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Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A.

(2001) Environmental Psychology 1

Kapitel 1

Warum Umweltpsychologie studieren?

Unsere Umwelt ist ein empfindlich ausbalanciertes System, das leicht verletzt
oder zerstört werden kann: Wenn wir einen Teil unserer Umwelt ändern, können
sich auch andere Teile verändern mit unbeabsichtigten oder gefährlichen Folgen.

1960 erstmals Beschäftigung mit Umweltfragen/-problemen

Umweltpsychologie beschäftigt sich mit Umwelt auf 2 verschiedenen Ebenen:

1. Einfluß der Umwelt auf das Verhalten


verleiht unseren Stimmungen und unserem Verhalten Bedeutung
bestimmt unsere Verhaltensmöglichkeiten  Affordanzen
beeinflußt unser Verhalten und unsere Stimmung
versorgt uns mit unserem Grundbedarf zum Leben wie Nahrung, Wasser
und Luft zum atmen
 Umwelt als Kontext von Verhalten

2. Konsequenzen von Verhalten auf die Umwelt


 Umweltprobleme wie Verschmutzung, Recycling und Ökosysteme

Verhalten Umwelt

Umweltpsychologie ist mehr als nur eine auf Umweltprobleme angewandte


Disziplin, sie beschäftigt sich auch mit grundlegenden Modellen/Theorien
menschlichen Verhaltens.
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Was ist Umweltpsychologie?

Definition: Umweltpsychologie ist das Studium der molaren Beziehungen


zwischen Verhalten und Erfahrung und gebauten und natürlichen Umwelten.

Charakteristika von Umweltpsychologie

Unterschiede zwischen Umweltpsychologie und anderen psychologischen


Fachbereichen in Bezug auf
 die Untersuchungs-Perspektive
 die Art der untersuchten Probleme/Settings

Settings: meist naturalistische Feldstudien von Verhalten in gebauten und


natürlichen Umwelten

Untersuchungsgegenstände: menschliches Handeln in Abstimmung auf die


normalen und gestörten Merkmale dieser Settings

1. Holistische Betrachtungsweise: Die Umwelt-Verhaltens-Beziehungen


werden als Einheit untersucht. Entsprechend dem Grundsatz der
Gestaltpsychologie “Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile“ werden
Stimuli und ihre Wahrnehmung bzw. Reaktionen darauf nicht als getrennte,
geschlossene Komponenten betrachtet, die unabhängig voneinander studiert
werden können. So fließen z.B. in die Stimulus-Wahrnehmung vergangene
Erfahrungen des Betrachters, seine Fähigkeit, Landschaften zu strukturieren,
auditorische und olfaktorische Assoziationen und persönliche Charakteristika
mit ein. Die Umwelt kann nicht getrennt vom Verhalten und Verhalten kann
nicht getrennt von der Umwelt untersucht werden, ohne daß wertvolle
Informationen dabei verloren gehen.

2. Untersuchung der wechselseitigen Beziehungen (Interrelationships)


von Umwelt und Verhalten. Die Umwelt beeinflußt und erzwingt Verhalten,
Verhalten wiederum führt zu Veränderungen in der Umwelt.

3. Umweltpsychologische Forschung ist angewandte und


Grundlagenforschung zugleich. Umweltpsychologie ist auf die Lösung von
praktischen Problemen ausgerichtet, viele Inhalte und Theorien sind jedoch
von solch angewandter Forschung hergeleitet.

4. Umweltpsychologie ist ein interdisziplinäres und internationales


Forschungsgebiet. Das Studium der Effekte der physikalischen Umwelt
(Lärm, Hitze, Raum) auf das Verhalten ist relevant für Industrielle, Juristen,
Architekten, Stadtplaner etc.. Die Änderung umweltschädlichen Verhaltens ist
letztendlich für jeden Menschen von Bedeutung. Der Bedarf für eine solche
interdisziplinäre Perpektive spiegelt sich im Anwachsen benachbarter
Disziplinen wie urbane Soziologie, behaviorale Geographie, urbane
Anthropologie und Erholungs- und Freizeitplanung.

5. eklektische Methodologie (vielfältige Mischung von Methoden)


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Forschungsmethoden der Umweltpsychologie

Experimentelle Forschung:

Einzige Methode, mit der kausale Effekte nachgewiesen werden können. Dies
geschieht durch systematische Variation einer unabhängigen Variablen
und Messung der Effekte auf eine oder mehrere abhängige Variablen. Um eine
hohe interne Validität zu erzielen, sollten andere (Stör-)Variablen konstant
gehalten werden und die Versuchsteilnehmer zufällig den experimentellen
Gruppen zugeteilt werden. Nur so können Unterschiede in der abhängigen
Variable mit Sicherheit auf Unterschiede in der unabhängigen Variable
zurückgeführt werden.
Experimentelle Methoden können sowohl in Labor- als auch in Feld-Settings
angewandt werden. Im Feld ist die Manipulation und Kontrolle von Variablen
allerdings schwieriger.

Aufgrund ihrer Nachteile dominieren experimentelle Methoden nicht in der


Umweltpsychologie:

 durch den hohen Grad an Kontrolle wird eine künstliche Situation


geschaffen, die die Integrität des Settings zerstört. Die Befunde lassen sich
weniger gut auf die reale Welt generalisieren, d.h. sie haben eine geringe
externe Validität
 die notwenige Kontrolle läßt sich meist nur für kurze Zeit aufrechterhalten,
so daß nur kurzfristige Effekte überprüft werden können. Die meisten
umweltbedingten Effekte zeigen sich aber erst nach langer Zeit

Wenn experimentelle Feldstudien aufgrund eines zu hohen Aufwands oder


fehlender Kontrolle nicht durchführbar sind, sind Simulationsmethoden eine
Alternative. Durch das Simulieren grundlegender Elemente eines naturalistischen
Settings im Labor können das Wirklichkeitsgefühl und damit die externe Validität
gesteigert werden.
Bsp.: Untersuchung des Einflusses der Straßenführung auf das menschliche
Befinden und Verhalten.
An Stelle komplizierter Computer-Simulationen können auch Dias oder Fotos
verwandt werden ➨ Vorteile: sie können leicht einer großen und kleinen Gruppe
präsentiert werden, sind billig zu produzieren und zu erhalten und eine große
Auswahl von Szenen kann zu einem Zeitpunkt gezeigt werden

Korrelationsforschung:

Bei dieser Methode manipuliert der Forscher nicht Aspekte von Situationen und
die Versuchsteilnehmer werden nicht zufällig verschiedenen Bedingungen
zugeteilt. Die Beziehung zwischen natürlich auftretenden Situations-Variationen
und anderen Variablen wird durch sorgfältige Beobachtung abgeschätzt.

Nachteile:
 Es können keine Aussagen über Kausalzusammenhänge gemacht werden.
Da die Tn nicht zufällig den verschiedenen Bedingungen zugeteilt werden,
besteht die Möglichkeit, daß der beobachtete Zusammenhang zwischen den
Variablen von einer dritten Variable verursacht wird.
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 Ebenso kann keine Aussage über die Richtung der Beziehung zwischen den
Variablen gemacht werden (welches die vorausgehende und welches die
nachfolgende Variable ist)
 geringe interne Validität

Vorteile:
 viele der untersuchten Umweltbedingen können nicht experimentell
manipuliert werden bzw. es wäre unethisch, das zu tun
 da in die natürlichen Bedingungen nicht eingegriffen wird, ist Künstlichkeit
kein Problem und die Generalisierbarkeit – die externe Validität – ist größer

Was für Korrelationsstudien werden von Umweltpsychologen duchgeführt?

a. Beziehung zwischen natürlich auftretenden Umweltveränderungen (z.B.


Naturkatastrophen) und Verhalten der betroffenen Personen
b. Zusammenhang zwischen Umweltbedingungen und Archiv-Daten (z.B.
Beziehung zwischen Wohndichte und Kriminalitätsrate)

Deskriptive Forschung:

Deskriptive Methoden beschreiben Charakteristika oder Reaktionen, die in einer


bestimmten Situation auftreten. Hauptanforderung ist, daß die Messungen valide
(sie sollten das messen, was sie zu messen vorgeben) und reliabel (stabil) sind,
Unter diesen Bedingungen können wir davon ausgehen, daß die Ergebnisse eine
akkurate Repräsentation der Realität darstellen.

Deskriptive Techniken werden in der Umweltpsychologie häufiger als in anderen


bereichen der Psychologie benutzt. Das hängt damit zusammen, daß deskriptive
Techniken benötigt werden, um zunächst Verhalten(-smuster), die in einem
Setting auftreten, zu beschreiben, bevor es weitergehend erforscht werden kann.

Wichtige Typen deskriptiver umweltpsychologischer Forschung:


 Umweltqualitätseinschätzungen
 Nutzerzufriedenheit-Studien (Bedürfnisse, Lebensqualität, Zufriedenheit)

Behavior Setting: Nach dem Konzept des Behavior Setting rufen öffentliche
Plätze (z.B. Kirchen) oder Anlässe (z.B. Auktionen) ein eigenes, typisches
Verhaltensmuster hervor. Die umfangreichste deskriptive Forschung zu diesem
Konzept stammt von Roger Barker.

Datenerhebungsmethoden:

Selbstberichte: Der naheliegendste Weg, Stimmungen, Gedanken,


Einstellungen und Verhalten zu messen, liegt in der Befragung der Vpn mittels
Interviews, Fragebögen oder projektiven Techniken.

Vorteil: direkte Messung


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Nachteile:
 die Personen müssen sich über die befragten Dinge bewußt sein
 die Messungen werden von den Interpretationen der Tn beeinflußt:
● Einfluß der Meinung auf die Umsetzung von Maßnahmen
● unterschiedliche Interpretation von Fragen und Antworten (z.B. haben
Männer und Frauen unterschiedliche Auffassungen vom Begriff
„überfüllt“: zu viele Menschen vs. zu wenig Platz)

Diese Verzerrungsmöglichkeiten können aber durch Normierung bzw.


Standardisierung von Fragebögen minimiert werden. Dazu wird das
Meßinstrument an verschiedenen Stichproben getestet und daraus Normwerte
für das typische Antworten dieser Stichproben abgeleitet. Vergleicht man dann
die Antworten einer untersuchten Stichprobe mit den Normwerten, erhält man
wichtige Informationen zur Einschätzung der Meßwerte.

Instrumente

Fragebögen:

Vorteile:
 leicht zu verwalten
 relativ billig zu produzieren und zu verteilen
 erfordern wenig Fähigkeiten vom Erheber
 viele Personen können gleichzeitig getestet werden
 die Anonymität kann gewahrt werden

Nachteile:
 es erfordert viel Erfahrung und viele Validierungsstudien, um einen guten
Fragebogen zu konstruieren
 verfälscht Antworten (z.B. soziale Erwünschtheit)

Interviews:

Vorteile:
 Unstimmigkeiten in den Antworten können geklärt werden und Antworten
erweitert werden
 Personen sagen im mündlichen Interview eher die ehrliche Meinung als in
schriftlicher Form

Nachteile:
 teurer und zeitaufwendiger (e kann jeweils nur 1 Person zu einem
Zeitpunkt interviewt werden)
 Teilnahmebereitschaft ist geringer als bei Fragebögen
 die Konstruktion von Fragen und Antwortkodierungen erfordert Erfahrung
und Fähigkeit

Cognitive Mapping: (s. Kap. 3)


Liefert dem Forscher wertvolle Informationen über die Kodierung räumlicher
Informationen
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Beobachtungstechniken:

Die direkte Verhaltensbeobachtung ist nach dem Fragebogen die zweithäufigst


angewandte Methode in der Umweltpsychologie.
Es gibt viele verschiedene Formen von Verhaltensbeobachtung, angefangen von
einer formlosen Beobachtung einer Umgebung über Berichtaufzeichnungen
darüber, was gesehen wird bis zur strukturierten Beobachtung, bei der
Bereiche des Settings vorher ausgewählt und einzelne Verhaltensweisen auf
speziellen Kodierungsbögen festgehalten werden.

Vorteile von Beobachtungsmethoden:

 es kann dabei Wissen aus 1. Hand über die Art und Weise, wie Menschen
sich in natürlichen Settings verhalten, erworben werden
 auch unbewußte Handlungen können erfaßt werden
 sie können ohne das Wissen der Tn angewandt werden, so daß eine
Verfälschung/Verzerrung der Reaktionen durch das Wissen, beobachtet zu
werden, ausbleibt

Nachteile:

menschliche Fehler beim Kodieren von Verhalten:


 Verwechslungen/Fehlinterpretationen des beobachteten Verhaltens
 Unfähigkeit, alle Aktivitäten festzuhalten(zu schnell)
 zeitabhängig und -aufwendig

Einige dieser Nachteile können durch Hilfsmittel verringert werden, z.B. durch
das Benutzen einer Videokamera oder durch das Anbringen von versteckten
Detektoren unter Sitzplätzen etc..

Behavior Mapping:

Mit dieser Technik können die Handlungen von vielen Menschen in einem
bestimmten Raum zu spezifischen Zeiten genau aufgezeichnet werden. Nachdem
das Untersuchungsgebiet definiert ist (z.B. eine Krankenhausstation,
Klassenzimmer), hält der Beobachter zunächst seine Eindrücke vom Verhalten,
das im Setting auftritt, in Form von Notizen oder Band-Aufnahmen fest Auf Basis
dieser Informationen werden Verhaltenskategorien gebildet und auf einem
Kodierungs-Formular aufgelistet. Mit Hilfe solcher Formulare können dann die
auftretenden Handlungen in diesem Gebiet aufgezeichnet werden.

Aufgabenerfüllung

In einigen Studien ist der Einfluß von Umweltbedingungen wie intermittierender


Lärm, Isolation, hohe Dichte und thermische Extreme auf die Leistungsfähigkeit
von Interesse. Die Aufgaben sollen z.B. die Geschicklichkeit, Auge-Hand-
Koordination, die kognitive Leistung oder die Frustrationstoleranz erfassen.
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Spuren messen

Auch physikalische Spuren als Beweisstücke für spezifische Tätigkeiten können


benutzt werden, um die Effekte verschiedener Settings einzuschätzen.
Erosionsmaße weisen darauf hin, daß etwas weggenommen oder abgenutzt
wurde (z.B. Abnutzungsspuren auf einem Teppich). Zuwachsmaße zeigen an,
daß etwas zurückgelassen wurde (z.B. Fingerabdrücke auf einer Vitrine).

Maße auswählen

Die Wahl des Meßinstrumentes hängt vor allen Dingen vom


Untersuchungsgegenstand ab: Zur Messung von Erregung sind z.B.
physiologische Maße am besten geeignet, die mit selbstberichteten
Stimmungsmaßen und Verhaltensmaßen kombiniert werden können. Wenn das
Verhalten die Schlüsselvariable ist, sollten Beobachtung und Selbst-Bericht
genutzt werden.
Aber auch Kosten und das Vorhandensein von Instrumenten beeinflussen
die Auswahl.

Grundsätzlich sollten in der Umweltpsychologie Meßtechniken verwandt werden,


die sich auf die gestellten Fragen beziehen, die das Setting so wenig wie möglich
stören und die es erlauben, reale Menschen in realen Umwelten zu studieren.
Dies wird z.B. in Feldstudien mit kombinierten Maßen oder durch integrative
Studien aus Labor-, Feld-, und Archivdaten erreicht.

Ethische Überlegungen zu umweltpsychologischer Forschung

Die American Psychological Association (APA) und die Behörden haben Standards
zum Schutz der menschlichen Forschungsteilnehmer erlassen.
Für umweltpsychologische Forschung sind insbesondere zwei Punkte relevant:

1. Informierte Zustimmung
Wann immer möglich, sollten Untersuchungsteilnehmer über alle Aspekte
eines Forschungsprojektes informiert sein, so daß sie entscheiden können, ob
sie daran teilnehmen möchten oder nicht. Es wird angenommen, daß beim
Fehlen solcher Informationen die Wahlfreiheit eingeschränkt wird.
Aus Forschungsgesichtpunkten ist eine informierte Zustimmung aber nicht
immer möglich oder wünschenswert.
Es ist z.B. unmöglich, geistig behinderten Menschen oder Kindern eine hoch
technische Studie zu erklären. Und viele Feldstudien müssen unauffällig
durchgeführt werden, damit das Wissen der Teilnehmer die Ergebnisse nicht
verzerrt.
Bevor ein Forscher eine solche Studie durchführt, muß er die möglichen
Einschränkungen des menschlichen Wohlergehens und der menschlichen
Würde gegen den Wert des Experiments abwägen.
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Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist, ob Menschen, die ohne


ihr Wissen an einem Experiment teilgenommen haben, später über die Studie
aufgeklärt werden sollen.
Manche Menschen könnten dadurch sensibilisiert werden und eine ziemlich
besorgniserregende Furcht davor entwickeln, erneut unwissentlich an einem
Forschungsprojekt teilzunehmen. Auf der anderen Seite hat der Teilnehmer
ein Recht darauf, über Ziel und Inhalt der Untersuchung informiert zu
werden.

2. Eindringen in die Privatsphäre


Da Menschen in öffentlichen Settings realisieren, daß sie unter informeller
Beobachtung von anderen stehen, meinen die meisten Forscher, daß eine
formale Beobachtung nicht mehr bedrohlich ist.
Wenn Tn sich jedoch bewußt werden, daß sie beobachtet werden und sich
entscheiden, nicht daran teilnehmen zu wollen, sollte der Forscher ihnen ein
alternatives Gebiet zeigen, das nicht beobachtet wird.
Es ist die Aufgabe jedes Forschers, darüber zu urteilen, wann Verhalten in
den öffentlichen und wann in den privaten Bereich fällt und ethische
Überlegungen gegen Validitätsfragen abzuwägen.
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Kapitel 2

Die Natur und die Natur des Menschen

Einführung

Definition von „Natürlichkeit“

verschiedene Ansätze:
● Abwesenheit von Menschen/menschlichen Eingriffen in die Natur
● natürliche vs gebaute Umwelten
● Anwesenheit diskreter natürlicher Elemente wie Vegetation und Wasser

Assoziationen mit natürlichen Gebieten (Bixler & Floyd, 1997):


● Furcht (z.B. vor Schlangen oder Bären)
● Ekel (schmutzig sein)
● Fehlen von Komfort

Menschliche Natur/Charakteristika von Menschen:

Selbst „primitive“ Gesellschaften nutzen Feuer, stellen Kleidung her und bilden
Unterkünfte. Liegt es in der Natur des Menschen, seine Umgebung zu verändern?

Sind unsere Reaktionen auf Natur automatisch und bei allen Menschen gleich
oder sind sie das Ergebnis unserer individuellen Lerngeschichte und Kultur?

 Kontroverse zwischen Nativismus und Empirismus

Werte und Einstellungen

Einstellung:

Tendenz, eine Entität wie ein Objekt oder eine Idee in positiver oder negativer
Weise zu bewerten (Eagly & Chaiken, 1993)

Einstellungen basieren auf affektiven (Gefühle), behavioralen (Handlungen)


und kognitiven (Gedanken) Komponenten (Baron & Byrne, 2000, Taylor et al.
2000)

Einstellungen können nicht direkt beobachtet werden, sondern müssen aus dem
Verhalten erschlossen werden.

Werte:

breiteres Konstrukt als Einstellung: Standards, Kultur, Religion

spezifische Einstellungen entwickeln sich innerhalb eines normativen, wert-


basierten Kontextes
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Die wechselnde Bedeutung von Natur in der Geschichte

Die Bewertung von Natur ist stark von Kultur und Mode beeinflußt.

Im Mittelalter dominierte eine ablehnende Haltung gegenüber der Natur. Dies


beruhte auf dem verbreiteten christlichen Glauben, daß die einsame Wildnis das
Land des Elends ist, in das wir aus dem Garten Eden verbannt wurden.
Ausnahme: Franz von Assisi.

Während der Periode der Aufklärung veränderten sich die Einstellungen der
Europäer. Teilweise angetrieben durch wissenschaftliche Entdeckungen, wurden
Natur-Phänomene als komplexe und erstaunliche Manifestationen Gottes Willen
angesehen. Ende des 16. Jh. waren Europas Intellektuelle zunehmend fasziniert
von der Natur. Diese Einstellung beschränkte sich allerdings auf privilegierte
Stadt-Bewohner, die sich nicht eng mit den Gefahren ungezähmten wilde Lands
auseinandersetzen mußten.

Die Einstellungen europäischer Siedler in Amerika waren stark utilitaristisch. Um


zu überleben, mußten sie die amerikanische Wildnis bezwingen.
Puritanische Siedler von Neu England fanden sich in einer bedrohlichen
Umwelt mit rauhen Wintern und dürftigem Boden wieder. In Kombination mit
ihrer konservativen religiösen Tradition veranlaßte das die Puritaner, die Wildnis
um sich herum als feindselige, bedrohliche Landschaft, die von Dienern des
Teufels bewohnt wurde, zu betrachten. Sich selbst sahen die Puritaner als
Gesandte Gottes, deren Mission darin bestand, die Wildnis zu befrieden und die
Macht des Teufels zu brechen.
Die Siedler von Kolonien des Mittel-Atlantik dagegen profitierten von einer
gastfreundlicheren Umgebung. Viele waren anglikanischen Glaubens, besser
ausgebildet und wohlhabender. Sie glaubten, daß die Natur besser durch
Verstehen statt Bezwingen gelenkt werden kann. Ihre Einstellung war eher von
Neugier, Würdigung und Erhaltung der Natur statt Ausbeutung und Abscheu
geprägt. Nichtsdestotrotz nahmen auch sie hauptsächlich eine utilitaristische
Haltung ein.

Mit der Entwicklung der Romantik im 18. und frühen 19. Jh., die von einer
städtischen literarischen Elite ausging, ging ein Einstellungswechsel gegenüber
der Natur auch bei den Amerikanern einher. Die Romantiker begegneten der
Natur mit Ehrfurcht und Scheu, sie war die Inspiration für das sublime. Die
Wildnis wurde eine Quelle von Nationalstolz bei einer wachsenden Minderheit von
Amerikanern. Bei einem Großteil der Leute dominierten allerdings immer noch
Gefühle wie Furcht und Feindseligkeit gegenüber Wildnis, und auch heute noch
sind die Reaktionen der Amerikaner auf Wildnis ambivalent.

Zeitgenössische Werte: Die Rolle von Menschen in der Natur

Ressourcismus (Ressourcen-Bewahrung):
Gegen Ende des 19. Jh. begannen die Amerikaner zu realisieren, daß der Vorrat
an natürlichen Ressourcen endlich ist. Unter Präsident Roosevelt begannen die
Bemühungen der Regierung, die natürlichen Ressourcen zu managen, um sie für
den menschliche Nutzen zu erhalten. Der Ressourcismus ist die verbreitetste
amerikanische Perspektive bezüglich natürlichen Landschaften. Diese Sichtweise
ist homozenristisch bzw. anthropozentristisch gefärbt, indem die Nützlichkeit der
Natur für die Bedürfnisse und Wünsche des Menschen betont wird.
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Präservationismus:
Präservationisten haben eine holistische Sichtweise der Natur und fordern daher
die Erhaltung intakter Ökosysteme. Obwohl ein rein ökonomischer Ansatz zur
Bewertung von Natur strikt abgelehnt wird, bleibt oft eine im wesentlichen
anthropozentrische Weltsicht erhalten.

Ökozentrismus (Biozentrismus):
Nach dieser Weltanschauung hat der Mensch keine besondere Rolle, sondern ist
ein integraler Bestandteil der Natur. Natürliche Ökosysteme haben ihre eigene
Wertigkeit unabhängig von ihrem Nutzen (Wert) für den Menschen. Menschliche
Handlungen sind ethisch, wenn sie alles Leben auf der Erde fördern. ➪ Vertreter:
Aldo Leopold (1949: Land Ethik)

Tiefe Ökologie:
Form von Ökozentrismus, die auf einer Kritik an moderner Technologie,
Wissenschaft und politischen Strukturen basiert. Tiefe Ökologen glauben, daß wir
bei einer globalen Krise angelangt sind, weil in unserer Kultur eine
mechanistische Weltsicht dominiert. Soziokultureller Wandel wird angestrebt.

Grüne Gerechtigkeit/Umweltgerechtigkeit:
Anhänger dieser Bewegung versuchen die Schäden, die Menschen natürlichen
Umgebungen zugefügt haben, zu korrigieren und streben eine Balance zwischen
den Interessen von Natur und Ökologie über rein anthropozentrischen Interessen
an.

Meßinstrument: New Environmental Paradigm:


Mißt eher die generelle Beschäftigung mit der Umwelt statt spezifische
Wertkategorien.

Gliederung:

Natur-basierte Werte: Egozentrismus, Anthropozentrismus, Ökozentrismus


repräsentieren die Sichtweise, von der aus die Natur/Umwelt betrachtet wird.

Ressourcen-Werte: Ausbeutung, Bewahrung, Erhaltung


reflektieren die Meinung einer Person darüber, wie sich Individuen bzw. die
Gesellschaft gegenüber der Umwelt verhalten sollte.

Das gleiche Verhalten kann von völlig verschiedenen Werthaltungen resultieren!

