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Handel
(7,180 words)

1. Begri f
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H. bezeichnet die gehäufte, systematische Übertragung
1. Begri f
von Verfügungsrechten bzw. von Eigentum an Gütern, in
der Regel unter Nutzung von Geld (Geldwirtschaft). H. 2. Handelsvolumina,
kann, muss aber nicht institutionell in einen Markt Handelsgüter und
Preisabstände
eingebunden sein. Zwar dominierte vor 1850 in den europ.
und außereurop. Wirtschaften die Subsistenzwirtschaft 3. Innereuropäischer und
transkontinentaler
(d. h., dass die Produktion landwirtschaftlicher und
Fernhandel
gewerblicher Güter für den Eigenbedarf im Rahmen der
Hauswirtschaft gegenüber der Produktion und 4. Handelsräume in
Mitteleuropa
Vermarktung gehandelter Güter überwog); dennoch
nahm das Volumen des H. vom HochMA bis zum 19. Jh. 5. Organisation
langfristig zu – also bereits vor der Transport- und
Kommunikationsrevolution um 1850 und vor der
Industrialisierung. Universalhistorisch gesehen war diese Entwicklung des H. eine wichtige
Triebfeder der Entfaltung des europ. Kapitalismus (vgl. Handelskapitalismus) [3].
Markus A. Denzel
Ulrich P ster

2. Handelsvolumina, Handelsgüter und Preisabstände

2.1. Handelsvolumina

H. fand auf lokaler und regionaler Ebene sowie auch als europ. und interkontinentaler
Fernhandel statt (s. u. 5.1.). Für den Zeitraum vor der Konstituierung nationaler
Volkswirtschaften im Zuge der Bildung von Nationalstaaten um die Mitte des 19. Jh.s ist es
unmöglich, das relative Gewicht der einzelnen Ebenen zu bestimmen. Einen gewissen Hinweis
geben allein Informationen zu England, wo der Anteil der Exporte am Volkseinkommen für
1700 auf 8,4 %, für 1760 auf 14,6 %, 1801 auf 15,7 % und 1850 auf 19,6 % geschätzt wird. Das
niedrige Niveau zu Beginn des 18. Jh.s erklärt sich durch das hohe Gewicht der
/
Subsistenzwirtschaft bzw. den hohen Anteil der Produktion nicht gehandelter Güter an der
gesamten Wertschöpfung. Die Zunahme bis 1850 erklärt sich entsprechend durch die
Spezialisierung Englands auf die Produktion gewerblicher Erzeugnisse im Zuge der
Industrialisierung sowie die Entfaltung der Atlantischen Ökonomie im 18. Jh. (s. u. 3.2.2.;
Atlantische Welt).

Eine weniger präzise, aber dafür breitere Perspektive bietet eine Zusammenstellung der
Entwicklungstrends der H.-Volumina zahlreicher H.-Güter auf einzelnen Seehandelsrouten im
interkontinentalen H., z. T. auch im innereurop. Fern-H. [22]. In der Zeit von 1500 bis 1800
betrug demnach das durchschnittliche jährliche Wachstum des europ. Fern-H. ca. 1 %, etwas
mehr im 16. und 18. Jh., etwas weniger im 17. Jh. Vor der Transport- und
Kommunikationsrevolution um die Mitte des 19. Jh.s wuchs somit der H. relativ langsam;
seither lässt sich ein durchschnittliches jährliches Wachstum von knapp 4 % beobachten.

2.2. Handelsgüter

Die langfristige Entwicklung der Güterstruktur des H. in der Zeit vor 1850 ist bislang nicht
systematisch dokumentiert worden. Bereits im SpätMA zählten gewerbliche Erzeugnisse des
täglichen Bedarfs städtischer Mittelschichten (so etwa Barchent aus Oberitalien bzw.
Oberdeutschland) zu wichtigen Gütern des Fern-H. Aufgrund hoher Transport-Kosten
entwickelte sich demgegenüber der überlokale Getreide-H. vor dem 19. Jh. wenig dynamisch.
Das Verhältnis von landwirtschaftlichen und gewerblichen Erzeugnissen im überlokalen H.
dürfte sich somit vor 1850 wenig verändert haben. Währungs-Metalle (Gold, Silber, Kupfer,
Edelmetalle) waren während der gesamten Nz. zentrale Güter des Fern-H.

Bei einer feineren Untergliederung der Güterkategorien zeichnen sich dagegen zwei deutliche
Tendenzen ab. Erstens nahm der H. mit sog. Kolonialwaren aus tropischen und subtropischen
Regionen ab dem 17. Jh. deutlich zu: Während bis ins 16. Jh. Pfe fer den Interkontinental-H.
dominierte, stieg seit dem 17. Jh. das Gewicht zunächst von weiteren Gewürzen (Zimt, Muskat)
und dann v. a. von Genussmitteln (Zucker, Tee, Ka fee, Tabak) sowie von Textilien und textilen
Rohsto fen ( Baumwolle, Seide) markant. Gerade der H. mit textilen Rohsto fen war dabei z. T.
auch ein Gegenstand des innereurop. Fern-H. Zweitens ist wenigstens im gewerblichen Bereich
langfristig eine Di ferenzierung der gehandelten Produkte festzustellen: Spätma. Textilien,
auch Luxus-Waren, waren in der Regel standardisierte, durch städtische Marken gesicherte
Produkte (z. B. Barchent, Wolle). Im 18. Jh. waren dagegen insbes. Baumwoll- und Seidenwaren
hoch di ferenziert und variabel, ganz zu schweigen von neuen H.-Gütern wie Büchern und
Uhren. Diese Entwicklung stand in enger Verbindung sowohl mit der Entstehung einer
modernen Konsumgesellschaft als auch mit einer Veränderung der H.-Techniken (s. u. 5.3.).

2.3. Marktintegration und Preiskonvergenz

Was waren die Gründe für das Wachstum des H. vor 1850? In den Jahrzehnten um 1850
reduzierten Eisenbahn, Dampfschi f und Elektrische Telegraphie Transport- und
Informationskosten drastisch. Diese Transport- und Kommunikationsrevolution verringerte die
Distanzkosten (für Transport und Transaktion) und damit diejenige Preisspanne für ein und
/
dasselbe Gut zwischen zwei H.-Plätzen, zu der sich der H. zwischen den beiden Standorten
lohnte. Dies führte zu einer Reduktion von Preisabständen zwischen H.-Plätzen (bzw. Ländern)
für ein und dasselbe Gut. Für die Zeit vor 1850 sind derartige Preiskonvergenzen nur selten
festzustellen. Dies stellt den fundamentalen Unterschied zwischen der Geschichte des H. vor
und der nach 1850 dar [23]: Die Hauptursache besteht darin, dass in der Frühen Nz. keine
vergleichbar durchgreifenden Veränderungen der Transport- und Kommunikationstechniken
erfolgten und Frachtkosten deshalb langfristig wenig sanken [17].

Allerdings gibt es aus der Zeit vor 1850 durchaus einzelne Beispiele für den drastischen
Preisverfall gehandelter Güter bzw. für die Preiskonvergenz, mit entsprechend positiven Folgen
für das Wachstum des H.: die Reduktion des um die In ationsrate bereinigten Preises von
Pfe fer im 16. und frühen 17. Jh. und der v. a. auf Verbesserungen der Transportorganisation
zurückgehende drastische Preisverfall des nordamerikan. Tabaks im späteren 17. und 18. Jh.
Bemerkenswert ist auch die Reduktion der Preisunterschiede zwischen europ.
Getreidemärkten vom späten 16. bis zur Mitte des 18. Jh.s. Daraus folgt, dass Verbesserungen
der Transporttechniken und der H.-Techniken (s. u. 5.3.) wohl wenigstens begrenzt zum
Wachstum des H. beitrugen. Insbes. die langfristige Verlagerung des H. von
Standarderzeugnissen hin zu stark di ferenzierten Produkten bei gehandelten gewerblichen
Gütern ist ohne die Entwicklung geeigneter H.-Techniken schwer zu erklären.

