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Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat

© 2003 PDF-Version des Buches unter


http://neebe-grossindustrie.digam.net
Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Klappentext

Reinhard Neebe
Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933

Die wissenschaftlich wie politisch kontroverse Frage, wel-


chen Anteil die Großindustrie an der Machtergreifung Hit-
lers hatte, wird in diesem Buch in einen weiteren Rahmen
gestellt und neu untersucht.
• Wie groß war der Einfluß der Industrie auf das politische
Geschehen und welche Standpunkte vertrat sie in der
Endphase der Weimarer Republik?
• Auf breiter Quellengrundlage analysiert Reinhard Neebe
die Interessenpolitik der industriellen Spitzenverbände in
den Jahren 1930 1933 sowie die Konzeption und politi-
sche Strategie Paul Silverbergs, der 1932/33 eine Art
Schlüsselposition besaß.
• Die Quellenanalyse zeigt, über andere Arbeiten weit hi-
nausgehend, welche Kräfte in der Großindustrie die
Machtübernahme Hitlers tatsächlich förderten und wel-
che die Konstellation vom 30. Januar 1933 verhindern
wollten.
• Weit verbreitete Vorstellungen über das Verhältnis zwi-
schen Großindustrie und Nationalsozialismus lassen sich
danach nicht mehr aufrecht erhalten.

Einbandtext http://neebe-grossindustrie.digam.net
Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Titelseite

Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 45

Reinhard Neebe

Großindustrie, Staat und


NSDAP 1930-1933
Paul Silverberg und der Reichsverband
der Deutschen Industrie
in der Krise der Weimarer Republik

Göttingen · Vandenhoeck & Ruprecht · 1981


Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Copyright

KRITISCHE STUDIEN
ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Herausgegeben von
Helmut Berding, Jürgen Kocka,
Hans-Ulrich Wehler

Band 45

Reinhard Neebe
Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933

CIP-Kurzaufnahme der Deutschen Bibliothek (Print-Version)

Neebe, Reinhard:
Grossindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933 [neunzehnhundertdreissig bis
neunzehnhundertdreiunddreissig]: Paul Silverberg u. d. Reichsverb. d. Dt. Indu-
strie in d. Krise d. Weimarer Republik/von Reinhard Neebe. – Göttingen:
Vandenhoeck und Ruprecht, 1981.
(Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 45)

ISBN 3-525-35703-6

NE:GT

© Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981. – Printed in Germany

PDF -Version http://neebe-grossindustrie.digam.net

© 2003 Reinhard Neebe, 35039 Marburg · Email: neebe@digam.net


Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Einleitung …………………………………………………………... 9

I. 1918-1925: Revolution und Interventionsstaat.


Das Silverberg-Programm von 1923 ………………………. 24

II. Die Dresdener Rede 1926. Stabilisierung und Arrangement 35


1. Das Dresdener Konzept …………………………………………. 37
2. Reaktion von Regierung, Parteien und Gewerkschaften ………... 41
3. Die Industrieverbände und die Silverberg-Rede ………………… 43

III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte …………. 50


1. Die RDI-Tagung vom 12. Dezember 1929 ……………………… 51
2. Young-Plan und Große Koalition ……………………………….. 53
3. Präsidialsystem und personelle Alternativen ……………………. 57

IV. Politische Offensive und bürgerliche Sammlung im


Sommer 1930 ……………………………………………… 60
1. Hinein in die Politik ……………………………………………... 60
2. Die Reorganisation des RDI …………………………………….. 64
3. Bürgerliche Sammlung, Gewerkschaften und Große Koalition … 67

V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930 …………….. 73

1. Die Auflösung des Reichstags vom 18. Juli 1930 ………………. 73


2. Wahlergebnis und Koalitionsmöglichkeiten …………………….. 76
3. Brünings Konzept ……………………………………………….. 78
4. Die politische Formierung der Industrie 1930/31 ……………….. 80

VI. Die Bankenkrise …………………………………………… 90


1. Die Tagung des Langnam-Vereins vom 3. Juni und die Notver-
ordnung vom 5. Juni 1931 ………………………………………. 90
2. Der Reichsverband und Brüning im Juni 1931 ………………….. 93
3. Das Hoover-Moratorium ………………………………………… 95

5
Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Inhaltsverzeichnis

VII. Wendepunkt Herbst 1931: Die Abkehr von Brüning ……… 99


1. Die Erklärung der Industrieverbände vom 29. September 1931 ... 99
2. Die Umbildung der Brüning-Regierung ………………………... 103
3. Der Sturz Brünings ……………………………………………… 107

VIII. Die Deflationspolitik Brünings ……………………………. 111


IX. Großindustrie und NSDAP in der Ära Brüning …………… 117
1. August Heinrichsbauer und der Strasser-Flügel der NSDAP …… 117
2. Die Industrieclub-Rede Hitlers und das Wahlkampfabkommen
mit Paul Reusch …………………………………………………. 119
3. Die Arbeitsstelle Schacht ………………………………………... 122

X. Die Regierung der" Nationalen Konzentration" …………… 127


1. Das Programm der Regierung von Papen und die Industriever-
bände …………………………………………………………….. 127
2. Der autoritäre Staat als Alternative zum faschistischen System … 131

XI. Das Kabinett von Schleicher ………………………………. 140


1. Die Ruhrindustrie, Schleicher, Strasser, Papen und Hitler ……… 142
2. RDI und DIHT 1932/33 …………………………………………. 148

XII. Die Sonderrolle Silverbergs 1932/33 ……………………… 153


1. Die "Deutschen Führerbriefe" als publizistisches Organ Silver-
bergs …………………………………………………………….. 154
2. Silverberg und Brüning 1932 ……………………………………. 155
3. Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus …………… 159
4. Schleichers " Strasser-Lösung" und die Politik Silverbergs …….. 168
5. Die Kölner Unterredung zwischen Papen und Silverberg ………. 171

XIII. Die Großindustrie und die nationalsozialistische Diktatur


im Frühjahr 1933 …………………………………………... 174
1. Die Industrie und der 30. Januar 1933 …………………………... 174
2. Der Konflikt mit der Hitler-Regierung in der Wirtschaftspolitik .. 176
3. Die "Reorganisation" des Reichsverbandes ……………………... 181

XIV. Die Ausschaltung Silverbergs 1933 ………………………. 189


1. Die Rheinbraun-Krise 1932/33 …………………………………. 189
2. Die "Gleichschaltung" der IHK Köln …………………………… 191
3. Die "Judenpolitik" des Dritten Reiches und die Haltung der
Großindustrie ……………………………………………………. 193
4. Silverberg in der Emigration ……………………………………. 196

6
Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Inhaltsverzeichnis

Ergebnisse …………………………………………………………. 200

Anmerkungen ……………………………………………………… 204

Abkürzungsverzeichnis ……………………………………………. 283

Quellen- und Literaturverzeichnis ………………………………… 285


I. Ungedruckte Quellen ………………………………………......... 285
II. Mündliche und schriftliche Auskünfte ……………………......... 292
III. Gedruckte Quellen und Literatur ………………………………. 293

Personenregister …………………………………………………… 306

Sachregister ……………………………………………................... 310

7
Neebe, Großindustrie, NSDAP und Staat - Leerseite

KSG 45 - Seite 8

Leerseite

8
Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

Einleitung

In einem Artikel der "Deutschen Führerbriefe" vom Herbst 1932 wird als
Kernproblem der zukünftigen politischen Entwicklung in Deutschland die
Frage herausgestellt, ob es für den Nationalsozialismus eine "spezifische
soziale Möglichkeit" gebe, durch die er "aus einer fascistischen Bewegung
in ein Teilorgan der bürgerlichen Herrschaft verwandelt" werden könne.
Die Abhandlung mit dem Titel "Die soziale Rekonsolidierung des Kapita-
lismus" hat seinerzeit beträchtliches Aufsehen erregt und ist in den letzten
Jahren erneut in den Mittelpunkt intensiver Erörterungen gerückt.1 Das Vo-
tum der aus großindustrieller Perspektive urteilenden Führerbriefe, dem
Nationalsozialismus die bisherige Rolle der Sozialdemokratie in ihrer Funk-
tion als "Massenstützpunkt für die Herrschaft des Bürgertums" anzutragen,
verweist auf einen auch aus zeitgenössischer Sicht evidenten Systemzu-
sammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus. Das vieldiskutierte
Wort Max Horkheimers "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, soll-
te auch vom Faschismus schweigen",2 wird hier anscheinend unmittelbar
bestätigt.
Die gegenwärtig in der deutschen Geschichtswissenschaft neu aufleben-
de Kontroverse über die Verwendbarkeit und Legitimität der Begriffe "To-
talitarismus" und "Faschismus" zur Kennzeichnung der nationalsozialisti-
schen Diktatur und ihrer Voraussetzungen deutet demgegenüber an, daß
Interpretationen, die sich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und
Nationalsozialismus beschränken, offenbar bis heute wichtige Pro-
blembereiche nicht befriedigend zu erfassen vermögen.3 So wenden Ver-
treter eines modifizierten Totalitarismuskonzepts wie z. B. K. D. Bracher
oder Ernst Nolte ein, daß ein allgemeiner Faschismusbegriff die "primäre
Frage nach dem totalitären Charakter politischer Systeme" außer acht lasse
und "das entscheidende Kriterium zur Beurteilung des modernen Staates:
das Kriterium der politischen Freiheit und des limited government zugun-
sten einer sozio-ökonomischen Klassifizierung übergehe.4 Klaus Hil-
debrand, Andreas Hillgruber u. a. wollen ihrerseits den strukturgeschicht-
lichen Ansatz durch einen "biographischen Zugang" ergänzt wissen, da sich
die Persönlichkeit Hitlers "jedem Reduzierungsversuch aufs Funktio-
nale" entziehe und "auf gar keinen Fall als austauschbar" anzusehen sei.5
Hans Mommsen wiederum macht geltend, daß das Totalitarismusmodell
"tendenziell von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorbedingun-
gen abstrahier[e], die die Durchsetzung totalitärer Strukturen ermögli-

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 9


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

chen", und daß eine bloß auf Hitler orientierte Interpretation u. a. Gefahr
laufe, "die Mitverantwortung der konservativen Machteliten nicht nur in der
Machteroberungsphase, sondern auch für die mittelfristige Stabilisierung
des NS-Herrschaftssystems in den Hintergrund zu rücken".6 Der Versuch
Jürgen Kockas, die unterschiedlichen Interpretationsansätze zusammenzu-
fassen und in eine übergreifende Erklärung der" Ursachen des Nationalso-
zialismus" zu bringen,7 zeigt die Dimensionen des Themas eindringlich auf
und verweist zugleich auf die Notwendigkeit eines breiter gefaßten sozial-
geschichtlichen Zugriffs.
Diesem erweiterten, verschiedene Ansatzpunkte aufnehmenden Faschis-
musbegriff, den Kocka, Mommsen, W. Schieder u. a. mit jeweils besonde-
ren Akzentuierungen verwenden,8 steht die orthodox-marxistische Defini-
tion entgegen, die im Faschismus "die offene, terroristische Diktatur der am
meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des
Finanzkapitals" erblickt.9 Die nationalsozialistische Diktatur stellt sich hier
als eine Form bürgerlicher Herrschaft dar, die sich in ihren Wesens-
merkmalen von der liberalen Demokratie nicht grundsätzlich unterscheidet.
Der Widerspruch zwischen diesem engen, dogmatischen Faschismusbegriff
und einer offeneren, sozialgeschichtlich orientierten Faschismusin-
terpretation leitet sich in seiner theoretischen Begründung vor allem aus
einer wesentlich anderen Bewertung des Verhältnisses von Ökonomie und
Politik ab. Darauf ist zunächst ausführlicher einzugehen:
Bereits in der älteren Faschismusdebatte, die in der Großen Krise
1929-1933 vor der nationalsozialistischen Machteroberung geführt wurde,
bildete die Beurteilung der spezifischen Qualität des Bündnisses zwischen
Großbürgertum und Nationalsozialismus einen zentralen Punkt der Kon-
troverse. Das nach wie vor aktuelle Monitum August Thalheimers aus dem
Jahre 1930, man müsse sich "die Entwicklung nicht so kindlich vorstellen,
daß die Bourgeoisie den Nationalsozialisten 'freiwillig' die Macht übergebe,
weil die Faschisten eine großkapitalistische konterevolutionäre Partei" sei-
en,10 richtete sich vor allem gegen die offizielle KPD-Linie und die von ihr
verfochtene Sozialfaschismusthese.11
Thalheimers Auseinandersetzung mit der Sozialfaschismustheorie zielte
im Kern darauf, aus einer den ökonomischen, gesellschaftlichen und politi-
schen Entwicklungen der ausgehenden Weimarer Republik tatsäch-
lich angemessenen und zugleich theoretisch reflektierten Analyse eine rea-
litätsorientierte antifaschistische Strategie abzuleiten. "Blindheit", so Thal-
heimer in Zurückweisung der Thälmannschen These, daß der Faschis-
mus in Gestalt der "sozialfaschistischen Regierungsbande" Hermann
Müllers bereits die Herrschaft ausübe, sei "keine Entschuldigung vor der
Geschichte".12 Hiergegen, aber auch gegen die simplifizierende Auffassung
der unmittelbaren Identität von Finanzkapital und Faschismus, setzte
Thalheimer ein weit komplizierteres Interpretationsmodell, das in Anleh-
nung an die Marxsche Bonapartismusanalyse die Entstehungsvorausset-

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 10


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

zungen des Faschismus neben den ökonomischen Bedingungen vor allem


an die Klassenlage knüpfte. Das faschistische System sei insbesondere
durch das Auseinandertreten von sozialer und politischer Herrschaft bei
Verselbständigung der Exekutive charakterisiert, es stelle "eine" Form der
"offenen Diktatur des Kapitals" dar und sei wie der Bonapartismus gekenn-
zeichnet durch die "politische Unterwerfung aller Massen, einschließlich
der Bourgeoisie selbst, unter die faschistische Staatsmacht bei sozialer
Herrschaft der Großbourgeoisie und der Großgrundbesitzer".13
Im Weimarer Staat sah Thalheimer mit dem Präsidialsystem Brünings
die "Aushöhlung des bürgerlich-parlamentarischen Regimes" forciert ein-
setzen. Dabei unterstütze ein Teil der Bourgeoisie die Nationalsozialisten
"aktiv und planmäßig", ein anderer jedoch kämpfe gegen sie, führe diesen
Kampf aber so, daß er objektiv, "wider ihre Absicht", den Faschisten in die
Hände arbeite und die antifaschistischen Kräfte zermürbe und lähme. Auch
in Deutschland gebe die Bourgeoisie also ihre eigene politische Macht
‚niemals freiwillig’ zugunsten des Nationalsozialismus auf, kraft der
,inneren Logik’ ihrer Handlungen schaffe sie aber, subjektiv vielfach unge-
wollt, die Voraussetzungen für seinen Erfolg. Der Prozeß der "Faschisie-
rung" vollziehe sich also in einer komplizierten Dialektik von ökonomi-
schen Bedingungen, gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und politischem
System, er laufe stufenförmig, in teilweise "verwickelter, aber darum nicht
weniger folgerichtiger" Logik ab, sei aber insofern nicht dem Automatis-
mus einer Unvermeidlichkeit unterworfen, als keine gesellschaftliche Kraft
ihm "Halt" gebieten könne.14
Trotz ihres offensichtlichen Interpretationswertes hat die orthodox-
marxistische Forschung von der Bonapartismus-Thematik keine Notiz ge-
nommen: Hier setzte sich die anfangs mit der Sozialfaschismusthese kon-
kurrierende und ihr zeitweilig unterlegene Auffassung vom Faschismus als
der offenen Diktatur des Finanzkapitals nach 1933 endgültig durch. Die
Dimitroff-These ist, wie auch jüngste Äußerungen belegen, bis heute die
verbindliche Grundlage der offiziellen marxistischen Historiographie
geblieben.15 Der im wesentlichen auf Jürgen Kuczynski zurückgehende
Versuch, die empirisch vorfindbaren Gegensätze innerhalb der Großbour-
geoisie durch das Wirken von "Monopolgruppen" zu erklären, hat wohl
gewisse Differenzierungen ermöglicht, den durch die Definition des
Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale vorgegebenen
Rahmen aber nicht gesprengt.16 Die Monopolgruppentheorie hält an der
These des staatsmonopolistischen Kapitalismus und der Verschmelzung
von ökonomischer und politischer Herrschaft fest, unterscheidet aber zwi-
schen verschiedenen "Fraktionen" des Kapitals, die sich aus einem Wech-
selverhältnis zwischen dem ökonomisch-technologischen Entwick-
lungsstand eines Industriezweiges und seiner politisch-gesellschaftlichen
Orientierung bestimmten: Dabei stehe der älteren, schwerindustriell
bestimmten Monopolgruppe Kohle-Eisen-Stahl mit ausgesprochen kon-

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 11


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

servativ-autoritärer Grundhaltung eine relativ jüngere Gruppierung der


Chemie- und Elektroindustrie gegenüber, die einen vergleichsweise flexi-
blen, reformistischen Kurs verfolge.
Durch die Arbeiten Kurt Goßweilers,17 der die Rolle des Finanzkapitals
als dritte, der Industriegruppierung quer zugeordnete Größe betont, hat die-
ses Schema eine Aktualisierung erfahren, ohne daß die prinzipiellen metho-
dischen und theoretischen Einwände hätten ausgeräumt werden können.
Der Monopolgruppenansatz ist vor allem dort problematisch, wo den Frak-
tionen des Monopolkapitals vorab eine grundsätzliche Interessen-
gemeinsamkeit unterstellt wird, die sie befähige, als bestimmendes Subjekt
im historischen Gesamtprozeß aufzutreten.18 So verkürzt auch Goßweilers
Analyse "Großbanken, Industriemonopole, Staat" (1914-1932) "die kapi-
talistische Gesellschaft auf Aktionen und Optionen der Kapitalisten bzw.
der in den Monopolgruppen organisierten Monopolherren".19 Dies gilt im
gleichen Sinne für die Darstellung Eberhard Czichons,20 der die Annä-
herung der verschiedenen industriellen Gruppierungen - die hier übrigens
anders als bei Kuczynski und Goßweiler bestimmt sind − zwar empirisch
ableitet und im einzelnen z. T. recht differenziert beschreibt, die sozio-
ökonomische Gesamtentwicklung aber fast völlig ausblendet, so daß der
Faschismus schließlich doch als "monokausaler Kaufakt" einzelner Indu-
strieller, Bankiers und Großagrarier erscheint.21 Wolfgang Ruge, der sich
zuletzt mit dieser Thematik befaßt hat, fügt wohl einige neue Aspekte hin-
zu, fällt aber insgesamt gesehen eher noch hinter Czichon zurück.22
Der theoretische Bezugsrahmen und die Ergebnisse der DDR-
Geschichtsschreibung zur Genese des Nationalsozialismus blieben in der
Auseinandersetzung mit der neomarxistischen Forschung der Bundesrepu-
blik, die Mitte der 60er Jahre vor allem in der Zeitschrift "Das Argument"
geführt wurde, zunächst nicht ohne Widerspruch. Die DDR-Historiker
Czichon, Eichholtz und Goßweiler hielten dabei an ihrer These vom
"Primat der Ökonomie" fest und kennzeichneten den Faschismus erneut als
eine Entwicklungsstufe des" Staatsmonopolistischen Kapitalismus",
auf der es den "reaktionärsten und aggressivsten Elementen des deutschen
Finanzkapitals ... ausgangs der Weltwirtschaftskrise" im Interesse ihrer
imperialistischen Zielsetzung angeraten schien, "ihre faschistische Herr-
schaft über das deutsche Volk zu errichten, das heißt, ihre Macht mit den
Potenzen eines faschistischen Regimes zu verschmelzen".23 Demgegenüber
galt z. B. R. Griepenburg, K. H. Tjaden oder anderen Thalheimers Bonapar-
tismusansatz und seine Anwendung auf Deutschland in den Jahren 1930
bis 1933, trotz partieller Kritik an Einzelaspekten dieses theoretischen Mo-
dells, als die weitaus treffendste zeitgenössische Darstellung und als der
"begrifflich differenzierteste und am ehesten noch historisch bestätigte"
Versuch, die "Transformierung" der Weimarer Republik in die faschistische
Diktatur zu erklären und zu prognostizieren.24 T. W. Mason betonte
die Verselbständigung des Staatsapparates in der nationalsozialistischen

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 12


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

Diktatur und kritisierte die "Oberbewertung" der unmittelbaren Rolle des


"Wirtschaftlichen" in der DDR-Historiographie, die auf das "mangelnde
Verständnis für den gesellschaftlichen und politischen Rahmen, in dem die
Industrie zu handeln hatte", zurückzuführen Sei.25 Auch im "Staatsmono-
polistischen Kapitalismus" gebe es, wie insbesondere von Eike Hennig26
hervorgehoben worden ist, keine Identität von Wirtschaft, Staat und Gesell-
schaft. − Die gegenwärtig vorherrschenden Theorien der "neuen Linken"
zum Nationalsozialismus haben indes den Bonapartismusansatz weitgehend
verdrängt und eine immer deutlicher werdende Annäherung an ortho-
dox-marxistische Positionen sichtbar werden lassen. Zur politisch- ideolo-
gischen Instrumentalisierung historischer Aussagen für "vorgefaßte Ge-
genwartszwecke" im Konzept dieser Gruppierungen hat sich zuletzt H. A.
Winkler umfassend geäußert.27
Für die Geschichtsschreibung der Bundesrepublik lag der Zusammen-
hang zwischen Kapitalismus und Faschismus lange außerhalb eines beson-
deren Forschungsinteresses. Die Sozialgeschichte schenkte dieser Problem-
stellung in den letzten Jahren allerdings zunehmend Aufmerksamkeit und
erkannte dabei an, daß die Analyse der gesamtgesellschaftlichen Entwick-
lung auch in der Weimarer Republik und der Übergangsphase zum Natio-
nalsozialismus ohne ein heuristisch praktikables und zugleich theoretisch
reflektiertes Rahmenmodell nicht recht zu leisten ist: Dem Monopolgrup-
penansatz wurde zunächst das Konzept des "Organisierten Kapitalismus"
gegenübergestellt, dessen Interpretation des Zusammenhangs von Ökono-
mie und Politik an Rudolf Hilferding anknüpft. Hilferding erkannte im
Übergang zum "Organisierten Kapitalismus", der sich vor allem in der Zeit
des Ersten Weltkrieges und den Anfangsjahren der Weimarer Republik
vollzogen habe, "den prinzipiellen Ersatz des kapitalistischen Prinzips der
freien Konkurrenz durch das sozialistische Prinzip planmäßiger Pro-
duktion" und leitete daraus die politische Herausforderung ab, "mit Hilfe
des Staates, mit Hilfe der bewußten gesellschaftlichen Regierung diese von
den Kapitalisten organisierte und geleitete Wirtschaft in eine durch den de-
mokratischen Staat geleitete Wirtschaft umzuwandeln".28 Demgegenüber
geht das vor allem von H.-U. Wehler, Winkler und Kocka für eine sozialge-
schichtliche Forschungsperspektive aktualisierte Konzept des "Organisier-
ten Kapitalismus"29 von dem Versuch aus, "die Veränderungen im Produk-
tionssystem selbst ... mit bestimmten Veränderungen, die durch die Entste-
hung neuer sozialer Gruppen und durch die Verschiebung ihrer Beziehung
zueinander, nicht zuletzt in Form von Klassenkonflikten auftreten und
Veränderungen des Verhältnisses von Gesellschaft und Staat zusammenzu-
bringen".30 Im Unterschied zu der Auffassung vom "Staats
monopolistischen Kapitalismus" deutet dieser für die Epoche des verstärk-
ten Staatsinterventionismus entwickelte Ansatz die Verknüpfung von Öko-
nomie und Politik nicht als "Verschmelzung" und erblickt im Staat nicht
ausschließlich das Herrschaftsmittel der Monopole, sondern läßt die

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 13


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

Abgehobenheit des politischen Entscheidungsprozesses in spezifischen Si-


tuationsfeldern vom Prinzip her zu. Insbesondere vermeidet er die vom
Stamokap-Ansatz ausgehende, in diesem Punkt an die Sozialfaschismus-
theorie erinnernde gefährliche Verwischung der grundsätzlichen Unter-
schiede zwischen liberal-parlamentarischen und faschistischen Herr-
schaftsmethoden.31
Die Umsetzung des Modells vom "Organisierten Kapitalismus" in eine
praktikable Methode zur Aufarbeitung der beschriebenen Zusammenhänge
bleibt allerdings problematisch, da es auf die zentrale Frage nach den Ver-
mittlungsinstanzen zwischen den Polen Ökonomie und Politik keine präzise
Antwort zu geben weiß und insbesondere nicht klärt, wie diese empirisch
greifbar sind.32 Vor allem G. D. Feldman, der in Fortsetzung seiner früheren
Studien inzwischen mit einer richtungsweisenden Untersuchung zur Politik
der deutschen Unternehmer 1916-1923 hervorgetreten ist33 und damit maß-
geblich dazu beigetragen hat, Defizite in der Aufarbeitung der Anfangspha-
se der Weimarer Republik abzubauen, zeigte sich skeptisch gegenüber allzu
weit gefaßten Theoremen. Der Begriff des "Organisierten Kapitalismus" sei
empirisch nicht anwendbar; um weiterzukommen, müsse man vielmehr mit
"relativ eng gefaßten, praktikablen Konzepten" operieren, man müsse "ge-
wissermaßen erst die Bausteine haben, um dann das Verständnis für ein
übergreifendes System zu gewinnen".34 Andererseits ist anzuerkennen, daß
dieser Ansatz, wie z. B. Arbeiten von Kocka, Puhle oder Ullmann zeigen,
für eine sozialgeschichtlich orientierte Fragestellung durchaus fruchtbar
war.35 So ist vielleicht auch das von Winkler inzwischen gezogene Fazit zu
verstehen, daß der Versuch, Hilferdings Theorie des "Organisierten Kapita-
lismus" wiederzubeleben, ein Irrweg" gewesen sei, der sich allerdings "als
wissenschaftlich produktiv" erwiesen habe.36
Die Diskussion über das Verhältnis von Industrie und Politik in der
Weimarer Republik ist, worauf auch Feldman abgehoben hat, immer noch
durch eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen ausufernder Theorie-
bildung einerseits und empirischer Detailforschung andererseits bestimmt:
Auf einer vergleichsweise kurzen Materialdecke historisch abgesicherter
'Fakten' hat sich, vor allem für die Phase 1929-33, eine tendenzielle
Verselbständigung der Theorie vollzogen. Im Unterschied zur Epoche des
Deutschen Kaiserreiches von 1871, wo beispielsweise Kaelble, Mielke oder
die eben genannten Autoren37 systematische Arbeiten zur Politik wichtiger
wirtschaftlicher Interessenorganisationen vorgelegt haben, stehen für die
erste deutsche Republik immer noch grundlegende Untersuchungen, auch
über die Industrieverbände, aus. In diesem Zusammenhang kommt der
kürzlich erschienenen, breit angelegten Studie Bernd Weisbrods38 zur Rolle
der Schwerindustrie in der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik von
1924-29 eine besondere Bedeutung zu. Auch Weisbrod vermeidet einen
zu abgehobenen Ansatz und orientiert seine Analyse, die auf einer

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 14


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

umfassenden Aufarbeitung der in Industriearchiven zugänglichen Materia-


lien basiert, an dem von Ch. S. Maier in die Theoriedebatte eingebrachten
Idealtypus vom "Korporativen Pluralismus".39 Der "Korporative Plura-
lismus", wie ihn Maier versteht, nimmt wohl allgemeine Strukturmerkmale
des Modells vom "Organisierten Kapitalismus" auf, verfeinert und spezifi-
ziert diese aber für die Zwischenkriegszeit. Dieser Ansatz hebt die "qualita-
tive Umwandlung" des politischen Entscheidungsprozesses hervor, der sich
nicht mehr im Rahmen des liberal-parlamentarischen Prinzips vollziehe,
sondern durch eine "korporative Interessenintegration zwischen sog. Veto-
gruppen" bestimmt sei.40 Weisbrod versucht, in seiner Arbeit nachzuwei-
sen, daß die Schwerindustrie in der Weimarer Republik eine solche Gruppe
dargestellt habe, die mit Hilfe ihrer "Veto-Position" dem politischen System
"restriktive Bedingungen" auferlegen konnte, "die dessen Integrationskraft
und Steuerungsfähigkeit ernsthaft bedrohten und zur Aushöhlung seiner
sozialstaatlichen Inhalte sowie seiner demokratischen Struktur entscheidend
beitrugen".41
Für die Krise des Weimarer Staates liegen gleichwertige Studien, die
zugleich strukturelle und dynamische Faktoren verbinden und das Verhält-
nis von Ökonomie und Politik im Vorfeld des nationalsozialistischen
Deutschlands präzisieren, bisher nicht vor, wenn auch wichtige Detailpro-
bleme und Einzelbereiche, wie Untersuchungen z. B. von Gessner, Hent-
schel, Mommsen, Tammen, Wengst, Winkler oder Wolffsohn zeigen, in-
zwischen genauer behandelt worden sind.42 Dieses Defizit, überlagert von
der durch politische Implikationen belasteten Theoriedebatte, bestimmt den
Rahmen der Dauerkontroverse über den Zusammenhang von Großindustrie
und Herausbildung der nationalsozialistischen Diktatur 1930-3343 und ist
auch im Hintergrund der Auseinandersetzung Dirk Stegmanns mit den Ar-
beiten H. A. Turners zu" Faschismus und Kapitalismus in Deutschland" zu
sehen.
H. A. Turner hat unter der Zielsetzung, der in eine Sackgasse geratenen
Diskussion "neue Anregungen" zu geben, den Weg unmittelbar in die west-
deutschen Firmenarchive beschritten und damit die Erschließung neuer,
wichtiger Quellen zum Verhältnis von Großindustrie und NSDAP vor 1933
eingeleitet. Seine zunächst in amerikanischen Fachzeitschriften veröffent-
lichten, 1972 in einem Sammelband in deutscher Sprache vorge
legten Arbeiten sind zunehmend in den Vordergrund des wissenschaftlich-
politischen Interesses gerückt und haben eine heftige, teilweise polemisch
geführte Kontroverse ausgelöst. Turners zentrale, vor allem gegen die or-
thodox-marxistische Agenten-Theorie gerichtete These, daß die "große
Mehrheit der deutschen Großunternehmer Hitlers Triumph weder ge-
wünscht noch materiell zu ihm beigetragen" habe, wird mit quellenmä
ßig präzise recherchierten Hinweisen zur Politik führender Industrieller in
der Krise belegt.44 Methodisch problematisch ist, daß eine über die Ana-
lyse der Verhaltensmuster einflußreicher Unternehmerpersönlichkeiten

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 15


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

hinausgehende Absicherung dieser weitreichenden Aussage auf struktu-


reller Ebene bisher nicht erfolgt ist.
Im einzelnen glaubt Turner nachweisen zu können, daß sich in der Wei-
marer Republik "wirtschaftliche Macht nicht ohne weiteres in politische
Macht umsetzen" ließ, sondern sich vielmehr die "politische Impotenz des
Geldes" bei vielen Gelegenheiten erwiesen habe.45 Dabei konzediert er je-
doch, daß die Großindustriellen, wenn sie die Machtergreifung' auch nicht
"aktiv" vorbereitet haben, insgesamt gesehen keineswegs freizusprechen'
seien: "Indirekt trugen die Wirtschaftsführer auf verschiedene Weise zum
Aufstieg des Nationalsozialismus bei: sie unterließen es, die demokratische
Republik zu unterstützen, sie bekämpften die Sozialdemokraten und die
Gewerkschaften mit blinder Feindseligkeit, sie halfen den reaktionären
Kräften und besonders dem Papen-Regime, schließlich verliehen sie Hitler
durch den Umgang mit ihnen Respektabilität."46 Die Gesamtinterpretation
des Nationalsozialismus als politische Erscheinungsform des "utopischen
Anti-Modernismus"47 die Turner an anderer Stelle vorgenommen hat, bestä-
tigt gleichwohl, daß der Verfasser seine Ergebnisse letztlich als einen Beleg
für die Nichtidentität von Kapitalismus und Faschismus verstanden wissen
will. Während H. A. Winkler48 in den Arbeiten Turners den "glänzend" ge-
lungenen Versuch gesehen hat, darzulegen, daß die bisherige Literatur im
Verhältnis von Industrie und Nationalsozialismus in wichtigsten Tatsachen
und Zusammenhängen "erstaunlich lückenhaft, fehlerhaft und irreführend"
sei, und seine Forschungsergebnisse als "Herausforderung an die Theoreti-
ker" begreift, stellt z. B. Joachim Radkau49 Turners Resultate in eine Reihe
mit dem "apologetischen Charakter" der in der Nachkriegszeit erschienenen
Schriften von Lochner,50 Heinrichsbauer51 u. a. und bestreitet ihren wissen-
schaftlichen Wert überhaupt. Radkaus eigene, in Arbeitsteilung mit Hall-
garten verfaßte Darstellung52 über die "Deutsche Industrie und Politik von
Bismarck bis heute" (1974) hat für sich zwar explizit in Anspruch genom-
men, eine Gegenposition zu Turner zu bezichen,53 dies im einzelnen aber
nur wenig überzeugend leisten können. Sie stellt wenig mehr als eine ober-
flächlich kompilierte, zudem handwerklich unbefriedigende Zusammenfas-
sung altbekannter Versionen dar und erreicht nicht den Stellenwert der älte-
ren, immer noch lesenswerten Studie Hallgartens "Hitler, Reichswehr und
Indu-strie".54
Als eigentliche Antwort auf den von Turner hingeworfenen "Fehde-
handschuh" haben demgegenüber die Arbeiten Dirk Stegmann55 zu
gelten. In deutlicher Antithese zu Turners ganz "in der Tradition
einer personalistisch eingefärbten politischen Ideengeschichte" verbleiben-
der Methode, aber auch in Absetzung von der "mit einer relativ
engen, dogmatisch akzentuierten Monopolgruppentheorie" operierenden
DDR-Historiographie und der durch "einseitige Blickrichtung" auf theo-
retische Rahmenanalysen unfruchtbaren neomarxistischen westdeutschen

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 16


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

Geschichtsschreibung stellt Stegmann einen neuen methodischen Ansatz in


Aussicht, um "am Beispiel der sozialökonomischen Option der deutschen
Großunternehmer die gesellschaftlichen Hintergründe für den Aufstieg des
Nationalsozialismus aufzuhellen".56 Die vor allem auf der Basis des
Reusch-Nachlasses (GHH) neu in die Diskussion gebrachten, vielfach in
Erstpublikation abgedruckten Materialien machen Stegmanns Arbeiten, wie
auch die bisherige Rezeption in der einschlägigen Literatur zeigt,57 zu ei-
nem wichtigen Forschungsbeitrag.
Methodologisch verbleibt Stegmann jedoch „noch im Umkreis eines 'hi-
storischen Positivismus'“ (Hennig),58 insbesondere kommt die Verknüpfung
von wirtschaftlicher Entwicklung, politischem System und Option der
Großindustrie zu kurz. Die Exemplifizierung seiner zentralen These der
"Kontinuität der deutschen Industrie von Bismarck bis Hitler" gerät Steg-
mann überwiegend zur Monographie der ununterbrochenen Annäherung
zwischen Wirtschaft und NSDAP von Beginn der Republik an. Dabei ver-
liert sich der Kontakt zur ökonomischen, sozialen und politischen Gesamt-
entwicklung weitgehend: So bleiben die Konjunkturlagen 1918-1933, die
Weltwirtschaftskrise und die vorausgegangene Konsolidierungsphase weit-
gehend unbeachtet.59 Ebenso tritt die Politik der Präsidialkabinette Brüning,
Papen und Schleicher und ihre spezifische Wirtschaftsprogrammatik zugun-
sten der Herausarbeitung einer recht geradlinig gesehenen Kontinuität un-
angemessen in den Hintergrund.
Ein besonderes Problem ergibt sich insofern, als Stegmanns Untersu-
chung sich der Zuordnung zu einer theoretisch und begrifflich präziser be-
stimmbaren Faschismusinterpretation entzieht: So disqualifiziert Stegmann
einerseits den Monopolgruppenansatz der DDR-Historiographie als "Pro-
krustesbett", in das die Industrie künstlich eingezwängt werde,60 benutzt
aber andererseits selbst dieses Modell zur Aufgliederung der Indu-
striegruppen recht großzügig.61 Er diskreditiert − gegen Turner gewendet −
die These vom "Primat der Politik" vor 1933 generell als rein ideenge-
schichtlichen Ansatz,62 übernimmt diese Sichtweise aber für die eigene Be-
urteilung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems nach 1936.63
Stegmann verwendet nebeneinander den Begriff des "Organisierten Kapi-
talismus" für die 20er Jahre, spricht nach 1933 vom "staatsmonopolisti-
schen Kapitalismus" in Deutschland64 und deutet dessen ungeachtet diesen
Abschnitt zugleich als eine "Sonderform traditioneller autoritärer Herr-
schaftstechnik".65 In Anlehnung an Fraenkel ist dies für Stegmann hier die
Phase der faschistisch-konservativen "Doppelherrschaft",66 die an anderer
Stelle wiederum als durch eine "Restituierung des Primats der Großindu-
strie" gekennzeichnet erscheint.67
Die Vermischung alternativer theoretischer Konzepte läßt das entschei-
dende "wie" des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus und Faschismus
in zentralen Punkten offen. Dies spiegelt sich substantiell darin wider, daß
Stegmann zur schließlich ausschlaggebenden Frage nach dem Anteil der

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 17


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

deutschen Industrie an der Errichtung der faschistischen Diktatur keine de-


finitive Aussage macht und, wie schon von Turner kritisiert worden ist,
"jegliche systematische Einschätzung des Anteils der verschiedenen sozial-
ökonomischen Gruppen" unterlässt.68 Auch bei Stegmann bleibt die − von
Mason in seiner Kritik an Czichon bereits 1968 aufgeworfene − Frage, wie
es zu einer "Verständigung" der Industriegruppen im Januar 1933 gekom-
men sei und ob diese überhaupt die "Voraussetzung sine qua non der
'Machtergreifung' darstelle",69 weitgehend unbeantwortet. Er kann so für
seine These der sich während der Schleicher-Episode herausbildenden
Kongruenz der bisher divergierenden Monopolgruppierungen, die überla-
gert sei von einem sich gleichzeitig vollziehenden Interessenausgleich zwi-
schen Industrie und Landwirtschaft,70 keine neuen, beweiskräftigen Quellen
beibringen. Stegmanns materialmäßig ungenügend abgesicherte Skizzie-
rung des industriellen Spektrums dahingehend, daß sich das "Schlei-
cher-Lager" innerhalb der Ruhrindustrie "allein auf Paul Silverberg" stützen
konnte, der auch bereit gewesen sei, "in ein Schleicher-Strasser-Kabinett
einzutreten",71 ist weniger differenziert als z. B. der ältere Gruppierungsver-
such Czichons und bedarf einer quellenkritischen Überprüfung.72 Die Inter-
pretation der Machtergreifung als scheinbarer Erfolg einer konservativen
Einrahmungsstrategie deutet allerdings darauf hin, daß Stegmann die zuvor
postulierte Identität von Unternehmerinteresse und nationalsozialistischer
Herrschaftsausübung im Rückgriff abschwächen Will.73
Obwohl Stegmann die abwartende Politik der Großindustrie 1932/33
ähnlich wie Turner sieht und beide übereinstimmend die alte These vertre-
ten, daß die schließliche Umorientierung wichtiger Wirtschaftskreise zur
NSDAP erst durch Schleichers "Staatssozialismus" ausgelöst worden sei,
erscheint, wie die Auseinandersetzung über die "Arbeitsstelle Schacht" ex-
emplarisch zeigt, eine Verständigung auch im Bereich quellenmäßig er-
schließbarer Faktizität' kaum möglich. Während Turner die "Arbeitsstelle"74
als "totgeborenes Kind" bezeichnet, nimmt dieses Gremium bei Stegmann
eine Schlüsselrolle in der Ausformung der nationalsozialistischen Wirt-
schaftspolitik vor 1933 ein.75 Auch in diesem Zusammenhang zeichnet sich
die Tendenz ab, daß von den Quellen her eindeutig abklärbare Sachverhalte
erneut in eine vergröberte, ideologisch verzeichnete Frontstellung76 einge-
bracht werden.77

Im Rahmen der nach wie vor durch erhebliche empirische Defizite ge-
kennzeichneten, politisch stark aufgeladenen Kontroverse über die Ursa-
chen des Scheiterns der Weimarer Republik verfolgt die vorliegende Unter-
suchung die Absicht, zu einer differenzierteren Sicht des Verhältnisses
von Großindustrie, politischem System und Nationalsozialismus in
Deutschland vor 1933 beizutragen. Sie erhebt nicht den Anspruch, dies
unter Verwendung eines neuen Theorieansatzes oder eines bisher für dieses

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 18


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

Problemfeld nicht hinreichend realisierten sozialgeschichtlichen Konzepts


zu tun, sondern will vielmehr Material ausbreiten, mit dem die Interaktio-
nen zwischen Industrie und Politik in der Endphase der Weimarer Republik
präziser umschrieben werden können. Der aus einer isolierten Aufarbeitung
des Fragenkreises "Großindustrie und Nationalsozialismus" erwachsenden,
auch in der Stegmann-Turner-Kontroverse sichtbar werdenden Gefahr,
"einzelne Begründungszusammenhänge überzuinterpretieren und aus dem
Gesamtzusammenhang herauszulösen",78 soll durch eine Einbettung dieser
Thematik in eine perspektivisch wesentlich breiter angelegte Analyse be-
gegnet werden. Nur so erscheint es möglich, eine durch die Methode vorge-
gebene einseitige Oberbetonung oder Verabsolutierung von einzelnen Di-
mensionen des Gesamtkomplexes' der sozialen, ökonomischen und politi-
schen Entwicklung, zumindest vom Ansatz her, zu vermeiden.79
Die Vermittlungsproblematik zwischen den Polen Ökonomie und Poli
tik stellt sich für eine empirisch orientierte Studie unmittelbar und verlangt
nach einer praktikablen Handhabung. Die immer noch lesenswerte Abhand-
lung von Fritz Klein "Zur Vorbereitung der faschistischen Diktatur durch
die deutsche Großbourgeoisie" (1953),80 die Untersuchungen von Feldman,
Böhret, Winkler, Weisbrod oder Wolffsohn81 verweisen nachdrücklich auf
die Heranziehung der wirtschaftlichen Interessenverbände und
-organisationen. Die Auffassung, daß sich die Beschäftigung mit den Indu-
strieverbänden in der Weimarer Republik einem "Grenznutzen"82 nähere
und zudem aus methodischen Gründen abzulehnen sei, da die Interessenhi-
storie nichts anderes tue, "als das große Individuum durch den Verband zu
ersetzen" (Mason),83 ist, wie auch Weisbrod betont hat,84 als Vorabdiskredi-
tierung dringend benötigter empirischer Fallstudien zu Politik und Interes-
senlage einzelner Branchen, Industriezweige sowie deren Organisations-
formen zu kritisieren. Unabhängig von der empirischen Praktikabilität, die
gegen eine Ausklammerung der Verbände spricht, muß gegen Mason, Pet-
zina u. a. auch theoretisch eingewendet werden, daß der industriellen Ver-
bandsorganisation in der Weimarer Republik durchaus die Funktion zukam,
gesellschaftliches Interesse institutionell zu erfassen und zu repräsentieren:
Die großen Industrieverbände waren "organisationsfähig", da sie eine rela-
tiv homogene Statusgruppe mit jeweils relativ homogener Bedürfnisstruktur
zusammenfaßten, und sie waren "konfliktfähig", d. h. sie verfügten über
politische Einflußchancen, die sich aus der Fähigkeit der Unternehmerorga-
nisationen bestimmte, "kollektiv die Leistung zu verweigern bzw. eine sy-
stemrelevante Leistungsverweigerung glaubhaft zu machen".85
Der direkte Zugang der Interessenverbände zu Reichsregierung und Mi-
nisterialbürokratie war überdies, wie vielfach übersehen worden ist,
durch die gemeinsame Geschäftsordnung der Reichsministerien (GGO
RMIN II) garantiert und damit fest institutionalisiert.86 § 27 der GGO

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 19


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

bestimmte, daß bei der Vorbereitung von Gesetzen und wichtigen Verord-
nungen "möglichst die Vertretungen der Fachkreise rechtzeitig heranzu-
ziehen" seien, deren Einschaltung von der in § 29 der GGO bestimmten
Geheimhaltungspflicht der Gesetzentwürfe im übrigen ausdrücklich unbe-
rührt blieb. Die Kooperation zwischen der bei den häufigen Kabinetts-
wechseln des Weimarer Staates relativ autonomen Ministerialbürokratie
und der Führung der Spitzenverbände war zudem durch unmittelbare perso-
nelle Verschränkungen ausgesprochen eng: Die Geschäftsführenden Präsi-
dialmitglieder des RDI und DIHT, Geheimrat Ludwig Kastl und Reichsmi-
nister a. D. Eduard Hamm, hatten z. B. vor ihrer industriellen Tätigkeit je-
weils führende Positionen im Staatsapparat eingenommen: Hamm als
Staatssekretär in der Reichskanzlei und dann Reichswirtschaftsminster
1922-25, Kastl als Ministerialrat im Reichsfinanzministerium und Leiter der
Reparationsabteilung 1921-25; die offizielle Berufung Kastls in die ständi-
ge Mandatskommission des Völkerbundes 1927 und in den Sachverständi-
genausschuß zur Regelung der Reparationsfrage 1929 galt als durchaus
'normaler' Vorgang: Seine Unterschrift unter den Young-Plan, von Teilen
der Wirtschaft heftig befehdet,87 belegt die Kohärenz zwischen Staatsver-
waltung und industrieller Interessenorganisation in der Weimarer Republik
anschaulich und zeigt zugleich, wie auch der Reichsverband in gesamtpoli-
tische Verantwortung eingebunden werden konnte.
Eine empirische Analyse zum Verhältnis von Ökonomie und Politik in
der Endphase der Weimarer Republik darf bei der Abklärung der entschei-
dungsrelevanten Zusammenhänge also die Rolle der großen Industriever-
bände nicht übergehen. Die vorliegende Darstellung bemüht sich, von will-
kürlich herausgegriffenen Einzelpunkten oder -vorgängen abzusehen, und
sucht statt dessen, die Interessenpolitik des "Reichsverbandes der Deut-
schen Industrie"88 (RDI) systematischer aufzuschlüsseln. Sie geht dabei auf
die interne Struktur, programmatische Konzeption und konkrete Aktion der
Spitzenorganisation der Wirtschaft ein. Daneben findet der "Deutsche Indu-
strie- und Handelstag"89 (DIHT), vor allem aber der mächtige Regionalver-
band der Ruhrindustrie, der sog. "Langnam-Verein",90 ausführliche Berück-
sichtigung.91
Neben der Untersuchung der großen Unternehmerverbände als den insti-
tutionalisierten Gremien industrieller Interessenpolitik bedient sich die vor-
liegende Analyse eines zweiten Ansatzes, um die Verflechtungen zwischen
Ökonomie und Politik in der Weimarer Republik präziser zu veran-
schaulichen und die Spannung zwischen individuellem und kollektivem
Handeln92 zu verdeutlichen. Im Rahmen einer vergleichenden Darstellung
führender Unternehmerpersönlichkeiten wie Duisberg, Krupp oder Reusch
ist hier die Konzeption und politische Strategie des rheinischen Braun-
kohlenindustriellen Paul Silverberg zusammenhängend herausgearbeitet
worden. Die intensivere Behandlung Silverbergs leitet sich zunächst ab
aus seinen Spitzenpositionen im RDl, dem DIHT und Langnam-Verein

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 20


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

sowie seiner Zugehörigkeit zur "Ruhrlade", dem "Geheimkabinett" der


Schwerindustrie in der Weimarer Republik,93 und knüpft damit an den ver-
bandsgeschichtlichen Ansatz an. Eine tiefer ansetzende Begründung wird
darauf verweisen können, daß Silverberg, den bereits Mariaux als "schärfste
kritische Intelligenz" im Unternehmerlager gesehen hat,94 zu den wenigen
wirklich politischen Großindustriellen zählte, die über das eng begrenzte
Betriebsinteresse der eigenen Unternehmungen weit hinausblickend die
makro-ökonomischen Zusammenhänge stets vergegenwärtigten und zu-
gleich die konstituierenden Rahmenbedingungen der industriellen Entwick-
lung der Zwischenkriegszeit angemessen zu berücksichtigen wußten. Die
Quellenlage ist allerdings, trotz der breit gestreuten Materialien im Nachlaß
des Unternehmers, nicht ganz unproblematisch, da der überwiegende Teil
des persönlichen Schriftwechsels Silverbergs aus den Akten entnommen
und vernichtet worden ist.95

Einige wenige Hinweise zur Person erscheinen an dieser Stelle notwen-


dig:96 Der Vater Adolf Silverberg, der einer jüdischen Kaufmannsfamilie
niederländisch-spanischer Herkunft entstammte, hatte in der Hochkon-
junktur der Gründerjahre im Kölner Raum eine Wollspinnerei errichtet und
dort vor der Jahrhundertwende eine Linoleumfabrik und ein Braun-
kohlenwerk aufgebaut. In Bedburg, dem Sitz der Unternehmungen der Fa-
milie, wurde Paul Silverberg am 6. Mai 1876 geboren. Die Eltern ließen
Paul und die anderen Kinder nach der Geburt taufen, hielten aber selbst am
jüdischen Glauben fest. (Silverbergs späteres "elementares, fast missionari-
sches Verlangen nach öffentlicher, amtlicher, direkter Verantwortung"97
mag auch vor diesem soziokulturellen Hintergrund zu sehen sein.) Nach
dem frühen Tode des Vaters im Jahre 1903 übernahm der inzwischen pro-
movierte Jurist, der zunächst eine Professur für Öffentliches Recht ange-
strebt hatte, die Leitung der Braunkohlengrube "Fortuna AG", die er mit
benachbarten Werken 1908 zur "Rheinischen Aktiengesellschaft für Braun-
kohlenbergbau und Brikettfabrikation" (RAG) Köln zusammenschloß. Paul
Silverberg entwickelte die RAG zum größten und technisch modernsten
Braunkohlenunternehmen der damaligen Zeit, gründete, die Zukunftschan-
cen der Braunkohle im Verbundsystem der Energiewirtschaft früh erken-
nend, 1910 das "Rheinische Elektrizitätswerk im Braunkohlenrevier AG"
(REW) und übernahm 1914 den Vorsitz im AR des neugebildeten "Rhei-
nisch-westfälischen Kohlensyndikats". Von dieser Basis aus konnte Silver-
berg Mitte der 20er Jahre maßgeblichen Einfluß im 'Revier' selbst geltend
machen (AR-Mitglied bei RWE, Harpen, Gelsenkirchen, VESTAG etc.)
und in der Weltwirtschaftskrise seine Machtstellung durch die vergleichs-
weise stabile Geschäftsentwicklung der Rheinischen Braunkohle weiter
ausbauen.
Als Hauptvertreter der These vom staatsfreien Kapitalismus brachte Sil-
verberg die strategisch-taktische Zielprojektion der Großindustrie in den
verschiedenen Phasen der Weimarer Republik jeweils in meist unübertrof-

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 21


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

fener Direktheit auf den Begriff und war gleichzeitig an den entscheidenden
Wendepunkten der Entwicklung in vorderster Linie aktiv politisch tätig:
Schon im Kriege das Konzept der späteren Zentralarbeitsgemeinschaft von
1918 verfechtend, verhinderte er zusammen mit Hugo Stinnes 1920 in der
Sozialisierungskommission die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien,
formulierte auf dem Höhepunkt der Inflationskrise 1922/23 das radikalste
Programm unternehmerischer Reaktion, um dann in der Stabilisierung sein
berühmt gewordenes Dresdener Konzept (1926) einer neuen Zusammenar-
beit mit Sozialdemokratie und Gewerkschaften bei "Anerkennung der Re-
publik" durch das Unternehmertum vorzulegen. An der Offensive gegen die
Große Koalition 1929/30 maßgeblich beteiligt, propagierte Silverberg spä-
ter erneut den Arbeitsgemeinschaftsgedanken und die "Einspannung" der
SPD. Er gehörte zu den wichtigsten industriellen Beratern Brünings und
war eigentlicher Initiator der Osthilfe-Aktion, lehnte aber im Herbst 1931
die Übernahme eines Ministeramtes ab, um sich nicht zu stark zu binden.
Für die Frage nach dem Verhältnis von Großindustrie und Nationalso-
zialismus vor der Machtergreifung 1932/33 kommt der präzisen Abklärung
der Rolle Silverbergs eine gewisse Schlüsselfunktion zu: Seine Politik in
den letzten Monaten der Weimarer Republik wird in der Literatur zuneh-
mend kontrovers beurteilt. Einerseits als Mitstreiter Schleichers und dessen
wichtigster Bündnispartner in der Ruhrindustrie geltend, wird Silverberg
andererseits zu den führenden Protagonisten der Hitler-Lösung gerechnet.
Eine genaue Bestimmung der Silverberg-Position gewinnt für die tatsäch-
liche Orientierung der industriellen Fraktionen vor der Machtergreifung
maßgebliche Bedeutung, zumal diese in den verschiedenen Faschismusin-
terpretationen immer noch strittig und empirisch bislang nicht hinreichend
aufgearbeitet ist.98 Der Versuch Silverbergs, die von ihm propagierte Bünd-
nisstrategie gegenüber der NSDAP aus einer gesellschaftlichen Analyse
abzuleiten und theoretisch zu begründen, muß besonderes wissen-
schaftliches Interesse beanspruchen. Die Frage, ob es möglich sei, die na-
tionalsozialistische Bewegung in ein "Teilorgan der bürgerlichen Herr-
schaft" zu verwandeln, wurde in den Silverberg nahestehenden "Deutschen
Führerbriefen" ab Sommer 1932 ausführlich diskutiert und in eine konkrete
politische Strategie eingebracht.99 Die von den Führerbriefen' entwickelte,
in der Papen/Schleicher-Ära vielbeachtete und neuerdings wieder erörterte
politische Linie zeichnet sich dadurch aus, daß sie die nach wie vor im
Mittelpunkt der Faschismus-Kontroverse stehende Bündnisproblematik
aus zeitgenössischer, industrieller Perspektive thematisiert und im Umfeld
der sich verändernden Rahmenbedingungen über Monate kontinuierlich
verfolgt. Auch hier liegt, trotz zunehmenden, bisweilen zusammenhang-
losen Wiederabdrucks von Einzelbeiträgen der Korrespondenz,l00 eine hin-
reichend systematische Untersuchung noch nicht vor.101
Vor allem die Konzeption Silverbergs und der Führerbriefe gegenüber

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 22


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Einleitung

dem Strasser-Flügel der NSDAP ist deshalb bisher nicht richtig gesehen
worden.102 Eine Nachzeichnung der politischen Strategie der Führerbriefe'
auf der Basis einer Gesamtauswertung dieses Organs von 1932 bis Frühjahr
1933 erschien hier unerläßlich, auch hinsichtlich einer Überprüfung ihres
spezifischen Stellenwertes für die politische Orientierung der Großindu-
strie.
Eine Analyse großindustrieller Interessenpolitik in der Krise der Weima-
rer Republik verlangt neben der Sichtung von Firmen- und Verbandsarchi-
ven sowie von Privatnachlässen führender Unternehmer und anderer ent-
scheidungsrelevanter Persönlichkeiten die Heranziehung ausgewählter
staatlicher Akten. Gemäß der sich in der Ära der Präsidialkabinette zuneh-
mend verselbständigenden Exekutive und einer damit verbundenen Verla-
gerung der Handlungskompetenzen innerhalb des Weimarer Systems
kommt vor allem der Auswertung der Bestände der Reichskanzlei
1930-1933 (BA Koblenz) vorrangige Bedeutung zu. Dies erscheint auch
notwendig, um die einzelnen Problemfelder angemessen gewichten und um
Konsens oder Divergenz in den Elementen industrieller und staatlicher Kri-
senstrategie herausarbeiten zu können.103 Der spezifische Stellenwert der
immer noch kontrovers diskutierten Deflationspolitik Brünings und seines
Reparationsplans,104 des Steuergutscheinprogramms Papens oder auch von
Schleichers Arbeitsbeschaffungskonzeption ist anders nur unvollkommen
zu bestimmen und in den Kontext der politisch-wirtschaftlichen Gesamt-
entwicklung bis 1933 einzuordnen.
Die strukturellen Untersuchungsfelder der vorliegenden Arbeit leiten
sich ab aus der Verknüpfung von Staatsbegriff, Demokratievorstellung,
ideologischer Konzeption und politischer Aktion der Großindustrie mit den
Hauptthemen der Systemdebatte der 20er Jahre: nämlich Staatsinter-
ventionismus und ökonomischer Strukturwandel; Sozialpolitik, Gewerk-
schaften, Zentralarbeitsgemeinschaft; Steuer- und Finanzpolitik, Repara-
tionen, Konjunkturpolitik und nicht zuletzt Außenhandels- und Agrarpoli-
tik. In der thematischen Präzisierung der skizzierten Arbeitsschwerpunkte
soll insbesondere die Stellung der Großindustrie zwischen parlamentari-
schem System, autoritärem Staat und Faschismus in einer empirisch-
chronologischen Verfahrensweise herausgearbeitet werden. Im Verhältnis
zum Nationalsozialismus sind ausgehend von der Interessenlage Annähe-
rungen, Übereinstimmungen und Divergenzen auf programmatischer und
politischer Ebene im einzelnen näher zu bestimmen, um schließlich den
Anteil der Großindustrie an der Zerstörung der Weimarer Republik richtig
gewichten zu können. Dazu ist vor allem notwendig, auf einer erweiterten
Materialgrundlage neu abzuklären, welches Bündniskonzept die Groß-
bourgeoisie dem Nationalsozialismus gegenüber tatsächlich verfolgte und
unter welchen spezifischen, möglicherweise widersprüchlichen Bedingun-
gen sich die Machtergreifung Hitlers schließlich vollziehen konnte.

Anmerkungen zur Einleitung auf S. 204-10 23


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

I. 1918-1925: Revolution und Interventionsstaat.


Das Silverberg-Programm von 1923

Mit der Revolution von 1918 und dem Zusammenbruch des Wilhelmini-
schen Reiches gestaltete sich das Verhältnis von Großindustrie und Staat
scheinbar grundlegend um. Die Wirtschaft, die in der alten Gesellschaft
zwar nicht politisch führend war, von ihr aber in ihren Belangen respektiert
und protegiert wurde, sah sich plötzlich in einer ungewohnten Defen-
sivstellung. Der neue Staat nahm nunmehr für sich in Anspruch, lenkend in
den Wirtschaftsprozeß einzugreifen und Orientierungspunkte für Planung,
Produktion und Verteilung zu setzen. Gleichzeitig mit der Republik war so
aus Sicht der Industrie der "lnterventionsstaat"1 geschaffen, demgegenüber
die überkommene liberal-kapitalistische Ordnung verteidigt werden mußte.
Der Kampf um die Sozial- und Wirtschaftsordnung in Weimar empfing von
hier sein zentrales Moment: die Trennung von Staat und Wirtschaft, unan-
tastbares Credo großindustrieller Ordnungspolitik, wurde zum Dogma er-
hoben und zum Hauptpunkt der Unternehmerideologie der 20er Jahre stili-
siert.
Tatsächlich war der "Interventionsstaat" nicht, wie die Industrie behaup-
tete, die Erfindung der Republik und der sie anfangs regierenden Sozialde-
mokratie, sondern eine Folge langfristiger Änderungen im ökonomischen
System selbst und eines damit verbundenen Funktionswandels des Staates.2
Diese Entwicklung war durch die zentrale Planung der Kriegswirtschaft
entscheidend forciert worden; eine qualitative Vorbestimmung der nachfol-
genden Friedenswirtschaft leitete sich daraus jedoch nicht unbedingt ab.
Dem Abbau dieses im Krieg weiter ausgebildeten "Interventionsstaates"
und seines Instrumentariums galt das vordringliche Interesse der Unter-
nehmer nach dem Zusammenbruch. Unter der Parole "Kampf gegen die
Sozialisierung" vollzog sich die Befreiung von einer Zwangswirtschaft, für
die das Kaiserreich in erster Linie verantwortlich zu zeichnen hatte. Es er-
gab sich dabei die paradoxe, aber politisch kennzeichnende Situation, daß
die Unternehmer der Republik die Folgen der Kriegswirtschaft anlasteten −
genauso wie ihr von der politischen Rechten die Verantwortlichkeit für den
militärischen Zusammenbruch und seine Konsequenzen zugeschoben wor-
den war.3
Bündnispartner der industriellen Revisionspolitik waren die Gewerk-
schaften, für die das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 24


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

bzw. die satzungsmäßige Fixierung der "Zentralarbeitsgemeinschaft der


industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutsch-
lands" (ZAG) am 4. Dezember 1918 nicht zuletzt eine Rückversicherung
gegenüber den Ansprüchen der revolutionären Arbeiter- und Soldatenräte
darstellte. Den Unternehmern erschien der 1918 zu zahlende Preis, nämlich
Anerkennung der Gewerkschaften als Vertretung der organisierten Arbei-
terschaft sowie sozialpolitische Zugeständnisse, insbesondere der langum-
kämpfte Achtstundentag, noch gering.4 Ihre plötzliche Bereitschaft zur
gleichberechtigten Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften auf paritäti-
scher Grundlage macht deutlich, daß sich die Arbeiterschaft im Herbst
1918, vom sozial-konservativen, autoritären System des Kaiserreichs bisher
stets in die Defensive verwiesen, in einer strategisch günstigen Position be-
fand.5
Das der Sozialisierungskommission des Vorläufigen Reichswirtschafts-
rates (RWR) zwei Jahre später vorgelegte Gutachten zur Vergesellschaf-
tung der Schlüsselindustrien zeigte indes in aller Deutlichkeit, nach welcher
Seite sich die Gewichte inzwischen verschoben hatten. Eine grundlegende
Neuordnung des wirtschaftlichen und sozialen Systems in Deutschland, wie
sie z. B. von Moellendorf und Rathenau in ihren Gemeinwirtschafts-
konzeptionen vorgesehen hatten, war nicht erfolgt. Die Durchführung der
Demobilmachung hatte im Gegenteil durch einen ansatzweisen Abbau des
staatlichen Interventionismus die Rückorientierung auf die überkommene
Wirtschaftsordnung eingeleitet.6 Offen geblieben war schließlich nur die
Frage der Sozialisierung der Schlüsselindustrien, die nach dem Scheitern
der 1. Sozialisierungskommission Anfang 19197 im Herbst 1920, nicht zu-
letzt in Rückwirkung des gescheiterten Kapp-Putsches, erneut in den Mit-
telpunkt der Diskussion rückte.8 Das in einer Klausurtagung in Essen (No-
vember 1920) vom sogenannten" Siebener-Ausschuß" des Reichswirt-
schaftsrates erarbeitete Gutachten zur Vergesellschaftung der Schlüsselin-
dustrien9 zog einen Schlußstrich auch unter diese Phase der Auseinander-
setzung. Das Thema Sozialisierung war damit für die Republik von Weimar
tot, erst während des Höhepunktes der Großen Krise im Jahre 1931/32
tauchte es erneut auf, ohne allerdings wirkliche politische Bedeutung zu-
rückzugewinnen.10
Entwurf und Formulierung des Gutachtens entstammten im wesentli-
chen der Feder Paul Silverbergs.11 Als Vertreter des größten deutschen
Braunkohlenunternehmens, der "Rheinischen Aktiengesellschaft für
Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation" (RAG), direkt betroffen, ge-
lang es ihm in den Beratungen der Sozialisierungskommission zusammen
mit Hugo Stinnes,12 die "Freiheit der Schlüsselindustrien" erfolgreich zu
verteidigen. Der Ausschuß hatte, ohne auf besonderen Widerspruch bei
den Arbeitnehmervertretern zu stoßen,13 den brisanten Begriff "Sozialisie-
rung" durch eine elegante Sprachregelung entschärfen und sogar in ein
Instrument zur Durchsetzung großindustrieller Interessenpolitik umwan-

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 25


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

deln können: Unter Sozialisierung' verstand die Essener Kommission nun-


mehr die "Sicherstellung, daß alle Produktionsmittel im höchsten gesamt-
wirtschaftlichen Interesse der Volksgesamtheit so vollständig und so ratio-
nell wie möglich ausgenutzt werden unter gleichberechtigter vollwertiger
Mitbeteiligung und dementsprechend Mitbestimmung und Mit-
verantwortung aller an der Produktion Beteiligten."14
Der Begriff Sozialisierung hatte damit eine Interpretation erfahren, die
eine problemlose Einordnung in das überkommene privatkapitalistische
System ermöglichte. Hinter der geforderten Konzentration der Produk-
tionsmittel, Kernpunkt der Rationalisierungsdebatte der 20er Jahre, stand
die Absicht, Großkonzerne Stinnes'schen Ausmaßes als offizielle Leitbilder
deutscher Wirtschaftspolitik zu fixieren. Stinnes selbst wies in aller Offen-
heit auf diesen Zusammenhang hin, indem er der Kommission die eigenen
Unternehmungen als vorbildhaft für eine zukünftige Wirtschaftsordnung
anempfahl.15 Konkret gemeint war damit die Errichtung von überdimen-
sionierten Gesellschaften der Kohle-, Gas-, Wasser- und Verkehrswirtschaft
unter privatwirtschaftlichen Vorzeichen.16 Die verbleibende Mitbe-
stimmung wurde unterlaufen durch die Bindung an die übliche Basis der
Kapitalbeteiligung. Von unternehmensrechtlichen Eingriffen absehend,
wollte die Kommission durch die Ausgabe von Kleinaktien an Arbeiter "die
Grundlage zur wirksamen Vertretung im Aufsichtsrat" und die "Mitwirkung
aller an der Produktion Beteiligten" gewährleistet sehen.17 Silverberg emp-
fand aus der persönlichen Bewertung den Erfolg vom Herbst 1920 als einen
"Höhepunkt" seines Lebens,"18 freilich sah er, daß die Gemeinwirtschafts-
pläne schon deshalb zum Scheitern verurteilt waren, weil die "Verteidiger
der sogenannten Sozialisierung sich untereinander am allerwenigsten dar-
über klar waren, was sie eigentlich wollten und auch heute zum größten
Teil nicht imstande sind, die Frage zu beantworten, was Sozialisierung
ist."19
Mit Ausgang der Sozialisierungsdebatte Ende 1920 war jedenfalls der
Anspruch durchgesetzt, daß nur ein von Staatsintervention freies, auf pri-
vatkapitalistischer Grundlage organisiertes Wirtschaftssystem Wachstum
und Prosperität gewährleiste, und daß deshalb diesem System, sol-
chermaßen legitimiert, Alternativen grundsätzlicher Art nicht mehr gegen-
überzustellen seien.
Die nach Abschluß der Übergangsphase von der Kriegs- zur Friedens-
wirtschaft wiedererlangte relative Autonomie gab die Basis ab, von der aus
die Großindustrie den Versuch zur Wiederaufrichtung ihrer alten Macht-
position in Staat und Gesellschaft unternehmen konnte. Zum entscheiden-
den Hebel wurde dabei die sich 1922/23 überstürzende Inflation.20 Der
Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) leitete im Herbst 1922 eine
programmatisch-ideologische Offensive ein21 die unverhüllt auf die Re-
stauration der überkommenen Unternehmerherrschaft gerichtet war. Initiiert
wurde dieser Vorstoß vor allem von Silverberg, für den im August

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 26


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

1922 "der richtige Moment gekommen" war, um "die allgemeine Stim-


mung, die gegenüber der sozialistischen Wirtschaftsführung doch bedenk-
lich geworden ist, auszunutzen".22 In dem vom RDI im Sommer des Jahres
bestellten "Sonderausschuß für ein Wirtschaftsprogramm"23 machte Silver-
berg in Obereinstimmung mit der Programmkommission deutlich, daß es
vor allem darauf ankommen müsse, "klare Richtlinien ohne Kompromiß-
Charakter" aufzustellen, an denen sich der Reichsverband in Zukunft orien-
tieren könne.24 Dazu gehöre zunächst die Klarlegung des Kardinalfehlers
der nachrevolutionären Wirtschaftspolitik, daß nämlich "eine geringer wer-
dende Arbeitsleistung dem einzelnen Menschen mit immer mehr Geld be-
zahlt" werde.25 Als zentrales Argumentationsmoment diente dabei die The-
se, daß eine "übersteigerte" Lohn- und Sozialpolitik am volkswirtschaftli-
chen Kapital "zehre" und so jede "Gesundung" der Wirtschaft von vorne-
herein unmöglich sei.26
Daß der hier geforderte grundlegende wirtschafts- und sozialpolitische
Kurswechsel nur in einem von den gesamtgesellschaftlichen Kräften mit-
bestimmten politischen Umfeld vollziehbar war, wußte Silverberg wohl:
Bei aller Kompromißlosigkeit im prinzipiellen müsse deshalb, wenn "zur
Öffentlichkeit" geredet werde, dies getan werden "unter Berücksichtigung
der Strömungen, die im deutschen Volke vorhanden sind; dazu gehört vor
allen Dingen die Fühlungnahme mit den Arbeiterführern".27 In diesem Sin-
ne erteilte Silverberg anläßlich der a. o. Mitgliederversammlung der VDA
am 12. Oktober 1922 jeder Katastrophenpolitik, sowohl nach innen als auch
nach außen, eine entschiedene Absage.28 Erfolgreiche Revisionspolitik set-
ze vielmehr, so Silverbergs Argumentation, ein Arrangement mit dem be-
stehenden System voraus. Seine Aufforderung zur Stärkung des "gegenwär-
tigen" Staates durch das Unternehmertum erfolgte allerdings unter der Be-
dingung, daß der Privatwirtschaft die "Bewegungsfreiheit" zur Austragung
sozialer Kämpfe zurückgegeben werde.29 Ein grundsätzliches Bekenntnis
zur Republik war dies sicher nicht, immerhin verblieb aber eine gewisse,
auch positiv deutbare Ambivalenz, wenn Silverberg mahnte: ". . . wir kön-
nen im Grunde unseres Herzens Republikaner oder Monarchisten sein: Wir
haben augenblicklich in unserem Vaterlande nur eine Staatseinrichtung, und
das ist die auf der Weimarer Verfassung beruhende Republik. Und da wir
nichts anderes haben, müssen wir die Autorität dieses Staates stützen."30
Dem "starken Staat" kam die Aufgabe zu, den Rahmen für formal
geordnete Wirtschaftskämpfe zu garantieren. Ein bloß neutraler Einsatz
seines Machtapparates war gleichwohl nicht intendiert: Silverberg merkte
dazu an, daß der soziale Konflikt für die Unternehmer nur im Zusammen-
gehen "mit dem Staate", nicht aber "gegen" ihn positiv zu lösen sei.31 Ande-
rerseits sah Silverberg in der staatlichen Repression nicht das Allheilmittel
zur Austragung gesellschaftlicher Konflikte. In Konsequenz der strikten
Ablehnung jeglichen staatlichen Interventionismus mußten Kapital

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 27


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

und Arbeit seiner Auffassung nach auf Dauer allein zu tragbaren Lösungen
kommen. Das verlangte aber auch von den Unternehmern die Bereitschaft
zum Kompromiß, darüber hinaus die Bereitschaft, mit den Gewerkschaften
als den Vertretern der Arbeiterschaft zusammenzuarbeiten. Wie Silverberg
richtig sah, stellten die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie als deren
politische Vertretung notwendige Bündnispartner der Unternehmer dar,
wenn das Konzept der Autonomie der Wirtschaft gegenüber dem Staat
verwirklicht werden sollte. Gewerkschaften und Sozialdemokratie konnten
dann zwar eine Artikulation der Interessen der Arbeiterklasse vollziehen,
gleichzeitig aber stellten sie das Instrument dar, mit welchem die Massen zu
lenken und zu disziplinieren waren.32
Hier das alte System des Obrigkeitsstaates Bismarckscher Prägung hin-
ter sich lassend, rief Silverberg das Unternehmertum "zu völliger Umkehr"
gegenüber Staat und auch Sozialdemokratie auf. Die Zeit der Sozialistenge-
setze schien historisch überholt.

"Ich bin immer mehr zu der Überzeugung gekommen, daß ein großer Teil der
Schuld das Unternehmertum trifft ... eine solche gewaltige geistige Bewegung wie
die Sozialdemokratie ist ein Faktor, mit dem man rechnen muß; den kann man
nicht einfach damit ausradieren, daß man den Marxismus in einer Hauptversamm-
lung der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände tötet."33

Eigentliche Zielrichtung dieser Auslassung − über den engeren sozialpo-


litischen Kontext hinaus − war der Versuch, die organisierte Arbeiterschaft
als Bündnispartner zu erhalten. Silverberg, von falschem Standesdünkel
frei, hatte bereits im Kriege beim Reichskommissar für Kohlenvertellung
im Juli 1917 erklärt, daß man "mit Verhandlungen am weitesten" komme,
"wo die Arbeiter organisiert seien." "Die Industrie müsse hier umlernen
und sehen, daß es am besten sei, wenn die Arbeiter straff organisiert seien
und damit unter gewerkschaftlicher Disziplin stünden."34 Er hatte richtig
erkannt, daß die breite Masse der Arbeiterschaft, aber auch ihre politische
Führung nicht eigentlich revolutionär waren, sondern sich vielmehr einem
"überholten" Programm (Erfurt 1891) ideologisch verpflichtet fühlten und
nicht zuletzt durch das Fehlverhalten weiter Kreise der Industrie, die auch
nach der Revolution 1918 vom "Herr im Hause"- Standpunkt nicht abge-
rückt seien, in eine unternehmerfeindliche Frontstellung gedrängt würden.
In der zwiespältigen, zumindest distanzierten Haltung der Gewerkschaften
dem privatkapitalistischen Wirtschaftssystem gegenüber sah Silverberg in
erster Linie ein Bildungsproblem. Hier müsse sich das Unternehmertum
den Vorwurf gefallen lassen, daß es sich zu wenig um eine Zusammenar-
beit mit den Organisationen der Arbeiterschaft bemüht und den dort vor-
handenen "neuen Elementen" zu wenig geholfen habe, "sich die
Ausbildung zu verschaffen, die ihnen heute noch fehlt".35 Silverberg sah
sich in dieser Auffassung bestätigt, als er zehn Jahre später feststellen
konnte, "daß in bemerkenswerter Weise eine ernstere Auffassung der

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 28


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

großen Zusammenhänge auch in diese Kreise gedrungen ist, auf deren na-
tionale Hilfe und Mitwirkung und auf deren Hilfe in der Arbeit wir unbe-
dingt angewiesen sind.36 Im Oktober 1922 votierte Silverberg mit dem Ap-
pell, die Arbeitnehmerorganisationen zur Mitarbeit heranzuziehen, letztlich
gegen die Aufkündigung der Zentralarbeitsgemeinschaft, die für weite
Kreise der Industrie ihre Funktion offenbar schon verloren hatte. In Verfolg
des Konzeptes der Autonomie der Wirtschaft gegenüber dem Staate zielte
Silverberg allerdings auf einen Rollenwandel der Arbeitsgemeinschaft. Die
Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften war jetzt nicht mehr das Mittel
zur Verhinderung der Sozialisierung, sondern das geeignete Instrument zur
"Organisierung" des Kapitalismus in Eigenregie.37 Diese Umbestimmung
der ZAG, bei der das alte Konzept "Sozialpolitik gegen Verzicht auf Sozia-
lisierung" gegen die Formel "Anerkennung und untergeordnete Mitarbeit
der Gewerkschaft gegen Freiheit im Wirtschaftskampf' eingetauscht worden
war,38 deutete Silverberg vor der VDA am 12. Oktober 1922, wohl aus tak-
tischer Zurückhaltung gegenüber der Öffentlichkeit, allerdings nur vorsich-
tig an.39
Die grundsätzliche Position der Industrie im Spannungsfeld Sozialpoli-
tik-Gewerkschaften-Staat dokumentiert mit unübertroffener Deutlichkeit
das von Silverberg Ende Dezember 1922 verfaßte und am 1. Januar 1923
einem engeren Kreise, darunter auch dem amtierenden Reichswirtschafts-
minister Becker, zugänglich gemachte Programm zum "Wiederaufbau der
deutschen Wirtschaft"40 in dem frei von taktischer Rücksichtnahme gegen-
über den Arbeitnehmerorganisationen die prinzipielle Zielrichtung unter-
nehmerischer Revisionspolitik aufgezeigt wurde.41 Das Silverberg-Pro-
gramm war, wie von Unternehmerseite selbst konstatiert, nichts anderes als
ein "kraftvolles und machtvolles Diktat"42 das eine "völlige Durchbrechung
des in den letzten Jahren gehandhabten und nach der Revolution entstande-
nen Verhältnisses von Arbeitgeber und Arbeitnehmer" bzw. "einen völligen
Umsturz aller nach der Revolution geschaffenen Arbeitsverhältnisse" bein-
haltete.43 Auch in der Reichskanzlei wurde vermerkt, daß Silverberg an in-
nenwirtschaftlichen Maßnahmen "ungleich mehr" verlange, "als ein Kabi-
nett jemals befürworten könnte und ein Parlament jemals annehmen würde.
Die Überspannung seiner Forderungen" sei "an einzelnen Stellen geradezu
grotesk."44
Ohne wirklich neue Gedankengänge zum Verhältnis von Industrie und
Staat zu entwickeln, hatte Silverberg eine Zusammenstellung altbekannter
Formeln vorgenommen, die an Schärfe kaum zu überbieten waren und ins-
gesamt den Klassenkampf von oben bedeuteten. Der sehr eng gehaltene
Verteilerkreis sicherte dem Papier die Diskretion zu, die es benötigte.45 Die
wichtigsten Forderungen lauteten:

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 29


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

A. 4. "Grundsätzlicher Verzicht auf Eingreifen aller öffentlichen Gewalt und


Verwaltung in Güter-Erzeugung und Verteilung"
B. 1. "Aufhebung aller Demobilmachungsverordnungen und der aus ihnen
entstandenen Behörden und Einrichtungen (Ausnahme: Fürsorge für
Kriegsbeschädigte)"
B. 2. "Restlose und endgültige Aufhebung aller Überbleibsel der Kriegswirt-
schaft. . ."
B. 6. "Verbot jeder Behinderung des Rechts auf Arbeit und der Arbeitslei-
stung auf Arbeitnehmerseite. Hierzu: Stärkung der Betriebsvertretun-
gen, Ausschaltung der Gewerkschaften aus den Vertretungen und Sit-
zungen der Einzelbetriebe. Verbot sogenannter centraler Lohn und
Preisregelung . . ."
B. 7. "Grundsätzliche freie Vereinbarung über Lohn- und Arbeitszeit zwi-
schen Unternehmer und Angestellten und Arbeitern. Auch wenn Tarif-
verträge bestehen, müssen Sondervereinbarungen zwischen Ein-
zelunternehmer und Betriebsvertretung nach den Notwendigkeiten des
Gewerbes oder Unternehmens zulässig sein. Vorübergehende Verlän-
gerung der vereinbarten Normalarbeitszeit kann, wenn eine Einigung
nicht zustande kommt, durch richterliche Entscheidung festgesetzt wer-
den . . ."
B. 8. "Verbot des Coalitionszwanges"
B. 9. "Aufhebung aller Sondergerichte und Schlichtungsausschüsse.
C. V. 1. "Entstaatlichung und Ent-Communalisierung aller öffentlichen Betrie-
be"
C. V. 3. " Aufhebung aller lebenslänglichen Anstellungen von Beamten öffent-
licher Betriebe und Vereinbarung privatwirtschaftlicher Dienstver-
träge"
C. V. 7. "Streik-Verbot"
C. Vl. 2. "Vereinigung von Wirtschafts- und Arbeitsministerium. Sozialpolitik
kann nicht Selbstzweck sein."
C. VII. "Freigabe der Honorar-Vereinbarungen für freie Berufe, Ärzte, Rechts-
3. anwälte. Festsetzung von Mindesthonoraren"
C. Vl. 4. " Für Klein-Rentner und alte Leute: Aufnahme in die Sozialversiche-
rung unter Annahme einer Versicherungsdauer vom 18. Lebensjahr ab.
Voraussetzungen: Nachweis, daß Vermögen aufgezehrt ist (Hausrat
ausgenommen) und daß kein zahlungsfähiger gesetzlich Unter-
haltspflichtiger vorhanden ist . . . "46

Die Rigorosität dieses Katalogs, gerade im Vergleich zu den gemäßigten


Tönen auf der Mitgliederversammlung der VDA am 12. Oktober 1922, fin-
det zunächst ihre Erklärung im internen Charakter des Papieres. Hinzu
kommt, wie schon von Feldman bemerkt, der "Einfluß der Ideen" von Stin-
nes47 demgegenüber sich der sonst so "kritische, skeptische, scharfsichtige"
Silverberg in ein "knappenschaftliches Verhältnis" begeben hatte.48 Von
Felix Pinner deshalb als der "kleine Stinnes" apostrophiert,49 gelang es
Silverberg erst nach dem Tode von Stinnes im April 1924, aus seinem
Schatten herauszutreten, er empfand sich aber weiterhin als dessen

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 30


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

wirtschafts- und sozialpolitischer Nachlaßverwalter.50 Wichtiger für die


Ausformung des Silverberg-Programms war indes der tiefgreifende Wandel
der politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen. Die übersteigerte Inflati-
on und der damit verbundene wirtschaftliche Einbruch hatten im November
1922 der "Katholischen Demokratie" unter Reichskanzler Wirth ein Ende
gesetzt. Mit der Bildung einer "Regierung des Großkapitals", geführt von
dem Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Wilhelm Cuno, war eine
wesentlich veränderte Ausgangssituation für die Interessenpolitik der Indu-
strie geschaffen.51 jetzt ging Silverberg zum offenen Angriff auf einen Zen-
tralpunkt des Kompromisses von 1918, den Achtstundentag, über.52 Nicht
ohne dem Kabinett Cuno öffentlich die "Unabhängigkeit" von der Wirt-
schaft bescheinigt zu haben − freilich unter gleichzeitiger Hervorhebung der
Verpflichtung der Regierung, sich zum "Besten des Reiches zu bestimmten
großen Zielen" der Mitarbeit der Unternehmerschaft bzw. ihrer Organisa-
tionen zu versichern und zu "bedienen" - 53, verlangte er anläßlich einer Be-
sprechung bei Reichsfinanzminister Hermes am 16. Dezember 1922 den
"Abbau der sozialistischen Wirtschaft der letzten vier Jahre" sowie die "Lö-
sung unserer inneren Probleme, besonders bezüglich der Arbeitszeit."54 Sil-
verbergs Entwurf "Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft" vom 26. De-
zember 1922 faßte diese Forderungen noch einmal zusammen und präzi-
sierte sie in kompromißloser Schärfe.
Die schriftlichen Rückäußerungen zum Silverberg-Programm bewegten
sich zwischen geschäftsmäßiger Unverbindlichkeit, vorsichtiger Distanzie-
rung und scheinbar deutlicher Ablehnung.55 Das Geschäftsführende Präsi-
dialmitglied des RDI, Geheimrat Bücher, sicherte Silverberg wohl die Be-
handlung auf der nächsten Sitzung der Programmkommission des Reichs-
verbandes zu, vermied aber jede inhaltliche Stellungnahme.56 Der General-
direktor der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten AG und
nachmalige Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Stahlwerke, Albert Vög-
ler, beschränkte sich auf die Feststellung, daß man sich darüber klar werden
müsse, "ob man überhaupt mit der Sozialpolitik auf dem richtigen Wege
war, und ob nicht eine grundsätzliche andere Einstellung von Nöten ist."57
Die detaillierten Exposes Reuschs (GHH) und Duisbergs (IG-Farben) wa-
ren dagegen deutlich ablehnend. Reusch brachte die Kritik auf den ent-
scheidenden Punkt, indem er Silverberg vorhielt, mit seinen Vorschlägen an
der Realität, wie sie durch die Revolution von 1918 und Versailles 1920
geschaffen worden war, vorbeizugehen.

"Ihr Programm sieht von den außenpolitischen' Einwirkungen auf das innere
Wirtschaftsleben ab und gelangt infolgedessen zu Forderungen, denen eine prakti-
sche Bedeutung nicht zukommt, solange das Deutsche Reich unter dem Druck des
Versailler Friedensvertrages steht. Auch scheint mir, daß Sie gewisse durch die
innerpolitischen Veränderungen der Nachkriegszeit geschaffene Verhältnisse in

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 31


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

manchen Dingen als nicht vorhanden ansehen, infolgedessen in absehbarer Zeit


58
mit der Verwirklichung Ihrer Forderungen nicht gerechnet werden kann."

In gleicher Richtung argumentierend, wies Duisberg darauf hin, daß die


"Aufhebung des Versailler Vertrages" gewissermaßen die "Prämisse" des
Programms darstelle.59 Nach innen habe der Entwurf, wie die wirtschafts-
politische Abteilung der IG-Farben bemerkte, den Fehler einer "so schrof-
fe[n] Hervorkehrung des Arbeitgeberstandpunkts, daß der Effekt einer Ge-
sundung der deutschen Wirtschaft durch die entstehenden Politischen und
Klassengegensätze unmöglich gemacht würde."60 Carl Duisberg erhob den
Vorwurf,
"Sie kehren in Ihren Forderungen m. E. zum Manchestertum zurück, ohne das gu-
te zu behalten und in Ihr Programm aufzunehmen, was die letzten Jahrzehnte uns
gebracht haben. Auch wenn Ihr Programm vom wirtschaftlichen Standpunkt aus rich-
tig ist und von mir in den meisten Punkten geteilt wird, so dürfte doch manche Ihrer
61
Forderungen, politisch und taktisch gewertet, unangebracht sein."

Duisberg machte somit, nach außen wohl die taktische Seite in den Vor-
dergrund schiebend, grundsätzlichere Einwände geltend. Während Paul
Reusch dem Programminhalt selbst zustimmte − "Hier wird das Übel unse-
rer inneren Wirtschaftslage an der Wurzel angefaßt" −, aber den Zeitpunkt
und die Umstände des Vorstoßes kritisierte, galten Duisberg die von Silver-
berg in weitgehender Konsequenz der Trennung von Staat und Wirtschaft
erstellten Richtlinien als Rückfall ins "Manchestertum". Richtig war dieser
Vorwurf insofern, als Silverberg tatsächlich die Funktion des Staates auf
vorbismarcksche Ausmaße reduziert wissen wollte; unzutreffend aber des-
halb, weil als Alternative nicht das Prinzip des "Laissez faire" gesetzt wur-
de, sondern die Organisierung des Kapitalismus durch die Wirtschaft selbst.
Daß der so organisierte Kapitalismus' auf sozialpolitischem Gebiet manche-
sterliche Züge trug und tragen mußte, stand dazu nicht im Widerspruch,
sondern zeigte vielmehr die Ideologieträchtigkeit der Forderung nach "Frei-
heit der Wirtschaft" auf.
In jedem Falle war das Programm vom 26. Dezember 1922 nicht als
Forderung des Tages gedacht; vielmehr sollte es den Orientierungsrahmen
zukünftiger industrieller Politik abgeben. Wie von O. Funcke, einem Mit-
glied der Programmkommission des RDI, zutreffend bemerkt wurde, ist im
Reichsverband "in den Jahren 1921-22 beharrlich daran gearbeitet worden,
neben der Stellungnahme zu den akuten Tagesfragen eine allgemeine
Kenntnis der wirtschaftspolitischen Probleme zu gewinnen, nicht als Wis-
senschaft, sondern als Sammlung solcher Gesichtspunkte, an denen die po-
litische Orientierung erfolgen konnte. Es ist eine ganze Ideologie geschaf-
fen worden, die in wirtschaftlichen Kreisen lange Jahre gegolten hat."62
Mit dem Programm vom Dezember 1922, dessen sozialpolitische Aus-
richtung Silverberg in der Rede vor der VDA am 12. Oktober 1922 im

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 32


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

wesentlichen antizipiert hatte, war in einem allerdings ausschlaggebenden


Punkt die Basis der bisherigen Konzeption verlassen. Der Zentralangriff auf
die Gewerkschaften, die Wiederbelebungsversuche der "Gelben" und die
Infragestellung des Kompromisses von 1918 entzog der Kooperation mit
den Arbeitnehmerorganisationen die Grundlage.63 Silverberg hatte damit
eine unübersehbare Annäherung an die überkommenen Vorstellungen vom
"starken Staat" auf der Seite der Unternehmerschaft vollzogen. Als Expo-
nent dieser im Unternehmerlager weithin verbreiteten Konzeption hatte
Paul Reusch bereits im August 1922 Silverberg gegenüber argumentiert:
"Nicht durch gemeinsames Zusammenwirken von Arbeitgeber und Arbeit-
nehmern kann die Arbeitsunlust bekämpft werden, sondern nur durch eine
starke Regierung, die den Mut hat, energisch und rücksichtslos durchzugrei-
fen."64
Silverberg blieb schwankend und vermied, trotz des Dezember-Pro-
gramms, die völlige Konversion. Freilich zeigten sich deutlich die Span-
nungen und Widersprüchlichkeiten, die aus der Lehre der völligen Tren-
nung von Staat und Wirtschaft in Verbindung mit einer rigorosen Sozial-
politik für Theorie und Praxis resultieren mussten.65
Der im Januar 1923 einsetzende Ruhrkampf stoppte die Arbeiten der
Programmkommission des Reichsverbandes, die nur noch einmal am 25.
April 1923 zu einem "Gedankenaustausch über die allgemeine Lage" zu-
sammengerufen werden konnte. Der Entwurf Silverbergs wanderte so, ohne
überhaupt in der Kommission diskutiert worden zu sein, in die Schubladen
und war damit praktisch erledigt.66 Nach der persönlichen Seite hin war die
Arbeit jedoch nicht ohne Nutzen geblieben, "präsidiabel" geworden, rückte
Silverberg bereits am 9. März 1923 in das Führungsgremium des RDI auf,
nachdem er knapp ein Jahr zuvor in den Vorstand gewählt worden war.67
Es dauerte immerhin beinahe drei Jahre, bis der Reichsverband, nun-
mehr schon unter der Führung Carl Duisbergs, die Arbeit des Sonderaus-
schusses wieder aufnehmen konnte und schließlich im Dezember 1925 mit
einem umfassenden Programm an die Öffentlichkeit trat.68 Gleichzeitig trug
eine Abordnung des Verbandes dem neugewählten Reichspräsidenten von
Hindenburg die verfassungspolitischen Zielvorstellungen vor,69 die die
Kurswende zu einer "autoritären" Politik einleiten sollten. Wie Geheimrat
Kastl, das neue Geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI, Silverberg
am 30. Dezember 1925 über einen Empfang beim Reichspräsidenten mittei-
len konnte, schien dieser

"besonders angenehm berührt von unserem Wunsche eines Vetorechts für den
Reichsfinanzminister auf dem gesamten Gebiete der öffentlichen Ausgaben ... Der
Reichspräsident meinte ... zustimmend zu den Ausführungen des Herrn Reusch,
daß die Not der Zeit eine stärkere Anwendung des Artikel 48 auf der Grundlage
eines Ermächtigungsgesetzes notwendig mache. Wenn die Regierung keine
Dummheiten macht, soll mir ein Ermächtigungsgesetz und der Artikel 48 sehr

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 33


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. I: 1918-1925 Revolution und Interventionsstaat

recht sein. Dann muß sie aber mehr als bisher auf das hören, was die Wirtschaft
70
verlangt."

Die einsetzende Konjunktur entzog diesen Plänen den Boden, der


grundlegende Schnitt am staatlichen Organismus, wie von Reusch und
anderen Industriellen gefordert, war in dieser Krise nicht erfolgt. Die be-
ginnende Prosperität verlangte Stabilität auf der Basis des Arrangements
und des sozialen Kompromisses und leitete über in eine neue Phase des
Verhältnisses von Großindustrie, Gewerkschaften und Staat.

