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E5CHRIFTEN DER NEUEN SOHWEIZER RUNDSCHAU

HE:ElA'USGEGEBEN VON MAX RYCHNER

ENN es eine philosophische Aufgabe gibt,


deren Lösung unser Zeitalter mit einzigartiger

Dringlichkeit fordert, so ist es die einet,' pbilosophi-

schen Anthroßologie. Ich meine eine Grundwissen-


schaft vom Wesenund voml Weserbsa'u4bctnd,esM erb-
scheri; von 'seinem VerMltnis zu den Reichei'i der
Natur (Anorgani,sches, Pfla,nze, Tier) wie zum

NACHDRUCK VERBOTEN Grunde aller Dinge ; von seinem metaphysischen


ALL'ß RECHTE INSBESONDERE DAS DER Üsunsnrzuua
VORBEHALTEN
Wesensursprung wie seinem physischen, psychi-

7
schen und geistigen Anfa,ng in der Welt; von den '
gleich aber auch wejß, dctß er es nicht weiß. Und
und Mächten, die ihn bewegen und die er
Krä,ften
nur indem man einmal mit allen Traditionen über
von den Grundrichturigen und -gese'bzen
bewegt;
dieseFrage völlig ta,bularasa zu machen gewillt
seiner biologischen, psychischen, geistiesgeschicht-
ist und in äußerster methodischer Entfremdung
&hen und sozia,len Entwicklung, sowohl ihrer
und Verwunderung auf das Mensch genannte
essentiellen Möglichkeiten als ihrer Wirklichkeiten.
WesenblickenIernt, wird man wieder zu haltbaren
Das psychophysische Leibseeleproblem und das
Einsichten gelangenkönnen. Aber man weiß, wie
noetisch-vitale Problem ist hierin enthalten. Eine
schwer solch tabula rasa ist. Denn kaum irgend-
Anthropologie aIIein vermöchte anen Wis-
solche
wo beherrschenuns die traditionellen Kategorien
senschaften, die mit dem Gegenstand,,Mensch" zu
unbewußterund da,herheftiger als in dieser Frrvge.
tun haben, den naturwissenschaftlichen und medi-
Daseinzige,was man tun ka,nn, um sie langsam
zinischen, den pra,ehistorischen, ethnologischen,
abzuschiitteln,ist, diese Kategorien in ihrem gei-
geschichtlichen und 8ozial-Wissenschaften, der
stesgeschichtlichen Ursprung genau kennen zu Ier-
Normal- und Entwi4ungspsycho1ogiewie der Cha- nenund durch dieseBewußtmachung hindurch zu
a rakterologie,einletztesFundamentphilosophischer überwinden. -
Natur und zugleich auch bestimmte sichere Ziele
EineGeschjchte
d,es8e1bstbem4tseiri,s d,es Merb-
ihrer Forschung zu geben. -
schenvorbsjch selbst,eine Geschichte der idealtypi-
In keinem Zeitalter sind die Ansichten über
schenGrundarten,in denener sich selbst dachte,
Wesen nna Urs7pr'uingrfles Mensches unsicherer, un- schaute, fühlte und in die Ordnungen des Seins
b estimmter und mannigfaltiger gewesen als in dem
hineingestelltansah,müßte dabei einer Geschichte
- langjährige und eingehende BescMfti-
unsrigen
der mythischen, religiösen, theologischen, philo-
gung mit dem Problem des Menschen gibt dem
sophischen Theorien vom Menschen vorher-
Verfasser wohl das Recht zu dieser Beha,uptung.
gehen.Ohnehier auf dieseGesehiehte selbst eirtzu-
Wir sind in der ungeföhr zehntausendjährigen
gehen - sieosoll die ,,Anthropologie"' des Ver-
Geschichte daa erste Zeitalter, in dem sich der
fasserseinleiten -, sei nur eines hervorgehoben.
Mensch völlig und restlos,,problematisch" ge*or-
Die Grundrichtung dieserreichen EntwickIungen
den ist; in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zu-
steht fest. Es ist die Richtung auf wachsende 8tei-
8
9
gerung des menschlichen Selbstbewußtseins, a,n Steig@rung des menschlichen 8e1bstbewußtseins:
ausgezeichneten Punkten der Geschichte in inimer Ob derMensch gut oder schlecht vonsichdenkt, auf

neuen Sprüngen erfolgend. Die Rückschfüge da und alle Fä,ne schreibt er sich hier a,ls Menschen eine

dort bedeuten nicht viel.


für diese Grundrichtung Wichtigkeit, eine kosmische und metakosmische

Nicht nur'die sogönannten Primitiven fiihlen sich Wichtigkeit zu, die sich der kla,ssische Grieche und

noch ga,nz verwandt und eins mit der Tier- und Römer nie zuzuschreiben gewagt Mtte.

Pfla,nzenwelt ihrer Gruppe und ihres Lebens- Auch der Beginn des neuzeitlichen Denkens be-

raumesi Selbst eine so ho}ie Kultur wie diejenige deutet trotz der wachsenden Durchschauung des

Indiens ist auf das fraglose Einheitsgefühl des Men- mittelalterlichenAnthropomorphismus einenneuen

schen mit allem Lebendigen gegründet. Auch hier Sprung a,ufwärts in der Geschichte des mensch-

stehen sich die Wesen, Pflanze, Tier, Mensch, noch lichen 8e1bstbewußtseins. Es ist ein vielvÖrbreiteter

additiv und als gleich und gleich gegenüber - in Irrtum, anzunehmen, es sei z. B. die These des
Kopernikus in der Zeit ihres ersten Auftretens als
einer großerb Demokratje aes 8eÄ,enaes wesensver-
b'uü'tderb mjtei,rwaaer. Die scharfe Abhebung des Grund zu einer Senkung und Verminderung des

Menschen von der Natur in Erlebnis und Gefühl, menschlichen 8e1bstbewußtseins empfunden wor-

in Geda,nke und erst auf der Höhe


Theorie, ist den. Giordano Bruno, der größte Missionar und

des klassischen Grieclientums eingetreten,* Denn' Philosoph des neuen astronomischen Weltbildes,

hier und natr hier ist jene Idee vom Logos,der Ver- spricht die entgegengesetzte Empfindung aus: Ko-
pernikus hat am Himmel nur neuen 8tern
mi:'izft, dem (xei,ste geprägt worden,der als spezi- einen

fisches Agens nur dem Menschen zukommen, ihn entdeckt - die Erde. ,,Wir sjnrfl also schon im Him-

hoch über alle Wesen hinaus setzen soll - und ihn mel", gla,ubt Bruno jauchzend ausrufen zu dürfen,

mit der Gottheit selbst in einen Bezug setzt, den und wir bedürfen daher des Himmels der Kirche

kein anderes Wesen haben soll. Das Christentum nicht. Gott ist nicht die Welt, füe Welt selbst viel-

mit seinen Lehren von Gottmenschheit und Gottes- mehr ist Gott - das ist die neue These des akos-

kindschaft bedeutet im ganzen wiederum eine neue mistischen Pantheismus eines Bruno und eines 8pi-
noza,; die mittelalterliche Anscha,uung einer von
"' Vgl. hierzu bemerkenswerten Ausführungen in E. Caasirer's
die
Werk über den Mythos PM1osoph4eder symbo14srhen
Formen, Bd. II. Gott abMngig existierenden Welt, einer 8chöp-

IO II
'r

fung von Welt und E3ee1e ist falsch. Das - nicht eine dringen sich bei Descartes so tief, daß nicht mehr

Herabziehung Gottes zur Welt - ist der Eiinn der ein 8ch1uß von der Existenz der Welt auf füe Got-

neuen Mentalitä.t. Der Mensch erkennt zwar, er sei tes zu führen hat, wie bei Thomas von Aquino, son-

nur der Bewohner eines kleinen 8onnentrabanfen; dern umgekehrt die Welt selbst erst gefolgert wird

daß seine Vernunft jedoch die Kraft haiti, den natür- aus dem urspriinglichen Lichte, der unmittelba,r in

lichen Sinnenschein zu durchdringen und umzu- der Gottheit sichwurzelnd wissendenVernunft. Der

kehren - gerade das steigert sein 8e1bstbewußtsein ges:amtre Pantheismus von Averroes über 8pinoza

bedeutend. bis Hegel und E. v. Hartmann hat dann die par-

Die Vernunft - seit den Griechen das spezi- tielle Identität des menschlichen und des göttlichen

fische Agens des Menschen - nimmti denn auch Geistes zu einer seiner Grundlehren gema,cht. Auch

schon seit Descartes in der neueren Philosophie ein für Leibniz ist der Mensch ein kleiner Gott. -

neuartiges GrundverMltnis zur Gottheit an. 8chon

Duns Eikotius und 8uarez hatten gleichsam den me- Es ist nun eine der fundamentalsten Fragen

taphysischen Rang des Menschen erhöht, indem sie einer philosophischen Anthropologie, was diese
seiner geistigen Seele Prädikate zusprachen, die sprunghaften Steigerungendesmenschlichen8elbst-

Thomas von Aquino ausdrücklich nur dem ,,a,nge- bewußtseinsinWahrheitbedeuten. In scharferAnti-

lus", der ,,forma sepairata" und ,,substantia com- these gefragt: Bedeuten sie einen Prozeß, in dem

pleta" zugesprochen hatte: die Individuierung des der Mensch immer tiefer und wahrer seine objek-

Menschen ohne eine individuierende ,,prima mate- tive 8te11ung und Lage im Ganzen des 8eins erfaßt ?

ria': die Individuierungnur durch sein geistiges Sein Oder bedeuten sie Zunahme und Steigerung eines

selbst. Aber seit Descartes und seiner gewaltigen geföhrlichen Wahnes - Symptome einer zunehmen-

Souveränitätserklä,rung des Gedankens im ,Cogito den Erkrankung ?

ergo sum' springtdas menschliche Eielbstbewußtsein Von zwei Problemen sei nun an dieser 8te11e

auch iiber diese Grenze noch gewaltig hinaus. @anz abgesehen: Einmal von der Geschichte des
, Selbstbewußtsein und Gottesbewußtsein, die schon menschlichen 8e1bstbewußtseins und seiner Beur-

die große Mystik des 13. und 14. Ja,hrhunderts an teilung, dann aber erst recht von anen 8a,ch- und

die Grenze derIdentität vorgeschobenhatte,durch- Wahrheitsfiagen der Anthropologie. Was hier ge-

