Sie sind auf Seite 1von 425

Christian Demandt / Philipp Theisohn (Hg.

Storm
Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
Christian Demandt / Philipp Theisohn (Hg.)

Storm-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung

J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Christian Demandt leitet das Theodor-Storm-Zentrum
in Husum.
Philipp Theisohn ist Professor für Neuere deutsche Literatur
am Deutschen Seminar der Universität Zürich.

Bibliografische Information
der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar. J. B. Metzler ist Teil von Springer Nature. Die eingetragene
Gesellschaft ist Springer-Verlag GmbH Deutschland
ISBN 978-3-476-02623-1 www.metzlerverlag.de
ISBN 978-3-476-05447-0 (eBook) info@metzlerverlag.de

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist Einbandgestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart
urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb (Foto: picture alliance)
der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist Satz: Claudia Wild, Konstanz in Kooperation
ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. mit primustype Hurler GmbH, Notzingen
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Über
setzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung J. B. Metzler, Stuttgart
und Verarbeitung in elektronischen Systemen. © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
Inhalt

Vorwort XII 16.4 »Über die Heide« 70


16.5 »Frauen-Ritornelle« 71
17 Liebeslyrik Ulrich Kittstein 74
I Leben 17.1 »Lockenköpfchen« 75
17.2 »Schließe mir die Augen beide« 76
1 Herkunft Jochen Missfeldt 2 17.3 »Hyazinthen« 76
2 Schulzeit in Lübeck, Studium in Kiel und Berlin 17.4 »Lied des Harfenmädchens« 78
Walter Arnold 4 17.5 »Ein Buch der roten Rose« 78
3 Anwalt in Husum, junge Ehe und erste Erfolge 17.6 »Die Nachtigall« 79
als Dichter Jochen Missfeldt 6 18 Politische Lyrik Dieter Lohmeier 81
4 Im Exil in Potsdam und in Heiligenstadt 19 Weltanschauliche Lyrik Anne Petersen 84
Regina Fasold 8 19.1 »An deines Kreuzes Stamm« 84
5 Wieder in Husum: Tod Constanzes, 19.2 »Tiefe Schatten« 85
zweite Ehe und Hauptschaffenszeit 19.3 »Geh nicht hinein« 87
Christian Demandt 10
6 Lebensausklang in Hademarschen B Märchen
Hartmut Schalke 13 20 Storms Konzeption des Märchens im literatur-
geschichtlichen Kontext Klaus Müller-Wille 89
21 »Hans Bär«/«Der kleine Häwelmann«
II Einflüsse und Kontexte (verf. 1837/1849) Heinrich Detering 92
21.1 »Hans Bär« 92
7 Storms Bibliothek Elke Jacobsen 18 21.2 »Der kleine Häwelmann. Ein Kinder-
8 Storm und das literarische Berlin märchen« 94
Debora Helmer 21 22 »Stein und Rose« (1850)/ »Hinzelmeier«
9 Storm als Jurist Heiner Mückenberger 28 (1855) Marie Drath 97
10 Storms Politik Heinrich Detering 33 23 »Bulemanns Haus« (1864) Tatjana Jesch 101
11 Storm und die Musik Boris Previsic 39 24 »Die Regentrude« (1864) Maren Conrad 104
12 Storms Publikationspraxis Gerd Eversberg 46 25 »Der Spiegel des Cyprianus« (1864)
13 Storm als Journalist Dieter Lohmeier 50 Dagmar Paulus 108

C Sagen und Spuk


III Werk 26 »Neues Gespensterbuch« (1843–48)
Karl Ernst Laage 112
A Gedichte 27 »Am Kamin« (1862) Philipp Theisohn 115
14 Zum lyrischen Grundverständnis Storms
Anne Petersen 54 D Novellen
15 »Knecht Ruprecht« Heinrich Detering 59 28 Storms Verständnis des Genres Novelle:
16 Naturlyrik Irmgard Roebling 61 Novellenpoetik als Medienpoetik
16.1 »Oktoberlied« 62 Claudia Stockinger 118
16.2 »Abseits« 64 29 »Marthe und ihre Uhr« (1848)
16.3 »Die Stadt« und »Meeresstrand« 66 Dagmar Paulus 127
VI Inhalt

30 »Im Saal« (1848) Thomas Küpper 129 65 »Hans und Heinz Kirch« (1882)
31 »Immensee« (1849) Regina Fasold 131 Christoph Deupmann 226
32 »Posthuma« (1851) Mareike Timm 137 66 »Schweigen« (1883) Christoph Deupmann 228
33 »Im Sonnenschein« (1854) Malte Denkert 140 67 »Zur Chronik von Grieshuus« (1884)
34 »Ein grünes Blatt« (1854) Malte Stein 142 Alexander Kling 230
35 »Angelica« (1855) Christoph Gardian 144 68 »Es waren zwei Königskinder« (1884)
36 »Wenn die Äpfel reif sind« (1856) Mareike Giesen 233
Christoph Gardian 146 69 »John Riew’« (1885) Eckart Pastor 235
37 »Auf dem Staatshof« (1859) 70 »Ein Fest auf Haderslevhuus« (1885)
Christian Demandt 148 Dagmar Wahl 237
38 »Späte Rosen« (1860) Philipp Böttcher 152 71 »Ein Doppelgänger« (1886) Gideon Haut 240
39 »Drüben am Markt« (1861) 72 »Bötjer Basch« (1886) Ariane Totzke 244
Christoph Steier 155 73 »Ein Bekenntnis« (1887)
40 »Veronica« (1861) Heinrich Detering 157 Christian Begemann 246
41 »Im Schloß« (1862) Heinrich Detering 159 74 »Der Schimmelreiter«
42 »Auf der Universität« (1863) Malte Stein 162 Andreas Blödorn / Marianne Wünsch 250
43 »Abseits« (1863) Christoph Steier 165
44 »Unter dem Tannenbaum« (1862/1865) E Weitere Prosaarbeiten
Christoph Steier 167 75 »Celeste« (publ. 1988) Christian Neumann 260
45 »Von Jenseit des Meeres« (1865) 76 Aus dem »Volksbuch« (1844–51)
Mareike Giesen 169 Gerd Eversberg 263
46 »Eine Malerarbeit« (1867) Malte Denkert 171 77 »Zerstreute Kapitel« (1870/71)
47 »In St. Jürgen« (1868) Christian Neumann 173 Philipp Theisohn 265
48 »Eine Halligfahrt« (1871) Dagmar Paulus 175 78 »Geschichten aus der Tonne« (1845)
49 »Draußen im Heidedorf« (1872) Philipp Theisohn 270
Christoph Deupmann 177 79 Fragmente Ole Petras 272
50 »Pole Poppenspäler« (1874) 79.1 »Beroliniana« (1838) 272
Claudia Nitschke 179 79.2 »Im Korn« (1862) 272
51 »Waldwinkel« (1874) Valérie Leyh 182 79.3 »Marie von Lützow« (1884) 272
52 »Beim Vetter Christian« (1874) 79.4 »Florentiner Novelle« (1884) 273
Philipp Hubmann 185 79.5 »Sylter Novelle« (1887) 274
53 »Viola tricolor« (1874) Julia Hunger 188 79.6 »Die Armesünder-Glocke« (1888) 275
54 »Ein stiller Musikant« (1875)
Mareike Timm 193 F Autobiographisches und Tagebuch
55 »Psyche« (1875) Philipp Hubmann 196 80 Zur Konsistenz der autobiographischen
56 »Im Nachbarhause links« (1875) Schriften Jörg Pottbeckers 278
Malte Denkert 199 81 Autobiographisches Jörg Pottbeckers 281
57 »Aquis submersus« (1876) 81.1 »Aus der Jugendzeit« 281
Katharina Grätz 201 81.2 »Aus der Familie Mummy« 282
58 »Renate« (1878) Jean Lefebvre 206 81.3 »Ferdinand Röse« 283
59 »Carsten Curator« (1878) 81.4 »Meine Erinnerungen an Eduard
Philipp Theisohn 209 Mörike« 283
60 »Im Brauer-Hause« (1879) Valérie Leyh 213 81.5 »Entwürfe einer Tischrede zum siebzigsten
61 »Eekenhof« (1879) Valérie Leyh 215 Geburtstag« 284
62 »Zur ›Wald- und Wasserfreude‹« (1879) 82 Tagebuchaufzeichnungen Dieter Lohmeier 286
Mareike Giesen 218
63 »Die Söhne des Senators (1880)« G Das Briefwerk
Jens Ole Schneider 220 83 Storm als Briefschreiber Jörg Schuster 287
64 »Der Herr Etatsrat« (1881) 84 Der Briefwechsel Storm – Constanze Esmarch
Louis Gerrekens 223 (verh. Storm) Regina Fasold 290
Inhalt VII

85 Der Briefwechsel Storm – Theodor 93 Storms Medien Elisabeth Strowick 345


Fontane Gabriele Radecke 297 94 Krankheit Yahya Elsaghe 354
86 Der Briefwechsel Storm – Gottfried 95 Storms Dinge Andrea Bartl 363
Keller Katharina Grätz 302 96 Storms Rechtspoetik Hania Siebenpfeiffer 367
87 Der Briefwechsel Storm – Paul Heyse
Christoph Grube 307
88 Der Briefwechsel Storm – Eduard Mörike V Rezeption
Gerd Eversberg 310
89 Der Briefwechsel Storm – Klaus Groth 97 Zur posthumen Auseinandersetzung mit Storms
Robert Langhanke 312 Leben und Werk Philipp Theisohn 372
98 Storm-Adaptionen im Film
Hans Krah / Martin Nies 383
IV Diskurse

90 Storms poetisches Selbstverständnis und der VI Anhang


Realismus Christiane Arndt / Tove Holmes 316
90.1 Novelle 317 Zeittafel 394
90.2 Lyrik 322 Siglen 396
91 Figurenkonstellationen I: Familie und Autorinnen und Autoren 397
Vererbung Maximilian Bergengruen 325 Werkregister 399
92 Figurenkonstellationen II: Storms Poetik Personenregister 403
der Geschlechter Stefani Kugler 335 Sachregister 407
Vorwort

Das vorliegende Handbuch, bei dessen Erscheinen führlichen Analyse der Einzeltexte geht eine kompakte
sich Theodor Storms Geburtstag zum zweihundert- Darstellung von Storms Leben und eine Aufarbeitung
sten Mal jährt, versteht sich als Dokument eines nie der ihn begleitenden zeitgenössischen Kontexte vo-
versiegten und in jüngerer Zeit deutlich erstarkten In- raus. Abgeschlossen wird der Band durch eine exem-
teresses an seinem Werk. Wurde die Auseinanderset- plarische Vorstellung jener Diskurse, die die wissen-
zung mit Storm lange Zeit primär durch den ›kano- schaftliche Auseinandersetzung mit Storm maßgeb-
nisierten‹ Schimmelreiter bestimmt, so hat die Litera- lich geprägt haben, sowie durch ein der posthumen
turwissenschaft der vergangenen Jahrzehnte einer- Rezeption Storms gewidmetes Kapitel. Hingewiesen
seits bisher kaum erforschte Texte Storms erschlossen, sei zudem auf das ausführliche Sachregister im An-
andererseits dabei auch diskursive Aspekte heraus- hang, das den gezielten Zugriff auf bestimmte Themen
gearbeitet, die das komplexe Oeuvre dieses wohl Dun- und Motive ermöglicht und mit dessen Hilfe sich
kelsten aller Realisten in einem neuen Licht erschei- durchaus aussagekräftige Verbindungen zwischen den
nen ließen. An Storm erprobten sich nach und nach verschiedenen Werkteilen herstellen lassen.
die Psychoanalyse, der Poststrukturalismus, die Gen- Zu danken ist an dieser Stelle zunächst natürlich
der Studies, die Medientheorie, die Kulturwissen- den zahlreichen Beiträgerinnen und Beiträgern, die
schaft und die Wissensgeschichte – und stets handelte sich nicht nur dem straffen Zeitplan, sondern auch der
es sich dabei um Unternehmungen, in die die Germa- Grundkonzeption dieses Bandes gefügt haben – im
nistik als eine internationale Disziplin involviert war. Wissen, dass Handbuchartikel selten Lorbeeren ver-
Ließ sich Storms Stigmatisierung zum ›Heimatdich- dienen und doch zugleich eine eminente wissenschaft-
ter‹ schon in den 70er Jahren nicht mehr aufrecht- liche Bedeutung besitzen. Für Geduld – gerade in der
erhalten, so hat sie ihre glaubwürdigste Widerlegung Endphase des Projekts – und gute Ratschläge danken
durch eine Storm-Forschung erfahren, die heute in wir unserem Lektor Oliver Schütze beim Metzler-Ver-
England, Japan oder den USA ebenso selbstverständ- lag. Maßgebliche und unentbehrliche Arbeit bei der
lich zuhause ist wie in Deutschland oder der Schweiz. Schlussredaktion, der Formatierung und Korrektur
Die produktive Energie der verschiedenen Perspek- der Beiträge leistete Philipp Auchter in Zürich, wäh-
tiven und Methoden zu bündeln und sie all denen ver- rend uns im Husumer Storm-Zentrum Elke Jacobsen
fügbar zu machen, die sich zukünftig um Storm bemü- immer wieder mit Recherchen und Sachauskünften
hen, ist demnach das Hauptanliegen dieses Buches. Im zur Seite stand. Und wenn auch etwas daran sein mag,
Bestreben, die Heterogenität der Forschungsansätze dass man »grimmig in sich« wird, »wenn man’s nicht
ganz bewusst aufrechtzuerhalten, bietet es erstmals – an einem ordentlichen Stück Arbeit auslassen kann«,
mit den kleinstmöglichen Ausnahmen – eine systema- so blicken wir nun doch erleichtert und mit Dank auf
tische Darstellung des Stormschen Gesamtwerks, das das Geleistete zurück – und hoffen, dass dieses Hand-
neben den Großabteilungen der Lyrik und Novellistik buch die Lektüre und kritische Diskussion von Storms
auch die Märchen, die kleineren Erzählungen und Werk befeuert, vertieft und vorantreibt.
Fragmente sowie das Briefwerk umfasst (welches aus
Platzgründen auf den Brautbriefwechsel sowie die Husum/Zürich, im März 2017
Schriftstellerkorrespondenz begrenzt wurde). Der aus- Christian Demandt und Philipp Theisohn
I Leben
1 Herkunft Deutsch gesinnt waren, begann Deutschland für sie
erst südlich der Elbe.
Am 14. September 1817 wird Storm in Husum gebo- Nachdem Storms Großvater Simon Woldsen ge-
ren und am 5. November auf den Namen Hans Theo- storben war, zog Johann Casimir mit seiner Familie im
dor Woldsen Storm getauft. Nach alter Familientradi- Sommer 1821 in das großelterliche Haus Hohle Gasse
tion trug bei den Storms der Erstgeborene den Namen 3. Für den jungen Storm wird es zum zentralen Ort sei-
Hans. Der Familienname Woldsen wurde hinzuge- ner Kindheit. Sein Vater richtet im Haus seine An-
fügt, weil der männliche Zweig der Woldsen-Linie, ei- waltskanzlei ein und avanciert dort zu einem angese-
ner angesehenen Kaufmannsfamilie, der Storms Mut- henen und erfolgreichen Advokaten, der sich beson-
ter Lucie entstammte, ausgestorben war. ders bei Landverpachtung und Grundstücksangele-
Storm berichtet in seinen Erinnerungen Aus der genheiten engagiert. Kaum eine Ausgabe des Königlich
Jugendzeit (1888): »Der Bedeutendste dieses Ge- Privilegierten Wochenblatts, das in Husum alle acht Ta-
schlechts war mein Urgroßvater mütterlicherseits, Se- ge herauskam, erscheint ohne eine Anzeige für »Land-
nator Friedrich Woldsen in Husum [...]; der letzte verhäuerung« mit der Unterschrift »Storm Koog-
große Kaufherr, den die Stadt gehabt hat« (LL 4, 416). schreiber«.
Dessen Sohn Simon Woldsen heiratete Magdalena Storm beschreibt das Familienleben in der Hohlen
Feddersen und hatte mit ihr drei Töchter: Magdalene, Gasse aus der Distanz von 45 Jahren in einem Brief an
die den Fabrikanten Nicolaus Stuhr in Friedrichstadt seinen Sohn Karl so: »Großvater und der alte Clausen
heiratete, Elsabe, Storms spätere Schwiegermutter, in ihren Comptoiren, drei Mägde in Küch’ und Keller
sowie Storms Mutter Lucie, »die anmutigste von ih- und Kinderstube, auf dem Hof oder im Stall der Kut-
nen, mit ihrem braunen Haar und dunkelgrauen Au- scher mit zwei fetten Rappen, im Hause Großmutter
gen« (419). und Mutter wirtschaftend; wir Kinder, Schwestern –
Storms familiäre Wurzeln väterlicherseits liegen in wo sind sie geblieben? – und Brüder, überall auf Trep-
Westermühlen, in der Nähe von Rendsburg. Dort pen und in Stuben, in Garten und Hof, in den Bäu-
stand die von der Familie in Erbpacht bewirtschaftete men, mitunter auch auf den Dächern« (GB 2, 189).
Wassermühle. Jeweils der älteste Sohn übernahm den Hier, in Haus und Hof, in den leer stehenden Fa-
Betrieb. Johann Casimir kam als vierter Sohn für den brikgebäuden und im Garten, kann der junge Theo-
Müllerberuf nicht in Frage. Sein Vater schickte ihn dor sich austoben. Hier holt er sich seine Streichelein-
nach Rendsburg aufs Gymnasium, später auf die Ge- heiten, die er sein Leben lang braucht und einfordert.
lehrtenschule nach Husum, wo sich Johann Casimir
mit Ernst Esmarch, seinem späteren Schwager, an-
Klippschule und Gelehrtenschule
freundete. Johann Casimir beendete sein Jura-Studi-
um in Kiel. 1814 wurde er in Husum zunächst Ge- Mit vier Jahren kommt Storm in die Klippschule zu
richtssekretär, dann ließ er sich als Advokat nieder. »Mutter Amberg«, die er »Madame Amberg« nennt.
1816 heiratete er Lucie Woldsen. Sie ist »eine mächtige schwerwandelnde Frau mit
energischer Sprache« (LL 4, 428); wer nicht folgt, muss
einen Schimpfhut tragen und damit in der Ecke ste-
Kindheit in der Hohlen Gasse
hen. Seltsam mutet das Resümee an, das Storm über
Als Storm geboren wurde, zählte Husum etwa 3800 seine Klippschul-Zeit zieht: »Das war der Beginn mei-
Einwohner, eine Kleinstadt im Herzogtum Schleswig, ner literarischen Bildung« (428).
das mit dem Herzogtum Holstein seit dem Vertrag Der junge Storm ist ein vielbeschäftigtes Kind. Re-
von Ripen (1460) ›up ewig ungedeelt‹ verbunden war. gelmäßig besucht er Lena Wies, die ältere Schwester
Die Herzogtümer waren Glieder des dänischen Ge- seines Kindermädchens Katharina. Lena zieht den
samtstaats. Wer hier geboren wurde, war dänischer Knaben mit ihren plattdeutschen Geschichten in den
Staatsbürger. Auch wenn die Menschen in den Her- Bann, ein starkes, unvergessliches Jugenderlebnis für
zogtümern Deutsch sprachen und überwiegend Storm, der dieser geradlinig-unbeugsamen Frau ein

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_1, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
1 Herkunft 3

eigenes Kapitel in seinen Erinnerungsschriften wid- Brief belegt, den Storm als Fünfzehnjähriger an seinen
met (vgl. 175–185). Vetter Fritz aus Friedrichstadt schreibt (Laage 1980,
Ostern 1826 wird Storm in die Quarta der Husu- 10), zweifellos einer der Tollsten unter seinen Schul-
mer Gelehrtenschule aufgenommen, zusammen mit kameraden. Junglehrer Wolf muss dran glauben: Im-
seinem Freund Johann Peter Ohlhues (1815–1883) mer von Unruhe und gesteigertem Bewegungsdrang
aus Hattstedt, »der zweimal wöchentlich bei den El- erfasst, fällt Storm mit den Klassenkameraden über
tern Freitisch hatte«, lesen wir bei Storms Biografin den »Kollaborator« her: Man wirft mit Kuchen, macht
Gertrud Storm (1912 f., Bd. 1, 100). Ihr Schulweg Spektakel, einer singt »Schöner grüner Jungfern-
führte vorbei an der Baustelle der neuen Marienkir- kranz«. Gut möglich, dass Storm selber den Gesang
che; sie wird ab 1830 am Markt errichtet und im Juli aus dem Freischütz anstimmt, denn diese Oper hat es
1833 eingeweiht. Storm mochte dieses im klassizisti- ihm schon früh und für immer angetan. Mit seinem
schen Stil erbaute Gotteshaus nicht und schrieb: »an beachtlichen Tenor hat er unzählige Male Partien aus
Stelle des altehrwürdigen Baues stand jetzt ein gelbes, dem Freischütz gesungen, zu Hause, vor Freunden
häßliches Kaninchenhaus« (LL 4, 210). und vereint mit seinem Chor, den er später noch in
Die Schüler der Gelehrtenschule pauken griechi- Husum gründen wird.
sche und lateinische Grammatik, üben Rhetorik und Im September 1835 findet der feierliche Abschied
Dialektik am Beispiel antiker Dichter und Denker – von der Gelehrtenschule im Rathaussaal statt. Dass
und lernen Dänisch. Von Schiller ist verhalten die Re- Storm ein angehender Dichter ist, hat sich inzwischen
de, von Goethe gar nicht, Storm liest beide im Lese- herumgesprochen. Für die traditionelle »Redefeier-
versteck auf dem Dachboden. Die lebenden deut- lichkeit« (LL 4, 164) erhält er die Aufgabe, Mattathias,
schen Dichter tauchen im Schulunterricht nicht auf. den Befreier der Juden, in selbst verfassten Versen zu
Kein Heine und Mörike, kein Eichendorff. Uhland bedichten und diese auch selber vorzutragen.
hält Storm für einen mittelalterlichen Minnesänger. Anfang Oktober 1835 trifft Storm zusammen mit
Poesie? »Die Gelehrtenschule meiner Vaterstadt Hu- seinem Freund Ohlhues in Lübeck ein. Die frisch ge-
sum wußte nichts von dieser Kunst« (LL 4, 488). So backenen Primaner des Lübecker Katharinäums wol-
äußert er sich noch in der Tischrede zu seinem sieb- len sich auf das Studium vorbereiten. Für Storm be-
zigsten Geburtstag. ginnen nun eineinhalb Jahre, die ihn als kommenden
Der Schüler aber entschädigt sich, indem er selber Dichter stark prägen werden.
dichtet; das Königlich Privilegierte Wochenblatt druckt
Jochen Missfeldt
sogar Verse von ihm. Im Übrigen ist Storm, wie ein
4 I Leben

2 Schulzeit in Lübeck, Studium in entlassen. In der Leistungsbeurteilung rangiert er un-


Kiel und Berlin ter den 27 Absolventen auf Platz 11.
Am 22.4.1837 immatrikuliert sich Theodor Storm
an der juristischen Fakultät der Christian-Albrechts-
Um der Schulbildung seines Sohnes nach Abschluss Universität zu Kiel. Die holsteinische Kleinstadt, wie
der Husumer Gelehrtenschule »die letzte Politur ge- Husum dem dänischen Gesamtstaat zugehörig, besaß
ben zu lassen« (Storm 1912 f., Bd. 1, 101), veranlasst rund 12.000 Einwohner, davon 200 bis 300 Studenten.
Johann Casimir Storm einen Wechsel an das angese- Dem Wunsch und Beispiel seines Vaters folgend »er-
hene neuhumanistische Katharineum in Lübeck, das gab« sich Storm dem Jurastudium »ohne besondre
Theodor Storm ab Oktober 1835 besucht. »Hier war Neigung« (Storm an Emil Kuh, 21.8.1873, Storm–
höhere Luft, bedeutendere Menschen« (LL 4, 488), Kuh, 116). Seine Erwartungen »an den deutschen Stu-
wird Storm über seine Zeit in der Freien und Hanse- denten« waren indes hochgespannt: »Ein Gemisch aus
stadt mit 30.000 Einwohnern notieren. Engagierte ritterlicher Galanterie, traulicher Heiterkeit, Begeiste-
und freundschaftliche Pädagogen ermöglichen ihm rung für seinen freien Stand; Geist und Herz und Ge-
weit über den Schulunterricht hinausgehende Bil- fühl für Alles Schöne« (LL 4, 495). Konkneipant des
dung. So fördern der altsprachliche Unterricht sowie Korps Holsatia geworden, zieht er nach einem Viertel-
private lateinische Diskussionsrunden der Primaner jahr ernüchtert die Bilanz seiner Erfahrungen mit den
mit ihrem Lehrer die Entwicklung der liberal-hu- Kieler Kommilitonen: Er findet nichts als Ausschwei-
manistischen Grundhaltung Storms. Zugleich wird fung gepaart mit Faulheit oder aber borniertes Stre-
Storm nun zum ersten Male mit zeitgenössischer bertum. Zeugnis seiner Beobachtungen im Kieler Stu-
Dichtung bekannt. Er liest im Deutschunterricht u. a. dentenmilieu geben die Novellen Immensee (1850/51),
Erzählungen E. T. A. Hoffmanns, Eichendorffs Roman Der Herr Etatsrat (1881) und Zur Chronik von Gries-
Dichter und ihre Gesellen (1833) sowie Gedichte von huus (1884). Besonderen Raum findet die derbe Seite
Eichendorff, Uhland und Brentano. Vor allem lernt er des Kieler Studentenlebens in der Erzählung Auf der
zwei »Zauberbücher« (LL 4, 470) kennen und lieben: Universität (1862) (vgl. Laage 2001).
Goethes Faust (1808) und Heines Buch der Lieder Die ersten Monate in Kiel sind bestimmt von Ein-
(1827). Heines Gedichte, vermittelt durch Storms be- samkeit und einem melancholischen »Was will ich?
gabten Mitschüler, Freund und Mentor, den Makler- wohin will ich?« (LL 4, 495 f.). Als Antwort imaginiert
sohn Ferdinand Röse, öffnen ihm literarisch »die Tore Storms erwachende romantisch-poetische Phantasie
einer neuen Welt« (444) und gewinnen prägenden eine »schöne, schlanke Jungfrau« (ebd.), verborgen in
Einfluss auf Storms Lyrik. einem Gartenhäuschen auf dem Wege nach Düstern-
Röse führt Storm ein in den musikalisch-literari- brook. Die Sehnsüchte, die sich darin spiegeln, richten
schen Salon der Kaufmanns- und Konsulfamilie Nöl- sich vornehmlich auf Bertha von Buchan. Ein knappes
ting. Dort musiziert er mit der Hausherrin und rezi- halbes Jahr zuvor war der neunzehnjährige Gymna-
tiert eigene Gedichte, bleibt dabei aber im Schatten siast Storm der damals erst Zehnjährigen begegnet.
des ebenfalls dort verkehrenden Emanuel Geibel, der Aus Kiel schickt er ihr eigene erotisch gefärbte Ge-
sich als Dichter bereits einen Namen gemacht hat. Mit dichte und das für sie verfasste Kindermärchen Hans
ihm und Röse besucht Storm das Theater und den Bär. Storm verliebt sich in das Kind, schreibt ihm, be-
Weinkeller der Stadt und unternimmt Ausflüge. In sucht es bei seiner Pflegemutter in Hamburg, stellt
Geibel findet Storm jedoch nicht nur einen Freund ihm heimlich nach und macht schließlich während
und zeitweilig ein dichterisches Vorbild, sondern auch seiner Examenszeit der mittlerweile Sechzehnjähri-
einen dauerhaften Rivalen. Gleichwohl hält er dessen gen einen Heiratsantrag. Ist die Zuneigung zu Bertha
Lyrik bei aller Formvollendung mangels Ursprüng- nicht selbst bereits als »Ausdruck literarisch vor-
lichkeit und Unmittelbarkeit für epigonal und zweit- geschriebener Gefühle« (Bollenbeck 1988, 64) zu deu-
rangig. Durch die große öffentliche Anerkennung, die ten, gelingt es Storm jetzt erstmals, »seelische Bedrü-
Geibels Dichtung im 19. Jahrhundert erfährt und die ckungen mit Hilfe von Schreibvorgängen abzuarbei-
bei weitem diejenige Storms übertrifft, fühlt dieser ten und so zur Selbstheilung beizutragen« (Eversberg
sich zeitlebens zurückgesetzt, misslingt ihm doch 1995, 22). Mit Thomas Manns Worten: Er widmet
schon in der Lübecker Zeit der Versuch, wie Röse und »der Kleinen [...] einen jahrelangen poetischen Kul-
Geibel in Chamissos Musenalmanach zu publizieren. tus« (Mann 1996, 27) und kann sich damit in Einklang
– Am 20.3.1837 wird Storm aus dem Katharineum finden mit dem Kindheitsideal der literarischen Ro-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_2, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
2 Schulzeit in Lübeck, Studium in Kiel und Berlin 5

mantik, die er als Primaner in Lübeck kennen gelernt sen – oder mit ersten Ansätzen zu einer eigenen dich-
hatte. Das autobiografische und zugleich epochen- terischen Handschrift – wie bei Storm.
typische Motiv der Kinderliebe bzw. der Kindsbraut Zugleich fehlt es nicht an Mut und Selbstbewusst-
wird Storm in zahlreichen Novellen lebenslang variie- sein, so dass die drei Kommilitonen auf Theodor
ren (vgl. Detering 2011). Mommsens Anregung hin beschließen, ihren lyri-
Unabhängig von der seine gesamte Studienzeit be- schen Ertrag in einem Liederbuch dreier Freunde zu
gleitenden Bertha-Episode begeht Storm in den Se- veröffentlichen, das 1843 in Kiel erscheint. Von den
mesterferien, die er im Herbst 1837 in Husum ver- insgesamt 121 Gedichten stammen ca. 44 aus Storms
bringt, heimlich die überstürzte Verlobung mit der Feder.
17-jährigen Emma Kühl aus Föhr, in die er schon als »Geleitet von poetischem und patriotischem Sinn«
12-Jähriger verliebt gewesen war (vgl. den Brief an (Müllenhoff 1845, III) sammelten Theodor Mommsen
Constanze Esmarch, 11.6.1844, BB 1, 106 f.). Nach an- und Theodor Storm außerdem Sagen, Märchen und
schließendem monatelangen Schweigen Storms wird Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lau-
die Verbindung von Emma gelöst. enburg. Zur Unterstützung dieses Projekts in der
1838 wechselt Storm an die Berliner Universität. Nachfolge der Brüder Grimm hatten sie öffentlich auf-
Ihren literarischen Widerhall finden die folgenden gerufen. In dem jungen Kieler Germanisten Karl
drei Semester in den Beroliniana – Storms wohl erster Müllenhoff fanden sie einen Gleichgesinnten, der die
Prosaskizze – sowie in Eine Episode aus dem Berliner Sammlung im Jahre 1845 unter seinem Namen ver-
Studienjahr 1839. Trotz der Wiederbegegnung mit öffentlichte und damit den Grundstein für die eigene
Röse, Theaterbesuch, Theaterspiel und anderer Kunst- bedeutende akademische Karriere legte. Das Werk er-
genüsse fühlt sich Storm in der Großstadt nicht hei- wies sich nicht nur als beliebtes Hausbuch, sondern
misch. Ab Herbst 1839 setzt Storm sein Studium in auch als eine Fundgrube an Stoffen für Dichter wie
Kiel fort. Er wird Mitglied einer studentischen »Cli- Hans Christian Andersen, Detlev von Liliencron und
que« und nennt diese stolz eine »kleine übermütige Theodor Storm selbst.
und zersetzungslustige Schar [...], die geneigt war, Tycho und insbesondere Theodor Mommsen hat-
möglichst wenig gelten zu lassen« (LL 4, 471), zumin- ten – trotz auftretender Differenzen – nachhaltigen
dest auf literarischem Gebiet. Durch den lebendigen Einfluss auf die Entwicklung von Storms kritischem,
Gedankenaustausch in dieser Vereinigung unter- politischem und ästhetischem Bewusstsein. Theodor
schiedlicher Persönlichkeiten fühlt sich Storm erregt, Mommsen wurde damit zu einem wichtigen Ferment
erfrischt und bereichert (vgl. Storm an Constanze Es- für Theodor Storms lyrisches Werk. Storm zählte ihn
march, 3.8.1845, BB 1, 185). Er widmet sich den übli- zu den bedeutendsten jungen Männern, die er in sei-
chen studentischen Zerstreuungen, musiziert und fei- nem Leben gefunden habe (vgl. Storm–Keller, 70).
ert ein Weihnachtsfest, bei dem die Einheit des schles- Von ihm und dem Lübecker Freund Röse berichtet
wig-holsteinischen Vaterlandes beschworen wird. Vor Storm, sie »fuhren mit unbarmherziger Kritik über
allem mit dem gleichaltrigen Theodor Mommsen, mich her. So habe ich während meiner Entwicklung
dem späteren führenden Althistoriker, liberalen Poli- schon gelernt einen strengen Maßstab an mich selbst
tiker und ersten deutschen Literaturnobelpreisträger, zu legen und habe Alles immer so gut gemacht, als ich
sowie dessen Bruder Tycho, mit denen er zusammen es mit meinen besten Kräften vermochte« (Storm–
wohnt, lebt er seine Begeisterung für die Literatur nun Kuh, 116 f.).
aus. Unter Theodor Mommsens Leitung verschaffen Nach überlanger Studiendauer und mit einem Berg
sich die drei Freunde einen Überblick über das, was in Spielschulden schloss Storm seine Kieler Universitäts-
der zeitgenössischen Lyrik Geltung besitzt; zur beson- zeit im Oktober 1842 mit dem juristischen Staatsexa-
ders geschätzten und für Storm prägenden Neuent- men ab und kehrte in seine Vaterstadt Husum zurück.
deckung wird Eduard Mörike. Den so gewonnenen Kiel, der »schönste[n] Stadt im schönen Holstein« (LL
Vorbildern eifern sie mit eigenen Gedichten nach. Die 4, 495), blieb Storm zeitlebens verbunden.
Ergebnisse bleiben meist konventionell, wenn auch
Walter Arnold
bisweilen artistisch virtuos – wie bei Theodor Momm-
6 I Leben

3 Anwalt in Husum, junge Ehe und lich verloben sich die beiden, dann ist die Verlobung
erste Erfolge als Dichter offiziell. Vater Johann Casimir schreibt seinem zu-
künftigen Schwager Ernst Esmarch, er sei »nicht für
Familienheiraten« (Storm 1912 f., Bd. 1, 173); Storm
In Husum fängt Storm zunächst als Gehilfe in der flo- und Constanze werden zwei Jahre Verlobungszeit auf-
rierenden Kanzlei seines Vaters an. Innerlich aber erlegt.
hängt er »in der Luft« (21.12.1842, Storm–Mommsen, Während der Verlobungszeit wechseln Storm und
41). Er vermisst Freund Mommsen und trägt schwer Constanze Briefe, in denen sie auf faszinierende Weise
an Bertha von Buchans Zurückweisung seines Hei- von sich selbst erzählen. Storms Persönlichkeit erhält
ratsantrages im Herbst 1842, an der Enttäuschung ei- klare Konturen. Was ihn in der Jugendzeit schon
ner Liebe, von der Storm annimmt, dass sie sein »Le- kennzeichnete, wird in seinen Briefen unverschleiert
ben noch schlimm verwüsten«  werde (Storm– bestätigt: Die Unruhe seiner Lebensuhr schwingt zwi-
Mommsen, 70). An Mommsen schreibt er Ende 1842: schen selbstherrlichem Anspruch und kleinmütiger
»ich weiß noch gar nicht, wie sich mein Leben gestal- Verzagtheit. Constanzes Briefe halten standfest und
ten soll, nach keiner Richtung hin« (ebd.). tapfer dagegen oder antworten einfühlsam in ihrer
Bald aber unternimmt Storm entschiedene Schritte einfachen, manchmal gewitzten Klugheit.
in die Selbstständigkeit. Er möchte nicht nur die rech- Die Weichen sind gestellt auf Ehe und Familie. In
te Hand seines Vaters sein, sondern selber als Advokat das Haus Neustadt 56 ist Storm schon im November
seinen Mann stehen. Deshalb poliert er sein Schuldä- 1845 eingezogen. Am 15. September 1846 heiratet er
nisch auf und legt eine Dänisch-Prüfung bei dem be- Constanze in Segeberg. Kirchlicher Segen ist un-
rühmten Juristen Nikolaus Falck in Schleswig ab – erwünscht, denn von der Kirche hält Storm nichts.
denn Dänisch ist für die Arbeit eines Advokaten in Die Trauung findet im Segeberger Rathaus statt, der
den Herzogtümern ein Muss. Im Königlich Privilegier- Bürgermeister-Residenz seines Schwiegervaters Ernst
ten Wochenblatt vom 23.4.1843 findet sich dann die Esmarch. Nach dem Mittagessen reisen die Vermähl-
Anzeige: »Meine Wohnung ist bei dem Herrn Agen- ten ab. Die Hochzeitsnacht verbringen sie in Rends-
ten Schmidt in der Großstraße. Husum, den 20. April burg. Einen Tag später, am 16. September, betreten sie
1843. Woldsen Storm, Advocat«. ihr neues Heim in Husum.
Im April 1843 gründet Storm den ›Singverein‹, ei- Für Storm und Constanze sind die ersten Ehejahre
nen gemischten Chor. Mutter Lucie singt mit, Schwes- Prüfung und Herausforderung. Schon bald nachdem
ter Helene begleitet die Sänger auf dem Klavier. Storm sich die beiden im neuen Heim eingerichtet haben, be-
grenzt sich mit dem gemischten Chor bewusst ab von ginnt Storm ein Liebesverhältnis mit der 18-jährigen
den Liedertafeln, die jetzt als reine Männerchöre über- Dorothea Jensen. Storm kennt sie seit langem, die Fa-
all gegründet werden und in denen der Patriotismus milien sind befreundet. Auch Dorothea ist Mitglied im
sich manifestiert, der die deutsche Nation und auch die Singverein. »Meiner Ehe fehlte Eins, die Leidenschaft«,
Herzogtümer erfasst hat. Trotzdem geht es Storm nicht schreibt er im Rückblick 20 Jahre später an seinen
in erster Linie um Politik, sondern um musikalische Freund Hartmuth Brinkmann (Storm–Brinkmann,
Kunst. In der Kunst kann er die eigene Begabung und 146). Für Dorothea und Storm beginnt »ein Verhältniß
sein Ego, das gern lenken und kommandieren will, der erschütterndsten Leidenschaft [...], das mit seiner
pflegen und gleichzeitig der Gemeinschaft dienen. Sei- Hingebung, seinem Kampf und seinen Rückfällen jah-
ne Leidenschaft für die Sache überträgt sich auf die relang dauerte und viel Leid um sich verbreitete«
Sänger. Schon im August 1843 gibt der Singverein das (ebd.). Diese Amour Fou ist der Anlass für Storms lei-
erste Konzert, das auch den Beifall der Zeitung findet: denschaftlichste Gedichte, die er im Gedichtzyklus Ein
»die Aufführung aller Nummern ließ wenig zu wün- Buch der roten Rose zusammenfasst (vgl. dazu LL 1,
schen übrig. Anerkennung fand dies auch im gesamm- 971 f.). Trotz allem geht die Ehe nicht zu Bruch, ein
ten Auditorio«, heißt es im Königlich Privilegierten Verdienst, das vor allem Constanze zukommt; sie hält
Wochenblatt vom 27.8.1843. mit ihrer Besonnenheit und Tapferkeit auch die eigene
Eine der Sängerinnen ist Constanze Esmarch, Eifersucht im Zaum. Das Liebesverhältnis ist kein Ge-
Storms acht Jahre jüngere Cousine aus Segeberg. Sie heimnis in Husum. Dorothea weicht dem Druck der
hat im Sommer ein paar Wochen bei den Storms in Väter Storm und Jensen und verlässt die Stadt.
Husum verbracht. Weihnachten 1843 ist Constanze Die Krise um die Herzogtümer spitzt sich zu. Dä-
immer noch da. Storm hat sich in sie verliebt. Heim- nemarks Absicht, das Herzogtum Schleswig dem Kö-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_3, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
3 Anwalt in Husum, junge Ehe und erste Erfolge als Dichter 7

nigreich Dänemark einzuverleiben und damit das in der Musik und in der Dichtung: Mit Immensee
›Up-ewig-Ungedeelte‹ zu trennen, bewegt auf beiden (1850/51) gelingt ihm schließlich der literarische
Seiten zunehmend die Gemüter. Nationalistische Pa- Durchbruch, der ihn zum bekannten Schriftsteller
rolen vergiften das politische Klima. In dieser Lage macht.
tritt Storm dem ›Patriotischen Hülfsverein‹ bei. Au- Storms Antrag auf die Bestätigung der amtlichen
ßerdem verfasst er journalistische Berichte für die Zulassung als Rechtsanwalt wird von den dänischen
Schleswig-Holsteinische Zeitung, bei der sein Freund Behörden abgelehnt. Obwohl er in der Kanzlei seines
Theodor Mommsen als Redakteur in Rendsburg tätig Vaters als Anwalt arbeiten und dort sein Auskommen
ist. Zugleich dichtet Storm das unsterbliche Oktober- haben könnte, will er fort von Husum. Ein ganzes
lied (1848), das »in natürlichster Opposition gegen die Bündel von Gründen mag Storm zu diesem Schritt be-
Politik« entstanden ist, wie er seinem Freund Brink- wogen haben, einer davon ist sicherlich, dass ihm
mann mitteilt (Storm–Brinkmann, 76). 1849 gehört noch die Affäre mit Dorothea anhängt.
Storm zu den Unterzeichnern einer Petition, die dem Nach zwei vergeblichen Bewerbungen für einen
dänischen König die Herzogkrone abspricht und das Posten als Bürgermeister und Justizbeamter zieht es
Ende der Personalunion fordert. Storm nach Berlin, obwohl ihm das Berliner Wesen
Nach der verlorenen Schlacht von Idstedt zunächst nicht behagt. In Berlin aber hat er als Dichter
(25.7.1850) beginnt für die Herzogtümer eine 14-jäh- schon einen Namen. Preußen stellt ihn als Volontär
rige dänische Besatzungszeit. Als Rechtsanwalt vertei- beim Kreisgericht in Potsdam an.
digt Storm Husumer Bürger, die Opfer der Willkür
Jochen Missfeldt
der neuen Obrigkeit geworden sind. Storm findet Halt
8 I Leben

4 Im Exil in Potsdam und in Hei- ten. Für das von Friedrich Eggers herausgegebene Li-
ligenstadt teratur-Blatt des Deutschen Kunstblattes schreibt
Storm, der nie ein Literaturkritiker war, 1854 sogar ei-
ne Reihe von Beiträgen über zeitgenössische Lyriker
Mit der Vereidigung auf dem Kammergericht am (Niendorf, Rodenberg, Preller, Groth, Kette) sowie ei-
23.11. in Berlin und der offiziellen Einführung am nen Aufsatz über Theodor Fontane. Wenn irgend
10.12.1853 in Potsdam vor dem Richterkollegium be- möglich, unternimmt Storm die halbstündige Bahn-
ginnt für Storm die Assessoren-Zeit in Preußen. Das fahrt nach Berlin zu den ›Rütli‹-Sitzungen, die er dann
für ihn damit verbundene Durchlaufen aller Abteilun- nicht selten mit Theaterbesuchen und persönlichen
gen des Gerichts soll das dritte Staatsexamen ersetzen, Kontakten zu seinen Verlegern Alexander Duncker
bedeutet aber auch, dass der 36-jährige gestandene und Heinrich Schindler verbindet. Die Beziehung zu
Advokat anfangs wie ein Referendar ohne eigenes den Berliner Literaten bleibt freilich nicht spannungs-
Stimmrecht den Kreisrichtern zuzuarbeiten hat und frei, und nur wenige Einladungen Storms nach Pots-
auch ohne Diäten bleibt, so dass er bis Oktober 1854 dam werden schließlich angenommen (vgl. Radecke
völlig von der finanziellen Unterstützung seines Va- 2011, XXXf.; Berbig 1993). Einen Höhepunkt der
ters abhängig ist (vgl. Mückenberger 2001, 94 f.). Die- ›Rütli‹-Treffen bildet das im Hause Franz Kuglers am
se Übergangszeit, so erwartet es Storm noch im Sep- 16.2.1854 stattfindende Diner zu Ehren Joseph von Ei-
tember 1853, soll nur zehn bis zwölf Monate dauern. chendorffs, der, so Storm gegenüber den Eltern, schon
Am Ende wird man in Potsdam mehr als zweieinhalb in seiner Jugend den größten Einfluss auf ihn gehabt
Jahre bleiben müssen. Anfangs hat Storm eine Woh- habe. Den nachhaltigsten Eindruck von einer Dichter-
nung in der Brandenburger Straße 70 gemietet, die er Persönlichkeit gewinnt Storm jedoch auf der gemein-
aber ab Juli 1854 mit einer preiswerteren tauscht, wel- sam mit den Eltern im Sommer 1855 nach Süddeutsch-
che in der Waisenstraße 68 (heute Dortusstraße) liegt. land unternommenen Reise, als er am 15. und 16.8.
Dort wird am 10.6.1855 auch die erste Tochter der Eduard Mörike in Stuttgart besucht. Die Notizen, die
Storms, Lisbeth, geboren. Zuletzt wohnt die Familie er sich auf seiner Rückreise macht, nutzt er viele Jahre
von April bis August 1856 in der Kreuzstraße 15 (heu- später, 1876, für Meine Erinnerungen an Eduard Möri-
te Benkertstraße). ke. Nur wenig Dichtung ist in der Potsdamer Zeit ent-
Vor allem im ersten Jahr bringt Storm das unge- standen: die kleine Novelle Im Sonnenschein (1854) –
wohnt hohe Arbeitspensum von täglich bis zu zwölf »auf meinen Mittagsspaziergängen bienenartig zu-
Stunden in dem für ihn noch unbekannten modernen sammengelesen« (LL 1, 1054) –, sodann die auf »ein
preußischen Rechtssystem mehrfach an die Grenzen psychologisches Präparat« (1065) hinauslaufende No-
seiner physischen und psychischen Belastbarkeit. Die velle Angelica (1855) sowie 1856 die Skizze Wenn die
Sehnsucht nach den heimatlichen Verhältnissen ist Äpfel reif sind; daneben allerdings auch das heraus-
deshalb in dieser Zeit besonders stark, obwohl die ragende Gedicht Meeresstrand.
Richterkollegen ihn unterstützen und sich durchaus Storm hofft schon im Sommer 1855, dass er endlich
freundliche Kontakte ergeben, wie z. B. ab 1855 zur Fa- fest angestellt würde, erhält aber erst während eines
milie des Kreisrichters Rudolf Hermann Schnee. Auch Heimaturlaubs Anfang Juli 1856 die Nachricht, dass er
die nahe gelegenen Parks von Sanssouci, die zu Spa- zum Richter am Kreisgericht in Heiligenstadt ernannt
ziergängen locken, können ihn wenig trösten. Im No- sei – nicht als Einzelrichter, sondern in einem größe-
vember 1854 schreibt er an seine Eltern: »in letzter In- ren Kollegium, so hat es Storms Potsdamer Vorgesetz-
stanz ist die Fremde doch kalt, und unsre deutschen ter, Kreisgerichtsdirektor Karl Gustav von Goßler,
Altvordern, die noch mehr am Heimwesen hielten, empfohlen. Storm kommt in Begleitung seines Vaters
nannten ›in die Fremde gehen‹ nicht mit Unrecht ›ins am Abend des 19.8.1856 in Heiligenstadt, dem Haupt-
Elend gehen‹« (unveröffentlicht, SHLB Kiel). Ein ort des Oberen Eichsfeldes, an. Das Eichsfeld, ur-
Lichtblick in der beruflich schwierigen Zeit sind für sprünglich zum Erzbistum Mainz gehörig und tief ka-
Storm die neu gewonnenen Kontakte zu den Berliner tholisch, war seit 1803 – mit einer Unterbrechung von
Autorenkollegen, vor allem zu Theodor Fontane, 1807 bis 1815 – preußische Enklave. Die Familie
Friedrich Eggers, Franz Kugler und Wilhelm von Mer- wohnt zu Beginn auf einem großen Grundstück am
ckel, die sich in dem literarischen Zirkel ›Rütli‹ regel- Kasseler Tor, damals noch außerhalb der Stadtmauer
mäßig in geselliger Runde treffen. Nicht zuletzt durch gelegen, das Storms Vater erwirbt, auch um Storms
sie werden Storms literarische Interessen wach gehal- jüngerem Bruder Otto, der in Potsdam und Erfurt in

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_4, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
4 Im Exil in Potsdam und in Heiligenstadt 9

der Lehre gewesen war, die Grundlage für einen Gärt- de, der Theodor und Constanze bei seinem Aufenthalt
nereibetrieb zu schaffen. Die Brüder sollten einander 1857 in zwei Ölgemälden portraitiert. Der Pfingstaus-
›in der Fremde‹ unterstützen. Im Mai 1857 zieht Storm flug zur sogenannten Teufelskanzel über dem Werra-
jedoch bereits wegen der zugigen Räume und der ho- tal mit dem körperlich behinderten Künstler findet
hen Heizkosten in eine neue, zwei Etagen umfassende später seinen Niederschlag in der Novelle Eine Maler-
Wohnung in die Wilhelmstraße 73 um. Dort kommen arbeit (1867).
dann auch die Töchter Lucie (12.8.1860) und Elsabe Ein wichtiger äußerer Anstoß für Storms Dichtun-
(24.1.1863) zur Welt. Das Leben in der kleinen, nicht gen kommt zweifellos durch die Begegnung mit der
mehr als 5000 Einwohner zählenden Stadt lässt sich tief gläubigen Bevölkerung und der katholischen Kir-
trotz der Berufsbelastung, über die Storm auch hier che des Eichsfeldes. Eine Novelle wie Veronica (1861)
klagt, geruhsamer an. Finanziell bleibt er trotz eines etwa wäre ohne Storms Erlebnis der Palmsonntags-
Jahresgehalts von 500 Talern, das sich nur allmählich prozession in Heiligenstadt und ohne die Beobach-
etwas erhöhte, auch auf dem Eichsfeld von seinem Va- tung seiner zu Wallfahrt und Ohrenbeichte gehenden
ter abhängig. Dienstmädchen kaum denkbar. Auch die Novelle Im
Mehr und mehr finden Storm und Constanze aber Schloß (1862) und die Gedichte Ein Sterbender (1864)
Zugang zu den Honoratiorenfamilien der Stadt, vor und An deines Kreuzes Stamm o Jesu Christ (vermut-
allem, nachdem sich Storm mit dem 1857 nach Hei- lich im selben Zeitraum entstanden) verdeutlichen,
ligenstadt versetzten Landrat Alexander von Wussow dass sich der Autor, von dem seit seiner Verlobungs-
befreundet hat, einem gebildeten, literarisch und zeit mit Constanze kirchenkritische Äußerungen
künstlerisch interessierten Mann, der freilich auch ein überliefert sind, in der Konfrontation mit dem ihm
konservativer preußischer Beamter ist. Im März 1859 bisher kaum bekannten Katholizismus herausgefor-
gründet Storm wie in Husum ein ›Singkränzchen‹, das dert fühlt, seine eigene Weltanschauung erneut zu be-
anfangs aus etwa 14 Mitgliedern besteht und am Ende denken. Der Berufsalltag als Kreisrichter, in dem er
seines Aufenthaltes, als man am 10.3.1864 nochmals immerhin in den Schwurgerichtsprozessen mehrere
ein großes Chorkonzert mit Ferdinand Hillers Die Todesurteile mitzuverantworten hat (vgl. Mückenber-
Zerstörung Jerusalems gibt, auf über 50 Sänger ange- ger 2001, 124–137), bleibt dagegen in der in Heiligen-
wachsen ist. Zwar verliert die Korrespondenz mit den stadt entstandenen Dichtung fast ohne Resonanz. En-
Berliner ›Rütli‹-Freunden nun an Bedeutung, doch de 1863, als Storm an den Märchen Die Regentrude,
gewinnt Storm mit Ludwig Pietsch, den er bereits Bulemanns Haus und Der Spiegel des Cyprianus arbei-
1856 als Illustrator seiner Novelle Immensee (1850/51) tet, spitzen sich die politischen Verhältnisse in Schles-
durch seinen Verleger Duncker kennengelernt hat, ei- wig-Holstein erneut zu, die Anfang Februar 1864 zum
nen langjährigen Freund. Pietsch weilt 1861, 1862 und Krieg der europäischen Großmächte gegen Dänemark
1863 zu Sommeraufenthalten in Heiligenstadt und führen und schließlich für Storm die Möglichkeit zur
hat die Erinnerungen daran niedergeschrieben in sei- Heimkehr eröffnen. Auf ehrenvolle Weise in Husum
ner Autobiografie Wie ich Schriftsteller geworden bin zum Landvogt gewählt, entschließt er sich, die sichere
(1893), die zu den wenigen Mitteilungen Außenste- Stellung als Kreisrichter in Heiligenstadt aufzugeben;
hender über das Leben der Storms in Heiligenstadt ge- er verlässt die Stadt am 12.3.1864 nicht ohne tiefe
hört. Mit den zahlreichen Besuchern, Freunden und Rührung: »[M]ein Herz ist in der Tat ganz zerrissen
Verwandten unternimmt die ganze Storm-Familie bei dem Abschied von hier, mir ist, als schiede ich von
häufig Ausflüge in die reizvolle Landschaft des südli- einer zweiten Heimat« (GB 1, 455).
chen Eichsfeldes, so auch mit dem Maler Nicolai Sun-
Regina Fasold
10 I Leben

5 Wieder in Husum: Tod Constanzes, ter Tiefe Schatten überschriebenen Reihe von acht Ge-
zweite Ehe und Hauptschaffens- dichten für die Verstorbene. Die Spannbreite dieser
Gedichte reicht von ohnmächtig-verzweifelter Trauer
zeit bis zur entschiedenen Besinnung auf ein dem Dies-
seits verpflichtetes Ethos »[n]ur um der Schönheit des
Noch steht die kriegsentscheidende Schlacht bevor, Lebens willen« (LL 1, 265). Diese »Lebensgläubigkeit«
da tritt Storm bereits sein neues Amt als Landvogt an, (Fasold 1990, 63) bildet auch im Angesicht des Schick-
das den Kreis Husum einschließlich der Inseln (mit salsschlages den Gegenpol zum starken Vergänglich-
Ausnahme des Stadtgebietes) umfasst. Es bietet ihm keitsempfinden und korreliert mit Storms charakterli-
eine »sehr selbständige und angesehene Stellung« cher Ambivalenz von sensitiver Überspanntheit auf
(Storm–Pietsch, 129) und macht ihn finanziell un- der einen Seite (schon die Brüder Mommsen mokier-
abhängig vom Vater. Mit 46 Jahren befindet Storm ten sich bissig über Storms »verweichlichte Natur«;
sich auf dem Höhepunkt seiner juristischen Berufs- 17.12.1848, Storm–Mommsen, 24) und seiner robus-
laufbahn. ten Widerständigkeit auf der anderen Seite; »ich bin
Die Familie mietet das alte Predigerwitwenhaus in wohl weich, aber dafür auch zähe«, bekennt er einmal
der Süderstraße 12; nur ein Haus weiter wohnt Bruder selbst (GB 1, 232).
Aemil, der mit Constanzes Schwester Charlotte ver- Dieses Bekenntnis war damals mit Blick auf die ihn
heiratet ist. Zum Haus gehört auch endlich wieder ein niederdrückenden Erfahrungen im preußischen
Garten, für den Storm sich eine große Familienbank Staatsmechanismus der Potsdamer Zeit verfasst. Nun,
mit Tisch zimmern lässt. Fontane vermerkt nach sei- nach der Niederlage Dänemarks gegen die schleswig-
nem Besuch im September 1864: »Dann zu Storm. holsteinischen Schutzmächte Preußen und Öster-
Idyll. Garten, Kinder ...« (zit. nach Laage 2017, 85). In reich, sieht Storm sich bald erneut mit dem preußi-
dem im Hof gelegenen Waschhaus wird die Landvog- schen »Junkerregiment« (Storm–Pietsch, 187) kon-
tei eingerichtet. frontiert, was ihn zunehmend verbittert. »Wir fühlen
Die neue Stelle bietet Storm genügend Zeit für Mu- alle, daß wir lediglich unter der Gewalt leben«, heißt
sik und Dichtung. Er vollendet das Märchen Der Spie- es 1867 in einem Brief an Pietsch; was »um so ein-
gel des Cyprianus (1865) und die Novelle Von Jenseit schneidender« sei, »da sie von denen kommt, die wir
des Meeres (1865) – beide Erzählungen hatte er in Hei- gegen die fremde Gewalt zu Hilfe riefen und die uns
ligenstadt begonnen. Der Spiegel des Cyprianus lässt in jetzt selbst als einen besiegten Stamm behandeln«.
seinem Ineinander von Märchenwelt und düsterem (Storm–Pietsch, 189)
Realismus bereits jene herberen Töne anklingen, die Tapfer kämpft Storm sich nach dem Tod Constan-
Storms späte Novellistik prägen werden. Von Jenseit zes ins Leben zurück, setzt den Fokus auf »Arbeit, Ar-
des Meeres verarbeitet im ersten Teil Erinnerungen an beit, Arbeit« (Storm–Mörike, 72), lässt keine einzige
die eigene Kindheit in Husum, die Storm dann in den Chorstunde ausfallen und ist bemüht, »alle Lebens-
autobiografischen Skizzen der Zerstreuten Kapitel interessen, die ich bisher gehabt, aufrecht zu erhalten
(1871/72) wieder aufgreift. und zu stärken« (Storm–Esmarch, 106). Dazu gehö-
Der plötzliche Tod seiner Frau Constanze am ren neben Musik und Literatur vor allem der geistig
20.5.1865 bedeutete den tiefsten Einschnitt im Leben anregende Austausch mit Freunden und das Erleben
Storms. »Wie ich weiter leben soll ohne sie, weiß ich von Natur. In dieser Absicht auch folgt er im Spätsom-
nicht, ich weiß nur, daß ich es muß«, schreibt er weni- mer 1865 einer von Ludwig Pietsch vermittelten Ein-
ge Stunden nach dem Tod Constanzes an Hartmuth ladung des russischen Dichters Iwan Turgenew ins
Brinkmann (Storm–Brinkmann, 140). Durch eine mondäne Weltbad Baden-Baden, wo er im Kreise der
Aufwartefrau hatte Constanze, die am 4.5. ihr siebtes von Turgenew umworbenen Sängerin Pauline Viar-
Kind Gertrud zur Welt brachte, sich mit dem in Hu- dot-Garcia eineinhalb Wochen verbringt, die ihn tief
sum grassierenden Kindbettfieber infiziert. Am 24.5. beeindrucken.
wird sie – nur im Beisein von Storm, seinen drei Söh- Wieder zurück in Husum, intensiviert Storm den
nen und Storms Bruder Aemil sowie Mitgliedern des Kontakt zu Dorothea Jensen, der nie ganz abgerissen
neu gegründeten Gesangvereins, die den Sarg tragen war. Noch im Sommer 1864 hatte Constanze Doro-
– um 4 Uhr morgens in der Familiengruft auf dem St.- thea in die Süderstraße eingeladen, wobei sich die
Jürgen-Friedhof beigesetzt. beiden Frauen über Dorotheas Liebe zu Storm aus-
Noch am Abend entsteht das erste Gedicht der spä- sprachen.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_5, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
5 Wieder in Husum: Tod Constanzes, zweite Ehe und Hauptschaffenszeit 11

Jetzt, nach Constanzes Tod, erwacht wieder »die jetzt fast nur noch in den angesehenen Zeitschriften
ganze törichte Leidenschaft der alten Zeit« (Storm– Westermann’s Illustrirte Deutsche Monatshefte und
Pietsch, 176) für die mittlerweile 37 Jahre alte Doro- Deutsche Rundschau.
thea. Nach Ablauf des Trauerjahres heiraten beide in Damit einhergehend stellt sich auch der ökonomi-
kleinem Kreis in Hattstedt bei Husum. Constanzes sche Erfolg ein. Hatte Storm zu Beginn der 1870er Jah-
Bruder Hermann und Sohn Hans sind Trauzeugen. 22 re noch etwa 750 Mark für eine Novelle erhalten, zahl-
Jahre wird die Ehe mit Dorothea dauern, gut drei Jah- te ihm die Deutsche Rundschau 1876 bereits 1800
re länger als die Ehe mit Constanze; sie endet mit Mark für den Abdruck von Aquis submersus (1876).
Storms Tod am 4. Juli 1888. Dorothea überlebt ihn um Nur zwei Jahre später erhielt er 3000 Mark für Renate
fast 15 Jahre. Ihre letzte Ruhe findet sie in der Famili- (1878).
engruft auf dem St.-Jürgen-Friedhof neben Storm und Der künstlerische Durchbruch hin zu einem her-
Constanze. ben, illusionslosen Realismus war Storm 1872 mit der
Im Oktober 1866 bezieht Storm mit seiner Familie Novelle Draußen im Heidedorf gelungen. Zum ersten
ein großzügiges Wohnhaus in der Husumer Wasser- Mal, so Storm später gegenüber dem Wiener Litera-
reihe, das er mit finanzieller Unterstützung seines Va- turkritiker Emil Kuh, entstehe hier eine erzählte Welt
ters für 9000 Mark erwirbt. Im Erdgeschoss richtet er »ohne den Dunstkreis einer bestimmten ›Stimmung‹«
die Landvogtei ein. Allerdings drücken ihn von Be- (womit er meint: keiner »vom Verfasser a priori her-
ginn an Geldsorgen. Nach dem Prager Friedens- zugebrachten Stimmu[n]g«; diese entwickle sich nun
schluss vom 23.8.1866, der den deutschen Krieg been- »aus den vorgetragenen Thatsachen von selbst«;
dete und Preußen die alleinigen Rechte über Schles- Storm–Kuh, 105). Auch die seit der Einführung des
wig-Holstein zusprach, wurde Storms Jahresgehalt auf fiktiven Erzählers in Auf dem Staatshof (1859) für
4200 Mark festgesetzt. Als Landvogt hatte er bisher Storms Novellen charakteristische Perspektivkunst
über 6000 Mark verdient. Zwar wurden ihm nach ei- wird dabei weiter ausdifferenziert. Den ›Perpendike-
nem Protestschreiben an die preußische Verwaltung lanstoß‹ für den Stoff der Novelle gab, ähnlich wie spä-
in Schleswig 500 Mark mehr gewährt, dennoch sieht ter bei Ein Doppelgänger (1886), ein juristischer Fall
Storm sich gezwungen, die frisch renovierte untere aus Storms Arbeitsleben.
Etage seines neu erworbenen Hauses zu vermieten. Die Jahre nach dem Tod Constanzes hingegen sind
Die dort untergebrachte Landvogtei benötigt er ohne- zunächst geprägt vom Bedürfnis Storms, Bilanz zu
hin nicht mehr, denn im Zuge einer preußischen Jus- ziehen mit Blick auf sein Leben, sein dichterisches
tizreform werden die bisher im Landvogtamt ver- Schaffen und seine lyrischen Wertmaßstäbe – in dem
einigten politischen und juristischen Aufgaben auf- Gefühl, dass mit Constanzes Leben auch seine schöp-
geteilt in die Ämter des Landrats und des Amtsrich- ferische Kraft zu Ende gegangen sei. So trug er 1868
ters. Weil Storm befürchtet, als Landrat »könnten dem Verleger Westermann an, die Gesamtausgabe sei-
Dinge von mir verlangt werden, die ich nicht tun ner Werke zu verlegen, stellte die Lyrikanthologie
könnte« (Storm–Pietsch, 188), entscheidet er sich für Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius zu-
»den bescheidenen Posten eines Amtsrichters« sammen, die 1870 erschien, und widmete sich ver-
(Storm–Pietsch, 190). Am 1. September 1867 tritt er schiedenen autobiografischen Skizzen über seine Ju-
die neue Stelle an. 1874 wird er zum Oberamtsrichter, gendzeit in Husum sowie Charakterbildern seiner El-
1879 zum Amtsgerichtsrat befördert; seine Arbeits- tern, seiner Großmutter und Urgroßmutter, die er
räume befinden sich seit 1872 im Schloss vor Husum. 1873 dem Literaturwissenschaftler Emil Kuh zusand-
Dorothea ist als Stiefmutter von sieben charakter- te, als dieser um Material für eine biografische Würdi-
lich teils schwierigen Kindern zwischen ein und sieb- gung Storms bat.
zehn Jahren zuständig für die Organisation einer ent- Die neben Draußen im Heidedorf bedeutendsten
sprechend großen Hauswirtschaft. Die folglich an- Novellen seiner Hauptschaffenszeit in der Husumer
gespannte neue Familienkonstellation beruhigt sich Wasserreihe, Aquis submersus und Carsten Curator
erst allmählich, nachdem Dorothea am 4.11.1868, fast (1878), verweisen biografisch gelesen auf Storms sor-
40-jährig, ihr erstes und einziges Kind Friederike zur genvolles Ringen um den ältesten Sohn Hans. Dieser
Welt bringt. Storm wird die Probleme seiner zweiten leidet an Alkoholsucht und verbummelt sein 1866
Ehe später zum Thema der Novelle Viola tricolor aufgenommenes Studium. 1877 legt er im dritten An-
(1874) machen, die zu seinem Erfolg als Autor Mitte lauf das medizinische Staatsexamen ab. In Heiligenha-
der 1870er Jahre beiträgt. Storms Novellen erscheinen fen findet Hans zunächst eine Anstellung; immer wie-
12 I Leben

der aber beginnt er zu trinken und macht Schulden, In dieser Zeit macht Storm sich vermehrt Gedan-
die Storm begleichen muss. ken über seinen eigenen Lebensabend, ausgelöst vom
Auch der dritte Sohn Karl bereitet Sorgen. Die an- Tod des Vaters, der in der Nacht vom 14. auf den
gestrebte Karriere als Pianist scheitert an Karls Kon- 15.9.1874 gestorben ist – also auf die Stunde genau zu
zentrationsschwäche, schließlich findet er mit Storms jenem Zeitpunkt, an dem Storm vor 56 Jahren gebo-
Hilfe eine bescheidene Anstellung als Musiklehrer in ren wurde: Das Ende »gähnt« ihn »an« (Storm–Heyse
Varel. In der im Winter 1874/75 entstandenen Novelle I, 80), seit der Vater nicht mehr »zwischen mir und je-
Ein stiller Musikant antizipiert Storm bereits das sich nem räthselhaften Abgrund« steht (Storm–Brink-
abzeichnende berufliche Schicksal seines Sohnes: mann, 164). Als auch die Mutter 1879 stirbt, fällt die
»Der stille Musikant ist mein heißgeliebter Junge, den Entscheidung, Husum zu verlassen.
ich mit Traumesaugen in seiner Zukunft angeschaut«
Christian Demandt
(Storm–Heyse I, 92).
6 Lebensausklang in Hademarschen 13

6 Lebensausklang in Hademarschen im Hause seiner Tochter Lisbeth Haase in Heiligenha-


fen an der Ostsee findet er in einer alten Chronik Ma-
»In Husum ist das Geschrei über unsern Fortgang terial für die Novelle Hans und Heinz Kirch (1882). Es
groß«, teilt Storm seinem Freund Paul Heyse zu Pfings- beginnt eine besonders für die Novellistik produktive
ten 1880 mit (Storm–Heyse 2, 59). Nach dem Tod der Zeit: In den folgenden Jahren entstehen die Novellen
Mutter, dem Verkauf des Elternhauses in der Hohlen Schweigen (1883), Zur Chronik von Grieshuus (1884),
Gasse 3 und seiner Pensionierung am 30.4.1880 war »Es waren zwei Königskinder« (1884), John Riew’
der Weg frei für den Beginn eines neuen Lebens- (1885), Ein Fest auf Haderslevhuus (1885), Bötjer
abschnittes, unbelastet von beruflichen und gesell- Basch (1885), Ein Doppelgänger (1886), Ein Bekenntnis
schaftlichen Verpflichtungen. Der stetige Kontakt zu (1887) und schließlich Der Schimmelreiter (1888).
Wohn- und Elternhaus sowie bedeutenden Teilen der Lieb gewordene Gewohnheiten legt Storm auch in
Stadt beschwören quälende Erinnerungen herauf, die Hademarschen nicht ab, einige neue kommen hinzu.
es nun abzuschütteln gilt, zwingen sie doch den Blick Tägliche Garteninspektion mit anschließendem Spa-
zurück und nicht nach vorn in eine neue Zeit (vgl. ziergang, gemütliche Vorlesestunde mit duftendem
Storm–Keller, 54). Der Gedanke an einen Ortswechsel Tee und gemeinsames Musizieren mit den Töchtern
inspiriert ihn, eigene Pläne für den großen Garten und gehören dazu, im Winter dann Bratäpfel vom Kachel-
ein neu zu errichtendes Haus erfrischen Körper und ofen und das große Familienfest Weihnachten. Im Ja-
Geist, geben Motivation und Kraft für den Familien- nuar reist Storm regelmäßig nach Husum, besucht sei-
menschen und Dichter. nen Freund, den Grafen Reventlow, und seinen jüngs-
Am 3.5.1880 verlässt Storm Husum. Er zieht in das ten Bruder, den Arzt Aemil Storm.
Kirchdorf Hademarschen, das er von angenehmen Ähnlich wie in Heiligenstadt entsteht ein Klub aus
Besuchen bei seinem Bruder, dem Holzhändler Jo- Hademarscher Bürgern, deren Treffen von Literatur
hannes Storm, der hier schon lange lebt und mit einer und Musik geprägt sind (Loets 1945, 398). Auch die in
Schwester von Theodor Storms Ehefrau Dorothea die Hademarscher Zeit fallende Korrespondenz ist be-
verheiratet ist, gut kennt. Diese familiäre Bindung, deutend, zählen zu ihr doch nicht zuletzt die Brief-
die verkehrsgünstige Lage mit Bahnanschluss und die wechsel mit Paul Heyse, Gottfried Keller und Theodor
reizvolle waldreiche Altmoränenlandschaft mit wei- Fontane.
ter Flussniederung sprechen für diesen Ort. Storm ju- 1884 kommt es zu einer letzten Begegnung mit Fon-
biliert, hier, 68 Bahnkilometer südlich von Husum, tane in Berlin, wo man Storm während seines Aufent-
sein Altersparadies gefunden zu haben (vgl. Storm– haltes eine Ehrenfeier im Saal des Englischen Hauses
Speckter, 100). mit mehr als hundert Gästen ausrichtet. Laudator ist
Das 4204 m² große und mit 2725 Mark für dama- Theodor Mommsen. Eine weitere Reise führt Storm
lige Verhältnisse recht günstige Grundstück hatte er mit Tochter Elsabe und seinem jungen Freund Ferdi-
bereits 1878 erworben; hier entsteht nun ein park- nand Tönnies im Mai 1886 nach Weimar. Elsabe soll
ähnlicher Garten. Die Eheleute Storm wohnen mit dort ein Musikstudium aufnehmen, außerdem möchte
den Töchtern Lucie, Elsabe, Gertrud und Friederike Storm den Literaturwissenschaftler Erich Schmidt
nahebei zur Miete, und der Bauherr erlebt die Entste- wiedersehen.
hung seines Hauses höchst intensiv mit. Und natür- Sorgen und Schmerzen unterbrechen immer wie-
lich schreibt er. In der Interimswohnung vollendet er der Theodor Storms behagliches Leben und beeinflus-
die 1879 in Husum begonnene Novelle Die Söhne des sen sein Dichten. Da sind die Sorgen um seine unver-
Senators und schreibt gleich eine neue: Der Herr heirateten Töchter, die Probleme mit dem ältesten
Etatsrat (1881). In Schreibpausen wird im großen Sohn Hans, der sein Leben nicht in den Griff be-
Garten neben der Baustelle gemeinschaftlich Gemüse kommt und 1886 in Süddeutschland stirbt. Storm
geerntet. zürnt, hofft, leidet, hofft und trauert. Sein Geruchs-
Anfang Mai 1881 bezieht die Familie den Neubau, sinn schwindet. Er vermisst den tröstenden Duft der
und Theodor Storm genießt den Ausblick aus seiner Rosen. Heftige Krankheiten zwingen den Dichter
Dichterstube im oberen Stockwerk auf eine Land- häufig zu pausieren. Eine Reise auf die Nordseeinsel
schaft, die er mit den romantischen Beschreibungen Sylt und bald darauf sein 70. Geburtstag am 14.9.1887
des von ihm verehrten Eichendorff assoziiert (vgl. lenken ab und sorgen kurzzeitig für Linderung. Tod-
Storm–Speckter, 100). Mit auffallender Bedürftigkeit krank beendet er die Novelle Der Schimmelreiter und
erwartet er Besuche seiner Freunde. Selbst zu Besuch stirbt am 4.7.1888 an Magenkrebs. Sein Leichnam

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_6, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
14 I Leben

wird im geschmückten Waggon vom Hademarscher Ders.: Theodor Storm in Potsdam 1853–1856. Frankfurt/
Bahnhof nach Husum überführt, wo man ihn drei Ta- Oder 1996.
ge später unter großer Anteilnahme der Stadt in der Jackson, David A.: Theodor Storm: Dichter und demokrati-
scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001.
Storm-Woldsen-Gruft beisetzt. Ders.: Theodor Storm 1832 – 15 Jahre alt. Erstveröffent-
Hartmut Schalke lichung des frühesten Storm-Briefes. (An Vetter Fritz
Stuhr in Friedrichstadt. In: STSG 29 (1980), 9–16.
Ders.: Theodor Storms Heimkehr im Jahre 1864. In: STSG
Literatur 33 (1984), 19–24.
Arnold, Walter: Eine kleine übermütige und zersetzungslus- Laage, Karl Ernst: Theodor Storm. Eine Biographie. Heide
tige Schar. Theodor Storm und die Brüder Mommsen. In: 1999.
Ders.: Kiel literarisch. Neumünster 2012, 63–72. Ders.: Theodor Storm. Leben und Werk. 9. erw. und überarb.
Berbig, Roland: »... wie gern in deiner Hand/Ich dieses Aufl. Husum 2015.
Theilchen meiner Seele lasse«. Theodor Storm bei Franz Ders.: Theodor Storms öffentliches Wirken. Heide 2008.
Kugler und im Rütli: Poet und exilierter Jurist. In: Fonta- Ders.: Theodor Storm. Studien zu seinem Leben und Werk mit
ne-Blätter 53 (1992), 12–29. einem Handschriftenkatalog. 2., erw. und verbess. Aufl.
Berbig, Roland: Ausland. Exil oder Weltgewinn? Zu Theo- Berlin 1988.
dor Storms Wechsel nach Preußen 1852/1853. In: STSG Ders. (Hg.): Theodor Storms Welt in Bildern. Eine Bildbiogra-
42 (1993), 42–47. phie. Heide 1987.
Berbig, Roland: Der Unstern über dem Tannhäuser-Rütli. Ders.: Theodor Storm und die Universitätsstadt Kiel. In:
Franz Kuglers Briefe an Theodor Storm. In: STSG 42 Nordelbingen 70/2001, 51–61.
(1993), 115–140. Ders.: Theodor Storm zum 200. Geburtstag. Aufsätze, Unter-
Böttger, Fritz: Theodor Storm in seiner Zeit. Berlin 1959. suchungen, Dokumente. Heide 2017.
Bollenbeck, Georg: Theodor Storm. Eine Biographie. Frank- Löding, Frithjof: Theodor Storm und Klaus Groth in ihrem
furt a. M. 1988. Verhältnis zur schleswig-holsteinischen Frage. Neumünster
Demandt, Christian/Missfeldt, Jochen: Theodor Storm in 1985.
Husum: Menschen und Orte. Berlin 2016. Loets, Bruno: Theodor Storm. Ein rechtes Herz. Leipzig 1945.
Demandt, Christian/Ermisch, Maren/Lipinski, Birte (Hg.): Lohmeier, Dieter: Theodor Storm und die Politik. In: Brian
Bürger auf Abwegen: Thomas Mann und Theodor Storm. Coghlan und Karl Ernst Laage (Hg.): Theodor Storm und
Göttingen 2015. das 19. Jahrhundert. Berlin 1989, 26–40.
Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das Mann, Thomas: Theodor Storm (1930). Essay. Hg. v. Karl
Ende der Romantik. Heide 2011. Ernst Laage. Heide 1996.
Ermisch, Maren: Theodor Storm. Dichter und Bürger. Neu- Missfeldt, Jochen: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter
münster 2017. Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Biographie. Mün-
Eversberg, Gerd: Storms erste große Liebe. Theodor Storm chen 32013.
und Bertha von Buchan in Gedichten und Dokumenten. Mückenberger, Heiner: Theodor Storm – Dichter und Richter.
Heide 1995. Eine rechtsgeschichtliche Lebensbeschreibung. Baden-Ba-
Ders.: Theodor Storm als Schüler. Mit Prosatexten und Ge- den 2001.
dichten aus der Schulzeit. Heide 2005. Müllenhoff, Karl Viktor [Hg.]: Sagen, Märchen und Lieder
Fasold, Regina: Der Heiligenstädter Landrat – ein Literat der der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Kiel
Vormärzzeit. Zu Alexander von Wussows sozialem Ro- 1845.
man Hedwig Evi (1847). In: Storm-Blätter aus Heiligen- Pietsch, Ludwig: Theodor Storm. Eine Lebensskizze. In:
stadt 17 (2013), 114–132. Westermann’s Illustrirte Deutsche Monatshefte 25 (1868),
Dies.: Theodor Storm in Heiligenstadt. Ein Lesebuch. Hei- 98–112.
ligenstadt 2008, besonders 7–24. Pietsch, Ludwig: Wie ich Schriftsteller geworden bin. Erinne-
Dies.: Theodor Storm. Leipzig 21990. rungen (1893/94). Hg. v. Peter Goldammer. Berlin 2000.
Dies.: Biographie. In: Theodor Storm. Stuttgart/Weimar Radecke, Gabriele: Einführung. In: Storm-Fontane, XV–
1997, 1–65. XXXVI.
Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographi- Radecke, Gabriele: Theodor Storm in Potsdam, http://www.
sches. Hg. v. d. Theodor Fontane-Arbeitsstelle. Berlin literaturport.de/index.php?id= 125 (16.10.2016).
2014. (= Große Brandenburger Ausgabe – Das autobio- Schalke, Hartmut: Dass es doch immer wieder Rosen gibt.
graphische Werk, Bd. 3). Theodor Storms letzte Jahre in Hademarschen und Hane-
Fontane, Theodor: Erinnerungen an Theodor Storm. In: rau. Wewelsfleth 2012.
Storm–Fontane, 167–183. Schütze, Paul: Theodor Storm. Sein Leben und seine Dich-
Goldammer, Peter: »Sieben fruchtbare, glückliche Jahre«? tung. Berlin 1887.
Heiligenstadt im Leben und Schaffen Theodor Storms. In: Storm, Gertrud: Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens.
Storm-Blätter aus Heiligenstadt 1 (1995), 7–25. 2 Bde. Berlin 21912 f.
Ders.: Theodor Storm. Eine Einführung in Leben und Werk. 4. Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.
durchges. Aufl. Leipzig 1990. Bremen 1955.
6 Lebensausklang in Hademarschen 15

Suhr, Max: Theodor Storm in Hademarschen und Hanerau. Zimorski, Walter: »Die Tore einer neuen Welt«. Theodor
Heide 1994. Storms Bildungserlebnis in Lübeck. In: Der Wagen. Lü-
Vinçon, Hartmut: Theodor Storm in Selbstzeugnissen und becker Beiträge zur Kultur und Gesellschaft. Lübeck 2002,
Bilddokumenten. Hamburg 1972. 255–272.
Wooley, Elmer Otto: Theodor Storm’s World in Pictures.
Bloomington 1954.
II Einflüsse und Kontexte
7 Storms Bibliothek meist Chroniken und Literatur der Aufklärungszeit,
stammt wohl aus Familienbeständen; den Rest be-
Theodor Storms Bibliothek umfasste ca. 3.600 bis sorgte Storm antiquarisch. Sein Interesse galt zugleich
4.000 Bände. Es existieren zwei handschriftliche Kata- aber immer auch der aktuellen Literatur. Nicht zuletzt
loge, die die Namen von ca. 500 Autoren – viele davon sicherte er sich in Verlagsverträgen die kostenlose Lie-
mit mehreren Werken vertreten – sowie die Titel von ferung von Zeitschriften und Jahrbüchern, an denen
ca. 100 Anthologien enthalten. Erstellt wurde diese er selbst mitarbeitete, wie der Argo, der Deutschen
Liste vermutlich zu jenem Zeitpunkt, als die Bücher Rundschau und Westermann’s Illustrirten Deutschen
auf Storms Kinder bzw. Enkel aufgeteilt wurden. Das Monatsheften, wodurch er auch über den zeitgenössi-
mit Bleistift geschriebene vollständige Verzeichnis schen Buchmarkt informiert war. Jüngere Kollegen,
trägt die Namen von Storms Tochter Dodo (= Friede- wie z. B. Ada Christen, Detlev von Liliencron und Eli-
rike) und seiner Enkelin Constanze Haase (Tochter se Polko, schickten Bücher mit der Bitte um Beurtei-
von Lisbeth). Die unvollständige Blaupapier-Durch- lung. Auch befreundete Dichter schickten ihre Werke
schrift einer anderen Handschrift trägt keinen Na- und vermehrten so Storms Bibliothek.
men. Neben dem Titel Deutscher Novellenschatz von Storms Büchersammlung umfasst das bürgerliche
Heyse und Kurz, der nur pauschal mit »36 gut gebun- Bildungsgut seiner Zeit, begonnen bei der Antike (vor-
dene Bücher 17 minder gut« verzeichnet ist, ist auf der handen sind natürlich Homers Ilias und Odyssee, Pla-
vollständigen Liste einmal mit Rotstift, einmal mit tons Dialoge und die Oden des Horaz) bis hin zur euro-
Bleistift »1/7« vermerkt, auf der Blaupapier-Durch- päischen Gegenwartsliteratur. Alle Epochen der deut-
schrift einmal »1/6«. Der Anteil von Storms Tochter schen Literatur sind vertreten, auch das Mittelalter (so
Gertrud, von dem es auch ein handschriftliches Ver- findet sich in der Bibliothek Gottfrieds Tristan) und
zeichnis gibt, ist vollständig erhalten und umfasst ca. die Frühe Neuzeit, repräsentiert nicht zuletzt durch
600 Bände. Daraus kann man auf einen Gesamt- Balthasar Bekker, Hans Jakob Christoffel von Grim-
bestand von mindestens 3.600 Bänden schließen. melshausen, Martin Opitz und Christian Reuter. Für
Hinzu kommen die von Storm selbst herausgegebe- Storm besonders bedeutsam waren aber die Werke von
nen Bücher und die Zeitschriften, in denen seine Wer- Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, wie Storm selbst
ke erschienen, also ca. weitere 150 Bände. Auf der in einem Brief an Friedrich Eggers vom 12.1.1858 be-
Grundlage der erhaltenen Bestände, der Auswertung kennt: »besitze ich was deutsche Literatur seit Lessing
der handschriftlichen Bücherkataloge, der Listen, die oder namentlich seit Göthe betrifft eine kleine Biblio-
in den 1960er und 70er Jahren bei den Nachkommen thek, wie sie wenige Privatleute aufzuweisen haben«
erstellt wurden und durch die Auswertung von auto- (Storm‒Eggers, 60). Am 4.6.1869 spricht er dann in ei-
biographischen Materialien, vor allem der veröffent- nem weiteren Brief an Eggers von »meiner selten rei-
lichten Briefe und Tagebücher Storms, konnte seine chen deutsch-poetischen Bibliothek in zwei Mahago-
Bibliothek zum großen Teil rekonstruiert werden. ni-Bücherschränken und einem Wandschrank mit ei-
Bereits als junger Mann entwickelte Storm eine chenem Rahmen« (Storm‒Eggers, 71). In besagten Bü-
ausgeprägte Bibliophilie; Bücher von Autoren, die er cherschränken fanden sich nachweislich Christian
sehr schätzte, sammelte er in kostbaren Ausgaben, Fürchtegott Gellert, Johann Heinrich Voß, Gotthold
dies gilt etwa für Claudius, Eichendorff, Kleist, Stifter Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland, natür-
und natürlich für Heine, dessen Buch der Lieder Storm lich auch Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich
als 18jähriger auf Velin-Papier erstand. Diese Sam- Schiller, ferner Gottfried August Bürger, Matthias
melleidenschaft bleibt ihm lebenslang erhalten; so Claudius, Jean Paul und Heinrich von Kleist. Die Ro-
schreibt Storm am 7.4.1877 an Gottfried Keller: »Ich mantik war u. a. durch Achim von Arnim, Clemens
habe so meine stille Freude daran, die alten Herrn des Brentano, Adalbert von Chamisso, Friedrich de la
18. Jhs in ihren schmucksten Originalausgaben um Motte Fouqué, Novalis und Ludwig Tieck repräsen-
mich zu haben« (Storm‒Keller, 22 f.). tiert. Besonders wichtig waren für Storm Joseph von
Ein Teil der alten Texte in Storms Bibliothek, zu- Eichendorff und E. T. A. Hoffmann, von denen mehre-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_7, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
7 Storms Bibliothek 19

re Bände in seiner Bibliothek standen. Es folgen Ferdi- und ›Aventiuren‹; sie müßten denn von einem wahren
nand Freiligrath, der schon erwähnte Heine und Georg Dichter wie W. Hertz sein. Unter den alten Büchern
Herwegh. Fast alle literarischen Zeitgenossen Storms hätschelt Storm vor Allem die Bände, denen Meister
finden sich in seiner Büchersammlung, von Ernst Mo- Daniel Chodowiecki den Schmuck kleiner feiner Kup-
ritz Arndt, Annette von Droste-Hülshoff, Friedrich fer geliehen hat.«
Hebbel, Karl Immermann, natürlich Eduard Mörike, Auch den Dichter, Maler und Verleger Salomon
Friedrich Rückert und Adalbert Stifter über Berthold Geßner schätzte Storm sehr, dessen Ausgabe von
Auerbach, Theodor Fontane, Gustav Freytag, Paul 1770–72 sogar »in sauber schweinsledernen Oktav-
Heyse, Wilhelm Jensen, Gottfried Keller, Wilhelm bänden« in seiner Bibliothek stand, wie er Gottfried
Raabe und Charles Sealsfield bis zu Ada Christen, Det- Keller am 7.4.1877 schrieb (Storm‒Keller, 22). Außer-
lev von Liliencron, Elise Polko und Heinrich Seidel. Da dem kaufte Storm Kalender und Taschenbücher des
Storm mit mehreren der erwähnten Autoren befreun- späten 18. Jahrhunderts, die ihm hauptsächlich wegen
det war, enthalten viele Bücher eine persönliche Wid- der Illustrationen gefielen.
mung. Auch einige plattdeutsche Werke waren vor- Neben deutscher Literatur erwarb Storm auch
handen, z. B. von Klaus Groth, Theodor Piening und Weltliteratur, allerdings hauptsächlich in deutschen
Fritz Reuter. Übersetzungen. Es gibt nur wenige Bücher in Origi-
Storm interessierte sich aber nicht nur für die Bü- nalsprache, beispielsweise die Erzählungen Jean de La
cher selbst, sondern auch für deren Verfasser. So gab es Fontaines, Samtlige Comoedier von Ludwig Holberg
in seiner Sammlung auch Biografien, wie z. B. Wilhelm oder auch die Frithiofs Saga von Esaias Tegnér, die
Herbsts Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote Storm sowohl in deutscher als auch in schwedischer
(1857), Erinnerungsblätter an Joseph Victor von Scheffel Sprache besaß. Als Zeugnis für Storms Bemühen, sich
(1886) und Karl Hoffmeisters Schiller’s Leben, Geistes- fremdsprachige Texte auch im Original anzueignen,
entwickelung und Werke im Zusammenhang in fünf findet sich in seiner Bibliothek H. G. Ollendorff ’s neue
Bänden (1838–1842). In Hoffmeisters Schiller-Biogra- Methode, in sechs Monaten eine Sprache lesen, schrei-
phie liegen zwei Zeitungsartikel aus dem Jahr 1879 ben und sprechen zu lernen. Anleitung zur Erlernung
über Schiller und das Mannheimer Theater, die zeigen, der englischen Sprache nach einem neuen und vervoll-
dass Storm sich lebenslang mit seiner Bibliothek be- ständigten Plane für den Schul- und Privatunterricht
schäftigte und sie auf dem neuesten Stand hielt. verfaßt von P. Gands. (5. Aufl. 1855.)
Ein weiterer Schwerpunkt ist die umfangreiche In deutscher Übersetzung besaß Storm aus der
Sammlung von Büchern mit Illustrationen von Hugo englischsprachigen Literatur u. a. Werke von Edward
Bürkner, Daniel Chodowiecki, Wilhelm Heuer, Theo- Bulwer-Lytton, Robert Burns, Lord Byron, James Fe-
dor Hosemann, Paul Konewka, Paul Meyerheim, Lud- nimore Cooper, Charles Dickens, Henry Fielding,
wig Pietsch, Ludwig Richter, Johann Baptist Sonder- Washington Irving, Edgar Allan Poe, Walter Scott,
land, Otto und Hans Speckter und anderen. An Eggers William Shakespeare, Laurence Sterne, Alfred Tenny-
schrieb Storm am 13.3.1853, was ihm ganz besonders son und William Makepeace Thackeray. Die französi-
am Herzen lag: »ich bin fanatisch auf die Chodowie- sche Literatur ist vertreten durch Pierre Jean Béranger,
kis« (Storm‒Eggers, 20), und am 8.7.1857: »Wonach Jacques-Henri Bernardin de St. Pierre, Jacques Cazot-
ich mich ordentlich und schon seit lange sehne, sind te, Alphonse Daudet, Gustave Flaubert, Jean de La
die kleinen Chodowiekischen Damenkalender« Fontaine, Jean Baptiste Molière und Emile Zola, die
(Storm‒Eggers, 55). Schon in einer Beilage zu einem italienische Literatur durch Dante und Boccaccio, die
Brief an Erich Schmidt vom 24.9.1877 zählt Storm 17 spanische Literatur durch Calderón und Cervantes,
Chodowiecki-Ausgaben auf (Storm‒Schmidt I, 64 f.). die russische Literatur durch Gogol, Puschkin und
Schmidt wiederum berichtet in Eine Winterfahrt zu Turgenew. Von den skandinavischen Autoren schätzte
Theodor Storm (1883): »In der eigentlichen Poetenstu- Storm vor allem Hans Christian Andersen, er las aber
be musterte ich die reiche, durch Jahrzehnte mit Be- auch Steen Steensen Blicher, Ludwig Holberg, Alexan-
dacht zusammengestellte und durch freundschaftli- der Kielland und Paul Martin Møller.
che Gaben gemehrte Bibliothek, wo zu dem Erbe des Von Bedeutung nicht nur für den Privatmann, son-
achtzehnten Jahrhunderts und der Romantik das Bes- dern auch für den Dichter Theodor Storm waren auch
te der Gegenwart sich gesellt, aber Kopflyrik und die in seiner Bibliothek vorhandenen Sachbücher. Ne-
Bummellieder so wenig Einlaß finden wie die gottlob ben den Nachschlagewerken (wie dem Neuen Conver-
abgehauste pseudo-egyptische (sic) Epik oder ›Mären‹ sations- und Zeitungs-Lexicon für alle Stände, dem Il-
20 II Einflüsse und Kontexte

lustrirten sowie dem Musikalischen Conversations-Le- Für den Juristen Storm enthielt die Bibliothek na-
xikon) gilt dies insbesondere für die kulturhistorischen türlich auch entsprechende Fachliteratur wie Rudolf
Schriften, die ihm Anregungen, Quellen und Material- Brinkmanns Aus dem Deutschen Rechtsleben (1862),
sammlungen für sein eigenes Schreiben boten. Neben Hermann Gottlieb Heumanns Handlexicon zum Cor-
diversen Titeln zur deutschen, zur europäischen und pus juris civilis (1846), Ernst Friedliebs Abhandlungen
zur Weltgeschichte sind hier v. a. die regionalen Ge- hauptsächlich aus dem Schleswigschen Privatrecht
schichtswerke und Chroniken zu erwähnen, etwa (1864), aus den Beiträgen zum Obligationenrecht von
Christian Ulrich Beccaus Versuch einer urkundlichen Friedrich Mommsen Die Unmöglichkeit der Leistung
Darstellung der Geschichte Husums bis zur Ertheilung in ihrem Einfluss auf obligatorische Verhältnisse u. ä.
des Stadtrechtes (1854), Johann Melchior Kraffts Ein Einen Überblick über Storms Bibliothek aus dessen
Zweyfaches Zwey-Hundert-Jähriges Jubelgedächtnis ... späten Jahren gibt Carl Hunnius: »An den Wänden
der Stadt Husum ... (1723) und deren Fortsetzung so- türmte sich in Regalen und stilvollen, aber einfachen
wie weitere Werke zur Geschichte der Friesen, Dith- Glasschränken seine reiche Bibliothek, Gesamtaus-
marschens, Schleswig-Holsteins, Hamburgs, Osna- gaben bedeutender Dichter, eine fast vollständige
brücks und des Eichsfelds. Auch Johannes Laß’ Sam- Sammlung bester Lyrik der Neuzeit, geschichtliche
melung einiger Husumischen Nachrichten (1750–1753) Werke, alte Chroniken, Märchensammlungen, man
und Johannes von Schröders Darstellungen von Schlös- bedurfte schon einiger Stunden, um sich auch nur
sern und Herrenhäusern der Herzogthümer Schleswig- ganz flüchtig in diesem Reichtum zu orientieren, der
Holstein und Lauenburg (1862) dienten Storm als dadurch an persönlichen [sic!] Wert gewann, als mir
Quelle für seine Novellen. Wichtig sind in diesem Zu- häufig Bücher mit kostbaren eigenhändigen Wid-
sammenhang auch die mehr als 60 Märchen- und Sa- mungsworten berühmter Autoren in die Hände fie-
gensammlungen (friesische, schleswig-holsteinische, len« (Hunnius 1928, 199). Man sieht, dass Storm auch
westfälische bis hin zu ungarischen und französi- in seinen letzten Lebensjahren seinen Besuchern stolz
schen), die in Storms Bibliothek vertreten waren. seine Bibliothek präsentierte. Für seine geistige Welt
Dass Storms Interessen weit gespannt waren und wie für seine Arbeit war die Bibliothek unentbehrlich.
auch die Naturwissenschaften einschlossen, beweisen Wilhelm Jensen ging sogar so weit zu sagen: »Er fand
Wilhelm Baers Der vorgeschichtliche Mensch (1874), seine Freunde mehr in Büchern als im Leben« (Jensen
Philipp Jakob Beumers Populäre Naturgeschichte der 1899/1900, 504) und zitiert aus einem Brief Storms
drei Reiche, mit besonderer Beziehung auf das prakti- vom März 1888: »Ich habe dort [in Husum] mehr
sche Leben (1856), Carl Gustav Calwers Käferbuch Menschen jetzt, hier eigentlich keinen, von dem ich
(1858), Friedrich von Tschudis Das Thierleben der Al- etwas hätte; nur meine Bibliothek und ich, und ich
penwelt. Naturansichten und Thierzeichnungen aus und sie« (ebd., 512).
dem schweizerischen Gebirge (2. Aufl. 1854) und ande-
re naturkundliche Bücher, die sich ebenfalls in der Literatur
Sammlung finden. Eversberg, Gerd: Theodor Storms Bibliothek. In: STSG 52
Die Musik, ein wichtiger Teil von Storms Leben, (2003), 9–29.
Hunnius, Carl: Bei Theodor Storm in Hademarschen. (Aus
wird in seiner Bibliothek vor allem durch Partituren dem Juni-Reisetagebuch 1886). In: Der Wächter 10 (1928),
und Klavierauszüge (u. a. Felix Mendelssohn: Elias, 195–209.
Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Jensen, Wilhelm: Heimat-Erinnerungen. II. Theodor Storm.
Wartburg) sichtbar. Aber auch die Musiktheorie In: Velhagen und Klasings Monatshefte XIV/11
kommt nicht zu kurz, es finden sich Werke wie Johann (1899/1900), 501–512.
Laage, Karl Ernst: Der Bücherliebhaber. In: Ders.: Theodor
Christian Hauffs Die Theorie der Tonsetzkunst (1863–
Storm. Biographie. Heide 1999, 48–64.
1874). Ähnlich verhält es sich mit der bildenden Laage, Karl Ernst: Storm als Bücherliebhaber. In: Ders.:
Kunst. Storm interessierte sich nicht nur für Illustra- Theodor Storm privat. Heide 2013, 90–93.
tionen und Bilder; er las beispielsweise auch Franz Schmidt, Erich: Eine Winterfahrt zu Theodor Storm. In:
Kuglers Handbuch der Kunstgeschichte (1848), um Neue Freie Presse (28.12.1883).
sich auch auf diesem Gebiet theoretische Kenntnisse Elke Jacobsen
anzueignen.
8 Storm und das literarische Berlin 21

8 Storm und das literarische Berlin Gefallen fand und sein »Entzücken« mit Theodor
Fontane teilte (Storm–Fontane, 168). Als das Buch im
Als nach der erfolglosen Schleswig-Holsteinischen Dezember 1850 erschien, wurde der Berliner Freun-
Erhebung auch die Stadt Husum unter dänische Re- deskreis zur ersten kleinen »Stormgemeinde« (ebd.).
gierung gefallen war, wurde Storms Advokatenbestal- So schrieb Fontane zwei Monate nach dessen Berlin-
lung im November 1852 eingestellt. Er hatte aus seiner besuch an Storm: »Sie traten gleichsam wie ein lieber
politischen Haltung gegenüber Dänemark keinen Bekannter in unsren Kreis und sind uns seitdem nicht
Hehl gemacht – nicht nur, indem er zivilen Ungehor- fremder geworden. Es heißt sehr oft: ›das wäre ein
sam leistete (vgl. Jackson 2001, 78): Storm hielt es zu- Stoff für Storm!‹ [...] Sie sind uns die Verkörperung
dem für seine Pflicht, seine Mitbürger »gegen die von etwas ganz besondrem in der Poesie und leben
Willkühr der neu eingesetzten Königl. Dän[ischen] neben vielem andren auch als eine Art Gattungs-
Behörden mit voller Rücksichtslosigkeit zu vertreten« begriff bei uns fort« (ebd., 3). Die erste persönliche
(Storm–Mörike, 29). Auf der Suche nach einer neuen Begegnung mit Fontane fand im Hause Franz Kuglers
Anstellung, nun auf preußischem Boden, bewarb er statt, der auch Storm zum Neujahrstag 1853 eingela-
sich zunächst vergeblich in Hannover, Gotha, Sachsen den hatte. Am Tag darauf begleitete er Friedrich Eg-
und Coburg, dann auch in Berlin, wohin er im De- gers zu einer Sitzung des literarischen Sonntags-Ver-
zember 1852 reiste, um seine Bewerbung persönlich eins »Tunnel über der Spree«, bevor er am 3.1.1853
einzureichen. nach Husum zurückreiste.
Der sich ihm dort öffnende Kreis von literarisch
sich betätigenden, mehr oder weniger eng durch
Der »Tunnel über der Spree« und das »Rütli«
Freundschaft verbundenen Männern lässt sich nur
schwer als Einheit fassen. Die literarischen Einflüsse, Der »Tunnel« war als »Sonntags-Verein zu Berlin«
die in dieser Zeit auf Storm einwirkten, ebenso aber 1827 von Moritz Gottlieb Saphir gegründet worden.
die Impulse, die von ihm selbst ausgingen, sind bis- Das letzte vorliegende Protokoll ist auf 1898 datiert,
lang nicht erschöpfend erforscht. Eine einschlägige aber schon 1877 war, wie Fontane schreibt, »die Le-
Monographie, die das komplexe Beziehungsgefüge benskraft des Tunnels so gut wie verzehrt« (Fontane
und die wechselnden Einflussnahmen der einzelnen 2014, 173). Anders als Fontane in seinem »Tunnel«-
Akteure untereinander in Augenschein nimmt, stellt Kapitel der autobiographischen Aufzeichnungen Von
ein Forschungsdesiderat dar (vgl. Radecke 2010; Ber- Zwanzig bis Dreißig behauptet, war Storm nie »Tun-
big 1994, 45). Die vor allem durch Briefzeugnisse zu nel«-Mitglied. Belegt sind nur einige wenige Besuche
erschließenden Interaktionen, literarischen und per- als Gast, etwa am 3.12.1854 oder, gemeinsam mit sei-
sönlichen Auseinandersetzungen werden im Folgen- nem Bruder Otto, am 20.11.1853 (nachgewiesen
den zusammengefasst; dabei ist die schwierige Quel- durch ihre Unterschriften im »Fremdenbuch«, in das
lenlage zu berücksichtigen: Die einzelnen Briefwech- sich Gäste der jeweiligen »Tunnel«-Sitzungen eintru-
sel sind z.T. nicht vollständig überliefert bzw. ediert gen; vgl. Storm–Fontane, 466 sowie die Abbildung
und nur sehr verstreut veröffentlicht. Nr. 10). In den 1850er Jahren war aus dem Verein
Über seinen Verleger Alexander Duncker wurde »dichtender Dilettanten« ein ›wirklicher Dichterver-
Storm zunächst mit Friedrich Eggers bekannt, der ihn ein‹ geworden (Fontane 2014, 167). Die aus Grün-
in den Kreis um Franz Kugler, Theodor Fontane und dungszeiten stammenden karnevalesken Strukturen
Paul Heyse einführte. »[M]ein Name als Poët [hat] in und närrischen Bräuche sowie insbesondere der ›Tun-
den literarischen Kreisen hier einen guten Klang. [...] neljargon‹ hatten sich jedoch zum Großteil erhalten
Meine Gedichte würden Jubel erregen«, berichtet (vgl. Wülfing 1998, 432 f.). Die ›humoristisch zu-
Storm seinem Freund Hartmuth Brinkmann, »ich geschnittene Verfassung‹ sah neben dem ›angebeteten
soll durchaus bei Kugler und in den ›Tunnel‹ (ein Haupt‹, dem Vorsitzenden, auch Bibliothekar, Kassie-
Poëtenklubb) eingeführt werden« (Storm–Brink- rer und Protokollant vor. Jedes »Tunnel«-Mitglied er-
mann, 79). hielt nach seiner Aufnahme einen »Necknamen«, der
Tatsächlich war Storms Name durch seine Sommer- es den aus verschiedensten Lebensstellungen stam-
Geschichten und Lieder (1851; darin enthalten: Im- menden Mitgliedern ermöglichen sollte, über Stan-
mensee) in diesem Kreis schon bekannt. Alexander des- und Klassen- sowie Altersunterschiede hinweg
Duncker hatte im Sommer 1850 Paul Heyse um die als Gleichgestellte zu verkehren (ebd., 173). Neben der
Beurteilung von Storms Texten gebeten, der daran Bestimmung zur Verwendung von »Tunnel«-Namen

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_8, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
22 II Einflüsse und Kontexte

sollte außerdem der in den Statuten festgelegte un- rich Eggers auch als Begründer des Vereins, war doch
politische und nichtreligiöse Charakter des Vereins der eigentliche Stifter Franz Kugler, der gemeinsam
das Auskommen zwischen den Mitgliedern unter- mit Fontane die Herausgeberschaft des ersten Jahr-
schiedlicher politischer Ausrichtung gewährleisten buchs innehatte (vgl. Berbig 1987, 108).
(Wülfing 1998, 435). Wülfing weist hier freilich darauf
hin, dass »›staatsloyale Gesinnung‹ in Preußen als
Die »Argo«
›unpolitisch‹ galt« (ebd.).
Die Mitglieder speisten sich aus unterschiedlichen Von der ursprünglichen Idee, »Aufsätze und Kritiken,
Berufsgruppen und stammten nicht nur aus der zumeist Dinge die unser Beisammensein verhandeln«
Schriftstellerzunft. Dazu gehörten u. a. auch (wie etwa (Briefwechsel Fontane–Heyse, 9) in einer Viertel-
bei Wülfing aufgeführt) Juristen, Journalisten, Redak- jahrsschrift zu versammeln, musste rasch Abstand ge-
teure, Kunstwissenschaftler, Schauspieler, Ärzte und nommen werden, da sich für ein solches Vorhaben
Kaufleute. Die aktiven Mitglieder, die also zum Vor- kein Verleger fand. Die Gebrüder Katz in Dessau lie-
trag bestimmte Beiträge (›Späne‹) vorlegten, wurden ßen sich schließlich darauf ein, ein »novellengespick-
›Makulaturen‹ genannt, die unproduktiven Mitglieder tes Jahrbuch« (ebd.) zu verlegen.
›Klassiker‹; für Gäste (die ebenfalls ›Späne‹ vorstellen Storm war wieder zurück nach Husum gereist, so-
konnten) hatte man die Bezeichnung ›Runen‹ gewählt. dass die Verhandlungen um Mitwirkung an der Argo
Nach der Lesung wurde diskutiert und bewertet; die (auf diesen Namen einigte man sich schließlich) sowie
Kategorien reichten von ›sehr gut‹ bis ›sehr schlecht‹. die kritische Begutachtung seiner Novelle Ein grünes
Zu der Zeit, als Storm nach Berlin kam, hatte sich Blatt, die in der Argo erscheinen sollte, brieflich er-
im »Tunnel« eine Elite gebildet (Berbig 1990, 36), be- folgten. Einen schriftlichen Meinungsaustausch hatte
stehend aus alten »Tunnelianern« und einigen neu da- auch die Lesung von Storms Gedicht Sie saßen sich ge-
zu gestoßenen Mitgliedern, die nach einer Möglich- genüber lang (einmal unter dem Titel Schlimmes Lie-
keit suchten, ihre kritischen und literarischen Erzeug- ben (1854), dann als Geschwisterblut (1864) veröffent-
nisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. Im Dezember licht) ausgelöst, das man am 13. Februar in seiner Ab-
1852, kurz nach der Feier zum 25jährigen Bestehen wesenheit im »Tunnel« verlesen hatte. Er reagierte da-
des Vereins, wurde zu diesem Zweck der ›Nebentun- mit auf Franz Kuglers Gedicht Stanislaw Oswiecim,
nel‹ »Rütli« gegründet, »eine Art Extrakt der Sache« das dieser in der Sitzung vom 2. Januar vorgestellt hat-
(Fontane 2014, 232), der gleichwohl dem »Tunnel« te, als Storm zum ersten Mal den »Tunnel« besuchte.
verbunden blieb. Man traf sich jeden Sonnabend im Beide Texte handeln von einer inzestuösen Geschwis-
Haus eines der Mitglieder. terbeziehung; Storm war mit Kuglers Bearbeitung die-
Das »Rütli«-Personal speiste sich aus dem Kern- ses Stoffes nicht einverstanden und schrieb daraufhin
bestand des »Tunnels« und hatte also auch einen eine eigene Version. Diese stieß allenthalben auf Ab-
›Tunnel-Namen‹. Die Gründungsmitglieder waren lehnung, wie Fontane und Friedrich Eggers ihm un-
Friedrich Eggers (Anakreon), Franz Kugler (Lessing), umwunden mitteilten (vgl. Storm–Fontane, 3 u. 209–
Theodor Fontane (Lafontaine), Wilhelm von Merckel 211), wobei sich auch Bewunderung in die Ablehnung
(Immermann), Karl Bormann (Metastasio) und Bern- mischte, wie Eggers einräumte: »Die lebhafteste De-
hard von Lepel (Schenkendorff). Adolph Menzel (Ru- batte schloß sich an und ich habe niemals Himmel
bens), Theodor Storm (Tannhäuser) und Paul Heyse und Hölle so nah bei einander gesehn. [...] die Einen
(Hölty) stießen etwas später zum schon bestehenden erhoben das Gedicht bis an die Sterne, kamen an den
»Rütli« hinzu, wie aus Fontanes Brief an von Lepel im grünen Tisch gelaufen, um sich Prachtstellen nochmal
September 1853 hervorgeht: »Menzel, [wird] hinfort einzuprägen, die Andern verdammten es in sittlicher
ein Mitglied des Rütli sein [...] (wie Storm und Paul Entrüstung« (210).
Heyse, so daß wir die Musenzahl herausbringen)« Fontane beschrieb die Lesung der Ballade der »ab-
(Briefwechsel Fontane–Lepel I, 360). Storms ›Neck- wesenden Rune« im »Tunnel«-Protokoll vom
name‹ »Tannhäuser« geht zum einen auf seine Begeis- 13.2.1853 sowie ihr Zustandekommen. Kugler trug
terung für Richard Wagners Oper Tannhäuser und der zunächst seine Ballade noch einmal vor: »[N]och ehe
Sängerkrieg auf der Wartburg zurück, dessen Auffüh- die Mängel des Stormschen Gedichts gleichsam zur
rung er mit Constanze am 13.11.1853 im Hamburger Folie des Lessingschen geworden waren, erkannte ei-
Stadttheater gesehen hatte, zum anderen auf seine Lie- ne starke Majorität bereits, daß man bei der ersten Le-
beslyrik (vgl. Storm–Fontane, 226). Zeichnet Fried- sung des [Stanislaw Oswiecim] strenger als nötig ver-
8 Storm und das literarische Berlin 23

fahren und mit dem Tadel zu stark ins Zeug gegangen sche Justizminister Simons nahegelegt hatte, eine Stel-
war. Anakreon führte jetzt den Sieges-Lüsternen in le außerhalb Berlins zu suchen (vgl. EB, 57). Am
die Rennbahn und ritt los. Aber es blieb bei der Lüs- 14.10.1853 wurde Storm zum preußischen Gerichts-
ternheit, und der Sieg blieb aus. Die vortreffliche Ma- assessor ernannt; Ende November zog er mit seiner Fa-
che, eine Fülle reizender, zum Teil hochpoetischer milie nach Potsdam in die Brandenburger Straße.
Einzelnheiten, auch ein, wenn nicht geradezu vorzu- Im Oktober war auch die Argo als ein von Theodor
ziehender, doch immerhin berechtigter, Gegensatz Fontane und Franz Kugler herausgegebenes »belle-
zur Lessingschen Ballade in betreff der Wahl der Si- tristisches Jahrbuch für 1854«, erschienen, zu dem
tuation und Szenerie – wurde bereitwillig hervor- Storm neben Ein grünes Blatt die sieben Gedichte Im
gehoben, nichtsdestoweniger brach man um des völlig Herbste 1850, Abschied, Trost, Mai, Nachts, Auf der
verfehlten und beinah widerwärtigen Schlusses willen Marsch und Gode Nacht beigesteuert hatte. Darüber
den Stab über das Ganze und bezeichnete es als eine hinaus enthielt das Jahrbuch Novellen, Gedichte, Bal-
freilich talentvolle, dennoch aber durchaus verwerf- laden und zwei Aufsätze von den Rütlionen Franz
liche Arbeit« (Fontane 1982, 314 f.). Kugler, Friedrich Eggers, Paul Heyse, Bernhard von
Fontane versicherte Storm, dass in der Argo auch Lepel, Leo Goldammer und Adolph Menzel.
seine Gedichte »auf ’s Höchste willkommen sein« Die Arbeit am Jahrbuch war getragen von dem
würden, was aber insbesondere gewünscht war, »das Wunsch, eine preußische Poesiediskussion zu be-
sind Novellen – Ihre starke Seite« (Storm–Fontane, 5). gründen und an die Öffentlichkeit zu bringen (vgl.
Storms eingesandter Beitrag Ein grünes Blatt wurde Berbig 1987, 110). Ein konkretes Programm lag indes
von den Rütlionen zunächst eingehend besprochen nicht vor; überhaupt war vielmehr von Positions-
und trotz einiger Einwände hinsichtlich des Novellen- divergenz unter den Beiträgern auszugehen, die kein
schlusses akzeptiert (vgl. Storm–Fontane, 10–19), le- verbindliches Konzept vereinte (vgl. ebd., 111). Vehe-
diglich das Epilog-Gedicht, in dem Storm, in Hoff- mente politische Tendenz wurde abgelehnt, nicht je-
nung und Erwartung eines ›neuen Frühlings‹, von ei- doch preußisch-patriotische Gesinnung, wie etwa in
nem »Donnerschlag« schreibt, der eine Wendung al- der Auseinandersetzung um Storms Epilog-Gedicht
ler Dinge bringen werde, wurde zurückgewiesen. deutlich wurde (s. o.). Bevor man sich für den Namen
Bezogen auf die erfolglose Schleswig-Holsteinische Argo entschied, gab es andere Vorschläge. Kugler
Erhebung schien es den Berliner Rütlionen doch als nannte als Arbeitstitel »Stufen«, was auf eine gewisse
eine »kitzliche Sache«, die zu sehr »nach der einigen Vorläufigkeit des Inhalts hindeutete; Fontane schlug
unteilbaren deutschen Republik schmeckt« (Storm– »Ascania« vor, weil »wir nämlich alle zwischen Elbe
Fontane, 11). Sie wollten »die Aeußerungen solches und Oder zu Hause sind, die wir uns an dem Buche
Grimms und solcher Hoffnungen« nicht auf ihre Kap- beteiligen« (Briefwechsel Fontane–Eggers, 91). Das
pe nehmen, weil das »uns ›Beamteten‹ doch sehr ver- »Landsmannschaftliche« (ebd.) würde dadurch be-
übelt werden« würde (ebd.). Storm entsprach der Bitte tont, zudem wünschte er sich für das Jahrbuch »den
um Streichung sogleich. Charakter eines norddeutschen Musen-Almanachs«.
Weil bislang keine Nachrichten und Antworten be- Der »norddeutsche Zug« lag auch Kugler am Herzen
züglich seiner Anstellungsgesuche eingegangen wa- (vgl. Berbig 1987, 126). Fontane hatte daher auch den
ren, kehrte Storm im September 1853 nach Berlin zu- niederdeutschen Dichter Klaus Groth, der durch seine
rück, um die Sache voranzutreiben. Vom 5. bis 27. plattdeutsche Gedichtsammlung Quickborn bekannt
September logierte er als Gast im Hause Franz Kug- geworden war, um einen Prosatext für das Jahrbuch
lers, wo er sich freundlich aufgenommen fühlte; so gebeten; aus Krankheitsgründen konnte Groth dieser
richtete Kugler am 14. September eine kleine Feier zu Bitte nicht nachkommen.
Storms 36. Geburtstag aus, wo ihm Texte und Bilder Obwohl man sich an die marktorientierten Vor-
der ›Argonautenschaft‹ als Präsente gereicht wurden gaben des Verlegers gehalten und statt Literaturkritik
(vgl. EB, 55 f.). neben Gedichten und Balladen vor allem Novellen
Storms Lage war angesichts der noch immer unge- aufgenommen hatte, entsprach die öffentliche Reso-
wissen beruflichen Zukunft sehr angespannt. Durch nanz auf die Argo nicht ganz den Hoffnungen und Er-
die Vermittlung Wilhelm von Merckels, dessen Schwa- wartungen der Rütlionen. Im Brief an Storm vom
ger Karl Gustav von Goßler Direktor des Kreisgerichts 4.1.1854 schrieb Fontane: »Der Buchhändler ist zu-
Potsdam war, erhielt Storm schließlich ein Volontariat frieden, hier sind alle Exemplare die da waren ver-
am dortigen Kreisgericht, nachdem ihm der preußi- kauft worden. Ein neuer Beweis wie gleichgültig die
24 II Einflüsse und Kontexte

