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Poste Italiane s.p.a.

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(conv.in L.27/02/2004 n°46)
art. 1, comma2, NE Bolzano
Tassa Pagata/Taxe Percue I.R.

DIE
FEU ERNACHT 1961
H I NTE RG R Ü N D E · PROTAG O N I STE N · FO LG E N
S O N D E R B E I L A G E Z U R T I R O L E R S C H Ü T Z E N Z E I T U N G N R . 3 -2 0 2 1 – J U L I 2 0 2 1

6 0 JA H R E F E U E R N A C H T —

TI RO LER STREBTEN STETS NACH FREI H EIT —

ZEITZEUGEN BERICHTEN:

E VA K L O T Z —

ERHARD HARTUNG —

SEPP MITTERHOFER —

H ELM UT G O LOWITSCH —

SEPP FORER —

SIEGFRIED STEGER —

HEINRICH OBERLEITER —
60 Jahre Feuernacht
von Renato des Dorides

Viele erinnern sich kaum an die damaligen Geschehnisse, einige verdrängen die Erinnerungen, manche der jüngeren
Generationen kennen die Ereignisse nur oberflächlich. Politikern fehlt oft der Mut, ungeklärte Ereignisse und auch
nachweislich inszenierte Falsch-Beschuldigungen über verübte Attentate aufzuklären, und sie entziehen sich leider auch
heute noch dieser heiklen Thematik. Zeitzeugen und Historiker stehen manchmal auf verlorenem Posten.

Heuer wollen wir uns an die Feuernacht vor 60 Jahren schen Sprachgruppe zugeteilt waren. Denkmäler wurden
erinnern. Die Feuernacht – und die darauffolgende Zeit beschädigt oder zerstört, patriotische Schriften ange-
− wird unvergessen bleiben. Aktionen, Verhaftungen, bracht und verbotene Tiroler Fahnen gehisst. Mehrere
unmenschliche Folterungen und langjährige Haftstrafen mutige Männer im Land wollten damals Zeichen setzen
oder Flucht ins Exil prägten unsere Landesgeschichte. und die Welt auf Ungerechtigkeit, Unterdrückung und
Diese bewirkte aber auch einiges Nachdenken und Um- auf die Fortführung einer vom Faschismus begonnenen
denken in Staat und Land. Heute wollen wir uns an diese Massenzuwanderung und gesteuerten Italianisierung
kritische Zeit im Lande erinnern und einige unserer Hel- aufmerksam machen. Rebellion und Aufstand lagen in der
den entsprechend zu Wort kommen lassen. Gemeinsame Luft. Unsere Schützen im südlichen Tirol waren patriotisch
Veranstaltungen des Südtiroler Schützenbundes und des und kämpferisch mit dabei. Das Land wurde durch unsere
Südtiroler Heimatbundes in Erinnerung an eine heikle Besatzer von Polizeikräften und Militär überschwemmt.
Phase des Freiheitskampfes in der Bombennacht von 1961 Nach anfangs ziellosen Rundumschlägen ging der Staat
und in den 60er Jahren lassen die mutigen Aktivitäten bald massiv in die Offensive und mit aller Härte wahllos
unserer Freiheitskämpfer nicht vergessen. gegen Freiheitskämpfer und vermutete Aktivisten vor.
Strenge staatliche Verbote und kriegszustandsähnliche
Die Luft war vor 60 Jahren explosiv geladen, es fielen Notverordnungen wurden erlassen − die Bevölkerung
Strommasten, vielerorts gingen Lichter aus, zugespro- willkürlich durch Kontrollen und Ausgangssperren ein-
chene − aber zuletzt nicht für uns Südtiroler vorgesehene geschüchtert. Verhaftungen und Folterungen standen
Volks-Wohnbauten − wurden im Rohzustand gesprengt auf der Tagesordnung und leider waren in der Folge auch
und unbrauchbar gemacht, da sie meist nur der italieni- mehrere Todesfälle zu beklagen.

Ein im Zuge der Feuernacht


gefällter Masten zwischen
Tramin und Kaltern oberhalb
des Kalterer Sees.

60 JAHRE FEUERNACHT 3
Diese Zeit des aktiven Widerstands
habe auch ich über Jahre persönlich miterlebt.

Ich leistete in den 60er Jahren von Anfang an meinen eigenen Beitrag
zum Freiheitskampf für unsere bedrohte Heimat − aus Überzeugung und
aus innerem Antrieb. Solidaritätsbekundungen und Risikobereitschaft zu
Aktivitäten standen an vorderster Stelle. Nach meinem Militärdienst zog es
mich im Dezember 1960 überstürzt nach Bayern − und ich suchte sofort
Kontakt zu Südtirol-Kreisen in München. In der Folge lernte ich einige
Gesinnungsgenossen und Freiheitskämpfer in Bayern und Tirol kennen. In
Zusammenarbeit mit dem damaligen Bayerischen Landwirtschaftsminister
Josef Ertl, dem Kulturwerk für Südtirol und weiteren Hilfsorganisationen
für Südtirol verhalf ich Landsleuten und flüchtigen Freiheitskämpfern un-
terzukommen. Als Landesbeauftragter des AHB in Bayern organisierte ich
Informationsveranstaltungen, Vorträge, Demonstrationen mit provokanten Renato des Dorides,
Landeskommandant des
Transparenten für Südtirol und sammelte Hilfsgelder für in Not geratene
Südtiroler Schützenbundes
Häftlingsfamilien, die ich persönlich überbrachte. Jede Fahrt mit dem Auto
in die Heimat bedeutete, ein hohes Risiko einzugehen und große Gefahr
wegen dem Mittransportierten für Verbindungsleute in der Heimat.

In Bozen und Innsbruck nahm ich fallweise an verdeckten Besprechungen


im Kreise engster Vertrauensleute teil. Überwachungen und Kontrollen in
Bayern und Südtirol standen wiederholt an. Geheimdienst-Dokumentatio-
nen – des BND aus München und des SISDE aus Italien − füllten bald eine
dicke Akte mit Bildnachweisen über meine Person. Freunde und Vertraute
warnten mich rechtzeitig über eine sich für mich zuspitzende Lage. Eine
Festsetzung stand bevor und ich konnte mich eines Tages in einer heiklen
Situation bei einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd durch Zivilbeamte
einer Festnahme durch Flucht geschickt entziehen. Mit einigen Kame-
raden suchten wir vorbeugend nach einem versteckten Grenzübergang
von Obergurgl im Ötztal über die Grenze und fanden ihn über Fels, Eis
und Schnee am Gurgler Kamm über das Königsjoch mit Seil-Absicherung
ins südliche Tirol. Spät am Nachmittag erreichte unsere Mannschaft die
zwischenzeitlich von der ital. Finanzwache gesprengte Seewertal-Hütte.
Angeblich hätten sich dort wiederholt Schmuggler und „terroristi“ versteckt.
(Im Grenzbereich gab es Schießbefehl auf Grenzgänger mit verstecktem
Übertritt.) Es folgte daher ein nicht vorgesehener Gewaltmarsch bis in die
Nacht zum Gasthof Hochfirst im oberen Passeiertal, wo wir einige Stunden
Rast machten. In Meran erkundigten sich bereits Carabinieri über unseren
Aufenthalt, der verraten wurde. Wieder entkamen wir rechtzeitig. Anschlag in Schlanders. Es ging vor
allem darum, mit symbolischen Aktio-
Der Südtiroler Heimatbund zählte mich nach seiner Öffnung auch für nen gegen Einrichtungen des Staates
die Weltöffentlichkeit auf das Südtirol-
nicht ehemalige Häftlinge zu einem der ersten aufgenommenen Mitglieder. problem aufmerksam zu machen.

4 TSZ SONDERNUMMER 2021


Einige Zeitzeugen berichten in
dieser Sonderausgabe aus
ihren Erinnerungen:

Eva Klotz (als Tochter von Jörg Klotz),


Erhard Hartung, Sepp Mitterhofer, Helmut
Golowitsch, Sepp Forer, Siegfried Steger
und Heinrich Oberleiter.

Eva Klotz

Das Land wurde spätestens im Sommer 1961 von


Polizeikräften und Militär überschwemmt. Nach anfangs Erhard Hartung
ziellosen Rundumschlägen ging der Staat bald massiv
in die Offensive und mit aller Härte wahllos gegen
Freiheitskämpfer und vermutete Aktivisten vor.

Sepp Mitterhofer

Der aktive Kampf um die Freiheit

Mitglieder des BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) und auch


vielfach Schützen waren aktiv an Aktionen des Widerstandes
beteiligt und wurden deshalb besonders vom Staat überwacht
Helmut Golowitsch
und kontrolliert.

Entsprechende Erinnerungen und Aussagen über den Einsatz


einiger Helden im Kampf um die Heimat in der Feuernacht
und in den 60er Jahren finden in dieser Sonderbroschüre
der Tiroler Schützenzeitung Niederschlag. Sepp Forer

Siegfried Steger

Heinrich Oberleiter

60 JAHRE FEUERNACHT 5
WIR WOLLEN
EIN EHRENDES
GEDENKEN FÜR ALLE
VERSTORBENEN
AKTIVISTEN UND
FREIHEITSKÄMPFER
HALTEN, DIE MIT
IHREM EINSATZ
FÜR DIE HEIMAT
DAZU BEIGETRAGEN
HABEN, DASS SICH
IN DER POLITIK
GEGENÜBER
SÜDTIROL ETWAS
GEÄNDERT HAT:

Hans Stieler, Paul Pichler, Sepp Kerschbaumer, Toni Gost- Stampfl, Anton Stieler, Josef Sullmann, Bruno Veronesi,
ner, Franz Höfler, Luis Amplatz, Jörg Klotz, Jörg Pircher, Eduard Widmoser.
Sepp Innerhofer, Kurt Welser, Herbert Klier, Heinrich
Klier, Fritz Molden, Wolfgang Pfaundler, Josef Fontana, Weitere, hier nicht erwähnte Aktivisten im Freiheitskampf
Heinrich Oberleiter, Peter Kienesberger, Norbert Burger, für unsere Heimat Tirol in den 60er und in den folgenden
Luis Gutmann, Karl Thaler, Hans Clementi, Siegfried Jahren haben ebenso unseren Respekt und unsere An-
Carli, Alfons Obermair, Luis Steinegger, Luis Hauser, Gün- erkennung für ihr Wirken verdient und werden niemals
ther Andergassen, Johann Barbieri, Johann Clementi, vergessen bleiben.
Sepp Donà, Alois Egger, Josef Fabi, Karl Frötscher, Franz
Gamper, Walter Gruber, Helmut Heuberger, Rosa Klotz, Ihre Taten wollen wir nicht verherrlichen, aber ihr Wir-
Martin Koch, Josef Laner, Karl Masoner, Rudolf Marth, ken wird uns in Erinnerung bleiben, da sie mit mutigem
Norbert Mumelter, Livio Pergol, Otto Petermair, Wendelin Einsatz für unser Land gekämpft haben und mit nötigem
Pfitscher, Othmar Plunger, Karl Recla, Lorenz Riegler, Druck dazu beigetragen haben, die Politik des Staates für
Franz Riegler, Alois Schönauer, Viktoria Stadlmayer, Hans das südliche Tirol zu überdenken.

6 TSZ SONDERNUMMER 2021


Tiroler strebten stets nach Freiheit
von Mag. phil. Andreas Raffeiner

Der Südtiroler Freiheitskampf der späten 1950er und der 1960er Jahre
knüpft an eine lange Historie Tiroler Freiheitskämpfe an. Das Land an
Etsch und Inn, im Herzen der Alpen gelegen, war gelegentlich heiß um-
stritten. Die epochemachende Landes- und Wehrverfassung trug folglich
dafür Sorge, dass jede kriegerische Auseinandersetzung um Tirol einem
Krieg um die Freiheiten und Rechte seiner Kinder gleichkam. Mehr noch:
So waren die deutschen, ladinischen und italienischen Tiroler tapfer,
wenn es um den Abwehrkampf für Österreich ging. Dem gegenüber waren
sie mitunter auch auf sich allein gestellt.

Die Tiroler Freiheit als Lebensexilier

In den fünfeinhalb Jahrhunderten seiner Zugehörigkeit zu Österreich


hat Tirol immer ein gewisses Eigenrechtmaß besessen, mehr als andere
Länder, weil es ja unter anderen Voraussetzungen zu Österreich kam. Je
mehr Österreich dieses Eigenrecht achtete und schätzte, umso wertvollere
Dienste konnten und wollten die wehrhaften Tiroler leisten. Man muss
aber wissen, dass lediglich ein autonomes und politisch eigenberechtig-
tes Bauerntum die Taten von 1809 verbringen konnte. Tirol ist eines der
wenigen Länder, in denen der mittelalterliche Bauer dauernd Sitz und
Stimme in den ständischen Beratungskörpern hatte. So erlangte er in den
Landgemeinden eine weitgehende Selbstverwaltung. Belege, die bis in das
13. Jahrhundert zurückreichen, bezeugen, dass die Tiroler Talschaften ihre
Ludwig (1315–1361) der Brandenburger
Angelegenheiten auf den jährlich stattfindenden Bauernschaftsversamm- war der älteste Sohn des römisch-
lungen selbst in die Hand nahmen. deutschen Königs und späteren
Kaisers Ludwig des Bayern. 1342 wurde
er durch die Heirat mit der Erbtochter
1342 musste Landesfürst Markgraf Ludwig von Brandenburg die Rech- Margarete (Maultasch) von Tirol-
te und Freiheiten der Tiroler Landstände, zu denen neben Klerus und Görz, die sich von ihrem ersten Mann
Johann Heinrich von Böhmen getrennt
Adel auch die Bürger und Bauern gehörten, festlegen. Ferner musste hatte, auch Tiroler Landesfürst.
er beschwören, dass kein Tiroler seinem zuständigen Richter entzogen
oder ohne ordnungsgemäßes Verfahren abgeurteilt werden dürfte. Im
restlichen Europa waren die Bauern unfrei; sie unterstanden der Willkür
der jeweiligen Fürsten und fristeten ihr Dasein in Leibeigenschafft. Kein
Landesherr wagte es in der mitunter bewegten Geschichte Tirols, die
althergebrachten und dem Tiroler Volk heiligen und unveräußerlichen
Freiheitsrechte infrage zu stellen.

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Von Herzog Leopold IV. von Österreich
bis zum Landlibell

Herzog Leopold IV. von Österreich erließ in den ersten Jahren


des 15. Jahrhunderts für Tirol eine Ordnung hinsichtlich der
Regelung der Rechte des Bauernstandes. Folglich waren
Grundherr und Bauern vor dem landesfürstlichen
Gericht gleichgestellt. Leopolds Bruder Friedrich
IV. (Herzog Friedl mit der leeren Tasche) berief
zudem einen Landtag ein, in dem neben dem
Adel und der Geistlichkeit auch die Bürger und
Bauern die Geschicke des Landes berieten und
auch über eine Entscheidungskraft verfüg-
ten. Der Landesfürst durfte auf keinen Fall in
eine Gerichtsverhandlung eingreifen. Dass das
einfache Tiroler Volk im Laufe der Zeit einen
eigenen Gemeinschaftssinn an den Tag legte,
wurde offenkundig. Es ist ferner auch klar, dass
die Verteidigung des Landes keineswegs Sache
des Adels, sondern jene des gesamten Volkes ist.
Das angedeutete Zusammengehörigkeitsgefühl orien-
tierte sich am Interesse des Landes und nicht an einem
einzelnen Stand, zumal im Kriegsfall durch den Feind das
Das Wappen
ganze Land und nicht eine Schicht bedroht wurde. Durch diese Leopolds IV. von
Entwicklung entstand das Tiroler Schützenwesen, und nur in diesem Österreich
Zusammenhang ist das Landlibell von 1511 zu verstehen.

Zwischen dem Tiroler Landlibell und dem Kampf gegen die Freischärler Garibaldis

Ohne Einverständnis der Landstände durfte von Tirol aus keine kriegerische wohl der bekannteste Freiheitskämpfer
Auseinandersetzung ausgehen. Alle Tiroler vom 18. bis zum 60. Lebensjahr jener Zeit. Die Beschreibung seines Le-
wurden zur Verteidigung des eigenen Landes verpflichtet. Zu einem Kriegs- bens und seiner Taten würde das Aus-
dienst außerhalb der Tiroler Landesgrenzen durften sie nicht herangezogen maß der Abhandlung um ein Vielfaches
werden. Unter Maria Theresia − wir befinden uns nun in der zweiten Hälfte sprengen und kann zu einem anderen
des 18. Jahrhunderts − und unter der Epoche des aufgeklärten Absolutismus Zeitpunkt beschrieben werden. Die Ti-
kam es dazu, dass die Tiroler Landesfreiheiten keinesfalls mehr ihre Bestä- roler Standschützen kämpften auch in
tigung fanden. Das Landlibell blieb jedoch aufrecht. Die Tiroler bewährten den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts
sich in vielen Kriegen; mit den Bayern in den Erbfolgekriegen, später in gegen die Freischärler Garibaldis und
den Jahren 1797 und 1809 vor allem mit den napoleonischen Truppen, verteidigten in Welschtirol geschickt die
wenngleich auch unterstützt durch reguläre Einheiten des österreichischen Südgrenze Tirols.
Militärs. Andreas Hofer als Oberkommandant und Anführer der Tiroler ist

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Szene aus dem
Tiroler Freiheitskampf

Zwischen einem halben Jahrhundert Frieden und


dem italienischen „Treubruch“

Nachdem bis 1914 die Lage angespannt, jedoch aber friedlich war und sogar das Königreich
Italien mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich verbündet war, glaubte zu Beginn
des Ersten Weltkriegs niemand, dass der anfangs neutrale, südliche Bündnispartner schon
im zweiten Kriegsjahr Morgenluft witterte und durch den Londoner Geheimvertrag das
italienische Welschtirol, sondern auch das deutsche und ladinische Tirol bis zum Brenner-
pass an sich zu reißen gedachte. Die k.u.k.-Soldaten, unter ihnen viele Tiroler, kämpften
im Osten gegen Truppen des Zarenreichs Russland. Die Einmaligkeit des Landlibells, im
Kriegsfall außerhalb des eigenen Landes nicht zu den Waffen gerufen zu werden, verlor
seine Wirksamkeit. Die Südgrenze des Habsburgerreiches war ungeschützt, und auch wenn
Österreich-Ungarn Italien für den Preis der weiteren Neutralität Welschtirol und Gebiete am
Isonzo zusicherte und einwilligte, Triest den Status einer „freien Stadt“ zu gewähren, blickten
italienisch-nationalistische Kreise sehnsüchtig auf den Alpenhauptkamm. Frankreich und
England, die zwei führenden Entente-Mächte, boten mehr. Es ging Italien schon lange nicht
mehr um das Heimholen „unerlöster italienischer Gebiete“ – man denke an die Losung „Tri-

Abwehr eines
italienischen Angriffes
im Ersten Weltkrieg

60 JAHRE FEUERNACHT 9
ent und Triest“, sondern um die imperialistisch
angehauchte Zielsetzung, die mit der Erobe-
rung des deutschen und ladinischen Tirol bis
zum Brennerpass gleichzusetzen war. Während
an der Ostfront unzählige Soldaten der k.u.k.-
Armee ihr junges Leben verloren, rückten zwei
Drittel des italienischen Aufgebotes an der alten
Reichsgrenze auf. Trotzdem schien Italien kaum
etwas zu wagen, denn die allermeisten Ange-
hörigen der österreich-ungarischen Truppen
standen in Galizien und in den Karpaten. Die
neue Front an der Südgrenze war von Truppen
entblößt; die Luftlinie vom Stilfser Joch bis zu
den Julischen Alpen betrug 600 Kilometer. In
diesem Gebiet standen im Mai 1915 in Tirol we-
nige Landsturm- und Marschbataillone. An der
Dolomitenfront standen aber 160.000 Italiener,
zum Kampf bereit, im Einsatz. Dessen ungeach-
tet stießen 40.000 zusätzliche Landesverteidiger,
ihres Zeichens zum größten Teil Standschützen
aus Vorarlberg, in Tirol auf. Sie stammten aus
dem deutschen und ladinischen, wie aus dem
treuen italienischen Tirol. In der Stunde der
allerhöchsten Bedrängnis meldeten sich auch
Kriegsfreiwillige aus Oberösterreich, der Stei-
ermark und Salzburg, um an der Südfront zu Dass die Bevölkerung in den ersten Monaten nach
Kriegsbeginn auch in den kleinen Dörfern bis auf die
kämpfen. Schüler, Studenten, Lehrlinge, Bau-
Grenzen ihrer Belastbarkeit mobilisiert werden konnte,
ernburschen und Gymnasiasten zog es an die zeigt eindrucksvoll die Gemeinde Stilfes-Trens. Im Bild
Front, um das Vordringen der einst verbündeten die Standschützen vor dem Abmarsch an die Front im
Jahre 1915, von denen allein von dieser Gemeinde ins-
italienischen Truppen zu verhindern. gesamt 50 Männer nicht überlebten. (aus: Das 20. Jahr-
hundert in Südtirol I - Hrsg. Gottfried Solderer, S. 260)

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Kriegsende 1918 und Teilung Tirols

Man kann das wohl als größtes Zeichen des Zusammenhalts beschreiben,
wenn im November 1918, als die Monarchie zusammenbrach, sowohl Ti-
roler Standschützen als auch Kriegsfreiwillige aus Kärnten, Oberösterreich,
Salzburgs und der Steiermark auf dem Ortler standen. Sie hielten tapfer
ihre Stellung und mussten mit ansehen, wie das Land dem Feind preisge-
geben wurde. Sie waren militärisch unbesiegt und trotzdem mussten sie
die Besetzung ihrer Heimat hinnehmen. Die Teilung Tirols, in den jüngeren
Ausgaben der „Tiroler Schützenzeitung“ oft thematisch angeschnitten, war
für viele ein Schock. Die überlebenden k.u.k.-Soldaten von 1915 bis 1918
übermittelten ihren Kindern auch im Stillen ihre Heimatliebe. Als Beispiele
können die geheimem Katakombenschulen oder der Widerstand gegen
die Unterjochung und die durch die Faschisten geplante Vernichtung des
Tiroler Volkstums angeführt werden. Sie waren es auch, die nach dem
Zweiten Weltkrieg das Schützenwesen aufbauten.

Vom Pariser Vertrag 1946 bis zur Kundgebung Bereits auf der ersten Kundgebung auf
auf Schloss Sigmundskron im Jahr 1957 Sigmundskron, im Frühling 1946, hatten sich
auf dem Schloss 20.000 Menschen eingefun-
den. Im Unterschied zu 1957 war es damals
Nachdem nach dem Zweiten Weltkrieg Südtirol nicht zu Österreich heim- eine reine Selbstbestimmungskundgebung.
kehren durfte und das Begehr nach Selbstbestimmung durch die Alliier-
ten abgelehnt wurde, kam es in der französischen Hauptstadt Paris zur
Unterzeichnung des Gruber-Degasperi-Abkommens. Die Außenminister
Österreichs und Italiens einigten sich auf eine Autonomie für Südtirol,
die aber in den ersten Jahren eine Farce sondergleichen war. Schon zwei
Jahre nach Abschluss des Vertrages wurde Südtirol mit der südlichen
Nachbarprovinz Trient zu einer Region zusammengefasst, sodass die
Italiener – sowohl politisch als auch zahlenmäßig – die Mehrheit inne-
hatten und wohl eher die Interessen der römischen Regierung als jene
der deutschen und ladinischen Mitbewohner der Region umsetzten und
forcierten. Die staatlich geförderte Zuwanderung für Italiener aus dem
Süden ging weiter. Auch wenn die Faschisten nicht mehr an der Macht
waren und Italien durch einen Volksentscheid zur Republik wurde, war
das demokratische Italien keineswegs bereit, die nationalistischen Ideen
von Mussolini, Tolomei und Co. zu beseitigen und die Territorialautonomie
den Südtirolern deutscher und ladinischer Muttersprache halbwegs zu
gewähren oder den Minderheitenschutz, die Minderheiten als Mehrwert
zu sehen, tolerant und weitherzig umzusetzen. Kanonikus Gamper, der
geistige Anführer der Südtiroler, schrieb in einem „Dolomiten“-Artikel im
Oktober 1953 vom „Todesmarsch“, auf dem sich seine Landsleute befinden,
„wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt“. Wenige Jahre später
führten einige junge Südtiroler einige Demonstrationsanschläge durch,

60 JAHRE FEUERNACHT 11
um das europäische Gewissen auf das Land von Etsch,
Eisack und Rienz aufmerksam zu machen. Hans Stieler
und seine Mitstreiter wurden eingesperrt und teils schwer
misshandelt. Der Frangarter Kaufmann Sepp Kersch-
baumer gründete den Befreiungsausschuss Südtirol und
protestierte mit friedlichen Mitteln gegen die Italianisie-
rungspolitik Roms „unter demokratischem Denkmantel“
im Herzen der Alpen. Der 17. November 1957 ging in die
Geschichte Südtirols ein. 35.000 Südtiroler protestierten
auf einer großen Kundgebung im Innenhof von Schloss
Sigmundskron. Während SVP-Obmann Silvius Magnago
von einem „Los von Trient“ sprach, verteilte Kerschbau-
mer Flugblätter, die die gefährliche Lage Südtirols und die
italienischen Unterdrückungsmaßnahmen zum Inhalt
hatten. Die Bevölkerung Südtirols hingegen wollte zum
größten Teil das „Los von Rom“, das mit der Ausübung
des äußeren Selbstbestimmungsrechts anzusehen ist.

