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„Die Qual der Wahl: Möglichkeiten zur Ermittlung

der Mauerwerksgüte von Bestandsmauerwerk“

MÄRKISCHES FORUM
BAUSTOFFPRAXIS ▪
BAUWERKSDIAGNOSTIK
Hennigsdorf, 14. Februar 2013

Dipl.-Ing. Jonny Henkel


Gliederung
1. Herstellung von Ziegelmauerwerk und seinen Komponenten

2. Druckfestigkeitprüfung am Bestandsmauerwerk

A: Prüfung des Mauerwerks mittels direkter Prüfverfahren

 In-situ-Prüfung am Bauwerk (A1)


 Entnahme und Prüfung von Großprüfkörpern (A2)
 Entnahme und Prüfung von Kleinprüfkörpern (A3)

B: Prüfung der Einzelkomponenten (indirekte Prüfung)

 Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern (B1)


 Prüfung der Mörtelfestigkeit an Prüfkörpern (B2)
 Prüfung der Stein- und Mörtelfestigkeit mittels Rückprallhammer (B3)

3. Zusammenfassung und Empfehlungen


1. Herstellung von Ziegelmauerwerk
und seinen Komponenten um 1900
Ziegel  Material: vor Ort vorhandener Ton oder Lehm oder
aus Tonstichen in der Umgebung
 Formgebung: per Hand (Handstrichziegel)
oder mit der Strangpresse (ab ca. 1850)
 Brennen: im Feldbrandofen oder im
Hoffmann‘schen Ringofen (ab 1859 bzw. 1839)
1. Herstellung von Ziegelmauerwerk
und seinen Komponenten um 1900
Mörtel  Zuschlagstoff: vor Ort vorhandener Sand oder
Sand aus der Umgebung (evtl. ÜK abgesiebt)
 Bindemittel: Sumpfkalk, hydraulischer Kalk bzw.
Romanzement (ca.1800-1850), Portlandzement
(ab 1850)
 Mischen: überwiegend per Hand mit Mischhilfen
(Rechen etc.), bei Großbaustellen Göpel (Pferde,
Dampfmaschine), später Mischmaschinen
1. Herstellung von Ziegelmauerwerk
und seinen Komponenten um 1900
Mauern  Werkzeug: Kelle, Maurerhammer, Schnur, Lot
 Ausführung: Fugenlunker, Bruchstücke,
Saugverhalten (Trockenheit oder Nässe)
 Anordnung: Verband, Klinker und
Hintermauerziegel, Hohlmauerwerk, Fugmörtel
1. Herstellung von Ziegelmauerwerk
und seinen Komponenten um 1900
Historie  Kriegsschäden, Umbauten
 Tür- und Fensterverschlüsse
 Injektionen und Verfestigungen
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk

Abschnitt A: Direkte Prüfung

 Prüfung am Mauerwerk oder an Prüfkörpern aus einem Ziegel-Mörtel-Verbund


2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
A1-1: In-Situ-Prüfung am Bauwerk

Verfahren:  Flat-Jack-Verfahren:
- Anbau einer Dehnmeßeinrichtung an die Wand
- Oberhalb und unterhalb werden horizontale Schlitze geschnitten
- Stählerne Druckdosen werden in Schlitze gesteckt
- Mit den hydraulischen Druckdosen wird der vorherige Zustand
wieder erreicht und der hydraulische Druck und die Dehnungen
gemessen

Vor- und  Ergebnisse lassen sich nur schwer korrelieren


Nachteile:  Hohes Risiko von Verfälschungen durch lokale Einflüsse
 Hohe Auflast notwendig
 Hoher technischer Aufwand und hohe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
A1-2: In-Situ-Prüfung am Bauwerk

Verfahren:  Freischneidetechnik-Verfahren (FreD):


- Schneiden von 2 vertikalen parallelen Schlitzen mit 5 cm Abstand
- Einsetzen der Prüfzange
- Experimentelle Dehnungsermittlung

Vor- und  Ermittlung von E-Modul und aktuellen Beanspruchungen möglich


Nachteile:  Ist noch in der Entwicklungsphase
 Auflasten spielen keine Rolle, jedoch Inhomogenitäten am Rand
 Vertretbarer Aufwand, hohe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
A2-1: Entnahme und Prüfung von Großprüfkörpern

