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Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter – RGA-E Band 58 – Seiten 533–557

Die2008
© Copyright spätantik-frühbyzantinischen
Walter de Gruyter · Berlin · befestigten
New York Höhenanlagen in Serbien 533

Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten


Höhenanlagen in Serbien
Mihailo Milinković

1. Forschungsgeschichte, Forschungsstand und Methode


Die Forschungsgeschichte der frühbyzantinischen Befestigungen in Ser-
bien beginnt mit den ersten Ausgrabungen in Caričin Grad/Iustiniana
Prima(?) im Jahre 1912 und setzt sich danach mit Untersuchungen in dessen
Umgebung fort. Der eigentliche Durchbruch, besonders im Hinblick auf
die Höhenanlagen, erfolgte aber erst am Anfang der 80er Jahre des 20. Jahr-
hunderts in der gebirgigen Region um Novi Pazar in Südwestserbien bezie-
hungsweise in der Region des serbischen mittelalterlichen Hauptortes Ras.
Hier wurden in den 1970er Jahren Ausgrabungen in Pazarište südwestlich
von Novi Pazar begonnen, die Ras gelten sollten. An dieser Stelle soll nicht
die Polemik über die Lokalisierung und Bedeutung von Ras aufgegriffen
werden.1 Von größerer Bedeutung ist vielmehr, daß man in Anlehnung an
diese Ausgrabungen auch die Umgebung archäologisch erkundete. Dabei
unternahm man Probegrabungen an den umliegenden Befestigungen, zum
Teil von der Annahme ausgehend, daß es sich wie im Falle von Ras um mit-
telalterliche Burgen handeln wird. Es kam aber anderes heraus: Die über-
wiegende Mehrzahl erwies sich nicht als mittelalterlich, sondern als spät-
antik oder frühbyzantinisch. Das Verhältnis fällt etwa 20:4 zugunsten der
früheren Anlagen, besonders denen aus dem 6. Jahrhundert aus. Dieser
Umstand hatte verständlicherweise das sofortige Überprüfen der alten
Denkmodelle zur Folge und führte die auch früher schon behandelten,

1 Zu dieser Frage existieren im archäologischen und historischen Schrifttum Serbiens ver-


schiedene Meinungen, die gegenseitig polemisieren, vgl. J. Kalić, Das Bistum Ras.
In: D. Medaković/H. Jaksche/E. Prunč (Hrsg.), Pontes Slavici. Festschrift St. Hafner
(Graz 1986) 173–178; dies., La région de Ras à l’époque byzantine. In: H. Ahrweiler
(Hrsg.), Géographie historique du monde méditerranéen. Byzantina Sorbonensia 7 (Paris
1988) 127–140; M. Popović, The fortress of Ras. Archaeological Institute Monographies 34
(Beograd 1999) [Serb. mit engl. Zusammenfassung].
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spätantiken und frühbyzantinischen Höhenbefestigungen endgültig als


„neue Fundkategorie“ in die serbische Archäologie ein.2
In Serbien ist bislang fast keine spätantike oder frühbyzantinische Hö-
henanlage vollständig ausgegraben worden. Die hier vorgelegten Resultate
stammen vor allem von Prospektionen, Probegrabungen oder Grabungen
kleineren Ausmaßes, deren Umfang von Fundstelle zu Fundstelle variiert.
An einigen dieser Fundorte, zum Beispiel auf der Jelica-Gradina,3 werden
systematische, aber im Umfang begrenzte Ausgrabungen durchgeführt und
an anderen Plätzen flächendeckende Untersuchungen, wie in Pazarište-
Gradina (abgeschlossen),4 Postenje-Gradina5 oder Caričin Grad.6 Diese
Ausgrabungen lassen noch manche Fragen offen, unter anderem die nach
der wirklichen, auf den ersten Blick manchmal nicht erfaßbaren Größe der
Befestigungen, nach der Lage der leider fast nirgendwo untersuchten Grä-
berfelder – Jelica ist da eine Ausnahme – und nach der inneren Struktur der
Anlagen. Dank der Methode der Sondageprospektion konnte dennoch ein
Einblick in die Stratigraphie und Chronologie der Anlagen gewonnen und
die Aufnahme ihrer Grundrisse wenigstens in wesentlichen Teilen durchge-
führt werden.
Beim Versuch einer Kategorisierung der Anlagen sollte man nicht ver-
gessen, daß in einigen Fällen die äußeren Umfassungsmauern wegen der
Morphologie des jeweiligen Geländes nur durch topographische Sondie-
rungen oder glückliche Umstände entdeckt wurden. Dadurch war es wie in
Viča-Stojkovića Gradina im Dragačevo (Zentralwestserbien) oder in Po-
stenje-Gradina (Ras-Postenje) in Südwestserbien notwendig, die ältere In-
terpretation zu revidieren. Ähnliches ist sicherlich noch an anderen Fund-
stellen zu erwarten. Außerdem sind an manchen Orten die „Suburbien“
nicht untersucht oder in den Situationsplan aufgenommen worden. Da
also nicht immer gewiß ist, ob die zur Verfügung stehenden Daten wirklich
repräsentativ sind, relativiert sich der Wert von Gruppierungen beziehungs-

