Sie sind auf Seite 1von 25

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Hauptseminar Blame
Dozent: Prof. Dr. Erasmus Mayr
Sommersemester 2018

Diskussion des Aufsatzes Freedom and Resentment von Peter Strawson


anhand einer Kritik von Paul Russell

Vorgelegt von: Milan Slat


Matrikelnummer: 22065441
Prüfungssemester: 6. FS
E-Mail: Milan-Slat@gmx.de
Inhalt
1. Einleitung und Erläuterung des Zieles und des Vorgehens in dieser Arbeit……………...1

2. Einordnung von Freedom and Resentment in einen weiteren Kontext des philosophischen

Diskurses zur Willensfreiheit……………………………………………………………...1

3. Darstellung der Argumentation von Peter Strawson in Freedom and Resentment…….….3

3.1 Der Disput zwischen dem Optimisten und dem Pessimisten…………………………3

3.2 Das Konzept der reactive attittudes…………………………………………………...4

3.2.1 Die personal reactive attitudes……………………………………………….5

3.2.2 Die self-reactive attitudes…………………………………………………….5

3.2.3 Die vicarious reactive attitudes………………………………………………6

3.3 Umstände die zur Aussetzung der reactive attitudes führen und objective attitude…..7

3.3.1 Spezifische Aussetzungsumstände………………………………..………….7

3.3.2 Globale Aussetzungsumstände……………………………………………….8

3.4 Strawsons Argumente gegen den Pessimisten………………………………………...9

3.4.1 Das Notwendigkeitsargument………………………………………………...9

3.4.2 Das „Sollen-impliziert-Können“-Argument…………………………………10

3.4.3 Das „objective-attitude“-Argument………………………………………….10

3.4.4 Das kontrafaktische Argument………………………………………………12

4. Erläuterung der Kritk von Paul Russell…………………………………………………...13

4.1 Russells Kritik an der naturalistischen Strategie……………………………………...14

4.1.1 Die pessimistische Position und ihre Widersacher…………………………...14

4.1.2 Der Strawson’sche Pessimist als token-pessimist……………………………15

4.2 Russells Kritik an der rationalistischen Strategie……………………………………..16

4.3 Russels Kritik an Strawsons Argumentation………………………………………….17

5. Kritik an der Kritik – die Erwiderung David Bottings…………………………………….17

5.1 Die Argumentation David Bottings…………………………………………………...17

5.2 Kritik an der Kritik an der Kritik und die Möglichkeit von universeller incapacity….18

6. Eine Erwiderung gegen das kontrafaktische Argument…………………………………...20

7. Fazit………………………………………………………………………………………..22
1. Einleitung und Erläuterung des Zieles und des Vorgehens in
dieser Arbeit
Mein Ziel in dieser Arbeit ist es, die Kritik Paul Russells aus seinem Artikel Strawson’s
Way of Naturalizing Responsibilty an Peter Strawsons einflussreichem Aufsatz Freedom and
Resentment1 darzustellen, zu diskutieren und gegen Einwände zu verteidigen. Zu diesem
Zweck werde ich die Argumentation Strawsons in Freedom and Resentment pointiert
darstellen und mich bei dieser Erläuterung ausschließlich auf die Argumente konzentrieren,
wie sie in Freedom and Resentment vorgebracht wurden. Anschließend daran werde ich die
Kritik, wie sie von Paul Russell geübt wurde, erläutern, einen Einwand von David Botting
gegen diese Kritik diskutieren und schließlich ein Gegenargument zu Strawson erläutern,
dass sich aus dieser Diskussion ergibt. Zuallererst soll allerdings Freedom and Resentment in
einen theoretischen Kontext gestellt werden, um nachvollziehen zu können, welches
übergeordnete Ziel der Aufsatz im wissenschaftlichen Diskurs verfolgt.

2. Einordnung von Freedom and Resentment in einen weiteren


Kontext des philosophischen Diskurses zur Willensfreiheit
Die Debatte um die Willensfreiheit ist eine bereits sehr lang geführte Diskussion in der
Philosophie. Das ist nicht verwunderlich, da sie viele Bereiche der gesellschaftlichen
Lebenswelt berührt und ihre Implikationen bis weit in die alltägliche Praxis vieler Menschen
hineinreichen. Stark verkürzt formuliert lautet eine ihrer zentralen Fragen, ob sich der
Umstand eines universellen Determinismus mit der Willensfreiheit von Personen und damit
gerechtfertigten Strafpraktiken vereinbaren lässt. Universeller Determinismus meint hierbei
den Sachverhalt, dass auf jeden beliebigen Weltzustand nur genau ein möglicher anderer
Weltzustand folgen kann.2 Die infrage stehende Willensfreiheit ist die, welche als allgemein
notwendig für die Zuschreibbarkeit von moralischer Verantwortung und als
Rechtfertigungsgrundlage für unsere Praktiken des Vorwerfens und Strafens angesehen wird.

Es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen Positionen in dieser Debatte und ich werde
mich auf die Nennung derer beschränken, welche mir für das Verständnis dieser Arbeit und
von Freedom and Resentment notwendig erscheinen. Die Position, dass Willensfreiheit mit

1
Ich werde in dieser Arbeit ausschließlich auf die Fassung von Freedom and Resentment, wie sie in der
Aufsatzsammlung Free Will (Hg. Gary Watson; Oxford University Press) von 2003 abgedruckt ist, referieren und
die dortigen Seitenzahlen verwenden. In den Literaturverweisen werde ich allerdings trotzdem das Erscheinungsjahr
des Originals (1962) angeben.
2
Keil 2017: 21.
1
einem universellen Determinismus vereinbar ist, wird meist als Kompatibilismus bezeichnet.
Ihr Gegenpart, also die Auffassung, dass diese beiden Umstände unvereinbar sind, wird
Inkompatibilismus genannt. Auf der Seite der Kompatibilisten gab und gibt es Vertreter der
Auffassung, dass unsere Praktiken des Strafens dadurch gerechtfertigt werde würden, dass
diese Praktiken sozial wünschenswerte Effekte hätten – beispielsweise, dass ein Kind,
dadurch, dass es bestraft wird, lernt, sich an moralische Normen zu halten und dieser
pädagogische Effekt die rechtfertigende Basis für die Strafpraktik darstellt. Auf eine solche
Position wird meist als konsequentialistischer Kompatibilismus referiert. Auf der Seite des
Inkompatibilismus gibt es einerseits die Position des Freiheitsskeptizismus und die Position
des Libertarismus. Vertreter des Libertarismus sind der Auffassung, dass unsere Praktiken
des Strafens nur dann gerechtfertigt sein können, wenn kein universeller Determinismus
besteht. Freiheitsskeptiker dagegen sind der Meinung, dass es für die Rechtfertigbarkeit
dieser Praktiken keinen Unterschied macht ob der Determinismus wahr ist oder nicht, da sie
in keinem Fall gerechtfertigt wären.3

Strawson stellt in Freedom and Resentment zwei fiktive Personen gegenüber, welche
jeweils eine dieser eben beschriebenen Positionen vertreten. Die Person, welche bei Strawson
als Optimist bezeichnet wird, vertritt eine kompatibilistische Auffassung. Unter den
Optimisten, welche Strawson darstellt, geht er besonders auf die Position des
konsequentialistischen Kompatibilismus ein und lässt den Pessimisten gegen diese
argumentieren. Strawsons Pessimist ist vor allem ein Inkompatibilist und im Besonderen
vertritt er eine libertarische Auffassung. Strawson selbst vertritt eine kompatibilistische
Position und argumentiert innerhalb von Freedom and Resentment gegen den Pessimisten
und somit gegen die inkompatibilistische Auffassung, wie im Nachfolgenden gezeigt werden
wird.4

Nach dieser stark verkürzten Darstellung der Debatte um die Willensfreiheit und einer
Einordnung von Freedom and Resentment in diese, werde ich im Folgenden die
Argumentation Strawsons, wie sie in Freedom and Resentment vorgebracht wurde,
abschnittsweise und pointiert darstellen, um danach Russells Kritik erläutern zu können. Zu
diesem Zweck werde ich zuerst einen Überriss der Diskussion zwischen dem Optimisten und
dem Pessimisten geben, welche den Anfang von Freedom and Resentment bildet.

