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Durnowos Denkschrift an den Zaren Nikolaus II (11 Februar 1914)

Pjotr Durnowo, russischer Politiker und Innenminister im Russischen Reich prophezeite in


seinem vertraulichen Brief an den Zaren Nikolaus II den Ersten Weltkrieg in allen Details,
"Durnowos Denkschrift" gilt in russischer Geschichtsforschung als ein Beispiel für
zetgenössisches analytisches Denken, das seiner Zeit im Voraus war.

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Durnowos Denkschrift an den Zaren Nikolaus II (11 Februar 1914)

Die Rivalität zwischen England und Deutschland erscheint als eine Hauptfrage der
Weltgeschichte unserer Zeit, und unvermeidlich wird diese Rivalität zu einem Krieg führen,
dessen Ausgang für den Besiegten wahrscheinlich tödlich sein wird. Dermaßen unversöhnlich
erscheinen die Interessen dieser beiden Nationen und also auch ihr Nebeneinanderbestehen als
Großmächte.

Einerseits sehen wir einen Inselstaat, dessen Macht und Einfluss sich auf eine mächtige Flotte,
auf Welthandel und auf unzählige Kolonien gründet. Auf der anderen Seite erscheint ein
mächtiges kontinentales Reich, dessen Landbesitz seiner stark angewachsenen Bevölkerung
nicht mehr genügt. Auch hat die letztere frei und offen erklärt, ihre Zukunft liege auf den Meeren
und hat mit fabelhafter Schnelligkeit einen Welthandel entwickelt, zu dessen Verteidigung eine
starke Kriegsflotte erbaut wurde, während durch ihre berühmte Weltmarke "made in Germany"
dem industriellen Wirken des Gegners eine tödliche Gefahr ins Leben gerufen wurde.

England wird sich natürlich ohne Kampf nicht fügen, und deshalb ist zwischen ihm und
Deutschland ein Krieg auf Leben und Tod unvermeidlich. Dieser bevorstehende Konflikt kann
aber keinesfalls als ein Zweikampf zwischen England und Deutschland losbrechen. Dazu wären
ihre Kräfte zu ungleich und außerdem könnten sie einander nicht genügend fassen.

Für Deutschland wäre es zwar möglich, Volksaufstände in Indien, Südamerika und Irland
hervorzurufen, mittels Kaperung und Unterseebooten den englischen Seehandel zu paralysieren
und dadurch für Großbritannien Lebensmittelschwierigkeiten zu verursachen. Aber bei aller ihrer
Tapferkeit würden sich doch die deutschen Heerführer kaum zu einer Landung in England
erdreisten können, wenn ihnen nicht vorläufig ein besonderes Glück zur Vernichtung der
englischen Kriegsflotte verhelfen könnte.
Was England betrifft, so ist für dasselbe Deutschland völlig unangreifbar. Alles, was England
selbstständig durchführen könnte, wäre die Annektion der deutschen Kolonien, die Annullierung
des deutschen Seehandels und im besten Falle die Vernichtung der deutschen Kriegsflotte. Aber
alles dieses wäre nicht genügend, um den Feind zum Frieden zu zwingen. Unzweifelhaft wird sich
England deshalb bemühen, schon früher erprobte Mittel zu ergreifen: es wird sich zu einer
Kriegserklärung nicht früher entscheiden, bevor es sich nicht den Beistand anderer kriegsfähiger
Mächte gesichert hat; und da auch Deutschland gewiss nicht isoliert auftreten wird, so wird sich
der künftige englisch-deutsche Krieg zu einem bewaffneten Konflikt der europäischen Mächte
gestalten, von denen die einen englisch, die anderen deutsch gestimmt sein werden.

Bis zum russisch-japanischen Krieg war die russische Politik frei von beiden Einflüssen. Seit der
Regierung des Kaisers Alexander III stand Russland mit Frankreich in einem Defensivbündnis,
welches stark genug war, nun beide Mächte in dem Falle, dass eine von beiden überfallen
würde, zu einem gemeinsamen Auftreten zu bringen, das aber andererseits keinem von den
Verbündeten zur Pflicht machte, alle möglichen politischen Wagestücke des anderen zu
unterstützen.

Das Bündnis mit Russland gab Frankreich die Sicherheit vor einem Überfall durch Deutschland.
Russlands erprobte Friedensliebe und freundliche Stimmung gaben Deutschland die Sicherheit
vor französischen Revancheaufwallungen, und Russland fand die Sicherheit vor zu heftigem
Auftreten Österreichs auf der Balkanhalbinsel durch die Notwendigkeit für Deutschland, mit
Russland gute Nachbarschaft zu pflegen.

Dabei blieb England gänzlich isoliert und fühlte sich deshalb gezwungen, ruhig zu bleiben. Zu der
Rivalität zwischen Russland und England in Persien und zu der für die englische Diplomatie
Befürchtung eines russischen Dranges nach Indien kam noch ein nach dem Zwischenfall von
Faschoda höchst gespanntes Verhältnis mit Frankreich. Und dabei musste England mit großer
Unruhe die Stärkung der deutschen Seemacht beobachten, ohne sich jedoch zu einem aktiven
Auftreten zu entscheiden.

Der russisch-japanische Krieg veränderte völlig die gegenseitigen Beziehungen aller


europäischen Mächte und gab England die Möglichkeit, aus seiner isolierten Lage
herauszutreten.
Wie bekannt, haben England und Amerika während des russisch-japanischen Krieges gegenüber
Japan eine wohlwollende Neutralität beobachtet, was zu gleicher Zeit durch Frankreich und
Deutschland Russland gegenüber geschah. Wie es scheint, konnte dies als Grundlage einer
natürlichen politischen Kombination für die Zukunft bleiben. Leider aber nahm unsere
Diplomatie nach dem Krieg einen ganz entgegen gesetzten Kurs und entschied sich für eine
Annäherung an England. Frankreich wurde hinzugezogen, und so bildete sich unter dem Einfluss
Englands ein Bündnis der drei Mächte, und ein Zusammenstoß mit den mit Deutschland
verbündeten Staaten wurde früher oder später unvermeidlich.

Natürlich ergibt sich die Frage: was haben wir gewonnen oder was können wir gewinnen durch
einen solchen Verzicht auf unser traditionelles Misstrauen gegen England und auf unser, wenn
nicht freundliches, so doch wenigstens gut nachbarliches Zusammenleben mit Deutschland?

Wenn wir alle Ereignisse, die dem Friedensvertrage von Portsmouth folgten, analysieren, fällt es
uns schwer, irgend welche realen Vorteile zu verzeichnen, welche wir unserer Annäherung an
England zu verdanken hätten. Den einzigen Vorteil - unsere verbesserten Beziehungen mit Japan
- kann man kaum als Folge des russisch-englischen Verständnisses betrachten.

Eigentlich scheinen uns Russland und Japan zu gemeinschaftlichem Frieden geschaffen, da sie
nichts zu teilen haben. Alle richtig verstandenen Aufgaben Russlands im fernen Osten stimmten
mit den Interessen Japans völlig überein und sind außerdem an und für sich sehr mäßig.

Ein beiderseitiges Missverständnis gab den Anstoß zum Kriege: einerseits ein fantastisches und
taktloses Auftreten seitens der russischen Beamten, welches keiner wirklichen
Staatsnotwendigkeit entsprach, andererseits eine übertriebene Nervosität und Reizbarkeit der
Japaner, welche irrtümlicherweise in dieser faulen Wirtschaft einen gefährlichen Eroberungsplan
sehen wollten. Dies führte zu einem Kriege, den zu vermeiden eine geschicktere Diplomatie
gewiss Mittel gefunden hätte.

