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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1: Das Artikulationskonzept

1

Aufgabe 2: „Das Spektakel des Anderen“ (Hall 2004c)

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Aufgabe 3: Das Encoding/Dekoding-Modell

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Literaturverzeichnis:

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Ehrenwörtliche Erklärung

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Aufgabe 1: Das Artikulationskonzept

Das Konzept der Artikulation nach Hall gilt als „one of the most generative concepts in contemporary cultural studies“ (Slack 1996: 113), dessen grundsätzlicher Blickwinkel auf Medienkommunikation die Medienanalysen der Cultural Studies nachhaltig beeinflusst hat (Hepp 2010: 51) und auf neomarxistischen wie auch semiotischen Überlegungen beruht.

Dabei geht Hall von der Doppelbedeutung des englischen Wortes to articulate aus, das einerseits mit sich ausdrücken andererseits aber auch mit dem Verb verbinden übersetzt werden kann. Ausgehend von diesem Gedankengang beschreibt er Artikulation als eine mögliche, aber nicht notwendige Verbindung zweier verschiedener Einheiten innerhalb eines bestimmten Kontext. Hierbei ist vor allem die Möglichkeit der Verbindung relevant, da sie hervorhebt, dass soziale Phänomene und Artikulation nicht essentieller oder absoluter Natur sind. Es stellt sich für Hall die Frage, unter welchen Umständen Verknüpfungen eingegangen und dann auch wieder verworfen werden können. Der Diskurs wird dabei nicht als Einheit, sondern als Artikulation verschiedener Elemente verstanden. (vgl. Hall 1996: 141) Die Artikulationstheorie ist also ein Verständnis davon, wie Elemente innerhalb eines spezifischen historischen Kontexts oder auch Diskurses durch ihre Art der Verbindung oder Differenz Bedeutungspraktiken erzeugen und so Handlungsmöglichkeiten innerhalb der jeweiligen diskursiven Formation generieren können. Bevor Elemente reartikuliert werden können, muss man sich allerdings der jeweiligen spezifischen Artikulationen bewusst sein (ebd.: 142f). Aus diesem Verständnis heraus lässt sich Kultur als „eine in sozialen Kontexten geschaffene Kondensation von Bedeutungen begreifen, die auf der Artikulation von Ereignissen und Praktiken beruht“ (Winter 2003: 217).

Insgesamt dient das Artikulationskonzept den Cultural Studies als Basis, um die komplexe Einheit und Differenz verschiedener Gesellschaftsformen und Praktiken zusammenzudenken (ebd.: 118), obwohl es zum Teil die Gefahr des Formalismus birgt (Hall 1999: 132). Sowohl Halls Rassismusbegriff wie auch sein Verständnis von kultureller Identität als Artikulation verschiedener Elemente zu spezifischen historischen Momenten basieren darauf (s.h. Hall 1994). Die reduktionistischen und

essentialistischen Tendenzen der Paradigmen des Kulturalismus sowie des Strukturalismus werden überwunden und weitergedacht, sodass „Kultur als Lebensweise“ (Johnson 1999: 180) begrifflich erfasst und analysiert werden kann. 1

Auch das von du Gay entwickelte analytische Modell des ‚Circuit of Culture’ ist grundlegend auf dem Artikulationskonzept aufgebaut. Als relationales Rahmen- Modell geht es von der Artikulation verschiedener Prozesse der Regulation, Konsumption, Produktion, Identität und Repräsentation aus, die in sich und miteinander artikuliert sind, und deren Interaktionen zu verschiedenen und kontingenten Ergebnissen führen. Medienkulturelle Phänomene werden anstatt als bloßer Produktionsprozess als Kombination verschiedener Artikulationen analysiert (du Gay 2013: xxxf). So lässt sich zum Beispiel HipHop-Musik als kulturelles Phänomen bestehend aus verschiedenen bedeutungschaffenden Ebenen verstehen. Seine Produktion ist bereits Ausdruck/Artikulation der Identität der Musiker. Diese wird durch die Musik und Texte und ihre Darstellung in den Medien repräsentiert. Die Repräsentation hat durch die Distribution und den Konsum Auswirkungen auf die Identität anderer Gruppen, die sich mit der Musik identifizieren.