3
Keil 2017: 7-16.
4
Keil 2017: 76.
2
3. Darstellung der Argumentation von Peter Strawson
in Freedom and Resentment
3.1 Der Disput zwischen dem Optimisten und dem Pessimisten

Nach einer kurzen Erläuterung der Grundzüge der Positionen des Optimisten und des
Pessimisten, sowie seiner eigenen Motivation in diesem Artikel, lässt Strawson die beiden
Argumente austauschen.

Der Optimist verweist auf die positiven Effekte, die solche Praktiken wie das Strafen auf
das Verhalten von Personen haben und wenn diese Wirkungen eine rechtfertigende Grundlage
für diese Strafpraktiken darstellen, so ist auch der Determinismus mit diesen gerechtfertigten
Praktiken vereinbar, da diese sozial erwünschten Effekte nicht die Falschheit des Determinismus
erfordern. Die pessimistische Erwiderung hierauf ist, dass eine gerechte Strafe Schuld erfordere.
Diese wiederum benötige moralische Verantwortung, die Freiheit zur Bedingung hätte. Diese
Freiheit allerdings erfordere, dass der Determinismus nicht wahr ist. Der Optimist entgegnet
anschließend, dass der nötige Sinn von Freiheit durch die Abwesenheit von Zwängen,
psychischer Unzurechnungsfähigkeit und ähnlichen entschuldigenden Umständen, konstituiert
wird. Da dieser nötige Sinn von Freiheit durch einen universellen Determinismus nicht
unmöglich würde, wären gerechtfertigte Praktiken des Strafens auch mit der Wahrheit des
Determinismus vereinbar. Zwar räumt der Pessimist ein, dass diese Freiheit existiert, welche der
Optimist beschreibt, allerdings fügt er hinzu, dass ein Bestrafter diese Strafe auch
notwendigerweise verdienen müsse, damit diese Praktik des Strafens gerechtfertigt sein könne.5
Dazu sei aber nötig, dass nicht nur diese, auf eine negativ bestimmte Art von Freiheit, durch die
Abwesenheit von etwas, vorliege. Sondern, dass auch eine positive Art vorliege, nämlich „a
genuinely free identification oft he will with the act“6, eine Übereinstimmung des Willens mit
der Handlung, welcher auf die wirklichen Gründe und Wünsche der Person zurückgeht. Diese
Weise frei zu sein, ist allerdings auch mit dem Determinismus vereinbar und werde von vielen
Menschen gekannt und nicht in Frage gestellt, erwidert daraufhin der Optimist.

Hierauf kommt allerdings die finale Erwiderung des Pessimisten. Der Optimist könne
nämlich nicht erklären, weshalb diese Art von Freiheit eine Rechtfertigungsgrundlage für Strafe
und Vorwürfe sei. Der Optimist akzeptiert zwar die starken Intuitionen des Pessimisten, dass
diese Art von Freiheit wichtig ist, aber sei nicht im Stande, diese Bedeutung auch explizit zu

5
Strawson 1962: 73-74.
6
Strawson 1962: 74.
3
machen, da seine einzige Rechtfertigung für die Praktiken des Strafens deren wünschenswerte
Effekte auf das Verhalten ist. Dies sei allerdings keine hinreichende Begründung.7

Strawson lässt die Diskussion an dieser Stelle mit einem vorläufigen Vorsprung des
Pessimisten enden. Er fügt allerdings hinzu, dass er denkt, er könne den Pessimisten zum
Aufgeben bringen, indem er dem Optimisten einige zusätzliche Argumente an die Hand gibt.8
Die Darstellung dieser Argumente wird in Teil 3.3 dieser Arbeit in Angriff genommen werden.
Bevor ich die Argumente explizit machen werde, erläutere ich zuerst die zugrunde liegende
Theorie der reactive attitudes9, wie sie von Strawson in Freedom and Resentment dargestellt
wird.

3.2 Das Konzept der reactive attitudes

Im Verlaufe seines Aufsatzes entwickelt Strawson ein Konzept von reaktiven


Einstellungen, welche er rA nennt. Diese rA stellen reaktive Einstellungen dar, welche wir
Personen gegenüber einnehmen. Dies tun wir aufgrund ihrer Haltungen anderen Personen
gegenüber, die wir ihnen zuschreiben, und des Willens, den diese Haltungen unserer Meinung
nach ausdrücken, aufgrund ihres Wohlwollen oder ihrer Missgunst. Welcher Person gegenüber
die Person die Haltung eingenommen hat und in welcher Beziehung wir zu den beiden stehen,
bestimmt die Art der rA, welche später noch genauer erläutert werden. Diese rA nehmen wir ein,
da wir Anderen gegenüber einen Anspruch an gutem Willen haben bzw. verlangen, dass sie
keine böswillige Haltung uns gegenüber einnehmen. Beispiele für solche rA wären Groll,
Dankbarkeit und Liebe. Strawsons Absicht ist es, durch diese rA Verantwortung zu erklären.
Genauer gesagt, festzustellen, dass die Verantwortlichkeit für eine Handlung durch die Antwort
auf die Frage geklärt werden kann, ob diese Person ein angemessenes Ziel in Bezug auf diese
Handlung für solche eine rA ist, wie zum Beispiel, dass man es ihr etwas übelnimmt.10

Dies stellte insofern eine Neuerung dar, als dass in Strawsons Theorie nicht jemandem
dadurch ein gerechtfertigter Vorwurf gemacht werden kann, weil er verantwortlich für die in
Frage stehende Sache ist. Jemand wird erst dadurch verantwortlich, dass ihm ein gerechtfertigter
Vorwurf gemacht werden kann, er also, mit den rA gesprochen, das angemessene Ziel einer
reaktiven Einstellung wie, dass man jemandem etwas übelnimmt, ist. Indem er Verantwortung
als Produkt dieser sehr verbreiteten und tief verwurzelten Praktiken konzipiert, ist er in der Lage

7
Strawson 1962: 74-75.
8
Strawson 1962: 75.
9
Im weiteren Verlauf der Arbeit werde die reactive attitudes mit dem Kürzel rA abkürzen.
10
Strawson 1962: 75-77.
4
Verantwortung in gewissem Sinne zu naturalisieren und als unvermeidbares Faktum
darzustellen, welches sich aus unserer alltäglichen Lebenswelt ergibt.11

Damit wir allerdings seine Argumente gegen den Pessimisten genauer nachvollziehen
können, werde ich im Folgenden die einzelnen Arten von rA erläutern, nachdem ich nun das
Konzept im Allgemeinen erklärt und einen Ausblick gegeben habe, welches Ziel Strawson damit
verfolgt. Es gibt zwar sehr viele verschiedene Typen von rA, aber sie alle fallen nach Strawson
unter eine der drei Arten von personal- rA, vicarious -rA und self- rA, die im Folgenden erklärt
werden.

3.2.1 Die personal reactive attidudes

Personal-rA sind solche, die man selbst anderen Personen gegenüber in der unmittelbaren
Interaktion einnimmt, aufgrund ihrer Haltung uns gegenüber, die wir ihnen zuschreiben. Dabei
stehen wir bei dieser Art von rA mit diesen Personen in unmittelbaren persönlichen
Beziehungen, und reagieren explizit auf die Haltung die sie gegenüber einem selbst einnehmen.
Zwar kann sich die Enge der persönlichen Beziehung von Person zu Person stark unterscheiden,
wie von einem Busfahrer, den wir vielleicht nicht einmal begrüßen, bis zu unserem Partner,
allerdings haben wir an jede dieser Personen gewisse moralische Erwartungen. Werden diese
moralischen Erwartungen nicht erfüllt, so reagieren wir darauf, indem wir der Person gegenüber,
welche die Erwartung nicht erfüllt hat, eine bestimmte Haltung einnehmen. Diese Erwartungen
und die Einnahme dieser Haltung erstrecken sich auch auf die psychische Haltung der anderen
Person. Wenn der große Gefallen, den die andere Person uns getan hat, nicht von ihr intendiert
war, sondern nur ein Nebenprodukt ihres Tuns, so werden wir nicht oder sehr viel weniger ihr
gegenüber die Haltung der Dankbarkeit einnehmen. Diese personal-rA sind so tief mit unserer
Lebenswelt verwoben, dass wir sie niemals gänzlich aufgeben könnten. Wir sind auf sie
angewiesen und sie sind „part oft the general framework of human life[…].” 12