,I2 I3
so ga,nz verschiedene Geschichtsauffassungen und
geben werden soll, ist nur ein kleiner Abschnitt
Anthro- Eioziologien in erbittertem Kampfe miteinander
aus der Einleitung zu einer umfassenden
uns hier nur liegen sehen, ist darin zu erblicken, daß al] diesen
pologie des Verfa,ssers. Wir setzen
8ituation Geschichtsa,uffassungen grundverschiedene Ideen
das Ziel, die gegenwärtige geistige
In einigen - in vom Wesen, Aufbau und Ursprung des Menschen
in dieser großen Frage zu klä,ren.
zugrunde liegen. Denn jede Geschichtslehre hat in
fit'n,f Gmndtypeib d,esMenx,hes
aer 8e1bstanffass'wn,g
einer bestimmten Art von Anthropologie ihren
seien mit möglichster 8cMrfe die Ideenrichtungen
Grund, gleichgtiltig, ob sie dem Historiker, Eiozio-
umrisaen, die in der Spannweite des abendländi-
des Merischen logen oder GeschichtsphiIosophen bewuß'ti und be-
schen Kulturkreises über das Wesen
Und es sei ferner kannt ist oder nicht. Wir besitzen nun aber keiner-
noch unter uns herrschend sind.
in eindeutiger lei Einheit mehr in unseren Ansich'tien von der
gezeigt, wie zu jeder dieser Ideen
d. h. Natur des Mensclien. Wenn wir uns begniigen, die
Weise eine ganz bestimmte Art von Historik,
der Menschen- in unserem abend.föndischen Kulturkreise heute
von grundsä,tzlicher Au'ffassung
hinzugehört. sei dabei noch herrschendenIdeenvom Menachen und seinem
geschichte, sinngesetzlich E[5

gebeten, nicht anzuneh- Ort in der Fülle des 8eienden a,uf die schärfsten
der Leser nachdrücklich
oder jener der fünf und faßbarsten Idealtypen zurückzufiihren, so las-
men, daß der Verfasser dieser
sie für die wahre sen sich na,ch meiner eingehenden Erforschung die-
Ideen,,näher" stünde, geschweige

halte. Was der.Verfasser hier selber für wahr und serDinge f'ii'rtf Grundideen auffinden-in deren Rah-
der sachIiche TeiI seines men natürlicl'i die anthropologische Theorie im
richtig Mlt, da,s soll erst
- und nicht Einzelnen noch ungemein vielfarbig sein ka,nn, an-
Werkes,,Antihropologie" selbst bringen
bloße Eiinn- gemessen der Fiille ganz verschiedena,rtiger Eipzel-
dieBer kurze, nur orientierende und
Aufsatz.* probleme, mit denen es eine ,Anthropologie' zu
zusammenhänge feststellende
den Zusammen- tun hat. Drei von diesen fünf Ideen sind auch dem
Nur noch zuvor ein Wort über
und Historik: Kreise allgemeiner Bildung wohlbekannt, wenn
hang von Anthropologie
wir heute ao viele und auch selten scharf umrissen gesehen; zwei davon -
Der tiefste Grund, warum
I Vgl. hierzu D4e F;telhmg aes Menschen 4m I«osmos, Dannstadt die jiingsten und zuletzt gewordenen - entziehen
1928, eine kurze Zusammenfassu'ig der Anschauungen des Verfassers
sich noch in ihrer scharfen Eigenart dem Bewußt-
über einige Hauptpunkte der ,,Philosüphiscben Anthropologie".

I4 I5
Jede dieser Auswirkung selbstver-
sein der wissenschaftlichen Bildung. geschichtsphilosophischen
Korre-
Ideen aber hat ihre beson'dere Historik zum ständlich noch grundverschiedene besondere theo-
lat. Diese fünf Ideen seien in den folgenden A1IEI-
logischeAnthropologien bewegen, z. B. in bezug
führungen gezeichnet. auf die Bedeutungdes,,Falles" wie ja auüh diese
Anthropologie des christlich-jüdischen GIaubens
I
einegewaltige8ummevon Geschichtsda,rstellungen
Die erste, noch weithin in den theistisch (jii- und welthistorischenPerspektiven hervorgetrieben
disch und christlich), insonderheit allen kirchlich ha,t, von Augustinus' (xottesstaat über Otto von
gebundenen Lebenskreisen herrschende Idee vom' Freysing,Bossuetbis zu den modernsten theologi-

Menschen ist kein Produkt der Philosophie und schen Denkrichtungen.

Wissenschaft, sondern eine Idee des re'ljgjösen Glau- Es braucht wohl kaum gesa,gt zu werden, daß
bens. 8ieste11tein sehr komplexes Ergebnis des reli- diese religiöse Anthropologie für eine autonome
giösen Judentums und seiner Urkunden, besonders Philosophieund Wissenschaft in jedem 8inne ganz
des Alten Testamentes, der a,ntiken Religionsge- bedeutungslosist; wie es anderseits für den rein-
schichte und des Evangeliums dar: der beka,nnte Iich Fühlenden und Denkenden peinlich wirkt,

Mythos von einer Eichöpfung des Menschen (dem den alten, großa,rtig schönen und sinnreichen
Leibe und der Seele nach) durch den persönlichen Mythos scheinbarrational unterstützt und apolo-
Gott, seiner Abstammung von einem Paare, dem getisiert zu sehen.Eines aber sei hier a,usdrück-
Paradiesesstand (Urstandslehre), dem 8ündenfa11 lichst bemerkt: Dieser Mythos ist gewaltiger und

des von einem selbständig frei gefallenen Engel Ver- für alle Menschenaufdringlicher, als man ahnt.
führten; der Erlösung durch den Gott-Menschen mit Wer diese Dinge dogma,tisch a,uch nicht mehr
seinen zwei Naturen und der hierdurch wieder her- gla,ubt, der hat darum noch lange nicht auch
gestellten Gotteskindschaft; der vielfarbigen Esc}ia- die Gestalt, die Werttönung des menschlichen
tologie; von :Freiheit, Personalität und Geistigkeit, Selbstbewußtseins, ferner das menschliche 8e1bst-

Unsterblichkeit der sogenannten Seele, Auferste-


gefühl von sichabgetan,die in diesem objektiven
hungdes Fleisches,Weltgerichtusw. Innerhalb dieses Glaubensbesta,nde ihre geschichtliche Verwurze-
jüdisch-christlichen Rahmens können sich in ihrer
lung haben.Denn Gefühle und Lebensformen» die
Iange Jahrhunderte geglaubte und herrschende
derfüschichtedermenschlichen 8e1bstbeurteiIung,
Ideen hervorbringen, überdauern diese Ideen ge-
dendieGriechen und den rvtt,rsie und kein anderer r
der einst den Kulturkreis gemacht haben. ES ist,
waltig. Die Angst z. B., der Alpdruck, menschlicher
aus
Mythos von Fall und Erbschuld psychologisch .tormelha.ft
gesagßdie Idee vom ,,homo sapiens" -
Erlebnis der Ge-
sich heraus geboren hat, das
am schärfsten, bestimmtesten und klarsten zuerst
Krankheit des
brochenheit, einer ht unheilbaren von Anaxagoras, Pla,ton und Aristoteles begrifflich
Menschen als Mensch - 8trindbergs Tranmspi,el
und philosophisch ausgeprägt. Diese Idee scheidet
ihr Ausdruck
gibt es wundervoll wieder; Kant gibt
zwischenMenschund Tier überhaupt. Nicht also
aus zu krummem
in den Worten: ,,Der Mensch ist sucht man hier, wie E50 oft mißverstanden wird,
Holz gemacht, als daß je etwas ganz Gerades ausihm
denMenschen nur empirisch a,bzugrenzen von den
noch heute
gezimmert werden könnte" -, lastet ihm ähnlichstenTieren, etwa den Menschenaffen,
Mensch-
mä,chtig über der ganzen abendländischen indem man morphologische, physiologische, psy-
Und der große Psycho-
heit, auch der unglä,ubigen. choIogischgUnterscheidungsmerkmale feststellt.
nicht erschienen,
analytiker der Historie ist noch
8oIches Verfahren vermöchte ja niema,ls aerb
von dieser Angst
der den geschichtlichen Menschen MenschenojemTiere, ja, der gaIlZen untermensch-
gemacht und ihn -
des Irdischen frei und ledig lichenNa,turüberha,upt entgegenzusetzen, sondern
sind - aber
nicht von Fall und Schuld, die Mythos
immer nur dem einzelnen gewählten Vergleichs-
geheiltMtte,
von jenem konstitutivem Angstdruck objekt, z. B. 8chimpansen, Ora,ng, Ostaffen usw.
dieser spezi-
der die emotional-triebhafte Wu.rzel
Und da zummindesten daran kein Zweifel ist, daß
-
fisch jtifüsch-christlichen Ideenwelt ist.
derMenschz. B. dem 8chimpansen unvergleichlich
ähn%icher ist als beide etwa der Kröte oder der
II
Schla,nge,sogä,be diese Methode niemals den min-
Eine zwejte unter uns heute noch herrschende destenGrund,die traditionale Idee des Menschen
Idee vom Menschen ist - es sei in bewußter Schroff-
unddie schonvomMenschen her geprägte Idee des
heit gesagt - sozusageneine ErfiMurbg d,erarjechen Tiereszu bilden.Der gesc}iichtlich herrschende Ge-
gewesen, des griechischen E3tadtbürgertums: einer
dankedesMenschen, wie wir ihn t%lich zehnma,l
der gewaltigsten und folgenschwersten Funde in auf denLippenha,ben-ob wir gla,uben oder nicht -,
t8 I9
ist einem ganz anderen Bildungsgesetz entsprun- aber ist es der gleiche Grund, wodurch der Mensch

gen. Er ist - wie ich ai'iderwärts eingehend zeigte* - - eine Idee, die im Gegensatz zu fast a,llen gleich-

nur eine Folge des bereits vorausgesetzten Gottes- zeitigen Kulturen schon zu Beginn der griechischen

gedankens und der Lehre von der Gottebenbild- Geschichte alle Rassen, Eitä,mme, Völker, a,ber auch

lichkeit des Menschen. alle Stä,nde umfaßt - diese gedankliche Anglei-

Die klassische griechische Philosophie konzi- chung a,n das Seiende selbst vollziehen kann, von

piert diesen Gedanken sozusagen zum ersten Ma,le. Pla,ton bis zur 8toa: diese sogenannte Vernunft

Im 8pie1raum einer Weltansicht, die alles Säiende im Menschen wird als eine Teilfunktion (später

mit den Kategorien einer positiven, wirkkräftigen, erst Geschöpf)desgöttl'w'hem


ideenkrä,ftigen
'kfqloq,
ideenhaften Form und eines negativen (p.f) BV), voüq, angesehen, der diese Welt und ihre Ordnung

leidenden Seinsfaktors (materia) im Grunde or- immer neu hervorbringt - nicht im Sinne einer

ganologisch deutet, erhebt sich hier zuerst das Schöpfung, sondern eines ewigen Bewegens und

menschliche Selbstbewußtsein über a,lle andere Na- Bildens.