Anzeigen und namentlich die Kritiken sind« (Storm– die jetzt auch eine stattliche Anzahl an Bildern und Il-
Fontane, 52). lustrationen enthielt.
Im Deutschen Museum erschien am 19.1.1854 eine Fontane war im September 1855 nach England auf-
kurze Besprechung, in der die Argo als »eine recht ge- gebrochen, um in London eine »Deutsch-englische
schickte Neuerung der sonst üblichen belletristischen Correspondenz« aufzubauen; er kehrte erst im Januar
Taschenbücher« bezeichnet wurde. Lobend erwähnt 1859 zurück nach Berlin. Für die Argo lieferte er wei-
wurden hauptsächlich Fontane und Kugler, die ande- terhin Beiträge, ebenso Storm, der im Jahr 1856 Pots-
ren Beiträger wurden zum großen Teil unter dem Eti- dam wieder verließ, nachdem er zum Kreisrichter in
kett »anspruchsvolle Mittelmäßigkeit« verortet. Storm Heiligenstadt berufen worden war. 1860 erschien der
fertigte für den Rütli-Kreis »unter geistiger und kör- vierte und letzte Band des »Albums für Kunst und
perlicher Selbstverleugnung« (Storm–Fontane, 54) ei- Dichtung«; von Storm stammten darin die Novellen
ne Abschrift dieser Rezension an; seine Gedichte hat- Wenn die Äpfel reif sind (1857), Auf dem Staatshof
ten den Erwartungen des Rezensenten nicht entspro- (1859) und Späte Rosen (1860) sowie das Gedicht Im
chen. Karl Gutzkow hatte bereits im Dezember 1853 Garten (1859).
in seiner Kolumne »Vom deutschen Parnaß« in den
Unterhaltungen am häuslichen Herd über die »Talen-
Das Literaturblatt des Deutschen Kunstblattes
te«, die sich in der Argo »zusammengeschart haben«,
geschrieben: »was sie liefern, sind Stubenpflanzen, Friedrich Eggers war seit 1850 Redakteur des Leipziger
schwank- und haltlos, nur zur Freude erblühend ei- Deutschen Kunstblattes, dessen Redaktion im Novem-
nem Auge, das voll Liebe auf ihnen ruhen will. Der ber 1853 nach Berlin verlegt wurde. Gleichzeitig wur-
Charakter fehlt, eine Weltanschauung, eine Stellung de ein unabhängiges Beiblatt ins Leben gerufen, das Li-
zum Licht und zur Wahrheit, die volle pulsirende Sub- teraturblatt des Deutschen Kunstblattes, das nun vor al-
jectivität fehlt.« Beide Rezensionen riefen bei den Rüt- lem auch den ›Argonauten‹ eine Plattform für kritische
lionen Empörung hervor; Kugler etwa schrieb an Aufsätze zur zeitgenössischen Literatur bot – der Ver-
Storm, man solle Gutzkow »ausstopfen und, zur Be- lag warb sogar damit: »Es wird hierbei neben anderen
lehrung der Nachwelt, in ein zoologisches Museum bekannten und geschätzten Schriftstellern namentlich
stellen« (Storm–Fontane, 295). der Kreis von Männern mitwirken, welche sich an dem
Auf einen zweiten Band der Argo wollte sich der eben aufgetretenen belletristischen Jahrbuch ›Argo‹
Dessauer Verleger Katz nicht einlassen (wohl weil das beteiligt hat« (vgl. Berbig/Wülfing 1998, 397).
Jahrbuch weniger einträglich war als erwartet), so dass Der erste Jahrgang enthielt einen Aufsatz Paul Hey-
Fontane Verhandlungen mit Heinrich Schindler auf- ses über Theodor Storm (Nr. 26 (1854) S. 103–104),
nahm, bei dem auch das Deutsche Kunstblatt erschien. Storm selbst steuerte unter anderem einen Essay zu
Sein Coredakteur Kugler äußerte sich jedoch sehr Fontane (Nr. 21 [1855] S. 85–87) sowie Rezensionen
skeptisch über das Zustandekommen eines neuen zu Julius Rodenberg, Klaus Groth und Carl Heinrich
Jahrbuchs. Er wies Fontane auf den Mangel an ver- Preller bei. Das Literaturblatt hatte fortwährend mit fi-
öffentlichenswertem Material hin – »Es ist von dem nanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und ging 1858
eigentlichen Kern des Rütli nichts vorbereitet« (Berbig schließlich ein.
1986/1, 272) –, weshalb er die Notwendigkeit eines
neuen Bandes zumindest derzeit nicht gegeben sah:
Die Potsdamer Jahre 1854–1856
»Nach der ganzen Sachlage scheint es mir durchaus
nöthig, das Unternehmen für jetzt fallen zu lassen. Ich Der Wechsel nach Preußen war Storm denkbar schwer
kann aber in keiner Weise einsehen, weshalb es uns gefallen, nicht nur wegen der politischen Verhältnisse
verwehrt sein sollte, später mit einer Erneuerung zu und der Notwendigkeit, seine Heimat zu verlassen,
kommen« (273). – Am 24.8.1854 vermeldete Storm sondern auch, weil er Preußen und speziell Berlin als
im Brief an Fontane, er habe nun die »Todesanzeige seinem Wesen sehr fremd empfand. Über die ›Berli-
der Argo« von Schindler vernommen (Storm–Fonta- ner Luft‹ hatte er gleich zu Beginn seines Briefwech-
ne, 91). Erst im Jahr 1857 nahm die Argo ihre Fahrt sels mit Fontane eine Meinungsverschiedenheit. Es sei
wieder auf, nun als »Album für Kunst und Dichtung«, darin »etwas, was meinem Wesen widersteht« – und
herausgegeben von Friedrich Eggers, Franz Kugler zwar, dass man »auch in den gebildeten Kreisen [...]
und dem Maler Theodor Hosemann. Außer dem Na- den Schwerpunkt nicht in die Persönlichkeit, sondern
men hatte sich auch der Charakter der Argo geändert, in Rang, Titel, Orden und dergleichen Nipps legt, für
8 Storm und das literarische Berlin 25

den mir [...] jedes Organ abgeht« (Storm–Fontane, 8). Fontane einmal unumwunden schrieb, Sparsamkeit
Fontane widersprach ihm darin und behauptete viel- (Storm–Fontane, 104). Storms Einladungen nach
mehr, es gebe nirgends auf der Welt eine so wenig ex- Potsdam, seine Bitten um Besuch nahmen bisweilen
klusive Gesellschaft wie in Berlin (16). »Was uns fehlt einen dringlichen Ton an, was an der Häufigkeit der
ist Feinheit, Liebenswürdigkeit und rechte Liebe über- Absagen jedoch nichts änderte. Auf die Frage, weshalb
haupt, doch an Bravheit fehlt es uns nicht« (17). Ohne Storm und die Berliner Freunde nach der ersten Zeit
dass einer von beiden von seiner Meinung abgerückt nicht mehr so recht zueinanderfinden konnten, gibt
wäre, lenkte Storm zumindest dahingehend ein, dass Fontane in seinem Essay »Erinnerungen an Theodor
seine Wertung auf einen augenblicklichen und ober- Storm« (1888) sowie dem Tunnel-Kapitel aus Von
flächlichen Eindruck sowie auf das Satiremagazin Zwanzig bis Dreißig Antwort. So stellt er z. B. fest, dass
Kladderadatsch zurückgehe – das ihm als typisch Ber- Storms Persönlichkeit insbesondere durch von Mer-
linisch vorgekommen sein mag. Die Karikatur (als ckel und Kugler beanstandet wurde (Storm–Fontane,
Darstellungsform) aber sei ihm so zuwider, »daß sie 170); auch hätten die »gelegentlich etwas stark hervor-
mir beinahe körperliches Unwohlsein erregt« (19). tretenden Dichtereitelkeiten« den Geheimrat Kugler
Auch zur Schleswig-Holstein-Frage wurden dort Ka- verdrossen (ebd.). Im Storm-Kapitel in Von Zwanzig
rikaturen veröffentlicht (vgl. Storm–Fontane, 244); bis Dreißig beschreibt Fontane die zustande gekom-
welche Ausgabe des Magazins bzw. welche satirische menen Rütli-Sitzungen in Potsdam als »sehr ange-
Spitze ihn im Besonderen aufbrachte, ist allerdings nehm, lehrreich und fördernd« (Fontane 2014, 233),
nicht belegt. stellt jedoch auch störende Aspekte – »kleine Sonder-
Im Kreis der Berliner Freunde fühlte er sich jedoch barkeiten« (ebd.) Storms – heraus, so etwa dessen Nei-
zunächst freundlich aufgenommen. Aus dem ›lieben gung, »alles aufs Idyll zu stellen« (ebd.), auch die ›ab-
und geehrten Herrn‹ Fontane (so die häufig verwende- weichende‹ Art der Kindererziehung (die Stormschen
te Anredeformel der ersten Briefe) wird schnell »Liebs- Kinder galten unter den Berliner Freunden allgemein
ter Freund« und »Lieber, bester Fontane«. Noch aus als schlecht erzogen) sowie, auf Storms Dichtung bezo-
Husum ergeht im August eine Einladung an Fontane, gen, die zu Schlagworten gewordene »Provinzialsim-
»einen Abstecher zu uns zu machen, und dann nach 8 pelei« (234) und »Husumerei« (225).
Tagen mit mir zurück zu reisen? Sie und Eggers! Sie Fontanes Charakteristik der Person und des Dich-
haben beide Quartier bei uns!« (33). Es war dies nicht ters Theodor Storms übte einen nachhaltigen Einfluss
die letzte von Storm ausgesprochene Einladung, die auf die Storm-Rezeption aus (vgl. Radecke 2011,
man ausschlug. Noch vor seiner endgültigen Ankunft XXXV). Zwar offenkundig bemüht, ein differenziertes
in Potsdam malte er sich »als Lichtpunkte in der grau- Bild von Storm zu zeichnen, hinterlassen diese Texte
en Pots. Existenz« die zahlreichen Besuche der Berli- doch einen unbestimmten Eindruck, so dass man
ner Freunde, zumal Fontanes, aus. Das mitgebrachte Fontanes versöhnlichem Schlusssatz »Dem Menschen
Gästebett »werden Sie dann oft einmal benutzen, aber, trotz Allem, was uns trennte, durch Jahre hin na-
Sonnabend Nachmittag herüberkommen; und dann he gestanden zu haben, zählt zu den glücklichsten Fü-
fahren wir Sonntag mit nach Berlin zurück« (45). In gungen meines Lebens« (Fontane 2014, 201) nicht
der Tat ließ sich die Strecke zwischen Potsdam und recht Glauben schenken kann – wird Storm doch teil-
Berlin in einer halben Stunde Bahnfahrt zurücklegen, weise als geradezu lächerliche Figur dargestellt. In den
doch waren die Besuche der Rütlionen bei Storm nicht Schilderungen einzelner Begebenheiten (etwa des be-
sehr zahlreich und weitaus seltener als von Letzterem rühmten Kranzler-Besuches, 237–239) fehlt die im-
erhofft. An seine Eltern schrieb er im Mai 1854, es fehle mer wieder ausgesprochene Sympathie Fontanes für
ihm »dasselbe hier, was mir lange Zeit in Husum fehlte: Storm; vielmehr scheinen hier die Freundschafts-
ein Mann von gleichen Jahren und gleichen Neigun- bekundungen Fontanes seine ›schonungslose Abrech-
gen. [...] Daran fehlt es mir hier aber ganz, und Berlin nung‹ mit Storm gerade zu legitimieren (Radecke
ist doch fast so gut wie aus der Welt« (GB I, 232). Im- 2011, XXXV).
mer wieder wurden Storms Einladungen nach Pots- Auch in Potsdam nutzte Storm die Möglichkeit, mit
dam ausgeschlagen, so dass Franz Kugler schon im Fe- literarisch Interessierten zusammenzutreffen. Die
bruar 1855 im Rahmen einer solchen Absage an Storm »Litterarische Gesellschaft Potsdam« (»Litteraria«),
schrieb, es schwebe »ein Unstern über dem Tannhäu- ein bürgerlicher Bildungsverein mit dem Ziel der Be-
ser=Rütli« (Berbig 1993, 129). Entschuldigungsgründe förderung von Wissenschaft, Kunst und Literatur (vgl.
waren zumeist Erkrankungen, Zeitnot, aber auch, wie Walther 2002, 223) lud ihn im Frühjahr 1854 ein, aus
26 II Einflüsse und Kontexte

seinen Werken vorzulesen. Im Oktober sprach er dort ken gegebenen Gehaltes suchen« (Berbig 1993, 131).
von dem von ihm verehrten Eduard Mörike und las, Wilhelm von Merckel hingegen lobte gerade Storms
wie er diesem schrieb, dessen Gedicht Der alte Turm- Subjektivität: »[I]ch gehöre nicht zu denen, die den
hahn vor (vgl. Radecke 2010 sowie die Schilderung höchsten Werth in die absolute Objektivität setzen; ei-
des Vorleseabends in Storm–Mörike, 46). ne anmuthige, freie, tiefe Subjektivität ist mir lieber;
Die in der Potsdamer Zeit an Familie und Freunde verräth mir ein sinniges Gemüthswerk einen Men-
geschriebenen Stormschen Briefe zeichnen das Bild schen mit Gemüth, so ist mir’s mehr werth, als alle
eines gesundheitlich angegriffenen, mit enormem Ar- Göthesche Kälte und Glätte, die mit anspruchsvoller
beitspensum und finanziellen Sorgen belasteten und Kunst vornehmer thut, als sie sich den Schein gibt«
von ›Heimwehverstimmung‹ befallenen Mannes, der (Berbig 1993, 44 f.).
im Dezember 1854 an seine Schwiegereltern schrieb, Dass Storm mit der Novelle Auf dem Staatshof, die
er werde sich in Potsdam niemals heimisch fühlen er bereits in Heiligenstadt verfasste, der »erzählerische
(Storm–E.Esmarch, 49). Auch seine dichterische Pro- Durchbruch« (Eversberg 1992, S. 72) gelang, sieht
duktion, so klagte er seinem Vater, sei durch das Leben Eversberg auch als Ergebnis einer Entwicklung, als
in der Fremde beeinträchtigt: »Wäre ich in der Heimat Produkt einer »Lehrzeit« (ebd.), in der die Berliner
geblieben, so würde mir mein Talent eine Quelle nicht Freunde aus dem »Rütli«-Kreis durch konstruktive
allein innerlichen, sondern auch äußerlichen Wohl- Kritik Einfluss auf die Entwicklung des Schriftstellers
seins geworden sein«. Zuhause hätte er »manches ge- Storm genommen haben. Eine umfassende Unter-
schrieben«, dort in Potsdam »wird der kleine Strom suchung aber, die unter Auswertung aller zugäng-
wohl bald versiegen« (GB I, 299). »Mir ist aber, seit ich lichen Quellen und Briefzeugnisse die Entwicklung
in der Fremde bin, als sei das rechte warme Produc- von Storms poetischem Selbstverständnis in den Pots-
tionsvermögen in mir zerstört« (Storm–Mörike, 54). damer Jahren in den Blick nimmt sowie danach fragt,
Trotz aller Schwierigkeiten und dem wiederkehren- inwiefern die Verpflanzung in eine fremde und unge-
den Zweifel an seiner Schaffenskraft sind in den Pots- liebte Umgebung bzw. ›literarische Region‹ (vgl. Ber-
damer Jahren die kurzen Prosatexte Im Sonnenschein, big 1994, 45) auf seinen Produktionsprozess ein-
Angelica und Wenn die Äpfel reif sind entstanden. gewirkt hat, steht noch aus.
Wie im Falle von Ein grünes Blatt, das zwischen
Storm und dem Rütli-Kreis einen »im Detail sehr Literatur
komplexen Streit« (Eversberg 1992, 69) über poetolo- [Anon]: [Literatur und Kunst]. In: Deutsches Museum
gische Fragen auslöste, sind auch zu den anderen in Nr. 4,1 (1854), 148 f.
Berbig, Roland: Franz Kugler: Briefe an Theodor Fontane.
dieser Zeit entstandenen Texten verschiedene Aus-
Eine Auswahl aus den Jahren 1853 und 1854. Eingeleitet,
einandersetzungen brieflicher Natur überliefert, die in herausgegeben und kommentiert von Roland Berbig. In:
den Briefwechseln mit Fontane, Heyse, Mörike, Kug- Fontane Blätter 41 (1986/1), 255–286.
ler und Eggers nachzuverfolgen sind. Berbig, Roland: Ascania oder Argo? Zur Geschichte des Rüt-
Paul Heyse antwortete Storm, der ihm Im Sonnen- li 1852–1854 und der Zusammenarbeit von Theodor Fon-
schein zugeschickt hatte: »ein erstes und ein letztes Ca- tane und Franz Kugler. In: Theodor Fontane im literari-
schen Leben seiner Zeit. Beiträge zur Fontane-Konferenz
pitel, beide aufs Höchste reizend und durch ahnungs- vom 17. bis 20. Juni 1986 in Potsdam. Berlin 1987, 107–
volle Fäden verknüpft – aber wo zum Teufel bleibt der 133.
Roman?« (Storm–Heyse I, 21 f.). Hinsichtlich des an- Berbig, Roland: »... wie gern in deiner Hand / Ich dieses
gesprochenen ›mangelnden Wirklichkeitsgehaltes‹ Theilchen meiner Seele lasse.« Theodor Storm bei Franz
(vgl. Eversberg 1992, 70) erwiderte Storm, wenn er Kugler und im Rütli: Poet und exilierter Jurist. In: Fontane
Blätter 53 (1992), 12–29.
könne, werde er »noch die Perspektive auf einen kon-
Berbig, Roland: Der Unstern über dem Tannhäuser-Rütli.
kreten Vorfall hineindichten; mehr nicht. In meine Franz Kuglers Briefe an Theodor Storm. In: STSG 42
Geschichten [...] gehört nicht mehr« (Storm–Heyse, (1993), 115–139.
23). Als er den ›novellenartigen‹ Text Angelica an Berbig, Roland: Ausland, Exil oder Weltgewinn? Zu Theo-
Franz Kugler zur Begutachtung sandte, nahm dieser dor Storms Wechsel nach Preußen 1852/1853. In: STSG
die Gelegenheit wahr, Storm auf eine Gefahr hin- 42 (1993), 42–47.
Berbig, Roland: Theodor Fontane und das »Rütli« als Beiträ-
zuweisen, die Kugler generell in Storms Prosa sah: Er ger des Literarischen Centralblattes für Deutschland. Mit
laufe Gefahr, »sich in das Subjective zu verlieren« und einem unveröffentlichten Brief an Friedrich Zarncke und
solle daher dem »Subjectivismus eine recht herzhafte einer bislang unbekannten Rezension aus dem Jahr 1853.
Objectivität entgegenstellen« und »Stoffe eines star- In: Fontane Blätter 62 (1996), 5–26.
8 Storm und das literarische Berlin 27

Berbig, Roland/Wülfing, Wulf: Rütli [II] [Berlin]. In: Wulf Fricke, Hermann: Die Ellora und das Rytly. Zwei Seitentrie-
Wülfing/Karin Bruns/Rolf Parr (Hg.): Handbuch litera- be des Tunnels über der Spree. In: Jahrbuch für branden-
risch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825–1933. burgische Landesgeschichte 7 (1956), 19–24.
Stuttgart/Weimar 1998, 394–406. Fricke, Hermann: Die »Argonauten« von Berlin. Zur Ge-
Eversberg, Gerd: Die Bedeutung Theodor Fontanes und sei- schichte eines literarischen Unternehmens. In: Der Bär
nes Kreises für die Entwicklung der Stormschen Erzähl- von Berlin. Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins
kunst. In: Fontane Blätter 54 (1992), 62–74. 13 (1964), 27–49.
Fontane–Heyse: Der Briefwechsel zwischen Theodor Fonta- Goldammer, Peter: »Das Ungeheuer Berlin«. Storm in der
ne und Paul Heyse. Hg. v. Gotthard Erler. Berlin/Weimar preußischen und in der deutschen Hauptstadt. In: Storm-
1972. Blätter aus Heiligenstadt 9 (2003), 4–33.
Fontane, Theodor: Autobiographisches Schriften. Bd. III/1: [Gutzkow, Karl]: Vom deutschen Parnaß. I. In: Unterhaltun-
Christian Friedrich Scherenberg, Tunnel-Protokolle und gen am häuslichen Herd. Leipzig. Bd. 2, Nr. 11, [10. De-
Jahresberichte, Autobiographische Aufzeichnungen und zember] 1853, 174–176.
Dokumente. Hg. v. Gotthard Erler u. a. Berlin 1982. Radecke, Gabriele: »Heimisch werde ich mich hier niemals
Fontane–Eggers: Theodor Fontane und Friedrich Eggers. fühlen«. Theodor Storm in Potsdam (2010), http://www.
Der Briefwechsel. Mit Fontanes Briefen an Karl Eggers und literaturport.de/literatouren/brandenburg/literatour/ga-
der Korrespondenz von Friedrich Eggers mit Emilie Fon- briele-radecke-heimisch-werde-ich-mich-hier-niemals-
tane. Hg. v. Roland Berbig. Berlin/New York 1997. fuehlen-theodor-storm-in-potsdam/ (08.03.2015).
Fontane–Lepel I: Theodor Fontane – Bernhard von Lepel. Radecke, Gabriele: Einführung. In: Storm – Fontane, XV–
Der Briefwechsel. Kritische Ausgabe. Hg. v. Gabriele Ra- XXXVI.
decke. Berlin 2006. Walther, Peter (Hg.): Musen und Grazien in der Mark. Bd. 2:
Fontane, Theodor: Erinnerungen an Theodor Storm. In: Ein historisches Schriftstellerlexikon. Berlin 2002.
Storm–Fontane, 167–183. Wülfing, Wulf: Tunnel über der Spree [Berlin]. In: Wulf
Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographi- Wülfing/Karin Bruns/Rolf Parr (Hg.): Handbuch litera-
sches. Hg. v. d. Theodor Fontane-Arbeitsstelle. Berlin risch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825–1933.
2014. (= Große Brandenburger Ausgabe – Das autobio- Stuttgart/Weimar 1998, S. 430–455.
graphische Werk, Bd. 3).
Debora Helmer
28 II Einflüsse und Kontexte

9 Storm als Jurist früher ablegte, führte zu einiger Unzufriedenheit sei-


nes Vaters, zumal Storm während des Studiums auch
Theodor Storm war, wenn man sein Jurastudium ein- beträchtliche Schulden machte. Darüber, welchen Ei-
schließt, 43 Jahre lang als Jurist tätig. Er war nicht fer der Student Storm aufbrachte und für welche
mehr als ein Durchschnittsjurist; es gibt von ihm kei- Rechtsgebiete er womöglich besonderes Interesse auf-
ne aufsehenerregenden Entscheidungen oder rechts- brachte, gibt es keine Zeugnisse. Sicher dürfte sein,
wissenschaftliche Veröffentlichungen. Oft haderte er dass er das schleswig-holsteinsche Recht bei dem für
mit dem ihm lästigen juristischen Beruf; als Existenz- dieses Rechtsgebiet berühmten Rechtsgelehrten Ni-
grundlage für sich und seine große Familie blieb er kolaus Falck (1784–1850) gehört hat, ferner das dä-
aber auf ihn zeit seines Lebens angewiesen, denn trotz nische Recht bei Christian Paulsen und das Römische
seiner beachtlichen Produktivität und seines jeden- Recht bei Georg Christian Burchardi (vgl. von Fisenne
falls in späteren Jahren weitverbreiteten Dichterrufes 1959, 10). Nach einem Studienjahr in Berlin beendete
blieben seine Honorare auch in der Summierung be- Storm seine Ausbildung im Herbst 1842 dann wieder
scheiden (vgl. Mückenberger 2001, 212–215.). Storms in Kiel. Die juristische Prüfung, das »Amtsexamen«,
Leben ist von mehreren schicksalhaften Wechseln ge- fand vor dem Königlich Schleswig-Holstein-Lauen-
prägt, die ihn in ganz unterschiedliche juristische Po- burgischem Oberappellationsgericht in Kiel statt. Die
sitionen führten. Nur seinem Dichterruhm ist es zu amtlichen Protokolle über den Ablauf der Prüfung
verdanken, dass eine große Fülle von Zeugnissen auch einschließlich der Prüfungsergebnisse sind noch vor-
seines Juristenlebens erhalten geblieben ist. handen. Demnach wurden die Examinanden an drei
Nach dem Besuch der Husumer Gelehrtenschule Tagen, nämlich am 3., 4. und 5.10.1842, in schriftli-
und einem Abschlussschuljahr am Lübecker Katha- chen Aufsichtsarbeiten in Rechtsgeschichte und Her-
rineum schrieb sich Theodor Storm Ostern 1837 an meneutik, im Römischen Recht, im Kriminalrecht, im
der juristischen Fakultät der Landesuniversität Kiel Kirchenrecht, im Zivilprozess, im Kriminalprozess,
ein. Zu seiner Berufswahl gibt es eine Schlüsselaus- im dänischen und im vaterländischen Privatrecht so-
kunft: 1873 hatte der Wiener Literaturprofessor Emil wie in Naturrecht und in Geschichte der Philosophie
Kuh sich mit einer Reihe biografischer Fragen an geprüft. Außerdem hatten die Prüflinge drei schriftli-
Storm gewandt, um essayistisch über den Dichter zu che Arbeiten zu erbringen, nämlich eine Relation an-
arbeiten. In seinem ausführlichen Lebensabriss be- hand eines Aktenstückes sowie zwei Abhandlungen
merkte Storm am Rande: »Weshalb ich mich der Juris- zu allgemeinen Rechtsbereichen, davon eine in deut-
terei ergab? Es ist das Studium, das man ohne beson- scher und eine in lateinischer Sprache. Storm bearbei-
dere Neigung studieren kann; auch war mein Vater ja tete die Themen »Zur Begründung der Notwehr« (in
Jurist. Da es die Wissenschaft des gesunden Men- Deutsch) und »De testamento pestis tempore condi-
schenverstandes ist, so wurde ich wohl leidlich mit to« (in Lateinisch). Die mündliche Prüfung fand am
meinem Richteramte fertig. [...] Mein richterlicher 15. und 17.10.1842 statt. Die achtköpfige Prüfungs-
und mein poetischer Beruf sind meistens in gutem kommission bestand nicht aus Professoren, sondern
Einvernehmen gewesen, ja ich habe es sogar oft als Er- aus Richtern. Es handelte sich damals in Schleswig-
frischung empfunden, aus der Welt der Phantasie in Holstein-Lauenburg um das Modell einer einstufigen
die praktische des reinen Verstandes einzukehren und Juristenausbildung – im Gegensatz zu dem dreistufi-
umgekehrt« (GB 2, 10). Das Vorbild seines Vaters, der gen Modell, welches in Preußen galt. Über die Breite
sich aus kleinen Verhältnissen zu einem tüchtigen Ad- des Prüfungsstoffes und über die Vielzahl der schrift-
vokaten entwickelt hatte, der in Husum und weit über lich und mündlich zu bewältigenden Aufgaben muss
Husum hinaus allseitige Achtung genoss, mag für den man staunen. Storm und seine Kommilitonen wurden
Sohn bei der Berufswahl lockend gewesen sein. Aber mit durchaus beachtlichen Anforderungen konfron-
von einem »gutem Einvernehmen« zwischen Beruf tiert; die Gesamtheit der in dem Prüfungsprotokoll
und Dichterleben durfte nun wirklich nicht die Rede ausgewiesenen Prüfungsergebnisse lässt allerdings auf
sein; hier drückt sich ein allgemeiner Zug Storms aus, eine äußerst großzügige Haltung der Prüfer schließen
nach außen glatte und erfüllende, geschönte Bilder zu – keiner der 14 Examenskandidaten ist durchgefallen.
senden, mögen die Dinge in der Familie, im Beruf Der Kandidat Storm erreichte Einzelergebnisse, die
oder sonst noch so schwierig sein. sich recht gut ausnehmen: Seine Noten schwankten
Storm studierte 5 1/2 Jahre lang – nach heutiger zwischen »sehr gut« (Zivilprozess/schriftlich, Deut-
Rechnung 11 Semester lang. Dass er das Examen nicht sches und Vaterländisches Privatrecht/schriftlich)

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_9, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
9 Storm als Jurist 29

und »zum Theil gut« (Naturrecht, Geschichte der Phi- bereiche hatten Strandrechte. In Teilen Schleswigs galt
losophie/mündlich); seine schriftlichen Arbeiten wa- das Lübsche Recht, das Stadtrecht Lübecks. Dazu ka-
ren durchweg etwas besser beurteilt als die mündli- men Gesetze und Verordnungen des dänischen Kö-
chen Leistungen. Mit bestandenem Examen wurde al- nigs, aber auch der einheimischen Landesherren. Man
len Kandidaten der »zweite Charakter«, und das hieß wird annehmen dürfen, dass in Anbetracht der chao-
»bestanden« beigelegt, vier Kandidaten dabei mit tischen Rechtslage vor Gericht meist einfach der ge-
»sehr rühmlicher Auszeichnung«, weitere 6 »mit Aus- sunde Menschenverstand entschied, zumal die erst-
zeichnung«; 4 Kandidaten, darunter Storm, blieben instanzlichen Gerichte noch überwiegend Laienge-
ohne belobigendes Prädikat. (Die Protokolle aller richte waren.
Prüfungen sind immer noch einzusehen.) Vater und Sohn Storm praktizierten nicht zusam-
Im Herbst nahm der inzwischen 25 Jahre alte men, sondern in getrennten Büros; freilich schob der
Theodor Storm in seiner Vaterstadt Husum seine an- Vater seinem Sohn aber dieses oder jenes Mandat zu.
waltliche Tätigkeit auf, und zwar zunächst in der In Storms Briefen an seine Braut Constanze Esmarch
Kanzlei und unter dem Namen seines Vaters. Anfang oder an Theodor Mommsen klingt durchaus gelegent-
1843 wurde ihm vom dänischen König, der zugleich lich Stolz auf kleine berufliche Erfolge an. Aber seiner
Landesherr in Schleswig und Holstein war, die Zulas- Braut schrieb er auch: »Wir lieben beide das gebildete
sung als Advokat verliehen. Zuvor hatte er den Nach- Wesen um uns, für alles Rohe soll mein Comtoir den
weis der Beherrschung der dänischen Sprache zu er- Blitzableiter hergeben; zu Dir, in unser Familienzim-
bringen; das Zeugnis hierüber erhielt er von seinem mer, soll es nicht dringen« (BB 2, 248). Man darf die-
Kieler Professor Falck. Am 23. und 30. 4. sowie am ser markanten Briefstelle getrost entnehmen, dass im
7.5.1843 fand sich im Husumer Wochenblatt dann Bewusstsein Storms »das Rohe« des Juristenberufes
diese Anzeige: »Meine Wohnung ist bei dem Agenten überhaupt nicht zu seinem ganzen sonstigen verfei-
Schmidt in der Groß-Straße. Husum, den 20. April nerten Lebensentwurf passte.
1843. Woldsen Storm, Advokat«. »Wohnung« bedeu- Am 23.11.1853 leistete Theodor Storm vor dem
tet hier auch Kanzlei; Advokaten, aber auch öffent- Kammergericht in Berlin den Amtseid als preußischer
liche Beamte hatten ihre Praxisräume damals inner- Gerichtsassessor (Personalakten Berlin, Blatt 5). Zu-
halb der eigenen Wohnung. Und Woldsen? Storms vor, im Juni 1852, war ihm, ebenso wie 33 anderen in
vollständiger Taufname war Hans Theodor Woldsen. Schleswig ansässigen Advokaten, von dem dänischen
Christian Albrecht Woldsen, ein Urahn Storms, hatte Minister für Schleswig-Holstein die Bestallung entzo-
es zu bedeutendem kaufmännischen Ansehen ge- gen worden. Storm war an sich unpolitisch, hatte sich
bracht, und Woldsen war Storm aus Gründen der Fa- aber – ›vaterländisch gesonnen‹ – unverhohlen gegen
milientradition als dritter Vorname mitgegeben wor- dänische Einflüsse in seiner Heimat gesträubt.
den. Der junge Storm hatte, soweit er anwaltlich auf- Nun war er gezwungen, sich eine Existenz außer-
trat, seinen eigentlichen Vornamen Theodor fallen halb Schleswig-Holsteins zu suchen. Nach mehreren
lassen und spielte den Vornamen Woldsen aus, der in vergeblichen Bewerbungen suchte er um Aufnahme
der Husumer Gesellschaft und Geschäftswelt einen in den preußischen Justizdienst nach. Nach Wochen
beachtlichen Ruf genoss und der ihm für die Aufnah- wurde von dort angefragt, ob er bereit sei, für mindes-
me seiner Advokatur nützlich schien. tens sechs Monate in einer Art verkürzter Referendar-
Das Recht, mit dem es Theodor Storm in den klei- zeit die für den Justizbeamtendienst erforderlichen
nen Herzogtümern Schleswig und Holstein zu tun Kenntnisse zu erwerben – offenbar um die Unter-
hatte, war unvorstellbar zersplittert. Dort galt – und schiede der Juristenausbildung auszugleichen. Denn
dies weiter bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Ge- Theodor Storm hatte ja nur eine Universitätsausbil-
setzbuches im Jahre 1900 – das Jütsche Lov, ein 1421 dung und ein »Amtsexamen«, aber keine praktisch-
von dem Dänenkönig Waldemar II. erlassenes, mithin forensischen Kenntnisse. Ein preußischer Gerichts-
sehr altes Gesetz, das auf germanische und kirchliche assessor hingegen hatte nach abgeschlossenem Hoch-
Einflüsse zurückging. Da es nicht mehr zeitgemäß schulstudium ein erstes Staatsexamen abzulegen, das
war, mussten umfänglich Hilfsrechte, meist das Rö- zum »Auscultator« führte, nach 1 1/2 jähriger Ausbil-
mische Recht oder modernes dänisches Recht heran- dung bei einem Gericht ein zweites, mit dem er »Refe-
gezogen werden, und allenthalben spross das unter- rendar« wurde, und nach weiteren 2 1/2 Jahren prakti-
schiedlichste Gewohnheitsrecht. Fast alle Städte der scher Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft, der Rechts-
Herzogtümer hatten ihre eigenen Stadtrechte, Insel- anwaltschaft und bei verschiedenen Gerichtszweigen
30 II Einflüsse und Kontexte

die dritte, die Große Staatsprüfung, die zum »Asses- In dem Bagatelldezernat waren wöchentlich zwei Sit-
sor« führte. Storm musste diese Probezeit akzeptieren, zungstage mit jeweils etwa 20 Sachen erforderlich. Im
die dann im Ergebnis fast drei qualvolle Jahre der Laufe der Zeit ergab es sich, dass Storm durchschnitt-
Überforderung für ihn bedeuteten. Er wurde am lich sechs Stunden täglich für die Dienstgeschäfte be-
Kreisgericht Potsdam beschäftigt. Von einem Tag auf nötigte. Doch gab es auch hier Zeiten, wo ihm die Ar-
den anderen hatte er mit einem fremden höchstkom- beit über den Kopf wuchs und wo er sich »alle 14 Tage
plexen Rechtssystem fertigwerden, und er musste von einen Vormittag zur Ausübung der Kunst förmlich er-
seinem gemütlichen heimatlichen Arbeitstempo um- kämpfen« musste (Storm–E.Esmarch, 84). Und auch
schalten auf das typisch preußische Hochleistungs- während der Heiligenstädter Jahre gab es bei ihm
niveau, auf dem auch für erfahrene Richter 12 bis 15 mehrfach Ausfälle durch Krankheit und Klagen wie:
Stunden täglicher Arbeit durchaus normal waren. »Ich fühle jetzt recht, welchen Abscheu ich vor meinen
Storm hatte kein Stimmrecht und bezog über lange amtlichen Geschäften habe; [...]. Aber nicht weg-
Zeit für sich und seine inzwischen fünfköpfige Familie zuleugnen ist, daß diese mir fremdartige Beschäfti-
kein Gehalt. »[...] ich bin in Verzweiflung, es geht Alles gung doch mein ganzes Leben verdirbt« (GB 1, 340).
drunter u. drüber« (Storm–E.Esmarch, 43) – das blieb Immerhin fand er Muse für Dichtungen und verfasste
nicht sein einziger Notruf dieser Zeit. Auf Belastun- 9 Erzählungen bzw. Novellen und gründete auch wie-
gen und dabei vor allem auf berufliche Belastungen der einen Gesangsverein. Über Storms damalige Tätig-
hat Storm lebenslang mit nervlicher Überreiztheit keit als Bagatellrichter gibt es nur noch einen einzigen,
und mit Krankheit reagiert. So fiel er auch in Potsdam leider auch unergiebigen Aktenbeleg (Akten Raub ge-
immer wieder krankheitshalber aus. Letzten Endes er- gen Magistrat Heiligenstadt, Archivnummer XXIX,
reichte er gleichwohl, auch dank einer zwar deutliche 28). Das Schwurgericht in Heiligenstadt trat viermal
Schwächen aufzeigenden, aber im Ganzen doch recht im Jahr zusammen; es verhandelte stets unter dem
wohlwollenden dienstlichen Beurteilung seines Aus- Vorsitz des Direktors Hentrich, und Storm war einer
bilders, des Kreisgerichtspräsidenten Karl Gustav von von vier Beisitzern; außerdem wirkten 12 Geschwore-
Goßler, am 30.6.1856 seine Ernennung zum Kreis- ne mit. Storm war an sich an Strafsachen stärker inte-
richter in Heiligenstadt (Bestallungsurkunde vom ressiert als an Zivilsachen, beklagte sich aber oft und
30.60.1856, zur Zeit als Leihgabe im StA). heftig über die Belastungen, die sich aus der Mitwir-
Als Storm den Richterdienst in Heiligenstadt antrat, kung an Schwurgerichten für ihn ergaben, denn es
war er 42 Jahre alt. Er war seit zehn Jahren verheiratet wurde dort von 9 Uhr morgens an »dank unserm alten,
und hatte vier Kinder. Seine Besoldung als preußischer umständlichen Direktor« (GB 1, 366) oft bis spät in
Richter betrug nur 500 Reichstaler jährlich; zur De- den Abend hinein verhandelt. Preußen hatte die
ckung seines denkbar sparsamen Familienhaushaltes Schwurgerichte für schwere und schwerste Verbrechen
blieb Storm wie schon vorher auch zukünftig auf Zu- nach dem Vorbild Frankreichs so gestaltet, dass die
schüsse seines Vaters angewiesen. Das Kreisgericht Geschworenen über die Schuldfrage zu entscheiden
hatte seinen Sitz in dem alten Residenzschloss. Sein hatten. Die Berufsrichter waren auf die Entscheidung
Bezirk umfasste Stadt und Kreis Heiligenstadt, ferner der Rechtsfolge, also Freispruch oder Zumessung einer
Teile der Kreise Mühlhausen und Worbis sowie Din- Strafe, beschränkt; sie hatten diese Neuerung, die ih-
gelstädt mit insgesamt rund 50.000 Eingesessenen. nen die Kompetenz zur Entscheidung der Schuldfrage
Das Gericht hatte 11 richterliche Mitglieder, nämlich entzog, als Zurücksetzung empfunden. Neben ande-
einen Direktor und 10 Kreisgerichtsräte, Kreisrichter ren Urteilen war Storm an zwei Todesurteilen beteiligt,
bzw. Gerichtsassessoren. Der Direktor, der Geheime ohne dass sich feststellen ließ, dass ihn diese Entschei-
Justizrat Franz Christian Wilhelm Christoph Hen- dungen irgendwie belastet hätten. »Der Mörder hat
trich, bedachte den neuen Kollegen Storm sogleich mit sein Recht«, so kühl berichtete er seinem Freunde Lud-
einem übergroßen Geschäftsbereich, der ihn als Rich- wig Pietsch über eine Verurteilung zum Tode; dem
ter voll auslastete. Theodor Storm war zuständig für Freunde hatte er tags zuvor schon geschrieben: »Mor-
Bagatellsachen und für einen Anteil an Strafsachen; gen kommt ein scheußlicher Raubmord vor, der dicht
außerdem war er Mitglied des Schwurgerichts. Bei den in unserem Stadtwald von einem jungen Bengel an ei-
Bagatellsachen ging es um Zivilansprüche mit einem nem ihm befreundeten Mädchen verübt ist, die mit
Gegenstandswert von nicht mehr als 50 Talern sowie auswärts erworbenem Geld nach ihrem Heimatdorf
um Fälle von Beleidigung und leichtere Körperverlet- wanderte und bei seinen Eltern übernachtet hatte«
zung, wie sie heute dem Privatklagerecht zugehören. (Storm–Pietsch, 73).
9 Storm als Jurist 31

Einen erneuten Umbruch im Leben Storms bedeu- Novellen, dass er hin und wieder dienstlich mit unge-
tete das Jahr 1864. Die dänische Vorherrschaft in wöhnlichen Lebensvorfällen in Berührung gekom-
Schleswig war beendet, die dänischen Beamten dort men ist, zumeist auch an Ort und Stelle und so, wie es
waren ihrer Ämter enthoben. Theodor Storm konnte der Polizei ergeht, die am Ort der frischen Tat ermit-
mit seiner Familie in die Heimat, nach Husum zu- telt. Die Jahre 1864 bis 1867 als Landvogt waren sicher
rückkehren. Im März 1864 übernahm er dort das Amt die erfülltesten in Storms Berufslaufbahn, wenn ihn
des Landvogtes; er ließ dafür sein Richteramt in Hei- auch 1865 der Tod seiner Ehefrau Constanze tief traf.
ligenstadt im Stich, ohne den Bescheid des preußi- 1867 schloss sich ein Kreis. Theodor Storm kehrte
schen Justizministers über sein Entlassungsgesuch in den preußischen Justizdienst zurück. Mit der An-
auch nur abzuwarten. Das Landvogtsamt war eine an- nexion der Herzogtümer Schleswig und Holstein
gesehene und wohldotierte, von manchen auch ge- durch Preußen traten markante Strukturreformen
fürchtete Amtsstellung mit besonders weitreichenden ein. Im Sinne des Gebotes der Trennung der staatli-
Kompetenzen; denn der Landvogt war in einer Person chen Gewalten, wie es fortschrittliche Kräfte auch in
Polizeichef, Verwaltungsspitze und Gerichtsherr. Er der Nordregion schon länger gefordert hatten, wurde
übte sein Amt in einer Stube seines Wohnhauses aus, das gesamte traditionelle Vogtswesen gänzlich besei-
hatte einen Schreiber zur Seite, aber niemand konnte tigt. Storm wurde vom Amt des Landvogtes entbun-
in seine Amtsführung hineinreden. Sein Amtsbereich den und vor die Frage gestellt, ob er in der Verwaltung
war das Umfeld der Stadt Husum, während für die als Landrat oder als Richter im Justizdienst weiter-
Stadt selbst der Bürgermeister dort Gericht, Polizei arbeiten wolle. Er entschied sich für den Richterberuf.
und Verwaltung verkörperte. Im Schleswig-Holsteini- Im Storm-Haus in Husum findet sich unter Glas ein
schen Landesarchiv in Schleswig werden zwei Folian- handschriftlich abgefasstes Dokument: »Im Namen
ten mit der Aufschrift »Gerichtsprotokolle der Land- des Königs. Der Landvogt Hans Theodor Woldsen
vogtei zu Husum« verwahrt, die einen großen Teil der Storm in Husum wird hierdurch zum Amtsrichter er-
zivilrechtlichen Arbeit Storms dokumentieren. Man nannt. Es wird erwartet, dass derselbe Seiner Majestät
darf sich den Landvogt Theodor Storm nicht als einen dem König und dem gesamten königlichen Hause fer-
volkstümlichen Dorfrichter vorstellen. Die Aufzeich- ner treu und gehorsam sein, die ihm obliegenden
nungen zeigen überwiegend einfache, griffige, zum Amtspflichten gewissenhaft erfüllen und sich stets so
Teil richtig farbige Fälle. Da ist bei einem Tanzfest im betragen werde, wie es sich für einen königlichen Be-
Hause der Klägerin ein Tuch der Beklagten abhanden amten geziemt. Urkundlich ausgefertigt unter dem
gekommen; die Klägerin wehrt sich »wegen Verbalun- Königl. Insiegel. Berlin, am 9. Oktober 1867, der Jus-
jurie« gegen die Behauptung der Beklagten, sie habe tizminister Gr. z. Lippe«, so heißt es dort. Die Anfor-
das Tuch gestohlen (Gerichtsprotokolle Bd. I, Bl. derung »Seiner Majestät dem König und dem gesam-
107 f.). Da geht es um Schadensersatz für eine ver- ten königlichen Hause treu und gehorsam zu sein«,
endete Gans, die von dem Beklagten auf einer Weide klingt für heutige Ohren verfänglich; denn wo bleibt
»lahm getrieben und liegen geblieben war« (ebd., Bl. da die richterliche Unabhängigkeit? Tatsächlich je-
109 ff.) Da klagte ein Husumer Fuhrunternehmer auf doch gibt es keinen Hinweis darauf, dass Storms
den vollen vereinbarten Fuhrlohn, der mit seinem Ge- Spruchpraxis je in irgendeiner Form ›von oben her‹
spann in Schleswig Waren aufnehmen und nach Kol- beeinflusst worden wäre. Husum bekam nun ein
ding weiterbefördern sollte, der aber, weil er dort Amtsgericht, das in den ersten Jahren in verschiede-
nichts zu transportieren vorfand, sogleich von Schles- nen Wohnhäusern, ab 1872 aber in dem prächtigen
wig zurückgefahren war (ebd., Bl. 172 f.). Gehäuft geht Husumer Schloss residierte. »[...] ein lieblicheres Zim-
es um Klagen auf Unterhalt für ein uneheliches Kind mer als meins dort ist fast undenkbar [...]. Wenn ich
(z. B. Gerichtsprotokolle Bd.  II, Bl.  143 ff.). Die Be- nur andre Sachen darin treiben könnte«, schrieb
handlung der Fälle aber atmet einen eigentümlichen Storm dem Sohn Ernst (Storm–E.Storm, 134). Neben
Hauch bürgerferner Amtlichkeit. Es zeigt sich, dass Storm gab es einen zweiten jüngeren Richter. Den
Storm die starke, die formstrenge Prägung des preußi- zwei Richtern waren anfänglich in zwei Abteilungen
schen Justizdienstes nie wieder abzuschütteln ver- örtlich abgesteckte umfassende Zuständigkeiten zuge-
mochte. Der strafrechtliche Tätigkeitsbereich Storms wiesen. Später wies Storm seinem Kollegen die gesam-
wurde nicht in den Folianten, sondern in Einzelakten te streitige Gerichtsbarkeit und sich selbst die gesamte
aufgezeichnet, die nicht mehr existieren. Doch zeigen freiwillige Gerichtsbarkeit zu, das heißt: Vormund-
einige seiner Briefe und ansatzweise auch einige seiner schafts-, Register-, Nachlass- und Konkurs- und Ver-
32 II Einflüsse und Kontexte

gleichssachen. Dieser Geschäftsbereich belastete ihn gegen Magistrat Heiligenstadt. Stadtarchiv Heiligenstadt,
weniger, da in diesem keine Sitzungen anfielen. Mit Archivnummer XXIX, 28.
steigendem Dienstalter wurde Storm zum Oberamts- Personalakten des Kreisgerichts Potsdam und des Kammer-
gerichts Berlin den Gerichtsassessor bzw. den Kreisrichter
richter und schließlich zum Amtsgerichtsrat ernannt. Storm betreffend (3 Aktenstücke). Landesarchiv Schles-
Im Alter von 63 Jahren erreichte Theodor Storm wig-Holstein, Signatur Abt. 354, Nr. 493.
1880 seine Pensionierung. Dem erschöpften und viel- Personalakten des Oberlandesgerichts Kiel betreffend Amts-
fach durch Krankheit ausgefallenen Storm hatte ein gerichtsrat Storm. Landesarchiv Schleswig-Holstein, Sig-
Amtsarzt aufgrund von zwei Untersuchungen am natur Abt. 354, Nr. 110.
Gerichtsprotokolle der Husumer Landvogtei. Landesarchiv
9. September 1879 bzw. am 5. Januar 1880 bescheinigt:
Schleswig-Holstein, Signatur Abt. 163 Nr. 272 und 273.
»Th. Storm, welcher seit Jahren an krankhafter all-
gemeiner Nervenreizbarkeit leidet, wird nach seinen
Angaben in den letzten Monaten, wie von krankhaf- Literatur
ten Geruchsempfindungen, so auch fortwährend von Bollenbeck, Georg: Theodor Storm. Eine Biographie. Frank-
Kopfschmerzen geplagt, welche sich nach jeder geisti- furt a. M. 1988.
Erdmann-Degenhardt, Antje: Zwischen Dannebrog und
gen Erregung, namentlich auch nach den täglichen Preußenadler – der schleswig-holsteinische Jurist Theo-
Berufsarbeiten verschlimmern [...] als dauernd un- dor Storm. In: Neue Juristische Wochenschrift 1989, 337–
fähig zur Erfüllung seiner Amtspflichten anzusehen 343.
ist« (Personalakten Kiel, Bl. 13 ff.). Fisenne, Otto von: Storm als Jurist. In: STSG 8 (1959), 9–47.
Seine letzten acht Lebensjahre verbrachte Storm in Laage, Karl Ernst: Theodor Storm – Leben und Werk. Husum
61993.
dem ländlichen Hademarschen in einem nach eige-
Mückenberger, Heiner: Theodor Storm – Dichter und Richter.
nen Plänen gestalteten Haus und Garten. Während all Eine rechtsgeschichtliche Lebensbeschreibung. Baden-Ba-
dieser Jahre kam er mit keinem einzigen Wort auf sei- den 2001.
nen juristischen Beruf zurück. Den Abschluss des Ranft, Gerhard: Theodor Storm als Jurist. In: Deutsche Rich-
amtlich dokumentierten beruflichen Weges des Juris- terzeitung 12 (1967), 410–412.
ten Theodor Storm bildet eine Entscheidung über das Schütze, Paul: Theodor Storm. Seine Leben und seine Dich-
tung. Berlin 1907.
Witwengeld. Durch ein Schreiben der Königlich Preu-
Storm, Gertrud: Theodor Storm – Ein Bild seines Lebens. Ber-
ßischen Regierung vom 5.9.1888 an den Präsidenten lin 21912/1913.
des Oberlandesgerichts Kiel wurde Storms Witwe Do- Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.
rothea Charlotte Storm geb. Jensen, »ein jährliches Bremen 1955.
Wittwengeld von 1.161 M bewilligt« (Personalakten Vinçon, Hartmut: Theodor Storm – mit Selbstzeugnissen und
Kiel, Bl. 61). Bilddokumenten. Reinbek b. Hamburg 141997.
Wohlhaupter, Eugen: Dichterjuristen, Bd. III, Hg. v. Horst G.
Seifert. Tübingen 1957.
Urkunden
Protokolle der Prüfungen der Rechtskandidaten der Univer- Heiner Mückenberger
sität Kiel im Herbst 1842. Landesarchiv Schleswig-Hol-
stein, Schleswig, Signatur Abt. 65.2, Nr. 182. Akten Raub
10 Storms Politik 33

10 Storms Politik ments, aber sie greift sehr bald auch aus in politisch-
moralische Grundsatzerklärungen, wie Storm sie
In vieler Hinsicht ist Storm ein typischer Repräsentant pointiert in einigen prägnanten Strophen seiner Ge-
des aufgeklärten bürgerlichen Liberalismus, wie er un- dankenlyrik formuliert – die damit sehr viel deutlicher
ter deutschen Intellektuellen um die Mitte und in der zum Corpus seiner ›politischen‹ Dichtungen gehört,
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschte, die als das oft wahrgenommen worden ist. Von diesen Ge-
als junge Autoren unter dem Eindruck der Revolution dichten blieb bis weit über Storms Tod hinaus die Un-
von 1848 und ihres Scheiterns gestanden hatten (dazu terscheidung zwischen strategischer – mit Max We-
grundlegend Lohmeier 1989). Wenn er gleichwohl bers späterem Ausdruck ›verantwortungsethischer‹ –
auch als politischer Schriftsteller eine Sonderstellung und der von ihm selbst privilegierten ›gesinnungsethi-
beanspruchen darf, so ergibt sich diese zunächst aus schen‹ Handlungsbegründung populär (vgl. LL 1, 82),
der Grenz-Situation zwischen deutscher und dä- aber auch die Warnung vor einem »Karrieremachen«,
nischer Sprache und Kultur, die schon seine Wahrneh- das mit einem Verlust persönlicher Integrität erkauft
mung der Revolution ins Spannungsfeld von sozialen sei (Für meine Söhne, 1854) – eine Ermahnung, die
und nationalen Konflikten rückt, die ihn dann in Preu- noch der junge Kaufmannssohn und Storm-Leser
ßen zum Exilanten macht und dort zu einer Auseinan- Thomas Mann 1894 dankbar in sein erstes Notizbuch
dersetzung mit den Beziehungen zwischen Patriotis- abschreibt. Die im engeren Sinne, auf Tagesereignisse
mus, Militarismus, autoritären Staatsvorstellungen und Appelle bezogene ›politische‹ Lyrik hat Storm in
führt. Sie ergibt sich zugleich aus einer kontinuierli- seinen eigenen Ausgaben gegenüber seinen anderen
chen und eingehenden Beschäftigung mit den Sozial- Gedichten zurückgestellt: Sie sollte dazu beitragen, ei-
ordnungen der einerseits überschaubaren, anderer- nen Freiraum für das zu schaffen und zu verteidigen,
seits aber regional bestimmenden, selbstbewussten worum es in diesen Texten ging: den Wunsch, jenseits
Handelsstadt, zu der sich Storm als Patriziersohn, als hierarchischer Ordnungen »ein Mensch unter Men-
Künstler wie als Anwalt schon früh veranlasst sah. Die schen« zu sein, wie Franziska zu Reventlow 1897 in ih-
von Thomas Mann betonte Geistesverwandtschaft ren Erinnerungen an Storm resümiert (Reventlow
zwischen Storm und ihm selbst hat nicht nur mit ähn- 1980, 287).
lichen literarischen Sujets und Beziehungen zu tun Das bis heute verbreitete Missverständnis, Storm sei
(von Andersen bis zu Turgenew), sondern auch mit ein im Grunde unpolitischer Schriftsteller gewesen,
dieser kritischen Distanz gegenüber der bürgerlichen lässt sich auf diese von ihm selbst vorgenommene
Sozial- und Werteordnung der eigenen Herkunft und funktionale Differenzierung seiner Texte zurückfüh-
der Öffnung für neue soziale Fragen, die literarisch ren – die, wie Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier
ebenso produktiv werden wie politisch. beharrlich und lange Zeit als einzige Storm-Forscher in
Erinnerung gerufen haben – gerade ›im Grunde‹, näm-
lich in diesem Grund-Bestand bewusst politisch sind.
Grundsatzfragen
Verantwortungs- und Gesinnungsethik in wech-
Die Zusammenhänge, in denen Storm im Briefwechsel selnden aktuellen politischen und sozialen Konflikten
mit dem Freund Theodor Mommsen mehrfach betont, auf die Probe zu stellen – und sich selbst im Umgang
»daß die Politik nicht eben meine Domaine ist« mit ihnen –, hatte Storm in seinem Leben reichlich
(Storm–Mommsen, 117) und dass er »eigentlich ein Gelegenheit. Das betrifft im Wesentlichen drei politi-
unpolitisches Thier« (ebd., 114) sei (also nicht das ani- sche und soziale Bereiche, deren trennscharfe Ab-
mal politicum, als das der Adressat selbst sich gern be- grenzung weder möglich noch sinnvoll ist, die sich al-
zeichnete, vgl. Mommsen 1948), zeigen, dass dieser so vielfach berühren und überschneiden, in ihren
Ausdruck keineswegs einen im heutigen Sinne ›un- Kernen aber gleichwohl deutlich zu unterscheiden
politischen‹ Autor meint. Vielmehr unterscheidet sind: Konflikte zwischen unterschiedlichen Konzep-
Storm beharrlich zwischen Mommsens agitatorischem ten von Patriotismus und Nationalismus; Konflikte
Engagement in Zeitereignissen wie dem Schleswig- um autoritäre und demokratisch-liberale Staats- und
Holstein-Konflikt und seinen eigenen auf Vermittlung Gesellschaftsformen; Konflikte um die rechtliche und
zielenden und eher von humanen und moralischen als soziale Emanzipation des Bürgertums und um die
von parteilich-strategischen Erwägungen geleiteten neuen sozialen Fragen, die sich mit dem politischen,
Neigungen. Diese Unterscheidung betrifft zunächst technisch-industriellen und ökonomischen Aufstieg
einfach Gegebenheiten des Charakters und Tempera- dieses Bürgertums stellen.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_10, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
34 II Einflüsse und Kontexte

nischen Einheit hier wie dort allererst als Vorausset-


Bürgerliche Emanzipation oder Nationalstaat
zung einer demokratischen Republik freier und glei-
Anders als Storm es später stilisiert, wächst er als cher Bürger; nun erst wird aus der Sicht Storms und
Schüler und Student in einer Welt des übernationalen seiner schleswig-holsteinischen Mitstreiter aus der
dänisch-norwegisch-holsteinischen »Gesamtstaats« übernationalen aufgeklärten Monarchie eine als feind-
auf, die prinzipiell noch keineswegs in Frage gestellt lich erlebte national-dänische Bewegung, gegen die ein
wird (vgl. Detering 2011, 179–222). Die öffentlichen ihrerseits national homogenes, nämlich deutsch ge-
Auseinandersetzungen, die bereits sein Vater Johann prägtes Schleswig-Holstein zu verteidigen sei.
Casimir Storm als Advokat und dann als ein Protago- Anders als sein Dichterfreund und Mitstreiter
nist der ersten schleswig-holsteinischen Ständever- Theodor Mommsen bemüht sich Storm noch in der
sammlung mit den dänischen Behörden führt, stellen vorrevolutionären Hitze der frühen 1840er Jahre um
die Legitimität der Gesamtstaatsmonarchie keines- Mäßigung. Berufen ins Komitee des großen Bredsted-
wegs in Frage. Theodor erlernt in der Husumer La- ter Nordfriesen-Festes 1844 und Mitveranstalter der
teinschule das Dänische als erste Fremdsprache Kundgebung, distanziert er sich gleichwohl von der
(Eversberg 2006, 25 f.), und er bewegt sich als Jura- einpeitschenden Agitation Wilhelm Beselers, der
Student in Kiel in einer deutsch und dänisch gemisch- 1848 die Provisorische Regierung leiten wird, und
ten Studentenschaft, ohne dass er daran irgendeinen dem Auftreten des »gefühlvollen Dänenfressers« Jo-
erkennbaren Anstoß nähme. Storms wichtigste aka- hannes Todsen (Laage 2008, 22). Die tägliche Arbeit
demische juristische Lehrer in Kiel sind der ›deutsch- in seiner Anfang 1851 zunächst wiedereröffneten Hu-
gesinnte‹ G. C. Burchardi, der vermittelnde Nikolaus sumer Anwaltskanzlei gilt der praktischen und muti-
Falck und der ›dänischgesinnte‹ Christian Paulsen gen Unterstützung von Schleswig-Holsteinern, die
(Bernd 2003, 54–74). sich von den zunehmend autoritär auftretenden dä-
Auch in der von den Studienerfahrungen gepräg- nischen Behörden schikaniert sehen. Und selbst der
ten Skizze Im Saal (1848) und der Novelle Auf der Uni- heiklen Aufgabe, 1844 eine festliche Begrüßung des
versität (1862/63) spielen nationale Spannungen nicht Königs in Husum musikalisch zu inszenieren, entle-
die geringste, soziale Entwicklungen hingegen eine digt er sich mit Geschick: Da der Besuch anlässlich ei-
ausschlaggebende Rolle – im Verhältnis von alter ner Hafenerweiterung stattfindet, verschiebt er die
Aristokratie und neuem Bürgertum, im Verhältnis Konstellation in jene Sphäre des Märchenhaften, die
dieses Bürgertums zu den unteren Schichten. Auf die Andersen in Die kleine Meerfrau imaginiert hatte, und
Frage der entgeisterten Großmutter, ob denn etwa verfasst einen Nixenchor auf den »Meerkönig«.
künftig »alle mit regieren« sollten, antwortet der Sein politisches Ziel ist ein republikanisches Schles-
emanzipatorisch gesonnene Enkel Im Saal mit der Er- wig-Holstein, »damit wir fühlen, / Daß wir auf eigner
klärung: »wir werden alle Freiherrn, ganz Deutsch- Erde stehn«, wie er 1845 in einem anonym veröffent-
land« (LL 1, 293). Bereits im 1843 veröffentlichten Ge- lichten Gedicht auf die verbotene schleswig-holsteini-
dicht Die Jungen hatte der Student Storm dagegen re- sche Flagge schreibt (LL 1, 240). Auch das ungleich
belliert, »wie vor den alten Kanzlern und Räten / Die bekanntere Gedicht, das nach der Proklamation einer
Leute sich bücken, gehorsam betreten«, und prokla- schleswig-holsteinischen Regierung und dem Aus-
miert selbstbewusst im Namen einer neuen als einer bruch des Krieges im Frühling 1848 unter dem Titel
demokratisch gesinnten Generation: »Wir sind die Ostern erschien (in Biernatzkis Volksbuch auf das Jahr
Kanzler der werdenden Zeit« (223). Kein Wort von 1849), mündet in eine nun topographisch ausgemalte
den dänisch-deutschen Spannungen: Um Volksherr- Vision der eignen Erde: »Denn machtlos, zischend
schaft geht es, nicht um Volkszugehörigkeit. schoß zurück das Meer – / Das Land ist unser, unser
Storms zunächst eher zögernde, dann jedoch em- soll es bleiben!« (LL 1, 57). Begonnen hatte Storm die-
phatische Parteinahme für den schleswig-holsteini- sen Text charakteristischerweise als Naturgedicht, in
schen Aufstand 1848 und gegen die dänische Vorherr- dem der Frühling zwischen Deichen und Wiesen ein
schaft entwickelt sich aus derselben epochalen Wen- politisches Osterwunder verheißt; der Titel lautete zu-
dung von einem übernationalen in ein entschieden na- nächst An der Westküste der Friesen (Storm–Momm-
tionales Staatsverständnis, die den widerstreitenden sen, 109).
nationalliberalen Bewegungen in Kopenhagen und Unter dem Eindruck des beginnenden Aufstandes
Kiel gemeinsam war: Nun erscheint ›nationale‹ Homo- aber nimmt Storms Engagement sehr konkrete For-
genität im Sinne einer sprachlich-kulturellen eth- men an (vgl. Löding 1985). Im Frühjahr 1848 wird er
10 Storms Politik 35

(bis zum August desselben Jahres und dem Waffen- was da muß, mit uns geschehn!« (Im Herbste 1850; LL
stillstand von Malmö) Mitbegründer und Sekretär des 1, 58)
Patriotischen Hülfsvereins in Husum, in dieser Funk-
tion auch Mitherausgeber der Husumer fliegenden
Exilant in Preußen: Kritik des Militarismus,
Blätter und, auf das Ersuchen seines Freundes Theo-
Nationalismus, Antisemitismus
dor Mommsen hin, Korrespondent der Schleswig-Hol-
steinischen Zeitung der Provisorischen Regierung in Wie Wilhelm Raabe in seinem Romanfragment Alters-
Kiel. Ihr schickt er Berichte von der nordfriesischen hausen (1899–1902) auf die Revolution von 1848 me-
Seite des Aufstands, seine Niederschlagung, das wie- lancholisch als das »flüchtige Niedersteigen des Reichs
derholte neuerliche Aufflackern des Krieges und die der Himmel auf die Erde« zurückblicken wird (Raabe
resolute Wiederherstellung der dänischen Herrschaft 1985, 67), so erinnert sich Storm 1886 an jenen »Früh-
1850, die er nicht ohne Grund eine »Okkupation« ling 1848 [...], als sich die ganze Welt verjüngte« (LL 4,
nennt. Bereits im Mai 1849 ist er Mitunterzeichner der 439). Einem zunehmend selbstherrlichen Nationalis-
Husumer Petition zur Aufhebung der Personalunion mus sah sich der nordfriesische Exilant im Preußen der
von dänischer Monarchie und den Herzogtümern Jahrhundertmitte in besonderer Weise ausgesetzt. Eine
Holstein und Schleswig, im Oktober desselben Jahres ideologische Übereinstimmung mit dem Bismarck-
Mitverfasser einer auch in der Norddeutschen Presse schen Preußen bestand für Storm eigentlich nur in der
abgedruckten Eingabe ans Schleswigsche Obergericht Ablehnung dessen, was er in einem Brief aus Heiligen-
gegen »den rechtlosen Zustand in der Stadt Husum« stadt an Mommsen den »katholischen Schwindel[]«
und Autor eines entsprechenden Schreibens an die nennt (Storm–Mommsen, 118). Im Kampf für die
Landesverwaltung. Trennung von Kirche und Staat, namentlich auch dem
Dem Revolutionär Storm ist es 1848/49 in erster Li- Schulwesen, zeigt sich Storm vielleicht am deutlichsten
nie um eine freie und selbstbestimmte Republik zu als bürgerlicher Nationalliberaler. Auch hier allerdings
tun; die nationale Konfrontation ist zunächst eher ein beweist Storm in Texten wie vor allem der Novelle Ve-
Begleitumstand denn Kern des Konflikts. Eine natio- ronika für die Empfindungen der vermeintlich ge-
nal akzentuierte Feindseligkeit gegenüber Dänemark knechteten Katholiken mehr Sensibilität, als solche
entwickelt sich in seinem Werk erst mit Verspätung: Formulierungen erwarten ließen. Als eigentlichen
zunächst in der Verbitterung über die endgültige Nie- Gegner nimmt er gerade während des preußischen
derschlagung des Aufstands 1850, die für den jungen Exils das Bündnis von »Thron und Altar« wahr, gegen
Familienvater, Anwalt und Schriftsteller eine Aufgabe das er schon früh protestiert hat: »Die Geistlichkeit, die
sämtlicher vertrauter Lebensumstände bedeutete und Weltlichkeit, / Wie sie so ganz verstehen sich!« (Geseg-
das Verlassen einer Heimat, deren Landschaften und nete Mahlzeit, 1848; LL 1, 41) In Storms oft zitierter
Geschichte das Lebenselixier seines literarischen Briefäußerung, es sei »der Adel (wie die Kirche) [...] das
Schreibens waren. Sie wird zum Anlass seiner Novelle Gift in den Adern der Nation« (Storm–Brinkmann,
Ein grünes Blatt (Ende 1850) und von Gedichten wie 134) hat auch das verbindende »wie« ein spezifisches
Gräber an der Küste (»Und rissen sie die Farben auch Gewicht. Auch eine historische Chroniknovelle wie
herab, [...] Wehn um euch her der Feinde Wappenzei- Aquis submersus (1876) liest sich in diesem themati-
chen«; LL 1, 59). Dem folgt die Fremdheit des preußi- schen Kontext als dezidiert politischer Kommentar zur
schen Exils. Nun, 1863, spricht er im Gedicht Gräber in fortdauernden Junkerherrschaft, der noch immer, wie
Schleswig davon, dass in seiner Heimat die »deutschen es schon am vehementen Schluss des Gedichts Halbe
Gräber [...] ein Spott der Feinde« seien (LL 1, 84). Arbeit hieß, »Das freche Haupt herabzuschlagen« sei
Dass Storms von der neuen dänischen Verwaltung (wohl 1847; LL 1, 252, 696).
geforderter Antrag auf Verlängerung seiner Berufs- Storms Texte aus der Exilzeit beschwören auch
erlaubnis im November 1852 nicht bewilligt wurde, dort, wo sie nationale Töne anschlagen, erklärterma-
war eine Folge vor allem seiner furchtlosen Amtsaus- ßen dieselben demokratischen Leitvorstellungen wie
übung (vgl. Lohmeier 1985). Das Exil, das für ihn ne- in den vierziger Jahren. Als Gegner erscheinen in
ben allem anderen zunächst auch einen vollständigen Potsdam 1854/55 wie in Heiligenstadt 1856–64 Mi-
Fortfall seines Einkommens bedeutete, hat er als Kon- litarismus, Obrigkeitsstaat und der mit der zuneh-
sequenz seines Handelns erwartet: »Und müßten wir mend ethnisch bestimmten nationalen Selbstabgren-
nach diesen Tagen / Von Herd und Heimat bettelnd zung einhergehende Antisemitismus in Kirche und
gehen, – / Wir wollen’s nicht zu laut beklagen; / Mag, Staat. Der preußische Militarismus ist immer wieder
36 II Einflüsse und Kontexte

Gegenstand von Storms Empörung. »[D]er Militaire- dessen im galizischen Ostjudentum spielenden Novel-
Etat frißt hier ja alles auf«, schreibt er schon 1954 an lenband Die Juden von Barnow (1877) schreibt, erklärt
Brinkmann (Storm –Brinkmann, 102); eine Reihe er emphatisch, »daß Sie zu uns gehören, zu uns weni-
ähnlicher Äußerungen ließen sich nennen. Den preu- gen, die es ernst mit der Kunst nehmen« (GB 2, 363).
ßischen Obrigkeitsstaat erlebt er handfest in Ver- In diesem Kontext muss es wohl auch als Symptom
suchen, das politische Wahlverhalten von Richtern zu einer Vermeidung der zeittypischen Antisemitismen
beeinflussen, ein Vorgehen, das er 1862 als »öffent- erscheinen, dass jüdische Figuren in Storms Novellen
liche[n] Demoralisierungsversuch des Beamtenstan- nicht und in seinen autobiographischen Erzählungen
des« empfindet (GB 1, 398); auch die Bereitschaft zur nur beiläufig und mit dem Ausdruck besonderer »Zu-
Unterwerfung unter staatlich-bürokratische Autoritä- neigung« genannt werden; ja, die einstige Entschei-
ten ist fortan ein wiederkehrender Gegenstand seiner dung des Schülers Storm, bei einer festlichen Ver-
Preußen-Kritik. Schließlich gehören Einsprüche ge- anstaltung im Husumer Rathaus einen selbstverfass-
gen den Antisemitismus zu den Themen, in denen ten Monolog über den Makkabäeraufstand zu rezitie-
Storms Distanz gegenüber nationalen Kategorien be- ren (Mattathias, der Befreier der Juden; dazu Eversberg
sonders augenfällig wird – und zwar umso mehr, als 2006, 71 f.), deutet er rückblickend als Freundschafts-
ihm die antisemitischen Ressentiments seiner Klasse dienst für einen jüdischen Altersgenossen (Der Amts-
keineswegs ganz fremd sind; einen Ausfall in einem chirurgus – Heimkehr; LL 4, 167 f.).
Brief an Gottfried Keller gegen den Erfolgsschriftstel-
ler Georg Ebers als einen »frechen Juden« (Storm–
Rückkehr, Resignation, Widerstand
Keller, 73) nahm Thomas Mann zum Anlass, Storm ei-
ne antisemitische Grundhaltung zu unterstellen Schon 1863, noch vor der dänischen Niederlage, nimmt
(Mann 1990, 261). Tatsächlich ist das genaue Gegen- Storm die schleswig-holsteinische Begeisterung für
teil der Fall. Herzog Friedrich VIII. von Augustenburg zum Anlass
Abgesehen von der lebenslangen Liebe zum Werk zu privaten und öffentlichen Präzisierungen seiner
Heines und der Bewunderung Auerbachs bekennt Haltung, die noch immer dieselbe ist wie 1848. Nicht
Storm wiederholt besondere Anteilnahme an Werken, einfach von der Herrschaft einer fremden Nation soll
in denen es ausdrücklich um jüdische Erfahrungen seine Heimat befreit werden, sondern von der Adels-
geht. 1853 empfiehlt er Fontane Leopold Komperts herrschaft: »Und haben wir unser Herzöglein / Nur erst
Novellenband Aus dem Ghetto (1848) als ein »ganz im Lande drinnen, / Dann wird, mir kribbelt schon die
vorzügliches Buch« (Storm–Fontane, 23). Zu seinem Faust, / Ein ander’ Stück beginnen« (LL 1, 264). Im Ja-
Abschied aus Heiligenstadt, vor der Rückkehr nach nuar 1864, unmittelbar nach dem Beginn des siegrei-
Husum, inszeniert er in der preußischen und katho- chen preußisch-österreichischen Kriegs gegen Däne-
lischen Stadt das jüdische Oratorium Die Zerstörung mark, folgen Spottverse »gegen die deutsche Feudal-
Jerusalems (Musik von Ferdinand Hiller, Libretto von partei« (GB 1, 445), die allenfalls »mit dem Pöbel zwar,
Salomon Steinheim): eine demonstrative Identifikati- / Doch nimmer mit dem Volke« gehe (LL 1, 85).
on des Exilanten mit den aus Jerusalem in die baby- Die revolutionäre Emphase, die anstelle des natio-
lonische Gefangenschaft vertriebenen Juden. (Viel- nalen den – so an seinen Vater – »sozialen Kampf«
leicht steht diese Themenwahl auch unter dem Ein- führen will (GB 1, 438), wird abermals enttäuscht. An-
druck von Erfahrungen mit dem von Storm abgelehn- fang 1867 wird Schleswig-Holstein von Preußen an-
ten Judeneid; vgl. den Brief an den Vater vom nektiert. Sein Unwille richtet sich nun gegen den
18.2.1862 in Storm 1907, 178 – hierzu auch Lohmeier »preußische[n] Terrorismus« (Storm–Pietsch, 163),
1994, 15 f.; zu Storms Freundschaft mit dem nach- den er auf die »Willkühr der [...] Königl. Dän. Behör-
maligen Berliner Stadtverordneten Ludwig Loewe s. den« (Storm–Mörike, 29) folgen sieht: »daß wir ledig-
ebd., 14 f., 23–41). Auch das 1865 nach der Heimkehr lich unter der Gewalt leben«, beklagt er nun gegen-
entstandene Gedicht Crucifixus über das christliche über Eggers (Storm–Pietsch, 176). Dabei seien doch
Kreuzigungs-Bild, das »den alten Frevel« verewige die beiden deutschen Großmächte, so im Gedicht
zum »Bild der Unversöhnlichkeit« (LL 1, 67), bezeich- 1864, lediglich »Das Schwert in ihres Volkes Hand«
net er »ausdrücklich als ein Dokument seiner Partei- gewesen, das allein als der Souverän in Betracht kom-
nahme für die Juden« gegen den stereotypen Vorwurf me (LL 1, 84).
des Christusmordes (Lohmeier 1994, 17). Noch als Wer 1864 von ihm, dem patriotischen Dichter
Storm 1886 aus Husum an Karl Emil Franzos über Schleswig-Holsteins, ein Triumphgedicht über die ›Be-
10 Storms Politik 37

freiung‹ seiner Heimat erwartet hat, den weist er so sich »außer dem Bereich der verhaßten Maschine« be-
brüsk zurück wie den ebendies vorschlagenden preu- finde (LL 3, 46). In einem Brief an Pietsch kommen-
ßischen Freund Fontane: »Hol Sie der Teufel! Wie tiert Storm mit ungewohnter Eindeutigkeit: »Der Alte,
kommen Sie dazu, daß ich eine Siegeshymne dichten das bin ich« (Storm–Pietsch, 209).
soll! Ja, wenn ich das Glück hätte, zum caecum vulgus Mit der antipreußischen Distanz geht eine Entspan-
zu gehören« – zum blinden Pöbel also –, denn »nur das nung von Storms Verhältnis zu Dänemark und Skan-
wird Preußen ungefressen lassen was ihm [...] verwehrt dinavien einher; sie verläuft wesentlich über die Litera-
wird. [...] Ueberhaupt, ich habe den Phrasenkram, aus tur. Mit seinem Kopenhagener Übersetzer Johannes
dem sich diese Welt zusammensetzt, mitunter bis zum Magnussen tauscht er sich von 1881–85 über dänische
Speien satt. – –« (Storm–Fontane, 125 f.). Demonstra- Wendungen aus (Lohmeier 1984); die Chroniknovelle
tiv hängt er an seinem neuen Husumer Wohnhaus ›kei- Ein Fest auf Haderslevhuus verwendet 1885 für das nun
ne Fahne heraus‹ (Storm–Pietsch, 123 f.), inmitten der preußisch gewordene Hadersleben den alten dä-
Jubelfeiern schweigt ausgerechnet er vernehmlich: »So nischen Ortsnamen; dänische und norwegische Lite-
schwieg ich denn auch schon, als die Dänen 64 geschla- ratur von Bergsøe über Lie bis zu Andersens Roman
gen wurden« (GB 2, 152; Laage 2008, 109). Kun en Spillemand, den er zufolge seinem Bericht Was
Storms bis zur empörten Ablehnung gehende Skep- der Tag gibt (1883) »nach über vierzig Jahren [...] wie-
sis angesichts der wachsenden Nationalismen kul- der« gelesen habe, erlaubt eine späte Wiederanknüp-
miniert im Abscheu über den Krieg gegen Frankreich fung lange abgerissener Fäden (Detering 2011, 215–
1870/71: »Was mich hauptsächlich beherrscht – und 222). Auf die vielleicht erstaunlichste Wendung hat
das verschlingt alles Andere – das ist der Ekel, einer Laage aufmerksam gemacht: In einem Brief an seinen
Gesellschaft von Creaturen anzugehören, die außer Sohn Ernst vom 3. August 1870 beklagt Storm »die
den übrigen ihnen von der Natur auferlegten Funktio- Ungerechtigkeit gegen die dänische Nationalität im
nen des Futtersuchens, der Fortpflanzung etc auch die Norden durch fortdauernde Nichterfüllung des § 5 des
mit elementarischer Stumpfheit befolgt, sich von Zeit Prager Friedens« (über die Einbindung des nördlichen
zu Zeit gegenseitig zu vertilgen« (Storm – E.Storm Herzogtums Schleswig in die Monarchie; Storm–E.
73). Gegenüber Karl Theodor Pyl wiederholt er am 14. Storm, 73). Ausgerechnet Storm also tritt nun als Ver-
November desselben Jahres das Prinzip, »den Kampf teidiger dänischer Rechte auf.
im Staate« dem Kampf »um seine Grenzen« vorzuzie-
hen (GB 2, 29), und in einem Gedicht proklamiert er
Horizonterweiterung: »Demokratie und
gegen den Hurrapatriotismus von 1870: »Hat erst der
Sozialismus«
Sieg über fremde Gewalt / Die Gewalt im Innern be-
siegt, / Dann will ich rufen: Das Land ist frei! / Bis da- Im späten Werk Storms werden neue soziale Konflikt-
hin spar ich den Jubelschrei.« (LL 1, 268) Entschieden linien erkennbar. Die Emanzipation eines aufstreben-
hält er an dem revolutionären Grundsatz fest, dass die den Bürgertums gegenüber dem Adel tritt nun in den
preußische Regierung »kein Recht der Nation respec- Hintergrund gegenüber der Selbstkritik bürgerlicher
tirt, als das, wozu sie auf den Barrikaden gezwungen Ideologie und Lebensformen einerseits und einer aus-
wird« (an Turgenew, zit. nach Laage 1967, 104). Treu geprägten Sensibilität für die Lebensbedingungen der
bleibt er auch, wie er um die Jahreswende 1869/70 an unteren Schichten und für marginalisierte Außensei-
Klaus Groth schreibt, dem Vorbild Heines, »dem ich ter der bürgerlichen Gesellschaft. Wird in Novellen
noch immer meine Dankgebete in die Gruft stammle« wie Carsten Curator (1878), Der Herr Etatsrat (1881)
(Storm–Groth, 68). und Hans und Heinz Kirch (1882) der Konflikt zwi-
Als eine Schlüsselerzählung für Storms politische schen bürgerlicher Ökonomie und Leistungsorientie-
Haltung unmittelbar nach der Reichsgründung 1871 rung einerseits, den Ordnungen der bürgerlich-patri-
hat Karl Ernst Laage die Novelle Eine Halligfahrt in- archalen Kleinfamilie andererseits bis ins Extrem der
terpretiert. Der abgelegene Schauplatz erweist sich – Identitätszerstörung mit soziologischer Präzision aus-
darin der romantischen Waldesszenerie in Ein grünes buchstabiert, so gilt eine gewissermaßen komplemen-
Blatt vergleichbar – als Zufluchtsort eines noch immer täre Aufmerksamkeit der Novellen und autobiographi-
den Heckerhut tragenden 1848ers, der hierher vor der schen Geschichten nun der Wirklichkeit – so der Titel
Gefahr geflohen ist, dass ihn die »Räder der Staats- des 1887 erschienenen Erzählungsbandes – Bei kleinen
maschinerie« zerstören. Die zauberische Insel-Ein- Leuten (1887). Sozial abstiegsgefährdete kleine Hand-
samkeit ist jetzt der einzige Ort geworden, an dem er werker wie der Bötjer Basch stehen hier im Mittel-
38 II Einflüsse und Kontexte

punkt, an der eigenen Geldgier scheiternde Figuren kratie ihren Wert und ihre Wirksamkeit haben wird«
wie Madame Sievert Jansen Im Nachbarhause links (GB 1, 524).
(1875/76), aber auch, in den oft übersehenen autobio-
graphischen Skizzen der Zerstreuten Kapitel, stigmati- Literatur
sierte Außenseitergestalten wie die Zwei Kuchenesser Bernd, Clifford: Theodor Storm. The Dano-German Poet and
der alten Zeit (effeminierte Junggesellen, die von der Writer. Oxford/Bern 2003.
Carstens, Uwe: Lieber Freund Ferdinand. Die bemerkenswer-
Kleinstadtgesellschaft verlacht werden; LL 4, 218– te Freundschaft zwischen Theodor Storm und Ferdinand
224), Lena Wies, die geschichtenerzählende Bäckers- Tönnies. Norderstedt 2008.
tochter aus seiner Kindheit (175–185), »wunderliche Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das
Gesellen« wie die Sonderlinge in Aus der Jugendzeit Ende der Romantik. Heide 2011.
(433–436) oder, sehr viel dramatischer, die kleinbäuer- Eversberg, Gerd: Theodor Storm als Schüler. Heide 2006.
Eversberg, Gerd: »Die Windmühl soll mein Wappen sein!«
liche Dorfgesellschaft Draußen im Heidedorf.
In: Christian Demandt/Maren Ermisch/Birte Lipinski
Dieses Interesse ist keineswegs sentimental. Dersel- (Hg.): Bürger auf Abwegen. Thomas Mann und Theodor
be Storm, der 1863 erklärt hatte, sich für den sozialen Storm. Göttingen 2015, 111–116.
Kampf mehr zu interessieren als für den der Natio- Jackson, David: Storms Stellung zum Christentum und zur
nen, hat mit Ferdinand Tönnies, dem ebenfalls in Hu- christlichen Kirche. In: Brian Coghlan/Karl Ernst Laage
sum aufgewachsenen Mitbegründer der Soziologie (Hg.): Theodor Storm und das 19. Jahrhundert. Vorträge
und Berichte des Internationalen Storm-Symposions aus
und einem Freund der späten Jahre, »eingehend [...]
Anlaß des 100. Todestages Theodor Storms. Berlin 1989,
über Demokratie und Sozialismus gesprochen«, und 41–99.
zwar nicht obwohl, sondern gerade weil dieser der So- Laage, Karl Ernst: Theodor Storms öffentliches Wirken. Eine
zialdemokratie nahestand – so hat Tönnies selbst politische Biografie. Heide 2008.
glaubhaft berichtet (zur Freundschaft zwischen Storm Laage, Karl Ernst (Hg.): Theodor Storm und Iwan Turgenjew.
und Tönnies vgl. Carstens 2008). Es ist eine Folge auch Persönliche und literarische Beziehungen, Einflüsse, Briefe,
Bilder. Heide 1967.
dieser Gespräche, dass Storm in seiner vorletzten No- Löding, Frithjof: Theodor Storm und Klaus Groth in ihrem
velle Ein Doppelgänger (in Bei kleinen Leuten, 1887) Verhältnis zur schleswig-holsteinischen Frage. Neumünster
erstmals einen Proletarier zum Helden einer realisti- 1985.
schen Novelle macht, den Landarbeiter John Hansen, Lohmeier, Dieter: Storm und sein dänischer Übersetzer Jo-
und dass im Schimmelreiter (1888) Hauke Haien auch hannes Magnussen. Mit unveröffentlichten Briefen. In:
STSG 33 (1984), 53–70.
die Gefahren autoritärer Selbstermächtigung einer
Lohmeier, Dieter: Die Berichte der Husumer Behörden über
technisch-instrumentell gewordenen bürgerlichen Storms politische Haltung während der schleswig-holstei-
Aufklärung Gestalt gewinnen. nischen Erhebung. In: STSG 34 (1985), 39–48.
Weit entfernt, Tönnies’ Vorbild folgend zum Partei- Lohmeier, Dieter: Storm und die Politik. In: Brian Coghlan/
gänger der Sozialdemokratie zu werden, und unsicher Karl Ernst Laage (Hg.): Theodor Storm und das 19. Jahr-
gegenüber sozialen Zukunftsperspektiven (als Aus- hundert. Vorträge und Berichte des Internationalen Storm-
Symposions aus Anlaß des 100. Todestages Theodor Storms.
weg aus dem Arbeiterelend erscheint im Doppelgänger Berlin 1989, 26–40.
der durch die Liebesheirat ermöglichte Aufstieg ins Lohmeier, Dieter: Juden in Leben und Werk Theodor
Bürgertum), bemüht sich der späte Storm um eine so- Storms. In: STSG 43 (1994), 7–22.
ziale Horizonterweiterung, die über das jahrzehnte- Mann, Thomas: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Re-
lange Thema bürgerlicher Emanzipation, ja auch über den und Aufsätze 1, Bd. IX. Frankfurt a. M. 1990.
Mommsen, Theodor: Ich wünschte ein Bürger zu sein. In:
die daraus hervorgehende bürgerliche Selbstkritik
Die Wandlung 3 (1948), 69 f.
noch einmal substanziell hinausgeht. Politisch in ei- Raabe, Wilhelm: Altershausen. Hg. v. Hans-Jürgen Schrader.
nem nicht parteilichen, aber Partei beziehenden Sinne Frankfurt a. M. 1985.
bleibt sein Schreiben lebenslang – und zwar absichts- Reventlow, Franziska von: Erinnerungen an Theodor Storm.
voll und selbstbewusst. An seinen Sohn Hans hat In: Dies.: Autobiographisches. München/Wien 1980, 286–
Storm im Mai 1868 geschrieben, zwanzig Jahre nach 291.
Storm, Gertrud (Hg.): Theodor Storm’s Briefe in die Heimat
der gescheiterten Revolution und nach Auseinander-
aus den Jahren 1853–1864. Berlin 1907.
setzungen mit dem adligen Landrat von Wussow (da- Tönnies, Ferdinand: Theodor Storm. Gedenkblätter. Berlin
zu Eversberg 2015), »daß, wenn meine Poesie über- 1917.
haupt einen Wert hat, auch die darin enthaltne Demo-
Heinrich Detering
11 Storm und die Musik 39

11 Storm und die Musik schen 1843 und 1880 bei Wendt 1914, 81–90). Zu die-
sem hohen Anspruch an die Musik mögen Freund-
Storms intimes Verhältnis zur Musik zeigt sich nicht schaften wie diejenige zum Komponisten und Diri-
zuletzt an der musikalischen Rezeption seines Werks genten des Leipziger Gewandhausorchesters Carl Rei-
selbst: Die ausführlichste Übersicht, eine Dissertati- necke das Ihre beigetragen haben (Laage 1999, 124).
onsschrift, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts Den emotional-atmosphärisch genauesten Ein-
noch auf Zeitzeugen zurückgreifen kann, nennt bei- blick ins Konzertleben gewährt weniger die biogra-
spielsweise für das Gedicht Als ich dich kaum gesehn phische Überlieferung als das literarische Werk
(LL 1, 17), erstmals publiziert 1862 in der Novelle Im Storms selbst: So spielt in der Novelle Eine Halligfahrt
Schloß, über fünfzig und für die Gedichte Die Nachti- (1871) der Musikdirektor Adolf Beethovens Largo aus
gall (16) und Schließe mir die Augen beide (34) sogar der Klaviersonate in D-Dur (op. 10, Nr. 3, 1798), und
über siebzig Vertonungen von unterschiedlichen mit ihm zusammen der Binnen-Ich-Erzähler Ludwig
Komponisten (Wendt 1914, 91– 94, 105 f.) – wobei be- Spohrs Neuntes Konzert für Violine (op. 55, 1820). Die
zeichnenderweise beim letzten Gedicht die Vertonung Instrumentalstücke rahmen die Aufführung von Ei-
von Alban Berg aus dem Jahre 1907 noch fehlt. Storms chendorff-Liedern, welche von »neuen großen Kom-
Leben situiert sich »im engsten Zusammenhang mit ponisten« stammen: »Ahnungslos schwebten die jun-
der bürgerlichen Musikkultur seiner Zeit«. Im Jahr- gen Stimmen über dem Abgrund dieser Lieder. – Ich
hundert der Orchester- und Musikvereinsgründun- weiß nicht, ob der Kapellmeister Johannes Kreisler da-
gen bildete die musikalische Bildung einen festen Be- vongelaufen wäre« (LL 2, 65). Mit dem intertextuellen
standteil der Kultur. Dazu gehören die »Pflege der Verweis auf die Kreisleriana (1813) von E. T. A. Hoff-
Hausmusik«, »die rege Teilnahme am Chorwesen« mann situiert sich der Erzähler zum einen zeitlich
und das »Interesse an zeitgenössischen Kompositio- ziemlich genau im musikalischen Rahmen der Beet-
nen«, vor allem an den Romantikern und – im Unter- hoven- und Spohrstücke, zum anderen unterstreicht
schied zu Mörike – schon weniger an den Klassikern er die romantische Musikauffassung als eigentlichen
Mozart und Haydn (Wendt 1914, 38; Tanaka 1989, ästhetischen Maßstab. In der Novelle Ein stiller Musi-
145; vgl. insbesondere auch Laage 1999, 37–47). Storm kant (1875) wird von einem großzügiger ausgestatte-
gründete 1843 nicht nur den Singverein in Husum, ten Konzert mit Orchesterbegleitung in einer größe-
der 1889 in »Theodor Storms Chor« umbenannt wur- ren mitteldeutschen Stadt berichtet, in dem die Hebri-
de (Sievers 1969) und bis heute aktiv ist, sondern war den-Ouvertüre Mendelssohns (1832) und die Arie der
neben seiner Tätigkeit als Chordirigent ein begnade- Elvira aus dem zweiten Akt von Mozarts Don Giovan-
ter Tenor und begleitete auch auf dem Klavier: »Storm ni (1787) »In quali eccessi, o numi« aufgeführt wird
sang mit seiner kräftigen, den feinsten Biegungen fä- (vgl. auch mit Tebben 2004). Dagegen fällt das »Gei-
higen Tenorstimme Lieder von Schubert und Men- genquartett von einem lebenden Meister« völlig ab
delssohn [...].« (Wendt 1914, 30) (LL 2, 307–309), weil es niemanden zu berühren
Im Kulturleben des kleinstädtischen Husum bilde- scheint. Die Konzertszenen verweisen nicht nur auf
ten die Chorkonzerte, welche Storm programmierte die bürgerliche Musikpraxis und das Konzertleben in
und leitete, eigentliche Höhepunkte (Zimorski 1997, Storms Zeitkontext, sondern reflektieren ihrerseits
95). Sie waren in künstlerischer Hinsicht anspruchs- wiederum narrative Settings, welche in Storms Novel-
voll. Auf dem Programm standen u. a. Lieder und listik zentral sind, so beispielsweise die Verschrän-
Chorwerke von Christoph Willibald Gluck, Carl Ma- kung von Rahmen- und Binnenerzählung.
ria von Weber oder Felix Mendelssohn (Zimorski Erstaunlicherweise mangelt es im Unterschied zu
1997, 96). Obwohl das Volkslied in der Lyrik und Pro- anderen musikaffinen Autoren wie E. T. A. Hoffmann
sa Storms eine wichtige Rolle spielt, ließ sich der Dich- oder Thomas Bernhard weitgehend an einer For-
ter von der nationalistisch ausgerichteten Sänger- schung, welche neben biographischen Aspekten die
bewegung nicht anstecken (Missfeldt 2013, 14). Im werkimmanente Musikalität Storms systematischer
Gegenteil: So sehr seine Dichtung vor allem von sichtet und theoretisch reflektiert. Dennoch sollen an
Kleinmeistern vertont wurde, so sehr konzentrierte dieser Stelle einzelne Aspekte pars pro toto nach-
sich seine eigene Programmierung und Interpretation gezeichnet werden, wobei die Rolle der Musik nicht
auf die großen Komponisten des ausgehenden 18. und nur im engeren Sinn bürgerlicher Leitkultur und als
des 19. Jahrhunderts (vgl. dazu die Sammlung der soziales Leitmedium, sondern auch im weiteren Sinn
Konzertprogramme aller Gesangsvereine Storms zwi- einer akustischen Sinneswelt dargelegt werden soll.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_11, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
40 II Einflüsse und Kontexte

Interessant erweist sich die Rolle der Musik in Storms nausweist (Roebling 1993, 56). Das innere Mitsingen
Werk in dreierlei Hinsicht: erstens als narratives bildet so die Chiffre intimer Narration. In ihrer narra-
Formparadigma, das bereits in den frühen Novellen tiven Struktur weisen die Novellen Im Schloß und Im-
sichtbar wird, zweitens als dichterisch-lyrischer Aus- mensee (1851) exemplarische Parallelen auf, die in ei-
druck der Ambivalenz von Verheißung und Desillusi- nem weiteren Sinn musikalisch strukturiert werden:
on sowie drittens als Auseinandertreten von romanti- Dazu gehören nicht nur die dichterisch begabten Pro-
scher Rückschau und Gegenwartskritik. Diese Kritik tagonisten Arnold, Hauslehrer Im Schloß, und Rein-
wendet sich gegen das technisierte Leistungsprinzip, hardt, kindlicher Geschichtenerfinder und späterer
das im Virtuosentum des ausgehenden 19. Jahrhun- Liedersammler in Immensee, sowie deren Antipoden,
derts sichtbar wird und Hand in Hand geht mit der zum einen der in die Naturwissenschaften vernarrte
Entfremdung des Menschen von der Natur und von Baron und zum anderen der Mann Elisabeths, Erich –
einer genuinen Sinnlichkeit, wie sie in der Aufklärung welche ihre Konkurrenten naturgemäß als »Phantas-
physiologisch-ästhetisch begründet wurde. Dafür hat ten« abstempeln, sondern vor allem auch die Einbin-
die Musik des Sturm und Drangs und der Klassik von dung von Musik und Volksliedern. Reinhardt ordnet
Jean-Philippe Rameau über Carl Philipp Emanuel die Volkslieder der natura naturans zu, denn sie »wer-
Bach und Wolfgang Amadeus Mozart bis zu Ludwig den gar nicht gemacht; sie wachsen, sie fallen aus der
van Beethoven, aber auch noch die Musik der Hoch- Luft, sie fliegen über Land wie Mariengarn, hierhin
romantik von Franz Schubert oder Robert Schumann und dorthin, und werden an tausend Stellen zugleich
exemplarischen Status. Die Forschung spricht in die- gesungen. [...] Das sind Urtöne.« (LL 1, 321)
sem Zusammenhang von einer Kunst, die emotional Der Musik kommen – wie übrigens auch noch in
ergreift (Bauer 1990, 39; vgl. auch Zimorski 1997, 96). einer der späteren Novellen, in Zur »Wald- und Was-
serfreude« (1878) – in einem solchen Setting sozial-
utopische Funktionen zu: Sie führt in Immensee zur
Musikalische Formgebung in den früheren
fatalen Begegnung zwischen dem »Zithermädchen«
Novellen
und Reinhardt, der deswegen seine große Jugendliebe
Gilt es die Funktion und die Motivik der Musik in Elisabeth beinahe vergisst; die Musik bringt gleichzei-
Storms literarischem Werk zu untersuchen, ist zu- tig verschiedene Gesellschaftsschichten zusammen,
nächst die handlungs- und narrationsmotivierende wenn der Chorgesang Anlass dazu bietet, sich nicht
Akustik in den frühen Novellen in den Blick zu neh- mehr im Schloß aufzuhalten, sondern sich in die nahe
men. Die akustische Kulisse nimmt wesentlichen An- Stadt zu begeben und sich dort unter einfacheres Volk
teil an der novellistischen Formgebung. So wie im zu mischen, »denn die Gesellschaft war eine aus allen
Märchen Die Regentrude (1864) das Erscheinen der Ständen gemischte« (497). Die Begegnungen, welche
Heilsbringerin, welche für die lang ersehnten Nieder- dank der Musik zustande kommen, verharren aber
schläge sorgt, vom Rauschen der Bäume, vom Don- meist in einer spezifischen Ambivalenz zwischen
nern und von einem »grellen Ton« begleitet wird (LL Machtausübung und geselliger Freundlichkeit, zwi-
4, 96), führt der Schrei des Falken, kombiniert mit ei- schen Liebesentzug und Liebesbeweis, während das
nem gesummten Volkslied, in der Novelle Im Schloß Volkslied die Handlung und die inneren Wünsche
(1862) von einer äußerst distanzierten Beschreibung spiegelt und verdeutlicht – sei es im gelesenen Lied
der adligen Gesellschaft zum ersten Dialog zwischen »Meine Mutter hat’s gewollt« (321 f.) in Immensee, sei
der Herrin Anna und dem Verwalter Rudolf (486 f.) es die von Arnold gesungene Liebeserklärung an An-
über. Die Naturlaute verweisen in diesem Fall auf eine na »Als ich dich kaum gesehn« (513 f.) in der Novelle
andere Sinneswahrnehmung, die sich in einer detail- Im Schloß. Die musikalische Strukturparallele zwi-
lierteren Erzählperspektive äußert: Für die Wieder- schen den beiden Novellen reicht bis zur Verschrän-
gabe eines Dialogs reicht die umfassende auktoriale, kung von Binnen- und Rahmenerzählung, wenn das-
aber summarische Erzählhaltung nicht mehr aus; die selbe Lied am Schluss nochmals zitiert wird (527), um
Erzählinstanz hat sich auf Hördistanz zu nähern. die Überwindung gesellschaftlicher Barrieren durch
Ebenso führt der »Choralgesang aus der Ferne« zur die Liebe zu beschwören bzw. um an die beinahe fatale
Binnen-Ich-Erzählung Annas. Die Außenperspektive Niederlage der eigentlichen Liebe wegen des »Zither-
wird zugunsten einer internen Fokalisierung und ei- mädchens« zu erinnern (326).
ner weiblichen Stimme aufgegeben, welche über das Fast alle Novellen der Heiligenstädter Zeit zwischen
auktoriale Erzählen auf einen utopischen Raum hi- 1856 und 1864 – neben Im Schloß insbesondere Auf
11 Storm und die Musik 41

dem Staatshof (1859) und Auf der Universität (1863) – Lebens« (Baßler 1987, 48). Sie korrespondiert mit der
haben das Schicksal von Paaren ungleicher sozialer Binnenerzählung des Vetters vom oben erwähnten
und kultureller Herkunft zum Thema. Doch die Liebe Konzert, in dem er schließlich »Spohr’s neuntes Kon-
dient nicht im Sinne der Aufklärung der Überwindung zert« mit dem Musikdirektor Adolf am Klavier auf-
von Standesgrenzen, sondern übernimmt eine »sozial- führt: »Und meine Geige sang, oder eigentlich war es
psychologisch fundierte Introspektive des Menschen« meine Seele.« (LL 2, 66). Die absolute Innigkeit der
(Tebben 2006, 57; Fasold 1997, 105–107). Die Musik Musik, welche der Figur Susanne geschuldet ist, er-
ermöglicht in dieser spezifischen Konstellation die Re- klärt sich aus der Universalität: »Ist doch Musik die
zeption und Kommentierung der Szene aus nächster Kunst, in der sich alle Menschen als Kinder eines
Nähe. In der Novelle Eine Halligfahrt (1871) über- Sterns erkennen sollen.« (65) Es ist bezeichnend, dass
nimmt die Musik nicht nur die formale Aufgabe im die Novelle selber diese Konzertszene nur in der dop-
Sinne einer »sonatengleichen« Struktur (Browning pelten Erinnerung der Binnenerzählung nochmals
1951, 392), sondern auch die »Vision erfüllter und tö- heraufbeschwört, deutet sich doch die kritische Hal-
nender Unendlichkeit«; die Hallig, der Raum des Vet- tung Storms zur Musik bereits an: In der Gegenwart
ters, konkretisiert »das Modell einer anderen Welt«, sie des Erzählens funktioniert sie nur noch als akustische
ist eine klassische Heterotopie (Thürmer 2006, 90, 87). Naturkulisse. Ansonsten sedimentiert sie in einer pa-
Je weiter die erzählte Erinnerung von der Erzählgegen- radoxen Verweisstruktur, welche sie der Präsenz der
wart entfernt ist, desto präsenter ist sie. Garant dieser Erzählzeit entrückt und gerade dadurch wiederum als
paradoxen Erzählbewegung ist die Musik selbst. Da- Präsenz, wenn auch nur als vermittelte, kenntlich
rauf verweist das Motiv des Geigenkastens. In dem macht. Akustische Kulisse, Volkslied(theorie), Kon-
Moment, in dem der Ich-Erzähler den Vetter drängt, zertszene: Sie alle markieren die Bedeutung der Musik
die Melodie aus seiner »Knabenzeit« nochmals erklin- in den früheren Novellen Storms und verweisen auf
gen zu lassen, schiebt er »den Kasten hastig« weg: ein spezifisches intimes Erzählverfahren und auf die
»Siehst du denn nicht, daß das ein Särglein ist? Man hetero- wie utopische Funktion der Liebe und der Prä-
soll die Toten ruhen lassen.« (LL 2, 49) So wird der Er- senz, die in der Lyrik selber und in der späteren Novel-
zähler ins Refugium der Kindheitserinnerung zurück- listik wieder auftauchen – jedoch anders akzentuiert.
verwiesen, die selbst wiederum auf einer ähnlichen Er-
innerungsleistung basiert. Denn der Erzähler hörte
Lyrik, die ambivalente Funktion der Musik und
den Vetter, der »für einen großen Geigenspieler gegol-
Vertonung
ten« habe, nur einmal: Dieses »eine Mal aber wurde für
mich [den Erzähler] die Ursache wiederholter Täu- Die Novellistik Storms ist eng an seine ›Erlebnislyrik‹
schungen; denn wenn ich später in den Konzerten gebunden, welche in der nachklassischen Tradition ei-
weltberühmter Virtuosen saß, so trug ich selten etwas nes Eichendorff, Mörike oder Heine zu sehen ist. Da-
Anderes davon, als eine traumhafte Sehnsucht nach je- bei setzt sich Storm explizit von der klassizistischen
nem Spiel des Vetters« (46). Formlyrik beispielsweise eines Emanuel Geibel
Obzwar sich auf diese Weise die Musik als »Modell (1815–1884) ab, denn für ihn selber sei die Form
einer nicht entfremdeten Beziehung« (Thürmer 2006, »nichts, als der Kontur, / Der den lebend’gen Leib be-
96) herauskristallisiert, ist sie nur über eine doppelte schließt« (93). Die Lyrik (und die damit verbundene
Erinnerung überhaupt evozierbar. Die einzige Musik, Natur- und Urlautlichkeit) bildet den Nukleus von
welche die Heterotopie der Halligen erfahrbar macht, Storms Novellistik. So gibt er selbst noch im Alter, am
liegt in der akustischen Naturkulisse, die ein Gespräch 1. März 1882, gegenüber Erich Schmidt zu bedenken:
zwischen dem Erzähler und der umworbenen Susan- »Meine Novellistik ist aus meiner Lyrik erwachsen«
ne vortäuscht: »Unmerklich, wenn mich die Erinne- (Storm–Schmidt II, 57). Gerade vor diesem Hinter-
rung nicht täuscht, waren wir in jenen träumerischen grund ist zu fragen, welche Rolle die Thematisierung
Zustand geraten, von dem in der Sommerstille, inmit- von Musik in der Lyrik übernimmt. Auffallend ist ihre
ten der webenden Natur so leicht ein junges Paar be- Häufung in den frühen Gedichten, als müsste die Jus-
schlichen wird: sie schweigen, und sie meinen fast zu tierung und Legitimierung der eigenen Schreibpositi-
reden; aber es ist nur das Getön des unsichtbar in Laub on genau hier vorgenommen werden. Verweisen die
und Luft verbreiteten Lebens [...].« (LL 2, 53) Damit Volksliedszenen in den narrativen Texten immer auf
wird die Liebe, welche sich beim jungen Paar erahnen die erzählstrukturierende und handlungsentschei-
lässt, »zum höchsten sinnkonstituierenden Faktor des dende Ambivalenz von Verführung und Klärung, Un-
42 II Einflüsse und Kontexte

tergang und Rettung, Tod und Leben, so ist es in der Diese musikalisch-naturlautliche Chiaroscura-
Lyrik die Musik bzw. ihr Potential selbst. Bei Storm Technik von Storms früher Lyrik findet auch ihre ge-
geht die musikalische Begleitung von Gesang durch sellschaftspolitische Deutung: Wie in Immensee Erich,
Zither, Gitarre oder Klavier immer Hand in Hand mit dem »aufstrebende[n] moderne[n] Unternehmer«
der Oralität und Ubiquität von Naturlautlichkeit. (Tebben 2006, 54), nach langem Drängen ihrer Mutter
Oder wie es im Gedicht Ständchen (1848, »Weiße Elisabeth zwar zuteil wird, ihm die Phantastik des
Mondesnebel schwimmen«) heißt: »Unermüdlich Hauptprotagonisten Reinhardt hingegen abgeht, so
sind die Saiten, / Und der Mund ist ohne Schranken« wird im Gedicht Märchen (1843) zwischen den »from-
(LL 1, 120). me[n] Bürgersleuten, / Die tags nur wissen, wie die
In der Variierung von Goethes Erlkönig (1782) ver- Glocke geht« (LL 1, 103, v. 9 f.), und dem »Poet« (ebd.,
spricht einzig die Zither im Arm des verzaubert schla- v. 14) unterschieden. In der akustischen Metaphorik
fenden »Mägdelein« noch Rettung vor dem Tannkönig erfolgt die Attribuierung: Einzig die Stunden zählende
(1843): »Nur wenn im Arm die Zither klingt, / Da hell Glocke strukturiert das abgemessene Leben der »Phi-
der Wind vorüberzieht, / Wenn gar zu laut die Drossel lister« (ebd., v. 7). Die Urlautlichkeit – das »Wald-
singt, / Zuckt manches Mal ihr Augenlid.« (106) Klang geläute« (ebd., v. 13) – hingegen verbindet nicht nur
des Instruments und Gesang der Natur bergen an die- Natur und Volksgedicht im Sinne von Reinhardts
ser Stelle die Möglichkeit, das Opfer des Tannkönigs Volksliedtheorie in Immensee, sondern öffnet auch
zum Erwachen und zu Bewusstsein zu bringen, um Tür und Tor zu »Geschichten« (ebd., v. 3): »So laßt
der drohenden Gewalt noch rechtzeitig zu entfliehen. euch denn im blanken Liederringen / Von Reim zu
In diametral entgegengesetzter Funktion wird das In- Reim ins Land der Märchen schwingen.« Das Gedicht
strument im zweiten Teil des Gedichts thematisiert, Märchen belegt hier nicht nur den engen Konnex zwi-
wenn die Elfen verführerisch sprechen: »Schön Jung- schen Storms Lyrik und Novellistik, sondern auch die
fräulein, was wird dir bang? / Wach auf und schlag die akustisch-musikalische Grundbedingung lyrischen
Saiten an!« (ebd.). Die hellen Vokale der vierten Stro- Schreibens für die narrative Phantastik überhaupt.
phe weichen in der zweiten Strophe des zweiten Teils Dass naturhafte Klanglichkeit und deshalb auch die
semantisch homomorph dunklen männlichen Rei- Musik wiederum Chiffren einer neuen Zeit und Ge-
men. Das Mädchen fällt dem Tannkönig zum Opfer. sellschaftsordnung jenseits von dänischer oder preu-
Die Musik indiziert Gewalt, wie sie im Gedicht Hya- ßischer, adliger oder klerikaler Vorherrschaft sind, ist
zinthen (1852) omnipräsent ist: »Es hört nicht auf, es zum einen musikalisch, zum anderen in der akus-
ras’t ohn’ Unterlaß« (23). Insbesondere im Kontext tischen Rezeption des Gedichteten angelegt: So gilt
von Erotik markiert die Musik oft ein »Spiel von das »Hören« als Grundbedingung musikalischer Re-
Macht und Unterwerfung« (Tebben 2006, 54). zeption sowohl dem »Edelstein der Dichtung« – wie es
Noch expliziter wird die Ambivalenz der (Natur-) im Gedicht Ein Epilog (1864, LL 1, 61, v. 17) heißt – als
Klanglichkeit im Metagedicht Käuzlein (1843) zur ste- auch der politischen Sensibilität, welche bei Storm je-
reotypisierten Funktion von Sterbe- und Liebeslied, doch nie in ein vordergründiges Engagement, son-
vom Heulen des Kauzes und dem Gesang der Nachti- dern viel eher in eine erhöhte Introspektion mündet.
gall. Gefragt wird nach dem Lebensraum der beiden Es ist dennoch bezeichnend, dass die Grundbedin-
Funktionen, welche idealiter nebeneinander existie- gung für ein allgemein dichterisches Schreiben und
ren und sich ergänzen sollten. Die lautliche Umset- für ein politisches Sensorium in eins fallen. So spricht
zung macht aber deutlich, dass sich der Weg der bei- Storm im Zusammenhang mit dem sich ankünden-
den Gesänge als Fahrt zwischen Skylla und Charybdis den Umbruch 1848 vom »Klang der aufgeregten Zeit«
entpuppt: Die reichen Haufenreime der Verse 1 bis 4 (Abseits, 12, v. 23), vom »süßen Sommerharfenklan-
und 6 bis 9 optieren jeweils nur für eine Variante, ent- ge« (im höchst optimistischen Zukunftsgedicht Auf
weder für das »Sterbelied« oder für das »Liebeslied« dem Segeberg, 68, v. 14) und in der Fortsetzung von
(Roebling 2013). Erst in der anvisierten Synthese, wel- 1852: »Sie jauchzen auf, die Felsen klingen« (v. 23);
che in der paronomastischen Entflechtung der Hau- oder kurz nach dem Tod von Friedrich VII von Däne-
fenreime von »Liebeslied« (LL 1, 116, v. 11) und »Ster- mark 1863: »Des Dänenkönigs Totenglocke gellt; /
belied« (ebd., v. 12) zu »Liebe schied« zustande Mir klinget es wie Osterglockenläuten!« (Gräber in
kommt, wird der »wegbreit[e]« Schwebezustand, der Schleswig, LL 1, 83, vv. 11 f.).
nicht direkt in den Tod zu münden hat, wenigstens an- Storms Gedichten kam nicht wie denjenigen Hein-
gedeutet. rich Heines das Glück zu, bereits zu Lebzeiten von
11 Storm und die Musik 43

