„Freiheit bekommt

man nicht geschenkt“
Arno Rainer bei „Diada“ in Barcelona
BARCELONA/GOLDRAIN - Geschätz-
te 2 Millionen Menschen feierten
am 11. September in Barcelona,
der Hauptstadt Kataloniens, den
Nationalfeiertag „Diada“. Es wurde
des 11. September 1714 gedacht,
als Barcelona seine Unabhängig-
keit verlor. Auch eine Delegation
der Arbeitsgruppe „iatz!“ war im
Auftrag des Südtiroler Schützen-
bundes nach Barcelona gereist,
darunter auch Arno Rainer, Haupt-
mann der Schützenkompanie Gol-
drain.
der Vinschger: Herr Rainer, warum
fährt ein Schütze aus Südtirol nach
Katalonien, um beim dortigen Natio-
nalfeiertag dabei zu sein?
ARNO RAINER: Uns Schützen ging
es darum, den Katalanen zu zeigen,
dass sie nicht alleine sind. So wie
auch viele andere Gruppen aus
ganz Europa, wollten wir unse-
re Solidarität und Unterstützung
zum Ausdruck bringen. Außer-
dem geht es uns auch darum, die
Südtiroler darauf aufmerksam zu
machen, dass sich Europa derzeit
im Umbruch befindet. Nicht nur
Südtirol ist in einem fremden Staat
gefangen.
Welches sind die stärksten Eindrücke,
die Sie bei der „Diada“ erlebten?
Besonders beeindruckend waren
die riesigen Menschenmassen. Da
waren rund 2 Millionen Männer
und Frauen, ältere Menschen und
Kinder und überall katalanische
Fahnen. Während der Hauptver-
anstaltung kletterte ich auf das
Dach einer Bushaltestelle. Mit
einer Hand hielt ich die Tiroler
Fahne, mit der anderen schwenkte
ich die katalanische. Tausende
Menschen jubelten mir zu und
riefen ihren Schlachtruf: „Volem
votar!“ (Wir wollen wählen!). Das
war schon beeindruckend; einfach
unvergesslich!
Warum wollen sich die Katalanen vom
spanischen Staat verabschieden?
Das hat vor allem historische
Gründe. Sie fühlen sich nicht als
Spanier. Die Katalanen sind ein
eigenes Volk, mit eigener Sprache,
Kultur und Geschichte. Besonders
unter der Franco-Diktatur hatten
sie bis in die 1970er Jahre schwer
zu leiden. Orts- und Familien-
namen wurden hispanisiert, die
katalanische Sprache verboten und
politische Gegner verfolgt, gefol-
tert und ermordet. Zudem gab es
eine massive staatlich gesteuerte
Zuwanderung von Spaniern. Aber
auch heute noch fühlen sie sich von
der spanischen Zentralregierung
ungerecht behandelt, wirtschaft-
lich wie kulturell.
Vor allem Politiker der SVP unterstrei-
chen immer wieder, dass der Fall Kata-
lonien nicht mit Südtirol vergleichbar
ist. Sind Sie anderer Meinung?
Natürlich kann man beide Situati-
onen nicht 1:1 gleichsetzen. Aber
die Gemeinsamkeiten überwiegen
deutlich. Ein großer Unterschied
ist der, dass die Südtiroler Politiker
in Rom immer wieder als demü-
tige Bittsteller auftreten und sich
mit leeren Versprechen abspeisen
lassen. Die Katalanen hingegen
stellen selbstbewusst Forderungen
und zeigen keine Angst vor der
spanischen Regierung.
Können Sie sich tatsächlich vorstellen,
dass Italien eines der schönsten und
wirtschaftlich stärksten Gebiete in die
Unabhängigkeit entlässt?
Italien ist weder wirtschaftlich von
Südtirol abhängig, noch braucht es
unbedingt unsere schöne Land-
schaft. Die Italiener sind keine
Unmenschen. Viele wissen, dass
wir keine Italiener sind und haben
Verständnis für unseren Wunsch
nach Selbstbestimmung. Bei den
restlichen muss eben noch Auf-
klärungsarbeit geleistet werden.
