Sie sind auf Seite 1von 46

Bulletin I, 2019: Social Reproduction Theory (SRT)

Inhalt:

Call for papers

Seite 2

Beschlusstext der Unterstützerversammlung 2019

Seite 3

„Drei Fragen an SRT“ (David Paenson)

Seite 15

„SRT Debattenbeitrag“ (Vincent Streichhahn)

Seite 16

„Soziale Reproduktion im Kapitalismus“ (Ronda Kipka)

Seite 22

„Einschätzung zu Frauen*streik 2019: Anknüpfungspunkte für eine

weitergehende Debatte zur politischen Ausrichtung und den Gewinn-

Chancen“ (Silke Stöckle, Oliver Klar)

Seite 28

„Gleichstellung der Frauen: Um die Mauern niederzureißen ist die ganze Kraft

nötig“ (Stefanie Haenisch)

Seite 32

„Über Vogels „Toward a Unitary Theory“ (Frank Renken)

Seite 38

(Anmerkung der Redaktion: die Reihenfolge der Beiträge sind nach Eingang geordnet)

+++Call for papers: Social Reproduction Theory / Soziale Reproduktionstheorie+++

Liebe Genossinnen und Genossen,

bei unserer Unterstützerversammlung im Januar haben wir Folgendes beschlossen:

„Die Theorie der Sozialen Reproduktion liefert einen bereichernden Beitrag für die Debatte um ein marxistisches Verständnis der Reproduktion im Kapitalismus, an der wir uns weiter solidarisch beteiligen.

Zu diesem Zweck eröffnet das Netzwerk Bulletins zur SRT im März und April 2019 mit dem Ziel, die Positionierung von marx21 zu schärfen. Diskussionsgrundlage ist der Begründungstext des Ko-Kreises. Auch nach April 2019 kann eine weitere Diskussion

über Bulletins noch sinnvoll sein. [

]“

Wir wollen nun die Bulletin-Debatte eröffnen, um in die Breite des Netzwerks die Debatte um SRT konstruktiv zu führen. Ziel ist es, die Debatte aus den "Hinterzimmern" zu holen und eine offene Debatte innerhalb von marx21 zu ermöglichen. Durch das Bulletin sollen die unterschiedlichen Positionen zur Theorie der sozialen Reproduktion allen Unterstützerinnen und Unterstützern transparent gemacht und eine breite Beteiligung an der Debatte ermöglicht werden.

Wir freuen uns sehr über eure Beiträge zum Thema, folgende Rahmenbedingungen bitten wir euch zu beachten:

Die Grundlage für die Diskussion bildet der Begründungstext zum SRT-Antrag auf der diesjährigen UV. Dieser ist Orientierung für eure Beiträge, was aber natürlich nicht heißt, dass ihr euch ausschließlich an diesem Text abarbeiten müsst.

Mögliche Diskussionsstränge können sein: Wo ergänzt / bereichert bzw. widerspricht die SRT marxistischer Theorie? Was bedeutet SRT in der praktischen Anwendung / Warum hat SRT für uns keinen praktischen Nutzen? Weitere Fragestellungen könnt ihr natürlich auch selbst entwickeln.

Die jeweiligen Texte sollen 25.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) nicht überschreiten.

Einsendeschluss für das erste Bulletin ist Samstag, der 6. April 2019.

Im Laufe des Aprils veröffentlichen wir dann das erste Bulletin und rufen in einem zweiten Bulletin zu möglichen Antworten oder weiteren Beiträgen auf.

Bitte sendet eure Beiträge an info@marx21.de

Antrag: SRT als Beitrag für ein marxistisches Verständnis der Reproduktion im Kapitalismus (Kokreis)

Die marx21 UnterstützerInnen-Versammlung möge beschließen:

Die Theorie der Sozialen Reproduktion liefert einen bereichernden Beitrag für die Debatte um ein marxistisches Verständnis der Reproduktion im Kapitalismus, an der wir uns weiter solidarisch beteiligen. Das Netzwerk strebt an bis zum kommenden MARXISMUSS-Kongress eine Broschüre zum Thema Soziale Reproduktion herauszugeben und sich weiterhin mit theoretischen Fragen der Frauenunterdrückung zu befassen.

Begründung:

Seit Jahren engagiert sich marx21 im Kampf für mehr Personal in der Pflege, in der LINKEN wird die Frage des bezahlbaren Wohnraums als Kampagne entwickelt und im März 2019 wollen Millionen Frauen weltweit erneut in den Streik treten - diesmal auch in Deutschland. Es ist Zeit, dass wir diese Entwicklungen auch theoretisch vertiefend begleiten. Sozialistische Theoretikerinnen und Theoretiker aber auch Aktivistinnen und Aktivisten beziehen sich in den letzten Jahren vermehrt auf die sogenannte »Social Reproduction Theory«, kurz SRT bzw. Soziale Reproduktionstheorie/Gesellschaftliche Reproduktionstheorie. Ausgehend von Lise Vogels Buch »Marxism and the Oppression of Women« aus dem Jahr 1983 1 wurde dieser theoretische Ansatz in den letzten Jahren in viele Richtungen weiterdiskutiert. Wir verstehen die Grundannahmen der Theorie der sozialen Reproduktion (SRT) als sinnvolle Erweiterung des revolutionären Marxismus. SRT schärft unseren theoretischen Blick für die Analyse unseres alltäglichen Lebens: für die Zustände im Gesundheitssystem, die Wohnungsnot und vieles mehr. SRT kann dazu beitragen, die gesellschaftlichen Reproduktionsbedinungen als Teil des Kapitalismus zu verstehen, sowie darin Widersprüche und Konfliktpotenzial als Kampfperspektiven zu erkennen. Wir plädieren daher dafür, dass das Netzwerk Grundannahmen der SRT als theoretischen Bezugspunkt aufnimmt und sich vornimmt, offene Fragen zu bearbeiten und Bestehendes zu vertiefen, um so einen eigenen Standpunkt in die SRT-Debatte einbringen zu können

Was ist die SRT? Die ersten Grundannahmen der Theorie der sozialen Reproduktion formulierte die amerikanische Marxistin Lise Vogel 1983 2 . Ausgehend von einer Kritik an den Patriarchatstheorien der zweiten Frauenbewegung, die vom Kapitalismus und dem Patriarchat als zwei verschiedenen Systemen ausgingen, versuchte Vogel vom Kapital ausgehend Grundelemente einer »Unitary Theory«, also einer Theorie der Frauenunterdrückung, die diese nicht als vom Kapitalismus unabhängig versteht, darzustellen. Dabei stellte sie klar: Die Befreiung der Frau darf nicht erst mit der Überwindung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit angegangen werden und kritisierte Auslegungen von Marx, die der Frauenunterdrückung einen Nebenschauplatz zuschrieben. Vogels Analyse beginnt mit dem Kapital, oder genauer: Sie schaut sich an, wie der Wert der Ware Arbeitskraft »entsteht«. Der Kapitalismus basiert auf Kapitalakkumulation und

1 Wir beziehen uns im Folgenden zentral auf ihre Entwicklung der SRT. Das bedeutet nicht, dass wir alle anderen Aspekte in ihrem Buch übernehmen, z.B. ihre Analyse vom Ostblock.

2 Neuauflage: Vogel: Marxism and the Oppression Of Women - Toward a Unitary Theory, 2013 (Haymarket Books) Chicago

braucht dafür Ausbeutung. Das heißt, er braucht Menschen, die dazu gezwungen sind, ihre Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen. Unsere Kapazität zu arbeiten bzw. unsere Arbeitskraft wird dadurch zur Ware. Der Wert einer Ware bemisst sich an der Arbeitszeit, die benötigt wird, um diese Ware herzustellen. Im Kapital heißt es dazu:

ist unterstellt, daß die in einer Ware enthaltene Arbeitszeit die zu ihrer Produktion

notwendige Arbeitszeit ist, d.h. die Arbeitszeit erheischt, um unter gegebenen allgemeinen Produktionsbedingungen ein neues Exemplar derselben Ware zu produzieren.« 3 Lise Vogel fragt nun: wenn die menschliche Arbeitskraft ebenfalls zur Ware wird, wie wird diese Ware hergestellt und produziert? Was sind das für allgemeine

es »

Produktionsbedingungen, die die Arbeitskraft herstellen? Marx sagt dazu:

»Wie der jeder andern Ware ist der Wert bestimmt durch das zu ihrer Produktion notwendige Arbeitsquantum. Die Arbeitskraft eines Menschen existiert nur in seiner lebendigen Leiblichkeit. Eine gewisse Menge Lebensmittel muß ein Mensch konsumieren, um aufzuwachsen und sich am Leben zu erhalten. Der Mensch unterliegt jedoch, wie die Maschine, der Abnutzung und muß durch einen andern Menschen ersetzt werden. Außer der zu seiner eignen Erhaltung erheischten Lebensmittel bedarf er einer andern Lebensmittelmenge, um eine gewisse Zahl Kinder aufzuziehn, die ihn auf dem Arbeitsmarkt zu ersetzen und das Geschlecht der Arbeiter zu verewigen haben. Mehr noch, um seine Arbeitskraft zu entwickeln und ein gegebnes Geschick zu erwerben, muß eine weitere Menge von Werten verausgabt werden.« 4

Bereits Marx hat also Fragen der Reproduktion mit in den Wert der Ware Arbeitskraft einfließen lassen, wobei er allerdings nicht weiter ins Detail geht. Die Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft beschreibt Marx noch mithilfe eines anderen Verhältnisses, nämlich der individuellen und der produktiven Konsumption:

»Die Konsumtion des Arbeiters ist doppelter Art. In der Produktion selbst konsumiert er durch seine Arbeit Produktionsmittel und verwandelt sie in Produkte von höherem Wert als dem des vorgeschoßnen Kapitals. Dies ist seine produktive Konsumtion. Sie ist gleichzeitig Konsumtion seiner Arbeitskraft durch den Kapitalisten, der sie gekauft hat. Andrerseits verwendet der Arbeiter das für den Kauf der Arbeitskraft gezahlte Geld in Lebensmittel: dies ist seine individuelle Konsumtion. Die produktive und die individuelle Konsumtion des Arbeiters sind also total verschieden. In der ersten handelt er als bewegende Kraft des Kapitals und gehört dem Kapitalisten; in der zweiten gehört er sich selbst und verrichtet Lebensfunktionen außerhalb des Produktionsprozesses. Das Resultat der einen ist das Leben des Kapitalisten, das der andern ist das Leben des Arbeiters selbst. Bei Betrachtung des »Arbeitstags« usw. zeigte sich gelegentlich, daß der Arbeiter oft gezwungen ist, seine individuelle Konsumtion zu einem bloßen Inzident des Produktionsprozesses zu machen. In diesem Fall setzt er sich Lebensmittel zu, um seine Arbeitskraft im Gang zu halten, wie der Dampfmaschine Kohle und Wasser, dem Rad Öl zugesetzt wird. Seine Konsumtionsmittel sind dann bloß Konsumtionsmittel eines Produktionsmittels, seine individuelle Konsumtion direkt produktive Konsumtion.« 5

3 Marx: Kapital Bd. 1, Kapitel , MEW 23 “Die Ware”, Seite 19

4 Marx: “Lohn, Preis und Profit” in MEW 16, S.131

5 Marx: Kapital Bd.1, Kapitel 21 “Einfache Reproduktion” MEW 23, S.596-597

Was Marx an dieser Stelle verdeutlicht, ist, dass wir Lebensmittel konsumieren, um uns am Leben zu erhalten. Das tun wir im Kapitalismus jedoch maßgeblich für die Mehrwertproduktion. Wir werden selbst zu Maschinen, die stetig ihren »Treibstoff« brauchen. Unser alltägliches Leben, die »Lebensfunktionen außerhalb des Produktionsprozesses«, dient letztlich dem Produktionsprozess. Kurz: Wie wir individuell konsumieren und leben ist bestimmt durch das Ausbeutungsverhältnis im Kapitalismus, dass uns dazu zwingt, fortwährend Kapital zu produzieren. Vogel erweitert diesen Gedanken von Marx, indem sie hervorhebt, dass dessen Betrachtung der individuellen Konsumption zwar einen Teil der täglichen Reproduktion eines Arbeiters oder einer Arbeiterin beschreibt, jedoch nicht im Einzelnen und systematisch erklärt, wie es sich z.B. mit Kindern, Kranken und Alten außerhalb eines Lohnarbeitsverhältnisses verhält.

»Das heißt, es deckt weder die generationelle Erneuerung der bestehenden Arbeiter, noch den Erhalt der nicht-arbeitenden Individuen, wie der alten oder kranken Menschen, ab. Es umfasst auch nicht die Anwerbung von neuen Arbeitern für die Arbeiterschaft, beispielsweise durch Versklavung oder Immigration. Die individuelle Konsumtion bezieht sich allein auf den Erhalt der individuellen Produzentin, die bereits in den Produktionsprozess eingebunden ist; sie erlaubt der Arbeiterin wieder und wieder am unmittelbaren Produktionsprozess teilzunehmen.« 6

7

Während Marx lediglich anlediglich anlediglich andeutet, dass der Wert der Arbeitskraft sich nicht allein durch die unmittelbar notwendige Konsumtion für die Arbeiterin bestimmt, indem er voraussetzt, dass mit der Reproduktion des/der Arbeiter/in auch die Reproduktion der Nachkommen oder der ganzen Familie enthalten ist. l Vogel will diesen Aspekt jedoch genauer untersuchen.Hierbei nennt sie drei Bereiche, die in die Produktion der Ware Arbeitskraft, die zwingend notwendig ist, um Mehrwert zu produzieren, einfließen:

I. Die Herstellung der direkt von dem/der Arbeiter/in konsumierten Produkte

II. Die Aufrechterhaltung, Erziehung und Pflege all derer die gerade bzw. noch nicht im Arbeitsprozess eingebundenen sind (Kinder, Kranke, Alte usw.)

III. Generationelle Reproduktion (Kinderkriegen)

Ein erheblicher Teil der Reproduktion findet nach wie vor im Privaten, also im Haushalt,

Aber, und das ist eine der zentralen Aussagen der SRT, sie findet nicht

ausschließlich zu Hause statt. Bei genauerer Betrachtung gibt es eine Vielzahl an Prozessen, Aktivitäten und Institutionen, die dafür Sorge tragen, dass die nächste Generation an Arbeitskräften produziert wird. Dazu zählen: Kindergärten, Schulen, Universitäten, aber auch Krankenhäuser, Beratungsstellen, das ganze System der Sozialleistungen und andere Dienstleistungen. Selbst die generationelle Reproduktion wird

statt

6 Vogel: „Marxism and the oppression of Women“, S. 145

7 Vogel geht es an der Stelle um die systematische Betrachtung von Migration und Sklaverei in Zusammenhang mit der Wiederherstellung und dem Wert der Ware Arbeitskraft. Selbstverständlich hat Marx selber viel zu Migration geschrieben und auch dessen Rolle für den jeweiligen Arbeitsmarkt, als auch über Sklaverei und ihre Rolle für die ursprüngliche Akkumulation. Desweiteren merkt Vogel an, dass Marx an einigen Stellen, wenn er die individelle Konsumption eines Arbeiters meint, seine Familie „mitmeint“. Vogel möchte diese Ansätze konkretisieren und systematisieren.

nicht allein durch die Geburtenrate eines Landes bestimmt, sondern wird ebenfalls durch Migration und Einwanderung reguliert. 8 Vogels Perspektive zielt daher weniger auf den einzelnen Arbeiter oder Arbeiterinnen, sondern auf den Prozess insgesamt, der die Arbeiterklasse im breiten Sinne gesellschaftlich-sozial reproduziert. Sie deutet darauf, dass diese drei Bereiche nicht vom Himmel fallen, sondern politischen Akteuren und Prozessen unterliegen.

Soziale Reproduktion als notwendige Bedingung für Kapitalakkumulation

»Die Soziale Reproduktion des kapitalistischen Systems – um genau zu sein, die Reproduktion jenes Systems, wie Marx es benutzt – geht daher nicht um die Trennung einer nicht-ökonomischen Sphäre von einer Ökonomischen, sondern darum, wie der ökonomische Impuls der kapitalistischen Produktion das sogenannte Nicht-Ökonomische konditioniert.« 9

Es geht an dieser Stelle nicht darum, der Sphäre der Produktion die der Reproduktion schematisch gegenüberzustellen, sondern danach zu fragen, wie beide einander bedingen. Es geht der Sozialen Reproduktionstheorie um die zunächst banal klingende Feststellung, dass die Kapitalakkumulation nur durch eine langfristig gewährleistete Ausbeutung von Menschen bzw. Arbeitskräften möglich ist. Die Reproduktion der Menschen als »Arbeitskräfte« ist ein sozialer Prozess, der kapitalistischen Regeln folgt. Um den kapitalistischen Produktionsprozess in seiner Komplexität zu denken, erfordert es auch einer Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen. SRT hilft uns, jene Prozesse der »Arbeitskraftproduktion« marxistisch einzuordnen und sie als Teil des sich reproduzierenden Systems zu verstehen, sowie darin Widersprüche und Konfliktpotenzial, also Kampfperspektiven zu erkennen. Wie oben beschrieben, ist die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft eine komplexe Angelegenheit. Arbeitskräfte müssen geboren oder über die Grenze kommen/geholt, erzogen und ausgebildet werden. Sie müssen aber auch gesund gehalten werden, den Arbeitsplatz erreichen können, einen Ort zum Schlafen und ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung haben. Da diese Prozesse an sich zeitaufwendig und aus Sicht des Kapitals kostspielig sind, gehen sie direkt oder indirekt,je nach historisch spezifischer Organisierung dieser Prozesse im jeweiligen nationalen Raum, zu Lasten der Mehrwertproduktion. Je mehr Geld in die Gesundheitsversorgung geht, je mehr Zeit der Regeneration oder der Pflege usw. zugestanden wird/werden muss, desto schlechter für das Kapital. Das bedeutet, die Herrschenden sind darauf angewiesen, Strategien zu entwickeln, wie die sozial-gesellschaftliche Reproduktion »ihrer« Arbeitskräfte so billig und effizient wie möglich gewährleistet wird. Anders gesagt: der Wert der Ware Arbeitskraft wird versucht gering zu halten, denn:

»Die Rate des Mehrwerts wird, wenn alle andern Umstände gleich bleiben, abhängen von der Proportion zwischen dem zur Reproduktion des Werts der

Arbeitskraft notwendigen Teil des Arbeitstags und der für den Kapitalisten

verrichteten Mehrarbeitszeit

oder Mehrarbeit.« 10

8 Darauf geht Lise Vogel selbst wenig in ihrem Buch ein, jedoch aktuelle Vertreter*innen dieser Theorie. Siehe

zum Beispiel David McNally / Sue Ferguson: Precarious Migrants: Gender, Race and the Social Reproduction of a global working class, in: Socialist Register, 2015

9 Bhattacharya: How not to skip class, aus Social Reproduction Theory, S.75

10 Marx: “Lohn, Preis und Profit”, MEW 16, S.134

Je weniger Arbeitszeit in unsere Reproduktion gesteckt werden muss, desto mehr Zeit bleibt für Ausbeutung. Der Wert der Ware Arbeitskraft kann jedoch nicht unendlich »nach unten« gedrückt werden. Die Balance zu halten, zwischen günstiger, jedoch ausreichender Reproduktion ist Aufgabe des Staates als, wie Engels ihn nannte, »ideeller Gesamtkapitalist«. In Form von Gesetzen und deren Überwachung, wird dafür gesorgt, Arbeitskräfte zu reproduzieren und für den Arbeitsmarkt bereitzustellen. Die Kapitalisten hingegen stehen gegenseitig in Konkurrenz zueinander und haben im Zweifelsfall nur die unmittelbare Ausbeutungsrate vor Augen. Solange sie genug Nachschub an Arbeitskräften bekommen, muss es sie nicht interessieren, ob diese überleben. Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte oder auch heute, in denen es Kapitalisten völlig egal war, ob sich ihre Arbeiter rund um die Uhr zu Tode schuften, solange der Nachschub von Arbeitskräften geregelt war. Der “ideelle Gesamtkapitalist” ist darauf bedacht, den Nachschub von Arbeitskraft zu sichern. Das wird in einem weiten Sinne gedacht und schließt auch die Vermeidung von Aufständen und die Reglementierung bis hin zum Verbot von Streiks ein. Die Arbeiter*innen müssen sich auch ausbeuten lassen.