Komponisten im Range eines Schubert oder Schu- um »die erste Liedschöpfung nach einer Pause von
mann vertont zu werden. Mindestens einmal reflek- rund 13 Jahren«. Sie ist konsequent in einer Zwölfton-
tiert Storm diesen Tatbestand in seinem Erzählwerk. reihe gehalten, welche aber (entgegen dem dodeka-
Aus der späteren Novelle Ein stiller Musikant (1875), phonischen Prinzips der Gleichwertigkeit aller Töne)
welche wir noch unten ausführlicher besprechen, wird zwei tonale Zentren ausbildet, zum einen F-Dur, zum
ersichtlich, dass Storm der Vertonung per se einen ho- anderen Ces- bzw. H-Dur (Witzenmann 1989, 137) –
hen Stellenwert beimisst. Dass aber Franz Schubert wiederum ein für Berg typisches Verfahren. Auch
die Vorbildfunktion par excellence zukommt, geht be- wenn hinter diesen beiden Tonarten die Initialen der
reits aus der Szene hervor, in welcher der Erzähler und großen Liebe des Komponisten zu Franz Werfels
Musiker Christian Valentin nach dem pianistischen Schwester Hanna Fuchs-Robettin verborgen sein mö-
Versagen seine Todesgedanken mit der Musik aus gen (ebd., 140), so ist die Bitonalität Bergs dennoch
Schuberts Liedzyklus Die schöne Müllerin unterfüttert zugleich auch Garantin dafür, die Ambivalenz, welche
(LL 2, 299). Storm wird gewusst haben, dass sein »Ler- sowohl im narrativen als auch lyrischen Musikmotiv
chenlied« bei den Komponisten auf den größten Zu- zum Ausdruck kommt, adäquat in wirkliche Töne zu
spruch stößt. Entsprechend verfasst auch Valentin in überführen.
der Binnenerzählung »das süße Lerchenlied« (311),
das mit der Zeile »Du liebe schöne Gotteswelt« be-
Die Funktion der Musik in den späteren Novellen
ginnt, aber sicherlich nicht aus der Feder von Storm
stammen würde: Zu gottesbejahend und zu naiv Schon vor seinem Rückzug auf seinen Alterssitz in Ha-
kommt diese Lyrik daher. Dennoch entfaltet das Ge- demarschen beginnt sich eine neue Musikauffassung
dicht in seiner Vertonung die Macht der Musik: »[E] bei Storm herauszubilden, aus der sich sein Vorbehalt
ine hingebende Liebe sprach aus ihrem jungen Ant- gegenüber einer bestimmten Form zeitgenössischer
litz; und jetzt in unaussprechlich süßen Tönen er- Musik, insbesondere auch gegenüber derjenigen Ri-
schollen die letzten Worte« (309). So sehr die hier be- chard Wagners (Wendt 1914, 38, 80), erklären lässt.
schriebene Musik dem Ideal Storms auch entsprechen Exemplarisch zeichnet sich diese Umakzentuierung in
mag, so sehr relativiert sich ihre Funktion im Sinne ei- der Novelle Ein stiller Musikant (1875) ab, in welcher
nes vergangenen Zeitdokuments, das dem explizit der Hauptprotagonist und Musiker Christian Valentin
konservativen Geschmack Valentins entspricht, von – für das virtuose Klavierspiel zu träge (LL 2, 286) –
dem sich der Erzähler zu distanzieren weiß: »[W]ie er zum Lehrer und Dichter wird. Das Klavierspiel ist nicht
[Valentin] in der Musik bei seinem Haydn und seinem mehr – wie noch beispielsweise für den Hauslehrer und
Mozart blieb, so waren es in der Poesie die klaren Gelehrten Arnold in der Novelle Im Schloß – fester
Frühlingslieder Uhland’s oder auch wohl die friedhof- Bestandteil allgemeiner Bildung, sondern nur noch
stillen Dichtungen Hölty’s, die ich aufgeschlagen auf »Ausdruck einer Leistungsethik« (Tebben 2006, 70).
seinem Tische zu finden pflegte.« (281) Damit kommt es zu einer neuen Ambivalenz zwischen
Offenbar ist sich der Erzähler dieser Novelle durch- »Selbstentfaltung« und »Fremdbestimmung« (ebd.).
weg der Diskrepanz zwischen seinem musikalischen Christian Valentin hat an den neuen Ansprüchen zu
und literarischen Geschmack bewusst. Daraus kann scheitern: Geradezu emblematisch dafür ist die Auf-
man schließen, dass Storms Dichtung – selbst aus der führung von Mozarts Fantasie in c-moll (KV 475), wel-
Sicht von Storms Spätwerk – erst posthum angemes- che in sich bereits die verschiedenen Affekte in schizo-
sen vertont wird. Weder eine romantisierende rück- phrener Abfolge aufeinanderprallen lässt. Das Spiel
wärtsgewandte noch eine progressive neudeutsche Christian Valentins wiederum kollabiert in Angstblo-
Musik à la Liszt oder Wagner wird der Lyrik Storms in ckaden (LL 2, 297 f.; vgl. dazu Tebben 2006, 72 f.).
ihrer Eigenart gerecht. Es braucht eine Musik, welche Die letzte Konzertszene in derselben Novelle hebt
das Gedicht in seiner Ambivalenz offen halten kann: hervor, dass eine neue Generation im Anmarsch ist,
Geradezu exemplarisch nimmt sich daher Alban die einen anderen Anspruch an die Musik stellt. Der
Bergs zweimalige Vertonung des Storm-Gedichts Kommentar auf eine Mozart-Arie fällt aus der Sicht
Schließe mir die Augen beide (1849, LL 1, 34) aus: Ori- des Ich-Erzählers und seines älteren Sitznachbarn ein-
entiert sich die erste Vertonung 1907 stilistisch noch deutig, nämlich hochromantisch, aus: »[D]as war die
an Brahms – wobei der 5/4-Takt das harmonisch-me- Kunst, die alles Erdenleid in Wohllaut löste!« Doch die
trische Gefüge in einer eigentümlichen Schwebe hält Reaktion des Jüngeren überrascht sie: »Der flott fri-
–, handelt es sich bei der Wiedervertonung von 1925 sierte Kopf eines vor uns sitzenden jungen Mannes bog
44 II Einflüsse und Kontexte

sich nach dem alten Herrn zurück. ›Was sagst du, On- Marx durch den Portier ausgehändigt bekommen hat,
kel? Hübsche Stimme; aber etwas seltsam; autodidak- spielt er in der Klavierstunde vor – »ohne jeden An-
tisch!‹« (LL 2, 307) Es geht hier nicht einfach um das stoß«: »[D]ie schwierigsten Passagen flogen mir nur
Aufzeigen einer konservativen Musikauffassung oder so aus den Fingern, daß der Lehrer mich befremdet
des Auseinandertretens von bürgerlich-volkstümli- und doch höchst beifällig ansah.« (LL 3, 326) Damit
cher Hausmusik und ›ernster‹ Musik (Dönnges 2013, wird die Divergenz von seelenloser technischer Vir-
126–132). Der neuen Generation geht es nicht mehr tuosität und musikalischer Innigkeit besonders au-
um die Musik als Medium einer anderen Welt, son- genfällig.
dern nur noch um die Musik als Bühne des oder der Wenn schließlich der Erfolg von Storms Schimmel-
Aufführenden. Allein schon die Vorstellung, dass die reiter (1888) musikalischen Paradigmen geschuldet
Sängerin nicht professionell ausgebildet sein könnte, ist, so verwundert das weiter nicht. In Absetzung vom
ist dem jungen Mann im beschriebenen Konzert zu- bisherigen Werk sind nicht mehr musikalisch-akus-
wider. Man geht neuerdings ins Konzert, um die Per- tische Motive oder Konzertszenen entscheidend.
fektion der musikalischen Aufführung zu bewundern, Wird in der Novelle »Es waren zwei Königskinder« der
und nicht, um eine andere (romantische) Welt der Generationenkonflikt im Anspruch an die Musik un-
Harmonie zu erleben. Storms Position ist aber nicht so lösbar, so internalisiert Der Schimmelreiter in seiner
einfach zu bestimmen, wird doch das Scheitern Valen- Mikro- wie Makrostruktur vornehmlich musikalische
tins am Leistungsanspruch, »dem er mental nicht ge- Gesetze. Wie Christian Demandt einsichtig aufzeigt,
wachsen ist«, in der Binnenerzählung und die sich an- ist die Novelle in hohem Maße von lyrischen Momen-
bahnende Divergenz zwischen alter und neuer Gene- ten der Lautmalerei und Assonanzen geprägt, welche
ration in der Rahmenerzählung dargelegt. sich bis ins »Oratorienhafte« steigern (Demandt 2010,
In der Novelle »Es waren zwei Königskinder«, die 187 f.). In der großformalen Struktur schafft Storm ei-
1884 in Hademarschen entsteht und noch im selben ne neue Dramatik, welche sich an der Tragödie (als ei-
Jahr unter dem Titel Marx veröffentlicht wird, be- gentlicher Bocksgesang) orientiert: »Die Schulmeis-
nannt nach dem Hauptprotagonisten, wird der Kon- ter-Erzählung wird fünfmal unterbrochen. Die auf
flikt unlösbar. Die Musikinterpretation, insbesondere diese Weise entstehenden sechs Abschnitte lassen sich
auf dem Klavier, ist hochgradig professionalisiert und dem [...] traditionellen Aufbau des klassischen Dra-
technisiert. Dabei spielen Liszt und die »Lebert- mas zuordnen.« (Demandt 2010, 190) Der doppelte
Starksche[ ] Methode«, wie sie an der »Hochschule Gedankenstrich als Kennzeichen der späten Prosa
der Musik« in Stuttgart gelehrt wird, eine zentrale markiert die Grenze des Erzählbaren selbst und bietet
Rolle (LL 3, 295). Dem Halbfranzosen und ›Konser- einer mechanisierten Poetologie immerzu Einhalt.
vatoristen‹ Marx, mit dem der Ich-Erzähler, ein Kla- Sein »unübertroffener Meister in der deutschen Lite-
vier-Student desselben Professors, eine enge fürsorg- ratur des neunzehnten Jahrhunderts«, Theodor
liche Beziehung unterhält, gelingt es nur ein Mal, sein Storm, versteht, den »ernste[n] Gedankenstrich« als
versiertes »technische[s] Klavierspiel« (LL 3, 314) mit »sorgenvolles Schweigen« einzusetzen, wohinter sich
richtiger Musikalität zu verbinden – dank seiner Lie- »diskret [...] der Mythos [versteckt]« (Adorno 1956,
be zu Lisele: »Marx [...] gewann eine Innerlichkeit des 108 f.). Die konsequente Aneignung musikalisch-dra-
Vortrags, die ich ihm zuvor nicht zugetraut hätte« matischer Gesetze verleiht der Novelle eine neue Dy-
(ebd.). Das Scheitern der Liebe aus Bedenken der Ge- namik. Musik ist nicht mehr nur Motiv und Symptom
liebten in Bezug auf den Standesunterschied treibt einer neuen Zeit, sondern wird zum poetischen Ge-
Marx in eine Abwärtsspirale, die seine Kommilitonen setz – selbst als musikalische Fermate.
nicht aufzufangen wissen. Lieber unterhalten sie sich
»über das letzte Konzert, über den Chorgesang, über Literatur
die Modulationslehre« und brechen »für Wagner eine Adorno, Theodor W.: Satzzeichen (1956). In: Noten zur Lite-
Lanze« (318). Symptomatisch ist schließlich weniger ratur. Frankfurt a. M. 1981, 106–113.
Baßler, Moritz: Die ins Haus heimgeholte Transzendenz.
die Internalisierung des Konflikts (Tebben 2006, 77), Theodor Storms Liebesauffassung vor dem Hintergrund
auch nicht eine zu geringe Anteilnahme des Ich-Er- der Philosophie Feuerbachs. In: STSG 36 (1987), 43–60.
zählers am tragischen Schicksal, das in Marx’ Suizid Bauer, Gisela: Theodor Storm und Robert Schumann. In:
mündet, als vielmehr das Gelingen des Klavierspiels STSG 39 (1990), 69–74.
im Zustand völliger Teilnahmslosigkeit. Kurz nach- Browning, Robert Marcellus: Association und Disassociati-
on in Storm’s Novellen. A Study in the Meaning of the
dem der Ich-Erzähler das Abschiedspäckchen von
11 Storm und die Musik 45

Frame. In: Publications of the Modern Language Associati- Sievers, Hans Jürgen: Zur Geschichte von Theodor Storms
on 66 (1951), 381–404. »Singverein«. In: STSG 18 (1969), 89–105.
Demandt, Christian: Religion und Religionskritik bei Theodor Tanaka, Hiroyuki: Theodor Storm und die Musik des
Storm. Berlin 2010. 19. Jahrhunderts. In: Brian Coghlan/Karl Ernst Laage
Dönnges, Ulrich: Musik in der Dichtung. I. Teil: Das lange (Hg.): Theodor Storm und das 19. Jahrhundert. Vorträge
19. Jahrhundert. Kirchentellinsfurt 2013. und Berichte des Internationalen Storm-Symposions aus
Fasold, Regina: Theodor Storm. Stuttgart/Weimar 1997. Anlass des 100. Todestages Theodor Storms. Berlin 1989,
Laage, Karl Ernst: Theodor Storm und sein Chor. In: Theo- 145–150.
dor Storm und sein Chor. Eine Chronik. Husum 1993, 17– Tebben, Karin: Don Juan in der Bürgerstube. Mozarts Oper
34. und ihre Bedeutung in Theodor Storms »Auf dem Staats-
Laage, Karl Ernst: Theodor Storm. Eine Biographie. Heide hof«. In: STSG 53 (2004), 81–92.
1999. Tebben, Karin: Musik und Tanz im Werk Theodor Storms.
Missfeldt, Jochen: Theodor Storm und die Sängerbewegung In: Literaturwissenschaft und Linguistik 141 (2006), 52–81.
in Schleswig Holstein. In: STSG 62 (2013), 7–16. Thürmer, Wilfried: »alle Menschen als Kinder eines Sterns«.
Por, Peter: Verrätselung. Perspektiven eines poetischen Ver- Zur Teleologie von Musik in Theodor Storms Erzählung
fahrens bei Gérard Nerval und Theodor Storm. In: Deut- Eine Halligfahrt. In: Literaturwissenschaft und Linguistik
sche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geis- 141 (2006), 82–99.
tesgeschichte 59 (1985), 422–444. Wendt, Robert: Die Musik in Theodor Storms Leben. Greifs-
Roebling, Irmgard: Storm und die weibliche Stimme. In: wald 1914.
STSG 42 (1993), 54–62. Witzenmann, Wolfgang: »Text von Theodor Storm«. Zu den
Roebling, Irmgard: Vom »richtigen Gebrauch der Assonanz Klavierliedern Alban Bergs. In: Die Musikforschung 41
und Alliteration im Verse«. Das Verhältnis von Musikali- (1989), 127–141.
tät und Modernität in Storms Lyrik mit Blick auf singende Zimorski, Walter: Neuentdeckte Musikalien der Storm-Fa-
und verstummende Nachtigallen. In: STSG 62 (2013), 17– milie. Ein Forschungsbericht. In: STSG 46 (1997), 95–98.
35.
Boris Previsic
46 II Einflüsse und Kontexte

12 Storms Publikationspraxis nenbaum). Schindler veröffentlichte 1859 auch Storms


erste Gedichtanthologie Deutsche Liebeslieder seit Jo-
Storms frühe Veröffentlichungen erfolgten weit- hann Christian Günther. Eine Codification.
gehend in regionalen Blättern und Zeitschriften sowie Da weder Duncker noch Schindler bereit waren,
in den sieben Jahrgängen der Volksbücher für die Her- Storms Novelle Im Schloß zu übernehmen, die Ale-
zogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg (s. Kap. xander Duncker zu unmoralisch erschien, während
III E.75). 1843 konnte er 44 Gedichte im Liederbuch sich der Verfasser mit Heinrich Schindler nicht über
dreier Freunde publizieren, das auch Lyrik seiner Stu- das Honorar einigen konnte, musste Storm nach alter-
dienfreunde Theodor und Tycho Mommsen enthält nativen Publikationsmöglichkeiten suchen. Zunächst
und in der Schwers’schen Buchhandlung in Kiel er- fand er in Emil Carl Brunn einen Verleger, der in sei-
schien. Erst ein knappes Jahrzehnt später, im Jahre nem Verlag in Münster 1863 die Novellen Auf der Uni-
1852, veröffentlichte er im selben Verlag seinen ersten versität und Im Schloß publizierte. Dann zeigte der
selbständigen Gedichtband. Schleswiger Verleger Hermann Heiberg Interesse und
Storm bemühte sich zur selben Zeit aber auch da- verlegte 1867 die Novelle Von Jenseit des Meeres sowie
rum, überregional bekannt zu werden und nahm mit 1868 In St. Jürgen und Eine Malerarbeit. Diese drei No-
dem Verleger Alexander Duncker in Berlin Kontakt vellen erschienen im selben Jahr als Sammelband, der
auf. Ihm schickte er im Herbst 1850 Gedichte und Er- vor allem für Leihbibliotheken bestimmt war, noch
zählungen, von denen einige bereits in den Volks- einmal unter dem Titel Novellen.
büchern abgedruckt worden waren. Duncker ver- Im Hamburger Verlag Wilhelm Mauke Söhne, der
öffentlichte 1851 auf Empfehlung von Storms späte- 1873 nach Leipzig verlegt wurde, erschienen 1866
rem Freund Paul Heyse die Sommergeschichten und Storms Drei Märchen (Die Regentrude, Bulemanns
Lieder mit 36 Gedichten, der Märchen-Szene Schnee- Haus und Der Spiegel des Cyprianus) sowie 1870
wittchen sowie den Erzählungen Im Saal, Der kleine Storms zweite Gedichtanthologie Hausbuch aus deut-
Häwelmann, Immensee, Postuma und Marthe und ihre schen Dichtern, wovon 1875 eine aufwendig illustrier-
Uhr. 1852 folgte eine Separatausgabe der Novelle Im- te Prachtausgabe herauskam.
mensee, mit der Storm als Poet in ganz Deutschland Neben den Buchpublikationen veröffentlichte
bekannt wurde und die bis zu seinem Tod 28 Auflagen Storm in verschiedenen Zeitschriften etwa 45 Novel-
erlebte. Im Verlag von Alexander Duncker erschienen len und Prosatexte, darunter 11 in der Deutschen
weitere Bücher Storms, 1855 Im Sonnenschein. Drei Rundschau und 15 in Westermann’s Illustrirten Deut-
Sommergeschichten (Im Sonnenschein, Marthe und ih- schen Monatsheften.
re Uhr und Im Saal) sowie 1857 eine Bearbeitung des Als im Herbst 1861 mehrere Verlage bei Storm um
Märchens Stein und Rose unter dem Titel Hinzelmeier. Mitarbeit nachsuchten, griff Storm gerne zu, da er
Eine nachdenkliche Geschichte. hoffte, in den neu gegründeten Familien- und Frau-
In Berlin schloss sich Storm dem »Tunnel über der enzeitschriften ein Forum für weitere Veröffent-
Spree« an und wurde Mitarbeiter der Argo, eines belle- lichungen zu finden und damit ein größeres Publi-
tristischen Jahrbuchs, das u. a. von Theodor Fontane kum als mit den Volksbüchern oder der Argo errei-
herausgegeben wurde. Hier veröffentlichte er die Er- chen zu können.
zählungen Ein grünes Blatt (1854), Wenn die Äpfel reif In den Folgejahren gelang es ihm ‒ oft nur nach
sind (1857), Auf dem Staatshof sowie Späte Rosen langwierigen Verhandlungen über die geforderten
(1860). Honorare (vgl. Jackson 2001, 154 f.) ‒, etwa zwanzig
Als Alexander Duncker eine erweiterte Auflage sei- Novellen und Erzählungen in acht auflagenstarken
nes Gedicht-Bandes ablehnte, fand Storm in Heinrich Zeitschriften zu publizieren und damit zu einem der
Schindler einen weiteren Verleger, in dessen Berliner bekanntesten Erzähler des Poetischen Realismus zu
Verlag seit 1856 die Gedichte veröffentlicht wurden. werden. Nicht immer vermochte er jedoch seine Texte
Außerdem erschienen hier 1855 die Novellenbände in der ursprünglich geplanten Fassung zu publizieren;
Ein grünes Blatt, Zwei Sommergeschichten (Angelika, die Novelle Im Schloß wurde für den Druck stellenwei-
Ein grünes Blatt); 1860 In der Sommer-Mondnacht se zensiert (s. Kap. III D.40). Storms Artikel über den
(Auf dem Staatshof, Wenn die Äpfel reif sind, Postuma ›Volksglauben im katholischen Deutschland‹ erschien
und Der kleine Häwelmann); 1861 Drei Novellen (Ve- in der Gartenlaube unter einem anderen Titel (Das
ronica, Späte Rosen und Drüben am Merkt) sowie 1865 Nummerträumen) und mit Rücksicht auf die katho-
Zwei Weihnachtsidyllen (Abseits und Unter dem Tan- lische Leserschaft ohne Storms Einleitung, ohne Nen-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_12, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
12 Storms Publikationspraxis 47

nung des Verfassernamens – und ohne Wissen des deutliche Wendung zum Literarischen und Unterhal-
Verfassers (vgl. Eversberg 2015). tenden. Es gelang dem Verleger George Westermann
Storm sicherte sich in allen Fällen die Rechte an sei- und dem Redakteur Adolf Glaser, bedeutende Erzäh-
nen Texten, so dass er den Vorabdruck meist schon ler zur Mitarbeit zu gewinnen, darunter Theodor
nach einem Jahr als separate Buchausgaben oder in Storm mit 15 Beiträgen zwischen 1865 und 1888, die
Sammelbänden erneut veröffentlichen konnte. zu den literarischen Stützen des Blattes zählten, das
mit 1856 mit 3000 Abonnenten begann und 1877 eine
Storms Veröffentlichung in populären Familien- Auflagenhöhe von 15.000 Exemplaren erreichte.
zeitschriften:
Drüben am Markt in Über Land und Meer. All- Storms Werke in Westermann’s Illustrirten Deut-
gemeine illustrirte Zeitung (1861), Am Kamin in schen Monatsheften:
Victoria. Illustrirte Muster- und Mode-Zeitung Von Jenseit des Meeres, Bd. 17, 1865; Eine Maler-
(1862), Das Nummerträumen und Im Schloß in arbeit, Bd. 23, 1867; Zerstreute Kapitel, Bd. 29–35,
Die Gartenlaube (1862), Der Spiegel des Cyprianus 1871–73; Viola tricolor, Bd. 36, 1874; Ein stiller
in Bazar. Illustrirte Damen- und Modenzeitung Musikant, Bd. 38, 1875; Im Nachbarhause links,
mit Unterhaltungsblatt (1865), In St. Jürgen in Bd. 39, 1875; Meine Erinnerungen an Eduard Mö-
Deutsches Künstler-Album (1868) sowie Marx rike, Bd. 41, 1877; Carsten Curator, Bd. 44, 1878;
(später Es waren zwei Königskinder) in Vom Fels Der Finger (später Im Brauer-Hause) Bd. 46, 1879;
zum Meer. Spemanns Illustrirte Zeitschrift für das Der Herr Etatsrat, Bd. 50, 1881; Hans und Heinz
Deutsche Haus (1884/85). Kirch, Bd. 53, 1882; Zur Chronik von Grieshuus,
Beiträge Storms in der Leipziger Illustrirten Zei- Bd. 57, 1884; Geleitwort zu Aus den Erzählungen
tung: Unter dem Tannenbaum (1862), Abseits aus den Bädern von Lucca. Von G. Dur. (d. i. Julius
(1863), Die Regentrude (1864) und Bulemanns Mannhardt), Bd. 58, 1885; Noch ein Lembeck,
Haus (1864). Bd. 59, 1885; Ein Bekenntnis, Bd. 63, 1887.
Beiträge Storms in Der Salon für Literatur, Kunst
und Gesellschaft: Neue Lieder (1871), Draußen im Seit 1868 gab der Verlag Westermann Storms Sämmt-
Haidedorf (1872) sowie Beim Vetter Christian liche Schriften heraus, zunächst als Erste Gesammtaus-
(1873). gabe in 6 Bänden; 1872 erschien die zweite Auflage in
Beiträge Storms in Deutsche Jugend: Lena Wies. 12 Lieferungen, 1877 die Bände 7–10 und 1882 die
Ein Gedenkblatt (1873), Pole Poppenspäler (1874) Bände 11–14. Kurz vor seinem Tod las Storm noch für
sowie Von Kindern und Katzen, und wie sie Nine 18 Bände der 1889 ausgelieferten Gesammelte Schriften
begruben. Ein Gedenkblatt (1877). in 19 Bänden Korrektur. Dies war aber nur für die je-
weils neu gesetzten Serien erforderlich, da in der Ver-
Anfang November 1864 lud der Verleger George Wes- lagsdruckerei Westermann von den Druckplatten der
termann Storm zur Mitarbeit an Westermann’s Illus- in drei Serien von 1872 (Bde. 1–6), 1877 (Bde. 7–10)
trirten Deutschen Monatsheften ein, die seit Oktober und 1882 (Bde. 11–14) nach dem Stereotypieverfahren
1856 monatlich erschienen. Die Besonderheit der Fa- Papier-Matrizen angefertigt wurden, von denen bei
milienzeitschriften seit der Jahrhundertmitte bestand Bedarf der neue Bleisatz hergestellt werden konnte.
in ihrer medialen Botschaft, nach der ihr vorrangiges
Ziel die Unterhaltung eines bürgerlichen Leserpubli- Verteilung der Texte in Gesammelte Schriften in 19
kums war. Die soziale Funktion des Lesens war mit Bänden (1889):
informierenden und bildenden Aspekten verknüpft; Bd. 1: Gedichte; Bd. Immensee, Späte Rosen, Im
neben der Wissensvermittlung trat die Unterhaltungs- Schloß, Veronica; Bd. 3: Auf dem Staatshof, Im Son-
funktion in den Vordergrund. Unterhaltsam im wei- nenschein, Ein grünes Blatt, Unter dem Tannen-
teren Sinne waren Erzähltexte, Sachbeiträge und Il- baum, Abseits, Bd. 4: Von Jenseit des Meeres, Im
lustrationen, die sich mit der rasanten Entwicklung Saal, In St. Jürgen, Eine Malerarbeit; Bd. 5: Auf der
der photographischen Reproduktionstechniken bis Universität, Angelica, Postuma, Wenn die Äpfel reif
zur Jahrhundertwende veränderten. Die Monatshefte sind, Drüben am Markt, Marthe und ihre Uhr;
wandten sich an ein exklusives Bildungsbürgertum, Bd. 6: Geschichten aus der Tonne (Die Regentrude,
zunächst durch einen Schwerpunkt im naturwissen- Der Spiegel des Cyprianus und Bulemanns Haus),
schaftlichen Bereich, seit den 1860 Jahren durch eine Hinzelmeier, Der kleine Häwelmann; Bd. 7: Ge-
48 II Einflüsse und Kontexte

dichte, Draußen im Haidedorf, Viola tricolor, Beim submersus, 1876, Bd. 9; Renate, 1878, Bd. 15; Zur
Vetter Christian; Bd. 8: Die neuen Fiedel-Lieder, »Wald- und Wasserfreude«, 1879, Bd. 18; Eeken-
Zerstreute Kapitel (Der Amtschirurgus ‒ Heimkehr, hof, 1879, Bd. 21; Die Söhne des Senators, 1880,
Lena Wies, Von heut’ und ehedem, Zwei Kuchenes- Bd. 25; Schweigen, 1883, Bd. 35; Eine stille Ge-
ser der alten Zeit, Von Kindern und Katzen, und schichte (später John Riew’), 1885, Bd. 42; Aus en-
wie sie Nine begruben, Eine Halligfahrt; Bd. 9: Pole gen Wänden. Eine Geschichte (später Bötje Basch),
Poppenspäler, Waldwinkel; Bd. 10: Ein stiller Musi- 1886, Bd. 49; Der Schimmelreiter sowie Nachgelas-
kant, Psyche, Im Nachbarhause links; Bd. 11: Ge- sene Blätter von Theodor Storm, 1888, Bd. 55.
dichte, Aquis submersus; Bd. 12: Renate, Carsten
Curator; Bd. 13: Eekenhof, Zur »Wald- und Was- Die Praxis, seine Novellen zunächst in einer Zeit-
serfreude«; Bd. 14: Im Brauerhause, Die Söhne des schrift zu veröffentlichen, ermöglichte es Storm, im
Senators, Meine Erinnerungen an Eduard Mörike; Kontakt mit Familienangehörigen und engen Freun-
Bd. 15: Hans und Heinz Kirch, Ein Doppelgänger; den eine Revision vorzunehmen und kritische An-
Bd. 16: Zur Chronik von Grieshuus, Bötjer Basch; merkungen aus dem Kreis der Erstleser in die Druck-
Bd. 17: Gedichte, Ein Fest auf Haderslevhuus, vorlagen für die Buchausgaben einzuarbeiten. Bei der
Schweigen; Bd. 18: Der Herr Etatsrat, »Es waren Übernahme seiner Novellen in die Sämmtlichen
zwei Königskinder«, John Riew’; Bd. 19: Ein Be- Schriften veränderte er nur noch wenig. Daher lässt
kenntnis, Der Schimmelreiter. sich bei den meisten Texten eine genetische Entwick-
Darüber hinaus erschienen folgende Buchaus- lung hin zu einer Ausgabe letzter Hand nachvollzie-
gaben bei Westermann: 1874 Novellen und Ge- hen. Dies gilt aber nicht für Storms Gedichte, die bei
denkblätter, 1875 Waldwinkel. Pole Poppenspäler. Paetel bis zur siebten Auflage 1885 in jeweils ver-
Zwei Novellen, 1876 Ein stiller Musikant. Psyche. ändertem Textkorpus herauskamen. (Und die Bände
Im Nachbarhause links. Drei Novellen sowie 1877 1, 7, 8, 11 und 17 der Sämmtlichen Schriften bei Wes-
die 4. durchgesehene Auflage von Hausbuch aus termann enthalten ebenfalls Gedichte.) Auch die
deutschen Dichtern seit Claudius. Druckgeschichte der Novellen in dem Sammelband
Vor Zeiten, der 1886 bei Paetel erschien und die No-
Am 1. Januar 1870 übernahmen die Brüder Elwin vellen Eekenhof, Zur Chronik von Grieshuus, Renate,
Paetel und Hermann Paetel die Firma A. Dunckers Aquis submersus sowie Ein Fest auf Haderslevhuus ent-
Buchverlag, deren Name 1871 in Verlag Gebrüder hält, weicht von diesem Prinzip ab.
Paetel verändert wurde. In Elwin Paetel gewann Storm
einen Verleger, der zunächst die Rechte an Storms Bü- Veröffentlichungen im Verlag Gebr. Paetel:
chern aus dem Verlag Duncker übernahm, dann wei- 1871 Immensee, 15. Auflage; Im Sonnenschein.
tere Texte Storms veröffentlichte und schließlich die Drei Sommergeschichten, 5. Auflage; 1872 Von Jen-
Rechte an den übrigen Verlagsprodukten Storms seit des Meeres, 2. Auflage: Geschichten aus der
durch Übernahme der Verlage Schindler, Mauke und Tonne, 2. Auflage; Immensee, 17. Auflage; Zer-
Heiberg an sich zog. streute Kapitel (Der Amtschirurgus – Heimkehr,
Damit hatte Storm nun zwei Verlage, in denen er Gedichte, Eine Halligfahrt, Die neuen Fiedellieder,
seine Werke veröffentlichen konnte. Da auch bei Pae- Draußen im Haidedorf, Zwei Kuchenesser der alten
tel eine renommierte literarische und wissenschaftli- Zeit); 1874 Immensee, 18. Auflage; 1875 Gedichte,
che Zeitschrift erschien, konnte der Autor nun aus- 5. vermehrte Auflage; Zerstreute Kapitel, 2. Auf-
wählen, wo er seine Novellen platzierte. Die Deutsche lage; Zwei Weihnachtsidyllen, 2. Auflage; 1877
Rundschau wurde 1874 von Julius Rodenberg gegrün- Aquis submersus; In St. Jürgen, 2. Auflage; 1878
det und galt als eines der besten Journale in Deutsch- Carsten Curator; Drei Novellen, 2. Auflage; Im-
land. Theodor Storm veröffentlichte hier seine Alters- mensee, 21. Auflage; Neue Novellen (Renate, Cars-
novelle Der Schimmelreiter und Theodor Fontane sei- ten Curator); Renate; 1879 Eekenhof. Im Brauer-
nen Roman Effi Briest; weitere Mitarbeiter waren u. a. Hause. Zwei Novellen; 1880 Drei neue Novellen
Paul Heyse, Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Mey- (Eekenhof, Im Brauerhause, Zur »Wald- und Was-
er und Ernst Robert Curtius. serfreude«); Gedichte, 6. vermehrte Auflage; Im-
mensee, 23. Auflage; Zur »Wald- und Wasserfreu-
Beiträge Storms in der Deutschen Rundschau: de«. Novelle; 1881 Ein grünes Blatt, 4. Auflage; Der
Waldwinkel, 1874, Bd. l; Psyche, 1875, Bd. 5; Aquis Herr Etatsrat. Die Söhne des Senators. Novellen; In
12 Storms Publikationspraxis 49

der Sommer-Mondnacht. Novellen, 4. Auflage: Die Quickborn erschien am 22.12.1852 im Ditmarser und
Söhne des Senators; 1882 Im Sonnenschein. Drei Eiderstedter Boten. Während Storms Zeit im preußi-
Sommergeschichten, 7. Auflage; Der Herr Etatsrat; schen Exil druckte Friedrich Eggers in dem von ihm
1883 Hans und Heinz Kirch; Schweigen; Zwei No- redigierten Literatur-Blatt des Deutschen Kunstblattes
vellen. Schweigen, Hans und Heinz Kirch; 1884 Im insgesamt 6 Rezensionen aus Storms Feder ab: 1854:
Schloss, 2. Auflage; Zur Chronik von Grieshuus; A. Anton Niendorf, Lieder der Liebe; Julius Rodenberg/
1885 Ein Fest auf Haderslevhuus. Novelle; Gedich- Carl Heinrich Preller, Des Knaben Wunderhorn,
te, 7. vermehrte Auflage; John Riew’. Ein Fest auf 4. Band; Klaus Groth, Hundert Blätter; Hermann Kette,
Haderslevhuus. Zwei Novellen; Zur Chronik von Gedichte; 1855: Theodor Fontane.
Grieshuus, 2. Auflage (Paetel’s Miniaturausgaben- Später folgten noch drei weitere Rezensionen, Klaus
Collection 4); 1886 Aquis submersus, 2. Auflage; Groth, Quickborn 2. Teil in den Itzehoer Nachrichten
Ein Fest auf Haderslevhuus. Novelle, (Paetel’s Mi- vom 17.12.1870. Adolph Möller im Husumer Wochen-
niaturausgaben-Collection 8); Immensee, 27. Auf- blatt vom 18.1. und 10.5.1871 sowie Heiberg, Plaude-
lage (Paeters Miniaturausgaben-Collection 1); reien mit der Herzogin von Seeland in der Kieler Zeitung
John Riew’; Vor Zeiten. Novellen (Eekenhof, Zur vom 20.5.1881.
Chronik von Grieshuus, Renate, Aquis submersus,
Ein Fest auf Haderslevhuus); 1887 Bei kleinen Leu- Literatur
ten. Zwei Novellen (Bötjer Basch, Ein Doppelgän- Berbig, Roland: »Ich genehmige. Westermann.« Theodor
ger); Bötjer Basch. Eine Geschichte (Paetel’s Minia- Storms Briefwechsel mit dem Verlag Westermann – ein
Editionsdesiderat? In: STSG 56 (2007), 63–72.
turausgaben-Collection 11); Ein Doppelgänger, Ehekircher, Wolfgang: Westermanns illustrierte deutsche Mo-
(Paetel’s Miniaturausgaben-Collection 13); Im- natshefte. Ihre Geschichte und ihre Stellung in der Literatur
mensee 28. Auflage; John Riew’, 2. Auflage (Paetel’s der Zeit. Ein Beitrag zur Zeitschriftenkunde. Braunschweig
Miniaturausgaben-Collection 10); 1888 Auf der 1952.
Universität, 3. Auflage; Ein Bekenntnis (Paetel’s Eversberg, Gerd/Gohde, Almut/Lefebvre, Jean: Theodor
Storms Erzählwerk. Alphabetisches Verzeichnis. In: STSG
Miniaturausgaben-Collection 14); Der Schimmel-
57 (2008), 127–162.
reiter; »Es waren zwei Königskinder« (Paetel’s Mi- Eversberg, Gerd: Das Nummerträumen. Eine unbekannte
niaturausgaben-Collection 17). Erzählung Theodor Storms und ihre Bedeutung für das
Verständnis seiner Spukgeschichten. In: STSG 64 (2015),
Neben Gedichten, Novellen, Erzählungen, biographi- 74–109.
schen Skizzen und autobiographischen Texten ver- Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati-
scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001.
öffentlichte Theodor Storm auch Zeitungsberichte
Lohmeier, Dieter: Zur Druckgeschichte der »Ersten Gesamt-
und Rezensionen. Auf Bitten seines Freundes Theodor ausgabe« von Storms Werken. In: STSG 35 (1986), 16–24.
Mommsen verfasste Storm im Jahre 1848 13 Berichte Lüpke, Ewald (Hg.): Theodor Storm. Briefe an Dorothea Jen-
für die Schleswig-Holsteinische Zeitung, die in Rends- sen und George Westermann. Braunschweig 1942.
burg erschien. Eine Rezension von Klaus Groths
Gerd Eversberg
50 II Einflüsse und Kontexte

13 Storm als Journalist hen, Korrespondenten in verschiedenen Städten der


beiden Herzogtümer zu finden; Schleswig war dabei
Zeitschriften mit kulturellem und literarischem An- vermutlich wichtiger als Holstein, denn es war der ei-
spruch wie Westermann’s Illustrirte deutsche Monats- gentliche Zankapfel zwischen den dänischen und den
Hefte oder die Deutsche Rundschau spielten in der schleswig-holsteinischen Nationalliberalen, und es
schriftstellerischen Praxis Storms eine wichtige Rolle: wurde nun auch zum Kriegsschauplatz. So wandte
Die Vorabdrucke seiner Novellen in diesen Zeitschrif- Mommsen sich am 9. April an seinen Studienfreund
ten interessierten ihn nicht nur wegen des Honorars, Storm, mit dem er und sein Bruder Tycho 1843 das Lie-
sondern auch, weil sie ihm die Möglichkeit boten, sei- derbuch dreier Freunde herausgegeben hatten, mit der
ne neuen Arbeiten einigen seiner literarisch sachkun- Bitte um Mitarbeit: »Ich rechne auf Sie für Berichte aus
digen Freunde zuzuschicken und deren Kritiken oder Ihrem Distrikte jedenfalls, wo möglich auch für leiten-
Vorschläge für die erste Buchausgabe zu nutzen. Ta- de Artikel, doch dürfen diese keinen ausschließend lo-
geszeitungen und Wochenblätter hingegen waren für kalen Charakter tragen.« Storm sagte zu und schrieb
ihn als Autor weitaus weniger wichtig. Es gab mit ih- eine Reihe von recht ausführlichen Artikeln, die zwi-
nen keine regelmäßige oder länger andauernde Zu- schen dem 18.4. und 30.5.1848 erschienen. Mommsen
sammenarbeit. war mit ihnen zufrieden; nur als Storm ihm sein Ge-
Als Journalisten hätte man Storm nur für kurze Zeit dicht, das später den Titel Ostern erhielt, schickte und
im Jahre 1848 bezeichnen können. Im größeren his- meinte, es sei vielleicht als Leitartikel brauchbar, mach-
torischen Zusammenhang der 1848er Revolution te er von diesem Angebot keinen Gebrauch.
nahm die sog. schleswig-holsteinische Erhebung eine Storm berichtete in seinen Artikeln vor allem über
Sonderstellung ein. Sie war nicht nur eine liberale Be- die Sorge der Husumer, dass die Arbeiten am Ausbau
wegung, die um Verfassungen für den jeweiligen Staat ihres Hafens, die 1847 begonnen hatten, durch die po-
und um politische Mitspracherechte der Staatsbürger litische Lage gefährdet würden, und über die Wahlen
kämpfte, sondern war auch der Beginn einer nationa- zur Nationalversammlung in der Frankfurter Pauls-
len Auseinandersetzung. Ihre Träger, die vor allem kirche mit dem überragenden Erfolg des Ober-
dem Bürgertum angehörten, wollten im Gegensatz zu gerichtsrats Heinrich Carl Esmarch in Schleswig, ei-
ihren Gegenspielern in Dänemark verhindern, daß nes Onkels von Storms Frau Constanze. Mommsen
die Herzogtümer Schleswig und Holstein voneinan- gab dann bald die Redaktion der Zeitung auf, weil er
der getrennt würden, und nahmen dafür auch die Probleme mit der Provisorischen Regierung hatte.
Aufkündigung der seit gut 350 Jahren bestehenden Aber auch danach lieferte Storm noch mehrere Arti-
Personalunion mit dem Königreich Dänemark in kel. Sie betrafen einen Vorgang, den Storm selbst
Kauf, weil sie die Möglichkeit bot, sich der nationalen schon für eine Posse hielt, der aber durchaus zeit-
Bewegung in Deutschland anzuschließen. Im März typisch war: Storm begann seinen ersten Artikel über
1848 wurde in Kiel eine Provisorische Regierung aus- ihn mit dem Satz: »Husum steht im Verdachte des Re-
gerufen, die ihren revolutionären Charakter dadurch publikanismus, der Wühlerei wohl gar und Anar-
zu kaschieren versuchte, dass sie erklärte, der König chie!« (LL 4, 320). Der preußische Offizier, der das
sei wegen der jüngst geschehenen Umwandlung der dort stationierte 2. schleswig-holsteinische Jägercorps
absoluten Monarchie in eine konstitutionelle nicht kommandierte, hatte seinen Adjutanten zum verant-
mehr frei, so dass sie in den Herzogtümern an seiner wortlichen Minister nach Schleswig geschickt, um
Stelle handeln und die traditionellen Landesrechte si- diesen darüber zu informieren, dass in Husum die Re-
chern müsse. Das führte sogleich zu einem Bürger- publik proklamiert werden solle. Der Minister setzte
krieg, der fast drei Jahre dauerte. Mit einem Über- daraufhin sofort das 1. Jägercorps aus Friedrichstadt
raschungsangriff bekamen die Aufständischen die nach Husum in Marsch und schickte auch noch eine
Stadt und die Festung Rendsburg in ihre Hand und Schwadron Dragoner dorthin, um das Schlimmste zu
machten sie zum Sitz der Provisorischen Regierung. verhüten. Was wirklich geschehen war, war aber ganz
Im Zuge ihrer Bemühungen um den Aufbau einer harmlos: Ein Husumer Klempner hatte − »vermutlich
eigenen Landesverwaltung gründete die Provisorische der Abwechslung wegen«, wie Storm schrieb −, rote
Regierung auch eine eigene Zeitung, die Schleswig- Kokarden angefertigt, und ein paar Soldaten des 2. Jä-
Holsteinische Zeitung. Sie erschien seit dem 15.4. in gercorps hatten sie gekauft und sich an die Kopfbede-
Rendsburg und wurde dort von Theodor Mommsen ckung gesteckt. Sie hatten sie aber wieder abnehmen
redigiert. Mommsen musste sich sofort darum bemü- müssen, als sie damit zum Dienst erschienen waren.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_13, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
13 Storm als Journalist 51

Da aber die meisten Liberalen, die die 1848er Revolu- Im Oktober 1854 wies er Eduard Mörike auf drei dieser
tion trugen, die engagierten Republikaner für gemein- Besprechungen hin und bemerkte dazu: »Die bespro-
gefährliche Anarchisten hielten, hatte der Komman- chenen Bücher sind unbedeutend und die Artikel nur
deur aus Gespensterfurcht mit Kanonen auf Spatzen geschrieben, um Freund Eggers in seinen Redactions-
geschossen. nöthen beizustehn; aber ich habe dabei Gelegenheit
Storm nutzte die Presse auch nicht, um Essays, genommen meine Meinung über dieß und das in lyri-
Feuilletons oder Kritiken zu veröffentlichen. Er schrieb cis zu sagen, und ich möchte wohl daß Sie davon Notiz
nur etwa ein Dutzend Buchbesprechungen (LL 4, 329– nähmen.« In der Tat formulierte Storm hier prägnant
374). Einige von ihnen galten Büchern von Kollegen seine Auffassung vom Wesen der Lyrik. Diese Bespre-
und waren mehr oder minder unverhüllte Freund- chungen gehören daher zur Vorgeschichte seiner Vor-
schaftsdienste. Eine Ausnahme bildeten nur die Arti- worte zu den beiden Anthologien Deutsche Liebeslie-
kel, die er 1854/55 in Potsdam für das »Literaturblatt«, der seit Johann Christian Günther (1869) und Haus-
die Beilage zum Deutschen Kunstblatt, schrieb, dessen buch aus deutschen Dichtern seit Claudius (1870).
Redakteur der Kunsthistoriker Friedrich Eggers war.
Dieter Lohmeier
III Werk
A Gedichte

14 Zum lyrischen Grundverständnis der Lyriker Storm die Krise lyrischen Sprechens in be-
Storms sonderer Schärfe wahr. So argumentiert er etwa in sei-
ner Besprechung der Hundert Blätter von Klaus Groth:

Insofern Storm selbst sich in erster Linie als Lyriker In der hochdeutschen Sprache dagegen ist alles Ferti-
betrachtet und in der Lyrik gar den Ausgangspunkt ge bereits so abgegriffen und verbraucht, daß es nur in
seiner Novellistik sieht (vgl. Storm–Schmidt II, 57), den seltensten Fällen durch die größte Kunst des Dich-
reicht die Bedeutung seiner Reflexionen zur Lyrik weit ters einen frischen Eindruck hervorzubringen vermag,
über das Korpus seiner Gedichte hinaus. Tatsächlich in der Regel aber sogar mit Sorgfalt vermieden werden
charakterisieren diese Reflexionen Storms poetisches muß; [...] (LL 4, 351).
Selbstverständnis im Allgemeinen, seine Vorstellung
der Gesetzlichkeiten, unter denen Dichtung entsteht Obwohl ihm bewusst ist, dass Lyrik nicht gänzlich oh-
und entstehen soll. Der Umstand, dass Storm keine ne Bildlichkeit auskommt, lehnt Storm die »Bilderma-
geschlossene Abhandlung über das Wesen der Lyrik cherei« (LL 4, 394) im Sinne einer gekünstelten Abs-
hinterlassen, sondern seine Lyriktheorie über Rezen- traktion ab, insbesondere »das verbrauchte Personifi-
sionen, Vorworte und insbesondere seine Korrespon- zieren von Himmel, Wind, Wolke, Muschel, Rose und
denz mit Familie, Freunden, Schriftstellerkollegen hundert anderen leblosen Gegenständen« (333). Im
und Verlegern entfaltet hat, besitzt durchaus einen Vorwort der von ihm herausgegebenen Anthologie
programmatischen Charakter. Für Storm lässt sich Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius nennt
Dichtung nur im Rahmen ihrer Erlebbarkeit begrei- er die Resultate solch einer ›ungelebten‹ Dichtung ei-
fen. Sie ist nie monologisch, sondern setzt als ein nen »tote[n] Schatz am Wege« (LL 4, 393).
Kommunikationsakt das Gegenüber immer voraus.
Zugleich muss das sprechende Ich stabil in Raum
Dichten und Erleben
und Zeit seiner Erlebniswelt verortet sein, wenn ein
Dialog zu Stande kommen soll. »[M]ein langes Von der Beschaffenheit lyrischer Dichtung hat Storm
Schweigen ist nur die Folge des nicht mehr in mir eine präzise Vorstellung. In der Besprechung von
selbst zu Hauseseins« (Storm–Christen, 80). So be- Marc Anton Niendorfs Liedern der Liebe (1854) be-
gründet Theodor Storm 1888 das Ausbleiben seines zeichnet er das Erlebnis als Entstehungsbedingung für
Briefes gegenüber Ada Christen. Fehlt dem Menschen ein Gedicht: »[...]; denn bei einem lyrischen Gedichte
Storm dieses Gefühl des In-sich-selbst-zuhause-Seins, muß nicht allein, wie im Übrigen in der Poesie, das Le-
fühlt er die »Kraft der productiven Poesie« (Storm– ben, nein es muß gradezu das Erlebnis das Fundament
Mörike, 71) versiegen. Seine literarische Schaffens- desselben bilden.« (LL 4, 332)
kraft verortet der Dichter dabei zwischen zwei Polen Die Storm-Forschung hat seit der ersten wissen-
des Gestimmtseins: dem »urkräftigen Behagen« aus schaftlichen Würdigung des Dichters durch Erich
Goethes Faust I, Vers 536 (LL 4, 391), und dem in Hei- Schmidt versucht, den Begriff »Erlebnis« zu definie-
nes Gedichtzyklus Katharina ausgesprochenen Emp- ren. Dabei orientierte sie sich zunächst an Storms
finden, »gesanglos und beklommen« zu sein (Storm– Selbstpositionierung als Lyriker. Im Vorwort zu der
Brinkmann, 97). Anthologie Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian
Lyrik stellt für Storm das Mittel dar, die Beziehung Günther, die er 1859 herausgibt, setzt Storm den Be-
zwischen der Sprache des Ich und der Außenwelt, auf ginn der neuen deutschen Lyrik bei den Liedern von
die sie referieren soll, zu bewahren. Deshalb nimmt Matthias Claudius, Gottfried August Bürger und Goe-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_14, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
14 Zum lyrischen Grundverständnis Storms 55

the an. Sich selbst sieht Storm, für den die künstleri- treffender Ausdruck und melodischer Rhythmus zu-
sche Form für den Ausdruck des Naturlautes maßgeb- sammenspielen:
liches Kriterium eines »lyrischen Gedichte[s]« ist, am
Ende einer Entwicklungslinie, die bei Claudius, Bür- Er, wie wenig Andere, hat gezeigt, was die einfachsten
ger und Goethe ansetzt und über die Romantiker und Worte vermögen, sobald nur die rhythmische Weise
speziell Heinrich Heine zu ihm selbst, dem »letzten dazu gefunden ist; er erhob – man gestatte den Aus-
Lyriker« führt (Borst 1932, 60). Die Annahme, dass druck – das »Stimmungsgedicht« zu einer eigenen
Theodor Storm sein Lyrikkonzept durch den Traditi- Gattung, indem er mit einem seltenen Sinn für das
onszusammenhang seit Goethe begründe, wurde als Wesentliche den Hörer in eine das Gemüt ergreifende
Tatsache behandelt und resultierte in der unangefoch- Situation versetzt und ihn dann schweigend diesem
tenen Klassifizierung Stormscher Lyrik als Erlebnis- Eindruck überläßt; er macht es um uns tagen und
lyrik in der Tradition der Goethezeit. Boy Hinrichs Abend werden, und erfüllt unser Herz mit dem ganzen
analysierte erstmals den Aspekt der Emanzipation des Eindruck, den wir in der günstigsten Stunde von der
lyrischen Systems von der Rhetorik in Storms Lyri- Natur selber hätten empfangen können. (382)
kauffassung. Diese Emanzipation von dem, was Storm
im Vorwort zu der Anthologie Deutsche Liebeslieder Die Evokation von Stimmung im Rezipienten ist hier
seit Johann Christian Günther als »Bilderkram« im – so sieht es der Anthologie-Herausgeber – musterhaft
Sinne eines bedeutungsleeren Gemeinplatzes abwer- vorgeführt. Der Klang ist dabei von entscheidender
tet (LL 4, 378), mündet in das Konzept einer reinen, Bedeutung, denn er trage dazu bei, das ästhetische Er-
autonomen Lyrik. Doch das Paradoxon zwischen der leben des Gedichtes spürbar werden zu lassen. Durch
von der Erlebnislyrik beanspruchten Unmittelbarkeit den Klang werde die Realität der Empfindung erhöht.
einerseits und ihrem artifiziellen Charakter anderer- Auf diese Weise soll sich die von Storm angestrebte
seits blieb bestehen. Erst die Hinterfragung der poeto- Wirkung eines lyrischen Gedichtes einstellen. Das Ge-
logischen Kategorie des Erlebnisses führte zu einem fühl reagiert, bevor sich eine Reflexion einstellen
erweiterten Begriff. Auch innere und äußere Wahr- kann. Ein literarischer Text kann dann also aufgrund
nehmungen, Gefühle und Gedanken werden nun als seiner Prosodie ähnlich wie das Wetter oder Musik auf
relevante Faktoren berücksichtigt. Außerdem wan- die Gestimmtheit des Lesers oder Hörers wirken (vgl.
deln sich – verglichen mit der goethezeitlichen Erleb- Gumbrecht 2011, 12). Um diese Wirkung zu errei-
nislyrik – die Inhalte des Welterlebens. Neben Liebes- chen, bedarf es der Schlagkraft des Ausdrucks und der
und Naturempfindungen spielen nun auch geistige Knappheit der Worte. Die Knappheit ist oft das einzige
und politische Auseinandersetzungen eine Rolle (Pät- angemessene Ausdrucksmittel für die flüchtigen und
zold 1994, 51–53). kurzfristigen Wahrnehmungseindrücke.
Ein Weiteres kommt hinzu: So, wie das Erlebnis ein Storm misst dem Lied auf der Suche nach der dem
Gedicht zu tragen hat, so muss bei Storm das Gedicht Naturlaut angemessenen Ausdrucksform eine zentra-
auch umgekehrt selbst Erlebnis werden. Nicht von un- le Bedeutung zu – im Gegensatz etwa zu Rudolf Gott-
gefähr heben sowohl Fontane als auch der Würzbur- schall, dem Redakteur der Blätter für literarische Un-
ger Germanistikprofessor Erich Schmidt den Erleb- terhaltung, der an der Auswahl von Storms Hausbuch
nischarakter von Storms Rezitationen hervor (vgl. insbesondere eine Überschätzung des Liedes zu Un-
Storm–Schmidt I, 74; Storm–Fontane, 194). Über- gunsten der Gedankenlyrik, wie Gottschall sie z. B.
haupt ist der performative Aspekt der Dichtung, das bei Friedrich Schiller perfektioniert sieht (Gottschall
Vorgelesen- und Vorgetragen-Werden, für Storm von 21870, 31), scharf kritisiert.

nicht zu unterschätzender Bedeutsamkeit und die Nä- In bewusster Abgrenzung von Traditionalisten wie
he der Lyrik zur Musik immer greifbar. Gottschall beharrt Storm auf der Evokation von Stim-
Konsequent erhebt er im Vorwort zum Hausbuch mung im Rezipienten als zentralem lyrischem Kriteri-
das Lied zur idealen Form des lyrischen Gedichts und um. So überrascht es auch nicht, dass es die Lieder
zitiert Heines Gedanken und Einfälle, in denen es sind, die er unter seinen eigenen Gedichten hervor-
heißt: »Ein Lied ist das Kriterium der Ursprünglich- hebt, z. B. das Lied des Harfenmädchens (Heute, nur
keit.« (Heine 1993, 328; LL 4, 395) Ohnehin erkennt heute) aus der Novelle Immensee oder das Oktoberlied.
Storm in Heine bereits im Vorwort zur Anthologie Im Dienst der ›Liedhaftigkeit‹ steht auch der kalku-
Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian Günther lierte Einsatz von Alliterationen und Assonanzen, die
den hervorragendsten Vertreter einer Lyrik, in der etwa im Gedicht Einer Toten einen gleichförmigen
56 III Werk – A Gedichte

Klang erzeugen, der den Rezipienten die Stimmung die formstrenge Lyrik August Graf von Platens ab und
der Verzweiflung angesichts der gleichgültigen Unver- wettert gegen »jene dumme, todte, werth- und wir-
meidlichkeit des Todes spüren lässt: kungslose Form« (Storm–Schmidt II, 99).
Storm beschreibt das Dilemma der Epigonalität von
Das aber kann ich nicht ertragen, Lyrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie
Daß so wie sonst die Sonne lacht; folgt: »Es beruht daher auch das willkürliche und mas-
Daß wie in deinen Lebenstagen senhafte Produzieren lyrischer Gedichte, das eigentli-
Die Uhren gehn, die Glocken schlagen, che Machen und Ausgehen auf derartige Produktio-
Einförmig wechseln Tag und Nacht; nen auf einem gänzlichen Verkennen des Wesens der
lyrischen Dichtkunst« (LL 4, 332). Die Lyrik des Rea-
Daß, wenn des Tages Lichter schwanden, lismus setzte bevorzugt romantische Formen und Mo-
Wie sonst der Abend uns vereint; tive ein und variierte sie, allerdings ohne das metare-
Und daß, wo sonst dein Stuhl gestanden, flexive und ironische Potential romantischer Gedichte
Schon Andre ihre Plätze fanden, weiterzuführen (vgl. Stockinger 2010, 86). Diesem
Und nichts dich zu vermissen scheint; Mangel an Innovation begegnet Storm mit seinem
Konzept von Stimmung als ästhetischer Kategorie. Ein
Indessen von den Gitterstäben von seiner Struktur her als modern definiertes Dichten
Die Mondesstreifen schmal und karg (zur Struktur der modernen Lyrik vgl. Friedrich
In deine Gruft hinunterweben, 21958), bei dem sprachliche und formale Kriterien im

Und mit gespenstig trübem Leben Vordergrund stehen, die letztendlich auf eine Domi-
Hinwandeln über deinen Sarg. (LL 1, 31 f.) nanz der Form über den Inhalt, eine raumzeitliche
Dissoziation und ein Schwinden jeglicher Ich-Bezüge
hinauslaufen, gibt es bei Storm aber nicht. Er strebt ei-
nen Kommunikationsprozess an, der die geistige Akti-
Stimmung als poetologische Kategorie
vität sowohl des Dichters als auch des Rezipienten vo-
›Stimmung‹ ist also die zentrale poetologische Katego- raussetzt: Der Dichter verfügt über ein Sprachgefühl,
rie in Storms Lyrikkonzept. Sie ist sowohl schöpferi- mittels dessen er eine nach ihrem Sinn betonte Rede
scher Ausgangspunkt als auch zentrale Wirkungs- mit der Versform in Übereinstimmung zu bringen ver-
absicht der Lyrik. Im Rahmen eines höchst reflektier- mag. Ein solch durchgeformtes Zusammenspiel von
ten Schreibprozesses setzt Storm Sprache als Instru- Hebungen, Senkungen und Zäsuren verleiht dem Ge-
ment ein, um die Rezeption des Lesers oder Hörers zu dicht eine musikalische Wirkung. »Am vollendetsten«,
steuern und in ihnen emotionale Effekte gezielt her- so schreibt Storm im Vorwort zum Hausbuch, erschei-
vorzurufen. Auf diese Weise verbindet der Dichter in ne ihm »das Gedicht, dessen Wirkung zunächst eine
diesem Sinne sein inspirierendes Erlebnis mit dem äs- sinnliche ist, aus der sich dann die geistige von selbst
thetischen Erleben des Lesers oder Hörers. Das Ergeb- ergibt, wie aus der Blüte die Frucht« (LL 4, 393). Mit
nis ist der ästhetische Schein der Versöhnung zwischen diesem Lyrikverständnis positioniert er sich sozusagen
Innen- und Außenwelt, ein gefühlter Zustand von Ein- auf der Schwelle zwischen der Lyrik des Poetischen
klang und Verständnis (vgl. Detering 2013, 219). Realismus und der Lyrik der Moderne.
Dieses Lyrikkonzept lässt sich mit dem massenhaf-
ten Verseschmieden jener Zeit und dessen ausgepräg-
Das »Hausbuch aus deutschen Dichtern« seit
ter Publikumsorientiertheit nicht vereinbaren. Die Er-
Claudius
kenntnis, dass diese Gattung überdurchschnittliche
Forderungen an Schreiber und Leser stellt, ist weit- Das Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius
gehend verloren gegangen und mit ihr die Wertschät- stellt die praktische Umsetzung dieses poetischen
zung für ein gelungenes Gedicht. Das »Machen« von Konzepts dar. 1870 erscheint die erste Auflage bei Wil-
Gedichten erscheint gar zu einfach, denn es gibt keine helm Mauke in Hamburg, ein Jahr später kommt das
echten Qualitätskriterien. Am schwersten aber wiegt identische zweite Titeltausend auf den Markt. Nach-
der Umstand, dass es den Versemachern an Originali- dem diese Miniaturausgabe der Anthologie kaum Ab-
tät mangelt (zu den Merkmalen von Epigonalität, vgl. satz gefunden hat, erscheint 1875 auf Initiative des
Theisohn 2009, 357): Das Ergebnis ist eine reprodu- Verlegers eine opulente Prachtausgabe des Hausbuches
zierte, nicht mehr gelebte Lyrik. Deshalb lehnt Storm in Leipzig, illustriert von Hans Speckter mit Holz-
14 Zum lyrischen Grundverständnis Storms 57

schnitten von Hugo Kaeseberg. Nachdem auch diese ganz unterschiedlichen Formen der Lyrik, von der
illustrierte Auflage sich nicht auf dem literarischen Volkslieddichtung bis zum orientalischen Gasel. »Lyri-
Markt durchsetzen kann, gibt Storm 1878 eine vierte sche Gedichte« können den Kanon sprengen und eine
Ausgabe seiner Anthologie im Verlag George Wester- geistesgeschichtlich beschreibbare Grundstimmung
mann, Braunschweig, heraus, nun wieder im hand- widerspiegeln, die »Sehnsucht nach individuellen Zu-
lichen Format und ohne Illustrationen. Er kündigt im gängen zur Harmonie« (Gumbrecht 2011, 21) in einer
Untertitel »Eine kritische Anthologie« an (in der vier- immer komplexer werdenden Gegenwart. Hierher ge-
ten Auflage entfällt dieser Zusatz auf Anraten Wester- hören z. B. die Verse M. Solitaires (Pseudonym des
manns) und bezeichnet sie im Vorwort als einen Arztes Woldemar Nürnberger) und Ada Christens
»Maßstab für poetische Leistungen« (LL 4, 395). Storm oder die vom Pessimismus geprägten Gedichte des Ös-
tritt mit dieser Publikation nicht ausschließlich als Ly- terreichers Heinrich Landesmann, bekannt als Hiero-
riker, sondern auch als Leser, Kritiker und Heraus- nymus Lorm. Zu den »lyrischen Gedichten« nach
geber in einer Person auf. Das Vorwort stellt einen Storms Auffassung zählen aber ebenso Mundart- und
wichtigen poetologischen Schlüsseltext dar. Die von Idyllendichtungen u. a. von Klaus Groth und Johann
ihm hier beanspruchte »mehr als dreißigjährige Le- Heinrich Voß. Das Spektrum der Themen und lyri-
benserfahrung« (390), auf die er seine Autorität als schen Formen, die Storm in sein Lyrikkonzept mit ein-
Anthologie-Herausgeber gründet, lässt sich als Lese- bezieht, ist breit – jeglicher Kritik der Einseitigkeit
erfahrung verstehen. Storms Notizen und Entwürfe zum Trotz.
zum Vorwort stellen die Verschriftlichung seiner le- Was seine eigene Dichtung und seine kritische Lek-
benslangen Lektüre deutscher Dichtung dar. Sie doku- türe betrifft, geht es ihm also weder um Marktgängig-
mentieren die Entstehung des »rein kritischen Stand- keit und kanonkonforme Repräsentativität noch um
punkt[es]« (391), die Grundlage sowohl für Storms Ly- ein Interesse an literaturhistorischer Vollständigkeit.
rikkonzept im Allgemeinen als auch für sein Hausbuch Unerschütterlich hält Storm an Kriterien fest, die sei-
im Besonderen. Bezeichnenderweise eröffnet der An- nem »humanistisch-demokratischen Lebens- und
thologie-Herausgeber die Gedichtsammlung mit Mat- Werkentwurf« (Jackson 2001, 14 f.) entspringen. Dazu
thias Claudius und vollführt seine Auslese konsequent zählen die Fokussierung auf den erlebten Moment an-
in Abkehr von dem tradierten bildungsbürgerlichen statt einer Verklärung der Geschichte (vgl. zum Fol-
Kanon seiner Zeit. Stattdessen rückt er ausschließlich genden Petersen 2015, 404 f.) und konsequenterweise
diejenige Poesie ins Blickfeld, welche besagte ur- die Kritik an den Vorrechten des Adels. Mit seiner For-
sprüngliche Werte der bürgerlichen Emanzipation derung nach einer anschaulichen, allgemein verständ-
aufnimmt und für seine Gegenwart anschlussfähig lichen Dichtung, seiner Wertschätzung der Familie
macht. Dichter wie Matthias Claudius, Gottfried Au- und des gemeinsamen Lesens und Singens, der Auffas-
gust Bürger, Friedrich Wilhelm August Schmidt oder sung vom Volkslied als Verbindung zwischen dem in-
Friedrich Hölderlin erfahren eine Aufwertung im Un- spirierenden Erlebnis des Dichters und dem ästheti-
terschied zu den Größen des bildungsbürgerlichen Ka- schen Erleben des Hörers oder Lesers verleiht Storm
nons, allen voran den von Storm als Antipoden be- seiner Lyrik letzten Endes auch einen gesellschaftli-
trachteten Emanuel Geibel. In der dritten Ausgabe von chen, wo nicht gesellschaftspolitischen Anspruch.
1875 verzichtet der Anthologie-Herausgeber ganz auf
die Klassiker Goethe und Schiller, um Platz für Illus- Literatur
trationen zu schaffen, die als »Lesehilfe« bzw. »Emp- Borst, Joseph: Theodor Storms Beziehungen zu Emanuel
findungshilfe« fungieren (vgl. Stockinger 2006, 286) Geibel. In: Die Heimat, Bd. 42, Kiel 1932, 57–61.
Detering, Heinrich: »Der letzte Lyriker«. Erlebnis und Ge-
und so die Evokation von Stimmung im Rezipienten dicht – zum Wandel einer poetologischen Kategorie bei
befördern sollen. Storms »kritischer Standpunkt« war Storm. In: STSG 53 (2004), 25–41.
seinerseits Kritik ausgesetzt. Schon Storms Dichter- Detering, Heinrich: Die Stimmen und die Stimmung.
kollege und Briefpartner Paul Heyse monierte, Storm Storms Naturgedichte. In: Friederike Reents/Burkhard
ziehe die Grenzen zu eng (Bernd 1974, 29). Aber auch Meyer-Sickendiek (Hg): Stimmung und Methode. Tübin-
gen 2013, 219–234.
die Literaturwissenschaft, in Person von Harro Müller
Friedrich, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik. Von Bau-
und Norbert Mecklenburg, ortete in Storms Antho- delaire bis zur Gegenwart. Hamburg 21958.
logie »Elemente überkommener Stimmungslyrik« Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Texte. In: Albrecht
(Müller/Mecklenburg 1970, 39). Tatsächlich erlaubt Schöne (Hg.): Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und
Storms Standpunkt ihm die Auseinandersetzung mit Gespräche, 1. Abt., Bd. 7.1. Frankfurt a. M. 1994.
58 III Werk – A Gedichte

Gottschall, Rudolf: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik. Müller, Harro/Mecklenburg, Norbert: Theodor Storms Ge-
Vom Standpunkte der Neuzeit, Bd. 2 [1858]. Breslau dicht »Über die Heide«. Versuch einer kritischen Interpre-
21870. tation. In: STSG 19 (1970), 35–42.
Gumbrecht, Hans Ulrich: Stimmungen lesen. Eine verdeckte Müller, Harro: Theodor Storms Lyrik. Bonn 1975.
Wirklichkeit der Literatur. München 2011. Pätzold, Hartmut: »Ein Stück andre Welt«. Von der Un-
Heine, Heinrich: Neue Gedichte, bearb. von Elisabeth Gen- brauchbarkeit des Paradigmas der »Erlebnislyrik« für die
ton. In: Manfred Winfuhr (Hg.): Historisch-kritische Ge- Gedichte Theodor Storms. In: STSG 43 (1994), 43–63.
samtausgabe der Werke, Bd. 2. Hamburg 1983. Petersen, Anne: Die Modernität von Theodor Storms Lyrik-
Heine, Heinrich: Shakespeares Mädchen und Frauen und konzept und sein »Hausbuch aus deutschen Dichtern seit
Kleinere literaturkritische Schriften, bearb. von Jan-Chris- Claudius«. Berlin 2015 (Husumer Beiträge zur Storm-For-
toph Hauschild. In: Manfred Winfuhr (Hg.): Historisch- schung, Bd. 10).
kritische Gesamtausgabe der Werke, Bd. 10. Hamburg Reents, Friederike: »Stimmung«. In: Gert Ueding (Hg.): His-
1993. torisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 9. Darmstadt 2009,
Hinrichs, Boy: Zur Lyrik-Konzeption Theodor Storms. 109–118.
Emanzipation von der rhetorischen Phrase und inter- Schmidt, Erich: Theodor Storm. In: Julius Rodenberg (Hg.):
textueller Dialog. In: Gerd Eversberg/David A. Jackson/ Deutsche Rundschau, Bd. XXIV (Juli 1880), 31–56.
Eckart Pastor (Hg.): Storm-Lektüren. Festschrift für Karl Stockinger, Claudia: Storms »Immensee« und die Liebe der
Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, 281– Leser. Medienhistorische Überlegungen zur literarischen
299. Kommunikation im 19. Jahrhundert. In: Wilfried Barner
Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati- (Hg.): Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft 50
scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001 (Husumer (2006), 286–315.
Beiträge zur Storm-Forschung, Bd. 2). Stockinger, Claudia: Das 19. Jahrhundert. Zeitalter des Rea-
Laage, Karl Ernst: Theodor Storms öffentliches Wirken. Eine lismus. Berlin 2010.
politische Biografie. Heide 2008. Theisohn, Philipp: Plagiat. Eine unoriginelle Literatur-
Lohmeier, Dieter: Das Erlebnisgedicht bei Theodor Storm. geschichte. Stuttgart 2009.
In: STSG 30 (1981), 9–26.
Anne Petersen
15 »Knecht Ruprecht« 59

15 »Knecht Ruprecht« leitet, sondern nur noch scherzhaft in die Bescherung


mit »Äpfel, Nuß und Mandelkern« für »eitel gute Kin-
Das Rollengedicht Knecht Ruprecht (LL 1, 76 f.), das der« und der humoristisch-harmlosen Strafandro-
wohl bekannteste Gedicht Storms (das häufig gar hung von Schlägen »auf den Teil, den rechten«, so er-
nicht mehr mit diesem Autor verbunden, sondern als scheinen erzählte Szenerie, fiktive Sprech- und reale
›Volksgut‹ behandelt wird), entstand vermutlich Ende Aufführungssituation des Gedichts reduziert auf eine
1862, während Storms Zeit als Kreisrichter in Hei- kindgemäße Familienfeier. Wenn auf den verschneiten
ligenstadt, als Teil eines Weihnachtsspiels, das er für Tannen im Wald »goldene Lichtlein sitzen«, wird mit
seine Kinder verfasst, jedoch in seiner Gesamtheit der Anspielung auf den Weihnachtsbaum in der
nicht veröffentlicht hat (Handschrift, SHLB Kiel). Die Wohnstube die bürgerliche Festdekoration einbezogen
Szenerie, in die er es in der Heiligenstädter Novelle ins mythische Geschehen. An ihm wiederholt sich im
Unter dem Tannenbaum stellt (1862), dürfte diesen ur- traulich-familialen Innenraum, was sich »draußen«
sprünglichen lebensweltlichen Gebrauch einigerma- ereignet hat. Hier wie dort verklärt das Wunder den
ßen zutreffend wiedergeben (vgl. den Abschnitt Alltag: »Das Himmelstor ist aufgetan« im Winterwald
»Theodor Storms Weihnachten« in Fasold 2010; De- und im Wohnzimmer. Das Gedicht ist damit ein frü-
mandt 2015). Erst Eversberg hat das Weihnachtsspiel hes Dokument für die bürgerliche Säkularisierung des
1993 vollständig veröffentlicht (vgl. auch Storms frü- Weihnachtsfestes im 19. Jahrhundert (Neuhaus 2014).
hes Schneewittchen-Märchenspiel, LL 1, 108–114: Die Andererseits – und durchaus nicht im Wider-
einzigen ausgearbeiteten szenischen Texte Storms spruch zu dieser sozialgeschichtlichen Positionierung
sind Märchenspiele für Kinder.) – zeugt das Gedicht auch von der idiosynkratischen
Der Text verbindet im Märchenton heidnische und Bindung Storms an genuin romantische Konzepte von
christliche Elemente. Der »Knecht Ruprecht«, ein den Kindheit und Kindlichkeit, die gerade als solche mit
biblischen Weihnachtsgeschichten unbekannter Na- durchaus ernsthaften religiösen Erlösungsvorstellun-
turgeist der mythologischen Volksüberlieferung, des- gen verbunden sind. In dieser literaturgeschichtlichen
sen weihnachtliche Wiederkehr derjenigen der Jahres- Perspektive erscheint als das eigentliche Thema des
zeit entspricht, zeigt sich hier nicht wie in den verbrei- »Knecht Ruprecht« und des ihn umgebenden Kinder-
teten Volksbräuchen als dämonischer Begleiter des Weihnachtsspiels das »Wunder« der wiedergewonne-
heiligen Nikolaus, sondern tritt allein auf – seiner dä- nen Kindheit (Detering 2011). So hat Storm es im Ge-
monisch-bedrohlichen Züge entkleidet, selbst ein dicht Weihnachtslied proklamiert, mit dem er 1852
frommer Bote des göttlichen Auftrags. Einer lauschen- nach dem Oktoberlied die Separatausgabe seiner Ge-
den Kinderschar berichtet er von seinem Wanderweg dichte eröffnet – in derselben romantischen Verklä-
durch Wald und Feld, auf dem sich ihm die winterliche rung des Kindes als der Verkörperung eines verlore-
Natur in der Heiligen Nacht durch geheimnisvolle nen Goldenen Zeitalters, wie sie von Novalis formu-
»goldene Lichtlein« erleuchtet, buchstäblich verklärt liert und von Runge allegorisch gezeichnet worden ist:
gezeigt hat. Das Gedicht gipfelt in der Schilderung »Ich höre fernher Kirchenglocken / Mich lieblich hei-
einer weihnachtlichen Epiphanie: »Und droben aus matlich verlocken / In märchenstille Herrlichkeit. //
dem Himmelstor / Sah mit großen Augen das Christ- Ein frommer Zauber hält mich wieder, / Anbetend,
kind hervor.« Im himmlischen »Christkind« erscheint staunend muß ich stehn; / Es sinkt auf meine Augen-
Christus als Kind, als kindgemäße Märchengestalt. Es lider / Ein goldner Kindertraum hernieder, / Ich fühl’s,
spricht zum Knecht Ruprecht, als wiederhole sich in ein Wunder ist geschehn« (LL 1, 12 f.).
diesem Wortwechsel ein altes Ritual. Es hat im Gedicht Diese Kombination von Märchen, Frömmigkeit
offensichtlich keine andere Funktion als die, sich ihm und Kindheit hat sich bereits vor der Niederschrift des
zu zeigen, damit er von ihm berichten kann; seine Er- Knecht Ruprecht entwickelt, und sie lässt sich bis in
scheinung als Kind ist die alle weiteren Wunder bewir- sein spätes Werk hinein verfolgen. Wie für die Pro-
kende Epiphanie der verklärten Nacht. Die Formel, tagonistin der Novelle Im Schloß (1861) »der ›liebe
mit der Ruprecht auf seine Anrede antwortet, ent- Gott‹, wie ihn die Kinder haben«, ein Bild des Trostes
spricht noch bis ins Vokativ-E hinein lutherischem und glücklicher Geborgenheit ist (LL 1, 492), so wird
Sprachgebrauch: »O lieber Herre Christ!« auch in Storms niederdeutschem Gedicht Gode Nacht
Wie aber die moralische Frage, ob die Zuhörer »gu- (1850; LL 1, 37 f.) wie selbstverständlich »Uns’ Herr-
te« oder »böse Kind« seien, nicht mehr wie in den bib- gott« als Beschützer der schlafenden Menschen be-
lischen Vorbildern der Szene in das Weltgericht über- nannt, und zwar auch hier, im traulichen Idiom der ei-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_15, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
60 III Werk – A Gedichte

genen Kindheit, in der Überhöhung einer idyllischen nenden Weihnachtsbaum verkörpert vor uns stehen«
Familienszene (»Din Kind liggt in de Weegen«). Be- (Storm 1922, 107). Es sind diese »goldenen Träume«,
reits in den frühen Gedichten für Bertha von Buchan die auch das Knecht Ruprecht-Gedicht evoziert, und
ist das Kind unmerklich mit den Engeln verbunden: zwar gerade in seiner ›säkularisierten‹ Kindlichkeit.
»Da schlief das Kindlein ein; / Und für die schlum-
mernde Kleine / Still beten die Engelein« (1838; LL 1, Literatur
181); im Brentano-Lied, das der Knabe in Aquis sub- Demandt, Christian: »Weihnachten ...«. Die Bedeutung des
mersus (1876) singt, kehrt dieselbe Motivkombination Festes und seiner Rituale bei Thomas Mann und Theodor
Storm. In: Ders./Maren Ermisch/Birte Lipinski (Hg.):
wieder (LL 2, 447). Früh verbindet sich die derart Bürger auf Abwegen. Thomas Mann und Theodor Storm.
überhöhte Kindlichkeit auch mit dem Weihnachts- Göttingen 2015, 165–177.
«Wunder«, so in Storms brieflicher Schilderung eines Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das
für ihn selbst desillusionierten Weihnachtsfestes An- Ende der Romantik. Heide 2011.
fang 1838, ebenfalls im Blick auf Bertha von Buchan: Eversberg, Gerd (Hg.): Theodor Storms Weihnachten. Doku-
mente, Gedichte, Erzählungen. Husum 1993.
»Darum liebe ich die Kinder, weil sie die Welt u sich
Eversberg, Gerd (Hg.): Storms erste große Liebe. Theodor
selbst noch im schönen Zauberspiegel ihrer Phantasie Storm und Bertha von Buchan in Gedichten und Dokumen-
sehen« (StA; Eversberg 1995, 101 f.). Noch am Heilig- ten. Heide 1995.
abend 1879 schreibt Storm an Paul Heyse, Weihnach- Fasold, Regina (Hg.): Theodor Storm in Heiligenstadt. Der
ten sei »mein liebstes Fest« (Storm–Heyse, 55 f.; vgl. Katalog. Heilbad Heiligenstadt 2010.
Demandt 2015). »Den Zauber der Weihnacht seiner Neuhaus, Volker: »Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!«
Theodor Storm als Dichter des säkularisierten Weihnachts-
Kindheit«, erinnert sich Gertrud Storm an ihren Va-
festes. Heiligenstadt 2014.
ter, »wußte er in unsere Weihnacht zu übertragen. [...] Storm, Gertrud: Weihnachten. In: Dies.: Vergilbte Blätter aus
Es wird wieder einmal Weihnachten und wir Kinder der grauen Stadt. Regensburg/Leipzig 1922, 107–280.
leben in goldenen Träumen, bis das im Leben so selte-
ne Wunder eintritt, daß diese Träume in dem bren- Heinrich Detering
16 Naturlyrik 61

16 Naturlyrik le Eine Halligfahrt lässt Storm sagen: »Auch die Natur


[...] vermag uns nichts zu geben, als was wir selber ihr
Als Lyriker ist Storm vor allem bekannt für seine Na- entgegenbringen.« (LL 2, 66 f.)
turgedichte. Da diese so oft das Naturvokabular der Von echter, gelungener, von »reiner und tiefer«
norddeutschen Küstenregion aufrufen, galt Storm Kunst will Storm nur dann sprechen, wenn sie aus ei-
lange als der große deutsche Heimatdichter. Doch das nem »tiefen Naturlaut« entstanden ist. Hier schim-
Etikett ›Heimatdichter‹, in der Zeit der Heimatbewe- mert als eine weitere Schicht des Naturverständnisses
gung und dann des Nationalsozialismus zunächst als die Vorstellung der Teilhabe des kreativen Künstlers
Ehrentitel, dann in der Zeit der kritischen Aufarbei- am Ur-Prinzip einer schaffenden Natur, der natura
tung eher einschränkend gebraucht, trifft sein Dich- naturans, durch, die über den Weg von Gefühl, Phan-
tertum allenfalls zur Hälfte. Zentraler und umfassen- tasie und durch Gestaltungskraft zum Kunstwerk
der als dieser inhaltliche Aspekt erweisen sich für die führt, wobei die »Fähigkeit der Formgebung« (LL 4,
Erschließung von Storms Naturgedichten die in der 384) für ihn ein zentraler Aspekt dieses schöpferi-
Forschung eingeführten Begriffe Erlebnislyrik und schen Prinzips ist. Kunst besteht für Storm »wesent-
Stimmungslyrik. Für beide Kategorien spricht, dass sie lich« darin, »den Naturlaut in künstlerischer Form
(stärker als der Heimatbegriff) die Rolle des lyrischen zum Ausdruck zu bringen« (381 f.). An anderer Stelle
Subjekts in der Verarbeitung von Gefühlen und Reali- spricht er (im Zusammenhang mit dem Naturlaut)
tätserfassung und in der Komposition der Texte in den von der Seele des Gedichts, der inneren oder geistigen
Blick nehmen. Legitimiert scheint ihre Verwendung oder feineren Form, die als eine Art musikalisches
zudem durch die Tatsache, dass Storm selbst diese Be- Prinzip sich in der äußeren Form und Komposition
griffe häufig zur Charakterisierung seines lyrischen offenbaren müsse.
Schaffens in verschiedenen Einleitungen, Vorworten Der scheinbare Widerspruch von individuellem,
und Briefen verwendet. (s. Kap. III A.14) unmittelbarem Erlebnis und Stimmung einerseits und
Wenn Storm in seinen Vorworten als Zentrum und artifizieller Formung, ja »Artistik« (Martini 1974,
Basis guter, reiner Lyrik die Verlautbarung eines Natur- 23 f.) andererseits hat in der Forschung immer wieder
lauts, einer Naturstimmung oder eines Naturgefühls zu Dissens und Verstörung geführt. Gerade die Ver-
fordert (LL 4, 380, 390, 393), so weder in der Meinung, bindung beider Aspekte aber mindert für Storm die
nur die Darstellung der Natur sei ein angemessenes Su- Gefahr, dass die Formgebung zur bloßen Kunstfertig-
jet der Lyrik, noch in der für die romantische Natur- keit, zur nur schönen Form oder zur Phrase wird, wie
lyrik weitgehend geltenden Vorstellung einer letztend- er sie an Platen und Geibel rügt. Gestaltung muss nach
lichen ideellen und emotionalen Einheit von Mensch Storm immer aus einem individuellen Erleben (an ei-
und Natur. Storms Naturbegriff schließt vielmehr – im nem nahen oder fernen Zeitpunkt) hervorgehen.
Wissen um den subjektiven Faktor der menschlichen Doch schon dieses Erleben, z. B. der Natur, ist kein auf
Naturwahrnehmung – an sein Konzept von Erlebnis präzise Wahrnehmung gerichtetes Erleben, sondern
und Stimmung an. Denn für Storm als aufgeklärten ist das, was Storm selbst »poetischer Eindruck« (LL I,
Bürger einer Epoche, die durch fortschreitenden Meta- 764) nennt. Es ist ein Eindruck, der die Alltagserfah-
physikzerfall und durch den Siegeszug der Naturwis- rung verlässt und im Medium der Kunst uns einen zu-
senschaft und Technik gekennzeichnet ist, steht zwar gleich fremden wie intensiveren Blick auf die Welt er-
die Natur als alles beherrschendes Prinzip an oberster möglicht. In diesem Prozess nimmt der Künstler die
Stelle seines Denkens, und er weiß sich auch als Teil der Natur über Sinne und Empfindung in Kategorien der
Natur. Erlebnismäßig erfährt er sich aber getrennt von poetischen Anschauung wahr, d. h. er erlebt und kon-
ihr, kann sich allenfalls in sie einfühlen oder sich – im stituiert sie zugleich als ein Ganzes (z. B. einer Land-
Kontext der Kunst – in ihr (als schöner Natur) spiegeln. schaft). Die poetische Anschauung, so kann man resü-
Im Sinne der Einfühlungsästhetik ist die Natur nicht an mieren, hat ihre Quellen 1. in dem je individuellen
sich schön, sondern wird es erst durch Einfühlung und (stimmungshaft-situativen) Erleben des Künstlers, 2.
Gestaltung. »Das Schöne ist nicht ein Ding, sondern ein in seiner Phantasie (oder Imagination), in die auch
Akt«, wie es Friedrich Theodor Vischer 1844 in seinen Kenntnis und Erfahrung von tradierten künstleri-
Kritischen Gängen formuliert hatte (Vischer 1922, IV, schen Formen eingegangen sind, und 3. in seinem Ge-
383) – eine These, für die in Storms novellistischem wie staltungsbegehren und der »Fähigkeit der Form-
lyrischen Werk manche Echos zu finden sind (vgl. dazu gebung«. Diese drei Impulse, zusammen mit einer
Roebling 2011, 15–65). Einen Künstler in seiner Novel- ihm eigenen regulativen Idee vom Schönen, befähigen

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_16, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
62 III Werk – A Gedichte

den Dichter zur Komposition eines Textes, der nicht Oktoberlied immer als erstes Stück in seinen Gedicht-
v. a. abbildet, sondern darstellt. ausgaben. Die dadurch dokumentierte wichtige Stel-
lung des Liedes in seinem lyrischen Schaffen wird in
der Rezeption bekräftigt mit einer durch Storms Toch-
16.1 »Oktoberlied« ter Gertrud tradierten angeblich begeisterten Äuße-
rung Storms an Brinkmann: »Ich habe eben ein un-
Der Nebel steigt, es fällt das Laub; sterbliches Gedicht gemacht« (Storm 1912,  191).
Schenk’ ein den Wein, den holden! Noch 1884 hebt Storm in einem Brief an Keller dieses
Wir wollen uns den grauen Tag Gedicht als Gipfelleistung im Vergleich etwa zu Gei-
Vergolden, ja vergolden! bels Lyrik (die er als nur formal schön, aber flach oft
kritisierte) hervor: »ich gebe nicht mein ›Oktoberlied‹
Und geht es draußen noch so toll, für seine ganze Lyrik« (Storm–Keller, 118). Zu fragen
Unchristlich oder christlich, ist, wie die erstaunliche Hochschätzung von Storm für
Ist doch die Welt, die schöne Welt, dieses Gedicht und seine Vorstellung von dessen bei-
So gänzlich unverwüstlich! nahe programmatischem Charakter zu verstehen ist.
Inhaltlich nimmt sich das Oktoberlied zunächst als
Und wimmert auch einmal das Herz, – eine Mischung von herbstlichem Jahreszeitenlied (Ne-
Stoß an, und laß es klingen! bel, fallendes Laub, graue Tage, Herbst) und anakreon-
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz tisch anmutendem Trinklied aus. Der wenig sorgfälti-
Ist gar nicht umzubringen. ge Umgang mit dem poetischen Material – z. T. hohle
Bilder, gesuchte Reime, reine Füllsel-Verse, ans Trivia-
Der Nebel steigt, es fällt das Laub; le grenzende Aussagen, ein merkwürdiger Zeitsprung
Schenk’ ein den Wein, den holden! zur letzten Strophe –, der das Gedicht (entgegen
Wir wollen uns den grauen Tag Storms eigener Hochschätzung) für seine Leser eher
Vergolden, ja vergolden! als literarisch schwach ausweist, trägt dazu bei, es auf
den ersten Blick der Kategorie schnell geschriebener
Wohl ist es Herbst; doch warte nur, Trink- oder Gelegenheitsgedichten zuzuordnen.
Doch warte nur ein Weilchen! Von der Forschung wird daneben allerdings eine
Der Frühling kommt, der Himmel lacht, politische Bedeutungsebene ins Feld gebracht (vgl.
Es steht die Welt in Veilchen. Eversberg 1994), die mit der präzisen Datierung zu-
sammenhängt. Denn mit der Einfügung des historisie-
Die blauen Tage brechen an; renden Entstehungsdatums (28.10.1848) und den ers-
Und ehe sie verfließen, ten beiden Versen der zweiten Strophe: »Und geht es
Wir wollen sie, mein wackrer Freund, draußen noch so toll, / Unchristlich oder christlich«,
Genießen, ja genießen! (LL 1, 11) die ja, parallel zum unerfreulichen Herbst, Gegenmaß-
nahmen zu erfordern scheinen, kann ein Bezug gese-
Storms Gedicht Oktoberlied ist im Vergleich zu ande- hen werden auf die politische Erhebung der selbstän-
ren Naturgedichten des Autors sicher nur mit Ein- digen Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauen-
schränkung als Naturgedicht aufzufassen. Da er selbst burg gegen den dänischen Anspruch der Einverlei-
es aber zunächst mit dem Titel Herbstgedicht samt bung in einen dänischen Gesamtstaat (vgl. Lohmeier
dem Datum: »28.Oct.48« brieflich seinem Freund Ty- 1989 u. 2006). Storm war zwar politisch nicht wirklich
cho Mommsen mitgeteilt hat und da Storm in diesem engagiert, aber er war seiner Heimat, der deutschen
frühen Gedicht eine besondere Mischung von Natur- Kultur und der liberalen Demokratiebewegung ver-
motiven, politischen Anspielungen mit Rückgriff auf bunden, sodass ihn das Scheitern der im März gebilde-
antike Formen gestaltet, scheint eine nähere Betrach- ten Provisorischen Regierung für Schleswig-Holstein
tung lohnend. In einer 2. Fassung wählt Storm die (die am 22.10.1848 ihren Rücktritt erklärt hat) mit Si-
Überschrift »Oktoberlied.1848« mit Datum »28./29. cherheit schmerzte. Storm selbst schreibt rückblickend
Octb.« Der Erstdruck erschien dann im »Volksbuch zur Entstehung des Gedichtes an Brinkmann: »Dem
auf das Jahr 1850«, und 1851 veröffentlichte Storm das Sinne für die Natur und zwar in natürlichster Opposi-
Oktoberlied ohne Jahreszahl als »Prolog« im Band tion gegen die Politik ist auch das ›Octoberlied‹ [...]
Sommergeschichten und Lieder. Ab dann erschien das entsprungen« (Storm–Brinkmann, 76). Während die-
16 Naturlyrik 63

ser etwas kryptische Satz von einigen als Nachweis für und Wendungen (doch warte nur), sondern auch ganze
den politischen Charakter des Gedichts gewertet wird, Strophen (1 u. 4) und auch Klänge und Satzstrukturen:
ziehen andere hieraus den Schluss, dass Storm hier wie Vokalharmonien, Stabreime, Aufforderungs- und Aus-
auch in anderen Texten durch den Vergleich von ge- rufsätze (acht Ausrufezeichen besitzt dieser Text), An-
sellschaftlichen Prozessen mit Naturabläufen in nivel- reden an ein nicht näher genanntes Du (Str. 1,2,4,5) und
lierender und verklärender Weise jede wirkliche politi- an »mein wackrer Freund« (Str. 6) aus der Position eines
sche Tendenz überdecke (Vinçon 1972, 42 f.). Mit »na- nicht weiter konturierten geselligen »Wir« (dreimal
türlichster Opposition gegen die Politik« kann jedoch »Wir wollen«, einmal »Wir wissen’s doch«; Str. 1,3,4,6).
auch eine naturhafte, d. h. im Sinne Storms: ursprüng- Der Vierzeiler mit Wechsel von Vier- und Dreihe-
liche Skepsis gegenüber den Imperativen von Verwal- bern, bei dem häufig nur der 2. und 4. Vers reimen,
tung und Politik im weiteren Sinne gemeint sein, de- erfreute sich seit der Anakreontik-Rezeption im
nen das Individuum nur eigene Praxis im Rausch oder 18. Jahrhundert zunehmender Beliebtheit, verstärkt
in der künstlerischen Tätigkeit entgegensetzen kann. durch die englischen Nachahmungen dieser Vorbilder
Gertrud Storms Einordnung des Gedichtes als »Protest in der Chevy-Chase-Strophe, die im Folgenden bis ins
gegen das Überwuchern der politischen Stimmung« 19. Jahrhundert dann zur klassischen Balladen- und
(Storm 1912, 191) lässt sich schließlich auch in diesem Kriegsliedstrophe wurde. Interessanterweise über-
Sinne verstehen. nimmt Storm in seinem Trinklied zwar weitgehend
Die vielen direkten und indirekten Kontraste im das Strophen-Muster, ändert aber den Gesamtein-
Gedicht (steigen/fallen, grau/vergolden, christlich/un- druck, indem er statt der in der Chevy-Chase-Strophe
christlich, toll/schön, wimmern/klingen, Herbst/Früh- üblichen rein männlichen Kadenzen die reimenden
ling, grau/blau, wimmern/lachen) und die vielen auf- Verse zwei und vier durchweg mit weiblichen Kaden-
fordernden Imperative erzeugen im Text einen akti- zen verbindet. Offensichtlich wollte der musikalisch
vistischen Tenor, der von melancholischer Herbst- empfindliche Autor den militanten Charakter, den
stimmung und Verklärung weit entfernt ist. Rolf z. B. Gleims nach diesem Muster gebauten berühmten
Selbmanns intertextuelle Interpretation von Storms Preußischen Kriegslieder (1758) mit den rein männ-
Gedicht als einer Antwort auf Geibels kurz davor er- lichen Kadenzen ausstrahlen, vermeiden. Storms
schienenes, auf den ersten Blick sehr ähnliches Ge- weibliche Kadenzen sind weicher, sanglicher und
dicht Hoffnung (1848) unterstreicht im Ergebnis die- schwebender. Das Politisch-Kriegerische sollte offen-
sen aktivistischen Charakter. Storm setze Geibels bar auf der Andeutungsebene bleiben.
empfindsam geduldiger, sentimental verklärender Bisher außer Acht gelassen bei der Betrachtung des
Naturdarstellung eine poetisch aktive Auseinander- Textes ist schließlich die sowohl inhaltliche wie forma-
setzung mit der Welt entgegen, »in der ein wahrer le Fokussierung auf den Herz-Begriff. Storm setzt mit
Dichter durch Vergoldung aus grauen Tagen blaue der betonten Wiederholung von Herz an den Enden
machen kann« (Selbmann 1996, 122 f.). Auch Dete- des 9. und 11. Verses, sozusagen in die Mitte des Ge-
ring betont in seiner Interpretation den subjektiv ak- dichtes, ein Kernwort seiner Vorstellung von naturhaf-
tiven Charakter des Gedichtes. Allein im Rausch und ter, reiner und tiefer Lyrik. Herz steht bei ihm für den
im Lied könne aus Grau Gold und aus dem Herbst ein tiefsten Grund, in dem künstlerische Kreativität und
Frühling gemacht werden. »Der Tag ist grau, das Gold die Schöpferkraft der Natur sich berühren. Auf das
bringen wir« (Detering 2004, 35). Wort Herz laufen im Oktoberlied der ganze Aufbau, die
Von dieser tendenziell poetologischen Sicht her »übergegenständlichen Spannungsrelationen« (Fried-
lohnt es sich, den Text als Trinklied mit seinen ana- rich 2006, 78) und auch die Klangkompositionen des
kreontischen Anklängen näher anzusehen, um den Gedichtes zu, auf die es Storm im »richtigen Gebrauch
quasi programmatischen Charakter dieses Gedichtes der Assonanz« (Storm–Brinkmann, 58) ja immer an-
besser zu verstehen. Dabei fällt der Bezug zum ana- kommt. Zeigt das Gedicht-Ganze eine Anhebung der
kreontischen Trinklied nicht nur durch die seit Horaz Klänge von tiefen o-Tönen am Anfang zu hellen ei-
bis in die deutsche Anakreontik (und nachhallend ins und i-Tönen am Ende, so dominiert in der Mitte auf
19. Jahrhundert) tradierte Themenwahl, sondern auch den betonten Silben eine Kombination von ä- und i-
durch die äußere Form, den Wechsel von drei- und vier- Tönen: Herz assoniert zweimal mit Welt und mit recht
hebigen Versen und das Spiel mit Wiederholungen ver- und gänzlich; wimmert assoniert einerseits mit christ-
schiedener Art ins Auge. So wiederholen sich nicht nur lich und unchristlich, andererseits aber auch klingen,
Worte (Wein, vergolden, wollen, Herz, Welt, genießen) mit Wir wissen’s und fast dem ganzen 4. Vers: Ist ...nicht
64 III Werk – A Gedichte

umzubringen. Der Aufruf, es klingen zu lassen, mitsamt Kaum zittert durch die Mittagsruh
den vielen anderen Aufforderungen, bezieht sich in Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
diesem Verständnis nun nicht mehr nur auf das zu lee- Dem Alten fällt die Wimper zu,
rende Glas, sondern auch auf die Aufforderung zu sin- Er träumt von seinen Honigernten.
gen, bzw. zu dichten, und zwar aus einer Verbindung – Kein Klang der aufgeregten Zeit
von Vernunft (wissen), Gefühl (Herz) und Wohlklang. Drang noch in diese Einsamkeit. (LL 1, 12)
Von daher können die »blauen« Tage nicht nur als
Hinweis auf Frühling oder auch auf Herbst (vgl. Selb- Storms Gedicht Abseits entstand seinen brieflichen
mann 1996, 122) verstanden werden, sondern auch auf Zeugnissen nach im Sommer 1847; es erschien zuerst
den Rausch des trunkenen Dichters oder auf die be- im Volksbuch für 1848, dann im Band Sommer-
rühmte »blaue Blume« der Dichtkunst. So scheint es geschichten und Lieder (1851), und ab 1852 in seinen
musikalisch konsequent, dass in der Endstrophe wie- Gedichtsammlungen. Nach eigener Darstellung ver-
der i-Töne als Produkt des dichterischen Klingen-Las- dankt es seine Entstehung einer langen Wanderung
sens dominieren. durch die Heide nördlich von Husum nach einem Be-
Resümierend lässt sich sagen: Im nur leicht verhül- such bei einem Jugendfreund (s. Kommentar Lohmei-
lenden Gewand von Naturgedicht und Trinklied ge- er, LL 1, 763 f.). Durch die im Brief (von 1887) formu-
staltet der Autor Storm in diesem frühen Gedicht eine lierte emphatische Beglaubigung (»wie ich mich be-
Art erster eigener Dichterweihe, wie er es aus den ana- stimmt entsinne«) lenkt Storm den Blick explizit auf
kreontischen Gedichten der griechischen und rö- die Realität eigenen Erlebens der Heidelandschaft.
mischen Dichtung, aber auch der deutschen Tradition Storm selbst warnt in einem sehr viel früheren Brief
im 18. Jahrhundert und den Nachklängen bis in die (an Eggers 1853, LL 1, 764) allerdings davor, in diesem
Spätromantik kannte. Naturmotive haben hier keinen Gedicht eine Abbildung der Heide zu sehen; es sei
selbständigen oder abbildenden Charakter, sondern »nicht sowohl eine Beschreibung der Heide, als viel-
gehören zum frei handhabbaren Vokabular eines dem mehr der poetische Eindruck, den die Heide auf mich
modernen Dichter eigenen Poesiekonzeptes, das vom gemacht hat«. Daher sei es auch »ein ganzes« und
Autor mit diesem Gedicht programmatisch begeistert nicht eine Aufreihung von Bildern wie z. B. in Mat-
beschworen wird. thissons Landschaftsgedichten. Der (schon zitierte)
»poetische Eindruck« und das Insistieren auf dem
Ganzheitscharakter zeigten, wie sehr dem Autor selbst
16.2 »Abseits« der konstitutive Charakter schon der poetischen An-
schauung als einem ersten Schritt zum Kunstcharak-
Es ist so still; die Heide liegt ter des Gedichtes bewusst ist, und zwar in diesem Fall
Im warmen Mittagssonnenstrahle, ein Charakter, der stark idyllenhafte Züge trägt (wie
Ein rosenroter Schimmer fliegt der Verweis auf Matthisson andeutet).
Um ihre alten Gräbermale; Allein die äußere Form zeigt in einer Mischung aus
Die Kräuter blühn; der Heideduft Volksliedton und raffinierten poetischen Arrange-
Steigt in die blaue Sommerluft. ments eine minutiöse Komposition des Textes. Der
Autor gestaltet vier Strophen zu je 6 Versen mit bei-
Laufkäfer hasten durch’s Gesträuch nahe regelmäßigen vierhebigen Jamben, bei denen in
In ihren goldnen Panzerröckchen, bekannt liedhafter Weise die ersten vier Verse im
Die Bienen hängen Zweig um Zweig Kreuzreim mit wechselnd männlichen und weibli-
Sich an der Edelheide Glöckchen; chen Reimen verbunden sind; die Strophen enden je-
Die Vögel schwirren aus dem Kraut – doch akzentuiert mit einem männlichen Paarreim.
Die Luft ist voller Lerchenlaut. Unterbrochen wird der jambische Rhythmus sechs-
mal am Versbeginn (vv. 6, 7, 18, 19, 23, 24), wodurch
Ein halbverfallen’ niedrig’ Haus in v. 6 (als Folge auch von Zäsur und Enjambement in
Steht einsam hier und sonnbeschienen; v. 5) das Aufsteigen des Heideduftes rhythmisch fühl-
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus, bar gemacht wird; in den anderen Fällen wird durch
Behaglich blinzelnd nach den Bienen; die doppelten Hebungen (oder schwebenden Beto-
Sein Junge auf dem Stein davor nungen) des Verseingangs das Gesagte akzentuiert.
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr. Auffallend sind im weiteren die zahlreichen Über-
16 Naturlyrik 65

schreitungen der Versenden durch Enjambements Auf das Kompositionsprinzip Idylle, das durch die
(vv.  1, 3, 5, 7, 9, 13, 17, 18, 23) und durch Zäsuren produktive Fehlübersetzung von gr. eidyllion als »klei-
(vv. 1,5,20). Indem Satz- und Versende nicht zusam- nes Bildchen« (Böschenstein 1967, 2 ff.), als freundli-
menfallen, der Satz also weiter fließt oder vorzeitig en- ches Bild einer unschuldigen archaischen Hirtenwelt
det, bekommt der Text in rhythmischer Hinsicht ei- in lyrisch-epischen Texten lange tradiert wurde, ver-
nen teilweise epischen, gemächlich voranschreiten- weist in Storms Heidegedicht neben dem epischen der
den Charakter. Auf der Inhaltsebene verbreiten die malerische Charakter, der mit dem Blick von außen
Enjambements in den Landschafts- und Klangbildern ein abgerundetes Landschaftsbild präsentiert: ein-
Vorstellung von Ruhe oder Weite, bei den Tierbildern gerahmt in erster und letzter Strophe durch Bilder
Assoziationen von Bewegtheit und Schweben. mittäglicher Stille an einem locus amoenus, einem
Der das Gedicht bestimmende poetische Eindruck »lieblichen Ort« (beides topoi der Idyllendichtung) er-
wird ihm nicht zuletzt durch die Klanggestaltung gege- scheint eine Welt friedlicher und glücklicher Be-
ben, die für Storm ja im Zentrum seiner dichterischen schränkung, sowohl was die Natur- und Dingwelt als
Bemühungen steht. Schon auf der Endreim-Ebene zei- was das menschliche Personal betrifft. Auf eine erste
gen sich auffallende Klangverbindungen: je viermal atmosphärisch ruhige Strophe mit Licht-, Luft- Duft-
Reimklänge auf i (vv. 1/3, 14/16), auf ei (vv. 7/9, 23/24) und Pflanzenbildern folgen in der zweiten Strophe be-
und u (vv. 5/6, 19/21); die Strophen zwei und drei wer- wegtere Bilder kleiner lebhafter Tiere: Laufkäfer, Bie-
den direkt durch au-Reime verbunden (vv.  11/12, nen, Vögel, und Lerchen, nach denen in der dritten
13/15). Aber auch das übrige Wortmaterial ist durch- aber sogleich wieder ein Bild der Ruhe vor Augen ge-
setzt von Klangverbindungen in Form von Assonan- führt wird: ein Kätner mit seinem schnitzenden Jun-
zen und Alliterationen. Dabei weisen die einzelnen gen, ein Bild, das in der vierten Strophe in Bilder des
Strophen einen klanglichen Grundton auf mit einer Schlafens und Träumens mündet, sodass Stille und
merkbaren Dominanz von hellen Klängen (i, ei, äu, ü), Einkehr schließlich vollends verinnerlicht scheinen.
wie sie quasi themenhaft im ersten Vers vorklingen »Es Durch das Motiv der kaum hörbaren Dorfuhr wird
ist so still; die Heide liegt«, oder (v. a. in der 2. Strophe) dem für die Idyllen typische Charakter der Zeit- und
von melodisch gebrochene Umlauten (äu, ei, ä, ö, au), Geschichtslosigkeit, der auch durch ihren kreisförmi-
die zusammen mit den häufigen Liquiden l und r (gip- gen Aufbau (von Mittag zu Mittag) und durch den
felnd in v.  12: »Die Luft ist voller Lerchenlaut«) den Präsensgebrauch (mit Ausnahme des letzten Zweizei-
»rosenroten Schimmer« der 1. Strophe nun ins Akus- lers) unterstrichen wird, Genüge getan.
tische zu übertragen scheinen. Das ganze Gedicht be- Ins Zentrum der Idyllenwelt führt schließlich das
kommt durch Rhythmus und Klanggestaltung einen nur kaum verfremdete Bild vom Musengott der Idylle,
ausgesprochen musikalischen Charakter, der sich den dem Hirtengott Pan, auf den die Verse 17/18 verwei-
Lesern sogleich bei der ersten Lektüre als friedlich- sen: »Sein Junge auf dem Stein davor/Schnitzt Pfeifen
freundliche Stimmung mitteilt. sich aus Kälberrohr«. Der nach der griechischen My-
Der kunsthafte Charakter des Gedichtes erhellt sich thologie v. a. als Gott der Wiesen und Wälder bekann-
aber im Besonderen durch das in vielen Aspekten te Pan tritt v. a. in sommerlicher Mittagsstille auf (sic)
durchschimmernde Vorbild der Gattung Idylle. Storm und ist bekannt als Erfinder der Syrinx, der Hirtenflö-
hat während seiner intensiven humanistischen Bil- te, die er, auf der Suche nach einer Nymphe, aus Schilf-
dung sowohl in der Husumer Gelehrtenschule wie im rohr schnitzte. Vom griech. Urbild lenkt Storm durch
Lübecker Katharinäum (s. Eversberg 2006) neben ei- Regionalisierung des Flötenmaterials als »Kälber-
ner Fülle anderer griechischer und lateinischer Texte rohr« ab, einem heimischen Wiesenkerbel, der als
auch Idyllen von Theokrit, Vergil und Horaz studiert, Doldenblütler mit hohlem kräftigem Stängel sich zum
kannte deren Rezeption in der deutschen Dichtung Flötenschnitzen eignet.
des 18. Jahrhunderts (Gellert, Gessner, Gleim, Mat- Mit der Anspielung auf Pan als Flötenspieler tritt
thisson, Voß, Goethe) und deren Weiterentwicklung das Künstlerthema in die Darstellung, zumal Pan auch
zur bäuerlichen und bürgerlichen Idylle seit der Goe- als Gott von Leben und Kunst verehrt wurde. Zusam-
thezeit bis ins 19. Jahrhundert. Sein »poetischer Ein- men mit dem Titel »Abseits« könnte die Künstler-As-
druck« der Heide ist deutlich geprägt von der ihm ver- soziation im Gedicht demnach auf eine poetologische
trauten Kunstform »Idylle« sowie deren neuerer Auf- Bedeutung hinweisen, d. h. auf eine indirekte Reflexi-
fassung, und diese Prägung strukturiert das Gedicht on über Form und Stellenwert von Kunst in der Welt.
aus dem Hintergrund. Denn einerseits deutet der Titel »Abseits« auf eine
66 III Werk – A Gedichte

nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich und mental 1970, 25–28; Ringleben 2009, 57–65). Die Erschei-
entlegene ferne, beinahe archaische Welt, auf die (ne- nungsdaten legen nahe, dass der Autor sich in diesen
ben den Idyllenmotiven) auch die »alten Gräbermale« Gedichten seiner Heimat in besonderer Weise ver-
der ersten und das »halbverfallene« Haus der dritten sicherte, die für ihn als Bleibeort in den Jahren 1851/52
Strophe, aber v. a. der abschließende Doppelzeiler: (der Entstehungszeit von Die Stadt) mit dem drohen-
»Kein Klang der aufgeregten Zeit / Drang noch in die- den Berufsverbot durch die dänische Regierung in
se Einsamkeit« verweisen. Die Schönheit des Gedich- Gefahr war, und aus der er sich 1853/54 (der Entste-
tes mit seinen frischen Bildern verhindert, dass die hungszeit von Meeresstrand) mit seiner Umsiedlung
»Abseits«-Vorstellung ins Negative, ins Abgetane um- ins preußische Potsdam verbannt sah. Legitimiert
schlägt, verhindert, dass die Form der Idylle damit als scheint schließlich eine Interpretation der Texte als
verbraucht, als Phrase gestaltet würde. Denn wenn der Heimatgedichte durch die begleitenden Heimweh-
Dichter auch mit dem Abseits-Titel und mit den ab- briefe Storms an seinen Vater (s. LL 1, 766).
schließenden Versen die Ferne seines Gedichtes vom Und dennoch wird Regina Fasolds Charakterisie-
modernen Weltzustand einräumt, insistiert er mit rung der Gedichte als »Ausdruck einer Seelenland-
dem durchgehaltenen Präsens und der Anspielung auf schaft« (Fasold 2005, 13) ihrer Bedeutung eher ge-
Pan auf der Gültigkeit einer Schönheit auch jenseits recht, insofern Storms Sehnsucht nach der »Heimat«
politisch-gesellschaftlicher Aktualität. Fast scheint mehr und Tieferes umfasst als das Heimweh nach Hu-
hier das »Abseits« zur conditio sine qua non derartiger sum und dem Nordseestrand. Fast scheint es, als wer-
Darstellung zu werden, insofern die sinnliche Schön- de erst durch die Sehnsucht nach der regional-biogra-
heit der Welt in der »aufgeregten Zeit« des Alltags phischen Heimat Storm sich seiner eigentlichen,
dem Künstlerblick entgehen kann. Die »Honigern- künstlerischen Heimat bewusst, der Seele seiner Dich-
ten«, von denen der Alte im Text träumt, lassen durch- tung, in der regionale Realitäten aufgehoben und zu-
aus Assoziationen von »süßem« Erfolg und Sinnen- gleich transzendiert werden. In der Entstehungszeit
freude zu. der Gedichte schreibt er an Brinkmann: »[...] die Seele
Durch die im Rahmen einer Idyllenkomposition aber, die Musik, die Anmut, die liegt zwischen den
realisierte poetisch-musikalische Gestaltung eines Worten«, und diese Seele komme nicht »durch den
Ensembles mit frischen unverbrauchten Naturbildern Sinn der Worte, sondern zum großen Theil durch ih-
gelingt dem Autor eine ansprechende formula in dis- ren Klang und durch das angemessene Verhältnis und
guise, wie der Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1953) Auf- und nacheinanderfolgen von ein oder mehrsilbi-
die Übernahme eines berühmten tradierten Kom- gen Worten, von mehr oder weniger flüchtigen Län-
positionsprinzips und seine Ausgestaltung mit neuen, gen, durch den richtigen Gebrauch der Assonanz und
zeitgemäßen Motiven nennt. Denn mit dem Verzicht Alliteration im Verse« ans Licht. (Storm–Brinkmann,
auf religiöse oder andere Transzendenzverweise hin- 56, 58). Die hochgradige Poetizität beider Texte, die in
ter den Naturbildern, wie sie in romantischen Gedich- der dichten Komposition bildlicher, lautlicher, rhyth-
ten und noch in Naturgedichten der Droste zu finden mischer Korrespondenzen die Leser bewusst oder un-
sind (vgl. Sengle 1979), bekennt sich Storm in diesem bewusst berührt, ist also nicht nur dekoratives Bei-
Gedicht durch die Idyllenform hindurch zu einem werk zur Darstellung einer geliebten Landschaft, son-
modernen, die Immanenz allen Lebens akzeptieren- dern es werden umgekehrt durch das Natur- und
den Weltbild. Landschaftsvokabular hindurch im Kontext der Kom-
position intensivierte Bedeutungen generiert, die die
bloße Realitätswiedergabe überschreiten.
16.3 »Die Stadt« und Dass diese beiden Gedichte für den Autor Storm
»Meeresstrand« und sein Schaffen von besonderer Wichtigkeit waren,
erhellt schon daraus, dass sie zu den wenigen Ausnah-
Die Gedichte Die Stadt (1852) und Meeresstrand men gehören, die er im Nachhinein (in der zweiten
(1856) gelten unter Stormlesern und -forschern als und vierten Auflage seiner Gedichte, 1856/1864) in
poetische Meisterleistungen des Autors. Sie erfreuen den ursprünglichen Kernblock der für sein Selbstver-
sich besonderer Beliebtheit, da man in ihnen sowohl ständnis wesentlichen Lyrik in die fünfte und sechste
die Heimatverbundenheit des Autors mit der Stadt Position einschob. An der so entstandenen Reihenfol-
Husum und der Nordseeküste sowie deren Darstel- ge wurde seitdem in allen maßgeblichen Storm-Aus-
lung am überzeugendsten wahrzunehmen glaubt (Silz gaben festgehalten.
16 Naturlyrik 67

