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Albert Hofmann

Naturwissenschaft

&

mystische Welterfahrung

Albert Hofmann Naturwissenschaft & mystische Welterfahrung der grüne zweig 150

der grüne zweig 150

Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung von Albert Hofmann Der Grüne Zweig 150 Der vorliegende Text ist das Manuskript der »Volkspredigt«, die der damals 84jährige Chemiker Dr. Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, in der Leonhardskirche in Basel gehalten hat. Satz: Petra Petzold Umschlaggestaltung: Petra Petzold & Werner Pieper Biografie von Claudia Müller-Ebeling, A.H. Foundation Info von Christian Ratsch Umschlagzeichnung von Kathleen Harrison McKenna Druck: Maro, Augsburg Dank an Roger Liggenstorfer und Sharon Levinson Alle Rechte beim Autor Verlegt als Joint-Venture von Werner Pieper's Medienexperimenten, Alte Schmiede, D-6941 Löhrbach und dem Nachtschatten Verlag, Ritterquai 2-4 CH-4502 Solothurn ISBN 3-925817-50-6

NATURWISSENSCHAFT & MYSTISCHE WELTERFAHRUNG ERGÄNZUNG, NICHT AUSSCHLUSS

Was ist wahr, das Bild der Wirklichkeit, das uns die Naturwissenschaften erschließen, oder jenes, das der Mystiker in seiner Schau erlebt? So kann man nur fragen, wenn man meint - und das ist wohl die allgemein vorherrschende Meinung - Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung würden sich erkenntnismäßig ausschließen. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung ergänzen sich. Das aufzuzeigen, ist der Sinn meiner Ausführungen. Gegenstand der naturwissenschaftlichen Forschung ist das materielle Universum, von dem wir selbst mit unserer Körperlichkeit ein Teil sind. Die naturwissenschaftliche Forschung beschränkt sich auf die Untersuchung und Beschreibung der objektiv mit unseren Sinnen feststellbaren Außenwelt und die Ermittlung der in ihr herrschenden Gesetze. Voraussetzung für eine solche objektive Betrachtung der Natur ist eine bewußtseinsmäßige Aufspaltung des Welterlebens in Subjekt und Objekt. Ein solches dualistisches Welterleben hat sich zuerst in Europa herausgebildet. Es war schon wirksam im jüdisch-christlichen Weltbild: Ein über der Schöpfung und der Menschheit thronender Gott, sein »Macht euch die Erde Untertan«. Die Naturwissenschaften sind ein Produkt des europäischen Geistes. In den Anfängen der neuzeitlichen Naturforschung, im 17. Jahrhundert, hatte diese noch weitgehend religiöse Bezüge. Der Forscher trat der Natur als einer vom Geist Gottes belebten Schöpfung gegenüber. Kepler erkannte in den Gesetzen von den Planetenbahnen die Harmonie der von Gott geschaffenen Welt, und in keinem der alten botanischen Werke vergaß der Autor, den Schöpfer für die Wunder der Pflanzenwelt zu preisen. Eine folgenschwere Wendung im Charakter der Naturforschung trat ein, als nach den großen umwälzenden Entdeckungen von Galilei und Newton die Forschung sich immer einseitiger den quantitativen, meßbaren Aspekten der Natur zuwandte. Die qualitative, ganzheitliche Betrachtungsweise, für die sich Goethe noch am Beispiel seiner Farbenlehre einsetzte, geriet immer mehr in den Hintergrund. Die quantitativen Methoden der Naturforschung, die sich nicht mehr der direkten Beobachtung bedienten,

