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Botho Strauß

Der Schmelzling
A. Parkbesucherin in unangenehmer Situation

B. Analyse „Der Schmelzling“ (Botho Strauß)

1. Inhalt und Aufbau: Überraschendes Ende


a) Vorstellung der Figuren
b) Schilderung der Aufführung
c) Überraschende Reaktion der Belästigten

2. Figurenkonstellation: Abneigung und plötzliche Zuneigung

3. Sprachanalyse: erzählender Stil


a) Hypotaxen mit vielen Attributsätzen: genaue Beschreibungen
b) Wortwahl: ausgefallene Wörter, literarische Sprache
c) Stilmittel: bildliche Sprache (Liebe und Krieg)

4. Erzähltechnik: Auktorialer Erzähler, Gefühlseinblick für Leser

C. Fazit / Schluss*

 Zur Gestaltung (Fazit am Ende des Hauptteils und davon getrennter Schluss – oder
Fazit und miteinander verwobener Schluss – siehe Diskussion bei Sachtextanalyse!)

Ausgestaltungsmöglichkeit des Schlusses (in diesem Fall mit dem Fazit des Hauptteils
kombiniert):

Der Erzähler in Botho Strauß’ „Der Schmelzling“ konfrontiert uns mit einer den meisten von
uns bekannten Situation. Sie ist uns – wie der verheirateten Frau in der Erzählung – peinlich
und wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, wünschen uns höchstens, diese Situation
möge möglichst schnell vorübergehen. Das Überraschende im „Schmelzling“ ist aber die
Reaktion der verheirateten Frau am Ende des Textes. Die gesamte Struktur der Erzählung
arbeitet auf dieses Ende geradezu hin. Der Inhalt und das Verhältnis der Figuren lenkt die
Erwartungshaltung des Lesers, ebenso die genauen Beschreibungen der Gefühle der
Betroffenen und die Wortwahl, die Begrifflichkeiten aus Liebe und Krieg miteinander
verbindet. Auf diese Weise schafft der Autor Raum für einen „Knalleffekt“ am Ende, der den
Leser nach einer Deutung für die überraschende Reaktion der Frau suchen lässt. Sie, so eine
mögliche Deutung, ist von dem Liebeserlebnis, das der „Schmelzling“ angedeutet hatte,
schlichtweg mitgerissen, fühlt sich begehrt und, durch die Entführung in die Verlegenheit, um
viele Jahre verjüngt.
Botho Strauß und der Schmelzling
Das Theaterpublikum vor allem der 70-er und 80-er Jahre feierte seine Stücke, weil es sich in diesen
von Cechov inspirierten Stillstandskomödien wiedererkannte. Für polemischen Zündstoff sorgte dann
1993 der Strauß-Essay Anschwellender Bocksgesang im Spiegel, in dem er der medialen
Massenkultur die Leviten las und schwere Zeiten prophezeite, für die diese Gesellschaft in ihrer
mental und moralisch geschwächten Verfassung nicht gerüstet sei. Diese kritische Diagnose hat sich
in den letzten Jahren eher noch verschärft, man denke an sein letztes Theaterstück "Die Schändung",
eine Adaptation des Titus Andronicus, eines der finstersten und blutigsten Shakespeare-Dramen.

Nun ist ein Band mit Prosaminiaturen erschienen, Mikado, einundvierzig Fabeln,
"Kalendergeschichten", so viele, wie das Mikadospiel Stäbe hat. Und da liest man in Besprechungen
erstaunt, der Autor sei milde und versöhnlich geworden, ja von einer Konversion zu einem
"zufriedenen Apokalyptiker" war sogar die Rede. Wie kann das sein? Hat hier ein spätestens seit der
Fußballweltmeisterschaft spürbar verbreitetes Harmoniebedürfnis nun auch die Kritik korrumpiert?
Schauen wir uns die neuen Texte also etwas genauer an.