Am grauen Strand, am grauen Meer Weitere betonte Wortwiederholungen sind: viermal


Und seitab liegt die Stadt; grau in Str. 1 und 3, zweimal für und dreimal dir in
Der Nebel drückt die Dächer schwer, Strophe 3. Syntaktische Wiederholungen finden sich
Und durch die Stille braust das Meer in den Versen 1 und 6 und als ganze Verswiederholung
Eintönig um die Stadt. in den Versen 12 und 15.
Überdeutlich sind schließlich die zahllosen, von
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai Storm ja als besonders wichtig erachteten Klangwie-
Kein Vogel ohn’ Unterlaß; derholungen als Assonanzen und Alliterationen wie
Die Wandergans mit hartem Schrei z. B. die vielen a-Assonanzen im ganzen Gedicht, gip-
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, felnd in der zweiten Strophe mit 9 (sic) metrisch beton-
Am Strande weht das Gras. ten a-Lauten und dem Vers »Die Wandergans mit har-
tem Schrei« genau im Zentrum des Gedichtes. Auffal-
Doch hängt mein ganzes Herz an dir, lend sodann die alliterierenden (phonetischen) Zisch-
Du graue Stadt am Meer; laute (fünfmal Stadt, zweimal Strand, schwer, schlägt,
Der Jugend Zauber für und für Stille, Schrei), die zusammen mit rauscht einen beinahe
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, onomatopoetischen Meerescharakter erzeugen.
Du graue Stadt am Meer. (LL 1, 14) Durch die vielen Wort- und Klangwiederholungen
samt dem kargen Umgang mit Reimklängen wird
Storms Gedicht Die Stadt (Erstdruck 1852) fällt zu- stimmungsmäßig eine gewisse klangliche Eintönig-
nächst durch seine strenge Grundstruktur auf: In den keit erzeugt. Zum anderen wird durch die vielfältigen
drei gleich gebauten fünfversigen Strophen aus je zwei Wiederholungen zunehmend der denotative Charak-
vollständigen, nur durch Semikolon getrennten Sät- ter des Textes zurückgedrängt zugunsten eines musi-
zen wird der jambische Rhythmus weitgehend durch- kalisch-kompositorischen, der Bedeutung nicht v. a.
gehalten, wobei mit dem gewählten Reimschema durch den Verweischarakter von Worten, sondern
abaab ein Wechsel von vierhebigen Jamben (bei den a- ebenso stark durch immanente Bezüge, Verhältnisse
Reimen) und dreihebigen Jamben (bei den b-Reimen) und Strukturen generiert. So wird z. B. durch die Tat-
erfolgt. Die wenigen rhythmischen Ausnahmen (v. a. sache, dass das viermal wiederholte Wort grau nicht
die schwebenden Betonungen in den Anfängen der nur mit braust und rauscht assoniert, sondern auch
Verse 5, 7, 11 und bei seitab in Vers 2) bekommen mit dem poetisch auffallenden Wort Zauber (v.  13),
durch die sonst obwaltende Regelmäßigkeit sinnver- der Notion grau eine offene, aber vom Leser doch
stärkende Kraft. Alle Verse enden mit einer männlich- fühlbare neue, geheimnisvollere Bedeutung gegeben
stumpfen (meist einsilbigen) Kadenz, deren statuari- als beim Abgleich mit einer potentiell realen tristen
scher (beim Meeresthema ungewöhnlicher) Effekt al- Stimmung der Stadt Husum im Herbst.
lerdings durch die vielen Enjambements (vv. 1, 4, 6, 8, Die kompositorische Fokussierung des Gedichtes
13) abgemildert wird. Diese Zeilensprünge evozieren auf den Vers »Die Wandergans mit hartem Schrei« im
nicht nur auf der Bildebene Vorstellungen vom be- Zentrum des Textes wird auf der semantischen Ebene
wegten Meer (Str.  1) oder von fliegenden Vögeln unterstützt durch die Fortführung des Klang- und Vo-
(Str. 2), sondern verdichten auch auf der quasi musi- gelmotivs, in der Lyrik häufig ein Verweis auf den
kalischen Ebene den starken klanglichen Verflech- Dichter als Sänger: Nach Einspielen des Klangmotivs
tungscharakter, der erzeugt wird durch Wiederholun- im eintönigen Meeresbrausen (v. 4/5) beginnt die Mit-
gen, Relationen, Umschlingungen verschiedenster telstrophe mit der doppelten Negierung einer roman-
Art. Allein im Reimschema abaab umschlingen zwei tischen Poesie-Stimme des Rauschens und Vogelschla-
a-Reime einen b-Reim, und zugleich umschlingen gens: »Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai/ Kein
zwei b-Reime ein a-Reim-Paar. Intensiviert werden Vogel ohn’ Unterlaß« (v. 6/7). Auf diese Negierung er-
die Verflechtungen durch Wiederholungen auch auf folgt als poetischer Gegenentwurf auf dem Höhe-
allen anderen poetischen Ebenen. Besonders auffal- punkt des Gedichtes der Schrei der Wandergans. Diese
lend sind Wortwiederholungen: zunächst als iden- harte, fremdartige Stimme gibt zusammen mit der
tische Reime: viermal Meer in Strophe 1 und 3, zwei- strengen Struktur, den männlichen Kadenzen und der
mal Stadt in Strophe 1; dazu Stadt als Binnenwieder- optisch grauen Eintönung dem Gedicht einen sehr ei-
holung in Strophe 3 und zwei mit den Stadt-Reimen genen, herben Charakter. Das freudig lächelnde Auf-
assonierende Reime in Strophe 2 (Unterlaß/Gras). leuchten in der dritten Strophe könnte dann auf dieses
68 III Werk – A Gedichte

Sich-Versichern einer eigenen Stimme bezogen wer- »wie er in dieser Bestimmtheit lyrisch bisher nicht ge-
den. Denn wenn mit dem adversativ herausgearbeite- sehen worden ist« (Kaiser 1991, 320). Von anderen
ten »Doch hängt mein ganzes Herz an dir« zum ersten wird es als bildliche Darstellung einer »Seelenland-
Mal (mit dem Possessivum) das lyrische Ich im Ge- schaft« (Fasold 2005, 13), einer von »keiner Verweis-
dicht erscheint, so legt dies auch eine Lesart nahe, in funktion mehr beschwerten ›Situation‹« (Detering
der die »graue Stadt am Meer« nicht nur und vor allem 2013, 231) verstanden. Das von Storm selbst »poeti-
für die Stadt Husum steht, sondern allgemeiner für ei- scher Eindruck« (LL 1, 764) genannte Zusammenwir-
nen Vorstellungskomplex, der den Ort von Storms ken der verschiedenen inneren und äußeren Impulse
Poesie aufruft. (vgl. Roebling 2012). Dieser Ort wäre wird in diesem Text als dauerndes, kaum fixierbares
– dem Gedicht nach – ein Ort im Abseits, und das hie- Spielen zwischen Realität und Phantasie, Wahrneh-
ße hier: ein künstlerisch unverbrauchter Ort, an dem mung und traumhaften Spiegelungen erfahren.
dichtungsgeschichtlich neue, junge, für den Autor Seine »künstlerische Form« findet dieser schillern-
zauberhafte Töne angestimmt werden können. de Doppelcharakter in einer – im Vergleich zum sehr
Im Gedicht Meeresstrand (Erstdruck 1856) finden strengen Gedicht Die Stadt – deutlich aufgelockerten
sich die Grundmotive des Stadt-Gedichtes – wenn Form: In den vier vierzeiligen Strophen reimen nur je
auch in anderer Gewichtung – wieder: Die Szenerie die zweiten und vierten Verse, und zwar mit männ-
am Meer, das herausragende Vogelmotiv verbunden licher Kadenz. Die je ersten und dritten Verse zeigen
mit der Thematisierung von Klängen und Stimmen, reimlose weibliche Kadenzen. Es gibt keine Reimwie-
das Ich inmitten dieser Welt, das auf die Stimmen be- derholungen, auch nicht als Assonanzen der Kaden-
zogen wird. zen, wie überhaupt das Klangbild deutlich abwechs-
lungsreicher ist als in Die Stadt, auch wenn – wie in
An’s Haf nun fliegt die Möwe, allen Storm-Gedichten – mit Alliterationen (z. B.
Und Dämm’rung bricht herein; Graues Geflügel, schauert – schweiget) und Assonan-
Über die feuchten Watten zen (geheimnisvoll – einsames – einmal – schweiget)
Spiegelt der Abendschein. oder Klangharmonien (z. B. die Endklänge der 3. Stro-
phe sind alle dunkel, die der 4. Strophe alle hell) ge-
Graues Geflügel huschet arbeitet wird. Auch die metrische Form zeigt vielfälti-
Neben dem Wasser her; ge Variationen: Der Rhythmus ist zwar durchgehend
Wie Träume liegen die Inseln dreihebig, aber mit wechselnden Füllungen, zumeist
Im Nebel auf dem Meer. mit unregelmäßigem Wechsel von Jamben und Dak-
tylen, die an einigen Versanfängen (vv. 3, 4, 5, 6, 11,
Ich höre des gärenden Schlammes 12) auch als schwebende Betonungen gelesen werden
Geheimnisvollen Ton, können. Die Versenden werden durch zahlreiche En-
Einsames Vogelrufen – jambements bei den weiblichen Kadenzen (vv. 3, 5, 7,
So war es immer schon. 9, 13) überspielt, wodurch rhythmisch feste Glie-
derungen und Trennungen vermieden werden, auf
Noch einmal schauert leise der Inhaltsebene gewissermaßen Horizonte optisch
Und schweiget dann der Wind; und akustisch offengehalten scheinen.
Vernehmlich werden die Stimmen, Auf der semantischen Ebene kommt das Spiel zwi-
Die über der Tiefe sind. (LL 1, 14 f.) schen Realität und Imagination durch Bilder zur Dar-
stellung, die ihre poetische Kraft gerade in einer zu-
Peter Goldammers Würdigung des Gedichtes Meeres- nehmenden Unkonturiertheit entfalten, und zwar in
strand als »zu den stimmungsvollsten lyrischen Wer- der ersten Hälfte v. a. durch optische, in der zweiten
ken Storms« gehörig (GB 1, 51) kann von der in die- Hälfte durch akustische Eindrücke. Verstärkt wird der
sem Gedicht besonders ausgeprägte Einheit von sub- Eindruck des nicht wirklich Konkreten durch eine
jektivem Erleben und Konstituieren, von Eindruck Reihe unpräziser Ortsbestimmungen (»An’s Haf«,
und Schöpfung, von Empfinden und Gestalten her »über die [...] Watten«, »neben dem Wasser«, »auf
verstanden werden. Entsprechend diesem Doppelcha- dem Meer«, »über der Tiefe«).
rakter wird das Gedicht in der Rezeption einerseits als In den ersten beiden Strophen wird nach Einspie-
genaue Darstellung einer Abendstimmung am Wat- len des Möwenmotivs eine Szenerie im Abendlicht
tenmeer gelesen, als norddeutscher »Schauplatz«, am Rande des Wattenmeers geschildert, in der sche-
16 Naturlyrik 69

menhaft Vögel (Geflügel) und Inseln erscheinen. Un- Eine andere Interpretation ergibt sich (Roebling
konturiert oder grenzwertig erscheint schon die Ge- 2012, 141 ff.), wenn das Hören des mitten in die Spie-
samtsituation: zwischen Land und Meer (»Meeres- gelprozesse gesetzten Ichs als gezieltes Hören verstan-
strand« und »Haf«, also Wattenmeer), zwischen Tag den wird, das nicht ins Leere geht, denn der Text ant-
und Abend, hell und dunkel (Dämm’rung), zwischen wortet ja mit Klangbildern (»geheimnisvollen Ton«,
Realität und Traum. Auf schillernde Uneindeutigkeit »einsames Vogelrufen«; v. 10) auf dieses Hören. Nach
oder Vieldeutigkeit weisen auch die einzelnen Bilder: dem Schweigen der Naturtöne erfolgt eine neue
z. B. die Möwe (v. 1.), von der unklar ist, ob sie an das Klangwahrnehmung (»vernehmlich werden«; v.  15),
Haf hinausfliegt oder vom Meer kommend ins Watt die man, nach Abklingen äußerer Eindrücke (Schwei-
(heimatwärts) hineinfliegt; die Art und Position des gen des Windes) als eine Wendung nach innen verste-
»neben dem Wasser« huschenden »Geflügels«; oder hen kann mit dem Benennen von bestimmten Fak-
später auch die Position des Ichs. In Vers 2 folgt nach toren: »die Stimmen« und »über der Tiefe«. Die
dem per se undeutlichen Dämmerungsbild in den Klangantworten im Text sind poetische Antworten,
Versen 3 und 4 das poetisch/poetologisch wichtige ohne Hinweis auf bestimmte außertextliche Realitä-
Spiegelbild, »Über die feuchten Watten / spiegelt der ten, sind im engeren (rationalen) Sinne nicht »ver-
Abendschein«. Dieses Bild strahlt ebenso wie die ständlich«, für das Ich und die Leser aber sehr wohl
Dämmerungsnotion und der folgende Traumver- »vernehmbar«. Real ist nur das Benennen, nicht das
gleich (v.  7) seine Bedeutung fast programmatisch Benannte. Das moderne Ich weiß, dass die Natur nicht
über das weitere Gedicht aus: Nicht nur spiegeln sich zu ihm spricht, aber es kann sich in sie einfühlen, kann
rhythmisch genau in der Abfolge von Daktylen und sich in ihr spiegeln: in seinem Bedürfnis nach Schön-
Jamben die Verse 5 und 6 mit den Spiegelversen 3 und heit, in seiner Einsamkeit, aber auch in seiner Tiefe.
4, sondern auch die Bilder des huschenden Geflügels Das Reden von der »Tiefe« ist bei Storm beinahe im-
oder der Inseln, die wie Träume »Im Nebel auf dem mer positiv besetzt, wird von ihm für die künstleri-
Meer« liegen, könnten als Spiegelungen aufgefasst sche innere Tiefe genutzt, aus der allein die innere
werden. Form hervorgehen kann. In seinen theoretischen Äu-
Das dann in der Mitte des Gedichtes auftauchende ßerungen fordert Storm Tiefe sowohl bezüglich der
Ich erscheint beinahe als Zentrum aller Spiegelprozes- Empfindung des Dichters wie des Rezipienten, setzt
se, zu denen dann auch die folgenden akustischen zu beim Lyriker ein »höchstes Maß von Fülle und Tiefe«
zählen wären, die wie die optischen immer ungenauer (LL 4, 332) als Bedingung von Produktivität voraus. Er
und verhaltener werden bis zum Endpunkt des Schwei- spricht von der notwendigen »Tiefe der poetischen
gens (gärender Schlamm – geheimnisvoller Ton – ein- Anschauung« (Storm–Mörike, 68) und sieht sich
sames Vogelrufen – schauern – schweigen). In den selbst in der Tradition der großen Lyriker, die »jener
letzten beiden Versen »Vernehmlich werden die Stim- seltenen, reinen und tiefen Lyrik mächtig« sind
men, / Die über der Tiefe sind« scheint eine Wendung (Tischrede, LL 4, 491). Als Hörender, als für die Klang-
zur Konkretion zu erfolgen, wie zumindest die be- welt Sensibler und in Bezug zu seiner inneren Tiefe
stimmten Artikel indizieren, im Gegensatz zum häufig kann er sich als Künstler in die Tiefe der kreativen Na-
artikellosen Wortgebrauch zuvor: Dämm’rung, graues tur einfühlen, kann die Stimmen ›vernehmen‹ – und
Geflügel, Träume, geheimnisvoller Ton, einsames Vogel- das heißt auch: ›erfahren‹ –, die ihm von »über der
rufen (vgl. Silman 1976, 50). Der Mangel allerdings an Tiefe« (nicht »aus« der Tiefe!) zukommen. Sind es
konkretem Inhalt, an Verständlichkeit der Stimmen Stimmen aus einem vielleicht vorpoetischen Ort, auf-
über der Tiefe hat bei einigen Forschern zu einem Ver- getaucht zwar schon aus der ungestaltigen Tiefe, die
ständnis des Gedichtes als Bild absoluter Entfremdung aber sprachlich noch geborgen werden müssen? Das
geführt, in dem das Subjekt selbst sich aus Landschaft Bild bleibt rätselhaft wie der Prozess der Dichtung
und Natur ausgeschlossen erfährt. Detering (2013, schließlich auch. Die Wiederholung der leicht unge-
229) wie vor ihm genauso Kaiser (1991, 321 ff.) verste- nauen lokalen Präposition »über« am Anfang und En-
hen das Sprechen des Ichs als eine Rede ins »Leere«, de des Gedichtes legt jedoch nahe, beide als Bilder von
die ohne Antwort bleibt, denn von den (nur) vernehm- Spiegeleffekten anzusehen, die dem Künstler in der
baren (nicht »verständlichen«) Stimmen sei es nicht »poetischen Anschauung« als Impulse von außen und
»gemeint«. Die »Tiefe«, aus der die Stimmen kämen, innen zukommen, so dass er – wie die Natur – aus
wird negativ verstanden, als »abgründiger Ort«, als dem ungeformten ›gärenden Schlamm‹ den ›geheim-
»unheimlich« und »fremd«. nisvollen Ton‹ und die schönen Bilder formen kann.
70 III Werk – A Gedichte

16.4 »Über die Heide« Im Vergleich zum idyllischem Heide-Gedicht Abseits


von 1847 erscheint Storms Gedicht Über die Heide mit
Storms Gedicht Über die Heide von 1875 ist im Erst- den spärlichen dunklen Naturbildern (Herbst, Nebel,
druck in den Neuen Monatsheften für Dichtkunst und schwarzes Kraut, leerer Himmel) und der Infragestel-
Kritik (1875) erschienen, im gleichen Jahr in den Ge- lung positiver Erfahrungen (vv.  4, 7, 8) als ein Text
dichten und seit 1877 in den Schriften (Bd. 7). Gut 30 stärkster Reduktion. Die Zweizeiligkeit der vier Stro-
Jahre nach dem anderen Heidegedicht – Abseits – ver- phen (eine von Storm selten gewählte Form) erzeugt
fasst, entstammt es einer Zeit, in der Storm kaum hier beinahe den Eindruck von Sprachlosigkeit. Der
noch Lyrik schrieb, einen großen Teil seines Novel- Rhythmus, der in seiner Abfolge von Daktylen und
lenwerks vollendet und noch 9 Jahre mit zunehmen- Trochäen (vv. 6–8 reine Daktylen) den Schritt über die
dem Magenleiden zu leben hat. Entstanden sei es auf Heide darstellen könnte, wirkt deutlich schwerfälliger
dem Weg zum Begräbnis seines Schwiegervaters als die Jamben in Abseits, wozu insbesondere die kata-
Ernst Esmarch, der ihn über die Heide führte, wo »ich lektischen Abschlüsse aller acht Verse beitragen. Indem
einst mit ihr gegangen, der das Gedicht Trost galt, und der von der Taktreihe zu erwartende Trochäus (oder
die damals mich schon lange auf Nimmerwiederkehr Daktylus) abbricht, scheint der Schritt am Versende
verlassen hatte« (LL 1, 870). Scheint der naturbezoge- wie erschöpft auf einem schwer betonten männlichen
ne »Gegenstand« als Anlass des Gedichtes, eine Wan- Reim zu verharren, ganz im Gegensatz etwa zu den
derung über die Heide, also vergleichbar mit Abseits, vielen Zeilensprüngen im Abseits-Gedicht samt des-
sind die Besonderheiten des für Storm ja so wichtigen sen Wechsel von männlichen und weiblichen Reimen.
Erlebnishintergrundes gänzlich verschieden: Der Au- – Allein die musikalisch-poetische Darstellung ist mit
tor ist inzwischen ein alter Mann, muss seinen Onkel den verschiedene Bedeutungseinheiten schaffenden
und Schwiegervater betrauern, thematisiert auch den Klangverbindungen (z. B. Heide – hallet – Herbst oder
Tod seiner Frau Constanze vor zehn Jahren, der ihn Leben – Liebe – flog) vergleichbar mit dem Gedicht
zutiefst erschüttert und zu zahlreichen Trauertexten Abseits, wenn sie auch, der Bedeutung folgend, einen
veranlasst hatte. Auch im Gedicht Über die Heide ist anderen dumpfen Grundton anklingen lässt (z. B. in
(wie in Abseits) die Wahrnehmung der Heide in der v. 2: »Dumpf aus der Erde wandert es mit«) als ihn das
poetischen Anschauung geprägt von individuellem Gedicht Abseits mit seinen vielen hellen Tönen zeigt.
Erleben und von Kunstbezügen. Das individuelle Er- Im Vergleich zum Trost-Gedicht, das nicht nur
leben zeigt sich hier aber geprägt von Liebesverlust, durch Storms Hinweis in seinem Entstehungsbericht,
Todesvorstellungen und dem Bewusstsein schwin- sondern auch durch die besondere Zweizeiligkeit Auf-
dender Schaffenskraft, sodass im Mittelpunkt des Ge- merksamkeit im Kontext der Interpretation auf sich
dichtes nicht mehr ein sich seiner künstlerischen Po- zieht, erscheint Über die Heide geradezu trostlos, wenn
tenz sicheres oder sich versicherndes Ich wie im man nicht die Bewältigung durch das Gelingen einer
Stadt- und Meeresstrand-Gedicht steht, sondern ein geschlossenen Komposition als einen Trost – zumin-
um Verluste trauerndes Ich. Die Kunstbezüge gelten dest für Storm als Künstler – ansehen möchte. Das
hier nicht einer Anregung gebenden tradierten Gat- lyrische Ich, das sich in der ersten und letzten Stro-
tung (wie der Idylle), sondern rückblickend eigenen phe durch das Possessivpronomen (mein) und das
früheren Gedichten, und sie legen Vergleiche der Ge- Personalpronomen (ich) rahmengebend verlautbart,
dichte nahe. scheint auf sich selbst zurückgeworfen, einsam und
fremd in einer unwirtlichen Natur, die ihm keine Hei-
Über die Heide hallet mein Schritt; mat, kein »zu Hause« darstellt. Statt eines Gegenübers
Dumpf aus der Erde wandert es mit. im »lieben Angesicht« (Trost) erscheint hier nur der
dumpfe Widerhall seiner Schritte, als Stimme eines un-
Herbst ist gekommen, Frühling ist weit – heimlichen Es, das auf die Welt der Toten (aus der Erde)
Gab es denn einmal selige Zeit? verweisen könnte. Erinnerungen an eine »selige Zeit«
sind nicht nur dem Ich im Jetzt entschwunden, son-
Brauende Nebel geisten umher, dern werden grundsätzlich in Frage gestellt (v. 4) oder
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer. gar fortgewünscht (v. 7), da sie die finstere Gegenwart,
den Verlust jedes Schönen nur fühlbarer machen.
Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai! Der Eindruck von Trostlosigkeit wird verstärkt und
Leben und Liebe – wie flog es vorbei! (LL 1, 93) untermauert durch den Umgang mit Naturbildern
16 Naturlyrik 71

und -verweisen, in deren Verstrickung von kreisför- »leidendes Bewußtsein« selbst genießt (Müller/
migen und linearen Strukturen das Subjekt verhaftet Mecklenburg 1979, 38 f.) abgetan werden, und schon
scheint. Denn wenn einerseits das Ich wie alle Lebe- gar nicht als »Seichtheit der Goldschnitt-Poesie« mit
wesen als Teil der Natur in deren Kreisförmigkeit ein- »trivialen Bildern« (von Matt 1998, 44 f.). Sicher wird
gebunden ist, sodass Begriffe wie »Frühling«, »Herbst« man in der letzten Strophe des Gedichtes mit ihrem
und »Mai« auch metaphorisch auf sein Leben bezogen Klageduktus nicht die poetische Intensität der ersten
werden können, so hat doch in seinem Lebensgefühl Strophen erkennen. In diesen gelingt es dem Autor
die Kreisförmigkeit nichts Bergendes oder Tröstli- aber, allein über die Darstellung von Sinneseindrü-
ches. Die Begriffe Mai und Frühling charakterisieren cken und über poetische Mittel von Naturbildern,
nur als Negierte die Gesamtstimmung des Gedichtes. Rhythmen, Klang- und Beziehungsformen, unsenti-
Weder spiegeln sie sich (da »weit« entfernt oder ver- mental eine historische Lebenserfahrung von Einsam-
gangen) im gegenwärtigen Erleben des Ichs, noch keit, Angst und Unbehaustheit in dichter Form aus-
kann den Negierten (wie im Stadt-Gedicht) poetisch zudrücken. In diesem Altersgedicht erscheint das In-
eine positive Stimme entgegengehalten werden. Das dividuum wirklich in einer Welt »eines Anderen und
Erleben ist hier nicht durch einen tröstlichen Rhyth- Fremden« (Detering 2013, 233 f.), in der Menschen
mus von hell und dunkel, von Werden und Vergehen und Natur keinen Trost mehr spenden können und in
gekennzeichnet, sondern scheint bestimmt v. a. durch der auch der Glauben an die Fähigkeit zur künstleri-
lineare Strukturen, aufgerufen durch Bewegungsaus- schen Formgebung als Behauptung in der sonst stum-
drücke wie »Über die Heide [...] Schritt« »wandert [...] men Welt dem Ich abhanden gekommen scheint.
mit«, »weit«, »gegangen«, »flog es vorbei«. Die das Le-
bensgefühl des Ichs hier bestimmende Linearität führt
jedoch zu keinem positiven Ziel, sondern ins Nichts, 16.5 »Frauen-Ritornelle«
in den Tod, auch wenn dieser direkt nicht genannt,
sondern nur indirekt durch Bilder oder den je abfal- Storms Gedicht Frauen-Ritornelle (1875) fällt aus dem
lenden Rhythmus evoziert wird. Rahmen seiner anderen Naturgedichte heraus, sowohl
Den stärksten Ausdruck findet die Erfahrung des bezüglich seiner Entstehung über einen Zeitraum von
»Seins zum Tode« (wie es Heidegger in Sein und Zeit beinahe 30 Jahren, sowie seiner Form, insofern Storm
nennen wird; Heidegger 1927, 305) im sechsten Vers – hier mit dem Vokabular Natur in artistisch spieleri-
»Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer« – dem scher Weise umzugehen versucht. Die Form der Ritor-
Gipfel des Gedichtes, der in seinem chiastisch sich nelle (in Deutschland v. a. von Friedrich Rückert und
spiegelnden Aufbau die Subjekte und Attribute Wilhelm Müller gepflegt und von Storm zusammen
»Kraut« und »Himmel«, »schwarz« und »leer« mit- mit Theodor Mommsen entdeckt und nachgeahmt)
einander verbindet. Der Erfahrung naturhaften Ver- stammt aus der italienischen Volksmusik (ital. ›ritor-
gehens im Bild des schwarzen Krautes wird die ver- nello‹: Wiederkehr). Immer handelt es sich um drei-
loren gegangene Transzendenz im Bild des leeren Him- zeilige (inhaltlich oft unverbundene) Strophen (Ritor-
mels zugeordnet. Storm greift hier auf eine Bilderwelt nelle) in beliebiger Anzahl, von denen häufig der erste
voraus, wie sie erst in der expressionistischen Lyrik Vers mit dem dritten reimt oder assoniert. Das Me-
(z. B. Georg Heyms) in den zahllosen leeren und ver- trum ist weitgehend frei, bevorzugt wird aber in der
lorenen Himmeln zur Darstellung der ›Wahrheit‹ von Kunstdichtung (wie bei Storm) der Endecasillabo
Nietzsches Verdikt »Gott ist tot« zu finden ist. Dem (Elfsilber), meist jambisch mit Betonung auf der 10.
Bewusstsein definitiver Endlichkeit und Immanenz Silbe. Auffallend ist bei vielen Ritornellen die Verwen-
entspricht die depressive Stimmung im Gedicht; der dung eines kürzeren 1. Verses, oft nur aus einem Wort
Erfahrung von leerer Transzendenz und der Schwie- bestehend, das als Ausruf oder Apostrophe (beson-
rigkeit, mit der »leeren Stelle« (Heidegger 1943, 208) ders beliebt der ›Blumenruf‹) erscheint.
umzugehen, entspricht wiederum das Einspielen vom Der Text Frauen-Ritornelle ist in der zuletzt auto-
Unheimlichen, wie es im zweimaligen »es« (vv.  2, 8) risierten Form erst spät so zusammengestellt. Das vier-
und im umher »geistenden« Nebel aufscheint. te Ritornell (»Dunkle Zypressen«), das statt des Elfsil-
Als Gestaltung solcher (geistesgeschichtlich ein- bers im jambischen Dreiheber geschrieben ist, war zu-
zuordnenden) Erfahrung kann das Gedicht nicht (im erst schon 1843 zusammen mit anderen Ritornellen im
Sinne einiger Kritiker) nur als »fragwürdig sentimen- Liederbuch dreier Freunde unter Theodor Mommsens
tal«, als bloßes »Stimmungsrequisit«, in dem sich ein Namen erschienen und dann seit 1851 am Ende von
72 III Werk – A Gedichte

Storms Gedichtsammlungen allein aufgeführt. Die Ri- Auffallend in den Ritornellen von Storm (im Ver-
tornelle 1–3 waren zuerst 1875 erschienen. Erst in der gleich etwa mit Rückert oder Mommsen) ist die Struk-
5. Ausgabe seiner Gedichte (1877) hat Storm die vier tur der Gegenläufigkeit, zumeist der Verse 2 und 3, in
Ritornelle unter dem Titel Frauen-Ritornelle zusam- Str. 4 aller Verse. Dabei wird in den ersten drei Ritor-
mengefasst und im Kontext einer Reihe von Trauer-, nellen ein Kontrast von sehnsuchtsvoller Hoffnung
Todes- und Verlustgedichten veröffentlicht. und Enttäuschung mittels Bildern aus der Natur, meist
dem Garten, gestaltet: die ersehnte Frucht kann nicht
Blühende Myrte – geerntet werden, weil schon die Blüte fiel (Str. 1), der
Ich hoffte süße Frucht von dir zu pflücken; gesuchte Erinnerungszugang zur Kindheit wird im
Die Blüte fiel; nun seh ich, daß ich irrte. Garten nicht gefunden (Str. 2), wie auch der blühende,
duftende Garten der Urgroßmutter als Bild für Schön-
Schnell welkende Winden – heit und Erfüllung weit entfernt und nicht erreichbar
Die Spur von meinen Kinderfüßen sucht’ ich ist (Str. 3). Das Vokabular und die zugehörigen Asso-
An eurem Zaun; doch konnt’ ich sie nicht finden. ziationsfelder legen nahe, Glück und Erfüllung mit
Kindheit bzw. zeitlicher Entfernung zu assoziieren.
Muskathyazinthen – Dementsprechend ist die Zeit der ersten drei Strophen
Ihr blühtet einst in Urgroßmutters Garten; das Imperfekt.
Das war ein Platz; weltfern, weit, weit dahinten. Im Kontext der gezeigten Gegenläufigkeiten sugge-
riert die gewählte kunsthafte Form der Frauen-Ritor-
Dunkle Zypressen – nelle mit den vereinzelt wirkenden Strophen einerseits
Die Welt ist gar zu lustig; einen gewissen (unpersönlichen) Allgemeinheitscha-
Es wird doch Alles vergessen. (LL 1, 90 f.) rakter, unterstrichen noch durch die Blumenrufe, die
an mittelalterliche Blumentypologien erinnern. Ande-
Der besondere, Storm in seiner Liebe zu Form, Klang rerseits liegt über dem Gedicht eine durchgehende sehr
und Rhythmus vermutlich reizende Charakter der persönliche Stimmung, die auf Selbsterleben und Er-
Kleinform des Ritornells liegt – neben der Freude an fahrung deutet. Dazu trägt die Nutzung des lyrischen
der Wiederkehr – im Kontrast der langen und kurzen Ich samt Imperfektwahl in den ersten drei Strophen
Zeilen und den damit verbundenen Variationsmög- maßgeblich bei. Hoffnung und Enttäuschung wird in
lichkeiten. Die Kurzzeile als Blumenruf erscheint be- diesen Strophen an das lyrische Ich gebunden (dreimal
sonders herausgehoben, da sie weder syntaktisch (als »ich« in der ersten, zweimal »ich« und Possessivprono-
Apostrophe) noch rhythmisch in die folgenden Verse men »mein« in der zweiten, familiäre Bindung zur »Ur-
eingebunden ist. Entgegen dem streng jambischen großmutter« in der dritten Strophe). In der vierten
Rhythmus der Verse 2 und 3 beginnen die Ritornelle (früher komponierten) Strophe scheint dagegen die
je nach Blumennamen mit verschiedenen Rhythmen: Hoffnungslosigkeit auf einen Weltzustand zu verwei-
Str. 1 und 4 beginnen mit Daktylus und Trochäus, Str. sen, kein Ich kommt vor, nur umfassende Worte wie
2 mit schwebender Betonung vor Daktylus und Tro- »Welt« und »alles« und die unpersönliche Fügung »es
chäus, Str. 3 mit Jambus und Anapäst. Die Verse 1 und wird«. Individuelle Betroffenheit von diesem Zustand
3 werden in allen Strophen mit einem weiblichen wird allenfalls angedeutet durch das emphatische »gar
Reim, der die Mittelzeile umschlingt, verbunden. zu« und das »doch« in der letzten Zeile. Durch den
Wegen der isolierten Stellung haben die Kurzzeilen scharfen Kontrast von »gar zu lustig« und »alles verges-
der Strophenanfänge beinahe Titelcharakter für die sen« bekommen Trauer und Hoffnungslosigkeit, die
folgenden Zeilen, könnten als Bedeutungsimpulse ge- die Anfangszeile »Dunkle Zypressen« erwarten lässt,
lesen werden: Die »Myrte« als Blüte des Brautkranzes einen beinahe zynisch verzweifelten Charakter.
lässt auf Brautschaft und Erfüllung hoffen; die »Schnell In diesem Zusammenhang eröffnet der von Storm
welkenden Winden« weisen auf Vergänglichkeit und in der letzten (erst 1877) von ihm zusammengestellten
Trennung (»Zäune«); die »Muskathyazinthen« mit ih- Fassung gewählte Titel »Frauen-Ritornelle« – ange-
rer orientalischen Herkunft und dem starken Duft sichts auch der Positionierung des Gedichtes zwi-
evozieren sinnlich-erotische, aber auch beinahe schen Trauer- und Todesgedichten – eine Bedeutung,
fremdländisch-ferne Wünsche; die »Dunklen Zypres- die über die Klage um die verlorene Kindheit hinaus-
sen« als Friedhofspflanzen evozieren Bilder von Ver- geht. Denn für Storm, der von sich selber schreibt: »Es
lust und Trauer. kann wohl Niemandem, der mich kennt, verborgen
16 Naturlyrik 73

bleiben, daß ich, um wirklich zu leben, der Frauenlie- Storms Naturgedichte. In: Friederike Reents/Burkhard
be mehr bedarf, als Tausend und tausend Andre« Meyer-Sickendiek (Hg.): Stimmung und Methode. Tübin-
(Storm–E.Esmarch, 112), stellt der Verlust von Frau- gen 2013, 219–234.
Eversberg, Gerd: »Oktoberlied« (1994), http:/
enliebe (bezogen sowohl auf die Mutter, die (Ur-) www.g.eversberg.eu/MWStorm/Seite32.htm (12.12.2016).
Großmutter, die Schwester, die frühen Lieben zu jun- Eversberg, Gerd: Lyrik und Poetik. Zu Storms Gedicht »Ele-
gen Mädchen, sowie besonders den Tod der Ehefrau) gie« aus der Husumer Schulzeit (1835). In: Storm-Blätter
im Rückblick des alternden Mannes eine vielleicht aus Heiligenstadt 12 (2006), 35–44.
noch schmerzlichere Grunderfahrung dar, die sich Fasold, Regina: »Wenn ich nur dort hinüber könnte,/ Wer
weiß! – vielleicht noch fänd’ ich’s dort«. Orte der Heim-
mit den anderen Verlusten zu einer Art Weltschmerz
kehr bei Theodor Storm. In: STSG 54 (2005), 9–25.
verdichtet und nun in präsentischer Form zentral ge- Friedrich, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik. Von der
setzt erscheint. Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahr-
Mit den Blumenrufen können Vorstellungen von hunderts [1956]. Hamburg 2006.
Natur und Weiblichkeit (wegen der Symboltradition Heidegger, Martin: Nietzsches Wort »Gott ist tot« (1943). In:
von Blumen) präsent gehalten werden. Dennoch Ders.: Holzwege. Frankfurt a. M. 1950, 193–247.
Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen 1927.
macht die kompositorische Gesamtaussage des Ge- Hinrichs, Boy: Zur Lyrik-Konzeption Theodor Storms.
dichtes deutlich, dass mit ihnen nicht auf eine Einheit Emanzipation von der rhetorischen Phrase und inter-
von Mensch und Natur verwiesen wird. Das lyrische textueller Dialog. In: Gerd Eversberg/David A. Jackson/
Ich kann die Blumennamen aufrufen, kann auch ver- Eckart Pastor (Hg.): Stormlektüren. Festschrift für Karl
suchen, sich und seine Gemütsstimmung in ihnen zu Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, 281–299.
Kaiser, Gerhard: Geschichte der deutschen Lyrik von Heine bis
spiegeln, aber letztlich erfährt es sich als getrennt von
zur Gegenwart. Erster Teil. Frankfurt a. M. 1991, 319–323.
ihnen wie von seinen Sehnsuchtsorten und -objekten. Lohmeier, Dieter: Theodor Storm und die Politik. In: Ders.:
Die Pflanzen bleiben isoliert, bilden keine Einheit mit Theodor Storm und das 19. Jahrhundert. Berlin 1989, 145–
den angedeuteten persönlichen Schicksalen. Dieses 150.
Wissen kann Storm als Künstler einbringen in die Lohmeier, Dieter: Theodor Storm und die schleswig-holstei-
Form: vom übrigen Gedichtkörper stellt er die Blu- nische Frage. In: STSG 55 (2006), 33–46.
Martini, Fritz: Theodor Storms Lyrik. Tradition – Produkti-
men/Pflanzennamen rhythmisch und syntaktisch ge-
on – Rezeption. In: STSG 23 (1974), 9–27.
trennt dar. Es gibt keine reale innertextliche Korres- Matt, Peter von: Die Lyrik im Verdacht. In: Ders.: Die ver-
pondenz. Die Natur spricht hier nicht zum Ich, ent- dächtige Pracht. Über Dichter und Gedichte. München
nehmen kann er aus ihren Erscheinungen nur das ob- 1998, 7–84.
waltende Prinzip vom Werden zum Vergehen, vom Müller, Harro/Mecklenburg, Norbert: Theodor Storms Ge-
Leben zum Tod. Ausdruck dafür ist die vom Autor dicht »Über die Heide«. Versuch einer kritischen Interpre-
tation. In: STSG 19 (1970), 35–42.
komponierte Abfolge: vom Myrten- über das Winden- Panofsky, Erwin: Early Netherlandish Painting. Its origins
und Hyazinthen- bis zum Zypressenbild. Der Reim als and character. Cambridge, Mass. 1953.
inhaltlich-formales Bindungselement in der Lyrik Roebling, Irmgard: »Es rauscht kein Wald, es schlägt im
markiert hier paradoxerweise gerade die fehlende Ver- Mai/ Kein Vogel ohn’ Unterlaß«. Storms Naturdichtung
bindung: der Natur zum Menschen und des Individu- im Lichte der Einfühlungsästhetik. In: Dies.: Theodor
Storms ästhetische Heimat. Studien zur Lyrik und zum Er-
ums zur eigenen Vergangenheit und zum geliebten
zählwerk Storms. Würzburg 2012, 15–65.
Anderen. Er verweist in allen Fällen auf Trennung, Roebling, Irmgard: Von der »feineren Form« als »Seele des
Verlust und Trauer. Der Storms Ritornelle prägende Gedichtes«. Theodor Storms Lyrik im Übergang zwischen
Grundeindruck von Gegenläufigkeit signalisiert hier Tradition und Moderne. In: Dies.: Theodor Storms ästheti-
im Vergleich zum Oktoberlied keine trotzige Entgegen- sche Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk
setzung, die zu Aktivität und künstlerischer Leistung Storms. Würzburg 2012, 67–170.
Selbmann, Rolf: Vergoldeter Herbst. Storms Oktoberlied,
anspornt, sondern eine tendenziell pessimistische Ein- Emanuel Geibel und der Realismus in der Lyrik. In: STSG
sicht in dem Menschen vorgeschaltete Kräfte. 45 (1996), 117–126.
Sengle, Friedrich: Storms lyrische Eigenleistung. In: STSG
Literatur 28 (1979), 9–33.
Böschenstein, Renate: Idylle. Stuttgart 1967. Storm, Gertrud: Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens, Bd. I.
Detering, Heinrich: »Der letzte Lyriker«. Erlebnis und Ge- Berlin 1912.
dicht – zum Wandel einer poetologischen Kategorie bei Vischer, Friedrich Theodor: Kritische Gänge. Sechs Bände.
Storm. In: STSG 53 (2004), 25–41. München21922.
Detering, Heinrich: Die Stimmen und die Stimmung.
Irmgard Roebling
74 III Werk – A Gedichte

17 Liebeslyrik »Phantasie« des Verfassers ab, denn »[v]on einem


Kunstwerk will ich, wie vom Leben, unmittelbar und
Während die Literaturwissenschaft in jüngerer Zeit nicht erst durch die Vermittlung des Denkens berührt
Storms Naturgedichten, seiner politischen Zeitlyrik werden« (393). Von guten Gedichten verlangte Storm
und seinen Gedichten über Tod und Vergänglichkeit daher vor allem Anschaulichkeit, »echte Simplizität«
besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, galt der und einen »tiefen Naturlaut« (342) anstelle der ge-
Lyriker Storm bei den zeitgenössischen Lesern vor- künstelten ›Phrase‹, unter der er die überlieferten Kon-
rangig als Liebesdichter. »Man hat sich daran ge- ventionen der Rhetorik verstand. Vor diesem Hinter-
wöhnt, ihn immer nur als Erotiker anzusehen«, stellte grund entfaltete er auch seine Poetik des Liebes-
Theodor Fontane kritisch fest (Fontane 2014, 223), gedichts, deren Quintessenz er 1858 im Vorwort zu der
aber selbst für ihn war Storm in erster Linie »der be- Anthologie Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian
deutendste Liebeslyriker seit Goethe« (Fontane 1982, Günther festhielt: »Unter Liebesliedern« seien »nicht
741). Tatsächlich nimmt die Liebe als poetisches Sujet Lieder über die Liebe« zu verstehen, sondern lediglich
in seinem Gedichtwerk eine herausragende Stellung »solche, in denen es gelungen ist, die Atmosphäre die-
ein, insbesondere, wenn man auch die Fülle der zu ses Gefühls in künstlerischer Form festzuhalten und
Lebzeiten nicht publizierten Verse berücksichtigt. An- auf den Hörer zu übertragen« (378). Ähnliche Abgren-
gesichts der Tradition, in der Storm sein Schaffen sah, zungen nahm der Dichter häufiger vor. »Es kommt
ist das leicht zu begreifen: Für einen Dichter, der sich nicht darauf an, geistreiche Gedanken über die Liebe
in eine Reihe mit Matthias Claudius, Goethe, Uhland, in Versen vorzutragen«, dekretierte er z. B. in seiner
Eichendorff, Heine und Mörike stellte (vgl. LL 4, 489) Rezension der Lieder der Liebe von M. Anton Nien-
und das schlichte, gefühlsgesättigte Lied zum verbind- dorf, weil auf diese Weise beim Leser niemals die er-
lichen Maßstab der Lyrik erhob, lag es nahe, der Lie- wünschte unmittelbare Gefühlswirkung, die »un-
besdichtung einen hohen Rang zuzuweisen. widerstehliche Gewalt der Ahnung oder Erinnerung«
Storms lyrische Anfänge, die er im Rückblick als ausgelöst werden könne (332 f.). Mit demselben Argu-
bloßes »Flügelprüfen« abtat (489), waren allerdings ment verwarf er die Liebesgedichte von Julius Roden-
noch weit von seinem späteren Ideal entfernt. Die Texte berg, die nur »Liebe in abstracto« böten, während »der
aus der Jugendzeit setzen in epigonaler Manier Ten- Hintergrund des inneren Erlebnisses« fehle (338). Das
denzen des 18. Jahrhunderts fort und zielen keines- poetologische Gedicht Kritik von 1852 sagt das Glei-
wegs auf emotionale Unmittelbarkeit ab: Gedichte wie che in Versen: »Lieder, die von Liebe reimen«, gebe es
An Emma, Wünsche, An Liseli oder Lose Mädchen sind zwar in Hülle und Fülle, »[d]och wir zwei Verliebte
mit ihrer unverbindlichen erotischen Tändelei dem sprechen: / Das sind keine Liebeslieder« (LL 1, 35).
Geschmack der Anakreontik und des Rokoko ver- Es kann kaum verwundern, dass Storm in der deut-
pflichtet, während etwa in An die Entfernte M... der schen Literatur nicht viele Liebesgedichte entdeckte,
Einfluss der Empfindsamkeit wirksam ist. Ein neuer, die seinen Ansprüchen genügten. In der Vorrede zu
eigener Ton machte sich erst ab 1836/37 mit einigen je- der erwähnten Anthologie, die – wie das spätere Haus-
ner Gedichte bemerkbar, die Storm an die junge Bertha buch aus deutschen Dichtern seit Claudius – einen lyri-
von Buchan richtete. Der Höhepunkt seiner Laufbahn schen Kanon etablieren sollte, der seinen normativen
als Lyriker wurde dann 1844 durch die Verlobung mit Vorstellungen entsprach, konstatierte er nüchtern:
Constanze Esmarch eingeleitet. Inspiriert von dieser »Die Ausbeute, obgleich nicht viel des Wesentlichen
neuen Beziehung und etwas später auch von seiner lei- übergangen sein dürfte, ist keine große« (LL 4, 378).
denschaftlichen Affäre mit Dorothea Jensen, verfasste Die Sammlung räumt neben den Volksliedern beson-
Storm nun bis zur Mitte der fünfziger Jahre den Groß- ders Goethe und Heine viel Platz ein; in der zweiten
teil seiner reifen Liebesgedichte, bevor seine Produkti- Reihe stehen nach der Zahl der Texte Poeten wie Ar-
vität auf dem Gebiet der Lyrik merklich nachließ. nim, Brentano, Eichendorff, Lenau, Mörike, Rückert
Das »Erlebnis« bildete nach Storms Überzeugung und Uhland. Eigene Gedichte nahm der Herausgeber,
das unentbehrliche »Fundament« eines jeden voll- anders als im Hausbuch, nicht auf.
endeten Gedichts (LL 4, 332). Der wahre Dichter sei Die wissenschaftliche Forschung hat die Kategorie
getrieben von dem »Drang, ein inneres Erlebnis poe- des Erlebnisses, die den Mittelpunkt von Storms Poe-
tisch zu fixieren« (380), und auch die Wirkung seiner tik bildet, mittlerweile entweder ganz verworfen (vgl.
Schöpfungen hänge nicht von ihrem »Gedanken- Pätzold 1994) oder zumindest von der Person des Au-
gehalt«, sondern allein vom »Gemüt« und von der tors gelöst, um stattdessen die kunstvolle Beschwö-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_17, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
17 Liebeslyrik 75

rung einer Erlebnissuggestion im Gedicht zu betonen mende Neigung eine große Rolle gespielt haben; an
(vgl. Lohmeier 1981). Auch Storms Liebesgedichte Berthas Pflegemutter Therese Rowohl schrieb er: »Da-
sind gewiss keine authentischen Erlebnisprotokolle in rum liebe ich die Kinder, weil sie die Welt und sich
Versen, die unmittelbar biographisch als Spiegelungen selbst noch im schönen Zauberspiegel ihrer Phantasie
seelischer Zustände ihres Schöpfers gedeutet werden sehen« (GB 1, 16). Manche der Verse, die in der Folge-
könnten. Subjekt des Erlebens ist jeweils das lyrische zeit entstanden, imaginieren indes auch eine Bezie-
Ich als ein Phänomen des literarischen Textes, das hung mit ausgeprägten erotischen Zügen, die in eine
mitsamt seinen Empfindungen erst durch die poeti- latente Spannung zu Berthas kindlicher Unbefangen-
sche Sprache geschaffen wird. Statt wirklich »die Be- heit treten. Das Gedicht Lockenköpfchen, bereits An-
wegung seines Herzens in frischer Unmittelbarkeit« fang Januar 1837 niedergeschrieben, aber erst postum
an den Leser weiterzugeben (Storm–Brinkmann, 58), publiziert, liefert ein Beispiel dafür. Wie ein väterli-
evoziert Storm die verschiedensten Erfahrungen und cher Freund lässt der Sprecher die »Kleine« auf sei-
Stimmungen der Liebe durch das virtuose Arrange- nem Schoß sitzen, um dem »Lockenköpfchen« ein
ment von Wörtern, Klangwirkungen und rhyth- Lied vorzusingen. Dieses Lied ist als Binnentext ein-
mischen Effekten und rückt damit bereits in die Nähe gefügt, der sich im Gegensatz zu den gleichförmigen
gewisser Konzepte der modernen Lyrik. Wenn er das trochäischen Vierhebern des Rahmens mit ihren un-
mustergültige Gedicht einen »Naturlaut in künstleri- vollständigen Kreuzreimen in einer stärker bewegten,
scher Form« nannte (LL 4, 381), umschrieb er damit ›poetischeren‹ Form präsentiert: Sechszeilige Stro-
treffend sein paradoxes Ideal einer artifiziellen Ver- phen, aus einem Paar- und einem Kreuzreim gebildet,
mittlung von Unmittelbarkeit. verbinden zwei- und dreihebige Verse miteinander
Gleichwohl sollten die biographischen Kontexte sei- und lockern das Metrum bisweilen durch Doppelsen-
ner Liebeslyrik bei der Interpretation nicht völlig aus- kungen daktylisch auf. Dieser formalen Differenz kor-
geblendet werden. Die meisten einschlägigen Gedichte respondiert eine inhaltliche, die die auftretenden Fi-
waren ursprünglich an bestimmte Frauen gerichtet guren, das Geschehen und die herrschende Stimmung
und erfüllten in der intimen Kommunikationssituati- betrifft. Entwirft der Rahmen eine zunächst ganz bie-
on spezifische Aufgaben: Storm entwarf, von eigenen dermeierlich-familiär anmutende Szene, so variiert
Wünschen und Sehnsüchten geleitet, gewisse Bilder das Lied des Sprechers das wohlbekannte romantische
von der Liebe sowie eigentümliche Rollenzuschrei- Motiv von der Verführung eines Knaben durch eine
bungen, die er als Anspruch und Forderung an die bleiche, kalte Wassernixe, in dem sich die sexuelle
Adressatinnen herantrug. Statt Lebensrealität wieder- Verlockung mit tödlicher Gefahr paart. Das »kleine
zugeben, sollte die Lyrik also ihrerseits auf die gelebte Liebchen« identifiziert den bedrohten Knaben so-
Wirklichkeit und auf die Gefühlswelt der jeweiligen gleich mit dem Sänger, den es unter Tränen bittet, sich
Rezipientin einwirken. In Storms veröffentlichten Ge- vor solchen Gefahren zu hüten – es bezieht die Gestalt
dichtsammlungen, die die Einzeltexte in einen neuen der Nixe also keineswegs auf sich selbst! Der Sprecher
Rahmen stellten und völlig veränderten Rezeptions- dagegen führt diese Gleichsetzung ausdrücklich
bedingungen unterwarfen, sind solche privaten Bezü- durch: »Lockenköpfchen ist die Nixe«. Im Medium
ge freilich nicht mehr zu erkennen. Lyrischen Werken, des Gesanges, der Dichtung knüpft er seine ambiva-
die er einem breiten anonymen Publikum vorlegte, lenten erotischen Sehnsüchte an das Mädchen, das
traute der Autor offenbar zu, den Übergang vom rein sich in seiner Arglosigkeit für solche Projektionen ge-
Persönlichen zum Allgemeingültigen zu bewerkstel- radezu anbietet. Die vermeintlich biedere Harmlosig-
ligen, den er für ein Gütesiegel echter Poesie hielt: »Die keit der Rahmenkonstellation wird damit als trügeri-
Kunst namentlich des lyrischen Dichters besteht darin, scher Schein entlarvt.
im möglichst Individuellen das möglichst Allgemeine Ein Motiv von zwiespältigem Sinngehalt sind auch
auszusprechen« (Storm–Brinkmann, 72). die schon im Titel genannten Locken. »Ich hatte be-
sondere Freude daran, als Therese auf meine Bitten
dem Kinde einmal ihre reichen Locken wiedergab [...]
17.1 »Lockenköpfchen« – denn ihre Locken waren schon damals gebunden«
(zit. nach LL 1, 922), berichtete Storm in einem Brief,
Bertha von Buchan war erst zehn Jahre alt, als Storm der dieses Erlebnis unmittelbar mit dem Gedicht in
sie zu Weihnachten 1836 kennenlernte. Die Aura ei- Verbindung bringt. Das Haar offen zu tragen, war da-
ner naiven Unschuld dürfte für seine rasch aufflam- mals in der Tat das Vorrecht kleiner Mädchen – aber
76 III Werk – A Gedichte

andererseits fungieren die ungebundenen Haare einer den zu!« Damit soll jeder »Schmerz« des Sprechers
Frau in der literarischen Tradition stets als Signal ei- aufgehoben und eine Empfindung seliger »Ruh’« ge-
ner erotischen Anziehungskraft, die alle Konventio- weckt werden.
nen des bürgerlichen Anstands sprengt. So changiert Die Frau ist in diesen acht knappen Versen kein
auch Storms Faszination für Berthas Locken zwischen Objekt des erotischen Begehrens, sie verheißt viel-
dem sentimentalischen Reiz unschuldiger Reinheit mehr eine tröstliche und schützende Verschmelzung
und dem untergründigen Versprechen sexueller Er- zu vollkommener Einheit, womit Storm ein Motiv aus
füllung. Man kann sich denken, dass er mit solchen mystischen, pietistischen und empfindsamen Tradi-
Phantasmen sowohl die ›Geliebte‹ überforderte als tionen aufgreift (vgl. Pastor 1983). Die äußere Welt als
auch ihre Umgebung in Unruhe versetzte. 1842 lehnte Quelle aller Leiden tritt zurück, stattdessen füllt allein
die mittlerweile Sechzehnjährige seinen Heiratsantrag die Geliebte das »ganze Herz« des Sprechers. Streng
ab. Gedichte wie Junges Leid verarbeiten die Phase der abgegrenzt vom bedrückenden Zwang der gesell-
zunehmenden Distanz und der Trennung, und noch schaftlichen Verhältnisse, des Berufs und der Öffent-
in den anziehenden Kindfrauen, von denen später lichkeit, vermittelt die Liebe Frieden, absolutes Genü-
zahlreiche Novellen Storms erzählen, scheinen seine gen und ein Gefühl der Zeitlosigkeit. Nach Constan-
Erlebnisse mit Bertha von Buchan ihre Spuren hinter- zes Tod 1865 bekräftigte Storm dieses Wunschbild in
lassen zu haben. einem wehmütigen Brief, in dem er gleichsam sein
Gedicht paraphrasierte: »wenn die Welt mich kränkte
und schlug, dann flüchtete ich zu ihr wie ein Kind zur
17.2 »Schließe mir die Augen beide« Mutter, und an ihrem klaren und sichern Herzen fand
alles trostreiches Ende« (GB 1, 471). Solche Vorstel-
Die Zeit der Verlobung mit Constanze Esmarch lungen spiegeln sich auch in anderen Gedichten wie
(1844–1846) und die folgenden Ehejahre wurden von Laß mich zu deinen Füßen liegen, Und wieder hat das
Storms übersteigerten Erwartungen an diese Verbin- Leben mich verwundet oder Da schlang sich leis dein
dung überschattet und belastet. Sein in quasi-religiö- Arm um mich herum. Sie alle artikulieren regressive
se Dimensionen erhobenes Liebeskonzept wurzelte, Phantasien von einer kindlichen Geborgenheit in
psychologisch betrachtet, in Narzissmus und pa- weiblicher Obhut, die sich naheliegender Weise oft
nischen Verlustängsten, während es geistesgeschicht- mit Nacht, Dunkelheit und Schlaf verbinden. In
lich an die Empfindsamkeit und die Romantik an- Schließe mir die Augen beide ist sogar die Nähe zur To-
knüpfte. Liebe in Form der bürgerlichen Ehe wurde dessehnsucht evident: Das Zudrücken der Augen lässt
zur intimen Zuflucht und zur wichtigsten sinnstiften- ebenso an das Lebensende denken wie »der letzte
den Instanz des (männlichen) Individuums stilisiert. Schlag« des Herzens – unter dem Aspekt der vollkom-
Und wieder nutzte Storm Briefe und Verse als Medi- menen, wandellosen Ruhe werden Schlaf und Tod
en, um die Eigenart der Beziehung in seinem Sinne austauschbar. Angst kommt dabei jedoch nicht auf;
zu definieren und die Partnerin beschwörend und dafür sorgt schon die virtuose Form des Gedichts, das
mahnend auf ihre Rolle festzulegen (vgl. Fasold mit dem wiegenden Rhythmus seiner vierhebigen
2014). Mit Ich bin mir meiner Seele verfasste er 1845 Trochäen, seiner harmonischen Klanggestalt und der
z. B. ein Gedicht aus weiblicher Sicht, das Constanze untergründigen Dominanz des l-Lautes die beseligen-
die Haltung bedingungsloser Hingabe buchstäblich de Beruhigung auch ästhetisch erfahrbar macht.
vor-schrieb. Er wollte in der Geliebten ein Idealwesen
sehen, das sämtliche Funktionen in sich vereinte, die
eine Frau für den Mann überhaupt übernehmen 17.3 »Hyazinthen«
konnte: »Du bist mir Mutter, Schwester, Braut und
Alles« (BB 1, 177 f.). Die erste dieser Rollen do- Angesichts seines hochgespannten Liebesideals ver-
miniert in Schließe mir die Augen beide von 1846, das steht es sich fast von selbst, dass Storm von der Part-
Storm später zu jenen Gedichten zählte, die die nerin absolute Treue verlangte und häufig unter Eifer-
»höchste Entwicklung [s]eines Talents« dokumen- sucht litt. Solche Empfindungen thematisiert das Ge-
tierten (GB 2, 32). Der Mann redet hier zwar die Ge- dicht Hyazinthen, das erstmals in einer Handschrift
liebte an, doch ersehnt wird keine verbale Kommuni- von 1851 überliefert ist. Die Eingangsverse entwerfen
kation, sondern ein gestisch-unmittelbarer Kontakt: die Situation des Ich, freilich vorrangig im Sinne einer
»Schließe mir die Augen beide / Mit den lieben Hän- bestimmten Gemütsverfassung, denn Zeitund Ort –
17 Liebeslyrik 77

ein nächtlicher Garten oder ein Zimmer mit geöff- nommen, produziert der Sprecher in seiner Phantasie
netem Fenster? – werden nur flüchtig angedeutet. In- quälende Bilder, die sich seiner Kontrolle zunehmend
spiriert durch die von ferne herüberklingende Musik, entziehen und ihn zu überwältigen drohen: »Es hört
stellt sich der Sprecher in den Strophen 2 und 3 ein nicht auf, es ras’t ohn’ Unterlaß«. Immerhin stellt er
Tanzvergnügen vor, an dem seine Geliebte teilnimmt, sich die Geliebte als blass und leidend vor; sie scheint
bevor die letzte Strophe wieder zu den Motiven des nur gezwungenermaßen (»du mußt«) in der gesel-
Anfangs zurückkehrt und damit einen geschlossenen ligen Sphäre zu verweilen, wo »fremde Arme« nach
Rahmen herstellt. ihr greifen und sie deren »Gewalt« ausgeliefert ist.
Sicherlich kann das lyrische Ich die Frau nicht Diese Vision entspringt aber nicht bloß der angstvol-
wirklich sehen, und ob sie überhaupt auf dem Ball, von len Eifersucht des Ich. Vielmehr scheint der Sprecher
dem die Musik herrührt, anwesend ist, muss offen auch seine eigenen verleugneten Begierden, seine Be-
bleiben. Fest steht lediglich die räumliche Trennung sitzansprüche und seine heimliche voyeuristische Lust
der beiden, der das Ich seine innere Verbundenheit auf die anonymen Männer, die sich der jungen Frau
mit der Geliebten entgegensetzt: »Ich habe immer, im- bemächtigen wollen, zu projizieren: Mit der auffäl-
mer dein gedacht«. So geben die mittleren Strophen ligen, durch die Verszäsur noch verstärkten Trennung
anscheinend nur eine visionäre Projektion der eifer- der »leichte[n], zärtliche[n] Gestalt« von ihrem
süchtigen Ängste des Sprechers wieder, die eine gera- »Kleid« wird die Geliebte in seiner Imagination förm-
dezu schmerzhafte Intensität erreicht. Eine ganze Rei- lich entblößt.
he von Oppositionen strukturiert dabei das Verhältnis So wie die Strophen inhaltlich allein mit der Welt
zwischen Rahmen- und Binnenstrophen. Die rausch- der Empfindungen befasst sind, sollen sie offenbar
hafte Benommenheit durch den Blumenduft steht der auch ihre Wirkung vornehmlich auf emotionaler Ebe-
schrillen Musik ebenso gegenüber wie die Dunkelheit ne entfalten, wie es Storms Poetik entsprach. Getreu
der Nacht dem Licht der Kerzen; das Schlafen kon- seiner Maxime, verstandesmäßige »Bilder und Gleich-
trastiert mit dem Tanzen, die Stille mit dem Lärm, die nisse« im Gedicht zu vermeiden, weil sie »dem Leser
träumerische Innerlichkeit mit dem äußeren Zwang, den unmittelbaren Eindruck des Gefühls verküm-
die leidenschaftliche Tiefe des einsamen Gefühls mit mern« (LL 4, 333 f.), verzichtet er auf abstrakte Sym-
den Konventionen der Geselligkeit. So ist das Schlaf- bolkonstruktionen und ungewohnte Metaphern – der
bedürfnis auch allgemeiner als Wunsch nach Rück- »Schlummerduft« und die ›schreienden‹ Geigen blei-
zug, Abschließung und restloser Hingabe an das Reich ben auf einer ganz sinnlich-konkreten Ebene – ebenso
der Emotionen und des Unbewussten zu verstehen, wie auf kommentierende Reflexionen. Der Effekt sei-
während der Tanz die Einbindung in eine gesellschaft- ner Verse ergibt sich ausschließlich aus suggestiven,
liche Ordnung repräsentiert, die die Geliebte dem plastischen Motiven und deren kontrastierender An-
Sprecher zu entfremden droht. In der gleichen Funk- ordnung, aus Klang und Rhythmus und aus raffinier-
tion erscheint das Tanzmotiv in einem Brief Storms an ten ästhetischen Kunstgriffen, zu denen etwa der Ein-
Constanze Esmarch vom 19.5.1846 und in dem dort satz der Anapher und anderer Reihungs- und Wieder-
integrierten Gedicht »Wolle außer süßen Worten« holungstechniken gehört. Die Dominanz der Ge-
(vgl. BB 2, 302) sowie in der Novelle Angelica aus dem fühls- und Stimmungswerte lässt die Grenze zwischen
Jahr 1855, wo sich noch einmal der einsame Lieb- Innen und Außen, zwischen träumerischer Vision
haber, die entfernte Musik und das tanzende Mädchen und realem Erleben verschwimmen und rückt Hya-
finden (vgl. LL 1, 369–372). Neben biographischen zinthen schon in die Nähe einer verfeinerten impres-
Erfahrungen mit Constanze dürfte auch das Lied der sionistischen ›Nervenkunst‹. Wohl nirgends sonst
Rosetta aus Büchners Leonce und Lena (»O meine mü- wird so anschaulich, dass Storms Erlebnislyrik nicht
den Füße, ihr müßt tanzen«), das Storm später in sei- nur rückwärts auf die Tradition seit der Goethezeit,
ne beiden Anthologien aufnahm, diesen Motivkom- sondern auch vorwärts auf die ästhetische und psy-
plex geprägt haben. chologische Moderne verweist. Dieser Umstand
Dem sinnlichen Rausch und dem aufgewühlten brachte dem Gedicht auch die Bewunderung Thomas
Zustand des lyrischen Ich entsprechen die Bruch- Manns ein, der den Leitvers »Ich möchte schlafen;
stückhaftigkeit der Situationsschilderung und das auf- aber du mußt tanzen« in seiner Novelle Tonio Kröger
fallende Gewicht olfaktorischer Reize in den Rahmen- zweimal zitierte, um damit die Spannung zwischen
strophen: Gerüche stehen dem nüchternen Bewusst- dem isolierten Künstler und der bürgerlichen Gesell-
sein ferner als visuelle Wahrnehmungen. Halb be- schaft zu illustrieren (Mann 2004, 259 u. 314).
78 III Werk – A Gedichte

17.4 »Lied des Harfenmädchens« Konzentration von Inhalt, Form und sprachlichem
Ausdruck. Es besteht aus acht fast durchweg auftaktlo-
Mit seinem Ideal von Liebe suchte Storm existenziel- sen, zweihebigen Kurzversen, denen zahlreiche Dop-
len Ängsten vor Trennung, Einsamkeit und Tod zu be- pelsenkungen eine Dynamik verleihen, in der man
gegnen: »Ich seh’ dein liebes Angesicht, / Ich sehe die den raschen Fluss der Zeit förmlich zu spüren meint.
Schatten der Zukunft nicht«, heißt es in dem an Con- Storm beschränkt das Vokabular auf wenige schlichte
stanze gerichteten Gedicht Trost (LL 1, 69). Umge- Ausdrücke, die in Wiederholung, Variation und Kon-
kehrt wird das Liebesglück aber immer wieder vom trast den Text gliedern. »Heute«, »morgen« und »ster-
melancholischen Bewusstsein der Vergänglichkeit ben« werden als Leitwörter durch Verdoppelung so-
überschattet. Gedichte wie Wohl fühl’ ich, wie das Le- wie durch das eingeschobene »nur« bzw. »ach« her-
ben rinnt, Im Herbste, Sprich, bist du stark? und An die- vorgehoben und in ihrem Gefühlswert verstärkt, und
sen Blättern meiner Liebe hangen nehmen den unver- den beherrschenden Gegensatz zwischen der gegen-
meidlichen Abschied von der Geliebten vorweg, set- wärtigen »Stunde« der Liebeswonne und dem unaus-
zen ihm trotzigen Widerspruch entgegen oder be- weichlichen Ende akzentuiert die Reimverknüpfung
schwören im Vorgriff die künftige Erinnerung an eine der jeweils zugeordneten Wörter »schön« – »vergehn«
schönere Vergangenheit. Und schließlich sind auch und »mein« – »allein«. So gelingt dem Poeten die
Dokumente der Totenklage und des wehmütigen Ge- meisterhafte ästhetische Verdichtung einer mensch-
denkens wie Tiefe Schatten, Begrabe nur dein Liebstes! lichen Grunderfahrung. Memento mori und carpe
und Verloren, die er nach Constanzes Ableben schuf, diem sind hier aufs Engste miteinander verknüpft und
ein integraler Bestandteil von Storms liebeslyrischem intensivieren sich wechselseitig.
Werk. Die eindrucksvollste Gestaltung des Wider-
spruchs zwischen dem Augenblicksgenuss der Lie-
benden und der unwiderstehlichen Macht der Zeit 17.5 »Ein Buch der roten Rose«
bietet das kleine Lied des Harfenmädchens, das der
Verfasser besonders schätzte: »Es ist dieß, so kurz es Schon kurz nach seiner Heirat verstrickte sich Storm
ist, vielleicht, das schönste und tiefste der ganzen in eine heftige außereheliche Affäre mit der jungen
Sammlung« (Storm–Brinkmann, 76). Dorothea Jensen, die später seine zweite Ehefrau wer-
Storm schrieb die Verse 1851 und fügte sie bei der den sollte. Im Rückblick erklärte er 1866, mit Con-
Überarbeitung von Immensee nachträglich in die No- stanze habe ihn das »stille Gefühl der Sympathie«, mit
velle ein. Gesungen werden sie dort von einem »Zi- Dorothea dagegen »ein Verhältniß der erschütternd-
thermädchen mit feinen zigeunerhaften Zügen« (LL 1, sten Leidenschaft« verbunden (Storm–Brinkmann,
304 f.), einer reinen Episodengestalt, der jedoch in der 146). In Wahrheit war aber auch die Beziehung zu
Figurenkonstellation der Erzählung eine bedeutsame Constanze Esmarch von Beginn an von starken sinn-
Rolle zukommt: Repräsentiert die Geliebte des Pro- lichen Begierden und Phantasien geprägt, auf die ne-
tagonisten Reinhardt, Elisabeth, die sich am Ende zu ben manchen Briefen etwa die Gedichte Abends und
einer nüchternen Versorgungsehe genötigt sieht, die Lehrsatz hindeuten, die Storm 1845 für seine Verlobte
Verhaltenszwänge der bürgerlichen Weiblichkeit, so schrieb. Einige andere lyrische Werke, die gleichfalls
steht das »Zithermädchen« mit seinen »schönen, ungewöhnlich direkt von erotischem Verlangen spre-
sündhaften Augen« (305) für die radikal außerbürger- chen, dürften ihre Entstehung jedoch tatsächlich der
liche Verlockung leidenschaftlicher Ungebundenheit Beziehung zu Dorothea verdanken, mit der der Autor
und sinnlich-erotischer Reize, die auf Reinhardt eben- diese »leidenschaftlichen Lieder« ausdrücklich in Zu-
so faszinierend wie erschreckend wirkt. Gerade weil sammenhang brachte (146). 1848 schickte Storm ei-
die soziale Außenseiterin den gesellschaftlichen Kon- nen Gedichtzyklus mit der Überschrift Ein Buch der
ventionen nicht unterliegt, kann sie zudem die für roten Rose an die Zeitschrift Europa, der folgende Tex-
Storm charakteristische Furcht vor Einsamkeit, Ver- te umfasste: Lehrsatz, Die Stunde schlug, Noch einmal!,
lassenheit und Todesnähe unverhüllt aussprechen. Du willst es nicht in Worten sagen, Ständchen (»Weiße
Mit der Überschrift, die er für die separate Publikation Mondesnebel schwimmen«) und Rote Rosen. Ge-
des Gedichts wählte, überführte der Autor die typi- druckt wurde das Ensemble jedoch nicht, vermutlich
sierte Figur der fahrenden Musikantin auch in seine weil einige Stücke der Redaktion zu anstößig vor-
Lyriksammlungen. kamen. Trotzdem nahm Storm die meisten dieser Ge-
Seine Wirkung bezieht das Gedicht aus der subtilen dichte in seine veröffentlichten Sammlungen auf; le-
17 Liebeslyrik 79

diglich Rote Rosen, das radikalste unter ihnen, wollte gewidmet sind, charakterisiert die mittlere in behut-
er letztlich doch keinem größeren Publikum anver- samen Andeutungen, nämlich vorwiegend über gesti-
trauen, ebenso wie Mysterium, das in den engeren sche Signale, die seelische Verfassung eines heran-
Umkreis des Zyklus gehört. wachsenden Mädchens, dessen bisherige Wildheit
»Die rote Rose Leidenschaft«, von der Noch einmal! plötzlich in tiefes »Sinnen« übergegangen ist. Dahin-
spricht, ist das titelgebende Leitmotiv dieser lyrischen ter steht zweifellos das Erlebnis der Liebe, die hier den
Reihe von intensiven Erlebnissen erotischen Ergriffen- ebenso beglückenden wie verstörenden Übergang von
seins. Bisweilen tritt dabei ein männliches Ich als sou- naiver Unbefangenheit zum reifen, bewussten Emp-
veräner Eroberer und Verführer auf, wie es in Lehrsatz finden und damit zugleich das Ende der Kindheit ein-
und Ständchen der Fall ist. Andere, weitaus kühnere leitet. Einen expliziten Bezug zwischen den beiden
Gedichte gestalten das sexuelle Begehren hingegen als Gedichtpartien stellt Storm nicht her. Die Wendung
eine ambivalente Erfahrung, die den Betroffenen im »Das macht«, mit der die Rahmenstrophen unvermit-
Taumel der Sinne zum Opfer seiner Triebe macht und telt einsetzen, verweist zwar auf eine Kausalbezie-
ihn mit der Gefahr des Selbstverlusts konfrontiert. Du hung, lässt deren Eigenart aber im Dunkeln.
willst es nicht in Worten sagen entwirft ein solches Er- Nachtigall und Rosen sind altbekannte Versatzstü-
lebnis noch durch den Mund eines Mannes als unent- cke der europäischen und orientalischen Liebesdich-
rinnbares Schicksal der liebenden Frau – »Behalten tung. Neue Seiten gewinnt Storm diesen abgegriffenen
möchtest du dich gerne, / Da du doch ganz verloren Motiven durch die virtuose ästhetische Gestaltung der
bist« –, aber in Rote Rosen werden beide Partner glei- betreffenden Verse ab, indem er etwa den dominie-
chermaßen in den »jähen Schlund« der Ekstase geris- renden a-Laut zum akustischen Erkennungssignal der
sen. Der Rausch, der wie eine dämonische Macht oder Nachtigall erhebt und deren lockenden Gesang durch
eine Krankheit über sie kommt, bringt ihnen weder den Reim »Schall« – »Widerhall« und den identischen
»Seligkeit« noch »Lust«, sondern bloß »Qualen« und Binnenreim »Hall« – »Widerhall« lautmalerisch nach-
»Weh«, bis sie geradezu vernichtet sind: »Zerschmet- bildet. Auch darüber hinaus prägen Klangeffekte wie
tert fast und im Verbluten / Lag endlich trunken Mund die gehäuften Anaphern und Alliterationen sowie
auf Mund«. Und dennoch wird dieses Gefühl als weitere Wiederholungs- und Echostrukturen die in-
»Glück« empfunden: Das Gedicht steigert die Wider- tensive Wirkung der ersten und dritten Strophe (vgl.
sprüchlichkeit von Lockung und Leid der Liebe, die Jarka 1966). Deren Verbindung mit dem Mittelteil
die literarische Tradition seit jeher kennt, bis zur äu- lässt sich nur plausibel machen, wenn man auf die ro-
ßersten Konsequenz. In Mysterium thematisiert Storm mantische Idee einer tieferen Einheit von Mensch und
schließlich sogar mit unerhörter Offenheit die – au- Natur zurückgreift und damit eine Analogie zwischen
ßereheliche – Entjungferung einer jungen Frau, die natürlichen Vorgängen und dem Gefühlserleben un-
sich in der Nacht vor der erzwungenen Trennung ih- terstellt. Dazu passt, dass der bürgerliche Geschlech-
rem Geliebten hingibt. Dabei kehrt in dem Gegensatz terdiskurs gerade die Frau als ein äußerst naturnahes
zwischen dem »Schmerz der künft’gen Stunden« und oder naturhaftes Geschöpf auffasste. Wie die Rosen
»des Augenblickes Lust« die aus dem Lied des Harfen- durch den Gesang der Nachtigall mit einem Mal auf-
mädchens bekannte prekäre Zeiterfahrung wieder. geblüht sind, so hat die Liebe das Herz des Mädchens
geöffnet und sein ganzes Gemüt auf wundersame
Weise verwandelt – so ungefähr mag man sich das
17.6 »Die Nachtigall« suggestive Arrangement der drei Strophen erklären.
Ausgesprochen wird dergleichen aber eben nicht, und
Nicht ganz so bedrängend, aber doch auch keineswegs in dieser poetischen Unbestimmtheit, die eine kon-
als ungebrochene Glückserfahrung präsentiert sich ventionelle Ausbeutung der Natursphäre als Quelle ly-
die Liebe in dem Gedicht Die Nachtigall, das spätes- rischer Sinnbilder vermeidet, liegt der besondere Reiz
tens 1855 geschrieben und erstmals im Rahmen des des Gedichts.
Märchens Hinzelmeier gedruckt wurde (vgl. LL 4, 37).
Der Text umfasst drei Strophen, von denen die letzte Literatur
im Wortlaut mit der ersten identisch ist, so dass sich Baßler, Moritz: »Die ins Haus heimgeholte Transzendenz«.
eine Bewegung von der Nacht zum Tag, von der Natur Theodor Storms Liebesauffassung vor dem Hintergrund
der Philosophie Ludwig Feuerbachs. In: STSG 36 (1987),
zum Menschen und wieder zurück ergibt. Während 43–60.
die äußeren Strophen der Nachtigall und den Rosen
80 III Werk – A Gedichte

Boswell, Patricia M.: Home and Marriage: Theodor Storm’s Jarka, Horst: Theodor Storms Gedicht »Die Nachtigall«. In:
Poetic Realist Love Poetry. In: John F. Fetzer/Roland German Quarterly 39/2 (1966), 187–200.
Hoermann/Winder McConnell (Hg.): In Search of the Lohmeier, Dieter: Das Erlebnisgedicht bei Theodor Storm.
Poetic Real. Essays in Honor of Clifford Albrecht Bernd on In: STSG 30 (1981), 9–26.
the Occasion of his Sixtieth Birthday. Stuttgart 1989, 45–65. Mann, Thomas: Frühe Erzählungen 1893–1912. Hg. v. Te-
Brinker, Evelyn Marion: Die dichterische Gestaltung der Lie- rence J. Reed. Frankfurt a. M. 2004.
besauffassung in Theodor Storms Lyrik. Diss. University of Müller, Harro: Theodor Storms Lyrik. Bonn 1975.
California 1985. Pätzold, Hartmut: »Ein Stück andre Welt«. Von der Un-
Fasold, Regina: Eine Liebe in Lyrik und Prosa. Zum Liebes- brauchbarkeit des Paradigmas der »Erlebnislyrik« für die
diskurs im Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Gedichte Theodor Storms. In: STSG 43 (1994), 43–63.
Constanze Esmarch (1844–1846). In: STSG 63 (2014), Pastor, Eckart: »Schließe mir die Augen beide ...«. Über-
67–87. legungen zum poetischen Kosmos des jungen Storm. In:
Fontane, Theodor: Briefe. Bd. 4, 1890–1898. Hg. v. Otto Dru- STSG 32 (1983), 63–73.
de u. Helmuth Nürnberger. Darmstadt 1982. Roebling, Irmgard: Vom »richtigen Gebrauch der Assonanz
Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographi- und Alliteration im Verse«. Das Verhältnis von Musikali-
sches. Hg. v. der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Univer- tät und Modernität in Storms Lyrik mit Blick auf singende
sität Göttingen. Berlin 2014. und verstummende Nachtigallen. In: STSG 62 (2013), 17–
Goltschnigg, Dietmar: Zu Theodor Storms Liebeslyrik. In: 35.
Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 20 (1979), 299–305.
Ulrich Kittstein
18 Politische Lyrik 81

18 Politische Lyrik nyluft war, bin ich die ganze Zeit genießend und dich-
tend im Garten umhergegangen; ein politisch Gedicht
Storm wuchs in einer Umgebung auf, in der die politi- wollte ich machen, das mit dem Frühling beginnen
sche Windstille des Biedermeier herrschte. Die Her- sollte, aber ich konnte über diesen nicht hinaus« (BB
zogtümer Schleswig und Holstein waren seit 1460 in 2, 260). Da er seine Verse für gelungen hielt, schrieb er
Personalunion mit dem Königreich Dänemark ver- die ersten drei Strophen in seinen Brief:
bunden; die Zugehörigkeit zum deutschen Sprach-
und Kulturraum einerseits und zum sog. dänischen Es war daheim auf unserm Meeresdeich;
Gesamtstaat andererseits war weitgehend unproble- Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
matisch. Das änderte sich während Storms Studien- Zu mir herüber scholl verheißungsreich
zeit grundlegend, denn sowohl in Dänemark als auch Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.
in den Herzogtümern entstanden Bewegungen, deren
politisches Ziel ein Nationalstaat war, in dem eine li- Wie brennend Silber funkelte das Meer,
berale Verfassung den inneren Zusammenhalt und Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
die Ordnung sicherte. Da die deutschgesinnten Natio- Die Möwen schossen blendend hin und her,
nalliberalen in den Herzogtümern nun den politi- Eintauchend in die Flut der weißen Flügel.
schen Anschluss an den Deutschen Bund erstrebten,
wurde das großenteils dänischsprachige Herzogtum Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
Schleswig zum Zankapfel. Weil beide Seiten mit dem War sammetgrün die Wiese aufgegangen;
historischen Recht argumentierten, ging es im Kon- Der Frühling zog prophetisch übers Land,
flikt um die Zugehörigkeit ganz Schleswigs entweder Die Lerchen jauchzten und die Knospen sprangen.
zu Dänemark oder zum Deutschen Bund; eine Tei- (ebd., zit. n. LL 1, 56.)
lung auf der Grundlage einer Volksabstimmung lehn-
ten beide Seiten ab. Es war ein reines Naturbild, doch klangen in den Mo-
Storm fühlte sich ohne Bedenken den deutsch- tiven des Frühlings und der Osterglocken politische
gesinnten Nationalliberalen zugehörig, doch berühr- Obertöne an. Zwei Jahre später konnte Storm sein Ge-
ten ihn dabei die Fragen der Verfassung nur wenig, dicht fortsetzen. Der entscheidende Anstoß dazu war
während die Fragen der Sprache für ihn entscheidend zweifellos die Tatsache, dass am 24. April 1848 die
waren. Er wollte nur in einem deutschen Staat leben. Nachricht nach Husum gelangte, dass die aufstän-
Auf das Werk des jungen Autors hatte diese Haltung dischen Schleswig-Holsteiner am Tag zuvor in der
jedoch zunächst keinen Einfluss. Als er 1843 gemein- sog. Osterschlacht bei Schleswig einen Sieg über die
sam mit Theodor und Tycho Mommsen das Lieder- dänischen Truppen erkämpft hatten. Damit bekam
buch dreier Freunde veröffentlichte, war er ebenso wie das Motiv der Osterglocken im Entwurf von 1846 ei-
sie davon überzeugt, dass Politik und Dichtung aus- nen vertieften Sinn, und Storm nahm es nun nicht
einandergehalten werden müssten; der agitatorische mehr im christlichen Sinne als Zeichen der Auferste-
Ehrgeiz der Lyrik des Vormärz und die rhetorischen hung, wie er das 1846 getan hatte, sondern entfaltete
Mittel, die Männer wie Georg Herwegh dabei einsetz- es zu einem Bild des Aufbrechens aller Naturkräfte im
ten, erschienen ihnen als künstlerisch unerlaubt. Frühling und ließ die ihnen gewidmeten drei neuen
Theodor Mommsen hielt Herwegh in einem ihm zu- Strophen in dem Vers gipfeln: »Und wanke nicht, du
geeigneten Gedicht vor, sein »Saitenspiel« selbst ver- feste Heimaterde!« (ebd., 57). Damit sprengte er aber
nichtet zu haben, seit er mit dem Schwert hinein- das bis dahin einheitliche Naturbild, denn die Vorstel-
geschlagen habe: »Wo Schwerter klirren, sind es nicht lung von Erdbeben passt nicht in die Koogs- und Mar-
Gedichte« (Mommsen/Storm/Mommsen 1843, 159). schenlandschaft. Storm nahm das in Kauf, um durch
Als der politische Konflikt sich dann weiter ver- den Anklang an die Schlussverse der ersten und der
schärfte und Storm sich entschloss, sich auch als Lyri- letzten Strophe des »Schleswig-Holstein-Lieds« die
ker daran zu beteiligen, wollte er die Fehler der Vor- Verbindung seines Gedichts mit den Bestrebungen
märzlyrik vermeiden und stattdessen poetische Mittel der deutschgesinnten Schleswig-Holsteiner und der
einsetzen. Exemplarisch dafür ist das Gedicht, das er sog. Erhebung eindeutig zu machen.
unter dem Titel Ostern in seine Gedichte aufnahm. Er ging noch weiter: Um im Zusammenhang des
Am zweiten Ostertag des Jahres 1846 schrieb Storm Naturbilds von deren politischen Gegnern sprechen
an seine Braut: »Heut Vormittag, wo wirklich eine Ju- zu können, fügte er noch zwei Strophen an, in denen

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_18, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
82 III Werk – A Gedichte

das lyrische Ich sich aus dem Frühling in den vorher- Storm veröffentlichte die beiden Gedichte nicht,
gehenden Spätherbst versetzt und vom Deich aus in solange er noch in Husum lebte und Maßregelungen
stürmischen Novembernächten auf die bedrohlich durch die wieder eingesetzten dänischen Behörden
heranbrandenden Wellen blickt, aber auf die Festig- zu befürchten hatte, sondern tat das erst 1853 und
keit des Deichs vertraut. So endet das Gedicht mit 1856, als er bereits in Potsdam war. Im Herbste 1850
dem zugleich zuversichtlichen und trotzigen Vers: ließ er in dem literarischen Jahrbuch Argo für das Jahr
»Das Land ist unser, unser soll es bleiben!« (ebd.) Der 1854 drucken. Ihm folgte dort das Gedicht Abschied
Preis für die Rückkehr in den Zusammenhang des Na- (LL 1, 65 f.), das er im Juli 1850 vor dem Aufbruch ins
turbilds war hoch, denn damit schrieb Storm den Dä- Exil geschrieben hatte. Auch dies Gedicht erhielt sei-
nen und den dänischgesinnten Schleswigern die Rolle ne Einheit durch die Sprechsituation: die Anrede an
einer Naturmacht zu, gegen die man sich nur behaup- Frau und Kinder in der Situation des Abschieds aus
ten, mit der man sich aber nicht versöhnen kann. der Heimat, gesprochen an einem Punkt, der den
Storm war offenbar bereit, diesen Preis zu zahlen, weil Blick auf die heimatliche Landschaft mit dem Meer
er 1848 und noch mindestens zwei Jahrzehnte darü- im Hintergrund erlaubt. Deutlich wurde auch, dass
ber hinaus alles Dänische mit unversöhnlicher Abnei- dieser Abschied von der Heimat für Storm wirklich
gung betrachtete. Aus dem historischen Rückblick be- der Gang ins Exil war: »Denn Raum ist auf der hei-
trachtet ist sein Gedicht Ostern ein exemplarischer matlichen Erde / für Fremde nur und, was den Frem-
Fall für die Schwierigkeiten, die er sich mit seinem Be- den dient« (ebd., 66).
mühen einhandelte, mit naturlyrischen Mitteln politi- In den folgenden Jahren schrieb Storm keine politi-
sche Gedichte zu schreiben. schen Gedichte. Das änderte sich erst, als im Novem-
Storm mag das gespürt haben. Er bot sein Gedicht ber 1863 mit dem Tod Friedrichs VII. der Mannes-
zwar noch im April 1848 Theodor Mommsen als ei- stamm des dänischen Königshauses erlosch und mit
nen Leitartikel für dessen Schleswig-Holsteinische Zei- der Thronfolge auch die schleswig-holsteinische Frage
tung an, aber Mommsen fand es dafür nicht geeignet, wieder Sprengkraft erhielt, obwohl sie mehr als ein
und Storm machte zunächst auch keinen Versuch Jahrzehnt zuvor durch das Eingreifen erst der deut-
mehr, mit Gedichten aktiv und aktivierend in den na- schen und dann der europäischen Großmächte mit
tionalen Konflikt einzugreifen. Politische Lyrik der Wiederherstellung des dänischen Gesamtstaats in
schrieb er erst wieder, als im Juli 1850 die Schlacht bei der Gestalt, die er vor 1848 gehabt hatte, erledigt zu
Idstedt das militärische Ende der Erhebung einleitete sein schien. Storm schrieb nun das Gedicht Gräber in
und gut zwei Monate später die schleswig-holsteini- Schleswig (LL 1, 83 f.), das er zur Veröffentlichung an
schen Truppen in einer militärisch sinnlosen Aktion Die Gartenlaube schickte. Hier knüpfte er stilistisch an
Friedrichstadt belagerten und beschossen. Das Ge- das Gedicht Im Herbste 1850, in den Motiven aber an
dicht Im Herbste 1850 (LL 1, 58 f.), das Storm in der die Gräber an der Küste an: Da die Staaten des Deut-
Zeit zwischen diesen beiden Ereignissen schrieb, zeig- schen Bundes den Schleswig-Holsteinern nicht wie
te ein bisher »nicht gekanntes Maß an Direktheit und ein brausendes Meer zu Hilfe eilten, »um endlich alle
Radikalität« der Aussage (Löding 1986, 75), doch be- Schande zu verschlingen«, rief er die Toten der
nutzte Storm für diese Klage über den Sieg der Gegner Schlacht bei Idstedt auf, sich aus ihren Gräbern zu er-
nicht die ihm vertrauten lyrischen Mittel und bemüh- heben, um ein zweites Mal dafür zu kämpfen, dass
te sich auch gar nicht darum, dem Gedicht durch die Schleswig deutsch bleibe. In dem Gedicht 1864 (LL 1,
sprachlichen Bilder eine innere Geschlossenheit zu 84), das er im Mai 1864, nach seiner Rückkehr in die
geben, sondern konzipierte es als die öffentliche Rede Heimat, schrieb, deutete er die Tatsache, dass Preußen
an seine gleichgesinnten Mitbürger und griff deshalb und Österreich doch noch in den Krieg gegen Däne-
auch zu den rhetorischen Mitteln der Lyrik des Vor- mark gezogen waren, als einen Sieg des Volksgeistes
märz. Eine Anrede war auch das Gedicht Gräber an über Politiker wie den preußischen Ministerpräsiden-
der Küste (LL 1, 59 f.) aus den ersten Wochen nach der ten Otto von Bismarck, die gegen ihren Willen »das
Beschießung Friedrichstadts, aber da sie jetzt den To- Schwert in ihres Volkes Hand« geworden waren. Bei-
ten des Krieges galt, war ihr Ton verhaltener. Zudem de Gedichte bezeugen, dass Storm die Strategie Bis-
war das Gedicht auch geschlossener, weil es eine ein- marcks in der Krise um die Jahreswende 1863/64
fache, einheitliche Sprechsituation hatte: den Gang an nicht durchschaute – ebenso wenig wie die politisch
die Gräber der Gefallenen, um sie durch das Niederle- interessierte deutsche Öffentlichkeit und die verant-
gen von Blumen zu ehren. wortlichen dänischen Politiker.
18 Politische Lyrik 83

Am 18. Januar 1864 schrieb Storm an seinen 1865 (LL 1, 84), Welt-Lauf 1867 (LL 1, 266) und Hat
Freund Hartmuth Brinkmann, es sei sein »heißester erst der Sieg über fremde Gewalt aus den ersten Wo-
Lebenswunsch«, in dem bevorstehenden Kampf »der chen des Kriegs von 1870/71 (LL 1, 268). Sie alle zei-
Tyrtäus der Demokratie zu sein« (Storm−Brinkmann, gen, dass Storm nach dem kurzen Aufschwung der
135). Das Gedicht mit den Anfangsversen »Und ha- Monate um die Jahreswende 1863/64 politisch resig-
ben wir unser Herzoglein / Nur erst im Lande drin- niert hatte. Dass er trotzdem noch zu bedeutenden
nen,« das diesen Worten in Storms Brief unmittelbar Leistungen als Lyriker fähig war, zeigen der Zyklus
vorherging, zeigt, dass ihn an der Demokratie, bei de- Tiefe Schatten aus der Zeit nach dem Tod seiner Frau
ren Durchsetzung Storm wie der Spartaner Tyrtaios, Constanze (LL 1, 86–89) und das Gedicht Geh nicht
das antike Urbild aller politischenDichter, mitwirken hinein aus dem Jahre 1879 (LL 1, 93 f.).
wollte, die Probleme der inneren politischen Organi-
sation des Staatswesens oder das Zusammenwirken Literatur
von Legislative, Exekutive und Judikative wenig be- Löding, Frithjof: Theodor Storm und Klaus Groth in ihrem
schäftigten, sondern dass es ihm vor allem darum Verhältnis zur schleswig-holsteinischen Frage. Neumünster
1986.
ging, die Vorrechte des Adels gegenüber den Bürgern Lohmeier, Dieter: Theodor Storm und die Politik. In: Brian
und die Herrschaft der Kirche über das unmündig ge- Coghlan/Karl Ernst Laage (Hg.): Theodor Storm und das
haltene Volk zu beseitigen. Aber dies Gedicht war 19. Jahrhundert. Vorträge und Berichte des Internationalen
nicht der Auftakt zu einer neuen Phase von Storms Storm-Symposions aus Anlaß des 100. Todestages Theodor
politischer Lyrik, sondern bezeichnete deren Ende. In Storms. Berlin 1989, 26–40.
Lohmeier, Dieter: Theodor Storm und die schleswig-holstei-
den folgenden Jahren schrieb er nur noch wenige Ge-
nische Frage. In: STSG 55 (2006), 33–46.
dichte mit politischenThemen. Sie benutzten weder Mommsen, Theodor / Storm, Theodor / Mommsen, Tycho:
naturlyrische noch rhetorische Mittel, sondern waren Liederbuch dreier Freunde. Kiel 1843.
von spruchhafter Nüchternheit und Kürze: Antwort
Dieter Lohmeier
84 III Werk – A Gedichte

19 Weltanschauliche Lyrik Gedichtentwurf An deines Kreuzes Stamm, die Ge-


dichtreihe Tiefe Schatten, sowie Geh nicht hinein spie-
Der Begriff ›Weltanschauung‹ ist schwer zu präzisie- geln unterschiedliche Stadien innerhalb des Prozesses
ren. Er beinhaltet philosophische Konzepte, angefan- der Verarbeitung der Konfrontation mit dem Tod auf
gen mit dem idealistischen Konzept des nicht-sinn- poetologischer Ebene wider. Sowohl die philosophi-
lichen Vermögens des Subjektes, das Unendliche als sche und die metaphysische Dimension des Begriffes
ein Ganzes zu denken und unter einem Begriff zusam- ›Weltanschauung‹ als auch das lebensgeschichtliche
menzufassen. Der Terminus umfasst aber ebenso – in Moment und die intertextuelle Komponente lassen
deutlichem Abstand zur Transzendentalphilosophie – sich an den genannten Gedichtbeispielen aufzeigen.
die Auffassung von Weltanschauung als die Fähigkeit In dem Gedichtentwurf An deines Kreuzes Stamm
eines empirischen, durch Erfahrung gebildeten Indi- wird die Bedeutung des Schauens für die Ausbildung
viduums, seine Lebenswelt zu konstituieren. Zieht einer Weltanschauung durch die Positionierung des
man die sprachphilosophische Komponente hinzu, schauenden Ichs verdeutlicht, das seine Rede ange-
findet die Konstitution einer Welt von Objekten durch sichts eines Abbildes des ans Kreuz geschlagenen
Akte des Benennens und des Kommunizierens statt Gottessohnes entfaltet.
(Thomé 2004, 455). Das bedeutet, Sprache ist das Er-
gebnis der Aneignung von Welt. Unter diesem Aspekt
betrachtet, könnte man auch von ›Weltanschauung‹ als 19.1 »An deines Kreuzes Stamm«
durch Sprache vermittelte ›Weltansicht‹ sprechen.
Denn der objektiven Wahrnehmung ist immer Sub- Die Handschrift dieses Gedichtentwurfes ist nicht mit
jektivität beigemischt, d. h. die individuelle ›Welt- Sicherheit zu datieren, stammt vermutlich aber aus
ansicht‹ ist durch persönliche Empfindungen, Erfah- den frühen 1860er Jahren (vgl. Jackson 1984, 85). Der
rungen und Wertungen geprägt. Zugleich muss der Glaube an die erlösende Kraft des Todes Jesu Christi
Sprecher auf das kollektive Sprachgut zurückgreifen. am Kreuz, das Vertrauen auf Gottes Vergebung und
Er ist mithin abhängig von den allgemeinen, von allen ewiges Leben, sind Eckpfeiler des christlichen Glau-
Teilnehmern der Kommunikationsgemeinschaft ge- bens (Jackson 1984, 83). So heißt es im 1. Petrusbrief:
teilten Vorstellungen. Bezogen auf literarische Texte »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.«
eröffnet sich durch diese Wechselwirkung individuel- (1.Petr 5,7) Dieses ist nur eines von zahlreichen Bei-
ler und im materiellen Kanon einer Kultur tradierter spielen dafür, wie Storm immer wieder Motive aus der
Vorstellungen das weite Feld der Intertextualität. Bibel aufgreift und das biblische Bild gezielt umkehrt
Dem Kunstwerk kommt eine wichtige Funktion bei bzw. unterminiert (zu den intertextuellen Bezugnah-
der Vermittlung des Allgemeinen und des Individuel- men vgl. Demandt 2010, 75–90). Das Gedicht beginnt
len zu. Für Theodor Storm ist die Anschauung eine zunächst mit der Konstellation eines nach Erlösung
zentrale Grundbedingung für die Entstehung eines suchenden Ichs, das sein »sorgenschweres Haupt« (LL
poetischen Textes. Im dichterischen Prozess muss das 1, 263) vertrauensvoll an das Kreuz Jesu Christi lehnt.
Geschaute durch die treffenden Worte in die Phantasie Das Metrum, ein jambischer Pentameter, bringt durch
des Lesers transportiert werden. In seinen Entwurfs- seinen gleichmäßigen Wechsel zwischen unbetonten
notizen für das Vorwort zum Hausbuch aus deutschen und betonten Silben eine feierliche und zugleich er-
Dichtern seit Claudius schreibt Storm daher: wartungsvolle Stimmung zum Ausdruck. Diese Wir-
kung wird noch verstärkt durch das Enjambement
Was, meines Erachtens, wesentlich den Dichter macht (zur formalen Gestaltung des Gedichts vgl. insbeson-
und seinen Werth bestimmt, ist einerseits die Tiefe der dere Jackson 1984). Doch gleich im dritten Vers er-
Empfindung und die Lebendigkeit der Anschauung, fährt die Zuversicht einen Bruch: »Doch Trost und
andrerseits die Fähigkeit, für die Letztere das Wort zu Kraft kam nicht von dir herab.« Der fließende Sprach-
finden, welches das betreffende Bild in der Phantasie rhythmus vom Anfang wird durch gleichsam abge-
des Lesers erscheinen läßt, [...] (StA T4, Blatt 3 recto) hackt klingende Einsilber abgelöst. Die Enttäuschung
ist groß, denn die Heilserwartung erfüllt sich nicht.
Die im Folgenden unter dem Aspekt der Welt- Damit ist das anredende »o Jesu Christ« des ersten
anschauung zu analysierenden Gedichte behandeln Verses negiert und implizit »der Göttlichkeit Jesu wi-
einen religiösen Komplex: die Konfrontation des dersprochen« (Demandt 2010, 76). Das lyrische Ich
schauenden Individuums mit Sterben und Tod. Der wirft der Christus-Figur vor:

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_19, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
19 Weltanschauliche Lyrik 85

Du hattest weder Weib noch Kind, du warst mochte: Die Liebe zwischen Mann und Frau und die
Ein halber Mensch nur; unseres Lebens Kern auf ihr gründende Familie ermöglichen erst ein erfüll-
Hast du nur halb erprobt; was uns die Welt, tes Leben, das Idealziel der »ins Haus heimgeholte[n]
Uns Lebenden, an Ungeheu’rem auflegt, Transzendenz« (Pastor 1983, 67). »Ich bin getröstet«,
Du hast es nicht gekannt; dein Opfer war konstatiert das lyrische Ich sofort. Diese Liebe nimmt
Ein halbes nur. – [...] die Position ein, die im Christentum Jesus als Erlöser
zukommt (Demandt 2010, 77). Die Konsequenz liegt
Das »halb« wird dreimal wiederholt und seine ein- auf der Hand: »Komm geliebtes Weib / Wir müssen
schränkende Wirkung durch das »nur« zusätzlich ver- <unser> eigner Heiland sein.« Mit dieser Schlusswen-
stärkt. Erneut wird das Metrum gezielt gestört: In den dung wird das Modell »einer Liebesreligion als Kon-
Versen 4 und 8 liegt die Betonung auf dem »Du« am trafaktur des christlichen Glaubens« (Demandt 2010,
Anfang, den Vers im Jambus einleitend. In den Versen 87) aufgerufen. Die provokative Pointe des Gedicht-
4 und 7 sind aber auch das zweite »du« und das »dein« entwurfes besteht aber darin, dass das lyrische Ich,
betont, wodurch die Gleichmäßigkeit des Jambus auf- nachdem die Unmöglichkeit der Erlösung festgestellt
gebrochen, sozusagen das Auseinanderbrechen der ist, sich selbst im Bild des am Kreuz sterbenden Jesus
Glaubenszuversicht zum Klingen gebracht wird. inszeniert, in blasphemischer Parodie der Passion
Für die Rede vom »halben Menschen«, von der Christi (vgl. zum Folgenden Demandt 2010, 83): »[...]
Idee also, dass Mann und Frau als zwei Hälften eines Einsamer Qualen voll / Neig ich das Haupt;« (v. 15 f.;
Ganzen erst den vollständigen Menschen ausmachen, vgl. dazu den nahezu identischen Wortlaut im Johan-
lässt sich Platons Symposion als literarische Quelle nesevangelium, Joh 19,30). Diese Provokation ist aber
ausmachen (vgl. dazu Demandt 2010, 78 f.). Dem- keinesfalls ironisch gemeint. Vielmehr unterstreicht
zufolge kann der der Geschlechterliebe und dem Fa- das Pathos vom Bild des Gekreuzigten die Tiefe des
milienleben mit all seinen Freuden und Nöten entsa- empfundenen Elends. Im Zusammenhang mit der
gende Mann Jesus nur ein unvollständiger sein. Das Gedichtreihe Tiefe Schatten wird von diesem Aspekt
führt zu der Zuspitzung, dass Jesus die theologisch noch einmal die Rede sein.
verankerte Funktion des stellvertretend Leidenden
gar nicht ausfüllen kann. Das lyrische Ich findet Trost
bei der geliebten Frau. Schaute es im ersten Vers (»o 19.2 »Tiefe Schatten«
Jesu Christ«) noch zur Figur des Erlösers auf, de-
monstriert es nun »die Unmöglichkeit der Soteriolo- Gleichsam als Motto hat Theodor Storm der Gedicht-
gie« (Demandt 2010, 79), der Erlösung aller Men- reihe Tiefe Schatten das Gedicht Trost aus dem Jahre
schen durch den stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz 1853 vorangestellt, das er ursprünglich als Widmung
als Sühne: an seine erste Frau Constanze konzipiert hatte. Es
handelt sich um ein klar strukturiertes Gedicht, auf-
[...] – Wärst du getreu befunden, geteilt in drei Zweizeiler. Am Anfang steht ein gerade-
Wenn man dein Weib, dein Kind ans Kreuz geschla- zu kämpferischer Ausruf: »So komme, was da kom-
gen? men mag! / So lang du lebest, ist es Tag« (LL 1, 69). Das
Die Antwort bliebst du schuldig. – Wohl mit Dank, jambische Metrum, die Paarreime und die durchweg
Mit Liebe blick ich zu dir – – – – männlichen Kadenzen verleihen den Versen einen
– – – doch mich erlösen gleichmäßigen Rhythmus. Diese Stetigkeit ist auch
Das kannst du nicht. – [...] durch den Kontrast zwischen Welt und Heimat inner-
halb des sich dem optimistischen Ausruf anschließen-
Das Kreuz Christi, welches letztendlich aus dieser Per- den Zweizeilers nicht zu erschüttern: »Und geht es in
spektive negiert erscheint, kann dem lyrischen Ich die Welt hinaus, / Wo du mir bist, bin ich zu Haus.«
keinen Trost spenden. Sein positives, weil trostbrin- Der stete Wandel aller Dinge ist das einzig Gewisse im
gendes Gegenstück ist der »Ring des Lebens« (vgl. da- Leben. Daher – und damit schließt das Gedicht – ori-
zu Jackson 1984, 85), das »Symbol der Liebe und entiert sich das lyrische Ich an »dein[em] lieben An-
Ganzheit« (Demandt 2010, 84). Er soll gegen »Tod gesicht« als vertrautem Fixpunkt, so dass es »die
und Lüge« schützen. Mit dem Ring als Sinnbild für die Schatten der Zukunft nicht« sieht.
Einheit der Liebenden ist also eine Bewältigungsstra- Nach dem Tod von Constanze verfasst Storm in ra-
tegie angeboten, die leistet, was das Kreuz nicht ver- scher Folge insgesamt acht Gedichte, beginnend mit
86 III Werk – A Gedichte

Nr. 1 des Zyklus Tiefe Schatten, das Storm mit dem Da- renden Reimen geprägte, in diesem Fall Kreuzreimen.
tum »20. Mai 65« in sein Neues Liederbuch einträgt (zu Doch die gegenständliche Bildersprache ist der Refle-
Entstehung, Datierung, Überarbeitungen und Über- xion über die Unwiederbringlichkeit des Glücks mit
lieferungsgeschichte des Gedichtzyklus vgl. LL 1, 859– der geliebten Person gewichen.
865). Diesem ersten Gedicht folgen bis August 1865 Das dritte Gedicht (Gleich jenem Luftgespenst der
nacheinander Nr. 5, Nach Constanzes Tod, Nr. 4, Nr. 2, Wüste) besteht aus unregelmäßig gebauten reimlosen
Nr. 3, Größer werden die Menschen nicht sowie Und Strophen, die eher Sinnabschnitten einer Erzählung
am Ende der Qual alles Strebens. ähneln (Häntzschel 1983, 364). Durch unterschiedlich
Nr. 1 (In der Gruft bei den alten Särgen) ist ein Ge- lange rhythmische Einheiten wird eine Sperrigkeit im
dicht, dessen fünf Liedstrophen in ihrer »artifiziell ge- Sprachfluss erzeugt, wie der dritte Vers der ersten
wonnene[n] Simplizität« (Häntzschel 1983, 363) eine Strophe verdeutlicht: »Der Unsterblichkeitsgedanke«.
ausgeprägte sinnliche Wirkung haben. Die Farben Enjambements verstärken den eher erzählenden als
und Düfte der Frühlingsblumen sind in die Gruft hi- lyrischen Charakter des Gedichtes – ein Zug, der 1879
nabgeholt und verdecken den schwarzen Sargdeckel. in dem Gedicht Geh nicht hinein seinen Höhepunkt
Das Schmerzliche des Todes tritt vor diesen Sinnes- finden wird. Die für Storm zentrale weltanschauliche
wahrnehmungen in den Hintergrund. Auch die Abge- Frage nach der Unsterblichkeit findet eine enttäu-
schlossenheit der Toten in der Gruft wirkt weniger be- schende Antwort in dem Vergleich mit dem »Luft-
klemmend angesichts des Diminutivs »Gitterlein«. gespenst der Wüste«, einer Fata Morgana. Den Epithe-
Hinzu kommt die Spur von Leben in der Gruft, welche ta »Markverzehrend« und »Betäubend« (LL 1, 88), der
die letzte Strophe andeutet: Wiederholung »Dir nach, dir nach« und der Alliterati-
on »Jeder Tag, jeder Schritt«, die allesamt die hekti-
Vielleicht im Mondenlichte, sche Verfolgung des Trugbildes ausdrücken, folgt mit
Wenn die Welt zur Ruhe ging, dem »Doch« der dritten Strophe die schockhafte Er-
Summt noch um die weißen Blüten kenntnis:
Ein dunkler Schmetterling. (LL 1, 87)
Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;
Das Bild vom Schmetterling rekurriert auf Goethes Se- Dort in der Ferne ahn’ ich den Abgrund;
lige Sehnsucht aus dem West-Östlichen Divan (Häntz- Darin das Nichts. –
schel 1983, 367; Scherer 2005, 226). Storm bezeichnet
diese Strophe als »Keim und Spitze des Ganzen, in dem Dieses Nichts taucht in Geh nicht hinein wieder auf. In
dunkeln Schmetterling verkörperten sich damals un- Umkehr des christlichen Glaubens erfährt das lyri-
willkührlich meine Gedanken, die in jenen Nächten, sche Ich das Versprechen der Ewigkeit als »Öde«, als
wenn ich schlaflos lag, immer drunten in der Gruft um »Abgrund«, »die alte ewige Nacht« hingegen, nämlich
den bekränzten Sarg waren. Auch poetisch befriedigt der Tod, »begräbt barmherzig«.
mich die Strophe ganz« (Storm–Fontane, 138). Das vierte Gedicht (Weil ich ein Sänger bin, so frag’
Nr. 2 (Mitunter weicht von meiner Brust) ist ein ich nicht) deutet in seiner Kürze – es besteht aus einem
Zwiegespräch mit der Toten. Hier greift das lyrische Vierzeiler – an, wie es um den Gesang der dichtenden
Ich einen zentralen Gedanken des Gedichtentwurfes Seele nach dem Verlust der geliebten Person steht. Die
An deines Kreuzes Stamm auf, nämlich die Definition Welt ›spricht‹ nicht mehr zu dem wahrnehmenden Ich
von Glück als die Einheit der Liebenden: (vgl. zu diesem Aspekt Detering 2004, 36 f.; Detering
2013, 226 f.). Es ist auf sich selbst zurückgeworfen.
Doch frag’ ich dann: was ist das Glück? Das fünfte Gedicht (Der Geier Schmerz flog nun da-
So kann ich keine Antwort geben, von) hat sich weit von Storms Konzept des Erlebnis-
Als die, daß du kämst zurück, gedichtes entfernt. Der Schmerz ist »im Bild des Gei-
Um so wie einst mit mir zu leben. ers allegorisiert« (Häntzschel 1983, 366 f.). Auch die
Sehnsucht erscheint zuerst als etwas Abstraktes, wird
Die letzte Strophe drückt Resignation angesichts des dann aber allegorisiert, ausgestattet mit Flügeln. 1856
unwiderruflichen Verlusts dieses Glücks aus, denn hat Storm es als »Fehler in der Ausführung« bezeich-
»lautlos schlafen die Wünsche ein« mit der Beisetzung net, »wenn man einen Begriff, der poёtice immer nur
des geliebten Du. Wie im ersten Gedicht ist die äußere scenisch dargestellt werden darf, durch eine Sache
Form immer noch eine von regelmäßig wiederkeh- darstellen will, [...]« (Storm–Eggers, 35). Doch das
19 Weltanschauliche Lyrik 87

