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Fakultät für Betriebswirtschaft

Munich School of Management

Wirtschaftsinformatik
Vorlesung 5: Unternehmensübergreifende
Anwendungssysteme

Dr. Christian Matt


Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien
www.wim.bwl.lmu.de
München, Sommersemester 2015
W IRTSCHAFTSINFORMATIK IM SS15

Die Einsatzbereiche von Anwendungssystemen

Supply Chain Management

Elektronische Märkte Elektronische Märkte

Abnehmer/
Lieferanten unternehmensintern Endkunden
Intermediäre

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W IRTSCHAFTSINFORMATIK IM SS15

Agenda
• Supply Chain Management-Systeme
• Hintergrund, Kernidee und Funktionen des Supply Chain Management (SCM)

• Funktionen und Architektur

• Der Bullwhip-Effekt

• Elektronische Marktsysteme
• Definition, Formen und Charakteristika elektronischer Märkte

• Funktionen und Architektur

• Veränderungen in den Transaktionsstufen

Literaturempfehlung:
• Böhnlein, C.B. (2005): Supply Chain Management, S. 92-96
• Picot, A.; Reichwald, R.; Wigand, R. (2003): Neue Formen der Marktkoordination – Elektronische Märkte,
S. 336-350

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Supply Chain Management: Motivation


Was schätzen Sie:

• Wie viele externe Zulieferer/Fabriken hatte die adidas Group Anfang 2014?
674

• Aus wie vielen Ländern kommen die Zulieferer?


68
• Wie viel Prozent der zuliefernden Fabriken stehen hiervon in Deutschland?
3,6% (24 von 674)

Quelle: http://www.adidas-group.com/media/filer_public/2014/06/17/2014_may_global_factory_list_en.pdf 3
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Supply Chain Management: Hintergrund


• Globalisierung der Wirtschaft und Veränderung der Wertschöpfungsstrukturen
• Fortschreitende Marktdynamik
• Harter internationaler Preiskampf

• Integration in der Wertschöpfungskette wird immer wichtiger, aber sie erfordert …


• Unternehmensübergreifendes Prozessverständnis
• Kooperationsbereitschaft
• Integrationskonzepte

• Allerdings: organisatorische und informationstechnische Grenzen!

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Supply Chain Management: Kernidee


• Ziel
• Eine für alle Beteiligten vorteilhafte Verbesserung der Prozesse in einer Lieferkette
(supply chain) bzw. in einem Liefernetz (supply web) durch informationstechnische
Integration von den Zulieferern bis zu den Kunden

• Generell
• Vermeidung von “Verschwendung” entlang der unternehmensübergreifenden
Wertschöpfungskette

• Was sind vermeidbare Verschwendungen?


• Informationen, die in Datenbanken der Partnerbetriebe vorhanden sind (Absatzmengen,
Lagerbestände, etc.) sind dem Partnerunternehmen nicht bekannt.
• Partner disponieren unabhängig voneinander; dies führt in bestimmten Perioden zu einem
deutlichem Über- oder Unterschreiten von Produktions-, Lager- oder Transportkapazitäten.

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Supply Chain Management: Beispielhaftes Liefernetz

Logistik - Logistik -
Lieferant dienstleister Lieferant dienstleister Produzent Händler Endkunden

Quelle: Ähnlich bei Mertens et al. (2012): Grundzüge der Wirtschaftsinformatik, S. 135 6
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Supply Chain Management-Systeme: Ansatz


• Schaffung einer unternehmensübergreifenden Informationstransparenz über Bedarf,
Kapazitäten und Bestände der Unternehmen

• Absatzvorhersagen einzelner Mitglieder des Liefernetzes werden so weit möglich durch


exakte Informationen über Verkäufe, Lagerbestände und Bestellzeitpunkte sowie -mengen
der Händler ersetzt.

• Kooperative Planung und Nachfragedeckung


• Errechnung von Gemeinschaftsprognosen der Nachfrage aus Einzelprognosen der Partner
• System prüft alternative Varianten, um Bedarf pünktlich zu decken
• Berechnung „fairer“ Lösungen im Falle von Engpässen bei Produktions- und
Logistikressourcen (z.B. „gleichmäßige Verteilung des Mangels“)
• Informationen über Zwischenfälle und Störungen in der Supply Chain zur Vermeidung von
Kettenreaktionen sowie ggf. Vorschlag von Abhilfemaßnahmen

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Supply Chain Management-Systeme: Funktionalitäten


