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Pädagogische Hochschule Schaffhausen

Studiengang Primarschule
Vertiefungsarbeit eingereicht am 6. April 2009
bei Maria Tarnutzer, Fachbereich B & E

Mobbing

Erkennen, Beurteilen, Handeln

Reto Beeler
Chusterweg 9
8247 Flurlingen
Mail: reto.beeler@schweiz.org
Erklärung Urheberschaftsbestätigung

Hiermit erkläre ich, dass die vorliegende Arbeit von mir selbständig verfasst wurde
und keine anderen als die von mir angegebenen Hilfsmittel verwendet wurden. Alle
Stellen der Arbeit, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen
wurden, sind mit Angaben der Quellen als solche gekennzeichnet.

Reto Beeler, Schaffhausen, den 6. April 2009

Ich widme diese Arbeit meiner Frau Charlotte und meinen Kindern Rahel und Manuel,
welche mein Studium ermöglicht und mitgetragen haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung_________________________________________________________1
1.1 Persönliche Motivation......................................................................................................1
1.2 Standardbezug..................................................................................................................1
1.3 Systematischer Ansatz......................................................................................................2

2 Was ist Mobbing?__________________________________________________3


2.1 Definition...........................................................................................................................3
2.2 Mobbinghandlungen..........................................................................................................4
2.3 Rollen................................................................................................................................5
2.4 Phasen..............................................................................................................................7
2.5 Auswirkungen....................................................................................................................7

3 Massnahmen______________________________________________________9
3.1 Erkennen von Mobbingfällen.............................................................................................9
3.2 Prävention und Intervention............................................................................................11

4 Vorurteile und Mythen______________________________________________18


4.1 An unserer Schule wird nicht gemobbt............................................................................18
4.2 Mobbingopfer können sich selbst helfen.........................................................................19
4.3 Die Opfer sind selber schuld...........................................................................................19
4.4 Gegen Mobbing sind Lehrpersonen hilflos......................................................................20

5 Anti–Mobbing–Handlungsrichtlinien für Schulen________________________21


5.1 Ziele................................................................................................................................22
5.2 Rolle der Schulbehörde...................................................................................................22
5.3 Rolle der Schulleitung.....................................................................................................22
5.4 Rolle der Lehrpersonen...................................................................................................23
5.5 Rolle der Eltern...............................................................................................................23
5.6 Rolle der Schüler.............................................................................................................24
5.7 Überprüfung und Anpassung..........................................................................................24

6 Rückblick________________________________________________________25

7 Abkürzungsverzeichnis_____________________________________________27

8 Literaturverzeichnis________________________________________________28

9 Bildnachweis_____________________________________________________30
1

1 Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Mobbing unter Schülern und mit
möglichen Gegenmassnahmen. Mobbing wird anhand von Forschungsarbeiten
und Publikationen definiert, die Auswirkungen werden anhand dieses Literaturstu-
diums beschrieben, Präventions- und Interventionsansätze werden vorgestellt.
Aus diesen Ansätzen wird ein Vorschlag für Handlungsrichtlinien zum Umgang mit
Mobbing an Schulen abgeleitet.

1.1 Persönliche Motivation


Den Anstoss zu diesem Thema erhielt ich durch das Schicksal meiner Tochter,
welche als Mobbingopfer viel litt. Wegen der ausweglos erscheinenden Situation
und der Hilflosigkeit aller Beteiligten, wechselte sie die Schule und musste noch
lange an den Folgen ihrer Erlebnisse leiden – trotz professioneller Unterstützung
durch den Schulpsychologischen Dienst, psychiatrischer Betreuung und gutwilli-
gem Einsatz ihrer Eltern und Lehrer. Als Student an der Pädagogischen Hoch-
schule begann ich mich darauf auch fachlich mit Mobbing zu beschäftigen. Ein in-
tensives Studium der Fachliteratur zeigte mir, dass es gute Lösungsansätze gibt,
und dass Lehrpersonen mit Mobbing oft nicht richtig umzugehen wissen, weil sie
es nicht richtig einordnen können.

1.2 Standardbezug
Diese Vertiefungsarbeit zur Erlangung eines „Bachelor of Arts in Primary Educati-
on“ bezieht sich auf den Standard V der Pädagogischen Hochschule Schaffhau-
sen (PHSH). Die PHSH-Standards sind eine Adaption der Standards der INTASC1
(Interstate New Teacher Assessment and Support Consortium).

Standard V: Soziales Umfeld


Die Lehrperson trägt dazu bei, im Schulhaus, im Schulteam und in ihren Schulklassen ein
unterstützendes soziales Umfeld zu schaffen, in dem eine von Vertrauen geprägte Lebens-
und Lernkultur entstehen kann. Ihr "Classroom-management" ist effektiv. Die Lehrperson hält
sich an das gesetzliche Verbot von körperlichen, sexuellen, kulturellen und religiösen
Übergriffen sowie sozialer Diskriminierung. Sie handelt bei Konflikten und Gewalt präventiv und
intervenierend.

1Vgl. z.B. www.ccsso.org/intascst.html)


2

1.3 Systematischer Ansatz


Eine Vorgängerarbeit über Mobbing am Primarlehrerseminar in Schaffhausen
setzt sich soziologisch und psychologisch mit der Thematik auseinander. Die Au-
torin Sandra Schmocker schreibt, sie wolle sich vor allem mit den Ursachen und
den Auswirkungen von Mobbing beschäftigen – Prävention klammert sie bewusst
aus (vgl. Schmocker 2005, S. 1). Ebenso bewusst beschäftige ich mich in dieser
Arbeit schwerpunktmässig mit Mobbingprävention und -intervention, und versuche
die Zusammenhänge der verschiedenen Einzelansätze, welche in der Fachlitera-
tur beschrieben werden, als Gesamtsystem aufzuzeigen.

Die Leitfrage dieser Arbeit ist: „Wie soll eine Schule mit Mobbing umgehen?“

Als Grundlage, diese Frage zu beantworten, dient die Definition von Mobbing und
eine Beschreibung der Auswirkungen in Kapitel 2. Kapitel 3 zeigt, wie Mobbing er-
kannt werden kann und stellt die möglichen Gegenmassnahmen in einer Gesamt-
sicht vor. Kapitel 4 beschreibt Vorurteile, welche in der Praxis oft verhindern, dass
Mobbing als Problem wahr genommen wird. Das Übersehen und Bagatellisieren
führt dazu, dass die benötigten Massnahmen nicht ergriffen werden, obwohl es
genügend bewährte Methoden gibt. Diesem Mechanismus sollen die Handlungs-
richtlinien vorbeugen, welche in Kapitel 5 beschrieben sind: durch klare Zuwei-
sung von Zuständigkeiten an alle Beteiligten wird Mobbingintervention kontrollier-
bar, und deren Qualität kann belegt und verbessert werden.

Mobbingprävention erfordert ein gutes soziales Umfeld, in dem eine von Vertrau-
en geprägte Lebens- und Lernkultur entstehen kann. Mobbingintervention trägt
dazu bei, dieses Klima zu schaffen und erfordert effektive Mittel der Klassenfüh-
rung. Der beschriebene systematische Ansatz zeigt auf, wie die Forderungen des
PHSH-Standard V für das Soziale Umfeld erreicht werden können. Damit ist ein
klarer Standardbezug, wie er in Kapitel 1.2 dargelegt wird, gegeben.
3

2 Was ist Mobbing?

2.1 Definition
Die Schweizer Mobbingspezialistin Françoise D. Alsaker definiert Mobbing in An-
lehnung an die klassische Definition von Dan Olweus als „ein soziales Phänomen,
bei der eine Person wiederholt und systematisch den direkten oder indirekten ne-
gativen Handlungen einer oder mehrerer anderer Personen ausgesetzt ist“ (Alsa-
ker 2003, S. 19).