Bild des Geiers referenziert den Mythos vom an den Bewältigung der Todeserfahrung auf poetischer Ebe-
Kaukasus geschmiedeten Prometheus, dem der Ad- ne vollzieht, zu einem Endpunkt gelangt, lässt sich an
ler/Geier (in der Prometheus-Rezeption des 19. Jahr- folgendem Beispiel zeigen.
hunderts, etwa auf Gustave Moreaus Prométhée
[1868], ist es tatsächlich bisweilen ein Geier) täglich
von neuem die Leber frisst. Dieses Bild unterstreicht 19.3 »Geh nicht hinein«
das Ausmaß der empfundenen Qual. »Die Stätte, wo
er saß, ist leer« – damit könnte das Herz gemeint sein, Führt man sich zum Vergleich die Positionierung des
täglich aufs Neue verzehrt vom Schmerz. Ähnlich wie lyrischen Ich zu Füßen eines Kunstwerkes in An deines
bei der blasphemischen Parodie der Passion Christi in Kreuzes Stamm vor Augen, so ist in dem 1879 entstan-
An deines Kreuzes Stamm geht es dem Dichter darum, denen Gedicht Geh nicht hinein eine Steigerung, oder
anhand des treffenden Bildes die »Atmosphäre [...] in genauer gesagt eine Konkretisierung, erreicht: Das ly-
künstlerischer Form festzuhalten und auf den Hörer rische Ich betrachtet die Leiche eines ihm bekannten
zu übertragen« (LL 4, 378). Menschen. Es findet diesen Menschen nicht mehr in
Bei Nach Constanzes Tod und Und am Ende der seinem Zimmer vor, in dem er sonst saß. Sämtliche
Qual alles Strebens handelt es sich um zwei Vierzeiler, Merkmale, die ihn und sein Umfeld charakterisierten,
die Storm im Laufe der Überarbeitungen und wech- sind verschwunden: »[...]; der Stuhl ist leer, die Pflan-
selnden Gruppierungen einzelner Stücke aus dem Ge- zen lassen / Verdürstend ihre schönen Blätter hän-
dichtzyklus ausscheidet. Sie schlagen einen raisonnie- gen;« (LL 1, 94). Mit dem Eintritt des Todes ist aus
renden Ton an. Das lyrische Ich reflektiert die eigene dem einst vertrauten Ich ein den Lebenden völlig ent-
Vernichtung angesichts des Todes der geliebten Per- fremdetes »Es« geworden: »Und dann verschwand
son. Und am Ende der Qual alles Strebens gipfelt in er«. Der Tod – so stellt es sich in Geh nicht hinein dar
dem umstrittenen Vers »Denn die Vernichtung ist – ist durch die totale Negativität gekennzeichnet, die
auch was wert« (LL 1, 265). Abwesenheit jeglicher Merkmale, die das Ich in Raum
Als einziges Gedicht der Tiefe Schatten-Reihe bleibt und Zeit verankern (vgl. zum Folgenden Wünsch
Größer werden die Menschen nicht zu Storms Lebzei- 2000, 266 f.). Es wird keine Realität mehr sprachlich
ten ungedruckt. Es hebt mit der nüchternen Feststel- nachgeahmt. Die Sprache referiert auf nichts mehr.
lung an, der ein Fortschrittsglaube hinsichtlich der Entsprechend lässt sich an der formalen Gestaltung
Entwicklung des menschlichen Geistes entgegen- des Gedichtes eine »Entlyrisierung« (Scherer 2005,
gesetzt wird. Dennoch bleiben Skepsis und das Be- 214) erkennen. Ein erzählender, prosanaher Sprach-
wusstsein der natürlichen Begrenztheit des Men- gestus tritt an die Stelle des Liedes. Reimlose Verse
schen, ausgedrückt in dem alles gleichsam über- werden aneinandergereiht. So wird die Todeserfah-
dachenden ersten Vers: »Größer werden die Men- rung geradezu szenisch präsent. Doch Storm vollzieht
schen nicht«. Im Folgenden wird ein »diesseitiger mit einem solchen Dichten einen »Strukturwandel ge-
Humanitätsglaube« (Demandt 2010, 31) artikuliert: gen die eigene Poetologie« (Scherer 2005, 210). Der
Tod ist nicht nur die Grenze des Realismus, er bedeu-
Dessen Gebot wird sein: tet auch die Grenze der Sprache. In den Schlusszeilen
Edel lebe und schön, des Gedichtes muss das Unsagbare ausgedrückt wer-
Ohne Hoffnung künftigen Seins den: »›Und weiter – du, der du ihn liebtest – hast /
Und ohne Vergeltung, Nichts weiter du zu sagen?‹ / Weiter nichts.«. Die Kon-
Nur um der Schönheit des Lebens willen. (LL 1, 265) sequenz dieser Sprachlosigkeit ist das Verstummen
des Dichters. Denn wenn das Ich es nicht länger ver-
Dieses Gedicht wird als »Kompendium der Welt- mag, sich mittels der Sprache mit der äußeren Wirk-
anschauung Storms« gewertet (Demandt 2010, 31). lichkeit vertraut zu machen, kann es diese äußere
Die Spannung »zwischen Fortschrittsglaube[n] und Wirklichkeit nicht in eine innere umwandeln. Doch
weltanschauliche[m] Pessimismus« bleibt bestehen. nur anhand einer intakten Kommunikation zwischen
Die metaphysische Absicherung des Ich bröckelt und Innenwelt und erlebter Außenwelt lässt sich ein Bild in
entsprechend die geschlossene poetische Form. Das der Vorstellungskraft des Rezipienten erzeugen – die
erklärt die so wenig liedhafte Form wie z. B. die des Anschauung. Stefan Scherer charakterisiert das Ge-
dritten und des fünften Gedichtes. Inwiefern die Auf- dicht Geh nicht hinein als »eine idiosynkratisch ver-
lösung der lyrischen Form, die sich in dem Prozess der störte Lyrik am Endpunkt des Erlebnisgedichts, am
88 III Werk – A Gedichte

Rand des Verstummens« (Scherer 2005, 212). Das ly- Literatur


rische Ich in dem Gedichtentwurf An deines Kreuzes Demandt, Christian: Religion und Religionskritik. Berlin
Stamm trat angesichts des Abbildes des an das Kreuz 2010 (Husumer Beiträge zur Storm-Forschung, Bd. 8).
Detering, Heinrich: »Der letzte Lyriker«. Erlebnis und Ge-
geschlagenen Jesus Christus noch in einen Dialog mit dicht – zum Wandel einer poetologischen Kategorie bei
der Figur des Erlösers. Das »Weiter nichts« am Schluss Storm. In: STSG 53 (2004), 25–41.
von Geh nicht hinein impliziert eine poetologische Detering, Heinrich: Die Stimmen und die Stimmung.
Verweigerung des Sprechers, die aus einer welt- Storms Naturgedichte. In: Friederike Reents/Burkhard
anschaulichen resultiert. Das Ich negiert die Hoffnung Meyer-Sickendiek (Hg.): Stimmung und Methode. Tübin-
gen 2013, 219‒234.
auf ein Wiedersehen im Jenseits. In einem Brief an
Häntzschel, Hiltrud: »Das quälende Rätsel des Todes«. Zu
Gottfried Keller erläutert Storm 1879 das Gedicht fol- Theodor Storms Gedichtreihe »Tiefe Schatten«. In: Gün-
gendermaßen: ter Häntzschel (Hg.): Gedichte und Interpretationen, Bd. 4:
Vom Biedermeier zum Bürgerlichen Realismus. Stuttgart
[...]; ich habe darin nur den Eindruck niederlegen wol- 1983, 360–371.
len, den der Anblick eines Gestorbenen, ich glaube, im Jackson, David A.: Storm at the foot of the cross. In: The Ger-
manic Review 59 (1984), 82–89.
Wesentlichen auf Jeden macht, und wogegen es keine
Jackson, David A.: Storms Stellung zum Christentum und
Rettung, als den [so!] des Glaubens an ein Wiederauf- zur christlichen Kirche. In: Brian Coghlan/Karl Ernst Laa-
leben in einem andern Zustande giebt, die aber für ge (Hg.): Theodor Storm und das 19. Jahrhundert. Vorträge
mich nicht vorhanden ist. (Storm–Keller, 55) und Berichte des Internationalen Storm-Symposions aus
Anlaß des 100. Todestages Theodor Storms. Berlin 1989,
David Jackson stellt fest, dass »die Christentumspro- 41–99.
Pastor, Eckart: »Schließe mir die Augen beide ...« Über-
blematik in Storms Gesamtwerk einen zentralen Stel- legungen zum poetischen Kosmos des jungen Storm. In:
lenwert hat« (Jackson 1989, 42). Mit der Erfahrung STSG 32 (1983), 63–73.
von Sterben, Tod und endgültigem Verlust geht – das Scherer, Stefan: Anti-Romantik (Tieck, Storm, Liliencron).
zeigen die untersuchten Gedichtbeispiele – die Suche In: Steffen Martus/Stefan Scherer/Claudia Stockinger
nach einem metaphysisch verankerten Weltbezug und (Hg.): Lyrik im 19. Jahrhundert. Gattungspoetik als Reflexi-
onsmedium der Kultur. Bern 2005, 205–236.
eine kritische Auseinandersetzung mit dem tradierten
Storm, Theodor: Handschriftliche Notizen und Vorarbeiten
Erklärungsmodell des christlichen Unsterblichkeits- zum »Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius.
glaubens einher. Das Resultat ist sowohl beim jungen Eine kritische Anthologie«, 8.° XII. Hamburg 1870
Storm wie auch bei dem gealterten Dichter ein be- (Handschriftenkonvolut StA T4).
klemmendes, wie das folgende, bereits 1848 von Storm, Theodor: Vorwort zu »Deutsche Liebeslieder seit
Storm verfasste Gedicht zeigt: Johann Christian Günther« (1859). In: LL 4, 377–384.
Thomé, H.: Weltanschauung. In: Joachim Ritter(Hg.): His-
torisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. Darmstadt
Wie wenn das Leben wär nichts Andres 2004, 453‒460.
Als das Verbrennen eines Lichts! Wünsch, Marianne: Leben im Zeichen des Todes. Zu Theo-
Verloren geht kein einzig Teilchen, dor Storms Lyrik. In: Gerd Eversberg/David A. Jackson/
Jedoch wir selber gehen ins Nichts! (LL 1, 253) Eckart Pastor (Hg.): Stormlektüren. Festschrift für Karl
Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Würzburg 2000, 255–270.
Diesem »Nichts« überlässt Storm den Leser. Einzig die Anne Petersen
Sprache schuf ein Gegengewicht, doch ist letztendlich
auch sie an ihre Grenzen gestoßen. Geh nicht hinein ist
das letzte große Gedicht Storms.
B Märchen

20 Storms Konzeption des Märchens romantik wichtiger. So orientiert sich Storm etwa in
im literaturgeschichtlichen Der kleine Häwelmann, den er 1849 im Volksbuch auf
das Jahr 1850 für Schleswig, Holstein und Lauenburg
Kontext publiziert, deutlich an dem gebrochenen, ironischen
Ton, der die Eventyr og historier (Märchen und Ge-
»[D]as Märchen hat seinen Kredit verloren; es ist die schichten) von Hans Christian Andersen auszeichnet
Werkstatt des Dilettantismus geworden, der seine (vgl. Detering 2011, 151–176). Dagegen erinnert der
Pfuscherarbeit mit bunten Bildern überkleistert und kurze Zeit später in demselben Volksbuch auf das Jahr
in den zahllosen Jugendschriften einen lebhaften 1851 veröffentlichte Text Stein und Rose, den Storm
Markt damit eröffnet« (LL 4, 387) – Mit dieser Äuße- 1855 in einer erweiterten Fassung unter dem Titel
rung aus dem Vorwort der Geschichten aus der Tonne Hinzelmeier publizieren wird, motivisch und auf-
(1873) reiht sich Storm in die Reihe der prominenten grund seiner grotesk-komischen Szenen und allegori-
Kritiker der Gattung im späteren 19. Jahrhundert ein. schen Tendenzen an das Kunstmärchen der deutschen
So wird das Märchen in nahezu allen Poetiken und Frühromantik. Entsprechende Bezüge zu Texten von
Ästhetiken des Realismus als überholte Textsorte in Novalis, Tieck, Mörike, Eichendorff oder E. T. A.
Szene gesetzt, deren Funktion im Gattungsgefüge von Hoffmann lassen sich leicht herstellen. Die sehr unter-
der Novelle übernommen worden sei (vgl. Fasold schiedlich gestalteten Texte Die Regentrude, Bule-
2003, 70–71). Umso erstaunlicher ist die Tatsache, manns Haus und Der Spiegel des Cyprianus, die Storm
dass Storm nicht nur eine ganze Reihe von Märchen zunächst 1864 und 1865 in den Journalen Illustrirte
veröffentlichte, sondern dass er einige dieser Texte Zeitung und Der Bazar und 1866 als eigenständige Pu-
selbst zu dem Besten zählte, was er geschrieben habe blikation Drei Märchen veröffentlicht, weisen einen
(u. a. in einem Brief an Brinkmann, 9.1.1866, Storm– ähnlichen intertextuellen Referenzrahmen auf. Hier
Brinkmann, 144). wird der Bezug zum Kunstmärchen allerdings deutli-
Bei all dem ist es sicherlich schwierig, im Singular cher durch die Anlehnung an andere Gattungen, wie
von einer Konzeption des Märchens bei Storm zu etwa die Novelle, die Sage, das Schicksalsdrama oder
sprechen. Die sechs Texte, die in den Sämtlichen Wer- die Phantastik überformt.
ken unter dieser Gattungsbezeichnung zusammen- Auch andere Texte, in denen Storm mit dem Mär-
gefasst werden, konstituieren eine sehr heterogene chen spielt, belegen seine breite Auseinandersetzung
Gruppe. Sie erscheinen in sehr unterschiedlichen mit der Gattung. So geht etwa »Das Märchen von den
Kontexten mit unterschiedlichen Adressatenbezügen drei Spinnfrauen«, das Storm als Binnengeschichte in
und weisen eine erstaunliche Bandbreite an unter- die 1845 im Volksbuch auf das Jahr 1846 veröffentlich-
schiedlichen narrativen Verfahren, Stilen und inter- ten Geschichten aus der Tonne integriert, offensichtlich
textuellen Bezügen auf. So trägt etwa das frühe Mär- auf sein Interesse an der Volksliteratur zurück, das
chen Hans Bär, das Storm 1837 in einem vierzehnsei- sich insbesondere in seiner Mitarbeit an der von Karl
tigen handschriftlichen Oktavheft an Bertha von Bu- Viktor Müllenhoff herausgegebenen Sammlung Sa-
chan adressiert, noch deutliche Spuren der gen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig,
Grimmschen Kinder- und Hausmärchen. Sicherlich Holstein und Lauenburg (1845) manifestiert. Dagegen
greift Storm auch in seinen späteren Märchen auf sind anderen Texte – etwa die 1846 unter der Gat-
Handlungsstrukturen, Motive und narrative Verfah- tungsangabe »Märchen-Szenen« veröffentlichte Ver-
ren des Volksmärchens zurück. Hier werden aller- sion des Schneewittchens oder der Nixenchor, den
dings Bezüge zum Kunstmärchen der Früh- und Spät- Storm anlässlich des Besuches von Christian VIII.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_20, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
90 III Werk – B Märchen

1844 in Husum verfasste, – offensichtlich nur als Pa- frühen Arbeiten wurde somit auf Tendenzen einer be-
limpseste zu verstehen, in denen Storm mit den be- wusst realistischen Überformung des romantischen
kannten Vorlagen der Gebrüder Grimm und Ander- Volks- und Kunstmärchens bei Storm aufmerksam
sens spielt. gemacht (vgl. Böttger 1959, 230–238; Lohmeier in LL
Storm selbst betont die Unterschiedlichkeit seiner 4, 573). Jüngere Studien dagegen betonen, dass Storm
Märchen, wenn er sich in seinen Briefen bemüht, sei- seine Märchenproduktion gezielt nutze, um innovati-
ne späteren Texte von seinen früheren Versuchen ab- ve Erzählverfahren und neue Themenspektren zu er-
zugrenzen. Dabei setzt er sich v. a. kritisch mit dem proben, die schließlich Eingang in seine Novellen fin-
Hinzelmeier auseinander, den er als »eine phantas- den und somit die Bandbreite seiner realistischen
tisch-allegorische Dichtung« bezeichnet, »wobei der Darstellungsverfahren erweitern (vgl. Freund 1986;
Dichter nicht mit vollem Glauben seine Geschichte Fasold 2003). Es fragt sich aber, ob Storm die Gattung
erzählt, sondern halb reflectirend daneben steht« des Märchens nicht eher wie Hans Christian Ander-
(Storm–Kuh, 98). In Anlehnung an diesen und andere sen als Experimentierfeld nutzt, um modernistische
Autorkommentare hat Hertha Botzong in ihrer frü- Schreibweisen zu entwickeln, die bewusst mit Tradi-
hen Studie zum Wesen und Wert von Theodor Storms tionen von Romantik und Realismus brechen (in An-
Märchendichtung (1935) versucht, die Genese der sätzen dazu vgl. Conrad 2013). Genau dies soll im Fol-
Gattung bei Storm nachzuzeichnen. Dabei gelangt sie genden am gezielten Spiel mit paratextuellen Rah-
wenig überraschend zu der Feststellung, dass es ihm mungen, an der stark ausgeprägten Autoreflexivität
erst mit den Drei Märchen gelinge, sich vollends von und den elaborierten Erzählverfahren aufgezeigt wer-
den Vorgaben des romantischen Volks- und Kunst- den, welche alle Märchen Storms charakterisieren.
märchens zu lösen und eine eigene Märchenstimme Während die oben zitierten Briefe den Eindruck
zu finden, die durch »[u]rsprüngliches Empfinden, erwecken, dass Storm sich für das Märchen als einer
frei von jeder Reflexion, dichterisches Walten der unmittelbaren und naiven Form der Dichtung stark
Phantasie« geprägt sei (Botzong 1935, 50). macht, verfügen seine gedruckten Kommentare über
Mit dieser Charakterisierung greift Botzong Selbst- eine erheblich größere Komplexität. So äußert er
aussagen Storms auf, der etwa Emil Kuh gegenüber schon im Vorwort der Drei Märchen Zweifel, ob die
äußert: »In puncto meiner ›Märchen‹ versichere ich Texte überhaupt als Märchen bezeichnet werden kön-
Sie, daß ich nicht den leisesten Gedanken an ein Sym- nen: »Wenn ich diese drei Dichtungen Märchen ge-
bolisiren bei der Abfassung gehabt habe [...] – ich habe nannt habe, so bitte ich das nicht genau zu nehmen, in
an nichts dabei gedacht, als an Fixirung der Welt, die dem ›Cyprianus-Spiegel‹ ist wohl der vornehmere Ton
da vor mir aufstieg« (Storm–Kuh, 104). Der Bezug auf der Sage angeschlagen, ›Bulemanns Haus‹ würde viel-
die eigene, ungebrochene Imagination ist genauso leicht passender eine seltsame Historie genannt; nur
zentral wie der Versuch, sich von allegorisierenden das phantastische Element ist allen gemeinsam und
Deutungen abzugrenzen, die seine Märchen in ir- muß die gewählte Bezeichnung rechtfertigen« (LL 4,
gendeiner Weise mit der didaktischen Inanspruch- 385). Bezeichnenderweise wird er die Texte in einer
nahme der Gattung in der Aufklärung oder den ma- zweiten Auflage so auch nicht mehr als Märchen, son-
nieristischen Tendenzen in der Romantik in Bezie- dern mit Rückgriff auf den oben erwähnten, früheren
hung setzen. Wieder und wieder versucht Storm zu Titel als Geschichten aus der Tonne (1873) publizieren.
betonen, dass die Drei Märchen »aus unmittelbarster Die Vorworte beider Sammlungen zeigen, wie reflek-
naiver und hingebendster Anschauung« entstanden tiert Storm mit den Gattungsangaben umgeht und wie
seien, wobei ihn der implizite Bezug zu Theorien der bewusst er von vorneherein zu signalisieren versucht,
naiven Dichtung sogar zu der Behauptung drängt, dass die Texte keineswegs einer traditionellen Gat-
dass er die Drei Märchen »ganz instinctiv im Sinn und tungsnorm folgen. Die Texte werden bewusst als hy-
Geist der Germanischen Mythologie geschrieben« ha- bride Mischformen in Szene gesetzt, die je nach den in
be (Storm–Brinkmann, 144). Anspruch genommenen Gattungsvorgaben als ›Mär-
In der nachfolgenden Forschung wird diese Selbst- chen‹, ›Sagen‹, ›seltsame Historien‹ oder ›Geschichten
stilisierung Storms allerdings in Frage gestellt. So geht aus der Tonne‹ anders gerahmt und interpretiert wer-
man spätestens seit den 1950er Jahren davon aus, dass den können. Dieses kalkulierte Spiel mit der Gattung
sich alle Märchen Storms durch den ambivalenten des Märchens, das Storms Selbstaussagen bezüglich
Rückgriff auf Gattungstraditionen auszeichnen, auf der instinktiven Naivität und Unmittelbarkeit der
die der Dichter »halb reflektierend« Bezug nehme. In Texte in Frage zu stellen hilft, folgt der kalkuliert in-
20 Storms Konzeption des Märchens im literaturgeschichtlichen Kontext 91

szenierten »Zwitterhaftigkeit« (an Mörike, 20.9.1856, den im frühen 19. Jahrhundert publizierten Volks-
Storm–Mörike, 67) des Textes Stein und Rose/Hinzel- und Kunstmärchen angelegt sind. So laden seine Mär-
meier, den Storm zunächst als Ein Märchen veröffent- chen v. a. zu einer kritischen Reflexion über das ro-
licht und später unter der Gattungsgabe »Eine nach- mantische Phantasma der Kindheit ein. Zu Recht hat
denkliche Geschichte«publiziert (s. Kap. B.21). Selbst man darauf aufmerksam gemacht, dass sie in ihrer kri-
die Gattungsbezeichnung »Kindermärchen« unter der tischen Modellbildung der Phasen frühkindlicher Ent-
Der kleine Häwelmann erscheint, ist bei näherer Hin- wicklungen und der entsprechenden familiären Dyna-
sicht zweideutig. Sie verweist auf der einen Seite auf miken psychoanalytische Modelle des 20. Jahrhun-
ein für Kinder geschriebenes Märchen, auf der ande- derts vorwegnehmen (vgl. Detering 2011). Da sich
ren Seite kann sie aber auch auf einen märchenhaften Storm dabei auch auf relativ unverhohlene Darstellun-
Text verweisen, der sich kritisch mit dem Phänomen gen von weiblicher Sexualität einlässt, sind die Texte
der Kindheit beschäftigt. auch aus einer gendertheoretischen Perspektive von
Schon das Spiel mit den Gattungsangaben der Tex- Relevanz. Schon diese in der Forschung ausführlich
te verdeutlicht den ausgeprägten autoreferentiellen behandelten Themen verdeutlichen, dass man Storms
Charakter von Storms Märchen. In den Kindermär- Märchen zu Unrecht mit dem Vorwurf des Eskapismus
chen wird über das Phänomen der Kindheit hinaus begegnete. Ja, in einigen der Texte nutzt Storm die Gat-
auch das Phantasma des Märchens als eine naive kind- tung des Märchens geschickt aus, um sich kritisch mit
liche Form der Literatur kritisch behandelt (Detering dem familiären, ökonomischen und politischen Ima-
2011, 55–65, 147–177). Noch ausgeprägter ist dieser ginären, d. h. mit den zentralen Wunsch- und Wahn-
Zug in den nachfolgenden Märchen bzw. nachdenk- vorstellungen seiner Zeitgenossen, auseinanderzuset-
lichen Geschichten und seltsamen Historien. In Hin- zen. Auch im Hinblick auf diese thematischen Pro-
zelmeier und Die Regentrude operiert Storm recht pla- blemstellungen weisen die in vielerlei Hinsicht ab-
kativ mit der Vorstellung von zwei getrennten Welten, gründigen Märchen weniger in die Romantik zurück
um grundlegende poetologische Fragestellungen zu als in das 20. Jahrhundert voraus.
verhandeln. Bulemanns Haus lässt sich explizit auf das
Wechselverhältnis zwischen Ökonomie und Erzählen Literatur
ein. Noch deutlicher sind die selbstreferentiellen Ten- Botzong, Hertha: Wesen und Wert von Storms Märchendich-
denzen in Der Spiegel des Cyprianus ausgestaltet. Der tung. München 1935.
Böttger, Fritz: Theodor Storm in seiner Zeit. Berlin 1959.
Text kreist nicht nur motivisch um eine buchstäbliche Conrad, Maren: Das realistische Märchen – Ein Oxymoron?
Form der Selbstreflexion, sondern versucht mithilfe »Die Regentrude« als experimenteller Text an den Gren-
von Spiegelungen zwischen Rahmen und Binnen- zen des Realismus. In: STSG 62 (2013), 53–69.
erzählung auch selbstrerefentielle Formen der Narra- Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das
tion umzusetzen. Überhaupt zeichnen sich die Mär- Ende der Romantik. Heide 2011.
Fasold, Regina: Romantische Kunstautonomie versus Realis-
chen Storms durch sehr raffinierte Erzählverfahren
muskonzept um 1864. Über die Bedeutung von Storms
aus, in denen er beispielsweise wieder und wieder auf Märchen für seine realistische Poetik. In: Heinrich Dete-
unterschiedliche Formen der Metalepse rekurriert, ring/Gerd Eversberg (Hg.): Kunstautonomie und literari-
um eine ›nachdenkliche‹ Distanz zum Erzählten zu scher Markt. Konstellationen des Poetischen Realismus.
markieren. Berlin 2003, 65–82.
Dabei erschöpfen sich die Texte keineswegs in der Freund, Winfried: Rückkehr zum Mythos. Mythisches und
symbolisches Erzählen in Theodor Storms Märchen »Die
literarischen Selbstreflexion. Storm nutzt die in den
Regentrude«. In: STSG 35 (1986), 38–47.
Märchen entwickelte distanziert-nachdenkliche Er- Lohmeier, Dieter: Kommentare zu Märchen und Spuk-
zählweise vielmehr konsequent aus, um die weitrei- geschichten. In: LL 4, 570–657.
chenden Problemkomplexe zu vertiefen, die schon in
Klaus Müller-Wille
92 III Werk – B Märchen

21 »Hans Bär«/«Der kleine 1985; Schärer 1993; Fasold 1999). Auf das Häwel-
Häwelmann« (verf. 1837/1849) mann-Märchen haben jedoch nur Hansen (1977) und
Kaiser (1979) hingewiesen; an sie schließt Detering
(2011, 147–177) an. Ein psychologisches Erkenntnis-
Die ersten beiden Märchendichtungen Storms sind interesse richtet sich unter den dort formulierten me-
von den folgenden Kunstmärchen, Texten wie Die Re- thodischen Prämissen auf den realen Autor nur, inso-
gentrude, In Bulemanns Haus oder Der Spiegel des Cy- fern die Kenntnis der Entstehungsumstände und Wir-
prianus, aber auch von den eher an den Traditionen kungsabsichten zum Verständnis der Texte beiträgt.
von Sage und Spukgeschichte orientierten Geschichten Diese werden als Analogiephänomene nicht zu psy-
aus der Tonne deutlich unterschieden. Hans Bär (1837) chischen Prozessen, sondern zu impliziten oder expli-
und Der kleine Häwelmann (1849) präsentieren sich, ziten psychologischen Modellbildungen aufgefasst.
mit dem Untertitel des letzteren Textes, ausdrücklich Die Literarizität des Textes ist dabei als Bestandteil ei-
als »Kindermärchen«. Sie sind es im doppelten Wort- nes komplexen Zusammenhangs von Modellbildung
sinne: als Texte, die in der Nachfolge des von Wilhelm und Erzählverfahren zu interpretieren.
Grimm in der Vorrede zu den Kinder- und Hausmär-
chen formulierten romantischen Programms stehen,
und als Texte, die sich auch thematisch mit Kindheit 21.1 »Hans Bär«
und Adoleszenz befassen. Sie beziehen sich sowohl auf
die für diese und zahllose weitere Märchen aller Zeiten Storms erstes Kunstmärchen Hans Bär (1837), als pri-
und Kulturen zentrale anthropologische Grunderfah- vates Schreiben an eine einzige Leserin adressiert, ist
rung der Adoleszenz (wie unter den bekanntesten in nur einem Exemplar erhalten, blieb zu Lebzeiten
Grimmschen Kindermärchen etwa die Geschichten des Autors unpubliziert und wurde erst knapp ein
von Hänsel und Gretel oder vom Froschkönig) als auch Jahrhundert später veröffentlicht, im Jahr 1930 in ei-
auf die spezifisch romantische Verklärung von Kind- nem Privatdruck in Hamburg (R. Johannes Meyer:
heit und Kindlichkeit als vermeintlicher Verkörperung Bertha von Buchan und Theodor Storm, dort 17–38).
und Vergegenwärtigung einer verlorenen Heilszeit, Storm schickte das Märchen als Weihnachtsgeschenk
wie sie, anknüpfend an Novalis und Philipp Otto Run- 1837 an die geliebte kindliche Freundin Bertha von
ge, in Wilhelm Grimms Vorrede zu den Kinder- und Buchan in Altona, als vierzehnseitiges handschriftli-
Hausmärchen proklamiert wird – einem Text, der ches Oktavheft (StA). Darin beginnt der Text nicht wie
Storm wie viele andere Kindheits-Texte der Romantik in den postumen Drucken erst mit dem ersten Satz
vertraut war (dazu Detering 2011, 55–64). der Erzählung, sondern bereits mit der Zueignung:
In beiden Märchen wird zudem das Märchenerzäh- »Hans Bär. Ein Mährlein erzählt von H. Th. W. Storm.
len selbst in seiner psychischen und pädagogischen Seiner jungen Freundinn [sic] Bertha v Buchan ge-
Bedeutung für das lesende oder hörende Kind reflek- widmet vom Verfasser« (LL 4, 575). Der explizite Ad-
tiert – in einem als Begleittext zu Hans Bär verfassten ressatenbezug wiederholt sich im ersten Absatz des
Gedicht und in der überraschenden narrativen Wen- Textes: »wie ich dir sogleich erzählen werde. –«.
dung am Ende des Kleinen Häwelmann. Beide Texte In einem Brief an Berthas Pflegemutter Therese Ro-
erfordern daher eine Lektüre, die sie einerseits auf die wohl spricht Storm Anfang März 1838 von seinem
von Storm adaptierten Erzählschemata romantischer Wunsch, »meine kleine Arbeit in Berthas Hände zu le-
und postromantischer Märchendichtung und ande- gen; es hat etwas beseligendes für mich, das was ich in
rerseits auf Storms implizite Konzepte von Kinderpsy- meinen unschuldigen Stunden gedacht u geschrieben
chologie und darüber hinaus von Persönlichkeitsfor- habe, von gläubigen Kinderseelen gelesen zu wissen.
mung bezieht (zu diesem Kontext Dimitropoulou Bertha ist aber das einzige Kind, dem ich mich auf die-
2004). Diese Konzepte arbeiten den Modellen Sig- se Weise mittheilen kann u mag« (StA; Abdruck bei
mund Freuds zum frühkindlichen Narzissmus vor Eversberg 1995, 101). Storm widmet das Märchen als
(der sich ja mehrfach auf Texte des Realismus beruft); das romantische Genre par excellence einem roman-
für eine differenzierte literaturpsychologische Text- tisch verklärten Kind.
analyse sind Weiterentwicklungen der Modelle bei Hans Bär gilt in der Storm-Forschung als begabte,
Kohut, Goldberg und Kernberg hilfreich. In der aber offenkundig noch unbeholfene Übung, die ein-
Storm-Forschung sind diese Perspektiven seit den zelne Grimmsche Motive und Erzählschemata kom-
1980er Jahren wahrgenommen worden (Roebling biniert und variiert (vgl. Lohmeier, LL 4, 576 f.). Wie

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_21, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
21 »Hans Bär«/«Der kleine Häwelmann« (verf. 1837/1849) 93

der junge Storm sich mit Tycho und Theodor Momm- Narzissmus des Kindes befriedigt. Dessen über-
sen, dann auch Müllenhoff auf die Suche nach den menschliche Stärke ist fortan doppelt motiviert. Hans
Märchen, Sagen und Sprichwörtern Schleswig-Hol- ist einerseits so stark, weil er von der Bärin gesäugt
steins macht und damit zum Miturheber der ersten worden ist; andererseits aber (und im erzählerischen
deutschen Märchensammlung nach dem Vorbild der Widerspruch dazu) war ja er es schon von Geburt an.
Kinder- und Hausmärchen wird (Trende 1997), so ver- Einerseits also erfährt er sich als wesenhaft von der
sucht er sich nun an einem Kunstmärchen, das mit Mutterinstanz abhängig, andererseits setzt sich sein
Motiven des »Volksmärchens« experimentiert. (Mo- narzisstisches Größen-Selbst in Opposition zu ihr.
tiv- und Formulierungsähnlichkeiten bestehen zu Das Diese Grundspannung führt, da »Hänschen nun im-
tapfere Schneiderlein, KHM 20, und Der junge Riese, mer stärker und größer« wird (12), zum Adoleszenz-
KHM 90; zudem verbinden sich Anklänge an den konflikt. Die Übermutter will das Kind in seiner kindli-
Herkules-Mythos mit dem alten, bis in Kiplings chen Abhängigkeit fixieren, indem sie es einsperrt im
Dschungelbuch fortwirkenden Mythologem vom Bä- uterinen Innenraum ihrer Höhle und einen »bösen
renjungen; vgl. Rölleke 2002; Thompson 1955, 448.) Stein« vor die Öffnung rollt – die Bezeichnung mar-
Doch in Storms Erzählung werden individuelle sig- kiert eine Verschiebung der Aggression: nicht die Mut-
nifikante Verschiebungen sichtbar, die Züge einer ter selbst ist böse, nur der von ihr benutzte Stein ist es –,
noch vergleichsweise naiv geführten Auseinanderset- Hans aber kämpft sich frei und flieht »in die Fremde«.
zung mit kindlicher Adoleszenz in der bürgerlichen In der so beginnenden dritten Handlungssequenz
Kleinfamilie erkennen lassen. erzwingt der aus der Mutter-Kind-Dyade gewaltsam
Hans Bär erzählt von seelischer und körperlicher ausgebrochene Knabe, abermals gewaltsam, die über-
Gewalt, die familiale Strukturen zunächst gefährdet, fällige Triangulierung: Als seine Bärenkräfte bei den
dann in sie integriert und so schließlich gebändigt Bauersleuten, in deren Dienst er tritt, »ein gewaltiges
wird. Bereits von Geburt an ist der kleine Hans hoch- Fürchten« auslösen (15) und sie ihm heimlich nach
begabt: ausgezeichnet durch wunderbare Körperkraft. dem Leben trachten, erwirbt er sich einen beschüt-
Sie hebt ihn über seine Familie hinaus und erlaubt es zenden Vater. Es ist der – wiederum dem Figuren-
ihm, den »ungeheure[n] Bär[en]« (LL 4, 11) zu über- arsenal des Volksmärchens entstammende – König,
winden, der ihn eines Tages unverhofft töten will. Aus- der ihm seine Tochter und das halbe Königreich ver-
löser des Konflikts ist eine dramatische Störung im fa- spricht und ihn mit den Worten »mein Sohn« an-
milialen Gefüge, auf der Seite des Gewalttäters: Dem redet. Da der König keine Frau mehr hat, ergibt sich
Bär haben zuvor bereits »die Jäger seine beiden Jungen sukzessive eine ideale Kleinfamilie aus Bärenmutter,
genommen, worüber er sehr betrübt war, und Tag und Königsvater und Kind.
Nacht vor Schmerz im Walde umherheulte« (ebd.). Dieser neue Vater ist von vornherein keine feind-
Um »Rache zu nehmen an den bösen Menschen« liche, sondern eine fördernde Instanz. Auch ihm ge-
(ebd.), will er den kleinen Hans fressen. In dem Au- genüber jedoch muss Hans’ Selbstbehauptungswille
genblick jedoch, in dem Hans ihn »tapfer« bekämpft, sich durchsetzen. So lässt Storms Erzählung, um Hans
vollzieht sich eine ebenso überraschende wie unkom- nicht zum Mörder eines Vaters werden zu lassen, der
mentierte Verwandlung. Der böse Bärenvater erweist ihn bis zur Selbstaufgabe fördert, seinen Helden er-
sich unversehens als liebende Mutter. Angesichts von satzweise, und sozial nutzbringend, einen »abscheuli-
Hans’ Tapferkeit, denkt der Bär: »Den Jungen solltest che[n] Riesen« erschlagen (17) – woraufhin sich, nicht
du mit in deine Höhle nehmen, und ihn säugen mit anders als zuvor in der Transformation des besiegten
deiner Milch, und ihn so stark machen, wie es wohl Bären zur liebenden Mutter, die Funktion des väterli-
sonst deine eignen Bärlein geworden wären« (ebd.); chen Königs wandelt. In einer so schicklichen wie
der hasserfüllte Tötungsversuch wandelt sich zur lie- glücklichen Koinzidenz mit dem Tod des Riesen
benden Adoption. So wird Hans nicht ›sein‹, sondern schwindet seine Autorität, ja seine Körperkraft; seine
»ihr neues Pflegesöhnlein« (12): Statt als Bärenvater Lebenszeit reicht gerade noch aus, »mein Sohn, daß
Rache zu nehmen, erkämpft sich die Bärenmutter das ich dich zu der Prinzessin, meiner Tochter, führe und
entbehrte Kind. dir die Hälfte meines Reiches abtrete« (18 f.). Da er da-
Ineins damit aber erkämpft sich auch das Kind eine mit »nun auch die andre Hälfte des Reichs von seinem
seiner Besonderheit würdige Mutter. Aus Gewalt und Schwiegervater geerbt hatte« (19; die bürgerliche Ver-
Gegengewalt entsteht eine verspätete Mutter-Kind- wandtschaftsbezeichnung ist eine aufschlussreiche
Dyade, die mit dem Muttertrieb des Bären auch den Störung des Märchentons), herrscht Hans nun restlos.
94 III Werk – B Märchen

Fortan heißt er im Text einfach »der König« oder und schlank / Durch die Zaubermacht der Saiten /
»König Hans«. In der neugewonnenen Souveränität Rückwärts in die Kindheit sang« (Handschriftenvari-
sucht er die Wunden zu heilen, die er auf dem Weg ante aus dem Nachlass Bertha von Buchans, vgl. LL 1,
dorthin geschlagen hat. Die schon fast vergessenen 933 f.). Wieder zeigt die Metaphorik die Nähe des Tex-
leiblichen Eltern beeilt er sich »nach seiner Residenz tes zu romantischen Konzepten von »Märchen« und
zu nehmen«; auch mit seiner »alte[n] Pflegemutter« »Kindheit«, wie Storm sie in Wilhelm Grimms Vor-
versöhnt er sich, der parallel zum Aufstieg ihres Pfle- rede zu den Kinder- und Hausmärchen gelesen hatte.
gekindes geschwächten und nun (eine abermals be- In ihrem Dankbrief vom 15.3.1838 bringt sich Ber-
zeichnende Koinzidenz) sterbenskranken Bärenmut- tha von Buchan gegen diese Rollenzuschreibung
ter. In liebevollem Großmut zeigt König Hans sich als selbstbewusst zur Geltung, die dem Verfasser nicht
treusorgender Sohn seiner einst tödlichen und jetzt als Geliebte antwortet, sondern als gleichberechtigte
wehrlos gewordenen Feindin, die ihrem Sohn nun die Kritikerin. Sie beurteilt abwägend den Charakter des
Hände lecken muss und mit einem »dankbaren Blick Helden, hebt lobend eine »prächtige Szene« hervor
auf den König und seine Gemahlin« an Entkräftung und nennt abschließend »Dein Mährchen [...] hübsch
verendet. Inmitten seiner somit restlos entmächtigten und erbaulich« (Eversberg 1995, 103). Börner ver-
Elterninstanzen triumphiert am Ende »Hans Bär, der weist in diesem Zusammenhang auf eine unheimli-
König« (20). che Strukturhomologie zwischen den im Text imagi-
Als Ziel dieser Erzählung erscheint nicht wie im ge- nierten und den durch den Text lebensweltlich reali-
wohnten Schema der Grimmschen Adoleszenz-Mär- sierten Machtphantasien: In ihrem Brief reflektiere
chen die Hochzeit, sondern vielmehr diese restlose, Bertha als eine Hoffmannsche »Olimpia« »den Zau-
von allen Elterninstanzen akklamierte Herrschaft des ber der Poesie direkt wieder auf den narzißtischen
Sohnes. Die Königstochter bleibt kontur-, wort- und Künstler«; so lasse sie Storm »im geschlossenen Kreis-
tatenlos. Im narrativen Funktionsgefüge figuriert sie lauf seiner eigenen Schöpfung vollständig aufgehen«
lediglich als Attribut der Macht, als Gegenfigur der (Börner 2009, 386).
Mutter (mit deren Tod ihr Besitz korreliert ist), und
als Gabe im ›male bonding‹ zwischen Königsvater und
Sohn. Die Hochzeit wird weder dargestellt noch auch 21.2 »Der kleine Häwelmann. Ein Kinder-
nur formelhaft resümiert. Vielmehr zielt die Dynamik märchen«
der Erzählung ausschließlich auf die Erfüllung der
narzisstischen Allmachtsphantasien von der Herr- Geschrieben wurde Der kleine Häwelmann 1849; ge-
schaft eines Mannes, der als »Hans Bär« zugleich »Kö- gen Ende dieses Jahres erschien er in Karl Biernatzkis
nig Hans« ist: das von aller elterlichen Gewalt befreite, Volksbuch, umrankt von einem ›biedermeierlichen‹
für immer allmächtige Kind. Kranz einzelner Szenenillustrationen; eine Hand-
Die Leserin, der Storm dieses Märchen zueignet, ist schrift ist nicht erhalten. In den Fassungen, die Storm
um dieselbe Zeit auch die Adressatin eines Gedichts, in die Ausgaben Sommer-Geschichten und Lieder
das die lebensweltliche psychosoziale Funktion des (1851), die Sammlung In der Sommer-Mondnacht
Textes kommentiert. Zufolge diesem unmissverständ- (1860) und in die Ausgabe seiner Schriften (1861) auf-
lichen Selbstkommentar soll das Märchen dazu füh- nahm, wurden eine Reihe kleinerer, aber nicht unwe-
ren, die nur als ein Kind Begehrte in ihrer Kindlichkeit sentlicher Änderungen vorgenommen (vgl. LL 4,
zu fixieren; es ist (ohne dass dem Verfasser diese Ana- 581). Das in den späteren Ausgaben gestrichene Mot-
logie offenbar aufgefallen wäre) selbst der »böse to »Weil’s doch jetzt Zeit ist, Märchen zu erzählen«
Stein«, der sie in der Höhle festhalten soll. Die Über- (579) spielt auf diese auch ihn selbst unmittelbar be-
schrift »Zum Weihnachten. (Mit Märchen.)« bezieht treffenden Zeitumstände an. Zugleich eröffnet es eine
das Gedicht unmittelbar auf Hans Bär. Mit der Auffor- zusätzliche, aus dem erzählten Geschehen selbst nicht
derung »Mädchen, in die Kinderschuhe / Tritt noch ableitbare politische Deutungsperspektive des Textes:
einmal mir behend« (LL 1, 209) eröffnet es die explizi- als einer – auf die Repression der schleswig-holsteini-
te Wunschphantasie, wie der Verfasser »die ganze schen Demokraten durch die dänische Monarchie be-
Nacht« lang erzählen werde »Von Hans Bärlein, der ziehbaren – Allegorie von Selbstüberhebung und
im Streite / Einen Riesenritter schlug, / Der die Kö- Scheitern (vgl. Lohmeier, LL 4, 579). Dank zahlreicher
nigstochter freite, Endlich gar die Krone trug; // Von Einzelausgaben als Kinder-, zumeist als Bilderbuch in
dem Sänger aus der Weiten, / Der ein Mädchen groß Deutschland und in einer Fülle von Übersetzungen
21 »Hans Bär«/«Der kleine Häwelmann« (verf. 1837/1849) 95

wurde Der kleine Häwelmann einer der weltweit wir- chen, grammatisch männlich ist). Doch die Triangu-
kungsmächtigsten Texte Storms überhaupt. lierung misslingt. Die durch den väterlichen Schutz
Schon durch die Überschrift gibt sich der Text als ermöglichte Passage führt durch das enge Schlüssel-
ein Kindermärchen im strikten Sinne zu erkennen. loch hinaus aus der Mutter-Kind-Dyade in eine Diffe-
»Häwelmann« ist die in Schleswig-Holstein zur Zeit renzierung von Selbst und Objekt: in die Welt. Die
Storms gebräuchliche Bezeichnung für ein »Hätschel- Überkompensation der ursprünglichen Verlusterfah-
kind«. Es ist also kein individueller Name, sondern rung aber erzeugt ein narzisstisches Größen-Selbst,
meint das (hier wie in Hans Bär wieder männliche) das sich in zunehmend hybriden Allmachtsgefühlen
Kleinkind schlechthin. Wie in Hans Bär, so geht es bestätigen will: alle Menschen der Stadt, alle Tiere des
auch hier um die Allmachtsphantasien eines früh- Waldes, schließlich alle Sterne des Himmels sollen ihn
kindlichen Narzissmus – und, anders als dort, um ihr sehen, wie er in seinem Rollbett in komisch-majestäti-
Scheitern und um ihre Bearbeitung im Modus des Ge- scher Grandiosität vorüberfährt. Jeder neue Bestäti-
schichtenerzählens selbst. Wie in der realen Entste- gungsversuch aber führt nur in weitere Kränkungen:
hungsgeschichte, so ist das Märchen auch in der text- Die schlafende Stadt ist menschenleer, im Wald ruhen
internen Kommunikation als mündliche Erzählung die Tiere, die Sterne fliehen vor Häwelmanns Wildheit
eines Vaters an das eigene Kind markiert. Im Gegen- aus dem Himmel –, bis das letzte Aufbegehren ihn
satz aber zum programmatisch monologischen Hans schließlich an den Rand eines Selbstverlustes führt,
Bär wird dabei die monologische Erzählinstanz pro- der als gewaltsamer Tod erzählt wird: Die aufgehende
duktiv distanzschaffend aufgespalten. Sonne wirft den Empor-Kömmling ins Meer, und –
Zwölf Jahre nach Hans Bär hat Storm eine neue wie die Erzählstimme sarkastisch kommentiert –
Schreibposition erreicht. Nun erzählt er seine Ge- »[d]a konnte er schwimmen lernen« (LL 4, 24). In der
schichte als Ehemann und Vater eines kleinen Jungen, kosmischen Steigerung seines Größenverlangens hat
dessen erste Sozialisation er aufmerksam beobachtet das Kind auch die einzig hilfreiche Objektbeziehung
und dem er den Namen »Hans« gegeben hat. Es sei, zum Vater zerstört, erfährt sich als isoliert und ohn-
schreibt er in einem Brief vom 14.10.1850, »das Ro- mächtig, bis am Ende die nun ihrerseits ins Kosmische
mantische, was ich ihm mit seinem Namen habe an- gesteigerte Mutterinstanz die traumatische Ausgangs-
taufen lassen«; im selben Brief nennt er seinen Sohn erfahrung wiederholt. Und diesmal wird die Zurück-
»Dieser kleine Hävelmann« (an Laura Setzer, Storm– weisung, die dort nur schmerzhaft war, tödlich. (Die
Brinkmann, 24). Das Märchen schildere, so hat Ger- Konstellation von gütig-starkem Vater und tödlicher
hard Kaiser pointiert bemerkt, »Urerlebnisse eines Gewalt der Mutter ist dieselbe wie in Hans Bär.) Mehr
Sohnes, der nun selbst zu einem Sohn spricht« (Kaiser noch: Mit Häwelmanns Verlassenheit im Himmel
1979, 428). Als analytischer Beobachter ebenjenes En- überschreitet Storms Text für einen Augenblick die
des der frühkindlichen Einheitserfahrung, um das Grenzen des »Kindermärchens« und zeigt ein Bild
sein Frühwerk mit Texten wie Hans Bär und den Bu- metaphysischer Obdachlosigkeit, das an die nihilisti-
chan-Gedichten kreiste, gewinnt Storm nun erzäh- sche Märchenparodie über das Kind im leeren Him-
lend Distanz zu den dort überwältigenden traumati- mel in Büchners Woyzeck ebenso erinnert wie an
schen Erfahrungen und reflektiert über die therapeu- Nietzsches Parabel Der tolle Mensch (1882).
tischen Möglichkeiten des Erzählens selbst. So ist es Häwelmanns Unfähigkeit, seinen Narziss-
Das Häwelmann-Märchen erscheint retrospektiv mus zu überwinden, die ihn zugrunde gehen und sei-
wie eine Entfaltung von Arthur Drummonds viktoria- ne Welt zerbrechen lässt – allerdings nur beinahe.
nischem Gemälde, auf dem zwei Londoner Polizisten Denn in einer romantisch-ironischen mise-en-abyme
den Straßenverkehr aufhalten, damit eine Kinderfrau öffnet sich die Erzählung in den letzten Zeilen zur Er-
mit einem kleinen Kind die Straße überqueren kann: zählsituation. »Und dann?« (24), fragt eine bislang un-
»His Majesty the Baby«. Freud zitiert diesen Titel 1914 bekannte zweite Stimme gleichsam in den Text hinein,
in seiner Studie Zur Einführung des Narzißmus als Il- und der nun erst als Figur in einem Dialog erkennbare
lustration des »primären Narzißmus« (Freud 1997, 57). Erzähler antwortet: »Ja und dann? Weißt du nicht
Storms idealtypischer Häwelmann erlebt den mehr? Wenn ich und du nicht gekommen wären und
Schlaf der bis dahin unbedingt verfügbaren Mutter als den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen
erste narzisstische Kränkung, aus der ihm die Vater- hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können!«
instanz des guten Mondes heraushelfen soll (der im (ebd.). Die mit diesen Sätzen angedeutete Erzählsitua-
Deutschen, anders als in den meisten anderen Spra- tion zwischen Eltern und Kind führt die Rettung her-
96 III Werk – B Märchen

bei, die in der erzählten Welt unmöglich schien. Die Freud, Sigmund: Zur Einführung des Narzißmus. In: Ders.:
Erzählung rettet das Kind, indem sie es als gerettetes Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe, Bd. III.
und zur Rettung anderer fähiges, gereiftes – und damit Frankfurt a. M. 1997, 37–68.
Goldberg, Arnold: Selbstpsychologie und narzißtische Per-
dem erzählten Häwelmann schon überlegenes – Kind sönlichkeitsstörungen. In: Otto Kernberg (Hg.): Narziß-
voraussetzt. (Die selbstironische Reflexion, das Spiel tische Persönlichkeitsstörungen. Stuttgart/New York 1996,
mit logischen Unstimmigkeiten der erzählten Welt, 255–264.
der humoristische Tonfall und das Hervortreten des Grimm, Jacob und Wilhelm: Kinder- und Hausmärchen.
Erzählers in expliziten Leseranreden verdanken sich Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der
Brüder Grimm. Hg. v. Heinz Rölleke, Bd. 1–3. Stuttgart
Storms früher Lektüre der Kunstmärchen Hans Chris-
1980.
tian Andersens, der lebenslang einer seiner Lieblings- Hansen, Hans-Sievert: Narzißmus in Storms Märchen. In:
autoren blieb; dazu Lehmann 2007, 129; Detering STSG 26 (1977), 37– 56.
2011). Mit seiner metafiktionalen Schlusswendung Kaiser, Gerhard: »Aquis submersus« – versunkene Kindheit.
zielt das Märchen direkt auf eine Stärkung des realisti- Ein literaturpsychologischer Versuch über Theodor
schen Selbstkonzepts. Im gemeinsamen aktiven Ein- Storm. In: Euphorion 73 (1979), 410–434.
Kernberg, Otto (Hg.): Narzißtische Persönlichkeitsstörungen.
greifen werden Selbst- und Objektbeziehung inte- Stuttgart/New York 1996.
griert, sind gleichstark und gleichberechtigt. Kohut, Heinz: Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalyti-
Die Erzählung unterstellt und vollzieht damit selbst schen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen.
im Erzählakt das gelungene Ergebnis des Entwick- Frankfurt a. M. 1973.
lungsprozesses, an dem der kleine Häwelmann schei- Lehmann, Wilhelm: Erinnerung und Landschaft. Zu Theo-
dor Storms hundertfünfzigstem Geburtstag. In: Ders.:
tert. Erst dieses Umkippen von der erzählten Psycho-
Essays II. Gesammelte Werke in acht Bänden, Bd. 7. Hg. v.
logie in die Psychologie des Erzählens hebt Storms Wolfgang Menzel. Stuttgart 2007, 127–131.
Kindermärchen über eine vergnüglich kindgemäße Lohmeier, Dieter: Kommentar zu »Hans Bär«. In: LL 4, 575–
Darstellung des primären Narzissmus hinaus und 578.
macht es zu einer Modellerzählung auch über das Ver- Lohmeier, Dieter: Kommentar zu »Der kleine Häwelmann«.
hältnis von Kinderpsychologie und Erzählverfahren. In: LL 4, 579–581.
Roebling, Irmgard: Prinzip Heimat – eine regressive Utopie?
Zur Interpretation von Theodor Storms »Regentrude«. In:
Literatur STSG 34 (1985), 55–66.
Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die Rölleke, Heinz: »Hans Bär«. Theodor Storms früheste Mär-
Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009. chendichtung intertextuell. In: STSG 51 (2002), 69–72.
Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das Schärer, Hans-Rudolf und Peter: »Mit einer schönen Wunde
Ende der Romantik. Heide 2011. kam ich auf die Welt«: Literaturwissenschaft und Narziß-
Dimitropoulou, Dimitra: Bürgerliches Erziehungsverhalten mustheorie. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik
und Persönlichkeitsformung im Spätwerk Theodor Storms. XXV/1 (1993), 25–86.
Berlin 2004. Thompson, Stith (Hg.): Motif-Index of Folk-Literature. Bd. 1.
Eversberg, Gerd (Hg.): Storms erste große Liebe. Theodor Kopenhagen 1955.
Storm und Bertha von Buchan in Gedichten und Dokumen- Trende, Frank: »Dem Zauber des Märchens gibt sich jeder
ten. Heide 1995. willig hin«. In: Ders. (Hg.): Schleswig-Holsteinisches Mär-
Fasold, Regina: Narzißmus und Formdrang in Theodor chenbuch aus der Müllenhoffschen Sammlung. Heide 1997,
Storms Novelle »Auf dem Staatshof« (1859). In: David A. 163–189.
Jackson/Mark G. Ward (Hg.): Theodor Storm – Narrative
Strategies and Patriarchy / Theodor Storm – Erzählstrate- Heinrich Detering
gien und Patriarchat. Lewiston, N. Y. 1999, 23–47.
22 »Stein und Rose« (1850)/ »Hinzelmeier« (1855) 97

22 »Stein und Rose« (1850)/ rig, denn »der Eingänge sind viele, und oft verwun-
»Hinzelmeier« (1855) derliche« (31). Im Anschluss an die Offenbarung des
Geheimnisses und den Rat der Mutter, dass der Weg
»mitunter auch durch’s Fenster« (31) führen kann,
Erstveröffentlichung unter dem Titel Stein und Rose zieht Hinzelmeier in die Welt hinaus, um den Stein
(Ein Märchen) im Volksbuch auf das Jahr 1851 für der Weisen zu suchen. Dafür verbringt er zwei Jahre
Schleswig, Holstein und Lauenburg, hg. von Karl Bier- bei einem Meister, der ihn dann mit einem Raben na-
natzki, Altona 1850, 117–138. Zu Beginn der Pots- mens Krahirius entlässt, welcher eine grüne Brille auf
damer Zeit 1853/54 wurden vor allem die Kapitel  5 dem Schnabel trägt. Als Hinzelmeier in der Küche ei-
und 7 von Storm stark überarbeitet (vgl. Storm– nes Bauernhofes in lebhafte Stimmung verfällt und
Brinkmann, 24.3.1857). Die neue Fassung erschien die von der Mutter erlernten Lieder singt, öffnet sich
1855 mit dem Titel Hinzelmeier. Eine nachdenkliche in der Wand ein Fenster, durch das ein Mädchen hi-
Geschichte in der Schlesischen Zeitung, Breslau 1855, nausschaut, in dessen Hintergrund Rosenbüsche zu
Nr. 592, 594, 596 u. 598. Nur mit geringfügigen Ver- erkennen sind; noch bevor er zu ihr hineinsteigen
änderungen wurde diese Textfassung für die erste kann, lässt ihm der Rabe seine grüne Brille auf die
Buchausgabe (Berlin: Duncker 1857) sowie die Aus- Nase fallen und die Szenerie verschwindet. Stattdes-
gabe der Sämmtlichen Schriften (Braunschweig: Wes- sen erblickt Hinzelmeier eine Gestalt in einem tiefen
termann 1868), Bd. 6, 149–199 übernommen. Im In- Felsenkessel, die sich ihm als der Teufel vorstellt.
haltsverzeichnis der Sämmtlichen Schriften ist der Ti- Nachdem dieser ihm seinen Plan eröffnet hat, die
tel mit der Anmerkung »Husum 1850« versehen. Welt in die Luft sprengen zu wollen, beschließt Hin-
zelmeier, den Teufel »aus der Welt zu schießen« (41).
Als er auf seinen weiteren Wanderungen in einem
Inhalt
Wirtshaus einkehrt, erfährt er, dass die Rosenjung-
Das Märchen gliedert sich in neun Kapitel, die die Le- frau nach ihm gefragt hat. Er findet sie in einem alten
bensgeschichte eines jungen Mannes namens Hinzel- Haus in der Stadt und erkennt zu seinem Erstaunen in
meier erzählen. Seine Eltern sind dafür bekannt, dass ihr sein eigenes, junges Bild wieder. Erneut wird die
sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters jung und schön Szenerie durch den Raben unterbrochen; die grüne
geblieben sind. Als kleiner Junge beobachtet Hinzel- Brille lässt Hinzelmeier diesmal eine Gestalt erbli-
meier, wie seine Mutter, die schöne Frau Abel, in einer cken, die nachdenklich auf einem Stein sitzt. Sein al-
weißen Wand des Hauses verschwindet und dann chemistischer Kollege Nachbars Kasperle erklärt ihm,
umgeben von seltsamem Rosenduft wieder zurück- dass er den Stein der Weisen gefunden habe, nun aber
kehrt. Einige Jahre später ergibt sich für Hinzelmeier darüber nachdenke, wozu er nütze sei. Als Hinzel-
die Möglichkeit, diesem wunderlichen Vorgang nach- meier die Brille wieder von der Nase nimmt, wird ihm
zugehen. In der Wand entdeckt er den Zipfel des klar, dass der Stein ein Lederkäse ist und man ihn es-
Schnupftuchs seiner Mutter, mit dem diese damals sen müsse. Anschließend macht sich Hinzelmeier er-
drei Mal gegen die Wand geschlagen hatte. Er tut es neut auf den Weg. Zu Beginn des letzten Kapitels wie-
ihr nach, schlüpft durch die Wand und landet auf dem derholt sich die Szene im Wirtshaus: Die Rosenjung-
Dachboden des Hauses zwischen allerlei familiärem frau fragt nach ihm; Hinzelmeier allerdings legt sich
Gerümpel. Als er durch das Schlüsselloch der Dach- schlafen und träumt von seiner Mutter, die ihn mahnt
bodentür schaut, erblickt er einen Schrein, vor dem »Vergiß die Rose nicht!« (49). Während des Traums
seine Eltern knien und den Gesang »Rinke, ranke Ro- lässt der Rabe zum dritten Mal die Brille auf Hinzel-
senschein« anstimmen (LL 4, 29). Zum Vorschein meiers Nase fallen, worauf diesem ein »weites, ödes
kommt eine Rose, die rosenroten Nebel verstreut. In Feld« und ein »grauer, flacher Stein« (50) erscheinen.
der Folge eröffnet seine Mutter ihm das Geheimnis Viele Stunden wandert er dem Stein entgegen; als er
der Familie. Sie erzählt von einem Rosengarten, in zuletzt erschöpft an ihm niedersinkt, fällt ihm die
dem jede Rose von einer Jungfrau gepflegt wird. Die Brille von der Nase und am Horizont zeigt sich die
Blumen stehen jeweils für einen Rosenherren, dessen Rosenjungfrau in weißer Gestalt. Hinzelmeier jedoch
Aufgabe es ist, den Garten ausfindig zu machen und hat keine Kraft mehr aufzustehen. Er stirbt und wird
seine Jungfrau aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. von Schneeflocken bedeckt. Mit der Sonne kommt
Die Herausforderung »den rechten Weg [zum Rosen- die Rosenjungfrau und pflanzt ihre Rose an den Stein.
garten] zu finden« erweist sich allerdings als schwie- Den Raben schleudert sie in die Luft, zerreißt ihr wei-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_22, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
98 III Werk – B Märchen

ßes Kleid und geht in die Gefangenschaft des Rosen- deuten auf Einflüsse E. T. A. Hoffmanns (vgl. Schuster
gartens zurück. 1998, 133–136) oder Ludwig Tiecks hin. Auch Eichen-
dorffs Dichter und ihre Gesellen (1834) oder Hans
Christian Andersens Schneekönigin (1844) werden
Deutung
von der Forschung als mögliche Vorbilder genannt.
Hinzelmeier gehört zu Storms frühen Märchen. Er hat Eine eindeutige Vorlage für Hinzelmeier lässt sich al-
es in die Sammlung Drei Märchen von 1866 nicht auf- lerdings nicht bestimmen.
genommen. Aus seinen Briefkorrespondenzen geht Auch das Element eines selbstreflexiven Bezugs auf
eine recht ambivalente Selbsteinschätzung des Textes Kunst und Poesie ist im Text deutlich angelegt. Hin-
hervor. In einem Brief an seinen Vater vom 24.1.1856 zelmeiers Aufgaben stehen dabei für unterschiedliche
spricht er von einer »wirklich anmutige[n] Arbeit« Konzeptionen: Zum einen tritt er als Vertreter des be-
(GB 1, 299); gegenüber Friedrich Eggers gibt er hin- sonderen Geschlechts der Rosenherren auf, um die
gegen einen »Grundfehler« in der Konzeption des sich ein wunderbares Geheimnis rankt, das aus-
Textes zu, den er darin sieht, dass er hier versucht habe schließlich durch die mündliche Erzählung und die
»einen Begriff [...] durch eine Sache dar[zu]stellen« Lieder der Mutter vermittelt werden kann. Zum ande-
(Storm–Eggers, 34 f.). Gegenüber Mörike spricht er ren zieht Hinzelmeier in die Welt hinaus, um »eine
von der »Zwitterhaftigkeit« des Textes (Storm–Möri- große Kunst« zu erlernen, die sich ihm im alchemisti-
ke, 67). Die bekannteste Selbstaussage von Storm über schen Studium der Folianten erschließt und darauf
Hinzelmeier findet sich in einem Brief an Emil Kuh, abzielt, etwas zu lernen, das »noch von Niemandem
worin er bekundet, dass hier »mehr eine phantastisch- erlernt worden [ist]« (LL 4, 32). Diese Diskrepanz zwi-
allegorische Dichtung« vorliege, »wobei der Dichter schen Tradition und Individualismus zeigt sich auch
nicht mit vollem Glauben seine Geschichte erzählt, anhand der in den Text eingelagerten Verse: Wo sich
sondern halb reflectirend daneben steht« (Storm– die Welt des Rosengartens in kollektivem Gesang aus-
Kuh, 98). drückt und sich so mithilfe ihrer poetischen Kraft in
Erinnerung rufen kann, präsentiert sich die Welt der
Weisheit und Meisterschaft als analytischer Spruch
Zwischen romantischem Kunstmärchen und
über die Kunst selbst, die ihren natürlichen und wun-
Realismus
derbaren Kern verloren hat und stets in einem auf-
Hinzelmeier lässt sich mit der Traditionslinie des ro- wendigen Prozess des Findens und Schaffens her-
mantischen Kunstmärchens in Verbindung bringen. gestellt werden muss (34). Ein weiteres Moment der
Sowohl der Konflikt der Hauptfigur zwischen Er- Selbstreflexion erschließt sich zudem über das Attri-
kenntnisstreben (Stein der Weisen) und ewiger Ju- but der ›Nachdenklichkeit‹: Zu Beginn des Textes sind
gend und Schönheit (Rosenjungfrau) als auch ein gro- es der Rosenduft und das leuchtende Antlitz der Mut-
ßer Teil der Motivik (Rosengarten, Stein, Rabe, Wan- ter, welche Hinzelmeier nachdenklich stimmen (vgl.
derschaft) stellen in diesem Zusammenhang gattungs- 26). In der späteren Szene mit Nachbars Kasperle, der
typische Elemente dar. Hinzelmeier scheitert an der angeblich den Stein der Weisen gefunden hat, verfal-
Herausforderung, die beiden Aufgaben miteinander len beide Figuren in eine »nachdenkliche Stellung«
zu vereinen. Der Stein der Weisen wird somit zum (45) über »die höchst kritische Frage« (46), welchen
Grabstein, die Rose zur Grabblume. Am Ende kehrt Zweck der Stein denn nun erfüllen könnte. Beide Mo-
sich die Möglichkeit, Jugend und Schönheit zu erlan- mente verbinden sich mit dem Paratext der Gattungs-
gen, in Tod und ewige Gefangenschaft um. Über die beschreibung »Eine nachdenkliche Geschichte«. Der
Rosenmotivik ließe sich eine Verbindung zu Novalis’ Vorgang des Reflektierens über die Doppelstruktur
Hyacinth und Rosenblüthe (1798/99) herstellen; durch des Textes findet sich somit in die Charakterisierung
das Mißlingen der Versöhnung als einer poetischen des Textes selbst miteingeschlossen. Die poetische
Überwindung des Zwiespalts zwischen Natur und Selbstreflexion in Form des Nachdenkens über die ei-
Geist zeigt sich allerdings ein deutlicher Bruch mit gene Gattung wird somit explizit Gegenstand des Tex-
den Vorstellungen der Romantik bei gleichzeitigem tes. Diese selbstreflexiven Gesten werden auch auf die
starkem Bezug auf diese. Das bewusste Offenhalten motivische Ebene des Textes übersetzt. Am Ende zer-
der Ambivalenz sowie die zuweilen grotesk-ko- reißt die Rosenjungfrau die Textur ihres weißen Klei-
mischen Szenen (fliegende Eierkuchen, der Teufel als des, wird Hinzelmeier von weißem Schnee bedeckt:
Kanonenbauer, Begegnung mit Nachbars Kasperle) »[E]s schimmerte und flirrte und zog weiße Schleier
22 »Stein und Rose« (1850)/ »Hinzelmeier« (1855) 99

zwischen ihm und der fernen, nebelhaften Gestalt« sowie in einer Verbindung zum hortus conclusus, tritt
(51). Die märchenhaften Zeichen und Symboliken, der Rosengarten in der mittelalterlichen Tradition ver-
die mit dem wundersamen Gang der Mutter durch die stärkt als Szenerie für Kampfplätze, Friedhöfe oder
weiße Wand begonnen hatten, finden sich am Ende Hinrichtungsstätten auf (vgl. Becker 2014, 837). Der
ins Weiße ausgelöscht. Mit der Setzung der Gattungs- Rabe als Ratgeber und Helfer ist zugleich Trickser wie
bezeichnung Eine nachdenkliche Geschichte wird auch auch Vorbote für Krieg und Tod. Auch der Stein der
die Beschreibung des Textes als Märchen fragwürdig, Weisen ruft in seiner Symbolik starke Ambivalenzen
was Storm sowohl im bereits zitierten Brief an Mörike auf den Plan, steht er doch sowohl für das alchemisti-
(Storm–Mörike, 66 f.) als auch in einem Brief an Hein- sche Wunder schlechthin und somit für hohe Kunst
rich Seidel (GB 2, 6.9.1873), in welchem er Hinzelmei- und Reichtum als auch für eine vergebliche Suche, die
er erneut eine »Zwitter-Existenz« nachsagt, einräumt. mehr und mehr an Irrglaube grenzt. Somit findet sich
Neben den Märchenelementen lassen sich in Hin- auch in der Symbolik des Textes die Unentschieden-
zelmeier auch deutliche Versatzstücke realistischer Er- heit bezüglich der eigenen poetischen Form und Wir-
zählverfahren erkennen. Das erste Kapitel umreißt ei- kungskraft ausgedrückt. Die grüne Brille, die der Rabe
nen Rahmen von städtischer Gesellschaft, in der die der Figur Hinzelmeier an drei entscheidenden Stellen
Gerüchte einiger »Stadtkaffeetanten« (LL 4, 25) zur auf die Nase fallen lässt, changiert dabei zwischen ihrer
Sprache kommen. Daneben wird das Bild eines bür- ursprünglich etymologischen Bedeutung als magi-
gerlichen Familienidylls entworfen, das Hinzelmeier scher Kristall (Beryll), in dem man, wie es in Adelungs
als Kind im Kreise seiner Eltern auf einem Schaukel- Wörterbuch heißt, ›allerley unbekannte Dinge zu se-
pferd zeigt. Dieses Spielzeug findet sich in der nächs- hen glaubte‹ (Adelung 1811, 1196) sowie einem mo-
ten Szene auf dem Hausboden wieder, wo es zusam- dernen Seh-Instrument, das den romantischen Blick
men mit »lauter ausgediente[m] Gerät« (28) der Fami- durchkreuzt und eine distanziertere Haltung gegen-
lie aufgehoben ist: Die Wiege, der Schrank der Ur- über dem poetischen Erleben erzwingt.
großmutter, die Mäntel des Vaters. Als weiteres Auf die erotischen Konnotationen der Rosensym-
Beispiel für einen realistischen Erzählstil kann das bolik in Hinzelmeier hat vor allem Gerd Eversberg
fünfte Kapitel gelten, in dem auffällig detailgetreu so- hingewiesen (vgl. Eversberg 1999). Seiner Deutung
wohl die Einrichtung der Küche im Bauernhaus als zufolge lässt sich die Szene auf dem Hausboden als
auch die Vorgänge der stämmigen Bäuerin beschrie- Aufdeckung der Sexualität der Eltern durch das Kind
ben werden. Die besondere Kombination von sym- lesen. Unterstützt wird diese Lesart von einer Reihe
bolisch-märchenhaftem und realistischem Erzählstil von Befunden aus Storms früher Lyrik, die die Rose
führt dazu, dass Hinzelmeier von großen Teilen der explizit in einer sexualisierten Symbolik ausweisen
Forschung als Vorläufer oder Vertreter von Storms (vgl. u. a. Rote Rosen, L 1, 254). Zudem gibt der Text
früher Novellistik angesehen wird (vgl. LL 4, 574; selbst anhand von zwei Beschreibungen von Hinzel-
McCormick 1964, 130–164; Botzong 1935, 32; Fasold meiers beginnendem Bartwuchs (vgl. L 4, 27 f., 32),
2003, 74). Dabei spielt auch die zeitliche Nähe zu Im- welche die Szene um das Rosengeheimnis rahmen, ei-
mensee eine Rolle, in der Parallelen zwischen den Fi- nen deutlichen Hinweis auf eine pubertäre Entwick-
guren Hinzelmeier und Reinhard erkennbar werden. lungsgeschichte.

Ambivalente und erotische Symbolik Zeitgeschichtlicher Kontext


Mit der Rose, dem Raben und dem Stein der Weisen Auch der zeitgeschichtliche Kontext spielt für den
bedient sich der Text auffallend prominenter symboli- Text Hinzelmeier eine wichtige Rolle. Im Sommer
scher Bedeutungskontexte. Die Rose steht dabei für ei- 1850 wird die Schleswig-Holsteinische Erhebung end-
ne Blumensymbolik schlechthin. Der Rabe gehört zu gültig von den Dänen niedergeschlagen. 1853 verlässt
den meist genannten Vögeln der Märchenliteratur. Al- Storm Husum. Die Bezüge auf die politischen Aus-
le drei sind in ihren Bedeutungsfeldern durch starke einandersetzungen werden vor allem in der frühen
Ambivalenzen geprägt: Bei der Rose (Liebe vs. Tod, Fassung Stein und Rose deutlich. Ein dem Text voran-
Paradies vs. Todeszeichen, Wildheit vs. Zucht) spitzen gestelltes Motto lautet wie folgt: »Ein wenig Scherz in
sich die Gegensätze im symbolischen Topos des Ro- die ernste Zeit, / Ein Lautenklang in den wirren Streit,
sengartens noch zu. Neben den meist positiv besetzten / In das politische Versegebell / Ein rundes Märchen-
Zuordnungen als Ort der Liebe, Unschuld und Erotik ritornell!« (LL 4, 588), womit das Märchen als Gegen-
100 III Werk – B Märchen

form zum Kriegsgeschrei aufgeboten wird. Ein weite- Literatur


rer Bezug ergibt sich aus dem fünften Kapitel, das Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörter-
Storm für die Fassung von 1855 komplett umgearbei- buch der Hochdeutschen Mundart. Erster Theil [1774].
Wien 1811.
tet hat: In Stein und Rose wird der Eingang des Rosen- Artiss, David S.: Theodor Storm’s four »Märchen«: Early
gartens von einer »Schar junger Gesellen« belagert, Examples of his Prose Technique. In: Seminar 14 (1978),
die hier ihre Zelte aufgeschlagen haben und ein gro- 149–168.
teskes, seltsames Gelärm von Musikinstrumenten er- Becker, Siegfried: Rose, Rosenwunder. In: Enzyklopädie des
zeugen. Dabei »donnerten Paukenwirbel dazwischen« Märchens. Bd. 11. Berlin/New York 2014, 833–842.
Botzong, Hertha: Wesen und Werk von Theodor Storms Mär-
(592) und wird »eine stürmische Marschmusik« (595)
chendichtung. München 1935, 31–46.
gespielt. Die Szenerie stellt sich als chaotischer Aus- Eversberg, Gerd (Hg.): Theodor Storm: Märchen. Text, Ent-
nahmezustand dar, in dem alle gemeinsame Harmo- stehungsgeschichte, Quellen. Nach den Erstdrucken. Heide
nie verloren ist und jeder nur seinen eigenen Ton zu 1992.
finden versucht. Auf den Krieg verweist auch das Eversberg, Gerd: Vergiß die Rose nicht! Erotische Symbole
sechste Kapitel, in welchem Hinzelmeier den Teufel in Theodor Storms früher Erzählung »Hinzelmeier«.
In: Zeitschrift für Kultur und Bildungswissenschaften.
trifft. Dieser ist daran eine Kanone zu bauen, um die
Flensburger Universitätszeitschrift 8 (1999), 89–99.
Welt in die Luft zu sprengen und verweist dabei auf Fasold, Regina: Romantische Kunstautonomie versus Realis-
den Spruch der ultima ratio regum. Damit ist das Zeit- muskonzeption um 1864. Über die Bedeutung von Storms
alter der militärischen Auseinandersetzungen der eu- Märchen für seine realistische Poetik. In: Heinrich Dete-
ropäischen Nationalstaaten umrissen. Obwohl Hin- ring/Gerd Eversberg (Hg.): Kunstautonomie und literari-
zelmeier kurzentschlossen zur Zunderbüchse greift scher Markt. Konstellationen des Poetischen Realismus.
Berlin 2003, 65–81.
und den Teufel selbst aus der Welt schießt, wird dieser Jehle, Mimi Ida: Das deutsche Kunstmärchen von der Roman-
zwei Kapitel später in anderer Gestalt erneut auftau- tik zum Naturalismus. Illinois 1935, 159–163.
chen (vgl. 46). Mayer, Mathias/Tismar, Jens: Kunstmärchen. Stuttgart
Insgesamt lässt sich konstatieren, dass Storm bei 42003, 121.
der Überarbeitung des Textes die Bezüge auf den po- McCormick, E. Allen: Theodor Storm’s Novellen. Essays on
Literary Technique. New York 1964, 130–164.
litischen Kontext deutlich zurückgenommen, im Ge-
Schuster, Ingrid: Theodor Storm und E. T. A. Hoffmann. In:
genzug dafür die Versatzstücke des realistischen Er- Dies.: »Ich habe niemals eine Zeile geschrieben, wenn sie
zählens sowie die Ebene der poetologischen Selbst- mir fern war«. Das Leben der Constanze Storm und verglei-
reflexion (»Eine nachdenkliche Geschichte«) ver- chende Studien zum Werk Theodor Storms. Bern 1998,
stärkt hat. 133–151.
Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und sein Werk.
Bremen 1955, 251–253.

Marie Drath
23 »Bulemanns Haus« (1864) 101

23 »Bulemanns Haus« (1864) ihn schrumpfen, während die Katzen sich von Mäu-
sen ernähren, die durch den auf magische Weise un-
Das Märchen Bulemanns Haus (LL 4, 109–131) ist von erschöpflichen Brötchenschatz angelockt werden. Wie
Ende Dezember 1863 bis Mitte Januar 1864 entstan- die Katzen ist auch Bulemann, der vergeblich auf gött-
den und im Jahr der Fertigstellung in der Weihnachts- liche Erlösung hofft, unsterblich geworden.
ausgabe der Illustrirten Zeitung erstmals veröffentlicht
worden.
Deutung
Storms Kunstmärchen soll hier aus doppelter Perspek-
Inhalt
tive betrachtet werden – zum einen aus einer psycho-
Ein geiziger Pfandleiher hortet die nicht eingelösten logischen und psychoanalytischen, zum anderen aus
Pfänder lieber, anstatt sie zu verkaufen und den ehema- einer ökonomischen. Beide einander scheinbar fern-
ligen Pfandeignern die über das Darlehen hinaus- liegenden Gesichtspunkte sollen im Zuge der Deutung
gehenden Erlöse auszuzahlen. Ähnlich knauserig ver- miteinander verbunden werden (vgl. Jesch 2014).
hält er sich seinen beiden erwachsenen Kindern gegen- Auffallend ist zunächst einmal die Neigung dreier
über. Der notleidenden Stieftochter Christine gewährt Figuren zur Schatzbildung. Schatzbildner sind zum
er ein geringes Darlehen gegen einen silbernen Becher, Ersten der alte Pfandleiher, zum Zweiten die Haushäl-
seinen Sohn Daniel – den eigentlichen Protagonisten terin Frau Anken und zum Dritten Herr Bulemann.
des Märchens – unterstützt er überhaupt nicht. Daniel Übereinstimmende Züge der drei Figuren sind darin
Bulemann erbt aber nach dem Tod des Vaters dessen erkennbar, dass sowohl der alte Pfandleiher als auch
durch Geiz und Verzicht angehäuften Schatz. Er ver- die Haushälterin und Herr Bulemann Objekte anhäu-
äußert ihn einschließlich des silbernen Bechers heim- fen, denen sie einen Wert beimessen. Der alte Pfand-
lich an einen Trödler, um die Pfandeigner an dem Erlös leiher, welcher uneingelöste Pfänder sammelt, und die
nicht beteiligen zu müssen. Der Trödler wiederum Haushälterin, welche Brötchen sammelt, haben darü-
schenkt Christines Becher seinem Sohn. ber hinaus gemeinsam, dass sie keine Umwandlung
Daniel Bulemann teilt sich das durch die Veräuße- ihrer Schätze in Geld beabsichtigen. Ihre jeweiligen
rung des Schatzes erworbene Vermögen für einen le- Objektsammlungen haben für den alten Pfandleiher
benslangen bescheidenen Unterhalt ein. Die Haushäl- und seine Haushälterin also keinen realen Tausch-
terin berechnet ihm dabei ein überhöhtes Brotgeld, wert. Zudem haben sie aber auch keinen realen Ge-
um sich für das Alter abzusichern. Ihr Schuldgefühl brauchswert; denn der alte Pfandleiher trägt die ge-
heißt sie dann aber entsprechend mehr Brötchen ein- horteten Schmuckstücke und Uhren nicht, und Frau
zukaufen, statt das überschüssige Geld tatsächlich an- Anken verzehrt die gehorteten Brötchen nicht. Für al-
zusparen. Die überzähligen Backwaren sammelt sie le drei Schatzbildner gilt gleichermaßen, dass ihnen
wie einen Schatz. ihre Schätze nicht zu einer Bedürfnisbefriedigung auf
Als Christine im Glauben an einen Nachttraum, erhöhtem Niveau verhelfen. Im Gegenteil: Alle drei le-
der dem verpfändeten silbernen Becher Heilkraft für ben sie außerordentlich sparsam.
ihren kranken Sohn zuweist, dieses Pfand zurück- Andererseits unterscheiden sich die drei Schatz-
wünscht, eröffnet Bulemann ihr nicht, dass er es ver- bildner in ihrem ökonomischen Gebaren durchaus
botenerweise verkauft hat. Stattdessen verletzt er das nicht unwesentlich voneinander: Die Haushälterin
kranke Kind lebensgefährlich und zieht sich den Fluch Frau Anken hamstert mit ihren alten Brötchen un-
der Mutter zu. Nachdem das verletzte Kind gestorben verkäufliche Nahrungsmittel, denen kein Tauschwert
ist, bewirkt Christines Fluch, dass die Katzen Bule- mehr innewohnt. Im Gegensatz hierzu häuft der alte
manns immer größer und aggressiver werden. Des- Pfandleiher dauerhafte Güter an, die immerhin ver-
halb von Bulemann fälschlich der Hexerei beschuldigt kauft werden könnten, denen also wenigstens ein
und körperlich angegriffen, lässt die Haushälterin ih- grundsätzlich realisierbarer Tauschwert innewohnt.
ren Brötchenschatz zurück und begibt sich auf die Der Sohn des Pfandleihers, Daniel Bulemann, wiede-
Flucht, bei der sie ums Leben kommt. rum zeichnet sich in der Figurenkonstellation dadurch
Von dieser Zeit an halten in Bulemanns Haus die zu als different aus, dass er jenen grundsätzlichen Tausch-
tyrannischen Raubtieren herangewachsenen Katzen wert – anders als der Vater – in einen realen überführt.
den einstigen Hausherrn gefangen und schneiden ihn Der jüngere Bulemann ist es somit, der sich als Ein-
von jeglicher Nahrungszufuhr ab. Der Hunger lässt ziger einen größeren Schatz anlegt, welcher tatsäch-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_23, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
102 III Werk – B Märchen

lich aus Geld besteht und als Zahlungsmittel sogar be- der zwischenmenschlichen Austauschbeziehung mit
stimmungsgemäß zum Einsatz kommt. Damit hat der Zirkulation in der monetären Ökonomie an. Statt
ausschließlich sein Schatz nicht nur einen realen Geld oder emotionaler Zuwendung zirkulieren hier
Tauschwert, sondern zudem noch einen Gebrauchs- allerdings Boshaftigkeiten. Auch der dritte Schatz-
wert – den Gebrauchswert des Geldes, der eben darin bildner also öffnet sich seinen Mitmenschen nicht.
liegt, dass es ausgegeben wird. Der alte Pfandleiher Bereicherung strebt Bulemann nicht im sozialen Mit-
und Frau Anken verfügen indessen über Schätze, die einander, sondern durch »Berechnung eines sichern
aus der Zirkulation herausgefallen sind. Aber ent- Lotteriegewinnes« (115) vor allem materiell an. Die
gegen Marx’ Feststellung, dass der »Gebrauchswert letzte und einzige von emotionaler Bindung zeugende
der Ware mit ihrem Herausfallen aus der Zirkulation Beziehung – diejenige zu seinen beiden Katzen – trübt
[beginnt]« (Marx 1961, 82), besitzen die nicht mehr sich darüber merklich ein. So lässt es Bulemann die
zirkulierenden Pfänder und Brötchen für ihre Besitzer Tiere vergelten, wenn seine gewinnsüchtige Kalkulati-
keinen Gebrauchswert. on des Lotteriespiels nicht aufgeht (vgl. 115).
Tatsächlich bleibt es also nur dem jüngeren Bule- Als psychische Parallelen zwischen den drei unter-
mann vorbehalten, sich den vollständigen, wenn auch suchten Charakteren zeigen sich also schwerwiegende
bescheidenen Genuss des Tauschwerts und des Ge- soziale Defizite, verbunden mit einer ausgeprägten
brauchswerts seines – geldförmigen – Schatzes zu ver- Neigung zur materiellen Selbstkasteiung. Zwischen
schaffen, indem er diesen nach und nach der Zirkula- den fiktiven Schatzbildnern machen sich aber auch
tion übergibt und so den alltäglichen Bedarf an Waren Unterschiede geltend: Während der alte Pfandleiher
deckt. und sein Sohn Daniel von Geiz und Missgunst be-
Wendet man sich nach dieser ökonomischen Bilanz herrscht sind – undenkbar ist ihrerseits ein Geschenk,
der Schatzbildnerei nun deren psychologischer Seite wie es der Trödler seinem Sohn mit dem silbernen Be-
zu, so zeigen sich wiederum Äquivalenzen und Diffe- cher macht –, wird Frau Anken nicht eigentlich als ei-
renzen. Als psychische Gemeinsamkeit des alten ne ihren Mitmenschen gegenüber geizige, sondern
Pfandleihers, der Haushälterin Frau Anken und Da- vielmehr als durch Selbstsorge bestimmte Person ge-
niel Bulemanns fällt zunächst einmal deren besondere zeichnet, die um ihre finanzielle Absicherung im Alter
Verzichtbereitschaft auf: Vom alten Pfandleiher ist zu fürchtet.
lesen, dass er »auf ’s Spärlichste lebte« (LL 4, 122). Über Ein von seinem Vater und seiner Haushälterin ab-
seinen Sohn Daniel erfahren wir Entsprechendes: weichendes Charakterbild schließlich bietet der jün-
»Herr Bulemann wurde immer hagerer und grauer, gere Herr Bulemann, insofern er deren jeweils vor-
sein gelbgeblümter Schlafrock immer fadenscheini- herrschende psychische Befindlichkeiten auf sich ver-
ger« (116). Und beider Haushälterin Frau Anken ver- einigt. Vom Vater übernimmt er den Geiz, mit Frau
zichtet auf »die überschüssig empfangenen Schillinge« Anken teilt er ein starkes Sicherheitsbedürfnis. Aus
(116) und setzt diese in ungegessene Brötchen um. Geiz schmerzt es ihn wie den Vater, von seinem Schatz
So genügsam und freudlos die drei Schatzbildner in abgeben zu sollen. So lässt er die Schwester und den
materieller Hinsicht leben, so wenig lassen sie soziale kranken Neffen leer ausgehen. Und als er an einige
Bedürfnisse erkennen. Alle drei fristen ein bezie- doch zahlungskräftig gewordene Darlehensnehmer,
hungsloses und dabei selbstbezügliches Dasein. Der denen er ihr verpfändetes Eigentum aufgrund des ille-
alte Pfandleiher hält sich seine Kinder vom Leib und galen Ausverkaufs nicht wieder überlassen kann,
ist auch mit niemandem sonst befreundet. Er und Schweigegeld abzweigen muss, »machte ihn [das]
Frau Anken leben einsam und gegen die Außenwelt noch menschenfeindlicher und verbissener« (LL 4,
abgeschlossen in einem Haus voller verriegelter Räu- 115). Sein Sicherheitsbedürfnis wiederum drückt sich
me und Schränke nebeneinanderher. Alles Begehren darin aus, dass er mit dem durch Verkauf aller väterli-
des im wörtlichen und übertragenen Sinne zu- chen Pfänder erworbenen Geldschatz sein gesamtes
geknöpften Pfandleihers richtet sich auf die von ihm Leben abzusichern trachtet (vgl. 113).
misstrauisch weggeschlossenen Pfänder (vgl. LL 4, Ein hier erkennbarer Zusammenhang zwischen
112). Was Frau Anken dann vom Nachfolger, dem Ökonomie und Psychologie ließe sich mit Bezug auf
jüngeren Herrn Bulemann, empfängt, sind vor allem Marx’ Kapital konstruieren. Marx entwickelt dort ge-
»harte[ ] Worte«, und die seltene Gelegenheit, sie ihm radezu eine Psychologie des Schatzbildners, die teil-
»mit Zinsen wieder heimzuzahlen« (119), nutzt sie weise wie ein Kommentar zu Storms Märchen anmu-
gern. In dieser Metapher deutet sich eine Vermischung tet. Er beschreibt, wie der Austausch von Waren, wel-
23 »Bulemanns Haus« (1864) 103

cher zu seiner Vermittlung Geld hervorbringt, auch len Geiz und Geldgier des jüngeren Bulemann im
Schatzbildung nach sich zieht (vgl. Marx 1962, 144). Verhältnis zu den Mitmenschen sicherstellen: »So-
Die »Leidenschaft« (144), die Marx aus den Bedin- wohl die bloße Gier nach Geld als auch das Festhalten
gungen der Ökonomie erwachsen sieht, hat auch den des Geldes in Form des Geizes, ohne es im Genuss
jungen Bulemann erfasst. Mehr noch als in seinem von Dingen zu materialisieren, ist psychologisch vor
Umgang mit dem lebenssichernden Geldschatz offen- allem eine Enttäuschungsprophylaxe« (Pohlmann
bart sich seine Leidenschaft, die »Goldpuppe fest- 2013, 70). Somit erklären sich die psychischen Eigen-
zuhalten« (144), in der bereits geschilderten Hoffnung tümlichkeiten des letzten Schatzbildners – seine Ge-
auf einen Lotteriegewinn. Gefördert wird die Neigung nussunfähigkeit, sein egoistischer Geiz, seine un-
zur Schatzbildung laut Marx dort, wo Beschränkung ersättliche Gier, sein Sicherheitsbedürfnis, seine
auf »Selbstbedarf« und »ein fest abgeschloßner Kreis Starrheit, Feindseligkeit und emotionale Zurück-
von Bedürfnissen« (144) gegeben sind. Ebendies trifft gezogenheit – sowohl aus den zu Raffgier und asketi-
auch auf Herrn Bulemann zu – genauso, wie eine an- scher Selbstabsicherung animierenden gesellschaft-
dere von Marx getroffene Diagnose mehr oder weni- lich-ökonomischen Geld-Verhältnissen als auch aus
ger auf alle drei Schatzbildner des Märchens zutrifft: der innerhalb dieser Verhältnisse deformierten Be-
»Der Schatzbildner opfert [...] dem Goldfetisch seine ziehung des Vaters zu ihm. Das eigentliche Sujet von
Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Storms Schauermärchen Bulemanns Haus wäre folg-
Entsagung. [...] Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Geiz lich die zwar ökonomisch bedingte, sich aber zu-
bilden daher seine Kardinaltugenden« (147). gleich intergenerational fortpflanzende Wirkung des
In der Konsequenz können Geldangelegenheiten Geldes auf die menschliche Psyche.
zugleich als Angelegenheiten des Begehrens in seinen
vielgestaltigen Varianten gelten, zu denen auch die Literatur
»gleichsam autoerotisch« ausgeformte, in »Geiz« und Jesch, Tatjana: Zur Psychologie des Schatzbildners in Theo-
»Gier« zum Ausdruck kommende gehört (Pohlmann dor Storms Märchen »Bulemanns Haus« (1864). In:
Storm-Blätter aus Heiligenstadt 18 (2014), 7–27.
2013, 66). Eine solche Diagnose wäre ähnlich wie dem Klaffke, Thomas: »Das Märchen des Egoismus«. »Bule-
alten Pfandleiher auch Herrn Bulemann mit seinem manns Haus« von Theodor Storm. In: Praxis Deutsch
sozial beziehungslosen Begehren zu stellen. 17/103 (1990), 38–40.
Da aber ein seelischer Zusammenhang stets aus ei- Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie.
ner Entwicklung hervorgeht, so ist diese im Falle der Erster Band. Berlin 1962.
Pohlmann, Werner: Wie kann man ›Geld‹ psychoanalytisch
literarischen Gestalt Bulemann mit den schon auf-
verstehen? Überlegungen zu einer Psychoanalyse der Din-
gezeigten ökonomischen Faktoren noch nicht in al- ge. In: Ingo Focke/Mattias Kayser/Uta Scheferling (Hg.):
len Facetten hergeleitet. Daniel Bulemanns nicht nur Die phantastische Macht des Geldes. Ökonomie und psycho-
autoerotisches, sondern zutiefst widersprüchliches analytisches Handeln. Stuttgart 2013, 63–75.
Begehren zwischen Maßlosigkeit und Triebverzicht Pollet, Jean-Jacques: Maisons hantées. »Das öde Haus«, »Bu-
hat sich unter den Gesetzen einer Ökonomie gebil- lemanns Haus«, »Das unbewohnte Haus«. In: Université
de Toulouse-LeMirail. Centre de Recherche sur l’ Alle-
det, denen bereits sein Vater, der alte Pfandleiher, un-
magne Moderne (Hg.): Les songes de la raison. Mélanges
terworfen war. Dessen von materiellem wie emotio- offerts à Dominique Iehl. Bern 1995, 146–162.
nalem Geiz bestimmtes Verhältnis zum Sohn weisen Schuster, Ingrid: Tiere als Chiffre. Natur und Kunstfigur in
ihn als einen sozial frustrierenden Vater aus. Dass den Novellen Theodor Storms. Bern 2003.
derartige Frustrationen sich nicht wiederholen, sol-
Tatjana Jesch
104 III Werk – B Märchen

24 »Die Regentrude« (1864) Lesegestus kommt die Erzählung einer Selbstheilung


und einem ›Gesundschreiben‹ gleich: Storm sendet
Die Regentrude erschien erstmals 1864, unmittelbar eine junge Frau – die Heldin Maren – auf eine Reise in
nach ihrer Entstehung unter dem Titel Ein Mittsom- die Unterwelt, um eine große Dürre zu beenden. Sie
mermärchen in der Leipziger Illustrirten Zeitung. Eine rettet ihre Heimat vor einer verheerenden Trockenheit
zweite Auflage folgte 1866 in einem Sammelband un- und Hitze, indem sie durch den hohlen Stamm eines
ter dem Titel Drei Märchen, zusammen mit den Tex- Baumes in eine märchenhafte Unterwelt hinabsteigt,
ten Der Spiegel des Cyprianus und Bulemanns Haus. dort den für die Dürre verantwortlichen Feuermann
Die durch den Titel der ersten Edition als »Märchen« überwindet und die eingeschlafene Regentrude er-
markierte kurze Erzählung wurde sowohl von der öf- weckt. Durch das Aufwecken kehren Regen und
fentlichen Leserschaft als auch von den lesenden Fruchtbarkeit in ihre Heimat zurück und die Heldin
Freunden Storms und befreundeten Autoren kaum darf endlich ihre Jugendliebe Andrees heiraten, da sie
wahrgenommen, was Storm sehr missfiel. Als Grund zuvor mit dem eigenen Vater auf baldigen Regen ge-
für das ausbleibende Interesse identifizierte er in ei- wettet hat und nun Wette und Heiratsrecht gewinnt.
nem Brief an seine Verleger am 2. Februar 1873 eine Die eigentliche Handlung des Märchens ist dabei in
regelrechte ›Urangst‹ vor dem Märchen: »Bei der eine für den Realismus typische Rahmenstruktur ein-
Antipathie des Publicums gegen das Wort ›Märchen‹ gebettet, in der das Geschehen rückblickend durch ei-
– die Leute wittern dann gleich wirkliche, pure Poësie, nen anonymen Erzähler vermittelt wird. Zugleich ver-
wovor sie unglaubliche Angst haben – hätte das Buch zichtet die Erzählung zu Beginn auf klassische Mär-
einen anderen Titel haben sollen« (Storm–Paetel, 52). chenformulierungen und nimmt vielmehr eine fast
1873 veröffentlichte Storm Die Regentrude dann ein dokumentarische Position ein. So verortet der Rah-
drittes Mal in der Erzählsammlung Geschichten aus menerzähler seine Geschichte genau 100 Jahre vor
der Tonne, was das Märchen abermals mit Blick auf dem Erzählzeitpunkt und leitet die Erzählung mit der
seine Verschmähung durch die Leserschaft klassifi- detaillierten Beschreibung einer bäuerlich-ländlichen
ziert. Erst im 20. Jahrhundert, mit der Entstehung ei- Alltagsszene ein, die klare Indizien einer norddeut-
nes Marktes für Kinderliteratur, die ganz wesentlich schen Lebenswelt aufweist. Die gesamte Handlungs-
für die (Wieder-)Entdeckung zahlreicher Autoren auf motivation der Regentrude basiert auf zwei in dieser
Grund ihres Märchenschaffens einherging, kam auch Ausgangssituation bereits angelegten Kernkonflikten:
Die Regentrude gemeinsam mit Der kleine Häwelmann erstens dem Makrodrama einer großen, fast apoka-
endlich zu der Popularität, die dem Text nach Storms lyptischen Dürre, die das Weiterbestehen der dar-
Meinung schon viel früher zugestanden hätte. gestellten Welt zu bedrohen scheint. Daran gekoppelt
ist zweitens das Mikrodrama der Hauptfiguren: Ma-
ren, die Tochter des reichen Wiesenbauers darf ihren
Inhalt
›Schatz‹ Andrees nicht heiraten, da dieser der Sohn ei-
In der Weihnachtszeit des Jahres 1863 ist die ganze Fa- ner armen Witwe ist und damit dem Vater als poten-
milie Storm erkrankt – Storm selbst verbringt diese tieller Erbschleicher erscheint.
Tage in Heiligenstadt mit Fieber im Bett. Seine Krank- Das Natur- bzw. in diesem Fall das Wetterphäno-
heit hält den damals Sechsundvierzigjährigen jedoch men der großen Dürre, das die dargestellte Welt be-
nicht vom Schreiben ab, im Gegenteil: »Mit Papier u. droht, verweist dabei auch auf das im Liebeskonflikt
Bleistift stieg ich ins Bett, und schrieb in der verhange- angelegte Fehlverhältnis zwischen den sozialen Stän-
nen Stube auf der Mappe, trotz dem Doctor, unauf- den: Der Wiesenbauer macht trotz Dürre mit seinen
haltsam ein Märchen von 49 Postpapierquartseiten zahlreichen, teuer gekauften guten Wiesen noch Ge-
›Die Regentrude‹; in 12 Tagen (3 lag ich nur im Bett, winn, während der Rest der Welt die Ernte verliert
Constanze 6) hatte ich es auch schon überarbeitet und und unter Armut leidet. Auch ein Glaubensstreit ist
selbst in’s Reine geschrieben [...], Du kannst dir ein so mit der Frage nach der Ursache der Dürre und ihrer
unerbittliches Productionsfieber gar nicht vorstellen« Bewältigung verbunden. Die Mutter Andreesens be-
(Storm–Brinkmann, 133). Unter den Einflüssen die- richtet von der mythischen Gestalt der Regentrude,
ses (Schreib-)Fiebers sowie der anschließenden Bett- die sicher eingeschlafen sei und die man nur auf-
ruhe und Genesung entstehen insgesamt drei Mär- wecken müsse, um die Dürre zu beenden. Der Wie-
chentexte: Bulemanns Haus, Der Spiegel des Cyprianus senbauer hält diese Erzählung für irrationalen Aber-
und eben Die Regentrude. In einem biographischen glauben, ist aber als überzeugter Kapitalist bereit, mit

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_24, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
24 »Die Regentrude« (1864) 105

der eigenen Tochter auf seine rationale Überzeugung dem sozialen Gefälle reich und arm, aber auch mit den
zu wetten: Wenn sie die Regentrude aufwecken kann, Gegensätzen von Fortschritt und Tradition korrelie-
so darf sie Andrees heiraten. Das Paar begibt sich da- ren, welche wiederum ganz explizit mit der Oppositi-
her auf die Reise in die Unterwelt, um die Regentrude on der Naturelemente Feuer und Wasser verbunden
zu finden und ihr Glück zu machen. sind. Der Wiesenbauer und die für die Trockenheit
der Welt verantwortlich gemachte phantastische In-
stanz des Feuermannes sind folgerichtig durch ver-
Deutung
schiedene Textsignale und eine deutliche Farbseman-
Die Grundvoraussetzungen des Märchens weisen da- tik (beide tragen rot) miteinander verknüpft, während
mit klare Parallelen zu der nur sieben Jahre zuvor pu- Mutter Stine und die Urahnin als motivische Einheit
blizierten und Storm gut bekannten Erzählung Romeo mit der Regentrude eine verloren gegangene Weib-
und Julia auf dem Lande (1856) von Gottfried Keller lichkeit repräsentieren.
auf, in der ein Konflikt der Elterngeneration in einem Das junge Paar weist im Gegensatz eine wider-
ländlichen Handlungsort eine Paarbindung verhin- sprüchliche Geschlechterverteilung auf. Maren trägt
dern, was die Flucht der Kinder in einen Naturraum eindeutig männliche Attribute: Sie ist sprachlich do-
zur Folge hat. Ganz ähnliche Ereignisse finden in der minant, tatkräftig und oft fast aggressiv im Auftreten.
Regentrude statt – nur eben unter der Prämisse des Andrees hingegen tritt schweigsam und passiv auf
Märchenhaften mit einem entsprechend positiven und handelt eher durch List als durch Tat. Maren ver-
Ausgang für alle Beteiligten. Die gesellschaftlichen Pa- stößt damit als Frauenfigur sowohl gegen romantische
rallelen zwischen Kellers und Storms Text reichen in- Stereotypien als auch gegen Figurenkonventionen des
dessen noch weiter, denn das Heiratsverbot ist nicht Volksmärchens und erscheint als eine von Storm ei-
nur durch das Gefälle von Arm und Reich motiviert, gens für das Sujet eines Erzähltextes des Realismus
sondern wird durch die Problematik der Kinderliebe entworfene emanzipierte und ›realistische‹ Märchen-
verstärkt. Bereits zu Beginn des Märchens wird deut- prinzessin, die ihr Schicksal in die eigene Hand
lich, dass die beiden potentiellen Partner Maren und nimmt. Sie ist damit auch das zentrale innovative Ele-
Andrees in unmittelbarer Nachbarschaft und damit ment dieses ungewöhnlichen Märchens.
als einzige Kinder ihrer Eltern in geschwisterähn- Der Kernkonflikt ist entsprechend eng mit der Hel-
lichen Umständen miteinander aufgewachsen sind. din verbunden, denn er bedroht sowohl die realisti-
Allein dadurch – sieht man einmal vom Gefälle im so- sche Alltagswelt als auch das Gleichgewicht der Ge-
zialen Status der Eltern ab – wird eine Heirat als pro- schlechterrollen und der gesellschaftlichen Stände. Ih-
blematisch bis unmöglich markiert. Nur durch das ge- nen allen droht Dürre und Unfruchtbarkeit – wobei
meinsame märchenhafte Abenteuer kann diese Bar- letzteres hier natürlich metonymisch auch für die
riere überwunden werden. nicht gelingende Hochzeit steht. Die Reise des Paares
Der eigentliche figurale Konflikt findet sich gleich- und ihre glückliche Heirat am Ende hat daher die
wohl auf der Ebene der Elterngeneration. Während Funktion, alle zu Beginn der Geschichte dargestellten
Mutter Stine als Repräsentantin eines abergläubisch- Gegensätze aufzuheben und miteinander harmonisch
mythischen, vor allem aber verklärenden Zeitbe- zu verschmelzen. Als Oberflächenmotivation für den
wusstseins gelesen werden kann (ist sie es doch auch, Auszug in die Fremde ist dabei das Ziel genannt, die
die von ihrer Urahnin berichtet, die einst die Regen- Regentrude aufzuwecken und so auch die Wette gegen
trude aufweckte und so einen im Märchenhaften lie- den Vater zu gewinnen.
genden Lösungsansatz formuliert), verkörpert sich im Dass dabei der rettende Aufbruch des Helden erst
Wiesenbauer eine ganz auf die Ratio abstellende Fort- einmal von allen involvierten Figuren diskutiert und
schrittsgläubigkeit. Beiden Figuren ist in ihrer jewei- in Frage gestellt wird, dokumentiert die realistische
ligen Einseitigkeit die Verbindung zur Vergangenheit Perspektive des Textes, der erst dort märchentypisch
verloren gegangen; von daher leben beide in einer pre- wird, wo er mit diesem Aufbruch nicht nur die Ret-
kären Gegenwart – der Wiesenbauer durch einen tung der Welt, sondern auch die soziale Integration
Mangel an Glauben, Mutter Stine durch einen Mangel des Helden verbindet. Dementsprechend findet sich
an Besitz. in der Regentrude auch eine doppelte, einerseits mär-
Die Eltern verdeutlichen damit auch einen elemen- chentypische, andererseits realistische Handlungs-
taren Konflikt zwischen den männlichen und weibli- motivation für die Reise des jungen Paares in die Un-
chen Elementen des Textes, die wiederum eng mit terwelt: Neben der explizit märchenhaften Oberflä-
106 III Werk – B Märchen

chenmotivation – die Erlösung von der Trockenheit Trennung des Paares ist also elementar für das Gelin-
und die daran gekoppelte Legitimation der Heirat von gen des Abenteuers. Damit zeigt sich der phantasti-
Maren und Andrees – findet sich die implizite tiefen- sche Raum erneut als explizit weiblicher Raum, des-
strukturelle Motivation einer Aufhebung sozialer Un- sen äußerster Punkt auch nur von weiblichen Figuren
gerechtigkeiten. erreicht werden kann. Die Erweckung der Regentrude
Der Ort der Handlung lässt sich analog zu dieser durch Maren als ›realistische Heldin‹ im Extrempunkt
Zweiteilung in der Handlungsmotivation auch topo- der dargestellten Welt, einem Brunnen in einem Wol-
graphisch in zwei ganz märchentypischen Teilräumen kenschloss, ist damit abermals codiert durch Tiefe,
unterscheiden. Der Start- wie Endpunkt der Erzäh- Wasser und Weiblichkeit, die regelrecht befreit wer-
lung ist der topographische Ort der Heimat. Dieser den müssen, um die Alltagswelt und die Beziehung
konstituiert als Bereich der Kultur in einem bäuerlich- des Paares fruchtbar zu machen. Bemerkenswert ist
bürgerlichen Milieu einen realistischen Raum. Hier hier, dass auch die Parallelwelt von der Dürre betrof-
gelten von Textanfang bis Textende die Darstellungs- fen ist, sie fungiert also als phantastische Spiegelung
konventionen des bürgerlichen Realismus, phantasti- der Probleme der oberirdischen Welt. Dementspre-
sche Elemente dürfen darin nur im Rahmen von Figu- chend beginnt es dann auch in der Heimat zu regnen,
renreden und als von subjektiver Wahrnehmung oder als Maren mit der aufgeweckten Regentrude zusam-
großer zeitlicher Distanz verzerrte Ereignisse dar- men den unterirdischen Brunnen aufschließt und die
gestellt werden. Im Gegensatz dazu steht als zweiter Regenwolken ›befreit‹.
Raum der Naturraum in der Fremde. Dieser ist in der Dieses positive Ergebnis der Reise Marens zeigt,
Unterwelt verortet und trägt deutliche phantastische dass Die Regentrude als realistisches Märchen in klarer
Merkmale des Irrealen. Erweitert wird die Semantisie- Opposition zum romantischen Konzept von negativ
rung dieser beiden oppositionell zueinander stehen- dämonischen Wasserweibern steht. Vielmehr ist die
den Welten durch zusätzliche Attribute. So ist das Figur der Regentrude eine positive Metapher für
Reich der Regentrude mit den Elementen Wasser und Weiblichkeit, immerhin ermöglicht sie es Maren, das
Weiblichkeit, zugleich aber auch mit der Tiefe der Er- eigene weibliche Potential zu entdecken und die eige-
de sowie Absenz der Gesellschaft, Gefährdung, Tod ne Erotik in einem weiblichen Schutzraum experi-
und Phantastik konnotiert. mentell zu erfahren, was in einem Kuss zwischen der
Als textspezifische Besonderheit der Regentrude Regentrude und Maren zum Ausdruck kommt. In sei-
erweist sich dabei eine Aufteilung der Räume nach nem realistischen Märchen entwirft Storm damit ein
Gattungszuweisungen; die räumliche Trennung zwi- durchaus emanzipiertes Frauenbild, das das romanti-
schen Ober- und Unterwelt lässt sich als eine Tren- sche Initiationsmodell umkehrt und erweitert: Vor-
nung zwischen einem Erzähltext des Realismus und geführt wird eine weibliche, auf Kooperation aus-
seiner realistischen norddeutsch ländlich-bäuerli- gelegte Interaktion mit dem Phantastischen, als Mo-
chen Lebenswelt einerseits und einem Märchentext dell für eine erfolgreich gesellschaftskonforme Form
mit seiner unterirdischen, verborgenen Märchenwelt einer weiblichen Selbstfindung. Diese Integration von
andererseits lesen. phantastischer Weiblichkeit und Erotik in die Pro-
Die Grenze zwischen diesen beiden Welten ist klar tagonistin steht im deutlichen Gegensatz zu den phan-
markiert durch den trockenen Stamm einer Weide. tastischen Erzählungen der Romantik, in denen die
Die Raumbewegung der beiden Protagonisten in den Protagonisten dazu angehalten sind, ihr Selbst aktiv
Stamm hinein und hinunter in die Märchenwelt stellt von diesen Potenzialen abzugrenzen.
dabei einen aktiven Austritt aus der Gesellschaft und Das Märchenende setzt dieses harmonische Pro-
dem Elternhaus dar, beide Partner müssen für diesen gramm konsequent um: Maren und Andrees verlas-
Weg zuvor den Widerstand der Eltern überwinden. sen die Regentrude und steigen gemeinsam in einen
Der Abstieg in die Erde, der dann im Eintreten in ei- Kahn, der sie zurück in ihr Dorf bringt. Die letzten
nen phantastischen Raum mündet, lässt sich damit Szenen des Märchentextes beschreiben dann die
auch als Autonomisierung der Kindergeneration be- Hochzeit der beiden, vom Wiesenbauer abschließend
greifen. Bemerkenswert scheint es in diesem Kontext, mit dem Satz kommentiert, es sei »am Ende doch so
dass der Übergang in die Unterwelt kooperativ statt- übel nicht, wenn Höhen und Tiefen beieinander kom-
findet, indem Andrees Maren hinabträgt. Das Ende men« (LL 4, 108). In diesem Kommentar verbalisiert
des Weges innerhalb der Unterwelt aber kann aus- sich die Auflösung aller am Textanfang eröffneten
schließlich von Maren alleine erreicht werden, die Problemstellungen. So ist er erstens ein rein topogra-
24 »Die Regentrude« (1864) 107

phischer Hinweis darauf, dass durch die Heirat von tential des Phantastischen zur Aufweichung der Gren-
Andrees und Maren die Besitztümer beider Familien zen des Realismus ausschöpfen werden, kann Die Re-
und damit sowohl die hoch als auch die niedrig gele- gentrude hier als Vorstudie Storms zum Potential
genen Wiesen verbunden werden. Zugleich bestätigt phantastischer Texte gelesen werden, das er später
Marens Vater aber zweitens auch die von ihm zuvor nutzen wird, um erste Wege in die frühe Moderne zu
negierte potentielle Existenz einer Regentrude und le- suchen und zu finden.
gitimiert so die Verbindung von Ober- und Unterwelt,
Realität und Phantastik. Drittens kann diese Moral am Literatur
Textende mit Blick auf die eingangs herrschenden Bendel, Sylvia: Hochzeit der Gegensätze oder die Suche nach
problematischen Gesellschaftsstrukturen interpretiert dem Weiblichen? Wasser- und Feuerimaginationen in
Theodor Storms »Regentrude«. In: STSG 50 (2001), 65–79.
werden: Die höherstehende Instanz des Bauern lässt Conrad, Maren: Das realistische Märchen – Ein Oxymoron?
hier unter den gegebenen Umständen eine Verbin- »Die Regentrude« als experimenteller Text an den Gren-
dung von Reich und Arm sowie der zuvor klar ge- zen des Realismus. In: STSG 62 (2013), 35–53.
trennten Welten von Männlichkeit und Weiblichkeit Fasold, Regina: Romantische Kunstautonomie versus Realis-
aus pragmatischen Gründen des Selbsterhaltes zu. muskonzept um 1864. Über die Bedeutung von Storms
Märchen für seine realistische Poetik. In: Heinrich Dete-
Viertens lässt sich in dem abschließenden Satz des
ring/Gerd Eversberg (Hg.): Kunstautonomie und literari-
Wiesenbauers auch ein metatextueller Kommentar er- scher Markt. Konstellationen des Poetischen Realismus.
kennen, der sowohl explizit das realistische Pro- Berlin 2003, 65–82.
gramm, den Mittelweg oder Durchschnitt darzustel- Freund, Winfried: Rückkehr zum Mythos. Mythisches und
len, adressiert, als auch implizit die Darstellung von symbolisches Erzählen in Theodor Storms Märchen »Die
Extremen und des Phantastische legitimiert, wenn Regentrude«. In: STSG 35 (1986), 38–47.
Hansen, Hans-Sievert: Narzißmus in Storms Märchen. Eine
diese am Ende zu etwas Realistischem verschmelzen.
psychoanalytische Interpretation. In: STSG 26 (1977), 37–
Die Regentrude ist daher weit mehr als das von der 56.
Forschung oft behauptete kindlich-eskapistische Mo- Roebling, Irmgard: Prinzip Heimat – eine regressive Utopie?
ment im Werk Storms. Vielmehr lässt sich das ›realis- Zur Interpretation von Theodor Storms »Regentrude«. In:
tische Märchen‹ als Oxymoron im Sinne einer Kom- STSG 34 (1985), 55–66.
bination von nur scheinbar einander widersprechen- Scherer, Gabriela: Theodor Storm. »Die Regentrude«. In:
Rolf Tarot (Hg.): Kunstmärchen. Erzählmöglichkeiten von
den Elementen lesen. Die Regentrude stellt einen frü- Wieland bis Döblin. Bern 1993. 217–229.
hen literarischen Versuch Storms dar, unter dem Tax, Petrus: Storms »Die Regentrude« – auch »eine nach-
Deckmantel der Märchenerzählung mit den Möglich- denkliche Geschichte«. In: Modern Language Notes 97
keiten des Phantastischen innerhalb des Realismus zu (1982), 615–635.
experimentieren. Da Storms Texte später das volle Po-
Maren Conrad
108 III Werk – B Märchen