3.2.2 Die self-reactive attitudes

Eine self-reactive attitudes ist eine Haltung, die man gegenüber sich selbst einnimmt, als
Reaktion auf die Haltung, welche man sich selbst retrospektiv für den in Frage stehenden
Zeitraum zuschreibt. Bei dieser Art von reactive attitude geht es um die eigene Haltung
gegenüber Anderen und ob diese den Ansprüchen genügt, die man im Interesse anderer Personen
an sich selbst stellt. Wenn man nun der Meinung ist, dass man in der Vergangenheit diesem

11
Strawson 1962: 81.
12
Strawson 1962: 75-77, 81, 83.
5
Anspruch mit dem eigenen Verhalten nicht genügt hat, so nimmt man selbst eine Haltung wie
Reue als Reaktion darauf an.1314

3.2 Die vicarious reactive attitudes

Die nächste von Strawson vorgestellte Art von rA, sind die Haltungen, welche wir
gegenüber Personen aufgrund ihrer Haltungen angesichts dritter Personen einnehmen. Aufgrund
eines generalisierten Anspruchs an gutem Willen, den wir an andere Personen stellen, können
wir diesen Anspruch als missachtet ansehen und eine reaktive Einstellung den missachtenden
Personen gegenüber einnehmen, auch wenn wir in keiner persönlichen Beziehung zu ihr stehen.
Wir nehmen diese reaktive Einstellung sozusagen im Interesse der Menschen ein, deren
Ansprüche wir missachtet sehen und müssen sie dazu lediglich als Personen anerkennen, die
ebenfalls Anspruch auf diesen guten Willen anderer Person haben. 15 „The generalized or
vicarous attitudes rest on, and reflect, exactly the same expectation or demand for the
manifestation of a reasonable degree of goodwill or regard, on the part of others, not simply
towards oneself, but towards all those on whose behalf moral indignation may be felt, i.e. as we
now think, towards all men.”16 Dieser generalisierte Anpruch an den guten Willen der Anderen
ist also von der gleichen Art wie bei den personal-rA, nur dass er verallgemeinert wird und auf
jedes Lebewesen angewendet und diesem dadurch zugesprochen wird, dass man es als Mitglied
der moralischen Gemeinschaft betrachtet.

Diese drei Arten der rA bilden zusammen die Gesamtheit unserer menschlichen
Haltungen ab, welche wir gegenüber anderen Menschen als Reaktion auf den guten Willen
einnehmen, den diese Personen anderen Personen gegenüber einnehmen, solange keine
entschuldigenden Umstände vorliegen. Eine Bedingung für diese rA ist, dass die Personen, deren
Ansprüche im Zweifelsfall verletzt werden, Mitglied unserer moralischen Gemeinschaft sind.
Wenn sie dies nicht sind, so werden wir gegenüber demjenigen, der diese Ansprüche verletzt,
nicht, oder sehr viel weniger, eine rA wie Empörung einnehmen. Die Frage liegt natürlich nahe,
welche Haltung jemandem gegenüber eingenommen wird, der die unserer Sicht nach
gerechtfertigten Ansprüche eines Anderen verletzt, welcher allerdings nicht oder nicht ganz
Mitglied unserer moralischen Gemeinschaft ist. Dieser Frage und im Allgemeinen dem Thema,

13
Strawson 1962: 84f.
14
Was ist mit solchen Phänomenen wie Stolz darauf zu sein, dass man etwas Gutes für sich selbst getan hat? Dieser
Stolz ist eine Haltung, die man gegenüber sich selbst einnimmt, aber nicht nur aufgrund dessen, dass man den
eigenen Ansprüchen gegenüber Anderen genügt hat. Sondern auch, dass man den eigenen Ansprüchen gegenüber
sich selbst genügt hat. Zum Beispiel kann man auch auf sich selbst stolz sein, wenn man mit dem Rauchen aufgehört
hat, auch wenn die Ansprüche der Anderen an einen selbst und der eigene Anspruch gegenüber den Anderen bei
diesem Wunsch keine Rolle gespielt haben. Ich sehe nicht, wie Strawson dieses Phänomen einfangen könnte.
15
Strawson 1962: 83f.
16
Strawson 1962: 84.
6
welche Umstände dazu führen können, dass man auf die Einnahme von reactive attitudes
verzichtet, widmet sich Strawson ebenso. Der Frage sozusagen, ab wann jemand kein
angemessenes Ziel für eine reactive attitude ist oder wann die Situation eine rA unangemessen
sein lassen würde. Seine Bearbeitung dieser Fragestellung werde ich im Folgenden darstellen,
um danach schließlich erläutern zu können, auf welche Weise Strawsons Argumente gegen den
Pessimisten funktionieren.

3.3 Umstände die zur Aussetzung der reactive attitudes führen und die
objective attitude

Strawson unterteilt die Umstände, wegen denen jemand als gerechtfertigtes Ziel für eine
reactive attitude ausfallen kann, in zwei Gruppen, von welchen er die zweite noch einmal
zweiteilt. Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden ist, dass im ersten Fall die reactive
attitudes ausgesetzt werden, weil die Handlung oder Haltung keine ist, für die eine reactive
attitude angemessen wäre, während es im zweiten Fall so ist, dass die reactive attitudes
gegenüber dem Akteur an sich ausgesetzt wird. Der Akteur selbst wird nicht als angemessenes
Ziel für eine reactive attitude gesehen.17 Ich werde mit der Erläuterung der ersten Gruppe
anfangen und dann zur zweiten Gruppe übergehen.

3.3.1 Spezifische Aussetzungsumstände - Umstände die nicht generell zur


Aussetzung der reactive attitudes gegenüber dieser Person führen

Die erste Gruppe der spezifischen Aussetzungsumstände18 enthält solche Umstände, bei
denen der Akteur, durch den wir unsere Ansprüche verletzt fühlen könnten, eigentlich keine
kritikwürdige Haltung uns gegenüber eingenommen hatte. Unser Anspruch an seine Haltung uns
gegenüber wurde also erfüllt. Allerdings sind durch Umstände, welche nicht in der Hand des
Akteurs lagen, Ereignisse passiert, die, vordergründig betrachtet, als Verletzung unseres
Anspruches interpretiert werden könnten. Ein Beispiel dafür wäre die Situation, in der eine
Person uns etwas klaut, weil sie sonst erschossen werden würde. Wenn man nicht weiß unter
welchem Druck die Person steht, dann läge es nahe zu denken, dass der eigene Anspruch hier
aus einer problematischen Haltung heraus missachtet wurde. Sobald man die relevanten
Hintergrundinformationen erfährt, so würde man auf die Einnahme so einer reactive attitude
wohl verzichten, da man an Andere nicht den Anspruch hat, dass sie auf einen Diebstahl
verzichten, wenn sie dann erschossen werden. Der Dieb bleibt immer noch ein Mitglied unserer
moralischen Gemeinschaft und somit auch ein angemessenes Ziel von reactive attitudes,
17
Strawson 1962: 77-79.
18
Bei der Terminologie der Aussetzungsumstände (spezifisch und global) orientiere ich mich an den Bezeichnungen
Paul Russels aus seinem Aufsatz Strawsons Way of Naturalizing Responsibility (Russell 1992: 289).
7
allerdings ist der in Frage stehende Prozess nicht mit unserem Anspruch vereinbar gewesen. Und
wir hätten an den Dieb auch nicht den Anspruch gehabt, dass er unter diesen Umständen unseren
Anspruch achtet. Dasselbe kann zum Beispiel für Unwissen der Fall sein, wenn sich ein Akteur
einer Folge seiner Handlung nicht bewusst ist.19

3.3.2 Globale Aussetzungsumstände- Umstände die zur Aussetzung der reactive


attitudes, weil wir die Person nicht mehr als Mitglied unserer moralischen
Gemeinschaft sehen

Die Gemeinsamkeit der beiden Unterguppen, in die Strawson diese Art von
Aussetzungsumständen unterteilt, ist, dass beide es uns nahelegen, den Akteur im Ganzen als
unangemessenes Ziel für rA zu sehen. Dies muss nicht permanent sein, allerdings sehen wir
zumindest für diesen Zeitraum den Akteur nicht als Mitglied unserer moralischen Gemeinschaft
und somit nicht als angemessenes Ziel von rA.