Mindestens so wichtig wie, wenn nicht noch bedeutsamer als technische und organisatorische
Veränderungen, die zur Reduktion von Distanzkosten beitrugen, sind deshalb langfristige
Angebots- und Nachfrageverschiebungen. Sie sind aber für die Nz. in ihrer Gesamtheit
schwierig zu erfassen. Immerhin kann die Tatsache, dass der Fern-H. im 16. und im 18. Jh.
rascher wuchs als im 17. Jh., durch langfristige Fluktuationen der Einkommensverteilung in
Verbindung mit der westeurop. Agrarkonjunktur interpretiert werden (vgl.
Handelskonjunkturen): Gehandelte Güter waren überwiegend solche des gehobenen Bedarfs;
eine Umverteilung der Einkommen zugunsten der oberen Einkommensklassen begünstigte
somit das Wachstum des H. In der Tat erklären Fluktuationen der Bodenrente, deren Ertrag
überwiegend an die Oberschicht ging, zu einem erheblichen Teil das langfristige Wachstum
wenigstens des (v. a. interkontinentalen) Fern-H. [22].
Markus A. Denzel
Ulrich P ster

3. Innereuropäischer und transkontinentaler Fernhandel

3.1. Mittelmeerhandel und Westeuropa in der Ära der Entdeckungsfahrten (1450–1600)

3.1.1. Das 15. Jahrhundert

Im ausgehenden MA lag das Schwergewicht der europ. Wirtschaft, und damit auch des H., im
Mittelmeerraum und dort insbes. in Italien (Levantehandel; Mediterrane Welt). Daran hatte
auch die Zunahme der H.-Tätigkeit anderer europ. Regionen seit der von Italien ausgehenden
Kommerziellen Revolution des 12.–14. Jh.s noch nichts geändert. Von zunehmender
gesamteurop. Bedeutung waren im 15. Jh. erstens die Iber. Halbinsel, von der die systematische /
Entdeckung des Seewegs nach Indien ausging, zweitens Nordwesteuropa ( Nordfrankreich,
England und v. a. die südl. Niederlande) als Scharnier zwischen dem mediterranen H. und dem
der Hanse (vgl. Ostseehandel, Russlandhandel) und drittens das ökonomisch aufstrebende
Oberdeutschland, das immer intensivere H.-Beziehungen nach Italien und Nordwesteuropa, z. 
T. auch auf die Iber. Halbinsel und nach Ostmitteleuropa unterhielt (s. u. 4.5.).

Der Aufschwung des H. in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s war vorrangig durch die Blüte der im
frühen 15. Jh. entstandenen Brabanter Messen in Antwerpen sowie Bergen-op-Zoom
(Weltwirtschaftszentren) und des oberdt. H. bedingt. Erstere wurden zu einer zentralen
Drehscheibe des europ. H., wo engl., in Flandern und Brabant veredelte Woll-Tuche von
hansischen wie oberdt. Kau euten erworben wurden, die ihrerseits das in den Niederlanden
sehr begehrte Silber, aber auch Kupfer und Barchent mitbrachten. Einen entscheidenden
Impuls erhielt der v. a. in Antwerpen zentrierte nordwesteurop. H., als die Portugiesen nach der
Entdeckung des Seewegs nach Indien (1498) asiat. Gewürze sowie afrikan. Gold und Elfenbein
dorthin lieferten; dafür erhielten sie wiederum von den Oberdeutschen neben Metallwaren
insbes. Silber und Kupfer, womit sie in Indien asiat. Waren bezahlten [33]; [20. 14]
(Indienhandel).

3.1.2. Das 16. Jahrhundert

Mit der portug. Entdeckung des Seewegs nach Indien und der span. Expansion nach Amerika
setzte nach 1500 die Schwerpunktverlagerung des (Orient-)H. vom Mittelmeer an den Atlantik
ein ( Atlantische Welt). Die wirtschaftlichen Impulse für Europa waren dabei im 16. Jh. gering.
Das mit Abstand bedeutendste H.-Gut aus Amerika waren Edelmetalle, anfangs Raub- und
Waschgold und seit den 1540er Jahren zunehmend Silber aus Peru und Mexiko. Auf der Iber.
Halbinsel selbst erfuhren die Ankunfts- bzw. Abfahrtshäfen der Übersee otten ( Lissabon,
Sevilla, Cádiz; Weltwirtschaftszentren) eine starke Entwicklung, doch blieben sie vielfach nur
Durchgangsstationen der überseeischen Waren auf deren Weg nach Nordwesteuropa oder in
die Levante. Die Transportkosten auf der Route um das Horn von Afrika blieben zunächst sehr
hoch, sodass weiterhin ein beträchtlicher Teil des Orient-H. über den bisherigen
Karawanenhandel und die Mittelmeerroute und somit über Venedig abgewickelt wurde.

In Mitteleuropa blieb entsprechend der alte Landweg von Venedig über Nürnberg bis
Antwerpen noch jahrzehntelang durchaus konkurrenzfähig – trotz der quantitativ steigenden
Gewürzlieferungen von Lissabon nach Antwerpen, wobei je nach aktuellen Transportkosten
der jeweils günstigste Transportweg – auf See oder über Land – den Vorzug erhielt. Die oberdt.
Kau eute konnten so zugleich Verluste im Gewürzgeschäft mit Venedig kompensieren, zum
einen durch eine verstärkte Ausrichtung auf Antwerpen als den zentralen nordwesteurop. H.-
und Finanzplatz des 16. Jh.s, zum anderen durch die Verlagerung des früheren
Landhandelswegs aus dem Schwarzmeerraum nach Osteuropa auf die Route Venedig-
Nürnberg. Der hansische H. befand sich dagegen im 16. Jh. – mindestens partiell – im relativen
Niedergang, obwohl einzelne Hansestädte wie Bremen, Lübeck, Danzig oder Emden
ökonomisch prosperierten, ja – wie etwa Hamburg – durch den zunehmenden Atlantik-H.
einen Aufschwung erlebten [15. 71–77].
/
Der Niedergang Antwerpens als zentraler nordwesteurop. H.-Drehscheibe im Gefolge des
niederländischen Aufstands gegen die span. Herrschaft (1560–1580), die Blockade der
Scheldemündung und die Eroberung der Stadt durch die Spanier (1585) führten zur
Verlagerung des Schwerpunkts des nordwesteurop. H. in die nördl. (nicht mehr span.
dominierten) Niederlande, v. a. nach Amsterdam; gleichzeitig nahm der vorrangig von den
Oberdeutschen getragene kontinentale Zwischen-H. zwischen dem Mittelmeerraum und
Nordwesteuropa ab.

Insgesamt kann das lange 16. Jh. als eine Zeit des allgemeinen Aufschwungs des atlantischen H.
charakterisiert werden. Dieser Prozess trug zur allmählichen Schwerpunktverlagerung der
europ. Wirtschaft insgesamt weg aus dem Mittelmeerraum hin zum Atlantik bei (Atlantische
Welt).

3.2. Nordwesteuropäische Handelsdominanz im Zeitalter des Merkantilismus (17.–18. 


Jh.)

3.2.1. Das Handelsimperium der Niederlande

Der Aufstieg Amsterdams zum Weltwirtschaftszentrum (s. o. 3.1.2.) bedeutete eine starke
Konzentration des Welt-H. auf Holland sowie die Verlagerung des westeurop. H. mit Asien auf
die Kaproute (Seehandelsrouten) [14]. Der holländ. H. war traditionell auf die
Anrainerregionen von Nord- und Ostsee ausgerichtet; insbes. der Ostseehandel, d. h. der Import
von Getreide, Holz, Wald-Waren, Flachs, Hanf und schwed. Eisen aus dieser Region, wurde als
moedercommercie (»Mutterhandel«) angesehen [31].