25 »Der Spiegel des Cyprianus« weisen Cyprianus gewendet, den sie nach einer Kriegs-
(1864) verwundung, offenbar im Dreißigjährigen Krieg, ge-
pflegt hatte. Aus Dankbarkeit dafür lässt dieser ihr ei-
nen Spiegel zukommen, den sie »nach Frauen Art« (LL
Entstehung
4, 136) gebrauchen solle, dann werde sich ihr Wunsch
Der Spiegel des Cyprianus entstand nach Die Regentru- erfüllen. Zugleich jedoch schickt er ihr eine Warnung,
de und Bulemanns Haus als letztes der drei von Storm dass niemals »das Bild einer argen Tat« (136) in den
als zusammengehörig betrachteten Märchen im Jahr Spiegel fallen dürfe, sonst würde dieser das geschehene
1864. Nachdem Storm die Arbeit an dem Märchen zu Unrecht an den Kindern rächen. Tatsächlich bringt die
Beginn des Jahres aufgenommen hatte, wurde sie je- Gräfin bald einen Sohn namens Kuno zur Welt, stirbt
doch aufgrund der politischen Lage in Schleswig-Hol- jedoch kurz darauf unerwartet. Der Spiegel wird ver-
stein und auch wegen Storms Ernennung zum Land- hüllt und in einem entlegenen Teil des Schlosses auf-
vogt von Husum für mehrere Monate unterbrochen. bewahrt. Der Graf heiratet erneut und hat mit seiner
Erst im November 1864, nachdem er zuvor noch die zweiten Frau einen weiteren Sohn, Wolf. Bald jedoch
Novelle Von Jenseit des Meeres beendet hatte, stellte kommt der Vater bei einem Jagdunfall zu Tode, wobei
Storm schließlich Der Spiegel des Cyprianus fertig. angedeutet wird, dass ein der neuen Gräfin ergebener
Anders als Die Regentrude und Bulemanns Haus Obrist namens Hager die Schuld daran trägt. Die Grä-
wurde Der Spiegel des Cyprianus für die Veröffent- fin lässt durch Hager auch ihren Stiefsohn töten, um
lichung in Webers Illustrirter Zeitung von diesem ihrem eigenen Sohn das Erbe zu sichern. Das Verbre-
überraschend abgelehnt, sodass das Märchen erst chen geschieht vor dem Spiegel des Cyprianus. Dieser
rund ein Jahr nach Fertigstellung im Dezember 1865 rächt den Kindermord auf geheimnisvolle Weise, in-
Der Bazar erstmals publiziert wurde. In dieser Version dem er kurz darauf den Tod Wolfs verursacht. Die Grä-
wurde die Passage am Ende, in der die baldige Geburt fin verdächtigt Hager auch dieses Mordes und wird
eines weiteren Kindes angekündigt wird, aufgrund selbst von ihm erschlagen. Hager verschwindet und
moralischer Bedenken im Hinblick auf die vorwie- Schloss und Titel gehen an eine Seitenlinie, aus wel-
gend weibliche Leserschaft der Zeitschrift ohne das cher der gegenwärtige Graf stammt. Dessen zweite
Wissen Storms gestrichen. In dem fast zeitgleich er- Frau, die Gräfin der Rahmenhandlung, ihrerseits eine
schienenen Band Drei Märchen ist Der Spiegel des Cy- Nachfahrin der Mörderin, ermöglicht am Ende durch
prianus vollständig enthalten. ihre fürsorgliche Liebe die Genesung des kranken
Als Quelle für Der Spiegel des Cyprianus diente Stiefsohnes. Indem sie den Spiegel dabei im Zimmer
Storm die Ballade Die Herzogin von Orlamünde aus aufstellen lässt, beendet sie auch den auf ihrer Familie
Achim von Arnims Des Knaben Wunderhorn (1805– lastenden Fluch. Zuletzt verkündet der Spiegel ihr die
1808). Hier lässt die Herzogin in der Hoffnung auf die baldige Geburt eines eigenen Kindes.
Ehe mit einem Grafen ihre eigenen Kinder von einem
zwielichtigen Helfer namens Hager töten. Wie bei
Deutung
Storm versuchen die Kinder vor ihrem Tod vergeb-
lich, den Mörder durch das Versprechen ihrer Länder- Storm verwendet in Der Spiegel des Cyprianus zahlrei-
eien bzw. ihres Spielzeugs umzustimmen. Den Namen che Motive, die aus den Volksmärchen bekannt sind.
des Cyprianus entlehnte Storm einer lokalen Sage; die Dazu gehören die adeligen Handlungsträger, der ma-
der Söhne Kuno und Wolf dem Märchen Der Zauber- gische Gegenstand, das Ehepaar, dessen Kinder-
krug von Friedrich Wilhelm Hackländer. wunsch nur unter besonderen Bedingungen erfüllt
wird. Auch der Lohn der guten und die Strafe der
schlechten Tat sowie die Warnung vor etwas, das auf
Inhalt
keinen Fall geschehen darf und notwendigerweise
In der Rahmenhandlung sitzen eine alte Dienerin und trotzdem geschieht, sind in der Überlieferung be-
eine Gräfin am Bett eines an einer rätselhaften Krank- kannt (wie etwa das Verlassen des Pfades im Wald in
heit leidenden Kindes. Die Gräfin, seine Stiefmutter, Rotkäppchen). Mit diesen Anleihen knüpft Storms
hört von der Dienerin eine Geschichte über die Fami- Kunstmärchen an die Tradition der Volksmärchen an.
lie ihres Mannes. Vor langer Zeit hatte sich eine beim Darüber hinaus enthält Der Spiegel des Cyprianus
Volk wegen ihrer Mildtätigkeit beliebte, aber kinder- auch Verweise auf das Genre des Schicksalsdramas
lose »gute Gräfin« mit ihrem Kinderwunsch an den um 1800. Kennzeichnend für diese sind durch die

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_25, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
25 »Der Spiegel des Cyprianus« (1864) 109

Schuld an einem Verbrechen begründete Geschlech- der Binnenhandlung eine weitere Verknüpfung beider
terflüche, die sich auf die Nachkommen späterer Ge- Welten. Diese Durchdringung des Realen mit dem
nerationen auswirken und auf diese Weise für späte Übernatürlichen ist ein wesentliches Kennzeichen der
Gerechtigkeit sorgen. Ähnlich wie im Schicksalsdra- romantischen Literatur, an die Storm hier anknüpft.
ma ist auch bei Storm die reguläre Ordnung der Welt Insbesondere die unerwartete Verwandtschaft der
durch ein begangenes Unrecht gestört, sodass nur Protagonisten erinnert an das romantische Märchen,
übernatürliche Kräfte die Schuld sühnen können etwa an Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert (1797). Die
(man denke etwa an Zacharias Werners Drama Der Entlehnungen aus Arnims Die Herzogin von Orla-
vierundzwanzigste Februar aus dem Jahr 1808 oder münde sind ein weiterer Bezug zur Romantik. Nicht
Adolf Müllners Die Schuld von 1813). Auch der in die- allein wesentliche Handlungselemente und den Na-
sen Dramen regelmäßig enthaltene ›verhängnisvolle men der Figur Hager hat Storm von Arnim übernom-
Gegenstand‹ ist bei Storm durch den Spiegel vertreten, men, sondern sogar Teile des Dialogs zwischen dem
der bei allen wesentlichen Wendepunkten der Hand- Grafensohn Kuno und seinem Mörder, wenn das Kind
lung eine Rolle spielt. Der Spiegel wird zu einer rä- mit Versprechungen sein Leben zu retten versucht:
chenden, gesetzähnlichen Instanz in einem Moment, »Laß mich leben; ich schenke Dir mein kleines Nord-
in dem nach dem Tod der rechtmäßigen Schlossher- landroß und auch das schöne rote Sattelzeug!« (148)
ren kein menschliches Recht mehr gültig ist. Dem zu- Neben diesen Anleihen an die Romantik in Der
grunde liegt eine Weltsicht, nach der dem Chaos auf Spiegel des Cyprianus enthält Storms Märchen jedoch
Erden eine übernatürliche Ordnung gegenübergestellt auch Kennzeichen, die für die realistische Epoche ty-
ist, die am Ende die gestörten Verhältnisse korrigiert. pisch sind. Dazu zählt vor allem die soziale Komponen-
Im Falle Storms kann dies als Ausdruck der Sehnsucht te, etwa das Gefälle zwischen Arm und Reich. So schei-
nach einer stabilen metaphysischen Weltordnung ge- tert die schon angebahnte Eheschließung des Grafen
lesen werden, die an der Schwelle der Moderne zuse- mit dem »wenig begüterten Fräulein« in der Rahmen-
hends ins Wanken geraten war. Zugleich jedoch ist bei handlung zunächst an deren geringem Vermögen
Storm, anders als in den Schicksalsdramen, die Mög- (132). Außerdem gewinnt die »gute Gräfin« der Bin-
lichkeit gegeben, den fatalen Kreislauf durch eigenes nenhandlung diesen Namen aufgrund ihrer Wohl-
Agieren zu durchbrechen. Die Gräfin der Rahmen- tätigkeit den Armen gegenüber, die sie in ihren Behau-
handlung setzt durch ihre Güte den auf ihrer Familie sungen besucht (133). Die »gute Gräfin« ist damit eine
lastenden Fluch außer Kraft, sodass sich das durch Wanderin zwischen den Welten des Adels und der är-
den Spiegel katalysierte Schicksal schließlich doch meren Bevölkerung, die ansonsten in dem Märchen
nicht als unabänderlich erweist: Das »unerklärliche keine Rolle spielt. Noch deutlicher wird der Gegensatz
Siechtum« (132) des Kindes in der Rahmenhandlung zwischen den beiden parallelen Welten, als das nahege-
kann auf ebenso übernatürliche Weise geheilt werden. legene Dorf von einer Krankheit heimgesucht wird:
Der Spiegel ist in diesem Sinne nicht allein eine rä- »Mit dem Herbst fiel ein böses Fieber über das Dorf;
chende, sondern auch eine korrigierende Instanz. die Menschen starben; doch ehe sie starben, lagen sie
Die Angehörigen der Familie sind über Generatio- verschmachtend und hülfeflehend auf ihrem Lager«
nen hinweg durch den Spiegel in einen gemeinsamen (139). Die »gute Gräfin« versucht zu helfen, steckt sich
Bedeutungszusammenhang gesetzt. Der konkrete Ge- jedoch an und stirbt kurz darauf selbst an der Seuche.
genstand, zunächst nur ein phantastisches Element in Anders als in der Rahmenhandlung wird die Hilfs-
der Erzählung der Dienerin, beglaubigt deren Ge- bereitschaft der Protagonistin in der Binnenhandlung
schichte, als er gegen Ende der Rahmenhandlung tat- dieser zum Verhängnis. Während die rätselhafte
sächlich im Zimmer aufgestellt wird. Die Märchen- Krankheit des Kindes in der Rahmenhandlung eine –
erzählung der Binnenhandlung tritt in die Welt der moralisch zwar durchaus fragwürdige – übernatürli-
Rahmenhandlung über, sodass die Grenzen von che Strafe für das Verbrechen seiner Ahnen darstellt, ist
Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. In Der die Erkrankung der »guten Gräfin« nicht zu erklären.
Schimmelreiter (1888) bedient sich Storm desselben Ihr sinnloser Tod im Dienst einer guten Sache stellt das
Mittels, wenn der geisterhafte Reiter dem Erzähler der durch den Spiegel etablierte geordnete Weltbild, nach
Rahmenhandlung auf dem Deich begegnet. Zugleich dem gute Taten belohnt und schlechte bestraft werden,
besteht in Der Spiegel des Cyprianus aufgrund der sich wieder in Frage. Selbst in einer märchenhaften Welt, in
überraschend erweisenden Verwandtschaft der Grä- der gute Zauberer und magische Spiegel auftreten, gibt
fin der Rahmenhandlung mit der ›bösen‹ Stiefmutter es auch Armut, Krankheit und unverschuldetes Leid.
110 III Werk – B Märchen

Storm gestaltet das Spiegelmotiv in Der Spiegel des phantastische Erzählung tief in der Vergangenheit ver-
Cyprianus auf der inhaltlichen wie auf der strukturel- ortet schien, erweist sich angesichts des aus der Rum-
len Ebene in komplexer Weise aus, wobei er verschie- pelkammer hervorgeholten Spiegels als überraschend
dene Aspekte des Motivs aufgreift. So ist der Spiegel zu- gegenwärtig. Der Spiegel fungiert gewissermaßen als
nächst ein geheimnisvolles Artefakt, das die Zukunft das genealogische Gedächtnis der adeligen Familie.
vorhersagen und Abwesendes sichtbar machen kann Schließlich findet sich das Spiegelmotiv auch in der
(mit dieser Eigenschaft ist er ein entfernter Verwandter erzählerischen Technik des Märchens, wenn die Bin-
des magischen Spiegels in Grimms Schneewittchen). Er nenhandlung die Rahmenhandlung mit umgekehrtem
zeigt der »guten Gräfin« in der Binnenhandlung ein Vorzeichen wiedergibt: In letzterer wird eine negative
schlafendes Kindergesicht, um ihr die baldige Geburt Gräfin von einer positiv konnotierten Figur abgelöst,
ihres Kindes anzukündigen: »[In] der Frühlingssonne, die durch die doch noch erfolgte Heirat mit dem Grafen
die hell in den Spiegel leutete [sic], erkannte sie deut- ihr Recht erhält und aufopfernd für ihr krankes Stief-
lich ein schlummerndes Kinderantlitz, das aus dem kind sorgt. In der Binnenhandlung dagegen ist die erste
Rosenwölkchen blickte« (138). Der Vater hingegen Ehefrau ›gut‹ und die zweite eindeutig ›böse‹, da sie den
sieht ein weinendes Kind im Spiegel, das zwar ebenfalls Tod ihres Stiefkinds und vermutlich auch den ihres
Nachkommen verheißt, zugleich jedoch auch das zu- Mannes veranlasst. Storm setzt hier das aus zahlreichen
künftige Leid in der Familie vorhersagt. Es überrascht Märchen bekannte Motiv der Stiefmutter ein und ent-
etwas, dass die Gräfin an dieser dunklen Vorhersage wickelt es weiter, indem er die scheinbar notwendige
keinen Anteil hat, da sie doch selbst bereits ein halbes Zuordnung der biologischen Mutter als gut und der
Jahr nach der Geburt sterben wird. Stiefmutter als böse auflöst. Indem die Stiefmutter der
Dem wundertätigen Spiegel des Cyprianus steht Rahmenhandlung dieser Zuordnung nicht entspricht,
ein »Handspieglein [...] an güldner Kette« (142) ge- kann sie zugleich den auf ihrer Familie lastenden Fluch
genüber, das die ›böse Gräfin‹ am Gürtel trägt. Hier auflösen. Insgesamt ist in der Gestaltung der vier Grä-
greift Storm auf die traditionelle Deutung des Spiegels finnen eine klare Unterteilung in zwei Typen erkenn-
als Symbol der Vanitas zurück, das bei dem magischen bar. Auf der einen Seite stehen die ›guten Gräfinnen‹.
Spiegel keine Rolle spielt: Der tragbare Spiegel fun- Beide stellen mit ihrer Kinderliebe sowie ihrer auf-
giert als Attribut der Schönheit und Eitelkeit der ›bö- opfernden Pflege der Armen und Kranken Idealbilder
sen Gräfin‹. Dieser Symbolcharakter wird noch ver- weiblicher Häuslichkeit und Nächstenliebe dar. Auf der
stärkt durch das kostbare Metall der Kette, während anderen Seite erscheinen die beiden Negativbeispiele
der magische Spiegel nur einen Rahmen aus Bronze als unaufrichtig und berechnend. Sie setzen ihre Schön-
hat (vgl. 137). In den Händen der negativen Figur wird heit gezielt zur Manipulation ein und verführen den je-
auch der Spiegel zu einem negativ konnotierten In- weiligen Grafen zu einer für diesen unvorteilhaften
strument. oder sogar verhängnisvollen Ehe. Bei Ankunft der ›bö-
Der Spiegel des Cyprianus hat darüber hinaus auch sen Gräfin‹ in der Binnenhandlung wird von vorn-
eine Gedächtnisfunktion inne. Als ›Zeuge‹ des Mordes herein deutlich, wie sehr sie sich von ihrer Vorgängerin
an Kuno bewahrt er das Ereignis auf geheimnisvolle unterscheidet, sowohl in ihrer Vorliebe für Luxus als
Weise auf und vollzieht selbst die Rache an dem un- auch in ihrem Aussehen: »Endlich [...] langten nach-
schuldigen Wolf. Als die ›böse Gräfin‹ nach dem Tod einander viele Kisten mit kostbaren Teppichen, gold-
ihres Sohnes in den Spiegel sieht, erkennt sie ihrerseits gepreßten Ledertapeten und allerart modischen Din-
»die Gestalt eines Kindes; wie trauernd kauerte es am gen an, wie es vom Gesinde dort nie zuvor gesehen war
Boden und schien zu schlafen« (151). Hier wiederholt [...]. Es [die Gräfin] ist ein Füchschen mit goldrötlichem
sich die Vision der »guten Gräfin« im Negativen: wäh- Haar, wie sie den Männern, insonders den älteren, so
rend das schlafende Kind zukünftiges Leben verhieß, gefährlich sind« (141). Äußere Attraktivität, Eitelkeit
zeigt das trauernde Kind den Tod an. Der ›guten Grä- und Machtwille der neuen Frau stehen innerer Schön-
fin‹ in der Rahmenhandlung wiederum erscheinen die heit, Mildtätigkeit und Aufopferung der verstorbenen
toten Kinder als Engel, das von ihr gepflegte kranke gegenüber. Diese Aufteilung in ›gute Frau‹ und ›böse
Kind als gesund, und schließlich auch die Ankündi- Frau‹ reproduziert altbekannte geschlechterspezifische
gung eines eigenen Sohnes. Bis in die Gegenwart der Stereotype, die weibliche Attraktivität und Ambition
Rahmenhandlung hinein konserviert der Spiegel also als problematisch empfinden, während die Vorstellung
die Erinnerung an das von der Dienerin erzählte Ge- einer ›guten Frau‹ weitgehend deckungsgleich mit ei-
schehen und beglaubigt dieses zugleich. Was zuvor als ner ›guten Hausfrau und Mutter‹ ist.
25 »Der Spiegel des Cyprianus« (1864) 111

Trotz dieser traditionellen Einteilung fällt auf, dass Storms Märchen und seinem übrigen Prosawerk.
die Handlung in Der Spiegel des Cyprianus stark von Zeitgenössische Stimmen standen dem Genre Mär-
den Frauenfiguren bestimmt ist, während die jewei- chen insgesamt kritisch gegenüber, und auch Storms
ligen Grafen wenig mehr zu tun haben als Ehen zu drei Märchen wurden zunächst eher ablehnend auf-
schließen: Die »gute Gräfin« der Binnenhandlung ka- genommen. Jedoch bot das Genre Storm die Möglich-
talysiert mit ihrem Kinderwunsch das Geschehen, ih- keit, psychologische Themen literarisch zu gestalten,
re ›böse‹ Nachfolgerin lädt den Fluch auf sich und ihre die später auch in seinen Novellen auftreten, darunter
Nachkommen, und die ›gute‹ Gräfin der Rahmen- vor allem das Motiv der über mehrere Generationen
handlung sorgt für den glücklichen Ausgang. Auch gefährdeten oder zerstörten Familie (Fasold 2003).
der Spiegel ist ein eindeutig weiblich konnotiertes Me- Zudem besteht aufgrund des sozialen Konflikts in
dium. Indem ein für den weiblichen Privatbereich be- dem Märchen eine enge Verwandtschaft zwischen
stimmter Gegenstand eine so wesentliche Funktion diesem und Storms übrigen erzählerischen Werken.
für den Fortgang der Handlung übernimmt, werden Der offenkundige Gegensatz zwischen Arm und
die engen Grenzen der traditionellen weiblichen Reich in Der Spiegel des Cyprianus kann als ein Ur-
Sphäre von Haushalt und Kindererziehung erweitert. sprung des zugrundeliegenden Konflikts verstanden
Nachdem er nämlich die Sehnsucht der »guten« Grä- werden (Schuster 1990).
fin nach einem Kind erfüllt hatte, dient der Spiegel zu-
sätzlich der Sühne und der Wahrheitsfindung und Literatur
vergrößert damit seinen ›Zuständigkeitsbereich‹ be- Fasold, Regina: Romantische Kunstautonomie versus Realis-
trächtlich. Auch hier ist es wiederum eine weibliche muskonzept um 1864. Über die Bedeutung von Storms
Märchen für seine realistische Poetik. In: Heinrich Dete-
Figur, durch die diese erweiterte Funktion des Spiegels ring/Gerd Eversberg (Hg.): Kunstautonomie und literari-
zur Anwendung kommt. Der Spiegel ist demnach ma- scher Markt. Konstellationen des Poetischen Realismus.
gisches Artefakt und Medium weiblicher Handlungs- Berlin 2003, 65–81.
fähigkeit zugleich. Freund, Winfried: Literarische Phantastik. Die phantastische
Novelle von Tieck bis Storm. Stuttgart/Berlin/Köln 1990.
Schuster, Ingrid: Theodor Storm: die zeitkritische Dimension
Forschung seiner Novellen. Bonn 1971.

Es gibt vergleichsweise wenige wissenschaftliche Ar- Dagmar Paulus


beiten zu Der Spiegel des Cyprianus. Ein Gegenstand
der Diskussion ist die Frage nach dem Verhältnis von
C Sagen und Spuk

26 »Neues Gespensterbuch« auf einem sogenannten »Gesellschaftsabend« seines


(1843–48) Gesangvereins (wovon Storm seinem Sohn Hans in ei-
nem Brief vom 22.4.1864 berichtet) oder am Silvester-
abend 1882 in Hademarschen (in Anwesenheit seines
Storm hatte ein besonderes Verhältnis zu allem Spuk- Freundes Erich Schmidt, der sich erinnert, dass Storm,
haften und Gespenstischen. Seine Tochter Gertrud, um die Wahrheit der Geschichte zu unterstreichen,
seine erste Biografin, meinte sogar, dass ihr Vater »ein zum Schluss »mit kräftiger Faust auf den Tisch schlug,
wenig an Geister und Spuk« geglaubt habe (Storm daß die Gläser tanzten«; Schmidt 1886, 478).
1922, 45). Storm selbst jedoch versicherte Gottfried Ferdinand Tönnies berichtet, dass Storm mit ihm
Keller gegenüber, dass er nicht an »Un- oder Ueberna- gerne über »geheimnisvolle Dinge« gesprochen habe,
türliches glaube«, jedoch der Meinung sei, »daß das und ist der Meinung, dass »das Geister- und Gespen-
Natürliche [...] bei Weitem noch nicht erkannt« sei sterwesen, der Spuk und Aberglaube [...] nicht nur sei-
(Storm–Keller, 92). In seiner Jugend hat Storm mit nen poetischen Reiz« für ihn hatten, sondern dass er
höchster Aufmerksamkeit den Geschichten der Bä- sogar der Ansicht war, dass »es noch unerkannte Kräf-
ckerstochter Lena Wies gelauscht, »mochte es nun die te der menschlichen Seele gebe« (Tönnies 1917, 59).
Sage von dem gespenstigen Schimmelreiter sein oder So spielt das spukhafte Element auch in den No-
eine aus dem Wochenblatt oder sonstwie aufgelesene vellen eine wichtige Rolle, z. B. in der Novelle Eeken-
Geschichte« (LL 4, 179). Auch die Erinnerung an die hof, in der die Mutter des Helden aus dem Rahmen
»ganz deutliche Erscheinung« des »Niß Puk« bestätigt ihres im »Saal« aufgehängten Bildes tritt und den
Storms frühes Interesse an Spukgestalten (268 f.). Sohn so vor der drohenden Gefahr warnt. Oder in
Storms Interesse an Gespenstischem war so groß, Zur Chronik von Grieshuus, wo die »schlimmen Ta-
dass er selbst bis ins hohe Alter Spukgeschichten vor- ge« den Wildmeister an den Brudermord erinnern,
getragen hat. Schon seine Kinder hat er damit unter- den er begangen hat., Eine besondere Rolle spielt die
halten, dass er Spukgeschichten – abgewandelt und für »dunkle Gestalt« im Schimmelreiter, die auf einem
Kinder zugeschnitten – erzählt hat. Seine Tochter Ger- »hochbeinigen hageren Schimmel« immer dann er-
trud berichtet (Storm 1922, 50), dass der Vater mit- scheint, wenn Gefahr droht. Dabei war Storm sich
unter unmittelbar vor dem Zubettgehen eine »herr- bewusst, dass es schwierig ist, »eine Deichgespenst-
liche Spukgeschichte« erzählt habe (heute – nach der sage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen«
Entdeckung des Neuen Gespensterbuch-Manuskripts – (Storm–Heyse III, 140).
lässt sich nachweisen, dass es die Geschichte Die Pfarre Dass Storm selbst Spukgeschichten gesammelt und
aus seinem eigenen Gespensterbuch war; Nr. 2). seine Sammlung zum Druck vorbereitet hat, ist lange
Aber auch seinen Freunden hat Storm nicht selten völlig unbekannt geblieben. Erst im Jahre 1969 wurde
Spukgeschichten vorgetragen. Theodor Fontane er- das Manuskript eines Neuen Gespensterbuchs, das
innert sich, dass »eh es losging«, »alle Thüren« abge- Storm zum Druck vorbereitet hatte, im Besitz einer
riegelt wurden, »die Lampe ein wenig niedriger« ge- Enkelin des Dichters entdeckt.
schraubt wurde: »und nun las er. Ja wie. So ist nie gele- Die Spukgeschichtensammlung verdankt ihre Ent-
sen worden. Er kannte die Sachen auswendig und stehung der Tatsache, dass Storm und Theodor
hatte sie so zu sagen in Musik gesetzt [...]« (Storm– Mommsen ihr 1843 im Sinne der Brüder Grimm be-
Fontane, 172). gonnenes Projekt, Schleswig-Holsteinische Sagen zu
Immer wieder und gern hat Storm die Spuk- sammeln, 1844 aber dem jungen Germanisten Karl
geschichte von »Herrn von Hönemann« vorgetragen; Müllenhoff überlassen haben (vgl. u. a. Storm–

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_26, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
26 »Neues Gespensterbuch« (1843–48) 113

Mommsen, 99 f.). Storm hat daraufhin eine eigene 5. Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, hg. v. Carl
Sammlung begonnen, wie aus einer Anfrage Storms Philipp Moritz. Berlin 1783.
vom 1.3.1845, die er an Müllenhoff richtet, hervor- Jung-Stillings Theorie der Geister-Kunde stand – wie
geht: »Sind nicht unter den Manuskripten, die ich Ih- nachgewiesen werden konnte – im Bücherschrank
nen gesandt, Gespenstergeschichten, und wenn, wol- des Dichters. Eine Geschichte ist sogar Ciceros Schrift
len Sie mir diese nicht mit nächster Fahrpost sen- De divinatione entnommen (unter dem Titel »Zwei
den?« (GB 1, 72; Müllenhoff hat die von ihm, von merkwürdige Träume«; Nr. 60). Der Handschrift
Theodor Mommsen, Theodor Storm und anderen ge- nach stammen von den 69 abgeschriebenen Spuk-
sammelten Sagen herausgegeben unter dem Titel Sa- geschichten 26 von Storm selbst und vier von seiner
gen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Frau Constanze.
Holstein und Lauenburg, Kiel, Schwers’sche Buch- Eine nähere Untersuchung des handschriftlichen
handlung 1845). Manuskripts kommt zu dem Ergebnis, dass das vor-
Storm hat dann eine eigene Sammlung begonnen. liegende Manuskript für den Druck vorbereitet ist. Es
Diese hat er Neues Gespensterbuch genannt, als Unter- finden sich am Rand der Texte nämlich Verbesserun-
titel noch hinzugefügt: »Beiträge zur Geschichte des gen, die von Storm vorgenommen sind; z. B. korrigiert
Spuks«. Damit wollte er sich offenbar von literari- er »Brenckenburg« in »Brenckenhof« (Nr. 28) oder
schen und fingierten Spukgeschichtensammlungen verbessert »weiße Hand« in »bleiche Hand« (Nr. 52).
absetzen. Seine Sammlung sollte in erster Linie selbst Sogar kurze, stichwortartige Anweisungen für den
erlebte oder nachweislich selbst erlebte Spukgeschich- »Setzer« (so wörtlich!) bzw. für den Verlag sind an ei-
ten umfassen. Im Inhaltsverzeichnis, von ihm »Regis- nigen Stellen des Manuskripts erhalten.
ter« genannt, sind insgesamt 69 Spukgeschichten ver- Man fragt sich deshalb: Warum hat Storm das
zeichnet und die Geschichten, die »zum ersten Mal« sorgfältig für den Druck vorbereitete Manuskript
»nach mündlicher Überlieferung« oder »nach der Er- nicht veröffentlicht? Da das Manuskript im Jahre
zählung glaubwürdiger Augenzeugen« abgedruckt 1848 abgeschlossen vorlag (aus diesem Grunde hat
sind, werden im Register mit einem Stern (*) beson- Storm wohl die ihm im Brief von Doris Stamp vom
ders hervorgehoben. Die Echtheit seiner Spukge- 6.2.1848 [unveröffentlicht in der SHLB Kiel] angebo-
schichten hat Storm darüber hinaus dadurch beglau- tene in »Fedder Eddings Hause« spielende Spuk-Ge-
bigt, dass er einzelne Erzähler mit Namen oder doch schichte nicht mehr angenommen), können es äußere
mit Namenskürzel nennt, von denen sich freilich heu- Gründe gewesen sein, die einer Veröffentlichung ent-
te nicht mehr alle auflösen lassen. Manche sind indes- gegenstanden. Wahrscheinlich war es wegen der 1848
sen zu entschlüsseln: So ist z. B. die Autorschaft einer und danach ausbrechenden politischen Unruhen
ganzen Reihe von Geschichten durch »D. St.«, das ist nicht möglich, einen Verlag für das Gespensterbuch
Doris Stamp, eine Bekannte des Dichters, gekenn- zu finden. Außerdem fehlte dem Lesepublikum in
zeichnet; andere Geschichten werden z. B. »Ch. v. K.«, dieser unruhigen Zeit das Interesse an Spukgeschich-
das ist Charlotte von Krogh, der Tochter des Amtman- ten. Und Storm selbst war 1848 und in den nachfol-
nes von Husum zugeordnet. Aber auch bekannte, ver- genden Jahren in anderer Weise engagiert: Er enga-
lässliche literarische Quellen werden benutzt, wie gierte sich für eine politische Neuordnung in Schles-
z. B.: wig-Holstein, wie die Gedichte Halbe Arbeit und Ge-
1. Monatliche Unterredungen von dem Reiche der segnete Mahlzeit und seine Unterschrift unter die
Geister. 18 Stück. Leipzig 1731–1741. »Petitionen« vom 21.1. und 4.4.1849 deutlich machen
2. Museum des Wundervollen oder Magazin des Au- (vgl. Laage 2003, 40 ff.). Vor allem aber war es wohl
ßerordentlichen in der Natur, Kunst und im Men- die eigene Dichtung, etwa die Novellen Im Saal (1848)
schenleben, hg. v. J. A. Bergk und F. G. Baumgärt- und Immensee (1849), die Ende der 1840er Jahre das
ner, 12 Bände. Leipzig 1803–1810. Interesse und die Arbeitskraft Storms in Anspruch
3. Jung-Stilling, Johann Heinrich: Theorie der Geis- nahmen.
ter-Kunde. Was von Ahnungen, Gesichten und So blieb das Manuskript des Neuen Gespenster-
Geistererscheinungen geglaubt oder nicht geglaubt buchs ungedruckt im Schreibtisch des Dichters liegen,
werden müße. Nürnberg 1808. überdauerte alle Umzüge von Husum nach Potsdam
4. Denkwürdigkeiten aus dem Leben eines Geschäfts- und Heiligenstadt, zurück nach Husum und zuletzt
mannes, Dichters und Humoristen, hg. v. J. L. nach Hademarschen; und überstand schließlich auch
Schwarz. Leipzig 1828. alle Nachlass-Ansprüche der Kinder und Enkel.
114 III Werk – C Sagen und Spuk

Storm hat zu seinen Lebzeiten – soviel wir wissen – Literatur


keine Versuche unternommen, das Manuskript doch Laage, Karl Ernst: Theodor Storms öffentliches Wirken. Heide
noch bei einem Verlag unterzubringen. Nur einmal 2003.
Laage, Karl Ernst: Theodor Storms »Neues Gespensterbuch.
hat er das »Gespensterbuch-Manuskript« aus der Beiträge zur Geschichte des Spuks«. Heide 2011.
Schublade seines Schreibtisches hervorgeholt, als er Schmidt, Erich: Charakteristiken. Berlin 1886.
1861, also in Heiligenstadt, die Aufforderung von der Storm, Theodor: Neues Gespensterbuch. Hg. v. Karl Ernst
Redaktion des Bazar und von der Victoria-Zeitschrift Laage, erstmals erschienen als Insel-Taschenbuch
erhielt, einen Beitrag für eine »Probennummer« zu Nr. 1346. Frankfurt a. M./Leipzig 1991; später Heide 2011.
Storm, Gertrud: Vergilbte Blätter aus der grauen Stadt. Re-
liefern. Damals hat er die Gespensterbuch-Geschichte
gensburg/Leipzig 1922.
Nr. 7 (»Die verhängnisvolle Stelle«), Nr. 32 (»Der Ge- Tönnies, Ferdinand: Theodor Storm. Gedenkblätter. Berlin
spensterbesen«) und Nr. 52 (»Tod der Mutter«) zur 1917.
Grundlage einer Geschichtensammlung gemacht, die
er Am Kamin nannte (s. Kap. III C.26). Karl Ernst Laage
27 »Am Kamin« (1862) 115

27 »Am Kamin« (1862) in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten


(1795) findet, kommt eine ganz spezifische historische
Entstehung
Funktion zu: Die in den Binnenerzählungen sich zei-
Der Erzählreigen Am Kamin erschien im Februar genden Phänomene sollen auf ihre konkrete gesell-
1862 in der »Illustrirten Muster- und Modezeitung« schaftliche Bedeutung, nicht zuletzt ihren Platz in ei-
Victoria. Storm hat den Zyklus sehr geschätzt, konnte nem moralischen oder epistemologischen Wertesys-
ihn aber nicht in seine Gesammelten Schriften aufneh- tem hin befragt werden. Man findet diese Erzählgrup-
men, da der Herausgeber der Victoria ihm weder das pen dementsprechend meist in Schwellensituationen
Manuskript zurücksandte noch die Druckfassung zu- wieder, in Momenten der Krisis (bei Boccaccio dem
kommen ließ (Storm–E.Storm, 52; Storm–Pietsch, von der Pest befallenen Florenz, bei Goethe der Be-
77). Wiederabgedruckt wurde der Text erst im 1913 lagerung von Mainz durch die französischen Truppen
erschienenen Nachtragsband der von Fritz Böhme 1793), also dort, wo Gesellschaften vor dem Untergang
verantworteten Werkausgabe. Sieht man von der klei- stehen und neue soziale Ordnungen heraufziehen,
nen Erzählung Das Nummerträumen ab (vgl. hierzu dort, wo alles auf den Prüfstand kommt und neu ent-
Eversberg 2015), so handelt es sich bei Am Kamin um schieden wird, was ›gutes Wissen‹ ist und was nicht.
den einzigen zu Lebzeiten in den Druck gelangten Be- Wenn der Text nun über die in ebenjenem Erzähl-
leg der langjährigen Beschäftigung Storms mit dem rahmen herumgereichte Bowle Hoffmanns Serapions-
Genre der Spukerzählung. Zwischen dem von Storm brüder (1819–1821) heranzitiert (LL 4, 54), dann ge-
wohl 1848 fertig gestellten, aber nicht veröffentlichten schieht das nicht zufällig. Die literarhistorische Re-
Neuen Gespensterbuch und dem Zyklus besteht eine miniszenz unterstreicht vor allem die problematische
direkte Verbindung, finden sich in der Anthologie Selbstverortung der Spukgeschichte: Im Gegensatz zu
doch bereits drei der insgesamt acht Kleinerzählun- deren romantischer Ausprägung, wie sie paradigma-
gen in rudimentärer Form. tisch in Hoffmanns Nachtstücken (1816/17) begegnet
(vgl. Arndt 2011, 206 f.), geht es in Storms novellisti-
scher Verhandlung des Spuks gerade nicht um die
Inhalt
›Phänomene‹. Am Kamin will eigentlich nichts erklä-
Der Text zerfällt in zwei Hälften, von denen jede vier ren, es ist der Erzählgemeinschaft nicht um naturwis-
kurze Spukgeschichten beinhaltet. Erzählt werden senschaftliche oder parawissenschaftliche Spekulati-
diese in einer kleinen Gemeinschaft, die sich im ersten on zu tun. Stattdessen wird hier zum Gegenstand der
Teil »am Kamin«, im zweiten an einem sommerlichen Diskussion, ob dem Kursieren dieser Geschichten
Teetisch zusammenfindet – wobei das Erzählen vor- überhaupt noch eine Bedeutung zukommen kann,
zugsweise einem ›alten Herrn‹ zukommt, während die und, wenn ja, worin diese Bedeutung liegen könnte.
jungen Damen und ein Assessor ihm zuhören und die Die Modernität dieses Erzählens liegt im Hinterfragen
Erzählungen kommentieren. Verhandelt werden da- seiner Sinnhaftigkeit. Vom frühen 19. Jahrhundert
bei das Wesen und die Kategorie des ›Spuks‹. In einem trennt diesen Text die Ahnung seines Anachronismus.
gewissen Sinne hat man es somit weniger mit einer Er ist sich selbst verdächtig und dieser Verdacht äu-
moderierten Anthologie als vielmehr mit einem poe- ßert sich im Zweifel daran, dass das sich in ihm artiku-
tologisch-reflexiven Arrangement zu tun: Die Erzäh- lierende okkulte resp. parapsychologische Wissen
lungen stehen in ihrer Klassifikation als ›Spuk‹ zur noch irgendeinen Öffentlichkeitswert besitzt. Die
Debatte; es handelt sich um kategoriale Exempel. Vermutung, dass die Spukgeschichte selbst ein ›ver-
lebtes Etwas‹ ist, ein Gespenst, das zur Unzeit er-
scheint, suggeriert bereits der Eingang der Erzählung.
Deutung
Zwar rechtfertigt der alte Herr vor seiner jungen weib-
Mit dem Blick auf die Rahmung ist zunächst zu kon- lichen Zuhörerschaft seine Ankündigung »Ich werde
statieren, dass Am Kamin dem novellistischen Erzäh- Gespenstergeschichten erzählen« (LL 4, 52) mit dem
len nicht nur verwandt, sondern geradezu program- Argument, ›sie lägen in der Luft‹; Das Auditorium
matisch verpflichtet ist. Der Reflexion des Erzählten weist jedoch sofort darauf hin, dass »Spukgeschichten
durch eine Erzählgemeinschaft, wie sie prototypisch [...] gänzlich zum Rüstzeug der Reaktion«, also in das
an der Wurzel der Novellistik, in Boccaccios Decame- Arsenal der Romantik gehörten, deren literarische,
rone (um 1350) angelegt ist und im ausgehenden philosophische und politische Zeit man für abgelau-
18. Jahrhundert ihre deutschsprachige Aktualisierung fen hält (ebd.). Der Erzähler übergeht diesen Einwand

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_27, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
116 III Werk – C Sagen und Spuk

schlichtweg und beginnt mit der ersten Geschichte, Tuchmachergesell wird in seiner Kammer nachts im-
die die Erwartungshaltung der Zuhörerschaft offen- mer wieder von einem Feggeräusch geweckt, bis er bei
sichtlich völlig unterläuft. Eröffnet wird der Reigen einer nächtlichen Rückkehr an seinem Fenster »ein
nämlich mit einer Traumerzählung – wie auch fünf Ding, ungestaltig und molkig« (59), sitzen sieht und
der acht Erzählungen Traumerzählungen sind. Wäh- daraufhin die Stadt verlässt. Auch hier gibt es weder
rend ein kleiner Junge schreiend aus einem Traum er- eine narrative Zuspitzung noch eine Auflösung der
wacht, weil er träumt, ein Wolf wolle ihn fressen, hat Erscheinung durch den Erzähler, so dass die Hörer-
dessen Tante zur gleichen Zeit den Traum, ein Wolf zu schaft erneut bemängelt, dass es sich um keine »echte
sein und den Neffen zu jagen. »Träumen ist doch nicht rechte Spukgeschichte« handle, man könne sich »auch
Spuken« (53) ereilt den Erzähler dieser ersten Ge- nichts ›bei denken«, da eben die »Pointe« (ebd.) fehle.
schichte sogleich der Einwand; und wenn diesem Ein- Tatsächlich hat man es aber auch hier mit einem de-
wand nicht mit einer Erwiderung, sondern mit einer finitorischen Erzählen zu tun: Spukhafte Wirklichkeit
Folgeerzählung begegnet wird, so ist daraus zu schlie- ist überzeitlich, bringt sie doch Dinge an Orten zum
ßen, dass der scheinbar lose Erzählreigen in Wahrheit Vorschein, an denen sie schon verschwunden oder
eine schrittweise programmatische Bestimmung des- noch nicht wahrnehmbar sein sollten. Oder, wie der
sen birgt, was ›Spuk‹ zu nennen ist und was nicht. ›Wi- alte Herr ausführt: »Aber ein Teil dieser Geschichten
dernatürlichkeit‹ allein ist dabei kein hinreichendes tritt eben mit dem Reiz des Rätsels an uns heran, und
Kriterium: Die Vermutung »Pfui! Die Tante ist ein drängt uns, den Dingen nachzuspüren, die, wenn
Werwolf gewesen!« (ebd.) rechtfertigt die Deklarie- gleich selber längst vergangen, noch solche Schatten
rung der Erzählung als Spukgeschichte noch längst aus dem leeren Raume fallen lassen« (ebd.).
nicht. Stattdessen verlagert sich die Aufmerksamkeit Dort, wo der Spuk gestalthaft wird, wiederholt er
von der Monstrosität auf die Medialität, auf einen Mo- nicht das, was einmal war, sondern muss notgedrun-
dus der Wahrnehmung, der Strukturen entblößt, die gen die aus ihrer Zeit gefallenen Schatten zu ›Dingen‹
in die Wirklichkeit hineinragen, sich aber aus dieser entstellen, deren Monstrosität gerade darin besteht,
nicht erklären lassen. ›Spuk‹ definiert sich bei Storm – dass sie eben noch nicht konturierte Wirklichkeit
und nicht nur in Am Kamin – just über diese erweiter- sind, sondern diese konturierte Wirklichkeit stören.
te Sinnlichkeit, über das ›zweite Gesicht‹, das Zugang Der Geist ist kein Objekt der Betrachtung, sondern
zu einem ›anderen‹ Wissen verschafft (vgl. hierzu aus- ein objekthaftes Medium, ein Wesen, das uns mit ei-
führlich Theisohn 2014). Die Spukgestalt und der mit ner überlagernden Seinsebene verbindet. Dement-
ihr verbundene Schauer lassen sich dabei als Oberflä- sprechend ist er als Erscheinung auch medial kontami-
cheneffekte jener zweiten Epistemologie verstehen. niert: Im Angesicht der ›molkigen Ungestalt‹ erscheint
Um was für ein Wissen handelt es sich nun dabei? die vertraute Umgebung selbst als Effekt einer Be-
Im Falle jener ersten Erzählung, die nichts weiter ent- arbeitung, als eine Realität, die aus dem Ungestalten
hält als eine Koinzidenz der Träume, ist der program- selbst erst hervorgebracht wird – und nicht umgekehrt
matische Gehalt kein anderer als der, dass die Seelen (vgl. Matala de Mazza 2013, 120).
von Träumenden miteinander verkehren, dass also Diese Reflexionen über die literarische Medialität
überhaupt geisterhafte Informationskanäle existieren. der Geister sind mit der Einsicht verbunden, dass das
Verhandelt wird somit die mediale Grundlage von Geisterwissen in aller Regel ein Schwellenwissen ist,
Spuk selbst – und angezeigt ist damit die analytische das zwischen den Lebenden und den Toten vermitteln
Grundausrichtung von Am Kamin. muss, wovon die vierte, fünfte und siebte Erzählung
Die nächste Erzählung fügt der ersten Bestimmung zeugen. In jeder dieser drei Erzählungen erscheinen
eine zweite hinzu: Das Wissen der Geister durchläuft Verstorbene im Traum: Eine Mutter verabschiedet sich
und strukturiert den menschlichen Erfahrungsraum, vom Sohn, der sich von ihrem Sterbelager zurückgezo-
es besitzt Koordinaten, unter denen es abgespeichert gen hat und eingenickt ist; Tochter und Mutter haben
und aufgerufen werden kann. So empfindet ein junger den wiederkehrenden selben Traum von der verstor-
Kaufmann während einer Lustfahrt durch die Marsch benen Nachbarin, die ins Haus kommt, um sich am
bei einem Rapsfeld »eine schlimme Stelle« (LL 4, 55), Ofen zu wärmen; ein Mann wird im Traum von einem
was seinen Gefährten seltsam anmutet, aber begreif- Freund aufgesucht, der sich Getreidekörner aus dem
lich wird, als acht Tage später der Kamerad tot in die- Mund zieht – und erfährt am Tag darauf, dass der
sem Rapsfeld aufgefunden wird. Die dritte Geschichte Freund im Casino beim Einsturz des Kornspeichers
führt sodann den Umkehrschluss vor: Ein junger erschlagen und unter dem Korn verschüttet wurde.
27 »Am Kamin« (1862) 117

Vertieft wird dabei die Reflexion über die Ordnung, und an psychophysische Korrespondenzen glaubt,
der sich die Spukphänomene verdanken. Wenn die dass er verhindern werde, dass dessen Leiche nach sei-
Träume zweier Menschen übereinstimmen: Ist dies nem Tod obduziert werde. Als es soweit ist und er zum
dann auf die Einwirkung des einen Traumes auf den Toten kommt, haben die Ärzte den Körper bereits ge-
anderen zurückzuführen, oder gibt »es noch ein Drit- öffnet und die Eingeweide entnommen. Erst nach dem
tes, worin dieselben ihren gemeinsamen Ursprung« heftigen Auftritt des Freundes versprechen sie ihm, die
haben (LL 4, 68)? Geht man von letzterem aus, dann Leichenteile alle wieder dem toten Körper zurück-
muss nicht nur geklärt werden, wer das Auftauchen zugeben und diesen zu schließen. An dieser Stelle en-
außerzeitlicher Phänomene verantwortet, sondern det nun die Erzählung, oder besser gesagt: Der Medizi-
auch, unter welchen Bedingungen jene andere, schat- nalrat unterbricht sich, verlässt den Lehnstuhl, horcht,
tenhafte Geschichte, die sich ›nicht wirklich‹ ereignet, ruft aus ›Das ist entsetzlich‹ – sucht den Professor auf,
sich mitzuteilen vermag. Vor diesem Hintergrund der die Obduktion geleitet hat, und verlangt von ihm
zeigt das Beispiel des verschütteten Hauptmanns, dass die Rückgabe des Herzens, das er wider das Verspre-
beide Wirklichkeiten zeichenhaft miteinander ver- chen dem Totenentnommen und konserviert hat. Die-
bunden sind, dass somit auch die Geister eine Sprache ser gesteht seinen Diebstahl und das Herz wird noch in
sprechen müssen, die von den Lebenden entziffert derselben Nacht in den Sarg zur Leiche gelegt.
werden kann, wenn auch nicht unmittelbar verstan- Ist zum Beginn der Erzählreihe nur das rudimen-
den werden muss. Der Spuk ist eine kodierte Wirk- tärste Element des Spuks vorhanden, nämlich die see-
lichkeit, es gibt ihn ohne mediale Vermittlung nicht. lische Kommunikation, so vereinigt jene letzte Erzäh-
Darüber hinaus aber wird derjenige, der den Spuk lung alle vorgenannten Kriterien des Spuks – die
erlebt, auch von diesem konsumiert. Der Spuk ver- Räumlichkeit und Überzeitlichkeit, die Schwelle zum
wandelt seine Vorstellung von der Welt, versetzt ihn in Tode, die Zeichenhaftigkeit und die Verwandlung des
die Lage, überhaupt erst dort Zeichen zu sehen, wo sie Erzählers – in sich. Gewendet ist der Spuk in diesem
sind. Genau hier befindet sich die Schnittstelle zwi- Falle aber nach außen: Das Geisterwissen wird nicht
schen Spukerzählung und realistischer Novellistik: erzählt, sondern es befällt das Erzählen. In der höchs-
Der Spuk kann über einen Erzähler auf seine Hörer- ten Meisterschaft der Spukerzählung (und als Quint-
und Leserschaft übergehen, bis diese selbst Gespenster essenz von Am Kamin) zeigt diese, dass sie nicht nur
zu sehen beginnt. Der Erzähler avanciert dann selbst Spuk zu schildern versteht, sondern dass sie sich selbst
zu einem Geist, der seine Informationen von überall bereits immer im Gespräch mit den Geistern befindet
her bekommt und auch dort wissend präsent ist, wo er – und dass jeder, der sich dieser Geschichten an-
es gar nicht sein kann. Diese Figuration bietet die nimmt, an diesem Gespräch teilhat.
sechste Kaminerzählung, die den Fall eines Gutsbesit-
zers verhandelt, dem immer wieder Hafer vom Boden Literatur
gestohlen wird, und der nachts träumt, er sei auf dem Arndt, Christiane: »Pfui! Wer befreit mich von diesem
Boden und beobachte dort einen alten Arbeiter beim Schauder?« Mediale Schauereffekte in Theodor Storms
Der Schimmelreiter. In: Daniela Gretz (Hg.): Medialer Rea-
Diebstahl. Tags darauf gesteht ebendieser Arbeiter den lismus. Freiburg i. B. 2011, 191–214.
Diebstahl mit dem Hinweis, er habe den Gutsherrn Eversberg, Gerd: Das Nummerträumen. Eine unbekannte
nachts auf dem Speicher gesehen, und unterrichtet Erzählung Theodor Storms und ihre Bedeutung für das
diesen nach und nach über »die unglücklichen Ver- Verständnis seiner Spukgeschichten. In: STSG 64 (2015),
hältnisse, die den bisher ehrlichen Mann zum Verbre- 74–109.
Matala de Mazza, Ethel: Spuk als Gerücht. Theodor Storms
cher gemacht« haben (70). Der Wachende wird hier
Volkskunde. In: Elisabeth Strowick/Ulrike Vedder (Hg.):
»durch den Träumenden zum Visionär« (ebd.). Wirklichkeit und Wahrnehmung. Neue Perspektiven auf
Eine Sonderstellung innerhalb des Ensembles Theodor Storm. Bern 2013, 107–129.
kommt der letzten Erzählung zu. Eigentlich läuft diese Theisohn, Philipp: Spökenkieken. Storm und das Wissen der
Erzählung ins Leere: Ein gealterter Medizinalrat ver- Geister. In: STSG 63 (2014), 23–39.
spricht einem herzkranken Freund, der offensichtlich Philipp Theisohn
der romantischen Naturphilosophie verbunden ist
D Novellen

28 Storms Verständnis des Genres Pietsch, 219). Pointiert gesagt: Neben seinen Tätigkei-
Novelle: Novellenpoetik als ten als Rechtsanwalt, Gerichtsassessor, Landvogt oder
Amtsrichter lebte der Dichter Storm für die Lyrik-, der
Medienpoetik Schriftsteller aber von der Prosaproduktion. Um sich
als Lyriker durchzusetzen, scheute er keine Kosten und
Im Gattungsverständnis Storms rangiert die Prosa- Mühen, kaufte auch schon einmal die Restbestände ei-
erzählung auf den hinteren Plätzen. Mit dem zeitge- ner Ausgabe seiner Gedichte auf und ermöglichte so
nössisch allgemein höher geschätzten Drama, vor al- deren Neuauflage (Storm–Groth, 46). Bei seinen No-
lem aber mit der in Storms Sinne gefassten Lyrik kann vellen dagegen versuchte er stets, möglichst hohe Ho-
sie sich demnach nicht messen. Wurde das Drama im norare auszuhandeln (vgl. z. B. Jackson 2001, 219).
Anschluss an Hegel als vornehmste Gattung der Poe- Vor diesem Hintergrund muss man sich klar ma-
sie gehandelt, als »höchste Kunstform« (Robert Prutz chen, dass es im Fall von Storms Novellenproduktion
1851; Plumpe 1997, 276), so leitete Storm sein poeti- den Erzähltext gar nicht gibt. Von der ersten »Kontroll-
sches Selbstverständnis als ›eigentlicher‹, ›echter‹ oder instanz einer vorlesenden Erprobung« an entstehen
sogar ›letzter Dichter‹ in erster Linie aus seiner lyri- Storms Texte im Prozess intermedialer Transformatio-
schen Produktion ab. Als »unmittelbare[r] Ausdruck nen bis hin zur Gesamtausgabe (Pastor 1999, 108).
der Empfindung« (LL 4, 392) erhob Storms Lyrik Konkret achtete Storm sehr genau auf die Reaktionen
schon früh zugleich Anspruch auf allgemeine Gültig- seiner Zuhörer bei Lesungen im Entstehen befindli-
keit (vgl. 331), wollte mit den lyrischen Massenpro- cher Texte (vgl. z. B. EB, 179) und interessierte sich für
duktionen der Zeit ebenso wenig verwechselt werden Hinweise befreundeter Leser zu den Erstveröffent-
wie etwa mit der Erfolgslyrik eines Emanuel Geibel lichungen in Periodika (vgl. z. B. LL 1, 1019 f.). Die
(vgl. Storm–Schmidt II, 96 f.; vgl. Stockinger 2005, meist in unmittelbarer zeitlicher Nähe dazu veranstal-
114–122). Dennoch verfasste Storm, der sich in Sa- teten Buchfassungen revidierte er entsprechend. Auch
chen Prosa immerhin einen »eignen selbstständigen redaktionelle Bearbeitungen seiner Texte, mit denen er
Ton« attestierte (LL 1, 744), zeitlebens erzählende Tex- nicht einverstanden war, korrigierte er bei dieser Gele-
te. Er selbst betonte, diese »Dichtungsart«, die er im genheit – im Zusammenhang mit der Publikation von
»Vorwort« zu Bd. 1 der Sämmtlichen Schriften ohne Hans und Heinz Kirch erklärte Storm etwa, er sei eher
weitere gattungssystematische Differenzierung dem dazu bereit, »auf Mitarbeiterschaft« in Westermann’s
Genre »Novellen« zuordnet (Storm 1868, ohne Pagi- Illustrirten Deutschen Monatsheften zu ›verzichten‹, als
nierung), habe v. a. »die spätere Hälfte [s]eines Lebens sich und seine Texte von einem Redakteur »taxiren« zu
begleitet« (LL 4, 408). Heute zählt Storm zu den wich- lassen (LL 3, 799). Wie Dieter Lohmeier zu Recht fest-
tigsten Prosaautoren der Epoche. stellt, nahm Storm die »letzten wesentlichen Eingriffe
Zurückzuführen ist dies nicht nur auf die Qualität in die Textgestalt« jeweils »zwischen dem Zeitschrif-
der in einem eigenständigen Realismus verfassten Tex- tenabdruck einer Novelle und deren Buchausgabe« vor
te, sondern auch auf Storms Gespür für die Markt- (LL 1, 741). Spätere Änderungen – wie etwa für die
gesetze seiner Zeit, die er aufmerksam beobachtete Sämmtlichen Schriften, die erste Gesamtausgabe von
und »virtuos« bediente (Hinrichs 1993, 70; vgl. Ohde 1868 – betrafen demgegenüber in der Regel nur noch
1995; Segeberg 1997, 165–167; Helmstetter 2003). Mit Kleinigkeiten (vgl. Lohmeier 1986).
Blick auf sein Positionierungsgeschick in der aktuellen Diese hier angedeutete Zeit des ›Zwischen‹ aber
Zeitschriftenlandschaft beanspruchte Storm 1875 gar (zwischen periodischer und Buch-Publikation) ist
die Fähigkeit, »die Poesie zu kommandieren« (Storm– m. E. für die Frage nach Elementen einer Novellen-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_28, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
28 Storms Verständnis des Genres Novelle: Novellenpoetik als Medienpoetik 119

poetik Storms entscheidend und führt zugleich zu ei- gewiesenen Realitätseffekten (2) und schließlich in
nem ersten Befund: Storms Novellenpoetik ist eine Novellen, die das Geschlossenheitsideal des Dramas
Medienpoetik. Sie bezieht die unterschiedlichen me- ins Prosaische transponieren (3), stehen für die beson-
dialen Logiken ebenso ein wie das jeweils interessie- dere Dynamik von Storms Verständnis des Genres. Sie
rende Zielpublikum, vom zeitgenössischen Zeitschrif- legen eine Einteilung des überaus umfangreichen no-
tenleser bis zur Nachwelt. Daraus ergibt sich ein zwei- vellistischen Werks in drei Werkphasen nahe, die zu-
ter Befund: Die zeitliche Verlängerung der Textpro- gleich biographische Abschnitte markieren (46 Texte,
duktion durch Mehrfachpublikation bedingt die zwischen 1848 und 1888 publiziert, vgl. LL 1, 1009; LL
spezifische »Verbesserungsästhetik« (Martus 2000) 2, 767–770; LL 3, 759–762; Stockinger 2009, 630–633;
der Texte Storms. In (mindestens zwei) Überarbei- auf 45 Novellen kommt Colberg 1967, 13). Zwar soll
tungsphasen werden nicht nur die Novellen selbst ver- diese Einteilung im Folgenden nicht grundsätzlich in
ändert, auch die den Novellen zumeist implizit zu- Frage gestellt werden. Ordnet man aber die zwischen
grundeliegende Poetik wird dadurch stets weiter aus- 1847 und 1864, also zwischen Storms erster Husumer
geformt, präzisiert und verfeinert. Zeit und den Jahren als Gerichtsassessor und Kreis-
Storms Novellenpoetik lässt sich in ihren unter- richter in Potsdam und Heiligenstadt entstehenden
schiedlichen Facetten demnach nur dann erschlie- Novellen ganz einem eher lyrisch-situationistisch ge-
ßen, wenn immer zugleich jene Bedingungen, unter prägten Frühwerk zu (vgl. LL 1), wird man in poetolo-
denen die Texte entstehen, genauer jene spezifischen gischer Hinsicht den einzelnen Texten nur ansatzwei-
(medialen) Formen berücksichtigt werden, in denen se gerecht.
die Texte publiziert werden: sei es fortgesetzt in Zeit- Storms Novelle Im Schloß etwa, 1862 erstmals ge-
schriften, sei es in Buchform (ob nun als erschwing- druckt, gilt aufgrund ihrer realistischen Tendenzen
liche Einzelpublikationen oder in Sammelbänden, in längst als »Schlüsseltext seines mittleren Werkes«
Werk- oder Prachtausgaben). Aufgrund seines aus- (Detering 2008, 33) – auch wenn sich Storm nach dem
geprägten Nachweltbewusstseins bezog Storm selbst- Tod seiner ersten Frau Constanze (1865) noch einmal
verständlich die Prosaproduktion ebenfalls in die ei- mit einer »Resignationsnovelle« (LL  1, 1207), In
gene Werkbiographie mit ein; bei aller Hochschät- St. Jürgen (1867), zu Wort meldete. Mit der zeitgleich
zung des Dramas und v. a. der Lyrik reduzierte Storm dazu (und zu Storms Rückkehr aus dem Heiligenstäd-
auch diese Texte nicht auf eine bloß ökonomische ter Exil) verfassten Novelle Eine Malerarbeit setzt
Funktion. Dass er aber die frühen Novellen in die Nä- Storm die realistische Neuausrichtung im Erzählen
he der Stimmungslyrik rückte oder für die späteren dann konsequent fort (vgl. LL 2). Das Spätwerk ent-
Novellen eine enge Nähe zum Drama behauptete, steht nach Storms Pensionierung in Hademarschen
verwundert von daher nicht bzw. lässt sich aus der zwischen 1880 und 1888 (vgl. LL 3). Es ist tendenziell
Haltung des Autors zu den drei Gattungen erklären. stärker von Storms »Experimentierfreude« (LL 3, 760)
Bereits diese Andeutungen in werkbiographischer in der Novellistik geprägt, die den Realismus etwa ins
Hinsicht legen einen dritten Befund nahe: Storms Ver- Grotesk-Komische, ja Unheimliche ausdehnte (vgl.
ständnis des Genres Novelle ist volatil; es verändert Der Herr Etatsrat, 1881; Der Schimmelreiter, 1888).
sich durch die Werkbiographie hindurch. Grund- Vor allem aber war Storm in diesen Jahren daran
legend für Storms Prosawerk ist hingegen ein Dich- interessiert, seine Prosaproduktionen an der ›hohen
tungsverständnis, das an die Erfahrungswirklichkeit Tragödie‹ auszurichten, d. h. die Frage nach »Begren-
der zeitgenössischen Leser anknüpft, um diese zu ver- zung« oder »Unzulänglichkeit« (Storm–Schleiden,
allgemeinern, das also alltägliche Vorkommnisse (›die 25) als nicht nur partielles, sondern grundsätzliches
Realität‹) poetisch ›verklärt‹. Storms Freund Hart- anthropologisches Problem zu verhandeln. Dabei ex-
muth Brinkmann sieht genau darin den besonderen perimentierte Storm auch mit Erklärungsmustern, die
»Vorzug« von Storms »Sachen«: dass sie auf einem von zeitgenössischen Vererbungs- und Degenerati-
»frische[n] Griff ins wirkliche Leben« beruhen. »Was onstheorien bereitgestellt wurden (vgl. Schweigen,
wir Alle erlebt haben, das finden wir in Deinen Novel- 1883). Von ihrer poetologischen Anlage her gemein-
len in poetischer Steigerung wieder« (Storm–Brink- sam ist allen Texten (mindestens) dieser Phase ein »im
mann, 117). Mittelpunkte« der Novelle »stehende[r] Konflikt« (LL
Andere Elemente der Novellistik Storms wie die je 4, 409), ein die jeweilige Novelle »organisirende[s]
eigene Ausformung dieses Realismus in Stimmungs- Centrum« (im Fall von Schweigen etwa eine »Schuld«;
bzw. Resignationsnovellen (1), in Novellen mit aus- Storm–Keller, 97 f.).
120 III Werk – D Novellen

Insgesamt ist zu beachten, dass sich die genannten tes Charakteristikum für die eigenen Texte in An-
Elemente, je unterschiedlich akzentuiert und aus- spruch nimmt. Die Novelle bietet Storm die Möglich-
geprägt, in allen Etappen von Storms Erzählwerk fin- keit, der prosaischen, »nicht mehr mythische[n]«,
den. Beispielsweise nehmen die Texte der mittleren »wunderlose[n]« Welt (so Friedrich Theodor Vischer
und späteren Phase immer wieder Anleihen bei den in seiner Aesthetik von 1846; Vischer 1975, 176), für
frühen Stimmungs- und Resignationsnovellen (z. B. die der Roman privilegiert sei, ihre »poëtische Seite«
die Künstlernovelle Ein stiller Musikant, 1875), und (Storm–Brinkmann, 27) abzugewinnen, ohne dafür
auch die frühen Novellen zielen auf Verallgemeiner- die literarische Form der Prosa aufgeben zu müssen.
barkeit der in ihnen dargestellten Konflikte. Anders Storm beruft sich dabei auf die an Überlegungen
gesagt: Mit Methoden des »distant reading« (Moretti des Philologen Georg von Reinbeck geschulte Novel-
2013) kommt man bei der Frage nach Storms Ver- lentheorie von Georg Gottfried Gervinus, der zufolge
ständnis des Genres ›Novelle‹ nicht weit. Die poetolo- »reine Novellen« dazu dienten, »nur das wirklich Poë-
gischen Annahmen, die Storms Novellistik voraus- tische darzustellen«, und zwar in »knappe[r] Form«
gehen, werden im Folgenden an je einem signifikan- (ebd.; vgl. Wierlacher 1972; Reiter 2004, 38–40). Dass
ten, möglichst aufschlussreichen und zugleich kano- sich der Erzähler Storm von Beginn an als Lyriker ver-
nischen Beispiel der genannten Werkphasen (die, wie steht (»[m]eine Novellistik ist aus meiner Lyrik er-
gesagt, nicht notwendig die Lebensabschnitte Storms wachsen«), der auch in der Prosa »Scenen von poeti-
abbilden) analysiert: die Ausprägung einer Poetologie schem Gehalte« liefern möchte (Storm–Schmidt II,
der Aussparung in Immensee (1); einer Poetologie der 57), fügt sich in dieses Bild.
realitätsnahen Abbildung in Im Schloß (2); und einer Die Frage nach Motivation und Funktion dieses
Poetologie der konfliktzentrierten Geschlossenheit in Gattungstransfers führt unmittelbar zu Immensee, das
Carsten Curator (3). seit langem als eine Art »Prototyp« (Fasold 1997, 95)
für Storms frühes Novellenverständnis gilt. Allerdings
wird dabei meist übersehen, dass der Text dieses Ver-
Poetologie der Aussparung
ständnis eben nicht auf eine von Beginn an feststehen-
Mit der Novelle Immensee, im Inhaltsverzeichnis von de Weise abbildet (zu den Fassungen vgl. Eversberg
Bd. 2 der Sämmtlichen Schriften auf »Husum 1849« 1998). Zum einen trägt die Lyrik die Konstruktion der
datiert (Storm 1868, ohne Paginierung), wird Storm Novelle – insbesondere Meine Mutter hat’s gewollt und
einem größeren Publikum bekannt. Den erstmals im (ab der zweiten Fassung) das Lied des Harfenmäd-
Volksbuch auf das Jahr 1850 für die Herzogthümer chens. Zum anderen führt der Umweg über die Lyrik
Schleswig, Holstein und Lauenburg veröffentlichten und deren Funktion in der zeitgenössischen Poetolo-
Text überarbeitete Storm für eine Auswahlausgabe gie direkt auf Storms Verständnis von Novellenpoetik
seines bisherigen Werks von 1851. Was Storm bereits als Medienpoetik. Wer nach zeitgenössischer Auffas-
zeitgleich explizit als »Novellen« bezeichnet hat sung Effekte lyrischer ›Stimmung‹ erzeugen wollte,
(Storm–Brinkmann, 27), firmiert hier unter der etwas setzte dafür auf Mittel der Aussparung: Der Lyriker
eigenwilligen Genrebezeichnung »Sommergeschich- »verstummt« »im Sagen« und eröffnet so Räume für
ten«. Schon diese zeigt, dass Storm selbst an einer klar das ›Unaussprechliche‹, das als »reine[s], wortlose[s]
theoretisierbaren »Classification« seiner erzählenden Schwingungsleben des Gefühls« erfahrbar wird (Vi-
Texte nicht interessiert war. Die Kategorie ›Sommer- scher 1975, 201). Dieses ›Verstummen‹ wird zum zen-
geschichten‹ verdankt sich einer besonderen Hom- tralen Merkmal auch von Storms Prosa, verlagert jetzt
mage an Storms Ehefrau Constanze, genauer einer aber von der lyrisch-andeutenden Musikalität auf die
Hommage an die von ihr bevorzugte Jahreszeit: Wie Kapitelordnung bzw. auf deren Verknüpfung.
den Sommer, so kann man Storms Widmung an Con- Mit der Buchfassung von 1851 realisiert die Im-
stanze verstehen, wird sie auch die ihr dedizierten Ge- mensee-Novelle das Prinzip der Aussparung geradezu
schichten zu »genießen« wissen (Storm 1851, ohne idealtypisch: Die geschürte Lesererwartung wird hier
Paginierung). nicht in einem geschlossenen Handlungsbogen be-
Der Sache nach, so Storm an dieser Stelle weiter, friedigt. Die Wirkung des Textes setzt auf Lückenbil-
hätte er die Texte »Situationen« nennen müssen – eine dung, auf Unvollständigkeit und damit auf einen Le-
Bezeichnung, die das poetologische Selbstverständnis ser, der, angezogen von der poetischen Stimmung so-
dieser Jahre auf den Punkt bringt und zugleich ein wie der atmosphärischen Präsenz des Textes, zu ei-
zeitgenössisch gerade für das Genre Novelle diskutier- nem Teil der erzählten Welt wird, die Lücken
28 Storms Verständnis des Genres Novelle: Novellenpoetik als Medienpoetik 121

selbsttätig schließt oder ihre Unabschließbarkeit aus- Gefühle, alles geht seinen wohlgeordneten Gang –
hält. Eine auf diese Weise omnipräsente Poesie durch- und Reinhardt heiratet, was Erich Schmidt, an die
dringt das Leben auf innige Weise (indem umgekehrt Buchfassung gewöhnt und erst spät mit der Erstfas-
auch die Erzählung Teil der Welt des Lesers wird) und sung konfrontiert, gar nicht glauben konnte (vgl.
kann dann – etwa in Form eines Taschenbuchs wie die Storm–Schmidt I, 123). Die auf schnellen Konsum an-
Separatausgabe von Immensee von 1852 – zum steten gelegte Produktion von Periodika legt eine solche auk-
Begleiter werden. torial durchorganisierte, klar motivierte Gestaltung
Die Zeitschriftenfassung von Immensee von nahe; sie nimmt den Leser gleichsam bei der Hand
1849/50 dagegen vermochte eine solche Wirkung (vgl. dazu allgemein Becker 1969).
noch nicht zu entfalten. In dieser Fassung gibt es keine Dagegen setzt die Buchfassung von Immensee auf
Lücken, alles ist konsequent motiviert, die Charaktere eine andere, zeitintensivere Form des Leserkontakts:
sind explizit ausgedeutet. Den eigentümlichen Reiz Indem sie die Zusammenhänge ausdünnt, lässt sie
von Storms Poetik der Aussparung, die der Novelle Raum für Deutungen und macht Relektüren interes-
seit der Buchausgabe von 1851 ihre faszinierende äs- sant. Vieles bleibt offen: Warum heiratet Elisabeth
thetische Ausstrahlung verleiht, sucht man vergebens. Erich? Wie reagiert Reinhardt auf den Brief der Mut-
Was also ist ›dazwischen‹ geschehen? Tycho Momm- ter, der von der bevorstehenden Hochzeit Elisabeths
sen qualifizierte die Zeitschriftenfassung in durchaus berichtet? Kommt das sog. Volkslied Meine Mutter
genervten Randnotizen als »eitel Prosa«, »[a]lltäglich hat’s gewollt / Den Andern ich nehmen sollt’, mit dem
ohne Reiz« (LL 1, 1038, 1030), Storm nahm sich die Reinhardt in der Zeitschriftenfassung Elisabeths Ver-
deutliche Kritik des Freundes zu Herzen und arbeitete halten ganz gezielt kommentierte (vgl. LL 1, 1034), in
den Text um. Die Kriterien dafür lieferten die unter- der Buchfassung rein zufällig auf den Tisch (vgl. 320)?
schiedlichen Publikationsbedingungen der Medien Gibt Reinhardts Lied auf Elisabeths Entscheidung ei-
›Zeitschrift‹ vs. ›Buch‹. ne plausible Antwort? Hat Reinhardt denn überhaupt
Die Zeitschriftenfassung von 1849 spielt mit den li- die Autorität zu einer gültigen Deutung der Situation?
mitierten Aufmerksamkeitsressourcen, die fortgesetzt Statt eindeutiger Antworten bietet die Novelle in
erzählter Literatur gemeinhin zur Verfügung stehen. der Buchfassung eine Reihe von Bildern aus Rein-
Indem die einzelnen Kapitel erzählerisch verknüpft hardts Leben. Sie erscheint eben nicht »strenger
werden, imitiert der Text die unterbrochene Publika- durchkomponiert« (Eversberg 1998, 82), im Gegen-
tion in einem Periodikum: Cliffhanger erzeugen an teil: Ein ›verdichteter‹ Spannungsbogen fehlt (vgl. ent-
den Kapitelenden einen Spannungsbogen, der die Le- gegen LL 1, 1020). An die Stelle von motivierenden
ser bei der Stange halten soll (zu dieser Strategie vgl. Überleitungen treten Lücken. Die einzelnen Kapitel
Meyer 1998, 241). So macht der omnipräsente Erzäh- werden jetzt erst mit Zwischenüberschriften versehen
ler etwa von vornherein darauf aufmerksam, dass die und dadurch zu gleichsam monolithischen Einheiten.
Beziehung zwischen Reinhardt und Elisabeth gefähr- Dazwischen herrscht beredtes Schweigen. Für den Le-
det ist. Schon der ›Weg in die Erdbeeren‹ ist negativ ser der Buchfassung ist das kein Problem. Er wird
konnotiert: Es ist durchweg von ›bösen Zeichen‹, von durch das Kapitelende ja nicht am Weiterlesen gehin-
einer ›mühsamen‹ Wanderung, von ›schroffen Fels- dert, so dass Storm auf allzu konkrete Verbindungs-
kanten‹ die Rede (vgl. LL 1, 1026). Auf diese Weise stücke getrost verzichten konnte. Die besondere He-
entsteht kein ›romantisches‹ Waldidyll, sondern ein rausforderung an den Leser der Buchausgabe besteht
bedrohlicher und bedrohter Naturraum. Ein weiteres demnach darin, jene Vollständigkeit zu erzeugen, die
Beispiel: Reinhardts befremdliches Verhalten gegen- der Text verweigert, sich also angeregt durch die »an-
über Elisabeth während seiner Universitätszeit wird in deutungsweise eingewebte[n] Verbindungsglieder«
dieser Fassung psychologisch motiviert und mit dem selbst »ein geschlossenes Ganzes [...] vorzustellen« (an
Hinweis auf Reinhardts ›studentisch entfesselten‹ Eduard Alberti, 12.3.1882, 1004 f.).
Charakter gleichsam entschuldigt (vgl. 1027). Mit dieser Poetologie der Aussparung antwortet
Mit Blick auf die spätere Überarbeitung besonders Storm zugleich auf die Konkurrenzsituation, in der
auffällig ist ein ausführliches episches Zwischenstück, sich das Medium Text/Buch um 1850 behaupten
das in der Zeitschriftenfassung Binnen- und Rahmen- muss, v. a. gegenüber der Malerei sowie gegenüber der
handlung abschließend miteinander verbindet und Photographie (vgl. dazu ausführlicher Stockinger
dieser Fassung dadurch eine versöhnliche Wendung 2006). Storms frühe Prosa gesteht gewissermaßen
gibt (vgl. 1036–1038): Der Lauf der Zeit beruhigt die umstandslos ein, Wirklichkeit nicht abbilden zu kön-
122 III Werk – D Novellen

nen, wie sie ist – in allen photographischen Details, 1872) vom Ideal einer »Novelle ohne den Dunstkreis
die das menschliche Auge überfordern. Sie spart die einer bestimmten ›Stimmung‹« (LL 2, 808). Im Schloß
›reizlos alltäglichen‹ Details (vgl. LL 1, 1030) der Zeit- etwa ›zoomt‹ von der Oberfläche der Außenwahrneh-
schriftenfassung von 1849/50 aus und gelangt so zur mung aus Sicht des Dorfs über die Geschehnisse im
»verschleierte[n] Schönheit« (1020), zur poetischen Schloss immer näher an die Innenperspektive Annas
Vieldeutigkeit der Buchfassung von 1851. (ihr Tagebuch) heran, bevor das Geschehen, wieder in
der Gegenwart angekommen, einer glücklichen Lö-
sung zugeführt wird.
Poetologie der realitätsnahen Abbildung
Storm arbeitete sich an dieser Novelle mehr als an
Die Novellen der mittleren Werkphase greifen immer allen anderen ab. Daran sieht man zum einen, welchen
wieder gezielt auf die früheren poetischen Konzepte Stellenwert er ihr zumaß (vgl. LL 1, 1115). Zum ande-
zurück und unterziehen diese einer ›realistischen Re- ren verweist gerade dieses Beispiel auf Storms enorme
vision‹. In Eine Halligfahrt etwa, 1871 in Westermann’s Mediensensibilität, genauer auf sein Gespür für die
Illustrirten Deutschen Monatsheften veröffentlicht, löst Bedingungen von Journalpublikationen, die er an-
ein Spaziergang am Sonntagmorgen die »Erinnerung« strebt, ohne deren Bedürfnisse im Letzten zu bedie-
(LL 2, 41) an eine Jugendliebe aus, der die nachfolgen- nen. Wie Storm hellsichtig gegenüber Ernst Keil, dem
de Binnenerzählung gewidmet ist. Wie in Immensee Herausgeber der Gartenlaube, bemerkt, ist der auf Un-
geht auch dieses Versprechen auf Beziehung nicht in terhaltung abonnierten Zeitschrift daran gelegen, »ei-
Erfüllung, im Unterschied dazu ergibt sich daraus ne spannende Geschichte zu erzählen« (1111). Dabei
aber keine Verlustgeschichte (»Susannens süße ju- ist das Medium Zeitschrift aufgrund seiner spezi-
gendliche Gestalt« steht vielmehr »wohlverwahrt in fischen Programmlogik darauf angewiesen, den Span-
dem sicheren Lande der Vergangenheit«, 61). Erzäh- nungsbogen über mehrere Folgen hinweg aufrecht zu
lerisch ist dieser Novelle weniger daran gelegen, Stim- erhalten. Dieser »Zeitschriftenhabitus« (so Keil, 1110)
mungen zu erzeugen, als vielmehr einzelne Figuren interessierte Storm wenig. Ihm ging es darum, »einen
oder Schauplätze – sei es eine Hallig (vgl. 45), sei es wirklichen Lebensgehalt zum poetischen Ausdruck zu
das Interieur eines Wohnzimmers (vgl. 47) – präzise bringen« (1111). Im Grunde genommen schrieb er
auszugestalten. Überhaupt spielt das erzählerische stets – auch wenn er an den Erstpublikationen seiner
Detail in dieser Werkphase eine sehr viel größere kon- Novellen in Periodika verdienen wollte – mit Blick auf
zeptionelle Rolle als noch in den früheren Texten. die »Buchform« (so Keil in Reaktion auf die Zusen-
Das zeigt bereits (und geradezu idealtypisch) der dung von Auf der Universität, 1140).
Erzähleingang des zweiten Kapitels von Im Schloß. Er An der ›Transformationsgeschichte‹ der Novelle Im
lenkt den Blick des Lesers von der Vorderfassade des Schloß von den handschriftlichen Notizen über den
Gebäudes ins Innere, dann in den ersten Stock, dann Erstdruck in der Gartenlaube und die Separatausgabe
in Annas »Gemach« und schließlich mit Annas Augen (in zwei Auflagen) bis hin zur Fassung in den Sämmt-
auf den gegenüberliegenden Garten mit seinen vielen lichen Schriften lässt sich erkennen, dass es sich Storm
Einzelheiten (»Sandsteinvasen«, »Rosengirlanden«, mit den spezifisch realistischen Wirkungsstrategien
»Sperling«, »Laubgang«, »Sonnenuhr« etc., LL 1, nicht leicht gemacht hat. Die Textbearbeitungen folgen
484 f.). Mit diesen Details verzichtet Storm nicht etwa einem ganz bestimmten Grundsatz: Sie lenken die Le-
auf die Poetisierung des Lebens oder versucht sich gar sersympathien immer konsequenter auf die Haupt-
an einer fotorealistischen Abbildungstreue (vgl. Sto- figur der Novelle, Anna, und deren Verhalten hin. Wo
ckinger 2010, 56–60). Vielmehr weist er ihnen eine in der Zeitschriftenfassung noch explizit von einer
poetische Funktion zu, indem sie, für die Handlung möglichen (und deshalb missverständlichen) »Schuld«
nicht weiter relevant, Realitätseffekte und damit die Il- der Figur die Rede war, wird diese gestrichen (LL 1,
lusion von Wirklichkeit erzeugen sowie Weltwissen 483,21 f./1123); um den kritischen Blick des Lesers auf
bereitstellen (vgl. Barthes 1994). Schon zuvor finden die öffentlichen Vorurteile zu schärfen, wird in der
sich bei Storm Tendenzen, »das allerliebste Leben un- Buchfassung eine Passage ergänzt (vgl. 483,23–
ter der Lupe« zu zeigen (Heyse an Storm, 26.11.1854, 28/1123); und um die Protagonistin nicht der Lächer-
Storm–Heyse I, 21), jetzt aber bestimmt die Poetolo- lichkeit preiszugeben, eine andere getilgt (vgl. 521,25–
gie einer größtmöglichen Realitätsnähe in der Poesie 522,2/1131 f.). An der moralischen Überlegenheit von
die Anlage der Novellen im Ganzen. Storm selbst Annas Geliebtem, Arnold, der eben nicht ›stolz‹, son-
spricht (hier aus Anlass von Draußen im Heidedorf, dern ›traurig‹ ist (vgl. 517,18/1130), besteht ebenso
28 Storms Verständnis des Genres Novelle: Novellenpoetik als Medienpoetik 123

wenig Zweifel, wie die wechselseitige Verbundenheit die Aushandlungen mit dem Verleger (vgl. 1112 f.)
und Unterstützung der beiden Liebenden immer prä- gleichwohl signifikant: Der sich immer weiter profilie-
ziser beschrieben wird, um die positive Deutung ihres rende Realismus der Erzählung dient letztlich dazu, in
(nur scheinbar illegitimen) Verhältnisses gegen die Anna die »Keuschheit eines reifen Weibes« (1113) auf
Vorurteile der Zeitgenossen weiter zu verstärken (vgl. möglichst sympathische und glaubwürdige Weise
521,14–16/1131). wirksam werden zu lassen – und damit die Verkör-
Allzu deutliche Motivierungen nimmt Storm im perung von Storms Ideal »reinsten Menschentums«
›Dazwischen‹, also zwischen Zeitschriften- und Buch- (1118), das zum einen den Standesdünkel des Adels
fassung, zurück (vgl. 505,3 f./1128). Auf unwahr- sowie die Macht der Kirche überwindet, zum anderen
scheinliche Verknüpfungen – wie diejenige, es handle Sinnlichkeit und Sittlichkeit miteinander versöhnt
sich bei dem auf dem Bild über der Tür im Rittersaal (vgl. auch die Ergänzung 497,19–30/1127). Die weite
abgebildeten Knaben tatsächlich um einen Vorfahren Verbreitung des Massenblatts wollte Storm gezielt da-
Arnolds (vgl. 528,19–22/1133) – verzichtet er zuguns- für nutzen: Ein Text, »von mehreren hundert Tausend
ten einer realitätsnäheren Darstellung. In derselben Menschen gelesen«, werde diese zum »Nachdenken«
Absicht schärft er den Detailrealismus. Dabei werden und damit zum Überdenken überkommener Einstel-
unspezifische und deshalb im Sinne des Realitäts- lungen bewegen (1122).
effekts unwirksame Einzelheiten, die noch das Manu- Auch dieses Beispiel belegt, dass Storm die Vorteile
skript vermerkte, in der Zeitschriftenfassung zunächst der Erstveröffentlichung in Zeitschriften durchaus sah
einmal gestrichen: Dass Anna durch die Zimmertür und unbedingt für eigene Zwecke nutzte. Der beson-
des Onkels dessen »Lehnstuhl« »in heller Beleuch- deren Programmlogik dieser Organe aber, die ein Er-
tung« (1125) sieht, was den als Vermutung geäußerten zählen »in Portionen« (1886 aus Anlass von Ein Dop-
Eindruck, es »schienen Kerzen zu brennen« (490), er- pelgänger; LL 3, 1000) nahelegt und als spezifisch rea-
härten soll, fehlt in der Gartenlauben-Fassung ganz. listischen Mechanismus profiliert, begegnete er mit
Die Vermutung ist hier der sicheren Aussage gewi- Misstrauen. Storms Ablehnung ist wiederum konzep-
chen: »Wachskerzen [brannten] in schweren silber- tionell begründet, berührt also den Kern seines No-
nen Leuchtern« (Die Gartenlaube 1862, 147). In der vellenverständnisses und dessen werkbiographischer
Buchfassung nimmt Storm diese der flüchtigen Lektü- Entwicklung. Die Bewegung geht, grob schematisiert
re in der Zeitschrift entgegenkommende Verein- gesagt, von der Lyrik zum Drama. Seine »Novellistik«
fachung wieder zurück, ersetzt aber zugleich das habe sich »aus der Lyrik entwickelt«, schreibt Storm
nichtssagende Detail der Handschrift durch ein poeti- am 12.3.1882 an Alberti. Nach und nach aber »bildete
sches: »denn sie konnte deutlich die vergoldeten En- sich die vollständige und völlig lückenlose Novelle he-
gelköpfe unter dem Kamingesims erkennen« (LL 1, raus« (LL 1, 1004 f.; ähnlich an Schmidt, vgl. Storm–
490). Selbst mit solchen Kleinigkeiten, genauer mit Schmidt II, 57). Das Erzählen auf Lücke hin, wie es die
der behutsamen Öffnung der Stelle auf religiöse Bild- Periodizität der Zeitschrift notwendig erfordert, lässt
räume hin (›vergoldete Engelköpfe‹), ruft Storm auf, sich damit nur schwer vereinbaren.
was seit einigen Jahren als zentrales Thema der Novel-
le gehandelt wird: die »literarische Auseinanderset-
Poetologie der konfliktzentrierten
zung mit Religionskritik und christlicher Religion«
Geschlossenheit
(Detering 2008, 33; vgl. Demandt 2010, 127–169). Sie
liegt in der medienpoetologischen Fundierung der Storms Poetologie der Novelle ist von eigenständiger
Verbesserungsästhetik Storms begründet. Qualität – sie steht gleichberechtigt neben den viel zi-
Weitere Änderungen nahm Storm nicht freiwillig tierten, kanonischen Novellendefinitionen des
vor, sondern reagierte damit auf eigenmächtige Text- 19. Jahrhunderts, mit denen sie sich auseinandersetzt
eingriffe durch Keil. Für das liberale Familienblatt wa- und die sie teilweise explizit revidiert: Wenn Storm in
ren Storms Ansichten, die es einer Frau zugestanden, Eine zurückgezogene Vorrede 1881 von der Novelle
sich einen Sohn oder eine Tochter ›der Liebe‹ zu wün- nicht länger »die kurzgehaltene Darstellung einer
schen, schon zu radikal (vgl. LL 1, 1113): Anna sollte durch ihre Ungewöhnlichkeit fesselnden und einen
es explizit bedauern dürfen, dass ihr inzwischen ver- überraschenden Wendepunkt darbietenden Begeben-
storbenes Kind eben nicht einer außerehelichen Ver- heit« (LL 4, 408 f.) fordert, dann erteilt er damit zum
bindung mit Arnold entstammt (vgl. 523,1– einen Goethes thematischer Bestimmung der Novelle
15/1132 f.). Für die Darstellungsabsicht Storms sind als Form für die Darstellung einer »sich ereignete[n]
124 III Werk – D Novellen

unerhörte[n] Begebenheit« eine Absage (Eckermann Das Ideal der Novelle als der »strengste[n] Form
1948, 225, 29.1.1827; entgegen Reiter 2004, 37, die der Prosadichtung« (LL 4, 409) beschäftigte Storm seit
Storms Novellen-Verständnis auf Goethes Definition den 1870er Jahren in vielfacher Weise. Der Span-
hin zuordnet). Zum anderen wendet er sich damit ge- nungsbogen des – in Gustav Freytags Technik des Dra-
gen Tiecks strukturelle Forderung nach einer »Wen- mas (1863) kodifizierten – klassischen Dramas ließ
dung der Geschichte« ins ›völlig Unerwartete‹ (Tieck sich dabei nur ansatzweise nachbilden, zumal Storm,
1829, LXXXVI) – ohne zu bedenken, dass auch Tieck vermutlich angeregt durch eine Kritik Iwan Turge-
die Novelle auf die ›Neuigkeit‹ als konflikthaft Interes- news aus Anlass von Aquis submersus (1876; vgl. Tur-
santes bezog und sie so von der Tagesaktualität ihres genew an Pietsch, 28.12.1876, Turgenev 2005, 202),
bevorzugten Publikationsmediums her begründete. das »Motivieren vor den Augen des Lesers« zuneh-
Dass sich der Erfolg der Darstellungsform nicht zu- mend zu vermeiden suchte. Den in Rede stehenden
letzt dem »Aufblühen des Journalismus« (Heyse 1994, Konflikt einer »›symptomatischen‹ Behandlung« zu
248) im Verlauf des 19. Jahrhunderts verdankt, wusste unterziehen (an Heyse, 15.11.1882, Storm–Heyse III,
auch Heyse, mit dem Storm gerade über die Theorie 37) bedeutete eben auch, auf eine explizite kausale
und Praxis der Novelle im regen Austausch stand. Verknüpfung der Handlungsbestandteile zu verzich-
Beiden war klar, dass Tages- und Wochenblätter ei- ten, um vielfältige Deutungsspielräume zu eröffnen
nem Genre, das, wie sie selbst, auf »Tagesneuigkeiten« (am Beispiel von Schweigen vgl. Wünsch 1992). Aller-
abonniert ist, großen »Spielraum« eröffnen (Heyse dings legte Storm in dieser Werkphase großen Wert
1994, 249, 248). Und beide sahen genau darin eine Ge- auf eine klare Exposition, er klammerte Nebenhand-
fahr für den ästhetischen Stellenwert der Novelle im lungen weitgehend aus und führte die Haupthandlung
Gattungssystem. Heyses Theorie der Novelle, in der einem nicht überraschenden Finale zu, das sich aus
Einleitung zu seinem gemeinsam mit dem schwäbi- dem Geschehen möglichst stimmig (wenngleich nicht
schen Dichter Hermann Kurz veranstalteten Deut- stets explizit motiviert) ergeben sollte. In diesem Sin-
schen Novellenschatz (1871) entwickelt, trägt den me- ne können Texte wie Beim Vetter Christian (1874) und
dialen Bedingungen ihrer Verbreitung Rechnung, Die Söhne des Senators (1880) als Komödien-Versio-
wenn mit der »heillosen Zerstückelung« der perio- nen von Storms Herleitung der Novelle aus dem Dra-
disch veröffentlichten Texte deren Kunstwerkcharak- ma, Carsten Curator (1878) und Hans und Heinz Kirch
ter in Frage gestellt wird. Dagegen forderten Heyse (1882) als Tragödien-Versionen gelten (zu letzterer
und Kurz von der Novelle, ein »abgerundetes Ganzes« unter dieser Rücksicht vgl. Stockinger 2010, 139–144).
zu bilden, in sich geschlossen und thematisch an- An Carsten Curator lässt sich sehen, in welcher
spruchsvoll. Die Handlungsdramaturgie sollte sich Weise der Aufbau eines Prosatextes den Anforderun-
zum einen auf »einen einzelnen Conflict« beziehen, gen an den Spannungsbogen des klassischen Dramas
zum anderen auf eine bestimmte »sittliche oder genügen kann, ohne die Gattungsgrenzen zu verraten
Schicksals-Idee« (ebd., 250, 249, 253). oder aufzugeben. Dass sich ›Spannung‹ in diesem Sin-
Beide Momente finden sich in Storms Überlegun- ne eben gerade nicht auf die zeitgenössischen Forde-
gen zur Novelle wieder, denn auch er war an einer rungen an einen möglichst ›spannenden‹, auf Lücke
Aufwertung der Darstellungsform über die flüchtigen geschriebenen Unterhaltungstext bezieht, zeigt die
Aufmerksamkeitsspannen des Tagesjournalismus hi- Novelle ebenfalls. In einer einzigen Nummer von Wes-
naus interessiert. Wenn er das Genre in griffige For- termann’s Illustrirten Deutschen Monatsheften (44,
meln wie »Parallel-Dichtung des Dramas« (Storm– 1878, 1–38) veröffentlicht, präsentiert sich der Text als
Schmidt I, 120) oder »Schwester des Dramas« (LL 4, zeitlich und thematisch logische Verkettung von Tei-
409) fasst, heißt das: Wie die Tragödie behandle die len, die durch erzählerische Mittel wie Erzählerkom-
Novelle keine alltäglichen Vorkommnisse, sondern mentare oder Prolepsen von Beginn an zusammen-
die »tiefsten Probleme des Menschenlebens«, und wie gehalten werden. Von vornherein wird der Leser so
in der Tragödie stehe im Mittelpunkt der Novelle ein bei Andeutungen über bevorstehende Ereignisse zu-
Konflikt, »von welchem aus das Ganze sich organi- gleich über deren Ausgang informiert. Ein Beispiel:
siert«; »alles Unwesentliche[]« werde bei Seite gelas- Noch bevor Carstens verhängnisvolle Liebe Juliane
sen (ebd.). Heyse wie Storm machten so die medial explizit in die Handlung eingeführt ist, erfährt der Le-
bedingten Grenzen des Genres zur Grundlage für des- ser schon, dass »der Tod« »nach ein paar Jahren Alles
sen Transformation in ein überzeitlich gültiges litera- wieder ins Gleiche« bringen wird (LL 2, 457); und
risches Werk (vgl. Stockinger 2010, 113–128). wenn der ›verlorene Sohn‹ Heinrich in Hamburg
28 Storms Verständnis des Genres Novelle: Novellenpoetik als Medienpoetik 125

glänzende Geschäfte zu machen scheint, dann wird dung ins Resignativ-Versöhnliche anbietet: Liebevoll
zumindest dem Leser umgehend bedeutet, dass diese kümmert sich Anna um ihren schwerkranken Schwie-
»nach mehr als einer Seite hin« äußerst »gewagt« sind gervater Carsten. Zum anderen öffnet sich in der Fi-
(486), auch von dort also nichts Gutes zu erwarten ist. gur des Enkels die Geschlossenheit der Novelle auf die
Will man Carsten Curator mit Heyses Forderung Zukunft der Geschlechter hin, für die das Kind steht.
nach einer »starke[n] Silhouette« (Heyse 1994, 254), Die Vererbungsproblematik setzt sich so ins Unend-
die gerade eine Novelle zu konturieren habe, auf den liche gehend fort (vgl. 521). Indem Storm in diesem
Punkt bringen, so rückt das Verhältnis von Erblast Text (wie in vielen Novellen der späteren Werkphase)
und Eigenverantwortlichkeit im Handeln des Einzel- dem Leben nicht in erster Linie dessen poetische Sei-
nen in den Mittelpunkt. In fünf klar zu unterscheiden- ten entbindet, sondern sich gerade auch der »häß-
den Abschnitten analog zum Aufbau der klassischen lichen Wirklichkeit« (an Keller, 27.2.1878, Storm–
Tragödie lotet der Text die Schuldfrage aus (zum sog. Keller, 26) zuwendet, leitet er zeitgleich zur Ausbil-
Pyramidenschema des Dramas vgl. Freytag 1863, dung einer Poetologie der konfliktzentrierten Ge-
100). Die Exposition des ersten Teils zeigt Carsten als schlossenheit eine neue Phase des Realismus ein.
sittenstrengen Ehrenmann, hoch angesehen in der
Gesellschaft, der doch in die ›Fänge‹ einer sehr viel
Zusammenfassung
jüngeren, leichtsinnigen Frau, Juliane, gerät. Sie stirbt
bald und hinterlässt einen Sohn, Heinrich, der sich Storms Verständnis der Novelle lässt sich nur erschlie-
»als der körperliche und allmählich auch als der geisti- ßen, wenn man zugleich bedenkt, dass es auf dem nach
ge Erbe seiner schönen Mutter« (LL 2, 460) heraus- 1850 entstehenden Massenmarkt zwischen den Pro-
stellt. Die steigende Handlung im zweiten Teil schürzt duktionsbedingungen, den Rezeptionserwartungen
den Knoten, indem sich einerseits Carstens Mündel, und der Ästhetik der Texte zu vielfältigen Rückkopp-
die herzensgute Anna, als mögliche Bewahrerin des lungseffekten kommt. Dem ausgewiesenen ›Medien-
mit Spielschulden belasteten Heinrich qualifiziert. profi‹ Storm kann das nur nützen, und zwar in meh-
Andererseits kann Heinrich selbst berufliche Erfolge rerlei Hinsicht: Als ›Dichter‹ im emphatischen Sinn
in Hamburg aufweisen, die sich aber, so steht zu ver- möchte er sich in den literaturgeschichtlich relevanten
muten, kaum werden verstetigen lassen. Als Höhe- Kanon einschreiben, als (Nebenerwerbs-)›Schriftstel-
punkt der gesamten Anlage stellt sich dann, folgerich- ler‹ mit Familie wirbt er um die nachhaltige Aufmerk-
tig im dritten Teil, Heinrichs Ruin in Hamburg dar. samkeit der zeitgenössischen Leserschichten. Die Be-
Vorangetrieben wird die Handlung an den zentra- reitschaft zur Publikation in Periodika ist dafür die con-
len Gelenkstellen durch die Figur des Maklers Jaspers, ditio sine qua non, das Interesse an Einzelpublikationen
genannt »›Stadtunheilsträger‹« (465 u. ö.), der als In- für jeden Geldbeutel bis hin zu Schmuckausgaben für
trigant eine rein dramaturgische (also nicht psycho- den Bildungs- und Besitzbürgerhaushalt versteht sich
logisch auflösbare) Funktion übernimmt. Seine Intri- ebenfalls von selbst. Storm lässt sich von seinen Ver-
gen zielen in erster Linie darauf, sich auf Kosten ande- legern nicht die Butter vom Brot nehmen, weder wört-
rer zu amüsieren oder ganz konkret an ihren Verlusten lich verstanden, bezogen auf die Honorare, noch im
zu verdienen. Den vierten Teil bereitet Jaspers vor, in- übertragenen Sinn, bezogen auf den Referenzrahmen,
dem er Carsten einen Krämerladen für Heinrich ver- den Horaz’ Anspruch des »Exegi monumentum aere
mittelt und ihm zudem nahelegt, den Sohn zu verhei- perennius« (»Denkmal steht, was ich schuf, ewiger als
raten (vgl. 495 f.). In der Tat ergibt sich daraus für die Metall«; Horaz 1820, 239) für den Autor des 19. Jahr-
fallende Handlung des vierten Teils ein geradezu klas- hunderts bedeutete. Auch die sich in Storms Über-
sisches retardierendes Moment: Heinrich und Anna legungen zunehmend profilierende Nähe von Dra-
heiraten, haben ein gutes Auskommen, bekommen ei- men- und Novellenpoetik, die Tatsache also, dass
nen Sohn – alles scheint, wenigstens für kurze Zeit, gut Storms Novellen- zunehmend als Dramenpoetik be-
zu gehen. Der fünfte Teil bringt die Katastrophe: Hein- gründet wird, erklärt sich dadurch. Die Novelle Storms
richs endgültigen Ruin. Er stirbt in der Sturmflut, sollte sich an der bedeutendsten Gattung der Zeit, der
nachdem sich Carsten geweigert hatte, dem Sohn mit Dramatik, messen lassen können bzw. mit dieser
Annas letzten finanziellen Rücklagen auszuhelfen. Schritt halten. Dem zeitgenössischen Gattungsver-
Wie in Hans und Heinz Kirch, in vielerlei Hinsicht ständnis zufolge und seinen medialen wie (aufmerk-
eine Parallelerzählung zu Carsten Curator, endet die samkeits-)ökonomischen Voraussetzungen nach bot
Novelle mit einem Nachtrag, der zum einen eine Wen- sich im Bereich der Prosa hierfür allein die Novelle an.
126 III Werk – D Novellen

Literatur märz. Der Ursprung der ästhetischen Moderne in einer


Barthes, Roland: L ’effet de réel. In: Éric Marty (Hg.): Oeuvres nachrevolutionären Konstellation. Opladen 1995, 306–311.
complètes. Tome II: 1966–1973. Paris 1994, 479–484. Pastor, Eckart: Transformationen in eigener und fremder
Becker, Eva D.: »Zeitungen sind doch das Beste«. Bürger- Regie. Oder: Zum Text-Prozeß Stormscher Novellen in
liche Realisten und der Vorabdruck ihrer Werke in der den zeitgenössischen Medien. In: Harro Segeberg/Gerd
periodischen Presse. In: Helmut Kreuzer/Käte Hamburger Eversberg (Hg.): Theodor Storm und die Medien. Zur Me-
(Hg.): Gestaltungsgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. diengeschichte eines poetischen Realisten. Berlin 1999, 103–
Literatur-, kunst- und musikwissenschaftliche Studien. Fest- 127.
schrift für Fritz Martini. Stuttgart 1969, 382–408. Plumpe, Gerhard (Hg.): Theorie des bürgerlichen Realismus.
Colberg, Erika Freiin Loeffelholz von: Epische Darstellung in Eine Textsammlung, bibliographisch ergänzte Ausgabe.
den Novellen Theodor Storms. Phil. Diss. München 1967. Stuttgart 1997.
Demandt, Christian: Religion und Religionskritik bei Theodor Reiter, Christine: Gefährdete Kohärenz. Literarische Ver-
Storm. Berlin 2010 arbeitung einer ambivalenten Wirklichkeitserfahrung in
Detering, Heinrich: Im Schloß. Zweideutige Wirklichkeiten. den Novellen Theodor Storms. St. Ingbert 2004.
In: Christoph Deupmann (Hg.): Theodor Storm. Novellen. Segeberg, Harro: Literatur im technischen Zeitalter. Von der
Stuttgart 2008, 33–47. Frühzeit der deutschen Aufklärung bis zum Beginn des Ers-
Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den ten Weltkriegs. Darmstadt 1997.
letzten Jahren seines Lebens. In: Ernst Beutler (Hg.): Jo- Stockinger, Claudia: Paradigma Goethe? Die Lyrik des
hann Wolfgang Goethe. Gedenkausgabe der Werke, Briefe 19. Jahrhunderts und Goethe. In: Steffen Martus/Stefan
und Gespräche. 28. August 1949, Bd. 24. Zürich 1948. Scherer/Claudia Stockinger (Hg.): Lyrik im 19. Jahrhun-
Eversberg, Gerd (Hg.): Theodor Storm: Immensee. Texte (1. dert. Gattungspoetik als Reflexionsmedium der Kultur.
und 2. Fassung), Entstehungsgeschichte, Aufnahme und Bern 2005, 93–125.
Kritik, Schauplätze und Illustrationen. Heide 1998. Stockinger, Claudia: Storms »Immensee« und die Liebe der
Fasold, Regina. Theodor Storm. Stuttgart/Weimar 1997. Leser. Medienhistorische Überlegungen zur literarischen
Freytag, Gustav: Die Technik des Dramas. Leipzig 1863. Kommunikation im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch der
Helmstetter, Rudolf: »Kunst nur für Künstler« und Literatur Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), 286–315.
fürs Familienblatt. Nietzsche und die Poetischen Realisten Stockinger, Claudia: Theodor Storm. In: Heinz Ludwig Ar-
(Storm, Raabe, Fontane). In: Heinrich Detering/Gerd nold (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon, Bd. 15. Stuttgart/
Eversberg (Hg.): Kunstautonomie und literarischer Markt. Weimar ³2009, 627–637.
Konstellationen des Poetischen Realismus. Berlin 2003, 47– Stockinger, Claudia: Das 19. Jahrhundert. Zeitalter des Rea-
63. lismus. Berlin 2010.
Heyse, Paul: Andrea Delfin. Prosa und Gedichte. Berlin 1994. Storm, Theodor: Sommer-Geschichten und Lieder. Berlin
Hinrichs, Boy: Theodor Storm. Texte und Kontexte. Thesen 1851.
zur Rezeptionsforschung. In: STSG 42 (1993), 67–72. Storm, Theodor: Theodor Storm’s Sämmtliche Schriften. Erste
Horaz: Des Quintus Horatius Flaccus Werke von Johann Gesammtaugabe. Sechs Bände. Braunschweig 1868.
Heinrich Voss. Bd. 1: Oden und Epoden. 2., verbesserte Storm, Theodor: Blätter der Freundschaft. Aus dem Brief-
Ausgabe. Braunschweig 1820. wechsel zwischen Theodor Storm und Ludwig Pietsch. Mit-
Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati- geteilt von Volquart Pauls. Heide i. Holst. 1939.
scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001. Tieck, Ludwig: Vorbericht zur dritten Lieferung. In: Ders.:
Laage, Karl Ernst: Die Schuld des Vaters in Theodor Storms Schriften. Bd. 11. Berlin 1829 (unveränderter photo-
Novelle »Carsten Curator«. In: STSG 44 (1995), 7–40. mechanischer Nachdruck Berlin 1966), VII–XC.
Lohmeier, Dieter: Zur Druckgeschichte der ›Ersten Gesamt- Turgenev, Ivan: Werther Herr! Turgenevs deutscher Brief-
ausgabe‹ von Storms Werken. In: STSG 35 (1986), 16–24. wechsel, ausgewählt u. komm. v. Peter Urban. Berlin 2005.
Martus, Steffen: Die Entstehung von Tiefsinn im 18. Jahr- Vischer, Friedrich Theodor: Ästhetik oder Wissenschaft des
hundert. Zur Temporalisierung der Poesie in der Verbes- Schönen. Kunstlehre – Die Musik. Kunstlehre – Dichtkunst.
serungsästhetik bei Hagedorn, Gellert und Wieland. In: Register. Zwei Teile in einem Band. Hg. v. Robert Vischer.
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Hildesheim/New York 1975 (Nachdr. der 2. Aufl. Mün-
Geistesgeschichte 74 (2000), 27–43. chen 1923).
Meyer, Reinhart: Novelle und Journal. In: Gert Sautermeis- Wierlacher, Alois: Situationen. Zu Storms früher Prosa. In:
ter/Ulrich Schmid (Hg.): Zwischen Restauration und Revo- STSG 21 (1972), 38–44.
lution. 1815–1848. München/Wien 1998, 234–250. Wünsch, Marianne: Experimente Storms an den Grenzen
Moretti, Franco: Distant reading. London/New York 2013. des Realismus: neue Realitäten in »Schweigen« und »Ein
Ohde, Horst: Der Shawl des Theodor Storm. Oder: Das Bekenntnis«. In: STSG 41 (1992), 13–23.
Schreiben und der Markt. Ein literarhistorisches Diver-
timento. In: Thomas Koebner/Sigrid Weigel(Hg.): Nach- Claudia Stockinger
29 »Marthe und ihre Uhr« (1848) 127