Wo war jetzt nochmal die Frauenunterdrückung? Durch eine gezielte Familien- Sexual- und Frauenpolitik sorgt der Staat dafür, die Reproduktion und Produktion einer nächsten Generation von Arbeitskräften zu gewährleisten. Teile der früher privat verrichteten Repoduktionsarbeiten wurden vergesellschaftet, um die weibliche Arbeitskraft als Niedriglohnressource zu erschließen. Weiterhin wird die Hauptlast der verbliebenen privaten Reproduktionslast den Frauen aufgebürdet.Warum? Zum einen nützt die „Abwertung“ von „Frauenarbeit“ und „Frauenarbeitskraft“ dem allgemeinen Senken der Löhne und damit der allgemeinen Abwertung der Ware Arbeitskraft. Zum anderen ist es eine kostengünstige Methode, Reproduktionsarbeiten nicht staatlich zu organisieren und damit auch nicht staatlich finanzieren zu müssen. 11 . Dazu gehört das Wäschewaschen, Kochen und Einkaufen, aber auch die Kindererziehung, Betreuung und Pflege. Beispielsweise wurden 2015 von insgesamt 2,9 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland 2,08 Millionen (73 Prozent) in privaten Haushalten versorgt, davon 1,38 Millionen von Angehörigen ganz ohne Unterstützung ambulanter Pflegedienste. 12 Mit 48 Prozent wird also knapp die Hälfte der Pflegebedürftigen allein von Angehörigen gepflegt. Laut einem neuen Gutachten leisten Frauen für Kinder, Haushalt, Pflege und Ehrenamt täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. 13 Aber warum fallen diese reproduktiven Tätigkeiten meist Frauen zu? Wäschewaschen, Kinder erziehen und Kranke pflegen, können schließlich auch Männer. In Klassengesellschaften, so Lise Vogel, führe die eigentlich biologisch beschränkte Zeit der Schwangerschaft, in der die Frau das Kind austrägt und der Mann (oder eine andere Person) für die Frau sorgt, tendenziell zu einer bestimmten Arbeitsteilung und Institutionalisierung.

11 Ebenso nützt die “Abwertung” von “Frauenarbeit und Frauenarbeitskraft” dem allgemeinen Senken der Löhne

und damit der allgemeinen Abwertung der Ware Arbeitskraft.

12 Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2015, Deutschlandergebnisse

13 https://www.zeit.de/gesellschaft/2017-03/gleichstellung-frauen-maenner-unbezahlte-arbeit-gutachten

S.5

»Im Prinzip sind die unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern in der Reproduktion der Arbeitskraft von begrenzter Dauer. Sie spielen nur während der Monate der Schwangerschaft und Geburt eine Rolle. In Realität nehmen diese Rollen in einer Vielzahl von sozialen Strukturen eine spezielle historische Form an, die der Familie. Auf theoretischer Ebene lassen sich Familien in den untergeordneten Klassen als verwandtschaftsbasierte soziale Einheiten konzeptualisieren. Innerhalb dieser tragen Männer die größere Verantwortung, die schwangere Frau, zur Zeit ihrer reduzierten Arbeitsleistung, mit Subsistenzmitteln zu versorgen. Als institutionalisierte Strukturen der Klassengesellschaften, erweisen sich die Familien der untergeordneten Klassen für gewöhnlich als wichtige soziale Stätten, in denen die Komponenten der notwendigen Arbeit – Aufrechterhaltung und generationelle Erneuerung – verrichtet werden. An dieser Stelle zeigt sich eine wichtige Quelle der historischen Teilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern, die den Frauen und Männern in Bezug auf die notwendige Arbeit und Mehrarbeit unterschiedliche Rollen zuweist.« 14

Das bedeutet nicht, dass Reproduktionsarbeiten naturgemäß Frauen obliegen. In seinem Streben nach günstiger Reproduktion, werden reproduktive Tätigkeiten vom Staat im Kapitalismus an eine spezifische »soziale Gruppe«, die Frauen, delegiert. 15 Das geht mit einer "Abwertung« 16 im doppelten Sinne einher. Einerseits wird diese Arbeit im »kapitalistischen Idealfall« als Privatarbeit nicht individuell entlohn, andererseits werden diese Arbeiten ideologisch als »natürlich«, »Arbeit aus Liebe« usw. markiert. Des Weiteren stellt Vogel klar, dass sogar wenn gewisse Arbeiten in einer Gesellschaft eher Männern oder Frauen zugewiesen werden, das noch kein Grund für Unterdrückung wäre:

»Die Tatsache, dass Frauen und Männer während Schwangerschaft und Stillzeit, und oftmals sogar noch länger, in unterschiedlichem Maße an der Reproduktion der

Arbeitskraft beteiligt sind, konstituiert nicht notwendigerweise den Ursprung der

Unterdrückung. Arbeitsteilung existiert in allen Gesellschaften. (

biologische und soziale Entwicklung entstehenden Unterschiede von Menschen existieren in jeder Gesellschaft. Einige Individuen sind möglicherweise geistig oder körperlich eingeschränkt. Einige sind heterosexuell, andere homosexuell. Einige heiraten, Andere nicht. Und natürlich mögen einige Männer sein und andere Frauen mit der Fähigkeit des Kinderkriegens. Die soziale Bedeutung von Arbeitsteilung und individuellen Unterschieden wird durch ihre Einbettung in eine gegebenen Gesellschaft konstruiert. Aus der Perspektive des der herrschenden Klasse inhärenten Bedürfnisses nach Aneignung von Mehrarbeit erzeugt die Fähigkeit von Frauen, Kinder zu bekommen, Widersprüche. Die Unterdrückung der Frauen in der ausgebeuteten Klasse nimmt ihre Form im Prozess des Klassenkampfes um die Lösung dieser Widersprüche an.« 17 18

)

Auch die durch

14 Vogel, S.152

15 Es geht Lise Vogel hier um die abstrakt-theoretischen Dynamiken, nicht den historischen Ursprung der

Frauenunterdrückung. Der Kapitalismus baut in dem Fall auf einer historischen Arbeitsteilung auf und macht sie sich zu eigen.

16 Abwertung ist hier im herkömmlichen Sinne gemeint. Private Hausarbeit ist im marxistischen Sinne nicht

“wertschöpfend”, sie reproduziert lediglich Arbeitskraft, die dann im Kapitalismus fähig ist Wert zu erarbeiten.

17 Vogel, S.153

18 Zur Debatte wo der theoretische Ursprung der Frauenunterdrückung liegt, schreibt Vogel: »Es muss betont

werden, dass die Existenz der Frauenunterdrückung in den Klassengesellschaften ein historisches Phänomen ist. Sie kann, wie es hier geschieht, mit Hilfe eines theoretischen Rahmens analysiert werden, doch sie ist nicht selbst

Frauenunterdrückung ist also keine rein ideologische Frage, sondern fußt auf den realen, materiellen Bedingungen und Strukturen in der Gesellschaft, die wiederum dazu führen, dass Staat und herrschende Klasse Frauen eine gewisse Rolle und gewisse Arbeiten (sowohl Tätigkeiten allgemein, als auch Lohnarbeit) zuschreiben. Es geht dem Kapitalismus nicht um Frauenunterdrückung per se, sondern Frauenunterdrückung reproduziert sich tagtäglich aufgrund der Strukturlogik des kapitalistischen Akkumulationsprozesses.

Die Rolle des Staates Die Soziale Reproduktionstheorie nimmt vordergründig die Handlungen der Akteure, auf der einen Seite der Staat und das Kapital und auf der anderen Seite die Arbeiterklasse, sowie die durch deren Handlungen manifestierten Strukturen in den Blick. »Auch wenn einzelne Kapitalisten ein Interesse an maximaler Ausbeutung haben, ist die völlige Zerrüttung der Lebensverhältnisse der Lohnabhängigen der langfristigen Stabilität des Systems abträglich. Daraus abgeleitet ist der “Sozialstaat”, also insbesondere Arbeits- und Sozialgesetzgebung, Teile des Familienrechts, Rentensystem und Rentengesetzgebung, staatliche Maßnahmen wie der soziale Wohnungsbau auf drei wesentliche Leitorientierungen zurückzuführen: die Aufrechterhaltung einer leistungsfähigen Schicht von Lohnabhängigen, die Vermeidung des unmittelbaren, noch nicht bewusst politischen Kampfes wie dem “Niederbrennen einer Fabrik”, und schließlich der Befriedung des politischen Klassenkampfs durch gewisse Zugeständnisse an die unterdrückten Klassen.« 19

Hierbei ist zentral, dass es dem Staat lediglich um die marktkonforme Aufrechterhaltung der Ware Arbeitskraft geht und nicht um die Bedürfnisse der Lohnabhängigen. Andererseits ist der Staat dabei von einer relativen Autonomie gegenüber dem Kapital geprägt, handelt zugleich natürlich keineswegs neutral. Der Staat hält die Eigentumsverhältnisse aufrecht und ist bestrebt, die Ausbeutungsrate zu verschärfen. Allerdings knüpft er dem Kapital auch einen Teil seines Mehrwertes ab, den er für die Bereitstellung staatlicher Leistungen benötigt. Der Staat ist nämlich ebenfalls von einem gewissen Grad an Zustimmung aus der Bevölkerung abhängig. Der Staat, das ist eine der Lehren der marxistischen Staatstheorie, ist also relativ eigenständig, aber keineswegs neutral. Während der Staat einerseits für die Aufrechterhaltung der Bedingungen der Mehrwertakkumulation verantwortlich ist, steht er andererseits im Konflikt mit Kapitalisten, da er mittels Steuern und Abgaben Anspruch auf einen Teil des Mehrwerts erhebt. Chris Harman formuliert, dass »zwischen der Staatsbürokratie und dem Rest der kapitalistischen Klasse ein ständiger Konflikt über die Höhe des Staatsanteils am gesamtgesellschaftlichen Mehrwert« 20 herrscht. Und dieser Anteil am Mehrwert ist nicht unerheblich:

theoretisch herleitbar. Verwirrungen über den Charakter der Frauenunterdrückung haben regelmäßig eine unproduktive Suche nach den letztendlichen theoretischen Ursachen oder Ursprüngen der Frauenunterdrückung erzeugt. Natürlich gibt es Ursprünge, aber sie sind historischer Art, nicht theoretischer.« (Vogel, S. 154)

19 Bornost, Schröppel: Der Marxismus und der Staat - eine kurze Einführung, aus: theorie21 Staat, Regierung,

Revolution, S.24

20 Harman: “Der Staat und das Kapital heute”, t21, S.51

»Im alternden Kapitalismus ist der Anteil des Volkseinkommens, der durch die Hände des Staates fließt, gewöhnlich viel größer als das direkte Einkommen der kapitalistischen Klasse aus Profiten, Zinsen und Pachteinnahmen. Die staatlich organisierten Investitionen betragen oft mehr als die Hälfte der Gesamtinvestitionen. Die Staatsbürokratie verfügt über einen enormen Anteil am gesellschaftlichen Mehrprodukt und überwacht bedeutende Teile der wirtschaftlichen Aktivitäten.« 21

Das verdeutlicht erneut, welch bedeutende Rolle der Staat für die Aufrechterhaltung der Produktionsbedingungen spielt. Doch welche Arbeiten und Kosten übernimmt der Staat, um »die Aufrechterhaltung einer leistungsfähigen Schicht von Lohnabhängigen« zu gewährleisten? Norbert Wohlfahrt schreibt dazu:

»Wenn der Staat ganze Sektoren der Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen dem Markt entzieht, tut er dies nicht als Alternative zum privatkapitalistischen Geschehen, sondern weil die von ihm als notwendig erachteten Infrastrukturen vom Markt allein nicht zustande gebracht werden. Die gemeinwirtschaftliche Versorgung mit elementaren Gütern und Dienstleistungen wie Wasser, Strom, Verkehrsinfrastruktur, Gesundheitspflege oder Schulbildung erfolgt von einem übergeordneten Standpunkt aus: Ziel ist die Pflege und Erhaltung der als Staatsvolk zusammengefassten Bürgerinnen und Bürger als Basis und Ressource nationaler Standortpolitik. Der Staat erbringt entweder unprofitable, aber notwendige Voraussetzungen für die Gewinnwirtschaft oder er übernimmt, als Reaktion auf die Schädigungen der Konkurrenzgesellschaft, kompensatorische Leistungen wie die Aufrechterhaltung der Volksgesundheit.« 22

und weiter:

»Solche staatlichen Setzungen sind Gegenstand dauerhafter Abwägungen: Welche Dienstleistungen werden in welcher Qualität benötigt, um eine von staatlichen Transfers unabhängige Reproduktion der Arbeitskräfte zu gewährleisten? Welche Dienstleistungen sind erforderlich, um die staatlich als notwendig erachteten Ausbildungs- und Instandhaltungsarbeiten der bürgerlichen Verhältnisse durchzusetzen (Schulwesen, Schutz von Kindern und Jugendlichen)?« 23 24

Grundsätzlich gilt dennoch: Reproduktion der Arbeitskräfte muss zwar gewährleistet werden, darf aber kein zu großes Hindernis für die Profitrate werden. Man sieht es in Krisenzeiten: wenn die Profite in Gefahr sind, wird die Reproduktion der Arbeitskraft hinten angestellt, der Sozialstaat drastisch gekürzt und ins »private« und die Familien verlagert. Denn die Zahlungsfähigkeit des Staates ist abhängig von dem Niveau der Steuereinnahmen und große Krisen zwingen ihn, Kürzungen vorzunehmen, die wiederum

21 Harman: “Der Staat und das Kapital heute”, aus dem theorie21 Staat, Regierung, Revolution, 1/2016, S.48

22 Wohlfahrt: “Vom Geschäft mit Grundbedürfnissen - Die Ökonomisierung Sozialer Dienste”,

23 Wohlfahrt: “Vom Geschäft mit Grundbedürfnissen”

24 Hier spielen selbstverständlich weitere Rahmenbedingungen eine Rolle, beispielsweise internationale

Konkurrenz, als auch Krisenbedingungen, wo Ausgaben für den Sozialstaat eine wichtige Stellschraube bleibt, um die Profite zu gewährleisten.

das Ziel des sozialen Ausgleichs zur Dämpfung von Klassenkämpfen gefährden können (1929-1933). Die Zahlungswilligkeit hängt vom allgemeinen Stand der Klassenkämpfe, Organisiertheit und Widerstandsfähigkeit der unteren Klassen ab. Wir halten fest, dass es sich um einen dynamischen Bereich handelt, der einer steten Aushandlung darüber unterliegt, welche reproduktiven Arbeiten privat in der Familie, staatlich oder marktwirtschaftlich organisiert werden. Das Ergebnis dieser Aushandlungen ist das Resultat von Klassenkämpfen. Nun könnte man einwenden, dass doch auch im Gesundheitswesen Profit gemacht wird und der Sektor Stück für Stück vom Markt eingenommen wird. Wieso gibt der Staat den Gesundheitsbereich nicht vollends an die privatwirtschaft ab? Tatsächlich werden große Teile immer weiter privatisiert. Doch entsteht tendenziell ein Widerspruch zwischen dem Anspruch der Gewinnmaximierung auf dem Markt und dem tatsächlichen Bedürfnis einer Aufrechterhaltung der »Volksgesundheit«. Mit gewissen Arbeiten, z.B. im Pflegebereich, also die ganz direkte Pflege am Patienten, lässt sich kein Profit erwirtschaften, weil sie nicht über Fallpauschalen abgerechnet werden können. Zwar wird auch bei staatliche Krankenhäusern Profit erwirtschaftet und damit auch Abläufe möglichst kostengünstig organisiert, manche Tätigkeiten bleiben jedoch ein Kostenfaktor, sodass der Staat auch bei Privatisierungen Sozialer Dienstleistungen früher oder später kompensierend eingreifen muss. Die Profite im Pflegebereich tragen nicht zur Akkumulation des Kapitals bei, daher hat das Kapital hier grundsätzlich kein Interesse an einer Ausweitung des Sektors.

»Das Geschäft mit der Gesundheit funktioniert nur dadurch, dass ein Teil des Lohneinkommens der erwerbstätigen Bevölkerung zwangskollektiviert wird. Die Gewinne der Pharmaindustrie, Ärztehonorare und Krankenhausbudgets sind also nicht in erster Linie das Ergebnis einer privatkapitalistisch kalkulierten Geldanlage. Sie basieren stattdessen auf sozialstaatlich hergestellter Zahlungsfähigkeit. Gleiches gilt für die Soziale Arbeit (in professioneller und organisatorischer Form).« 25

Denn der Soziallohn und die Kassenbeiträge speisen sich am Ende auch aus der arbeitenden Bevölkerung und deren Ausbeutung.

»Staatseinkommen werden durch die Besteuerung von Individuen gewonnen. Aber diese Individuen werden versuchen, den erlittenen Kaufkraftverlust durch Kämpfe in der Sphäre der Produktion wieder wettzumachen – die Kapitalisten, indem sie versuchen, eine höhere Ausbeutungsrate zu erzwingen, die Arbeiter, indem sie für höhere Löhne kämpfen. Das Gleichgewicht der Klassenkräfte bestimmt den Spielraum, den der Staat zur Steigerung seiner Einkünfte zur Verfügung hat. Diese sind Teil des gesamtgesellschaftlichen Mehrprodukts (des Gesamtwerts des Arbeitsproduktes nach Abzug der Kosten für die Wiederherstellung der Arbeitskraft, also der Nettolöhne - Genauer genommen müsste man den Nettolöhnen noch die sozialen Leistungen hinzurechnen, und diese wiederum den Staatseinnahmen abziehen).« 26

25 Wohlfahrt: “Vom Geschäft mit Grundbedürfnissen”

26 Harman: “Der Staat und das Kapital heute”, S.50-51

Harman rechnet hier ebenfalls dem Wert der Ware Arbeitskraft indirekt die sozialen Leistungen hinzu, die von staatlicher Seite gestellt werden. Dabei betont er die Bedeutung von Klassenkämpfen für den Spielraum des Staates, seine Einnahmen zu steigern. Damit sind wir beim zentralen Punkt der SRT angekommen: dem Klassenkampf!