Im Gegenzug konnte man zunehmend levantinische und überseeische Güter, aber auch
nordwesteurop. Fertigprodukte in diesen Raum exportieren. Über den Nord- und Ostseeraum
hinaus setzte nämlich im frühen 17. Jh. der niederl. Vorstoß nach Ostindien, Westindien, Afrika
sowie selbst in den traditionellen Mittelmeer-H. ein. In der Folge dominierten die Niederlande
den europ. Indienhandel, erschlossen den Malaiischen Archipel (Handelsräume) systematisch
für direkte Gewürzimporte nach Westeuropa und spielten auch im Japanhandel eine wichtige
Rolle. In der Karibik und den angrenzenden Gebieten spielten die Niederländer durch die
Bereitstellung von Krediten und die Belieferung mit Sklaven (Sklavenhandel) eine wichtige
Rolle bei der Verlagerung des Zucker-Anbaus von Brasilien hin zu den karibischen
Siedlungskolonien.

Als wichtige Grundlagen für die niederl. Dominanz des europ. Fern-H. in den ersten drei
Vierteln des 17. Jh.s gilt erstens die institutionelle Innovation der mit permanentem Kapital,
Hoheitsrechten und einer Verwaltung durch Manager ausgestatteten Handelsgesellschaft. Im
Fall der Vereenigden Oost-Indischen Compagnie (VOC, gegr. 1602) trug dies zu einer im Vergleich
zum portug. Estado da Índia des 16. Jh.s stärker an E zienzkriterien orientierten, ständigen H.-
Organisation in Asien bei. Dies und eine Veränderung der Organisation der Überfahrt erklären
maßgeblich, weshalb sich in den ersten Jahrzehnten des 17. Jh.s die Kaproute gegenüber der
Route durch Orient und Mittelmeer für den westeurop. Asien-H. endgültig durchsetzen konnte
[30]. Zweitens bot Amsterdam eine breite Palette überwiegend von der Stadtgemeinde
/
bereitgestellter handelsnaher Dienstleistungen an: eine ausdi ferenzierte Handelsbörse, die
1609 gegründete Giro-Bank (Wisselbank) und ein Seeversicherungs-Wesen. Die angewandten
H.- und Finanztechniken waren an sich nicht innovativ, doch die gleichzeitige Präsenz und
starke Ausdi ferenzierung dieser Dienstleistungsangebote schuf Verbunde fekte, die in
niedrigen Transaktionskosten resultierten. Diese kamen auch der heimischen Landwirtschaft
bzw. dem heimischen Gewerbe zugute, sodass die niederl. Binnenwirtschaft in jener Zeit
vergleichsweise fest in die Weltwirtschaft integriert war und von entsprechenden
Spezialisierungsgewinnen pro tieren konnte. Die Abwicklung großer H.-Volumina in
Amsterdam schuf selbst wieder Skalenerträge und erleichterte die weitere Di ferenzierung der
Dienstleistungsangebote. Die für die damalige Zeit hohe E zienz des holländ. H. erklärt die
große Konzentration des Fern-H. auf diesen Standort und dessen überragende Stellung als
Stapel bzw. Entrepôt mit einem hohen Anteil des Reexports.

Die Entwicklung des niederl. H. war stark durch politische Gegebenheiten bestimmt. Da die
Niederlande an einem möglichst weiten Einzugsbereich ihres Stapel-H. interessiert waren,
betrieben sie keine explizite merkantilistische Politik zum Schutz des einheimischen H. bzw.
Gewerbes. England und Frankreich, wo der Konsum importierter Güter im eigenen Land im
17. Jh. überwog, verfolgten dagegen merkantilistische Ideen zunächst als Defensiv-, später
zunehmend als O fensivprogramm zur Minderung des niederl. H. (Merkantilismus). Während
Frankreich unter Minister Colbert ab den 1660er Jahren v. a. hohe Zoll-Sätze und Einfuhr-
Verbote einführte, erließ England ab 1651 die die heimische Schi fahrt schützenden
Navigationsakte und führte in den folgenden zwei Jahrzehnten drei Seekriege gegen die
Niederlande. Als langfristige Folge dieser merkantilistischen H.-Politik begannen
Handelsverträge in der internationalen Diplomatie an Bedeutung zu gewinnen.

3.2.2. Der Aufstieg des englischen Handelsimperiums

Z. T. als Folge der eben genannten merkantilistischen Maßnahmen stieg London seit den
1660er Jahren zu einem Weltwirtschaftszentrum auf, um schließlich im 18. und 19. Jh. eine
überragende Stellung einzunehmen [24]. Noch in der ersten Hälfte des 17. Jh.s hatte London
fast ausschließlich Wolltuche nach dem Mittelmeerraum und Nordwesteuropa exportiert und
dafür Nahrungsmittel des gehobenen Bedarfs importiert (Wein, Zitrusfrüchte). Dank einer
erfolgreichen Reorganisation der 1600 gegr. East India Company (EIC; vgl. Ostindische
Kompanien) entlang der Strukturen der VOC erlangte England im späten 17. Jh. wachsende
Bedeutung im Asien-H. und daraus folgenden Reexportgeschäften. Im Unterschied zur VOC
nahmen dabei Importe von Baumwollartikeln aus Indien (Indienhandel) und von Tee aus
China (Chinahandel) hohes Gewicht ein. Im Atlantik genoss England wie Frankreich
gegenüber den Niederlanden den Vorteil, dass größere Kolonien reexportfähige Kolonialgüter
wie Zucker, Tabak und Reis produzierten.

Als Ergebnis wurden bereits um 1700 etwa ein Drittel aller engl. Importe wieder exportiert, mit
steigender Tendenz im 18. Jh. Verbunde fekte zwischen Asien-H. und der Kolonialwirtschaft in
der Karibik und Nordamerika wurden dadurch erzielt, dass ind. Baumwollwaren ein wichtiges
Zahlungsmittel im Au auf der im letzteren Raum benötigten afrikan. Sklaven waren (
/
Sklavenhandel). Im Unterschied zu den Niederlanden besaß London auch das Hinterland eines
– dank vergleichsweise hohem Einkommen – aufnahmefähigen nationalen Marktes, sodass
trotz einer gewissen Segmentierung der Weltwirtschaft im Gefolge merkantilistischer Politik
der H. durch die Verbindung von Import-, Export- und Reexport-H. stark wachsen konnte.

3.2.3. Weitere Handelszentren

Die Verbesserung der handelsnahen Dienstleistungen nach niederl. Muster, die eine gewisse
Marktsegmentierung bewirkenden merkantilistischen H.-Politiken sowie die allgemein
steigende Nachfrage nach Kolonialgütern führten dazu, dass sich seit dem späten 17. Jh. und im
18. Jh. eine Reihe weiterer wichtiger Zentren im Fern-H. etablieren konnten. So entwickelte
sich Hamburg im 18. Jh. zum maßgeblichen Sitz des Zucker-H. und der Zuckersiederei [26].
Analog hatten Rouen, Nantes und Bordeaux wichtige Stellungen im H. mit der Karibik,
Westafrika und Indien inne.

Seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jh.s wurde zudem das Osmanische Reich kommerziell
enger als je zuvor an West- und Mitteleuropa angebunden. Als wichtigste H.-Intermediäre
dieses »neuen« Levantehandels traten im 17. Jh. Livorno [25], dann auch Marseille, Genua,
Venedig (später abgelöst von Triest) auf sowie – auf dem Landweg – Wien und die Leipziger
Messen (s. u. 4.4.). Wichtigste H.-Zentren innerhalb des Osman. Reiches waren Konstantinopel,
Smyrna und Saloniki, von wo man im 18. Jh. insbes. Rohbaumwolle für das in Europa
expandierende baumwollverarbeitende Gewerbe bezog. Auch der Ostseehandel, insbes. mit
dem aufstrebenden Russländischen Reich, nahm im 18. Jh. einen erneuten Aufschwung. Im 17. 
Jh. von den Niederlanden dominiert (s. o. 3.2.1.), erfuhr er im 18. Jh. entscheidende Impulse zum
einen durch die immer engere Vernetzung mit den sich nach Westen orientierenden russ.
Märkten und zum anderen durch das Vordringen der Briten in diesen Raum.

3.3. Vom europäischen »Welthandel« des 18. Jh.s zum »Au ruch der Weltwirtschaft«
um die Mitte des 19. Jh.s

Diese Konstellation führte im 18. Jh. zu einer starken Entwicklung des Fern-H., zeitlich deutlich
vor der Industrialisierung und der Transport- und Kommunikationsrevolution um die Mitte des
19. Jh.s. 1702–1772 verdreifachte sich das brit. Außenhandels-Volumen, und das franz. –
ausgehend von einer deutlich niedrigeren Ausgangsbasis – verachtfachte sich 1715–1771 sogar.
Wurde der brit. Außen-H. um 1700 noch vorrangig mit den kontinentalen Nachbarn
abgewickelt, so fand er um 1775 bereits zu zwei Dritteln mit außereurop. Gebieten statt. Als
Folge entstand erstmals eine »Einheit der Welt«, in der sich Änderungen bei Nahrungsmitteln
und Ernährung sowie der Austausch von technischen und landwirtschaftlichen Kenntnissen,
von Kultur- und Kunstformen rasch verbreitete (Globale Interaktion). Der H. war damit »eine
der wesentlichen Ursachen der Europäisierung der Erde« [2. 603]

Die engl.-franz. H.-Rivalität, die das gesamte 18. Jh. durchzog, und der politisch-territoriale
Partikularismus Europas führten allerdings bis 1815 zu zahlreichen merkantilistischen H.-
Hemmnissen, die ihren Höhepunkt in der Zeit der napoleonischen Kontinentalsperre (1806–

/
1814) erreichten. Zwar wurden durch die territorialpolitischen Entscheidungen des Wiener
Kongresses (1814–1815) neue Zollgrenzen gescha fen, doch gewann der v. a. von Adam Smith
formulierte Gedanke des Freihandels allmählich an Ein uss.

In England erfolgte 1822–1860 ein schrittweiser Abbau aller Zollschranken, wobei allerdings die
Kolonien und Überseebesitzungen weiterhin weitgehend vom H. mit anderen europ. Ländern
abgeschottet blieben. Im 1815 neu gescha fenen Deutschen Bund kam es bis 1834 – v. a. auf
Betreiben Preußens – zur Gründung eines Zollvereins, innerhalb dessen die
zwischenstaatlichen Zollschranken elen, was eine erhebliche Erleichterung des gesamten
mitteleurop. H.-Geschehens bewirkte (s. u. 4.6.). Der 1860 geschlossene Cobden- Chevalier-
Vertrag (Handelsvertrag) läutete schließlich eine kurzfristige Ära des europ. Frei-H. ein. Die
aufstrebenden und einem intensiven Industrialisierungsprozess unterworfenen USA allerdings
behielten die Politik der Absenkung von Zöllen nur bis 1846 bei und kehrten ab 1857 und v. a. im
Zuge des Sezessionskrieges (1861–1865) aus skalischen Interessen wieder zu einer
Schutzzollpolitik zurück. Inwieweit die Freihandelsbewegung des dritten Viertels des 19. Jh.s
zur starken Beschleunigung des Wachstums des H. beitrug, bleibt ungeklärt.
Markus A. Denzel
Ulrich P ster

4. Handelsräume in Mitteleuropa

4.1. Allgemein

In Mitteleuropa lassen sich »Veränderungen … im Außen-H. des 16. Jh.s gegenüber früheren Jh.
eher in regionaler als in struktureller Hinsicht beobachten, da sich an der Zusammensetzung
der wichtigsten H.-Güter insgesamt weniger änderte als im geographischen Verlauf der großen
Warenströme. Allerdings waren auch bei letzteren die Veränderungen eher relativer als
absoluter Natur, da das H.-Volumen als solches – von wenigen Ausnahmen abgesehen – wohl
in allen Regionen wuchs« [15. 47 f.]. Der H. innerhalb des frühnzl. Alten Reichs war durch
territoriale Zersplitterung und seit dem 17. Jh. zunehmend auch durch vielfältige
merkantilistisch-landesherrliche H.-Hemmnisse eingeschränkt. Bis zum Ende der Nz. können
vier Kernräume des H. unterschieden werden (s. u. 4.2.–4.5.).

4.2. Niederdeutscher Küstenraum

Der hansisch geprägte niederdt. Raum der Küste mit seinem bis nach Braunschweig und
Magdeburg reichenden Binnenland war seit dem ausgehenden 15. Jh. erheblichen
Veränderungen unterworfen: Holländ. Schi fer und oberdt. Kau eute drangen zunehmend in
den Ostseeraum vor; Letztere lenkten die H.-Ströme weg von der traditionellen Route über
Lübeck und Frankfurt am Main und hin zu derjenigen über Breslau und Leipzig. Im 16. Jh.
wurde die Expansion des Ostseehandels vornehmlich von Holland aus betrieben (s. o. 3.2.1.).
Mit dem Aufschwung des Atlantik-H. gelang es v. a. den Städten an der Nordsee – insbes.
Hamburg mit seinem weiten elb- und oderabwärts reichenden Hinterland –, sowohl von

/
diesem zu pro tieren als ihn zugleich auch weiter zu befördern. Damit begann sich der
Schwerpunkt dieses H.-Raums von der Ostsee (Lübeck) zur Nordsee (Hamburg, Bremen) hin
zu verschieben.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), in dem u. a. Hamburg von den nanziellen
Transaktionen der Schweden erheblich pro tieren konnte, stieg der Elbhafen zum
dominierenden H.-Platz des niederdt. Küstenraums auf. Aufgrund seiner strikten
Neutralitätspolitik, innovativer Finanzinstitutionen (s. u. 5.2.) und der Ausweitung seiner H.-
Beziehungen (vornehmlich durch die die seit dem 17. Jh. aus England, den Niederlanden,
Portugal und Spanien zuwandernden Kau eute) entwickelte Hamburg sich zu einem der
wichtigsten H.-Zentren Europas. Im 18. Jh. unterhielt es insbes. mit England und Frankreich
intensive H.-Beziehungen.

4.3. Rheinland und Westfalen

Der (nieder-)rheinisch-westfälische Raum war vielfältig mit dem niederdt. (s. o. 4.2.) und dem
oberdt. (s. u. 4.5.), v. a. aber auch mit dem niederl. H.-Raum verbunden. Maßgebliche H.-Plätze
waren Köln und Frankfurt am Main mit seinen Messen. Begünstigt durch den Rhein und ein
gut ausgebautes Straßennetz, fungierte Köln (ähnlich wie Hamburg) als ein Verteilerplatz für
Güter des nordwesteurop. und des atlantischen H., nach Süden vorrangig über die Frankfurter
Messen, die die Brücke zu den Oberdeutschen bildeten und zwischen 1560 und 1630 ihre
Blütezeit hatten. V. a. Frankfurt erhielt nach 1585 (s. o. 3.1.2.) wichtige Impulse durch die
Zuwanderung innovativer calvinistischer und protest. Antwerpener Kau eute mit ihrem
Schmuck- und Edelstein-H. Köln hingegen zeigte diesen gegenüber geringere Toleranz, wie
auch gegenüber portug. und ital. Immigranten, die daher nach Frankfurt und Hamburg
weiterzogen.