29 »Marthe und ihre Uhr« (1848) indem sie ihnen »Teilchen ihrer Seele« (LL 1, 282) ver-
leiht. Phantasie und Wirklichkeit durchdringen sich
Storms erstes Prosastück entstand 1847 und erschien gegenseitig und ermöglichen es Marthe, in der paral-
erstmals 1848 in dem von Karl Leonhard Biernatzki lelen Welt ihrer Vorstellungen zu leben. Der realen
herausgegebenen Volksbuch auf das Schalt-Jahr 1848 Welt ihrer Umgebung dagegen fühlt sie sich nicht
für Schleswig, Holstein und Lauenburg. Leicht ver- mehr zugehörig: »Was willst du da? Deine Weih-
änderte Fassungen wurden in die Sammlungen Som- nachtsfeier gehört ja nicht dahin!« (284)
mergeschichten und Lieder (1851) und Im Sonnen- Zentrales erzählerisches Mittel in der Novelle ist die
schein. Drei Sommergeschichten (1854) aufgenommen. alte Uhr. Als ständige Begleiterin von Marthes Leben
Die Novelle entstand auf Anfrage Biernatzkis, der nach ist sie vom Vergehen der Zeit nicht unberührt geblie-
einigen nacherzählten Märchen und Spukgeschichten ben: Ihr Uhrwerk ist schadhaft geworden, sie geht
ein eigenständiges Werk Storms veröffentlichen wollte. nicht mehr regelmäßig und muss von Marthe immer
Die alte Marthe vermietet Zimmer in ihrem ehema- wieder neu in Gang gesetzt werden. Das unbelebte Ob-
ligen Elternhaus, in dem der Ich-Erzähler seine Schul- jekt erscheint auf diese Weise als belebt, sodass die
jahre als Mieter verbracht hatte. Nachdem alle Fami- Uhr, wie Marthe selbst, eine Zeit-Zeugin vergangener
lienmitglieder entweder gestorben oder ausgezogen Ereignisse darstellt. In diesem Sinne bestehen in der
waren, füllt Marthe ihre Einsamkeit aus, indem sie zu Novelle zwei Zeitkonzepte nebeneinander: auf der ei-
ihren Möbeln imaginäre Beziehungen aufbaut. Ins- nen Seite die mechanische Zeit, von der die erzählte
besondere eine von ihrem Vater vererbte Uhr spielt ei- Gegenwart während der Epoche der Industrialisierung
ne zentrale Rolle in ihrer Vorstellungswelt. Ihr Ticken zunehmend bestimmt wird, und auf der anderen Seite
und unregelmäßiges Schlagen lassen bei Marthe alte die individuelle Lebenszeit der Figur Marthe. Letztere,
Erinnerungen wach werden, darunter die an zwei ver- stark subjektiv geprägt und weniger exakt, kann im ab-
gangene Weihnachtsfeste; eines, als die Familie noch geschlossenen Wohnraum Marthes fortbestehen, der
vollständig war, und ein anderes, an dem die Mutter somit eine Insel im Fluss der mechanischen Zeit dar-
Marthes starb und diese allein zurückließ. In Marthes stellt. Zugleich begleitet die Uhr die Lebenszeit Mart-
Phantasie untermalt und kommentiert die alte Uhr hes und macht sie erzählerisch zugänglich. Der Ma-
durch ihr Ticken diese Erinnerungsbilder. Am Ende schinencharakter der Uhr ist dabei nur scheinbar, da
erfahren die Leser, dass der Erzähler nicht mehr in der- der mechanische Chronograph die individuelle Zeit
selben Stadt lebt, aber seiner Hoffnung Ausdruck ver- seiner Besitzerin anzuzeigen vermag. Das unregel-
leiht, dass seine Erzählung von Marthe gelesen werde. mäßige Ticken der Uhr erinnert dabei an das Schlagen
Die Novelle hat kaum Handlung im eigentlichen eines menschlichen Herzens, sodass der mechanische
Sinn; vielmehr stehen die durch die Uhr in Gang ge- Apparat nahezu organischen Charakter gewinnt. Bei-
setzten Erinnerungen Marthes im Mittelpunkt. Die de, Marthe und die Uhr, gehören einer vergangenen
kurze Novelle verfügt über eine komplexe narrative Zeit an, und beide sind mit den Jahren gealtert.
Struktur: Zunächst schildert der Ich-Erzähler aus sei- Darüber hinaus steht die Uhr in dieser Novelle
ner Erinnerung die Lebensumstände Marthes, worauf nicht allein für das Vergehen der Zeit, sondern auch
die Perspektive von der ersten zur dritten Person für deren Konservierung. Als ein von Marthes ver-
wechselt und die Erinnerungen der erinnerten Person storbenem Vater übernommenes Erbstück ist sie ein
selbst, also Marthe, im Rückblick erzählt werden. Zum Relikt aus der Vergangenheit mit einer eigenen Ge-
Abschluss übernimmt wieder die Stimme des Ich-Er- schichte. Auf einem Trödelmarkt gebraucht erstan-
zählers und etabliert eine Meta-Ebene, indem sie die den, wurde sie von Marthes Familie mit neuer Bedeu-
Möglichkeit andeutet, dass der Gegenstand des Er- tung aufgeladen und hat nun, da Marthe allein zu-
zählten (Marthe) selbst zur Leserin der vorliegenden rückgeblieben ist, gleichermaßen die Funktion eines
Erzählung werden könnte. Familienmitglieds übernommen. In den imaginierten
Marthe gleicht den Verlust ihrer sozialen Bezugs- Gesprächen der alten Frau mit ihrer Uhr wird diese
personen aus, indem sie sich eine imaginäre Welt zum Katalysator von Marthes Erinnerungen und ver-
schafft. So gewinnen die Gestalten aus Mörikes Maler setzt sie in die Vergangenheit.
Nolten in Marthes Phantasie ein Eigenleben, das über Verknüpft mit dem Motiv der vergehenden und zu-
ihre literarische Existenz hinausgeht und die gedank- gleich konservierten Zeit ist die Weihnachtsthematik,
liche Welt der Leserin bereichert. Umgekehrt haucht die auch in späteren Werken Storms als Chiffre der
Marthe ihren Möbeln, besonders der Uhr, Leben ein, verlorenen Kindheit dient, so etwa in Unter dem Tan-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_29, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
128 III Werk – D Novellen

nenbaum (1862), Abseits (1863) oder Immensee die Strategie des Zusammenlebens mit der Uhr als le-
(1850/51). In Marthe und ihre Uhr steht das vom Er- bensverlängernd, so als ob deren halb mechanische,
zähler selbst dargestellte Weihnachtsfest parallel zu halb organische Zeit zur Lebensdauer Marthes beitra-
Marthes erster Erinnerung, während die Einsamkeit gen könnte.
von Marthes aktuellem Weihnachtsabend der zweiten Marthe und ihre Uhr hat sich trotz des knappen
entspricht. Erzählte Gegenwart und erinnerte Vergan- Umfangs als ertragreich für die Forschung erwiesen.
genheit ergeben, ineinander verschränkt, eine viel- So hat etwa das erzählerische Mittel der Uhr verschie-
schichtige Weihnachtsgeschichte, anhand derer Sta- dene Interpretationen erfahren. Es fungiert zum Bei-
tionen aus dem Leben Marthes erzählt werden. Die spiel als wichtiges Verbindungsstück zwischen Marthe
Gleichzeitigkeit mehrerer Weihnachtsfeste in Storms und der sie umgebenden Welt, illustriert zugleich aber
Novelle erinnert dabei an Charles Dickens’ Weih- auch ihre soziale Isolation, besonders im Kontrast zu
nachtsgeschichte (A Christmas Carol) aus dem Jahr der sozial stärker eingebundenen Figur des Erzählers
1843. Beide Werke thematisieren außerdem das Pro- (Schuster 1971). Außerdem kann die Uhr als Gegen-
blem von Armut und sozialer Isolation im Kontext stand und Katalysator der Erinnerung zugleich auch
von Weihnachten, wobei Storm allerdings auf den bei als ein Symbol der Figur Marthe selbst verstanden
Dickens vorhandenen moralisierenden Gehalt weit- werden (Lee 2004). Zudem stellt die Uhr eine Zeitkap-
gehend verzichtet. sel dar, mithilfe derer die Vergangenheit in Objekten
Darüber hinaus ist die Weihnachtsthematik in bewahrt wird. Dieses erzählerische Mittel begegnet
Marthe und ihre Uhr eng mit dem Motiv des Todes häufig im Werk Storms und dient dazu, die erzählte
verknüpft. Bereits zu Beginn der Novelle wird die The- Gegenwart in der Vergangenheit zu verankern (Ved-
matik von Einsamkeit und Tod angedeutet, wenn der der 2013).
Erzähler Marthes Haus beschreibt, »worin aber von Schließlich wird noch deutlich, dass in Marthe und
Vater, Mutter und vielen Geschwistern nur eine al- ihre Uhr zahlreiche Themen und Motive etabliert wer-
ternde unverheiratete Tochter zurückgeblieben war« den, die auch für das spätere Werk Storms charakteris-
(281). Marthes zweite Erinnerung hat das Sterben ih- tisch sind, darunter das Erinnerungsmotiv, der soziale
rer Mutter am Weihnachtsabend zum Thema, in des- Bezugsrahmen und das Verhältnis zur Natur (Lee
sen Folge sie allein zurückgeblieben war. Auch die 2004).
Kinder der Schwester Marthes sind tot, wie die Leser
während derselben Erinnerungspassage erfahren, so- Literatur
dass die Uhr in diesem Fall zu einer Art memento mori Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
wird. Imagination und Realität bestehen nebeneinan- Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2004.
Schuster, Ingrid: Theodor Storm: die zeitkritische Dimension
der und beeinflussen sich gegenseitig, während der er-
seiner Novellen. Bonn 1971.
zählerische Rahmen des Weihnachtsfestes die soziale Vedder, Ulrike: Dinge als Zeitkapseln. Realismus und Un-
Einsamkeit der Protagonistin hervorhebt. verfügbarkeit der Dinge in Theodor Storms Novellen. In:
Der freiwillige Rückzug Marthes in die Welt ihrer Dies./Elisabeth Strowick (Hg.): Wirklichkeit und Wahr-
Imagination ließe sich als Vorbote ihres sich nahen- nehmung. Neue Perspektiven auf Theodor Storm. Bern
den Todes interpretieren, jedoch endet die Novelle 2013, 73–90.
mit der zuversichtlichen Prognose, dass Marthe »ge- Dagmar Paulus
wiß sehr alt« werde (287). In diesem Sinne erscheint
30 »Im Saal« (1848) 129

30 »Im Saal« (1848) schein auszeichnet (s. Kap. III.D.32; vgl. Strowick
2013, 60–62).
Storms Novelle Im Saal (LL 1, 288–294) erschien erst- Die Kluft zwischen dem Einst und dem Jetzt wird
mals im von Karl Leonhard Biernatzki herausgegebe- u. a. am Wechsel der Moden deutlich: Das Kind, das
nen Volksbuch auf das Jahr 1849 für Schleswig, Hol- getauft wird, erhält den Namen der Großmutter – Bar-
stein und Lauenburg und wurde dann in die von bara –, doch zusätzlich noch einen anderen Namen,
Storm veröffentlichten Anthologien Sommergeschich- »denn Barbara allein klang doch gar zu altfränkisch
ten und Lieder (1851) und Im Sonnenschein. Drei für das hübsche kleine Kind« (LL 1, 288). Auch in
Sommergeschichten (1854) übernommen. In Storms Marthe und ihre Uhr (282 f.), Immensee (295) und Im
1868 in erster Auflage gedruckten Sämmtlichen Sonnenschein (358) ist die Zeitlichkeit von Moden je-
Schriften wird der Text im Inhaltsverzeichnis datiert weils ein Thema.
auf »Husum 1848«. Die Erfahrung des zeitlichen Wandels besitzt in der
Bei dieser Novelle lassen sich eine Rahmen- und ei- Novelle Im Saal auch eine politische Komponente. So
ne Binnenerzählung unterscheiden (vgl. Laage 1958, hängt in diesem Text aus dem Revolutionsjahr die
17–19). Die Rahmenerzählung nimmt ihren Ausgang Großmutter immer noch der ständischen Ordnung
bei einer Tauffeier, zu der sich eine Familie in einem der Vergangenheit an und betrachtet die Enkelgenera-
Saal versammelt hat. In diesem geselligen Kreis wer- tion als anmaßend, da in dieser die Dienstmädchen
den – novellentypisch – Geschichten erzählt (vgl. Kor- nicht mehr bereit sind, sich dem Adel unterzuordnen:
ten 2009, 201), und die Großmutter erinnert sich an »Es war damals freilich noch eine stille, bescheidene
Szenen aus ihrem Leben, die sich früher an dem Ort Zeit; wir wollten noch nicht Alles besser wissen, als die
abspielen: wie sie als achtjähriges Mädchen erstmals Majestäten und ihre Minister [...]. Die Dienstmäd-
zu dem jungen Mann sich hingezogen fühlt, der acht chen hießen noch alle Trine oder Stine, und jeder trug
Jahre später ihr Bräutigam wird, und wie in dem Saal, den Rock nach seinem Stande. Jetzt tragt ihr sogar
den man anlässlich der Hochzeit errichtet, wiederum Schnurrbärte wie Junker und Kavaliere« (LL 1, 293;
viele Jahre später der Sarg des Mannes steht. Die Schil- vgl. Ebersold 1981, 23 f.).
derungen dieser Szenen durch die Großmutter bilden Von den laufenden Debatten der Gegenwart, in der
die Binnenerzählung. »alle mit regieren« wollen (LL 1, 293), ist die Groß-
Im Saal erweist sich insofern als besonders charak- mutter ausgeschlossen, obwohl sie von den versam-
teristisch für Storms Novellenverständnis (s. Kap. melten Familienmitgliedern rücksichtsvoll und scho-
III.D.27), als dass die Binnenerzählung aus einer Rei- nend behandelt wird (vgl. Lee 2005, 41 f.). Die Tren-
he einzelner Erinnerungsbilder besteht. Im Vorwort nung der Großmutter vom aktuellen Geschehen zeigt
des genannten Bandes Sommergeschichten und Lieder sich in dem Umstand, dass man ihr nichts von den
erklärt Storm, »um das Wesen dieser Geschichten zu Zweifeln verrät, die daran aufgekommen sind, ob ihr
bezeichnen«, hätte er »›Situationen‹ schreiben müs- »langbewährte[r]« Name sich noch für das zu taufen-
sen« (LL 4, 377; vgl. Storm–Brinkmann, 27; zu den de Kind eignet (LL 1, 288). Bereits in der Diskussion
Anregungen zur Situationsnovelle, die vom bürger- um den Namen, dessen Weitergabe dem familiären
lichen Drama des 18. Jahrhunderts ausgehen: Wierla- Gedächtnis dient, stehen die Bindung an das Vergan-
cher 1972, 38 f.). gene und die Tradition in Frage. Die Großmutter strei-
Durch zeitlichen Abstand jeweils voneinander ge- tet sich nicht mit ihrem Enkel, als dieser die in seiner
trennt sind in der Novelle Im Saal zum einen die Sze- Generation verbreiteten egalitären Ansichten vertritt;
nen, an die sich die Großmutter erinnert; zum ande- vielmehr hält sie es für an der Zeit, sich zurückzuzie-
ren aber tut sich eine große zeitliche Kluft zwischen hen und ihrem Mann in den Tod zu folgen (LL 1, 293;
jenen Szenen und der Situation des Sich-Erinnerns vgl. Lee 2005, 40). Auf diese Weise bildet die Vergan-
auf: Mit dem Satz »Es ist achtzig Jahre her« (LL 1, 289) genheit, der die Großmutter zugeordnet ist, gegen-
beispielsweise leitet die Großmutter ihre Erzählung über der Gegenwart einen eigenen, abgesonderten Be-
ein, und zuvor heißt es: »ihre Gedanken waren bei den reich. Gerade durch diese Trennung von Vergangen-
Schatten der Dinge, deren Wesen lange dahin war« heit und Gegenwart kann die Großmutter erstere zur
(ebd.). Auf diese Weise entfaltet die Novelle ein Spiel Idylle stilisieren.
mit dem Verschwundenen, ähnlich jener »Poesie der Zur Idealisierung der Vergangenheit trägt nicht zu-
Verschollenheit« (EB, 213), die für Storm die »Schwes- letzt bei, dass im ersten Erinnerungsbild die »kleine«,
tererzählung« (Storm–Brinkmann, 100) Im Sonnen- achtjährige Barbara erscheint, die einen jungen Mann

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_30, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
130 III Werk – D Novellen

lieb gewinnt (LL 1, 290–292). Die realistische Insze- Großvater war es auch‹« (LL 1, 294). Aus dieser Sicht
nierung dieser Kinderliebe besitzt literaturhistorisch erscheint die Wiederholung des Vergangenen zwar il-
paradigmatischen Charakter (vgl. Susteck 2010, 161); lusorisch, aber das Bezogensein auf solche Illusionen
die biographistisch ausgerichtete Forschung hat die- verbindet die Generationen wiederum miteinander.
sen Aspekt nicht selten auch mit Storms Zuneigung zu
der zehnjährigen Bertha von Buchan in Verbindung Literatur
gebracht (s. I.2; vgl. Bollenbeck 1988, 60–67). Abseits Bollenbeck, Georg: Theodor Storm. Eine Biographie. Frank-
dieser Spekulationen steht das Kind Barbara in der Er- furt a. M. 1988.
Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die
zählung der Großmutter für einen geradezu paradie- Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009.
sischen Zustand der Einheit: für eine Welt, die noch Detering, Heinrich: »Rückwärts in die Kindheit«: Theodor
nicht von spannungsreicher politischer Differenz zer- Storms Texte für Bertha von Buchan. In: Malte Stein/Re-
klüftet zu sein scheint (vgl. Börner 2009, 31–38). Die gina Fasold/Heinrich Detering (Hg.): Zwischen Mignon
Idealisierung des Kindes und die der Vergangenheit und Lulu. Das Phantasma der Kindsbraut in Biedermeier
und Realismus. Berlin 2010, 57–72.
haben gemeinsam, dass beide sich auf unerreichbar
Ebersold, Günther: Politik und Gesellschaftskritik in den No-
beziehungsweise unwiederbringlich Fernes beziehen vellen Theodor Storms. Bern 1981.
(vgl. Detering 2010). Eisele, Ulf: Realismus und Ideologie. Zur Kritik der literari-
Von programmatischer Bedeutung ist in der Novel- schen Theorie nach 1848 am Beispiel des »Deutschen Muse-
le Im Saal auch die Darstellung des hohen Alters (vgl. ums«. Stuttgart 1976.
Küpper 2004, 155–157): Als Greisin kann die Groß- Korten, Lars: Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre
1848–1888: Stifter, Keller, Meyer, Storm. Tübingen 2009.
mutter Situationen aus ihrem Leben als des Erzählens
Küpper, Thomas: Das inszenierte Alter. Seniorität als literari-
würdig auswählen, sich auf wenige, ihr bedeutsam er- sches Programm zwischen 1750 und 1850. Würzburg 2004.
scheinende Szenen beschränken. Damit wird es mög- Laage, Karl Ernst: Das Erinnerungsmotiv in Theodor Storms
lich, das ›Wesen in der Erscheinung‹ zu finden und die Novellistik. In: STSG 7 (1958), 17–39.
Wirklichkeit zu verklären, wie es damaligen realisti- Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
schen Literaturprogrammen entspricht (s. IV.1; vgl. Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2005.
Plumpe, Gerhard: Einleitung. In: Edward McInnes/Gerhard
Eisele 1976; Plumpe 1996, 50–57). Dadurch, dass die Plumpe (Hg.): Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit
bejahrte Großmutter Rückschau hält – »Ich sehe es 1848–1890. München 1996, 17–83.
noch vor meinen alten Augen« (LL 1, 290) –, wirkt ih- Plumpe, Gerhard: Gedächtnis und Erzählung. Zur Ästheti-
re Erzählung nicht nur glaubwürdig, sondern er- sierung des Erinnerns im Zeitalter der Information. In:
scheint auch vom Verschwinden bedroht und kostbar Gerd Eversberg/Harro Segeberg (Hg.): Theodor Storm und
die Medien. Zur Mediengeschichte eines poetischen Realis-
angesichts des nahenden Todes. Dergestalt wird
ten. Berlin 1999, 67–79.
mündliches Erzählen und Erinnern in dem gedruck- Susteck, Sebastian: Kinderlieben. Studien zum Wissen des
ten Text poetisch inszeniert und ihr Unersetzliches 19. Jahrhunderts und zum deutschsprachigen Realismus
hervorgehoben (vgl. Plumpe 1999, 74). von Stifter, Keller, Storm und anderen. Berlin 2010.
Durch die Schlusspointe der Novelle wird die Vor- Strowick, Elisabeth: »Eine andere Zeit«. Storms Rahmen-
stellung von Verlust indes relativiert: Der Enkel teilt technik des Zeitsprungs. In: Elisabeth Strowick/Ulrike
Vedder (Hg.): Wirklichkeit und Wahrnehmung. Neue Per-
der Großmutter mit, dass er den Saal abreißen lassen spektiven auf Theodor Storm. Bern 2013, 55–72.
will – damit verschwände der Raum des Erinnerns Wierlacher, Alois: Situationen. Zu Storms früher Prosa. In:
und Erzählens –, dass aber ein Schauplatz ihrer Erzäh- STSG 21 (1972), 38–44.
lung wiederhergestellt werden soll, und die Greisin
Thomas Küpper
antwortet lächelnd: »›Du bist ein Phantast‹ [...]; ›Dein
31 »Immensee« (1849) 131

31 »Immensee« (1849) hung zwischen Reinhardt und Elisabeth, so u. a. in


den Szenen »Die Kinder« und »Daheim« bleibt bei al-
Entstehung
le dem jedoch unberührt; auch die Erzähltechnik der
Es gibt nur einen einzigen Hinweis von Storm selbst Andeutung und Aussparung ist hier schon ausgeprägt,
zur Entstehungszeit von Immensee im Inhaltsver- wird in der Überarbeitung nur noch verfeinert (vgl.
zeichnis der Schriften, Bd. 2, 1862, »Husum 1849«. Ge- Stockinger 2006). Bis heute fehlt ein umfassender
rade aus diesem Jahr sind jedoch kaum biografische textkritischer Vergleich der beiden Fassungen von Im-
Quellen überliefert. Über die Anregung zu dem Ge- mensee, eine Dichtung, die zu Storms Lebzeiten seine
dicht Meine Mutter hat’s gewollt äußerte sich Storm erfolgreichste werden sollte.
erst am Ende seines Lebens gegenüber dem Biografen
Paul Schütze für dessen Buch Theodor Storm. Sein Le-
Inhalt
ben und seine Dichtung. Berlin 1887 (vgl. LL 1, 1019).
Auch über ein eigenes Erlebnis als Hintergrund für die Ein älterer Herr versenkt sich im Studierzimmer sei-
Wasserlilienszene schrieb er einer Bekannten erst nes Hauses in den Anblick eines vom Mondlicht er-
1885 (1036). Die Entstehungsgeschichte der bedeu- hellten Mädchenportraits. – Ein Zeitsprung versetzt
tendsten frühen Storm-Novelle liegt somit weitest- den Leser in die Jugend des Alten mit Elisabeth. Be-
gehend im Dunkeln. Eine Handschrift ist nicht vor- reits die Kinder Reinhardt und Elisabeth spielen zu-
handen. Die erste Fassung, nur unterzeichnet mit »Th. sammen und sind Gefährten in der Schule. Als sie ein-
St.«, erschien Ende 1849 im von Karl Biernatzki he- mal vom Lehrer gescholten und sein zorniges Ablen-
rausgegebenen Volksbuch auf das Jahr 1850 für Schles- kungsmanöver nicht bemerkt wird, schreibt er sein
wig, Holstein und Lauenburg (dort 56–86). In der erstes Gedicht. Bevor Reinhardt zum Studium abreist,
Volksbuch-Fassung werden die Novellenabschnitte, unternimmt man eine Landpartie. Die Jungen werden
die später Überschriften wie »Die Kinder«, »Im Wal- auf die Suche nach Erdbeeren geschickt, die sie mit
de« etc. erhielten, noch durch Gedankenstriche ge- den zurückbleibenden Alten teilen sollen, die unter-
trennt. Nach kritischen Bemerkungen seines Studien- dessen das Mittagsmahl richten. Elisabeth und Rein-
freundes Tycho Mommsen überarbeitete Storm diese hardt verirren sich im Wald; statt Erdbeeren ›findet‹
Fassung direkt in den Aushängebögen der Volksbuch- Reinhardt ein Gedicht, in dem er Elisabeth zur Wal-
Fassung, in denen sowohl Storms Überarbeitungsstu- deskönigin verklärt. – Reinhardt verbringt den Weih-
fen als auch die kritischen Notizen Mommsens erhal- nachtsabend in der Universitätsstadt mit Kommilito-
ten sind (vgl. LL 1, 1018–1020). Die Änderungen für nen in einer Studentenkneipe, in der er ein widerstre-
die erste Buchausgabe von Immensee in Sommer- bendes Zithermädchen, in dessen Augen er sich faszi-
geschichten und Lieder, Berlin: Alexander Duncker niert versenkt, zum Vortrag eines Liedes »Heute nur
1851, 45–95, betreffen z. B. größere Streichungen in heute« (LL 1, 305) drängt. – Ostern wieder daheim, ist
dem später »Da stand das Kind am Wege« genannten Elisabeth herangewachsen. Ein Kanarienvogel im gol-
Abschnitt, der ursprünglich ausführlicher das absto- denen Bauer, ein Geschenk von Reinhardts Freund
ßend wirkende Treiben der Korpsstudenten im Rats- Erich an Elisabeth, verärgert ihn. Aber er kann beim
keller und auch umfangreicher Reinhardts Weih- Abschied das rechte Wort nicht finden, von dem »aller
nachtsabend in der Universitätsstadt schilderte; weg- Wert und alle Lieblichkeit seines künftigen Lebens«
gelassen wurde auch Reinhardts Erzählung über seine (312) abhinge. – Fast zwei Jahre danach teilt ihm seine
Reiseerlebnisse in Venedig, die er auf Gut Immensee Mutter mit, dass Elisabeth Erichs Werbung schließlich
im Zusammenhang mit seiner Volksliedersammlung angenommen habe und mit ihrer Mutter bald nach
vorträgt, und ganz gestrichen schließlich ein Ab- Immensee ziehen werde. – Jahre später wandert Rein-
schnitt vor der letzten Szene (»Der Alte«), der in weni- hardt zum See und Gut Immensee. Er findet einen flo-
gen Sätzen Reinhardts Leben nach seinem Weggang rierenden Landwirtschaftsbetrieb vor sowie eine un-
aus Immensee umriss (Erwerb eines Amtes, Heirat, verändert mädchenhafte Elisabeth, die ihren Mann
Geburt eines Sohnes, Tod dieses Sohnes, Tod der Frau, Erich mit »schwesterlichen Augen« (318) ansieht. An
Aufgabe des Amtes). Aber auch wichtige Erweiterun- einem Abend wird Reinhardt gebeten, aus seiner
gen und Ergänzungen gegenüber der ersten Fassung Volksliedersammlung vorzutragen und liest u. a.
auf allen Ebenen des Textes sind zu registrieren; das »Meine Mutter hat’s gewollt« (321), worauf Elisabeth
Lied des Harfenmädchens ist nur die augenfälligste wortlos den Raum verlässt. Reinhardts sich anschlie-
Neuerung. Die Essenz der Erzählung über die Bezie- ßender Versuch, im nächtlichen See eine Wasserlilie

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_31, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
132 III Werk – D Novellen

zu erreichen, scheitert. –Vergeblich versucht er am den wichtigen Themen in Storms früher Novellistik.
folgenden Tag beim Spaziergang, an die gemeinsame An Brisanz gewinnt die Thematik in Immensee, weil
Vergangenheit anzuknüpfen. Elisabeth entzieht sich hier ein Protagonist im Mittelpunkt steht, der beim
ihm und schenkt einem bettelnden Mädchen all ihre Heranwachsen ein poetisches Verhältnis zur Welt
Münzen. Reinhardt verlässt daraufhin im Morgen- entwickelt, das dann auch seine Beziehung zu dem
grauen den Ort für immer. – Am Ende sitzt der Alte geliebten Mädchen Elisabeth beherrscht. Was ihm
wieder allein in seinem Studierzimmer und vertieft selbst aber gleichsam als naturwüchsig erscheint,
sich in die Studien seiner Jugend. nämlich diese seine Identität maßgebend prägende
Fähigkeit, die Welt kraft seiner Phantasie zu verwan-
deln, wird durch die Erzählung als ambivalente Ent-
Deutung
wicklungsgeschichte beschrieben, an deren Ende der
In Immensee findet man eine stark von Storms Lyrik, Protagonist mit seinem Bild und seinen Erinnerun-
aber auch von seinen Lektüren spätromantischer und gen, wenngleich nicht unglücklich, so doch einsam
frührealistischer Texte Tiecks, Eichendorffs, Mörikes zurückbleibt. Die ästhetisierende Haltung Reinhardts
und Immermanns geprägte Prosa, welche sich auf bringt Storm in Immensee in einen Zusammenhang
»Momente von poetischem Interesse« konzentriert, mit dessen Verstrickung in eine Kernfamilie, die, an-
»die sich auch im dürftigsten Alltagsleben finden« ders als die des Autors und als eine im patriarchalen
sollten, so Storm an Brinkmann, 22.11.1850 (GB  1, 19. Jahrhundert zu erwartende, nicht von einem Va-
135). Es ist ein Erzählen, das psychologische Motive ter, sondern von Müttern bzw. einer Mutter dominiert
von Handlungen kaum mitteilt, ganze Lebens- wird. Generell kann bemerkt werden, dass bei Storm
abschnitte der Protagonisten ausspart und sie nur la- die Liebespaare oft wie in Immensee eine gemein-
pidare, ins Verstummen mündende Sätze sprechen same, geschwisterähnliche Kindheit haben, die auch
lässt (zur »Poetologie der Aussparung« vgl. Stockinger ausführlich szenisch dargestellt wird. Sie bildet einen
2006). Desto deutlicher ›reden‹ die eingefügten Ge- Erzählkern, der über die mittlere Schaffensperiode
dichte, gewinnen die Gesten der Figuren und die Din- (Auf dem Staatshof, Auf der Universität) hinaus bis in
ge, die sie umgeben, an Bedeutung, und die Großzei- das Spätwerk hinein erhalten bleibt (Aquis submersus,
chen der Novelle, der Titel gebende Immensee und die Eekenhof, Hans und Heinz Kirch). Eine Schlüsselszene
Wasserlilie, werden symbolisch aufgeladen. Anfangs für Reinhardts und Elisabeths Beziehung stellt somit
konstruiert der Autor eine Erzählinstanz mit Außen- gleich der erste Abschnitt »Die Kinder« dar, in dem
perspektive (erkennbar an den sprachlichen Wendun- sie ihr Erwachsenendasein spielerisch vorwegneh-
gen mit ›es schien‹ und dem Konjunktiv), die schein- men und in dem die Entwicklungsvoraussetzungen
bar Menschen und Dinge nur eingeschränkt aus der für dessen Gelingen bereits genannt werden: Der ge-
Ferne zu betrachten vermag, die aber später auch ab- meinsame Weg hinaus in die Welt – »nach Indien!«
rupt in die Innenperspektive der Personen wechseln (LL 1, 298) – kann nur ohne die Mütter gegangen wer-
kann und entschiedene Wertungen abgibt. Dieser Er- den. Energisch hält Reinhardt der zögerlichen Elisa-
zähler nähert sich den zu beschreibenden Objekten beth, die das Verbot ihrer Mutter fürchtet, entgegen:
und zieht sich von ihnen auch wieder zurück wie z. B. »Du sollst schon dürfen; Du wirst dann wirklich mei-
in der Szene »Immensee«, in der er den Helden – dem ne Frau, und dann haben die Anderen Dir nichts zu
Leser längst als Reinhardt vertraut – als fremd wirken- befehlen« (298). Doch bereits die von Reinhardt er-
den Wanderer erneut einführt. Ob diese Erzähltech- zählte Legende vom Daniel in der Löwengrube, der
nik von Storm artifiziell durchkomponiert wurde oder durch einen Engel aus der Gefahr des Verschlungen-
ob er in dieser frühen Novelle noch auf der Suche nach werdens errettet wird, enthält nur die Erlösungs-
einem in sich kohärenten Erzählstil war (in der ersten geschichte eines Mannes. Das Märchen von der Erlö-
Fassung z. B. wird der Leser an einer Stelle auch noch sung eines Mädchens aus dem mütterlichen Reich des
im vertraulichen Wir-Ton angesprochen), sei dahin- Spinnrades in den »drei Spinnfrauen« dagegen, muss-
gestellt. Sicher ist, dass diese Erzähltechnik des te er »stecken« (297) lassen. Am Ende der Szene rufen
Schwankens zwischen Nähe und Distanz ihre Ent- die Mütter, die an dieser Stelle in eine zu verschmel-
sprechung in der Grundhaltung des männlichen Pro- zen scheinen, die beiden Kinder zurück nach Haus.
tagonisten zur Wirklichkeit findet. Mit Stefani Kugler (2007, 206 f.), Christian Neumann
Eine Liebe, die unerfüllt bleibt, wenn man ›Erfül- (2016, besonders 8 f. und 14 f.), aber auch bereits Re-
lung‹ mit Ehe und Nachwuchs verbindet, gehört zu nate Bürner-Kotzam (2001, 68 f.), ist als Movens der
31 »Immensee« (1849) 133

Novelle »Reinhardts Bemühung um eine Ablösung der braunen Weihnachtskuchen und der Briefe von
von der mütterlichen Autorität« (Kugler 2007, 208) der Mutter und Elisabeth, um in ihm ein verzehren-
zu sehen. Wobei hinzuzufügen wäre, dass das in der des Heimweh auszulösen: »Da stand das Kind am
Eingangsszene formulierte Ablösegebot als Bedin- Wege und winkte ihm nach Haus!« (308). Bei seiner
gung für den Reifeprozess beider Protagonisten gilt, Rückkehr zu Ostern findet er in Elisabeth nicht mehr
deren Entwicklung durch die Vaterlosigkeit erschwert ›das Kind‹ vor, sondern ein zur jungen Frau heran-
erscheint. Reinhardt, als Knabe noch unterneh- wachsendes Mädchen, das durchaus zaghafte eman-
mungslustig, praktisch zupackend und energisch, zipatorische Versuche unternommen hat: Bereits ihr
verliert diese Fähigkeit, wie es die Situation rund um Weihnachtsbrief an ihn signalisiert, dass sie sich
die Entstehung seines ersten Gedichtes erweist: Er mehrfach innerlich gegen ihre Mutter gewehrt und
führt die Verteidigung Elisabeths gegen den Schul- sich mit dem Jugendgefährten zu verbünden versucht
lehrer nicht, wie zu vermuten, in offenem verbalen hat, wenn sie z. B. heimlich über Reinhardts Freund
Schlagabtausch durch, sondern inszeniert sie in Ver- Erich lacht, der seinem braunen Überrock so ähnlich
sen, in denen er sich am Ende genussvoll spiegelt. Mit sehe, und zugleich Reinhardt beschwört: »sag es aber
der Erdbeerensuche in »Im Walde«, die durch die nicht der Mutter, sie wird dann leicht verdrießlich«
oberlehrerhafte Rede des »alten Herr[n]« (300) als (307). Auch Erichs Portraitzeichnen, das ihre Mutter
bürgerlicher Tüchtigkeitsbeweis zu gelten hat, wird nur zu gern unterstützt hatte, erträgt sie nur wider-
Reinhardts Versagen als pater familias antizipiert, da willig. Und noch zum Ende des Abschnitts »Daheim«
er das notwendige Tauschobjekt für das Mittagsmahl wird Elisabeth Reinhardt gegen den Vorwurf ihrer
nicht findet. Aber auch seine Initiation – als solche ist Mutter verteidigen, er sei »nicht mehr so gut« (313)
das Verirren mit Elisabeth im Wald und die Suche wie ehedem. Die aber, welche stets nur am Spinnrad
nach Erdbeeren auch angelegt, die Frucht steht seit sitzend erwähnt wird, hat den Schicksalsfaden für
Vergils Ekloge III, V. 92 f. als Chiffre für Verführung sich und ihre Tochter bereits gesponnen. Sie nennt
und Wollust (vgl. Klimek 2012, 112) – zeitigt ein an- das bedeutungsschwere Wort ›Immensee‹ in dieser
deres Ergebnis als zu erwarten. Denn sein erotisches Novelle zuerst; es ist ihr Ziel, dort bei dem »liebe[n],
Erwachen wird begleitet von einem seltsamen Rück- verständige[n] junge[n] Mann« (311) mit ihrer Toch-
zug von dem begehrten Mädchen in dessen Betrach- ter anzukommen. Die Zeichen sind für Reinhardt im
tung und zugleich von einer glückhaft empfundenen Grunde überdeutlich mit dem Geschenk Erichs an
Fähigkeit, seine Gefährtin in Sprach-Bilder zu ver- Elisabeth: Der Kanarienvogel im goldenen Bauer
wandeln, zu einer kindlichen Elfenkönigin im Ge- übertrumpft in mehrerer Hinsicht seinen inzwischen
dicht. Reinhardt vermag sich also seinen erlösenden gestorbenen Hänfling, der der Mutter immer viel zu
»Engel«, an den er im religiösen Sinn ohnehin nicht kräftig sang. Aber Reinhardt ist nicht der Mann, der
mehr glaubt – »es gibt ja gar keine Engel« (297) – Elisabeth in ihrer bedrohlichen Situation zu helfen
selbst zu schaffen, und zwar in der Kunst: Elisabeth vermag. Er kann nichts tun im wahrsten Sinne des
wird ihm zur Muse, zum »Ausdruck für alles Liebli- Wortes, er vermag ihr nur den Pergamentband mit
che und Wunderbare seines aufgehenden Lebens« seinen Gedichten zu zeigen, in dem er die Erlebnisse
(304). Über ihr realitätsenthobenes Bild ist er mit ihr mit ihr in gleichsam mortifizierter Form unter-
nicht nur ein Leben lang verbunden – das sich Ver- gebracht hat, vergleichbar dem halbgetrockneten
senken in das Idol, das nach Eckart Pastor dem reli- Maiblumenstängel, der zwischen den Seiten lag und
giösen Akt der Verwandlung gleicht (vgl. Pastor 2016, den er ihr schenkt. Die Verse und Erinnerungen sind
31), wird sein ihm einzig mögliches Verhältnis zu es allein, die Reinhardt die so begehrte Nähe und die
dem Mädchen bleiben. Am Weihnachtsabend im ihm so notwendige Distanz zu Elisabeth gleichzeitig
Ratskeller der Universitätsstadt allerdings scheint verschaffen.
Reinhardt – was die Männlichkeitsrituale der Korps- Den Grund für das tiefe Ambivalenz-Verhalten
studentenschaft, an denen er teilnimmt, anzeigen – Reinhardts gegenüber Elisabeth, das sich letztlich nur
äußerlich in seiner Entwicklung zum Mann voran- medial bzw. in der Kunst beruhigt, enthüllen die Sze-
zuschreiten. Auch wirkt er so, als sei er zu rauschhaf- nen am Immensee. Der Wanderer Reinhardt ruft
ten Augenblicks-Abenteuern mit dem Zithermäd- beim Anblick von Hof und See das Wort genauso em-
chen bereit, in dem sich zudem für ihn die Option zu phatisch aus wie das Wort ›Elisabeth‹ am Anfang. Das
einem freien, jedoch gefährdeten und einsamen »Spiegelbild des Herrenhauses«, »das leise schaukelnd
Künstlertum andeutet. Aber es braucht nur den Duft auf dem Wasser schwamm« (315) ist das eigentliche
134 III Werk – D Novellen

Ziel seiner Reise. Denn das Vorgefundene spiegelt ta, aus der Mignon hervorging, eben gerade mittels
ihm das, was auf ihn gewartet hätte, wäre er »so gut« dieser Blume, die, obwohl sie der Inbegriff der Un-
(318) gewesen wie »Bruder« Erich (315). Die Verhält- schuld sei, dennoch zwittrige Blüten habe, und bei der
nisse am See sind nur allzu klar: »Am Ziel ihrer Wün- »Gatte und Gattin auf einem Stengel« entspringe
sche hat die Mutter das Spinnrad; von dem aus sie je- (Goethe 1994, VII, 584). Dem regressiven Sog zurück
des Zusammensein von Reinhardt und Elisabeth ver- »nach Haus« (308) in die starken endogamen Bindun-
folgte, mit der Schlüsselgewalt der Besitzerin und Frau gen, die Selbstverlust und psychischen Tod bedeuten
des Hauses vertauscht« (Bürner-Kotzam 2001, 68). Sie würden, stemmt Reinhardt sich entgegen; aber er ver-
ist die eigentliche Gastgeberin auf Immensee, sie un- mag ihm nur mit Hilfe der distanzierenden Kraft sei-
ternimmt mit Erich eine Geschäftsreise, sie weist ihn ner Imaginationen zu entrinnen, über die er anderer-
an, der erschütterten Elisabeth, die nach der Lesung seits immer auch Anteil an dem zutiefst Begehrten be-
von »Meine Mutter hat’s gewollt« den Raum verlässt, hält. Die Fähigkeit, die Realität in poetische Bilder zu
nicht zu folgen. Am See herrscht die Mutter wie eine bannen, stellt somit für ihn auch eine entscheidende,
Bienenkönigin, den eigentlichen Herrn des Hauses zu überlebensnotwendige Entwicklungsstufe im Indivi-
einer Drohnenexistenz und Elisabeth in die ewige duationsprozess dar, auf der freilich der Stormsche
Tochterrolle zwingend. Die Mutter hat mit der ›Wahl‹ Held für immer festgebannt erscheint. Elisabeth hin-
Erichs die ursprüngliche Kernfamilie mit Mutter, gegen bleibt hilflos im Mutterreich zurück. Sie hätte
Sohn und Tochter wieder hergestellt. Die Biene oder nur ein Mann daraus erretten können, der – im über-
Imme, wie im Demeter-Mythos oft als Attribut oder tragenen Sinne – wie der Bräutigam in Das Märchen
als Verkörperung der Großen Mutter erscheinend, von den drei Spinnfrauen am Ende das Spinnrad rigo-
gibt dem keineswegs idyllischen Ort und See den Na- ros zerschlägt.
men, der zugleich den Novellen-Titel bildet. Für Elisa-
beth und Reinhardt ist es ein Todesraum der absolu-
Forschung
ten Regression im mütterlichen Bezirk. Die oft ana-
lysierte Szene, in der Reinhardt im nächtlichen Im- Die Novelle Immensee gehört neben dem Schimmelrei-
mensee die darin wachsende Seerose zu erreichen ter in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten zu den
strebt, verdeutlicht das in nuce: Die Nymphaea alba, von der Storm-Forschung bevorzugt analysierten Tex-
die weiße Seerose, die im Text Wasserlilie bzw. nur Li- ten. Das wissenschaftliche Interesse reicht dabei von
lie genannt wird, repräsentiert – da sind sich alle In- poetologischen Untersuchungen zum novellistischen
terpreten einig –, die mädchenhafte, weißgekleidete Frühwerk (Stockinger 2006), Fragen der Romantik-
Elisabeth, so wie Reinhardt sie als ewiges Idol in sich Rezeption (Orosz 2013) und zu einzelnen intertextu-
trägt. Die Seerose, den Blicken zunächst verborgen, ist ellen Bezügen (Gerrekens 2008) über vergleichende
aber durch ihre Stängel tief am Seegrund, aus dem sie Analysen zentraler Motive (Klimek 2012) und ästheti-
herauswächst, verwurzelt. Diese Rückbindung an den scher Kategorien (Bachmann 2013) bis hin zu para-
mütterlichen Ursprung wird Reinhardt in größter Nä- digmatischen Erkundungen zum Hintergrund der
he zum Blütenkelch – er konnte »die silbernen Blätter Kindheitserotik in Storm-Texten (Detering 2011). Ei-
deutlich im Mondschein unterscheiden« (323) – zur nen Überblick über den Forschungsstand bis 1999
tödlichen Gefahr, da der Immensee ihn mit dem Stän- gibt Wiebke Strehl. Bei jenen Interpretationen, die
gel-Gestrick dort in die Tiefe hinabzuziehen und zu sich auf den gesamten, sehr komplex angelegten Text
verschlingen droht. Wie das Gewässer selbst, so ver- einlassen, so Mareike Börner, Stefani Kugler, Chris-
weist auch die Wortwahl von ›Netz‹ und ›Gestrick‹ tian Neumann, aber auch Albert Meier und Renate
unmittelbar auf die Mutter, die auch auf Immensee Bürner-Kotzam, entscheidet sich die Deutung nicht
»emsig an ihrer Näharbeit« (320) sitzt. Mit Christian wie in den älteren Interpretationen oft an der Beant-
Neumann ist davon auszugehen, dass der Text von wortung der Frage, warum Reinhardt schweigt, ob-
Anfang an »über den latenten Geschwisterstatus einen wohl er um Erichs Werbung um Elisabeth weiß. Ent-
gemeinsamen Ursprung« von Reinhardt und Elisa- scheidend wird vielmehr, welche Funktion die Inter-
beth suggeriert (Neumann 2016, 12). Darauf deutet preten dem poetisierenden Umgang Reinhardts mit
auch die Lilie hin, mit der die Seerose hier überzeich- der Realität und insbesondere mit Elisabeth im Text-
net wird und die seit Goethes Wilhelm Meister als das ganzen zusprechen. Konsens ist, dass dieses ›Künstler-
Symbol für die Geschwisterliebe gilt: Der Harfner Au- tum‹ ein die Frau domestizierendes, mortifizierendes
gustin verteidigt die Liebe zu seiner Schwester Spera- Verfahren enthält. Stefani Kugler, die die historischen
31 »Immensee« (1849) 135

Geschlechterrollen in diesem Text untersucht, deutet Eversberg, Gerd (Hg): Theodor Storm: Immensee. Texte
es als camouflierten patriarchalen Machtanspruch ge- (1. und 2. Fassung), Entstehungsgeschichte, Aufnahme
genüber der Frau, den Reinhardt im realen Leben und Kritik, Schauplätze und Illustrationen. Heide
²2006.
nicht durchzusetzen vermöge aufgrund seiner proble- Fasold, Regina: Geschwisterliebe und Heimatsehnsucht in
matischen Mutterbindung. Die Mutter verkörpere ei- Texten Theodor Storms. In: Storm-Blätter aus Heiligen-
nen Anteil Elisabeths, »den Reinhardt seit seiner stadt 6 (2000), 12–30.
Kindheit meidet und fürchtet: die Forderungen stel- Gerrekens, Louis: Von Bukolik und Liebe. Storms Rückgriff
lende, dominante Frau« (Kugler 2007, 213). Mareike auf Vergil und Goethe in »Immensee«. In: STSG 57
(2008), 57–70.
Börner spricht von einem geradezu »pervertierten
Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Hamburger Ausgabe.
Poetisierungsdrang« Reinhardts (Börner 2009, 85), Hg. v. Erich Trunz. München 131994.
der das erwachsen werdende Mädchen in ein Kind zu- Grob, Norbert: »Das Herz voll Tränen und Nacht«. Zur Gen-
rück zu verwandeln strebe, in das »Phantasma der re-Ästhetik in Veit Harlans Filmen (insbesondere in »Im-
Kindfrau«, das seinem Schöpfer »ein lebenslanges mensee«). In: Gerd Eversberg/Harro Segeberg (Hg.):
Aufenthaltsrecht in dessen imaginierter Welt der frei- Storm und die Medien. Zur Mediengeschichte eines poeti-
schen Realisten. Berlin 1999, 247–268.
en Künste« garantiere (ebd., 108). Ähnlich sieht das Kim, Youn-Ock: Der Immensee ruht, der Yalu fließt. Storms
Renate Bürner-Kotzam: Die »Kondensierung der Frau literarische Welt aus koreanischer Sicht. In: Storm-Blätter
zur Imagination« verschaffe Reinhardt »jederzeit den aus Heiligenstadt 17 (2013), 60–77.
Genuß poetisierter Vergangenheit« (Bürner-Kotzam Klimek, Sonja: Waldeinsamkeit – Literarische Landschaft als
2001, 75). Christian Neumann arbeitet das »Kindfrau- transitorischer Ort bei Tieck, Stifter, Storm und Raabe. In:
Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft 53 (2012), 99–126; zu
Phantasma« als Phänomen einer dem Stormschen
»Immensee«: 111–114.
Helden generell »zugrunde liegende[n] »traumatisie- Kugler, Stefani: »Meine Mutter hat’s gewollt«. Weiblichkeit
rende[n] und hochambivalente[n] Mutterbeziehung« und männliche Identität in Theodor Storms »Immensee«.
heraus, durch die er in einer »frühe[n] Phase der Ich- In: Kittstein, Ulrich/Kugler, Stefani (Hg.): Poetische Ord-
entwicklung« fixiert bliebe (vgl. Neumann 2016, 19). nungen. Zur Erzählprosa des deutschen Realismus. Würz-
Albert Meier, der Immensee in literaturgeschicht- burg 2007, 201–231.
Lee, No-Eun: »Immensee« (1850). Sammelnde und dichten-
lichen Kontexten verortet, entdeckt hingegen darin
de Erinnerung an die verlorenen Jugendträume. In: Dies.:
dezidiert eine »romantische Ästhetisierungsstrate- Erinnerung und Erzählprozess in Theodor Storms frühen
gie«, die bis auf Dante und Petrarca zurückverweise – Novellen (1848–1859). Berlin 2005, 45–65.
das Schreiben setze eben »die Abwesenheit der be- Meier, Albert: »Immensee«. Die höchsten Forderungen der
gehrten Frau voraus« (Meier 2008, 31). Kunst. In: Christoph Deupmann (Hg.): Interpretationen.
Zu der Rezeptionsgeschichte der überaus beliebten Theodor Storm. Novellen. Stuttgart 2008, 17–32.
Neumann, Christian: »Da stand das Kind am Wege« – »Im-
Novelle im 19. Jahrhundert, die bereits zu Storms Leb- mensee« und die Irrwege eines Bürgers. In: Storm-Blätter
zeiten 30 Auflagen erlangte und in zwei illustrierten aus Heiligenstadt 20 (2016), 5–28.
Ausgaben vorlag, vgl. Gerd Eversberg (²2006); zu der Neumann, Michael: Wandern und Sammeln. Zur realisti-
ersten Verfilmung von Immensee durch Veit Harlan schen Verortung von Zeichenpraktiken. In: Michel Neu-
1943 vgl. Norbert Grob (1999); eine zweite Verfil- mann/Kerstin Stüssel (Hg.): Magie der Geschichten. Welt-
verkehr, Literatur und Anthropologie in der zweiten Hälfte
mung erfolgte 1989 durch Klaus Gendries.
des 19. Jahrhunderts. Konstanz 2011, 131–154.
Orosz, Magdolna: Verabschiedung und Fortsetzung der Ro-
Literatur mantik im Frühwerk von Theodor Storm. Eine intertextu-
Bachmann, Vera: Tiefe als Projektion: »Immensee«. In: elle Analyse der Novelle »Immensee«. In: Dirk Göttsche/
Dies.: Stille Wasser – tiefe Texte? Zur Ästhetik der Oberflä- Nicholas Saul (Hg.): Realism and Romanticism in German
che in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Bielefeld 2013, Literature. Bielefeld 2013, 149–168.
218–244. Pastor, Eckart: Andacht, Inbrunst, lüsterne Neugier: Bilder
Börner, Mareike: Dichtung und Wahrheit – »Immensee«. In: an der Wand und ihre Betrachter in Storms frühen Novel-
Dies.: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die Kindfrau im len »Immensee«, »Im Sonnenschein« und »Auf dem
Werk Theodor Storms. Würzburg 2009, 76–111. Staatshof«. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 20 (2016),
Bürner-Kotzam, Renate: Ein vergebliches Gastspiel – »Im- 29–45.
mensee«. In: Dies.: Vertraute Gäste – Befremdende Begeg- Schütz, Erhard: Lohn und Preis affektiver Entsagung: Vier
nungen in Texten des bürgerlichen Realismus. Heidelberg Lesarten zu Theodor Storms Novelle »Immensee«. In: An-
2001, 61–80. ne Fuchs/Sabine Strümper-Krobb (Hg.): Sentimente, Ge-
Detering, Heinrich: »Waldeskönigin«: Kindheitserotik in fühle, Empfindungen. Würzburg 2003, 135–148.
»Immensee«. In: Ders.: Kindheitsspuren. Theodor Storm Stockinger, Claudia: Storms »Immensee« und die Liebe der
und das Ende der Romantik. Heide 2011, 68–84. Leser. Medienhistorische Überlegungen zur literarischen
136 III Werk – D Novellen

Kommunikation im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch der krobiotischer Lebenslauf. In: Thomas Betz/Franziska
deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), 286–315. Mayer (Hg.): Abweichende Lebensläufe, poetische Ordnun-
Strehl, Wiebke: Theodor Storm’s »Immensee«. A critical over- gen: für Volker Hoffmann, Bd. 1. München 2005, 325–341.
view. Rochester, N. Y. 2000.
Versari, Margherita: »Immensee« – ein fragwürdiger ma- Regina Fasold
32 »Posthuma« (1851) 137

32 »Posthuma« (1851) nannt bleibende) Name eines Mädchens eingraviert


ist. Der zweite Abschnitt berichtet von den Erinne-
Im Jahr 1851 erscheint Posthuma, einer der frühesten rungen eines jungen Mannes an jenes Mädchen und
Prosatexte Theodor Storms, zusammen mit weiteren wie dieser nächtens den Friedhof im Armenviertel
Erzähltexten sowie Gedichten in dem Band Sommer- aufsucht, um auf dem Grab Blumen niederzulegen. So
Geschichten und Lieder (vgl. LL 1, 1039). Wie beim wie damals ihre Treffen heimlich in der Nacht erfolg-
Erstdruck steht die Prosaskizze, die in der Forschung ten, vermeidet er es nun ebenso, bei dem Besuch ihres
– trotz ihrer spezifischen Gestaltung und Kürze – Grabes gesehen zu werden. Zuletzt erfährt man, dass
weithin zu den Novellen gerechnet wird, auch bei ih- das Mädchen – obwohl nicht explizit benannt – ver-
rer Entstehung im Kontext des lyrischen Werkes: So mutlich an Schwindsucht erkrankt (vgl. 1040) stirbt
hat Storm einen ersten fragmentarischen Entwurf des und dass er seit ihrem Tod »gezwungen [ist], eine Tote
Schlussteils, wahrscheinlich bereits in den Jahren zu lieben« (332).
1841/42, in der Sammelhandschrift Meine Gedichte Ein Brief Ludwig Pietschs an Storm vom 19.12.1859
notiert (vgl. LL 1, 1039; Eversberg 1995a, 29). Damit legt nahe, dass der Autor überaus zufrieden mit seiner
fällt die Niederschrift dieses Textfragmentes (vgl. Novelle war (vgl. 1039), sie gar als ›das beste seiner
Storm 1995, 98–99) biographisch in die Zeit, die durch Werke‹ ansah (Storm–Pietsch, 41). Ähnlich wie Storm
die Verehrung des Dichters für die junge Bertha von selbst die in Sommer-Geschichten und Lieder enthalte-
Buchan gekennzeichnet ist (vgl. Eversberg 1995b, nen Erzählungen, also auch Posthuma, als »Situatio-
154). Obgleich die sehnsuchtsvolle Zuneigung den nen« (Storm 1851, [V]) bezeichnet, betont die For-
Autor in seinem lyrischen Schaffen prägte sowie »zu schung die »Skizzenhaftigkeit« des Dargestellten und
ersten Erzählversuchen anspornte« (Eversberg 1995a, den fragmentarischen Charakter der Erzählung (Le-
18), blieb dieser Textentwurf – wie Posthuma ins- roy/Pastor 1991, 334; vgl. auch Stuckert 1955, 248;
gesamt – bislang weitgehend unerforscht (vgl. ebd., Schuster 1971, 80). In einer Rezension vom 28.12.1854
21). Dabei unterscheidet er sich in der Textkonstituti- zählt Paul Heyse die Novelle zu den »Stillleben« Storms
on deutlich von der späteren Novellenfassung, denn und gesteht ihr eine gewisse »poetische Macht« zu, aus
neben kleineren typographischen Abweichungen der »Dämmerung und Räthselhaftigkeit« auf Seiten
wurde der Text vom Autor umfassend redigiert und der Rezeption resultiere (Heyse 1854, 103). Dies er-
erweitert. Neun Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung klärt sich nicht allein aus der Entstehungsgeschichte
wird die Novelle 1860 in den Band In der Sommer- des Textes, sondern gleichfalls aus der in der Novelle
Mondnacht mit lediglich ›geringfügigen‹ (LL 1, 1039), evozierten Stimmung: Die Allegorie des Todes (vgl.
wenngleich bedeutungstragenden Veränderungen Detering 2011, 67) sowie die Personifikation von
übernommen. Beispielsweise ließe sich die Korrektur Nacht und Natur (vgl. LL 1, 330) stehen exemplarisch
»er nahm achtlos« – und nicht wie zuvor »begierig« für die poetisch-wirkmächtige Bildlichkeit des Erzähl-
(Storm 1851, 115) – »das ängstliche Feuer von ihren ten. Zusammen mit dem elliptischen Erzählstil (vgl.
Lippen« (Storm 1860, 84) durchaus als gesellschafts- Leroy/Pastor 1991, 335; Lefebvre 2008, 2 f.) verweist
kritische Akzentuierung lesen. Acht Jahre darauf wird die poetische Überformung erneut auf die Genese die-
Posthuma in den fünften Band von Storms Schriften ses Prosawerkes, das entstehungs- bzw. publikations-
aufgenommen und dort im Inhaltsverzeichnis, abwei- geschichtlich wie formal eine Nähe zur Stormschen
chend von Erstentwurf und Publikationsgeschichte, Lyrik aufweist. Dergestalt wird Storms viel zitierte
auf »Husum 1849« datiert (LL 1, 1039). Aussage, seine Novellistik sei aus seiner Lyrik erwach-
Die kurze Novelle, die von der Geschichte einer sen (vgl. Storm–Schmidt II, 57), in Posthuma anschau-
»ungleichen Liebe« (Schuster 1971, 79) handelt, un- lich ins Werk gesetzt. Die Vagheiten des Erzählten
terteilt sich in drei Abschnitte: Nach einer eingangs avancieren dabei zum wesentlichen Merkmal des Tex-
geschilderten Beerdigungs-Szenerie beschränkt sich tes: Weder handlungsbezogen noch hinsichtlich der
die nullfokalisierte Erzählung zunächst auf ein ein- individuellen oder sozialen Charakterisierung der bei-
sames und vorerst namenloses Grab, welches dem den Protagonisten erweist sich der Text als eindeutig,
Verlauf der Jahreszeiten, den damit einhergehenden vielmehr konstituiert sich die Erzählung lediglich mit-
unterschiedlichen Witterungsbedingungen sowie tels entsprechender Andeutungen (vgl. Wünsch 1981,
dem Lauf der Natur ausgesetzt ist. Zeitweise von Un- 201; vgl. auch Lorenz 1985, 54 f.).
kraut überwachsen erhält es erst später »ein schlichtes Der den Text bestimmende Modus der Erinnerung
schwarzes Kreuz« (LL 1, 329 f.), in welches der (unge- vollzieht sich in stetiger, bildlicher »Vergegenwärti-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_32, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
138 III Werk – D Novellen

gung« der Vergangenheit (Lee 2005, 69), wobei der auch nicht, daß er schweigen werde.« (LL 1, 331) Da-
Tod »als Fixativ« fungiert (Detering 2011, 66). Indem mit zeigt sie sich mitnichten naiv, die (soziale) Not-
die Erzählung mit der Beerdigung der Toten einsetzt, wendigkeit der Scham spricht sie ihm gegenüber so-
welche ausschließlich in der Erinnerung des jungen gar an. Ferner repräsentieren zwei kontrastive Paral-
Mannes fortlebt, ist ihr ganzes Wesen und Dasein im- lelismen beispielhaft die Figurenkonstellation, wel-
mer schon vermittelt und besitzt – ihrer sozialen Stel- che ihre Liebe bzw. ihre bloße Begierde offenlegt: »Sie
lung gemäß – keine eigene Potenz. Bereits zu Beginn liebte ihn, sie tat ihm Alles.« versus »Er liebte sie
wird zudem die trauernd-erinnernde Erzählhaltung nicht, er begehrte sie nur [...]« (ebd.). Die Liebe zwi-
etabliert: »Ein Grabgeleite betrat den Kirchhof; ein schen den beiden Protagonisten ist innerhalb der be-
schmaler Sarg, ein Blumenkranz darauf, sechs Träger stehenden Gesellschaftsstrukturen nicht möglich
und zwei Folger.« (LL 1, 329) Eingeleitet mit dem Satz und kann erst nach dem Tod des Mädchens – als
»er lebte in einer Stunde, die nicht mehr war« (330), »posthume[] Liebe« (Schuster 1971, 80) – Realität
wird schließlich die stete Präsenz des Vergangenen werden.
markiert; die Tote wird auf diese Weise in eine ›quasi-
religiöse Bildlichkeit‹, bisweilen marienhafte Erschei- Literatur
nung überführt (Leroy/Pastor 1992, 52 f.; vgl. auch Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die
Lee 2005, 69 f.; Lefebvre 2008, 5). Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009.
Ciemnyjewski, Gregor: »Natürliche« versus »künstliche«
Wesentlich ist für die Novelle wie für viele weitere Gesellschaftsordnung. Zum Gesellschaftskritischen in
Werke Storms das Motiv der Kindfrau, welches hier – Storms »Posthuma«. In: STSG 45 (1996), 135–138.
als Spezialfall dieses Phantasmas – in Form der »Fem- Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das
me enfant morbide« vorliegt (Börner 2009, 334). Diese Ende der Romantik. Heide 2011.
»Vermischung von Tod und Wollust«, die zum Gegen- Eversberg, Gerd: Theodor Storms erste große Liebe. In:
Ders. (Hg.): Storms erste große Liebe. Theodor Storm und
stand der zeitgenössischen Kritik wurde (S. S. 1860,
Bertha von Buchan in Gedichten und Dokumenten. Heide
107), ist als »romantische[s] Motiv« aufzulösen (LL 1, 1995a, 7–29.
1040; vgl. auch Stuckert 1955, 248; Lorenz 1985, 45– Eversberg, Gerd: Anhang. In: Ders. (Hg.): Storms erste große
48). Überdies deuten die konjunktivische Phantastik Liebe. Theodor Storm und Bertha von Buchan in Gedichten
(»als wehre ihm Jemand [...]. Er wußte nicht, daß das und Dokumenten. Heide 1995b, 153–193.
der Tod sei.«; LL 1, 332) sowie die aus der Phantastik Heyse, Paul: Theodor Storm. In: Literatur-Blatt des Deut-
schen Kunstblattes, Nr. 26 (28.12.1854), 103–104.
entlehnte Metaphorik (»Hexe«, 331; »elfenhafte[r]
Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
Körper[]«, ebd.) einen Möglichkeitsraum außerhalb Storms frühen Novellen (1848–1856). Berlin 2005.
der (diegetischen) Wirklichkeit an, ohne diesen jedoch Lefebvre, Jean: Posthuma im Unterricht (2008), www.storm-
zu realisieren. So erscheint die verlebendigte Nacht mit gesellschaft.de/uploads/media/Posthuma.pdf (6.6.2016).
all ihren nicht zuzuordnenden Bewegungen und Ge- Leroy, Robert/Pastor, Eckart: Von Storm und anderen Er-
räuschen als geheimnisvolle »andere Welt« (330). innerungen. Frühe Texte von Thomas Mann und Arthur
Schnitzler. In: Dies. (Hg.): Deutsche Dichtung um 1890.
Auf den wenigen Seiten entfaltet dieses frühe Beiträge zu einer Literatur im Umbruch. Bern 1991, 333–
Werk Storms nicht nur eine Liebesgeschichte, die 353.
sich zuweilen am Rande des Phantastischen bewegt; Leroy, Robert/Pastor, Eckart: »... eine Tote zu lieben«.
vielmehr wird mit dem »angedeuteten Standesunter- Storms frühe Erzählung »Posthuma«. In: STSG 41 (1992),
schied« (Schuster 1971, 80) zwischen dem sozial hö- 51–54.
Lorenz, Hildegard: Varianz und Invarianz. Theodor Storms
her gestellten Mann und dem jungen Mädchen aus
Erzählungen. Figurenkonstellationen und Handlungsmu-
dem Armenviertel die herrschende, starre Gesell- ster. Bonn 1985.
schaftsstruktur problematisiert (vgl. Leroy/Pastor S. S.: Neue Erzählungen von Theodor Storm. In: Deutsches
1992, 53; Ciemnyjewski 1996, 136). Während auf der Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches
innerdiegetischen Ebene die Gesellschaftsordnung Leben 10 (Juli–December 1860), 106–108.
stabil bleibt und es an einer progressiven Kraft fehlt Schuster, Ingrid: Theodor Storm. Die zeitkritische Dimension
seiner Novellen. Bonn 1971.
(vgl. Leroy/Pastor 1992, 53), erfolgt die Sozialkritik, Storm, Theodor: Posthuma. In: Ders.: Sommer-Geschichten
welche sich gleichermaßen zeittypisch (vgl. Ciemny- und Lieder. Berlin 1851, 112–117.
jewski 1996, 138) wie autorspezifisch erweist (vgl. Le- Storm, Theodor: Posthuma. In: Ders.: In der Sommer-Mond-
roy/Pastor 1991, 335), auf der Metaebene. Die junge nacht. Novellen. Berlin 1860, 79–86.
Frau gibt sich keinen Illusionen hin: »Sie glaubte Storm, Theodor: [Entwurf zu »Posthuma«]. In: Gerd Evers-
berg (Hg.): Storms erste große Liebe. Theodor Storm und
nicht, daß er sie für die Schönste halte, sie glaubte
32 »Posthuma« (1851) 139

Bertha von Buchan in Gedichten und Dokumenten. Heide eines Theodor-Storm-Textes. In: Helmut Kreuzer/Reinold
1995, 98–99. Viehoff (Hg.): Literaturwissenschaft und empirische Me-
Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt. thoden. Eine Einführung in aktuelle Projekte. Göttingen
Bremen 1955. 1981, 197–225.
Wünsch, Marianne: Zum Verhältnis von Interpretation und
Rezeption. Experimentelle Untersuchungen am Beispiel Mareike Timm
140 III Werk – D Novellen

33 »Im Sonnenschein« (1854) sche Tätigkeit« (LL 1, 353) ausübt, um dann aggressiv
mit dem Stock nach ihm zu schlagen. Durch »Arbeit«,
Die Novelle Im Sonnenschein – zur Zeit des Exils in »Bewegung« und »behenden Tritt« (355) wird auch
Potsdam im Sommer 1854 entstanden – sollte ur- Fränzchen charakterisiert, die durch ihre Berufstätig-
sprünglich wie Ein grünes Blatt in der Argo gedruckt keit – zum Ärger des Offiziers – immerfort beschäftigt
werden. Da diese Zeitschrift allerdings nicht in einem scheint. Darüber hinaus ist die ›Kampf‹-Szene deut-
zweiten Jahrgang erschien, wurde Im Sonnenschein lich sexuell konnotiert. Die »emsige Tätigkeit« äußert
zusammen mit Marthe und ihre Uhr und Im Saal im sich in »tierischen« und »zuckenden Bewegungen«
Oktober 1854 in Buchform bei Alexander Duncker in (353). Die Tötungsgelüste des Offiziers angesichts ei-
Berlin veröffentlicht (siehe Laage 1976, 21–24). Die ner solchen Handlung weisen also auf eine Sexual-
Szene in der Geißblattlaube hat als letzter Teil erst im angst hin. Die Handlung geschieht zudem unbewusst,
September ihren Abschluss gefunden. Storm begriff der Offizier »wusste nicht, wie es ihn überkam« (ebd.).
die Arbeit an der Novelle, deren faktischer Kern auf Diese »projektive Psychologisierung« der Natur setzte
der eigenen Familiengeschichte des Dichters beruht, Storm schon in Immensee um (Wünsch 2007, 139).
offenbar als gedankliche Flucht aus dem preußischen Das nächtliche Bad Reinhardts und der Kampf des Of-
Justizdienst (vgl. LL 1, 1053–1054). fiziers sind strukturanalog, denn auch in Immensee
Im Sonnenschein ist in zwei Abschnitte oder ›Situa- verweist die Verstrickung eines Mannes in erotisch
tionen‹ unterteilt. Es werden eine vergangene, ge- konnotierte Naturvorgänge auf dessen Handlungs-
scheiterte und eine aktuelle, glückende Liebesbezie- schwäche und Sexualangst. Es lassen sich noch weite-
hung einander gegenübergestellt. In der ersten ›Situa- re Hinweise auf die Angst Constantins vor weiblicher
tion‹ wird geschildert, wie der Offizier Constantin das Nähe finden: Fränzchen weiß, wie sie als Schülerin die
bürgerliche Mädchen Fränzchen im Garten ihrer Fa- Annäherung an ihn nahezu selbst in die Hand genom-
milie besucht. Das Paar verbringt alleine einige Zeit men hat. Der Offizier hätte keine entsprechenden
im Freien, nachdem Fränzchen mit der Arbeit fertig Schritte gewagt. Schon in diesem frühen Stadium der
geworden ist (sie ist in der Firma ihres Vaters mit der Beziehung zeigt sich, dass beim Protagonisten Sexua-
Buchhaltung beschäftigt). Es wird deutlich, dass die lität und Tötungswunsch streckenweise ineinander
beiden sich lieben und heiraten wollen, doch die Ab- übergehen. Die einzige aktive Handlung des Offiziers
neigung des Vaters dem Militär gegenüber steht der gegenüber Fränzchen ist nämlich mit starker Aggres-
Verbindung entgegen. Die zweite ›Situation‹ findet ei- sion verknüpft. Seine Partnerin erinnert den Moment,
nige Jahrzehnte später in derselben Umgebung statt: »als Deine Klinge mir in die Schürze fuhr« (LL 1, 355).
Martin, der kurz vor seiner Heirat mit einer schönen Es erscheint passend, dass der Protagonist nach der
jungen Frau steht, spricht mit seiner Großmutter, der Trennung von Fränzchen mit seiner Schwester zu-
Schwägerin Fränzchens, über seine Großtante. Den sammenzieht; hier fehlen Erotik und Heirat zwangs-
Anlass dazu gab, dass Fränzchens Sarg in der Famili- läufig. Das Scheitern der Beziehung lässt sich also
engruft aufgesprungen war. Martin erfährt von seiner auch psychologisch erklären als Angst vor der domi-
Großmutter, dass die Ehe zwischen dem Offizier und nanten, normabweichenden, erotisch konnotierten
Fränzchen nicht zustande gekommen ist, beide blie- Frau; das Standesvorurteil allein als Grund zu be-
ben unverheiratet. Am Ende öffnet Martin ein Me- zeichnen, würde an der »Textoberfläche« bleiben (Fa-
daillon, das im Sarg gefunden wurde – es enthält eine sold 1997, 99).
Locke vom Haar des Offiziers. Anders die junge Generation, welche sechzig Jahre
Die vergangene Liebe zwischen Fränzchen und später Martin repräsentiert. Ihm ist die scheiternde
dem Offizier – metaphorisch im Schatten liegend – Beziehung der Vorfahren nur noch Erinnerung, sie
scheitert aus sozialen (Fränzchens Vater hasst das Mi- bildet eine Negativfolie für ein positives Gegenbei-
litär) wie auch aus psychologischen Gründen: Fränz- spiel. Ebenso wie Fränzchen einen abweichenden
chen weicht von der weiblichen Norm ab. Sie ist klug, Frauentypus vertritt, so entspricht auch Martins Ver-
selbstbewusst und verwendet Schreibfeder und Mes- lobte nicht der Norm: Als »Wildfang« (LL 1, 358) hat
ser wie ein Mann, wodurch der Offizier überfordert sie braune, fremde Augen und besitzt einen direkten
wird, der mit einer solchen Frau nicht umgehen kann. und spielerischen Zugang zur erinnerten Vergangen-
Dies verdeutlicht zeichenhaft der ›Kampf‹ des Offi- heit. Selbstbewusst trägt sie einen alten Rock der
ziers mit einem Insekt: Zunächst beobachtet er, wie es Großmutter und probiert deren alten Fächer aus. Da-
auf einer Blume eine »arbeitende«, »emsige« »tieri- durch erweitert und belebt sie die distanzierte Ah-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_33, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
33 »Im Sonnenschein« (1854) 141

nenverehrung der älteren Generation, die hauptsäch- nischen Vater zu retten, werde symbolisch aus-
lich aus andachtsvoller Bildbetrachtung bestanden gedrückt (Lee 2005, 91). In einem eher poetologischen
hatte. Der gebildete Martin kann im Gegensatz zum Ansatz widmet sich Strowick dem Verhältnis der bei-
Offizier der älteren Generation mit dieser Frau umge- den ›Situationen‹, deren gegensätzliche Struktur le-
hen, die auch von der Familie akzeptiert wird (die diglich oberflächlich sei, da sie im Medium der Wahr-
Großmutter schenkt ihr einen Brautschmuck aus nehmung wechselseitig aufeinander verweisen wür-
dem Familienschatz). Als Grund für die Handlungs- den (Strowick 2013, 61–62).
schwäche der Männer in der alten Zeit (vgl. Jackson
2001, 107) gibt Martins Großmutter die harte Hand Literatur
der Väter an (»Er hat seine Söhne bis ins dreißigste Börner, Mareike: Mädchenknospe - Spiegelkindlein: Die Kind-
Jahr erzogen«; LL 1, 360). Eine drohende Wieder- frau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009, 347–352.
Böttger, Fritz: Theodor Storm in seiner Zeit. Berlin 1959,
holung der Vergangenheit, die durch das Aufspringen 161–164.
von Fränzchens Sarg bis in die Gegenwart hinein- Chowanietz, Siegfried: Jung und Alt im Konflikt. Generati-
reicht, wird am Ende verhindert. Martin, der sich im onsprobleme im Leben und ausgewählten Novellen Theodor
hellen Sonnenschein befindet – Symbol der Emanzi- Storms. Bern 1990, 120–141.
pation und Charakterstärke –, formuliert sein Ver- Fasold, Regina: Theodor Storm. Stuttgart 1997, 99–100.
Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati-
hältnis zur Vergangenheit paradigmatisch: »[I]ch ha-
scher Humanist. Berlin 2001.
be Macht, es umzuwenden!« (361). Laage, Karl Ernst (Hg.): »Im Sonnenschein«. »Hans und
Einig sind sich alle Interpreten, dass in dieser No- Heinz Kirch«. Entstehungsgeschichte, Quellen, Schauplätze,
velle in nuce Stormsche Grundproblematik sichtbar Abbildungen. Heide 1976.
werde (z. B. Jackson 2001, 107): Ausgelöst durch den Laage, Karl Ernst: Kommentar. In: LL 1, 1053–1063.
Fund eines Gegenstandes (Medaillon) wird die Er- Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2005, 89–100.
innerung an eine gescheiterte Liebe hervorgerufen
Missfeldt, Jochen: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter
und sprachlich realisiert. So antwortet Storm auf eine Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Biographie. Mün-
kritische Äußerung Heyses über Im Sonnenschein chen 2013, 181–182.
(»[...] – aber wo Teufel bleibt der Roman?«; Storm– Stein, Malte: »Sein Geliebtestes zu töten«. Literaturpsychologi-
Heyse I, 22) lapidar: »In meine Geschichten [...] ge- sche Studien zum Geschlechter- und Generationskonflikt im
hört nicht mehr« (ebd., 23). erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006.
Strowick, Elisabeth: »Eine andere Zeit«. Storms Rahmen-
Auf die beschriebene Sexualangst, die Stein schon technik des Zeitsprungs. In: Dies./Ulrike Vedder (Hg.):
in der ein Jahr vor Im Sonnenschein erschienenen No- Wirklichkeit und Wahrnehmung. Neue Perspektiven auf
velle Ein grünes Blatt nachgewiesen hat (Stein 2000, Theodor Storm. Bern 2013, 55–72.
61), wird von der Forschung nicht eingegangen. Hier Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.
stehen vor allem die sozialen Gründe für ein Misslin- Bremen 1955, 253–256.
Wünsch, Marianne: Konzeptionen der ›Person‹ und ihrer
gen der Beziehung im Vordergrund: Böttger argu-
›Psyche‹ in der Literatur der ›Goethezeit‹ bis zum ›frühen
mentiert, dass in der ersten Situation »gar nicht alles Realismus‹. In: Dies. (Hg.): Realismus (1850–1890). Zu-
eitel Sonnenschein« sei (Böttger 1959, 162), und er- gänge zu einer literarischen Epoche. Kiel 2007, 121–151.
kennt richtig, dass Storm in der zweiten Situation eine Vedder, Ulrike: Dinge als Zeitkapseln. Realismus und Un-
Distanzierung vom »Patriarchalismus« und seinem verfügbarkeit der Dinge in Theodor Storms Novellen. In:
»harten Familiengeist« beschreibt (ebd.). Lee inter- Elisabeth Strowick/Ulrike Vedder (Hg.): Wirklichkeit und
Wahrnehmung. Neue Perspektiven auf Theodor Storm.
pretiert den ›Kampf‹ des Offiziers gegen das Insekt, in- Bern 2013, 73–90.
dem sie die Blume mit Fränzchen gleichsetzt. Die Un-
fähigkeit des Offiziers, Fränzchen vor ihrem tyran- Malte Denkert
142 III Werk – D Novellen

34 »Ein grünes Blatt« (1854) lich, weshalb sein Kamerad nicht anzuerkennen ver-
mag, dass aus dem ursprünglich grünen Blatt ein
Die Novelle Ein grünes Blatt (1854) ist 1850 unter dem braunes geworden ist. Zudem möchte er wissen, ob
Eindruck der Schleswig-Holsteinischen Erhebung Gabriel die zurückgelassene Helferin noch einmal
(1848–51) entstanden; publiziert wurde sie erstmals aufgesucht habe, was dieser aber, auf ein Gedicht ver-
1854 in der Argo. Ihre Rahmenhandlung besteht aus weisend, das die Sinnlosigkeit weiterer Annäherungs-
dem Dialog zweier Soldaten, die bei Regenwetter in ei- versuche beteuert, verneint. Selbst wenn es gelänge,
nem Feldlager sitzen. Zum Zeitvertreib blättert einer den Weg zu ihr nochmals zu finden, schritte sie »vom
von ihnen in des andern Notizbuch, bis er darin auf Waldessaume niemals hinunter in die Welt« (348).
ein Buchenblatt stößt, über dessen besondere Bedeu- Auch hiervon nicht überzeugt, möchte der fiktive
tung ein dazugeschriebenes Gedicht informiert: Als Leser und spätere Rahmenerzähler wissen, was denn
ein »Blatt aus sommerlichen Tagen« soll es den Besit- geschähe, »wenn [Regine] doch hinunterschritte«
zer daran erinnern, »wie grün der Wald« gewesen sei, (348). Mit der affektiven Antwort, die der Buchschrei-
den er in seiner Heimat durchschritten habe (LL 1, ber hierauf erteilt, gelangt die Novelle zu einem irritie-
334). Dem fiktiven Leser kommt es fraglich vor, ob das renden Ende. Der sich dort an die Wenn-Frage unmit-
Fundstück diese Erinnerungsfunktion noch erfüllen telbar anschließende Ausruf – »Dann wollen wir die
kann, denn er merkt an, dass das Blatt braun gewor- Büchse laden!« (348) –, legt die Vorstellung nahe, dass
den sei. Sein Kamerad bestreitet das aber hartnäckig Gabriel seine einstige Helferin, sollte sie die Grenze zur
und fordert ihn zur Lektüre der sich anschließenden (Erwachsenen-)Welt überschreiten wollen, mit Waf-
(Binnen-)Erzählung auf. Damit ist die Erwartung ge- fengewalt davon abhalten würde. Der dann noch nach-
weckt, dass beim weiteren Lesen verständlich werde, geschobene Schlusssatz – »Der Wald und seine Schöne
warum der Buchschreiber die Blattverfärbung in Ab- sind in Feindeshänden« (348) – ermöglicht zwar eine
rede stellt. nachträgliche Umdeutung, ändert aber nichts daran,
Eine explizite Erklärung hierfür liefert die Binnen- dass sich der Aufruf zum Waffenladen syntaktisch
geschichte allerdings nicht. In heterodiegetischer Er- ganz eindeutig auf den Fall von Regines Grenzüber-
zählrede findet sich dargestellt, wie der angehende Re- schreitung bezieht.
krut Gabriel bei sommerlicher Mittagshitze über eine Bevor die Novelle in der Argo erschien, hat Theodor
Heidelandschaft irrt, dort von einem Mädchen na- Fontane im Namen der Redaktion auf eine Verände-
mens Regine aufgegriffen und für eine nachmittägli- rung ihres Endes gedrungen, konnte sich damit aber
che Rast zu dessen Urgroßvater mitgenommen wird. beim Autor nicht durchsetzen. Storm hielt an seiner
Nach Einbruch der Dunkelheit führt Regine den Novelle gerade den Schluss für »einzig und völlig zu-
Wanderer, der die nahe gelegene Stadt erreichen will, frieden stell[end]« (LL 1, 1047), weshalb es sich ei-
in einen dichten Wald hinein, geleitet ihn aber, nach gentlich verbieten sollte, die dort angedeutete Mög-
kurzzeitigem Verschwinden, aus diesem auch wieder lichkeit eines auf Regine zielenden Schusses als »her-
heraus. Ab der Waldgrenze lässt sie den Gast seine ben Verstoß« gegen des Werkes »innere Wahrheit« ab-
Reise allein fortsetzen, möchte vorher aber noch wis- zutun (Wapnewski 1997, 190). Eher wird man aus der
sen, weshalb er denn in den Krieg müsse. Bevor Ga- Textstelle zu folgern haben, dass der Tagebuch-Schrei-
briel darauf antwortet, bricht er von einem über ihr ber eine Weiterentwicklung der als kindlich erinner-
hängenden Zweig jenes Buchenblatt ab, das in der ten Regine ebenso wenig zu akzeptieren vermag wie
Rahmenhandlung zum Gesprächsgegenstand wird. die Verfärbung des sie repräsentierenden Blattes. Dass
Dann schließlich erklärt er, »Fremdes« von der Hei- er auf der Unveränderlichkeit beider Objekte realitäts-
mat fernhalten zu wollen (347), gibt Regine einen Ab- verleugnend beharrt, macht ihn als jemanden kennt-
schiedskuss und zieht ohne sie weiter. Sich aus der lich, der innerlich darauf angewiesen ist, am »Wunsch-
Ferne noch einmal nach ihr umblickend, meint er die denken eines ewigen Frühlings der Kindfrau« (Börner
vormals agile Wegbegleiterin, die ihm beim Abschied 2009, 257) festzuhalten. Woher diese eigenartige Fi-
»auf einmal so stolz und jungfräulich« vorgekommen xierung rührt, gilt es aus der Binnenerzählung als de-
war (346), als eine »kindliche Gestalt« an der Schwelle ren impliziten Erklärungsgehalt zu erschließen.
zur äußeren Welt – »im schwärzesten Tor des Wal- Einen ersten Ansatz dazu bietet die Beobachtung,
des« – »unbeweglich« verharren zu sehen (347). dass sich der eigentliche Freiheitskampf des jungen
Den fiktiven Leser im Feldlager befriedigt das Rekruten bereits bei seiner Wanderung durch die von
nicht. Ihm ist nach der Lektüre weiterhin unverständ- äußeren Feinden noch unberührte Heimat ereignet.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_34, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
34 »Ein grünes Blatt« (1854) 143

Sein heimlicher Widersacher in diesem nur scheinbar (LL 1, 333) im verdichteten Diskurs seiner Erzählung
idyllischen Raum – dem »symbolische[n] Ort der [...] gleichwohl doch andeutet.
Kindheit« (Detering 2009, 208) – ist eine als mütter- Um zu einem angemessenen Verständnis des Tex-
lich konnotierte Natur, die ihn, seinem subjektiven tes zu gelangen, ist es wichtig, nicht allein im Rahmen-
Erleben nach, mittels diverser Einwirkung am Fort- dialog, sondern auch in der Binnenerzählung mit der
gehen zu hindern trachtet. Eben daraus erklärt sich, Unzuverlässigkeit von Figurenrede zu rechnen. Das
warum Gabriel auf seinem (Entwicklungs-)Weg wie- gilt insbesondere für die Aussagen, mit denen der Pro-
derholt die Orientierung verliert, stehen bleibt und tagonist seine Kriegsteilnahme rechtfertigt. Intra-
einschläft. Unter dem Einfluss der von ihm wahr- textuell wird deren xenophobes Pathos dadurch ge-
genommenen Umweltreize versinkt er in Zustände, brochen, dass sich Gabriel in eben der Heimat, die er
die auf einen zunehmenden Verlust der Selbstkontrol- vor Fremdem bewahren will, irrwandelnd selbst wie
le hindeuten und sich mit Bezug auf Heinz Kohuts ein Fremder bewegt. Intertextuell sorgen zudem zwei
Selbstpsychologie als Symptome einer psychischen Referenzen in dem von ihm gesungenen Kriegslied
Regression – einer »Fragmentierung des Selbst« (Ko- (337) für Relativierung. Angespielt wird zum einen
hut 1976, 22) – interpretieren lassen (vgl. Stein 2006, auf Uhlands kriegskritisches Gedicht Der gute Kame-
125–141). Damit der Protagonist seine Wanderung je- rad, zum anderen auf Goethes Epos Hermann und Do-
weils fortsetzen kann, muss erst Regine erscheinen, rothea (vgl. Stein 2006, 76–82). Wie schon dem im El-
ihn aufwecken und auf den richtigen Weg führen. Of- ternhaus unglücklichen Hermann dienen patriotische
fenbar ist er, um seine Handlungsfähigkeit nicht zu Argumente auch dem Stormschen Helden als ein Vor-
verlieren, auf die psychische Stabilisierung durch ein wand dafür, sich aus ihn überfordernden Nahbezie-
äußeres (Selbst-)Objekt angewiesen. Doch erlebt er hungen versuchsweise in Richtung Stadt zu flüchten.
eine solche Objektbeziehung zugleich als bedrohlich, Als Gegenstand einer zitierten Examensarbeit
insofern sie für ihn »die Gefahr sowohl einer zerstöre- taucht das Grüne Blatt 1968 in Christa Wolfs Nach-
rischen Intimität als auch eines plötzlichen Verlassen- denken über Christa T. wieder auf. Beiden Texten ge-
werdens« mit sich bringt (Stein 2006, 132). Entspre- meinsam ist die Auseinandersetzung mit der Selbst-
chend wird der Kontakt zu Regine umso prekärer, je schutzfunktion trügerischen Erinnerns.
deutlicher an dem zuerst noch »[fast] kindlich« und
»unbeweglich« wirkenden Mädchen (LL 1, 336) des- Literatur
sen Geschlechtlichkeit und rasante Mobilität als Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die
Merkmale hervortreten. Da diese Eigenschaften zu Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009.
Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das
den Objektbedürfnissen des Protagonisten nicht pas-
Ende der Romantik. Heide 2011.
sen, müssen sie seinerseits verleugnet werden, wozu Kohut, Heinz: Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalyti-
ihm als letztes Mittel schließlich nur bleibt, das leben- schen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen.
dige Gegenüber gegen ein die Wirklichkeit verfäl- Frankfurt a. M. 1976.
schendes Wunschbild – das Bild der am Waldrand un- Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
beweglich ausharrenden Kindesgestalt – zu ersetzen. Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2005.
Stein, Malte: »Sein Geliebtestes zu töten«. Literaturpsychologi-
Das beim Abschied gepflückte Blatt soll die im Rück- sche Studien zum Geschlechter- und Generationenkonflikt
blick entstandene Verklärung Regines und der in ihr im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006.
»allegorisch verkörperten Heimat« (Lee 2005, 79) be- Wapnewski, Peter: Diese grünen Träume oder: Der Schwär-
glaubigen, gerät mit seiner Verfärbung jedoch zum mer im Feldlager. Zu Theodor Storms Novelle »Ein grünes
Symbol für die Wiederkehr eines Verdrängten, das der Blatt«. In: Euphorion 91 (1997), 183–205.
Protagonist sich nicht offen eingestehen kann, das er Malte Stein
aber auf eine »das Ich nicht [...] verletzen[de]« Weise
144 III Werk – D Novellen

35 »Angelica« (1855) kenntnis des »fremde[n] Wesen[s] in der geliebtesten


Gestalt« (LL 1, 380) und erscheint nach dem Abbruch
Im Frühjahr 1855, während Storms Potsdamer Zeit der Beziehung zuletzt gesteigert im Wissen um das
entstanden, erschien die kurze Novelle Angelica noch Ende der Liebe. Diese erscheint religiös überhöht: als
im Sommer desselben Jahres zusammen mit der be- ein »Gott«, der (zu) »früh [...]  empfangen« wurde
reits 1854 veröffentlichten Erzählung Ein grünes Blatt (384). Um die Liebe in eine Haltung zu verwandeln,
beim Berliner Verleger Heinrich Schindler in einem bedarf es des Glaubens und der Hoffnung – und diese
kleinen Bändchen mit dem Titel Ein grünes Blatt. Zwei gehen Ehrhardt ab. Die Liebe ist, entsprechend ihrem
Sommergeschichten. Charakter als säkularisierte-christliche Tugend, ein
Angelica handelt von der unerfüllten Liebe zwi- »leidevolles Wunder« (364). Ehrhardt ist der Klein-
schen dem hinsichtlich seines beruflichen Werdegangs gläubige, der weder die Hoffnung noch die Phantasie
in Rückstand geratenen Ehrhardt und der wesentlich aufbringt, sich das »Außerordentliche[ ]« vorzustellen
jüngeren Titelfigur. Das Scheitern der Beziehung ist noch sich für dessen Verwirklichung einzusetzen
vielschichtig motiviert, zu nennen sind gesellschaftli- (ebd.). So ist es gerade die in ihrem Umfang nicht hin-
che, ökonomische und charakterliche Gründe: Ein ers- reichend geübte Liebe, mit der Ehrhardt die »geisti-
tes Hindernis bildet der soziale Status des männlichen ge[ ] und körperliche[ ] Verkümmerung« Angelicas
Protagonisten, hinzu kommen aber seine Unentschie- betreibt, vor der er sie doch, weil sie »das gewöhnliche
denheit sowie die von Storm selbst retrospektiv als Los der Frauen seines Standes« sei, bewahren möchte
›Schwäche‹ Angelicas ausgelegte Assimilation an die (363). Hieran wird der aporetische Charakter einer
Erwartungen der durch die Mutter repräsentierten Ge- verabsolutierten Liebeskonzeption (vgl. Baßler 1987)
sellschaft nach einer günstigen Heirat des jungen Mäd- im Rahmen gesellschaftlicher, eben nicht ›absoluter‹,
chens. Auf die erste Liebeszusammenkunft im Garten bedingungs- und beziehungsloser Existenz deutlich.
folgt die Absage Ehrhardts an eine öffentliche Verbin- Ausagiert wird die Aporie in erschöpfender Motiv-
dung. Die heimliche Übereinkunft unter den argwöh- dichte durch die Gegenüberstellung von Ratio und
nischen Blicken der Leute schlägt allmählich um in emotio, der ›Klarheit‹ von Worten und der ›blinden‹
Entfremdung und Zurückweisung. Es folgt eine lange Evidenz des Gefühls, der Vermitteltheit sprachlicher
Trennung, die erst vollzogen ist, als Ehrhardt eine neue Erkenntnis und der Unmittelbarkeit von Sinnesemp-
Stellung in einer anderen Stadt antritt. Zu einer Ver- findungen, von überlegter Handlungssteuerung und
söhnung der beiden Liebenden kommt es auch nicht, der Unwillkürlichkeit des ›Augenblicks‹. Ihr ent-
als eine Veränderung in den Verhältnissen Erhardts spricht strukturell die Dialektik von schlussfolgernder
eintritt, die ihnen die einst erhoffte Gemeinschaft er- Erzählung und szenischer Darstellung als einer »Ket-
lauben würde – weil Angelica sich nun bereits einem te« von »Augenblick[en]« (LL 1, 365). In dieser Hin-
Arzt versprochen hat. Schließlich erreicht Ehrhardt die sicht erweist sich Angelica als streng durchkomponier-
Nachricht vom Tod des Bräutigams, verbunden mit ter Formversuch – als Versuch, Liebe und Entfrem-
der Aufforderung, ›heimzukehren‹ und ›sein Glück zu dung motivisch und symbolisch, soziale und persönli-
holen‹. Erst jetzt erkennt er jedoch, dass seine Liebe zu che Verstrickung als ›Verkettung‹ von Situationen,
Angelica nur noch eine Erinnerung ist. Entzweiung im Gegeneinander von szenischen und
Formal handelt es sich bei der Novelle um eine Fol- Reflexionspassagen formal zu bewältigen. Inhaltlich
ge kurzer Situationen, verbunden durch summarische führt der unaufhebbare Dualismus zwischen gesell-
Abschnitte, die nicht nur die zeitlichen Abstände zwi- schaftlich-rationalen und leidenschaftlich-›natürli-
schen den szenischen Darstellungen überbrücken, chen‹ Ansprüchen sowohl zur Entzweiung des Selbst
sondern auch das Geschehene reflektieren und das aus als auch zur Entzweiung mit dem Anderen: Wie Ehr-
ihm Folgende motivieren. Gegliedert ist die Erzäh- hardt zwischen eifersüchtiger Inanspruchnahme und
lung in drei Kapitel; sie handeln von den Schwierig- Resignation schwankt, so entsteht für ihn, als sie eben-
keiten der Liebe, dem Zustand der Entfremdung und falls ihren ›Glauben‹ verloren hat, eine »doppelte«,
dem endgültigen Entsagen Ehrhardts. Aus der Zöger- ihm innig hingegebene und zugleich fremde Angelica
lichkeit Ehrhardts wie der Unausgesprochenheit von (379). Momente sinnlich-intuitiven Erkennens, also
Gefühlen und Interessen folgt der Widerspruch zwi- synthetisch-ganzheitlicher Erfahrung werden ange-
schen den beiden Liebenden. So ist ihre Entzweiung deutet, die Novelle insgesamt ist aber die Entfaltung
auch die Wirkung eines Kommunikationsproblems. des anfänglich formulierten Grundwiderspruchs. Zu
Der Gegensatz wird offenkundig in Ehrhardts Er- diesem gehört weiterhin das ambivalente Motiv vom

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_35, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
35 »Angelica« (1855) 145

»dunkle[n] unwiderstehliche[n] Walten der Natur- dem angedeuteten Hintergrund der Schleswig-Hol-
kräfte«, die bedrohlich, aber auch (wie am Ende des steinischen Erhebung die politisch-ökonomischen
Textes, wenn das ›mechanische‹ Rauschen des Laubs Verhältnisse der »Klassengesellschaft« mit der unter-
den aufgebrachten Ehrhardt beruhigt) heilsam wir- drückten Liebe parallel setze und dabei die Möglich-
ken können. Die Aporie führt schließlich im Durch- keit der Revolution aufscheinen lasse, bevor sie am
gang durch die Entfremdung zu der ›unerhörten Be- Ende den Pessimismus restituiere (Kuchenbuch 1968,
gebenheit‹, dass das Ziel der Wünsche, wenn es letzt- 68, 78). Im Übrigen wird Angelica im Kontext von Fa-
lich erreichbar ist, nicht mehr gewollt wird. Trotz der milien- (Tschorn 1978) und Generationsthematik
vorgestellten doppelten Bestimmtheit des Menschen (Chowanietz 1990), Naturdarstellung (Reimann 1995)
ist Angelica keine ›Schicksalsnovelle‹: Veränderung und Erzählperspektive (Lee 2005) besprochen.
im Sozialen wie in den privaten Verhältnissen ist kein
»Zufall«, sondern durch Engagement herbeiführbar Literatur
(380). Baßler, Moritz: »Die ins Haus heimgeholte Transzendenz«.
Immer wieder ist die Nähe Angelicas zur erstmals Theodor Storms Liebesauffassung vor dem Hintergrund
der Philosophie Ludwig Feuerbachs. In: STSG 36 (1987),
1849 erschienenen Novelle Immensee herausgestellt 43–60.
worden. Sie ergibt sich aus der Anlage der Liebes- Berg, Barend Hendrik Jacobus van der: Resignation und Ent-
geschichte, aus Motivkorrespondenzen und der Rei- sagung in Storms Frühnovellen. Diss. Potchefstroom 1972,
hung szenischer ›Stimmungsbilder‹ anstelle einer 85–96.
durchgehenden Handlung. Betont wird das innova- Böttger, Fritz: Theodor Storm in seiner Zeit. Berlin 1959,
163–167.
torische Potenzial der analytischen Erzählung als ei-
Browning, Robert M.: Association and Dissociation in
ner Art Übergangsnovelle, das vor allem in der psy- Storm’s Novellen: A Study on the Meaning of the Frame.
chologischen Herleitung des Geschehens liege – dabei In: PMLA 66 (1951), 381–404.
wird übersehen, dass auch die frühe Fassung von Im- Chowanietz, Siegfried: Jung und Alt im Konflikt. Generati-
mensee im Volksbuch auf das Jahr 1850 für die Herzog- onsprobleme im Leben und in ausgewählten Novellen Theo-
thümer Schleswig, Holstein und Lauenburg die Über- dor Storms. Bern 1990, 222–229.
Coghlan, Brian: Dauer im Wechsel. Kontinuität und Ent-
gänge zwischen den einzelnen Kapiteln und damit die
wicklung der Stormschen Erzählkunst. In: STSG 20
Entwicklung der Geschichte motiviert. Die Deutung (1971), 9–22.
erfolgt vor allem entlang der Linien, die Storm selbst Fasold, Regina: Theodor Storm. Stuttgart/Weimar 1997, 100–
und seine frühen Kritiker in brieflichen Äußerungen 101.
vorgegeben haben: Angelica sei eine Reaktion auf Paul Kuchenbuch, Thomas: »Angelika« – oder die gescheiterte
Heyses Kritik an der Statik der »Situationsnovelle« Auflehnung. Zur gesellschaftlichen Wurzel der Resignati-
onskunst im Poetischen Realismus. In: STSG 17 (1968),
(Stuckert 1955), die dazu geführt habe, dass Storm 68–86.
nun »Handlung als kontinuierlichen Motivations- Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
zusammenhang« entwerfe (Lee 2005, 101); die Novel- Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2005, 101–
le wird biografisch reduziert, »Urbild der Titelgestalt« 108.
sei »Storms spätere (zweite) Frau Dorothea Jensen« Reimann, Birgit: Zwischen Harmoniebedürfnis und Tren-
nungserfahrung. Das menschliche Naturverhältnis in Theo-
(Goldammer 1, 801); das ›Unfertige‹ des Textes wird
dor Storms Werk. Zur dichterischen Gestaltung von Natur
entsprechend dem Vorwurf Franz Kuglers darin gese- und Landschaft in Lyrik und Novellistik. Diss. Freiburg
hen, dass Storm sich ins Subjektive verliere, also jen- i. Br. 1995, 88–93.
seits der psychologischen Motivation keinen tragfähi- Schuster, Ingrid: Theodor Storm. Die zeitkritische Dimension
gen Gegenstand für eine Geschichte von allgemeiner seiner Novellen. Bonn 1971, 43–45.
Gültigkeit habe (vgl. LL 1, 1065–1067). In der einzigen Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.
Bremen 1955, 256–258.
Spezialuntersuchung argumentiert Thomas Kuchen- Stuckert, Franz: Theodor Storms novellistische Form. In:
buch (etwas forciert, zumal es in der Erzählung zu kei- Germanisch-romanische Monatsschrift 27 (1963), 24–39.
ner Auflehnung kommt), der Novelle eigne ein ›expe- Tschorn, Wolfgang: Idylle und Verfall. Die Realität der Fami-
rimenteller‹ Charakter, sie tendiere zur Überwindung lie im Werk Theodor Storms. Bonn 1978, 93–99.
der realistischen »Resignationskunst«, indem sie vor
Christoph Gardian
146 III Werk – D Novellen

36 »Wenn die Äpfel reif sind« (1856) aphrodisierende Früchte gelten (vgl. Hld 2,3; 2,5; 7,9),
werden über lat. malum, das sowohl den ›Apfel‹ als
Die komische Szene Wenn die Äpfel reif sind erschien auch das ›Übel‹ bezeichnen kann, mit dem Baum der
zuerst Ende 1856 (datiert auf das Jahr 1857) im zwei- Erkenntnis aus der Paradieserzählung Gen 2–3 assozi-
ten Band der Argo, dem von Friedrich Eggers, Theo- iert, von dem Adam und Eva essen. Persifliert wird die
dor Hosemann und Franz Kugler herausgegebenen zugrunde liegende Vorstellung von Verführung und
Album für Kunst und Dichtung, das in Breslau verlegt Sünde, insofern der listige Schusterjunge und Apfel-
wurde und das zentrale Publikationsorgan des Rütli- dieb statt als Schlange »wie eine große schwarze Rau-
Kreises um Theodor Fontane, Paul Heyse, Adolph pe um den Stamm herumhäng[t]« (LL 1, 387). In glei-
Menzel u. a. war. Im Inhaltsverzeichnis des fünften cher Weise wird die aggressive Erotik entschärft, die
Bands der Sämmtlichen Schriften von 1868 steht die durch den Zwetschgen schmatzenden Marder auf-
Angabe »Potsdam 1856«. Da Storm die Erzählung gerufen wird, indem der Räuber einem anderen Platz
noch vor seinem Besuch in Husum im Juni in einem macht, und zwar dem zunächst synekdochisch als »di-
Brief an Eggers bespricht, ist sie wohl in der ersten Jah- cker Kopf« eingeführten »untersetzte[n] Junge[n]«
reshälfte 1856 entstanden (vgl. LL 1, 1069 f.). Im Ver- von nebenan (386). Aus dieser anfänglichen Charak-
gleich zur Fassung des Jahrbuchs für das Jahr 1857 nur terisierung (der Dicke repräsentiert gleichzeitig Faul-
leicht überarbeitet, erschien sie wieder 1860, zusam- und Dummheit) und dem Spiel mit Erwartungen re-
men mit Auf dem Staatshof, Posthuma und Der kleine sultiert die Komik der Heraufsetzung, die schließlich
Häwelmann, in einer Buchausgabe mit dem Titel In nach der Situationskomik des Hin und Her im Baum
der Sommer-Mondnacht im Berliner Verlag Heinrich in der Vertauschung der Rollen mündet. Indem der
Schindler. vermeintlich Unterlegene in einen Apfel beißt, gelangt
Wenn die Äpfel reif sind handelt von einem glück- er tatsächlich zu einer Erkenntnis der Lage und ver-
lichen Apfeldiebstahl und einem verhinderten Stell- hindert einen ›Apfeldiebstahl‹ anderer Art. Mit Witz
dichein. Während in einer Mondscheinnacht ein bringt der Junge sein ungeduldiges Gegenüber dazu,
Mädchen im Haus auf ihren Liebhaber wartet, stiehlt für seinen Schaden aufzukommen, und macht den
sich der korpulente Nachbarsjunge über den Zaun in Widersacher überdies noch zum Komplizen. Zuletzt
den Obstgarten, um dort den Apfelbaum zu plündern. nimmt er doch teuflische Züge an, wenn er »so in-
Dabei ertappt ihn der bereits wartende Geliebte. Es grimmig in sich hinein[lacht], daß ihm die Äpfel auf
entwickelt sich ein Tauziehen zwischen den Kontra- dem Buckel tanzten« (391). Einige beschreibende Pas-
henten: Als der Schusterjunge höher in den Baum sagen sind in ihrem Blick für das realistische Detail
flüchten will, hält ihn der junge Mann zunächst zu- eindrücklich, andere, insbesondere solche, die trotz
rück; als der Liebhaber ihn auffordert – nachdem er externer Fokalisierung etwa das Verhalten des Apfel-
ihm ein Stück aus der Cordhose, die dem Meister ge- diebs motivieren wollen, zu langatmig und der Komik
hört, geschnitten hat –, vom Baum zu steigen, wartet der szenischen Darstellung abträglich.
der Junge ab. Er kennt inzwischen den Grund für die Der Schwank hat in der Forschung, abgesehen von
Anwesenheit des Mannes, das Mädchen hat er aus sporadischen Hinweisen auf seine Existenz, keine Be-
dem Fenster steigen sehen. So gelingt es ihm, dem achtung gefunden. Irmgard Roebling erwähnt die Er-
Verführer nicht nur das Geld für die Hose abzugewin- zählung im Rahmen ihrer Besprechung der typischer-
nen, sondern sich auch den ihm entglittenen Sack mit weise kindhaft-zarten, weiß gekleideten Mädchen-
Äpfeln heraufreichen zu lassen. Mit dem Ruf: »Diebe gestalten im Werk Storms. Stefan Schröder spricht
in den Äpfeln« (LL 1, 390) unterbindet er schließlich Wenn die Äpfel reif sind in seiner Untersuchung zur
das heimliche Tête-à-Tête. Symbolik des Erotischen bei Storm kurz an.
Gleich zu Beginn wird über eine Reihe von Moti-
ven (Linde, Mondschein, die Kronen der Obstbäume) Literatur
eine sinnlich-libidinöse Atmosphäre evoziert, der Eversberg, Gerd: Die Bedeutung Theodor Fontanes und sei-
hortus conclusus des durch einen Lattenzaun um- nes Kreises für die Entwicklung der Stormschen Erzähl-
kunst. In: Fontane-Blätter 54 (1992), 62–74.
grenzten Gartens wird zum locus amoenus, zum ge-
Roebling, Irmgard: Liebe und Variationen. Zu einer biogra-
eigneten Ort eines idyllischen Schäferstündchens. Die phischen Konstante in Storms Prosawerk (Mit einem Ex-
Ambivalenz des erotischen Themas wird vor allem kurs zum Fußfetischismus). In: Dies.: Theodor Storms äs-
durch die Symbolik des Apfelbaums aufgerufen: Die thetische Heimat. Studien zur Lyrik und zum Erzählwerk
reifen Äpfel, die schon im biblischen Hohelied als Storms. Würzburg 2012, 173–208.

