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Wolfgang Cernoch

Der vorrevolutionäre Liberalismus des bürgerlichen Nationalstaates und die nachrevolutionäre Naturalisierung der Gesellschaft

Vom unbestimmbaren Individuum zur konkreten Handlung als bestimmbarer Einzelfall und die Verfehlung der Spontaneität des Bewußtseins durch den einfachen Nominalismus der bestimmbaren Dinge

a) Die Kollektivität als Grund und Folge der kulturellen Spontaneität

Die Betrachtung der Komplexität der kollektiven Kommunikation anhand der affektiven und kognitiven Bindung an historisch gewordene »Gemeinbildern«, die den fortlaufenden Vergesellschaftungsprozess darstellen, erlaubt insofern in der Wertanalyse von Max Weber die Verfremdung von Strukturentwicklungsprozessen aus der Naturwissenschaften und deren kybernetischen Selbstbezüglichkeit komplexerer Systeme, welche die Differenz zwischen Prozessstruktur und Steuerungssystem erst herstellen. Die Gesellschaft als Institution der Kommunikation bedarf aber der Kommunikation über die Institution, und diese ist erst nach der Konversion durch Konstitution und Gewöhnung möglich. Die Konstitution, konkret psychologisch betrachtet, kann ein Urteil sein oder kollektiver Zwang zur Verbindlichkeit, die Konversion erfolgt erst im Anschluß. Kollektiv betrachtet erfolgt die Konversion unter dem Zwang der Aufrechterhaltung der Struktur durch Systembildung. Von hier aus scheint eine Querverbindung zur Entropie möglich.

Politik als solche ist hingegen erst dann möglich, wenn die Vorstellungen über die Vergesellschaftungsformen sich von der systematischen Kosmologisierung der Gesellschaft und deren Symbole, also von der politischen Theologie der frühen Reichsgründungen, befreit hat. Politik setzt Aufklärung über die natürlichen Bedingungen der Umwelt und der eigenen Existenz wie über die Entstehung unserer Kommunikation, m. a. W., die Aufklärung über die Differenz des Fragenden und des Befragten bis zu einem gewissen Grad voraus. Insofern steht die Politik als Institutionsform und andere Gründe unserer sozialen Verhaltungen (Kommunikation) von politischer Relevanz zuerst sowohl der Natur als Umwelt wie der Natur als Kollektivität unserer Kommunikation gegenüber. Diesen schon bekannten Doppelsinn von Natur in der Fassung unserer postmodernen Naturalisierung zu kritiseren und wieder offenzulegen (hier: zwischen Physik und Geschichtlichkeit), ist die Voraussetzung jeder wissenschaftlich vorgehenden politischen Philosophie.

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Der Akkumulierungssprozess, welcher den steigenden Organsisationsgrad der Vergesellschaftung in der Neuzeit herstellt, wird begleitet von der steigenden Ausdifferenzierung und dem steigenden Durchbildungsgrad der Symbole der öffentlichen Kommunikation. Ich gehe von einem Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung aus, wobei die Stellung der Symbole von der konzeptuellen Funktion in die repräsentative Funktion wechseln, und der Akkumierungsprozess von der Stellung einer Tendenz, die als solche noch erkannt werden muß, zur Stellung eines absichtlichen und geplanten Verhaltensablaufs verschoben wird. Das hat nicht nur Folgen in der Orientierung im semantischen Raum, wie etwa welche Elemente des Verhaltensablaufes in der Wahrnehmung hervorgehoben oder in einen anderen Kontext verbracht werden, der Stellungswechsel vom unanalysierten zweckgerichteten Verhaltensablauf zum verständig wahrgenommenen Verhaltensablauf macht diesen erst vollständig zur Handlung (Hannah Arendt im vorhergehenden Abschnitt). Dieser Stellungswechsel greift auch konkret in den Verhaltensablauf hinsichtlich der Folgen im »biologischen und physikalischen Enviroment« ein (Peter Conring im nachfolgenden Abschnitt). Insofern kann mit dem Stellungswechsel im semantischen Raum ein konkreter Eingriff in der sozialen und in der natürlichen Umgebung notwendigerweise verbunden sein. Insgesamt kann die Verwandlung von Verhaltung zum Handeln demnach als Grund der Effizienzsteigerung identifiziert werden.

Die mit der ökonomischen einhergehenden Macht, ohne ouverten politischen Zwang Öffentlichkeit herzustellen, besetzt diese immer mit den Symbolen dieses Akkumulationsprozesses. Das ist abstrakt und allgemein als Depotenzierung der politischen Theologie wiederzuerkennen. Die Ebene der symbolischen Kommunikation aus der politischen Theologie der Reichsgründung und die damit verbundene Konversion wird mit dem Aufstieg des Bürgertums ab der zweiten Hälfte des Achtzehnten Jahrhunderts nicht überwunden, sondern erfährt selbst nur eine Systematisierung durch Anlagerung, Verschiebung und Ausscheidungen, wie ab den Neunzigern des Zwanzigsten Jahrhunderts wieder die Ausscheidung und Relativierung von politisch relevanten Symbolen und rhetorischen Figuren den von Hayek ausgehenden wirtschaftspolitischen Neoliberalismus kennzeichnet, oder wie in der Restauration oder in der Zwischenkriegszeit die politische Auseinandersetzung durch das Aufkommen neuer bzw. wiederkehrender Symbole und Begriffe und Verdrängung der bislang geltenden Ausdrucke der Konventionen erfolgt ist. Es soll hier aber nicht die Schichtung der Gleichzeitigkeit verschiedener Ausdrucke von Interpretationen kollektiver Identität und deren Symbolzusammenhänge im Detail behandelt werden.

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Die politische Macht ist zuerst die Konversion der militärischen Macht der Konstitution; in der feudalen Stabilisierungsphase tritt zum ersten Mal ökonomische Macht explizit als Bedingung der politischen Macht auf (Landbesitz und Agrarwirtschaft, in der Stadt: Gewerbe und Banken). Die bürgerlich-urbane Politik war selbst ständisch organisiert und erzeugt schon im ausgehenden Mittelalter in der Auseinandersetzung von Stadtrecht und Reichsrecht eine Konversion der Funktion der durch die politische Macht hergestellten Öffentlichkeit. Die Symbole dieser emanzipatorischen Konversionen werden zu den neuen politisch relevanten Symbolen einer Ideologie, die nun die Stelle der politischen Reichstheologie eingenommen hat. Die weitere Entwicklung dieser ersten nicht-nationalen oder konfessionellen Spaltung der politisch relevanten Symbolebenen soll hier vorrangig verfolgt werden.

b) Die philosophischen (theoretischen und emanzipatorischen), die soziologischen (kommunikationstheoretischen und politischen) und die ökonomischen (produktiven und kolonialistischen) Bedingungen zur demokratischen Entwicklung des bürgerlichen Liberalismus

Zwei Kritiker der Verwandlung der klassischen Diktatur und Tyrannei in einen naturalisierten, unpolitischen Totalitarismus des Sachzwangs der Biologie sind Hannah Arendt und in gewisser Weise auch Michel Foucault. Letzterer scheint diese Entwicklung wie Leo Strauß als historischer oder Roger Masters als verhaltensbiologischer politischer Philosoph als Diagnose einer unausweichlichen Struktureigenschaft der modernen Massengesellschaft zu verstehen. Auch Hannah Arendt kommt zu dieser Auffassung, jedoch ohne eine politische Rechtfertigung daraus abzuleiten. Ich bezweifle weniger die historische Diagnose als solche, eher wie sie zustande gekommen ist, und vor allem: Mit welcher Determiniertheit läuft dieser Prozess ab? Die Behauptung einer naturgesetzlichen Notwendigkeit scheint mir nirgends gut begründet zu sein.

Die zentralen Fragen sind nach dieser ersten Diagnose, inwieweit der Nationalsozialismus (schwächer auch der Stalinismus) eine unvermeidbar gewordene Form moderner und postmoderner Entwicklung der Massengesellschaft angezeigt hat, und inwieweit diese Entwicklung zu einem übernationalen Rassismus biologischer Normen führen muß. Durchgehend wird Biopolitik als die Verringerung der Unterschiede zwischen den modernen demokratischen Massengesellschaften und den totalitären Systemen verstanden.

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Die Quelle der Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung ist aber nicht primär unser biologisches Substrat oder das verhaltensbiologische Muster, das aus den kulturell aufgeprägten Motiven abstraktiv erschlossen oder als kulturelle Maske und bloße Verschiebung unseres Begehrens dechiffriert werden kann. Insbesondere die seit dem Neunzehnten Jahrhundert sich zeigende Dynamik entstammt vielmehr einer kulturellen, ökonomischen, wissenschaftlichen und politischen Entwicklung, die nur in ihrer Aufeinanderbezogenheit als Syndrom und Horizont des sich verändernden Vergesellschaftungsprozesses zu verstehen sein wird. Die zunehmende Bedeutung der ökonomischen Perspektive befördert oder behindert auch andere Bereiche des Horizontes der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. In Frage steht, inwieweit andere als ökonomische Interessen eine eigene Dynamik als Beitrag zum Erfolg der ökonomischen Rationalität hinsichtlich der Umgestaltung und Modernisierung der europäischen Gesellschaften entwickeln, oder welche Bereiche des notwendigen Horizontes oder kulturellen Syndroms erst durch die Umgestaltung der Gesellschaft hinsichtlich Wirtschaft und Handel ihre Dynamik und deren Ausrichtung erhalten haben.