Russland braucht weder Korea noch Port-Arthur zu besitzen. Ein Ausgang ins offene Meer ist
ebenfalls nützlich, aber das Meer ist nicht ein Marktplatz, sondern nur ein billiges
Transportmittel für Waren zu entfernteren Marktplätzen. Wir aber besitzen im fernen Osten
keine solchen Waren, deren Export ins Ausland uns großen Vorteil bringen könnte, während die
nahe liegenden Verkaufsplätze uns nicht günstig sind.
Unsere Waren würden überall auf eine für sie ungünstige Konkurrenz stoßen, sei es in Amerika
mit dessen glänzend entwickeltem Fabrikwesen und Landwirtschat, oder in dem zwar nicht
reichen aber industriell sehr fortgeschrittenen Japan.

Unserem Handelsverkehr erscheint nur China günstig, an das wir auf festem Lande grenzen. Also
würde ein offener Hafen mehr den Import fremder Waren, als den Export russischer Waren
fördern. Andererseits aber wollen wir trotz dem Gesagten behaupten, dass Japan unsere
fernöstlichen Gebiete nicht bedroht. Die Japaner sind ein südliches Volk, und das rauhe Klima
unserer östlichen Gebiete kann sie nicht anlocken. Wie bekannt, ist in Japan selbst der nördliche
Teil der Insel Hokkaido schwach bevölkert, und ebenso schwach entwickelt sich die Kolonisation
des südlichen Teils der Insel Sachalin, welcher nach dem Friedensvertrag von Portsmouth an
Japan übergegangen ist.

Einmal in den Besitz von Korea und Formosa gelangt, wird Japan wahrscheinlich nicht nördlicher
vordringen, und sein Erweiterungstreben wäre eher in der Richtung der Philippinischen Inseln,
Javas, Sumatras und Borneos vorauszusehen. Das äußerste wäre vielleicht für Japan, sich im
Handelsinteresse einer weiteren Strecke der Mandschureibahn zu bemächtigen.

Also sind wir der Meinung, dass nicht nur ein friedliches Zusammenleben zwischen Russland und
Japan, sondern auch ein engeres Bündnis ohne jegliche Bemühung Englands naturgemäß
zustande kommen könnte. Die Grundlagen zu einem solchen Bündnis liegen klar auf der Hand.
Japan ist kein reiches Land, und deswegen fällt es ihm schwer, eine starke Armee und eine
mächtige Flotte zu gleicher Zeit zu unterhalten. Ein Bündnis mit Russland würde Japan die
Möglichkeit geben, in Aussicht auf die schon aufgehende Rivalität mit Amerika alle seine
Aufmerksamkeit der Flotte zu widmen und die Verteidigung seiner Interessen auf festem Lande
Russland zu überlassen.

Wir aber könnten für uns auf das Streben nach dem Besitz einer eigenen Kriegsflotte im fernen
Osten verzichten, da wir unsere Küste durch die japanische Flotte gut verteidigt wüssten. Auf
diese Weise hat, was unser Verhältnis zu Japan anbetrifft, uns eine Annäherung an England gar
keine realen Vorteile gebracht. Ebenso wenig hat sie zur Stärkung unserer Lage in der
Mandschurei, in Mongolien und Uranchai genügt.
Wenn also in diesen Angelegenheiten unsere Diplomatie in dem Einverständnis mit England
keine Wirkungsfreiheit gefunden hat, so ist im Gegenteil unser Versuch, mit Tibet Beziehungen
anzuknüpfen, auf einen scharfen Widerstand Englands gestoßen. Nicht zum Besseren hat sich
auch seitdem unsere Lage in Persien gestaltet. Ist es nicht merkwürdig, sich zu erinnern, dass
unser Einfluss in diesem Lande sich am stärkstem unter der Regierung des Schachs Nasreddin
bewährte, also gerade zur Zeit der größten Spannung unserer Beziehungen mit England?

Seitdem sahen wir uns gezwungen, uns gegenüber dem persischen Volk an der Aufbauung einer
ihm ganz unnützen konstitutionellen Verfassung zu beteiligen und endgültig noch zum Gefallen
unseres Erbfeindes den Russland gegenüber freundlich gestimmten Monarchen zu stürzen. Kurz
gesagt, wir haben dabei nichts gewonnen, sondern wir haben im Gegenteil an der ganzen Front
verloren, indem wir fremden Interessen unser Prestige, viele Millionen und selbst das kostbare
Blut russischer Soldaten geopfert haben.

Unsere Annäherung an England und infolge davon die Entfremdung mit Deutschland hat für uns
die schlimmsten Folgen auf der Balkanhalbinsel mit sich gebracht. Wie bekannt, gebrauchte
noch Bismarck das geflügelte Wort, dass für Deutschland die Balkanfrage nicht die Knochen
eines einzigen pommerschen Soldaten wert sei.

Später wurden zwar die balkanischen Verwickelungen zum Gegenstand eines größeren
Interesses für die deutsche Diplomatie, welche sich des "kranken Mannes" annahm; auch dann
aber schien es noch lange, dass Deutschland keine Lust hatte, sein Verhältnis zu Russland wegen
der Balkanfrage zu verderben.

Nichts war für Österreich leichter, als während des Russisch-Japanischen Krieges und der darauf
folgenden Unruhen seine langjährigen Ansprüche auf der Balkanhalbinsel zu bestätigen. Zu der
Zeit hatte Russland sein Schicksal noch nicht mit England verbunden, und Österreich-Ungarn sah
sich gezwungen, die gegebene günstige Gelegenheit nicht zu benutzen.

Kaum aber hatten wir den Weg eines näheren Verständnisses mit England eingeschlagen, als
sofort seitens Österreich die Annektion von Bosnien und der Herzegowina erfolgte.

Bald nachdem entstand die albanische Frage und die Kombination mit dem Prinzen Wied. Zwar
versuchte diesmal die russische Diplomatie den österreichischen Intrigen ein Bündnis der
Balkanstaaten entgegenzustellen. Diese Kombination erwies sich aber, wie es zu erwarten war,
als unzulänglich. Seiner Idee nach gegen Österreich gebildet, kehrte sich sofort dieses Bündnis
gegen die Türkei und zerfiel im gegenseitigen Zwist bei Teilung der Kriegsbeute.

Endgültig führte alles dieses nur zu einer entschiedenen Fesselung der Türkei an Deutschland, in
welchem sie richtigerweise ihren einzigen Beschützer sah. Anders konnte es auch nicht sein, da
einerseits ein freundliches Verhältnis zwischen Russland und England augenscheinlich
bedeutete, dass England auf seine traditionelle Politik der Versperrung der Dardanellen
verzichtete, und andererseits sich die Bildung eines balkanischen Bündnisses unter russischem
Protektorat als eine direkte Bedrohung der weiteren Existenz der Türkei als europäischer Staat
erwies.

Also hat uns das englisch-russische Einverständnis bis jetzt nichts Reales und Nützliches
gebracht. In der Zukunft führt es uns unvermeidlich einem Kriege mit Deutschland entgegen.
Unter welchen Umständen wird sich dieser Krieg gestalten und welches werden wahrscheinlich
seine Folgen sein?

Der Zusammenhang der Mächte im künftigen Krieg ist unzweifelhaft; einerseits sind das
Russland, Frankreich und England, andererseits Deutschland, Österreich und die Türkei.
Wahrscheinlich ist, dass sich an dem Krieg, je nachdem er sich entwickeln wird, auch andere
Staaten beteiligen werden.