Der Weg zur „Feuernacht“

Nachdem sich Österreich, seit dem Staatsvertrag des Jah-


res 1955 ein souveräner Staat, an die Vereinten Nationen
wandte und zweimal das Südtirolproblem auf die Agenda
setzte, um eine Lösung in die Wege zu leiten, wollten die
Angehörigen des Befreiungsausschusses Südtirol die Welt Die Kundgebung von Sigmundskron 1957. Nicht wenige
auf die Lage in Südtirol aufmerksam machen. Sowohl waren enttäuscht, dass nach der Kundgebung nicht
Außenminister Bruno Kreisky als auch die Nordtiroler noch nach Bozen marschiert wurde. Besonders eine
Gruppe um Sepp Kerschbaumer, Jörg Pircher jun. und
Landesräte Rupert Zechtl und Aloys Oberhammer wussten Luis Amplatz hatte sich dafür stark gemacht.
Bescheid. Sie unterstützten die Südtiroler Aktivisten, die
sich zum Ziel setzten, nur Sachschäden zu verursachen
und keine Menschenleben in Gefahr zu bringen. Mittler-
weile wurde Magnago Landeshauptmann, und auch er
wurde vage in Kenntnis gesetzt, was denn nun bevorstehen
würde. Kerschbaumer und Jörg Klotz machten ihm in
unmissverständlicher Art klar, dass es von nun an Wider-
standshandlungen kommen werde; Einzelheiten wurden
nicht benannt. Die Sprengung des „Aluminium-Duce“
bei Waidbruck sowie des ehemaligen Wohnhauses des
Ettore Tolomei und Neubauten, in denen Wohnungen für
italienische Zuwanderer erstellt werden sollten, standen
auf der Tagesordnung. Rom reagierte scharf und setzte
sich dafür ein, ein Ausbürgerungsgesetz für Südtiroler ins
Leben zu rufen. Nachdem die zahlreichen Verhandlungen
zwischen Österreich und Italien ergebnislos blieben,
schien der Weg zur „Feuernacht“ vorgezeichnet.

12 TSZ SONDERNUMMER 2021


Die Heimat und das
Himmelreich gewinnen
keine Halben
von Dr. Eva Klotz

Georg – Jörg – Klotz war an der Feuernacht nicht beteiligt. Innerhalb des
BAS war es zu Meinungsverschiedenheiten über die Art des Freiheitskamp-
fes gekommen. Klotz war wie Wolfgang Pfaundler und andere BAS-Leute
in Nord-Tirol überzeugt, dass bloße „Nadelstiche“ oder eine einmalige
größere Sprengaktion nicht zum Ziel führen würden, nämlich Freiheit
durch Loslösung Südtirols von Italien und Wiedervereinigung Tirols. Nur
wenn das italienische Heer mit spektakulären Aktionen, aber ohne gezielt
auf Menschen zu schießen, so in Angst versetzt würde, dass es sich dem
Dienst verweigere, würde die italienische Politik nachziehen und Südti-
rol freigeben müssen. Er hatte aber vor der Feuernacht von einem seiner
Kameraden Botschaft erhalten, er solle schauen, in jener Nacht möglichst
lange unter Leuten zu sein. Jörg wusste, was das bedeutete und hielt sich bis
über Mitternacht mit anderen Männern im Dorfgasthaus auf. Wenige Tage
danach wurde er jedoch als erster geholt. Er war durch den Wiederaufbau
des Schützenwesens längst ins Visier der Staatsmacht geraten. Er wurde
einem Kreuzverhör unterzogen, das 4 Tage und 4 Nächte dauerte, ohne
Essen und Trinken. Da man ihm aber nichts nachweisen konnte, sagte Georg Klotz unmittelbar nach seiner
man schließlich: „Klotz, wir wissen, Sie haben mit der Sache zu tun, aber Flucht aus Südtirol im Sommer 1961,
wir machen Ihnen ein Angebot: Wenn Sie sich aus allem heraushalten, bereits im Nordtiroler Exil und vor sei-
nen ersten Kommandounternehmen
wollen wir Ihnen für Ihr ganzes Leben das Gehalt eines Offiziers bezahlen!“ nach Südtirol.

Da wusste er: Die haben nichts gegen mich in der Hand, also wollen sie
mich kaufen! Er stand auf und antwortete: „Meine Herren, Sie wissen, ich
bin Tiroler!“ Er durfte gehen. Aber er war fix und fertig, und vor allem wusste
er, dass er so etwas nicht noch einmal durchstehen würde, ohne Namen zu
nennen. Er war längst im Befreiungsausschuss tätig und auf seinen Einsatz
vorbereitet. Die Lage in Südtirol hatte sich nämlich dramatisch zugespitzt:
Vor allem für junge Leute gab es kaum Möglichkeiten einer eigenen Existenz.
Die öffentlichen Stellen und Sozialwohnungen gingen fast ausschließlich
an zugewanderte Italiener. Der Staat förderte diese Zuwanderung massiv,
und immer mehr junge Südtiroler waren gezwungen, auszuwandern. Alles
lief darauf hinaus, dass die Südtiroler in ihrer eigenen Heimat in abseh-
barer Zeit zu einer bedeutungslosen Minderheit würden. Als Jörg wenige
Wochen später ein zweites Mal geholt werden sollte, flüchtete er – mit Hilfe
seiner Frau. Das bedeutete für die Familie in Walten – sechs minderjährige
Kinder − Ausnahmezustand: Hausdurchsuchungen zu jeder Tages- und
Nachtzeit, Bespitzelungen, Drangsalierung, ein Maschinengewehr mitten

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 13


im Hausgang! Jörg gelangte unbemerkt nach Innsbruck.
Dort traf er Luis Amplatz, die Pusterer Buabm und an-
dere, denen ebenso die Flucht gelungen war. Als sie von
den schweren Folterungen in den Carabinieri-Kasernen
hörten, schickten sie ein Ultimatum an Italien: Wenn es
nicht für menschenwürdige Zustände bei den Verhören
sorge, würden die Freiheitskämpfer eine schärfere Gang-
art einschlagen! Doch es wurde weiter gefoltert. Also
wurden Aktionen geplant, die Jörg noch im Herbst 1961
mit Helfern durchführte. Devise war: Die Folterknechte
sollen spüren, was Todesangst ist! Es wurde keinem ein
Haar gekrümmt, aber der Schrecken saß tief! Damit war
Jörg zum Staatsfeind Nr. 1 in Italien geworden. Es tat alles,
um seiner habhaft zu werden. Als das nicht gelang, wurde
der Mordplan ausgeführt. Jörg war mit Luis Amplatz im
September 1964 heimlich nach Südtirol gekommen. Ein
gedungener Mörder, Christian Kerbler aus Hall, streckte
den schlafenden Amplatz in einer Heuhütte in Passeier
nieder und verletzte Jörg schwer. Mit einem Steckschuss in
der Brust, einem Streifschuss an der Lippe und ziemlichem
Blutverlust konnte er entkommen. Nach 42-stündigem
Marsch unter unbeschreiblichen Strapazen und nur dank
seines eisernen Willens, den Italienern nicht lebend in
die Hände zu fallen, erreichte er Nordtirol. Als ihm der
Arzt im Krankenhaus von Wörgl das entfernte Geschoss
in die Hand legte, durchzuckte es Jörg. Erst da begriff er,
was wirklich geschehen war.

Es konnte nicht so abgelaufen sein, wie er bis dahin ge-


glaubt hatte, nämlich, dass ein Spähtrupp wahllos eine Ein Bild, welches Wolfgang Pfaundler von seinen
Garbe auf das Dach der Heuhütte abgefeuert habe und Freunden Jörg Klotz, Luis Amplatz und Kurt Welser (r.)
dann weitergezogen sei. Während seines Gewaltmarsches 1962/63 in Innsbruck angefertigt hatte.

hatte Jörg viel gegrübelt: Wie konnte es sein, dass Luis


tot, er selber schwer verwundet, dem Kerbler aber nichts
passiert war. Immer wieder hatte er sich gedanklich in die
Hütte zurückversetzt: „Ja, wenn der in der Mitte direkt
unter dem dicken First zu liegen kommt, der Luis und ich Operation und den schrecklichen Ereignissen musste
aber nur unter schwächeren Rofen oder Schindeln, dann Jörg wieder nach Wien in die Verbannung, und es begann
tut’s ihm nichts, weil die Kugeln da nicht durchkommen, die schlimmste Zeit für ihn: Allein, weit weg von Familie
aber uns trifft’s, die Schindeln schießen’s durch!“ Jörg hat- und Heimat, gezeichnet von den schweren Wochen und
te, noch etwas benommen von der Operation, die Kugel, Tagen: „Wenn einer von Dreien nicht nur ein Verräter,
die er sozusagen als Beweisstück in seiner Brust getragen sondern ein Killer ist, hört sich jeder Freiheitskampf auf“,
hatte, ungläubig gemustert: „9 mm… 9 mm kurz, das ist sagte er mehrmals. Zu alledem musste er sich und seinen
zu kurz… da stimmt etwas nicht! Das ist von der Beretta, toten Kameraden Amplatz gegen übelste Verleumdungen
von der italienischen Dienstwaffe… Wenn die Walschen vor allem seitens der Presse verteidigen und gerichtlich
da obi schießen, dann schießen’s mit der MP und nicht abwehren. Mit dem Erlös aus den gewonnenen Prozessen
mit der Beretta… Nein, so eine Lumperei gibt es nicht!“ kaufte er die notwendige technische Ausrüstung für einen
Der Auftragsmord des italienischen Staates war damit Privatsender, um den Freiheitskampf mit modernsten Mit-
ans Tageslicht gekommen. Nach der Genesung von der teln fortzusetzen. Italien übte nach den ersten Sendungen,

14 TSZ SONDERNUMMER 2021


in denen Jörg mehrmals zur Ausübung des Selbstbestimmungs-
rechtes aufgerufen hatte, massiven Druck auf Wien aus. Auf
Weisung der ÖVP-Bundesregierung wurde er daraufhin
nach Linz in Schubhaft gebracht, was die Auslieferung
an Italien befürchten ließ. Am 20. Februar 1966, dem
Todestag Andreas Hofers, trat Jörg dort einen 14-tä-
gigen Hungerstreik an und war bereit zu sterben:
„Gott mit Südtirol!“ ließ er die Öffentlichkeit über
seinen Anwalt wissen. Als die Ärzte nach Über-
stellung ins Krankenhaus akute Lebensgefahr
bestätigt hatten und ein großer Protestzug vor
der Polizeidirektion seine Freilassung gefordert
hatte, gaben die Politiker nach. Jörg durfte nach
einigen Wochen ärztlicher Betreuung bei treuen
Freunden in Oberösterreich wieder nach Tirol.
Bald aber stellten sich große Sorgen anderer Art
ein: Da man seiner weder lebend noch tot hatte hab-
haft werden können, ging man auf die Familie los, griff
zu Psychoterror und Sippenhaft. Seine Frau Rosa wurde
qualvollen Verhören unterzogen und 14 Monate und 10 Tage
in Untersuchungshaft genommen. Für die Kinder, die schließlich
Frühe sechziger Jahre.
auf andere Familien aufgeteilt wurden, begann die schlimmste Zeit: Jörg trägt auf diesem Bild
Der Vater in Verbannung und längere Zeit wegen Waffenbesitzes die Windjacke, wie sie die
im Gefängnis im fernen Wien, und in Italien auch für Taten, die er Freiheitskämpfer bei ihren
Einsätzen in Südtirol
nicht begangen hatte, zu lebenslänglich verurteilt; die Mutter im getragen haben.
italienischen Kerker!

Jörg, der wegen seiner politischen Tätigkeit und Aufrufe im Sender


„Freies Tirol“ weiter in ständiger Gefahr war, verzehrte sich vor Heim-
weh und Sorgen um die Seinen. Magengeschwüre verschlimmerten
seinen gesundheitlichen Zustand so sehr, dass er aus der Wiener Haft
zwecks Operation zu einem Spezialisten in die Klinik nach Innsbruck
durfte. Nach Genesung und Absitzen der Reststrafe zog er sich als
Köhler und Holzarbeiter in eine einsame Hütte im Stubaier Ruetztal
zurück. Dort ereilte ihn am 24. Jänner 1976, knapp 56-jährig, der Tod
durch Lungenembolie. Die unbeschreiblichen körperlichen und
seelischen Strapazen zuerst im Krieg, dann im Freiheitskampf, in
Exil, Haft und Verbannung, hatten ihren Tribut gefordert! Jörg hatte
diese unermesslichen Opfer und den bedingungslosen Einsatz für
die Heimat auch dank des Rückhalts seiner Familie erbringen kön-
nen. Und außer den vielen Verrätern gab es immer auch Leute, die
geholfen haben! Heute kann man ohne jede Verbitterung sagen: Hätte
es den Freiheitskampf nicht gegeben, wäre Italien längst an sein Ziel
gekommen und unsere Heimat wäre zu einer ganz gewöhnlichen
italienischen Provinz geworden. Einer der Pusterer Buabm hatte es
so formuliert: „Wenn wir jetzt nicht lauter werden, dann hört uns
die Welt nicht mehr!“

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 15


Es war ein Beitrag zur politischen
und wirtschaftlichen Verbesserung
Südtirols
von Univ. Prof. Dr. Erhard Hartung

Um zu verstehen, warum ich mich als gebürtiger Innsbrucker und 20-jähriger, politisch
und sozial interessierter Medizinstudent 1963 dem BAS (Befreiungsausschuss Südtirol)
angeschlossen habe, ist es erforderlich, über die Konflikte, die sich in der Nachkriegszeit,
besonders aber Ende der 1950er und Anfangs der 1960er Jahre weltweit, in Europa
und speziell in Südtirol ereignet haben, informiert zu sein.

Im Vordergrund standen damals der Kalte Krieg zwischen


den USA und der Sowjetunion, mit den Volksaufständen
in Ostberlin, der DDR (1953) und in Ungarn (1956), die
durch Freiheitskämpfe erlangte Unabhängigkeit britischer,
französischer, italienischer und niederländischer Kolonien
in Asien und Afrika, die Wiedergeburt des Staates Israel mit
nachfolgender Problematik (1948, Nahostkriege) sowie
in Europa der Freiheitskampf in Zypern (1955 -1960) und
die Unabhängigkeit Maltas (1964). Unabhängig davon
beeindruckten mich der Sturz des kubanischen Diktators
Battista (1959) durch Fidel Castro und den Arzt Ernesto
Che Guevara sowie der Beginn der Erinnerung an den
Innsbrucker Medizinstudenten Christoph Probst, der ob
seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus zum
Tode verurteilt und hingerichtet wurde (1943).

Große Freude bereitete mir die Wiederherstellung der Erhard Hartung als Angeklagter beim Prozess in Wien.
Souveränität Österreichs (1955), welches für den Krieg
und die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht ver-
antwortlich war. Die Hoffnung, dass in Südtirol sämtliche Im Nachkriegsitalien wurden die Südtiroler vielfältig
faschistischen Relikte beseitigt und die freiheitlich de- benachteiligt und unterdrückt. Es gab kaum eine Familie,
mokratische Grundordnung mit dem Recht auf Selbst- welche nicht durch noch immer geltendes faschistisches
bestimmung verwirklicht würden, war berechtigt, da Recht oder ob ihres österreichischen Volkstums politisch
Italien den Krieg verloren hat. Im Pariser Friedensvertrag verfolgt war. Absehbar war, dass die Südtiroler durch
wurde den Südtirolern die Selbstbestimmung abermals staatlich geförderte italienische Zuwanderung in Kürze
verweigert, dafür eine Sondervereinbarung beschlossen. nicht nur im Staat, der sie annektiert hatte, sondern auch
Rom hielt seine Verpflichtungen nicht ein und versuchte in der eigenen Heimat zur Minderheit werden. Wieder-
sein Vorgehen durch das von Hitler und Mussolini den holte Bemühungen Österreichs, die bedrohte Existenz der
Südtirolern zugefügte Unrecht (Option) zu begründen. Südtiroler zu verbessern, wurde von Rom abgelehnt, da

16 TSZ SONDERNUMMER 2021


Südtirol „eine inneritalienische Angelegenheit sei“. All das habe ich durch
wiederholte und häufige Besuche in Südtirol und durch meine dortigen
familiären Bande persönlich beobachtet und erlebt. Mit Freude habe ich
daher erlebt, dass das vormals dem Faschismus gewidmete Reiterstandbild
Mussolinis in Waidbruck vernichtet (Jänner 1961) und in der so genannten
Feuernacht (Juni 1961) fast 40 Elektromasten und andere Symbole der
italienischen Kolonialpolitik in Südtirol gesprengt wurden.

In Flugblättern begründete der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) die-


se Aktionen und forderte die Selbstbestimmung. Europa wurde auf das
ca. 40
Südtirol-Problem aufmerksam, und Italien setzte die sogenannte 19er-
Kommission zur Lösung ein. Gleichzeitig verwandelte sich Südtirol in gesprengte
ein Heerlager von Tausenden von Besatzungssoldaten und in eine An- Strommasten
sammlung verschiedenster Dienste. Sinnlose Verordnungen der Politik
wie Beschlagnahme von Eigentum, Ausgangssperren und Verboten er-
schwerten das Leben der Bevölkerung. Dazu kamen noch der Terror, die
Inhaftierungen und Folterungen, teilweise mit Todesfolge, von hunderten
politischen Gefangenen seitens der Carabinieri und das Zusehen der Justiz
sowie der Erschießung von am Freiheitskampf unbeteiligten Zivilisten. All
diese durch nichts zu rechtfertigende Gewalt im Auftrag des italienischen
Staates war meinen Studienkollegen und der Bevölkerung bekannt. Daher
stellte ich mir die Frage, was kann ich tun, um Leid zu lindern und Ge-
rechtigkeit einzufordern. Ist das Sammeln von Geld, die Verbreitung von
durch die
Informationsmaterial und das Pinseln von Aufschriften ausreichend, oder
muss ich mehr einbringen, um meinen Landsleuten zu helfen und den Feuernacht
Freiheitskampf erfolgreich fortzusetzen? Zur Beantwortung dieser mich
wurde die
sehr bewegenden Fragen habe ich mich mit aktiven Freiheitskämpfern
19er-Kommission
und moralischen Autoritäten getroffen und entschieden, dass ich − was
eingesetzt
immer mich auch erwarten möge − meinen Gewissen folgen müsse. Die
medizinischen Wertvorstellungen und hohen ethischen Anforderungen
aktiver Freiheitskämpfer, die teilweise bereits im Widerstand zum NS-
Regime standen, waren meine Leitlinien. Um mich in die Materie eines
Freiheitskampfes einzuarbeiten, habe ich u.a. die Publikationen von General
Georgios Grivas und von Erzbischof Makarios studiert, welche gemeinsam Beschlagnahme
den zypriotischen Freiheitskampf führten. Dies hatte zur Folge, dass ich mir von Eigentum
eine eigene finanzielle Unabhängigkeit aufbaute, technische Neuerungen
Ausgangssperren
in den Freiheitskampf einbrachte sowie mir Zeit, Ort und Personen der
Zusammenarbeit persönlich aussuchte. Auch habe ich dadurch gelernt, Verbote
dass die militärische Besetzung den Besatzer mehr kosten als einbringen
muss, um erfolgreich zu sein. Der mir persönlich bekannte spätere Uni-
versitätsprofessor Dr. Helmut Heuberger war mein erster Ansprechpartner
im BAS; durch ihn wurde ich mit anderen Freiheitskämpfern bekannt. Da Unmittelbare Reaktion
dieser kleine Personenkreis vielfach unter Beobachtung stand, waren solche Italiens auf die Feuernacht

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 17


Treffen zur eigenen Sicherheit stets sehr vertraulich. Mein
Südtirol-Einsatz war ob meines gleichzeitigen Studiums
und meiner Arbeit als Werkstudent nur wenigen bekannt.
So konnte ich bis zum Herbst 1967 uneingeschränkt nach
Südtirol fahren und mich dort vollkommen frei bewegen
und tätig werden. Meine Aktivitäten für den BAS bestan-
den überwiegend im Transport von Paketen nach Südtirol;
diese übergab ich entweder persönlich den vorgesehenen
Empfängern oder deponierte sie an vereinbarter Stelle.
Mir waren fast alle Südtiroler Gegenden gut bekannt.
Die lokalen Orts- und Personenkenntnisse, besonders
im italienischen Stadtteil Bozens, waren für mich von
großem Vorteil. Gelegentlich habe ich gemeinsam mit
Kameraden „Entlastungsaktivitäten“ durchgeführt, um
bereits als verdächtig geltenden Tirolern ein sicheres
Alibi zu gewähren. Zusätzlich habe ich für Anschläge
geeignete Objekte ausgesucht und deren Bewachung
beobachtet. Gleich anderen Kollegen habe ich Freiheits-
kämpfer medizinisch versorgt, ohne das der Behörde zu
melden. Ich war aber der einzige Arzt, der unbewaffnet,
mit einer Rotkreuzbinde am Arm und 1.-Hilfe-Material im
Rucksack an drei gefährlichen Einsätzen im Hochgebirge
teilgenommen hat, bei welchen mit Verletzungen von
Kameraden zu rechnen war. Dabei habe ich erfahren,
wie groß die Hilfe der lokalen Bevölkerung und wie stark
die Angst der dort gegen uns eingesetzten italienischen

Mit dem Sprengstoffanschlag am 31. Januar 1961 in


Soldaten war. Wegen so einer Aufforderung bin ich 1967
Waidbruck trat der BAS zum ersten Mal selbst aktiv in im Grenzgebiet Richtung Porzescharte aufgestiegen, um
Erscheinung. Dabei wurde das faschistische Reiter- einen angeblich verwundeten Freiheitskämpfer zu bergen.
standbild „Al genio del fascismo“ (nach 1945: „Al genio
del lavoro“), der so genannte „Aluminium-Duce“, vor Leider hat sich das als eine bis dahin mehrfach praktizierte
dem dortigen Kraftwerk, von den Nordtiroler BAS-Mit- italienische Falle erwiesen, in welcher Freiheitskämpfer
gliedern Kurt Welser, Heinrich Klier und dem Südtiroler
entführt oder ermordet wurden. Sehr erstaunt war ich zu
BAS-Mitglied Martl Koch gesprengt.
erfahren, dass dort − kurz nachdem ich in der Nähe war −
ein Strommast gesprengt und vier italienische Soldaten
einer Spezialeinheit durch Minen getötet wurden. Zehn
Tage nach diesem Vorfall wurde Österreich von Italien
erpresst, diesen als ein Attentat des BAS anzuerkennen.
Jahre später schrieb mir der damalige österreichische
Justizminister Prof. Dr. Klecatsky in einem persönlichen
Brief, dass alles „für eine inneritalienische Manipulation
auf der Porzescharte spricht“.

18 TSZ SONDERNUMMER 2021


Franz Höflers Leichnam im Bozner
Spital. Er wurde nach der Feuernacht
am 15. Juli 1961 verhaftet und zunächst
ins Bezirksgefängnis Meran gebracht,
wo er nach eigener Aussage (in
einem Brief vom 26. September)
gefoltert wurde. Später wurde er mit
anderen Gefährten ins Gefängnis von
Bozen gebracht; er starb nur 28-jährig
unter bis heute ungeklärten Umstän-
den. Er war am 17. November wegen
Lähmungserscheinungen in eine
Krankenzelle des Bozner Kranken-
hauses eingeliefert worden.

Nach ihrer Inhaftierung bei Brixen haben zwei Nordtiroler Freiheitskämpfer −


nach tagelangen schwersten Folterungen durch Carabinieri in Bozen − u.a. mich
wahrheitswidrig beschuldigt, Urheber dieses Vorfalls zu sein. Um nicht „auf der
Flucht erschossen“ zu werden, unterzeichneten sie vorgefertigte Protokolle. Bei
Geheimtreffen in Zürich wurde die österreichische Staatspolizei von den italieni-
schen Behörden illegal darüber informiert. Als Folge wurde ich unter Mordverdacht
fast 15 Monate in Österreich in Einzel- Untersuchungshaft gesperrt. Bis 1975 lebte
ich in Deutschland im politischen Asyl, da erst dann das Verfahren in Österreich,
nach erfolgtem Freispruch in Wien, eingestellt wurde.

