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Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Universität Erlangen-Nürnberg
Hauptseminar Normativität, Rationalität, Gründe
Dozent: M.A. Sebastian Schmidt
Wintersemester 2017/18

Darstellung der Position Miriam McCormicks zur Rationalität von Hoffnung


und anschließende Diskussion der Frage, ob es möglich ist, aus praktischen
Gründen Überzeugungen anzunehmen an Einwänden zur Theorie
McCormicks

Vorgelegt von: Milan Slat


Matrikelnummer: 22065441
E-Mail: Milan-Slat@gmx.de
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 1

1. Können wir an etwas glauben, weil es gut für uns ist? 2

2. McCormicks Begriff von Hoffnung 3

3. Die vier Dimensionen zur Bewertung von Hoffnung und ihre Gewichtung 5

4. Praktische Gründe als state-given reasons und epistemische Gründe als object-given
reasons 8

5. Ein Einwand Benjamin Kiesewetters gegen die Möglichkeit von state-given reasons

6. Überzeugungsbildung bei Benjamin Kiesewetter 11

7. Das Analogie-Argument 13
7.1 Transparency als Mechanismus der Bildung von Überzeugungen 13

7.2 Das Analogie-Argument bei Ryan und Stocker und dessen Abschluss 15

8. Einwände von Nottelmann, Shah und Schmidt gegen das Analogie-Argument 16


8.1 Nikolaj Nottelmanns Einwand gegen das Analogie-Argument und der sich ergebende
Einwand von Sebastian Schmidt aus seiner Erwiderung gegen Nottelmann 17

8.2 Nishi Shahs Einwand und der deliberative constraint on reasons 18

9.Evidenzen als Werkzeuge und die Erwiderung des Einwands von Sebastian Schmidt 19

10. Fazit 21

1
1. Können wir an etwas glauben, weil es gut für uns ist?

Mit der zunehmenden Erforschung der Interaktion von Körper und mentalen Zuständen, ist auch die
Hoffnung immer mehr in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Dass wir dadurch, was wir denken und
fühlen, hoffen und glauben, unsere körperlichen Eigenschaften beeinflussen können, scheint verblüffend
und wir werden uns dadurch einer Vielzahl an Möglichkeiten bewusst. Ebenso scheint es erstaunlich, dass
wir das Erreichen unserer Ziele durch die Art wie wir hoffen, wahrscheinlicher machen können. Wenn wir
das Erreichen unserer Ziele durch die Stärke oder Beschaffenheit unserer Überzeugungen und Wünsche
beeinflussen können, sollten wir dann nicht auch darauf Acht geben, an was wir glauben und wie sehr wir
uns diese Dinge wünschen? Ist unsere Hoffnung bewertbar? Und wenn ja, nach welchen Kriterien können
wir diese Hoffnung bewerten? Mit diesen Fragen setzt sich der Text „Rational Hope“ Von Miriam Schleifer
McCormick auseinander und die vorliegende Hausarbeit. Ich habe vor, diesen Text genauer zu beleuchten
und einige Einwände gegen diesen Text zu analysieren und um einen dieser Einwände auszuräumen, die
Frage zu diskutieren, ob wir aus praktischen Gründen Überzeugungen annehmen können. Mein
übergeordnetes Ziel wird es also sein, die Theorie McCormicks zu verteidigen. Der erste Einwand kommt
von Benjamin Kiesewetter, und richtet sich gegen die Existenz von state-given reasons. Diesen werde ich
mithilfe des Begriffs von komplexen Handlungen zurückweisen, den ich in Anlehnung an Sharon Ryan und
Michael Stocker entwickle. Der zweite Einwand, den ich zurückweise, wurde von Nikolaj Nottelmann
formuliert gegen die Analogie zwischen Handlungen und Überzeugungsbildung, welche mit dem Begriff
komplexe Handlung hergestellt werden soll. Aus einer Erwiderung dieses Einwands von Sebastian ergibt
sich ein Einwand, den ich abschließend zurückweisen werde. Allerdings werde ich, nachdem ich den
Einwand Schmidts dargelegt habe, erst auf Nishi Shah und seinen Begriff deliberative constraint on reasons
und den sich daraus ergebenden Einwand eingehen. Anfangen werde ich damit, zu erklären, was
McCormick unter Hoffnung versteht und anschließend ihre Bewertungskriterien von Hoffnung genauer
beleuchten.

2. McCormicks Begriff von Hoffnung

Ich werde im Folgenden den Begriff von Hoffnung darstellen, den Miriam Schleifer McCormick in
ihrem Text entwickelt. Dazu werde ich erst die beiden Bedingungen darstellen, welche sie als bisher
notwendig als auch hinreichend identifiziert, damit ein mentaler Zustand als Hoffnung bezeichnet werden
kann. Anschließend werde ich zeigen, weshalb sie diese Bedingungen nicht als hinreichend ansieht, und
welche Bedingung sie hinzufügt, damit diese zusammen mit den bisherigen als hinreichend gilt.

McCormick schreibt, dass als notwendige und hinreichende Bedingungen für „to hope that p“ bisher
oft folgende angegeben werden:

(i) to desire that p and

2
(ii) to believe that p is possible but not certain. 1

Allerdings sei von vielen angemerkt worden, dass diese Bedingungen nicht hinreichend sind, weil
Personen mit mentalen Zuständen denkbar sind, auf die diese Bedingungen zutreffen, aber man
trotzdem nicht davon sprechen könnte, dass derjenige gerade hofft. Anschließend gibt sie Fallbeispiele
dafür an, wie z.B. sehr schwache Wünsche2. Wenn man beispielsweise zum U-Bahn Gleis läuft, und
sich wünscht, die U-Bahn würde gleich einfahren, allerdings auch vollständig zufrieden damit wäre,
sich auch erstmal hinzusetzen, weil die Beine etwas schmerzen und in der U-Bahn wahrscheinlich kein
Sitzplatz frei wäre, dann wäre damit ein Gegenbeispiel beschrieben. Ich wünsche mir durchaus, dass
die U-Bahn sofort einfährt und halte das ebenso für möglich, die Bedingungen wären also erfüllt.
Allerdings tangiert diese Präferenz mein Denken und Verhalten zu wenig, als dass man davon sprechen
könnte, dass ich hoffe, die U-Bahn würde gleich einfahren.
Daraus folgt, dass mit Hoffen und Wünschen zwei verschiedene mentale Zustände bezeichnet
werden, und die bisher verwendeten Bedingungen nicht hinreichend sind. McCormick gibt daher noch
eine zusätzliche Bedingung an, damit diese dann, zusammen mit (i) und (ii) hinreichend sein kann.3
Daraus kann man schließen, dass sie keinen Fall für denkbar hält in dem jemand hofft, und dass (i)
und/oder (ii) nicht erfüllt sind, sie diese Bedingungen also als notwendig ansieht. Die dritte Bedingung
welche sie anschließend angibt, soll abdecken, was sie als das wesentliche Unterscheidungsmerkmal
von Hoffnung identifiziert: Die Eigenschaft, den mentalen Zustand einer Person positiv zu beeinflussen
und ihre Bemühungen in eine bestimmte Richtung (den des erhofften Ausgangs) zu leiten. Also lautet
die dritte Bedingung, die McCormick angibt und welche mit (i) und (ii) gemeinsam alle notwendigen
und hinreichenden Bedingungen angeben soll:

(iii) to be disposed feel, act, expend energy, and/or relate to others in ways that views the
possibility of the hoped-for outcome coming to be.4

Die Person muss in ihrem Handeln, Denken und Fühlen Elemente enthalten, die auf das Erhoffte
ausgerichtet sind und es damit so behandeln, als würde es eintreten. Der allgemeinste Ausdruck, welcher
von McCormick selbst verwendet wird, ist, dass sich „hopeful energy“ manifestieren muss. Diese dritte
Bedingung wird von ihr weiter erläutert, indem sie feststellt, dass jemand diese Bedingung erfüllen kann
ohne zu glauben, dass das, was er sich erhofft, wahrscheinlicher ist,,, als es die Evidenzen nahelegen.
Weiterhin gibt sie auch eine Textstelle von Adrienne Martin an, der sie zustimmt und die dies weiter
erklären soll:

the hopeful person takes a “licensing stance” toward the probability she assigns the hoped-for outcome – she sees that
probability as licensing her to treat the desire for the outcome and the outcome’s desirable features as reasons to engage
in . . . forms of planning, thought and feeling.5

1
McCormick 2017: 129
2
McCormick 2017: 129
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McCormick 2017: 129
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McCormick 2017: 129
5
Martin 2013: 35