Anmerkungen zu Kap. I auf S. 211-14 34


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

II. Die Dresdener Rede 1926. Stabilisierung


und Arrangement
Der Versuch zur Neuformulierung des Verhältnisses von Großindustrie und
Staat in der Konsolidierungsphase der Weimarer Republik, den Silverberg
in der berühmt gewordenen Dresdener Rede vom 4. September 19261 vor
der Mitgliederversammlung des RDI unternommen hat, brachte die im Un-
ternehmerlager latent schwelende Kontroverse über die grundsätzliche Ein-
stellung gegenüber Republik, Sozialdemokratie und Gewerkschaften zum
offenen Ausbruch. Silverberg, inzwischen aus dem Schatten von Stinnes
herausgetreten2 und wirtschaftlich durch die Verbindung der RAG mit der
Harpener Bergbau AG auch im Revier selbst zu einer respektierten Größe
geworden,3 erregte mit seiner Aufforderung, sich auf den Boden der Wei-
marer Verfassung zu stellen, die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften
wieder aufzunehmen und die Sozialdemokratie an der Regierung zu beteili-
gen, außerordentliches Aufsehen. Weit über die Dresdener Reichsverbands-
tagung hinaus beachtet, wurde die Silverberg-Rede zum Diskussionsgegen-
stand von Regierung, Parteien und Gewerkschaften und geriet sofort in den
Mittelpunkt einer heftigen, öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung im
Unternehmerlager selbst.4
Der Vorstoß Silverbergs ordnet sich ein in eine Neuorientierung der
RDI-Politik im Jahre 1925/26: Unter seinem neuen Vorsitzenden Carl
Duisberg schlug der RDI vor dem Hintergrund einer immer deutlicher wer-
denden konjunkturellen Erholung und einer ansatzweisen Stabilisierung des
ökonomischen und politischen Systems, die durch die Aufnahme Deutsch-
lands in den Völkerbund auch außenpolitisch bestätigt wurde,5 nunmehr
eine auf Kompromiß und Ausgleich gestimmte Linie ein. Duisberg hatte
bereits in seiner ersten Rede als neugewählter Präsident des RDI auf der
Mitgliederversammlung 1925 vorsichtige Andeutungen in dieser Richtung
gemacht.6 In einer Art 'Glaubensbekenntnis' forderte Duisberg dort den
"machtvolle[n] Staat" und eine "starke Regierung", bekundete aber gleich-
zeitig eine positive Einstellung gegenüber der bestehenden Ordnung:

"Ich stehe zur Verfassung, wie sie in Weimar beschlossen ist, und wünsche nur,
daß sie sich den Zeitverhältnissen entwicklungsgemäß anpaßt, daß die Verwaltung
immer besser und vollkommener wird. Der bestverwaltete Staat ist nun einmal der
beste Staat'. Dabei hängt das Staatswohl nicht davon ab, ob monarchisch oder
republikanisch regiert wird, sondern davon, wie er regiert wird."7

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 35


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

In Fortsetzung dieser Politik war die Mitgliederversammlung des Jahres


1926 in Dresden als Forum gedacht, das Arrangement des Reichsverbandes
mit der republikanischen Staatsform auch nach außen hin demonstrativ zu
unterstreichen. Auf besonderen Wunsch Duisbergs sollte dabei auch ein
Vertreter der westlichen Industrie zu Wort kommen.8 Vögler, der schon
zugestimmt hatte, sagte schließlich doch aus "gesundheitlichen" Gründen
ab.9 So trat das Geschäftsführende Präsidialmitglied Geheimrat Kastl im
Juli 1926 an Silverberg heran, um ihn um die Übernahme eines Referats
freier Themenwahl zu bitten. Allerdings machte er die wenig verklausu-
lierte Einschränkung, von der Behandlung des in der letzten Zeit in den
Vordergrund gerückten "Kampfes" gegen die "Kalte Sozialisierung" nach
Möglichkeit absehen zu wollen.10
Unter der Parole "Kalte Sozialisierung" hatte sich nach erfolgreicher
Abwendung der Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien und einem
weitgehenden Abbau der Kriegswirtschaft eine neue Sammlung vollzogen,
die gegen jeden staatlichen Interventionismus, insbesondere aber die Kon-
kurrenz der öffentlichen Unternehmungen, gerichtet war.11 Silverberg war
an der Schaffung dieses zentralen Kampfbegriffs einer offensiven Unter-
nehmerpolitik während der Stabilisierungsphase nicht unbeteiligt und hatte
mit seinen Ausführungen vor dem Präsidium des RDI am 11. März 1926
das besondere Interesse Sogemeiers hervorgerufen,12 der als Leiter des
"Zweckverbandes Nordwestdeutscher Wirtschaftsvertretungen e. V." die
"Aktionen" gegen die "Kalte Sozialisierung" steuerte und koordinierte.13 Im
Juli 1926, zum Zeitpunkt der Anfrage Kastls, stand zu entscheiden, ob die
geplanten Aktionen offen und frontal eingeleitet werden sollten, wie die
Ruhrindustrie wünschte, oder ob eine eher subtile Form des Vorgehens zu
wählen sei, wie die Führung des Reichsverbandes meinte.14 Die Bedenken
Kastls hinsichtlich der taktischen Position Silverbergs in dieser Frage waren
unbegründet. Auf eine offensive Propagierung der heiklen Thematik ver-
zichtend, sagte Silverberg, der zunächst "wirklich keine Freude" hatte und
sich erst auf Zureden Gustav Brechts und Hermann Büchers entscheiden
konnte, die Übernahme des Hauptreferates für die RDI-Mitglieder-
versammlung am 3. September 1926 in Dresden zu.15
Von Verbandsseite waren daneben Redebeiträge des RDI-Vorsitzenden
Duisberg und Geheimrat Kastls vorgesehen. Ende August, gut eine Woche
vor der Dresdener Mitgliederversammlung, nahm Kastl die abschließende
Redaktion der inzwischen als Manuskripte vorliegenden Referate vor, wo-
bei er der von Silverberg herausgestellten Linie einer neuen Kooperation
zwischen Großindustrie, Gewerkschaften und Staat uneingeschränkt zu-
stimmte.16 Der Vorsitzende des RDI hatte demgegenüber in seinen
vorbereiteten Notizen die "sozialistischen Lehren“ der Arbeiterschaft in
gewohnter Terminologie angeprangert.17 Auf Anregung Kastls schwächte
Duisberg diese Passagen ab, um seine Billigung des Silverberg-Kurses zu

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 36


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

unterstreichen18 und eine gemeinschaftliche Linie der Reden sicherzustel-


len. Im Präsidium selbst wurden die Manuskripte wie üblich nicht behan-
delt, wohl aber im Präsidial- und Vorstandsbeirat für Allgemeine Wirt-
schaftspolitik, der den "Hauptpunkten" des Silverberg-Referates seine Zu-
stimmung gab.19

1. Das Dresdener Konzept

Mit dem vielfach als Wendepunkt im Verhältnis von Großindustrie und


Weimarer Staat begriffenen Bekenntnis zur demokratisch-parlamentari-
schen Ordnung setzte Silverberg gleich zu Beginn seiner Rede vor der Mit-
gliederversammlung des RDI am 4. September 1926 in Dresden ein Zei-
chen, das den Beginn einer grundsätzlich neuen Unternehmerpolitik zu si-
gnalisieren schien. Silverberg überspielte zunächst nicht ungeschickt die
Aufkündigung der Zentralarbeitsgemeinschaft und die eigene Konfliktstra-
tegie vor allem der Jahre 1922/23, indem er darauf verwies, daß die Wirt-
schaft sich in der ersten Phase der Ausgestaltung der Republik nach der Re-
volution 1918 "plötzlich als Objekt des politischen Kampfesgesehen habe
und deshalb dem neuen Staat gegenüber zunächst eine "geschlossen ableh-
nende Haltung" einnehmen mußte. Vor allem Reparationen und Ruhrkampf
hätten Unternehmertum und "nachrevolutionäre Regierungen" jedoch all-
mählich zu "aktiver Zusammenarbeit" geführt: Heute sei ein Punkt erreicht,
an dem ohne Einschränkung festgestellt werden könne, daß das deutsche
Unternehmertum "restlos auf staatsbejahendem Standpunkt" stehe und da-
mit auch auf dem "Boden des heutigen Staates und der Reichsverfassung".
Relativierend ergänzte Silverberg, daß allerdings alle "extremen Kräfte
rechts und links" abzulehnen seien, deren Ziel die "verfassungswidrige, ge-
waltsame Änderung der Reichsverfassung" sei: In diesem Sinne müsse sich
auch die Industrie denjenigen "Verteidigern" der Republik entgegenstellen,
"die in der Verfassung heute noch vornehmlich ein Instrument wirtschafts-
revolutionärer Ziele" sähen.20
In dem Hauptteil seiner Rede erteilte Silverberg dem staatlichen Inter-
ventionismus eine grundsätzliche Absage und verwies statt dessen auf die
Selbstorganisationsfähigkeit der Wirtschaft: Durch "Selbsthilfe" und plan-
mäßige Weiterentwicklung der industriellen Organisationsstruktur sei es
gelungen, die großen Konzernzusammenbrüche 1925/26 zu bewältigen und
"eine Katastrophe in Deutschland" zu verhindern.21 Der Staat habe sich
auch in diesem Zusammenhang als unfähig erwiesen, über die von ihm zu
gewährleistenden Rahmenbedingungen hinaus22 konstruktive Entschei-
dungen zur Überwindung der Krise zu treffen. Für die Industrie liege die
Alternative zum Interventionsstaat gleichwohl nicht in einer Wiederbe-

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 37


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

lebung des Manchester-Liberalismus23 sondern in der "Organisierung" des


Kapitalismus durch die Wirtschaft selbst, die sich durch "systematische"
Zusammenschlüsse zu Kartellen, Syndikaten, Trusts und auch Aktiengesell-
schaften bereits brauchbare Instrumentarien geschaffen habe. Die vorsichti-
ge Formulierung "mißverstandener Sozialismus" wählend, gestand Silver-
berg der Öffentlichen Hand nur dann die Einrichtung von Unternehmungen
zu, "wenn es sich um besondere Zwecke handelt, die die Privatwirtschaft
nachgewiesenermaßen nicht oder nicht mehr erfüllen kann."24
Damit hatte Silverberg sich dem zentralen Argumentationspunkt seiner
Rede, nämlich der Kritik an der Sozialpolitik des Weimarer Staates, genä-
hert. Die politische Revolution von 1918 nicht in Frage stellend, konterka-
rierte Silverberg deren wirtschaftliche und soziale Komponente.25 Er erhob
den Vorwurf, daß die Republik im Begriffe sei, in den "Fürsorgestaat hin-
einzuschliddern" und durch eine "quantitative Überspannung sozialer Für-
sorge" die "Selbstverantwortung" zu töten. Während sich die Unterneh-
menswirtschaft den Verhältnissen angepaßt habe, laufe die Sozialpolitik in
den "alten Gleisen behördlicher Fürsorge und Bevormundung der Arbeits-
zeit und Lohnregelung".26
Das neue strategische Konzept gegen Staatsinterventionismus und Sozi-
alpolitik, das Silverberg am Schluß seiner Dresdener Ausführungen vor-
stellte, setzte bei einer Revision des Verhältnisses der Großindustrie gegen-
über Sozialdemokratie und Gewerkschaften an. Hier habe sich die Wirt-
schaft selbst schwere Versäumnisse zuschulden kommen lassen, indem sie
sich "zu spät" entschlossen habe,
"in den Gewerkschaften die Vertretung der Arbeiterschaft anzuerkennen und den
Führern den Rücken gegen die eigenen Freunde zu stärken ... Dieser Fehler des
Unternehmertums lieg[e] wesentlich in der Vorkriegszeit. Aber er hatte zur Folge,
daß nach dem Kriege die Führung der Arbeiterschaft, wirtschaftspolitisch unge-
schult, politisch stark nach links und ganz darauf eingestellt war, daß auch Not-
wendiges und Richtiges nur im Kampf erreicht werden könnte und erreicht wer-
den müsse, einseitig, ohne Rücksicht auf größere wirtschaftliche Zusammenhänge
und die Auswirkung sogenannter Erfolge auf die Gesamtwirtschaft."27
Das eigentliche Problem bestehe darin, daß Zentrum und SPD sich
gegenseitig in sozial- und lohnpolitischen Forderungen überböten, wobei
die "Zeche" vom Unternehmer zu zahlen sei. Während die
Sozialdemokratie als die politische Vertretung der "überwiegenden
Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft" in der "verantwortungsfreien
Opposition" stehe, trete das Zentrum, gerade weil es nur eine Minderheit
der organisierten Arbeiter repräsentiere, mit um so höheren
sozialpolitischen Zugeständnissen hervor und veranlasse wiederum SPD
und Gewerkschaften zu weiteren Forderungen. Deshalb sei es
"eine auf die Dauer in höchstem Maße allgemeinpolitisch und wirtschaftspolitisch
unerträgliche und schädigende Lage, wenn eine große Partei wie die Sozial-

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 38


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

demokratie in einer im deutschen Parlamentarismus mehr oder weniger verant-


wortungsfreien Opposition steht. Man sagte einmal, es kann nicht gegen die Ar-
beiterschaft regiert werden. Das ist nicht richtig; es muß heißen: Es kann nicht
ohne die Arbeiterschaft regiert werden. Und wenn das richtig ist, muß man den
Mut zur Konsequenz haben, es soll nicht ohne die Sozialdemokratie, in "der die
überwiegende Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft ihre politische Vertretung
sieht, regiert werden."28
Die entscheidende Einschränkung nachfügend, sprach Silverberg der so-
zialen Demokratie"29 aber die "Macht und die Kraft und die Fähigkeit" ab,
"den Staat zu beherrschen und zu führen", machte ihr zur Bedingung, daß
sie "den radikalen Doktrinarismus und die immer zerstörende, nie aufbau-
ende Politik der Straße und der Gewalt ablehnt", und verlangte die Führung
durch das Unternehmertum, Unterordnung seitens der Arbeiterschaft.30

Auch "stürmischer, langanhaltender, immer wiederholt einsetzender


Beifall"31 der über 3000 Delegierten in Dresden vermochte nicht darüber
hinwegzutäuschen, daß Silverberg mit seinen Forderungen kaum den mei-
sten Unternehmern "aus dem Herzen" gesprochen hatte, wie der RDI-
Vorsitzende Duisberg überschwenglich festzustellen glaubte.32 Aus der
Mitgliederversammlung selbst trat Silverberg sofort der nachmalige AR-
Vorsitzende der AEG, Geheimrat Bücher, entgegen.33 Bis 1925 Geschäfts-
führendes Präsidialmitglied des RDI, leitete Bücher jetzt den Präsidialbeirat
für Allgemeine Wirtschaftspolitik, der von der Silverberg-Rede bereits34
zustimmend Kenntnis genommen hatte. Nach außen hin direkte Kritik ver-
meidend und die Obereinstimmung mit Silverberg betonend, wendete Bü-
cher dessen Klage über die "Verantwortungsfreiheit" der jeweiligen Oppo-
sition ins Generelle, indem er das Fehlen der persönlichen Verantwortung
als das Hauptcharakteristikum der Demokratie hervorhob. Die parlamenta-
rische Demokratie gleiche einem Schiffe ohne Kapitän, das "schwer steuer-
bar" sei, "weil die Ruderleute, die erkannt haben, daß die Ruder herumge-
worfen werden müßten, zu viel Leute um ihre Meinung zu fragen haben,
ehe sie neuen Kurs nehmen können. Dadurch geht kostbare Zeit verloren,
und oft kommt ein Zickzackkurs zustande. Wenn das Schiff auch nicht ge-
rade untergeht, so befindet es sich doch in dauernder Gefahr."35 In Anknüp-
fung an die autoritären Konzepte, wie sie im Dezember 1925 dem Reichs-
präsidenten Hindenburg vorgestellt worden waren,36 forderte Bücher des-
halb, wo "irgend angängig", "die Verantwortung aus der Hand der Gremien
in diejenige einer Persönlichkeit" zu legen.
J. Reichert, Mitglied der Reichstagsfraktion der DNVP und rühriger
Hauptgeschäftsführer des VDEStI, wies demgegenüber zwar auf die Kon-
trollfunktion des Parlaments hin, bestritt aber, daß Sozialdemokratie und
Zentrum die politische Vertretung der Arbeiterschaft darstellten. Im übri-
gen habe, so Reichert, die "sozialdemokratisch-kommunistische Obstruk-

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 39


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

tion des Jahres 1925" die beste Antwort gegeben, daß eine wirtschafts-
freundliche Zoll- und Handelspolitik, aber auch Finanzpolitik mit "Links"
nicht durchführbar sei.37 Silverberg, der noch einmal das Wort ergriff, be-
tonte gegen Bücher gewendet die Notwendigkeit des Parlaments an sich,
das zur Kontrolle der Finanzwirtschaft der Öffentlichen Hand gar nicht ent-
behrt werden könne. Seinem Kontrahenten Reichert hielt Silverberg entge-
gen, daß es eine "Verkennung der Wirklichkeit" sei, wolle man sich vorma-
chen, die Arbeiterschaft sei nicht vornehmlich in der Sozialdemokratie re-
präsentiert: Deshalb dürfe gerade die SPD "nicht verantwortungslos neben
der Regierung einhermarschieren", sondern müsse "unbedingt zur verant-
wortlichen Mitarbeit" herangezogen werden.38
Eine Einordnung der Silverberg-Rede in die von der Großindustrie in
den 20er Jahren geführte Systemdebatte zeigt, daß der spezifische Stellen-
wert der zunächst im Vordergrund des Interesses stehenden "Anerkennung
der Republik" und der damit verbundenen Forderung nach "Regierungsbe-
teiligung der Sozialdemokratie" nur im Zusammenhang von "Kalter Sozia-
lisierung", sich "organisierendem Kapitalismus" und "Sozialpolitik" hinrei-
chend klar gemacht werden kann: Im Silverbergschen Konzept bildeten
Unternehmerverbände und Gewerkschaften die beiden Säulen eines Groß-
kartells, das die Organisation und Steuerung des Wirtschaftsprozesses in
eigener Verantwortung und autonom gegenüber dem Staat und anderen ge-
sellschaftlichen Gruppierungen vollziehen sollte. Im Grunde handelte es
sich dabei um ein halbparlamentarisches, mit ständischen Elementen durch-
setztes System, in dem den bürgerlichen Parteien auf der einen und der So-
zialdemokratie auf der anderen Seite nurmehr die Funktion zukam, den in
einer neuen, von den Unternehmern dominierten "Zentralarbeitsgemein-
schaft" jeweils vorab gefundenen Kompromiß in die politische Praxis um-
zusetzen. In der Propagierung dieses Konzeptes war Silverberg fortschritt-
lich und reaktionär zugleich. Fortschrittlich insofern, als er sich mit der An-
erkennung der Republik und den in ihr wirkenden Kräften auf den Boden
der Tatsachen stellte, reaktionär insofern, als ihm dieser Schritt vor allem
das geeignete Mittel war, die tendenzielle Entwicklung zum Interventions-
und Sozialstaat aufzufangen.
Der Theoretiker des "Organisierten Kapitalismus", Rudolf Hilferding,
wertete demgegenüber die Erklärung Silverbergs als Zeichen eines grund-
legenden Wandels:
"Der Reichsverband will die Fortsetzung einer verständigen Außenpolitik der
Verständigung, er will eine ungestörte Entwicklung im Innern und deshalb keinen
Kampf um die Staatsform, er erkennt die Änderung der sozialen Machtverhältnis-
se an. Die Utopie der Stumm, Bueck und Kirdorf, Gewerkschaften und Sozialde-
mokratie zu vernichten, ist erledigt. Nur das Kompromiß erscheint verwirklich-
bar."39
Bei genauerer Betrachtung muß sich diese Analyse, die den inneren Ar-
gumentationszusammenhang und damit einen wesentlichen Kern des

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 40


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

Dresdener Konzepts zu wenig berücksichtigt, als zumindest verkürzt erwei-


sen. In Wirklichkeit beinhaltete die Silverberg-Rede eben nicht die Aner-
kennung der "Änderung der sozialen Machtverhältnisse", wie Hilferding
glaubte, sondern sie formulierte die eigentliche Gegenposition zu seiner
Theorie eines unlösbaren Zusammenhangs von sich organisierendem Kapi-
talismus und der Entwicklung zu Sozialstaat und Wirtschaftsdemokratie.40
Der zentrale Punkt in Silverbergs Konzept bestand gerade darin, unter Ein-
spannung der Sozialdemokratie in die politische Verantwortung den Abbau
des Fürsorgestaates um so besser vorwärts zu treiben;41 ein System, das
später Brüning, mitberaten von Silverberg, perfekt beherrschte.42
Andererseits ist Hilferding darin zuzustimmen, daß Silverberg und der
Reichsverband auf eine "Außenpolitik der Verständigung- und eine "unge-
störte Entwicklung im Innern" setzten. Dies war aus der Sicht von 1926
mehr als ein nur taktisches Manöver und beinhaltete die Bereitschaft zu
Kompromiß und Arrangement. Dabei bildete die mit der Aufnahme des
Deutschen Reiches in den Völkerbund erreichte Konsolidierung des Inter-
nationalen Systems und die Stabilisierung im Innern der Republik den Hin-
tergrund einer langfristig gedachten Strategie, die sich an den gegebenen
politischen Machtverhältnissen orientierte. Dazu gehörte für Silverberg
auch die Einsicht, daß Unternehmerpolitik ohne organisatorisch fest veran-
kerte Integrationsinstrumentarien gegenüber der Arbeiterschaft auf Dauer
keine Perspektive mehr hatte.

2. Reaktion von Regierung, Parteien und Gewerkschaften

Die Reaktion von Öffentlichkeit, Regierung, Parteien und Gewerkschaften


auf die als sensationell empfundene "Anerkennung" der Republik durch
Silverberg und sein Bündnisangebot an die Sozialdemokratie war, je nach
politischem Standort, von vorbehaltloser Zustimmung bis entschiedener
Ablehnung gekennzeichnet. Im demokratischen Lager freudig, wenn auch
mit einem Rest von Skepsis begrüßt43 stieß die Silverberg-Rede bei den
Konservativen auf Unverständnis und Kritik.44
Der amtierende Reichskanzler Marx (Zentrum), dem Silverberg auf aus-
drücklichen Wunsch einen Abdruck der Rede übersandt hatte,45 ließ die
optimistische Erklärung übermitteln, daß das "Bekenntnis zum sozialen
Frieden zwischen beiden Trägern der Wirtschaft, den Arbeitgebern und Ar-
beitnehmern, für alle Zukunft als ein Wendepunkt in den sozialen und poli-
tischen Auffassungen maßgebender Teile unseres Volkes gewertet" werde,
auch wenn koalitionspolitische Konsequenzen noch nicht sofort vollzogen
werden sollten.46 Der DVP nahestehende Kreise begrüßten zwar die
Wiederbelebungsversuche der ZAG, opponierten aber offen gegen die

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 41


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

Bildung einer Großen Koalition unter Einschluß der Sozialdemokratie.47


Reichsaußenminister Stresemann, die maßgebliche Persönlichkeit der Par-
tei, vermied Erklärungen vor der Öffentlichkeit,48 traf allerdings nach seiner
Rückkehr von den Genfer Völkerbundsverhandlungen mit Silverberg per-
sönlich zusammen, um die aufgeworfenen Fragen zu erörtern.49 Scharf ab-
lehnend reagierte die DNVP, die im Silverbergschen Vorstoß zutreffend
eine Attacke auf die intransigente Haltung der Partei in der inneren Politik
erkannte.50 In einer Versammlung der deutschnationalen Industriellen in
Köln wurde der Parteiführung demonstrativ das Vertrauen für den bisheri-
gen Kurs ausgesprochen und gleichzeitig gefordert, den "für richtig erkann-
ten Weg nicht zu verlassen" und am Ziel "einer großen bürgerlichen Rech-
ten" festzuhalten.51
Auch das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei, der Vorwärts',
stellte den Silverbergschen Vorbedingungen ein "klares Nein" entgegen.52
Das Abgehen vom "Klassenkampf' hieße konkret Verzicht auf jede Hand-
lung, die zur Hebung des Massenwohlstandes dient", hieße Verzicht auf
"Kampf um den Arbeitstag, um den Schutz der Schwachen, um die Geltung
im Staat und in der Gesellschaft" und wäre "gleichbedeutend mit dem Ver-
zicht auf Fortschritt". Ebenso könne die Arbeiterschaft dem Unternehmer-
tum nicht das Recht auf die "Führung der Wirtschaftspolitik" zugestehen.
Auch wenn es die Industrie im Moment noch nicht erkennen könne oder
wolle, so sei doch mit der Gemeinwirtschaft die Zukunft des Kapitalismus
vorgezeichnet.53 Wohl anerkennend, dass das Unternehmertum den "Mut"
gefunden habe, "den Staat, so wie er ist, zu bejahen", beharrte die Sozial-
demokratie auf der für sie unabdingbaren Forderung partnerschaftlicher
Kooperation:

"Wenn es eine politische Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Unternehmern


geben kann, so nur auf der Grundlage wahrhafter Demokratie. Nicht Führer und
Geführte treten einander gegenüber, sondern Menschen und Sachwalter von Or-
ganisationen, die wissen, wo ihre Interessen auseinandergehen und welches Stück
Weges für gemeinsame Arbeit frei ist."54

Eine ähnliche Position nahmen die Freien Gewerkschaften ein, die die
Silverbergsche Offerte zur Wiederbelebung der ZAG ihrerseits mit kon-
kreten Gegenforderungen beantworteten.55 Im gleichen Sinne reagierte der
Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenver-
bände, der sich nur unter folgenden Voraussetzungen zur Verständigung
mit dem RDI bereit zeigte: "Vorbehaltlose Anerkennung der Gewerk-
schaften als Vertreter der Arbeitnehmer, endgültige Verzichtleistung auf
Unterstützung und Begünstigung der sogenannten wirtschaftsfriedlichen
Verbände und Werksgemeinschaften, Anerkennung des Tarifvertragsge-
dankens und des Schlichtungswesens, Anerkennung der Erhaltung und
Weiterführung der Sozialpolitik."56
Der Führer der Christlichen Gewerkschaften, Stegerwald, sah dagegen

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 42


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

in der Erklärung Silverbergs, bei aller Kritik im Detail, eine historische Par-
allele zum "Neuen Kurs" Kaiser Wilhelms II.
"Ich messe dem Schritt des Reichsverbandes der deutschen Industrie, in dessen
Namen Silverberg ja gesprochen haben soll, eine ähnliche Bedeutung zu, wie der
sozialen Botschaft, mit der der junge Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1890 die Arbei-
terschaft für den Staat gewinnen wollte ... jetzt spricht kein Monarch, sondern die
Industrie bietet in großen, in manchen Punkten allerdings noch der Klärung be-
dürftigen Grundrissen die Hand, auf dem Boden des heutigen Staates und der
Reichsverfassung zusammen mit der bedeutungsvollen Schicht der Arbeiter das
Zerstörte wiederaufzubauen und das deutsche Volk wieder zur Weltgeltung zu
bringen."57
Im Gesamtecho reagierten die Christlichen Gewerkschaften damit am
positivsten,58 obwohl gerade ihr Einfluß durch die Bildung einer Großen
Koalition beschnitten werden sollte. Die Resonanz bei Sozialdemokratie
und bürgerlicher Mitte (DVP), den Hauptelementen in Silverbergs Kon-
zeption, blieb indes so, daß praktische Folgerungen zumindest auf kürzere
Sicht nicht zu erwarten waren.

3. Die Industrieverbände und die Silverberg-Rede

Entscheidend für das Ausbleiben konkreter Schritte war auch die Uneinig-
keit innerhalb der Industrie selbst. Dabei standen sich zwei Hauptgruppie-
rungen gegenüber, die bereits auf der Dresdener Mitgliederversammlung
ansatzweise erkennbar geworden waren. Prellers Hinweis, daß es "im we-
sentlichen die Kreise der Export-, der großen Chemie- und der elektro-
technischen sowie Fertigwarenindustrie" waren, "die hier sprachen".59 und
die das Silverberg-Konzept unterstützten, bedarf im Einzelfall wohl der
Differenzierung,60 entspricht aber der insgesamt vorherrschenden Tendenz.
Der Wille des Reichsverbandes zum Arrangement wurde so u. a. vom
"Verein Deutscher Maschinenbauanstalten" (VDMA) nachdrücklich be-
grüßt. Wie der Geschäftsführer des VDMA, Lange, dem RDI mitteilen
konnte, seien "aus seinem Vorstands- wie Mitgliederkreis ausschließlich
zustimmende Stellungnahmen zu der Rede des Dr. Silverberg an ihn ge-
langt."61 Auch in Berliner Bank-Kreisen wurde die neue RDI-Linie allge-
mein gebilligt und mit der Hoffnung verbunden, "daß durch dieses schein-
bare Entgegenkommen der Industrie gegenüber der Sozialdemokratie die
Deutschnationalen sich entschließen würden, aus ihrer bisherigen Stellung
herauszugehen und sich offen unter Fallenlassen des Kampfes gegen die
Weimarer Verfassung an die Seite der bürgerlichen Parteien stellen wür-
den."62
Auf der anderen Seite formierte sich unmittelbar im Anschluß an die
Reichsverbandstagung, auf der eine vorsichtige Distanzierung schon

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 43


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

bemerkbar geworden war, unter Führung Jacob Reicherts und Paul Reuschs
innerhalb und außerhalb des RDI eine gewichtige 'Opposition'63 die einen
grundsätzlich anderen Kurs unternehmerischer Orientierung verfolgte. Auf
Verbandsebene schaltete die sich hier artikulierende Schwerindustrie zu-
nächst die Industrie- und Handelskammer für die Kreise Essen, Mül-
heim/Ruhr und Oberhausen ein, die bereits am 8. September 1926 durch Dr.
Rechlin ihr ablehnendes Votum verkündete.64 Am 16. September schloß
sich der Hauptvorstand und Fachgruppenausschuß des VDEStI unter Lei-
tung des schon in Dresden opponierenden Reichert an, der hervorhob, daß
Silverberg "weder auf die in der Industrie und Landwirtschaft noch auf die
in nationalen Arbeiterkreisen herrschende Stimmung" Rücksicht genommen
habe und die innerpolitischen Verhältnisse somit "keine Klärung" erfahren
hätten.65
Silverberg, der durch ein vertrauliches Schreiben des Hauptgeschäfts-
führers des Langnam-Vereins, Max Schlenker, auf den sich organisierenden
Widerstand aufmerksam gemacht worden war,66 hatte Reichert noch vor der
Hauptvorstandssitzung des VDEStI eine Interpretationshilfe seiner Dresde-
ner Erklärung zukommen lassen.67 Durchschläge gingen an Duisberg und
Schlenker.68 Mit Reusch, der sicherlich Kenntnis vom Schreiben an Rei-
chert hatte, vereinbarte Silverberg für den Abend des 16. September 1926
eine Zusammenkunft in dessen Berliner Büro.69 In dem Brief an Reichert
begründete Silverberg erneut die Notwendigkeit einer "Einspannung" der
Sozialdemokratie, die sich vor allem aus der konjunkturellen Entwicklung
ergebe.70

"Wenn auch langsam fortschreitend, − wir sind in einer aufsteigenden Konjunktur.


Und jede Konjunktur bringt nach alter Erfahrung Arbeitskämpfe, die geeignet
sind, die Aufwärtsentwicklung empfindlich zu stören. Deshalb und für alle Zu-
kunft ist mein Ziel − Friede mit der Arbeiterschaft, friedliche und schnelle Lösung
der Auseinandersetzungen um Lohn und Arbeitszeit ... Das war der Zweck meiner
Rede, und wenn mich die Industrie nicht im Stich läßt und die politischen Partei-
en, die dies können, die sozialdemokratische Partei so einspannen, daß ihr ver-
antwortungsfreies rein parteitaktisches Treiben aufhört, dann hoffe ich für die
deutsche Industrie in den nächsten Jahren eine gesunde und ruhige Aufwärtsent-
wicklung, die wir sehr nötig haben."71

Der Beschwichtigungsversuch Silverbergs hatte wenig Erfolg. Die Op-


position um Reusch und Reichert hielt es aber immerhin für opportun, zu-
nächst ein allzu offenes Vorgehen von seiten der Schwerindustrie zu ver-
meiden.72 Die vom 8. September bis Anfang Oktober 1926 im Vorfeld der
Präsidial- und Vorstandssitzungen des RDI vom 14. Oktober bei der Ge-
schäftsführung des Reichsverbandes eingehenden Proteste73 dokumentierten
nur bei oberflächlicher Betrachtung, daß sich gegen die Silverberg-Linie
eine breite Front von Industrieunternehmungen aller Branchen sowie von
zahlreichen Regional- und Fachverbänden gebildet hatte. Die genauere

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 44


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

Durchsicht der Eingänge zeigt, daß es sich dabei im wesentlichen nicht um


spontane Kritik handelte,74 sondern um eine gesteuerte Aktion gegen die
neue Politik des Reichsverbandes. Initiator des organisierten Protestes war
die "Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, Delmenhorst",
die ihren Einspruch hektographierte und im ganzen Land verschickte. Teil-
weise ersparten sich die so angesprochenen Firmen und Verbände die Mühe
einer eigenen Stellungnahme und verwiesen schlicht auf die Eingabe des
Delmenhorster Unternehmens.75 Im Reichsverband erkannte man diese, für
die Gewichtung der Proteste aufschlußreichen Zusammenhänge76 wohl, und
Kastl verwies noch 1931, nach dem Zusammenbruch des "Nordwol-
le"-Konzerns, gegenüber Reichskanzler Brüning darauf, daß dieses Unter-
nehmen "seit Jahren in einem offenen Kampf mit dem Reichsverband ge-
lebt und den Versuch gemacht habe, diesen Verband zu beseitigen."77
Die Taktik, die die RDI-Führung dem organisierten Protest entgegen-
setzte, war einfach: Erklärungen oder Dementis zur in der Öffentlichkeit
verbreiteten Auffassung, das Präsidium habe den neuen Kurs einstimmig
gebilligt, wurden (obwohl in den Eingaben verlangt) nicht abgegeben, um,
wie Duisberg formulierte, "eine Abschwächung des Eindrucks der Silver-
bergschen Rede zu vermeiden."78 Das Geschäftsführende Präsidialmitglied
Kastl schlug darüber hinaus vor, eine a. o. Präsidialsitzung einzuberufen,
auf welcher "nicht nur zu den Ausführungen von Silverberg kritisch Stel-
lung genommen werden [sollte], sondern es müßte auch gleichzeitig völlige
Klarheit darüber geschaffen werden, welche positiven Schritte seitens des
Reichsverbandes in der nahen Zukunft zu unternehmen sind, denn die ganze
Sache darf doch nicht wie das Hornberger Schießen ausgehen."79 Duisberg
hingegen hielt es für sinnvoller, die turnusmäßige Präsidialsitzung abzuwar-
ten, gab der Geschäftsführung aber weitgehende Rückendeckung für die
neue Reichsverbandspolitik.80 In diesem Sinne instruierte Kastl dann die
Geschäftsführer der Fachgruppen des Reichsverbandes81 und beantwortete
die eingegangenen Proteste.82
Der offene Vorstoß der Schwerindustrie gegen die Silverberg-Konzep-
tion sollte auf der 54. Mitgliederversammlung des Langnam-Vereins am 1.
Oktober 1926 in der Städtischen Tonhalle, Düsseldorf, erfolgen. Zuvor hat-
ten der Hauptgeschäftsführer des Vereins, Max Schlenker, sowie der 1.
Vorsitzende, Paul Reusch, den vergeblichen Versuch unternommen, Silver-
berg vom Kernpunkt seiner Dresdener Ausführungen abzubringen. Das
Bündnisangebot an die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften sollte
ihrer Vorstellung nach dadurch unterlaufen werden,83 daß Silverberg die
schon in Dresden genannten "Vorbedingungen" wie Absage an den "Klas-
senkampf' und die "Politik der Straße" zu einer auch für den bestmeinenden
Arbeitervertreter unüberwindlichen Barriere ausbaute.84
Der Reichsverband sah wohl, was in Düsseldorf auf dem Spiel stand,
und schickte deshalb statt Frowein85 den Präsidenten Duisberg selbst, um

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 45


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

die Silverberg-Position zu verteidigen. Dieser Schritt war durchaus unge-


wöhnlich, denn Duisberg, sonst einer der redefreudigsten Unternehmer der
Weimarer Republik, hatte das Forum des Langnam-Vereins bisher stets
gemieden.86 Paul Reusch, der die auch in der Öffentlichkeit mit großer
Spannung erwartete Sitzung eröffnete, ging jedoch nur in wenigen Sätzen
auf die Dresdener Tagung des Reichsverbandes ein und stimmte Silverberg
überraschenderweise darin zu, "daß nicht gegen und nicht ohne die Arbei-
terschaft regiert werden soll", kritisierte aber, daß dessen Ausführungen
nicht von den offiziellen Gremien des RDI, dem Präsidium und dem Vor-
stand, gebilligt worden seien.87 Silverberg, der seine Konzeption in durch-
aus offensiver Weise verteidigte, verwies demgegenüber auf die Selbstver-
antwortlichkeit der Referenten, deren Vorträge in den Hauptlinien zwar in
den Beiräten und Ausschüssen abgestimmt würden, die aber nie einer offi-
ziellen Beschlußfassung unterlägen.88 Dem Vorwurf, er habe sich zu weit
auf politisches Gebiet begeben, hielt er die Feststellung entgegen, daß
Reusch selbst mit seiner Überlegung, "ob ... nicht vielleicht eine Reform in
der Richtung zweckmäßig ist, daß die schaffenden Stände − Handel und
Industrie, Landwirtschaft, Handwerk und Kleingewerbe − sich in besonde-
ren Wirtschaftskammern zusammenschließen. . . " für nichts weniger als
eine Verfassungsänderung zugunsten der Errichtung eines berufsständi-
schen Systems plädiert habe.89 Nur Fritz Thyssen wagte den offenen Wider-
spruch gegen Silverberg, indem er eine Mitregierung der Sozialdemokratie
kategorisch ablehnte, weil die "Seele des Arbeiters ... weder eine sozialisti-
sche noch eine klerikale, sondern eine deutsche Seele" sei.90
Der Vorsitzende des Reichsverbandes, Duisberg, der abschließend das
Wort ergriff, stellte sich demgegenüber eindeutig hinter Silverberg und er-
teilte dessen Kritikern eine unmißverständliche Abfuhr. Er habe, so Duis-
berg zu den Versammelten, "eine gewisse Freude gehabt, einmal zusehen
zu können, wie es denn wirken wird, wenn ein Mann wie Dr. Silverberg,
auf eigene Verantwortung hin, in den Teich der öffentlichen Meinung einen
schweren, politisch dicken Stein hineinwirft. Ich war gespannt, zu hören
und zu sehen, wie dann vor allem die Frösche quaken werden, und sie ha-
ben lauter als je gequakt".91
Ohne Frage hatte sich die Opposition auf der Düsseldorfer Tagung des
Langnam-Vereins eine zumindest taktische Niederlage eingehandelt. Eine
"Vorentscheidung zugunsten der Gegner der Silverbergschen Initiative"92
war hier jedenfalls nicht gefallen; bis auf Fritz Thyssen hatte sich keiner der
führenden Schwerindustriellen zu einer klar ablehnenden Stellungnahme
bereit gefunden. Die direkte Auseinandersetzung wurde nicht gewagt, of-
fenbar, weil man erkannt hatte, daß im Oktober 1926 die Kräfteverhältnisse
innerhalb der Wirtschaft ein "Veto" gegen eine reformistische Politik nicht
zuließen, ohne die Schwerindustrie in eine Abseitsposition zu manövrieren.
Dies bedeutete angesichts der zur Disposition stehenden Alternati-

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 46


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

ven, daß Duisberg und Silverberg durchaus gestärkt das Kampffeld verlie-
ßen.93
Für die vom Verlauf der Düsseldorfer Langnam-Vereinstagung am 1.
Oktober 1926 enttäuschte Opposition gegen den Silverberg-Kurs verblieb
nicht mehr viel Zeit, um vor der wichtigen Präsidial- und Vorstandssitzung
des RDI am 14. Oktober 1926 auch öffentliche Positionsgewinne zu verbu-
chen. Der "Verein für die bergbaulichen Interessen" trat jetzt endlich sicht-
bar hervor und setzte der von Silverberg in Düsseldorf bekräftigten Forde-
rung nach Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie die Formel entge-
gen: "Es darf nicht ohne die Unternehmerschaft regiert werden."94 Der
Bergbau-Verein sah zwar von seiner später geübten Praxis der Aus-
trittsdrohung aus dem RDI ab,95 warnte aber davor, die neue politische Li-
nie weiter zu verfolgen, weil sie die "Geschlossenheit des Reichsverbandes
und seiner Unterverbände gefährden" würde.
Die härteste Opposition gegen den neuen Kurs des Reichsverbandes
kam von seiten des "Verbandes Sächsischer Industrieller" (VSI). Die im
VSI überwiegend organisierten klein- und mittelbetrieblichen Unternehmen
hatten richtig erkannt, daß für sie im Silverberg-Konzept kein Platz mehr
blieb,96 und fürchteten nicht zu Unrecht, beim Zusammenspiel von Groß-
industrie und Gewerkschaften übergangen zu werden. Der VSI kritisierte
wie der Bergbauverein den Verlauf der Düsseldorfer Versammlung97 und
warnte davor, nach einem "Fall Silverberg" nun auch noch einen "Fall
Duisberg"98 zu schaffen. Der Geschäftsführer der Ortsgruppe Plauen,
Rechtsanwalt Dr. Schlegel, hielt dem RDI entgegen:

"Bei uns marschiert, wie wohl kaum irgendwo in Sachsen, der Gedanke der
Werksgemeinschaft ganz mächtig ... In diese Entwicklung hinein platzt wie eine
Bombe die Silverberg-Rede, die von Werksgemeinschaft nichts kennt, die einen
Pakt mit der Gewerkschaft, dem größten Gegner der Werksgemeinschaft, sucht ...
Wir im Vogtland mit in der Hauptsache mittleren und kleineren Betrieben können
den Gedanken Dr. Silverbergs nicht folgen. Wir wollen weg von Tarifvertrag und
Gewerkschaft. Wir lassen uns nichts aufoktroyieren, was wir bekämpfen. . ."99

Diese Stellungnahme bildete den Gegenpol zu der von Silverberg gefor-


derten Kooperation mit den Gewerkschaften, zur Wiederbelebung der Zen-
tralarbeitsgemeinschaft und zur Regierungsbeteiligung der Sozialde-
mokratie. Die hier formulierte radikale Alternative zu Kompromiß und
Ausgleich lautete: Kampf gegen alle überregionalen Arbeitnehmerorgani-
sationen, Zerschlagung des Tarifsystems und Propagierung der Werkge-
meinschaftsideologie.
Die Erörterung der Silverberg-Rede in den Gremien des RDI am 14. Ok-
tober 1926100 bestätigte die zuvor sichtbar gewordenen Spannungen im in-
dustriellen Lager. Nach längerer Debatte101 im Präsidium wurde dem Vor-
stand ein Resolutionsentwurf vorgelegt, der zwischen den Parteien zu ver-
mitteln suchte. Abgesehen von Hartong (Nordwolle) und Blohm, die

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 47


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

den Reichsverband auf eine prinzipiell antigewerkschaftliche Linie festle-


gen wollten, überwog der Wille zum Arrangement. Selbst der VSI, der
durch Retzmann noch einmal seinen Protest kundtat, sah sich in der Pflicht,
alles zu vermeiden, "das nach außen den Schein einer Spaltung des Unter-
nehmertums in dieser Frage hervorrufen könnte."102 Für die Schwerindu-
strie stimmte Vögler dieser Linie ausdrücklich zu, hielt aber gleichzeitig an
der substantiellen Abgrenzung gegenüber Silverberg fest.103 Borsig, der
sich als Vorsitzender der "Vereinigung der Deutschen Arbeit-
geberverbände" (VDA) ebenfalls für den in der Entschließung gefundenen
Minimalkonsensus aussprach, brachte die im Vorstand herrschende Auf-
fassung auf die Formel: "Einigkeit in der Industrie und zugleich Abbrechen
der Spitzen."104 In der schließlich einstimmig verabschiedeten Resolution105
wurde hervorgehoben,
"daß sowohl das Bekenntnis der Unternehmerschaft zum Staat als auch die Auf-
forderung zur Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Arbeitern nur eine
neue Betonung der auch bisher von den Spitzenorganisationen der Industrie ver-
folgten Ziele darstellen. Präsidium und Vorstand des Reichsverbandes der Deut-
schen Industrie begrüßen alle Bestrebungen, die geeignet sind, die Zusam-
menarbeit zwischen Unternehmern und Arbeitern zu fördern."106
Dies war zwar keine klare Entscheidung zugunsten einer neuen Reichs-
verbandspolitik, verbaute ihr aber auch nicht den Weg. Blieben die Anhän-
ger einer neuen Zentralarbeitsgemeinschaft mit diesem Ergebnis tatsächlich
"ganz isoliert", wie behauptet worden ist?107 Richtig ist, daß der Ausgang
der Kontroverse eine überwiegend konservative Orientierung des Unter-
nehmerlagers aufzeigte, wobei die Exponenten einer reformistischen Politik
numerisch in der Minderheit blieben. So trifft auch zu, daß Silverberg aus
dem Präsidium des RDI ausdrückliche Zustimmung nachweisbar nur von
Duisberg, Kastl, Kraemer,108 Frowein109 und Lammers110 erhielt. Anderer-
seits waren dies jedoch die Industriellen, die die Politik des Reichs-
verbandes maßgeblich bestimmten. In dem später gebildeten exklusiven
Führungsgremium des RDI, dem "Engeren Präsidium",111 hat sich dieser
auf Kompromiß gestimmte Unternehmerflügel ein äußerst schlagkräftiges
Instrument schaffen können. Mit Duisberg, Kastl, Silverberg, Kraemer,
Frowein und Müller-Oerlinghausen112 war die zentrale Entscheidungsebene
des Reichsverbandes ausschließlich von Vertretern einer reformistischen
Linie besetzt. Der Reichsverband stellte in der Folge recht eigentlich das
Forum und die Bühne der gemäßigten Industriellen dar, denen geeignete
Fach- und Regionalverbände zur Vertretung ihrer politischen Auffassungen
fehlten.113 Für die industrielle Interessenorganisation ergab sich so das
Problem, daß der RDI als der übergeordnete Dachverband tendenziell
eine andere Politik vertrat als die angeschlossenen Unterverbände. Gleich-
wohl bedeutete das nicht die Verselbständigung der RDI-Führung, sondern
entsprach den in der Industrie tatsächlich herrschenden Gewichtun-

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 48


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. II. Die Dresdener Rede 1926

gen. Die modernen exportorientierten Wirtschaftszweige konnten innerhalb


des Reichsverbandes sehr wohl ihr starkes ökonomisch-politisches Potential
in die Waagschale werfen, wenn sie auch nach außen hin scheinbar keinen
größeren Einfluß besaßen.114
1926 blieb die Entscheidung über die zukünftige Politik der Industrie
gegenüber Staat und Gewerkschaften offen. Unverkennbar standen sich
zwei Lager gegenüber, die beide nicht stark genug waren, ihre Position ge-
samtverbindlich durchzusetzen. Die Zukunft mußte zeigen, wohin die Ent-
wicklung tendierte.

Anmerkungen zu Kap. II auf S. 214-20 49


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

Der große New Yorker Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 markierte
scheinbar abrupt das Ende der weltwirtschaftlichen Stabilisierung der Zwi-
schenkriegszeit.1 Noch im August 1929 hatte das Institut für Konjunk-
turforschung einen anhaltenden Wirtschaftsaufschwung prognostiziert,2 und
im September 1929 meinte der Präsident der New Yorker Börse feststellen
zu können, "daß es mit den Wirtschaftszyklen, wie wir sie erlebt haben,
heute vorbei ist. Ich bin jedenfalls von der wesentlichen und fundamentalen
Dauerhaftigkeit der amerikanischen Prosperität überzeugt. Und das ist wohl
die Meinung der gewaltigen Mehrheit der Geschäftsleute in den Vereinigten
Staaten und zweifellos in der ganzen Welt."3 Ähnliches galt für den theore-
tischen Kopf der deutschen Sozialdemokratie, Rudolf Hilferding, nach des-
sen Auffassung mit dem "Organisierten Kapitalismus" eine qualitativ neue
Stufe der politisch-ökonomischen Entwicklung erreicht und die zyklischen
Störungen des Wirtschaftsprozesses endgültig überwunden seien.4 Tatsäch-
lich hatten sich aber bereits im Laufe des Jahres 1929 latente Anzeichen
eines Konjunkturumschwungs auch in Deutschland bemerkbar gemacht.
Die Bruttoinlandsinvestitionen, verläßliche Indikatoren des gesamtwirt-
schaftlichen Trends, gingen 1929 um 3,6 Mrd. RM bzw. 22,8% gegenüber
dem Vorjahr sichtbar zurück und deuteten zumindest auf eine mögliche
Stagnationsphase hin.5
Die deutsche Wirtschaft fiel also nicht "aus Träumen ewiger Prosperi-
tät",6 als die Krise im Herbst 1929 offen zutage trat. Strukturfehler im
Nachkriegsaufbau, das Zusammentreffen längerfristiger Stagnationsten-
denzen mit akuten Kontraktionsbewegungen 1929/30 vor dem Hinter-
grund einer durch Reparationen und Kreditverflechtungen zunehmend
kohärenter gewordenen internationalen Geldwirtschaft bewirkten eine
besondere Sensibilität, so daß schließlich, verstärkt durch eine allgemeine
Agrarkrise, der Zusammenbruch der Weltwirtschaft und des Weltwäh-
rungssystems erfolgte.7 Die Auswirkungen der Großen Depression
1929-1933 in Deutschland, so gravierend sie im einzelnen sein mochten,
stellten im internationalen Vergleich gesehen keine Besonderheit dar. Der
Rückgang der industriellen Produktion betrug wohl 40% gegenüber
"nur" 26% in Frankreich, er blieb damit aber zugleich deutlich unter dem
Wert von 48% für die USA.8 Der häufige Verweis auf die übergroße
Belastung des Deutschen Reiches durch Versailler Vertrag und Reparatio-
nen ist rein ökonomisch gesehen unzutreffend.9 Nicht das Ausmaß der

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 50


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

Betroffenheit an sich war für die deutsche Sonderentwicklung bestimmend,


sondern die hier zum Tragen kommende spezifische Krisenstrategie, die
vorrangig nicht an der Oberwindung der wirtschaftlichen Probleme orien-
tiert war, sondern die Revision der inneren und äußeren Folgen des verlore-
nen Krieges, insbesondere der Revolution von 1918, zum leitenden Ziel der
Politik erhob.
Die Rückwirkung der Krise auf die deutsche Innenpolitik wurde zu-
nächst sichtbar in den wachsenden Spannungen innerhalb der vom sozial-
demokratischen Reichskanzler Hermann Müller geführten Großen Koaliti-
on. Das prinzipielle Problem − einen ausgeglichenen Haushalt10 bei stei-
genden Sozialausgaben und gleichzeitig sinkenden Steuereinnahmen
vorzulegen, ohne die Substanz der sozialpolitischen Leistungen anzugehen,
aber auch ohne die Wirtschaft neuerlich zu belasten − führte zu einer
zwangsläufigen Polarisierung zwischen den die Koalition tragenden
Parteien. Der Konfliktstoff war vorgegeben, nur bei entsprechender
Kompromißbereitschaft von SPD und DVP verblieb der Weimarer
Koalition eine Chance.11

1. Die RDI-Tagung vom 12. Dezember 1929

Die Großindustrie bezog in dieser Frage unmißverständlich Stellung. Auf


der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Reichsverbandes vom
12. Dezember 1929 in Berlin wurde der Großen Koalition unter Führung
der Sozialdemokratie die offene Kampfansage gemacht. Der Vorsitzende
des RDI, Carl Duisberg, der 1926 noch das Ausgleichskonzept Silverbergs
unterstützt hatte,12 erteilte jetzt jeglicher Kompromißbereitschaft eine Ab-
sage: "Es darf nicht halbe, es muß ganze Arbeit sein, die gemacht wird.
Kompromisse helfen nicht mehr. Es geht ums Prinzip, ums ganze Sy-
stem."13
Während der amtierende Reichswirtschaftsminister Moldenhauer (DVP)
noch um die Zustimmung der Industrie zum Finanzprogramm der Regie-
rung warb und darauf verwies, daß eine Wirtschaftspolitik, die das "soziale
Moment" übersehe, "schließlich an den sozialen Spannungen zerschellen"
werde,14 stellten die Hauptredner der Veranstaltung, Müller-Oerlinghau-
sen15 und insbesondere Silverberg,16 in ihren Referaten klar, daß für die Un-
ternehmer nur solche Reformmaßnahmen akzeptabel seien, die eine grund-
legende Kurswende der in den letzten Jahren praktizierten Steuer-, Finanz-
und Sozialpolitik beinhalteten. Silverberg spann dabei die 1922 in seinem
Programm zum "Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft"17 Sowie 1926 in
Dresden entwickelten Vorstellungen von der Autonomie der Wirtschaft
weiter und forderte neben einer generellen Ausgabenkürzung um 5%
die "Errichtung einer Finanzwirtschaft", bei welcher die Finanzho-

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 51


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

heit des Reiches zugunsten von Banken und Industrie eingeschränkt werden
sollte.18 Eine Schlüsselrolle hatte Silverberg dabei der Reichsbank zuge-
dacht, der in einer neu zu errichtenden Finanzkontrollstelle maßgeb-
liche Entscheidungsbefugnis eingeräumt werden sollte. Silverberg hatte
diese Pläne zuvor mit dem ihm freundschaftlich verbundenen Reichsbank-
präsidenten Hjalmar Schacht abgesprochen,19 wozu der "Vorwärts" nicht
ganz zu Unrecht bemerkte, daß hier offenbar der Steigbügel für einen "Fi-
nanzdiktator" Schacht gehalten würde.20 Auch der Bankier Max Warburg
äußerte Bedenken gegenüber derartigen Plänen21 und Felix Pinner charakte-
risierte die von Silverberg konzipierte "Finanzwirtschaft" als eine "ausge-
sprochene Finanzplanwirtschaft, bei der praktisch die Privatwirtschaft zu
diktieren und der Staat stillzuhalten und zu parieren hätte". Bei Verwirkli-
chung der Vorschläge Silverbergs würde "eine Art negativer Finanzdiktatur
über das Reich organisiert werden, die es ihm überhaupt unmöglich machen
würde, fürderhin noch eine selbständige Finanzpolitik zu betreiben."22
Das Projekt Silverbergs, die nach der Verabschiedung des Young-Plans
frei werdende Industrieaufbringung einem Sonderfonds zugunsten der
Landwirtschaft zuzuführen, wobei der Wirtschaft die autonome Verwal-
tung der Gelder zufallen sollte, lag auf der gleichen Linie.23 Es handelte
sich hier letztlich um den Plan, eine öffentliche Reichssteuer zu erheben,
deren Umverteilung der Privaten Hand vorbehalten blieb. Dieses gut ein
Jahr später gegen erbitterte Widerstände auch aus der Industrie verwirklich-
te Konzept bildete die finanzielle Unterlage der verfehlten "Osthil-
fe"-Aktion der Jahre 1931-33. In der zur Abwicklung der Entschuldung des
ostelbischen Großgrundbesitzes geschaffenen "Bank für Industrie-Obliga-
tionen" (Bafio) hatte die Privatwirtschaft den ausschlaggebenden Einfluß.
Aufsichtsratsvorsitzender der Bank wurde Silverberg, der "Vater der Osthil-
fe", dem damit ein exzellentes Instrument zur Umsetzung seiner Vorstel-
lung vom "Organisierten Kapitalismus" zur Verfügung stand.24
Wie schon in Dresden 1926, geriet Silverberg mit den im Dezember
1929 propagierten Plänen in das Kreuzfeuer der Kritik, die sich insbesonde-
re auf die in Aussicht gestellte Weitererhebung der Industriebelastung
konzentrierte.25 Mit diesen Vorstellungen hatte sich Silverberg insofern
vom Programm des RDI26 entfernt, als er dem Gedanken der Kapitalbildung
nicht mehr die absolute Priorität eingeräumt wissen wollte. Vielmehr
dominierte das Bestreben, den staatlichen Interventionismus jetzt entschei-
dend zurückzuschrauben und dafür auch, trotz Krise und Kostendruck,
erhebliche finanzielle und organisatorische Vorleistungen der Großindu-
strie zu bringen.27 Die sozialpolitischen Implikationen einer solchen "Fi-
nanzdiktatur" der Privatwirtschaft äußerten sich darin, daß auch für Silver-
berg der in der Defensive opportune Gedanke einer Kooperation mit Sozi-
aldemokratie und Gewerkschaften in der Krise zunächst keine Geltung
mehr hatte. Gegenüber seinem Hauptwidersacher von 1926, Paul Reusch,

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 52


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

leistete Silverberg im Anschluß an die Reichsverbandstagung definitiven


Abschwur vom Dresdener Konzept: Er erklärte, daß das Jahr 1930 sicher
noch "Klarheit" bringen müsse,
"ob wir den collectivistischen Kram mit kleinen Teilerfolgen für diese und dau-
ernde Kompromisse fortführen müssen oder nicht. Nachdem meine Absicht, mit
dem verständigen und, wie ich glaubte politisch einflußreichen Teil der Arbeiter-
schaft zusammen Ordnung zu schaffen (Dresden), von beiden Seiten mißlungen
ist, müssen wir allein arbeiten. Daher mein starker Vorstoß in Fragen der Finanz-
politik, worin ich mich im Einvernehmen mit Schacht wissentlich exponiert ha-
be."28
Daß Silverberg mit der expliziten Abwendung vom Arbeitsgemein-
schaftsgedanken eine prinzipielle Wendung vollzogen habe, wie die "Düs-
seldorfer Nachrichten" meinten,29 trifft nur bedingt zu. Seit Beginn der Re-
publik war für ihn der Kampf gegen Sozialisierung, Interventionsstaat und
Wirtschaftsdemokratie der zentrale Orientierungspunkt, den er auch 1926
nicht verleugnet hatte. Form und Intensität einer Kooperation mit der orga-
nisierten Arbeiterschaft, aber auch die Wahl einer Konfliktstrategie wie
1929/30 bestimmten sich demnach für Silverberg aus den spezifischen ge-
samtpolitischen Rahmenbedingungen und lagen jenseits einer grundsätzlich
fest umrissenen Position.30

2. Young-Plan und Große Koalition

Das Ziel, die Große Koalition zu Fall zu bringen, war auf der Reichsver-
bandstagung vom 12. Dezember 1929 wohl erkennbar geworden; eine ge-
wisse Zwiespältigkeit in der konkreten Aktion gegenüber dem Kabinett
Hermann Müller blieb jedoch vorerst noch konstatierbar. Immerhin hatte
die RDI-Führung dem amtierenden Reichswirtschaftsminister Moldenhauer
Gelegenheit gegeben, das Finanzprogramm der Regierung zu verteidigen,
und so zumindest die totale Konfrontation vermieden.31 Bestimmend für
diese abwartende Linie waren vor allem reparationspolitische Überlegun-
gen. Dabei bildete der vom Reichstag noch nicht verabschiedete
Young-Plan32 die Klammer,33 die eine vorzeitige Sprengung der Koalition
verhinderte.
Trotz massiver Opposition aus Kreisen der Schwerindustrie überwog im
industriellen Lager insgesamt die Zustimmung zu dem neuen Zahlungsplan,
der eine erhebliche Verringerung der Annuitäten gegenüber dem Da-
wes-Plan und damit eine merkliche Entlastung der Wirtschaft brachte.34
Auch im Langnam-Verein konnte sich die radikale Position Thyssens und
Vöglers, die auf Ablehnung bestanden, nicht durchsetzen. Dieser Streit hat-
te innerhalb der Industrie besondere Brisanz dadurch erhalten, daß

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 53


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

Geheimrat Kastl vom RDI nach dem spektakulären Ausscheiden Vöglers


aus der Pariser Verhandlungsdelegation (Mai 1929) dessen Beispiel nicht
gefolgt war35 und am 7.Juni 1929 in Übereinstimmung mit Duisberg den
Young-Plan mitunterzeichnet hatte.36 Durch geschickte Regieführung
Reuschs und Schlenkers unter Mitwirkung Silverbergs37 konnte auf der
Mitgliederversammlung des Langnam-Vereins vom 8. Juli 1929 der offene
Bruch vermieden werden, wenn die Risse im Industrieturm auch nach au-
ßen hin sichtbar wurden. Gegenüber einer Katastrophenpolitik, wie sie
Thyssen38 und tendenziell auch Vögler verfolgten, entschied sich die breite
Mehrheit der Industrie39 für den realpolitischen Kurs auf der Basis der neu-
en Reparationsregelung. Paul Reusch, bis 1930 Vorsitzender des Lan-
gnam-Vereins, bestand folgerichtig auf dem Austritt seines Berliner Vertre-
ters, Dr. Martin Blank, aus dem Vorbereitungskomitee für das Volksbe-
gehren gegen den Young-Plan40 wobei dessen Argumentation nichts fruch-
tete, "daß es hier gelungen ist, eine politische Front auf der Rechten aufzu-
bauen, wie es sie in dieser Breite seit langem nicht mehr gegeben hat. Nach
der Ansicht der Stahlhelmführung muß nun alles getan werden, um diesen −
auch zahlenmäßig großen − Block beisammenzuhalten für andere Entschei-
dungen, die vielleicht einmal heranreifen könnten, ohne daß man jetzt
schon weiß, auf welchem Gebiet das sein würde."41 Auch Silverberg sprach
sich in einem Presseaufruf öffentlich gegen das Volksbegehren aus42 und
wiederholte in einem Vortrag vor der "Vereinigung für rechts- und staats-
wissenschaftliche Fortbildung" in Köln, daß man nicht "bewußt" auf eine
"Katastrophe" hintreiben könne.43
Im Dezember 1929 waren parlamentarische Verabschiedung des Young-
Plans und Sprengung der Großen Koalition zu konkurrierenden Zielen ge-
worden. Einerseits schien der geforderte grundlegende innenpolitische
Kurswechsel mit der Sozialdemokratie nicht durchführbar, andererseits war
deren Zustimmung zum neuen Reparationsplan auch deshalb unabdingbar,
weil dadurch die "hinter den Kulissen bereitstehende" Rechtskoalition
von der Verantwortlichkeit wenn nicht völlig frei, so doch zumindest
nur teilweise belastet blieb.44 Die Lösung dieses Problems war denkbar
einfach: Nach der Verabschiedung des Young-Plans mit Hilfe der Sozial-
demokratie konnte der bewußte Bruch der Koalition bzw. die Eliminierung
der nunmehr entbehrlich gewordenen SPD angegangen werden. Schon ganz
im Zeichen dieser Strategie standen die Ausführungen Duisbergs vor der
Geschäftsführerkonferenz des RDI am 2. Dezember45 und der Mitglieder-
versammlung am 12. Dezember 1929.46 .Daß das Ende der Koalition vorbe-
reitet wurde, hatte Werner von Alvensleben, Vertrauensmann General
von Schleichers und beherrschende Intrigantenfigur der Präsidialregime-
zeit,47 Duisberg bereits im November 1929 persönlich darlegen können.
In Bestätigung der Unterredung schrieb Alvensleben: "Ich kann eine
parlamentarische Lösung der Schwierigkeiten nicht sehen und bin
überzeugt, daß in Kürze mit dem § 48 regiert werden muß. Der

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 54


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

Herr Rp. [Reichspräsident] wird niemals die Sozialdemokratie mit dieser


Aufgabe betrauen. Es kommt die Arbeitsgemeinschaft der Mitte."48 Zur
Förderung dieser Sammlungsbewegung stellte Duisberg zunächst 20 000
RM zur Verfügung, die Alvensleben von der Geschäftsführung des RDI
ausgehändigt wurden.49 Mit diesen Geldern versprach Alvensleben, Hugen-
berg innerhalb der DNVP so zu isolieren, daß die Partei ihm schließlich die
"Gefolgschaft" versagen und zur Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Mit-
te fähig werde.50
Der eigentliche Ansatzpunkt für die politischen Interventionsversuche
der Großindustrie war jedoch die Reichstagsfraktion der DVP.51 Die Versu-
che, die Deutsche Volkspartei aus dem Bündnis mit den Sozialdemokraten
zu lösen und auf eine "andere Linie" zu bringen, vollzogen sich insbesonde-
re über den Abgeordneten Erich von Gilsa, der zugleich als politischer Ver-
treter des GHH-Konzerns in der DVP fungierte.52 Im Januar und Februar
1930 fanden verschiedene vertrauliche Besprechungen statt, auf denen die
Kurswende der DVP unter Fühlungnahme mit der Industrie intern vorberei-
tet wurde.53 Den endgültigen Krisenfahrplan mit den Stationen:
Young-Plan-Ratifizierung, Bruch mit der Sozialdemokratie und schließlich
Koalitionsverhandlungen mit Brüning, Treviranus und Schiele legte der
Fraktionsvorsitzende der DVP, Scholz, am 4. Februar 1930 offen: Wie von
Gilsa seinem Auftraggeber Paul Reusch zu berichten wußte, hatten sich die
maßgebenden Kreise der DVP auf folgendes taktisch-strategisches Konzept
geeinigt:

"Nach Erledigung des Youngplanes sollen dann die innerpolitischen Dinge mit
größter Beschleunigung in Ordnung gebracht werden. Hier steht Scholz völlig auf
dem von mir Ihnen schon öfter vorgetragenen Standpunkt. Er beabsichtigt, in ul-
timativer Form an das Kabinett die Aufforderung zu richten, gesetzlich festgelegte
Bindungen für die Finanz- und Steuerreform vorzunehmen. Dabei sagte Scholz
uns vertraulich, daß er hierbei bewußt auf einen Bruch mit der Sozialdemokratie
hinarbeiten wolle. Er hat im Ausblick auf diesen Bruch auch schon Verbindungen
mit Schiele, Treviranus und Brüning aufgenommen.
Die Gefahr, daß es trotz eines solchen Vorgehens nicht zum Bruch mit der So-
zialdemokratie kommt. . ., liegt darin, daß Moldenhauer immer noch daran fest-
hält, im Jahre 1930 nur zu sanieren und erst im Jahre 1931 Steuersenkungen vor-
zunehmen . . . Es ist durchaus möglich, daß die Sozialdemokratie nach einigem
Geschrei sich mit diesem Plan einverstanden erklärt ... Aus diesem Grunde ... ver-
langen wir, daß schon im Jahre 1930 mit einer fühlbaren Steuersenkung begonnen
wird."54

Das Geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI, Geheimrat Kastl, war


mit diesem, jetzt auch von Silverberg vertretenen Konfrontationskurs nicht
vorbehaltlos einverstanden, hatte aber kaum noch eine Basis für seine ab-
weichende Auffassung. Kastl hatte auf dem Höhepunkt der Krise um das
Hilferdingsche Finanzprogramm die Haltung der Spitzenverbände gegen-
über der DVP-Fraktion dahingehend präzisiert, daß es darauf ankomme,

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 55


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

"die ablehnende Politik der Volkspartei gegenüber dem Programm der Re-
gierung so lange wie nur irgend möglich fortzusetzen, sie aber nicht so weit
zu treiben, als damit nicht die Sozialdemokratie in ihrem offensichtlichen
Bestreben, aus der Verantwortung für den Youngplan und für das Reform-
programm herauszukommen, unterstützt wird."55 Nicht zu Unrecht arg-
wöhnte von Gilsa, daß Kastl die Aufforderung zur Beibehaltung der Koali-
tion nicht nur taktisch meinte.56 Von Reusch deshalb zur Rede gestellt,57 der
schon im Dezember eine Ablehnung der Kompromißpolitik durch die DVP
begrüßt hätte, verteidigte sich Kastl geschickt,58 konnte aber seine zuneh-
mende Isolierung nicht verhindern. Gezielte Pressemeldungen über ein an-
geblich bevorstehendes Ausscheiden Kastls aus der Reichsverbandsführung
zeigten,59 wie umstritten seine Position inzwischen geworden war. Die la-
tenten Spannungen mündeten auf der RDI-Vorstandssitzung vom 16. Januar
1930 in einer offenen Kontroverse: Ausgangspunkt einer erregten Diskussi-
on zwischen Kastl und Reichert (VDEStI) bildete die abweichende Interpre-
tation der Rolle der bürgerlichen Parteien bei der "Mißwirtschaft" seit
1924/25. Kastl widersprach dabei entschieden der These Reicherts, daß die
Sozialdemokratie allein verantwortlich zu machen sei und daraus heute po-
litische Konsequenzen gezogen werden müssten.60
Im Februar und März 1930 versuchte Kastl der Koalition durch ein
Junktim zwischen Steuerreform und Young-Plan ein einigendes Band zu
erhalten,61 stieß aber mit diesem Bemühen, soweit zu sehen, nur bei Schäf-
fer (BVP) auf Resonanz.62 Die glatt ablehnende Stellungnahme der Spit-
zenverbände zum Steuer- und Finanzprogramm der Regierung vom 7. März
193063 bestätigte die Schwäche der um Ausgleich bemühten Indu-
striekreise.64 Diese Erklärung hatte, im übrigen parallel geschaltet mit dem
demonstrativen Rücktritt Schachts vom Präsidium der Reichsbank,65 als
letzte politische Konsequenz eine Regierungskoalition ohne Sozialdemo-
kratie im Auge.66 Reichswirtschafts- und Finanzminister Moldenhauer rea-
gierte mit Bestürzung auf die Ablehnung seines Programms durch den RDI
und kündigte, verbittert über die Desavouierung durch die Großindustrie,
seine Demission an.67 Kastl hatte sich diesmal im RDI mit seiner Politik
nicht durchsetzen können und verhielt sich, angeblich im "Urlaub", zumin-
dest nach außen hin in demonstrativer Passivität.68 Die von dem
RDI-Geschäftsführer Jacob Herle vertretene harte Linie entsprach demge-
genüber einem weitgehenden Konsensus im industriellen Lager. Auch Sil-
verberg bestätigte ausdrücklich, daß er mit dem Vorgehen Herles im Zu-
sammenhang der RDI-Erklärung vom 7. März 1930 gegen das Programm
der Großen Koalition "in vollem Umfange einverstanden"69 sei und jede
"Abschwächung" kritisieren müsse.70
Mit der Verabschiedung des Young-Planes am 11. März 1930 durch den
Reichstag war endgültig die Klammer zerbrochen, die die Große Koalition
noch zusammengehalten hatte. Der jetzt entbehrlich gewordenen Sozialde

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 56


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

mokratie blieb keine Schonfrist mehr, wenn auch Scholz auf dem Mann-
heimer Parteitag der DVP (20.-22. März) noch einmal eine taktische Wende
vollzog, indem er eine Regierung gegen oder ohne die SPD als auf Dauer
kaum möglich bezeichnete.71 Eine Woche später bereits stürzte das Kabi-
nett Müller über Meinungsverschiedenheiten in der Finanzierung der Ar-
beitslosenversicherung.72
Der Bruch der Großen Koalition am 27. März 1930 stellt, rückblickend
betrachtet, eine grundlegende politische Weichenstellung dar. Wie zu zei-
gen ist, bedeutete er aber im unmittelbaren zeitgeschichtlichen Zusam-
menhang noch nicht das unwiderrufliche Ende der parlamentarischen De-
mokratie in Deutschland.73

3. Präsidialsystem und personelle Alternativen

Mit der konservativen Wende zum autoritären Staat und einer vom Parla-
ment weitgehend abgelösten Exekutive erlangte das Amt des Reichspräsi-
denten eine politische Schlüsselstellung.74 Der Inhaber des Amtes, Gene-
ralfeldmarschall von Hindenburg, hatte schon im Jahre seiner Wahl 1925
einer Delegation des Reichsverbandes der Deutschen Industrie gegenüber
zu erkennen gegeben, daß eine "stärkere Anwendung des Artikel 48 auf der
Grundlage eines Ermächtigungsgesetzes" angesichts der "Not der Zeit"
durchaus von ihm unterstützt werde.75 Die Stabilisierungsphase der Repu-
blik bedeutete nur einen Aufschub dieser Pläne, denn schon eine Woche
nach dem "Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse vom Oktober
1929 wußte Martin Blank, der politische Vertreter der GHH in Berlin, zu
vermelden, daß angesichts "der fortschreitenden Verschlechterung der Lage
... natürlich auch wieder die Rede von einem Hindenburg-Kabinett' mit Er-
mächtigungsgesetz" sei. Freilich, so Blank, erscheine dieser Plan "im Au-
genblick . . . nicht so sehr aktuell", sondern es werde "wohl noch einer wei-
teren Zuspitzung der Lage bedürfen, ehe diese Frage akut wird".76
Das System der Präsidialregierungen 1930-33 wies der Reichswehr als
der Garantin einer parlamentarisch nur unvollkommen legitimierten Herr-
schaft eine Schlüsselrolle zu77, die ihr politischer Kopf, General Kurt von
Schleicher, überaus geschickt zu nutzen wußte. Sein Handlungsspielraum
wuchs mit der Anwendung des Artikel 48 WRV und einer von der parla-
mentarischen Basis abgehobenen, nur vom Vertrauen des Reichsprä-
sidenten getragenen Regierung fast automatisch.78 Da die Verfassung die
politische Ingerenz der Reichswehr aber nicht abdeckte, war die Intrige als
Methode gleichsam vorgegeben. Dies zeigte sich bereits beim Sturz Her-
mann Müllers: Der Adjutant Schleichers, Noeldechen, hatte in einer inter-
nen Studie die Ablösung der Großen Koalition und die Ersetzung

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 57


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

durch ein Hindenburg-Kabinett unter Brüning79 als Reichskanzler "mit dem


Auftrage, ohne Befragung der Fraktionen und ohne irgendwelche Koaliti-
onsbindungen eine Regierung von Persönlichkeiten zu bilden, die bereit
sind, die wirtschaftliche und finanzielle Sanierung ohne Rücksicht auf Par-
teien und Länder80 durchzuführen", schon im Januar 1930 präzise vorge-
zeichnet.81 Die Reichswehrführung ging dabei davon aus, daß sich die "ge-
samte Grüne Front" sowie "Industrie-, Bank- und Handelskreise hinter die-
se Regierung stellen würden."82
In Heinrich Brüning hatte Schleicher die Person gefunden, die bereit
war, die Wiedererrichtung eines autoritären Staates und einer vom Parla-
ment weitgehend unabhängigen Regierung in die politische Praxis umzu-
setzen. Vom Selbstverständnis her gelangte Brüning nie über das Bewußt-
sein hinaus, sein Amt im Auftrage des Reichspräsidenten83 und in Ver-
pflichtung der ihm anvertrauten Mission zu führen. Hier liegt auch der ei-
gentliche Schlüssel zum Verständnis seiner posthum erschienenen Memoi-
ren,84 die im Grunde eine verspätete Rechtfertigungsschrift gegenüber jener
konservativ-aristokratischen Führungsschicht darstellen, die Brüning berief
und, wie dieser subjektiv zu Recht empfand, unverdientermaßen kurz vor
Erreichen des Ziels fallen ließ. Die äußerliche Verselbständigung der Brü-
ningschen Politik 1930/31 widerspricht diesen Rahmenbedingungen nicht:
Brünings Handlungsspielraum umfaßte nur Methode und Taktik der Re-
staurationspolitik; über die in der Verfassung festgeschriebene Richtlinien-
kompetenz verfügte dieser Reichskanzler aber sicher nicht.85
Während Brünings Vorstellungen auf die Errichtung einer konstitutio-
nellen Monarchie zielten,86 vertrat der insbesondere von der Industrie pro-
tegierte frühere Reichskanzler Hans Luther ein in der Tendenz nicht unähn-
liches, aber doch eher diffuses Konzept eines autoritär-elitären Systerns."87
Der 1927/28 gegründete "Bund zur Erneuerung des Reiches" (BER),"88
auch "Luther-Bund" genannt, hatte über die Vorbereitung der "Reichsre-
form" hinaus vor allem die Aufgabe, Luther als Kandidaten einer zukünfti-
gen Rechtskoalition aufzubauen.89 Versuche Paul Reuschs, Luther in
der Nachfolge Stresemanns zum Parteiführer der DVP zu machen, hatten
im Dezember 1929 zwar keinen Erfolg,90 aber die Übernahme der Reichs-
bankführung im März 1930 schaffte eine Plattform, von der aus die Rück-
kehr in die Regierungsverantwortung vollzogen werden sollte. Gegenüber
dem befreundeten Journalisten Dr. Walter Jänecke91 erklärte Luther am 9.
März 1930, daß die Zeit für ein "Kampfkabinett" unter seiner Führung noch
nicht gekommen sei, denn "Brüning dränge zur Regierung, erst wenn er
erledigt sei, sei die Bahn frei." Das Amt des Reichsbankpräsidenten ver-
schaffe ihm, Luther, die Stellung eines "finanziellen Beraters" gegenüber
dem Kabinett, wobei er sich als "politischer Vertrauensmann der
Wirtschaft" verstehe.92 In der Tat hatten zahlreiche Persönlichkeiten aus
Bank- und Industriekreisen, u. a. Paul Reusch, Gustav Krupp und J.

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 58


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restauration

Goldschmidt, Luthers weitgesteckte Ziele gebilligt und ihn in der Über-


nahme zunächst der Reichsbankführung bestärkt.93
Das Verhältnis von Brüning und Luther während der Jahre 1930 bis
1932 war zumindest bis zur Bankenkrise im Sommer 1931 von einer subti-
len Rivalität bestimmt.94 Luther, als der Politiker in "Reserve", stand bereit,
einen scheiternden Brüning abzulösen, ohne dabei wirklich alternative
Konzepte im wirtschaftlichen oder politischen Bereich anbieten zu kön-
nen.95 Die sachliche Differenz bestand im wesentlichen darin, daß Luther
auch nach außen hin gegen Parlament und Sozialdemokratie regieren woll-
te, dabei aber anerkannte, daß Brüning zunächst notwendige unpopuläre
Vorarbeiten erledigen musste.96
Dieser Brüning-Luther-Konzeption der pragmatischen, etappenweisen
Restauration stand die Radikallösung der "Nationalen Opposition" gegen-
über, die jeden Kompromiß ablehnte. Während die Hugenbergsche Variante
der intransigenten Opposition bei der Industrie insbesondere wegen ihrer
einseitig agrarischen Orientierung auf weitgehende Verständnislosigkeit
stieß97 fand eine "Katastrophenpolitik", wie sie Hjalmar Schacht98 verstand,
zunehmenden Beifall. Schacht verkörperte für die Großindustrie seit seiner
Harzburger Rede im Herbst 1931 die faschistische Krisenlösung und fun-
gierte im Frühjahr 1932 als wichtige Schaltstelle in der Annäherung an den
Nationalsozialismus.99 Eher noch als Brüning und Hitler bildeten Luther
und Schacht die eigentlichen Pole der politischen Orientierung der Industrie
zwischen autoritär-elitärem und bonapartistisch-faschistischem System.
Ein in Methode und Zielrichtung übereinstimmendes Restaurationskon-
zept der Republikgegner lag 1929/30 nicht vor. Gleichwohl herrschte im
rechts-konservativen Lager ein weitverbreiteter Konsensus, daß der Haupt-
fehler der deutschen Entwicklung seit 1918 im parlamentarisch-
demokratischen System an sich und insbesondere der politischen Mitver-
antwortung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften begründet liege.

Anmerkungen zu Kap. III auf S. 220-26 59


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

IV. Politische Offensive und bürgerliche Sammlung


im Sommer 1930

1. "Hinein in die Politik"

Die Großindustrie, an Krise und Auflösung der Weimarer Koalition nicht


unbeteiligt, begegnete der im Frühsommer 1930 zunehmend in Bewegung
geratenden politischen Landschaft mit einer wohlabgestimmten Offensiv-
strategie. Hinter dem jetzt wiederholt propagierten Schlagwort "Politik ist
Schicksal",1 verstanden als Antithese zu dem Rathenau-Wort "Wirtschaft ist
Schicksal",2 stand kaum verhüllt der politische Führungsanspruch des
Unternehmertums, den der Hauptgeschäftsführer des Langnam-Vereins,
Max Schlenker, wie folgt präzisierte:

"Nach unserer Überzeugung kann es nur wieder aufwärts gehen, können


Wirtschaft und Staat nur dann wieder in geordneten Bahnen wirken und arbeiten,
wenn der deutsche Unternehmer ... nunmehr auch politisch in die Bresche springt
und sich den ihm gebührenden Platz am Steuer des Staates sichert."3

Bereits Ende Januar 1930 hatte Paul Reusch dazu aufgerufen, gegen die
"unselige Zersplitterung" der bürgerlichen Kräfte mit "aller Macht anzu-
kämpfen", da "mit uns das deutsche Volk verloren" sei, "wenn wir nicht
endlich hinter die Vertretung unserer wirtschaftspolitischen Belange das
notwendige Gewicht an innerpolitischer Durchschlagskraft stellen kön-
nen."4 In Anknüpfung an alte Pläne von 19235 verlangte Reusch die
konsequente politische Instrumentalisierung des DIHT, der wegen seiner
spezifischen Organisationsstruktur vor allen anderen Industrieverbänden
dazu aufgerufen sei, den Forderungen der Wirtschaft gegenüber dem Staat
die benötigte Stoßkraft zu verleihen.6
Das öffentliche Signal7 zur politischen Offensive des Unternehmertums
setzte die 58. Mitgliederversammlung des Langnam-Vereins am 4. April
1930: Springorum, Schlenker und Silverberg forderten zum aktiven Ein-
greifen in den politischen Entscheidungsprozeß auf. Während der neue
Vorsitzende des Langnam-Vereins, F. Springorum, die Notwendigkeit eines
geschlossenen Vorgehens der Industrieverbände und der von der Wirtschaft
in die Parlamente entsandten Persönlichkeiten betonte,8 regte Schlenker an,
den großen Unternehmungen einen "politischen Direktor" beizuordnen,
"dessen Aufgabe darin zu bestehen hätte, nach aller Möglichkeit zu
verhindern, daß durch die Politik mit einem Schlage wieder alles

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 60


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

weggewischt wird, was in zähem Ringen und durch Einsatz aller Fähigkei-
ten auf technischem und kaufmännischem Gebiet erreicht wurde".9 Silver-
berg, der die Rednerliste abschloß, lenkte demgegenüber die Aufmerksam-
keit auf das "ungelöste" Preußenproblem. Die "Überspannung der
Demokratie", die sich auch in Form eines zu partikularistischen Reichsauf-
baus äußere, verlange nach einer "organisatorische[n] Änderung", nämlich,
so Silverberg weiter, "daß an die Grundlagen unseres Staatsseins, an die
Verfassung, an die Organisation des Staates im ganzen herangegangen
werden muss".10 Der politische Hintergrund dieses Ansatzes war
offensichtlich: Solange in Preußen eine sozialdemokratisch geführte Regie-
rung amtierte, waren Legislative und Exekutive des Reiches, auch nach
dem Sturz der Großen Koalition, nicht in dem gewünschten Maße autonom
und unabhängig vom "Renten- und Verteilungsmarxismus" sozial-
demokratischer Provenienz.11 Da entscheidende parlamentarische Verän-
derungen in Preußen nicht möglich schienen, bot sich nur der Ausweg der
"Verfassungsreform", wie sie auch vom "Bund zur Erneuerung des
Reiches" (BER) angestrebt wurde.12
Nach Vordiskussion im DIHT und Langnam-Verein griff der Reichs-
verband im Rahmen der Hauptausschuß-Sitzung vom 23. Mai 1930 das
Thema "Wirtschaft und Politik" auf.13 In einer programmatisch gehaltenen
Erklärung rechtfertigte der Präsident des RDI, Duisberg, die sich
verstärkende politische Aktivität der Industrie mit dem Umstand, daß seit
dem "Umsturz" von 1918 die letzte Entscheidung in wirtschaftlichen
Dingen" in die "Hände der Massen" gelegt worden sei, während vor der
Revolution "ein gut geschulter und sachkundiger Beamtenapparat vom
Gesichtspunkte des Gemeinwohls aus die Staatsaufgaben zu lösen ver-
suchte." In der modernen Demokratie sei die Ebene der "Sachlichkeit"
verlassen und mit der der "Politik" vertauscht worden. Daraus folge die
unumgängliche Notwendigkeit, daß "die Wirtschaft mit allen zu Gebote
stehenden Mitteln aktiv handelnd in die Politik eingreift und so aus der
Sphäre der Warner und Mahner zur Selbsthilfe und aktiven Tat fortschreitet
... Es gilt, in aktiver politischer Arbeit für die Durchsetzung und
Berücksichtigung wirtschaftlicher Notwendigkeiten bei politischen Ent-
scheidungen zu kämpfen."14
Durchaus in Anknüpfung an den "temperamentvollen Vorstoß" des
Langsam-Vereins und dessen "Heroldsruf" vom 4. April 193015 forderte
Duisberg das industrielle Unternehmertum auf, "sich noch viel mehr als
bisher eine zuverlässige Querverbindung" in der Politik zu sichern. Insofern
mit dem Langnam-Verein übereinstimmend, lehnte Duisberg es allerdings
eindeutig ab, den Reichsverband oder eine andere Spitzenorganisation
"direkt" einzuschalten oder in einem Sinne zu politisieren, wie es Paul
Reusch für den DIHT verlangt hatte.16 Nicht auf der Ebene des Reichsver-
bandes könne die "Querverbindung" zwischen Wirtschaft und Politik
geschaffen werden, sondern jede Persönlichkeit, die in der Wirtschaft

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 61


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

Verantwortung trage, müsse sich selbst um aktiven politischen Einfluß,


d. h. um ein Mandat im Gemeinderat, Kreistag, Provinzialausschuß, Land-
tag oder Reichstag bemühen. Nur so sei es möglich, daß "in der Politik
wirtschaftliche Angelegenheiten von wirtschaftlichen Sachverständigen
maßgeblich beeinflußt werden" könnten.17 Wenn Duisberg die Wurzel des
Übels auch vornehmlich in der "modernen Demokratie" zu erkennen
glaubte, so sprach er sich mit seinem Aufruf zu verstärktem persönlichen
Engagement "im Rahmen unserer heutigen Staatsverfassung" jedoch nicht
eindeutig für eine Systemüberwindung der ungeliebten Republik aus.
Der Präsident der VDA, Borsig, betonte, daß es über die Vorschläge
Duisbergs hinaus notwendig sei, einen Weg zu suchen, "auf dem wir mit
den Politikern aller bürgerlichen Parteien Fühlung gewinnen in der Weise,
daß diese nicht nur die Wünsche der Verbände ohne eigene Stellungnahme
entgegennehmen, sondern gezwungen werden, die bei ihnen und ihren
Fraktionen bestehenden Bedenken darzulegen, damit wir auch Gelegenheit
haben, diese zu zerstreuen oder gemeinsam mit den Politikern der verschie-
denen Fraktionen einen Weg des erträglichen Kompromisses zu suchen."18
Als Lösungsmodell hatte Borsig dabei die Einrichtung eines "interfraktio-
nellen Gremium[s] für wirtschaftspolitische und sozialpolitische Fragen"
beim RDI und der VDA im Auge.19 Bei der Arbeit dieses "Parlamentari-
schen Ausschusses", dessen Abgeordnete von den Wirtschaftsverbänden(!)
gewählt werden sollten, müsse im Interesse "sachgerechter" Entscheidun-
gen eine "klare Scheidung" zwischen wirtschafts- und sozialpolitischen auf
der einen und parteipolitischen Fragestellungen und Argumentationen auf
der anderen Seite vollzogen werden. Dabei gehe es nicht um theoretische
Diskussionen, sondern um die Findung von "praktischen Lösungen", die die
Entscheidung des Parlaments vorformten. Hier komme es auf das Geschick
der Persönlichkeiten aus der Industrie an, im Sinne ihrer Vorstellungen auf
die Abgeordneten einzuwirken. Borsig hielt es darüber hinaus sogar für
möglich, zu erreichen, daß die Abgeordneten, die in diesen Ausschuß
gewählt sind, "die moralische Verpflichtung fühlen, an allen Sitzungen
teilzunehmen", wobei denjenigen, die sich den Sitzungen fernhalten,
"nachdrücklich zum Bewußtsein" gebracht werden müßte, "daß sie in der
Zukunft für die Spitzenverbände als Wirtschaftsvertreter nicht mehr
existieren". Es sei dann auch denkbar, daß bei den Parteien selbst das
lebhafteste Interesse" entstehen könne, in diesem Ausschuß vertreten zu
sein.20
Silverberg, der abschließend das Wort ergriff, hielt Borsig entgegen, daß
die Idee einer solchermaßen fest institutionalisierten und straff geführten
Lobby-Organisation an der politischen Wirklichkeit vorbeigehe.21 Wenn die
Wirtschaft tatsächlich politischen Einfluß gewinnen wolle, bleibe keine
Alternative, als "persönlich in die Parteipolitik hineinzugehen". Auch die
"Politisierung" des RDI biete keine Lösung: "Daß unsere Verbände
objektiv bleiben müssen, ist eine Existenzfrage für sie: wir sind objektiv

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 62


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

oder wir sind überhaupt nicht." Dabei war für alle Versammelten klar, daß
die hier gemeinte "Objektivität" sich darauf reduzierte, von Verbandsseite
eine feste politische Option für eine bestimmte Partei im bürgerlichen Lager
nach Möglichkeit zu vermeiden.
Im Gegensatz zu Duisberg boten für Silverberg jedoch nicht die Parla-
mente den eigentlichen Ansatzpunkt für das "Hinein in die Politik", sondern
vielmehr die Exekutive, "wo wir unendlich viel wirken können". Wenn
auch ein Mitwirken in der Parteiarbeit notwendig bleibe, komme es doch
vor allem darauf an, "in die kleinen Gremien der Selbstverwaltung und der
übrigen Verwaltungen ein[zu]dringen und da unsere korrigierende Stimme
und unsere korrigierende Hand mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit
ein[zu]setzen."22 Eine Bestätigung dieses Ansatzes erhielt Silverberg von
der Fachgruppe Bergbau im RDI, die ihm beipflichtete:

"Die einzige Art, das Problem praktisch anzufassen, ist die Methode des Hinein in
die Politik', und gerade da, wo man im engeren Bezirk Einfluß nehmen kann. Die
Demokratisierung unseres Parteiwesens ist so fest, daß nur der letzten Endes
Einfluß hat, der praktisch an der Front mitarbeitet. Unsere Industriellen verfallen
in den großen Fehler, zu glauben, daß sie mit dem Ausschreiben von Schecks für
politische Fonds und für Wahlen und mit der Kritik an parlamentarischen
Handlungen das an politischer Arbeit tun, was man von ihnen erwarten kann."23

Das Votum der Fachgruppe Bergbau unterstreicht andererseits, daß die


im Frühjahr 1930 auf höherer Reichsverbandsebene diskutierten Strategien
einer politischen Offensive der Großindustrie von der Existenz eines nach
wie vor funktionierenden parlamentarischen Systems ausgingen. Dieser
Pragmatismus war allerdings durchaus ambivalent: Nicht dazu im Wider-
spruch stand, weitergehende verfassungspolitische Zielvorstellungen anzu-
sprechen, die eine tendenzielle Oberwindung des Weimarer Kompromisses
beinhalteten.24
So gesehen, zeichnete sich ein deutliches Spektrum ab, das vom RDI
über den Langnam-Verein bis zum "Verband Sächsischer Industrieller"
(VSI) reichte. Während die Reichsverbandsführung den "Rahmen unserer
heutigen Staatsverfassung" als verbindlich für ihre Operationen ansah,25
forderte der schwerindustriell dominierte Langnam-Verein eine tiefgrei-
fende Verfassungsrevision26 die im einzelnen freilich nicht exakt definiert
war. Als Vertreter einer überwiegend mittelständisch strukturierten Indu-
strie verfocht der Vorsitzende des VSI, Wittke, die radikalste Linie:27 Seine
vielzitierten Ausführungen auf der Mitgliederversammlung des RDI am 12.
Dezember 1929 in Berlin beleuchteten, auch wenn ihnen eine verbindliche
Repräsentativität fehlte, schlaglichtartig die gesamte Szenerie:

"Ist das Parlament seiner Aufgabe nicht gewachsen, kann es sie nicht meistern,
dann wird gar nichts anderes übrig bleiben, als wieder einmal, wie es ja bereits
1923/24 der Fall gewesen ist, sich auf das Gebiet der Verordnungen zu begeben,
was im übrigen eine durchaus zulässige, verfassungsmäßige Sache ist. Man muß

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 63


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

versuchen, durch Verordnungen den Zustand zu schaffen, den die fehlende


Gesetzgebung nicht schaffen kann. - Ich stehe durchaus nicht isoliert da, wenn ich
sage: ein Ermächtigungsgesetz kann vielleicht noch die einzige Hilfe sein, die uns
aus diesem Elend herausführt ."28

Die großen politischen Alternativen waren damit bereits zu Beginn der


Staats- und Wirtschaftskrise in Deutschland in ihren Umrissen angedeutet.

2. Die Reorganisation des RDI

Die politische Offensivstrategie der Großindustrie war begleitet von perso-


nell-organisatorischen Veränderungen innerhalb der Führungsgremien des
Reichsverbandes. Durch die Neuschaffung eines" Engeren Präsidiums" im
Mai 1930 erfuhr der Verbandsapparat eine energische Straffung, welche die
Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Präsidium optimieren und
die Schlagkraft des RDI nach außen erhöhen sollte.29
Die für die Willensbildung und Entscheidungsfindung des RDI maßge-
benden Organe entsprachen in ihrem Aufbau im wesentlichen einem
pyramidenförmigen Schema.30 An der Basis befand sich die in der Regel
jährlich einzuberufende Mitgliederversammlung, die dem Vorstand Entla-
stung zu erteilen hatte. Diese Versammlungen, die durchschnittlich von
2000-300031 Unternehmern besucht wurden, hatten in erster Linie Akkla-
mationsfunktion und dienten der "öffentlichen Demonstration".32
Bedeutsamer war der Hauptausschuß (HAS), der nur mehr aus 200 Mit-
gliedern bestand. Der HAS setzte sich entsprechend der Struktur des
Reichsverbandes aus 140 von den Fachgruppen und 30 von den landschaft-
lichen Verbänden zu entsendenden Vertretern sowie aus 15 Repräsentanten
von Einzelunternehmungen und 15 weiteren Einzelpersönlichkeiten
zusammen. Der Hauptausschuß bestellte den 105 Mitglieder zählenden
Vorstand, der laut Satzung die Führung der Geschäfte überwachte und aus
seiner Mitte das Präsidium wählte, dem 36 Personen angehörten. Das
Präsidium des Reichsverbandes, "eine erlauchte Versammlung bekanntester
Köpfe der Industrie",33 hatte faktisch Entscheidungskompetenz in allen
Fragen von grundsätzlicher Bedeutung, soweit sie der offiziellen Billigung
der Organe des RDI bedurften. Daneben konnten die Präsidialmitglieder
ihren vorherrschenden Einfluß in den Präsidial- und Vorstandsbeiräten
sowie den Sonderausschüssen, dem "elastischen Organisationsmoment"34
im Aufbau des RDI, geltend machen, in denen sie meist
Schlüsselpositionen einnahmen.
Die auf der Hauptausschußsitzung am 23. Mai 1930 beschlossene Neu-
bildung eines "Engeren Präsidiums"35 beinhaltete mehr als eine bloße
Reorganisation der Führungsspitze des RDI. Vordergründiges Ziel36 war
zunächst, die Kooperationsbedingungen innerhalb des Reichsverbandes,

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 64


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

d. h. zwischen der ehrenamtlich tätigen Verbandsführung und der zur


Verselbständigung neigenden Bürokratie37 zu verbessern. Dazu wurden
dem Präsidenten jetzt fünf statt bisher zwei Stellvertretende Vorsitzende
beigeordnet, die über genau festgelegte Zuständigkeitsbereiche, verfügten.38
Die maßgebende Entscheidungskompetenz des "Engeren Präsidiums"
wurde in einer schriftlichen Erläuterung zu Aufgaben und Funktionen des
neuen Gremiums unterstrichen: Danach waren die Mitglieder des
"Oberpräsidiums" gehalten, "dem Vorsitzenden, dem Geschäftsführenden
Präsidialmitgliede und dem Geschäftsführer jederzeit mit Rat und Tat zur
Seite zu stehen und auch in Fragen der Repräsentation zu unterstützen". Die
Geschäftsführung ihrerseits war verpflichtet, die Stellvertretenden
Vorsitzenden des RDI in "allen wichtigen und bedeutsamen Angele-
genheiten des Reichsverbandes ... zu hören und auch bei Besprechungen in
den Ministerien und bei Beratungen der Spitzenorganisationen aufzufor-
dern, teilzunehmen."39
Im "Engeren Präsidium", dessen satzungsmäßig nicht abgedeckte Son-
derrolle gegenüber Präsidium, Vorstand und Hauptausschuß offiziell stets
in Abrede gestellt wurde,40 fielen fortan die wichtigsten Entscheidungen
innerhalb des RDI und erfolgten die maßgeblichen Vorabsprachen über die
Politik des Verbandes. Äußerlich wurde der Gang des Meinungsbildungs-
prozesses von oben nach unten auch schon dadurch verdeutlicht, daß das
"Engere Präsidium" in der Regel eine halbe Stunde vor der Sitzung des
Gesamtpräsidiums zusammentrat41 und die Präsidialsitzungen selbst, meist
am Vormittag gelegen, den am Nachmittag stattfindenden Sitzungen des
Vorstands bei jeweils gleicher Tagesordnung vorausgingen.
Die personalpolitischen Entscheidungen im Frühjahr 1930 hatten durch-
aus programmatischen Charakter: So manifestierte sich in der personellen
Zusammensetzung des "Engeren Präsidiums" ein gemäßigter Kurs, der auch
als bewußte Abgrenzung gegenüber dem radikalen Lager innerhalb der
Schwerindustrie verstanden werden konnte. Während im Langnam-Verein
der deutschnational orientierte Friedrich Springorum den im
Gesamtspektrum eher gemäßigten Paul Reusch im Vorsitz ablöste,42 fand
die Ruhrindustrie in der neuen Führungsspitze des RDI keinen ihrem
wirtschaftlichen oder politischen Gewicht entsprechenden Platz. Als einzi-
ger Vertreter des "Westens", wenn diese Kategorisierung in diesem
Zusammenhang überhaupt möglich ist, rückte Paul Silverberg ins "Enge
Präsidium" auf. Personelle Alternativen aus der Schwerindustrie waren
dabei in Absprache mit dem Geschäftsführenden Präsidialmitglied Kastl
durch eine Scheinkandidatur Paul Reuschs von vornherein ausgeschaltet
worden.43 Die übrigen stellvertretenden Vorsitzenden Frowein, Kraemer
und Müller-Oerlinghausen44 gehörten der verarbeitenden Industrie an
(Textil und Papier) und vertraten einen realpolitischen Kompromisskurs.45
Der politische Stellenwert der Zusammensetzung der neuen RDI-Füh-
rungsspitze war somit unverkennbar: Im "Engeren Präsidium" waren jene

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 65


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

Industriellen versammelt, die die von Silverberg 1926 verkündete "Aner-


kennung der heutigen Staatsform" aktiv vertraten. Der reformorientierte,
kompromißbereite Unternehmerflügel hatte sich damit unter der Führung
Duisbergs und Kastls im Spitzengremium des RDI eine wirkungsvolle
Plattform geschaffen, von der aus einer Katastrophenpolitik, wie sie von
Teilen der mittelständischen und schwerindustriellen Unternehmerschaft
verfolgt wurde, wirksam entgegengetreten werden konnte.46
Innerhalb des Reichsverbandes wurden die Führer der Opposition nicht
nur bei der Besetzung des "Engeren Präsidiums" übergangen, sondern auch
aus anderen Organen ausgeschaltet. Während Ernst Brandi in seiner
Eigenschaft als Vorsitzendem des "Vereins für Bergbauliche Interessen"
kompensatorisch ein Platz im Präsidium zugestanden wurde, "rückten" Fritz
Thyssen, Ernst Poensgen und Gustav Krupp in den Senat "auf"47 Da dem
Senat, dem sonst nur noch die Industriellen v. Siemens, Fischer und
Rosenthal angehörten, zugleich mit Entzug des bisher verbrieften Stimm-
rechts auf Präsidialebene jede Funktion genommen wurde,48 war die Wahl
in dieses Gremium gleichbedeutend mit der 'Kaltstellung' in der aktiven
Verbandspolitik. Offener Widerstand gegen diese Umgruppierung im
Reichsverband kam nur von Clemens Lammers,49 hinter dem offenbar
Kreise um Hermann Bücher und Gustav Krupp standen. Thyssen hatte sich
zuvor telegraphisch aus Wien gemeldet, um eine Verschiebung der Wahlen
vom 23. Mai zu erreichen.50 Nach der Erfolglosigkeit ihres Einspruchs
legten Lammers und Bücher demonstrativ die Mitgliedschaft im
wichtigsten Sonderausschuß, dem Präsidial- und Vorstandsbeirat für All-
gemeine Wirtschaftspolitik, nieder. Die latenten Spannungen zwischen
Reichsverband und westlicher Industrie mündeten bereits hier in einer
deutlich erkennbaren Polarisierung.
Der Versuch, im Herbst 1931 nach dem altersbedingten Rücktritt Duis-
bergs durch die Wahl Krupps zum neuen Präsidenten des RDI eine feste
Klammer zwischen den Industrieflügeln zu schaffen, war schon vom
Ansatz her problematisch. Die substantiellen Divergenzen konnten nicht
grundlegend ausgeräumt werden, so daß die Auseinandersetzung in die
Verbandsführung selbst getragen wurde. Der schon früher angelegte, aber
insbesondere nach dem Amtsantritt Krupps zum Tragen kommende
Gegensatz innerhalb der Bürokratie des RDI zwischen dem Geschäftsfüh-
renden Präsidialmitglied Ludwig Kastl für die verarbeitende Industrie auf
der einen und dem Geschäftsführer Jacob Herle für die Schwerindustrie auf
der anderen Seite stellte für die Integrationskraft des Reichsverbandes eine
besondere Belastung dar, konnte die Position des RDI als der gesamtindu-
striellen Spitzenorganisation aber nicht ernsthaft gefährden.