Alsaker zitiert fast wörtlich die Definition von Olweus, betont aber zusätzlich, dass
es sich um ein soziales Phänomen handelt. Dies ist vor allem im Hinblick auf Lö-
sungen bedeutend: Es geht um gruppendynamische Prozesse, nicht um negative
Handlungen von Einzelnen. Präventions- und Interventionsmassnahmen sollten
alle aktiv oder passiv Beteiligten einbeziehen. Sie dürfen sich nicht auf Einzelinter-
ventionen beschränken. Dies scheint offensichtlich zu sein. Trotzdem beschränkt
sich ein Eingreifen in der Praxis oft nur auf das Opfer.

Der weite und auf den ersten Blick etwas schwammige Begriff „negative Handlun-
gen“ soll ausdrücken, dass Mobbing nicht aufgrund bestimmter Typen von Ag-
gressivität definiert werden kann. Negative Handlungen sind alle aggressiven und
rücksichtslosen, verletzenden Handlungen, welche das Selbstwertgefühl einer an-
deren Person beeinträchtigen können. Das wiederholte systematische Anwenden
solcher Handlungen ist ein wichtiges Merkmal, welches Mobbing von anderen For-
men der Gewalt unterscheidet.

Walter Taglieber, ehemaliger Grundschullehrer und Autor der empfehlenswerten,


stark praxisorientierten „Berliner Anti-Mobbing-Fibel“, nennt stichwortartig Kenn-
zeichen von Mobbing, welche so zusammengefasst werden können:

Mobbing ist eine asymmetrische Beziehung, gekennzeichnet durch Macht und


Ohnmacht sowie die Willkür des Mächtigen. Durch vorsätzliche heimtückische An-
griffe auf das soziale Ansehen und die Gesundheit der Zielperson beschädigt
Mobbing deren Selbstvertrauen, Lernmotivation, Gesundheit und Menschenwür-
de. Mobbing ist nützlich als Entlastungsventil für Aggression, als Vehikel für ein
vermeintliches Zusammengehörigkeitsgefühl und zur eigenen Aufwertung. Mob-
bing hilft gegen Langeweile und ist die Lust am Quälen und Machtmissbrauch.
Mobbing vergeht nie allein (vgl. Taglieber 2005, S. 8).
2 Was ist Mobbing? 4

2.2 Mobbinghandlungen
Mobbing beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Typus von Aggressivität. Es
gibt eine Vielfalt von Mobbinghandlungen. Einzelne Mobbinghandlungen mögen
für sich betrachtet relativ harmlos erscheinen. Ihre fatale Wirkung entfalten sie
durch systematische, variantenreiche und heimliche Anwendung.

Der schwedische Arbeitspsychologe Heinz Leymann teilt Mobbinghandlungen in


fünf Kategorien ein (Leymann 2002, S. 33 f.):

a) Angriffe auf Möglichkeiten, sich mitzuteilen


b) Angriffe auf die sozialen Beziehungen
c) Angriffe mit Auswirkungen auf das soziale Ansehen
d) Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation
e) Angriffe auf die Gesundheit

Diese Kategorien aus dem Berufsleben könnte man auch auf die Schule übertra-
gen. Konkret tritt Mobbing in der Schule u.a. in folgenden Formen auf:

Direkte Mobbinghandlungen (verbale und körperliche Angriffe)

• Auslachen, hänseln, verletzende Sprüche und Bemerkungen, nachäffen


• Pöbeleien, Knuffen, Schlagen
• Körperliche Gewalt (v.a. auch auf Pausenplatz, Schulweg)
• Nicht zu Wort kommen lassen
• Sabotageakte
• Erpressung
• Sexuelle Belästigung
• Unfaires Verhalten2

Indirekte Mobbinghandlungen (Gerüchte, ausgrenzen)

• Ausgrenzung aus der Klassengemeinschaft, ignorieren, schneiden


• Abwertende Blicke und Gesten
• Vorenthalten wichtiger Information3
• Verbreiten von Gerüchten und Lügen
• Hinter dem Rücken sprechen
• Schimpfworte und Spitznamen

2 z.B. am Sporttag
3 z.B. Hausaufgaben
2 Was ist Mobbing? 5

Knaben mobben eher direkt und aggressiv, Mädchen eher indirekt und subtil.
„Eine speziell weibliche Raffinesse scheint …. darin zu liegen, dass die Täterinnen
den Opfern immer wieder Hoffnung auf ein Ende der Schikanen machen. Dieses
Signal ist aber zumeist mit einer Bitte verbunden“ (Mobbing-Team 2002, S. 10).

Mit dem Internetzeitalter hat Cybermobbing Einzug gehalten: Ohne Einwilligung


der Betroffenen werden kompromittierende Texte, Bilder oder Videos im Internet
verbreitet. Dies geschieht z.B. über Dienste wie YouTube, durch gefälschte Fo-
renbeiträge in Internet-Communities (SchülerVZ etc.), mittels E-Mails oder SMS
usw. Im Gegensatz zum klassischen Mobbing können die Täter beim Cybermob-
bing anonym auftreten (vgl. Rack/Fileccia 2008, S. 4 ff.).

2.3 Rollen
Mobbing ist ein soziales Phänomen mit mehreren Aktoren. Mobbing ist nicht nur
eine Täter-Opfer-Beziehung, sondern betrifft ganze Klassen, ja ganze Schulhäu-
ser. Es entsteht ein Kommunikationssystem für Machtansprüche, auf welches die
pragmatischen Axiome des Kommunikationswissenschaftlers und Psychothera-
peuten Paul Watzlawick angewendet werden können (vgl. Watzlawick 2007,
S. 53 ff.). Insbesondere gilt das Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
Jede Person, welche von Mobbing Kenntnis hat, oder von der angenommen wird,
das sie von Mobbing Kenntnis haben sollte (z.B. Lehrpersonen und Eltern) spielt
eine Rolle im Mobbingprozess und fördert ihn durch ihre Reaktionen, oder hilft ihn
zu beendigen.

Karl Gebauer vergleicht Mobbing mit einem Schauspiel mit einer „äusseren Büh-
ne“ (Kindergarten, Klassenzimmer, Schulhof) und einer „inneren Bühne“ (Gedan-
ken, Gefühle, Strategien). Auf der äusseren Bühne läuft über einen längeren Zeit-
raum ein Prozess ab, bei dem ein Schüler einen Mitschüler zum Opfer macht.
Was sich dabei auf der inneren Bühne abspielt, bleibt für einen Beobachter ver-
borgen und kann nur durch Gespräche und nachfolgende Interpretationen er-
schlossen werden.

Die Darsteller auf diesen Bühnen nehmen verschiedene Rollen ein: Der Mobber
(Täter) ist umgeben von Mitläufern, welche oft durch Gewaltandrohung oder Dro-
hung des Freundschaftsentzugs an ihn gebunden sind und ihn schützen. Sowohl
billigende als auch passive Zuschauer verfolgen das Geschehen. Zwischen Tä-
tern und Mitläufern gibt es nicht immer eine scharfe Trennung, und zudem ändern
2 Was ist Mobbing? 6

sich die Gruppierungen. Es ist auch möglich, dass ein Opfer gleichzeitig in einer
anderen Konstellation als Täter auftritt. (vgl. Gebauer 2007, S. 33 ff.).

Abbildung 1: Grundstruktur von Mobbing

Klar und prägnant kommen die Rollen in den Begriffen „Betreiber“, „Helfer“ und
„Möglichmacher“ zum Ausdruck, welche Taglieber für Täter, aktive Mitläufer und
Zuschauer verwendet (Taglieber 2005, S. 9):

„Der Betreiber geniesst meistens hohes Ansehen in der Gruppe. Er setzt die
Standards für das Mobbing und ist Vorbild.

Die Helfer ahmen das Verhalten des Betreibers nach und sonnen sich in seiner
Ausstrahlung und seinem Einfluss. Je mehr Personen sich am Mobbing beteili-
gen, desto mehr reduziert sich das Schuldgefühl der Einzelnen.

