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Städtebaulicher Wettbewerb

mit der Axt abgehackt, am Tempelhofer Damm Für diese Stadtlandschaft haben die Entwurfs­
mündet sie in einer Hochhausformation. Dort, verfasserinnen bauliche Cluster entwickelt, in
wo der 1. Preis diesen Ansatz in die Region über­ denen sich Landwirtschaft, private wie genos­

zum großen Berlin


setzt, verfolgt er die Verlängerung des beste­ senschaftliche Wohnbebauung und Flächen
henden Siedlungssterns entlang der Schienen­ für Energieversorgung die Waage halten. Die zu­
stränge mit Erhaltung der grünen Zwischenräu­ künftige Metropole, so die Idee, kann sich nur
me. Existierende Strukturen werden ergänzt und aus der Landschaft heraus entwickeln.

und zu Brandenburg
verdichtet und, so die vermutete Wachstums­ Auch der 4. Preis von Thomas Stellmach mit
perspektive 2070, Wohnraum für eine Million zu­ dem Büro fabulisme und Lysann Schmidt geht
Text Kaye Geipel sätzliche Bewohner geschaffen. von der künftigen Entwicklung des Landschafts­
In eine ähnliche Bresche springt der 3. Preis raums und der Grünräume der Stadt aus. Ein
von Marc Jordi, Susanne Keller und Alexander Netz von reaktivierten und neu angelegten Was­ 1. Preis  Einer der drei Ver­
tiefungsräume verdichtet
Pellnitz. Die Metropolregion wird hier vor allem im serwegen ergänzt den bisherigen Siedlungs­
die 80 Kilometer von Ber-
umliegenden Städtekranz verdichtet, wobei die stern und die dazwischenliegende Grünstruktur.

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lin entfernte Stadt Schwedt.
Planer von einer Verdoppelung (!) der Bevölke­ Verwegen wirkt der Vorschlag dort, wo das Prin­
Wie sieht die Zukunft der Me­ rung bis 2070 ausgehen. Im Berliner Stadtzent­ zip der Wasserwege auf das Teilgebiet Kreuz­
rum werden die Blockstrukturen mithilfe einer berg übertragen und der Bereich nördlich des Ur­
tropolregion Berlin aus? Ein Internationaler Städtebaulicher Ideenwettbewerb
Schwarzplan-Konzeption – nach dem Prinzip ei­ banhafens in eine niederländische Kanalland­
vom Architekten- und Ingeni­ nes strikten Gegenübers von geschlossenen schaft transformiert wird. Der 5. Preis schließlich
1. Preis (70.000 Euro) Bernd Albers und Silvia Malcovati,
Berlin, Potsdam, mit Vogt, Zürich, Berlin, und Arup, Berlin
eurverein zu Berlin-Branden­ Bauformen und offenen Stadträumen – weiter ging an den Madrider Architekten Pedro Pitarch, 2. Preis (56.000 Euro) Kopperroth/SMAQ, Berlin, und
burg AIV ausgelobter interna­ verdichtet. Wie wenig sich diese Arbeit mit dem der eine Art Revival eines Ungerschen Inselurba­ Alex Wall mit Stefan Tischer