3
Dieser „licensing stance“ ist eine Haltung die man einnimmt und die jemanden ermächtigt, eben
wegen der Überzeugung, dass das Erhoffte möglich ist, in diese Richtung „hopeful energy“ zu
manifestieren.6 Dabei ist es relativ egal für McCormick, für wie unwahrscheinlich das Erhoffte gehalten
wird, solange man das Erhoffte für überhaupt möglich hält. McCormick schreibt dazu: “One cannot hope
for what one believes impossible; I cannot hope to fly unassisted though I can fantasize about. But this is
the only doxastic constraint on hope.78” Dieser licensing stance hat also eine doxastische Beschränkung,
allerdings sind die Gründe, welche dafür sprechen diesen licensing stance einzunehmen, alle praktischer
Natur.910 Was noch von großer Bedeutung für den weiteren Verlauf der Argumentation sein wird, ist, dass
man diesen licensing stance einnehmen kann ohne die Wahrscheinlichkeit des Erhofften über- oder
unterzubewerten. Dieser licensing stance wird schon dadurch ermöglicht, dass man das Erhoffte für
möglich hält.11 Für McCormick schließt hoffen außerdem ein, dass man sich mit dem Inhalt der Hoffnung
bzw. mit der Hoffnung selbst auf irgendeine Art und Weise mental beschäftigt, dass sie also Raum
einnimmt im eigenen Geist.12
Zugegebenermaßen sind das alles größtenteils relativ abstrakte Schilderungen darüber, wie sich
Hoffnung im Denken und Handeln äußern kann. Deshalb werde ich im Folgenden in Anlehnung an
diejenigen McCormicks einige Beispiele angeben, um zu zeigen, auf welch vielfältige Weise sich Hoffnung
in jemandem manifestieren kann. Stellen wir uns vor, ich würde gerne einen Fahrradausflug machen und
weil ich sowohl schlechtes als auch gutes Wetter für möglich halte, immer wieder mit Bangen aus dem
Fenster blicken, um nach Regenwolken Ausschau zu halten, während ich mir wünsche, dass bitte keine
erscheinen mögen. Dieses Ausschau halten, und sich dabei sowohl gedanklich, als auch körperlich mit dem
für möglich gehaltenen Wunsch zu beschäftigen, ist es, was eine Hoffnung von anderen Wünschen dieser
Art unterscheidet. Es kann aber auch anders ausgeprägt sein. Ein vollkommen fixierter Gefangener, der
sich nicht bewegen kann, und den Wunsch nach Linsensuppe statt Erbsensuppe hat, denkt den ganzen Tag
nur an diese Suppe. Er stellt sich ihren Geschmack vor und ihm läuft schon das Wasser im Mund zusammen.
Auch er hofft im Sinne des Wortes. Er kann sich zwar nicht bewegen und seine Handlungen können nicht
in diesem Sinne disponiert sein, aber die Hoffnung nimmt einen signifikant großen Raum in seinem Denken
ein.13 Ein letztes Beispiel: Ein Student, der in einer Woche eine Klausur schreibt, weiß, dass seine Chance

6
McCormick 2017: 130
7
McCormick 2017: 130
8
Es erscheint mir nicht richtig zu sagen, dass dies die einzige doxastische Beschränkung ist. Meiner Meinung nach
geht aus Bedingung (ii) „to believe that p is possible but not certain“ ebenso hervor, dass die hoffende Person nicht
die Überzeugung haben darf, das Erhoffte trete sicher ein. Wenn ich mir sicher bin, dass ein bestimmtes Ereignis
sicher eintreten wird, dann kann ich mir eben dies nicht erhoffen. Ich mag mir erhoffen dieses Ereignis möge früher
eintreten, aber dann halte ich es eben nicht für sicher, dass dieses Ereignis so früh eintreten wird, wie ich es mir
erhoffe. Folglich gibt es zwei doxastische Beschränkungen bezüglich des Hoffens: die Person muss das Erhoffte für
möglich halten und darf nicht die Überzeugung haben, das Erhoffte wird sicher eintreten.
9
McCormick 2017: 133
10
Also Gründe, die dafür sprechen diese Hoffnung zu haben, weil sich daraus Vorteile für die hoffende Person
ergeben (vgl. die Erläuterung der einzelnen Bewertungsdimensionen in diesem Text).
11
McCormick 2017: 130
12
McCormick 2017: 130f.
13
McCormick 2017: 130f

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auf Erfolg für diese Klausur sehr gering ist. Es ist sein letzter Versuch, es hängt also auch viel davon ab,
dass er diese Klausur besteht. Allerdings nimmt er gleichzeitig diese geringe Chance, die Möglichkeit, dass
er doch bestehen könnte, zum Anlass, viel zu lernen und seine Konzentration auf diese Klausur zu lenken.
Das ist es, was Martin und McCormick als „licensing stance“ bezeichnen. 14 Eine hoffnungsvolle
Einstellung, die dazu befähigt, die eigene Energie in eine bestimmte Richtung zu leiten. Es sind natürlich
noch viel mehr Ausprägungen denkbar, in denen sich diese hopeful energy manifestieren kann. Aber ich
hoffe, diese Beispiele haben eine Vorstellung davon vermittelt, wie Hoffnung das Denken und Handeln
beeinflussen kann.

McCormick bestimmt ihren Begriff der Hoffnung also, indem sie zeigt, dass die von ihr angegebenen
Standartbedingungen nicht hinreichend sind, um Wünsche und Hoffnungen zu unterscheiden und sie
anschließend eine dritte Bedingung angibt, mit der dies bewerkstelligt werden kann.15 Diese Bedingung
(iii) soll also zusammen mit den anderen Bedingungen (i) sowie (ii) notwendig als auch hinreichend sein
um bestimmen zu können, wann jemand hofft. (iii) besteht darin, dass eine hoffende Person eine Disposition
hinsichtlich des Inhalts der Hoffnung zeigt. Diese Disposition kann sich auf verschiedenstem Wege äußern,
wie z.B. in Handlungen, Emotionen oder Gedanken. Wichtig ist, dass diese Hoffnung einen bestimmten
Raum in diesen Bereichen einnimmt. 16 Zu hoffen bedeutet für McCormick also, dass ein für möglich
gehaltener Wunsch sich so ausdrückt, dass die hoffende Person eine eindeutige Disposition hinsichtlich des
Inhalts des Wunsches zeigt. Ich würde mich im Weiteren diesem Verständnis von Hoffnung weitestgehend
anschließen17 und ihn im Folgenden, wenn ich von ihm Gebrauch mache, ihn in diesem Sinn verwenden.
Nachdem ich nun dargestellt habe, auf welche Weise McCormick ihren Begriff der Hoffnung entwickelt,
möchte ich im Folgenden zeigen, welche Kriterien sie ausarbeitet, um rationales von irrationalem Hoffen
zu unterscheiden. Anschließend werde ich diese Kriterien erläutern. Nach der Erläuterung der einzelnen
Kriterien werde ich noch einmal auf die Gewichtung der einzelnen Dimensionen eingehen und danach
bestimmte, von McCormick thematisierte, Beschränkungen erklären.

3. Die vier Dimensionen zur Bewertung von Hoffnung und ihre Gewichtung

Die vier Dimensionen nach denen Hoffnung bewertet werden kann, ob sie rational ist oder nicht sind
wie folgt18:

(a) The likelihood of the hoped-for outcome obtaining.


(b) The goodness or significance of the hoped-for outcome.
(c) The significance and the benefits to the agent of having the attitude.

14
Martin 2013: 63
15
McCormick 207: 129f
16
McCormick 2017: 131
17
Zu meiner Ergänzung siehe Fußnote 8 in diesem Text. Ich denke nicht, dass McCormick diesen Punkt nicht
gesehen hat. Er macht auch für die weitere Argumentation keinen signifikanten Unterschied, allerdings schien es mir
doch angebracht, dieser vielleicht etwas unglücklichen Formulierung, es gäbe nur eine doxastische Beschränkung
bezüglich Hoffnung (McCormick 2017: 130), noch etwas hinzuzufügen.
18
Anders als im Original werde ich diese nicht mit (i) bis (iv) benennen, sondern von (a) bis (d), um eine
Verwechslung mit den Bedingungen für Hoffnung unwahrscheinlicher zu machen

5
(d) The likelihood of hope having an effect on the outcome. 19

Diese vier Dimensionen geben epistemische und/oder praktische Gründe an, aufgrund derer man
hoffen kann. Dabei sind epistemische Gründe solche, die für die Wahrheit von etwas sprechen. Auf unseren
Kontext bezogen, spricht ein epistemischer Grund also dafür, dass das Erhoffte eintritt.20 Wenn ich zum
Beispiel keine dunklen Wolken am Himmel sehe, dann wäre dies ein theoretischer bzw. epistemischer
Grund dafür zu hoffen, dass es nicht regnet. Praktische Gründe stellen die Gründe dar, welche dafür
sprechen eine Hoffnung zu haben, weil sich daraus Vorteile für denjenigen ergeben, der diese Hoffnung
hat. 21 Diese Gründe sprechen also dafür, etwas Bestimmtes zu tun. 22 Für unseren Studenten aus dem
vorherigen Kapitel spricht also der Fakt, dass zu hoffen ihm beim Lernen hilft, dafür, diese Hoffnung zu
haben. Entsprechend danach, in welchem Maße die einzelnen Dimensionen die hoffende Person zum
Handeln ermächtigen oder ihre Handlungsfähigkeit untergraben, kann bestimmt werden, ob diese Hoffnung
rational ist oder nicht.23 Dabei ist es so, dass eine Dimension eine andere aufwiegen kann,24 und alle vier
Dimensionen in etwa das gleiche Gewicht haben. 25 Soviel dazu an dieser Stelle, ich werde auf die
spezifische Gewichtung der einzelnen Dimensionen nach ihrer genaueren Erläuterung noch einmal
zurückkommen, da wir uns dann wahrscheinlich ein besseres Bild von McCormicks Argumenten machen
können.

Zur Erläuterung der einzelnen Dimensionen:

Die erste Dimension gibt nur epistemische Gründe an, wegen denen eine Hoffnung rational sein
kann. Das bedeutet, dass je mehr Evidenzen dafür sprechen, dass das Erhoffte eintritt, desto mehr spricht
auch dafür, dass diese Hoffnung rational ist. Es kann allerdings nicht sein, dass die hoffende Person die
Überzeugung hat, das Erhoffte könne unmöglich eintreten. 26

Die zweite Dimension bewertet, ob das Erhoffte angemessen ist.27 Je wünschenswerter das Erhoffte
ist, desto eher spricht das für die Rationalität des Erhofften. McCormick gibt keine genauen Kriterien dafür
an, wie diese Angemessenheit bestimmt werden kann, mehr noch, sie nimmt explizit davon Abstand: „What
criteria dictate the goodness or badness of the object is obviously controversial, and we need not enter into
this complex topic for our purposes.” Zusätzlich muss die hoffende Person zwar das Erhoffte in irgendeiner
Weise für gut befinden, aber das bedeutet nicht, dass das Erhoffte auch wünschenswert ist. Die Person

19
McCormick 2017: 132
20
McCormick 2017: 133
21
McCormick 2017: 132
22
McCormick 207: 133
23
McCormick 2017: 132, 134, 137
24
McCormick 2017: 134
25
McCormick 2017: 137
26
McCormick 2017: 132
27
McCormick 2017: 132

6
könnte in ihrer Bewertung auch falsch liegen.28 Da diese Dimension sich damit befasst, was gut ist, bzw.
sich moralische Gründe sich darauf beziehen, was wir tun sollen, gibt diese Dimension meiner Meinung
nach praktische Gründe.

Die dritte Dimension „The significance and the benefits to the agent of having the attitude” liefert
nach McCormick ausschließlich praktische Gründe für die Hoffnung – also Gründe, die dafür sprechen,
dass man diese Hoffnung haben sollte, bzw. die aussagen, dass es für den Hoffenden gut wäre, diese
Hoffnung zu haben. Dimension (3) spricht umso mehr für die Rationalität der Hoffnung, desto mehr
wünschenswerte Effekte das Haben der Hoffnung auf die hoffende Person hat (vgl. “ The significance and
the benefits for the agent of having the attitude“).29 Allerdings kann zu hoffen das Eintreten des Erhofften
auch wahrscheinlicher machen und damit auch wieder einen positiven Effekt auf die Person haben. Wie
wir gleich sehen werden, betrifft dies dann auch Dimension (4), beziehungsweise spricht dafür, dass (3)
und (4) oft miteinander verbunden sind.30

Es gibt nämlich auch solche Fälle, die sowohl theoretische als auch praktische Gründe für das
Haben der Hoffnung liefern. Nämlich solche Fälle, in denen das Haben der Hoffnung das Eintreten des
Erhofften wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen. Zum einen liefert dies theoretische Gründe,
weil es dafürspricht, dass das Erhoffte wahr wird. Zum anderen, weil es der Person einen Grund liefert,
wegen dem sie die Hoffnung haben sollte - also einen praktischen Grund gibt.31 Diese beiden Möglichkeiten
konstituieren die vierte Dimension McCormicks zur Bewertung der Rationalität einer Hoffnung.

In der bisherigen Erläuterung wurde zumeist davon gesprochen, dass die Dimensionen (a) bis (d)
Gründe für die Rationalität einer Hoffnung geben. Allerdings können die einzelnen Dimensionen natürlich
auch Gründe gegen die Rationalität einer Hoffnung geben. Dabei kann eine einzelne Dimension sogar so
entscheidende Gründe gegen die Rationalität der Hoffnung liefern, dass die anderen Dimensionen dies nicht
mehr ausgleichen können. Dies wäre nach McCormick zum Beispiel so, wenn das Erhoffte einen sehr
schrecklichen und grausamen Inhalt hätte.32 Gleichzeitig schreibt sie, dass, wenn die Hoffnung zu haben
den Unterschied zwischen Leben und Tod machen würde, also extrem hoch auf Dimension (c) punkten
würde, dies die anderen Dimensionen obsolet machen würde.33 34 Weiterhin kann man sagen, dass je größer

28
McCormick 2017: 132
29
McCormick 2017: 133
30
McCormick 2017: 133
31
McCormick 2017: 133f.
32
McCormick 2017: 134
33
McCormick 2017: 134
34
Dies provoziert die Frage danach, ob es z.B. in Ordnung wäre, auf etwas extrem Grausames zu hoffen, wenn genau
daran, diese Hoffnung zu haben, das Leben der hoffenden Person hängt. Es scheint als ergäbe sich hieraus ein
Widerspruch, da die Dimensionen (b) und (c) sich nicht gleichzeitig gegenseitig ungültig machen können. Einerseits
würde die Gewichtung durch (b) dazu führen, dass die Hoffnung notwendigerweise irrational ist. Andererseits ist die
Gewichtung durch (c) in diesem Fall hinreichend dafür, dass die Hoffnung als rational zu bewerten ist. Aber beides
gleichzeitig ist gewiss nicht möglich. Hier wäre eine Priorisierung hilfreich.

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der Ausschlag in den Dimensionen (c) und (d) ist, desto geringer muss die Wahrscheinlichkeit des Erhofften
sein, also der Auschlag von Dimension (a).35

Nachdem ich nun die Kriterien Miriam McCormicks zur Bewertung der Rationalität von Hoffnungen
erläutert habe, würde ich gerne auf einen Einwand von Benjamin Kiesewetter eingehen. Dieser Einwand
besagt, grob gesagt, dass state-given reasons, also Gründe die für einen Zustand sprechen, weil sich Vorteile
aus diesem Zustand ergeben, keine Gründe sein können. Bevor ich auf diesen Einwand eingehe, würde ich
gerne erst den Begriff state-given erklären, und weshalb ich die state-given reasons für übertragbar auf die
praktischen Gründe McCormicks halte, da der Begriff state-given reason von McCormick selbst nicht
genutzt wird.

4. Praktische Gründe als state-given reasons und epistemische Gründe als


object-given reasons

Derek Parfit führt in seinem Artikel „Rationality and Reasons“ die Begriffe state-given reasons und
object-given reasons ein.36 Diese stellen einerseits die Gründe für einen Wunsch dar, die sich aus Tatsachen
über die gewünschte Sache selbst ergeben (object-given reasons). Zum anderen sind dies Gründe, die sich
aus dem Zustand speisen, während ich mir diese Sache wünsche (state-given reasons).

Um die beiden Begriffe genauer zu beleuchten:“Many people assume that we can also have state-given
reasons to have certain beliefs. Such reasons would be provided by facts that would make our having some
belief in some way good. […] Such alleged reasons to have beliefs are sometimes called practical[…]”37
State-given reasons sind also Gründe, die sich aus Tatsachen über diesen Zustand, für diesen Zustand
ergeben, und dafür sprechen, dass es gut ist, diesen Zustand zu haben. Zu den object-given reasons:
„[…][E]pistemic reasons are related to the truth of what we believe, these reasons can also be called object-
given.” Ich werde mich im Folgenden dieser Zuordnung anschließen die praktischen Gründe McCormicks
als state-given reason betrachten und die Begriffe deckungsgleich verwenden. Ebenso werde ich die
Begriffe „epistemischer Grund“ und obejct-given reason deckunsgleich verwenden.

35
McCormick 2017: 134
36
Parfit 2001: 22
37
Parfit 2011: 50f

8
5. Ein Einwand Benjamin Kiesewetters gegen die Möglichkeit von state-
given reasons

Nachdem ich nun die Theorie McCormicks vorgestellt, und meine Begriffsverwendung geklärt habe,
werde ich einen Einwand Benjamin Kiesewetters, welchen er im ersten Kapitel seines Buches The
Normativity of Rationality formuliert, erklären. Dieser besagt, dass es keine state-given reasons gibt, also,
dass man keinen Grund für einen Zustand haben kann, weil sich Vorteile daraus ergeben, diesen Zustand
zu haben. Dieser Einwand fußt grob gesagt darauf, dass state-given reasons keine Gründe sein können,
aus denen man einen mentalen Zustand38 einnehmen kann. Da Hoffnung so ein mentaler Zustand ist, wäre
es für McCormicks Konzept fatal, wenn diese state-given reasons kein Grund für einen solchen mentalen
Zustand sein könnte.