Die Möglichmacher beobachten das Treiben hilflos und manchmal mit Abscheu,
oft aber mit Gleichgültigkeit und Genugtuung. Meistens sind sie einfach nur froh,
nicht selbst Opfer zu sein.“

Aufschrecken sollte, dass 20% der Gemobbten Lehrpersonen als Mittäter ange-
ben, weil diese sich auf Einzelne fixieren, das Falsche ignorieren, zwar mahnen,
jedoch nicht handeln und unangemessen strafen (vgl. Taglieber 2005, S. 11). Be-
troffene Kinder stellen ihren Lehrpersonen oft ein schlechtes Zeugnis aus: in den
2 Was ist Mobbing? 7

meisten Fällen bagatellisieren diese die vorgebrachte Klagen, greifen auf unzurei-
chende Weise ein und manche Lehrpersonen intervenieren sogar nur ein einziges
Mal (vgl. Mobbing-Team 2002, S. 15 f.).

2.4 Phasen
Die vier typischen Phasen, welche nach Leymann für alle Mobbingprozesse gel-
ten, können folgendermassen umschrieben werden (vgl. Leymann 2002, S. 58):

a) Konflikt: Aggressionen ausleben, Unterordnung erzwingen


Es kommt zu einzelnen Attacken, um Mitschüler zu testen und als Opfer
auszusuchen. Wird dieser inszenierte Konflikt nicht beachtet, kann er sich
zu Mobbing weiter entwickeln.
b) Mobbingphase: ritualisierter Konflikt, gezielte Schikanen
Die betroffene Person wird systematisch und regelmässig angegriffen. Das
Opfer gerät in eine Verteidigungshaltung. und möglicherweise treten erste
psychsomatische Reaktionen auf. Mit der Zeit gerät das Opfer in eine Si-
tuation, aus der es sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann. Fehl-
leistungen und Fehlzeiten nehmen zu (und werden als selbst verschuldet
interpretiert).
c) Öffentlichkeitsphase: Bekanntwerden des Mobbings.
Wird das Mobbing öffentlich bekannt, besteht Gefahr von Sanktionen. Dies
führt zu gezielten Verschleierungstaktiken.
d) Ausstossungsphase: Entfernung des Opfers
Je brutaler das vorangegangene Mobbing war, desto dringlicher wird der
Druck, den Betroffenen zu entfernen. Gemobbte Kinder wechseln häufig
die Klasse oder die Schule. Lehrpersonen sind häufig überrascht, dass sie
nichts gemerkt haben.

Wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird, wird das Opfer meist zum Verlierer und
hat kaum eine andere Wahl, als die Schule zu wechseln. Der Täter wird in seinem
Verhalten verstärkt und verstrickt sich noch mehr in seine Rolle.

2.5 Auswirkungen
Gemäss Mechthild Schäfer, Mobbing-Expertin und Entwicklungspsychologin an
der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität, wirkt sich ein „Mobbing-Martyrium“
oft bis ins Erwachsenenalter negativ aus. Viele ehemalige Mobbing-opfer sind ge-
2 Was ist Mobbing? 8

prägt durch ein geringes Selbstwertgefühl, und sie haben oft Schwierigkeiten, sich
emotional auf enge Bindungen einzulassen (vgl. Jacobs 2007, S. 12).

Die wenigsten Opfer werden aggressiv. Die meisten fressen ihr Leid in sich hin-
ein, manchmal so lange, bis sie zusammenbrechen.

Die Folgen für das Opfer sind enorm. Horst Kasper stellt fest: „Mobbing bewirkt
durch den damit verbundenen Psychostress mit der Zeit eine schwer behebbare
gesundheitliche Schädigung, die als PTSD (engl. = post-traumatic stress disorder)
bezeichnet wird. Das sind die gleichen gesundheitlichen Folgen wie bei Verbre-
chens-, Kriegs- und Katastrophenopfern“ (Kasper 1998, S. 37).

Bei den Opfern kann Mobbing konkret folgende Schädigungen verursachen:

• „Physische Schädigungen (Verletzungen, autoaggressives Verhalten…)


• Psychische Schädigungen (Verlust des Selbstvertrauens, der Selbstbe-
hauptung, Suizidversuche, Ängste, depressives Verhalten, aggressives
Verhalten, Leistungsabfall)
• Psychosomatosen – die psychische Belastung äussert sich körperlich (Ein-
und Durchschlafstörungen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen)
• Psychosoziale Schädigungen (Rückzug aus sozialen Beziehungen, Verein-
samung).“

(Skof 2005, S. 7)

„Auch für die Täter hat das Mobbing gravierende Folgen. …. Es kann als wissen-
schaftlich gesichert gelten, dass …. die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass sie
zu einem späteren Zeitpunkt auch straffällig werden können“ (Mobbing-Team
2002, S. 13). Darum braucht auch der Täter unbedingt Hilfe.

Zuschauer lernen, dass es besser ist, sich nicht einzumischen, und sie erfahren,
dass man als Opfer allein gelassen wird. Destruktive Beziehungsmuster werden
als normal angenommen.

So entsteht durch Mobbing schliesslich ein bedeutender Schaden für die Gesell-
schaft und die Wirtschaft.
9

3 Massnahmen
Damit Massnahmen ergriffen werden können, muss Mobbing erst einmal erkannt
werden. Die Massnahmen selber können eingeteilt werden in Präventions- und In-
terventionsmassnahmen. Zur Beschreibung von Prävention und Intervention be-
nütze ich das klassische Drei-Ebenen-Modell, das der norwegische Psychologe
Dan Olweus (2008, S. 69 ff.) schon Ende der 80er Jahre aufgestellt hat, und des-
sen Wirkung durch empirische Versuche gründlich untersucht und belegt wurde.
Ich zeige auf, welchen Platz andere Präventions- und Interventionsansätze in die-
sem Modell einnehmen.

3.1 Erkennen von Mobbingfällen


Mobbingprozesse laufen im Versteckten ab, so dass sie zwar meistens von allen
Schülern einer Klasse wahrgenommen werden, die Lehrpersonen aber meist ah-
nungslos bleiben und nicht durchschauen, was wirklich abläuft. Die Ahnungslosig-
keit der Lehrpersonen lässt die Machtfülle des Täters wachsen und untergräbt die
Autorität der Lehrpersonen, welche dadurch als schwach erscheinen und deshalb
von Opfern oder Mitläufern nicht um Hilfe angefragt werden. Täter lullen die Lehr-
personen oft ein, indem sie sich ihnen gegenüber besonders zuvorkommend und
höflich verhalten.

Auch die Eltern sind meist ahnungslos, weil nur etwa die Hälfte aller gemobbten
Kinder daheim etwas erzählen (vgl. Jacobs 2007, S. 12). Sie wollen oft nicht, dass
sich ihre Eltern einmischen und in der Schule auftauchen, weil sie befürchten, die
Sache werde nur noch schlimmer.

Kinder, die Mobbing verschweigen und Lehrpersonen, die es verharmlosen, sind


oftmals grosse Hindernisse für eine effiziente Mobbingintervention. Deshalb sind
Methoden zum Erkennen von Mobbingfällen wichtig.

Das Schweigen aller macht Mobbing erst möglich. „Die einen schweigen aus Kal-
kül, weil sie die Macht innehaben und sie nicht verlieren wollen. Die anderen, weil
sie sich ihrer Schwächen und Ohnmacht schämen. Die Dritten schweigen aus
Angst, weil sie erpresst werden. … Das Schweigen wird zur Fessel“ (Welten
2003, S. 51). Darum muss die Mauer des Schweigens durchbrochen werden.

Das Erkennen von Mobbingfällen erfolgt über genaue Beobachtungen der Klasse
und einzelner Schüler, das Zusammentragen von Indizien (Primär- und Sekun-
däranzeichen) und deren systematische Auswertung.
3 Massnahmen 10

Primäranzeichen zum Erkennen von Mobbingopfern:

• Schüler sind Aussenseiter und finden keine Freunde.


• Sie suchen die Nähe der Lehrperson.
• Sie sind Opfer von typischen Mobbinghandlungen4: Sie werden gehänselt,
beschimpft, sind Opfer von tätlichen Übergriffen, ihr persönlicher Besitz
wird beschädigt usw.
• Sie weisen Verletzungen auf wie Prellungen, Kratzer, Schnitte.

Sekundäranzeichen zum Erkennen von Mobbingopfern:

• Schüler wollen nicht mehr alleine zur Schule gehen.


• Sie haben keine Lust und Freude mehr an der Schule.
• Sie verweigern den Schulbesuch oder schwänzen häufig.
• Sie vermeiden Kontakte, indem sie zu spät kommen, Umwege machen,
nach dem Unterricht schnell gehen.
• Sie bleiben in der Pause am Platz.
• Sie werden stiller und zurückgezogener.
• Sie finden bei Gruppenarbeiten keine Partner.
• Sie sind bei Unternehmung von Gleichaltrigen (Geburtstagsfeiern, Kino,
Schwimmbad... ) nicht dabei.
• Sie leiden häufig unter Kopfschmerzen.
• Sie haben Konzentrationsstörungen.
• Sie leiden unter andauernden Schlafstörungen und Albträumen.
• Sie haben psychosomatische Störungen.
• Ihr Selbstbewusstsein sinkt.
• Ihre schulischen Leistungen sinken massiv.

Bei Verdacht auf Mobbing oder auch präventiv kann ein Mobbingfragebogen ein-
gesetzt werden. Solche Fragebogen untersuchen mehr oder weniger systema-
tisch Primär- und Sekundäranzeichen und helfen beim Stellen einer Diagnose.

Es existieren mehrere solche Fragebogen, sowohl für Schüler als auch für Eltern.
Bekannt und verbreitet ist der sogenannte SMOB-Fragebogen von Heinz Ley-
mann und Horst Kasper (siehe Kasper 2002, S. 4 ff.). Dieser Fragebogen mit ins-
gesamt 93 Fragen ist umfangreich und sehr aufwändig. Die ersten 51 Fragen be-
fassen sich mit den von Leymann definierten 5 wesentlichen Bereichen für Mob-

4 Vgl. auch Kapitel 2.2


3 Massnahmen 11

binghandlungen5. Der Fragebogen ist für alle Altersstufen und Schularten geeig-
net und enthält auch Fragen zum Lehrerverhalten. Eine ausführliche Anleitung un-
terstützt die Auswertung und mit der Formel „Feindseligkeiten geteilt durch Anzahl
der Schüler“ kann ein Klassenindikator berechnet werden.

Die Berliner Anti-Mobbing-Fibel (Taglieber 2005, S. 18) schlägt einen vereinfach-


ten Fragebogen mit 35 Fragen vor, der nicht so analytisch ist, aber dennoch hilf-
reich, um einen Mobbingverdacht abzuklären.

3.2 Prävention und Intervention


Eine wichtige Voraussetzung für den Umgang mit Mobbing ist die Bereitschaft al-
ler an der Schule Beteiligten, sich damit auseinanderzusetzen. Prävention ist wirk-
samer als Intervention. Deshalb ist die Entwicklung und Verbesserung der Schul-
kultur eine der wichtigsten Massnahmen. Schweigen und Herunterspielen des
Problems müssen unbedingt vermieden werden, denn sie vergrössern das Leid
des Opfers, verstärken Angst und Passivität der Mitschüler und ermutigen letztlich
die Täter.

Dan Olweus schlägt ein Drei-Ebenen-Programm gegen Mobbing vor (vgl. Olweus
2008, S. 69 ff.). Dieser Massnahmenkatalog, welcher die Schul-, Klassen- und
Schülerebene betrifft, bildet die Grundlage für die meisten Präventions- und Inter-
ventionsansätze. Auf der Schul- und Klassenebene wird Präventionsarbeit geleis-
tet, während Interventionen auf der Schülerebene stattfinden.

Auf den ersten Blick erscheint der Massnahmenkatalog von Olweus sehr aufwän-
dig. Ein grosser Teil der Massnahmen gehört aber zu einer guten Schulführung
und zu gutem Unterricht. Die Kenntnis guter Interventionsmassnahmen und deren
gezielte Anwendung ist wichtig, weil Mobbing nie von alleine aufhört. Es wäre aber
falsch, sich bei Mobbing allein auf Intervention zu beschränken. Es sollte immer
geprüft werden, wie die Prävention durch Anpassungen im schulischen Umfeld
verbessert werden kann.

3.2.1 Schulebene
Auf der Schulebene geht es in erster Linie darum, ein Klima zu schaffen, welches
Mobbing nicht begünstigt. Falls dennoch Mobbingfälle auftreten, sollen sie mög-
lichst früh erkannt werden und Reaktionen auslösen.

5 Siehe Kapitel 2.2


3 Massnahmen 12

Auf der Schulebene gelangen folgende Präventionsmassnahmen zum Einsatz:

• Entwicklung eines guten Schulklimas


• Attraktive Gestaltung von Spielflächen und Räumen
• Verbesserte Pausenaufsicht

Damit Mobbing früh erkannt werden kann, schlägt Olweus folgendes vor:

• Fragebogenerhebung6
• Institutionalisierte Beschwerdestelle7
• Vermehrte Kooperation zwischen Lehrpersonen und Eltern

Im Zusammenhang mit Mobbingintervention wird verschiedentlich die Klassenme-


diation erwähnt (z.B. durch sogenannte „Peace Makers“; vgl. Taglieber 2005,
S. 19). Mobbing ist aber eine asymmetrische Gewaltsituation, welche für einen
Schüler als Mediator sehr schwer zu schlichten ist. Daher sehe ich Klassenmedia-
tion weniger als Interventionsmassnahme, sondern als Präventionsmassnahme
auf der Schulebene. Das genaue Hinschauen auf Konflikte durch Klassenmedia-
toren entspricht einer Verbesserung der Pausenaufsicht.

3.2.2 Klassenebene
Auf der Klassenebene soll die Sozialkompetenz der Schüler geschult werden, und
sie sollen allfälligen Opfern gegenüber Empathie entwickeln. Das kann erreicht
werden durch:

• Klassenregeln gegen Gewalt


• Klassenaktivitäten zur Teambildung8
• Förderung von Gruppenarbeit
• Kooperatives Lernen
• Positive Verstärkung und nicht feindliche Sanktionen9
• Gespräche, Diskussionen
• Rollenspiele zum Thema
• Elternarbeit

Ein spezifisches Präventionsprogramm gegen Gewalt im Kindergarten und in der


Schule ist das von Alsaker entwickelte Be-Prox (vgl. Alsaker 2003, S. 201 ff.; Al-

6 Siehe Kapitel 3.1


7 Z.B. Kontakttelefon, Kummerbriefkasten.
8 Auch der Klassenrat ist ein gutes Instrument
9 Z.B. den kleinen Schülern beim Kunstunterricht helfen, Bericht über einen Vorfall verfassen...
3 Massnahmen 13

saker et al. 2004). Be-Prox spricht in acht Sitzungen unter anderem folgende The-
men an und setzt sie um:

• Erkennen von Mobbing (Führen eines Tagebuchs)


• Mobbing in der Klasse thematisieren
• Förderung der Empathie (auch durch Körperübungen)
• Einbezug der nicht beteiligten Kinder als Ressource (Förderung der Zivil-
courage)
• Stopp sagen lernen und Hilfe holen,
• Abmachen und durchsetzen von Regeln
• Positive und interessante Aktivitäten für alle einführen
• Elternarbeit zum Thema Mobbing

Es gibt auch theaterpädagogische Präventionsprogramme, z.B. das „Spotlight-


Theater (vgl. Raude/Michels 2005, S. 15 f.): Mittels Rollenspiel wird Mobbing in all
seinen Facetten offen gelegt. Dies ermöglicht das Ausprobieren von verschiede-
nen Strategien und lässt sofort die Konsequenzen spüren. Die Zuschauer werden
direkt in die Handlung einbezogen, und es wird versucht, Verhaltensmuster aufzu-
sprengen, um einen Weg aus der Unterdrückung aufzuzeigen.

3.2.3 Schülerebene
Olweus nennt folgende Interventionsmöglichkeiten auf Schülerebene:

• Ernsthafte Gespräche mit Tätern, Opfern und deren Eltern10.


Bei Gesprächen zwischen Lehrpersonen und Eltern soll dass Opfer nicht
immer dabei sein, denn „Lehrende neigen dazu, die Schuld für das Mob-
bing zunächst beim Opfer zu suchen. .... Eine Konfrontation mit den Leh-
renden ist für das Opfer in jedem Fall emotional sehr schwierig und kann
Schuldgefühle beim geschwächten Opfer verstärken. Eltern sollten ihrem
Kind empfehlen, die Lehrperson immer unmittelbar nach einem Vorfall zu
informieren und um Hilfe zu bitten. Am besten in Begleitung eines Freun-
des oder Mitschülers“ (Schäfer 2005, S. 13).

• Hilfe von neutralen Schülern


Durch arrangierte Zusammenarbeit mit neutralen Schülern wird das Opfer

10 Siehe Kapitel 3.2.4


3 Massnahmen 14

gestärkt. Gewisse Interventionsprogramme, z.B. der „No Blame Ap-


proach“11 bauen explizit auf die Hilfe von neutralen Schülern,

• Unterstützung der Eltern


Dazu gehört z. B. die Teilnahme der Eltern von Opfer und Täter an von
Therapeuten geleiteten Diskussionsgruppen. Zunächst in getrennten Grup-
pen, da die Problematik unterschiedlich ist.
Den Eltern des Opfers sollte davor abgeraten werden, direkt mit den Eltern
des Täters oder dem Täter selber zu sprechen. In der Regel wird dies als
Schwächeeingeständnis des Opfers interpretiert und führt zu einer weiteren
Viktimisierung (vgl. Mobbing-Team 2002, S. 17).
Schäfer (2005, S. 13) schreibt deutlich: „Lehrer sind verpflichtet, Mobbing
zu stoppen. Eltern haben darauf zu achten und die Verantwortlichen zu in-
formieren, dass die Schule ihrer Verpflichtung nachkommt und mit entspre-
chenden Massnahmen eingreift.“
• Klassen- und Schulwechsel
Dies sollte wenn möglich verhindert werden. Der Täter wird dadurch in sei-
ner Handlung bestärkt, und er wird sich sehr wahrscheinlich weitere Opfer
suchen. Das Opfer lernt, dass Weglaufen eine Strategie zur Problemlösung
ist, und dass es keine Sicherheit erwarten kann. Dies erhöht seine Angst
und damit die Wahrscheinlichkeit, in der neuen Klasse ebenfalls gemobbt
zu werden. Massnahmen sollten innerhalb und mit der Klasse erfolgen, da-
mit die Schüler die Möglichkeit erhalten, Sozialkompetenz im Umgang mit
Mobbing aufzubauen und sich aktiv an solchen Problemen zu beteiligen. Im
Prinzip müssten die Täter weggewiesen werden (vgl. Schäfer 2005, S. 14).

3.2.4 Ablauf einer Intervention


Wird eine Intervention nötig, so können die in Kapitel 3.2.3 beschriebenen Ele-
mente in das folgende allgemeine Ablaufschema einbezogen werden:

1. Soforthilfe für das Opfer


Es ist wichtig, dass das Opfer nicht allein gelassen wird. Es soll ermutigt
werden, sich an eine Vertrauensperson zu wenden (Lehrpersonen, Eltern,
Freunde, Beratungsstelle). Das Opfer soll die Gewissheit bekommen, dass

11 Siehe Kapitel 3.2.4


3 Massnahmen 15

das Problem gelöst wird. Es soll wissen, was Mobbing ist und wie es funk-
tioniert, und dass es praktisch unmöglich ist, die Situation selbst zu klären.

2. Gewaltunterbindung beim Täter


Eine vorschnelle Verurteilung des Täters soll vermieden werden. Wenn
Lehrpersonen Gewalt gegen Personen oder Sachbeschädigungen feststel-
len, müssen sie durch ihr Eingreifen klare Grenzen setzen und die Gewalt-
anwendung sofort unterbinden.

3. Informationen einholen
Aktionismus soll vermieden werden. Damit das Handeln zielgerichtet ist,
wird mit einem Fragebogen12 erhoben, wie weit das Mobbing schon fortge-
schritten ist. Dazu kann z.B. der SMOB-Fragebogen eingesetzt werden.
Auf jeden Fall sollten auch folgende Daten erfasst werden:
Art des Mobbings (physisch, verbal, indirekt), wie lange dauert das Mob-
bing schon, wie häufig findet es statt, wo wird das Opfer schikaniert (im
Unterricht, während der kleinen/grossen Pause, im Sportunterricht, auf
dem Schulweg), wie viele Täter sind beteiligt (Mädchen, Knaben, aus der
Klasse des Opfers, aus der Parallelklasse, aus einer höheren Klasse), Dy-
namik der Mobbingsituation (einer/wenige mobben, erst fängt einer an, an-
dere kommen dazu, es weitet sich auf die ganze Klasse aus), bereits un-
ternommene Massnahmen.

4. Planung
Es sollen realistische Ziele gesetzt werden und alternativ Lösungsansätze
gesucht werden. Die Ziele der Beteiligten sollen wenn möglich in diese
Überlegungen einfliessen. Ein Zeitplan wird festgelegt. Abklären, ob exter-
ne Experten zugezogen werden sollen.

5. Gespräche mit Tätern, Zuschauern und Opfer


Dabei kann man u. a. auf eine der folgenden Methoden zurückgreifen13:

a) Die Farsta Methode (siehe Taglieber 2005, S. 20-22)


ist eine verdeckte Methode. Der Täter wird nicht geschont, sondern
konfrontiert. Bei Anwendung dieser Methode ist mit Widerstand zu
rechnen und eine gute Vorbereitung ist zwingend erforderlich.

12 Siehe Kapitel 3.1


13 Die Methoden selber werden hier nur summarisch beschrieben. Detaillierte Anweisungen kön-
nen den referenzierten Dokumenten entnommen werden.
3 Massnahmen 16

Ablauf: 1. Recherchen, 2. Gespräch mit dem Opfer (ohne, dass je-


mand anders davon merkt), 3. Einzelgespräche mit den Tätern, 4.
Weitere kurze Gespräche14 mit den Tätern, bis sich die Situation bes-
sert.
b) Das Staffelrad (siehe Taglieber 2005, S. 23)
ist eine aufwändige, effektive Methode, bei der die Täter vor den Ge-
sprächen vereinzelt werden. Es ist ein konfrontierender Ansatz.
Ablauf: 1. Recherchen, 2. Vereinzelung der Täter, 3. Gespräche mit
den einzelnen Tätern, ohne dass sie miteinander in Kontakt treten
können, 4. Weiterverfolgen der Ergebnisse.
c) Der „No Blame Approach“
(siehe Taglieber 2005, S. 24-25, Szaday 2002)
beruht auf einem ressourcen- und lösungsorientierten Ansatz. Res-
sourcen (Empathie, Sozialkompetenzen, altruistisches Denken) von
Tätern, aktiven Mitläufern und Zuschauern werden gefördert, und das
Selbstwertgefühl des Opfers wird gestärkt. Das Klassenklima soll ver-
bessert werden. Gespräche werden von der Lehrperson moderiert.
Ablauf: 1. Einzelinterview mit dem Opfer, 2. Unterstützungsgruppe
ohne Opfer (Problemklärung ohne Schuldzuweisung, Ideen generie-
ren, der Gruppe Verantwortung übertragen), 3. Nachgespräche ein-
zeln mit den Beteiligten (sicherstellen, dass die Probleme nicht wieder
aufflammen).
d) Die Methode des „Shared Concern“ (siehe Pikas 2002)
ist ähnlich dem „No Blame Approach“. Es ist ein lösungsorientierter
Ansatz, welcher eine Verhaltensänderung des Täters anstrebt. Als
übergeordnetes Ziel sollen Grundregeln aufgestellt werden, welche
das friedliche Miteinander aller Schüler gewährleisten. Die Lehrperson
führt die Gespräche mittels spezifischer, klar strukturierter Skripts.
Schuldzuweisungen sollen strikte vermieden werden.

Ablauf: 1. Individuelle Gespräche mit den Tätern, 2. Einzelgespräch


mit dem Opfer, 3. Gruppengespräch mit den Tätern, 4. Treffen zwi-
schen Opfer und Tätern, 5. Weiterverfolgen der Ergebnisse.

6. Erfolgskontrolle
Kontrolle und allfällige Anpassung der Ziele und des Zeitplans. Einschät-

14 Fünf bis zehn Minuten.


3 Massnahmen 17

zung der Veränderungen durch die Schüler, Abklärung der Zufriedenheit


mit der Zielerreichung.
Es ist wichtig, dass man nicht schon nach kurzfristiger Besserung in einem
Mobbingfall wieder locker lässt. „Die Schüler lernen sonst, dass zwar Un-
annehmlichkeiten auftreten, wenn sie jemanden schikanieren, aber diese
nicht von langer Dauer sind. Das Opfer wird also in Zukunft massiver schi-
kaniert, damit es nicht wieder petzt. Inkonsequenz der Betreuer verstärkt
die Aggression bei den Schülern“ (Schäfer 2005, S. 14).
18

4 Vorurteile und Mythen


Die beste Prävention und die effektivste Intervention nützen nichts, wenn Mobbing
übersehen wird. Dass dies geschieht, liegt vielfach nicht einmal daran, dass es
nicht erkannt würde: Vorurteile und falsche Annahmen machen die Lehrpersonen
oft blind oder nachlässig gegenüber Mobbing. Einige der verbreiteten Vorurteile
und Mythen werden in diesem Kapitel beschrieben:

a) An unserer Schule wird nicht gemobbt.


b) Mobbingopfer können sich selbst helfen.
c) Die Opfer sind selber schuld.
d) Gegen Mobbing sind Lehrpersonen hilflos.

4.1 An unserer Schule wird nicht gemobbt


Der Prozentsatz der Kinder zwischen 10 und 16 Jahren, welche in der Schweiz
mindestens einmal pro Woche von Gleichaltrigen gemobbt werden, beziffert Alsa-
ker mit 6.0% der Mädchen und 9.8% der Knaben (Alsaker 2003, S. 62). Studien
aus anderen Ländern ergeben teils etwas grössere Werte, teils etwas geringere.
Man muss also bei unseren Klassengrössen davon ausgehen, dass im Schnitt pro
Klasse 1 bis 2 Kinder gemobbt werden. „Lehrer neigen – so zeigt die Erfahrung –
meist dazu, die Mobbing-Problematik zu unterschätzen, auch wenn sie oftmals zu-
geben, dass sie nahezu in jeder Klasse ein oder zwei Kinder bemerken, die unter
den Attacken anderer Kinder zu leiden haben“ (Mobbing-Team 2002, S. 10). Mit-
telwerte geben aber nur einen Anhaltspunkt über die gesellschaftliche Relevanz
des Problems, sagen aber nichts darüber aus, ob Mobbing in jeder Klasse auftritt.
Vieregg stellt fest, dass Mobbing einen starken klassenspezifischen Anteil hat
(siehe Vieregg 2006, S. 32).

Für Cybermobbing in Deutschland belegte das Zentrum für empirische pädagogi-


sche Forschung der Universität Koblenz-Landau (zepf) fürs Jahr 2007, dass nahe-
zu 20% der Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 13 davon betroffen sind.
Auf Grund rasant gestiegener Nutzerzahlen wird unterdessen von einem noch hö-
heren Anteil ausgegangen. (vgl. Rack/Fileccia 2008, S. 4 f.)

Für die Schweiz liegen die Zahlen für Cybermobbing vermutlich in der selben
Grössenordnung, da der Zugang zu entsprechenden Geräten eher besser ist und
das traditionelle Mobbing in beiden Ländern etwa gleich verbreitet ist.
4 Vorurteile und Mythen 19

4.2 Mobbingopfer können sich selbst helfen


Mobbingopfer werden isoliert und vereinsamen zusehends. Unter Stress und
grossen Belastungen reagieren sie bisweilen heftig, was dann als Beleg dafür ge-
wertet wird, dass sie selber an ihrer Situation schuld sind. Dadurch entsteht mit
der Zeit ein Teufelskreis, aus dem weder Opfer noch Täter ohne Hilfe von aussen
entrinnen können.

4.3 Die Opfer sind selber schuld


Die Arbeit von Mechthild Schäfer entkräftet das weit verbreitete Vorurteil, die Mob-
bing-Opfer seien selber schuld an ihrer Lage. Äussere Merkmale (Gewicht, Haar-
farbe, Kleider) und persönliche Eigenschaften (passiv, still, schüchtern, strebsam)
dienen vielfach als Post-Hoc Erklärungen, sind also reine Ausreden der Täter, um
ihre Handlungen zu rechtfertigen. Ob jemand gemobbt wird oder nicht, hängt von
gruppendynamischen Prozessen ab. Es kann jeden treffen und es ist auch nicht
ausgeschlossen, dass ein Täter zu einem Opfer wird oder umgekehrt.

Wird Mobbing auf die Persönlichkeit des Opfers zurückgeführt, wird dieses noch
stärker in eine „unlösbare“ Situation gedrängt, der Täter wird in seinem Handeln
bestärkt und Perspektivenübernahme wird erschwert oder verhindert, was zu wei-
teren Mobbinghandlungen führt.

Es sollen Massnahmen ergriffen werden, die zeigen, dass Mobbing unangemes-


sen ist, egal gegen wen es sich richtet. Alle Beteiligten sollten begreifen, dass
Mobbing ein erlerntes Verhalten ist, das keinesfalls toleriert wird (vgl. Schäfer
2005, S. 13).

Mechthild Schäfer vertritt ganz klar die Ansicht, der Täter müsse zur Therapie,
nicht das Opfer. Wehre sich das Opfer plötzlich, verschlimmere dies die Situation
häufig, da sich der Täter ungewohnt herausgefordert fühle. Ausserdem führten
Massnahmen, die nicht beim Täter ansetzten dazu, dass sich dieser ein neues
Opfer suche (vgl. Jacobs 2007, S. 14).

Ein Verhaltenstraining beim Opfer kann als Präventionsmassnahme oder zu Stär-


kung des Selbstwertgefühls sinnvoll sein, aber nicht zu Lösung des Mobbingpro-
blems.
4 Vorurteile und Mythen 20

4.4 Gegen Mobbing sind Lehrpersonen hilflos


Lehrpersonen die weg schauen, tragen dazu bei, dass sich Mobbing ungehindert
ausbreiten kann. Solche Lehrpersonen fördern eine Schulkultur der Gewalt. Bei
Mobbing müssen Lehrpersonen das Opfer unmittelbar, entschieden und nachhal-
tig schützen (Empowerment) und den Täter in die Schranken weisen.

„Die Täter wissen in der Regel sehr genau, dass Lehrpersonen das Geschehen
zumeist sehr zuverlässig „nicht wahrnehmen“. Sie befinden sich daher in einem
Raum, der ihr Treiben sichert und schützt und so ihrem Tun keinerlei Einhalt ge-
bietet. Sie spüren, dass sie mit ihrem Vorgehen und ihrer Rücksichtslosigkeit Er-
folg haben, weil sich das Opfer nicht wehren kann und weil es sich oftmals auch
gegenüber Lehrpersonen, Mitschülern und Eltern ausschweigt“
(Mobbing-Team 2002, S. 10).
21

5 Anti–Mobbing–Handlungsrichtlinien für Schulen


Schülermobbing ist ein verbreitetes15 soziales Phänomen mit verheerenden Aus-
wirkungen16, welche den Bestrebungen der Schule entgegenwirken, die Sozial-
und die Selbstkompetenz der Schüler zu fördern.

Ein gutes Schulklima und ein frühes Eingreifen bei Konflikten wirken präventiv ge-
gen Mobbing. Kommt es dennoch zu Mobbingfällen, so müssen alle Beteiligten
möglichst gut zusammenarbeiten, denn von selbst hört Mobbing nicht auf. Dies
erfordert Absprachen.

Oft wird auf Mobbing aber nicht angemessen reagiert, und es wird entweder ba-
gatellisiert oder übersehen. Handlungsrichtlinien gegen Mobbing können ein Hilfs-
mittel sein, die Qualität der Reaktionen zu erhöhen. Durch die Dokumentation von
Verantwortlichkeiten und Prozessen kann ein konsistentes Handeln erreicht wer-
den, welches optimiert werden kann. Dadurch wird es möglich, ein Qualitätsmana-
gement der Massnahmen gegen Mobbing zu etablieren.

In Grossbritannien müssen alle Sekundarschulen von Gesetzes wegen Anti-Mob-


bing-Handlungsrichtlinien17 einhalten, welche auf einem vorgegebenen Grundtext
basieren. Auch bei Primarschulen sind solche Handlungsrichtlinien üblich. Solche
Richtlinien beschreiben die Zielsetzung, die zur Verfügung stehenden Mittel und
die Rollen aller beteiligten Parteien (siehe z.B. Brookside 2008).

Mir ist bis jetzt keine Schule in der Schweiz bekannt, welche Richtlinien gegen
Mobbing erlassen hätte. Das Schweizerische Netzwerk Gesundheitsfördernder
Schulen (SNGS) hat jedoch Qualitätskriterien zur Gewaltprävention aufgestellt,
welche Bestandteil von Anti-Mobbing-Handlungsrichtlinien sein könnten (siehe
Zumstein 2007, Checkliste E).

Die Texte der folgenden Unterkapitel lehnen sich an englische Vorbilder an und
bilden einen exemplarischen Entwurf für ein entsprechendes Kapitel der Hand-
lungsrichtlinien. Ich verfolge einen pragmatischen Ansatz: Es geht mir nicht darum
einen Mustertext für Anti-Mobbing-Handlungsrichtlinien vorzugeben, da die For-
mulierungen sowieso an lokale Gegebenheiten angepasst werden müssen. Trotz-
dem habe ich konkrete Formulierungen gewählt, welche z.B. einer Schule als

15 Siehe Kapitel 4.1


16 Siehe Kapitel 2.5
17 „Anti-bullying policies“ sind seit 2003 von der OFSTED vorgeschrieben.
5 Anti–Mobbing–Handlungsrichtlinien für Schulen 22

Hilfsmittel und Vorlage für einen eigenen Text dienen können. Der Text nimmt Be-
zug auf die in dieser Arbeit aufgeführten Forschungsergebnisse.

5.1 Ziele
• Die Handlungsrichtlinien sollen eine konsistente und angemessene Reakti-
on auf Mobbingfälle ermöglichen.
• Mobbing ist verwerflich und unakzeptabel. Es ist wichtig ein Schulklima zu
schaffen, welches Mobbing verhindert. Dadurch, dass die Schule ein siche-
rer und angstfreier Lernort ist, wird die Wahrscheinlichkeit von Mobbing
herabgesetzt.

• Alle in den Anti-Mobbing-Handlungsrichtlinien angesprochenen Personen


müssen ihre Rolle, sowie ihre Rechte und Pflichten kennen und zu deren
Umsetzung beitragen.

5.2 Rolle der Schulbehörde


• Die Schulbehörde (SB) unterstützt die Massnahmen der Schulleitung (SL),
welche dazu dienen, Mobbing einzudämmen18.
• Die SB kontrolliert regelmässig die Effizienz der Anti-Mobbing-Handlungs-
richtlinien. Dafür benötigt sie von der SL Information und ein genaues Pro-
tokoll aller Mobbingfälle.
• Die SB ist Beschwerdeinstanz für Eltern, welche der Meinung sind, ihre An-
liegen betreffend Mobbing wurden von den Lehrpersonen und der SL nicht
angemessen wahrgenommen. Die SB informiert die SL und gibt ihm den
Auftrag, den Fall zu untersuchen19.

5.3 Rolle der Schulleitung


• Die Schulleitung (SL) ist verantwortlich für ein Schulklima des gegenseiti-
gen Verständnisses und der Hilfsbereitschaft20.

18 Die SB soll vor allem eine Aufsichtsfunktion ausüben, und bei Bedarf nötige Mittel zur Verfügung
stellen. Die Umsetzung liegt in der Verantwortung der Schulleitung.
19 Hier könnte z.B. festgelegt werden, wie lange es dauern darf, bis die Untersuchung abgeschlos-
sen ist.
20 Zu diesem Zweck kann die Schulleitung z.B. die Massnahmen anwenden, welche in Kapitel
3.2.1 für die Schulebene beschrieben sind. Diese Massnahmen können in den Anti-Mobbing-
Handlungsrichtlinien den Umständen entsprechend explizit erwähnt werden.
5 Anti–Mobbing–Handlungsrichtlinien für Schulen 23

• Die SL ist verantwortlich für die Einhaltung der Anti-Mobbing Handlungs-


richtlinien21.

• Die SL informiert die SB auf Anfrage über die Effizienz der Anti-Mobbing
Massnahmen.

5.4 Rolle der Lehrpersonen


• Die Lehrpersonen (LP) und alle anderen Angestellten der Schule nehmen
Mobbing ernst und bemühen sich, es zu verhindern22.
• Die LP bilden sich regelmässig weiter, damit sie wissen, wie mit Mobbing
umzugehen ist.
• Die Klassen-LP stellt sicher, dass alle Schüler der Klasse wissen, dass
Mobbing ein Fehlverhalten ist, welches nicht geduldet wird.
• Bei Mobbing in der eigenen Klasse greift die LP sofort ein23.
• Bemerken LP einen Mobbingfall ausserhalb ihrer Klasse, so intervenieren
sie selber oder sie ziehen die SL bei.
• Im Lehrerzimmer befindet sich ein Anti-Mobbing-Logbuch, wo LP alle Mob-
bingfälle innerhalb und ausserhalb der Schule protokollieren. Auch Vorfälle
in der Nähe der Schule und auf dem Schulweg werden protokolliert.
• LP unterstützen Mobbingopfer so gut sie können. Hört das Mobbing nach
einer bestimmten Zeit nicht auf, informieren sie nach Rücksprache mit der
SL die Eltern.

• Kinder, die fortgesetzt an Mobbing beteiligt sind, meldet die LP der SL. Dar-
auf werden die Eltern dieses Kindes in die Schule eingeladen, um die Vor-
fälle zu besprechen24.

5.5 Rolle der Eltern


• Eltern, welche einen Mobbingverdacht haben, kontaktieren die Klassen-LP.

21 Zu diesem Zweck muss die SL dafür sorgen, dass alle LP die Handlungsrichtlinien kennen. Dies
kann evtl. explizit erwähnt werden.
22 Zu diesem Zweck können die LP z.B. die Massnahmen anwenden, welche in Kapitel 3.2.2 für die
Klassenebene beschrieben sind. Diese Massnahmen können in den Anti-Mobbing-Handlungs-
richtlinien den Umständen entsprechend explizit erwähnt werden.
23 Zu diesem Zweck können die LP z.B. die Massnahmen anwenden, welche in Kapitel 3.2.3 für die
Schülerebene beschrieben sind. Diese Massnahmen können in den Anti-Mobbing-Handlungs-
richtlinien den Umständen entsprechend explizit erwähnt werden.
24 Hier könnte z.B. erwähnt werden, wann externe Experten beigezogen werden.
5 Anti–Mobbing–Handlungsrichtlinien für Schulen 24

• Falls die Reaktion der Klassen-LP für die Eltern nicht zufriedenstellend ist,
wenden sie sich an die SL. Falls dies immer noch zu keinen Resultaten
führt, können sie sich bei der SB beschweren.
• Die Eltern ermutigen ihre Kinder, sich positiv in den Schulalltag einzubrin-
gen.

5.6 Rolle der Schüler


• Die Schüler werden ermutigt, sich an Vertrauenspersonen zu wenden,
wenn sie Opfer von Mobbing sind oder Mobbing beobachten.
• Schüler können ihre Erfahrungen den Lehrpersonen mittels eines Fragebo-
gens mitteilen25.

5.7 Überprüfung und Anpassung


• Die SL überprüft diese Handlungsrichtlinien laufend und unterrichtet die SB
bei Bedarf über deren Effizienz.
• Die SB ist verantwortlich für diese Handlungsrichtlinien und überprüft deren
Wirksamkeit: Die Behördenmitglieder studieren das Anti-Mobbing-Log-
buch26, wo die Vorfälle eingetragen sind, und sie besprechen die Situation
mit der SL. Sie analysieren die Information nach Risikogruppen und kriti-
schen Orten und ergreifen bei Bedarf angemessene Massnahmen.27
• Diese Handlungsrichtlinien werden alle zwei Jahre überarbeitet, wenn Be-
darf besteht auch früher.

25 Das kann z.B. ein allgemeiner Fragebogen sein, der auch andere Aspekte der Schule umfasst.
Die konkrete Art der Befragung und deren Periodizität sollten in den Handlungsrichtlinien er-
wähnt werden. Es kann auch ein Kummerbriefkasten eingerichtet werden.
26 Festlegen, wie oft – z.B. jährlich.
27 Hier könnte festgelegt werden, dass zusätzlich Zumstein (2007), Checkliste E zur Qualitätskon-
trolle benützt wird.
25

6 Rückblick
Das, was in dieser Arbeit beschrieben ist, ist für mich nicht nur Theorie. Am Bei-
spiel unserer Tochter haben wir alle in Kapitel 2.4 beschriebenen Mobbingphasen
schmerzhaft miterlebt. An Elterngesprächen sind uns alle Vorurteile und Mythen
aus Kapitel 4 begegnet. Die Anzeichen von Mobbing aus Kapitel 3.1, kommen mir
teilweise sehr bekannt vor, und ich frage mich, warum wir als Eltern nicht früher
erkannt haben, was los ist. Als wir es merkten, war es schon zu spät. Zu ihrem
Schutz und mit der Unterstützung des Schulpsychologischen Dienstes behielten
wir unsere Tochter etwa einen Monat zuhause, bis ihr ein Schulwechsel gewährt
wurde. Das war zwar nicht das Ende der Probleme, aber dank guter Unterstüt-
zung von verschiedener Seite ein erster Schritt zu einer Besserung.

Als Student der Pädagogik habe ich in allen Situationen versucht, auch die Lehr-
personen zu verstehen. Ich konnte viel guten Willen feststellen – und entdeckte
viele Fehlreaktionen. Mir ist klar geworden, dass Mobbing sehr schwer in den Griff
zu bekommen ist. Aber ich habe auch gelernt, dass es gute Wege gibt, damit um-
zugehen. Sicher keine Wundermittel, aber deren Wirksamkeit ist empirisch belegt.
Deshalb wählte ich für meine Vertiefungsarbeit die Leitfrage: „Wie soll eine Schule
mit Mobbing umgehen?“

Viele wichtige Fragen und Antworten zum Thema Mobbing konnte ich in dieser Ar-
beit ansprechen. Einige der Aussagen könnten bestimmt noch genauer durch sta-
tistisches Zahlenmaterial belegt werden. Eine umfassende Analyse bestehender
quantitativer und qualitativer empirischer Untersuchungen würde wohl genug Ma-
terial für eine weitere Vertiefungsarbeit ergeben.

Auf die Gründe für Mobbing bin ich kaum eingegangen – auch zu diesem Thema
gäbe es in der Literatur genügend Aussagen und Vermutungen, aber für einen
praktischen Umgang mit Mobbing genügen die Informationen, welche ich hier zu-
sammengetragen habe.

Die Stärke dieser Arbeit ist die kompakte Darstellung eines Handlungskonzepts,
die Positionierung verschiedene Präventions- und Interventionsansätze im Drei-
Ebenen-Modell von Olweus. Dadurch konnte ich Zusammenhänge verschiedener
Methoden aufzeigen, welche in der Literatur meist isoliert behandelt werden. Die-
se Systemsicht ist auf ihre Weise elegant, könnte aber dazu verleiten anzuneh-
men, für erfolgreiche Massnahmen müssten immer alle Ebenen einbezogen wer-
den, was aber so nicht stimmt: Statt in Aktionismus zu verfallen, ist es besser, ei-
6 Rückblick 26

nige wenige Massnahmen zu wählen und diese koordiniert und konsequent durch-
zuführen.

Für meine Arbeit habe ich vielfältige und aktuelle Quellen verwendet. Interessant
wäre es, noch einen genaueren Blick auf die angelsächsischen und skandinavi-
schen Länder zu werfen, wo eine viel grössere Sensibilisierung gegenüber Mob-
bing vorhanden ist, als bei uns. Ausserdem würde mich auch interessieren, ob
und wie Schulen in der Schweiz für Mobbing haftbar gemacht werden können. Im
Ausland ist dies teilweise der Fall: Die Schweizer Schule in Madrid musste kürz-
lich wegen eines Mobbingfalls dem Opfer eine Entschädigung von 30'000 Euro
zahlen (siehe SDA 2009, 7. Januar).

Zu Beginn meiner Vertiefungsarbeit hatte ich die Idee, Experten in unserer Ge-
gend über praktische Erfahrungen mit Mobbing zu befragen. Abklärungen beim
Schulpsychologischen Dienst in Andelfingen ergaben, dass dort vor allem eine
Triage stattfindet und bei Bedarf Psychologen vermittelt werden, welche Klassen-
intervention anbieten. Ich entschloss mich schliesslich, einen klaren Fokus zu set-
zen und vor allem das Thema der Prävention und Intervention eingehend zu be-
handeln, mich aber auf das Studium Fachliteratur zu beschränken, da sonst die
Arbeit zu aufwändig und auch zu umfangreich geworden wäre.

Die Auseinandersetzung mit Prävention und Intervention erfolgt auf eine innovati-
ve Weise, indem ich versuche, die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen
Ansätzen zu beleuchten, welche mir beim Studium zahlreicher Bücher und unge-
zählter Artikel klar geworden sind. Ich hoffe, dies sei mir gelungen, und ich denke,
diese Arbeit gibt einen stark praxisorientierten Überblick des aktuellen Standes
der Mobbingforschung.

Beim Kolloquium zu dieser Arbeit wurde ich gefragt, ob es nicht schwierig sei,
eine Arbeit über ein Thema zu schreiben, welches einem aus eigenem Erleben
emotional sehr nahe gehe. Ein Stück weit ist diese Arbeit bestimmt das Resultat
meiner Verarbeitung persönlicher Erlebnisse. Aber gerade weil diese sehr
schmerzhaft waren, hatte ich den Ansporn, Mobbing sachlich, von der wissen-
schaftlichen Seite her zu betrachten – ohne zu hadern, mit dem Ziel, einen klaren
Blick zu gewinnen, damit ich als Lehrer auf Mobbingfälle gut vorbereitet bin. Die-
ser Aspekt macht mir die Vertiefungsarbeit wertvoll.
27

7 Abkürzungsverzeichnis
INTASC Interstate New Teacher Assessment and Support Consortium
LP Lehrperson, Lehrpersonen
OFSTED Office for Standards in Education
PHSH Pädagogische Hochschule Schaffhausen
PTSD Post-traumatic stress disorder
SB Schulbehörde
SL Schulleitung
SMOB Schülermobbing
SNGS Schweizerisches Netzwerk Gesundheitsfördernder Schulen
ZEPF Zentrum für empirische pädagogische Forschung
28

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ver (Hg.): Reagieren, aber wie? - Professioneller Umgang mit Aggression und
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Zumstein, B. (2007): Qualitäts-Kriterien Gesundheitsfördernde Schule. http://ww-


w.gesunde-schulen.ch/data/data_417.pdf (abgerufen am: 31.3.2009)
30

9 Bildnachweis
Titelbild Symbolische Mitschülerrollen für den PRQ
http://www.psy.lmu.de/mobbing/instrumente.html
Mit freundlicher Genehmigung von PD Dr. Mechthild Schäfer
Ludwig-Maximilians-Universität München

Abbildung 1 Grundstruktur von Mobbing


in Gebauer (2007), S. 34