Wenn eine Mehrheit der Südtiroler
mit demokratischen Mitteln von
Italien weg will, dann kann der
Staat uns Südtiroler nicht ewig
aufhalten. Keine Grenze hat ewig
Bestand. Das zeigt uns die Ge-
schichte.
Wird den Menschen in Südtirol nicht
etwas vorgegaukelt, wenn man die
Hoffnung weckt, von Italien wegkom-
men zu können?
Auf dem Dach einer Bushaltestelle schwenkte Arno Rainer in Barcelona gleichzeitig die Tiroler Fahne sowie die katalanische Fahne.
8 DER VINSCHGER 33/14
VINSCHGER GESELLSCHAFT
Friedhof in Sulden erweitert
SULDEN - Eine Erhebung von 2010
hatte ergeben, dass es notwendig
war, den Friedhof in Sulden zu
erweitern. Der Gemeinde Stilfs
ist es gelungen, die Erweiterung
in Zusammenarbeit mit dem
Pfarrgemeinderat umzusetzen.
Der neue Friedhofsteil entstand
östlich der Pfarrkirche. Er bietet
Platz für ca. 30 neue Gräber. Die
Gesamtkosten von ca. 210.000
Euro trug die Gemeinde. Die Wei-
he des neuen Friedhofs fand am
14. September statt, passend zum
Hochfest der Kreuzerhöhung.
Pfarrer Florian Öttl, der den Got-
tesdienst zusammen mit Altpfar-
rer Josef Hurton feierte, ging auf
das Symbol des Kreuzes ein. „Gott
gibt jedem Menschen nur jenes
Kreuz zum Tragen, wofür er auch
die Kraft hat. Schlimmer sind die
Kreuze, die wir uns selbst aufer-
legen“, sagte Öttl. Im Anschluss
an die Weihe dankten er und die
Pfarrgemeinderatspräsidentin
Alexandra Mazagg der Gemeinde,
dem Projektanten Arnold Gapp,
dem Vize-BM Franz Heinisch,
Hans Reinstadler, der viel im Stil-
len für den Friedhof wirkt, und
allen, die die Erweiterung mitun-
terstützt haben. Mitgestaltet hat
den Gottesdienst der Pfarrchor St.
Gertraud Sulden. Bei der Messe
wurde auch des russischen Uni-
versitätsprofessors und Histori-
kers Vladimir Zabugin gedacht.
Er war am 14. September 1923
am Tag nach einem Bergunfall am
Cevedale im Alter von 43 Jahren
in Sulden gestorben. Er wurde
auch dort begraben. Der Standort
des Grabes ist nicht bekannt. SEPP
Pfarrer Florian Öttl weiht den erweiterten Friedhof.
Nein, das ist durchaus realistisch.
Geschichte kann man nicht aufhal-
ten. Denken wir doch an den Fall
der Berliner Mauer und die deut-
sche Wiedervereinigung in den
Jahren 1989/1990, die einvernehm-
liche Trennung von Tschechen und
der Slowakei oder das Unabhän-
gigkeitsreferendum in Montenegro
im Jahr 2006. In den vergangenen
25 Jahren gab es zahlreiche Grenz-
verschiebungen in Europa. Über
100 Millionen Menschen hat das
betroffen. Das ist auch bei uns
möglich. Nur dürfen wir nicht
erwarten, dass Italien herwärts
kommt und uns bittet endlich zu
gehen. Wir müssen unser Recht
auf Selbstbestimmung schon selbst
einfordern. Freiheit bekommt man
nicht geschenkt. Aber mit viel
Einsatz und Zusammenhalt kann
es gelingen.
Wie realistisch sind die Chancen, dass
Spanien den Katalanen die Unabhän-
gigkeit zugesteht?
Wenn die Katalanen mit demsel-
ben Schwung weiterkämpfen wie
bisher und nicht locker lassen,
dann haben wir sehr bald einen
neuen Staat in Europa. Spanien
kann sich auf Dauer nicht gegen
ein ganzes Volk durchsetzen.
Weiß man in Barcelona, dass auch
Südtirol in einem fremden Staat
„gefangen“ ist?