Umwelteinstellungen

Werte: wichtige Lebensziele oder Standards

Einstellungen: werden von Werten beeinflusst, primär gelernt durch klassisches


und instrumentelles Konditionieren und soziales Lernen

Warum wird so oft keine Beziehung zwischen Einstellungen und Verhalten


gefunden?
 kein einheitliches Konzept von Einstellung
 Unterschiede in der Art der Messung von Einstellungen und Verhalten
 eine generelle Einstellung kann nicht ein spezifisches Verhalten
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vorhersagen, aber eine spezifische Einstellung kann eine Reihe von


Verhaltensweisen vorhersagen
 Verhaltensbeschränkungen  wahrgenommen Kontrolle über das eigene
Verhalten, d.h. das Ausmaß an realen oder wahrgenommenen
Hindernissen, die das intendierte Handeln einschränken, beeinflussen das
Verhalten direkt

Theorie des geplanten Verhaltens (Fishbein & Ajzen, 1980)
Die Verhaltensintentionen einer Person beeinflussen unmittelbar das tatsächliche
Verhalten. Die Verhaltensintentionen resultieren aus der Einstellung der Person
und der subjektiven, wertbasierten Einschätzung der Normen in der Gesellschaft
oder Gruppe.
Es bestimmen also Normen gemeinsam mit Werten und Einstellungen die
Verhaltensintentionen, die wiederum das Verhalten vorhersagen..

Ein anderer Forschungsansatz (Fazio, 1990, Fazio & Zanna, 1981) geht davon
aus, dass eine Einstellung zunächst aktiviert werden muß, bevor sie das
Verhalten in einer bestimmten Situation steuern kann. Die Stärke der Assoziation
zwischen einer Einstellung und einem bestimmten Objekt oder Situation
determiniert das Ausmaß, in dem diese Einstellung aktiviert wird und
infolgedessen einen Einfluß auf das Verhalten ausübt. Die Stärke der Assoziation
hängt von der direkten Erfahrung mit dem Einstellungsobjekt ab und wie häufig
die Einstellung ausgedrückt wurde.

Einige Forscher glauben, dass Einstellungen auch dem Verhalten folgen können.
Wenn wir Verhaltensweisen ändern, entwickeln wir Einstellungen, die mit dem
gezeigten Verhalten übereinstimmen, um die Konsistenz zwischen Verhalten und
unseren Einstellungen aufrechtzuerhalten.

Umwelteinschätzung

Qualitätseinschätzungen

Das nationale Umweltpolitikgesetz von 1969 war ein Faktor, der die Entwicklung
von Programmen zur Einschätzung von Umweltdimensionen wie Luft- und
Wasserqualität stimuliert hat.
 Dokumentieren der Effekte historischer Umweltveränderungen
 Vorhersagen zukünftiger Einflüsse vorgeschlagener Projekte

Indices der Umweltqualität

Umwelt-Qualitäts-Index (EQI):
 basiert auf objektiven physikalischen Messungen
 Einschätzung der Qualität anhand eines festgelegten Grenzwertes für best.
(Schad-)Stoffe  subjektive Einschätzung
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Wahrgenommener-Umweltqualitäts-Index (PEQI)(Craik & Zube, 1976):


Selbstbericht-Skala für die subjektive Einschätzung der Umweltqualität
 Baseline-Daten zur Evaluation von Umwelt-Interventions-Programmen
 Trendvergleiche
 welche Aspekte nutzen Beobachter zur Einschätzung der Umwelt?
 Demonstration von individuellen und Gruppenunterschieden in der
Umweltwahrnehmung

Umwelt-emotionale Reaktions-Index (EERI) (Russell et al., 1980):


 gibt die emotionalen Reaktionen wie Belästigung oder Gefallen auf
(wahrgenommene) Umweltmerkmale an

Affektive Bewertungen:
= Emotionen, die auf etwas gerichtet sind.

Russell & Lanius (1984) haben 40 Beschreibungen von Plätzen kreisförmig in


einem Koordinatensytem aus 2 bipolaren Dimensionen angeordnet:
1. Dimension: angenehm-unangenehm
2. Dimension: erregend-nicht erregend

Warum unterscheiden sich Personen in ihren Präferenzen, auch wenn man die
gleichen Dimensionen zur Bewertung zugrunde legt?

Adaptation level-Konzept (Helson, 1964, Wohlwill, 1974):


Abhängig von ihrer Erfahrung präferieren Individuen unterschiedliche
Komplexitätsniveaus (an die sie gewöhnt sind). Abweichungen von diesem
optimalen Niveau verlangen adaptive Maßnahmen wie Erregungsreduktion oder
Sensation seeking.
Zeigt man Vpn Dias, die z.B. als traurig und unaufregend bewertet werden,
neigen die Pbn bei der darauffolgenden Szene dazu, sie in der emotional
entgegengesetzten Richtung zu bewerten.

Die szenische Umgebung: Landschaftsästhetik und Präferenz

Welche Elemente machen bestimmte Szenen fast universell „schön und


inspirierend“?

Impuls für die Untersuchung von Landschaftsästhetik war die Gesetzgebung der
Regierung in den 60ern und70ern, die ein Inventar und den Erhalt szenischer
Ressourcen forderte.

Der deskriptive Ansatz: Erfahrung und künstlerische Beurteilung von


Landschaften
Die am meisten angewendeten Prinzipien für Landschaftseinschätzung und -
management stammen aus der Design Tradition der Landschaftsarchitektur:
betont die Wichtigkeit von Kontrasten in Linien, Formen, Farben oder Texturen 
erregen Aufmerksamkeit, das menschliche Wahrnehmungssystem ist auf die
Entdeckung von Kontrasten ausgerichtet.
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Was bestimmt, ob eine Szene als angenehm oder unangenehm bewerte wird?
Experten vermuten, dass natürliche Landschaftskomponenten gegenüber denen
vorgezogen werden, die das Ergebnis menschlicher Aktivität sind.

Auch wenn Landschaftsarchitekten zu den sensitivsten und kenntnisreichsten


Beobachtern von Landschaften zählen, kann ihr Design Training dazu geführt
haben, dass sie Landschaften anders ans die restliche Bevölkerung wahrnehmen.

Verhaltenswissenschaftler unterscheiden sich von Design Experten durch die


angewendete Methode zur Beurteilung von Landschaften:
empirischer Ansatz (objektive Beobachtungen individueller Nutzer) vs
künstlerischer Ansatz

Physikalisch-perzeptuelle Ansätze zur szenischen Bewertung

 empirisch basiert, setzt Charakteristika der physikalischen Umgebung (z.B.


Wasser) in Bezug zu Beurteilungen oder Präferenzen oder der
Landschaftsqualität

Szenische Qualität hängt mit folgenden Charakteristika zusammen:


 Kompatibilität von benachbarter Landnutzung
 relatives Relief (Höhenunterschiede)
 Zerklüftetheit
 Natürlichkeit
 Forstmanagement-Praktiken

Beurteilungen oder Präferenzen für eine Szene sind individuell unterschiedlicher,


während Beurteilungen der Qualität oder des Wertes konsistenter sind.

Nachteil dieses Ansatzes:


Die von den angewandten statistischen Modellen generierten Prädiktoren machen
nicht immer intuitiven oder theoretischen Sinn und könnten nur für einen
spezifischen Typ von Landschaft gelten.

Psychologische Variablen in der Landschaftseinschätzung

Untersuchung der psychologischen oder kognitiven Prozesse, die ästhetischen


Urteilen zugrunde liegen.

Da es schwierig ist, Prädiktoren wie Komplexität oder Kohärenz physikalisch zu


messen, sieht die typische Vorgehensweise so aus:
Zunächst beurteilt eine Team von Beurteilern Szenen auf Dimensionen wie
Komplexität, Zweideutigkeit, Geräumigkeit oder Einzigartigkeit, anschließend
beurteilen die gleichen oder andere Personen die Qualität oder Schönheit der
Szene.
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Nativistische Ansätze

Biologische Einflüsse: Biophilie und Biophobie:


1984 benutzte E.O. Wilson den Ausdruck Biophilie, um das menschliche
Bedürfnis nach Kontakt mit der Natur zu beschreiben. Nach Wilson ist dieses
Bedürfnis eine moderne Manifestation einer genetischen Prädisposition, sich zu
anderen lebenden Organismen hingezogen zu fühlen.
 Evolutionstheorie: Menschen sind Spezies, deren Körper und besonders
Gehirne sich in einer Umgebung entwickelt haben, die durch das Bedürfnis in der
Natur zu überleben dominiert war.

Die Funktion eines großen Teils menschlichen Verhaltens ist, unsere


Überlebenschancen zu steigern und wird durch angeborene Verhaltenstendenzen
gesteuert, die unsere Spezies durch Evolution erworben hat.

Was veranlaßt uns dazu, uns in einer funktionalen Weise zu verhalten?


Vermutlich keine rationale Bewertung der Situation, sondern eine Prädisposition,
Umgebungen zu mögen, in denen wir gut funktionieren können.

Gibson´s (1979) Affordanz-Konzept:


Bestimmte Merkmale in der Umgebung bieten Unterkunft, Nahrung sammeln etc.
an  Passung

Biophobie:
Eines der stärksten Argumente für Biophilie ist ihr Gegenteil, die Biophobie.
Wir besitzen eine Neigung, Aversionen gegen bestimmte Objekte und
Situationen, die die Menschen während der Evolution bedroht haben, schnell zu
erlernen und zu behalten (resistent gegen Löschung).Bsp.: Furcht vor Schlangen

Solche Aversionen und Vorlieben können auch durch Modellernen erworben


werden, d.h. durch Beobachten der Reaktionen anderer. wichtige Funktion
menschlicher Kultur und Kommunikation: ermöglichet Lernen über natürliche
Gefahren, ohne ihnen ausgesetzt zu sein.

Mögliche biophile Reaktionsweisen auf Natur (Ulrich, 1993):


 Aufmerksamkeit
 Annäherung
 Mögen
 physische und psychologische Erholung
 gesteigerte Leistung

Kritik (Lyons, 1983): Die funktional-evolutionäre Perspektive unterschätzt die


Bedeutung von Kultur beim Festlegen von Präferenzen.
 Kinder mögen Savanna-ähnliche Umgebungen zwar am liebsten, aber diese
Präferenz kann modifiziert werden und wird über die Lebenszeit immer weniger
einflussreich, wahrscheinlich löst die Vertrautheit mit anderen Umgebungstypen
die Vorliebe von Kindern für Savannen ab.
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Konstruktivistische Ansätze

Wahrnehmung wird als aktiver Prozeß angesehen, in dem sensorische


Information analysiert, mit früheren Erfahrungen verglichen und manipuliert
wird, bevor ein Wahrnehmungsurteil entsteht.

Berlyne´s Ästhetik: Schönheit formalisieren:


Berlyne (1974) schlug als einer der ersten ein generelles Modell der Ästhetik vor.

Wichtige Einflußfaktoren:
 Komplexität: Vielfalt von Komponenten
 Neuheit
 Inkongruenz
 Überraschung: Ausmaß, in dem unsere Erwartungen über eine Umwelt
enttäuscht werden

Diversive Exploration: tritt auf, wenn wir unterstimuliert sind  suchen nach
erregenden Stimuli in der Umwelt

Spezifische Exploration: tritt auf, wenn wir von einem best. Stimulus erregt
werden und ihn untersuchen, um Unsicherheit zu reduzieren oder um unsere
Neugier zu befriedigen.
Ästhetische Urteile können auf 2 Dimensionen beschrieben werden:
1. Unsicherheit-Erregung: Je mehr Unsicherheit oder Konflikt, umso mehr mit
spezifischer Exploration assoziierte Erregung
2. Hedonischer Ton: Wenn die Unsicherheit steigt, steigt zunächst auch das
Ausmaß an Gefallen, sinkt ab einem best. Punkt aber ab (umgekehrt U-
förmige Funktion).
 Umgebungen mit mittleren Ausmaßen an kollativen Stimuluseigenschaften
(Komplexität, Neuheit, Überraschung  erzeugen Wahrnehmungskonflikt)
werden am positivsten beurteilt

Kritik: Auch bei gleichem Ausmaß an kollativen Stimuluseigenschaften werden


natürliche Landschaften städtischen vorgezogen.

Das Kaplan & Kaplan Präferenz Modell (1975)

Vorgehensweise: Vpn sollten eine große Anzahl an Dias von verschiedenen


Landschaften entsprechend bestimmter Schemata klassifizieren (ähnlich-
unähnlich, mögen - nicht mögen etc.). Anschließend identifizierten die Forscher
die Elemente in den Szenen, die zu dieser Klassifikation und Bewertung führten
 Ableitung von einigen Faktoren, die Präferenzen für verschiedene Typen von
Umgebungen vorhersagen können

 kombiniert nativistische und konstruktivistische Elemente

Menschen mögen/ziehen Landschaften vor, in denen die Eigenschaften unserer


Spezies am nützlichsten sind:
Menschen sind gut im Verarbeiten und Behalten von Informationen und mögen
es sogar.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 17

 also haben Menschen eine Vorliebe für Umgebungen, die schnelle,


verständliche Informationen liefern

Szenen müssen Aussicht (offene, unbehinderte Sicht auf die Umgebung)und


Zuflucht (sichere, geschützte Plätze, wo eine Person sich verstecken kann) bieten
 beides hoch in parkähnlichen Szenen

Offensichtlich liegen den Kategorien zwei generelle Dimensionen zugrunde:


 Inhalt: z.B. Präsenz von Natur
 Räumliche Konfiguration: Offenheit vs Geschlossenheit, definierter vs
undefinierter Raum
 wir ziehen Szenen vor, die das Fortbewegen und Wegfinden erleichtern, indem
sie weder zu offen und ohne Definition noch zu geschlossen sind, so dass sie
unsere Sicht und Fortbewegung behindern.

Menschen mögen Szenen, die ihre Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten,


stimulieren und in denen diese Verarbeitung erfolgreich ist; also Szenen die
verständlich sind und Sinn machen, aber gleichzeitig in Anspruch nehmen und
einbeziehen.

Informationsdimensionen:
1. Kohärenz: Ausmaß, in dem eine Szene zusammenhängt oder
Organisation hat
 je mehr Kohärenz, umso größer die Präferenz für die Szene
2. Lesbarkeit: Ausmaß von Verschiedenartigkeit, das den Betrachter
befähigt, die Inhalte einer Szene zu verstehen oder zu kategorisieren
 je größer die Lesbarkeit, umso größer die Präferenz
3. Komplexität: Anzahl und Vielfalt der Elemente einer Szene
 je größer die Komplexität (zumindest für natürliche Szenen), umso
größer die Präferenz
4. Geheimnis: Ausmaß, zu dem eine Szene verborgene Informationen
enthält, so dass man in die Szene gezogen wird, um diese Information
herauszufinden
 je mehr Geheimnisse, umso mehr Präferenz (kann jedoch auch Furcht
erzeugen  abhängig vom Alter und der Situation)

Die Kohärenz und Lesbarkeit hängen mit dem Verstehen oder Sinn-Machen einer
Szene zusammen, während die Komplexität und Rätselhaftigkeit das Ausmaß an
Stimulation oder Motivation zum Explorieren bestimmen.

Man kann die Dimensionen jedoch auch entsprechend ihrer Unmittelbarkeit bzw.
erforderlichen Informationsverarbeitung anordnen: Kohärenz und Komplexität
erfordern wenig Analyse, während Lesbarkeit und Geheimnisse mehr kognitive
Verarbeitung erfordern.

Charakteristika der Verstehen Exploration


Information
Unmittelbar Kohärenz Komplexität

Erschlossen oder Lesbarkeit Geheimnis


vorhergesagt
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 18

Kaplan & Kaplan betonen jedoch auch die Bedeutung der Vertrautheit mit einer
Umgebung für ihre Bewertung: Für gewöhnlich machen vertraute Aspekte eine
Szene wünschenswert, insbesondere das „Alte und Natürliche“

Kritik von Ulrich (1993): Affektive Reaktionen auf eine Landschaft treten
beinahe augenblicklich auf, so dass eine biologisch bedingte oder klassisch
konditionierte Assoziation wahrscheinlicher erscheint als eine zeitaufwendigere
Informationsverarbeitung.

Bewertung des Psychologischen Ansatzes

Das Modell von Berlyne und den Kaplans sind nur 2 Beispiele für den
Psychologischen Ansatz zur Umwelteinschätzung.
Die meisten Modelle finden jedoch trotz Anwendung verschiedener Methoden
Dimensionen wie Komplexität, Kohärenz, und Ambiguität oder Rätselhaftigkeit
zur Vorhersage szenischen Wertes. Unklar bleibt, wie viele dieser Dimensionen
nötig sind, um eine Szene adäquat einzuschätzen und wie diese Dimensionen
beim Urteilen kombiniert (gewichtet) werden.

Wiederherstellende Effekte von Natur

Es gibt Hinweise darauf, dass das Besuchen von natürlichen Plätzen oder sogar
das Betrachten von Fotographien von natürlichen Szenen einen erholsamen
Effekt haben kann. Es gibt 2 konkurrierende Erklärungsansätze hierfür, die aus
den Landschaftspräferenz-Forschungen entstanden sind:

1. Stressreduktion: Kontakt mit bestimmten Typen von Natur erzeugt


sogenannte restaurative Reaktionen  reduzierter physiologischer Streß,
reduzierte Aggression und eine Wiederherstellung von Energie und
Gesundheit
Ulrich (1979) fand heraus, dass das Betrachten einer Serie natürlicher
Szenen die Stresseffekte durch eine College-Prüfung mindern kann.
Krankenhauspatienten mit Blick auf Bäume erholten sich schneller nach
einer OP und verlangten weniger Schmerzmittel als Patienten, die auf eine
braune Mauer blickten (Ulrich, 1984).

Hypothese, dass die aufmerksamkeitshaltenden Eigenschaften von Szenen


auf zweierlei Weise wirken kann:
 assoziiert mit Streß bei gefährlichen Begegnungen mit Natur
 beruhigende, erholsame physiologische Effekte, wenn die
Aufmerksamkeit auf friedvolle natürliche Umgebungen gerichtet ist

Es gibt sogar Belege dafür, dass das Anschauen naturdominierter


Simulationen einen Schutz vor den Folgen zukünftiger Stressoren erzeugen
kann  Moderator-Effekt
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 19

2. Aufmerksamkeits-Wiederherstellungs-Theorie (Kaplan & Kaplan,


1989):

Um Aufgaben zu erledigen, die geistige Anstrengung erfordern, muß ein


Individuum sich anstrengen, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren
(richten), den Ausdruck unpassender Emotionen oder Handlungen
verlagern und aufdringliche Ablenkungen hemmen.

Jede Aufgabe, auch angenehme, führt schließlich zur Ermüdung der


gerichteten Aufmerksamkeit, wenn sie genügend intensiv und lange
ausgeführt wird.
Um die gerichtete Aufmerksamkeit zu erholen, ist es nach der ART
notwendig, eine andere, unwillkürliche Aufmerksamkeit zu finden, die
wenig Anstrengung erfordert. Faszinationen sorgen für diese mühelose
Aufmerksamkeit. Schlaf ist zur Erholung der gerichteten Aufmerksamkeit
nicht ausreichend.

Natur ist reich an faszinierenden Dingen wie Wolken, Sonnenuntergänge,


Bachmurmeln etc., die ohne viel Anstrengung unsere Aufmerksamkeit
gefangen halten. Zusätzlich bietet Natur die Gelegenheit zum Nachdenken
in einer Umgebung, die entfernt von alltäglichen Aufgaben und mit den
menschlichen Wünschen und Bedürfnissen kompatibel ist.

Die Erholung von der Aufmerksamkeitsermüdung ist am


wahrscheinlichsten in einer restorativen Umgebung, die folgende
Charakteristika aufweist:
1. weg sein, anders als unsere normale Umgebung
2. Ausdehnung, eine in Raum und Zeit ausgedehnte Erfahrung
3. Faszination, interessiert und in Anspruch genommen sein
4. Kompatibilität, Fähigkeit der Umgebung, unsere
Verhaltensintentionen zu unterstützen

Nach dem Aufenthalt in einer restaurativen Umgebung berichten Personen


typischerweise von einem gesteigerten Interesse und Drang, sich mit der
Aufgabe zu beschäftigen, die zur Aufmerksamkeitsermüdung führte.

Kritik (Ulrich et al, 1991):


 einige (biophobische) Elemente der Natur, wie z.B. Schlangen, sind
faszinierend, aber führen wahrscheinlich nicht zur Erholung.
 die Geschwindigkeit von biophilen oder biophobischen Reaktionen
machen den von der ART implizierten vermittelnden kognitiven
Prozeß unwahrscheinlich

Natürliche Landschaften als Plätze

Ortbindung, Bedeutung von Plätzen: Gefühl des Verwurzeltseins mit bestimmten


Plätzen  private Erfahrung, von Person zu Person verschieden

Viele Untersuchungen von Plätzen sind phänomenologisch, d.h. sie basieren auf
den subjektiven Beschreibungen von persönlichen Erfahrungen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 20

Die Bedeutung eines Platzes resultiert aus den akkumulierten Interaktionen


zwischen der individuellen Lebensgeschichte und der Umgebung  ästhetischer
Charakter der Umgebung + Assoziation mit Ereignissen, Personen und Gefühlen

Platzerfahrungen schließen oft ein Gefühl von Besitz ein  psychologischer


Besitz, eine Person hat eine ungewöhnliche, besondere Beziehung mit einer
bestimmten Umgebung. Weitere Bezeichnungen für dieses Phänomen sind
„Territorium“, „Verwandtschaft“, „Insiderlandschaft“.

Newell (1997) fand heraus, dass Bewohner der USA, Irland und Senegal
kulturübergreifend ihr eigenes Zuhause, Plätze oder Besitztümer als bevorzugte
Plätze nannten. Natürliche Plätze waren stark überrepräsentiert  Biophilie-
Hypothese

Manche Individuen entwickeln eher eine Bindung zu Plätzen als andere 


Persönlichkeitstypen:
Nutzungsorientierung: Fokus auf Aktivitäten und aktivitätsbasierte
Erfahrungen
Bindungsorientierung: emotionale Bindung zur Umgebung

Plätze sind sowohl Interessen-Objekte als auch Ursachen für Stimmungen,


Gefühle und andere Reaktionen.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 21

Kapitel 3:

Umweltwahrnehmung und Kognition

Charakterisieren der Umweltwahrnehmung

Empfindung:
Relativ einfache Aktivität des menschlichen sensorischen Systems in Reaktion auf
einfache Stimuli wie ein Geräusch oder ein Lichtblitz

Wahrnehmung:
kompliziertere Verarbeitung, Integration und Interpretation von komplexen, oft
bedeutungsvollen Stimuli

Geschichte der Wahrnehmungspsychologie

Wahrnehmungsprozesse zählten zu den ersten Untersuchungsgegenständen der


Psychologie:

Psychometrie: Versuch, sensorische Erfahrungen durch introspektive Berichte


zu erfassen  Phänomenologie

Empirischer Ansatz: Beschränkung auf von außen beobachtbare Phänomene als


einzig wissenschaftlich legitime Datenquelle

 Umweltwahrnehmung verstehen ist eine komplexe Aufgabe, die eine Vielfalt


von Untersuchungsmethoden erfordert

Wahrnehmung ist ein Prozeß zum Sammeln von Informationen über die Welt und
eine Quelle von affektiven Reaktionen und Assoziationen:

 unsere Gefühle in einer Umgebung beeinflussen unsere Wahrnehmung, und


unsere Wahrnehmungen beeinflussen unsere Gefühle

 Umweltwahrnehmung schließt eine Einschätzung dessen, was in einer


Szene ist sowie eine Bewertung der guten und schlechten Elemente mit ein
 Wurzeln unserer Einstellungen

Die Umwelt enthält mehr Informationen als wir auf einmal begreifen können, also
müssen wir sie selektiv verarbeiten.

Wahrnehmen ist ein aktiver Prozeß: Wir gehen mit Erwartungen, Erfahrungen,
Werten und Zielen zu einer Umgebung und nehmen sie durch Aktivität wahr 
Ziele der Aktivität:
 Orientierung durch Exploration
 Strategien finden, die Umgebung entsprechend unseren Bedürfnissen und
Zielen zu nutzen
 Vertrauen und Gefühle von Sicherheit ausbilden

Die Wahrnehmung wird von sozialen und kulturellen Faktoren beeinflusst.


Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 22

Theorien zur Umweltwahrnehmung

Traditionale Ansätze über die Wahrnehmung von Größe, Tiefe und


Entfernung

Traditionelle Laborexperimente zur Objektwahrnehmung reichen nicht aus, um


Umweltwahrnehmung zu verstehen: Wir müssen nicht nur Objekte erkennen, wir
müssen sie auch im Kontext eines 3dimensionalen Raums lokalisieren, wissen,
wie weit sie entfernt sind, wie schnell sie sich bewegen und welche Bedeutung
sie für uns haben  überwältigende Komplexität realer Stimuli wie Landschaften,
Gebäude und Städte

Untersuchen, wie ein sensorischer Mechanismus einen einzigen Aspekt eines


Objektes entdeckt  viel von unserem Wissen über Wahrnehmung stammt aus
dieser Forschung (z.B. lineare Perspektive)

Annahme: Wahrnehmung geschieht durch die Interpretation unverbundener


Stimuli, um daraus etwas Bedeutungsvolles zu konstruieren.

Holistische Analyse

Untersuchung von Umwelt-Verhaltensbeziehungen als ganzheitliche Einheit

Systemansatz: betont die komplexe Interaktion von Umweltstimuli und der


Persönlichkeit des Wahrnehmenden

Transaktionaler Ansatz: Das System kann nicht in separate Elemente oder


diskrete Beziehungen zerlegt werden. Die erfahrene Umwelt ist ein Ereignis in
der Zeit, dessen Komponenten so miteinander vermischt sind, dass kein Teil
ohne die gleichzeitige Einbeziehung der komplexen Textur aller Aspekte des
Augenblicks verständlich ist.
 die Interaktion zwischen den Komponenten ist der Untersuchungsgegenstand

Bsp.: Ökologische Psychologie von Roger Barker

Gestaltpsychologie (Max Wertheimer, Wolfgang Kohler, Kurt Koffka):

Nativistische Wahrnehmungstheorie: Gestaltpsychologen glaubten, dass


Wahrnehmen ziemlich automatisch abläuft und wenig Lernen erfordert.