Fälle der ersten Untergruppe sind solche Umstände, welche den Akteur in einen solchen
problematischen Zustand bringen, in dem sich seine Persönlichkeit so weit verändert, dass wir
ihm seine Handlung oder Haltung nicht in angemessener Weise übelnehmen können. Dies
deshalb, da die Person sich zum Zeitpunkt der Handlung zu sehr von der Person unterscheidet,
welcher wir es, nachdem sie diesen Zustand verlassen hat, übelnehmen würden. „We shall not
feel resentment against the man he is for the action done by the man he is not; We normally have
to deal with him under normal stresses; so we shall not feel towards him, when he acts as he does
under abnormal stresses, as we should have felt towards him had he acted as he did under normal
stresses.”20

Die zweite Untergruppe umfasst Fälle, in denen die Person auch unter normalen
Umständen eine ist, die nicht als moralisches Mitglied unserer Gemeinschaft gilt. Entweder weil
sie moralisch zu wenig entwickelt ist, wie zum Beispiel Kinder bis zu einem gewissen Alter,
oder psychisch kranke Personen, deren Krankheit es ihnen unmöglich macht die Ansprüche
anderer zu achten. Wenn wir eine Person als in eine dieser Kategorien fallend sehen, dann
werden wir ihr gegenüber nur noch eingeschränkt rA einnehmen können. Wir werden diese
Person stattdessen mit einer gewissen Distanziertheit und Nüchternheit betrachten, welche wir
für gewöhnlich in unseren alltäglichen Beziehungen mit uns nahen Menschen nicht benutzen
würden, oder zumindest nicht ständig. Diese Einstellung anderen Menschen gegenüber nennt
Strawson die objective attitude21. Jemanden gegenüber diese Einstellung einzunehmen schließt

19
Strawson 1962: 77-78.
20
Strawson 1962: 78.
21
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich die objective attitude nur noch als oA bezeichnen.
8
gewisse rA wie Groll, gleichberechtigte Liebe oder ähnliche Einstellungen aus, da sie
voraussetzen, dass wir den anderen ebenso als voll integriertes Mitglied unserer moralischen
Gemeinschaft sehen. Dies allerdings wird durch die Einnahme einer oA verhindert. Wir können
diese Personen nicht mehr als gleichberechtigte und uns ebenbürtige Personen betrachten. „If
your attitude towards someone is wholly objective, […] you may talk to him, even negotiate with
him, you cannot reason with him. You can at most pretend […] to reason, with him.”22 Strawson
fügt noch an, dass es zwar durchaus möglich ist, auch normalen Personen gegenüber diese
Einstellung einzunehmen, um sich selbst zu entlasten und aus Angelegenheit mental
herauszuhalten. Allerdings sei dies nicht ständig möglich, da auch dieses Einnehmen einer oA
anstrengend für uns ist und wir in unserer Lebenswelt auf die Art von zwischenmenschlichen
Beziehungen, wie sie durch die rA konstituiert werden, angewiesen sind.23

Diese soeben erläuterten Aussetzungsumstände machen es uns möglich, Strawsons Argumente


gegen den Pessimisten nachzuvollziehen. Deren Erläuterung wird nun den folgenden Abschnitt
einnehmen.

3.4 Strawsons Argumente gegen den Pessimisten

Strawsons Argumentation gegen den Pessimisten folgt vier Hauptsträngen, die sich
teilweise untereinander stützen. Diese vier Stränge werden nacheinander vorgestellt und es wird
erklärt, auf welche Weise die verschiedenen Argumentationsgänge den Anderem den Rücken
stärkt.

3.4.1 Das Notwendigkeitsargument

Der Pessimist behauptet ja, dass unser Konzept von Verantwortung und Schuld nicht
kohärent anwendbar sind, wenn der Determinismus wahr wäre. Strawson dagegen macht die
Annahme, dass die rA so tief in unserer menschlichen Identität verankert sind, dass es uns nicht
möglich ist, sie gänzlich abzulegen. Gleichzeitig ist es so, dass durch diese rA Verantwortung
erst konstituiert und erklärt wird. Verantwortung entsteht also dadurch, dass wir andere
verantwortlich machen. Wenn es so ist, dass wir diese rA nicht komplett aufgeben können und
diese rA die Grundlage für moralische Verantwortung sind, dann müssen Personen auch
verantwortlich sein können und Strafe kann gerechtfertigt sein. Wenn eine Person die moralische
Verantwortung für ein Verbrechen trägt, dann kann sie auch eine gerechtfertigte Strafe
bekommen. Und dieser Sachverhalt ist unabhängig von der Wahrheit des Determinismus, da die

22
Strawson 1962: 79
23
Strawson 1962: 79f
9
rA nicht aufgegeben werden können, egal ob der Determinismus wahr ist oder nicht. Also ist
auch die Wahrheit des Determinismus mit gerechtfertigten Praktiken des Strafens und
Verantwortung vereinbar.24 Ich habe dieses Argument „Notwendigkeitsargument“ genannt, weil
es gegen den Pessimisten die These vorbringt, dass Verantwortung ein notwendiges Faktum
unserer Lebenswelt ist. Es unterscheidet sich vom nächsten Argumentationsgang dadurch, dass
es Verantwortung naturalisiert, während das „Sollen-impliziert-Können“-Argument auf die
Forderung des Pessimisten Bezug nimmt, dass wir unsere Strafpraktiken ablegen sollten, wenn
der Determinismus wahr ist.

3.4.2 Das „Sollen-impliziert-Können“-Argument

Ich habe diese Strategie das „Sollen-impliziert-Können“-Argument genannt25, weil


Strawsons Taktik an dieser Stelle ist, den Pessimisten als realitätsfern darzustellen, da aus der
Behauptung, dass Verantwortlichmachen ungerechtfertigt ist, ein Grund konstituiert wird, diese
Praktiken wie die rA gänzlich abzulegen. Dies wäre allerdings nach dem Prinzip „Sollen
impliziert Können“ nur möglich, wenn man die rA komplett ablegen könnte, und an dieser Stelle
hat Strawson ja die sehr starke Intuition auf seiner Seite, dass das nicht geht. Deshalb ist der
vermeintlich sehr starke Grund ungerechtfertigte Praktiken niederzulegen gar keiner, weil etwas
das notwendigerweise so ist, keine externe Rechtfertigung oder Begründung braucht. 26

Sowohl das Notwendigkeitsargument, als auch das SiK-Argument bauen substantiell auf
der Annahme, dass die rA so grundlegend für Personen sind, wie wir sie verstehen, dass sie
niemals gänzlich und dauerhaft ablegen könnten. Das nächste Argument setzt auch auf diese
Annahme und bezieht allerdings noch die Aussetzungsumstände mit ein, indem es zeigt, dass
auch ein universeller Determinismus nicht dazu führen würde, dass diese Umstände zutreffen
würden.

3.4.3 Das „objective-attitude“-Argument

Strawsons nächste Strategie besteht grob darin, zu prüfen ob die Wahrheit des
Determinismus die Bedingungen für die Aussetzung der rA erfüllen würde, welche er formuliert
hat, um zu dem Schluss zu kommen, dass dies nicht so sei und deshalb das
Verantwortlichmachen angemessen sein kann. Dies spielt er für alle Arten von

24
Strawson 1962: 77,81.
25
Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich mich auf dieses Argument aus Platzgründen nur noch als das „SiK-
Argument beziehen.
26
Strawson 1962: 82f, 87.
10
Aussetzungsumständen durch und die genauere Argumentation in diesen Schritten wird im
Folgenden von mir dargestellt werden.

