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Harro Heuser

Lehrbuch Analysis

Teil1

14., durchgesehene Auflage

Mit 127 Abbildungen, 810 Aufgaben, zum Teil mit Lösungen

Teubner

B. G. Teubner Stuttgart · Leipzig · Wiesbaden

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der Deutschen Bibliothek erhältlich.

1. Auflage 1980 13. Auflage 2000 14., durchges. Auflage Dezember 2001

Alle Rechte vorbehalten © B.G.Teubner GmbH, Stuttgart/Leipzig/Wiesbaden, 2001

Der Verlag Teubner ist ein Unternehmen der Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer.

www.teubner.de

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Umschlaggestaltung: Ulrike Weigel, www.CorporateDesignGroup.de Druck und buchbinderische Verarbeitung: Lengericher Handelsdruckerei, Lengerich/Westfalen Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier. Printed in Germany

Für Isabella und Anabel, Marcus und Marius.

Hierdurch wird klar, weshalb Arithmetik und Geometrie mit weit größerer Sicherheit vor allen übrigen Wissenszweigen bestehen: weil nämlich sie allein sich mit einem so reinen und einfachen Gegenstand beschäftigen, daß sie gar nichts voraussetzen, was die Erfahrung unsicher zu machen imstan- de wäre, sondern gänzlich in verstandesmäßig abzuleitenden Folgerungen bestehen. Sie sind daher am leichtesten und durchsichtigsten von allen und haben einen Gegenstand, so wie wir ihn fordern, da hierbei der Irrtum, von Unaufmerksamkeit abgesehen, wohl kaum Menschenlos sein dürfte. Trotz- dem darf es nicht in Verwunderung setzen, wenn sich der Geist vieler aus freien Stücken eher anderen Studien oder der Philosophie zuwendet: es kommt das nämlich daher, daß ja ein jeder es sich kecker herausnimmt, bei einem dunkeln, als bei einem klaren Gegenstand Vermuttmgen aufzustellen, und es weit leichter ist, bei einer beliebigen Frage irgend etwas zu mutmaßen, als bei einer noch so leichten bis zur Wahrheit selbst vorzudrin- gen.

R ene Descartes, " Regeln zur Leitung des Geistes ".

Vorwort

Dieses Buch ist der erste Teil e ines zweibändigen Werkes über Analysis. Es ist aus Vorlesungen, Übungen und Seminaren erwachsen, die ich mehrfach an den Universitäten Mainz und Karlsruhe gehalten habe, und so angelegt , daß es auch zum Selbststudium dien~n kann.

Ich widerstehe der Versuchung, dem Studenten, der jetzt dieses Vorwort liest,

The me n zu beschreiben, die ihn erwarten ; denn dazu müßte ich

Worte gebrauchen, die er doch erst nach der Lektüre des Buches verstehen kann- nach der Lektüre aber sollte er selbst wissen, was gespielt worden ist. D e n Kenner hingegen wird ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis und ein rasches Durchblättern ausreichend orientieren.

Dennoch halte ich es für möglich, anknüpfend a n Schulkenntnisse und Alltagser- fahrung auch dem Anfänger verständlich zu machen, was der rote Faden ist, der dieses Buch durchzieht und in welchem Geist es geschrieben wurde und gelesen werden möchte.

Der ro te Faden, das ständig aufklingende Leitmotiv und energisch vorwärts- treibende Hauptproblem ist die Frage, wie man das Anderungsverhalten einer

a usführlich die

••

Funktion

verstehen,

beschreiben

und

beherrschen

kann, schärfer:

Welche Be-

griffe eignen sich am besten dazu, die Änderung einer Funktion " im Kleinen " (also bei geringen Änderungen ihrer unabhängigen Variablen) zu erfassen, was kann man über die Funktion "im Großen", über ihren Gesamtverlauf sagen, wenn ma n Kenntnisse über ihr Verbalten "im Kleine n" hat, geben uns diese

Kenntnisse vielleicht sogar die Funktion gänzlich in die H and ode{ besser: Wie tief müssen diese " lokalen Kenntnisse" gehen, um uns die Funktion " global"

We nn ein

vollständig auszu liefern. Um e in sehr alltägliches Beispiel zu nennen:

Körper sich bewegt, so glauben wir intuitiv zu wissen, daß er in jedem Zeitpunkt

eine wohlbestimmte

Auskünfte über die Anderung seiner Lage "im Kleinen" (innerhalb kurzer

Zeitspan nen) gibt und daß wir seine n Bewegungsverlauf "im Großen" , konk reter:

die seit Beginn der Bewegung von ihm zurückgelegte Strecke, vollständig rekon- struieren können, wenn wir ebendiese Momentangeschwindigkeit in jedem

uns seine

e twa

Momentangeschwindigkeit durch d en Tachometer und sein Bewegungsverla uf (die zurückgelegte Strecke) durch den Kilometerzähler geliefert. Aber diese

nützlichen Instrumente sagen uns natürlich nicht, was denn begrifflich die

" Momenta ngeschwindigkeit" besitzt, daß diese uns

••

Zeitpunkt

kennen.

Ist der

Körper

e in

Automobil, so

wird

Vorwort

5

Momentangeschwindigkeit sei und wie man systematisch aus e ine m bekannten Geschwindigkeitsverlauf den Bewegungsverlauf zurückgewinnen könne- sie set- zen ganz im Gegenteil die vo rgä ngige theoretische Besinnung üb er derarti ge Begriffe und Verfahren schon voraus. Als das mächtige und unverzichtbare Hilfsmittel für jede in die Tiefe dringende Untersuchung solche r Fragen wird sich d er B egriff des Grenzwerts in seinen vielfältigen Formen und Abwandlungen erweisen. Er ist das Herzstück und der Kraftquell der Analysis und wird ab dem Kapitel m gleichsam der ewig jugendliche Held des analytischen Dramas sein.

D as Studium funktionellen Anderungsverhaltens ist nicht die müßige Träumerei

weltfremder Gehirne in elfenbeinernen Türmen-es wird uns ganz im Gegenteil aufgedrängt durch das tief im Menschen wurzelnde Bestreben, die uns

umgebende We lt zu verstehen und aus diese m Verstehen hera us zu gestalten.