Ich habe im ersten Abschnitt versucht, einen ersten Aufriss der politisch relevanten Dynamik zu skizzieren. Auch da ist die Aufeinanderbezogenheit verschiedener philosophischer politischer Perspektiven im Zuge der Ausgestaltung des bürgerlichen Nationalstaates bei Max Weber wie bei Hannah Arendt deutlich geworden. Beide blenden die räuberische Vorgeschichte des Imperialismus als eine materiale Bedingung der Entwicklung des ökonomisch erfolgreichen modernen bürgerlichen Nationalstaates weitgehend aus. Es ist einstweilen zu konstatieren, daß die augenfälligste Dynamik neben dem ökonomischen Interesse das Zusammenwirken verschiedener politischer Philosophien in der Ausbildung des bürgerlichen Rechtsstaates und die Organisation des naturwissenschaftlichen Fortschrittes mit technischem und militärischem Fortschritt gewesen ist. Ich werde hier versuchen, den Zusammenhang von ökonomischer und politischer Macht als grundlegend herauszustellen, ohne daß damit ein eindeutiges Ursache-Wirkung-Verhältnis hergestellt werden wird, aus welchem analytisch auf eindeutige Determiniertheit geschlossen werden könnte.

Die Kritik an der Exzessivität und Krisenhaftigkeit des Kapitalismus kann sich nicht darin erschöpfen, Adam Smith damit zu entschuldigen, daß er der These vom wirtschaftlichen Eigennutz als rationale Leitidee des öffentlichen wirtschaftlichen Handelns noch eine harmonisierte Naturvorstellung

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zugrunde gelegt, und die Magna Charta als Indiz zur Verbesserung des Menschengeschlechtes angesehen hat. Daß die Formel Benthams »Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl« uninterpretiert zwischen Ausbeutungswirtschaft und Kommunismus alle möglichen Interpretationen erlaubt, ist typisch für jede Art von prästabilierter Harmonievorstellung und ist Adam Smith sicherlich nicht entgangen. Der Utilitarismus unterhält auch Beziehungen zur Idee der Zweckmäßigkeit eines geordneten Staatswesens. So hätte gemäß den moralphilosophischen Vorstellungen von Smith nach den von Interessen geleiteten Handlungen unser moralisches Gefühl, durch Bildung angeleitet, für Ausgleich zu sorgen. Wenngleich, wie Descartes gemeint hat, eine provisorische Moral, sollte sie uns doch die Einsicht ins richtige Verhalten liefern können. John Stuart Mill bearbeitet ebenfalls diesen Strang der Urteilslehre weiter und entwirft eine Theorie der politischen Ökonomie, welche den Zusammenhang von Demokratie, Handel und Wirtschaft grundlegen soll.

Offenbar hat sich die Ausgangslage bei der Interpretation des Bentham’schen Kalküls bald geändert Die mit der Industrialisierung an Einfluß zunehmende Naturalisierung des bürgerlichen Gesellschaftsmodelles mündet im Zuge der Umorganisation der Gesellschaft immer wieder in verschieden ausgeprägten sozialdarwinistischen Minimalismus. Insofern markiert Henry Spencer eine Grenze, die der Wirtschaftsliberalismus nicht überschreiten sollte, ansonsten die politische Radikalisierung droht. Der Zusammenbruch rechtsstaatlicher Institutionen in Folge der Umgehung und Aufhebung der Gewaltentrennung oder die allmähliche Verlagerung der Zielsetzungen der politischen und politisch relevanten Macht von organisatorischen und kontrollierenden Aufgaben zu Durchsetzungs- und Machtfragen sind nur zwei verschiedene Weisen der Überschreitung der erst näher zu konstituierenden Stabilitätsgrenze einer weiterentwickelbaren Gesellschaft.

Der Liberalismus hat aber ungeachtet seiner das menschliche Maß überschreitenden Ausprägungen gegenüber der Monarchie, Aristokratie und Kirche grundsätzlich die Meinungsfreiheit befördert, indem er die Naturwissenschaften befördert und den Aberglauben bekämpft hat, und vor allem: Ohne Kapitalismus und Industrialisierung hätte die bereits teilweise gemäß physiokratischer Grundsätzen organisierte Wirtschaft der Epoche des ausgebildeten Gewerbes, der Manufaktur und des (kolonialistischen) Handels einer allmählichen Massenverelendung entgegengesehen, wie sie schon Ricardo nach dem grundsätzlichen Scheitern der rechnerischen Ableitung des gerechten Lohnes aus der modernen physiokratischen Nationalökonomie anhand von Malthus Theorie der Ressourcenknappheit radikal skizziert hat.

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Die liberale Wirtschaftspolitik in Folge der ersten postphysiokratischen industriellen Revolution verhindert zwar nicht verlässlich die Verelendung der Massen, aber schafft Phasen der gesamtwirtschaftlichen Produktivität, in welcher die Eigennutzthese von Adam Smith sich zu bewähren scheint, und unter entsprechenden politischen Umständen das werktätige Proletariat vor der Verelendung bewahren kann. Neben der Verwissenschaftlichung des Blickes auf die Gesellschaft und der Lebenswelt und deren Verwissenschaftlichung durch die Technisierung selbst besitzt dieses Feld synergetischer Effekte zwischen Wissenschaft, Technik und Wirtschaft auch emanzipatorische und partizipatorische Folgen im Zuge des gesamten Umgestaltungsprozesses der Gesellschaft. Es ist naheliegend, daß der ökonomische Prozess auch zur politischen Machtbasis des Bürgertums während der Umgestaltung der politischen Institutionen zum bürgerlichen Nationalstaat geworden ist.

Es hat sich gerade anhand der politischen Entwicklung der europäischen Nationalstaaten in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt, daß eine gewisse Zähmung des kapitalistischen Wirtschaftsprozesses möglich ist, wenn die ökonomische Macht der kapitalistischen Oligarchie und die politische Macht des Staates einander ausgleichen können. Erst die strategische und finanzielle Dominanz des Finanzmarktes über die Märkte der Produktion und Dienstleistung hat den bereits aus verschiedenen innenpolitischen und außenpolitischen Gründen kleiner werdenden Spielraum der Politik eines Staates nach innen und nach außen radikal eingeengt und die Möglichkeit einer kooperativen Achse von Politik und Wirtschaftsmacht einseitig reduziert.

Zweifellos liegen die Gründe für die Beschleunigung dieser Tendenz in der Globalisierung der Wirtschaft überhaupt, die wiederum einen funktionierenden internationalen Finanzmarkt benötigt. Doch halte ich es nicht für möglich, den schon mit Kolumbus und Magellan begonnenen, mit dem Imperialismus fortgesetzten Prozess der Globalisierung zu stoppen, zumal eine funktionierende Weltwirtschaft die Bereitschaft der daran teilnehmenden Nationen und Blöcke untereinander Kriege zu führen, vermindert.

Der Zusammenbruch der UdSSR als machtpolitisches Gegengewicht hat nur die Gewissheit bestätigt, daß das westliche Wirtschaftssystem, also ein einigermaßen gezähmter Kapitalismus, in verschiedenen Belangen dem kommunistischen Staatskapitalismus überlegen war. Allerdings wurde der Zusammenbruch des politischen Ostblocks zum Anlass genommen, wieder einer romantischen Dehnung des bürgerlichen Idealismus zum Opfer zu

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fallen, diesmal nicht als nationale Dehnung der territorialen Bindung in der Übertragung auf ein Staatsgebiet, sondern diesmal in Form des Wirtschaftsimperialismus und des ökonomischen Neoliberalismus. Wie Hermann Broch formuliert hat: Statt Geschichte bestimmt der Kramladen den Horizont der historischen Vorstellungskraft. Mit der damit einhergehenden Entwertung des Nationalstaats hat sich der Wirtschaftsiberalismus deutlich gegen die politische Aufklärung und gegen die Idee der Republik als bürgerlicher Rechtsstaat mit demokratischer Legitimierung gestellt. Der im Kern autoritäre Neokonservatismus ist die politische Philosophie dieser Reduktion der Spannung zwischen den Ständen auf die Achsen von militärischer, ökonomischer und politischer Macht.

c) Der historische Zusammenhang und dessen Brechung zwischen soziologischer Struktur und dem Systembegriff der politischen Philosophie

Die Emanzipation des Bürgertums von der Aristokratie führt aber nicht verlässlich zur Demokratie. In den entwickelten Stadtstaaten der oberitalienischen Renaisssance bildet sich eine Patrizierherrschaft heraus, deren Zynismus durch Machiavelli sprichwörtlich geworden ist. Die Ausbildung des Reiches zum Zentralstaat und die Umgestaltung der feudalen Ordnung durch Handel, Gewerbe und Manufaktur hatte hingegen zur Folge, daß verschiedene Stände in Konkurrenz um Einfluß kamen, wobei diese Konkurrenz im Zuge des aufgeklärten Absolutismus zugleich auch einen Wandel in der Auffassung der Organisation eines Reiches und der Erklärung der Natur mit sich brachte. Der Wandel der Grundlagen der Ökonomie ist schon vor der industriellen Revolution eine wichtige Bedingung der Gesellschaftsentwicklung, die mit der Entwicklung der Naturwissenschaften und dem Kolonialismus, der den geographischen Entdeckungen gefolgt ist, eine sich steigernde Wechselwirkung erfahren hat.