Mikado ist auf den ersten Blick tatsächlich ein merkwürdig idyllisierendes Buch der
Merkwürdigkeiten, ein Reigen märchenhafter Täuschungen und Verkehrtheiten. Wir begegnen
Menschen und Dingen im Ausnahmezustand der Betörung oder Verstörung. Eine "Mauerküsserin"
versucht einen steinernen Mann aus dem Mörtel hervor zu küssen. Staubgefüllte "Teppichgeister"
entbrennen in Liebe zu einem mageren Menschenkind. Da gibt es die einsame Kustodin, den
untüchtigen Lehrer, drei arbeitslose "Seher", den "Schmelzling", den "Listenschließer" und
"Bittersüßchen" - Botho Strauß-Figuren auf der Drehbühne seines kleinen epischen Welttheaters,
und inkognito wie der Kalif zwischen seinen Untertanen vagabundiert der melancholische Geist des
Autors unter seinen Geschöpfen umher und versucht die dunkle "Hieroglyphe" der Gegenwart zu
entziffern. Mikado - schon im Titel steckt ein Fingerzeig des Autors an den Leser, er möge das alte
Geduldspiel noch einmal mitspielen und die kleinen Allegorien wie Mikadostäbchen behutsam,
sozusagen mit Fingerspitzengefühl aufnehmen. Wir wollen es versuchen und greifen, möglichst ohne
zu wackeln, gleich das erste Stäbchen auf, die Titelgeschichte Mikado. Sie beginnt so:

"Zu einem Fabrikanten, dessen Gattin ihm während eines Messebesuchs entführt worden war, kehrte
nach Zahlung eines hohen Lösegelds eine Frau zurück, die er nicht kannte und die ihm nicht entführt
worden war."

Nun wäre es durchaus denkbar, dass so mancher Ehemann eine solche Situation als einen Glücksfall
begrüßt, der einem nicht alle Tage widerfährt: eine neue Frau frei Haus geliefert zu bekommen.
Unser Mann hier aber ist zutiefst verstört und erschrocken. Da behauptet diese ihm gänzlich fremde
Person, die gleich das kaputte Fahrrad in der Garage repariert und sich im Hause breit macht, immer
schon seine Frau gewesen zu sein, während seine "gelehrte" arme wahre Ehefrau wohl immer noch
gefangen irgendwo in einem Kellerloch dahin vegetiert. Was tun, ein zweites Lösegeld könnte er
nicht aufbringen, er muss sich mit dieser Fremden irgendwie arrangieren. Sie ist ja auch ganz nett,
doch schon bald, beim abendlichen Mikadospiel, entpuppt sich die "patente Heimwerkerin" als
tückisches, unfriedliches Wesen. Sie spielt souverän, doch plötzlich nimmt sie den ranghöchsten
Stab, den Mikado, und bricht ihn, zum Entsetzen des Mannes, mitten entzwei.

"Das Spiel mit den wertvollen Stäben war für immer zerstört. Die unruhige Hand ergriff zitternd einen
der untergeordneten Stäbe und hielt ihn wie einen Spieß umklammert. Der Mann betrachtete die
nadelfeine Spitze. Er hatte kein anderes Empfinden mehr, als diese Spitze durch die linke Wange der
Frau zu stoßen, durch ihre Zunge zu bohren und aus der rechten Wange wieder hinaus. Gestoßen und
gestochen. Nicht jetzt. Aber eines Morgens, ja..."

Versöhnlich klingt das nicht gerade. Schon klar, wer in dieser Parabel mit der neuen "falschen" Frau
gemeint ist. Sie ist -in einer Variante des alten barocken Motivs von der "Frau Welt" - die Allegorie
der Gegenwart, die das hohe Spiel der Kultur aufkündigt. Strauss greift hier eine Denkfigur aus seiner
frühen Erzählung Theorie der Drohung von 1975 wieder auf: das Motiv der fremden Frau, die
behauptet, die vertraute Geliebte zu sein. Die "unbegreifliche Fee" des Vergessens ist in jener frühen
Künstlernovelle eine Psychiatriepatientin und eine gute Fee, insofern sie den melancholischen
Dichter zwingt, sich auf sie einzulassen und damit aus seiner Schreibkrise raus zuarbeiten.