Die Theorie und Methodik der Cultural Studies werden als kontextualistisch, interventionistisch, inter- bzw. transdisziplinär und selbstreflexiv zusammengefasst (Göttlich 2001: 16). Das Konzept der Artikulation bestimmt eine spezifische Perspektive auf medienkulturelle Phänomene und bildet so den theoretischen Hintergrund der radikalen Kontextualität. Nach Slack kann die Artikulationstheorie als Kontextmodell, das eine anti-reduktionistische und anti-essentialistische Charakterisierung einer bestimmten sozialen Formation innerhalb eines spezifischen Kontexts vornimmt, definiert werden (Slack 1996: 113). Weiterhin bietet Artikulation den Cultural Studies eine methodologische Rahmung, gleichzeitig zeigt sie Möglichkeiten der Durchführung kultureller Analysen als „Kontextualisierung“ auf, was problematisch sein kann (Göttlich 2001, S.20). 2

1 Neben Hall hat hat sich vor allem Lawrence Grossberg mit den Theorien und Methoden der Cultural Studies und so auch dem Artikulationskonzept auseinandergesetzt (Winter, 2009: 200). Für ihn spielt die Analyse der populären Kultur als „Formation historischer Artikulationen“ des Alltagslebens, wie kulturelle Praktiken als Artikulationen miteinander zusammenhängen und neue Identitäten produzieren, eine zentrale Rolle (Grossberg, 1999: 216) 2 Theorie und Methode sind innerhalb der Cultural Studies allerdings nicht als objektive und allgemeingültige Techniken anzusehen, sondern als Praxen in einem doppelten Sinn: als formelle

Nach Göttlich ist Kultur in den Cultural Studies immer doppelt artikuliert, da die Analyse eines kulturellen Gegenstands ein bestimmtes kulturelles Selbstverständnis des Wissenschaftlers offenlegt und diese Artikulation bereits ein politischer Akt ist (Göttlich 1999: 28f). Aus dieser doppelten Artikulation ergibt sich die Selbstreflexivität, bei der der Wissenschaftler seine eigene Positionierung und sein kulturelles Selbstverständnis offenlegen und hinterfragen muss. Weiterhin werden dem Artikulationskonzept epistemologische, politische und strategische Dimensionen zugeschrieben (Slack 1996: 113; Göttlich 2001: 33). In der politischen und strategischen Dimension wird der interventionistische Charakter deutlich, da einerseits durch die Artikulationstheorie Machtverhältnisse sichtbar werden und außerdem die Möglichkeit der Reartikulation von Verbindungen Mechanismen der politischen Handlungsfähigkeit bietet.

Das Erkenntnissinteresse der Cultural Studies liegt zusammenfassend in der Bestimmung konkreter Verbindungen sozialer Kräfte mit gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen, wobei die jeweilige Perspektive in die Analyse miteinbezogen wird (ebd.: 34f.). Auf Basis des Artikulationskonzepts erschaffen die Cultural Studies die Artikulationen, die sie beschreiben und zum Teil kritisieren, durch ihre im Prozess begriffenen interpretativen Methoden mit (Winter 2001: 218).

Aufgabe 2: „Das Spektakel des Anderen“ (Hall 2004c)

Im Folgenden werden die Kernaussagen des Textes „Das Spektakel des Anderen“ von Stuart Hall vorgestellt. Darin stellt er die alltäglichen Formen und Praktiken der visuellen Repräsentation von ‚Differenz’ in der Populärkultur und den Massenmedien sowie deren historische Entwicklung am Beispiel der Stereotypisierung von rassischer ‚Differenz’ dar. Theoretisch basiert der Text auf Überlegungen zu Repräsentation, Differenz und Andersheit sowie Sterotypisierung. Diese Kernbegriffe werden näher erläutert und anhand von Beispielen im „Circuit of Culture“ veranschaulicht.