Die Demokratie als eine politische Idee der Aufklärung bleibt so zuerst eine gegenüber der Zentralmacht relative bleibende Vorstellung, und hat in Deutschland zweifellos auch eine starke Wurzel im Bauernstand. Zahlreiche Konflikte entstanden aus der Differenz von Landes- und Reichsrecht und der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit einer einheitlichen Rechtsauffassung. Allein schon die unregelmäßigen Privilegien der kleinen Aristokratie sorgten regelmäßig für Konflikte. Daraus und aus der schon beachteten Differenz des Reichsrechtes zum Stadtrecht schließe ich auf ein Grundmuster der beginnenden Selbstorganisation der Stände, das zusätzlich zur Idee der zentralstaatlichen Organisation des aufgeklärten Absolutismus nach

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französischem Vorbild zu einer anderen Dynamik der Verrechtlichung führt als die Organisation eines Stadtstaates, in welchem die Patrizier ihren Kampf um Einfluss politisch institutionalisieren konnten.

Ähnlich, wie man der Auffassung sein kann, daß der Gesellschaftsvertrag, wie er von Rousseau als kollektive Idee vorgestellt wird, die allgemeine Zweckrationalität des Zentralstaates nicht an die nicht zu vereinheitlichende Struktur der Gesellschaft, aber an die politische Einbildungskraft der politischen Individuen anpasst, ergibt sich auch ein Moment des zufälligen Zusammenspiels von revolutionären und demokratischen Ideen im Bereich urbaner politischer Philosophie und bäuerlicher politischer Philosophie einerseits, die sich an der unzureichenden Organisation der historisch gewachsenen Privilegien entzündet haben, und der Politik des aufgeklärten Absolutismus andererseits, den Einfluss der Aristokratie zurückzudrängen.

Meine These zu dem Postulat eines Grundmusters der Divergenz der Interessen der Stände im Achtzehnten Jahrhundert ist also, daß dadurch die bloße Idee des Gesellschaftsvertrages Rousseaus und vor allem der Entwurf der Gewaltenteilung Montesquieus eine passende Antwort der politischen Philosophie auf die soziologischen und politischen Schwierigkeiten aller europäischer Nationen, letztenendes auch Deutschlands bei der Umgestaltung des Reiches zum Zentralstaat und zum bürgerlich werdenden Staat gewesen ist. Die historische Dimension der Staatswerdung der europäischen Nationen weist darauf ein, daß die theoretische Reflexion über den Vergesellschaftungsprozess immer schon selbst Einfluß genommen hat.

Obwohl Montesquieus Konzept der Gewaltenteilung nicht selbst die realgesellschaftlichen Divergenzen der Stände und deren ökonomischen Basis abbildet, beginnt damit meiner Auffassung nach die bürgerliche Rekonstruktion des Zentralstaates mit absoluter Zweckrationalität, wie er im aufgeklärten Absolutismus gedacht worden ist, welche den gesellschaftlichen Dynamiken besser als dieser politisch zum Ausdruck verhilft. Es muß im Konzept der Gewaltenteilung Montesquieus allerdings nicht zwingend die moderne Vorstellung der demokratischen bürgerlichen Republik im Zentrum stehen.

Das Bürgertum kann am Ende des Achtzehnten Jahrhunderts also nicht durchwegs als republikanisch eingeschätzt werden, auch wenn die Bestrebung nach der Veränderung der Privilegienwirtschaft und der geregelten politischen Einflußnahme des Bürgertums verschiedentlich historisch bedeutsam war. Der Liberalismus beförderte insgesamt eine gewisse kulturelle Egalität zwischen Aristokratie und dem Großbürgertum einerseits, und

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teilweise des Umgangs innerhalb der Schichtungen des Mittelstandes. Es entsteht am Ende des Achtzehnten Jahrhunderts neben dem kulturellen und ökonomischen Selbstbewußtsein des Bürgertums auch ein politisches Selbstbewußtsein. Damit wird die politische Interpretationshohheit der Monarchie und der Aristokratie im öffentlichen Raum in Frage gestellt. In Deutschland und Österreich, das auf die Alternative zwischen klein- und großdeutscher Lösung zusteuerte, erhalten demokratische Ideen zum ersten Mal wieder regelmäßig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit verschiedenen Vorstellungen von der Selbstorganisation des Volkes in einem Nationalstaat. Die Rationalität der zentralsstaatlichen Organisationsgewalt und die Ausgewogenheit der politisch relevanten Instanzen in der Idee eines bürgerlichen Rechtsstaates mit Verfassung impliziert zusammen der Möglichkeit nach demokratische Ideen. Doch sind damit nicht sofort alle Fragen entschieden: Ausgehend von der Frage nach der Repräsentanz und Stellung des Parlaments, und davon zunächst unabhängig, die Abhängigkeit des Kanzlers von der Majestät, der ja zunächst nichts als der Vorstand des Kabinetts ist, bis hin zur Frage, ob nicht doch Besitz zur Ausübung von demokratischen Grundrechten Voraussetzung sein soll, — die Bandbreite der Vorstellungen von den Instituten der Partizipation variieren.

Die Blüte des deutschen Idealismus ist dafür in Deutschland eine bestimmende Bedingung, und damit ist auch der protestantische Pietismus indirekt mit verantwortlich, daß die Vorstellung der Einbindung der Gemeinde im Überzeugungsprozess in beiden Richtungen eine weite Verbreitung gefunden hat. Ich denke, man kann daraus ersehen, wie einander politische Situation und Philosophie des Bürgertums in Deutschland begünstigt haben, daß politische Philosophien mit demokratischen Elementen entstanden und auch historisch zur Wirkung gekommen sind.

d) Episteme der Theorie und der Öffentlichkeit und deren kollektive und historische Dimensionen

Es muß die Verbindung zwischen diesen verschiedenen Ausprägungen der Folgen der wachsenden ökonomischen Bedeutung des Bürgertums in der politischen Philosophie und die Vorstellung eines bürgerlichen Rechtsstaates mit parlamentarischer Demokratie erst hergestellt werden. Die Beschränktheit des revolutionären bürgerlichen Liberalismus und Rationalismus scheint mir schon an der Installation einer Vernunftreligion im Zuge der französischen Revolution erkenntlich. Schließlich ist ersichtlich geworden, daß auch die ökonomische Rationalität vor der Verfassungsfrage halt machen muß, was

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aber kein ausreichender Grund sein kann, vom bürgerlichen Liberalismus zu erwarten, daß die bürgerliche Republik ohne weitere Bedingung eine für alle Einwohner gleichmäßig geltende demokratische Verfassung erhält.

Eine weitere Bedingung kann zusammenfassend in der philosophischen, kulturellen und kulturpsychologisch relevanten Vorstellung vom Menschen als Natur- und Sozialwesen einerseits und als Kulturwesen mit Zivilisation und technischen und wissenschaftlichen Urteilsvermögen andererseits gedacht werden. Der klassische moderne Liberalismus geht systematisch in der Soziologie wie in der Ökonomie vom handelnden Individuum aus. Das kann zweierlei nach sich ziehen: Entweder werden die Motive der Individuen vor dem Hintergrund verschiedener Interpretationen des relevanten Umkreises des Handelns eines als konkret gedachten Individuums berücksichtigt, was den kultursoziologischen und historischen Horizont in Folge in die systematische Erörterung mit einbezieht, oder es wird aus Gründen der Denkökonomie und nicht nur nach Gesichtspunkten der Zugänglichkeit von empirischer Referenz, das Handeln des Individuums nur in Hinblick auf die Relevanz der institutionssoziologischen, ökonomischen oder verhaltensbiologischen Theorieidee gedacht.

Ich habe im ersten Abschnitt dieses Problem in der Soziologie skizziert. Gleiches ist von Carl Mengers Vorgehen in der Begründung der Grenznutzentheorie zu sagen, die den Staatsbürger solange behandelt, solange er als freier Wirtschafter, d. h. als Käufer auftreten kann. Ansonsten belastet das betreffende Individuum die ökonomische Theorie nicht weiter. Da wie dort ist festzustellen, daß diese Konversion zur Theorie durch die radikale Hinwendung zum individuellen Einzelfall einer konkreten, womöglich physikalisch-öffentlich bestimmbaren Handlung aus rein formalen und logischen Gründen unvermeidbar ist. Das Problem verschärft sich durch die Bestimmung des Individuums zu konkret beobachtbaren Handlungsfolgen gegenüber einer bestimmten Umgebung, die je nach Theorieauffassung verschiedene input-output-Korrelationen definiert, die sich zunehmend an ein Reiz-Reaktions-Schema anpassen lassen. Dadurch wird das Individuum konzeptuell mehr und mehr aus der Theorie gedrängt, indem es auf ei Substrat der Verhältnisse der konkreten Handlungsabfolge zum Zustand der theoriespezifisch eingeschränkten Umgebung reduziert wird, wobei die Handlungsfolgen und die Umgebung je nach dem Ansatz der Theorie bestimmt wird. Die theoretischen Vorstellungen und Einbildungen des Individuums, seine Interpretation und Antizipation wird nach der jeweiligen Theorie beschnitten, sodaß die Motive, welche als Ursachen oder Mitursachen

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der konkreten Handlungsabfolge in Stellung zu bringen wären, willkürlich selektioniert, oder gleich gar nicht in Betracht gezogen werden.