tur. Der stabilen und, wie alle Arten, ewigen Men- Auf vier nähere Bestimmungen sei hier beson-

schenart aber soll ein spezi,fisches Agens zukom- derer Wert gelegt: l. der Mensch hat a,lso ein gott-
men, das nur ihr zukommt, unaufIösbar in jene ha,ftes Agens in sich, das alle Natur subjektiv rb'ir'ht

Elementa,ragöntien, die den Pflanzen- und Tier- enthält; 2. dieses Agens und dasjenigp, das die Welt

seelen zukommen: - die -Vernunft (M7oc, ra,tio). zur Welt (das Chaos die ,,Materie': zum Kosmos

Durch diese Vernunft son der homo erst mächtig rationalisiert), ewig bildet und formt, ist ontologisch

sein, das 8eiende, U)'!:(! es in sich ist, selbst zu erken- oder doch seinem Prinzip nach, dasselbe, ist daher

nen, die Gottheit, die Welt und sich qelbst; im also auch derWelterkenntniswahrha,ft gewachsen;
üofüv die Natur sinnvoll zu formen, im xpatzatv 3. dieses Agens als )i67o: (Reich der ,,formae sub-
gegen seinesgleichen gut zu l'iandeln, d. h. so stantiales" bei Aristoteles) und als menschliche

zu leben, daß er dieses spezifische Ägens des vaöq Vernunft ist auch ohne die dem Menschen mit dem

xot4rtx6c aufs vonkommenste ausbildet. Immer Tiere gemeinsame Triebhaftigkeit und 8inn1ichkeit

* Siehe die Abhandlung ,,Zur Idee des Mensclien" (1918) im I. Band (Wahrnehmung, !V711171usw.) mä,chtig und krä.ftig,
" der Ges. Aufstttze Vom Umaturz der Werte, Leipzig, Verlag Neuer
seine idealen Inhalte zu verwirklichen (,,Macht
Geist, 3. Aufl. 1927. Ferneri D €e Btell'urtg dea Merbschen 4m Kosmos,
Darmstadt 1928.

20 2I
des Geistes ,,,(' Selbstmacht der Idee"); 4. dieses Nur eines der vier oben skizzierten Elemente

.Agens ist geschichtlich, volkhaft und ständisch dieser Lehre ist durch die größte philosophische
absolut konstant. Persönlichkeit der nachkantischen Philosophie -
Es ist nun eine Tatsa,che, die hier ausdrücklich zugleich die einflußreichste für die Historie - im
betont sei, daß fast die ganze spezifisch philosophi- Gegensatz zur Aufklä,rungsphilosophie überwun-
sche Anthropologie von Aristoteles bis zu Kant den worden: die Bestimmung der 8tabi1itä,t.

und Hegel - SO gewaltig der Wandel ist - sich in ,,Der einzige Gedanke, den die Philosophie an

diesen vier Bestimmungen einer Lehre vom Men- die Weltgeschichte heranbringt, ist aber der ein-

schen nicht wesentlich geä,ndert hat. Da,s sind fache Gedanke der Vernunft, da,ß die Vernunft

Dinge, in denen Aristoteles, Thoma,s von Aquino, die Welt beherrscht, daß es also a,uch in der Welt-
Desca,rtes, 8pinoza, Leibniz, Kant, Malebranche geschichte vernünftig zugegangen sei': sa,gt die
usw., trotz aner Verschiedenheiten einig sind. Auch Einleitung zu Hegels PMlosophi,e d,er Cveschi,chte.

von dem Gegensa,tz Theismus-Pantheismus blei- Hier finden sich drei der genannten Bestimmun-

ben diese obigen Lehren ganz unabMngig. 8ie er- gen - soga,r bis zum äußersten unpersönlichen
hielten zuerst in stoischer, im Frühmittelalter in Pa,nlogismus und bis zur Lehre voller Identitä.t der

platonisch-augustinischer, im Hochmittelalter in göttlichen und menschlichen Vernunft, ja bis zur

aristotelisch-thomistischer Form dadurch noch Lehre von der Allmacht der Vernunft gesteigert.

eine besondere historische Macht, daß sie sich mit Aber - und das ist das relativ Neue - erst in einem

der erstgena,nnten religiösen Glaubensidee vom Werdeprozeß erreicht der Mensch und soll zugleich
Menschen a,ls Unterstufe fiir die Theologie (praeam- der Menseh daa sich steigernde Bewußtsein davon
bula, fidei) eng verfilzten - auf welchen historischen erreichen, was er von ewig her seiner Idee nach

Wegen, das tut hier nichts zur Sache. Als dann die ist: das Bewußtsein seiner trieb- und naturüber-
dogma,tischen Gedankenwelten für große Bildungs- legenen Fre:jheat. Hegel - ein gewaltiger Fort-
kreise des Abendla,ndes verloren gingen, blieb diese schritt - leugnet also die Konstanz der mensch-
Lehre vom ,,homo sapiens" sogar füe alleinherr- lichen Vernunft. Er kennt eine Geschichte der sub-

schende, um im Zeitalter der Aufkförung ihren jektiven kategorialen Formenwelten und Gestailten
höchsten Triumph zu genießen. des menschlichen Geistes selMt - nicht nur eine

22 23
Geschichte der Kumufötion der Werke der Ver- Und doch ist die Vernunf:t - vor neuen sachlichen
nunft. Und diese Geschichte des menschlichen Gei- , Prüfungen - fiir uns zunächst nur eine ,,Erfindung
stes selbst ist bei ihna unabhä,ngig vom biologischen der Griechen"! Ich kenne eigentlich nur zwei
Wandel der menschlichen Natur. Diese Geschichte Schriftsteller, die diese Tatsache volIstä,ndig er-
ist die Geschichte des Sichselbstbewußtwerdens der
kannt haben: Wilhelm Dilthey und Friedrich
ewigen Gottheit und ihrer ewigen kategorialen Nietzsche. Nietzsche hatte die eminente Einsicht,
Ideenwelt im Menschen, die Geschichte des nun daß die überlieferte Wahrheitsidee-übereinstim-
historisch-dynamisierten.).67oq der Griechen. Triebe mung von Gedanke und Eiache mit der spiritua-
und Leidenschaften werden nur als Diener des listischen Gottesidee sinngesetzlich steht und fällt:
Logos, ,,List der Idee" eingeführt, d. h. aIs schlau daß sie seIbst nur eine Form des ,,asketischen
gewählte Werkzeuge der göttlichen Idee, durch die Idea,ls" sei, das er durch seinen ,,dionysischen Pes-
sie ein Ziel erreicht, eine Ha,rmonie und ein Gleic'h- simism'us" und die im TT'allerb z'ttr Macht nieder-
gewicht herstellt, das niema,nd kennt außer sie geIegte Erkenntnistheorie, nach der a,lle Denkfor-
selbst - und Er, der gottrunkene Philosoph, der den men nur Werkzeuge des Willens zur Macht im Men-
gotthaft dialektischen Prozeß der Geschichte nach- schen sein sollen, niederzuringen suchte. Im Unter-
denkt. Ebensowenig gibt es hier letzte persörtli,che schiede zu den Gelehrten, die zwar den 8atz,,Gott
Freiheit und a,ktives gesta,ltendes Führertum: der ist tot" ruhig unterschreiben, in ihrem Leben und
Führer ist nichts weiter als Wort- und Geschä,fts- ihrer Arbeit aber dennoch einen Wert anerkennen -
führer des Weltgeistes. - EEI ist die letzte, höchste, den Wert reiner Wa,hrheitserkenntnis -, der nur
ausgeprägteste Geschichtslehre im Rahmen der 8inn hat unter der Voraussetzung gerade jenes
Anthropologie des ,,homo sapiens" die wir in Sa,tzes, den sie eben leugnen, stellte er die Radikal-
Hegels Geschichtslehre vor uns haben. frage nach dem 8inn und Wert der sogenannten
Noch eine Bemerkung : Ganz zentral wichtig ist ,,Wa,hrheit selbst". Wilhelm Diltheyaberfindet das-
es, einzusehen, da,ß diese Lehre vom ,,homo sa,- selbe, wenn er schreibt: ,,Die rationalistische Posi-
piens" für ganz Europa den geföhrlichsten Charak- tion wird heute von der Schule Kants hauptsä,ch-
ter a,ngenommen hat, den eine Idee überhQupt an- lich zur Geltung gebracht. Der Vater dieser Posi-
«
nehmen kann: 8elbstverständlichkeitscharakter. tion war Descartes. Er zuerst hat der Eiouveriänitäta

25
keinen derselben ist die Vernunft als Hintergrund
des Inteuektes siegreichen Ausdruckgegeben. Diese
des ganzen Weltzusammenhanges selbstverstä,nd-
Souveränität ha,t ihren Rückhalt in der ganzen
lich. So wird das Vermögen dieser Vernunft, sich
religiösen ' und metaphysischen Position seiner
der Realitä.t denkend zu bemächtigen, zuraHypo-
Epocliey und sie bestand ebei"iso bei Locke und
these oder zum Postulat*." -
Newton als bei Galilei und Descarteis. Nachdieser
Wir werdei'i nun zwei andere Ideen vom
ist die Vernunft eben das Prinzip derKonstruktion
Menschen kennenlernen, die durch diese oben aus-
der Welt, nicht eine episodische Erdentatsache.
geführte Idee des ,,homo sapiens" ausgeschlossen
Doch kann niemand sich heute dem entziehen, daß
werden. Es ist erstens der dionysi,sche Messch,
dieser großartige metaphysische Hintergrundnicht
der, mit ebenso bewußter Technik, wie der ,homo
mehr selbstverstäaidlich ist. Vieles wirkte in dieser
sapiens' sein Trieb- und Eiinnenleben auszuschalten
Richtung. Die Analysis der Natur scheintdie kon-
sucht, um ewige Ideen zu erfassen, utngekehrt
struktive Vernunft als ihr Prinzip allmählichent-
seinerseits nach nichts mehr begierig ist, als den
behrlich zu machen; Laplace und Darwin reprä-
Geist, die Vernunft auszuschalten (Rausch, Tanz,
sentieren am einfachsten die Umwandlung.Und
Narkotikum), um in Einsfühlung, Eirisleben einig
die Analysis der Natur scheint ebenfa,lls demheuti-
zu werden mit der schaffenden Na,tur, der natura
gen wissenschaftlichen cofömon sensedenZusam-
na,tura,ns ; - eine anthropologische Idee, die die Ver-
menhang dieser Natur mit einer höherenOrdnung
nunft als aje Krankheit des Lebens empfindet,
entbehrlich zu machen. In beiden Veränderungen
als das, was ihn von den schaffenden Mä,chten der
ist als drittes enthalten, daß der religiöseZusam-
Natur und der Geschichte abdrä,ngt. Und es ist
menha,ng zwischen 8chöpfer und Geschöpf für uns
zweitens nicht minder der,,homo föber" des Posi-
keine zwingende Tatsache mehr ist. Aus diesem
tivismus., der ein neues wesentlich geistiges Agens
allem geht hervor, daß eine Ansicht,welcheden
im Menschen überhaupt leugnet.' Diese letztere
souverä,nen Intellekt des Desca,rtes alseinvorüber-
Theorie vom Menschen sei zunächst kurz skizziert.
gehendes singu1äresProduktderNatur aufderOber-
fläche der Erde und vielleicht andererGestirne an-
sieht, nicht. mehr von vornherein abzuweisen ist. " Vgl. den Aufsatz ,,Erfahren und Denken': 1892, im V. Bd. der

Viele unserer Philosophen bekämpfen sie.Aberfür füs. Schriften, Leipzig 1924.