Hier in Mikado waltet die böse Fee des Vergessens, die uns alle zu "Gegenwartsnarren" verhext, -die
ärgste Feindin der Dichter und dieses Autors im speziellen. Als "helle und muntere" Person wird sie
apostrophiert. Und das heißt bei Strauß nichts Gutes:

"Hellesein ist die Borniertheit unserer Tage"

Strauß wird sich etwas dabei gedacht haben, wenn er mit dieser Gewaltphantasmagorie den Reigen
seiner Parabeln eröffnet. Wir können es nur so lesen: Freunde, mit dieser "hellen und munteren"
Person, die uns von der mythischen Zeit, von der "Tiefenerinnerung" abschneidet, ist kein
Auskommen, die Borniertheit der Gegenwart, ich will sie nicht im Haus haben.

Nein, seinen Frieden mit dieser Gesellschaft hat er bestimmt nicht gemacht. Wie man sieht, ist der
heilige Zorn des Autors unverbraucht.

"Nicht mehr mitmachen, endlich Schluß mit der verlorenen Liebesmüh... "Ach Gott, die
Selbstherrlichkeit dieser Menschen! Dieser Leutchen!... was ich nicht alles arrangierte, um Leute in
den Park zu locken, aber das alles scheint nicht mehr besonders gefragt zu sein. Nicht innovativ genug
für heutige Ansprüche. Schade... Doch, doch. Die Menschen wollen durchaus Vorträge hören. Aber
nicht meine. Sie verstehen mich nicht. Weil ich reden kann! Weil ich ein Redner bin. Das ist das
Ausgestorbene an mir... ich liebe, ich bewundere, ich vergöttere, worüber ich rede: ich bin mitreißend!
Dazu gehört die Menge, nicht das verschwindend kleine Häufchen."

Hier beklagt sich ein Gartenhistoriker bitter über die Ignoranz der Zeitgenossen. Er tut dies in einer
Art Wechselgesang mit seiner Schwiegertochter, die sich wiederum über die menschlichen Defizite
seines Sohns beklagt. Der Parkliebhaber ist beileibe nicht der einzige düpierte Kulturträger im neuen
Botho Strauß-Band. Vom schnöden Zeitgeist ausgemustert fühlen sich auch in einer anderen Parabel
drei alte Seher, die am Rande des Domplatzes auf "eisernen" Stühlen hocken wie Rentner oder Hartz-
IV-Empfänger, heruntergekommene alte Zausel, deren Seherkraft mangels Beanspruchung schon
ziemlich verkümmert ist. Sie können sich auch nur noch gemeinsam e i n e n Geist leisten. Diesen
Homunkulus setzen sie auf eine junge Frau an, eine mit Tüten bepackte Touristin, die sich mit ihrem
"ganzen Klump" auf einer Bank am Dom ausgestreckt hat. Er soll sich bei ihr einschleichen, um "das
Geheimnis ihrer satten und schläfrigen Gegenwart zu ergründen." Wieder ist also eine Frau das
Sinnbild der Gegenwart. Das ist kein besonderer Chauvinismus, sondern der allerälteste. Nach der
Logik des Mythos muss es eine Frau sein, die den Schaden anrichtet, eine Verführerin wie Eva, die
erste Frau, die schließlich den schlimmsten Verlust der Menschheit auf dem Kerbholz hat: den des
Paradieses. Auch diese träge Dame, diese Tüten-Tussi auf der Bank ist eine Verführerin, die den
Tölpel von Geist liebestoll macht und die drei Seher um den Verstand bringt.
"Er setzte alles daran, sie endgültig aus der Welt des Schauens zu vertreiben- hinein in die Welt der
skrupellosen Gegenwart. Wenn wir schon stürzen, so ließ er sie denken, dann soll es der Sturz sein in
eines Menschen runde Arme! Schluß mit den feigen Siegen der Unberührten!...Stürmen wir die
Sparkasse, in der sich das Gold nicht getauschter Küsse türmt..."