2 Für eine vorausgehende Auseinandersetzung vgl. -D. Stričević, Uvod u ispitivanje un-
utrašnjosti romejskog limesa u Iliriku. In: M. Grbić (Hrsg.), Limes u Jugoslaviji I. Zbornik
radova sa simposiuma o limesu 1960 godine (Beograd 1961) 177–184.
3 M. Milinković, Die byzantinische Höhenanlage auf der Jelica in Serbien – ein Beispiel aus
dem nördlichen Illyricum des 6. Jh. Starinar 51, 2001 (2002), 71–130.
4 Diese Fundstelle wird von M. Popović als die mittelalterliche Befestigung Ras gedeutet, so
daß sie unter diesem Namen in der Literatur zu finden ist. Allerdings wird auch in der glei-
chen Region der Platz Gradina-Postenje (Ras-Postenje) bei Novi Pazar mit Ras identifiziert
(siehe Anm. 1).
5 D. Mrkobrad, Ras-Postenje: Phases in the development of the fortress. Recueil des Tra-
vaux de l’Institut d’Études Byzantines 36, 1997, 203–219, hier 205 [Serb. mit engl. Zusam-
menfassung].
6 B. Bavant/V. Ivanišević, Iustiniana Prima – Caričin Grad (Belgrade 2003) 9–16.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 535

weise Einteilungen der Befestigungen nach ihrer Größe. Aber auch im Falle
einer gänzlich erschlossenen Ummauerung kann bei fehlenden flächendek-
kenden Ausgrabungen intra muros oder modernen geophysikalischen Un-
tersuchungen nicht automatisch anhand der Größe über die Bedeutung der
Anlagen geurteilt werden, denn die Vorstädte müssen nicht unbedingt be-
baut und ständig in Benutzung gewesen sein, wie es aus zeitgenössischen
schriftlichen Quellen und aus Grabungen hervorgeht. Der „Anonyme By-
zantiner“ schreibt um die Mitte des 6. Jahrhunderts: „The security of for-
ward walls is also to be considered. They are used to receive our own people
when they come in from the country to seek refuge behind the walls. This
relieves congestion in the city, and the refugees can also stand there and
fight against the enemy“.7 Demzufolge konnten die äußeren Mauergürtel
eine nur temporäre Funktion als Refugium für die lokale Landbevölkerung
haben, die nebenbei bemerkt in Zeiten der Gefahr wohl das wertvollste be-
wegliche Gut der Bauern mit sich führte: das Vieh, welches ebenso Platz
beanspruchte, während die ständigen Bewohner in ihren Wohnrevieren im
inneren Befestigungskreis blieben. Aus diesen Gründen ist bei einer Eintei-
lung der Höhenanlagen nach ihrer Größe immer Vorsicht geboten.

2. Allgemeine Verteilung der Anlagen in Serbien


und ihre chronologische Gliederung
In Serbien sind heute über 170 spätantik-frühbyzantinische Befestigungen
bekannt, davon ungefähr 140 Höhenanlagen (Abb. 1 und 2). Dies sind
lediglich Zahlen, die den heutigen Forschungsstand repräsentieren – die
ursprüngliche Anzahl der Höhenanlagen wird um ein vielfaches höher ge-
wesen sein. Manche Befestigung, deren Nutzung mit größter Wahrschein-
lichkeit nicht (nur) prähistorisch oder mittelalterlich war, wurde nicht in
den abgebildeten Karten eingetragen, da Beweise für ihre chronologische
Einordnung bislang fehlen. Die Anzahl der datierbaren Höhenanlagen
steigt aber von Jahr zu Jahr. Es kann von der in den letzten 20 Jahren be-
stätigten Annahme ausgegangen werden, daß die gut erforschten Regionen
wie diejenigen um Novi Pazar, Caričin Grad oder Kruševac für die meisten
erst zu erschließenden Gebiete Modellcharakter besitzen. Als weiteres Bei-
spiel kann das benachbarte, flächenmäßig kleinere und in dieser Hinsicht

7 The anonymous Byzantine treatise on strategy. In: Three Byzantine military treatises,
hrsg. von G. T. Dennis. Corpus Fontium Historiae Byzantinae 25 (Washington D. C.
1985) 1–136, hier 35. Für die Datierung der Abhandlung in das Zeitalter Justinians I. siehe
ebd. 3.
536 Mihailo Milinković

Abb. 1. Die spätantik-frühbyzantinischen Befestigungen in Serbien.


Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 537

Abb. 2. Die spätantik-frühbyzantinischen Höhenanlagen in Serbien.


538 Mihailo Milinković

quantitativ besser erforschte Mazedonien erwähnt werden, wo nach I. Mi-


kulčić etwa 500 spätantike Befestigungen bekannt sind, davon angeblich
400 aus dem 6. Jahrhundert.8
Zeitlich läßt sich die Nutzung von Höhenpositionen in zwei Hauptpha-
sen einteilen: 3./4. Jahrhundert und 6./Anfang 7. Jahrhundert.