Ganz folg erichtig hebt es a n und geht Hand in Hand mit d e r Schaffung

neuzeitlichen Physik unter den Händen von Newton, Euler, Lagrange und La- place (um nur die Großen des stürmischen Anfangs zu nenne n). Es hat im engsten Bunde mit den Naturwissenschaften-von ihnen befruchtet und ihnen die Früchte zurückgebend-unsere Welt in den letzten dreihundert Jahre n so tief- greifend umgestaltet, daß die Wirkungen der großen politische n R evolutionen demgegenüber verblassen und eher oberflächlich und peripher anmuten. Wer von der Weltfremdheit der Mathematik spricht, dem muß die moderne Welt wahrlich sehr fremd geworden sein.

d e r

Damit komme ich auf den Geist zu sprechen, in dem dieses Buch geschrieben wurde. Es ve rsteht sich heu tzutage von selbst, daß jede Darstellung der Analysis gemäß der axiomatischen Metbode zu erfolge n ha t: D er ganze Bestand

analytischer Aussagen muß stren g deduktiv aus einigen Grundeigenschaften reeller

Zahlen entfaltet werden. Jede mathe matische Disziplin verdankt ihre Sicherheit, ihre Überzeugungskraft und ihre Schönheit dieser Methode. Zu sehen, wie der reiche Teppich der Analysis mit seinen unendlich mannigfaltigen Farben und Figuren aus wenigen Fäden (den Axiomen übe r reelle Zahlen) e nger und enger geknüpft wird - das ist eine geistige Erfahrung höchsten R anges, um die kein Student betrogen werden darf. Aber gleichzeitig lag mir noch ein anderes am

H erzen: Ich wollte zeigen, mit welcher fast unbegreiflichen Kraft diese aus dem

Geist gesponnene, in sich selbst ruhende " reine"

Theorie auf die " reale"

Welt

wirkt - dies zu sehen ist ebenfalls eine geistige Erfahrung, um die man niemanden bringen sollte. Das Staunen darüber, daß und wie ein "reines Denken " die Wirklichkeit vers tehen und gesetzm äßig ordne n kan n, hat keine n Geringer en als Immanuel Kant dazu getrieben, seine gewaltige " Kritik der reinen Vernunft" zu schreibe n. Es bedarf keines Wortes, daß ich die " praktischen" Auswirkungen der Theorie nur exe mplarisch, nur a n wenigen Be ispie le n zeige n konnte, aber mit Bedacht habe ich diese Beisp iele aus den allerverschiedensten Wissens- und L ebensgebiete n ausgewä Wt : aus Physik , Chemie , Bio logie, P syc ho logie, Medizin,

6

Vorwort

Wirtschaftswissenscbaft, Kriegswesen und Technik-bis bin zu so profanen Fragen wie die nach dem Abbau des Alkohols im Blut während eines Trinkgela- ges, und ob man ein Haus nachts durchbeizen oder besser morgens aufheizen so lle, aber a uch bis hin zu so überraschenden Beziehungen wie die zwischen Kaninchenvermehrung und Goldenem Schnitt. Ich wollte damit nicht die Mathematik anpreisen-sie kann der Reklame sehr gut entraten-sondern dem Studenten bereits in einer frühen Phase seiner geistigen Entwicklung deutlich machen, daß abstrakte Methoden gerade ihrer Abstraktheit wegen universell anwendbar sind und daß nur eine aufgeklärte Praxis eine wirksame Praxis ist. Ein kluger Engländer, dessen Name mir entfallen ist, hat kurz und treffend das Nötige zur bloß praktischen Praxis gesagt: "Der praktische Mensch ist derjenige, der die FehIer seiner Vorfahren praktiziert" . Darüber hinaus schwebte mir vor, nicht nur die Auswirkungen der Theorie auf

die Praxis, sondern umgekehrt auch die stimulierenden Einwirkungen der Praxis

auf die Theorie zu zeigen, deutlich zu machen, wieviel quickes Leben die Theorie den Vitaminstößen praktischer Fragen und Probleme verdankt. Insgesamt hoffte ich, durch das Miteinander- und Ineinanderklingen von Theorie und Anwendung die Analysis gleichsam "stereophonisch" zu präsentieren und die Theorie nicht zum Trockenlauf geraten zu lassen.

Auch "rein mathematisch" gesehen ist die Analysis nicht nur ein Lehrsystem, in de m abstrakte Begriffe zu abstrakten A ussagen zusammengewoben werden. Ihre Methoden werfen eine schier unglaubliche Fülle "konkreter" mathematischer Resultate ab: verblüffende ldentitäten, reizvolle Summenformeln, überraschende Beziehungen zwischen Größen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben usw. ohne E nde. In Vorlesungen findet man unter dem Druck der riesigen Stoffmassen kaum die Zeit, auf diese Dinge einzugeben, die eine eigene Schönheit haben. Ein Buch gewährt hier größere Freihe it, und von ihr habe ich gern und reichlich Gebrauch gemacht. Um a lle diese vielfältigen Ziele zu erreichen - den strengen axiomatischen Auf-

bau darzulegen, das

Geben

und

Nehmen zwischen Theorie

und Anwendung

aufz~~eigen, dem

den Uberblick zu

ich eine deutliche, schon aus den Uberschriften erkennbare Scheidung in Methodenteile und Anwendungsteile vorgenommen (wobei allerdings manches Anwendu ngsbeispiel und manches mathematisch konkrete Detail in den Auf- gabenabschnitten der Methodenteile zu finden ist). Wer also "auf die Schnelle" nur die tragenden Begriffe und Aussagen, gewissermaßen nur das methodische Skelett der Analysis kennenlernen will, kann dies dank der beschriebenen Gliederung tun , ohne in jedem E inzelfa ll prüfen zu müssen, ob der St~!f für seine Zwecke relevant ist oder wo die ih n interessierende theoretische Uberlegung wieder aufgegriffe n und fortgesetzt wird. Nach allem, was ich oben gesagt habe, bin ich jedoch weit davon entfernt, ein so asketisches, die F leischtöpfe der Analysis beiseitelassendes Vorgehen zu empfehlen.

" mathematisch Konkreten" sein Recht zu gönnen-und doch bebalten und nicht in der Fü lle des Stoffes zu ertrinken, habe

Vorwort

7

Der Leser wird bei der Lektüre des Buches bald bemerken, daß oftmals ein und derselbe Sachverhalt von ganz verschiedenen Seiten und auf ganz verschiedenen Methodenhöhen angegangen, beleuchtet und seziert wird. Ich wollte damit zeigen, wie eng geknüpft jener Teppich der Analysis ist, von dem ich oben schon gesprochen habe, wie reich und tief die inneren Beziehungen zwischen ihren Begriffen und Verfahren sind, wollte zeigen, daß mit dem Ausbau und der Verfeinerung des analytischen Instrumentariums alte Probleme leichter lösbar und neue überhaupt erst angreifbar werden-wollte also, um alles in einem Wor t zu sagen, den Leser dazu überreden, in der Analysis nicht ein totes System zu sehen, sondern einen lebendigen Prozeß, offen gegen sich und die Welt. Zum Schluß bleibt mir die angenehme Pflicht, all denen zu danken, die mich bei der Anfertigung dieses Buches unterstützt haben. Herr Prof. Dr. U. Mertins, Herr Dr. G. Schneider und Herr Dipl.-Math . H.-D. Wacker haben nie mit Rat, Anregungen und hilfreichen Bemerkungen gegeizt und haben unermüdlich alle Korrekturen gelesen; Herr Dr. A. Voigt hat durch seine klaren und sorgfältigen Zeichnungen wesentlich erhöht, was das Buch an didaktischem Wert haben mag. Frau Y. Paasche und Frau K. Zeder haben die im Grunde unlösbare Aufgabe gemeistert, ein unleserliches Manuskript von vielen hundert Seiten in ein Schreibmaschinenskript zu verwandeln ; es gelang ihnen anfänglich anband einer Lupe und dann mit Hilfe eines irgendwie entwickelten "zweiten Gesichts". Dem Teubner-Verlag schulde ich Dank für seine Geduld und Kooperationsbereitschaft und für die vortreffliche Ausstattung des Buches. Meine Schwester, Frau Iogeborg Strohe, hat mir während der vorlesungsfreien Zeit am Rande des Taunosstädtchens Nastätten ein Refugium geboten, in dem ich ungestört an diesem Buch arbeiten konnte; an sie geht me in brüderlicher Dank.