Grundsatz: Das Ganze ist mehr (anders) als die Summe seiner Bestandteile.
Bsp.: Bewegung, Melodien, Formen sind auftauchende Eigenschaften

Gestaltpsychologen versuchten, Regeln zu spezifizieren, nach denen wir kleine


Teile zu einem zusammenhängendem Ganzen organisieren und warum manche
Objekte im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen (Figur) und andere im
Hintergrund (Grund)

Organisationsgesetze:
Prägnanz: Wenn eine visuelle Anordnung zweideutig ist, wird der Betrachter die
einfachste Form wahrnehmen, die mit der verfügbaren Information
übereinstimmt.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 23

Die Gestaltprinzipien habendem Test der Zeit als Beschreibungen wiederholbarer


Phänomene widerstanden, die ursprünglichen Erklärungen der
Gestaltpsychologen für diese Phänomene jedoch nicht.

Die Gestaltpsychologie ist die wahrscheinlich einflussreichste


Wahrnehmungstheorie auf Designer dieses Jh.  liefert Antworten auf
pragmatische Fragen wie „Welches Gebäudeelement wird als dominant
wahrgenommen?“

Nativismus versus Lernen

Probabilistisches Modell von Brunswick (1956, 1958)/Linsen-Modell

 stellt sich den Wahrnehmungsprozeß analog einer Linse vor, in der Stimuli aus
der Umgebung fokussiert werden und durch unsere
Wahrnehmungsanstrengungen wahrgenommen werden.

Distale Stimulusvariablen: Quelle von hereinkommenden sensorischen


Mustern (z.B. ein Berg)
Proximale Stimuli: tatsächliches Lichtmuster auf der Retina  sehr komplex,
enthält redundant und zweideutige Informationen über die Natur der
sensorischen Welt

Die Linse in Brunswicks Modell repräsentiert die mentalen Prozesse, die nach
relevanten Reizen suchen und diese entsprechend der Erfahrung gewichten, so
dass Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Stimuli variieren in ihrer ökologischen Validität:


Jedem von der Umwelt ausgehenden Stimulus kann ein
Wahrscheinlichkeitsgewicht zugewiesen werden, basierend auf seiner Nützlichkeit
für das Unterstützen einer akkuraten Wahrnehmung

Individuen variieren in ihrer Reiznutzung, d.h. in ihren Gewichtungsprofilen


und –strategien aufgrund Erfahrung, Persönlichkeit oder anderen Unterschieden.

Ökologische Wahrnehmung der Umwelt

Funktionalismus:
Unsere Wahrnehmungen werden von der Notwendigkeit geformt, mit der Umwelt
zurechtkommen zu müssen. Wir bemerken mit der höchsten Wahrscheinlichkeit
solche Dinge, die für uns als Mitglieder der menschlichen Spezies Bedeutung
haben, z.B. weil sie uns helfen zu überleben.

Es wird angenommen, dass diese funktionalen Prozesse sich biologisch entwickelt


haben als Teil der Anpassung unserer Spezies an die Umweltanforderungen 
nativistisch
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 24

Gibsons ökologische Wahrnehmung (1979):


Wir nehmen nicht individuelle Merkmale oder Reize wahr, die wir dann zu
erkennbaren Mustern organisieren, sondern wir reagieren auf Bedeutung, die in
einer ökologisch strukturierten Umgebung bereits existiert.

Gibson nahm an, dass Umweltwahrnehmung direkt und holistisch geschieht,


ohne elaborierte Verarbeitung durch höhere Hirnzentren. . Er glaubte, dass
Eigenschaften von der Umgebung nicht als distinkte Punkte, sondern eher als
bedeutungsvolle Einheiten wahrgenommen werden.

Wahrnehmungen von Affordanzen:

Organismen erkunden aktiv ihre Umwelt. Durch diesen Prozeß erfahren wir die
Oberfläche eines Objektes, seine Textur und Winkel aus verschiedenen
Perspektiven. Dies erlaubt uns, die invarianten funktionalen Eigenschaften
eines Objektes wahrzunehmen, d.h. nützliche Eigenschaften, die sich nicht
verändern wie Härte = Affordanzen.

Affordanzen sind spezies-spezifisch: Ein Baum bietet z.B. einem Vogel


Unterkunft, best. Insekten Nahrung und einem Menschen Brennstoff.

Affordanzen sind also verbunden mit Wahrnehmungen der ökologisch relevanten


Funktionen einer Umgebung. Durch die Wahrnehmung von Affordanzen kann ein
Organismus seine Nische in der Umgebung finden. Eine ökologische Nische ist
nach Gibson einfach ein Set von Affordanzen, das benutzt wird.

Menschen besitzen das bemerkenswerte Talent, unsere Umgebung so zu


verändern, dass sie anbietet, was wir wollen. Dadurch verändern wir jedoch auch
die Affordanzen für andere Menschen oder Organismen.

Implikationen für die Umweltwahrnehmung

Brunswicks und Gibsons Ansätze sind zwar grundverschieden, doch befürworten


beide eine holistische, molare Analyse der Wahrnehmung. Beide glaubten, dass
Wahrnehmung am besten durch die Untersuchung der Komplexitäten und
Herausforderungen der Wahrnehmenden in der realen Welt verstanden werden
kann.

Habituation und die Wahrnehmung von Veränderung

Wenn man die Zeit als Variable in die Umweltwahrnehmung einbezieht, tauchen
3 wichtige Phänomene auf: Wahrnehmung von Bewegung, Habituation und
Wahrnehmung von Veränderung.

Habituation oder Adaptation

Wenn ein Stimulus konstant bleibt (sich nicht verändert), wird die Reaktion
darauf typischerweise schwächer mit der Zeit.

Habituation: physiologischer Prozeß


Adaptation: kognitiver Prozeß
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 25

Physiologische Erklärungen:
Die Rezeptoren feuern seltener bei wiederholter Präsentation eines Stimulus.

Kognitive Erklärungen:
Kognitive Neubewertung eines Stimulus als weniger Aufmerksamkeit verdienend
nach wiederholter Präsentation.

Bei unangenehmen Reizen ist Adaptation nicht immer erfolgreich:


Zu unangenehme Reize werden weiterhin als belästigend wahrgenommen.

Aber auch erfolgreiche Adaptation kann die Mobilisierung von physikalischen oder
kognitiven Ressourcen erfordern und schließlich zu einem generellen
Zusammenbruch beitragen  Streßkrankheiten

Wichtige Faktoren sind die Vorhersagbarkeit und Regelmäßigkeit eines


Stimulus:
 es ist einfacher, an ein konstantes Summen im Hintergrund zu adaptieren
als an den unregelmäßigen Lärm eines Presslufthammers
 an regelmäßig auftretende Geräusche (Kirchenglocken) kann man leichter
adaptieren als an unregelmäßige  unvorhersagbare Stimuli erfordern
darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit für ihre Bewertung als bedrohlich
oder nicht bedrohlich

Wahrnehmung von Veränderung:

Weber-Fechner-Funktion: Die Intensität(-szuwachs) eines neuen Stimulus, die


erforderlich ist, um als verschieden vom vorhandenen Stimulus wahrgenommen
zu werden, ist proportional zum vorhandenen Stimulus.
 bei Stimuli von sehr geringer Intensität ist nur ein kleiner Zuwachs notwendig,
um einen Unterschied zu entdecken, bei sehr intensiven Stimuli ist ein viel
größerer Zuwachs nötig

 gilt für alle Formen der Stimulation, einschließlich Licht, Geräusch, Druck und
Geruch

Sommer (1972) schlägt vor, dass dieses Gesetz nicht nur für individuelle Stimuli
im Labor zutrifft, sondern auch für städtische Verschmutzung. Sommer meint,
dass wir uns das Weber-Fechner-Phänomen bei der Veränderung
umweltschädigenden Verhaltens zunutze machen können: Wenn der verlangte
Unterschied sehr klein ist, wird er kaum bemerkt und es tritt weniger Widerstand
dagegen auf.

Veränderungen, die schnell stattfinden, werden leichter entdeckt als langsame


Veränderungen (wie Wachstum)  allmähliche Veränderungen im
Umweltverhalten empfehlenswert
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 26

Überblick über Umweltkognition

Informationen aus dem Gedächtnis geben uns wichtige Hinweise auf jene
Aspekte der Umwelt, die für uns am herausragendsten oder wichtigsten sind.

Ein informales Modell räumlicher Kognition

Kognitive Karte: geistiger Rahmen, der einige Repräsentationen für die


räumliche Anordnung der physikalischen Umwelt enthält.
 alle Menschen tragen eine organisierte mentale Repräsentation ihrer
Umgebung mit sich

Akkuraterweise sollten wir lieber von einer „kognitiven Kollage“ bestehend aus
vielen verschiedenen Informationseinheiten, einige bildlich, einige episodisch,
einige kartenähnlich, sprechen.

Kognitive Karten sind oberflächlich, unvollständig, verzerrt, vereinfacht und


idiosynkratisch.
Sie bestehen aus 3 Elementen:
 Plätze: Räumliche Basiseinheit, an die wir Informationen anbinden wie
Name und Funktion und Wahrnehmungseigenschaften wie affektive Qualität
oder Affordanzen  abhängig von der Skala einer kogn. Karte kann ein
Platz ein Raum, ein Gebäude, eine Stadt, eine Nation oder ein Planet sein
 räumliche Relationen: Distanz und Richtung zwischen Plätzen und der
Einschluß eines Platzes in einen anderen
 Reisepläne

Primäres Ziel kognitiver Karten ist es, das Wegfinden zu erleichtern/sich


effizient durch die Umgebung bewegen zu können  Informationsquelle zur
Entwicklung von Handlungs-/Reiseplänen

Der Erwerb einer kogn. Karte ist das Ergebnis von früheren Erfahrungen in der
Umgebung.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 27

Kapitel 4:

Theorien über Umwelt-Verhalten-Beziehungen

Die Natur und Funktion von Theorien in der Umweltpsychologie

Wissenschaftler nehmen an, dass Ereignisse im Universum mit anderen


Ereignissen zusammenhängen und dass durch wissenschaftliche Untersuchung
diese Beziehungen entdeckt und ihre Konsequenzen vorhergesagt werden
können.

Die wissenschaftliche Methode ist einfach ein Set von Prozeduren zum
Reduzieren der Unsicherheit bzw. zum Gewinnen von Wissen über die universelle
Ordnung.

Psychologische Forschung ist die Suche nach den Bedingungen von unseren
verschiedenartigen Verhaltensweisen und Gedanken – diese Bedingungen
schließen Umweltfaktoren, biologische Einflüsse und intrapsychische Ereignisse
mit ein.

Deterministische Sichtweise: Annahme von Verursachung eines Ergebnisses,


Gegenteil von freiem Willen

Transaktionaler Ansatz: konzentriert sich mehr auf die Beziehungsmuster als


auf spezifische Ursachen  Inferenzprobleme

Hypothesen, Gesetze und Theorien

Wissenschaftliche Vorgehensweise:
1. einfachen Beobachtungen  Entdecken von Beziehungen zwischen 2
Phänomenen
2. Hypothesenformulierung: Formulierung eines empirisch testbaren
Vorschlags zum Zusammenhang von Variablen
3. Erhebung von beobachtbaren Daten  Bestätigung der Hypothese
oder Modifikation der Hypothese/neue Hypothese
4. Theoriebildung: Erklärung der empirischen Zusammenhänge auf einer
abstrakten Ebene

Empirische Gesetze: Aussagen über einfache, immer wieder beobachtbare


Beziehungen zwischen Phänomenen (oft in mathematischen Formeln
ausgedrückt)  Bsp.: Gravitationsgesetz, Law of effect: Verhaltensweisen, die zu
angenehmen Konsequenzen führen, werden wahrscheinlich wiederholt

Theorien:
 bestehen aus einem Set von Konzepten + einem Set von Aussagen, die die
Konzepte miteinander in Beziehung setzen
 beinhalten abstakte Inferenzen über Mediatoren von empirisch
beobachteten Ursache-Effekt-Beziehungen
 beinhalten abstraktere Konzepte und Beziehungen als empirische Gesetze
 sind nicht in einem empirischen Setting demonstrierbar, sondern werden
aus vielen empirischen Beziehungen erschlossen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 28

 Bsp.: Evolutionstheorie, Equity-Theorie

Modell:
 abstrakter als ein empirisches Gesetz, aber nicht so komplex wie eine
Theorie
 basieren üblicherweise auf Analogien oder Metaphern
 oft ein Zwischenschritt zwischen der Demonstration eines empirischen
Gesetzes und der Formulierung einer Theorie
 Anwendung einer zuvor akzeptierten theoretischen Behauptung auf ein
neues Gebiet

Heuristiken: Einfache Prinzipien, die die Entscheidungsfindung erleichtern


 Bsp.: Repräsentativitätsheuristik

bivariate Theorie: Erklärt die Beziehung zwischen zwei Variablen, z.B.


Temperatur und Gewalt

Mediatorvariable/intervenierendes Konstrukt:
 nicht direkt beobachtbar, sondern erschlossen aus beobachtbaren
Ereignissen
 angenommenes Konstrukt, das zwischen einer Bedingung und einem
Ergebnis operiert
 Bsp.: Lärm wirkt sich negativ auf die Leistung aus, weil er die
Aufmerksamkeit stört/auf sich zieht

Moderatorvariable:
 verändert die Beziehungen zwischen anderen Variablen  wahrgenommene
Kontrolle mildert z.B. die negativen Effekte von Lärm auf die Leistung

Funktionen von Theorien


1. Vorhersage von Beziehungen zwischen Variablen  Kontrolle einer
Variablen durch Regulation einer anderen Variablen
2. fasst große Datenmengen in wenigen theoretischen Aussagen
zusammen
3. Generalisierung von Konzepten und Beziehungen auf viele
Phänomene:
Wenn z.B. unsere Theorie annimmt, dass ein hohes Stressniveau die
Gewaltbereitschaft steigert, können wir diese Beziehung auf alle Faktoren
generalisieren, die zu Streß führen
 eine gute Theorie ist stark generalisierbar
4. Generierung zusätzlicher Forschung durch das Vorschlagen neuer
Beziehungen zwischen Variablen
5. Anwendung auf praktische Probleme

Theorien müssen kontinuierlich bewertet werden anhand der:


 Güte der Vorhersagen
 Anzahl der zusammengefassten empirischen Beziehungen
 Generalisierbarkeit
 Hypothesengenerierung
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 29

Umwelt-Verhalten-Theorien: Konzeptualisierung unserer


Interaktion mit der Umwelt

Umweltpsychologische Theorien sind nicht sehr komplex und haben einen


eingeschränkten Vorhersagebereich  viel Feldforschung

Alle folgenden Theorien implizieren, dass wir an die Stimulation adaptieren, d.h.
unsere Reaktion über die Zeit ändern, die man abhängig von ihren
Konsequenzen als adaptiv oder maladaptiv bezeichnen kann.

Um ein Phänomen zu erklären, greifen die Autoren oft auf mehr als eine Theorie
zurück. Verschiedene Theorien sind auf verschiedenen Analyseebenen nützlich 
ökologische Psychologie ist z.B. besonders auf Gruppenverhalten anwendbar,
während andere Ansätze oft auf der individuellen Ebene brauchbarer sind.

Die Erregungstheorie (Arousal Perspective)

Erregung:
 physiologisch: erhöhte Aktivität des autonomen NS, z.B. erhöhte Herzrate,
Blutdruck, Atmung, Adrenalin-Ausschüttung etc.
 Verhalten: erhöhte motorische Aktivität
 neurophysiologisch: erhöhte Aktivität im Erregungszentrum der Gehirns,
der Retikulärformation

Berlyne (1960): Erregung = Kontinuum mit den Polen Schlaf und


Aufregung/erhöht wachsame Aktivität

 wird bei vielen Verhaltensweisen als intervenierende variable angenommen

Sowohl angenehme als auch unangenehme Stimuli erhöhen die Erregung.

Was geschieht bei Erregung?


 Suche nach Gründen/Interpretation unserer Erregung  die Ursachen,
denen wir unsere Erregung zuschreiben, haben sign. Konsequenzen für
unser Verhalten
 soziale Vergleiche: wir beobachten die Reaktionen anderer, um zu sehen,
ob wir geeignet reagieren

Yerkes-Dodson-Gesetz: Es besteht eine umgekehrt U-förmige Beziehung


zwischen Erregung und Leistung: Die höchste Leitung wird bei mittleren
Erregungspegeln erreicht (bei komplexen Aufgaben liegt das optimale
Erregungsniveau etwas niedriger als für einfache Aufgaben).

 konsistent mit dem Befund, dass Menschen mittlere Stimulationslevel


bevorzugen

Die Erregungstheorie lässt sich auf einige Umweltfaktoren generalisieren, v.a.


Lärm, Hitze und Überfüllung.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 30

Nachteile:
Erregung läßt sich schwierig zuverlässig messen  physiologische Indizes
stimmen nicht immer miteinander überein und sind oft nicht mit Selbstberichten
konsistent  Ergebnisse lassen sich schlecht generalisieren

Überstimulationstheorie (Environmental load oder Overstimulation)

 stammt aus Forschung über Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung


 besonders brauchbar zur Beschreibung von Reaktionen auf neue oder
ungewollte Umweltreize

Annahmen:
1. Menschen haben eine begrenzte Kapazität, eingehende Stimuli zu
verarbeiten
2. Wenn die Menge an Reizen aus der Umwelt die
Informationsverarbeitungskapazität übersteigt, tritt
Informationsüberlastung auf  „Tunnelblick“, wir ignorieren alle Reize, die
für unsere Aufgabe irrelevant sind
3. Intensive, unvorhersagbare oder unkontrollierbare Reize haben eine
größere adaptive Signifikanz  sie erhalten mehr Aufmerksamkeit, um
bewertet werden zu können und passende Bewältigungsreaktionen
ausführen zu können.
4. Nach längerer Beanspruchung ist die Aufmerksamkeitskapazität erschöpft
(directed attention fatigue). Dieser Zustand führt zu mehr geistgen Fehlern,
Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und Reizbarkeit.
5. Aufmerksamkeitsermüdung kann verbessert werden durch reduzierte
Anforderungen an die Informationsverarbeitung oder durch restorative
Umgebungen, die unwillkürliche Aufmerksamkeit erzeugen.

Wenn wir zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen müssen, verschlechtert sich die
Leistung in der weniger wichtigen Aufgabe bei Überlastung.

Wenn die Aufmerksamkeitskapazität einmal erschöpft ist, können selbst kleine


Anforderungen zur Überlastung führen. Auch wenn die unangenehme oder
exzessive Stimulation schon aufgehört hat, können noch Nacheffekte auf das
Verhalten auftreten  niedrigere Frustrationstoleranz, Fehler, weniger
altruistisches Verhalten.

 einige städtische Krankheiten wie Passanten, die andere in Not ignorieren,


lassen sich durch die overload-Theorie erklären

Generalisierbarkeit:
Das Modell gilt für geistige und motorische Leistungen und für einige soziale
Verhaltensweisen.

Hypothesengenerierung:
reichlich  in welchem Ausmaß trägt Aufmerksamkeitserschöpfung zu sozialen
und Umweltproblemen bei?
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 31

Kritik:
 das Modell enthält viele schwierig zu bestimmende Bedingungen: wann tritt
overload auf, wann ist eine Aufgabe wichtig, wann führt das Ignorieren
weniger wichtiger Reize zu einer Leistungsverbesserung oder –
Verschlechterung bei einer Aufgabe?

Die Unterstimulationstheorie

Nach dieser Theorie resultieren viele Umwelt-Verhalten Probleme aus


Unterstimulierung.

Sensorische Deprivation kann zu schwerer Angst und anderen


psychologischen Anomalitäten führen  möglicherweise zurückzuführen auf
Untersuchungsprozeduren wie Panikknöpfe, Vl Entbinden von der Verantwortung

Einsamkeit wird oft als aversiv empfunden (Brown, 1992)

Unterstimulation hat verheerende Effekte auf die Reifungsentwicklung von


Jungen (Schultz, 1965, Sapolsky, 1997).

Effekte von Isolation  veränderte Aufgabenleistung und psychologische


Verfassung, gefühlte Präsenz eines anderen Individuums

Obwohl Städte ein überstimulierendes soziales Umfeld haben können, können sie
die Bewohner einer unterstimulierenden physikalischen Umgebung unterwerfen
 Gefühl des Eingeschlossenseins, Langeweile  jugendliche Kriminalität,
Vandalismus, schlechte Erziehung

Kritik: Deprivation von sensorischer Stimulation kann auch positive Effekte


haben (Suedfeld, 1980)  Restricted Environmental Stimulation Technique: Eine
Person wird in einen schalldichten, dunklen Raum oder in einen dunklen
Wassertank gebracht  positive Effekte auf:
 hyperaktive und autistische Kinder
 Bluthochdruckpatienten
 Raucherentwöhnung
 einige Formen der Kreativität

Mögliche Wirkmechanismen:
 durch die reduzierte externe Stimulation können die Tn besser internale
Zustände erkennen und so effizientere Selbstregulationsschritte
unternehmen
 etablierte Mechanismen zur Aufrechterhaltung chronischer maladaptiver
Muster werden unterbrochen, so dass neue, adaptive Mechanismen
entstehen können
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 32

Adaptation Level Theorie: Optimale Stimulation (Wohlwill, 1974)

Da sowohl zu viel als auch zu wenig Stimulation negative Effekte Effekte auf
Verhalten und Gefühle haben kann, ist anzunehmen, dass ein mittleres
Stimulationsniveau ideal ist.

Angelehnt an Helson´s (1964) Adaptation level Theorie der Empfindung und


Wahrnehmung, dehnte Wohlwill die Annahme auf alle Stimulationstypen aus.

Kategorien und Dimensionen von Stimulation

Stimulationskategorien:
1. Sensorische Stimulation
2. Soziale Stimulation
3. Bewegung (motorische Stimulation)

Diese Kategorien variieren auf mindesten 3 Dimensionen mit jeweils optimalen


Niveaus:
1. Intensität
2. Diversität
3. Strukturierung

Optimieren der Stimulation

Wohlwill nimmt an, dass jede Person ein individuelles optimales


Stimulationsniveau hat, abhängig von ihren früheren Erfahrungen. Dieses
Adaptationsniveau kann sich mit der Zeit verändern, wenn wir über längere
Zeit einem anderen Stimulationsniveau ausgesetzt werden.

Wie eine Person Umgebung bewertet und auf sie reagiert, hängt also teilweise
davon ab, wie stark diese Umgebung von ihrem Adaptationsniveau abweicht.

Adaptation versus Regulierung

Adaptation: Veränderung der Reaktion auf einen Stimulus


Regulierung: Veränderung des Stimulus selbst  z.B. leichte Kleidung an
Sommertagen oder Installation einer Klimaanlage

 wenn Personen die Wahl zwischen Adaptation und Regulierung haben, wählen
sie die Variante, die die wenigsten Unannehmlichkeiten verursacht

Bewertung der Optimalen-Stimulations-Theorie: Breite versus Spezifität

Die AL-Theorie integriert einige der besten Merkmale der Erregungs-,


Überlastungs- und Unterstimulationstheorie  breiter Geltungsbereich, gilt für
physikalische und soziale Umgebungen sowie für alle Formen der Empfindung
und Wahrnehmung

Nachteile:
 da die Theorie so viel individuelle Variation im AL erlaubt, wird es sehr
schwierig, allgemeingültige Vorhersagen über Umweltpräferenzen und
Umwelt-Verhaltens-Beziehungen zu machen.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 33

 es ist schwierig, optimale Stimulationsniveaus zu definieren, bevor wir eine


Vorhersage machen  mehr Forschung nötig, die
Umweltstimulationsniveaus quantifiziert

Die Verhaltens-Einschränkungs-Theorie (behavior contraint)

Untereinheit eines globaleren Kontroll-Modells

Eine mögliche Folge exzessiver oder unangenehmer Stimulation kann ein


Verlust der wahrgenommenen Kontrolle über das eigene Verhalten bzw.
eine Verhaltenseinschränkung sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine
tatsächliche Beeinträchtigung durch die Umwelt vorliegt oder wir nur glauben
oder antizipieren, dass die Umwelt unseren Handlungsspielraum einengt.

Folgen:
 Unbehagen/negative Gefühle.
 Psychologische Reaktanz: Versuch, unsere Handlungsfreiheit/Kontrolle
wiederzuerlangen
 wenn unsere Versuche, die Kontrolle wiederzuerlangen, wiederholt
scheitern: Gelernte Hilflosigkeit  wir versuchen nicht länger, die
Kontrolle zu erlangen, auch wenn wir objektiv die Möglichkeit dazu hätten
 Depression

Allein das Gefühl der Kontrolle über Ereignisse kann den damit verbundenen
Streß und andere negative Effekte reduzieren.