Die zentrale Rolle der Kräfteverhältnisse und der Zusammenhang von Ausbeutung und Unterdrückung »Kurz gesagt, die Prozesse der Reproduktion der Arbeitskraft in Klassengesellschaften bilden grundsätzlich ein wichtiges Kampffeld.« 27 Wie wir uns reproduzieren, unterliegt nicht nur der Agenda der herrschenden Klasse oder der Staats- und Unternehmenspolitik, sondern auch unserem Widerstand gegen jene Abwertung, gegen staatliche Kürzungen im Gesundheitswesen, gegen Privatisierungen von sozialen Diensten, gegen wirtschaftlich-rassistisch motivierte Grenz- und Einwanderungspolitik, gegen Spekulation mit Wohnraum und gegen Lohnkürzungen. In einem Satz: Es hängt maßgeblich von unserem Widerstand gegen die Strukturierung der gesamten Gesellschaft nach kapitalistischer Profitlogik und Ausbeutungseffizienz ab. Wenn wir den Anspruch auf höhere Löhne, auf gleiche Löhne für gleiche Arbeit, auf kostenlosen Nahverkehr, auf die Einbürgerung von Geflüchteten, auf mehr Personal in Schulen, Kindergärten, Pflegeheimen und Krankenhäusern, auf kostenlose Bildung erheben, dann kämpfen wir für eine Aufwertung der Ware Arbeitskraft. Dann machen wir den Kapitalisten den Mehrwert streitig, den sie unserer Klasse abgeknöpft haben. Tithi Bhattacharya argumentiert Marx folgend, dass der Wert der Ware Arbeitskraft keine fixe Gegebenheit ist, sondern auch maßgeblich vom Stand der Klassenkämpfe bestimmt wird. Konkret geht es um die folgende Passage im Kapital:

»Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung usw., sind verschieden je nach den klimatischen und anderen natürlichen Eigentümlichkeiten eines Landes. Andererseits ist der Umfang sog. notwendiger Bedürfnisse, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher großenteils von der Kulturstufe eines Landes, unter anderem auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat. Im Gegensatz zu den anderen Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der notwendigen Lebensmittel gegeben.« 28

Wenn sich der Wert der Ware Arbeitskraft an den notwendigen Lebensmitteln zur Reproduktion der Arbeitskraft bemisst, diese jedoch ein moralisches und historisches Moment enthalten, so wird auch hier noch einmal deutlich, welch zentrale Rolle die Formen der Reproduktion im Ausbeutungsverhältnis spielen.

»Auf theoretischer Ebene bedeutet solch ein weiterer Blick auf die Verschiedenartigkeit der politischen Konfliktfelder, die aus dem Kapitalverhältnis hervorgehen, ein Verständnis dafür, dass die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft auf verschiedene Formen menschlicher Arbeit angewiesen ist. Die Ausbeutung strukturiert daher nicht nur den Bereich der Lohnarbeit, sondern auch

27 Vogel, S.156

28 Marx, Kapital I, MEW 23, S.185.

jene Arbeiten und Dynamiken, die außerhalb bzw. nach der Lohnarbeit vonstatten gehen. Mit diesem Ausgangspunkt, die kapitalistische Gesellschaft in ihrer sozialen Totalität begreiflich zu machen, lässt sich erklären, inwiefern sich der Kapitalismus als antagonistische Gesellschaftsformation zugleich sexistische und rassistische Beziehungen zu Eigen macht.« 29

Die Soziale Reproduktionstheorie versucht diese soziale Totalität zu erfassen. Sie will aufzeigen, dass der Kapitalismus nicht nur ein Produktionsgefüge ist, sondern ein Produktions- und Reproduktionsgefüge. Dabei geht es ausdrücklich nicht um zwei in sich abgeschlossene Sphären, sondern um ihre wechselseitige Bedingtheit. 30 Auf theoretischer Ebene soll ein solch geweiteter Blick dazu beitragen, verschiedene gesellschaftliche Konfliktfelder als Teil von Klassenauseinandersetzungen zu erkennen.

Abschließend zusammengefasst:

I. SRT ordnet die Fragen von Hausarbeit, Familienpolitik und sexueller Selbstbestimmung als Faktoren der Kapitalakkumulation in den kapitalistischen Verhältnissen selbst ein. Deren konkrete Ausformung sind die Ergebnisse des Klassenkampfes, sowohl von unten als auch von oben (im Rahmen des Stands der ökonomischen Entwicklungen).

II. Wie im Marxismus allgemein gibt es auch bei SRT verschiedene Auslegungen und missverständliche Zuspitzungen. In diesem Sinne will das marx21-Netzwerk die SRT weiterentwickeln, um einen eigenen Standpunkt in die Diskussion um Frauenunterdrückung, Reproduktion und Perspektiven des Widerstands einzubringen. Wir verstehen SRT als gewinnbringende Erweiterung eines revolutionären Marxismus. SRT hilft uns, den/die Arbeiter/in im Kapitalismus in ihrer Ganzheit zu verstehen, d.h. anzuerkennen, dass sein/ihr Leben nicht nur über das Lohnverhältnis, sondern auch als Teil einer Familie, als Bewohnerin eines Stadtviertels, als Patientin usw. durch Kapitalinteressen strukturiert wird.

Literatur:

Bhattacharya, Tithi: How Not to Skip Class, aus: Social Reproduction Theory - Remapping Class, Recentering Oppression, 2017 (Pluto Press) London, S.68-93 Bornost, Stefan und Schröppel, Christian: Der Marxismus und der Staat - eine kurze Einführung, aus: theorie21 Staat, Regierung, Revolution, 1/2016, Berlin (Aurora) S.13-38 Harman, Chris: Der Staat und das Kapital heute, aus: theorie21 Staat, Regierung, Revolution, 1/2016, Berlin (Aurora), S.39-54 Severin, Paul: Revolutionäre Strategie für das 21. Jahrhundert - eine Einladung zur

Diskussion, aus: theorie21 Staat, Regierung, Revolution, 1/2016, Berlin (Aurora) S. 219-

250

29

Severin: Revolutionäre Strategie für das 21. Jahrhundert - eine Einladung zur Diskussion, aus Theorie21

Staat, Regierung, Revolution” S. 241

30 Aufpassen: hiermit ist nicht gemeint, dass die Form und die Dynamik einer »Reproduktionsweise« die

gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt. Es geht darum, dass eine gewisse Produktionsweise auch eine Form der

Reproduktion hervorbringt und diese Teil von Klassenauseinandersetzungen ist. “

starts out from a theoretical position - namely, that class-struggle over the conditions of production represent the central dynamic of social development in societies characterised by exploitation.” (Vogel, S.135; deutsch: Die Perspektive der sozialen Reproduktion, startet von einem theoretischen Standpunkt aus - nämlich, dass Klassenkampf um die Konditionen der Produktion die zentrale Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung von Klassengesellschaften darstellt.)

the

social reproduction perspective

Vogel, Lise: Marxism and the Oppression of Women - Toward a Unitary Theory, 2013 (Haymarket Books) Chicago Wohlfahrt, Norbert: Vom Geschäft mit Grundbedürfnissen - Die Ökonomisierung Sozialer Dienste, https://www.zeitschrift-luxemburg.de/vom-geschaeft-mit-grundbeduerfnissen/ (Mai

2015)

Drei Fragen an SRT (Dave Paenson)

1. Dienen Arbeiten wie Stromlieferung, Müllabfuhr, öffentlicher Transport, industrielles Brotbacken nicht der Reproduktion der Arbeitskraft? Was ist der prinzipielle Unterschied zwischen einem männlichen Arbeiter in einem städtischen Kraftwerk und einer Krankenschwester? Im Fall eines Streiks muss ersterer sich nicht genauso Sorgen machen, weil die Konsumenten in ihren Wohnungen frieren und nicht kochen können?

2. Was ist der prinzipielle Unterschied zwischen einem Krankenhausbesuch in einem privaten Krankenhaus, den ich direkt in Geld aus meinem Lohn bezahlen muss, und dem Besuch eines Krankenhauses, dessen Kosten indirekt durch Steuern getragen werden?

3. Wieso »unbezahlte Hausarbeit«? Deckt der Lohn (in Geldform oder in Gestalt von staatlichen Hilfen) nicht die Lebenshaltungskosten der plegenden Person und der Empfängerin der Pflege?

Meine ausführliche Kritik an SRT online: http://fotoshot.co/srtmarx.pdf

Social Reproduction Theory – Debattenbeitrag

Von Vincent Streichhahn

1. Debatte im Netzwerk

Als Netzwerk haben wir vor etwa vier Jahren begonnen, die Debatte zu SRT zu führen. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren wurde diese Debatte in größerer Runde mehrmals bei MiM, auf der Sommerakademie, verschiedenen SDS und LINKE-Gruppen, in Bulletins und der UV geführt. Solch ein intensives Verfahren gibt es selten bei uns im Netzwerk zu einzelnen Themen. Die letzte UV hat schließlich beschlossen, den Kern der SRT als Bereicherung anzuerkennen und als Netzwerk festzuhalten, dass SRT ein Fortschritt und ein bereichernder Teil unserer Tradition ist und wir uns weiterhin damit befassen. Das bedeutet also ganz und gar nicht, dass die Debatte beendet wäre. Ich finde es klasse, dass wir weiter diskutieren und auf der UV 2020 ein grundlegendes Positionspapier zum Thema Frauenunterdrückung verabschieden werden.

Die zum kommenden MiM geplante Broschüre ist ein weiterer wichtiger Schritt dorthin. Die SRT wurde bisher in Deutschland kaum diskutiert. Wir als Netzwerk können insofern auch stolz sein, dass wir diese Theoriediskussion in Deutschland anstoßen und einen wichtigen Beitrag für eine marxistische Theorieproduktion leisten. Die teils auch hitzigen Auseinandersetzungen über SRT im Netzwerk haben mich überrascht. Häufig beschränkte sich die Kritik auf eine Verfahrenskritik, weil die SRT im Netzwerk noch nicht ausreichend diskutiert worden sei. Das verblüfft mich bei den verhältnismäßig vielen Angeboten, die es dazu in den letzten Jahren im Netzwerk gab. Auch die geplante Broschüre, sowie das aktuelle Bulletin, sind weitere Bausteine in der Debatte und nicht deren Endpunkt. Im Folgenden möchte ich daher zunächst die Rezeption der SRT in den letzten Jahren umreißen und anschließend kurz auf die Frage der SRT und des Klassenkampfs eingehen. In der Broschüre werden diese Fragen detaillierter diskutiert.

2. Rezeption der SRT

Der Begriff der „Social Reproduction Theory“ (SRT) wurde von Lise Vogel durch ihr Buch „Marxism and the Oppression Of Women - Toward a Unitary Theory“ im Jahr 1983 eingeführt. Damit versuchte sie, in die konkreten politischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit zu intervenieren. Nach der Niederlage der Arbeiterbewegung Ende der 1970er Jahre verschwand die Kategorie der Klasse weitgehend aus den wissenschaftlichen Analysen. In der zweiten Frauenbewegung waren Patriarchatstheorien vorherrschend, die den Kapitalismus und das Patriarchat als zwei verschiedene Systeme betrachteten. Im Gegensatz zu den Vertreterinnen der Patriarchatstheorie versucht Vogel, ausgehend von den ökonomischen Schriften Karl Marx‘, eine „Unitary Theory“ zu begründen, also eine dezidiert marxistische Theorie der Frauenunterdrückung, die nicht vom Kapitalismus zu trennen ist.

Vogel zeigt auf, dass die Unterdrückung der Frau dem Kapitalismus inhärent ist. Der Kampf für die Befreiung des Menschen von Unterdrückung ist für Vogel daher untrennbar mit der Selbstemanzipation der arbeitenden Klasse verbunden. Das Ziel ist weiterhin der Sozialismus. Das Interesse an Vogels Theorie war bei ihrem Erscheinen Mitte der 1980er Jahre jedoch mehr als verhalten. Es ist mitunter schwer zu erklären, warum eine Theorie zu einem bestimmten Zeitpunkt eine große Wirkung entfaltet oder es eben nicht tut. Eine hohes Niveau von Klassenkämpfen und eine Krise der herrschenden Klasse bzw. des „historischen Blocks“ (Gramsci) können einen fruchtbaren Nährboden für eine radikale Theorie bilden. Die Hochphase der Klassenkämpfe war jedoch zunächst vorüber. Die Zeit

für die SRT war noch nicht gekommen. Das sollte sich etwa ein Vierteljahrhundert später ändern, als eine neue Generation von MarxistInnen an der SRT anknüpfte und sie weiterentwickelte.

Spätestens seit der globalen Finanz- und Bankenkrise von 2007/08, die den Menschen die zerstörerische Kraft des Kapitalismus schmerzlich demonstrierte und die Illusion seiner Zähmung als Lüge entlarvte, gibt es ein neues Interesse am Denken von Karl Marx. An den Universitäten entstanden neue Kapitallesekreise, der Sozialistisch-demokratische Studierendenverband (SDS) wurde neu gegründet und sogar der einstige Mitherausgeber der bürgerlichen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Frank Schirrmacher, fragte, ob die Linke nicht doch recht habe. Zu dieser Zeit wurden die Marx‘schen Schriften für die Analyse von Unterdrückung wieder wichtig. „Eine Reihe marxistischer Feministinnen haben sich hinsichtlich Frauenunterdrückung schon lange auf die ‚soziale Reproduktion‘ bezogen; jetzt jedoch gibt es eine neue Schicht von Menschen, die über die SRT dafür gewonnen wurden, sich mit Marx [und der Funktionsweise des Kapitalismus] zu beschäftigen“ 31 , schreibt Sheila McGregor.

Mit der erneuten „Wiederentdeckung“ von Marx in Zeiten einer globalen Krise des Kapitalismus ist der Nährboden für das Aufgreifen und Weiterentwickeln antikapitalistischer Theorien bereitet. Als zweite wichtige Bedingung für die Verbreitung antikapitalistischer Theorien ist der Aufschwung von Klassenkämpfen zu nennen. In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland einerseits vermehrt Debatten über Sexismus und sexualisierte Gewalt und andererseits handfeste Streiks im Gesundheits- und Bildungswesen. Ob die Streiks in den Kitas, den Schulen oder Krankenhäusern, überall ging es den Menschen um bessere Arbeitsverhältnisse im Reproduktionsbereich, die gleichzeitig eine bessere Betreuung und Pflege ermöglichen. Diese Klassenkämpfe, in Bereichen, die lange Zeit als im Grunde nicht organisierbar galten, sind stark von Frauen geprägt.

Diese Entwicklungen fallen darüber hinaus mit dem Erstarken einer sich nach links entwickelnden Frauenbewegung zusammen, die sich unter der Fahne des „International womenstrikes“ formiert, ihre reproduktiven Rechte einfordert und letzten Endes die geschlechterspezifische Arbeitsteilung und damit die Funktionslogik des Kapitalismus grundlegend in Frage stellt. Denn eines zeigt die SRT eindrücklich: Das Kapital befindet sich in dem Dilemma, den kapitalistischen Akkumulationsprozess bei möglichst geringen Reproduktionskosten effizient zu organisieren. Das kann über unbezahlte Reproduktionsarbeit geschehen, die herrschende Klasse kann den Reproduktionsprozess der Ware Arbeitskraft aber auch anders organisieren. Es ist der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Engels), der den Bereich der sozialen Reproduktion im Interesse der Kapitalfraktionen organisiert, ob privat, staatlich oder über den Markt.

Die SRT nimmt diesen sogenannten „Care-Bereich“ bzw. Reproduktionsbereich in den Fokus und fragt, wie dieser durch den Staat und den Akkumulationsprozess des Kapitals strukturiert wird, warum überwiegend Frauen reproduktive Arbeiten übernehmen, warum die Arbeit von Frauen systematisch abgewertet wird und warum der Staat insbesondere in Krisenzeiten zuerst im Reproduktionbereich kürzt. Um diese Fragen fundiert zu beantworten, benötigen wir eine materialistische Analyse dieses Sektors und der Rolle der Frau in der sozialen Reproduktion. Diese Analyse bietet uns die SRT, die sich keineswegs auf Vogel reduzieren lässt.

31 McGregor, Sheila: Social reproduction theory: back to (which) Marx?, in: International Socialism 160, London, Herbst 2018, abrufbar unter: http://isj.org.uk/social-reproduction-theory/ [28. März 2019].

Friedrich Engels leistete mit seiner Arbeit „Zum Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ zwar eine eindrucksvolle materialistische Analyse des Ursprungs der Frauenunterdrückung, die zweifellos weiterhin zu unserem theoretischen Standardrepertoire zählen muss. Was Engels bei der Veröffentlichung im Jahr 1884 aber nicht leisten konnte, war eine Analyse des Sozialstaates als Grundlage der sozialen Reproduktion im 21. Jahrhundert. Die SRT können wir uns wie eine Lupe vorstellen, mit der wir den Bereich der sozialen Reproduktion genauer analysieren können und das in konsequenter Fortsetzung unserer marxistischen Tradition.

Die SRT setzt beim „Kapital“ von Marx an und fragt, wie sich der Wert der Ware Arbeitskraft bildet bzw. wie sich die Ware Arbeitskraft reproduziert. Es gibt diesbezüglich, also über die Bedeutung des Geschlechts für den Prozess der Reproduktion der Ware Arbeitskraft, keine systematische Analyse von Marx. Eine genauere Ausführung dieser Frage wird in der Broschüre geleistet. An dieser Stelle soll es genügen, darauf zu verweisen, dass Marx diese Frage bewusst aus seiner Analyse der Werbestimmung der Arbeitskraft ausgenommen hat. Im „Kapital“ schreibt er:

„Zwei andere Faktoren gehen in die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein. Einerseits ihre Entwicklungskosten, die sich mit der Produktionsweise ändern, andererseits ihre Naturdifferenz, ob sie männlich oder weiblich, reif

macht

großen Unterschied in den Reproduktionskosten der Arbeiterfamilie und dem Wert des erwachsenen männlichen Arbeiters. Beide Faktoren bleiben jedoch bei der folgenden Untersuchung ausgeschlossen.“ 32

oder unreif. Der Verbrauch dieser unterschiedlichen Arbeitskräfte

Vogel führt die marx‘sche Analyse in diesem Feld also fort und steht keineswegs in einem Gegensatz zu Marx. Das Buch und die Position Vogels stellt aber ebenfalls „nur“ die ideengeschichtliche Grundlage für die aktuellen Debatten um die SRT dar. Es geht insofern nicht um eine Glorifizierung Lise Vogels, die einen Platz im „Pantheon der großen DenkerInnen“ erhalten soll, sondern um solide Theoriearbeit. Viele andere marxistische AutorInnen denken die Theorie weiter. Zwar wird die SRT seit etwa vier Jahren zunehmend im Netzwerk Marx21 diskutiert, in der deutschen Debatte ist die Theorie allerdings bisher nicht wirklich angekommen. Die Texte liegen nahezu ausschließlich in englischer Sprache vor, was sich langsam ändert. 33 Die geplante Broschüre soll es daher ermöglichen, die Argumente der SRT einem breiteren Kreis in Deutschland zugänglich zu machen, weil wir uns davon einen Mehrwert für die politische Praxis erhoffen.