Nastätten/Taunus, im März 1979 Harro Heu ser

Vorwort zur vierzehnten Auflage

In der hier vorliegenden vierzehnte n Auflage habe ich an zahlreichen Stellen Ände- rungen, G lättungen und Verbesserungen vorgenommen, zu denen ich hau ptsächl ich durch aufmerksame Leser angeregt wurde.

Karlsruhe, im September 200 1

Harro Heuser

Inhalt

Einleitung

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I

Mengen und Zahlen

 
 

1 Mengen und ihre Verknüpfungen

 

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2

Vorbemerkungen über die reellen Zahlen .

 

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3

Die axiomatische Beschreibung der reellen Zahlen

 

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4

Folgerungen aus den Körperaxiomen

 

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5

Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen

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6

Die natürlichen, ganzen und rationalen Zahlen

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7

Rekursive Definitionen und induktive Beweise. Kombinatorik

8

Folgerungen aus dem Schnittaxiom

 

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9

Die Potenz mit rationalem Exponenten .

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10

Abstand und Betrag

 

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11

Das Summen- und Produktzeichen

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12

Einige nützliche Ungleichungen

 

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II

Funktionen

 
 

13 Der Funktionsbegriff

 

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14 Reellwertige Funktionen. Funktionenräume und -algebren

15 Polynome und rationale Funktionen

 

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16 Interpolation

 

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17 Der Differenzenoperator. Lineare Abbildungen

 

18 Der Interpolationsfehler

 

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19 Mengenvergleiche

 

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m

Grenzwerte von Zahlenfolgen

 
 

20 Der Grenzwertbegriff

 

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21 Beispiele konvergenter und divergenter Folgen

 

22 Das Rechnen mit konvergenten Folgen

 

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23 Vier Prinzipien der Konvergenztheorie

 

24 Die Dezimalbruchdarstellung der reellen Zahlen

 

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25 Die allgemeine Potenz und der Logarithmus

 

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26 Veränderungsprozesse und Exponentialfunktion

 

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27 Der Cauchysche Grenzwertsatz

 

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28 Häufungswerte einer Zahlenfolge

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29 Uneigentliche Grenzwerte, Häufungswerte und Grenzen

 

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17

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26

32

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39

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44

48

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52

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70

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95

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102

111

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122

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128

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137

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142

147

152

155

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161

163

168

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176

179

183

Inhalt

9

IV Unendliche Reihen

'•

30 Begriff der unendlichen Reihe

 

187

31 Konvergente und absolut konvergente Reihen

189

32 Das Rechnen mit konvergenten Reihen

 

195

33 Konvergenz- und Divergenzkriterien

 

203

V Stetigkeit und Grenzwerte von Funktionen

 

34 Einfache Eigenschaften stetiger Funktionen .

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212

35 Fixpunkt- und Zwischenwertsätze für stetige Funktionen

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220

36 Stetige Funktionen auf kompakten Mengen

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224

37 Der Umkehrsatz für streng monotone Funktionen

 

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231

38 Grenzwerte von Funktionen für x-+ ~

 

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233

39 Einseitige Gren.zwerte

 

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238

40 Die Oszillation. einer beschränkten Funktion

 

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241

41 Grenzwerte von Funktionen für x-+ ±oo

 

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243

42 Das Rechnen mit Grenzwerten.

 

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245

43 Uneigentliche Grenzwerte

 

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246

44 Vereinheitlichung der Grenzwertdefi.nitionen. Netze

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249-

45

Doppelreihen

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256

VI Differenzierbare Funktionen

 

46 Die Ableitung einer differenzierbaren Funktion

 

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260

47 Differentiationsregeln

 

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270

48 Die Differentiation elementarer Funktionen. Winkelfunktionen

 

49 Der Mittelwertsatz der Differentialrechnung

 

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50 Die R~gel von de !'Hospital

 

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VD

Anwendungen

51 Nochmals der Interpolationsfehler

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52 Kurvendiskussion

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53 Hyperbelfunktionen, Hochspannungsleitungen, Tempelsäulen, .

54 Extremalprobleme

55 Exponentielle, autokatalytische und logistische Prozesse. Epide- mien. Das psychophysische Grundgesetz. Mathematische Erfas-

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sung von Naturvorgängen

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56 Fall und Wurf, Raketenftug und Vollbremsung

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57 Schwingungen. Weitere Eigenschaften der Winkelfunktionen

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58 Symbiotische und destruktive Prozesse

 

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273

279

286

291

293

296

303

309

324

334

342

59 Konvexe und konkave Funktionen als Quelle fundamentaler Un-

gleichungen

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vm Der Taylorsche Satz und Potenzreihen

 

60 Der Mittelwertsatz für höhere Differenzen

 

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61 Der Taylorsche Satz und die Taylorsche Entwicklung

347

353

353

10

Inhalt

 

62 Beispiele für Taylorsche Entwicklungen

 

358

63 Potenzreihen

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362

64 Die Summenfunktion einer Potenzreihe

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367

65

Der Abelsche Grenzwertsatz

 

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379

66 Die Division von Potenzreihen

 

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0

386

67 Die Existenz der Winkelfunktionen

 

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391

68 Potenzreihen im Komplexen

 

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393

69 Der

Nullstellensatz

 

für

 

Polynome

 

und

 

die

 

Partialbruch-

zerlegung rationaler Funktionen

 

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398

IX

Anwendungen

 
 

70 Das Newtonsehe Verfahren

 

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406

71 Bernoullische 4ahlen und Bernoullische Polynome

 

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410

72 Gedämpfte freie Schwingungen

 

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413

73 Die homogene lineare Differentialgleichung n-ter Ordnung mit

konstanten Koeffizienten

 

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422

74 Die

inhomogene lineare Differentialgleichung n-ter Ordnung

mit konstanten Koeffizienten und speziellen Störgliedern

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435

438

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447

 

457

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460

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464

468

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475

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479

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483

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485

75

Resonanz

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Integration

 

76

Unbestimmte Integrale

 

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77

Regeln der unbestimmten Integration

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78 Die Integration der rationalen Funktionen

79 Das Riemannsche Integral

 

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80 Exkurs: Arbeit und Flächeninhalt

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81 Stammfunktionen stetiger Funktionen

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82 Die Darbouxschen Integrale

 

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83 Das Riemannscbe Integrabilitätskriterium