Typen von Kontrolle (Averill, 1973, Thompson, 1981, Blackburn, 1984):

1. Verhaltenskontrolle: Durch eine Handlung kann das bedrohliche


Umweltereignis verändert werden (z.B. ein lautes Geräusch abstellen)
2. Kognitive Kontrolle: Informationen über eine Bedrohung werden so
verarbeitet, dass wir sie als weniger bedrohlich neubewerten oder sie
besser verstehen (Informationsgewinn über Vorhersagbarkeit und
Konsequenzen)
3. Entscheidungskontrolle: Wahlmöglichkeit zwischen mehreren Optionen
4. Retrospektive Kontrolle): Wahrnehmen von gegenwärtiger Kontrolle
über ein vergangenes aversives Ereignis
5. primäre Kontrolle: offene Kontrolle über existierende Bedingungen
6. sekundäre Kontrolle: Anpassung an die Realität und Zufriedenheit mit
den Dingen, so wie sie sind

Sherrod et al. (1977) fanden heraus, dass offensichtlich die Menge an


Kontrolle, die wir haben, bedeutend ist: Kontrolle über Beginn und Ende von
Lärm führt zu besserer Adaptation als Kontrolle nur über den Beginn oder das
Ende des Lärms.

Unter gewissen Umständen kann Kontrolle zu gesteigerter Bedrohung, Angst


oder maladaptivem Verhalten führen: Z.B. kann die Möglichkeit, aus einer
Wohnung in der Nähe einer Giftmülldeponie wegzuziehen, dazu führen, dass wir
uns verstärkt darüber Sorgen über die damit verbundenen Verluste machen, wie
enge Nachbarn zu verlieren und die emotionale Bindung an unsere Wohnung
aufzugeben.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 34

Aspekte von Hilflosigkeit:

Hilflosigkeitseffekte sind wahrscheinlicher, wenn wir das Fehlen von Kontrolle


über die Umwelt zurückführen auf:
 stabile statt instabile Faktoren (z.B. physische o. geistige Unfähigkeit statt
vorübergehend fehlende Zeit/Glück)
 generelle statt spezifische Faktoren (z.B. Verschmutzung allen Industrien
zuschreiben statt einer spezifischen)
 internale statt externale Kontrollorte (z.B. Unwohlsein in einer menge der
eigenen Präferenz für offene Plätze zuschreiben statt dem Verhalten von
anderen in der Menge)

Personen, die negative Ergebnisse auf generelle Faktoren zurückführen, zeigen


Hilflosigkeit sowohl in ähnlichen als auch in unähnlichen Settings.

Wert und Begrenzungen der Verhaltenseinschränkungstheorie

In Fällen, wo ein Kontrollverlust auftritt, ist das Modell ziemlich nützlich zur
Vorhersage einiger Konsequenzen.

Betonung der individuellen Reaktionen statt Blick auf das gesamte Setting

Die Umwelt-Streß-Theorie

Betrachtet viele Elemente der Umwelt als Stressoren (z.B. Lärm und
Überfüllung), die Stressreaktionen auslösen können:
 physiologische Komponente (systemischer Streß)
 Verhaltens- und emotionale Komponente (psychologischer Streß)

Charakteristika von Stressoren:

Umwälzende Ereignisse:
Naturkatastrophen, Krieg, nukleare Unfälle, Feuer
 beginnen plötzlich, ohne Vorwarnung  Erstarren, Benommenheit
 gehen oft ebenso schnell vorüber
 starker Einfluß, lösen mehr oder weniger universelle Reaktionen aus
 betreffen eine große Anzahl an Menschen  soziale Unterstützung kann
Stresseffekte moderieren
 erfordern große Anstrengung für eine effektive Bewältigung

Persönliche Stressoren:
Krankheit, Tod eines geliebten Menschen, Arbeitsplatzverlust

 betreffen weniger Menschen gleichzeitig als umwälzende Ereignisse 


weniger soziale Unterstützung
 können erwartet oder unerwartet eintreffen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 35

Hintergrundstressoren:
Weniger starke, mehr allmähliche chronische Stressoren

a) Tägliche Auseinandersetzungen:
 stabile, wenig intensive Probleme, denen wir als Teil unserer Routine
begegnen
 einzigartig jeden tag
 betreffen ein spezifisches Individuum
b) Umgebungsstressoren:
 chronische, globale Bedingungen der Umgebung (Lärm, Verschmutzung,
Stau)  schädliche Stimulation
 beeinflussen eine größere Anzahl an Menschen
 sind chronisch
 sind schwierig durch die Bemühungen eines Individuums zu beseitigen

Regelmäßige und längere Aussetzung von best. Hintergrundstressoren kann auf


lange Sicht sogar mehr adaptive Reaktionen erfordern als intensivere Stressoren.

Bei Hintergrundstressoren ist es schwierig, einen Punkt zu definieren, an dem


das Schlimmste vorüber ist  es ist überhaupt nicht klar, ob die Dinge besser
werden, sie können auch immer schlimmer werden.

Bewertung

Der gleiche Stimulus kann in bestimmten Situationen und für bestimmte


Personen ein Stressor sein, für andere wiederum nicht. Damit ein Streßprozeß
beginnt, muß eine kognitive Bewertung des Stimulus als bedrohlich stattfinden.
Allein die kognitive Bewertung, dass ein aversives Ereignis bevorsteht, kann
Stressreaktionen auslösen.

Die kognitive Bewertung ist eine Funktion aus


 individuellen psychologischen Faktoren: intellektuelle Ressourcen,
Wissen aus früheren Erfahrungen, Motivation
 kognitiven Aspekten der spezifischen Stimulus-Situation: Kontrolle
über den Stimulus, Vorhersagbarkeit und Unmittelbarkeit/Zeit bis Einsetzen
des Stimulus

Bewertungstypen

Bewertung als Schaden oder Verlust  bezieht sich auf Beschädigungen, die
schon stattgefunden haben, z.B. bei Opfern von Katastrophen
 schneller Verlust von Ressourcen ist mit traumatischem Streß assoziiert

Bewertung als Bedrohung  bezieht sich auf zukünftige Gefahren (z.B.


Schadstoffe)
Die Fähigkeit, potentielle Schwierigkeiten vorherzusehen, erlaubt uns, ihr
Auftreten zu verhindern, kann aber auch antizipatorische Stressreaktionen
hervorrufen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 36

Bewertung als Herausforderung  auf die mögliche Bewältigung eines


Stressors fokussiert

Faktoren, die die Bewertung beeinflussen (Moderatoren)

 Charakteristika des Ereignisses (z.B. wie laut eine Geräusch ist)


 situationale Bedingungen (ist das Ereignis mit unseren Zielen kompatibel
oder nicht)
 individuelle Unterschiede
 Einstellung gegenüber der Stressquelle (schädlich vs harmlos)
 wahrgenommene Kontrolle
 Bewätigungsstile/Verhaltensmuster (Unterdrückung, Sensitivierung,
Abschirmen, Leugnen)
 soziale Unterstützung

Charakteristika der Stressreaktion

Primäre Bewertung: Einschätzung der Bedrohung


Sekundäre Bewertung: Einschätzung der Bewältigungsstrategien

Die Stressreaktion umfasst physiologische Veränderungen (zurückzuführen auf


erhöhte Erregung) und kann auch emotionale, psychologische und
Verhaltensänderungen beinhalten.

Physiologische Reaktion:

Generelles Adaptationssyndrom (Seyle, 1956)


1. Alarmreaktion: Der Stressor verursacht autonome Prozesse wie
Adrenalinausschüttung  Beschleunigung der Herzrate, Blutdruck steigt,
Muskelspannung steigt  Handlungsbereitschaft (Flucht/Kampf)
2. Widerstandsstadium: Automatische Mechanismen zur Bewältigung des
Stressors (z.B. Schwitzen bei Hitze)
3. Erschöpfungsstadium: Wenn die homöostatischen Mechanismen das
Gleichgewicht nicht wieder herstellen können, tritt Erschöpfung ein 
Geschwüre, erhöhter Adrenalinspiegel, Schrumpfen der Lymphdrüsen und
anderer Drüsen

Im Gehirn steigert Streß die Aktivität in der Amygdala (emotionales Zentrum 


stärkt Erinnerungen an emotionale Ereignisse) und vermindert die
aufmerksamkeitsrichtenden, organisierenden und planenden Operationen des
Frontallappens  Verringerung der Problemlösefähgkeit

Bewältigungsstrategien:
Flucht, Angriff oder Kompromiß  begleitende Emotionen: Wut, Angst
1. Direkte Handlung/problemfokussiert: Informationssuche, Flucht,
Versuchen, den Stressor zu entfernen oder zu stoppen
2. Palliativ/emotionsfokussiert: Psychologische
Verteidigungsmechanismen(Leugnung, Intellektualisierung), Drogen,
Nachdenken, Neubewertung der Situation als nichtbedrohlich
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 37

Welche Copingstrategie gewählt wird, hängt von individuellen und situationalen


Faktoren ab.

Adaptation:

Wenn der Stressor nicht vermieden oder entfernt werden kann, tritt meistens
Adaptation ein: Die Stressreaktion wird schwächer.

Positive Effekte von Adaptation:


Die Erfahrung, mit dem Streß fertig zu werden, erhöht das Selbstvertrauen und
die Fähigkeit, mit zukünftigen Stressoren umgehen zu können

Negative Effekte:
Wenn die Summe aller Stressoren zu einer Zeit die Bewältigungskapazität des
Individuums übersteigt, folgt ein physikalischer oder geistiger Zusammenbruch:
 psychosomatische Krankheiten
 Leistungseinbußen
 niedrigere Widerstandskraft für andere Stressoren

Nachwirkungen von Streß

Physiologische Nachwirkungen:
 geringere Abwehrkraft gegen Infektionskrankheiten
 erhöhte Anfälligkeit für Bluthochdruck und Herzkrankheiten als Folge des
erhöhten Arenalinspiegels

Psychologische Nachwirkungen:
 geringere Frustrationstoleranz
 schlechtere Konzentrationsfähigkeit und Leistung
 weniger altruistisches Verhalten

Bewertung des Stressmodells

 gute Vorhersagekraft
 hohe Generalisierbarkeit: gilt für viele Umwelt- und soziale Stressoren
 vielfältige Hypothesengenerierung

 Identifizierung eines Stimulus als Stressor ist schwierig (keine Reaktion =


kein Stressor oder effektives Coping oder nicht bedrohlich unter exp.
Bedingungen?)
 Schwierigkeiten bei der Vorhersage von der Copingstrategie
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 38

Barkers Ökologische Psychologie

 betrachtet Umwelt und Verhaltens als gegenseitig abhängig

Fokus: Einfluß eines Behavior Settings auf extra-individuelle


Verhaltensmuster . d.h. das Verhalten einer großen Anzahl an Menschen

Das Behavior Setting ist kein wissenschaftliches Konstrukt, sondern existiert


tatsächlich.

Die Natur des Behavior Setting

Das Behavior Setting besteht aus der wechselseitigen Abhängigkeit von


feststehenden Verhaltensmustern und einem physikalischen Milieu.

Wissen über das Setting hilft uns das Verhalten vorherzusagen, das darin auftritt

Das physikalische Milieu und die feststehenden Verhaltensmuster sind


synomorph (wechselseitig aufeinander abgestimmt).
Eine Veränderung der Verhaltensweisen oder des Milieus ändert das Behavior
Setting.

Die Methoden der ökologischen Psychologie sind sehr nützlich für folgende Ziele:
 Dokumentieren des Gemeinschaftslebens
 Einschätzen des sozialen Einflusses von Veränderung
 Analyse der Strukturen von Organisationen im Hinblick auf Effizienz,
Umgehen mit Verantwortung, Indikationen von Status
 Designeinschätzung

Die Umgebung ausstaffieren: Wie viele Erbsen füllen einen Pott?

Staffing Theorie (Barker, 1960, Wicker et al. 1972):

Erhaltungsminimum: Minimale Anzahl an Personen, die nötig ist, um das


Behavio Setting aufrechtzuerhalten

Kapazität: Maximale Anzahl an Personen, die ein Setting fassen kann

Bewerber: Personen, die die Mitgliedschaftsanforderungen des Settings erfüllen


und die versuchen, Teil davon zu werden

Darsteller: führen die primären Aufgaben in einem Setting aus (z.B. Lehrer im
Klassenraum)

Statisten: übernehmen die sekundären Rollen im Setting, z.B. Schüler im


Klassenraum

 Erhaltungsminimum, Kapazität und Bewerber sind unterschiedlich für


Darsteller und Statisten

unterbesetztes Setting: Die Anzahl der Bewerber für ein Setting fällt unter das
Erhaltungsminimum
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 39

überbesetztes Setting: Anzahl der Bewerber übersteigt die Kapazität

adäquat besetztes Setting: Anzahl der Bewerber liegt zwischen


Erhaltungsminimum und Kapazität
Man kann noch zwischen einem schwach und stark adäquat besetzten Setting
unterscheiden
Auswirkungen von unterbesetzten Settings:
 jeder Anwesende muß mehr spezifische Aufgaben und Rollen übernehmen,
damit das Behavior Setting aufrechterhalten bleibt
 muß härter arbeiten und schwierigere Aufgaben erledigen 
Spitzenleistung ist nicht so gut wie in adäquat besetzten Settings
 jeder Anwesende wird mehr geschätzt, hat mehr Verantwortung und
interagiert bedeutungsvoller mit dem Setting  Zulassungsstandards
werden gelockert, oberflächliche Unterschiede zwischen Anwesenden
ignoriert
 bietet mehr Gelegenheiten für die Erfahrung von Misserfolg und Erfolg
(mehr Erfahrung pro Anwesendem)  mehr Unsicherheitsgefühle

Auswirkungen von überbesetzten Settings:


 evtl. Kapazität steigern, z.B. durch Wechseln in ein größeres physikalisches
Milieu
 strengere Eingangsanforderungen
 Begrenzung der Zeit, die ein Anwesender im Setting verbringen kann

Bewertung der Staffing Theorie: sehr nützlich zur Einschätzung des


Einbezogenseins und der Zufriedenheit innerhalb einer Reihe von Umgebungen

Einschätzung der Ökologischen Psychologischen Perspektive

 Feldbeobachtungsmethode  Erfassen von realem Verhalten


 bewahrt die Einheit der Person-Umwelt-Beziehung
 generiert viele wertvolle Forschungshypothesen
 anwendbar auf viele Settings und Umnstände

 keine detaillierten Ursache-Effekt-Untersuchungen im Labor möglich


 Interpretationsschwierigkeiten durch fehlende wissenschaftliche Kontrolle
von Variablen
 so breiter Blickwinkel, dass spezifische Vorhersagen über das Verhalten
einer Person schwierig sind

Integration und Zusammenfassung der theoretischen Perspektiven

Die vorgestellten Theorien schließen sich nicht gegenseitig aus. Es ist möglich,
dass alle Mediatoren gleichzeitig operieren.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 40

Kapitel 5

Lärm

Was ist Lärm?

Def.: Lärm ist „ungewollter Schall“(Geräusch)

 so gut wie jedes Geräusch kann unter bestimmten Bedingungen als Lärm
wahrgenommen werden.

Wahrnehmen von Schall und Lärm

Schall wird durch raschen Luftdruckwechsel auf das Trommelfell erzeugt 


Trommelfell beginnt zu vibrieren

Je schneller die Luftdruckänderungen, umso größer die Frequenz und umso


höher wird der Ton wahrgenommen.

Das menschliche Ohr kann Frequenzen zwischen 20 und 20000 Hertz


(Schwingungen pro Sekunde) hören.

Die meisten Geräusche bestehen jedoch nicht aus einer einzigen Frequenz,
sonder aus einer Mischung aus Frequenzen.

Schmalbandgeräusch: besteht aus wenigen Frequenzen

Breitbandgeräusch: besteht aus vielen Frequenzen

Weißes Rauschen: extrem viele, unstrukturierte Frequenzen

Je höher der auf das Trommelfell ausgeübte Luftdruck (Amplitude der


Schallwelle), umso lauter wird das Geräusch wahrgenommen.

Hörschwelle (junge Erw.): 0.0002 Mikrobar

Schmerzgrenze: 1000 Mikrobar

Dezibel (dB): logarithmische Funktion von Mikrobar, Basiseinheit von


Geräuschen
 eine Steigerung von 20 dB bedeutet eine 10fache Drucksteigerung

Die Dezibel-Skala reflektiert jedoch nicht genau die Wahrnehmung der Lautheit,
das menschliche Ohr ist verschieden empfindlich für Geräusche von
verschiedenen Frequenzen Phon-Skala
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 41

Belästigung

Begriff für die negativen Effekte von Lärm  negative Gefühle, Reizbarkeit,
Ungeduld

Faktoren, die beeinflussen, als wie belästigend Lärm empfunden wird:


1. Lautstärke:
 oberhalb von 90 dB wird Lärm psychologisch störend  wiederholter Lärm
dieser Lautstärke für 8 oder mehr Stunden kann das Hörvermögen
schädigen
 je lauter der Lärm, umso wahrscheinlicher stört er die verbale
Kommunikation

2. Vorhersagbarkeit:
 unvorhersagbarer, unregelmäßiger Lärm ist generell belästigender als
vorhersagbarer oder konstanter Lärm
 je weniger der Lärm vorhersagbar ist, umso mehr erregend ist er, und
umso wahrscheinlicher führt er zu Streß
 unvorhersagbarer Lärm verlangt mehr Aufmerksamkeit, um verstanden
und bewertet zu werden
 Adaptation an unvorhersagbaren Lärm ist schwieriger

3. wahrgenommene Kontrolle:
 Lärm, über den wir keine wahrgenommene Kontrolle haben, ist störender 
auch wenn von der Kontrollmöglichkeit kein Gebrauch gemacht wird!

5. Psychologische Faktoren (Einstellungen, Meinungen, Bewertungen):


Die Belästigung steigt, wenn
 der Lärm als unnötig betrachtet wird oder nicht zu etwas beiträgt, was wir
schätzen
 diejenigen, die den Lärm erzeigen, sich keine Gedanken über das
Wohlergehen derjenigen zu machen scheinen, die dem Lärm ausgesetzt
sind
 der Lärm als gesundheitsschädlich eingeschätzt wird
 der Lärm mit Furcht assoziiert ist
 die betroffene Person mit anderen Aspekten ihrer Umgebung unzufrieden
ist
 die Kosten größer sind als der Nutzen

5. Lärmempfindlichkeit:
 individuell verschieden
 hängt mit Einstellungsunterschieden gegenüber vielen Lärmarten
zusammen
 Korrelationen zwischen Lärmempfindlichkeit und Belästigung sind moderat
(.25 bis .45)  bessere Meßinstrumente für Lärmempfindlichkeit könnten
die Korrelation steigern (Beispielitem: Ich kann mich nicht konzentrieren,
wenn Leute um mich herum Lärm machen)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 42

Lärmquellen

Verkehrslärm

Lärm von Automobilen ist die am häufigsten erwähnte städtische Lärmquelle.


Schätzungsweise 11 Mio. oder mehr Amerikaner sind Fahrzeuglärm ausgesetzt,
der um oder über gehörschädigenden Pegeln liegt.

Die Hälfte bis 2/3 der Leute, die in der Nähe von Flughäfen wohnen, fühlen sich
belästigt und unglücklich wegen des Lärms. Forschungsbefunde deuten
außerdem auf einen Zusammenhang zwischen Fluglärm und Bluthochdruck und
Ohrsymptomen hin.

Die Lautheit und Unvorhersagbarkeit von Verkehrslärm bestimmen gemeinsam


die negativen Effekte von Verkehrslärm auf die Stimmung (Green & Fidell, 1991).

Arbeitslärm

 Geräusch von weiter Bandbreite (besonders Bürolärm)  Maskierung des


Lärms möglich
 oft sehr durchdringend und laut
 mehr als die Hälfte der Produktionsarbeiter in den USA sind regelmäßigen
Geräuschpegeln oberhalb des Punktes, an dem Gehörverlust wahrscheinlich
ist, ausgesetzt
 mehr als 5 Mio. Arbeiter sind Pegeln über der gesetzlich zugelassenen
Grenze von 90 dB ausgesetzt

Effekte von Lärm

Hörverlust
 tritt gewöhnlich bei Pegeln von ab 90 dB aufgrund der vorübergehenden
oder dauerhaften Beschädigung der feinen Haarzellen in der Schnecke des
Innenohrs auf
 sehr laute Geräusche (150 dB) können das Trommelfell platzen lassen oder
andere Teile des Ohrs zerstören

Messung von Hörverlust: Anzahl der dB über der normalen Hörschwelle für eine
bestimmte Frequenz

Vorübergehende Schwellenverschiebungen: Normale Hörschwelle kehrt


innerhalb von 16 Stunden nach dem schädigenden Lärm zurück

Lärminduzierte permanente Schwellenverschiebungen: werden


üblicherweise einen Monat oder mehr nach der Lärmaussetzung gemessen

Hörverlust ist ein ernsthaftes Problem in industrialisierten Ländern: 70 Jahre alte


sudanesische Stammesmänner haben Hörfähigkeiten, die mit denen 20jähriger
Amerikaner vergleichbar sind (Rosen et al., 1962).
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 43

Die Arbeitssicherheit- und –gesundheit Verwaltung hat Richtlinien erlassen, die


nur eine begrenzte Aussetzung an Lärm erlauben (z.B. 8 Stunden für 90 dB, vier
Stunden für 95 dB usw.).

Personen, die in der Nähe von vielbefahrenen Verkehrslinien leben, sind


zumindest zeitweise Geräuschpegeln asugesetzt, die die industriellen Standards
der Regierung überschreiten.

Bestimmte Drogen können die schädigenden Effekte von Lärm steigern, dazu
zählen:
 Antibiotika
 Aspirin
 meist aber nur geringe Effektgrößen

Andere Effekte von Lärm auf die Gesundheit

Hohe Lärmpegel führen zu gesteigerter Erregung und Streß  streßbezogene


Krankheiten wie Bluthochdruck und Geschwüre als Folgen von Lärm

 Lärm beeinflusst die Funktion des Immunsystems bei Menschen und Tieren
 größere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten
 Einfluß auf den Magen-Darm-Trakt  organische Verdauungsprobleme,
Geschwüre
 Lärm kann das Darmgewebe direkt beeinflussen
 Zusammenziehen der peripheren Blutgefäße, höherer diastolischer und
systolischer Blutdruck, gesteigerte Katecholaminsekretion (Adrenalin,
Noradrenalin und Dopamin)  Lärm trägt zu Herz-Kreislaufkrankheiten und
Bluthochdruck bei (bei lautem oder unerwartetem Lärm sehr schlechte
Habituation)
 Zusammenhang mit Kindersterblichkeit, Geburtsdefekten und niedrigem
Geburtsgewicht (Streß!!)
 akute und chronische Krankheiten und Schlafprobleme

Lärm kann eine Reihe von physiologischen Veränderungen verursachen, die zu


Krankheit beitragen können. Die Korrelationen zwischen Hörverlust (als Indikator
von Lärmaussetzung) und best. Krankheiten sind jedoch bescheiden bis nicht
vorhanden.

Die Beziehung zwischen Lärm und Blutdruck ist stärker, wenn die
Arbeitszufriedenheit und soziale Unterstützung kontrolliert werden.

Interaktion mit anderen Stressoren


 Rauchen kann einige physiologische Reaktionen auf (periodischen) Lärm
reduzieren (auch den berichteten Streß), dies gilt insbesondere für die
lärminduzierten Steigerungen der Herzrate und die Zusammenziehung der
Blutgefäße (Woodson et al., 1986)
 bei kontinuierlichem Lärm wurde der gegenteilige oder kein Effekt von
Rauchen gefunden

Es ist auch möglich, dass Lärm die Gesundheit beeinflusst, indem er


Verhaltensweisen verändert, die sich auf die Gesundheit auswirken: In einem
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 44

Laborexperiment von Cherek (1985) waren höhere dB-Pegel mit mehr und
intensiverem Rauchen verbunden.

Fazit: Ungünstige Effekte von Lärm auf die Gesundheit treten in erster Linie in
Verbindung mit anderen Stressoren (industrielle Schadstoffe, Spannungen am
Arbeitsplatz, ökonomischer Druck etc.) auf oder sind begrenzt auf Personen, die
besonders empfänglich für gewisse physiologische Krankheiten sind
(Bluthochdruck in der Familiengeschichte).

Lärm und geistige Gesundheit

Da Streß auch ein Ursachfaktor für geistige Krankheiten ist, könnte man
erwarten, dass Lärmaussetzung mit mentalen Gesundheitsproblemen verbunden
ist.

Bei industriellen Umfragen ist intensiver Lärm mit Klagen über Kopfschmerzen,
Übelkeit, Instabilität, Reizbarkeit, Angst, Impotenz und Stimmungsänderungen
verbunden  fehlende Kontrolle anderer Stressoren am Arbeitsplatz

Zusammenhang zwischen Lärm und psychiatrischen Aufnahmen (Kryter, 1990) in


der Nähe von Londons Heathrow Airport

Wie bei physischer Gesundheit, trägt Lärm in erster Linie in Kombination mit
anderen Faktoren zur Entwicklung psychischer Krankheiten bei  Lärm kann zu
Kontrollverlust und gelernter Hilflosigkeit führen, was die Empfänglichkeit für
psychologische Krankheiten erhöht.