Mehrere Gutachten und Erkenntnisse österreichischer Justizverfahren haben


bestätigt, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der BAS und
ich mit dem Vorfall auf der Porzescharte (1967) nichts zu tun haben und dass die
amtlich festgestellten italienischen Behauptungen so nicht stattgefunden haben

1971 war Erhard Hartung zusammen


mit Peter Kienesberger und Egon
Kufner vom Vorwurf freigesprochen
worden, an der Porzescharte ein
Minenattentat verübt zu haben.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 19


können. Letztendlich ist meine nach faschistischem Recht
in Abwesenheit in Florenz (1971) erfolgte Verurteilung zu
lebenslanger Haft ein Fehlurteil, welches nach Erkenntnis
österreichischer und deutscher Höchstgerichte nicht den
europäischen Rechtsnormen entspricht. Dem wieder-
holten Wunsch österreichischer Politiker und des Süd-
bzw. des Nordtiroler Landtages sowie der Mehrheit der
Südtiroler Bevölkerung, zur Beseitigung innerethnischen
Spannungen die Strafverfolgung von in Abwesenheit
zu hohen Haftstrafen verurteilten Freiheitskämpfern
zu annullieren, hat die italienische Politik bisher nicht
entsprochen. So werde ich − basierend auf der zwischen
den italienischen und österreichischen Außenministern
in Kopenhagen getroffenen Vereinbarung (1969) betreff
der Strafverfolgung von Südtiroler Freiheitskämpfern
− einen Wiederaufnahmeantrag meiner italienischen
Verurteilung stellen. Der ehemalige österreichische Bundespräsident
Dr. Heinz Fischer im Austausch mit dem
In Deutschland war ich im „Verein Luis-Amplatz-Spende“ Freiheitskämpfer Dr. Erhard Hartung.

tätig und habe Gelder für bedürftige Südtiroler Familien,


deren Ernährer aus politischen Gründen inhaftiert war,
gesammelt. Dort habe ich mich mit Bundeskanzler Dr.
Bruno Kreisky getroffen und auf seine Empfehlung die dass wir Freiheitskämpfer keine Terroristen sind, sondern
„Kameradschaft der ehemaligen Südtiroler Freiheits- in berechtigtem Widerstand gegen staatliches Unrecht
kämpfer“ gegründet, um weitere Strafverfolgungen ob aktiv wurden. Letztendlich sind wir Opfer und nicht Tä-
unserer seinerzeitigen Aktivitäten zu beendigen und die ter! Wichtig war mir stets, dass der BAS keine Menschen
Südtirol-Problematik der 1960er Jahre historisch korrekt tötete, sich unser Freiheitskampf ausschließlich gegen die
aufzuarbeiten. In diesem Zusammenhang wurden von uns Staatsgewalt richtete und Unbeteiligte schonte. Auch war
über viele Jahre die Zeitschrift „Der Tiroler“ und Bücher ich bemüht, dass mit mir zusammenarbeitenden Perso-
herausgegeben, Vorträge gehalten und Ausstellungen nen den Polizei- und Justizbehörden unbekannt bleiben
der interessierten Öffentlichkeit angeboten. Wahrheit ist, und − sofern sie noch leben − deren Tätigkeiten bis heute

20 TSZ SONDERNUMMER 2021


Die ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfer sprachen sich immer wieder gegen jede Form von Faschismus aus.

in keinem Dossier aufscheint. Es war mir zeitlebens ein die Situation in Südtirol „nicht befrieden“ konnte und
großes Anliegen, meinen Südtiroler Landsleuten zu helfen daher an Ansehen verloren hat. Andererseits haben in
und dafür zu sorgen, dass wir Tiroler auch in Südtirol wie- Rom − die gewaltigen Mehrkosten bei leerer Staatskasse
der in einer freiheitlichen Gesellschaft überleben können − die „Tauben“ über die „Falken“ Oberhand bekommen
und mein Wunsch auf eine friedliche Wiedervereinigung und ein politisches Einlenken gefordert.
unserer Heimat in absehbarer Zeit erfüllt wird. Es ist wün-
schenswert, wenn sich Italien Deutschland zum Vorbild Trotz jahrzehntelanger politischer Verfolgung, vieler Be-
nimmt und den Südtirolern für ihre vom Staat begangenen nachteiligungen und Verleumdungen ob meines Südtirol-
faschistischen Verbrechen Wiedergutmachung zukom- Engagements bin ich mir selber und meiner Tiroler Heimat
men lässt. Abschließend möchte ich feststellen, dass der stets treu geblieben. Ich bin stolz darauf, einen Beitrag
Südtiroler Freiheitskampf gemeinsam mit der Politik zur politischen und damit wirtschaftlichen Verbesserung
deshalb erfolgreich war, da einerseits das italienische Südtirols geleistet und dadurch viele aufrechte Freunde
Militär (bis zu 40.000 Soldaten waren dort stationiert) und Anerkennung gefunden zu haben.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 21


Wir dürfen nicht vergessen,
dass wir Tiroler sind
von Sepp Mitterhofer

Wenn ich in meinem Leben einen Rückblick mache, dann muss ich sagen,
dass ich zufrieden bin − ganz gleich, ob ich das wirtschaftliche Leben her-
nehme oder das politische. Beim wirtschaftlichen hängt viel vom eigenen
Einsatz ab und auch ein wenig vom Glück. Man braucht auch Zufälle.
Beim eigenen Einsatz hingegen hat man das meiste selbst in der Hand.

Ich bin am 22. Februar 1932 in Meran beim Unterhaslerhof in Obermais


geboren. Mein Vater Jakob Mitterhofer ist am Pranterhof in Völlan 1886
geboren. Er musste mit 7 Jahren den Heimathof verlassen, weil dieser ab-
gebrannt ist. Sein Vater ist unglücklicherweise ungefähr zur selben Zeit an
einem Magendurchbruch gestorben. Nun stand die Mutter mit 7 kleinen
Kindern allein da. Der Hof, der war nicht groß, 6 Stück Vieh, gerade so
viel, dass die Familie zum Leben hatte. Außerdem war er verschuldet, und
so musste die Mutter mit den Kindern den Hof verlassen und nach Lana
ziehen. Die Kinder wurden bei den Bauern verteilt und mussten arbeiten, Sepp Mitterhofer, Unterhasler,
die kleineren als Hütbuben, damit sie leben konnten. Jahrgang 1932

Meine Mutter Anna Lobis kam aus Unterinn am Ritten. Ihre Tante, die Basl
Mena, war schon länger am Unterhaslerhof und hatte ihrer Nichte Anna
Lobis (meine Mutter) den Arbeitsplatz vermittelt. Mein Vater war zu dieser
Zeit auch auf dem Hof, musste aber im 1. Weltkrieg an die Dolomitenfront
einrücken. Da der Vater den Hof bereits gepachtet hatte, musste die Basl
Mena als Wirtschafterin den Hof weiterführen. Mein Vater war als Koch auf
dem Pasubio tätig, bis er schwer verwundet wurde. Nach der Heilung durfte
er nach Hause gehen, weil er kriegsuntauglich geworden war. So konnte er
wieder den Hof weiterführen, aber arbeiten konnte er leider nicht mehr. Da
auch meine Mutter auf dem Hof arbeitete, hatten sie sich kennengelernt
und wurden ein Liebespaar. 1920 heirateten sie und bekamen vier Kinder,
Anna, Mena, Maria und Jakob. Leider ist Maria im Alter von 6 Jahren an
einer schweren Grippe gestorben. Die Eltern wollten aber anscheinend
unbedingt 4 Kinder haben. Tatsächlich ist noch einer nachgekommen.
Und es war gar kein schlechter, er wuchs zu einem tüchtigen Tiroler he-
ran, der viel in Südtirol und Österreich herumfuhr und in Referaten und
Vorträgen viel Aufklärung und Werbung für den Widerstand in Südtirol
machte. Die Bergfeuer am Herz-Jesu-Sonntag waren ein alter Brauch,
der an Attraktion nichts eingebüßt hat. Im Bozner Dom wurde im Jahr
1796 das Land Tirol von den Landständen dem Herzen Jesu geweiht. Seit

22 TSZ SONDERNUMMER 2021


WO 1957 NOCH
DEMONSTRIERT WURDE,
FIELEN 1961 MASTEN.

Umgestürzter Masten nahe Sigmundskron, wo wenige Jahre zuvor das „Los von Rom“
(lt. offizieller Version das „Los von Trient“) gefordert worden war.

dieser Zeit werden in Tirol immer am Herz-Jesu-Sonntag Viehwirtschaft. Da ich bald merkte, dass vom Vieh wenig
auf den Bergspitzen und auch weiter herunter am Abend herausschaute und ich zusätzlich mit dem Vieh wenig
Bergfeuer angezündet. Die Freiheitskämpfer haben eine Freude hatte, verkaufte ich es und widmete mich ganz
symbolische Beziehung zum Herz-Jesu-Sonntag, weil an dem Obstbau. Zuerst hatte ich 5 Angestellte, 3 Männer
diesem Tag spät abends viel junge Leute auf dem Weg und zwei Frauen, und danach nur mehr einen Knecht.
waren. So sind jene, die mit Sprengstoff unterwegs waren, Bei der Ernte und beim Bäumeschneiden musste ich
nicht aufgefallen. Die Freiheitskämpfer haben in dieser schon noch einige Tagwerker anstellen. Mein Vater war
Nacht 37 Hochspannungsmasten und 8 Wasserrohre zu gar nicht begeistert von der Umstellung, hat aber mit der
E-Werken gesprengt. Es war der Auftakt zu vielen anderen Zeit eingesehen, dass ich auf diese Art mehr erwirtschaf-
Anschlägen. Geplant war, die Industriezone lahmzulegen, ten konnte. Es kam auch die Zeit, wo ich ans Heiraten
das wäre für den italienischen Staat ein großer Schaden denken musste. Ich brauchte nicht weit zu gehen. In
gewesen. Da aber einige Ständer nicht umfielen, konnten der nächsten Nachbarschaft war der Tannharthof, wo
die wertvollen Aluminiumöfen gerettet werden. Die Presse drei nette Mädchen waren. Die Jüngste hieß Maria und
schrieb von enormem Schaden und dass die Aktivisten war bei der Obermaiser Musikkapelle Marketenderin.
gut organisiert waren. Dort haben wir uns besser kennengelernt und wurden
ein Liebespaar. 1958 haben wir dann geheiratet. Es war
Als ich vom Vater den Hof bekam, musste ich mich tüchtig eine schöne Hochzeit, die Musik hat uns ein Ständchen
ins Zeug legen. Das Einkommen bestand aus Obst und gespielt, die Kollegen haben uns mit einem Apfelbaum

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 23


Trachtenumzug
im April 1921 in
Bozen. Wenige
Minuten nach
dieser Szene
forderte der noch
junge Faschismus
sein erstes Opfer
in Südtirol.

den Weg abgesperrt und ich musste mit einem Vergrö- Marling, war der erste Blutzeuge, weil er in Bozen beim
ßerungsglas Insekten auf dem Obstbaum suchen. Beim Trachtenumzug der Bozner Messe einen Jungen retten
Tannharthof war dann das Festmahl. Für gute Stimmung wollte. Nachdem Faschisten Handgranaten in die Menge
wurde auch gesorgt, es wurde nämlich ein lustiger Einakter geworfen hatten, rannte Franz Innerhofer mit dem Kind
aufgeführt. Die Hochzeitsreise machten wir nach Vene- in einen Hauseingang; dort traf ihn eine Kugel von hinten
dig, die Stadt auf dem Wasser. Sie steht auf Holzpfählen, und er war auf der Stelle tot. Wer ihn totgeschossen hat,
welche aus dem Vinschgau stammen sollen. 1959 hat ist nie aufgekommen.
uns schon ein Stammhalter das Leben erfreut. Ein Jahr
später war meine Frau wieder schwanger. Aber diesmal Überhaupt wurde die Zuwanderung von Oberitalien
war für uns die Situation außergewöhnlich schwierig. In gezielt gefördert und die Zugewanderten bekamen sofort
Südtirol war dicke Luft. Man kann fast sagen, sie war mit öffentliche Stellen oder Arbeitsplätze in der Industriezone
Sprengstoff geschwängert. und Wohnungen.

Ich muss nun zur Politik übergehen und beschreiben, Das war aber noch nicht alles, mit der Zweisprachigkeit
wie es zu diesem Freiheitskampf überhaupt gekommen zum Beispiel fehlte es ganz grob. In den öffentlichen
ist. Es hat viel Vorbereitung gebraucht, so eine große Ämtern waren alles Italiener als Beamte. Sie sprachen
Organisation aus dem Boden zu stampfen, welche dann kein Wort Deutsch, und wenn man darauf bestand, dann
auch mit Erfolg ihr Ziel durchsetzen kann. Das Südtirol- ließen sie die Person einfach stehen. Das politische Leben
Problem entstand bereits nach dem ersten Weltkrieg, als war für uns Südtiroler richtig schwer. Unsere Jugendlichen
der italienische Staat nach Kriegsende Südtirol gegen hatte es wirklich sehr schwer: Wenn sie arbeiten wollten,
den Willen des Tiroler Volkes einfach annektierte. Die mussten sie ins Ausland gehen. Dass sich in Südtirol mit
Alliierten stellten sich auf die Seite Italiens, weil sie Ita- der Zeit Gruppen bildeten, die sich sagten, so kann es
lien schon im Londoner Vertrag 1915 die Brennergrenze nicht weitergehen, da muss etwas Größeres geschehen,
versprochen hatten, falls Italien Österreich und Deutsch- ist verständlich. Es fing mit einer kleineren Gruppe um
land den Krieg erklärte. Italien hatte an der Süd-Front in Sepp Kerschbaumer an, welcher bei der Sigmundskroner
den Dolomiten im ganzen Krieg keinen Quadratmeter Protestkundgebung der SVP Flugzettel mit der Forderung
Boden erobert, und trotzdem wurde Südtirol Italien zu- „Selbstbestimmung für Südtirol“ verteilte. Diese kleine
gesprochen, weil dieses zu den Siegermächten gehörte. Gruppe machte es sich zur Aufgabe, im ganzen Land
Damit begannen ein furchtbarer Leidensweg und die Patrioten zu suchen, welche auch bereit waren, zur Not
Unterdrückung der Südtiroler, weil die Italiener sie als etwas Illegales für die Heimat zu tun. So entstanden in
ihre Feinde betrachteten. Franz Innerhofer, Lehrer aus nicht allzu langer Zeit Zellen, welche bereit waren, für die

24 TSZ SONDERNUMMER 2021


Heimat Opfer zu bringen. In dieser Zeit entstand auch der und Meran herausgegeben. In Bozen sind dann am 21.
Name „BAS“, Befreiungsausschuss Südtirol. In dieser Zeit Februar 1960 die Messeteilnehmer auf den Platz vor der
bin auch ich durch Jörg Pircher aus Lana der Bewegung Kirche hinausgeströmt, haben beim Peter-Mayr-Denkmal
beigetreten und habe mich aktiv mit dem politischen einen Kranz niedergelegt und das Andreas-Hofer-Lied
Problem befasst. Ich war mit Jörg Pircher befreundet, gesungen. Daraufhin fuhren die „Celere“ mit ihren Autos
und so konnte ich alsbald mit ihm zu den Sitzungen vor und schlugen mit Gummiknüppeln rücksichtslos
nach Frangart fahren, wo sich Kerschbaumer und die auf die Menschenmenge ein. Es wurden auch mehrere
Spitzenfunktionäre trafen. Ich habe in Meran eine Gruppe Menschen verhaftet und eine Woche lang eingesperrt.
aufgebaut, welche gut funktionierte. Wir haben in Südtirol Der „Knüppelsonntag" hatte in der Presse einen großen
ca. sechzig Gruppen gebildet, welche vom Nordtiroler Kurt Aufruhr verursacht, welcher längere Zeit anhielt. So hat
Welser betreut und mit Sprengstoff beliefert wurden. Er der missglückte Anschlag auf den Rohbau trotz allem
war ein richtiger Kamerad, ein Draufgänger, hatte aber seinen Erfolg gebracht. Weil öfters Anschläge auf Hoch-
gute Nerven und war sehr vorsichtig. Er kannte alle Ver- spannungsmasten und Wasserleitungen der E-Werke
treter der Gruppen und war sehr beliebt und geschätzt. gemacht wurden, ist der Sprengstoff knapp geworden.
Kurt Welser war auch bei der Sprengung des Mussolini- Da mir ein Aktivist in Naturns einen Tipp gegeben hatte,
Reiterstandbildes in Waidbruck 1959 mit dabei, welche dass in einem kleinen Lager des Naturnser E-Werkes
einen großen Wirbel und Aufregung hervorrief. Ich habe eventuell Sprengstoff zu bekommen sei, habe ich mich
auch einen INA-Casa-Rohbau in der Meraner Unterstadt mit ihm und einem Mitarbeiter von meiner Gruppe
sprengen wollen. Leider hat die Zündung nicht funktio- auf den Weg gemacht, um nachzuschauen. Die Beute
niert, da der Zünder vom Unterland herauftransportiert war nicht groß, ca. 30 kg Dynamit und eine große Rolle
worden und nicht mehr funktionsfähig war. Für mich war Knallzünderschnur. Wir waren aber trotzdem zufrieden
es bitter, aber es hatte sich zum Guten gewendet, denn die und packten das Zeug in drei Rucksäcke, marschierten
Politik hat ein Verbot der Andreas-Hofer-Feiern in Bozen Richtung Süden zu einem Waldstück und verstauten es

Sigmundskron 1957 – „In Südtirol war dicke Luft. Man kann fast sagen, sie war mit Sprengstoff geschwängert.“

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 25


Der Knüppelsonntag von
Bozen am 21. Februar 1960.
Bei der Wieder-Einweihung
des Peter-Mayr-Denkmals
vor der Pfarrkirche kam
es zu einer Gewaltorgie
italienischer Polizeikräfte.

in einer alten Holzhütte. Dort holten wir es dann ein paar Tage später ab. Ich hatte noch
eine Sprengstoffquelle in Obermais. Ein Musikkollege von mir war aktiver Sprengmeister
und bei der Gemeinde Meran beim Straßenbau zuständig. Ich habe mit ihm gesprochen.
Er versprach, von Zeit zu Zeit ein Paket mit gutem Dynamit abzuzwacken. Tatsächlich hielt
er, was er mir versprochen hatte. In einem Jahr hatte er mir 500 kg guten Dynamit geliefert.
Leider kam die große Verhaftungswelle dazwischen und damit brach die Lieferung ab. Da
sonst niemand etwas wusste und ich natürlich den Mund hielt, ist der Sprengstofflieferant
glücklich davongekommen.

Ca. zwei Wochen vor der Feuernacht sind sechs Personen mit Kerschbaumer an der Spitze
aus Südtirol und zehn aus Nordtirol mit Welser, Klier und Burger an der Spitze in Zernez
zusammengekommen. Wir haben aus Sicherheit absichtlich neutralen Boden gewählt. Es
wurde die Feuernacht vereinbart und noch ein wichtiger Punkt wurde beschlossen: nämlich
dass Nordtirol einspringen und für die Finanzierung sorgen muss, wenn Härtefälle auftreten.
Es wurde auch ein Flugzettel mit dem Verlangen nach Selbstbestimmung für Südtirol aus-
gearbeitet. Dieser sollte an alle wichtigen Politiker in Europa verschickt werden. In diesem
Fall hat Kerschbaumer vielleicht ein bisschen gesündigt. Er sagte bei den Carabinieri beim
Verhör: Wir haben zusammen für die Heimat gekämpft, jetzt müssen wir zusammen dafür
geradestehen. Er hat auch die Teilnehmer bei der Sitzung in Zernez genannt. Somit bin
auch ich zum Handkuss gekommen. Am 9. Juli 1961 war in meiner Sommerfrischwohnung
beim Taser auf dem Schennaberg die letzte BAS-Sitzung. Die Verhaftungswelle war bereits
im Gange, aber wir hatten Glück, die Teilnehmer der Sitzung sind nicht aufgeflogen, es hat
uns niemand verraten. Hauptgesprächsthema war die Zukunft des BAS, es war ein großes
Fragezeichen. Niemand konnte eine klare Antwort geben. Das einzig Positive war, dass wir
die „kleine Feuernacht“ vereinbarten, die dann auch durchgeführt wurde. Die Stimmung
war sehr gedrückt. Welser und Klier waren nicht gekommen, weil sie Angst hatten, dass sie
möglicherweise verraten werden könnten. Es ist alles gut gelaufen. Aber die große Verhaf-
tungswelle lief bereits auf vollen Touren.

Gesprengter Mast
im Südtiroler Unterland

26 TSZ SONDERNUMMER 2021


Fast 40 Masten sind allein in der Feuernacht gefallen. Einige weitere wa-
ren geladen, sind aber aufgrund technischer Defekte nicht umgestürzt.

Es begann nun ein neues Kapitel. Hölle von Bestien zu gehen, um mich zu besuchen. Ich
war schockiert, weil ich Angst hatte, dass sie vergewaltigt
Es war ein Abschnitt, welcher von allen Beteiligten schwere wird. Ich muss sagen, ich hatte großen Respekt vor ihr, sie
Opfer für die Heimat abverlangte. Was wir erlebten, war eine spielte ihre Rolle ausgezeichnet. Wir durften nicht lange
Tragödie, welche nicht nur Opfer von uns verlangte, sondern miteinander reden, dann musste sie wieder gehen. Beim
Todesopfer. Wir wurden auf bestialische Weise gefoltert, nächsten Besuch erzählte sie mir, dass sie schockiert war,
wir mussten zusehen, wie sie unsere Kameraden furchtbar als sie mich in diesem erbärmlichen Zustand sah und
misshandelten und das dann auch selbst erleben. Es ist dass die Carabinieri sie nach dem Besuch hinausbegleitet
unfassbar, wie unmenschlich diese Bestien versucht haben, haben wie eine Gräfin.
uns kleinzukriegen, um von uns ein Geständnis zu erpressen.

Ich habe viele Vorträge in Südtirol und in Österreich ge-


halten, habe es aber nie geschafft, Details der Folterungen Insgesamt wurden fast 100 Menschen
zu schildern. Ich habe die Zuhörer immer gebeten, Bücher verhaftet und gefoltert.
zu kaufen, wo die Folterungen detailliert geschildert sind.
Es war furchtbar, wie wir von diesen Bestien misshandelt
Während der Folterungen kam ein Folterknecht zu mir wurden. Ich glaube, ein Satz genügt, um die Tragik zu
und sagte, ich solle mit ihm gehen, es warte ein Besuch verstehen: Drei Männer im besten Alter, Franz Höfler,
auf mich. Als ich ins Besucherzimmer kam, wartete tat- Toni Gostner und Sepp Kerschbaumer haben ihren Ein-
sächlich meine Frau auf mich. Ich konnte es fast nicht satz für die Heimat mit dem Leben bezahlt, sie haben die
glauben, dass meine Frau in ihrem Zustand − sie war Misshandlungen nicht überlebt.
im neunten Monat schwanger − sich getraute, in diese

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 27


Ich bin am 15. Juli verhaftet worden. zu essen bekamen und einmal in der Woche eine halbe
Stunde Besuch empfangen durften. Auf die unmensch-
Es kamen vier Mann von der Schlägertruppe und holten liche Behandlung der Bestien (Carabinieri) hin war das
mich ab, ich war kurz vor dem Abhauen. Ich hatte schon Leben im Gefängnis trotz Freiheitsentzug fast normal.
die Vespa mit dem gepackten Rucksack hergerichtet. Zehn
Minuten später wäre ich schon weg gewesen. Ich habe es Bis zum Prozess habe ich die Arbeitsmöglichkeit nicht
sehr bereut, aber einige Jahre später im Gefängnis habe ausgenützt, aber nachher schon. Die Zeit verging viel
ich dann eingesehen, dass ich doch Glück hatte, denn schneller, weil man abgelenkt war. Wir mussten für das
so konnte ich nach der Haftzeit nach Hause gehen. Jene Gefängnis arbeiten, wenn aber dort nichts zu tun war,
hingegen, die flüchten konnten, mussten im Ausland konnten wir eigentlich viel für uns selber arbeiten. Ein
bleiben und durften nie mehr in die Heimat zurückkehren. Kollege war Tischlermeister, und so konnte ich viel von
ihm lernen und habe auch viel heimgeschickt.
Als mich die vier Schläger in die Carabinieri-Kaserne
von Meran brachten, erhielt ich als Begrüßung einen Wir haben im Spätherbst 1961 alle heimlich einen Brief
kräftigen Tritt in den Hintern, sodass ich kopfüber in den an die SVP hinausgeschmuggelt mit der Bitte um Veröf-
Hausgang flog − kräftiger konnte die „Begrüßung“ nicht fentlichung. Die Bevölkerung sollte erfahren, wie wir von
sein. Sie führten mich in den oberen Stock, wo noch ca. 20 den Carabinieri behandelt worden sind. Wir haben erst
Schicksalsgenossen mit den Händen in der Höhe auf die Jahre später erfahren, dass die SVP, mit Magnago an der
gleiche Rosskur warteten wie ich. Ich musste stundenlang Spitze, absichtlich die Briefe nicht veröffentlicht hat, „um
mit den Armen in der Höhe stehen. Wenn ich die Arme vor das Klima nicht zu stören“. Wir politischen Häftlinge haben
Schmerzen sinken ließ, wurde ich von einem patrouillie- dann Ende des Jahres einen Hungerstreik ausgemacht und
renden Carabinieri mit einem Gewehrkolben geschlagen. eine parlamentarische Untersuchungskommission wegen
Franz Höfler stand neben mir, er hatte nur Schlappen an, der Misshandlungen durch die Carabinieri verlangt.
und als der Carabiniere mit seinem Gewehrkolben auf
seine Füße stieß, spritzte das Blut links und rechts von Am 8. Jänner trat unsere Zelle in Bozen in den Hunger-
seinen Füßen hinaus. Als ich nach einer Woche von diesen streik. Geplant war, dass alle politischen Häftlinge streiken
brutalen Folterungen erlöst wurde, war ich körperlich und unsere Frauen vor dem Gefängnistor zusammen-
und psychisch am Boden, aber ich hatte doch die große kommen und eine parlamentarische Untersuchungs-
Befriedigung, dass ich niemanden verraten hatte. Als wir kommission wegen der Misshandlungen verlangen. Mit
nach Bozen ins Gefängnis kamen, hatten wir die große unseren Frauen haben wir vereinbart, dass sie vor dem
Genugtuung, dass wir nicht mehr geschlagen wurden, Gefängnis protestieren sollten. Leider ist bei uns Männern

Auf Toilettenpapier beschrieb


Mitterhofer, wie er vom Staatsanwalt
Castellano unter Druck gesetzt wurde,
und schilderte die Misshandlungen
bei den Verhören.
Den Kassiber konnte Sepp Mitterhofer
bei der Entlassung selbst aus dem
Gefängnis schmuggeln.