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84 Das Lebesguesche Integrabilitätskriterium

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X

85 Integralungleichungen und Mittelwertsätze .

86 Nochmals das Integral f; f(t)dt mit variabler oberer Grenze

XI Tineigentliche und Riemann-Stieltjessche Integrale

XII

87 Integrale über unbeschränkte Intervalle

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88 Das Integralkriterium

 

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89 Integrale von unbeschränkten Funktionen

 

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90 Definition

und

einfache

Eigenschaften

des

 

j esschen Integrals

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91

Funktionen von beschränkter Variation

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92 Existenzsätze für RS-Integrale

 

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93

Mittelwertsätze für RS-Integrale

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Anwendungen

 

94

Das Wallissehe Produkt

 

0

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Riemann-Stielt-

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489

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493

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499

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502

 

504

Inhalt

11

95

Die Eulersche Summenformel

 

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96

Die Stirlingsche Formel

 

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97

Räuberische Prozesse. Die Differentialgleichung mit getrennten

Veränderlichen

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Fremdbestimmte Veränderungsprozesse. Die allgemeine lineare

Differentialgleichung erster Ordnung

 

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.

99

Erzwungene Schwingungen. Die inhomogene lineare Differen- tialgleichung zweiter Ordnung mit konstanten Koeffizienten

.

100

Numerische Integration

 

.

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101

Potentielle und kinetische Energie

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506

510

512

518

524

529

533

Vertauschung von Grenzübergängen. Gleichmäßige und monotone Konvergenz

102 Vorbemerkungen zum Vertauschungsproblem

103 Gleichmäßige Konvergenz .

104 Vertauschung von Grenzübergängen bei Folgen

105 Kriterien für gleichmäßige Konvergenz

106 Gleichstetigkeit. Der Satz von Arzela-Ascoli

107 Vertauschung von Grenzübergängen bei Netzen

108 Monotone Konvergenz

.

.

Lösungen ausgewählter Aufgaben . Literaturverzeichnis .

Symbolverzeichnis .

.

Namen- und Sachverzeichnis

.

.

537

542

550

555

561

568

577

583

629

630

631

Einleitung

In diesem Abschnitt möchte ich einige Bemerkungen machen , die dem Leser helfen sollen, sich in dem Buch zurechtzufinden und aus seiner Lektüre einen möglichst großen Gewinn zu ziehen.

Psychologische Vorbemerkungen Das Studium der Mathematik stellt gerade an den Anfänger Forderungen, die kaum eine andere Wissenschaft ihren Adepten zumutet, die aber so gebieterisch aus der Natur der Sache selbst entspringen, daß sie nicht preisgegeben werden können, ohne die Mathematik als Wissenschaft aufzugeben. Seit eh und je ist dem Menschen am wohlsten in einer Art geistigen Dämmerlichts, im Ungefähren und Unbestimmten, im Läßlichen und Warm- Konkreten; er will es gar nicht "so genau wissen"-und braucht es im täglichen Leben auch nicht. In seiner überpointierten Art hat Nietzsche einmal verkündet, der denkende Mensch sei ein kranker Affe. Auf diesem Hintergrund empfindet man all das zunächst als unnatürlich, unmenschlich und unvollziehbar, was die Mathematik erst zur Mathematik macht: die Helle und Schärfe der Begriffsbil- dung, die pedantische Sorgfalt im Umgang mit Definitionen (kein ·Wort darf man dazutun und keines wegnehmen - auch nicht und gerade nicht unbewußt), die Strenge der Beweise (die nur mit den Mitteln der Logik, nicht mit denen einer wie auch immer gereinigten und verfeinerten Anschauung zu führen sind- und schon gar nicht mit den drei traditionsreichsten " Beweis"-Mitteln: Uberredung, Einschüchterung und Bestechung), schließlich die abstrakte Natur der mathematischen Objekte, die man nicht sehen, hören, fühlen , schmecken oder riechen kann. Um die geistige Disziplin der Mathematik überhaupt erst akzep- tieren und dann auch praktizieren zu können und um sich in der dünnen Höhenluft der Abstraktion wohlzufühlen, bedarf es nichts Geringeres als eines Umbaus der geistigen Person; man muß, um einen Ausdruck des Apostels Paulus in seinem Brief an die Epheser zu borgen, den alten Menschen ablegen und einen neuen Menschen anziehen. Ein solcher Umbau, finde er nun im Wis- senschaftlichen oder im Religiösen statt, geht immer mit Erschütterun~n und Schmerzen einher. Gerade weil sie unvermeidbar sind, habe ich mich doppelt bemüht, sie zu mindern und zu mildern. Ich habe deshalb

1. bewußt einen sehr langsamen und behutsamen Einstieg gewählt, der den Leser

nur ganz allmählich an den Kern des deduktiven Verfahrens und die abstrakte

Natur der mathematischen Objekte heranführt,

••

Einleitung

13

und vielfältigen Motivationen inner- und außermathematischer Art ("Bruder Beispiel ist der beste Prediger"),

3. großen Wert auf AusführüchJceit und Faßlichkeit der Beweise gelegt,

durch

Eigentätigkeit zu befestigen und bin

5. immer wieder auf den Heerstraßen praktischer Anwendungen der Theorie

zurückgekehrt in die Welt konkreter Wirklichkeit, um den Leser ausruhen zu lassen und ihm Gelegenheit zu geben, die dort herrschende sauerstoffreichere Luft zu atmen. Auf eine letzte, eher technische Schwierigkeit möchte ich noch hinweisen, an der mancher sich anfänglich stößt: das ist der Gebrauch der abkürzenden Zeichen (Symbole) anstelle verbaler Formulierungen. "Ein auffälliger Zug aller Mathema- tik, der den Zugang zu ihr dem Laien so sehr erschwert, ist der reichliche Ge- brauch von Symbolen", bemerkte einmal der große Mathematiker Hermann Weyl (1885- 1955; 70). Dieser Symbolismus ist kein überflüssiges Glasperlenspiel, im Gegenteil: ohne ihn wäre die Mathematik nie zu dem riesigen Bau geworden, der

4. fast

jeden

Abschnitt

mit

Aufgaben

versehen,

das

Gelernte

um

sie jetzt ist Komplexe Zusammenhänge lassen sich rein verbal nicht mehr verständlich darstellen; jeder Versuch dazu erstickt in sich selbst. Als amüsanter Beleg hierfür diene folgende Passage, die ich dem überaus lesenswerten Buch von

M. Kline " Mathematics in Western Culture" entnehme (ich bringe sie in Englisch,

weil bei jeder Übersetzung das köstliche sprachliche Aroma verfliegen würde):

When a twelfth century youth fell in love he did not take three paces backward, gaze

into her eyes, and tell her she was too beautiful to live. He said he would step outside and see about it. And if, when he got out, he met a man and broke his head - the other man' s head, I mean - then that proved that his - the first fellow 's- girl was

a pretty girl. But if the other fellow broke bis head -

the other fellow's-the other fellow to the second fellow, that is, because of course the other fellow would only be the other fellow to him, not the first fellow who - well, if he broke his head, then his girl-not the other fellow 's, but the fellow who was the - Look here, if A broke B 's head, then A 's girl was a pretty girl; but if B broke

not his own, you know, but

A 's head,

then A 's girl wasn' t

a pretty girl, but B 's girl was.