Effekte von Lärm auf die Leistung

während des Lärms:


 Lärm im Bereich zwischen 90 und 100 dB beeinflusst die Leistung bei
einfachen motorischen oder geistigen Aufgaben nicht ungünstig
 unvorhersagbarer Lärm dieser Lautstärke senkt jedoch die Leistung bei
Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und komplexen Aufgaben  nur minimale
Effekte, die nicht bei Kontrolle über den Lärm auftreten
 die Effekte von Lärm auf die Leistung hängen teilweise von der
Persönlichkeit ab (Moderatorvariable): Extravertierte sind generell
untererregt im Vergleich zu Introvertierten  Extravertierte präferieren
lautere Arbeitsumgebungen und zeigen dort bessere Leistungen (Campbell,
1992)
 Alter und Geschlecht könnten weitere Moderatorvariablen sein: Jüngere
Kinder zeigen kleinere physiologische Veränderungen, wenn sie Lärm
ausgesetzt werden (Vallet, 1987) und Frauen werden von Lärm ungünstiger
Beeinfluß0t als Männer (Gulian & Thomas, 1986)
 lauter, unkontrollierbarer Lärm scheint das Abrufen von Informationen aus
dem Gedächtnis zu verzerren: stärkerer Abruf von negativen,
emotionsgeladenen Dingen/Erinnerungen
 Studenten berichten von größerer Müdigkeit, wenn Ventilatoren während
der Vorlesung an sind (60-65 dB)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 45

Nachwirkungen:

 niedrigere Frustrationstoleranz (Glass & Singer, 1972)


 mehr Fehler bei Korrekturleseaufgaben
 die Nachwirkungen von Lärm können so stark wie die Effekte von Lärm
während der Wahrnehmung sein
 Moderatorvariable: wahrgenommene Kontrolle

Mechanismen:
 Erregungsüberhang
 Aufmerksamkeitsermüdung

Lärmeffekte auf Kinder: Warum kann Johnny nicht lesen?

 psychomotorische Aufgabenleistungen wurden durch experimentell


erzeugten Lärm verschlechtert (Hambrick-Dixon,. 1986), Kinder aus lauten
Umgebungen schnitten unter Lärm allerdings besser ab!
 Damon(1977) fand, dass Kinder, die in einer Wohnung wohnen, die hohem
Verkehrslärm ausgesetzt ist, wahrscheinlicher in der Schule fehlen
 Kinder in den lauteren unteren Stockwerken eines Hochhauses über einem
lauten Highway in NY hatten eine schlechtere Hördiskriminierung und
schlechtere Leseleistungen (Cohen, Glass & Singer, 1973)  Lärm
interferiert mit der Fähigkeit, ähnliche Laute wie b und d voneinander zu
unterscheiden  langsamere Entwicklung von Lese- und verbalen
Fähigkeiten
 11% Lehrzeitverluste durch Lärm
 Schüler von lauten Schulen sind weniger fähig, kognitive Aufgaben zu
lösen, teilweise weil sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit aufgeben,
bevor die Aufgabe gelöst ist
 die Lärmpegel zu Hause beeinflussen die Schulleistung mehr als die
Lärmpegel in der Schule  langfristige Effekte, größere Ablenkbarkeit
(niedrigere Konzentrationsfähigkeit)
 Kinder in der Nähe des Münchner Flughafens hatten höhere Adrenalin- und
Noradrenalinspiegel im Urin, höheren diastolischen Blutdruck und eine
größere Blutdruckreaktivität während einer kogn. Aufgabe ( Streß),
außerdem zeigten sie eine schlechtere Gedächtnis- und Leseleistung,
weniger Motivation, weniger Frustrationstoleranz und mehr Belästigung

Verbesserungsvorschläge: schallabsorbierende Dachziegel, lärmreduzierende


Polster auf Schienen  Verbesserung der Lesefähigkeiten (Bronzaft, 1985-86);
Berücksichtigung in der Designphase

Effekte von Lärm in Büro- und industriellen Settings

 Befragung von 2391 Angestellten vor und nach einer Bürorenovierung:


Zusammenhang zwischen Lärmveränderung und Arbeitszufriedenheit,
Ärger aufgrund von Lärm

 Störung der Kommunikation: laute Hintergrundgeräusche maskieren die


Sprache, gesprochen Sprache als Hintergrundgeräusch ist besonders
problematisch, da sie automatisch die Aufmerksamkeit anzieht, anderer
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 46

Lärm interferiert wiederum mit Bemühungen zu kommunizieren

 Moderatorvariablen: Frequenz (je ähnlicher die Frequenz von Lärm und


Kommunikation, umso stärker die Störung), Amplitude und interpersonale
Distanz
 kommunikative Adaptation: wir können lernen, bei der Anwesenheit von
Hintergrundgeräuschen effektiv zu kommunizieren
 55 bis 70 dB als Standard für Designer und Bauer
 keine Effekte von Lärm auf nichtauditorische Leistung in industriellen
Settings
 Mediatorvariablen wie Arbeitsmoral, Müdigkeit oder
Kommunikationsschwierigkeiten könnten für die Leistung bedeutsamer sein
als die direkten Effekte von Lärm

Lärmbekämpfung:
Teppich, schallabsorbierende Wandmaterialien, schwere Gardinen, Pflanzen,
Maschinen leiser machen, Lärm durch Ventilatoren oder Musik maskieren

Wie entstehen diese Effekte – Mechanismen

 Maskierung des „inneren Sprechens“


 Verschlechterung von Gedächtnis und Erinnerung
 geringeres Verständnis von Lesematerial
 Verengung der Aufmerksamkeit, Benutzen von gut gelernten und leicht
zugänglichen Informationen
 Schlafstörungen  schlechte Stimmung und Leistung

Weitere Theorien:
Adaptation level Theorie
Erregungstheorie
Stresstheorie
Überlastungstheorie
Verhaltenseinschränkungtheorie

Lärm und Sozialverhalten

Die meisten Arbeiten hierzu sind Laborexperimente aus den 70er Jahren.

Lärm und Attraktion

Messung von Attraktion durch Bestimmung der interpersonalen Distanz: Wir


stehen oder sitzen enger bei Leuten, die wir mögen als bei Leuten, die wir nicht
mögen.
Insgesamt uneindeutige Forschungsbefunde:
 schon ein Lärm von 80 dB steigert die Distanz, bei der sich Individuen
miteinander wohl fühlen.
 weniger informale Interaktion zwischen Nachbarn bei stärkerem
Verkehrslärm
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 47

 bei Frauen kann aversiver Lärm die Attraktion zu anderen, die die aversive
Erfahrung teilen, steigern, aber die Attraktion zu anderen, der nicht dem
Lärm ausgesetzt ist, senken

Erklärung für diese Effekte:


Überstimulationstheorie  Lärm führt zu einer Verengung der Aufmerksamkeit,
Menschen konzentrieren sich auf einen kleineren Ausschnitt der Umwelt 
Verzerrung in der Wahrnehmung anderer, da auf weniger Merkmale geachtet
wird
 tatsächlich fanden Siegel und Steele (1980), dass Lärm zu extremeren und
vorschnellen Urteilen über andere Menschen führt, die allerdings nicht negativer
waren

Lärm und menschliche Aggression

Annahme (Erregungstheorie): In dem Ausmaß, in dem Lärm die Erregung


steigert, sollte er auch die Aggression steigern bei Individuen, die schon
aggressionsbereit sind (dominante Reaktions-Hypothese)

Experiment von Geen & O`Neal (1969): Tn wurde entweder ein nicht-
gewalttätiger Sportfilm oder ein gewalttätigerer Preis-Kampffilm gezeigt 
Erzeugung von Aggressionsbereitschaft. Anschließend erhielten die Tn die
Gelegenheit, einem Opfer (vorgetäuschte) elektrische Schocks zu erteilen 
Anzahl, Dauer oder Intensität der Schocks = Index für Aggression
Die Hälfte der Vpn wurden in dieser Phase mit einem 60 dB lauten weißen
Rauschen beschallt
 sowohl der gewalttätige Film als auch der Lärm steigerten die Anzahl der
erteilten Schocks

Donnerstein & Wilson (1976) untersuchten die Nachwirkungen von 95 dB


unvorhersagbarem und unkontrollierbarem Lärm im Vergleich zu 95 dB lautem,
unvorhersagbarem, aber kontrollierbarem Lärm  der 95 dB Lärm hatte keinen
Effekt auf die Aggression, wenn die Tn wahrgenommene Kontrolle darüber hatten

Fazit: Lärm erleichtert/steigert Aggression, die durch Ärger verursacht wurde


anstatt die Aggression direkt zu erzeugen. Wenn der Lärm die Erregung nicht
spürbar steigert (wie wenn das Individuum Kontrolle darüber hat) oder wenn das
Individuum nicht bereits aggressionsbereit ist, hat Lärm geringe – wenn
überhaupt – Effekte auf Aggression.

Lärm und Helfen

Überlastungstheorie: Wenn Lärm die Aufmerksamkeit für weniger wichtige


Stimuli senkt und wenn wir uns auf eine wichtige Aufgabe konzentrieren, sollte
Lärm dazu führen, dass wir weniger Anzeichen von Not bei anderen bemerken.

 Cohen & Lezak (1977): Dias von sozialen Situationen wurden weniger gut
unter Lärmbedingungen behalten als unter Ruhebedingungen, wenn sich
die Tn auf etwas anderes konzentrierten sollten
 Laborexperiment von Mathews & Canon (1975): 72% halfen in der
normalen Bedingung (48dB), 67% in der 65 dB-Bedingung und nur 37% in
der 85 dB-Bedingung
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 48

 Feldexperiment von Mathews & Canon (1975):Lauter Lärm (87dB)


reduzierte die Häufigkeit des Helfens von 80% auf 15% in der Bedingung
„hohe Hilfsbedürftigkeit (Gipsarm)  weniger Aufmerksamkeit für
Hinweisreize darauf, dass eine andere Person Hilfe braucht (oder bloß
Flucht?)

Verringert Lärm die Hilfsbereitschaft, indem sie Leute in schlechte Stimmung


versetzt?
Kontra von Yinon & Bizman (1980): In der hohen Lärm-Bedingung fanden sich
keine Unterschiede im Hilfeverhalten zwischen Personen, die ein positives oder
negatives Feedback für ihre Leistung in einer Aufgabe erhalten hatten. Nur in der
niedrigen Lärmbedingung machte das Feedback einen Unterschied 
anscheinend lenkte der Lärm die Tn vom Feedback ab oder lieferte ihnen einen
Grund für das negative Feedback

Wahrgenommen Kontrolle kann die Effekte von Lärm auf das Hilfeverhalten
reduzieren (Sherrod & Downs, 1974).

Fazit: Der Effekt von Lärm auf das Hilfeverhalten hängt von mehreren Faktoren
ab, darunter die wahrgenommene Kontrolle über den Lärm, Lautstärke des
Lärms und die Stimuluseigenschaften der hilfsbedürftigen Person.

Lärm reduzieren: Ist das wirklich effektiv?

Die Veränderungen in der Unzufriedenheit durch Interventionen wie


lärmreduzierende Wände um Autobahnen können größer sein als man aufgrund
des resultierenden Lärmpegels erwarten würde  die Lärmbelästigungswerte in
einem Gebiet, in dem der Lärmpegel von 80 dB auf 70 dB reduziert wurde,
können sogar niedriger sein als in einem Gebiet, das von Anfang an mit 70 dB
lautem Lärm belastet ist.
 die Lärmreduktionsbemühungen werden so interpretiert, dass andere sich für
unser Wohlergehen interessieren oder das unsere Gesundheit geschützt wird, so
dass der reduzierte Lärm einen sehr großen Einfluß hat
 umgekehrt haben Lärmreduzierungsmaßnahmen keinen Effekt, wenn wir
immer noch glauben, dass diejenigen, die den Lärm produzieren, sich nicht um
unser Wohlergehen kümmern oder dass unsere Gesundheit in Gefahr ist

 Verkehrskontrolle oder –umverteilung sind effektivere


Lärmreduzierungsmaßnahmen als Lärmschutzwände
 Maskierung (Verdecken einer Geräuschquelle durch ein Breitbandrauschen)
kann die negativen Effekte von Lärm am Arbeitsplatz reduzieren

Schwächen der lärmbezogenen Politik:


 Psychosoziale Einflussvariablen (Schlafdeprivation, Glaube, dass Lärm die
Gesundheit schädigt) werden bei der Lärmschutzpolitik zu wenig beachtet
 psychosozialen Variablen hängen enger mit der Belästigung zusammen
als der Lärmpegel selbst
 Modelle, die die Auswirkungen von Lärmeinführung in zuvor ruhige Gebiete
untersuchen, basieren meist auf schon von Lärm betroffenen Gebieten oder
auf dicht bevölkerten Gebieten. Außerdem werden die Daten von Leuten
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 49

erhoben, die nicht weggezogen sind  Lärm kann den Wert eines Hauses
um 1% pro dB mindern!
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 50

Kapitel 6:

Warum sind Umweltpsychologen besorgt wegen Wetter und


Klima?

Wechselseitige Beziehungen zwischen Wetter, Klima und Menschen

Fragen über den Einfluß der physikalischen Umgebung auf persönliches und
interpersonales Verhalten werden aus 2 Gründen immer wichtiger:
1. Menschen sind konstant natürlichen Veränderungen der physikalischen
Umgebung ausgesetzt.
2. Wir selbst verändern die natürliche Umgebung auf drastische Weise:
 Gebrauch fossiler Brennstoffe  Treibhauseffekt
 Abfallhitze von Klimaanlagen und hitzeabsorbierender Beton erwärmen
Städte um 6°C über die Temperatur der umgebenden Landschaft
 Steigerung der Windgeschwindigkeit durch hohe Gebäude

Meteorologische Faktoren (Temperatur, Wind, Luftdruck) treten oft gemeinsam


miteinander sowie zusammen mit Luftverschmutzung auf.

Wetter: relativ schnell wechselnde, momentane Bedingungen (z.B. Hitzewelle


oder Kältefront)
Klima: durchschnittliche Wetterbedingungen bzw. das vorherrschende Wetter
über eine lange Zeitperiode

Globale Erwärmung, Treibhauseffekt, Ozonloch und El Niño

Die Oberflächentemperatur der Erde fluktuiert einigermaßen regelmäßig über


Millionen von Jahren.

In einem ausbalancierten ökologischen System wird der Kohlenstoff in lebenden


Organsimen wiederholt recycled, indem ein lebender Organismus das Futter oder
der Dünger von anderen wird.
Dieses natürliche Gleichgewicht wird durch mindesten 2 menschliche Eingriffe in
die Natur gestört:
 Eliminierung von Biomasse durch Abholzen von Wäldern (speichern viel
Kohlenstoff)
 Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle, Öl, natürliche Gase) in großen
Mengen  große Freilassung von Kohlenstoff und anderen Treibhausgasen
Wenn diese Gase nicht durch Photosynthese in Biomasse recycled werden,
steigen sie in die Atmosphäre auf und wirken dort wie das Glas eines
Treibhauses: Sie schließen die Sonnenstrahlen ein, die normalerweise zurück ins
All reflektiert werden  abnorme Erwärmung der Erdoberfläche

Innerhalb der letzten 100 Jahre haben wir die Erdoberfläche um 0,5 °C erwärmt
und werden sie in den nächsten 100 Jahren schätzungsweise um weiter 0,5 -3 °C
erwärmen - ein dramatischer Anstieg in einer relativ kurzen Zeit.

Aerosole (unsichtbare feste oder flüssige Schwebstoffe in Luft u.a. Gasen) und
andere Schadstoffe aus industriellen Prozessen moderieren den
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 51

Erwärmungsprozeß, indem sie die Wolkenhelligkeit steigern und mehr Licht


zurück ins All reflektieren.

Aerosole in Form von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) tragen zum


Ozonloch bei.
Das atmosphärische Ozon absorbiert schädliche ultraviolette Strahlen des
Sonnenlichts.
Der ozon-zerstörende Prozeß findet v.a. in stratosphärischen Eiswolken statt. Der
Treibhauseffekt erwärmt die Erde, aber kühlt die Stratosphäre und erzeigt so
mehr ozonzerstörende Eiswolken  Erhöhung der Hautkrebsraten

Tiefe Ozeanströmungen transportieren Hitze durch das Meer und verhindern


schädliche Salzgehalte des Wassers durch Umherspülen. Die globale Erwärmung
scheint mit Veränderungen in diesen Strömungen zusammenzuhängen  Meer
wird zu großen Teilen unbewohnbar für Algen und andere Wasserlebewesen 
Beschleunigung der globalen Erwärmung (Wasserlebewesen absorbieren viel
Kohlenwasserstoff)

Gaia Hypothese: Die Erde reguliert den ganzen thermalen Prozeß selbst
 menschliche Interventionen könnten dieses System so stören, dass die
natürliche Balance zusammenbricht  mögliche Folgen:
 Landwirtschaft wird in manchen Gegenden unmöglich, dafür in anderen
Gegenden möglich  starke Veränderung der ökonomische Beziehungen
und der Fähigkeit, die lokale Bevölkerung zu ernähren
 wenn die Hitze das Polareis zum Schmelzen bringt, werden breite
Küstenregionen überflutet
 häufigere und intensivere Stürme und Dürreperioden
 tropische Infektionskrankheiten bewegen sich zu ursprünglich
gemäßigteren Klimazonen, wo die Menschen u.a. Lebewesen keine
Immunität dagegen haben

Maßnahmen zur Verhinderung der globalen Erwärmung:


 die Erde grün machen  die existierenden Wälder absorbieren 25 bis 40%
des Kohlenstoffs, der durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe entsteht 
7 Mio. qm² Bäume (Größe von Australien) wären nötig, um den gesamten
Kohlenwasserstoff in Holz zu verwandeln
 Änderung menschlichen Verhaltens

El Nino und andere Schwankungen

El Nino: Tropisches Pazifikwasser wärmt und breitet sich zur äquatorialen Küste
Südamerikas aus  diese periodische Schwankung tritt oft um Weihnachten
herum auf, daher der Name
 macht die nördlichen USA wärmer und trockener und die südlichen USA kälter
und nasser

La Nina: Abkühlung des tropischen Pazifik  macht die südlichen USA trockener
und die nördlichen Staaten nasser

Pazifik dekadische Schwankung: Verschiebung im nördlichen Pazifik-Wasser


von kalt im Westen und warm im Osten zum umgekehrten Muster
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 52

11-Jahre Sonnenfleck-Zyklus: Wärme und Dürre

El Nino sowie arktische und atlantische Schwankungen können die Schwere von
der atlantischen Hurricane-Saison und europäische und afrikanische
Sturmmuster vorhersagen.

Geographischer und klimatologischer Determinismus

Es gibt 3 Ansichten zum das Ausmaß von Klimaeinlüssen:


Determinismus: Nimmt an, dass das Klima zwingend eine Reihe von
Verhaltensweisen verursacht, z.B. Hitze erzeugt Kriminalität
 Umweltpsychologen nehmen eine breite Sicht von Determinismus an, d.h. sie
glauben, dass viele zusammenhängende Variablen dazu beitragen, unser
Verhalten vorherzusagen
Possibilismus: schlägt vor, dass das Klima physikalische Grenzen setzt,
innerhalb derer Verhalten variieren kann
Probabilismus: Klima verursacht nicht vollständig spezifische Verhaltensweisen,
aber es beeinflusst die Wahrscheinlichkeiten, dass einige Verhaltensweisen
auftreten und andere nicht

Determinismus, Possibilismus und Probabilismus schließen sich nicht


notwendigerweise gegenseitig aus, sie können differentiell anwendbar auf
verschiedene Verhaltensbereiche sein  z.B. legt das Klima fest, welche Früchte
in einem Gebiet nicht angebaut werden können, aber es ist möglich, dass andere
Früchte im gleichen Gebiet wachsen können

Geographie und Wetter sind eng verbunden  es ist nicht einfach zu sagen, ob
das Wetter oder die Geographie in erster Linie für verbundene Verhaltensweisen
verantwortlich ist

Frühe Überzeugungen über Klima und Wetter

Die alten Griechen (Hippokrates und Aristoteles) glaubten, dass das Wetter und
Klima die Körperflüssigkeiten beeinflusst, welche in Folge individuelle
Dispositionen beeinflussen.

Der Römer Vitruvius und der Araber Ibn Khaldun sowie Aristoteles glaubten, dass
Geographie und Klima manche Menschen fleißiger, beherzter etc. machen.

Khaldun glaubte, dass moderates Klima eine überlegene Zivilisation fördert.

 jeder Schreiber deutet darauf hin, dass das vorherrschende Klima in der
eigenen Region zu einer überlegenen Zivilisation führt!

Später klimatologischer Determinismus

Biologische Adaptationen an Klima

Menschen, die in extremen Klimazonen leben (hohe Höhen oder sehr kalte
Umgebung) haben spezifische physiologische Adaptationen entwickelt, um mit
diesen Extremen fertig zu werden:
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 53

Menschen, die in großer Höhe leben (Tibet oder Peru) haben ein größeres Herz
und dickere Herzwände, da das Herz wegen des niedrigeren Sauerstoffgehaltes
der Luft mehr Blut durch den Körper pumpen muß, um alle Organe mit
Sauerstoff zu versorgen

Hitze und Verhalten

Die Umgebungstemperatur ist ein Faktor der physikalischen Umgebung, den


Menschen durch Verstädterung und Industrialisierung ändern:
Überschüssige Hitze von Klimaanlagen, industrielle Prozesse und das Verbrennen
von Brennstoffen häufen sich in städtischen Gebieten an, hinzu kommen
hitzeabsorbierende Betongebäude und hohe Gebäude, die es verhindern, dass
die Hitze vom Wind verteilt wird  Stadtzentren sind um 6 bis 12 °C heißer als
umliegende landwirtschaftliche Gebiete = Hitze-Insel-Effekt

Wahrnehmung von und physiologische Reaktionen auf Hitze

Die Wahrnehmung von Temperatur wird von physikalischen und psychologischen


Komponenten beeinflusst:
Physikalische Komponente: Temperatur in der Umgebung
Psychologische Komponenten:
 Kerntemperatur des Körpers
 Thermorezeptoren in der Haut  reagieren stärker auf
Temperaturveränderungen als auf die absolute Temperatur

Die Wahrnehmung der Umgebungstemperatur hängt größtenteils vom


Unterschied zwischen Körper- und Umgebungstemperatur ab.

Adaptive Mechanismen zur Kontrolle der Körpertemperatur

Wenn die Körpertemperatur über 45 °C steigt oder unter 25 °C sinkt, tritt Tod
ein.

Der Hypothalamus kontrolliert im Gehirn die Körpertemperatur und reguliert


z.B. Durst.

Regulationsmechanismen:
Schwitzen, nach Luft schnappen, periphere Gefäßerweiterung, Unterdrückung der
Urinbildung, Entzug von Wasser aus dem Körpergewebe, Durst

Zu Anfang der Empfindung von Hitze steigt der Blutdruck  Alarmreaktion, sinkt
aber, wenn die Gefäßerweiterung beginnt.

Wenn diese Regulationsmechanismen versagen, droht Hitzeerschöpfung,


Hitzschlag und Herzattacke.

Akklimatisierung: Anpassung an das Klima (Temperatur, Wind, Feuchtigkeit)


durch Veränderung der physiologischen adaptiven Mechanismen  schnelleres
Schwitzen
 Anpassungsprozeß dauert 3 bis 14 Tage
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 54

Die Akklimatisierung kann auch durch Entwicklungsveränderungen, genetische


Anpassungen oder Verhaltensänderungen erfolgen

Maximale Effizienz bei täglich 100 Min. Aufenthalt in Hitze

Komplizierende Faktoren

Die Wahrnehmung der Außentemperatur hängt nicht allein von der


Umgebungstemperatur, sondern auch von der Feuchtigkeit und von der
Windstärke ab:
je höher die Luftfeuchtigkeit, umso geringer ist die Kapazität der Luft,
Wasserdampf vom Schweiß aufzunehmen  die gleiche Temperatur wird bei
hoher Luftfeuchtigkeit als unangenehmer (höher) empfunden
die Menge an Luft, die über die Haut strömt, bestimmt, wie viel Schweiß
verdunstet und wie viel Körperhitze durch Konvektion weggetragen wird

Effektive Temperatur: gibt die entsprechende Temperatur bei 0 % Feuchtigkeit


als Funktion der tatsächlichen Temperatur und Feuchtigkeit an  Temperatur-
Feuchtigkeits-Index

Hitze und Leistung

Forschungsbefunde sind widersprüchlich.

Im allgemeinen beeinträchtigt Hitze die Leistung in komplexen mentalen


Aufgaben nach längerer Zeit (2 Stunden bei 32 °C), verschlechtert motorische
Leistung nach ziemlich kurzer Zeit (1 Stunde bei 32 °C) und kann die
Wachsamkeit verschlechtern oder steigern.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 55

Kapitel 8:

Persönlicher Raum und Territorialität

Persönlicher Raum (Katz, 1937): tragbare, unsichtbare Grenze um uns


herum (wie eine Blase), in die andere nicht unbefugt eindringen dürfen  kann
sich ausdehnen und zusammenziehen in Abhängigkeit von der Situation, in der
wir uns befinden
 interpersonelles Distanzkontinuum wäre ein passenderer Begriff
 ein Studium des persönlichen Raum schließt auch andere interpersonelle
Verhaltensweisen wie Körperausrichtung und Blickkontakt mit ein

Territorium: Relativ stationäres Gebiet, oft mit sichtbaren Grenzen, das


reguliert, wer darauf einwirkt  kann zurückgelassen werden

Funktion des persönlichen Raums:


 Überlastungstheorie  Vermeiden von Überstimulierung durch zu große
physikalische Nähe zu anderen
 Vermeiden von Stressoren wie zu große Nähe
 eine unpassende Distanz zu anderen erzeugt Erregung
 Schutz unserer Verhaltensfreiheit
 dient der nonverbalen Kommunikation (Hall, 1963, 1966): Die Distanz
zwischen 2 Individuen bestimmt die Qualität und Quantität der
Stimulation, die ausgetauscht wird  übermittelt Informationen über die
Art der Beziehung zwischen Individuen und über die Art der Aktivitäten, die
ausgeführt werden können
 Regulationsmechanismus zum Erreichen gewünschter Privatheit 
Regulation der Interaktionen mit anderen (Altmann, 1975)
 Intimität-Gleichgewichts-Modell (Argyle & Dean, 1965), Komfort-Modell
(Aiello, 1987): Personen haben ein optimales Niveau an Vertrautheit, das
sie aufrechterhalten wollen. Vertrautheit ist eine Funktion aus
persönlichem Raum und anderen Faktoren wie Blickkontakt, Mimik und
dem Gesprächsthema. Weicht das Intimitätsniveau vom Optimum ab,
erfolgen kompensatorische Verhaltensweisen (z.B. weiter wegrücken).
 Ethologische Modelle (s. Evans & Howard, 1973): Persönlicher Raum
funktioniert auf einem kognitiven Niveau und wurde im Evolutionsprozeß
selektiert, um die Aggression innerhalb einer Spezies zu kontrollieren
 die meisten Forscher sehen persönlichen Raum mehr als Produkt von
Lernen an, das unbewusst gesteuert wird

Integration der Perspektiven:


Persönlicher Raum ist ein interpersoneller Grenz-Regulations-Mechanismus, der 2
primäre Ziele hat:
 protektive Funktion: Puffer gegen mögliche emotionale oder
physikalische Bedrohungen (zu viel Stimulation, Überregung  Streß,
ungenügende Privatheit, zu viel oder zu wenig Intimität, physikalische
Attacken)
 Kommunikation: Die Distanz zu anderen bestimmt, welche sensorischen
Kommunikationskanäle (Geruch, Berührung, visueller Input, verbaler
Input) am hervorstechendsten sind  Informationsübermittlung über die
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 56

Qualität unserer Beziehung zu anderen Personen (gewünschtes Ausmaß an


Vertrautheit)

Was bestimmt die Größe des persönlichen Raums?