28 TSZ SONDERNUMMER 2021


etwas schiefgelaufen. Sepp Innerhofer hatte offiziell den
Auftrag, abends bei allen Zellen durchzugehen und die
Häftlinge zu fragen, auch die italienischen, ob sie Pillen
brauchen. Dabei hatte er verbreitet, dass Kerschbaumer
meint, es sei besser, nicht zu streiken, sonst könnten wir
möglicherweise nach Oberitalien versetzt werden. Leider
hat das alles durcheinandergebracht. Nur unsere Zelle
ist standhaft geblieben. Dafür sind wir als Rädelsführer
hingestellt und am nächsten Tag nach Oberitalien versetzt
worden. Die Hälfte ist nach Vicenza versetzt worden, und
da war auch ich dabei, und die andere Hälfte nach Verona.
Unsere Zelle in Vicenza war schlecht und feucht, und das
mitten im Winter. Das Brot schimmelte und es war kalt, Anton Gostner war an den Sprengstoffanschlägen auf
Strommasten in Südtirol beteiligt und wurde von den
weil die Heizung nicht funktionierte. Ich hatte das Pech, Carabinieri festgenommen. Während der Inhaftie-
dass ich zu dick war und ich eine starke Abmagerungskur rung wurde der herzkranke Vater von fünf Kindern in
den Kasernen Brixen und Eppan von den Carabinieri
machte. Ich hatte auch ein starkes Ziehen am linken Arm,
gefoltert. So wurde sein Kopf über einen Behälter mit
wie es der Gostner Toni hatte. Ich bekam Angst, dass es ätzender Säure gehalten. Außerdem war er physischer
mir gleich geht wie dem Toni. In der Nacht bekam ich Gewalt durch Schläge ausgesetzt. Gostner erlitt am 7.
Jänner 1962 im Bozner Gefängnis einen Herzanfall. Die
plötzlich Herzrasen, sodass ich glaubte, es geht dem Ende
Mitgefangenen, darunter der Ultner Gemeindearzt Josef
zu. Meine Kollegen klopften an die Zellentür, der Wärter Sullmann, forderten die nötigen Medikamente und eine
kam und brachte mir Herztropfen zur Beruhigung. Ca. Einlieferung ins Krankenhaus. Dieser Forderung wurde
nicht Folge geleistet; der 42-Jährige verstarb.
eine Stunde später bekam ich noch einmal einen Anfall,
und da bekam ich richtig Angst, dass es mit mir zu Ende
geht. Jetzt habe ich bei den Folterungen schon so viel
mitgemacht, habe eine junge Familie, einen schönen
Bauernhof und jetzt soll ich alles hinten lassen müssen?
Ich kämpfte um mein Leben und mit dem Herrgott. Ich streiken und somit wurde er nach Padua geschickt. Was
haderte mit ihm die ganze Nacht, bis es hell wurde, dann ihm dort blühte, hat er uns später, als wir alle wieder in
beruhigte ich mich allmählich. Ich schrieb am nächsten Trient waren, erzählt. In Padua war es viel schlimmer
Tag dem Untersuchungsrichter Dr. Mario Martin und als in Vicenza. Er wurde auf eine Pritsche gefesselt, wo
ersuchte um Bewilligung, dass mich mein Hausarzt un- mitten ein Loch war, wo der Urin und der Kot abliefen. Er
tersuchen durfte. Prompt ist er zwei Tage später gekom- konnte sich nicht rühren, um irgendwo nachzuhelfen. Das
men und hat festgestellt, dass mein Anfall mit Nervosität schlimmste, erzählte er, waren die kleinen Kalkbröckchen,
zu tun hatte. Ich brauche keine Angst zu haben, das sei welche sich vom Oberboden lösten, in seine Augen fielen
nicht gefährlich. Meine Frau hat mich jede Woche fleißig und dort furchtbar brannten. Das machte ihn fertig und
besucht. Wir durften wärend der Besuchszeit über den nach einer Woche gab er auf.
Tisch die Hände halten und da haben wir gemerkt, wie
wir uns gegenseitig Kraft gespendet haben. Wir sind ca. zwei Wochen in Vicenza gewesen, dann haben
wir um Rückversetzung nach Trient angesucht, und dies
Ein anderer Häftling, Jakob Scherer, wurde aus einem ist uns auch bewilligt worden.
anderen Grund mit uns versetzt. Er wollte mit seinem
Hungerstreik die provisorische Freiheit erreichen, weil Wir hatten inzwischen jene Carabinieri angezeigt, welche
er nichts anderes getan hatte, als 1 kg Sprengpulver uns misshandelt haben. Es waren an die zehn Mann. In
aufzubewahren. Er hat seine Forderung dem Staatsan- Trient fand der Prozess statt. Als wir in den Prozesssaal
walt geschrieben, der aber kein Verständnis dafür hatte. eintraten, trugen wir Handschellen und waren mit Ketten
Nach einer Woche nur mit einem Glas Wasser, kam der zusammengehängt. Die angeklagten Carabinieri hingegen
Gefängnisdirektor und sagte, wenn er nicht aufhöre zu saßen uns gegenüber und grinsten uns nur hämisch ins
streiken, müsse er ihn nach Padua schicken, wo nur ganz Gesicht. Der Prozess selber war eine Farce. Der Richter
harte Brocken hinkommen. Er wollte nicht aufhören zu hat immer den Aussagen der Carabinieri geglaubt. Wir

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 29


mussten froh sein, dass wir nicht wegen Rufschädigung
angeklagt wurden. Wir hatten so stark auf einen Innsbru-
cker Arzt namens Holzner gehofft, den die Familie Höfler
bei der Obduktion von Franz Höfler beigezogen hatte.
Dieser genoss aber zur selben Zeit die spanische Sonne.
Diese war ihm lieber als die armen Südtiroler politischen
Häftlinge. Es war ein richtig schäbiges Verhalten eines
Tiroler Arztes. Der Ausgang des Prozesses war für uns
Häftlinge deprimierend. Zwei Carabinieri wurden zu
je zwei Monaten Haft bedingt verurteilt, welche unter
Amnestie fielen. Nachher wurden alle Carabinieri wegen
gutem Verhalten in einem Grenzgebiet mit einer Medaille
ausgezeichnet.

Es nahte so langsam die Zeit des großen Prozesses der


Südtiroler Häftlinge. Es war für die damalige Zeit der
größte Prozess in Italien. Ich bin damals, so ca. einen
Monat vor Prozessbeginn, mit drei Unteroffizieren in
einem Privatauto nach Mailand transportiert worden.
Ich bin bis heute nicht draufgekommen, warum dieser
Aufwand notwendig war. Ich glaubte, ich würde noch
einmal von einem Staatsanwalt verhört.

Sepp Mitterhofer hatte zusammen mit anderen seine


Folterknechte angezeigt. Als die Ankläger in den Pro-
zesssaal eintraten, trugen sie Handschellen und waren
mit Ketten zusammengehängt. Die angeklagten Cara-
binieri hingegen saßen ihnen gegenüber und grinsten.

Die mutmaßlichen Folterknechte vor Gericht. Sie durften sich relativ sicher sein, dass sie freigesprochen würden.

30 TSZ SONDERNUMMER 2021


Das alte Gefängnis „San Vittore“ in Mailand

Dieses Gefängnis war veraltet, verschmutzt und voller Wanzen. Sie gaben
uns aber Waschpulver, Waschlappen und Kübel. Es war eine große Arbeit,
alles sauber zu kriegen. Das Schlimmste waren die Wanzen. Sie gaben
uns zwar Wanzenpulver, aber die Viecher waren trotzdem hartnäckig.
Mit dem Abort war es schlimm, es gab nur einen Kübel in einem offenen
Mauerloch. Als ich in Mailand ankam, hatte ich unguterweise Durchfall.
Ich konnte mir zwar die Zellengenossen aussuchen und ich fand tatsäch-
lich zwei, welche mich aufnahmen. Es waren eigentlich nur Zellen für
zwei Personen, die dritte Pritsche musste am Kopfende der zwei anderen
quergestellt werden. Es musste so gemacht werden, weil in dem Trakt, wo
wir untergebracht waren, zu wenige Zellen vorhanden waren. Fenster war
in der Zelle keines, lediglich ein schiefer Schacht nach oben, dass man ein
Stück Himmel sah. Der Ausgang im Hof war eher groß und wir durften vier
Stunden am Tag spazieren gehen. In der Nähe war eine größere Fabrik,
welche durch die vielen Kamine auch viel Ruß verbreitete. Also gerade ein
Ferienort war dieses Gefängnis nicht. Ich hatte zwei gute Kameraden als
Zellengenossen angetroffen, obwohl ich in der erste Woche das Abführen
hatte. Das ist gelebte Kameradschaft im wahrsten Sinne des Wortes. Der
Durchfall wurde immer schlimmer, mit dem flüssigen Stuhl ging immer
mehr Blut weg und ich wurde immer schwächer. Ich raffte mich auf, zum
Arzt zu gehen. Ich hatte den Eindruck, dass sie hier nicht so gehässig wie Stempel „Befreiungs-Ausschuß Südtirol.
in Bozen und Trient waren. Ich bekam mehrere Spritzen und sie halfen B.A.S.“, die auf den Flugblättern und
Flugzettel als Ursprungsnachweis
mir tatsächlich. Leider trat das Gegenteil ein, ich wurde verstopft. Das verwendet wurden, ausgestellt im
wieder in natürliche Bahn zu bringen, brauchte schon eine gewisse Zeit. BAS-Museum in Bozen.

Am 9. Dezember 1963 begann der 1. große Mailänder


Sprengstoffprozess.

Es war der größte Prozess Italiens. Es waren ca. hundert Angeklagte, davon paar Jahre mehr Haft bekommen. So ist
69 in Haft. Die Verhöre der anwesenden Häftlinge zogen sich stark in die es auch gekommen. Als ich beim BAS
Länge. Aber es war sehr interessant zuzuhören, wie sich leider Gottes viele eingetreten bin, habe ich mir vorgenom-
Häftlinge für unschuldig erklärten, weil sie nur 1 kg Sprengstoff aufbewahrt men, etwas Besonderes zu leisten, und
hatten. Das hat mir zu denken gegeben, denn wir waren verhältnismäßig damit habe ich meinen Vorsatz durch-
eine große Organisation und es blieb zum Schluss nur noch eine Handvoll geführt, denn mein Gewissen hat mich
Kämpfer übrig, die sich zur Sache bekannte. Somit war das ein armes Be- dazu bewogen. Ich war stolz auf meine
kenntnis, und die Wirkung des ganzen Aufstandes ging verloren. Ich habe Tat, obwohl mehrere Häftlinge den Kopf
viel darüber nachgedacht und das Problem mit meiner Frau beim Besuch schüttelten. Ich dachte, ich weiß, was
besprochen. Sie gab mir zur Antwort: Du musst selber wissen, was du tun ich tue, die Heimat ist mir das wert. Ich
musst, und dementsprechend musst du auch handeln. Sie hat mir freie bemitleide euch armen Hascher, die ihr
Hand gegeben, und das war sehr großzügig von ihr. Ich habe ihr schon nicht einmal bereit seid, für die Heimat
gesagt, wenn ich mich zur Sache bekenne, werde ich wahrscheinlich ein ein Opfer zu bringen.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 31


Der Prozess hat am
9. Dezember angefangen.

Er sollte bis Ende Juli dauern. Der Pro- war auch: Immer wenn wir mit den Wachen eine Auseinandersetzung hat-
zess ist für viele erfreulich ausgegangen, ten, dann glaubte der Direktor uns. Ich arbeitete in der Tischlerei, weil ich
ein Drittel ist freigesprochen worden, gerne mit Holz zu tun hatte. Außerdem war ein Häftling Tischlermeister,
ein Drittel hatte die Strafe bereits abge- und so konnte ich etwas lernen.
sessen und das letzte Drittel waren „die
bösen Buben“, wo leider auch ich dabei Wir mussten für das Gefängnis arbeiten. Wenn wir aber übrige Zeit hatten,
war. Das war für die Angehörigen sehr konnten wir für uns selber etwas machen. Ich habe z.B. einen Fliegenkasten
schlimm, wir hingegen wussten was uns für die Speis gemacht, ein Schuhkastl, zwei Holztruhen, einen Tellerrahmen,
blühen würde. Für meine Frau war das ein nettes Miniatur-Sommerfrischhäusl, mehrere Kupferteller und auch
Urteil sehr hart, ich hatte 12 Jahre – das Holzteller mit eingebrannter Schrift oder eingebranntem Bild. Ich hatte
dritthöchste Urteil − bekommen. Für Freude an dieser Arbeit und die Zeit verging schneller. Im Herbst 1965
meine Frau war es ein schlimmer Schlag, musste ich wieder nach Mailand, und zwar zum Apell. Er dauerte ca. drei
aber sie erholte sich bald wieder. Es war Monate und bei den meisten war es nicht umsonst. Mir z.B. wurden vier
erstaunlich, wie schnell sie sich wieder Jahre nachgelassen. Es sind wohl um vier Jahre weniger geworden, aber
in der Hand hatte. Sie war nicht nur eine vier Jahre blieben mir trotzdem noch übrig. So bin ich eben acht Jahre
schöne Frau, sie war auch tapfer. Das im Knast gesessen. Es war eine lange und oft harte Zeit, aber zusammen
hat sie eigentlich schon bewiesen, als haben meine Frau und ich es geschafft.
sie mich im hochschwangeren Zustand
während der Misshandlungen in der
Carabinieri-Kaserne in Meran besucht
hatte. Verhaftungen nach Bezirken und Ländern

In den darauffolgenden Tagen war auch Österreich 49


bei uns zurückgebliebenen Häftlingen
Überetsch-Unterland 42
die Stimmung sehr gedrückt, aber nach
mehreren Tagen haben wir uns wieder
Pustertal 34
erholt. Nach einigen Wochen wurden wir
Übriggebliebenen wieder zurück nach Burggrafenamt 27
Trient transportiert. Das Gefängnis war
dort wie ein Palast für uns. Auch die Ar- Bozen 27

beitsmöglichkeit war viel größer. Es gab


Vinschgau 22
eine Tischlerei, eine Buchbinderei und
eine Schmiede. Dann gab es noch eine Deutschland 16
Küche, ein Büro und einen großen Ge-
müsegarten. Interessanterweise waren Eisacktal 13
wir in allen Abteilungen vertreten. Bis
Salten-Schlern 9
Sizilien hinunter wussten die Häftlinge,
dass in Trient die „Dinamitardi“ das Ge- Wipptal 7
fängnis in der Hand hatten. Das hatten
wir unserem Direktor zu verdanken, Restliches Südtirol 2
der selbst ein Sizilianer war und eine
Trient 1
Schweizerin zur Frau hatte. Interessant

32 TSZ SONDERNUMMER 2021


Die Heimkehr war schön Als ich das erste Mal in die Stadt ging.
und sehr ergreifend.
Damals sah ich so richtig, wie ich leutescheu geworden
Nach acht Jahren die heimatlichen Berge, mein Heimat- war. Es war auch verständlich, ich hatte ja acht Jahre lang
dorf Obermais und schließlich meinen Heimathof – den mehr oder weniger immer dieselben Leute um mich
Unterhasler − wieder zu sehen, war sehr ergreifend. Die gehabt. So langsam hat sich das dann schon gelegt. Das
vielen Menschen, die Bürgerkapelle mit einem Begrü- Wichtigste war es, nun meinen angeschlagenen Gesund-
ßungsmarsch, das war fast zu viel für mich. Dann erblickte heitszustand zu heilen. Ich fuhr nach Innsbruck in die
ich meine Mutter am Fuße der Stiege: Endlich konnte Klinik und ließ mich gründlich untersuchen. Es stellte sich
ich sie nach acht Jahren wieder einmal umarmen! Es heraus, dass ich vom Mund bis zum After eine Entzündung
war Herz-Jesu-Sonntag und es durfte wieder die Tiroler hatte. Ich musste sie nun mit Medikamenten, homöopa-
Fahne aufgehängt werden. Im Hof prangte ein weiß-rotes thischen Mitteln und strenger Diätkost behandeln. Es war
Transparent mit der Inschrift: „Herzlich willkommen“. sehr mühsam und dauerte einige Jahre, bis ich wieder
Ich war so gerührt, dass mich meine Frau stützen musste. gesund war. Gott sei Dank habe ich es mit viel Ausdauer
Schließlich gingen wir hinauf in die Stube. Dort gab es geschafft. Auch an die Menschen habe ich mich wieder
einen ausgezeichneten Braten, und so konnte ich mich gewöhnt. Ich ging wieder zur Bürgerkapelle und wollte
erholen und kräftigen. So ging der wunderschöne Tag wieder Flügelhorn blasen. Das ging leider nicht mehr;
trotz großer Anstrengung zu Ende und ich konnte endlich meine Organe waren zu empfindlich geworden. So musste
wieder in meinem eigenen Bett schlafen. ich mich mit einem Schlagzeug begnügen. Aber ich war
eben wieder bei der Bürgerkapelle. Auch bei anderen
Organisationen fand ich wieder Zugang. Z.B. wurde ich
bei der Obstgenossenschaft Meran in den Aufsichtsrat
gewählt und später dann in den Bezirksausschuss des
Beratungsringes. 1959 habe ich mit vier anderen Kollegen
die Obermaiser Schützenkompanie gegründet. In den
Obermaiser Pfarrgemeinderat wurde ich auch gewählt.

Bevölkerung Südtirols 1961

Die Bevölkerung Südtirols um 1961: 373.863

bis zu 40.000 italienische Soldaten waren in Südtirol stationiert.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 33


Dort war ich aber nur eine Periode tätig, weil mir die Paul Pichler war auch ein Häftling
Materie nicht zusagte. 1974 haben wir Häftlinge den
Südtiroler Heimatbund gegründet, weil wir eine Vertre- Er musste drei Jahre unschuldig im Knast sitzen. Er wur-
tung brauchten. 1990 wurde ich Obmann des Südtiroler de beim Prozess freigesprochen und bekam dafür eine
Heimatbundes und ich habe ihn 21 Jahre lang geleitet. Vergütung. Er hat dann ein Schreiben verfasst, in dem
Ich war auch zwei Jahre lang Obmannstellvertreter des sich die politischen Häftlinge gegen die Annahme des
SHB. Im Jahr 2000 habe ich mit Landesrat Bruno Hosp Pakets aussprachen. Dieses Schreiben wurde dann von
die Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung gegründet und Häftlingen, vor Beginn der SVP-Landesversammlung vor
zehn Jahre lang geleitet. Bei der Union für Südtirol war ich der Haupteingangstür verteilt. Das Paket wurde leider mit
vier Jahre lang im Hauptausschuss tätig, drei Jahre lang ganz knapper Mehrheit angenommen.
war ich Bezirksobmann und habe dabei den stärksten
Bezirk aufgebaut. In der Sparkassenstraße habe ich ein
Lokal gemietet, das wir als Büro verwendet haben, weil
Obmann Karl Augsten in Meran gewohnt hat. Ich habe Sepp Kerschbaumer
mich nicht nur in der Politik betätigt, sondern auch zu-
hause auf dem Hof gearbeitet. Z.B. habe ich überall eine Er war die geeignete Person, den BAS (Befreiungsaus-
Beregnung installiert, wo keine war. In der Granz und in schuss Südtirol) zu führen. Er war eine Respektperson
der Au musste ich zuerst einen Ziggel schlagen, weil kein mit einem gutmütigen Charakter und viel Verständnis für
geeignetes Wasser zum Beregnen vorhanden war. gewöhnliche Leute. Er war intelligent, und sein Plädoyer
beim Prozess für die Heimat war großartig. Die Richter
und der Staatsanwalt haben ihm öffentlich ihren Respekt
gezeigt. Leider ist er viel zu früh im Gefängnis von Verona
Hans Stieler war der Kopf der ersten Gruppe. seiner Verantwortung und schweren Last, welche er beim
Prozess auf sich genommen hat, erlegen. Die Beerdigung
Die erste Tätigkeit der Gruppe um Hans Stieler war 1957 hat gezeigt, welch großes Ansehen Kerschbaumer in
mit Anschlägen auf Eisenbahnschienen. Diese Gruppe Tirol hatte. Aus ganz Tirol waren Menschen mit Fahnen,
hatte aber keine lange Tätigkeit, weil sie durch Verrat Transparenten und Kränzen gekommen. 23.000 Men-
aufgeflogen ist. Hans Stieler musste zwei Jahre und zwei schen wurden gezählt. Dreimal so viel wie später beim
Monate in Haft sitzen. Er wurde bei der Gründung des Landeshauptmann Dr. Silvius Magnago.
Südtiroler Heimatbundes (SHB) erster Obmann und hat
ihn 16 Jahre lang geleitet. Ich habe ihn dann abgelöst und
habe ihn 21 Jahre geleitet. 2011 hat mich dann Roland
Lang aus Terlan abgelöst. Seit unserer ersten Kandidatur
hatten wir eine Vertreterin im Landtag, und zwar Dr. Eva
Klotz aus Passeier. Sie war sehr kämpferisch und hat die
Ideen des SHB sehr gut vertreten. Im Jahre 2007 wurde
die Bewegung Südtiroler Freiheit gegründet, die heute mit
zwei Abgeordneten das Sprachrohr des SHB ist. Sepp Kerschbaumer im Kreise seiner Familie.

34 TSZ SONDERNUMMER 2021


Luis Amplatz

Er war schon als junger Bursch ein Kämpfer. Die Familie


Amplatz hatte ihr Höfl am Bozner Boden und war von
italienischen Zuwanderern umgeben. Dass sie laufend
Schwierigkeiten und Streitereien erlebten, ist verständ-
lich. Dass Luis besonders Schwierigkeiten erlebte, ist
auch verständlich, da er noch zur Schule ging. Als er älter
wurde, kam die Zeit der Sprengungen und Verhaftungen.
Luis flüchtete nach Nordtirol, wo ihn die österreichische
Polizei verhaftete und nach Wien abschob. Dort traf er
Jörg Klotz, dem es so ähnlich ergangen ist wie ihm. Da
sie politische Gesinnungsgenossen waren, haben sie
gemeinsam Unterkunft und Arbeit gesucht. Der Zufall
wollte es, dass sie Bruno Hosp trafen, der damals in Wien
studierte und ihnen viel weitergeholfen hat. Sie waren
eine Zeitlang in Wien, dann hielten sie es vor Heimweh
nicht mehr aus. Da packten sie einfach die notwendigen
Sachen zusammen und fuhren schwarz nach Innsbruck.
Dort übernachteten sie bei einem Freund, der sie auch
mit Sprengstoff und Waffen ausrüstete. Am nächsten Tag sche Gerechtigkeit. Klotz hat sich in der Ruezschlucht am
brachte sie der Freund Richtung Grenze. Sie überschrit- Eingang des Stubaitales als Köhler niedergelassen und ist
ten sie Richtung Passeier, wo sie sich zwei Elektrostän- an einer Thrombose gestorben. Er ist erst als toter Frei-
der aussuchten, welche sie in der nächsten Nacht in die heitskämpfer in die Heimat zurückgekehrt und hatte in
Luft jagten. Zufrieden gingen sie wieder über die Grenze St. Leonhard eine großartige Beerdigung. Amplatz wurde
zurück, wo sie ihr Freund an einem ausgemachten Ort mit dem Militärhubschrauber von der Brunner Mahder
wieder abholte und nach Innsbruck zurückbrachte. Nach abgeholt und zum Bozner Friedhof gebracht. Bei der Be-
Wien zurückgekommen, arbeiteten sie wieder fleißig an erdigung war eine so große Menschenmenge gekommen,
ihrem Arbeitsplatz. Nach längerer Zeit kam leider der dass die Polizei nur eine kleine Menge auf den Friedhof
Zeitpunkt, wo sie das letzte Mal nach Südtirol gingen. Sie zur Beerdigung einließ. Die große Menschenmenge vor
gingen wieder gut ausgerüstet über den Hochmoorglet- den eisernen Gittern betete laut den Rosenkranz, den der
scher über die Grenze. Bei Pfelders ins Tal gekommen, alte Hofmann-Vater Georg Pircher aus Lana vorbetete. Als
gerieten sie mit den Italienern in eine heftige Schießerei, dann junge Draufgänger über die Gitter kletterten, öffnete
wo sie aber gut davonkamen. Sie schritten dann über die die Polizei doch die Gitter für alle. Auf dem Grabstein von
Berge talauswärts bis zur Brunner Mahder. Luis Amplatz steht der beeindruckende Spruch: „Freund,
der du die Sonne noch schaust, grüß mir die Heimat, die
Dort trafen sie Christian Kerbler, der ihnen schon öfter ich mehr als mein Leben geliebt.“
behilflich gewesen war. Diesmal wurde es leider zu einer
Tragödie. Kerbler übernahm die Nachtwache und da ge- Wenn ich in meinem Leben einen Rückblick mache, dann
schah der entsetzliche Mord. Während Amplatz und Klotz muss ich sagen, dass ich zufrieden bin − ganz gleich, ob ich
schliefen, eröffnete Kerbler das Feuer auf die beiden. Am- das wirtschaftliche Leben hernehme oder das politische.
platz war sofort tot und Klotz erhielt einen Lungenschuss Beim wirtschaftlichen hängt viel vom eigenen Einsatz ab
und konnte noch mit harter Mühe flüchten. Er schleppte und auch ein wenig vom Glück. Man braucht auch Zufälle.
sich mit Hilfe seiner Passeirer Freunde bis ins Ötztal, wo Beim eigenen Einsatz hingegen hat man das meiste selbst
ihn dann österreichische Freunde mit dem Auto nach in der Hand. Bei der Politik hingegen ist es anders. Dort
Innsbruck in die Klinik zur Operation brachten. Kerbler regieren viel zu viele Menschen. Dort kann man je nach
konnte flüchten, bekam einen Prozess und wurde zu 22 Einsatz und Position nur Teilergebnisse erzielen. Ich hatte
Jahren verurteilt, aber nie inhaftiert. Das ist die italieni- in meiner Position in der Organisation manchmal ganz

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 35


gute Teilergebnisse. Allerdings gibt es auch oft Rückschlä-
ge. Sehr wichtig ist da wohl der eiserne Wille, der sich
nicht in die Knie zwingen lässt. Das Durchhaltevermögen
ist immer von großer Wichtigkeit. Wichtig ist im Leben
- und wohl besonders in der Politik - die Unterstützung
der Bevölkerung. Das kann oft Berge versetzen. Da ist
kluge Vorgangsweise sehr wichtig. Wenn ich zurückdenke,
als wir in den Carabinieri-Kasernen gefoltert wurden, da
haben uns wirklich Alle verlassen. Das heißt nicht gerade
alle, meine Frau hat mich im hochschwangeren Zustand
in der Meraner Carabinieri-Kaserne besucht. Ich war
entsetzt, dass sie sich in diesem Zustand getraute, in die
Hölle von Bestien zu kommen. Die Parlamentsabgeord-
neten, der Parteiobmann und Landeshauptmann hätten
das Recht und die moralische Pflicht gehabt hinzugehen
und hätten sogar das Recht gehabt, die Misshandlungen
einzustellen. Diesen armen Hascher hatten aber alle die
Hosen voll und getrauten sich nicht, uns wirklich armen
Teufel aus der Hölle zu befreien. Wir erfuhren diese bo-
denlose Gemeinheit erst viele Jahre später, als wir wieder
in Freiheit waren. Große Sprüche reißen schon, das konnte
Landeshauptmann Magnago. Als wir schon über zwei
Jahre im Knast saßen, hat uns Landeshauptmann Mag-
nago in einer deutschen Illustrierten „politische Idioten“ Wartende Ehefrauen und Verwandte vor den Kasernen
genannt, und sein Sekretär Hartmann Gallmetzer hieß von Polizei und Carabinieri. Drinnen wurde gefoltert,
uns die politischen „Tschoppelen“. Noch etwas Krasseres draußen verbrachten sie bange Stunden.

hat sich in einem Traminer Keller zugetragen. Damals


war Magnago noch nicht Parteiobmann und auch nicht
Landeshauptmann. Er sagte, es wäre gut, wenn ab und
zu etwas gesprengt würde. Und wenn deutsche Mädchen
mit einem italienischen Burschen gehen, sollte man dem
Mädchen die Haare abschneiden und dann den Kopf mit Cossiga hat öffentlich erklärt, dass uns Südtiroler die
Teer anstreichen. Gesprengt haben die Traminer schon, Selbstbestimmung zusteht. Trotz dieser großartigen Er-
aber den Mädchen die Haare abgeschnitten, das war ihnen klärung haben wir bei Versammlungen Gegner gehabt.
doch zu viel. Bruno Hosp ist ein gut eingestellter Politiker. So mancher SVP-Ortsobmann und auch Funktionär hat
Er hat mit mir die Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung uns beim Versammlungssaal die Tür zugesperrt.
gegründet. Er hat Politiker angeworben zur Mitarbeit und
ich habe versucht, andere Persönlichkeiten im Land für die Abschließend muss ich noch erklären, dass Hosp als
Mitarbeit anzuwerben. Wir wollten die Selbstbestimmung junger Student auf dem Ritten, wo er auch zuhause war,
auf dem politischen Parkett gängiger machen. Wir haben eine BAS-Gruppe hatte, die nicht nur Fahnen aufhäng-
viel Begeisterung erreicht, allerdings auch Abneigung te, sondern auch mit Sprengstoff hantierte. Weil ich ein
und Gegner. Unerklärlicherweise haben viele Südtiroler wahrheitsliebender Mensch bin, will ich auch betonen,
nicht begriffen, dass die Zeit reif war, sich für die Selbst- dass Dr. Magnago bei der Generalversammlung der SVP
bestimmung einzusetzen. Denn sogar Ex-Staatspräsident im Meraner Kursaal öffentlich erklärt hat, dass die An-

36 TSZ SONDERNUMMER 2021


schläge viel am Zustandekommen des Pakets beigetragen haben. Das war eine
großzügige Aussage von ihm.