Im angelsächsischen Raum ist der Disskussionsstand ein anderer. Hier wurde die SRT seit einigen Jahren nicht nur an den Universitäten, sondern auch unter marxistischen AktivistInnen diskutiert und weiterentwickelt. Tithi Bhattacharya hat einen Sammelband zur SRT herausgegeben 34 , den sie u.a. 2017 auf der Londoner Konferenz Historical Materialism und 2018 in Berlin auf dem Marx-is-muss-Kongress vorgestellt hat. Viele sich selbst als Marxisten verstehende Intellektuelle haben sich in der vergangenen Zeit positiv auf die SRT bezogen. Der 2019 verstorbene britische Marxist Colin Baker schrieb zu dem erwähnten Sammelband: „Die Theorie der sozialen Reproduktion, wie diese ausgezeichnete Sammlung zeigt, ist sowohl ein berauschendes Gebräu als auch eine sehr produktive Denkweise.“ Ähnlich angetan äußerte sich auch Alex Callinicos auf Historical Materialism zur SRT. Für den kanadischen Marxisten und Politikwissenschaftler David McNally ist die SRT sogar die „vielversprechendste Perspektive für jene, die an einer historisch-materialistischen Theorie mehrfacher Unterdrückung in der kapitalistischen

32

K. Marx, Kapital I, MEW 23, 542.

33

Lise Vogels Buch erscheint in den nächsten Monaten in deutscher Übersetzung im Unrast Verlag.

34

Bhattacharya, Tithi, Social Reproduction Teory: Remapping Class, Recentering Oppression.

Gesellschaft interessiert sind.“ Auch ich verstehe die SRT als Vertiefung der marxistischen Theorie, mit der wir den Bereich der Sozialen Reproduktion detaillierter analysieren können, als es uns bisher möglich war.

3. SRT und Klassenkampf

Die SRT hilft dabei, die Prozesse der Reproduktion besser zu verstehen und wichtige Kampffelder ausfindig zu machen. Wie wir uns reproduzieren, unterliegt nicht nur der Agenda der herrschenden Klasse oder der Staats- und Unternehmenspolitik, sondern auch unserem Widerstand gegen jene Abwertung, gegen staatliche Kürzungen im Gesundheitswesen, gegen Privatisierungen von sozialen Diensten, gegen wirtschaftlich- rassistisch motivierte Grenz- und Einwanderungspolitik, gegen Spekulation mit Wohnraum und gegen Lohnkürzungen. Es hängt daher maßgeblich von unserem Widerstand ab, wie sich unser Leben gestaltet.

Dennoch wird teilweise behauptet, der Fokus der SRT auf den Reproduktionsbereich würde vom eigentlichen Ort der Klassenkämpfe ablenken, weil er auf den Bereich der Unterdrückung und nicht den der Ausbeutung zielt. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Der Reproduktionsbereich erschöpft sich nicht im privaten Haushalt, in dem Frauen weiterhin einen Großteil der unbezahlten Arbeit leisten. Der von der SRT analysierte Reproduktionsbereich ist viel größer und umfasst Kitas, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Pflegeheime, staatliche Sozialleistungen, die Sozialgesetzgebung und vieles mehr. Hier werden Kämpfe organisiert, wie beispielsweise der LehrerInnenstreik in den USA 35 oder der Charité Streik in Deutschland. Es geht darüber hinaus aber auch um reproduktive Rechte, wie das Recht auf Abtreibung, was viele Frauen weltweit mobilisiert.

Laut Cinzia Arruzza, die beim kommenden MiM auf einem Panel sprechen wird, entstand die aktuelle „feministische Bewegung aus der Asche der vergangenen Saison der sozialen Bewegungen“, sie meint damit die Kämpfe u.a. von Occupy, den Indignados, die Besetzung des Taksim-Platz und den Arabischen Frühling. „Sie [die Frauenbewegung] hat einige ihrer Merkmale geerbt, aber gleichzeitig einen entscheidenden Schritt nach vorne getan: die international koordinierte Annahme und Wiedererfindung des Streiks als seine wichtigste Kampfform und seine politische Identität. Weit davon entfernt, einen Partikularismus, eine partielle Perspektive, innerhalb eines breiteren Subjektivierungsprozesses auszudrücken, positioniert sich die feministische Bewegung durch Frauenstreiks zunehmend als internationaler Prozess der Klassenbildung.“ 36

Zwar ist der Begriff des Klassenkampfs für den Marxismus von grundlegender Bedeutung, was genau eine Klasse ist, wird hingegen kontrovers diskutiert. Es gibt den soziologischen Ansatz, der eine spezifische Gruppe aufgrund ihrer Position im Produktionsprozess als eine bestimmte Klasse definiert, das wäre, was Marx in „Das Elend der Philosophie“ als „Klasse an sich“ beschreibt. Und es gibt einen politischen Ansatz, in dem eine soziale Gruppe nicht als Klasse angesehen werden kann, wenn sie nicht politisch als Klasse in einem antagonistischen Verhältnis zu einer anderen Klasse handelt („Klasse für sich“).

Der Klassenbegriff kann nicht auf die soziologische Kategorisierung sozialer Gruppen reduziert werden. Die Arbeiterklasse als Gruppe aller Lohnarbeitenden zu definieren, ist zwar nicht falsch, aber diese Definition bleibt unvollständig. „So paradox es auch

35

Tithi Bhattacharya zu den LehrerInnenstreiks in den USA und warum es sich dabei um verbindende Klassenkämpfe handelt: http://www.rebelnews.ie/2019/01/14/american-teachers-striking-back/

36

Cinzia Arruzza: 2018. From Women‘s Strikes to an New Class Movement: The Third Feminist Wave, in: Viewpoint Magazin, abrufbar unter: https://www.viewpointmag.com/2018/12/03/from-womens-strikes-to-a-new-class- movement-the-third-feminist-wave/ [28.3.2019].

erscheinen mag“, schreibt Arruzza, „Klasse ist das Produkt des Klassenkampfes und nicht seine Voraussetzung.“ 37 Individuen, die sich in einer gemeinsamen „Klassensituation“ befinden, müssen als Klasse kämpfen, um sich als Klasse zu konstituieren.

„In der Tat, wenn die Klasse das dynamische, variable und kontingente Ergebnis eines historischen Prozesses der Selbstkonstitution durch den Kampf ist, ist einer der schlimmsten politischen Fehler, die begangen werden können, die Auferlegung von vorgefertigten abstrakten Modellen auf die Geschichte in Bezug darauf, was als Klassenkampf gilt und was nicht. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass wir uns weiterhin nach den Formen und Erfahrungen der Vergangenheit (oder nach denen, die nur Erfindungen unserer Vorstellungskraft sind) sehnen, anstatt die Prozesse der Klassensubjektivierung anzuerkennen, die vor unserer Nase stattfinden.“ 38

In den zunehmenden Streiks im Reproduktionsbereich existiert ein gewaltiges Potenzial für das Ausgreifen von Klassenkämpfen. So schreibt Bhattacharya in einem Artikel zu den LehrerInnenstreiks in den USA: „Angesichts der essentiellen Bedeutung von Schulen und Krankenhäusern für die gesamte Reproduktion des Systems und den jüngsten Streiks im Bereich der sozialen Reproduktion, kommt den LehrerInnen und PflegerInnen eine erhebliche Macht zuteil. In einem Interview mit mir beschreibt die Lehrerin Jessie Muldoon die Schulen bezeichnenderweise als ‚Engpässe‘, an denen mehrere Schichten der ArbeiterInnenklasse zusammenkommen und dabei etliche andere Arten von care-Arbeit ausführen, zusätzlich zum Unterricht.“ 39 Sie hat die SozialarbeiterInnen, Kantinenangestellte, BusfahrerInnen, Reinigungskräfte und andere im Sinn, sowie die Eltern, die die neoliberale Zurichtung ihrer Kinder in den Schulen oder ihrer eigenen pflegebedürftigen Eltern am eigenen Leib erleben.

Vogel hat auf die Logik der „parallelen Bewegungen“ 40 hingewiesen, die davon ausgeht, dass es auf der einen Seite „den“ Klassenkampf gäbe und auf der anderen Seite die Frauenbewegung, die ökologische Bewegung, die antirassistische Bewegung und andere. Wenn überhaupt stellte sich die Frage, wie diese Bewegungen zu verbinden wären, oft wurde den „partiellen“ Bewegungen schlicht vorgeworfen, die Klasse zu spalten und von der wirklich zentralen Frage der Ausbeutung abzulenken. Doch es ist aktuell gerade die Frauenbewegung, die gemeinsame „Klassensituationen“ hervorbringt und in einem gemeinsamen Kampf gegen Sexismus, Ausbeutung und Unterdrückung wirkliches Klassenbewusstsein erzeugt. „Die feministische Bewegung wird immer mehr zu einem Prozess der Bildung einer Klassensubjektivität mit spezifischen Merkmalen: sofort antiliberal, internationalistisch, antirassistisch, offensichtlich feministisch und tendenziell antikapitalistisch.“ 41

In Deutschland steckt die Bewegung noch in den Anfängen, doch sie hat im letzten Jahr einen großen Schritt getan. Zum ersten Mal gab es Ende 2018 ein bundesweites Treffen des „Frauenstreiks“ und bundesweit größere Aktionen am 8. März. Gestreikt wurde in Deutschland allerdings bisher kaum. Immer mehr AktivistInnen pochen jedoch auf eine

37

Ebd.

38

Ebd.

39

Tithi Bhattacharya zu den LehrerInnenstreiks in den USA und warum es sich dabei um verbindende Klassenkämpfe handelt: http://www.rebelnews.ie/2019/01/14/american-teachers-striking-back/

40

Vogel Marxism and the Oppression of Women, S. 139.

41

Arruzza: From Women‘s Strikes to an New Class Movement: The Third Feminist Wave.

stärkere gewerkschaftliche Orientierung und eine konkrete Streikperspektive. 42 Wie das für Deutschland unter dem herrschenden Streikrecht aussehen kann, muss gemeinsam entwickelt werden. Die Streiks im „Care-Bereich“ existieren, ganz unabhängig vom internationalen Frauentag. Es wird in der nächsten Zeit also vor allem um wichtige strategische Fragen und eine Menge revolutionärer Ausdauer gehen. Die SRT kann dabei für Orientierung sorgen.

42 Vgl. Yanira Wolff: 2019. Nur der Wille zählt? Anmerkungen zum Frauen*streik. Abrufbar unter: www.labournet.de/

Soziale Reproduktion im Kapitalismus

(Gekürzte Version des Artikels im m21 Magazin)

Von Ronda Kipka

Wenn in den letzten Jahren in Deutschland gestreikt wurde, war es in den aller seltensten Fällen der klassische Fabrikarbeiter, der in den Ausstand trat. Im Gegenteil: Größere Streikbewegungen gab es vielmehr in den sogenannten Frauenberufen, wie den Sozial- und Erziehungsdiensten oder in der Krankenhauspflege. Galten diese Bereiche lange als »nicht streikfähig« und »schwer organisierbar«, so ist inzwischen der Fachbereich Gesundheit einer der wenigen Sektoren, in dem ver.di Mitgliederzuwächse zu verzeichnen hat und neue, lebendige Streikbewegungen entstehen. Was ist passiert? Wieso sind es gerade diese »weiblichen« Berufe, in denen Arbeitskämpfe stattfinden und wie sind diese einzuordnen? Welche gesellschaftliche Bedeutung hat es, wenn Erzieherinnen streiken? Und was hat das alles mit Frauenunterdrückung, unbezahlter Arbeit und sogenannter Care-Arbeit zu tun?

Diesen Fragen widmet sich die Theorie der Sozialen Reproduktion, die ausgehend von Marx’ »Kapital« untersucht, wie die Reproduktion der Ware Arbeitskraft im Kapitalismus vonstattengeht, welche Widersprüche sich hier auftun und was das für den Klassenkampf und den Kampf um die Befreiung der Frau bedeutet.

Zur sozialen Reproduktion zählen alle Arbeiten, die notwendig sind, um unsere Arbeitskraft (wieder)herzustellen. Marx schrieb: »Die Arbeitskraft eines Menschen existiert nur in seiner lebendigen Leiblichkeit. Eine gewisse Menge Lebensmittel muß ein Mensch konsumieren, um aufzuwachsen und sich am Leben zu erhalten. Der Mensch unterliegt jedoch, wie die Maschine, der Abnutzung und muß durch einen andern Menschen ersetzt werden. Außer der zu seiner eignen Erhaltung erheischten Lebensmittel bedarf er einer andern Lebensmittelmenge, um eine gewisse Zahl Kinder aufzuziehn, die ihn auf dem Arbeitsmarkt zu ersetzen und das Geschlecht der Arbeiter zu verewigen haben. Mehr noch, um seine Arbeitskraft zu entwickeln und ein gegebnes Geschick zu erwerben, muß eine weitere Menge von Werten verausgabt werden.«

Hier wird bereits deutlich, dass die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft ein weites Feld umfasst: den Konsum von Lebensmitteln, das Aufziehen von Kindern, um eine neue Generation von Arbeitskräften hervorzubringen, aber auch die eigene Aus- und Weiterbildung. Die Theorie der Sozialen Reproduktion fragt nun: Unter welchen Bedingungen findet diese Reproduktion statt?

Bei Betrachtung der oben genannten Tätigkeiten, wird deutlich, dass ein erheblicher Teil der Reproduktion nach wie vor im Privaten, also im Haushalt, stattfindet. Wir bereiten unsere Mahlzeiten zuhause zu, waschen unsere Wäsche und kümmern uns um Kinder und Angehörige. Aber reproduktive Tätigkeiten finden bei weitem nicht nur zuhause statt:

Es gibt eine Vielzahl an Prozessen, Aktivitäten und Institutionen, die allesamt dafür Sorge tragen, dass die Arbeitskraft der Lohnabhängigen erhalten und die nächste Generation an Arbeitskräften »reproduziert« wird, die auf verschiedene Art und Weise vergesellschaftet sind. Hierzu zählen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Universitäten, aber auch Krankenhäuser, Pflegeheime, Kantinen, Beratungsstellen, das ganze System der Sozialleistungen und viele andere Dienstleistungen.

Soziale Reproduktion kann in einer kapitalistischen Gesellschaft also unterschiedlich realisiert werden. In der Regel wird sie mit einem Mix aus unbezahlten Tätigkeiten

innerhalb des Haushalts einerseits sowie staatlichen und privatwirtschaftlichen Dienstleistungen andererseits ausgeführt. Zugleich ist sie eng verwoben mit der kapitalistischen Produktion: Die Lebensmittel, die wir zuhause zubereiten, haben wir in der Regel nicht selbst produziert, sondern zuvor im Supermarkt gekauft.

Hier wird bereits deutlich, dass die Art und Weise, wie soziale Reproduktion im Kapitalismus vonstattengeht, einem stetigen Wandel unterliegt. Es gibt jedoch eine wichtige Konstante: den Widerspruch zwischen ökonomischer Profitmaximierung einerseits und Reproduktion der Arbeitskraft andererseits. Um diesen Widerspruch zu verstehen, lohnt ein Blick in Marx’ »Kapital«: Kapitalismus beruht auf Ausbeutung. Dies ist im marxistischen Sinn keine moralische Kategorie, sondern besagt, dass der Kapitalist sich den durch die Arbeit Anderer geschaffenen Mehrwert aneignet. Die Arbeiterklasse ist gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Arbeitskraft wird so zu einer Ware. Ihr Wert bemisst sich laut Marx wie bei jeder anderen Ware auch durch die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, um diese Ware herzustellen.

Aber die Ware Arbeitskraft weist eine Besonderheit auf: Sie ist in der Lage, Mehrwert zu produzieren. Das heißt, der Gebrauchswert der Arbeitskraft, konkrete Arbeit zu leisten, ist nicht gleich ihrem Tauschwert, der notwendigen Arbeit zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft. Oder einfacher ausgedrückt: Die Waren, die eine Arbeiterin oder ein Arbeiter während der Arbeitszeit herstellt, sind mehr wert als die zu ihrer eigenen Reproduktion benötigten. Wäre dies nicht der Fall und der Wert der Arbeitskraft größer als ihr Gebrauchswert für den Kapitalisten, würde es sich für Letzteren schlicht nicht lohnen, die Arbeitskraft zu kaufen.

Wenn nun aber der Wert der Ware Arbeitskraft durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für deren Reproduktion bestimmt wird, bedeutet dies, dass ihr Wert umso höher ist, je mehr gesellschaftliche Arbeitszeit für die soziale Reproduktion aufgebracht wird. Nicht nur höhere Löhne, mit denen wir uns mehr Konsumgüter und Dienstleistungen leisten können, schmälern daher den Anteil des durch unsere Arbeit geschaffenen Werts, den sich der Kapitalist als Mehrwert aneignen kann, sondern auch der Ausbau des öffentlichen Bildungs- oder Gesundheitssystems, mehr Kindergartenplätze oder Pflegeheime, aber auch mehr Zeit für Haushalt, Kochen, Pflege und Kindererziehung.

Aus Sicht des Kapitals ist die Reproduktion der Arbeitskraft also ein Kostenfaktor, der direkt oder indirekt zu Lasten der Mehrwertproduktion geht. Je mehr Geld in die Gesundheitsversorgung geht, je mehr Arbeitszeit der Regeneration oder der Pflege zugestanden wird, desto weniger Arbeitszeit steht für den Kapitalisten zur Verfügung. Das bedeutet, dass die Herrschenden darauf angewiesen sind, Strategien zu entwickeln, die Reproduktion »ihrer« Arbeitskräfte möglichst günstig und effizient zu gewährleisten. Anders gesagt: Es wird versucht, den Wert der Ware Arbeitskraft gering zu halten, denn je weniger Arbeitszeit für die Reproduktion aufgewendet werden muss, desto mehr Zeit bleibt für Ausbeutung. Benötigt werden hoch kompetente, mobile Arbeitskräfte zu möglichst geringen Löhnen und Gehältern, ohne dass für deren Reproduktion und Bereitstellung zu hohe Kosten entstehen. Doch wodurch wird nun bestimmt, wieviel gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit in die soziale Reproduktion fließt?

Es sind verschiedene Faktoren, die hier zusammenwirken: Offensichtlich spielt es eine entscheidende Rolle, welche Anforderungen an die zu reproduzierenden Arbeitskräfte gestellt werden. Eine qualifizierte Fachkraft erfordert höhere Reproduktionskosten als eine ungelernte Hilfskraft, da mehr Zeit und Ressourcen in ihre Ausbildung und Qualifikation investiert werden müssen. In den modernen, hochgradig arbeitsteilig organisierten

Industriegesellschaften sind die Anforderungen, die an die Qualifikation von Arbeitskräften gestellt werden, wesentlich gestiegen. Gleichzeitig hat jedoch auch deren durchschnittliche Produktivität massiv zugenommen: Wo früher hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter in einer Werkshalle produzierten, werden heute nur noch wenige gut ausgebildete Fachkräfte für die Steuerung und Wartung der Maschinen benötigt. Der Wert ihrer Arbeitskraft ist deutlich höher, so aber auch der Wert der durch ihre Arbeit geschaffenen Waren.