26 27
III seheinbarverschiedeneFähigkeit des zentralenWol-
Eine d,ra,tteIdeologie des Menschen, die unter il lens und der Zwecksetzung,die Werterfass'äng und
uns herrschend ist - durch' die Kritik mindestens so Wertsc.tfötzung, die geistige Liebe - und also
sehr durchlöchert als die biföer genannten -, ist auch die Werke dieser Agentien (Kultur) -, sind

die nrxtwa.ljstjsche, ,,positi,vjstjsche", später auch ) nur nachtr%liche Epiphä,nomene und tätigkeitslose
pragmatüche Lehre, die ich alle mit der kurzen Bewußtseinsspiegelungen von Agentien, die auch

Formel des ,,homo faber" bezeichnen will*. Auch in der untermenschlichenTierwelt tätig sind. Also
diese Idee umfaßt alle Grundprobleme einer An- ist der Mensch an erstrer 8te11enieht ein Vernunft'-
thropologie. Sie unterscheidet sich in grundlegend- wesen, nicht ,,ho:@o sapiens", sondern ein ,,Trieb-
ster Weise von der eben vorgezeichneten Theorie wesen". Da,s,was 'er seine Gedanken, sein Wollen,
vom Menschen als,,homo sapiens". seinehöheren emotionalen Akte (Lieben im Eiinne
Diese,,homofaber"-Lehre leugnet zurföchst ein der reinen Güte) nennt, ist hier nur eine ht
separates, spezifisc}iesVernunftvermögen des Men- ,,Zeichenspracheseiner Triebimpulse untereinan-
schen überhaupt, -Es gibt hier keine Wesensunter- der" (Nietzsche, Hobbes) - eine 8ymbo1ik der zu-
scheidung von Mensch und Tier: es gibt nur gra- grunde liegenden Triebkonstellationen und ihrer
anelXe Differenzen; der Mensch ist nur eine be- perzeptföen Korrelate. Der Mensc}'i ist nur ein be-
i
sondere Tierart. Im Menschen sind dieselben Ele- sonders hochentwickeltes Lebewesen. Das, was
mente', Kräfte und Gesetze tä,tig wie in allen an- Geist, Vernunft genannt wird, ist keines selb-
deren Lebewesen auch - nur eben mit komplexe- ständig gesondertön metaphysischen Ursprungs,
re'n FoIgen. Das gilt physisch, psychisch, und soi- ist nichts auch,was eine eleme:titare, autonome Gö-
selbst
disant ,,noetisch". Aus Trieben und Sinnesempfin- setzliehkeit besitzt, die den 8einsgesetzen
dungen und ihren genetischen Deriva,ten muß hier entspricht, sondern eben nur eine Weiterentwick-
versta,nden werden. lung der höchstenpsychischen Fähigkeiten, die wir
alles Seelische und Geistige
die vom Triebe bereits bei den Menschenaffen vorfinden. Ist eine
Der sogenannte denkende,,Geist':

Zur Idee des Merbsühen a. a. O, und in meinem


Weiterbildung der aller bloß assoziativen Gesetz-
"'Vgl. hierzu
Buclie Dfie Formen des W<saens und d €e (ieaelXsühajt, Leipzig 192ß,
des
die
lichk.eit, aber nicht minder dem starren, erblichen
,,Erkenntnis und Arbeit", wo ich das Problem
über Intelli-
Abhandlung
Pragmatiamus auseinandergelegt habe. Instinkta bereits überlegenen technischen

28 29
genz z. B. des Schimpansen - d. h. der Fähigkeit, den Erfolg lebensförderlicher Reaktionen herbei-

sich neuen atypischeffi Sit,uationen durch Antizipa- führe,n, falsch, wenn sie es nieht tun; analog
tion der'8achstrüturen der Umwelt, ohne zu pro= Handlungen gut, respektive schlecht. Einer Ein-
bieren, tä,tig anzupassen -, um auf diesem mittel- heit des Logos, der die Welt selbst formiert und

baren und immer mittelbareren Wege dieselben der zugleichinunsa,ls ratio tä,tig ist, bedarf es nicht,
Grundtriebe der Art und des Individutuns zu be- - wenn man die menschliche Erkenntnis nicht meta,-
friedigen, die arich dem I'iere eigen sind.* Dieser physisch mißversteht, d. h. sie als Erfa,ssung und
,,technischen Intelligenz" werden durchaus ein- Abbildung des Seienden selbst nimmt.
deutige Korrelate in den Funktionen des Nervei'i- Was ist also der Mensch hier, primä,r ? Er ist
systems zugeschrieben, so wie jedem anderen psy- l. das Zeichentier (8prache); 2. da,s Werkzeug-
chischen Vorgang und anderen psychischen Zu- tier; 3. ein Gehirnwesen, d. h. ein Wesen, in dem
sammenhängen auch. Denn der Geist ist hier nur ein gewaltiger Bruchteil mehr Energie nur fiir das
ein Teil der Psyche - der Innenseite der Lebens- Gehirn, besonders die Rindenfunktion, verbraucht

prozesse. Was wir Erkenntnis nennen, ist Iedig- wird aIs bei dem Tiere. Auch Zeichen, Worte, so-
lich eine Bilderreihe, die sich zwischen Reiz und gena,nnte Begriffe sind 'hier nur TrVer7czenge,eben nur
Reaktioxi des Organismus immer reicher einschiebt verfeinerte psychische Werkzeuge. Wie es orga-
- respektive selbstgemachte Zeichen der Dinge, nologisch, iorphologisch und physiologisch im

beziehungsweise konventionelle Verbindungen die- Mensehen nichts gibt, was sich nicht der Anlage
ser Zeichen. Jerie Bilder und Zeichenreihen und nach auch in der höchsten Wirbeltierreihe findet,

jene ihrer Verkniipfungsformen, die zu erfolgrei- SOauch nichts Psychisches oder Noetisches. Da-
chen, lebensfördÖrlichen Reaktionen auf die Um- rum ist der Deszendenzsatz auf alle Fälle für den
welt führen, sodaß das erreiföt wird durch unsere Menschen anzunehmen, wie groß auch der wissen-
Bewegungen, was ursprünglich Triebziel war, fixie- schaftliche 8treit iiber die 'Überga,ngsformen vom
re:ii sich zunehmend in Individuum und Gattung Menschen Dubois' bis zum nachgewiesenen dilu-

Erblichkeit). Wir nennen diese Zeichen und via,len Menschen sei. -


(durch

ihre Verbindungen e,ben dann ,,wahr': wenn sie La,ngsam haben seit dem griechischen Sensua-

" Vgl. IMe 8te11ung aes Menscherb 4m Kosmos. lismus des Demokrit und Epikur die mächtigen

30 3I
Geda,nkenrichtiungen des Positivismus eines Bacon, mer (wenn auch letzterer wenig originell) und der

Hume, Mill, Comte, 8pencer, später besonders der Verfasser anstreben - mlsgemeinsames philosophi-

an die Namen Darwin und Lamark anknüpfenden sches Fundament der Anthropologie und Vital-
Evolutionslehre, noch später die pragrnatisch- psychologie zugIeich, aber nicht minder fundamen-
konventionaIistischen (auch fiktionalistischen) Phi- und Psyehothera,pie
ta,l für F3ozio1ogie - wird jenen

losophien, dieses Ideenbild vom Menschen als grundverkehrten sogenannten Dua,lismus von

homo faber ausgebaut - in recht verschiedenen Leib und (Vital-) Seele, wie er seit Descartes die

Einzelrichtungen, die uns hier nicht interessieren. Wissenschaft in die Irre geführt ha,t, endgtiltig

Manche 'Unterstützung fand diese Idee durch die überwinderi. Denn triebbedingt ist ebensowohl jede

großen TriebpsychoIogen - Hobbes und Machiaveni Empfindung, Perzeption, wie jeder Vorgang einer

sind als ihre Väter zu bezeiehnen, oder doch zum


physiologischen Funktionseinheit. Die Triebe sind
mindesten einer Spielart von ihnen -, unter denen es eben, die die Einheit des psychophysischen
ich L. Feuerbach, Schopenhauer, Nietzsche, in Orga,nismus ausmachen*.

neuester Zeit S. Freud und A. Adler nenne*i Eine Eine vertiefte Trieb- und Triebentfa,ltungslehre
wahrhaft vertiefte Trieblehre, wie sie gegenwä,rtig kommt neben anderen Einteilungen der Urtriebe,
Paul 8chi1der, Mac Dougall, auch Franz Oppenhei- die z. B. vom Iriebziel hergenornznen sind (eigen-

* In geiner bedeutenden Abhandlung Jensetta des


aus:
Lustpr4rbzjps
,,Vielen von
dienlicheaIchtriebe, fremddienliche altruistische
sprföht 8. Freud se4rbe Idee des Mensclien sehr Mar
uns mag es auüh schwer werden, auf den Glauben zu verzichten, daß Triebe, 8e1bsterha1tungs- und Selbstentfaltungs-,
zur Vervollkommniu'ig wohnt, der ihn
im
auf
Mensühen
seine
selbst
geganwArtige
ein Trieb
Höhe geistiger Leistung und ethischer 8ub1i- a,rterhaltende und artsteigernde Triebe, ferner

mierung gebraüht hat und man erwarten


von dem darf, daß er seine
EinzeIwesentriebe und Kollektivtriebe, 8tammes-
Entwiüklung zum besorgen
'Übermenschen wird. Allein ich glaube

niüht an einen solt.hen inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohl- triebe, Rudeltriebe usw.), zu einer sel'ir wieh-
Entwicklupg des Menschen
' tuende
scheinti
Illusion zu sühünen.
mir keiner anderen
Die bisherige
Erklärung zu bedürfen als die der Tiere,
tigen Einteilung der Urtriebe. Alle die reich ver-
und wati man an einer Minderzahl von mensühliühen
beobaühtet,
Individuen
fößt
als
sich
ästeltenTriebrichtungen, -impulse, die teils durch
rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung
ungezwungen als Folge der Tr €ebverararbgung verstehen, auf welche das denpsychoenergetischen Prozeß zwischen den stets
aufgebaut ist. - - - Die
anta,gonistischen Trieben allein, teils -im Menschen
Wertvonste Eln der menschlichen Kultur
' Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotisühen Phobie, die ja nichts

anderes als ein Fluchtversuah vor einer Triebbefriedigung istii geben " Vgl.den Abschnitt ,,Zm PM?osophieder Wahrnehmung" fö der

uns das Vorbild für die Entstphung dieses anscheföenden Vervollkomm- bereitszitiertenAbhandlung ,,Erkenntnis und Arbeit" fö dem Buch;
nungstiriebeg usw." (S. 40 f.) IMeWüsenrgfronnen Leipzig 1926.
uti dje Geaellschaft,,