Welcher nähere Vorwand zum Kriege entstehen könnte, sei es ein Konflikt feindlicher Interessen
auf der Balkanhalbinsel oder ein Kolonialzwischenfall, wie das in Algeciras der Fall war, der
Zusammenhang der kämpfenden Mächte bleibt sicher derselbe.

Italien wird, wenn es seine Interessen nur einigermaßen richtig beurteilt, nicht als Verbündeter
Deutschlands auftreten. Kraft politischer und ökonomischer Ursachen strebt Italien
unzweifelhaft zur Erweiterung seines Landbesitzes. Eine solche Erweiterung aber könnte nur auf
Kosten Österreichs und der Türkei erfolgen. Natürlich ist es also, dass Italien nicht auf derjenigen
Seite auftreten wird, welche als Verteidiger Österreichs und der Türkei mit den
Annektionsbestrebungen Italiens im Widersprüche steht.

Vielmehr ist es zu erwarten, dass Italien sich der Koalition gegen Deutschland anschließen wird,
wenn der Verlauf des Krieges Italien zu einer vorteilhaften Beteiligung günstig erscheinen wird.
In dieser Hinsicht ist Italiens Lage ähnlich der von Rumänien, welches vermutlich neutral bleiben
wird, bis sich die Wagschale des Kriegsglückes auf die eine oder andere Seite neigen wird. Dann
aber wird sich Rumänien im Bewusstsein eines gesunden politischen Egoismus der siegenden
Partei anschließen, um eine Entschädigung entweder auf Kosten Österreichs oder auf Kosten
Russlands zu erhalten.

Von den übrigen Balkanstaaten werden Serbien und Montenegro unzweifelhaft gegen Österreich
die Waffen ziehen. Bulgarien aber und Albanien, falls letzteres zu der Zeit sich zu einem Staate
ausbilden wird, werden Serbien gegenüber feindlich auftreten. Griechenland wird
wahrscheinlich neutral bleiben oder sich der Türkei gegenüber nur dann am Kriege beteiligen,
wenn sich dessen Ausgang schon mehr oder weniger voraussagen lassen wird.

Zufälligerweise könnte noch die Mitwirkung anderer Staaten hinzukommen, und dabei hätten
wir die Möglichkeit, dem Auftreten Schwedens, selbstverständlich in der Reihe unserer Feinde,
entgegenzusehen.

Unter diesen Umständen wird ein Krieg mit Deutschland uns die größten Schwierigkeiten bieten
und von uns unzählbare Opfer fordern. Der Krieg wird unsere Gegner nicht überraschen und
seine Bereitschaft zu demselben wird selbst unsere übertriebensten Erwartungen bei weitem
übertreffen.

Wir denken nicht, dass solch eine Kriegsbereitschaft auf eigene Kriegslust Deutschlands
hindeutet. Deutschland hätten den Krieg gern vermieden, wenn es ohne denselben sein Ziel - die
Beseitigung der Alleinherrschaft Englands auf dem Meere - erreichen könnte. Wenn es aber
dabei auf Widerstand von Seiten der Koalition stößt, so wird Deutschland nicht nur von dem
Krieg nicht zurücktreten, sondern wird ihn in einem womöglich günstigen Moment selbst
provozieren.

Ohne Zweifel wird auf uns die Hauptlast des Krieges drücken, da England zu einem breiten Anteil
an einem Kriege auf festem Lande nicht fähig ist, Frankreich aber wegen Armut an Kontingenten
und in Aussicht kolossalen Verluste, welche die Kriegstechnik unserer Zeit herbeiführen muss,
sich wahrscheinlich auf eine streng defensive Taktik beschränken wird. Wir werden als
Sturmbock wirken müssen, welcher die Kraft der deutschen Defensive zu durchbrechen hat, und
dabei werden uns viele Nebenangelegenheiten widerstehen und viel Anstrengung und
Aufmerksamkeit werden sie unsererseits in Anspruch nehmen.

Von diesen ungünstigen Nebenangelegenheiten ist die Besorgnis um unseren fernöstlichen


Besitz zu streichen. Amerika und Japan sind beide Deutschland gegenüber feindlich gesinnt, und
es ist nicht zu erwarten, dass sie sich Deutschland im Kriege anschließen könnten.

Außerdem wird der Krieg, abgesehen von seinem Ausgange, Russland beträchtlich schwächen
und die Aufmerksamkeit dem Westen zuwenden, was jedenfalls mit den Interessen sowohl der
Japaner als auch der Amerikaner übereinstimmt.

Deswegen scheint uns unser Rücken im fernen Osten genügend gesichert, und das Höchste
wäre, dass sie als Entschädigung für eine wohlwollende Neutralität etwaige ökonomische
Abtretungen verlangen könnten.

Vielmehr bleibt die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass Amerika und Japan feindlich gegen
Deutschland auftreten, gewiss aber nur, um sich etlicher schwach verteidigter Kolonien zu
bemächtigen.

Dagegen aber bedroht uns gewiss ein heftiges Auslodern des Hasses in Persien, unter den
Muslimen im Kaukasus, in Turkestan, Überfälle seitens Afghanistan; ebenfalls müssen wir auf
sehr unahngenehme Komplikationen in Polen und Finnland vorbereitet sein.

In dem Falle, dass Schweden auch in den Krieg gegen uns verwickelt wird, ist ein Volksaufstand in
Finnland unvermeidlich. Was Polen anbetrifft, so ist zu erwarten, dass wir nicht in der Lage sein
werden, es während der ganzen Kriegszeit zu bewahren, und dann, wenn Polen von den Feinden
erobert wird, werden diese gewiss versuchen, einen Aufstand herbeizuführen. Obgleich solch ein
Aufstand uns nicht besonders gefährlich scheint, muss das doch als eine ungünstige Konjunktur
betrachtet werden, desto mehr, als der Einfluss unserer Bundesgenossen uns in unserem
Verhalten gegenüber Polen zu solchen Schritten verleiten kann, welche sich für uns schlimmer
als ein offener Aufstand erweisen können.

Können wir sagen, dass wir zu solch einem hartnäckigen Kampf aller Völkerschaften Europas gut
vorbereitet dastehen? Diese Frage können wir leider nicht anders als entschieden verneinend
beantworten.

Keinesfalls sind wir nicht geneigt, das Viele, was seit dem Japanischen Kriege zur Stärkung
unserer Kriegsfähigkeit geschaffen worden, zu unterschätzen. Und doch ist dieses Viele gänzlich
unzulänglich, wenn man sich den unvorhergesehenen und unerhörten Maßstab des künftigen
Krieges vorstellt.

Die Mangelhaftigkeit unserer Kriegsrüstung muss größtenteils unseren jungen gesetzgebenden


Kammern zur Schuld angerechnet werden, da sie sich bloß dilettantisch der Frage der
Kriegsrüstung annahmen, in keiner Weise aber der ernsten Lage gewachsen waren, die sich
infolge der vom Ministerium des Auswärtigen eingeschlagenen und von den Kammern
unterstützten neuen politischen Richtung als eine nahe und drohende Kriegsgefahr gestaltete.

In der Einübung der Armee sind nach Zeugnis von Spezialisten im Vergleich mit den Zeiten vor
dem Japanischen Kriege unstreitbar wesentliche Fortschritte erreicht worden. Dieselben
Spezialisten bestätigen, dass unsere Feldartillerie nichts besseres wünschen lässt, dass das
Infanteriegewehr genügend und die Ausrüstung bequem und praktisch seien.

Unbestreitbar aber leidet die Organisation unserer Kriegsrüstung an wesentlichen Mängeln. In


dieser Hinsicht könnte in erster Reihe eine Mangelhaftigkeit an Kriegsvorräten notiert werden,
was keinesfalls zur Schuld des Kriegsministeriums angerechnet werden dürfte, da die
Bestellungen wegen der ungenügenden Produktivität der Fabriken noch bei weitem nicht erfüllt
werden konnten.