aktuellen Nachdenken über städtebauliches Up­ nismus mit architekturhistorisch signifikanten 3. Preis (40.000 Euro) Jordi & Keller/ Pellnitz, Berlin,
tionaler Wettbewerb blickt 50 mit Christina Kautz und Ludwig Krause
cycling, neue Programme und Quartiersbeteili­ Versatzstücken propagiert.
Jahre nach vorne und sucht gung auseinandersetzt, zeigt sich am Beispiel Man darf sich wundern über die Debatten in
4. Preis (24.000 Euro) Thomas Stellmach/fabulism, Berlin,
L. Schmidt, M. Gómez), M. Andreas, F. Strenge
Perspektiven für die Transfor­ der intendierten Nachverdichtung der Berliner der Jury, die ein derart widersprüchliches Ideen­ 5. Preis (10.000 Euro) Pedro Pitarch, Madrid
mation. Die Ergebnisse sind Stadtmitte: das aktuelle Berliner Vorzeigeprojekt konglomerat zwischen Zukunftsorientierung und
Jury
„Haus der Statistik“ rund um die Plattenbauten Fortführung des Status quo prämiert hat. Der
enttäuschend. Die Fixierung Fachpreisrichter: Arno Lederer, Christoph Metzger, Hans
nordöstlich des Alexanderplatz (Heft 8.2019) wird 1. und der 3. Preis bestimmen die Zielrichtung des
auf „Realismus“ und massive
Kollhoff, Jo Coenen, Miroslav Šik, Reiner Nagel, Silke Weid­
einfach abgerissen zugunsten einer Blockbe­ Wettbewerbs, „in der Beschränkung“ zeige sich ner, Birgitte Bundesen Svarre, Cornelia Müller (1. Phase).
Verdichtung sind Ausdruck ei­ bauung nach Maßgabe des 19. Jahrhunderts. „der Meister“. Es geht um die Verdichtung der
Sachpreisrichter: Harald Bodenschatz, Katrin Lompscher,
Markus Tubbesing, Tobias Nöfer, Wolfgang Schuster, Be­
ner Haltung, die sich der dring- Der 2. Preis von Kopperoth, SMAQ, Alex Wall Hauptstadtregion. Dabei spielen die dringlichen nedikt Goebel, Guido Beermann, Melanie Semmer, Peter
und Stefan Tischer konzentriert sich auf die Fragen der aktuellen europäischen Metropolen­ Lemburg. Sachverständige: Carlo Becker, Manfred Kühne
lichen Auseinandersetzung Übergangszonen von Stadt und Landschaft und debatte, die im Zeichen der Coronakrise wie nie Auslober
mit neuen städtischen Lebens­ behandelt diesen „Saum“ zwischen Berlin und zuvor auf den Nägeln brennen, so gut wie keine Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg
modellen verweigert. Brandenburg als vordringliche Zukunftsaufgabe. Rolle: Welche neue Aufgaben muss der öffentli­ (AIV)