Repräsentation ist eine essentielle soziale Praxis, bei der Bedeutung, d.h. bestimmte Konzepte oder Bilder, durch Sprache produziert wird. Repräsentieren hat wie auch Halls Begriff der Artikulation eine Doppelbedeutung und kann sowohl to describe als auch to symbolize meinen. (Hall 1997: S. 15) So stehen Repräsentationspraktiken im Spannungsfeld zwischen Beschreibung und Symbolisierung und beziehen sich in der Beschreibung eines Sachverhalts gleichzeitig noch auf einen weiteren Inhalt. Obwohl Bilder auf viele verschiedene Arten gelesen werden können (vgl. Encoding/Decoding-Modell), versuchen bestimmte Repräsentationspraktiken genau an diesem Punkt zu intervenieren und eine bestimmte Bedeutung festzuschreiben (Hall 2004c: 110). Dies wird anhand von Bildern mit schwarzen Sportlern in der modernen Leichtathletik dargelegt. In jedem Bild, das auf den ersten Blick ein Ereignis, in dem ein oder mehrere schwarze Frauen oder Männer zugegen sind (Denotation), schwingen Implikationen über rassische Differenz bzw. Andersheit in der Konnotation oder nach Barthes dem „Mythos“ eines Bildes mit, die nicht ausgeschaltet werden können. Praktiken der Signifizierung von ‚Differenz’ werden also immer kenntlich gemacht, sie >sprechen<. (ebd.: 112)

Bilder erlangen allerdings erst dann eine Bedeutung, wenn sie im Zusammenhang mit anderen Bildern gelesen werden. Die Interpretation von Bildern, die rassische Differenz repräsentieren, hängt also immer vom jeweiligen Repräsentationsregime und der Inter-Textualität der darin enthaltenen Bedeutungen ab. (ebd.: 113) Des Weiteren stellt Hall fest, dass Schwarze häufig durch „gegensätzliche, polarisierte,

binäre Extreme wie gut/schlecht, zivilisiert/primitiv, hässlich/übermäßig attraktiv, abstoßend-weil-anders/anziehend-weil-fremd - und exotisch repräsentiert“ (Hall 2004: 112) werden und oft auch noch beide Extreme zur gleichen Zeit darstellen sollen.

Nachdem nun die Grundannahmen zur Repräsentation der Andersheit von Schwarzen durch mediale Bilder dargestellt wurden, geht Hall der Frage nach, warum Differenz von so essentieller Bedeutung ist. Anhand der Darstellung verschiedener theoretischer Ansätze aus der Linguistik, der Sprachtheorie, der Anthropologie und der Psychoanalyse macht Hall deutlich, dass Differenz Bedeutung und Identitätsbewusstsein schafft und aus diesem Grund sowohl notwendig als auch gefährlich ist. (vgl. ebd.: 117fff.) Differenz wird vor allem durch binäre Gegensätze geschaffen. Diese Gegensätze sind niemals neutral, sondern zwischen ihnen besteht eine Machtbeziehung, im Zuge derer der dominante Pol den anderen durch eine Art Hierarchie regiert (vgl. ebd.:

145).

Um den rassisierten Diskurs und sein Wahrheitsregime jedoch zu produzieren und aufrechtzuerhalten – und so auch die Machtbeziehung zwischen weißer Mehr- und schwarzer Minderheit – musste eine ganz bestimmte Art der Repräsentation des „Anderen“ konstruiert werden. Die dabei wichtigste Repräsentationspraxis ist die Praxis der Stereotypisierung. Die Stereotypisierung ist eine übersteigerte Form der Typisierung. Anstatt die Umwelt zur besseren Zurechtfindung bloß nach verschiedenen Kategorien zu charakterisieren, werden beim Stereotypisieren Personen auf eine vereinfachte Eigenschaft festgeschrieben. „Stereotypisierung reduziert, essentialisiert, naturalisiert und fixiert Differenz.“ (ebd.: 145) Dadurch wird eine Grenze gezogen und diese dann ritualisiert – zwischen den Menschen, die der Norm entsprechen, und den „Anderen“ – der „Andere“ wird aus dem System ausgeschlossen. Durch die Verbindung von Repräsentation, Differenz und Macht in der Praxis der Stereotypisierung wird symbolisch Gewalt auf den „Anderen“ ausgeübt (ebd.: 146). Er steckt in seinem Stereotyp fest, zumindest solange das Wahrheitsregime noch geschlossen ist und an seiner Bedeutung festhält. Dadurch kann die soziale Ordnung zunächst aufrechterhalten werden. Doch andererseits wirkt Macht durch Verführung

und Überredung. (vgl. ebd.: 147f.) Macht ist kreisförmig und zirkuliert, denn Diskurse sind keine geschlossenen Systeme und das Wahrheitsregime kann aufgebrochen werden. (vgl. ebd.: 145f.)