Hier zeigt sich bereits ein weiterer entscheidender Faktor: Die Entwicklung der Produktivkräfte, also aller natürlichen, technischen, organisatorischen und geistig- wissenschaftlichen Ressourcen, die der Gesellschaft zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Denn die Entwicklung der Produktivkräfte beeinflusst nicht nur die Produktion, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf den Bereich der Reproduktion. So hat etwa die Einführung der Waschmaschine die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für das Wäschewaschen massiv gesenkt. Durch die industrielle Landwirtschaft ist die Nahrungsmittelproduktion wesentlich weniger zeitaufwendig und damit kostengünstiger. Statt der aufwendigen Zubereitung einer Mahlzeit, kann ich heute eine Tiefkühlpizza für zehn Minuten in den Ofen schieben.

Es ist also das Zusammenspiel von kapitalistischen Anforderungen an die Arbeitskräfte und Entwicklung der Produktivkräfte, das bestimmt, wie viel gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit für die soziale Reproduktion aufgewendet werden muss und damit wie hoch der Wert der Ware Arbeitskraft ist.

Doch es gibt noch einen weiteren wesentlichen Faktor. Marx schreibt: »Der Wert der Arbeitskraft wird aus zwei Elementen gebildet, einem rein physischen und einem historischen oder gesellschaftlichen. Seine äußerste Grenze ist durch das physische Element bestimmt, d.h. um sich zu erhalten und zu reproduzieren, um ihre physische

Existenz auf die Dauer sicherzustellen, muß die Arbeiterklasse die zum Leben und zur

Fortpflanzung absolut unentbehrlichen Lebensmittel erhalten. [

physische Element ist der Wert der Arbeit in jedem Land bestimmt durch einen traditionellen Lebensstandard. Er betrifft nicht das rein physische Leben, sondern die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, entspringend aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die die Menschen gestellt sind und unter denen sie aufwachsen.«

Dieser traditionelle Lebensstandard kann von Land zu Land und Zeit zu Zeit stark variieren. So ist der durchschnittliche Lebensstandard in den heutigen westlichen Industriegesellschaften deutlich höher, als noch vor einhundert Jahren, genau wie er etwa in Schweden um ein vielfaches höher ist als in Sierra Leone.

Was zum Lebensstandard der Arbeiterklasse zählt und was nicht, wird dabei nicht allein durch die Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt, sondern durch den Klassenkampf. So mag die Einführung der Waschmaschine sowohl im Interesse des Arbeiterhaushalts sein, der weniger körperlich anstrengende Arbeit verrichten muss, als auch im Interesse des Kapitals, da durch die Durchsetzung einer effizienteren Reproduktion der Wert der Arbeitskraft sinkt. Ob die Arbeiterklasse aber in schönen, hellen Wohnungen mit Heizung und Badezimmer lebt oder in dunklen Verschlägen, ob sie sich einen Kinobesuch leisten kann oder gar eine Garage für ihr Auto und einen Urlaub in Übersee ist nicht nur durch das Wachstum der Produktivkräfte bestimmt, sondern auch das Ergebnis von Klassenkämpfen.

Im Klassenkampf wird ausgefochten, wie hoch die Ausbeutungsrate in einer Gesellschaft ist, also das Verhältnis zwischen notwendiger Arbeit zur Reproduktion der Arbeitskraft und Mehrarbeit für den Kapitalisten. Die Untergrenze für den Wert der Arbeitskraft wird durch

]

Außer durch dies rein

das physische Minimum für ihre Reproduktion bestimmt, die Obergrenze rein theoretisch durch die Produktivität, also den Gebrauchswert der Arbeitskraft. In der Praxis wird diese Obergrenze jedoch nicht annähernd erreicht. Im Gegenteil: Ohne ständigen Abwehrkampf der Arbeiterklasse wird der Wert ihrer Arbeitskraft immer weiter nach unten gedrückt.

Wie die soziale Reproduktion organisiert wird, ist einem stetigen Wandel unterlegen. Konstant ist im Kapitalismus jedoch die ständige Tendenz, die Reproduktionsarbeit abzuwerten, um den Wert der Arbeitskraft zu senken und die Mehrwertrate zu steigern. Und es gibt noch eine weitere Konstante: Es sind Frauen, die den Großteil der reproduktiven Arbeit leisten ob bezahlt oder unbezahlt, ob privat im Haushalt und der Familie oder in staatlichen oder privatwirtschaftlichen Institutionen wie Krankenhäusern, Kindertagesstätten oder Pflegeheimen. So leisten Frauen in Deutschland laut einem Gutachten des Familienministeriums aus dem Jahr 2017 täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit für Kinder, Haushalt, Pflege und Ehrenamt als Männer. Gleiches gilt für die reproduktiven Arbeiten in Form von Lohnarbeit, bei denen es sich häufig zudem um prekäre Arbeitsverhältnisse handelt. ( )

Aber warum fallen diese reproduktiven Tätigkeiten meist Frauen zu? Wäschewaschen, Kinder erziehen und Kranke pflegen, können schließlich auch Männer. Tatsächlich ist diese Arbeitsteilung nicht naturgegeben und es gibt keinen objektiven Grund, warum gerade Frauen die Hauptlast der Reproduktionsarbeit tragen müssen. Doch mit der Entstehung von Klassengesellschaften und der Herausbildung der Kernfamilie als vorherrschender Lebensform setzte sich allmählich eine Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen durch, mit der Letztere in die Reproduktionssphäre verdrängt wurden.

Im Prinzip sind die unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern in der Reproduktion der Arbeitskraft von begrenzter Dauer und spielen nur während der Monate der Schwangerschaft und Geburt eine Rolle. In Klassengesellschaften führt die biologisch beschränkte Zeit der Schwangerschaft, in der die Frau das Kind austrägt und der Mann oder andere Personen für die Frau sorgen, jedoch tendenziell zu einer bestimmten Arbeitsteilung, die sich langfristig institutionalisiert und verfestigt. Zugleich erhalten »produktive« Arbeiten in Klassengesellschaften eine übergeordnete Stellung, während Tätigkeiten, die kein Mehrprodukt schaffen, wie das Kinderkriegen oder das Pflegen von anderen Menschen eine Abwertung erfahren. Auf dieser historisch gewachsenen Arbeitsteilung und der Abwertung der Reproduktionssphäre erwächst zudem ein gewaltiger ideologischer und politischer Überbau mit festgeschriebenen Rollen- und Geschlechterbildern und einer männlichen Erbschaftsfolge. Friedrich Engels nannte dies die »weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts«.

Frauenunterdrückung ist also keine rein ideologische Frage, sondern fußt auf den realen, materiellen Bedingungen und Strukturen in der Gesellschaft, die wiederum dazu führen, dass Staat und herrschende Klasse Frauen eine gewisse Rolle und gewisse Arbeiten zuschreiben. Der Grund weshalb der Kapitalismus also weiterhin auf Frauenunterdrückung angewiesen ist, besteht darin, dass das Kapital ein Interesse daran hat, jene »weiblichen« Tätigkeiten, sowohl das Gebären, aber auch andere »unproduktive« Aufgaben, zu kontrollieren und möglichst kostengünstig abzuwickeln. Frauenunterdrückung reproduziert sich so tagtäglich aufgrund der Strukturlogik des kapitalistischen Akkumulationsprozesses.

In einem kapitalistischen System wird die mehrheitlich von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit abgewertet und nur insoweit berücksichtigt, als es für das ökonomische Ziel, möglichst hohe Profite zu erzielen, von Bedeutung ist. Je nach historisch spezifischen Rahmenbedingungen der Produktionsweise, wandeln sich jedoch die Strategien der Herrschenden mit dem Dilemma der Reproduktion umzugehen.

( )

Heute steht das Zwei-Verdiener-Modell im Zentrum, bei dem alle erwerbsfähigen Personen – unabhängig vom Geschlecht, Familienstatus und der Anzahl der zu betreuenden Kinder und Angehörigen – durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen haben. Mit dieser Entwicklung verliert das traditionelle Konzept der Hausfrau an Bedeutung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauenunterdrückung eine weniger zentrale Funktion einnehmen oder die Verteilung der Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern gerechter würde.

Zwar gab es mit dem Anstieg der Frauenerwerbsquote einhergehend auch einen Ausbau an staatlicher Kinderbetreuung. Allerdings macht sich der Staat auch hier das Rollenbild der Frau zu eigen, um die Kosten hierfür möglichst gering zu halten dementsprechend schlecht sehen die Löhne und Arbeitsbedingungen aus. Außerdem bleibt ein großer Teil der Reproduktionsarbeit nach wie vor an den Familien und damit zumeist an den Frauen hängen. So ist der Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen, als auch der Frauen in geringfügiger Beschäftigung stark gestiegen. Der Vorteil für das Kapital: Frauen in Teilzeit dienen als billige Arbeitskräfte und können dennoch zusätzlich unbezahlte Reproduktionsarbeit zu Hause leisten. Beispielsweise wurden im Jahr 2015 von insgesamt 2,9 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland über 2 Millionen in privaten Haushalten versorgt, davon 1,4 Millionen von Angehörigen ganz ohne Unterstützung ambulanter Pflegedienste. Knapp die Hälfte aller Pflegebedürftigen wird also allein von Angehörigen gepflegt.

Deutschland setzt heute auf eine große und flexible, aber prekäre Arbeiterklasse. Das bedeutet im Kern auch eine gezielte Familienpolitik zu entwickeln, die sowohl die generationelle Reproduktion im Blick hat, als auch der Frauenerwerbstätigkeit nicht im Wege steht. So heißt es in einem Gutachten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: »Die Zahl der Erwerbstätigen bestimmt das Produktionspotenzial und der Anteil der Erwerbspersonen an der gesamten Bevölkerung bestimmt maßgeblich die Leistungsfähigkeit umlagefinanzierter, sozialer Sicherungssysteme. Die Erwerbspersonenzahl wird durch die Generationennachfolge erhalten. Die Familie erfüllt insofern eine gesellschaftlich relevante Reproduktionsfunktion.« Hier wird der komplexe Zusammenhang deutlich zwischen staatlicher Sozialhilfe unter Kostendruck und Familien-, Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik.

Auch im öffentlichen Sektor finden wir die Maxime des Kostendrucks. So wird beispielsweise eine Gesundheitspolitik gefahren, die sich daran bemisst, ob sie effizient und möglichst kostengünstig Arbeitskräfte »repariert«. Gesundheit wird zur Ware, Pflege wird auf das Minimum rationalisiert. Der gesamte Sektor des Gesundheitswesens muss sich aus Sicht des nationalen Kapitals daran messen, dass er möglichst günstig die Arbeitskraft wiederherstellt.

Gleichzeitig ist durch die prekäre Form der Vergesellschaftung von Reproduktionsarbeit ein riesiger Wirtschafts- und Beschäftigungssektor entstanden. Schon heute arbeiten über eine Million Menschen in Krankenhäusern, darunter eine halbe Million Pflegekräfte. Hinzu kommen weitere 427.000 im stationären und 215.000 im ambulanten Pflegebereich. Zum Vergleich: In der Automobilindustrie waren 2011 ungefähr 712 000 Menschen beschäftigt.

Zudem erleben auch wir eine Ökonomisierung von Reproduktionsarbeit durch privatwirtschaftliche, warenförmig organisierte Angebote. Die Privatisierung von Staatsfunktionen, etwa die Übernahme von öffentlichen Krankenhäusern, findet jedoch nur dort statt, wo das Kapital Profite erwartet. So reduzieren privatisierte Krankenhäuser die

Liegezeiten und spezialisieren sich beispielsweise auf Knie- oder Hüftoperationen, da diese wie am Fließband profitabel abzuwickeln sind.

Es unterliegt einem steten Aushandlungsprozess, welche reproduktiven Arbeiten privat in der Familie, staatlich oder marktwirtschaftlich organisiert werden. Das Ergebnis dieser Aushandlungen ist das Resultat von Klassenkämpfen. Doch die Tatsache, dass Reproduktionsarbeit zunehmend in Form von Lohnarbeit organisiert ist, gibt den Kämpfenden neue Machmittel zur Hand. Das zeigen die Streiks in Krankenhäusern, Kitas oder im Reinigungsgewerbe. Die Klassenkämpfe in der hauptsächlich von Frauen getragenen Reproduktionssphäre haben zudem das Potenzial, den feministischen Kampf um Gleichberechtigung neu zu beleben.

Die Theorie der sozialen Reproduktion zeigt uns, dass die Art und Weise, wie im Kapitalismus die Reproduktion strukturiert wird, Einfluss auf die Mehrwertrate hat. Das bedeutet, dass die Umstrukturierung des Sektors in marktkonforme Prozesse, neue Widersprüche entstehen lässt. Arbeitskämpfe in diesen Bereichen rütteln an genau jenen Stellschrauben. Das Besondere an diesen Auseinandersetzungen ist, dass sich die Beschäftigten beim Streik oft in einer speziellen, sozialen Situation befinden: Streiken sie, betrifft es zuallererst die Patienten, die Kinder, die Eltern usw. Dies bedeutet zum einen eine größere Hürde in den Arbeitskampf zu treten, zum anderen aber auch ein Potenzial für die Solidarisierung aus der breiten Bevölkerung, die auf jene Arbeiten angewiesen sind.

Einschätzung zu Frauen*streik 2019 :Anknüpfungspunkte für eine weitergehende Debatte zur politischen Ausrichtung und den Gewinn-Chancen.

Wir sind an einer Debatte zum Frauenstreik interessiert. Wir wollen eine erste Einschätzung zum Frauen*kampftag und Frauen*streik geben. Die Einschätzung im vorliegenden Text basiert auf einer gemeinsamen Diskussion in der MIM-Frauenblock- Gruppe. Wir wollen damit die Diskussion, die wir auf der UV in Essen im Januar begonnen haben fortsetzen. Wir sind an Euren Einschätzungen interessiert. Wir hoffen, dass wir hier im Bulletin zur SRT-Debatte und der Frage der Frauenbefreiung auch eine politisch praktische Ebene hinzufügen können. Ein highlight in der Fortsetzung der Debatte zum Frauen*streik, ist das Podium bei MarxIsMuss mit Cinzzia Arruzza (Mitautorin von „Feminism for the 99% - A Manifesto“), Kerstin Wolter (Frauen*streikbündnis), Ulrike Eifler (Referentin für internationale Gewerkschaftspolitik, RLS). Dort wollen wir Erkenntnisse unserer Diskussion einfließen lassen.

Der internationale Frauentag war auch 2019 wieder ein beeindruckender nationaler und weltweiter Protesttag. WOLTER/ WISCHNEWSKI geben einen kleinen Überblick über Proteste in Deutschland. Sie sprechen von bis zu 70.000 Menschen, die sich bundesweit am Frauen*kampftag/ Frauen*streik beteiligt haben. Besonders die Demonstrationen waren beeindruckend. In Berlin sind mit 20.000-25.000 nochmal mehr Menschen auf der Straße gewesen als im letzten Jahr. Hier hat sicher auch der Feiertag seinen Anteil daran. Es scheint auf jeden Fall so zu sein, dass die bundesweite Vernetzung in Vorbereitung auf den Frauen*streik (Göttingen: 300 Frauen) Impulse gegeben hat für eine bundesweite Ausweitung von Protestaktionen. 43 Ebenso hat die Debatte rund um die Informationsfreiheit zu Schwangerschaftsabbrüchen und die Paragrafen 218 und 219a StGB sowie die bundesweiten Aktivitäten und Bündnisgründungen einen Beitrag geleistet zur Ausweitung und Stärkung der Proteste am 8. März. Aus dem Pflegestreik -Umfeld gab es einen eigenen, großer Care-Block auf der Frauen*kampftag Demo. Das knüpft an den Erfahrungen der internationalen Frauenproteste an, wie wir sie in Polen, Argentinien, Spanien oder Irland erleben/ erlebt haben. Dort waren es sehr konkrete Anlässe, die Frauen und Männer für große Proteste oder Streiks mobilisiert haben. Polen: Protest gegen Verschärfung des Abtreibungsgesetzes. Irland: Referendum gegen das Abtreibungsverbot mit 66 % Zustimmung. Argentinien: Proteste gegen Gewalt/ Mord an Frauen sowie Kampf für legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbruch.

1) Politik und Bewegung Daraus lassen sich erste Schlußfolgerungen ziehen für eine politische Orientierung. Je konkreter Forderungen sind, um so eher bieten sich Anknüpfungspunkte für Menschen mitzumachen, sich zu organisieren und Strukturen zu bilden, die dann letztlich große Streiks und Demos ermöglichen. Der Kampf gegen §§ 218 und 219a ist ein Beispiel, an dem dies gelungen ist. Nicht nur, dass die Diskussion (siehe Verleihung Goldene Kamera) an Breite gewonnen hat. Auch die Mobilisierungen im Vorfeld vom 8. März, im Dezember 2018 und Januar 2019, stellten Kristallisationspunkte dar, ebenso wie die Kampagne #wegmit219a, die das Jahr 2018 über geführt wurde Die Außeinandersetzungen im Bundestag haben den Forderungen eine mediale Öffentlichkeit geboten, die von der Standhaftigkeit der angezeigten Ärzt*innen, der Kampagne und den Bündnisaktivitäten und bundesweiter Vernetzung flankiert und aufrecht erhalten wurde.

43 Zur Einschätzungen von Debatten und politischer Orientierung des Göttinger Treffens gibt es im vergangenen Bulletin (UV 2019 in Essen) Beiträge von Rosi Nünning und Anderen.

Die Pflegekampagne findet lokal statt und hat ihren Ausdruck im Care Block gefunden. Ebenso haben KiTa Streiks, Einzelhandelstreiks u.ä. das Potential, den 8. März politisch zu bereichern. Am Beispiel Spanien lässt sich anhand des Interview mit Ana Rincón in der aktuellen marx21 S.34ff. ablesen, dass die beständige gewerkschaftliche Organisation der meist weiblichen Beschäftigten und deren koordinierte Beteiligung am 8.3. Frauen*streik eben eine der wesentlichen Grundlagen für die großen Zahlen auf Spaniens Straßen sind.

Das Material der LINKEN war dagegen inhaltsleer: "8. März. - Wenn wir streiken steht die Welt still“ oder „Vom Frauentag zum #frauenstreik“ Es bleibt – ähnlich wie die ursprünglichen Texte des Frauen*streik Bündnisses eher abstrakt, unspezifisch und damit zahnlos.

Die Frauen*streik-Bündnisse bieten eine gute Möglichkeit der Vernetzung und des Austausches. Und, wir denken, dass es sinnvoll ist, sich unterjährig in konkrete Kampagnen und Projekte einzubringen wie: § 219a abschaffen, Kita-Streiks, Krankenhausvolksbegehren oder Pflegestreik.