So viele Hilfen ein Autor auch einbauen mag-von eigener Arbeit kann er den Leser nicht befreien (und darf es auch nicht). Auf die Frage, wie er auf sein Gravitationsgesetz gekommen sei, soll Newton geantwortet haben " diu noctuque incubando" (indem ich Tag und Nacht darüber gebrütet habe). Viel billiger kann man eine Wissenschaft nicht haben, selbst dann nicht, wenn man nur ihren fertigen Bau durchwandern soll. Der Leser wird gut daran tun, Papier und Bleistift immer griffbereit zu haben (und fleißig zu benutze n).

14

Einleitung

Ich habe oben von der getstJ.gen Disziplin gesprochen, die das Studium der Mathematik. verlangt und anerzieht. Aber diese facettenreiche Wissenschaft for- dert verquererweise noch eine ganz andersartige Fähigkeit heraus: die Fantasie. Man soll eben nicht nur richtig schließen, sondern sich auch vorgreifend vorstellen können, in welcher Richtung und mit welchen Mitteln geschlossen werden kann, man soll immer wieder durch "Einfälle" einen Sachverhalt so umformulieren und umgestalten, daß eine verfügbare Methode greifen kann (manchmal, um ein ganz dürftiges Beispiel zu ne nnen , indem man die Zahl a in das Produkt 1 · a oder in die Summe a + (b- b) verwandelt). Von dem berühmten deutschen Mathematiker Hilbert wird erzählt, er habe a uf die Frage, wie sich einer se iner e he ma ligen Schüler entwickelt habe, geantwortet: "Er ist Schriftsteller geworden, er hatte zu wenig Fantasie". Wer sich eingehender mit diesen Dingen, auch der Rolle des Unterbewußten in der Mathematik, beschäftigen möchte, der greife zu dem reizvollen Büchlein des großen französischen Mathematikers Hadamard "The psychology of invention in the ma thematical field " .

Verweistechnik Die 13 Kapitel dieses Buches werden mit römischen, die 108 Nummern (Abschnitte) mit arabische n Zahlen bezeichnet. Der Leser sollte nicht stutzig werden, wenn er einen Verweis auf das Kapitet'XVI oder die Nummer 172 sieht ; dieses Kapitel und diese Num mer be finden sich im zweiten Ba nd , der die Numerierung des ersten einfach fortsetzt. Natürlich sind solche Vorverweise nicht zum Verständnis des gerade behandelten Sachverhalts notwendig; sie solle n nur darauf aufmerksam machen, d aß gewisse Dinge später unter einem anderen Gesichtspunkt oder auch erstmalig untersucht werden solle n. Sätze und Hilfssätze werden in j edem einzelnen Abschn itt unterschiedslos durch- n umeriert und zur leichteren Auffindbarkeit mit e iner vorangestellten Doppel- zahl versehen (z.B. 25.1 Hilfssatz, 25.2 Satz): Die erste Zahl gibt die Numme r des Abschnitts, die zweite die Num mer des Satzes (Hilfssatzes) in diesem Absch nitt an. Bei Verweisen wird aus sprachlichen Gründen die Doppelzahl nachgestellt "

(z.B.: "wegen Hilfssatz 25.1

oder "aufgrund von Satz 25.2

").

Manche

Sätze haben e ine n "Na me n", z.B. " Mittelwertsatz" od er "Cauchysches Kon- verge nzkriteriu m". Solche Sätze sind ganz besonders wichtig. Sie werden gewöhnlich unter diesem Namen, ohne Nummernangabe, zitiert. SoiJte der Leser Müh e habe n, sieb a n e inen von ihn en z u erinne rn oder ih n aufzufinden, so kann er die Seite, a uf der er steht, im Sachverzeichnis nachschlagen.

Die Aufgaben stehen am Ende eines Abschnitts und werden in jedem einzelnen Abschnitt durchnumeriert (o hn e D oppe l.zabl , also ohne Abschnittsangabe). Wird in einem Abschnitt etwa auf die Aufgabe 5 verwiesen, so ist damit die Aufgabe 5 in ebendiesem Abschnitt gem e int. F ür Verweise auf Aufgaben in a nderen Abschnitten werden We ndu ngen benutzt wie "s. (=siehe) Aufgabe 2 in Nr. 95" oder kürzer: "s. A 95.2" (wobei also wie bei Sätzen die erste Zahl die Nummer des Abschnitts, die zweite die Nummer der Aufgabe in diesem Abschnitt angibt). Auf das Literaturverzeichnis wird durch den Namen des Autors und eine dahin- terstehende Zahl in eckigen Klammern verwiesen. Beispiel: " Dedekind [5]"

Einleitung

15

bedeutet e in We rk von Dede kind , das unter de r Nummer 5 im Literaturverzeic hni s zu finden ist.

Aufgaben Die zahlreichen Aufgaben bilden einen wesentli chen Bestandte il di eses

Buc hes. Mit ihrer Hilfe so ll s ic h de r

Leser die im Haupttext dargestellten Begriffe,

Sätze und Verfahren "einverseelcn" und so zu dem ge.langen, was. der Engländer treffe nd und unübersetzbar working knowledge nennt, arbeits- oder einsatzfähiges Wi ssen. Zu diesem aktiven Wi sse n kommt man in de r Tat nur, indem man mög lichs t viele Aufgaben löst. Niemand le rnt Klavie rspielen , indem er Kla":~erspielern nur zuhört und selbst keine Fingerübungen macht. Goethe sagt es so: " Uberhaupt le rnt niemand etwas durch bloßes Anhören, und wer s ich in gewissen Dingen ni c ht se lbs t tätig bemüht, weiß die Sachen nur oberflächlich und halb." Und Demokrit, der

" lac he nde Phil osoph " (460- 370 v. Chr.; 90), hat uns ne be n sein e r bahnbrec he nde n Atomth eori e auch noch den tröstli chen Satz hinte rlasse n "E s werden mehr Men- sche n durch Übung tüc htig als durc h ihre urs prün g li c he Anlage." Da abe r der Anfänger das Lösen von Aufgaben erst noch lernen muß, habe ich mit helfenden Hinweisen nicht gespart und zahlreichen ,,Beweisaufgaben" Musterlösungen beige- fügt. Aufgaben, de re n E rgeb ni s eine bes timmte Zahl oder Funktion is t 1 sind zur Se lbstko ntrolle des Lesers durchweg mit ei ne r Lösu ng ve rsehe n. Alle diese L ösun- gen s ind am Schluß des Buc hes z usamm e ngefaßt.

