischer Referenzrahmen für Sprachen
• Kann-Bestimmungen
• Versuch einer Standardisierung
• Kompetenzniveaus
• A1 und A2: Elementare Sprachverwendung
• B1 und B2: Selbständige Sprachverwendung
• C1 und C2: Kompetente Sprachverwendung
• A1 – Anfänger: Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache
Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter
Bedürfnisse zielen. Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten
Fragen zu ihrer Person stellen – z. B. wo sie wohnen, was für Leute sie
kennen oder was für Dinge sie haben – und kann auf Fragen dieser Art
Antwort geben. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die
Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich
sprechen und bereit sind zu helfen.
• A2 – Grundlegende Kenntnisse: Kann Sätze und häufig gebrauchte
Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer
Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur
Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen,
routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen
einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und
geläufige Dinge geht. Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft
und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang
mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.
• B1 – Fortgeschrittene Sprachverwendung: Kann die Hauptpunkte
verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um
vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten
Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet.
Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und
persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und
Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu
Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.
• B2 – Selbständige Sprachverwendung: Kann die Hauptinhalte komplexer
Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im
eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und
fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern
ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu
einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen
Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile
verschiedener Möglichkeiten angeben.
• C1 – Fachkundige Sprachkenntnisse: Kann ein breites Spektrum
anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen
erfassen. Kann sich spontan und fließend ausdrücken, ohne öfter deutlich
erkennbar nach Worten suchen zu müssen. Kann die Sprache im
gesellschaftlichen und beruflichen Leben oder in Ausbildung und Studium
wirksam und flexibel gebrauchen. Kann sich klar, strukturiert und ausführlich
zu komplexen Sachverhalten äußern und dabei verschiedene Mittel zur
Textverknüpfung angemessen verwenden.
• C2 – Annähernd muttersprachliche Kenntnisse: Kann praktisch alles, was
er/sie liest oder hört, mühelos verstehen. Kann Informationen aus
verschiedenen schriftlichen und mündlichen Quellen zusammenfassen und
dabei Begründungen und Erklärungen in einer zusammenhängenden
Darstellung wiedergeben. Kann sich spontan, sehr flüssig und genau
ausdrücken und auch bei komplexeren Sachverhalten feinere
Bedeutungsnuancen deutlich machen.
Zum Nachlesen und weiterlesen:
• Kurzbeschreibungen der letzten Folien: http://www.europaeischer-
referenzrahmen.de/
• GERS Langfassung: Europarat (2001)
Anwendung für zu Hause
Verfeinern Sie Ihre „Sprachenliste“ und geben Sie nach
den Kategorien des GERS an, wie gut Sie die einzelnen
Sprachen beherrschen!
Spracherwerbstheorien
(vgl. Roche 2005)
Voraussetzungen für Spracherwerb
• Biologische Voraussetzungen:
• Gehirn
• Hörorgan
• Sprechapparat
• Kognitive Voraussetzungen:
• Wahrnehmungsfähigkeit
• Denkfähigkeit
• Gedächtnis
• Soziale Voraussetzungen:
• Input aus der Umgebung
• Sprachliche Interaktion
• Sozialisation
Behaviorismus
• Burrhus F. Skinner
• Sprachenlernen durch Imitation und Verstärkung (Lob o.ä.)
• Stimulus => Response
• Konditionierung
• Sprachlehrmethodik:
• Pattern-drill-Übungen
• Audiolinguale Methode
• Audiovisuelle Methode
• Keine explizite Auseinandersetzung mit Regeln
Nativismus
• Noam Chomsky (in Antwort auf Skinner)
• Kinder imitieren nicht nur, sondern wenden auch selbstständig
Regeln an, z.B. Analogieschlüsse („gebringt“ o.ä.)
• Language Acquisition Device (LAD): Angeborener
Spracherwerbsmechanismus
„Eine menschliche Sprache ist ein System von bemerkenswerter Komplexität.