Ebene Beschreibung Aktivitäten

Struktur- Dimensionierung der • Lieferkettenmodellierung


Konfigurations- Produktions- und • Auslegung von Lieferketten-
funktionen Logistikstrukturen elementen (Lager-, Produktions-
(Supply-Chain- auf strategischer und Transportkapazitäten)
Configuration) Ebene

• Absatz- und Distributionsplanung


Planungs- Planung von • Masterplanung
funktionen Beständen, • Produktionsplanung
(Supply-Chain- Mengenflüssen und • Maschinenbelegungsplanung
Planning) Kapazitäten • Kundenauftragssimulation
• Störungsmanagement
• Controllingfunktionen

Abwicklungs- Veranlassung und • Kundenauftragsabwicklung


funktionen Rückmeldung von • Fertigungsauftragsabwicklung
(Supply-Chain- Aufträgen • Bestellauftragsabwicklung
Execution) • Transportauftragsabwicklung

Quelle: Luczak und Hartweg (2001), SCM Systeme, S.59 8


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Der Bullwhip-Effekt

• Typisch für die Koordinationsprobleme in Supply Chains


• Trotz geringer Nachfragevariabilität auf der Endkundenseite lässt sich in mehrstufigen Lieferketten
beobachten, dass die Bestellmengen, Lagerbestände und Transportkapazitäten auf den höheren Stufen
großen Schwankungen unterliegen.
• Kleine Abweichungen zwischen der tatsächlichen und der geplanten Nachfrage können sich entlang der
logistischen Kette stark aufschaukeln (Bullwhip- oder Peitschen-Effekt).

• Beispiel: Pampers von Procter & Gamble (P&G)


• Verkaufszahlen bei Endhändlern im Zeitablauf relativ konstant
• Große Schwankungen bei der Nachfrage der Zwischenhändler
• Sehr große Schwankungen bei den Rohstoffbestellungen von P&G

• Der Bullwhip-Effekt am Beispiel der Biernachfrage


http://forio.com/resources/article/bullwhips-and-beer/ (Stand März 2015)

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Brain Gym: Bullwhip-Effekt


• Wie kommt es zum Bullwhip-Effekt? Denken Sie zunächst über folgende Aspekte nach:
1. Welche Absatzstufen gibt es in einer (traditionellen) Lieferkette?
2. Wie kann es hier zu Schwankungen der Nachfrage kommen?

Lieferant Produzent Handel Konsument

• Ursachen
• Unsichere Informationslage führt zu Sicherheitsbestellungen
• Schubweise Bestellungen wegen Mengenrabatten und bestellfixen Kosten
• Werbeaktionen und Preisfluktuationen

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...wie immer: Wechselspiel zwischen technischer Lösung und


betriebswirtschaftlichem Konzept
Supply Chain Management-Systeme (SCMS)

Management-Konzept zur • Planung und Steuerung der Waren-, Informations-


Steuerung von Lieferketten und Geldflüsse entlang der gesamten
SCM Wertschöpfungskette

• SCMS schaffen unternehmensübergreifende


Informationstransparenz über Bedarf,
Kapazitäten und Bestände der Unternehmen
Technische Lösung:
• Ein SCMS grenzt sich durch den erweiterten
SCMS
Fokus der Supply Chain von ERP-Systemen mit
ausschließlich unternehmensinternen Blickwinkel
ab

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Definition: Elektronische Märkte

• Was sind die Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten?


• Amazon
• MyHammer
• Ebay
• Covisint (Beschaffungsplattform eines Automobilherstellers)
• Monster

• Definition
• Electronic Commerce (E-Commerce) ist jede Art von wirtschaftlicher Tätigkeit auf Basis
elektronischer Verbindungen. Elektronische Märkte sind eine ausgewählte institutionelle
und technische Plattform für E-Commerce, bei welcher der marktliche Koordinations-
mechanismus das gemeinsame Merkmal darstellt.

Quelle: Picot/Reichwald/Wigand (2003): Die grenzenlose Unternehmung: Information, Organisation und Management 12
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E-Commerce als ein Teil des E-Business


• Definition

• Electronic Business (E-Business) ist die integrierte Ausführung aller automatisierbaren


Geschäftsprozesse eines Unternehmens mit Hilfe von Informations- und
Kommunikationstechnologien (IKT).

• Beobachtung

• E-Commerce ist in diesem Sinne


aus Unternehmenssicht ein Teil
des E-Business, bzw. ein
Geschäftsprozess für das
handelnde Unternehmen.