Verfahren:  Prüfung an RILEM-Prüfkörpern:


- Entnahme von Prüfkörpern (2 Steinlängen breit, 5 Schichten hoch)
- min. 3 Prüfkörper
- Prüfung nach DIN EN 1052-1

Vor- und  Festigkeitsverhältnisse lassen sich sehr genau ermitteln


Nachteile:  Bereiche mit hohen Beanspruchungen werden stark geschwächt
 Risiko der Probekörperschädigung beim Freischneiden/-stemmen
 Hoher Aufwand bei Probenahme, mittlere Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
A3-1: Entnahme und Prüfung von Kleinprüfkörpern

Verfahren:  Fugenbohrkernverfahren-Verfahren nach Berger:


- Entnahme von Bohrkernen d = 100 mm mit mittiger Fuge + Ziegel
- Schneiden der Bohrkerne auf eine Länge von l = 100 mm
- Prüfung der Spaltzugfestigkeit der Bohrkerne mit und ohne Fuge
- Prüfen der Druckfestigkeit der Ziegel (Normprüfung)

fk (Mauerwerksfestigkeit) / fsz,FBK (Spaltzugfestigkeit Fugenbohrkern)


=
fb (Ziegeldruckfestigkeit) / fsz,ZBK (Spaltzugfestigkeit Ziegelbohrkern)

Vor- und  Je Probestelle 5 Fugenbohrkerne + Ziegelbohrkerne und 3 Ziegel


Nachteile:  Kritisch bei Stein- zu Mörtelfestigkeit größer 5:1 (Altbau ungeeignet)
 Hoher Prüfkörperaufwand und mittlere Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
A3-2: Entnahme und Prüfung von Kleinprüfkörpern

Verfahren:  Verfahren IBMB Braunschweig nach Dr. Gunkler:


- Entnahme von Bohrkernen d = 200 mm mit drei Lagerfugen
- Schneiden quaderförmiger Prüfkörper (12,5 x 12,5 x 15 cm)
- Druckprüfung in Richtung der vertikalen Wandachse

Vor- und  Umrechnung der Ergebnisse in zul. Mauerwerksspannung möglich


Nachteile:  Entwickelt für reichsformatiges MW mit 25-28 N/mm² Ziegelfestigkeit
 Mittlerer Prüfkörperaufwand und geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
A3-3: Entnahme und Prüfung von Kleinprüfkörpern

Verfahren:  Fugenbohrkernverfahren-Verfahren (DDR) nach Helmrich:


- Entnahme von Bohrkernen d = 150 mm mit zwei Lagerfugen
- Ablängen auf eine Länge von l ≥ 240 mm
- Druckprüfung mit speziellen Prüfkalotten (Eingipsen)

Vor- und  Umrechnung der Ergebnisse in zul. Mauerwerksspannung möglich


Nachteile:  Spezielle Prüfkalotten notwendig
 Bei Probekörperentnahme Fugenbild beachten und Schäden möglich
 Geringer Prüfkörperaufwand und geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
Abschnitt B: Indirekte Prüfung

 Prüfung der Komponenten


Ziegel und Mörtel einzeln und
Einstufung der Ergebnisse nach
DIN 1053-1, Tabelle 4a
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B1-1: Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung von ganzen Ziegeln in Anlehnung an DIN EN 772-1


- Norm gilt nicht für bestehendes Mauerwerk  Prüfung in Anlehnung
- Probekörperanzahl nach DIN EN 771-1 > 10 bei max. 20 m³ MW
- Bei nicht lufttrockener Prüfung Umrechnung auf diesen Zustand
- Umrechnung mit Formfaktoren in normierte Druckfestigkeit (0,8)

DIN 105-100 / DIN 20000-401


2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B1-1: Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung von ganzen Ziegeln in Anlehnung an DIN EN 772-1


- Einstufung in Druckfestigkeitsklassen
(Einzelwerte dürfen 80 % der mittleren Druckfestigkeit
nicht unterschreiten = Nennwert der Druckfestigkeitsklasse)