So ist also auch von den "Sehern", sprich den Dichtern und Denkern nichts mehr zu erwarten. Bevor
sie ganz abgeschrieben sind in dieser Gesellschaft, machen sie lieber mit, lassen sich einwickeln. Was
sollen sie dieser Zeit, die unter der Fuchtel des "Sekundären", des Geredes, der kritischen Diskurse
steht, auch weissagen? Diesen Zeitgenossen, mit List und Tücke begabten Kleindarstellern einer
Soap-Opera, eines Surrogatlebens, die nichts zu wissen scheinen von den Verlusten, die ihr
Banausentum der Kultur täglich zufügt. Wenn drei Klagende in seinem Namen versammelt sind, so ist
der Autor mitten unter ihnen.

"Paradoxerweise wäre gerade dies, auf dem Höhepunkt der Unerheblichkeit seiner Existenz, die
Stunde des Dichters. Nichts könnte jetzt vorbildlicher und nützlicher wirken als die Begabung, mit
seiner Zeit zu brechen und die Fesseln der totalen Gegenwart zu sprengen. Aber sind wir nicht in
dieser Gesellschaft bloß eine Minderheit unter anderen, eine Gruppe von Behinderten unter anderen,
die längst auf die Allgemeingültigkeit ihrer Rede verzichtet hat? Hat uns die Macht des Vielfältigen,
die Bunte Liste der tausend Spleens und Richtigkeiten nicht unfähig gemacht, einem wie auch immer
imaginären Ganzen gegenüber die exzentrische oder avangardistische Stellung zu beziehen, durch die
es erst Gestalt gewinnt?
Ausgerechnet jetzt, da der Konsum total geworden ist.., fehlt es doch an einer neuen Literatur, die aus
der entschiedenen Absage an diese Konsumierbarkeit eine große und wesentliche Kraft bezöge... Wo
die Schrift selbst aus dem Zentrum der Kultur verschwindet, wird der Außenseiter unter den
Schriftstellern, der Exzentriker, zur trolligen Figur..."

Eine Passage aus dem 1981 erschienenen Prosaband Paare, Passanten. Aus der Reflexion über die
sprachlos gewordenen, zur "trolligen Figur" heruntergekommenen Dichter ist nach 25 Jahren die
Allegorie der drei trolligen Seher auf eisernen Kaffeehausstühlen geworden. Das Geistige und das
Heilige ist immer noch unter uns, wenn auch "am Rande des Domplatzes", sprich auf ziemlich
verlorenem Posten in dieser Gesellschaft, wo hinter der Einkaufszone gleich das Nichts anfängt. Ein
Beispiel für die eiserne Kontinuität im Strauß‘schen Denken und Schreiben.

So verhält es sich mit fast allen dieser 41 kurzen, teils kürzesten Texte. Zum Märchenorakel
verrätselt, klagt aus ihnen die alte Sorge, die alte Zweifelfrage des Autors: Was kann Dichtung, was
kann Literatur noch bewirken. Der Maßstab für alles Höhere, der höchste Mikado -Symbol und
Synonym für den japanischen Kaiser- ist zerbrochen. Man kann noch mit den kleineren Stäbchen
weiterspielen. Mit kleinen erbaulich belehrenden Fabeln nach Art der alten Kalendergeschichte
versuchen, die schlichten Gemüter einer kleinen Zeit zu erreichen. Diese gar nicht milde, gar nicht
versöhnliche, sondern eher bitter-elegische Ironie des Resignativen summt als Orgelton in diesen
Parabeln.