verlangten für ihre Messungen zunehmend kompliziertere und raffiniertere Apparaturen. Die sich mit dem meßbaren Aspekt der Natur befassenden Disziplinen, Physik und Chemie, nahmen einen gewaltigen Aufschwung. Physikalische und chemische Methoden fanden Eingang auch in andere Gebiete der Naturwissenschaft, in Biologie, Botanik und Zoologie. Die großartigen Erfolge der Naturwissenschaften, vor allem auf den Gebieten der Physik und Chemie, die Einblicke in den Makrokosmos der Galaxien bis in den Mikrokosmos der Atome vermittelten, besonders aber die praktische Verwertbarkeit ihrer Erfindungen und Entdeckungen, auf denen sich all die Technologien und Industrien aufbauten, die unser Zeitalter prägen, haben entscheidend zur Entstehung des heute vorherrschenden einseitig materialistischen Weltbildes beigetragen. Darin hat sich eine ungeheure Überschätzung der Bedeutung, die der Chemie und der Physik in der Schöpfung zukommt, breitgemacht. Es gilt zu erkennen, daß der einseitige Glaube an das naturwissenschaftliche Weltbild auf einem folgenschweren Irrtum beruht. Alles, was es beinhaltet, ist zwar wahr, aber dieser Inhalt stellt nur die Hälfte der Wirklichkeit dar, nur ihren materiellen, quantifizierbaren Teil. Alle physikalisch und chemisch nicht faßbaren, geistigen Dimensionen der Wirklichkeit, zu denen die wesentlichen Merkmale des Lebendigen gehören, fehlen. Es geht hier nicht darum, die Gültigkeit naturwissenschaftlichen Erkennens zu bestreiten und den Wert der messenden Naturforschung herabzumindern, sondern nur darum, auf ihre titanenhafte Einäugigkeit hinzuweisen. Immer kleinere Partikel, Bausteine der Atome, werden als letzte Wirklichkeit unserer Welt erklärt. Den Höhepunkt einer rein materialistischen Weltanschauung bilden Theorien über die Entstehung des Universums, wonach Zufall und Notwendigkeit mittels Chemie und Physik den Kosmos mitsamt den lebenden Geschöpfen der Tier- und Pflanzenwelt hervorgebracht haben sollen. Den Unsinn einer Schöpfungstheorie möchte ich mit einer Metapher, mit dem Bau eines Hauses, anschaulich machen. Aber es ließen sich als Beispiel für die Voraussetzungen für die Entstehung einer organisierten Form zahllose andere Beispiele heranziehen. Angenommen, irgendwo befände sich das ganze Baumaterial für die Errichtung eines Hauses, und auch die technischen Hilfsmittel und die nötige Energie wären vorhanden. Ohne die Idee eines Erbauers, ohne seine Pläne und ihre planmäßige Ausführung würde ein Haus niemals entstehen, auch wenn man dem Zufall Zeiträume von Milliarden von Jahren für dieses Unternehmen zugestehen würde. Was schon für ein Haus, dem die Dimension des Lebendigen fehlt, gilt, um wieviel mehr noch trifft das für das lebende Universum zu -für jede Blume, für jeden Käfer. Das Absurde solcher Theorien über die Entstehung der Schöpfung, auch wenn sie von Naturwissenschaftlern stammen, die den Nobelpreis erhalten haben, wie Jacques Monod, ist offensichtlich. Fast noch schlimmer als der praktische Mißbrauch von Erkenntnissen der Naturwissenschaften, der zur Technisierung, Industrialisierung und Zerstörung weiter Lebensbereiche geführt hat, ist der geistige Schaden solcher nihilistischer Theorien. Sie entziehen dem Leben die geistigen und religiösen Grundlagen und lassen den Menschen in der Einsamkeit und Ungeborgenheit einer toten technischen Welt zurück. L/amit will ich die Betrachtungen über die negativen Auswirkungen der Naturwissenschaften, die durch eine einseitige Zuwendung zu den materiellen Grundlagen der Wirklichkeit entstanden sind, abschließen. Ich komme nun zu den positiven Auswirkungen der Naturwissenschaften auf unsere Lebensgestaltung. Ich glaube, daß sie überwiegen. Dabei denke ich nicht in erster Linie an die offensichtlichen praktischen Errungenschaften, an die Fortschritte in der Medizin, an Hygiene, Lebensverlängerung, an all den Komfort unseres täglichen Lebens, bis zu Fernsehen, CD, Computer und so weiter - wozu sofort einschränkend beigefügt werden muß, daß alle diese angenehmen Errungenschaften nur einem kleinen Teil der Erdbevölkerung zugutekommen. Der eigentliche Sinn, die eigentliche Bedeutung der Naturwissenschaft in der Menschheitsgeschichte, ihr revolutionärer Sinn dürfte in einer Erweiterung des menschlichen Bewußtseins bestehen, in einer vertieften Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit, in die Einheit alles Lebendigen, in die Eingebautheit des Menschen im Biokosmos. Als Beispiel solcher naturwissenschaftlicher Erkenntnise einige biochemische Betrachtungen. Jeder höhere Organismus, gleich ob Pflanze, Tier oder Mensch, nimmt seinen Ausgang von einer einzigen Zelle, von der befruchteten Eizelle. Die kleinsten Einheiten des Lebendigen, aus denen sich alle Organismen aufbauen, sind die Zellen. Die pflanzlichen und tierischen und menschlichen Zellen weisen nicht nur eine gleichartige Struktur auf, sondern sie besitzen auch eine weitgehend gleiche chemische Zusammensetzung. Es sind die gleichen Klassen von organischen Verbindungen, die an der stofflichen Zusammensetzung des tierischen und menschlichen Körpers wie der Pflanze beteiligt sind, Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette, Phosphatide und so weiter. Diese Einheit der stofflichen Zusammensetzung steht im Zusammenhang mit dem großen metabolischen und energetischen Kreislauf alles Lebendigen, in dem Pflanzen-, Tier- und Menschenreich zusammengeschlossen sind. Die gesamte Energie, die diesen Kreislauf des Lebens in Gang hält, stammt von der Sonne. Die Pflanze, der grüne Teppich der

