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Zitate

und Aussprüche
Herkunft und
aktueller Gebrauch

7500 Zitate, Aussprüche,


Bonmots, Sentenzen und
Aphorismen -
von der klassischen Antike
bis zur modernen
Werbesprache,
von der Bibel bis zum
Fernsehfilm.

12
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Mannheim - Leipzig Wien ■ Zürich
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https://archive.org/details/dudenzitateundauOOOOunse
DUDEN
Band 12
Der Duden in 12 Bänden
Das Standardwerk zur deutschen Sprache

Herausgegeben vom Wissenschaftlichen Rat


der Dudenredaktion:
Prof. Dr. Günther Drosdowski, Dr. Wolfgang Müller,
Dr. Werner Scholze-Stubenrecht,
Dr. Matthias Wermke

1. Rechtschreibung

2. Stilwörterbuch

3. Bildwörterbuch

4. Grammatik

5. Fremdwörterbuch

6. Aussprachewörterbuch

7. Herkunftswörterbuch

8. Sinn- und sachverwandte Wörter

9. Richtiges und gutes Deutsch

10. Bedeutungswörterbuch

11. Redewendungen und sprichwörtliche


Redensarten

12. Zitate und Aussprüche


DUDEN
Zitate und Aussprüche
Bearbeitet von
Werner Scholze-Stubenrecht
unter Mitarbeit von Maria Dose, Wolfgang Eckey,
Heidi Eschmann, Jürgen Folz, Dieter Mang,
Charlotte Schrupp

DUDEN BAND 12

DUDENVERLAG
Mannheim • Leipzig ■ Wien- Zürich

\ Kt
Pt i C« . K.vrT-
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Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme


Der Duden: in 12 Bänden; das Standardwerk zur deutschen Sprache /
hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion:
Günther Drosdowski ... - [Ausg. in 12 Bd.]. -
Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl.
NE: Drosdowski, Günther [Hrsg.]
[Ausg. in 12 Bd.]
Bd. 12. Duden »Zitate und Aussprüche«. - 1993
Duden »Zitate und Aussprüche«: Herkunft und
aktueller Gebrauch / bearb. von Werner Scholze-Stubenrecht.
Unter Mitarb. von Maria Dose ... -
Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverl., 1993
(Der Duden; Bd. 12)
ISBN 3-411-04121-8
NE: Scholze-Stubenrecht, Werner [Bearb.];
Zitate und Aussprüche
Das Wort DUDEN ist für Bücher aller Art für den Verlag
Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG als Warenzeichen geschützt.
Alle Rechte Vorbehalten
Nachdruck, auch auszugsweise, verboten
Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Einwilligung des Verlages
in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren), auch nicht
für Zwecke der Unterrichtsgestaltung, reproduziert oder unter Verwendung
elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 1993
Satz: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG (DIACOS Siemens)
und Mannheimer Morgen Großdruckerei und Verlag GmbH
Druck und Bindearbeit: Graphische Betriebe Langenscheidt.
Berchtesgaden
Printed in Germany
ISBN 3-411-04121-8
Vorwort