Hall macht drei Phasen der Begegnung des Westens mit den schwarzen Anderen aus, die konstitutiv für die Konstruierung der Stereotypen waren: a) der Kontakt zwischen europäischen Händlern und afrikanischen Königreichen im 16. Jahrhundert, b) die Kolonisation Afrikas, c) die Migration der „dritten Welt“ nach Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg (vgl. ebd.: 122f.). Am Beispiel des Waren-Rassismus während der Imperialzeit lässt sich die Repräsentation im „Circuit of Culture“ gut darstellen. Hierbei ist zu bemerken, dass sich kulturelle Prozesse nur durch seine Artikulationen verstehen lassen, also reicht die Analyse der Repräsentation als Phänomen alleine nicht aus, sondern muss in Zusammenhang mit Produktion, Identität, Produktion, Konsumption und Regulation gesehen werden. Während der Kolonialzeit kam es zu einer Lawine populärer Repräsentationen rassischer Differenz durch den Waren-Rassismus, also die Artikulation von Waren mit Zeichen und Symbolen, die auf rassische Differenz verwiesen. In der damaligen Werbung wurden Waren mit rassistischen Zeichen und Symbolen verbunden. In einem Spektakel der Werbung und so auch der Repräsentation wurden schwarze und weiße Identitäten bzw. die Differenz zwischen beiden durch binäre Opposition symbolisiert. Seife symbolisierte beispielsweise die „Rassisierung“ der häuslichen Welt sowie die „Domestizierung“ der kolonialen Welt. Gleichzeitig wurde sie aufgrund des Reinigungsaspekts zum Fetisch-Objekt und markierte die Trennlinie zwischen sauberer weißer und schmutziger schwarzer Haut. Durch immer neue Bilder und Waren wurde die Vielzahl an Symbolen und Bildern rassischer Differenz immer wieder neu produziert, distribuiert und reguliert. Dieser Prozess, der durch den Cultural Circuit darstellbar wird, beschreibt die erste organisierte Form des Rassismus, der ohne das rassisierte Werbespektakel und die Publika, die damit erreicht werden konnten, nie möglich gewesen wäre. (vgl. ebd.:

123ff.)

Zwei Hauptthemen rassischer Repräsentation während der Sklavenzeit, die die rassischen Stereotypen bis ins 20. Jahrhundert prägten, waren zum einen die Inferiorität der schwarzen Sklaven und ihre „inhärente Faulheit“ (ebd.: 129). Hier

wurde der rassisierte Diskus mit dem visuellen Diskurs artikuliert. Der Körper wurde zur Repräsentation rassischer Differenz und diente als Beweis und Grundlage für dessen Naturalisierung. Durch diese naturalisierte Art der Repräsentation kam es zur Regulation und Festschreibung der Identität des >Anderen<, die durch den visuellen Aspekt immer wieder neu produziert und distribuiert wurde. Diese ideologische Schließung wurde, wie Hall dies beschreibt, immer wieder in verschiedenen Formen und Repräsentationspraxen reproduziert. Interventionen und Gegenstrategien durch Transkodierungen, die auf eine Reartikulation der bekannten und scheinbar festgeschriebenen Repräsentationen abzielen, kamen erst ab den 1960er Jahre auf und das Feld der „Politik der Repräsentation“ (ebd.: 165) wurde neu eröffnet.

„Das Spektakel des >Anderen<“ macht die komplexe und ambivalente Praxis der Repräsentation und deren enge Verknüpfung mit Macht und Gewalt auf erschreckenende Weise deutlich. Dabei kann auf die Ausübung von symbolischer Gewalt durch die Verwendung von Stereotypen schnell physische Gewalt folgen, wie dies in der Sklavenzeit und auch später immer wieder geschehen ist und noch geschieht. Durch eine Vielzahl von Medienbeispielen und der Darstellung der historischen Entwicklung der Stereotypisierung von rassischer Differenz werden Halls theoretischen Überlegungen veranschaulicht und erscheinen so sehr plausibel und realitätsnah. Die Auswirkungen von Repräsentation, die durch Medien, reguliert durch den hegemonialen Diskurs, gesteuert werden, können verheerend und schwierig zu durchbrechen sein. Artikulationen innerhalb der Repräsentation sind im Diskurs durch die Bildung von Stereotypen verfestigt. Die politische Implikation des Textes trägt dazu bei, sich diese Macht des Diskurses ins Gedächtnis zu rufen und weiterhin seine eigenen Bilder und Bedeutungsschemata, die durch Medien und Sprache vermittelt werden, zu hinterfragen. Was Hall am Beispiel von ‚rassischer Differenz’ auf gravierende Weise veranschaulicht, gilt in ähnlicher Weise für die Repräsentation von Gender, Sexualität und Klasse oder ethnischer Minderheiten.