E inige Aufgaben werden im Fortgang des Haupttextes be nötigt; sie s ind mit eine m

Stern vor der Aufgabennummer markiert (z. B. *5). Mit ganz wenigen Ausnahmen, wo e in Lös un gshinwe is völlig ausreicht, s ind di ese Aufgaben alle mit L ösun ge n ve rsehe n. Di ej e nige n un ges te rnten Aufgaben , die besonders interessante Aussagen

e nthalte n, s ind mit e ine m Plu szeiche n vor der A ufg abennummer gekennzeichne t (z.B. +2).

Trennung in Methoden- und Anwendungsteile Darüber wurde schon im Vorw o rt gesproche n. E ini ge wenige Dinge, di e in de n Anwe ndun gste il e n be hande lt werden, ta uc he n in den Methode nte ile n w ieder auf; in solche n Fällen wird zu Beg inn des j eweil igen Anwend un gs kapite ls au sdrüc klic h auf s ie hin gew iesen.

Mathematische Schulkenntnisse

gescheut, zum Zwecke

von Motivationen, im Rahme n von Be ispi e le n und in d en Anwendun gs tei Jen von

e infa che n Tatsac he n über geo metri sc he Figuren, Winke lfu nkti onen, Wu rze ln us w., die de r Leser von de r Schule her kennt, Gebrauch zu machen. Wann imme r dies stattfind et , wird ausdrücklich darauf hin gew iese n und mitgeteilt, wo di ese Dinge in de m vorliegende n Buc h streng begründet werden. Solange sie nicht beg ründet, son-

de rn eben nur von de r Sc hul e he r ve rtraut s ind , ge hen wir mit ihne n, wi e man sagt ,

A naly s is ni c ht heran gezogen . Ic h habe mich j edoch nic ht

Sie werden für den methodischen Aufbau der

" nai v" oder "u nbefan ge n" um (a ber nur an den jeweil s angegebenen Stellen!).

16

Einleitung

Komplexe Zahlen Di eses Buch ist grundsätz lich e in

" reelle s Buch": Sein Haupt-

inhalt ist die Entfaltung dessen, was in den weni gen Axiomen üb e r ree lle Zahlen (endliche und une ndliche Dezimalbrüche) verborgen liegt. Aus zwei Gründen

wurden jedoch die sogenannten komplexen Zahlen, die mancher Leser schon von

der Schul e her ke nn e n wird , in gew issermaßen un auffä lliger W e ise ei ngeb aut: 1. We il s ie für die Anwe ndun gen in Physik und T echnik schl echte rdin gs un e nt-

behrlich si nd und früh ze itig benötigt we rde n; 2. weil viele

erst .,vom Komplexen her" verständlich oder jedenfalls leichter verständlich werden. Die P rozedur is t wi.e folgt: Die komplexen Zahle n und ihre grundlegen- den Ei ge nsch aften we rd e n ausführlich in Form vo n Aufgaben erörtert. Dabei zeigt sich. daß ihr zunächst wichtigster, ja einziger Unterschied zu den reellen Zahlen darin besteht, daß s ie ni c ht "a ngeordne t" we rd e n können (man kann von e in e r ko mpl e xe n Zahl nic ht sagen, sie se i kleiner ode r größer als e in e a ndere komp lexe Za hl ). Di ese Tat sache hat z ur Folge, d aß fas t a lle von Anordnungs- e ige nsc h aften un ah häng igen Sätze der " reell e n Analysis" mitsamt ihren B e- weisen unv e r ändert auch " im Kompl exen" gelten, d.h. , a uch dann noch gelten, wenn di e a uftrete nd e n reellen Größe n durch komplexe ersetzt werden. Solche Sätze, die man auch .,komplex" lesen kann, sind durch eine n vorgesetzten kleine n Kre is markiert (B e isp ie l: 0 6 3.1 Ko nve rgenzsatz für Po tenzre ih e n) . Sollte ihr " komplexer" B e we is doch e in e kleine M odifikati o n d es vorgetragenen " r ee ll en" Beweises erfordern, so wird dies in den Aufgaben des betreffende n Abschnitts nachgetragen. Eine mit o versehene Aufgabe ist nur für de nje nige n Leser bestimmt, der den " Unterkurs" über komplexe Zahlen mitverfOlgen möchte. Einige Abschnitte (z.B. die Nummern 68 und 69) se tzen die Kenntnis dieses Unterk urses vora us; wann immer dies der Fa ll ist , wird a usd rückli ch darauf hin ge wiese n. D e r weit üb e rwi ege nd e Teil d es Buc hes kann ausschli eßl ieb "ree ll" gelesen werden; der Student braucht den komplexen Unterkurs zunächst nicht mitz umache n und ka nn ihn ohne Orie ntierungsschwie rigke it bei Bedarf nachholen.

" reell e Tatbestä nde"

Schlußbemerkungen I. Bei den Lebens daten habe ic h (hinter e in em Semikolon) immer das Lebensalter a ngegeben (genauer: die Differenz zwischen Todes- und Geburtsja hr) . Bei s pi e l: Leonhard Eu ler ( 1707 - 17 83; 76). Näh e res üb er die Ent - faltung der Analysis und über das Leben ihrer wichtigsten Protagonisten findet der Leser im Sch lußkapitel " Ein hi storisch er tour d'horizon" d es zwe ite n Ba n- des. - 2. Das End e eines Beweises wird gewö hnli ch durch • mark iert. - 3. Ein programmierbarer Taschenrechner ist heute nicht mehr unerschwinglich. Mit se in e r Hilfe zu ,,sehen ", wie rasc h oder wie la ngsam die G li eder ein er konver- gente n Fol ge s ic h ihrem Grenzwe rt nähern , wie ei ne Iterationsfolge " zum Ste- hen" kommt, is t ei n E rl ebnis, das sehr rasch e in "Gefühl" für Gre nz proze sse ver- mittelt.

I Mengen und Zahlen

Die Zahl, des Geistes höchste Kraft

Aischylos

Zehn mal zehn ist hundert; Folgen unabsehbar.

Thom ton Wilder

1 Mengen nnd ihre Verknüpfungen

Wir müssen es als eine grundlegende Fähigkeit des menschlichen Geistes ansehen, gegebene Objekte gedanklich zu einem Ganzen zusammenfassen zu können. So fassen wir z.B. die Einwohner Hamburgs zu e ine m Ganzen zusammen, das wir die Bevölkerung Hamburgs ne nne n ; die unter de utscher Flagge fahrend~!l Ha n-

d e lsschiffe fassen wir zu der ~~utscben Hande lsflo tte z usammen , die Apfel in einem Korb zu e ine m " Korb Apfel" usw. Ein solches Ganzes nenne n wir eine M enge; die zu einer Me nge zusam mengefaßte n Objekte bilden die Elemente dieser Menge. Um auszudrücke n, daß a ein Element d er Me nge M ist, benutzen wir die Beze ichnung a e M und sagen auch , a gehö re zu M oder liege in M oder auch M enthalte a. Dagegen bedeutet art. M, daß a kein Element von Mist (nicht

z.u , M gehört, nicht in M liegt). Wollen wir mitte ilen, d aß a und b in M liegen, so schreibe n wir kurz a, b e M (statt "a e M und b e M "). Eine Me nge seh e n wir a ls definiert o der gegeben an , wenn wir wissen, aus we lche n Elementen sie besteht ; dementsprechend nennen wir zwei Mengen M und N g leich und schre ibe n