"Wie sähe, denke ich oft, mein protziger Nächster aus, wenn ihn der jähe Schmerz oder Kummer
träfe,"

schrieb Botho Strauß in seinem - im doppelten Sinne- anstößigen, wegen des verquasten Predigttons
schwer assimilierbaren Traktat Anschwellender Bocksgesang. Ja, wie sehen sie aus? Ziemlich
erschrocken und verwirrt, wie der "schneidige Intellektuelle", der, von Frau und Sohn verlassen in
einem Crashkurs der Einsamkeit plötzlich einsieht:
"Ich habe nach den Begriffen gelebt. Es ist aber besser, viele Sagen, Mythen, Geschichten zu
besitzen... Das heißt: von ihnen besetzt und besessen zu sein. Damit kann jeder seine Familie beliebig
vergrößern... und ein wenig Trost finden bei seiner jahrhundertealten Verwandtschaft, bei seiner
Familie."

Wie sieht der Bäcker Alwin aus, der seine Frau im Stich ließ und nach 25 Jahren reich und reumütig
heimkehrt, aber von ihr gebeten wird, - Zitat- "sie wieder mit ihm allein zu lassen." Einen Richter auf
Reisen verzaubert der Autor in der Wartezeit zwischen zwei Flügen in den beglückten Liebhaber
einer schönen Melusine. Er greift wie Oberon im Sommernachtstraum tief in den Zauberkasten
seiner artistischen Mittel, er entzweit die Liebenden, stiftet wundersame Verwechslungskomödien
des Eros, verhängt Strafen, Peinlichkeiten, nützliche Enttäuschungen und sogar Bluttaten, um den
Möglichkeitssinn des Lesers zu trainieren und die hässlich Erstarrten wieder schön und lebendig zu
machen. Und doch versammeln sich seine Geschöpfe zu guter Letzt am Bett des Dichters, um sich
bitter zu beklagen, er habe nicht alles gegeben und sie nicht gut genug erfunden.

"…die Verkürzten und Zukurzgekommenen, die flüchtig Skizzierten, die nur Gestreiften und die
Inkompletten. Sie forderten Ergänzung: mehr Fleisch, mehr Farbe, mehr Schicksal! Schattenrisse,
Schnappschüsse, Passanten, verlorene Profile, bloß Erwähnte und Aufgezählte, die es nach Eigenleben
verlangte...
Den alten Nichtsnutz schüttelte ein heftiger Figurenvertreibungskoller. Er scheuchte das aufsässige
Gesindel... Allez hopp, ab durch die Mitte, fort, fort. Botschafter, Richter, Sportpräsident. Der
Untergebene, der Ungeschickte, fort mit euch, bleibt mir vom Hals!
...Alle halten mir meinen Geiz vor, die Ungestalten, ausnahmslos alle, undankbare Brut. Dabei habe
ich euch großzügig erzogen, spendabel bewirtet, bis meine Güter verbraucht waren..."

Der alte Nichtsnutz tut gut daran, sich zu verteidigen. In seinen Stücken hat Botho Strauß seine
Figuren mit Liebe und Sorgfalt modelliert und nobilitiert. Wer hätte diese heillosen Egomanen besser
erfunden, die von dem Scheibchen Trockenbrot ihrer Liebesfähigkeit nicht satt werden. Je
verzweifelter sie in ihrer Einsamkeit und erlittenen Unbedeutendheit für sich werben, sich einander
zu erklären versuchen, umso sicherer manövrieren sie sich ins Aus und umso komischer sind sie.

"Kerstin: Was suchst du bei den Frauen, Onkel Bert? /Onkel Bert: Ich weiß nicht. Vielleicht
Verständnis. Ein bißchen Verständnis dafür, daß ich sie nicht mehr so liebe wie früher."
Gut möglich, dass Strauß diese pointierte, fast ins Billy Wilder-Fach ragende Verzweiflungskomik, die
wir an ihm so schätzen, selber gering schätzt. Dass er seine Figuren dafür verachtet, dass sie ihn zu
dieser Komik zwingen. Die Komik kommt nicht von Herzen, sie ist eine Konzession an den
verwünschten Zeitgeist, an das auf komische Effekte abonnierte Publikum, das man anders gar nicht
mehr erreicht.