3. Die Ansätze im 3. und 4. Jahrhundert


Die durch Grabungen erfaßten befestigten Höhenanlagen dieser Zeit sind
nicht häufig und hauptsächlich auf Südwestserbien beschränkt. In Einzel-
fällen wird zwar bei Ausgrabungen von Anlagen des 6. Jahrhunderts spo-
radisch Material aus dem 3. Jahrhundert gefunden,9 aber ohne begleitende
Architektur. Vielleicht deuten solche Funde eine erste, nur vorübergehende
Nutzung von Höhenpositionen an, nach welcher die Bevölkerung bei über-
standener Gefahr in ihre ständigen Wohnsitze in den Tallagen zurückkehrte.
Wie die Beispiele aus Südwestserbien zeigen, kam es im 3. Jahrhundert wohl
auch aus praktischen Gründen zur Wiederbenutzung von vorgeschicht-
lichen Befestigungen, z.B. bei Trojan auf der Pešter-Hochebene (Abb. 3 und
4). Auf dem 1351 m über dem Meer hohen Berggipfel wurde das Areal durch
einen wiederverwendeten vorgeschichtlichen, den Höhenlinien folgenden
Steinwall geschützt, dessen maximale Ausdehnung 210 × 85 m betrug, was
einer Fläche von ca. 1,7 ha entspricht. Die Höhenanlage war bis in das dritte
Viertel des 4. Jahrhunderts in Gebrauch.10 Dazu gesellt sich die Gradina in
Postenje (Ras-Postenje) bei Novi Pazar, auf 690 m über dem Meer gelegen,
wo aus der Vorgängerphase der größeren spätantiken (4. Jahrhundert) und
justinianischen Befestigung (220 × 350 m, ca. 7,7 ha) (Abb. 9) Überreste von
zwei massiven Steinbauten ohne Wallverbindung ausgegraben wurden. Es
wird angenommen, daß diese Agglomeration eine Benefiziarierstation war,
deren Existenz durch Inschriftenfunde bezeugt ist.11
Ein weiteres Beispiel in dieser Region bietet Šarski Krš auf 1366 m über
dem Meer mit einer im Grundriß dem Gelände angepaßten Befestigung,
die aus gemörtelten Abwehrmauern bestand. Auch sie wurde den Funden

8 I. Mikulčić, Spätantike und frühbyzantinische Befestigungen in Nordmakedonien.


Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 54 (München 2002) 119 f.
9 Z. B. eine durchbrochene Bronzefibel mit Pelta-Motiv von der Jelica. Für den Typ vgl.
D. Bojović, Rimske fibule Singidunuma. Zbirke i legati 12 (Beograd 1983) 66 (Varijanta 5).
10 V. Ivanišević, La forteresse antique de Trojan. Novopazarski Zbornik 13, 1989, 13 [Serb.
mit franz. Zusammenfassung].
11 Mrkobrad (wie Anm. 5) 206f.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 539

Abb. 3. Trojan, Grundriß (nach V. Ivanišević).


540 Mihailo Milinković

Abb. 4. Trojan, Kleinfunde (nach V. Ivanišević).

entsprechend um die Mitte des 3. Jahrhunderts an der Stelle einer vor-


geschichtlichen Anlage erbaut. Ihre Benutzungszeit erstreckt sich bis in die
zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts. Funde von Eisenschlacke deuten Verbin-
dungen zum antiken Bergbau in diesem bekannten Revier12 an (Abb. 5).
Auf dem Platz Gradina in Pazarište (Ras-Gradina) scheint eine specula oder
eine statio bestanden zu haben, welche anhand der Kleinfunde in die Mitte
und zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts datiert wird. Aufgrund der starken
Erosion weist sie nur wenige in situ verbliebene architektonische Überreste
auf, wie die eines gemörtelten Objektes, das als Turm gedeutet wird.13 Am
Anfang des 4. Jahrhunderts wurde hier eine größere Befestigung erbaut, die
nach M. Popović ununterbrochen bis in das 6. Jahrhundert benutzt und

12 M. Popoviџ, Antiљko utvr„ewe na Оarskom KrПu kod Duge Poqane. Novopa-


zarski Zbornik 7, 1983, 5ff.
13 Popović (wie Anm. 1) 69–72, 292 f.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 541

Abb. 5. Šarski Krš, Grundrißskizze mit Kleinfunden (nach M. Popović).


542 Mihailo Milinković

Abb. 6. Pazarište-Gradina, Grundriß (nach M. Popović).

später von der kleineren, mittelalterlichen Burg teilweise überdeckt wurde


(Abb. 6). Ihre Dimensionen betrugen ca. 185 × 330 m, was eine zu vertei-
digende Fläche von etwa 6 ha ergibt. Unterhalb der Feste im Flußtal befand
sich ein „sakraler Komplex“, zusammengesetzt aus einer Basilika und einer
kleineren Kirche mit Grabkammer.14 Ein Benutzungshorizont des 4. Jahr-
hunderts wurde in Südwestserbien noch in den Höhenanlagen von Južac
(1079 m über dem Meer, 150 × 65 m, ca. 1 ha)15 und Vrsenice auf der Pešter-
Hochebene beobachtet (1330 m über dem Meer, 107 × 92 m, etwas weniger
als 1 ha) (Abb. 7 und 8).16 Diese frühen Anlagen liegen mit Ausnahme von
Postenje in entlegenen Berggebieten und wurden von ihren Ausgräbern als
Benefiziarierstationen angesprochen, zu deren Aufgabe der Schutz des
Bergbaus, der Straßen und des Transportes gehört hätte. Demnach wären

14 Popović (wie Anm. 1) 123–138.


15 M. Popović, Južac kod Sopoćana. Late Roman fortification, Early Iron Age hillfort and
Medieval cemetery. Arheološki Pregled 1986 (1987) 115–117.
16 D. Premoviџ-Aleksiџ, Najranije vesti o Srbima i formirawe drхave (V deo),
Mozaik god. 2, br. 6 (29. mart 2003) 12.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 543

Abb. 7. Južac, Grundriß und Kleinfunde (nach M. Popović).