Wenn jemand ein angemessenes Ziel für eine rA wie unseren Groll ist, dann ist derjenige
auch verantwortlich für das, weshalb wir ihm grollen. Mit anderen Worten: unser Groll ist
gerechtfertigt. Wenn man nun zeigen wollen würde, dass unser Groll nicht gerechtfertigt ist,
dann müsste man zeigen, dass derjenige dem wir grollen kein angemessenes Ziel für diese rA
unsererseits ist. Nun hat Strawson ja Bedingungen formuliert, ab wann jemand kein
angemessenes Ziel mehr für eine rA ist, bzw. es unangemessen ist ihm gegenüber eine bestimmte
rA einzunehmen. Strawson argumentiert, wenn der Pessimist zeigen will, dass unsere Praktiken
des Strafens und Vorwerfens ungerechtfertigt sind, so müsse er zeigen, dass mindestens eine
dieser Bedingungen durch die Wahrheit des Determinismus ständig und überall erfüllt werde,
damit niemand mehr ein angemessenes Ziel für eine rA sein kann.27

Die erste Art Umstände, welche rA unangemessen machen, waren die spezifischen
Aussetzungsumstände, in denen der Akteur eigentlich keine kritikwürdige Haltung uns
gegenüber eingenommen hatte. Diese Umstände setzen unsere rA gegenüber der Handlung des
Akteurs aus, aber machen den Akteur dadurch auch zu einem unangemessenen Ziel, zumindest
was eine rA wie Groll mit Bezug diese eine Handlung betrifft. Es betrifft nicht den Akteur im
Generellen. Strawsons meint zum einen, dass es diese Art von Umständen nicht sein könne, da
der Pessimist die Praktiken und Konzepte im Ganzen anzweifeln wolle und diese Art allerdings
nur partiell die rA unangemessen mache und die Akteure als generell angemessenes Ziel blieben.
Zum Zweiten sei es so, dass aus der Wahrheit des Determinismus nicht folge, dass jede Person
zum Zeitpunkt ihrer Handlung aus Zwang handelte oder hinreichender unwissend über die
Folgen ihrer Tat war.28

Die globalen Aussetzungsumstände seien ebenso keine universell gültigen Sachverhalte


durch die Wahrheit des Determinismus. Diese führten ja zu der Einnahme der objective attitude
und man konnte diese objective atttude auch einnehmen um sich im Alltag zum Beispiel von
emotionalem Ballast zu befreien. Auf diese beiden Fälle hat Strawson zwei Antworten. Zu der
Frage, ob durch die Wahrheit des Determinismus zu dem universellen Fall einer psychischen
Krankheit oder moralischen Unterentwickeltheit führen würde, schreibt er:“But it cannot be a
consequence of any thesis which is not itself self-contradictory that abnormality is the universal
condition.“29 Die Wahrheit des Determinismus würde nicht dazu führen, dass auf einmal jede

27
Strawson 1962: 77, 80.
28
Strawson 1962: 80f.
29
Strawson 1962: 81.
11
Person so ein psychisches Kuriosum wäre, dass sie kein angemessenes Ziel für die rA wäre. Also
würde auch an dieser Stelle die Wahrheit des Determinismus nicht zur vollständigen Aussetzung
der rA führen. Zu der zweiten Möglichkeit, die oA einzunehmen gegenüber Personen, die wir
normalerweise als ein angemessenes Ziel, für rA betrachten würden, meint Strawson, dass unsere
Verbindung zu den zu eng rA sei, als dass wir die oA tatsächlich dauernd einnehmen könnten,
nur weil wir davon überzeugt seien, dass der Determinismus wahr ist.30 Insofern stützt das SiK-
Argument dieses „objective-attiude“-Argument31, da eine wichtige Annahme von Strawson in
dieser Erwiderung gegen den Pessimisten ist, dass wir die rA selbst dann nicht aufgeben
könnten, wenn wir wollten.

3.4.4 Das kontrafaktische Argument

Ich nenne dieses das kontrafaktische Argument, weil Strawsons letzter argumentativer
Hauptstrang darin besteht, seine Annahme, wir könnten die rA nicht ablegen, temporär
aufzugeben und zu überlegen, ob es denn rational wäre das zu tun, wenn wir es könnten. Er
macht dieses Gedankenexperiment erst für den Fall der personal-rA und anschließend auch für
die vicarious-rA und anschließend für die self-rA. Strawson nimmt an, dass die personal-rA
notwendig sind für die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie wir sie mit unseren Eltern,
Partnern oder z.B. Freunden führen. Daher denkt er, dass bei einer vollständigen Ersetzung
dieser durch die oA keine solchen persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen mehr
möglich wären, wie wir sie kennen.32 „A sustained objectivity of inter-personal atttitude, and the
human isolation that would entail, does not seem to be something which human beings would be
capable[…].“33 Es wäre also auch nicht rational, nach Strawson die personal-rA aufzugeben,
selbst wenn wir es könnten.

Da er gezeigt hat, dass wir die personal- rA nicht aufgeben sollten, macht Strawson das
Gedankenexperiment was passieren würde, wenn wir nur die vicarious- rA oder nur die self- rA
aufgeben würden. „[T]he generalization of abnormal egocentricity which this would entail, is
perhaps even harder for us to envisage as a real possibility than the decay of both kinds of
attitude together.“34 Auch dies ist also nach Strawson keine Option für uns, weil es wiederum
nicht rational wäre, diese rA abzulegen.

30
Strawson 1962: 81.
31
Im weiteren Verlauf der Arbeit werden ich mich auf dieses Argument nur noch als oA-Argument beziehen.
32
Strawson 1962: 75f, 81, 83.
33
Strawson 1962: 81.
34
Strawson 1962: 87.
12
Das kontrafaktische Argument stützt vor Allem die drei anderen Hauptargumente gegen
den Pessimisten. Zum einen, indem es dem SiK-Argument eine Rückendeckung für den Fall
verschafft, jemand könne zeigen, dass wir doch in der Lage wären die rA gänzlich aufzugeben.
Bei dem oA-Argument konstituiert es einen Rückhalt für die Möglichkeit, dass die Wahrheit des
Determinismus eben doch zu der Aussetzung der rA führen könnte, indem es einen Grund dafür
liefert nicht die rA aufzugeben. Allerdings stützt sich das das kontrafaktische Argument auf die
notwendige Annahme, dass die Einnahme von oA verhindert, dass gewisse essentielle rA
gegenüber diesen Personen eingenommen werden können. Wenn dies nicht so wäre, dann wäre
nicht mehr klar, weshalb die dauerhafte Einnahme der oA eine solche Isolation nach sich ziehen
würde.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass Strawsons Erwiderung auf den Pessimisten aus vier
Teilen besteht. Zum ersten das Notwendigkeitsargument, das besagt, dass wir notwendigerweise
verantwortlich sein können. Andererseits das SiK-Argument, welches besagt, dass selbst wenn
wir die rA ablegen wollen würden, könnten wir es nicht und diese Forderung könne nicht
sinnvoll gestellt werden. Zusätzlich das oA-Argument das, das begründet, weshalb auch die
allgemeine Überzeugung von der Wahrheit des Determinismus nicht zu einer Aufgabe der rA
führen würde, da dies nicht zu den notwendigen Bedingungen führen würde um die rA gänzlich
aufzugeben. Und schließlich das, diese drei Argumente stützende, kontrafaktische Argument,
welches behauptet, dass auch wenn es theoretisch möglich wäre die rA abzulegen, es aufgrund
der Konsequenzen nicht rational wäre. Nachdem nun also nun die Argumentation Strawsons
ausführlich dargestellt wurde, werde ich mich der Erläuterung von Paul Russell Kritik aus
seinem Artikel Strawson‘s Way of Naturalizing Responsibility widmen.