Desto ernster erscheint solch ein Mangel an Kriegsvorräten, da wir wegen der höchst schwachen
Entwicklung unseres Fabrikwesens nicht im Stande sein werden, während des Krieges das
Mangelnde mit eigenen Kräften zu schaffen und ferner wegen der Sperrung des Schwarzen und
Baltischen Meeres keine Möglichkeit haben werden, es aus dem Auslande zu beziehen.

Als ein für unsere Kriegsführung ungünstiges Moment erweist sich ihre im allgemeinen zu große
Abhängigkeit von der ausländischen Industrie, was uns in der Kriegszeit wegen der Sperre aller
Kommunikationen schwer überwindliche Schwierigkeiten verursachen wird.
Sehr mangelhaft ist die Anzahl der schweren Geschütze, deren Notwendigkeit sich im
Japanischen Kriege erwiesen hat. Sehr wenig Maschinengewehre. Die Organisation unseres
Festungssystems ist kaum begonnen, und bis jetzt unvollendet bleibt die Festung Reval, die zur
Deckung der Hauptstadt gebaut wird. Das strategische Eisenbahnnetz ist unvollkommen, und die
Anzahl der Eisenbahnwagen, welche dem Betriebe in normaler Zeit vielleicht genügen würde,
wird sich gegenüber den kolossalen Anforderungen der Kriegszeit als völlig unzureichend
erweisen.

Endlich müssten wir in Betracht ziehen, dass sich in dem bevorstehenden Krieg die kulturell und
technisch höchst entwickelten Nationen beteiligen werden. Bis jetzt hat jeder Krieg neue
Schaffungen auf dem Gebiete der Kriegstechnik hervorgerufen, was unseren Gegnern große
Vorteile bieten wird, da wir mit unserer technisch schwach entwickelten Industrie nicht in der
Lage sein werden, die neuen Kriegserfindungen auszunutzen.

Aller dieser Schwierigkeiten scheint sich unsere Diplomatie nicht bewusst zu sein, und ihr
Verhalten gegenüber Deutschland hat einen einigermaßen aggressiven Charakter, was den
Ausbruch dieses wegen englischer Einflüsse eigentlich unvermeidlichen Krieges unerwartet
beschleunigen kann.

Es bleibt aber fraglich, ob solch eine politische Richtung nicht irreführt und ob sie uns, selbst im
Falle eines günstigen Ausganges des Krieges solche Vorteile verspricht, welche imstande wären,
alle Bemühungen und Opfer eines außergewöhnlich schweren Krieges zu vergelten.

Die Lebensinteressen Deutschlands und Russlands stoßen nirgends gegeneinander, und nichts
liegt einem friedlichen Zusammenleben beider Staaten im Wege. Die Zukunft Deutschlands liegt
auf den Meeren, also da, wo Russland als das von allen Großmächten am meisten kontinentale
Land gar keine Interessen verfolgt. Wir besitzen keine überseeischen Kolonien und werden
wahrscheinlich nie solche besitzen, und was den Verkehr im Innern des Reiches betrifft, so ist er
leichter auf festem Lande.

An Überschuss der Bevölkerung, der eine Erweiterung unseres Landbesitzes erfordern könnte,
leiden wir nicht. Wenn es sich jedoch abgesehen hiervon um Eroberungen handelte, was kann
uns ein Sieg über Deutschland geben? Polen, Ostpreußen.
Wozu aber brauchen wir diese Provinzen mit einer dichten polnischen Bevölkerung, wenn es uns
schwer genug fällt, die russischen Polen zu regieren?

Wozu wollen wir den im russischen Polen noch bis jetzt nicht erloschenen Separatismus von
neuem schüren, indem wir dem russischen Reich die unruhigen posenschen und ostpreußischen
Polen einverleiben wollten, deren nationale Bestrebungen zu unterdrücken selbst das dem
russischen an Zähigkeit weit überlegene deutsche Regierungssystem nicht imstande ist?

Ganz dieselben Betrachtungen gelten auch für Galizien. Es wäre ja höchst unvorteilhaft, im
Rahmen eines nationalen Sentimentalismus unserem Vaterlande eine Provinz einzufügen welche
schon längst von ihm geschieden ist und jegliche lebendige Verbindung mit ihm verloren hat. Die
russisch gestimmten Galizier bilden dort eine kleine Gruppe im Vergleich mit den dort anfälligen
Polen, Juden und ukrainischen Uniaten.

Augenblicklich sind die so genannten ukrainischen und massowischen Bewegungen nicht


fürchterlich, aber man sollte sie doch nicht durch Hinzusatz unruhiger ukrainischer Elemente
fördern, da der in diesen Bewegungen verborgene höchst gefährliche Keim kleinrussischen
Separatismus sich unter günstigen Umständen in ganz unerwartetem Maße entwickeln kann.

Wenn wir annehmen, dass unsere Diplomatie durch eine Annäherung an England freien
Durchgang durch die Meerengen erzielte, so meinen wir, dass die Erreichung dieses Zieles einen
Krieg mit Deutschland nicht unbedingt nötig machte.

Nicht Deutschland, sondern England hat uns den Ausgang aus dem Meer versperrt.
Deutschlands Beistand hatten wir es zu verdanken, dass wir im Jahre 1871 uns von den
erniedrigenden Beschränkungen, welche uns von England laut des Pariser Friedensvertrages
auferlegt waren, befreien konnten. Es ist anzunehmen, dass die Deutschen eher als die
Engländer uns in der Frage der Meerengen entgegenkommen würden, da sie dabei wenig
interessiert sind und um diesen Preis gern ein Bündnis mit uns gekauft hätten.

Außerdem sollten wir nicht übertriebene Erwartungen auf den Besitz der Meerengen gründen.
Der Besitz derselben bringt uns den Vorteil mit, dass wir den Ausgang aus dem Schwarzen Meer
sperren können und es wie eine geschlossene See vor feindlichen Überfällen gesichert wird. Der
Besitz der Meerengen würde uns aber nicht den Ausgang ins offene Meer gestatten, da die
Dardanellenstraße in den Archipelagus mündet, wo zahlreich verstreute Inseln der englischen
Flotte die Möglichkeit geben würden, abgesehen von den Dardanellen uns alle Ausgänge zu
versperren.

Deshalb könnte Russland eine Kombination als willkommen betrachten, die, ohne dass uns die
Dardanellen übergeben würden, uns gewisse Garantien gegen das Eindringen einer feindlichen
Flotte ins Schwarzes Meer sichern könnte. Solch eine unter günstigen Umständen auf
friedlichem Wege ganz erreichbare Kombination hätte in sich noch den Vorzug, die Interessen
der Balkanstaaten nicht zu beeinträchtigen, während die Inbesitznahme der Dardanellen durch
uns bei ihnen natürlicherweise Sorge und Verdacht erwecken würden.

Unser Besitz in Kaukasien könnte im Eroberungsweg nur südwärts auf Kosten der armenischen
Provinzen erweitert werden. Es ist aber fraglich, ob wir daran zu gewinnen hätten im Angesicht
der armenischen revolutionären Stimmungen und der Ansprüche auf ein Groß-Armenien.