544 Mihailo Milinković

Abb. 8. Vrsenice, Grundriß (nach D. Premović).

eher Räuber wie etwa die latrones Dalmatiae et Dardaniae der Grund ihrer
Entstehung gewesen und keine äußere Gefahr. Es ist fraglich, ob ihre Deu-
tung als Benefiziarierstationen gänzlich zutreffend ist und ob das Reich tat-
sächlich ein Bedürfnis hatte, seine inneren Gebiete im 3. Jahrhundert nach
einer immerhin länger andauernden Romanisierung in dieser Weise zu be-
festigen. Die erste archäologisch faßbare Fluchtbewegung der Bevölkerung
auf geschützte Höhenpositionen im 3. Jahrhundert verläuft parallel zu den
Einfällen verschiedener barbarischer Stämme (Goten, Heruler, Jazygen). Es
wäre verfrüht, hier umfassende Schlußfolgerungen zu ziehen, da die An-
zahl der untersuchten Anlagen noch zu klein ist. Erst nach weiteren Aus-
grabungen und nach vergleichenden chronologischen Analysen wird man
folgern können, welche Gründe für die Errichtung der einzelnen Höhen-
anlagen ausschlaggebend waren. Die Barbareneinfälle sollten dabei nicht
außer acht gelassen werden.
An dieser Stelle wird von der Darstellung anderer Höhenstationen aus
der Frühphase, wie zum Beispiel Mokranjske Stene im Hinterland des Do-
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 545

naulimes in Nordostserbien, abgesehen.17 Insgesamt sind sie ein Indiz für


die weiträumige geographische Verbreitung dieser Anlagen aus dem 3. und
4. Jahrhundert.

4. Die Befestigungen des 6. Jahrhunderts


Der erste große Kontinuitätsbruch im Leben der romanischen Bevölkerung
im Norden Illyricums erfolgte etwa 400 bis 440 Jahre nach dem Einsetzen
des Romanisierungsprozesses und zwar durch die verheerenden Hunnen-
vorstöße in den 40er Jahren des 5. Jahrhunderts, die bis zu den Thermo-
pylen reichten. Allein bei dem Angriff im Jahre 441 wurden 70 kleinere und
größere Städte verwüstet, unter ihnen Sirmium, Viminatium und Naissus.18
Daß Attila danach die Verlegung der Reichsgrenze von der Donau nach
Niš/Naissus verlangen konnte, zeigt die Tragweite dieser Angriffe. Im ar-
chäologischen Fundbild manifestieren sie sich vielfach als eine Zäsur. Die
Laufzeit der Funde, die bei Ausgrabungen von Villen in den Tallagen West-
und Zentralserbiens zutage treten, erstreckt sich nur bis in die erste Hälfte
des 5. Jahrhunderts, was wahrscheinlich mit den genannten Vorstößen in
Verbindung zu bringen ist.19 Es bleibt unklar, was in den nächsten Jahrzehn-
ten mit der romanischen Bevölkerung im Nord- und Zentralbalkangebiet
geschah; bisher haben die Resultate von Ausgrabungen diese Lücke nicht
schließen können. Die bereits genannten Befestigungen weisen keine
Schichten beziehungsweise Funde der Mitte oder der zweiten Hälfte des
5. Jahrhunderts auf, außer vielleicht Pazarište. Erst Jahrzehnte später, nach
den 30er Jahren des 6. Jahrhunderts, kommt es dank der groß angelegten
und von Prokop beschriebenen Bauaktion Justinians zu einer allumfassen-
den Erneuerung der romanischen Kontinuität in Nordillyricum, was einige
frühere Interventionen unter Anastasius nicht ausschließt.20 In Prokops
Werk De Aedificiis werden die Namen von 654 Kastellen der Balkanhalbinsel
angeführt.21 Das Unternehmen hat bald nach Justinians Regierungsantritt