4. Erläuterung der Kritik von Paul Russell


Russell identifiziert in Strawsons Argumentation zwei Hauptstrategien. Eine die er
rationalistic strategy nennt, welche dem Argumentationsstrang entspricht, den ich das oA-
Argument genannt habe. Die zweite nennt er die naturalistic strategy, die dem gleicht, was ich
das SiK-Argument genannt habe. Russells Strategie gegen Strawsons antipessimistische
Argumente ist, dass er eine alternative Interpretation der pessimistischen Position vorschlägt und
zeigt, dass die naheliegendste Interpretation von Strawsons naturalistischer Antwort darauf keine
valide Kritik darstellt. Nachdem er gezeigt hat, dass diese naturalistische Strategie fehlschlägt,
wendet er sich der rationalistischen Strategie zu, welche ihm zufolge fehlschlägt, da Strawson
die Begriffe „abnormal“ und „incapacitated“ vermischt und synonym benutze, obwohl deren

13
spezifische Bedeutung in diesem Zusammenhang einen substantiellen Unterschied mache.
Russell kommt schließlich zu dem Schluss, dass beide Strategien fehlschlagen und dass deshalb
Strawsons Erwiderungen gegen den Pessimisten stark problematisch seien.35

Aber wenden wir uns, nach diesem kurzen Abriss, Russells Argumentation im Detail zu, um
seine Punkte besser nachvollziehen zu können. Dabei werde ich mich zuerst auf die
Zurückweisung der naturalistischen Strategie fokussieren und anschließend auf die Kritik an der
rationalistischen Strategie konzentrieren.

4.1 Russells Kritik an der naturalistischen Strategie

4.1.1 Die pessimistischen Positionen und ihre Widersacher

Strawsons Pessimist, den Russell identifiziert, lässt sich anhand von zwei Annahmen
charakterisieren.

(1) „if the thesis of determinism is true, then we have reason to reject and repudiate the
(established) attitudes and practices associated with moral responsibility on the
ground that they are incoherent and unjustified.”36
(2) “if we have reason to suspend or abandon the attitudes and practices associated with
moral responsibility, the we are, psychologically or practically speaking, capable of
doing so.”37

Russell unterscheidet zwei mögliche Interpretationen der Position des Pessimisten. Type-
pessimism und token-pessimism. Der type-pessimist behauptet, dass wir unsere Neigung zu rA an
sich einer Rechtfertigung bedarf und wir uns von dieser Neigung freimachen sollten, wenn der
Determinismus wahr ist. Der token-pessimist behauptet lediglich, dass wir in der speziellen
Situation niemals gerechtfertigt sind rA aufgrund der Umstände einzunehmen, wenn der
Determinismus wahr wäre. Russell identifiziert ebenso zwei mögliche Interpretationen des
Naturalismus von Strawson, welcher gegen diese Arten von Pessimismus vorgebracht werden
kann. Zum einen den type-naturalism und zum anderen token-naturalism. Type-naturalism
vertritt die Position, dass unsere Disposition zu den rA so substantiell für uns ist, dass sie keiner
Rechtfertigung bedarf. Token-naturalism ist die stärkere Position, dass keine Gründe oder
theoretischen Überzeugungen irgendeiner Art uns davon abhalten könnten rA einzunehmen.

35
Russell 1992: 289, 291, 299, 302.
36
Russell 1992: 289.
37
Russell 1992: 289.
14
Russell entwickelt diese Positionen erst in Hinsicht auf die Emotion Furcht und überträgt sie
dann, weil er substantielle Parallelen sieht zwischen Emotionen und den rA, auf die rA.38

Zwar ist type-naturalism mit type-pessimism nicht vereinbar und würde deshalb einen
Einwand gegen diese Position darstellen, jedoch ist token-pessimism durchaus mit type-
naturalism vereinbar. Lediglich token-naturalism ist nicht mit token-pessimism vereinbar.
Russell möchte nun zeigen, dass der Pessimist bei Strawson plausibler gelesen wird als ein
token-pessimist. Wenn dies so ist, dann müsste Strawsons naturalistische Position die eines
token-naturalist sein, um die pessimistische Position sinnvoll kritisieren zu können. Jedoch ist
diese äußerst unplausibel wie Russell darstellt, da es durchaus möglich ist, in speziellen
Situationen aus Gründen rA auszusetzen. Russell macht für Strawson hier also ein Dilemma auf.
Nimmt er die Position des type-naturalism ein, so kann er den token-pessimist nicht sinnvoll
kritisieren. Verlagert er sich stattdessen auf die Vertretung von token-naturalism, so kann er
zwar den token-pessimist kritisieren, aber nimmt eine äußerst unplausible Position ein. Das
bedeutet auch, dass für Russells Kritik an Strawsons naturalistischer Strategie vor Allem wichtig
ist zu zeigen, dass der Pessimist bei Strawson ein token-pessimist ist, da es für Russell in diesem
Fall egal ist, ob Strawson einen type- oder token-naturalism vertritt. Allerdings ist Russell selbst
der Meinung, dass Strawson einen type-naturalism vertritt, da seine Position so wesentlich
plausibler wäre. 39

Im nächsten Abschnitt werde ich mich der genaueren Erläuterung widmen, wie Russell
belegt, dass der Pessimist bei Strawson ein token-pessimist ist.

4.1.2 Der Strawson’sche Pessimist als token-pessimist

Die Position des token-pessimist ist ja, dass wir in der speziellen Situation niemals
gerechtfertigt sind aufgrund der vorliegenden Umstände rA einzunehmen, wenn der
Determinismus wahr ist. Außerdem gibt es die Umstände, unter denen wir unsere rA aussetzen,
weil der Andere uns als kein angemessenes Ziel scheint, wie Strawson ja selbst in seinem oA-
Argument darstellt. Unter diesen Umständen setzen wir zwar unsere rA aus, aber befreien uns
nicht von unserer Disposition zu diesen rA. Wenn man nun die These des token-pessimist
ernstnimmt, nämlich dass, wenn der Determinismus wahr ist, jeder von uns zu jeder Zeit
incapacitated ist, dann werden wir auch dazu neigen jeder Person gegenüber zu jeder Zeit unsere
rA unterdrücken. Das bedeutet also, dass der Pessimist seine Position weiterhin vertreten kann,
wenn er im Speziellen die Position des token-pessimist einnimmt und nicht, wie ein type-

38
Russell 1992: 294-295.
39
Russell 1992: 294, 295f, 297.
15
naturalist, behauptet, dass wir unsere Disposition zu den rA aufgeben sollten. Man kann zwar
anzweifeln, dass jeder Mensch von jedem Anderen als incapacitated angesehen werden würde,
wenn der Determinismus wahr wäre, aber das ist an dieser Stelle irrelevant, um den Pessimisten
vor der Argumentation des type-naturalist zu schützen. Der Pessimist ist plausibler als ein token-
pessimist zu verstehen und kann deshalb nicht sinnvoll von einer Position des type-naturalism
aus kritisiert werden.40

Da also Strawsons Kritik entweder von der zahnlosen Perspektive des type-naturalism
oder von der unplausiblen Perspektive des token-naturalism gesehen werden kann, muss seine
naturalistische Strategie scheitern. Da Russell allerdings zwei contra-pessimistische
Argumentationsgänge identifiziert hat, werde ich mich im nächsten Abschnitt seiner Kritik von
Strawsons rationalistischer Strategie zuwenden, um diese genauer zu beleuchten.

4.2 Russells Kritik an der rationalistischen Strategie

Da Strawsons naturalistische Strategie scheitern muss, muss seine rationalistische


Strategie, die von mir oA-Argument genannt wurde, seine Thesen auffangen. Diese bestand in
einer Analyse, ob immer und überall spezifische oder globale Aussetzungsumstände vorliegen
würden, wenn der Determinismus wahr wäre. Russell beschäftigt sich mit der Argumentation
Strawsons, dass keine globalen Aussetzungsumstände vorliegen würden. Dies hat Strawson
behauptet mit der Begründung, dass die Annahme, dass die Eigenschaft Abnormalität jeder
Person zukommt, selbstwidersprüchlich sei.

Um diese, für Strawsons rationalistsiche Strategie notwendige, Annahme


zurückzuweisen, betont Russell, dass Strawson in seiner Argumentation nicht sauber zwischen
den Worten incapacitated sowie abnormal unterscheidet. Zwar formuliert er sein Argument mit
dem Begriff abnormal, allerdings identifiziert Russell als hinreichende und notwendige
Eigenschaft für die Einnahme der oA die incapacity41, wie die beiden folgenden Zitate zeigen:
„But it cannot be a consequence of any thesis which is not itself self-contradictory that
abnormality is the universal condition.[…] Now it is certainly true that in the case of the
abnormal, though not in the case of the normal, our adoption of the objective attitude is a
consequence of our viewing the agent as incapacitated in some or all respects for ordinary inter-
personal relationships.”42 Jedes Mal wenn wir unsere rA aussetzen aufgrund globaler Umstände,
dann geschieht das, weil wir denken, dass die andere Person incapacitated ist.