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 66


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

3. Bürgerliche Sammlung, Gewerkschaften und Große Koalition

Die Aktionen der Industrie im Rahmen ihres neuen Offensivkonzepts vom


Frühjahr 1930 konzentrierten sich zunächst auf die Neuformierung der
bürgerlichen Parteien und deren Zusammenschluß in einer "Arbeitsge-
meinschaft der Mitte".51 Durchaus am pragmatischen Ansatz des "Hinein in
die Politik" orientiert, ging es darum, das nach der Sprengung der Großen
Koalition entstandene Vakuum zu füllen und die konservativautoritäre
Kurswende politisch dauerhaft abzusichern. Der im Dezember 1929
einsetzende Versuch einer "Bürgerlichen Sammlung"52 kam nach einigen
spektakulären Anfangserfolgen, zu denen die Abspaltung der Tre-
viranus-Gruppe von der DNVP, die Umorientierung der DVP unter Scholz
und nicht zuletzt der Sturz der Regierung Müller zählten, allerdings schon
recht bald ins Stocken. Die strategisch-taktischen Divergenzen im
bürgerlichen Lager versagten den insbesondere von Paul Reusch mit aller
Energie betriebenen Versuchen,53 "das nichtmarxistische Bürgertum zu
einer gemeinsamen Front zusammenzufassen",54 den erhofften Erfolg.
Anfänglicher Euphorie folgte Ernüchterung und Ratlosigkeit. Zwar war die
Ausschaltung der Sozialdemokratie, das vermeintliche Hindernis einer am
industriellen Interesse orientierten Politik, gelungen, aber eine akzeptable
Alternative im Sinne einer arbeitsfähigen Reichstagsmehrheit schien bereits
im Mai 1930 nicht mehr zu gewinnen zu sein.55 Grundsätzlich boten sich
nur zwei Wege: Entweder schwenkte die Wirtschaft voll auf den Kurs der
insbesondere vom rechten Flügel der Schwerindustrie (Thyssen, Sprin-
gorum, Vögler) ventilierten Strategie einer vom Parlament unabhängigen
Regierung auf der Basis einer Notverordnungsdiktatur ein, oder es blieb der
gewiß bittere Wiederbelebungsversuch einer Großen Koalition.
Bereits in den ersten Tagen der Regierung Brüning hatte der "Central-
verband des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes" (Bernstein) gegen
über der westlichen Industrie deutlich gemacht, daß eine vorzeitige Reichs-
tagsauflösung "unter allen Umständen" vermieden werden müsse und einer
antiparlamentarischen Regierungsführung insbesondere mit Rück
sicht auf die amerikanischen Dollarkredite nicht zugestimmt werden
könne.56 Auch in Konsequenz dieses Zusammenhangs formierten sich nach
dem vorläufigen Scheitern der "Bürgerlichen Sammlung" die gemäs-
sigten Kräfte der Industrie und suchten nach neuen Wegen einer parlamen-
tarischen Lösung der Krise. Wie der politische Beauftragte der GHH, von
Gilsa mit Bedauern zu berichten wußte, "hört man leider schon wieder allzu
oft das Wort von einer kommenden Großen Koalition. Es sei
bemerkenswert, so von Gilsa weiter, "daß einer der prominentesten
Wirtschaftsführer des Industrie-Reviers bei einer Besprechung sich ganz
offen dahin ausgedrückt haben soll, die nötigen Finanz-, Steuer- und
wirtschaftspolitischen Maßnahmen seien doch nur mit Unterstützung der
Sozialdemokratie durchzuführen."57 Anscheinend war damit Silverberg

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 67


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

gemeint, der seit 1926, der berühmten Dresdener Rede, als Hauptverfechter
dieses Gedankens galt.58
Diese Überlegungen, die auch von anderer Seite bestätigt wurden,59
fanden ihren konkreten Ansatzpunkt in den im Mai/Juni 1930 aufgenom-
menen Kontakten zwischen den Spitzenverbänden der Wirtschaft und den
Gewerkschaften.60 In Wiederanknüpfung an den Zentralarbeitsgemein-
schaftsgedanken von 1918 bemühte sich auf Initiative Hans von Raumers61
eine Kommission des RDI und der VDA zusammen mit den Gewerkschaf-
ten, eine Grundsatzerklärung zu den Prinzipien der künftigen Finanz-,
Wirtschafts- und Sozialpolitik auszuarbeiten. Die Industrie hatte ihr Kon-
zept zuvor mit Reichskanzler Brüning und Reichsarbeitsminister Steger-
wald in einer getrennten Besprechung abgestimmt62 und verfolgte den
Gedanken, die zu findende Übereinkunft mit den Gewerkschaften in betont
demonstrativer Form als "Pfingstbotschaft" durch den Reichspräsidenten
verkünden zu lassen.63
Die eigentliche Brisanz dieser Verhandlungen lag darin, daß damit
implizit die Rückkehr der Sozialdemokratie in die Regierungsverantwor-
tung verknüpft war.64 Diese, insbesondere vom "Engeren Präsidium" des
Reichsverbandes vertretene Linie stieß allerdings in Präsidium und Vor-
stand von RDI und VDA, wie sich im Rahmen der Sitzungen vom 3. Juni
1930 zeigte, auf deutlichen Widerstand.65 Während Kastl, Müller-Oerling-
hausen, Frowein und von Raumer für die Fortsetzung der Gespräche mit
den Gewerkschaften auf der Basis der bisherigen Verhandlungen eintraten
und einen baldigen gemeinsamen Schritt gegenüber dem Reichspräsidenten
befürworteten, opponierten Borsig, Braun, Blohm, Thyssen und Wittke
gegen eine Verständigung mit der Arbeitnehmervertretung. Bücher und
Vögler vermieden eine klare Stellungnahme, tendierten aber eher zur
Zurückhaltung. Damit zeichnete sich in etwa das gleiche Spektrum ab, das
schon im Zusammenhang der Dresdener Rede von 1926 deutlich geworden
war.66 Diesmal aber war es Silverberg, der vermittelnd eingriff und mit
seinem Kompromißvorschlag, die Verhandlungen wohl fortzusetzen, aber
gleichzeitig die Vorbedingungen zu präzisieren und zu bekräftigen, die
aufgebrochenen Gegensätze im Industrielager oberflächlich zu überbrücken
wußte.
Nach Überarbeitung des Resolutionsentwurfs (wobei Borsig mit seiner
Forderung, die Aufhebung der Verbindlichkeit von Schiedssprüchen mit im
Text aufzunehmen, nicht durchdringen konnte)67 kam es am 6. und 13. Juni
zu erneuten Verhandlungen mit den Gewerkschaften, die durchaus in einer
"guten Atmosphäre" verliefen.68 Zwar verhinderte die "überarbeitete"
Vorlage der Unternehmerseite das Zustandekommen eines gemeinsam
gebilligten Grundsatzprogramms, aber die Fäden waren nicht abgerissen
und die Basis für eine weitere Zusammenarbeit blieb gewahrt. In der diesen
Verhandlungen folgenden Präsidial- und Vorstandssitzung von RDI und
VDA am 13. Juni 193069 begrüßten insbesondere Borsig, Thyssen und

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 68


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

Blohm das Scheitern einer gemeinschaftlichen Resolution mit den Gewerk-


schaften, während Frowein und von Raumer die Entscheidung der Arbeit-
geber vom 3. Juni, nicht sofort zu einer Einigung mit den Vertretern des
ADGB zu kommen, nachdrücklich bedauerten.70 Immerhin aber passierte
das gemeinsame Pressekommunique der Besprechungen vom 13.Juni,
wonach Gewerkschaften und Unternehmer zur Oberzeugung gekommen
seien, "daß weitere Besprechungen der einzelnen praktischen Fragen zu
einer Verständigung über positive Maßnahmen und zu nützlichen Ergeb-
nissen für unser Volk führen können"71 ohne Widerspruch die Sitzung.
Einer Fortsetzung der Verhandlungen stand damit zumindest grundsätzlich
nichts im Wege.
Die Präsidialsitzung selbst endete in einer offenen Kontroverse zwischen
dem Geschäftsführenden Präsidialmitglied des RDI, Kastl, und dem Vor-
sitzenden des VSI, Wittke, der schon die Mitgliederversammlung des RDI
vom 12. Dezember 1929 zum Anlaß genommen hatte, um von dieser Bühne
aus in aller Öffentlichkeit nach der Errichtung einer Diktatur zu rufen.72 Die
Vorschläge Kastls zur Bilanzierung des Reichsetats lehnte Wittke mit der
Begründung, es sei nicht Aufgabe des RDI, sich über Schwierigkeiten im
Reichstag den Kopf zu zerbrechen, rundweg ab. Kastl, der die dahinter
stehende Forderung nach einer Katastrophenpolitik' unter Ausschaltung des
Reichstags wohl begriff, konterte in ungewohnter Schärfe:
"Es ist nicht damit getan, daß ich dauernd schreie und schreie: die Ausgaben
müssen gesenkt werden. Selbstverständlich ist es richtig, daß die Ausgaben
gesenkt werden müssen. Aber ich muß doch auch die Kirche im Dorf lassen ...
Und ich garantiere Ihnen, Herr Wittke, wenn sie heute auf den Stuhl des Diktators
des deutschen Reiches gehoben werden sollten und Sie werden vor die Frage
gestellt, den Haushalt zu bilanzieren, dann sind Sie nicht in der Lage, an dem
gegenwärtigen Haushalt, ohne die ganze Geschichte in Grund und Boden
zusammenstürzen zu lassen, mehr als 100 Millionen mit sofortiger Wirkung zu
sparen.
Ich wollte, es könnte einmal das Exempel statuiert werden. Ich möchte
denjenigen sehen, der an diese Stelle kommt. Es ist ganz unmöglich. Ich habe
vorhin ausdrücklich gesagt: wenn man die parlamentarischen Möglichkeiten
abwägt, dann kommt man etwa bis zu einer Größe von 100 Millionen. Wenn ich
die Sache vom Piedestal der Diktatur aus ansehe, dann wird die Sache
vorübergehend mit ungefähr 300 Millionen billiger werden. Aber ich garantiere
Ihnen, nach 6 Monaten sehen Sie auf einmal gar keine Möglichkeit, die Sache
anders zu machen."73
Damit war zum Abschluß der Debatte unmißverständlich zum Ausdruck
gekommen, worum es in den Verhandlungen mit den Gewerkschaften
eigentlich ging: Es standen sich gegenüber die Konzepte der auf
Kompromiß der Sozialpartner bemühten parlamentarisch-demokratischen
und der auf Konfrontation und Klassenkampf gerichteten diktatorischen
Lösung der Krise. Die Führung des Reichsverbandes, das "Engere Präsi-
dium", unterstützte dabei einmütig den Versuch und das Bemühen seines

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 69


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

Geschäftsführenden Präsidialmitglieds, der Regierung Brüning nicht zuletzt


durch die Einbeziehung der SPD in die Regierungsverantwortung eine
stabile parlamentarische Basis zu geben. Das galt schon nicht mehr, wie die
Sitzung vom 13. Juni gezeigt hatte, für das Gesamtpräsidium; auch
innerhalb der Geschäftsführung des Reichsverbandes bildete sich eine
Opposition gegen den Verständigungskurs heraus, die sich um den lang-
jährigen Geschäftsführer Jacob Herle scharte.
Bereits Mitte Mai hatte Herle den Versuch unternommen, die Zusam-
menarbeit mit Gewerkschaften und Sozialdemokratie zu unterlaufen. In
einer an führende Mitglieder des RDI gerichteten Anfrage griff Herle die
Frage der Inseratenwerbung in SPDnahen oder gewerkschaftlichen Blättern
auf74 und forderte, auch unter Bezugnahme auf einen Artikel Sydows im
"Arbeitgeber"75 dazu auf, die "Frage klar und eindeutig zu beantworten, ob
die deutsche Industrie sich ihre Metzger selbst großzüchten soll und darf."76
Wie Herle in einem Rundschreiben vom 18.Juni 1930,77 also zur Zeit der
intensiven Verhandlungen zwischen Industrie und Gewerkschaften,
eingestehen mußte, hatte sich aber nur ein Teil der befragten
Reichsverbandsmitglieder für eine zentrale Boykottaktion entschließen
können, während die überwiegende Mehrheit auf die Unzweckmäßigkeit
eines solchen Vorgehens hingewiesen hatte. Von besonderem Interesse
erscheint dabei ein reformistisches Argument, das offenbar den
Gedankengängen Silverbergs entstammt: "Wenn sozialdemokratische
Blätter regelmäßige Einnahmen aus Industrie-Inseraten haben, so seien sie
fortan an der Blüte der Industrie unmittelbar interessiert, was gewisse
Auswirkungen haben könne, die der Reichsverband durch Einnahme einer
Kampfstellung nicht unnötigerweise stören sollte." Die Aktion gegen eine
Inseratenwerbung unterblieb, auch weil die Einsicht vorherrschte, daß ein
solcher Versuch "politisch zweifellos mehr schaden als nutzen" würde.78
Mitte Juni 1930 jedenfalls schien es tatsächlich so, als gehe die Entwick-
lung, vorbereitet durch die Verhandlungen von Industrie und Gewerk-
schaften, wieder zur Großen Koalition hin. Dies bestätigt auch ein Bericht
Blanks (GHH) vom 19. Juni 1930; dort heißt es:
"Ich erhalte soeben aus vertrauenswürdiger Quelle [gemeint ist offenbar
Reichsminister Treviranus] die Nachricht, daß die politische Entwicklung in
Deutschland wieder auf die Große Koalition hintreibt ... Man scheint sogar zu
glauben, daß es möglich ist, den zur Zeit unzweifelhaft vorhandenen Widerstand
des Reichspräsidenten gegen eine Wiederhereinnahme der Sozialdemokratie in
die Reichsregierung überwinden zu können. Sollte diese Entwicklung sich
tatsächlich vollziehen, so wäre darin ein außerordentlich großer Erfolg der
Sozialdemokratie zu erblicken, die von sich würde behaupten können, daß das
Kabinett Brüning den Beweis geliefert habe, daß es 'ohne die Sozialdemokratie
nicht gehe'".79
In einer Nachschrift konnte Blank noch mitteilen, daß am Abend des 19.
Juni eine Besprechung Brünings mit Müller-Franken und Breitscheid
stattgefunden habe, wobei folgende Möglichkeit diskutiert worden ist:

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 70


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

"Die Sozialdemokraten werden die Regierung am Leben lassen und auch


gegebenenfalls einem Ermächtigungsgesetz zustimmen, wenn sie zwei
Vertreter in die Reichsregierung entsenden [können]."80
Der Rücktritt des Reichsfinanzministers Moldenhauer am 20. Juni,
offenbarte das Dilemma der bürgerlichen Parteien noch deutlicher, so daß
schließlich Silverberg in der Präsidialsitzung des RDI vom 25.Juni den
entscheidenden Vorstoß wagte und, in offensichtlicher Abkehr von seiner
im Dezember 1929 verfolgten Linie, nunmehr ohne jede Verklausulierung
zur Wiederaufnahme der Großen Koalition aufrief:
"politisch gedacht, ist für meine Auffassung das bedauerlichste Ereignis, daß wir
durch den Sturz Hilferdings die Sozialdemokratie aus der Verantwortlichkeit für
die Mißwirtschaft entlassen haben (Zustimmung), nicht, weil ich mir von Hilfer-
ding versprochen hätte, daß er, der an sich ein sehr verständiger und kluger Mann
ist, . . . eine Ordnung des Etats herbeigeführt hätte. Aber er war der Exponent der
Gesamtverantwortung von einem Drittel des Parlaments, von 152 Abgeordneten
... Ob es aber gelingt, die Sozialdemokratie in die Verantwortung einzuspannen,
das weiß ich nicht, ich will aber für meine Person sagen, daß meiner Ansicht nach
hier jede Prestige-Politik, auch in unserem Kreise, beiseite gesetzt werden muß.
(Sehr richtig!) Wenn die Sozialdemokratie wieder in die Regierung einbezogen
würde und triumphierend schrie: man sieht wieder einmal, ohne uns geht es nicht,
dann würde ich dieses Triumphgeschrei ruhig in Kauf nehmen und würde sie mit
der Verantwortung für die Dinge belasten, die kommen müssen, denn, meine
Herren, sie wird auch keinen anderen Weg gehen können als die Wege, die
Wirtschaftspolitik und Finanzpolitik der gesamten Welt in einer Tradition von 100
Jahren ihr vorschreibt . . ."81
Silverberg griff damit bewußt auf die 1926 in Dresden entwickelte
Konzeption zurück: Dies erforderte aber eine begrenzte Bereitschaft zum
sozialpolitischen Kompromiß. In Obereinstimmung mit Kastl erteilte Sil-
verberg so jeder 'Katastrophenpolitik' im Kreise des RDI eine entschiedene
Absage82 und verlangte von Vorstand und Präsidium freie Hand, um im
geeigneten Moment gegenüber der Regierung mit konstruktiven Vor-
schlägen zur Bilanzierung des Etats hervortreten zu können. Gegen den
Widerstand Büchers und Wittkes (VSI)83 ging Silverberg so weit, einer
Erhöhung(!) der Einkommens- und Umsatzsteuer zuzustimmen, um die
gefürchtete "dette allemande" und damit auch das Scheitern des Young-
Plans abwenden zu können.84 Silverberg war damit von der
kompromißlosen Linie des Dezemberprogramms des RDI, wie es in der
Denkschrift "Aufstieg oder Niedergang" formuliert worden war, 85 sichtbar
abgerückt. Die damals von ihm selbst vertretene Forderung nach einem
"Finanzdirektorium" Schacht stellte jetzt nur mehr die "ultima ratio" der
abgelehnten "Katastrophenpolitik" dar,86 der in jedem Falle die Neuauflage
der Großen Koalition vorzuziehen sei.
Trotz deutlich erkennbarer Widersprüche gelang es dem aufgeschlosse-
nen Unternehmerflügel in den Sitzungen vom 25. 6.1930, seine Position

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 71


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IV. Politische Offensive Sommer 1930

durchzusetzen und dem "Engeren Präsidium" den benötigten Handlungs-


spielraum für die Besprechungen mit Gewerkschaften, Sozialdemokratie
und Regierung zu verschaffen. Angesichts dieser grundsätzlichen Entschei-
dung bedeutete die in einer Presseveröffentlichung vom 26. Juni 1930
vorgenommene "Klarstellung" des Reichsverbandes zum bisherigen Ver-
lauf der Gespräche mit den Gewerkschaften nicht das Signal zum Abbruch
der begonnenen Zusammenarbeit,87 sondern war vielmehr als Versuch zu
werten, die Verhandlungsposition der Unternehmervertreter weiter zu
verbessern und gleichzeitig den Befürwortern einer Ausgleichspolitik mit
der Arbeiterschaft im Präsidium und Vorstand des RDI den Rücken frei zu
halten.
Anfang Juli 1930 war damit eine relativ offene politische Situation
gegeben, die die Chance zum Kompromiß bis hin zur Wiederaufnahme der
Großen Koalition umfaßte. Wohl waren Widerstände deutlich bemerkbar,
aber die Führung des Spitzenverbandes der deutschen Wirtschaft vertrat im
Sommer 1930 unverkennbar das Konzept, eine Lösung der wirtschaft-
lichen und politischen Probleme im Rahmen der bestehenden Staatsordnung
zu suchen.

Anmerkungen zu Kap. IV auf S. 226-31 72


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

1. Die Auflösung des Reichstags vom 18. Juli 1930

Die im Juni 1930 sichtbar gewordene Bereitschaft der Großindustrie zu


neuerlicher Zusammenarbeit mit Sozialdemokratie und Gewerkschaften
wurde durch die Maßnahmenpolitik des amtierenden Reichskanzlers Brü-
ning unterlaufen. Mit der nach außen hin überstürzten, trotzdem aber wohl-
kalkulierten Auflösung des Reichstags vom 18. Juli setzte Brüning ein Zei-
chen, das recht eigentlich den verhängnisvollen "Wendepunkt"1 auf dem
Weg vom parlamentarisch-demokratischen zum autoritär-bürokratischen
System bedeutete. Das Bemühen der Regierung ging gerade nicht dahin,
eine tragfähige parlamentarische Mehrheit, wie sie u. a. der Reichsverband
durch sein Kompromißprogramm möglich machen wollte,2 für die im
Reichstag eingebrachten Deckungsvorlagen zu finden,3 sondern der Kanzler
verfolgte kompromißlos den vorn Reichspräsidenten Hindenburg beim
Amtsantritt erhaltenen "Auftrag"4 unter keinen Umständen die Sozialdemo-
kratie erneut zur Regierungsbildung hinzuzuziehen.5 Nicht immanente
"Sachzwänge", unüberwindliche soziale Spannungen und politischer "Not-
stand" führten zu Präsidialregime und Notverordnungsdiktatur, sondern die
erklärte Absicht Brünings,6 auf diesem Wege die schrittweise Restauration
des alten obrigkeitlichen Systems zu vollziehen.
Die Grundsatzentscheidung vom 18. Juli, nämlich ohne und gegen den
Reichstag regieren zu wollen, wirkte unmittelbar auf das Verhältnis von
Industrie und Politik zurück. Für den rechten, schwerindustriell bestimmten
Unternehmerflügel wurde Brüning durch die unerwartete antiparla-
mentarische Kurswende, deren Ausnahmecharakter richtig erkannt wurde,
nunmehr zu einer akzeptablen politischen Größe. Die Vorbehalte gegen die
parlamentarische Bindung des Kabinetts, wie sie insbesondere von Sprin-
gorum geltend gemacht worden waren,7 erwiesen sich jetzt als gegen-
standslos. Zudem versicherte Reichsminister Treviranus, der "Vertrauens-
mann" der westlichen Industrie im Kabinett Brüning,8 dem befreundeten
Blank (GHH), daß auch nach den Reichstagswahlen im September nicht an
eine Rückkehr zum parlamentarischen System zu denken sei: Es sei seine
Überzeugung, "daß der nächste Reichstag überhaupt keine Grundlage für
eine bürgerliche Mehrheitsregierung ergeben werde und daß man infolge-
dessen damit rechnen müsse, daß auch weiterhin außerparlamentarisch

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 73


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

regiert werden müsse. Möglicherweise würden noch verschiedene Reichs-


tagsauflösungen folgen."9
Springorum gab jetzt sein Placet für die Vergabe von Wahlgeldern an
die im Kabinett Brüning vertretenen "Richtungen", machte die Unterstüt-
zung aber nicht zuletzt davon abhängig, in welchem Maße die Regierung
"Entschlossenheit" zeige, "auf dem Verordnungswege alle diejenigen Maß-
nahmen in Kraft [zu] setz[en], die parlamentarisch schon vorbereitet waren
und denen nur der formale Akt der Annahme in der dritten Lesung fehlte."10
Am 24. Juli suchten Blank und Dr. Erdmann (VDA) General von Schlei-
cher, zu dieser Zeit Chef im Ministeramt des Reichswehrministeriums, auf,
um, "soweit das noch erforderlich ist, für die durchgreifende Anwendung
des Artikels 48 Stimmung zu machen."11 Die Aussprache ergab, wie Blank
nicht ohne Befriedigung konstatierte, "daß das Reichswehrministerium
durchaus für eine möglichst weitgehende Anwendung des Verordnungs-
rechtes eingestellt ist."12 Auch Geheimrat Kastl vom RDI, der am gleichen
Tage eine ausführliche Besprechung mit Reichskanzler Brüning hatte, bat
jetzt, nach der Ausschaltung des Reichstags, darum, daß die "Reformen"
der Sozialgesetze auf dem Verordnungswege durchgeführt würden.
"Nichts", so Kastl, "sei im Sinne einer richtigen Anwendung des Art. 48 zur
Beseitigung des gegenwärtigen finanziellen und wirtschaftlichen Notstan-
des dringender als gerade das."13 Andererseits machte Kastl aber starke Be-
denken geltend, "mit obrigkeitlichen Maßnahmen" eine Antikartellpolitik
einzuleiten14 oder auf einen Preisabbau hinzuwirken. Die sozial- und ord-
nungspolitischen Implikationen des geforderten Notverordnungsrechts wa-
ren somit eindeutig am großindustriellen Interesse orientiert: Hier ging es
nicht mehr um den gesellschaftlichen Kompromiß und um eine gleichmäßi-
ge Verteilung der Lasten der Krise, sondern um die Abwälzung auf diejeni-
gen Schichten der Bevölkerung, deren politische Vertretung mit der Aus-
schaltung des Parlaments ihren Einfluß weitgehend eingebüßt hatte.
Insgesamt gesehen, herrschte im industriellen Lager im Juli/August
1930 weitgehende Übereinstimmung, daß das Kabinett Brüning die derzeit
optimale politische Lösung darstelle. Die vor der Reichstagsauflösung vom
18. Juli von antiparlamentarisch orientierten Unternehmerkreisen disku-
tierten personellen Alternativstrategien, Brüning durch Luther oder auch
Schacht ablösen zu lassen,15 hatten nun zumindest vorübergehend ihre
Grundlage verloren. jedenfalls versicherte der Hauptprotektor Luthers, Paul
Reusch, daß er "bisher aus Kreisen der Wirtschaft keine Stimme gehört
[habe], welche im gegenwärtigen Zeitpunkt es für wünschenswert hielte,
Herrn Brüning durch Luther zu ersetzen; wohl aber wird daran gedacht,
wenn − was wahrscheinlich − auch diese Regierung einmal abge-
wirtschaftet haben wird, Luther in den Sattel zu heben."16 Damit war aber
auch klar, daß das Kabinett Brüning nur als Zwischenstufe begriffen
wurde: In der Vorbereitung der "Reformen", wie sie u. a. im "Bund zur

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 74


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

Erneuerung des Reiches"17 konzipiert worden waren, kam der jetzigen Re-
gierung durchaus eine wichtige Obergangsfunktion zu: die schließliche
Vollendung der erhofften konservativen Revolution sollte jedoch anderen
Kräften vorbehalten bleiben.
Nach dem 18. Juli und dem Auslaufen der Verhandlungen mit den Ge-
werkschaften und der Sozialdemokratie trat das Dilemma der zersplitterten
Mittelparteien erneut in aller Schärfe hervor. Die intensiven Bemühungen
der Industrie, die Sammlungspolitik einer "Krisennotgemeinschaft der Mit-
te"18 zu fördern und eine "bürgerliche Einheitspartei" zu gründen, erwiesen
sich abermals als erfolglos und scheiterten nicht zuletzt an den Interessen-
gegensätzen innerhalb des Bürgertums. Der besonders engagierte Paul
Reusch berichtete:

"Ich fuhr [sofort nach der Reichstagsauflösung] nach Berlin und habe sowohl
mit den Parteiführern als auch mit aktiven Parteiministern verhandelt und bei die-
sen Verhandlungen die stärksten Druckmittel angewendet, die überhaupt anzu-
wenden waren, um die einzelnen Parteigrößen zur Vernunft zu bringen. Das Er-
gebnis der Verhandlungen erschien nicht aussichtslos, als plötzlich Herr Koch-
Weser mit der Gründung seiner Staatspartei dazwischen platzte. Dann machten
sich im Landvolk wieder selbstherrliche Einflüsse geltend und der Plan der Grün-
dung einer Einheitspartei mußte vorläufig begraben werden."19

Während die DNVP unter Hugenberg an ihrem intransigenten Kurs ei-


ner "Nationalen Opposition" festhielt und eher die in der Großindustrie
noch durchweg abgelehnte Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten20
als den bürgerlichen Parteien suchte21 blockierte die Neugründung der
"Deutschen Staatspartei", wie Reusch richtig notierte, eine Kooperation
zwischen DDP und DVP. Versuche, das Zentrum und die BVP einzube-
ziehen, wurden so erst gar nicht ernsthaft unternommen.22
Das "Engere Präsidium" des Reichsverbandes machte in einem am 17.
August in der Presse veröffentlichten Wahlauftuf23 deutlich, daß die ge-
genwärtigen wirtschaftlichen und finanziellen Probleme nur durch einen
Reichstag gemeistert werden könnten, der über eine "arbeitsfähige Mehr-
heit" verfüge. Dazu sei es "höchste Zeit, alle aufbauenden Kräfte zu sam-
meln und in einer Regierung zur Auswirkung zu bringen, die das Gebot der
Stunde begreift und entschlossen ist, mit durchgreifenden Maß-
nahmen Ordnung in unsere Finanz- und Wirtschaftsführung zu brin-
gen." Der Reichsverband erwarte deshalb von seinen Mitgliedern, daß sie
ihre Unterstützung "durch Mitarbeit und Stimmabgabe" nur solchen Partei-
en zuwendeten, "die auf dem Boden der Verfassung stehen und die unzwei-
deutig für die Erhaltung und Entwicklung der Privatwirtschaft sowie
für das Privateigentum eintreten."24 Das Verlangen nach Verfas-
sungskonformität der zu wählenden Parteien, das in einen zweiten Wahl-
aufruf vom 3. September erneut aufgenommen wurde,25 und die erklärte
Absicht, mit der Wahlentscheidung eine Fortsetzung der parlamentari-

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 75


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

schen Arbeit im Reichstag zu ermöglichen, unterstreichen nachdrücklich,


daß das Führungsgremium des Reichsverbandes die prinzipielle verfas-
sungspolitische Intention der Auflösung des Reichstags vom 18. Juli als
einer Vorstufe zur Oberwindung des demokratisch-parlamentarischen Sy-
stems bisher nicht nachvollzogen hatte.

2. Wahlergebnis und Koalitionsmöglichkeiten

Die Reichstagswahlen vom 14. September 1930, notwendig geworden


durch die vorzeitige Auflösung des Parlaments im Juli 1930, brachten für
die Parteien der "bürgerlichen Mitte" ein katastrophales Ergebnis. Der gro-
ße Sieger dieser Entscheidung war die NSDAP, der es gelang, ihren Stim-
menanteil von 2,6 auf 18,3% zu steigern und die mit nunmehr 107 Abge-
ordneten (zuvor 12) hinter der SPD (143 Mandate) die zweitstärkste Frakti-
on stellte. Das politische Spektrum hatte sich damit entscheidend verändert,
fast die Hälfte der im Reichstag sitzenden Parlamentarier gehörte jetzt Par-
teien an, die Verfassung und Republik offen und entschieden bekämpften.26
Die unmittelbare Reaktion der Wirtschaft war weitgehend von Ratlosigkeit
gekennzeichnet; die Verunsicherung durch den überwältigenden Erfolg der
Nationalsozialisten führte zu Kursstürzen und Devisenverlusten, die sich bis
Anfang Oktober immerhin auf 500 Mill. RM bezifferten.27
In den ersten Überlegungen zu den durch die Sitzverteilung im Reichs-
tag vorgezeichneten Koalitionsmöglichkeiten schälten sich deutlich die bei-
den scheinbar einzig möglichen Alternativen heraus, wobei der von Brü-
ning dann tatsächlich beschrittene Weg von Präsidialregime und Artikel 48
zunächst nicht in Erwägung gezogen wurde. Erich von Gilsa (GHH), der
beim Sturz der Großen Koalition im Frühjahr 1930 eine nicht unmaßgebli-
che Rolle gespielt hatte, konstatierte nicht ohne Bitterkeit, daß das Bürger-
tum die Wahlschlacht "gegen den Sozialismus von rechts und links" verlo-
ren habe. Da die Nationalsozialisten eine Politik betrieben, die nichts ande-
res sei als "Marxismus in Reinkultur", sei eine Koalition nach rechts un-
möglich. Es bleibe deshalb nur eine Große Koalition "neuer Auflage", in
welcher die Sozialdemokratie "maßgebenden Einfluß bekommt oder eine
Art Weimarer Koalition, die noch weiter links stände."28 Zur gleichen La-
gebeurteilung gelangte Jakob Reichert vom VDEStI, einer der Hauptoppo-
nenten gegen den Silverberg-Kurs von 1926. Reichert hielt eine Regie-
rungsbildung nach rechts, so erwünscht diese an sich sei, für ausgeschlos-
sen, solange nicht die Nationalsozialisten "ihr halb sozialistisches und halb
nebelhaftes Parteiprogramm" aufgeben und "in wahrhaft konservativem
Sinne" arbeiten würden. Sollte die NSDAP, so Reichert, weiterhin "in ih-
rem Radikalismus mit den Kommunisten zusammengehen, dann bleibt nur
eine Große Koalition übrig."29

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 76


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

Angesichts der zugespitzten Lage entschloß sich der RDI unmittelbar


nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses zur direkten Aktion und ver-
langte vom amtierenden Reichskanzler in konsequenter Fortsetzung seiner
Bündnisstrategie vom Sommer 1930 die Wiedererrichtung der Großen Ko-
alition. Im Namen des Präsidiums der Spitzenorganisation der deutschen
Wirtschaft intervenierte Geheimrat Kastl noch am Mittag des 15. Septem-
ber "aus Sorge um die weitere politische Entwicklung" in der Reichskanzlei
und wies gegenüber Staatssekretär Pünder mit aller Entschiedenheit darauf
hin, daß der Reichsverband "absolut der Auffassung sei, daß die Regierung
dafür sorgen müsse, ihr gutes Reformprogramm parlamentarisch im neuen
Reichstag zu verankern. Das sei aber nach Lage der Dinge nur nach links
hin möglich."30 Pünder reagierte ausweichend und entgegnete, daß es ihm
"sehr zweifelhaft" sei, "ob eine große Koalition der alten Form möglich sei,
da hiergegen doch von verschiedensten Seiten die schwersten Bedenken
bestehen würden."31 Auf Pressemitteilungen hin, daß eine Regierungskoali-
tion nach rechts (unter Einschluß der NSDAP) möglich werden könne, mel-
dete sich Kastl am Abend des 15. September erneut in der Reichskanzlei
und unterstrich noch einmal eindringlich die Forderung des RDI nach einer
Großen Koalition, zu der sich neben dem Präsidenten Duisberg sowie den
Stellvertretenden Vorsitzenden Frowein, Kraemer, Müller-Oerlinghausen
und Silverberg auch der Hamburger Bankier Max Warburg ausdrücklich
bekannt hätten.32
Ein paralleler Vorstoß des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun
(SPD) machte den politischen Stellenwert der Reichsverbandsinitiative
noch deutlicher. In einem Interview gegenüber der" United Press" erklärte
Braun:

"Ich halte trotz dieses Wahlergebnisses weder die Verfassung, noch die öffent-
liche Sicherheit, noch den Kurs unserer Außenpolitik auch nur einen Augenblick
für bedroht. Es ist ganz ausgeschlossen, daß die radikalen Parteien, die bei diesen
Wahlen gewonnen haben, in die Lage kommen werden, ihre Regierungskonzepte
praktisch zu erproben.
Ich halte es vielmehr für sicher, daß eine große Koalition aller Vernünftigen
sich zusammenschließen wird, um mit einer zweifellos ausreichenden Regie-
rungsmajorität zunächst energisch alle Kräfte auf Bekämpfung der Arbeitslosig-
keit und auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Existenzbedingungen der brei-
ten Massen zu konzentrieren."33

Eine parlamentarische Mehrheitsbildung im neuen Reichstag war also,


trotz des enormen Stimmengewinns der NSDAP, durchaus möglich: Im-
merhin verfügten die Parteien der Großen Koalition mit ca. 300 Mandaten
bei einer Gesamtzahl von 577 Abgeordneten über die absolute Mehrheit der
Stimmen. Da zudem sowohl der Reichsverband als auch die SPD, trotz des
von Brüning in "scharfer Frontstellung"34 geführten Wahlkampfes, die Be-
reitschaft signalisierten, in einer auf dieser Basis zu bildenden Regie-

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 77


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

rung verantwortlich mitzuarbeiten, schien sich eine parlamentarische Lö-


sung der Krise anzudeuten.35

3. Brünings Konzept

Brüning, an dem es nun lag, auf die verschiedenen Initiativen zu reagieren,


sah jedoch in einer Großen Koalition einen der "größten Gefahrenherde des
Augenblicks."36 Sich seiner Gelassenheit rühmend, wies er die Vorstel-
lungen des Ministerpräsidenten Braun und auch des Reichsverbandes der
Deutschen Industrie zurück, weil, wie Brüning im nachhinein bekannte, das
"für mich bei der Einstellung des Reichspräsidenten schon an sich ganz
unmöglich" war und dem Auftrage, keineswegs eine feste Koalition nach
links einzugehen, widersprochen hätte.37
In der Ministerbesprechung vom 16. September, dem ersten Zusammen-
tritt des Kabinetts nach der Reichstagswahl, ging Brüning folglich auf diese
Möglichkeit gar nicht ein, sondern sprach nur davon, daß die "Verantwor-
tung" Hugenberg und Hitler aus " staatspolitischen Gründen" jetzt" nicht
überlassen werden könne.38 In der Kabinettssitzung vom 23. September
betonte der Kanzler dann, daß die mit den Parteien notwendigen Verhand-
lungen nur unter dem Aspekt eines zu verabschiedenden Reformprogramms
zu führen seien.39 Die hinter dem vorsichtigen Lavieren des Kanzlers ste-
hende Strategie erläuterte General von Schleicher in der ihm eigenen Präzi-
sion. Auf Anfrage Graf von Schulenburgs, der nur die alternativen Koaliti-
onsmöglichkeiten der "Großen Rechten" oder der "Reform mit den Linken"
sah40 (von einer abermaligen Auflösung des Reichstags abgesehen), legte
Schleicher in Obereinstimmung mit Brüning41 einen Stufenplan vor, in dem
die endgültige Abkehr vom parlamentarischen System hin zu Präsidialre-
gime und Notverordnungsdiktatur exakt vorprogrammiert war.42
Wie die unmittelbaren Reaktionen auf das Wahlergebnis bewiesen hat-
ten, gab es im September 1930 gute Chancen für eine parlamentarische
Regierungsbildung. In den ersten Wochen nach der Reichstagswahl galt
daher das wichtigste Bemühen Brünings der Verbreitung einer "Not-
standsideologie", deren Durchsetzung auch deshalb so gut gelang, weil dies
für die politischen Parteien, die durch die radikale Rechte und Linke zum
Kompromiß einer "Großen Tolerierungskoalition"43 verurteilt waren,
zweifellos den bequemsten Ausweg darstellte. Das galt auch für die Sozial-
demokratie, die in der informellen Kooperation mit Brüning eher in der La-
ge war, ihre internen Spannungen zu überbrücken. Ausschlaggebend für das
Scheitern einer Neuauflage der Großen Koalition blieb aber die Weigerung
von Reichspräsident, Reichswehrführung und Reichskanzler, sich er-
neut mit der Sozialdemokratie zu verbinden. Keine drei Wochen

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 78


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

nach der Reichstagswahl jedenfalls konnte Reichsminister Treviranus, der


schon im Juli eine parlamentarische Lösung der Krise ausgeschlossen hat-
te,44 vermelden, daß die "sachlich notwendige Arbeit" "mit oder ohne
Reichstag" durchgezogen werde; im übrigen beabsichtige er, sein Abge-
ordnetenmandat im Parlament auch deshalb niederzulegen, "da die Ent-
scheidung in der Politik zweifellos nicht in diesem Reichstag fallen wird."45
Brünings Politik gegen den Reichstag ordnete sich ein in ein Gesamt-
konzept, dessen Endziel die monarchische Restauration in Deutschland war.
Diese, auf konstitutioneller Basis gedachte Verfassungsreform, die sich
substantiell gegen den sozialen und politischen Kompromiß von 1918 rich-
tete, stand zudem in einem außenpolitischen Verflechtungszusammenhang,
der letztendlich aus den Verpflichtungen des Reiches im Rahmen des Ver-
sailler Vertrages herrührte. Erst nach Lösung der Reparationsfrage, der
Wiedergewinnung der Souveränität des Reiches und nicht zuletzt der Un-
abhängigkeit vom amerikanischen Dollarkredit war, wie Brüning meinte,
der äußere Freiraum gegeben, um die innere "Reform" zu vollziehen.46 Die
Weltwirtschaftskrise bot den Ansatzpunkt, um mit einer primär an der
Streichung der Reparationen orientierten Wirtschafts- und Finanzpolitik
dem großen Ziele näher zu kommen.47 Dazu war notwendig die grundle-
gende Sanierung der Öffentlichen Finanzen, eine weitgehende Deflations-
politik sowie eine auf dieser Basis gründende "Exportoffensive", um "das
Gefüge des gesamten Weltmarkts auseinanderzubrechen". Brüning veran-
schlagte den Zeitraum, der notwendig sei, "um auf diese Weise den Ruf
nach Streichung der Reparationen in der Welt zu wecken", auf 12 bis 14
Monate und glaubte, daß innerhalb von anderthalb bis zwei Jahren auch der
gesamte Versailler Vertrag "ins Wanken" gebracht werden könnte.48
Die eigentliche Problematik dieses Konzeptes lag in seiner innerpoliti-
schen Absicherung, zumindest in der ersten Phase bis zur Ablösung der Re-
parationen. Mit Rücksicht auf eine glaubwürdige Politik des Reiches, insbe-
sondere unter dem Aspekt der dringend benötigten Dollarkredite, war es
zunächst notwendig, nach außen hin an einem formalparlamentarischen
System festzuhalten.49 Von entscheidender Bedeutung während dieses tak-
tischen Zwischenspiels war dabei, die Brücken zur nationalen Rechten, die
die große innere" Reform" der zweiten Phase zu tragen hatte, nicht nur
nicht abreißen zu lassen, sondern allmählich so aufzubauen, daß später ein
problemloses Zusammengehen möglich würde.
In Vorbereitung seines großen Planes suchte Brüning deshalb konse-
quenterweise die Nationalsozialisten für eine langfristige, gegen Parlament
und Republik gerichtete Kooperation zu gewinnen. Am 6. Oktober 1930
kam es zu einer ersten Begegnung zwischen Brüning und Hitler,50 in deren
Verlauf der Reichskanzler sein Konzept der schrittweisen Restauration mit
den Etappen: Sanierung, Ablösung der Reparationen und Wiedererrich-

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 79


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

tung der Monarchie offen vorlegte und schließlich die Nationalsozialisten


ersuchte, auf der Grundlage dieses Programms in loyaler Weise, erst ver-
steckt und dann offen, mitzuarbeiten", wobei in der ersten Phase eine schär-
fere außenpolitische Opposition seitens der NSDAP" durchaus "das
zweckmäßigste" wäre.51 Hitler ging, wie zu erwarten, auf diesen Pakt nicht
ein. Wenn auch parteitaktische Motive im Vordergrund standen, so wurden
doch bei dieser ersten Begegnung schon die entgegengesetzten politischen
Konzepte deutlich: Während Brüning eine vorsichtige, abgestufte Revisi-
onspolitik, die durchaus in der Kontinuität Stresemannscher Außenpolitik
stand, verfolgte, verfocht die NSDAP zusammen mit der "Nationalen Op-
position" eine rigorose "Katastrophenpolitik", die die Frontallösung des
Reparationsproblems zum Ansatz hatte.52
Wenn der Reichskanzler auch einsehen mußte, daß sein Angebot "auf
den ersten Anhieb gescheitert" war, so bedeutete das nicht, daß die NSDAP
forthin aus seinen Kalkulationen ausgeschlossen blieb: Immerhin durften
die Fäden, "mit Rücksicht auf das nunmehr beginnende Wagnis", nicht ab-
reißen. Brüning bot deshalb, auch um die Ernsthaftigkeit seiner Absichten
zu unterstreichen, an, während der ersten Phase der versteckten Vorberei-
tung der Young-Plan-Revision in all den Länderparlamenten, wo die zah-
lenmäßigen Voraussetzungen bestünden, persönlich auf eine koali-
tionsmäßige Zusammenarbeit zwischen Zentrum und NSDAP hinzuwirken,
"um so die Brücken für die zweite Phase zu bilden."53
Da sich die Nationalsozialisten zu einer Tolerierung des Brüning-Kabi-
netts nicht bereit fanden, blieb der Kanzler, ob gewollt oder nicht, zunächst
von der Unterstützung der Sozialdemokraten abhängig. Dabei genügte der
Hinweis auf die "staatspolitische Verantwortung" der Partei, um die Zu-
stimmung zu den jetzt zur regelmäßigen Praxis werdenden Notverord-
nungen zu erzwingen. Im Rahmen der Gesamtkonzeption Brünings stellte
diese Zusammenarbeit unter der Fiktion, es gehe um die Bewahrung einer
demokratischen Restsubstanz, aber nur ein kurz- bis mittelfristig gedachtes
taktisches Manöver dar, an dessen Ende der Abbau der republikanischen
Verfassung stehen sollte.

4. Die politische Formierung der Industrie 1930/31

Das Wahlergebnis vom 14. September 1930, das die politische Landschaft
grundlegend verändert hatte, wirkte maßgeblich auf die Industrie und ihre
Haltung gegenüber Staat und Politik zurück. Dabei stellt die Aussage Bra-
chers, daß mit "den Opportunisten, die auf die neue Machtverteilung auf
ihre Weise reagierten, … die Interessenverbände aller Schattierungen An-
schluß an die geänderten Machttrends" suchten und der NSDAP jetzt "fast
mühelos ... Querverbindungen und Positionen zu[wuchsen], die ihrer

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 80


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

weiteren Ausbreitung und Festigung erheblichen Vorschub leisteten",54 eine


wenn auch in der Grundtendenz nicht falsche, so doch insgesamt zu einsei-
tige Betrachtungsweise dar. Richtiger ist, daß der Wahlerfolg der National-
sozialisten zu einer deutlichen Polarisierung innerhalb der Industrie und
ihrer Verbände führte, wobei die teilweise nur mit Mühe kontrollierten in-
neren Spannungen endgültig erst im März/April 1933 im Zuge der "Gleich-
schaltung" der Wirtschaft durch staatlichen Zwangseingriff "aufgehoben"
wurden.
Schon in der Präsidialsitzung des Reichsverbandes vom 18. September
193055 kam es zu einem Aufeinanderprallen der konträren Positionen: Da-
bei blieb die vom "Engeren Präsidium" verfolgte Linie in der Koali-
tionsfrage, nämlich einer Regierungsbildung nach links unter Einschluß der
Sozialdemokraten den Vorzug vor einer Machtbeteiligung der NSDAP zu
geben, nicht ohne dezidierten Widerspruch. Geheimrat Kastl, der vom
Reichskanzler die Erneuerung der Großen Koalition gefordert hatte,56 war
jedenfalls über einige Ausführungen während der Sitzung "außerordentlich
erschüttert", weil sie der "blühendste Unsinn" seien, den er je gehört habe.
Angesichts der politischen Entwicklung, die "noch keine Möglichkeit für
eine Majoritätsregierung weder nach links noch nach rechts" erkennen las-
se, zeigte sich Kastl stark beunruhigt und befürchtete ein Mißtrauensvotum
gegen den Kanzler, bei dessen Annahme man vor einem "völligen Trüm-
merhaufen" stehe und "noch nicht einmal eine Idee für die Zukunft" habe,
an der man sich "aufrichten" könne.57
In den Sitzungen von Vorstand und Hauptausschuß vom 19. Septem-
ber58 beschränkte sich das Geschäftsführende Präsidialmitglied darauf, die
alternativen Möglichkeiten einer Regierungsbildung mit SPD und NSDAP
aufzuzeigen. Indirekt ließ Kastl aber keinen Zweifel, daß für die RDI-
Führung nur eine Verbindung mit der Sozialdemokratie in Frage komme:
Das Verlangen nach einer parlamentarischen Absicherung des Kabinetts59
und einer der demokratischen Verfassung konformen Krisenstrategie mach-
te deutlich, daß die NSDAP im politischen Konzept des RDI 1930 nicht als
der gewünschte Partner erschien. Vor dem Vorstand beschwor deshalb
Kastl die dort versammelten Wirtschaftsvertreter in aller Eindringlichkeit,
der Demokratie eine letzte Chance" zu geben, bevor der "Versuch" auf "an-
derem Wege" gemacht werden dürfe und müsse:

"Ich glaube, man muß aus dem Ergebnis der letzten Wahlen den Schluß zie-
hen, daß nunmehr die Demokratie die allerletzte Chance hat, zu zeigen, ob sie in
der Lage ist, die Geschicke des deutschen Volkes zu führen. (Sehr richtig!) Wenn
sie diese Chance verpaßt und wenn sie nicht glücklich operiert und wenn ihr dabei
nicht noch dieser oder jener andere Glückszufall in den Schoß fällt und ihr zu Hil-
fe kommt, so wird sie wahrscheinlich nicht in der Lage sein, die Dinge zu mei-
stern und dann muß auf einem anderen Wege der Versuch gemacht werden.
Aber es darf auch nach unserer Auffassung − wenigstens ist diese Auffassung
gestern im Präsidium auch zum Ausdruck gekommen, mit aller Deutlichkeit zum

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 81


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

Ausdruck gekommen − kein Mittel unversucht bleiben, um diese letzte Chance zu


nutzen. Denn es hat keinen Zweck, ohne irgendeinen Grund vorzeitig mit offenen
Augen in eine Katastrophe hineinzulaufen und sich hinterher die Frage vorzule-
gen: wäre es nicht besser gewesen, man hätte noch einmal auf der Grundlage der
durch die Verfassung gegebenen Verhältnisse den Versuch gemacht, mit radikalen
Mitteln das zu tun, was bisher nicht geschehen ist und wofür die Wahlen ein deut-
liches Zeichen gegeben haben, daß es von der gesamten Bevölkerung in Deutsch-
land gewünscht wird."60

Die Führung des Reichsverbandes nahm somit den Wahlsieg der


NSDAP zum Anlaß, ihr Festhalten am republikanisch-parlamentarischen
System noch einmal unmißverständlich zu unterstreichen. Reichskanzler
Brüning kam dabei zugute, daß er in der innenpolitischen Konstellation
vom Herbst 1930 als der Garant dieser Konzeption erscheinen mußte, ob-
wohl sein Restaurationskonzept den koalitionspolitischen Zielen des RDI
entschieden widersprach. Die Position Brünings innerhalb der Wirtschaft
wurde zudem durch die Vorlage seines großen "Sanierungsplanes" vom 1.
Oktober 193061 nachdrücklich gestärkt. Das Reformprogramm der Regie-
rung trug der von der Industrie seit langem geforderten grundsätzlichen
Umkehr in der Finanz-, Steuer- und Sozialpolitik weitgehend Rechnung.62
Neben einem umfassenden Sparprogramm, das Kürzungen in der Arbeitslo-
senversicherung, aber auch Gehaltsabzüge für Beamte vorsah, stand ein
Katalog vielfältiger steuerlicher Entlastungen für die Industrie. Der Reichs-
verband sah in seiner eigens zur Behandlung des Regierungsprogramms
anberaumten außerordentlichen Präsidialsitzung vom 8. Oktober 1930 folg-
lich wesentliche Forderungen verwirklicht und bezeichnete den Brü-
ning-Plan als geeignet, "das öffentliche Vertrauen wiederherzustellen."63
Auch der DIHT stellte sich auf seiner Hauptausschußsitzung vom 9. Okto-
ber hinter das Konzept Brünings64 und distanzierte sich gleichzeitig aus-
drücklich von der radikalen Rechten, indem er in deutlicher Anspielung auf
die erstarkte NSDAP davor warnte, "die Gefahren wirtschaftspolitischer
Schwarmgeisterei zu unterschätzen."65
Allerdings formierte sich im Hintergrund eine erst schwache, dann aber
immer mächtigere Opposition66 die auf die große Alternative zum abge-
stuften Restaurationsplan Brünings setzte. Schon auf der Hauptausschußsit-
zung des DIHT am 9. Oktober waren Stimmen laut geworden, die sich da-
für aussprachen, das "heiße Eisen" der Reparationsfrage sofort "anzufassen"
und damit innere Sanierung und Young-Revision zu koppeln.67 Diese For-
derung implizierte faktisch eine Option für das Programm der radikalen
Rechten, das eine Abschnürung von den lebenswichtigen Dollarkrediten
und den Verlust der Welthandelsposition des Reiches in Konsequenz einer
einseitigen Aufkündigung des Versailler "Diktats" bewußt in Rechnung
stellte. Gerade an dieser Frage waren bereits Brünings Koopera-
tionsverhandlungen mit Hitler vom 6. Oktober 1930 gescheitert.68 Wenn
sich auch die "große Majorität" der Hauptausschußmitglieder des DIHT

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 82


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

für das von der Führung des Verbandes verfolgte, mit dem Brüning-
Konzept übereinstimmende etappenweise Vorgehen aussprach,69 So war es
doch unumgänglich, den Hinweis auf eine spätere Revision der Repara-
tionsregelung, entgegen der ursprünglichen taktischen Linie des DIHT, in
die Resolution zum Wirtschafts- und Finanzplan der Regierung mit aufzu-
nehmen.70
Bedeutsamer und nicht ohne politische Brisanz war der Vorstoß des
Langnam-Vereins anläßlich der außerordentlichen Mitgliederversammlung
am 4. November 1930 in Düsseldorf. Schon im Vorfeld der Tagung hatten
sich Spannungen innerhalb der westlichen Industrie bemerkbar gemacht,71
die aus einer gespaltenen Haltung dem Kabinett Brüning gegenüber her-
rührten. Der Hauptgeschäftsführer des Langnam-Vereins, Max Schlenker,
hatte deshalb zu bedenken gegeben, ob sich nicht eine Verschiebung der
Veranstaltung empfehle, da immerhin die Möglichkeit bestehe, daß "Porzel-
lan" zerschlagen werden könne. "Mahnrufe" an Brüning seien nicht nötig,
da der Kanzler "wirklich seine Pflicht zu tun versucht".72 Zwar konnte
Schlenker eine Absage der Tagung nicht durchsetzen,73 wußte aber durch
die Rednerliste doch von vornherein sicherzustellen, daß ein eindeutiges
Votum gegen Brüning unterblieb.74 Die erwartet reservierten Stellungnah-
men von Springorum und Poensgen wurden durch die Beiträge von Müller-
Oerlinghausen ("Engeres Präsidium" RDI), Kehl (Deutsche Bank, Berlin)
und Schreiber (Preuß. Handelsminister) relativiert, die um Zustimmung für
den abgestuften Kurs Brünings warben und vor einer Unterstützung der na-
tionalen Rechten und deren Frontalprogramm in der Reparationsfrage warn-
ten.75 Insbesondere Kehl als Vertreter der Berliner Banken machte nach-
drücklich darauf aufmerksam, daß eine Regierung mit der NSDAP als Al-
ternative zum Brüning-Kabinett nicht akzeptabel sei, da die Industrie "keine
Experimente" wolle und vertrage und zwar auf keinem Gebiete, "weder auf
dem der Politik noch auf dem der Wirtschaft selbst".76
Der Ruf nach dem "Führer", "der unser Volk wieder einheitlich und
zielbewußt führen möge", mit dem Poensgen die Versammlung konfron-
tierte,77 deutete demgegenüber eine andere Tendenz an. Auch sein Behar-
ren auf der von Kehl zuvor überzeugend widerlegten These von der angeb-
lichen Schlüsselrolle der Reparationsfrage78 unterstrich dies. Zudem be-
zweifelte Poensgen, ob die Regierung Brüning "wirklich den Mut und die
Kraft" habe, dem "als richtig erkannten Weg unbeirrt zu folgen".79 Das die
Debatte abschließende Referat des renommierten Staatsrechtlers Carl
Schmitt, der auf besondere Einladung Schlenkers nach Düsseldorf gekom-
men war,80 rückte die verfassungspolitische Seite der diskutierten Alterna-
tivkonzepte unmittelbar in den Mittelpunkt. Schmitt warnte eindring-
lich, jetzt an eine "fundamentale Verfassungsreform" heranzugehen, da es
sich dabei um ein gefährliches und schwer kalkulierbares Experiment han-
dele, das in einer "Katastrophe" enden müsse. Dem Machtanspruch

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 83


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

der radikalen Rechten setzte Schmitt die verfassungspolitische Interimslö-


sung des Präsidialsystems gegenüber: Erhebe man die Anwendung von Ar-
tikel 48 und die bisherige Ausnahmepraxis der Notverordnungen zur Norm,
dann stelle sich bei Perpetuierung dieser Methode der Qualitätswandel der
Verfassung von selbst ein.81
Der zunehmenden Bereitschaft in der Industrie zu einer "Katastrophen-
politik", wie sie auf der Tagung des Langnam-Vereins vom 4. November
andeutungsweise zum Ausdruck gekommen war, setzte Silverberg in einer
weithin beachteten Rede vor dem Oberseeclub in Hamburg82 das Postulat
einer "evolutionären" Entwicklung von Staat und Wirtschaft entgegen. Wie
der "Vorwärts" notierte, bewies Silverberg einen "gewissen Mut", wenn er
sich deutlich von den "nationalökonomischen Phantasien der 'äußersten
Rechten' " absetzte83 und vor einem überzogenen Konservatismus, der nur
auf die Restauration der Zustände von gestern gerichtet sei, warnte:

"Wir können nicht die Dinge, die sich in und nach dem Kriege entwickelt ha-
ben, beseitigen und die Verhältnisse auf den Zustand zurückbringen, der vorher
bestanden hat. Das ist ein Traum von Leuten, die sich national nennen und solche
Phantasterei produzieren. Damit sollte sich ein vernünftiger Wirtschaftler nicht
abgeben. Ich möchte also davor warnen zu glauben, man könnte mit irgend einer
Gewalt durch eine Revolution oder durch einen Staatsstreich die Zustände von
gestern wieder herbeiführen. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint, muß
dazu beitragen, daß auf evolutionärem Wege bessere Verhältnisse geschaffen
werden."84

Unter ausdrücklicher Anknüpfung an die Dresdener Rede forderte Sil-


verberg erneut die Kooperation mit der Arbeiterschaft, ohne deren verant-
wortliche Mitarbeit ein Wiederaufbau Deutschlands nicht möglich sei. Sil-
verberg bekräftigte damit die Bemühungen vom Sommer 1930 und den
RDI-Vorstoß vom 15. September, die Große Koalition unter Einschluß der
Sozialdemokratie neuerlich zustande zu bringen.85 Seine Auffassung, daß
dieses Konzept im Gegensatz zu 1926, wo manche ihn die Wege eines
"Sonderlings"86 hatten gehen sehen, heute der "Stimmung der übergroßen
Mehrzahl" des Unternehmertums entspreche, entbehrte allerdings jeder
Grundlage. So hatten sich bereits anläßlich der Ruhrladesitzung vom 14.
Oktober 1930 Widerstände bemerkbar gemacht, dem Kabinett Brüning die
notwendige Unterstützung der Ruhrindustrie zukommen zu lassen, von ei-
ner aktiven Bereitschaft zur Großen Koalition gar nicht zu reden. Silverberg
und Fickler war es im Verlauf der Sitzung zwar gelungen, die Diskrepanzen
für den Augenblick zu überbrücken, aber die gemeinsam vereinbarte Stra-
tegie, einmal Brüning zu stützen und zum anderen auf einen Zusammen-
schluß von Zentrum bis einschließlich der NSDAP(!) hinzuwirken, zeigte
deutlich, daß die Spannweite dieses Kompromisses zu groß war, um in der
aktuellen Tagespolitik die Einigkeit auch nur der Schwerindustrie zu ge-
währleisten.87

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 84


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

Zum ersten offenen Streit zwischen gemäßigtem und radikalem Indu-


strieflügel kam es anläßlich der Vorstandssitzung des RDI vom 26. Novem-
ber 1930.88 Während Kastl in seiner Eigenschaft als Geschäftsführendes
Präsidialmitglied energisch für eine Zustimmung des Reichsverbandes zum
Regierungsprogramm vom 1. Oktober eintrat,89 lehnte Fritz Thyssen, nicht
ohne Beifall bei einem Teil der Versammlung zu finden, jede Hilfestellung
für das Brüning-Kabinett ab.90 Gleichzeitig erhob Thyssen schwere Vor-
würfe gegen die bisherige Politik des RDI in der Reparationsfrage und kriti-
sierte insbesondere Kastl, der 1929 den Young-Plan für das Reich mitunter-
zeichnet hatte.91 Gerade auf diesem Gebiet dürfte der Reichsverband fortan
keinen "halben Maßnahmen" mehr zustimmen. Der Präsident des RDI,
Duisberg, griff daraufhin persönlich in die Debatte ein und stellte sich, in
Obereinstimmung mit der überwiegenden Mehrheit des Vorstandes,92 hinter
die Linie der Geschäftsführung.93 Die Versammlung votierte schließlich bei
nur einer Gegenstimme für eine positiv-neutrale Haltung zum Brü-
ning-Programm; die vereinzelten Bravorufe, von denen Thyssens Ausfüh-
rungen begleitet waren, signalisierten indes unüberhörbar, daß sich auch
innerhalb des RDI eine Opposition formierte, die auf eine radikale Kurs-
wende setzte.
Der Verlauf der Hauptausschußsitzung vom 27. November 1930 bestä-
tigte diese Tendenz.94 Besondere Bedeutung kam dieser Veranstaltung
durch die Anwesenheit des Reichskanzlers Brüning zu, der sich allerdings
erst nach eindringlichen Bitten Kastls zur Teilnahme hatte entschließen
können.95 Gleich in der Eröffnungsrede machte Duisberg die Obereinstim-
mung des RDI mit dem wirtschaftspolitischen Kurs des Kanzlers klar, in-
dem er der Regierung bescheinigte, daß "sie alles, was in ihrer Macht steht,
tun will, um die sichere Basis für den Wiederaufstieg zu schaffen."96 Noch
deutlicher äußerte sich Kastl, der sich "gegenüber dem Regierungs-
programm in seiner Gesamtheit" bei allen Bedenken in Einzelheiten dafür
aussprach, daß es "der erste Anfang einer Umkehr nach einer Zeit von zehn
Jahren falscher Wirtschafts- und Finanzpolitik" sei. Zur Reparations-
politik erklärte Kastl in sorgfältiger Abstimmung mit den Thesen des Kanz-
lers, daß ein sofortiges Transfermoratorium der "größte Fehler" sei, der im
Augenblick begangen werden könne. Erfolgreiche Revisionsverhandlungen
setzten die innere Sanierung voraus und müßten aus einer Position der Stär-
ke heraus, die von einer "Exportoffensive" getragen werde, geführt wer-
den.97
Brüning betonte in seiner Erklärung98 die feste Absicht der Regierung,
eine Revision des Young-Plans einzuleiten, machte aber auf die besonderen
innen- und außenpolitischen Verflechtungen aufmerksam, die ein abge-
stuftes und taktisch kalkuliertes Vorgehen erforderten. Entscheidend bei der
Aufrollung der Reparationsfrage sei die Wahl des rechten Augenblicks,
deshalb müsse er in diesem Punkte die Industrie um Zurückhaltung und
Geduld bitten. Der Kanzler ließ keine Zweifel daran, daß der vorbereitete

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 85


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

Wirtschafts- und Finanzplan der Regierung, der am 1. Dezember als die


erste "Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen"99 in
Kraft gesetzt wurde, eine überwiegend reparationspolitische Stoßrichtung
habe, wobei diese Dinge "sehr sorgfältig überlegt" seien, "um gewisse Bah-
nen in der Außenpolitik freizumachen und bloßzulegen"100 Zumindest der
Führungsspitze des Reichsverbandes hatte Brüning dabei Einblick in sein
außenpolitisches Revisionskonzept gegeben: Diese Kooperation wurde per-
sonell insbesondere durch Kastl und Silverberg getragen, die in wiederhol-
ten Aussprachen mit dem Reichskanzler eine Harmonisierung der Konzepte
von RDI und Regierung sicherzustellen wußten.101 Gerade in der Behand-
lung der Reparationsfrage, dem Kernstück der Brüningschen Planungen ab
Herbst 1930, manifestierte sich der Einfluß Kastls, des Reparationssachver-
ständigen der Young-Konferenz von 1929, in überraschender Deutlich-
keit.102
In einer kurzen Erwiderung auf die Ausführungen Brünings bekräftigte
Duisberg noch einmal die grundsätzliche Obereinstimmung des RDI mit der
Politik des Kanzlers. Er versicherte, daß der Verband "positiv zu dem Ver-
such der Regierung" stehe, "eine Gesamtlösung auf der Grundlage des vor-
gelegten Entwurfs durchzuführen."103 Zum Eklat kam es, als Fritz Thyssen
das Wort ergriff und mit der herablassenden Bemerkung "die Botschaft hö-
re ich wohl; allein mir fehlt der Glaube" das politische Konzept Brünings
generell in Zweifel zog. Unter Hinweis auf das Volksbegehren gegen den
Young-Plan verlangte Thyssen die Frontallösung der Reparationsfrage, die
innenpolitisch ein Zusammengehen mit den Nationalsozialisten erfordere:

" . . . die politische Führung, die wir bisher hatten, war keine glückliche.104 Man
kann sich nicht wundern, wenn angesichts dieser Tatsache eine Bewegung im
Reiche entsteht, wie sie sich bei den letzten Wahlen gezeigt hat. Ich möchte nur
wünschen, Herr Reichskanzler, daß bei den guten Absichten, die Sie haben, es
Ihnen gelingt, die Bewegung aller nationalen Kreise hinter sich zu ziehen; denn
ich glaube, daß erst dann Sie vollen Erfolg mit Ihren Absichten haben werden."105

Dieser unprogrammgemäße Aufruf zur Regierungsbeteiligung der


NSDAP, den ein anderer Industrieller durch die rigorose Absage an den
"Marxismus" in Form der das Kabinett Brüning gegenwärtig stützenden
Sozialdemokratie ergänzte,106 wurde, wie das Protokoll vermerkt, mit "Bei-
fall und Zischen" aufgenommen.107 Thyssen fand bei der Mehrheit der
Reichsverbandsmitglieder "noch keinen Widerhall";108 allerdings wurde
immer offensichtlicher, wie sehr sich diejenigen Kreise, die schon zuvor
mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatten, durch die Wahl-
entscheidung vom 14. September 1930 bestärkt fühlten.109
Silverberg, der nach dem unvorhergesehenen Zwischenfall im Schluß-
wort der Veranstaltung die Dinge wieder ins rechte Lot zu bringen hatte,
ließ keinen Zweifel an der positiven und loyalen Einstellung der Reichsver-

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 86


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

bandsführung. Zum "erstenmal seit 12 Jahren" höre man auf Regierungs-


seite auf "alle die Warnungen, alle die Wünsche und alle die Forderungen,
die von unserer Seite aufgestellt worden sind", und zum ersten Male habe
man den Mut, "auf Grund der gewonnenen Erkenntnis zu handeln." jedoch
sei es mit der Erfüllung der wirtschaftspolitischen Forderungen des RDI
durch die Regierung nicht getan, vielmehr komme es darauf an, der "Psy-
chologie des Unternehmertums", die man bis jetzt "mit Füßen getreten" ha-
be, gerecht zu werden und ihr das Bewußtsein in die "staatliche Rechtsord-
nung" zurückzugeben. Silverberg schloß mit der ausdrücklichen Erklärung,
daß man dem Reichskanzler das "Vertrauen" entgegenbringe, auch diese
Aufgabe lösen zu können."110
Ende 1930 bestand zweifellos eine fast nahtlose Obereinstimmung zwi-
schen der offiziellen Regierungspolitik und den Zielvorstellungen der
Reichsverbandsführung. Dem entsprach auch der Tenor des Neujahrs-
rundschreibens des RDI vom 31. Dezember 1930,111 in dem die ersten
Schritte einer Umkehr von den bisherigen Methoden der Wirtschafts-, Fi-
nanz- und Sozialpolitik" gewürdigt wurden und die Richtigkeit der Grund-
sätze, "mit denen die überaus schwierigen Fragen einer Lösung entgegen-
gebracht werden sollen", lobende Anerkennung fanden.
Die zunehmende Polarisierung der Industrie erreichte mit dem Austritts-
beschluß des Bergbaulichen Vereins aus dem Reichsverband im Dezember
1930 einen vorläufigen Höhepunkt. Der Bergbau-Verein wollte auf diesem
Wege eine grundlegende politische Umorientierung des RDI erzwingen,112
indem er mit der Sprengung des Verbandes drohte und gleichzeitig die Tä-
tigkeit der VDA als auch des Langnam-Vereins in Frage stellte.113 Anlaß
des Austrittsbeschlusses war die politische Bindung des RDI an das Kon-
zept Brünings, insbesondere in der Reparationsfrage. Gegenüber Geheimrat
Kastl wurden die alten Vorwürfe wegen seiner Unterzeichnung des
Young-Plans erneut erhoben,114 ein Vorgang, durch den der RDI sich "vor
der deutschen Öffentlichkeit und namentlich vor der immer stärker an-
schwellenden nationalen und nationalsozialistischen Bewegung ... eine au-
ßerordentlich große Verantwortung" aufgeladen habe. Es waren also die aus
den November-Sitzungen des Reichsverbandes schon bekannten Anwürfe
Thyssens, die sich der Bergbau-Verein zu eigen gemacht hatte. Kastl frei-
lich sah ganz richtig,

"daß in dieser Entwicklung nicht nur das Auftreten Thyssens vor Präsidium, Vor-
stand und Hauptausschuß des Reichsverbands der Deutschen Industrie eine Rolle
spiele, sondern daß eigentlich im Wesentlichen der Einfluß von Adolf Hitler hier
unverkennbar hervorgetreten sei. Er, Kastl, sei davon unterrichtet, wie Adolf Hit-
ler im Revier bei den führenden Herren aufgetreten sei und welchen starken Ein-
druck das hinterlassen habe."115

Der einflußreiche Geschäftsführer des VDEStI, J. Reichert, der in der


Vorstandssitzung des RDI vom 26. November schon verdeckt für Thyssen

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 87


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

Stellung genommen hatte, erblickte in der möglichen Spaltung der Industrie


in eine schwer- und eine leichtindustrielle Verbandsorganisation, wie sie
vor dem Kriege bestanden hatte, die interessenpolitisch schlechteste Lö-
sung. Gegenüber Poensgen, Springorum und Schlenker, verwies Reichert
deshalb darauf, daß nicht organisatorische, sondern personelle Konse-
quenzen zu ziehen seien: Geheimrat Duisberg wolle im September 1931
nach Erreichung seines 70. Lebensjahres sowieso zurücktreten. "Stärker
belastet" sei natürlich das Geschäftsführende Präsidialmitglied Kastl, das
am besten "freiwillig" ausscheide und den freien Posten des Reichswirt-
schaftsministers übernehme.116
Da es sich bei der Austrittsdrohung des Bergbau-Vereins um eine Ange-
legenheit von "allergrößter Bedeutung" handelte, schaltete sich die Ruhrla-
de, die Clearing-Stelle der westlichen Kohle- und Eisenindustrie, direkt ein.
Auf ihrer Sitzung vom 2. Februar 1931117 fällte sie gegen die Stimme Fritz
Thyssens die grundlegende Entscheidung, an einer einheitlichen Spitzenor-
ganisation der deutschen Industrie "unter allen Umständen festzuhalten".118
Die Gefahr einer organisatorischen Spaltung der Industrie war damit zu-
nächst abgewendet, die personalpolitische Debatte aber noch nicht ausge-
standen.119 In der Präsidialsitzung des Reichsverbandes vom 19. Februar
1931 erhob E. Brandi in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Berg-
bau-Vereins erneut massive Vorwürfe, so daß sich Duisberg schließlich
gezwungen sah, zu einer außerordentlichen Zusammenkunft der westlichen
Eisen- und Kohlenindustrie sowie der Geschäftsführung des Reichs-
verbandes zu laden.120 Nach einer Vorabsprache der Ruhrindustrie am 1.
April sowie der Ruhrlade am 4. Mai kam es dann am 5. Mai 1931 zur ent-
scheidenden Zusammenkunft in Bochum: Im Endergebnis zeigte sich, daß
die von Thyssen und Brandi angeführte Opposition auch innerhalb der
Schwerindustrie zu schwach war, um die politische Ausrichtung des
Reichsverbandes grundlegend zu ändern. Mehr als die Zusage des RDI, in
Zukunft größere politische "Zurückhaltung" üben zu wollen, hatte der
Bergbau-Verein nicht erreichen können.121 Zudem war die Position Kastls,
der sich "geschickt" verteidigt hatte,122 eher gefestigt als geschwächt, weil
mit der Beilegung des Konfliktes am 5. Mai zugleich die Voraussetzung für
die Präsidentschaft Gustav Krupps in Nachfolge des aus Altersgründen im
Herbst 1931 ausscheidenden Carl Duisberg geschaffen wurde.123 Der Ver-
such der Opposition im RDI, bei dieser günstigen Gelegenheit die Person
des Geschäftsführenden Präsidialmitgliedes mit auszuwechseln, hatte kei-
nen Erfolg gehabt.
Für das Verhältnis von Ökonomie und Politik 1931 bedeutete dieser
Ausgang der Kontroverse, daß sich wie bisher zwei Industrieflügel gegen-
überstanden, deren Pole vom Bergbau-Verein sowie VDESÜ für die
schwerindustriell bestimmte Kohle- und Eisenindustrie sowie vom RDI und
DIHT124 für die verarbeitende, exportorientierte Industrie gebildet wurden.
Der Langnam-Verein nahm innerhalb dieses Spektrums eine eher

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 88


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

mittlere Position ein und zeigte trotz seiner Tendenz zur schwerindustriellen
Opposition das auch für den Reichsverband charakteristische Phänomen
eines gegenüber der Basis nach links verschobenen Managements.125 Die
Industrie insgesamt befand sich im Frühjahr 1931 dem Kabinett Brüning
gegenüber in einer abwartenden Reserve, die allerdings, wie auch die Kon-
troverse zwischen RDI und Bergbau-Verein deutlich gemacht hatte, teilwei-
se schon in prinzipielle Opposition umgeschlagen war.
Das Dilemma 1930/31 war offensichtlich: Für eine Vereinigung der
konservativen Rechten fand sich noch keine tragfähige Basis,126 während
zugleich für eine Neuauflage der Großen Koalition zunehmend weniger
Neigung bestand,127 vor allem nachdem Brüning den bequemeren Ausweg
der indirekten Einbindung der Sozialdemokratie in die Verantwortung auf-
gezeigt hatte. Nach dem Scheitern der bürgerlichen Sammlungspolitik in
der Reichstagswahl vom 14. September und den folgenden Monaten machte
sich daher in rechtsstehenden Industriekreisen weitgehende Ratlosigkeit
breit.128 Die zuvor betriebene Kandidatur des Reichsbankpräsidenten Lu-
ther für ein autoritär geführtes Kabinett versprach jetzt keine prinzipielle
Überwindung des von Brüning gesteuerten Kornpromikurses mehr und
wurde deshalb nur noch halbherzig verfolgt.129 So blieb als wirkliche Alter-
native nur eine Kooperation mit dem Nationalsozialismus, eine Bündnisper-
spektive, die im Frühjahr 1931 innerhalb der Großindustrie noch weitge-
hend auf Ablehnung stieß.130

Anmerkungen zu Kap. V auf S. 231-37 89


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

VI. Die Bankenkrise

1. Die Tagung des Langnam-Vereins vom 3. Juni


und die Notverordnung vom 5. Juni 1931

Der 1930/31 abgewehrte Vorstoß des Bergbau-Vereins, die Industrie auf


ein Bündnis mit der "Nationalen Rechten" zu verpflichten, war durchaus als
ein Erfolg der gemäßigten Unternehmerkreise im RDI, aber auch in Lan-
gnam-Verein und Ruhrlade zu begreifen.1 Selbst Wittke vom VSI, der
"Rechtsaußen" im deutschen Verbandswesen, suchte noch ein Einverneh-
men mit der amtierenden Regierung.2 So konnten RDI und DIHT im Früh-
jahr 1931 ihre Politik der konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Kabinett
Brüning zunächst ungestört fortsetzen.3 Im Vorfeld der Tagung des Lan-
gnam-Vereins vom 3. Juni 1931 zeigte sich allerdings, daß die Anti-
Brüning-Front der Industrie sich nach dem Zurückstecken des Bergbaus
keineswegs geschlagen gab. Bereits anläßlich der Ruhrladesitzung vom 13.
April regte so Fritz Springorum an, in absehbarer Zeit eine "Protest-
kundgebung" des Langnam-Vereins gegen die "Verschleppungspolitik" der
Regierung abzuhalten.4 Nach Rückversicherung bei Paul Reusch5 deutete
Springorum gegenüber Sogemeier, Blank und Heinrichsbauer, dem Verbin-
dungsmann zur "Nationalen Opposition" und NSDAP, an, daß er ent-
schlossen sei, "in geeigneter Form in die Opposition zur Regierung Brüning
zu treten", und daß seine Pläne dahingingen, "gegebenenfalls nach Erlaß
der bevorstehenden Notverordnung eine Mitgliederversammlung des Lan-
gnam-Vereins einzuberufen, um von dieser Plattform aus in aller Form und
mit größter Entschlossenheit gegen die Politik der Regierung zu protestie-
ren." Allerdings sei dieser Schritt, wie Springorum ausdrücklich betonte,
nur möglich, wenn zuvor "unter den maßgebenden Herren des Ruhrgebietes
Einigkeit über die Richtigkeit eines solchen Vorgehens herbeigeführt sei."6
Der Reichskanzler, im übrigen durch einen Artikel Fritz Kleins in der
DAZ7 gewarnt,8 sah die von der geplanten Tagung ausgehende Gefahr
rechtzeitig und bemühte sich, der bedrohlich werdenden Opposition der
westlichen Industrie in geeigneter Form entgegenzuwirken. Vor allem von
Silverberg9 und Graf Quadt10 wurde Springorum als Vorsitzender des Lan-
gnam-Vereins intensiv gedrängt, das Gespräch mit Brüning zu suchen.
Springorum gab schließlich, wenn auch widerstrebend,11 seine Zustim-
mung zu einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Reichskanzler.12

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 90


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

Die von Silverberg arrangierte und in seinem Beisein geführte Unterredung


am 20. Mai 1931 hatte immerhin zum Ergebnis, daß von einem Sturz des
Reichskanzlers jetzt nicht mehr die Rede war13 und auch in der Reparati-
onsfrage eine flexiblere Haltung eingenommen wurde. Der ursprüngliche
Resolutionsentwurf für die Tagung vom 3. Juni 1931,14 dem Thyssen und
Reusch bereits zugestimmt hatten,15 erfuhr durch den Kompromißvorschlag
Albert Vöglers16 eine entscheidende Korrektur: Gegenüber den zuvor zen-
tral stehenden Anklagen gegen die Auswirkungen des "Versailler Diktats"
und der "Tributzahlungen" sowie der grobschlächtigen Forderung nach
"Schluß mit den Reparationen" fand sich jetzt die prinzipielle Anerkenntnis,
daß ein demonstrativer Willkürakt, wie von der "Nationalen Opposition"
verlangt, nicht zur wirtschaftlichen Gesundung führe, sondern daß letztend-
lich nur Verhandlungen über einen neuen Zahlungsmodus den richtigen
Weg wiesen.17
Wenn sich der Langnam-Verein damit reparationspolitisch noch in Zu-
rückhaltung übte, so steuerte er insgesamt doch einen "ausgesprochenen
Rechtskurs."l8 Während der Tagung vom 3. Juni schlugen Springorum,
Reusch und Thyssen eine Sprache an, wie sie die Regierung bisher nicht zu
hören bekommen hatte.19 Da wurde vom Reichskanzler verlangt, "daß er
sich mit den besten und tüchtigsten Männern des Volkes umgebe", da for-
derte Thyssen in Anknüpfung an seine Ausführungen vor dem RDI20 die
Errichtung einer "nationalen Volksgemeinschaft" und die "Beseitigung der
Nebenregierung der Gewerkschaften und der Parteiauswüchse",21 da be-
klagte schließlich Paul Reusch den fehlenden Mut zur "notwendigen Rück-
sichtslosigkeit".22 Die Forderungen Silverbergs nach einer "Neuordnung des
Staates im Sinne einer Vereinheitlichung und Verbilligung der Verwal-
tung"23 nahmen sich im Gesamtkontext der Tagung noch ausgesprochen
maßvoll aus.
Die schroffe Haltung des Langnam-Vereins ordnete sich ein in einen
allgemeinen Proteststurm gegen die zweite "Notverordnung zur Siche-
rung von Wirtschaft und Finanzen" vom 5. Juni 1931.24 Vom gesamten Par-
teienspektrum des Reichstages einschließlich Sozialdemokratie und Zen-
trum bildete sich über die Gewerkschaften bis zu den Arbeitgeberver-
bänden und dem RDI eine Einheitsfront gegen die neue Notverordnung,
noch bevor diese überhaupt veröffentlicht war.25 Daß dem Reichskanzler
dieser Ansturm außenpolitisch gar nicht unwillkommen war, ja bewußt ein-
kalkuliert wurde, ist gleichwohl nicht zu übersehen.26 Am Tage der Veröf-
fentlichung der Notverordnung befand sich Brüning nämlich bereits auf
dem Wege nach England, um einer Einladung des englischen Premier-
ministers MacDonald Folge zu leisten. Die rigorosen Maßnahmen vom 5.
Juni waren nicht zuletzt als Nachweis des aufrichtigen Bemühens der
Reichsregierung dem Ausland gegenüber gedacht, den Reparationsver-
pflichtungen nachzukommen, allerdings in der klaren Zielsetzung, durch
den Nachweis der Zahlungsunfähigkeit Deutschlands Revisionsverhand-

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 91


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

lungen in Gang zu bringen und die vollständige Aufhebung der Repara-


tionszahlungen zu erreichen.27
Eine erste öffentliche Verlautbarung, die diesen Zusammenhang in vor-
sichtiger Form andeutete, erfolgte am 5. Juni parallel zur Bekanntgabe der
neuen Notverordnung.28 Diese Erklärung reichte innenpolitisch nicht aus,
die Erregung über die Notverordnung zu beschwichtigen, rief aber im Aus-
lande, besonders in Frankreich, außerordentliche Empörung hervor. Brü-
ning gelang es in den Gesprächen von Chequers auch noch nicht, die engli-
sche Regierung, wie eigentlich erhofft,29 für die Revision des Young-Plans
zu gewinnen, aber ohne Frage war das Reparationsproblem nach Abschluß
des England-Besuchs in den Vordergrund der internationalen Diskussion
gerückt. Die massiven Gold- und Devisenverluste der Reichsbank, die
durch den Reparationsaufruf der Reichsregierung ausgelöst worden waren,
nahm der Kanzler deshalb recht gelassen hin, unterstrichen sie doch die
Zahlungsunfähigkeit Deutschlands nachdrücklich.30 Bedrohlicher war die
Zuspitzung der innenpolitischen Lage, wo insbesondere die DVP-Fraktion
auf einer Einberufung des Reichstags bestand, um zugleich mit der Abände-
rung der Notverordnung eine Kabinettsumbildung zu erzwingen.31 Erst
nach langen, dramatischen Verhandlungen, in deren Verlauf Brüning mit
der Demission des Kabinetts drohte,32 gelang es, diese gefährliche Entwick-
lung abzuwenden. Die westliche Industrie war insofern nicht unbeteiligt, als
die von ihr unterstützten Abgeordneten der DVP bis zuletzt unter Verweis
auf die Ergebnisse der Langnam-VereinsTagung vom 5. Juni 1931 auf einer
Einberufung des Reichstags bestanden und damit einen Sturz des Kabinetts
Brüning bewußt in Kauf nahmen. Silverberg forderte im nachhinein eindeu-
tige Konsequenzen gegenüber diesen Parlamentariern, konnte damit aber
bei Springorum und Reusch nicht durchdringen.33 Die schließliche Ent-
scheidung des Ältestenrats vom 16. Juni, auf einen Zusammentritt des Par-
laments zu verzichten, rettete wohl das Kabinett Brüning vor einem Miß-
trauensvotum, vermochte aber nicht mehr, den anhaltenden Abzug der kurz-
fristigen Auslands-Kredite wirkungsvoll zu stoppen.
Die Rückwirkungen besonders auf die Teile der Industrie, die im Lan-
gnam-Verein ihren wirtschaftspolitischen Standort hatten, blieben nicht
aus. So tauchte der Gedanke eines "Schwerindustriellendirektoriums"
auf, "für das bereits alle Vorbereitungen durch eine Gruppe von Wirt-
schaftsführern mit Dr. Schacht an der Spitze, die auch schon zu Hugenberg
und Hitler Fühlung gesucht hätten, getroffen worden seien."34 Die Gerüchte
um angebliche Diktaturpläne der Schwerindustrie verdichteten sich
schließlich so weit, daß der VDEStI sich am 17. Juni genötigt sah, ein öf-
fentliches Dementi abzugeben. Der Vorsitzende des Vereins, Poensgen,
wandte sich dabei "gegen die Behauptung, daß die Ruhrindustrie ein Direk-
torium und die Diktatur verlangt habe. Die westliche Industrie wolle keine
Diktatur, sie wolle eine Führung der Wirtschafts- und Finanzpolitik,

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 92


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

die die deutsche Wirtschaft vor dem drohenden Zusammenbruch be-


wahrt."35 Richtig an dieser Erklärung war, daß selbst erklärte Parteigänger
einer faschistischen Krisenlösung wie Heinrichsbauer an eine unmittelbare
Machtergreifung durch die "Nationale Opposition" noch nicht dachten:
Vielmehr bot sich der Mittelweg eines Obergangskabinetts "starker und
entschiedener Persönlichkeiten" an, welches zunächst die notwendigen un-
populären Sanierungsmaßnahmen zu Ende zu führen hatte.36 Entscheidend
war auch, daß die "Nationale Opposition" zu dieser Zeit noch über kein
praktikables politisches und wirtschaftliches Programm verfügte und so als
ernsthafte Alternative ausfiel. Die gleichzeitigen Bemühungen Heinrichs-
bauers, den kapitalfreundlichen Flügel der NSDAP zu stärken und eine ent-
sprechende Ausrichtung der Wirtschaftsauffassung der Partei durchzuset-
zen,37 zeigten jedoch, daß in einer längerfristigen Perspektive durchaus an
einer Machtübernahme durch Hitler und Hugenberg gearbeitet wurde.38
Der Trumpf Brünings im Sommer 1931 bestand in seiner Unentbehr-
lichkeit: Während im Innern die Wirtschaftskrise auf ihren absoluten Höhe-
punkt hinsteuerte und sich deshalb die Opposition nicht bereit fand, jetzt die
unpopuläre und risikovolle Verantwortung zu übernehmen, zeichnete sich
in der Außenpolitik nach den Gesprächen von Chequers ein erster konkreter
Ansatzpunkt zur Lösung der Reparationsfrage ab, der freilich an die Person
Brünings und dessen internationalen Kredit gebunden blieb.39 Die Wir-
kungszusammenhänge, die die Stärke des Reichskanzlers ausmachten, wa-
ren zugleich seine entscheidende Schwäche: Besserte sich die bin-
nenwirtschaftliche Lage und waren die außenpolitischen Voraussetzungen
für eine grundlegende Revision des Young-Plans hergestellt, dann stand die
Person des Kanzlers zu Disposition. Der Sturz Brünings war also, so para-
dox es erscheinen mag, mit einem sich abzeichnenden Erfolg der Wirt-
schaftspolitik im Innern und der Revisionspolitik im Äußeren untrennbar
verbunden und insofern schon zu diesem Zeitpunkt deutlich vorgezeich-
net.40

2. Der Reichsverband und Brüning im Juni 1931

Aktiven Rückhalt fand der Kanzler in jenen kritischen Tagen des Juni/Juli
1931, als die Devisenverluste ein katastrophales Ausmaß annahmen und die
Krise in Deutschland ihrem "dramatischen Höhepunkt"41 zustrebte, nur
noch bei den in der Führung des RDI und DIHT tätigen Unternehmerkrei-
sen. In den Vorstands- und Hauptausschuß-Sitzungen des Reichsverbandes
vom 19. Juni42 war es vor allem Paul Silverberg, der mit aller Eindringlich-
keit appellierte, sich jetzt hinter die Regierung zu stellen und dem Reichs-
kanzler das "Vertrauen" entgegenzubringen, das er für die Durchführung

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 93


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

seiner Politik benötige. Silverberg ging dabei soweit, den Verlauf der Lan-
gnam-Vereins-Tagung vom 3. Juni und die dort von einzelnen Rednern er-
hobenen Forderungen an die Regierung offen zu kritisieren:

"Meine Herren, welche Verpflichtungen haben wir, wenn wir von uns aus ...
die Regierung angreifen und von ihr verlangen, innenpolitisch die schwerwie-
gendsten Eingriffe zu machen, von denen die breiten, erregten, nervösen Massen
des Volkes betroffen werden, wenn wir außenpolitische Aktionen schwerwie-
gendster Art verlangen − welche Verpflichtungen haben wir dann? Zuerst dem
Führer der Regierung nicht nur das Vertrauen auszusprechen, sondern auch es
durch die Tat zu bekunden, daß wir überall, vor allen Dingen die Regungen des
Mißtrauens und der Kritik unterdrücken und sagen: sie mögen vielleicht berech-
tigt sein, aber sie sind jedenfalls jetzt nicht am Platze. Wir müssen demjenigen,
der in solcher Situation kämpfen muß, eine Lage schaffen, daß er rückenfrei
kämpfen kann. Das ist unsere Pflicht, wenn wir einen innenpolitischen und einen
noch schwierigeren außenpolitischen Gang von ihm verlangen.
Meine Herren, ich gehe noch einen Schritt weiter. Bei aller Kritik an der
Reichsregierung oder einzelnen − ich will ganz deutlich sein − Mitgliedern der
Reichsregierung, die ich auch in meinen Ausführungen nicht verschwiegen habe,
halte ich die augenblickliche Situation für eine Ministerstürzerei oder für grundle-
gende Änderung der Reichsregierung nicht für geeignet (sehr richtig!). Meine
Herren! Vergessen Sie doch eines nicht: Verantwortlich auch für die personelle
Zusammensetzung der Regierung ist der Reichskanzler; und jedes zu schroff aus-
gedrückte Verlangen enthält auch wieder eine starke, vielleicht die stärkste Kritik
an dem Reichskanzler. Wir wollen über die persönliche Einstellung uns hier nicht
unterhalten; es ist nicht der Ort dazu. Aber jedenfalls möchte ich bitten, wenn wir
− und das wollen wir alle ernstlich – das Vertrauen zur Persönlichkeit und zum
Handeln des Reichskanzlers beweisen wollen, dann auch die Konsequenz ziehen:
Im Augenblick ist bei aller Notwendigkeit von Änderungen keine Zeit, kein Raum
und keine geeignete Gelegenheit, das zu verlangen, selbst wenn es an anderer
Stelle von uns selbst verlangt worden ist. Zwischen dem 3. Juni − da war eine
Versammlung in Düsseldorf − und heute ist auch allerhand passiert und allerhand,
das uns auch verpflichtet, nach dieser Richtung hin Ruhe zu halten, kühlen Kopf
zu behalten und die Nerven nicht zu verlieren."43

Vor dem Vorstand des RDI hatte Silverberg zuvor auf das sich als poli-
tische Alternative immer deutlicher abzeichnende, von parlamentarischen
Koalitionen nach rechts oder links weithin unabhängige Präsidialsystem
verwiesen, eine Entwicklung, die zugegebenermaßen nach einer "schweren
Geburt" zustande gekommen sei.44 Diese Option Silverbergs entsprach sei-
ner Mittlerfunktion zwischen rechtem und linkem Unternehmerflügel, zwi-
schen Langnam-Verein und RDI, zwischen Schwerindustrie und verarbei-
tender Industrie. jetzt, im Sommer 1931, noch eine formelle Koalition mit
der Sozialdemokratie zu fordern, hätte bedeutet, den zur Verfügung stehen-
den Kompromißbereich zu sprengen.
In Erwiderung auf Silverberg machte Thyssen allerdings klar, daß weder
die auf einer Tolerierung durch die SPD gründende Basis des Brüning-

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 94


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

Kabinetts noch die in der Reparationsfrage verfolgte etappenweise Revi-


sionspolitik die Billigung der von ihm vertretenen Industriekreise finde:
Innenpolitisch habe ein Zusammengehen mit der "Nationalen Opposition"
zu erfolgen und außenpolitisch bleibe, wie Schacht gefördert habe, nur der
Weg eines einseitigen, sofortigen Transferstops. Vor dem Winter müßten
noch "ganz andere politische Voraussetzungen" geschaffen werden. Im-
merhin stelle er mit Befriedigung fest, "daß selbst hier im Kreise des
Reichsverbandes insofern eine große Wendung eingetreten ist, als ... das
Vertrauen zur Demokratie kolossal gelitten (Heiterkeit) und daß das Ver-
trauen zu einer Art Diktatur wesentlich zugenommen hat (Heiterkeit). Ich
hoffe mit allen Kreisen, auf diesem Weg fortzuschreiten. Vielleicht kommt
dann doch noch etwas heraus (Heiterkeit und Beifall)".45
In den Gremien des Reichsverbandes blieb Thyssen mit seiner Meinung
allerdings nach wie vor isoliert.46 In Obereinstimmung mit dem Hauptaus-
schuß faßte Carl Duisberg die Auffassung des RDI in einer Presseerklärung
wie folgt zusammen:

"Der Reichsverband der Deutschen Industrie ist sich darüber klar, daß die
Vermeidung eines wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenbruchs in allerer-
ster Linie eine Frage des Vertrauens in die Führung der Reichsgeschäfte ist. Der
Person des Reichskanzlers bringt die Industrie dieses Vertrauen entgegen.
An dem Inhalt der Notverordnung vom 5. Juni 1931 wurde ernste Kritik geübt
... Eine dringende Aufgabe ist ferner das entschlossene Anfassen der Repara-
tionsfrage. Ein Zögern der Reichsregierung in dieser Frage wird von der überwäl-
tigenden Mehrheit ... nicht mehr verstanden. Die Reichsregierung muß im geeig-
neten Augenblick die kraftvolle Initiative ergreifen, die notwendig ist, um neue
Verhandlungen in Gang zu setzen ... "47

Darüber hinaus kam es auf Initiative des Reichsverbandes48 im An-


schluß an die Beratungen von Präsidium, Vorstand und Hauptausschuß am
Abend des 19.Juni zu einem Empfang bei Brüning, in dessen Verlauf die
Abordnung des RDI, Duisberg, Silverberg, Kraemer und Herle, noch ein-
mal das "Vertrauen der Industrie in die Person des Reichskanzlers" zum
Ausdruck brachte.49

3. Das Hoover-Moratorium

Die völlig überraschende Ankündigung des Hoover-Moratoriums vom


20. Juni 1931, das einen zunächst einjährigen Aufschub aller Reparations-
zahlungen vorsah, bedeutete den ersten großen Erfolg für die Politik Brü-
nings. Damit war der entscheidende Wendepunkt50 in der Reparationsfrage
erreicht, da die Aussetzung der Zahlungen faktisch einer Aufhebung des
Young-Plans gleich kam. Innenpolitisch hatte der Schritt des amerika-
nischen Präsidenten zur Folge, daß das Revisionskonzept der "Nationalen

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 95


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

Opposition", wie es tags zuvor noch von Thyssen und Blohm innerhalb des
RDI vertreten wurde,51 gegenstandslos geworden war: Nur Brünings Weg
der schrittweisen Überwindung der Reparationen durch Verhandlungen
blieb als einzig gangbare Methode bestehen.52 Die Stellung des Kanzlers
war so enorm gestärkt, da die endgültige Lösung der Reparationsfrage
nunmehr noch stärker als zuvor an seine Person geknüpft war.
Trotz dieses Erfolges ließ die Kritik jener Kreise am Kanzler, die schon
vorher mit dem Gedanken eines "Schwerindustriellendirektoriums" gespielt
hatten, nicht nach. So protestierte Kirdorf in einem Schreiben vom 21. Juni
an Duisberg gegen die Unterstützung Brünings durch den Reichsverband in
der Hoffnung, den Präsidenten des RDI für die "nationale Bewegung zu
gewinnen".53 Duisberg, der auch an anderer Stelle für den Reichskanzler
geworben hatte, und dafür dessen ausdrückliche Belobigung erhalten hat-
te,54 wies dieses Ansinnen in aller Form zurück. Brüning, nach Bismarck
der "beste Kanzler", den Deutschland bisher gehabt habe, sei an eine Mehr-
heit im Reichstage gebunden, die er "nur in Verbindung mit Zentrum und
Sozialdemokratie und nicht mit den wirtschaftlich durchaus unklaren Na-
tionalsozialisten, auch nicht mit den auf einem sturen Standpunkt verhar-
renden Deutschnationalen finden" könne.55
Der Kohlenbergbau, der schon am 16. Juni in einem großaufgemachten
Artikel in der DAZ56 gegen die Unterstützung der Regierung Brüning im
Zusammenhang der Notverordnung vom 3. Juni Front gemacht hatte, be-
harrte auch in einer Besprechung in der Reichskanzlei vom 25. Juni auf der
Forderung, daß eine Preissenkung für Kohleprodukte in jedem Falle von
einer Lohnsenkung begleitet werden müsse. Der Reichskanzler erklärte un-
ter ausdrücklichem Hinweis auf die eigentliche politische Intention dieses
Verlangens, daß gegenwärtig eine Lohnsenkung "nicht in Frage" komme.
"Die politischen Folgen müßten dem Bergbau klar sein. Die Strömungen im
Ruhrbergbau gingen dahin, den Regierungen möglichst große politische
Schwierigkeiten zu machen und an den eigenen Preisen festzuhalten, Ermä-
ßigungen aber immer auf die Arbeitnehmer abzuschieben."57 In schon ge-
wohnter Obereinstimmung mit diesem Teil der Schwerindustrie meldete
sich Wittke vom "Verband Sächsischer Industrieller" zu Wort, der unum-
wunden erklärte, daß die "gegenwärtige Regierung" der Grundforderung
der Politik, nämlich die "Kunst des Möglichen" zu erfüllen, "in ihrer ge-
genwärtigen Zusammensetzung" nicht gerecht werde.58
Demgegenüber wiederholte Silverberg vor dem Hauptausschuß des
DIHT am 23. Juni 1931 in Düsseldorf den Appell, der Reichsregierung Ver-
trauen entgegenzubringen und Kritik zurückzustellen. Gerade in den
jetzt anlaufenden Verhandlungen um das Hoover-Moratorium erweise sich
wieder, daß nicht "Wirtschaft", sondern "Politik" "Schicksal" sei. Unter die-
sem Gesichtspunkt müsse man auch die Notverordnung vom 3. Juni verste-
hen, weil das Ausland darin den "sinnfälligen Beweis" gesehen habe,

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 96


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

"daß Deutschland bestrebt und willens ist, seine Verhältnisse selbst zu ord-
nen". Im übrigen sei es jetzt aber das Gebot der Stunde, durch Verzicht auf
Forderungen nach Änderung der Notverordnung oder auch der Zusammen-
setzung des Kabinetts "für Ruhe und Stabilität der Regierung zu sorgen".59
Auch Paul Reusch, der Anfang Juni noch heftig gegen die Regierung Brü-
ning und ihr Programm opponiert hatte,60 sprach sich jetzt, nach dem Schritt
Hoovers, dafür aus, die Kritik an der Notverordnung "auf das äußerste [zu]
beschränken"61 und an der Wiederherstellung des "Vertrauens im Inlande"
zu arbeiten.62 Im weiteren Verlauf der Bankenkrise bestätigte sich dieser
Stimmungswandel bei Teilen der westlichen Industrie gegenüber dem Ka-
binett Brüning. Der Gedanke eines Garantie-Syndikats der deutschen Indu-
strie, d. h. der Übernahme einer Ausfallbürgschaft von 500 Mio. RM durch
große Industrieunternehmungen unter Führung der Deutschen Golddiskont-
bank, entsprang so den gemeinsamen Überlegungen von Reichsbank und
Unternehmervertretern auch des Westens.63 Pünder nennt hier auf indus-
trieller Seite an erster Stelle Silverberg und Vögler, die neben Kastl und
Kraemer die Verhandlungen in der Reichskanzlei und der Reichsbank führ-
ten.64 Aber auch diese Aktion konnte den Zusammenbruch des deutschen
Kredits am 13. Juli 1931 nicht mehr verhindern. Die Wirtschaftskrise in
Deutschland hatte ihren absoluten Höhepunkt erreicht.
Überblickt man das Verhältnis von Industrie und Politik während der
schwierigen Monate im Sommer 1931, dann ist zusammenfassend festzu-
stellen, daß Bankenkrise und Hoover-Moratorium zunächst durchaus zu
einer Festigung des Kabinetts beitrugen. Der tendenzielle Solidarisierungs-
effekt wurde dadurch erleichtert, daß mit der Aussetzung des Young-Plans
zugleich der Streit über die alternativen Restaurationskonzepte zugunsten
der Brüningschen Strategie entschieden worden war.65 Trotz allem blieben
deutliche Divergenzen sichtbar: Während RDI und DIHT der amtierenden
Regierung uneingeschränkt "Vertrauen" entgegenbrachten, blieben Ruhr-
bergbau und mittelständische Industrie (VSI) in distanzierter Opposition.
Der Langnam-Verein als Forum der Schwerindustrie nahm eine eher indif-
ferente Haltung ein: An die Stelle massiver Kritik, wie sie auf der Mitglie-
derversammlung vom 3. Juni vorgebracht worden war, trat jetzt die Taktik
des "Burgfriedens".
Das von der Ruhrlade und führenden Vertretern der Berliner Großindu-
strie unter Federführung Paul Reuschs verfaßte große Schreiben an den
Reichskanzler vom 30. Juli 193166 entsprach ganz dieser Linie: Die Unter-
zeichner der Eingabe, Krupp, Klöckner, Silverberg, Vögler, Springorum, C.
F. v. Siemens, Bücher, Borsig und Reusch,67 bescheinigten Brüning, daß er
die Bürde seines Amtes mit "vorbildlichem sittlichen Ernst" auf sich ge-
nommen habe, weil er sich "grundsätzlich jeder Rücksichtnahme auf Popu-
larität" versagt habe und entschlossen sei, "sich auf weite Sicht nur
von sachlichen Gründen leiten zu lassen". Der bisherige Weg der Regie-

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 97


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VI. Die Bankenkrise 1931

rung einer "Umleitung der Wirtschaftspolitik in gesundere Bahnen" sei


grundsätzlich richtig, jetzt komme es aber vor allem darauf an,

"das Tempo der Umstellung so zu beschleunigen, daß sie der weiteren Entkräftung
der Wirtschaft zuvorkommt und ihr so die Möglichkeit zur Gesundung und zum
Aufstieg gewährt. Das ist auch der allein wirksame Weg zur Bekämpfung der Ar-
beitslosigkeit. Man muß der Wirtschaft die Fesseln abnehmen und ihr das Wirt-
schaften nach den ewig gültigen ökonomischen Gesetzen wieder frei geben, damit
sie ihre Kräfte entfalten kann. Dann wird sie ganz von selbst immer größere
Massen von brachliegenden Arbeitskräften aufsaugen."68

Die Unterzeichner des Schreibens hielten also an der überkommenen


Lehre von den Selbstheilungskräften der Wirtschaft fest. Nicht gezielter
Staatsinterventionismus und eine antizyklische Konjunkturpolitik, wie
Keynes sie später theoretisch formulierte, sondern im Gegenteil Reduzie-
rung der Ausgaben und Rückzug der öffentlichen Hand aus dem Wirt-
schaftsprozeß stellten ihrer Meinung nach die Voraussetzung zur Überwin-
dung der Krise dar. Die sich daraus ableitenden konkreten Forderungen
richteten sich in Wiederholung altbekannter Thesen gegen die Grundele-
mente des Weimarer Kompromisses von 1918, Achtstundentag und Tarif-
recht, Sozialsystem und Mitverantwortung des Staates in der Wirtschaft.69
Die Durchsetzung dieses Katalogs verlangte innenpolitisch eine Schwen-
kung des Kabinetts Brüning nach rechts. Die nicht nur von Paul Reusch
zum Kriterium erhobene Trennung Brünings von der Sozialdemokratie
musste deshalb für die Ruhrlade zum Prüfstein ihrer zukünftigen Haltung
gegenüber der amtierenden Regierung werden.70

Anmerkungen zu Kap. VI auf S. 238-41 98


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

VII. Wendepunkt Herbst 1931:


Die Abkehr von Brüning

1. Die Erklärung der Industrieverbände vom 29. September 1931

Nach einer ersten Konsolidierung des deutschen Kapitalmarktes zeigte sich,


daß der Annäherung zwischen westlicher Industrie und Reichsregierung,
die auf dem Höhepunkt der Bankenkrise konstatiert werden konnte, keine
Dauer beschieden war. Als Brüning zögerte, die in der Eingabe der Ruhrla-
de vom 30. Juli1 implizit geforderte Wende nach rechts gegen die Sozial-
demokratie und die Gewerkschaften zu vollziehen, und sich gleichzeitig
eine grundlegende Besserung der Konjunktur nicht abzuzeichnen begann,
drängte die Ruhrindustrie massiv auf den endgültigen Bruch mit dem amtie-
renden Reichskanzler.
Anfang September forderte Paul Reusch als die maßgebende Unterneh-
merpersönlichkeit in Ruhrlade und Langnam-Verein den Reichsverband
auf, den Kampf gegen Brüning und die Gewerkschaften jetzt offen und in
aller Schärfe aufzunehmen. Gleichzeitig solle ein Vorstoß beim Reichsprä-
sidenten erfolgen, um auch von dieser "obersten Stelle des Reiches" aus
aktiv zu werden.

"Ich bin", so Reusch, "der unmaßgeblichen Meinung, daß Herr Brüning, nach-
dem die Erwartungen, die wir auf ihn gesetzt haben, sich nicht erfüllt haben und
nachdem er nicht den Mut hat, sich von der Sozialdemokratie zu trennen, von der
Wirtschaft und vom Reichsverband auf das allerschärfste bekämpft werden muß
und daß ihm die Industrie ganz offen ihr Mißtrauen aussprechen soll.
Weiter wäre es notwendig, bei dem Herrn Reichspräsidenten [um] eine Unter-
redung nachzusuchen und ihm in aller Offenheit die trostlose wirtschaftliche Lage
zu schildern, die, wenn die bestehende Zwangswirtschaft beibehalten wird, unter
keinen Umständen gesunden kann ... Im weiteren bin ich der Ansicht, daß wir
endlich einmal unsere Taktik den Gewerkschaften gegenüber ändern müssen. Die
Industrie war bisher zu feige, den Kampf mit den Gewerkschaften mit aller Schär-
fe aufzunehmen. Das ganze Unheil, das über uns gekommen ist, ist nicht zum
geringsten Teil auf die Gewerkschaften zurückzuführen, von denen sich seit den
Revolutionstagen alle Regierungen mehr oder weniger beeinflussen ließen und die
im Hintergrunde tatsächlich regiert haben. Wir haben den Fehler gemacht, in der
Vergangenheit die Regierungen zu bekämpfen, statt daß wir die Gewerkschaften
mit aller Schärfe bekämpft haben und sollten aus diesem Fehler der Vergangen-
heit nunmehr die entsprechenden Folgerungen ziehen."2

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 99


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

Die Reichsverbandsführung, die demgegenüber weiterhin an Brüning


festhalten wollte, weil sie eine geeignete programmatische und personelle
Alternative nicht zu erkennen vermochte,3 kam durch diesen Vorstoß in
eine schwierige Lage: Gegen die gemäßigten Kräfte der Schwerindustrie,
wie sie Paul Reusch verkörperte, konnte der RDI nicht offen angehen, ohne
seinen Anspruch als gesamtindustrieller Spitzenverband in Frage zu stellen.
Kastl wählte einen vorsichtigen Kompromißkurs, indem er den RDI in die
geforderte antigewerkschaftliche Kampfstrategie wohl mit einspannte,4 aber
eine direkte Opposition gegenüber dem Reichskanzler vermied.5
Der Ende September, Anfang Oktober von allen Seiten einsetzende An-
sturm auf das Kabinett Brüning stand unter dem Vorzeichen der Einberu-
fung des Reichstages für den 13. Oktober 1931. In Verbindung mit der zu-
vor erwarteten 3." Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finan-
zen" (veröffentlicht am 6. Oktober) sowie der Tagung der" Nationalen Op-
position" in Harzburg am 11. Oktober stellte sich für die amtierende Regie-
rung nurmehr die Frage, ob sie im Widerstreit mit den Interessentengruppen
aller Schattierungen die nächsten Tage politisch überleben könne.
Die im Langnam- und Bergbau-Verein organisierten Industriellen waren
in dieser Situation entschlossen, Brüning jede Unterstützung zu verweigern
und so ihren Teil zum Sturz des Kabinetts beizutragen. In den laufenden
Verhandlungen zur Beilegung des Tarifkonflikts im Ruhrbergbau beharrten
die Arbeitgeber auf einer extremen Lohnsenkung von 12%, was, wie
Reichsarbeitsminister Stegerwald offen aussprach, "unerfüllbar sei, weil das
Einkommen der Belegschaft "schon jetzt teilweise unter dem Satze der
Wohlfahrtserwerbslosenfürsorge liege" und deshalb "Unruhen" im Ruhrge-
biet nicht ausgeschlossen werden könnten.6 Der Reichskanzler, dessen
Vermittlungsvorschlag, die bestehende Lohnregelung für 1-2 Monate zu
verlängern, auf die entschiedene Ablehnung der Unternehmervertreter stieß,
sah sich schließlich gezwungen, den am 1. Oktober eintretenden tariflosen
Zustand im Ruhrbergbau durch eine Notverordnung zu regeln,7 die wieder-
um Proteste der sächsischen Industrie (Wittke),8 aber auch Kritik Paul
Reuschs hervorrief.9 Der Hauptgeschäftsführer des Langnam-Vereins, Max
Schlenker, konstatierte, daß die "ernste Sprache" der Eingabe vom 30. Juli
1931 "durchaus nicht aufrüttelnd" gewirkt habe und Brüning nach seiner
festen Überzeugung das "Steuer nicht mehr herumwerfen" werde.10 Eine
konstruktive Zusammenarbeit mit dem amtierenden Kabinett stand daher,
wie auch Springorum anläßlich einer Besprechung mit dem Reichskanzler
unterstrich,11 für den Langnam-Verein im September 1931 nicht mehr zur
Debatte.
Demgegenüber suchte der Reichsverband in Fühlung mit der Regierung
zu blieben und nicht "in der Richtung eines offenen Angriffs" zu verfah-
ren, wie Paul Reusch wünschte.12 Die erst auf massiven Druck Kastls13
zustande gekommene Unterredung der RDI-Führungsspitze mit dem

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 100


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

Reichskanzler am 18. September 193114 bestätigte diese flexiblere, tenden-


ziell kooperative Linie des gemäßigten Industriellenflügels. Duisberg
scheute sich dennoch nicht, unverhohlen zum Ausdruck zu bringen, daß das
"Vertrauen", das die Industrie Brüning wiederholt ausgesprochen habe, "in
den letzten zwei Monaten bedenklich zurückgegangen" sei und sich "teil-
weise schon in die Überzeugung umgewandelt habe, "daß der Reichskanz-
ler nicht mehr in der Lage sei, der fortgesetzt sich verschlechternden Ent-
wicklung unserer Lage Herr zu werden."15
Brüning entgegnete nicht ohne Schärfe, daß erst schwere Fehler der Pri-
vatwirtschaft (Nordwolle-Skandal u. a.) zum völligen Zusammenbruch des
deutschen Kredits geführt hätten und daß im übrigen das "Tempo der Li-
quidation der Fehler der Vergangenheit" durch die "politische Tragfä-
higkeit" bestimmt würde. Ein umfassendes Gesamtprogramm könne die
Regierung aus taktischen Gründen nicht veröffentlichen, weil sich sonst
eine zu starke Opposition herausbilde. Sie sei aber "fest entschlossen, einen
richtigen und auch unpopulären Weg zu gehen." Mit einer deutlichen War-
nung an die Adresse der Industrie wies der Reichskanzler dann auf die
Konsequenzen seines möglichen Sturzes hin:

"Komme es dazu, daß gewisse Kreise glauben, seine Zeit sei vorbei und es
müsse ein anderer die Verantwortung übernehmen, dann müßten auch die Ver-
antwortlichkeiten schon in dem Augenblick festgelegt werden, damit die Zukunft
entscheiden könne, wer die Katastrophe geschaffen habe. Er werde Mittel und
Wege finden, die Verantwortlichen in dem geeigneten Augenblick so zu verhaf-
ten, daß sie niemals in der Lage seien, sich später durch eine Irreführung des Vol-
kes dieser Verantwortung zu entziehen."16

Kastl, wie Duisberg von dem Monitum Brünings nicht unbeeindruckt,17


betonte, daß der Reichsverband nach wie vor zur "weitgehenden Mitarbeit"
und "zur Übernahme der Mitverantwortung" bereit sei, nur müsse die Re-
gierung ihrerseits, da sie "durch die weitgehende Ausschaltung der politi-
schen Parteien auf die Mitwirkung der einzelnen Wirtschaftsstände ange-
wiesen" sei, diese auch hören und ihnen Gelegenheit geben, "ihre Ansicht
zu sagen."18
Die Teilnahme des Reichskanzlers19 an der Abschiedsfeier für den
scheidenden Präsidenten des Reichsverbandes, Duisberg, am 25. September
1931 unterstrich das Interesse der Regierung an einer konstruktiven Zu-
sammenarbeit. Brüning nutzte die Gelegenheit, um erneut für die Politik
seines Kabinetts zu werben und bat um Verständnis, daß nicht sofort "Radi-
kallösungen" im Innern und in der auswärtigen Politik ergriffen werden
könnten. Für die großen Erfolge komme es darauf an, "den richtigen Zeit-
punkt zu wählen, die Einsicht in der Bevölkerung wachsen zu lassen,
manchmal etappenweise, manchmal wiederum schlagartig mit Reformen,
die alle Kreise der Bevölkerung betreffen, hervorzutreten", ohne
dabei freilich "das Endziel" aus dem Auge zu verlieren.20 Brüning

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 101


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

beschrieb damit exakt den taktischen Weg seines Restaurationskonzeptes,


ließ aber seine eigentlichen politischen Ziele, wie auch sonst, im unklaren.
Die wachsende Distanz zwischen Großindustrie und Reichskabinett ver-
mochte dieser Appell deshalb auch nicht mehr entscheidend zu über-
brücken.
In die durch die englische Pfundabwertung vom 20. September weiter
verschärfte innenpolitische Spannungssituation platzte am 29. September
1931 jene "Gemeinsame Erklärung deutscher Wirtschaftsverbände",21 die
nicht ganz zu Unrecht als "Generalangriff"22 gegen Brüning und sein Regie-
rungssystem begriffen worden ist. Unbeschadet einer mäßigenden Rolle des
Reichsverbandes23
übten die zehn bedeutendsten Wirtschaftsverbände "schärfste
Kritik" an einem "politisch diktierten Wirtschaftssystem", das zwischen
Kapitalismus und Sozialismus hin und her schwanke und zur Folge habe,
"daß dem Kapitalismus die Fehler des Sozialismus zur Last gelegt werden".
Die deutsche Politik müsse erkennen, daß es zwischen sozialistischen und
kapitalistischen Wirtschaftsmethoden "keinen Kompromiß" geben dürfe,
und sie habe sich deshalb "offen und rückhaltlos" zum "individualistischen"
Wirtschaftssystem zu bekennen. Im einzelnen verlange dies einen "weite-
re[n] umfangreiche[n] Aufgaben- und Ausgabenabbau in der gesamten öf-
fentlichen Hand", eine "individuelle Lohngestaltung" durch Beseitigung der
Verbindlichkeitserklärungen, eine "Anpassung der weit überhöhten Bela-
stungen an das wirtschaftliche Mögliche" und schließlich die "endgültige
Beseitigung aller Reste der Zwangswirtschaft." "Wenn die Regierung", so
die Erklärung der Wirtschaftsverbände abschließend, "in der gekennzeich-
neten Richtung schnell handelt, dann, aber nur dann kann sie der Gefolg-
schaft aller verantwortungsbewußten, an die Zukunft des deutschen Vater-
landes glaubenden deutschen Staatsbürger sicher sein."24
Im Prinzip waren diese Forderungen also nicht neu. Wenn es sich auch
schon zu einer Art Pflichtübung herausgebildet hatte, unmittelbar vor Er-
scheinen einer neuen Notverordnung, wie sie jetzt wieder für Anfang Okto-
ber erwartet wurde,25 einen pointierten Interessenstandpunkt zu beziehen,
so mußte doch die ungewöhnlich massive Form der Eingabe aufmerken
lassen. Brüning selbst versuchte die Flucht nach vorn und ließ am 30. Sep-
tember erklären, er betrachte "das große Manifest der deutschen Wirt-
schaftsverbände nicht als eine Kampfansage an das Kabinett, sondern als
eine weitgehende Unterstützung der Regierungspolitik".26 Auf Druck von
SPD und Gewerkschaften sah sich der Kanzler allerdings schon am folgen-
den Tage veranlaßt, von dieser Position abzurücken und ergänzend mittei-
len zu lassen, daß er "in keiner Weise" erklärt habe, "daß die in der Eingabe
der Verbände enthaltenen Grundsätze das Programm der Reichsregierung
darstellten."27

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 102


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

2. Die Umbildung der Brüning-Regierung

Die weitere Entwicklung im Oktober 1931 zeigte, daß der Aufruf der Wirt-
schaftsverbände vom 29. September nur eine vergleichsweise harmlose At-
tacke gegen das Kabinett Brüning darstellte. Im Vorfeld der Tagung der
"Nationalen Opposition" in Harzburg am 11. Oktober wurden flankierende
Maßnahmen eingeleitet, die das Vertrauen Hindenburgs in den Kanzler er-
schüttern sollten. In den Tagen vom 29. September bis Anfang Oktober
gingen bei Hindenburg "waschkorbweise" Briefe der "besten Männer im
Deutschen Reiche" ein, die sich übereinstimmend gegen Brüning und seine
Politik aussprachen und in Aktionseinheit mit der "Harzburger Front" einer
nationalen Rechtsregierung den Weg freizumachen suchten.28
Der Reichsverband hielt sich im Hintergrund und blieb der Harzburger
Tagung, wenn auch nach "heftiger Auseinandersetzung", fern.29 Demge-
genüber kündigten die um den Bergbau-Verein gruppierten Kreise der rhei-
nisch-westfälischen Schwerindustrie unter Führung von E. Brandi der DVP
schwerste Pressionen an, falls die Partei sich nicht endgültig von Brüning
trenne. In einem dem Parteivorsitzenden Dingeldey am 3. Oktober 1931
überreichten "Ultimatum" verlangte Brandi von der DVP für die am 13.
Oktober beginnenden Reichstagsverhandlungen nicht weniger als: "a) Auf-
gabe der bisherigen Stellung zur Regierung und Obertritt in die Opposition.
b) Schluß mit den einseitigen Notverordnungen. c) Beteiligung an dem
Mißtrauensvotum gegen die Regierung."30 Sollte die DVP-Fraktion diesen
Bedingungen nicht Folge leisten, dann würden die industriellen Initiatoren
der Aktion den sofortigen Austritt ihrer Gruppe aus der Volkspartei vollzie-
hen. Zur Unterstreichung dieser Forderungen war für den 8. Oktober eine
persönliche Unterredung zwischen Brandl und Dingeldey anberaumt wor-
den.31
Auf höchster Ebene setzte ein Vorstoß Wilhelm Cunos, des ehemaligen
Reichskanzlers und jetzigen Vorsitzenden des Direktoriums der Hamburg-
Amerika-Linie, an. Über den Sohn Hindenburgs verschaffte sich Cuno am
5. Oktober Zugang zum Reichspräsidenten und machte detaillierte Vor-
schläge für eine Kabinettsumbildung, die den Interessen der Wirtschaft
Rechnung tragen sollte. Die Kabinettsliste, die Cuno vorlegte, sah unter der
Kanzlerschaft Brünings von Neurath oder von Hassell als Außenminister,
den Essener Oberbürgermeister Bracht als Innenminister, Vögler oder
Springorum als Wirtschaftsminister und von Schlieben oder Schmitz
(IG-Farben) als Finanzminister vor.32
Parallel dazu verfaßte Cuno ein Wirtschaftsmanifest, das als Grundlage
für die zukünftige Regierungsarbeit dienen sollte. Im wesentlichen deckten
sich die in dieser Denkschrift zum Ausdruck kommenden Gedanken mit der
Erklärung der Wirtschaftsverbände vom 29. September 1931 und stellten
somit ein reines Unternehmerprogramm dar. Zur Durchführung dieser

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 103


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

Politik schlug Cuno außerdem die Einrichtung eines "Wirtschaftsbeirates"


vor,33 der als eine Art "Kronrat" beim Reichspräsidenten34 fungieren und
"die Unterstützung und Beratung durch die führenden Kräfte der Wirt-
schaft" sicherstellen sollte. Für dieses Gremium waren 15 Persönlichkeiten
in Vorschlag gebracht, die im wesentlichen die Prominenz der westlichen
Industrie darstellten, aber auch Repräsentanten der Chemie- und Elektro-
industrie, der Banken, der Landwirtschaft u. a. umfaßten.35 Insgesamt do-
minierte die Großindustrie allerdings eindeutig: Immerhin gehörten neun
der fünfzehn Kandidaten von Cunos "Wirtschaftsbeirat" dem Präsidium
oder Senat des RDI an.
Trotzdem ist wenig wahrscheinlich, daß Cuno in direkter Abstimmung
mit der Führungsspitze des RDI oder der westlichen Wirtschaft handelte.36
Eine Ministerkandidatur etwa Springorums oder Vöglers unter der Kanz-
lerschaft Brünings konnte im Oktober 1931 nicht mehr ernsthaft zur Debat-
te stehen.37 Auch die Nennung von Graf Roedern als Minister ohne Porte-
feuille für Aufgaben der "Reichsreform" muß aufmerken lassen: Nach
Spannungen innerhalb des insbesondere von Reusch geförderten "Bund zur
Erneuerung des Reiches" während der Jahre 1930/31 war Roedern inzwi-
schen zugunsten Gesslers von der Führung zurückgetreten und konnte
nunmehr schwerlich als der Kandidat der Industrie gelten.38 Richtiger ist
wohl, daß Cuno im wesentlichen auf eigene Faust und nicht ohne persönli-
chen Ehrgeiz39 handelte, wie auch seine Berufung in den später tatsächlich
gebildeten Wirtschaftsbeirat bestätigte.
Mit ähnlichen Plänen trat Freiherr v. Brandenstein an den Reichskanzler
heran: Nach seinen Vorstellungen müsse vor dem Zusammentritt der Harz-
burger Front am 11. bzw. des Reichstages am 13. Oktober "unbedingt ...
etwas geschehen ... in der Richtung eines Auffangens der starken Unzufrie-
denheit, die sich in den weitesten Kreisen ... fühlbar macht". Aus diesem
Grunde sei eine "oberste Wirtschaftsleitung" zu bilden, die der Regierung
als "beratendes und mitarbeitendes Organ" zur Verfügung stehe. An der
verfassungspolitischen Beschaffenheit dieser Institution ließ v. Branden-
stein keinen Zweifel: "Ich möchte nicht das Wort Diktatur gebrauchen,
würde auch diese Bezeichnung nach außen hin für bedenklich halten, aber
dem Sinne nach ist es gemeint." Diese "OWL" sollte nicht mehr als 4-5
Persönlichkeiten umfassen, für die mit Warmbold oder v. Knebel-Döberitz,
Geheimrat Schmitz, von Moellendorf und Geheimrat Bachem wieder kon-
krete Vorschläge gemacht wurden.40
Diesem Ansturm von allen Seiten41 konnte das Kabinett Brüning nichts
mehr entgegensetzen. Der Reichskanzler reichte deshalb am 7. Oktober
1931 seine Demission ein, die vom Reichspräsidenten Hindenburg auch
angenommen wurde. Die Wiederbetrauung des alten Kanzlers mit der Re-
gierungsbildung zeigte allerdings, daß den Versuchen, Brüning ganz auszu-
schalten, noch kein sofortiger Erfolg beschieden war. Es blieb jedoch
unübersehbar, daß Brünings Stellung gegenüber dem Reichspräsidenten

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 104


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

entscheidend geschwächt und die Grundlage für eine weitere vertrauens-


volle Zusammenarbeit nicht mehr gegeben war.42
Die am 9. Oktober abgeschlossene Kabinettsumbildung verwirklichte
auch kaum die geforderte Verlagerung der Regierungsbasis nach rechts: Mit
Ausnahme des "Fachmanns" Warmbold (IG-Farben), der das Wirt-
schaftsministerium übernahm, wurden keine neuen Minister in die Regie-
rung aufgenommen, sondern nur die Hindenburg ungenehmen Curtius,
Wirth und von Guérard aus ihren Ämtern entlassen.43 Die neue Kabinetts-
liste blieb daher hinter den Wünschen der Kreise um den Reichspräsidenten
weit zurück, war aber möglich, weil Brüning noch vom Bonus seiner repa-
rationspolitischen Schlüsselstellung zehren konnte. Eben diesem Ziel der
endgültigen Ablösung der Reparationen entsprach auch das Bemühen des
Kanzlers, zunächst noch an einem pseudodemokratischen Parlamentarismus
festzuhalten und deshalb auch die Verbindung zur Sozialdemokratie nicht
abreißen zu lassen.44 Die Kandidatur Gesslers als Innenminister scheiterte
nicht zuletzt an diesem Punkt,45 wenn auch formale Bedenken des Reichs-
präsidenten und Rivalitätsgefühle der Reichswehr (Schleicher und Groener)
schließlich den Ausschlag geben mochten.46
Daß der Rückhalt der Regierung auch in gemäßigten Industriekreisen
inzwischen auf ein Minimum geschrumpft war, zeigte nicht zuletzt Brü-
nings vergeblicher Versuch, Paul Silverberg als führenden Vertreter der
westlichen Industrie für eine Mitarbeit im Kabinett zu gewinnen. Schon im
Juni 1931 waren Meldungen laut geworden, nach denen Silverberg mit dem
Wirtschafts- oder Finanzministerium betraut werden sollte.47 Silverberg war
offenbar zu dieser Zeit zur Übernahme öffentlicher Verantwortung durch-
aus bereit.48 Brüning, der zu Silverberg "sehr großes Vertrauen" hatte, be-
fürchtete jedoch Mitte 1931 durch seine Hereinnahme in das Kabinett eine
Verstärkung des "hochgehenden Antisemitismus" und stellte diese Beden-
ken angesichts einer bedrohlich werdenden Opposition erst zu spät zu-
rück.49
Am Donnerstag, den 8. Oktober, wurde Silverberg zum Reichskanzler
"befohlen", der ihm "unmittelbar und fast ohne Einleitung" die Frage vor-
legte, ob er bereit sei, als Verkehrsminister ins Kabinett einzutreten. Wohl
habe das Verkehrsministerium "an sich ... keine erhebliche Bedeutung",
die Hauptsache sei, Silverberg "als Vertreter der Wirtschaft für das Kabinett
zu gewinnen". Auf die Frage nach den Grundsätzen der zukünftigen
Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik reagierte der Kanzler eher auswei-
chend und unbestimmt und vermied die Festlegung auf ein genau umrisse-
nes Programm. Silverberg stellte dann "als notwendig dar", daß er "nur
mit Zustimmung und Unterstützung [seiner] industriellen Freunde im
Westen in ein Kabinett eintreten könne", daß er aber "nicht die Überzeu-
gung habe, [seine] industriellen Freunde, insbesondere die westliche
Wirtschaft, hinter [sich] zu wissen; daß [er] insbesondere nicht die
Überzeugung habe, dem Reichskanzler das bringen zu können, was er

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 105


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

wünsche, nämlich zumindest die Neutralität der westlichen Industrie ihm


gegenüber; daß [er] ferner [sich] auch nicht stark genug fühle, als einziger
Industrieller in die Regierung einzutreten, sondern den dringenden Wunsch
hätte, wenn die Not des Landes den Eintritt in die Regierung erforderlich
mache, keinesfalls allein zu sein."
Silverberg war somit nicht bereit, im neuen Kabinett eine bloße Alibi-
funktion auszuüben und fürchtete zu Recht einen mangelnden Rückhalt von
ruhrindustrieller Seite. Am folgenden Tage wurden deshalb Vögler und
Schmitz zu den Beratungen bei Brüning hinzugezogen und sogar die Mög-
lichkeit erörtert, Dorpmüller als vierte Persönlichkeit aus der Wirtschaft in
die Regierung zu nehmen. Vögler wies in diesen Gesprächen jedoch darauf
hin, daß die "Verstimmung ... zu groß" sei und er selbst bei einer gleichzei-
tigen Kandidatur Silverbergs nicht wisse, "ob er insbesondere die westliche
Industrie absolut hinter sich hätte."50
So blieben die Bemühungen Brünings, Silverberg zur Absicherung sei-
ner Politik gegenüber der schwerindustriellen Opposition für das Kabinett
zu gewinnen, erfolglos. Dessen Konzept wiederum, wenn überhaupt, dann
nur mit drei oder vier anderen Industrievertretern, namentlich Schmitz und
Vögler, zusammen in die Regierung einzutreten, um so eine "genügend
starke Position gegenüber rein politischen Bestrebungen nach der wirt-
schafts-, finanz- und sozialpolitischen Seite zu besitzen,"51 widersprach der
Grundlinie der Brüningschen Politik, sich trotz klarer privatkapitalistischer
Orientierung von einer reinen "lnteressentenpolitik" freizuhalten. Auch rief
die Benennung von Vögler und Schmitz wegen der kritischen Lage der von
ihnen vertretenen Unternehmungen die Reserve des Kanzlers hervor.52
Die internen Vorgänge bei der Kabinettsumbildung vom Herbst 1931
bestätigten die unüberbrückbar gewordene Distanz zwischen Regierung und
westlicher Industrie. Selbst Silverberg, der auf dem Höhepunkt der Ban-
kenkrise gegenüber dem Langnam-Verein noch für eine aktive Stützung
Brünings bei Anerkennung des Primats der Politik plädiert hatte, sah sich
jetzt nicht mehr in der Lage, durch einen Eintritt ins Kabinett offen Position
zu beziehen. Immerhin aber sagten Silverberg und Schmitz ihre Mitwirkung
in dem von Brüning in den Verhandlungen vom 8. und 9. Oktober 1931 ins
Gespräch gebrachten "Wirtschaftsbeirat" sofort zu, während sich Vögler
abwartend, wenn auch nicht grundsätzlich ablehnend verhielt.53

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 106


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

3. Der Sturz Brünings

Der anläßlich der großen Demonstration der "Harzburger Front" vom 11.
Oktober 1931 vorgetragene Generalangriff der "Nationalen Opposition" auf
die Regierung Brüning wurde von der Schwerindustrie zumindest indirekt
mitunterstützt. Während der Reichsverband von einer Teilnahme an der
Harzburger Versammlung absah,54 schickten der Langnam-Verein sowie
der Arbeitgeberverband Nord-West ihre Syndici Schlenker und Grauert,55
die neben anderen führenden Lobbyisten wie Blank,56 von Gilsa57 und
Heinrichsbauer58 ihr Interesse am Zustandekommen einer Einheitsfront ge-
gen das gegenwärtige "System" bekundeten.
Die führenden Repräsentanten der westlichen Industrie wie Reusch,
Springorum oder Poensgen stimmten wohl mit der Grundlinie der "Nationa-
len Opposition" überein,59 waren aber nicht bereit, offen hervorzutreten.60
Schacht, dessen Harzburger Rede schnell in den Mittelpunkt des öffentli-
chen Interesses gerückt war,61 zögerte nicht, deshalb scharfe Kritik zu üben:
"Es war schade, daß die Industrie in Harzburg fehlte. Das dauernde Mitge-
hen mit dem derzeitigen System und der Mangel an Bekennermut wird die
Industrie ihr innerstes Leben kosten."62 Auch von Gilsa bedauerte, "daß
kein einziger der wirklichen Industrieführer zugegen war". Für alle in der
Industrie an "führender Stelle Stehenden- ergebe sich die "Notwendigkeit",
"sich auch persönlich mehr als bisher um die politischen Dinge zu küm-
mern. Ein Hervortreten erst im letzten Augenblick, wenn die Würfel bereits
gefallen sind, dürfte zu spät sein."63
Die nach außen hin demonstrierte "Zurückhaltung" der Schwerindustrie
hatte eine doppelte Ursache: Zunächst war eine gewisse Furcht der Indu-
strie vor direkten wirtschaftlichen Pressionen der Reichsregierung nicht zu
übersehen. Die Abhängigkeit von Staatsaufträgen hielt die Repräsentanten
der großen Konzerne des Westens davon ab, offen gegen das Kabinett zu
Felde zu ziehen.64 Im Vorfeld der Bildung der "Harzburger Front" ließ so
auch Treviranus, offensichtlich im Auftrage Brünings, gegenüber Reusch
und Springorum durchblicken, "daß für die künftigen Entschlüsse des
Kanzlers natürlich viel davon abhängen werde, wer sich etwa aus der Wirt-
schaft an der Zusammenkunft in Harzburg beteilige."65 Hinzu kam die
kaum verhüllte Drohung Brünings, im Falle seines Sturzes Einzelheiten
über skandalöse Vorgänge innerhalb der Großindustrie und des Bankwe-
sens an die Öffentlichkeit weiterzugeben.66 Im übrigen stand dem jetzt deut-
licher erkennbaren,67 abgestuften Revisionskonzept Brünings immer noch
keine personelle bzw. programmatische Alternative gegenüber, wie auch in
weit rechts stehenden Industriekreisen anerkannt wurde.68 Insbesondere
zeichnete sich die Rolle der NSDAP innerhalb des antirepublikanischen
Bündnisses noch nicht in der erwünschten Präzision ab; die unübersehbaren
Dissonanzen während der Tagung der" Nationalen Opposition" in Harzburg
am 11. Oktober bestätigten diesen Eindruck.69

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 107


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

Auch die verstärkten Bemühungen z. B. Funks, die Zweifel an dem wirt-


schaftspolitischen Kurs der NSDAP auszuräumen, hatten, wie u. a. die Re-
aktion auf seinen Vortrag im Berliner Herrenclub am 16. Oktober zeigte,
noch keinen merklichen Erfolg.70
Dies alles bedeutete für den Kanzler jedoch nur eine Schonfrist bis zum
reparationspolitischen Durchbruch: Wie Graf von Westarp richtig sah, war
das innen- und außenpolitische Risiko einer Regierungsübernahme durch
die "Nationale Opposition" im Herbst 1931 noch zu groß:

"Wer sich der Regierungsfähigkeit der Rechtsopposition nicht sicher ist....


muß den Preis eines solchen Versuchs zurzeit für zu teuer halten. Der Versuch
setzt nicht nur das Gelingen der außenpolitischen Arbeit Brünings durch einen
inmitten einer einheitlich angelegten Aktion vorgenommenen Führerwechsel auf
das Spiel, sondern beschwört Verschärfungen der Krise von außen her herauf. Im
Innern kann niemand die Gefahr in Abrede stellen, daß eine Regierung Hit-
ler-Hugenberg mit den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei auch
sehr große Massen der Arbeiterschaft auf die Straße und an die Seite der Kommu-
nisten treiben würde. Würde schließlich die Rechtsopposition, wie ich ganz be-
stimmt fürchte, unter Führung Hitlers bei diesem Versuche und jetzt scheitern, so
würde das auf lange Zeit hinaus ein unwiderbringlicher Schade auch für die natio-
nale Bewegung selbst sein. Erst nach Gläubigerakkord und Tributrevision und
nach Beginn besserer Verhältnisse wird der Versuch einer nationalsozialistisch
geführten Rechtsregierung - die deutschnationale Führung kommt praktisch leider
kaum noch in Betracht - durchgeführt werden müssen und können."71

Der sich im April 193272 anbahnende Erfolg Brünings in der Reparati-


onsfrage war deshalb zugleich sein Ende:73 Nachdem der Kanzler die Wie-
derwahl Hindenburgs gesichert hatte, die "sozialistische" Parlamentsherr-
schaft in Preußen (Landtagswahlen vom 24. April 1932) gebrochen war und
damit die Umstellung auf eine Rechtskoalition im Reich unter Einschluß
der NSDAP in den Bereich des Möglichen rückte, mußte nur noch der An-
laß gefunden werden, die Regierung auszuwechseln. In dieser Situation ge-
nügte der Vorstoß der Großagrarier gegen das als "Agrarbolschewismus"
gebrandmarkte Siedlungsprogramm, um die Kabinettskrise auszulösen und
die Demission Brünings am 30. Mai 1932 herbeizuführen.74 Wie in den
strategischen Planungen der Reichswehrführung und des Reichspräsidenten
vorgesehen, blieb es dem neuen Reichskanzler Franz von Papen vorbehal-
ten, das Ziel der zähen Revisionspolitik Brünings, nämlich die Ablösung
der Reparationen,75 als Erfolg für sich und seine Regierung der "nationalen
Konzentration" zu verbuchen.76
Verfassungspolitisch gesehen, war der Sturz Brünings eine Konsequenz
seiner absoluten Bindung an den Reichspräsidenten bzw. das Präsidiale Sy-
stem.77 Eine Emanzipation des Kanzlers von der ihm zugedachten Rolle als
Beauftragter des Reichspräsidenten hätte die Situation vielleicht grund-
legend verändern können.78 Die Mehrheitsfrage im Reichstag war vor der
Juliwahl 1932, wie auch die andauernde Tolerierung des Kabinetts zeigte,

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 108


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

jedenfalls nicht völlig ausweglos: Ein solcher Versuch hätte allerdings eine
tendenzielle Rückorientierung auf das Parlament bedeutet, schied für Brü-
ning also von vorneherein aus.
In diesem Zusammenhang ist nicht ohne Interesse, daß die Führungs-
spitze des Reichsverbandes, die im Herbst 1931 fast allein noch bereit war,
den Kanzler zu stützen,79 bis zuletzt an dieser Linie festhielt. Das Ge-
schäftsführende Präsidialmitglied Kastl bemühte sich z. B. im April 1932
noch einmal intensiv, den inzwischen ins nationalsozialistische Lager ge-
wechselten Paul Reusch aus seinem Bündnis mit Hitler zu lösen und zu-
mindest auf eine neutrale Haltung der Brüning-Regierung gegenüber zu
verpflichten.80 Anläßlich einer Besprechung mit Brüning und Stegerwald
am 13. Mai 1932, in der grundlegende Fragen der Arbeitsbeschaffung,
Siedlung, Steuer- und Finanzpolitik erörtert wurden,81 gewannen führende
Vertreter des RDI und der VDA (Kastl, Kraemer, Brauweiler und Köttgen)
ein überaus positives Bild vom Kanzler und seinen Plänen.82 Den Verhand-
lungen, die in "bestem Einvernehmen"83 zu Ende geführt wurden, folgte am
17. Mai eine mehrstündige Unterredung zwischen Kastl und Brüning, von
der das Geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI wiederum den "aller-
besten Eindruck" mitnahm.84 Brüning selbst berichtet, daß er bei dieser Ge-
legenheit insbesondere vor den Intrigen General von Schleichers gegen das
Kabinett gewarnt worden sei: Kastl und Bücher85 versicherten den Kanzler
der Rückendeckung der "besonnenen Männer der Wirtschaft", wenn er per-
sönlich den Kampf gegen Schleicher aufnehmen wolle.86
Während der Langnam-Verein, in Fortsetzung seiner Politik vom Herbst
1931, das Kabinett zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben hatte und auf
Goerdeler, der als Nachfolger des Anfang Mai 1932 zurückgetretenen Wirt-
schaftsministers Warmbold im Gespräch war, einzuwirken versuchte, die
Übernahme des Ministeramtes abzulehnen und den "Sirenenklängen" Brü-
nings nicht zu folgen,87 wünschte der "Bayerische Industriellen-Verband"
(BIV) mit aller Dringlichkeit einen Besuch des Reichskanzlers in München,
da dies "zu Stärkung und Verbreitung des Vertrauens in das gegenwärtige
Reichskabinett von überaus großer Bedeutung" sei. Auch das jüngste Wahl-
ergebnis zeige, so der BIV, daß "weite Kreise noch im allgemeinen an der
gegenwärtigen Reichspolitik festhalte[n]".88 Der überraschende Sturz Brü-
nings fand so auch, in Konsequenz der bisherigen Linie des RDI, die offene
Mißbilligung des neuen Reichsverbandspräsidenten Krupp von Bohlen und
Halbach. Damit war zugleich eine deutliche Reserve gegenüber der neuen
Regierung von Papen verbunden.89
Die Haltung der hier genannten, vorwiegend exportorientierten Indu-
striekreise belegt, daß die überstürzte Ablösung des Kanzlers nicht der Poli-
tik der Gesamtindustrie entsprach. Dem konfliktträchtigen Interessen-
kartell von Großlandwirtschaft und Schwerindustrie stand eine ökono-
misch gewichtige Industriegruppe gegenüber, die, insbesondere nach

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 109


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VII. Wendepunkt Herbst 1931

Lösung der Reparationsfrage und einer Umstellung der Währungspolitik,90


durchaus eine Basis für den Fortbestand des Kabinetts Brüning hätte abge-
ben können.

Anmerkungen zu Kap. VII auf S. 241-47 110


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VIII. Die Deflationspolitik Brünings

VIII. Die Deflationspolitik Brünings

Die spezifische Zielsetzung der Wirtschafts- und Finanzpolitik Brünings hat


maßgeblich dazu beigetragen, die Abwendung wichtiger Industriekreise
von der Regierung zu verstärken. So rigoros die in Übereinstimmung mit
der herkömmlichen volkswirtschaftlichen Theorie und den offiziellen Ver-
lautbarungen der Wirtschaftsverbände verfolgte prozyklische Konjunktur-
politik auch zur Anwendung kam, eine Überwindung der Krise zeichnete
sich nicht ab, eher war das Gegenteil der Fall. Der Reichskanzler nahm die
inneren Rückwirkungen seiner Sparpolitik, die mit der sozialen Verelen-
dung der Massen das Fundament für den Aufstieg des Nationalsozialismus
verbreiterte, in Abwägung seines ehrgeizigen Ziels, die Hohenzol-
lern-Monarchie nach Lösung der Reparationsfrage zu restaurieren, dabei
spätestens seit Mitte 1931 bewußt in Kauf.1 Nachdem der ursprüngliche
Plan, über eine" Exportoffensive" eine Revision der Reparationen und des
Versailler Vertrages zu erzwingen, infolge des Scheiterns der
deutsch-österreichischen Zollunion sowie schließlich des Zusammenbruchs
des deutschen Kredits in der Bankenkrise gegenstandslos geworden war,2
ging das Bestreben des Kanzlers dahin, durch Nachweis der Zah-
lungsunfähigkeit Deutschlands den Revisionsmechanismus des Young-
Plans in Gang zu bringen.
Im Innern verlangte dieser Weg ein striktes Festhalten an der Deflations-
politik. Andererseits hatte aber insbesondere die Bankenkrise Zweifel an
der überkommenen liberalen Wirtschaftstheorie aufkommen lassen: Die
weitverbreitete These, daß 1931 noch keine alternativen Konzepte im Sinne
der später von Keynes theoretisch begründeten antizyklischen Konjunktur-
politik vorlagen oder zumindest Brüning nichts davon wußte, ist, wie auch
das Aktenmaterial bestätigt, unzutreffend. So sprach sich z. B. Silverberg
bereits auf der Präsidial- und Vorstandssitzung des RDI vom 29. Juli 1931
für eine Bekämpfung der Deflation durch eine "vorübergehende Vermeh-
rung der zirkulierenden Zahlungsmittel" aus und übte an der zögernden Po-
litik der Reichsbank deutliche Kritik.3 Im Rahmen der Ministerbespre-
chung vom 3. August, zu der auch Sachverständige aus der Wirtschaft hin-
zugezogen worden waren, entwickelte Silverberg darüber hinaus einen Plan
zur Entlastung der Gemeinden von ihrer kurzfristigen Verschuldung. Zu
diesem Zwecke sollten Schatzanweisungen des Reichs oder der Länder in
einem Gesamtbetrage von 2 Milliarden Reichsmark ausgegeben wer-
den.4 Der spätere Reichswirtschaftsminister Warmbold wies in der glei-

Anmerkungen zu Kap. VIII auf S. 247-50 111


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VIII. Die Deflationspolitik Brünings

chen Besprechung auf das Problem der Belebung des Binnenmarktes hin
und setzte sich für kurzfristige Inlandskredite gegen Warendeckung ein, da,
wie er richtig sah, der nach Abzug des Auslandskredites entstandene Man-
gel an Umlaufmitteln die Produktion "fessele", und zusätzliche Arbeitslo-
sigkeit zur Folge habe.5 Auch Geheimrat Schmitz (IG-Farben) trat dafür
ein, das Kreditvolumen "ohne Inflationserscheinungen" zu erweitern. Sil-
verberg unterstützte diese Überlegungen und unterstrich, daß es notwendig
sei, "reale Werte zu realisieren. Eine vorübergehende Inflation dürfe keine
Dauererscheinung werden." Von Industrieseite hielt nur Vögler daran fest,
daß der Deflationstiefpunkt und damit der Moment zum aktiven Gegensteu-
ern noch nicht gekommen sei.6
Hier knüpfte Brüning an, dem aus reparationspolitischen Gründen an ei-
ner antizyklischen Konjunkturpolitik noch nicht gelegen sein konnte. Kenn-
zeichnend ist, daß der Reichskanzler dabei selbst die Annahme langfristiger
Auslandskredite ablehnte, obwohl er sich bewußt war, daß Deutschland mit
dem "gegenwärtigen Kapitalsumlauf nicht auskommen" konnte. "Würde",
so Brüning, "auf Angebote eingegangen, so würde das die Lösung des Re-
parationsproblems unmöglich machen. Er würde jede Mitwirkung ableh-
nen."7 Auch gegenüber Reichsfinanzminister Dietrich, der in einer Sitzung
in der Reichskanzlei am 22. August 1931 vor der Fortsetzung der Deflati-
onspolitik warnte und auf die sich daraus ergebenden Gefahren für Wirt-
schaft und Banken hinwies, beharrte Brüning auf dem Primat der Reparati-
onspolitik. Der Kanzler sagte in dieser Besprechung "sehr deutlich, daß
wir", wie Luther berichtet, "und zwar aus außenpolitischen Gründen, den
jetzigen Weg der Sparsamkeit nicht verlassen dürften."8 Brüning war sich
dabei über die binnenwirtschaftlichen Folgen einer forcierten Deflationspo-
litik und deren immanenter krisenverschärfender Auswirkung zumindest
ansatzweise im klaren: Bereits anläßlich einer Besprechung mit Vertretern
des Kohlenbergbaus am 25. Juni 1931 hatte der Reichskanzler so deren
Forderung nach weiteren Lohnsenkungen mit dem zutreffenden Argument
abgelehnt, daß "dadurch die Kaufkraft weiter sinken würde ... In der verar-
beitenden Industrie rege sich die Erkenntnis, daß bei fortgesetzten Lohn-
senkungen sich die Absatzverhältnisse immer weiter verschlechtern wür-
den."9 Brüning kannte also den Deflationsmechanismus genau: Seine mehr-
fach belegte Absicht, nach Lösung der Reparationsfrage die Reichsmark um
20% abzuwerten,10 bestätigt im übrigen, daß die Wirtschaftspolitik nicht
primär am Ziel der Krisenbekämpfung und der Behebung der Arbeitslosig-
keit orientiert war, sondern sich dem Primat der Außenpolitik unterordnete.
Daher mußte auch der wichtige Vorstoß des RDI vom 25. Juli 1931, ei-
ne elastischere Geldpolitik der Reichsbank zu erwirken, von vorneherein
scheitern.11 Die Vorschläge des Reichsverbandes wurden mit dem Verweis
darauf, daß jede Maßnahme zu vermeiden sei, "die in der breiten Öffent-
lichkeit als eine Rückkehr zu den Gepflogenheiten der Inflationszeit gedeu-

Anmerkungen zu Kap. VIII auf S. 247-50 112


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VIII. Die Deflationspolitik Brünings

tet werden könnte", kurzerhand abgetan.12 Kastl mahnte daraufhin noch


einmal eindringlich, die von der Reichsbank angeführte deflationistische
Politik zu korrigieren:

"Wenn die deutsche Wirtschaft durch die Ereignisse der letzten Wochen nicht
unabsehbaren Schaden erleiden will, dann muß ihr in der Kreditgewährung bei
sorgfältiger Prüfung der Zweckbestimmung der einzelnen Kredite weitgehendes
Entgegenkommen erwiesen werden ... Wenn wir diese Tendenzen verfolgen, so
geschieht es letzten Endes deshalb, weil wir glauben, daß eine übertriebene Kre-
ditbeschränkung ... nichts anderes erzeugen kann, als die Stillegung von weiteren
Betrieben. Es kommt aber darauf an, die leistungsfähigen Arbeitsstätten zu erhal-
ten, um die vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten nicht einzuschränken, sondern
auszuweiten. Nur auf diesem Wege kann ein verhängnisvolles Anschwellen der
Arbeitslosenziffer verhindert werden.
Wenn wir diesen Standpunkt vertreten, so bedeutet das keine inflatorischen
Maßnahmen, sondern nur eine vernünftige Regelung des Kredit- und Zahlungs-
verkehrs, an dem jeder einzelne Teil der Wirtschaft und nicht zuletzt die Regie-
rung des13 Reiches selbst in hervorragendem Maße interessiert sind ..."13

Die Antwort der Regierung auf diesen ernsthaften Appell war unver-
bindlich und ausweichend; jeder konkrete Schritt unterblieb.14
Im Oktober 1931 wurde die in Gang gekommene währungspolitische
Debatte, die durch die aus den Jahren 1920-23 herrührende "lnflationspsy-
chose"15 unglücklich belastet war, weiter ideologisiert. Die Protagonisten
einer antizyklischen Konjunkturpolitik sahen sich, insbesondere nach dem
sensationellen Auftreten Hjalmar Schachts in Harzburg, der die geldpoliti-
sche Alternative einseitig mit der Bewegung der "Nationalen Opposition"
verknüpfte, pauschal dem Lager der extremen Rechten und der dort vertre-
tenen "Katastrophenpolitik" zugeordnet.16 Die "Frankfurter Zeitung" sprach
so am 11. Oktober 1931 von einem "Komplott" zwischen westlicher Indu-
strie und "Nationaler Opposition" zur Herbeiführung der Inflation.17 Die
herbe und sachlich durchaus gerechtfertigte Entgegnung Kastls18 änderte
nichts daran, daß die Währungsdiskussion zumindest in der Öffentlichkeit
zunehmend tabuisiert wurde. Dem Reichskanzler kam diese Entwicklung
gar nicht ungelegen, entzog sie doch seine fehlorientierte Wirtschafts- und
Finanzpolitik der grundsätzlichen Kritik selbst gemäßigter Kreise. Hinzu
kam, daß in erster Linie die Reichsbank für die in der Währungsfrage ein-
geschlagene Richtung verantwortlich gemacht wurde und so die sachlich
begründeten Zweifel an der Richtigkeit der Regierungspolitik in einer offe-
nen Opposition gegen Luther mündeten. Die Rufe nach der Ablösung Lu-
thers durch Schacht mehrten sich,19 und selbst Paul Reusch, der Hauptver-
bündete Luthers innerhalb der westlichen Schwerindustrie, suchte seit
Herbst 1931 verstärkt Kontakte zu dem früheren Reichsbankpräsidenten
Schacht.20
Intern wurde die Währungsdebatte allerdings unvermindert fortgeführt.
Silverberg nutzte die Verhandlungen des im Oktober/November 1931

Anmerkungen zu Kap. VIII auf S. 247-50 113


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VIII. Die Deflationspolitik Brünings

tagenden Wirtschaftsbeirats, um erneut für eine ansatzweise antizyklische


Krisenpolitik zu werben. Brüning hatte diesem Gremium, bei dessen Kon-
stituierung neben Schmitz, Vögler, Bücher und Wolff auch Silverberg ent-
scheidend mitwirkte,21 freilich bloß die Funktion zugedacht, die Not-
verordnung vom 8. Dezember 1931 vorzuberaten, wobei die Opposition aus
dem Unternehmerlager mit in die Verantwortung eingespannt werden soll-
te.22 Die hochgespannten Erwartungen, wie sie beispielsweise Ernst Brandi
hegte, der in dem Wirtschaftsbeirat "eine Art Kronrat beim Reichs-
präsidenten" sehen wollte, wurden daher nicht erfüllt.23 Andererseits konnte
die Regierung nicht verhindern, daß alternative Vorstellungen diskutiert
wurden. So legte Silverberg in den Verhandlungen vom 10. bis 12. Novem-
ber 1931 einen detaillierten Plan vor, mit dem eine Kreditschöpfung im
Umfang von 1-2 Milliarden Reichsmark realisiert werden sollte.24 Auf
Wunsch der Reichsbank arbeitete Silverberg seinen Vorschlag schriftlich
aus, hatte damit aber keinen Erfolg: In den Beratungen des Wirtschaftsbei-
rats vom 16. November wurden seine Überlegungen insbesondere auf
Betreiben Luthers, aber auch des Reichskanzlers und des Reichswirt-
schaftsministers, zurückgewiesen.25
Anläßlich der Hauptausschuß-Sitzung des DIHT vom 3. Dezember 1931
kam es zum offenen Streit zwischen den "Reformern" und den Anhängern
der Deflationspolitik, der durch das Eingreifen der Reichsregierung einen
besonderen Akzent erhielt. In einem direkten, nicht ohne persönliche Schär-
fe geführten Rededuell mit dem Reichsbankpräsidenten Luther forderte Sil-
verberg erneut und mit aller Eindringlichkeit die Erweiterung des Kreditvo-
lumens.26 Die Reichsregierung reagierte auf die ihr allmählich gefährlich
werdende Opposition in ungewöhnlicher Weise. Gegenüber der
DIHT-Führung bestand der Kanzler auf einer kompletten Zensur der Pres-
severlautbarung über die Hauptausschuß-Sitzung, soweit sich diese auf die
kreditpolitischen Alternativpläne Silverbergs bezog.27 Silverberg, dem die
Intervention Brünings offenbar nicht bekannt geworden war, beschwerte
sich daraufhin bei Hamm (Geschäftsführendes Präsidialmitglied DIHT),
daß seine Ausführungen "offenbar durch nachträgliche Korrekturen. . ., vor
allen Dingen aber ... durch Kürzungen sinnentstellend zur Wiedergabe ge-
kommen" seien:

"Ich habe in meinen Ausführungen im ausdrücklichen Gegensatz zu Herrn


Reichsbankpräsident Dr. Luther festgestellt, daß Zinsermäßigungen nicht imstan-
de sind, eine abgleitende Konjunktur im Abgleiten zu hemmen, daß sie dagegen
notwendig sind, um von einem Tiefstand der Konjunktur wieder einen Auf-
schwung der Wirtschaft herbeizuführen. Ich habe ferner gesagt, daß meines Er-
achtens jetzt dieser Zeitpunkt gekommen ist ... und das ist auch der entscheidende
Punkt vom Standpunkt der Wirtschaft aus gesehen in Bezug auf die notwendige
Erweiterung des Kreditvolumens und die Senkung des Diskonts. Wenn wir uns
nicht endlich entschließen, den Binnenmarkt wieder zu beleben, wird es uns nicht
möglich sein, die Arbeitslosen in den Arbeitsprozeß einzufügen. Dazu gehört ein

Anmerkungen zu Kap. VIII auf S. 247-50 114


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VIII. Die Deflationspolitik Brünings

unbedingtes Zusammenwirken wirtschaftspolitischer mit monetären Maß-


28
nahmen."

War es Brüning hier noch einmal gelungen, die ihm unbequeme Diskus-
sion durch das Mittel der Pression zu unterbinden, so kam es innerhalb der
Regierung wenige Tage später wegen dieser Frage zu einer vor der Öffent-
lichkeit vertuschten Kabinettskrise. In Obereinstimmung mit den Vorstel-
lungen, wie sie Schmitz und Silverberg entwickelt hatten, erhob der erst im
Oktober 1931 ins Kabinett berufene Reichswirtschaftsminister Warmbold
Einspruch gegen die deflationistische Notverordnung vom 8. Dezember
1931.29 Reichsbankpräsident Luther als Vertreter der "reinen Lehre" hielt
dem entgegen, daß zur Privatwirtschaft "nun einmal eine selbständige Wäh-
rungspolitik" gehöre, "die sich nur den wirtschaftlichen Gegebenheiten an-
passen und nicht umgekehrt die wirtschaftlichen Gegebenheiten schaffen
könne."30 Als Brüning, der demgegenüber durchaus die Notwendigkeit ei-
ner aktiven Konjunkturpolitik, allerdings erst nach Lösung der Reparations-
frage, anerkannte,31 sich weigerte, auf Warmbolds Bedenken einzugehen,
reichte dieser seine Demission ein (8. Dezember 1931) und verlangte die
Zurückziehung seiner Unterschrift von der Notverordnung, der der Kanzler
auch stattgeben mußte(!).32 Mit Rücksicht auf die Gefährdung der Regie-
rung und auch die bevorstehende Reichspräsidentenwahl verblieb Warm-
bold jedoch zunächst im Kabinett.33
Die Ende Januar 1932 veröffentlichte Denkschrift "Geld- und Kreditre-
form" des Präsidenten des Statistischen Reichsamtes und Leiters des Insti-
tuts für Konjunkturforschung, Ernst Wagemann, stellte den vorläufigen
Höhepunkt in dieser Entwicklung dar. Der in Abstimmung mit Schmitz,
Moellendorf, Bachern und Warmbold34 entwickelte Plan Wagemanns35 ziel-
te auf eine Erhöhung der Liquidität der Banken und implizierte eine neue
Form der Geldschöpfung.36 Der Reichskanzler, in höchste Verlegenheit ge-
bracht, versuchte deshalb nicht ohne Erfolg, vor der Öffentlichkeit die Vor-
schläge Wagemanns, der als führender Kopf der "Reformer" eine noch un-
bestrittene Autorität besaß, herunterzuspielen. Intern lehnte Brüning den
Wagemann-Plan unter Hinweis auf die Reparationspolitik kategorisch ab:
"Das Ausland würde glauben, daß Deutschland nun versuchen werde, durch
künstliche Kreditschöpfung seine Wirtschaft zu verbessern und den Repara-
tionszahlungen zu entgehen."37 Warmbold und Dietrich, die in der Denk-
schrift durchaus einen richtigen Ansatz erblickten, stimmten der Grundlinie
des Kanzlers, momentan von einer Verfolgung der Vorschläge abzusehen,
zu.38 Grundsätzliche, aus einer fehlerhaften volkswirtschaftlichen Theorie
abgeleitete Opposition kam nur vom Reichsbankpräsidenten Luther, der in
dem Wagemann-Plan die "Inflation" schlechthin erblickte.39 Eben dies Ar-
gument, das für die ablehnende Haltung des Kabinetts nicht bestimmend
war, wurde der Öffentlichkeit gegenüber als Hauptpunkt für die zögernde
Haltung der Regierung genannt.40

Anmerkungen zu Kap. VIII auf S. 247-50 115


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. VIII. Die Deflationspolitik Brünings

Noch einmal war es gelungen, den Vorstoß der "Reformer aufzuhalten.


Silverberg, der dem Wagemann-Kreis nahestand41 und nach eigener Aussa-
ge als "der Exponent der Forderung nach Erhöhung des Kreditvolumens"
galt42 hatte mit seinen Bemühungen, im März/April 1932 eine Umorientie-
rung der Geldpolitik herbeizuführen, ebenfalls keinen entscheidenden Er-
folg.43 Auch der Hinweis, daß "mit keinem Wort ... mehr Mißbrauch getrie-
ben wird wie mit dem permanenten An-die Wand-malen einer Inflation"44
vermochte innerhalb des Reichsverbandes, in dem der VDMA (Lange) die
Gegenposition vertrat45 nicht zu überzeugen.
Wesentliche Ursache des relativen Mißerfolges der "Reformer" war die
Tatsache, daß die Vertreter einer keynesianischen Politik ihr Vorgehen
nicht immer optimal abzustimmen wußten und, wie z. B. der Reichswirt-
schaftsminister Warmbold, teilweise widersprüchlich agierten.46 Das gilt
auch für Silverberg, der zeitweilig den Primat der Außenpolitik zu Lasten
der Konjunkturpolitik ganz im Sinne Brünings mitverfocht und es damit an
letzter Konsequenz mangeln ließ.47 Ausschlaggebend war aber, daß der
Reichskanzler die richtigen alternativen Vorschläge vor der Öffentlichkeit
mit dem Odium der "Inflation" belastete,48 um so den Freiraum für seine
reparationspolitischen Ziele abzusichern. Eine unmittelbare Rückwirkung
der intransigenten Haltung Brünings und Luthers bestand darin, daß der
"Nationalen Opposition" aus freien Stücken ein neues, wirkungsvolles Agi-
tationsfeld überlassen wurde: Während der Rückhalt Brünings und Luthers
in der westlichen Industrie auf Grund der fehlgesteuerten Wirtschaftspolitik
fast völlig geschwunden war, bot sich als scheinbar einzig mögliche Alter-
native der ehemalige Reichsbankpräsident Schacht immer deutlicher an.
Auch in gemäßigten Kreisen der Wirtschaft gewann Schacht unbeschadet
seiner Harzburger Rede zunehmend an Einfluß49 so daß die Silverberg na-
hestehenden "Deutschen Führerbriefe" im Frühjahr 1932 sogar für seine
Kandidatur zum Reichspräsidenten eintraten.50
Brünings überzogene Deflationspolitik entsprach also nicht, wie neuer-
dings wieder behauptet worden ist, einem "Konsens", in dem sich die di-
vergierenden gesellschaftlichen Kräfte der Weimarer Republik zuletzt noch
trafen,51 sondern arbeitete im Gegenteil dem Nationalsozialismus direkt in
die Hände: Zunächst trug diese Politik wesentlich zu den großen Erfolgen
der NSDAP in den Wahlen 1931/32 bei, indem sie durch die soziale Bedro-
hung breiter Bevölkerungsgruppen das Stimmenreservoir der Partei vergrö-
ßerte. Dann aber verschaffte sie der NSDAP durch das künstlich aufrecht-
erhaltene währungspolitische Diskussionsdefizit eine potentielle program-
matische Alternative, die die Nationalsozialisten für führende Repräsentan-
ten der Wirtschaft attraktiver werden ließ. Die Annäherung von Unterneh-
mertum und Nationalsozialismus, die im Frühjahr 1932 einen ersten Höhe-
punkt erreichte, muß nicht zuletzt vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Anmerkungen zu Kap. VIII auf S. 247-50 116


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

IX. Großindustrie und NSDAP in der Ära Brüning

1. August Heinrichsbauer und der Strasser-Flügel der NSDAP

Die ersten sporadischen Kontakte zwischen Großindustrie und National-


sozialismus reichen weit in die 20er Jahre zurück. Das wohl wichtigste Do-
kument aus der Frühzeit dieser Verbindungen ist die Denkschrift "Der Weg
zum Wiederaufstieg" aus dem Jahre 1927, die Hitler auf besonderen
Wunsch Emil Kirdorfs verfaßt und diesem zur Verteilung in Unterneh-
merkreisen zur Verfügung gestellt hatte.1 In dieser Geheimbroschüre war
die Doppelstrategie radikal-sozialistischer Propaganda nach außen und pri-
vatkapitalistischer Systemorientierung nach innen bereits klar angelegt.2
Eine intensivere Beobachtung des NSDAP-Programms setzte in der Wirt-
schaftskrise 1929/30 ein.3 Bei führenden Großindustriellen fand vor allem
die Analyse des Radi-Syndikus Hans Reupke "Das Wirtschaftssystem des
Faschismus" vom Sommer 1930 starke Beachtung.4 Nach der Reichstags-
wahl vom 14. September verdichteten sich die Kontakte erheblich, blieben
aber noch an einen beschränkten Personenkreis gebunden. Eine wichtige
Rolle spielte hier August Heinrichsbauer, der als Herausgeber des "Rhei-
nisch-Westfälischen Wirtschaftsdienstes" der Schwerindustrie, insbeson-
dere dem Bergbau, eng verbunden war, ohne freilich deren Sprachrohr dar-
zustellen.5 Durch die vor allem auf Initiative des Bergbau-Vereins6 beim
RDI im Oktober 1930 neu eingerichtete "Wirtschaftspropagandistische Ab-
teilung", der u. a. die Arbeitsgebiete "Wirtschaftsprogramm der politischen
Parteien, insbesondere der nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutsch-
lands" sowie "Das Wirtschaftssystem des Faschismus" zugeordnet waren,7
verbreitete Heinrichsbauer wiederholt diverse Exposés, in denen kaum ver-
deckt für eine ständisch-faschistische Ordnung geworben wurde.8 Im De-
zember 1930 legte er einen internen Bericht über "Besprechungen mit Füh-
rern der nationalen Opposition9 vor, den u. a. Reusch und Luther erhielten.
In der bisher unbeachtet gebliebenen Aufzeichnung skizzierte Heinrichs-
bauer die radikalere Position von Goebbels und der Berliner NSDAP, der er
die gemäßigtere Auffassung des Reichsorganisationsleiters Gregor Strasser
und des Wirtschaftspolitischen Referenten der NSDAP, Dr. Wagener,10 ge-
genüberstellte:

"Dr. Goebbels, der Berliner Führer der NSDAP und bekannt als Vertreter der
schärferen Richtung innerhalb dieser Partei, ist der festen Überzeugung, daß der
NSDAP in kurzer Zeit die absolute Mehrheit im Parlament zufallen wird. Er lehnt

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 117


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

alle sog. halben Lösungen ab, geht vielmehr unbedingt und konsequent auf das Ziel
der Erringung der Gesamtmacht durch die NSDAP los, die er mit allen Mitteln durch-
zusetzen und zu behaupten entschlossen ist ...
Das Verhältnis zur Wirtschaft bzw. zum Unternehmertum sieht er rein politisch.
Für den Fall, daß das Unternehmertum mit der nationalen Opposition geht, ist er zu
seiner Anerkennung und Förderung gerne bereit, setzt sich das Unternehmertum je-
doch für die Unterstützung des jetzigen Systems ein, wird er es auf das Schwerste
bekämpfen. Goebbels sagte, daß es nicht zu verantworten sei, Lohnkürzungen zu
Gunsten des jetzigen innerpolitischen Systems und zu Gunsten einer Reparationser-
füllung durchzuführen; eine Unterstützung derartiger Maßnahmen müsse er unbedingt
ablehnen. Dagegen stelle er sich dem Unternehmertum restlos zur Verfügung, falls
dieses beispielsweise erkläre, daß es jede Finanzierung des jetzigen Systems (auch
durch Steuerzahlung) ablehne und sich mit der Arbeiterschaft gemeinsam gegen die
Fortsetzung der Ausblutung der Wirtschaft wende. . . "
Die Reichsleitung der NSDAP in München und vor allem Gregor Stras-
ser nahmen nach Darstellung Heinrichsbauers demgegenüber einen "gemä-
ßigteren Standpunkt" ein: Man sehe dort die Gefahren der unbedingten
Durchsetzung der Ziele der NSDAP sehr wohl und lehn[e] infolgedessen
die Unterstützung durch andere Gruppen nicht ab." In wirtschaftlichen Fra-
gen vertrete Strasser folgenden Standpunkt:
"Voraussetzung eines sauberen Staates ist das Eigentum; ich bekenne mich vor-
behaltlos zu ihm, wobei ich allerdings die durch die Börsenspekulationen erzielten
Gewinne nicht zum Eigentumsbegriff rechne ... Die NSDAP beruht auch in wirt-
schaftlichen Dingen auf dem Prinzip der Leistung und der Verantwortung; aus diesem
Grunde ist sie gegen Wirtschaftsdemokratie. Wer mehr kann und mehr arbeitet, soll
auch mehr haben; wer glaubt, die persönliche Initiative ausschalten zu können, ist ein
Narr. Ich bin Gegner der Konzerne und Trusts, die die persönliche Verantwortung
ausschalten und die teilweise mächtiger geworden sind als der Staat; diese Konzerne
und Trusts muß man beseitigen, um die freie Unternehmerpersönlichkeit wieder in
den Mittelpunkt stellen zu können.
Erzeuger und Verbraucher werden sich nie ganz einig sein können; über beiden
muß deshalb ein ehrlicher Makler stehen, der unparteiisch beiden hilft, das ist aber
ein sauberer Staat. Bisher hat die Industrie den Hauptnachdruck ihrer Kraft auf eine
Oberexpansion der Ausfuhr abgestellt und dabei den Binnenmarkt geschädigt. Der
liberale Traum der Weltwirtschaft ist aber vorbei; das Gesicht der Wirtschaft muß
deshalb vom Weltmarkt zum Binnenmarkt gedreht werden; das ist aber gleichbe-
deutend mit Belebung neuer Kraft für die Landwirtschaft. Ich bekenne mich zur Au-
tarkie in der möglichen Form und zur Zerschlagung unnötiger Ausfuhr. Es handelt
sich hier um die Durchsetzung der Schaffung neuer Kraft zur Gewinnung neuen
11
Raumes; darauf beruht auch das Bekenntnis zur Nationalwirtschaft. . ."
Über Heinrichsbauer, ab Mitte 1931 auch Funk, vollzog sich eine zu-
nehmende Einflußnahme auf das Wirtschaftsprogramm des Nationalso-
zialismus,12 um die Koalitionsfähigkeit der NSDAP mit der bürgerlichen
Rechten vorzubereiten. Diese Bündnisperspektive versuchte Heinrichsbauer
schon im Dezember 1930 als allein verbleibende Alternative heraus-
zustellen. In dem Bericht an Reusch heißt es resumierend:

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 118


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

"Es wäre dringendst zu wünschen, wenn die Wirtschaft, die bisher in vielen ihrer
führenden Persönlichkeiten auf die bürgerlichen' Parteien gehofft hat, in ihren Erwar-
tungen aber enttäuscht wurde, zur nationalen Opposition bald ein innigeres Verhältnis
gewänne, das über gelegentliche Aussprachen, Vorträge usw. hinausgehen müßte.
Dabei ist vor allem wichtig die Überlegung, wie durch eine richtig angesetzte Ver-
bands- und Wirtschaftspolitik die Wirtschaft die politische Führung wieder bekom-
men kann, die ihr verloren gegangen ist. Allerdings hat es wenig Zweck, sich in
grundsätzlichen Fragen von dem jetzigen System abzusetzen, ohne gleichzeitig in
entsprechende Fühlung mit der nationalen Opposition zu treten. Die Zeit des Sowohl
als auch' dürfte vorüber sein; es naht der Zeitpunkt der grundsätzlichen politischen
13
Entscheidung."

Mitte 1931 besaß die "Nationale Opposition", wie Heinrichsbauer zu


diesem Zeitpunkt selbst einräumte, noch kein brauchbares "politisches und
wirtschaftliches Sanierungsprogramm" und war zur Übernahme der Regie-
rungsverantwortung nicht in der Lage.14 Die im August 1931 vom Berg-
bau-Verein unter Mitwirkung Heinrichsbauers initiierten Bemühungen zur
"Aufstellung eines deutschen Wirtschaftsmanifestes" hatten deshalb das
ausdrückliche Ziel, diese Lücke zu füllen und die "Vorarbeiten" für eine
Synthese von Unternehmerinteresse und programmatischer Ausrichtung der
"Nationalen Opposition" "im Hinblick auf vielleicht zu erwartende politi-
sche Umstellungen" zu leisten.15

2. Die Industrieclub-Rede Hitlers und das Wahlkampfabkommen


mit Paul Reusch

Im Prozeß der schrittweisen Annäherung von Großindustrie und National-


sozialismus16 markierte das Auftreten Hitlers vor dem renommierten Düs-
seldorfer Industrieclub am 26. Januar 193217 eine wichtige Stufe. Der end-
gültige "Durchbruch bei den westdeutschen Industriekapitänen" war Hitler,
der in geschickter Abstimmung auf die Mentalität der dort versam-
melten Unternehmer den "Kampf gegen die Gewerkschaften" und die "Rol-
le der Persönlichkeit"18 in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt
hatte, damit zwar noch nicht gelungen; aber "das Eis war gebro-
chen, der nationalsozialistische Gedanke hatte in wichtigen und einflußrei-
chen Kreisen des Systems fruchtbaren Boden gefunden".19 Der Andrang zur
Veranstaltung und das Interesse an der Politik der NSDAP und ihres "Füh-
rers" war immerhin so groß",20 daß Gustav Krupp von Bohlen bei Karl Ha-
niel, dem Organisator des Hitler-Auftritts, persönlich intervenie-
ren mußte, um einen Platz für Jacob Herle, den Geschäftsführer des Reichs-
verbandes, reservieren zu lassen. Gerade in seiner Eigenschaft als Vorsit-
zender des RDI und als Leiter der Krupp-Unternehmungen müsse er "über
derartige Fragen aufs Genaueste unterrichtet bleiben".21 Dies bedeu-

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 119


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

tete keine generelle Zustimmung zum Programm der NSDAP und impli-
zierte für Krupp und die RDI-Führung auch nicht die endgültige Abwen-
dung von Brüning, zeigte aber, daß der Nationalsozialismus inzwischen zu
einem wichtigen Faktor in den strategischen Planungen der Großindustrie
geworden war.
Silverberg, der Anfang 1932 dem Nationalsozialismus als möglichem
Garanten der bürgerlichen Herrschaft in Deutschland noch skeptisch gege-
nüberstand, blieb, wie auch Otto Wolff und Carl Duisberg, der Veranstal-
tung fern22 und gab in den ihm nahestehenden "Deutschen Führerbriefen"
seiner abwartenden Distanz Ausdruck.23 Demgegenüber durfte Thyssen, der
schon seit Herbst 1930 offen für die NSDAP geworben hatte, einen großen
Erfolg verbuchen, als er am 27. Januar 1932, also am Tage nach der Indu-
strieclub-Veranstaltung, Vögler und Ernst Poensgen auf seiner Besitzung
Landsberg mit Hitler, Göring und Röhm zusammenbringen konnte. 24

Von entscheidender Bedeutung im Neuorientierungsprozeß der Ruhrin-


dustrie war der Positionswechsel Paul Reuschs, der im August/September
1931 in Opposition zum Kabinett Brüning getreten war.25 Anläßlich der
Reichspräsidentenwahl vom Frühjahr 1932, die durch die Alternative Hin-
denburg oder Hitler gekennzeichnet war, schlug sich Reusch auf die Seite
der "Nationalen Opposition" und trat erstmals offen für eine Kooperation
mit der NSDAP ein. Eine Aufforderung Sahms, dem Hindenburg-Ausschuß
für die Wiederwahl des Reichspräsidenten beizutreten, lehnte Reusch eben-
so entschieden ab26 wie die Bitte Duisbergs, die Wahlkampagne Hinden-
burgs finanziell zu unterstützen.27 Innerhalb der westlichen Industrie trug
der Sinneswandel Reuschs maßgeblich dazu bei, daß die Ruhrlade weder im
ersten noch im zweiten Wahlgang Gelder für die Wiederwahl Hindenburgs
zur Verfügung stellte.28 Von der Schwerindustrie fand sich schließlich nur
noch Silverberg bereit, aktiv für Hindenburg einzutreten,29 und selbst
Krupp, der aus seiner Rückendeckung für Brüning bisher kein Hehl ge-
macht hatte, versagte sich im zweiten Wahlgang.30
Vor diesem Hintergrund gesehen, kam dem erstmaligen Zusammentref-
fen der führenden Autorität des Westens, Paul Reusch, mit Adolf Hitler in
München am 19. März 1932 (also zwischen dem ersten und dem zweiten
Durchgang der Reichspräsidentenwahl) eine Signalfunktion zu.31 In der
zweistündigen Unterredung suchte Reusch vor allem die Tragweite der so-
zialistischen und antikapitalistischen Tendenzen innerhalb der NSDAP aus-
zuloten32 und brachte im Sinne seiner neuen Einrahmungsstrategie zum
Ausdruck,

"daß er [Hitler] nicht nur eine erste Kraft für die Wirtschaftspolitik, sondern auch
eine solche für die Finanz-, Außen- und Innenpolitik benötige, denen ausschließ-
lich die Aufgabe überwiesen werden müsse, ganz fest umrissene Programme aus-
zuarbeiten. Bei der Auswahl dieser Männer käme es weniger darauf an, ob sie nun

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 120


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei wären, viel wichtiger sei die sachli-
33
che und fachliche Eignung."

Obwohl Reusch die Kandidatur Hitlers für das Amt des Reichspräsiden-
ten nicht als optimale Lösung für die "Nationale Opposition" betrachtete,34
fand er sich dennoch zu einem weitreichenden Wahlkampfabkommen mit
der NSDAP bereit. Reusch gestand Hitler zu, in den jeweils zur Verfügung
stehenden Presseorganen eine Art "Burgfrieden" innezuhalten: Konkret be-
deutete diese Vereinbarung, daß die vom Haniel-Konzern abhängigen Zei-
tungen "Schwäbischer Merkur", "Fränkischer Kurier" sowie die "Münchner
Neuesten Nachrichten" (MNN) Weisung erhielten, der Kandidatur Hitlers
zumindest "positiv-neutral" gegenüberzustehen, also von einer etwaigen
publizistischen Unterstützung Hindenburgs, wie dies teilweise im ersten
Wahlgang geschehen war, in jedem Falle Abstand zu nehmen.35
Die eindringliche, auch in der Reichskanzlei registrierte Bitte der Haupt-
geschäftsstelle Bayern des Hindenburg-Ausschusses, Reusch möge den
"Fränkischen Kurier "zu einem Frontwechsel gegen Hitler veranlassen,36
mußte deshalb von vorneherein erfolglos bleiben. In Erfüllung des Wahl-
kampfabkommens mit der NSDAP intervenierte Reusch dagegen auf eine
Beschwerde des Privatsekretärs Hitlers, Rudolf Hess, die MNN setzten
"niederträchtige Angriffe und Verdächtigungen fort" (während der "völ-
kische Beobachter" "absolute Disziplin" halte),37 umgehend beim Ver-
lagsdirektor der MNN, Betz,38 um eine positivere Haltung der Zeitung ge-
genüber der Kandidatur Hitlers durchzusetzen. Innerhalb der Ruhrlade ließ
Reusch zur gleichen Zeit auf besonderen Wunsch Fritz Thyssens eine Pu-
blikation über den Nationalsozialismus verteilen.39
Die Reichsregierung, die über diese Vorgänge recht genau unterrichtet
war, unternahm über Geheimrat Kastl vom RDI den vorsichtigen Versuch,
Reusch zum Überdenken seiner Position zu bewegen, hatte damit aber kei-
nen Erfolg mehr.40 Reusch, aus seinem Herzen "keine Mördergrube" ma-
chend, bestätigte seine Oppositionshaltung gegenüber dem Kabinett Brü-
ning ausdrücklich und setzte den Versuch, mit den Nationalsozialisten in
ein Arbeitsverhältnis zu kommen, mit unverminderter Intensität fort.41
Die Strategie der westlichen Industrie lief dabei darauf hinaus, die bisher
von Zentrum und Sozialdemokratie getragene "Links"-Regierung durch
eine dezidierte "Rechts"-Regierung nach Harzburger Muster zu ersetzen. In
Übereinstimmung mit den maßgeblichen Kräften in der Ruhrlade und dem
Langnam-Verein postulierte Springorum am 22. März 1932, drei Tage nach
dem Zusammentreffen Reuschs und Hitlers, eine aktive Bündnispolitik zwi-
schen Bürgertum und NSDAP:

"...Daß wir bei der Schaffung einer Rechtsregierung uns der Mitarbeit der NSDAP
nicht begeben können und diese einbeziehen müssen, ergibt sich schon aus

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 121


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

der Bedeutung dieser Partei und aus dem Umstand, daß wir nur durch aktive Mit-
arbeit (nebenbei auch gestützt auf finanzielle Interessierung) eine starke staatliche
Mitverpflichtung der NSDAP erreichen können, die uns auch den Versuch gestat-
tet, die allzu radikale Strömung innerhalb der NSDAP in etwa abzubiegen ..."42

Diese Linie forderte zweierlei: Zunächst einmal die Schaffung eines po-
litisch handlungsfähigen "Bürgerblocks" als Gegengewicht zu Hitler, dann
die Festlegung der NSDAP auf ein nichtsozialistisches, privatkapitali-
stisches Wirtschaftskonzept. Dabei erwies sich schon die erste Aufgabe als
außerordentlich problematisch: Die Diskussion um den umstrittenen Par-
teivorsitzenden der DNVP, Hugenberg, entflammte erneut. Reusch, Wil-
mowsky und Krupp konnten sich mit ihrer Auffassung, Gessler oder Goer-
deler an die Spitze der DNVP zu setzen, gegenüber Springorum, Vögler
und Thyssen nicht durchsetzen;43 es war noch nicht einmal möglich, eine
von Wilmowsky und Krupp angeregte Zusammenkunft im engsten Kreise
der Großindustrie zustande zu bringen, weil die Auffassungen im einzelnen
zu stark divergierten.44

3. Die Arbeitsstelle Schacht

Unbeschadet dieser Mißhelligkeiten riß der Faden zur NSDAP nicht ab:
Der unmittelbar im Anschluß an die Besprechung mit Hitler vom 19. März
1932 anlaufende Versuch eines Industriellenkreises um Paul Reusch, die
programmatische Ausrichtung der NSDAP dem privatkapitalistischen In-
teressenstandpunkt anzupassen, konkretisierte sich in der von der neue
ren Forschung zu Recht hervorgehobenen, in ihrer tatsächlichen Bedeu-
tung aber umstrittenen Einrichtung der sog. "Arbeitsstelle Schacht".45 Diese
Bemühungen standen durchaus in Kontinuität der ersten tastenden Versu-
che Heinrichsbauers und Funks von 1931;46 sie erhielten aber durch einen
fest institutionalisierten Rahmen und die Einschaltung Hjalmar Schachts
einen qualitativ anderen Stellenwert. Schon äußerlich machte die Zusam-
menarbeit mit Schacht, einem spätestens seit der Harzburger Tagung auch
öffentlich bekannten Parteigänger Hitlers, die Annäherung der
Reusch-Gruppe an den Nationalsozialismus deutlich. Wichtig in die-
sem Zusammenhang ist, daß Schacht sich wegen seiner Opposition gegen
den Young-Plan zunächst den Unwillen des RDI, DIHT und auch Lang-
nam-Vereins zugezogen hatte47 und seitdem insbesondere bei Geheimrat
Kastl auf ein kaum überwindbares Mißtrauen gestoßen war.48 Im Laufe der
Bankenkrise, als die fachliche Inkompetenz Luthers immer offensichtlicher
geworden war, mehrten sich die Rufe nach einer Rückkehr Schachts an die
Spitze der Reichsbank.49 Diese Forderungen scheiterten vor allem an Brü-
ning, der wohl zu Schachts Fähigkeiten als Bankfachmann "bedin-

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 122


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

gungsloses Vertrauen" hatte, aber negative innen- und außenpolitische


Konsequenzen fürchtete.50 Nach dem Harzburger Auftritt war noch deut-
licher geworden, daß das reparationspolitische Alternativkonzept, wie es
Schacht in seiner Schrift "Das Ende der Reparationen"51 propagiert hatte,
mit einem grundlegenden innenpolitischen Kurswechsel nach rechts und
einem Zusammengehen mit den Nationalsozialisten verknüpft war.
Schacht, der am 5.Januar 1931 erstmals eine Begegnung mit Hitler hat-
52
te, setzte auf einen Erfolg der NSDAP und verband damit persönlich die
Erwartung, nach einer Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wie-
der in öffentliche Verantwortung zurückkehren zu können. Unter diesen
Voraussetzungen signalisierten die Versuche der Industrie im Herbst 1931,
in ein engeres Arbeitsverhältnis mit Schacht zu kommen, das endgültige
Abrücken von Brüning. Selbst Paul Reusch, der bis dahin treue Verbündete
Luthers in der westlichen Industrie, suchte seit September/Oktober 1931
verstärkten Kontakt zum ehemaligen Reichsbankpräsidenten und nahm im
Dezember 1931 den Vorschlag Wilmowskys, nunmehr Hjalmar Schacht als
neue Kristallisationsfigur der bürgerlichen Sammlungsbewegung aufzubau-
en, mit prinzipiell zustimmendem Interesse zur Kenntnis.53 Damit war auch
Luthers Rolle im "Bund zur Erneuerung des Reichs" zunächst ausgespielt.
In Konsequenz dieser Entwicklung suchte der Geschäftsführer des BER,
Adametz, jetzt über Gregor Strasser bzw. dessen Adjutanten Paul Schulz
Kontakte zur NSDAP, um unter Einspannung des nationalsozialistischen
Potentials einer Verwirklichung der Reichsreformpläne näherzukommen.54
Der amtierende Reichsbankpräsident erhielt schließlich nicht einmal mehr
Gelegenheit, einen für März 1932 in Aussicht genommenen Vortrag vor der
westlichen Industrie zu halten, weil eine solche Veranstaltung, wie Springo-
rum erläuterte, "aus politischen Gründen" lieber nicht stattfinden sollte.55
Vor diesem Hintergrund gesehen, stieß die Anregung Schachts vom 18.
März 1932,

"die nationalsozialistischen Wirtschaftsideen im vernünftigen Sinne zu beeinflus-


sen" und dazu "auf zunächst etwa 2 Jahre einen finanz- und wirtschaftspolitisch
außerordentlich versierten und von mir erprobten Herrn ein[zu]spannen, um durch
ihn die Verbindung mit den wirtschaftspolitischen Organisationen Hitlers aufzu-
nehmen und die Probleme mit den Herren so durchzuarbeiten und zu formen, daß
daraus sich ein wirtschaftspolitisches Programm für die Nationalsozialistische
Partei ergeben kann, welches Industrie und Handel mitmachen können,"56

auf uneingeschränkte Zustimmung der führenden Köpfe der westlichen In-


dustrie.57 Paul Reusch, den Schacht direkt angesprochen hatte, konnte dabei
auf seine Unterredung mit Hitler vom 19. März 1932 verweisen, in der er
ähnliche Gedankengänge entwickelt hatte.58
Die mit großem Aufwand ins Werk gesetzte "Arbeitsstelle" blieb frei-
lich, nachdem sie sich schließlich im Juni 1932 formell konstituiert hatte, in

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 123


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

politischer Hinsicht ein "Torso"59 und erfüllte auch nicht ansatzweise die
Aufgaben, die ihr ursprünglich zugedacht waren: In der endgültigen Fixie-
rung der Ziele der "Arbeitsstelle", die Schacht der Ruhrlade nach der prin-
zipiellen Einigung über die Konstituierung dieses Gremiums zukommen
ließ, war jetzt nur mehr die Rede von einer

"im Stillen und in bescheidenem Umfange arbeitende[n] Einrichtung", deren "Ar-


beiten" zunächst nur den Beteiligten "zugängig" gemacht werden sollten, wobei
über ihre "Verwertung" gemeinsam zu beschließen sei. Ferner sei beabsichtigt,
"mit zwei von Herrn Adolf Hitler beauftragten Herren (Wilhelm Keppler und
Leopold Plaichinger) Fühlung zu halten, um nach Möglichkeit sicherzustellen,
daß die wirtschaftspolitischen Auffassungen, die in der Arbeitsstelle zum Aus-
druck kommen werden, mit den von nationalsozialistischer Seite vertretenen An-
sichten in Einklang sich befinden. . ."60

Schacht hatte damit den ursprünglichen Auftrag der Arbeitsstelle vom


März 1932, nämlich das Wirtschaftsprogramm der NSDAP auf die Bedürf-
nisse der Industrie auszurichten, in das genaue Gegenteil verkehrt. Im Hin-
tergrund der Aushöhlung der "Arbeitsstelle" stand u. a. die Entscheidung
Schachts, den zunächst verfolgten Gedanken einer eigenen Aktion zugun-
sten der aktiven Mitarbeit im sich gleichzeitig konstituierenden "Kepp-
ler-Kreis" fallen zu lassen.61 Gleichwohl stellte die im Frühjahr 1932 pro-
jektierte "Arbeitsstelle" für Schacht keinen bloßen Irrweg dar: vielmehr
erleichterte sie seinen Zugang zu den maßgeblichen Gremien der NSDAP
erheblich.62 Die finanziellen Förderer und Mitgründer der "Arbeitsstelle",
Reusch, Vögler, Thyssen, Springorum und Krupp, die einen einmaligen
Beitrag von je 3000 RM zeichneten,63 ließ Schacht über seine Abwendung
weitgehend im unklaren, so daß der Kreis dem Anschein nach wie geplant
seine Tätigkeit aufnahm.
Dr. Carl Krämer vom "Hamburger Wirtschaftsdienst",64 den Schacht
für die "Arbeitsstelle" engagiert hatte, lieferte Mitte Juli 1932 eine erste
Ausarbeitung über "Erfahrungen mit der Devalvation in England",65
konnte dabei aber noch auf vorliegende Manuskripte zurückgreifen.66
Symptomatisch für den Funktionsverlust der "Arbeitsstelle" war, daß der
Wunsch Reuschs nach einer Erweiterung und Ergänzung des Papiers durch
Krämer67 sowie insbesondere seine Forderung nach einer umgehenden
Gegendarstellung zu dem von der Industrie vehement bekämpften "Wirt-
schaftlichen Sofortprogramm der NSDAP",68 um "den Herren in Mün-
chen die entsprechende Aufklärung zu geben",69 von Schacht weitgehend
ignoriert wurde.70 Eine zweite Ausarbeitung Krämers vom Dezember
1932 über "Einführung von Handelsmonopolen"71 entstand wiederum ohne
Abstimmung mit den Mitgliedern der "Arbeitsstelle" und befaßte sich aber-
mals mit einer Thematik, die in keinem direkten Zusammenhang mit
der ursprünglichen Zielsetzung des Gremiums stand. Dieses Bild wird
komplettiert dadurch, daß die in der Dezember-Ausarbeitung vorgeschla-

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 124


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

genen Maßnahmen auf die einhellige Ablehnung in der gesamten westli-


chen Industrie stießen.72 Da der "Schacht-Kreis" überdies nicht einmal zu
einer konstituierenden Sitzung zusammentrat − geschweige denn zu intensi-
ven Diskussionsrunden −, erschöpfte sich seine gesamte Tätigkeit in der
einmaligen Erhebung der genannten Umlage von je 3000 RM, die Schacht
zur Finanzierung seines Büros bzw. Dr. Krämers zu verwenden versprach.73
So nimmt es nicht wunder, daß Krupp, einer der nachweislichen Beitrags-
zeichner zur Unterhaltung der "Arbeitsstelle", im Dezember 1932 nicht
einmal mehr von der Existenz eines solchen Gremiums bzw. der Funktion
Dr. Krämers innerhalb dieses Kreises wußte.74
Der Versuch, der "Arbeitsstelle Schacht" eine Schlüsselrolle im Verhält-
nis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1932/33 beizumessen, geht
aus den genannten Gründen fehl. Dabei basiert die These, daß die "Arbeits-
stelle Schacht" und der "Keppler-Kreis" im Sommer 1932 "koordiniert"
worden seien und in beiden Gremien, in engem Austausch miteinander, "die
Keimzelle für wichtige Grundsatzentscheidungen nationalsozialistischer
Wirtschaftspolitik"75 zu suchen sei, auf einer doppelt falschen Vorausset-
zung: Wie das Quellenmaterial ausweist, kann sowohl von einer echten
"Koordinierung" beider Gremien76 als auch von einer programmatischen
Pionierarbeit, selbst im "Keppler-Kreis",77 keine Rede sein. Hierauf wird
unten noch ausführlicher einzugehen sein.78
Dies alles bedeutet freilich nicht, daß die "Arbeitsstelle Schacht" gänz-
lich ohne Funktion gewesen sei: Die Präsenz Dr. Krämers in einer Berliner
Bürogemeinschaft am Schöneberger Ufer 35, auf die sich die Tätigkeit der
"Arbeitsstelle" faktisch reduzierte, sicherte Schacht, was bisher unbeachtet
geblieben ist, eine kontinuierliche Abstimmung mit dem auf der gleichen
Etage residierenden" Mitteleuropäischen Wirtschaftstag" (MWT), über des-
sen Rolle im Interessenausgleich zwischen Industrie und Landwirtschaft
Sohn-Rethel zu berichten weiß.79 Noch bedeutsamer war die Zusammen-
arbeit Schachts mit der Redaktion der "Deutschen Führerbriefe" die eben-
falls der Bürogemeinschaft angehörte. Die DFB, eine in Wirtschaft und Po-
litik viel beachtete Privatkorrespondenz, von Franz Reuter (dem späteren
Biographen Schachts) und Otto Meynen (dem Berliner Sekretär Paul Sil-
verbergs) redigiert,80 propagierten so seit Juli 1932 die Hereinnahme der
NSDAP in die Regierungsverantwortung und standen damit in einem auf-
fälligen, auch in der Öffentlichkeit registrierten Widerspruch zur allgemei-
nen Papenbegeisterung' im industriellen Lager.81
Die tiefere Ursache für den Funktionsverlust der "Arbeitsstelle Schacht"
ist damit angedeutet: Der Versuch des Brüning-Nachfolgers von Papen,
autoritäre Konzepte zur Sanierung' von Staat und Wirtschaft unabhängig
und gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchzusetzen, stieß auf eine brei-
te Zustimmung innerhalb der Wirtschaft. Die Alternative zum System Brü-
ning konkretisierte sich hier, ohne daß eine Einbeziehung der mit blei-
bender Skepsis betrachteten nationalsozialistischen Bewegung notwen-

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 125


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. IX. Großindustrie und NSDAP i.d.Ära Brüning

dig zu werden schien. So beobachtete die Industrie auch die "Arbeitsstelle"


nach dem Sturz Brünings nicht mehr mit der gleichen Intensität wie zuvor.
Papen schien eine neue Lösung vorzuzeichnen, die zumindest im Spätsom-
mer 1932 das Interesse an der NSDAP in den Hintergrund treten ließ.

Anmerkungen zu Kap. IX auf S. 250-55 126


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

1. Das Programm der Regierung von Papen und die Industrieverbände

Nach der Entlassung Brünings und der Gesamtdemission seines Kabinetts


trat am 1. Juni 1932 die Regierung der "nationalen Konzentration" unter
Franz von Papen als Reichskanzler ihr Amt an. Von den 21 Kabinetten der
Weimarer Republik war das "Kabinett der Barone" das einzige, in dem alle
Ministerposten einschließlich der Leitung der Reichskanzlei neu besetzt
wurden.1 Die "grundsätzlich neue Richtung der Staatsführung"2, nämlich
die Umstellung von der Tolerierung durch die Sozialdemokratie auf die Zu-
stimmung der "Nationalen Opposition", dokumentierte sich so schon in der
äußeren Form der Regierungsbildung. Die strukturierenden Elemente des
"Neuen Staates", wie ihn Papen anstrebte, wurden von der Industrie zu
Recht als Orientierungsgrundlage einer unternehmerfreundlichen Gesamt-
konzeption begriffen: Papen ließ in seinen ersten programmatischen Äuße-
rungen keinen Zweifel an der selbständigen und eigenverantwortlichen Rol-
le der Privatwirtschaft aufkommen und bezeichnete es als "grundlegende[n]
Irrtum, daß der omnipotente, unpersönliche Staat an die Stelle der persönli-
chen Verpflichtung des Arbeitgebers treten könne. Die Verantwortlichkei-
ten, die aus der gottgewollten organischen Regelung der Dinge erwachsen,
müssen wieder aufgerichtet, die Verbundenheit von Arbeitgeber und Ar-
beitnehmer wiederhergestellt werden."3 Ein allgemeines Wohlwollen im
industriellen Lager bestätigte,4 daß Papen damit den richtigen Ton getroffen
hatte.
Basis der breiten Zustimmung zu Papen bildete zunächst einmal der au-
ßenpolitische Erfolg in der Reparationsfrage. Die auf der Konferenz von
Lausanne (16. Juni bis 8. Juli 1932) erzielte internationale Vereinbarung
über die Einstellung aller Reparationszahlungen mit Wirkung vom 1.Juli
1932 (nachdem ursprünglich Zahlungen bis 1988 vorgesehen waren) hatte,
abgesehen von der propagandistischen Bedeutung für Papen,5 eine nicht
immer genügend beachtete Rückwirkung auf die industrielle Fraktionie-
rung. Die durch den Streit um die "Tributverträge" eskalierte Konfliktsi-
tuation innerhalb der Industrieverbände, die zu einer Polarisierung zwi-
schen Befürwortern und Gegnern des "Young-Plans" geführt und 1931/32
beinahe zur Sprengung des Reichsverbandes Anlaß gegeben hatte,6 war
durch die vollständige Liquidierung der Reparationen im Juli 1932 gegen-
standslos geworden. Der RDI konnte somit erstmals seit Einbruch der
Weltwirtschaftskrise erklären, daß die gesamte deutsche Wirtschaft

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 127


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

"geschlossen hinter der Reichsregierung in ihrem Kampf um die außenpo-


litischen Ziele, insbesondere in der Abrüstungs- und Reparationsfrage" ste-
he.7
Auch die Entscheidungen Papens in der Konjunkturpolitik erleichterten
die tendenzielle Annäherung der unter Brüning stark divergierenden Indu-
striegruppierungen: Die Wiederbetrauung des Reformers Warmbold mit
dem Wirtschaftsressort, nach dessen vorübergehendem Ausscheiden aus der
Brüning-Regierung Anfang Mai 1932, signalisierte eine Abkehr von der
überzogenen Deflationspolitik der Jahre 1930-32 und bestärkte die Erwar-
tungen der Unternehmer auf einen grundsätzlichen Umschwung in der
Währungspolitik.8
Gleichwohl reagierte der RDI nach außen hin zunächst äußerst vorsich-
tig auf den neuen Kurs der Regierung: Die in der Notverordnung vom 14.
Juni 19329 angekündigten größeren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die in
der Öffentlichkeit mit Interesse zur Kenntnis genommen worden waren,
wurden in der Presseverlautbarung des RDI vom 24. Juni 1932 geflissent-
lich übergangen.10 Intern allerdings setzte das Präsidium einen "Ausschuß
für Arbeitsbeschaffung" ein, der auf verschiedenen Sitzungen im Juli und
August eine Grundsatzposition für den Reichsverband erarbeitete,11 die in
der Präsidialsitzung vom 17. August abschließend beraten wurde. Danach
wählte der RDI einen vorsichtigen Mittelkurs und gab seiner Auffassung
Ausdruck, daß auf dem Wege einer öffentlichen Arbeitsbeschaffung eine
konjunkturfördernde Beeinflussung nicht erreicht" werden könne und "alle
uferlosen Pläne" für Milliardenprojekte nach wie vor abzulehnen seien.
Gleichzeitig aber befürwortete der Verband begrenzte Arbeitsbeschaf-
fungsmaßnahmen der Reichsbahn und Reichspost, "und zwar in einem er-
heblich erweiterten Umfange, als bisher vorgesehen ist."12 Dem entsprach
auch eine der Regierung bereits am 2. August 1932 zugestellte Eingabe des
RDI,13 das bisher vorgesehene Konjunkturprogramm von 135 Mio. RM,
entsprechend den Plänen des Reichswirtschaftsrats vom Frühjahr 1932, we-
sentlich aufzustocken. In Fortsetzung dieser Linie begrüßte der RDI das von
Papen am 28. August in seiner Rede in Münster vorgelegte Programm14
aufs lebhafteste. Der Papenplan, der fortan zur Richtschnur des Reichsver-
bandes wurde, sah Maßnahmen zur Wiederbelebung der Konjunktur insbe-
sondere durch die Ausgabe von Steueranrechnungsscheinen vor. Diese von
der Reichsbank entwickelte Konzeption hielt insofern an der liberalen Wirt-
schaftsauffassung fest, als die im Vorgriff auf die von der Wirtschaft zu
entrichtenden Steuern gewährten "Rückvergütungen" formal dem tradierten
Selbsthilfegedanken entsprechen mochten. Tatsächlich jedoch wurde mit
diesen, in den Notverordnungen vom 4. und 5. September konkretisierten
Maßnahmen eine Kreditschöpfung von insgesamt 2 Milliarden RM reali-
siert und damit eine Dimension erreicht, die einen "neue[n] Abschnitt staat-
licher Wirtschaftspolitik"15 einleitete.

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 128


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

Reichsbank und Reichsregierung hatten sich bei Beschreiten dieses We-


ges zuvor der Rückendeckung des RDI versichert, dessen grundsätzliche
Bedenken gegen "lnflationsprogramme" und staatlichen Interventionismus16
bekannt waren. Der Vorsitzende Krupp sowie die Präsidialmitglieder von
Siemens und Bosch wurden am 25. August 1932, in der entscheidenden
Vorbereitungsphase des Papenplans, in die Beratungen der Regierung direkt
eingeschaltet,17 um der Wirtschaft den neuen Kurs plausibel zu machen.
Der Reichsverband konstatierte folgerichtig, daß das Programm von Mün-
ster "als ernster Versuch der Regierung zu betrachten" sei, "eine Belebung
der Wirtschaft von der Seite der persönlichen Initiative her auszulösen"; die
Industrie habe allen Anlaß, sich zu diesem Versuch "positiv und aktiv" ein-
zustellen.18 Die von Papen gleichzeitig vorgenommenen Eingriffe in das
Tarifwesen, nämlich die Möglichkeit zur Unterschreitung von Tariflöhnen
bei Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze, fanden gleichfalls die uneinge-
schränkte Billigung der Wirtschaft.19
Gleichwohl bereitete der Industrie das Eintreten für eine aktive Kon-
junkturpolitik der öffentlichen Hand, wie sie auch in einer Eingabe an die
Reichsregierung vom 24. September (Forderung nach Einbeziehung auch
der Einkommens- und Körperschaftsteuer in die Steuergutscheinregelung)20
zum Ausdruck kam, außerordentliche ideologische Schwierigkeiten. Das in
der Praxis wohl akzeptierte, in der Theorie aber nicht nachvollzogene Ein-
geständnis eines im zunehmenden Umfange notwendigen staatlichen Inter-
ventionismus21 wurde weiterhin als "Staatssozialismus" oder "Staatskapita-
lismus" gebrandmarkt;22 die vorsichtigen und zurückhaltenden Verlautba-
rungen des RDI, sobald sie die prinzipiellen Grundlagen des Papenplans
berührten, spiegeln diesen Konflikt deutlich wider. Gleichwohl zeigen in-
terne Diskussionen und Überlegungen, daß hier eine allmähliche Neuorien-
tierung begann, die aber im Winter 1932/33 noch keine präzise Linie er-
kennen ließ.23

Die allgemeine Zustimmung der Industrieverbände zum Programm von


Münster konnte den latenten Konfliktstoff im Bereich der Handelspolitik
jedoch nur unzureichend überdecken.24 Schon Papens erste öffentliche Er-
klärung zu den Leitzielen seiner Regierung deutete an, daß das Kabinett den
Interessenkonflikt zwischen Industrie und Landwirtschaft eher zugunsten
der Großagrarier entscheiden würde. Den Grundsätzen seiner christ-
lich-konservativen Wertordnung entsprechend sah Papen "eine starke ziel-
bewußte Agrarpolitik" als "Fundament jeder gesunden Entwicklung, die in
sorgsamer Abwägung der Interessen auch der anderen Berufsstände der
Gesamtheit der deutschen Wirtschaft gerecht" werde.25 Zu dem vom
Reichskanzler im gleichen Zusammenhang apostrophierten "organischen
Umbau" der Wirtschaft ließ der RDI verlauten, daß er nur einverstanden
sein könne, wenn damit "die Beseitigung aller die individualistische Wirt-
schaftsordnung verfälschenden Fesseln der Nachkriegszeit" gemeint sei.

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 129


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

"Dagegen müßte sich die deutsche Industrie einem organischen Umbau der
Wirtschaft im Sinne zunehmender und ausgesprochener Autarkieten-
denzen oder im Sinne der bewußten Preisgabe exportwirtschaftlicher Inter-
essen zugunsten einer zu weitgehenden Bevorzugung einzelner Wirt-
schaftszweige entschieden zur Wehr setzen."26
Mit dieser Erklärung hatte der RDI das Grundproblem der Papenschen
Wirtschaftspolitik aufgedeckt: Während die Agrarier zum Schutz ihrer kon-
kurrenzbedrohten Erzeugnisse immer rigoroser nach Abschluß vom Welt-
markt verlangten, setzte die Industrie auf eine Exportoffensive, die die Bei-
behaltung einer liberalen Handelspolitik unter Zugrundelegung des Prinzips
der Meistbegünstigung erforderte.27 Nicht zu Unrecht sah der RDI die Ge-
fahr, daß das Kabinett Papen, entsprechend seiner politischen Fundierung,
den Wünschen der Landwirtschaft nachgeben und damit die Exportindustrie
vor unlösbare Probleme stellen würde.
Das Präsidium des Verbandes setzte daher umgehend einen Ausschuß
für Handelspolitik ein28 der die Aufgabe hatte, die Aktionen der Industrie
gegen eine drohende Handelskontingentierung vorzubereiten und zu steu-
ern.29 Die beständige Fühlungnahme mit dem Wirtschaftsministerium
(Warmbold, Posse) sicherte dem RDI einen optimalen Informationsfluß und
garantierte zugleich eine weitgehende Kooperation zwischen Ministe-
rialbürokratie und industrieller Interessenvertretung gegen Autarkie und
Handelsdirigismus.30 In verschiedenen Eingaben, so u. a. vom 7. Septem-
ber, 22. September und 19. Oktober 1932, unterstrich der RDI seine Posi-
tion;31 persönliche Interventionen Krupps bei Papen am 13. Juli32 und bei
Reichspräsident Hindenburg am 23. Oktober 1932,33 flankiert von einem
Vorstoß der Spitzenverbände am 16. September,34 machen deutlich, daß
sich der Zielkonflikt zwischen agrarischer oder industrieller Interessenför-
derung inzwischen zur Schlüsselfrage der Wirtschaftspolitik entwickelt hat-
te.
Die bisher nicht ganz erfolglosen Versuche der Industrie, in direkten
Vereinbarungen mit der Landwirtschaft zu einem Interessenausgleich oder
Arrangement zu kommen,35 erwiesen sich Ende 1932 als immer problema-
tischer. Die Radikalisierung des Reichslandbundes, in Verbindung mit des-
sen offener Parteinahme für die NSDAP seit der Reichspräsidentenwahl
vom Frühjahr 1932, führte schließlich zur offenen Auseinandersetzungen
zwischen Industrie und Landwirtschaft; einen absoluten Höhepunkt erreich-
te der Konflikt schließlich im Januar 1933.36 Papen, der im Widerstreit der
Interessen und angesichts der labilen innerpolitischen Situation im Herbst
1932 keine Entscheidung einseitig zugunsten der Großindustrie oder Aga-
rier fällen konnte, verlegte sich auf Zeitgewinn und schob endgültige Be-
schlüsse immer wieder hinaus. Ein überzeugendes Konzept zur Lösung des
Konflikts, etwa im Sinne einer Kompensation der industriellen Verluste
durch rigorose Kostensenkungen bei Löhnen und Sozialleistun-
gen,37 stand nicht zur Verfügung. Der Reichsverband, der über die prinzi-

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 130


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

pielle Tendenz des Kanzlers zugunsten der Landwirtschaft informiert war,38


blieb somit in abwartender Distanz und vermied die vorbehaltlose Zustim-
mung zum Gesamtprogramm Papens. Dabei war klar, daß im Moment der
handelspolitischen Entscheidung dies zur Kardinalfrage für die Haltung der
Industrie gegenüber der Regierung werden mußte.

2. Der autoritäre Staat als Alternative zum faschistischen System

Programmatik und ideologisches Konzept der Papen-Regierung war für


diejenigen Industriellen von besonderer Attraktivität, die sich in der End-
phase der Brüning-Ära aus Mangel an politischen Alternativen dem Natio-
nalsozialismus zugewendet hatten. Paul Reusch, der im Herbst 1931 und im
Frühjahr 1932 Zeichen für den gemäßigten Schwerindustriellenflügel durch
seine rigide Opposition gegen das Brüning-System sowie die demonstrative
Unterstützung Hitlers im Reichspräsidentenwahlkampf gesetzt hatte,39 wur-
de jetzt erneut richtungsweisend: In enger Abstimmung mit Springorum
betrieb er nunmehr eine Rückorientierung der im Langnam-Verein organi-
sierten Industriekreise auf den autoritären Kurs Papens. So wies Reusch die
vom Haniel-Konzern gelenkte Presse umgehend an, "der neuen Regierung
gegenüber eine wohlwollende Haltung einzunehmen".40 Die Aufforderung,
Papen "auf das Wärmste zu unterstützen", wurde dabei nicht als Votum für
eine schließlich, jetzt nur noch nicht zu verwirklichende Machtübertragung
an die Nationalsozialisten begriffen, sondern ordnete sich ein in ein Kon-
zept, das eine autoritärkonservative Staatsverfassung als Dauerlösung vor-
sah. In diesem Sinne formulierte Reusch:

"Wir kommen in Deutschland nur weiter, wenn die Parteien bei der Regie-
rungsbildung in Zukunft ausgeschaltet werden. Das vorzunehmende Reformwerk
ist so ungeheuerlich groß, daß man vorläufig nicht daran denken kann, die Partei-
en im Reich und Preußen irgendwie wieder an die Regierung heranzulassen."41

Trotzdem schloß diese Strategie eine Bündnispolitik der bürgerlichen


Parteien mit der NSDAP nicht unbedingt aus: Reusch wollte sie allerdings
im August 1932, im Gegensatz zu seiner Haltung im Frühjahr,42 nur auf
Länderebene und nur dort realisiert sehen, wo "vorläufig keine Möglich-
keit" bestehe, "eine außerparlamentarische Regierung zu schaffen."43 In den
Verhandlungen nach der Reichstagswahl vom 31.Juli 1932, in der die
NSDAP ihren Stimmenanteil von 18,3% auf 37,4% steigern konnte und mit
230 Mandaten erstmals die stärkste Fraktion im Reichstag bildete, unter-
stützten die gemäßigten Schwerindustriellen folgerichtig das Konzept Pa-
pens und Hindenburgs, Hitler die Übernahme der Regierungsverant-
wortung zu verweigern.44 Springorum war deshalb, nachdem Hitler am

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 131


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

13. August eine schwere Niederlage erlitten hatte,45 keineswegs enttäuscht,


sondern zeigte sich "über die Entwicklung, die die Regierungsbildung ge-
nommen hat, sehr befriedigt."46
Die zunehmende Distanzierung der Industrie vom Nationalsozialismus
dokumentierte sich vor allem in einer verstärkten Kritik der Unternehmer
am Wirtschaftsprogramm der Partei.47 Die Versuche der NSDAP, dieser
Tendenz entgegenzuarbeiten und insbesondere durch die Einschaltung Wal-
ter Funks, der durch seine frühere Tätigkeit beim "Berliner Börsen Courier"
als privatwirtschaftlich zuverlässig ausgewiesen war,48 die Verbindung zur
Industrie zu intensivieren, waren so von wenig Erfolg begleitet.49 Tilo von
Wilmowsky notierte anläßlich eines Vortrages von Funk (der sich bei dieser
Gelegenheit als "erster wirtschaftlicher Berater" Hitlers vorgestellt hatte)
vor dem "Mitteldeutschen Wirtschaftsverband" am 23. Juni 1932:

"Es war das alte Bild: Soweit er [Funk] überhaupt positive Ziele irgendwie
formulierte, konnte man sich nur in jeder Hinsicht mit ihm einverstanden erklären;
ich habe betont, daß diese Ziele sich ja völlig mit den von der gesamten Wirt-
schaft seit Jahren geforderten Maßnahmen deckten. In der Praxis entferne sich
indes die Haltung der NSDAP immer mehr von diesen Bestrebungen. Es würden
dadurch Wünsche und Hoffnungen bei der Masse erweckt, die, wenn überhaupt,
dann nur sehr schwer zurückzudämmen wären.
Herr Funk gab dies in vollem Umfange zu, entschuldigte es mit der Notwen-
digkeit der Agitation und stellte sich für die Wirtschaft als Mittelsmann zur Ver-
fügung. Ich persönlich habe nicht den geringsten Anstand, diese Vermittlung zu
benutzen, worüber übrigens bei den maßgebenden Leuten des Wirtschaftsverban-
des völlige Einigkeit herrscht."50

In die Schußlinie der Unternehmer geriet vor allem das von Gregor
Strasser in seiner viel beachteten Reichstagsrede vom 10. Mai 1932 vorge-
stellte "Wirtschaftliche Sofortprogramm der NSDAP",51 das als "ver-
bindliche Richtschnur" der Parteiredner im Reichstagswahlkampf vom
Sommer 1932 zu gelten hatte.52 Neben der generellen Kritik, wie sie die
DIHT53 oder der Hansa-Bund54 vorbrachten, war die Stellungnahme des
Reichsverbandes zum "Sofortprogramm" von besonderer Bedeutung:
Die NSDAP hatte durch Adrian von Renteln, der in der Wirtschaftspoli-
tischen Abteilung (WPA) der Partei als Stellvertreter Wageners fungierte
und auch für das Strasser-Programm verantwortlich zeichnete, im Juli per-
sönlichen Kontakt mit der Geschäftsführung des RDI aufgenommen,55 in
der erklärten Absicht, "eine direkte wirtschaftspolitische Verbindung zwi-
schen dem RDI und der Wirtschaftsabteilung der NSDAP herzustel-
len."56 In einem Gespräch mit dem Geschäftsführer des RDI, Jacob Herle,
am 1. August 1932 wurde vereinbart, zunächst in einen "schriftlichen Ge-
dankenaustausch" über die wichtigsten wirtschaftspolitischen Fragen einzu-
treten. "Im Anschluß" daran "könnten dann in einem Gremium mit mög-
lichst beschränkter Teilnehmerzahl die aufgeworfenen Fragen zwi-

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 132


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

schen Vertretern der Industrie und der Reichsleitung der NSDAP weiter
diskutiert werden."57 Von Renteln verzichtete jedoch auf die zugesagte
schriftliche Fixierung der in der NSDAP-Wirtschaftsabteilung vertretenen
Auffassungen und schickte Herle statt dessen das für die Reichstagswahl
vom Juli entworfene "Sofortprogramm". Der Geschäftsführer des RDI, für
den dieses Programm nicht die "Unterlage für eine sachliche Auseinan-
dersetzung" sein konnte, verfaßte daraufhin eine umfassende Entgegnung,58
die in ihrer äußeren Konzilianz wohl weitere Gesprächsbereitschaft andeu-
tete, in der Sache aber einer "vernichtenden Kritik"59 gleichkam. Im glei-
chen Zusammenhang war bereits Dr. Reupke, der Faschismus-Referent in
der Geschäftsführung des RDI, tätig geworden. Reupke hatte einen Gegen-
entwurf zu den Thesen Rentelns angefertigt und diesen der NSDAP über
Gregor Strasser "zur endgültigen Beratung im engsten Führerkreis" zur
Verfügung gestellt.60
Eine Initiative Paul Reuschs gegen das "Sofortprogramm" und den "vie-
len Unsinn, der darin steht", rundete das Bild ab. Reusch forderte Schacht,
mit dem die Industrie seit Frühjahr 1932 in engstem Kontakt stand, auf,
"den Herren in München" anhand einer Denkschrift die entsprechende Auf-
klärung" zu geben.61 Die Abkühlung des Verhältnisses von Unternehmer-
tum und Nationalsozialismus im Herbst 1932 wirkte naturgemäß auch auf
die Kooperation mit Schacht zurück.62 So nahm die gemeinsam finanzierte
"Arbeitsstelle" ihre eigentliche Tätigkeit gar nicht auf und blieb ein "totge-
borenes Kind".63 Das entsprach andererseits auch ganz der Intention
Schachts, der Hitler eindringlich mahnte:

"Bringen Sie möglichst kein detailliertes Wirtschaftsprogramm. Es gibt kein


solches, worüber sich die 14 Millionen einigen könnten. Wirtschaftspolitik ist
keine parteibildende Kraft, sondern sammelt bestenfalls Interessenten. Überdies
schwanken Wirtschaftsmaßnahmen nach Zeit und Umständen."64

Gleichzeitig beklagte sich Schacht bei Hitler offen über den "Abfall der
Konjunkturmitläufer"65 und konfrontierte Paul Reusch mit dem Vorwurf,
"daß die Führer der deutschen Wirtschaft immer nur hinter der jeweiligen
Regierung herlaufen", selbst wenn diese, wie Papen es jetzt tue, ihr "Ver-
staatlichung" androhe.66 Reusch wies dies für seine Person von sich, machte
aber "kein Hehl" daraus, "daß mich die Nationalsozialisten, denen ich
durchaus sympathisch gegenüberstand, in den letzten Wochen sehr ent-
täuscht haben."67
Die Versuche der NSDAP, der wohl bemerkten Entfremdung zwischen
Industrie und Nationalsozialismus entgegenzuwirken, dokumentierten sich
zunächst in der Entscheidung Hitlers, das "Wirtschaftliche Sofortpro-
gramm" zurückzuziehen.68 Offenbar von besonderem Gewicht in diesem
Zusammenhang war der Einspruch des RDI; jedenfalls führte Herle die
gleichzeitig vollzogene Umorganisation der Wirtschaftsabteilung der
NSDAP vom 17. September 1932, die auf eine Stärkung der Position

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 133


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

Funks zuungunsten Wageners und Rentelns hinauslief, nicht zuletzt auf die
Intervention des Verbandes vom 8. September zurück.69
Gleichwohl konnte die NSDAP mit diesen Maßnahmen die Krise, in die
das Verhältnis zur Industrie geraten war, nicht überwinden. Der Reichs-
verband legte die bereits geknüpften Kontakte zur NSDAP auf Eis und ver-
folgte die vereinbarten Gespräche, unbeschadet der organisatorischen Ver-
änderungen in der Wirtschaftsabteilung der Partei, nicht weiter.70 Das glei-
che negative Resultat zeigte die Aufnahme des nach der Zurückziehung des
"Sofortprogramms" im Oktober 1932 diesmal unter maßgeblicher Mitwir-
kung Funks neu herausgebrachten "Wirtschaftlichen Aufbauprogramms".71
Wohl wurden "Fortschritte ... im wirtschaftlichen Denken", verglichen mit
früheren Entwürfen, konzediert, insgesamt überwog aber eine ablehnende
Haltung, die auch durch die intensiven Vermittlungsversuche Heinrichs-
bauers nicht abgebaut werden konnte.72
Die vernichtende Abstimmungsniederlage Papens in der Reichstagssit-
zung vom 12. September 1932, in der von 513 Abgeordneten nur noch eine
verschwindende Minderheit von 32 Parlamentariern der Regierung das Ver-
trauen aussprach, verdeutlichte einerseits das Zerwürfnis zwischen Konser-
vativen und Nationalsozialisten, zeigte andererseits aber ebenso klar das
Dilemma der bürgerlichen Rechten auf Autoritäre Politik ohne Massenbasis
war auf Dauer nicht durchführbar. Diese nicht neue,73 aber doch wieder
schmerzlich ins Bewußtsein gerückte Erkenntnis führte zunächst einmal zu
Wiederbelebungsversuchen der bürgerlichen Sammlungsbewegung. Paul
Silverberg, der im Herbst 1932 eine Sonderrolle spielte und bereits ein ei-
genes Konzept zur Lösung der politischen Krise in Deutschland entwickelt
hatte,74 stimmte hierin mit dem gemäßigten Schwerindustriellenflügel, aber
auch der exportwirtschaftlich orientierten Industrie, überein. In einem
Schreiben an Paul Reusch vom 5. September 1932 konstatierte Silverberg:
"Es ist dringend erforderlich, die Deutschnationale Volkspartei zur Auf-
nahme aller politisch heimatlosen Angehörigen des Bürgertums aufnahme-
fähig zu machen und ich glaube, wir sollten überlegen, ob wir nicht alle in
die Deutschnationale Volkspartei eintreten, um dann als Parteimitglieder
Herrn Hugenberg mürbe zu machen. Selbst Vögler wird nach dieser Rich-
tung hin schwankend, trotz seiner unbedingten Anhänglichkeit an Hugen-
berg . . . "75
In Verfolg dieser Strategie unternahm Krupp von Bohlen und Halbach,
offenbar in enger Abstimmung mit Silverberg und Reusch,76 den Versuch,
die Industrie auf eine einheitliche politische Linie zurückzuführen. Eine zu
diesem Zweck arrangierte Besprechung, zu der Silverberg, Reusch, Sprin-
gorum, Brandi, Vögler, Wilmowsky, Frowein, C. F. von Siemens und Carl
Bosch geladen waren,77 hatte jedoch nicht den gewünschten Erfolg, sondern
scheiterte abermals an dem nicht zu überbrückenden Gegensatz in der Hu-
genberg-Frage. Eine parallel laufende Initiative des Düsseldorfer Oberbür-
germeisters Karl Jarres zeigte das gleiche negative Resultat.78

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 134


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

Krupp sah sich deshalb gezwungen, von einer bereits geplanten persönli-
chen Intervention bei Hugenberg zugunsten eines Wechsels in der Partei-
führung der DNVP abzusehen: "Das hätte ich", so Krupp gegenüber
Reusch, "nur tun können, wenn ich wenigstens unser Revier geschlossen
hinter mir gehabt hätte."79
Der somit erneut offenbar gewordene Mißerfolg bürgerlicher Samm-
lungspolitik hatte jedoch nicht zur Konsequenz, daß die Unternehmer nun-
mehr in einer Machtübertragung an die Nationalsozialisten die einzig
verbleibende Möglichkeit zur Stabilisierung der innerpolitischen Verhält-
nisse erblickt hätten.80 Dies zeigte sich insbesondere bei einer Zusammen-
kunft der führenden deutschen Industriellen am 19. Oktober 1932 im Club
von Berlin.81 Auf der Veranstaltung, die zur Vorbereitung der Reichstags-
wahl vom 6. November 1932 gedacht war, erhielt Staatssekretär Planck,
dessen direkte Einschaltung in die Besprechungen vom 19. Oktober die en-
ge Kooperation zwischen Papen-Regime und industrieller Elite unterstrich,
ausdrückliche Zustimmung für die Zielsetzung der amtierenden Regierung,
den Wahlkampf ganz auf die Brechung der Majorität von NSDAP und Zen-
trum zur Verhinderung einer Kanzlerschaft Hitlers auf einer derartigen Ko-
alitionsbasis abzustellen.82 In der Industrie bestehe, wie Geheimrat Kastl
vom RDI in lange Zeit nicht gekannter Übereinstimmung mit den verschie-
denen politischen Gruppierungen der Wirtschaft ausführen konnte,

"wohl Einverständnis darüber, daß es erwünscht sei, die gegenwärtige Reichsre-


gierung in ihrer überparteilichen Form zu erhalten, wobei man sich auf die perso-
nelle Zusammensetzung des Kabinetts im einzelnen nicht festzulegen brauche.
Gerade vom Standpunkt der Industrie sei das Verbleiben eines solchen Kabinetts
von größter Bedeutung, damit es Zeit gewinne, die unbedingt erforderlichen Re-
formen in die Tat umzusetzen. . ."83

Die mangelnde politische Basis der Papen-Regierung, die sich im übri-


gen "nicht völlig vom Parlament trennen wolle", wurde von Kastl wohl ge-
sehen und auch für die kommende Legislaturperiode nicht günstiger beur-
teilt. Es seien deshalb, so das Geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI,
"neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Parlament
erforderlich, und dafür müsse Propaganda gemacht werden."84
Kastl nahm damit einen Gedanken auf, der insbesondere vom "Bund zur
Erneuerung des Reiches" ideologisch vorbereitet worden war85 und den Pa-
pen in seiner aufsehenerregenden Rede vor dem "Bayerischen Indu-
striellen-Verband" eine Woche zuvor (12. Oktober 1932) in Fortsetzung
seiner 'Reformpolitik' (vor allem dem Staatsstreich gegen Preußen vom 20.
Juli 1932) präzisiert hatte. Als Ziel eines bereits in der Grundkonzeption
erstellten neuen Verfassungsentwurfs, der dem Reichstag sofort bei seinem
Zusammentritt vorgelegt werden sollte, nannte Papen ein Zweikammersy-
stem, das die "Unabhängigkeit" der autoritären Regierung vom demokra-

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 135


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

tisch gewählten Parlament weiter verfestigen und endgültig staatsrechtlich


sanktionieren solle:

"Wir wollen eine machtvolle und überparteiliche Staatsgewalt schaffen, die


nicht als Spielball von den politischen und gesellschaftlichen Kräften hin und her
getrieben wird, sondern über ihnen unerschütterlich steht ... Die Reichsregierung
muß unabhängiger von den Parteien gestellt werden, ihr Bestand darf nicht Zu-
fallsmehrheiten ausgeliefert sein. Das Verhältnis von Regierung und Volksvertre-
tung muß so geregelt werden, daß die Regierung und nicht das Parlament die
Staatsgewalt handhabt. Als Gegengewicht gegen einseitige, von Parteiinteressen
herbeigeführte Beschlüsse des Reichstags bedarf es in Deutschland einer besonde-
ren Ersten Kammer mit fest abgegrenzten Rechten und mit starker Beteiligung an
der Gesetzgebung."86

Die im gleichen Zusammenhang vollzogene scharfe Wendung Papens


gegen den Führungsanspruch Hitlers, als "mystischer Messiasglaube an den
wortgewaltigen Führer als den einzigen zur Leitung der Geschicke Berufe-
nen" abgetan,87 verdeutlichte, daß die NSDAP in den Konzeptionen der
konservativen Rechten nicht mehr unbedingt die Schlüsselrolle einnahm
und höchstens als Juniorpartner akzeptiert wurde.88 Die diesbezüglichen,
durchaus provokanten Passagen der Münchener Rede führten zu einer öf-
fentlich ausgetragenen Kontroverse zwischen Papen und Hitler89 und do-
kumentierten den tiefgreifenden Dissens von national-konservativer und
faschistischer Krisenstrategie im Herbst 1932.
Die überwiegende Mehrheit der Industrie setzte dabei auf die antiparla-
mentarisch-konservative Konzeption Papens90 und lehnte die Übertragung
der Regierungsverantwortung auf die Nationalsozialisten entschieden ab.
Albert Vögler, der in der Versammlung vom 19. Oktober 1932 im Club von
Berlin den Hitler-Flügel der Industrie repräsentierte, blieb deshalb mit sei-
ner Forderung, die NSDAP zur Konsolidierung des Papen-Kabinetts in die
Regierung mit aufzunehmen und noch vor der Reichstagswahl vom 6. No-
vember eine Einigung zwischen Hitler und Papen herbeizuführen,91 iso-
liert.92
Diesem Bild entsprach auch die Haltung des Düsseldorfer Industrie-
clubs, der noch im Januar 1932 den spektakulären Auftritt Hitlers vor den
führenden westdeutschen Unternehmern organisiert und damit nicht zuletzt
gesellschaftliche Barrieren auf dem Weg der NSDAP in die Reichs
kanzlei beiseite geräumt hatte.93 Die Mitglieder des renommierten Indu-
strieclubs stünden, wie der Vorsitzende der Vereinigung, Karl Haniel,
Reichskanzler von Papen in einem persönlich gehaltenen Handschreiben
mitteilen konnte, "im wesentlichen politisch auf der Basis Ihres Kabi-
netts".94 Der Industrieclub bemühte sich so auch im September und Oktober
1932 intensiv um eine Rückendeckung Papens und forderte den Reichs-
kanzler mehrmals eindringlich auf, im geschlossenen Kreise vor den Mit-
gliedern zu sprechen, um diese darin zu bestärken, "werbend für das heuti-
ge System einzutreten". Die "Popularität" Papens in Düsseldorf sei

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 136


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

"so groß", daß auf das persönliche Erscheinen des Kanzlers besonderer
Wert gelegt werden müsse.95
Das Wahlergebnis vom 6. November 1932 bedeutete somit keine unmit-
telbare Zäsur für die politische Orientierung der Industrie: Die erstmaligen
massiven Stimmenverluste der NSDAP, die eine Reduzierung der Reichs-
tagsfraktion von 230 auf 196 Abgeordnete zur Folge hatten, zeigten viel-
mehr, daß das Abnutzungskonzept Papens nicht völlig erfolglos geblieben
war: Nach der Novemberwahl mußten die Nationalsozialisten ihre Hoff-
nung, allein die Mehrheit zu erringen, endgültig aufgeben; eine schwere
Krise innerhalb der Partei in der Frage der Bündnispolitik folgte zwangsläu-
fig,96 nachdem der "Zauber ihrer Unwiderstehlichkeit"97 gebrochen war und
Hitler seinen "politischen Zenit"98 scheinbar schon überschritten hatte.
Die bekannte, in ihrer tatsächlichen Bedeutung vielfach falsch einge-
schätzte Eingabe vom 19. November 1932 an den Reichspräsidenten Hin-
denburg, alle bisherigen persönlichen Vorbehalte zurückzustellen und die
"Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen
und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer
der größten nationalen Gruppe" nunmehr zu vollziehen,99 ist somit vor al-
lem als der angestrengte Versuch der nationalsozialistisch orientierten
Großlandwirtschaft und des Hitler-Flügels der Industrie zu interpretieren,
die letzte Chance"100 einer faschistischen Krisenlösung wahrzunehmen und
zu realisieren.
Die werbenden Bemühungen insbesondere Schachts, Kepplers und
Schroeders bei der Großindustrie für eine Unterzeichnung der Eingabe
waren in dieser Situation wenig erfolgreich. Die Enttäuschung Schachts
über den schon zuvor beklagten "Abfall der Konjunkturmitläufer"101
wuchs weiter an.102 In einem Schreiben an Hitler kritisierte er dabei
besonders die Schwerindustrie, die bei der Aktion, wie Schacht richtig
voraussah, "kaum mitmachen" werde und ihren Namen "deshalb mit
Recht von ihrer Schwerfälligkeit" trage.103 Tatsächlich beharrte die Ruhr-
industrie im November 1932 mehrheitlich auf ihrer wieder erneuerten
Konzeption einer autoritären Regierungsführung. Nicht einmal Albert
Vögler, der neben Fritz Thyssen104 dem Nationalsozialismus innerhalb
der Ruhrindustrie am nächsten stand und auch als Mitglied im "Keppler-
Kreis geführt105 wurde, konnte sich zur Unterschrift entschließen; das von
Vögler vorgebrachte Argument, seine Zurückhaltung sei notwendig, um
die "Gegensätze im Revier" nicht noch weiter zu verschärfen,106 bestätigt,
daß von einer "Verbreiterung der Hitlerkoalition innerhalb der konservati-
ven Führungsschichten", soweit es die Ruhrindustrie betraf, im November
1932 nicht die Rede sein konnte.107 Auch die gleichzeitige Mitteilung
Vöglers, Paul Reusch und Fritz Springorum teilten "an und für sich" die in
der Eingabe niedergelegte Auffassung und sähen "nur darin eine wirkliche
Lösung der jetzigen Krise", wollten aber mit ihrer Stellungnahme jetzt

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 137


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

nicht politisch hervortreten,108 ist kritisch zu behandeln. So wies z. B. Paul


Reusch trotz der Zuspitzung der innerpolitischen Lage im Januar 1933,
auch nach der Übereinkunft von Papen und Hitler in Köln, den Führungs-
anspruch der NSDAP weiterhin zurück und bezeichnete es als "ausge-
schlossen", der Forderung Hitlers nach dem Reichskanzleramt nachzuge-
ben; nicht einmal das Reichswehrministerium wollte er ihm überantwortet
wissen.109
Der Langnam-Verein stellte folglich seine in der Öffentlichkeit stark be-
achtete Tagung vom 23. November 1932 ganz in den Dienst der Propa-
ganda für Papen und die im Kabinett entwickelten Verfassungsreformpläne,
die die Unterlage für eine Perpetuierung des autoritären Systems liefern
sollten. Als Hauptredner der Versammlung waren zunächst Reichs-
innenminister v. Gayl und Reichskommissar Bracht vorgesehen, die aber
angesichts der gespannten innerpolitischen Lage absagen mussten.110 Dar-
aufhin ersuchte der Geschäftsführer des Langnam-Vereins, Schlenker, den
Reichskanzler persönlich, an der Tagung teilzunehmen, und sei es auch nur
"als stummer Zuhörer". Es solle so zum Ausdruck gebracht werden, daß
Papen "mit den im Langnam-Verein zusammengeschlossenen Wirtschafts-
kreisen herzliche Beziehungen" unterhalte.111 Die politische Stoßrichtung
der Veranstaltung war durch den Auftritt des renommierten Staatsrechtlers
Carl Schmitt, der grundsätzliche Aspekte der angestrebten Reichs- und Ver-
fassungsreform aufzeigte, 112 sowie durch die Benennung des amtierenden
Reichsbankpräsidenten Hans Luther für die Aussprache genau vorge-
zeichnet. Vor allem die Einladung Luthers unterstrich die Absage an
Schacht und die nationalsozialistisch orientierten Wirtschaftskreise.113
Papen, der an der Langnam-Tagung nicht teilnehmen konnte,114 ging im
übrigen bereits andere Wege. Sein Optimismus, über eine Verfassungs-
reform eine Stabilisierung des autoritären Systems zu erreichen, hatte sich
seit dem Leipziger Preußen-Urteil vom 25. Oktober − das eine ambivalente
Position zum Staatsstreich vom 20. Juli einnahm und die alte Regierung
unter Otto Braun (SPD) formell wieder in ihr Amt einsetzte, ohne allerdings
den Reichskommissar zu beseitigen − zunehmend verflüchtigt, wenn auch
Reichsinnenminister v. Gayl vor der Berliner Presse demonstrativ an den
alten Plänen festhielt.115 Als Schleicher in der Kabinettssitzung vom 9. No-
vember 1932 schließlich deutlich machte, daß angesichts der "außerordent-
lich gespannten Situation" die Reform der Reichsverfassung zurückgestellt
werden müßte und als tragbare politische Lösung jetzt nicht in Frage kom-
men könne,116 drohte Papen, trotz des Rückhalts bei der Industrie, eine
weitgehende politische Isolierung.
Die zunehmende Distanzierung Schleichers117 und auch die ablehnende
Haltung der bürgerlichen Parteien bewogen Papen nunmehr zu einer wach-
senden Kompromißbereitschaft gegenüber der NSDAP, wobei er auch eine
Kanzlerschaft Hitlers nicht mehr prinzipiell ausgeschlossen wissen woll-
te.118 Für die Industrie blieb diese Sinnesänderung Papens zunächst

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 138


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. X. Die Regierung der "Nationalen Konzentration"

unbemerkt. Immerhin aber mehrten sich auch hier die Stimmen, die zur
Stabilisierung des Papen-Kurses eine Einbeziehung der NSDAP − freilich
als Juniorpartner − nunmehr wieder als mögliche Alternative ansahen. Auch
der RDI und der DIHT äußerten sich auf ihren Tagungen vom 24. und 25.
November in dieser Richtung. Es komme darauf an, die gegenwärtige Unsi-
cherheit durch ein stabiles Regierungsfundament zu ersetzen",119 wobei al-
lerdings die Fortführung des Papen-Programms gewährleistet sein müsse.120
Das Mißtrauen gegenüber Hitler121 und dem Wirtschaftsprogramm der
NSDAP122 war also nicht geschwunden: Der hier gemeinte Weg basierte
vielmehr auf einer neuen Strategie, die die "vernünftigen" Elemente im Na-
tionalsozialismus mit dem national-konservativen Bürgertum zu verbinden
suchte: Als Exponent dieses Flügels der NSDAP bot sich für die Industrie
zunehmend Gregor Strasser an.123

Anmerkungen zu Kap. X auf S. 255-60 139


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

XI. Das Kabinett von Schleicher

In der Kontroverse über das Verhältnis von Industrie und Nationalsozialis-


mus in der Ära der Weimarer Präsidialkabinette 1930-1933 besteht weitge-
hend Übereinstimmung, daß die Kanzlerschaft Schleichers die letzten Bar-
rieren beseitigt habe, die einem Votum der Wirtschaft für eine Regie-
rungsübertragung auf Hitler im Wege standen. So konzediert auch Turner
einen "Gesinnungsumschwung ... bei den meisten Großunternehmern" im
Dezember 1932, ausgelöst durch Schleicher, dessen "scheinbare Gleich-
gültigkeit gegenüber orthodoxen ökonomischen Prinzipien und den tradi-
tionellen Klassengegensätzen" "schwerste Bestürzung" hervorgerufen habe:
Mehr aus dem Wunsch, "ihn loszuwerden, als aus Begeisterung für seinen
Nachfolger" habe die Industrie die Ereignisse des Januar 1933 begrüßt, oh-
ne dabei jedoch "aktiv" an den Intrigen des Monats beteiligt gewesen zu
sein.1
Demgegenüber betont Stegmann, in bewußter Absetzung von Turner,
die zielgerichtete Politik der agrarischen und industriellen Eliten für eine
Kanzlerschaft Hitlers.2 Die Verständigung dieser Gruppen sei im Januar
1933 einem "Höhepunkt" zugesteuert, nachdem die unter dem Dach des
"Mitteleuropäischen Wirtschaftstages" (MWT) konzipierte "Agrarkartel-
lierung"3 der politischen Kooperation von Großindustrie und Großland-
Wirtschaft ein neues, bisher nicht dagewesenes Fundament verschafft habe.
Die Machtübernahme durch Hitler müsse vor dem Hintergrund dieses
Bündnisses gesehen werden, wenn auch Industrie und "Keppler-Kreis"
"unmittelbar" daran nicht beteiligt gewesen seien.
Marxistische Interpretationen sehen diese Formation noch geschlossener
und unterstreichen, daß die Phase "unmittelbar vor der Errichtung der fa-
schistischen Diktatur" geprägt sei "durch den hohen Grad der Kongru-
enz der Interessen und Ziele aller monopolkapitalistischen Fraktionen." Da-
bei habe auch Krupp nach seiner Distanzierung von Schleicher im Januar
1933 für eine Kanzlerschaft Hitlers votiert, während aus der Indu
strie allein Silverberg Schleichers Versuch einer Frontbildung gegen Hitler
unterstützt habe.4 Dieses Schema steht partiell in Widerspruch zu der in der
jüngeren marxistischen Literatur zunehmend vernachlässigten und ver-
drängten Analyse Czichons,5 der die Meinungsverschiedenheiten innerhalb
der Monopolbourgeoisie vor der Machtergreifung stärker hervorhebt.
Nach Czichon hat eine "linkskeynesianistische" Gruppierung um den
RDI-Vorsitzenden Krupp, das Geschäftsführende Präsidialmitglied Kastl,

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 140


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

Freiherr v. Wilmowsky, Otto Wolff u. a. das Schleicher-Programm einer


Stabilisierung der bürgerlichen Ordnung in Deutschland durch eine "flexi-
ble Oberwindung" der Wirtschaftskrise, nicht aber die Errichtung einer na-
tionalsozialistischen Diktatur, gestützt und mitgetragen. Diese Gruppe sei
aber schließlich zu schwach gewesen, um "den sich anbahnenden Sturz des
nur von ihr getragenen Kabinetts zu verhindern". Für die "rechten Keyne-
sianer", repräsentiert durch Papen und Silverberg, habe dieses Kon-
zept Schleichers eine "bolschewistische Gefahr" dargestellt, so daß sie nun
"alle Vorbehalte" gegenüber einer Kanzlerschaft Hitlers aufgegeben und
sich der Gruppe der "Nazi-Industriellen" um Thyssen und Kirdorf unterge-
ordnet und mit ihren Zielen identifiziert hätten. Hitler sei, jetzt auch von
Silverberg unterstützt, nach dem Bündnis mit Papen vom 4. Januar 1933 der
politische Exponent einer Majorität innerhalb der industriellen Füh-
rungsschicht der herrschenden Klasse geworden", die seine Kanzlerschaft
"gewollt und organisiert" habe.6
Diese wenigen, im übrigen nicht untypischen Beispiele verdeutlichen,
daß einerseits wohl Einigkeit über die Umorientierung wichtiger Indu-
striegruppen im Dezember 1932/Januar 1933 besteht, daß andererseits aber
die Zuordnung der diesen Prozeß repräsentierenden Unternehmerpersön-
lichkeiten sichtlich Probleme bereitet. Während z. B. Czichon namentlich
den Radi-vorsitzenden Krupp als wichtigen Verbündeten Schleichers be-
nennt, im Gegensatz zu Silverberg, der die Ernennung Hitlers aktiv betrie-
ben habe, sieht Hörster-Philipps, nicht unbeeinflußt von Stegmann, dieses
Verhältnis genau umgekehrt. Genauso reduziert sich bei den zuletzt ge-
nannten Autoren die industrielle Opposition gegen Hitler, in sonst gerügter
personalistischer Verengung, allein auf Silverberg, während Czichon hier
den "linkskeynsianistischen", exportwirtschaftlich orientierten Industrieflü-
gel insgesamt anführt und damit die Heterogenität der Mono-
polgruppierungen vor dem 30. Januar 1933 betont.7
Ebenso bleiben die Motive, die für die Hinwendung der Unternehmer
zum Nationalsozialismus letztlich ausschlaggebend gewesen sind, kontro-
vers. Während die marxistischen Darstellungen übereinstimmend die lang-
fristig geplante, bewußte Herbeiführung des Faschismus "als der offenen
terroristischen Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und
imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" hervorheben,8 leiten "bür-
gerliche" Historiker die Bereitschaft der Industriellen, "auf die nationalso-
zialistische Karte zu setzen", vornehmlich aus deren Bedenken gegenüber
der Wirtschaftspolitik Schleichers ab. Interessant ist dabei der besonders
von Winkler, aber auch Stegmann betonte Aspekt, daß die Unternehmer, als
erste Tendenzen einer Reparlamentarisierung unter Schleicher erkennbar
wurden, das von Papen inaugurierte autoritär-diktatorische System durch
die Einspannung des Nationalsozialismus hätten stabilisieren wollen.9
Die skizzierten Positionen zur Formation der Industriegruppen und zu

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 141


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

den bestimmenden Faktoren ihrer Orientierung im Januar 1933 dokumen-


tieren bei Übereinstimmung in Teilaspekten insgesamt Widersprüchlichkeit
und zeigen, daß die Diskussion sich auf einem noch recht unsicheren, empi-
risch ungenügend abgesicherten Terrain bewegt.10 Eine differenziertere,
schärfer konturierte Herausarbeitung der industriellen Gruppierung 1932/33
ist deshalb unabdingbar. Dies schließt eine kritische Überprüfung des tradi-
tionellen Silverberg-Bildes und der vielzitierten Schlüsselrolle dieses Indus-
triellen in der Frontbildung Schleichers gegen Hitler ein11 und bedeutet
auch eine Neuinterpretation der sogenannten "Strasser-Lösung", welche
bisher zu pauschal als tendenziell links anzusiedelnde Alternative begriffen
worden ist.12 Dabei wurde übersehen, daß auch eine rechtskonservative,
insbesondere von der Schwerindustrie verfolgte Variante im Gespräch war,
die Strasser als "Kanzler der nationalen Sammlung" aufbauen wollte,13 um
einem autoritär-ständischen Ordnungsprinzip von Staat und Gesellschaft die
benötigte Massenbasis bereitzustellen.

1. Die Ruhrindustrie, Schleicher, Strasser, Papen und Hitler

Der Kompromißcharakter des autoritären Papen-Regimes zwischen De-


mokratie und Faschismus, zwischen Wirtschaftsliberalismus und Staats-
interventionismus, zwischen Agrarprotektionismus und Industriepolitik hat-
te die Gegensätze innerhalb der Wirtschaft merklich gemindert und weitge-
hend überdeckt: jedoch konnte das auf ein labiles Gleichgewicht gegründe-
te, ohne substantielle Machtbasis operierende Papen-System die oberfläch-
liche Kongruenz der Interessen nur bis zum Moment der auf Dauer nicht
aufzuschiebenden Grundentscheidungen im wirtschaftlichen und politi-
schen Bereich garantieren. Dies bestätigte die Reaktion auf das Schlei-
cher-Kabinett: Während der ehemalige Brüning-Flügel, repräsentiert durch
RDI und DIHT, das Konzept Schleichers ausdrücklich billigte und stützte,
war für die gemäßigte Schwerindustrie um Paul Reusch und Friedrich
Springorum (Langnam-Verein) die Betrauung Schleichers mit dem Kanz-
leramt, der schon zuvor als suspekt galt14 und dem "keinerlei Vorschußlor-
beeren"15 zugestanden wurden, Anlaß genug, auf betonte Distanz zu gehen.
Für die vorbehaltlos nationalsozialistischen Industriellen um Thyssen und
Schacht schließlich bedeutete die Kanzlerschaft Schleichers noch weniger
als das mit Skepsis betrachtete Papen-Kabinett16 eine Verwirklichung ihres
Zieles, die Regierung auf Hitler zu übertragen.
Die vom "Keppler-Kreis" unter Assistenz von Hjalmar Schacht im
Dezember und Januar 1932/33 verfolgte Politik konzentrierte sich deshalb,
in Fortsetzung des mit der Eingabe an den Reichspräsidenten vom 19. No-
vember eingeschlagenen Weges, darauf, den Widerstand Hinden-
burgs gegen eine Ernennung Hitlers zu brechen: Dabei bot sich jetzt als

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 142


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

Vermittler Franz von Papen an, dessen Ehrgeiz, in der deutschen Politik
wieder eine führende Rolle spielen zu dürfen, sich mit der Forderung der
Nationalsozialisten, endlich in die Reichskanzlei einziehen zu können, in
idealer Weise verband.17 Die historische Zusammenkunft von Papen und
Hitler am 4. Januar im Hause des Kölner Bankiers von Schroeder, von der
Forschung zu Recht als "Geburtsstunde des Dritten Reiches... gewürdigt,18
stellte die entscheidenden Weichen für den 30.Januar 1933. An Vorberei-
tung und Vermittlung der Unterredung waren, wie hinlänglich erwiesen, der
"Keppler-Kreis" und auch Schacht maßgeblich beteiligt.19 Zu prüfen bleibt
jedoch, inwieweit die anderen Gruppierungen der Industrie an diesen Vor-
gängen Anteil hatten und ob sich diese, wie z. B. von Czichon behauptet, in
ihrer überwiegenden Mehrheit nunmehr den Hitlerindustriellen unterordne-
ten und sich mit ihren Zielen identifizierten.20
Die gemäßigte Schwerindustrie um Paul Reusch vollzog, nachdem sie
im Herbst 1932 zusammen mit dem RDI und DIHT gegen die Hitler-
Lösung votiert hatte,21 jetzt eine tendenzielle Annäherung an die Thyssen--
Gruppe, ohne allerdings deren Konzept zu übernehmen. Schleichers
scheinbarer Pragmatismus22 in tabuisierten Bereichen der Unternehmer-
ideologie, vor allem sein "ketzerisches" Eingeständnis, weder "Anhänger
des Kapitalismus noch des Sozialismus" zu sein"23 verstärkte die Opposi-
tionshaltung gegen die amtierende Regierung. Nach Schleichers program-
matischer, vom Rundfunk übertragener Regierungserklärung vom 15. De-
zember 1932 konzentrierte sich die schwerindustrielle Kritik dabei auf drei
Hauptpunkte: 1. Sozialpolitik, 2. Staatsinterventionismus und 3. Stillstand
der "Verfassungsreform".
In der Aufhebung des sozialpolitischen Teils der Notverordnung vom 4.
September sowie der Tariflockerungsverordnung vom 5. September − von
Schleicher durchgesetzt in der Absicht, durch eine Öffnung nach links" die
Gewerkschaften zur Mitarbeit zu bringen und so die Basis seines Kabinetts
zu verbreitern − sah Reusch wie die Mehrheit der westlichen Industrie nur
"Nachgiebigkeit" gegenüber Parteien und Gewerkschaften. Angesichts der
sich abzeichnenden konjunkturellen Erholung berge dies die große Gefahr
in sich, "den richtigen Moment" für "steuerliche und sozialpolitische Entla-
stungsmaßnahmen durchgreifender Natur" . . . "endgültig zu verpassen".24
In dem neuen Konzept des auf direkter Staatshilfe basierenden Arbeitsbe-
schaffungsprogramms des Reichskommissars Gereke zeichnete sich zudem
eine neue Qualität der "Vermischung von Staats- und Privatwirtschaft" ab,
die der unvermindert propagierten "Doktrin von der Nichtintervention des
Staates" entschieden zuwiderlief.25
Trotzdem waren die wirtschaftspolitischen Argumente gegen Schleicher
sekundär: zentraler Angriffspunkt der Schwerindustrie war der Vorwurf, die
Chance zur "Verfassungsreform" nach den hoffnungsvollen Ansätzen Pa-
pens nunmehr ungenutzt verstreichen zu lassen. Die Rückkehr Schlei-

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 143


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

chers zu einer Art kryptoparlamentarischem System26 bildete für Reusch


und andere Industrielle, die die republikanische Ordnung von 1918/19 als
zwar nicht zu verhinderndes, aber doch vorübergehendes Übel begriffen
hatten, das schließlich ausschlaggebende Kriterium27 ihrer Opposition:
Nach Auffassung Reuschs hätte deshalb
"auf das allerschärfste dagegen protestiert werden müssen, daß die Regierung die
Reform wieder ad Kalendas Graecas vertagen will. Gerade jetzt in der Krise noch
müssen die entscheidenden Schnitte am staatlichen Organismus gemacht werden!
Der Reformwille läßt sich nicht beliebig lange auf Eise legen! Wenn nach einer
Besserung der Wirtschaftslage der finanzielle Druck erst wieder so weit von unse-
rem staatlichen Organismus genommen ist, daß dieser wieder einigermaßen tief
Luft holen kann, dann ist der stärkste Impuls für die Durchführung einer wahrhaft
großzügigen Reform unwiederbringlich dahin."28
Die politische Alternative zu den Reparlamentarisierungsversuchen
Schleichers sah die Reusch-Gruppe nach wie vor in einer autoritär be-
stimmten Staatsverfassung. Personeller Ansatzpunkt der gemäßigten
Schwerindustrie blieb der zurückgetretene Reichskanzler von Papen, der
noch in seiner "Abschiedserklärung" vor dem Reichskabinett am 3. Dezem-
ber 1932 der Genugtuung Ausdruck gegeben hatte, in einer Zeit an der
Spitze der Reichsregierung gestanden zu haben, die das "Ende des liberalen
Zeitalters" in Deutschland bedeutet habe.29 Parallel zur kompromißlosen
Aburteilung Schleichers durch Paul Reusch Ende Dezember 193230 nahm
der Vorsitzende des Langnam-Vereins, Fritz Springorum, die alten Fäden
zu Papen neu auf, nicht ohne dessen politische "Taten" in der Regierungs-
verantwortung nachdrücklich zu würdigen:
"Ihnen verdanken wir es, daß wir nach Jahren schwerer seelischer Not wieder
aufatmen und Mut fassen konnten, an den Wiederaufstieg zu glauben. Wenn Ih-
nen bei dieser Arbeit die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt und Sie per-
sönlich von rechts und links angegriffen und verunglimpft wurden, so können Sie
daran ermessen, wie groß die Verkommenheit der deutschen Parteiwirtschaft ge-
wesen ist. Der Grund für all die haßerfüllten Angriffe auf Ihre Person lag allein
darin, daß Sie es gewagt haben, die Parteiherrschaft im Reich und in Preußen aus-
zuschalten ... Durch Ihr Dazwischenfahren ist das einträgliche Geschäft zerstört,
das man hierzulande Demokratie nennt ... Ihnen aber kann niemand das Verdienst
schmälern, endlich neue, für uns allein brauchbare Wege in der Führung der inne-
ren Politik eingeschlagen zu haben."31
Die von dem Industriellen angeregte Aussprache über "mancherlei Fra-
gen", die "ungelöst" blieben und "heute" wieder anfingen, ihren "alten
Schrecken" zu bekommen, fand am 7. Januar 1933, wenige Tage nach
Papens historischer Zusammenkunft mit Hitler, in der Dortmunder
Privatwohnung Springorums statt. Neben Papen und Springorum nahmen
ferner Paul Reusch, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Albert Vögler
und Fickler an der Besprechung teil.32 Im Mittelpunkt der Ver-

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 144


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

handlungen mit Papen33 stand die Frage einer" Konzentration im bürgerli-


chen Lager". Die westliche Industrie ging dabei auf die von Papen gewie-
sene Bündnisperspektive des 4. Januar 1933, also die "Engagierung" Hitlers
als Reichskanzler34 nicht ein. Interessant in diesem Zusammenhang ist
auch, daß Silverberg, der, wie wir noch sehen werden, 1932/33 als Anhän-
ger der Hitler-Lösung galt und den Papen unmittelbar nach seiner Kölner
Unterredung aufgesucht hatte, offenbar um einen Verbündeten für seine
Pläne zu gewinnen,35 zu der Dortmunder Besprechung nicht hinzugezogen
worden war. Aus Sicht der Ruhrindustriellen stellte das Gespräch mit Papen
also nicht die logische Fortsetzung der Einigung Hitler-Papen vom 4. Janu-
ar 1933 dar. In diesem Sinne machte Reusch im Anschluß an das Dortmun-
der Treffen unmißverständlich klar, daß eine Kanzlerschaft Hitlers "ausge-
schlossen" sei, so sehr die Heranziehung der nationalsozialistischen Bewe-
gung "an den Staat", insbesondere aus außenpolitischen Gründen, wün-
schenswert erscheine.36 Statt dessen wurde der alte Plan ventiliert, Hugen-
berg aus der Parteiführung der DNVP zu verdrängen und Papen an seine
Stelle zu setzen.37
Daneben verfolgte die westliche Industrie auf ihrer Suche nach einer
Massenbasis eine neue Variante, die bei den "vernünftigen" Elementen in
der NSDAP bzw. dem Strasser-Flügel der Partei ansetzte. Die überraschend
positive Beurteilung Gregor Strassers in den Reihen der Ruhrindustriellen
war nicht zuletzt das Resultat der Arbeit August Heinrichsbauers, der seit
1930 systematisch dessen Bild als Exponent des bürgerlich-konservativen
Flügels der NSDAP aufgebaut hatte.38 Hier mochte sich auch der Einfluß
Silverbergs und der "Deutschen Führerbriefe" geltend machen, denen Stras-
ser als der "beste, jedenfalls staatsmännischste Kopf der NSDAP" er-
schien.39 Als die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im November 1932
abermals auf den Widerstand des Reichspräsidenten stieß, ventilierte der
Langnam-Verein folgerichtig eine Hereinnahme Strassers in das Pa-
pen-Kabinett, um auf diesem Weg eine Stabilisierung des autoritären Kur-
ses zu erreichen.40 Die Thyssen-Gruppe lehnte eine derartige Kompromiß-
lösung, wie sie Schlenker anstrebte, entschieden ab, da nur Hitler das "wah-
re Gedankengut" des Nationalsozialismus "in die Tat umzusetzen" vermö-
ge.41 Wie Thyssen später berichtete, machte er Hitlers Privatsekretär Rudolf
Hess zur gleichen Zeit Mitteilung über die fortschreitenden Verhandlungen
zwischen Ruhrindustrie und Strasser.42 Heinrichsbauer geriet dabei zuneh-
mend in die Schußlinie der NSDAP-Führung, die seine Aktivitäten "gegen"
die Bewegung gerichtet sah.43
In seiner Schrift "Schwerindustrie und Politik" aus dem Jahr 1948 betont
Heinrichsbauer, daß die Zusammenarbeit mit Gregor Strasser dem "Auf-
bau einer Oppositionsstellung innerhalb der Partei" gegen Hitler gedient
habe. Kulminationspunkt dieser Entwicklung sei das Angebot Schleichers
gewesen, Strasser die Vizekanzlerschaft zu übertragen. Nur durch eine In-
diskretion (Thyssen) seien die erfolgversprechenden Verhandlungen

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 145


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

zwischen Schleicher und Strasser, die von der westlichen Industrie (Vögler,
Springorum, Brandi) "gebilligt" worden seien, Hitler bekannt geworden, der
daraufhin Strasser und seinen Adjutanten Schulz aus ihren Parteiämtern
entfernt habe.44 Tatsächlich lehnte Heinrichsbauer jedoch eine Spaltung der
NSDAP, wie sie Schleicher anstrebte, ab.45 Seine Politik stellte vielmehr
eine taktische Variante dar, die darauf zielte, eine Machtübernahme durch
den Nationalsozialismus nicht am Problem "Hitler" scheitern zu lassen.
Auch in seiner Schrift von 1948 findet sich eine scheinbar nebensächliche
Entgleisung, die auf die von ihm in Wirklichkeit angestrebte Einbindung
Strassers in ein neu aufgelegtes Papen-Kabinett verweist: Heinrichsbauer
berichtet dort, daß nach dem Mißlingen der Strasser-Aktion im Dezember
1932 die" an ihr beteiligten Personen ... den schwersten Verfolgungen aus-
gesetzt" waren. Neben Strasser (sowie seinem Adjutanten Paul Schulz)
führt Heinrichsbauer nun nicht General von Schleicher auf, sondern nennt
merkwürdigerweise allein die Person Edgar Jungs.46 Dies verweist nun al-
lerdings auf Franz von Papen, als dessen Chefideologe Jung 1932/34 gelten
kann.47
Während die Reusch-Gruppe das Zusammengehen mit Strasser unter
dem Vorzeichen der konservativen Erneuerung sah, erblickte Heinrichs-
bauer hier umgekehrt die Möglichkeit, den Nationalsozialismus auf diesem
Wege in die Regierungsverantwortung zu bringen. Dem entspricht auch,
daß Hitler nach der Machtergreifung persönlich entschied, für ihn gebe es,
trotz der aufgetretenen taktischen Differenzen, keinen "Fall Heinrichs-
bauer". Staatssekretär Funk bestätigte Heinrichsbauer im gleichen Zusam-
menhang, "in dem Kampfe für den deutschen Nationalsozialismus stets in
der vordersten Front" gestanden zu haben.48
Der Versuch der Ruhrindustrie, Papen durch Vermittlung Heinrichs-
bauers zur Kontaktaufnahme mit Strasser zu bewegen,49 stellte aus ihrer
Perspektive eine logische Fortsetzung der Dortmunder Verhandlungen vom
7. Januar 1933 dar. Papen wies dies Ansinnen jedoch kühl zurück: Wohl sei
er gern bereit, Heinrichsbauer zu empfangen, mache im übrigen aber darauf
aufmerksam, daß die "Angelegenheit" Strasser "endgültig erledigt" sei.50
Auch das Insistieren der Industrie auf seinem Eintritt in die DNVP und ei-
ner "Sammlung der Rechten" unter seiner Führung überging Papen, obwohl
er am 7. Januar offenbar eine diesbezügliche Zusage gegeben hatte.51 Im
Hintergrund des Sinneswandels bei Papen stand offenbar seine Einigung
mit Hitler, die wohl im Verlaufe der Verhandlungen vom 18. Januar erfolgt
war.52 jedenfalls votierte Papen jetzt offen für eine Kanzlerschaft Hitlers,
die er der Industrie als die allein verbleibende Alternative schmackhaft zu
machen versuchte:

"Ich habe mich inzwischen nach allen Richtungen bemüht, die nationale Kon-
zentration zu fördern, stoße aber bei Hitler in Folge der Lippeschen Wahlen er-
neut auf größten Widerstand als Juniorpartner in ein Kabinett einzutreten. Es be-
stehen nun zwei Möglichkeiten:

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 146


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

Auflösung und Wiederwahl, was für die Wirtschaft höchst abträglich ist und eine
politische Änderung kaum erbringen dürfte ...
2. Möglichkeit: Umbildung der Regierung mit Hitler. Ermächtigungsgesetz und
ungestörte politische Arbeit. Auch für diesen Fall Zusammenschluß der bürgerli-
chen Kräfte als Gegengewicht gegen Hitler dringendst notwendig."53

Springorum ging, wie nach den bisherigen Verhandlungen nicht anders


zu erwarten, auf die hier propagierte Lösung mit Hitler nicht ein und be-
stand, ganz offenbar von einer längerfristigen Perspektive der politischen
Entwicklung ausgehend, auf einem persönlichen Eintritt Papens in die
DNVP, da nur so eine "große Chance" gegeben sei, daß eine "starke natio-
nale Bewegung" entstehe, "die die Gewähr für eine stabile Regierung mit
Einschluß der NSDAP bieten würde."54
Die These, die Zusammenarbeit der Ruhrindustrie mit Hjalmar Schacht
habe entscheidende personelle, programmatische und politische Brücken
zwischen Wirtschaft und Nationalsozialismus geschlagen und den 30. Janu-
ar substantiell möglich gemacht,55 steht dazu in offenbarem Widerspruch.
Tatsächlich zeigt sich, daß die Obereinstimmung zwischen westlicher Indu-
strie und Hjalmar Schacht, einem der konsequentesten Parteigänger Hitlers
auch in der Krise der NSDAP,56 im Januar 1933 auf dem Nullpunkt ange-
langt war: Eine von Schacht als mögliches Konzept späterer nationalsoziali-
stischer Wirtschaftspolitik verbreitete Denkschrift über die "Einführung von
Handelsmonopolen" verfiel der einhelligen Kritik der ehemaligen Förderer
der "Arbeitsstelle".57 Nachdem Papens Alleingang in der Frage einer Kanz-
lerschaft Hitlers offenbar geworden war, spannte Paul Reusch sogar Ge-
heimrat Kastl vom RDI ein, der auch prompt die völlige Unbrauchbarkeit
der Schachtschen Pläne, die auf "Planwirtschaft und Kollektivismus" hi-
nausliefen, bescheinigte.58
Die mit der Kaltstellung Schachts parallel verlaufende "Renaissance"
des amtierenden Reichsbankpräsidenten Luther in der westlichen Industrie
komplettiert das Bild des Stimmungsumschwunges59 gegen die NSDAP:
Nachdem Luther im Frühjahr 1932, also zum Zeitpunkt der größten Annä-
herung zwischen Ruhrindustrie und Nationalsozialismus, aus "politischen
Gründen" ein Auftritt vor der westlichen Wirtschaft verweigert worden
war,60 wurde ihm eine Woche vor dem 30.Januar 1933 Gelegenheit gege-
ben, vor den Spitzenvertretern des Langnam-Vereins und Bergbau-Vereins
zu Fragen der Währungspolitik Stellung zu nehmen, vor allem aber das
programmatische Konzept Schachts, ganz in Übereinstimmung mit den ver-
sammelten Industriellen, kritisch zu beleuchten und zurückzuweisen.61 Die
wenige Tage später vollzogene Übertragung der Regierungsverantwortung
auf Hitler entsprach in dieser Form schwerlich den Vorstellungen der ge-
mäßigten Ruhrindustrie, deren Plan, Papen auf der Grundlage einer bürger-
lichen Sammlungsbewegung um die DNVP erneut an die Spitze des Rei-
ches zu bringen, nur unvollkommen realisiert worden war.

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 147


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

2. RDI und DIHT 1932/33

Der Reichsverband und der Deutsche Industrie- und Handelstag suchten


unbeirrt von der Kritik aus den Reihen der Schwerindustrie62 und Groß-
landwirtschaft die konstruktive Zusammenarbeit mit der Regierung Schlei-
cher. Die Politik des inneren Ausgleichs fand hier ebenso wie die Wende
Schleichers gegen die überzogenen Autarkieforderungen der Land-
wirtschaft nicht nur Tolerierung, sondern ausdrückliche Billigung: Für die
Exportindustrie hatte, wie jetzt offenbar wurde, der Papensche Versuch, den
einkalkulierten Verlust von Weltmarktpositionen durch sozialpolitische
"Entlastungen" zugunsten der Industrie zu kompensieren, keine praktikable
Alternative zu einer offensiven Handelspolitik darstellen können. Der DIHT
akzeptierte deshalb auch die von Schleicher eingeleitete Revision in der
Sozialpolitik und der Verfassungsfrage, obwohl der Verband im "Bund zur
Erneuerung des Reiches" stark engagiert war und sich mit seinen Zielen
durchaus identifizierte. Der DIHT versäumte dabei nicht, auf "Fehler" Pa-
pens "in den Fragen der Handelspolitik und in der psychologischen Art der
Behandlung gewisser, namentlich sozialer Fragen" hinzuweisen.63 Bereits
Anfang Oktober 1932 hatte auch Silverberg im Vorstand des DIHT "Be-
denken zu den sozialpolitischen Maßnahmen des Regierungsprogramms"
geäußert.

"Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sei überaus un-


günstig. Die Maßnahmen der Regierung auf lohnpolitischem Gebiet seien zum
Teil wenig glücklich. Die Einkommen würden hierdurch unter bestimmten Vor-
aussetzungen auf ein Mindestmaß gedrückt, was, so verhängnisvoll die mißver-
standene Kaufkrafttheorie sei, bedenklich sei."64

Das Bemühen Schleichers um eine innerpolitische Entspannung fand


dementsprechend die "volle Billigung" des DIHT und zwar "gerade unter
dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Entwicklung".65 Seine Regie-
rungserklärung vom 15. Dezember wurde hier, ganz im Gegensatz zum
schwerindustriell geprägten Industrieflügel, als "klug abgewogene Darle-
gung einer vorsichtigen, auf Experimente und Wundertaten verzichtenden,
ganz und ausschließlich auf die Überwindung der augenblicklich brennen-
den Not abgestellten Wirtschaftspolitik"66 gewürdigt, die auf Unterstüt-
zung durch den DIHT rechnen könne. Bei Gelegenheit einer "sehr einge-
henden und vertraulichen" Aussprache mit dem Präsidenten des DIHT, Dr.
Bernhard Grund, sowie dem Geschäftsführenden Präsidialmitglied, Mini-
ster a. D. Eduard Hamm, Mitte Dezember 1932 versicherte Schleicher zu-
dem, daß seine Regierung das Wirtschaftsprogramm Papens in "seinen we-
sentlichen Grundgedanken" übernehmen und eine Politik gegen die Indu-
strie vermeiden werde.67 Auch im Arbeitsbeschaffungsprogramm Schlei-
chers sah der DIHT keine gravierende Bedrohung des wirtschaftlichen Ge-
samtsystems, da der Kanzler die "hohe Bedeutung der privatwirt-

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 148


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

schaftlichen Initiative und des Wertes der freien Unternehmertätigkeit"


durchaus würdige68 und im übrigen für den Obergang zur direkten Staats-
hilfe "erhebliche Gründe" geltend machen könne.69 Auch später beschei-
nigte der DIHT dem Reichskanzler, "noch keinen Schritt" unternommen zu
haben, in dem man eine "ernsthafte Abweichung von dem Kabinett von
Papen erblicken müsste".70 Das wichtigste Plus Schleichers bei der export-
orientierten Industrie war seine "klare Linie" in der Handelspolitik:71 Die
Wende gegen die Autarkiebestrebungen der Großlandwirtschaft schaffte der
Regierung einen natürlichen Verbündeten innerhalb der Industrie.
Die RDI-Führung um den Vorsitzenden Krupp von Bohlen sowie das
Geschäftsführende Präsidialmitglied, Geheimrat Kastl, stand dem Schlei-
cher-Kabinett ähnlich positiv gegenüber.72 Allerdings dokumentierte sich
diese Position sowohl in den internen Verlautbarungen des Reichsverban-
des als auch in den öffentlichen Pressemitteilungen in einer zurückhaltende-
ren Form. Hier spiegelte sich deutlich die innere Spannung des RDI wider,
der sowohl den Schwerindustriellenflügel als auch die modernen Wachs-
tumsindustrien zu repräsentieren hatte. Die äußere Klammer bildete der im
Vergleich zum DIHT stärker betonte Bezug auf das Papen-Programm, des-
sen unbedingte Kontinuität gefordert wurde. Auf der Hauptausschuß-
Sitzung des RDI am 14. Dezember 1932 rekapitulierte deshalb Krupp aus-
flührlich73 das von Papen in Münster vorgelegte Programm und unterstrich
die dort "verkündete Grundtendenz" der Stärkung der Privatinitiative, "die
schlagartig" eine gewisse allzu lang entbehrte Vertrauenswelle74 hervorge-
rufen habe:
"Gegenüber der Regierung Schleicher sprechen wir den Wunsch aus, daß sie
sorgfältig darauf bedacht sein möge, die Grundlinien des Programms Papen zu
wahren, Abänderungswünsche dieser oder jener Gruppe mit aller Vorsicht zu be-
handeln und vor allen Dingen gefährliche kredit- und währungspolitische Expe-
rimente zu verhindern. In diesem Zusammenhang liegt es mir am Herzen auszu-
sprechen, daß Herr von Papen für die Leistungen während seiner Amtszeit den
größten Dank verdient, − nicht nur der Industrie im engeren Sinne des Wortes,
sondern auch der weitesten Volkskreise."75
Im Neujahrsrundschreiben 1932/33 wurden erneut die Verdienste Pa-
pens gewürdigt, gleichzeitig aber vor "wirtschaftsfremden und wirt-
schaftsfeindlichen Strömungen und Kräften" gewarnt, denen gegenüber der
Reichsverband und die deutsche Industrie "doppelt auf der Hut sein müs-
se[t]en, um jeden Bruch in der Linie zu verhindern".76 In einer Ansprache
vor der "Gemeinschaft Neußer Industrieller" am 2. Januar 1933 machte der
Geschäftsführer des Reichsverbandes, Jacob Herle, der den rechten Flügel
im RDI anführte,77 unmißverständlich deutlich, wo diese "wirt-
schaftsfeindlichen" Kräfte seiner Auffassung nach zu suchen seien: Herle
bezog sich dabei ausdrücklich auf den Protest Paul Reuschs gegenüber dem
DIHT78 und übte "erhebliche Kritik" an der Weigerung des Reichskanzlers,

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 149


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

sich weder als Anhänger des Kapitalismus noch des Sozialismus zu be-
zeichnen:

"Es wäre höchst bedauerlich, und wir müßten auf das Entschiedenste dagegen
Front machen, wenn etwa hinter diesem bewußten Ausweichen vor einem klaren
Bekenntnis zur Privatwirtschaft ein inneres Schwanken stehen und wenn dieses
innere Schwanken etwa zu wirtschaftspolitischen Handlungen führen würde, die
eine Fortsetzung der fehlerhaften Vermischung privatwirtschaftlicher und soziali-
stischer Grundsätze ... bedeuten würde."

Im Gegensatz zu Schleicher, so Herle weiter, müsse das "gesamte Volk.


. . dem letzten Reichskanzler von Papen immer dankbar dafür sein, daß er
die Grundtendenzen seines Programms in klarer Weise auf die wirtschaftli-
chen Notwendigkeiten abgestellt hatte".79 Für den RDI insgesamt war diese
Einschätzung, die u. a. von Duisberg80 und Silverberg81 mit Zustimmung
zur Kenntnis genommen wurde, jedoch nicht repräsentativ oder bindend.
Das Geschäftsführende Präsidialmitglied, Kastl, verfolgte, in Abstimmung
mit dem RDI-Vorsitzenden Krupp und enger Kooperation mit der
DIHT-Führung, demgegenüber eine konstruktive Politik, wünschte Schlei-
cher "namens des Reichsverbandes" einen "vollen Erfolg" in seiner Tätig-
keit und versicherte, daß der RDI "zu positiver Mitarbeit stets bereit" sei.82
Wohl betonte auch Kastl, daß von dem neuen Kabinett "eine konsequente
Fortsetzung der Grundlinien des Programms der früheren Reichsregierung"
erhofft werde, ließ andererseits aber keinen Zweifel daran, daß für den RDI
insgesamt die personelle Kontinuität im Wirtschafts- und Finanzressort
(Warmbold und Schwerin von Krosigk) ausreichende Gewähr für die Si-
cherstellung eines privatwirtschaftlichen Kurses bot. Der Auftritt beider
Minister vor dem RDI-Hauptausschuß am 14. Dezember 1932 wurde des-
halb auch von Krupp mit der Bemerkung quittiert, daß ihre dortigen Erklä-
rungen zum Wirtschaftsprogramm der Schleicher-Regierung "uns doch
wieder feste Grundlage" gegeben hätten.83 Selbst Herle mußte nach einer
Besprechung des Wirtschaftsministers mit Vertretern der Spitzenverbände
am 19. Dezember (für den RDI nahmen teil Kastl, Herle, Heinecke, Krae-
mer und von Simson) konzedieren, daß Warmbold "sich über die wirt-
schaftspolitischen Aufgaben in unserem Sinne durchaus klar" sei und
"grundsätzlich alle planwirtschaftlichen Tendenzen ablehne".84
Wie für den DIHT bildete auch für den RDI die exportfreundliche Han-
delspolitik Schleichers die substantielle Basis der Kooperation. Der im Ja-
nuar 1933 vollzogene öffentliche Bruch zwischen Reichslandbund und
Reichsregierung hatte sein logisches Pendant in der Fehde zwischen den
industriellen Spitzenorganisationen und der Landwirtschaft, die mit der Er-
klärung des RDI vom 12. Januar 1933 ihren Höhepunkt erreichte:85
Der RDI nahm dabei mit "größter Empörung von den unerhörten, auch die
Ehre des seiner Verantwortung vollbewußten deutschen Unternehmer-

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 150


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

tums schwer verletzenden Angriffen" des RLB Kenntnis, der in seiner Ent-
schließung vom 11. Januar 1933 unverblümt von der "Ausplünderung der
Landwirtschaft zugunsten der allmächtigen Geldbeutelinteressen der inter-
national eingestellten Exportindustrie und ihrer Trabanten" gesprochen86
hatte. Der RDI wies "derartige, wider besseres Wissen erhobene, vaterlän-
dische Interessen auf das schwerste gefährdende Beschimpfungen eines
unentbehrlichen Teils der deutschen Wirtschaft auf das schärfste zurück"
und prophezeite der Führung des Reichslandbundes, "daß sie auf Granit
beiß[e], wenn sie glaub[e], die Einheitsfront der deutschen Industrie durch
eine derartige Verhetzung auch nur lockern zu können."87 In der Tat wurde
die Handelspolitik der Regierung Schleicher, vom RLB erbittert bekämpft
und zur Schicksalsfrage stilisiert, von einer breiten Industriefront, die vom
DIHT, RDI, VDEStI,88 BIV89 und Langnam-Verein90 bis hin zu Teilen des
Kohlebergbaus,91 dem christlichen Metallarbeiterverband und der
ADGB-Führung92 reichte, gebilligt und mitgetragen.
Der teilweise behauptete Interessenausgleich zwischen Industrie und
Landwirtschaft vor der Machtergreifung, u. a. in Form der sogenannten
"Agrarkartellierung", steht in krassem Widerspruch zur tatsächlichen Kon-
stellation im Januar 1933.93 Die Machtergreifung Hitlers stellt sich aus die-
ser Perspektive gerade nicht als Ausfluß eines Roggen-Eisen-Kartells Bis-
marckscher Prägung dar, auch wenn der rührige Geschäftsführer des VDE-
StI, Jakob Reichert, dafür im Dezember 1932 noch einmal geworben hat-
te.94
Als im Vorfeld der Kabinettsbildung vom 30. Januar 1933 erste Gerüch-
te über ein Doppelministerium Wirtschaft und Ernährung unter Hugenberg
kursierten, lancierten interessierte Kreise aus der Ministerialbürokratie ent-
sprechende Hinweise an den RDI, um eine solche Kombination mit Hilfe
der Industrie zu verhindern.95 In diesem Sinne beklagte der RDI auf seiner
Präsidialsitzung vom 19. Januar, deren Haupttagesordnungspunkt die Aus-
sprache über die Wirtschaftspolitik des Kabinetts Schleicher bildete, "daß
von der Politik her neue Unruhe in die Wirtschaft getragen" werde, und be-
zeichnete es als "höchst verhängnisvoll", "wenn auf diese Weise die beste-
henden Ansätze zu einer Rückkehr des Vertrauens und zu einer wirtschaft-
lichen Besserung wieder zunichte gemacht würden". "Insbesondere", so das
RDI-Präsidium, bedürfe "die Handelspolitik unbedingt eitler Beruhigung
und stabiler Führung . . . "96
Nachdem Krupp bereits am 12. Januar 1933 zu einer Unterredung mit
Schleicher zusammengetroffen war,97 schaltete die RDI-Führung jetzt vor
allem Staatssekretär Planck ein, um ihre diesbezüglichen Vorstellungen
geltend zu machen. Ende Januar intervenierte der RDI mit allen zu Gebote
stehenden Mitteln gegen eine Übertragung des Wirtschaftsministeriums an
Hugenberg sowie eine grundlegende Umbildung der Regierung Schleicher
überhaupt. Der Versuch Geheimrat Kastls, noch in letzter Minute die Kabi-
nettsbildung vom 30. Januar 1933 zu verhindern,98 entsprach der Linie

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 151


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XI. Das Kabinett von Schleicher

des RDI im Dezember 1932/Januar 1933. In einem von der Forschung bis-
her nicht genügend beachteten Schreiben an Krupp vom 26. Januar 1933
berichtete Kastl, daß er "die Entwicklung der politischen Ereignisse" in
Berlin "nicht ohne Sorge" verfolge:
"Bei Erörterung der politischen Lage [mit Staatssekretär Planck] erfuhr ich",
so Kastl, , als neuesten Stand das Bestreben der Deutschnationalen und der Natio-
nalsozialisten, die Harzburger Front wieder herzustellen. Man spricht von einem
Kampf-Kabinett Papen-Hitler-Schacht, bei dem Papen die Spitze darstellen soll
und Hitler Wehrministerium und Ministerium des Innern erhalten soll, Schacht
Finanzministerium, Hugenberg Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium. Ich
halte diese Kombination, an der sich keiner der gegenwärtigen Minister beteiligen
wird, für äußerst bedenklich und gehe so weit zu befürchten, daß eine derartige
Kombination als offene Kampfansage gegen den größten Teil der Bevölkerung
angesehen würde und man nicht ohne Unruhen durchkommen würde, wenn es
tatsächlich dazu käme. Im Augenblick bestehen noch immer erhebliche Zweifel,
ob der Herr Reichspräsident sich auf einen solchen Vorschlag einlassen wird. An-
deutungen sprechen dafür, daß man nicht ganz ohne Erfolg ihm klar gemacht ha-
ben soll, daß ein solches Kabinett ein ganz großes Kabinett werden würde mit
größten Aussichten auf Stabilität. Man hat sogar von einem sogenannten Bom-
benkabinett gesprochen, worauf ich scherzweise bemerkte, daß mir bedauerli-
cherweise der Nachdruck mehr auf Bomben als auf Kabinett zu liegen scheine.
Das Zentrum ist entschiedener Gegner und die Sozialdemokraten selbstverständ-
lich erst recht.
Ein anderer Ausweg, der versucht wird, ist der, den Reichstag am 31. d. M.
zusammentreten zu lassen − die Regierung wird kurzen Vertagungen widerspre-
chen − und einmal abzuwarten, was bei dem Zusammentritt des Reichstags he-
rauskommt. Bleibt dann nichts anderes übrig als eine Auflösung, so soll hinterher
die Frage erneut geprüft werden, ob man die Neuwahl bis zum November ver-
schieben kann. Der Reichspräsident soll sich angeblich nur dann für einen solchen
Weg entscheiden, wenn ein derartiger Vorschlag entweder von den Parteien selbst
gebracht oder toleriert würde, so daß konkrete gesetzliche Notmaßnahmen unter-
bleiben könnten. In diesem Falle würde das Kabinett Schleicher bleiben. Vom
Standpunkt der Wirtschaft aus gesehen, würde natürlich ein solcher Ausweg weit-
aus jedem anderen vorzuziehen sein. . . "99
Die vielfach kolportierte These einer geschlossenen Industriefront für
eine Machtübertragung auf Hitler im Januar 1933100 kann, wie auch dieses
Dokument belegt, nicht weiter aufrechterhalten werden. Tatsächlich trat nur
der Thyssen-Flügel vorbehaltlos für die Kanzlerschaft Hitlers ein, während
die gemäßigte Schwerindustrie um Reusch und Springorum (Lan-
gnam-Verein) in einer Neuauflage des Papen-Kabinetts auf verbreiterter
Grundlage (Strasser) die ihr genehme Lösung erblickte. RDI und DIHT
sprachen sich demgegenüber nachdrücklich für ein Verbleiben des amtie-
renden Reichskanzlers von Schleicher aus und warnten eindringlich vor
Kombinationen, die eine Wiederherstellung der Harzburger Front und die
Hereinnahme der NSDAP in die Regierungsverantwortung zum Ziel hatten.

Anmerkungen zu Kap. XI auf S. 260-65 152


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

XII. Die Sonderrolle Silverbergs 1932/33

Silverberg erscheint in der neueren Literatur als einer der wenigen Indu-
striellen, die bis zuletzt aktiv gegen den Nationalsozialismus gearbeitet und
auch gewagtes persönliches Engagement nicht gescheut hätten, um eine
Kanzlerschaft Hitlers zu verhindern.1 Diese Sichtweise basiert auf der The-
se, daß Silverberg in Fortsetzung seiner 1926 in Dresden entwickelten Kon-
zeption2 an der Verwirklichung der "Strasser-Lösung" mitgewirkt3 und im
Bündnis mit Schleicher die Errichtung einer Achse von den sozialdemokra-
tisch orientierten Gewerkschaften bis zum linken Flügel der NSDAP unter
Einschluß von Teilen des Unternehmertums angestrebt habe.4 Silverberg sei
dabei sogar, wie Mariaux zu berichten weiß, "zum öffentlichen, verantwort-
lichen Mittun − als Reichswirtschafts- oder Reichsfinanzminister" bereit
gewesen.5 Zu einer ähnlichen Wertung gelangt die ältere Unternehmerfor-
schung,6 während Turner vorsichtiger urteilt und Silverbergs Kontakte zu
Strasser als einen im übrigen gescheiterten Versuch begreift, der Schwerin-
dustrie einen "Verbündeten" in der NSDAP zu gewinnen.7
Im Gegensatz zu diesen Interpretationen steht Czichons Wertung. Czi-
chon ordnet Silverberg einer sogenannten "rechts-keynesianistischen"
Gruppierung zu, deren politisches und wirtschaftliches Konzept durch Pa-
pen repräsentiert gewesen sei und die im Schleicher-Programm, ganz wie
die "Nazi-Industriellen" um Thyssen und Kirdorf nurmehr eine "bolschewi-
stische Gefahr" erblickt und im Dezember 1932 alle Vorbehalte gegen eine
Kanzlerschaft Hitlers fallen gelassen habe.8 Schleicher sei, so Czichon, le-
diglich von einer "links-keynesianistischen" Minderheit um den
RDI-Vorsitzenden Krupp gestützt worden, eine Gruppe, die in sich aller-
dings zu heterogen und insgesamt zu schwach gewesen sei, um dem ge-
meinsamen Angriff des Papen-Silverberg-Flügels, der Hitler-Industriellen
und nicht zuletzt der Großlandwirtschaft erfolgreich Widerstand entge-
gensetzen zu können.9
Die widersprüchliche Beurteilung der politischen Strategie Silverbergs
ist zunächst auf die problematische Quellenlage für den Zeitraum 1932/33
zurückzuführen. Das Fehlen leicht greifbarer Aktenstücke, etwa eines
kontinuierlichen Schriftwechsels Silverbergs mit politisch relevantem
Inhalt,10 läßt Spielraum für Interpretationen, die dem Anspruch seriöser
Forschung nicht immer hinreichend genügen können. Hinzu kommt, daß
Fehleinschätzungen, die aus anderen Zusammenhängen, insbesondere

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 153


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

einem Mißverständnis der Dresdener Konzeption herrühren, im Interpola-


tionsverfahren auf das Ende der Weimarer Republik übertragen werden11
und so zu einem schiefen Bild führen. Schließlich ist eine weitere Ursache
der Unsicherheit darin zu sehen, daß zentrale Vorgänge im Bereich von
Wirtschaft und Politik in der Phase unmittelbar vor der Machtergreifung
bisher noch nicht hinreichend untersucht und abgeklärt worden sind.

1. Die "Deutschen Führerbriefe" als publizistisches Organ Silverbergs

Als unverzichtbare Quelle zur Rekonstruktion der Silverberg-Position


1932/33 haben sich die gelegentlich zitierten, insgesamt aber nur bruch-
stückhaft verwendeten "Deutschen Führerbriefe" (DFB) erwiesen.12 Ihre
systematische Analyse13 erlaubt einen beinahe lückenlosen Einblick in die
Entwicklung der politischen Konzeption Silverbergs in der Papen-Schlei-
cher-Ära. Die von Silverbergs Privatsekretär Otto Meynen und dem Journa-
listen Franz Reuter 1928 gegründete und bis zur Einstellung im Jahre 1935
gemeinschaftlich herausgegebene "Politisch-wirtschaftliche Privat-
korrespondenz" erschien zweimal in der Woche, jeweils dienstags und don-
nerstags mit einer Auflage von etwa 1250 Exemplaren (1932).14 Es handelte
sich dabei um eine auf einem Handapparat hektographierte vierseitige In-
formation, deren Abonnenten "den führenden Kreisen des Finanz- und In-
dustriekapitals angehörten, einschließlich ihrer politischen Vertrauensleute:
Kabinettsmitglieder, Reichswehrspitzen, führende Großagrarier, die Umge-
bung Hindenburgs etc.15
Ober die finanzielle Abhängigkeit der in einem "Verlag Hans Börner"
erscheinenden Führerbriefe von bestimmten Gruppierungen der Großin-
dustrie sind mancherlei Vermutungen angestellt worden.16 Dabei wurde
übersehen, daß die mit geringstem redaktionellen und technischen Aufwand
gefertigte Korrespondenz bei einer durch Festabonnements garantierten
Jahreseinnahme von 75 000.- RM (1932) einer Subvention kaum bedurfte.
Dem widerspricht nicht, daß beispielsweise Paul Reusch mehrfach − jedoch
ohne durchschlagenden Erfolg − Pressionen ausübte, um die Führerbriefe
durch Reduzierung von Mehrfachabonnements zu einer Änderung ihrer po-
litischen Linie zu veranlassen.17
Für den Erfolg der Führerbriefe waren weniger die Finanzierungsmoda-
litäten ausschlaggebend als vielmehr der anerkannt gute Informationswert
der Korrespondenz. Die Herausgeber Meynen und Reuter verfügten dank
ihrer Vertrauensstellungen bei Silverberg bzw. Schacht über einen ausge-
zeichneten Zugang zu "News" im Bereich von Wirtschaft und Politik. Als
Privatsekretär Silverbergs war Meynen zugleich für die politischen Angele-
genheiten des Industriellen zuständig und beauftragt, die formellen und in-
formellen Verbindungen zu Regierung, Bürokratie und Parteien sicher-

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 154


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

zustellen.18 Der Handlungsspielraum Meynens war somit begrenzt und


durch die politische Strategie seines "Chefs" in einer schmalen Bandbreite
gehalten.19 Reuter verfügte als Berliner Vertreter der Pressestelle Kohle und
Eisen (Langnam-Verein) im politischen Bereich formal über eine etwas
größere Unabhängigkeit, blieb jedoch ebenfalls auf das Wohlwollen Silver-
bergs angewiesen, dem er auch seine Stellung bei dem Industrieverband zu
verdanken hatte.20 Im übrigen galt Reuter nicht zu Unrecht als Parteigänger
Hjalmar Schachts, in dessen "Windschatten" er erfolgreich Karriere zu ma-
chen suchte.21 Die Querverbindungen der Korrespondenz insbesondere zur
Geschäftsführung des RDI und der Pressestelle des Langnam-Vereins22
spiegelten deutlich die Einflußsphäre Silverbergs wider, dessen Zusam-
mengehen mit Schacht vornehmlich in wirtschaftlichen Fragen23 auch den
Bezugsrahmen der Kooperation zwischen Meynen und Reuter bildete.
Während die Führerbriefe in "wirtschaftlichen und sozialpolitischen
Fragen" durchweg die Auffassungen der westlichen Industrie vertraten, galt
dies nicht immer hinsichtlich der politischen Artikel.24 Als typisch kann
hier das Urteil Martin Blanks, des Berliner Vertreters von Paul Reusch gel-
ten: "In der Parteipolitik stehen die D.F.B. reichlich weit links, so treten sie
vorbehaltlos für die große Koalition' im Reiche ein. Hier vertreten sie etwa
die Einstellung gewisser Kreise des Präsidiums des Reichsverbandes um die
Herren Silverberg, Bücher, Bosch (I.-G.), Kraemer usw. Anzuerkennen ist
ihre entschieden antimarxistische und antigewerkschaftliche Einstellung."25
In der politischen Linie der Führerbriefe konkretisierte sich somit recht
deutlich der Kurs Silverbergs,26 der die Publikation benutzte, um seinen oft
eigenwilligen, dem allgemeinen Konsensus im industriellen Lager zuwider-
laufenden Konzepten Gehör zu verschaffen. Silverberg verfaßte dazu auch
gelegentlich eigene, allerdings namentlich nicht gekennzeichnete Artikel,
die er in der Korrespondenz abdrucken ließ.27

2. Silverberg und Brüning 1932

Silverbergs Strategie 1932/33 knüpfte in ihrer Grundlinie an die Dresdener


Konzeption von 1926 an, also den Versuch, die Autonomie der Wirtschaft
gegen den Interventionismus des Staates unter Einspannung der Gewerk-
schaften und ihrer politischen Vertretung zu sichern und auszubauen.28 So
beklagte Silverberg am 3. März 1932 vor dem "Club von Berlin" in einer
grundsätzlich gedachten Rede über die "Aufgaben der Privatwirtschaft"29 in
Fortsetzung seines Kampfes gegen die "Kalte Sozialisierung"30 noch einmal
das "Vordringen des Staates in die Wirtschaft"31 und forderte zur "Auf-
rechterhaltung der Privatwirtschaft" auf. "Nur die Freimachung der

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 155


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

privaten Wirtschaft vom Staat kann uns in Deutschland überhaupt zu einer


tragfähigen Existenz verhelfen". Wenn er auch den reinen" Nachtwächter-
staat" nicht wünsche, so müsse doch die "staatliche Ingerenz" insbesondere
auf die Preisbildung ausgeschaltet werden;32 an erster Stelle stehe dabei der
"Abbau des Reallohns ... in Grenzen, die bis an das Existenzminimum he-
rangehen."
Die gleichzeitig vorgebrachte massive Kritik an der Notverordnungs-
praxis der Regierung Brüning, die die "innerpolitische Ordnung und
Rechtssicherheit"33 für das Unternehmertum zerstöre, machte deutlich, daß
Silverbergs Distanzierungsprozeß von dem gegenwärtigen Kabinett weiter
anhielt.34 Sein am Ende des Vortrags vor dem Herrenclub ausgesprochener
"dringender Wunsch", daß "heute eine Regierung sich findet, die heute die
Parole der Befreiung der Wirtschaft für den Staat vom Staate, aber aller-
dings für den Staat in die Wirklichkeit umsetzt", mußte diesen Eindruck
verstärken.35 Das Brüning-Kabinett, von den Führerbriefen im Mai 1932 als
"marxistisch-charitativ-plansozialistische Regierung" diskreditiert,36 bildete
jetzt auch für Silverberg nicht mehr die gewünschte Repräsentanz großin-
dustrieller Interessenpolitik. Allerdings war Brüning unter dem 'Primat der
Außenpolitik' noch eine bis zur Lösung der Reparationsfrage bemessene
Schonfrist zu gewähren. Vor dem Vorstand des RDI mahnte Silverberg am
22. April 1932:

"Außer in Besprechungen des engeren Kreises öffentlich jetzt in dieser poli-


tisch bewegten Zeit eine Kampfsituation gegen die Regierung zu schaffen, halte
ich von Verbandswegen für unmöglich, für unzweckmäßig. Aber ich halte es für
richtig .... an allen Stellen immer wieder zu betonen, daß die Privatwirtschaft so
gestärkt und so gestützt werden muß, daß hinterher, wenn wir in Deutschland in
jeder Beziehung in unseren Entschlüssen freier sind, wir in der Lage sind, . . . auf
vorhandenen festen Fundamenten wieder neu aufzubauen ... Aber. . . bis zur Ent-
scheidung über die wichtigsten Fragen des Reichs und des Volkes, über Sein oder
Nichtsein − so ernst nehme ich die Lausanner Konferenz − kann es nur eines ge-
ben: die Ohren steif zu halten und dafür zu sorgen ...., das Übergangsstadium [zu]
erleichtern."37

Silverbergs auch öffentlich dokumentiertes Eintreten für die Wiederwahl


Hindenburgs38 war also nicht als Votum für eine andauernde Unterstüt-
zung der Brüning-Regierung zu verstehen. Allerdings zeichnete sich für
Silverberg das politische Profil der "Nationalen Opposition" noch nicht
klar genug ab, um wie etwa für Paul Reusch und andere westliche Indus-
trielle39 eine vertretbare Alternative darstellen zu können. Insbeson-
dere die Einbindung der Arbeiterschaft, für Silverberg eine conditio sine
qua non', schien hier problematisch und ungelöst. Die kühle Distanz der
Führerbriefe im Zusammenhang des viel beachteten Auftritt Hitlers vor
dem Düsseldorfer Industrieclub am 26. Januar 1932 war nicht zuletzt hier
begründet. Die DFB resümierten: "Bemerkenswert war, daß das 'Heil,

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 156


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

Herr Hitler', mit dem Thyssen schloß, in der Versammlung ohne Widerhall
blieb. Besonders beachtenswert erscheinen aus den Ausführungen Hitlers
die scharfe Kampfansage an die Gewerkschaften und das Eintreten für die
Persönlichkeit. Während über den ersten Punkt die Meinungen geteilt sind,
wird man das andere aus dem Munde des Führers der Nationalsozialisten
nur begrüßen können."40
Im Frühjahr 1932 warb Silverberg noch einmal intensiv für die Zusam-
menarbeit mit der Sozialdemokratie, deren Unterstützung im übrigen für die
Wiederwahl Hindenburgs benötigt wurde. Der preußische Ministerpräsident
Otto Braun erschien den Führerbriefen als "Repräsentant einer autoritären
Demokratie", bei dem man eine "geistige Verwandtschaft zu Friedrich Wil-
helm 1. und den alten preußischen Junkern" zu spüren glaube.41 Seit Bis-
marck habe keiner "mit mehr Hochgefühl, Ernst und Selbstbewußtsein in
Haltung, Handlung und Wort die Macht des Preußischen Staates innegehabt
und präsentiert" und zugleich die Einbindung der Arbeiterschaft geleistet
als Otto Braun, der als der "energischste Träger" der "sozialdemokratischen
Tolerierungspolitik" aufgetreten sei.42 Auf der gleichen Linie der positiven
Stilisierung der SPD bei Negativkritik am Nationalsozialismus43 lag der
Artikel "Wandlungen in der Sozialdemokratie" vom 26. Februar 1932.44
Paul Reusch, der mit seinem zu diesem Zeitpunkt vollzogenen endgülti-
gen Obertritt in das Lager der "Nationalen Opposition" Zeichen gesetzt hat-
te und wenig später mit Hitler persönlich ein Presseabkommen für die
Reichspräsidentenwahl aushandeln sollte,45 war über diese Ausrichtung der
DFB sichtlich ungehalten.46 Sein Versuch, die Führerbriefe mittels finan-
zieller Pression zu einer Änderung ihrer Politik gegenüber der SPD zu ver-
anlassen, war jedoch wenig erfolgreich.47 So lobte die Korrespondenz nach
dem ersten Durchgang der Reichspräsidentenwahlen am 13. März 1932 er-
neut die "ausgezeichnete Disziplin" der Sozialdemokraten,48 während die
Entwicklung des Nationalsozialismus, der im Gegensatz zum preu-
ßisch-protestantischen Nationalismus nicht in der "Zucht" wurzele, sondern
vom "Rausch" lebe, mit lebhafter Kritik bedacht wurde.49
Dies war jedoch kein Urteil auf Dauer. Der entscheidende Wendepunkt
in der Bündnisstrategie Silverbergs war durch zwei äußere Ereignisse mar-
kiert, die Preußische Landtagswahl vom 24. April und die Ankündigung der
Lausanner Reparationskonferenz vom 25. April 1932.50 Während mit der
Terminierung der Lausanner Verhandlungen auf den 16. Juni die Lösung
des Reparationsproblems in greifbare Nähe gerückt und damit auch den
Führerbriefen ein vorzeitiger Austausch des Reichskanzlers nicht mehr aus-
geschlossen erschien,51 vollendete die Preußenwahl (NSDAP von 8 auf 162,
DNVP von 82 auf 31, DVP von 40 auf 7, DDP von 21 auf 2 und SPD von
137 auf 93 Mandate) den "politischen Erdrutsch", den die Septemberwahl
1930 eingeleitet hatte. Dies war in erster Linie eine Folge des Zusammen-
bruchs der alten bürgerlichen Parteien mit liberalem Hinter-

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 157


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

grund, deren Regeneration auch den Führerbriefen als unrealistisch er-


schien.

"Die paar Mandatstrümmer, die sie noch aus dem Zusammenbruch gerettet
haben, bedeuten nichts mehr, können auch nicht als Anklammerungspunkte für
eine Wiederbelebung dieser Parteien gelten. Was sich hier vollzogen hat, ist von
weittragender Bedeutung ... Der Liberalismus, auch der wirtschaftliche, hat für die
nächste Zeit keine politische Basis in Deutschland."52

Silverbergs Abkehr von Brüning ist nicht zuletzt aus der Perspektive ei-
ner so gewandelten Parteienlandschaft und eines daraus abgeleiteten neuen
Integrationskonzeptes zu verstehen. An Brünings Sturz war Silverberg wohl
nicht unmittelbar beteiligt, wenn seine Rolle auch Beachtung verdient: Of-
fenbar in Abstimmung mit dem zu dieser Zeit noch im Amt befindlichen
Reichswirtschaftsminister Warmbold intervenierte Silverberg am 7. April
1932 in der Reichskanzlei gegen eine Rede von Finanzminister Dietrich,53
der angedeutet hatte, den "vorsichtigen Versuch einer Wirtschaftsbelebung"
machen zu wollen. Der Vorstoß Warmbolds und Silverbergs muß überra-
schen, weil Dietrichs Äußerungen genau auf der Linie der von beiden zuvor
wiederholt geforderten Abkehr von einer überzogenen Deflationspolitik
lag.54 Die Widersprüchlichkeiten im Verhalten Silverbergs und Warmbolds
lassen den Schluß zu, daß mit dem Ausbau einer Frontstellung gegen Diet-
rich ein Alibi für den am 6. Mai 1932 überraschend vollzogenen Rücktritt
des Reichswirtschaftsministers vorbereitet werden sollte. Dieses Alibi war
um so notwendiger, als Warmbold keine vier Wochen später in sein altes
Amt zurückkehrte, diesmal jedoch unter Franz von Papen als Reichskanz-
ler. Vielsagend in diesem Zusammenhang ist die Haltung der Führerbriefe,
die bereits am 3. Mai die Demission Warmbolds unter der Schlagzeile "Das
Kabinett Brüning in der Auflösung" zu vermelden wußten. In ihrem Leitar-
tikel "Was ist der politische Sinn des Rücktritts von Professor Warmbold"
wird an erster Stelle Dietrich als "eigentliche Veranlassung" genannt. Ah-
nungsvoll resümiert die Korrespondenz: "Dieser Reichsfinanzminister
kommt dem Kanzler teuer zu stehen."55
In den Begründungen, die der Wirtschaftsminister später selbst für sei-
nen demonstrativen Rücktritt anführte, erscheint demgegenüber als Haupt-
motiv der Widerstand gegen die Deflationspolitik Brünings (deren Beendi-
gung Dietrich in seiner Rede vom 6. April ja gerade angekündigt hatte),
insbesondere die Notverordnung vom 8. Dezember 1931, in deren Folge
Warmbold das Demissionsgesuch eingereicht habe, dessen "Genehmigung"
sich aber "aus politischen Gründen" bis Mai 1932 verzögert habe.56 Tat-
sächlich datiert das Rücktrittsgesuch jedoch, wie die Akten ausweisen, erst
vom 28. April 1932.57 Brünings Empfinden, daß Warmbold sich "als Werk-
zeug gegen das Kabinett" gebrauchen ließ,58 erscheint daher nicht ohne
substantiellen Hintergrund.

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 158


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

3. Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus

Die am 1.Juni gebildete Regierung der "nationalen Konzentration" unter


Reichskanzler Franz von Papen stellte für Silverberg im Gegensatz zur
westlichen Industrie, in der sich eine regelrechte "Papen-Euphorie" ver-
breitete,59 keineswegs die angestrebte Alternative zum Brüning-System dar.
Wenn auch der unternehmerfreundliche Kurs der neuen Regierung − bei
allen Vorbehalten in der Handelspolitik − begrüßt wurde,60 So vermißte
Silverberg, hier klarer sehend als die am autoritären Prinzip orientierte kon-
servative Industriellenschicht, die politische Fundierung des Papen-
Regimes.61 In den Führerbriefen, deren Stellungnahme gegen das "Kabinett
der Barone" allgemein Aufsehen erregte,62 wurde diese, einem breiten Kon-
sensus im Unternehmerlager zuwiderlaufende Haltung präzise erläutert und
analysiert. Für die der Entscheidung Hindenburgs vom 13. August 1932
zugrunde liegenden Beweggründe, das autoritäre System unter Führung von
Papens auch gegen die überwiegende Mehrheit des Reichstags zu bestäti-
gen, wurde wohl "weitgehendes Verständnis" aufgebracht, jedoch konnten
sich Silverberg und die Führerbrief-Redaktion
"der Schlußfolgerung nicht anschließen, daß deshalb mit dem Kabinett Papen wei-
terregiert werden soll, bis die Krise beendet und überwunden ist. Denn wir ver-
mögen uns nicht vorzustellen, wie eine Regierung mit den Aufgaben, die ihr von
dieser Zeit gestellt werden, fertig werden soll, wenn nahezu das ganze Volk ihr
ablehnend, ja feindlich gegenübersteht.
Wir fürchten insbesondere auch, daß die Regierung, um eine Stütze zu haben,
darauf Wert legen könnte, weitgehend mit der Wirtschaft, mit dem Unternehmer-
tum identifiziert zu werden. Das würde aber bedeuten, daß das Unternehmertum
in einen politischen Gegensatz zu den drei oder vier großen Massenparteien gerie-
te, die sich in ihrer gemeinsamen Opposition gegen die Präsidialregierung auf
dem sozialpolitischen, staatssozialistischen und gewerkschaftlichen Interessenge-
biet wahrscheinlich am leichtesten zusammenfinden werden. Wenn dann die Re-
gierung scheitert, dann wird es wiederum die Wirtschaft sein, die die Zeche zahlt.
Es wäre für uns alle sehr viel besser, wenn die unpopulären Maßnahmen −
man denke nur an die unvermeidliche Lohnsenkung, an die übrigen, ebenso un-
entbehrlichen Maßnahmen zur Selbstkostenherabsetzung − wenn diese Maßnah-
men von einer großen Massenpartei mitgetragen und verantwortet werden könn-
ten, statt daß sie ihr als willkommener Anlaß zu taktischer Opposition geboten
werden ... "63
Hinter dieser grundsätzlichen Kritik verbarg sich eine neue politische
Gesamtkonzeption Silverbergs, die sich bereits gegen Ende der Brüning--
Ära herausgebildet hatte, nun aber das Stadium konkreter Aktion gewann.
Die seit Gründung der ZAG 1918 verfolgte Strategie der Einbindung der
Sozialdemokratie zur Stabilisierung der bürgerlichen Herrschaft war jetzt
fallengelassen worden und durch ein Modell ersetzt, in dem dem National-
sozialismus die Rolle der SPD zugewiesen wurde. Diese Umstellung von
SPD auf NSDAP fand entsprechend der veränderten Situation keine

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 159


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

demonstrative öffentliche Begründung wie das Bündnisangebot an die So-


zialdemokratie 1926 in Dresden, sondern nur eine interne Rechtfertigung,
deren theoretische Ableitung jedoch ein besonderes Interesse beansprucht.
Als Publikationsebene fungierten diesmal die, Führerbriefe, in denen am
16. und 20. September 1932 der wegweisende Doppelartikel "Die soziale
Rekonsolidierung des Kapitalismus" abgedruckt wurde. Diese Abhandlung
gilt der marxistischen Geschichtsschreibung "als Schlüsseldokument für
den Nachweis der bewußten und planmäßigen Errichtung der nazifaschisti-
schen Diktatur durch das Monopolkapital".64 Im ersten Teil des Aufsatzes
mit dem Untertitel "Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus"
wird ausgeführt:

"Das Problem der Konsolidierung des bürgerlichen Regimes im Nachkriegs-


deutschland ist allgemein durch die Tatsache bestimmt, daß das führende, nämlich
über die Wirtschaft verfügende Bürgertum zu schmal geworden ist, um seine
Herrschaft allein zu tragen. Es bedarf für diese Herrschaft ... der Bindung von
Schichten an sich, die sozial nicht zu ihm gehören, die ihm aber den unentbehrli-
chen Dienst leisten, seine Herrschaft im Volk zu verankern und dadurch deren
eigentlicher oder letzter Träger zu sein. Dieser letzte oder Grenzträger' der bürger-
lichen Herrschaft war in der ersten Periode der Nachkriegskonsolidierung die So-
zialdemokratie ...
Vermöge ihres sozialen Charakters als originäre Arbeiterpartei brachte die So-
zialdemokratie in das System der damaligen Konsolidierung über all ihre rein
politische Stosskraft hinaus das viel wertvollere und dauerhaftere Gut der organi-
sierten Arbeiterschaft ein und verkettete diese unter Paralysierung ihrer revolutio-
nären Energie fest mit dem bürgerlichen Staat . . ."65

Hier findet sich, unschwer zu erkennen, eine exakte Analyse der Silver-
bergschen Politik, wie sie für die 20er Jahre bestimmend war. Der zweite
Teil des Artikels, betitelt "Die Eingliederung des Nationalsozialismus", be-
schreibt die durch die Krise veränderte Situation, in der mit der Aus-
schaltung des Parlaments auch die Sozialdemokratie in ihrer Funktion als
politisch-parlamentarischer Überbau der Gewerkschaften einerseits und als
"Massenstützpunkt für die Herrschaft des Bürgertums in Deutschland" an-
dererseits überflüssig geworden sei. Die daraus resultierende Auseinan-
derentwicklung von Gewerkschaften und SPD schaffe aber die Vorausset-
zung für die "Eingliederung" des Nationalsozialismus zur sozialen Konso-
lidierung der in Gefahr geratenen kapitalistischen Wirtschafts- und Gesell-
schaftsordnung:

"Durch ihre Loslösung von der Sozialdemokratie entfällt für die Gewerkschaf-
ten ihre bisherige politische Repräsentation, an deren Stelle sie in einem nicht
mehr oder nur sehr bedingt parlamentarischen Staat eine neue und neuartige poli-
tische Führung brauchen. Wenn es dem Nationalsozialismus gelänge, diese Füh-
rung zu übernehmen und die Gewerkschaften in eine gebundene Sozialverfassung
einzubringen, so wie die Sozialdemokratie sie früher in die liberale eingebracht
hat, so würde der Nationalsozialismus damit zum Träger einer für die künftige

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 160


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

bürgerliche Herrschaft unentbehrlichen Funktion und müßte in dem Sozial- und


66
Staatssystem dieser Herrschaft notwendig seinen organischen Platz finden."

Der Verfasser des Artikels, Alfred Sohn-Rethel, lieferte hier die Gründe,
die für Silverbergs Hinwendung zum Nationalsozialismus bestimmend wa-
ren, und formulierte zugleich die Probleme, die bis zu einer Regierungs-
übernahme durch die NSDAP zu lösen blieben. Der späteren Behauptung
Sohn-Rethels, der Artikel sei von ihm, einem damals unerkannten Marxi-
sten, nach Oberlistung der etwas beschränkten Führerbrief-Redaktion "ein-
zig zum Zweck" des "Wahlkampfs für die Kommunisten" in die Korre-
spondenz eingeschleust worden67 ist entgegenzuhalten, daß die Abhandlung
der Gesamtlinie der DFB im Herbst 1932 genau entsprach. Dies ist im übri-
gen bereits überzeugend nachgewiesen68 und von Sohn-Rethel auch indirekt
anerkannt69 worden. Für Silverberg hatte die Artikelserie eine doppelte
Funktion: Einerseits war sie als Argumentationsunterlage gegenüber der
westlichen Industrie gedacht, um deren Abkehr von der NSDAP entgegen-
zuwirken; andererseits sollten die Ausführungen Hitler gegenüber als
Nachweis einer wohlwollenden Einstellung dienen und einer direkten Kon-
taktaufnahme die Wege ebnen.70
Über Werner von Alvensleben71 im Winter 1932/33 wohl der wichtig-
ste Mittelsmann in den Verhandlungen mit der NSDAP, nahm Silverberg
Verbindung zu Hitler auf. Dabei legte er offenbar Wert darauf, in Abstim-
mung mit Krupp und Reusch72 vorzugehen und sie über seinen Schritt zu
informieren. Am Abend des 31. August 1932 traf Silverberg mit Alvensle-
ben zusammen73 um die Position der Wirtschaft gegenüber der NSDAP
deutlich zu machen. Alvensleben fertigte Notizen von diesem Gespräch74
und übersandte sie, wohl mit Billigung Silverbergs75 sowohl an Hitler als
auch an Schleicher. Wie aus den Aufzeichnungen ersichtlich, galt Silver-
bergs vordringliches Interesse zunächst der Verhinderung einer Koalition
von NSDAP und Zentrum in Preußen und im Reich.76 Er versuchte dabei,
den Nationalsozialismus ausschließlich auf seine "nationale" Komponente,
der allein die "14 Millionen-Bewegung" ihre Erfolge verdanke, festzule-
gen. Wenn die NSDAP nun aus "taktischen Gründen" Verhandlungen mit
dem Zentrum führe, lägen die Berührungspunkte höchstens dort, "wo die
eigene Bewegung ohnehin durch fremde Gedankengänge gefährdet ist".
Gemeinsamkeiten mit dem Zentrum seien nämlich nur in" gewerkschaftli-
chen, sozialistischen und marxistischen Ideengängen" zu finden. Lasse die
NSDAP sich aber erst einmal auf solche Kombinationen ein und vollziehe
nicht eine "bewußte Lossagung" von "gelegentlich publizierte[n] marxi-
stische[n] Forderungen", bestehe konkrete Gefahr für die weitere Existenz
der "Bewegung", weil solche Gedankengänge dem Nationalsozialismus
"völlig wesensfremd" seien.77 Daß Silverberg die Verhinderung einer Ko-
alition zwischen NSDAP und Zentrum ein zentrales Anliegen war, unter-
strich er auch gegenüber Paul Reusch: "Die ganzen Dinge stehen und

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Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

fallen mit der Frage, auf welcher Grundlage die Koalition Zentrum-
Nationalsozialisten im Reich zustande kommt. Ich brauche Ihnen nicht zu
sagen, daß ich, soweit ich irgendwie konnte, ohne mich zu sehr zu exponie-
ren, nach allen Richtungen Fühlung genommen habe um dieses Spiel zu
hintertreiben."78
Im Vordergrund der Unterredung mit Alvensleben stand neben dieser
Frage vor allem Silverbergs Angebot einer Zusammenarbeit von Unter-
nehmertum und Nationalsozialismus: Silverberg deutete dabei an, daß er
hierzu persönlich bereit sei, warnte aber eindringlich vor einem unklaren
Kurs der Partei, der zur Abwendung der Industrie führen müsse:

"Die Wirtschaft braucht, um fünf Millionen Arbeitslose von der Strasse herun-
ter in die Betriebe zu bringen, vor allem Ruhe, Ordnung und eine gleichbleibende
politische Linie. Die Wirtschaft war bereit, mit der nationalsozialistischen Bewe-
gung, deren nationalem Elan sie sich sofort anschloß, zusammenzugehen. Die
Bewegung hat aber das Ordnungsbedürfnis der Wirtschaft bisher nicht genügend
berücksichtigt, und es besteht daher die Möglichkeit, daß sie sich vom Nationalso-
zialismus abwendet und der Parole der Regierung Papen folgt, weil deren Wirt-
schaftsprogramm ihr die Hoffnung auf die Sicherung der Ordnung und die ent-
schiedene Abkehr von Sozialismus und Marxismus gebracht hat. Es wird für die-
jenigen Persönlichkeiten der Wirtschaft, die von jeher (Silverberg-Rede 1926 in
Dresden) der Meinung waren, daß das deutsche Unternehmertum mit der Arbei-
terschaft und auch einer großen politischen Vertretung der Arbeitnehmerschaft
zusammengehen müsse, daher immer schwerer, für das Zusammengehen der
Wirtschaft mit dem Nationalsozialismus einzutreten. Ohne das Unternehmertum
und die Wirtschaft aber wird der Nationalsozialismus außerstande sein, die Mil-
lionen Erwerbslosen in die Betriebe zu bringen, dem Volk Arbeit und Brot zu
geben und damit die Voraussetzung für die Durchführung der nationalen Ziele zu
schaffen."79

Wie 1926 in Dresden kam es Silverberg darauf an, mit "einer großen po-
litischen Vertretung der Arbeitnehmerschaft", diesmal allerdings der
NSDAP anstelle der SPD, zusammenzugehen. Dies sei im übrigen auch im
Interesse der NSDAP, denn "ohne das Unternehmertum" werde es der Par-
tei nicht möglich sein, die Krise zu überwinden. Dies verlange aber vom
Nationalsozialismus, das "Ordnungsbedürfnis der Wirtschaft" besser als
bisher zu berücksichtigen.
Dem Votum einer Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus ent-
sprach, wie in Silverbergs Gespräch mit Alvensleben deutlich wird, die
Notwendigkeit für die Unternehmer, "die Führung der N.S.D.A.P. zu einer
deutlichen, unmißverständlichen Klarheit über ihr wirkliches Wirt-
schafts- und Sozialprogramm zu drängen"80 So galt auch den Führerbriefen
das von Strasser in seiner Reichstagsrede vom 10. Mai verkündete "Wirt-
schaftliche Sofortprogramm", das in Industriekreisen allgemein mit großer
Skepsis betrachtet wurde,81 als eine Mischung von "gewerkschaftli-
chem Denken und deutscher Romantik", mit dem "keine nüchterne und

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 162


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

wirklichkeitsgerechte Wirtschaftserfolgspolitik zu treiben" sei und bei des-


sen tatsächlicher Anwendung "starke Bedenken" nicht unterdrückt werden
könnten.82 Die wiederholte Kritik an diesem Programm in den Führerbrie-
fen im Juni, Juli und August 193283 gipfelte in dem Vorwurf, der National-
sozialismus sei bereit, die Weltwirtschaft preiszugeben und die deutsche
Exportindustrie "zu opfern". Durch das Sofortprogramm gehe "ein Zug zur
Primitivität, Flucht aus dem Komplizierten, aus der Arbeitsteilung und Zu-
sammenarbeit mit anderen, fremdbestimmten Faktoren in die Einfachheit
der Verhältnisse, in ihre nationale Überschaubarkeit und Reglementierung;
es ist nichts anderes als ein neuer Merkantilismus, der hier heraufsteigt.84
Eine Verbindung zwischen den Aktionen des RDI gegen das "Sofort-
programm",85 der Intervention Paul Reuschs und dem Vorstoß Silverbergs
über Alvensleben und die Führerbriefe ist wahrscheinlich: So hatte der Fa-
schismus-Referent im RDI, Dr. Hans Reupke,86 bereits Mitte August Füh-
lung mit Silverberg aufgenommen und dessen dortigem Mitarbeiter, Dr.
Bauer, einen von ihm parallel zur offiziellen Zurückweisung des "Sofort-
programms" durch den RDI (Herle-Denkschrift vom 8. September)87 gefer-
tigten separaten Gegenentwurf "zur vertraulichen Kenntnisnahme" überlas-
sen)"' Reupke stellte seine vor allem gegen die "Thesen" von Rentelns ge-
richtete Schrift "Leitsätze für eine Wirtschaftserklärung des nationalen Un-
ternehmertums"89 dann der NSDAP über Gregor Strasser "zur endgültigen
Beratung im engsten Führerkreis" zur Verfügung.90 Den in dem Entwurf
Reupkes zum Ausdruck kommenden Gedanken, daß die Wirtschaft als Ge-
gengewicht gegen die übermäßige Einflußnahme des Staates eine aus ihr
selbst entstehende Selbstverwaltung schaffen müsse, die dann im Verein
mit der Staatsverwaltung, aber anscheinend doch wohl aus eigenem Recht
die wirtschaftliche Betätigung der Nation leitet", hielt Dr. Bauer insbeson-
dere auch deshalb für "sehr beachtlich", weil damit an die von Silverberg
bereits vor dem Club von Berlin (3. März 1932) entwickelten Vorstellungen
angeknüpft wurde.91
Bei aller grundsätzlichen Kritik am Wirtschaftsprogramm der NSDAP
war überraschend, daß die Führerbrief-Redaktion den von Parteiseite
verantwortlich zeichnenden Gregor Strasser mit einer dazu scheinbar in
Widerspruch stehenden, zunächst noch schwankenden, später eindeutig
positiven Wertung bedachte.92 Auch Silverbergs Mitarbeiter Dr. Bauer
erschien Strasser als eine Persönlichkeit, die "anscheinend recht aufge-
schlossen" ist.93 Die Führerbriefe bescheinigten Strasser einerseits, daß er
"zu einem gewissen Radikalismus" neige, "dessen Ausmaß allerdings
noch nicht klar" sei,94 anerkannten aber andererseits, daß seine Rede vom
10. Mai 1932 "in ihrem Bemühen um Sachlichkeit" bereits den "Übergang
der N.S.D.A.P. von der Opposition zur gouvernementalen Position" einge-
leitet habe.95 Diese zwiespältige Beurteilung resultierte nicht zuletzt aus
der Mittlerrolle, die Strasser zugedacht war: Strasser bildete für Silver-

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 163


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

berg und seinen Mitarbeiterkreis den unentbehrlichen Ansatzpunkt für eine


Integration der Arbeiterschaft durch die NSDAP. Die Führerbriefe regi-
strierten in diesem Sinne mit Genugtuung, daß Strasser "sehr geschickt"
"einen Keil zwischen die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie" zu
treiben96 und deren wechselseitigen Ablösungsprozeß zu beschleunigen
suche.97 Die verbale Radikalität des Nationalsozialismus wurde deshalb
auch als notwendiger Köder für die Massen begriffen und legitimiert; in
diesem Sinne fand Strassers große Rundfunkrede vom 20. Juni 1932 gera-
dezu begeisterte Zustimmung:

"Sie ist ein ausgezeichnetes Modell des wirklichen nationalsozialistischen Pro-


gramms. Dieses Programm verkündet im Gegensatz zu den Zielansagen bürgerli-
cher Parteien nämlich keine greifbaren Aufgaben, die anzupacken und so oder so
zu lösen die Partei verspricht, sondern es will nur zweierlei: eine Block von Glau-
ben und Willen bilden und die allgemeine Zielrichtung ansagen, in die dieser
Block in Bewegung gesetzt werden soll ... Daher wurzelt das Programm in Aus-
schließlichkeit und gipfelt in Mystik. Daher bleibt es auch immer − nicht aus in-
tellektueller Unterschlagung oder Doppelzüngigkeit, wie so viele Gegner meinen
− im Unbestimmten haften, aber in einem Unbestimmten, das von Idealen und
Illusionen bevölkert ist, das jede Hoffnung gestattet und das einfache und ent-
täuschte Gemüt nur zu leicht beschwingt."98

Im September 1932 schwanden für die Führerbriefe die letzten Zweifel


an einer Brauchbarkeit Gregor Strassers: Nach einer lebhaften Auseinan-
dersetzung" mit Hitler (wohl direkt nach dem 12. September 1932), in der
es vor allem um Strassers Verhandlungen mit Schleicher ging,99 bekräftigte
der Reichsorganisationsleiter der NSDAP seine loyale Haltung gegenüber
"Führer" und Gesamtpartei100 und entschied sich, "vor die klare und letzte
Wahl" gestellt, für den "Weg des konservativen Revolutionärs-, d. h. das
"Zusammengehen mit Hitler".101 In einem bisher zu wenig beachteten In-
terview mit dem amerikanischen Journalisten H. R. Knickerbocker
bestätigt sich diese Kehrtwendung: Strasser erklärte dort unmißverständ-
lich: "Wir erkennen das Privateigentum an. Wir erkennen die private
Initiative an. Wir erkennen unsere Schulden an und unsere Verpflichtung,
sie zu zahlen. Wir sind gegen die Verstaatlichung der Industrie. Wir sind
gegen die Verstaatlichung des Handels. Wir sind gegen Planwirtschaft im
Sowjetsinne ... Wenn wir zur Macht kommen, wird es keine gewaltsamen
Änderungen geben." Für Knickerbocker ergab sich aus diesem Gespräch
die definitive Erkenntnis, "daß der Kapitalismus von den Natio-
nalsozialisten nichts zu fürchten ha[be]".102 Ein wichtiges programmati-
sches Signal in diesem Zusammenhang war auch die von den DFB bereits
am 16. September 1932103 gemeldete Umorganisation der "Hauptabtei-
lung IV (Wirtschaft) der Reichsorganisationsleitung der N.S.D.A.P." Die
Entmachtung Wageners, bei gleichzeitiger Aufwertung Walter Funks, ver-
deutlichte, daß zu diesem Zeitpunkt eine wichtige Vorentscheidung

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 164


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

über die zukünftige nationalsozialistische Wirtschaftspolitik gefallen


war.104
In der Aussprache mit Hitler von Mitte September 1932 gab Strasser,
wie die Führerbriefe zu berichten wußten, im übrigen die Zusage, daß er in
der Wahlkampfpropaganda "von bedenklichen, dem marxistischen Sozia-
lismus nahekommenden Schlagworten absehen werde."105 Die für die Kam-
pagne zur Reichstagswahl vom 6. November 1932 ausgegebene Parole "ei-
ner Mäßigung der Kampfesweise und Distanzierung von Klas-
senkampfparolen" sahen die Führerbriefe "durchweg befolgt". So fanden
auch der viel beachtete Auftritt Strassers vor 15000 Betriebszellenleitern
der NSDAP am 20. Oktober 1932 im Berliner Sportpalast und das dort ver-
kündete neue "Wirtschaftliche Aufbauprogramm der N.S.D.A.P." ungeteilte
Zustimmung:

"Die sehr abgewogenen Ausführungen Strassers über das nationalsozialisti-


sche Wirtschafts- und Arbeitsbeschaffungsprogramm werben gleichzeitig um das
Vertrauen der Wirtschaft und der breiten Arbeitnehmer- und Konsumentenschich-
ten. Besonders bemerkenswert sind dabei die maßvollen Formulierungen über den
,deutschen Sozialismus', die der privaten Initiative weitestgehenden Spielraum
gewähren."106

Das vielfältige Werben der Führerbriefe und Silverbergs für Strasser


hatte gleichwohl mit der Bildung einer Front gegen Hitler wenig zu tun.
Tatsächlich manifestierten sich für Silverberg und seine Mitarbeiter in Hit-
ler und Strasser die Pole einer dem Nationalsozialismus zugewiesenen
Doppelstrategie gegenüber der Massenbasis der Partei einerseits und der
Interessenpolitik für die Wirtschaft andererseits. Eine erfolgversprechende
Propagierung der Volksgemeinschaftsideologie verlangte nach Ansicht der
Führerbriefe, daß Strasser innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung
in notwendiger Komplementärfunktion zu Hitler erscheine, dem wiederum
die Gesamtleitung der Politik zu übertragen sei. Hitler selbst sei die "stärk-
ste Hoffnung" innerhalb eines "Umwandlungsprozesses" in der NSDAP
dagegen, "daß wir vor dem Massenrausch kapitulieren, daß eine Renais-
sance von Weimar anhebt, also von Demokratie, Parlamentarismus, Legali-
tät, der gesamten Ideologie der letzten 150 Jahre." Deshalb gelte es, "inner-
halb der NSDAP Hitlers Gedankengänge gegen die seiner Unterführer ab-
zugrenzen und sie als die weltanschaulichen Ziele der Bewegung, die grö-
ßer sind als die parlamentarisch-politischen der Partei, zu stärken."107 Im
Führungsanspruch Hitlers erblickten die Führerbriefe zugleich die Garantie
für eine wirtschaftsfreundliche Gesamtlinie der NSDAP:

"Er ist ein Mann mit so ausgesprochenem Verantwortungsgefühl und, soviel


man weiß, auch von einer so ausgesprochenen Abneigung gegen radikale Experi-
mente und die Geltendmachung und überstürzte Verwirklichung wirtschaftlich
und sozialpolitisch unvernünftiger Forderungen, daß in seiner Person schon ein
sehr starkes Kontroll- und Korrektivelement gegenüber einem etwaigen, der

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 165


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

deutschen Gesamtheit abträglichen Radikalismus einer zukünftigen Parteipolitik


108
liegt."

Das konsequente Eintreten der Führerbriefe für die "Heranziehung Hit-


lers und seiner Partei ... zur vollen Verantwortung in der Führung der
Reichspolitik" vor und nach dem 13. August 1932 (bei gleichzeitig scharfer
Wendung gegen das autoritäre Experiment von Papens) war somit folge-
richtig109 und bestätigte die positive Beurteilung Hitlers durch Silverberg
und seinen Mitarbeiterkreis.
Die Kontakte Silverbergs zu Strasser liefen parallel zu seiner Fühlung-
nahme mit Hitler und stellten deren logisches Korrelat dar, hatten also kei-
neswegs dessen Abtrennung von der Partei zum Ziel. Silverberg leistete
dabei auch finanzielle "Subventionen", die auf undurchsichtigen Wegen
schließlich Strasser zugeleitet werden konnten. Die Information Meynens,
daß hierbei von Alvensleben, der die ersten Kontakte zwischen Silverberg
und Hitler geknüpft hatte, eine zentrale Rolle spielte,110 ist allem Anschein
nach zutreffend. Als Mittelsmänner fungierten daneben Reupke und der
Adjutant Strassers, Paul Schulz.111 Die Geschäftsabwicklung erfolgte, wie
bei anderen politischen Finanzierungen Silverbergs auch, offenbar über die
"Bank für deutsche Industrieobligationen" (Bafio).112
Trotz seines Eintretens für die Übertragung der Regierungsverantwor-
tung auf den Nationalsozialismus kam für Silverberg eine Mitarbeit in der
'Bewegung' selbst, für die Schacht 1931 und Funk 1932 geworben hatten,113
nicht in Frage. Wohl aber sah er die Möglichkeit, seinen Mitarbeiter Otto
Meynen direkt mit Hitler verhandeln zu lassen. Wiederum vermittelte Al-
vensleben und bat in einem Schreiben vom 15. September 1932 an Hitler
um einen Empfang Meynens.114 Meynen, die "rechte Hand" Silverbergs,
habe sich als Herausgeber der Führerbriefe "konsequent für die Heranzie-
hung unserer Bewegung zur vollen Verantwortung der Reichspolitik einge-
setzt." Nun habe aber Papen "starken Druck eingesetzt, um die Führerbriefe
zu einer Änderung ihres Standpunktes zu veranlassen." Da diese Briefe von
einer "sehr weittragenden politischen Bedeutung" seien, liege ihm, Alvens-
leben, "alles daran, zu verhindern, daß Papen bei den Führerbriefen durch-
dringt." Ein Empfang Meynen wäre deshalb "aus allen möglichen Gründen
bedeutungsvoll." Dem Schreiben waren zwei Führerbriefe Nr. 66 vom 26.
August und Nr. 68 vom 2. September 1932 als Beleg beigefügt.115
Da die für den 16. September in Aussicht genommene Unterredung
zwischen Hitler und Meynen nicht zustande kam, brachte Alvensleben we-
nige Tage später seine Bitte erneut vor, nicht ohne Silverberg als einen
Mann anzupreisen, der sich "auf wirtschaftlichem Gebiet außerordentliche
Verdienste erworben" habe und "nur den einen Fehler" besitze, "ein Juden-
abkömmling" zu sein.116 Alvensleben teilte Hitler ferner mit, daß er seinem
Privatsekretär Rudolf Hess die "letzten Nummern" der Führer-

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 166


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

briefe übersandt habe: Es handelte sich dabei wohl kaum zufällig um dieje-
nigen Exemplare, die den wegweisenden Rekonsolidierungs-Artikel ent-
hielten.
Anfang November 1932 kam es dann tatsächlich zu dem gewünschten
Zusammentreffen der "Unterhändler" Silverbergs, Meynen und Reuter, mit
Hitler im Hotel Kaiserhof, dem Berliner Standquartier der NSDAP. Die
Unterredung selbst dauerte nach einem Bericht der "Welt am Montag"
"über eine Stunde. . . Hitler bestritt die Unterhaltung, seinem Temperament
entsprechend, zu neun Zehnteln allein. Das lag aber zufällig auch im Sinne
der Unterhändler, da sie ja seine Meinung hören wollten. Sie äußerten sich
nach [ihrer] Rückkehr zuversichtlich und betonten, Hitler 'kenne jetzt die
Grenzen seiner politischen Macht ".117 In den Führerbriefen und fast gleich-
lautend den "Velten-Briefen" beteuerten Meynen und Reuter, im übrigen
sparsam mit Informationen über die Zusammenkunft, daß Hitler trotz der
"Abneigung" des Reichspräsidenten, ihn zum Kanzler zu ernennen, sich
nicht "auf irgendwelche Unbesonnenheiten abdrängen lassen würde": Sie
hätten "aus einem kürzlichen Gespräch mit Hitler einen viel zu guten Ein-
druck von seinem klaren, nüchtern real-politischen Blick bekommen", als
daß sie annehmen könnten, "er würde nicht eine legale Möglichkeit zu er-
greifen versuchen".118
Die spätere Mitteilung Meynens, es habe sich um eine unverbindliche
Erörterung wirtschaftspolitischer Prognosen "über den Verlauf der dama-
ligen Krise" gehandelt, ein Thema, zu dem er als durch Alvensleben emp-
fohlener Experte von Hitler konsultiert worden sei, wird dem Vorgang
kaum gerecht.119 Richtiger ist wohl die Version, daß es Hitler in erster Linie
darauf ankam, die politische Sonderrolle Silverbergs und der Führerbriefre-
daktion, also deren Eintreten für seine Kanzlerschaft, zu bestärken. Bei Sil-
verberg mag der Wunsch mitgespielt haben, "auch in der neuen Richtung
wieder als ausschlaggebender Berater und wirtschaftlicher Faktor betrachtet
zu werden."120
Die Führerbriefe vertraten jedenfalls weiterhin die Forderung nach einer
Regierungsübernahme durch Hitler und lehnten jede "Zwischenlösung" ab.
Anläßlich der für den 19. November anstehenden Verhandlungen zwischen
Hindenburg und Hitler über die Bildung einer neuen Regierung könne man,
so die DFB, "nicht dringend genug wünschen, daß es in dieser historischen
Stunde zu einer Verständigung kommt ... Darum soll Hindenburg Hitler
zum Manne seines Vertrauens machen, es sei denn, daß dieser selbst
jemand anders vorschlüge."121 Dieses Plädoyer, das sich wohl die
Chance eines Auswegs offenhielt (falls Hitler nämlich Strasser benen-
nen sollte),122 entsprach substantiell der vom "Keppler-Kreis" initiierten
Eingabe an den Reichspräsidenten. Silverberg war offensichtlich auch
persönlich bereit, die Eingabe zu unterzeichnen. Jedenfalls meldete Keppler
am 14. November 1932 an Krogmann: "Selbst Silverberg will ohne Beden-
ken auf seine Abstammung unterschreiben."123 Wie Silverberg spä-

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 167


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

ter bestätigte, hatte er von der Aktion Kenntnis, "aber es hat sich niemand
an mich wegen meiner Unterschrift gewendet, was ja auch nach Lage der
Dinge, angesichts meiner Abstammung, nicht gut möglich war."124
Nachdem Hindenburg ein Hitler-Kabinett abermals abgelehnt hatte, weil
es sich "zwangsläufig zu einer Parteidiktatur" entwickeln würde, verfielen
die Führerbriefe, die das "größere Recht" auf der Seite Hitlers sahen, in
Ratlosigkeit, da sie keine tragfähige Alternative erblicken konnten:

"... wir vermögen uns im Augenblick keine Lösung der Regierungskrise vor-
zustellen, die von längerem Bestand wäre und Aussicht auf den nötigen Erfolg der
neuen Regierung böte. Die Umstände erforderten eigentlich die Berufung Schlei-
chers zum Kanzler, der aber wohl schon vom Reichspräsidenten für diesen Zweck
beim Portepee gefaßt werden müßte. Für die Autorität einer Präsidialregierung am
ungeeignetsten wäre die Wiederberufung Papens . . ."125

4. Schleichers "Strasser-Lösung" und die Politik Silverbergs

Schleichers Konzept einer Massenbasis, das wohl weiter führte als Papens
Idee des "Neuen Staates", lehnte Silverberg, soweit es vornehmlich auf ei-
ner "Querachse" zu den Gewerkschaften beruhte, entschieden ab. In diesem
Sinne hatte Silverberg bereits im September 1932, angesichts einer mögli-
chen Koalition zwischen NSDAP und Zentrum im Reich, vor den Gefahren
einer Querverbindung "aller gewerkschaftlichen und sozialistisch einge-
stellten Teile des Zentrums und der Nationalsozialisten" gewarnt, die "voll-
kommen einig in der Absicht" seien, "die Verstaatlichung zumindest des
Bergbaues, der Schwerindustrie und angeblich auch der Großchemie durch-
zuführen ... Man ha[be] Grund anzunehmen, daß diese Bestrebungen ihr
zentrales Antriebsmoment im Reichswehrministerium finden, das eine voll-
ständige wirtschaftspolitische Abteilung eingerichtet hat und von Autori-
tätsgedanken und der Sicherung der Landesverteidigung getragen, diese
Sozialisierungsideen und die planwirtschaftlichen Ideen fördert . . . "126
Silverbergs Distanz zu Schleicher127 wurde verstärkt durch den offen-
sichtlichen Einfluß des Kölner Eisenindustriellen Otto Wolff beim damali-
gen Reichswehrminister, der, von Schleicher protegiert, vor allem den Ein-
stieg ins profitable Rußlandgeschäft zu finden suchte.128 Alte persönliche
Animositäten zwischen Silverberg und Wolff mündeten im September 1932
in einer öffentlich ausgetragenen Pressefehde:129 dieser Kontroverse ent-
sprach dabei auf höherer politischer Ebene die Auseinandersetzung zwi-
schen Hitler und der Schleicher-Wolff-Gruppe in der Frage der Regie-
rungsbeteiligung der NSDAP.130 In Übereinstimmung mit Reusch131 be-
fürchtete Silverberg vor allem einen Stillstand der "inneren Reform"

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 168


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

unter Schleicher. Bereits im November 1932 hatten die Führerbriefe' die


Zielrichtung Silverbergs, der sich schon zuvor als "Anhänger einer berufs-
ständischen zweiten Kammer" bekannt hatte, 132 genau herausgearbeitet. In
einem von dem Industriellen anscheinend persönlich verfaßten Artikel "Je-
na oder Sedan" erschien die grundsätzliche Alternative in der zukünftigen
politischen Entwicklung dramatisch zugespitzt:
"Es besteht jetzt die Chance, das tatsächliche System', das Verhältnis von Staat
und Wirtschaft, zu ändern. Aber es fehlt an Einheit und Willen in der Wirtschaft.
Wir sind heute endlich soweit, ohne Sozialdemokraten zu regieren, aber der Ein-
satz eines bürgerlich-privatwirtschaftlichen Regimes wird zunächst geschwächt
durch einen starken Gegensatz von liberalem und feudalem Kapitalismus. zwi-
schen Industrie und Landwirtschaft ...
Der Sinn der Krise müßte für das Unternehmertum sein, dies System, auch mit
vorübergehenden Unbequemlichkeiten, los zu werden und den Gewerkschaften zu
beweisen, daß man den Staat nicht braucht. In der Konjunkturzeit wird man es nie
mehr los werden ... Sedan oder Jena? Wirklich Reform am bisherigen System
oder nur Einschrumpfungen und Verkleistern von Rissen? ... Das ist die epochale
Frage an die Wirtschaft. . ."133
Die Kanzlerschaft Schleichers wurde von Silverberg folgerichtig mit be-
tonter Zurückhaltung aufgenommen. Vor dem Vorstand des DIHT versuch-
te er so, der sich hier herauskristallisierenden positiven Bewertung134 des
neuen Kabinetts entgegenzuwirken. In einer Replik auf eine ausgesprochen
wohlwollende Würdigung der Schleicher-Regierung durch Eduard Hamm
mahnte Silverberg:
"Wir sollten keine Vorschußlorbeeren der neuen Regierung erteilen, sondern
abwarten, wie die Dinge laufen. Vielleicht würden ernste Auseinandersetzungen
über Planwirtschaftstendenzen oder sogar sozialistische Tendenzen notwendig
sein, und man könne noch nicht übersehen, wie die neue Regierung sich solchen
Fragen gegenüber einstellen werde. Auch die Taktik der Gewerkschaften sei zur
Zeit nicht übersehbar. Für uns sei daher um so mehr Reserve geboten ... "135
Daß Silverberg den Kurs Krupps und Kastls, die dem amtierenden Ka-
binett innerhalb des RDI Rückendeckung gaben, nicht teilte, zeigte auch
seine Zustimmung136 zu dem Vorstoß Herles gegen Schleicher vor Neußer
Industriellen am 2. Januar 1933.137 Silverbergs "Reserve" gegenüber
Schleicher und seinem Programm war jedoch nicht gleichzusetzen mit tota-
ler Konfrontation: Immerhin billigte er der Regierung und ihren Ministern
zu, "durch die Ablehnung der Mitarbeit in einem neuen Kabinett Papen die
schlechteste aller Lösungen verhindert" und damit Papens für die Wirt-
schaft nicht ungefährlichen autoritären Experimenten ein Ende gesetzt zu
haben. Die Hauptaufgabe Schleichers bestand für Silverberg allerdings dar-
in, "nichts unversucht" zu lassen, "eine Mehrheit des Volkes und in erster
Linie die Nationalsozialisten zur Mitarbeit zu bringen."138
Mit dem Versuch des Reichskanzlers, die politische Krise durch eine

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 169


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

Spaltung der NSDAP und die Herauslösung des gewerkschaftlichen Flügels


unter Führung Gregor Strassers zu lösen,139 zerschlug sich die ohnehin nur
theoretische Bündnismöglichkeit zwischen Silverberg und Schleicher. Die
in diesem Zusammenhang von Otto Meynen nach dem Kriege verbreitete
Version, Silverberg habe, um die "Hitlerdiktatur" vermeiden zu helfen, den
Versuch Strassers, "mit dem realpolitischen Flügel der NSDAP, den bürger-
lichen Parteien und mit Unterstützung durch die Sozialdemokratie eine Re-
gierung ohne und gegen Hitler zu bilden", aktiv gefördert,140 gehört ebenso
in den Bereich der Legende wie die These, daß das "Schleicher-Lager ...
sich in der Ruhrindustrie allein auf Paul Silverberg stützen" konnte, "der
auch bereit war, in ein Schleicher-Strasser-Kabinett einzutreten, denn das
Programm Schleichers bewegte sich auf seiner Linie der Einbindung des
Nationalsozialismus in eine konstruktive Politik".141 Tatsächlich widerspra-
chen sich das Spaltungskonzept Schleichers und der Ansatz Silverbergs, der
den politischen Führungsanspruch Hitlers mitverfocht und die Einspannung
der Gesamtpartei wollte, vollständig. Die Aktenlage bestätigt dieses Bild:
Kontakte Silverbergs zu Schleicher sind dokumentarisch nicht nachweis-
bar,142 wohl aber finden sich Verbindungen zu Strasser und Hitler, deren
Rollenverteilung innerhalb der NSDAP im Rahmen einer der Partei zuge-
dachten Doppelstrategie gesehen wurde.143
Das spektakuläre Ausscheiden Gregor Strassers aus der Führung der
NSDAP und die Niederlegung seines Amtes als Reichsorganisationsleiter
der Partei am 8. Dezember 1932 bedeutete für die Konzeption Silverbergs
einen schweren Rückschlag, wenn nicht ihr Scheitern überhaupt. Die
Führerbriefe, denen Strasser als der "beste, jedenfalls der staatsmännischste
Kopf der NSDAP" galt,144 begriffen seine resignative Abdankung richtig
als Niederlage des kooperationswilligen, kompromißbereiten Parteiflügels,
die vor allem auf die Intrigen von Goebbels, dem Exponenten des
totalen Machtanspruchs der NSDAP, zurückzuführen sei.145 In seinem be-
kannten Schreiben an Hitler bestätigt Strasser dieser Version: Die NSDAP
dürfe "nicht nur eine zur Religion werdende Weltanschauungsbe-
wegung" sein, "sondern eine Kampfbewegung, die die Macht im Staate in
jeder Möglichkeit anstreben" müsse. "Die alleinige Hoffnung auf das Chaos
als die Schicksalsstunde der Partei" halte er für falsch, gefährlich und nicht
im gesamtdeutschen Interesse liegend."146 Der Verzicht Strassers spiegelte
die schwere Krise wider, in die die Partei nach der wiederholten Ablehnung
einer Kanzlerschaft Hitlers durch den Reichspräsidenten geraten war.
Als in den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 erstmals ein Rück-
gang der Stimmen und Mandate für die NSDAP zu verzeichnen war, schien
der Elan gebrochen und der Zenit der Bewegung überschritten. Strassers
Versuch, dem Abnutzungskonzept das etappenweise Heranführen der
NSDAP an die Macht, insbesondere in Form der Übernahme des preußi-
schen Ministerpräsidentenamtes, entgegenzusetzen, hatte mit einer

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 170


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

"Palastrevolution", wie Goebbels glauben machen wollte,147 nichts zu tun.


Vielmehr war für Strasser, der sich vom Prinzip einer soldatisch verstande-
nen Subordination nicht zu lösen vermochte,148 das Einvernehmen mit Hit-
ler Voraussetzung seiner Politik. Als dieser ihm das Vertrauen entzog,
räumte Strasser kampflos das Feld.
Die Führerbriefe hatten, nachdem im November 1932 der direkte Weg
Hitlers "in die Macht" abermals gescheitert war, die taktische Variante einer
"Zwischenlösung" mit Strasser durchaus ins Kalkül gezogen, und zwar
durch seine Ernennung entweder zum preußischen Ministerpräsidenten oder
sogar zum Reichskanzler, ohne dabei das Endziel einer Übertragung der
politischen Macht an Hitler, dessen Autorität innerhalb der NSDAP unein-
geschränkt anerkannt wurde, aus den Augen zu verlieren.149 jetzt, nach dem
8. Dezember 1932, kam es darauf an, die Möglichkeiten einer Versöhnung
zwischen Strasser und Hitler auszuschöpfen, solange der Schwebezustand
innerhalb der NSDAP anhielt. Die Chance einer solchen Verständigung, die
zugleich auch eine Verständigung zwischen Schleicher und dem National-
sozialismus bedeutet hätte, wurde von den Führerbriefen aufmerksam ver-
folgt,150 jedoch mit angemessener Skepsis betrachtet.151 Das Scheitern der
Spekulation Schleichers, eine Spaltung der NSDAP herbeiführen zu kön-
nen, wie es nach dem psychologisch entscheidenden Wahlsieg der Partei in
Lippe am 15. Januar 1933 offenbar geworden war, gab den Hoffnungen der
Führerbrief-Redaktion auf eine Wiedereingliederung Strassers in die natio-
nalsozialistische Bewegung noch einmal neuen Auftrieb. Erst nach den
Reichstagswahlen vom 5. März 1933 und der Durchsetzung des Ermächti-
gungsgesetzes wurde dieser Gedanke, inzwischen von den politischen Rea-
litäten restlos überholt, endgültig fallengelassen.152

5. Die Kölner Unterredung zwischen Papen und Silverberg

Pressemeldungen vom Januar 1933, daß Silverberg bzw. die "jungen Leute
um die Führerbriefe'" an dem Zustandekommen des Kölner Treffens
zwischen Papen und Hitler am 4. Januar 1933 "nicht unbeteiligt" gewesen
sein sollen,153 erscheinen aus der Bündnisperspektive des Industriellen
1932/33 als nicht völlig unwahrscheinlich. Silverberg ließ diese Mitteilun-
gen jedoch durch das Conti-Büro energisch dementieren: Er habe" mit der
ganzen Angelegenheit gar nichts zu tun gehabt" und von "jener Zusam-
menkunft zwischen den Herrn Hitler und von Papen erst tags darauf in Ber-
lin durch die Presse erfahren."154 In diesem Sinne wies Silverberg auch die
von dem ehemaligen französischen Botschafter in Berlin, André Fran-
çois-Poncet, nach dem Kriege verbreitete Darstellung155 zurück, daß er per-
sönlich (an zweiter Stelle genannt neben Schacht, Thyssen und Vögler)

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 171


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

die Bemühungen Papens im Januar 1933, zu einer Verständigung mit Hitler


zu kommen, unmittelbar und aktiv unterstützt habe. Er müsse eine solche
Behauptung als "ein schmerzliches Unrecht" empfinden.156
Tatsächlich hatte Papen jedoch an Silverberg geschrieben, daß er am 4.
Januar 1933 in Köln "zu tun" habe, und sich für den Abend bei dem Indus-
triellen angemeldet. Papen suchte Silverberg auch an diesem Tag, wie zu-
vor vereinbart, in dessen Privatwohnung nur wenige Schritte vom Hause
des Bankiers von Schroeder entfernt auf und blieb zum Abendessen. Über
den Inhalt der bisher nicht bekannt gewordenen Unterredung liegt nur eine
kurze Äußerung Silverbergs vor: Danach habe Papen ihm gegenüber seine
schicksalhaften Verhandlungen mit Hitler vom Mittag "mit keinem Worte
erwähnt". Der Gast habe im Verlaufe der Unterhaltung vielmehr den Vor-
schlag gemacht, eine "neue Politische Partei" zu gründen. Dieser Gedanke
sei von ihm aber als "unnütz" abgelehnt worden.157
Die Darstellung Silverbergs geht, zumindest was den Zweck des Ge-
spräches betrifft, am Kern des Problems vorbei: Der politische Sinn der Un-
terredung wird für Papen zweifellos darin bestanden haben, für sein neues
Konzept einer Regierungsbildung mit Hitler als Reichskanzler die westliche
Industrie als Bündnispartner zu gewinnen. Silverberg, der bereits im Som-
mer und Herbst 1932 im Gegensatz zur gemäßigten Schwerindustrie kom-
promißlos für eine Übertragung der Regierungsverantwortung auf den Na-
tionalsozialismus eingetreten war, mußte dabei als gegebener Ansatzpunkt
erscheinen. Wie der Verlauf der bereits oben dargestellten Dortmunder Be-
sprechung und die sich daran anschließenden Verhandlungen vom Januar
1933 zeigten, kam aber auch auf diesem Wege eine Einigung zwischen Pa-
pen und der Reusch-Gruppe in der Frage einer Kanzlerschaft Hitlers nicht
zustande.158
Immerhin setzte sich in den Führerbriefen, gewiß ein publizistischer Er-
folg für Papen, jetzt erstmals eine positive Wertung seiner politischen Rolle
durch. So konzedierte die Korrespondenz im Anschluß an den 4. Januar,
daß Papen "ehrlich dem Ziel der Eingliederung der Nationalsozialisten in
die nationale Konzentration hat dienen wollen, deren Notwendigkeit damit
nur erneut anerkannt ist".159 Als Ende Januar 1933 die Krise um das Kabi-
nett Schleicher ihrem Höhepunkt zustrebte und in der Öffentlichkeit Speku-
lationen über die Wiederberufung von Papens als Reichskanzler auftauch-
ten, gaben sich die Führerbriefe gelassen und bescheinigten ihm, "in den
beiden letzten Monaten viel zu starke Proben seines selbstlosen nationalen
Wollens abgelegt" zu haben, als daß angenommen werden könnte, er würde
persönlich nach dem Kanzleramt greifen.160
Zur Linie der Führerbriefe bleibt anzumerken, daß die Korrespondenz
Mitte Januar 1933 neben der bisher ausschließlich verfochtenen Zielset-
zung, den Nationalsozialismus in "seiner Gesamtheit mit in die Regierung
zu nehmen", eine neue, jetzt ebenfalls denkbare Alternative aufzeigte,
nämlich "vorübergehend ganz ohne Parlament zu regieren."161 Parallel zu

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 172


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XII. Sonderrolle Silverbergs 1932/33

diesem Votum für eine Notstandsdiktatur auf Zeit waren neue Töne gegen-
über Hitler und dem Führungsanspruch der NSDAP zu hören, in denen die
Argumentation Gregor Strassers deutlich nachklang und die durchaus als
Warnung an die Partei begriffen werden konnten:

"Die Häufung von inhaltleerer Demagogie, eitlem Ehrgeiz, brutalem Streber-


tum, von anderen Auswüchsen ganz zu schweigen, läßt trotz der überragenden
Stellung Hitlers die Partei als ein Zerrbild erscheinen, das jeden, der sich für die
nationale Idee verantwortlich fühlt, mit schwerster Sorge erfüllen muß ... Der bis-
herige Mißerfolg beruhte in der von Hitler vorgenommenen Identifizierung von
Ausschließlichkeit der Idee und totalem Machtanspruch ... Für das Endziel der
totalen Umgestaltung des Staates im nationalen Sinne ist aber der Einbau der
NSDAP jetzt nicht mehr von der Bedeutung, die diese Frage etwa vor einem Jahr
noch hatte." 162

Mit der Zuspitzung der politischen Lage Ende Januar 1933 waren diese
Spekulationen auf ein autoritäres Obergangskabinett dann wieder ersatzlos
fallen gelassen worden.163 Anläßlich der Ernennung Hitlers konstatierten
die Führerbriefe schließlich nicht ohne Genugtuung, daß die "Regierungs-
krise ... durch die Berufung Hitlers zum Reichskanzler erfreulich schnell die
Lösung gefunden" habe, "die wir seit dem Sommer unentwegt trotz nicht
geringer Kritik und Anfeindungen als die beste gefordert haben."164

Anmerkungen zu Kap. XII auf S. 265-73 173


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

XIII. Die Großindustrie und die national-


sozialistische Diktatur im Frühjahr 1933

1. Die Industrie und der 30. Januar 1933

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erfolgte bei gespaltener Indu-


striefront. Dabei zeichnete sich in geringfügig modifizierter Form das glei-
che Spektrum ab wie im Herbst 1931 gegenüber der Harzburger Front: Die
RDI-Führungsspitze trat folglich Ende Januar 1933, als die Regierungskrise
ihrem Höhepunkt zustrebte, entschieden für ein Verbleiben des Kabinetts
von Schleicher ein. Sie billigte zugleich den Versuch Schleichers, durch
eine Vertagung des Reichstags bis Herbst 1933 eine Entspannung der in-
nenpolitischen Lage herbeizuführen, ohne die Nationalsozialisten mit der
Regierungsverantwortung zu betrauen. Dies, und nicht die "Machtübertra-
gung" auf Hitler,1 erschien dem Reichsverband in der konkreten Situation
Anfang 1933 als ein "Ausweg", der, "vorn Standpunkt der Wirtschaft aus
gesehen", "weitaus jedem anderen vorzuziehen" sei.2 In Fortsetzung dieser
Linie intervenierte das Geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI, Ge-
heimrat Kastl, gemeinschaftlich mit dem DIHT beim Staatssekretär in der
Präsidialkanzlei, Otto Meissner, offenbar, um eine Kanzlerschaft Hitlers in
letzter Minute zu verhindern.3
Als die Entscheidung gefallen und das neue Kabinett unter nationalso-
zialistischer Führung gebildet war, kommentierte die DWZ den Sturz
Schleichers mit der nicht zuletzt an die Adresse Hindenburgs gerichteten
Bemerkung, es sie die "Tragik" dieses Reichskanzlers gewesen, daß er
"schließlich das Vertrauen an der Stelle verlor, von der er in erster Linie
Berufung und Vollmacht hatte."4 Auch Persönlichkeiten wie von Wil-
mowsky, der innerhalb des "Mitteleuropäischen Wirtschaftstages" (MWT)
eine Schlüsselstellung einnahm, oder der Herausgeber der DAZ, Fritz
Klein, übermittelten dem General im "Augenblick des Wettkriechens um
die Gunst der neuen Herren" bemerkenswerte Solidaritätsbekundungen.5 So
schrieb Wilmowsky:

"Man kann innerlich zu der Regierungsumbildung stehen, wie man will, und
man mag der Politik den Primat über Regungen des Gemüts voll zubilligen; vom
menschlichen Standpunkt habe ich das lebhafteste Bedauern gefunden, daß eine
Persönlichkeit wie Sie in dieser kritischen Stunde nicht mehr verantwortungsvoll
wirken soll."6

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 174


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

Die gemäßigte Schwerindustrie, deren Position vor allem Paul Reusch


artikulierte, schloß sich diesem Urteil nicht an. Das "Verschwinden"
Schleichers, dessen Politik der "Versöhnung" schärfster Widerstand entge-
gengebracht worden war, wurde hier durchaus mit Genugtuung registriert.7
Der konservativ-autoritären Grundorientierung dieser Unternehmergruppe
entsprechend bedeutete dies allerdings nicht eine vorbehaltlose Zustim-
mung zum Hitler-Regime. So mahnte Reusch den Hauptschriftleiter des
"Fränkischen Kuriers", Rudolf Kötter: "Ich bitte nach wie vor, sich der Re-
gierung gegenüber abwartend und nüchtern zu verhalten. Begeisterung ist
vorläufig noch nicht am Platze."8 − Demgegenüber stellte die Entscheidung
Hindenburgs vom 30.Januar 1933 für den Hitler-Flügel der Industrie die
seit langem kompromißlos als allein richtig verfolgte Lösung dar. Sein
Wortführer innerhalb der Großindustrie, Fritz Thyssen, hatte so zuvor wie-
derholt darauf hingewiesen, daß der Nationalsozialismus "nur einen Führer"
kenne, der "allein berufen" sei, "Deutschland die Staatsform zu geben, die
nach menschlichem Ermessen allein imstande ist, dem Umsturz und der
Vernichtung der europäischen Zivilisation die Stirn zu bieten."9 In der ge-
mäßigten Schwerindustrie war man hier skeptischer und zeigte sich auch
hinsichtlich der Erfolgsaussichten einer "konservativen Einrahmung" nicht
sicher, zumal Vizekanzler von Papen, trotz seiner engen politischen Bezie-
hungen zu Springorum, dem Vorsitzenden des Langnam-Vereins, in den
entscheidenden Vorverhandlungen mit der NSDAP im Januar 1933 den
Vorstellungen der Ruhrindustrie nicht gefolgt war.10 Insbesondere den für
den 5. März angesetzten Reichstagswahlen wurde mit gewisser Sorge, auch
wegen einer möglichen Verschiebung des Kräftegleichgewichts zuungun-
sten des bürgerlichen Elements in der Regierung, entgegengeblickt: Es un-
terliege, so Reusch gegenüber Hamm vom DIHT, "keinem Zweifel", daß
durch die Wahlen das "Wirtschaftsleben ungünstig beeinflußt" werde,

"da ja vorläufig noch kein Mensch weiß, wohin die Reise geht und infolgedessen
kein Vertrauen in die weitere Entwicklung der Dinge bestehen kann. - Richtig ist,
daß das Bürgertum auf diese Wahlen ebenso wenig vorbereitet ist wie auf die ver-
gangenen Wahlen. Wenn es sich nicht entschließt, sich zu einer einzigen großen
Partei zu vereinigen, wird es vorläufig im politischen Leben Deutschlands keine
Rolle mehr spielen."11

Reusch sah richtig, hatte aber kein tragfähiges Alternativkonzept bereit,


um sein politisches Programm zu verwirklichen: Der im Februar/März 1933
erneut ventilierte Gedanke einer "Bürgerlichen Sammlung" um die DNVP
als Kristallisationspunkt konnte, wie Reusch wohl selbst wußte, schwerlich
als realistischer Ansatz gelten. Immerhin bemühte sich die gemäßigte
Schwerindustrie durch massive finanzielle Förderung der
"schwarz-weiß-roten Kampffront", die Position Papens zu stärken; gleich-
wohl hatte dies mit Opposition wenig zu tun, galt doch die Samm-

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 175


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

lung der Wahlgelder der Unterstützung des "politischen Einigungswerkes"


Papens insgesamt,12 zielte also faktisch auf eine Konsolidierung des
NS-Systems.

2. Der Konflikt mit der Hitler-Regierung in der Wirtschaftspolitik

RDI und DIHT hielten in Fortsetzung ihrer zuletzt unter Schleicher vorge-
brachten Generalkritik am Wirtschaftsprogramm der NSDAP,13 aber auch
an den Plänen Schachts,14 im Februar und März 1933 an ihrer auf Distanz
bedachten Linie fest: Der neuen Staatsführung wurde öffentlich bescheinigt,
daß ihr Konzept "von letzter Klarheit noch weit entfernt" sei,15 eine Fest-
stellung, die Reichskanzler Hitler im Kabinett definitiv bestätigte und mit
der Notwendigkeit einer auf Breitenwirkung abgestellten Propaganda recht-
fertigte.16 Im Vordergrund der Auseinandersetzung von RDI und DIHT mit
der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik stand, in Kontinuität der be-
reits Papen und Schleicher gegenüber eingeschlagenen handelspolitischen
Linie, der Kampf gegen die Autarkie.17
Unmittelbar nach der Inaugurierung des Hitler-Papen-Kabinetts trafen
die Vertreter der Spitzenverbände zusammen, um angesichts der zu erwar-
tenden Vereinigung von Wirtschafts- und Ernährungsministerium Maß-
nahmen einzuleiten, die einer Abkehr von einem weltmarktorientierten
Handelssystem entgegenwirken sollten. Gleichzeitig kamen die industriel-
len Organisationen überein, auf Distanz zur Regierung zu bleiben und "vor-
läufig auch nicht offiziell um eine Audienz bei dem Reichskanzler oder
Hugenberg" einzukommen, damit, so Kastl, nicht der "Eindruck" entstehe,
"als ob wir uns in irgend einer Form anwerfen wollten".18 Anläßlich der
ersten Besprechung zwischen der Industrie und dem neuen Wirtschafts- und
Ernährungsminister Hugenberg am 9. Februar 1933 legte Kastl ein ausführ-
liches Aide mémoire vor,19 in dem das Prinzip einer exportorientierten Han-
delspolitik für unverzichtbar erklärt wurde. In Übereinstimmung mit dem
DIHT und der Internationalen Handelskammer verlangten die Vertreter des
Reichsverbandes von der Regierung, die Pläne zur Einführung von Han-
delskontingenten, wie von der Landwirtschaft gefordert und auch von
Schacht befürwortet,20 fallenzulassen. Silverberg bezeichnete in seiner Ei-
genschaft als Stellvertretender Vorsitzender des RDI den Versuch einer
"derartigen schematischen Regelung der Handelsbeziehungen als verhäng-
nisvoll",21 und Frowein betonte für die Internationale Handelskammer, "daß
eine Sanierung der deutschen Wirtschaft ohne eine Sanierung der Weltwirt-
schaft nicht denkbar sei. Man sei sich international darüber einig, daß das
Prinzip der Meistbegünstigung aufrechterhalten werden müsse ... Man den-
ke heute wirtschaftspolitisch zu bilateral und müsse sich wieder daran ge-
wöhnen, multilateral zu denken und zu handeln."22

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 176


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

Für den DIHT wies Hamm auf die "Zusammenhänge zwischen Arbeits-
losigkeit und Exportförderung" hin und warnte dabei vor "Maßnahmen",
die das "handelspolitische Verhältnis zu unseren Hauptabnehmern erschüt-
tern können".23 Die schwerwiegenden Besorgnisse der Exportindustrie24 vor
einer zunehmenden Autarkiepolitik der NS-Regierung bestimmten auch die
Präsidialsitzung des RDI vom 17. Februar 1933:25 Das Präsidium ließ in
seiner ersten öffentlichen Erklärung zum Amtsantritt des Hitler-Kabinetts
nur knapp verlauten,
"daß die Stellungnahme der Industrie auch gegenüber der neuen Regierung von
ihren wirtschaftspolitischen Maßnahmen abhängig bleiben müsse. Für die Besserung
der wirtschaftlichen Verhältnisse sei es nach Auffassung der Industrie von ausschlag-
gebender Bedeutung, daß Störungen der inneren Ruhe und des sozialen Friedens
vermieden würden, damit die vorhandenen Möglichkeiten einer organischen Gesun-
dung, die für die Gesamtheit des deutschen Volkes lebenswichtig sei, nicht vernichtet
würden. Dazu müßten Unternehmer und Arbeiter im Interesse der Allgemeinheit bei-
26
tragen."
Diese Erklärung stimmte im Tenor mit einer bereits am 10. Februar ver-
breiteten Mitteilung überein, daß die Stellungnahme des RDI "zu dem neu-
en Reichskabinett ebenso wie zu früheren Regierungen lediglich durch sei-
ne wirtschaftlichen Maßnahmen bestimmt" werde.27 Krupp erhielt im An-
schluß an die Präsidialsitzung den Auftrag, bei Hitler persönlich gegen eine
Umstellung der Außenhandelsbeziehungen Front zu machen: Dies sollte im
Rahmen der bekannten Zusammenkunft führender Industrieller mit Hitler
im Hause Görings am 20. Februar 1933 geschehen.28 Auf einem offenbar
als Gedächtnisstütze für die Besprechung gedachten Handzettel hatte Krupp
säuberlich notiert: "Vermeidung erneuter Unruhe in handelspol[itischen]
Fragen ... Weitestgehende Stärkung des Exportes zwecks Arbeitsbe-
schaff[un]g." und schließlich als Nachtrag "Erschwerung des Eintretens für
Regierung falls einseitige Agrarpolitik übertrieben wird."29 Im März 1933,
nach Reichstagswahl und Ermächtigungsgesetz, legte der RDI eine ange-
sichts der weiteren Entwicklung unwirksam gebliebene, in ihrer grundsätz-
lichen Bedeutung aber bisher nicht beachtete programmatische Erklärung
zur deutschen Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik vor, die sich voll-
kommen im Rahmen der liberalen Wirtschaftstheorie bewegte und auch in
der Handelspolitik am Prinzip der Weltmarktorientierung festhielt.30 In Ab-
schnitt VII der Denkschrift wurde ausgeführt:
"Die deutsche Handelspolitik ist so zu gestalten, daß auf der einen Seite der
nationalen Produktion ein ausreichender Schutz gewährt wird, daß aber auf der
anderen Seite der Export, von dem auch heute noch mehr als 20% der Bevölkerung
leben, keine Schmälerung erfährt, sondern nach Möglichkeit wieder ausgeweitet wird.
Der richtige Weg für die Rettung der Landwirtschaft liegt nicht in einseitigen
Schutzmaßnahmen, die ihr auf die Dauer selbst zum Schaden gereichen, sondern
in einer solchen Stärkung des inneren Marktes, daß für den Absatz landwirtschaftli-
cher Produkte genügend Kaufkraft vorhanden ist. Jeder zusätzliche Ertrag der

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 177


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

31
deutschen Ausfuhr bedeutet eine solche erwünschte Stärkung des inneren Marktes."
Auch in der Finanz- und Währungspolitik stand die nationalsoziali-
stische Programmatik im Gegensatz zu den Auffassungen der Großin-
dustrie: So hielten RDI und DIHT, aber auch Teile der Schwerindustrie, an
der überkommenen Lehre vom ausgeglichenen Haushalt fest und lehnten
umfangreiche "deficit-spending"-Programme als "Währungsexperimente"
nach wie vor entschieden ab.32 Die Absetzung Luthers vom Direktorium der
Reichsbank am 16. März 1933 löste innerhalb breitester Kreise der Indu-
strie Unruhe aus, weil in seiner Person der Garant einer soliden und auf
Stabilität ausgerichteten Konjunkturpolitik erblickt wurde, dem es bisher
gelungen seil "den Ansturm der vielen falschen oder irregeleiteten Prophe-
ten und Reformatoren, die an die Stelle klug abwägender Vernunft Experi-
mente zu setzen gewillt waren, abzuwehren".33 Im engeren Kreis des
RDI-Präsidiums waren deshalb, als sich die Wiederernennung Schachts
zum Präsidenten der Reichsbank abzeichnete, vorbeugende Maßnahmen zur
Sicherstellung der Lutherschen Währungspolitik diskutiert worden.34 Kastl,
"der von der Entwicklung außerordentlich betroffen war und von großen
Gefahren sprach", wurde beim noch amtierenden Luther selbst vorstellig,
ließ sich aber schließlich überzeugen, daß "kein anderer Weg zu gehen
blieb", Widerstand gegen die Weisungen der politischen Führung innerhalb
des Generalrats der Reichsbank also zwecklos erschien.35 Der anschließen-
de Versuch, Schacht auf die konservative Konjunkturpolitik Luthers
festzulegen36 dokumentierte eine unrealistische Einschätzung der
Gesamtlage, machte aber zugleich deutlich, mit welcher Skepsis die
Industrie seiner erneuten Amtsführung entgegenblickte.
So nahm es nicht wunder, daß die Spitzenverbände das "Wirtschaftssy-
stem des Faschismus", dessen Umrisse sich zudem im Februar und März
1933 noch nicht in der gewünschten Präzision erkennen ließen, zunächst
mit wenig Enthusiasmus betrachteten. Die Abkehr von den "alten abge-
wirtschafteten Grundsätze[n] einer liberalistischen Wirtschaftspolitik", wie
sie Thyssen in der Präsidialsitzung des RDI am 23. März verlangte,37 war
bisher nicht vollzogen: Vielmehr beharrte der Reichsverband in seiner
Denkschrift vom März 1933 auf sauberer "Trennung" zwischen Staat und
Wirtschaft und erteilte, unabhängig von Zugeständnissen in der Termino-
logie, jeder Form des Staatsinterventionismus eine klare Absage.38 In die-
sem Sinne hatte auch Krupp als Forderung der Industrie an Hitler notiert:
"Einschränkung der öffentli[chen] Ausgaben auf die Grundlage" vor 1900
(!)"entsprechend dem Verhältnis zum damaligen Umfange der wirt-
schaftl[ichen] Gesam[m]t- Produktion".39
Die Gegnerschaft der Großindustrie gegen ein staatskapitalistisches Sy-
stem dokumentierte sich auch in dem Versuch, erneut die Zusammenarbeit
mit der organisierten Arbeiterklasse zu suchen,40 jetzt mit der Zielsetzung,

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 178


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

ein Defensivbündnis der Unternehmerorganisationen mit den Gewerkschaf-


ten zur Abwehr der interventionistischen Politik des Nationalsozialismus
zustande zu bringen. Im März 1933 sind so Anzeichen für Überlegungen
vorfindbar, die Zentralarbeitsgemeinschaft zu reaktivieren: Clemens Lam-
mers, Präsidialmitglied des RDI, schlug nach Gesprächen mit C. F. von
Siemens und einem Meinungsaustausch mit Krupp vor, "dem Arbeitsge-
meinschaftsgedanken in einer weithin sichtbaren Form" erneut Ausdruck zu
geben, um die "Pläne abzubiegen, welche bei den Nationalsozialisten hin-
sichtlich Umformung der Verbände und Gewerkschaften nach italienischem
Muster bestehen."41 Auch der Kölner Privatsekretär Silverbergs, Dr. Bauer,
regte an, den zunächst von Siemens vor der Generalversammlung der Sie-
mens & Halske AG am 28. Februar 1933 ausgesprochenen Gedanken über
die "Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern" auf-
zugreifen.42 Es sei erklärt worden,

"daß gerade in der augenblicklichen politischen Situation, in der sich die Gewerk-
schaften in einer außerordentlich schwachen Stellung befinden, solche Worte aus dem
Unternehmerlager stark versöhnend wirken und auch in diesem Sinne aufgefaßt wor-
den sind, und daß es eine nicht wiederkehrende Gelegenheit bedeutet, jetzt den Plan
einer stärkeren Verantwortlichmachung der Arbeitnehmerschaft für den Wirtschafts-
verlauf zu fördern, zumal dies auch in den Rahmen der bisher von der N.S.D.A.P.
vertretenen Auffassung von der Wirtschaft fällt."

Bauer verwies dabei ausdrücklich auf die von Silverberg 1926 in Dres-
den entwickelte Konzeption zur Fortentwicklung der Zentralarbeitsgemein-
schaft .43
In seinem Aide-memoire vom 23. März 1933 sprach der RDI zwar den
Arbeitsgemeinschaftsgedanken nicht explizit an, betonte aber, daß neben
der "Vermeidung innerer Unruhen"44 und der "Aufrechterhaltung der
Rechtssicherheit"45 die Wahrung des "sozialen Friedens" unbedingte Vor-
aussetzung einer wirtschaftlichen Erholung sei. Der "soziale Frieden" werde
"wesentlich davon abhängen, daß zwischen Unternehmern und Arbeitern
eine verständnisvolle Zusammenarbeit möglich wird, die durch eine positi-
ve Einstellung zum Staatsgedanken und durch eine Oberwindung der Idee
des Klassenkampfes und parteipolitischer Gesichtspunkte gekennzeichnet
sein" müsse.46 Diese gewiß interpretationsfähige Erklärung steht offenbar in
Zusammenhang mit der Verlautbarung des ADGB vom 21. März 1933 zu
Aufgaben und Stellung der Gewerkschaften: Die Gewerkschaften, so der
ADGB, seien "von dem Willen geleitet", "die ihnen obliegende Vertretung
der Arbeiterinteressen in freier Vereinbarung mit den Unternehmern wahr-
zunehmen" und "im Sinne einer Selbstverwaltung der Wirtschaft auch über
das Gebiet der Lohn- und Arbeitsbedingungen hinaus dauernd mit den Un-
ternehmerorganisationen zusammen zu wirken."47
Die Vorwürfe Thyssens in der Präsidialsitzung des RDI vom 23. März

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 179


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

1933, der Reichsverband und andere Industrielle hätten den "Versuch einer
Fronde mit den Gewerkschaften zusammen gegen die Regierung gemacht",
erscheinen aus dieser Perspektive nicht völlig aus der Luft gegriffen, zumal
Krupp einräumte, daß sich "einige Herren", darunter er selbst, "mit einigen
Gewerkschaftsvertretern über die Aussichten einer künftigen Zusammenar-
beit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, wie sie auch in der Ver-
gangenheit bestanden habe und voraussichtlich auch in der Zukunft wieder
vorhanden sein werde, unterhalten" hätten.48
Gleichwohl können diese Gespräche mit den Gewerkschaften nicht als
Versuche einer auf Opposition gegen die Hitler-Regierung gerichteten Stra-
tegie interpretiert werden: Sie entsprachen vielmehr einer auf Abwehr des
Staatsinterventionismus zielenden Politik der Unternehmerverbände, wobei
der "starke Staat" sich auf die Garantierung äußerer Rahmenbedingungen
wirtschaftlicher Betätigung zu beschränken hatte. Dieses noch ganz am li-
beralen Modell orientierte Konzept macht erklärlich, daß der Vorsitzende
des RDI, Krupp, trotz erheblicher programmatischer Differenzen keinen
Widerspruch darin erblickte, der neuen Staatsführung unter Hitler gleichzei-
tig politische Unterstützung zuzusichern. Dies wurde besonders deutlich in
der bereits erwähnten Besprechung führender Industrieller mit dem Reichs-
kanzler am 20. Februar 1933. Hitler zeigte dort eine erstaunliche Offenheit
und ließ keinen Zweifel am totalen Machtanspruch der NSDAP,49 verstand
es aber andererseits, "in geschickter Wendung das eigene autoritärdiktatori-
sche Wirtschaftskonzept mit den antidemokratischen Autoritätsansprüchen
einer mehrheits- und gewerkschaftsfeindlichen Unternehmerideologie" zu
verbinden.50 Symptomatisch war, daß Hitler, dem vor allem daran gelegen
war, sich der Unterstützung der Industrie für die Reichstagswahl vom 5.
März 1933 zu versichern, zu "wirtschaftlichen Fragen ... verhältnismäßig
wenig" sagte51 und im übrigen keineswegs gewillt war, das Modell einer
strikten Trennung von Staat und Wirtschaft, das Krupp in seinen vorbereite-
ten Notizen zur Grundlage einer Kooperation mit den Nationalsozialisten
gemacht hatte, zu akzeptieren.
Trotzdem brachte Krupp als Sprecher der Industrie "spontan den Dank
der Versammlung" zum Ausdruck52 und hob dabei insbesondere das Be-
kenntnis Hitlers zum "Privateigentum" und zur "Wehrhaftigkeit" hervor.53
Ebenso bezeichnete es der Reichsverband im Anschluß an die Besprechung
vom 20. Februar 1933 als die "Pflicht" seiner Mitglieder, "sich mit allen
Kräften für die Gewinnung eines stabilen Regierungsfundaments und die
Durchführung einer nationalen Sammlung und Konzentration aller aufbau-
enden Kräfte einzusetzen".54 Die substantielle Diskrepanz zwischen einer
liberal-gouvernementalen und spezifisch faschistischen Staats- und Wirt-
schaftsordnung blieb von diesen Erklärungen allerdings unberührt. Hier
verbarg sich objektiv ein beträchtliches Konfliktpotential, das nur ober-
flächlich verdeckt war und von den Unternehmern nicht überall klar gese-
hen wurde.

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 180


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

3. Die "Reorganisation" des Reichsverbandes

Die Präsidialsitzung des RDI vom 23. März 1933 leitete einen grundsätzlich
neuen Abschnitt im Verhältnis von Staatsgewalt und industrieller Interes-
senorganisation ein.55 Der Wortführer des Hitler-Flügels, Fritz Thyssen, der
zuvor im Reichsverband über keinen nennenswerten Einfluß verfügte und
nicht einmal einen Sitz im Präsidium hatte, nahm die veränderten Macht-
verhältnisse zum Anlaß, massive Vorwürfe gegen den Reichsverband zu
erheben, der "immer und zu Jeder Zeit Schleppenträger' des bisherigen Sy-
stems gewesen sei". Er, Thyssen, habe demgegenüber, wie auch seinerzeit
anläßlich des Empfangs von Reichskanzler Brüning im Hauptausschuß des
RDI (November 1930), versucht, den Reichsverband für die "Nationale
Bewegung" zu gewinnen, sei dafür aber von der Versammlung "ausge-
zischt" worden.56 "Er habe die bekannte Sitzung im Industrieklub in Düs-
seldorf [26.Januar 1932] zustandegebracht57 und in jeder Weise versucht,
den Kontakt zwischen Industrie und Nationalsozialismus herbeizuführen.
Er habe aber oft genug das höhnische Lächeln beobachten müssen, welches
solche Versuche ausgelöst hatten." Nicht einmal die im Mai 1931 bei der
Besprechung mit dem Bergbau-Verein in Bochum gegebene Zusage des
RDI, die "Politik endlich auszuschalten", und eine zumindest 'neutrale' Hal-
tung der "Nationalen Bewegung" gegenüber einzunehmen,58 sei eingehalten
worden:

"So habe es das Geschäftsführende Präsidialmitglied des Reichsverbandes fer-


tig gebracht, noch am Tage vor der Ernennung Hitler's zum Reichskanzler beim
Reichspräsidenten zu intervenieren. Selbst nach der Ernennung Hitler's zum
Reichskanzler habe der Reichsverband noch den Versuch einer Fronde mit den
Gewerkschaften zusammen gegen die Regierung gemacht. Am Tage vor der Er-
nennung des Reichsbankpräsidenten Schacht habe im Kaiserhof eine vom Reichs-
verband einberufene Versammlung oder eine Versammlung der Mitglieder des
Generalrats der Reichsbank stattgefunden, an der sich der Reichsverband beteiligt
habe. In dieser Versammlung seien Mittel und Wege erörtert worden, wie man
den früheren Präsidenten Luther halten und die Wahl des Präsidenten Schacht
verhindern könne.
Am 13. März habe im Reichsverband seitens der national eingestellten Mit-
glieder der Geschäftsführung die Leitung der Geschäftsführung darauf aufmerk-
sam gemacht werden müssen, daß es notwendig sei, neben der Schwarz-weiß-
roten Flagge auch die Hakenkreuzflagge, die Flagge der nationalen Erhebung zu
hissen. Unter dem Druck des nationalen Teiles der Geschäftsführung sei dann die
Leitung gezwungen worden, eine Hakenkreuzflagge zu bestellen und diese Flagge
sei dann am dritten Tage der Feier der nationalen Erhebung durch die nationalen
Mitglieder der Geschäftsführung gehißt worden. Gleichwohl aber habe man im
Reichsverband am 21. März nur die schwarz-weiß-rote Flagge aufgezogen. Diese
Weigerung, die Hakenkreuzflagge zu ziehen, sei der Geschäftsführung aber
schlecht bekommen. Es sei dann eine Abteilung S.A. bei dem Geschäftsführenden
Präsidialmitglied erschienen und habe die Hissung der Hakenkreuzflagge erzwun-

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 181


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

gen. [Er begrüße] diese Tat, die auch dem Reichsverband den Respekt vor der
59
neuen Flagge beigebracht habe . . ."
Als Thyssen in der Sitzung vom 23. März schließlich unverblümt die
Machtfrage stellte, deutete sich an, daß die Entscheidung über die zukünf-
tige Politik des Verbandes nicht mehr allein und zu allererst innerhalb der
zuständigen Gremien des RDI fallen würde, sondern auf oberer politischer
Ebene bereits vorgezeichnet war: Nur vor diesem Hintergrund jedenfalls
war Thyssen in der Lage, in ultimativer Form nicht nur die positive Mitar-
beit des RDI im nationalsozialistischen Staat, sondern auch personelle Kon-
sequenzen für die Führungsspitze des Verbandes zu fordern:
"Die nationale Revolution sei noch nicht beendet, sie sei nicht über den Kom-
munismus gestolpert und werde auch nicht über den Strohhalm des Reichsverban-
des stolpern, es sei denn, daß der Reichsverband sich eingliedere in die große Be-
wegung, und daß von diesem Gesichtspunkte aus die notwendig werdenden Neu-
wahlen zum Präsidium geprüft werden. Es müsse dafür gesorgt werden, daß es in
Zukunft ausgeschlossen sei, daß eine Gegenströmung gegen die nationale Bewe-
gung in Deutschland entstehen könne. Es sei dies gerade im Interesse der Indu-
strie erforderlich."60
Der RDI beeilte sich, Hitler umgehend eine ausdrückliche Loyalitätser-
klärung zu übermitteln, indem er durch Kastl (!) und Herle versichern ließ,
daß durch die Wahlen die "Grundlage für ein stabiles Regierungsfundament
geschaffen" und damit die "Störungen beseitigt" seien, "die sich aus den
ständigen politischen Schwankungen der Vergangenheit ergeben und die
wirtschaftliche Initiative stark gelähmt haben." Die Industrie sei bereit, bei
dem "notwendigen tatkräftigen Wiederaufbau" mitzuwirken und der
Reichsregierung bei "ihrem schweren Werke zu helfen."61 − In dem gleich-
zeitig verabschiedeten Aide-mémoire zur deutschen Wirtschafts-, Finanz-
und Sozialpolitik, das als Unterlage für die wirtschaftspolitischen Verhand-
lungen zwischen Regierung und Reichsverband gedacht war,62 beharrte die
Großindustrie jedoch, wie bereits vorn erörtert, auf ihren überkommenen
Thesen einer liberal verfaßten Wirtschafts- und Sozialordnung.63
Ernsthafte Besprechungen mit der Reichsregierung über das Programm
vom 23. März 1933 haben niemals stattgefunden: Vielmehr setzte eine ille-
gale, staatlich tolerierte Gewaltaktion gegen den RDI grundsätzlich neue
Prämissen: Im Zuge der sog. "Gleichschaltungsaktion" vom 1. April 1933
erschien der vormalige Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der
NSDAP, Otto Wagener, in der Geschäftsführung des RDI, während zur
gleichen Zeit Krupp und Siemens im Auftrage des RDI-Präsidiums mit
Hitler in der Reichskanzlei konferierten. Wagener verlangte unter Andro-
hung von Gewaltmaßnahmen den sofortigen Rücktritt des Geschäftsfüh-
renden Präsidialratmitglieds, Geheimrat Kastl, von seinem Amte. Dies sei
notwendig, da der Reichsverband es bisher vermieden habe, "irgendwel-
che Notiz von der Revolution zu nehmen" und so tue, "als ob alles beim

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 182


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

alten geblieben sei". Wegen der "Unterzeichnung des Young-Plans" sowie


durch "die bisherige Ablehnung der nationalsozialistischen Bewegung" sei
vor allem Kastl untragbar für eine "Zusammenarbeit" zwischen der gegen-
wärtigen Regierung, den sie tragenden Kräften und den industriellen Orga-
nisationen. Ferner seien die "der Rasse nach jüdischen Mitglieder der Ge-
schäftsführung", nämlich Dr. Loening, Dr. Singer und Dr. Velt, "sofort zu
beurlauben" und statt dessen Dr. von Lucke und Möllers als "Vertrauens-
leute" der "Bewegung" in die laufende Verbandsarbeit einzuschalten. Beide
hätten die Aufgabe, "eine Obereinstimmung zwischen der Wirtschaftspoli-
tik des Reichsverbandes und der Weltanschauung und Wirtschaftspolitik
der nationalsozialistischen Bewegung sicherzustellen". Aus diesem Grunde
sei es auch notwendig, daß die "Mitglieder jüdischer Rasse" aus dem Präsi-
dium ausschieden; namentlich Dr. Silverberg, Kraemer, Piatscheck,
Pietrkowski, von Simson und Sobernheim.64
Reichsminister Hugenberg, den Kastl als verantwortliches Kabinettsmit-
glied zunächst ansprach, zeigte sich "außerordentlich bestürzt", lehnte aber
eine Intervention beim Reichskanzler, der "nur außerordentlich ungern sei-
ne eigenen Leute desavouiere", definitiv ab. Für Kastl, aber auch die ge-
nannten Mitglieder des Präsidiums und der Geschäftsführung "bleibe", so
der Minister, "nichts anderes übrig, als vorläufig auszuweichen, um
Schlimmeres gegenüber dem Reichsverband zu verhüten."65 Kastl insistier-
te und verhandelte, nachdem er zuvor den Vorsitzenden des RDI, Krupp,
gedrängt hatte, Hitler persönlich um "Hilfe" gegen die illegale Aktion an-
zugehen,66 am 3. April nacheinander mit den Staatssekretären Funk, Bang,
Meissner und Lammers sowie dem "Beauftragten des Führers und Reichs-
kanzlers für Wirtschaftsfragen", Keppler. Der Staatssekretär im Büro des
Reichspräsidenten, Dr. Meissner, teilte dabei mit, daß der Herr Reichspräsi-
dent "empört" sei über das Vorgefallene und die Absicht habe, mit dem
Reichskanzler noch am gleichen Tage über den Fall zu sprechen. Der Chef
der Reichskanzlei, Dr. Hans Heinrich Lammers, wußte demgegenüber zu
informieren, daß Hitler, wie in einer diesbezüglichen Besprechung am
Vormittag deutlich geworden sei, Geheimrat Kastl "nicht die geringste
Sympathie entgegenbringe", eine Revision der Maßnahmen also kaum er-
wartet werden könne. Lammers nannte dabei dieselben Vorwürfe, die Thys-
sen bereits in der Präsidialsitzung vom 23. März vorgebracht hatte.67
Mit der Billigung der Aktion vom 1. April durch Hitler war faktisch das
Ende des alten Reichsverbandes vorgezeichnet: Die von den neuen Macht-
habern "verordnete" Entlassung des Geschäftsführenden Präsidialmitgliedes
Kastl, der Stellvertretenden Vorsitzenden Silverberg und Kraemer sowie
der Präsidialmitglieder Piatscheck, Pietrkowski, von Simson und Sobern-
heim, die erzwungene Lahmlegung der satzungsmäßigen Entschei-
dungsgremien des Verbandes und schließlich die Beaufsichtigung der
"gereinigten" Geschäftsführung durch "Vertrauensmänner" der "Natio-

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Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

nalen Bewegung" stellte dabei einen Eingriff in die Autonomie der Selbst-
verwaltungsorgane der Wirtschaft dar, wie er in der Geschichte des indu-
striellen Verbandswesens in Deutschland bisher ohne Beispiel war.
Es ist deshalb etwas überraschend, daß dem Konflikt zwischen Reichsre-
gierung und RDI in der einschlägigen Literatur, abgesehen von einigen älte-
ren Darstellungen und einer letzthin erschienenen kürzeren Abhandlung,
bisher relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist."68 So notieren
beispielsweise Günther und Ohlsen in ihrer Monographie über den Reichs-
verband69 zwar Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Präsidiums im
Anschluß an die Tagung vom 23. März, interpretieren diese jedoch aus ei-
nem Gegensatz zwischen "Monopolkapital" und "nichtmonopolistischen
Unternehmern". Weite Kreise des kleinen und mittleren Unternehmertums
hätten, bei Unterstützung durch untergeordnete örtliche Staats- und Partei-
instanzen, mit der Forderung nach Durchsetzung ihrer Wirtschaftsinteressen
zu "ständiger Beunruhigung im RDI" beigetragen, "so daß mehrfach von
Regierung und oberster Parteiführung Eingriffe in die Wirtschaft verurteilt
und Strafen angekündigt wurden." Am 1. April schließlich sei es im Rah-
men des allgemeinen Judenboykotts zu einer "zeitweiligen Besetzung" der
RDI-Geschäftsstelle durch einen "Trupp SA-Männer" gekommen. Das
"Ausscheiden" Kastls und die Einsetzung Möllers und von Luckes als Re-
gierungskommissare habe "in erster Linie" das Ziel verfolgt, den RDI "vor
Obergriffen abzusichern, wie sie in den ersten Monaten des faschistischen
Regimes von unteren Parteiinstanzen aus zeitweilig gehegten Ressentiments
gegenüber dem Großkapital vorkamen".70
Ähnlich urteilt Stegmann, der, bei auffallend kursorischer Behandlung
des Vorgangs, von einer "wilden Besetzung" der Zentrale des RDI durch
SA und klein- und mittelbetrieblich organisierte Wirtschaft spricht: "Ob-
wohl", so Stegmann, "die Parteiführung um Hitler sehr früh Order gab, im
Interesse der Ruhe' in der Wirtschaft ... solche unkontrollierten Aktionen zu
verhindern, konnten diese aktivistischen Bewegungen von unten' . . . nicht
gestoppt werden."71
Beiden Interpretationen ist gemeinsam, daß sie nachträglich das ideolo-
gische Rüstzeug für den illegalen Eingriff in die Autonomie des Verbandes
liefern und dabei den Konflikt zwischen frei organisierter industrieller In-
teressenvertretung und Staatsgewalt umdeuten in eine Auseinandersetzung
zwischen Großunternehmertum und mittelständischer Wirtschaft. Diese
Erklärungsversuche, die die objektiven Widersprüche zwischen Großindu-
strie und faschistischem System im Frühjahr 1933 zu umgehen versuchen,72
basieren auf einer doppelt falschen Ausgangsthese, nämlich erstens einer
"wilden" Aktion durch unkontrollierbare Kräfte aus Mittelstand und Klein-
bürgertum unter Beteiligung der SA und zweitens der Ohnmacht der politi-
schen Führung gegenüber dieser, von ihr mißbilligten, illegalen Gewaltan-
wendung.

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Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

In Wirklichkeit hat, wie die Protokolle und Niederschriften über die


Vorgänge vom 1.-5. April beim Reichsverband zweifelsfrei ausweisen, we-
der eine unkontrollierte Besetzung der RDI-Geschäftsstelle stattgefunden,
noch hat Hitler dem Vorgehen Wageners, der zu dieser Zeit immerhin eine
führende Rolle im Verbindungsstab der NSDAP spielte, in irgendeiner
Form Einhalt gebieten wollen. Tatsächlich handelte Wagener, dessen "Ak-
tion" sich in die beginnende Umorganisation und Eingliederung des indus-
triellen Verbandswesens in den faschistischen Führerstaat bruchlos einord-
nete, und der nicht, wie Stegmann und Günther/Ohlsen in Übernahme na-
tionalsozialistischer Propagandathesen behaupten, zuallererst den RDI vor
angeblich radikalen Kräften der nationalsozialistischen Revolution schützen
wollte, in zumindest indirekter Abstimmung mit der Parteiführung und Hit-
ler einerseits und der Thyssen-Gruppe andererseits. Die ausdrückliche For-
derung Wageners nach Entlassung Kastls (sowie eines Teiles des Präsidi-
ums des RDI − hiervon ist in der genannten Literatur kennzeichnenderweise
nicht die Rede) ist anders kaum erklärbar, zumal eine direkte Verbindung
zwischen den Vorwürfen Thyssens in der Präsidialsitzung vom 23. März
und der Entscheidung Hitlers im Falle Reichsverband als nachgewiesen
gelten muß.73 Auch läßt der Umstand, daß Krupp und von Siemens, vom
Präsidium beauftragt, eine Klärung der durch Thyssen aufgeworfenen Fra-
gen herbeizuführen, ausgerechnet für den 1. April in die Reichskanzlei be-
stellt worden waren und just zu dem Zeitpunkt mit Hitler über Form und
Substanz einer zukünftigen Zusammenarbeit zwischen Reichsverband und
Regierung konferierten, als Wagener die illegale Aktion gegen den RDI
einleitete,74 eher auf geschickte Regieführung als unkontrollierbare Sponta-
neität schließen.75
Der Präsident des Reichsverbandes begegnete der Provokation der indu-
striellen Spitzenorganisation durch die politische Führung mit derselben
Mittelmäßigkeit, wenn nicht Hilflosigkeit, die seine bisherige Amtsfüh-
rung ausgezeichnet hatte.76 Nicht Protest oder Widerstand war die Ant-
wort, sondern forcierte Anpassung. In den" Verhandlungen" mit Wagener
am 4. und 5. April 1933, nachdem die Restgeschäftsführung den neuen Her-
ren bereits das "Gelöbnis unbedingter Gefolgschaftstreue" gegeben hatte,77
akzeptierte Krupp, ohne Rücksprache mit den Stellvertretenden Vorsitzen-
den oder dem Präsidium, eigentlich vorbehaltlos Wageners Konzeption ei-
nes "berufsständischen" Aufbaues der Wirtschaft, obwohl hier in vielem
beinahe genau das Gegenteil zu den RDI-Leitlinien vom 23. März 1933
propagiert wurde. Wageners Plan sah vor: Erstens die Auflösung der wirt-
schaftlichen Interessenverbände herkömmlicher Art und ihre Überfüh-
rung in eine "berufsständisch" gegliederte Organisationsstruktur, damit ver-
bunden − als Gegenstück zum Autonomieverlust der industriellen Ver-
bände − die Zerschlagung der Gewerkschaften und eine "elastische" Lohn-
politik, zweitens ein Konjunkturprogramm in bisher als "Inflation" be-
kämpfter Dimension von 10 Mrd. RM und drittens eine eher auf Autar-

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 185


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

kie gerichtete Handelspolitik bei Kompensation zu erwartender Exportver-


luste durch Aufrüstung.78
Der RDI-Vorsitzende wußte Wagener nur zu antworten, daß es sich
hierbei in Wirklichkeit ja nur "um die Durchsetzung alter Binsenwahrhei-
ten" handele, die seine Zustimmung gewiß fänden. Im übrigen stünden
"Wir vor wundervollen Aufgaben..., an die man mit dem Willen zu vertrau-
ensvoller Zusammenarbeit herangehen müsse." Die erzwungene Ausschal-
tung des Geschäftsführenden Präsidialmitglieds Kastl, zweier Stellvertre-
tender Vorsitzender sowie einer Reihe von Präsidialmitgliedern überging
Krupp, ohne diese Thematik auch nur anzurühren, dagegen mit Stillschwei-
gen.79 In der für den 6. April einberufenen außerordentlichen Präsidialsit-
zung zeigte sich indes, daß die überwiegende Mehrheit des RDI-
Führungsgremiums die Aktion gegen den Verband nicht widerspruchslos
hingenommen wissen wollte. Doppelt peinlich für den Präsidenten war da-
bei, daß ausgerechnet Fritz Thyssen die überstürzte Loyalitätserklärung ge-
genüber Wagener scharf rügte:80 Thyssen verwies dabei auf eine, Krupp
zuvor offenbar nicht bekannte Übereinkunft zwischen Regierung und
"maßgebenden Kreisen der Wirtschaft" vom 27. März 1933, daß ein Aus-
schuß zur "Vereinfachung und Umgestaltung der Organisationen" konstitu-
iert werden solle und "vor Ablauf eines halben Jahres ... keine endgültigen
Verfügungen über die Organisation der Industrie" zu treffen seien."81 Das
Präsidium des RDI verabschiedete nach der überraschenden Erklärung
Thyssens einstimmig eine auch der Presse übergebene Entschließung, daß
"alle organisatorischen Maßnahmen des Reichsverbandes und der indus-
triellen Verbände überhaupt", insbesondere auch die "Regelung sämtlicher
Personalfragen, einschließlich des Präsidiums", nur im Rahmen der Über-
einkunft vom 27. März zu treffen seien, "Sonderaktionen" dagegen abge-
lehnt werden müssten.82
Diese Stellungnahme schien Wagener, von Lucke und Möllers "in ihre
Schranken zu verweisen", blieb aber wirkungslos, vor allem weil Krupp
und die jetzt von Herle verantwortlich geleitete Geschäftsführung in eindeu-
tiger Überschreitung ihrer Kompetenzen die Anpassungspolitik beschleu-
nigt fortsetzten. So blieb auch die Forderung des verbliebenen Stellvertre-
tenden Vorsitzenden Müller-Oerlinghausen, daß von Lucke und Möllers
"sofort ausziehen" und von den zwangsweise "beurlaubten" jüdischen Mit-
gliedern der Geschäftsführung zumindest zwei umgehend an ihren Arbeits-
platz zurückkehren sollten, unbeachtet,83 obwohl dies dem Präsidialbe-
schluß vom 6. April entsprach. Ob die Möglichkeit einer "Opposition" ge-
gen das nationalsozialistische Regime tatsächlich bestand, kann hier nicht
geklärt werden. Jedenfalls war man sich, wie ein Appell Mül-
ler-Oerlinghausens an die Geschäftsführung des RDI zeigte, in der Spitzen-
organisation der deutschen Industrie über die grundsätzliche, allge-
mein-politische Bedeutung der Vorgänge im Frühjahr 1933 durchaus im
klaren:

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 186


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

"Bei der Kopflosigkeit rings im Lande muß jede Unsicherheit über die Hal-
tung des Rv. von sehr übler Wirkung sein. Es sind schon viel zu viel Positionen
aufgegeben, ohne daß es nötig gewesen wäre und ihre früheren Inhaber, soweit sie
der herrschenden Partei dabei nachlaufen, müssen noch dazu die ganze Lauge des
Spottes über sich ergehen lassen. Für Mangel an Mut haben gerade die maßgeben-
den Leute des neuen Regimes am wenigsten Verständnis ...
Solange der Weg ... noch so unklar ist wie heute, solange wir noch keine Ah-
nung davon haben, ob die individualistischen ... oder die rein staatssozialistischen
[Kräfte] wirtschaftlich die Linie bestimmen werden, solange dürfen und können
wir nicht optieren, wenn wir nur einen Funken Achtung vor uns selbst behalten
wollen.
Bis dahin dürfen wir unseren Mitgliedern draußen auch keinen Umbau und
keine Gleichschaltung vortäuschen lassen . . . auch den staatlichen Stellen nicht.
Gerade ihnen sind wir eine klare − aber loyale − Haltung schuldig. Politische Op-
position für einen Wirtschaftsverband wäre heller Wahnsinn − verwaschenes
Nachlaufen hinter irgendwelchen wirtschaftlichen Utopien aber Selbstmord, auch
wenn es die Utopien der herrschenden Partei sein sollten.
Wir sind dazu da, das Recht der freien Meinung zu bewahren und die staatli-
chen Gewalten von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen. Dazu ist erstes Gebot:
Klarheit in allen Dingen. Dazu gehört z. B. die Judenfrage. Der Rv. kann und darf
niemals eines Einverständnisses mit der unerhörten Disqualifikation und Bedrük-
kung des deutschen Judentums geziehen werden, wenn er noch ein moralisches
"standing" beanspruchen will. Sollte wegen einer solchen Haltung wirklich einmal
der Reichsverband vorübergehend oder längere Zeit nicht die Möglichkeit haben,
sich bei den maßgebenden politischen Führern Gehör zu verschaffen, nun, dann
müssen wir dies Schicksal tragen in der Überzeugung, das Beste gewollt zu ha-
ben..."84

In diesem Zusammenhang ist nicht ohne Interesse, daß auch Teile der
gemäßigten Schwerindustrie Kritik an der Aktion der NSDAP gegen
den RDI übten. So zeigte sich z. B. Paul Reusch "mit der Entwicklung
der Dinge" beim Reichsverband "durchaus nicht einverstanden" und bedau-
erte, an der Präsidialsitzung vom 6. April nicht teilgenommen zu haben."85
Der Eingriff in die Autonomie der Wirtschaftsorganisationen und die Um-
stellung der Unternehmerverbände auf das "neue Deutschland"86 wider-
sprach dem hier vorherrschenden Verständnis von Staat und Wirtschaft
entschieden.87 Der Bergbau begegnete der Kritik an der nationalso-
zialistischen Reorganisationspolitik dagegen mit dem Hinweis auf die Vor-
teile des angestrebten berufsständischen Aufbaus, in dem die "sozial-
politische Säule ... möglichst kurz" sein solle und auch der Werkgemein-
schaftsgedanke einer Realisierung entgegensehe.88 Die Position der
Reusch-Gruppe wurde noch einmal deutlich, als der Langnam-Verein
selbst mit den Gleichschaltungsansprüchen des NS-Systems konfrontiert
wurde: Um den von der NSDAP geforderten Rücktritt des Hauptge-
schäftsführers Max Schlenker zu verhindern, solidarisierten sich Vorsitzen-
der und Vorstand mit der Geschäftsführung. Als Schlenker schließlich nicht
mehr zu halten war, legte Springorum demonstrativ den Vorsitz des

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 187


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIII. Großindustrie und NS-Diktatur 1933

Langnam-Vereins nieder: Die Nachfolge trat nicht zufällig Hitlers treuester


Verbündeter in der Schwerindustrie, Fritz Thyssen, an.89
Für den Reichsverbands-Vorsitzenden Krupp lag demgegenüber der Ge-
danke an Widerstand oder Opposition gegenüber den Weisungen des
Staatsapparates völlig fern. Krupp fand nicht einmal zu der skandalösen
Diskriminierung der jüdischen Reichsverbandsmitglieder ein klares Wort,
akzeptierte die am 3. Mai 1933 verfügte Bestellung der bisherigen "Ver-
trauensleute" von Lucke und Möllers zu Reichskommissaren90 und nahm
damit auch die staatsrechtliche Sanktionierung der Aktion gegen den RDI
widerspruchslos hin. Gleichzeitig ließ er erklären, daß er in Ausübung einer
angeblich vom Präsidium übertragenen "außerordentlichen Vollmacht" das
"Führerprinzip" nunmehr auch innerhalb des RDI zur Anwendung bringen
und dazu nutzen werde, um in alleiniger Verantwortlichkeit die "neue Or-
ganisation in Übereinstimmung mit den politischen Zielen der Reichsregie-
rung zu bringen".91
Dieser Schritt bedeutete nichts anderes als die totale Kapitulation des
Reichsverbandes gegenüber der politischen Führung. Krupp hatte damit "in
schroffem Widerspruch" zu den Entschlüssen des Präsidiums92 gehandelt,
das in seiner überwiegenden Mehrheit diese Linie der Unterwerfung, ganz
unabhängig von den nach wie vor bestehenden Differenzen im wirtschafts-
politischen Bereich,93 nicht billigte. Verschiedene Präsidialmitglieder stell-
ten unter Protest ihr Amt zur Verfügung94 so daß Krupp schließlich, um
einem weiteren "Abbröckeln" zuvorzukommen, am 22. Mai 1933 die
Selbstauflösung aller Körperschaften des RDI bekanntgab.95 Mit der am 19.
Juni 1933 verfügten Vereinigung von RDI und VDA zum "Reichsstand der
Deutschen Industrie", dessen Organisationsform, Struktur und Funktion
bereits klar auf die Bedingungen des faschistischen Systems zugeschnitten
war, erreicht die erste Phase der Reorganisation der Wirtschaftsverbände
ihren Abschluß.96 Dabei vermochten auch manche Elemente der Kontinuität
in der Fassade des neugegründeten "Reichsstandes" nicht darüber hinweg-
zutäuschen, daß der alte Reichsverband mit der Lahmlegung und Ausschal-
tung seiner Führungsgremien bereits im April/ Mai 1933 untergegangen
war.97

Anmerkungen zu Kap. XIII auf S. 273-78 188


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

XIV. Die Ausschaltung Silverbergs 1933

1. Die Rheinbraun-Krise 1932/33

Silverbergs Entschluß, den Aufsichtsratsvorsitz der "Rheinischen Aktien-


gesellschaft für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation" am 31. März
1933 niederzulegen und sich von jeglicher geschäftlichen Tätigkeit zurück-
zuziehen, dokumentierte nach außen das Ende einer der erfolgreichsten Un-
ternehmerkarrieren der Weimarer Zeit. Der Vorgang ist in der damaligen
Öffentlichkeit mit Aufmerksamkeit registriert und durchaus als Ereignis
empfunden worden,1 über dessen eigentliche Ursachen mancherlei Spekula-
tionen angestellt worden sind. Bis heute sind die Zusammenhänge nicht
restlos geklärt. Dabei stehen sich im wesentlichen zwei Auffassungen ge-
genüber: Vor allem Silverbergs damalige engste Mitarbeiter, Dr. Otto Mey-
nen2 und Gustav Brecht,3 betonen die "rein wirtschaftlichen" Gründe und
vertreten damit eine Version, die von der Unternehmerforschung weitge-
hend rezipiert worden ist.4 In der zeitgenössischen Publizistik,5 aber auch in
einigen jüngeren wissenschaftlichen Studien, liegt der Akzent dagegen
mehr auf einer primär politisch begründeten Ausschaltung Silverbergs,
worauf nicht zuletzt die Koinzidenz von nationalsozialistischer Machter-
greifung und Auflösung des Silverberg-Imperiums hindeute.6 − In der Tat
sind für beide Interpretationsvarianten plausible Argumente vorfindbar. Al-
lerdings verweisen neue, hier erstmals mit hinzugezogene Dokumente zur
Rheinbraun-Krise7 auf übergeordnete politische Zusammenhänge auch im
Vorfeld der zunächst nur ökonomisch zu interpretierenden Kapitalüber-
fremdung des Silverbergschen Unternehmens.
Die Rheinbraun-Krise 1932/33 steht in engem Zusammenhang mit dem
in der Endphase der Regierung Brüning zustande gekommenen "Gelsen-
berg"-Geschäft:8 Friedrich Flick veräußerte dabei das sich in seinem Besitz
befindliche Gelsenberg-Paket, mit dem er über die Präsenzmehrheit bei der
"Gelsenkirchner Bergwerks-AG" verfügte, zum Kurs von 90% bei einem
Marktwert von nur 20% an das Reich. Damit war Gelsenberg faktisch zu
einem Unternehmen der Öffentlichen Hand geworden. Für Silverberg war
diese Transaktion insofern von Bedeutung, als die Gelsenkirchner Gesell-
schaft über einen erheblichen Besitz an Rheinischen Braunkohlenaktien von
nominell 12-13 Millionen Mark verfügte. Um diese Aktien nicht an das
Reich fallen zu lassen, das sonst mit knapp 10% an Rheinbraun beteiligt
gewesen wäre, wurde das Braunkohlenpaket aus dem Gelsenberg-Handel

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 189


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

herausgenommen und durch Konsortial-Geschäft mit dem Flick-Konzern


verankert.9 Dadurch erhielt jedoch Friedrich Flick die Position eines Groß-
aktionärs bei der RAG, der nunmehr unter Hinzurechnung des bisher schon
vorhandenen Besitzes der Charlottenhütte von nominell 8 Millionen Mark
über insgesamt 21 Millionen Mark RAG-Aktien verfügte.10 Silverberg
konnte darin allerdings zunächst noch keine Bedrohung der Rheinischen
Braunkohle erblicken, da sich Flick (und Vögler) vor Abschluß des Ge-
schäftes vertraglich verpflichtet hatten, zusammen mit dem
AR-Vorsitzenden Silverberg und dem Vorstandsvorsitzenden Brecht "in
wichtigen Fragen, die die R. A. G. betreffen, eine einheitliche Willensbil-
dung herbeizuführen und hiernach sowohl die allgemeine Geschäftsführung
zu orientieren, wie das Stimmrecht der von ihnen vertretenen Aktien in die-
sem Sinne einheitlich auszuüben."11
Dieses sogenannte "Vierer-Abkommen" vom 8.Juni 1932 stellte für
Flick allerdings nur ein taktisches Zwischenspiel dar, um sein eigentliches
Ziel, nämlich den Erwerb der "Harpener Bergbau AG", zu erreichen.12 So
bot Flick auch bald an, seine Anteile an der RAG gegen das 36 Millionen
Paket Harpen-Aktien, über das Rheinbraun verfügte, zu tauschen, ein Han-
del, auf den Silverberg nicht eingehen konnte, ohne seine langfristig orien-
tierte Unternehmenspolitik, die auf einen Verbund von Braunkohle und
Steinkohle gerichtet war, ersatzlos preiszugeben. Als Silverberg sich hart-
näckig weigerte, beschritt Flick einen anderen Weg, der ihn schließlich
doch an das gewünschte Ziel brachte: er veräußerte seine gesamten RAG-
Anteile an das "Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG" (RWE), das
schon lange an einer Erweiterung seiner Rohstoffbasis interessiert war und
im übrigen die lästige Konkurrenz des Silverbergschen "Rheinischen Elek-
trizitätswerks im Braunkohlenrevier AG" (REW) ausschalten wollte.
Diese Transaktion hätte für Silverberg gleichwohl noch keine unmittel-
bare Gefahr bedeutet, da das RWE mit den Flick-Aktien allein in der Rolle
eines Minderheitsaktionärs bei Rheinbraun verblieben wäre. Die entschei-
dende Wende, die den "Becher zum Oberlaufen" brachte, trat ein, als Fritz
Thyssen sich ohne Not von einem noch aus der Zeit seines Vaters stam-
menden Traditionspaket der Rheinischen Braunkohle trennte, um dem
RWE so zusammen mit dem Flickschen Anteil die angestrebte Mehrheit bei
Rheinbraun zu verschaffen.13 Der Silverbergsche Konzern war damit fak-
tisch zu einer Tochterunternehmung des RWE geworden. - Flick brauchte
dann nicht lange zu warten, bis die RWE-Verwaltung ihm das Har-
pen-Paket der RAG, das Silverberg ihm so hartnäckig verweigert hatte,
übereignete. Sicher ein überaus gelungenes Geschäft für Flick und
das RWE, aber ein "tragischer Handel" für Silverberg,14 der auf diese Weise
in seinem eigenen Unternehmen die Mehrheit verloren hatte. "Was im
Anfang ein Ausweichen vor der öffentlichen Hand sein sollte", so ein inter-
ner Lagebericht der RAG, "wurde im Endeffekt ein Gesamtübergang der
Rheinischen Braunkohle an ein gemischt-wirtschaftliches Unterneh-

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 190


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

men!"15 Der Rücktritt Silverbergs vom Vorsitz des AR der RAG nach der
Generalversammlung des Unternehmens am 31. März 1933 war logisch und
konsequent: er leitete gleich den vollständigen Rückzug des Industriellen
aus allen wirtschaftlichen und geschäftlichen Betätigungen bis Ende 1933
ein.16
Seine eigentliche politische Dimension erhält der Zusammenbruch des
Silverberg-Imperiums durch die bisher unbeachtet gebliebene Rolle Fritz
Thyssens. Dieser Zusammenhang ist auch in der Darstellung des Verhand-
lungsführers der RAG, Gustav Brecht, übergangen worden.17 In dem ge-
nannten Lage-Bericht der RAG von Mitte März 1933 wird auf diesen Punkt
dagegen nachdrücklich hingewiesen: Es sei kaum "aufzuklären", welche
Gründe Thyssen zur Veräußerung der RAG-Aktien aus dem Erbteil seines
Vaters veranlaßt hätten, insbesondere sei nicht zu sagen, ob "persönliche
Antipathien eine Rolle spielten, oder ob Elemente anderer nicht wirtschaft-
licher Art hinzutraten . . ."18 Auch Silverberg selbst, der Thyssen schon lan-
ge ein Dorn im Auge gewesen ist,19 hat später angedeutet, daß der Interven-
tion Thyssens gegen die Rheinische Braunkohle primär politische Motive
zugrunde gelegen haben.20
Die Interpretation Brechts, daß Silverbergs "Entmachtung" bei Rhein-
braun "in keinerlei Zusammenhang" mit der fast gleichzeitigen "Machter-
greifung" Hitlers stehe,21 bedarf also der Relativierung. Andererseits ist
aber der Hinweis auf die Überspannung der Kapitaldecke der Rheinischen
Braunkohle durch ein zu starkes Engagement bei Harpen nicht von der
Hand zu weisen:22 Silverbergs Gefährdung 1932/33 resultierte gewiß auch
aus seinen sehr ehrgeizigen, weitgespannten Planungen für ein großzügiges
Verbundsystem von Braunkohle, Steinkohle und Energiewirtschaft; seine
Niederlage jedoch ausschließlich aus einer unabwendbaren Zwangsläufig-
keit gravierender unternehmerischer Fehlentscheidungen darstellen zu wol-
len -"qui trop embrasse mal étreint" −, wie es Brecht23 und Meynen24 ver-
sucht haben, verdeckt die politischen Implikationen der Rheinbraun-Krise
1933.

2. Die "Gleichschaltung" der IHK Köln

Insbesondere die Vorgänge um die Ablösung Silverbergs als Präsident der


IHK Köln verdeutlichen, daß die wirtschaftlichen Sachentscheidungen des
Industriellen im Frühjahr 1933 und sein schließliches Resignieren nicht oh-
ne den politischen Hintergrund der sich etablierenden nationalsozialisti-
schen Diktatur begriffen werden können.
Die Wahl zum Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Köln am
21. Oktober 1932, in Nachfolge des verstorbenen Louis Hagen, war für Sil-
verberg die "größte Auszeichnung", die die Kaufmannschaft einer Stadt zu
vergeben hatte und bedeutete ihm persönlich sehr viel.25 Silverbergs

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Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

engagierte Tätigkeit in diesem Gremium26 war jedoch nur von kurzer Dau-
er: Schon bald nach der Machtergreifung begannen kaum verdeckte Intri-
gen, die auf seine Ablösung vom Präsidium der Kammer zielten. Dabei
spielte Kurt Freiherr von Schroeder, in dessen Hause die entscheidende Zu-
sammenkunft von Hitler und Papen am 4. Januar 1933 stattgefunden hatte,
eine wenig rühmliche Rolle. Nachdem Schroeder, den Bracher zutreffend
als "ehrgeizigen, rücksichtslosen Opportunisten" charakterisiert,27 am 1.
Februar 1933 (!) der NSDAP beigetreten war, richtete er seine weiteren Ak-
tivitäten zunächst auf persönlichen Macht- und Prestigegewinn im engeren
Kölner Raum.
So erschien v. Schroeder im Anschluß an die Plenarsitzung der IHK
Köln am 13. März 1933 bei Silverberg und dem 1. Geschäftsführer der
Kammer, Dr. Schmitz-Sieg, um seinen Anspruch auf den Vorsitz geltend zu
machen.28 Offenbar sah Schroeder nach der am gleichen Tag vollzogenen
Amtsenthebung des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Dr. Adenauer29
auch seine Stunde gekommen. Dabei ist auch ein Zusammenhang mit der
Rheinbraun-Krise, die Mitte März 1933 in ihr entscheidendes Stadium trat30
nicht unwahrscheinlich: Immerhin ist auffällig, daß die RWE-Gruppe unter
Führung Vöglers über den anhaltenden Widerstand Silverbergs gegen die
Übernahme der Braunkohle durch das RWE zunehmend ungehalten war
und nunmehr starken Druck einsetzte,31 um Silverberg zum Einlenken zu
bewegen. Auch die Entfernung Adenauers konnte der Vögler-Gruppe nicht
ungelegen kommen, führte doch der Kölner Oberbürgermeister die Opposi-
tion der freien RAG-Aktionäre gegen die Politik des RWE an.32
Jedenfalls teilte Schroeder Silverberg und Dr. Schmitz-Sieg mit, daß am
nächsten Tage, also am 14. März, ein Staatskommissar die "Aufsicht und
Kontrolle über die laufende Arbeit der Kammer"33 übernehmen werde. Dr.
Schmitz-Sieg setzte sich daraufhin mit dem Staatssekretär Dr. Claussen im
Ministerium für Wirtschaft und Arbeit sowie dem Regierungspräsidenten in
Köln telefonisch in Verbindung und erhielt den Bescheid, "daß irgendeine
Sonderaktion gegen die Kammer nicht in Frage käme, insbesondere nicht,
daß etwa ein Staatskommissar eingesetzt würde". Gleichwohl erschien
Schroeder am Mittag des 14. März erneut in der Geschäftsführung der
Kammer und teilte mit, daß "die Gauleitung doch bäte, daß der Präsident
von seinem Amte zurückträte, ferner, daß sie Wert darauf lege, daß v[on]
Sch[roeder] das Präsidium übernehme". Am gleichen Tage versicherte der
Kölner Regierungspräsident dem Vizepräsidenten der IHK Köln, Franz
Proenen, nochmals, daß keine "Aktionen" gegen die Kölner Kammer ge-
plant seien und im übrigen ein "Mißverständnis" vorliegen müsse.
Schroeder ließ sich jedoch nicht beirren und erkundigte sich bei Dr.
Schmitz-Sieg nach in Berlin kursierenden Gerüchten, daß er, Schroeder,
das Präsidium der Kammer übernommen habe. Abermals mußte der

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Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

Geschäftsführer der IHK Köln Schroeder unter Hinweis auf die Stellung-
nahme des Staatssekretärs und des Regierungspräsidenten enttäuschen.
Schroeder, der jetzt merkte, daß er zu früh losgeprescht war, zeigte sich
dann verwundert darüber, "wie es denn möglich sei, daß ein solches Ge-
rücht überhaupt aufkäme", da er doch nie den Rücktritt Silverbergs verlangt
habe. Er bitte, auch den amtierenden Präsidenten davon in Kenntnis zu set-
zen. Auf das Verlangen Dr. Schmitz-Siegs, Schroeder möge die Mitteilung
an Silverberg "zur Vermeidung weiterer Mißverständnisse" wörtlich formu-
lieren, äußerte sich dieser wie folgt: "Ich teile Ihnen durch Herrn Dr.
Schmitz-Sieg mit, daß die Auffassung der Gauleitung, die mir durch Herrn
Dr. Schmidt bekannt wird, dahin geht, daß auf die Dauer wohl die Persön-
lichkeit des Handelskammerpräsidenten nicht tragbar wäre, daß aber über-
eilte Schritte nicht vorgenommen werden sollten. Eine Bitte der Gauleitung,
daß er sein Amt niederlegen sollte, ist nicht ausgesprochen worden."34
Damit war klar, daß die Tage Silverbergs als Präsident der IHK Köln
gezählt waren. Schroeder war Mitte März 1933 wohl noch etwas zu vorei-
lig, als er glaubte, sich selbst im Handstreich in die begehrte Position brin-
gen zu können. Weil die Gauleitung die Unruhe in der Bevölkerung über
die Amtsenthebung Konrad Adenauers durch ein ähnliches Vorgehen gegen
Silverberg nicht unnötig verstärken wollte, hielt sie den drängenden
Schroeder vorerst noch zurück.35 Der dreitägige "Judenboykott" vom 13.
April 1933 brachte auch für die Kölner IHK die Entscheidung: Im Rahmen
der im ganzen Reich durchgeführten "Gleichschaltung" der Wirtschaft tra-
ten die Präsidien der Industrie- und Handelskammern entweder geschlossen
zurück oder wurden "durch Ausscheiden der jüdischen Mitglieder und den
Eintritt von nationalsozialistischen Mitgliedern umgeschaltet."36 Schroeder
hatte sein Ziel erreicht.37 Als "Nachfolger" Silverbergs übernahm er den
Vorsitz der Kölner Kammer, den er bis 1945 innehatte.38

3. Die "Judenpolitik" des Dritten Reiches und die Haltung


der Großindustrie

Auch der Rücktritt Silverbergs vom Stellvertretenden Vorsitz des Reichs-


verbandes ist im Zusammenhang der ersten planmäßig organisierten Aktion
des NS-Systems zur Ausschaltung der jüdischen Staatsbürger in Deutsch-
land zu sehen.39 Zwar kam Silverberg durch die Niederlegung seines
RDI-Amtes bereits am 29. März 1933 der nationalsozialistischen Terror-
politik um wenige Tage zuvor,40 aber dies war eher von formaler Bedeu-
tung: Staatlicher Zwang, auch im Falle Reichsverband von Hitler getra-
gen und gebilligt, setzte der Tätigkeit der jüdischen RDI-Mitglieder

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 193


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

in Präsidium und Geschäftsführung ein Ende: Das von Dr. Otto Wagener
aus dem Verbindungsstabe der NSDAP im Zuge der "Gleichschaltungsak-
tion" vom 1. April vorgebrachte Ultimatum, daß neben Geheimrat Kastl
wegen seiner "bisherigen Ablehnung der nationalsozialistischen Bewe-
gung" die Stellvertretenden RDI-Vorsitzenden Dr. Silverberg und Dr.
Kraemer, die Präsidialmitglieder Piatscheck, Pietrkowski, von Simson und
Sobernheim sowie die Syndici Dr. Loening, Dr. Singer und Dr. Veit als
"Mitglieder jüdischer Rasse" sofort von ihren Funktionen zu entbinden sei-
en,41 stellte einen beispiellosen Affront der industriellen Spitzenorganisati-
on dar.42
Der Nationalsozialismus konnte bei seiner Maßnahmepolitik gegen jüdi-
sche Unternehmer auf ein tragfähiges antisemitisches Potential innerhalb
der Großindustrie nicht zurückgreifen. In den Denkschriften, Publikationen
sowie internen Materialien der Industrieverbände finden sich zumindest für
die Weimarer Zeit keine diesbezüglichen Anhaltspunkte. Charakteristisch
ist, daß vor allem aus Kreisen konservativer Schwerindustrieller noch der
energischste Protest gegen die judenfeindliche Politik des NS-Regimes laut
wurde. Die Absetzung Silverbergs vom Vorsitz der Kölner Handelskammer
wurde so zuallererst von Emil Kirdorf scharf angeprangert. In einem offe-
nen Brief an die "Rheinisch-Westfälische Zeitung" in Essen distanzierte
sich Kirdorf, nachdem er Silverberg zuvor seine persönliche Solidarität be-
kundet hatte, in aller Form von der Wiederbelebung des Antisemitismus
durch den Nationalsozialismus.43 Kirdorf schrieb:

"Als ein Verbrechen erachte ich das unmenschliche Unmaß der fortgesetzten
antisemitischen Hetze. Eine große Anzahl um Deutschland verdienter Menschen,
deren Familien seit Jahrhunderten hier eingebürgert sind, hat man in grausamer
Weise deklassiert und ihnen den Boden unter den Füßen weggenommen ... Der
Dolchstoß, den man diesen wertvollen Menschen versetzt hat, hat auch mich ge-
troffen. jetzt ist meine Hoffnung dahin, mein Vertrauen, ein neues, unbeflecktes,
stolzes Deutschland noch zu erleben"44

Paul Reusch hatte bereits in seinen "Richtlinien" für die "Münchner


Neuesten Nachrichten" im Frühjahr 1932 die "Achtung vor jeder religiösen
Überzeugung" für unabdingbar erklärt und lehnte die judenfeindliche Poli-
tik des NS-Staates ebenfalls grundsätzlich ab.45 Kennzeichnend in diesem
Zusammenhang ist auch, daß die Ruhrlade, das "Geheime Kabinett" der
Schwerindustrie der Weimarer Republik, ihre Juni-Sitzung 1933 auf den
'Hoverhof' Silverbergs verlegte und damit nachdrücklich demonstrierte, daß
von den hier versammelten Industriellen (unter ihnen sowohl Thyssen als
auch Vögler) der Hitlersche Antisemitismus nicht vorbehaltlos akzeptiert
wurde.46
Im Reichsverband selbst sprach sich vor allem der Stellvertretende
Vorsitzende Georg Müller-Oerlinghausen am entschiedensten gegen die

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 194


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

Eingriffe des NS-Regimes aus: Der RDI könne und dürfe "niemals eines
Einverständnisses mit der unerhörten Disqualifikation und Bedrückung des
deutschen Judentums geziehen werden, wenn er noch ein moralisches 'stan-
ding' beanspruchen" wolle.47 Unter Führung des Reichsverbandsvor-
sitzenden Krupp setzte sich jedoch eine problematische "Appeasement"-
Strategie durch, die die Diskriminierung der jüdischen Industriellen kritik-
los hinnahm.48 Zwar rief Krupp am 23. Mai 1933 zu einer vertraulichen
Besprechung über die "Rassenfrage" zusammen,49 irgendwelche greifbaren
Ergebnisse wurden aber nicht erzielt. So blieb schließlich als einzige Form
des "Widerspruchs" die Fortführung privater Kontakte zu den öffentlich
desavouierten Berufskollegen.50
Der Anpassungsprozeß an die Ideologie des Nationalsozialismus vollzog
sich indes erstaunlich schnell. So ließ sich der im Juni 1933 neugegründete
"Reichsstand der Deutschen Industrie" ohne erkennbare Skrupel zum will-
fährigen Sprachrohr des Ministeriums für "Volksaufklärung und Pro-
paganda" machen: Dabei wurde die chemische Industrie zum Vorreiter,
indem sie durch den "Reichsstand" eine ausführliche Denkschrift zur "Ab-
wehr ausländischer Boykottbewegungen"51 verbreiten ließ, die die ideologi-
sche Rechtfertigung der antisemitischen Aktionen vom 1. bis 3. April
nachlieferte. Diese sich scheinbar seriös gebende, der Tendenz nach aber
von übelster Demagogie geprägte Materialsammlung enthielt u. a. eine
Zusammenstellung über den jeweiligen jüdischen Anteil in einzelnen
Berufsgruppen, darunter auch die Bereiche Bankwesen und Industrie. Hier
stellte die Denkschrift fest: "Stets ist das Bestreben der Juden stark
gewesen, Eingang in die Geldwirtschaft zu finden". So seien vor allem die
Banken "in ihrer Leitung jüdisch bzw. verjudet". Im Rahmen einer
Aufstellung jüdischer Aufsichtsratsinhaber führte die Schrift neben anderen
Industriellen und Bankiers auch Paul Silverberg namentlich auf, mit der
Schlußfolgerung, "daß das Unternehmertum in starkem Umfange jüdischem
Finanzeinfluß" unterliege.52
Die Ursache für die "außerordentliche Ausbreitung des jüdischen Ein-
flusses" in Deutschland erkannte die Denkschrift in der Revolution von
1918: Seit dieser Zeit hätten sich die Verhältnisse insofern geändert, "als
die Sozialdemokratie ihren politischen Machteinfluß dazu benutzt" habe,
"der Judenschaft im allgemeinen einen ihr nach ihrem Verhältnis zur
Bevölkerungszahl nicht zustehenden Einfluß im öffentlichen Leben ... zu-
zugestehen."53 Der notwendige Kampf gegen "das jüdische Vordrin-
gen" sei dabei, So die Denkschrift in bewußter Abhebung auf die antisozia-
listischen und antigewerkschaftlichen Grundtendenzen innerhalb der vor-
herrschenden Unternehmerideologie, auch die "logische Folge" der "viel-
fachen Zusammenhänge zwischen Marxismus und Kommunismus einer-
seits und dem Weltjudentum andererseits." "Gegen diese Einflüsse der jüdi-
schen Bevormundung des deutschen Geisteslebens, der Gestaltung der deut-
schen Politik und des Oberhandnehmens der Korruption" wende

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 195


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

"sich das neue Deutschland. Es wird in Zukunft nicht mehr geduldet wer-
den, daß Juden in verhältnismäßig hohem Masse Beamten-, Richter-,
Lehrer- usw. Stellen einnehmen und dadurch einen ihrem Verhältnis zur
Gesamtbevölkerung nicht entsprechenden Einfluß in Deutschland gewin-
nen. "54
Der "Reichsstand der Deutschen Industrie" zeichnete wohl für die Ab-
fassung dieser Hetzschrift nicht unmittelbar verantwortlich. Es bleibt aber
bemerkenswert, daß er die Thesen der "Materialsammlung" den ange-
schlossenen Organisationen als Argumentationshilfe zur Rechtfertigung
von "gewissen Eingriffen" der Reichsregierung in der Judenfrage" vor-
behaltlos anempfahl."55

4. Silverberg in der Emigration

Silverbergs Abkehr vom Arbeitsgemeinschaftsgedanken im Sommer 1932,


die Fortschreibung der Dresdner Konzeption durch den Austausch von So-
zialdemokratie gegen Nationalsozialismus, schließlich sein praktisches Ein-
treten für eine Kanzlerschaft Hitlers mag gerade aus der Perspektive der
späteren persönlichen Betroffenheit als tragisch anmutender, allerdings
fundamentaler politischer Irrtum erscheinen. Der objektive Widerspruch
zwischen der Option für den Nationalsozialismus 1932 und den direkt er-
fahrenen Folgewirkungen nach 1933 wirft die Frage nach Rezeption und
Verarbeitung des etablierten faschistischen Systems durch Silverberg auf.
Von den wenigen Stellungnahmen Silverbergs zur Politik der NSDAP
nach der 'Machtergreifung' verdient seine Eröffnungsrede anläßlich der
Vollversammlung der IHK Köln am 13. März 1933 besondere Beachtung.
Silverberg erklärte dabei in seiner Eigenschaft als Präsident der Kammer
zur politischen Entwicklung in Deutschland: "Es ist ... nicht die Aufgabe
der Industrie- und Handelskammer, zu rein politischen Fragen Stellung zu
nehmen. Aber es ist unsere Aufgabe, bei politischen Ereignissen, welche so
große Bedeutung haben werden, hier zum Ausdruck zu bringen, daß alle
Kreise der Kölner Kaufmannschaft ... von starker Liebe zu unserem Vater-
land beseelt sind und sich an nationaler Gesinnung und Einstellung auf die
nationalen Notwendigkeiten unseres Landes von niemand übertreffen lassen
... Wir stehen in diesem Sinne in vollem Umfange hinter der Erklärung des
Herrn Reichskanzlers,56 die dahin geht, daß das Wirtschaftsleben gefördert
wird und die Ruhe aufrecht zu erhalten ist, damit Handel und Wandel
gedeihen, damit unserem Lande und allen seinen Einwohnern eine glückli-
che Zukunft in zufriedener Lebenshaltung beschieden sein möge."57
Eine gewisse Sorge klingt in diesen Worten wohl mit, ein politisches Kon-
zept gegen die Befürchtung, in der zukünftigen Entwicklung übergangen
zu werden, entwickelte Silverberg aber nicht. In diesem Zusammen-

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 196


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

hang ist von besonderem Interesse, daß sein Kölner Mitarbeiter Dr. Bauer
zuvor die Anregung gegeben hatte, in Anknüpfung an die Dresdener Rede
von 1926 die Veranstaltung der IHK Köln dazu zu benutzen, um von dieser
Bühne öffentlich zu einer Erneuerung der Zentralarbeitsgemeinschaft auf-
zurufen.58 Silverberg ging darauf nicht ein und machte damit auch klar, daß
für ihn der Arbeitsgemeinschaftsgedanke, der im Februar und März 1933 in
RDI und DIHT erneut aufgegriffen und aktualisiert worden war,59 keine
Perspektive mehr hatte.
Ende 1933 verließ Silverberg, der sich inzwischen aus allen Geschäften
zurückgezogen hatte, Deutschland und nahm seinen Wohnsitz in der
Schweiz. Wie viele andere deutsche Staatsbürger aus politischen' oder 'ras-
sischen' Gründen zur Emigration gezwungen, verharrte Silverberg in an-
dauernder Loyalität gegenüber dem Hitler-Regime, ohne jemals eine ange-
messene Distanz zu den Ereignissen im Reich gewinnen zu können.60 So
lehnte der Industrielle auch 1934 ein durch die "Notgemeinschaft Deutscher
Wissenschaftler im Ausland" vermitteltes, ihn zunächst sehr interessieren-
des Angebot, die Oberleitung für den Wirtschaftsaufbau in der Türkei zu
übernehmen, ab, weil er seine Entscheidung von einer offiziellen Zustim-
mung der nationalsozialistischen Reichsregierung abhängig gemacht hat-
te."61
Der spätere Versuch Hermann Rauschnings, Silverbergs Mithilfe zu ge-
winnen, um Hitler "Einhalt" zu gebieten, "bevor es zu einer totalen Zerstö-
rung Deutschlands kommen würde",62 scheiterte vollständig. Silverberg
entwickelte in einem durch Dr. Brettauer arrangierten Gespräch, das im
Herbst 1938, nach der "Reichskristallnacht" in seiner Villa in Lugano statt-
fand,63 Vorstellungen, die durchaus in Kontinuität altbekannter ideologi-
scher Strukturmuster standen, in ihrer Pointiertheit aber überraschen müs-
sen: Nach den dem Verfasser gegenüber bestätigten64 Aufzeichnungen
Rauschnings65 rechtfertigte Silverberg dabei sowohl die innere Struktur des
nationalsozialistischen Regimes, insbesondere sein Integrationskonzept ge-
genüber der Arbeiterklasse, als auch die militärischexpansionistischen Ziele
Hitlers, die als unabdingbare Voraussetzung für das weitere Wachstum der
deutschen Industrie im Rahmen eines großeuropäischen Binnenmarktsy-
stems anerkannt wurden.
Die Zerschlagung der Gewerkschaften, so Silverbergs Argumentation,
wäre völlig unnötig gewesen, wenn der Marxismus die Massen nicht blind
gemacht hätte.

"We ought to have gone out for some sort of reasonable Socialism, instead of
Marxism − the English variety, if you like. The workman must have his represen-
tatives; no one will object to that. On the contrary, we want someone to negotiate
with; we are not reactionaries."66

Aber die "indoktrinierten" Führer der Gewerkschaften hätten immer


neue Forderungen gestellt; die Unternehmer, − aber auch die Arbeiter, die

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 197


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

zuvor immer in Unruhe gehalten worden wären, mußten diese Leute einfach
loswerden. Immerhin ginge es den Arbeitern jetzt insofern besser, als die
"Nazi-Bosse" mit ihnen reden könnten: diese seien keine "Doktrinäre" und
wüßten, daß man Feuer nicht ohne Kohle schüren, keine Arbeit geben,
Löhne zahlen könne, ohne nicht selbst etwas zu verkaufen.
Im übrigen hätten die Nationalsozialisten noch etwas anderes verstan-
den, nämlich daß wir einen Markt brauchten für unsere Güter, und daß wir
ihn nicht durch Feilschen erhielten. Die deutsche Industrie brauche Europa,
sie brauche den Osten. Das bedeute "war to the knife", entweder die ande-
ren oder die Deutschen müßten untergehen. An diesem Punkte breche die
Solidarität der Arbeiter genauso zusammen wie der Pazifismus. Es gebe
Brot und Arbeit entweder für die deutschen Arbeiter oder für die Tschechen
und Polen, aber es gebe nicht genug für alle. Die anderen müßten zurück
aufs Land gehen oder etwas anderes suchen. Die Industrie bleibe deutsches
Monopol, und die Arbeiter seien daran genauso interessiert, daß es so blei-
be, wie wir. Der Nationalsozialismus, so Silverberg resümierend, habe "sei-
ne Aufgabe erfüllt, wenn er nur diesen Gedanken in ihre Köpfe hämme-
re."67 Silverbergs bitter gemeintes Fazit, daß die nationalsozialistische Be-
wegung die Welt hätte gewinnen können, "if it had not persecuted the
Jews", zeigte vollends das Fehlen einer politischen Entwicklung.68

Nach 1945 lehnte Silverberg, insbesondere von Adenauer eindringlich


gebeten, eine Rückkehr in die rheinisch-westfälische Industrie ab.69 Im
Nachkriegsdeutschland sah Silverberg die "apokalyptischen Reiter über das
Land gehen",70 wie 1918/19 drohe erneut die Gefahr der Sozialisierung:
Was noch übrig sei, "werde zwischen Labour und sozialistischen deutschen
Theoretikern zermahlen".71 Silverberg beklagte die "doktrinäre und totalitä-
re Haltung der SPD",72 ferner die "amerikanische Ideologie" gegen Syndi-
kate und Kartelle, die in Wirklichkeit nur eine Fortsetzung der "zerstören-
den Politik deutscher Emigranten" sei,73 und hielt die Lage in seiner "rhei-
nischen Heimat" insgesamt für "trostlos".74 Im Spruchkammerurteil gegen
Hjalmar Schacht in Stuttgart, nach dem Freispruch in Nürnberg, erkannte
Silverberg "ein politisches Verfahren", in dem Schacht für "1928/30 u[n]d
seine Gegnerschaft gegen die sozialdemokratische Finanzpolitik Hermann
Müllers und Hilferdings" büße; auf diese Weise werde im deutschen Volk
die Idee des Rechtsstaats" nicht wieder aufgerichtet.75
1951, anläßlich seines 75. Geburtstages in Lugano, beschwor Silverberg
noch einmal die Weimarer Jahre, den gemeinsamen Kampf mit Hugo Stin-
nes für die "Freiheit" des Bergbaus und der Schlüsselindustrien sowie die
Kreditaktion der Bank für Industrieobligationen, die sogenannte "Osthilfe",
als die "Höhepunkte" seines Lebens.76 Für Silverberg war die Zeit anschei-
nend stehen geblieben, die Perspektive von 1918 galt ihm noch nach Grün-
dung der Bundesrepublik unverändert, ganz so, als hätten National-
sozialismus, Judenverfolgung und Hitler-Krieg nicht stattgefunden. Kurz

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 198


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Kap. XIV. Ausschaltung Silverbergs 1933

vor seinem Tode 1959, in einem Brief an den seit Weimarer Tagen be-
freundeten Adenauer, notierte Silverbergs Tochter schließlich: "Es ist
furchtbar zu sehen, was aus diesem vitalen und geistig regen Menschen
durch die lange Emigration und damit verbundene Arbeitslosigkeit gewor-
den ist."77

Anmerkungen zu Kap. XIV auf S. 279-82 199


Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Ergebnisse

Ergebnisse

Aus der vorliegenden Studie ergibt sich für das Verhältnis von Großindu-
strie, Staat und NSDAP in der Krise der Weimarer Republik 1930-1933 die
zusammenfassende Beurteilung:
1. Die Großindustrie verfügte in dem "pluralistischen System organi-
sierter Interessen" des Weimarer Staates über weitreichende politische
Einflußchancen. Sie konnte ihre Bedürfnisse wirksam organisieren und
besaß zugleich die Fähigkeit, dem Gesamtsystem restriktive Bedingungen
aufzuerlegen. Die Chance zur Durchsetzung von solchen ökonomischen
oder politischen Zielen, die jenseits eines gemeinsamen Grundkonsensus
innerhalb der Industrie lagen, war allerdings wesentlich eingeschränkt.
Schwerindustrie und Leichtindustrie standen sich in der Weimarer Republik
trotz vielfacher organisatorischer und interessenpolitischer Verschrän-
kungen als tendenziell antagonistische Gruppierungen gegenüber. Während
die Schwerindustrie vor allem durch den Bergbau-Verein, aber auch den
mächtigen Regionalverband der Ruhrwirtschaft, den Langnam-Verein,
ihren Einfluß geltend machen konnte, fehlten der verarbeitenden Industrie
entsprechende Organisationsfiguren. Andererseits konnte diese
Industriegruppe im DIHT, vor allem aber im Präsidium des RDI, ihr
tatsächliches Gewicht zunehmend zum Ausdruck bringen und ihre dortige
Führungsposition zu Beginn der Weltwirtschaftskrise weiter ausbauen.
Keine der beiden industriellen Hauptgruppen verfügte angesichts dieser
Voraussetzungen über die Chance, im Konfliktfalle ihre Strategie zu
oktroyieren und gesamtverbindlich durchzusetzen. Die Kräfteverhältnisse
innerhalb des industriellen Spektrums sind demnach durch die Betonung
einer "Veto-Position der Schwerindustrie nur unzureichend gekennzeichnet.
Tatsächlich herrschte eher eine "Patt-Situation zwischen den Polen der
Industrie. Diese Konstellation prägte sich in der Krise noch deutlicher aus
und war überdies überlagert von einem andauernden Spannungsverhältnis
zur Landwirtschaft. Die Mechanismen zur Regulierung grundsätzlicher
Konflikte innerhalb der Industrie und in ihrem Verhältnis zur Land-
wirtschaft waren 1932/33 kaum noch funktionsfähig. Dies dokumentierte
sich u. a. im Gelsenberg-Streit im Sommer 1932 oder in der öffentlich
ausgetragenen Fehde zwischen RDI und Reichslandbund im Januar 1933.
2. Die relative Autonomie des Staates verstärkte sich in der Weltwirt-
schaftskrise und spiegelte sich innenpolitisch im System der Präsidialkabi-
nette wider. Dabei konnte die Exekutive auch grundlegende politische

200
Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Ergebnisse

Entscheidungen gegen das Votum maßgeblicher Industriekreise durchset-


zen: Für das Verhältnis von Ökonomie und Politik in der Obergangsphase
zum autoritären Staat ist z. B. bemerkenswert, daß der "Reichsverband der
Deutschen Industrie" das weitreichende verfassungspolitische Revisions-
konzept Brünings zunächst nicht teilte und an einem formal-parlamentari-
schen System festhielt. Der Versuch des RDI, im Sommer 1930 und dann
unmittelbar nach der Reichstagswahl vom 14. September 1930 auf eine
Erneuerung der Großen Koalition hinzuwirken, scheiterte vor allem am
Widerspruch des Kanzlers. Zu diesem Zeitpunkt dominierten damit die
Vorgaben der politischen Führung, wenn auch die Industrie zuvor ent-
scheidend zum Rücktritt des Kabinetts Hermann Müller beigetragen hatte.
Die Abgehobenheit des politischen Entscheidungsprozesses im
Präsidialsystem dokumentierte sich auch in wichtigen Teilbereichen
staatlicher Krisenpolitik. So wurde Brünings überzogene Deflationspolitik,
die dem Primat der Außen- bzw. Reparationspolitik bedingungslos
untergeordnet war und die die sozialen Voraussetzungen für die großen
Wahlerfolge der NSDAP 1932 mit schuf, ab Sommer 1931 von wichtigen
Teilen der Wirtschaft nachdrücklich kritisiert, ohne daß die notwendige
Kursänderung erfolgt wäre.
3. In der Präzisierung des Verhältnisses der Industriegruppen zum
Nationalsozialismus vor 1933 bedarf das gegenwärtig vorherrschende Sil-
verberg-Bild einer grundlegenden Revision. Die Auffassung, daß Silverberg
den Versuch Reichskanzlers von Schleicher, die NSDAP zu spalten und
Gregor Strasser aus der Partei herauszulösen, als einziger Ruhrindustrieller
aktiv unterstützt habe und auch bereit gewesen sei, in einem
Schleicher-Strasser-Kabinett als Minister mitzuarbeiten, um die Macht-
übernahme durch Hitler zu verhindern, ist in mehrfacher Hinsicht unzu-
treffend: Zunächst entspricht die in diesem Zusammenhang betonte beinahe
vollständige Isolierung der Schleicher-Regierung innerhalb der Industrie
nicht der Quellenlage. Dies wird z. B. auch durch das Eintreten der
RDI-Führung und des DIHT für ein Verbleiben des Kabinetts Ende Januar
1933 unterstrichen.
Gegenüber den gängigen Darstellungen zur politischen Position Silver-
bergs 1932/33 ist hervorzuheben, daß der Industrielle und die ihm naheste-
henden "Deutschen Führerbriefe" ab Sommer 1932 nachdrücklich für eine
Regierungsbeteiligung der NSDAP und für eine Kanzlerschaft Hitlers
votierten. Das Werben des Silverberg-Kreises um den Strasser-Flügel der
NSDAP bedeutete nicht Infragestellung des Führungsanspruchs Hitlers,
sondern entsprach einer wohl kalkulierten Doppelstrategie, die den
Ablösungsprozeß der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie und ihre
Umorientierung auf den Nationalsozialismus zu beschleunigen suchte.
Insgesamt bleibt festzuhalten, daß die Ernennung Hitlers zum Reichs-
kanzler bei gespaltener Industriefront erfolgte. Der offenbare Sieg der
Thyssen-Gruppe und die Unterordnung der gemäßigten Schwerindustrie

201
Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Ergebnisse

und der Exportindustrie stellte dabei nicht Voraussetzung und Ursache der
Machtergreifung dar, sondern war im Gegenteil deren Folge.
4. Für die Frage nach dem strukturellen Zusammenhang von Kapitalis-
mus und Faschismus ist kennzeichnend, daß die Großindustrie auch in der
offenkundigen Krise des überkommenen Wirtschaftssystems am Modell des
liberalen Kapitalismus festhielt und die Störungen im ökonomischen
Reproduktionsprozeß auf die politisch-soziale Ordnung von 1918/19
zurückführte. Dies wurde im Kampf gegen den "Staatsinterventionismus",
zuerst gegen die unmittelbare Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien,
dann gegen die "Kalte Sozialisierung" zum Ausdruck gebracht. Die
Gebrochenheit der liberalen Ideologie dokumentierte sich vor allem in der
Haltung gegenüber den Gewerkschaften und in der Sozialpolitik. Die offene
Gewerkschaftsfeindlichkeit der NSDAP, ihr Abheben auf Grundelemente
der Unternehmerideologie wie "Persönlichkeit", "Führerprinzip" und
"starker Staat" wurde von großen Teilen der Industrie nachdrücklich
begrüßt. Andererseits stieß der Nationalsozialismus als verstärkt
interventionistisch agierendes System allgemein auf Ablehnung, ganz
abgesehen von den massiven Gegensätzen im Bereich der Finanz- und
Währungspolitik, insbesondere aber in der Frage Weltmarktorientierung
oder Autarkie.
Die Umstellung auf das nationalsozialistische Wirtschaftssystem im
Frühjahr 1933 war Ergebnis einer "terroristischen Konsensbildung" und
erfolgte durch illegalen Eingriff des NS-Staates in die wirtschaftlichen
Interessenverbände bei gleichzeitiger Ausschaltung der Industrie-Opposi-
tion. Die Einschränkung der Unternehmerkompetenz und die Neuorien-
tierung vor allem in der Handelspolitik konnten allerdings durch die
Ankündigung forcierter Rüstungsprogramme in Verbindung mit einer am
Unternehmerinteresse orientierten Lohn- und Sozialpolitik beinahe rei-
bungslos kompensiert werden.

Eine Gesamtinterpretation der Auflösung der Weimarer Republik und


der Herausbildung der nationalsozialistischen Diktatur, die diesen Prozeß
vornehmlich aus der Perspektive struktureller Identitäten zwischen Kapita-
lismus und Faschismus erklären will und vor allem als Ergebnis großindu-
strieller Aktivitäten für eine Kanzlerschaft Hitlers sieht, greift zu kurz und
verdeckt wesentliche Ursachenzusammenhänge: Hier müßten unter Her-
vorhebung des Primats der Politik im Entscheidungsprozeß 1930-33 vor
allem Probleme im Rahmen eines gestörten gesellschaftlichen Umschich-
tungsprozesses in Deutschland stärker in den Vordergrund gerückt werden.
Der Erfolg des Nationalsozialismus ist ohne das Bündnis mit den vom
Abstieg bedrohten alten Eliten der Großlandwirtschaft, aber auch der
Militäraristokratie und anderer Gruppen des Großbürgertums unter Mit-
wirkung von Bürokratie, Justiz und Staatsverwaltung bei ideologischer
Wegbereitung durch antidemokratische und antiliberale Intellektuellenzir-

202
Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP - Ergebnisse

kgl nicht zu denken. Die Machtergreifung stellt sich so nicht zuletzt als der
gescheiterte Versuch dieser Kräfte dar, ihrer sozialen Deklassierung durch
die "Einspannung" der NSDAP entgegenzuwirken.
Die Offensive großer Teile der Wirtschaft gegen Demokratie, Parlamen-
tarismus und Weimarer Staat hat zum Sieg des Nationalsozialismus gewiß
wesentlich beigetragen, erklärt aber nicht ursächlich die "deutsche Kata-
strophe" in der Obergangsphase zur modernen Industriegesellschaft.

203
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

Anmerkungen

Einleitung

1. Deutsche Führerbriefe. Politisch-wirtschaftliche Privatkorrespondenz (DFB), Jg. 5, Nr. 72 u.


73 vom 16. u. 20. Sept. 1932. Zum Stellenwert der Führerbriefe und zur Kontroverse um
Alfred Sohn-Rethel und seine Interpretation des hier genannten Artikels siehe Kap. XII, S.
159f, S. 160f.
2. M. Horkheimer, Die Juden und Europa, in: Zs. f. Sozialforschung, Jg. 8, 1939, S. 115-37, hier
S. 115.
3. Siehe vor allem: Totalitarismus und Faschismus. Eine wissenschaftliche und politische
Begriffskontroverse. Kolloquium im Institut für Zeitgeschichte am 24. November 1978,
München 1980. Sehr guter Überblick über den Gang der Faschismusdiskussion immer noch
bei W. Wippermann, Faschismustheorien. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion, Darm-
stadt 1972. Zu neueren Entwicklungen vgl. u. a. H. A. Winkler, Revolution, Staat, Faschismus.
Zur Revision des Historischen Materialismus, Göttingen 1978, S. 65 ff. oder K. Hildebrand,
Das Dritte Reich, München 1979, S. 117 ff.
4. Thesenreferat von K. D. Bracher, in: Totalitarismus, S. 10-17, hier S. 16. Noch
grundsätzlicher E. Nolte, in: ebd., S. 28-31, der mit der Behauptung oder Verwerfung eines
vertieften Totalitarismusbegriffs das zukünftige Schicksal der "freiheitlichen Gesellschaft" des
Westens verbunden sieht. Vgl. auch: K. D. Bracher, Zeitgeschichtliche Kontroversen. Um
Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 1976; ders., Die Auflösung der Weimarer
Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie, Villingen 1971;
ders., Die Deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Frankfurt
19796; ferner E. Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche. Die Action française. Der
italienische Faschismus. Der Nationalsozialismus, München 1963; ders., Die Krise des libera-
len Systems und die faschistischen Bewegungen, München 1968 sowie ders., Marxismus,
Faschismus, Kalter Krieg. Vorträge und Aufsätze 1964-1976, Stuttgart 1977.
5. Hildebrand, S. 132-46, hier S. 145. Siehe auch: A. Hillgruber, Tendenzen, Ergebnisse und
Perspektiven der gegenwärtigen Hitler-Forschung, in: HZ, Bd. 226, 1978, S. 600-21.
6. Thesenreferat von H. Mommsen, in: Totalitarismus, S. 18-27, hier S. 21 u. 26. Vgl. auch ders.,
Die Auflösung der Weimarer Republik und die nationalsozialistische Machteroberung, in:
Politische Bildung, Jg. 5, 1972, S. 1-16 sowie ders., Zur Verschränkung traditioneller und
faschistischer Führungsgruppen in Deutschland bei Übergang von der Bewegungs- zur
Systemphase, in: W. Schieder (Hg.), Faschismus als soziale Bewegung. Deutschland und
Italien im Vergleich, Hamburg 1976, S. 157-81.
7. J. Kocka, Ursachen des Nationalsozialismus, in: APZ, Beilage 25, 1980, S. 3-15. Vgl. auch
Thesenreferat, in: Totalitarismus, S. 39-44.
8. Thesenreferat von W. Schieder, in: Totalitarismus, S. 45-49.
9. Thesen und Beschlüsse des XIII. Plenums des Exekutivkomitees der Kommunistischen
Internationale vom Dezember 1933, zit. nach E. Lewerenz, Zur Bestimmung des imperialisti-
schen Wesens des Faschismus durch die Kommunistische Internationale (1922 bis 1935), in:
D. Eichholtz u. K. Goßweiler (Hg.), Faschismusforschung. Positionen, Probleme, Polemik,
Köln 1980, S. 21-47, hier S. 41.
10. A.Thalheimer, Grundlagen und Wege der faschistischen Entwicklung in Deutschland,

204
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

in: "Gegen den Strom", Jg. 3, 1930, Nr. 17. Abgedruckt in: Der Faschismus in Deutschland.
Analysen der KPD-Opposition in den Jahren 1928-1933, Frankfurt 1973, S. 77-91, hier S. 87.
11. Vgl. K. H. Tjaden, Struktur und Funktion der "KPD-Opposition" (KPO). Eine
organisationssoziologische Untersuchung zur "Rechts"-Opposition im deutschen Kommu-
nismus zur Zeit der Weimarer Republik, Meisenheim 1964. Rechtfertigungsversuch der
Sozialfaschismustheorie neuerdings wieder bei J. Schleifstein, Die "Sozialfaschismus"-These.
Zu ihrem geschichtlichen Hintergrund, Frankfurt 1980. Vgl. im übrigen Wippermann, S. 11 ff.
12. Thalheimer, Die Krise des Parlamentarismus - das Vorspiel zur Krise der bürgerlichen
Herrschaft, in: "Gegen den Strom", Jg. 2, 1929, Nr. 10. Abgedruckt in: Faschismus, S.54.
13. Thalheimer, Über den Faschismus, in: "Gegen den Strom", Jg. 3, 1930, Nr. 2, 3, 4, in: ebd., S.
28-46. Geringfügig gekürzt auch in: W. Abendroth u. a. (Hg.), Faschismus und Kapitalismus.
Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus, Frankfurt 1967, S.
19-38, hier S. 31.
14. Thalheimer, Grundlagen, S. 87/88.
15. Vgl. z. B. D. Schieder, Faschismus und Ökonomie. Zu Problemen der Entwicklung der
Produktionsverhältnisse unter der faschistischen Diktatur, in: ders. u. Goßweiler, S. 49-72,
hier S. 49.
16. J. Kuczynski, Studien zur Geschichte des deutschen Imperialismus, Bd. 1: Monopole und
Unternehmerverbände, Berlin 1948; ders., Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem
Kapitalismus, Teil 1, Bd. 16: Studien zur Geschichte des staatsmonopolistischen Kapitalismus
in Deutschland 1918-1945, Berlin 1963.
17. K. Goßweiler, Großbanken, Industriemonopole, Staat. Ökonomie und Politik des
staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914-1932, Berlin 1971.
18. Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Monopolgruppentheorie siehe vor allem E.
Hennig, Materialien zur Diskussion der Monopolgruppentheorie. Anmerkungen zu Kurt
Goßweilers "Großenbanken, Industriemonopole und Staat", in: NPL, Jg. 18, 1973, S. 170-93.
Der Versuch der vorliegenden Untersuchung, die empirisch herausgearbeiteten Positionen der
verschiedenen Industrieverbände und ihrer Repräsentanten in ein Gesamtspektrum
einzuordnen (vgl. z. B . Kap. II, S. 43 ff.; Kap. V, S. 80 ff.; Kap. XI, S. 141 ff.), steht nicht im
Widerspruch zur grundsätzlichen Kritik an der orthodox-marxistischen Monopol-
gruppeninterpretation.
19. Hennig, Materialien, S. 191.
20. E. Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der
Zerstörung der Weimarer Republik, Köln 1967.
21. E. Hennig, Industrie und Faschismus. Anmerkungen zur sowjet-marxistischen Interpretation,
in: NPL, Jg. 15, 1970, S. 432--449, hier S. 438.
22. W. Ruge, Monopolbourgeoisie, faschistische Massenbasis und NS-Programmatik in
Deutschland vor 1933, in: Eichholtz u. Goßweiler, S. 125-55. Siehe auch die ältere Kritik
Ruges (ZfG, Jg. 17, 1969, S. 1621), Czichon habe "relativ untergeordnete
Meinungsverschiedenheiten" innerhalb der Monopolbourgeoisie überbetont. Vgl. hierzu im
übrigen Wippermann, S. 22 ff.
23. E. Czichon, Der Primat der Industrie im Kartell der nationalsozialistischen Macht, in: Das
Argument, Jg. 10, 1968, Nr. 47, S. 168 ff.; D. Eichholtz u. K. Schieder, Noch einmal: Politik
und Wirtschaft 1933-1945, in: ebd., S. 210 ff., hier S. 218.
24. R. Griepenburg u. K. H. Tjaden, Faschismus und Bonapartismus. Zur Kritik der
Faschismustheorie August Thalheimers, in: Das Argument, Jg. 8, 1966, Nr. 41, S. 461-72.
Siehe auch Schieder, S. 9 ff.
25. T. W. Mason, Primat der Industrie? - Eine Erwiderung, in: Das Argument, Jg. 10, 1968, Nr.
47, S. 193 ff., hier S. 204.
26. E. Hennig, Thesen zur deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1933 bis 1938,

205
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

Frankfurt 1973, S. 125 ff. sowie ders., Bürgerliche Gesellschaft und Faschismus in Deutsch-
land. Ein Forschungsbericht, Frankfurt 1977, S. 37 ff., S. 227 ff.
27. H. A. Winkler, Die "neue Linke" und der Faschismus: Zur Kritik neomarxistischer Theorien
über den Nationalsozialismus, in: ders., Revolution, S. 65-117. Zur Gegenposition siehe z. B.
R. Kühnl, Faschismustheorien. Texte zur Faschismusdiskussion 2. Ein Leitfaden, Hamburg
1979.
28. R. Hilferding, Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik, in: Sozialdemokratischer
Parteitag Kiel 1927 (Protokoll), Berlin 1927, S. 165-184.
29. H. A. Winkler, Einleitende Bemerkungen zu Hilferdings Theorie des Organisierten
Kapitalismus, in: ders. (Hg.), Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfänge,
Göttingen 1974, S. 9-18; J. Kocka, Organisierter Kapitalismus oder Staatsmonopolistischer
Kapitalismus? Begriffliche Vorbernerkungen, in: ebd., S. 19-35.
30. So Kocka in der Diskussion des Bochumer Symposiums 1973, in: H. Mommsen u. a. (Hg.),
Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik. Verhandlungen
des Internationalen Symposiums in Bochum vom 12.-17. Juni 1973, Düsseldorf 1974, S.958.
31. Kocka, Kapitalismus, S. 28.
32. Dies bestätigte indirekt auch der Diskussionsverlauf des Bochumer Symposiums und der
dortige Versuch, diesen Ansatz für die Weimarer Republik zu thematisieren und die
Interdependenzen zwischen industriellem System und politischer Entwicklung in Deutschland
1918-1933 genauer zu erfassen: Zur Intention der Konferenz siehe Mommsen, System, S.
20-23, zur methodologischen Diskussion S. 949 ff.
33. G. Feldman, Iron and Steel in the Gürriian Inflation 1916-1923, Princeton 1977; vgl. auch
ders. u. H. Homburg, Industrie und Inflation. Studien und Dokumente zur Politik der
deutschen Unternehmer 1916-1923, Hamburg 1977. Siehe im übrigen ders., Army, Industry
and Labor in Germany 1914-1918, Princeton 1966; ders., The Social and Economic Policies
of German Big Business 1918-1929, in: AHR, Bd. 75, 1969/70, S. 47-55, sowie ders.,
Aspekte deutscher Industriepolitik am Ende der Weimarer Republik 1930-1932, in: K. Holl
(Hg.), Wirtschaftskrise und liberale Demokratie. Das Ende der Weimarer Republik und die
gegenwärtige Situation, Göttingen 1978, S. 103-25.
34. Mommsen, System, S. 962/63.
35. J. Kocka, Angestellte zwischen Faschismus und Demokratie. Zur politischen Sozialgeschichte
der Angestellten: USA 1890-1940 im internationalen Vergleich, Göttingen 1977; H.-J. Puhle,
Politische Agrarbewegungen in kapitalistischen Industriegesellschaften. Deutschland, USA
und Frankreich im 20. Jahrhundert, Göttingen 1975; H.-P. Ullmann, Der Bund der
Industriellen. Organisation, Einfluß und Politik klein- und mittelbetrieblicher Industrieller im
Deutschen Kaiserreich 1895-1914, Göttingen 1976.
36. H. A. Winkler, Organisierter Kapitalismus? Versuch eines Fazits, in: ders., Liberalismus und
Antiliberalismus. Studien zur politischen Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts,
Göttingen 1979, S. 264-71, hier S. 271.
37. H. Kaelble, Industrielle Interessenpolitik in der Wilhelminischen Gesellschaft. Centralverband
Deutscher Industrieller 1895-1914, Berlin 1967; S. Mielke, Der Hansa-Bund für Gewerbe,
Handel und Industrie 1909-1914. Der gescheiterte Versuch einer antifeudalen
Sammlungspolitik, Göttingen 1976. Siehe auch H.-J. Puhle, Agrarische Interessenpolitik und
preußischer Konservatismus im Wilhelnünischen Reich (1893-1914). Ein Beitrag zur Analyse
des Nationalismus am Beispiel des Bundes der Landwirte und der Deutsch-konservativen
Partei, Hannover 1966. Vgl. im übrigen Anm. 45.
38. Weisbrod, Schwerindustrie in der Weimarer Republik. Interessenpolitik zwischen
Stabilisierung und Krise, Wuppertal 1978.
39. Ebd., S. 17/18.
40. Ch. S. Maier, in: Mommsen, System, S. 955 ff.

206
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

41. Weisbrod, Schwerindustrie, S. 17/18.


42. Allgemeiner Überblick zum Forschungsstand zuletzt bei D. Gessner, Das Ende der Weimarer
Republik. Fragen, Methoden und Ergebnisse interdisziplinärer Forschung, Darmstadt 1978.
Immer noch unverzichtbar K. D. Bracher u. a., Die nationalsozialistische Machtergreifung.
Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34, Köln
19622, hieraus vor allem G. Schulz, Die Anfänge des totalitären Maßnahmenstaates. Aus der
neueren Literatur ist zu nennen: D. Gessner, Agrardepression und Präsidialregierungen in
Deutschland 1930-1932/33. Probleme des Agrarprotektionismus am Ende der Weimarer
Republik, Düsseldorf 1977; ders., Die Agrarverbände in der Weimarer Republik. Politische
und soziale Voraussetzungen agrarkonservativer Politik in der Zwischenkriegszeit, Wiesbaden
1976; V. Hentschel, Weimars letzte Monate. Hitler und der Untergang der Republik,
Düsseldorf 1978, hieraus insbesondere der Abschnitt "Nationalsozialismus und Schwerindu-
strie in der Endphase der Weimarer Republik", S. 102 ff; H. Mommsen, Der Ruhrbergbau im
Spannungsfeld von Politik und Wirtschaft in der Zeit der Weimarer Republik, in: Bl. f. dt.
Landesgeschichte, Jg. 108, 1972, S. 160-75; H. Tammen, Die I.G. Farbenindustrie Aktienge-
sellschaft (1925-1933). Ein Chemiekonzern in der Weimarer Republik, Berlin 1978; U.
Wengst, Unternehmerverbände und Gewerkschaften in Deutschland im Jahre 1930, in: VfZ,
Jg. 25, 1977, S. 99-119; ders., Der Reichsverband der Deutschen Industrie in den ersten
Monaten des Dritten Reiches, in: VfZ, Jg. 28, 1980, S. 94-110; H. A. Winkler, Unternehmer-
verbände zwischen Ständeideologie und Nationalsozialismus, in: VfZ, Jg. 17, 1969, S.
341-371; ders., Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung
von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik, Köln 1972; ders., Unternehmer
und Wirtschaftsdemokratie in der Weimarer Republik, in: Probleme der Demokratie heute,
Opladen 1971 (PVS Sonderheft 2), S. 308-22; schließlich die wichtige Studie von M.
Wolffsohn, Industrie und Handwerk im Konflikt mit staatlicher Wirtschaftspolitik? Studien zur
Politik der Arbeitsbeschaffung in Deutschland 1930-1934, Berlin 1977.
43. Siehe dazu die Literaturberichte bei: D. Petzina, Hitler und die deutsche Industrie. Ein
kommentierter Literatur- und Forschungsbericht, in: GWU, Jg. 17, 1966, S. 482-91; Hennig,
Industrie, S. 432-449; ders., Das Verhältnis von Industrie und Nationalsozialismus. Berner-
kungen zur Literatur, in: ders., Thesen, S. 238-53; Wippermann, S. 138-48; Gessner, Ende, S.
55, S. 108 f.; Hildebrand, S. 147 ff.; Kocka, Ursachen, S. 4 ff. Vgl. auch Kühnl,
Faschismustheorien, S. 167 ff., S. 213 ff.
44. H. A. Turner, Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Studien zum Verhältnis zwischen
Nationalsozialismus und Wirtschaft, Göttingen 1972, hier zit. S. 30; ders., Das Verhältnis des
Großunternehmertums zur NSDAP, in: Mommsen, System, S. 919-31; ders.,
Großunternehmertum und Nationalsozialismus 1930-1933, in: HZ, Bd. 221, 1975, S. 18-68;
ders., Hitlers Einstellung zu Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933, in: GG, Jg. 2, 1976, S.
89-117, sowie H. Matzerath u. ders., Die Selbstfinanzierung der NSDAP 1930-32, in: GG, Jg.
3, 1977, S. 59-92.
45. Turner, Faschismus, S. 12.
46. Ebd., S. 27 ff., S. 30.
47. Ders., Faschismus und Antimodernismus, in: ebd., S. 157-82.
48. H. A. Winkler, Hitler und die Herren der Ruhr, in: Die Zeit Nr. 19 vom 4. Mai 1973, S. 15/16.
49. Radkau, Industrie und Faschismus, in: NPL, Jg. 18, 1973, S. 258--64.
50. L. P. Lochner, Die Mächtigen und der Tyrann. Die deutsche Industrie von Hitler bis
Adenauer, Darmstadt 19552.
51. A. Heinrichsbauer, Schwerindustrie und Politik, Essen-Kettwig 1948. Beiden Arbeiten (Anm.
50) ist, trotz der zugegebenermaßen tendenziösen Darstellung, ein gewisser Quellenwert nicht
abzusprechen.

207
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

52. G. W. Hallgarten u. J. Radkau, Deutsche Industrie und Politik von Bismarck bis heute,
Frankfurt 1974.
53. Ebd., S. 10 ff.
54. G. W. Hallgarten, Hitler, Reichswehr und Industrie. Zur Geschichte der Jahre 1918-1933,
Frankfurt 19552.
55. Stegmann, Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930-1933. Ein
Beitrag zur Geschichte der sog. Machtergreifung, in: AfS, Bd. 13, 1973, S. 399-482; ders.,
Die Silverberg-Kontroverse 1926, Unternehmerpolitik zwischen Reform und Restauration, in:
H.-U. Wehler (Hg.), Sozialgeschichte heute, Festschrift für Hans Rosenberg zum 70.
Geburtstag, Göttingen 1974, S. 594-610; ders., Kapitalismus und Faschismus in Deutschland
1929-34. Thesen und Materialien zur Restituierung des Primats der Großindustrie zwischen
Weltwirtschaftskrise und beginnender Rüstungskonjunktur, in: Gesellschaft, Beiträge zur
Marxschen Theorie 6, Frankfurt 1976, S. 19-91; ders., Antiquierte Personalisierung oder
sozialökonomische Faschismus-Analyse? Eine Antwort auf H. A. Turners Kritik an meinen
Thesen zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Großindustrie vor 1933; in: AfS, Bd. 17,
1977, S. 275-96.
56. Stegmann, Verhältnis, S. 399-402.
57. Siehe z. B. U. Hörster-Philipps, Großkapital, Weimarer Republik und Faschismus. Kon-
zeptionen und Aktivitäten des deutschen Industrie- und Bankkapitals zur Zerstörung des
bürgerlichen Parlamentarismus und zur Errichtung der faschistischen Diktatur 1918-1933, in:
R. Kühnl u. G. Hardach (Hg.), Die Zerstörung der Weimarer Republik, Köln 1977, S. 38-141;
Hennig, Gesellschaft, S. 260 ff.; Ruge, Monopolbourgeoisie, S. 129, S. 143 ff., S. 149.
58. Hennig, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Faschismus? in: Gesellschaft, Beiträge
zur Marxschen Theorie 6, Frankfurt 1976, S. 14.
59. In seiner Abhandlung: Kapitalismus, S. 21-27, hat Stegmann den Versuch unternommen,
dieses Defizit durch ein vorgeschaltetes Kapitel zur Entwicklung des Kapitalismus 1918-1929
abzubauen.
60. Ders., Verhältnis, S. 399-400.
61. Vgl. z. B. ders., Silverberg-Kontroverse, S. 601.
62. Ders., Personalisierung, S. 277 ff.
63. Ders., Verhältnis, S. 441.
64. Ders., Kapitalismus, S. 25, S. 66.
65. Ders., Verhältnis, S. 441.
66. Ders., Kapitalismus, S. 59 ff., S. 68.
67. Ebd., im Untertitel der Abhandlung zum Ausdruck kommende These.
68. Turner, Großunternehmertum, S. 65/66.
69. Mason, Primat, S. 201/02.
70. Vgl. Stegmann, Kapitalismus, S. 57 f, sowie ders., Personalisierung, S. 295/96. Ausführliche
Erörterung der Handelspolitik 1932/33 siehe u. a. Kap. X, S. 129 ff.
71. Schieder., Kapitalismus, S. 55.
72. Siehe ausführlich Kap. XII, S. 165 ff.
73. Stegmann, Verhältnis, S. 439. Ähnlich undeutliche Beschreibung der Bündniskonstellation vor
und nach dem 30. Januar 1933 bei F. Fischer, Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der
Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945, Düsseldorf 1979, S. 72 ff.
74. Turner, Großunternehmertum, S. 50-56. Die Interpretation Turners bestätigt bei Hentschel, S.
102 ff., vor allem S. 124 ff.
75. Stegmann, Kapitalismus, S. 45 ff.
76. Vgl. z. B. Stegmanns Replik auf die sachlich fundierten Einwendungen Turners in:
Personalisierung, S. 292 f., Anm. 86. Stegmann stützt seine weitreichende Argumentation
lediglich auf eine mündliche Mitteilung von Familienangehörigen Helfferichs, eines Mitglie-
des des "Keppler-Kreises" (ausführliche Erörterung dieser Thematik s. Kap. XI.).

208
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

77. Unkritische Rezeption der Stegmann-Version z. B. bei Hennig, Gesellschaft, S. 260 f, oder
Hörster-Philipps, Großkapital, S. 93 f.
78. Vgl. Hennig, Gesellschaft, S. 287 f
79. Ebd., S. 35 ff.
80. Klein, Zur Vorbereitung der faschistischen Diktatur durch die deutsche Großbourgeoisie
(1929-1932), in: ZfG, Jg. 1, 1953, S. 872-904.
81. C. Schieder, Aktionen gegen die "kalte Sozialisierung" 1926-1930. Ein Beitrag zum Wirken
ökonomischer Einflußverbände in der Weimarer Republik, Berlin 1966.
82. These C. S. Maiers in: Mommsen, System, S. 955.
83. Mason, in: ebd., S. 965/66, ähnlich Petzina, in: ebd., S. 969/71.
84. Weisbrod, in: ebd., S. 970. Vgl. auch ders., Zur Form schwerindustrieller Interessenvertretung
in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik, in: ebd., S. 674-692.
85. C. Offe, Das pluralistische System von organisierten Interessen, in: H. J. Varain (Hg.),
Interessenverbände in Deutschland, Köln 1973, S. 368-71.
86. Böhret, Aktionen, S. 103 ff.
87. Vgl. Kap. V, S. 85, Kap. XIII, S. 183.
88. Die bisherige Literatur zum Reichsverband ist, wie bereits ausgeführt, recht spärlich. F.
Günther u. M. Ohlsen, Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) 1919-1933, in: D. Fricke
(Hg.), Die bürgerlichen Parteien in Deutschland, Bd. 2, Leipzig 1970, S. 580-619, liefern eine
gut informierte Darstellung, die allerdings die Herausarbeitung interner Konflikte und
Interessengegensätze zugunsten der Nachzeichnung einer einheitlichen Strategie zurücktreten
läßt. Immer noch wichtig ist das beigefügte Quellen- und Literaturverzeichnis. Vgl. im
übrigen die Auswahlbibliographie zu den Interessenverbänden in: Varain, S. 373 ff.; ferner
H.P. Ullmann, Bibliographie zur Geschichte der deutschen Parteien und Interessenverbände,
Göttingen 1978.
89. Vgl. D. Schäfer, Der Deutsche Industrie- und Handelstag als politisches Forum der Weimarer
Republik, Hamburg 1966.
90. Vgl. J. Winschuh, Der Verein mit dem langen Namen. Geschichte eines Wirtschaftsverbandes,
Berlin 1932.
91. Die Quellenlage für den Reichsverband der Deutschen Industrie ist, obwohl sein Berliner
Zentralarchiv als verschollen gelten kann, insgesamt nicht ungünstig: Wichtige Verbandsakten
finden sich zunächst in den Firmenarchiven bzw. in den Nachlässen der ehemaligen
RDI-Präsidenten, also für 1924/25-1931 (Carl Duisberg) im Bayer-Archiv Leverkusen, für
1931-33/34 (Krupp von Bohlen) im Krupp-Archiv Villa Hügel. Relativ geschlossen erhalten
ist der Bestand der Fachgruppe Bergbau (Bergbau Archiv, Bochum), Restakten des "Vereins
Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller- (VDEStI) liegen im BA Koblenz. Als unersetzlich für
die Aufarbeitung der Politik des RDI und Langnam-Vereins müssen die Privatsammlungen
führender Unternehmerpersönlichkeiten in Präsidium und Vorstand der Verbände angesehen
werden. Durch eine sehr gute Quellentradition zeichnet sich vor allem der NI. Paul Reusch
(Historisches Archiv der GHH, Oberhausen) aus, dessen Papiere (Schriftwechsel Reusch) die
jeweilige Position der gemäßigten Schwerindustrie zwischen autoritärem Staat und
Nationalsozialismus 1930-33 recht genau bestimmen helfen. Der umfangreiche NI. Silverberg
im Bundesarchiv umfaßt ein breites Kompendium zur internen Verbandsarbeit des RDI, aber
auch des DIHT und Langnam-Vereins. Teilweise exklusive Materialien aus der Tätigkeit der
Programmkommissionen, Ausschüsse und satzungsmäßigen Organe (Engeres Präsidium,
Präsidium, Vorstand und Hauptausschuß) spiegeln die maßgebliche Rolle Silverbergs im
Reichsverband und der westlichen Schwerindustrie wider. − Vgl. Summarisches
Auswahlinventar von Quellen zum Thema "Industrielles System und politische Entwicklung
in der Weimarer Republik" in Archiven der Bundesrepublik Deutschland, bearbeitet von Th.
Trumpp unter Mitarbeit von B. Herzog, in: Mommsen, System, S. 986-1000.

209
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zur Einleitung

92. Vgl. z. B. P. Wulf, Hugo Stinnes. Wirtschaft und Politik 1918-1924, Stuttgart 1979. Vgl.
besonders den Abschnitt S. 10 ff. "Probleme einer Biographie".
93. Vgl. Turner, Faschismus, S. 114-156.
94. Mariaux, Paul Silverberg − ein "Letzter Mann", in: Der Volkswirt, Jg. 13, Nr. 42 vom 17.
Okt. 1959, S. 2280-84.
95. Silverbergs Privatakten wurden nach seiner Emigration 1933/34 von seiner in Deutschland
verbliebenen Tochter Louise Silverberg zunächst nach München verbracht und dort
eingelagert. 1957 nahm der Generalbevollmächtigte Silverbergs in Deutschland, J. H.
Berndgen, im Einvernehmen mit der Familie eine Sichtung der Materialien vor und
vernichtete dabei den überwiegenden Teil der privaten Korrespondenz, aber auch
geschäftliche Unterlagen (vgl. das umfangreiche Verzeichnis "vernichteter Akten" im
Zentralarchiv der Rheinischen Braunkohle, Paffendorf. Nach Zwischenstation in St. Moritz
(1957-61) gelangten die Akten schließlich ins Bundesarchiv Koblenz. − Auch Silverbergs
Korrespondenz nach 1933 ist nicht mehr erhalten. Die wenigen Reststücke befinden sich heute
im ZA Rheinbraun.
96. Zur Biographie Silverbergs siehe vor allem: F. Mariaux (Hg.), Paul Silverberg. Reden und
Schriften, Köln 1951. Das Buch besitzt wegen seines umfangreichen Dokumententeils
Quellenwert. Die Darstellung von H. Kellenbenz, Paul Silverberg, in: Rheinisch-westfälische
Wirtschaftsbiographien, Bd. IX, Münster 1967, S. 103-32, fällt hinter Mariaux zurück und ist
handwerklich teilweise unbefriedigend.
97. ders, Silverberg − ein "Letzter Mann", S. 2282.
98. Siehe Kap. XI und XII. Dort auch detailliertere Literaturübersicht.
99. S. o. Anm. 1.
100. Z. B. Stegmann, Verhältnis, Dok. IV und XVII; U. Hörster-Philipps, Wer war Hitler
wirklich? Großkapital und Faschismus 1918-1945. Dokumente, Köln 1978, Dok. Nr. 86,
104,120. E. Berliner, Das monopolistische Problem der Massenbasis, die "Deutschen Führer-
briefe" und Alfred Sohn-Rethel, in: Bl. f. dt. und intern. Politik, Jg. 19, 1974, Dok. Nr. I-VI,S.
165-174.
101. Vgl. z. B. F. Großkurth, Die politische Position der "Deutschen Führerbriefe" in der
Schlußphase der Weimarer Republik, Staatsexamensarbeit Marburg 1975. Diese, auf Anre-
gung des Verfassers entstandene Untersuchung stellt wohl einen ersten Ansatz in dieser
Richtung dar, zeichnet die spezifische Strategie der Führerbriefe, vor allem in der Strasser--
Frage, aber nicht präzise genug nach. Ausführlicher Kap. XII, S. 154f.
102. Z. B. Stegmann, Kapitalismus, S. 53 ff.
103. Turner und Stegmann, aber auch Weisbrod haben auf eine systematische Auswertung
dieser Quellen verzichtet. Die Studien von Feldman, Winkler oder Wolffsohn unterstreichen
demgegenüber die Relevanz dieser Materialien.
104. Vgl. zuletzt G. Schulz, Reparationen und Krisenprobleme nach dem Wahlsieg der NSDAP
1930. Betrachtungen zur Regierung Brüning, in: VSWG, Bd. 67, 1980, S. 200-22
(Vorabdruck aus: Politik und Wirtschaft in der Krise 1930-1932. Quellen zur Ära Brüning.
Eingeleitet von dems., bearb. von I. Maurer u. U. Wengst, Düsseldorf 1980). Die ältere These,
daß es zur Wirtschaftspolitik Brünings keine Alternative gegeben habe, neuerdings wieder
vertreten bei K. Borchardt, Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen Wirtschafts-
krise der frühen dreißiger Jahre: Zur Revision des überlieferten Geschichtsbildes, in: Bayeri-
sche Akademie der Wissenschaften, Jb. 1979, München 1979, S. 85-132. Vgl. hierzu ausführ-
licher Kap. VIII, S. 111 ff.

210
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. I. 1918-1925: Revolution und Interventionsstaat

Anmerkungen zu Kap. I. 1918-1925: Revolution und Interventionsstaat

1. Zum Zusammenhang zwischen Friedens- und Kriegswirtschaft vgl. F. Zunkel, Industrie und
Staatssozialismus. Der Kampf um die Wirtschaftsordnung in Deutschland 1914-18,
Düsseldorf 1974; ferner G. D. Feldman, Der deutsche Organisierte Kapitalismus während der
Kriegs- und Inflationsjahre 1914-23, in: Winkler, Kapitalismus, S. 150-71.
2. Vgl. insbesondere H.-U. Wehler, Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus und
Interventionsstaates in Deutschland, in: ebd., S. 36-57; siehe auch G. Hardach, Deutschland in
der Weltwirtschaft 1870-1970. Eine Einführung in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte,
Frankfurt 1977, S. 133 ff., S. 143 ff.
3. Die Unterscheidungsbereitschaft zwischen Ursache und Folge, wie sie Silverberg am 12. Okt.
1922 vor der VDA zeigte, ist durchaus atypisch: "Wir müssen uns vom wirtschaftspolitischen
Standpunkt darüber klar sein, daß die Revolution ... in diesem Sinne gedacht nicht erst am 9.
Nov. 1918 begonnen hat, sondern daß die wirtschaftspolitische Einstellung im Sinne dessen,
was wir Revolution nennen, faktisch schon im August 1914 ihren Anfang genommen hat. . ."
NI. Silv. Nr. 1, Bl. 2. Feldman, Policies, S. 49, sonst ein guter Kenner dieser Epoche, irrt,
wenn er, allein von dieser Silverberg-Rede ausgehend, resümiert: "Businessmen frequently
argued, that the real revolution took place 1914 when the government began its massive
incursions upon the autonomy of business." Feldman muß so die gegen die Republik
gewendete Stoßrichtung des Verlangens nach Aufhebung der "Zwangswirtschaft" übersehen.
4. Zur Zentralarbeitsgemeinschaft siehe: H. Kaun, Die Geschichte der Zentralarbeitsge-
meinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands,
Jena 1938; G. D. Feldman, German Business between War and Revolution: The Origins auf
the Stinnes-Legien Agreement, in: Entstehung und Wandel der modernen Gesellschaft,
Festschrift für Hans Rosenberg, Berlin 1970, S. 312-41; ders., Die freien Gewerkschaften und
die Zentralarbeitsgemeinschaft 1918-1924, in: H. O. Vetter (Hg.), Vom Sozialistengesetz zur
Mitbestimmung. Zum 100. Geburtstag von Hans Böckler, Köln 1975, S. 229-52; Zunkel,
Industrie, S. 172 ff; W. Richter, Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerbli-
chen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands (ZAG) 1918-1924, in: Fricke, Bd. 2, S.
845-49; Dokumentation des Abkommens, Begleittexte und Stellungnahme der Gewerkschaf-
ten, in: G. A. Ritter u. S. Miller, Die deutsche Revolution 1918-1919. Dokumente, Hamburg,
19752, S. 233-41, 243-45.
5. Vgl. A. Rosenberg, Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt 1961, S. 8.
6. Vgl. G. D. Feldman, Wirtschafts- und sozialpolitische Probleme der deutschen Demobil-
machung 1918/19, in: Mommsen, System, S. 618-36. Siehe auch H. A. Winkler, Vorläufige
Schlußbemerkungen, in: ders., Kapitalismus, S. 214-18, hier S. 217.
7. Zur Sozialisierungsdebatte siehe: H. Schiek, Der Kampf um die deutsche Wirtschaftspolitik
nach dem Novemberumsturz 1918, Diss. Heidelberg 1958, sowie ders., Die Behandlung der
Sozialisierungsfrage in den Monaten nach dem Staatsumsturz, in: E. Kolb (Hg.), Vom
Kaiserreich zur Weimarer Republik, Köln 1972, S. 139-64. Ferner P. Wulf, Die Auseinander-
setzungen um die Sozialisierung der Kohle in Deutschland 1920/21, in: VfZ, Jg. 25, 1977, S.
46-98, sowie ders., Stinnes, S. 221 ff.
8. Vgl. hier P. Wulf, Regierung, Parteien, Wirtschaftsverbände und die Sozialisierung des
Kohlenbergbaues 1920-1921, in: Mommsen, System, S. 647-57.
9. Text des Gutachtens in: Protokolle des Unterausschusses zur Sozialisierungsfrage, 5. Sitzung
vom 10. Nov. 1920, S. 90, 93, NI. Silv. Nr. 141; gedruckt bei Mariaux, Silverberg, S. 25-30.
Zum Verlauf der Verhandlungen siehe jetzt auch Wulf, Stinnes, S. 227 ff.
10. Wohl wurde am 12. Nov. 1920 die erneute Einsetzung der nunmehr verdoppelten Kommission
beschlossen (u. a. Hinzuziehung Rathenaus, Bernhards, Cunos) und für den 1. Dez. 1920
einberufen (NI. Silv. Nr. 146, Schreiben des Reichskohlenrats vom 16. Nov.

211
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. I. 1918-1925: Revolution und Interventionsstaat

1920), neue Ergebnisse wurden jedoch nicht vorgelegt. Mit dem gemeinsamen Gutachten des
Auswärtigen Amtes und des Reichsjustizministeriums vom 17. Febr., 1921, wonach ein
sozialisierter Kohlenbergbau dem Zugriffsrecht der Alliierten unterworfen wäre, fand die
Sozialisierungsdebatte ihren endgültigen Abschluß. Siehe Wulf, Regierung, S. 655/56.
11. Siehe dazu Mariaux, Silverberg, S. 24, Faksimilewiedergabe des handschriftlichen Entwurfs
Silverbergs.
12. Mitglieder der "Verständigungskommission" des Unterausschusses zur Sozialisierungsfrage
des RWR: Stinnes, Vögler, Silverberg auf Unternehmerseite, Imbusch, Werner, Wagner für
die Arbeitnehmer und Berthold als unabhängiger Vorsitzender.
13. Die Arbeitnehmervertreter Imbusch und Wagner äußerten Vorbehalte, stimmten aber dem
Gesamtgutachten zu, Werner legte ein Sondervotum vor. NI. Silv. Nr. 141.
14. Ebd., Bl. 109; Mariaux, Silverberg, S. 25.
15. Stinnes am 25. Okt. 1920 auf der 2. Sitzung des Unterausschusses, NI. Silv. Nr. 141, Bl. 95 R:
"Ich habe den Zusammenschluß des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes der
Roddergrube und der Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft mit der Deutsch-Luxemburgi-
schen Bergwerks-Gesellschaft im Auge. Das waren Zusammenschlüsse solcher Art, die im
übrigen die Vorläufer weiterer Zusammenschlüsse sein müssen. Nur in dieser Weise kann die
Wirtschaft weiterkommen."
16. Stinnes am 25. Okt. 1920 auf der 2. Sitzung des Unterausschusses, ebd., Bl. 96: "Wir müssen
unsere Konsumenten, die die Kohle in Gestalt von Elektrizität, Gas, Wasser, Verkehr
beziehen, zusammenfassen in möglichst große Bezirke, ich will sie
Landes-Elektrizitätsgesellschaften, Landes-Gasgesellschaften, Landesverkehrsgesellschaften
nennen. Diese Gesellschaften müssen nach ihrer Eigenart industrielle Führung im
Aufsichtsrat, kommunale und staatliche Mehrheit unter den Aktionären haben."
17. Im Gutachten die Abschnitte B. L und II., NI. Silv. Nr. 141, Bl. 109 R; Mariaux, Silverberg,
S. 28. Vgl. in diesem Zusammenhang die Einsetzung einer Kommission beim Verein für
Bergbauliche Interessen, Essen, zur Prüfung der Frage, ob die "Beteiligung der Arbeiter am
Betriebsgewinn" eine geeignete Maßnahme zur "Abwendung der Sozialisierung" sein könne.
26. Aug. 1920, Verein für Bergbauliche Interessen an Silverberg, NI. Silv. Nr. 135. Vgl. dazu
auch 17. Juni 1927, Silverberg an die Redaktion des Berliner Börsen-Couriers, NI. Silv. Nr.
364.
18. Silverberg am 6. Mai 1951 in Lugano: "Wir haben Schweres zu kämpfen ... gehabt. Ich habe
zwei Höhepunkte in meinem Leben gehabt: Freiheit des Bergbaus und Freiheit der
Schlüsselindustrien" (als anderen Höhepunkt nennt Silverberg die Kreditaktion der Bank für
Industrieobligationen 1931-33). ZA Rheinbraun Nr. 210/201.
19. Rede Silverbergs am 8.Jan. 1930 vor der "Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Zürich", in:
Mariaux, Silverberg, S. 137-58, hier S. 148.
20. Zum Gesamtzusammenhang siehe jetzt: Feldman, Iron; vgl. auch Rosenberg, S. 104 ff.
21. Zur Programmdiskussion im RDI 1922-1925 siehe jetzt auch Feldman, Inflation, S. 319 ff.
Vgl. auch ders., Kapitalismus, S. 163 f., S. 170; ferner Weisbrod, Schwerindustrie, S.
226-230.
22. 23. Aug. 1922, Silverberg an das Geschäftsführende Präsidialmitglied des RDI, Geheimrat
Bücher, späterer AR-Vorsitzender der AEG, NI. Silv. Nr. 312.
23. Die Einsetzung des Sonderausschusses wurde auf der Vorstandssitzung des RDI vom 28. 6.
1922 beschlossen, es folgten verschiedene Beratungen bis Dezember 1922. Infolge der
Ruhrbesetzung tagte der Ausschuß 1923 nur noch einmal am 25. April 1923; die Fortsetzung
der Beratungen erfolgte im April 1925. Dokumentation zur Arbeit des Sonderausschusses jetzt
bei Feldman u. Homburg, S. 313-344 (Dok. 34-39).
24. Silverberg am 6. Sept. 1922 in der Vorstandssitzung des RDI, HA/GHH Nr. 3001240/4.
Abgedruckt bei Feldman u. Homburg, S. 313-23.

212
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. I. 1918-1925: Revolution und Interventionsstaat

25. Am 9. Sept. 1922 in den Beratungen des Sonderausschusses. DII, Funcke, Vergangene Zeiten,
Bd. 4.
26. Silverberg am 12. Okt. 1922 auf der a. o. MV der VDA in Berlin. NI. Silv. Nr. 1.
27. Silverberg am 6. Sept. 1922 in der Vorstandssitzung des RDI (s. Anm. 24).
28. NI. Silv. Nr. 1. Vgl. auch Feldman, Policies, S. 49.
29. "Wir wollen die Autorität des Staates stützen, müssen aber auch von der Autorität des Staates
verlangen, daß wir frei werden, um die wirtschaftlichen Kämpfe führen zu können". NI. Silv.
Nr. 1, Bl. 3 R.
30. Ebd.
31. " . . . wenn wir irgendwelche wirtschaftlichen Explosionen haben, seien es auch nur Streiks ...
können wir von seiten unserer Unternehmerschaft ... nur Erfolg haben mit dem Staate, aber
nicht gegen den Staat.- Ebd.
32. " . . . der Militarismus, die militärische Erziehung, die Disziplin, die in systematischer
Schulung jedem einzelnen beigebracht worden ist, . . . - auf dieser militärischen Erziehung
beruhen nicht nur die grossen Erfolge, die wir in der Industrie erzielt haben, sondern vor allen
Dingen auch die Grundlagen der Gewerkschaften, die Möglichkeit, Massen zu regieren. Denn
man kann nur disziplinierte Massen regieren, solche Massen, die für die Autorität von
Vorgesetzten aufnahmefähig gemacht worden sind." NI. Silv. Nr. 1, Bl. 2.
33. NI. Silv. Nr. 1, Bl. 4.
34. Silverberg in der Beiratssitzung beim "Reichskommissar für Kohlenverteilung" am 14.Juli
1917, Niederschrift Bl. 6, BHSTA München, Bestand "Kriegsministerium" MKr 14325.
35. Rede Silverbergs am 14. Okt. 1920, in: Mariaux, Silverberg, S. 7-16, hier S. 8. Im gleichen
Sinne schon in einem Artikel der K. Z. Nr. 1171 vom 23. Dez. 1918 "Vergesellschaftung",
später in dem Aufsatz "Die soziale Krise", F. Z. Nr. 106 vom 9. Febr. 1924 sowie in der
Dresdener Rede vom 4. Sept. 1926 (siehe Kap. II).
36. Rede Silverbergs am 8. Jan. 1930, in: Mariaux, Silverberg, S. 137-58, hier S. 148.
37. Mit der Propagierung dieses Modells von Wirtschaft, Gewerkschaften und Staat war
Silverberg zum direkten Gegenspieler der Hilferdingschen Theorie vom "Organisierten
Kapitalismus" geworden. Breitere Erörterung dieses Zusammenhangs siehe Kap. II, S. 40f
38. Vgl. Schiek, Behandlung, S. 155 f.
39. Zur Argumentation Silverbergs vgl. auch Feldman, Policies, S. 49.
40. Silverberg hatte dieses Programm in voller Unabhängigkeit von den Beratungen des
"Sonderausschusses- am 26. 12. 1922 erstellt und am 1. Jan. 1923 in Umlauf gebracht
(Quellennachweis siehe Anm. 46).
41. Feldman, Kapitalismus, S. 163/64, hat zuerst auf die Bedeutung dieses Programms im
Rahmen der Rekonsolidierung des Privatkapitalismus aufmerksam gemacht. Ausführlichere
Behandlung in: ders., Iron, S. 335 ff. (Vgl. Anm. 46).
42. 12. Jan. 1923, Duisberg an Silverberg, NI. Silv. Nr. 313, Bayer-Archiv 62/10/6.
43. Internes 6seitiges Exposé der Wirtschaftspolitischen Abteilung der IG-Farben, mit
handschriftlicher Kopfzeile "Bemerkungen zum Silverbergschen Programm", Vorlage zum
Schreiben Duisberg an Silverberg vom 12. Jan. 1923, ebd.
44. Aktenvermerk Ministerialrats Kempner für Staatssekretär Hamm vom 6. Jan. 1923, R 43 1/
1133, Bl. 170. jetzt auch gedruckt bei Feldman u. Homburg, S. 328.
45. Nach den Unterlagen in NI. Silv. Nr. 313 an Geheimrat Bücher, RWM Becker, Hagen,
Weidtmann, Vögler, Reusch, Schlitter, Langen, Kruse. Rückäußerungen erfolgten von Bücher,
Duisberg, Vögler, Reusch und Kruse. Von den genannten Adressaten gehörten nur Bücher,
Duisberg, Stinnes und Vögler dem Sonderausschuß an (DII, Funcke, Vergangene Zeiten, Bd.
4), den übrigen Mitgliedern der RDI-Programmkommission sollte eine bereits überarbeitete
Fassung vorgelegt werden. Vgl. Bücher an Silverberg, 3. Jan. 1923, NI. Silv. Nr. 313.

213
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. II. Dresdener Rede 1926

46. Auszüge nach: Bayer-Archiv, Autographensammlung s. v. Silverberg. jetzt auch vollständig


gedruckt bei: Feldman u. Homburg, S. 324-28. Die kursiv gesetzten Textstellen sind im
Original unterstrichen.
47. Feldman, Kapitalismus, S. 163. Vgl. in diesem Zusammenhang vor allem den "Stinnes-Plan"
vom Okt. 1922, in: Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis
zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und
Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte, hg. v. H. Michaelis und E. Schraepler, Bd. IV,
Berlin o. J., S. 414 ff. Siehe auch Wulf, Stinnes, S. 432 ff.
48. Mariaux, Silverberg, S. LXV.
49. F. Pinner, Deutsche Wirtschaftsführer, Charlottenburg 1925, S. 308/09. Pinner spricht von
einer "Arbeits- und Seelengemeinschaft − zwischen Stinnes und Silverberg.
50. So Silverberg am 6. Mai 1951 in Lugano, ZA Rheinbraun Nr. 210/201, oder am 4. Aug. 1925
auf der MV des Langnam-Vereins, NI. Silv. Nr. 2. Als Mitglied des Gläubiger-
Exekutiv-Komitees suchte Silverberg zusammen mit Vögler den Stinnes-Konzern 1925/26 vor
dem vollständigen Zusammenbruch zu bewahren. NI. Silv. Nr. 551/52.
51. Rosenberg, S. 125.
52. K. Z. Nr. 802 vom 17. 11.1922 "Achtstundentag und Finanzpsychologie".
53. Artikel Silverbergs "Industrie und politische Lage", in: K. Z. Nr. 869 vom 14. 12. 1922.
54. Goßweiler, Großbanken, S. 152/53.
55. Generell zustimmend nur Kruse (Aktenvermerk vom 4. Jan. 1923, NI. Silv. Nr. 313), dessen
Urteile doch durch seine Zugehörigkeit zum Mitarbeiterstab Silverbergs bei der RAG
relativiert wird.
56. 3. Jan. 1923, Bücher an Silverberg, NI. Silv. Nr. 313.
57. 4. Jan. 1923, Vögler an Silverberg, ebd.
58. 13. Jan. 1923, Reusch an Silverberg, ebd.; vgl. zum Reusch-Schreiben auch die interne
Ausarbeitung der wirtschaftspolitischen Abteilung der GHH (Szymanski) vom 13. 1. 1923,
HA/GHH Nr. 400101290/35 a.
59. Siehe Anm. 42.
60. Siehe Anm. 43.
61. Siehe Anm. 42.
62. Zit. nach Feldman, Kapitalismus, S. 163.
63. Siehe Programmabschnitte B. 6-9.
64. 30. Aug. 1922, Reusch an Silverberg, zit. nach Feldman, Kapitalismus, S. 164.
65. Vgl. Kap. II, Die Dresdner Rede 1926.
66. Siehe auch Aktennotiz in NI. Silv. Nr. 316, Bl. 1-2.
67. 31. März 1922, RDI-Schreiben Nr. 908 111 an Silverberg, NI. Silv. Nr. 257, betr. Wahl in den
Vorstand. 15. März 1923, Schreiben Sorge/Bücher an Silverberg, NI. Silv. Nr. 224, betr. Wahl
in das Präsidium des RDI am 9. März 1923.
68. Siehe hierzu Bayer-Archiv 62/10/6 und NI. Silv. Nr. 316-18. Publiziert als "Deutsche
Wirtschafts- und Finanzpolitik", in: Veröff. RDI Nr. 29, 1925.
69. Ausführlicher Weisbrod, Schwerindustrie, S. 242-45.
70. 30. Dez. 1925, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235, Bl. 4f.

Anmerkungen zu Kap. II. Die Dresdener Rede 1926: Stabilisierung und Arrangement
1. Vollständig mit Diskussionsverlauf der Tagung wiedergegeben nur in: Veröff. RDI Nr. 32,
1926, S. 55-65. Abdruck der Ausführungen Silverbergs in: Mariaux, Silverberg, S. 49-73.
Leicht gekürzt in: Ursachen und Folgen, Bd. VI, Dok. Nr. 1280, S. 164-70, dort wertvolle
Dokumentation des Berliner Presseechos, Dok. Nr. 1281 a-f Ausführlich behandelt bei
Stegmann, Silverberg-Kontroverse; siehe auch Weisbrod, Schwerindustrie, S. 246-72.

214
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. II. Dresdener Rede 1926

2. Vgl. dazu Kap. 1, S. 25f.


3. Vgl. Einleitung, S. 21.
4. Die breit angelegte Abhandlung von Stegmann, Silverberg-Kontroverse, verdeutlicht gerade
diesen Aspekt überzeugend, gelangt hinsichtlich Gesamtkonzeption und Stellenwert der Rede
aber zu Ergebnissen, die teilweise der Korrektur bedürfen. Die notwendige Problematisierung
der Ausflührungen Silverbergs wird zugunsten einer harmonisierenden, zu sehr der
Hilferdingschen Vision einer "sozialen Republik" (vgl. u. S. 40 f.) verhaftet bleibenden
Darstellung vernachlässigt. Stegmann hat im wesentlichen nur die Materialien des
Historischen Archivs der GHH bearbeitet und die für den Meinungsbildungsprozeß innerhalb
der RDI-Führung unersetzlichen Quellen des Bayer-Archivs nicht herangezogen, so daß eine
Antwort auf die in Präsidium, Vorstand und Geschäftsführung des RDI entwickelte taktische
Linie nicht gegeben werden kann und sich die Bewertung der Rede einseitig verschiebt.
Weisbrod, Schwerindustrie, S. 246 ff., geht von einer ausgewogeneren Quellenbasis aus und
gelangt zu einem angemesseneren, kritischeren Urteil, hat eine Abgrenzung seiner
Interpretation jedoch unterlassen. Gegenüber Weisbrod ist vor allem darauf hinzuweisen, daß
die Rezeption der Silverberg-Rede durch die industriellen Verbandsorganisationen eine andere
Akzentuierung und Gesamteinschätzung der Kräfteverhältnisse innerhalb der Großindustrie
und ihrer politischen Gruppierungen zuläßt (vgl. u. S. 43ff.).
5. Zur Umbildung der RDI-Führung 1924/25 siehe die umfangreichen Materialien in:
Bayer-Archiv 62/10/2. Eingehendere Darstellung jetzt bei Weisbrod, Schwerindustrie, S. 220
ff.
6. In: C. Duisberg, Abhandlungen, Vorträge und Reden aus den Jahren 1922-33, Berlin 1933, S.
25-37 sowie Veröff. RDI Nr. 28, 1925, S. 9-15.
7. Ebd., S. 10. Im ursprünglichen Entwurf dieser Rede war eine deutlichere Option zugunsten der
Republik vorgesehen. Es hieß dort: "Unzweifelhaft ist die Demokratie nichts ideales, zumal
für die Psyche unseres Volkes, und die Demokratie wird nicht das letzte Wort in der
Geschichte Deutschlands sein. Aber sie ist heute für uns die Forderung des Tages." In einer
Anmerkung war hinzugesetzt: "Vielleicht noch zu politisch. Es erscheint empfehlenswert − im
Hinblick auf die politische Zusammensetzung des Reichsverbandes − die Frage Monarchie
oder Republik, also die Staatsform, offen zu halten." Entwurf vom Juni 1925, Bayer-Archiv
62/10/2.
8. 22. Juli 1926, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235.
9. 19. Juli 1926, Vögler an Duisberg, Bayer-Archiv, Autographen-Sammlung.
10. 22. Juli 1926, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235.
11. Grundlegend hierzu Böhret, Aktionen.
12. März 1926, Sogemeier an Silverberg, NI. Silv. Nr. 226.
13. 24. Juli 1926, Herle an Silverberg, NI. Silv. Nr. 226. Im übrigen vgl. Böhret, Aktionen, S. 63
ff.
14. Siehe Anm. 17; 24. Juli 1926, Herle an Silverberg, NI. Silv. Nr. 226.
15. 23. Juli 1926, Silverberg an Kastl, NI. Silv. Nr. 235.
16. 28. August 1926, Kastl an Silverberg, mit der Bemerkung ja und herzlichen Glückwunsch";
29. Aug. 1926, Silverberg an Kastl, mit ausführlicher Stellungnahme zu dessen Referat, NI.
Silv. Nr. 235.
17. 30. Aug. 1926, Kastl an Duisberg, Bayer-Archiv 62/10/6 b.
18. Duisberg hatte die Rede Silverbergs noch vor der Tagung gelesen (Mitt. LangnamVerein,
1926, Heft 4, S. 19) und während der Versammlung in Dresden sowie bei späteren Anlässen
seine ausdrückliche Zustimmung bekundet. Vgl. 16. Sept. 1926, Duisberg an Kastl,
Bayer-Archiv 62/10/9 b.
19. 24. Sept. 1926, RS RDI Nr. 1711/P Anlage "Streng vertraulich", Kastl an die Geschäftsführer
der Fachgruppen. Vgl. auch Duisberg am 1. Okt. 1926 vor dem Langnam-Verein sowie
am 14. Okt. 1926 vor dem Vorstand des RDI, Bayer-Archiv 62/10/4 b. Von der

215
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. II. Dresdener Rede 1926

Opposition gegen den Silverberg-Kurs ist dem Umstand, daß nur dieser Beirat, aber nicht das
Gesamtpräsidium von dem Referat zustimmend Kenntnis genommen hatte, übergroßes
Gewicht beigemessen worden. Hier bot sich der geeignete Ansatzpunkt, von vorneherein die
Verbindlichkeit der Dresdener Erklärung in Frage zu stellen.
20. Veröff. RDI Nr. 32, 1926, S. 55-65, hier S. 55 f.
21. Ebd., S. 59.
22. Silverberg wollte die Funktionen des Staates auf die "Öffnung der Absatzmärkte im Ausland"
sowie "eine wirtschaftlich sich rechtfertigende und erträgliche Wirtschafts- und Finanzpolitik
im Innern" beschränkt wissen. Ebd., S. 61.
23. "Wirtschaftliche Freiheit im Sinne einer unsystematischen, unorganischen und damit im
höchsten Maße Arbeit, Material und Geld verschwendenden Zersplitterung − den Luxus
werden wir uns ... nicht mehr leisten können". Ebd., S. 59.
24. Ebd., S. 62. Auffällig bei dieser Erklärung bleibt, daß positive Beispiele nie genannt werden.
Vgl. in diesem Zusammenhang: 26. Aug. 1926, Silverberg an Warburg, NI. Silv. Nr. 6 sowie
26. Okt. 1926, Silverberg an die Geschäftsführung des RDI, NI. Silv. Nr. 360.
25. Vgl. dazu auch Silverberg in der F. Z. Nr. 106 vom 9. Febr. 1925 "Die soziale Krisesowie den
Vortrag Silverbergs am 11. Dez. 1925 auf der 44. HV des Verbandes Deutscher
Leinenindustrieller, Berlin, "Das Kreditproblem der deutschen Wirtschaft", NI. Silv. Nr. 701.
26. Veröff. RDI Nr. 32, 1926, S. 63.
27. Ebd., S. 64.
28. Ebd., S. 64.
29. Hier gebraucht als Synonym für "Sozialdemokratie". Vgl. dazu auch Silverberg vor
Langnam-Verein, in: Mitt. Langnam-Verein, 1926, Heft 4, S. 12, von Stegmann, Silverberg-
Kontroverse, S. 602, mißverstanden im Sinne von "Sozialstaat".
30. Veröff. RDI Nr. 32, 1926, S. 64.
31. Lt. Protokoll, ebd., S. 65. Die Version Stegmanns, der im übrigen die zitierte Quelle nicht
benutzt hat, daß Silverberg nur "wenig Beifall" erhalten habe, ist unzutreffend. Stegmann,
Silverberg-Kontroverse, S. 602. Siehe dazu auch die Stellungnahme Duisbergs auf der
Vorstandssitzung des RDI am 14. Okt. 1926: "Wenn in einzelnen Zeitungen gesagt worden ist,
es wäre kein großer Beifall gewesen, dann entspricht das nicht der Wahrheit. Es war ein
stürmischer Beifall . . ., der ihm zuteil geworden ist; daran ist nicht zu rütteln .Sten. Prot. der
Vorstandssitzung vom 14. 10. 26, Bayer-Archiv 62/10/4 b.
32. Veröff. RDI Nr. 32, 1926, S. 65.
33. Stegmann läßt diesen Protest unberücksichtigt. Stegmann, Silverberg-Kontroverse, S.602.
34. Vgl. Kap. I, S. 31.
35. Veröff. RDI Nr. 32, 1926, S. 70.
36. Siehe oben Kap. I, S. 33 f.
37. Veröff. RDI Nr. 32, 1926, S. 72-74.
38. Ebd., S. 74-75.
39. R. Hilferding, Politische Probleme. Zum Aufruf Wirths und zur Rede Silverbergs, in: Die
Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik, Jg. 3, Okt. 1926, Nr. 10, S.
289-302, hier S. 293.
40. Zur Auseinandersetzung des RDI und auch Silverbergs mit der "Wirtschaftsdemokratie"
Naphtalis (1928) siehe die Dokumentation bei Hardach, Deutschland, S. 156-67.
41. Während Stegmann, Silverberg-Kontroverse, S. 597 ff, dem Interpretationsansatz Hilferdings
weithin folgt, resümiert Weisbrod, Schwerindustrie, S. 252: "Ihm [Silverberg] kam es letzt-
lich nur darauf an, der Sozialdemokratie die Mitverantwortung für die Durchführung
unpopulärer Maßnahmen unter Führung der Unternehmerschaft zu übertragen und den Druck
der sozialpolitischen Kompensationsforderungen in Rechtskoalitionen zu beseitigen."

216
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. II. Dresdener Rede 1926

Weisbrod spricht damit die sozialpolitische Zielrichtung der Silverberg-Rede zutreffend an,
übersieht allerdings den zweiten Argumentationsstrang Silverbergs, nämlich den Versuch,
durch ein Zusammengehen mit der organisierten Arbeiterschaft die Ansprüche des Interven-
tionsstaates in Schranken zu weisen.
42. Siehe Kap. III ff.
43. "Herzlich Willkommen", Theodor Wolff im Berliner Tageblatt Nr. 415 vom 5. Sept. 1926.
Die Rede sei "ein Ereignis und eine Tat", aber Bedenken bleiben: "Betreten diese Herren der
Großindustrie ... das republikanische Haus nicht nur, um es nach ihrem Geschmack
einzurichten, und hofft die industrielle Oligarchie nicht, der wahre Herrscher zu werden und
dem Volke ihren Willen aufzuzwängen?
44. Z. B. Neue Preußische Zeitung ("Kreuzzeitung") Nr. 412 vom 4. Sept. 1926, Deutsche
Tageszeitung Nr. 414 vom 6. Sept. 1926. Ausführlicher dargestellt bei Stegmann, Silverberg-
Kontroverse, S. 604.
45. 5. Sept. 1926, Silverberg an Reichskanzler Marx, R 43 1/1206, BI 173.
46. 11. Sept. 1926, Der Staatssekretär in der Reichskanzlei an Silverberg (Rk 6910), R 43 1/ 1206,
Bl. 185. Überdies wurde Silverberg eine vertrauliche Besprechung angeboten.
47. K. Z. Nr. 664 vom 7. 9. 1926 "Wirtschafts- und Parteipolitik in Silverbergs Rede".
48. Jedenfalls sind exponierte Stellungnahmen nicht greifbar. Die Behauptung Friedrich Schotts,
Stresemann hätte sich auf einer Tagung der DVP in Köln gegen die SilverbergKonzeption
gestellt, ist unzutreffend. Es handelte sich hier vielmehr um eine Versammlung der DNVP
unter Führung Hugenbergs (s. Anm. 51). 4. Okt. 1926, Geh. Kommerzienrat Fr. Schott an
Kastl, Bayer-Archiv 62/10/9 b.
49. Die Unterredung fand am 3. Okt. 1926 auf Silverbergs Privatbesitzung, dem Hoverhof, statt.
Eine Aufzeichnung des Gesprächs liegt offenbar nicht vor. Eintrag im Gästebuch des
"Hoverhofs" vom 3. Okt. 1926. Persönlicher Nachlaß Louise Silverberg, St. Moritz-Suvretta.
50. Zutreffend analysiert bei Hilferding, Probleme, S. 289 ff.
51. K. Z. Nr. 673 vom 10. Sept. 1926 "Die deutschnationalen Industriellen gegen Silverberg". Auf
der Tagung riefen insbesondere Thyssen, Springorum und Haßlacher zum Widerstand auf.
52. Vorwärts Nr. 418 vom 5. Sept. 1926 "Kampf oder Gemeinschaft. Zur Rede Silverbergs".
53. Der Vorwärts verwies hier mit wohlgezieltem Seitenhieb auf die Schaffung des größten
gemeinwirtschaftlichen Unternehmens in Deutschland, des RWE, durch Stinnes und Silver-
berg, die sich dort beide nicht daran gestoßen hätten, "daß diese Mischung von privatem und
gemeinwirtschaftlichem Betrieb der Vorläufer gemeinwirtschaftlicher Unternehmensformen
ist". Vorwärts Nr. 418 vom 5. Sept. 1926. Vgl. hier auch Silverberg und Stinnes in der
Sozialisierungskommission des RWR 1920, Kap. 1, S. 25f.
54. Siehe Anm. 52.
55. Leipart im Vorwärts Nr. 426 vom 12. Sept. 1926.
56. Stellungnahme in der erweiterten Vorstandssitzung des Gewerkschaftsrings vom 18. Sept.
1926, in: K. Z. Nr. 698 vom 19. Sept. 1926 "Eine Gewerkschaftsstimme zur Rede
Silverbergs".
57. Stegerwald in einem Interview gegenüber der Kölnischen Zeitung, in: K. Z. Nr. 668 vom 8.
Sept. 1926. "Stegerwald und Silverberg. Eine Unterredung mit dem christlichen
Arbeiterführer über die Mitarbeit der Sozialdemokratie".
58. Vgl. auch K. Z. Nr. 803 vom 28. Okt. 1926 "Ein westfälischer Zentrumsparteitag". Cl.
Lammers begrüßt Silverberg-Kurs.
59. L. Preller, Sozialpolitik in der Weimarer Republik, Stuttgart 1949, S. 203. Vgl. auch
Weisbrod, Schwerindustrie, S. 268.
60. Methodisch problematische Ableitung der Industriegruppen bei Stegmann, Silverberg

217
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. II. Dresdener Rede 1926

Kontroverse. Widersprüchlich z. B. die Einschätzung der Textilindustrie und der Braunkoh-


leindustrie bzw. der sie repräsentierenden Unternehmer. Siehe auch Anm. 75 u. 76.
61. 9. Okt. 1926, Lange an Kastl, Bayer-Archiv 62/10/9 b.
62. 6. Sept. 1926, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/3 a.
63. Zur Abstimmung zwischen Reichert und Reusch siehe: 6. Sept. 1926, Reichert an Reusch,
HA/GHH Nr. 400101220/3.
64. Auszug der Niederschrift bzw. der Presseerklärung der Vollversammlung der Kammer in: RS
RDI Nr. 4790/VI vom 7. Okt. 1926, Bayer-Archiv 62/10/9 b.
65. R 13/1 166, Bl. 170, 172-72 R.
66. 10. Sept. 1926, Schlenker an Silverberg, Nl. Silv. Nr. 414, Bl. 113/14.
67. 11. Sept. 1926, Silverberg an Reichert, Bayer-Archiv, Autographensammlung.
68. 11. Sept. 1926, Berndgen an Duisberg, Bayer-Archiv, Autographensammlung; 11. Sept. 1926,
Silverberg an Schlenker, NI. Silv. Nr. 414, BL 115.
69. 13. Sept. 1926, Büro Reusch an Silverberg, Terminbestätigung für 16. Sept. 1926, 18.30 Uhr,
HA/GHH Nr. 400101290/35 a.
70. Vgl. dazu auch 26. März 1926, Silverberg an Duisberg. Silverberg äußert sich hier
optimistischer zur Konjunktur als seine "Kollegen". Bayer-Archiv, Autographensammlung.
71. Siehe Anm. 67. Die kursiv gesetzten Textstellen sind im Original unterstrichen.
72. 6. Sept. 1926, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/3 a. Vögler, der über die Rede
"einigermaßen entsetzt" war, hielt es für taktisch ungeschickt, den ersten Protest aus dem
Westen zu starten. Dr. Freundt machte daraufhin den Vorschlag, von Bayern aus aktiv zu
werden, und Blank erklärte sich bereit, "diese Anregung weiterzugeben".
73. Insgesamt über 30 Äußerungen, überwiegend negativ. Vollständige Texte der Eingaben soweit
zu sehen nur in: Bayer-Archiv 62/10/9 b; dort auch die von der Geschäftsführung des RDI zur
Vorbereitung der Präsidialsitzung vom 14. 10. 1926 erstellte "Übersicht über die schriftlichen
Äußerungen zur Rede von Dr. Silverberg auf der Dresdener Mitgliederversammlung". RS RDI
Nr. 4790/VI vom 7. Okt. 1926 "Vertraulich".
74. Hierzu paßt gut die Bemerkung Sorges, daß während der Dresdener Versammlung außer
Reichert noch niemand bereit war, seine Kritik an der Silverberg-Rede zu teilen. 14. Okt.
1926, Sorge vor dem Vorstand des RDI, Bayer-Archiv 62/10/4 b, Sten. Prot. S, 52/ 53.
75. Nachweislich reagierten auf Betreiben der Delmenhorster Firma: Nickelblechfabrik Hille &
Müller, Porschdorf; C. A. Delius & Söhne, Bielefeld; Wirtschaftsverband der hannoverschen
Industrie; Augsburger Kammgarnspinnerei. Gleichzeitig wurde die Norddeutsche
Wollkämmerei gegenüber der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (VDA) tätig
(12. Okt. 1926, VDA an RDI, Tgb. Nr. Z/27739). Die dort eingehenden Proteste sind ebenfalls
in einen Zusammenhang mit dem Wirken der Norddeutschen Wollkämmerei zu bringen,
beispielsweise schloß sich die R. & 0. Lux Metallwaren- und Maschinenfabrik, Marienthal,
deren Eingabe in "vollem Umfänge" an. Bayer-Archiv 62/10/9 b. Zur Rolle des
Delmenhorster Unternehmens siehe auch: 24. Sept. 1926, Kastl an die Geschäftsführer der
Fachgruppen des RDI, RS Nr. 1711/P: " . . . An die Geschäftsführung des Reichsverbandes
sind nur eine geringe Anzahl von Anfragen und auch von Protesten gerichtet worden. Die
letzteren sind im wesentlichen von einer bestimmten Firma veranlaßt . . ." Bayer-Archiv
62/10/ 3 a. Am 25. Okt. 1926 meldete sich die Delmenhorster Firma erneut und übermittelte
wiederum im Rundschreibverfahren ihre Stellungnahme zu der inzwischen vom Präsidium
und Vorstand des RDI verabschiedeten Resolution. Ein Exemplar dieses Schreibens findet
sich im DII, NI. Steinmüller, 1926.
76. Stegmann, Silverberg-Kontroverse, S. 604 ff., hat diesen Zusammenhang nicht bemerkt und
unternimmt den Versuch, diese Proteste überwiegend strukturschwacher kleiner und mittlerer
Unternehmungen im Rahmen eines großindustriellen Monopolgruppenmodells zu ordnen.

218
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. II. Dresdener Rede 1926

77. 18. Sept. 1931, "Aufzeichnung über eine Besprechung beim Reichskanzler", streng
vertraulich, Bayer-Archiv, 62/10/8.
78. 16. Sept. 1926, Duisberg an Kastl, Bayer-Archiv 62/10/9 b.
79. 14. Sept. 1926, Kastl an Duisberg, ebd.
80. 16. Sept. 1926, Duisberg an Kastl, ebd. Tendenziell andere Bewertung bei Weisbrod,
Schwerindustrie, S. 257/58.
81. 24. Sept. 1926 (RS 1711/P), Kastl an die Geschäftsführer der Fachgruppen, BayerArchiv
62/10/3 a.
82. Vgl. Schreiben Kastl-Duisberg vom 21. Sept. 1926, Tgb. Nr. 1659/P, Bayer-Archiv 62/ 10/9
b.
83. Insbesondere 21. Sept. 1926, Schlenker an Silverberg, NI. Silv. Nr. 414. Reusch und
Silverberg trafen am 16. Sept. 1926 in Berlin zu einer Unterredung zusammen. 13. Sept. 1926,
Büro Reusch an Silverberg, HA/GHH Nr. 400101290/35 a.
84. Vgl. hier auch den wohlgezielten Artikel der K. Z. Nr. 717 vom 26. Sept. 1926 "Silverbergs
Bedingungen".
85. 10. Sept. 1926, Schlenker an Silverberg, NI. Silv. Nr. 414. Der Langnam-Verein hatte
ursprünglich daran gedacht, neben Silverberg lediglich Frowein Gelegenheit zur Behauptung
des Dresdener Konzeptes zu geben.
86. Siehe dazu: Duisberg, Abhandlungen, sowie Mitt. Langnam-Verein, Jg. 1916-1926.
87. Mitt. Langnam-Verein, 1926, Heft 4, S. 5/6. Auch zuvor hatte Reusch dem RDI gegenüber im
wesentlichen nur die mangelnde Information von Präsidium und Vorstand bemängelt. 13. u.
26. Sept. 1926, Reusch an RDI, HA/GHH Nr. 400101220/3.
88. Mitt. Langnam-Verein, 1926, Heft 4, S. 10-13. In Übereinstimmung mit der Weisung
Duisbergs vom 16. Sept. 1926 (Bayer-Archiv 62/10/9 b) sowie dessen Ausführungen vor dem
Langnam-Verein am 1 . Okt., in: Mitt. Langnam-Verein, 1926, Heft 4, S. 16. Ausgenommen
davon war allein die Stellungnahme des Geschäftsführenden Präsidialmitgliedes Kastl.
89. Ebd., S. 8 u. 11.
90. Ebd., S. 14-15.
91. Ebd., S. 17-20, hier S. 19. Die Auslassung Duisbergs über das "Quaken der Frösche" wurde
insbesondere beim Verband Sächsischer Industrieller (VSI) übel vermerkt. 9. Okt. 1926, VSI
an Präsidium des RDI, RS RDI Nr. 4870/VI vom 12. Okt. 1926, Bayer-Archiv 62/ 10/9 b.
92. Vgl. Weisbrod, Schwerindustrie, S. 264.
93. Tendenziell andere Bewertung auch bei Feldman, Policies, S. 53, und Stegmann, Silver-
berg-Kontroverse, S. 606. Vgl. hier die Auslassung Hartongs (Nordwolle) in der Vorstands-
sitzung des RDI vom 14. Okt. 1926: "Durch Düsseldorf ist die Klarheit nicht gefördert worden
(Zuruf-. Das ist richtig)", Sten. Prot., S. 48, Bayer-Archiv 62/10/4 b.
94. 6. Okt. 1926, Schreiben des Vereins für Bergbauliche Interessen an den RDI, Tgb. Nr. 1 A
1192, Bayer-Archiv 62/10/9 b, betr. Vorstandssitzung des Vereins vom 6. Okt. 1926.
95. Siehe unten Kap. V, S. 87 f.
96. Siehe auch Preller, S. 340.
97. Gesamtvorstandssitzung des VSI am 6. Okt. 1926. "Auszug aus der protokollarischen
Niederschrift" am 9. Okt. 1926 dem Präsidium des RDI übersandt, Abdruck in: RS RDI Nr.
4870/VI vom 12. Okt. 1926 an die Präsidialmitglieder des RDI, Bayer-Archiv 62/10/9 b.
98. Dr. Schneider in der Vorstandssitzung des VSI am 6. Okt. 1926, ebd.
99. Dr. Schlegel in der Vorstandssitzung des VSI am 6. Okt. 1926. Der VSI maß dieser
Stellungnahme solches Gewicht bei, daß er - im Nachgang zu seinem Schreiben vom 9. Okt.
(Anm. 97) - die betreffenden Protokollauszüge in einer separaten Mitteilung vom 11. Okt. zur
Kenntnis brachte und den Reichsverband gleichzeitig aufforderte, diese Äußerungen in den
Sitzungen von Vorstand und Präsidium am 14. Okt. 1926 angemessen zu verwerten. Bayer.
Archiv 62/10/9 b.

219
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

100. Von der Präsidialsitzung ist ein Protokoll offenbar nicht erhalten, wohl aber von der
darauf folgenden Vorstandssitzung. Bayer-Archiv 62/10/4 b.
101. Lt. Duisberg 2 1/2 Stunden, Sten. Prot. Vorstandssitzung RDI vom 14. Okt. 1926, s. 31,
Bayer-Archiv 62/10/4 b.
102. Ebd., S. 36.
103. Ebd., S. 41/42.
104. Ebd., S. 39.
105. Texte (Vorlage und letzte Fassung) in Bayer-Archiv 62/10/4 b.
106. Ursprünglich war jeweils von "Unternehmerschaft" und "Arbeiterschaft" die Rede, in der
Debatte hatte Blohm allerdings die Streichung von "-schaft" durchsetzen können. Im
Präsidium war bereits der dem obigen Text folgende Passus: "Der Reichsverband wird sich
seinerseits für die Verwirklichung dieser Ziele nachdrücklich einsetzen" der Zensur zum
Opfer gefallen. Ebd.
107. Vgl. z. B. Stegmann, Silverberg-Kontroverse, S. 606.
108. 14. Okt. 1926 im Vorstand RDI, Bayer-Archiv 62/10/4 b.
109. 16. Sept. 1926, Frowein an Delius, Bayer-Archiv 62/10/9 b.
110. 28. Okt. 1926 K. Z. Nr. 803 "Ein westfälischer Zentrumsparteitag". Lammers begrüßt
Silverberg-Rede ausdrücklich. 11. Dez. 1926 HAS RDL Lammers sowie Rousselle (Vorstand)
verteidigen Silverberg-Konzeption gegen Vielhaber. Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/5 a.
111. Siehe unten Kap. IV, S. 64ff.
112. Nicht aufgeführt hier Hilger, der als Schatzmeister des RDI aber keinen Einfluß auf die
politische Ausrichtung des Verbandes nahm.
113. Stegmann, der die interne Struktur des Reichsverbandes nicht analysiert, sieht das
"Silverberg-Lager" dagegen in der eindeutig unterlegenen Position. Stegmann, Silverberg-
Kontroverse, S. 606/07; vgl. auch Anm. 114.
114. Weisbrod, Schwerindustrie, S. 268 f., analysiert, im Unterschied zu Stegmann, die
unterschiedlichen organisatorischen Voraussetzungen der Industriegruppierungen, neigt aber
zur Überschätzung dieses Faktors. Seine Schlußfolgerung, daß die Schwerindustrie "als relativ
geschlossener Block" "durch das Forum des Langnamvereins gegen eine Mehrheit des
Reichsverbandes öffentlich Stellung nehmen und damit Entscheidungen des Reichsverbandes
präjudizieren konnte", bedarf einer Relativierung.

III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte


1. Zur Weltwirtschaftskrise siehe u. a.: W. Grotkopp, Die Große Krise. Lehren aus der
Überwindung der Wirtschaftskrise 1929/32, Düsseldorf 1954; G. Kroll, Von der
Weltwirtschaftskrise zur Staatskonjunktur, Berlin 1958; W. Conze u. H. Raupach (Hg.), Die
Staatsund Wirtschaftskrise des Deutschen Reiches 1929/33, Stuttgart 1967; Ch. P.
Kindleberger, Die Weltwirtschaftskrise, München 1973; vgl. auch die entsprechenden
Abschnitte bei: K. Borchardt, Wachstum und Wechsellagen 1914-1970, in: H. Aubin u. W.
Zorn (Hg.), Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 2, Stuttgart 1976,
S. 685-720, sowie W. Fischer, Bergbau, Industrie und Handwerk 1914-1970, in: ebd., S.
802-32; ferner D. Petzina, Die deutsche Wirtschaft in der Zwischen-Kriegszeit, Wiesbaden
1977.
2. Vjh. f. Konjunkturforschung, Jg. 4, 1929, Heft 2, S. 41.
3. Zit. nach W. Breuer, Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1929/1932, Köln 1974, S. 5 f.
4. Vgl. Einleitung, S. 13. Siehe im übrigen Winkler, Bemerkungen, in: ders., Kapitalismus, S. 12.
5. D. Keese, Die volkswirtschaftlichen Gesamtgrößen für das Deutsche Reich in den Jahren
1925--1936, in: Conze u. Raupach, S. 43, Konto 1.

220
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

6. Borchardt, Wachstum, S. 706.


7. Zur Interpretation der Krise vgl. auch Hardach, Deutschland, S. 39 ff., oder K. Borchardt,
Grundriß der deutschen Wirtschaftsgeschichte, Göttingen 1978, S. 62 ff. Zur Währungspolitik
und zum Zusammenbruch des Weltwährungssystems siehe G. Hardach, Weltmarktorientie-
rung und relative Stagnation. Währungspolitik in Deutschland 1924-1931, Berlin 1976.
8. Hardach, Deutschland, S. 53.
9. Vgl. Keese, S. 50/52.
10. Diskussion der Konjunkturpolitik in der Krise siehe unten Kap. VIII. Der Grundsatz einer
ausgeglichenen, d. h. prozyklischen Haushaltspolitik galt relativ unangefochten bis zur
Bankenkrise im Sommer 1931. Die dann einsetzende Umorientierung zum "deficit spending"
wurde erst von Papen konkretisiert.
11. Zum Konflikt in der Großen Koalition 1929/30 siehe H. Timm, Die deutsche Sozialpolitik und
der Bruch der Großen Koalition im März 1930, Düsseldorf 1952, S. 149 ff.; I. Maurer,
Reichsfinanzen und Große Koalition. Zur Geschichte des Reichskabinetts Müller (1928-1930),
Bern 1973, S. 95 ff.; W. Conze, Die politischen Entscheidungen in Deutschland 1929-1933,
in: ders. u. Raupach, S. 190 ff.; ferner Bracher, Auflösung, S. 262 ff.
12. Siehe oben Kap. II.
13. Veröff. RDI Nr. 50, Jan. 1930, S. 6.
14. Ebd., S. 7 f.
15. Ebd., S. 9-21.
16. Ebd., S. 22-36.
17. Siehe oben Kap. 1, S. 29ff.
18. Veröff. RDI Nr. 50, Jan. 1930, S. 26. Die Pläne Silverbergs sahen u. a. die Abschaffung der
Lohnsteuer als einer dem Reiche zufließenden Einnahme vor. Statt dessen forderte Silverberg
die Ausweitung der Steuerhoheit für Länder und Gemeinden.
19. 25. Nov. 1929, Silverberg an Schacht, NI. Silv. Nr. 19. Silverberg bittet um Zahlenmaterial
der Reichsbank und verspricht, sein Referat "zur Zensur" vorzulegen. Bestätigung der
Abstimmung mit Schacht im Schreiben Silverberg an Reusch vom 24. 12. 1929, HA/GHH
400101290/35 a.
20. Vorwärts vom 13. 12. 1929. Schacht nahm an der RDI-Tagung persönlich teil und erhielt
demonstrativen Beifall. Eine vom Bayerischen Industriellen-Verband (BIV) geplante
besondere Vertrauenskundgebung für Schacht konnte nach Intervention Reuschs und Kastls
allerdings abgewendet werden. 10. Dez. 1929, Reusch an Kastl; 12. Dez. 1929, Kastl an
Reusch, HA/GHH 400101220/7. Zu den Absichten Schachts vgl. Hardach, Weltmarktorien-
tierung, S. 109 f.
21. 2. Jan. 1930, M. Warburg an Silverberg, NI. Silv. Nr. 19 "Sie wissen, daß ich die Zuziehung
der Reichsbank nur bedingt für richtig halte ... Man muß vergessen, daß wir augenblicklich
einen sehr temperamentvollen und bedeutenden Präsidenten der Reichsbank in Schacht haben,
der aber ... noch zu sehr mit Politik und anderen Aufgaben anstatt nur mit der Sorge für die
Währung und den Geldmarkt belastet wird."
22. Berliner Tageblatt vom 13. Dez. 1929 (F.P.): "Silverbergs Extratour. Zerfahrenheit im
Reichsverband".
23. Veröff. RDI Nr. 50, Jan. 1930, S. 31/32 und S. 36.
24. Zum hier nicht näher behandelten Osthilfekomplex siehe vor allem die Materialien im NI.
SiIv. Nr. 565-80 sowie im Bestand R 43 1/1801-14. Wertvolle Übersicht zur Osthilfege-
setzgebung in Veröff. RDI Nr. 59 vom Sept. 1931 "Die Osthilfegesetze".
25. Zur Kontroverse siehe Schriftwechsel mit Lammers/Vielhaber, in: NI. Silv. Nr. 19.
26. Denkschrift RDI "Aufstieg oder Niedergang", in: Veröff. RDI Nr. 49, Dez. 1929. Silverberg
gehörte dem Redaktionsbeirat des Programms an; vgl. 22. Nov. 1929, Herle an Silverberg, NI.
Silv. Nr. 320.
27. Vgl. F. Z. Nr. 929 vom 13. 12. 1929 " …interessant als Beleg dafür,…welche

221
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

Kapitalbildungskraft sie [die Industrie] sich (über den eigenen Bedarf hinaus) ... zutraut und
welche Machtgedanken in ihren klügsten Köpfen umgehen".
28. 24. Dez. 1929, Silverberg an Reusch (handschriftlich), HA/GHH Nr. 400101290/35 a.
29. Düsseld. Nachr. Nr. 632 vom 13. 12. 1929 "Die Wiedergeburt des Kapitalismus. Silverbergs
Wandlung". Edgar J. Jung, führender Kopf der "konservativen Revolution" und späterer
Berater Franz von Papens, wertete die Rede Silverbergs vor dem RDI als Hinwendung ins
Lager derjenigen, die die "Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Öffentlichen Lebens
empfinden" und sah Anlaß, seine programmatische Zukunftsvision "Die Herrschaft der
Minderwertigen, ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein neues Reich" zu übersenden. 22.
Dez. 1929, Jung an Silverberg, NI. Silv. Nr. 19.
30. Vgl. hier auch Stegmann, Silverberg-Kontroverse. Stegmann übersieht den partiell taktischen
Charakter der Dresdener Rede, indem er unterstellt, Silverberg habe das Konzept der ZAG
ununterbrochen verfolgt.
31. Siehe Kap. III, S. 51.
32. Zum Young-Plan siehe vor allem: Die Entstehung des Youngplans, dargestellt vom
Reichsarchiv 1931-33. Durchgesehen und eingeleitet von M. Vogt, Boppard 1970.
33. Dieser Zusammenhang ist übersehen bei: Maurer, S. 108 ff, insbesondere S. 126,
"Stimmungsumschwung" Hindenburgs zwischen 11. und 18. März 1930. Richtigere Ein-
schätzung bei Timm, S. 201. Pointierte, aber angemessene Betonung bei Mommsen, Ruhrberg-
bau, S. 175, sowie ders., Auflösung, S. 10. Siehe auch Hardach, Weltmarktorientierung,
S.109.
34. Durchschnittliche Senkung von 2,5 Mrd. auf 2,05 Mrd. RM jährlich. Maurer, S. 112. Nach
einer Publikation des VDMA (Lange) "Belastungsvergleich zwischen Dawesplan und
Youngplan" vom Nov. 1929 betrug die effektive Entlastung ca. 50%. R 13 1/277.
35. 28. Mai 1929, Kastl an Reusch: "Es wäre für mich natürlich nichts leichter gewesen, als dem
Beispiel Vöglers zu folgen. Trotzdem habe ich es nicht verantworten können, das gleiche zu
tun, weil das gleichzeitig auch den Zusammenbruch der Konferenz mit allen seinen Nachteilen
für uns zur Folge gehabt hätte." Vgl. dazu auch Schriftwechsel Herle, Duisberg, Vögler,
Thyssen vom 28. Mai - 5. Juni 1929, in: HA/GHH Nr. 200101220/6 b.
36. 8. Juni 1929, Kastl an Duisberg, Bayer-Archiv, Autographensammlung.
37. Umfangreiche Materialien zur Young-Plan-Kontroverse, die hier nur randlich behandelt
werden kann, in: NI. Silv. Nr. 415, Krupp-Archiv IV E 915, HA/GHH Nr. 400101221/ 9 b.
38. Vgl. die angebliche Äußerung Thyssens "diese Krise brauche ich jetzt" anläßlich einer
Zusammenkunft in Essen, Villa Hügel. Zur diesbezüglichen Privatklage Bernhards (Voss.
Zeitung) gegen Ernst Poensgen siehe die Materialien in: HA/GHH Nr. 400101293/9.
39. Vorstandssitzung RDI vom 20 Juni 1929, Bayer-Archiv 62/10/4 c. Nach langer Debatte
einigte sich die Versammlung darauf, "daß jeder der Sachverständigen nach bestem Wissen
und Gewissen bestrebt gewesen ist, das nach Lage der Verhältnisse günstigste Ergebnis für die
Zukunft des deutschen Volkes zu erreichen". Zit. nach RS RDI Nr. 760/1 vom 20. 6. 1929.
Insgesamt blieb die Haltung des Reichsverbandes aber nach außen hin etwas verschwommen.
Ähnlich votierten der DIHT, der Centralverband des dt. Bank- und Bankiergewerbes, der RV
des Dt. Groß- und Oberseehandels, die jeweils grundlegende innere Reformen an die
Verwirklichung des Young-Planes knüpften. G. M. RDI Nr. 15, 1929, Lfd. Nr. 269 vom 12.
Juli 1929 "Die wirtschaftlichen Spitzenverbände zum Young-Plan".
40. Schriftw. Reusch-Blank 22.-29. Juli 1929, in: HA/GHH Nr. 4001012024/6. Vgl. auch 27. Juli
1929, Reusch an von Miquel, HA/GHH Nr. 40010124/2.
41. 26. Juli 1929, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/6.
42. K. Z. Nr. 570 vom 17.10.1929 Mitunterzeichner u. a. L. Hagen, Brecht, von Oppenheim,
Pferdmenges.

222
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

43. Vortrag vom 11. Nov. 1929 "Wirtschaftliches und Finanzielles zum Young-Plan", NI. Silv.
Nr. 18.
44. Vgl. Mommsen, Auflösung, S. 10.
45. Duisberg unterstrich dort den momentanen Zwang zum Kompromiß mit der SPD wegen der
Young-Plan-Ratifizierung, ließ aber keinen Zweifel daran, daß auf Dauer eine "ganz andere
Fahrrichtung im kapitalistischen Sinne, nicht im sozialistischen Sinne- erforderlich sei.
Bayer-Archiv 62/10/7 b.
46. Veröff. RDI Nr. 50, 1930, S. 6.
47. Zur Charakterisierung von Alvensleben siehe u. a. S. Delmer, Die Deutschen und ich,
Hamburg 1963, S. 171 ff. Offiziell stand Alvensleben dem "Deutschen Bund zum Schutz der
abendländischen Kultur" vor, der jedoch nicht mehr als den äußeren Rahmen seiner Intrigan-
tentätigkeit abgab. Bei aller Undurchsichtigkeit von Alvenslebens Aktionen im einzelnen ist
aber unverkennbar, daß eine enge Kooperation mit General v. Schleicher die Basis bildete.
Siehe dazu Schriftwechsel Alvensleben-Schleicher, in: N 42/21, 22, 23, 25, 29; N 97/1 sowie
NS 20/122.
48. 28. Nov. 1929, Alvensleben an Duisberg, Bayer-Archiv, Autographensammlung.
49. 29. Nov. 1929, Duisberg an Alvensleben, ebd.
50. Die erste große Spaltung der DNVP und der Auszug der Treviranus-Gruppe aus der
Reichstagsfraktion in der Zeit vom 27. 11.-4. 12. 1929 stehen in unmittelbarem Zusammen-
hang mit der Aktion Alvenslebens. Vgl. Bracher, Auflösung, S. 276 ff., 284 ff. Die oft
verbreitete Version, die DNVP und vor allem der Hugenberg-Flügel der Partei erfreuten sich
der besonderen Gunst der Großindustrie, ist unzutreffend. In diesem Sinne auch K.-P. Hoepke,
Alfred Hugenberg als Vermittler zwischen großindustriellen Interessen und Deutschnationaler
Volkspartei, in: Mommsen, System, S. 907 ff., S. 916 ff.
51. Vgl. L. Döhn, Politik und Interesse. Die Interessenstruktur der Deutschen Volkspartei,
Meisenheim 1970.
52. E. von Gilsa, offiziell "Abteilungsleiter" der GHH/Sterkrade, fungierte als politischer
Beauftragter P. Reuschs. Siehe dazu Schriftwechsel Gilsa-Reusch, in: HA/GHH Nr.
400101293/4 a u. b. Mit Martin Blank, der das besondere Vertrauen Reuschs besaß und der zu
den bedeutenden Lobbyisten der Weimarer Zeit (aber auch der frühen Bundesrepublik) zählt,
führte Gilsa das Berliner Büro der GHH.
53. Wichtig insbesondere die streng vertrauliche Besprechung rechter Kreise der DVP am 24. Jan.
1930 in Berlin. Berichte sowie Ergebnisprotokoll der Zusammenkunft siehe: 25. Jan. 1930,
Gilsa an Reusch, 29. jan. 1930, Gilsa an Reusch (mit Protokoll), HA/GHH 400101293/ 4 a.
54. Bericht über Verlauf der Besprechung siehe: 5. Febr. 1930, Gilsa an Reusch, ebd. Vgl. in
diesem Zusammenhang auch 6. Febr. 1930, Reusch an Fritz Schäffer, HA/GHH 400101293/
10 a.
55. 17. Dez. 1929, Kastl an Reusch, NI. Silv. Nr. 235, Bl. 148 ff.
56. Vgl. 16. Dez. 1929, Reusch an Gilsa, HA/GHH Nr. 400101293/4 a. Vgl. auch: 9. März 1930,
Gilsa an Reusch, ebd.
57. 16. Dez. 1929, Reusch an Kastl, NI. Silv. Nr. 235.
58. 17. Dez. 1929, Kastl an Reusch, ebd. Antwort Reuschs vom 19. 12. 1929, HA/GHH Nr.
400101220/7.
59. 20. Dez. 1929 K. Z. "Staatssekretär Schmid und Langnamverein". Nach der Notiz in de, K . Z.
seien Überlegungen im Gange, Kastl durch Schlenker vom Langnam-Verein zu ersetzen. Vgl.
dazu 21.Jan. und 24.Jan. 1930, Schlenker an Reusch, HA/GHH Nr. 400101221/11 a; siehe
auch 9. März 1930, Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 a.
60. Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/4 d, S. 43 ff.
61. 8. Febr. 1930, Kastl an Moldenhauer, HA/GHH Nr. 400101293/10 a; RS RDI Nr. 498/P vom
27. Febr. 1930 an nahestehende RT-Abgeordnete, HA/GHH Nr. 400101220/8 a.

223
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

62. Schriftwechsel Schäffer-Reusch, in: HA/GHH Nr. 400101293/10 a. Ob Schäffer durch dieses
Junktim auch den Bestand der Koalition retten wollte, ist allerdings fraglich. Vgl. 4. und 8.
Febr. 1930, Schäffer an Reusch, ebd.
63. RS RDI Nr. 1843/S vom 7. März 1930, HA/GHH Nr. 400101220/8 a. Vgl. auch RS RDI Nr.
1895/S vom 8. März 1930, NI. Silv. Nr. 337.
64. Siehe aber die Stellungnahme Kalle (IG-Farben) sowie Dr. Schneider in der Fraktionssitzung
der DVP vom 11. März 1930: Insbesondere Kalle betonte, daß die Erklärung der
Spitzenverbände im wesentlichen nur von den Syndici gedeckt sei. Die widersprechende
Information Gilsas, daß Reusch, Müller-Oerlinghausen und Silverberg der Resolution zuge-
stimmt hätten und daß der Entwurf auf Frowein, Flechtheim, Lammers und Bücher zurück-
gehe, ist, soweit Oberprüfungen möglich sind, offenbar zutreffend. 13. März 1930, Gilsa an
Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 a.
65. 8. März 1930, Aktennotiz Herle über Telephonat mit Moldenhauer, NI. Silv. Nr. 337, von
Herle am 10. März an Reusch, Silverberg u. a. übersandt.
66. Zutreffende Einschätzung der DFB Nr. 19 vom 7. März 1930: "Diese [die Regierungskoalition
ohne Sozialdemokratie] muß die Wirtschaft ja als letzte politische Konsequenz im Auge
haben, wenn sie dem Programm des Kabinetts, dessen Finanzminister der Deutschen
Volkspartei angehört, ihre Zustimmung versagt." Zum Hintergrund der "Führerbriefe" siehe
Kap. XII, S. 154f.
67. 10. März 1930, Moldenhauer an Duisberg, Bayer-Archiv, Autographensammlung: "Ich habe
die Entschließung der Spitzenverbände, die mit einer Handbewegung meine ganze Arbeit
beiseite schiebt, außerordentlich bitter empfunden ... Mehr konnte im Augenblick nicht
geschaffen werden. Nichts ist für die Zukunft verdorben, aber ein guter Anfang gelegt. Über
diese mühsame Arbeit, die im schwersten Kampf der Sozialdemokratie abgerungen wurde,
geht die Erklärung der Spitzenverbände einfach hinweg. Ich habe Herrn Dr. Herle und Herrn
Hamm erklärt, ich glaube kaum, daß sich noch einmal ein Mann aus unsern Kreisen finden
werde, der bereit ist, das große persönliche Opfer zu bringen, um im entscheidenden
Augenblick im Stich gelassen zu werden. Diese Erklärung hat die letzte Möglichkeit einer
Verständigung beseitigt, weil nun die Fraktion, die unter Führung von Scholz das Joch der
Sozialdemokratie brechen und unter Umständen für die nächsten vier Jahre in fruchtlose
Opposition gehen will, in der Erklärung der Spitzenverbände eine Anerkennung ihres
Verhaltens findet. Vgl. auch 15. März 1930, Moldenhauer an Duisberg, ebd.
68. Zur Sonderrolle Kastls siehe RS RDI Nr. 1843/S vom 7. März 1930, HA/GHH Nr.
400101220/8 a; 9. März 1930, Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 a; 15. März 1930,
Meynen an Silverberg, NI. Silv. Nr. 337; 20. März 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr.
4001012024/6.
69. 11. März 1930, Silverberg an Herle, NI. Silv. Nr. 337.
70. 16. März 1930, Telegramm Silverberg an RDI, ebd.
71. C. Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918-heute (1918-1930), Berlin 1930, S. 304. Vgl.
auch den Schriftwechsel Gilsa-Reusch vom 23. und 25. März 1930. Reusch äußerte seine
Enttäuschung: "Sehr bedauert habe ich, daß keine scharfe Trennungslinie zwischen der
Deutschen Volkspartei und der Sozialdemokratie gezogen worden ist. Wenn die Deutsche
Volkspartei nicht die Parole zum Kampf gegen den Sozialismus ausgibt, dann wird die
anzustrebende große Bürger-Partei niemals geschaffen werden können." HA/GHH Nr.
400101293/4a.
72. Die Reform der Arbeitslosenversicherung wurde als möglicher Anlaß des Bruches der
Koalition bereits am 24. Jan. 1930 auf einer internen Sitzung rechter DVP-Kreise ins Auge
gefaßt. HA/GHH Nr. 400101293/4 a.
73. Vgl. dazu Conze, Entscheidungen, S. 176-252, insbes. S. 178/79.

224
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. III. Weltwirtschaftskrise und Restaurationskonzepte

74. Vgl. Bracher, Auflösung, S. 43-57, dort auch Diskussion des Kompromisses zwischen
monarchischem Konstitutionalismus und demokratischem Parlamentarismus.
75. 30. Dez. 1925, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235.
76. 30. Okt. 1929, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/6. Weitere Hinweise auf ein
kommendes "Hindenburg-Kabinett" u. a. 28. Nov. 1929, Alvensleben an Duisberg,
Bayer-Archiv, Autographensammlung; Schriftwechsel Gilsa-Reusch, Dez. 1929-März 1930,
in: HA/GHH Nr. 400101293/4 a.
77. Zu von Schleicher und zur Reichswehr vor allem: Th. Vogelsang, Reichswehr, Staat und
NSDAP. Beiträge zur deutschen Geschichte 1930-1932, Stuttgart 1962; wichtig immer noch:
0. E. Schüddekopf, Das Heer und die Republik. Quellen zur Politik der Reichswehrführung
1918 bis 1933, Hannover 1955. Aus der zeitgenössischen Literatur siehe: K. Caro u. W.
Oehme, Schleichers Aufstieg. Ein Beitrag zur Geschichte der Gegenrevolution, Berlin 1933.
78. Vgl. auch Bracher, Auflösung, S. 246 ff.
79. Die Alternativ-Kandidatur des Parteivorsitzenden der DVP, Scholz, war nur als Notlösung
konzipiert. N 42/29, Denkschrift Noeldechen.
80. Anspielung auf die "Große Koalition" in Preußen unter dem Sozialdemokraten Otto Braun.
81. In: N 42/29. Dort auch weiteres Material zur Rolle der Reichswehr beim Sturz der Großen
Koalition. Denkschrift Noeldechen gedruckt bei Vogelsang, Reichswehr, S. 414/15.
82. Ebd., S. 415. Siehe im gleichen Zusammenhang auch die Niederschrift Westarps vom 15. Jan.
1930 zu dem Plan eines "Hindenburg-Kabinetts", wiedergegeben bei W. Conze, Die Krise des
Parteienstaates in Deutschland 1929/30, in: HZ, Bd. 178, 1954, S. 79/80.
83. H. Schacht, 1933. Wie eine Demokratie stirbt, Düsseldorf 1968, S. 63, charakterisiert Brüning
so: "Er war der Beauftragte, der Angestellte eines Diktators, des Reichspräsidenten."
84. H. Brüning, Memoiren 1918-1934, Stuttgart 1970.
85. Bei K. D. Bracher, Brünings unpolitische Politik und die Auflösung der Weimarer Republik,
in: VfZ, Jg. 19, 1971, S. 118, gekennzeichnet als "zutiefst abhängige Stellung zu Hindenburg
und zur Reichswehrführung". Zum gegenwärtigen Brüning-Bild siehe vor allem H. Mommsen,
Heinrich Brünings Politik als Reichskanzler: Das Scheitern eines politischen Alleingangs, in:
Holl, S. 16-45.
86. Ausführlicher Kap. V, S. 78ff.
87. Die politische Rolle Luthers 1930-33 ist in der Forschung bisher nicht hinreichend gewürdigt
worden. Vgl. aber G. Schulz, Erinnerungen an eine mißlungene Restauration, in: Der Staat,
Bd. 11, 1972, S. 65, Anm. 7; siehe jetzt auch ders., Reparationen, S. 214-18.
88. Eine Untersuchung zum BER fehlt bisher. Wertvolle Materialien zur politischen Wirksamkeit
des Bundes in den Beständen: HA/GHH 400101293/9, 15, 16a, 17 und 400101290/29-31; BA,
NI. Luther. Zur Einführung siehe K. Goßweiler, Bund zur Erneuerung des Reiches (BER)
1928-1933, in: Fricke, Bd. 1, S. 195-200,
89. 1929/30 wird Luther wiederholt als Kanzlerkandidat der im BER vereinigten wirtschaftlichen
und politischen Kräfte genannt: 4. Dez. 1929, Reusch an Luther, HA/GHH Nr. 400101290/29
b; 25. und 29. Jan. 1930, Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 a; 18. Juni 1930,
Gattineau an Duisberg, Bayer-Archiv 62/10/3 b; 5. Juli 1930, 5. Aug. 1930, 13. Aug. 1930,
Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/7.
90. 25. Okt. und 9. Nov. 1929, Reusch an Gilsa, HA/GHH Nr. 400101293/4 a; 22. Nov. 1929,
Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/6. Vgl. Bericht über die Tagung des
Reichsausschusses der DVP von Anfang Dezember 1929, Anlage zum Schreiben Reusch-Lut-
her vom 4. Dez. 1929, HA/GHH Nr. 400101290/29 b. Der nicht genannte Berichterstatter
schreibt: "Auch eine Kandidatur Luthers als Parteiführer wurde erörtert ... Bei der gestrigen
Sitzung kam jedoch sehr stark der lebhafte Wille, man kann ruhig sagen der Mehrheit zum
Ausdruck, die wertvollen Kräfte Luthers für andere große Aufgaben aufzusparen und Luther

225
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. IV. Politische Offensive im Sommer 1930

inzwischen enger an die Partei heranzuführen. Luther wird am 14. d. Mts. in den Zentralvor-
stand der Partei mithinein gewählt werden. Für seine spätere Verwendung denke ich mir
Luther als Spardiktator, Finanz- oder Innenminister, vielleicht auch wieder als Kanzler.
jedenfalls zeigte der gestrige Tag, daß die politische Arbeit, die für Luther den Rückweg zur
aktiven Politik erleichtern sollte, schon recht gute Früchte getragen hat."
91. Vgl. H. Luther, Vor dem Abgrund. 1930-1933. Reichsbankpräsident in Krisenzeiten, Berlin
1964, S. 37/39.
92. "Vertrauliche Niederschrift über eine am 9. 3. 1930 stattgefundene Unterredung mit Dr.
Luther". Die 4seitige Gesprächsskizze findet sich im NI. Luther Nr. 365 und ist mit dem
handschriftlichen Signum "gez. Jänecke" versehen. Zu den Plänen Luthers vgl. auch Hardach,
Weltmarktorientierung, S. 118 f.
93. Lt. Niederschrift vom 9. 3. 1930. Die dortigen Mitteilungen bestätigt im Schreiben
Reusch-Edgar Jung vom 20. März 1930, HA/GHH Nr. 400101293/ 10 a.
94. Indirekte Bestätigung bei Luther, Abgrund, S. 128-30. Vgl. auch die recht kritische
Charakterisierung Luthers in den Memoiren Brünings, deren tatsächlicher Hintergrund dort
allerdings im unklaren bleibt. Aufschlußreich in diesem Zusammenhang die Schilderung
Blanks vom 13. Aug. 1930: "In einer Rücksprache mit Herrn Treviranus habe ich heute
festgestellt, daß tatsächlich beim Reichskanzler eine sehr starke Nervosität gegenüber dem
Reichsbankpräsidenten bestanden hat. Herr Treviranus, der seinerseits davon überzeugt war,
daß diese Nervosität in einem solchen Umfang nicht berechtigt war, hat inzwischen sehr
ausgleichend gewirkt. Er steht weiter mit Herrn Luther in Verbindung und es dürfte ihm auch
gelungen sein, den Kanzler darüber zu beruhigen, daß auf Seiten von Herrn Luther keine
feindlichen Absichten gegenüber dem gegenwärtigen Kabinett bestehen." Blank an Reusch,
HA/GHH Nr. 4001012024/7.
95. Bestätigt auch bei Luther, Abgrund, S. 131-57; "Es gab keine Alternative".
96. Siehe Niederschrift Jänecke vom 9. März 1930, NI. Luther Nr. 365.
97. Vgl. Anm. 50.
98. Programmatisch: H. Schacht, Das Ende der Reparationen, Oldenburg 1931; ders., Grundsätze
deutscher Wirtschaftspolitik, Oldenburg 1932. Daneben von besonderer politischer Brisanz
die Rede Schachts anläßlich der Bildung der "Harzburger Front" am 11. Okt. 1931. Zur Politik
Schachts vgl. auch Hardach, Weltmarktorientierung.
99. Siehe Kap. IX, S. 122ff.

IV. Politische Offensive und bürgerliche Sammlung im Sommer 1930


1. Von Mendelssohn am 9. April 1930 vor dem Langnam-Verein; Duisberg am 23. Mai 1930 vor
dem RDI; Silverberg am 4. April 1930 vor dem Langnam-Verein, am 19. Juni 1931, 27. Nov.
1931 und 22. April 1932 vor dem RDI, am 23. Juni 1931 vor dem DIHT.
2. Vgl. dazu insbesondere 0. Funcke (Hagen) vor dem "Verein der märkischen Klein-
eisenindustrie" zum Thema "Industrie und Politik" am 4. Dez. 1931, in: Funcke, Vergangene
Zeiten, Politik; DII Manuskriptsammlung. So auch Winschuh, S. 138/39.
3. Mitt. Langnam-Verein, Heft 2, 1930, S. 134: "Unternehmer an die Front".
4. Ausführungen in der Hauptausschußsitzung des DIHT am 30.Jan. 1930, gedrucktes Protokoll
in: Verhandl. des DIHT, Heft 1, 1930, S. 10-14.
5. Vgl. Weisbrod, Form, in: Mommsen, System, S. 674-92.
6. Daran anknüpfend der Artikel "Sammeln" (Schlenker) in der K. Z. Nr. 120 vom 2. März
1930; Schlenker am 4. April vor dem Langnam-Verein, in: Mitt. Langnam-Verein, Heft 2,
1930, S. 145; Hamm am 9. April 1930 in der 50. Vollversammlung des DIHT, in: Verhandl.
DIHT, Heft 3, 1930, S. 122.
7. Vorbereitend der Artikel "Sammeln" (s. Anm. 6). Der Inhalt des Aufrufs war zuvor mit
Paul Reusch abgestimmt; siehe dazu 26. Febr. 1930, Schlenker an Reusch, HA/GHH Nr.

226
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. IV. Politische Offensive im Sommer 1930

400101221/11 a. In dem Artikel heißt es u. a.: "Die Wirtschaft hat sich zu sehr in die
Defensive drängen lassen und muß, wenn sie die Zeichen der Zeit erkennt und nicht zu
Grunde gehen will, nunmehr zur Offensive übergehen. Sie muß sich vor allem darüber klar
werden, daß sie ihren Gegnern, die mit politischen Waffen kämpfen, auch auf politischem
Gebiet ein Paroli bieten muß ... Es wird freilich hohe Zeit zum Handeln".
8. Mitt. Langnam-Verein, Heft 2, 1930, S. 142/43.
9. Ebd., S. 147.
10. Ebd., S. 179 ff., hier S . 183. Vgl. auch die Tischrede Silverbergs im Düsseldorfer
Industrieclub am 1. April 1930, NI. Silv. Nr. 21.
11. Vgl. auch die Ausführungen Wielands vor dem Hauptausschuß des RDI am 23. Mai 1930, der
die Frage der "Reichsreform" im Zusammenhang eines notwendigen bürgerlichen
Gegengewichts gegenüber der Sozialdemokratie anspricht. Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/ 5
b, S. 8-12.
12. Vgl. oben Kap. III, S. 58.
13. Sten. Prot. HAS RDI vom 23. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/5 b, hier S. 1-7.
14. Ausführungen Duisbergs auch gedruckt in: Duisberg, Abhandlungen, S. 102-05. Hier zit. nach
Sten. Prot., S. 1 ff.
15. Siehe oben Kap. IV, S. 60.
16. Ebd.
17. Sten. Prot. HAS RDI vom 23. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/5 b, S. 1-7.
18. Ebd., S. 13-17. Hier zit. nach Protokollauszug in NI. Silv. Nr. 274, Bl. 26-28.
19. Dieser Gedanke war nicht ganz neu, sondern stand schon einmal im Jahr 1925 zur Diskussion,
als der Versuch gemacht wurde, die "Parlamentarischen Abende" beim RDI, zu denen sich ca.
25 bis 50 und mehr Abgeordnete in lockerer Form einfanden, in einen ständigen
"Parlamentarischen Beirat" umzuwandeln. Mit diesem Vorhaben stieß der RDI jedoch auf
"Ablehnung bei den meisten Abgeordneten, die diese Bindung als zu eng und einseitig
empfanden". Böhret, Aktionen, S. 126/27.
20. Sten. Prot. HAS RDI vom 23. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/5b, S. 13-17 (s. Anm. 18).
21. Ebd., S. 18-22, hier S. 19: ja, damit locken Sie keinen Hund hinter dem Ofen hervor, und am
andern Morgen, wenn die anderen wieder im Parlament und in der Politik sind, dann ist der
ganze Abend mit dem schönen Essen usw. vergessen, und dann ist wieder die nüchterne
Parteipolitik das, was den Ausschlag gibt. - Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Schreiben
Borsigs an die Geschäftsführung des RDI sowie an Silverberg vom 26. Mai 1930, NI. Silv. Nr.
274, Bl. 23-28.
22. Sten. Prot. HAS RDI vom 23. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/5 b, S. 18 ff.
23. 23. Mai 1930, Fachgruppe Bergbau (Pinkerneil) an Silverberg, NI. Silv. Nr. 274, Bl. 22.
24. In diesen Zusammenhang gehört die Forderung Wielands nach Reichsreform und
Wahlrechtsänderung, ebenfalls erhoben auf der HAS RDI am 23. Mai 1930. Sten. Prot., S.
8-12. Dazu Borsig im Schreiben vom 26. 5. 1930 an die Geschäftsführung des RDI, NI. Silv.
Nr. 274, Bl. 24/25: "Mir ist . . . klar, daß die Ausführungen des Herrn Kommerzienrat
Wieland, daß es nicht besser werde, ehe nicht das Wahlsystem geändert würde, durchaus
richtig sind; ich möchte aber sagen, daß hier das Bessere des Guten Feind ist und wohl noch
lange Zeit vergehen wird, bis das Wahlsystem geändert wird. Auch ich glaube, daß noch sehr
viel anderes geschehen muß, aber das Gute nicht zu tun, weil vielleicht noch in Zukunft etwas
Besseres gemacht werden kann, erscheint mir durchaus verfehlt."
25. Duisberg am 23. Mai 1930 im HAS des RDI.
26. Siehe insbesondere Tagung vom 4. April 1930, Kap. IV, S. 60f.
27. Vgl. auch die exponierte Stellung des VSI im Zusammenhang der Silverberg-Kontroverse von
1926 (Dresden), Kap. II, S. 47.
28. Veröff. RDI Nr. 50, 1930, S. 38.

227
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. IV. Politische Offensive im Sommer 1930

29. In diesem Sinne auch Frowein am 23. Mai 1930 bei der Begründung der Satzungsänderung
vor dem HAS des RDI, Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/5 b, S. 24.
30. Zur Organisation des RDI siehe Sonderdruck "Der Reichsverband der Deutschen Industrie
und sein Aufbau", Stand Nov. 1932 sowie "Arbeitsplan der Geschäftsführung des RDU, Stand
März 1924, NI. Silv. Nr. 221. Siehe im übrigen die Satzung des RDI, nach Stand vom 21.
Sept. 1929 abgedruckt in: Der Weg zum industriellen Spitzenverband, hg. v. BDI, Darmstadt
1959, S. 139 ff. Interpretierte Satzungsauszüge bei H. Brettner, Die Organisation der
industriellen Interessen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung des "Reichs-
verbandes der deutschen Industrie", Berlin 1924, S. 52-57.
31. Ab 1927 nur noch alle zwei Jahre. Vgl. Weg, S . 130.
32. Ebd., S. 129.
33. Ebd., S. 131.
34. Brettner, S. 55.
35. Sten. Prot. HAS RDI vom 23. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/5 b, S. 24 ff. Ergebnisse der
Sitzung auch mitgeteilt in G. M. RDI Nr. 13 vom 3. Juni 1930, S. 127-28.
36. Vgl. 26. Mai 1930, Duisberg an Reusch, HA/GHH Nr. 400101290/10. Die Erweiterung der
Führungsspitze des RDI sei vorgenommen worden, "um eine innigere Fühlungnahme
zwischen Präsidium und Geschäftsführung in allen wirtschaftspolitischen Angelegenheiten
herbeizuführen."
37. Vgl. 11. Juni 193 1, Duisberg an Krupp, Bayer-Archiv 62/10/2. Duisberg lobt Kastl als "sehr
fähiges, tüchtiges und geeignetes" Geschäftsführendes Präsidialmitglied, allerdings sei er
gelegentlich "allzu selbständig" geworden. "Aus diesem Grunde sah ich mich deshalb auch
genötigt, Ende vorigen Jahres die Zahl der stellvertretenden Vorsitzenden um zwei zu
vermehren und eine weitgehende Arbeitsteilung, an die Herr Geheimrat Kastl gebunden ist,
durchzuführen."
38. Richtlinienentwurf vom 2. Juni 1930, in einer Besprechung des "Engeren Präsidiums" vom 11.
Dez. 1930 endgültig bestätigt. Bayer-Archiv 62/10/1. (Der Entwurf vom 2. Juni auch in: NI.
Silv. Nr. 268, S. 183/84) Die "Arbeitsteilung- im "Engeren Präsidium" sah vor:
Duisberg: Geschäftsführung und innere Organisation, Sozialpolitik, Gewerblicher Rechts-
schutz, VDA, DIHT.
Frowein: Kartellwesen, Internat. Handelskammer, Groß- und Überseehandel, Einzelhandel,
Handwerk.
Hilger: Etat des RDI, Industriefonds.
Silverberg: Finanzpolitik, Agrarpolitik, Verkehrspolitik, Rechtsfragen.
Müller-Oerlinghausen: Handelspolitik.
Kraemer: Reichswirtschaftsrat, Rußland und Ostfragen, Exportförderung, Messen und
Ausstellungen.
(nach Aufstellung in: Bayer-Archiv 62/10/1 vom 11. Dez. 1930).
39. Ebd.
40. Siehe hier die Ausführungen Froweins in der Begründung der Satzungsänderung vor dem
HAS RDI am 23. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/5 b. Der Terminus "Engeres Präsidium"
wurde im offiziellen Sprachgebrauch des RDI stets vermieden, war aber intern durchaus
gängig. Vgl. u. a. 12. Aug. 1930, Herle an Silverberg, NI. Silv. Nr. 268, S. 206. Siehe auch
Registratur des Silverbergschen Nachlasses; Bd. 234 trägt die Aufschrift: "Engeres Präsidium
1930-33". Siehe in diesem Zusammenhang auch 27. Sept. 1932, Krupp an Lammers,
Krupp-Archiv IV E 1023: Krupp stellt dort in Abrede, daß die Stellvertretenden Vorsitzenden
ein besonderes Gremium darstellten.
41. Gepflogenheit, die auch unter dem späteren Vorsitzenden Krupp beibehalten wurde. 10. März
1932, Krupp an Silverberg, Krupp-Archiv IV E 177.
42. Winschuh, S. 79/80, interpretiert den Führungswechsel im Langnam-Verein eher gegenteilig.

228
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. IV. Politische Offensive im Sommer 1930

43. Reusch hatte bereits vor der Sitzung vom 23. Mai 1930 definitiv gegenüber Kastl und
Lammers abgelehnt, den 2. Stellv. Vorsitz zu übernehmen. Auch ein Drängen von Vögler und
Reuter half nicht. 25. Mai 1930, Reusch an Blank, HA/GHH Nr. 4001012024/6. Zur engen
Kooperation Reuschs mit Kastl im Zusammenhang der Reorganisation des RDI siehe 21.
März 1930, Reusch an Kastl, HA/GHH Nr. 400101220/8 a. Vgl. hierzu auch Beschluß des
Wahlausschusses und der Satzungskommission vom 14. Mai 1930, Bayer-Archiv 62/10/1;
Frowein am 23. Mai 1930 auf der HAS RDI, Bayer-Archiv 62/10/5 b; 31. Mai 1930, Reusch
an Silverberg, HA/GHH Nr. 400101290/35 a.
44. Nicht aufgeführt hier E. Hilger von der sächsischen Braunkohlenindustrie, der als
Schatzmeister- des RDI jedoch keinen Einfluß auf die Politik des Verbandes nahm.
45. Belege für die Positionen der Mitglieder des "Engeren Präsidiums" siehe u. a. Kap. 11, S. 48,
Kap. V. S. 77.
46. Anders Stegmann, Silverberg-Kontroverse, S. 606/07.
47. G.M. RDI Nr. 13 vom 3. Juni 1930, S. 127/28.
48. Ebd.
49. Umfangreicher Schriftwechsel mit Duisberg in: Bayer-Archiv 62/10/1; vgl. auch
Schriftwechsel mit Reusch in: HA/GHH Nr. 400101220/8 a sowie 2. April 1930, Reusch an
Silverberg, NI. Silv. Nr. 574 und 16. April 1930, Kastl an Duisberg, NI. Silv. Nr. 235.
50. 23. Mai 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/6.
51. Vgl. 28. Nov. 1929, Alvensleben an Duisberg, Bayer-Archiv, Autographensammlung.
52. Zum Gesamtproblem siehe L.E. Jones, The Dying Middle: Weimar Germany and the
Fragmentation of Bourgeois Politics, in: CEH, Bd. 5, 1972, S. 23-54; sowie ders., Sarn rnlung
oder Zersplitterung? Die Bestrebungen zur Bildung einer neuen Mittelpartei in der Endphase
der Weimarer Republik 1930-1933, in: VfZ, Jg. 25, 1977, S. 265-304.
53. Ausführungen Reuschs am 30.Jan. 1930 vor dem HAS des DIHT in Berlin, in: Verhandl.
DIHT, Heft 1, 1930, S. lOff.; Abstimmung Reuschs und Schlenkers über Artikel "Sammeln"
in K. Z. Nr. 120 vom 2. März 1930, HA/GHH Nr. 400101221/11 a; im übrigen Schriftwechsel
Reusch - v. Gilsa sowie Reusch-Blank in: HA/GHH Nr. 400101293/4 a bzw. 4001012024/6-7;
siehe auch 5. Sept. 1930, Reusch an Weinling, HA/GHH Nr. 400101293/ 10 b. Angemessene
Herausarbeitung des industriellen Einflusses bei den bürgerlichen Sammlungsversuchen
(insbesondere im Zusammenhang der 'Volkskonservativen Vereinigung' Treviranus) bei W.
Methfessel, Volkskonservative Vereinigung 1934-1933, in: Fricke, Bd. 2, S. 799 ff.
54. 1. Mai 1930, v. Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 a.
55. Ebd.; v. Gilsa berichtet: "Die Bestrebungen, das nichtmarxistische Bürgertum zu einer
gemeinsamen Front zusammenzufassen, sind in der letzten Zeit nicht recht vorwärts gekom-
men. Abgesehen davon, daß Hugenberg eine intensive Tätigkeit entfaltet, den Boden, den er in
der Reichstagsfraktion verloren hat, wiederzugewinnen, sind die Bestrebungen der Herren
Brüning, Trevitanus und Scholz ins Stocken geraten ... Tatsache ist jedenfalls, daß die
Stimmung des Zueinanderkommenwollens innerhalb des deutschen Bürgertums nicht mehr so
' vorhanden ist wie noch vor einigen Wochen, sodaß die Bestrebungen Einzelner, sei es aus
sachlichen Gründen, sei es aus persönlichem Ehrgeiz, noch weiter neue Parteien zu gründen,
leider wieder mehr an Boden gewinnen."
56. April 1930, Blank an Reusch, dort Wiedergabe der telefonisch übermittelten Auffassung
Bernsteins: "Es sei unbedingt erforderlich, die sich gerade anbahnende vernünftigere
Gestaltung der Verhältnisse auf dem Geld- und Kapitalmarkt nicht durch neue politische
Beunruhigung zu stören." Blank seinerseits bezweifelte Bernstein gegenüber, "ob es richtig
sei, das Kabinett Brüning durch wechselnde parlamentarische Mehrheiten künstlich am Leben
zu erhalten, wodurch es zweifellos in seiner Aktionsfähigkeit aufs schwerste bedrängt werde."
Weitere Belege hierzu siehe Kap. V, Anm. 49.
57. 21. Mai 1930, v. Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 a.

229
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. IV. Politische Offensive im Sommer 1930

58. Genauere Angaben zu Zeit und Ort der berichteten Äußerungen fehlen. Zu Silverbergs Rolle
im Rahmen der politischen Entwicklung im Sommer 1930 siehe vor allem die Ausführungen
vor dem Präsidium des RDI vom 25. Juni 1930, Kap. IV, S. 71.
59. U. a. 24. Mai 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/6.
60. Vgl. auch M. Schneider, Unternehmer und Demokratie. Die freien Gewerkschaften in der
unternehmerischen Ideologie der Jahre 1918 bis 1933, Bonn 1975, S. 126 ff. Schneider
reduziert die Verhandlungen unzutreffend auf den "begrenzten Sektor der Lohn- und
Arbeitszeitfragen", übersieht die politischen Dimensionen hinsichtlich einer Wiederbelebng
der "Großen Koalition" vollständig und gibt den Unternehmern insgesamt die Schuld am
Auslaufen dieser Gesprächsansätze. Wesentlich richtigere Darstellung bei Wengst, Unterneh-
merverbände, S. 99-119. - Zum Problem gewerkschaftlicher Orientierung in der Krise siehe
auch die Literaturübersicht in Kap. XII, Anm. 66.
61. Darstellung der Vorgeschichte der Verhandlungen vom Sommer 1930 durch Pietrkowski in
einer Besprechung von Präsidium des RDI und Vorstand der VDA am 3. Juni 1930,
zusammenfassende Niederschrift, Bayer-Archiv 62/10/3 b sowie NI. Silv. Nr. 457.
62. Genaues Datum der Zusammenkunft, die bei v. Raumer stattfand, nicht zu ermitteln. Aus
allem ergibt sich jedoch ein Termin in der letzten Maiwoche. Teilnehmer der Bcsprechung
waren: Brüning, Stegerwald, Kastl, Brauweiler, Pietrkowsky, Müller-Oerlinghau~,~n, Borsig,
Silverberg und Poensgen fehlten entschuldigt. Lt. Mitteilungen Pietrkowskis am 3. Juni 1930,
siehe Anm. 61.
63. Gedanke, der insbesondere von Kastl (RDI) verfolgt wurde. Siehe Aktennotiz vom 5. Juni
1930, HA/GHH Nr. 400101293/ 10 b. "Mitteilungen von Herrn Kastl".
64. Siehe Kap. IV, S. 71 f., Präsidialsitzung RDI vom 25. Juni 1930.
65. Siehe Anm. 61.
66. Siehe oben Kap. 11.
67. Erklärung der Arbeitgeber am 4. Juni in einer kleineren Kommission unter Vorsitz Büchers
gemäß den Besprechungen vom 3. Juni redigiert (Text in RS Nr. 918/VI vom 4. Juni 1930,
Bayer-Archiv 62/10/3 b) und am 5. Juni in einer gemeinsamen Besprechung zwischen RDI
und VDA nochmals überarbeitet. Nicht ohne Interesse ist, daß die schließlich gebilligte
Erklärung vom 5. Juni (Aktennotiz Kastl, HA/GHH Nr. 400101293/ 10 b) wesentlich konzi-
lianter als die Vorlage gehalten ist.
68. 10. Juni 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/71; siehe auch Anm. 69.
69. Sten. Prot. der Sitzung, Bayer-Archiv 62/10/3 b. Aufzeichnungen über den Verlauf der
Sitzung auch in: HA/GHH Nr. 4001012024/7, 400101293/10 b, Bayer-Archiv 62/10/3 b sowie
NI. Silv. Nr. 457.
70. Siehe insbesondere die herbe Kritik Raumers an der Haltung der Arbeitgeber: "In vieler
Hinsicht könnten die Gewerkschaften, deren Wunsch nach Zusammenarbeit viel größer sei als
auf der eigenen Seite, Bundesgenossen werden. Die einzige Lösung der Finanzfrage sei der
allgemeine Gehaltsabbau bei den Beamten, das sei alles mit den Gewerkschaften zusammen
zu haben gewesen, vorläufig aber nunmehr zerschlagen," zit. nach Kurzprotokoll,
Bayer-Archiv 62/10/3 b.
71. Text der Pressemitteilung in: G.M. RDI Nr. 15, 21. 6. 1930, Lfd. Nr. 366.
72. Siehe oben Kap. IV, S. 63 f.
73. Sten. Prot. Bayer-Archiv 62/10/3 b, S. 80/81
74. Zur politischen Bedeutung dieser Aktion siehe auch Vorwärts Nr. 305 vom 3. Juli 1930:
"Scharfinacher gegen Arbeiterpresse". In diesem Artikel findet sich ein vollständiger Abdruck
des Schreibens von Herle vom 9. Mai 1930 "Inseratenwerbung durch die Sozialdemokratie"
verbunden mit der Aufforderung an das Präsidium des RDI, "Farbe [zu] bekennen, ob es
diesen Scharfmacherstreich mitmachen will".
75. B. Sydow, Sozialdemokratie und Industrie, in: Der Arbeitgeber, Jg. 20, Nr. 7, 1. April 1930, S.
176-78

230
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

76. 9. Mai 1930, Herle an Silverberg, "persönlich", NI. Silv. Nr. 268.
77. Ebd.
78. Ebd.
79. 19. Juni 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/7.
80. Ebd.
81. Zit. nach Sten. Prot. der Präsidial- und Vorstandssitzung des RDI vom 25. 6. 1930,
Bayer-Archiv 62/10/3 c, S. 92/93.
82. "Wir haben wiederholt in unseren Kreisen jede Katastrophenpolitik abgelehnt. Ich möchte
auch für den Reichsverband und für jeden von uns gerne sagen können: wir haben alles getan,
um die Katastrophe zu verhindern. Man weiss . . ., was mit der Katastrophe zerschlagen wird.
Man weiss aber nicht, wie es wieder aufgebaut werden soll. Das ist mein Standpunkt, an dem
ich unweigerlich festhalte, mag die Kritik sagen, ich sei Defaitist, ich gehe den Regierungen
zu weit entgegen - das mag gesagt werden; ich nehme den Vorwurf auf mich". Sten. Prot.,
ebd., S. 89.
83. Silverberg in der Replik auf Ausführungen Büchers, der jedem Kompromiß in der Finanz- und
Steuerpolitik widersprach; es sei, so Bücher, "nur notwendig, rücksichtslos zu sparen,
vielleicht 15% bei den Etats. Aber dazu brauche man einen Mann, eine wirkliche
Persönlichkeit im Kabinett und bis es so weit sei, habe es keinen Sinn, sich in Details mit dem
Finanzproblem zu befassen." Zit. nach zusammenfassendem Bericht über die RDI-Sitzungen
vom 25. 6. 1930, ebd.
84. Sten. Prot., ebd., S. 103.
85. "Aufstieg oder Niedergang"? Deutsche Wirtschafts- und Finanzreform 1929. Eine Denkschrift
des Präsidiums des RDI, Berlin 1929.
86. So erblickte Silverberg jetzt in der von Bücher propagierten Politik des "Alles oder Nichts" in
letzter Konsequenz den Trend zu "einem deutschen Finanzdirektorium, das auf Grund des
Ermächtigungsgesetzes autonom wird regieren müssen". Sten. Prot., BayerArchiv 62/10/3 c,
S. 102.
87. RS RDI Nr. 3663/IV vom 27. Juni 1930, HA/GHH Nr. 400101220/8 b. - In der
Pressemitteilung wurde die Fortsetzung weiterer unmittelbarer Verhandlungen ausdrücklich
befürwortet. In einem Beischreiben beklagte Herle allerdings die Darstellung des "Vorwärts-
vom 26. 6. 1930, die darauf ziele, "die einzelnen Industrien gegeneinander auszuspielen-.

V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930


1. Bracher, Auflösung, S. 302.
2. Vgl. u. a. 2. Juli 1930, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235: Kastl legt hier nahe, auf eine
explizite Stellungnahme des RDI zum Finanzprogramm Dietrich vor den Parlamentsferien zu
verzichten, um die Kompromißfähigkeit der Parteien (SPD) nicht zu beeinträchtigen und der
Regierung "gar keine Schwierigkeiten" zu machen. Vgl. auch die Diskussion auf der
Präsidialsitzung des RDI vom 25. Juni 1930, siehe oben Kap. IV, S. 71 f.
3. Siehe auch Bracher, Auflösung, S. 301: "Obwohl der Reichstag noch immer eine klare
republikanische Mehrheit besaß und sich Brünings Pläne einer Rechtskoalition dieser Tatsa-
che gegenüber ganz offensichtlich als irreale Spekulation erwiesen, beschritt der
Reichskanzler nun zur Verwirklichung seiner starr festgehaltenen Reformkonzepte den oft
angedrohten autoritären Weg gegen oder ohne das Parlament".
4. Siehe vor allem Niederschrift des Grafen Westarp vom 15. Jan. 1930, in: Vogelsang,
Reichswehr, S. 70.
5. Vgl. auch Conze, Entscheidungen, S. 215-17: "So enthielt er sich bewußt eines entge-
genkommenden Angebots an die Sozialdemokratie und ging damit der fast sicheren Nieder-
lage im Reichstag entgegen ... Hinter all dem stand aber vor allem als der eigentlich

231
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

ausschlaggebende Grund ... die Auflage Hindenburgs vom 28. März. Mit der SPD sollte nach
dem Fall der Großen Koalition nicht mehr regiert werden".
6. Vgl. Brüning, Memoiren, S. 192 ff.
7. 1. und 3. April 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/6.
8. Siehe dazu die Materialien in: HA/GHH Nr. 4001012024/6-7.
9. 21. Juli 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/7.
10. 23. Juli 1930, Blank an Reusch, ebd.
11. Ebd.
12. 24. Juli 1930, Blank an Reusch, ebd.
13. 25. Juli 1930, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235.
14. Siehe auch die Verhandlungen betr. Kartellpolitik im Sept./Okt. 1930 zwischen RDI und
Reichskanzlei, in: R 43 1/1203.
15. Siehe u. a. die Materialien in: HA/GHH Nr. 4001012024/7. Für Luther siehe insbesondere
Niederschrift vom 9. 3. 1930, NI. Luther Nr. 365.
16. 7. Aug. 1930, Reusch an Blank, "Vertraulich", HA/GHH Nr. 4001012024/7.
17. Siehe oben Kap. III, S. 58.
18. Conze, Entscheidungen, S. 218.
19. 5. Sept. 1930, Reusch an Weinlig, HA/GHH Nr. 400101293/106. Neben Reusch beteiligte
sich z. B. auch Silverberg an diesen Verhandlungen, der am 31. Juli zu einer Unterredung mit
Scholz (DVP) zusammenkam. 29.Juli 1930, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/7.
Vgl. u. a. auch 28. Juli 1930, Hamm an Reusch, HA/GHH Nr. 40010123/ 25 b.
20. G.M. RDI Nr. 19 vom 5. Aug. 1930, Lfd. Nr. 434 "Falschmeldungen über die Beteiligung des
Reichsverbandes der Deutschen Industrie am Wahlkampf". Dort Gegendarstellung zu
Pressemeldungen in der "Welt am Abend" Nr. 168 vom 22. Juli, der RDI habe Hugenberg den
gesamten Wahlfonds zur Verteilung überlassen, wobei den Nationalsozialisten der
"Löwenanteil" zugefallen sei. Richtig sei vielmehr, daß die westl. Industrie alle bürgerlichen
Parteien von der Staatspartei bis zur DNVP gleichmäßig bedenken wollte, wobei Vögler zuvor
mit Hugenberg verhandeln und diesem mitteilen sollte, "daß von ihm erwartet wird, daß er
keine Beziehungen zu den Nationalsozialisten unterhält". 29. Juli 1930, Blank an Springorum,
HA/GHH Nr. 4001012024/7.
21. Zur Kritik der Wirtschaft an der DNVP unter Hugenberg siehe vor allem: 8. Sept. 1930,
Reichert an Krupp mit Exposé "Warum fort von Hugenberg", Krupp-Archiv IV E 962.
22. Vgl. Bracher, Auflösung, S. 318.
23. Allen Mitgliedern des Reichsverbandes mitgeteilt in dem RS (o. Nr.) "Industrie und
Reichstagswahlen" vom 16. Aug. 1930, NI. Silv. Nr. 268. Abgedruckt auch in: G.M. RDI Nr.
21 vom 25. Aug. 1930, Lfd. Nr. 484. An der Redaktion des Wahlaufrufes waren neben der
Geschäftsführung vor allem die Mitglieder des "Engeren Präsidiums" beteiligt (Duisberg,
Kastl, Frowein, Silverberg, Kraemer, Müller-Oerlinghausen und Hilger), die auch mit ihrer
Unterschrift verantwortlich zeichneten. Siehe dazu 12. und 16. Aug. 1930 Schriftwechsel
Herle-Silverberg, in: NI. Silv. Nr. 268; vgl. auch 13. Aug. 1930, Herle an Reusch, HA/GHH
Nr. 400101220/9 a.
24. G.M. RDI Nr. 21 vom 25. Aug. 1930, Lfd. Nr. 484.
25. 3. Sept. 1930, Kastl an Reusch, HA/GHH Nr. 400101220/9 a; 3. Sept. 1930, Hamm (DIHT) an
Reusch, HA/GHH Nr. 40010123/25 b.
26. Vgl. Bracher, Auflösung, S. 323 ff.
27. Keese, S. 323 ff.
28. 15. Sept. 1930, v. Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 b.
29. 15. Sept. 1930, Aufsatz Reicherts "Der erste Eindruck von der Reichstagswahl 1930".
3seitiger hektographierter Umdruck, Krupp-Archiv IV E 962.
30. Mehrseitiger Aktenvermerk Pünders vom 15. Sept. 1930, R 43 1/1308, Bl. 597 ff. Auf

232
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

diesen bisher nicht genügend beachteten Vorgang verweist bereits J. Becker, Brüning, Prälat
Kaas und das Problem einer Regierungsbeteiligung der NSDAP 1930-1932, in: HZ, Bd. 196,
1963, S.78.
31. R 43 1/1308, Bl. 598.
32. Ebd., Bl. 598/99.
33. Horkenbach, 1918-1930, S. 319.
34. E. Matthias, Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, in: ders. u. R. Morsey (Hg.), Das
Ende der Parteien 1933. Darstellungen und Dokumente, Düsseldorf 1960, S. 103 ff.
35. Siehe dazu auch die Berichte der britischen Botschafter in Paris, R. H. Campbell sowie in
Berlin, Sir H. Rumbold vom 16. und 18. Sept. 1930 an Außenminister Henderson. In diesen
Berichten gehen die Botschafter jeweils von der "Großen Koalition" als der erwarteten Lösung
der Parlamentskrise in Deutschland aus. Ursachen und Folgen, Bd. VIII, S. 92-95, Dok. 1680
b und 1680 c.
36. Brüning, Memoiren, S. 187.
37. Ebd., S. 187: "Mein Auftrag wäre gescheitert, wenn ich mich irgendwie auf Koalitions-
versicherungen eingelassen hätte."
38. R 43 1/1308.
39. R 43 1/1446.
40. 21. Sept. 1930, Schulenburg an Schleicher, N 42/21.
41. Vgl. Vogelsang, Reichswehr, S. 95.
42. 26. Sept. 1930, Schleicher an Schulenburg, versendet als "Einschreiben-, N 42/21. Auch
gedruckt bei Vogelsang, Reichswehr, Dok. 6, S. 415, und R. Kühnl, Der deutsche Faschismus
in Quellen und Dokumenten, Köln 1975, S. 142.
43. Conze, Entscheidungen, S. 220.
44. 21. Juli 1930, Aufzeichnung Blank, HA/GHH Nr 4001012024/7. Siehe Zitat Kap. V, S. 73 f.
45. 1. Okt. 1930, Treviranus an Blank, HA/GHH Nr. 4001012024/7.
46. Vgl. Brüning, Memoiren, S. 192 ff.
47. Ausführliche Erörterung des Zusammenhangs zwischen Reparationen und Deflationspolitik
bei Brüning siehe Kap. VIII. Dort auch zahlreiche archivalische Belege für die hier vertretene
These.
48. Brüning, Memoiren, S. 193/94.
49. Siehe u. a. 5. Dez. 1930, von Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 b: "Bei dem
Abschluß des letzten Überbrückungskredits in Höhe von 125 Millionen Dollar soll nach
meinen Informationen die Reichsregierung bereits erhebliche Zugeständnisse an Amerika
gemacht haben. Einmal soll die Regierung sich verpflichtet haben, in der nächsten Zeit kein
Moratorium auf Grund des Neuen Planes auszusprechen, und zum andern habe das Kabinett
versprechen müssen, die Krise in Deutschland nicht auf außerparlamentarischern, sondern auf
parlamentarischem Wege zu lösen ... Eigentlich ist es ja nicht recht verständlich, warum das
Ausland gegen eine außerparlamentarische Lösung sein sollte. Es müßte doch nur daran
interessiert sein, daß bei uns endlich Ordnung geschaffen würde, damit dem Ausland die von
ihm bei uns angelegten Gelder nicht verloren gingen. Die Psyche der Völker ist ja manchmal
eigentümlich. In den westeuropäischen Ländern und auch in Nordamerika ist der Parlamenta-
rismus ja ganz anders gestaltet und im Volksempfinden eingewurzelt als bei uns. Dort sieht
man vielleicht in einem Bruch mit der parlamentarischen Form zugleich den Anfang des
drohenden Chaos." Vgl. auch 1 . Okt. 1931, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/9;
Kap. VII, Anm. 44.
50. Zum Gespräch siehe u. a. Becker, S. 74.
51. Brüning, Memoiren, S. 192 ff.
52. 8. Okt. 1930, Vortrag Brünings beim Reichspräsidenten, R 43 1/678: Brüning schildert hier
seine Verhandlungen mit Hitler und dessen Forderung "auf sofortige Reparationsrevi-

233
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

sion unter Erklärung des Moratoriums", wohingegen der Kanzler an der Ansicht, "Repara-
tionsverhandlungen nur nach Durchführung des Reformprogramms" in Angriff zu nehmen,
festgehalten habe.
53. Brüning, Memoiren, S. 196.
54. Bracher, Auflösung, S. 328.
55. Sten. Prot. der Präsidialsitzung liegt nicht vor. Über den Verlauf orientiert ein Schreiben
Kastls an Silverberg vom 19. Sept. 1930, NI. Silv. Nr. 235. Kastl schreibt dort u. a.: Jm
Präsidium ... war eine sehr lange Debatte, bei der ich über einige Ausführungen eines unserer
Freunde, weil sie der blühendste Unsinn waren, den ich bisher gehört habe, außerordentlich
erschüttert war. Noch schlimmer war dabei allerdings, daß ihm sogar einige zustimmten.
Reusch hat noch stundenlang unter dem gleichen Eindruck wie ich gelitten, während Kraemer
hilfesuchend die Blicke schweifen ließ."
56. 15. Sept. 1930, Aktenvermerk Pünder, R 43 1/1308. Siehe oben Kap. V, S~ 77.
57. 19. Sept. 1930, Kastl an Silverberg, NI. Silv. Nr. 235.
58. Sten. Prot. Vorstand, Bayer-Archiv 62/10/4 d; Sten. Prot. HAS, Bayer-Archiv 62/10/5 b
59. Vorstandssitzung vom 19. Sept. 1930, Bayer-Archiv 62/10/4 d, S. 6-7. Bei Nichtzustan-
dekommen einer Regierungskoalition sah Kastl ein sicheres Mißtrauensvotum und die
Aufhebung der Notverordnungen vom 27. Juli. Es sei deshalb eine "völlige Unmöglichkeit",
"daß die Regierung vor den Reichstag tritt, wenn er am 13. oder 16. Okt. zusammenkommt,
ohne aus den Ergebnissen, die sich in den Wahlen ausdrücken, die entsprechenden Folgerun-
gen zu ziehen . . ."
60. Ebd., S. 10/11.
61. Horkenbach, 1918-1930, S. 322-23.
62. Siehe dazu vor allem: "Aufstieg oder Niedergang", Veröff. RDI Nr. 49, Dezember 1929; 4.
Juni 1930, Schreiben der Spitzenverbände an die Reichsregierung betr. Deckung des Defizits
im Reichshaushalt 1930, in: G.M. RDI Nr. 14 vom 13. Juni 1930, lfd. Nr. 342. Siehe auch
programmatische Erklärung des RDI im Zusammenhang der Verhandlungen mit den
Gewerkschaften vom 26. Juni 1930, in: G. M. RDI Nr. 16 vom 2. Juli 1930, lfd. Nr. 382.
63. "Stellungnahme des Präsidiums zum Wirtschafts- und Finanzplan der Reichsregierung",
abgedruckt in: G.M. RDI Nr. 25 vom 10. Okt. 1930, lfd. Nr. 552. Ein auf Grund der
Verhandlungen des Wirtschaftspolitischen Beirats des RDI vom 8. Okt. erstellter Entwurf zur
Entschließung in: Bayer-Archiv 62/10/3 c.
64. Verhandl. DIHT, Heft 12, 1930, S. 141/42 "Zum Wirtschafts- und Finanzplan der
Reichsregierung"; siehe auch Bericht Dr. Grunds, ebd., S. 13 ff.
65. Ausführungen des Präsidenten des DIHT, von Mendelssohn, im Rahmen der Haupt-
ausschußsitzung des DIHT vom 9. Okt., ebd., S. 12.
66. Brüning, Memoiren, S. 198, deutet dies unzutreffend als einen "von Herrn Hugenberg
vorbereiteten Generalangriff gegen die Regierung".
67. Siehe insbesondere Ausführungen von Dr. Jacobshagen, in: Verhandl. DIHT, Heft 12, 1930,
S. 43/44.
68. Siehe oben Kap. V, S. 79 f. bzw. Anm. 52.
69. Verhandl. DIHT, Heft 12, 1930, S. 50. Neben der Geschäftsführung (Hamm/Frentzel) hatte
sich auch der Präsident der IHK Köln, Louis Hagen, für eine Ausklammerung der
Reparationsfrage zum jetzigen Zeitpunkt eingesetzt.
70. Vgl. Resolutionsentwurf und endgültige Stellungnahme des DIHT zum Programm der
Reichsregierung, ebd., S. 42/43 und S. 141/42.
71. Siehe Ruhrladesitzung vom 14. Okt. 1930. Bericht im Schreiben Karl Haniel an Reusch vom
15. 10. 1930, HA/GHH Nr. 4001012000/3 a. Siehe unten Kap. V, S. 84.
72. 18. Okt. 1930, Schlenker an Reusch, HA/GHH Nr. 400101221/11 a.
73. 20. Okt. 1930, Springorum an Reusch, HA/GHH Nr. 400101290/36 a; 21. Okt. 1930,
Schlenker an Reusch, HA/GHH Nr. 400101221/11 a.

234
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

74. Brüning, Memoiren, S. 206, sah darin nur einen "sinnlose[n] Vorstoß", der in eine "günstige
Atmosphäre- beim Reichsrat hineinplatzte und an "allem Kritik übte, ohne auch nur einen
einzigen positiven Gedanken zu bringen". Auch die pointierte Zusammenfassung in
Schultheß, 1930, S. 227, "In Düsseldorf tagt der Langnamverein", legt eine derartige
Einschätzung nahe, die jedoch vom Tagungsprotokoll nicht gedeckt wird.
75. A. o. MV Langnam-Verein vom 4. Nov. 1930, Beiträge gedruckt in: Mitt. LangnamVerein,
Heft 19, 1930.
76. Ebd., S. 432.
77. Ebd., S. 443.
78. Immerhin gestand Poensgen zu, daß einer erfolgreichen Inangriffnahme der Reparationsfrage
die innere Sanierung vorangehen müsse. Ebd., S. 449.
79. Ebd., S. 447.
80. 25. Okt. 1930, Schlenker an Silverberg, NI. Silv. Nr. 416.
81. Mitt. Langnam-Verein, Heft 19, 1930, S. 458-64.
82. 6. Nov. 1930, Vortrag "Wirtschaftslage und Öffentliche Hand", im Überseeclub Hamburg,
gedruckt bei: Mariaux, Silverberg, S. 159-76.
83. Vorwärts vom 7. 11. 1930 "Silverberg als Ankläger". Gegen die nationalökonomischen
Phantasien der äußersten Rechten'. In der Gesamttendenz unzutreffende Einschätzung der
Silverberg-Rede bei W. v. Alvensleben, 7. Nov. 1930, Alvensleben an Silverberg. Vgl. auch
10. Nov. 1930, Silverberg an Alvensleben, NI. Silv. Nr. 25.
84. Mariaux, Silverberg, S. 168/69.
85. Ebd., S. 176.
86. Ebd.
87. Zum Verlauf der Ruhrladesitzung siehe 15. Okt. 1930, K. Haniel an Reusch, HA/GHH Nr.
4001012000/3 a.
88. Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/4 d.
89. Ebd., S. 21-40, insbesondere S. 39/40.
90. Ebd., S. 44/45: Thyssen: "Ich für meinen Teil werde dagegen Einspruch erheben, wenn hier
etwa die deutsche Wirtschaft herangezogen wird, um Hilfestellung der jetzigen Regierung zu
leisten (Lebhafter Beifall bei einem Teil der Versammlung)".
91. Ebd., S. 53/54.
92. Neben Duisberg sprachen sich innerhalb der Debatte für den Kompromißkurs Brünings aus:
Müller-Oerlinghausen, Dr. Braun - Frankfurt, Dr. Kalle und auch E. Borsig. Hinter Thyssen
ansatzweise Reichert (VDEStI) (ebd., S. 64-66).
93. Ebd., S. 46, 71.
94. Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/5 b, gedruckt in: Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930.
95. R 43 1/2367 Aktenvermerke Reichskanzlei vom 15. und 17. Nov. 1930. Vgl. auch 26. Nov.
1930, Kastl an Brüning und 1. Dez. 1930, Kastl/Herle an Brüning, ebd.
96. Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930, S. 7.
97. Ebd., S. 19-23. Zum Konzept der "Exportoffensive" als Hebel der Reparationspolitik siehe
Brüning, Memoiren, S. 193/94 (vgl. oben Kap. V, S. 79). Zu den Ausführungen Brünings und
Kastls vor dem HAS RDI am 27. Nov. 1930 siehe jetzt auch Schulz, Reparationen, S. 205/06.
98. Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930, S. 23-26.
99. Horkenbach, 1918-20, S. 337 ff.
100. Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930, S. 25/26.
101. Aktenkundlich nachweisbare Gespräche zwischen Silverberg und Brüning im Herbst 1930
haben stattgefunden am 24. Sept., 30. Okt., 20. Nov. und 23. Dez. 1930, siehe R 43 1/ 2128,
2056. Zur Propagierung des Brüning-Kurses durch Silverberg siehe u. a. 27. Nov. 1930,
Silverberg vor dem Vorstand des DIHT, NI. Silv. Nr. 640; 4. Dez. 1930, Vortrag Silverberg
im Club von Berlin, NI. Silv. Nr. 26. Für Kastl siehe vor allem die Materialien in R 43 1/2367.

235
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

102. Die Vermutung, daß die reparationspolitische Konzeption Brünings von Kastl mitgeprägt
ist, bedarf gewiß einer breiteren Materialabsicherung. Ansatzpunkte für diese Hypothese
bilden die Ausführungen Kastls und Brünings vom 27. Nov. 1930 vor dem HAS RDI sowie
die später in den Memoiren dargestellte Grundkonzeption des Kanzlers: Veröff. RDI Nr. 55,
Dez. 1930, S. 19-26; Brüning, Memoiren, S. 192 ff., S. 221.
103. Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930, S. 26.
104. Hier zitiert nach Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/5 b. In den Veröff. RDI Nr. 55, Dez.
1930, heißt es abweichend: "... die politische Führung, die wir bisher hatten, hat versagt". In
der Literatur bisher zitiert nach dem gedruckten Text in den Veröffentlichungen.
105. Sten. Prot., Bayer-Archiv 62/10/5 b, S. 67/68.
106. Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930, S. 27. Ausführungen von Kommerzienrat Krawinkel.
107. Siehe Anm. 105.
108. Czichon, Hitler, S. 19. Die Schlußfolgerung, daß Hitler mit diesem Appell "salonfähig,
d. h. regierungsfähig" geworden sei, kann freilich nicht geteilt werden.
109. Vgl. Kap. IX, S. 117.
110. Veröff. RDI Nr. 55, Dez. 1930, S. 27-28.
111. RS RDI Nr. I/VI vom 31. Dez. 1930 (DII).
112. Siehe dazu die Schreiben Reicherts vom 4. Dez. 1930 an Schlenker; 4. Dez. an Poensgen
und Springorum; 6. Dez. an Poensgen, Springorum und Schlenker, R 13 1/602.
113. So auch Reichert im Schreiben vom 4. Dez. an Poensgen und Springorum, ebd.
114. Siehe in diesem Zusammenhang auch den Disput Kastls mit August Heinrichsbauer,
Herausgeber des Rheinisch-westfälischen Wirtschaftsdienstes. Heinrichsbauer war mit der
Schwerindustrie, insbesondere dem Bergbau, eng verbunden und knüpfte 1930 die erstell
Fäden zu den Nationalsozialisten. Zu Person und Wirken Heinrichsbauers siehe Kap. IX, S.
117 ff. Ausgangspunkt der Kontroverse vom Dez./Jan. 1930/31 war ein Artikel Heinrichsbau-
ers "Young-Revision? - Versailler Revision!" in: Wirtschaftspolitischer Pressedienst (WPD),
Nationalsozialistische Wirtschaftskorrespondenz, hrsg. v. Dr. 0. Wagener, Nr. 13, 24. Dez.
1930. Kastl glossierte die dortigen Ausführungen Heinrichsbauers mit der Bemerkung: "H.
kann sofort Geschäftsführer vom Grobblechverband werden!" Der Kritik Kastls hielt Hein-
richsbauer entgegen, daß anstelle der etappenweisen Revisionspolitik Stresemannscher Prove-
nienz nunmehr ein "Risiko" gewagt werden müsse, um im gegebenen Moment die Totalre-
vision des Versailler Vertrages zu erzwingen. Materialien in: NI. Kastl Nr. 9, 3. und 13. Jan.
1931, Kastl an Heinrichsbauer, 5. Jan. 1931, Heinrichsbauer an Kastl.
115. 4. Dez. 1930, Reichert an Schlenker, R 13 1/602. Ober die erwähnte Zusammenkunft
Hitlers mit verschiedenen Ruhrindustriellen wohl im Nov. 1930 ist näheres nicht bekannt. Wie
aus dem weiteren Zusammenhang hervorgeht, fand sie offenbar auf Kirdorfs Besitzung, dem
"Streithof", statt. Vgl. auch Stegmann, Verhältnis, S. 417, Anm. 80.
116. 4. Dez. 1930, Reichert an Schlenker, R 13 1/602.
117. Protokoll der Ruhrladesitzung nicht erhalten. Hinweise zur Tagesordnung in: HA/ GHH
Nr. 40010124/14, P. 3 "Reichsverband der Deutschen Industrie". Über den Verlauf der
Sitzung orientiert ein Schreiben Herles an Duisberg vom 9. Febr. 1931, Bayer-Archiv,
Autographensammlung: "'Im Westen' insofern alles beim alten', als sich die Ruhrlade in der
letzten Sitzung bis auf Herrn Th[yssen] einmütig dahin geäußert hat, daß man gegen den
Reichsverband als solchen nicht nur nichts tun will[?], sondern daß man die Notwendigkeit
anerkennt, diese Spitzenorganisation der deutschen Industrie unter allen Umständen zu halten.
Es geht also alles wieder in Ordnung."
118. 9. Febr. 1931, Herle an Duisberg, ebd. Vgl. auch 28. Jan. 1931, Reusch an Blank, HA/
GHH Nr. 4001012024/8 a: -Wir haben hier die bindende Erklärung vorliegen, daß der
Bergbau-Verein nicht kündigen wird."
119. Dazu passen die Meldungen von einem angeblichen Ausscheiden Geheimrat Kastls aus
dem RDI "im Hinblick auf die Differenzen mit gewissen Kreisen der westlichen Industrie, die

236
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. V. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930

man kaum auf die Dauer glaubt ausräumen zu können." Nach einer Mitteilung Blanks habe
Staatssekretär Schäffer vom Reichsfinanzministerium Kastl den Posten eines Vorstandsmit-
gliedes in der Reichskreditanstalt angeboten. 10. und 27. März 1931, Blank an Reusch, HA/
GHH Nr. 4001012024/8 a.
120. 2. März 1931, Duisberg an Brandi; 3. März, Thyssen an Duisberg; 4. März, Brandi an
Duisberg etc., Bayer-Archiv 62/10/8. Weiterer Schriftwechsel in Vorbereitung der Bochumer
Zusammenkunft vom 5. Mai siehe NI. Silv. Nr. 234, Krupp-Archiv IV E 915, HA/GHH Nr.
400101220/10 b.
121. Erst im März 1933 war es möglich, das schon 1930/31 geforderte "Revierement"
durchzusetzen. In der Präsidialsitzung vom 23. März 1933 erinnerte Thyssen an die Bochumer
Zusammenkunft und verlangte, da die Geschäftsführung die damals zugesagte "Zurückhal-
tung" nicht befolgt habe, den Rücktritt Kastls. Prot. Kastl vom 27. 3. 1933, Krupp-Archiv IV
E 885. Siehe Kap. XIII, S. 181 ff.
122. 5. Mai 1931, Reusch an Krupp, Krupp-Archiv IV E 176.
123. Siehe Schriftwechsel 5. Mai - 11. Juni 1931, in: ebd., insbesondere 5. Mai, Reusch an
Krupp sowie 11. Juni, Duisberg an Krupp. Siehe auch die Materialien in: Bayer-Archiv
62/10/2.
124. Für den DIHT 1930/31 siehe z. B. Vorstandssitzung vom 20. Jan. 1931, zusammenfas-
sendes Protokoll HA/GHH Nr. 40010123/33 a.
125. Der Hauptgeschäftsführer Max Schlenker sorgte wiederholt dafür, daß ein Abgleiten des
Langnam-Vereins ins allzu radikale Fahrwasser vermieden werden konnte. Vgl. z. B.
Vorbereitung der Mitgliederversammlung vom 4. Nov. 1930, Kap. V, S. 83.
126. Eine für April/Mai 1931 geplante Zusammenkunft der "Nationalen Opposition" wurde
durch wachsende Spannungen zwischen DNVP und NSDAP unmöglich gemacht. 22. April
1931, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/8 a.
127. Das "Engere Präsidium" des RDI, namentlich Kastl und Silverberg sowie Vertreter der
Berliner Banken, insbesondere J. Goldschmidt, hielten an dem Gedanken einer Großen
Koalition auch nach der ersten Phase der Notverordnungspolitik fest: Silverberg am 4. Dez.
1930 vor dem Club von Berlin, NI. Silv. Nr. 26; 18. Febr. 1931, Kastl an Stegerwald, R 43 1/
2039; 17. Jan. 1931, v. Gilsa an Reusch, HA/GHH Nr. 400101293/4 b.
128. Kennzeichnend dafür sind auch die Bestrebungen Paul Reuschs in Zusammenarbeit mit
Wegbereitern der 'Konservativen Revolution' wie Edgar Jung und Friedrich Glum, eine
"Bewegung" zu bilden, die, an der Programmatik des BER orientiert, sich "Stützpunkte" im
Lande verschaffen müsse, um von dort aus die Bildung einer "nationalen Rechten" voranzu-
treiben. Schriftwechsel Reusch-Jung in: HA/GHH Nr. 400101293/11, insbesondere 5. Jan.
1931, Reusch an Jung. Material zum Aktionskreis Glum in: Krupp-Archiv IV E 152, 776.
129. Immerhin unternahm die Luther nahestehende Wochenschrift "Der Ring" parallel zur
verstärkten Reserve der Schwerindustrie im April/Mai 1931 einen gezielten Vorstoß gegen das
"System Brüning". Der Reichskanzler war so beunruhigt, daß er Silverberg gegenüber auf den
Vorgang zu sprechen kam. 21. Mai 1931, Meynen an Silverberg, NI. Silv. 578. Der
Herausgeber des "Ring", H. v. Gleichen, unternahm im Juni 1931 einen letzten Versuch,
Luther zu bewegen, endlich mit Brüning zu brechen und aus der Reserve herauszutreten.
Luther werde wohl noch von Reusch gestützt, aber bereits bei Springorum verschiebe sich die
Front. 15. Juni 1931, Gleichen an Luther, NI. Luther Nr. 336.
130. Reusch z. B. stimmte mit der Einschätzung Edgar Jungs, daß der Nationalsozialismus eine
in seiner "psychischen Haltung und politischen Dynamik unbedingt begrüßenswerte
Erscheinung- sei, nicht überein. Wenn auch außerpolitisch eine nicht "unerwünschte"
Erscheinung, so sei das Wirken der NSDAP innerpolitisch doch "höchst unerfreulich". Auch
Vögler, der am rechten Flügel der Ruhrindustrie anzusiedeln ist, sah im Frühjahr 1931 in der
NSDAP noch keine Alternative. Vgl. 27. April 1931, Blank an Reusch, HA/GHH Nr.
4001012024/8 b. Zur Entwicklung des Verhältnisses zwischen Großindustrie und
Nationalsozialismus 1931/32 siehe Kap. IX.

237
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. VI. Die Bankenkrise

VI. Die Bankenkrise


1. Siehe oben Kap. V, S. 87 ff.
2. Anläßlich eines Empfanges von Vertretern des VSI durch den Reichskanzler am 6. März 1931
legte Wittke dar, daß es insbesondere im Hinblick auf die Kundgebung des Verbandes vom
23. März in Chemnitz dringend notwendig sei, "dem sächsischen Notstandgebiet sofortige
Hilfe zu bringen." Brüning seinerseits erklärte die Bereitschaft, "engste Fühlung" mit der
sächsischen Industrie zu halten, weil er glaube, daß dies der geeignetste Weg sei, die zur Zeit
bestehenden Schwierigkeiten zu beseitigen. Aktenvermerk Reichskanzlei, R 43 1/ 2311, S.
122 ff.
3. Für den DIHT siehe Vorstandssitzung vom 20.-Jan. 1931, zusammenfassendes Protokoll,
HA/GHH Nr. 40010123/33 a; für den RDI u. a. Hauptausschußsitzung vom 20. Febr. 1931,
Prot. Bayer-Archiv 62/10/5 b (Ausführungen Büchers und Duisbergs); dann auch Eingabe des
RDI vom 4. Mai 1931 an den Reichskanzler, R 43 1/1138, Bl. 216 ff. Im Begleitschreiben
Kastls wird ein verstärkter Druck auf den RDI allerdings schon deutlich: "Ich bin ...
verpflichtet, darauf hinzuweisen, daß trotz der günstigen Beurteilung, die der Reichsverband
... den bisherigen Schritten der Reichsregierung entgegenbringt .... das Vertrauen zu der
Reichsregierung auf die Dauer nur aufrechterhalten werden kann, wenn sich an die bisherigen
Schritte eine schnelle und umfassende Durchführung der weiteren notwendigen Maßnahmen
anschließt."
4. Protokoll der Sitzung liegt, wie üblich, nicht vor. Datierung nach Materialien in: HA/ GHH
Nr. 40010124/14. 20. April 1931, Springorum an Reusch, HA/GHH Nr. 400101290/ 36 a.
5. 22. April 1931, Reusch an Springorum, ebd.
6. 25. April 1931, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/8 a. Krupp und Vögler hatten
bereits Bedenken angemeldet und "hielten es auch aus Loyalitätsgründen für nötig, zunächst
einmal privat festzustellen, was der Reichskanzler nun zu tun vor hat." 20. April 1931,
Springorum an Reusch, HA/GHH Nr. 400101290/36 a.
7. Vgl. W. Ruge, Die "Deutsche Allgemeine Zeitung" und die Brüning-Regierung. Zur Rolle der
Monopolbourgeoisie bei der Vorbereitung des Faschismus, in: ZfG, Jg. 16, 1968, s. 19-53.
8. 12. Mai 1931, Gespräch Kastl-Pünder, Aktenvermerk Reichskanzlei, R 43 1/2381, Bl. 341 £
In der Unterredung vom 12. Mai versicherte Kastl auf entsprechende Bemerkungen Pünders
wohl, "daß alle maßgeblichen Führer der deutschen Industrie den Herrn Reichskanzler unter
keinen Umständen in politische Abenteuer stürzen wollten", sprach damit aber gewiß nur für
die Führungsspitze des Reichsverbandes.
9. 14. Mai 1931, Silverberg an Springorum, NI. Silv. Nr. 416. Silverberg fordert Springorum
dringlichst auf, dem von Brüning ausgesprochenen Wunsch nach einer Unterredung am 20.
Mai, also noch vor der Vorbesprechung der Langnam-Vereins-Tagung am 21. 5., Folge zu
leisten.
10. 13. Mai 1931, Blank an Reusch, HA/GHH Nr. 4001012024/8 b. Nach dem auf Mitteilung
Quadts beruhenden Bericht Blanks sei Brüning "außerordentlich besorgt wegen der geplanten
Tagung des Langnamvereins, die offensichtlich ... den Zweck verfolge, durch scharfe Angriffe
gegen die Politik der Reichsregierung das Kabinett und besonders ihn selbst, d. h. den
Reichskanzler, zu stürzen." Quadt sprach dann die Meinung aus, daß es "außerordentlich gut
und förderlich" wäre, wenn einmal ein "maßgebender Herr der westlichen Industrie" den
Kanzler aufsuchen würde. Damit gemeint war offenbar Springorum, dem Blank auch einen
Durchschlag des Schreibens zugehen ließ.
11. 15. Mai 1931, Springorum an Blank, ebd.; vgl. in diesem Zusammenhang 16. Mai 1931,
Reusch an Springorum, HA/GHH Nr. 400101290/36 a.
12. 15. Mai 1931, Springorum an Silverberg, NI. Silv. Nr. 416.

238
Neebe, Großindustrie - Anmerkungen zu Kap. VI. Die Bankenkrise

13. Dreiseitige Aktennotiz Blank/Sogemeier vom 20. Mai 1931 im Anschluß an zwei Gespräche
mit Springorum vor und nach dessen Unterredung beim Reichskanzler, HA/GHH Nr.
4001012024/8 b.
14. Entwurf vom 21. Mai 1931, NI. Silv. Nr. 416, Bl. 273 E
15. 27. Mai 1931, Springorum an Silverberg, NI. Silv. Nr. 416, BI 275/275 R.
16. Entwurf vom 26. 5. 1931, ebd., BI 276. Identisch mit der Resolution vom 3. Juni 1931 in:
Mitt. Langnam-Verein, Heft 1, 1931, S. 49-51.
17. Vgl. auch die Mitteilung Vöglers an Springorum, in: Schreiben Springorum an Silverberg vom
27. 5. 1931, NI. Silv. 416: "Wir sind uns ja alle darüber einig, daß der Wunsch, die
sogenannten Reparationen zu streichen, unerfüllbar ist". Vögler entwickelte dann einen
eigenen Zahlungsplan, der eine zehnjährige Transferpause vorsah.
18. F. Z. Nr. 409 vom 4. Juni 193 1.
19. Protokoll in: Mitt. Langnam-Verein, Heft 1, 1931.
20. HAS RDI vom 27. Nov. 1930, siehe oben Kap. V, S. 86.
21. Die Essener "Nationalzeitung" kommentierte unter deutlicher Bezugnahme auf die
Ausführungen Thyssens: "Zum ersten Male seit langen, langen Jahren hat sich auf der
gestrigen Wirtschaftstagung in Düsseldorf ein Ansatz zu dem gezeigt, was der Nationalsozia-
lismus vom ersten Tage seiner Gründung an erstrebt und was ihm als unverrückbares Ziel vor
Augen steht-. Zit. nach einem Artikel des "Vorwärts" vom 13. 7. 1932: "NSDAP Partei des
Kapitals. Hitler ist die Hoffnung der reaktionären Scharfmacher".
22. Zit. nach Horkenbach, 1931, S. 189/90.
23. Mitt. Langnam-Verein, Heft 1, 1931, S. 41.
24. Horkenbach, 1931, S. 194-98. Eine Verschärfung der Oppositionshaltung des Langnam-
Vereins auf Grund der Notverordnung unterstrichen in einem Brief Paul Reuschs an Bücher,
2. Juni 1931, HA/GHH Nr. 400101290/5 a.
25. Vgl. Horkenbach, 1931, S. 189/90 "Der Kampf um die Ausgestaltung der Notverordnung-.
Für den RDI siehe RS RDI Nr. 1160/P vom 3. Juni 1931 "Vorläufige Stellungnahme zu der
neuen Notverordnung der Reichsregierung", Abdruck auch in: G. M. RDI Nr. 12 vom 4. Juni
1931, lfd. Nr. 245: Wie der RDI in der auch der Presse übergebenen Verlautbarung mitteilte,
"hat der bisher bekannt gewordene Inhalt der bevorste