Situation (mit wem wir zusammen sind und was wir tun)
individuelle Differenzen (wahrscheinlich aufgrund unterschiedlicher
Lernerfahrungen)  einschließlich Geschlecht, Rasse, Kultur, Persönlichkeit)

Hall (1963, 1966) unterscheidet zwischen 4 persönlichen Raumzonen, die


Menschen in ihren Interaktionen benutzen:

Sensorische
Beziehung Aktivitäten
Qualitäten
Intime Beziehung lieben, trösten, Intensives
Sport Bewusstsein
Intime sensor.Inputs,
Distanz (0- Berührung als
1,5 Fuß) primärer
Kommunikationsmodu
s
Enge Freunde, Alltägliche Sicht sorgt für
Persönlich
Bekanntschaften Interaktionen detailliertes Feedback,
e Distanz
mehr verbale
(1,5-4
Kommunikation als
Fuß)
Berührung
Unpersönliche/ Sensor. Input
Soziale
geschäftliche minimal, normale
Distanz (4-
Beziehungen Sprachlautstärke,
12 Fuß)
Berührung unmöglich
Formale Kontakte keine sensor. Inputs,
zwischen einem keine detaillierten
Öffentliche Individuum visuellen Inputs,
Distanz (Schauspieler, übertriebene
(mehr als Politiker) und der nonverbale Verhalten
12 Fuß) Öffentlichkeit zur Ergänzung der
verbalen
Kommunikation

Angewandte Methoden zur Erforschung des persönlichen Raums:

Laborexperimente: reale Interaktion zwischen Menschen


Simulationen: Tn sollen den persönlichen Raum zischen Puppen oder
symbolischen Figuren manipulieren oder sich einem unbelebten Objekt nähern
Feldbeobachtungen/-experimente

 moderate Konvergenz der Befunde mit verschiedenen Methoden


 Labor- und Feldmethoden, die tatsächliche Interaktion zwischen Tn beinhalten,
sind bessere Maße für unser räumliches Verhalten als Simulationstechniken
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 57

Situationale Determinanten von persönlichem Raum

Attraktion und interpersonelle Distanz

Byrne schickte Mann-Frau-Paare, die sich ähnlich oder unähnlich in einer Reihe
von Persönlichkeitseigenschaften waren (Manipulation der Attraktivität) zu einem
kurzen Date  die ähnlichen Paare mochten einander mehr und standen enger
zusammen als die unähnlichen.

 die kleineren Distanzen zwischen engen Freunden gegensätzlichen


Geschlechts sind in erster Linie auf die Frauen zurückzuführen, die enger
zu Männern rücken, zu denen sie sich hingezogen fühlen
 der Abstand zwischen Mann-Mann-Paaren variiert nicht mit dem Mögen
 Beobachter, die Personen in engem Abstand interagieren sehen, schließen
auf hohe Attraktionsgrade

 Sozialisationsunterschiede:
 Männer werden dazu erzogen, sich vor homosexuellen Verwicklungen zu
fürchten, sie werden zu mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit
erzogen
 Frauen werden zu mehr Abhängigkeit erzogen und dazu, sich weniger vor
Intimität mit anderen gleichen Geschlechts zu fürchten und sich generell in
angliedernden Situationen wohler zu fühlen
 Frauen haben mehr Erfahrung mit dem Senden und Empfangen von
intimen nonverbalen Botschaften

Effekte anderer Arten von Ähnlichkeit auf die interpersonale Distanz

Engere Distanzen wurden beobachtet zwischen Individuen von gleichem


 Alter
 Geschlecht
 Rasse oder Subkultur
 Religion
 sexueller Präferenz (hetero vs bi)
 Status

Menschen antizipieren im allgemeinen günstigere Interaktionen mit ähnlichen als


mit unähnlichen anderen und erwarten weniger Bedrohungen von ihnen.
Außerdem teilen wir anderen durch eine enge Distanz mit, dass wir sie mögen
und vermitteln intimere sensorische Reize zu ihnen.

Art von Interaktion und interpersonelle Distanz

Negativ getönte Situationen schlagen sich in einer größeren Distanz nieder


 Frauen neigen im Gegensatz zu Männern besonders dazu, auf bedrohliche
Situationen durch eine Vergrößerung ihres persönlichen Raum zu reagieren

Ausnahme: Wenn Tn aufgrund von persönlichen Beleidigungen verärgert sind,


zeigen sie engere Interaktionsabstände  Vergeltungsstellung, die die
Kommunikation von Ärger erleichtert
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 58

Ärger kann aber auch wie andere negative Gefühle größere Distanzen erzeugen
 hängt wahrscheinlich von zusätzlichen situationalen Bedingungen ab, ob Wut
zu engeren Abständen (für Rache) oder zu größeren Distanzen (zum Schutz)
führt

Kulturelle und ethnische Determinanten von persönlichem Raum

Hall (1966) schlägt vor, dass Personen aus Kulturen mit hohem sensorischen
Kontakt (mediterrane, arabische und spanische Kulturen), wo Individuen Geruch
und Berührung sowie andere sensor. Modalitäten mehr nutzen, in engerem
Abstand interagieren.
Reservierte „Nichtkontakt“-Kulturen (nordeuropäische und kaukasische
amerikanische Kulturen) sollen dagegen größere Interaktionsdistanzen zeigen.

Subkulturelle Unterschiede:
 Spanische Amerikaner interagieren enger miteinander als Angloamerikaner
 der sozioökonomische Status könnte ein besserer Prädikor als die
Subkultur für räumliches Verhalten sein, da die Lebensbedingungen
ähnlicher sind (ähnliche Lernerfahrungen)  keine einheitlichen Befunde

Geschlechtsunterschiede

 Frau-Frau-Paare halten engere Distanzen ein als Mann-Mann-Paare  dies


gilt jedoch nicht für bedrohliche Situationen, hier halten Frauen einen
größeren Abstand als Männer ein
 bei Paaren von unterschiedlichem Geschlecht hängt der Abstand von der
Beziehung der Personen ab: Bekanntschaften halten einen Abstand ein, der
zwischen dem von Frau-Frau und Mann-Mann-Paaren liegt, Dyaden mit
enger Beziehung halten engere Distanzen als weibliche oder männliche
Paare ein
 der persönliche Raum von Frauen tendiert dazu, während der Menstruation
größer zu sein als in der Mitte des Zyklus  spiegelt den Höhepunkt
sexuellen Verlangens in der Zyklusmitte wider

Altersunterschiede

 persönliche Raum-Normen entwickeln sich in einem Alter zwischen 45 und


63 Monaten
 Kinder unter 5 Jahren zeigen inkonsistente räumliche Muster
 je älter das Kind, umso größer die bevorzugte interpersonelle Distanz 
kulturübergreifend
 räumliche Normen wie Erwachsene zeigen sich erstmals in der Pubertät
 die Distanz, die Erwachsene gegenüber Kindern einhalten, wird mit
zunehmendem Alter des Kindes größer
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 59

Persönlichkeitseinflüsse auf das räumliche Verhalten


Personen mit externer Kontrollüberzeugung, Ängstliche, Introvertierte und
Personen, die in relativer Isolation arbeiten, haben einen größeren persönlichen
Raum
Personen mit hoher Selbstachtung, Menschen mit einem hohen Bedürfnis nach
Angliederung und feldabhängige Personen (abhängig von externen Reizen) haben
einen kleineren persönlichen Raum
Schizophrene verlangen mehr Platz, Borderliner haben Schwierigkeiten, eine
geeignete persönliche Distanz einzuhalten
Patterson (1978) untersuchte Cluster von Persönlichkeitsvariablen, die mit einer
generellen Annäherungstendenz in sozialen Situationen verbunden sind (z.B.
Bedürfnis nach Angliederung, Extraversion) und setzte dies in Bezug zu
persönlichen Raum-Präferenzen  bessere, stabilere Vorhersagen als bei Fokus
auf individuellen Eigenschaften
Karabenick & Meisels (1972) schlagen vor, dass es notwendig ist, solche
Zusammenhänge in Situationen zu untersuchen, in denen die betreffende
Persönlichkeitseigenschaft salient ist
Physikalische Determinanten von persönlichem Raum
Unser persönlicher Raum wird größer bei
 niedriger Deckenhöhe (Männer)
 kleiner Raumgröße
 schmaler Raumform
 wenig Beleuchtung  Berührungen sind im Dunkeln wahrscheinlicher
 in Ecken statt im Zentrum eines Raums
 im Sitzen
 innen schlechtere Fluchtmöglichkeiten
 Überfüllung

Interpersonelle Positionierung
 Männer interagieren mit anderen, die sie mögen, lieber in einer
gegenüberliegenden Position (face-to-face)
 Frauen sitzen lieber neben anderen, die sie mögen
 kooperierende Paare sitzen nebeneinander, konkurrierende Paare sitzen
sich gegenüber
 in kooperativen Situationen halten Personen weniger Abstand ein

Räumliche Zonen, die die Zielerreichung erleichtern

Generell nimmt der Einfluß von Kommunikation mit zunehmendem


physikalischen Abstand zwischen Kommunikator und Zielperson ab (Einfluß =
umgekehrt quadratische Funktion der Distanz von der Zielperson).
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 60

Optimale Abstände in Lernumgebungen


 die Leistung eines Lernenden im Labor bei Aufgaben verschiedenen
Schwierigkeitsgrades war besser bei persönlicher Distanz (3,5 Fuß) als bei
intimer Distanz (6 inch)
 der mittlere Vorderbereich eines Klassenzimmers ist eine Zone mit relativ
hoher Kommunikation:
 fördert die Verbalisierung
 erleichtert die Aufmerksamkeit
 Personen, die Sitze im mittleren Vorderbereich wählen
 haben eine höhere Selbstachtung
 nehmen mehr teil
 haben eine positivere Einstellung zur Lernerfahrung
 bekommen die besten Noten

Optimale Abstände in professionellen Situationen


 in Beratungssituationen wird ein mittlerer Abstand präferiert
 Studenten geben am meisten persönliche Informationen bei einer Distanz
von 5 Fuß preis ( im Vergleich zu 2 und 9 Fuß)
 enge physische Nähe zum Arzt steigert das Einhalten von
Diätempfehlungen, wenn der Arzt akzeptierendes verbales Feedback zu
den Selbst-Enthüllungen des Patienten gibt, bei neutralem Feedback
erniedrigt ein enger Abstand die Compliance (Angriff?)
 wenn die verbalen und Umweltkommunikationskanäle übereinstimmen,
treten die positivsten Effekte auf

Optimale Abstände zum Erleichtern von Gruppenprozessen


 wenn man Sitzgelegenheiten so arrangiert, dass sich die Leute
gegenübersitzen (soziopetale Anordnung) interagieren die
Gruppenmitglieder mehr miteinander als bei einer soziofugalen Anordnung,
die die Leute voneinander trennt (Reihe von Stühlen nebeneinander)
 in kleinen Gruppensettings wird die meiste Konversation an die
gegenübersitzende Person (die am sichtbarsten ist) gerichtet
 Menschen in einer zentralen Position initiieren die meiste Kommunikation,
haben einen hohen Einfluß auf andere Gruppenmitglieder und eine höhere
Chance, zum Leiter gewählt zu werden (Simulationsstudie) 
möglicherweise suchen sich dominante Personen zentrale Plätze aus
Konsequenzen von zu viel oder zu wenig Raum
 Überstimulierung
 Streß
 Erregung
 Gleichgewichts-/Komfortmodell: kompensatorische Reaktionen in anderen
Modalitäten (z.B. Veränderung der Körperorientierung oder der
Blickrichtung), Verlust des Interesses an der Interaktion
 Privatheit-Regulationsmodell: Versuche, die Grenzkontrollmechanismen zu
verstärken und so Privatheit zu sichern
 Verhaltenseinschränkung Reaktanz
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 61

 Hall (1966): eine unpassende Distanz stellt eine negative Kommunikation


dar und führt zu negativen Attributionen und Schlussfolgerungen
 ethologischer Ansatz: Furcht und Unbehagen wegen Gefühlen von Angriff
und Bedrohung

Konsequenzen von unpassenden Abständen


 negative Beurteilungen der anderen Person (weniger Expertise,
weniger Attraktion, andere Person für eigenes Unbehagen verantwortlich
machen) und negative Gefühle (Unbehagen, sich bedrängt, unfreundlich
und gereizt fühlen)
 lineare Beziehung zwischen dem Ausmaß, in dem eine räumliche
Anordnung unpassend ist und der Menge an Unbehagen
 Personen mit kleinerem persönlichem Raum reagieren positiver auf einen
unpassend engen Abstand
 unpassende Abstände zu ähnlichen/gemochten anderen führt zu weniger
negativen Reaktionen  hier können auch reziproke (noch näher rücken)
Reaktionen statt kompensatorische Maßnahmen auftreten  abhängig
von Kognitionen und Attributionen über die Situation wird die gesteigerte
Erregung positiv oder negativ bewertet
 kompensatorische Reaktionen (weniger direkte Körperausrichtung,
weniger Blickkontakte)  je länger Tn unter unpassenden Bedingungen
interagieren, umso größer ist das Ausmaß der beobachteten Kompensation

Konsequenzen vom Eindringen in persönlichen Raum

… auf das Fluchtverhalten:

 Feldexperiment (Felipe & Sommer, 1966): Ein Verbündeter des Vl nähert


sich einzelnen Patienten einer psychiatrische Anstalt draußen bis auf einen
Abstand von 15 cm (6 inch) und rückt nach, wenn der Patient wegrückt
 nach 1 Minute sind 20% der Zielpersonen aus der Experimentalgruppe
geflüchtet, in der KG keine
 nach 20 Minuten haben 65% der Personen in dfer EG ihren Platz
verlassen im Vergleich zu 35% in der KG
 wenn keine Flucht möglich ist oder wenn eine Person den Ort nicht
verlassen will, drehen sich die Opfer weg, vermeiden Blickkontakt,
errichten Barrieren, zappeln umher und murmeln vor sich hin
 bei Kindern: primitiveres Verhalten (Regression  weil der enge Abstand
passend für ein kleineres Kind wäre??), mehr Bewegungen
 demente Personen: agitiertes Verhalten
…auf die Erregung:
 eine enge Distanz zu anderen männlichen Urinalbenutzern (!) verzögert
den Beginn des Urinierens und verringerte die Dauer des Urinierens
…weitere Effekte:
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 62

 Kapitel 7:

Katastrophen, toxische Gefahren und Verschmutzung

Was macht eine Naturkatastrophe aus?

Def.: Eine Naturkatastrophe ist ein Ereignis, das durch natürliche Kräfte
verursacht wird, und das die individuellen, Gruppen- und organisatorischen
Funktionen einer Gemeinschaft stört/unterbricht  es ist möglich, dass eine
Naturkatastrophe wenig sichtbare physikalische Zerstörung, aber große soziale
Störung verursacht

 die durch den Menschen verursachte globale Erwärmung führt zu


Klimaveränderungen, die Naturkatastrophen (mehr Stürme, Überflutungen) zur
Folge haben können

Methodische Probleme bei der Untersuchung der Effekte von


Naturkatastrophen:

 Naturkatastrophen treten meist plötzlich und unvorhersagbar auf, daher


haben wir keine Prätestwerte
 Wahl einer passenden Kontrollgruppe ist schwierig, man kann nicht sicher
sein, dass beobachtete Unterschiede nicht schon vor der Katastrophe
bestanden haben
 Auswahl der Messinstrumente ist schwierig, Untersuchung findet in
verwüsteten, chaotischen Bedingungen statt
 Stichprobenziehung und Datenerhebung müssen schnell stattfinden 
meist anfallende oder Quasi-Zufallsstichproben (z.B. jede 3. Person einer
betroffenen Straße), oft haben Opfer ihre Häuser verlassen  schwierig,
am meisten betroffene Personen zu finden
 begrenzte Generalisierbarkeit der Untersuchungsergebnisse

Charakteristika von Naturkatastrophen:

 plötzlich
 unvorhersagbar
 unkontrollierbar
 richten beträchtlichen Schaden/Verlust an
 akut, dauern oft nur wenige Sekunden bis Minuten und selten länger als
ein paar Tage

Welche Eigenschaften einer Naturkatastrophe haben einen Einfluß auf


das Ausmaß der Effekte?

 Ereignisdauer  je länger das Ereignis andauert, umso wahrscheinlicher


sind die Opfer Gefahren und Schaden ausgesetzt und umso größer die
Wirkung
 Intensität des Ereignisses  Lebensgefahr, Sehen von Tod und Verletzung
und substantielle Verluste steigern die Effekte
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 63

 Vorhandensein eines erkennbaren Tiefpunktes, an dem das Schlimmste


vorbei ist und die Erholung/Bewältigung beginnen kann  Ereignisse ohne
Tiefpunkt oder mehrere Ereignisse hintereinander (z.B. Nachbeben) haben
intensivere Effekte

Effekte von Warnungen

Warnungen vor einer Katastrophe minimieren nicht sicher die Konsequenzen


einer Katastrophe
 Risikowahrnehmung
 soziale Einflüsse
 Zugang zu Ressourcen
 Effektivität des Warnsystems (Sicherheit der Vorhersagen)
 Vorhandensein klarer Notfallpläne
beeinflussen die Reaktionen auf Warnungen

Wahrnehmung von natürlichen Gefahren

Kriseneffekt: Bewusstsein und Aufmerksamkeit für eine Katastrophe sind am


größten während und unmittelbar nach ihrem Auftreten, lassen dann aber stark
nach  nach einem anfänglichen Aktivitätsansturm verschwinden die
Bemühungen, die nächste Katastrophe zu verhindern häufig

Dammeffekt: Sobald Maßnahmen unternommen wurden, um eine Katastrophe


zu verhindern, tendieren die Leute dazu, sich in und um den schützenden
Mechanismus anzusiedeln und lassen dabei außer acht, dass die projizierten
Gestalten der Katastrophe oft falsch sind

Adaptation: Wir können so viel über eine Gefahr hören, dass sie uns nicht
länger erschreckt, man gewöhnt sich an die Bedrohung und unterschätzt die
Möglichkeit, selbst Opfer einer Katastrophe zu werden.

Faktoren, die die Adaptation an potentielle Gefahren beeinflussen:


 wenn die Gefahr das Wohlergehen oder die Ressourcen einer Gemeinschaft
bedroht, sind die Einwohner sich der Gefahr mehr bewusst und
unternehmen mehr Vorsichtsmassnahmen (z.B. Abhängigkeit vom
Tourismus)
 Persönlichkeitsvariablen wie internale versus externale
Kontrollüberzeugung  Menschen, die glauben, selbst für ihr Schicksal
verantwortlich zu sein (internale Kontrollüberzeugung), unternehmen mehr
Vorsichtsmaßnahmen
 Erfahrung mit Katastrophen und Einstellungen zu Katastrophen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 64

Psychologische Effekte von Naturkatastrophen:

Unmittelbare Reaktionen:
 Rückzug
 Schock/Betäubung
 Apathie
 Ungläubigkeit
 Kummer
 Bedürfnis, mit anderen über die Erfahrung zu reden
 Veränderung des Zeitempfindens (schneller oder langsamer)
 Depersonalisierungserfahrungen (neben sich stehen)

Panik ist selten, auch lassen diese Reaktionen schneller nach, als manche Leute
glauben.

Insgesamt können die Effekte einer Katastrophe sogar positiv sein:


 gesteigerter sozialer Zusammenhalt (besonders bei großem Ausmaß an
Zerstörung oder mangelnder Verantwortungsübernahme großer
Organisationen für die Koordanation der Rettungsarbeiten)
 prosoziales, altruistisches Verhalten, Wunsch, Hilfe zu leisten, Gefühle der
Einheit
 selten auch antisoziales Verhalten (plündern)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 65

Kapitel 9:

Hohe Dichte und Überfüllung (Crowding)

Manipulation der sozialen Dichte: Variation der Gruppengröße bei


Konstanthalten der räumlichen Größe  primäres Problem: zu viele Individuen,
mit denen man interagieren muß
 Vermischung von Gruppengröße und Platzangebot (Gruppengröße und Platz
pro Individuum werden gleichzeitig verändert)

Manipulation der räumlichen Dichte: Variation des Raums bei Konstanthalten


der Gruppengröße  primäres Problem: zu wenig Platz
 Vermischung von Raumgröße und Platz pro Individuum ( Raumgröße und Platz
pro Individuum werden gleichzeitig verändert)

Physiologische Konsequenzen von hoher Dichte bei Tieren

 ähneln Seyle`s Generellem Adaptations-Syndrom:


 Hormonabnormalitäten
 unterdrücktes Immunsystem
 geringere Fruchtbarkeit von Weibchen und Männchen
 geringere Wurfgrößen
 geringere Geburtsraten
 hohe Sterblichkeit der Jungen
 hohe Streblichkeitsrate in der Schwangerschaft

 Zeichen von Streß

Verhaltenskonsequenzen von hoher Dichte bei Tieren

sozial abnormes Verhalten: (nicht bei allen Tieren, v.a. bei Tieren in der
Verhaltenssenke, d.h. in extrem überfülltem Bereich)
 Männchen: hyperaktuiv, hypersexuell, pansexuell, kannibalistisch,
komplett passiv
 Weibchen: können keine sexuellen und mütterlichen Funktionen
übernehmen

Theorien:
 Optimale Gruppengröße (Calhoun, 1971)
 Soziale Stresstheorie (Christian, 1955)
 Territoriale Invasionen (Ardrey & Lorenz, 1966)
 Dichteregulierende Kontrollmechanismen (Wilson, 1975)

Variationen zwischen Spezies in ihrer Reaktion auf hohe Dichte (für Bienen und
Ameisen normale Bedingung ohne negative Konsequenzen)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 66

Effekte hoher Dichte auf Menschen

Hohe Dichte ist nicht generell aversiv für Menschen, hängt von der Situation ab.
Die Effekte sind weder stark noch einheitlich.

Indizes von kleinerem Maßstab für hohe Dichte (z.B. Personen pro Raum) führen
zu besseren Ergebnissen als Indizes mit großen Maßstäben (Personen pro Acre
(4047 qm²).

Konsequenzen auf Stimmung, Erregung und Krankheit


 negative Gefühle (besonders bei Männern)
 höhere physiologische Erregung
 mehr Krankheiten aufgrund von Streß und erhöhter Ansteckungsgefahr
 hohe Dichte in Gefängnissen steigert den Blutdruck und die Todesrate (r =
.81)

Effekte von Dichte auf das Sozialverhalten


Attraktion:
 Verringerung der Attraktion sowohl durch antizipierte , kurzfristige oder
langanhaltende hohe Dichte
 andere Personen werden weniger positiv (freundlich, kooperativ, gesellig,
hilfsbereit, ähnlich) eingeschätzt
 Männer reagieren negativer auf hohe Dichte  Frauen werden kooperativer
und anhänglicher sozialisiert und haben kleinere persönliche Zonen
 wenn Frauen miteinander interagieren können, kann hohe Dichte sogar zu
gesteigerter Attraktion führen  soziale Unterstützung

 weniger Mögen von Menschen und Orten

Rückzug:
kann sowohl als antizipatorische Reaktion, als Bewältigungsstrategie und als
Nachwirkung auftreten:
 weniger Blickkontakt
 Kopf von anderen wegdrehen
 Aufrechterhalten größerer interpersonaler Distanz
 weniger Bereitschaft, intime Themen zu besprechen
 weniger Interaktionen

Folge: Zerstört das soziale Netzwerk, auf das wir zurückgreifen, um negative
Lebensereignisse zu bewältigen

Personen aus beengten Wohnverhältnissen suchen weniger soziale


Unterstützung, wenn sie sie brauchen und bieten auch weniger soziale
Unterstützung an

Prosoziales Verhalten:

weniger Hilfsbereitschaft, auch als langanhaltende Wirkung (sozialer


Konditionierungsprozeß)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 67

 Personen, die in hoher Dichte leben, erfahren mehr unangenehme und


ungewollte Interaktion

Aggression:

Kinder:
 inkonsistente Befunde (umgekehrt U-förmige, lineare Funktion der Dichte)
 Moderator: Ressourcenknappheit

Erwachsene:
 gesteigerte Aggression nur bei Männern und nur bei hoher räumlicher
Dichte (hohe soziale Dichte führt eher zu Rückzug)
 Zusammenhang zwischen hoher Dichte und Kriminalität sowie Furcht vor
Kriminalität
 extrem hohe Korrelationen zwischen Dichte und Aggression bei
Gefängnisinsassen (hohe Aggressionsbereitschaft, deprivierte
Bedingungen)

Effekte hoher Dichte auf die Leistung

schlechtere Leistung bei komplexen Aufgaben bei hoher räumlicher und sozialer
Dichte, keine Beeinträchtigung bei einfachen Aufgaben  Yerkes-Dodson-Gesetz
schlechteres Lernen, aber besseres Behalten

Moderatoren:
 psychologische Salienz der Anwesenheit von anderen
 Gefühl, bewertet zu werden
 Anzahl der Aufgaben
 Interaktionen mit den anderen
 Erfolgserwartung
 wahrgenommene Kontrolle

Nachwirkungen:
 weniger Frustrationstoleranz/Persistenz bei unlösbaren Rätseln

Fazit: Dichte beeinflusst manche Menschen manchmal auf manche Weise.