Langfristig war dies für Köln ein deutlicher Standortnachteil, sodass sein Bedeutungsverlust ab
der zweiten Hälfte des 17. Jh.s und v. a. im 18. Jh. nicht aufzuhalten war. Frankfurt erlebte nach
einem drastischen Rückgang seines H. während des Dreißigjährigen Krieges erst nach etwa
1750 wieder eine Blütezeit als ein Zentrum des H. mit Luxus- und Kolonialwaren sowie mit
Staatskapitalien. Allerdings hatten die Frankfurter Messen schon seit den 1710er Jahren ihre
führende Rolle an die Leipziger Konkurrenz abgeben müssen [4].

4.4. Mitteldeutschland

Der mitteldt. Raum wurde vorrangig durch die 1497 und 1507 privilegierten Leipziger (und
Naumburger) Messen geprägt, die aufgrund ihrer geographischen Schlüsselstellung an den
maßgeblichen Ost-West- und Nord-Süd-Handelsrouten zwischen Russland, Ungarn,
Nordwesteuropa und Oberdeutschland (mindestens bis Bozen) eine zentrale Rolle im Ost-
West-H. übernehmen konnten. Der zunehmende oberdt. H. mit Ost(mittel)europa und der
Aufschwung des erzgebirgischen Silber-Bergbaus förderten im 16. Jh. den Aufstieg der Leipziger
Messen. Nach einem nur kurzzeitigen Einbruch infolge des Dreißigjährigen Krieges zog der
massiv zunehmende H. auf der Ost-Nordwest-Route Leipzig-Hamburg-Amsterdam einen

/
weiteren Aufschwung nach sich; mit dem beginnenden 18. Jh. begannen die Leipziger die
Frankfurter Messen zu über ügeln, und nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurden sie
zur wichtigsten Messeveranstaltung ganz Europas.

Bis zum Ende der Nz. waren die Leipziger Messen die entscheidende Drehscheibe des H.
zwischen Ost und West, wo Kau eute aus Westeuropa sich mit Kollegen aus Polen, Russland
und dem Osman. Reich (den sog. »Griechen«) trafen. Sie waren zugleich der zentrale
Umschlagplatz für Waren aus den exportorientierten Gewerberegionen Sachsens, Schlesiens,
Böhmens sowie Brandenburgs und für Bücher im Reich (Buchmesse) [34]. Als weitere wichtige
H.-Plätze dieses Raums verdienen allenfalls Erfurt für das 16. Jh. und ab der zweiten Hälfte des
18. Jh.s die aufstrebenden Residenzstädte Berlin und Dresden Erwähnung.

4.5. Oberdeutschland

Der oberdt. Raum, d. h. das Gebiet südl. des Mains, spielte mit den auch international
bedeutenden H.-Zentren Nürnberg (Metallwaren) und Augsburg (Textilien) bis zum
Dreißigjährigen Krieg eine führende Rolle im Reich, war er doch das zentrale Verbindungsglied
zwischen dem ital. Wirtschaftsraum (Venedig) und Nordwesteuropa (Antwerpen bzw.
Amsterdam). Mit dem niederdt. Bereich (s. o. 4.2.) war er über Thüringen (Erfurt) und die
Frankfurter Messen, mit dem rheinischen (s. o. 4.3.) ebenfalls über Frankfurt am Main
verbunden.

Die sukzessive Verlagerung des internationalen H. hin zum Atlantik ab dem 16. Jh. (s. o. 3.1.2.)
zog die Orientierung der oberdt. H.-Zentren nach Nordwesteuropa nach sich und führte zu
einer partiellen Teilhabe (ober)dt. Kau eute am Atlantik- und am Übersee-H. [1]. Auch der H.
mit Frankreich, der Schweiz sowie dem ost- und südosteurop. Raum nahm zu, wobei Nürnberg
wie auch Leipzig für den Osten, Basel und Straßburg für den Westen zu wichtigen
Knotenpunkten wurden. Eines der wichtigsten H.-Produkte aus dem Osten waren Ochsen, die
die Fleischversorgung für Süd- und Mitteldeutschland sicherstellten (Ochsenhandel). Im
Gegenzug wurden vorrangig über Nürnberg – einer »zentrale[n] Drehscheibe im Ost-West-
Handel« [15. 49] – Fertigwaren in den Osten exportiert.

Der oberdt. H. war im 16. Jh. vornehmlich geprägt durch die Lieferung von Silber und Kupfer
aus den Bergwerken Tirols, Kärntens, Mitteldeutschlands, Böhmens, der Karpaten und z. T.
Spaniens auf die europ. Edelmetallmärkte, v. a. nach Antwerpen, was 1585 (s. o. 3.1.2.) abrupt
abbrach, zumal Frankreich und Spanien mehrfach eine Annullierung ihrer Schulden bei
oberdt. H.-Häusern (u. a. den Fuggern und Welsern) vornahmen. Die Immigration Antwerpener
Kau eute etwa nach Nürnberg und dessen neue Ausrichtung nach Amsterdam brachten zwar
nochmals einen kurzzeitigen Aufschwung, doch verlor Nürnberg infolge des Dreißigjährigen
Krieges (1618–1648) und der damit einhergehenden enormen Bevölkerungsverluste seine
Bedeutung im internationalen H. weitgehend. Ähnlich traf es Augsburg, doch gelang diesem
im ausgehenden 17. Jh. der Wiederaufstieg als Finanzplatz und im 18. Jh. mit dem Kattundruck
(Baumwolle) auch als Gewerbe- und H.-Zentrum.

/
Hatte Oberdeutschland im Dreißigjährigen Krieg seine ehedem führende Rolle im mitteleurop.
H. verloren, so erlebten im 18. Jh. mehrere Residenzstädte – v. a. München und Stuttgart – einen
Aufstieg als H.-Plätze und trugen somit zur erneuten Belebung dieses H.-Raumes bei [15. 43–
49]; [20. 17–23].

4.6. Das 19. Jahrhundert

Mit dem 18. Jh. begann in Mitteleuropa »eine allgemeine Belebung des Binnen- und Außen-H.,
die sowohl durch das demographische Wachstum in Deutschland als auch durch die
anziehende internationale Außenhandelskonjunktur bedingt war« [20. 23], wobei die
Mittelgebirgsregionen von Aachen bis Oberschlesien, das westl. Westfalen, die Gebiete links
des Niederrheins, Berlin und die Oberlausitz zu Zentren der Exportproduktion wurden
(Gewerberegion).

Die Zeit der napoleonischen Kontinentalsperre (1806–1813) brachte für die dt. Territorien eine
(weitgehende) Abschottung vom brit. Markt und seinen industriell hergestellten
(Halb-)Fertigprodukten sowie eine regional unterschiedliche Ausrichtung auf bzw. (im
Linksrheinischen) eine Integration in das franz. Wirtschafts- und H.-System. Mit der
schrittweisen Au ebung der merkantilistischen H.-Hemmnisse im Binnen-H. der Staaten des
1815 gegründeten Deutschen Bundes, später des Zollvereins (1834; s. o. 3.3.), und in dessen
Gefolge mit der schrittweisen Vereinheitlichung der Münz-, Maß- und Gewichts-Systeme
expandierte in Mitteleuropa das H.-Volumen, wobei Fertig- und Halbfertigwaren aufgrund der
industriell-gewerblichen Rückständigkeit Deutschlands v. a. aus Großbritannien bezogen
wurden.