Die unumgängliche Abhebung auf ein theoriespezifisches Tableau der Abstraktion kann aussagekräftig sein, wenn sich zeigen lässt, daß die vernachlässigten Aspekte für das spezifische Erkenntnisinteresse nur wenig Bedeutung besitzen, oder von anderen Theorien besser erfasst werden können. So gibt es zweifellos viele gelungene Beispiele in Soziologie und Ökonomie, die erst in der ausschließlichen Anwendung als grundlegendes Modell ökonomischer und gesellschaftlicher Rationalität zum Aberglauben inmitten des wissenschaftlichen Denkens führen. Komplementär gedacht, wäre zu einer ökonomischen Theorie wie die von Carl Menger eine sozialpsychologische und politische Theorie zu bedenken, welche das Problem, daß mit der Exklusion aus dem Kreis der freien Wirtschafter auch der Ausschluß aus der Gesellschaft mittelbar verbunden ist, schon aus Gründen wissenschaftlicher Methodik nicht ausschließlich unter den Primat der ökonomischen Vernunft stellen kann.

Das theoretischer Problem besteht näher darin, daß die Theorien einer komplementären Theoriemannigfaltigkeit sich durch rein logisch denkmögliche Universalisierung wechselseitig auszuschließen beginnen, wenn die jeweilige Universalisierung erst durch gezielte Abstraktion möglich wird, die danach ausgerichtet wird, um der Konstruktion des Satzsystems immanente Widersprüche auszuschließen. Damit werden Wechselbegriffe (die dem Gegenstand gegenüber komplementären Theorien), die entgegen Ouines Auffassung keinerlei analytische Beziehungen untereinander besitzen, (Äquivokation, nicht Synonymie) zu Teilbegriffe, die nach Kant ein »wesensnotwendiges Prädikat« enthalten sollen, die allgemeine Gesetzesaussagen beinhalten sollen, die als theorieimmanent nicht mehr weitere affirmative Bestätigungen benötigen. Vergleiche dazu Karl Popper, Logik der Forschung (5) zum Unterschied zu »spezifisch allgemeine Sätze«, »Allsätze« und Sätze von numerischer Allgemeinheit, S. 34 f. und Wolfgang Stegmüller, Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie, Band I. Wissenschaftliche Erklärung und Begründung, (Studienausgabe, Teil 2). Kap. V., Das Problem des Naturgesetzes, der irrealen Konditionalsätze und des hypothetischen Räsonierens; zur Unterscheidung der akzidentiellen Allaussagen und naturgesetzlichen Aussagen.

Die Theorien über soziales Verhalten, seien sie nun soziologisch, ökonomisch oder verhaltensbiologisch, erschleichen sich nur den Status naturgesetzlicher Aussagen, indem die Abstraktionstheorie, welche die Verhältnisse zwischen

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Protokollsätze (Schlick), Basissätze und den allgemeinen Sätzen der spezifischen Theorie (Popper) regelt, von den Basissätzen nicht mehr die nämliche Zeitbedingung zusammenhängender Erfahrung wie von den Protokollsätzen fordert, was die Bedingung ist, damit die allgemeinen Sätze mit ihrem rein logisch geregelten Verhältnis zu ihren Basissätzen Sätze einer empirischen Erfahrungswissenschaft sein können. In der Frage, was ein zusammengesetzter empirischer Satz bei Bolzano sein kann, irrt Bar-Hillel, nicht Popper: In einer endlichen Konjunktion von Sätzen reicht ein empirischer Satz aus, um eine empirische Aussage zu sein. Es wird vielmehr ausschließlich das Verhältnis von einseitig von der Theorie und deren allgemeinen Sätzen qualifizierte Basissätzen betrachtet und so eingerichtet, das es logisch möglich wird, die allgemeinen Sätze der Theorie als naturgesetzliche Aussagen zu behandeln, ohne mit der ausgeblendeten Qualifikation von Protokollsätzen zu Basissätzen einer bestimmten Theorie oder oberste allgemeine Sätze derselben (Axiome und Postulate) in logische Widersprüche zu geraten. Das ist um so eher möglich, ohne sofort in die Perspektive der logischen Untersuchung von Satzsysteme efahrungswissenschaftlicher Theorien als Problem aufzutreten, als daß Soziologie, Ökonomie und Verhaltensbiologie kaum imstand sind, die Bedingungen des zeitlichen Erfahrungszusammenhangs der Basissätze für komplexes soziales Verhalten zu erfüllen (behaupte, auch nicht der Behaviorismus), gerade weil schon die zusammenhängenden Aspekte der verschiedenen Ansätze deren verschiedenen Datensätze (Basissätze), und deren Auswahlkriterium der jeweiligen Theorie angehört, sodaß der kontinuierliche Erfahrungszusammenhang schon immanent theoretisch prinzipiell nicht mehr hergestellt werden kann. Bereits die Symbolik unserer durchschnittlichen Lebenswelt ist von einer literarischen Komplexheit, in der diskontinuierliche Übergänge und Zusammenhänge charakteristisch sind, und spontane Ballungen oder Verzweigungen Determinationen entstehen lassen oder zum Verschwinden bringen. Die Rekombination verschiedener Ansätze über den Menschen und seine Vergesellschaftung, die wissenschaftlich erst interdisziplinär geleistet werden muß, kann sozialpsychologisch hinsichtlich der Motive unserer Handlungen nicht auf die Kontinuität der physikalisch- öffentlichen Objektwelt zurückgeführt werden, sondern verlangt eine andere Art von Kontinuität, die ich zunächst für das Natur- und Sozialwesen mit dem Grundbedürfnis nach Sicherheit, schließlich für das Kulturwesen mit oder ohne Zivilisation (Weltbürgerlichkeit) mit der historischen Sinnstiftung identifiziert habe.

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Das ist der entscheidende Unterschied von soziologischen Theorien zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Theorie, die Ereignisreihen mit Ausgangsbedingungen notwendig verknüpft, die selbst der Natur der Ereignisreihe bzw. den Mitteln ihrer Deskription angehören.

Das historische und kultursoziologische Problem bleibt die bereits skizzierte philosophische Spannweite des bürgerlichen Liberalismus, der zwischen zunehmendem Gesellschafts- und Geschichtsverständnis einerseits und biologischer und mathematischer Naturwissenschaft und deren empiristischen, skeptisch-rationalistischen, metaphysisch-rationalistischen Naturphilosophie andererseits, immer wieder in verschiedenen kulturellen Konjunkturen als Vorstellung über den Menschen und der richtigen Gesellschaftorganisation Einfluß auf die Entwicklung der historischen und soziologischen Perspektive wie auf die kulturwissenschaftliche Dimension des naturwissenschaftlichen Denkens selbst genommen hat, und auf diese Weise geschichtsmächtig geworden ist. Die angesprochenen Konjunkturen sind nun historisch verschieden verursacht.

Erstens sind es die Kriege um Vorherrschaft und Kriege, um tributpflichtige Kolonialstaaten zu besitzen, welche das Geschichtsverständnis der politisch Mächtigen bestimmt hat.

Zweitens die ökonomische und die damit einhergehende soziale Entwicklung, welche ein weiteres Verständnis von Politik nach sich gezogen hat, das zuerst im Zentralstaat des aufgeklärten Absolutismus als geschlossene Formation der Staatsidee auftritt. Diese Fragen wurden im letzten Kapitel bereits ein erstes Mal skizziert.

Drittens die Religion und die Wissenschaft, die in der Neuzeit ouvert in Opposition getreten sind, obgleich die Traditionen der aristotelischen Erkenntnisphilosophie und der augustinisch-platonischen Willensphilosophie der Ordensphilosophien noch in der Neuzeit als Klammer fungiert haben, die beide Exhaltationen der Einbildungskraft in Verbindung zu halten vermochten. Es gelingt ab der Renaissance in den Kulturwissenschaften, die historisch vorzugehen beginnen, wie in der Naturphilosophie noch bis ins Neunzehnte Jahrhundert hinein, diese Klammer aufrecht zu erhalten, und beide richten sich gegen die Deutungshoheit der katholischen Kirche oder der Religion überhaupt. Noch in der Folge der Negationen des Theismus, des Deismus und des Pantheismus bis hin zum ausdrücklichen Atheismus ist diese Klammer zwischen Naturphilosophie und Willensphilosophie anhand der Idee der Mathesis im menschlichen Denken und in der Naturbetrachtung

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einerseits und in der Gestalt der historischen Sinnfindungsversuche des Menschen der Neuzeit andererseits zu bemerken.

Viertens ist die Ästhetik des Naturschönen und Kunstschönen und deren Stellung zur ökonomischen, theologischen und politischen Macht, deren Stellung zu den Themenstellungen des Monumentalen, der Idylle, der religiösen Verherrlichung Gottes oder der in der Beschäftigung mit der Antike wiederentdeckte Verherrlichung des Menschen als Ausdrucksmedium des Kulturwesens wie als Instrument des zuerst künstlerischen, dann kulturwissenschaftlichen Selbstverständnisses anzusehen, in welchen auf verschieden direkte oder akzendentielle Weise alle Quellen der Dynamik der Gesellschaftsentwicklung in die Darstellung einfließen. Die verschiedenen Positionen in der Topologie der Machtorganisation (Theologie, Politik, Ökonomie) setzen die Mittel und die Wirkung des Kunstschönen gezielt zur Beeindruckung und zur Beeinflußung des Staatsvolkes ein. Gleichzeitig erwächst aus der Ausbildung einer epochenspezifischen Auffassung des Kunstschönen und auch des Naturschönen für die Stände eine eigene Kultursphäre, die in einer hinreichend komplexen Gesellschaft die Deutungshoheit der zentralen Machtpole zu beeinspruchen, zumindest zu modifizieren beginnt. Das geht meiner Auffassung so weit, daß sich verselbstständigende Moden vom Kunstschönen und Weltanschauungensphilosophien als voneinander unmittelbar unabhängige Ausdrucksformen im Aufeinandertreffen die gesamtgesellschaftliche Dynamik kulturpsychologisch zu beeinflussen vermögen.