32 33
- duffich geistige Verarbeitung der Triebregungen system gegenüber der Außenwelt - so fä,llt nach der

entspringen, lassen sich auf drei und nur arei,Ur- überzeugung des Verfassers unter den drei Ur-

triebmächte zurückführen. Dies sind l. die Fort- triebsystemen des lieres wie des Menschen dem

pflanzungstriebeundalleihreDerivate(Geschlechts- Fortpfla,nzungssystenü die primäre, dem Macht-

trieb, Brutpflegetrieb, Libido); 2. die Wachstums- system die sekuntföre, dem Ernährungssystem die

und Machttriebe; 3. die Triebe, die der Ernährung tertiä.re Rolle Zu. Die Triebpsychologie des Alterns

im weitesten Sinne dienen. EE5 kann hier nicht ge- bestä,tigt diese Annahme.

zeigt werden, wie diese drei Triebsysteme bereits Hier sei nun dara,uf aufmerksam gemacht, daß

mit den drei Keimbföttern. des Wirbeltierorganis- von drei einseitigen Trieblehrern - die der Verfas-

mus in engsterVerbindung stehen; und noch weni- ssr philosophisch allesamt als ,,Natura,listen" a,b-

ger, wie sich das reich verästelte Triebsystem schon lehnt, aber innerha,lb der Trieblehre als originale

der höheren Tiere und des primitiven Menschen aus Forscher verehrt - auch drei eigentümliche rwttwar-

ihnen ableiten fößt (die sogenannten Bedürfnisse, ljsti,sche(xeschjchtstheorjentie:ilshistorisch ausgingen,

ferner die Leidenscha,ften und die Interessen). teils mit ihnen sich doch in sinngesetzlicher Geda,n-

Sowohl die genetische Ursprünglichkeit a,lsdas kenparallele befinden. Faßt man schon den Men-

Gewicht dieser drei Urtriebsysteme ist von den schen als primär ausschließliches Triebwesen, seinen

großenTrieblehren garsehrverschiedeneingescMtzt sogenannten Geist genetisch aus Trieb und Per-

worden. Da, anes Wachstum - (auch der beka,nnte zeption herleitend z. B. aus ,,Verdrängung" und

Internist Fr. Kraus nennt es in seiner Pathologse ,,8ub1imierung", so können füe dieser naturalisti-

d,er Person den ,,Willen zur Macht" katexochen-, schen Idee des Menschen entsprechenden natura-

das mehr ist als Größenwachstum, auf intra- listischen Geschichtisauffassungen arei, Grundfor-

individueller Fortpflanzung (Teilung der Zellen) men a,nnehmen, je nachdem einem der drei oben

beruht, aa andererseits Ernä,hrung einer Zelleohne skizzierten Triebsysteme der Vorrang eingerä,umt

die sie fundierende Wachstumstendenz unmöglich wird:

ist ; da ferner die Pflanzen wohl ein Fortpflanzungs- A) Die sogenannte ökorbom4sr,he (marxistische)

und Ernährungssystem besitzep, a,bernicht wie das Geschichtsauffa,ssung, der die Geschichte primä,r

Tier ein immer mehr sich ausprägendes Macht- Klassenkampf und ,,Kampf um den Futterplatz"

34 35
ist, meint im System der Nahr'uingstrjebe füe mäch- i' und Geschehen festlegt - d. h. das grundbestim-
tigste und ausschlaggebendste Triebfeder alles kol- " mende Moment der Geschichte. Diese Geschichts-

lektiven Geschehens zu erfassen, und auch den gei- auffassung entsprichteinerLehrevomMenschen, die

stigen Kulturinhalt jeder Art nur als ppipMnomen mit Nietzsche, aber auch mit Ä. Adler, im ,,Willen

ansehen zu können und als verwickelt(en Umweg für zur Macht" und im,,Geltungs"-, d. h. vergeistigten

die Befriedigung dieses Triebes unter den yechseln- ' Machtstreben den Urmotor des Trieblebens sieht. Es

den Situationen der geschichtlichen Gesellschafti. I ist hier nicht der Ort, zu zeigen, wie sich diese spe-

B) Eine weitere naturalistische Geschichtsauf- zifisch politische Geschichtslehre bald (wie im kon-

fa,ssung erblickt in den Vorgängen der Bluts- , servativen Luthertum) mit religiösen Geschichts-

'm'aschwg und -'estmÄsch'uag, ferner im Wechsel ideen, bald mit reinem Naturalismus (Th. Hobbes,

der Systeme der Fortpfla,nzung und Zeugung die Machia,veni, Ottokar Lorentz), ba,ld mit ideolo-

unabMngige Variable alles Geschehens: Z. B. Go- gischen Geschichtslehren verbunden hat (so bei L.

bineau, Riatzenhofer, besonders Gumplowicz u. ai. , von Ranke, der sie mit seiner IdeenIehre verbindet),

Diese Art naturalistischer Geschichtsauffaasung bald weniger universal fast in politische Publizistik

entspricht einer Trieblehre, die im Urtrieb der Fort- ausartet (wie bei H. v. Treitschke und den nach-

pflanzung und seiner quantitativen und qualita- bismarckischen kIeindeutsch.en Historikern).

tiven Auswirkungen das primum movens der Ge- We:tin diese ganz- oder halb-bewußt naturalisti-

schichte sieht (8chopenhauer, Freud). .i schen Geschichtslehrenauchnochsogrundverschie-

C) Als eine letzte Abart naturalistischer Ge- dene Bilder der Geschichte entrollen, wie etwa das

schichtsauffa,ssungistdiemacAtyoXjtjscAe Geschichts- Bild des noch am Ausgang der Aufkfürung stehen-

auffassung zu nennen. 8chon an Th. Hobbes und den A. Com.te, der zuerst in seinem ,,Dreistaidien-

Ma,chiavelli ankniipfend, siehtsie in demAusfall der gesetz" die Geschichtenachden 8tafüendes mensch-

politischen, (also nicht ökonomisch fundierten) lichen Wissens und der menschlich-technischen Zi-

Machtkä,mpfe, d. h. der Herrschaftskämpfe der vilisa,tion einteilte und bewertete - ga,nZ ungeheuer

8taa,ten und der innerätaatlichen 8tände und Grup- - naiv sie an der modernen positiv-induktiven Wis-

pen, das Moment, das auch,-die Grundlinien für das senschaft, dem westeuropä.ischen Industrfölismus

mögliche ökonomische und geistig 'kulturelle 8ein und deren räumlich und zeitlich so beschränkten

36
Werttnaßstäben messend, dabei Religion wie Meta- ger fast - wider besseres Wissen. Das ist es, was
physik zu iiberholten jhasen des menschlichen sie auch den Geschichtslehren aus der christlichen
Geistes stempelnd :-, oder wie das Geschichtsbild und ra,tional humanitä.ren Anthropologie heraus
des ähnlich gesinnten H. Spencer, wie anderseits auf eine seltsam mystische '!Veise> verkniipft. Nur
das von K. Marx, der Rassenhistoriker und politi- Schopenhauer - 8che11ing war ihm ha,lb da,rin vor-
schen Ma,cht- und 8taatshistoriker, so bleibt doch angegangen - besitzt diesen Glauben ehrlich nicht.
anen diesen Typen von Anthropologie und Ge- Er ist der erste vollständige, einseitige a6sertew d,e
schichtslehre des Naturalismus eines streng ge- l'Europe und seines Geschichtsglaubens iiberhaupt:
meinsam. Und gemeinsam nicht nur untereinander, ,,8emper idem, sed aliter" ist seine berühmte De-
sondern gemeinsam auch mit densonstganzanders- vise und eine bloße sta,tiorföre Morphologie der
a,rtigenideologischen Geschichtsa,uffassqngen -: der 'Kulturen wa,r schon seine Forderung.*
mehr oder minder große Glaube an eine E'inhejt aer
Meri,schem,gesch4chte und der mehroderminder große IV
Glaube an eine sjnwolleEvolnti,ori,, einezu bejahende In dies bewunderungswerte Unisono der neu-
Bewegung der Gescliichte auf eiin großes erhabenes abendföndischen Anthropologie und Geschichts-
Ziel hin. Kant, Hegel, Ranke (der z. B. in seinen lehre bringt zuerst einen vollständigen Mißklang
Vorträ,gen vor König Max von Bayern, schon einige die vi,erte unter den fünf Ideen vom Menschen, die
erhebliche Abstriche macht, a,ber schließlich doch 'nnter uns herrschend sind. Ich möchte gleich
europäisch und libera,l orientiert bleibt), Comte, sagen: Diese vierte Idee ist «weder in ihrer Einheit,
8pencer, Darwin,Haeckel, K.Marxund Gumplowicz noch in ihrer Bedeutung, noch in ihrem relativen
und die rein politischen Historiker der nachbis- Rechte, bisher von der allgemeinen Bildungswelt
marckischen kleindeutschen 8chu1e (nur bei Gobi- begriffen und anerkannt worden. Es ist eine ab-
nea,u steht es a,nders) - sie alle verbindet ein mäch- seitige, eine seltsaime, aber eine doch lange histo-
tiger Gla,ube an irgendein Wertwaohstum der risch vorbereitete und - wenn man win - eine für
menschlichen Dinge, ja des Mönschen selbst, wenn alles bisherige abendfündische Fühlen und abend-
guch in sehr yerschiedene Zentren und Güter 'Ver-
* Vgl. hierzu das feine Schriftchen von H. Cysarz lÄteraturgesr,Mchte
legt. Ein Glaube oft wider Willen und - noch hä,ufi- als C!ejstemn €ssertschajt, Niemeyer, Halle 1926.