Hier ein längeres Zitat von Kiesewetter dazu, weshalb er state-given reasons ablehnt:

I side with those who deny that such reasons exist. […] My reason for thinking this lies in the connection mentioned
above between normative and explanatory reasons. I take it to be a conceptual truth about normative reasons that they
are capable of guiding the responses they are reasons for. Alleged state-given reasons do not satisfy this constraint:
we cannot believe or intend something on the basis of the consideration that it would be beneficial for us to have this
attitude, and therefore our having this attitude would also not be intelligible solely in the light of our acknowledging
that it would be beneficial to have this attitude. We could want to have this attitude, or do something to bring it about
for the reason that it would be beneficial to have the attitude; hence, I have no objection to the claim that the benefits
of having an attitude can provide reasons for these responses. Yet such reasons would not be state-given: they would
not be reasons for attitudes provided by facts that bear on having the attitude itself rather than its object.39

Kiesewetter ist der Meinung, dass jeder normative Grund40 die Reaktion41 anleiten kann, für die er
ein Grund sein kann. Folglich ist jede Tatsache, die dies nicht kann, kein normativer Grund. Ich denke
allerdings, dass die Wendung “capable of guiding the responses they are reasons for” 42 noch weitere
Erläuterung benötigt. Dazu schreibt er etwas vorher genauer: “If p is a reason for you to ϕ, then your
acknowledgement of p can guide your ϕ-ing, you can ϕ for the reason that p, and if you do, your ϕ-ing has

38
Ich habe als Übersetzung für den von Kiesewetter verwendeten Begriff „attitude“ den Begriff „Zustand“ gewählt.
Kiesewetter benutzt am Anfang seines Einwandes das Wort „attitude“ und wechselt im nachstehenden Textstück
zwischen „attitude“ und „belief or intention“. Deshalb werde ich, wenn ich im Folgenden den Begriff Zustand
verwende, auch von Überzeugungen und Absichten sprechen.

39
Kiesewetter 2017: 12
40
Ein Grund der dafür spricht, etwas Bestimmtes tun zu bzw. haben zu sollen.
41
Eine Response (von mir übersetzt mit Reaktion) ist für Kiesewetter alles was aus einem Grund getan bzw.
angenommen werden kann. Er nennt an dieser Stelle vor allem Handlungen, Überzeugungen und Absicht schließt
allerdings auch Wünsche und Emotionen als responses nicht aus (Kiesewetter 2017: 6)
42
Kiesewetter 2017: 6

9
a point, or is intelligible in this respect.”43 Damit ein Grund eine Reaktion anleiten kann, muss man also
aus diesem Grund diese Reaktion unternehmen. Daraus folgt, ein (vermeintlicher) Grund für eine Reaktion
kann nur dann ein Grund sein, wenn diese Reaktion aus diesem Grund heraus begangen wird. Und wenn
eine Reaktion aus einem Grund ausgeführt werden kann, dann kann diese Reaktion auch durch den Bezug
auf diesen Punkt verständlich gemacht werden. Diese Bedingung, dass man aus einem praktischen Grund
einen Zustand wie eine Überzeugung oder eine Absicht einnehmen kann, ist es, welche Kiesewetter
bestreitet und die eine notwendige Annahme in seinem Argument darstellt.
Kiesewetter bestreitet, dass es möglich ist, aus dem Grund, dass es gut wäre in diesem Zustand zu
sein, diesen Zustand anzunehmen. Wir könnten aus dem Grund, dass es gut wäre diesen Zustand zu haben,
Dinge unternehmen die uns diesen Zustand haben lassen, und/oder diesen Zustand haben wollen. Ebenso
bestreitet Kiesewetter nicht, dass diese Reaktionen aus dem Grund, dass es gut wäre diesen Zustand zu
haben, passieren könnten. Allerdings wäre dieser Grund dann der Grund für die Handlungen, welche
getätigt werden, um den Zustand hervorzubringen, und nicht für den Zustand, der damit hervorgebracht
werden soll. Anders gesagt: Die Handlungen, die zu dem Zustand führen, könnten zwar aus dem Grund,
dass es gut wäre diese Überzeugung zu haben, vollzogen werden, aber die Überzeugung selbst kann nicht
aus diesem Grund angenommen werden.44

Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Der Wetterbericht für die nächsten Tage, welcher Schnee
vorhersagt, spricht dafür, dass es wahr ist, dass es innerhalb der nächsten Tage schneien würde. Die
Überzeugung zu haben, dass es in den nächsten Tagen schneien wird, würde ich durch das Ansehen dieses
Wetterberichts ausbilden. Gleichzeitig wäre es für mich gut, diese Überzeugung haben, weil es meine
Motivation stärken würde, nicht mit Freunden auf eine Radtour zu gehen, zu Hause zu bleiben und meine
Hausarbeit zu schreiben. Dass es gut für mich wäre, diese Überzeugung zu haben (in diesem Zustand zu
sein) wäre ein praktischer Grund. Der Wetterbericht, welcher dafür spricht, dass es wahr ist, dass es die
nächsten Tage schneien wird, ist ein epistemischer Grund. Nun behauptet Kiesewetter, dass es nicht
möglich ist, aus dem praktischen Grund, dass es gut wäre diese Überzeugung zu haben, diese Überzeugung
anzunehmen.

Sollte es mir gelingen zu zeigen, dass man in einigen Fällen tatsächlich aus praktischen Gründen
Überzeugungen annehmen kann, ebenso wie man auch aus praktischen Gründen Handlungen unternehmen
kann, dann ist damit auch Kiesewetters Einwand widerlegt. Es ist meiner Meinung nach nicht möglich,
immer auf die gleiche Weise aus praktischen Gründen Überzeugungen anzunehmen, auf die Art wie es
möglich ist aus praktischen Gründen Handlungen zu unternehmen. Ich werde deshalb nun darstellen, in
welchen Fällen ich die Art und Weise der Bildung von Überzeugungen für hinreichend analog mit dem

Kiesewetter 2017: 10
43

Kiesewetter 2017: 12
44

10
Durchführen von anderen Handlungen halte. Dazu werde ich zuerst genauer beleuchten, auf welche Weise
Kiesewetter die Bildung von Überzeugungen darstellt.

6. Überzeugungsbildung bei Benjamin Kiesewetter

Man kann sich sowohl für Handlungen, als auch für Überzeugungen entscheiden. Man kann Gründe
für oder gegen eine Handlung abwägen und ebenso kann man Gründe für oder gegen eine Überzeugung
abwägen. Allerdings sind die Arten der Gründe verschieden, die während der Überlegungen eine Rolle
spielen können – nämlich, dass bei Handlungen nur praktische Gründe und bei Überzeugungen nur
epistemische Gründe in die Überlegung mit einfließen können. Dies ist das Bild Kiesewetters, der in
Anlehnung Richard Moran denkt45, dass Überzeugungen aufgrund von evidential considerations gebildet
werden.46 Kiesewetter selbst gibt nicht wirklich eine genauere Beschreibung von dem, was er sich unter
evidential consideration vorstellt. Aber wenn man sich die Textstelle von Richard Moran ansieht, auf die
Kiesewetter verweist47, ist es möglich, sich ein genaueres Bild zu machen. Der Gedanke Morans ist,
dass, wenn man sich die praktische Frage stellt „Soll ich P glauben?“ auf die Welt gesehen wird48 und durch
die Antwort auf die Frage „Wie ist die Welt beschaffen?“ bzw. die Frage „Ist P wahr?“ beantwortet wird.49
Wenn ich die Frage danach, wie die Welt beschaffen ist, mit der Frage gleichsetze,,, was ich für wahr halte,
dann frage ich nach Moran ausschließlich nach Gründen, die für die Wahrheit oder Falschheit von etwas
sprechen. Dazu ein Zitat von Moran:

This is just to say that, within the perspective of the first-person, deciding what to believe is a matter of
determining what is true.50

Evidential considerations sind also Prozesse, während derer epistemische Gründe abgewogen
werden und an deren Ende eine Entscheidung getroffen wird, was man für wahr halt. Dieses Abwägen kann
auch so ablaufen, dass man sich Zugang zu epistemischen Gründen verschafft, die anschließend abgewogen
werden. Sich Zugang zu epistemischen Gründen zu verschaffen, kann aus praktischen Gründen geschehen,
da dies normale Handlungen beschreibt, wie beispielsweise zu recherchieren.51 Wenn man sich entschieden
hat, was man für wahr hält, wird damit auch die Frage, was man glauben sollte, beantwortet. Für diese
evidential considerations selbst können epistemische Gründe als Gründe zählen.