"Verflucht in eine ewige Komödie, verbannt ins Grauen heftiger Belustigung. So überleben wir und
wiederholen uns und werden's wohl für alle Zeiten,"

ruft der Mann im Zwischenakt von Kalldewey, Farce. Der Prophet Salomon im Alten Testament kann
es noch metaphernwuchtiger ausdrücken: das Gelächter der Narren ist wie das Krachen der Dornen
unter den Töpfen, heißt es da.

Scherz, Satire, Ironie stiften für Botho Strauß keine tiefere Bedeutung, sie sind ihm erklärtermaßen
ein Graus. Aber Texte sind zum Glück oft klüger ihr der Autor. Strauß ist ein ins Tragische verliebter
Komödiendichter, was selber eine der 34 tragischen Konstellationen sein dürfte, die es nach
Einschätzung des italienischen Komödiendichters Gozzi im Leben und auf der Bühne gibt. Denn dieser
deutsche Hang, fast schon Zwang zum Tiefsinn führt meist, so auch in diesem Fall, zu unfreiwilliger
Komik und Parodierbarkeit. Wenn Strauß diesen preziös raunenden altertümelnden Weiheton
anschlägt, von "Einstweh", von "Heil-Zeiten", vom "Frieden in der freien Flur" oder vom
"Widerenden" fabuliert, das sich gegen uns richte, so wird einem mulmig zumute. Da sind, um mit
Ossip Mandelstam zu reden, die Laken bestimmt nicht angerührt. Da hat die "Poesie nicht
genächtigt."
Auf diesen Kalendergeschichten liegt aber - mit wenigen Ausnahmen- auch noch aus anderen
Gründen kein Segen. Die Allegorie, diese älteste Konzept-Kunst verleitet zum Schematischen. Da
möchte man sich der Klage seiner Figuren und Goethes Verdikt gegen die Allegorie anschließen. Die
Figuren, blasse Schemen, sind sozusagen Missbrauchsopfer einer plakativen Idee und nicht wirklich
sprechend. Dafür äußert sich übermächtig der Trübsinnige Spleen des Autors. Auch wenn man seine
Erregungen und Idiosynkrasien in vielem nachvollziehen kann und teilt, hat diese notorisch üble
Nachrede, dieser seit 30 Jahren immer gleiche litaneihafte Abgesang auf die Kultur, laut Nietzsche
der "Krebsschaden alter Idealisten und Lügenbolde" längst selber etwas abgestanden Sekundäres,
Zitathaftes und da, wo es obskurantistisch wird, auch Abstoßendes. Offenbar hat Strauß wenig Sinn
und Talent, sich von den produktiven Seiten dieser Kultur, die es gibt, sogar im Fernsehen,
überraschen zu lassen.

Dies ist der Bücherherbst der Patriarchen. Ein Erinnerungsblättersegen älterer Herrschaften aus dem
Öffentlichen Leben geht auf uns nieder, Memoiren nach dem alten Epochenschema Aufstieg,
Blütezeit und allmählich gliederreißender Verfall. Da passt ironischerweise der neue Prosaband von
Botho Strauß in ganz unüblicher Synchronie mit dem Zeitgeist, ganz gut ins Bild, da er
gewissermaßen auch ein das eigene Werk verklärendes Erinnerungs- und Bilanzbuch geworden ist.
Da wird nichts wirklich frisch und neu verhandelt, das Bändchen ist die Synopse, eine artistische
Gesamtschau seiner Themen, Motive und Figuren in allegorischem Mummenschanz. Camouflierte
alte Klagen. Aber wenn einem gerade nichts Besseres einfällt, kann auch das Sich-Beklagen dem
Leben einen Reiz geben.