Pflanzenwelt, vermag in mütterlicher Empfänglichkeit Licht als immateriellen Energiestrom in sich aufzunehmen und in Form von chemisch gebundener Energie zu speichern. Bei diesem Vorgang verwandelt die Pflanze mit Hilfe des Blattgrüns, des Chlorophylls als Katalysator und Licht als Energiequelle, Wasser und Kohlensäure in organische Verbindungen, in Pflanzensubstanz um. Dieser als Photosynthese bezeichnete Prozeß liefert über die Pflanze die Bausteine auch für den tierischen und menschlichen Organismus. Alles Leben, alle Lebensprozesse beruhen energetisch auf dieser Lichtnahme durch die Pflanze. Wenn im Menschen die pflanzliche oder tierische Nahrung beim Verdauungsprozeß wieder zu Kohlensäure und Wasser abgebaut wird, wird die gleiche Menge Energie freigesetzt und für den Körper verfügbar, die bei der Photosynthese als Licht aufgenommen wurde. Mit Licht, als der ursprünglichen kosmischen Energiequelle, baut sich auf und erhält sich alles Leben, das pflanzliche, tierische und menschliche. Auch der Denkprozeß des menschlichen Gehirns wird von dieser Energiequelle gespeist, so daß also der menschliche Geist, unser Bewußtsein, die höchste, sublimste energetische Umwandlungsstufe von Licht darstellt. Wir sind Lichtwesen, das ist nicht nur eine mystische Erfahrung, auf die das Wort Erleuchtung und die Bedeutung des Lichts in vielen Religionen hinweist, sondern auch eine naturwissenschaftliche Erkenntnis. Dieses Beispiel soll genügen, es gäbe noch beliebig viele andere, um zu zeigen, daß Naturwissenschaft und Mystik nicht sich widersprechende, sondern sich ergänzende Erfahrungen beinhalten. Von den tiefen Einblicken in das Wesen der objektiven Wirklichkeit, die wir den Naturwissenschaften verdanken, scheinen mir Erkenntnisse vom Mechanismus unserer Wahrnehmung von besonders großer erkenntnismäßiger Bedeutung zu sein. Auf diese möchte ich jetzt etwas näher eingehen. Es lohnt sich, diese grundlegenden Erkenntnisse, die in jedem Lehrbuch der Physiologie nachgelesen werden können, sich wieder ins Bewußtsein zu rufen und sie meditativ zu verarbeiten, denn die Sinneswahrnehmungen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, vermitteln uns nicht nur den Kontakt mit der materiellen Außenwelt, sondern sie sind auch die Schlüssel und Tore zur geistigen Welt. Dazu ein Zitat von William Blake, einem Mystiker, der von 1757 bis 1827 in London gelebt hat:

»If the doors of perception were cleansed, everything will appear to man äs it is, infinite«: »Wenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt werden, wird dem Menschen alles erscheinen, wie es wirklich ist, unendlich.« Um die für das Zustandekommen eines Bildes der Außenwelt notwendige Wechselbeziehung zwischen materieller Außenwelt und geistiger Innenwelt des Menschen anschaulich zu machen, kann man den Vergleich heranziehen, wie bei der Fernsehübertragung Bild und Ton entstehen. materielle Welt im äußeren Raum arbeitet als Sender, entsendet optische und akustische Wellen und liefert Tast-, Geschmacks- und Geruchssignale. Den Empfänger bildet das Bewußtsein im Inneren des einzelnen Menschen, wo die von den Sinnesorganen, von den Antennen empfangenen Reize in ein sinnlich und geistig erlebbares Bild der Außenwelt umgewandelt werden. Fehlte eines von beiden, der Sender oder der Empfänger, so käme keine menschliche Wirklichkeit zustande, gleich wie beim Fernsehen der Bildschirm leer und ohne Ton bleiben würde. Im Folgenden soll nun dargelegt werden, was wir auf Grund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von der Physiologie des Menschen hinsichtlich seiner Funktion als Empfänger sowie vom Mechanismus des Empfangens und Erfahrens von Wirklichkeit wissen. Leider bin ich nun gezwungen, Ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit für detaillierte wissenschaftliche Befunde in Anspruch zu nehmen. Die große Bedeutung derselben mag das rechtfertigen. Die Antennen des menschlichen Empfängers sind unsere fünf Sinnesorgane. Die Antenne für optische Bilder, das Auge, ist in der Lage, elektronisch-magnetische Wellen, Lichtwellen zu empfangen und damit auf der Netzhaut ein Bild zu produzieren, das mit dem Objekt, von dem diese Wellen ausgehen, übereinstimmt. Von dort werden die dem Bilde entsprechenden nervösen Impulse durch den Sehnerv ins Sehzentrum des Gehirns geleitet, wo aus den bis dorthin objektivierbaren elektrophysiologischen energetischen Geschehen das subjektive psychische Phänomen Sehen resultiert. Sehen ist als psychisches Phänomen naturwissenschaftlich nicht weiter erklärbar. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß unser Auge und der innere psychische Bildschirm nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus dem riesigen Spektrum der elektromagnetischen Wellen ausnützen, um die Außenwelt sichtbar zu machen. Aus dem elektromagnetischen Wellenspektrum, das Wellenlängen von Milliardstel Millimetern aus dem Bereich der Röntgenstrahlen bis zu Radiowellen von vielen Metern Länge umfaßt, spricht unser Sehapparat nur auf den sehr schmalen Bandbereich von 04, bis 0,7 Tausendstelmillimeter an. Nur dieser sehr kleine Ausschnitt kann von unseren Augen empfangen und als Licht wahrgenommen werden. l nnerhalb des sichtbaren Wellenbereichs sind wir in der Lage, die verschiedenen Wellenlängen als verschiedene Farben wahrzunehmen. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß im äußeren Raum keine Farben existieren. Im allgemeinen ist man sich dieser fundamentalen Tatsache nicht bewußt. Was von einem Gegenstand, den wir als farbig sehen, in der äußeren Welt objektiv vorhanden ist, ist ausschließlich Materie, die elektromagnetische