Theoretische Erklärungen für die Effekte hoher Dichte auf Menschen

 kognitive Überlastung
 Einschränkung der Verhaltensfreiheit, Interferenz mit zielgerichtetem
Verhalten
 Verletzungen des persönlichen Raums führen zu gesteigerter Erregung, die
resultierenden negativen Gefühle werden auf die anderen attribuiert
 ökologisches Modell: negative Konsequenzen aufgrund von ungenügenden
Ressourcen (Materialien, Rollen)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 68

 ungewollte Interaktion: hohe Dichte macht es schwierig zu regulieren,


wann, wo, und mit wem wir interagieren  Streß
 Privatheit-Regulations-Modell: negative Effekte, wenn der gewünschte
Grad an Privatheit nicht erreicht werden kann

Kontroll-Modell:
Wahrgenommene Kontrolle ist ein einflussreicher Mediator von Streß.
Hohe Dichte kann zu Kontrollverlust führen  Streß

Alle oben aufgeführten Theorien außer der Erregungstheorie können unter dem,
Kontroll-Konzept zusammengefasst werden

Kontrolle kann die möglichen negativen Effekte von hoher Dichte reduzieren
(Moderator)

Menschen, die chronisch in Bedingungen hoher Dichte leben, zeigen Symptome


gelernter Hilflosigkeit (reduzierte Motivation und kognitive Aktivität)

Moderatorvariablen von Crowding

Crowding = psychologischer zustand, der durch Streß und die Motivation, das
Unbehagen zu beseitigen, gekennzeichnet ist

1. Individuelle Unterschiede
Geschlecht: Männer reagieren möglicherweise nur im Labor, wo keine
Fluchtmöglichkeit besteht, negativer auf hohe Dicht, in realen Settings
berichteten Frauen mehr Crowding oder es zeigten sich keine
Geschlechtsunterschiede

2. Größe des persönlichen Raums:

Menschen mit großem persönlichem Raum (Männer!) reagieren negativer auf


hohe Dichte

3. Ausmaß an sozialer Unterstützung:

größere Effekte hoher Dichte bei geringer sozialer Unterstützung und bei langer
Aussetzung, da hohe Dichte das soziale Netzwerk zerstört!

4. Persönlichkeitseigenschaften:

 Personen mit internaler Kontrollüberzeugung haben eine höhere Crowding-


Schwelle als externale
 Personen mit hohem Anschlussmotiv erleben mehr Streß in Wohnheimen
mit niedriger Dichte

5. Bewältigungsstrategie:

Menschen, die sich von Interaktionen abschirmen und ihre Umgebung


organisieren sind besser fähig, mit hoher sozialer Dichte umzugehen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 69

6. Kulturelle Unterschiede

Asiaten reagieren weniger negativ auf hohe Dichte  elaboriertes Set von
Normen, Regeln und Bewältigungsstrategien zum Umgang mit der hohen
Wohndichte

7. Adaptationsniveau:

Menschen, die an hohe Dichte gewöhnt sind, erfahren weniger Crowding in einer
neuen Situation
widersprüchliche Befunde, teilweise akkumulierende Effekte beobachtet

8. Situation:

 kognitive Kontrolle: genaue Information


 behaviorale Kontrolle: zielgerichtetes Verhalten möglich
 Entscheidungskontrolle: Wahlalternativen verfügbar
 physische Nähe von anderen: Männer empfinden mehr negative Gefühle,
wenn andere sie berühren bei ansonsten gleichen Bedingungen
 Zeit: Je länger die Persiode der Einschränkung, umso negativer die
Reaktionen
 Territorium: mehr Crowding in primären Territorien und bei Vorliegen
anderre Stressoren
 Beschäftigung: mehr Crowding bei der Arbeit als in der Freizeit

9. Soziale Bedingungen:

 Beziehung zu den anderen: weniger Crowding tritt auf, wenn wir die
anderen mögen/uns bekannt sind
 Aktivität der anderen: aktive werden eher gebilligt
 soziale Interferenz
 Nähe
 Strukturiertheit
 Anwesenheit von Freunden
 Status: hoher Status reduziert Crowding
 Soziale Gruppenprozesse: 3-Personen-Gruppen sind sehr instabil und
neigen zur Koalitionsbildung  mehr Crowding, wenn in einem Raum als 4
Personen!

In primären sozialen Gruppen (Familie) hat hohe Dichte weniger negative Effekte
als in anderen Gruppen

Dichte-Intensitäts-Modell (Freedman (1975, et a., 1980): Lärm intensiviert


Reaktionen, die auf Situationen ohnehin auftreten, übt aber auch davon
unabhängige Effekte aus.

Architektonische Mediatoren von Crowding


Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 70

Kapitel 12:

Design in Wohn- und institutionellen Umgebungen

Wohnumgebungen

Bindung zu Plätzen:
Neben einer Unterkunft erfüllt ein Zuhause andere wichtige Funktionen wie
 verleiht unserem Leben Bedeutung (Sinn) und Identität
 deutet Status an
 strukturiert unsere sozialen Beziehungen
 bietet Platz für wichtige Aktivitäten des täglichen Lebens (z.B. essen,
baden)
 ist Zentrum von regulären und vorhersehbaren Ereignissen
 löst Erinnerungen aus

 all dies trägt zu einer psychologischen Bindung an das Zuhause bei, die sich
auch auf die Nachbarschaft und größere Regionen ausdehnen kann.

Die emotionale Bindung an einen Platz kann durch soziale Bande vermittelt sein,
sie schließt Erinnerungen oder andere kognitive Interpretationen, die unserer
Erfahrung mit dem Platz Bedeutung verleihen, mit ein sowie die Angst vor einem
potentiellen Umzug. Selbst Obdachlose zeigen solche Bindungen an einen Platz.

38% geben ihr Zuhause als bevorzugten Platz an.

Auch das Mobiliar, Antiquitäten, Erbstücke, sogar Automobile und religiöse


Rituale im Haus oder an anderen heiligen Orten können Bestandteil der Bindung
sein.

 das Mitnehmen der Besitztümer kann bei der Eingewöhnung an einen neuen
Platz helfen

Zumindest bei Tieren scheint die Bindung an einen Platz biologische Wurzeln zu
haben.

Die Bindung entsteht allmählich über die Zeit. Wenn wir neue Bindungen formen,
nutzen wir viele Mechanismen, um die Bindungen zu früheren Plätzen aufrecht zu
erhalten. Bsp.: Leukämiepatientin, die bei wiederholter Einweisung ins
Krankenhaus immer im gleichen Zimmer untergebracht werden wollte.

Präferenzen

Menschen in Nordamerika und Großbritannien geben das getrennte


Einfamilienhaus als ideales Zuhause an – unabhängig vom ethnischen oder
sozialen Hintergrund oder der Art ihrer Wohnumgebung.

Sehr junge und sehr alte Erwachsene leben lieber in der Nähe des zentrums der
Stadt, die meisten Erwachsenen ziehen es jedoch vor, weiter entfernt in Vororten
der Stadt zu wohnen.

Gründe für diese Bevorzugung:


Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 71

 Stolz auf Hausbesitz


 Anreize der Regierung für Hauseigentümer
 Wachstum der Transportwege zu und weg von großen Städten
 die Art und Weise, in der diese Umgebung Raum strukturiert:
 klare Grenzen
 unterscheidbares Ganzes
 größeres Ausmaß an Kontrolle über soziale Interaktionen/Beziehungen
(mehr Privatheit)

Faktoren, die die Wahl des Wohnortes beeinflussen:


 ökonomische Situation
 Status des Ortes
 Sicherheit und Kriminalitätsrate
 Pendelzeit
 Nähe zu und Qualität von Schulen
 Verfügbarkeit von Einkaufsgelegenheiten und Dienstleistungen

Zufriedenheit mit der Wohnumgebung

Faktoren, die die Zufriedenheit mit der Wohnumgebung beeinflussen:


 Physikalische Aspekte der Wohnung (Qualität der Konstruktion und wie gut
das Design grundlegende Lebensbedürfnisse unterstützt)
 Wie die Wohnung Raum strukturiert, insbesondere in Bezug auf Privatheit
und Überfüllung  Einfluß auf die Erfüllung von Grundbedürfnissen
 Sicherheit
 Beziehungen mit Nachbarn
 Gemeinschaftssinn

Je leichter und bequemer Basis-Aufgaben in der Wohnumgebung ausgeführt


werden können, umso zufriedener werden wir  Anpassung/Gewöhnung an
(auch ungünstige) Merkmale des Wohnsitzes fördert die Zufriedenheit.

Auch abwärts gerichtete soziale Vergleiche (Vergleich des eigenen Wohnsitzes


mit weniger „schönen“) steigern die Zufriedenheit.

Physikalische Faktoren, die mit Unzufriedenheit assoziiert wurden:

 schlechte Installateurarbeiten
 Heizung
 Kücheneinrichtung
 Rassentrennung
 Hohe Dichte
 Verfassung der Gebäude im Gebiet
 Kleine Hausgröße
 Kleine Wohn- und Esszimmer
 Fehlen von Lagerraum

 es existieren kulturelle Unterschiede in Bezug auf die physikalischen Faktoren,


die
(Un-)Zufriedenheit auslösen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 72

Die wahrgenommene Kontrolle über das soziale Leben hängt kulturübergreifend


mit der Wohnzufriedenheit zusammen und übt einen entscheidenderen Einfluß
als physikalische Faktoren auf die Zufriedenheit aus.

Regulation von Privatheit kann erreicht werden durch


 Benutzen physikalischer Merkmale (Türen schließen, Räume Personen
zuweisen
 Verhaltensweisen (abweisende Körperhaltung)

 es gibt kein einheitliches optimales Innendesign, da abhängig vom Familienstil,


am besten ist also Designvielfalt, um allen gerecht zu werden.

Soziale Bindungen sind ebenfalls ein wichtiger Faktor der Wohnzufriedenheit


 gilt besonders für einkommensschwache Behausungen
 in städtischen Gebieten tragen soziale Bindungen zu einem Gefühl der
Nachbarschaft bei  mehr territoriale Personalisation  Schutz vor
Kriminalität

Fazit: Psychologische und soziale Faktoren spielen für die Wohnzufriedenheit eine
mindesetens so große Rolle wie physikalische Faktoren.

Nutzung von Raum im Haus

Konsistente Raumnutzungsmuster:
Schlafzimmer:
 sind oft deutlich von weniger privaten Wohnräumen abgegrenzt
 liegen ruhig
 Zeichen von Personalisation und Informalität
 Trend zur Vergrößerung und Mehrfunktionalität von Schlafräumen (Nutzung
auch zum essen und arbeiten)

Badezimmer:
 Hygienische Funktionen
 Soziale Funktion  Badezimmer als Rückzugsort für mehr Privatheit

Familien mit nur einem Badezimmer fühlen sich gestresst wegen eines Mangels
an Lebensraum, unabhängig von der restlichen Hausgröße!

Designveränderungen aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen (mehr


Frauen arbeiten, Heimarbeit):
 größere Badezimmer
 größere und offenere Küchen
 Privatzimmer für die Frau
 Arbeitszimmer

Bei räumlicher Enge entwickelt sich eine Dominanz-Hierarchie bezüglich der


Benutzung begehrter Plätze/Räume. Dabei geschieht die territoriale Verteidigung
nicht durch physikalische Trennwände, sondern durch eher Verhalten:
Ellbogen/Bein ausstrecken, visuellen Zugang durch Körperhaltung verhindern.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 73

Es bestehen beträchtliche kulturelle Unterschiede in der Nutzung von Raum zu


Hause: Die Mbuti Pygmäen und die Navajos unterteilen ihren Lebensraum z.B.
nur selten für verschiedene Aufgaben wie essen oder schlafen.

Kongruenz-Prinzip: Völker mit geringer Funktionstrennung haben Häuser mit


wenig Barrieren wie Innenwände.

Bei Umsiedelung solcher Familien in westliche Häuser findet eine Remodelierung


statt: die Familie schläft und isst im Wohnzimmer statt in den 3 getrennten
Schlafzimmern.

Der Trend zur Verwestlichung bringt eine zunehmende Segmentierung von


Wohnungen mit sich.

Nachbarschafts- und Gemeinschaftsumgebungen

Nähe: Der Effekt vom Bewohnen nahegelegener Territorien

2 Typen von Nähe führen zu günstigen sozialen Resultaten

Je dichter die objektive physikalische Distanz zwischen zwei Individuen, umso


wahrscheinlicher sind sie sie Freunde. Hausbewohner sind eher zu einem
Nachbarn eine Tür entfernt freundlich als zu einem Nachbarn 2 Türen entfernt
von ihnen (Festinger, Schachter & Back, 1950).

Die funktionale Distanz, d.h. die Wahrscheinlichkeit, daß 2 Individuen


miteinander in Kontakt kommen, sagt ebenso hervor, ob Menschen Freunde
werden oder einander mögen.

Erklärungsansätze: Warum führt Nähe zu Freundschaft?

1. Diejenigen, die uns physikalisch oder funktional nahe sind, sind schneller
zugänglich für uns.
2. Wir müssen auch in Zukunft weiter mit Individuen interagieren, die in enger
Nähe zu uns leben, also strengen wir uns etwas mehr an, die gute Seite in
ihnen zu sehen und bemühen uns mehr, damit es funktioniert.
3. Kontinuierliche Interaktion mit Individuen führt zu Vorhersagbarkeit und
einem Gefühl der Sicherheit – beides macht Freundschaft wahrscheinlicher.
4. Vertrautheit an sich kann zu Attraktion führen.
Nähe führt wahrscheinlicher zu Attraktion unter kooperativen Bedingungen, wo
Gleichheit zwischen Individuen herrscht.
Nähe kann jedoch auch Feindschaften schaffen:
Umwelt-verderben-Hypothese: Die Aktivitäten einiger Nachbarn können die
wahrgenommene Qualität der Lebensumgebung verderben.
Die meisten Belästigungsklagen sind sozialer Natur: Nachbarn, die auf die
Nerven gehen (bellende Hunde, laut spielende KinderStreit um Parkplätze).
Die größere Kontrolle, die Einfamilienhausbewohner über diese Ärgernisse
haben( durch größere Distanz zu Nachbarn, eingrenzende Zäune,
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 74

Privatparkplätze, klar definierte Spielgebiete für Kinder), ist ein Hauptgrund für
die Bevorzugung dieser Wohnform in einer Vorstadt.

Gemeinschaftsgefühl

Nachbarschaftszusammenhalt besteht aus 2 Faktoren:


1. Nachbarschaftlichkeit: Freundlichkeit, nach den Interessen des anderen
schauen, soziale Unterstützung
2. Gemeinschaftsgefühl
Ein klarer Vorteil von sozialem Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl ist
reduzierte Kriminalität.
Designmerkmale, die die Bildung eines Gemeinschaftsgefühls fördern können:
 Vordach/Veranda vorm Haus mit Sitzgelegenheiten  ermutigt mehr
informale Kommunikation mit Nachbarn, hilft einander kennen zu lernen
und stärkt die Sensitivität für Belästigungen. Außerdem dient eine Veranda
als Platz, um von anderen Familienmitgliedern entfernt zu sein
 absichtlich angelegte informale Plätze für soziale Interaktion, z.B.
Grünflächen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 75

Kapitel13: Arbeits-, Lern-, und Freizeitumgebungen

Arbeitsumgebungen

Kurze Geschichte des Arbeitsplatz-Design:

Vor der industriellen Revolution wurde nicht-landwirtschaftliche Arbeit


typischerweise in kleinen Räumen, oft im Haus der Handwerks- oder
Geschäftsperson selbst erledigt.

Für spezialisierte Produkte, die die Arbeit von mehreren Personen erforderten,
gab es spezialisierte Arbeitsplätze, die in ihrer Form manchmal vom hergestellten
Produkt bestimmt wurden (vor der Einführung von modernen Spulen war z.B. die
Länge eines gesponnenen Fadens durch die Länge des Gebäudes, in dem er
hergestellt wurde, festgelegt).
Ferner waren frühe Fabriken abhängig vom Wasser zur Energiegewinnung und
vom Sonnenlicht für die Beleuchtung.
All das führte dazu, dass frühe Fabriken meist an entlegenen Küstengebieten
errichtet wurden. Die Art der Energiegewinnung erforderte ein langes Gebäude,
und die Benötigung von Sonnenlicht begrenzte die Breite des Gebäudes auf ca.
18 Meter (60 Fuß).

Die Arbeitsbedingungen in diesen frühen Fabriken waren miserabel; eine


Situation, die in Nordamerika bis ins 19. Jh. hinein andauerte.

Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch:


 Einführung von Gesetzen zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit der
Arbeiter durch den Druck der öffentlichen Presse nach tragischen
Arbeitsunfällen
 zunehmende Überzeugung, dass komfortable Arbeitsbedingungen zu einer
gesteigerten Produktivität führen
 Frederick Taylors „Scientific Management“: Managementphilosophie
Bedeutung eines optimalen Arbeitslohns, Analyse von Arbeitsaktivitäten
zur Verbesserung der Effizienz, Entwicklung von Arbeitsumgebungen, die
effiziente Bewegungen unterstützen

Technologische Entwicklungen, die zu Veränderungen führten:


 Eisen bzw. Stahl in Kombination mit Beton ermöglichten größere und
höhere Gebäude
 Elektrizität erlaubte umfassendere Innenbeleuchtung und Aufzüge in hohen
Gebäuden sowie die Möglichkeit, Maschinen von der Energiequelle zu
trennen
 Computertechnologie  kann Routinearbeiten übernehmen uns so die
Produktivität und Qualität des Arbeitslebens steigern
 kann aber auch zu Arbeitsplatzverlust, geringeren
Fähigkeitsanforderungen und unmenschlichen Arbeitsplätzen führen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 76

Arbeitsumgebungen

Die physikalische Umgebung kann die Produktivität, Arbeitszufriedenheit und


Unfallraten beeinflussen
 Einführung von Standards für Beleuchtung, Belüftung, Lärm etc.

Geräusch

Lärm ist definiert als ungewolltes geräusch. Anders als visuelle Zerstreuungen
kann Lärm nicht durch Kopfbewegungen ausgeschaltet werden 
Doppelbelastung für Arbeitnehmer in lauten Umgebungen: Sie müssen neben
ihrer Arbeitsaufgabe zusätzliche Umgebungsgeräusche mit verarbeiten und
herausfiltern

Eins der störendsten Geräusche ist gesprochene Sprache, die überhört werden
muß.

Lärm kann zu Unzufriedenheit führen.

Musik gilt nur als Lärm, wenn jemand sie nicht mag. Wenn Musik die Erregung
auf ein optimales Level anhebt, sollte sie sogar die Leistung verbessern.
Forschungsbefunde: In Fabriken kann Musik leicht die produktivität verbessern,
vor allen Dingen wird sie von den Arbeitern gemocht  Einfluß auf
Arbeitszufriedenheit?
In Büros kann Musik Vigilanzaufgaben erleichtern, für manche ist sie eher
zerstreuend. Angestellte berichten häufig, dass Musik eine angenehme
Atmosphäre schafft.

Mobiliar und Layout

Beeinflusst den Eindruck, den Menschen von der Gesellschaft oder Organisation
haben.

Die Benutzung des Tisches als Barriere zwischen Büroinhaber und Besucher
kommuniziert den Wunsch nach physikalischer und psychologischer Distanz
sowie Statusunterschiede  wird öfter von Personen mit hohem Status benutzt.

Sitzarrangements im rechten Winkel werden als förderlich für die Kooperation


und Angliederung wahrgenommen. Am positivsten schneiden gepolsterte Sofas
und Stühle im rechten Winkel und Blumenarrangements ab.

Territorialität und Status in der Arbeitsumgebung

Mögliche Folgen der Zuweisung eines festen Arbeitsplatzes


 mehr persönliche Bindung an den Arbeitsplatz
 mehr wahrgenommen Kontrolle über den Arbeitsplatz
 größeres Verantwortlichkeitsgefühl für den Arbeitsplatz
 mehr Anzeichen von Personalisation

Arbeitsterritorien werden umso wichtiger, je höher der Rang in der Organisation


ist  Funktion von Statussymbolen:
 symbolisieren Status durch Raumgröße, Zugänglichkeit, Art des Mobiliars
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 77

 nichtmonetäre Gewinne
 dienen als Requisiten und Werkzeuge (größere Tische, Ordnerablagen,
Computerterminals)
 Recht, den Arbeitsplatz zu personalisieren
 Einfluß auf die Arbeitszufriedenheit

Menschliche Faktoren: Technik für menschliche Effizienz

Das Interesse von Psychologen an der Erleichterung menschlicher Leistung in


verschiedenen Umgebungen reicht bis vor die Etablierung von
Umweltpsychologie als Disziplin zurück:
Bereich der Human Factor Psychologie, Engineering Psychologie, Ergonomie

SANDERS & MCCORMICK, 1993, S. 5:


„Die Human Factors Psychologie entdeckt und wendet Informationen über
menschliches Verhalten, Fähigkeiten, Begrenzungen und andere Charakteristika
auf das Design von Werkzeugen, Maschinen, Systemen, Aufgaben, Jobs und
Umgebungen an für einen produktiven, sicheren, bequemen und effektiven
menschlichen Gebrauch.“

Forschungsschwerpunkte:
 früher: Rolle von spezifischen Werkzeugen oder Prozeduren für die
Steigerung der Effizienz
 heute: Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen, der Arbeitsstation
oder den Umgebungsbedingungen (Lärm, Licht, Temperatur)

Dramatische Beispiele für Fälle, in denen human factors-bezogene Fehler


katastrophale Effekte hatten: Tschernobyl und Three Mile Island
 viele der menschlichen Fehler, die zu dem Unfall beitrugen, resultierten aus
sehr inadäquaten Kontrollraum-Design.

Kommunikation mit Maschinen

Im Gegensatz zu Umweltpsychologen beschränken sich Human factor


Psychologen auf Arbeitsumgebungen  Subdisziplin der
Organisationspsychologie

Fokus auf Mensch-Maschine-Systeme sollen so effizient und fehlerfrei wie


möglich gemacht werden

Kommunikationszyklus zwischen Mensch und Maschine: Mensch steuert,


Maschine gibt Feedback  unmittelbares Feedback ist sehr wichtig für die
Entdeckung von Fehlern

Prinzipien für die Plazierung von Komponenten einer Arbeitsstation (Sanders &
McCormick, 1993):
 die wichtigsten oder am häufigsten benutzten Komponenten eines systems
sollten an den am bequemsten zu erreichenden Orten platziert sein
 funktionales Prinzip: Kontrollvorrichtungen und Anzeigen, die funktional
zusammenhängen, sollten auch zusammen plaziert sein
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 78

 Link Analyse: Systematische Untersuchung der Häufigkeit einer Bewegung


zum Bedienen einer Steuervorrichtung oder Lesen einer Anzeige

Abbildung von Regler-Anzeige-Beziehungen

Mapping: Beziehung zwischen den Handlungen eines Maschinenbedieners und


denen einer Maschine.

Es gibt verschiedene Stereotype in der Bevölkerung bezüglich Mapping:

 um ein Objekt nach oben zu bewegen, sollte der Kontrollhebel nach oben
bewegt werden
 Höhenmesser sollten steigende Höhe auf einer vertikalen Skala anzeigen,
indem sich der Zeiger nach oben bewegt  traditionelle Höhenmesser
folgen nicht diesem Prinzip!
 Vorwärts-Oben-Äquivalenz: Was oben auf einer Informationskarte liegt,
sollte vorwärts in der Umgebung sein
 Um die Lautstärke zu regeln, muß der Regler nach oben oder rechts bewegt
werden
 In Nordamerika dreht man Wasserhähne nach links auf
 Uhrzeigersinn-für-Steigerung-Prinzip: Menschen drehen einen Knopf im
Uhrzeigersinn, um den Wert auf einer Anzeige zu steigern
 Warricks Prinzip: Es wird erwartet, dass der Zeiger auf einer Anzeige sich in
die gleiche Richtung bewegt wie der Teil des Reglers, der ihm am nächsten
ist

Maschine oder Mensch: Wer hat die Leitung?

Automatisierung: Mehr und mehr Aufgaben werden Maschionen überlassen


 Abnahme der Arbeitsbelastung, ersetzen Menschen in gefährlichen oder
langweiligen Jobs

Wie bei Mensch-Mensch-Beziehungen, ist auch bei Mensch-Maschine-


Beziehungen Vertrauen eine wichtige Dimension.

