23/9/2016

Salvatore Sciarrino: »Vanitas«

BEITRÄGE / BERICHTE / MUSIKWISSENSCHAFT / VERANSTALTUNGEN

Salvatore Sciarrino: »Vanitas«
VON RICHARD ERKENS · 2. DEZEMBER 2015

Salvatore Sciarrino (rechts) im Gespräch mit Silke Leopold und Joachim Steinheuer

Ein Studientag rund um Sciarrinos »Vanitas. Natura morta in un atto«
(1981) einschließlich Konzertaufführung präsentierte verschiedene Perspektiven auf
das Vanitas-Thema und gab neue Einblicke in den musikalischen Kosmos des
italienischen Komponisten.
Solch ein umfassendes »wissenschaftliches Präludium« erlangt nicht jede Aufführung
zeitgenössischer Kompositionen: Der von Sabine Ehrmann-Herfort konzipierte
Internationale Studientag am DHI zusammen mit der Konzertaufführung am Istituto
Storico Austriaco, freundlich unterstützt von der Ernst von Siemens Musikstiftung,
bildete

die

erkenntnisreiche

wissenschaftlich-musikalische

Verzahnung

eines

kulturgeschichtlich so weitverzweigten Themas wie das der Vanitas-Darstellungen in
Bildender Kunst, Literatur und Musik mit der individuellen Auseinandersetzung mit
Leere und Vergänglichkeit eines gegenwärtigen Komponisten. Bereichert wurde die
Diskussion durch die Anwesenheit von Salvatore Sciarrino, der sich doch – wenngleich
bewusst aus Zuhörerperspektive – immer wieder kommentierend und ergänzend
(niemals korrigierend) zu Wort meldete. Die diesjährigen Herbst-Begegnungen mit
zeitgenössischen italienischen Komponisten an der Musikgeschichtlichen Abteilung des
DHI Rom (im Oktober: Lucia Ronchetti, im Dezember: Azio Corghi und Francesco
https://musicaroma.hypotheses.org/619

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Jahrhunderts wie in »Der Tod in Rom« von Wolfgang Koeppen (1954) oder »Natura Morta« von Josef Winkler (2001). Miriam Henzel (Heidelberg) machte anhand einer Analyse der zahlreich von Sciarriano veröffentlichten Eigenkommentare zu seinen Werken auf die Frage aufmerksam. Während Marco Angius in einem freiem Referat über seine Erfahrungen als musikalischer Leiter von Aufführungen zeitgenössischer Werke sprach. und definierte sie – im Sinne von Ekphrasis – als »poetische Wegweiser«.hypotheses. Epoche nicht fehlen. Jahrhunderts und erläuterte einfühlsam die komplexen Reflexphänomene von Licht.org/619 2/3 . doch gehörten auch Beispiele aus dem 19. steuerten Paolo https://musicaroma.23/9/2016 Salvatore Sciarrino: »Vanitas« Antonioni) fanden im Rahmen dieser Tagung eine intensive und für die anwesenden Zuhörer und Referenten sicherlich lange nachhallende Fortsetzung. die Stofflichkeit der Gegenstände sowie Zeitlichkeit und Symbolsprache der Bildarrangements. Karin Leonhard (Konstanz) näherte sich aus kunstgeschichtlicher Perspektive den Vanitas-Motiven in den Stillleben des 17. Auch bei »Vanitas« verschwimmen Gattungsgrenzen: Als Lied-Komposition für Singstimme. welchen Stellenwert dieser Quellentypus für die musikwissenschaftliche Forschung beanspruchen kann. Die Literaturwissenschaftlerin Elena Agazzi (Bergamo) gab einen faszinierenden Einblick in die Virulenz des VanitasMotivs in deutschsprachiger Literatur des 20. die sich nicht nur auf dezidierte Bühnenwerke wie »Perseo e Andromeda« (1990) oder »Superflumina« (2010) bezieht. sondern ebenso auch als Element hybrider Werkformen nachweisbar ist. Jahrhundert bis hin zu einem tanzenden Angelo Branduardi zum Spektrum. Werke die zudem einen besonderen Rom-Bezug aufweisen. Bei diesem von Silke Leopold (Heidelberg) anschaulich dargebotenen Kaleidoskop konnte natürlich ein Schwerpunkt auf Monteverdi und seine Der Vortrag von Silke Leopold eröffnete den Studientag. Eröffnet wurde der Kongress – in Form eines Avant-propos – mit einem Streifzug durch die Musikgeschichte auf der Suche nach Vanitas-Bezügen. auf welche Weise Musik als im Zeitverlauf angesiedelte Kunstform sich besonders für die Abbildung von zeitlich Vergänglichem erwiesen hat. Trait d’union war die Frage. Sabine Ehrmann-Herfort (Rom) thematisierte in ihrem Vortrag die spezifische szenische Qualität der Kompositionen Sciarrinos. Violoncello und Klavier erlebte es beispielsweise seine Uraufführung in szenischer Form.

der – in Anlehnung an den kunstgeschichtlichen Terminus der Anamorphose – bis zur Unkenntlichkeit modifiziert und quasi verdeckt. genommen. Als Nukleus der Komposition wurde der Song »Stardust« von Hoagy Carmichael aus dem Jahr 1927 immer wieder in den Blick Verena Sennekamp (Violoncello). zusammen mit der Werkeinführung von Joachim Steinheuer unmittelbar vor dem Konzert erhielten auch jene Zuhörer einen Der anwesende Komponist dankt den Musikerinnen. Gesamtschaffens hinsichtlich der verwendeten Textbausteine analysierten und mit Blick auf das verwendete musikalische Material untersuchten. Dankenswerterweise sang die Sopranistin Anna Maria Pammer. vor der Aufführung von »Vanitas« diesen Song.org/619 3/3 . begleitet von Katharina Olivia Brand am Klavier. https://musicaroma.hypotheses. indem sie sie in den Kontext des bisherigen eingeordneten. die nur zum abendlichen Bibliothekssaal des Konzert in den Österreichischen Historischen Instituts gekommen waren. Katharina Olivia Brand (Klavier) und Anna Maria Pammer (Gesang) brachten „Vanitas“ im Österreichischen Historischen Institut Rom zur Aufführung. Im Verbund mit Verena Sennekamp am Violoncello wurde die gut 50minütige Komposition in beeindruckender Konzentration aufgeführt und entfaltete dadurch ihre meditative Kraft. aber dadurch ständig präsent erscheint. Wegweiser zum vertieften Hören.23/9/2016 Salvatore Sciarrino: »Vanitas« Somigli (Bozen) und Joachim Steinheuer (Heidelberg) detailreiche Werkanalysen von »Vanitas«  bei.

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