45
Moran 1988: 143
46
Kiesewetter 2017: 107, 108,
47
vgl. Kiesewetter 2017: 107
48
Moran 1988: 144
49
Moran 1988: 142, 143
50
Moran 1988: 143
51
Kiesewetter 2017: 12

11
Soweit ich das sehe, wird damit auch ein springender Punkt für Kiesewetter angesprochen. Er ist
auch der Überzeugung, dass bei evidential considerations nur epistemische Gründe eine Rolle spielen
können. Und wenn nur epistemische Gründe bei solchen evidential considerations eine Rolle spielen
können, dann kann man sich auch nur aus epistemischen Gründen für eine Überzeugung entscheiden. Wenn
allerdings das nicht gegeben ist, dann können praktische Gründe bzw state-given reasons auch keine
Gründe für Überzeugungen sein.52

Ich habe die Argumentation Kiesewetters gegen die Existenz von state-given reasons gerade
exemplarisch für Überzeugungen dargestellt. Nun ist die Hoffnung, wie McCormick sie versteht, keine
reine Überzeugung, aber sie ist ein mentaler Zustand, für den unter anderem state-given reasons sprechen
können sollen. Und wenn es keine state-given reasons gibt, dann wäre das fatal für ihr Konzept. Schließlich
fußen die Dimensionen (b), (c) und (d) komplett oder teilweise auf solchen Gründen.53 Weil ich nicht denke,
dass es keine state-given reasons gibt, und um damit McCormicks Konzept zu verteidigen, werde ich im
Folgenden einen Einwand gegen die Behauptung formulieren, dass Überzeugungen nicht aus state-given
reasons angenommen werden können. Wenn ich das zeigen kann, dann wäre Kiesewetters Argumentation
an dieser Stelle angegriffen und da diese Bedingung notwendig für sein Argument ist, hätte er keinen
hinreichenden Grund mehr zu behaupten, dass es keine state-given reasons gibt.

Da die Frage, ob man Überzeugungen aus praktischen Gründen annehmen kann, eine der, wenn
nicht die Hauptfrage zwischen den beiden philosophischen Positionen des Evidentialismus 54 und des
Pragmatismus55 ist, werde ich mich im Folgenden einem Ausschnitt der gegenwärtigen Debatte auf diesem
Gebiet widmen.

Deshalb werde ich im folgenden Abschnitt dafür argumentieren, dass Überzeugungen eben doch aus
praktischen Gründen angenommen werden können, indem ich eine Analogie zwischen vielen
Alltagshandlungen und dem Annehmen einer Überzeugung aufzeige und in Anlehnung an Sharon Ryan
und Michael Stocker den Begriff der komplexen Handlungen entwickle. Diese komplexen Handlungen
sollen eine Analogie klarmachen, aus der folgt, dass, wenn man behaupten wollen würde, dass
Überzeugungen nicht aus praktischen Gründen angenommen werden können, man ebenso behaupten
müsste, dass auch viele Handlungen nicht aus praktischen Gründen ausgeführt werden können. Dies aber
wäre ein äußerst unplausibles Ergebnis. Man müsste also doch akzeptieren, dass Überzeugungen aus
praktischen Gründen angenommen werden können.

52
Kiesewetter 2017: 12, 107
53
McCormick 2017: 132, 133
54
Evidentialisten vertreten im Allgemeinen die These, dass Überzeugungen nur aus epistemischen gründen gebildet
werden können(Shah 2006: 488).
55
Pragmatisten vertreten im Allgemeinen die These, dass auch praktische Gründe Gründe für Überzeugungen sein
können (Rinard 2015: 488). Eine Ausnahme ist Susanna Rinard, welche mit ihrem Robust Pragmatism die These
vertritt, dass nur praktische Gründe Gründe für Überzeugungen sein können (Rinard 2015: 219). Ich werde diese
Position für die weitere Diskussion allerdings ausblenden. Ebenso werde ich nicht die Möglichkeit diskutieren, ob es
Gründe für Überzeugungen gibt, die weder praktisch noch epistemischer Natur sind.

12
7. Das Analogie-Argument

Die Analogie, die ich vor Augen habe, ist folgende: Sowohl das Hervorbringen einer Überzeugung,
als auch eine Handlung führen einen Zustand herbei. Sowohl das Hervorbringen der Überzeugung, als auch
das Hervorbringen des Zustandes des Handelns, kann durch Handlungen geschehen. Die Gründe für diese
Handlungen sind praktische Gründe.56 Nun gibt es viele Handlungen und ich denke, auch das Annehmen
einer Überzeugung kann dazu gehören, die viele basale Handlungen und Vorgänge auf einmal bezeichnen,
welche schrittweise einen Zustand hervorbringen und deren Zweck nicht in der Ausführung der basalen
Handlungen selbst liegt – deren eigentliches Ziel also indirekt erreicht wird. Diese Handlungen werde ich
komplexe Handlungen nennen. Und auch diese komplexen Handlungen werden aus praktischen Gründen
getan. Wenn das Annehmen einer Überzeugung als analog gezeigt werden kann mit solchen komplexen
Handlungen und das Bilden einer Überzeugung eine komplexe Handlung sein kann, dann können auch
Überzeugungen aus praktischen Gründen gebildet werden. Deshalb werde ich im Folgenden genauer
darlegen, wie ich mir den Aufbau einer solchen komplexen Handlung zur Bildung von Überzeugungen
vorstelle und anschließen darlegen, weshalb ich diesen Vorgang in allen relevanten Bedingungen für analog
halte, mit anderen Handlungen, die aus praktischen Gründen getan werden. Dazu werde ich erst einmal
beleuchten, wie die Bildung einer Überzeugung ablaufen kann, und das Bild von Benjamin Kiesewetter
und Shah zu diesem Punkt darstellen, und diese Darstellung an den Stellen kritisieren, an denen es mir nötig
erscheint.

7.1 Transparency als Mechanismus der Bildung von Überzeugungen

Kiesewetter behauptet, dass die Bildung einer Überzeugungen, wenn sie durch Gründe angeleitet
wird, durch evidential considerations geschieht.57 Und er schreibt dies in Anlehnung an Richard Moran,
der sagt, dass wir dabei „auf die Welt blicken“58. Nishi Shah(2006) hat diesen Mechanismus transparency
genannt und ihn am wahrscheinlich elaboriertesten formuliert:
The feature that I call transparency is this: the deliberative question whether to believe that p inevitably gives
way to the factual question whether p, because the answer to the latter question will determine the answer of
the former.[…] [D]eliberating whether to believe that p entails intending to arrive at belief as to whether p.
59

Transparency bezeichnet den Mechanismus, dass wir, wenn wir die Frage, ob wir eine bestimmte
Proposition p glauben, versuchen zu beantworten, herausfinden wollen, ob p besteht. Weiterhin behauptet

56
Parfit 2011: 427
57
Kiesewetter 2017: 107
58
Moran 1988: 143
59
Shah 2006: 481f.

13
Nishi Shah, dass transparency ein “widely acknowledged psychological phenomenon“60 ist und gibt dazu
folgendes Beispiel:
When we deliberate whether to believe […] that it is snowing outside, we feel immediately compelled to look
for evidence of its truth: we look outside. 61

Shah behauptet also, dass sobald ich überlege, ob ich glauben sollte, dass es draußen schneit und
ich eine Überzeugung darüber erlangen möchte, ich zwanghaft nach außen sehe, um dort nach Evidenz zu
suchen. Ich stimme Shah darin zu, dass wir, wenn wir unbedingt eine Überzeugung haben wollen, nach
Evidenz für diese Überzeugung suchen.
Allerdings scheint das Vorgehen, wie man sich Zugang zu den Evidenzen verschafft, nicht
zwingend so automatisch abzulaufen, wie Shah es darstellt. Wenn ich zu einer Überzeugung dazu kommen
will, ob ich die Klausur bestanden habe, dann kann ich einerseits im Internetportal nachsehen, ob sie als
bestanden verbucht ist. Falls ich allerdings unterschwellig Angst davor habe, dort nachzusehen, weil ich
stark bezweifle, dass dort steht, dass ich bestanden habe, kann ich mir auch andere Evidenzen vor Augen
führen, die dafür sprechen, dass ich bestanden habe wie zum Beispiel, wie gut doch einzelne Aufgaben
gelaufen sind, dass das schlechte Gefühl direkt nach der Klausur meistens ungerechtfertigt ist, etc. Ich bin
also in der Lage zwischen verschiedenen Quellen von Evidenzen zu unterscheiden und mir auszusuchen,
welche Quellen ich nutze.
Ebenso macht Shahs Darstellung nicht deutlich, dass die Bildung einer Überzeugung oft ein
schrittweiser Prozess ist, der langsam von statten geht. Zum Beispiel werden fremdenfeindliche
Ressentiments in den allermeisten Fällen nicht ruckartig abgelegt und die Veränderung geht gradweise
vonstatten. Man umgibt sich mit Evidenzen, die gegen diese Ressentiments sprechen, und bildet dadurch
im Normalfall langsam die Überzeugung, dass diese Ressentiments falsch sind. Die Bildung einer
Überzeugung kann also schrittweise geschehen.
Desweiteren legt die Aussage „[…]because the answer to the latter question will determine the
answer of the former[…]“ nahe, dass die Bildung einer Überzeugung durch die Beantwortung einer Frage
von statten geht. Allerdings macht Shahs eigenes Beispiel deutlich, dass dies mitnichten generell so ist.
Sobald ich aus dem Fenster blicke, und ich sehe, dass sich weiße Flocken vor dem Fenster in Richtung
Boden bewegen, bilde ich die Überzeugung, dass es außen schneit. Ich habe mir nicht erst mental die Frage
zu stellen ob es schneit und dann mental den Satz auszusprechen, dass es schneit, um zu dieser Überzeugung
zu gelangen.
Ich muss nicht einmal die Bildung der Überzeugung in dem Moment forciert haben wollen, damit
sich die Überzeugung bildet, und dies kann geschehen ohne dass ich einen Moment an den Inhalt der
Überzeugung gedacht habe. Denn, wie Luc Bovens es formuliert hat: „There is no conceptual confusion in
saying that I believe some proposition but I never gave any thought to it whatsoever.” 62 Wenn ich durch
den Wald spaziere, und einen Baum neben mir stehen sehe, dann kann ich die Überzeugung haben, dass