38 39
tiefsinnigen geistigen Vä.ter dieser Lehre, aber ihr
ländische furchtbare Idee. 4ber diese
Denken
geschickter Publizist, Theodor Lessing, brachte für
furchtbare Idee - könnte ja trotzdem wa,hr sein!
schwerhörige Ohren die These der neuen Lehre auf
Da,rum nehmen wir von ihr Notiz, wie es dem
die ansprechende Fortnel: ,,Der Mensch - d. h. eine
Philosophen ziemt.
Das Radikale dieser neuen Anthropologie und a,ufihren sogenannten,Geist' langsa,mgrößenwa,hn-
sirinig gewordene Rauba,ffenspezies." Etwas sa,ch-
Geschichtslehre besteht darin, daß sie gleichsam
in äußerster Opposition zu jenem gemeinaamen gemNßer hat der um die Probleme der Evolution

Glauben aller bisherigen Anthropologie und Ge- der Organe des Menschenleibes aus solchen ,tieri-

schichtslehre des Abendlandes von dem fortschrei- scher Vorfa,hren hochverdiente holfündische Ana-
tom L. Bolk daa Ergebnis seiner Forschungen zu-
tenden sapiens", oder ,,ho'mo faber", oder
,,bHomo
dem gefallenen, aber sich wieder emporrichtendffin sammengefaßt in dem Eiatze: ,,Der Mensch ist ein

und in der Zeitenmitte erlösten ,,Adam" der Chri- infa,ntiler Affe mit gestörter innerer 8ekretion ." *

sten, oder dem mannigfach sich zum,,Geistwesen" Auch der Berliner &zt Paul Jsberg win ein von

hinaufläuternden Triebwesen (der drei Arten von morphologischen Vergleichsmomenten absehendes

'Grundt,rieben),, den Satz von einer notwendigen - ,,Prinzip der Menschlichkeit" im ,,Prinzip der Or-

Dekadenz des Menschen in seiner sogenannten ganausschaltung"** gefunden haben. Der stark von

lOOOOjä.hrigen Geschichte entgögenstellt und sie Schopenhauer inspirierte Gedanke ist: eben da der
Mensch so wäffenlos seiner Umwelt gegenübersteht
schon inWesen und Ursprung des Menschen
selbst hineinverlegt. Auf die schlichte Frage:,,Was und im ganzen ihr SO viel weniger spezifisch an-

ist der Mensch für ein Ding ?" ist die Antwort die- gepaßt ist als seinenä,chsten tierischenVerwandten,

ser Antihropologie: der Mensch ist der auf seine da er sich organologisch ferner nicht weiter zu ent-

bloßen Eimrog;a;te (8prache, Werkzeug usw.) echter wickeln vermochte, hat sich die Tendenz in ihm

entfaltungsföhiger Lebenseigenschaften und Tätig- gebildeii, seine Orga,ne im Daseinskampf möglichst

keiten hin in krankhafter 8teigerung seines Selbst- auszuschalten zugunsten der Werkzeuge (wobei

gefühls dahin-lebende Desertew d,es Leberi,s über- auch 8prache, Begriffsbildung a,ls ,,immaterielle
. " Vg]. L. Bolk Das Problem der Menschsuerdung, Verlag G. Fischer,
haupt, seiner Grundwerte, seiner Gesetze, seines Jena 192(3.
heiligen kosmischen 8innes. Nicht die auf alle Fälle ** Vgl. P. Alsberg Das Menachhejtsrr'tsel, Dresden 1922.

40 4I
Werkzeuge" gewertet werden), füe die funktionene
Ausbildung und Höherbildung der 8innesorgane
unnötig machen. ist hiernach nicht
Die Vernunft
die schon vorausgesetzte geistige Kraft, die solche
Ausschaltung fordert und möglich macht, sondern
sie ist erst das Ergebnis jenes verneinenden Grund-

aktes der Ausschaltung - doch wohl eine Art


von Schopenhauers ,,Verneinung des Willens zum
Leben ."*
Der Mensch ist nach dieser Lehre also erstens-
nicht, wie manche Arten unter Pflanzen und Tie-
ren, irgend eine in der
Sackgasse der Entwicklung,
das Leben in bestimmter evolutiver Richtung nicht
mehr weiter kann, und darum Artentod eintritt -:
er ist ai,e 8ackgasse des Lebens überha,upt! Der
Mensch ist zweitens nicht etwa in generegeistes-
krank (das sind nur wenige Menschen); aber sein
sogenannter Geist selbst, seine sogenannteRia,tio,
- eben das, was ihn nach Aristoteles, Descartes,
Kant, Hegel, zum,,homo sa,piens" und gott-teilhaft
ma,cht, eben das auch, was seine besondere,,Ver-
gehirnlicliung" a,usmacht, d. h. daß eine so große
Summe von aufgenommener Energie nicht fiir das
Totum seiner Organisation, sondern einseitigst für
sein Großhirn und dessen Unterhalt (,,Sklave der
Rinde") verbraucht wird - ist eine Krankheit,
' Vgl. hierzu und zu dem Folgenden die Ausführungen
in D4e
8te1htng aes Menscherb jm Kosmos. .

42 43
i

sein" ! Und wa,s nennst du ,,frei wählen ?" Du die Idee des Monotheismus und des 8ündenfa11s-
nennst so die Tatsache, daß du oft schwankst, d. h. mythos zugleich (beide Ideen gehören ja, zusam-
nicht weißti, wohin und WOZlI - was das Tier stets men) erfunden ?* Ich will es dir sagen-deines auf-
unmittelbar und eindeutig, also besser weiß ! Und gedunsenen 8e1bstgefüh1s nicht achtend! Mensch-
wa,s ist Wissenscha,ft, Ratio,, Kunst, was die um lein - all das, und noch viel mehr, ha,st 4u gemacht
deiner Fruchtbarkeit willen so gesuchte Höherent- aus nichts anderetn als aus deiner Ibjologjsr:,hen

wicklung deiner sogenannten Zivilisation (Maschi- 8chwächeurixflOhnrnachtheraus, undaus deiner fata-


nen), die allerdings gestattet, immer mehr Men- lenbiologischenEntwicklungslosigkeit!All da,s sind
schen auf gleichem Erdstrich leben zu lassen ? Was armselige Surrogate eines Lebens, da,s du nicht wei-
ist das anes als Chw,es gesehen ? Ach, es ist nur ein ter entwickeln, über dich hinaus leben konntest ! All
sehr verwickelter Urnweg zu deiner so schwierigen das ,,Nein" zu Leben, zu Trieb, zu 8innesanschau-
Arterhaltung, die trotz deiner Anstrengungen, dich ung, zu Instinkt - das Neinsagen, das du recht
fortzupflanzen, immer schwieriger wird, eben je eigentlich ' bist, als sogenannter winens-mäch-
mehr du denkst und dich vergehirnlichst ! Warum tiger homo sapiens -, all dies Nein stammt aus
hast du denn Sprache - Menschlein ? warum deiner Ohnmacht, ein Lebewesen mit den gewohn-
Begriffe ? warum identifizierst du die vielen mo- ten Mitteln des Lebens und auf Grund seiner Ent-
difizierten schwebenden 8innesbi1der zu identi- faltungsgesetze iiber dich hinaus zu bauen, das
schen fiktiven Gegenstä.nden ? Wa,rum hast du Mehr-als-Messch wäre - Ubermerbsch! Da,s ist das
Werkzeuge erfunden einer stabilen Form zu be- Gesetz deines 8eins als Mensch selber !

stimmtem Zweck ? Wa,rum ha,st du innerhalb dei- Diese seltsameTheorie, die hier kurz undschlag-

ner Geschichte den 8taat, d. h. die Herrschaft.Ö- wortartig ausgeführt ist, ergibt sich nun allerdings
organisation an Stelle der bloß biologischenFührer- a,ls eine strenge logische Folge, wenn man - darin
organisation der Ältesten, der Xä,ter, der vorstaat- einig mit der ,,homo-sapiens<'-Lehre - Geist, respek-
a lichen Geschichte der Geschlechtsverbände ge- tive Vernunft, und Leben als zweiletzte metaphy-
macht ? bewußt gesetztes,,Recht" anstatt Gewohn- sische Agentien scheidet, hierbei a,ber Leben mit
heit und,,Tradition" des unbewußtenVolksganzen ? Seele identifiziert, Geist mit techxiischer Intel-
* Vgl. hierzu ,,Probleme einer Soziologie des Wissens': 8. 78 in
Und warum hast du im monarchischen Großstaat dem Werke D4e VVüsensjorrnerb und rX<eGeaellachrajt, Leipzig 1926.

44 45
ligenz, und zugleich - und das ist da,s Entschei- wenigstens in ihrer Form als homo sa,piens des
dende - die Lebenswerte zu den höchsten Werten a,usgesprochen a,bendföndischen Menschen - ein
macht. Geist wie Bewußtsein erscheinen dann ganz
faux pas aes Lebey gewesenist. Daß dieser patho-
folgerichtig als das das Leben- d. h. den Höchst- gene (,,Geist ist schmerzleidensgeboren"), zum
wert derWerte, schlechthinzerstörende, ja vernich- sicheren Tode führende Prozeß schon lO OOO Jahre
tende Prinzip. Der Geist ist da,nn ein Dämon, ja - dauert r- das a,llein besagt wahrlich nichts gegen
der Teufel, aje leben- und seelenzerstörende die Theorie ! lO OOO Jahre sind eben in der Ge-
Ma,cht. Geist und Leben sind hier nicht zwei auf- schichte einer Art erheblich weniger, als wenn für
einander angewiesene letzte Seinsprinzipien, inso- ein Individuum konstatiert wird, daß der Patient
fern als das Leben im Menschen und seine Triebe nach achttägiger Krankheit sanft verschiede:i'i ist !
die Realisationsfa,ktoren der geistigen Ideen und Die Phasen eben dieses Absterbeprozesses einer
Werte, der Geist im Menschen aber der ricMung- Lebensrichtung, diesfer Sackgasse, dieser Krankheit
und zielgebende Idea,tionsfa,ktor des Lebens ist,* des Lebens - die Mensch heißt -, sind strukturell
sondern erscheinen als zwei schlechthin antago- genau dieselben, nach denen sonst ein Lebewesen
nistische, ja feindliche Mä,chte. Wie ein metaphysi- altert und stirbt: fortschreitende überwindung der
scher Parasit erscheint hier der Geist, der sich in Lebens:kraft durch die Eigengesetzlichkeit der Me-
Leben und 8ee1e einbohrt, um sie zu zerstören. cha,nismen, die der Organismus im Altern a,us sich
Und eben dieser fortschreitende Zerstörungs- Belbst entlassen hat. Dieser Mechanismus aber, in
prozeß selbst - das ist nach dieser ungeheuerlichen den sich die Menschheit zunehmend sozusagen ver-
Panromantik einer schroff vitalistischen Wertlehre föngt und der sie zunehmend erwürgen wird, das
der etwa lO OOOjährige Spannra,um unserer soge- ist ihr eigener Zivilisationskosmos, der 8tück für
nannten,,Weltgeschichte" !DieMenschengeschichte 8tiick über die Kra,ft und Grenze ihres Willens und
ist hiernach nur der notwendige Absterbeprozeß Geistes hinauswä.chst -, der immer t'inlenkbarer,
einer von vornherein todwunden Art, todwund ge- immer eigengesetzlicher wird. Der Schritt vom
boren; einer Art, die schon in ihrem Ursprung - Ausdruck der 8ee1e zum Zweck, von Triebhaf-
* Vgl. über das Verhältnis von Ideationsfaktoren und Realisations- tigkeit zu bewußtem Wollen, von Lebens-
faktoren, Teil I der Abhandlung ,,Zur Soziologie des Wissens" in dem
Werke IXe W4asens%men und a4e Gesellsr,hrxjt, Leipzig 1926. gemeinschaft zu Gesellscl'iaft (F. Tönnies), von