In jedem Fall ist anzunehmen, dass noch weniger als England uns Deutschland daran hindern
würde, wenn wir mit ihm im Bündnis ständen. Im Gegenteil, diejenigen territorialen Zusätze, die
für uns von großem politischen und ökonomischen Wert sein könnten, sind alle in den Weltteilen
gelegen, wo nicht Deutschland, sondern England uns entgegen stehen würde. Persien, Pamir,
Kuldscha, Kaschgarien, Dschungarien, Mongolei, Uranschai, alles das sind Gegenden, wo sich die
Interessen Russlands und Deutschlands gegenseitig nicht widerstreben, wo dagegen die
Interessen Englands und Russlands einander schon mehrfach feindlich gegenüberstanden.

In derselben Lage gegenüber Russland befindet sich auch Deutschland, welches im Falle eines
siegreichen Krieges nur solche Provinzen annektieren könnte, die ihm nicht von großem Nutzen
sein würden, da sie wegen ihrer dichten Bevölkerung nicht zum Ausgang der Kolonisation dienen
könnten. Das wären nämlich das russische Polen und die Ostseeprovinzen, deren polnische,
litauische, lettische und estnische Bevölkerung sich feindlich und aufrührerisch gegen
Deutschland benehmen würde.

Es kann hiergegen eingewendet werden, dass zu unserer Zeit im Leben der Völker territoriale
Eroberungen viel weniger Kraft haben als ökonomische Interessen. Aber auch auf diesem Gebiet
stehen die russischen Interessen den deutschen gegenüber nicht in einem, wie man es gewöhnt
ist zu meinen, unversöhnlichen Widerspruch.
Gewiss sind die jetzt geltenden russisch-deutschen Handelsverträge unserer Landwirtschaft
ungünstig während sie der deutschen aber günstig erscheinen. Dabei wäre es aber kaum wichtig,
dieses Ergebnis der Feindseligkeit und der Arglist Deutschlands zuzuschreiben. Erstens muss
gesagt werden, dass in vielen Teilen diese Handelsverträge unvorteilhaft für die deutsche
Industrie und dagegen für die unsrige vorteilhaft sind.

Die russischen Delegierten, welche seinerzeit diese Verträge ausarbeiteten, waren überzeugte
Anhänger der Notwendigkeit der Entwicklung unserer Industrie um jeden Preis, weshalb sie mit
Wissen und Willen die Interessen der russischen Landwirtschaft denen der russischen Industrie
gewissermaßen zum Opfer brachten.

Weiter muss in Betracht gezogen werden, dass Deutschland die Produkte unseres
landwirtschaftliches Exports größtenteils nicht selbst konsumiert. Betreffs des größten Teils der
Erzeugnisse unserer Landwirtschaft wirkt Deutschland nur als Vermittler, es würde uns also und
den kaufenden Marktplätzen freistehen, unmittelbare Beziehungen anzuknüpfen und auf diese
Weise die teure deutsche Vermittlung zu vermeiden.

Zuletzt muss in Betracht gezogen werden, dass die Bedingungen des Handelsverkehrs sich
gründlich verändern können, je nachdem sich die politischen Verhältnisse der
vertragsschließenden Staaten gestalten, da selbstverständlich die ökonomische Schwächung
eines Bundesgenossen unvorteilhaft ist, wie dagegen der Verfall eines politischen Gegners
vorteilhaft erscheint.

Kurz gesagt: obgleich es unzweifelhaft ist, dass die zur Zeit noch geltenden russisch-deutschen
Handelsverträge für uns unvorteilhaft sind, und dass Deutschland bei ihrem Abschluss die
damaligen politischen Zustände gut auszunutzen verstand, und uns, einfach gesagt, gequetscht
hat, so sind wir doch der Meinung, dass solch ein Verfahren nicht als "casus foederis" betrachtet
werden kann; vielmehr erscheint es uns als eine Äußerung eines gesunden und unserer
Nachahmung werten nationalen Egoismus, den wir seitens Deutschlands voraussetzen mussten
und mit dem wir zu rechnen hatten.

In jedem Falle zeigt uns das Beispiel Österreichs einen landwirtschaftlichen Staat, dessen
ökonomische Abhängigkeit von Deutschland weit stärker ist, als die unsrige, ungeachtet dessen
hat Österreich auf dem Gebiete der Landwirtschaft Erfolge errungen, von denen es uns noch
nicht geträumt hat.

Aus allem diesen erscheint sich zu ergeben, dass zum Abschluss eines für Russland
annehmbaren Handelsvertrages mit Deutschland eine vorläufige Niederlage Deutschlands nicht
notwendig erscheint. Vielmehr wären dazu folgende Bedingungen notwendig: gute nachbarliche
Beziehungen, eingehende Abschätzung der volkswirtschaftlichen Interessen und hartnäckig
lange Verhandlungen mit den deutschen Delegierten, die selbstverständlich nicht da sein
werden, um die Interessen unseres Vaterlandes, sondern diejenigen ihres eigenen zu vertreten.

Vielmehr wäre für unsern Handelsverkehr eine Niederlage Deutschlands unvorteilhaft, da dann
ein Friede eintreten würde, welcher ausschließlich den Interessen Englands entsprechen könnte.
England wird seinen Sieg bis aufs äußerste ausnutzen, und dann wird Deutschland nach dem
Verlust seiner Kolonien uns nicht nur keinen Markt zum Verkauf unserer Waren bieten, sondern
dagegen den unsrigen mit seinen keinen anderen Ausgang findenden Waren überschwemmen.

In Betreff der ökonomischen Zukunft Deutschlands stehen die Interessen Russlands und
Englands in vollem Gegensatz. Für England wäre es vorteilhaft, den Seehandel Deutschlands zu
vernichten und es in ein armes, vom Ackerbau lebendes Land zu verwandeln. Für uns dagegen
wäre vorteilhaft, eine weitere Entwicklung des deutschen Seehandels und der in die weiteren
Weltteile exportierenden Industrie, da dann eine zahlreiche deutsche Arbeiterbevölkerung einen
lebhaften Verkauf der Erzeugnisse unserer Landwirtschaft erfordern wird.

Abgesehen von den Handelsverträgen ist es allgemein verbreitet, die Leide des russischen
ökonomischen Lebens unter deutschem Joch zu beklagen, ebenso wie die systematische
Ausbreitung der deutschen Kolonisation, welche vermeintlich das russische Reich mit großer
Gefahr bedroht. Wir denken aber, dass derartige Befürchtungen höchst übertrieben sind. Der
berühmte "Drang nach Osten" war seinerzeit natürlich und verständlich, als Deutschland zu eng
für seine Bevölkerung wurde und deren Überschuss nach dem leicht erreichbaren und schwach
bevölkerten nachbarschaftlichen Lande hinströmte.

Die deutsche Regierung war gezwungen, mit dieser Bewegung zu rechnen, ohne sie jedoch ihren
Interessen entsprechend anerkennen zu können. Auf diese Weise traten aus dem Gebiete der
deutschen Reichsangehörigkeit deutsche Leute heraus und die Lebenskraft des Landes wurde
geschwächt. Die deutsche Regierung, in ihrem Bemühen, die Verbindung der Kolonien mit ihrem
früheren Vaterlande zu erhalten, erfand selbst eine höchst eigenartige Maßregel in einer
doppelten Staatsangehörigkeit.

Und doch erwies sich unzweifelhaft, dass ein großer Teil der deutschen Auswanderer sich dem
neuen Wohnorte fest anschloss und jegliche Verbindung mit der früheren Heimat abbrach. Diese
in keiner Weise den Interessen Deutschlands entsprechende Wendung wurde einer der
Beweggründe für eine Deutschland bis dahin fremde Kolonialpolitik und für die Entwicklung des
Seehandels.

Schon jetzt konnte man beobachten, dass entsprechend der Ausbreitung der deutschen
Kolonien und der mit ihr eng verbundenen Entwicklung der Industrie und des Seehandels die
Kolonialbewegung schwächer wird, und vielleicht naht schon der Tag, an dem der "Drang nach
Osten" ins Gebiet der geschichtlichen Erinnerungen übergehen wird.