Wenn ich so zusammenfasse, was ich politisch für unsere Heimat geleistet habe,
so kann ich beruhigt und ohne anzugeben sagen, ich habe sehr viel für meine
geliebte Heimat getan. Der große Brocken waren sicher die acht Jahre Gefängnis,
begleitet von den schweren Misshandlungen, Einbuße der Gesundheit und die
schwere Wiedereingliederung in das öffentliche Leben. Aber ich habe die Flinte
nicht ins Korn geworfen, sondern habe mich zusammengenommen und nach
vorne geschaut. Ich war 21 Jahre Obmann des Südtiroler Heimatbundes und
10 Jahre Obmann der Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung. Ich war in einigen
politischen Bewegungen im Ausschuss tätig und in einigen wirtschaftlichen
Organisationen ebenso. Ich war gerne unter Menschen, und die Tätigkeit gefiel
mir auch. Den Hof habe ich nicht vernachlässigt. Die bäuerliche Arbeit gefiel mir
gut, ich war gerne Bauer.

Über die Zukunftsaussichten unseres Landes zu schreiben, ist sehr schwierig. Po-
litisch gesehen ist es einfach wichtig, dass der Mensch weiß, wo er hergekommen
ist, dann weiß er auch, wo er hingehört. Die Italiener haben eine andere Mentalität
und sind zum Heiraten unter zwei verschiedenen Volksgruppen nicht geeignet.
Aber auch der Italiener ist ein Mensch, und wenn man sich gegenseitig schätzt,
dann ist ein Zusammenleben möglich. Die Italiener haben einen staatlichen
Hintergrund, wir haben einen Landeshintergrund. Wir haben eine einigermaßen
brauchbare Autonomie. Wir müssen fest zusammenhalten, damit wir sie auch
richtig nützen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir Tiroler sind − das sind
wir unseren Nachkommen schuldig.

Nachdem die Folterungen in italienischen Gefängnissen bekannt geworden waren, sollte sich die Gangart
unter den Südtirolaktivisten verschärfen.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 37


Anzahl der Verhafteten nach Jahren

(bzw. geflüchtet und später in Österreich verhaftet)

1957 1961
1956 14 110
8 1958
1

1962
1964 5
24 1963
10
1965
2

1966
1967
5
18
1969
2

1984
1 1979
1982
1 3
Quelle: ,,…Es blieb kein anderer Weg…“, S. 302ff

38 TSZ SONDERNUMMER 2021


Unvergessliche Landsleute
in tiefer Not
von Dr. Helmut Golowitsch

Als ich in die Schule ging, war in Oberösterreich das Bewusstsein der
Verbundenheit mit Tirol noch sehr lebendig. Oberösterreich unterstand
dem k. u. k. Militärkommando in Innsbruck. Die oberösterreichischen
Regimenter hatten alle an der Südfront gekämpft, und viele Soldaten und
Offiziere waren bei Bedarf zu Tiroler Regimentern versetzt oder gleich zu
diesen eingezogen worden. Nach dem Bündnisverrat und dem Überfall
Italiens auf Tirol im Mai 1915 war ein Regiment freiwilliger Schützen
aufgestellt worden, welche Seite an Seite mit den Standschützen die
Grenze Tirols verteidigten. Unsere Lehrer hielten uns dazu an, Veranstal-
tungen des Bergisel-Bundes zu besuchen, und auch in der Schule wurde
uns das Anliegen Tirols in einer Weise vermittelt, die uns Schüler innerlich
bewegte.

Von der „Feuernacht“ 1961 in Südtirol erfuhr ich als Publizistik-Student


Ankunft in Rom, wo uns der Prozess
am damaligen Institut für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien erwartete. Links im Bild ich, in der
aus der Presse. Ich war davon tief bewegt, dass meine Landsleute den Mut Bildmitte mein Mitgefangener
Johannes Klein.
hatten, sich gegen den ihnen zugedachten Untergang zur Wehr zu setzen. Zu
diesem Zeitpunkt berichtete die Presse auch, dass Rom ein Ausbürgerungs-
und Vertreibungsgesetz für unliebsame Südtiroler geplant hatte, welches
bereits in einer der beiden Parlamentskammern genehmigt worden war.

Ende Sommer 1961 wurden die grausamen Folterungen politischer Häftlin-


ge in Südtirol bekannt. Ich war ebenso wie die meisten meiner Landsleute
empört. Als ein Mitstudent mir eröffnete, dass er Verbindung zu Leuten
vom „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) habe und dass Unterstützer
des Südtiroler Freiheitskampfes gesucht würden, war ich zusammen mit
einem guten Freund aus vollem Herzen mit dabei. Anfang September
1961 wurde ich im Zuge der Geschehnisse zusammen mit drei weiteren
Studenten in Trient verhaftet. Gewisse Schreiberlinge haben unseren
damaligen missglückten Einsatz spöttisch „Kinderkreuzzug“ genannt.
Das ist erstklassiger Blödsinn. Ich war damals 19 Jahre alt und wie meine
anderen Kameraden bereits gesetzlich wehrpflichtig. Im Ersten und im
Zweiten Weltkrieg hatten Leute in unserem Alter an der Front im Einsatz
gestanden, und das waren auch keine „Kinderkreuzzüge“. Wir wurden wegen
politischer Verschwörung und des Besitzes von Sprengstoff angeklagt. Ein
weiterer Anklagepunkt wegen Anschlags auf die Einheit des italienischen

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 39


Staates wurde erst in der Gerichtsverhandlung in Rom fallen gelassen. Bis
dahin waren wir aufgrund dieses Staatsschutzparagrafen Nr. 241 aus dem
alten und immer noch gültigen faschistischen Strafgesetzbuch unter der
Androhung einer lebenslangen Freiheitsstrafe gestanden. So kam es bei
unserem Prozess in Rom zu einer Verurteilung zu 4 Jahren und 1 Monat Haft.

Zu unserem Glück waren damals die italienischen Gefängnisse sehr über-


füllt, und um wieder mehr Platz zu schaffen, wurden durch allgemeine
Amnestien Strafherabsetzungen vorgenommen. Zusammen mit einer
Strafreduzierung im Berufungsverfahren erlaubte mir dies die Heimkehr
nach 2 Jahren und 3 Monaten Haft in Trient und in zwei weiteren römi-
schen Gefängnissen.

Dr. Bruno Kreisky

Eine bewegende Begegnung

Im Kerker von Trient hatte ich ein erschütterndes Erlebnis. Ich war nach Im Kerker von Trient traf ich nach Aufhe-
meiner Festnahme in Trient 2 Tage und 2 Nächte lang unter Schlafentzug bung der Isolierungshaft im Gefängnis-
von den Carabinieri verhört worden, und der vor Hass sprühende Capitano hof mit den verhafteten Unterlandlern,
Marzollo hatte mir einige Male ins Gesicht geschlagen, um mich aussage- den Attentätern der Feuernacht, zusam-
freudiger zu stimmen. Ich bin aber nicht gefoltert worden. Damals wagte men, welche mich herzlich als Freund
man noch nicht, österreichische Staatsbürger zu foltern. Das sollte sich und Landsmann begrüßten und ihre von
wenige Jahre später in der Zeit der österreichischen Alleinregierung Dr. zu Hause erhaltenen Liebesgaben auch
Klaus ändern, als die Italiener von deren Seite keinen öffentlichen Protest mit mir teilten. Für mich verschüchtertes
mehr fürchten mussten. Bürschchen war das eine große seelische

40 TSZ SONDERNUMMER 2021


Hilfe in der mich ansonsten umgebenden Trostlosigkeit. Aus dem
Munde der Südtiroler Kameraden erfuhr ich, was die Carabinieri
ihnen angetan hatten und wovor mich meine österreichische Staats-
bürgerschaft bewahrt hatte. Sie zeigten mir ihre immer noch blau,
grün und gelb geschlagenen Beine und die verschorften und nicht
zur Gänze verheilten Wunden. Josef Anegg aus Kurtatsch hatte sich
bei seinem Verhör nackt ausziehen müssen, man hatte ihm mit
brennenden Zigaretten die Lippen, Hände, Brustwarzen und Ge-
schlechtsteile versengt, man hatte ihn mit schweren Gegenständen
geschlagen und mit einer Zange Körperhaare ausgerissen und die
Finger zerquetscht. Ähnlich war es Luis Hauser, Adolf Pomella, Josef
Orian, Konrad Matuella, Franz Egger, Erich Walter, Bruno Veronesi
und anderen Verhafteten ergangen.

Ihre Schilderungen erschütterten mich, aber ihre herzliche Kame-


radschaft richtete mich auf, gab mir neuen Mut und begleitete mich
bis in die Gefängnisse von Rom und vor die Schranken des Gerichts.
Ich konnte zum Jahresende 1963, viel früher als die meisten von
ihnen, wieder nach Hause kehren. In späteren Jahren durfte ich
einige dieser Freunde in Freiheit wieder treffen. Die Bewunderung Luis Hauser mit seiner Frau, die ihn in der Haft
für ihre tapfere Haltung und die Dankbarkeit für die mir gegenüber in Trient besuchen durfte.
gezeigte Menschlichkeit und Kameradschaft erfüllt mich noch heute.

Unterstützung für die Häftlingsfamilien

Nach meiner Rückkehr aus der italienischen Haft setzte ich mein
Studium in Wien fort und arbeitete auf Einladung von Hans Dichand,
dem Herausgeber und Chefredakteur der „Kronen-Zeitung“, als
Berichterstatter für den Bereich Südtirol. Ich berichtete über die
österreichischen Südtirol-Prozesse ebenso wie über Informationen,
die ich auf verdeckten Wegen aus Südtirol und auch aus Kreisen
des BAS erhielt.

Ich erlebte das Heimweh und die Verzweiflung exilierter Südtiroler


Freiheitskämpfer wie Luis Amplatz und Georg Klotz, als ich sie in
Wien besuchte. In ihrer Heimat ging es zu dieser Zeit zahlreichen
Südtiroler Häftlingsfamilien auch materiell nicht gut.

Ich machte Hans Dichand darauf aufmerksam. Von der Nordtiroler


Landesregierung wurden damals mit Unterstützung durch den
Außenminister Dr. Bruno Kreisky dankenswerter Weise für die
Südtiroler Häftlinge die Verteidigungskosten bezahlt, und es wurde
auch eine Reihe von Familien karitativ unterstützt. Das Geld reichte
jedoch nicht aus, um alle Not zu lindern. Also verschaffte ich dem
aus der Haft entlassenen Alois Egger aus St. Walburg in Ulten einen
Termin bei dem großen Zeitungsmann.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 41


In seinem Mitteilungsblatt rief der „Bergisel-Bund“ dazu auf, die Häftlingsfamilien
in Südtirol zu unterstützen. Das Bild der Familie Egger hatte Ernst Trost bei seinem
Besuch in Südtirol aufnehmen lassen und die „Kronen-Zeitung“ hatte es dann mir
zur Verfügung gestellt.
Der Nordtiroler Landeshauptmann-Stellvertreter a.D. Prof. Dr. Hans Gamper stellte
mir für den „Bergisel-Bund“ einen bewegenden Aufruf zur Verfügung, in welchem
er die Südtiroler Freiheitskämpfer als „heimattreue Männer“ ehrte.

42 TSZ SONDERNUMMER 2021


Der gefolterte Luis Egger war am 16. Juli 1964 in Mailand zu meh-
reren Jahren Kerker verurteilt worden. Im Jahre 1966 wurde
Egger aufgrund einer Amnestie vorzeitig entlassen. Er blieb
bis an sein Lebensende von der Folter gezeichnet. Die Ca-
rabinieri hatten ihn so schwer geprügelt, dass er schlecht
hörte und zum Invaliden geworden war, der nur noch
am Stock gehen konnte.

Nun reiste der einfache Arbeiter Alois Egger nach


Wien, mühte sich mit seinem Stock zum Pressehaus
und stand dann dem mächtigen Chefredakteur und
Herausgeber gegenüber. Er gab ihm einen unmittel-
baren Bericht. Was Alois Egger dem Zeitungsmann zu
sagen hatte, hat diesen sehr berührt, denn die Folge dieses
Besuches und dieser Aussprache war, dass Hans Dichand
einen seiner besten Journalisten, Ernst Trost, beauftragte, eine
Reportage über das Schicksal der Südtiroler Häftlingsfamilien
zu machen. Was Ernst Trost in Südtirol zu sehen bekam, fasste er
zu einem Fortsetzungsbericht zusammen, der in ganz Österreich die Der Nordtiroler Landes-
hauptmann-Stellvertreter
Leser erschütterte. Gleichzeitig rief Hans Dichand in der „Kronen
Prof. Dr. Hans Gamper,
Zeitung“ die Österreicher zu Spenden für die Häftlingsfamilien auf. unscheinbar von Gestalt,
Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und gab die erste namhafte war seelisch ein großer
Mensch.
Spende in der Höhe von 10.000 Schilling. Das war damals viel Geld.
Das Ergebnis des Aufrufes war überwältigend. Ernst Trost konnte
in Südtirol dem SVP-Kammerabgeordneten Hans Dietl bedeutende
Geldsummen für die Häftlingsfamilien übergeben. Es gelang mir
auch, die „Oberösterreichischen Nachrichten“ und das „Salzburger
Volksblatt“, für die ich auch zeitweise Berichte lieferte, zu bewegen,
Spendensammlungen für die Häftlingsfamilien durchzuführen. Mit
der Hilfe des „Bergisel-Bundes“ konnte ich auch in dieser Vereinigung
ein „Hilfswerk für Südtirol“ organisieren, welches die Häftlingsfamilien
unterstützte. Ich bin heute noch dem Nordtiroler Landeshauptmann-
Stellvertreter a.D. Prof. Dr. Hans Gamper (ÖVP) dafür dankbar, dass er
mir für die Weihnachtsausgabe 1967 der „Mitteilungen des Bergisel-
Bundes“ einen sehr berührenden Aufruf zur Verfügung stellte, in dem
er auch die inhaftierten Freiheitskämpfer ehrend würdigte.

Dr. Hans Gamper, unscheinbar von Gestalt, war seelisch ein großer
Mann. Der aus Kappl in Nordtirol stammende Gamper war im Ersten
Weltkrieg mit der Silbernen und der Bronzenen Tapferkeitsmedaille
ausgezeichnet worden.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 43


Nach dem Anschluss Österreichs war der damalige Landesschulinspektor
Gamper in das KZ Dachau eingeliefert worden. Er hatte dort brutalen Terror,
Leiden und Todesgefahr erlebt. Wieder aus der Haft entlassen, hatte er sich
dem antinazistischen Tiroler Widerstand angeschlossen, dem auch der
große Vorkämpfer für die Freiheit Südtirols, Univ.-Prof. Dr. Eduard Reut-
Nicolussi, angehörte. Er hatte damit eine neuerliche Verhaftung riskiert.
Das darf man wohl als außerordentlichen Mut bezeichnen!

Nach dem Krieg hätte der nunmehrige ÖVP-Landesrat Dr. Hans Gamper
ausreichend Gelegenheit gehabt, sich an früheren Gegnern zu rächen.
Gamper hat das nicht getan, sondern sich stets als guter Christ und als
Mann der Befriedung erwiesen.

Sein Aufruf zur Hilfe für die Familien der inhaftierten Freiheitskämpfer hat
Midl von Sölder, der „Engel der
viele Mitbürger zu Mitgefühl und Hilfe bewegt. Auch diese Gelder wurden Gefangenen“.
über den SVP-Politiker Hans Dietl und die ehemalige Katakombenlehrerin
in der Faschistenzeit und spätere uneigennützige Betreuerin der Häftlings-
familien, Midl von Sölder, den betroffenen Familien zugeleitet.

Midl von Sölder war eine mutige Frau, die sich aufopferte. Ich erinnere
mich noch an geheime Treffen mit ihr und der unerschrockenen Rosa
Gutmann, deren zwei Brüder im italienischen Gefängnis saßen. Die Treffen
fanden meist zur Hauptbesuchszeit in einem großen Innsbrucker Kran-
kenhaus statt. Man musste nämlich vor Spitzeln auf der Hut sein, die den
beiden Frauen vom Bahnhof her gefolgt sein konnten. Sie übergaben mir
dann Berichte über das Los der Familien und nahmen die Spendengelder
entgegen. Wären diese Innsbrucker Treffen bekannt geworden, wären die
beiden tapferen Frauen wahrscheinlich ins italienische Gefängnis gegan-
gen, denn der „Bergisel-Bund“ war von den italienischen Behörden als
„terroristische Vereinigung“ eingestuft. Rosa Gutmann, ihre unerschrockene
Helferin.
Abschließend möchte ich noch auf die Menschlichkeit zweier österreichi-
scher Politiker hinweisen, die persönlich miteinander befreundet waren. Es
sind dies der österreichische Außenminister und spätere Bundeskanzler Dr.
Bruno Kreisky (SPÖ) und der Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer
(ÖVP). Gemeinsam haben sie ohne Aufsehen im Stillen die Familien in-
haftierter Freiheitskämpfer unterstützt und die Verteidigung der Häftlinge
vor Gericht durch gute Anwälte finanziell ermöglicht. Das war politisch
nicht ungefährlich. Das Streben nach Ruhm und öffentlichem Dank war
ihnen fremd. Wir sollten ihre vorbildliche Haltung jedoch nicht in der
Vergessenheit versinken lassen! Wenn wir uns der bereits verstorbenen
Freiheitskämpfer erinnern, so wollen wir in dieses Gedenken auch Per-
sönlichkeiten wie Dr. Bruno Kreisky, Eduard Wallnöfer, Dr. Hans Gamper,
Hans Dietl, Hans Dichand und Midl von Sölder mit einschließen.

Landeshauptmann Eduard Wallnöfer

44 TSZ SONDERNUMMER 2021


Ich würde eine Wallfahrt machen
von Sepp Forer

Der Zweite Weltkrieg war vorbei und mit ihm auch – so


hofften die Südtiroler – der italienische Faschismus. Jener
Faschismus, der sich in Verbindung mit dem Nationalso-
zialismus gegen unser Volk und Land verschworen und
eine italienische Mehrheit in Südtirol zum Ziel hatte. heit in Südtirol zu schaffen. Aufgegeben hat man dies bis
Dem war nicht so. Es wurden zum Großteil wieder die heute nicht. Die Anwendung der von den alliierten Sie-
alten faschistischen Verwaltungsbeamten eingesetzt, die germächten angeordneten Autonomie wurde von Italien
faschistischen Orts- und Flurnamen blieben weiterhin behindert, verzögert und verwässert. Die Zweisprachigkeit
erstrangig und viele aus der Zeit Mussolinis stammende der italienischen Beamten gab es nicht, unsere Leute
Gesetze existierten weiter. Manche bis zum heutigen Tag. mussten in den Ämtern stundenlang warten, wenn sie
Als ich 1946 in die wieder zugelassene deutsche Schu- nicht italienischen konnten. Die im Ausland erworbenen
le kam, war ihr Zustand ein erbärmlicher. Mein erstes Titel wurden nicht anerkannt. Die vom Landtag in Bozen
Deutschlesebuch war ein aus der Schweiz eingeschmug- erlassenen Verordnungen und Gesetze wurden in Rom
geltes. Ich musste es mit zwei anderen Mitschülern teilen. häufig zurückgewiesen. All dies erzeugte einen Zustand
Meine erste Lehrerin war eine Katakombenlehrerin. Sie der Hoffnungslosigkeit und der Ohnmacht, der sich bei
hatte während der Mussolini-Zeit unter großer Gefahr der Kundgebung in Sigmundskron entladen hat. Am 17.
heimlich Deutschunterricht gegeben. Wurden damals November 1957 versammelten sich dort trotz starker
solche Lehrer erwischt, wurden sie hart bestraft oder gar Polizeipräsenz 35.000 Südtiroler mit der Forderung nach
auf die Liparischen Inseln verbannt. Dort mussten sie z.T. Selbstbestimmung. Nach stundenlangem Bemühen des
in den Schwefelgruben arbeiten. Ehre ihrem Andenken. neu gewählten Parteiobmannes Magnago erhob man nur
die Forderung nach mehr Autonomie. Diese Minimalfor-
Zum dörflichen Alltag in Südtirol gehörten damals mit Ma- derung wurde von Italien nicht nur nicht erfüllt, sondern
schinenpistolen bewaffnete patrouillierende Carabinieri, 1959 erließ der Ministerrat eine Durchführungsbestim-
die misstrauisch darauf achteten, dass es ja keine anti- mung für einen verstärkten Wohnbau für zugewanderte
italienischen Vorkommnisse gab. Sie schritten schon ein, Italiener. In ganz Südtirol kam es zu Protesthandlungen.
wenn ein rotes, ein weißes und wieder ein rotes Leintuch Die Südtiroler Politiker protestierten vergebens in Rom.
auf der Wäscheleine nebeneinander hingen. Ähnlich ging
es mit den Balkonblumen, bestraft wurden rot-weiß-rot Die verbotene Tiroler Fahne wurde deshalb absichtlich
gestrichene Fensterläden, das Hissen der Tiroler Fahne an schwer zugänglichen Stellen gehisst und es wurden
oder gar das Zeigen unseres Landeswappens. Arg war Flugzettel mit der Forderung nach Selbstbestimmung
die Arbeitslosigkeit unserer jungen Leute, sie mussten verteilt. Meine Freunde und ich haben hinter meinem
nach Nordtirol, in die Schweiz oder nach Deutschland Heimatdorf einen 11 Meter hohen und 9 Meter breiten
fahren, um Arbeit zu finden. Zugleich fand eine staatlich Tiroler Adler auf eine Granitfelswand gemalt.
gelenkte Massenzuwanderung von Arbeitern aus dem
Süden Italiens statt. Für sie wurden tausende staatliche Österreich brachte 1960 unter Außenminister Kreisky
Wohnungen gebaut. Arbeit fanden sie im staatlichen das Problem vor die UNO. Dies verpflichtete Italien, mit
Dienst und in der Bozner Industriezone, die Mussolini Österreich zu verhandeln. Italien jedoch behauptete,
auf den enteigneten Obst- und Weingärten errichten ließ. dass Südtirol eine inneritalienische Angelegenheit sei
Das Ziel war, rasch eine italienische Bevölkerungsmehr- und ließ Österreich im Regen stehen. 1961 kam es zu

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 45


einer neuerlichen Befassung der UNO.
Italien reagierte wieder mit Ausflüch-
ten und der Behauptung, die Südtiroler
seien die bestbehandelte Minderheit in
Europa. Im römischen Parlament wur-
de ein Gesetzesentwurf eingebracht, in
dem missliebige Südtiroler des Landes
verwiesen werden konnten. Das brachte
das Fass zum Überlaufen.