Aufgabe 3: Das Encoding/Dekoding-Modell

Das Encoding/Decoding-Modell, das Stuart Hall 1973 in seinem Text „Encoding and Decoding in the Television Discourse“ vorstellte, ist das Ergebnis einer umfassenden Auseinandersetzung mit den damals und auch zum Teil noch heute gängigen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Ansätzen zur Massenkommunikation und veranschaulicht sein Verständnis der Produktion, Distribution und Rezeption von (televisuellen) Zeichen oder Nachrichten am Beispiel der Übertragung von Fersehprogrammen.

Die traditionellen Kommunikationsmodelle erscheinen Hall als ausgesprochen reduktionistisch, positivistisch und behaviouristisch, da sie Kommunikation als unilinear – Sender/Nachricht/Empfänger – begreifen und sich so rein auf den Produktionsprozess einer Nachricht konzentrieren, wobei der Kontext und der Empfänger außer Acht gelassen werden. Ein Beispiel hierfür ist die Laswell-Formel, in der Kommunikation als isolierter, stringenter Prozess gesehen wird, ohne das Verhältnis zur jeweiligen Kultur und Gesellschaft, in der kommuniziert wird, zu beachten. (vgl. Hall 2004a: 55 u. Hepp 2010: 114) Im Gegensatz dazu entwickelt Hall ein Modell, in dem Massenkommunikation nicht als ein transparenter oder deterministischer Prozess, sondern als „komplexe, dominante Struktur“ (Hall 2004a: 66) gesehen wird, bei der der Inhalt einer Nachricht weder feststehend noch eindimensional ist (Hall 2004b: 81) sondern eine multireferentielle Bedeutung hat (ebd.: 82). Dabei unterscheidet er vier Momente:

Produktion, Zirkulation, Distribution/Konsum und Reproduktion (Hall 2004a: 66). Diese Momente werden durch Artikulation zu einem Kreislauf verbunden, bleiben dabei aber eigenständig und relativ autonom und können nicht im vorhinein gewährleistet werden (ebd.: 67). Das bedeutet, dass Produktion und Rezeption einer Nachricht zwar voneinander abhängen, aber trotzdem nicht determiniert, sondern Möglichkeiten und Grenzen der Interpretation gegeben sind. Zusätzlich ist die jeweilige Erscheinungsform einer Nachricht diskursiven Regeln unterworfen (ebd.). Halls Überlegungen basieren dabei auf marxistischen und semiotischen Ansätzen. Der Text setzt sich einerseits mit marxistischen Ideen des Basis-Überbau-Modells auseinander und geht davon aus, dass Ideologie, Sprache und Kultur durch sozioökonimische Prozesse konstituiert werden und so ein Produkt des jeweiligen