Wir hören gerne von Botho Strauss, wenn dieser Meister menschlicher Komödien
deren Sequenzen beschreibt - das Auf und Ab der Leidenschaft, das rhythmische oder
aus dem Tritt geratene Zusammengehn von Paaren, und schliesslich das
Unmerkliche von Regungen, wo Menschen noch atmen und halb verzweifelt, halb
begierig umklammern, was man gemeinhin das Leben nennt. Nicht der
Kulturkritiker, sondern der kühle Beobachter von Räumen und Sphären fasziniert
uns nun: ein Autor, dessen Blick am Alltag geschult ist und dessen Geist noch
manches Überraschende hinzuaddiert. Fürs Theater bietet dies den Gewinn von
Konstellationen - Figuren handeln, träumen, dämmern, die ihr Wesen am anderen
erproben. Sie scheitern zumeist, doch zumeist auch graziös, wie Spieler am seidenen
Faden, den ein Höherer führt. Fast alles ist Täuschung, Trugbild, Frust; an den
Oberflächen freilich funkeln und glitzern die Triebe.

Als Erzähler aber geht Botho Strauss einen Schritt weiter. Hier, in einer Prosa, die die
Worte mit beiläufiger Genauigkeit setzt, verbindet der Schriftsteller den Realismus
der Lebenswelt mit dem Phantastischen - mit einer Innensicht auf Ereignisse und
Bagatellen, aus der wie selbstverständlich auch das Mystische springt. Was früher die
Märchen waren - nämlich Geschichten von Glück und Unglück im Spiegelbild des
Wunders -, sind jetzt Parabeln, Gleichnisse, Situationen, die ähnlich das grosse
«Andere» umkreisen. Dass ein Mann seine Frau verliert und sie seltsam verwandelt
zurückerhält; ein Greis in der Berghütte zu erschreckenden Visionen gelangt; drei
Geisterseher aus unspezifischem Anlass in den Bann ihres keck gewordenen Golems
geraten; eine unerkannte Schöne sich am Mauerwerk gütlich tut, bis aus dem Stein
der Geliebte Gestalt gewinnt - das erschliesst uns Dimensionen des Daseins, die im
Jenseits jeder Wirklichkeit schlummern.

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Ironie und Nachdenken

«Mikado» ist deshalb ein sowohl heiteres, oftmals von Ironie durchwehtes Buch wie
auch ein Brevier zum Gebrauch der nachdenklichen Geduld. Die Geschichten und
Anekdoten, die es enthält, sind sowohl Erzählungen aus dem Fundus der
bürgerlichen Spätmoderne, wo Geschäft und Vergnügen, Eros und Betrug,
Durchschnittsverhalten und Triebverzicht zusammenlaufen, wie sie Metaphern sind,
aus denen das Gegenteil des Gewöhnlichen zu lernen wäre. Aber wie? Indem wir
mitlesen und weiterspinnen, was da geschieht: wenn einer müd nach Hause kommt
und die Wohnung nicht mehr erkennt, ein Zweiter, Dichter, plötzlich erleben muss,
dass die Nebenfiguren seiner Romane zu bösem Treiben erwachen, eine Dritte listig
den Ehebruch plant und dabei in Verwirrung gerät - und so fort.

«Ich führe das Leben eines anderen.» Der ehemalige Assistent am philosophischen
Seminar - mit den Kniffen der Dialektik fraglos vertraut -, inzwischen jedoch
Schulmeister und ein eher hilfloses Subjekt, wimmelt damit die Avancen seiner
Schülerin ab. Er zieht sein Ich aus der Identität verstorbener Autoren; ganz nach
Rimbaud: «Je est un autre.» Woraus aber folgt, dass sich der Ärmste in immer üblere
Überraschungen verstrickt. Das wirkliche Leben schlägt zurück, wie er's schon selbst
hätte wissen können, als er weise sagte: «. . . denn das Verlangen, das Sprache
anzetteln kann, vermag sie doch selber niemals zu stillen.» Kopfgeburten und Gesten
des Vorstellens sind das eine; ein anderes sind die Realitäten, die ihnen auflauern
und mitspielen. Besonders doch da, wo, wie es einmal ganz trocken heisst, «die Sache
zwischen Mann und Frau» zur Verhandlung kommt, ist das Leben noch stets ein
«anderes» - unermessliche Inkonsistenz der Gefühle.