60
Nishi 2006: 484
61
Shah 2006: 481
62
Bovens 1999: 675

14
dort ein Baum steht, ohne diese Überzeugung erzeugt haben zu wollen oder einen Moment daran gedacht
zu haben, dass, weil ich dort einen Baum sehe, dies für die Überzeugung spricht, dass dort ein Baum steht.
Ich habe diese Überzeugung im Normalfall einfach, weil ich dort einen Baum vor nicht allzu langer Zeit
gesehen habe. Ich reagiere auf die Evidenz, die mir zugänglich ist und die Überzeugung kann sich (auch
unbewusst) in mir bilden.
Rekapitulieren wir diese Eigenschaften der Bildung von Überzeugungen. Es gibt Fälle, in denen
ich in der Lage bin, zwischen verschiedenen Quellen von Evidenzen zu unterscheiden und mir auszusuchen,
welche Quellen ich nutze. Ebenso kann die Bildung einer Überzeugung schrittweise von statten gehen und
unbewusst ablaufen, ohne dass ich im Einzel-oder Gesamtfall mir über die Bildung der Überzeugung
Gedanken gemacht haben muss. Diese Überzeugungsbildung ist ein Prozess, den ich in Gang setzen kann
– eine kausale Kette, die ich immer wieder in Gang setzen und welche schrittweise eine Überzeugung formt.
Wenn wir diese Eigenschaften in das Bild der Transparency mit einbauen, dann bekommen wir ein
ganzheitlicheres Bild davon, wie sich Überzeugungen bilden. Und wenn wir dieses Bild für viele
Situationen, in denen wir Überzeugungen bilden, zugrundelegen, dann lässt sich besser verstehen, wie diese
Vorgänge zu anderen Handlungen analog sein können.

7.2 Das Analogie-Argument bei Ryan und Stocker und dessen Abschluss

Um eine weitere Analogie zu erläutern, würde ich gerne auf eine Aussage von Nikolaj Nottelmann
eingehen: “It seems highly plausible that beliefs are doxastic states of a cognitive system, whereas actions
are events, not states in any sense.“ 63 Ich denke, dass Handlungen sehr wohl in einem gewissen Sinn
Zustände sind. Schließlich kann die Handlung Fahrrad zu fahren ebenso als Zustand des Fahrradfahrens
bezeichnet werden. Wenn ich fahrradfahrend bin, dann befinde ich mich in einem Zustand des
Fahrradfahrens. Das bedeutet, dass das Ziel einer Handlung also ebenso ein Zustand sein kann, wie das Ziel
der Handlung, eine Überzeugung hervorzubringen.

Sharon Ryan (2003) und Michael Stocker (1982) haben ebenso beide dafür argumentiert, dass es
Handlungen gibt, die hinreichend analog zu dem Hervorbringen einer Überzeugung sind, um sagen zu
können, dass das Bilden der Überzeugung aus praktischen Gründen geschehen kann. Sharon Ryan geht
dabei den Weg, dass sie zeigt, dass eine Handlung unbewusst, allerdings trotzdem absichtlich und
automatisch getan werden kann. Ihr Beispiel ist das Schreiben der einzelnen Buchstaben ihres Aufsatzes.
Ebenso wie das Bilden einer Überzeugung durch die Konfrontation mit Evidenzen für diese Überzeugung,
kann das Schreiben der einzelnen Buchstaben absichtlich, automatisch und unbewusst ablaufen.64 Michael
Stocker betont die Eigenschaften von Handlungen und dem Bilden von Überzeugungen, dass sie
„largescale, difficult to achieve and uncertain of success“ sein können, und gibt Beispiele wie das

Nottelmann 2006: 559


63

Ryan 2003: 70f


64

15
Starten eines Krieges oder das Heilmittel für eine Krankheit zu finden.65 Und wenn wir diese Handlungen
aus praktischen Gründen tun können, weshalb sollten wir das Bilden einer Überzeugung nicht aus
praktischen Gründen tun können?

Als erstes Beispiel würde ich den Vergleich zwischen dem Bau eines Hauses und dem Ablegen
fremdenfeindlicher Ressentiments vorstellen. Beide Vorhaben bestehen aus sehr vielen Teilhandlungen und
sollen langfristig einen bestimmten Zustand herstellen. Dies erreichen beide durch schrittweise
Zustandsveränderungen, welche mit Einzelhandlungen bewerkstelligt werden, die aus praktischen Gründen
getan werden. Wie gezeigt, muss das Ablegen der Ressentiments nicht bewusst geschehen. Vielmehr kann
es sein, dass man nach einiger Zeit feststellt, dass man die Überzeugung gebildet hat, dass diese
Ressentiments falsch sind. Ebenso muss ich nicht bei dem Bau des Hauses immer wieder überlegen, welche
Gründe dafürsprechen, dass es nun ein Haus ist. Es wird in einem fortlaufenden Prozess immer mehr dazu.
Ebenso ist es bei dem Bilden der Überzeugung.
Ich glaube, dass das Bilden einer Überzeugung in Einzelfällen mit noch viel einfacheren
Handlungen als analog gezeigt werden kann. Stellen wir uns jemanden vor, der im Traum feststellt, dass er
träumt. Diese Person muss sich nicht erst die Frage stellen ob sie träumt. Wenn sie sich die Nase zuhält,
versucht durch diese zu atmen und feststellt, dass sie träumt, dann bildet sie sofort diese Überzeugung – sie
muss sich nicht erst fragen, ob es dafürspricht, dass sie träumt, wenn sie durch ihre geschlossene Nase
atmen kann. Und stellen wir uns im Vergleich dazu, das Aufheben eines Steines vor. Beide Handlungen
bestehen aus mehreren basalen Einzelhandlungen. Wir setzen in beiden Fällen eine kausale Kette in Gang
(Konfrontation mit Evidenz → Überzeugungsbildung / Kraft gegen Gewichtskraft des Steines → Stein hebt
sich), die eine bestimmte, von uns intendierte, Wirkung als Ergebnis hat. Beide Handlungen geschehen
absichtlich. Wir können den Stein aus praktischen Gründen heben. Und da die Überzeugungsbildung in
allen relevanten Punkten analog ist, können wir die Überzeugung auch aus praktischen Gründen bilden.

8. Einwände von Nottelmann, Shah und Schmidt gegen das Analogie-


Argument

Um einige Aspekte des Begriffs von komplexen Handlungen näher zu beleuchten, werde ich im
Folgenden auf einige Einwände eingehen, bevor ich mich der Rekapitulation des Arguments widme. Diese
Einwände bestehen in Bedingungen, welche von Nishi Shah und Nikolaj Nottelmann formuliert wurden,
sowie in einem Einwand, der sich aus einer Erwiderung von Sebastian Schmidt gegen Nikolaj Nottelmann
ergibt.