Unter Sepp Kerschbaumer bildete sich


eine Widerstandsbewegung, die durch
gewaltsame Aktionen die Weltöffent-
lichkeit auf die unhaltbaren Zustände
Derartige Windjacken verwendeten fast alle BAS-Aktivisten
in Südtirol aufmerksam machen wollte.
bei ihren „Einsätzen“ in Südtirol. Üblicherweise waren die
Ziel waren das Selbstbestimmungsrecht Jacken mit dem Tiroler Adler versehen. Hier die originale
und die Wiedervereinigung Tirols. Ich Jacke von Sepp Forer, ausgestellt im BAS-Museum in Bozen.

schloss mich mit meinen Gesinnungs-


genossen dieser Bewegung an, weil wir
überzeugt waren, dass unser Volk unter war ein trauriger. Ich als Ältester von 3 Kindern hätte den Hof überneh-
der Fremdherrschaft Italiens zu Grunde men und meinen damals 60-jährigen Vater entlasten sollen. Diese seine
geht. Wir nahmen das Landlibell ernst, Hoffnung war dahin. Meine Eltern segneten mich und der Vater sprach
wir mussten uns wehren! Es wurden Ver- mit Tränen in den Augen: „Seppl, ich hätt’ di’ wohl noch gebraucht, aber
stecke für Sprengmittel und Flugzettel geh’ in Gottes Namen, es muss wohl so sein.“ Ich ging, nahm eine Sense
gesucht und ausgebaut, Verbindungen und begann oberhalb unseres Hofes in der Bergwiese Gras zu mähen. Um
wurden geknüpft und Ausbildungen im 6 Uhr sah ich 8 mit Maschinenpistolen bewaffnete Carabinieri auf unseren
Sprengmittelgebrauch gemacht. Dann Hof kommen. Sie riefen mir auf Italienisch zu, dass ich herunterkommen
kam der in die Geschichte Tirols ein- solle. Ich rief auf Deutsch zurück „I kimm glei“, steckte die Sense und den
gegangene Herz-Jesu-Sonntag 1961. Wetzstein in den Boden und ging dem nahen Waldrand zu. „Altolà, altolà“
Erst um 4 Uhr nachmittags erhielten riefen sie dann und brachten die Gewehre in Anschlag. Ich machte einen
wir das Losungswort, dass in der kom- gewaltigen Satz über die Feldmauer und war weg. Wie mit Siegfried Ste-
menden Nacht der große Schlag statt- ger ausgemacht, ging ich zum vereinbarten Treffpunkt zwei Gehstunden
findet. Durch die kurze Ankündigungs- oberhalb des Dorfes. Doch Siegfried kam den ganzen Tag nicht, erst um
zeit konnten wir nur wenige unserer Mitternacht kam er angeschlichen. Er war in der Früh verhaftet, in einen
Mitkämpfer erreichen. Es flogen in der Polizeijeep gesetzt und von drei Polizisten bewacht worden. Mit einem
Nacht immerhin 2 Hochspannungsmas- Trick war es ihm gelungen zu entkommen und in
ten im Tauferer Tal in die Luft; in ganz die Klamm hinter dem Dorf zu flüchten, von wo
Südtirol waren es fast 40. Mein Mitkämp- er erst in der Nacht weiterflüchten konnte.
fer Siegfried Steger und ich beschlossen, Durch unsere Nachrichtenleute erfuhren
uns unter keinen Umständen von den wir, dass unsere Familienmitglieder zum
Carabinieri verhaften zu lassen, da wir Teil verhaftet worden waren und die an-
die Brutalität der Polizei bereits beim deren am Hof ständig überwacht wurden.
Verhör wegen des von uns aufgemal- Außerdem kamen starke Militäreinheiten
ten Tiroler Adlers zu spüren bekom- in unser Tal und begannen uns zu suchen.
men hatten. Wir hatten deshalb schon Nach 3 Tagen gingen wir in der Nacht über
länger geplant, gleich nach den ersten die Gletscher ins Zillertal. Dort holte uns
Widerstandshandlungen in die Berge ein Nordtiroler Mitkämpfer ab und brach-
zu flüchten. Der Abschied von meinen te uns nach Innsbruck, wo sich immer
Eltern im Morgengrauen des 12. Juni mehr geflüchtete Südtiroler Mitkämpfer

46 TSZ SONDERNUMMER 2021


Dieses Bild mit den Pusterer Buibm befand sich auf
einer nicht entwickelten Filmrolle, die die Finanzpoli-
zei beim ersten, missglückten Fluchtversuch Heinrich
Oberleiters beschlagnahmte. Es sollte Martha Kirchler
vom „Kofler zwischen den Wänden“ zum Verhängnis
werden: Am 8. Dezember 1964 wurde sie verhaftet.
V.l.: Heinrich Oberleiter, Siegfried Steger,
Martha Kirchler, Sepp Forer.

einfanden. Wir beschlossen, nicht untätig herumzusitzen,


und gingen nun wieder über die stark bewachte Grenze
und begannen dem Freiheitskampf fortzuführen. Am 16.
Juni 1961 ordnete der Regierungskommissär mit sofortiger
Wirkung den Schießbefehl auf Personen an, die näher als
200 Meter von Hochspannungsmasten, Elektrizitätswer-
ken, Staudämmen, Seilbahnen usw. angetroffen werden.
Unter dem Kommando Vincenzo Agnesina wurden in Süd-
tirol 35.000 Soldaten und Polizisten zusammengezogen,
um die angeordneten Schießbefehle und die Bewachung
zu übernehmen. Da Kasernen und Feldlager nicht zur
Unterbringung ausreichten, beschlagnahmte man Hotels
und Pensionen. Die darin wohnenden Gäste wurden samt
Gepäck vor die Türe gesetzt. Am Abend des 19. Juni wollte Im Juli 1961 brach die große Verhaftungswelle aus. Es wur-
der in Sarnthein auf dem Moarhof arbeitende Knecht Josef den wahllos hunderte Südtiroler verhaftet und fürchterlich
Locher den steilen Weg meiden und fuhr in der Holzkiste gefoltert. Die bestialischen Behandlungen wurden vom
der Materialseilbahn bergwärts. Auf halbem Weg erschoss italienischen Innenminister Scelba angeordnet, durch-
ein Soldat mit sechs gezielten Schüssen den Wehrlosen in geführt wurden sie von eigens ausgebildeten Carabinieri-
der Transportkiste. Noch in derselben Nacht wurde in Mals Folterknechten. Ich möchte euch Details ersparen. Zu
im Vinschgau der 25-jährige Hubert Sprenger nach einem Tode gefoltert wurden Franz Höfler aus Lana und Anton
Besuch im „Gasthaus Post“ von einem Militärposten vor Gostner aus St. Andrä, und an den Spätfolgen starb Sepp
einem Offizierswohnheim erschossen. Die beiden Südti- Kerschbaumer aus Frangart. Viele andere waren durch
roler waren die ersten Opfer des Schießbefehls, sie hatten die Folterungen für ihr Leben gezeichnet.
beide mit den Widerstandaktionen nichts zu tun. Am 25.
Juni wurde der 22-jährige Peter Thaler vom Temmelhof Die entsetzlichen Geschehnisse bewogen uns, nun nur
in Brixen in Welsberg durch einen italienischen Soldaten noch bewaffnet in den Bergen unterwegs zu sein. Wir
erschossen, die näheren Umstände wurden nie geklärt. bauten im unwegsamen Gelände unsere Stützpunkte
Der 18-jährige Peter Wieland aus Niederolang wurde auf sowie Vorratslager und führten in der schneefreien Zeit
dem Heimweg von einer Musikprobe mitten auf einer den Freiheitskampf 6 Jahre weiter. Mit Gottes Hilfe, viel
Wiese von einem italienischen Soldaten angeschossen Glück und der Hilfe der Bevölkerung haben wir überlebt.
und dort zwei Stunden liegen gelassen, bis er verblutet war. Um einer Fehlmeinung entgegenzutreten, muss ich sagen,

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 47


Peter Thaler
vom Temmel-
hof in Brixen
wurde in Wels-
Josef Locher, erschossen berg durch
in einer Materialseilbahn einen italieni-
im Sarntal schen Soldaten
erschossen;
die näheren
Umstände
wurden nie
geklärt.

dass nicht nur wir 4 Pusterer Buben in unserem


Raum gekämpft haben, es waren Dutzende an-
dere Kameraden, die mitgemacht haben. Ihre
Namen sind bis heute nicht öffentlich bekannt.

Ich erzähle euch vom Überfall auf Tesselberg,


bei dem es zu einem Schusswechsel zwischen
mir und italienischen Elitesoldaten kam und
der bald in einer Katastrophe geendet hätte. Es
war jener denkwürdige 10. September 1964. In
Bozen begann das Begräbnis meines Kamera-
den Luis Amplatz. Er war am 7. September vom
italienischen Geheimdienst in einer Heuhütte
im Passeiertal im Schlaf erschossen worden.
Trotz massiver polizeilicher Behinderung
kamen 20.000 Leute, um ihm die letzte Ehre Die Beerdigung des im Gefängnis unter ungeklärten Umständen
zu erweisen. Wir waren nach einem langen verstorbenen Anton Gostner. Schützen trugen den Sarg des
Freiheitskämpfers.
Nachtmarsch in das Gebiet von Tesselberg ge-
kommen. Es war ein kleiner Weiler hoch über
dem Eingang ins Tauferer Tal mit nur 150 Ein-
wohnern. Die Nacht reichte nicht mehr aus, den zu: „Mander richtet euch, die Walschen kommen.“ Inzwischen
um einen unserer Stützpunkte zu erreichen. standen die zwei schon vor unserer Hütte und sahen durch die offene
So beschlossen wir, in einem der zahlreichen Luke unseren Benzinkocher auf einem Holzbalken. Wohl dadurch
Heustadel Unterschlupf zu suchen. Zu Mittag misstrauisch geworden, rief einer: „Venite fuori“ und feuerte aus
war meine Wache beendet, und ich schaute einer Entfernung von 5 bis 6 Metern mit seiner Maschinenpistole auf
noch einmal in die Runde. Plötzlich kamen zwei mich. Ich erwiderte das Feuer, und die beiden waren kampfunfähig,
Soldaten einer Eliteeinheit mit rotem Halstuch haben aber überlebt. Zu meinen Kameraden sagte ich: „Gebt mir
auf unsere Hütte zu. Ich raunte meinen Kamera- Feuerschutz“ und sprang bei der Luke hinaus dem nahen Waldrand

48 TSZ SONDERNUMMER 2021


EIN UNBETEILIGTES
SÜDTIROLER OPFER
WIRD HIER ZU
GRABE GETRAGEN.
JOSEF LOCHER
AUS DEM SARNTAL.

zu. Im Laufen sah ich oberhalb von mir – hinter einer mussten stundenlang bäuchlings auf der Wiese liegen.
Feldmauer geduckt – 15 bis 20 weitere Elitesoldaten ratlos Wer aufschaute, wurde mit Gewehrkolben geschlagen.
in die Gegend schauen. Ich warf mich in eine Gelände- Die Häuser wurden gestürmt, Handgranaten hinein-
mulde und wartete auf meine Kameraden. Sie kamen geworfen, Bargeld und Ferngläser gestohlen und eine
nicht, und ich ließ einen unserer Verständigungspfiffe taubstumme Frau durch einen Lungenschuss verletzt.
los. Darauf setzte starkes MP-Feuer ein, und ich musste Bei den Suchmannschaften brach Hysterie aus. Der Alpi-
mich bergab zurückziehen. Auf meinem Weg kam ich nisoldat Silvano Ragotti raste mit seinem Jeep durch die
zu einem Bauernhof, dort wollte ich um Schuhe bitten, Gegend. Das Auto überschlug sich, und er wurde dabei
weil ich barfuß unterwegs war. Ich duckte mich ober dem getötet. Ein weiterer Soldat, Giulio Meloni, musste aus-
Haus hinter einer Feldmauer, um zu beobachten. Dabei treten. Als er zurückkam, wurde er von nachrückenden
trat ich einen faustgroßen Stein los, der hinunter auf die Soldaten erschossen. Ein Panzer rückte an und schoss
Stadelbrücke kollerte. Sofort begann man aus dem bereits die Heuhütte, in der wir Unterschlupf gesucht hatten,
vom Militär besetzten Hof zu schießen. Ich musste also in Brand. Eine Mühle, weitere Stadel und Heuschober
schleunigst weiter und kam zu dem kleinen Gebirgsbach, wurden ebenfalls in Brand geschossen. Oberst Marasco
der von Tesselberg herunter rinnt. Ich ging durch den Bach kam mit einem Hubschrauber und befahl dem Leutnant
aufwärts in einen sehr steilen, felsdurchsetzten und gut Giudici: „Stell 15 Personen an die Wand und lass sie
bewachsenen, aber aussichtsbietenden Wald. Ich konnte erschießen. Dann lass das Dorf niederbrennen.“ Dieser
mich gerade unter einer Haselstaude verkriechen, da sah verweigerte Gott sei Dank den Befehl. Er wurde deshalb
ich unter mir zwei Hundeführer, die nach mir suchten. später nach Udine strafversetzt. Für mich wurde die Lage
Es flogen Hubschrauber in bedenklicher Nähe und am aussichtslos, umgeben von Suchmannschaften, von drei
Talboden kamen ständig neue Militäreinheiten an und bewaffneten Hubschraubern verfolgt, harrte ich in mei-
begannen nach uns zu suchen. Im Weiler Tesselberg nem Felsenversteck aus. Dabei habe ich drei Rosenkränze
ging Übles vor sich. Die Männer wurden gefesselt und gebetet und mich auf den Tod vorbereitet. Nach langen

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 49


Am 10. September 1964 endete eine Aktion des italienischen Militärs und der Polizei, die eine Ausschaltung der
Südtiroler Aktivistengruppe der „Pusterer Buabm“ bewirken sollte, mit Großrazzien, mit einem militärischen Fehlschlag
und mit zahllosen Übergriffen auch gegen die militärisch nicht beteiligte Zivilbevölkerung im Weiler Tesselberg.

bangen Stunden wurde es Abend, und die schützende Nacht brach herein. Die
Suchmannschaften verzogen sich teilweise, und ich konnte – immer noch barfuß
– auf wohlbekannten Schleichwegen die Gegend verlassen.

Im Spätherbst 1966 hatten wir mit Dr. Peter Brugger, Obmannstellvertreter der
SVP, ein Treffen in Nordtirol. Dort sagte er zu uns: „Buabm, jetzt könnt’s aufhö-
ren. Bei den Verhandlungen haben wir das Möglichste erreicht, mehr ist nicht
zu holen. Bundeskanzler Klaus und Außenminister Lujo Tončić-Sorinj haben
sich mit Italien arrangiert.“ Dass dem so war, erfuhr ich am eigenen Leib. Am 28. Tiroler Nachrichten
Mai 1967 wurde ich in Fritzens verhaftet und kam in österreichische Gefangen- 1. Juli 1961: Schlimmer
Verdacht -Zahlt Roms
schaft. Im Gefängnis zu Innsbruck musste ich erfahren, dass auf Betreiben von Armee 20.000 Lire
Innenminister Hetzenauer (ein Tiroler!) das österreichische Bundesheer den Schußprämie?

50 TSZ SONDERNUMMER 2021


Italienern bei der Bewachung der Unrechtsgrenze zu
Hilfe geschickt wurde! Mir sind heute noch die Bilder in
übler Erinnerung, wo österreichische Offiziere mit den
italienischen Besatzern Brüderschaft getrunken haben!
Die patriotischen Tiroler waren entsetzt! Im März 1968
kam ich in Wien vor ein Schwurgericht. Mir wurde Spreng-
stoffbesitz und Ansammlung von Kriegswaffen vorgewor-
fen. Ich bestritt dies nicht und durfte auf Anordnung des
Gerichtsvorsitzenden Dr. Gleissner ausführlich erklä-
ren, warum ich zur Gewalt gegriffen hatte. Dann wurde
ich von den Geschworenen einstimmig freigesprochen.
Begründung: Es lag ein strafausschließender Notstand
vor. Anstatt mich auf freien Fuß zu setzen, brachte man
mich nach Feldkirch in Auslieferungshaft. Italien wollte
mich unbedingt haben und Österreich unter Klaus und
Tončić war aus Liebedienerei offenbar dazu bereit. Erst
Gen. Giancarlo Giudici,
durch zwei Demonstrationen österreichischer Patrioten seinerzeit Oberstleutnant
vor dem Gefängnis, der energischen Intervention von verhinderte in Tesselberg ein von seinem
Landeshauptmann Wallnöfer und dem österreichischen Vorgesetzten angeordnetes Blutbad.

Justizminister Klecatsky wurde ich nach 26-monatiger


Einzelhaft entlassen.

Am 14. Jänner 1976 starb in der Ruetzschlucht bei seiner und Spruchbänder die Forderung nach Selbstbestimmung
Köhlerhütte einsam und verlassen Jörg Klotz. Er war füh- „Los von Rom“ oder die Vereinigung unseres Landes zu
render Mitbegründer des Südtiroler Schützenwesens und fordern! Die am Festzug teilnehmenden Gruppen mussten
stand im Range eines Majors. Von Anfang an war er auch nicht nur die Teilnehmerzahl, sondern auch den Wortlaut
am Aufbau des Südtiroler Widerstandes dabei und hatte ihrer Transparente bekannt geben. Also Zensur pur! Das
belegbare Kontakte zu österreichischen Spitzenpolitikern. Ansuchen um Teilnahme hat zum Beispiel der Südtiroler
Zu seiner Verabschiedung in der Absamer Wallfahrtskir- Heimatbund – er ist die Vereinigung politischer Häftlinge
che verbot der damalige Landeskommandant Hofrat Dr. und Freiheitskämpfer − bereits im Dezember 2008 gestellt.
Zebisch die offizielle Teilnahme von Nordtiroler Schützen! Es wurde erst 10 Tage vor dem Festzug genehmigt. Der
Dieses schäbige, gegenüber Italien unterwürfige Verhalten Grund dafür war das mitgeführte Spruchband „Trotz
bewog mich bei der Grabrede, die ich gehalten habe, ihn Autonomie – die Heimat in Gefahr. Selbstbestimmung für
der Feigheit zu bezichtigen. Erst nachdem Italien erlaub- Südtirol“. Der letzte Versuch, diese unbequemen Mahner
te, Klotz’ Leiche im heimatlichen Passeier zu begraben, zu verschweigen, war das Ausblenden dieser Gruppe bei
traute er sich, eine Abordnung mit Bundesstandarte zum der Direktübertragung im ORF. Die von Italien angereg-
Begräbnis zu schicken. Die Unmutsäußerungen gegen ten Aussagen, dass jene, die die Selbstbestimmung und
sein Verhalten waren verständlich. Wiedervereinigung fordern, Extremisten, Zündler und
Unruhestifter seien, bewogen mich, aus Protest nicht am
Anlässlich des Gedenkjahres 2009 hat mich am allermeis- Festzug teilzunehmen. Wohl wissend, dass dies der letzte
ten die Haltung Nordtiroler Politiker und der Schützen- ist, den ich erlebe. Inzwischen haben sich die Wogen etwas
bundesleitung entsetzt. Nicht nur das unwürdige Gezanke geglättet. Besonders gefreut hat mich die Aussage des
über das Mittragen der Dornenkrone beim Festzug war damaligen Landeskommandanten des Bundes der Tiroler
peinlich, die Aussagen aus dem Innsbrucker Landhaus Schützenkompanien Fritz Tiefenthaler, dass die Wieder-
waren für patriotische Tiroler unerträglich. Nach einem vereinigung unseres Landes auch sein Ziel sei. Hoffentlich
Treffen österreichischer Politiker mit dem italienischen wird dieses Ziel auch in die Statuten aufgenommen und
Außenminister entstand die Weisung, beim Festumzug ein einziges Schützenkommando für ganz Tirol gebildet,
keine für die Fremdherrschaft in Südtirol unangenehme denn das wäre das ernstgenommene Landlibell! Wenn
Forderungen zu stellen. Es sollte verboten sein, auf Tafeln das passiert, verspreche ich, eine Wallfahrt zu machen.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 51


Meine Erinnerungen
an ein bewegtes Leben
von Siegfried Steger

Es war das Jahr 1958. Als ich nach der Musikprobe nach Hause kam, war
die Gaststube voller Gäste, Bauern, Handwerker und Arbeiter. Der Rauch
von Zigaretten, die mit der Hand gedreht wurden, und der Landtabak
in der Pfeife nahmen mir fast die Luft zum Atmen. Es war laut und an
allen drei Tischen wurde Wein und Bier getrunken. Ich setzte mich zu den
Leuten, die ich ja alle kannte. Dort wurde über die Anschläge der Stieler-
Gruppe diskutiert, was mich sehr interessiert hat.

Hermann und Franz diskutierten. Franz wurde lauter. Hermann erwiderte:


„Diese Anschläge sind an die Regierung in Rom gerichtet, die weiterhin nur
einen Plan haben: uns Südtiroler zu entrechten.“ Franz zu Hermann: „Und
die Pfunderer Buabm, die in Ketten abgeführt wurden wie Verbrecher.“ Ich
sage dir, dass die mit dem Tod des Finanzers nicht im Geringsten etwas zu
tun hatten, sondern sie haben in der Dorfwirtschaft mit den zwei Finan-
zern gefeiert. Plötzlich wurde es still in der Gaststube. Der Dorfschmied
ließ sich auf die Knie fallen, hob die Fäuste zum Kruzifix empor und rief:
„Helden brauchen wir! Helden!“ Er setzte sich auf seinen Platz nahm das
Glas mit Rotwein und sagte, es lebe der rote Adler Tirols! Langsam löste
sich die Stille. Einer rief: „Nicht einmal unsere Fahne dürfen wir bei Feier-
lichkeiten hissen. Wenn du auf ein Amt gehen musst, dann heißt es „Parli
italiano“ und so weiter. Sie sollen dorthin gehen, wo sie herkommen.“
Kurz vor Mitternacht kamen zwei Carabinieri bei der Tür herein, da um Musterung 1959. Links stehend
24 Uhr Sperrstunde war. Nun wurde es ruhig, die letzten Gäste bezahlten Siegfried Steger.
ihre Zeche und gingen nach Hause. Als alle Gäste draußen waren, gingen
auch die Carabinieri, meine Mutter sperrte die Haustüre zu und ich und
meine Eltern gingen schlafen.

Am nächsten Tag fragte ich meine Mutter, wo man eine Tiroler Fahne kaufen
kann. Meine Mutter erwiderte: „Die gibt’s nicht mehr zum Kaufen. Warum?
Was möchtest du mit der Fahne?“ Ich hätte gerne am Herz-Jesu-Sonntag
am Kirchturm ganz oben eine gehisst, um die Italiener zu ärgern. Somit
war das Gespräch um die Fahne beendet. Es war Sonntag, und ich kam
vom Kirchgang nachhause. Meine Mutter sagte: „Geh in dein Zimmer, da
ist ein Geschenk für dich.“ Ich ging in mein Zimmer, und auf meinem Bett
lag eine weiß-rote Tiroler Fahne, die meine Mutter selber genäht hatte.
Ich bedankte mich mit voller Freude bei ihr − nichts ahnend, dass dies
der Beginn der „Pusterer Buibm“ war. Also habe ich in der Nacht zum
Herz-Jesu-Sonntag die Fahne am Kirchturm gehisst. Die Leute im Dorf

52 TSZ SONDERNUMMER 2021


freuten sich und fragten sich, wer wohl diese Fahne gehisst hatte. Die Carabinieri besuchten
den Messner und verlangten von ihm, er sollte sofort diese Fahne entfernen. Ich kann mich
nicht mehr erinnern, wer sie schlussendlich entfernt hat. Franz Ebner, mein Nachbar, der
mit mir in der Feuernacht 1961 einen Masten sprengte, hatte mich in Verdacht, diese Fahne
gehisst zu haben.

Wir malten einen Adler in die Felswand und unternahmen noch ein paar kleinere Aktionen.
Im Frühjahr 1959, es war ein Sonntag, wurde der erste Kontakt mit Kurt Welser aufgenommen.

Selbst beim Essen


immer angespannt:
die Freiheitskämpfer
Siegfried Steger, Sepp
Forer und Heinrich Ober-
leiter (v.l.).

Das Siegesdenkmal und das Beinhaus in Burgeis

Damit der Freiheitsgedanke für Südtirol nicht ganz einschläft. Einige dieser Leute, die
„wieder etwas tun wollten“, wandten sich auch an mich. Ich war als „Puschtra Bui“ eine Art
Anlaufstelle, wie beispielsweise mein Gedächtnisprotokoll von 17. November 1977 belegt:
An diesem Tag rief mich in Starnberg ein ehemaliger Südtirol-Häftling an und bat mich, noch
am selben Tag nach Innsbruck zu kommen, er hätte mit mir zu reden. Ich sagte für 20 Uhr
zu. Der ehemalige Häftling, rund 60 Jahre alt, kam mit einem Begleiter, der sich als „Helmut“
ausgab, ein junger Mann um die 30. Der ehemalige Häftling kam gleich zur Sache: Sein junger
Begleiter wolle das Siegesdenkmal in Bozen sprengen, er würde das entsprechende Material
benötigen, Zündvorrichtung, Zeitzünder, Sprengstoff. Mir verschlug es die Sprache. Wie er
sich das vorstelle, welche Folgen das hätte, was alles schief gehen könne. Dabei dachte ich
an die Folgen für den jungen Mann und den ehemaligen Häftling, nicht für mich, denn ich
spürte innerlich eine Riesenfreude bei der Vorstellung, dass das Siegesdenkmal endlich
gesprengt würde. Es war mir mit seiner beleidigenden Inschrift immer noch ein Dorn im
Auge. So wies ich die beiden zwar auf die Gefahren hin, aber als sie sagten, sie seien sich
all dessen bewusst, versprach ich ihnen, mich darum zu kümmern. Wir besprachen noch

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 53


Nach der Flucht, am
6. Dezember 1963.
Siegfried Steger, Heinrich
Oberleiter und Heinrich
Oberlechner.