2) Wie gewinnen? Vom symbolischen Protest zu realen Kämpfen. In der Mehrzahl der Veröffentlichungen und Bewerbungen des Frauen*Kampftages wurde

ein weites Verständnis von Streik propagiert: Kundgebungen, Sit-ins, symbolische Aktionen in Betrieben, an öffentlichen Plätzen oder Hausarbeit nicht erledigen. Einen Überblick, was real passiert ist, scheint es noch nicht zu geben. Spannend bleibt, wo es wirkliche betriebliche Aktionen gegeben hat. WOLF fragt, inwieweit ein weiter Begriff von Streik hilfreich ist und kritisiert den Verbalradikalismus. Sie fordert „eine langfristig angelegte organisierende Kampagne, die nicht aus den eigenen feministischen Reihen von dem ausgeht, was da ist, sondern aktiv versucht Mehrheiten zu gewinnen.“ Sie fordert auf, die Wahrnehmung in Bezug auf die deutschen Gewerkschaften zu schärfen und mahnt an, internationale Entwicklungen, wie in Spanien, nicht eins zu eins auf Deutschland und deutsche Gewerkschaften zu übertragen. Hier gilt es genauer zu werden und detailliertere Analysen zu liefern über:

- Sozialpartnerschaft Arbeitgeber und Gewerkschaften

- Standortnationalismus vs. globalisierte Konkurrenz

- Gewerkschaftsbürokratie

- schwäche gewerkschaftlicher Organisierung/ Kämpfe

- Dominanz der Sozialdemokratie

- etc.

Wenn wir überlegen, wie eine Verbindung von außerparlamentarischer Frauenbewegung oder der Partei DIE LINKE mit gewerkschaftlichen oder Betriebsstrukturen und Kämpfen aussehen kann, können wir bei vorhandenen oder vergangenen Kämpfen starten, wie Bspw.:

- Volksbegehren für bessere Krankenhäuser (Berlin, Bayern, …) mit Solibündnissen und engen Kontakten zu Gewerkschaftsaktivist_innen

- Kita-Protesten

- Kontakt zu kämpfenden Amazon-Arbeiter_innen

- Streik der Reinigungskräfte – Soli mit Tarifrunde im Einzelhandel

Hier bieten sich Möglichkeiten ökonomische/ soziale Kämpfe mit politischen Fragen und Forderungen zu verknüpfen.

WOLF’s Vorschläge zu den politischen Forderungen/ Inhalten und Kampagnen bleiben allerdings ebenfalls unkonkret. In gewisser Weise ist das konsistent, da sie ja gerade fordert, dass Kampagnen und politische Inhalte von den Aktivist_innen und Gewerkschafter_innen von unten entwickelt werden müssen. Aber eine Klammer für die bundesweite Bewegung fehlt. 44 Sie bezieht sich außerdem in ihrer Analyse/ Kritik „nur“ auf das bundesweite Bündnis. Ansonsten ist nicht klar, welche Organisationen oder Strukturen sie meint. Daher bleibt es bei einer Methode. 45 Das positive ist, dass sie in der Methode viel genauer und detaillierter ist, als andere Veröffentlichungen im Vorfeld.

In Bezug auf die LINKE, können wir hier wiederrum viel konkreter werden als WOLF, da es die oben benannten Verknüpfungen, Forderungen und Kontakte bzw. aktive Beteiligung in konkreten Kampagnen und Bündnissen bereits gibt. DIE LINKE könnte also zum 8.3. mit ihren Forderungen viel konkreter werden und müsste nicht bei den Allgemeinplätzen des Frauen*streik Bündnis stehen bleiben.

3) Kampf um die Küche? Kampf in den Betrieben? Kampf ums Ganze?

a) In den Bündnisaufrufen des Frauen*streik Bündnis wird häufig von Streik im Betrieb

einerseits und dem Bestreiken von Haus- und Sorgearbeit auf der anderen Seite gesprochen. Es ist noch immer so, dass Frauen den größten Teil der Hausarbeit und Sorgearbeit (zu Hause) übernehmen. Hier liegt nicht zuletzt auch ein Grund für die Doppelbelastung von Frauen. Nicht selten ließt es sich in den Aufrufen und Artikeln so, dass die Küche bestreikt werden soll, damit Mann das endlich versteht. 46 Hier kann der Eindruck entstehen, dass Männer das Problem sind und weniger eine materielle und strukturelle Basis im Kapitalismus. Das führt in eine Sackgasse. Wir sehen die Ursache für Frauenunterdrückung im Kapitalismus und den geschichtlichen Ursprung in der Entstehung von Klassengesellschaften. Wir sollten den Fokus auf eine Vergesellschaftung von Haus- und Sorgearbeit stärken.

b) Auch der Ausschluß von Männern auf Demonstrationen oder Bündnistreffen oder die

„Beschränkung“ der Rolle der Männer am 8. März als Kindersitter, kann schräg enden. Natürlich kann es sinnvoll sein oder manchmal ist es bitter nötig, dass Frauen sich eigenständig organisieren: als Methode. Als grundsätzliche Strategie führt auch das in eine Sackgasse. Die Spaltung der Herrschenden sollten wir durchkreuzen. Unser Fokus ist ein gemeinsamer Kampf von Frauen und Männern im Betrieb und auf der Strasse. Dafür gilt es Extra-anstrengungen zu unternehmen, um Frauen zu organisieren und Männer für den Kampf gegen Sexismus und Ungleichheit zu gewinnen.

c) Der Kampf um die Küche bedeutet schlußendlich auch ein isolierter Kampf von

Individuen. Doch gerade die Demonstrationen am 8. März und die Streikbewegungen in Spanien und Griechenland oder während der arabischen Revolution, zeigen das

44 Die Demonstrationen zum ersten internationalen Frauentag hatten die Forderung nach dem Frauenwahlrecht.

45 Sie versucht Antworten zu geben auf die Fragen: Wie können wir Gewerkschaften/ Gewerkschafter_innen einbinden, bzw. wie können wir Streiks im engeren Sinne erreichen.

46 Auch im M21-Extra zum Frauen*streik: Interview mit Ana Rincon.

stärkende Element ist die Solidarität und das Kollektive. Hier schöpfen wir Kraft. Hier werden wir selbstbewusst.

Quellen:

5) etwas umfangreicher: Ingrid Artus (rls):

Silke Stöckle, Oliver Klar (m21 Neukölln)

Abschrift eines Artikels, denn ich für die Zeitschrift „Klassenkampf“, Ausgabe Juli/August

1989 geschrieben habe.

Ich finde ihn, obwohl das 30 Jahre her ist, für die heutige Diskussion noch nützlich. Es wird ein wichtiger Mechanismus dargestellt, der dazu führt , dass im Kapitalismus

Bedingungen für die Unterdrückung der Frauen sich weiter aufrechterhalten lassen. Mit der „ganzen Kraft“ ist der gemeinsame Kampf der weiblichen und männlichen Teile der Arbeiterklasse gemeint. Stefanie Haenisch

Gleichstellung der Frauen:

Um die Mauern niederzureißen, ist die ganze Kraft nötig

Die Forderung nach Gleichstellung der Frauen mit den Männern hat in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung gewonnen. In vielen Gewerkschaften ist sie ins Programm aufgenommen worden. Die SPD hat sich die Gleichstellung der Frauen als Nahziel auf ihre Fahne geschrieben. Sie führt auch die beschlossene Quotierung bei den Funktionärswahlen zügig durch. In den rot-grünen Stadtregierungen von Berlin und Frankfurt sind die Frauen nicht mehr unterrepräsentiert. Endlich Hoffnung für die Frauen? Doch es gibt Erfahrung: In den letzten 100 Jahren hat die Masse der Frauen, trotz gleicher Rechte, trotz wesentlich verbesserter Ausbildung, trotz zunehmender Erwerbstätigkeit nicht die gleiche Stellung wie die Masse der Männer gewonnen. Die Frage ist: was waren bisher die unüberwindlichen Mauern für die tatsächliche Gleichstellung der Frauen? Können diese Mauern durch die vorgeschlagene Lösung niedergerissen werden?

Kaum mehr Nur-Hausfrauen

Fast alle arbeitenden Frauen erleben, daß ihre Arbeit „weniger wert“ ist als die eines Mannes. 80,5% aller Arbeiterinnen verdienten 1985 weniger als 1400 DM netto monatlich, aber nur 21% aller Arbeiter. Die weiblichen Angestellten verdienen zwar etwas bessere als die Arbeiterinnen, doch 77% lagen unter 1800 DM im Monat, während nur 24% der männlichen Angestellten ein so niedriges Gehalt hatten. Die untersten Lohngruppen sind fast ausschließlich mit Frauen besetzt. Die Arbeit der Masse der Frauen ist so wenig wert, daß sie mit diesem Einkommen kaum sich, geschweige denn, sich und ihre Kinder versorgen können. Deshalb sind sie weiterhin vom Mann materiell abhängig, obwohl die Mehrheit der Frauen berufstätig ist. Die Nur-Hausfrau ist die Ausnahme, nicht die Regel.

1985 gingen 53% aller Frauen zwischen 15 und 65 arbeiten (zum Vergleich: 82% aller

Männer). Fast 60% dieser Frauen waren verheiratet, weitere 7% geschieden oder verwitwet. 70% dieser Frauen, also die große Mehrheit, arbeitet Vollzeit.

Zwar haben 70% der arbeitenden Frauen erwachsene, bzw. keine Kinder, doch die meisten haben als Mütter Kinder erzogen. Das führt dazu, daß die Frauen auf dem Arbeitsmarkt nicht die gleichen Chancen haben wie die Männer.

Heute haben die Frauen eine viel bessere schulische und berufliche Ausbildung als noch vor 20 Jahren. Sie geben ihre Arbeit nicht mehr bei der Heirat auf, sondern erst beim ersten Kind. Im Durchschnitt ist das 8 bis 9 Jahre nach Abschluß der Ausbildung. Da die

Frau jedoch in der Regel schlechter verdient als der Mann, ist die Entscheidung, wer zu Hause bleibt und sich um das Baby kümmert, finanziell fast immer vorgegeben: die Frau hört auf zu arbeiten oder such sich einen Stundenjob. Frühestens wenn die Kinder in die Schule kommen, ist es ihr wieder möglich, länger zu arbeiten. Vorausgesetzt es gibt eine entsprechende Schicht oder eine Kinderbetreuung ist möglich.

Mütterarbeitslosigkeit

Fünf, meist mehr Jahre, aus der Erwerbsarbeit draußen, heißt fünf oder mehr Jahre fehlende Betriebszugehörigkeit und Berufserfahrung, neue Arbeitssuche, neue Bewerbung, neue Arbeit. Die neue Arbeitssuche der vereinzelten Frauen nutzen die Kapitalisten aus, um die Arbeitsbedingungen, insbesondere die Unterbezahlung, zu diktieren. Die Masse der Frauen muß wieder ganz unten anfangen, auch beim Lohn. Schon in Zeiten der Hochkonjunktur und kräftiger Arbeitskraftnachfrage wirkt dieser Mechanismus, der die Frauenlöhne unten hält. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, wie heute, kommt es zu noch stärkerem beruflichen Abstieg, z.D. zum Abschieben in die Teilzeitarbeit. Teilzeit ist ein Abstieg, denn Teilzeit heißt weniger Verdienst. Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat die Teilzeitarbeit stark zugenommen – von etwas mehr als einer Million auf drei Millionen. 97% der Teilzeitler sind Frauen. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, daß die meisten Frauen Teilzeitarbeitsplätze suchen. 77% der arbeitslosen Frauen suchten 1986 eine Vollzeittätigkeit. Sicher, sie würden gern weniger arbeiten, aber nicht zu weniger Lohn. Teilzeitarbeitsplätze sind in der Regel Hilfs-oder Anlerntätigkeiten. Eine gute Ausbildung nutzt wenig, wenn die Berufstätigkeit unterbrochen wurde. Z.B. sind 53% der teilzeitbeschäftigten Frauen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung in einem Angestelltenberuf als Hilfs- oder angelernte Arbeiterinnen tätig.

Die Aussicht auf Abstieg beim Wiedereintritt in das Berufsleben läßt auch einen Großteil der Nur-Hausfrauen zögern, die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann zu lockern. Für Männer, die ihre Frauen zu Hause halten wollen, ist das ein starkes Argument.

Der ewige Kreis

So dreht sich der Kreis. Niedrigstlöhne, weil die Frauen die Kinder erziehen, Ausstieg aus der Arbeit, weil es keine ausreichenden und guten Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt, und noch am ehesten auf den Lohn der Frau für den Familienunterhalt verzichtet werden kann, Wiederbeginn, bei dem die Unternehmer schlechtere Bedingungen diktieren können. Durch die stetige „Kinderarbeitslosigkeit“ besteht ständig eine Konkurrenz zwischen weiblichen Arbeitskräfen. Und diese Konkurrenz ist der Grund für die schwache Stellung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Sie drückt gegen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere des Lohns. Umgekehrt zementiert die Unterbezahlung, daß es immer wieder die Frauen sind, die die Kinder erziehen und daß sie trotz Berufstätigkeit von den Männern materiell abhängig bleiben, usw. usw.

Dieser ewige Kreis, der immer wieder dazu führt, daß die Frauen tatsächlich ungleich gehalten werden, müßte an zwei Stellen unterbrochen werden: durch eine drastische Anhebung der Frauenlöhne und –gehälter einerseits und durch die Ausweitung und Verbesserung von Haushaltsdienstleistungen, insbesondere der „Kinder“dienstleistungen andererseits.

Gleichstellung

Die unter dem Einfluß der feministischen Bewegung entwickelten Vorstellungen und Forderungen zur Gleichstellung der Frauen sehen die schwache Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, die aus ihrer „Mutteraufgabe“ herrührt. Sie wollen für die Frauen auf dem Arbeitsmarkt die gleichen Chancen herstellen wie für die Männer.

Dann, so die Überlegung, wird sich auch der Verdienst angleichen; es wird zwar immer noch niedrige Löhne und hohe Einkommen geben, Aufstieg und Abstieg, aber die Verteilung verläuft nicht mehr so, daß die Frauen immer unten sind und die Männer ein Stück darüber. Damit wäre dann auch die Chance gegeben, daß Frauen, die ihre wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann lösen wollen, dies auch tatsächlich tun können.

Diese Überlegung krankt an einem entscheidenden Punkt. Sie kümmert sich nicht um die Ursache für die Aufrechterhaltung der Ungleichheit der Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft. Daß die Frauen trotz Erwerbstätigkeit nicht zu „gleichen“ Lohnarbeitern geworden sind, hat seinen Grund weder in der männlichen Herrschaft, noch in eingeschliffenen, überholten gesellschaftlichen Traditionen. Die Ungleichhaltung der Frauen liegt im Interesse der Kapitalisten. Zum einen ist die von den Müttern geleistete Kindererziehung viel billiger als eine vergleichbar gute staatliche Kindererziehung, zum andern sichert diese private Kindererziehung durch die Frauen, vermittels der „Kinderarbeitslosigkeit“, die Konkurrenz der weiblichen Arbeitskräfte untereinander, damit die Unterbezahlung und besonders hohe Profite.

Verdienstangleichung

Um den Lohn, bzw. das Gehalt der Frauen an die Männerverdienste anzugleichen, gibt es den Vorschlag der Förderung der Ausbildung von Frauen in technischen Berufen. Es ist sicherlich eine vernünftige Sache, das technologische Defizit einer Mädchenerziehung durch besondere Förderung auszugleichen. Doch damit ändert sich an der Unterbezahlung der Masse der Frauen nichts. Die Männer verdienen nicht deshalb mehr, weil sie in technischen Berufen ausgebildet sind. Die meisten jungen Männer müssen nach ihrer Lehre vom Handwerk in Anlerntätigkeiten in der Industrie wechseln, für die sie nicht ausgebildet wurden.

Es gibt ganze Industriezweige, in denen fast ausschließlich Frauen arbeiten: die Textilindustrie, die Lederindustrie, große Teile der Elektroindustrie. Hier werden technische Kenntnisse und Erfahrungen gefordert. Die Frauen bekommen trotzdem Niedrigstlöhne gezahlt.

Die niedrigen Löhne, bzw. die Eingruppierung in die untersten Lohngruppen, werden völlig willkürlich damit begründet, daß die Anforderungen an diesen Frauenarbeitsplätzen niedriger seien als an Männerarbeitsplätzen. Das mag sich aufgrund der technologischen Veränderungen an den Männerarbeitsplätzen verändern; aber so willkürlich wie bisher die Begründungen waren, so willkürlich können neue Begründungen gefunden werden, mit denen die Frauen unten gehalten werden. Hinzu kommt, daß bei der Bestimmung der Lohnhöhe, Kriterien wie die Dauer der Betriebszugehörigkeit ein großes Gewicht zukommt. Und hier sind die Frauen wegen der Unterbrechung der Berufstätigkeit wegen der Kindererziehung grundsätzlich im Nachteil.

Andere Vorschläge, wie die Förderung der beruflichen Wiedereingliederung oder der

betrieblichen Weiterbildung sind auch vernünftig, ändern aber gleichermaßen nichts an der jahrelangen „Kinderarbeitslosigkeit“ und der diskriminierenden Einstufung sogenannter „leichter“ Frauenarbeiten. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Kreis am Punkt der Niedrigstlöhne zu unterbrechen: der gewerkschaftliche Kampf, der Streik für eine drastische Erhöhung der Frauenlöhne- und gehälter.

Festbeträge statt Prozentforderungen Abschaffung der unteren Lohn – und Gehaltsgruppen Angleichung der Frauen- an die Männerlöhne

Wie wirksam ein solcher Kampf sein kann, zeigt die Entwicklung in der ersten Hälfte der 70ger Jahre. Damals wurden Festgeldbeträge gefordert und auch erstreikt: der Bruttostundenlohn der Arbeiterinnen in der Metallverarbeitung lag 1970 noch 29% unter den Männerlöhnen, 1980 „nur“ noch 25% unter den Männerlöhnen, in den folgenden sieben Jahren verringerte sich der Abstand aber nur noch um ein Prozent – das Ergebnis von Prozentforderungen. 1973 kam es zu einer großen Welle wilder Streiks in der Automobil und Zulieferindustrie. Den vorwiegend ausländischen Frauen von Pierburg/Neuß gelang es mit ihrem wilden Streik die deutschen Facharbeiter in den Kampf zu ziehen, und dieser Front gelang es, die Lohngruppe II bei Pierburg abzuschaffen.

Spätestens in der Tarifrunde 1986 hat die IG-Metall das Ziel der Abschaffung der Leichtlohngruppen aufgegeben. Die Forderung nach einem Festbetrag von 150 Mark für alle, um die unteren Lohngruppen stärker anzuheben, wurde stillschweigend fallen gelassen. Ein halbes Jahr später – nach dem Gewerkschaftstag der ID`G-Metall – trat das Vorstandsmitglied Janssen (Ressort Tarifpolitik) zurück, weil er mit seinem Programm der Anhebung der unteren Lohngruppen und seinem Widerstand gegen Flexibilisierung eine Niederlage erlitten hatte.

Heute empfiehlt die IG-Metall stattdessen, den Weg über die Arbeitsgerichte statt Streiks, um Höhergruppierungen durchzusetzen. Darüberhinaus hat sie sich vorgenommen, Frauenförderungspläne tarifvertraglich durchzusetzen, die kleine Gruppen im Betrieb durchsetzen müssen. (vrgl. Gewerkschafter 9/88). Die Masse der betroffenen Frauen weiß, daß Gerichtsprozesse kein Ersatz für gewerkschaftlichen Kampf sind und daß Förderpläne allenfalls einzelnen Frauen bessere Berufschancen geben können. (Die berufliche Förderung entspricht gegenwärtig angesichts des absehbaren Facharbeitermangels den Interessen der Kapitalisten, insbesondere wenn der Staat dafür bezahlt).