Stocker 1982: 410


65

16
8.1 Nikolaj Nottelmanns Einwand gegen das Analogie-Argument und der sich
ergebende Einwand von Sebastian Schmidt aus seiner Erwiderung gegen Nottelmann
Nikolaj Nottelmann hat gegen Ryan und Stocker argumentiert, dass diese Analogie nicht zutrifft,
da die Bildung der Überzeugung das Ergebnis von Handlungen, wie sich mit Evidenz zu konfrontieren, ist.
Die komplexen Handlungen allerdings, welche sie beschreiben, um die Analogie klarzumachen, wie zum
Beispiel einen Krieg anzufangen, seien ihrerseits schon das Ergebnis. Das Ziel der Handlung liegt schon in
der Handlung selbst und das ist notwendig, damit diese Handlung willentlich ausgeführt werden kann. Und
da man bei der Bildung einer Überzeugung selbst erst verursacht, dass diese Überzeugung gebildet wird,
kann das Bilden der Überzeugung nicht willentlich getan worden sein.66
Um dem Einwand Nottelmanns zu widerlegen, müsste man allerdings noch zeigen, dass es
Handlungen gibt, deren Ziel nicht die Handlung selbst ist - also dass es Handlungen gibt, die getan werden
um einen Zustand herzustellen, der nicht im Handeln selbst liegt, beziehungsweise diesem nachgeordnet
ist. Nun denke ich, dass so etwas in einem so einfachen Fall besteht, wenn jemand einen Stein schmeißt,
um eine Scheibe zu zerbrechen. Jemand wirft einen Stein, und verursacht damit, dass eine Scheibe
zerbricht. Die Handlung (den Stein werfen), hatte ein Ergebnis, das außerhalb ihrer selbst lag (die Scheibe
in den Zustand des Zerbrochenseins zu bringen). Nottelmann könnte jetzt entgegnen, dass die Handlung
doch auch beschrieben werden könnte, indem man sagt „jemand zerbricht eine Scheibe“., und damit würde
das Ziel der Handlung wiederum die Handlung selbst sein. Aber wenn man diese Handlung dadurch
beschreiben darf, dann gibt es keinen Grund mehr das Hervorbringen einer Überzeugung getrennt zu
betrachten. Die Scheibe reagiert auf den Stein, ebenso wie wir auf die Evidenz reagieren. Es ist in beiden
Fällen so, dass eine bestimmter Vorgang in Gang gesetzt wird, sobald bestimmte hinreichende Bedingungen
erfüllt sind. Diese Bedingungen werden von uns durch unsere Handlungen geschaffen, und stellen nicht in
jedem Fall schon, wie von Nottelmann dargestellt, selbst schon das Ziel unserer Handlung dar.
Sebastian Schmidt hat gegen das Argument Nottelmanns eingewendet, dass dieser vergesse, dass
man sich mit der Wendung „x findet das Heilmittel“ nicht nur auf die Handlung, sondern auch auf das
Ergebnis der Handlung beziehen könnte.67 Und wenn das so ist, dann ist die von Nottelmann geforderte
Unterscheidung hinfällig, weil damit die vorher gezeigte Analogie zwischen der Bildung von
Überzeugungen und anderen Handlungen wiederhergestellt worden wäre, da somit auch bei den
Handlungen, auf die Nottelmann sich bezieht (ein Heilmittel zu finden), ein Ergebnis von der Handlung
selbst zu trennen möglich wäre. Und es scheint so, als könnte man sich tatsächlich ohne Probleme einerseits
auf die Handlung selbst, als auch auf das Ergebnis beziehen, das der Zweck dieser Handlung ist. „`S verletzt
die Gefühle von X`[…][kann] entweder das Resultat gewisser Handlungen meinen oder aber die
Handlungen die zu diesem Resultat führen. Man verletzt Gefühle, indem man etwas Beleidigendes sagt;“68
Das bedeutet, dass somit auch die von Nottelmann ausgemachte Disanalogie zurückgewiesen werden kann.
Allerdings ergibt sich aus dem, was Schmidt aus seiner Beobachtung folgert, seiner Ansicht nach

66
Nottelmann 2006: 565f
67
Schmidt 2016: 577
68
Schmidt 2016: 577

17
wieder ein eigener Einwand gegen die These, dass man Überzeugungen aus praktischen Gründen annehmen
kann. „Wenn etwas aus einer Handlung resultiert, dann ist das Ergebnis selbst keine Handlung und nicht
direkt willentlich kontrolliert, sondern höchstens indirekt durch Handlungen verursacht.“ 69 Und wenn
etwas nicht willentlich kontrolliert, also keine basale Handlung ist, dann scheint man es auch nicht aus
praktischen Gründen tun zu können. „Es ist jedoch begrifflich verwirrt zu behaupten, dass eine
Überzeugungsbildung im Sinne eines Ergebnisses, das aus unserer Ausübung gewisser Fähigkeiten
resultiert, selbst aus praktischen Gründen geschehen kann.“70
Ich würde die Erwiderung dieses Einwandes gerne hinten anstellen und mich dem Einwand Nishi
Shahs widmen, der mit seinem Begriff des deliberative constraint on reasons zeigen möchte, dass nur
epistemische Gründe als Gründe für eine Überzeugung gelten können. Nachdem ich diesen Einwand
entkräftet habe, wird sich auch dem Einwand Sebastian Schmidts besser etwas entgegnen lassen.

8.2 Nishi Shahs Einwand und der deliberative constraint on reasons

Nishi Shah hat in seinem Aufsatz „A New Argument for Evidentialism“ den Begriff deliberative
constraint on reason entwicktelt. Dieser besagt für eine allgemeine Reaktion ϕ:

B3. Therefore R is a reason for X to ϕ that p only if R is capable of disposing X to ϕ in the way characteristic
of R’s functioning as a premise in deliberation whether to ϕ.71

Etwas kann also nur etwas ein Grund für eine Person sein, etwas Bestimmtes zu tun, wenn dieser
Grund diese Person diese bestimmte Sache ausführen lässt und dass dieser Grund eine motivierende Kraft
ist, wenn er als Grund in einer Überlegung funktioniert. Zum Beispiel kann die Evidenz, dass ich einen
Baum sehe, als Grund in einer Überlegung fungieren, und am Ende dieser Überlegung kann sich die
Überzeugung bilden, dass dort ein Baum steht. Shah bestreitet, dass dies auch bei praktischen Gründen in
Bezug auf Überzeugungen der Fall sein kann. „[…] [T]he attractiveness of believing that p cannot similarly
engage one’s doxastic deliberation as a consideration in favour of believing that p.”72

Susanna Rinard begegnet diesem Einwand von Shah, indem sie zeigt, dass der delibeartive
constraint on reasons auch viele praktische Gründe bei unstrittigen Handlungen keine Gründe mehr sein
lässt. Seine Bedingung schließt zu viel aus und kann somit nicht mehr notwendig sein. Ihr Beispiel dafür
ist, die Überlegung vor dem Ski-Urlaub, dass man dieses Mal Woll- anstatt Baumwollsocken anziehen
sollte. Allerdings, nur weil man die Entscheidung fällt, dieses Mal Wollsocken zu tragen, aus dem Grund,
dass diese wärmer sind, zieht man sie noch nicht direkt an. Sie schließt daraus, dass nach der Bedingung,
welche Shah formuliert, der Eindruck, dass Wollsocken wärmer sind, also gleich auch kein Grund sein
könne. Und dies kann aber nicht sein. Also kann Shahs Bedingung auch keine notwendige Bedingung sein,

69
Schmidt 2016: 577
70
Schmidt 2016: 578
71
Shah 2006: 485
72
Shah 2006: 487

18
damit etwas ein Grund ist.73
Es könnte sein, dass Shah hier entgegnet, dass man ihn missversteht, wenn man seine Bedingung
so anwendet, dass das Treffen der Entscheidung in jedem Fall automatisch zu der durch die Überlegung
favorisierten Reaktion führt. Sondern Shah so verstanden werden will, dass es mindestens eine
Beschreibung gibt, in der die Person, dadurch, dass sie diesen Grund in einer Überlegung benutzt, aus
diesem Grund die Reaktion durchführt. Dafür würde die folgende Textstelle sprechen: „A consideration
could not guide an agent to ϕ in its capacity as a reason unless the agent were capable of ϕ-ing on the basis
of his recognition of the consideration as a reason to ϕ.“74

Falls Shah diese Lesart seines Einwandes stark machen wollen würde, gäbe es allerdings trotzdem
noch das Problem für ihn, dass diese Unmittelbarkeit, die er fordert, immer noch zu viel verlangt. Nämlich,
dass unter mindestens einer Beschreibung direkt aus diesem Grund die Reaktion geschehen kann, viele
alltägliche Aktionen nicht aus praktischen Gründen getan werden können. Nehmen wir das Beispiel mit
dem Stein, mit dem man eine Scheibe einwirft. Der Stein ist mein Werkzeug, durch den ich das Glas in den
Zustand des Zerbrechens beziehungsweise des Zerbrochenseins bringe. Nur weil ich hier die Handlung
unzweifelhaft aus einem praktischen Grund ausführen kann, bedeutet das nicht, dass ich unter irgendeiner
Beschreibung diese Scheibe unmittelbar durch die Kraft meines Willens, in einer einfachen basalen
Handlung zerstöre. Vielleicht kann ich das nicht, weil ich ohne den Stein nicht die nötige Kraft aufbringe.
Der Stein ist mein Werkzeug, mit Hilfe dessen ich diesen von mir bevorzugten Zustand in der Welt
herbeiführe. Und zu sagen, dass ich, weil ich dieses Werkzeug brauche um diesen Zustand herbeizuführen,
nicht die Handlung, die zu diesem Zustand führt, aus einem praktischen Grund ausführen könne, ist äußerst
unplausibel. Und da dies notwendig wäre, damit Shahs Argument greift, ist sein Einwand abgewiesen
worden.

9. Evidenzen als Werkzeuge und die Erwiderung des Einwands von


Sebastian Schmidt

Allerdings wurde hierdurch ein interessanter Punkt angesprochen. Oft nutzen wir nämlich
Werkzeuge um die Handlungen zu vollziehen, beziehungsweise die Zustände zu erreichen, die wir wollen.
Und so wie dieser Stein unser Werkzeug dabei ist, eine Scheibe einzuwerfen, kann eine Evidenz ein
Werkzeug sein um eine Überzeugung zu bilden. Wenn man nun behaupten wollen würde, dass diese
Evidenz notwendigerweise ein epistemischer Grund ist, da Überzeugungen nur aus epistemischen Gründen
gebildet werden können, müsste man dann nicht auch behaupten, dass der Stein ein praktischer Grund dafür
ist die Scheibe zu zerbrechen? Das scheint klarerweise nicht so zu sein. Unsere Werkzeuge bleiben
Werkzeuge und es gibt praktische Gründe, aus denen wir diese Werkzeuge benutzen. Es gibt die Fälle, in
denen wir aus epistemischen Gründen Überzeugungen bilden, aber scheint das nicht in allen Fällen so zu
sein und genau das ist es, was die Evidentialisten zeigen müssten.