Zu den bereits genannten Quellen der gesellschaftlicher Dynamik kommt das Feld metaphorischer Ermöglichungen und die verstärkenden oder abschwächenden Synergien zwischen assoziativen Strängen von Vorstellungsfamilien im Zuge eines erweiterten, auch als deflationitisch zu bezeichnenden Rekonstruktionsversuches der Verhältnisse des gesellschaftlichen Rahmens und des individualpsychologischen Rahmens der Semantik im Horizont der wechselseitigen Interpretation oder Beeinflussung hinzu. Damit kann in Massengesellschaften die Verselbstständigung der Dynamiken der öffentlichen Meinung vorstellbar gemacht werden. Zu diesem Zweck postuliere ich Assoziationsstränge, die ein Potential aufgebaut haben, ins öffentliche Bewußtsein zu treten, dazu aber eine Reihe von Anlässen benötigen, um sich zum öffentlichen Thema zu verbinden (Meinong:

Wollenswert und Beiwert — der Beiwert wird zum neuen Wollenswert). Derart läßt sich eine einfache Erklärung anbieten, weshalb vergleichbare Ereignisse nicht immer vergleichbare Reaktionen im Publikum hervorrufen. Neben der Frage, was erzeugt und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit ist

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auch die Frage nach der Zusammensetzung und der näheren Art der Motiviertheit zu stellen.

e) Die Differenz der Dynamik der gesellschaftlichen Totalität und der Dynamik verschiedener Perspektiven im Kulturausdruck und in den Folgen

Der Aufriss der Gesellschaftsentwicklung aus den gesellschaftlichen Hauptpolen der Macht und den sich ausbildenden politischen Philosophien ist nicht ausschließlich mit der Dynamik aus der immer besser gelingenden Verbindung der Naturwissenschaften mit der Technik im Zusammenspiel mit der Dynamik der Wirtschaftsräume im Zeitalter des Kolonialismus und der politischen Umgestaltung des Reiches zum Nationalstaat zu begründen. Die Untersuchung ist auf die Dynamik zwischen Kulturgeschichte und Naturwissenschaft einerseits und Politik und Theologie andererseits zu erweitern. Die Dynamik des öffentlichen Raumes unterhält sowohl zu den Epistemen der institutionalisierten Polen der Macht wie mit den Epistemen des Kunstschönen als Kulturausdruck vielfältige Beziehungen, womit von einem philosophisch-ästhetischen Standpunkt ausgehend das Phänomen der Öffentlichkeit themenneutral charakterisiert werden kann.

Daß die Prägung der semantischen Gegenden im öffentlichen Raum nicht ausschließlich durch die, ihre Stellung zueinander und sich selbst verändernden Pole von theologischer, politischer und ökonomischer Macht sondern auch durch eine epochenspezifischen Auffassung des Kunstschönen und des Naturschönen motiviert ist, die ihrerseits eine Dynamik des Kulturwesens im Selbstwahrnehmungsversuch zwischen Avantgarde und Kollektivität besitzt, ist ein weiterer Hinweis darauf, was man als relativ eigenständige Kulturdynamik bezeichnen kann. Die von mir zunächst neutral betrachtete Möglichkeit zur Verselbstständigung einer Dynamik im öffentlichen Raum möchte ich als eigenes, formales Indiz verstehen. Der erste politisch relevante Definitionsversuch des Kulturwesens ist mit der abstrakten Abhebung der innerkulturellen Auffassung des Kunstschönen im Vergleich mit anderen Epochen und Kulturen gelungen. Diese differentielle Definition kann unter bestimmten einschränkenden Bedingungen auf Parallelkulturen ausgedehnt werden.

Die schon früher aufgezeigte Konstitution von Öffentlichkeit im Zuge der Ausbildung der politischen Institutionen und die Trennung von theologischer, dann von ökonomischer Macht muß demnach um die kultursoziologisch verzeichenbare Dynamik unseres Kulturwesens erweitert werden.

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Wie ich vorgestellt habe, bleiben wichtige Charakteristika der Ästhetik erhalten, die je nach Definition des genuin Ästhetischen des Schönen von Empfindungen (angenehm, unangenehm) zu unterscheiden sind, anschließend aber mit Gefühlen und Bedeutungen assoziert und verbunden werden. Ich gehe auch hier von einer gewissen kulturellen und kollektiven Prägung aus, die anhand des Kunstausdruckes selbst, durch interkulturelle Vergleiche und mittels großflächigen Theorien zu gesellschaftlichen Entwicklungen in diejenige Distanz geraten, die von der Perspektive des Bemerkens und Reflexiven zur Perspektive des Bestimmens und Reflektierenden überzugehen instand setzen soll.

In dieser kulturwissenschaftlichen Überlegung muß die Komplementarität der multilateral voneinander unterscheidbaren Kommunikationshorizonte, aber auch die Überlappungen, die jeweils spezifischen thematischen Auslassungen und Einlassungen, deren verschiedenen Zielsetzungen und die teils durch Unvollständigkeit der Vorstellungshorizonte oder deren Kommunikation und teils durch entstehende reale oder konzeptuelle Widersprüche sich einstellende Unzureichendheit berücksichtigt werden. Die Untersuchungen der semantischen Strukturiertheit der möglichen, die Aufmerksamkeit lenkenden Assoziationsstränge müssen zuerst unabhängig von der aktuellen Wahrscheinlichkeit, den näher ins Auge gefaßten Kreis relativer Öffentlichkeit zu besetzen, stattfinden. Allerdings wird die semantische Komplementarität und die logische Stringenz, die mit den untersuchten Themenstellungen allenfalls ins Blickfeld rücken können, häufig nicht zu den Motiven gehören, die in einer breiteren Öffentlichkeit als die der unmittelbar Verständigen die Aufmerksamkeit an sich ziehen. Daraus ergibt sich ein Maßstab für die Aufgeklärtheit einer Gesellschaft: Je häufiger Assoziationsstränge und Themenstellungen die öffentliche Meinung besetzen, die in kontinuierlicher und folgerichtiger Verbindung mit überprüfbaren Behauptungen und damit verbundenen Schlußfolgerungen stehen, um so eher wird eine affirmative Aktion (Rawls) oder eine demokratische Legitimation verlangende Entscheidung den Möglichkeiten unserer rechtfertigbaren Kenntnisse adequat sein. Darunter fallen eben nicht nur auf naturwissenschaftliche Basissätze rückführbare Bedeutungen. Schon die Untersuchung der Verhältnisse dieser Bedeutungen zur Sprache und zur Logik greift über die materielle Existenz hinaus. Die Selbstreferentialität wird im Kulturwesen des Menschen durch die Kollektivität der Kultur hindurch im Erfaßtwerden durch ein Kunstwerk oder in der Einsicht in eine Erfindung ausdrücklich, und zwar wie in den Bewußtseinstheorien der Urteilstheorien und deren psychologischen Postulate

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der Intentionalitätslehre oder in der Diskussion über justified Knowledge, die beide auf Sprache und Bewußtsein bezogen bleiben.

Die Untersuchungen, um die Verschiedenheit der Öffentlichkeit erzeugenden Kommunikationsstrukturen untereinander und von der Institutionalisierung der Kommunikation durch soziale Institutionen systematisch zu erörtern, können hier nicht weiter verfolgt werden, doch werden die dazu nötigen Untersuchungen immer mit der Frage zu tun bekommen, was nun unter Kollektivität im sozial bedeutsamen Verhalten und der sprachlichen, schriftlichen und bildlichen Kommunikation verstanden werden kann, das über die Auskunft hinaus geht, daß Kollektivität die semantische Voraussetzung ist, um Artefakte, Situationen und Maschinen gebrauchen zu können. Die spezifischen Arten der Kollektivität, die von den Kommunikationshorizonten der theologischen, politischen und ökonomischen Macht erzeugt wird, spiegeln sich idealisiert, verschoben, oder verzeichnet in den dazu komplementären Kommunikationshorizonten, welche die Öffentlichkeit des Kulturwesens am Leitfaden des Kunstschönen erzeugen. Letzteres verdichtet sich zu Moden und Weltanschauungsphilosophemen, die allerdings wieder von allen möglichen Quellen, also auch von der Kommunikation der gesellschaftspolitisch relevanten Machtpolen gespeist werden.

Die relative Anonymität des oligarisch werdenden globalen Kapitalismus prägt die epistemologisch relevante Kollektivität anders, als die politische Macht und deren Instituionen. Abermals anders verläuft die Prägung des öffentlichen Kulturwesens, die einerseits von den Produkten von Kunst, Design und Technik ausgeübt wird, andererseit sich im Nachvollzug des Erfinders oder des Künstlers im verständigen Gebrauchs des Artefakts, der dieses erst zur Maschine oder zum Kunstwerk werden lässt, einstellt. Die hier nur angerissenen Unterschiede der Prägungen hinsichtlich des durchschnittlichen Zielsetzungshorizonts und in der Wirkungsweise auf ein Individuum oder einer gemeinsam verständigen Gruppe stehen in innigem Zusammenhang mit der individualpsychologischen Fragestellung, inwieweit kollektive Vorstellungen und nicht hinterfragten Sinnstiftungsmechanismen bewußt werden können, unter welchen Umständen sie bewußt werden, und welche Folgen die Bewußtwerdung für das Individuum und seine kulturspezifische Gruppe besitzt. Schließlich wird ein großer Anteil der kollektiven Vorstellungen bereits vor der Kollektivierung bewußt gewesen sein, wie man dem ersten Abschnitt dieser Arbeit entnehmen kann: Das Zusammenwirken von erster Institutionalisierung der Sprache und zweiter Institutionalisierung der sozialen Organisationsformen setzt zumindest in der

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Konversion den Moment des individuellen Bewußtseins voraus, und zwar gleichgültig, ob es sich bei diesen Moment um ein bloßes Gewahrwerden, um ein verständiges Bemerken oder um einen willentlichen und absichtlichen Entschluß handelt.