17 Vgl. M. Sretenović, Mokranjske Stene. Site d’habitat stratifié. Cahiers des Portes de Fer 2,
1984, 226–230.
18 Fontes byzantini historiam populorum Jugoslaviae spectantes I, hrsg. von F. Barišić/
M. Rajković/B. Krekić/L. Tomić. Academia Scientiarum Serbica seorsum edita 241/Insti-
tutum Byzantinum 3 (Beograd 1955) 9–13 (Prisci Frg.).
19 Vgl. M. Vasić, Sites archéologiques de la basse antiquité à Tscatschak et dans ses environs.
Bogorodica Gradaљka u istoriji srpskog naroda. Nauљni skup povodom 800
godina Bogorodice Gradaљke i grada …aљka, nov. 1992 (…aљak 1993) 15.
20 Prokop, Bauten, hrsg. von O. Veh. Prokop Werke 5 (München 1977).
21 V. Beševliev, Zur Deutung der Kastellnamen in Prokops Werk „De aedificiis“ (Amsterdam
1970) 74.
546 Mihailo Milinković

begonnen: Die XI. Novelle aus dem Jahr 535 bekundet die Neugründung
von Iustiniana Prima als bereits bestehenden Erzbischofssitz und betont aus-
drücklich, daß sich das Reichsterritorium auf beide Seiten der Donau er-
streckt, was eine Erneuerung des Limes voraussetzt.22 Prokops Listen bezie-
hen sich nicht auf das ganze Territorium des heutigen Serbien, da Moesia I
ausgelassen wird, sondern auf Dardanien, die Stadtgebiete von Naissus,
Remesiana und Ad Aquas in den Provinzen Dacia Mediterranea und Dacia
Ripensis sowie auf die Limesstrecke. Die letztere ausgenommen, erwähnt er
auf diesen Gebieten 41 neu erbaute, 105 erneuerte und 30 Befestigungen
ohne Spezifikation, insgesamt 176.23 Wenn man in Betracht zieht, daß
schon die 400 Anlagen des 6. Jahrhunderts aus dem kleinen Mazedonien,
auch wenn nicht alle sicher datiert sind, die Mehrheit von 654 Kastellen auf
dem Balkan ausmachen würden und man die Befestigungen aus anderen
Regionen des Balkans – Bosnien und Herzegowina, Dalmatien, Serbien,
Bulgarien, Albanien, Griechenland und Thrakien – noch hinzuzählen
müßte, so wird sofort ersichtlich, daß Prokop in diesem Falle kein Panegy-
riker war, als der er ansonsten oft dargestellt wird. Im Gegenteil, er hat nur
einen Teil der „Kastelle“ angeführt, obwohl er in der Einleitung für den die
Balkanhalbinsel betreffenden Teil seines Buches behauptet, alle Befestigun-
gen aufzählen zu wollen.24 Die Frage ist nun, ob er sich dabei an ein Aus-
wahlkriterium gehalten hat, wie manche meinen,25 oder ob er willkürlich
verfahren ist. Aufgrund der archäologischen Quellen läßt sich schlußfol-
gern, daß auf dem Balkan allem Anschein nach die Zahl der Befestigungen
vierstellig ist und sich in Serbien sicherlich Hunderte von Fortifikationen
des 6. Jahrhunderts befanden, die meisten von ihnen Höhenanlagen. Offen-
sichtlich konnten sie nicht alle einen rein militärischen Charakter besitzen,
dazu fehlten bekanntlich Ressourcen an Soldaten, Menschenkraft und auch
andere Mittel. Was waren dann diese Befestigungen und wieso hat sie Pro-
kop nicht erwähnt? Waren sie für ihn etwa nicht wichtig? Es ist unwahr-
scheinlich, daß er über ihr Bestehen nicht unterrichtet war. Es stellen sich
die Fragen, wer sie gebaut hat und wie, wer sie sie benutzt hat und wie lange.
Im 6. Jahrhundert änderte sich in Serbien das Siedlungsmuster schlag-
artig von Grund auf. Anstatt der Talpositionen wurden nun Höhenlagen

22 V. Kondić/V. Popović, Caričin Grad. Site fortifié dans l’Illyricum Byzantin (Beograd 1977) 371.
23 Fontes (wie Anm. 18) 53–70.
24 Prokop (wie Anm. 20) 193.
25 Vgl. M. Mirković, Villas et domaines dans l’Illyricum central (IV–VI siècle). Recueil des
Travaux de l’Institut, d’Études Byzantines 35, 1996, 70. Dort wird behauptet, daß Prokop
in Dardanien nur diejenigen Befestigungen erwähnt hat, die kaiserliche und vielleicht
kirchliche Domänen schützten, was so formuliert als eine wenig wahrscheinliche, zumin-
dest unvollständige Hypothese erscheint.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 547

Abb. 9. Postenje-Gradina, Foto D. Mrkobrad.

vorgezogen, die leichter zu verteidigen waren und sich meistens über 500 m
über dem Meer befanden, manchmal sogar über 1500 m oder auf 1800 m
über dem Meer.26 Die Höhenanlagen wurden zur typischen Form des Woh-
nens im zentralen Balkangebiet im 6. und am Anfang des 7. Jahrhunderts.
Als unausweichliche Folge mußte das Verlassen der Tallagen eine Änderung
der Wirtschaftsform zugunsten der Viehzucht und des Bergbaus mit sich
bringen. Es ist hervorzuheben, daß die meisten untersuchten Anlagen nach
dem derzeitigen Bearbeitungsstand einphasig sind, also im 6. Jahrhundert
neu gebaut wurden. Einige Beispiele sollen die Positionen der im 6. Jahr-
hundert benutzten Befestigungen verdeutlichen: Postenje-Gradina (Abb. 9),
Pazarište-Gradina (Abb. 10), Ostrovica-Zlostup (Abb. 11 und 12), Djurdje-
vica-Djerekare (Abb. 13) und Lis-Ćava (Abb. 14).
Daß ihre innere Struktur ungenügend bekannt ist, wurde schon betont.
Immerhin gibt es Funde, die auf eine schlichte, häufig ohne Mörtel und
Glasfenster auskommende Bautechnik der Steinbauten hindeuten. Die Si-

26 Vgl. V. Ivanišević, La forteresse protobyzantine de Hum. Novopazarski Zbornik 12, 1988,


5–12 [Serb. mit franz. Zusammenfassung]; außerdem mündliche Mitteilung der Gra-
bungsleiterin G. Tošić für den auf ca. 1800 m über dem Meer gelegenen Platz Nebeske Sto-
lice im Kopaonik-Gebirge.
548 Mihailo Milinković

Abb. 10. Pazarište-Gradina.

tuation ist vergleichbar mit Sadovec-Golemanovo Kale in Bulgarien,27 trifft


aber auf die besser ausgestatteten, zentralörtlichen Befestigungen – um hier
den Ausdruck „Stadt“ zu vermeiden – nicht immer zu. Die Keramikfunde
bilden eine einheitliche Fundkategorie. Es sind bei den kleineren und ent-
legenen Anlagen mit wenigen Ausnahmen lokale, aber qualitätvolle, auf
der Drehscheibe hergestellte und gut gebrannte, selten auch glasierte Pro-
dukte. Es handelt sich meistens um Küchengeschirr (Töpfe etc.), Tafelware
(Schüsseln) und Ambalage sowie Vorrats- und Transportgefäße (Phytoi,
Amphoren). Auf der einen Seite sprechen primitive Überbauungen von
Portiken, Viehglocken, Handmühlen und landwirtschaftliches Gerät von
einem starken Ruralisierungsprozeß besonders nach der Regierungszeit Ju-
stinians I.,28 auf der anderen Seite steht die Importkeramik stellvertretend
für Kaufkraft und Handelsverbindungen mit dem Mittelmeer, von wo,
den mediterranen Gewohnheiten entsprechend, Olivenöl, Wein und an-

27 S. Uenze, Die spätantiken Befestigungen von Sadovec (Bulgarien). Münchner Beiträge zur
Vor- und Frühgeschichte 43 (München 1992) 116.
28 V. Popović, Desintegration und Ruralisation der Stadt im Ost-Illyricum vom 5. bis 7. Jahr-
hundert n. Chr. In: D. Papenfuss/V. M. Strocka (Hrsg.), Palast und Hütte. Beiträge zum
Bauen und Wohnen im Altertum von Archäologen, Vor- und Frühgeschichtlern. Sympo-
sium Berlin 1979 (Mainz 1982) 545–566.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 549

Abb. 11. Ostrovica-Zlostup.

Abb. 12. Ostrovica-Zlostup, Grundrißskizze.


550 Mihailo Milinković

Abb. 13. Djurdjevica-Djerekare.

Abb. 14. Lis-Ćava.


Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 551

Abb. 15. Jelica-Gradina, Lageplan.

dere Waren bezogen wurden. Feinwaagen, Gewichte, Maße und Schreib-


griffel belegen die Anwesenheit von Wechslern und Beamten sowie über-
haupt einer verbreiteten Schriftlichkeit. Entsprechende Werkzeuge und
Einrichtungen bezeugen das Ausüben verschiedener Handwerke wie Me-
tall-, Stein-, Holz- und Hornbearbeitung oder der Weberei. Diese Überreste
der materiellen Kultur sind eindeutig romanischen Ursprungs, unter ihnen
kommen aber sporadisch germanische und andere „ethnisch fremde“, das
heißt nomadische oder vielleicht slawische Funde zum Vorschein, und
zwar in immer größerer Anzahl proportional zum Fortschreiten der Aus-
grabungen. In dieser Hinsicht ist Jelica besonders wichtig (Abb. 15). Die
ausgezeichnet ausgewählte, dominante und im Unterschied zu manchen
kleineren Befestigungen, zum Beispiel oberhalb von Schluchten wie Ostro-
vica-Zlostup in Südwestserbien, nicht versteckte Lage ermöglichte die Kon-
trolle über ein weites Umland. Von der Fortifikation sind bislang zwei nur
zum Teil erschlossene Befestigungsgürtel bekannt (Abb. 16), deren Dimen-
sionen ohne den äußeren Gürtel mehr als 365 × 125 m (mehr als 4,5 ha) be-
tragen. Vorwiegend gemörtelte und mit Glasfenstern ausgestattete Stein-
bauten, darunter auch mit Figuralkapitellen (Spolien) geschmückte und
mit einem Kanalisationssystem versehene Residenzen, bestimmen die Bau-
substanz (Objekt I beim Gipfel und in der Nähe der Kirche „E“, Abb. 17).
552 Mihailo Milinković

Abb. 16. Jelica, Situationsplan.

Inner- und außerhalb der Mauern wurden bislang fünf Kirchen entdeckt,
eine davon mit Baptisterium und teilweise erhaltener Freskenmalerei
(Abb. 18). An den westlichen Hängen erstreckte sich das Friedhofsareal mit
typisch romanisch-christlichen Grablagen und Grabkammern. Offensicht-
lich handelt es sich hier um ein wichtiges kirchliches Zentrum des 6. Jahr-
hunderts; ob Pilgerheiligtum, Bischofssitz oder etwas anderes, ist noch
zu klären. In einem Fundzusammenhang fand man typisch germanisches
Bekleidungszubehör, germanische Keramik und Kinderschädel mit künst-
licher Verformung. Außerdem wurden in Gräbern aus dem Inneren der Kir-
che „A“ (Abb. 19) eine bronzene Schilddornschnalle (Abb. 20,3) und eine
bronzene Vogelscheibenfibel mit randständigen Raubvogelköpfen gebor-
gen (Abb. 20,2). Dazu kommt eine künstliche Schädeldeformation bei
einem etwa drei- bis vierjährigen Kind. Ein solcher Fundzusammenhang ist
auf dem Balkan bisher einmalig. Gegenüber den Romanen nicht nur im
ethnischen Sinne fremd sind auch die klaren Spuren künstlicher Schädel-
deformation im Kindergrab bei der Friedhofskirche „B“ (anthropologische
Analyse von Ž. Mikié, Phil. Fak. Beograd). Diese Grabfunde, die eine Se-
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 553

Abb. 17. Jelica, Oberteil des Objektes I.

Abb. 18. Jelica, Kirche „C“ mit Baptisterium.


554 Mihailo Milinković

Abb. 19. Jelica, Kirche „A“.

pulkralgemeinschaft von Romanen und Germanen bezeugen, haben ihre


Entsprechung auch in Siedlungsfunden: Fragmente germanischer Keramik
stammen aus der Brandschicht, die den Fußboden der „Residenz“ (Objekt I,
Abb. 17) bedeckte und waren somit Teile des Hausinventars zum Zeitpunkt
der Feuersbrunst (Abb. 20,6.7). Es ist schon die Frage gestellt worden,
ob diese Keramik dem Diener oder etwa dem Herrn der kleinen „Residenz“
gehört hat. In diesem Zusammenhang sollte man sich an die bekannten
Ereignisse in Pannonien aus dem Jahre 567 erinnern, als das Gepidenreich
zugrunde ging und einige Angehörige dieses Stammes, darunter auch Per-
sönlichkeiten wie der Dux Usdibad, der arianische Bischof Thrasarich und
andere, auf byzantinischem Reichsterritorium Aufnahme fanden.29
Diese anhaltende Kontinuität der romanischen Bevölkerung auf dem
Balkan in Gemeinschaft mit ethnisch fremden, sich akkulturierenden Ele-
menten dauerte dem Münzumlauf nach höchstens bis ca. 615.30 Brand-
horizonte an vielen Fundstellen indizieren ein gewaltsames Ende nicht nur
der großen Zentren, sondern auch der scheinbar unwichtigen kleineren Be-
festigungen. Die Angriffe der Awaren und landnehmenden Slawen schei-

29 L. Schmidt, Die Ostgermanen (München 1941 [Nachdruck 1969]) 542.


30 Kondić/Popović (wie Anm. 22) 373 f.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 555

Abb. 20. Völkerwanderungszeitliche Funde von der Jelica.


556 Mihailo Milinković

nen gründlich durchgeführt worden zu sein, obwohl das nicht immer eine
lange Zäsur bedeuten mußte, wie die frühslawische Keramik von der Jelica
aus dem 7. Jahrhundert andeutet.31 Aber es brach eine neue Zeit an.
Interessant ist, daß das erwähnte Verhältnis von neugebauten zu bloß
rekonstruierten Befestigungen zur Zeit klar zugunsten der neuen (einphasi-
gen) ausfällt, was im Widerspruch zu Prokops Angaben steht, wonach von
176 Kastellen in Serbien 105 erneuert wurden – ein weiterer Hinweis darauf,
daß Prokop die meisten gar nicht genannt hat. Bevor der Grund für diese
Vorgehensweise gesucht wird, muß man versuchen festzustellen, wer die
Höhenanlagen überhaupt gebaut hat. Der allgemeine Rahmen innerhalb
Justinians Bauaktion ist bekannt, doch konnte das Imperium allein schon
aus finanziellen Gründen kaum Tausende Kastelle von Afrika bis zum
Balkan synchron von einem Zentrum aus errichten lassen. Von der fortifi-
katorischen und bautechnischen Seite aus betrachtet sind die meisten Hö-
henanlagen eher für den Schutz vor Angreifern ohne besondere Belage-
rungskenntnisse oder – möglichkeiten ausgerichtet. Sie sollten also in erster
Linie Sicherheit während der ersten, vielleicht vorübergehenden Angriffs-
welle bieten, ermöglichten aber kaum ein längeres Ausharren. Die Breite
der Mauern beträgt manchmal wenig mehr als einen Meter, in seltenen Fäl-
len sind Teile der Mauerzüge sogar ohne Mörtel errichtet. F. Wozniak
scheint teilweise Recht zu haben, wenn er besonders bei einfacheren Anla-
gen davon ausgeht, daß es die lokale Bevölkerung war, also Bauern, die sie
ad hoc erbaute.32 Daß in spätantiken Zeiten Dörfer als kollektive Bauherren
von Befestigungen ( ) auftreten können, ist durch Inschrif-
ten belegt.33 Dennoch ist bei näherer Betrachtung der einzelnen fortifi-
katorischen Lösungen offensichtlich, daß Fachkräfte mit militärischen
Kenntnissen anwesend waren, da die Mauerzüge mit variierenden Breiten,
die Verteilung der Türme und das Anlegen von Toren raffiniert den Gege-
benheiten des bewußt ausgewählten Geländes angepaßt wurden, so daß so
schnell und preiswert wie möglich, aber auch funktionsgerecht gebaut wer-
den konnte. Das war ohne Militärarchitekten unmöglich. 1983 im albani-
schen Byllis in Epirus Nova geborgene Inschriftenfunde bezeugen mehr-