Details für die Abwicklung des Unternehmens und die dort im Krieg gefallen sind. Damit wurde mit den armen
geeignete Lieferung des Materials über die Grenze nach Soldaten, die anderswo gefallen waren, die Lüge von der
Südtirol. Mit der Zusage, Nachricht zu geben, sobald das Eroberung Südtirols im Ersten Weltkrieg in Stein gehauen.
Material bereitstünde, verabschiedete ich mich. Am 20. Ob „Helmut“ und das von mir gelieferte Sprengmaterial
Februar 1978, bei der Gedenkveranstaltung für Andreas damit etwas zu tun haben, weiß ich nicht. Am 3. Sep-
Hofer auf dem Bergisel, traf ich den ehemaligen Häftling tember 1978 erfolgte schließlich ein Anschlag auf das
wieder. Ich teilte ihm mit, dass die gewünschte Lieferung Siegesdenkmal, die Verantwortung übernahm die „Befrei-
bereit stünde. Er vereinbarte mit mir die Übergabe für ungsaktion Südtirol“. Der Anschlag hatte keinen großen
den 1. März 1978 am selben Treffpunkt wie ehedem beim Schaden angerichtet, was mich ein wenig verwunderte.
ersten Treffen. Pünktlich um 20 Uhr am 1. März 1978 kam Zwei Monate später traf ich mich in Innsbruck wieder mit
der ehemalige Häftling und packte alles in ein Auto mit den damaligen Kontaktleuten. Ich fragte den ehemaligen
Tiroler Kennzeichen. Er lud mich noch zum Abendessen Häftling, warum der Anschlag nicht den Erfolg gebracht
im Hotel „Krone“ ein, und um 22 Uhr verabschiedeten wir hatte. Er gab zu, dass sie nicht den ganzen Sprengstoff
uns. Um Mitternacht war ich wieder in Starnberg. Um das verwendet hatten, sondern nur einen Teil davon. Zu spät
Siegesdenkmal blieb es zunächst lange ruhig. Ein erster sah er ein, dass ich alles richtig berechnet hatte. Hätte
Anschlag nach der Übergabe des Sprengstoffes erfolg- er sich an meine Vorgaben gehalten, wäre von diesem
te am 31. März auf das Beinhaus in Burgeis im oberen faschistischen Schandmal nichts mehr vorhanden. Den
Vinschgau − ein faschistisches Denkmal, das vortäuscht, jungen Mann habe ich nie mehr gesehen, der ehemalige
dass die dortigen Gebeine von Soldaten stammen, die Häftling ist inzwischen verstorben.

Auf einer Gletschertour


in den Stubaier Alpen,
wo die vier Pusterer
Buibm das Abseilen
in Gletscherspalten
trainierten. Auf dem Bild
Siegfried Steger (l.) und
Heinrich Oberleiter (r.)

54
Sepp Forer (l.) und Siegried Steger (r.) am Großvenediger während einer „Kampfpause“.

Verhöre und Arrest in Telfs und Innsbruck

Eines Tages musste ich zum Polizeiposten in Telfs mit- am Bau mir gegenüber sehr unangenehm gewesen war.
kommen. Ich fragte warum, es sei ja alles in Ordnung. Ob Ob ich wisse, dass man mit diesen 100 kg TNT halb Telfs
ich meinen Pass habe oder eine Aufenthaltsgenehmigung. in die Luft jagen könne. Für diesen Gendarmen waren
Ich ging zu meinem Auto und holte den deutschen Frem- wir schwere Kriminelle. Der Postenkommandant, habe
denpass, wo auch das Visum eingetragen war, das ich ich gemerkt, der war vorsichtiger mit seinen Äußerun-
halbjährlich im Österreichischen Konsulat in München gen mir gegenüber! Aber der andere ging auf mich los:
genehmigt bekam. Trotzdem musste ich mitkommen! „Ihr seid Partisanen, auch der LH Wallnöfer!“ Ich sagte
Die Polizisten haben auch die Papiere von meinem Auto ihm: „Ich werde es ihm kundtun, dem LH Wallnöfer“.
verlangt, die Papiere des Freundes kontrolliert sowie beide Inzwischen war es Abend geworden und ich landete im
Autos durchsucht. Auf dem Posten angekommen, ging Keller in einer Zelle. Auf einer Pritsche mit einer Decke
es zur Sache. Sie fragten mich, warum wir am vorigen verbrachte ich die erste Nacht. Am Sonntag bekam ich
Samstagnachmittag an diesem bestimmten Ort gewe- etwas zum Essen. Am Nachmittag kam ein Staatsbeamter,
sen waren. Ich sagte ihnen, weil mein Freund meinte, der mit mir kurz redete. Denn sie wollten wissen, woher
da wären Kanthölzer. „Vielleicht kannst du in Erfahrung ich die 100 kg TNT bekommen hatte. Der Beamte, der
bringen, wer der Besitzer ist?“ Sie fragten mich, ob ich mir nicht gut gesonnen war, meinte, jetzt könne ich mir
den Besitzer inzwischen kontaktiert habe. „Nein“. Ob das Hausbauen ersparen und dafür Jahre im Gefängnis
ich wisse, wo mein Freund arbeite. „Ja“. „Wir haben bei verbringen. Inzwischen haben sie in meinem Auto auch
ihm Diebesgut gefunden.“ Ob ich davon Bescheid wüss- Spuren von TNT gefunden. Die 2. Nacht in der Zelle ohne
te. „Nein“. „Herr Steger, aber sie wussten schon, dass er Schlaf. In der Früh − es war Montag − brachten mich die
Waffen am Dachboden gelagert hat, die von Ihnen und zwei Gendarmen, die mich am Bau abgeholt hatten, mit
Ihren Kollegen sind?“ „Ja. Die Waffen sind Überbleibsel Freude nach Innsbruck ins Gefängnis. Ich weiß nicht
von den 60er Jahren“, habe ich geantwortet. Ob ich wisse, mehr genau, ob ich am Dienstag oder am Mittwoch dem
dass Waffenbesitz strafbar sei. „Ja.“ Ich habe versucht, mich Untersuchungsrichter vorgeführt worden bin. Auch ein
zu rechtfertigen und die Situation in Südtirol zu erklären. Psychiater hat sich mit mir unterhalten und verschiedene
Nun ging es Schlag auf Schlag. Ich habe mich verteidigt Fragen gestellt. Am 24.10.1979, zu meinem 40. Geburtstag
und beteuert, dass die Anschläge in Südtirol notwendig bin ich schließlich enthaftet worden.
waren. „100 kg TNT!“, schrie mich einer an, der schon oben

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 55


Das Alpini-Denkmal Bruneck

Ende Oktober 1978 besuchten mich zwei Männer aus


unserer Heimat Südtirol. Ein ehemaliger Häftling und
ein mir Unbekannter mit dem Namen Bernhard. Nach
der Begrüßung und dem Üblichen, wie es mir geht, ka-
men wir allmählich auf die 60er Jahre zu sprechen. Da
sagte Bernhard, der Kapuziner Wastl – so wird das Alpini-
Denkmal in Bruneck allgemein bezeichnet – sei ihm ein
Dorn im Auge. Den würde er gern vom Sockel jagen, aber
er habe das nötige Material nicht. Ob ich ihm das besor-
gen könnte. Ich fragte ihn, ob er es damit ernst meint.
„Sonst wäre ich nicht bei dir auf Besuch da.“ Nun wurde
über die Besorgung des Sprengstoffes, die Zündvorrich-
tung und die Durchführung des Anschlags diskutiert.
Ich habe mich bereit erklärt, das Material zu besorgen.
Doch wer schafft das Sprengmaterial nach Südtirol? Der
Häftling kam nicht in Frage und Bernhard zögerte. Ihm
wäre schon lieber, wenn das jemand anderer machen
könnte. Er, Bernhard, hätte ein gutes Versteck, um das Heinrich Oberleiter schneidet Siegfried Steger
Sprengmaterial zu hinterlegen. Bernhard zog ein Foto aus die Haare.
der Geldtasche und gab es mir zum Anschauen. Darauf
erkennbar: eine Kapelle und eine kleine Holzbrücke über
einem kleinen Gewässer. Unter der Brücke könne man das wusste über meine Vergangenheit Bescheid. Ich erzählte
Sprengmaterial unauffällig hinterlegen. Nach längerem Mario, dass jemand in Südtirol Sprengstoff braucht, um
Überlegen über die Verständigung, wann und wie das ein Faschistendenkmal zu sprengen, und fragte ihn, ob
Material dort hingelangen soll, sagte ich zu Bernhard, er die Sprengstofflieferung übernehmen könnte. Mario
wenn du aus München eine Ansichtskarte bekommst sagte sofort zu. Ich zeigte Mario das Foto und schickte ihn
mit „Mit herzlichen Grüßen dein Bergkamerad Otto“, dorthin, um sich vor Ort zu erkundigen, damit alles gut
dann ist der Sprengstoff wie ausgemacht am Ort. Ich abläuft, wenn er mit dem Sprengstoff hineinfährt. Mario
sagte Bernhard, er solle mich nicht besuchen, denn ich hat mich informiert, dass das Versteck absolut in Ordnung
werde wahrscheinlich − und das hatte ich auch schon sei. Ich habe über den Winter den Sprengstoff und den
gemerkt − beobachtet. Bernhard und der Häftling haben Zeitzünder besorgt. Am Ostersamstag ist Mario mit 12 Kilo
sich bedankt. Ich hatte das Gefühl, sie haben sich mit Sprengstoff und dem Zeitzünder über den Brenner nach
Freude verabschiedet. Südtirol gefahren und hat unter der kleinen Holzbrücke
das Sprengmaterial hinterlegt. Am Osterdienstag nach
Ich hatte in München einen Südtiroler kennengelernt, der Arbeit fuhr ich nach München, besuchte Mario und
der mir eines Tages sein Schicksal erzählte. Seine Mutter warf – wie mit Bernhard besprochen – die Ansichtskarte
war Italienerin, sein Vater war Soldat bei der Deutschen mit „Herzliche Grüße, dein Bergkamerad Otto“ in den
Wehrmacht gewesen. Er hatte ihn nie kennengelernt. Postkasten. Ungefähr nach zehn Tagen bekam ich aus
Seine Mutter hat 1948 einen Italiener geheiratet und ihn Südtirol eine Ansichtskarte von Bruneck mit „Mit herzli-
als dreijährigen Buben in diese Ehe mitgebracht. Der chen Grüßen, dein Bergkamerad Bernhard“. In der Nacht
Bub merkte bald, dass dieser Stiefvater ihn nicht woll- vom 10. September 1979 flog das Alpini-Denkmal in die
te. Für ihn war er, wenn er mit der Mutter Streit hatte, Luft. Was übrig blieb, war ein Trümmerhaufen. Am 10.
ein „Nazi-Schwein“. Der Südtiroler ist also nach dem September jährte es sich nämlich zum 60. Mal, dass die
Militärdienst sofort nach München gefahren, um dort Siegermächte des Ersten Weltkrieges den Staatsvertrag
zu arbeiten. Mein Freund Mario lebte in München, er von Saint Germain unterschrieben hatten.

56 TSZ SONDERNUMMER 2021


Ich und Mario freuten uns in der Südtiroler Stube am Marienplatz in München bei einer guten
Flasche Kalterer See Auslese und den schmackhaften Tiroler Speckknödeln. Unermüdlich
sammelte ich Spenden für unsere neue Vereinigung. In meinem Bekanntenkreis gab es
kaum jemanden, den ich nicht um Hilfe gebeten hatte. Eine verschworene Gemeinschaft in
absolutem Vertrauen verband mich mit den vielen ehemaligen Häftlingen aus Südtirol. Nicht
wenige davon waren von Carabinieri grausam gefoltert worden. Jörg Pircher, Hans Stieler,
Paul Pichler, Sepp Mitterhofer und noch etliche mehr waren trotz der erlittenen Qualen
ungebrochene Männer, besonders dann, wenn es um die Heimat ging! Auch in Bayern hatte
ich viele Gesinnungsfreunde. Diese klare Bekenntnis zu Südtirol und sein Recht auf Freiheit
waren im ganzen Land zu spüren. Weit in die regierende CSU hinein reichte dieses Bekenntnis!
Die Nachhaltigkeit dieser klaren Besinnung zeigt ein Schreiben der CSU an den Zeitungshe-
rausgeber Toni Ebner im Jahr 1981. So habe ich Land und Leute kennen und lieben gelernt!
Natürlich war ich auch für Südtiroler Anliegen in meiner zweiten Heimat Bayern aktiv. Ich
gründete mit Freunden auch dort einen Andreas-Hofer-Bund. Heinz Ammon war der erste
Obmann und ich sein Stellvertreter. In all den Jahren meiner Mitgliedschaft war es unser
Ziel, die Selbstbestimmungsbestrebungen für Südtirol finanziell zu unterstützen und damit
auch den Südtiroler Heimatbund. Allmählich zeigten sich jedoch in diesem Andreas-Hofer-
Bund Tendenzen, mit denen ich nichts zu tun haben wollte. Immer mehr Leute des rechten
Randes nahmen Einfluss auf den Bund. Das bewirkte schließlich meinen Austritt aus dieser
Vereinigung im Jahr 2000. Damals bemerkte ich schon deutlich, dass es in der öffentlichen
Meinung, untermauert von so manchem Presseartikel, einen Schwenk gab, der
die Freiheitskämpfer gerne in die Nähe von Naziterror rückte! Damit wollte
ich und wollten die, die nachweislich in Südtirol gekämpft hatten, aber
nichts zu tun haben!

Ettore Tolomei – der Totengräber Südtirols ETTORE TOLOMEI,


GEBOREN IN ROVERETO,
Ettore Tolomei, geboren am 16. August 1865 in Rovereto,
Trentino, war ein fanatischer Faschist, Senator auf Le- TRENTINO, WAR EIN
benszeit, Nationalist und Politiker. Er bekundete oftmals
seinen Hass gegen alles Deutsche und gegen Österreich. FANATISCHER
Sein Studium der Sprachwissenschaft, der Geschichte und
FASCHIST UND
Geographie in Florenz brachten ihn schon früh zu der An-
nahme, dass die Wasserscheide der Alpen die natürlichen POLITIKER
Staatsgrenzen seien. Schon 1901 begann er gezielt mit den
Bestrebungen, Südtirol dem Königreich Italien einzuverleiben.
Alle Flur- und Ortsnamen schrieb er auf Italienisch um. Dabei
kam es oft zu Kuriositäten. Ein Beispiel möge die folgenschwere
Lächerlichkeit seines Vorhabens unterstreichen. So bestieg er 1904 den
Klockerkarkopf im hinteren Ahrntal. Er bezeichnete sich, wider besseres Wis-
sens als „Erstbesteiger“ und gab dem Berg sogleich den Namen, „Vetta d’Italia“ (Spitze
Italiens). Als faschistischer Funktionär seit 1919 organisierte er in Bozen 1922 die Einnahme
des Rathauses und verteilte Flugblätter mit dem hasserfüllten Inhalt „Ein Schrei genügt und
wir haben diesen schweinischen Abschaum eines überständigen Österreichs hinweggefegt.“
In Bozen präsentierte er 1923 sein Programm, um alles Deutsche zu eliminieren.

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 57


1981 – Ein fragwürdiger Besuch

„Du, Siegfried, kannst du mir 10 kg Sprengstoff besorgen?“ Ich fragte, was er damit vorhabe
und ob das noch zeitgemäß sei. Er brauche den Sprengstoff „für ein Blumengebinde“. Ich
hatte überhaupt keine Ahnung, was er damit meinte. Aber er hat mir auch nach langem
Fragen nicht gesagt, was er damit vorhatte. Er sagte mir nur, ich werde, wenn alles gut geht,
bestimmt erfreut sein. „Denn wir wollen einen Südtirol-Hasser für seine Untaten bestrafen!“
Ich ging sogar so weit und sagte, wenn er mir nicht sagt, was er damit macht, besorge ich ihm
den Sprengstoff nicht. Aber er lachte nur. „Ich will auch dir eine Freude machen mit meinem
Vorhaben!“ Nun gut, ich besorgte ihm den Sprengstoff, den Glühzünder mit Sprengstoffkapsel
und den Zeitzünder. Da ich damals in Bayern gearbeitet habe und nur zum Wochenende in
Telfs war, wo ich beim Hausbau beschäftigt war, habe ich ihm gesagt, ich brauche 3−4 Wo-
chen, um das Zeug zu besorgen. Er zeigte mir, wo ich das Sprengmaterial deponieren solle.
Es war ein alter Stadel, der nicht mehr bewirtschaftet wurde und wo noch Reste von Heu
und Stroh lagen − also ein idealer, unauffälliger Ort. Da zu der Zeit immer wieder vereinzelt
Bomben in Südtirol explodierten und ich weiterhin beschattet wurde, vermieden wir weitere
Kontakte. Wir hatten bei unserem Treffen ausgemacht, wenn das Sprengmaterial im Stadel
deponiert ist, rufe ich ihn aus Bayern an. Eines Tages – es war ein Samstag und ich war bei
der Arbeit am Haus beschäftigt − kam dieser Freund mit einer Flasche Rotwein, Speck und
Brot aus Südtirol, da er unter der Woche jemanden besucht hatte. Ich öffnete die Flasche
und wir tranken ein Glas Wein, es hat ja alles reibungslos geklappt. Ich frage ihn, ob er das
Sprengmaterial nach Südtirol brachte. „Nein, genau das Gegenteil, ich habe was geholt.“ Ich
wurde nicht klug, was er damit meinte. Mein Freund hat sich verabschiedet, er war schon
bei der Haustür. „Wie willst du das Sprengmaterial überhaupt nach Südtirol bringen? Wird
das über die Unrechtsgrenze getragen oder mit dem Auto transportiert?“ „Da mach dir keine
Sorgen, so, wie wir das planen, muss es klappen.“ „Aber wenn’s nicht klappt…? Du weißt schon,
mit welchen Folterknechten du es dann zu tun bekommst, und mehrere Jahre Gefängnis
bekommst du dazu!“ „Siegfried, schau du nur, dass du mit dem Hausbau weiterkommst!“
Er stieg ins Auto und fuhr weg. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Wochen oder

Genau dort wo
die Ermittler stehen,
stand einst Tolomeis
Sarkophag. Auf dem
Weg darunter die
Trümmer des aus
Trienter Marmors
errichteten Grabmals.

58 TSZ SONDERNUMMER 2021


Eines Tages wurde ich in Starnberg angerufen und es
wurde mir mitgeteilt, dass ein Südtiroler ihn und mich
am Sonntag im Hotel Goldene Krone in Innsbruck zum
Mittagessen einladen würde. Ich solle ihm sagen, ob ich
kommen könne. Uhrzeit: 12 Uhr. Ich wusste nicht, wer
der Südtiroler war, aber wenn derselbe mich benach-
richtigt, dann kann es nur ein großer Südtiroler Patriot
sein. Ich kam erst am Samstagabend nach Hause. Da der
Innenausbau des Hauses noch nicht fertig war, habe ich
ein provisorisches Schlaflager eingerichtet. Ich stand auf,
um Fridolin zu rufen, einen treuen Raben, dem ich zum
Wochenende immer aus Starnberg einen Leckerbissen
mitnahm. Ohne lange zu warten, kam Fridolin geflogen
und landete am Balkon wie immer.

Am Tag nach dem Anschlag – der Friedhof in Montan.


Ich besuchte um 10 Uhr in der Auferstehungskirche die
heilige Messe, und danach fuhr ich nach Innsbruck. Kurz
nach 11.30 Uhr war ich im Hotel Goldene Krone in Inns-
Monate bis zum Anschlag vergingen. Da ich bei der Arbeit bruck. Da mein Freund noch nicht da war, setzte ich mich
in meiner Abteilung Verkauf ein Telefon hatte, rief mich in der Gaststube nieder, wo ein Tisch für drei Personen
die Telefonistin an und sagte: „Siegi, ein Auslandstele- reserviert war. Der Ober fragte mich, ob ich aus Telfs sei
fonat. Soll ich dich verbinden?“ „Ja bitte!“ „Hast du die und erklärte mir, ein Gast habe angerufen, ich solle mich
Nachricht schon gehört, was in Südtirol geschehen ist? noch etwas gedulden. Ich bestellte also einen Kaffee,
Ettore Tolomei, den Totengräber Südtirols hat’s mit dem genoss den Rauch meiner Pfeife und wartete. 12.30 Uhr
Sarg und dem Rest seiner Knochen über den Berghang – und noch keiner da. Warum kommen die nicht, hatten
hinunter geschmissen. Jetzt kann er nicht mehr nach Nor- die Südtiroler am Brenner mit den italienischen Behörden
den schauen, bis der letzte Südtiroler über den Brenner Probleme? Ist der andere Südtiroler eventuell ein ehema-
ist, und seine Heimat verlassen hat! Eine Flasche Lagrein liger Häftling? 12.45 Uhr – mein Freund und der Südtiroler
aus deiner Heimat war angenehmer über den Brenner zu betraten endlich die Gaststube. „Du kannst dich bei den
bringen als das Blumengebinde! Ich freue mich schon, italienischen Behörden am Brenner bedanken!“ Nach der
mit dir anzustoßen auf diese frohe Botschaft!“ freudigen Begrüßung setzten wir uns an den reservierten
Tisch. Der Südtiroler bestellte eine Flasche Kalterer See
Noch am selben Abend hat mich noch jemand angerufen und wir tranken auf eine gute Zukunft. Er war am Brenner
und mir über diesen Anschlag auf das Grab von Tolomei schikaniert worden, hatte die Straße verlassen müssen
berichtet, die er über die Nachrichten im Radio gehört und das Auto war durchstöbert worden. Er war sogar in
hatte. Er fragte mich, was ich dazu sage und ob ich sicher ein Zimmer gebracht worden zur Leibesvisite und war
sei, dass das unsere Leute gemacht haben. Das könnten nachher einvernommen worden. Erst nach einer Stunde
ja auch Italiener gemacht haben, um uns Südtiroler als konnte er wieder weiterfahren.
Terroristen hinzustellen, die nicht einmal die Toten in
Ruhe lassen. „Warum sollten die Italiener das Grab von Der Ober brachte die Speisekarte und wir bestellten un-
Tolomei sprengen, hat doch er durch seine Fälschungen ser Mittagessen. Nun fingen sie an, über die Aktion des
der Landkarte die Großmächte so beeinflusst, dass Südti- besagten Blumengebindes zu erzählen, das so aussah wie
rol durch die Annexion an Italien fiel. Und übrigens wurde ein Trauerkranz, in dem aber innen der Sprengstoff ein-
schon zweimal ein Anschlag oder ein Versuch gemacht, gearbeitet war, die Zündung mit Draht eingebunden war
das Grab Tolomeis zu sprengen.“ Jedenfalls war jetzt das und die Drähte zum Anschluss des Zünders herausragten.
Rätsel über das Blumengebinde aufgelöst und meine Im Strohkranz mit Tannenzweigen war ein sehr kleiner
Neugierde war gestillt. Elektronenzünder eingearbeitet, der zeitmäßig bis zu einer

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 59


Woche einstellbar war. Dieser wurde unter der Trauerschleife befestigt und mit der Zündung
verbunden. Die Farbe der Trauerschleife wurde ebenso bewusst in den Farben der italieni-
schen Tricolore gewählt. Meine Freunde verabredeten sich, am Nachmittag am Friedhof in
Montan zu sein, wo Tolomeis Grab war. Der Trauerkranz sollte am Grab niedergelegt werden.
Inzwischen wurden der Friedhof und dessen nähere Umgebung genauestens beobachtet.
In Trauerbekleidung mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte wurde der Kranz auf den
Rücksitz des Fahrzeugs gelegt. Die Fahrt in Richtung Brenner konnte beginnen! Der Kranz,
mit reichlich Blumen bestückt, sollte ja einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Der Fahrer
näherte sich immer mehr der Grenze am Brenner. Die Beamten standen an der Grenze und
mein Kamerad zeigte ihnen den Pass. Der Zöllner schaute kurz in den Wagen und sah auf
dem Rücksitz den prächtigen Kranz. Er wurde endlich durchgewinkt. Somit ging die Fahrt
weiter Richtung Bozen. Mein Freund war schon sehr erleichtert, aber nicht lange. Denn beim
Verlassen der Autobahn bei Bozen war eine Straßensperre errichtet, und dort wurden alle
Fahrzeuge genauestens kontrolliert. Nur ruhig bleiben, war die Devise.