40
Russell 1992: 294.
41
Russell 1992: 298-299.
42
Strawson 1962: 81-81.
16
Wenn incapacity die zugrundeliegende Eigenschaft ist, wegen der wir eine oA
einnehmen, sobald wir Personen diese Eigenschaft zuschreiben, dann müssen Strawsons
Argumente auch funktionieren, wenn incapacitated durch abnormal ersetzt wird. Dies ist aber
nicht der Fall. Wie Russell zeigt ist es nicht selbstkontradiktorisch, dass incapacity eine
Eigenschaft ist, die jeder Person zukommt. Er zeigt das anhand des Beispiels, dass ein Virus die
relevanten Fähigkeiten der großen Mehrheit der Menschen zerstört und dann zwar das, was
vorher abnormal war nun normal ist, aber es durchaus möglich, dass alle oder die die weit
überwiegende Mehrzahl der Menschen incapacitated ist. Da dies also nicht selbst-
kontradiktorisch ist, und Strawsons Argument damit scheitern muss, verfehlt auch seine
rationalistische Strategie ihr Ziel.43

4.3 Russells Kritik an Strawsons Argumentation

Die naturalistische und die rationalistische Argumentationsbahn, welche Russell bei


Strawson identifiziert hat, wurden beide von Russell zurückgewiesen. Der Fehler der
naturalistischen Strategie lag darin, dass der ursprüngliche Erfolg von Strawsons Erwiderung auf
eine unnötig starke Position des Pessimisten gebaut hatte. Sobald diese plausiblere Interpretation
erfahren hatte, war Strawsons Erwiderung entweder zahnlos oder er musste, um den Pessimisten
zurückzuweisen die unplausible Position des token-naturalism einnehmen. Das Problem der
rationalistischen Strategie beruhte auf einer Vermischung der Worte abnormal sowie
incapacitated, wodurch die Argumentation nicht mehr haltbar war, sobald man die
Wortbedeutungen getrennt hat und die beiden Wörter miteinander ausgetauscht hat.

Diese Kritik ist nicht unwidersprochen geblieben. Eine Erwiderung ist von David Botting
geschrieben worden und soll im folgenden Abschnitt diskutiert werden.

5. Kritik an der Kritik – die Erwiderung David Bottings


5.1 Die Argumentation David Bottings

David Bottings Kritik bezieht sich vor Allem auf Russells Erwiderung auf Strawsons
naturalistische Strategie. Russells Behauptung, dass Strawsons These, abnormality als
universeller Umstand sei selbst-kontradiktorisch, scheitere, weil es eine epistemische Barriere
gibt. Die Argumentation Russells bestand darin, die Vermischung der Wortbedeutungen von
abnormality und incapacity bei Strawson hervorzuheben und zu zeigen, dass wenn man in dem

43
Russell 1992: 299
17
Argument Strawsons abnormality durch incapacity ersetzt, dieses als universeller Umstand nicht
mehr selbst-kontradiktorisch ist.

Botting kritisiert dies, indem er behauptet, dass es unmöglich für die Bewohner einer Welt, in
der incapacity ein universeller Umstand ist, zu bemerken, dass dieser Umstand der incapacity
vorliegt.

Russell is right to say that there is no impossibility for incapacity to be the universal condition, but the
question is how, if it is, we are to judge that anybody is so incapacitated. Incapacity is only detectable
against a background of capacity, against a robust sense of what it is to “live in the real world,” and it is
notable in this respect that Strawson defines incapacity in terms cognate with “real”: the incapacitated agent
lacks a grasp of what is real or acts “unrealistically.” So, even though in the actual world may be such that
everyone is incapacitated, it does not seem possible that our reactive attitudes could be affected by it, in the
sense that we would think resentment to be inappropriate if determinism is true. 44

Eine Annahme für diese These ist, dass incapacity bei Strawson nur durch die
Unfähigkeit definiert sei, die wirkliche Welt zu identifizieren und Wahres von Falschem zu
unterscheiden. Wenn dies so wäre, dann wäre in einer Welt mit incapacity als allgemeinem
Umstand, niemand in der Lage diese incapacity auch zu identifizieren. Und falls das so ist, dann
könnte wohl auch niemand sinnvollerweise sagen, dass jede Person incapacitated ist.45

Ich werde diese Kritik im Folgenden Abschnitt entkräften, indem ich dafür argumentiere,
dass es in einer Welt mit incapacity als universellem Umstand durchaus möglich ist, sinnvoll
davon zu reden, dass jede Person im Strawsonschen Sinn incapacitated ist. Ich argumentiere
dafür, indem ich eine andere Bedeutung der incapacity bei Strawson aufzeige. Ich werde
zwischen zwei Arten von capacity- beziehungsweise incapacity-Zuschreibungen unterscheiden,
nämlich spezifischen und globalen Zuschreibungen und werde erläutern, wie die einen auf die
anderen aufbauen, sowie dass diese Zuschreibungen graduelle Zuschreibungen sind.
Anschließend werde ich erläutern, wie es mittels dieser Spezifizierungen möglich ist, dass eine
Person sinnvoll sagen kann, dass alle Personen incapacited sind.

5.2 Kritik an der Kritik und die Möglichkeit von universeller incapacity

Meiner Meinung nach ist es falsch zu behaupten, dass incapacity bei Strawson nur eine
epistemische Unfähigkeit miteinschließt. Incapacity schließt auch den Umstand ein, dass die
moralischen Sinne und Fähigkeiten des moralischen Schließens und Handelns zu unterentwickelt
sind. „The second and more important subgroup of cases allows that the circumstances were

44
Botting 2014: 163-164.
45
Botting 2014: 163-164.
18
normal, but presents the agent as psychologically abnormal – or as morally underdeveloped.”46
Strawsons Beispiel für diese Lesart von incapacity ist, dass die Person ein Kind ist. Nun ist es
bei Kindern so, dass sie einerseits oftmals nicht in der Lage sind, die moralisch richtigen
Schlüsse zu ziehen. Andererseits schließt deren incapacity auch die Unfähigkeit ein, den
moralischen Schlüssen, die sie gezogen haben, auch zu folgen. Moralischen Schlüssen zu folgen
ist auch eine moralische Fähigkeit. Wenn diese Fähigkeit unterentwickelt ist, dann könnte es also
sein, dass jemand zwar erkennt was moralisch richtig ist, allerdings nicht die Willenskraft in
Bezug auf solche Schlüsse besitzt, diese auch umzusetzen. Incapacity schließt somit die
erläuterte epistemische Unfähigkeit ein, sowie das Unvermögen richtige moralische Schlüsse zu
ziehen oder diese umzusetzen. Capacity ist die entgegengesetzte Disposition, dazu befähigt zu
sein.

Die Dinge, die wir von einer Person mitbekommen, bestimmen, als in welchem Maße
fähig wir diese Person einschätzen, die Ansprüche unserer moralischen Gemeinschaft zu achten.
Ebenso ist es bekannt, dass Personen in verschiedenem Maße hierzu in der Lage sind. Daraus
folgt, dass die zugeschriebene Eigenschaft incapacity bzw capacity im Strawsonschen Sinn eine
graduell zu besitzende Eigenschaft ist. Ich kann Personen in einem gewissen Sinne für
incapacitated halten und in anderer Hinsicht wiederum für capacitated, und dies in so einem
Verhältnis, dass ich der Meinung bin, im Großen und Ganzen sei die Person capacitated, in
bestimmten Hinsichten allerdings sei sie das auch nicht. Aus dieser Beschreibung wird aber auch
deutlich, dass dies keine binäre Zuschreibung ist und beide Eigenschaften einer Person
gleichzeitig in unterschiedlichem Maße zugeschrieben werden können und in den meistens
Fällen auch werden. Denn jede Person, welche wir als „normal“ betrachten, ist nicht in der Lage,
zu jedem Zeitpunkt die gerechtfertigten Ansprüche jeder anderen Person zu achten. Eine Person,
die dazu in der Lage wäre, wäre nicht normal, sondern ein Heiliger. Daraus folgt, dass wir jeder
normalen Person sowohl die globale capacity, als auch die globale incapacity zuschreiben.
Zudem erfolgen diese Zuschreibungen graduell und im Normalfall werden beide globalen
Eigenschaften gleichzeitig einer Person zugeschrieben, wie ich im Folgenden erläutern werde.