M = N , we nn sie genau dieselbe n E lemente enthalten. Gibt es jedoch in einer

dieser Mengen ein Element, das nicht zu der anderen gehört, so werde n die beide n Me ngen ungl eic h o der versc hi e d en gena nnt , in Zeichen M =/= N. Schl ießlich verabreden wir noch, daß nur solche Objekte zu einer Me nge M zusammengefaßt werden, die unter sich verschieden sind, daß also kein Element von M mehrfach in M auftritt.

von Dingen, die nicht notwendigerwe ise alle verschiede n sind ,

nennen wir nicht Menge, sondern System , be nutze n jedoch wie bei Menge n die Schreibweise a e S um auszudrücken, daß a zu dem System S gehört. Eine Menge kön nen wir auf zwe i Arten festlege n: Wir schreiben ihre Elemente auf ("aufzählende Schreibweise") oder geben, wenn dies unbequem oder unmöglich ist, eine ihre E leme nte definierende E igenschaft an. Die " Zusammen- fass ung" der Elemente deuten wir dadurch an , daß wir sie zwischen geschwe ifte KJammern ("Mengenklammern") setzen. Einige Beispiele machen diese Schreib- wei se am raschesten kla r : {1, 2 , 3 , 4} ist d ie Menge , die aus den Zahle n 1, 2 , 3 und 4 besteht; sie stimmt mit der M enge {4 , 3 , 2, 1} überein (beide Mengen

Eine Gesamtheit

e nthalte n genau dieselben E le me nte, nur in verschiedener Re ihenfolge); die Menge {2, 4, 6 , 8, 10} kann auch beschrieben werden als die Menge der geraden

18

I Mengen und Zahlen

Zahlen zwischen 1 und 11, in Zeichen: {2, 4, 6, 8, 10} = {x: x ist eine gerade Zahl zwische n 1 und 11}. Ganz en tsprechend ist {a: a 2 = 1} die Menge aller Zahlen a, deren Quadrat = 1 ist; sie stimmt mit der Menge {1, -1} überein. Die aufzählende Schreibweise ben utzen wir häufig in einer leicht modifizierten Form: {1, 3, 5,

} ist die Menge aller ungeraden positiven Zahlen; die drei Punkte stehen für

" und so weiter" und dürfen selbstverständlich nur gebraucht werden, wenn eindeutig feststeht, wie es weitergehen soll. Die Menge aller Primzahle n wird man

} angeben; völlig

unmißverständlich läßt sie sich jedoch in der Gestalt {p : p ist Primzahl} schr eiben.

Die Umgangssprache benutzt das Wort " Menge" üblicherweise, um eine An- sammlung zahlreicher Gegenstände zu bezeichnen ("im Saal befand sich eine Menge Menschen" = im Saal befanden sich vie le Menschen). Der mathe matische Mengenbegriff ist jedoch von solchen unbestimmten Größenvorstellungen völlig fre i: Auch ein e Menge {a}, die nur ein Element a enthält, ist eine Menge, ja es ist sogar nützlich, eine Menge einzufü hren, d ie kein einziges E lement besitzt. Diese Menge nennen wir die leere Menge und bezeichnen sie mit 0. Stellt man sich eine Menge als einen Kasten vor, der die Mengenelemente enthält, so entspricht der leeren Menge ein leerer Kasten. Für einige häufig auftretende Mengen hat man feststehende Bezeichnungen ei ngefü hrt, d ie wir nun angeben wo llen. Dabe i benutzen wir das Zeichen:= (lies:

"soll sein", " bedeutet" oder " d efinitionsgemäß gleich"), um anzudeuten, daß ein Symbol oder ein Ausdruck erklärt werden soll. Auch das Zeichen=: wird verwen- det ; verabredungsgemäß steht der D oppelpunkt bei dem zu definierenden Symbol (Beispiele: M: = {l, 2, 3}, {1, 2, 3}=:M). Es folgen nun die angekündigten Stan- dardbezeichnungen:

7,

also nicht ohne nähere Erläuteru ng in der Fo rm {2, 3, 5, 7,

N

N 0

:-

:-

{1, 2, 3,

{0, 1,2,3 ,

} (Menge der natürlichen Zahlen),

},

Z

:-

{0, 1, - 1, 2, - 2,

}

(Menge der ga n ze n Zahle n ),

Q

: =

Menge der rationa len Zahle n , also der Brüche mit ganzzahligen Zählern und Nennern (wobei die Nenner =fO sein müssen, da die Division durch 0 nicht möglich ist),

R :-

Menge der ree ll en Z a hl en, a lso der (end lichen und u nendlichen)

Dezimalbrüche.

Offenbar ist N ein " Teil" von Z in de m Sinne, daß jedes Ele ment von N auch e in E lement von Z ist. Allgemein nennen wir eine Menge M eine Teil- oder Untermenge der MengeN, in Zeichen McN, wenn jedes E lement von M auch zu N gehört. N heißt dann eine Ob e rmeng e von M ; dafür schreiben wir N::J M. Wir sagen auch, M sei in N enthalten und N enthalte oder umfasse M. M wird e ine ec ht e Teilmenge von N gena nnt, wenn McN und gleichzeitig M=fN ist.

M

ist (daß also mindestens ein

E lement von M nicht in N liegt). Offenbar ist N c Z, Zc Q und Q c R. Diese drei "Mengeninklusion en" fasse n wir kurz in die " lnklusionskette" Nc Zc Q c R zusammen.

r:j:. N

bedeutet, daß M

keine T e il menge von N

1 Mengen und ihre Verknüpfungen

19

eine Teilmenge von sich selbst:

M c: M. Die leere Menge wollen wir als Teilmenge jeder Menge betrachten. Die

Mengengleichheit M = N bedeutet offenbar, daß die beiden Inklusionen M c: N

und N c: M

also zeigen, daß aus x E M stets x E N und umgekehrt aus x E N auch immer x E M folgt.

In den folgenden Abbildungen sind die Mengen M, N Bereiche der Ebene, die durch ihre umschließenden Kurven angedeutet werden.

Gemäß

unserer Definition ist jede Menge M

bestehen. H at man eine solche Gleichung zu beweisen, so muß man

Fig.

1.1

MCN

Schüttet man- was natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist - die Elemente von M

eine neue M e nge, die Vereinigung

MU N von M mit N. Genauer: MU N ist die Menge aller Elemente, die zu M

o der zu N gehören (die a lso in mindestens einer der Mengen M, N liegen).