Wir Schützen haben bei der „Dia-
da“ sehr viel Informationsmaterial
über die Situation in Südtirol ver-
teilt und auch unzählige Gesprä-
che mit den Menschen geführt.
Außerdem pflegen wir internati-
onale Kontakte nach Schottland,
Flandern und Katalonien. Süd-
tirol ist sicher nicht so bekannt
wie Schottland, aber es hat mich
immer wieder erstaunt, wie viele
Menschen unser Land und sei-
ne Geschichte kennen. Manche
waren sogar beruflich oder auf
Urlaub in Südtirol. Würden auch
wir Südtiroler aktiv versuchen von
Italien loszukommen, wäre auch
unser Land in der europäischen
Presse so stark vertreten wie der-
zeit Schottland und Katalonien.
Dann wüssten noch mehr Leute
über uns Bescheid.
Von den Schützen wird oft gefor-
dert, dass sie sich aus der Politik
heraushalten sollten. Traten Sie in
Barcelona als Privatperson auf oder
als Schütze?
Ich war als Schütze dort. Ich bin
überzeugt, dass Demokratie da-
von lebt, dass Menschen sich aktiv
in die Diskussion einbringen. Die
wichtigen Zukunftsfragen dürfen
nicht den Berufspolitikern alleine
überlassen werden. Sie verfolgen
allzu oft nur ihre persönlichen
Interessen und wollen vor allem
ihren gut bezahlten Posten si-
chern. Wir Schützen hingegen
arbeiten ehrenamtlich. Wir haben
unsere Standpunkte und vertreten
diese auch öffentlich. Wir betrei-
ben aber keine Parteipolitik, wie
das leider andere Verbände und
Organisationen immer wieder
tun. Wir haben in unseren Rei-
hen Mitglieder verschiedenster
politischer Lager und das ist auch
gut so, weil wir dadurch sehr breit
aufgestellt sind.
Was geschieht, wenn Spanien dem
für den 9. November geplanten
„Independència“-Referendum nicht
zustimmt?
Es gibt mehrere Möglichkeiten:
Entweder das Referendum wird
trotzdem gemacht oder es kommt
zu vorgezogenen Neuwahlen und
das neue katalanische Parlament
ruft dann die Unabhängigkeit
aus. Es könnte aber auch sein,
dass Spanien weitreichende Zuge-
ständnisse macht und Katalonien
eine Art „Vollautonomie“ anbietet,
so wie das Großbritannien kurz
vor der schottischen Abstimmung
gemacht hat. Auch dies wäre alle-
mal eine deutliche Besserstellung
gegenüber der heutigen Situation.
Wie beurteilen Sie den Ausgang des
Referendums in Schottland? 55,3
Prozent der Schotten stimmten für
den Verbleib bei beim Vereinigten
Königreich.
Das Referendum war an sich
schon etwas ganz Besonderes.
Die Regierung des Zentralstaa-
tes hat sich nicht hinter billigen
Ausreden und juristischen Spitz-
findigkeiten versteckt, so wie das
Spanien und Italien gerne tun.
Es wurde klar gesagt, dass einzig
der freie Wille der Bevölkerung
zählt. Großbritannien ist hier ein
Beispiel dafür, was Demokratie
wirklich bedeutet. Zum Abstim-
mungsergebnis selbst: Das Ziel
der Unabhängigkeit wurde zwar
knapp verfehlt, aber als Sieger
dürfen sich die Schotten trotz-
dem sehen. London muss nun
seine Wahlversprechen einlösen.
Die britische Regierung hat an-
gekündigt, bis Ende Oktober ein
Konzept für eine weitreichende
Autonomie Schottlands vorzule-
gen. Das Referendum in Schott-
land hat Vorbildfunktion für ganz
Europa. Auch für Südtirol.
INTERVIEW: SEPP LANER
* In der nächsten Ausgabe veröf-
fentlichen wir ein Interview mit
Bezirksmajor Peter Kaserer, der
bei der Abstimmung in Schott-
land live dabei war.
DER VINSCHGER 33/14 9

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