Schwingungen von bestimmten Wellenlängen aussendet. Wenn ein Gegenstand von dem Licht, das auf ihn fällt, Wellen von 0,4 Tausendstelmillimeter reflektiert, dann sagen wir, er sei blau. Sendet er Wellen von 0,7 Tausendstelmillimeter aus, dann benennen wir das optische Ergebnis, das wir dabei haben, als rot. Es ist aber unmöglich, festzustellen, ob beim Empfang einer bestimmten Wellenlänge alle Menschen das gleiche Farberlebnis haben. Die Wahrnehmung von Farbe ist ein rein psychisches, subjektives Erlebnis, das im inneren Raum des Individuums stattfindet. Die farbige Welt, so wie wir sie sehen, existiert objektiv draußen nicht, sondern sie entsteht auf dem psychischen Bildschirm im Inneren des einzelnen Menschen. In der akustischen Welt bestehen entsprechende Beziehungen zwischen einem Sender im äußeren Raum und einem Empfänger im inneren Raum. Die Antenne für akustische Signale, das Ohr, weist in seiner Funktion als Teil des menschlichen Empfängers ebenfalls nur einen beschränkten Empfangsbereich auf. Wie Farben existieren Töne objektiv nicht. Was objektiv vom Hörvorgang vorhanden ist, sind wiederum Wellen, wellengleiche Verdichtungen und Ausdehnungen der Luft, die vom Trommelfell des Ohres registriert und im Gehörzentrum des Gehirns in die psychische Erfahrung von Ton umgewandelt werden. Unser Empfänger für akustische Wellen reagiert auf Wellen im Bereich von 20 Schwingungen pro Sekunde bis zu 20.000 Schwingungen, was den tiefsten bis zu den höchsten von uns wahrnehmbaren Tönen entspricht. Auch die anderen Aspekte der Wirklichkeit, welche von den übrigen drei Sinnen, vom Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn erschlossen werden, entstehen durch eine Wechselwirkung zwischen materiellen und energetischen Sendern im äußeren Raum und psychischen Empfängern im inneren Raum des einzelnen Menschen. Ich möchte das hier nicht im Einzelnen beschreiben. Hier gilt es nur festzuhalten, daß Geschmack, Geruch und Tastempfindungen, gleich wie Farben und Töne, objektiv nicht feststellbar sind. Sie existieren nur auf dem psychischen Bildschirm im inneren des einzelnen Menschen. Aus diesen Erkenntnissen folgt, daß die Welt, wie wir sie mit unseren Augen und den anderen Sinesorganen wahrnehmen, eine einzig auf den Menschen zugeschnittene Wirklichkeit darstellt, die bestimmt wird von der Fähigkeit und den Begrenzungen der menschlichen Sinnesempfindungen. Tiere mit unterschiedlichen Sinnesorganen, mit Antennen, die auf andere Impulse reagieren, die vor allem aber einen anderen Empfänger, ein anderes Bewußtsein haben, dem die Fähigkeit des geistigen Erkennens und damit der Liebe fehlt - sehen und erleben die Außenwelt völlig anders, das heißt sie leben in einer anderen Wirklichkeit. Wir können von der Außenwelt nur so viel sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen, wie wir mit unseren beschränkten Sinnen wahrnehmen können. Nur so viel ist für uns wirklich, nur so viel wird Wirklichkeit. Mathias Claudius hat das poetisch ausgedrückt in seinem schönen Gedicht, wo es heißt: »So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.« Die Metapher der Wirklichkeit als Produkt eines Senders und eines Empfängers legt offen zutage, daß das scheinbar objektive Bild der Außenwelt, das wir als die Wirklichkeit bezeichnen, tatsächlich ein subjektives Bild ist. Diese grundlegende Tatsache besagt, daß der Bildschirm nicht außen, sondern im Inneren eines jeden Menschen sich befindet. Jeder Mensch trägt sein eigenes, persönliches, von seinem privaten Empfänger erzeugtes Bild der Wirklichkeit in sich. Es ist sein wahres Bild der Welt, weil es das ist, das er mit seinen eigenen Augen und mit den anderen Sinnen wahrnehmen kann. Das Bild der Wirklichkeit als Produkt von Sender und Empfänger erweist sich in besonders bedeutungsvoller Hinsicht aufschlußreich durch den Hinweis auf den Anteil des Empfängers, das heißt, des einzelnen Menschen, an der Wirklichkeitsbildung. Es bringt uns die weltenschöpferische Potenz, die jedem Individuum zukommt, voll zum Bewußtsein. Jeder Mensch ist der Schöpfer seiner eigenen Welt, denn einzig und allein in ihm wird die Erde und das bunte Leben auf ihr, werden die Sterne und der Himmel Wirklichkeit. Das tönt sehr mystisch, ist mystisch, aber in gleicher Weise naturwissenschaftliche Wahrheit, von jedermann einsichtbare nachprüfbare Tatsache. In dieser wahrhaft kosmogonischen, Weltwirklichkeit schaffenden Fähigkeit ist die wahre Würde des Individuums begründet; in ihr liegt die eigentliche Freiheit und Verantwortung eines jeden Menschen, die weit über die Bedeutung seiner politischen Freiheit und Verantwortung hinausreicht. Wenn ich erkannt habe, was in der Wirklichkeit objektiv außen ist, und was subjektiv in mir geschieht, dann weiß ich besser, was ich in meinem Leben ändern kann, wo ich die Wahl habe, und somit für was ich verantwortlich bin, und andererseits, was außerhalb meiner Macht und meines Willens liegt und als unveränderliche Gegebenheit hingenommen werden muß. Ich bin es, der den Gegenständen, die objektiv in der Außenwelt nur geformte Materie sind, nicht nur ihre Farbe, sondern durch meine Zuwendung und Liebe auch ihre Bedeutung gibt. Das gilt nicht nur für die leblose Umwelt, sondern auch für die lebenden Geschöpfe, für Pflanzen und Tiere und auch für meine Mitmenschen. Diese Klärung meiner Zuständigkeit ist eine unschätzbare Lebens-hilfe. Noch auf eine weitere Einsicht, die das Sender-Empfänger-Modell der Wirklichkeit vermittelt, möchte ich