46 47
damiti verbundener ,,organischer" zu ,,mechani- Es son hier nicht weiterge(sngen werden in der

scher" Weltanschauung, vom S3rnübo1 zum Begriff, Da,rstellung dieser gewiß falschen, aber mit wohl-
von Geschlechterordnung der Gemeinschaft zum erwogenen Gründen und sicher nicht weniger gut
kriegerischen Staat und zur Klassenscheidung, von unterstützten Theorie, als es die positivistische und

den mütterlichen chthonischen Religionen zu den ideologische ihrerseits sind. Nur sei noch einiges

geistigen Stifterreligionen, von Magie zu positiveio über die geistesgeschichtliche Herkunft dieser
Technik, von einer Meta,phys'ik der Symbole zu Theorie gesagt. Ältere Paten sind 8avigny und die
positiver Wissenscha,ft - das ist nach füeser Lehre spä,te (Heidelberger) .Riomantik,, schon weit schär-
eine strenge PhasenfolgeeinessicherenTodesweges, fer a,usgeprägt der gegenwä,rtig wieder so stark
dessen Ziel je verschiedene Kulturen zu verschiede- wirksame Bachöfen*. Paten sind ferner 8chopen-
nen Zeiten erreichen mögen, der aber auch der hauer mit seiner intuitiven Willensmetaphysik,
Menschheit a,ls ganzer in nicht zu ferner Zeit ge- freilich mit antifüonysischer indischer und christ-
setzt ist. Aber nicht nurseinem Seinundseiner Exi- lich persönIicher Wertung des Willensdra,nges ;
stenz nach, auch hinsichtlich seiner metaphysischen Nietzsche, der in seinem ,,dionysischen Pessi-
Erkenntniskr'äfte hat nach dieser Lehre der Mensch mismus" (,,ipsissimum"), besonders in seiner drit-
in seiner Geschichte mehr verloren als gewonnen. ten Periode, die Umwertung des Lebensdranges
Der füonysische Triebmensch, der hier - im ins Positive vollzog; 4n einigen Hinsichten auch
schroffen Gegensatz zur griechischen Erfindung des H. Bergson, una in gewissen Elementen auch die
,,homo sapiens", zum apollinischen Menschfö - moderne Richtung ;der Psychoana,lyse.
a,ls- das Gegenideal auftaucht, d. h. der Mensch, der Niemalsaberwä,re jenealteRomantikundwären
mit besonderen technischen Mitteln den Geist, diese Elemente der Paten zu einer grundlegendneu-
den großen Dämon, Ursurpator und Despoten des artigen Anthropologie und Geschichtslehre zusam-
Lebens, ausschaltet, um sich in dem einen Lebens- mengeschossen, hä,tten nicht Personen unseres ge-
drang einszufühlen, die verlorengegangene Einheit * Siehe das als Kulturdokument jedenfalls sehr interessante Buch

mit ihm wiederzugewinnen, der die ,,Bilder" der O. A. Bernoullis über Bachojen ui daa Nahtrsymbol, Basel 1924, sowie
A. Bäumlers ausgezeiühnete Binleitung zu seiner Neuherausgabe der

Welt tr%t - er ist es, der dem metaphysisch Wirk- Hauptschriften Bachofens in Der Mythos non (Ment und 0kz4derbt,Mün-
öhen 1926. Ferner Bäumlers Schrift Bachofen una N4etzsche, Verlag der
lichen am nächsten steht. Neuen 8chwe4zer Rundschau, Zürich 1929.

48 49
genwärtigen Zeita,lters aus eigenerlebenfüger Erfah- logischen Gehalt, nicht in ihrerWertung,identisch.
rungherausundinselbständigerForschera,rbeitdiese Vergleicht man diese neuartige, bisher in ihrer
' Id- een schöpferisch neu geprägt. Welcli Kinderspiel Geltung und Annahme wesentlich auf Deutschland
ist doch noch diealteRomantikmitihrerMittela1ter- beschrä,nkte Theorie vom Menschen mit där christ-
verehrung gegenüber dieser vita,listischen Pan- lich-theologischen, der rational-humanistischen
romantik, die im letzten Grunde am liebsten hinter ,,homo sapiens': und der positivistischen Theorie,
den homo sapiens des Diluviums selbst zurück respektive den einseitigen naturalistischen Trieb-
möchte! Und da ist es nun überaus merkwürdig, lehren, so ergeben sich hier nicht uninferessa,nte
da,ß Forscher ganz verschiedener Provenienz und Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten, Obgleich der
Vertreter grundverschiedener Wissenschaftenrecht Dionysismus alle geistigen, spirituellen Religio-
unabhängig voneinander zu ähnlichen Resultaten nen, also a,uch die jüdische und christliche, schroff
gelangten. Ich nenne von solchen Forschern Lud- ablehnen muß - den geistigen 8chöpfergott z. B., da,
wig Klages, den eigentlichen Philosophen und Ps,y- ja, eben fiir ihn der Geist der leben- und seelen-
chologen dieser anthropologischen Richtung; Ed- zehrende Dämonist -, so kommt er doch der christ-
gar Daqu6 als Paföogeographen und Geologen; lichen Anthropologie durch den Fallgedanken hin-
Leo Frobenius als Ethnologen; Oswa,ld Spengler durch wieder näher, besonders in der Form, wie sie
als Historiker, undTheodor Lessing.* Enfüich auch beiAugustinusvorliegt. Nurist fürihnnicht eigent-
die sogenannte fiktionalistische Erkenntffiistheorie lich ein schonvorhandener,,homo" gefa,llen, hat den
H. Vaihingers, die der neuen panromantischen An- Fall,,getan",nein,der homo,,sapiens" -eri,stselbst
thropologieeinigeFundamentegegebenhat. Istdoch der Fa,ll, die Schuld und die Siinde. Ähnlich be-
nach Vaihinger der Mensch seiner geistigen 8eite ruht beim al%n Schelling, Eichopenhauer und E.
nach a,n erster 8te11e das ,,nützliche Lebensfiktio- von Hartmann schon das pure Dasein der Welt
nen schaffende Tier". Die Gegenstandstheorie von selbst im Unterschiede von den in ihr realisierten
L, Klages und Vaihinger sind Z. B. in ihrem Ideen a,uf einem Abfall der Natur Gottes von

* Siehe L. Klages Mensch und Brde, Vom Wesen aea Bern4tse €ruü, deaB göttlichen Geist, respektive auf der Urschuld
Vom Koamogon4scherb Eroa ; E. Daque: Urrwe'Lt, 8age und. Mensdbhe4#, der blinden daseinsdurstigen 8ucht. Mit der ratio-
Natw urufl 8eele ; L. Frobenius : Pa €deuma ; Th. Lessing : Der Untergang
der Erde am Geiat. nalen Anthropologie teilt diese neue Anthropologie

50 5:t
8chei- Triebe, die er eben hierdurch verderbt und aus
anderseits die scharfe, ontologisch gemeinte
der ihrer natürlichen Harmonie bringt. Und dazu tritt
dung von Leben und Geist. Für Klages ist
dann eben noch die vitalistise:h-romantische Um-
,,eine" Geist, der in allen Menschen tätig ist, eben-
wertung des Geistes von einem gotthaft bilden-
sowenig aus einer natürIichen psychophysischen
wie für den aufba,uenden Prinzip in eine lebens-, ja daseins-
Entwicklung gradueller Art zu begreifen
isti feindliche dämonisch-metaphysische Macht*. Der
Aristoteles oder Kant oder Hegel. Der Geist
wie schä,rfste Gegner ist hier der eigentliche Positivis-
meta,physischer Provenienz - nicht empirischer,
mus von C!omte und 8pencer, da ja gerade da,s
bei den Positivisten und Nat'i;iralisten. Er ist also
kein bloßer ,,sublimierter Überbau zum Trieb- Zeichen- und Werkzeugstier, der ,,iiomo faber"
jenes Untier ist, das die Welt so verwüstet hat, wie
leben". Aber - und hier liegt der Kern des Irrtums
so ge- es uns Klages und Lessing in so starken Worten
dieser Lehre - dieser Geistbegriff ist schon
einschließt als da,s schildern. Gemeinsam mit den Triebpsychologen
faßt, daß er eigentlich nichts
ga,nz und den drei, den verschiedenen Trieblehren ent-
mittelbare Denken der technischen Intelligenz,
sprechenden naturalistischen Geschichtslehren wie-
ebenso also wie bei den Positivisten und Pragmä-
seiendes und derum gibt diese neue Anthropologie dem emotio-
tisten. Dieser Geist kann kein ontisch
brfassen. Seine Ge- nal-a,utonomen Triebleben und seinem unwillktir-
gültiges Ideen- und Wertreich
den Menschen lichen Ausdruck ein ungeheures Gewicht. Aber im
genstä,nde sind nur ,,ficta", die
Jagd nachihnenverlierii Gegensatz zu ihnen schreibt sie dem emotiona,len
äffen; und in der sinnlosen

er mehr und mehr seine Seele - den dunkelträch- Triebleben eine meta,ph3rsisch kognitive Funktion
also bleibt die zu,** allerdings die einzige mögliche, da ja die Ratio
tigen Mutterschoß seines 8eins. Hier
nur ,,.ficta" und leere ,,Anweisungen" auf das
T.0eorie durchaus abMngig von ihrem eigent]ichen
positivistisch-pragmatistischen Leben und die Anschauung produzieren soll. -
qegenspieler, der
die letzten Seiten des II. Bds. von O. Spenglerg
AnthropoIogie. Sie foIgt heimlich, indem sie ver- ' Vgl. hierzu auch
Urbtergang des Abenalanaes, wo ,,Geist und Geld" einsinnig ent-

folgt. Dieser Geist kann dem Menschen weder wertet erscheinen und jedem Volk der Untergang vorhergesagt wird,

das an ,,Wahrheit und Recht" mehr glaubt aIs an die Steigerung


X als Logos ein neues Seinsreich, noch a,ls reine seiner Macht.
sühreibt dem emotionalen Triebleben prinzi-
Liebe ein Wertreich eröffnen; er schafft nur im- *"' Aufö der Verfasser
piell eine solühe Funktion zu. Vgl. Wesen und Formerb der 8ympatMe,

mer kompliziertere Mittel und Mechanismen für Cohen, Bonn, III. Aufl. 1927.