Rinard 2015: 212-213


73

Shah 2006: 485-486


74

19
Widmen wir uns wieder dem Einwand Schmidts, der besagt hat, dass das Ergebnis (wie eine
Überzeugungsbildung) einer basalen Handlung nicht willentlich kontrolliert ist. Das Ergebnis wurde
höchstens indirekt herbeigeführt, ist damit keine Handlung und kann somit nicht aus praktischen Gründen
ausgeführt werden.75 Ich denke es ist
unzweifelhaft, dass es möglich ist, sowohl eine Überzeugungsbildung als auch das Aufheben eines Steines
auf mehrere Arten zu beschreiben. Also zum Beispiel als „X hebt den Stein auf“ oder als „X hob den Stein
auf, indem er sich bückt, seinen Arm zum Boden streckt, die Finger dabei spreizt, sie wieder schließt, den
Arm anzieht und sich aufrichtet.“ Auf dieselbe Art und Weise ließe sich das Annehmen einer Überzeugung
als Wirkung basaler Handlungen beschreiben76 oder eben als ganze Handlung. Und je nachdem welche
Beschreibung man als die maßgebliche wählt, ist die Handlung aus praktischen Gründen die Menge an
basalen Handlungen und ihre von ihnen getrennte Wirkung, oder der gesamte Prozess die Handlung. Und
wenn man letztere als die adäquatere Beschreibung wählen würde, dann könnte auch die gesamte Handlung
(die basalen Handlungen samt ihrer Wirkungen) aus praktischen Gründen getan werden. Wenn sich zeigen
lässt, dass die Beschreibung des Bildens der Überzeugung als ganze Handlung die adäquatere Beschreibung
ist, so wäre diese Beschreibung zu wählen.
Um zu zeigen, dass die Beschreibung der Handlung als Ganze zutreffender ist, würde ich gerne auf
Kiesewetter verweisen. Dieser hatte geschrieben, dass sobald etwas aus einem praktischen Grund heraus
getan werden kann, es durch den Bezug auf diesen praktischen Grund auch verständlich gemacht werden
könne. 77 Das bedeutet auch, dass wenn etwas durch den Bezug auf einen praktischen Grund nicht
verständlich gemacht werden kann, dieser Sachverhalt kein Grund für diese Reaktion sein kann. Schmidt
behauptet, dass wir nur basale Handlungen, die wir direkt willentlich kontrollieren, aus praktischen
Gründen ausführen könnten. Wenn wir allerdings nur die Beschreibung der basalen Handlungen durch den
Bezug auf den praktischen Grund erklären wollen, kommt etwas wesentlich Unverständlicheres heraus, als
wenn wir die gesamte Handlung zusammenfassen und nicht in einer kontraintuitiven Weise Ursache und
Wirkung innerhalb einer Handlung trennen. Der Satz „er bückte sich, streckte seinen Arm zu Boden,
spreizte dabei die Finger, schloß sie wieder, zog seinen Arm wieder heran und erhob, weil er den Stein
schön fand“ ist unverständlicher als der Satz „er hob den Stein auf, weil er ihn schön fand“. Die Wirkung
der basalen Handlungen (das Aufheben des Steines) wurde deshalb aus der Beschreibung herausgelassen,
denn nach Schmidt müssten ja schon die basalen Handlungen an sich aus praktischen Gründen getan
werden können.
Die Gegenprobe mit der Bedingung Kiesewetters zeigt, dass dem nicht so ist, beziehungsweise die
Beschreibung des Vorgangs von Ursache und Wirkung als eine ganze Handlung sehr viel verständlicher ist.
Und da diese Beschreibung verständlicher ist, würde ich auch schließen, dass sie die adäquatere ist. Und
wenn sie die adäquatere ist, dann kann auch die gesamte Handlung (samt ihrer Wirkungen) aus praktischen
Gründen getan werden. Und da bereits gezeigt wurde, dass eine hinreichende Analogie zwischen zum

75
Schmidt 2016: 577-577
76
Auch Schmidt gesteht zu, dass dies möglich ist (Schmidt 2016: 579).
77
Kiesewetter 2017: 10

20
Beispiel dem Aufheben oder Werfen eines Steines und dem Bilden einer Überzeugung besteht, so kann
auch das Bilden einer Überzeugung aus praktischen Gründen geschehen. Damit wäre auch dieser Einwand
gegen die These, dass man Überzeugungen aus praktischen Gründen annehmen kann, ausgeräumt.

Ich habe soeben gezeigt, dass das Annehmen einer Überzeugung, als auch andere vielschichtige
Alltagshandlungen, aus Einzelhandlungen und Prozessen bestehen, die wir oft zusammengefasst erklären.
Dieses Bündel aus Einzelhandlungen und Prozessen habe ich komplexe Handlung genannt. Diese
komplexen Handlungen sind aus praktischen Gründen ausführbar. Das bedeutet, dass, wenn man behaupten
wollen würde, dass die komplexe Handlung wie z.B. die Überzeugung anzunehmen, dass es morgen regnet,
nicht aus einem praktischen Grund ausgeführt werden könnte, man ebenso behaupten müsse, dass eine
komplexe Handlung wie z.B. ein Fahrrad zu reparieren, auch nicht aus einem praktischen Grund heraus
ausgeführt werden könnte. Das wäre ein sehr unplausibler Schluss. Deshalb kann man schließen, dass
Überzeugungen eben doch aus praktischen Gründen angenommen werden können.
Und nun können wir auch Benjamin Kiesewetters Einwand zurückweisen. Wie wir uns erinnern,
hatte sein Argument gegen die Existenz von state-given reasons die notwendige Annahme, dass es keinen
Fall gibt, in dem Überzeugungen aus praktischen Gründen angenommen werden können. Mit meiner
Darlegung habe ich Fälle aufgezeigt in dem es doch möglich ist. Deshalb können wir jetzt diese Prämisse
für ungültig erklären, womit Kiesewetters Einwand abgewehrt wäre.
Ich möchte noch einmal erwähnen, dass die Fälle die ich beschrieben habe, nur eine Möglichkeit
von vielen sind, wie sich Überzeugungen bilden. Aber der Punkt bleibt bestehen. Kiesewetter wollte zeigen,
dass wir nie Überzeugungen aus praktischen Gründen annehmen können. Dies habe ich widerlegt.

10. Fazit

Ich habe die Position Miriam Schleifer McCormicks dargestellt, die darlegt, wie eine Hoffnung
danach bewertet werden kann, ob sie rational ist oder nicht. Anschließend habe ich gezeigt, dass die
praktischen Gründe McCormicks state-given reasons sind und daraufhin einen Einwand Benjamin
Kiesewetters, gegen die Existenz von state-given reasons diskutiert und ausgeräumt, indem ich in
Anlehnung an Sharon Ryan und Michael Stocker das Konzept der komplexen Handlungen dargestellt habe.
Anschließend habe ich auf zwei Einwände von Nikolaj Nottelmann und Nishi Shah hingewiesen und diese
ausgeräumt. Der Einwand von Nottelmann wurde auch von Sebastian Schmidt diskutiert, und den Einwand
der sich aus dieser Diskussion ergab, habe Ich ebenfalls diskutiert und entkräftet. Mein Ziel in dieser Arbeit,
war es, die Theorie McCormicks darzustellen und im zweiten Teil der Arbeit die Frage zu diskutieren ob
wir aus praktischen Gründen Überzeugungen bilden können, da sich, wenn man dies verneint, Einwände
gegen die Theorie McCormicks. Mein übergeordnetes Ziel war es, ihre Theorie gegen solche Einwände zu
verteidigen. Das habe ich getan.

21
Literaturverzeichnis

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667-681:

Kiesewetter, Benjamin (2017) The Normativity of Rationality, Oxford: Oxford University Press.

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Moran, Richard (1988) Making Up Your Mind, in: Ratio 1: 135–151

Nottelmann, Nikolaj (2006) The Analogy Argument for Doxastic Voluntarism, in: Philosophical
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Parfit, Derek (2001) Rationality and Reasons, in: Exploring Practical Philosophy: From Action
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Parfit, Derek (2011a) On What Matters. Vol. 1, Oxford: Oxford University Press.

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Ryan, Sharon (2003) Doxastic compatibilism and the ethics of belief, in: Philosophical
Studies 114, 47-79.
Ich versichere eidesstattlich, die vorliegende Arbeit selbständig verfasst und keine anderen als die
angegebenen Quellen benutzt zu haben. Alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen sind unter
genauer Angabe der Quelle kenntlich gemacht.