Im Einsatz für die Dornenkrone

Am 11. Mai 1984 hat mich der bekannte Südtiroler Freiheitskämpfer Jörg Pircher gebeten,
zu Mittag in den Stiftskeller am Franziskanerplatz in Innsbruck zu kommen. Als ich hinkam,
traf ich dort auf Jörg mit mehreren Schützen aus Südtirol, alle in Tracht. Ich begrüßte jeden
und setzte sich zu ihnen. Gleich wurde ihm klar, dass es um den geplanten Festumzug an-
lässlich des 175. Todestages von Andreas Hofer ging. Geplant war, dass die Dornenkrone,
die zum 150. Todestag im Jahr 1959 getragen worden war und nun beim Festspielhaus in Erl
stand, auch zu diesem Gedenktag im großen Festumzug von Südtiroler Schützen durch die
Landeshauptstadt von Tirol getragen werden sollte. Dies, so wusste man, sei nun doch nicht
möglich, weil weder das Festspielkuratorium noch die Gemeinde Erl zur Herausgabe bereit

Siegfried Steger
beim Landesfestzug
1984, hinter ihm die
Dornenkrone.

60 TSZ SONDERNUMMER 2021


waren. Die Schützen wollten die Dornenkrone nur für fahren, um gemeinsam mit Arnold Mair zu arbeiten. Ich
den 9. September 1984 ausleihen. Der Landeshauptmann besorgte auch in Innsbruck in mehreren Intervallen das
von Südtirol Dr. Magnago intervenierte beim Landes- notwendige Material und bezahlte es in bar. Ich meinte,
hauptmann von Tirol Eduard Wallnöfer, ein Tragen der der Schmied habe ein schlechtes Gewissen mir gegenüber,
Dornenkrone bei diesem Festumzug nicht zu erlauben, weil das Ganze ja ziemlich teuer war. „Du brauchst kein
das würde die nun politisch korrekte Existenz vergiften schlechtes Gewissen zu haben“, teilte ich ihm mit, „deine
und Südtirol schaden. Aufgabe ist die Krone, meine Aufgabe ist alles andere!“

Keinesfalls wollte Jörg Pircher auf die Dornenkrone ver- Der Arbeitsanfall war so groß, dass der Schmied noch
zichten. Ich meinte, wenn die Erler die Krone nicht he- einen Gehilfen anstellen musste. Bis Ende Juli waren die
rausgäben, so solle man eben eine neue Dornenkrone Rundungen fertig, also mussten noch die Dornen aufge-
machen lassen. Dieser Vorschlag fiel bei der Schützen- schweißt werden. Manchmal brachte ich eine Jause mit,
versammlung auf fruchtbaren Boden. Ich bot auch gleich was mit Freuden angenommen wurde.
an, dass ich für die Fertigung einer neuen Dornenkrone
sorgen wolle. Alle Schützen applaudierten, sie kannten Als sich Jörg Pircher nach dem Fortschritt des Projektes
Handschlagqualität des ,,Puschterer Buabm“. Ich freute erkundigte, lud ich ihn auf eine Besichtigung ein. Am 2.
mich über meine Aufgabe und meinte, ein Tragen der Samstag im Juli 1984 kam Jörg Pircher also von Lana in
Dornenkrone würde das Wissen um die Zusammenge- die Leutasch und staunte über das Werk an sich und über
hörigkeit Tirols in der Bevölkerung wieder neu erwachen die Kunstfertigkeit des Schmiedes. Seine Freude war ihm
lassen. Sofort nahm ich mit Sepp und Alois, den Besitzern anzusehen. Bei einer gemütlichen Jause besprachen wir
der Felder Schmiede in Absam, Kontakt auf. Ich fragte das weitere Vorgehen. Am Ende teilte Jörg Pircher mit,
Alois, ob sie den Auftrag zur Fertigung der Dornenkrone dass er auch den Landeshauptmann Wallnöfer von dem
annehmen würden. Die Antwort erschütterte mich, da ich Vorhaben informiert habe.
glaubte, auf Patrioten getroffen zu sein. Das ist viel Arbeit
in kurzer Zeit, das werden wir nicht schaffen, und zahlen Ich wurde etwas unruhig, weil ich wusste, dass der Kunst-
wollt ihr sicher auch nicht viel“, war die Antwort von Alois schmied Schwierigkeiten wegen einer Familienangelegen-
Felder. Ich meinte zu erkennen, dass diese Antwort dem heit mit der Justiz hatte. Was, wenn er inhaftiert würde und
Sepp Felder peinlich war, obwohl dieser nichts sagte und die Krone nicht fertig würde? Dann wäre alles umsonst
nur betreten auf den Boden sah. gewesen. Die Schützen wären enttäuscht gewesen!

Der nächste Weg führte mich unverdrossen zu meinem Eine nette Anekdote dazwischen: Einmal fragte eine vor-
alten Freund Arnold Mair von der Kunstschmiede Rum- beikommende Touristengruppe den Schmied, was das
pelbach in der Leutasch. Dieser fühlte sich von dem Gebilde da denn werden sollte. Der meinte, er habe einen
Auftrag sehr geehrt, hat er doch mit mir schon ein- Auftrag von Hollywood, für einen Weltraumfilm eine
mal ein Transparent von dreißig Metern Länge und fliegende Untertasse zu bauen. Die Leute glaubten dem
drei Metern Breite angefertigt, auf dem zu lesen stand: ernsten Mann das und gingen staunend weiter.
„Wiedervereinigung Tirols“. Ohne Planzeichnung oder
gar Modell ging der Schmied fröhlich ans Werk. Die Ich fuhr stets mittwochs nach der Arbeit zuerst zu Ar-
Werkstatt war für die Krone zu klein, daher wurde sie nold, um Bestellungen anzunehmen, dann nach Hause.
auf dem Vorplatz angefertigt. Es sollte eine Alumini- Am freien Samstag fuhr ich gleich zum Schmied, um zu
umkrone werden, da Gusseisen in dieser beachtlichen arbeiten. Am Mittwoch fuhr ich um 23 Uhr immer von
Größe viel zu schwer geworden wäre.Wer vom Fach ist, zu Hause in die Leutasch, bewachte, im Auto sitzend, die
weiß, dass es eines besonderen Geschicks bedurfte, mit Krone bis 3 Uhr früh, dann fuhr ich nach Starnberg zu
den damaligen Mitteln Aluminium zu schweißen. meiner Arbeitsstelle, wo ich um 5 Uhr beginnen musste.

Ich hatte meine Arbeitsstelle in Starnberg in Bayern. Im August 1984 hatten vier ehemalige Südtiroler Freiheits-
Mittwochs hatte ich immer am Nachmittag frei, sams- kämpfer, unter ihnen auch ich, einen Termin bei Landes-
tags immer. Diese Freizeit nutzte ich Woche für Woche, hauptmann Eduard Wallnöfer. Der Landeshauptmann
von Ende Mai bis Anfang September, in die Leutasch zu meinte damals, Magnago sei gegen die Dornenkrone, er

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 61


wolle die Italiener nicht beleidigen. Da antwortete ich, die Italiener würden
seine Landsleute in Südtirol schon 66 Jahre lang beleidigen! Insgesamt
machte der Landeshauptmann von Tirol jedoch einen sehr zufriedenen
Eindruck, als er über den gesamten Ablauf und den Fortschritt des Projekts
informiert wurde. Alle waren wir uns nach dem Gespräch mit Wallnöfer
einig darin, dass wir auf einen ehrlichen, mutigen und herzensguten Pa-
trioten getroffen waren!

Die Krone ging der Fertigstellung zu, wurde mit Metallfarbe gestri-
chen und die Anfertigung eines Traggestells hat ein Freund von
mir übernommen. Eine Woche vor dem Festumzug besichtigte Jörg
Pircher mit mir und dem Schmied abschließend die Krone und alle
strahlten vor Freude. Dem Schmid von Rumpelbach, Arnold Mair war
ein epochales Werk gelungen, von dem der Industrielle Arthur Thöni
fünfzehn Jahre später sagen sollte: Das ist wirklich ein Kunstwerk! Ich
als Eigner einerAluminium-Industrieanlage weiß, wie schwierig eine
solche Anfertigung ist!“

Von 50 errichteten Wohnungen wurden 1948 genau 47 an Bürger


mit italienischen Namen vergeben und nur 3 an Bewerber mit
deutschen Namen.
Quelle: ,,Dolomiten“ vom 2. Juli 1948

62 TSZ SONDERNUMMER 2021


Es gibt immer einen Weg
von Heinrich Oberleiter

Als viertes von 13 Kindern bin ich in einer Kleinbauernfamilie 1941 in St.
Johann im Ahrntal geboren und aufgewachsen. Ich besuchte die Volks-
schule in Luttach und interessierte mich im Besonderen für Religion und
Geschichte (Freiheitskämpfe 1809). Da ich schon in den ersten Schuljah-
ren einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, konnte ich es nicht ertra-
gen, wenn starke Kinder Schwache, fast Wehrlose verprügelten. Ich stellte
mich oft dazwischen und geriet dadurch selber oft in Schwierigkeiten.

Bereits mit 11 Jahren kam ich als Hirte zu Bauern, auf Almen. Dort hatte
ich viel Zeit zum Nachdenken, ich geriet in Lebensgefahr und lernte Gott
zu vertrauen und meine Ängste zu überwinden. Der Gipfel des Unrechts-
staates war für mich die Verhaftung und Verurteilung der Pfunderer Bur-
schen 1956. Die Bilder, wo die jungen Burschen aneinandergekettet in der
Öffentlichkeit vorgeführt wurden, konnte ich nie vergessen. Sie erweckten
in mir den Eindruck, dass diesem Staat, der die Menschenrechte mit Füßen
tritt, mit friedlichen Mitteln nicht beizukommen ist.

Als Hirte und später als Knecht bei verschiedenen Bauern lernte ich viele
Menschen kennen und ich habe mir viele Ansichten angehört, ohne dabei
groß aufzufallen. Im Jahr 1960 kam ich durch eine Bekannte auf einen gro-
ßen Bauernhof in Bayern. Ich konnte dort als dritter Knecht mitarbeiten
und blieb 3 Monate. Das war eine gute Zeit. Da ich militärpflichtig war,
bekam ich keine Aufenthaltsgenehmigung und musste zurück. Damals
wurde der Ausweis nicht verlängert, damit man als Militärpflichtiger nicht
ins Ausland gehen konnte.

Auch Freiheitskämpfer fangen klein an.


Schon nach dem Ersten Weltkrieg begannen die Italiener, Südtirol für ihre Heinrich Oberleiter mit einem selbst
Zwecke zu nutzen. Südtirol war wirtschaftlich viel stärker als der Süden und gebauten Boot auf der Nockalm in der
Nähe der Mitterberger Hütten (1954).
natürlich militärisch für die Machtausübung günstig. Südtirol als deutsch-
sprachiger Raum wurde systematisch unterwandert. Die Behördensprache,
der Schulunterreicht, Ortsnamen und sogar die Grabinschriften mussten
plötzlich italianisiert werden. Arbeitsplätze und massenhaft Wohnungen
für Italiener wurden geschaffen, sodass die Südtiroler Kultur und Heimat in
Gefahr war. Durch die Einschränkung des Schützenwesens, der kirchlichen
alten Bräuche (z.B. Böllerschießen und das Hissen der Tiroler Fahne) sah
ich auch den Glauben in Gefahr. Glaube und Heimat müssen verteidigt
und geschützt werden, koste es, was es wolle. Dieses Unrecht konnte
ich nicht ertragen, und deshalb schloss ich mich den Freiheitskämpfern
an. Kurz vor der Feuernacht bin ich zur Widerstandsgruppe in Mühlen
gestoßen und bekam die Gelegenheit, die radikalen Gedanken in die Tat
umzusetzen, zu sprengen. Ich war jung und ein Draufgänger und konnte

BERICHTE VON ZEITZEUGEN 63


die Konsequenzen, die eine Rebellion gegen den Unrechtsstaat mit sich bringen würde, nicht
abschätzen. Als die Feuernacht 1961 verklungen war und die meisten Kämpfer geflüchtet
oder eingesperrt waren, kam für mich und meine Freunde eine bedrückende Zeit. Ein treuer
Weggefährte war damals Franz Ebner aus Mühlen und seine Schwester Rosa, die sich mit
mutigen Schreiben und Leserbriefen dem Unrecht widersetzte.

Gemeinsam mit Sepp Forer, Siegfried Steger und Heinrich Oberleiter gehörte ich zu den später
von der Polizei auch mit Fahndungsplakat gesuchten Pusterer Buibm. Alle vier – Heinrich
Oberlechner ist leider bereits verstorben – mussten später ins Ausland flüchten und durften
bis heute nie mehr in unsere Heimat zurück. Zu unserer Gruppe gehörten aber auch noch
andere Freiheitskämpfer, die aber zum Großteil bis heute nicht bekannt sind.

Wir begannen im Wald bei Kematen an unzugänglichen Stellen Unterstände und Lager an-
zulegen, die uns einerseits als Versteck dienten und uns anderseits einen guten Ausblick über
das Tal verschafften. Als der Bischof Joseph Gargitter behauptete, dass wir Freiheitskämpfer
Handlanger der Kommunisten und Verbrecher seien, traf mich das als überzeugten Christen
hart, war doch noch am Tag zuvor, am Herz-Jesu-Sonntag, in allen Kirchen das Bundeslied
„Auf zum Schwur, Tiroler Land“ gesungen und der früheren Freiheitskämpfer gedacht worden.
Die Helden von damals waren mit den Eindringlingen auch nicht zimperlich umgegangen.

Der aktive Kampf sollte nach der Feuernacht weitergehen, damit die Italiener nicht sagen
konnten, wir haben die Richtigen eingesperrt und können unsere Unterwanderung fortsetzen.
Um das zu verhindern und die Gefangenen zu entlasten, versuchten wir mit bescheidenen
Mitteln weiterzusprengen.

Die Gefangennahme am Klammljoch und die Flucht

Das Netz der Fahnder legte sich immer enger um uns. Vor allem die Verhaftung von Rosa
Ebner stand unmittelbar bevor. Sie hatte sich immer wieder mit Zeitungsberichten zu Wort
gemeldet, und sich gegen die Besatzung von Südtirol gewehrt. Als es zu gefährlich für uns
wurde, planten wir unsere gemeinsame Flucht. Wir wollten am 1. Dezember übers Klamm-
ljoch nach Österreich gelangen. Dafür bekam ich das Motorrad meines Bruders. Nachdem
ich am Vormittag noch bei der Beichte und der Kommunion in der Kirche gewesen war,
machte ich zusammen mit dem Stibiler Wilfried eine Probefahrt ins Rein, um zu sehen, ob

In der Zeitung
„Domenica del Corriere“
wurde Heinrich
Oberleiters spektakuläre
Flucht nachgezeichnet.

64
ich es am Abend mit dem Fahrzeug dann auch wirklich überqueren. Schon setzte das Maschinenpistolenfeuer
schaffen konnte. Auf der Rückfahrt kehrten wir beim ein, und die Kugeln pfiffen mir um die Ohren. Die Fi-
Toblhof ein. Dort musste jemand Verdacht geschöpft und nanzer gerieten in Aufregung. Bevor ich am anderen Ufer
uns verraten haben. Als ich nämlich am Abend mit Rosa war, schrie ich auf Italienisch um Hilfe, um das Ertrinken
Richtung Rein fuhr, standen schon die Finanzer dort und vorzutäuschen. Dann versteckte ich mich hinter einem
wollten uns aufhalten. Der Weg war verschneit und sehr großen Stein. Meine Zähne klapperten. Ich war nass, es
schmal. Ich reagierte schnell, spielte den Betrunkenen waren minus 17 Grad, und mein Herz pochte vor Aufre-
und fuhr an ihnen vorbei. Nach einiger Zeit ließen wir gung. Als der Kugelhagel nachließ, suchten sie mich. Ich
das Motorrad stehen und gingen zu Fuß weiter. Es war ergriff den Fluchtweg Richtung Kematen. Damit hatten sie
eine wunderbare Dezembernacht mit Vollmond, Rau- nicht gerechnet. Was für eine Blamage für die Finanzer!
reif und knisternder Kälte. Unterhalb des Klammljochs Übers Klammljoch durfte ich auf keinen Fall. Dort war
hörten wir auf einmal Motorengeräusche, und plötzlich sicher alles bewacht. In einem kleinen Bauernhof im Wald
standen die Finanzer mit ihrem Jeep vor uns. Nicht im fand ich Unterschlupf, und einige Tage später ging ich zu
Geringsten hatten wir mit dieser Verhaftung gerechnet. einer befreunden Familie nach Kematen. Dort verliebte
Wir sahen uns praktisch schon am Ziel und konnten gar ich mich in Ida. Diese Zeit gab mir Kraft. Die Familie
nicht mehr reagieren. Gleich wurden Rosa und ich in das versorgte mich, gab mir Kleidung, Geld und Verpflegung
Militärfahrzeug verfrachtet und es ging Richtung Rein in sowie Lourdes-Wasser für den geistigen Schutz.
die Kaserne. Dort musste ich mich ausziehen und meine
Kniebundhose sowie den Inhalt meiner Taschen aller 3 Es gelang mir auch, die Nachricht nach Hause zu schi-
Paar Hosen leeren. Das war natürlich ein Problem, denn cken, dass es mir gutgeht und dass ich vorläufig in einem
dort befanden sich einige verräterische Dinge wie ein sicheren Versteck ausharre. Beim Pitschiler am Bromberg
Zeitzünder, Patronen und ein Ladestreifen. Der Briga- fand ich dann Unterschlupf. Von daheim wurden mir die
dier wollte mich verhören, aber ich dachte, das können Ski in einer Mühle hinterlegt, und in der Nacht vom 5./6.
sie sich für später aufheben und zeigte keine Angst. Ich Dezember trat ich zusammen dem Bauernsohn die Flucht
nutzte meine Italienisch-Kenntnisse und versuchte etwas über den Schwarzenstein an. Dieser Weg war durch und
Vertrauen zu gewinnen. durch ein hohes Risiko. Allerdings konnte ich in diesem
Moment über mein Leben nicht mehr selbst entscheiden,
Bei meiner Verhaftung im Reintal wurden mir Führer- sondern ich musste mich führen lassen, nehmen, was
schein, Personalausweis und mein ganzes Vermögen angeboten wurde oder was sich ergeben hatte.
abgenommen, das ich nie wieder zurückbekam. Um 2
Uhr nachts sollten wir, Rosa und ich, in die Kaserne nach Nachdem die Puschtra Buibm allesamt im Ausland waren,
Sand in Taufers gebracht werden. Jeder von uns wurde wurde gegen sie Anklage erhoben. Und sie wurden für
getrennt in einem Jeep verfrachtet. Aus welchen Gründen sämtliche Anschläge verantwortlich gemacht. Das Urteil
ich nicht gefesselt wurde, weiß ich bis heute nicht. Auf war niederschmetternd: Am 20. April 1964 wurde ich zu
dem Weg nach Sand musste der Moment kommen, einen zweimal lebenslänglich verurteilt.
Fluchtversuch zu wagen, dafür betete ich. Dann kam Nie hatte ich die Möglich-
Hilfe von oben. Ich saß im ersten Jeep. Der Fahrer keit, mich zu vertei-
kam nach einer Unachtsamkeit von der Straße digen, angehört
ab und blieb stecken. Weder vor noch zurück zu werden
kam er. Dann überholte uns der nachfol- IN ALLER
gende Jeep, der uns herausziehen sollte.
Während das Seil aufgezogen wurde, HERRGOTTSFRÜHE
wagte ich die Flucht. Das war wohl
der aufregendste Moment in meinem
ERREICHTE ICH DIE
Leben: Ich stieß meinen Bewacher GRENZE. DURCH DAS
zur Seite, stürmte die Böschung hi-
nab Richtung Reinbach und stürzte FLOITENTAL ERREICHTE
mich in eiskalte Wasser, um ihn zu
ICH MEINE NEUE HEIMAT
IN ÖSTERREICH.

65
Freiheitskämpfer in gemütlicher Runde in Zürs am Arlberg, Jänner 1965: v.l.: Heinrich Oberleiter, Elisabeth Welser
(die Frau von Kurt Welser), Heinz Klier, Gertrud Welser (die Schwester von Kurt Welser und Verlobte bzw.
spätere Ehefrau von Siegfried Graf) und Siegfried Graf, der damals am Lift Zürsersee beschäftigt war.

oder mich zu rechtfertigen. Als dann auch noch der Anschlag Volkswohnbauten
auf den Brennerexpress verübt wurde und ich damit von Öster-
reich aus in Verbindung gebracht wurde, musste ich auch aus
Österreich weichen. Ich versteckte mich daraufhin in Bayern, wo
ich unter falschem Namen in einem Skigebiet in einem Gasthof
unterkam und arbeitete. Zum Glück erfolgte dann 1967 ein
Treffen mit Senator Peter Brugger in Matrei, der uns berichtete,
dass man nun auf diplomatischem Wege versuchen wollte, eine
100.000

Lösung für Südtirol zu finden. Daraufhin stellte ich sämtliche


Aktivitäten ein. Nicht gelöst wurde die Situation der Freiheits-
80.000

kämpfer, die mit ihrer Verurteilung immer mehr allein dastanden.


Die Südtiroler Politiker hatten längst den Verhandlungsweg mit
50.000

Rom eingeschlagen und sie begannen zu den Schicksalen der


Pusterer Buibm und anderer Gruppen zu schweigen.

1945 1949 Ziel

Neue Heimat in Bayern


Laut Mitteilung des Meldeamtes der Stadt
Bozen stieg die Einwohnerzahl von rund 50.000
Gottseidank gab es auch in Bayern viele Südtirolfreunde, die mir im Jahre 1945 auf rund 80.000 im Dezember
gerne weitergeholfen haben. Der Landwirt Josef Stuhlmüller aus 1949. Im Laufe von nur 4 Jahren hatte die
Bevölkerungszahl um 30.000 Zuwanderer
Aschering bei Pöcking, bei dem schon 1964 Heinrich Oberlechner zugenommen, das waren rund 40 Prozent.
beschäftigt war, hat mich freundlich aufgenommen. Allerdings Bald sollte die Bevölkerungszahl durch die
Zuwanderung aus dem Süden auf 100.000
konnte ich dort nicht angemeldet werden, da ich auch in Bayern
ansteigen.
gesucht wurde. Dort konnte ich in der Landwirtschaft mitarbeiten,
Quelle: Franz Widmann: ,,Es stand nicht gut um Südtirol“,
mich beruhigen und mir einen offiziellen Arbeitsplatz bei der Bozen 1998, S. 131.

Wallbergbahn in Rottach Egern suchen. Dort habe ich meine


liebe Frau Elfriede kennengelernt und wir haben im Januar 1971

66 TSZ SONDERNUMMER 2021


geheiratet. Wir haben später dann einen Hof in Höhenrein mit Südtirol verbunden. Folter und Gefängnisse musste
bei Starnberg gepachtet und 6 Jahre lang bewirtschaftet. ich nicht erleiden, deshalb bin ich gerne bereit in Bayern
Wir haben zusammen 3 Kinder aufgezogen und noch zu leben. Hätten die Italiener die Menschenrechte und
zwei Pflegekindern ein Zuhause gegeben. 1982 sind wir uns Südtiroler in unserem Land geachtet, uns in Ruhe
zusammen in die Nähe von Würzburg gezogen, in eine gelassen, wäre ich sicher ein friedlicher Bürger in meiner
Dorfgemeinschaft von „SOS Kinderdorf e. V.“. Dort betreu- Heimat geblieben.
ten wir als Hauseltern eine Familie mit 8 Erwachsenen
mit geistiger Behinderung. Heute lebe ich mit meinem Meine Botschaft an alle Südtiroler und Südtirolerin-
Sohn und seiner Familie in dem kleinen Dorf Gössenheim. nen: „Verliert nie euer Ziel aus den Augen, vergesst die
Ideale und das Gottvertrauen nicht, das Leben bietet
2018 stellten meine Kinder das Ansuchen auf Begnadigung in jeder Situation einen Ausweg.“ Manchmal erscheint
an den Staatspräsidenten Sergio Mattarella. Bis heute dieser Ausweg nicht angenehm (bei mir mit dem
gibt es keine Entscheidung über dieses Anliegen. Meine Verlust der Heimat), und doch hat sich alles besser
Heimat musste ich verlassen, im Herzen jedoch bin ich tief gerichtet, als ich es jemals für möglich gehalten habe.

,,Gleichberechtigung“ bei Einstellung in öffentlichen Ämtern 1956


STAATLICHE VERWALTUNG

Staatsbahndirektion Bozen 93,5 % 6,5 %

Post- und
78,9 % 21,1 %
Telegraphendirektion

Arbeitsamt, Arbeits-
inspektorat, Sozial- und 97,7 % 2,3 %
Unfallversicherung

Quästur 99,2 % 0,8 %


SCHULAMT UND
ÄHNLICHE

Konzeptbeamte 6% 4%

Kanzleikräfte 20 % 12 %

Justiz 87,1 % 12,9 %

Finanzwesen 98,6 % 1,4 %

REGIONALVERWALTUNG
620 Beamte 102 Beamte

PROVINZIALVERWALTUNG
174 Beamte 94 Beamte
zzgl. 12 Ladiner

Aus dem Memorandum der österreichischen Bundesregierung vom 8. Oktober 1956.


Quelle: Beilage 7 im ,,Memorandum der österreichischen Bundesregierung zur Südtirolfrage“ vom 5. September 1960, welches im Herbst 1960
der Vollversammlung der Vereinten Nationen überreicht wurde.

Italiener Minderheiten BERICHTE VON ZEITZEUGEN 67


Entwicklung der Volksgruppen in Südtirol vor und nach der Feuernacht

Quelle: Autonome Provinz Bozen/Landesamt für Statistik - Astat (Hrsg.):


,,1991 Südtirol in Zahlen“, Bozen 1991, S. 10.
88,8% 89,0%

75,9%

64,9%
62,2% 62,9% DEUTSCHE

34,3%
33,0%

28,7%
ITALIENER

10,6%
4,0%
4,0% 2,9% 3,8% 3,9% 3,4% 3,7% 4,1%
LADINER

1900 1910 1921 1961 1971 1981


FEUERNACHT

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