In jedem Fall muss der deutschen Kolonisation, als unseren Staatsinteressen widersprechend,
ein Ende gemacht werde, und zu diesem Zweck würden freundliche Beziehungen zu Deutschland
sehr nützen.

Eine Annäherung an Deutschland sollte in keiner Weise in eine Vasallenschaft übergehen und ein
freundliches, nachbarschaftliches Verhältnis mit Deutschland dürfte nicht zu dem Preis einer
Opferung unserer Staatsinteressen zustande kommen. Deutschland wird unsere Bemühungen,
einer weiteren deutschen Kolonisation in Russland vorzubeugen, nicht bekämpfen, da es
Deutschland selbst vorteilhafter ist, die Kolonisationsbewegung nach seinen eigenen Kolonien zu
lenken.

So hat die deutsche Regierung sich nicht für berechtigt gehalten, gegen die von der Regierung
des Kaisers Alexander III. ergriffenen Maßregeln zur Beschränkung der ausländischen
Kolonisation Protest einzulegen, obgleich damals Deutschland noch keine Kolonien besaß und
die deutsche Industrie noch schwach entwickelt war.

Was die Klagen über ein vermeintliches deutsches Joch betrifft, so glauben wir, dass diese Frage
eines richtigen Verständnisses bedarf. Russland ist zu arm an Kapitalien und an industrieller
Initiative, um ohne einen breiten Zuschuss ausländischer Kapitalien wirken zu können.
Dadurch entsteht für uns eine gewisse Anhängigkeit vom ausländischen Kapital bis zu der Zeit,
wo die Unternehmungslust und die materiellen Mittel des russischen Volkes sich so weit
entwickelt haben, dass sie uns die Möglichkeit geben, gänzlich auf die Beihilfe ausländischer
Unternehmer und ihres Kapitals zu verzichten. So lange wir aber dieses brauchen, ist für uns das
deutsche Kapital von allen das vorteilhafteste. Vor allem ist es das billigste und begnügt sich mit
dem niedrigsten Prozentsatz als Unternehmergewinn.

Dies erklärt zum größten Teil die verhältnismäßige Billigkeit der Erzeugnisse der deutschen
Fabriken und Gewerbe und ihren allmächtigen Sieg über englische Waren auf dem Weltmarkt.

Die mäßigen Forderungen der Rentabilität des deutschen Kapitals haben zur Folge, dass dieses
Kapital auch solchen Gewerben dient, in die wegen ihres niedrigen Gewinnes Kapitalien anderer
Länder nicht hineingesteckt werden.

Diese verhältnismäßige Billigkeit des deutschen Kapitals hat für Russland noch die guten Folgen,
dass im Vergleich mit französischen oder englischen Unternehmungen bei den deutschen
geringere Summen russischen Geldes als Unternehmergewinn aus dem Land abströmen.

Außerdem ergibt es sich, dass ein großer Teil des Gewinnes der mit deutschem Kapital
arbeitenden Fabriken von uns gar nicht abfließt, sondern in Russland verbraucht wird.

Im Unterschied zu den englischen und französischen Unternehmern machen es die deutschen


Kapitalisten zum größten Teil mit ihrem Kapital selbst nach Russland übersiedeln. Deshalb sehen
wir im Vergleich zu englischen und französischen so viele deutsche Gewerbsleute und
Fabrikanten in Russland. Die Franzosen und Engländer bleiben im Ausland und pumpen ihren
Gewinn bis zur letzten Kopeke aus ihren Unternehmungen heraus, die deutschen Unternehmer
dagegen weilen lange in Russland und bleiben dort für immer. Die Deutschen unterscheiden sich
von den anderen Ausländern dadurch, dass sie sich bald an Russland gewöhnen. Jeder von uns
hat Franzosen und Engländer gesehen, die ihr Leben lang in Russland verbracht haben und doch
kein Wort Russisch sprechen. Im Gegensatz hierzu ist es schwer, einem Deutschen zu begegnen,
der, wenn auch mit einer fehlerhaften Aussprache und in gebrochener Form, sich doch nicht
Russisch verständigen konnte.
Oft begegnen wir echt russischen Leuten, die der griechisch-katholischen Kirche angehören, in
politischen Fragen russisch denken und dabei nur in erster oder zweiter Generation von
deutschen Auswanderern abstammen.

Endlich ist es nicht zu vergessen, dass Deutschland einigermaßen selbst an unserem


ökonomischen Wohlstand interessiert ist. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Deutschland
vorteilhaft von den übrigen Staaten, welche sich ausschließlich für ein möglichst großes
Einkommen aus ihren im Geschäft angelegten Kapitalien interessieren, auch wenn dies dem
ganzen Lande zum Schaden sein würde, Deutschland dagegen ist ein beständiger, wenn auch
nicht uneigennütziger Vermittler unseres Exporthandels und ist für uns das Gedeihen der
schaffenden Kräfte Russlands interessiert als an einer Quelle ihrer vorteilhaften
Vermittlungsoperationen.

In jedem Falle, dass man bei anerkannter Notwendigkeit einer völligen Ausrottung des
deutschen Einflusses aus unserem ökonomischen Leben zu dem Zwecke eine völlige Verbannung
des deutschen Kapitals aus der russischen Industrie zustande bringen wollte, könnten, wie es
scheint, die nötigen Maßregeln auch ohne einen Krieg mit Deutschland ergriffen werden.

Dieser Krieg wird so riesig große Ausgaben erfordern, welche die fraglichen Vorteile aus der
Vernichtung des deutschen ökonomischen Joches um ein Vielfaches übertreffen werden. Als
Folge des Krieges wird sich eine solche ökonomische Lage einstellen, im Vergleich zu der der
Druck des deutschen Kapitals leicht erscheinen wird.

Es ist unzweifelhaft, dass die Auslagen, welche der Krieg von uns erfordern wird, bei weitem die
finanziellen Kräfte übersteigen werden. Wir werden zu Anleihen bei den Verbündeten und
Neutralen gezwungen sein, was uns gewiss sehr teuer werden wird. Es lohnt sich nicht selbst
darüber zu sprechen, was geschehen wird im Fall, dass der Krieg für uns ein schlechtes Ende
nehmen würde.

Die finanziellen und ökonomischen Folgen einer Niederlage können weder gezählt noch im
Voraus berechnet werden und werden sich wahrscheinlich als ein allgemeiner Verfall unserer
ganzen Volkswirtschaft erweisen.

Aber selbst ein Sieg stellt uns vor höchst ungünstigen finanziellen Aussichten. Deutschland wird
sich in einem Zustande eines vollen Verfalles befinden und wird nicht imstande sein, uns unsere
Kriegskosten zu vergelten.

Der Friedensvertrag wird ausschließlich zum Besten Englands diktiert werden und wird
Deutschland nicht die Möglichkeit geben, sich dermaßen zu erholen, um eben später unsere
Kriegsausgaben zu decken. Das Wenige, was uns von Deutschland zu erhalten gelingen könnte,
werden wir mit den Bundesgenossen teilen müssen, sodass unser Anteil im Vergleich mit den
Kriegskosten ganz gering sein wird.

Unterdessen aber werden uns Zahlungen aus den Kriegsanleihen obliegen infolge strenger
Forderungen unserer früheren Bundesgenossen, denen wir nach dem Umsturz der deutschen
Macht nicht mehr nötig sein werden.