Ein Resumée der versuchsweisen Zusammensetzung von kulturwissenschaftlichen, soziologischen und historischen Aspekten zeigt deutlich eine Entwicklung der politischen und kulturellen Idee von der Gesellschaft an, die das Menschenbild seit der Renaissance ins Zentrum rückt, und sowohl aus der Bevormundung durch die Kirche und dem Staat wie aus der Abhängigkeit von der Natur ein Stück weit geführt hat. Dabei drückt sich im Zentralstaat des aufgeklärten Absolutismus und dessen Idee einer allgemeinen Zweckrationalität noch die gesellschaftswissenschaftlichen Verkürzungen der Versuche aus dem Durchblick zwischen Individuum und Gattungswesen aus der Frühneuzeit durch, der jedoch eine erste wechselweise Bestimmung erlauben sollte. Die Verschiebung dieses Topos einer Frage nach dem Verhältnis von Individuum zur Allgemeinheit des Gattungswesens in den Topos der Frage nach der sozialen, kulturellen und historischen Identität, also in das Verhältnis von Individuum und Kollektivität macht nur die allmähliche Umprägung des Menschenbilds seit der politischen Theologie aus der Zeit der Reichgründungen sichtbar. Seit den letzten Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts führt die Fortführung des Nominalismus auf den Einzelfall zurück und wieder von der Überlegung der spezifischen Kollektivität des Bewußtseins des Kulturwesens des Menschen weg; und daß unter Bewußtsein immer ein individualisierender Akt und verallgemeinernder Akt zu verstehen sein wird, wenn Bewußtsein nicht mit dem Gewahrwerden der Perzeptionen identifiziert wird, hingegen zwischen belief und justified Knowledge diskutiert werden muß.

Alois Riegel zeigt in seinen kunsthistorischen Untersuchungen die Tendenz an, wie im Laufe der Betrachtung historisch aufeinander beruhenden Kulturepochen die zunehmende Präzision der Darstellung der räumlichen Verhältnisse mit der zunehmenden Individualisierung in den Menschendarstellungen in Verbindung steht. Er fügte entgegen Gottfried Sempers Auffassung, die Kunst würde durch das Verhältnis von Material und Technik bestimmt, noch das Kunstwollen hinzu, daß von einer gesellschaftlichen Gruppe getragen werde (Grundlegungen zu einer Geschichte der Ornamentik, von Alois Riegl. - Berlin : Siemens, 1893. - XIX, 346 S. : Ill.). Hier ist auch eine Verbindung zu Robert Zimmermanns Ästhetischer Philosophie festzustellen. Der Impressionismus im 19. Jahrhundert und der Impressionismus der Mumienporträs der römischen und nachrömischen

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Epochen in Ägypten stellt die Vorstellung einer strikten Verknüpfung von weiteren Epochenverläufen allerdings in Frage; in beiden Fällen scheint es sich um eine weitere Verbreitung von ursprünglich aristokratischen Moden in der wohlhabenden Mittelschicht zu handeln, die dort verändert worden sind, um anschließend von der Aristokratie wieder aufgenommen zu werden (Die spätrömische Kunstindustrie. 2 vols. 1) Die spätrömische Kunst-Industrie nach den Funden in Österreich-Ungarn im Zusammenhange mit der Gesammtentwicklung der bildenden Künste bei den Mittelmeervölkern. Vienna: K. K. Hof- und Staats-druckerei, 1901, 2) and Zimmermann, E. Heinrich, ed. Kunstgewerbe des frühen Mittelalters auf Grundlage des nachgelassenen Materials Alois Riegls. Vienna: K. K. Hof- und Staats- druckerei, 1923).

Also nicht nur die politische, ökonomische, naturwissenschaftliche und technische Entwicklung, die ich als die grundlegenden Quellen einer nachhaltigen gesellschaftsverändernden Dynamik ansehe, auch die kultursoziologisch verzeichenbaren Strata in der Semantik einer Kultur, die sich auf die Vorstellungen über das Individuum und dessen Vergesellschaftung beziehen, sind von entscheidender Bedeutung, um die Vorstellungen von Produktions- und Wirtschaftsorganisation zu entwickeln und kollektiv zu verbreiten. Diese Tendenz ist noch in der liberalen Soziologie und Ökonomie zu bemerken, allerdings wird damit schließlich nicht mehr das Individuum weiter bestimmt, sondern nur mehr genau bestimmbare Handlungsfolgen gegenüber genau bestimmten Umgebungen, die allein vom spezifischen sachlichen Erkenntnisinteresse aus gesehen werden. Dem Nominalismus auch in der Gestalt eines rationalen Konzeptualismus entschlüpft das Subjekt, das sich nicht auf Handlungen reduzieren lasst, und kann dessen Kontingenz nicht erreichen, denn die subjektive Kontingenz ist als variable Potentialität und Spontaneität aufzufassen. Mit der Verwissenschaftlichung der Lebenswelt wird das handelnde Subjekt selbst aus dem Diskurs um die Regel der Gesellschaft allmählich ausgeschlossen.

Die systematische Verknüpfung von Wissenschaft und Technik mit der Entwicklung der Industrialisierung befördert den ökonomischen Prozess, und ist die eine entscheidende Bedingung für die Entwicklung der Organisationsform der Gesellschaft überhaupt, die in der modernen Gesellschaft nur ausdrücklich wird. Die Tendenz zur politischen Emanzipation von der einseitigen Deutungshoheit der politischen Macht besitzt unmittelbar eine Wurzel im ökonomischen Prozess, der nach dem Feudalismus den Ständen ihr politisches Gewicht verleiht. Die ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung des Proletariats, die mit der industriellen

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Revolution grundsätzlich zugenommen hat, ist als eine der historischen Bedingungen anzusehen, daß die in unsere Kulturentwicklung eingelegte emanzipatorische Tendenz auch in der politischen Konzeptbildung an Gewicht zugenommen hat.

Schließlich darf nicht übersehen werden, daß gerade die Naturwissenschaften das Ergebnis einer Kulturentwicklung sind, die einerseits eine gewisse Politik- und Wirtschaftsentwicklung voraussetzen, aber nicht aus dieser von selbst entspringen (vgl. Riegl gegen Semper) und erst wieder in die Alltagspragmatik eingebracht werden müssen. Das wissenschaftliche Denken im allgemeinen und das naturwissenschaftliche Denken im besonderen war eine der Voraussetzungen, daß eine qualifizierte Minderheit sich vom Aberglauben in Religion und Politik befreien konnte. Anhand der Kunstgeschichte, aber auch anhand der Geschichte der Pädagogik und der Lehrpläne lässt sich bildungssoziologisch die Tendenz zur partizipatorischen Entwicklung des Menschenbildes in der kollektiven Kulturentwicklung nachzeichnen. Insofern ist der Schluß zu ziehen, daß die historisch- soziologische Evolution der Gesellschaft einen Strang der emanzipatorischen Dynamik erzeugt hat, die neben den bestehenden machtpolitischen und ökonomischen Faktoren immer wieder eine entscheidende Rolle bei deren Weiterentwicklung übernommen hat, die über die bloße Vermittlung hinausgegangen ist.

Ich schließe daraus, daß die bildungssoziologischen Bedingungen zur Ausbildung von rechtsstaatkonformen und demokratisch legitimierten politischen Institutionen eine philosophische und kulturpsychologische Dimension und eine naturwissenschaftliche und technische Dimension besitzen. Der Liberalismus kann explizit zur Idee einer demokratischen Verfassung gelangen, doch bleibt das revolutionäre Potential des Mittelstandes selbst zwischen Solidarität und Eigennutz in der Frage amphibolisch, welchen Ständen die Solidarität eigentlich gelte.

f) Historische Oligarchisierung und philosophische Naturalisierung als Ausdruck der modernen Fehlform des Gleichgewichts der Kräfte

Die politische Schwierigkeit des ausgehenden Achtzehnten und des Neunzehnten Jahrhunderts, die erst im Zwanzigsten nach Gewaltherrschaften einigermaßen bewältigt werden konnten, lag offenbar immer wieder darin, daß der Akkumulationsprozess der realen ökonomischen Macht institutionell immer weniger mit der politischen Institution übereingestimmt werden

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konnte, gleichgültig, welche politisch relevante Symbole kommuniziert worden sind. Die grundsätzlich damit verbundenen Schwierigkeiten sind nun schon seit der Patristik bekannt, als die Auseinandersetzung zwischen theologischer und politischer Macht um die Nachfolge des römischen Imperiums begonnen hat, das politische Geschehen zu beeinflussen. Auch hier hat sich ein Doppelsystem der Abhängigkeit bei gleichzeitiger Absetzbewegung zwischen universalisierbarer Legitimierung und der militärischen und ökonomischen Macht eingestellt, dessen Grundmuster bis ins Zwanzigste Jahrhundert von Bedeutung gewesen ist. Nunmehr rückt nach der politischen und nach der demokratischen Legitimation das ökonomische Interesse in die Stelle der Legitimation durch Sachzwang.