Beispiel: {1, 2 , 3} U {2, 3, 4 , 5} = {1, 2 , 3, 4, 5}; die Zahlen 2 und 3, die sowoh l in

d er ersten als auch in der zweiten Menge liegen, treten in der Vereinigung jeweils nur einmal auf, weil verabredungsgemäß die Elemente e iner Menge unter sich verschiede n sein solle n. Man beachte, d aß die Konj unktion " oder" in der Mathematik nicht in dem ausschließenden Sinne des "entweder- oder", sondern im Sinne des neudeutschen " und/oder" gebraucht wird.- Der Dur c hsc hnitt Mn N ist, grob gesprochen, der den beiden Mengen M, N gemeinsame Teil, genauer: Mn N ist die Menge aller Eleme nte, die sowohl in M als a uch in

N liegen. B eispiel : {1, 2, 3} n {2, 3, 4 , 5} = {2, 3}. Die Mengen M , N sind

und N alle in einen Topf U, so e rh ält man

di sj unkt (fremd , "schneiden sich nicht"), wenn sie keine gemeinsamen Elemente besitzen, wenn also Mn N = 0 ist. In Fig. 1.2 bedeuten die schattier- ten Bereiche Vereinigung bzw. Durchschnitt der Mengen M, N.

MvN

Fig.

t .2

MnN

M\N

Fig. 1.3

20

I Mengen und Zahlen

Die Differenz M\N (lies: "Mohne N") ist die Menge aller Elemente von M , die nicht zu N gehören; in Fig. 1.3 ist dies der schattierte Bereich. Ist N eine Teilmenge von M, so nennt man M\N gerne das Komplement von N in M, wohl auch einfach das Komplement von N, wenn die Menge M von vornherein festliegt, also nicht ausdrücklich erwähnt werden muß. Vereinigung und Durchschnitt können wir nicht nur für zwei, sondern für beliebig viele Mengen bilden , genauer: Ist @5 ein nichtleeres (endliches oder unendliche s) System von Mengen, so besteht die Vereinigung

UM

M«6

aus allen Elementen, die in mindestens einem M e@5 liegen (man erhält die Vereinigung also wieder, indem man alle Elemente aller M e@5 in einen Topf- den Vereinigungstopf U - schüttet 1 >). Die Vereinigung der endlich vielen

Mengen Mt. M 2 ,

bezeich-

• , Mn bzw. der unendlich vielen Mengen Ml> M 2 ,

nen wir auch mit den Symbolen

M 1 U M 2 U · · · U Mn 1 U M 2 U · · · U Mn

bzw.

U Mk,

k -

1

M 1 U M 2 U · · · U Mn bzw. U Mk, k -

Der Durchschnitt

nM

Me6

der Mengen aus @5 besteht au~ denjenigen Elementen , die in jedem M e@5 liegen.

Für

den Durchschnitt der endlich

vielen

Mengen

M 1 ,

M 2 ,

, Mn

bzw.

der

unendlich vielen Mengen MI> M 2 , .•. benutzen wir auch die Bezeichnungen

M 2 , .•. benutzen wir auch die Bezeichnungen M 1 nM 2 n· · ·n

M 1 nM 2 n· · ·n M"

bzw.

CO

n M",

k=l

M 1 nM 2 n· · ·n M" bzw. CO n M", k=l 00 Mit M"

00

Mit M" : ={1, 2,

Sind alle Mengen M e@5 Teilmengen einer festen "Universalmenge" U und bezeichnen wir das Komplement U\N einer Teilmenge N von U der Kürze halber mit N', so gelten die folgenden nach Augustus de Morgan (1806-1871; 65) benannten Morganschen Komplementierungsregeln:

, k} ist z.B. UM" =N und n M" ={1}.

k=l

k-

1

(

U

M e6

M)' =

n M'

Me6

und

( n M)' =

Me6

U M',

M e6

(1.1)

1 > Dab ei darf e in Element a, das gleichzeitig in mehreren Mengen des Systems @5 vor- kommt, nur einmal in den Vereinigungstopf gelegt werden ; denn die Vereinigung soll ja eine Menge sein, und verabredungsgemäß sind die Elemente einer Menge alle unter sich verschieden.

1 Mengen und ihre Verknüpfungen

21

in Worten:

Das Komplement der Vereinigung ist gleich dem Durchschnitt der

Komplemente, und das Komplement des Durchschnitts ist gleich der Vereinigung der Komplemente 1 >.

Wir beweisen nur die erste Regel, führen aber zunächst noch eine nützliche

Schreibweise ein. Bezeichnen wir die Aussage x e (M~M)' mit A und die

Aussage XE n M ' mit B, so müssen wir zeigen: aus A folgt B und aus B folgt

M

E~

umgekehrt auch A. Einen Schluß der Art "aus A folgt B" stellen wir nun kurz in der FormA-B dar, und die beiden Schlüsse A - B, B ~ Awerden abgekürzt als Doppelschluß A <=> B geschrieben. Mit diese n logischen Pfeilen können wir nun den Beweis der ersten Morganschen Regel sehr einfach aufschreiben (der Kürze wegen lassen wir die- nunmehr selbstverständliche- Angabe " M e @5" unter den Zeichen U und n weg):

x e (UM)'- (x e U

für alle Me ®)-xe M ' für alle M e@5-xe nM'.

und

xrj. UM)- (x e U

und

xrj. M

Nun kann man diese Schlußkette ohne weiteres auch in umgekehrter Richtung durchlaufen (man kann die Schlüsse " umkehren"):

XE nM'-xeM'

für aJle

für alle

M e @5) =* (x Ei V

Me@'i

(xe

u

und

xrj.M

und

xrj. UM)- x e (U M)'.

Damit ist also die erste Morgansche Regel vollständig bewiesen. Den Beweis der zweiten dürfen wir dem Leser überlassen.

• Wir fügen noch einige Bemerkungen an. Statt die obige Schlußkette zuerst in der einen und dann in der anderen Richtung zu durchlaufen, hätten wir uns bei jedem Teilschluß vergewissern können, daß man ihn umkehren, daß man also den einfachen Pfeil durch einen Doppelpfeil ersetzen darf. Der vollständige Beweis

tl Eine krude Vorform der zweiten Morganschen Regel findet man in sehr konkreter Gestalt im dritten Buch Mose (Levitikus), Kap. 11, Vers 1 bis 8: " Der Herr sprach zu Mose und Aaron: Sagt den Israeliten: Das sind die Tiere, die ihr von allem Vieh auf der Erde essen dürft: Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen. Jedoch dürft ihr von den Tieren, die wiederkäuen oder gespaltene Klauen haben, folgende nicht essen: Ihr sollt für unrein halten das Kamel, weiJ es zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr soiJt für unrein halten den Klippdachs, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halte n den Hasen, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten das Wildschwein, weil es zwar gespaltene Klauen hat und Paarzeher ist, aber nicht wiederkäut. Ihr dürft von ihrem Fleisch nicht essen und ihr Aas nicht berühren; ihr sollt sie für unrein halten".

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I Mengen und Zahlen

hätte dann äußerlich die kürzere Form angenommen:

xE(UM)'-(xEV

und

für alle

M E€5)-x E M'

xrJ.UM)-(xEV

und

xrj.M

für alle M E€5-xE