Klassenkampfes sind (Hall 2004b: 82). Weiterhin basiert sein Modell grundlegend auf dem Kreislauf der Güterproduktion von Marx (Hall 2004a: 66). Die marxistische Orientierung des Textes beinhaltet so politische und gleichzeitig interventionistische Implikationen. Andererseits geht Hall mit Saussure davon aus, dass Realität durch Sprache oder Zeichen medial vermittelt und nur so für uns erfahrbar wird. Jedes Zeichen hat objektiv gesehen keinen Inhalt, sondern erhält seine Bedeutung je nach den jeweiligen Konventionen des Diskurses. Sowohl die Denotation als auch die Konnotation eines Zeichens werden durch komplexe Kodes fixiert (ebd.: 74) und haben nur durch die jeweilige dominante Bedeutung im Diskurs verschiedene Wertigkeiten. Analog dazu beschreibt Hall Nachrichten innerhalb der Massenkommunikation als Kodes, die während des Produktionsprozesses kodiert und bei der Rezeption dekodiert werden. Dadurch kann eine Nachricht verschiedene Bedeutungen erhalten. Beim Kodieren einer Nachricht spielen nicht nur der Diskurs als Wissensrahmen sondern auch die Produktionsbedingungen sowie die technische Infrastruktur innerhalb der Medienanstalten eine Rolle (Hall 2004a: 69). Besonders verweist Hall auf die aktive Rolle des Zuschauers bzw. Rezipienten beim Dekodieren und macht so sein Wirkungsverständnis von Massenkommunikation deutlich, dass sich nicht allein behaviouristisch analysieren lässt, sondern strukturalistisch verstanden wird. Sendeanstalten stehen häufig vor dem Problem, , dass eine Nachricht nicht in der „bevorzugten“ oder „dominanten“ Lesweise verstanden wird – also so wie sie kodiert wurde – sondern eine abweichende Wahrnehmung der Bedeutung zugesprochen bekommt. Kodierung und Dekodierung sind also nicht zwangsläufig identisch oder abhängig voneinander, da sie verschiedenen Bedeutungsstrukturen unterliegen (ebd.: 76f.). Hall unterscheidet drei hypothetische Lesarten oder Dekodierungsmöglichkeiten eines televisiuellen Diskurses, die u.a. auf die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede der Rezipienten zurückzuführen sind. (1) Nach dem dominant-hegemonialen Ansatz wird eine Nachricht symmetrisch zur Kodierung dekodiert. Das bedeutet, dass sich der Rezipient fast ausschließlich der konnotativen Bedeutung bedient. Diese „bevorzugte Lesart“ erscheint durch ihre hegemoniale

Position in der Gesellschaft als ‚natürlich’ und reproduziert fast unmerklich die jeweilige Ideologie. (vgl. ebd.: 77f.) (2) Weiterhin beschreibt Hall ausgehandelte Kodes, bei der sich die Rezipienten zwar der dominanten Lesart bewusst sind, trotzdem eine Aussage je nach Kontext neu aushandeln. Die Interpretation durch hegemoniale als auch oppositionellen Elemente legitimiert sowohl den dominanten Diskurs, stellt aber auch eigene Prinzipien auf. Ist die Aushandlung zwischen beiden Ebenen unmöglich, spricht man generell von „gescheiteter Kommunikation“ (vgl. ebd.: 79f.). (3) Schließlich können Zuschauer Nachrichten auf vollkommen gegensätzliche Weise dekodieren, indem sie sich ‚oppositionellen Kodes’ bedienen und so den Inhalt vom vorgesehenen Sinnzusammenhang vollkommen lösen und die Nachricht in einem neuen Bezugsrahmen zu re-totalisieren. (vgl. ebd.: 80) Hierbei ist zu beachten, dass Kommunikation ein hochkomplexer Prozess ist, bei dem die Zuschauer ständig zwischen verschiedenen Bezugspunkten und Perspektiven wechseln, es also viele oppositionelle sowie ausgehandelte Lesarten geben kann (vgl. Hall 2004b: 84). Weiterhin fehlt bei Halls Modell die zweite, untere Hälfte des Kreislauf-Modells, d.h. die Art und Weise in der der Zuschauer die Produktion der Nachricht beeinflusst. (vgl. ebd.: 90)

Das Encoding/Decoding-Modell stellt neue Fragen zur Kommunikation, die vor allem die Rezeptions- und Wirkungsforschung nicht nur der Cultural Studies beeinflusst hat. Um für die Empirie wirklich anwendbar zu sein müsste das Modell in vielfacher Hinsicht weiterentwickelt werden (vgl. Hall 2004b: 104f. u. Krotz 2008:

217).

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Ehrenwörtliche Erklärung

Ich erkläre hiermit ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Theorieexpertise selbstständig und ohne fremde Hilfe angefertigt habe.

Die Übernahme wörtlicher Zitate sowie die Verwendung der Gedanken anderer Autoren habe ich an den entsprechenden Stellen der Arbeit kenntlich gemacht.

Ich bin mir bewusst, dass eine falsche Erklärung rechtliche Folgen haben wird.

Eschborn, 30.12.2013

kenntlich gemacht. Ich bin mir bewusst, dass eine falsche Erklärung rechtliche Folgen haben wird. Eschborn, 30.12.2013