„Internationaler Wettbewerb Berlin Branden­ des Wettbewerbs verlangte von den Teilnehmern Vorsitzende des AIV, Tobias Nöfer so: Die Bewoh­
burg 2070“ – so der Titel des städtebaulichen einen Spagat zwischen regionalplanerischem ner würden mehr Enge und Dichte gerne tole­
Wettbewerbs, den der AIV und eine Reihe von Großraumdenken und architektonisch-stadträum­ rieren, wenn diese dem Konzept einer „schönen
Partnern 2019 auslobten und dessen Ergebnis­- licher Konkretisierung, das heißt: außer einem und lebenswerten Stadt“ folgten. Jene präsen­
se jetzt im Kronprinzenpalais Unter den Linden Gesamtkonzept für Berlin-Brandenburg die Aus­ tiert sich bei diesem Vorschlag als möglichst ho­
zu sehen sind. Ein Blick weit in die Zukunft also, wahl und Bearbeitung von drei Teilräumen. Ge­ mogene Abfolge aus geschlossenen Blocks,
und ein umfassender Auftrag an die Teilnehmer, fragt war eine „nachhaltige städtebauliche Ord­ Straßen und Plätzen. Bei ihrem Teilbereich ent­
sich über die europäische Metropolregion Ber­ nung des Wachstums der Großstadtregion.“ lang der Berliner Stadtautobahn südlich des
lin-Brandenburg, ihre mehr als 30.000 Quadrat­ 55 Teilnehmer beteiligten sich an dem zweistufi­ ehemaligen Flughafens Tempelhof etwa fädeln
kilometer und 6 Millionen Einwohner, Gedanken gen Wettbewerb, 18 kamen in die zweite Runde, die Preisträger Blockformationen entlang der
zu machen. Der Wettbewerb wurde parallel zur 5 von ihnen wurden prämiert. bisher teils unbebauten Ränder der Schnellstra­
Konzeption einer Ausstellung über die letzten ße auf, mit geometrischer Regelmäßigkeit und
100 Jahre Berliner Großstadtplanung durchge­ Die Preisträger in investorenfreundlicher Dichte. Ein Aufgreifen
führt. Aus ihr gewinnt er seine Orientierung. Aus­ Der 1. Preis ging an Bernd Albers, Silvia Malcovati der in der Nachbarschaft vorhandenen klein­
gangspunkt der Ausstellung ist der Wettbe­ und Günther Vogt und ihr Konzept „Zusammen­ teiligen Typologien erfolgt nicht. Die intendierte
werb „Groß-Berlin“ aus dem Jahr 1910 und die wachsen – Landschaf(f)tStadt“. Der Beitrag fußt Großstadtarchitektur wird dem Ort übergestülpt.
Großstadtwerdung Berlins am 1. Oktober 1920. auf einer Planungsauffassung, die die 90er Jah- Der Entwurf entwickelt sein Vokabular aus ei­
Von diesem Fixpunkt aus verfolgt die opulente re in Berlin geprägt hat und setzt diese eingängig nem räumlichen Werkzeugkasten, der politisch- 1. Preis „Zusammenwach­
sen – Landschaf(f)tStadt“,
Schau (Besprechung kommt in Heft 22.2020) fort. Er platziert in den drei untersuchten Teilräu­ ökonomische Rückendeckung garantiert, weil
Bernd Albers/Silvia Malco­
die wechselvolle und häufig widersprüchliche men Folgen von meist gleichen Baublöcken, die die gleichförmig großen Blöcke schnell und ein­ vati mit Vogt und Arup.
Berliner Großstadtplanung bis in die Gegenwart. – soweit sie Berlin betreffen – einer 2.0-Phase fach umzusetzen wären. Die Zwischenräume Vorschlag für die künftige
Der Wettbewerb hingegen will „Fragen des Bau­ Bebauung entlang der
des Planwerks Innenstadt entstammen könnten. der massiven Bebauung sind begrünte Resträu­
Stadtautobahn im Bereich
ens und Planens von morgen öffentlich disku­ Nur eben in Zukunft dichter, höher und enger. me. Die kilometerlange Straße, die die Blockrei­ Tempelhof/Südkreuz bis
tieren“. Der großmaßstäbliche territoriale Ansatz Bei der Ausstellungseröffnung erläuterte es der hen mittig zusammenhält, endet im Westen wie zum Jahr 2070.

14 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN Bauwelt 21.2020 Bauwelt 21.2020 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 15


losen Wohnungsbau aus der Klemme helfen

2 2. Preis „Stadtlandschaft
Brandenburg-Berlin 2070 –
Kontur einer Übergangs­
muss –, in seine entscheidende Phase tritt, kei­
ne habhaften Ideen aus dem Wettbewerb abzu­
4
gesellschaft“ von Kopper- leiten sind, worin liegt dann der Sinn einer Pers­
roth, SMAQ und Alex Wall
pektive 2070? Welche Zwischenschritte wären
mit Stefan Tischer
zu einem nachhaltigen Stadtumbau der Haupt­
stadtregion in 10, 20, 30, 40 Jahren sinnfällig?
Die Frage wird nicht einmal gestreift, Phasenplä­
ne waren laut Ausschreibung nicht gefordert.
Stattdessen haufenweise düstere Plangrafik und
eine eindeutige Botschaft: Städtebau wird auch
im Jahr 2070 von Experten gemacht.

Berlin als europäische Großstadtregion


Die Veranstalter weisen auf den europäischen
Kontext hin, in dem sich die Metropolregion ent­
wickelt und sehen Berlin in einer Reihe mit Mos­
kau, Paris, Wien und London, deren Planungsge­
schichte in den letzten 100 Jahren in der parallel
gezeigten Ausstellung aufgeblättert wird. Die
aktuelle Entwicklung und ihre Dynamik wird nur
angedeutet. Die neuen Steuerungsinstrumente,
mit denen es beispielsweise der Stadt Wien ge­
lingt, innovativen Wohnungsbau auch mit pri­
vaten Entwicklern in Kerngebieten wie dem Süd­
bahnhof umzusetzen, werden nicht analysiert.
4. Preis „Landschaft der Un­
terschiede“: Thomas Stell­
che Raum bewältigen? Wie funktioniert der sozia­-