Vor- und  Genormtes und einfaches Verfahren


Nachteile:  Einstufung in Druckfestigkeitsklassen lässt keine Zwischenwerte zu
 Hoher Probenahmeaufwand bei Entnahme von 10 ‚ganzen‘ Ziegeln
 Geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B1-2: Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung von aus Ziegeln geschnittenen Probekörpern (Quader)


in Anlehnung an DIN EN 772-1
- Prüfung für ganze Ziegel gilt sinngemäß
- Umrechnung über Formfaktoren nach DIN EN 772-1

Vor- und  Genormtes und einfaches Verfahren


Nachteile:  Einstufung in Druckfestigkeitsklassen lässt keine Zwischenwerte zu
 Geringerer Probenahmeaufwand, Bruchstücke verwendbar
 Geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B1-3: Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung von halben oder ganzen Ziegeln nach DIN 105-100 (alt)
- Bei Ziegelhöhe ≤ 71 mm Ziegel halbieren und um 180° verdreht
übereinander mauern
- Formfaktor wird dann mit 1,0 angesetzt

Vor- und  Genormtes und einfaches Verfahren


Nachteile:  Einstufung in Druckfestigkeitsklassen lässt keine Zwischenwerte zu
 Geringerer Probenahmeaufwand, halbe Ziegel verwendbar
 Geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B1-4: Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung von aus Ziegeln entnommenen Bohrkernen


in Anlehnung an DIN EN 772-1
- In Anlehnung an DIN 13791 und DIN EN 1926 können die
Druckfestigkeiten von Würfeln und Bohrkernen mit gleicher Höhe
und gleichem Durchmesser gleichgesetzt werden (oft d = 50 mm)
- Umrechnung über Formfaktoren nach DIN EN 772-1
- Beachtung der Bohrrichtung bei der Prüfung

Vor- und  Bei stranggepressten Ziegeln kann vertikale Druckfestigkeit bis 30 %


Nachteile: über der horizontalen Druckfestigkeit liegen (bei Handstrichziegeln
auch umgekehrt)
 Einstufung in Druckfestigkeitsklassen lässt keine Zwischenwerte zu
 Geringerer Probenahmeaufwand und geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B1-5: Prüfung der Steinfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung der Spaltzugfestigkeit von aus Ziegeln entnommenen


Bohrkernen in Anlehnung an DIN EN 12390-6
- Entnahme von Bohrkernen (i.d.R. d = 150 mm) aus den Ziegeln
- Prüfung der Spaltzugfestigkeit in Belastungsrichtung des MW
- Verhältnis zur Druckfestigkeit beträgt ca. 1:10

Vor- und  Genormtes und einfaches Verfahren


Nachteile:  Einstufung in Druckfestigkeitsklassen lässt keine Zwischenwerte zu
 Geringerer Probenahmeaufwand, halbe Ziegel verwendbar
 Geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B2-1: Prüfung der Mörtelfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung des Mörtels nach DIN 18555-9, Verfahren III (ibac-Verfahren)
- Mindestens 10 Probekörper (ca. 50 mm x 50 mm x Fugendicke)
- Probekörper aus Mörtelbruchstücken oder Bohrkernen entnehmen
- Möglichst trocken schneiden, evtl. mit Gips abgleichen
- Prüfung mit Druckstempel d = 20 mm

Vor- und  Umrechnung in Normdruckfestigkeit möglich (D,N = 0,7 * D,III)


Nachteile:  Genormtes und einfaches Prüfverfahren
 Geringer Probenahmeaufwand und geringe Kosten
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B2-2: Prüfung der Mörtelfestigkeit an Prüfkörpern

Verfahren:  Prüfung des Mörtels mit dem Stempeldruckverfahren (TU Wien)


- 15 Proben, von denen 10 ausgewertet werden
- Mörtelstücken mit ungefährer Größe d = 50 mm werden
beidseitig mit 5 mm Gips d = 50 mm abgeglichen
- Prüfung mit Druckstempel d = 25 mm

Vor- und  Für niedrigfeste Mörtel gut geeignet


Nachteile:  Umrechnung in Normdruckfestigkeit möglich
 Geringer Probenahmeaufwand und geringe Kosten
 Speziell Schalungen für Gipsabgleich notwendig
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B3-1: Prüfung der Steingüte mittels Rückprallhammer