52 53
v neue Form von Anthropologie hat füe Ubermerb-'

Und nun noch eine letzte, die fiüjte der heute schw,i,d,ee Nietzsches wieder aufgenommen und
vertretenen Ideen vom Menschen! Auch ihr wie- 'sie neua,rtig rational unterbaut. In s'treng philoso-
derum entspricht eine eigentümliche Historik. Diese phischer Gestalt geschieht dies vor allem bei zwei
Idee ist bisher wenig gekannt, vielleicht noch we- Philosophen, füe sehr gekannt zu sein verdienen:
niger als füe Qen entwickelte. bei Dietrich Heiririch Kerler und bei Nikolai Hart-
Wenn die letztgenannte Idee des Menschen den mann, dessen gro[3artige, tiefgründige ,,Ethik" die
Menschen,oderdochjenen,,homosapiens': denfasti philosophisch strengste und reinste Durchftihrung
die gesamte abendlä,ndische Geistesgeschichte mit der obigen Idee darstellt.*

d,em Menschen identifiziert hat, in einem Maße de- Es liegt sowohl bei D. H. Kerler wie bei N.
mtitigt, wie es bisher kein Gedankensystem der Ge- Hartmann ein neuartiger und mit allem abend-
schichte getan hat - ist er doch hiernach ,,das an lä,ndischen Atheismus vor Nietzsche ganz unver-
seinem Geist er:krankteTier" -, so fößt unsere fünfte gleichlicher Atheismus vor, der die Ba,sis bildet
Ideeumgekehrt das 8elbstbewußtseindesMenschen für diese neue Idee des Menschen. Ich pflege
auf eine Eitufe, auf eine so jähe, stolze, schwindlige ihn den poshtlatorjschen Mhejsrmts aes Erri,stes
Höhe emporschnellen, wie es gleichfalls keine sonst nnr] d,er Verrw,twort'uag zu nennen. Was besagt
beka,nnte Lehre je getan hat. Der ,,Ekel und die das ? In allem bisherigen Atheismus ( im weitesten
schtnerzliche Scham': als die Nietzsche den Men- 8inne) der Materialisten, Positivisten usw. galt das
schen im Zarathustra bezeichnet - die er aber erst Dasein eii'ies Gottes an sich für erwüascht, aber
wird, wenn er an der schimtnernden Gesta,lt des entweder nicht nachweisbar oder sonst direkt oder
übermenschen gemessen wird, des allein Ver- indirekt nicht erfaßbar, oder aus dem Weltföuf
antwortlichen und Verantwortungsfreudigen, des widerlegbar. Kant, der die Gottesbeweise widerlegt
Herrn, des 8chöpfers, des 8innes der Erde und der zu haben meinte, machte doch da,s Dasein eines
einzigen Rechtfertigung dessen, was man Mensch- der Vernunftidee Gott entsprechenden Gegen-
heit und Volk, Geschichte und Weltverlauf nennt,
* Vgl. D. H. Kerler Welhn €lle uri Wertw €lle, Leipzig 1926; ferner die
ja, der obersten Wertspitze des Seins selbst -, ist der kleine 8ührift Max Baheler um] d4e <mperaonaljstjsühe Lebensarbschauung,
Ulm 1917. N. Hartmapn EtMb, Berlin-Lei:zig 1926; dieses Werk setzti
emotionale Ausgangspunkt füeser Lehre. Diese meine Bemühungen um eine materiale Wertethik höchst fruühtbar fort.

54 55
standes zu einem ,,allgemeingültigen Postulat der einem Eiinne über Zukünftiges verfügte, ist der

praktischen Vernunft". Hier in dieser ri,etten Lehre Mensch als sittliches Wesen, als Person-vernichtet.

dagegen wird geradezu gesagt: Es möchte viel- ,,Man ha,t zu wählen: eptweder Teleologie der Natur

leicht sein, daß es im theoretischen etwas 8inne und des Seienden überhaupt, oder Teleologie des

wie einen Weltgrund, ein Ens a se gäbe - sei dieses Menschen". (8. 185). Oder: WäredieWeltdemMen-

X theistisch oder pantheistisch, rationa,l oder irra- schenirgendwie wesensgleich (und das, meintHart-

tional -; jedenfalls wissen wir nichts Aber davon. mann, nehmen alle bisherigen Gotteslehren an), SO

ganz unabhängig von Wissen und Nichtwissen ist geht die Eigena,rt des Menschenin seiner kosmischen

ausschlaggebend: Ein Gott olarf und soll nicht exi- Stenung verloren, E50 ist der Mensch entrechtet.

stieren, um der Verantwortung, der Freiheit, der Nicht die kausale Determination, nicht der Mecha-

Aufgabe - um des Sinnes vom Dasein des.Menschen nismus entrechtet ihn; er gibt ihm im Gegenteil

willen. Nietzsche schrieb den selten/von verstande- die Mittel, das, was er in der streng objektiven

nen Eia,tz: ,,Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich'es Ideen- und Wertordnung des idea,len 8eins erschaut

aus, kein Gott zu sein; also gibt es keine Götter." hat, in die Wirklichkeit einzup:fögen. Ja, der Me-

Hier ist der postulatorische Atheismus, das streng- chanismus ist das Instrument seiner Freiheit und

ste Gegenbild zum postula,torischen Theismus seiner souveränen, selbstverantwortlichen Ent-

Ka,nts,zuerstinScMrfeausgesprochen. Im21.Ka,pi- scheidungen. Aber jede Prädetermination der Zu-

tel von N. Hartmanns Ethjk ,,Teleologie der Werte kunft, die einWesen außer ihm setzte, - vernichtet

und Metaphysik des Mensöhen" findet sich dieser den Menschen als solchen. Heinrich Kerler drückte

,,postulatorische Atheismus der Vera,ntwortung=( diesen Gedanken einmal (in einem Briefe an den

zur höchsten Höhe geführt und streng wissenscha,ft- Verfasser) noch waghalsiger aus: ,,Was schiert

lich zu begründen versucht: Nur in einer mechani- mich der Weltgrund, wenn ich als sittliches Wesen

schen, oder doch nicht teleologisch gebauten Welt klar und einsichtig weiß, was gut ist und was ich

allein ha,t ein freies sittliches Wesen, hat eine,,Per- soll ? Gibt es einen Weltgrund und sollte er zu-

son': Existenzmöglichkeit. In einer Welt, die eine sa,mmenstimmen mit dem, was ich als gut einsehe,

Gottheit nach einem Plane erschaffen oder in der so sei er als mein Freund geachtet; stimtnt er nicht

eine Gottheit a.ußerhalb des Menschen in irgend- damit zusammen, so werde ich auf ihn spucken,

56 57
auch' wenn er mich und meine Zwecke als daaeien- Götter ausgesch'ütitieti ha,ben, gebührt dann dieser

des Wesen zermalmt." Hier sei wohl beachtet: In Art von Personen. In eisiger Einsamkeit und

dieser Form des ,,postulatorischen Atheismus" zu- a,bsolut- auf sich gestellt - und unableitbar - steht

erst ist füe Leugnung eines Gottes nicht als Ent- die Person bei beiden Philosophen, bei Hartmann

lastung von Verantwortung und als Minderung der wie bei Kerler, zwischen den zwei Ordnungen des

Selbstä.ndigkeit und Freiheit des Menschen emp- reale:ii Mechanismus und dem frei in sich schweben-

funden, sondern äußerste


gerade als die denkbar denReicheder objektivenWert-undIdeenordnung,

8tejger'ttrbg aer Verctri,tworturbg und 8o'iwerötni,tat. die durch keinen lebendigen geistigen Logos gesetzt

Nietzsche zuerst hatte die Folgen nicht nur ha,lb, ist. Auf nichts darf der Mensch sein Denken, seinen

sondern ganz zu Ende gedacht - nicht nur gedaeht, Winen stützen, um in den Weltlauf Richtung, 8inn,
sondern empfunden in der Tiefe des Herzens -, die Wert zu tragen. Auf nichts, weder auf eine Gott-

Folgen des Satzes ,,Gott ist tot". Er darf nur tot heit, die ihm mitteilt, was er soll oder nicht soll,

sein, wenn der Übermensch lebt - er, der gleichsam noeh gar auf so scMbige Gedankenfetzen alter

Übergöttische, er, die Rechtfertigung


alleinige Gottesmetaphysiken, wie es,,Entwicklung ,,," Ten-

des toten Gottes. 8o sagt auch Hartmann: ,,Die denz zum Fortschritt der Welt" oder der Ge-

Prädikate Gottes (Prädetermina,tion und Provi- schichte sind - oder gar auf kollektive Willensein-

denz) sind auf den Menschen zurückzubeziehen." heiten irgendeiner Art.

Aber wohlgemerkt: Nicht wie bei C!omte auf die {J@d was ist nun dieser Anthropologie die Ge-
humanitö, auf ,,das große Wesen': sondern auf die. schichte ? Auf diese Frage ha,t Kurt Breysig in sei-

Persorb - und zwar auf die Person, die da,s Maxi- nem neuen Werke über Hütorjk eine Antwort

mum von Verantwortungswillen, Rein- von Fülle, zu geben versucht. Wenn man auch diese Antwort

heit, EinsicIh:t und Macht besitzt. Menschheit, Völ- fa.lsch findet (wie der Verfasser) - jedenfa,lls ist a,ner-

ker, Geschichte der großen Kollektivitä,ten - das kennend von ihr zu sagen, daß hier der historische

alles sind hier nurUmwege zumin sich selbst ruhen- strenge Seins- und Wertpersonalismus ganz erheb-

den Eigenwert und Eigenglanz von dieser Art Per- lich vertieft ist. Werden doch hier die kollektiven

son. Die Fülle der Verehrung, der Liebe, der An- Mföchte der Geschichte nicht einfach geleugnet, wie

betung, die einst die Menschen auf Gott und ihre z. B. bei Treitschke, Carlyle - ,,Mfönner machen

58 59
sondern a,nerkannti, aber doch
die Geschichte('-,
wieder a,uf personale JKaitsautat zurück-
immer
Die tatsächliche Auswirkung einer sol-
gefiihrt.
chen Anthropologie in der Geschichtsschreibung

sehen wir wohl am deutlichsten in denjeni-


selbsti
des Stefan-George-Kreises, die sich
gen Mitgliedern
Dinge bemühen, vor allem in
um geschiehtliche
Werken über Shakespeare, Goethe,
F. Gundolfs
Ctäsar, George, Hölderlin, Kleist usw.

Geschichte auf dem Boden dieser Anthropologie

zur monumentalen Darstellung der


wirdvon selbst
Gestalt" 'VOn Helden und Genien oder,
,,geistigen
Nietzsche zu reden, der ,,höchsten Exem-
um mit
pla,re" der menschlichen Gattung.

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