Quelle: Herden und Zwanziger (2004): A Mediator for Interorganisational Integration of Relationship Management Systems in E-Business; HDE (2014)
http://www.einzelhandel.de/images/141126_Handel_digital_Brochure_ds.pdf 13
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Mobile Commerce

Besondere Eigenschaften des M-Commerce sind:


• Ortsunabhängigkeit
• Nutzung für zeitkritische Geschäfte
• Mobile Payment

Synergien zwischen E-Commerce und M-Commerce:


Verfeinerung der Wertschöpfungskette
Verbesserung der Geschäftsprozesse
Nahtlose Integration in die Transaktion
Erweiterung des Handelsplatzes

Quelle: Picot/Reichwald/Wigand (2003): Die grenzenlose Unternehmung: Information, Organisation und Management. 14
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Formen elektronischer Märkte und Beispiele

Beispiel ? Beispiel ?

Beispiel ? Beispiel ?

Quelle: Hermanns/Sauter (1999): Management Handbuch Electronic Commerce: Grundlagen, Strategien, Praxisbeispiele 15
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Unterstützung marktlicher Transaktionen durch das Internet


Vertrags-
abschluss

Informations- Vereinbarungs- Abwicklungs-


After-Sales-Phase
phase phase phase

Suche nach
potentiellen Lieferung
Marktpartnern
Preis-/
Konditionenfest- After-Sales-
legung Service

Spezifikation Zahlung
der Leistung

Unterstützung durch das Internet


Suche auf Download,
Online-
Web-Site Online- Zahlung mit
Upgrade der
eines SW- Bestellung Electronic
Software
Anbieters Cash

Quelle: Picot/Reichwald/Wigand (2003): Die grenzenlose Unternehmung: Information, Organisation und Management. 16
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Effekte elektronischer Märkte

Komplexitätsreduktion in allen Transaktionsphasen


1
(Informationsbeschaffung, Auswahl, Durchführung etc.)

2 Erhöhte Markttransparenz

3 Verminderte Informationsasymmetrien zwischen Marktteilnehmern

4 Verminderte Transaktionskosten

Quelle: Picot/Reichwald/Wigand (2003): Die grenzenlose Unternehmung: Information, Organisation und Management. 17
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Brain Gym: Reverse Auctions


• Im Internet gibt es inzwischen auch Auktionen (z.B. MyHammer), bei denen sich Anbieter
gegenseitig unterbieten. Wie sähe hierfür schematisch ein Algorithmus aus?
• http://www.youtube.com/watch?v=NwSQgej4-mk

Titel der Ausschreibung

Wunschpreis / Startpreis /
Höchstpreis
Vom Kunden festgelegte
Ausschreibungsdauer
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Brain Gym: Reverse Auctions

Pseudo-Code für Auktionsverfahren

Startpreis ist Höchstpreis


Setze Preisaktuell auf „Wunschpreis“
des Kunden
Setze NameZuschlag auf „leer“
Vom Kunden festgelegte
Starte Countdown mit Timer = „Laufzeit der Ausschreibung“ Ausschreibungsdauer
Warte auf Ereignis „Gebot mit PreisGebot trifft von Bieter ein“
Falls (PreisGebot < Preisaktuell)
NameZuschlag gleich Bieter
Preisaktuell = PreisGebot
Ende Countdown
Falls NameZuschlag ungleich „leer“
Verkünde NameZuschlag als Gewinner für „Auftragstitel“ Titel der Ausschreibung
Verkünde Zuschlagspreis Preisaktuell
Sonst
Verkünde „Keine Gebote eingegangen“

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Architektur eines B2B-Marktplatzes

Quelle: Hepp/Schinzer (2000): B2B-Marktplätze im Internet, S. 1513-1521 20


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Allgemein: (Branchen-)Plattformen
• Definition
• Eine Plattform ist eine Technologie oder ein Service, dessen
Wert mit dem Angebot komplementärer Produkte und Services
ansteigt. Je mehr Nutzer die Plattform aufweist, desto höher
wird somit der Wert der Plattform und der angebotenen
Komplemente.
• Anders sind (Produkt-)Plattformen konzipiert, hier geht es um
die Wiederverwendung von Teilen für ein Produkt.

Plattform

Angebotsseite Nachfrageseite

Abhängigkeit
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Beispiel: iTunes

AppStore:
Datenbank mit allen
verfügbaren Dateien

App
Entwickler
iPhone

• Die Apps werden in der Regel nicht von Apple entwickelt


• Gleichwohl kontrolliert Apple aber das Gesamtsystem und erhält pro Installation eine Provision
• Es entsteht ein Wachstumskreislauf!
Quelle: Hilkert (2012): Das Partnermanagement in Produktionsplattformen. 22