31 Vgl. D. Bulić, Traces of Medieval material culture at the Gradina Site on Jelica Mountain.
Historical Review 50, 2003, 153–176.
32 F. E. Wozniak, The Justinianic fortification of interior Illyricum. In: R. L. Hohlfelder
(Hrsg.), City, town and countryside in the Early Byzantine Era. East European Mono-
graphs 120/Byzantine Series 1 (Boulder 1982) 199–209, hier 200.
33 Hauran in der Provinz Arabien, vgl. L. Di Segni, Epigraphic documentation on building
in the provinces of Palaestina and Arabia, 4th–7th c. In: J. H. Humphrey (Hrsg.), The Ro-
man and Byzantine Near East 2: some recent archaeological research. Journal of Roman
Archaeology Supplement 31 (Ann Arbor 1999) 150 Anm. 3.
Die spätantik-frühbyzantinischen befestigten Höhenanlagen in Serbien 557

fach die Aktivitäten eines solchen Architekten namens Viktorinos, der den
Bau von Befestigungen in Moesien, Scythien, Illyricum, Thrakien und Byl-
lis selbst geleitet hat.34 Wenn man diesen Umstand mit der großen Anzahl
der Anlagen und dem ländlichen Charakter mancher Behausungen und
Kleinfunde in Verbindung bringt, bietet sich die Schlußfolgerung an, daß
die meisten Höhenanlagen – außer die mit zentralörtlicher Funktion, wie
Caričin Grad oder Jelica – eigentlich befestigte Dörfer waren, auch wenn an-
dere Funktionen im Bereich des Bergbaus und des Handwerks in vielen Fäl-
len ebenso wichtig waren. Hier wurde keine auf die Sicherheit der Straßen
oder etwa der Abwehrlinien ausgerichtete Verteidigungslogik angewandt,
sondern ein mikroregionales, den lokalen Bedürfnissen und Möglichkeiten
der Landbewohner entsprechendes und gewiß kein strategisch-überregio-
nales System. Auf dem Balkan gibt es abgesehen vom Limes an der Donau
keine großräumig angelegten frühbyzantinischen Abwehrlinien. Der Schutz
der Existenz auf mikroregionaler Ebene hatte wohl Vorrang vor den Reprä-
sentationsbedürfnissen und dem Wunsch nach einer Machtdemonstration.
Ausnahmen könnten vielleicht die größeren Anlagen von Jelica oder
Caričin Grad sein, wo an den dominantesten Stellen Kirchen standen – was
aber wiederum eher mit dem Glauben beziehungsweise dem christlichen
Gruppenbewußtsein als mit Repräsentation (besonders der Repräsentation
einer Einzelperson, zum Beispiel eines barbarischen Anführers) zu tun
haben wird. Der am besten geschützte Ort war sicherlich derjenige, der
von den Angreifern gar nicht gesehen wurde. In dieser Hinsicht konnte die
Feste in Ostrovica-Zlostup wahrscheinlich mehr Schutz bieten als die auf
der Jelica.
Daß Dorf- oder Lokalbewohner ihre Hacken, Sicheln und anderes
Gerät bei Bedarf mit Waffen tauschen konnten, zeigt das Beispiel vom grie-
chischen Thermopylae, wo lokale Bauernmilizen engagiert wurden, oder das
Beispiel der Stadtmiliz von Asemus.35 Es kann also gewagt werden, die
Höhenanlagen generell als befestigte Dörfer anzusprechen, und zwar als
Dörfer einer Viehzucht treibenden Population, die genau in denjenigen
Bergregionen des Balkans lebte, für die einige Jahrhunderte später mittel-
alterliche Quellen die romanisch sprechenden Wlachen erwähnen, welche
ihre Transhumanz und den Halbnomadismus bis in die moderne Zeit be-
trieben.

34 D. Feissel, L’architecte Viktôrinos et les fortifications de Justinien dans les provinces bal-
kaniques. Bulletin de la Société Nationale des Antiquaires de France 1988, 136–146.
35 Wozniak (wie Anm. 32) 201. In einer dezentralisierten Verteidigung und bei ungenügen-
dem Heeraufgebot ist bei privaten Domänen ebenso an die buccelaroi zu denken, die es
auch im Illyricum gab, vgl. ebd. 203.