Die Kapitalisten haben aber kein Interesse daran, daß die Masse der unterbezahlten Frauen höhere Löhne bekommt. Sie wollen weiterhin die Kombination von Unterbezahlung, schlechteren Arbeitsbedingungen, mehr Teilzeitarbeit einerseits und billiger privater Kinderbetreuung in der Familie andererseits aufrechterhalten, um ihre Profite zu erhalten und zu steigern.

Kinderbetreuung

Um die Fesselung der Frauen an die Kinderbetreuung aufzulösen, fordern die feministische Bewegung und die SPD langfristig den 6-Stunden-Tag, bzw. die 30 –Stunden –Woche für alle. Erst dann bestünde praktisch die Möglichkeit, daß sich Mann und Frau die Hausarbeit, also insbesondere die Kindererziehung, teilen.

Gegen die Teilung der Hausarbeit haben wohl die meisten Frauen nichts einzuwenden. Ob aber eine 30-Stunden-Woche tatsächlich dazu führt, daß auch Männer „Mütter“ werden, ist nicht die Frage der Arbeitszeit „an sich“, sondern die Frage der Arbeitszeit zu welchem Lohn.

Eine drastische Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich, wie sie z.B. der bisher ungekürte Kanzlerkandidat der SPD, Lafontaine, propagiert, wird den Mann nur dazu zwingen, einen zweiten Job anzunehmen, um aufs Geld zu kommen. Die noch schlechter verdienende Frau würde weiterhin die „Mutter“aufgaben übernehmen.

Die Verkürzung der Arbeitszeit mit dem Ziel, die Hausarbeit zu teilen, ist nur dann ein Weg zu größerer Chancengleicheit, wenn das Einkommen so hoch ist, daß die Familie vernünftig leben kann.

Die andere Möglichkeit, die Frauen von den Fesseln der Kindererziehung zu befreien, ist der Ausbau und die qualitative Verbesserung der öffentlichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten. (Dazu gehörte auch ein Elternurlaub mit Arbeitsplatzgarantie und voller Lohnfortzahlung in den ersten beiden Jahren nach der Geburt).

Eine Ausdehnung der öffentlichen Kinderbetreuung lehnt Lafontaine ab, mit der Behauptung – die allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und auch Erfahrungen widerspricht – eine „Dienstleistung“ könne nicht die Zuwendung der Familie ersetzen. Damit leugnet er nicht nur das Elend der Kindern in unzähligen Familien, er macht den Eltern darüberhinaus ein schlechtes Gewissen und behauptet gleichzeitig, daß die bestehenden, nicht zuletzt aus Personalmangel und Arbeitsbelastung resultierenden unbefriedigende öffentliche Kinderbetreuung unabänderlich wäre.

Für die Masse der Frauen ist die Verbesserung der öffentlichen Kinderbetreuung in allen Altersstufen jedoch die einzige Möglichkeit, die durch die Kindererziehung erzwungene zeitweilige Arbeitslosigkeit und damit eine entscheidende tatsächliche Ungleichheit abzuschaffen.

Dafür müßte sehr viel Geld ausgegeben werden, Steuergeld. Die Steuern, die die abhängig Beschäftigten zahlen, sind Teil ihres Lohns. Beim Streit darum, wofür die Steuern ausgegeben werden, geht es um die Frage, werden sie für den „kollektiven Konsum“ der Lohnabhängigen ausgegeben , z.B. für die Betreuung ihrer Kinder, oder für die Profite des Kapitals. Seit Beginn der Wirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre, wird der kollektive Konsum gekürzt. Ohne harten gewerkschaftlichen Kampf gegen den Sozialabbau und für eine Verbesserung der öffentlichen Kinderbetreuung, wird es für die Masse der Frauen keine Lösung von den Fesseln der Kindererziehung geben. Ein Möglichkeit bestünde darin, den Kampf der ÖTV für mehr Stellen bei den sozialen Dienstleistungen (Kindereinrichtungen, Krankenhäuser, Altenpflege) mit Solidaritätsstreiks praktisch zu unterstützen.

Die gesellschaftliche Aufgabe der Gleichstelung der Frauen, der völligen Beseitigung jeder Form sexistischer Unterdrückung der Frauen durch Männer ist untrennbar verbunden mit der materiellen und wirtschaftlichen Gleichstellung und Sicherheit der Frauen, unabhängig vom Einkommen der Männer. Deshalb kann der politische Kampf gegen den Sexismus

nicht vom ökonomischen Kampf gegen Ausbeutung getrennt werden.

Vor 100 Jahren kämpfte Klara Zetkin innerhalb der Sozialdemokratie für das Recht der

Frauen auf Erwerbstätigkeit. „Die Frauenarbeit …

läuft darauf hinaus, die Frau zu dauernder ökonomischer Abhängigkeit, zu gesellschaftlicher Knechtung und Ächtung, zur Prostitution in – und außerhalb der Ehe zu verurteilen; es läuft aber auch darauf hinaus, den Mann mit dem doppelten Arbeitsquantum zu belasten und ihn dadurch ebenfalls einer größeren Abhängigkeit preiszugeben.“ … man „darf die Interessen der männlichen und weiblichen Arbeit einander nicht feindselig gegenüberstellen, sondern man muß beide miteinander vereinigen und in geschlossener Masse, als Arbeiterinteressen überhaupt, den kapitalistischen Interessen gegenüberstellen.“ (Klara Zetkin, 1889)

auch nur beschränken zu wollen, das

Das geschieht bei den Vorschläger der feministischen Bewegung und der SPD heute nicht. Deshalb werden die Mauern, die bisher gegen die Gleichstellung errichtet wurden, so nicht niedergerissen werden. Für die Masse der Frauen gibt es heute, wie vor 100 Jahren, nur eine Alternative:

Die Gleichstellung muß durch den wirtschaftlichen und politischen Klassenkampf erkämpft werden.

Frank Renken Über Vogels „Toward a Unitary theory“ (Teil 1)

Marx21 versteht sich seit der Gründung vor zwölf Jahren als revolutionärer Organisationskern innerhalb einer reformistischen Massenpartei. Das Verhältnis zwischen beiden ist keine Einbahnstraße. Der Druck der reformistischen Massenorganisation führt zu einem permanenten Fragmentierungsdruck auf die revolutionäre Minderheit. Ergebnis:

Marx21 nimmt zunehmend die Geografie die Linkspartei an. Unser Anspruch ist es, einen theoretisch gefestigten revolutionären Pol mit gemeinsamer Strategie zu entwickeln. In der Praxis arbeiten unsere Organisationsteile häufig nebeneinander her.

In Berlin ist dieser Widerspruch am schärfsten zu spüren. Es gibt seit Jahren wenig koordinierte und gemeinsame Praxis. Daraus folgt, dass es kaum noch gemeinsame Debatte über die Bezirksgrenzen hinweg oder zwischen Bezirksorganisationen und SDS- Gruppen gibt.

Dies erklärt, warum Berlin im letzten Jahr zum Zentrum eines zum Teil irrational erscheinenden Konflikts um die sogenannte „Theorie der sozialen Reproduktion“ geworden ist. Dieser Konflikt hat sich direkt in den Kokreis übersetzt: Ein Teil des Kokreises war auf seinen Sitzungen im Dezember 2018 der Meinung, wir hätten diese Theorie bereits Jahre diskutiert, sie müsse nun als „notwendige Erweiterung und Ergänzung des Marxismus“ beschlossen werden. Ein anderer Teil war der Auffassung, diese Debatte sei noch nicht einmal begonnen worden.

Die „Theorie der sozialen Reproduktion“ wird im Zusammenhang mit der erstarkenden Frauenbewegung in die Organisation getragen. Sie wurde aus zwei Gründen zum Fokus eines internen Konflikts. Erstens, weil der Grundlagentext dieser Theorie, Lise Vogels „Marxism and the Oppression of Women – Toward a unitary theory“ in der Organisation weitgehend unbekannt ist, ebenso wie andere Beiträge, die jüngst unter Berufung auf dieses Werk entstanden sind. 47 Vogels Werk ist bis heute noch nicht einmal in deutscher Sprache erhältlich. Auf dieser Grundlage lässt sich ein Konflikt kaum produktiv führen.

Der zweite Grund, so meine These, liegt in Vogels Werk selbst, das sich keineswegs so widerspruchsfrei mit den von uns in zahlreichen Artikeln im Magazin Marx21, in unseren Broschüren und in Theorie21 entwickelten Positionen zur Frauenunterdrückung vereinbaren lässt. Der auf der UV im Januar 2019 gefällte Beschluss zur „Theorie der sozialen Reproduktion“ wird dem Werk von Vogel nicht gerecht. In der Unitary theory, ihrem Grundlagentext, versucht sie nicht weniger, als zentrale Annahmen der marxistischen Theorie zu revidieren, wie sie ausgehend von Friedrich Engels formuliert worden sind. Im folgenden Artikel setzte ich mich mit diesem Anspruch auseinander. Meine These ist, dass das Grundlagenwerk von Lise Vogel a.) Frauenunterdrückung nur lückenhaft erklärt und strategisch zu völlig falschen Schlussfolgerungen führt; b.) sie keine „Ergänzung“ des Marxismus darstellt, sondern im Widerspruch zur Marxschen Methodik steht.

1. Engels als Urheber einer hundert Jahre währenden Fehlerserie Was ist Frauenunterdrückung? Was ist ihr Ursprung? Wie können wir dagegen kämpfen? Wie kann sie aufgehoben werden? Das sind Fragen, deren Beantwortung mit dem

47 Lise Vogel, Marxism and the Oppression of Women – Toward a unitary theory, Chicago, 2013 (2. Aufl.)

globalen Aufschwung der Frauenbewegung an Dringlichkeit gewinnt. Wie immer, wenn eine Bewegung im Aufschwung ist, kommen unterschiedliche Theorien auf, werden verschüttete Beiträge wiederentdeckt, insbesondere solche, deren Antwort gerade dem Stand der Bewegung entsprechen.

Lise Vogels Unitary theory erschien 1983, ohne dass es damals einen großen Widerhall gefunden hätte. Die Herausgabe der zweiten Auflage 2013 wurde völlig anders aufgenommen. Seitdem wird das Buch weithin an Universitäten diskutiert, ist Gegenstand vieler Rezensionen und wurde bereits ins Türkische und Chinesische übersetzt.

Als Vogels Buch ursprünglich erschien, begünstigte der Niedergang der Klassenkämpfe den Aufstieg des Neoliberalismus, und mit ihm individualistische Theorien. Dies machte vor der Frauenbewegung nicht halt, die sich in Richtung Identitätspolitik und Separatismus entwickelte. Die „Patriarchatstheorie“ setzte sich durch – das heißt die Vorstellung, dass es neben einem ökonomischen System noch ein eigenes System männlicher Vorherrschaft über die Frau gebe. Grundlage dieser Theorie war die Annahme, alle Männer profitierten von der Unterdrückung der Frauen und hätten daher ein Interesse an der Aufrechterhaltung dieses „Systems“. Ein Buch, das sich wie jenes von Vogel auf Marx beruft und die Formulierung einer „unitary theory“, also einer „einheitlichen“ statt einer „dualen“ Theorie bereits im Titel trägt, musste auf viele der Aktivistinnen wie aus der Zeit gefallen erscheinen.

Die heutige Frauenbewegung ist demgegenüber deutlich geprägt von sozialen Auseinandersetzungen. Der Aufstieg der Linken in den 2000er Jahren ging mit dem Kampf für „soziale Gerechtigkeit“ einher. In den letzten Jahren gab es Kampagnen und Kämpfe um die Bedingungen im Einzelhandel wie bei Lidl und Schlecker; Themen sind die Einkommenslücke, die Rentenlücke und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Selbst innerhalb der #MeToo-Debatte wird häufig ein Zusammenhang zwischen sexueller Belästigung und der Abhängigkeit am Arbeitsplatz hergestellt. Vogels Anspruch, Marxismus und die Unterdrückung der Frauen im Rahmen einer in sich geschlossenen Theorie zu analysieren, deutet die Suche nach einer Verbindung des politischen Kampfes für Gleichheit mit dem ökonomischen Kampf, mit dem Klassenkampf an. Das passt in die Zeit.

Das Grundproblem: Wer nach einer Erklärung für Frauenunterdrückung sucht, oder auch nur eine Beschreibung der Felder, die sie ausmacht, wird bei Vogel kaum fündig. Das Buch ist für ein akademisches Publikum geschrieben. Vogel entwickelt die Fragestellung aus verschiedenen Beiträgen des Feminismus seit 1966 (Seiten 1 – 40); dann stellt sie die Ideengeschichte des Marxismus zum Thema anhand ausgewählter Texte von Marx, Engels, Bebel, Zetkin, Eleanor Marx und Lenin dar (Seiten 41 – 140). Die Methode ist die der Exegese, der Auslegung von Texten. Auf den anschließenden 40 Seiten folgt eine überaus abstrakte Darstellung der eigenen Theorie, wobei die Antwort auf das selbstgesteckte Ziel, die Herausarbeitung eines „theoretischen Rahmens“ der Frauenunterdrückung sich im Kern auf die Seiten 151 – 156 reduziert.

Obgleich Vogel unentwegt die „materiellen Grundlagen“ der Frauenunterdrückung beschwört, setzt sie sich nicht mit der materiellen, mithin realen Welt auseinander. Sie legt auch keine historischen Entwicklungen, politischen Kämpfe oder empirischen Daten als

Maßstab an die Konzepte an, vor denen es in ihrem Buch wimmelt. 48 Folglich erklärt sie auch nicht die Entwicklung des „Dualismus“ in der Frauenbewegung aus den Umständen, in denen sich die Theorie entwickelt hat, sondern führt die falsche Ansicht auf die falschen Ansichten früherer Theorien zurück. Vogel hat den Anspruch, materialistische Theorie zu entwickeln – mittels idealistischer Methode. In ihrem Buch erscheint der von ihr kritisierte Dualismus als Ergebnis einer Serie von theoretischen Fehlern, die sich aus sich selbst heraus entwickelt haben.

Der Ausgangspunkt dieser vermeintlichen Fehlerserie überrascht: Vogel macht ihn nicht in den kleinbürgerlichen Theorien des Feminismus der 1970er Jahre selbst aus, sondern findet ihn hundert Jahre zuvor angelegt, bei … Friedrich Engels. Der habe im Vorwort zu seinem bahnbrechenden Werk Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats eine „fehlerhafte“, eine „dualistische Formulierung“ gewählt, die von Theoretikerinnen der Frauenbewegung immer wieder zur Begründung ihrer eigenen dualistischen Anschauungen angeführt worden sei. 49 Engels habe ein „duales Erbe“ hinterlassen. 50

Konkret handelt es sich um folgende Passage:

„Nach der materialistischen Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Dies ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andererseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, werden bedingt durch beide Arten der Produktion: durch die Entwicklungsstufe einerseits der Arbeit, andererseits der Familie.“ 51

Tatsächlich ist dieses Zitat von jenen Verfechterinnen der Patriarchatstheorie benutzt worden, die der Theorie von der Existenz eines eigenen Systems männlicher Vorherrschaft einen materialistischen Anstrich geben wollten, darunter Heidi Hartmann. 52 Es konnte den Eindruck vermitteln, Engels habe mit Produktion und Reproduktion zwei verschiedene Systeme gemeint, die unabhängig und gleichwertig nebeneinander stehen. Diese Sätze wurden indessen aus dem Zusammenhang gerissen. Engels lieferte in seinem Werk auf Grundlage der damals neuesten Erkenntnisse des Ethnologen Henry L. Morgan den ersten zusammenhängenden Versuch, die Entstehung der Frauenunterdrückung parallel zur Entstehung der Klassengesellschaft zu erklären. In der Urgesellschaft, die noch keine nennenswerte Produktion und nur wenige Produktionsmittel kannte, gab es auch noch keine Frauenunterdrückung. Diese Gesellschaft, auf die sich Engels in der genannten Passage bezieht, erscheine beherrscht durch Geschlechtsbande. Doch je mehr sich die Produktivität der Arbeit entwickle, und mit ihr ein wachsendes Mehrprodukt, Privateigentum und Austausch, werde die „alte, auf Geschlechtsverbänden beruhende Gesellschaft gesprengt im Zusammenstoß der neu entwickelten gesellschaftlichen Klassen; […] eine Gesellschaft, in der die Familienordnung ganz von

48 So ist für Vogel nicht nur die Reproduktion der Arbeitskraft (S. 27), sondern auch die Arbeitskraft selbst nur ein „Konzept“ (S. 143, 148).

49 Unitary Theory, S. 33, 94.

50 So die Überschrift des 9. Kapitels in Unitary Theory.

51 Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats; in: MEW, Band 21, S. 27 f.

52 Heidi Hartmann, The unhappy marriage of Marxism and Feminism; in: Capital and Class, Nr. 8, Sommer 1979.

der Eigentumsordnung beherrscht wird und in der sich nun jene Klassengegensätze und Klassenkämpfe frei entfalten […].“ 53

Es brauchte keine zweideutige Formulierung bei Engels, damit hundert Jahre später die Patriarchatstheorie oder andere dualistische Konzeptionen entstanden, wie Vogel meint. Tatsächlich trennen Hartmann und Engels Welten. Engels’ Kernthesen jenseits des missbrauchten Zitats waren deshalb in der feministisch geprägten Frauenbewegung der 1980er Jahre dann auch überaus unpopulär. Sie waren revolutionär und lassen sich so zusammenfassen:

„a) Frauenunterdrückung ist keine allgemeingültige Erscheinung der menschlichen Natur, sondern sie hat ihre Wurzeln in der vorherrschenden Form der Familie;

b) die Familie selbst ist nicht unveränderlich, und wir können zurückblicken auf Gesellschaften, in denen die Familie, so wie wir sie kennen, gar nicht existierte, ebenso wenig wie Frauenunterdrückung;

c) Die Entwicklung fiel zusammen mit dem Entstehen der Klassengesellschaft.“ 54

Vogel entwickelte ihre Theorie gegen Hartmann und andere, akzeptierte aber deren Argumentation, Engels habe die Grundlage für eine „duale“ Sicht auf die Frauenfrage gelegt. Sie begründet das so: „Indem Engels der Familie ein eigenes Kapitel widmet, unterstellt Engels implizit, dass die Kategorie der Familie […] als nahezu autonom betrachtet werden kann. Zudem hält er die geschlechtliche Arbeitsteilung für biologisch und historisch statisch, während alle wesentlichen Phänomene im Ursprung gesellschaftliche Grundlagen haben. […] Schließlich stimmt die Diskussion der Familie als Ort des Kampfs zwischen den Geschlechtern mit der Vorstellung von einem Doppelsystem überein. […] Die beiden Entwicklungen [das Aufkommen des Geschlechter- und des Klassenkonflikts] bleiben ein historisch parallel auftretendes Phänomen, deren theoretische Beziehung zueinander als von Autonomie geprägt erscheint.“ 55

Nichts könnte den Inhalt und das Herangehen Engelsʼ schlechter beschreiben. Zunächst einmal ist für Engels, anders als für Vogel, die Familie keine „Kategorie“, sondern eine Realität. Ebenso wie für ihn zwischen der Entstehung der Frauenunterdrückung („Geschlechterkonflikt“) und der Entstehung des Klassenkonflikts nicht nur eine theoretische, sondern eine reale Beziehung bestand. Die Tatsache, dass Engels der Familie in ihrer historischen Veränderung ein eigenes Kapitel widmet, heißt auch nicht, dass er ihr „implizit“ einen autonomen Charakter zuschreiben würde. Vielmehr entwickelt er ausführlich die sich verändernden Formen der Familie, der Ehe und der damit einhergehenden Vorstellungen von Liebe über verschiedene historische Epochen hinweg, auf Grundlage der jeweils vorherrschenden Produktionsweise. 56 Die Arbeitsteilung unter den Geschlechtern nimmt bei ihm im Übrigen ebenso wenig einen überhistorischen Charakter an; so beschreibt er, wie mit dem Aufkommen des industriellen Kapitalismus in England die Frauen in die Fabrik versetzt und sie somit „oft genug zur

53 Engels, Ursprung, MEW 21, S. 28.

54 Chris Harman, 100 Jahre Engels‘ Ursprung der Familie; in: Klassenkampf – Zeitschrift der Sozialistischen Arbeitergruppe, Nr. 25, Januar 1985.