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mach/fabulism. Vernetzung
le Ausgleich zwischen den unterschiedlich pros­ der Wasserwege in der
perierenden Stadtrandbezirken? Wie lässt sich Region, darunter der Teilbe­
reich Kreuzberg
eine stadtverträgliche Industrie integrieren, die Parallel
es erlaubt Wohnen und Arbeiten näher zusam­
menzubringen? Wie lassen sich Raumkonzepte Der AIV lobt den 1. Preis als „realistischen Vor­
für ein bezahlbares Wohnen anhand von beispiel­ schlag“. Darin ist ihm Recht zu geben. Realismus
haften Clustern umsetzen, bei denen auch Ge­ ja. Mit großen Plänen wird auf einen „Zielzustand
Fachmesse Lehmbau
nossenschaften die Federführung für die Quar­ 2070“ hingesteuert, der dem Extrapolieren eines des Dachverbandes Lehm e.V.
tiersentwicklung übernehmen? Welche neuen von der aktuellen Immobilienentwicklung be­
Stadträume entstehen im Umfeld der für Berlin stimmten Weiter-So entspricht. Aufbruchsstim­
lebenswichtigen Wissenschaftsstandorte? Wie mung ist nirgends zu sehen. Aber die Enttäu­
kann die Digitalisierung in den Umlandgemein­ schung über die vertane Chance dieses Wettbe­
den eingesetzt werden, um den Städtekranz werbs ist im Grunde nicht an den AIV zu richten.
besser miteinander zu verknüpfen? Welche Rol­- Das Programm, das der Verein auf die Beine ge­
le soll die „Stadt von unten“ bei der Konzeption stellt hat, Wettbewerb plus Ausstellung plus
städtischer Nachbarschaften spielen? Diese Fra­ Gesprächsprogramm, ist eine Leistung, die Res­
gen werden von den prämierten Arbeiten weder pekt verdient. Zumal sich der AIV über Lottogel­
vordringlich thematisiert noch beantwortet. Al­ der und private Sponsoren auch um die Finan­
lein die fantastische Ressource der Berliner zierung dieser Kraftanstrengung kümmern
Landschaft für die Umlandentwicklung wird im musste.
2. und 4. Preis mit neuen Ideen unterlegt. Die Kritik geht an das Land Berlin, das über

Seien
die Stadtforen hinaus die vielen offenen Kno­
Keine Ideen für den Speckgürtel ten zur Zukunft der Stadtentwicklung längst hät­
3. Preis „Sternarchipel Ber-
lin – Brandenburg“ von
Schließlich die in den nächsten Jahren entschei­
dende Frage nach dem Stadtrand, der Periphe­
5. Preis „Archipel – Labor:
Ein Atlas von urbanen In­
te zusammenbinden und für ein unabhängiges
Architekturzentrum hätte sorgen müssen, an Sie
dabei!
Jordi & Keller/ Pellnitz mit seln“ von Pedro Pitarch, Ma­
C. Kautz, L. Krause. Der rie. Der Berliner Speckgürtel ist kein eigentliches drid. Historisch bedeut- dem diese Fragen diskutiert würden. Die biede­
Städtekranz wird verdich­ Ziel dieses Wettbewerbs gewesen. Wenn aber same Versatzstücke kom­ re Visionslosigkeit, die dieser Wettbewerb sicht­
tet, die Teilbereiche West­ biniert der Architekt mit
dort, an den Rändern der Metropole, wo momen­ bar macht, zeigt vor allem dies: In Berlin fehlt ei­
kreuz und Stadtmitte erhal­ multifunktionalen Neubau­
ten konzentrierte Block­ tan die Auseinandersetzung zwischen einem ten. ne unabhängige, international anerkannte Insti­
bebauung. investorengetriebenen Laissez-faire der Bebau­ tution, die Woche für Woche die Debatten über
ung und einer möglichen programmgesteuerten die Form der künftigen Stadt und ihre Architek­

Foto: AdobeStock: kadirgul32


Konzeptentwicklung – die vor allem dem ideen­ tur anstößt und kritisch moderiert.

16 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN Bauwelt 21.2020 Bauwelt 21.2020 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 17


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