Mit der Umgestaltung zum Zentralstaat ist an der Problematik der Verschiebung und Reorganisation der ständischen Privilegien die grundlegende Uneinheitlichkeit der Vergesellschaftung in Hinblick auf ökonomische Grundlagen, Ausbildung und Bildung, Art des Beitrages zum Gesamtstaat, aber auch die unvermeidliche Dynamik verschiedener Interessenslagen und deren verschiedener Selbstinterpretationen ein erstes Mal zusammenhängend als Organisationsproblem deutlich geworden. Aber erst mit der gesamtkulturellen, näher rechtsphilosophischen und politischen Fähigkeit zum demokratischen Grundkonsens aller relevanten Stände wird die politische Philosophie konzeptuell instand gesetzt, zu begreifen, daß es zum Vorzug einer demokratisch verfassten Republik gehört, daß die ökonomische, die militärische und die politische Macht nicht in einer Institution zusammenfällt.

Die Demokratie als Bathos und als das Medium der Veränderung des vom aufgeklärten Absolutismus geplanten Zentralstaates (eine Übergangsform von Monarchie zur Diktatur) zur bürgerlichen Gesellschaft des Neunzehnten Jahrhunderts (Bürgerkaiser und Restauration) hat nach den Totalitarismen des Zwanzigsten Jahrhunderts als institutionelle Verfassung der Republik die Bedeutung und Funktion eines von der Ökonomie unabhängigen politischen Steuerungselementes erhalten, welches die politische Anpassungsleistung der bürgerlichen Gesellschaft an den Krisen der Industrialisierung und des Kapitalismus zu bewältigen hatte. Der strukturelle Grund der Internationalisierung der Beziehungen zwischen den Staaten liegt in der Bedeutung des Außenhandels für entwickelte Wirtschaften, der historische Grund war selbst ein pädagogischer, nämlich um den neuerlichen Zusammenschluß von elitärem Faschismus und Pöbelfaschismus wie in Deutschland zu verhindern. Außenpolitisch bedeutet das die Distanzierung von Bodin und die Bestätigung von Grotius.

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Der ökonomische Machtpol unterscheidet soziologisch sich von den unabhängigen politischen Gewalten der politischen Theorie darin, daß ersterer als Hochleistungsgesellschaft die von politischen Institutionen unabhängig werdende Ebene der Akkumulation erst erzeugt. Mag dergleichen Überhang zur Beschleunigung der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung hinsichtlich der Organsisationsleistung auch als nützlich erkannt werden, inzwischen gefährdet die Zunahme des Ungleichgewichts an ökonomischer Macht nicht nur die Grundlagen des Menschen als Kulturwesen, vielmehr werden schon die Grundlagen der Organisierbarkeit der Vergesellschaftungsprozesse des ökonomischen Gesamtsystems durch die Dynamik der Geldmengen des Finanzmarkts erodiert. Es scheint, als wäre aber gerade die Beschleunigung des Auseinanderklaffens von wirklicher ökonomischer Elite und den meisten Teilen des Mittelstands auch einer der Hauptgründe rascher Wachstumsperioden, auch hier vorwiegend des Finanzmarktes.

Meiner Auffassung nach zerstört der oligarchisch werdende Kapitalismus tendenziell den Zusammenhang der Gesellschaft und entrückt das Machtzentrum, das sich aus der Koordinierung der Interessen in den politischen Institutionen ergeben sollte, aus dem politischen Zentrum der Republik. Damit verliert die Politik sowohl durch die von der ökonomischen Macht eingeschränkte Machtausübung wie durch die öffentliche Wahrnehmung relativer Machtlosigkeit laufend an Vertrauen. Die Außenhandelspolitik nach Adam Smith beschränkt noch die überbordende Souveränität des politischen Machtzentrums gegenüber dem Bürgertum auch nach innen. Das ökonomische Doppelsystem von internationalem Finanzmarkt und internationalem Handel zwingt aber das produzierende und dienstleistende Unternehmertum mit der Kreditwirtschaft in einen Anpassungsprozess zweier Märkte, ob die Firmen nun Aktiengesellschaften sind, oder nicht. Damit wird mittels der Internationalisierung und Globalisierung der Wirtschaft die Souveränität des Staates grundsätzlich eingeschränkt, weil die nationalen Verhandlungen des politischen Machtzentrums mit den ökonomischen Machtzentren zusammen nicht genügend Einfluß auf die Rahmenbedingungen des Wirtschaftsprozesses besitzen.

Die Besitzer der überwiegenden Geldmenge kommen im politischen Prozess von Staaten als eigene Institution gar nicht vor, und scheinen so privat im bürgerlichen Rechtsstaat integriert, damit aber auch ihrer eigentlichen Rolle entkleidet und so entpolitisiert zu sein, obwohl sie ihre ökonomische Macht behalten. Das Private verkehrt sich so zur Illusion, welche die kollektiv und

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allgemein operationalisierbare ökonomische Macht verschleiert. Mit dem gesellschaftlichen Prototyp des Erfolgsmenschen wird das Wesen des Privaten auch kollektive auf die Fähigkeit, freier Wirtschafter zu sein, reduziert. Das Private entzieht sich jedoch der Öffentlichkeit. Auf diese Weise bleibt die ökonomische Macht im Grunde politisch anonym. Die relative öffentliche Anonymität der politisch relevanten ökonomischen Macht und die relative Durchsetzungsfähigkeit in eigenen Wirtschaftsorganisationen und in politischen Verhandlungen (Kammern oder Lobbying) beschreibt die Anonymität der oligarchischen Machtausübung in einem Rechtsstaat hinreichend als politische Unzurechnungsfähigkeit.

Der oligarchische Aspekt einer entwickelten Wirtschaft ist mit der Ausbildung eines demokratisch legitimierten Rechtsstaates insofern als historische Bedingung desselben darstellbar, weil die emanzipatorischen und partizipatorischen Tendenzen erst nach der institutionellen Trennung von politischer Macht und ökonomischer Macht nachhaltig an Einfluß gewinnen können, gerät aber in eine Dynamik, welche den Einfluß des Staates von der Frage der Verrechtlichung ausgehend in wirtschaftspolitischen Fragen die politischen Aufgabenstellungen auf die Rolle des Notars und auf Fragen der inneren und äußeren Sicherheit zurückzudrängen versucht (F. A. Hayek). Es droht das Privatrecht, welches auf Mein und Dein (Besitz und Eigentum) gegründet ist, auf Kosten des Staatsrechtes (öffentlichen Rechtes) übrig zu bleiben.

So tritt an Stelle der institutionellen Trennung der ökonomischen und der politischen Macht im Rahmen des bürgerlichen Rechtsstaates die Entwicklung einer gemeinsamer Terminologie in Deskription und Zielsetzung einerseits und bezüglich des Menschenbildes des erfogreichen Managers andererseits. Letzteres wird zunehmend von individuellen Karrierevorstellungen geprägt, die die jeweiligen internen und externen Zielsetzungen der jeweiligen Organisation noch im privatwirtschaftlichen Bereich zu überdecken beginnen. Diese Tendenzen sind sowohl als eines der relevanten Problemkreise zu beobachten, wie auch vor dem Hintergrund der Verzweigungen der ideologischen Varianten des bürgerlichen Liberalismus selbst auch historisch kritisierbar. Wir akzeptieren allem Anschein nach rational oder implizite durch Gewöhnung die gesellschaftsentwickelnden Input der ökonomischen Oligarchie, deren kognitiven und affektiven Akzeptanz ursprünglich durchschnittlich aus der Allianz gegen die Macht des Zentralstaates entsprungen ist. Kann aber ein internationaler politischer Apparat überhaupt demokratisch legitimiert werden, welcher die Schwäche des Staates gegenüber der Internationalisierung der Wirtschaft ausgleichen können soll?

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g) Tendenzen und Artefakte der Methoden

Die Artefakte der statistischen und kollektiven Betrachtungsart der Soziologie und Ökonomie können hingegen unabhängig von den offenen Fragen zu den relevanten politischen Institutionen als wissenschaftlicher Nachweis für die Unabwendbarkeit der Oligarchisierung der Organisation der politischen Macht durch die Naturalisierung der Gesellschaft mißverstanden werden. Insofern unterstützt der einseitige Begriff des wissenschaftlichen Denkens, der anhand des Nominalismus und aus den mathematischen Naturwissenschaften entstanden ist, kollektive mittelbar die biopolitische Philosophie, die auf der Ebene der Bedeutungen und der epistemischen Funktion deren Anlagerungswahrscheinlichkeiten den sachlich verschieden motivierten Naturalisierungen der analytischen Philosophie, der Verhaltensbiologie, der Verhaltensgenetik und der Neurologie eine fatale bildungssoziologisch verfolgbare Synergie geboten haben, über den Mittelbegriff der Naturalisierung die Tendenz der modernen Massengesellschaft zum Faschismus als kollektive Wahrheit anzusehen. Quines Identifizierung der Semantik einer Sprache mit Wissen begünstigt den bis zur Indifferenz gehenden Liberalismus gegenüber dem principium contradictionis. M. a. W., pragmatisch rationale Handlungen des alltäglichen Besorgens erscheinen logisch von wissenschaftlichen Theorien, welche die allgemeinen Prinzipien der technisch-praktischen Handlungen ausfindig machen, weder von einer rationalen Zwecksetzung noch vom logischen und wissenschaftstheoretischen Anspruch unterscheidbar, weil die Definition von Rationalität bereits vom Wissenschaftsbegriff der mathematischen Naturwissenschaft präformiert worden ist. Das ist nicht wissenschaftliche Rationalität, sondern schlechte Metaphysik, aber doch Philosophie. Schon die Identsetzung der Zwecksetzung von Alltagspragmatik und wissenschaftlicher Theorie, wie sie etwa Davidson an Riortys Wahrheitsbegriff als bloße Vereinbarung innerhalb von Sprachspielen kritisiert, ist nur in Hinblick der Rationalitätstypen unseres zweckgerichteten Handelns diskutierbar. Die Indifferenz hinsichtlich logischer Kriterien des Konzepts und Kriterien der Distribution wird zu deflationär.