Möglich ist es eben, dass, da infolge des Sieges unsere politische Macht steigen wird, die
Bundesgenossen sich bemühen werden, uns wenigstens ökonomisch zu schwächen. Und dann
erst, eben nach einem siegreichen Krieg, werden wir unvermeidlich unter ein solches finanzielles
Joch unserer Gläubiger kommen, im Vergleich zu dem unsere jetzige Abhängigkeit von dem
deutschen Kapital uns federleicht erscheinen wird.

Wie traurig auch die ökonomischen Aussichten uns erscheinen können, die als Resultat eines
Bündnisses mit England und infolgedessen eines Krieges mit Deutschland uns bevorstehen, so
werden sie immer doch in den Hintergrund treten gegenüber zu den Folgen dieses wesentlich
unnatürlichen Bündnisses.

Es muss in Rücksicht gezogen werden, dass Russland und Deutschland als Vertreter der
konservativen Idee in der zivilisierten Welt erscheinen, im Gegensatz zu dem demokratischen
Prinzip, das in England und viel schwächer in Frankreich verkörpert ist.

Es ist sehr sonderbar, dass England, das zu Hause bei sich aufs Mark monarchistisch und
konservativ gestimmt erscheint, dagegen in seinen äußeren Beziehungen immer als Beschützer
der äußersten demokratischen Bestrebungen auftritt und als Helfer bei allen Volksbewegungen,
welche den Umsturz der Monarchie und der gesetzlichen Ordnung bezwecken.
Von diesem Standpunkte aus betrachtet, erscheint ein Kampf zwischen Deutschland und
Russland, abgesehen von seinem Ausgange, für beide Seiten höchst unerwünscht als ein böses
Mittel zur Schwächung des konservativen Weltprinzips, als dessen einzige zuverlässige Stütze
diese beiden Großmächte erscheinen.

Außerdem wird dieser bei ganz besonderen Umständen nahende Krieg wie Russland so auch
Deutschland mit tödlicher Sicherheit bedrohen.

Ein vieljähriges und fleißiges Studium aller antisozialen Strömungen unserer Zeit überzeugt uns,
dass in dem besiegten Lande eine soziale Revolution unvermeidlich ist, welche sich
natürlicherweise nachher auch auf das Gebiet der Sieger verbreiten wird.

Beide Länder sind während ihres vieljährigen, friedlichen Zusammenlebens auf so viele Weisen
miteinander verbunden, dass die sozialen Erschütterungen des einen notwendig in dem anderen
einen starken Widerhall hervorrufen müssen. Es ist unzweifelhaft, dass nicht nur in Russland,
sondern auch in Deutschland diese Erschütterungen nicht einen politischen, sondern einen
sozialen Charakter haben werden.

Russland bietet einen besonders günstigen Boden für soziale Erschütterungen, da seine
Volksmassen von den Prinzipien eines unbewussten Sozialismus durchdrungen sind.

Ungeachtet der regierungsfeindlichen Stimmung der russischen Gesellschaft, die ebenso


unbewusst ist, wie der Sozialismus in den breiteren Volksschichten, ist eine politische Revolution
in Russland unmöglich, und jede revolutionäre Bewegung wird sich unvermeidlich in eine
sozialistische verwandeln. Hinter unserer Opposition steht niemand und sie hat keine Stützen im
Volke, welches keinen Unterschied zwischen einem Regierungsbeamten und einem Vertreter der
"Intelligenz" bietet.

Der russische Bauer ebenso wie der russische Arbeiter verlangen nicht nach politischen Rechten,
welche ihnen unnütz und unbegreiflich sind. Der Bauer sehnt sich nach fremdem Land und der
Arbeiter träumt von der Übergabe des ganzes Kapitals und Gewinns des Fabrikanten an ihn, und
weiter als das gehen ihre Wünsche nicht.
Es handelt sich nur um eine weite Verbreitung dieser Losungsworte im Volke und darum, dass
dabei die Regierungsgewalt solch eine Agitation frei walten lässt - dann werden in Russland
alsbald anarchische Zustände eintreten, wie solche schon in der denkwürdigen Periode der
Unruhen 1905-1906 erlebt wurden.

Der Krieg mit Deutschland wird besonders günstige Umstände zu solch einer Agitation schaffen.
Wie schon oben gesagt ist, verspricht uns dieser Krieg die größten Schwierigkeiten und kann sich
nicht zu einem Siegeseinzug in Berlin gestalten. Der Krieg wird unvermeidlich auch unglückliche
Wendungen - wir wollen hoffen, nur zeitweilige - mit sich bringen, und unsere Kriegsgeräte
können sich mangelhaft erweisen.

All dergleichen wird unsere intelligente Gesellschaft wegen ihrer Nervosität sehr übertreiben
und wegen ihrer regierungsfeindlichen Stimmung ausschließlich auf Schuld der Regierung
setzen.

Es wäre noch gut, wenn die Regierung nicht nachgeben würde und mit der festen Erklärung,
dass in Kriegszeiten keine Kritik der Regierung erlaubt ist, jegliches regierungsfeindliches
Auftreten unterdrücken würde.

Da die Opposition keine tiefen Wurzeln im Volke hat, so wäre damit der Bewegung ein Ende
gemacht. Wie das Volk gegenüber der aufrührerischen Proklamation von Wiborg taub geblieben
ist, so wird es sich auch jetzt verhalten. Es kann aber auch Schlimmeres geschehen: Die
Regierung wird nachgebend versuchen, mit der Opposition übereinzukommen, und wird sich
dadurch im Moment des Auftretens der sozialistischen Elemente schwächen.

Es mag paradox klingen, aber es ist so, dass in Russland ein Vergleich mit der Opposition die
Regierung unbedingt schwächt. Unsere Opposition will nicht damit rechnen, da sie gar keine
reale Kraft darstellt. Die russische Opposition zählt nur Vertreter der Intelligenz in ihren Reihen,
und darin liegt ihre Schwäche, da zwischen der Intelligenz und dem Volke eine tiefe Kluft
gegenseitigen Misstrauens und Missverstehens liegt.

Man brauchte ein ganz künstlich gebautes Wahlgesetz und dabei noch eine unmittelbare
Einwirkung der Regierung, um die Wahl zur Reichsduma selbst den feurigsten Verteidigern der
Volksrechte möglich zu machen. Wäre dieses nicht geschehen und hätte die Regierung die
Wahlen ihrem natürlichen Laufe überlassen, so hätten die Kammern in ihren Wänden keinen
einzigen Intelligenten gesehen, mit Ausnahme vielleicht einiger demagogischer Aufwiegler.

Es mögen die Mitglieder der Kammern von dem Vertrauen des Volkes, das sie genießen, reden,
soviel sie wollen, tatsächlich steht es damit ganz anders: ein Bauer wird eher einem besitzlosen
Kronsbeamten glauben, als einem in der Duma sitzenden, oktobristisch gesinnten Gutsbesitzer,
und ein Arbeiter wird größeres Vertrauen einem von der Krone besoldeten Fabrikinspekteur
erweisen, als dem Fabrikanten, mag dieser als Abgeordneter und Gesetzgeber alle Prinzipien der
Kadettenpartei öffentlich bekennen.

Unter solchen Umständen wäre es höchst sonderbar, von der Regierung zu verlangen, dass sie
damit rechnen sollte, dass die Opposition ihretwegen von ihrer Aufgabe einer unparteiischen
Regulierung der sozialen Verhältnisse abstehen sollte und vor den Volksmengen nur als ein
gehorsames Werkzeug in den Händen einer intelligenten Minorität auftrete.