Eine menschliche Sprache zu erlernen, wäre für ein Wesen, das nicht eigens
für diese Aufgabe geschaffen ist, eine außerordentliche geistige Leistung. Von
einem normalen Kind dagegen wird diese Aufgabe bereits bei relativ geringem
Sprachkontakt auch ohne besonderen Unterricht gemeistert. Mühelos kann es
mithilfe einer komplizierten Struktur von spezifischen Regeln und leitenden
Prinzipien seine Gedanken und Gefühle anderen mitteilen …“ (Chomsky 1977,
12)
„Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Fremdsprache lernen, der eine
ausreichende Sprachanlage besitzt, um eine Erstsprache zu erwerben.“ (Roche
2005: 42)
Kognitivismus
• Auf intentionales Lernen ausgerichtet
• Gehirn wird als geschlossenes, sich selbst organisierendes System der
Informationsverarbeitung gesehen
• Spracherwerb als Prozess der Informationsverarbeitung: Wahrnehmen,
Verstehen, Behalten, Automatisieren
• Gedächtnisarten:
• episodisches vs. semantische Gedächtnis
• deklaratives (=propositionales) vs. Prozedurales Gedächtnis
• Gemeinsamkeit mit Behaviorismus: Äußere Steuerbarkeit des Lernens
• Unterschied: Lernende sollen durch metakognitive Reflexion Lern- und
Verarbeitungsprozesse durchschauen und eigene Lernstrategien
entwickeln
Konstruktivismus
• Auf inzidentelles Lernen ausgerichtet
• Selbst-generierende Prozesse der Konstruktion von Wissen
• Informationen werden nicht einfach aufgenommen, verarbeitet,
gespeichert, sondern durch permanente Veränderung der kognitiven
Struktur selbst erzeugt
• Lernende sollen ihre Lernumgebung selbst gestalten können
• Sprachenlernen durch Immersion:
• „Sprachbad“
• Bilinguale Schulen / Klassen
• Bestimmte Fächer in einer Fremdsprache unterrichten etc.
• Lernen soll kontextualisiert werden
Quellen und weiterführende Literatur I
• Brizic, Katharina (2007): Das geheime Leben der Sprachen. Gesprochene
und geschriebene Sprachen und ihr Einfluss auf den Spracherwerb in der
Migration. München: Waxmann (= Internationale Hochschulschriften Bd.
465)
• Baurmann, Jürgen (2006): „Die Beziehungen zwischen muttersprachlichem
und fremdsprachlichem Unterricht“. In: Scherfer, Peter / Wolff, Dieter
(Hrsg.): Vom Lehren und Lernen fremder Sprachen: Eine vorläufige
Bestandsaufnahme. Frankfurt: Peter Lang Verlag, S. 85–100
• Chomsky, Noam (1977) Reflexionen über Sprache. Frankfurt am Main:
Suhrkamp Verlag (Reflections on Language, New York 1975)
• Dengscherz, Sabine (2014): „Zur Dynamik von Sprachenrepertoires:
Sprachenpflege und Sprachenerhalt im Studienalltag. Teilergebnisse einer
Studie zur Mehrsprachigkeit am Zentrum für Translationswissenschaft der
Universität Wien“. In: TuP 3/2014, S. 205–230 (auf Moodle)
Quellen und weiterführende Literatur II
• Herdina, Philip / Jessner, Ulrike (2002): A Dynamic Model of Multilingualism.
Perspectives of Change in Psycholinguistics. Clevedon: Multilingual Matters
• Leupold, Eynar (2006): „Überlegungen zur Profilierung des schulischen
Fremdsprachenunterrichts“, in: Scherfer, Peter / Wolff, Dieter (Hrsg.): Vom
Lehren und Lernen fremder Sprachen: Eine vorläufige Bestandsaufnahme.
Frankfurt: Peter Lang Verlag, S. 69–83
• Marx, Nicole (2008): Wozu die Modelle? – Sprachlernmodelle in neueren
DaF-Lehrwerken – am Beispiel der Tertiärsprachendidaktik. Fremdsprache
Deutsch 38, 19-25.
• Roche, Jörg (2005): Fremdsprachenerwerb. Fremdsprachendidaktik.
Tübingen: Francke UTB
• Roche, Jörg (2013): Mehrsprachigkeitstheorie. Erwerb – Kognition –
Transkulturation – Ökologie. Tübingen: Narr Studienbücher
• Springsits, Birgit (2012): Deutsch als Fremd-/oder Zweitsprache. (K)eine
Grenzziehung. In: ÖDaF-Mitteilungen 2012/1, 94–104