hinweisen. Es macht die grundlegende Tatsache anschaulich, daß die Wirklichkeit kein festumrisse-ner Zustand ist, sondern das Ergebnis von kontinuierlichen Prozessen, bestehend aus einem kontinuierlichen Input von materiellen und energetischen Signalen aus dem äußeren Raum und ihrer kontinuierlichen Dechiffrierung, das heißt, Umwandlung in psychische Erfahrungen und Wahrnehmungen, im inneren Raum. Wirklichkeit ist ein dynamischer Prozeß: Sie entsteht stets neu in jedem Augenblick. Eigentliche Wirklichkeit gibt es also nur im Hier und Jetzt, im Augenblick. Das erklärt, warum das Kind, das viel mehr im Augenblick lebt als der Erwachsene, ein wirkliches Bild der Welt wahrnimmt. Dem Kindheitsparadies kommt mehr Wirklichkeit zu als dem Welterleben der Erwachsenen. Darin liegt eine tiefe Bedeutung, wie sonst hätte Jesus gesagt: »Denn ihnen ist das Himmelreich.« Das Erleben der wahren Wirklichkeit im Augenblick ist ein Hauptziel der Mystik. Hier treffen sich kindliches und mystisches Welterleben. Dazu ein Gedicht aus der Barockzeit von Andreas Gryphius:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht, So ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht. Wäre die Wirklichkeit nicht das Ergebnis von ununterbrochenen Veränderungen, sondern ein stationärer Zustand, dann gäbe es nicht nur keinen Augenblick, es gäbe auch keine Zeit, denn Zeitempfindung entsteht nur durch die Wahrnehmung von Veränderung. Der prozeßhafte Charakter der materiellen Wirklichkeit schafft die Zeit. Diese Einsicht in das Wesen der Zeit, wie auch die vorgehend besprochenen Einblicke in andere fundamentale Gegebenheiten der Wirklichkeit dürften gezeigt haben, daß es sich gelohnt hat, etwas eingehender über den von der Naturwissenschaft aufgeklärten Mechanismus der Wahrnehmung nachzudenken. Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch eine weitere Einsicht darlegen, die sich aus dem Sender-Empfänger-Modell der Wirklichkeit ergibt. Es geht um Kommunikation, die für unser Menschsein so wichtig ist. Ich meine nicht Kommunikation, die uns durch die Massenmedien, Radio und W vermittelt wird, sondern es geht um die existentiellen, durch unsere Körperlichkeit gegebenen Grundlagen der Kommunikation. Anhand des Sender-Empfänger-Modells wurde dargelegt, wir wir als Empfänger von materiellen und energetischen Impulsen aus der Außenwelt die Außenwelt erleben. Wir sind aber nicht nur Empfänger von Botschaften aus der Außenwelt, sondern als Teil dieser Außenwelt auch Sender. So wie ich Empfänger bin für die Botschaft meines Mitmenschen, so bin ich umgekehrt für ihn Sender. Ich kann ihm mein Anliegen, auch ein rein geistiges, einen Gedanken oder meine Liebe nur durch das, was den Sender charakterisiert, nämlich über Materie und Energie, durch meinen Körper übermitteln. Auch wortloses Einverständnis, das sich durch den Blick oder zartes Berühren ausdrückt, kann eben nur durch materielle Augen, materielle Finger, durch die materiellen Körper der sich liebenden Partner ausgedrückt werden. Ohne Materie und Energie wäre Kommunikation nicht möglich. Das gilt nicht nur für die zwischenmenschlichen, sondern auch für die kosmischen Beziehungen. Der Schöpfer kann uns seine Botschaft auch nur über den großen Sender, über seinen Sender, über die Schöpfung, über den materiellen Kosmos zukommen lassen. Über große Arzt, Naturforscher und Philosoph der Renaissance, Paracelsus, nannte die Schöpfung ein Buch, das der Finger Gottes geschrieben hat, in welchem zu lesen wir lernen müssen. Es enthält die Botschaft aus erster Hand. Es ist die Botschaft der Unendlichkeit des Sternenhimmels und der Schönheit unserer Erde mit all ihren wunderschönen Geschöpfen. Die Naturwissenschaften entziffern immer weitere neue Texte aus dieser Botschaft, und der religiöse Mensch erfährt in der Meditation, in der mystischen Schau ihre Ganzheit und damit das Wunder unserer Existenz. Das könnte die Grundlage einer neuen, erdumfassenden Spiritualität werden. Dazu abschließend ein Zitat aus der Schrift »Sadhana« von Rabindranath Tagore:

»Durch den Fortschritt der Naturwissenschaften wird die Ganzheit der Welt und unser Einssein mit ihr, unserem Geist immer klarer. Wenn diese Erkenntnis von der vollkommenen Einheit nicht nur eine intellektuelle Erkenntnis ist, wenn sie unser ganzes Sein erschließt für ein helles Allbewußtsein, dann wird sie zu strahlender Freude, zu einer allumfassenden Liebe.«

BIOGRAPHISCHE DATEN ZU ALBERT HOFMANN

Albert Hofmann wurde am 11.1.1906 in Baden (Kanton Argau, Schweiz) geboren. Eine tiefe Liebe zur Natur seiner Heimat, die er einmal als Knabe in mystischer Verzauberung erlebte, weckt sein Verlangen, durch die Chemie »tieferen Einblick in den Bau und das Wesen der materiellen Welt« zu gewinnen. 1925 nimmt er an der Universität Zürich das Studium auf, das er 1929 mit einer vielbeachteten Dissertation bei dem Nobelpreisträger Paul Karrer abschließt. Mit Respekt für die Leistung »eines jeden Gräsleins, das mit Licht als einziger Energiequelle Stoffe herstellt, für deren Synthese die Arbeit von Hunderten von Chemikern über viele Jahre nicht ausreichen würde«, widmet er von 1929 bis 1971 seine Forschungen in den pharmazeutischen Laboratorien der Sandoz AG in Basel der Naturstoffchemie. Im Zentrum steht seine Mutterkornforschung, der wichtige Arzneimittel zu verdanken sind. Am 16. April 1943 wird er mit der Entdeckung der halluzinogenen Wirkung des LSD, das er fünf Jahre zuvor aus Mutterkornalkaloiden synthetisiert hatte, für seine Forschungen belohnt. Diese Entdeckung geschah zufällig, am 19.4. dann vollzog er den ersten bewußten Selbstversuch. »Nur ein vorbereiteter Geist findet«, kommentiert er diesen bedeutsamen Moment. Für einen heilsamen und gewinnbringenden Gebrauch dieser Substanz setzt er sich verantwortungsvoll ein, auch als das LSD durch zunehmenden Mißbrauch ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit gerät. Sein Interesse an psychoaktiven Substanzen führt ihn zu den mexikanischen Zauberdrogen (Psilocybe mexicana und Ololiuqui), deren Wirkstoffe er chemisch erforscht (Hofmann gelingt die Isolierung des Wirkstoffes Psilocybin) und deren heilsame Anwendung er während einer Forschungsreise nach Mexiko, zur Heilerin Maria Sabina, kennenlernt. Seine engagierte Forschungsarbeit führt ihn mit herausragenden Persönlichkeiten der Geisteswelt - mit den Schriftstellern Ernst Jünger und Aldous Huxley, dem Orientalisten Rudolf Gelpke, dem Psychiater Stanislav Grof, um nur einige herauszugreifen, zusam- men. Nicht nur naturwissenschaftlich, sondern darüber hinaus-durch ein breites philosophisch-metaphysisches Interesse motiviert, wird Albert Hofmann zum Buchautor:

l978 verfaßt er mit R. G. Wasson und C. A. P. Ruck »Weg nach Eleusis«; 1979 folgt in Zusammenarbeit mit R. E. Schultes »Pflanzen der Götter« und der Bericht seiner Entdeckung in »LSD - Mein Sorgenkind«; 1986 erscheint sein Plädoyer für die Einheit des Menschen mit der Natur »Einsichten Ausblicke!. weine umfangreichen (etwa 140 Originalarbeiten umfassenden) Forschungen werden von amerikanischen, schwedischen, schweizerischen und deutschen Universitäten gewürdigt; Ehrendoktortitel und Ehrenmitgliedschaften werden Albert Hofmann verliehen: Dr. pharm. h. c. (Stockholm), Dr. sc. nat. (Zürich), Honorary member of the American Society of Pharmacognosy; Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft für Arzneimittelforschung. Im Dezember 1988 wird ihm der dritte Ehrendoktortitel: Dr. rer. nat. h.c. vom Fachbereich Pharmazie der Freien Universität Berlin zuteil »für seine grundlegenden Beiträge zur Isolierung, Strukturaufklärung und Totalsynthese der Wirkstoffe wichtiger Arzneipflanzen, für seine wegweisenden Arbeiten zur Entwicklung spezifischer Arzneistoffe durch partialsynthetische Abwandlung natürlicher Mutterkornalkaloide, für seine erfolgreichen phytochemischen Untersuchungen an mexikanischen Zauberdrogen, für die Entdeckung der einzigartigen psychoaktiven Eigenschaften des LSD und die kritische Auseinandersetzung mit den Folgen dieser Entdeckung « In zahlreichen Gremien, Stiftungen und Kollegien ist er Vorstandsmitglied. Seinen Namen trägt außerdem eine Spezialbibliothek zum Thema Bewußtseinsforschung in Los Angeles (USA). rleute lebt Albert Hofmann, Vater von vier Kindern und vielen Enkelkindern, mit seiner Frau Anita im Leimental bei Basel, mit grenzüberschreitendem Ausblick inmitten prächtiger Pflanzenwelten, die ihm »Tor zum inneren Raum« sind und waren.

Claudia Müller-Ebeling

Hirn 8t Drugs Et Rock 'n' Roll. Man lernt nicht alles in der Schule. Die meisten ReEducation-AutorInnen wären in früheren Zeiten auf dem Scheiterhaufen gelandet. In

diesen anregenden Heften findet man bewußtseinsbewegende Texte ft Themen, vom Mainstream abweichende Meinungen, neues Gedankengut Et Dokumente eigenartiger Erfahrungen. Infos für das kleine gallische Dorf in deinem Hirn. Flitter für

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R. bloemeke: Ende des Abendlandes

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H. justin: Wiedertäufer ft Little Richard

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john michell: Der Shakespeare Pake

205

ulrich holbein: im Reich der Rümpfe und Stümpfe

EDITION RAUSCHKUNPE:

pieper/davis: Die psychedelischen Beatles gesundheitsministerium: Das neue Betäubungsmittelgesetz '98* F. v. bibra: Haschisch Anno 1855 nina graboi: Mit einem Fuß in der Zukunft mezz mezzrow: Die Tüte und die Tröte rudolf gelpke: Von Fahrten in den Weltraum der Seele dr. C. hartwich: Haschisch Anno 1911 grüne bündnis jugend: Drogenkonzept Alle Hefte jeweils 28-36 Seiten, je 5 DM (außer " 64-68 Seiten, 10 DM, ** 44 Seiten, 7 DM) plus 5 DM Porto pro Bestellung. Unseren prallen Gesamtkatalog mit vielen Büchern, Cassetten, CDs, Stempeln,Videos etc. gibt'lgegen 2 DM in Briefmarken bei:

werner pieper's mepienxperimente • D-69488 löhrbach Werner Piepers´s Mepienxperimente D-69488 Löhrbach

Ergänzung,

nicht

Ausschluss

»Was ist wahr, das Bild der Wirklichkeit, das uns die Naturwissenschaften erschließen, oder jenes, das der Mystiker in seiner Schau erlebt? So kann man nur fragen, wenn man meint - und das ist wohl die allgemein vorherrschende Meinung - Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung würden sich erkenntnismäßig ausschließen. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung ergänzen sich. Das aufzuzeigen, ist der Sinn meiner Ausführungen.« Albert Hofmann

und mystische Welterfahrung ergänzen sich. Das aufzuzeigen, ist der Sinn meiner Ausführungen.« Albert Hofmann