Auch wenn die Maschine eine Aufgabe automatisch ausführt, muß der Bediener
ein Situationsbewußtsein aufrechterhalten, um im Notfall schnell eingreifen zu
können.

Maschinen bieten oft verschiedene Alternativen an, um ein und dieselbe Aufgabe
durchzuführen (z.B. Öffnen eines Computerprogramms per Mausklick auf das
icon oder per Befehls-Eingabe in die Tastatur).

Piloten können zwischen 5 verschiedenen Automatisierungsniveaus wählen, um


die Höhe zu verändern. Dieses System bietet zwar Flexibilität, kann aber in
Notfällen oder bei hoher Arbeitsbelastung zu einer hohen kognitiven Belastung
führen, da der Pilot nicht nur die Aktivitäten des Flugzeugs überwachen muß,
sondern auch im Hinterkopf behalten muß, welches System es kontrolliert.

Wenn das Situationsbewusstsein nicht aufrechterhalten wird, kann ein Unfall die
Folge sein.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 79

Flugkapitäne verlieren häufiger das Situationsbewusstsein, da sie immer, egal ob


sie gerade am Steuer sind oder nicht, zusätzlich auch für bestimmte leitende
Entscheidungen zuständig sind.

Das elektronische Büro

Fortschritte in der Computertechnologie haben zu dramatischen


Arbeitsplatzveränderungen geführt:
Das Internet bietet Zugang zu einer Fülle an Informationen, ohne dass wir
unseren Schreibtisch verlassen müssen.

Nachteile der von Video Display Terminals (VDT):


Überanstrengung der Augen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Müdigkeit
 sorgfältige Plazierung der Anzeige (kein grelles Licht), verstellbares
Arbeitsplatzmobiliar, gelegentliche Pausen zur Erholung von Augen und Händen.

Indirekte Effekte von VDTs auf Jobs:


Arbeitnehmer müssen/dürfen (!) sich weniger bewegen, um ihre Aufgaben zu
erledigen; Möglichkeit, den Arbeitsfortschritt per Computer zu überwachen 
größere Arbeitsbelastung, weniger pausen, weniger Autonomie

Computertechnologie fördert Dezentralisierung:


Heimarbeit reduziert Kosten und Unannehmlichkeiten des Pendelns, stellt aber
neue Anforderungen an Vorgesetzte und schwächt die organisatorische Kontrolle.

Designen der Bürolandschaft

Prinzip des Arbeitsflusses: Arbeitsstationen sollten so arrangiert sein wie


dieReihenfolge, in der Papierarbeit oder ein Produkt bearbeitet werden.

Das Großraumbüro:
Angeregt durch die Human Relations Bewegung: mehr Kommunikation zwischen
Arbeitern und Managern, Partizipation an Entscheidungen, weniger
Statusbarrieren und Autorität.

Maximale Nutzung des großen offenen Raums mit effizientem Arbeitsfluß:


Aufseher sind nahe den Arbeitern platziert, Arbeitsbereiche sind entsprechend
ihrer Beziehung zueinander arrangiert.

Vorteile:
 Effizienterer Arbeitsfluß und Kommunikation
 Geringere Kosten (gemeinsame Beleuchtung etc.)
 Geringere Erhaltungskosten (schnellere Reinigung)
 Designänderungen können leichter vollzogen werden (das räumliche
Arrangement kann ohne behindernde Wände leicht verschoben werden)
 Leichtere Überwachung der Arbeiter
 Soziale Erleichterung: die bloße Anwesenheit von anderen kann die
Leistung verbessern (zumindest bei einfachen Aufgaben)
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 80

Nachteile:
 Größerer Lärm und Ablenkung durch Arbeitsgeräte, mitgehörte
Kommunikation, Bewegungen  leisere Büromaschinen, Teppichboden,
tragbare Barrieren, weißes Rauschen kann Konversation maskieren
 Fehlen von Privatheit durch Mithören von Kommunikation zwischen
Vorgesetzten und Arbeitnehmern oder Privatgesprächen, weniger
Personalisierung des Arbeitsplatzes  tragbare Barrieren, weniger
Personen pro Großraumbüro

Ob die Vorteile oder Nachteile überwiegen, hängt von den zu erledigenden


Aufgaben ab.

Arbeitszufriedenheit und die Arbeitsumgebung

Die physikalische Umgebung ist für die Arbeitszufriedenheit nicht so wichtig wie
die Arbeitssicherheit, Bezahlung und freundliche Mitarbeiter.

Umgekehrt führt aber eine Arbeitsumgebung, die unter dem Standard liegt,
definitiv zu Unzufriedenheit.

Eine begrenze Anzahl an Veränderungen in kleinem Umfang (die aber persönlich


bedeutungsvoll sind) und die Einbeziehung der Angestellten in die Planung von
Veränderungen wirken sich positiv auf die Zufriedenheit aus.

Lernumwelten

Klassenraumumgebungen

Umweltfaktoren wie Lärm und Hitze wirken sich negativ auf die Klassenziele aus,
und das Sitzarrangement kann die Leistung beeinflussen.

Designveränderungen können positivere Einstellungen der Schüler und mehr


Teilnahme am Unterricht bewirken.

Fensterlose Klassenräume

 ursprünglich entworfen, um die Ablenkung zu reduzieren und um


Heizkosten zu sparen.
 keine konsistenten Effekte auf das Lernen
 reduziert angenehme Stimmung der Schüler
 reduziert möglicherweise das Wachstum und verringert die Konzentration

Offene Klassenräume

 entworfen, um die Schüler von traditionellen Barrieren wie einschränkende


Sitzgelegenheiten zu befreien.
 sollen Schülern mehr Gelegenheit geben, ihre Lernumgebung zu erkunden

Schüler in offenen Klassenzimmern


 verbringen wie Schüler in traditionellen Klassenbräumen einen großen Teil
der zeit mit Einzelaufgaben wie Lesen oder Schreiben
 verbringen weniger Zeit mit gerichteten Aktivitäten
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 81

 Gruppen zeigen größere Variabilität in der Größe


 größere Aktivität

 Interprätationsproblem-Problem: Die Umgebung ist nicht das einzige, was


offene Klassenräume von traditionellen unterscheidet, oft haben letztere auch ein
anderes pädagogisches Konzept mit mehr Freiheiten für die Schüler und weniger
Struktur in Klassenaktivitäten

Nachteile:
 inadäquate Privatheit
 zu laut
 Koordinationsprobleme

Fazit: Offene Klassenzimmer sind laut, führen zu unerwünschten Ablenkungen


und bieten dabei keine erzieherischen Vorteile

Komplexität der Umgebung und Bereicherung

Die Komplexität der Umgebung kann die Erregung und Leistung beeinflussen:
 zu viele Stimuli können Schüler zerstreuen, sie überlasten und müde
machen
 zu wenige Stimuli können langweilig sein und sich negativ auf die Leistung
auswirken

Problem bei der Gestaltung von Klassenräumen:


Klassenzimmer dienen außer dem Lernen von spezifischen Inhalten auch dem
Lernen über das Lernen, Erlernen von sozialer Verantwortung und dem Erwerb
kultureller Werte  es ist schwierig, allen diesen Zielen mit ein und demselben
Design gerecht zu werden

Die Passung zwischen Schüler und Lernumgebung ist entscheidend 


kontinuierliche Designevaluation ist erforderlich

Dichte

Eine hohe Dichte hat nur minimale Effekte auf das Lernen von simplen Inhalten,
interferiert aber mit dem Lernen von komplexen Begriffen und mit Aktivitäten,
die eine Interaktion der Schüler erfordern

Tagesstätten- und Vorschulsettings

Vorschulkinder haben eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne und sind leicht


ablenkbar durch sichtbare Bewegungen oder Geräusche  Teppichboden und
Abschirmungen sind günstig, ebenso wie getrennte Aktivitätsbereiche und
Verkehrswege, die Störungen reduzieren

 Abschirmungen reduzieren die Lehrer-Schüler-Interaktion


Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 82

Büchereien

Multiple Funktionen

Probleme:
 In Studier- und Lesearealen wechseln Perioden der Viel- und Wenignutzung
einander ab  Designvorschlag: Ausgliedern der Arbeitsbereiche, um den
Raum für Lagerung und Verteilung von Material nutzen zu können
 Jahr für Jahr werden neue Materialien angeschafft, alte aber nicht
ausrangiert  Platzmangel  Designvorschlag: Entfernen der Gänge
zwischen den Regalreihen, stattdessen Montieren der Regale auf Schienen,
so dass sie bei Bedarf herausgezogen werden können

Orientierung und Weg finden

Viele Bücherei-Kunden fragen nicht nach dem Weg  gute Beschilderung ist
notwendig, andererseits erhöhen Hinweisschilder die ohnehin schon sehr
komplexe Umgebung  Gefahr von Overload

 Platzierung von Orientierungshilfen an Entscheidungspunkten


 Verwenden von spezifischen Farben für verschiedene Bereiche

 vermitteln Kunden das Gefühl von Kontrolle über die Umgebung

Besucherverhalten in Museen

Museen, Zoos, Besucherzentren in Nationalparks etc. sind informale


Lernumgebungen, d.h. Hauptziel dieser Einrichtungen ist es, den Besucher über
Geschichte, Natur und Kultur zu unterrichten. Gleichzeitig dienen diese Settings
der Erholung. Die primäre Aktivität in diesen Umgebungen ist die Exploration.

Weg finden

Museen, die verwirrend oder schwer zu erkunden sind, können zur


Unzufriedenheit mit dem Besuch führen. Viele Menschen ziehen Schilder und
Karten dem Nachfragen bei Museumsangestellten vor.

 Orientierungshilden wie „Sie-sind-hier-Karten“ sind besonders hilfreich


 je einfacher die Karte, umso besser

Erkundung

 Menschen scheinen eine Vorliebe für rechts zu haben: Nach dem Eintreten
in eine Gallerie, wenden sie sich typischerweise nach rechts und bewegen
sich in dieser Richtung durch den Raum
 Menschen stoppen für gewöhnlich bei den ersten paar Ausstellungsstücken
und werden dann selektiver: 49% der Besucher schauen nur zu einer
Seite, nur ca. 10% machen einen kompletten Rundgang durch die Gallerie
 Menschen tendieren dazu, den ersten Ausgang zu einem anderen
Ausstellungsraum, den sie sehen, zu benutzen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 83

Attraktionsgradient: Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ausstellungsstück betrachtet


wird
Ausgangsgradient: Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ausgang benutzt wird

Müdigkeit bei der Museumsexploration

Museums-Müdigkeit: Die ersten paar Ausstellungsstücke werden gründlich


betrachtet, danach werden die Besucher selektiver und stoppen umso seltener,
je länger sie explorieren  diese Müdigkeit ist nicht auf physikalische
Anstrengung, sondern auf die Anstrengung durch das Aufrechterhalten eines
hohen Grades an Aufmerksamkeit zurückzuführen  psychologische Sättigung
tritt ein

Laborexperiment von Robinson dazu: Vpn bekamen Bilder von


Ausstellungsstücken in der gleichen Reihenfolge gezeigt, wie sie im Museum
hängen. Die Vpn zeigten zum gleichen Punkt einen Abfall in der Aufmerksamkeit
wie Besucher, die durch das Museum gingen.

Wir werden so gesättigt von komplexer Information, dass wir immer weniger Zeit
dafür aufwenden, auf die Details zu schauen.  die bekanntesten
Ausstellungsstücke sind von moderater Komplexität

Museumsmüdigkeit kann etwas gelindert werden durch Schaffen von


Diskontinuität im Design eines Ausstellungsstückes:
 Veränderung des Tempos, in dem Ausstellungsstücke präsentiert werden 
z.B. Unterbrechung einer Serie von Bildern durch eine Skulptur
 Reduzierung der Anzahl an ausgestellten Objekten
 Bewegung ins Ausstellungsstück bringen, z.B. durch ein sich drehendes Rad
oder ein schwingendes Pendel  kann sich jedoch negativ auf die
Betrachtung folgender Objekte auswirken, die nicht bewegt sind
 Interaktive Ausstellungsstücke: der Besucher muß auf einen Knopf
drücken, um einen Schaukasten zu beleuchten oder um die Antwort auf
eine Frage zu lesen
 Die Ausstellungsstücke sind so angeordnet, dass sie den Besucher komplett
umgeben

Harvey et al. (1988) gelangen es, die Zeit, die Besucher bei einem
Ausstellungsstück verbrachten, mehr als zu verdoppeln durch Hinzufügen von
interaktiven Merkmalen, multisensorischer Stimulation, besserer Beleuchtung
und leichter zu lesenden Buchstaben  tragen zu einem Gefühl der
Versunkenheit/Vertiefung bei  größere Zufriedenheit mit dem Museumsbesuch

Management von natürlichem Land für Freizeit

Die Menge an frei zur Verfügung stehender Zeit könnte abnehmen, während das
Gefühl, gestresst zu sein und unter Zeitdruck zu stehen zugenommen hat.

Die Bedeutung von Freizeit

Freizeit wird erlebt, wenn ein Individuum


 intrinsisch motiviert ist
 Wahlfreiheit wahrnimmt
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 84

Intrinsische Motivation: Belohnungen für ein Verhalten sind persönliche


Befriedigung und Genuß

Extrinsische Motivation: Belohnungen sind Bezahlung, Geschenke, Lob 


externale Agenten

Bsp.: Musik-Amateure sehen Übungen und Konzerte als intrinsisch motivierte


Freizeiterlebnisse, während Profis beides als Arbeit ansehen.

Natürliche Umgebungen werden ein immer beliebterer Platz für


Freizeitaktivitäten wie Wandern, Besichtigungen oder Fischen  Bedürfnis nach
erholsamen Erfahrungen, die vom Streß des täglichen Lebens ablenken.

Annahme: Menschen brauchen Kontakt zur Natur

Erklärungsansätze:
 Biophilie: instinktive Anziehung zu natürlichen Elementen, reduziert Streß
 Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie: Natürliche Landschaften erregen die
Aufmerksamkeit auf mühelose, erholsame Weise
 Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kompetenz
 Bedürfnis, Zeit mit der Familie oder allein zu verbringen, etwas zu
riskieren, sich behaglich und sicher zu fühlen
 ästhetisches Vergnügen
 emotionale Erfahrungen

Charakteristika von Erholungssuchenden

Geschlecht, Rasse und Lebensabschnitt beeinflussen die erholungsbezogenen


Wahlen und Anforderungen:
 Afrikanische und spanische Amerikaner wünwschen mehr modernen
Komfort auf entwickelten Campingplätzen
 Jugendliche verbringen ihre Freuzeit weniger gern mit der Familie als ihre
Eltern

Stadt- und Landbewohner haben zwar ähnliche Einstellungen gegenüber Wildnis,


differieren aber in ihren Definitionen, was wild ist und was nicht: Stadtbewohner
klassifizieren auch Photographien von Gebieten als Wildnis, die Holz fällen,
grasen, Straßen, Dämme und sogar Dörfer darstellen.

Die Herausforderung von Landmanagement

Die gesetzlich beauftragten Agenturen zur Überwachung von öffentlichem Land


wie nationale Wälder müssen eine Reihe von Anforderungen verschiedener
Nutzer und andere Interessen wie Bergbau und Nutzholz fällen ausbalancieren.
Diese Aufgabe beinhaltet eine Art von Ressourcenschätzung (ökonomisch oder
psychologisch) und Managementhandlungen.

Verschieden Werthaltungen in Bezug auf Land:


 anthropozentrische oder instrumentelle Sichtweise: Land ist zur Nutzung
durch den Menschen da
 ökozentrische Sichtweise: schätzt Natur um ihrer selbst willen, nicht bloß
wegen ihres Beitrages für das menschliche Wohlergehen
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 85

 Land-Ethik: Menschen, Erde, Wasser, Pflanzen und Tiere sind gleichwertige


Mitglieder einer natürlichen Gemeinschaft  Menschen haben keine
Sonderposition inne

Können wir unser Land zu sehr lieben?

Immer mehr Menschen suchen Genuß in Nationalparks, Wäldern oder anderen


natürlichen Gebieten (besonders seit dem 2. Weltkrieg). Genau dadurch
gefährden wir ironischerweise ihre Existenz:
 hohe Besucherdichte, Lärm von Touristenflugzeugen stören die Erholung
(mehr als 2 Überflüge pro Minute am Grand Canyon)
 Kriminalität
 verschieden Erholungsaktivitäten interferieren miteinander(z.B. Wandern
und Motoradfahren)
 Natur-Schäden durch intensive Nutzung

Wie können Parks, Wälder und Wildnis-Gebiete an mehr Besucher angepasst


werden, ohne dabei die Charakteristika der natürlichen Umgebung zu zerstören,
die die Menschen anziehen?

Was wird beim Erholungsmanagement gemanagt?

Freizeit ist mehr ein Erfahrung als eine Aktivität: Verschieden Aktivitäten können
zu ähnlichen psychologischen Erfahrungen führen, und die gleiche Aktivität kann
zu verschiedenen Erfahrungen führen, abhängig von der Persönlichkeit, der
Umgebung und anderen Faktoren.

Das Ausmaß der Freizeiterfahrung variiert wahrscheinlich von zeit zu zeit und
zwischen Individuen.
Das Gefühl von Freiheit, gesteigerte Sensitivität und verringertes Bewußtsein für
das vergehen von zeit sind kennzeichnend 

Entspannung, Zerstreuung  Nutzen 1. Ordung


Nutzen für die Gesundheit, insbesondere Herz-Kreislauf
Entwicklung einer Selbst-Identität Nutzen 2.Ordnung
mystische oder peak-Erfahrungen

 die Freizeiterfahrung wird gemeinsam durch Umwelt-, soziale und individuelle


Variablen bestimmt

Erholungs-Produktions-Prozeß: Versuch, die menschlichen Erholungsbedürfnisse


durch das Managen der Basis-Ressourcen eines Platzes zu treffen  schwierig,
alle Bedürfnisse zu erfüllen

Tragekapazität: Fähigkeit eines Gebietes, Gebrauch zu absorbieren


 Widerstand zu ökologischer Beschädigung
 Verfügbarkeit von Campingplätzen
 soziale Tragekapazität: gewünschtes Ausmaß an sozialer Interaktion

Das tolerierbare Ausmaß an Dichte variiert nach Person, Aktivität und


Umgebung.
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 86

Erholungssuchende, die höhere Level von Technologie anwenden stören eher die
Erfahrungen von denen mit weniger Technologie als umgekehrt (z.B. Motorboot
stört Kanufahrer, aber nicht umgekehrt).

Wieviel Wildnis ist genug?

Inzwischen gibt es mehr Nationalparks und Denkmäler, Wälder als unberührte


Wildnis. Mißt man den Wert eines Gebietes an der Anzahl der Nutzer, erscheint
Wildnis als teurer Luxus. Andererseits bietet Wildnis einzigartige
Erfahrungsgelegenheiten, die es nirgendwo anders gibt.

Recreation Opportunity Spectrum: gebräuchliches Werkzeug zum Managen von


öffentlichem Land.
„Ochsenauge“-Konzept: Die Mitte eines wilden Gebietes bleibt unberührt, je
näher zum Rand, umso mehr menschliche Modifikation

Erhaltung

Das Problem ist nicht, dass Menschen absichtlich die natürlichen Ressourcen
missbrauchen, sondern dass die kollektiven Anforderungen einer Vielzahl von
Nutzern die Kapazität der Ressourcen übersteigt.

Verhalten ändern, um die Umwelt zu schützen

Gemeindeland-Dilemma:
Wahl zwischen unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung (noch 1 zusätzliches Schaf
kaufen) mit der Aussicht auf negative Konsequenzen für die Gesellschaft
(Überweidung des gemeinsamen Weidelandes) oder den gegenwärtigen
Verbrauch für das weitere Wohl der Gemeinde einschränken.

 soziale Fallen (John Platt, 1973) bzw. Situationen, in der die momentanen
Gewinne die Kosten zu überwiegen scheinen

Soziale Fallen sind schwer aufzubrechen, aber genau das müssen wir zum Schutz
der Umwelt tun.

Wie kann Umweltpsychologie umweltverantwortliches Handeln anleiten?

Viele meinen, unsere Umweltprobleme seien durch die Anwendung der richtigen
Technologien (Wind- und Sonnenenergie, Techniken zur
Verschmutzungsbekämpfung) zu lösen. Dies ist jedoch ein Fehlschluß, denn die
meisten Technologien haben unerwünschte Nebeneffekte, die der Umwelt
schaden (Altpapierrecycling verbraucht z.B. große Mengen an Energie, so dass
Plastikbecher für die Umwelt sogar günstiger sind als Papierbecher!).
Wenn sich tatsächlich etwas verbessern soll, sind beträchtliche technologische
und Verhaltensänderungen notwendig.
Fast alles, was wir tun, hat entweder einen positiven oder negativen Effekt auf
die Umwelt!

Verlangt eine Verhaltensänderung zum Schutz der Umwelt eione niedrigere


Lebensqualität?
Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 87

Nein! Im Gegenteil, die Lebensqualität würde sich auf vielfältige Art und Weise
steigern: Wenn wir z.B. weniger Auto fahren würden und stattdessen öffentliche
Verkehrsmittel benützten, würde es weniger Verschmutzung geben, wir hätten
mehr Geld, könnten überall gehen oder Fahrrad fahren, wären weniger anfällig
für Atemwegserkrankungen…

Eingriffsmöglichkeiten:
 Ermutigen zu umweltschützenden Handlungen (z.B. Menschen für das
Aufheben von Müll belohnen)
 Entmutigen von umweltschädigendem Verhalten (hohe Bußgelder für Müll
auf die Straße werfen)

Leider hemmen Programme, die protektives Verhalten fördern nicht


notwendigerweise schädigendes Verhalten und umgekehrt.
Auch haben nicht alle schützendenm und schädigenden Verhaltensweisen den
gleichen Einfluß auf die Umwelt.

Ziel: Aufrechterhalten einer Zukunft


 nicht alle Ressourcen durch übermäßigen Konsum oder Verschmutzung
zerstören
 eine hohe Lebensqualität für zukünftige Generationen sichern

Die Risikowahrnehmung beeinflusst die Bereitschaft, sich umweltschützend oder


–schädigend zu verhalten. Gegenüber Risikoberechnungen von Experten sind die
wahrgenommenen Risiken jedoch verzerrt:
 das wahrgenommene Risiko ist höher, wenn die mit ihnen assoziierten
Aktivitäten als unkontrollierbar, ungerecht, katastrophal, unbekannt,
schrecklich und wahrscheinlich zukünftige Generationen beeinflussend
angesehen werden (z.B. Risiko von Atomenergie)
 das wahrgenommene Risiko ist geringer, wenn die mit ihnen assoziierten
Aktivitäten als freiwillig, individuell, nicht global katastrophal, leicht zu
reduzieren und von geringem Risiko für zukünftige Generationen ist (z.B.
Schwimmen, Rasenmäher, Essensvorräte)  Problem: die negativen
Konsequenzen dieser Handlungen treten erst nach langer Zeit auf, sie
kumulieren mit der Zeit, je mehr Leute sich so verhalten

Umweltprobleme:
1. Probleme der Umweltästhetik: Prävention und Kontrolle von Müll, Schutz
natürlicher Ressourcen, Verhindern städtischer Verschlechterung
2. Gesundheitsbezogene Probleme: Verschmutzung, radioaktive Strahlung, hohe
Lärmpegel
3. Ressourcenprobleme: zu hoher Verbrauch von Wasser und Energie

 spezifische Interventionen können einen Einfluß auf mehr als eine Katagorie
haben

Das Gemeindelanddilemma als ein Umwelt-verhaltens-Problem

Beispiele von Gemeindeland-Tragödien


Bell, P.A., Greene, T.C., Fisher, J.D., Baum, A. (2001) Environmental Psychology 88

Hardin (1968) entlehnte seine Analogie vom Gemeindeland von Lloyd (1833),
der daran interessiert war, wie eine egoistische Sichtweise zu verheerender
Überbevölkerung führen kann.

Weitere Beispiele für Gemeindelanddilemmata:


 Parkplätze
 Platz in Uni-Eßräumen
 Anstzen von Lehrkursen
 Budget
 Internet

Historische Beispiele für die Ausbeutung natürlicher Ressourcen:


 Cahioka war eine Stadt von 15000 Einwohnern am Zusammenfluß des
Mississippi und Missouri im 12. Jh. Durch die übermäßige Ausbeutung von
Wald als Brennstoff und Baustoff wurde die Landschaft eines adäquaten
Grundes beraubt und führte zur Überflutung der Stadt und von Farmland,
so dass die Zivilisation ausgelöscht wurde
 der Danube Fluß erstreckt sich über 2860 km und durch 9 Länder. Er dient
als Transportweg, liefert Trink- und Nutzwasser und hydroelektrische
Energie. Er wird jedoch auch zum Abladen von industriellem und
städtischem Abfall benutzt. Die des Mißbrauchs durch alle Nationen zeigt
sich am Flussdelta: Der Fischbestand ist um die Hälfte zurückgegangen,
bei einigen Spezies um 90%.
 um 1920 leitet die frühere Sowjetunion Wasser aus den Flüssen, die den
Aralsee versorgen, um zur Ankurbelung der Baumwollproduktion. Über die
Zeit verlor der Aralsee 80% seines Volumens. Außerdem ist sein Wasser
verseucht mit Sulfaten, Phosphaten und Chlorkohlenwasserstoff von
Pestiziden und Düngern (700t Salz/Hektar). Alle 24 nativen Fischarten
verschwanden, und 100.000 Menschen, die vom Fischen lebten, wurden
verdrängt.
 Ausbeutung der Geysire in Nordkalifornien: