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Woher kommt das Thomas-Evangelium?

Das Thomas-Evangelium gibt es wirklich. Es ist wohl identisch mit dem sogenannte
n "Jesus-Evangelium" aus dem Film "Stigmata".
Es handelt sich dabei um eine sogenannte pseudepigraphe Schrift aus dem zweiten
Jahrhundert nach Christus. Sie stammt laut Prolog aus der Feder eines Didymos ("
Zwilling") Judas Thomas. Hiermit ist wohl der Apostel Thomas gemeint. Das Wort "
pseudepigraph" bedeutet, dass der Autor diesen Namen nur vorgegeben hat, um sein
er Schrift eine größere Akzeptanz zu verleihen.
Man fand das Thomas-Evangelium im Winter 1945/46 in einem mittelägyptischen Dorf
namens Nag Hammadi in einem großen Tonkrug als Bestandteil von 13 originalen Pa
pyrusbüchern, eingehüllt in Ledersäckchen. Sie stammen aus dem 2. Jahrhundert n.
Chr. Die Bücher kamen je zur Hälfte ins Koptische Museum nach Kairo und in das
C.G. Jung-Institut nach Zürich. Es ist wohl kein Zufall, dass Carl Gustav Jung d
em Okkultismus, Spiritismus und der Gnosis gegenüber sehr aufgeschlossen war und
das "Thomas-Evangelium" heute im Esoterik- und New-Age-Bereich großen Anklang f
indet.
Bei der Gnosis ("Erkenntnis") handelt es sich um eine frühe Bewegung des 2. und
3. Jahrhunderts n. Chr., in der auf mystische Art und Weise eine tiefere religiö
se Erkenntnis angestrebt wurde. Selbsterlösung durch tiefere Erkenntnis war der
Weg aller gnostischen Strömungen und schon von diesem Ansatz her der Botschaft J
esu entgegengesetzt.
Jesus sprach dagegen von der Erlösung durch sein stellvertretendes Opfer am Kreu
z, weil kein Mensch in der Lage ist, sich selbst durch noch so große Anstrengung
zu erlösen. Gnade, nicht religiöse Höchstleistung das war die großartige Botsch
aft Jesu und unterscheidet sie von allen Religionen - und eben auch von gnostisc
hem Gedankengut.

Typisch für gnostisches Gedankengut ist der Anspruch des Thomas-Evangeliums auf
angeblich "geheime Worte Jesu", die in diesem Werk enthalten sein sollen. Diese
Form der geheimen Mitteilung entspricht aber so gar nicht der klaren und offenen
Art Jesu. Er wollte, dass durch ihn und seine Jünger (Apostel) das Evangelium v
on der Gnade und Vergebung in aller Welt deutlich und unmissverständlich verkünd
igt wird (siehe z.B. Matthäus 7,24-28; 28, 19f; Markus 1,15; Markus 2,17). Gerad
e weil seine Zuhörer nur allzu gut verstanden, was Jesus meinte und dass er z.B.
ihre heuchlerische Religiosität an den Pranger stellte, rief er entweder ungete
ilte Zustimmung oder brutalen Widerstand hervor, der letztlich seine Kreuzigung
verursachte.
Von einer Geheimlehre, die zu höherer Erkenntnis führt als das "normale" Evangel
ium, ist in den anderen Evangelien kein Hinweis zu finden. Die gnostischen Aussa
gen des Thomas-Evangeliums wie z.B. die, dass der beharrlich Suchende am Ende al
s "König des Alls" hervorgehen wird (und den Menschen damit letztlich in den Ran
g Gottes erhebt, stehen im fundamentalen Widerspruch zum Gottes- und Menschenbil
d des Alten wie des Neuen Testaments. Der Mensch und seine Erkenntnis werden im
Thomas-Evangelium stark in den Mittelpunkt gerückt, was das Gegenteil des eigent
lichen Evangeliums bedeutet: der Mensch soll sein egoistisches Ich ablegen, um s
ich ganz von Christus und nicht von seinem eigenen Willen leiten zu lassen (Luka
s 9,23-26).
Das Neue Testament lehrt, dass durch Jesus ein für allemal der eine Weg zu Gott
offenbart worden ist und bezüglich des Heils des Menschen und seiner Versöhnung
mit Gott keine zusätzliche Offenbarung oder Prophetie mehr erfolgen wird (siehe
u.a. Matthäus 21,33ff; Johannes 14,6; Apostelgeschichte 4,12; Judas). Das Thomas
-Evangelium enthält dagegen mit der Bibel völlig unvereinbare neue theologische
Inhalte, etwa den in der Frage erwähnten Pantheismus ("Gott ist identisch mit se
iner Schöpfung und in allem Geschaffenen zu finden").
Deshalb muss das Werk - trotz vieler inhaltlicher Parallelen - insgesamt als ver
fälschte Lehre Jesu angesehen werden. Jesus, Paulus und Johannes warnen einheitl
ich vor solcher Lehre (Matthäus 24,11+23f; Kolosser 2,8; Galater 1,6-9; Offenbar
ung 2,6+15; 1.Korinther 5,9ff). Da im Gegensatz zu den anderen Evangelienfunden
(deren Relevanz für die Gemeinde durch eine weite Verbreitung in der frühen Chri
stenheit belegt sind) überhaupt nicht nachgewiesen werden kann, dass der Text au
s der Zeit Jesu stammt und eine vertrauenswürdigere bzw. eine authentischere Auf
zeichnung seiner Reden enthält, steht den anderen neutestamentlichen Evangelien
eine wesentlich größere Vertrauenswürdigkeit zu.
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