Zugleich nahmen die binnenwirtschaftlichen Ver echtungen innerhalb des dt. Raumes zu, und
zwar durch die Abgabenerleichterungen auf den großen Flüssen (Rheinschi fahrtsakte 1831),
die Einführung der Dampfschi fahrt (Bau des bayer. Ludwigskanals, 1836–1843) und die
vermehrten staatlichen Investitionen im Straßen- und Wegebau bereits vor der Gründung des
Zollvereins. Mit dem 1835 einsetzenden Eisenbahn-Bau erhielt der H. in und mit den Staaten
des Dt. Bundes nochmals einen deutlichen Impuls, auch wenn Österreich dem Zollverein nicht
beitrat, sondern nur einen H.-Vertrag mit Preußen schloss (1853, gültig bis 1867).

Der Übergang zu einer Periode des Freihandels setzte für den Dt. Bund mit dem preuß.-franz.
H.-Vertrag von 1862 (ebenfalls mit Meistbegünstigungsklausel) ein. Der Dt. Bund schloss in den
1860er Jahren insgesamt 21 H.-Verträge [13. 568]. Ein vollumfänglich integrierter H.-Raum
wurde Deutschland allerdings erst mit dem Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuch, das
zwischen 1862 und 1864 in den dt. Bundesstaaten eingeführt wurde, mit der Reichsgründung
1871 und mit der Eingliederung der Hansestädte Hamburg und Bremen in den Zollverband
1888.
Markus A. Denzel
Ulrich P ster

5. Organisation
/
5.1. Ebenen der Handelsorganisation

5.1.1. Allgemein

Der H. der vor- und frühindustriellen Zeit war auf verschiedenen Ebenen organisiert; der
Lokal-H. war die niedrigste, der internationale bzw. interkontinentale H. die höchste Ebene.
Dem entsprachen auch unterschiedliche Betriebsformen der auf der jeweiligen Ebene
engagierten Händler und ein di ferenziertes Märktesystem mit deutlich unterschiedlichem
geographischen Einzugsbereich der einzelnen Markt-Veranstaltungen.

5.1.2. Lokal- und Regionalhandel

Der Lokal-H. fand innerhalb einer Stadt, eines Markt eckens oder eines größeren Dorfs statt
und umfasste den H. der ortsansässigen Produzenten – z. B. den Ladenverkauf der Bäcker,
Brauer oder Metzger – sowie den Austausch zwischen dem »zentralen Ort« (Stadt oder
Markt ecken) und seinem jeweiligen mehr oder minder großen unmittelbaren Umland, der
über den Wochenmarkt abgewickelt wurde; hier boten etwa bäuerliche Produzenten ihre
Waren feil und kauften selbst auch ein. Der Lokal-H. wurde durch Vertreter des Wander- oder
Hausierhandels ergänzt, die innerhalb einer Stadt und ihres Umlandes oder häu ger innerhalb
einer weiteren Region Absatzmöglichkeiten für ihr eher spezialisiertes Warensortiment
suchten.

Die nächste Stufe war der Regionalhandel, der in der Regel höherwertige, nicht verderbliche
Güter umfasste und häu g auf Jahrmärkten – periodisch abgehaltenen Märkten in einer Stadt
oder einem Markt ecken, nur selten in einzelnen Dörfern – stattfand. Neben gewerblichen
Produkten wurde hier v. a. Vieh (insbes. Pferde, Ochsen und Kälber) gehandelt (Viehhandel);
allgemein war das Warenangebot deutlich breiter als auf Wochenmärkten. Jahrmärkte stellten
den Austausch sowohl zwischen Produzenten und Kau euten als auch zwischen Händlern und
Kunden sicher; sie dienten überdies als gesellschaftliche und gesellige Veranstaltungen
(Kirmes) wie auch als Zahlungstermine [12]. Insbes. größere H.-Plätze verfügten meist über
mehrere Jahrmärkte, die auch auf einzelne Güter spezialisiert waren, wie z. B. die häu gen
Pferdemärkte.

International orientierte H.-Zentren wie Hamburg oder Augsburg besaßen bis zu 20


verschiedene Märkte [20. 23 f.]; aber auch das im H. des ausgehenden 18. Jh.s erst aufstrebende
München verfügte über zahlreiche Marktveranstaltungen, so neben den Wochenmärkten und
den ebenfalls wöchentlich abgehaltenen Schrannen (Getreidemärkten) zwei sog. »Dulten«, die
als die wichtigsten Jahrmarktsveranstaltungen in ganz Kurbayern galten, den Nikolausmarkt
(5./6.12.) zum Verkauf von Spielsachen, Rossmärkte (vier pro Jahr), wöchentliche
Hornviehmärkte, mehrere Schweinemärkte, Tauben-, Vogel- und Hundemärkte an jedem Sonn-
und Feiertag, Fischmärkte an allen Fast- und Abstinenztagen, einen Markt für Tölzer
Holzarbeiten, tägliche Holzmärkte an drei Orten in der Stadt, tägliche Heumärkte, zwei
tägliche Früchte- und Kräutermärkte (Viktualienmärkte), tägliche Eier- und Ge ügelmärkte,
fast jeden Tag statt ndende Baum- und Blumenmärkte und schließlich Tandler- oder
Trödlermärkte [8. 358].
/
Ländliche Jahrmärkte konnten ebenfalls einen vergleichsweise weiten Einzugsbereich besitzen
und auch landesfremde Händler anziehen. Paradebeispiel hierfür waren die großen
Viehmärkte, wie etwa die Ochsenmärkte in Buttstädt in Thüringen.

5.1.3. Messen

Die höchste H.-Ebene nahmen die überregional bzw. international bedeutenden Messen ein;
als Tre fpunkte von Kau euten hatten sie große Bedeutung für den Zahlungsverkehr und das
Kredit-Geschäft. Auf Messen wurden Fernhandels-Produkte ausgetauscht, deren
Hochwertigkeit den Transport auch über weite Strecken hinweg noch rentabel erscheinen ließ.
Die internationalen Messen verbanden nicht »nationale Märkte«, sondern »Märkte, die […]
europ. Regionen über Herrschaftsgrenzen hinweg zusammenschlossen« [29. 159], wobei solche
Großwirtschaftsräume innerhalb Europas häu g unterschiedliche ökonomische
Entwicklungsstufen aufwiesen.

So fungierten die Messen in Frankfurt am Main vom späten MA bis zum 17. Jh. als Scharniere
zwischen dem höher entwickelten (Nord-)Westeuropa und den minder entwickelten
rechtsrheinischen Territorien (s. o. 4.3.). Die Leipziger Messen wurden im 18. Jh. zur zentralen
europ. Drehscheibe zwischen West und Ost (s. o. 4.4.). Schon am Zahlungsverkehr wird der
unterschiedliche Entwicklungsstand der beteiligten Wirtschaftsräume ersichtlich, denn mit
Nordwesteuropa wurden die Geschäfte vorrangig bargeldlos abgewickelt, mit ostmittel-, ost-
und südosteurop. Händlern hingegen über Bargeld oder mitgebrachte Wechsel auf
Amsterdamer, Londoner oder Hamburger Bankhäuser [9].

5.1.4. Weitere Organisationsformen: Börse, Betriebsformen des Einzelhandels

Allen genannten Marktveranstaltungen war gemein, dass sie nur periodisch stattfanden,
allerdings durch bestimmte herrschaftliche Privilegien einen besonderen Rechtsstatus im H.-
Verkehr einnahmen. Mit der Ausdehnung derartiger Privilegien auf die Zeiten auch außerhalb
der Messen, wie sie Maximilian I. erstmals für Antwerpen 1465/1466 gewährte, entstand die
Vorform der Börse (vgl. Handelsbörse), die sich dann in den nordwesteurop. Zentren des 16. 
Jh.s – allen voran in Antwerpen – in ihrer »klassischen« Form als Markt für fungible
(vertretbare) Güter, die ohne Besichtigung nach Maß, Zahl oder Gewicht unter Vermittlung von
Maklern (Sensalen) gehandelt werden konnten, und damit auch für Wechsel und Wertpapiere
herausbildete.

In der ersten Hälfte des 19. Jh.s brachte »die zunehmende Verstädterung im Zusammenhang
mit dem Wachstum der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerungsteile […] zusammen mit dem
beginnenden Anstieg des Lebensstandards eine quantitative und eine qualitative Ausdehnung
des Einzel-H., sodass auch hier neue Organisationsformen zu beobachten waren« [13. 560]. Im
Einzel-H. entwickelten sich in Deutschland – ähnlich wie auch in Frankreich, Großbritannien
und den USA – nunmehr größere Unternehmungen (Entstehung von »Magazinen«). Nach brit.
Vorbild entstanden zudem seit den 1860er Jahren die ersten Konsumgenossenschaften, dazu
nach den Hungerjahren 1845–1847 auf dem Lande Landwarengenossenschaften und ab 1849
Rohsto fvereine für Schreiner und Schuhmacher [13. 582–585].
/
5.2. Handel und Finanzgeschäft

Eng verbunden mit dem H. war zu allen Zeiten dessen Finanzierung, d. h. der aus dem H.
resultierende Zahlungsverkehr. Dieser erfolgte auf den lokalen und regionalen
Marktveranstaltungen in der Regel bar oder auf Kredit (»Anschreiben«), selten hingegen mit
unbaren Zahlungsmitteln. Diese waren jedoch für den Messe- und Börsen-H. unabdingbar
notwendig, stellten sie dort doch die erforderliche Liquidität bereit, ohne dass zu den
einzelnen Veranstaltungen größere Summen Bargeld transportiert werden mussten.
Wichtigstes Medium des bargeldlosen Zahlungsverkehrs war seit dem späten MA der Wechsel,
der sich im Italien der Kommerziellen Revolution vom ausgehenden 12. bis zum frühen 14. Jh.
herausgebildet und im Gefolge des Aufschwungs des Fern-H. im SpätMA und der Frühen Nz.
immer weitere Verbreitung in Europa gefunden hatte. Von den ital. H.-Zentren ausgehend fand
der Wechsel über immer weitere Teile Europas Verbreitung, wobei er (zuerst in den
nordwesteurop. H.-Zentren des 16. Jh.s), in größerem Umfang mit Indossament und Diskont
kombiniert, zu einem »Papiergeld der Kau eute« wurde.

Erst durch den indossierten, diskontierbaren Wechsel erlebte auch der Börsen-H. einen
entscheidenden Impuls (und umgekehrt), da nun Wechsel als fungible Güter gekauft und
wieder verkauft wurden. Der Wechsel erlaubte aber nicht nur die unbare Zahlung einer Ware,
sondern auch den Kauf von Waren auf Kredit (»Warenkreditgeschäft«) und stellte Liquidität
überall dort zur Verfügung, wo sie aufgrund fehlenden Edelmetalls zur Abwicklung von
(größeren) H.-Geschäften aller Art benötigt wurde. Die enge Verbindung von H.- und
Finanzgeschäft hielt bis in das 19. Jh. hinein an, auch wenn es seit dem (ausgehenden) 18. Jh.
zunehmend spezialisierte Wechselhändler oder Privatbankiers gab, die sich zudem im
Geschäft mit den au ommenden Staatsanleihen (Partialobligationen) engagierten
(Staatskredit).

5.3. Veränderung der Handelstechniken

Zwar erfolgten in der Frühen Nz. keine drastischen Innovationen bei den H.-Techniken; insbes.
blieben starke regionale Unterschiede von Handelsusancen erhalten. Graduelle
Veränderungen, die vermutlich die E zienz des H. erhöhten und damit zu seinem Wachstum
beitrugen (s. o. 2.1.), sind gleichwohl festzustellen. V. a. im späteren 17. und in den ersten
Jahrzehnten des 18. Jh.s lässt sich ein ganzes Bündel miteinander verknüpfter Veränderungen
beobachten – eine eigentliche »kommerzielle Revolution«, die sich im Aufstieg Londons (s. o.
3.2.2.) und einer Reihe anderer stark im H. mit Kolonialwaren (bzw. deren Reexport ins Innere
des europ. Kontinents) engagierter Hafenstädte am Atlantik und an der Nordsee niederschlug
[5]. Die wichtigsten Veränderungen von H.-Techniken waren:

(1) Der bargeldlose Zahlungsverkehr unter Nutzung des Wechsels setzte sich in verschiedenen
Regionen Europas auch außerhalb der großen H.-Zentren durch (s. o. 5.2.). Ebenso fand die
(doppelte) Buchführung weitere Verbreitung. Die Kaufmannstätigkeit gewann damit an
Systematik, und gegenüber der Barzahlung oder der Nutzung von Messeterminen zur
Abwicklung von Zahlungen reduzierten sich Transaktionskosten. Die ab der 2. Hälfte des 17. 
/
Jh.s zunehmend erlassenen Wechselordnungen erhöhten die Sicherheit des bargeldlosen
Zahlungsverkehrs. In diesem Vorgang wurde ein Hauptgrund des wirtschaftlichen Aufstiegs
Westeuropas gesehen [19].

(2) Der Absatz von Kolonialwaren und di ferenzierten gewerblichen Produkten (insbes.
Baumwoll-, Seiden- und Metallwaren) erfolgte in Westeuropa immer seltener über Messen bzw.
andere förmlich organisierte Marktveranstaltungen und damit verbundene persönliche
Kontakte zwischen Kau euten, sondern vermehrt mittels Handelskorrespondenz und allenfalls
Musterbüchern. Entsprechend wurde im 18. Jh. der überregionale H. und v. a. der H. mit
überseeischen Produkten zunehmend in der Form eines Kommissionsgeschäfts abgewickelt,
bei dem entweder ein Kommittent einem Kommissionär an einem anderen Ort Waren zum
Verkauf sandte (abzüglich einer Kommissionsgebühr; Geschäft »auf eigene Rechnung«) oder
ein Kommittent bei einem Kommissionär an einem anderen Ort Waren zum Einkauf bestellte
(zuzüglich einer Kommissionsgebühr; Geschäft »auf fremde Rechnung«) [6. 18 f.].
Komplementär verloren Messen und Jahrmärkte Funktionen; im 18. Jh. entwickelten sich nur
noch solche Messen gut, die zwischen Wirtschaftszonen mit unterschiedlichen H.-Techniken
vermittelten.

Wichtige Voraussetzungen für diese Veränderungen waren die Verbesserung der Ausbildung
und die Professionalisierung der Kau eute. In der Tat deutet die drastische Zunahme der
Publikation von Handelsbüchern v. a. im nordwestl. Europa seit dem späten 17. Jh. auf eine
zunehmende Tiefe und Formalisierung des kaufmännischen Wissens hin.

5.4. Träger und Betriebsformen des Handels

5.4.1. Träger

War der vor- und frühindustrielle H. auf verschiedenen Ebenen organisiert (s. o. 5.1.), so
fungierten auf den unterschiedlichen Ebenen auch verschiedene Arten von Kau euten als
dessen Träger. Den Lokal-H. dominierten Krämer und Detaillisten; den Regional-H. Kau eute,
die sowohl en demi-gros als auch en détail, teilweise sogar en gros handelten; den
überregionalen und internationalen H. schließlich Großkau eute, die mit ihrem H.-Geschäft
oft auch Bankierstätigkeiten (sog. Kau eute-Bankiers oder merchant-bankers, Bank) und/oder
Speditions-, Manufaktur- bzw. Verlags- (Verlagssystem) oder andere Unternehmen verbanden.

Dabei bestand ein ießender Übergang vom Handwerker zum Krämer, vom Bauern und
Landhandwerker zum Hausierer, wie z. B. im Kraxenwaren-H. Trotz der verbreiteten
Verquickung von Waren- mit anderen Geschäften erfolgte langfristig eine gewisse
Spezialisierung der Händler, in der Regel auf eine bestimmte Produktpalette. Dies galt sowohl
für den Groß-H., bei dem man sich z. B. auf überseeische Genussmittel (wie Zucker, Ka fee,
Tabak) oder frühindustrielle Rohsto fe (Baumwolle, Indigo etc.) spezialisierte [10], als auch für
den lokalen Klein-H., da hier die Grundversorgung der Bevölkerung vom ortsansässigen
Handwerk übernommen wurde. Mit abnehmendem Grad der Selbstversorgung und immer
weiter gehender Einbindung immer breiterer Bevölkerungsteile in das Marktgeschehen
vergrößerte sich v. a. im ausgehenden 18. Jh. auch auf dem Land die Zahl spezialisierter
/
Händler, während in den (größeren) Städten – nicht zuletzt in Residenzstädten mit den
Anforderungen der Höfe und der Beamten an Luxus-Produkte – eine Vielzahl an z. T. hoch
spezialisierten Händlern ihr Auskommen fand.

So gab es in München, der Residenzstadt des bayer. Kurfürsten (aber im H. ohne besonderen
Rang), 1781 neben 75 »allgemeinen« Kauf- und H.-Leuten 25 Melber (Mehlhändler), 16
Kornkäu er, 52 Milchmänner, 10 Obstler, 10 Früchte- bzw. Lemonihändler, 14 Käskäu er, 6
Ge ügelhändler, 4 Wildprethändler, 46 (unspezialisierte) Tandler und Tandlerinnen, 2
Schleißer, 10 Krämer-Pfuscher, 19 Salzstößler und Fragner, 12 Briechler und Leinwandhändler, 13
Tuchhändler, 4 Galanteriewaren- und Ornathändler, 18 Eisenhändler, 6 Holzhändler, 16
Kerzenverkäuferinnen, 3 Buchhändler und 2 Bilderhändler – von den ebenfalls H. treibenden,
z. T. hoch spezialisierten Handwerkern ganz abgesehen [8. 355].

Eine bes. Stellung im H.-Geschehen des frühnzl. absolutistischen Staates besaßen die
(größtenteils jüd.) Kriegs- und Ho faktoren, die als Groß- und Detailhändler den Hof und den
Militärapparat mit Nahrungsmitteln, Kleidung, Luxuswaren und v. a. nanziellen Mitteln
versorgten (Ho uden). Im beginnenden 19. Jh. ist in Mitteleuropa ein deutlicher Anstieg der
Zahl der im H. Tätigen zu verzeichnen: Waren es um 1800 pro 1 000 Einwohner noch 2–2,5 
Händler mit breitem Sortiment und zusätzlich noch etwa 1,5–2,5 spezialisierte Händler, so
gingen um 1835 etwa 10 Händler pro 1 000 Einwohner berufsmäßig ihrer Tätigkeit nach, ohne
dass dies allerdings eine Steigerung des H.-Volumens pro Kopf nach sich gezogen hätte [13. 241,
583].

5.4.2. Betriebsformen

Zwischen SpätMA und 19. Jh. wurde der H. durch unterschiedliche Betriebsformen geprägt. Für
ihre vergleichende Betrachtung ist es nützlich, sich zu vergegenwärtigen, dass wirtschaftliche
Tätigkeiten alternativ (bzw. in unterschiedlicher Kombinationsform) durch den Markt, durch
allenfalls hierarchisch geprägte Organisationen oder durch Kooperation koordiniert werden
können. Je nachdem, wie weit es im Rahmen des jeweiligen Typs gelingt, Vertragstypen mit
geringen Transaktionskosten zu entwickeln, wird in einem bestimmten Sektor der eine oder
der andere Typ dominieren. Mit Blick auf den H. beziehen sich Transaktionskosten auf die
zuverlässige Übermittlung von Informationen zwischen verschiedenen Märkten, auf die
Koordination und Überwachung von H.-Geschäften an verschiedenen Standorten, die
Sicherstellung von Warentransporten sowie die Gewährleistung des (bargeldlosen)
Zahlungsverkehrs.

Zwischen der Kommerziellen Revolution des 12.–14. Jh.s und dem 18. Jh. bildeten sich für eine
Reihe der genannten Funktionen marktförmige oder von Stadtgemeinden bzw. Staaten
angebotene handelsnahe Dienstleistungen heraus (s. o. 3.2.1.): Weit zirkulierende, meist
gedruckte Preiskuranten (Preislisten) informierten über das Geschehen an Handelsbörsen;
Speditionen o ferierten Transportdienstleistungen; merchant-bankers und Privatbankiers boten
Finanzdienstleistungen für H.-Finanzierung und Zahlungsverkehr an; und der städtische bzw.
staatliche Schutz von Wechselgeschäften reduzierte Vollzugskosten.
/
Alle diese Veränderungen führten dazu, dass spätestens im 18. Jh. die Betriebsform des Einzel-
Unternehmens (allenfalls Vater und Söhne in einer H.-Gesellschaft) im europ. und
transatlantischen H. weitgehend dominierte [20. 25]. Davor spielten aber unterschiedlich
große und unterschiedlich strukturierte Handelsgesellschaften, die Transaktionskosten in eine
Organisation oder kooperative Gemeinschaft integrierten, eine bedeutsame Rolle. Verbreitet
kamen bis zum 17. Jh. insbes. Familiengesellschaften vor. Kooperative, staatlich privilegierte
Zusammenschlüsse der auf einer bestimmten H.-Route Geschäfte treibenden Kau eute, die
aber ihr eigenes Kapital beibehielten, entstanden v. a. im England des 16. Jh.s. Auf dieser
Grundlage bildeten sich im 17. Jh. für den H. v. a. mit außereurop. Gebieten große H.-
Kompanien mit eigenem, permanentem Kapitalstock. Sie spielten v. a. im europ. Asien-H. bis
ins 18. Jh. eine dominierende Rolle (z. B. Ostindische Kompanien).

Die genannte Entwicklung führte langfristig auch zu einer größeren Sesshaftigkeit von
Kau euten. Bei Fehlen von Speditionsdienstleistungen und bei hohen Transaktionskosten
musste der Kaufmann mit seiner Ware reisen. Eine arbeitsteilige Kooperation war v. a.
innerhalb der Siedlungen der Kaufmannsdiaspora möglich, innerhalb derer der gemeinsame
kulturelle Hintergrund in einer fremden Umwelt Solidarität schuf, den Spielraum für
opportunistisches Verhalten begrenzte und zudem einen Rahmen für geteilte H.-Techniken
bereitstellte (vgl. Kaufmannsniederlassung). In Europa setzte schon im HochMA die Ablösung
der wandernden Kau eute, die innerhalb von durch gemeinsame Herkunft oder kulturelle
Zugehörigkeit gekennzeichneten Gemeinschaften kooperierten, durch sesshafte, sich
herkunftsmäßig wenig unterscheidende Kaufmannsgemeinschaften ein; diese Entwicklung
kam im 18. Jh. zum Abschluss [16]. Im Hausierhandel spielten aber u. a. Savoyarden,
Norditaliener oder Tiroler als durch gemeinsame Herkunft aus derselben Region bzw.
demselben Dorf zusammengebundene Händlergemeinschaften auch in der Frühen Nz. eine
wichtige Rolle. Als kulturell de nierte Kaufmannsnetze waren die Diaspora-Siedlungen der
Juden und der Hugenotten im frühen 18. Jh. u. a. im Transatlantik-H. von Bedeutung.

Verwandte Artikel: Außenhandel | Fernhandel | Handelsimperium | Handelsräume | Transport


und Verkehr | Welthandelsgüter | Weltwirtschaft | Weltwirtschaftszentren
Markus A. Denzel
Ulrich P ster

Bibliography

Quellen

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Cite this page

Denzel, Markus A. and P ster, Ulrich, “Handel”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in
Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_277290>
First published online: 2019

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