Verfahren:  Ziegelprüfung mit dem Rückprallhammer


- Verwendung des Prüfhammers Typ N oder L
- Korrelation an Ziegeln, an den Druckprüfung vorgenommen wird
- Auswertung nach der Egermann-Ausgleichskurve

Vor- und  Nahezu zerstörungsfrei, geringe Kosten


Nachteile:  Prüfung erfolgt auf der „sicheren Seite“
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B3-2: Prüfung der Mörtelgüte mittels Rückprallhammer

Verfahren:  Prüfung des Mörtels mit dem Eindringverfahren (TU Wien)


- Rückprallhammer Typ L mit spezieller Prüfschneide
- Messung der Eindringtiefe nach 10 Schlägen
- Umrechnung in Normfestigkeit

Vor- und  Nahezu zerstörungsfrei, geringe Kosten


Nachteile:  Prüfung erfolgt auf der „sicheren Seite“
 Möglichkeit des Suchens der „schlechtesten Stelle“
2. Druckfestigkeitsprüfung an Bestandsmauerwerk
B… : Weitere Verfahren (Komponentenprüfung)

Ziegel

 Prüfung mit Kugelschlaggerät (nur für stranggepresste Ziegel)


 Ausziehversuche von Mauerankern (für Steinfestigkeit < 10 N/mm²)

Mörtel

 Plattendruckverfahren (Prüfplatten 80 x 80, Prüfstempel 40 x 40)


 Würfeldruckverfahren (Würfel 20 x 20 x 12, Prüfstempel 20 x 20)
 Bohrwiderstandsprüfung (d = 4 mm, t = 5 mm, für weiche Mörtel)
 Mörtelprüfung mittels Pendelhammer (qualitativ)
3. Zusammenfassung und Empfehlungen

Planung und  Angaben zur Historie des Bauwerks


Ausschreibung:  Einfache Verfahren verwenden
 Hohe Prüfkörperanzahl, um Materialstreuungen zu erfassen
 Kombination von zerstörenden Prüfverfahren und
zerstörungsfreien Prüfverfahren sinnvoll
 Verfahren verwenden, die die Prüflabore auch ausführen können

Akute Prüfung  Möglichst direkte Prüfverfahren verwenden,


bei statischer die Zwischenwerte nach DIN 1053-1 zulassen
Relevanz:  Prüfverfahren mit geringen Probekörperabmessungen
verwenden, um Bauteilschäden gering zu halten
 Bohrkernentnahme sinnvoll, da Aussagen über Beschaffenheit
des Mauerwerks im Inneren gewonnen werden
Literaturhinweise / Quellen:
[1] Pauser, Schmiedmeyer, Pech: Bestimmung der Festigkeit von Mauermörtel mittels Schlagversuchen, TU Wien 11/1995
[2] Kordina, Stappenbeck, Gunkler: Zur nachträglichen Bestimmung der Druckfestigkeit von Mauerwerk, MFPA Leipzig 1/1996
[3] Pech, Zach: Mauerwerksdruckfestigkeit – Bestimmung bei Bestandsobjekten, Mauerwerk 06/2009
[4] Gutermann, Kahl, Malgut, Schröder: Freischneidetechnik zur experimentellen Dehnungsermittlung an Mauerwerk, IRB 2012
[5] DIN EN 771-1:2011-07: Festlegungen für Mauersteine - Mauerziegel
[6] DIN EN 772-1:2011-07: Prüfverfahren für Mauerwerk – Bestimmung der Druckfestigkeit
[7] DIN 105-100:2012-01 und 2005-10: Mauerziegel – Mauerziegel mit besonderen Eigenschaften
[8] DIN 18555-9:1999-09: Prüfung von Mörteln mit mineralischen Bindemitteln – Bestimmung der Fugendruckfestigkeit
[9] DIN EN 1052-1: 1998-10: Prüfverfahren für Mauerwerk – Bestimmung der Druckfestigkeit
[10] DIN EN 12390-6: 2010-09: Prüfung von Festbeton – Spaltzugfestigkeit von Probekörpern

Vielen Dank für Ihr Interesse.