Diese tendenzielle Defizienz jeder Sprachphilosophie, wird sie zur einzigen Grundlage in der Wahrheitsfrage genommen, hat seit der antiken Sophistik auch die moderne postanalytische Philosophie an sich, und gesellt sich in verschärfter Form zum klassischen Problem der Natur- und Willensphilosophie des Siebzehnten und Achtzehnten Jahrhunderts: Die Gesetzmäßigkeit der kontingenten Natur und die Kausalität unserer absichtlichen (setzenden) Handlungen. Die Idee der Mathesis in der ersten

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Frage nach Gesetzmäßigkeit, Determination und Wahrscheinlichkeit identifiziert mathematische Formen und Regeln in der Natur und mathematischen Formen und Regeln im Denken des Menschen in einem uneinsehbaren Moment des Denkens. Diese Identifizierung ist immer wieder der Aufgangspunkt der Diskussion der Affinität zwischen dem Subjekt und dem Objekt (Descartes in der objektiv gesetzten formalontologischen Terminologie des Christian Wolff) gegenüber der subjektiven Distanzbildung in der kritischen Skeptik gegenüber Wahrnehmen, Erfahren und Denken. Grundsätzlich: Die implizite Metaphysik der Idee der Mathesis konnte mit der modallogisch rechtfertigbaren Voraussetzung von der damit notwendigerweise verbundenen unbestreitbaren Möglichkeit geregelter Erfahrung bereits von Kant deontologisch kritisiert werden. Kant versteht das zuerst als Kritik an der unhinterfragbaren Setzung der unausgedehnten Intelligibilität des fragenden Subjektes (res cogitans bei Descartes) und dann als Kritik an der bloßen Setzung der Affinität von Subjekt und Objekt, wie Christian Wolff den Dualismus des Descartes von res cogitans und res extensa formalontologisch formuliert hat. Der transzendentale Idealismus Kants setzt die Affinität ebenfalls voraus, doch wird die Affinität transzendental exponiert und nicht analytisch vorausgesetzt.

Da in der Frage, was denn eine Theorie charakterisiert, die Erörterung der Einbildungskraft zu Gunsten der Diskussion axiomatischer Satzsysteme verdrängt worden ist, entfällt auch die sprachliche Möglichkeit der kritischen Erörterung dieser epistemisch relevanten Verdrängung der Differenz des passiven Erfahrung-Machens und des mit Konzepten Erfahrung-Anstellens zugunsten des mathematisch-naturwissenschaftlichen Rationalitätstypus. Der oftmals behauptete Ausschluß der Differenz von Entdeckungszusammenhang und Begründungszusammenhang reduziert schon im Rahmen des Wissenschaftsfortschrittes die Kenntnisse über Heuristik auf Fragen der Entwicklung technisch-praktischer Standart-Anwendungen. Schließlich: Die spezifische Struktur des Wissens ist nicht mit der logischen Behandlung von Satzsystemen allein beschreibbar. Weder die Bedeutung der Zeitbedingungen des Erfahrungsmachens in der verfließenden Zeit noch in der historischen Erfahrung bei der Anwendung von Theorien werden damit behandelt.

Hingegen wird die Affinität zwischen Sprecher und Empfänger unabhängig vom Problem der Perlukation als gewiss gesetzt, und, obwohl aus Kommunikation nicht zwingend die Gelungenheit der Vermittlung folgt, diese statistisch oder durchschnittlich angenommen. In den Cartesianischen Medidationen von Edmund Husserl wird das transzendentale Subjekt auf eine

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Intermonadologie der (rationalen) Kommunikation erweitert, insofern die Eröffnung einer Modifikation des metaphysisch normativen Gattungswesens in die Richtung des Benutzers einer »Logik der Situation« (später Popper) oder »physikalisch-öffentliche Sprache« (mittlerer Wittgenstein). Das führt zur Überlegung der Möglichkeit der Austauschbarkeit der grundlegenden Rationalität im sozialen und kommunikativen Verhalten. Von da aus bewegt sich die Reflexion der Kollektivität der Kommunikation innerhalb gewisser ungesättigter patterns (Rhemas), die gleichgültig ob axiomatisch oder kollektive, das Individuelle oder die Konstellation des Einzelfalls (Ereignis und Horizont) wieder verlassen, um bestimmte Prädikate oder Verhaltensformen als Reihe durchbestimmbarer Einzelfälle, die einer Regel unterworfen werden können, an die Stelle des Individuellen mit Beharrlichkeit und Gedächtnis zu setzen.

Vgl. Werner Flach, Thesen zum Begriff der Wissenschaftstheorie, Bouvier Verlag, Bonn 1979. Das korrelative Verhältnis der Wissensmomente der Intention, der Aufgabe, der Leistung, des Gehalts untereinander sei als eine Bedingungsreihe und das Wissen so als eine in und bei ihrer unbedingten (generellen) Geltungsstruktur veränderliche Aussage zu begreifen. Das ist der allgemeine Methodenbegriff (die erste Einsicht in das geltungsdifferent aufgebaute Wissen) (p. 44).

Die diffuse Verdrängung des allgemeinen Horizonts des Erfahrungmachens geht in die philosophischen Grundlagen des sich auf den Rationalitätstypus der mathematischen Naturwissenschaften konzentrierenden »linguistic turn« mit ein. Da nun die Gesellschaftswissenschaften im Zuge der Wissenschaftsentwicklung in den Sog der naturwissenschaftlichen Methodenfragen geraten sind, überträgt sich der Horizont der Methoden samt seinen Beschränkungen auf politologische und soziologische Fragestellungen, was die schon erörterten Folgen nach sich zieht.

Die abstrakte Perspektive einer umgestülpten »Soziologie« des Wissens als praktische Einübung in zueinander historisch gewordene Parallelen der sich verzweigenden Abfolgemöglichkeiten von Gemeinbilder der Methexis (Adorno) oder des externen Gedächtnisses (Kandl) innerhalb einer Sprache der jeweils Verständigen bleibt bei verschiedenen horizontal (themenzentriert bzw. inhaltlich) zu bedenkenden Fassungen stehen. Die logozentrische, nach dem Vorbild der mathematischen Naturwissenschaften und der mathematischen Logik entwickelte Auffassung von Theorie entkommt konzeptuell allerdings nicht den Alternativen der Bestimmung von Grenzwerte zur Aussteuerung eines erträglichen status quo und einer Großtheorie zur eindeutigen Bestimmung der Dimensionen dieser Grenzwerte

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und der quantitativen Festlegung der Grenzwerte selbst. Allein in diesem Ausschnitt wird schon deutlich, daß die Interpretation der Idee der allgemeinen Zweckrationalität immanent nicht eine einfache Frage nach der besseren Theorie sein kann, sondern bereits extern aus der sachlichen soziologischen Perspektive das Ungleichartige zusammenzusetzen hat.

Allerdings bedarf die Verwaltung von wirtschaftlichen wie von politischen Institutionen auch allgemeiner Regeln, die man sich von der Anwendung wissenschaftlicher Rationalität erwartet. In beiden Horizonten, dem der sachlichen Abwägung und dem der politischen Abwägung ist es entscheidend, inwieweit verhindert werden kann, die doppelte Kontingenz des Politischen zu verfehlen, die darin liegt, daß es sich letztendes erstens immer um das einzelne Individuum handelt, das eben eine individualpsychologische und eine kulturpsychologische, schließlich eine kultursoziologisch beschreibbare Dimension über die Reihen von produzierten Handlungsfolgen hinausgehend besitzt, und daß zweitens sowohl das Individuum wie seine kollektiven Institutionen eine historische Ausdehnung besitzen, welche sowohl institutionssoziologische wie kollektive Mechanismen ausbilden, die sich evolutionär mit wünschenswerten und nicht wünschenswerten Synergien entwickeln. Die historische Ausdehnung zieht nicht nur eine Bindung nach sich, wie Max Weber die Wertbeziehung in die Soziologie einführt, sondern kann auch eine Verschiebung oder Beendigung einer Wertbeziehung nach sich ziehen, ohne daß eine explizite Wertanalyse stattfinden hätte müssen.

Trotz der Kollektivität des semantischen Raumes und seiner Gegenden kann eine individuelle Entscheidung als Ursache der Verschiebung oder Selektion zugrunde liegen. Letztenendes bedarf es immer einer individuellen Zustimmung, sei es passives Geschehenlassen, Konversion aus Gewöhnung oder absichtliche Entscheidung. Aus der Kontingenz des Historischen sind immer zwei Folgen zu ziehen: Die Struktur bestimmt die Wahrscheinlichkeit der Verbindung, und die Spontaneität der Herstellung der Verbindung bleibt, wenn sie als solche allein durch die Verbindung als bloße Gelegenheit gedacht werden soll, ein unterbestimmter Einzelfall. Politik und Wissenschaft haben aber zumindest eines gemeinsam: Sie geschehen nicht ohne individuelle Spontaneität, welche Gelegenheiten für bereits gefasste Absichten sucht.