55 Vogel, Unitary theory, S. 136 f.

56 Engels, Ursprung, MEW 21, Kapitel 2.

Ernährerin der Familie“ gemacht wurden – was „der Männerherrschaft in der Proletarierwohnung allen Boden entzogen“ hat. 57

Frauenunterdrückung hat, ebenso wie die sich verändernden Formen von Ehe und Familie, in denen sie wurzelt, sehr wohl eine materielle Grundlage bei Engels. Diese materielle Basis bildet die sich wandelnde Produktionsweise. Engels selbst bekämpfte in seiner Zeit jene, die dies anders sahen und der Familie einen autonomen Status zubilligten. So kritisierte er Eugen Dühring, wonach man „die moderne bürgerliche Familie von ihrer ganzen ökonomischen Grundlage losreißen“ könne, ohne dadurch ihre ganze Form zu verändern“. Er kritisierte Dühring, dass dieser sich die Familie als unveränderliche Institution vorstellen würde, als ewige „vererbende, das heißt als besitzende Einheit“. 58

Für Engels waren auch die Phänomene, in denen Frauenunterdrückung praktischen Ausdruck findet, anders als Vogel unterstellt, stets an die ökonomische Grundlage gekoppelt. So erklärte er, dass mit dem „Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage“ zwar die Ehe „gesetzlich anerkannte Form“ blieb, sich aber zugleich die Prostitution „in bisher unerhörtem Maß“ ausgebreitet habe. 59 Die ganze Fortschrittlichkeit im Denken Engelsʼ kommt zum Ausdruck, wenn er sich über Dührings Idee lustig macht, dass Prostitution quasi natürlich an das weibliche Geschlecht gebunden sei. 60

Schließlich schafft der Übergang zum Kapitalismus die Voraussetzungen für die Befreiung der Frau. So zitiert Engels Marx zustimmend, wonach „die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage schafft für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter“. 61

Allerdings, Engels diskutierte die Entwicklung der Familie und der Ehe als das, was sie ist:

als eine Institution, die nicht nur mit dem Staat entstanden ist, sondern schließlich ein Teil von ihm wird, als eine juristisch fixierte Einheit zur Übertragung von Eigentum. Vogel kritisiert: Im Ursprung habe Engels das Eigentum und den Warentausch auf dem Markt zum Dreh- und Angelpunkt sozialer Entwicklungen gemacht. Nirgends diskutiere er diese Phänomene mit Blick auf die „gesellschaftlichen Beziehungen, die die Produktionsweise darstellen, der sie entspringen“. In „Marxʼ Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion“ hingegen stellten Privateigentum und Warentausch nur „spezifische Ausdrucksformen bestimmter Formen von Klassengesellschaften“ dar. Engels sei hier Utopist wie der Frühanarchist Proudhon, der ebenso wenig die Produktionsverhältnisse analysiert habe und stattdessen „die Eigentumsverhältnisse […] in ihrem juristischen Ausdruck als Willensverhältnisse […] verflocht“. 62

57 Engels, Ursprung, MEW 21, S. 73 f. Es gehört zu den zahlreichen Ungereimtheiten in Vogels Buch, dass sie selbst am Ende ihres Buches eine auf dem biologischen Unterschied begründete Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau in der Familie als epochenübergreifendes, unüberwindbares Hindernis im Kampf für die Gleichstellung der Frau darstellt; siehe Unitary Theory, S. 178.

58 Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: MEW, Band 20, 1984, S. 296.

59 Ebd., S. 239 f.

60 Ebd. S. 300.

61 Ebd., S. 296.

62 Vogel, Unitary Theory, S. 91; Karl Marx an J. B. von Schweitzer über Proudhon; in: MEW 16, S. 26.

Engels war sich des Unterschieds zwischen Produktionsverhältnissen und der aus ihnen abgeleiteten Eigentumsformen sehr wohl bewusst. So kritisierte er Dühring für die Abtrennung der kapitalistischen Verteilungsweise von der kapitalistischen Produktionsweise. 63 Im Ursprung diskutiert er nicht nur die Eigentumsformen auf Grundlage der sich verändernden Produktionsweisen, er kritisiert jene, die die juristische Gleichstellung von Mann und Frau in der Ehe mit tatsächlicher Gleichberechtigung verwechseln: „Die rechtliche Ungleichheit beider, die uns aus früheren Gesellschaftszuständen vererbt, ist nicht die Ursache, sondern die Wirkung der ökonomischen Unterdrückung der Frau.“ 64 Im Folgenden beschreibt Engels, wie vor dem Hintergrund dieser ökonomischen Beziehungen die Frau mit dem Entstehen der Klassengesellschaften aus dem öffentlichen Raum herausgedrängt worden ist, und wie divers zugleich sich dieser Prozess für die Frauen in den unterschiedlichen Klassen und selbst Berufszweigen im Rahmen ein und derselben ökonomischen Ordnung darstellen kann.

Frauenunterdrückung ist eine sehr spezifische Erscheinungsform des gesellschaftlichen Überbaus, der sich über der ökonomischen Basis erhebt, abhängig von nationalen, historischen Besonderheiten. Dies erklärt die enorme Spreizung in Qualität und Quantität. Die Stellung der Frau im Kapitalismus des 19. Jahrhundert war anders als die im Kapitalismus des 21. Jahrhundert. Sie unterscheidet sich heute in verschiedenen kapitalistischen Ländern, wenn man zum Beispiel Deutschland mit China vergleicht, oder Norwegen mit Saudi-Arabien. Selbst zwischen zwei eher ähnlichen Staaten kann es im Detail erhebliche Unterschiede geben, die wir nicht mit Unterschieden in der ökonomischen Basis erklären können. So gilt in Frankreich das Bodenrecht, in Deutschland das Blutrecht in Bezug auf die Staatsbürgerschaft. In Deutschland lassen sich heutzutage 2 Prozent der Männer sterilisieren, in Großbritannien 20 Prozent. Es ist diese Diversität der Ausdrucksformen und Abstufungen des realen Lebens, die sich bei Vogel nirgends findet. Ihre Darstellung ist bar jeder konkreter historischer Phänomene. Der Grund ist einfach: Vogel versucht, Frauenunterdrückung direkt aus abstrakten, ökonomischen Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, wie sie Karl Marx im 1. Band seines Hauptwerks „Das Kapital“ entwickelt hat. So wie Engelsʼ Ursprung als die theoretische Ursünde erscheint, ist Das Kapital für Vogel der Urtext einer gänzlich anderen Theorie, der „Theorie der sozialen Reproduktion“. Darin habe Marx „mehr von Bedeutung zum Thema Frauenbefreiung gesagt, als er selbst oder seine sozialistischen Anhänger je begriffen haben“. 65 Es brauchte laut Vogel 150 Jahre, bis das erkannt worden sei. „Spätere Versuche von Sozialisten Ende des 19. Jahrhunderts, darunter Engels, mit Marxʼ Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung die Lage von Frauen zu untersuchen, blieben unzulänglich.“ 66 Die sozialistisch-feministischen Theoretikerinnen Ende der 1970er Jahre hätten „den ersten nachhaltigen Versuch unternommen, ein Verständnis der Frauenunterdrückung auf Grundlage von Marxʼ Theorie der sozialen Reproduktion zu entwickeln.“ 67

Ausgehend von Engels frühstückt Vogel dann auch gleich eine ganze Reihe weiterer bedeutsamer marxistischer Beiträge zum Thema ab, genauer: spricht ihnen den

63 Engels, Anti-Dühring, MEW 20, S. 278.

64 Engels, Ursprung, MEW 21, S. 75.

65 Vogel, Unitary Theory, S. 66.

66 Ebd., S. 76.

67 Ebd. Eigentlich handelt es sich bei dem Begriff „soziale Reproduktion“ um eine unpräzise Rückübersetzung aus dem Englischen. Im Kapitel 21 des ersten Bandes des Kapital, auf das sich Vogel offenbar bezieht, wird vom „gesellschaftlichen“ Produktionsprozess und Reproduktionsprozess gesprochen.

Marxismus ab. Dies trifft insbesondere August Bebel und Eleanor Marx. Clara Zetkin wird bescheinigt, dass ihr Beitrag „ungeachtet seiner Probleme wichtig“ gewesen sei, aber doch „in Bezug zur Frage der Frauenunterdrückung unentwickelt blieb“. 68 Das völlige Ignorieren aller praktischen Erfolge der Arbeiterbewegung im Kampf für Gleichberechtigung, die mit Bebel und Zetkin verbunden sind, und die geradezu abfällige Behandlung nahezu aller Beiträge aus der marxistischen Tradition sind Ausdruck ihres Kernanliegens, die grundlegende Revision des Marxismus. So schreibt sie im Jahr 1996:

„Nur wenige [sozialistische Feministinnen] trauen sich, die gewaltige Aufgabe auch nur zu benennen, geschweige denn anzugehen: den Marxismus selbst radikal zu transformieren.“ 69

Marx21 hat in den vergangenen zwölf Jahren Artikel, Broschüren und ein Theoriemagazin zu den Themen Frauenunterdrückung und Frauenbefreiung herausgebracht, die allesamt im Geiste von Engels und Zetkin verfasst worden sind. 70 Der Versuch, Vogels „theoretischen Rahmen, den sie „Theorie der sozialen Reproduktion“ nennt, damit zu fusionieren, kann nur eklektische Ergebnisse hervorbringen.

2. Familie und Staat im Kapitalismus

Sozialistinnen und Sozialisten unterstützen alle Maßnahmen, die die Last der Reproduktion der Arbeitskraft sozialisiert und so den auf der Familie lastenden Druck

verringert. Vollständige Einbeziehung aller Frauen in das Erwerbsleben, gleiches Einkommen und öffentliche, kostenlose Einrichtungen zur Kindererziehung, Bildungserwerb, Altenpflege und Krankenversorgung sind die Voraussetzung für die Überwindung der Frauenunterdrückung. 71

Vogel hebt zu Recht die scharfe Trennung der öffentlichen und der privaten Sphäre im Kapitalismus hervor. Ihr Ansatz lässt es indessen nicht zu, dass sie sich den Bereich privatisierter Reproduktion der Arbeitskraft genauer anguckt und die Wirkung, die der Kapitalismus auf die proletarische Kleinfamilie entfaltet. Sie behauptet, aus der Familie werde „auf Ebene der totalen sozialen Reproduktion ein Fetisch gemacht, indem generationsmäßige Ersetzung als einzige Quelle der Erneuerung der Arbeitskräfte der Gesellschaft angesehen wird“. 72

Sie führt zum Beleg das Südafrika der Apartheid mit seinen kasernierten Arbeitern an, die ihre Familien nur einmal im Jahr sehen würden. Sie verweist auf die Arbeitsmigration und führt die Versklavung fremder Völker an, die zur Arbeit gezwungen werden können. Auch

68 Ebd., S. 119. Die positive Darstellung Lenins ist bei Vogel eine Ausnahme, und stellt mithin eine der besten Teile des Buchs dar. Allerdings diskutiert sie Lenins Beitrag ebenfalls, ohne die sich verändernden sozialen Rahmenbedingungen für die Frau in der Revolution selbst zu diskutieren. Ebd., S. 122 – 129. Das Fazit bleibt dann gewohnt ernüchternd. Lenin hätte, wie auch Zetkin, „keinen bleibenden Eindruck hinterlassen“. Dass dies mit der Stalinisierung der russischen Revolution zusammenhängen könnte, und wie sich die Lage der Frau im Russland der 30er Jahre massiv verschlechterte, wird von Vogel nicht erklärt.

69 Lise Vogel, Engels’s Origin: Legacy, Burden and Vision; in: Christopher J. Arthur (Hg.), Engels Today. A Centenary Appreciation, London, 1996, S. 147.

70 Ebenso haben wir das in diesem Geist gehaltene und von Michael Ferschke, Christine Behrens und Katrin Schierbach verfasste Buch Marxismus und Frauenbefreiung verbreitet, das 1999 bei Aurora erschien.

71 Engels hat diese Position in seinem Anti-Dühring mit Berufung auf die Frühsozialisten formuliert; sie sei laut Vogel seitdem Losung für die Arbeiterbewegung geworden. MEW, Bd. 20, S. 296; Vogel, Unitary Theory, S. 78.

72 Ebd. S. 147.

in „Arbeitslagern“ oder „Gemeinschaftsschlafsälen“ könne Arbeitskraft reproduziert werden. 73 Schließlich geht sie im Geiste zum Äußersten und sagt: „Grundsätzlich ist denkbar, dass der heute vorhandene Satz Arbeitskräfte bis zum Tod schuften muss und dann durch einen neuen Satz ersetzt wird.“ 74

Wenn man von den realen Menschen und den realen Gesellschaften abstrahiert und sich den Kapitalismus als Brettspiel vorstellt, dann ist es natürlich möglich, alle Spielfiguren einer Farbe auf einen Schlag vom Tisch zu räumen und durch andere Spielfiguren zu ersetzen. In der Tat ist es den Kapitalisten egal, wie sie an die Arbeitskräfte kommen. Aber

Vogel macht die Rechnung ohne den Wirt, die Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Zwangstrennung von Familien, wie sie nicht nur im Südafrika der Apartheid, sondern auch unter Seeleuten oder ausländischen Arbeitskräften in den Golfstaaten heute gang und gäbe ist, verringert die Bedeutung der Familie für die Betroffenen keineswegs. Die Form der Familie, wie sie im modernen Kapitalismus besteht, wurde nicht als Teil einer „Reproduktionsstrategie“ von oben heruntergereicht. Familie ist viel mehr als nur eine Institution der herrschenden Ordnung. Sie ist Sehnsuchtsort für Milliarden von Menschen weltweit, die nach einem Hafen in einer herzlosen Welt suchen, in dem sie Stabilität, Wärme und Sicherheit finden. Also genau das, was die ökonomische Ordnung des Kapitalismus nicht bietet. Das bleibt richtig, auch wenn sich die Form der Familie verändert, wenn sie nicht formal durch den Eheschluss begründet wird, wenn die Ehe gleichgeschlechtlich ist, wenn die Scheidungsraten hoch sind und Patchworkfamilien entstehen. Das Gebären von Kindern und Kindererziehung findet in aller Regel in der Familie statt, auch wenn ein Elternteil unter ökonomischem Zwang zum Wanderarbeiter, Matrosen oder Wochenendpendler wird. Diese Lebenswirklichkeit als Ausgangspunkt zu nehmen, hat nichts mit „Dualismus“ oder Patriarchatstheorie zu tun.

Das Problem mit der Familie heute ist, dass sie sich dem Druck nicht entziehen kann, den der Kapitalismus auf sie ausübt. Sie kann die in sie gesteckten Hoffnungen häufig nicht oder nur eingeschränkt erfüllen. Einer der Gründe ist, dass der ökonomische Druck es praktisch unmöglich macht, dass beide Partner zu gleichen Teilen arbeiten und die Kinder erziehen. Wenn Kinder dazu kommen, muss mindestens ein Partner zu Hause bleiben, und das ist in der Regel die Frau. Wenn sie in den Beruf nach Jahren zurückkehrt, geht sie sehr häufig in Teilzeit. Es gibt einen eigenen, weiblich geprägten Teilzeitarbeitsmarkt, sehr zum Vorteil der kapitalistischen Klasse. Folge ist ein großes Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen, das sich im hohen Alter als Rentengefälle darstellt.

Unter den Bedingungen der globalen Ausdehnung des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg wurden immer mehr Arbeitskräfte benötigt. Um mehr Frauen in die Produktion zu holen, wurden Bereiche sozialisiert, die früher ausschließlich private Angelegenheit waren. Dieser Prozess hat allerdings enge Grenzen und findet unter kapitalistischen Bedingungen statt. Das heißt: entweder werden sie zur Ware auf dem Bildungs- und Pflegemarkt, oder sie werden geregelt und subventioniert durch den kapitalistischen Staat.

Dies ändert nichts daran, dass die Familie der zentrale Ort bleibt, wo Kinder großgezogen werden und Arbeiterinnen wie Arbeiter Zuflucht suchen. Das Krankenhaus, die Schule, das Pflegeheim oder auch das Schnellrestaurant sind alles Orte, an denen wir nur vorübergehend sind, oder in denen wir eigentlich gar nicht sein wollen.

73 Unitary Theory, S. 144

74 Ebd. S. 145. (“In principle, at least, the present day set of labourers can be worked to death, and then replaced by a new set.”)

In ihrem Buch spricht Vogel von „Strategien“ der „herrschenden Klasse“, um die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft zu senken. Sie sagt: „Inwieweit es dieser tatsächlich gelingt, diese umzusetzen, ist natürlich eine Frage des Klassenkampfs.“ 75

Tatsächlich gibt es keinen übergeordneten Plot in Form einer kohärenten Strategie, die die Reproduktion der Arbeitskraft außerhalb des Arbeitsplatzes regeln würde. Wohl aber eine ständige Auseinandersetzung über die Kosten der Ware Arbeitskraft. Sie wird über den Lohnkampf ausgetragen - in allen kapitalistischen Betrieben, nicht nur im Pflegebereich. Wenn Vogel es ernst meint, dass der Klassenkampf die alles entscheidende Determinante hinsichtlich der Stellung der Frau in der Gesellschaft ist, wäre zu erwarten, dass diesem Aspekt zentrale Bedeutung in ihrer Theorie zukommt. Das Gegenteil ist der Fall. Jenseits des zitierten Postulats ist der Klassenkampf weitgehend abwesend oder bleibt eine Abstraktion.

Ende der ersten Teils (gekürzte Fassung); der zweite Teil erscheint im nächsten Bulletin.

Inhalte des zweiten Teils:

- Althussers Methode

- Die Verballhornung von Marx‘ „Kapital“

- Mit einer Halb-halb-Theorie zu Klassenbündnissen

*

Der ungekürzte Text inklusive Teil 2 ist bereits fertig verfasst und beim Autor zu erhalten. Bitte schreibt an frankrenken@gmx.de.

75 Unitary Theory, S. 151.