Wenn diese die Regierung vor der Klassenvertretung verantwortlich machen will und von der
Regierung verlangt, sie solle sich gehorsam gegenüber dem von ihr selbst geschaffenen
Parlament benehmen, so fordert die Opposition von der Regierung die Psychologie eines Wilden,
der eigenhändig ein Götzenbild anfertigt und es nachher inbrünstig anbetet.

Im Falle einer siegreichen Beendigung des Krieges wird die Bezwingung der sozialistischen
Bewegung endgültig kaum unüberwältigende Schwierigkeiten bieten. Es erden agrarische
Unruhen entstehen infolge einer Agitation für Abfindung der Soldaten durch eine
Landverteilung. Arbeiter werden sich empören bei dem Übergang von dem unerhörten
Arbeitslohn der Kriegszeit zu normalen Preisen, und es kann vielleicht nicht weitergehen, wenn
nur die Wellen der deutschen sozialen Revolution nicht bis uns herüberkommen.

Aber im Falle einer Niederlage, deren Möglichkeit in einem Kriege mit solch einem Gegner wie
Deutschland immer vorausgesetzt werden muss, ist bei uns eine soziale Revolution in ihren
äußersten Formen unvermeidlich. Wie schon früher gesagt, es wird damit beginnen, dass alle
Unfälle ausschließlich zur Schuld der Regierung gerechnet werden und gegen dieselbe im
Parlament eine wütende Hetze losbrechen wird und dass infolge davon im ganzen Lande sich
revolutionäre Auftritte verbreiten werden.
Die revolutionären Aufwiegler werden sofort mit den sozialistischen Losungsworten auftreten,
als den einzigen, welche imstande sind, breite Volksschichten revolutionär und einzig zu
stimmen.

Zuerst wird es sich um eine neue Verteilung aller Ländereien handeln, nachher um eine
allgemeine Teilung aller Wertsachen und eines jeden Besitzes.

Die geschlagene Armee, welche noch dazu während des Krieges ihre besten Bestandsteile
verloren haben wird, völlig demoralisiert durch ein mit der Bauernschaft gemeinsames
Verlangen nach Land, wird nicht mehr zur Stütze der Ordnung und Gesetzlichkeit taugen.

Das Parlament und die regierungsfeindlichen politischen Parteien, welche in den Augen des
Volkes keine reale Autorität besitzen, werden nicht im Stande sein, die von ihnen selbst
aufgewühlten Wellen zu hemmen, und Russland wird sich in eine unabsehbare Schlucht der
Anarchie geworfen sehen.

Nicht minder soziale Erschütterungen im Falle einer Niederlage zu erleben, steht auch
Deutschland bevor, obgleich dieses mit Rücksicht auf die außerordentliche Zähigkeit der
deutschen Nation uns auf den ersten Blick sonderbar vorkommen könnte. Ein unglücklicher Krieg
wird so schwer auf das Volk drücken, dass alle die jetzt tief verborgenen anarchischen
Bestrebungen ans Licht kommen werden.

Die eigenartige Staatsordnung Deutschlands beruht auf dem eigentlich dominierenden Einfluss
der Agrarier, des preußischen Junkertums und der Land besitzenden Bauern. Diese Elemente
erscheinen als Stützen der streng konservativen Staatsordnung Deutschlands unter der Führung
Preußens. Die Interessen der bezeichneten Klassen erfordern einen strengen Protektionismus
zum Besten der Landwirtschaft, Zölle auf eingeführtes Getreide und hohe Preise für alle
landwirtschaftlichen Erzeugnisse.

Deutschland aber hat sich, wegen eines Überschusses seiner Bevölkerung im Verhältnis zu
seinem Landbesitz schon seit Jahren aus einem von Ackerbau lebenden Lande in ein industrielles
verwandelt, und deswegen ist eine Protektion der Landwirtschaft nichts anderes als eine
Belastung des größten Teils der Bevölkerung mit Steuern zum Besten der Minorität.
Zur Entschädigung der belasteten Majorität dient eine stark entwickelte Ausfuhr der
industriellen Produkte, damit der auf diese Weise erzielte Gewinn von Gewerbsleuten und den
Arbeitern die Möglichkeit verschafft, erhöhte Preise für die örtlichen landwirtschaftlichen
Produkte auszuzahlen.

Deutschland wird infolge seiner Niederlage alle seine Weltmarktplätze und seinen Seehandel
einbüssen, da das einzige Ziel des Krieges seitens seines wahren Stifters, Englands, die
Vernichtung der deutschen Konkurrenz war.

Wenn einmal dieses Ziel erreicht ist und die deutsche Industrie völlig lahm gelegt sein wird,
wodurch die Arbeiter nicht nur den erhöhten, sondern jeglichen Lohn verlieren, werden die
während der Kriegszeit erbitterten und jetzt aufs äußerste erbosten Arbeitermassen einen
günstigen Boden für eine antisoziale Propaganda der sozialistischen Parteien bieten.

Diese letzteren werden sich darauf verstehen, die gekränkten patriotischen Gefühle des Volkes
und die bei ihm infolge der Niederlage eingetretene Erbitterung gegen den Militarismus und
feudalbürgerliche Staatsordnung auszunutzen, und werden von dem bis jetzt verfolgten Wege
einer friedlichen Evolution abstehen, und in echt revolutionärer Weise aufzutreten.

Die in Deutschland zahlreiche Klasse der landwirtschaftlichen Tagelöhner wird sich dabei tätig
erweisen, besonders wenn in Russland agrarische Unruhen ausbrechen werden.

Dann ist auch zu erwarten, dass der bis jetzt verborgene Separatismus Süddeutschlands und die
Feindseligkeit Bayerns gegenüber Preußen wieder ans Licht kommen werden.

Kurz gesagt, können in Deutschland den in Russland waltenden ganz ähnliche Zustände
eintreten.

Alles früher erwähnte drängt uns die Überzeugung auf, dass eine Annäherung an England uns
nichts gutes verspricht und dass die englische Orientierung unserer Diplomatie wesentlich
fehlerhaft ist . Mit England können wir nicht den gleichen Schrittes gehen; es muss seinem
eigenem Schicksal überlassen werden, und wegen England dürfen wir uns nicht mit Deutschland
verfeinden.

Das dreifache Bündnis ist eine künstlich herbeigeführte Kombination, es ist nicht auf
gemeinsame Interessen gegründet, und die Zukunft gehört nicht ihm, sondern einem engen
Bündnis zwischen Russland, Deutschland, dem mit letzteren versöhnten Frankreich und dem mit
Russland in einem streng defensiven Bündnis stehenden Japan.

Solch eine politische Kombination, welche jegliche Streitsucht gegenüber anderen Staaten fremd
wäre, könnte auf lange Jahre den Weltfrieden sichern, da denselben nicht, wie es sich die
englische Diplomatie zu beweisen bemüht, der deutsche Militarismus bedroht, sondern ein ganz
natürliches Bestreben Englands, seine bestrittene Weltherrschaft auf den Meeren um jeden
Preis zu erhalten.

In dieser Richtung und nicht in fruchtlosem Suchen nach einem unseren Staatsinteressen
entgegen gesetzten Bündnis mit England sollten alle Bemühungen unserer Diplomatie hinwirken.

Dabei versteht sich aber von selbst, dass auch Deutschland unseren Bestrebungen zur
Wiederherstellung einer freundlichen Bundesgenossenschaft entgegen kommen sollte und die
dazu nötigen Bedingungen im Übereinkommen mit uns ausarbeiten wollte:

Entnommen wäre damit ein Grund zu einer antideutschen Agitation seitens unserer
konstitutionellen liberalen Parteien, welche naturgemäß nicht der deutschkonservativen,
sondern der englisch-liberalen Gesinnung anhängen.

Pjotr Durnowo

11 Februar 1914