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_36, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
36 »Wenn die Äpfel reif sind« (1856) 147

Schröder, Stefan: »Sie haben sich bemüht, äußerst decent zu Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.
bleiben«. Chiffrierte Erotik im Werk Theodor Storms. In: Bremen 1955, 258.
Heinz-Peter Niewerth (Hg.): Von Goethe zu Krolow. Ana- Tschorn, Wolfgang: Idylle und Verfall. Die Realität der Fami-
lysen und Interpretationen zu deutscher Literatur. Frank- lie im Werk Theodor Storms. Bonn 1978, 81 f.
furt a. M. 2008, 123–148.
Christoph Gardian
148 III Werk – D Novellen

37 »Auf dem Staatshof« (1859) innerung an einen Sonntagsbesuch auf dem Staatshof
in frühen Kindheitstagen und der Erinnerung an wei-
Entstehung
tere Besuche später in der Stadt, wohin die Großmut-
Die »Idee zu dieser Geschichte«, so Storm, sei ihm ter aus Altersgründen mit Anne Lene übersiedelt und
während einer schlaflosen Nacht im Göttinger »Hotel wo das Mädchen nach dem Tod der Großmutter von
zur Krone« gekommen, wo er im August 1856 zusam- Marx’ Vater als Mündel aufgenommen wird, über Be-
men mit seinem Vater auf der Rückreise von Heiligen- gegnungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter,
stadt nach Husum Zwischenstation machte (GB 1, als Anne Lene sich mit einem arroganten Kammer-
359). Dort habe er sich an eine Landpartie erinnert, junker verlobt, der sie wenig später fallen lässt, weil
die er einmal »mit jungen Leuten beiderlei Ge- die sinkenden Bodenpreise ihren Besitz entwertet ha-
schlechts« zu einem verödeten Staatshof in der Eider- ben, bis zum Tod Anne Lenes auf dem Staatshof wäh-
städter Marsch unternommen hatte, sowie an das vor rend einer Landpartie, die der aufstrebende Großbau-
Zeiten vernommene Gerücht um eine verarmte hol- er Claus Peters organisiert. Gesundheitlich über-
ländische Aristokratin aus Friedrichstadt, »die letzte anstrengt von einem Walzer mit dem sie begehrenden
einer großen Familie, welche nah an 100 Höfe beses- Marx entzieht Anne Lene sich dem Tanzfest durch ei-
sen« hätte (ebd.). Aus diesen beiden Erinnerungsele- nen Gang in den nächtlichen Garten des Staatshofes,
menten ergeben sich der zentrale Handlungsort und wo sie am Ende durch die morschen Bretter eines Pa-
das Verfallsthema von Auf dem Staatshof. villons bricht und ertrinkt. Claus Peters wird ihren Be-
Die verschiedenen Entstehungsphasen der Novelle sitz übernehmen, den Staatshof abreißen und durch
hat Storm auf dem Umschlag der stark durchkorri- »ein modernes Wohnhaus« (426) ersetzen lassen.
gierten Handschrift vermerkt: »Herbst 1856 – Decem-
ber 1857 – Jan. 1858« (zit. nach Lohmeier 1993, 52).
Deutung
Veröffentlicht wurde Auf dem Staatshof zuerst 1859 im
Jahrbuch Argo. Album für Kunst und Dichtung. Ein Als Marx sich an die nächtliche Szenerie kurz vor dem
Jahr später erschien die Novelle zusammen mit Wenn Wassertod Anne Lenes erinnert, resümiert er seinen
die Äpfel reif sind (1857), Posthuma (1851) und Der Blick auf ihre »kleine Hand« im Mondlicht als intensi-
kleine Häwelmann (1849) in dem Sammelband In der ves ästhetisches Erlebnis, bei dem ihn »jener Schauer«
Sommer-Mondnacht. Für diese Buchausgabe nahm überkommen habe, »der aus dem Verlangen nach Er-
Storm einige Änderungen vor, bei denen er zum einen denlust und dem schmerzlichen Gefühl ihrer Ver-
den »Lokalton« (GB 1, 321) der Erzählung noch stär- gänglichkeit so wunderbar gemischt ist« (423). Damit
ker herauszuarbeiten suchte und zum anderen auf die sind die beiden zentralen Motivstränge benannt, die
Kritik seines Potsdamer Richterkollegen Rudolf Her- gleichermaßen die Makro- und Mikrostruktur des
mann Schnee reagierte, dem die Hauptfigur Marx zu Textes konstituieren: das »Verlangen nach Erdenlust«
wenig tatkräftig gezeichnet war. Marx unternimmt und das zugleich schmerzende »Gefühl ihrer Ver-
nun am Ende einen vergeblichen Versuch, Anne Lene gänglichkeit« (welche die »Erdenlust« nicht nur ne-
aus dem Wasser zu retten. giert, indem sie ihrem Wollen eine Grenze setzt, son-
dern sie eben damit zuallererst begründet, entfacht
und intensiviert). Fasold spricht hier zu Recht vom
Inhalt
»Kern der Stormschen Kunst« und verweist auf »die
Zu Beginn fällt der Blick des Ich-Erzählers Marx auf Grundstimmung seiner Lyrik schlechthin«, wie sie et-
seine Vaterstadt, die »hart an der Grenze der Marsch- wa in Immensee (1850/51) das Lied des Harfenmäd-
landschaft« (LL 1, 392) liegt, um in der Erinnerung chens intoniere (Fasold 1999, 44).
noch einmal den Weg zum titelgebenden Staatshof zu Anders aber als in Immensee sind die Szenen der er-
gehen. Hier lebt das Mädchen Anne Lene, letzter zählten Geschichte jetzt nicht mehr um solche Ge-
Spross einer einst reichen Familie aus dem Eiderstäd- dichte herum entworfen. In Auf dem Staatshof löst
ter Landadel, zusammen mit seiner Großmutter, der sich die Prosa Storms von ihrer statischen Bildhaftig-
alten Frau Amtmann van der Roden. In knappen Er- keit, bietet nicht mehr ein »Mosaik von stillstehenden
innerungssentenzen entfaltet Marx den kurzen Le- Situationen« (Heyse 1854, 103), sondern entwickelt
bensweg der gleichaltrigen Anne Lene, deren morbid- sich hin zu einer in sich zusammenhängenden Hand-
verfeinerte Erscheinung ihn von Beginn an fasziniert lung. Dabei imprägniert »die Grundstimmung seiner
und zunehmend in den Bann zieht: Von der ersten Er- Lyrik« nun die Prosa selbst, indem der Zweiklang von

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_37, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
37 »Auf dem Staatshof« (1859) 149

»Verlangen nach Erdenlust« und »dem schmerzlichen dem im Heu liegenden Knaben (so gegenwärtig ist
Gefühl ihrer Vergänglichkeit« durchgängig in die Tex- dem erwachsenen Erzähler dies, dass er es im Präsens
tur eingearbeitet ist. So wird das gesamte Geschehen schildert). Ähnlich heikel erscheint wenige Seiten
präludiert von seinem Ende her: dem Verweis auf An- später der Umstand, dass diese beiden Kinder ein Me-
ne Lenes Tod, und zeigt sich dann durch und durch nuett einüben, bei dem die am Klavier begleitende
sinnlich vermittelt, indem visuelle, olfaktorische und Mutter ausgerechnet »den Don Juan auf ’s Tapet« legt
akustische Eindrücke eng miteinander verwoben wer- und der Erzähler zuletzt bekennt: »Damals aber hat-
den. Immer wieder überkommt und »verläßt« (LL 1, ten die kleinen tanzenden Füße mein ganzes Knaben-
394) den Erzähler dabei die Erinnerung wie etwas bei- herz verwirrt.« (400).
nahe physisch Präsentes, ja, nur so könne er erzählen, Wenn also auf diese Weise in Auf dem Staatshof
wie es – in gleichsam personaler Eigenmächtigkeit – vielfach und facettenreich Assoziationen aus dem
»die Erinnerung« ihm »hergibt«, erklärt Marx zu Be- Bildbereich des Sexuellen hervorgerufen werden, ent-
ginn (392). steht mit kalkulierter Unschärfe eine sinnlich-mehr-
Mit Blick auf die Genese des Plots werden die Moti- deutige Atmosphäre, bei der stets das Motiv des Ver-
ve »Vergänglichkeit« und »Erdenlust« zum Movens falls mit dem Motiv des »Verlangen[s] nach Erden-
zweier zentraler, einander entgegenlaufender Ent- lust« verknüpft ist. Dies kulminiert schließlich in der
wicklungslinien: Anne Lenes Weg in den frühen Tod zweiten Tanzszene: im Bild des walzertanzenden Paa-
wird parallel geführt mit dem zunehmenden Verfall res Marx und Anne Lene im heruntergekommenen
des Staatshofes, während sich – damit einhergehend – ehemaligen Prunkgemach des Staatshofes unter ei-
die erotische Anziehung, die Anne Lene auf Marx aus- nem mit frischen Sommerblumen umwundenen
übt, umgekehrt fortwährend steigert. Wie weit dieser Kronleuchter, zweifellos der Höhepunkt der Novelle
Lust-Tod-Komplex im Geschehenszusammenhang (so schon Fasold 1999, 42).
zurückreicht, wird deutlich, als die jungen Erwachse- Damit ist zugleich ein weiteres Charakteristikum
nen Anne Lene und Marx auf dem Staatshof der Bett- dieser Prosaarbeit angesprochen: Zum ersten Mal in
lerin Trin’ begegnen, die das bereits zu Beginn der No- Storms Novellistik finden sich in Auf dem Staatshof ty-
velle angedeutete Gerücht konkretisiert, beim wirt- pologische Merkmale einer Novelle überzeugend
schaftlichen Aufstieg von Anne Lenes Vorfahren sei durchgestaltet. Erkennbar ist dabei die Annäherung
einst »unrecht’ Gut dazwischen gekommen« (393) – an die Bauweise des klassischen Dramas (vorauswei-
im Tun-Ergehen-Zusammenhang einer fatalistischen send auf spätere Novellen wie Draußen im Heidedorf,
Lesart Ursache für den später einsetzenden Verfall. 1872, Carsten Curator, 1878, oder Der Schimmelreiter,
Eben diese Unheil verkündende Fama, die sich 1888). Schrittweise steigert sich die Handlung bis zum
schließlich mit dem Tod des letzten Sprosses der Fa- Höhepunkt der Walzertanzszene, während sich zu-
milie, Anne Lene, und dem Verkauf des Staatshofes zu gleich der unaufhaltsame Verfall von Anne Lenes Welt
erfüllen scheint, sexualisiert die Bettlerin nun anspie- am zunehmenden »Zerstörungsprozeß« (LL  1, 404)
lungsreich, wenn sie doppeldeutig darauf hinweist, der Räume und Orte des Staatshofes zeigt, die die zen-
Anne Lenes »Großvater selig« habe ihr einst »die tralen Dingsymbole darstellen – allen voran der Gar-
Strümpfe [...] ausgezogen« (406). tenpavillon, durch dessen morsche Bretter Anne Lene
Auch die in der Erzählabfolge erste Erinnerungs- am Ende ins Wasser stürzt.
sequenz schlägt – scheinbar noch unverfänglich – be- Die Peripetie ereignet sich unmittelbar nach dem
reits das Lust-Tod-Motiv an, wenn Marx schildert, Walzertanz im nächtlichen Garten. Als von Beginn an
wie die vierjährige Anne Lene ihn im Beisein der unausweichlich ist sie für den Leser zu erkennen in
Magd Wieb im Heu begräbt. Aus der Perspektive der der eingangs zitierten Reflexion von Marx über den
Kinder mag es sich um ein unschuldiges Spiel han- inneren Zusammenhang der Lust-Tod-Motivik beim
deln, der erwachsene Erzähler jedoch (zum Zeit- Anblick des Mondlichts auf Anne Lenes Mädchen-
punkt der erinnerten Szene zwar ein Kind, als er- hand. Wie in der klassischen Tragödie fällt die Pro-
innernder Erzähler aber kein Kind mehr) lässt hier tagonistin anschließend, dem ursprünglichen Sinn
die kleine Anne Lene nicht nur das Todesmotiv offen des griechischen Wortes katastrophé entsprechend,
aussprechen: »so, nun bist du bald begraben!« (395), hinab in den Abgrund. »Nun fällt Alles zusammen!«
sondern verbindet es zugleich mit einer durchaus hei- (424) hatte Anne Lene nach dem letzten Tanz zu Marx
kel anmutenden Sinnlichkeit: »wieder und wieder« gesagt und wird damit zur vorausdeutenden Vor-
»bückt« sich und »stöhnt« die kleine Anne Lene über gestalt von Figuren, wie sie mit tragödienhafter Wucht
150 III Werk – D Novellen

in Aquis submersus (1876), Carsten Curator und Der dass nur das »in die Aeußerlichkeit Tretende« dar-
Schimmelreiter wiederbegegnen werden. gestellt werden soll, nicht aber das Ereignis selbst,
Der entscheidende Kunstgriff aber, mit dem es welches das »daraus resultirende in die Aeußerlich-
Storm in Auf dem Staatshof erstmals in seiner Novel- keit Tretende« (ebd.) bewirkt hat.
listik gelingt, die gattungstheoretischen Ansprüche Ein Beispiel hierfür ist die Szene, die auf die Begeg-
des Poetischen Realismus zu erfüllen, ist die Einfüh- nung von Anne Lene und Marx mit der Bettlerin Trin’
rung der fiktiven, sich erinnernden Erzählerinstanz, folgt. Nachdem deren mehrdeutige Anspielungen An-
wie Dieter Lohmeier in seinem maßgebenden Aufsatz ne Lene auf die abgründige Seite ihrer Familien-
1979 herausgearbeitet hat. Sehr spät erst stellt Storm geschichte hingewiesen haben, verlangt Anne Lene
dem Beginn der Novelle noch eine kurze Passage vo- von der ebenfalls anwesenden alten Wieb, ihr »die
ran, in der – gleich einem musikalischen Vorzeichen Wahrheit« zu sagen. Diese versucht zunächst ab-
bei einer Partitur – die Erzählweise begründet und das zuwiegeln, Anne Lene aber besteht auf der »Wahr-
Ende der Geschichte angedeutet wird. Sie lautet: heit«. Der Text fährt nun fort:

Ich kann nur Einzelnes sagen; nur was geschehen, Was weiter zwischen den Beiden gesprochen worden,
nicht wie es geschehen ist; ich weiß nicht, wie es zu En- weiß ich nicht; denn ich verließ nach diesen Worten
de ging und ob es eine Tat war oder nur ein Ereignis, das Zimmer, da ich glaubte, die Alte werde das Gemüt
wodurch das Ende herbeigeführt wurde. Aber wie es des Mädchens leichter zur Ruhe sprechen, wenn sie al-
die Erinnerung mir tropfenweise hergibt, so will ich es lein sich gegenüber wären. – Aber nach einigen Tagen
erzählen. (LL 1, 392) war das Diamantkreuz von Anne Lene’s Hals ver-
schwunden, und ich habe dieses Zeichen alten Glanzes
Diese Einleitung legitimiert das »Bauprinzip« der niemals wieder von ihr tragen sehen. (LL 1, 407 f.)
anschließend dargebotenen Geschichte »als Folge
der nachahmenden Abbildung von Wirklichkeit« Vollkommen plausibel erläutert Marx hier, warum er
(Lohmeier 1979, 118). Gerade aufgrund seiner offen dem Gespräch zwischen Anne Lene und Wieb fern-
ausgestellten Subjektivität beglaubigt der Rahmen- geblieben sei, so dass die explizite Aufklärung über das
erzähler dabei den Realitätsgehalt der Erzählung, hässliche Geschehen aus der Vergangenheit (ge-
denn hier berichtet ein Augenzeuge, der auch seine schweige denn dieses Geschehen selbst) nicht dar-
eigene Perspektive auf das Geschehen realistisch re- gestellt werden kann. Stattdessen verweist lediglich
flektiert: Er könne »nur Einzelnes sagen«, ist sich al- das anschließend »in die Aeußerlichkeit Tretende« de-
so der Brüchigkeit und Unzulänglichkeit seiner Er- zent, aber umso nachdrücklicher auf das nicht Dar-
innerung bewusst, und thematisiert auch offen sein stellbare: Das diamantene Kreuz als »Zeichen alten
persönliches Involviertsein in die Ereignisse, etwa Glanzes« ist »nach einigen Tagen« nicht mehr an An-
wenn er bei der negativen Darstellung des Kammer- ne Lenes Hals zu sehen und wird »niemals wieder«
junkers zu bedenken gibt, »daß diese Meinung keine von Marx gesehen werden.
unparteiische sei« (LL 1, 408). Gleichzeitig ermög- Das unverwechselbare Gepräge der Novelle Auf
licht die zunächst dem Realismus geschuldete Er- dem Staatshof verdankt sich dieser Darstellungstech-
zählperspektive nun eine fortwährende Poetisierung nik. Sie erlaubt eine realistisch legitimierte Poetisie-
des dargestellten Geschehens. Denn weil der Erzäh- rung des dargestellten Geschehens und steht dabei in
ler Marx nun einmal keine Auskunft geben kann funktionaler Analogie zu jenem »Schauer«, den der
über innere Vorgänge anderer Figuren oder über Er- Erzähler konstatiert, wenn er das für den Text konsti-
eignisse, bei denen er nicht anwesend war, erscheint tutive Lust-Tod-Motiv reflektiert. Denn so wie der
es jetzt als realistisch begründet, wenn nicht darstel- »Schauer« »dem schmerzlichen Gefühl« der Todes-
lungswürdige Aspekte der Geschichte nur indirekt verfallenheit all dessen, worauf sich die »Erdenlust«
wiedergegeben werden. Auf diese Weise gelingt richtet, einen ästhetischen Reiz abzugewinnen ver-
Storm eine ›symptomatische Behandlung‹ des Stof- mag, der Trost spendet, so wird die nackte hässliche
fes, die er in späteren poetologischen Reflexionen Wahrheit in der Form des ahnungsvoll Angedeuteten
»für den einzigen wahren poetischen Jacob« ausgibt in einen poetischen Zusammenhang eingebettet und
(so im vielzitierten Brief an Paul Heyse, 15.11.1882; auf diese Weise in einem Kunstwerk aufgehoben, das
Storm–Heyse III, 37). Ähnlich der Theaterweisheit sich noch dem »Großen und Schönen« (GB 1, 506)
›Nicht sagen, sondern zeigen‹ meint Storm damit, verpflichtet weiß.
37 »Auf dem Staatshof« (1859) 151

Literatur mus. Am Beispiel von Storms Novelle »Auf dem Staats-


Demandt, Christian: Wie Storm zu Storm wird. »Auf dem hof«. In: STSG 28 (1979), 109–122.
Staatshof« als Novelle des Poetischen Realismus. In: Der Lohmeier, Dieter (Hg.): »Auf dem Staatshof«. Text, Entste-
Deutschunterricht 1 (2017), 6–15. hungsgeschichte, Schauplatz. Heide 1993.
Fasold, Regina: Narzißmus und Formdrang in Theodor Pastor, Eckart: Abwege, Abwärtswege. Verfallsgeschichten
Storms Novelle »Auf dem Staatshof« (1859). In: David A. auf dem Staatshof, in der Mengstraße und Fischergrube.
Jackson/Mark G. Ward (Hg.): Theodor Storm – Narrative In: Heinrich Detering/Maren Ermisch/Hans Wißkirchen
Strategies and Patriarchy/Theodor Storm – Erzählstrategien (Hg.): Verirrte Bürger: Thomas Mann und Theodor Storm.
und Patriarchat. Lewiston, N. Y. 1999, 23–47. Frankfurt a. M. 2016, 123–136.
Fasold, Regina: Theodor Storm. Stuttgart/Weimar 1997, 102– Pastor, Eckart: Andacht, Inbrunst, lüsterne Neugier: Bilder
104. an der Wand und ihre Betrachter in Storms frühen Novel-
Freund, Winfried: Zeitkritik in Storms novellistischem len »Immensee«, »Im Sonnenschein« und »Auf dem
Frühwerk (»Immensee«/«Auf dem Staatshof«). In: Der Staatshof«. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 20 (2016),
Deutschunterricht 5 (1988), 107–117. 31–49.
Heyse, Paul: Theodor Storm. In: Literaturblatt des deutschen Preisendanz, Wolfgang: Gedichtete Perspektiven in Storms
Kunstblattes (28.12.1854), abgedruckt in: Storm–Heyse I, Erzählkunst. In: STSG 17 (1968), 25–37.
103–107. Tebben, Karin: Don Juan in der Bürgerstube. Mozarts Oper
Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor und ihre Bedeutung in Theodor Storms »Auf dem Staats-
Storms Frühnovellen (1848–1859). Berlin 2005, 109–130. hof«. In: STSG 53 (2004), 81–92.
Lohmeier, Dieter: Erzählprobleme des Poetischen Realis-
Christian Demandt
152 III Werk – D Novellen

38 »Späte Rosen« (1860) delt vom Unternehmer Rudolph, der die leidenschaft-
liche Liebe zu seiner – stets namenlos bleibenden –
Der bislang vergleichsweise wenig erforschte, jedoch Ehefrau erst etwa 15 Jahre nach ihrem Kennenlernen
für Storms erzählerische Entwicklung bedeutsame entwickelt. Obgleich seine Gattin von der Außenwelt
Text erschien zunächst 1860 im letzten Jahrgang der als sehr schön wahrgenommen wird, kann Rudolph
Zeitschrift Argo. Album für Kunst und Dichtung, so- sie nicht daraufhin ansehen. Schon bei ihrer ersten Be-
dann mit jeweils nur minimalen Änderungen als Teil gegnung stark durch die Anforderungen seiner Arbeit
der Drei Novellen (1861) und in den Sämmtlichen beansprucht, gilt sie ihm vielmehr als ermutigende
Schriften (1868). Den Anstoß zur Arbeit an der wahr- Kraft, als »Zufluchtsort[]« und »Genossin des Lebens«
scheinlich in den ersten Monaten des Jahres 1859 nie- (LL 1, 430, 431). So wird sie ihm zur gleichsam zaube-
dergeschriebenen Novelle gab offenbar Storms Lektü- risch wirkenden »Goldmaria« (431), die seinen beruf-
re seines Briefwechsels mit Constanze aus der Ver- lichen Aufstieg unterstützt, deren äußere Reize aber
lobungszeit im August 1858, die bei ihm den Wunsch von ihrem Manne unbemerkt ›allmählich verblühen‹
hervorruft, »noch einmal solchen ausbrechenden (433). Ist Rudolph zunächst von seinen Geschäften
Herzensjubel« von der Ehefrau zu hören und in ihr fremdbestimmt (»ich hatte nicht sie, sie hatten mich«;
das liebende junge Mädchen von damals wiederzufin- 431), so entdeckt er in dem Maße, in dem er sich von
den, das zu erkennen er früher nicht in der Lage gewe- diesen zurückziehen kann, seine bisher vernachlässig-
sen sei (an Constanze, 5.8.1858, EB, 141). Jenem Wan- ten Bedürfnisse wieder – darunter v. a. seine Neigung
del vom »stille[n] Gefühl der Sympathie« zu »leiden- zur Poesie.
schaftliche[r] Anbetung«, den Storm rückblickend in Sie bewirkt kurz nach der Geburt der ersten Toch-
seinem Verhältnis zu Constanze feststellt (an Hart- ter und damit fast zwölf Jahre vor dem Zeitpunkt des
muth und Laura Brinkmann, 21.4.1866, Storm– Erzählens seiner Binnennarration eine erste Verände-
Brinkmann, 146), korrespondiert der emotionale rung in ihm. Als Ausgleich zu seiner Tätigkeit und in
Umschlag, der die novellistische Struktur von Späte Erinnerung an die Studien, die er in seiner Jugend mit
Rosen trägt. dem befreundeten Ich-Erzähler der Rahmenhand-
Auf den lebensgeschichtlichen Hintergrund des lung betrieben hat, liest er die Minnetrank-Episode
Textes weisen nicht nur die deutlichen Parallelen hin aus Gottfrieds von Straßburg Tristan. Rudolphs erste
(wie sie u. a. auch aus den hier angeführten Briefen des – erzählerisch bereits selektiv zugerichtete (vgl. Titz-
Autors ablesbar sind); Storm selbst hat gegenüber mann 1999) – Tristan-Lektüre löst in ihm ein Liebes-
Emil Kuh in einem Brief vom 11.10.1875 erklärt, dass verlangen aus, das »das Leben bis dahin hatte schlafen
unter all seinen Figuren »am meisten [...] die Frauen- lassen« (LL 1, 433). Die vorübergehende Intensivie-
gestalt in ›Späte Rosen‹« von Constanze »inspirirt« sei rung seiner Gefühle verdankt sich der literarischen
(Storm–Kuh, 196). Auch Theodor Fontane beschließt Vermittlung. In Rudolphs Blick vom Buch hin zur
seine süffisant-spöttische Zusammenfassung der No- Ehefrau erhält dieselbe ein neues Ansehen, das jedoch
velle im Brief an Paul Heyse vom 15.5.1859 mit der durch den Alltag, konkret: die Präsenz ihrer Mutter-
Bemerkung, dass sich hierin der Autor selbst bzw. eine rolle und die Überlast seiner Arbeit, sofort wieder
für diesen spezifische ›Kränklichkeit‹ in Liebes- überschrieben wird (433 f.).
geschichten offenbare: »[M]an sieht Stormen bestän- In den folgenden Jahren steigert sich zwar Ru-
dig bibbern und zittern, wodurch die Affaire etwas dolphs ›Verehrung‹ des »geistigen Wesens« seiner
höchst Bedenkliches kriegt« (Fontane–Heyse, 66; vgl. Frau als Ehepartnerin und Mutter seiner Kinder (434),
auch ebd., 449). zur bleibenden Entfaltung seines sinnlichen Begeh-
In Späte Rosen wird die für Storm – auch nach eige- rens kommt es aber erst, als seine Geschäfte ihm »end-
ner Aussage (vgl. Storm–Brinkmann, 146) – poetisch lich wieder Raum für andere Dinge« lassen, so dass
sowie biographisch gleichermaßen charakteristische sich der »dem Menschen eingeborene Drang nach
Trennung zwischen Seelenliebe und Leidenschaft auf- Schönheit wieder geltend« machen kann (ebd.). Wie-
gehoben. Mit der Abkehr von einer resignativen derum führt ihn der Weg zurück zum Buch, zum Tris-
Schlussgebung (wie etwa noch in Immensee oder Auf tan. Nach dessen neuerlicher Lektüre ganz auf Liebe
dem Staatshof) zugunsten einer positiv-lebenszuge- eingestellt, verliebt er sich am Morgen seines vierzigs-
wandten Lösung für die Liebenden leitet der Text die ten Geburtstags in das Portrait eines Mädchens, das
Novellistik der Heiligenstädter Hauptschaffensphase ihm seine Ehefrau geschenkt hat und in dem er deren
ein (vgl. auch Veronica, Im Schloß). Die Novelle han- Jugendbildnis erkennt. Die zuerst dominante »Reue«

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_38, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
38 »Späte Rosen« (1860) 153

über die verlorene Jugend und die »vergebliche[] erzählung mag sie andererseits jedoch unter dem Ein-
Sehnsucht« nach der inzwischen ›verblühten‹ Schön- druck derselben entstanden sein. Rudolphs für den Er-
heit seiner Gattin weichen jenem »Gedanke[n] un- zähler unerklärliche Reaktion auf das Bildnis seiner
zweifelhaften, unaussprechlichen Glückes« (437), die Frau stellt schließlich das Irritationsmoment dar, von
Abgebildete mit seiner Frau identisch, ja in ihr auf- dem aus er aufgefordert wird, die Geschichte vom
gehoben zu wissen und in der Gealterten das »Palimp- Wandel seiner Liebe zu erzählen. Wie die jugendliche
sest« ihrer jugendlichen Schönheit zu erblicken (Sto- Liebe mit dem Volkslied (»O Jugend, o schöne Rosen-
ckinger 2010, 149). In Übereinstimmung mit den be- zeit!«; 438) nicht bloß sehnsuchtsvoll neu herauf-
glaubigenden Beobachtungen des Rahmenerzählers beschworen und nachholend vergegenwärtigt, son-
(vgl. LL 1, 427) nimmt Rudolph nun das begehrte Ab- dern zugleich wehmütig verabschiedet wird, so bleibt
bild in der gealterten Abgebildeten, d. h. die »mäd- bei Rudolph zwar keine »ungeheilte Wunde«, aber eine
chenhaften« Züge seiner Frau (437) wahr – worin das »fast schmerzliche[] Innigkeit« zurück (429). Das Er-
für Storms Werk zentrale sinnliche Phantasma der blühen seiner Liebe erfolgt in diesem titelgebenden
›Kindsbraut‹ hervortritt (vgl. Stockinger 2010). Sinne »zu spät – aber dennoch nicht zu spät!« (437)
Auf diese Weise erwacht in Rudolph eine Leiden- Ambivalent gestaltet sich auch die Haltung des Tex-
schaft, die sich nun mit der Seelennähe zu einer all- tes zur Arbeit: Auf der einen Seite verhindert Ru-
umfassenden und sakralisierten Liebe (vgl. LL 1, 437) dolphs Karriere die Entfaltung seiner Liebe und nötigt
verbindet. In der Rose findet der Text hierfür ein pas- ihn zur Aufgabe seiner poetischen Neigungen. Auf
sendes Symbol, das in Storms Schreiben vielfach be- der anderen Seite ermöglicht sie ihm, jenes als Gegen-
gegnet (vgl. Bouillon 2002, 119–122) und das mit ei- raum zur städtischen Arbeitswelt entworfene ländli-
nem breiten Bedeutungsspektrum insbesondere für che Ostsee-Idyll zu schaffen, in das er sich dann zu-
die leidenschaftliche Liebe (»Die rote Rose Leiden- nehmend zurückziehen kann. Nahegelegt wird so ein
schaft«; LL 1, 21; vgl. den Gedichtzyklus Ein Buch der harmonischer Ausgleich zwischen Poesie und prosa-
roten Rose) bzw. die leidenschaftlich begehrte – und ischer Arbeit, zwischen idealer und praktischer Sphä-
zumeist mädchenhaft-junge (»die knospende Mäd- re sowie zwischen Unternehmer- und Gelehrtentum,
chenrose, das schlummernde Geheimnis aller Schön- gespiegelt in der Freundschaft Rudolphs und des Ich-
heit«; LL 2, 331) – Geliebte stehen kann, aber auch für Erzählers (vgl. Jackson 1985), die beide die Anlagen
Jugend, für Liebesschmerz und Vergänglichkeit sowie zu jedem der Bereiche in sich tragen (vgl. LL 1, 428).
für marianisch-makellose Jungfräulichkeit. Dass es wohl auch dem Freund nicht gelang, eine Ba-
Die Beziehung wandelt sich – aus der Sicht des lance herzustellen, zeigt sich in seiner Aussage, »durch
Mannes, die der Frau bleibt unberücksichtigt – von der die Verhältnisse in die Fremde getrieben und dort für
Lebensgemeinschaft zur emphatischen Liebesbezie- immer festgehalten« worden zu sein (427). Wenn-
hung. So wird in der Synthese von partnerschaftlicher gleich diese Bemerkung im Vagen bleibt und die Ab-
und leidenschaftlicher Hingabe die jugendlich-unge- weichung des Textes von epochentypischen Eheidea-
trübte Liebe auf Dauer gestellt, das Ideale im Realen len konstatiert werden kann (vgl. Titzmann 1999,
entdeckt und bewahrt. Nicht nur wird neben der 299 f., 319), zählte Storm selbst Späte Rosen zu jenen
›kindlichen‹ Frau (LL 1, 427) auch Rudolph attestiert, Novellen, die in ihrer Bestimmtheit »ganz realistisch
etwas vom »idealen Zug [...] seiner Jugend« behalten ausgeprägt, und dabei in der Durchführung doch
zu haben (428), der Erzähler macht in dem Verhalten durch den Drang nach der Darstellung des Schönen u.
des Ehepaars noch den Schein des frischen Vermählt- Idealen getragen« seien (Storm–Brinkmann, 155).
seins (vgl. 427), »eine gegenseitige fast bräutliche
Rücksichtnahme« (ebd.) aus und beschreibt etwa Ru- Literatur
dolphs Blick auf seine Ehefrau als »von einer solchen Bouillon, Regina: Blumen im Werk Theodor Storms. In:
Energie der Zärtlichkeit, von einer Freude des Besitzes, STSG 51 (2002), 117–125.
Fontane–Heyse: Der Briefwechsel zwischen Theodor Fontane
als habe er die Geliebte erst vor kurzem sich errungen« und Paul Heyse. Hg. v. Gotthard Erler. Berlin 1972.
(429). Da der namenlose Ich-Erzähler seinen wesens- Jackson, David: Theodor Storm’s »Späte Rosen«. In: German
ähnlichen Jugendfreund vor dem Aufenthalt in dessen Life and Letters 38/3 (1985), 197–204.
Ostsee-Landhaus seit 20 Jahren nicht gesehen und des- Stockinger, Claudia: »die Spuren einer früh zerstörten An-
sen Frau noch gar nicht kennengelernt hat, verhält sich mut«. Der Realismus des Hässlichen oder das Martyrium
der Kindsbraut bei Storm. In: Malte Stein/Regina Fasold/
seine Schilderung einerseits bestätigend zu Rudolphs
Heinrich Detering (Hg.): Zwischen Mignon und Lulu. Das
Binnenerzählung; als retrospektiv verfasste Rahmen-
154 III Werk – D Novellen

Phantasma der Kindsbraut in Biedermeier und Realismus. berger/Wolfgang Walliczek (Hg.): helle döne schöne. Ver-
Berlin 2010, 133–150. sammelte Arbeiten zur älteren und neueren deutschen Lite-
Titzmann, Michael: Die Verarbeitung von Gottfrieds »Tris- ratur. Festschrift für Wolfgang Walliczek. Göppingen 1999,
tan« in Storms »Späte Rosen«. Die Begegnung unverein- 295–322.
barer Anthropologien. In: Horst Brunner/Florian Eich-
Philipp Böttcher
39 »Drüben am Markt« (1861) 155

39 »Drüben am Markt« (1861) die den Doktor »schon wieder« (439) beim Angeln
bzw. in der »Schenkstube des Schifferhauses« (464)
Storms in Heiligenstadt verfasste Novelle Drüben am zeigen. In diesem stabilen Rahmen ist es sogar mög-
Markt (LL 1, 439–465) erschien 1861 in der Zeitschrift lich, den Arzt als nachtragenden, einen medizinischen
Über Land und Meer (Jg. 3, Bd. 6) und wurde noch im Auftrag aus dem Giebelhaus verweigernden Gries-
selben Jahr in leicht überarbeiteter Form in die Samm- gram (vgl. 464 f.) aus der Erzählung zu entlassen, ohne
lung Drei Novellen aufgenommen. die Stimmung der Novelle von diesem Missklang affi-
Im Zentrum der »Doktorennovelle« (LL  1, 1095) ziert zu sehen – die Gefühle eines Einzelnen ändern
stehen die Erinnerungen des ältlichen, aus bescheide- nichts am Recht des Bestehenden. Die auch von der
nen Verhältnissen stammenden Arztes Christoph an bereits im Titel angedeuteten Lage der jeweiligen El-
sein vergebliches Werben um die Patriziertochter So- ternhäuser zunächst bestätigte starre Ordnung von
phie. Die Rahmenerzählung präsentiert den Medizi- Zentrum und Peripherie findet sich indes durch das
ner als schrulligen, einsamen und mäßig gepflegten ›unerhörte Ereignis‹, das in poetologischer Kon-
Junggesellen. Sein beengtes Elternhaus ist mit der Ver- sequenz selbst ein Raum ist, in Ansätzen unterlaufen:
gangenheit nicht allein durch den titelgebenden Blick Als Materialisierung halbbewusster Wünsche zieht
auf das prächtige Giebelhaus Sophies, sondern vor al- die Krypta des Salons das Fremde ins Eigene, wo es als
lem durch einen exotisch ausstaffierten Salon im Ruine des Begehrens jedoch weder zu assimilieren
Obergeschoss verbunden. Diesen hatte der Kleinbür- noch zu verstoßen ist. Dieser nicht einseitig aufzulö-
gersohn ein Vierteljahrhundert zuvor, nachdem er sende Widerstreit zwischen Eigenem und Fremdem
dank der Krankheit eines Bediensteten in das soziale konkretisiert sich in der »Landschaftstapete, zu der
Umfeld der Bürgermeistertochter geraten war, mit Bernardins einst so beliebte Erzählung die Staffage ge-
Hilfe eines befreundeten Juristen als »Aussteuer« liefert hatte« (457). Jacques Henri Bernardin de Saint-
(458) für das erhoffte Eheglück eingerichtet. Von sei- Pierres exotistischen Bestseller Paul et Virgine von
ner scharfzüngigen Mutter zugleich beargwöhnt und 1788 kennt der Doktor allerdings nicht aus eigener
ermutigt, war es dem humorvollen, aber ungeschick- Lektüre, sondern lediglich von Kupferstichen »im
ten Junggesellen jedoch nicht gelungen, Sophie für Wohnzimmer eines reichen Kaufherrn« (ebd.). Dass
sich zu gewinnen. Neben Sophies zwischen unver- ihm diese seit seiner Kindheit »von der Vorstellung ei-
bindlicher Zuneigung und leisem Ekel schwankenden nes behaglich eingerichteten Wohngemachs unzer-
Gefühlen und Christophs Schüchternheit werden vor trennlich geblieben« (ebd.) sind, nimmt dem zunächst
allem der Standesunterschied sowie das bedrückende grellen Kontrast zwischen norddeutschem Philister
Zusammenleben von Mutter und Sohn als Gründe und mauritischer Idylle die Schärfe – die skandalöse
dieses Scheiterns angedeutet. Auf der Handlungsebe- metaphorische Identifizierung mit Bernardins Sujets
ne ist es schließlich der zunächst hilfreiche Freund, der Kindfrau und der standesübergreifenden Liebe
der sein eigenes Interesse an Sophie entdeckt und die- entpuppt sich als metonymisch induzierte mémoire in-
se zur Frau nimmt. Da der spätere Justizrat zugleich volontaire.
als Hochzeitswerber fungiert und die abschlägige Eine ähnlich idiosynkratische Wendung erfahren
»Mitteilung« (461) als elliptischer Redebericht gestal- auch die beiden anderen Bücher im Text. Als der Arzt
tet ist, scheint am Horizont der Novelle zwar eine In- am Abend nach einem weiteren Zusammentreffen mit
trige auf, doch überwiegt der versöhnliche Ton der Sophie die erotischen Gedichte Gottfried August Bür-
Resignation, der die Macht der Verhältnisse als ge- gers, »des einzigen deutschen Dichters, der je in sei-
rechtfertigt anerkennt. nem Besitz gewesen war« (453), nicht finden kann, be-
Neben der leichten Ironisierung des Protagonisten gnügt er sich mit einem verstaubten Horaz-Band aus
durch die distanzierte, jedoch überwiegend empathi- seiner Schulzeit. »Lalagen amabo« (ebd.) stammelnd
sche Erzählinstanz tragen vor allem die auf Wieder- und Grog trinkend, »bis die Ode zu Ende und das Glas
holungen und Gewohnheiten zielende iterative Er- geleert war« (ebd.), sucht der gefühlsverwirrte Arzt
zählfrequenz sowie die ausgeprägte raumsemantische Zuflucht ausgerechnet bei jenen beiden Surrogaten,
Ordnung der Novelle zum statisch-resignativen, je- die ihn von Sophie entfernen; diese ekelt sich vor dem
dem emotionalen Aufruhr fremden Gesamteindruck »Dunst des Alkohols« (447) und dürfte als heitere, mit-
bei. Nicht die Zeit, sondern der Raum organisiert die unter geschwätzige Praktikerin (vgl. 447 f.) noch weni-
sozialen Beziehungen. Exemplarisch verdichtet sich ger an Literatur interessiert sein als der bürgerliche Le-
dieses Muster in der Anfangs- und Schlusssequenz, segewohnheiten imitierende Arzt. Nicht ohne Ironie

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_39, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
156 III Werk – D Novellen

sieht sich die Literatur damit auf eine Stufe mit den ten bleibt jenes »Gleichgewicht seines Herzens« (ebd.)
Liebessurrogaten Alkohol und Tabak (»die Pfeife tut’s versagt, das dem Lesepublikum auf seine Kosten gebo-
nicht mehr allein«; 457) gestellt, die ihr, wie das ein- ten wird. Indem sie die durch Ironisierung abgefederte
same Ende in der Schankwirtschaft (vgl. 465) zeigen Herabsetzung des Protagonisten zu eben jenem
wird, zu guter Letzt auch noch vorgezogen werden. »fremdartigen Wesen« (ebd.), das der Doktor vergeb-
Pro- und analeptisch kommentieren die Lese- und die lich in Sophie hatte sehen wollen, als Bedingung ihres
Wirtshausszene damit jenen gewaltsamen Versuch versöhnlichen Gelingens lesbar macht, lässt die Novel-
narrativer Selbstüberschreitung, den der gebildete le die identifikatorische Sentimentalität sujetverwand-
Kleinbürger seiner Abweisung durch die unbedarfte ter Texte wie Immensee (1849) oder Späte Rosen (1860)
Patriziertochter folgen lässt: Das Liebesspiel zweier hinter sich und eröffnet einen Raum poetologisch re-
Schmetterlinge beobachtend, fabuliert der Doktor, flektierten Erzählens.
»ein Mannsbild höherer Gattung, so ein gewöhnlicher
Engel etwa, würde hinwieder für die kleine Sophie Literatur
nichts mehr empfinden, als ich für diesen Sommer- Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die
vogel« (463) und »nicht ohne ein gewisses Grauen vor Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009.
Hudde, Hinrich. Theodor Storm und Bernardin de Saint-
dem fremdartigen Wesen den ambrosischen Finger an Pierre. Zum Einfluß von »Paul et Virginie« auf »Drüben
ihre kalte Schulter legen« (463 f.). Der im ausstaffierten am Markt«, »Pole Poppenspäler« und »Psyche«. In: Arca-
Zimmer ebenso wie im phantasmatischen Narrativ dia 11 (1976), 178–184.
scheiternde Versuch einer Selbstüberschreitung mün- Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati-
det schließlich in ein intrikates chiastisches Verhältnis scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001.
Laage, Karl Ernst: »Drüben am Markt«. Unerfüllte Sehn-
von Wirklichkeit und Imagination: Während der Dok-
sucht. In: Ders. (Hg): Begegnungen mit Theodor Storm.
tor, der »kein Engel« (464) ist, sein tröstliches Imaginä- Heide 2015, 48–51.
res nicht als Wirkliches zu erleben vermag, wird er im Neumann, Christian: »Fallen Sie nicht, Mamsell!« Verhin-
Gegenzug zeit seines Lebens vom längst vergangenen, derte Ehen in Theodor Storms Heiligenstädter Novellen
aber nie vergehenden Bild der »kleinen Schultern, über »Drüben am Markt« und »Abseits«. In: Storm-Blätter 13
denen der Sommerwind mit dem leichten Flortuch (2007), 6–28.
Reiter, Christine: Gefährdete Kohärenz. Literarische Ver-
spielte« (ebd.) heimgesucht bleiben. Auf den Ruinen
arbeitung einer ambivalenten Wirklichkeitserfahrung in
unerfüllten Begehrens, so die reflexive Wendung der den Novellen Theodor Storms. St. Ingbert 2004.
Novelle, lassen sich dauerhafte Narrative »höherer Terence, John Rogers: Techniques of solipsism. A study of
Gattung« nur seitens der Erzählinstanz, nicht aber sei- Theodor Storm’s narrative fiction. Cambridge 1970.
tens der Figuren errichten. Dem erzählten Protagonis-
Christoph Steier
40 »Veronica« (1861) 157

40 »Veronica« (1861) bindung Veronicas versucht Storm in bemerkenswert


detaillierten Angaben zur katholischen Frömmig-
Die kurze Novelle entstand 1861 (Handschrift, SHLB keitspraxis (und zu derjenigen ihrer Umgebung)
Kiel) während Storms Zeit als Kreisrichter in Hei- glaubhaft zu machen. Nicht nur Beichtvorgang und
ligenstadt im Eichsfeld, also in einer katholischen En- katholische Rechtfertigungslehre, sondern auch An-
klave mit der ausgeprägten Bindung an kirchliche Ge- gelusgebet, Rosenkranz, Reliquienschrank und ande-
bräuche und Traditionen, um die es im Text geht, in re Details werden erwähnt. Vor allem aber wird das
thematischer und konzeptioneller Nähe zu Im Schloß Geschehen gerahmt durch die düstere Karfreitagpro-
und »mit unsäglicher Anstrengung« neben der Be- zession mit ihrer eindringlich-sinnlichen Vergegen-
rufsarbeit (Brief Storms an seine Eltern; LL 1, 1102). wärtigung der Passion Christi und den mit dem Früh-
Sie wurde im selben Jahr mit Späte Rosen und Drüben lingsanbruch korrelierten Ostertag als den Beginn ei-
am Markt in dem Band Drei Novellen bei Heinrich nes neuen Lebens. Im dramatischen Kontrast dieser
Schindler in Berlin veröffentlicht und 1868 unver- Szenerien wird Veronicas Weg aus einer von Angst
ändert in die Schriften aufgenommen. und Unfreiheit geprägten Bindung an die Kirche in
Das Geschehen umfasst die Karwoche zwischen die Freiheit einer diesseitig-lebensbejahenden Liebe
dem Vorabend des Palmsonntag und dem Ostersonn- inszeniert als eine betont säkularisierte Version des
tag. In drei jeweils auf eine prägnante Situation kon- Wegs vom Kreuz zur Auferstehung. In einer Maxime,
zentrierten Kapiteln schildert es die Lösung der Pro- die sich in Storms Notizen zu dieser Novelle und zu Im
tagonistin, deren Name »Veronica« auf die Heilige der Schloß in drei Formulierungs-Varianten findet, wird
nachbiblischen Passionslegende verweist, aus der Bin- dieser Weg geradezu als mutiger Übergang von angst-
dung an die bis dahin befolgten kirchlichen Regeln ih- voller religiöser Verblendung in »die Wahrheit« apo-
rer katholischen Herkunft, die sich in der Überwin- strophiert: »Die Furcht vor der Wahrheit ist tausend-
dung einer Ehekrise vollzieht: Weil sie, obwohl glück- mal größer als die Furcht vor Gott dem Herrn« (LL 1,
lich verheiratet, dem Liebeswerben eines gemein- 1106 f.). Diese Vereindeutigung hat Storm für die Ver-
samen Freundes nicht sogleich widersprochen hat, öffentlichung aber wieder gestrichen.
und obwohl es zu keinem wirklichen Ehebruch ge- Die Beschaffenheit der in der Notiz vorausgesetz-
kommen ist, fühlt sich Veronica gedrängt, der österli- ten »Wahrheit« allerdings changiert in der Novelle ei-
chen Beichtpflicht nachzukommen. Im Beichtstuhl gentümlich zwischen einem an Schopenhauers Wil-
aber erscheint ihr die plötzliche Scham, das Intime vor lensmetaphysik erinnernden Pessimismus und einem
den Ohren eines Fremden auszusprechen, als berech- vitalistischen Optimismus (wie er dann auch die ex-
tigtes sittliches Widerstreben. Als sie, statt dem Pries- pliziten weltanschaulichen Reflexionen in Im Schloß
ter zu beichten, die erotische Verwirrung allein ihrem bestimmt). Einerseits erscheint die Welt als ein Ort
Ehemann bekennt, findet sie bei ihm Trost und Halt. hoffnungsloser Todesverfallenheit; die Tröstungen
Zugleich aber ist ihr bewusst, dass sie mit der Verwei- der Religion müssen als Illusion erkannt und zuguns-
gerung der Beichte bei der letzten möglichen Gelegen- ten nüchterner Erkenntnis überwunden werden. An-
heit vor dem Ostertag ihren Bruch mit der Kirche voll- dererseits erscheint die Welt als Schauplatz eines sich
zogen hat. Bestärkt und gehalten wird sie in ihrer Ent- fortpflanzenden, glücklichen und hoffnungsvollen Le-
scheidung durch ihren Ehemann, einen dem Chris- bens, das in der erotischen Liebe zweier Menschen
tentum mittlerweile distanziert gegenüberstehenden kulminiert; die Religion wirkt demgegenüber als ent-
einstigen Protestanten. (Sein nur noch historischer mündigende lebens- und leibfeindliche Beschrän-
Blick auf das Christentum erscheint in Storms Ent- kung, die zugunsten freier Selbstentfaltung überwun-
würfen noch ausdrücklich als »die letzte Consequenz den werden muss.
des Protestantismus«; LL 1, 1106.) Gerade weil Vero- Das erste Kapitel, »In der Mühle«, konfrontiert Ve-
nica »die rettende Hand, von der sie seit der Jugend ronica mit dem Elend des sterbenden Müllers. Das ro-
geführt worden war, zurückgestoßen« hat (477), kann mantische Mühlen-Motiv ist hier verdüstert; »das ein-
sie nun im letzten Satz der Erzählung empfinden, »wie tönige Rauschen des Wassers, das über die Räder in
seine Arme immer fester sie umschlossen.« (479) Was die Tiefe stürzte« (LL 1, 469), vergegenwärtigt die al-
sie in der Kirche vergebens suchte, findet sie in der leszerstörende Gewalt des Todes wie der Ausblick in
aufgeklärten Ehe. die Mondnacht: »Das Leben in seiner nackten Dürf-
Eingebettet ist das einfache Geschehen in ein Netz tigkeit stand vor ihr, wie sie es nie gesehen; ein end-
symbolischer Verweise und Bezüge. Die Traditions- loser öder Weg, am Ende der Tod. Ihr war, als habe sie

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_40, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
158 III Werk – D Novellen

bis jetzt in Träumen gelebt, und als wandle sie nun in und zwar nacheinander. Ermöglicht wird das durch
einer trostlosen Wirklichkeit, in der sie sich nicht zu- eine Umcodierung der erzählten Welt, die zunächst
rechtzufinden wisse« (471). Da in der liturgischen aus der Perspektive der Titelheldin postuliert und
Ordnung der erzählten Welt mit dieser Einsicht aber dann vom Text selbst übernommen wird. In dem Au-
die Karwoche beginnt, besteht zwischen dieser scho- genblick nämlich, in dem Veronica ihre Umkehr voll-
ckierenden Einsicht und der kirchlichen Festzeit mit zieht, findet sie sich nicht mehr in der Todeslandschaft
ihren Repräsentationen des Leidens Christi und der der Melancholie wieder, sondern in einer verwandel-
Verzweiflung der Jünger eine Konvergenz. Sinnfällig ten Welt, die ihren Bedürfnissen wunderbar ent-
verbindet die Mühlenszenerie beide Seiten: Über dem gegenkommt: »Aber es war ja Frühling draußen in der
Bett des sterbenden Müllers ist »ein hölzernes Kruzi- Welt! Als hätte sie es nicht gewußt; wie eine Botschaft
fix befestigt, von dem ein Rosenkranz herabhing« kam es an ihr Herz« (477).
(470). Das zweite Kapitel, »Palmsonntag«, zeigt die Wie die Beschaffenheit der äußeren Welt, so bleibt
Passion in der Prozession der »kolossalen Kirchenbil- auch die innere Verfassung der Protagonistin nach ih-
der: Christus am Ölberge, Christus von den Knechten rer Umkehr eigentümlich ambivalent. Die Bedrohung
verspottet, in der Mitte hoch über allen das ungeheure durch den Tod dauert fort, wie Veronica beim Rück-
Kruzifix, zuletzt das heilige Grab« (473). Am »cas- blick auf dem Kirchhof erkennt (der wenig später in
trum doloris«, dem Grab des geschundenen und ge- Storms Im Schloß die Eröffnungsszenerie abgeben
kreuzigten Christus, erklingt Posaunenschall »wie ein wird). Mit dem »Steinkreuz auf dem Grabe des Va-
Ruf zum Tage des Gerichts« (474). Wie aber wenig ters« tritt der Tod wieder ein ins Frühlingspanorama
später Storms Gedicht »Crucifixus« (1865) das blut- und mit ihm das Bild auch ihres eigenen Grabes: als
rünstige Kreuz mit der lebens- und lichtvollen Natur »jenes wüste Fleckchen Erde«, an dem die Selbstmör-
kontrastieren wird, so stellt nun das dritte Kapitel, »Im der und die Exkommunizierten begraben liegen:
Beichtstuhl«, dem Karfreitagsdunkel das Licht eines »Dort war auch ihre Stätte jetzt, denn die der österli-
säkularisierten österlichen Frühlingserwachens ge- chen Beichte war zu Ende« (478). Es ist dieser Gedan-
genüber. Eben nicht im Beichtstuhl bekennt Veronica ke, der sie zu ihrem letzten Entschluss ermutigt; eine
ihre Versuchungen, sondern stattdessen in der Umar- im Text nur behauptet, psychologisch aber nicht plau-
mung ihres Mannes; gerade so aber scheint sich für sie sibilisierte Wendung. So bleibt die Ambivalenz, die
die drüben in den kirchlichen Osterritualen gefeierte das eheliche Happy End so forciert auflösen sollte, am
Auferstehung lebensweltlich zu vollziehen. Ende unaufgelöst. Die ungleich komplexere Novelle
Diese Kontrastierung von jenseits- und diesseits- Im Schloß wird hier von neuem ansetzen.
orientierter Liebe erinnert an ein zweites Kruzifix-
Gedicht Storms, die Verse »An deines Kreuzes Stamm Literatur
o Jesu Christ«. Dessen vielzitierter Schlussvers »Wir Demandt, Christian: Religion und Religionskritik bei Theodor
müssen unser eigner Heiland sein« resümiert die Storm. Berlin 2010, bes. 75–90.
Detering, Heinrich: »Im Schloss«. Zweideutige Wirklichkei-
Ehe- und Liebesmetaphysik auch des Schlusses von ten. In: Christoph Deupmann (Hg.): Theodor Storm: No-
Veronica. vellen. Interpretationen. Stuttgart 2008, 33‒47.
So offenkundig beide Perspektiven einander wider-
sprechen, so entschieden vertritt der Text sie beide, Heinrich Detering
41 »Im Schloß« (1862) 159

41 »Im Schloß« (1862) ner Fähigkeiten: mit einer plastischen Detailgenau-


igkeit, die in ihrer Fülle doch integriert bleibt in einen
Im Schloß entstand während Storms Zeit als Kreisrich- klar gegliederten, dem Verklärungspostulat als der
ter in Heiligenstadt auf dem katholischen Eichsfeld Forderung nach exemplarischer Gestaltbildung ent-
(vgl. Boswell 1991; Jackson 2001, 115–124). Storm sprechenden Zusammenhang.
hatte die Erzählung schon seit 1853 geplant (vgl. sei- In einen zeitlich mehrfach gestaffelten, das Ge-
nen Brief an Fontane vom 28.10.1853, Storm–Fonta- schehen in wechselnden räumlichen, zeitlichen und
ne, 43–45), nach ungewöhnlich langwierigen Über- sozialen Perspektiven facettierenden Rahmen – der
arbeitungen – und nach dem Abschluss der Novelle offenbar erst in der letzten Arbeitsphase noch um das
Veronica, mit der sich die Konzeption passagenweise Einleitungskapitel erweitert wurde – ist eine Binnen-
überschneidet – aber erst 1861 ernsthaft in Angriff ge- erzählung eingelegt, in der die Protagonistin, die ver-
nommen. Storms Kladde und zwei Notizblätter sind einsamte Schlossherrin Anna, ihre Vorgeschichte nie-
in der SHLB in Kiel erhalten. Im Erstdruck in den derschreibt. Diese wird ihrerseits durch Binnen-
Ausgaben 10 bis 12 der Gartenlaube 1862 wurde der erzählungen unterbrochen (zur strukturellen Ähn-
zentrale Dialog über die Vaterschaftsfrage (s. u.) von lichkeit mit Storms Erinnerungsnovellen vgl. Küpper
deren Herausgeber Ernst Keil ohne Storms Einwil- 2005). Sie wird schließlich, ehe es zur überraschen-
ligung und zu dessen Empörung zensiert. Eine Buch- den Schlusswendung kommt, zwischen ihr und dem
ausgabe wurde von Duncker ebenso wie dann von Cousin Rudolph besprochen, dem sie die Blätter zu
Schindler wegen der vermeintlich unmoralischen lesen gegeben hat.
Tendenz der Novelle abgelehnt; erst bei E. C. Brunn in Aufgewachsen als ältere Schwester eines früh ge-
Münster konnte 1863 der nochmals erheblich über- storbenen Bruders unter dem Regime aristokratischer
arbeitete Band erscheinen (zur Entstehungsgeschichte Erziehung im Schloss, vorübergehend auch bei einer
vgl. Lohmeier, LL 1, 1108–1115; Jackson 2001, 129– Tante in der Stadt, verliebt sich die lebhafte und träu-
139). Die Aufnahme in die Schriften 1868 und eine er- merisch-phantasievolle Anna standeswidrig in den
neute Einzelausgabe bei Paetel 1884 brachten aberma- musikalischen Hauslehrer und späteren Universitäts-
lige Textänderungen mit sich: »Bei keiner seiner ande- dozenten Arnold. Als genauer Gegensatz ihrer ro-
ren Novellen hat Storm so häufig in den schon ge- mantischen Auffassungen von Liebe und Natur spielt
druckten Text eingegriffen« (Lohmeier, LL 1, 1115). der alte Oheim, der sich naturkundlichen Studien
Der unter so großen Schwierigkeiten entstandene widmet, die Rolle des skeptischen Räsonneurs. Liebe,
und publizierte Text fand lange Zeit wenig Aufmerk- so belehrt er Anna anhand biologischer Beobachtun-
samkeit, wurde von Storm selbst aber zu seinen wich- gen, sei in einer Welt des Lebenskampfes »nichts, als
tigsten und persönlichsten Arbeiten gezählt; manche die Angst des sterblichen Menschen vor dem Allein-
Passagen seien »so tief und bedeutend, wie ich nur je sein« (LL 1, 508; zu Varianten dieser Passage vgl. Dete-
etwas geschrieben« (Storm–Pietsch, 70). Sie gilt heute ring 2011, 264–266). In eine unglückliche, aber stan-
als ein Schlüsseltext seines mittleren Werks. Konfron- desgemäße Ehe gezwungen, wird Anna schwanger.
tiert einerseits mit der traditionsgebundenen Alltags- Doch das Kind des ungeliebten Mannes stirbt bereits
kultur seines katholischen Wohnorts und andererseits kurz nach der Geburt. Die Neigung zu Arnold, die öf-
mit der preußischen »Staatsideologie des Bündnisses fentlich ruchbar wird, führt zur Ehescheidung, ohne
von Thron und Altar« (Lohmeier, LL 1, 1118), ver- selbst zu einer dauerhaften Verbindung werden zu
band Storm hier zwei seiner zentralen Themen: die dürfen: »Öde, trostlose Tage folgten« (LL 1, 522). An-
Emanzipation von dieser Vorherrschaft und die Span- nas Niederlage kulminiert in dem verzweifelten Aus-
nung von Religionskritik und Kontingenzbewälti- ruf, mit dem sie Rudolphs Frage beantwortet, ob ihr
gung. Beide Themen waren schon in Veronica in klei- verstorbenes Kind die Frucht eines Ehebruchs aus Lie-
nerem Umfang bearbeitet worden, beide werden u. a. be gewesen sei: »leider nein!« (523). Es ist diese Provo-
in Aquis submersus (1878) wieder aufgenommen. kation, die Storm vergebens gegen den Gartenlaube-
Storms eigene Hochschätzung der Novelle hat auch Verleger verteidigt hat; sie findet sich erst in der Buch-
mit der vollendeten Realisierung der Postulate des ausgabe. Bei einem späten Versuch, die Beziehung
Poetischen Realismus zu tun; hier sei es gelungen, »ei- zum Ehemann brieflich wieder aufzunehmen, erfährt
nen wirklichen Lebensgehalt zum poetischen Aus- Anna von seinem Tode; so kann endlich Arnold zu ihr
druck zu bringen« (an Ernst Keil, 14.12.1861, zit. nach ins Schloss zurückkehren, zusammen mit dem
LL 1, 1111). Wirklich erzählt Storm auf der Höhe sei- Oheim. Dieser übernimmt das Amt des Schlossver-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_41, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
160 III Werk – D Novellen

walters; Anna und Arnold leben fortan zusammen. wissenschaften, so liebt Anna von klein auf die Mär-
Ihre Liebe erscheint als eine symbolische Befreiung chenlektüre; wie er die Liebe als Reproduktionsnot-
auch der namenlosen Ahnen auf den Gemälden im al- wendigkeit erklärt, so findet sie in ihr eine Lebens-
ten Rittersaal; in den letzten Sätzen lässt Storm aus ei- erfüllung; wie er ihren Gesang von Nicolais
nem Gemälde den »Prügeljungen« eines vergangenen Kirchenlied Wie schön leuchtet der Morgenstern mit
Jahrhunderts hinunterblicken auf die befreiten »Kin- darwinistischen Belehrungen als törichte Schwärme-
der einer andern Zeit« (528). rei unterbricht, so erinnert sie sich noch als Erwachse-
Mögliche Auswege hat Anna bis dahin nicht nur in ne an ihr kindliches Gottvertrauen, das ihr jetzt, im
der (Bildungs-)Bürgerlichkeit Arnolds wahrgenom- Sinne der Frühromantik, als eine mit dem Kindsein
men, sondern auch in der Lebensweise der Landarbei- gegebene Gottesnähe erscheint: »der ›liebe Gott‹, wie
ter (ein von fern an Tolstoi erinnernder Zug): »Um die ihn die Kinder haben, war überall bei mir« (492). Was
Mittagszeit sah ich die Leute von der Feldarbeit zu- für den Oheim »all’ das dumme Zeug« (494) ist, be-
rückkehren. Mir war, als müßte der Ausdruck der deutet für sie, durchaus zustimmend, »meine Mär-
Trostlosigkeit auf allen Gesichtern zu lesen sein; aber chenwelt«. Beide durchgehend kontrastierten, in zen-
sie schlenderten wie gewöhnlich gleichgültig und la- tralen Passagen explizit diskutierten Deutungsper-
chend über den Hof« (509). Annas und Arnolds end- spektiven streiten um das richtige Verständnis von
liche Liebes- und Lebensgemeinschaft kommt der an- ›Natur‹ und ›Liebe‹ angesichts der Allgegenwart des
gestrebten ›Natürlichkeit‹ nahe: Sie überwindet die Todes. Diese hat Anna zum ersten Mal in der baro-
aristokratischen Standesschranken; sie verzichtet auf cken Allegorie eines Marmorreliefs im Rittersaal be-
die amtlichen Ordnungen der bürgerlichen Ehe, und griffen, das den »Krieg des Todes mit dem mensch-
mit der Einbeziehung des alten Oheim verbindet sie lichen Geschlechte« (492) zeigt.
amor und caritas. Als Ziel der Novelle erscheint, programmatischer
Fast durchgängig, unterbrochen nur durch kurze als im bisherigen Werk Storms, eine aus der Kritik
Ausblicke auf die ferne Stadt, ist die erzählte Welt re- sowohl des Christentums als auch einer materialisti-
duziert auf zwei antagonistisch semantisierte Schau- schen Naturwissenschaft abgeleitete Integration ra-
plätze; beide sind im Titel angedeutet. Das »steinerne« tionaler und irrationaler Momente. Die »neue be-
Schloss als Todesort (sinnfällig beginnt die Binnen- scheidenere Gottesverehrung« (512), in die Arnold
erzählung mit Annas Blick auf den Friedhof) ist erfüllt Anna mit deistischen Formulierungen einzuführen
von den genealogischen Gespenstern einer lebens- sucht, trägt Feuerbachsche (dazu Baßler 1987), aber
feindlichen Vergangenheit: Unter den Gemälden des mehr noch monistische Züge (im Sinne der von
Rittersaals als dem semantischen Extrempunkt sieht Ernst Haeckel seit 1868 popularisierten Auffassun-
Anna sich (wie dann die Heldin in Aquis submersus) gen). Die »Naturforscher« selbst erscheinen nun als
bedrängt von den Bildern toter Ahnen; auch ihre erste die wahren Frommen; auf sie bezieht Arnold das Bi-
Liebe gilt dem Bildnis eines Knaben. Der Gegenraum belwort »So ihr mich von ganzem Herzen suchet, so
der lebensvollen Natur, die zu Annas Zufluchtsort will ich mich finden lassen!« (LL 1, 510; Jer 29,13;
wird, kulminiert im Extrempunkt des grünen »Laub- vgl. LL 1, 1130). Liebend im romantischen wie im
schlosses« (494) eines Baumwipfels. biologisch-reproduktiven Sinne werde der Mensch
Strukturiert ist der Text aber noch durch eine zwei- zum Teil eines Lebenszusammenhangs »ohne ein an-
te Opposition, die dieser semantischen Raumordnung deres Wunder, als das der ungeheuern Weltschöp-
nicht einfach homolog ist, sondern quer zu ihr steht. fung«. Die Sterblichkeit des Einzelnen ist aufgehoben
Mit ihr tritt erst im Laufe der Erzählung als zweites, im Gang des Ganzen: »Ich sah«, bekennt Anna, »den
die sozialkritischen Aspekte umgreifendes Thema die Baum des Menschengeschlechtes heraufsteigen,
Ambivalenz unvereinbarer Weltsichten hervor, die Trieb um Trieb« (510).
sich schließlich als Reflexion über Leistung und Gren- Das unverhofft glückliche Ende erfüllt, indem es
zen der aufgeklärten Vernunft lesen lässt. Der wissen- diese aufgeklärte Liebesreligion verwirklicht, zugleich
schaftlichen und betont pessimistischen Weltsicht des die aufgeklärten Postulate des Oheims und Annas ro-
Oheims steht die (im Urteil des Oheims: »phantasti- mantisch-märchenhafte Träume. Mit der Überschrei-
sche«) Weltsicht Annas und Arnolds gegenüber, die, tung der semantischen Grenze von Feudalordnung
mit ihrer Bindung an Kunst, »Märchen« und einen und Naturzustand in der Verwirklichung der ›natürli-
kindlich-frommen Glauben, romantischen Vorstel- chen‹ Liebe inmitten des Schlosses ist auch die Dicho-
lungen entspricht. Wie der Oheim die exakten Natur- tomie der Schauplätze aufgehoben.
41 »Im Schloß« (1862) 161

Dennoch bleibt überraschenderweise eine Span- aufgeklärt-erwachsener Vernunft und romantisch-


nung über das Ende hinaus wirksam, die Storm als be- kindlichem Märchen in einem paradoxen Schauplatz:
wussten Widerspruch kalkuliert zu haben scheint. Er ist nicht von dieser Welt (»denn dort hinunter liegt
Fast genau in der Mitte der Novelle steht eine Binnen- kein Wald«) und doch ganz von dieser Welt (»da hi-
erzählung Arnolds, die sich, gerade weil sie für den nab«). Mit der proklamierten Synthese ist er so wenig
Gang der Handlung offenkundig funktionslos bleibt in Übereinstimmung zu bringen wie mit derjenigen
(Lohmeier, LL 1, 1116), als Angelpunkt im Streit der der Schauplätze. Vielmehr wird hier der ontologische
Weltsichten verstehen lässt (Detering 2008). In dieser Status der erzählten Welt selbst im Zeichen eines uto-
Szene wird die Ambivalenz von ›erwachsener‹ Ver- pischen Dritten in eine Ambivalenz überführt, die un-
nunft und ›kindlicher‹ Unvernunft in einer offen blei- aufgelöst bleibt.
benden Frage fixiert. Die Passage entstammt fast
wörtlich einem Brief Storms an Mörike vom Novem- Literatur
ber 1854 (Storm‒Mörike, 52 f.), wo sie sich auf Storms Baßler, Moritz: »Die ins Haus heimgeholte Transzendenz«
Gedicht »Waldweg« bezieht. Storms briefliche Bemer- – Theodor Storms Liebesauffassung vor dem Hintergrund
der Philosophie Ludwig Feuerbachs. In: STSG 36 (1987),
kung an Pietsch, dass »mein Ich diesmal mehr als 43‒60.
sonst in meiner Arbeit ausgeprägt ist« (Storm–Pietsch, Boswell, Patricia M.: Theodor Storms Heiligenstädter Novel-
78), lässt sich auch auf diese autobiographisch-exis- le »Im Schloß«. In: STSG 40 (1991), 17‒32.
tenzielle Frage beziehen. Demandt, Christian: Religion und Religionskritik bei Theodor
Bei einem Landausflug berichtet Arnold von einem Storm. Berlin 2010, bes. 127–169.
Detering, Heinrich: »Im Schloss«. Zweideutige Wirklichkei-
Erlebnis, das ihm als Zwölfjährigem widerfahren ist:
ten. In: Christoph Deupmann (Hg.): Theodor Storm: No-
Bei einer Wanderung »da hinab in die Wiesen« sei er vellen. Interpretationen. Stuttgart 2008, 33‒47.
in einen Wald und auf »eine kleine sonnige Lichtung« Detering, Heinrich: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das
geraten. »Ich blieb unwillkürlich stehen; mich über- Ende der Romantik. Heide 2011.
kam ein Gefühl unendlicher Einsamkeit. Es war so Fasold, Regina: »...Gegangen zum entlegenen Waldes-
seltsam still hier; ein paar Schmetterlinge gaukelten grund...« Naturwahrnehmungen Theodor Storms aus lite-
raturpsychologischer Sicht. In: Storm-Blätter 13 (2007),
lautlos über einer Blume, der Sonnenschein lag schim-
74–83.
mernd auf den Blättern, und ein schwerer, würziger Hettche, Walter: Das gefährdete Idyll. Räume des Realismus
Duft schien wie eingefangen in dem abgeschiedenen bei Stifter und Storm. In: Storm-Blätter 12 (2006), 6‒22.
Raume. In der Mitte desselben auf einem bemoosten Jackson, David A.: Theodor Storm’s Democratic Humanita-
Baumstumpf lag eine glänzend grüne Eidechse und rianism. The Novella »Im Schloß« in Context. In: Oxford
sah mich wie verzaubert mit ihren goldenen Augen German Studies 17 (1988), 10‒50.
Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati-
an. – – Ich weiß dies alles genau; ich weiß bestimmt, scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001.
daß wir vom Bienenhof hier in grader Richtung über Küpper, Achim: »Das kommt von all’ dem Bücherlesen!«
die Wiesen fortgegangen sind. Und doch lacht der Intertextualität, Erzählproblematik und alternative Lese-
Schulze mich aus, wenn ich ihn jetzt daran erinnere; pläne in Theodor Storms Novelle »Im Schloß«. In: STSG
denn dort hinunter liegt kein Wald und hat auch seit 54 (2005), 93–111.
Laage, Karl Ernst: Der kritische Storm. Heide 1989.
Menschengedenken keiner mehr gelegen. – Wo aber
Lee, No-Eun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
bin ich damals denn gewesen?« (LL 1, 506 f.; zur psy- Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2005.
choanalytischen Lesbarkeit der Szene s. Fasold 2007). Stockinger, Claudia: Storms Verständnis des Genres Novelle.
Diese Frage bleibt offen. In Arnolds Bericht mani- Novellenpoetik als Medienpoetik. S. Kap. D.27.
festiert sich die textbestimmende Dichotomie von
Heinrich Detering
162 III Werk – D Novellen

42 »Auf der Universität« (1863) über die aufgefundene Tote: »Was der gefehlt haben
mag. [...] Es muß doch eine von den vornehmen Fräu-
Die im Entstehungsjahr 1862 von mehreren Zeit- leins gewesen sein. – Und in vollem Staat ist sie ins
schriftenverlagen abgelehnte und deshalb 1863 so- Wasser gegangen« (593). Dieser Frage nach den mög-
gleich als Buchausgabe erschienene Novelle Auf der lichen Tatmotiven liegt wie selbstverständlich die Vo-
Universität beginnt mit drei Episoden aus der Schüler- raussetzung zugrunde, es habe sich die junge Frau aus
zeit des fiktiven Ich-Erzählers: In variierenden Hand- Verzweiflung über irgendeinen Mangel ertränkt.
lungskontexten (Tanzschule, Eislauf, Abendspazier- Allerdings ist die Textstelle keineswegs eindeutig.
gang im Park) unternimmt der aus gutbürgerlichem Neben der auffällig angezeigten Unzuverlässigkeit des
Hause stammende Philipp immer neue, merkwürdig zitierten Passanten – erkennbar schon an dessen rauer
halbherzige und letztlich erfolglose Anläufe, in eine Stimme, vor allem aber an seiner falschen Einschät-
erotische Beziehung mit der Schneiderstochter Leno- zung der Toten als vornehm – verdient die Tatsache
re Beauregard einzutreten. Die anschließenden vier Beachtung, dass es der Autor vermieden hat, die Figur
weiteren Kapitel der Erzählung beinhalten Erlebnisse ausdrücklich von einem Selbstmord sprechen zu las-
aus Philipps Studienzeit an der Ostseeküste: Der an- sen. Zwar ist die Wendung ›ins Wasser gehen‹ ein
gehende Jurist begegnet seiner inzwischen als Näherin durchaus geläufiger Euphemismus für Selbsterträn-
arbeitenden »Knabenliebe« (LL 1, 564) zufällig wie- kungen. Da aber nicht ein jeder Gang ins Wasser auf
der, verharrt nun allerdings in der Rolle eines weit- Selbsttötung abzielt, lässt sich die Formulierung zu-
gehend passiven Beobachters. Lore steht zu dieser Zeit nächst auch einfach im wörtlichen Sinne verstehen.
in dem Ruf, zur Geliebten eines Korpsstudenten ge- Als Tatsache vorgegeben ist dann lediglich ein Raum-
worden zu sein, der ob seines Reichtums und seiner wechsel, dem jedoch symbolische Bedeutung zu-
Rücksichtslosigkeit den Spitznamen »Raugraf« trägt. kommt, sobald man die Raumstrukturen der erzähl-
Während einer Tanzlustbarkeit, auf der Philipp die ten Welt als ein semiotisches System »für den Aus-
junge Frau letztmals trifft, wirkt sie an der Seite jenes druck anderer, nichträumlicher Relationen« (Lotman
berüchtigten Kommilitonen unglücklich und sogar 1972, 330) zu entziffern beginnt. Besonders auf-
hasserfüllt, kann sich aber, wie sie dem Jugendfreund schlussreich ist diesbezüglich das Jugend-Kapitel »Auf
in einem heimlichen Gespräch zu verstehen gibt, dem Mühlenteich«, das die Schilderung einer auf
gleichwohl nicht vorstellen, den Heiratsantrag eines »jungfräulichem Eise« (LL 1, 546) lust- und gefahrvoll
ihr ebenfalls schon seit Jugendtagen vertrauten Hand- verlaufenden Schlittenpartie enthält. Deutlich ange-
werkers anzunehmen. Beim Verlassen des Balles sieht zeigt wird dort eine »sexuelle Gleichnishaftigkeit von
Philipp die vormals tanzlustige Lore einsam im Freien See und Wasser« (Pastor 1988, 89), mit der im weite-
stehen, ihren Blick auf das nahe gelegene Meer rich- ren Textverlauf beständig zu rechnen ist. Wie der
tend. Als er dann am nächsten Tag einen Spaziergang Mühlenteich fungiert in der Novelle auch das Meer als
zum Strand unternimmt, liegt sie dort, von Fischern ein semantisches Feld für Erotik, Sexualität und Weib-
umringt, tot im Ufersand. Was in der Zwischenzeit ge- lichkeit, zu dem es die Protagonistin mit zunehmen-
schehen ist, entzieht sich der Kenntnis des Erzählers. der Reife immer stärker hinzieht. Bereits als dreizehn-
Zwischen den beiden letzten Kapiteln der Novelle jähriges Mädchen steckt sie sich in freudiger Reaktion
klafft eine Leerstelle im dargestellten Geschehen, so- auf ihre Einladung zur Tanzschule »rote Korallen-
dass sich der Leser die Umstände von Lenores Tod aus knöpfchen« ans Ohr (LL 1, 532). Dem am Schluss des
einer Reihe von Andeutungen und Indizien selbst er- Textes tot aufgefundenen »Frauenzimmer« hängen
schließen muss. »Seetang und Muscheln« in den »triefenden Haaren«
In den meisten Kommentaren zu der Novelle wird (593), womit die weibliche Hauptfigur – deren Ruf-
angenommen, dass die Protagonistin Selbstmord be- name Lore nicht von ungefähr an die naturdämo-
gangen habe, nachdem sie vom Raugrafen sexuell ver- nische Lore Lay erinnert – vollends das Aussehen ei-
führt und somit um die Möglichkeit einer bürger- ner Wasserfrau angenommen hat. Ihren nächtlichen
lichen Existenz gebracht worden sei. Einer solchen Gang ins Wasser kann man von daher als Sinnbild für
Deutung leistet der Text mit diversen Motivanleihen einen Entwicklungsschritt deuten, mit dem sich »la-
an das Bürgerliche Trauerspiel Vorschub. Noch wich- tente[] Weiblichkeit [...] in einen manifesten Frauen-
tiger für die Leserlenkung ist jedoch eine im Schluss- status« verwandelt (Börner 2009, 320). »Seetang und
kapitel platzierte Figurenaussage. Unter den Schaulus- Muscheln« als Lores neuer Schmuck ersetzen eine
tigen am Strand wundert sich eine »rauhe Stimme« weiße Rose, die, noch am Vorabend getragen, von se-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_42, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
42 »Auf der Universität« (1863) 163

xueller Unschuld zeugte, während der Nacht dann dauerhaft erblasste Lenore einsam daneben. Der »wie
aber – wie die Protagonistin selbst – »ins Meer hinaus- ermüdet« (585) wirkende Raugraf hat sie ein einziges
geschwommen sein [mochte]« (LL 1, 593). Mal zum Tanzen geholt, beschränkt sich nun aller-
Ursache für den Tod der Heldin wäre demnach dings darauf, andere Tänzer von ihr fernzuhalten. Wie
nicht ihr Gang ins Wasser, sondern, gerade im Gegen- die vormals stets tanzlustige Protagonistin diese Situa-
teil, eine erzwungene Rückgängigmachung dieses sym- tion erlebt, verdeutlicht anschließend ein auch aus Fi-
bolischen Raumwechsels: Entgegen der Tatsache, dass gurensicht sinnbildhaftes Geschehen: In Gegenwart
die nächtliche Grenzüberschreitung zu Lores ›Deflora- ihres Gefährten schenkt sich Lore Champagner ein,
tion‹ geführt hat, findet sich ihr Leichnam am nächsten wobei sie die berauschende Flüssigkeit »mit einem
Morgen auf die semantische Schwelle zur Weiblichkeit Ausdruck von Trostlosigkeit« betrachtet, »als sehe sie
– an den Strand als Grenze – gleichsam zurückversetzt, ihr Leben aus der Flasche rinnen« (587). Scheinbar
um abschließend unter einem Grabstein verschwinden achtlos lässt sie diesen Lebensstrom vom überlaufen-
zu können, dessen weiße Farbe die Heldin nachträglich den Glas auf Tisch und Erde fließen, was zwei umste-
wieder zur »Virginie« (573) stilisiert. hende Studenten, die in dem Vorgang »Überfluss«
Dass es der Text durchaus nahelegt, das Ableben und »Stoffvergeudung« erkennen (587), sogleich zu
der weiblichen Hauptfigur auf Fremdeinwirkung zu- Annäherungsversuchen ermutigt. Als dann aber der
rückführen, zeigt sich an einer weiteren intertextuel- Raugraf mit der Behauptung interveniert, es läge in
len Referenz. Außer an die Loreley nämlich, welche als Lores »Natur«, ihre persönlichen Ressourcen unge-
Sirene, Hexe und Rheintochter die sich ihr nähernden nutzt verrinnen zu lassen, widerlegt dies die so Be-
Männer in den Tod lockt, erinnert der Name von schriebene, indem sie »die Flasche auf den Tische
Storms Protagonistin auch an die Sagengestalt Lenore, [setzt]«, dem Sprecher einen »Blick voll unergründli-
die, weil sie den kriegsbedingen Verlust ihres Verlob- chen Hasses zu[wirft]«, »auf[steht]« und in Richtung
ten nicht hinnehmen will, durch fremde Gewalt selber Tanzsaal entschwindet (587 f.). »Mit Heftigkeit ihren
ums Leben kommt. Der verstorbene Geliebte er- Arm« packend, versucht der Raugraf sie zunächst
scheint ihr als Wiedergänger, kündigt an, sie auf sei- noch zurückzuhalten, hält ihrem Blick aber nicht
nem Pferd zum ersehnten Brautbett bringen zu wol- stand und bleibt voll »verbissen Jähzorns« allein zu-
len, reitet dann allerdings auf den Friedhof mit ihr rück (588). In jener Flasche, deren Inhalt das Leben
und nimmt sie zu sich ins Grab. An diese vor allem aus der Heldin symbolisiert, befindet sich da noch ein
Gottfried August Bürgers Lenore-Ballade bekannte Rest. Und genau den gießt, in einem Lenores nahen
Geschichte knüpft in Storms Novelle die Szene an, in Tod ankündigenden Akt, der verlassene Liebhaber
der die Heldin erstmalig Besuch vom Raugrafen er- »langsam« aus (588).
hält. Von dem »blassen, vornehmen Studenten« auf Ich-Erzähler Philipp erlebt diesen letzten Abend
dessen »Goldfuchs« gehoben (571), beginnt auch Le- seiner Jugendbekannten als ein anteilnehmender Be-
nore Beauregard einen symbolträchtigen Pferderitt, obachter. Doch ist in der Forschung wiederholt unter-
der sie einer Erfüllung ihrer sozialen und sinnlichen sucht worden, inwiefern eine gewisse Schuld am Un-
Wünsche näher zu bringen scheint, stattdessen aber glück der Protagonistin, wenngleich er »eine solche
damit endet, dass die Reiterin »blaß wie der Tod« wird Mithaftung« im Nachhinein »wegerzählen möchte«
(573). Denkt man die offenkundige Analogie zu Bür- (Pastor 1988, 86), auch ihn persönlich trifft.
gers Ballade konsequent weiter, so ist dem anämisch- Interpreten, die Lores Unglück in schichtenbezoge-
«bleichen« (585) Raugrafen die Rolle jenes Schein- ner Diskriminierung begründet sehen, gehen davon
Bräutigams zuzuordnen, der die nach Glück sich seh- aus, dass Philipps jugendzeitliches Interesse an der
nende Lenore aus dem Leben befördert (vgl. Pastor schönen Kleinbürgerstochter in dieser einen »Traum
1988, 94–96; Stein 2006, 44–50). von Glück in Gang gesetzt« habe (Pastor 1988, 88), der
Bestärkt wird eine solche Rollenerwartung, unmit- sie fortan nach einem ihr gesellschaftlich vorenthalte-
telbar vor dem tatsächlichen Tod der Heldin, durch nen Leben streben lasse. Wie später der Raugraf habe
die bereits erwähnte Studentenball-Szene: Während bereits der Arztsohn Philipp eine dauerhafte Verbin-
die übrigen Handwerks-«Mädchen« (LL 1, 584), sich dung mit Lore nie in Betracht gezogen, sodass deren
von den »vornehmsten Herren Studenten« (578) die von ihm veranlasste Einladung zu den Tanzstunden
Möglichkeit »sorglosen Lebensgenusses« erhoffend nicht mehr gewesen sei als ein »leeres Versprechen«
(584), bei »ungestüm« ausgeführten Tänzen sämtlich (ebd., 86). Zur Erklärung von derlei Unaufrichtigkeit
»zu Fall gebracht« werden (586), sitzt die inzwischen verweisen solche sozialkritischen Deutungen in erster
164 III Werk – D Novellen

Linie auf schichtenspezifisches Distinktionsstreben. trolliert (vgl. Stein 2006, 45–47) und ihr dann schließ-
Eher am Rande wird erwähnt, dass etwa die Eislauf- lich, nachdem seine Augen-Macht während des Stu-
Szene auch auf sexuelle »Hemmungen und Verdrän- dentenballs versagt hat, jähzornig nach dem (im
gungen« hindeute (Jackson 2001, 143). Champagner symbolisierten) Leben trachtet. Aller-
Stärker psychologisch ausgerichtete Textanalysen dings gerät in der Jugendszene auf dem Mühlenteich
(Nathanielsz 2005, Stein 2006, Börner 2009) kehren – in der die von ihm über das Eis geschobene Lore sei-
diese Akzentuierung um, indem sie den Standeskon- nen »anstrengenden Damendienst« (LL 1, 543) nicht
flikt als eine camouflierende Deckschicht auffassen, zu würdigen weiß – auch Philipp schon derart in
hinter der die Novelle eine Beziehungsproblematik »Wut« (547), dass bereits er dem Mädchen, sinnbild-
ganz anderer Art entfaltet. lich verbrämt, den Tod androht (»ich fahre dich in die
Ein wichtiges Indiz dafür ist die Tatsache, dass mit Nacht hinaus, [...] mir gleich, ob[] [das Eis] hält oder
dem Tod der Heldin ein von Anfang an gehegter nicht«; 547). Somit scheint es in der Tat angebracht zu
Wunsch in Erfüllung geht. Gleich nämlich während sein, den mit Pferd und Blässe zum Todesdämon stili-
des ersten Kapitels stellt sich Philipp in einer »visionä- sierten Raugrafen und das erzählte Ich Philipp – zu-
ren Träumerei« Lores tanzende »Füßchen« vor, wie sie mal in dessen Namen das Pferdemotiv vorausdeutend
im Wirbel der Schritte »da [...] und wieder fort« sind anklingt – als eine »Aufspaltung des Ich-Erzählers in
und ihn auf diese Weise »unaufhörlich [necken]« (LL verschiedene Personen anzusehen« (Röbling 1983,
1, 531). Schon damals wünscht sich das erzählte Ich 113).
ein Innehalten der unkontrollierbaren Bewegung, Auf der Universität zählt unbestritten zu Storms ge-
muss auf solchen Stillstand aber solange warten, bis lungensten Werken der Heiligenstädter Zeit. »Mag der
die passionierte Tänzerin tot am Strand liegt und ihre Novelle auch manches von der sozialkritischen Schub-
»kleinen tanzenden Füße [...] jetzt regungslos unter kraft anderer realistischer Literatur dieser Jahre [...]
dem Kleide hervor[ragen]« (593). abgehen«, ist sie gleichwohl »ein kleines [...] Meister-
Im Sinne der psychoanalytischen Fetischismus- werk« (Pastor 1988, 96), das sich durch komplexe Er-
Theorie fungieren die von Philipp (und auch dem zählverfahren und ein hohes Maß an Mehrdeutigkeit
Raugrafen) fetischisierten Schuhe und Füße als ein auszeichnet, vor allem aber etwas darüber mitzuteilen
Mittel zur Verleugnung bzw. Abwertung der genitalen vermag, wie aus Ängsten Gewalt entsteht.
Sexualität (vgl. Röbling 1983, 116–118; Stein 2006,
64–67). Deren tendenzielle Nicht-Anerkennung ist Literatur
symptomatisch für tiefliegende Ängste und kann als Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die
wesentlicher Grund dafür gelten, warum Stormsche Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009.
Jackson, David: Theodor Storm. Dichter und demokratischer
Jungen- und Männer-Figuren von »kindhaften Mäd-
Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001.
chen« (Röbling 1983, 103) fasziniert sind, auf weibli- Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München
che Sexualität jedoch, sie mit Überforderung, drohen- 1972.
dem Objektverlust und Untergang assoziierend, aus- Nathanielsz, Annette: Tod, Weiblichkeit und Hysterie in
weichend oder repressiv reagieren. »Auf der Universität«. Theodor Storms Novelle als nord-
Gerade Letzteres wird in Auf der Universität mehr- deutsches Sittenbild aus der Provinz. In: STSG 54 (2005),
77–91.
fach angedeutet. Je weiter sich Lenores »liebliche Kin- Pastor, Eckart: Die Sprache der Erinnerung. Zu den Novellen
desgestalt« (LL 1, 584) allmählich zur »voll aus- Theodor Storms. Frankfurt a. M. 1988.
gewachsenen Mädchengestalt« (585) bzw. »vollsten Roebling, Irmgard: Liebe und Variationen. Zu einer biogra-
Jungfräulichkeit« (565) entwickelt, desto gewaltsamer phischen Konstante in Storms Prosawerk. In: Amsterda-
wird ihrem in Bewegungslust sich manifestierenden mer Beiträge 17 (1983), 99–130.
Stein, Malte: »Sein Geliebtestes zu töten«. Literaturpsychologi-
Begehren Einhalt geboten. Diesen repressiven Part
sche Studien zum Geschlechter- und Generationenkonflikt
übernimmt vor allem der Raugraf, insofern er die Pro- im erzählerischen Werk Theodor Storms. Berlin 2006.
tagonistin zunächst mit hypnotischen Blicken kon-
Malte Stein
43 »Abseits« (1863) 165

43 »Abseits« (1863) ren mühseliger Arbeit tragen wird« (1180), hat sich
weitgehend erfüllt – mit seinem bekannten Gedicht
Storms zweite Auftragsarbeit für die renommierte von 1847 teilt Abseits Schauplatz und Titel, nicht aber
Leipziger Illustrirte Zeitung erschien unter dem Titel das ästhetische Gelingen. Anders als in der ebenfalls
Abseits. Eine Weihnachtsidylle von Theodor Storm. Il- in Heiligenstadt verfassten Vorjahresarbeit Unter dem
lustrirt von Otto Speckter (LL 1, 619–648) in der Tannenbaum (1862), deren Heterogenität und lose
Weihnachtsausgabe vom 19.12.1863 und wurde 1865 motivische Verknüpfung als poetologisch motiviert
gemeinsam mit der Vorjahresarbeit Unter dem Tan- gelten können, erfüllt das ebenfalls im Zeichen von
nenbaum in der Separatausgabe Zwei Weihnachtsidyl- Einsamkeit und Vertreibung stehende Weihnachtsfest
len. Illustriert von Otto Speckter und Ludwig Pietsch in Abseits trotz deutlicher Bemühungen seine Klam-
mit geringfügigen Änderungen wiederveröffentlicht merfunktion nicht. So nutzt Storm zwar das populäre
(vgl. 1179). Medium der illustrierten Weihnachtserzählung er-
Die Rahmenerzählung zeichnet das Bild einer klei- neut, um auf die ungeklärte politische Situation im
nen Gruppe »Kolonisten« (619), die vor den Toren ei- Herzogtum Schleswig hinzuweisen, doch fällt der
ner in die »Gewalt des fremden Nachbarvolkes« (618) Versuch einer Verknüpfung von privater und öffent-
gefallenen Küstenstadt in der Heide leben. Der Besit- licher Geschichte dieses Mal zulasten der Novelle aus.
zer, ein noch in der Stadt ansässiger Senator, nutzt das Dass Storm das Weihnachtsgeschehen entgegen sei-
Heidegut als Rückzugsort, verfolgt mittelfristig aber ner Gewohnheit kaum schildert und auch die Heide
auch Pläne zur Gewinnung von Weideland. Im Mittel- nicht zur Idylle verklärt, trägt zum disparaten Ge-
punkt der Novelle steht Meta Hansen, »ein altes In- samteindruck bei, ist jedoch lediglich als Nebeneffekt
ventarienstück der Familie« (620) des Senators, die ei- der raumzeitlich und figural zu weit ausgreifenden
nem Dorflehrer an einem einsamen Weihnachtsnach- Konstruktion zu verstehen. Neben der unübersicht-
mittag ihre Entsagungsgeschichte erzählt. Nachdem lichen Fülle von teils mit komplexen Vorgeschichten
sie jahrelang mit Ehrenfried, einem Gehilfen des Se- ausgestatteten Figuren wie Senator, Lehrer, Neffe und
nators, im Verborgenen für den Erwerb eines eigenen Bruder trägt vor allem die widersprüchliche Raumse-
kleinen Ladens gespart hatte, sahen sich die Geschäfte mantik dazu bei, dass der Novelle weder eine ge-
ihres im Ausland tätigen Bruders nach dessen hei- schlossene Handlung noch eine einheitliche Stim-
mischem Freischärler-Einsatz gegen die dänischen mung eignet. Exemplarisch zeigt sich dies am Heide-
Truppen plötzlich vom Bankrott bedroht und bedurf- hof, der zugleich als aufgezwungener Gegenort zur
ten Metas Ersparten zu ihrer Rettung. Nach einigem »unheimlich gewordenen Heimatstadt« (620) und als
Ringen entschied sich Meta zu Ehrenfrieds Entsetzen geliebte »heimatliche Erde« (646) figurieren soll. Auf
für ihren Bruder und besiegelte damit das Ende der der Grundlage dieser denkbar allgemeinen Metony-
angestrebten Beziehung mit ihrem Standesgenossen. mie lässt sich das ohnehin mit Spuren des Unheimli-
Wie der Lehrer nun erfährt, hatte die Grabinschrift chen und Abergläubischen (vgl. 640) belehnte Exil
seines im Kampf gegen die Dänen gefallenen Sohnes zwar zur revolutionären Keimzelle künftiger, der
(»Niemand hat größere Liebe, denn die, daß er sein »Herrlichkeit der deutschen Nation« (646) teilhaftiger
Leben lässet für seine Freunde«; 632) den endgültigen Generationen umcodieren, doch sieht sich diese
Ausschlag für Metas Verzicht auf die Lebens- und Ar- schwach motivierte Lösung sowohl vom sozialen Ab-
beitsgemeinschaft mit Ehrenfried gegeben. Die Wie- stieg des Kaufmannssohns zum Heidebauern als auch
deraufnahme der Rahmenerzählung führt nun zur von der genealogisch wenig zukunftsträchtigen Le-
späten Restitution: Ein Fremder dringt in Metas weih- bensgemeinschaft von Tante und Neffe sogleich wie-
nachtliche Einsamkeit, entpuppt sich als der lang er- der in Frage gestellt. In psychoanalytischer, von zahl-
wartete Neffe Friedrich und führt die Tante ins Stadt- reichen subtil platzierten Textdetails gestützter Per-
haus des Senators, wo sie neben einem üppigen Weih- spektive lässt sich diese Notlösung zwar auch als retar-
nachtsfest auch ihr Bruder erwartet. Dieser hat das dierte Erfüllung eines frühkindlichen inzestuösen
Nachbargrundstück der Heidekolonie erworben, um Begehrens lesen, da die einander einst sehr naheste-
es von Friedrich und Meta bewirtschaften zu lassen, henden Geschwister auf raumzeitlich verschobene
woraufhin die spät zu Haus und Familie Gekommene Weise doch noch eine Kleinfamilie gründen. Den-
auch den Namen des mittlerweile verstorbenen Eh- noch bleibt selbst vor diesem Hintergrund die auf dem
renfried unter den Kaufvertrag setzen lässt. Sterbebett geäußerte Hoffnung Ehrenfrieds, sein Erb-
Storms Befürchtung, »daß dies Werkchen die Spu- teil möge dereinst wenigstens Metas Neffen »zu einem

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_43, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
166 III Werk – D Novellen

ganzen Menschenleben helfen« (635), trotz verbesser- le, sondern auch als kritische Mimesis eines verfehlten
ter ökonomischer Bedingungen unerfüllt. Ähnlich Bewusstseins interpretiert werden kann. Gleichwohl
fragwürdig wie diese erzwungene Idylle bleiben zwie- überwiegt angesichts der stark konstruierten, psycho-
spältige Figuren wie ein Bruder, der als vorgeblicher logisch nur schwach motivierten Handlung vor allem
Patriot im Ausland lebt und seine plötzlich umsorgte der Rahmenerzählung sowie der deutlich um Sym-
Schwester jahrelang vernachlässigt hat, oder ein Sena- pathie für die Figuren werbenden Erzählinstanz der
tor, der trotz seines Grolls gegen die »übermütigen Eindruck, Abseits sei eher nolens volens »Stückwerk«
Fremden« (620) weiterhin in der Stadt residiert, trotz geblieben.
Kinderlosigkeit das Traditions- und Familien-Para-
digma abdecken muss und mit dem Heidehof wohl Literatur
eher merkantile als politische Ziele verfolgt. Aus- Demandt, Christian: Religion und Religionskritik bei Theodor
gehend von Ehrenfrieds keineswegs versöhnlicher Le- Storm. Berlin 2011.
Korten, Lars: Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre
bensbilanz, alle Beteiligten hätten »nur ein Stückwerk 1848–1888. Stifter, Keller, Meyer, Storm. Tübingen 2009.
vom Leben gehabt« (635), ließen sich in diesen ambi- Lee, No-Leun: Erinnerung und Erzählprozess in Theodor
valenten, eher aktiven als passiven Figuren allerdings Storms frühen Novellen (1848–1859). Berlin 2005.
auch Ansätze der späteren ›realistischen‹ Poetik Neumann, Christian: »Fallen Sie nicht, Mamsell!« Verhin-
Storms erblicken, die das psychologisch Heterogene derte Ehen in Theodor Storms Heiligenstädter Novellen
»Drüben am Markt« und »Abseits«. In: Storm-Blätter 13
auch jenseits von Resignation und Verklärung zur
(2007), 6–28.
Darstellung bringt. Interesse verdiente in dieser Per- Rigby, Catherine E.: (K)ein Klang der aufgeregten Zeit. Ro-
spektive vor allem die inkonsistente Überblendung manticism, Ecology and Modernity in Theodor Storm’s
ökonomischer, patriotischer und religiöser Deutungs- »Abseits«. In: Christine Magerski/David Roberts (Hg.):
muster, die exemplarisch in Metas eigenwilliger Inter- Moderne begreifen. Zur Paradoxie eines sozio-ästhetischen
pretation der ihrerseits bereits säkularisierten Grab- Deutungsmusters. Wiesbaden 2007, 145–156.
inschrift des Lehrersohns zur Darstellung kommt und Christoph Steier
nicht zwangsläufig als Konstruktionsfehler der Novel-
44 »Unter dem Tannenbaum« (1862/1865) 167

44 »Unter dem Tannenbaum« spaziergang erneut der »alten Heimat« (607) gedacht
(1862/1865) haben, wird die mit Ausnahme des ausführlichen
Selbstzitats »Von drauß’ vom Walde komm ich her«
(ebd.) auffällig geraffte Binnenerzählung vom Auftre-
Die Auftragsarbeit Unter dem Tannenbaum (LL 1, ten eines »Knecht Ruprecht« (611) unterbrochen. Die-
594–618) erschien am 20.12.1862 in der Weihnachts- ser liefert einen Weihnachtsbaum samt reichhaltigem
ausgabe der renommierten Leipziger Illustrirten Zei- Zubehör, dessen Aufbau Anlass zu einer an Lessings
tung. Die vorgesehenen Illustrationen Ludwig Pietschs Laokoon geschulten, szenisch-sukzessiven Darstellung
wurden nicht rechtzeitig fertig und konnten erst 1865 gibt. An die Stelle sentimentaler Retrospektion tritt die
der Separatausgabe Zwei Weihnachtsidyllen. Illustriert erfüllte Gegenwart einer anschaulichen Szene, die die
von Otto Speckter und Ludwig Pietsch beigegeben wer- Vergangenheit einschließt und zugleich »mit leuchten-
den, die mit Abseits auch die im Folgejahr für die Jo- den Augen« (612) überstrahlt. Mit der Freude über das
hann Jacob Webers Wochenblatt verfasste Weih- unverhoffte Geschenk, das sich als Dankesgabe einer
nachtsnovelle enthielt. mit den Diensten des Amtsrichters zufriedenen Guts-
Im Mittelpunkt der mit deutlichen autobiographi- herrin entpuppt, endet die Novelle allerdings dezidiert
schen Indices versehenen Novelle steht die Familie des nicht: Während die von neuerlichem Heimweh geplag-
Amtsrichters Paul, die im mitteldeutschen Exil das ers- ten Eheleute dem »dunkeln Zuge der Wolken« (618)
te Weihnachtsfest fern der norddeutschen Heimat zu gen Norden nachschauen, geht im Haus die »alte Magd
begehen hat. Auffällig ist dabei zunächst die unge- umher und hütete sorgsamen Auges die allmählich
wöhnliche Zweiteilung in die gleich langen Kapitel »Ei- niederbrennenden Weihnachtskerzen« (ebd.), die an
ne Dämmerstunde« (594–606) und »Unter dem Tan- den Schein-Charakter jeder narrativen Vergegenwärti-
nenbaum« (606–618). Diese sind prima facie nur lose gung erinnern und die Novelle in performativer Folge-
aufeinander bezogen, so dass bereits die ausgeglichen- richtigkeit beschließen.
unausgeglichene Form auf jene für Storms Frühwerk Mit ihrer säkularisierten Behandlung des Weih-
typische ›Resignation‹ im Sinne gelassener Hinnahme nachtsfestes, dem Lob der bürgerlichen Kleinfamilie,
des Heterogenen zielt, von der auch Unter dem Tannen- den sublimierten Bezügen zum Unheimlichen, zum
baum zu erzählen unternimmt. Der erste Teil zeigt den Kindfrauen- und Fußfetisch in der Neujahrsszene,
Amtsrichter und seine Frau Ellen im vertrauten, aller- mit den Topoi der verlorenen Heimat, der Stimmung
dings von der »Not der Fremde« (595) überschatteten und der tröstlichen Pein der Erinnerung, aber auch in
Gespräch. Als besonders schmerzhaft wird das Fehlen der allgemeinen Passivität der Figuren und der laten-
eines Weihnachtsbaums empfunden. Angeregt vom ten Effeminisierung des Amtsrichters zeigt die Novel-
vertrauten »braunen Weihnachtskuchen« (ebd.) ver- le typische Züge der frühen und mittleren Werkphase
liert sich Paul zunächst in detaillierten Erinnerungen Storms. Dabei sind es vor allem die Insistenz auf der
an die Weihnachtsbräuche seiner Kindheit, die in eine ungelösten schleswig-holsteinischen Frage und die
widersprüchliche Wechselrede der Eheleute über den poetologische Reflexion des Erzählens, die Storms
Anfang ihrer Beziehung münden. Als Zentrum der erste Heiligenstädter Weihnachtsnovelle trotz teils
stark abweichenden Versionen kristallisiert sich ein spätbiedermeierlicher Oberflächensemantik vor sen-
Abend in Ellens Elternhaus heraus, an dem Paul seine timentaler Rührseligkeit bewahren. Neben die in den
Cousine bei einem »unheimlichen« (605) Neujahrs- unvereinbaren Versionen der Eheleute vorgeführte
brauch ertappt hatte, der die über einige misslungene Unzuverlässigkeit erzählenden Erinnerns als iden-
Annäherungsversuche bis dahin nicht Hinausgekom- titätsstiftendes Moment tritt in der »Weihnachts-
menen schließlich zusammenführte. Im Anschluss an kuchen«-Szene ein komplementäres Arrangement,
eine deutlich markierte Ellipse endet der erste Teil mit das den bereits von Storms Zeitgenossen als aristokra-
dem Hereintreten des zehnjährigen Sohnes Harro, der tisch kritisierten, strikt ortsgebundenen Heimat-
im Wald Moos und Zweige für einen »Weihnachtsgar- begriff des Richters (vgl. 1171 f.) subtil unterläuft: Der
ten« (606) gesammelt hat. Dieser an die Darstellung Kuchen, dem nach dem Modell der mémoire involon-
des Paradieses angelehnte Brauch ruft das Thema der taire »gute Geister« und »die Ferne der Vergangen-
Vertreibung in Erinnerung und verweist als defizitäres heit« (596) entsteigen, ist ein in der neuen Heimat ge-
Supplement zugleich auf den symbolträchtigen Weih- fertigtes Replikat. Dem tatsächlichen Erlebnis des
nachtsbaum, dem der zweite Teil der Novelle gewidmet Kennenlernens der späteren Eheleute, dem zwei un-
ist. Nachdem Vater und Sohn auf ihrem Weihnachts- vereinbare, aber jeweils für wahr gehaltene Erzählun-

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_44, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
168 III Werk – D Novellen

gen folgen, steht damit ein authentisches Erlebnis ge- entscheiden. Für die exilierte Kleinfamilie wäre es folg-
genüber, das auf einem Simulacrum beruht. Mit der lich nötig, sich nicht als »das letzte Kind von den Unse-
Darstellung ist in der Kuchen-Szene deshalb zugleich ren« (616), sondern als Ahnen einer noch fremden Zu-
eine Lektüreanweisung gegeben; wie das indexika- kunft zu verstehen, wie ja auch der Richter bekennt,
lische Zeichen im Text sollen auch die symbolischen seine Vorfahren seien »wurzelfest« erst über Genera-
Zeichen des Textes lebendige Erinnerungsprozesse tionen hinweg »geworden« (617). Über den Preis des
auslösen. Das detaillierte Erzählen zielt in Unter dem Vergessens und den Double-Bind des Gedenkens zwi-
Tannenbaum deshalb weniger auf den Barthes’schen schen Trost und Schmerz schweigt sich die Novelle in-
effet de réel oder die Evokation einer möglichst ge- des nicht aus, sondern lässt die Figuren in geteilter Not
schlossenen Stimmung, sondern erhöht vor allem die verstummen: »Sie antwortete nicht darauf, und gab
Dichte entsprechender sprachlicher Schlüsselreize. ihm schweigend ihre Hand« (616). Die Präsenzeffekte
Die doppelte Einsicht in die Konstruktivität iden- künstlerisch dargestellten und induzierten Erinnerns
titätsstiftender Erinnerung korrigiert folglich den werden folglich nicht als Allheilmittel poetischer
ortsgebundenen, genealogischen und von persönli- Selbstschöpfung, sondern lediglich als eben jenes zeit-
cher Bekanntschaft »über Geburt und Tod hinaus« lich begrenzte Pharmakon in Szene gesetzt, dessen
(617) geprägten Heimatbegriff des Richters, insofern Möglichkeiten und Grenzen die Novelle in ihrem ver-
die beklagte »Not der Fremde, daß man den Boden, gegenwärtigenden Gelingen ebenso wie in der poeto-
worauf man steht, in jeder Stunde neu erschaffen logischen Reflexion ihres eigenen Endens in Form der
muß« (595), grundsätzlich auch für das vermeintlich »allmählich niederbrennenden Weihnachtskerzen«
Eigene gilt. (618) zur Darstellung bringt.
Dass es Storm trotz seiner späteren, brieflich ge-
äußerten Insistenz auf dessen »volle[r] menschliche[r] Literatur
Berechtigung« (1172) auch um eine Kritik eines sol- Barthes, Roland: L ’Effet de réel. In: Communications 11
chen ›paradiesischen‹ Heimatbegriffs geht, zeigt ein (1968), 84–89.
Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati-
rhetorisch stimmiges Detail: Ergriffen vom eigenen scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001.
Heimweh, ergreift der Amtsrichter am Ende der No- Korten, Lars: Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre
velle »die Hand seines Kindes und preßte sie so fest, 1848–1888: Stifter, Keller, Meyer, Storm. Tübingen 2009.
daß der Junge die Zähne zusammenbiß« (618). Das Laage, Karl Ernst: Unter dem Tannenbaum. Weihnachten
Trauma des Exils pflanzt sich fort, doch liegt es, aber- im Haus eines Emigranten. In: Ders. (Hg): Begegnungen
mit Theodor Storm. Heide 2015, 53–54.
mals wörtlich, in der Hand des Vaters, sich zwischen
der integrationsbereiten Haltung seiner Frau (vgl. 618) Christoph Steier
und dem Groll der entwurzelten Magd (vgl. 613) zu
45 »Von Jenseit des Meeres« (1865) 169

45 »Von Jenseit des Meeres« (1865) wieder vervollständigen und zu einem perfekten Gan-
zen zusammenfügen soll.
Die Geschichte, in der ein Kreolenmädchen illegiti- Der entscheidende Unterschied zwischen Alfred
mer Abstammung nach erfahrener Europäisierung als und Jenni manifestiert sich mitnichten in ihrer Her-
kultivierte Exotenpflanze seinen Platz in der nord- kunft, sondern in ihrem Geschlechtsunterschied. Als
deutschen Bürgerlichkeit erhält, entstand in den Jah- Kreolin verkörpert die androgyne Jenni das Inbild ei-
ren 1863 bis 1864 und wurde 1865 zum ersten Mal in ner Verschmelzung der Dichotomien: Deutschland
Westermann’s Illustrirten Deutschen Monatsheften ver- und Indien, weiß und schwarz, Kultur und Natur; wie
öffentlicht. ihr Name schon sagt, kommt sie vom matriarchal ge-
Die Protagonisten Alfred und Jenni lernen sich in prägten Jenseit und lebt doch hier, im streng patriar-
ihrer Kindheit kennen, als Jenni vorübergehend in Al- chal geprägten Bürgertum. Dem Konzept der Kind-
freds Elternhaus untergebracht wird, ehe sich ein neu- frau gemäß wird Jenni so zu einer Allianz vom männ-
es Pensionat findet, das die Tochter eines deutschen lich-kulturellen mit dem weiblich-naturellen Prinzip,
Plantagenbesitzers und einer Farbigen »in der Sitte die alle Gegensätze unter ihrer weißen Oberfläche
seiner Heimat« erziehen soll (LL 1, 649 f.; Hervor- harmonisch vereint – quasi ein Kunstobjekt, genauso
hebung M. G.). Dabei entspricht Jenni keineswegs ei- wie die von weißen Teichrosen umgebene Marmor-
ner »ebenholzschwarze[n] Negerin mit Perlenholz- statue, der Alfred auf einem metaphorisch verdichte-
schnüren in den Haaren und blanken Metallringen ten Spaziergang innerhalb der Novelle begegnet. In
um die Arme« (650), sondern ist stattdessen »weißer dieser Szene, die intertextuell eindeutig auf Eichen-
als irgendein anderes Mädchen« (ebd.) – eine Farb- dorffs Marmorbild (1818) rekurriert, wird die Distanz
zuschreibung, die diese Kindfraufigur die gesamte zwischen den Geschlechtern überdeutlich, befindet
Novelle über leitmotivisch begleiten wird. Die beiden sich zwischen Alfred und der schneeweißen Schön-
Kinder verleben idyllische Monate voller Spiel und heit doch das unüberwindbare Wasser, jenes Element,
Phantasie sowie einen dementsprechend schmerzhaf- welches Mann und Frau auf ewig »einsam« (672) zu
ten Abschied, ehe sie sich zehn Jahre später wieder- halten scheint. Wie willkommen scheint es da, als ei-
sehen. Obwohl beide nun Anfang zwanzig sind, klam- nen Augenblick später Jenni selbst, gleich Pygmalions
mert sich Alfred in der folgenden Brautwerbungszeit Marmor, vor ihm an Land steht. Alfred zögert nicht:
auffallend an das Glück der vergangenen Kindertage »Nimm den Ring, Jenni [...], aber gib mir Deine Hand
und merkt, derart geblendet, erst zu spät, dass Jenni dafür!« (676) Das Idiom ›um jemandes Hand bitten‹
auf dem Weg zu ihrer Mutter jenseits des Meeres ist. gewinnt in diesem Zusammenhang eine ganz neue
Diesem »Spuk« (688) ein Ende setzend, reist Alfred Dimension, denn indem Alfred Jennis Hand, d. i.
ihr kurzerhand hinterher und führt die weiße, von »[d]ie Hand einer Farbigen« (ebd.) nimmt, verleibt er
den »brennenden Farben« (691) ihrer Heimat ent- sich diese in ihrer – weiblichen – Andersartigkeit ein.
fremdete Frau in norddeutsche Gefilde zurück, wo sie Es ist keine stilisierte Apartheid, die die Problema-
gemeinsam Hochzeit feiern. tik in Alfreds Umgang mit Jenni ausmacht, sondern
Der Toleranzgestus der Erzählung ist von der For- vielmehr eine stilisierte Gleichmachung. In seiner nar-
schung längst problematisiert und auf seine xenopho- zisstischen Identifizierung annektiert er die Jugend
ben wie misogynen Aspekte hin befragt worden (vgl. und Ursprünglichkeit der Kindfrau, um so mit dieser
u. a. Pastor 1999). Gleichwohl werden auf den zweiten auf ewig im kindlichen Paradies vereint zu sein – und
Blick Strukturen sichtbar, die es ermöglichen, den ist folglich in seiner Entwicklung gescheitert: Nicht Al-
weltfremden Wildentopos in einen äußerst lebens- fred bewegt sich auf Jenni zu, sondern diese kommt zu
nahen Kontext zu überführen. Was als dramaturgisch ihm. Sie verlässt ihr Fundament, sie allein meistert den
wie thematisch verfehlter Diskurs über die Rassenpro- Weg über das Wasser und muss damit zuletzt, ent-
blematik rezipiert worden ist, lässt sich auch als Alle- gegen aller optimistischen Leserführung, nichts Ge-
gorie einer modernen Heimatlosigkeit lesen, die sich ringeres als ihre Identität aufgeben. Denn statt das
nicht nur zwischen verschiedenen Nationen, sondern Mädchen in die Realität zu überführen, transformiert
bereits im Individuum selbst manifestiert. Der Begriff Alfred ihrer beider Beziehung in ein Phantasma.
der Fremde wird somit zu einer Metapher der persön- Alfred ist nicht der Einzige, der sein Heil in der nar-
lichen Entfremdung, zu deren Heilung das Phantasma zisstischen Identifizierung mit der Kindfrau sucht.
der psychischen Heimat im Anderen avanciert: Die Auch sein potentieller Schwiegervater, der Plantagen-
Kindfrau ist der Kitt, der das (männliche) Individuum besitzer, ist bestrebt, seinen Lebensabend mit Jenni zu

C. Demandt, P. Theisohn (Hrsg.), Storm-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05447-0_45, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
170 III Werk – D Novellen

verbringen, statt mit ihrer Mutter: »Sie war unglaub- übergreifenden Geschichtsunterricht: Das Problem des
lich schön, jene Frau, unglaublich. [...] Aber man durf- interkulturellen Verstehens in Theodor Storms Novelle
te sie nicht reden hören. Der schöne Mund stümperte »Von Jenseit des Meeres«. In: Olga Iljassova-Morger/Elke
Reinhardt-Becker (Hg.): Literatur – Kultur – Verstehen.
in der gebrochenen Sprache der Neger. [...] Jene Frau, Neue Perspektiven in der interkulturellen Literaturwissen-
Jenni, war keine Gesellschafterin für Dich, wenn Du schaft. Duisburg 2009, 177–189.
das werden solltest, was Du geworden bist.« (681; Her- Börner, Mareike: Mädchenknospe – Spiegelkindlein. Die
vorhebung M. G.) Indem ihr Vater sie in deutschen Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009,
Pensionaten nach seinem Geschmack hat formen las- S. 112–142.
Böttger, Fritz: Theodor Storm in seiner Zeit. Berlin 1959,
sen, hat er seine männliche Kultur in ihre weibliche
228 f.
Form gegossen und sich damit eine Tochter erschaf- Dunker, Axel: Kontrapunktische Lektüren. Koloniale Struktu-
fen, die gleich Athene eine Kopfgeburt ist, eine reine ren in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts.
Idee, dazu da, in der imaginierten Symbiose alle Diffe- München 2008, 97–109.
renzen zwischen männlichem Ich und weiblichem Du Jackson, David A.: Theodor Storm. Dichter und demokrati-
aufzuheben und in ein grenzenloses Wir zu überfüh- scher Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001, 166–169.
Kommentar in: LL 1, 1189–1204.
ren. Dass dieser Prozess nicht ohne Opfer vonstatten- Krumpelmann, John T.: Some observations on Storm’s »Von
geht, versteht sich ebenso wie die Tatsache, wer dieses Jenseit des Meeres«. In: Germanic Review 25 (1940), 46–
Opfer ist: Jenni. Die patriarchale Erziehung hat aus 49.
dem einst lebensfrohen Kind im Laufe der Jahre eine Moeller, Uwe: A place in the Sun. The Image of the Black in
stille Frau gemacht, deren »einst so widerspenstige[s] German Realism. Austin/Texas 1997, hier 87–108.
Pastor, Eckart: Die Sprache der Erinnerung. Zu den Novellen
Haar« gleichsam »in einen glänzenden Knoten gefes-
von Theodor Storm. Frankfurt a. M. 1988, 97–116.
selt [lag], der fast zu schwer schien für den zarten Na- Pastor, Eckart: Theodor Storms Novelle »Von Jenseit des
cken.« (663) Jenni hat eine große Bürde zu tragen, um Meeres« oder: Überlegungen zu der Frage, ob »es unmög-
von ihrem männlichen Umfeld akzeptiert zu werden. lich ist, einen Mohren weiß zu waschen«. In: David A.
Die »elementare Zärtlichkeit«, mit der ihre Mutter be- Jackson/Mark G. Ward (Hg.): Theodor Storm – Narrative
schrieben wird (691), darf keineswegs in ihr selbst Strategies and Patriarchy/ Theodor Storm – Erzählstrate-
gien und Patriarchat. New York 1999, 61–84.
»überkoch[en]« (664); nicht Jennis Exotik ist das Pro-
Reiter, Christine: Gefährdete Kohärenz. Literarische Ver-
blem, sondern ihre Erotik. Doch dank vereinter Do- arbeitung einer ambivalenten Wirklichkeitserfahrung in
mestizierung ist Jenni ihrer ursprünglichen Natur am den Novellen Theodor Storms. St. Ingbert 2004, 214–221.
Ende derart entfremdet, dass ihr Ausflug in die alte Roebling, Irmgard: Liebe und Variationen. Zu einer biogra-
Heimat einen regelrechten Kulturschock in ihr her- phischen Konstante in Storms Prosawerk. In: Amsterda-
vorruft: »O es ist Alles furchtbar, was mich hier um- mer Beiträge zur neueren Germanistik 17 (1983), 99–130.
Schuster, Ingrid: »Ich habe niemals eine Zeile geschrieben,
gibt!« (690) Wie ein Tier, das aus der Gefangenschaft wenn sie mir fern war«. Das Leben der Constanze Storm
entlassen wird und aus lauter Überforderung zurück und vergleichende Studien zum Werk Theodor Storms.
in den Käfig flüchtet, fleht sie in einem Brief um Hilfe Bern 1998, 109–131.
und rettet sich dankbar in Alfreds Arme und die väter- Schuster, Ingrid: Theodor Storm. Die zeitkritische Dimension
lich bevollmächtigte Ehe. seiner Novellen. Bonn 1971, 93–97.
Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.
Bremen 1955, 289–293.
Literatur Tebben, Karin: »Wo keine Göttinnen sind, da walten Ge-
Artiss, David: Theodor Storm: Studies in Ambivalence. Sym- spenster«. Dämoninnen und Philister im Werk Theodor
bol and Myth in his Narrative Fiction. Amsterdam 1978, Storms. In: The Germanic Review 79/1 (2004), 7–38.
54–65.
Becker, Frank: Globalhistorische Perspektiven im fächer- Mareike Giesen
46 »Eine Malerarbeit« (1867) 171

46 »Eine Malerarbeit« (1867) Kampf und schwere Arbeit beschrieben wird. Hier
liegt die Modernität der Erzählung, die das Ringen ei-
Storm begann die Erzählung vom buckligen Maler nes behinderten Menschen um gesellschaftliche An-
Brunken im März 1867 und vollendete sie schon im erkennung und Selbstfindung zeigt.
Juli des gleichen Jahres (Erstdruck in Westermann’s Il- Zu Beginn der Novelle erscheint Brunken in einem
lustrirten Deutschen Monatsheften 23, 1867). Laage seelischen Ungleichgewicht, er leidet an seinem Äuße-
zeigt detailliert, wie der Schwerpunkt im Laufe der ren, das ihm die körperliche Liebe versagt, und gleich-
Niederschrift immer stärker auf die psychischen Pro- zeitig an einem Hang zum Narzissmus, wie eine Spie-
bleme des verwachsenen Brunken und auf die Künst- gelungsszene beweist. Im Märchen, das Brunken Ger-
lerthematik gelegt wurde, die auch »Keimzelle und trud als kaum verhülltes Liebesgeständnis erzählt,
Kern de