Die spezifischen, globalen und generellen Zuschreibungen von (in)capacity, welche ich
vorschlage, beruhen auf der Idee, dass es die Gesamtheit der spezifischen Zuschreibungen an
eine Person ist, die die globale incapacity-Zuschreibung an diese Person konstituiert. Die
spezifischen Zuschreibungen beziehen sich auf die konkrete Situation. Das Verhältnis der
globalen Zuschreibungen konstituiert die Eigenschaft, welche wir der Person generell
zuschreiben. Einem Choleriker würden wir, während er einen Wutanfall hat, in diesem Moment

46
Strawson 1962: 79 (eigene Hervorhebung).
19
die spezifische Zuschreibung der incapacity geben. Wenn diese Wutausbrüche nur einen kleinen
Teil der Lebenszeit dieser Person einnehmen, dann würde die globale capacity-Zuschreibung
überwiegen und eine generelle capacity-Zuschreibung konstituieren. Wenn diese Wutausbrüche
ständig passieren und einen Großteil der Lebenszeit einnehmen würden, dann würden diese, sich
mit hoher Frequenz wiederholenden spezifischen incapacity-Zuschreibungen, ein Übergewicht
von globalen incapacity-Zuschreibungen konstituieren, welche eine generelle incapacity-
Zuschreibung nach sich ziehen würde.

Es gibt also spezifische, globale und generelle (in)capacity-Zuschreibungen und die


spezifischen Zuschreibungen konstituieren die Globalen. Es sind graduelle Zuschreibungen und
beide Eigenschaften einer Person können einer Person global zum gleichen Zeitpunkt
zugeschrieben werden. Da Personen mit hinreichend viel capacity (jede Person die wir im
generellen als capacitated einschätzen) einen sinnvollen Begriff davon haben können, was es
bedeutet capacitated zu sein, können sie auch sinnvoll davon sprechen, wenn die Eigenschaften
einer Person nicht so beschaffen waren, als dass sie in dem speziellen Moment dem Anspruch
entsprechend handeln konnte. Das bedeutet auch, dass es möglich ist, sinnvoll von jeder Person
zu sagen, dass sie in Strawsons Sinn incapacitated ist. Und wenn man dies sinnvoll sagen kann,
dann ist damit auch Bottings Kritik abgewiesen.

6. Eine Erwiderung gegen das kontrafaktische Argument


Nachdem ich nun Bottings Kritik zurückgewiesen habe, werde ich auf ein Argument
gegen Strawsons kontrafaktisches Argument eingehen, welches sich unter Anderem aus diesen
Beobachtungen ergibt. Das Gegenargument beruht vor Allem aus der Zurückweisung der
Annahme, dass gegenüber einer Person eine oA einzunehmen, essentielle personal-rA wie
gleichberechtigte Liebe ausschließen würde. Wenn diese Annahme zurückgewiesen werden
kann, dann ist auch Strawsons Schluss, dass dieses Verhalten in eine zwischenmenschliche
Isolation führen würde, nicht mehr gültig und sein Argument zurückgewiesen.

Strawson Annahme, die Einnahme einer oA einer Person gegenüber, schließe essentielle
rA aus, ist substantiell für sein Argument. Diese Annahme weise ich zurück indem ich mittels
meiner Unterscheidung zwischen globalen und spezifischen Zuschreibungen am Beispiel der
gleichberechtigten Liebe zeige, dass es möglich ist, diese rA einzunehmen. Ich kann eine Person
zum Beispiel, auch wenn ich ihr die spezifische incapacity zuschreiben und ihr gegenüber eine
oA einnehme, diese essentielle Art von Liebe entgegenbringen, entgegen dem was Strawson
schreibt.

20
The objecitve attitude may be emotionalley tones in many ways, but not in all ways: it may include
repulsion or fear, it may include pity or even love though not all kinds of love. But it cannot include the
range of reactive attitudes which belong to involvement or participation with others in inter-personal
relationships; it cannot include resentment, gratitude, forgiveness, anger, or the sort of love which two
adults can sometimes be said to feel reciprocally, for each other 47

Wenn eine Person einen cholerischen Partner hat, dann hält diese Person ihren Partner
wahrscheinlich besonders in Momenten der Wut für incapacitated und nimmt ihr gegenüber eine
oA ein. Strawson nach kann diese Person ihren Partner also nicht lieben, in dem von Strawson
ausgeschlossenen Sinn, wenn diese einen cholerischen Anfall hat. Das ist nicht wahr. Wenn sie
Verständnis zeigt für ihren Partner, dann ist auch genau das ein Zeichen für ihre Liebe. Und
diese Liebe ist nur eine der vielen rA, welche uns erhalten bleibt.

Nun könnte jemand entgegnen, dass es doch nicht unsere spezifischen oder globalen
Zuschreibungen von incapacity sind, welche diese rA ausschließen, sondern die generelle
Zuschreibung, welche sich aus dem Verhältnis der globalen Zuschreibungen ergibt. Und wenn so
eine generelle Zuschreibung ist, dass wir jemanden für incapacitated halten, dann können wir
dieser Person gegenüber auch nicht diese Arten von rA gegenüber einnehmen.

Das stimmt nur halb. Zwar stimmt es, dass so eine generelle Zuschreibung dieses Vermögen
einschränkt, jedoch ist auch das Empfinden von solchen rA eine graduelle Angelegenheit und es
ist lediglich das Nichtvorhandensein einer globalen capacity-Zuschreibung. Ich kann jemanden
mehr oder weniger auf diese essenzielle Art und Weise lieben, ebenso wie ich jemandem etwas
mehr oder weniger übelnehmen kann. Auch wenn ich also jemanden generell für incapacitated
halte, kann ich ihm gegenüber eingeschränkt solche essenziellen rA einnehmen, da ich ihr in den
meisten Fällen auch die globale capacity zuschreibe. Allerdings halte auch ich es für wahr, dass,
wenn jede unserer persönlichen Beziehungen auf diese Weise beschaffen wäre, dies eine auf
Dauer unerträgliche Isolation darstellen würde.

Jedoch würde dies nicht passieren. Es wird weiterhin viele Personen geben denen wir
generell die capacity zuscheiben und mit denen wir den Großteil der Zeit die notwendige Art von
persönlicher Beziehung unterhalten können. Womit also auch diese Isolation, vor der Strawson
warnt, keine Gefahr darstellt.

47
Strawson 1962: 79.
21
7. Fazit
Ich habe in dieser Arbeit Strawsons Argumentation gegen den von ihm in Freedom and
Resentment dargestellten Pessimisten erläutert und die darauf bezogene Kritik von Paul Russell
dargelegt. Diese hat sich gegen die Argumentationsstränge gerichtet, die ich das SiK-Argument
und das oA-Argument genannt habe. Ich habe gezeigt wie er diese Argumente zurückweist und
anschließend eine auf Russells Erwiderung gegen das SiK-Argument gerichtete Kritik von David
Botting diskutiert und diese mittels Spezifizierungen der (in)capacity-Zuschreibungen von
Strawson entkräftet. Anschließend habe ich ein Argument gegen Strawsons kontrafaktisches
Argument dargelegt, welches sich aus diesen Überlegungen ergeben hat.

22
Literaturverzeichnis
Botting, David (2015): Resentment and the Impossibility of Universal Abnormality, in: Acta Anal
30, 157-169.
Keil, Geert (2017): Willensfreiheit, Berlin: de Gruyter.
Russell, Paul (1992): Strawson’s Way of Naturalizing Responsibility, in: Ethics 102, 287-302.
Strawson, Peter (1962): Freedom and Resentment, in: Watson, Gary (ed.)(2003): Free Will,
Oxford, Oxford University Press, 72-93.