Das Zitat, die wörtlich wiedergegebene Textstelle oder Äuße¬


rung, begegnet uns in sehr unterschiedlichen sprachlichen Ver¬
wendungsweisen. In einer wissenschaftlichen Abhandlung kann
es als Verteidigung oder Bekräftigung einer Behauptung oder als
Anstoß für eigene Überlegungen dienen. Die Berichterstattung
benutzt es im Bemühen um authentische Darstellung; in der Rhe¬
torik und der Literatur ist es ein Mittel der Ausschmückung, der
Abwechslung oder der Anschaulichkeit. In einer Diskussion, in
einem Gespräch kann es als Beweis für Belesenheit und Allge¬
meinbildung eingesetzt werden, und in der Werbung sowie in der
Alltagssprache ist es nicht selten Ausgangspunkt für sprachspiele-
rische Scherze und Anspielungen.
Der Dudenband >Zitate und Aussprüche< gliedert sich in zwei
Teile. Der erste, umfangreichere Abschnitt verzeichnet in alpha¬
betischer Anordnung die in der deutschen Sprache immer wieder
verwendeten, allgemein geläufigen Zitate wie >Durch diese hohle
Gasse muß er kommen< (Schiller), >Erlaubt ist, was gefällt<
(Goethe), >Der Anfang vom Ende< (Shakespeare), >Auf daß das
Haus voll werde< (Lukasevangelium), >Dieses war der erste
Streich< (Wilhelm Busch) oder >Und läuft und läuft und läuft ...<
(Automobilwerbung). Dieser als fester Bestandteil der deutschen
Sprache anzusehende Zitatenschatz wird auf sprachwissenschaftli¬
cher Grundlage dargestellt; Das Wörterbuch erläutert die Her¬
kunft der Zitate, verweist auf ihren ursprünglichen Textzusam¬
menhang und beschreibt den späteren und heutigen Gebrauch bis
hin zur scherzhaften Abwandlung.
Der zweite Teil des Buches bietet eine nach thematischen
Gesichtspunkten geordnete Sammlung von (zum Teil weniger
geläufigen) Zitaten, mit denen sich Reden, Briefe, Widmungen
und andere Texte gestalten und ausschmücken lassen.
So informiert dieses Nachschlagewerk einerseits über den kodifi¬
ziertem, also den sprachüblichen Gebrauch und über die Quel¬
len, den Ursprung von Zitaten, andererseits stellt es Material für
das kreative und individuelle Zitieren zur Verfügung.

Mannheim, im Oktober 1993


Der Wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion
Inhalt

Einleitung . 9

A Das Zitat in der deutschen Sprache . 9


1. Zur Geschichte des Zitierens . 9
2. Das Zitat in der Gegenwartssprache . 13

B Die Auswahl für das Wörterbuch . 14

C Literaturverzeichnis . 16

Teil I: Herkunft und Verwendung der im


Deutschen gebräuchlichen Zitate . 17
Hinweise für die Benutzung . 17

Teil II: Thematische Sammlung von Zitaten,


Sentenzen, Bonmots und Aphorismen . 531
Hinweise für die Benutzung . 531

Quellenverzeichnis . 795

Register . 807
1. Die Bibel . 807
2. Personenregister . 808
Einleitung
A. Das Zitat in der deutschen Sprache

1. Zur Geschichte des Zitierens

Wenn man einen Text zu verfassen oder eine Rede zu halten hat, steht
man vor der Aufgabe, Lesern oder Zuhörern seine Gedanken zu einem
bestimmten Thema in verständlicher und einprägsamer Form zu übermit¬
teln. Dabei wird man feststellen, daß es oftmals sehr nützlich ist, das, was
man ausdrücken will, mit den Worten anderer Menschen wiederzugeben.
Dies kann zum Beispiel notwendig sein, um der eigenen Aussage durch
die Berufung auf eine Autorität größeres Gewicht zu verleihen. In vielen
Fällen hat man aber auch den Wunsch, bereits Gesagtes noch einmal
pointiert zusammenzufassen, eine längere Ausführung mit einem schlag¬
lichtartigen Satz abzuschließen. Oder man will eigenen Worten eine ge¬
wisse Würze verleihen und dem Leser- oder Hörerpublikum etwas mit¬
geben, das sich spontan einprägt, das noch lange im Ohr nachklingt. Als
Schreiber oder Redner greift man dann gerne auf eine Äußerung zurück,
in der eine allgemein bekannte Persönlichkeit, ein klassischer oder mo¬
derner Schriftsteller, ein Prominenter aus Politik, Wirtschaft oder Kultur
bereits einen ähnlichen oder sogar den gleichen Gedankengang prägnant
zugespitzt vorformuliert hat.

Wenn man sich dieses stilistischen Kunstgriffs bedient, wendet man eine
Technik an, die bei allen Autoren und Vortragenden von der Antike bis
hin zur Gegenwart immer wieder herangezogen wurde: man zitiert.
Schlägt man im Wörterbuch nach, so findet man zitieren definiert mit
>eine Stelle aus einem gesprochenen oder geschriebenen Text unter Beru¬
fung auf die Quelle wörtlich wiedergeben<. Das Wort geht zurück auf
lateinisch citare, das >herbeirufen<, auch >anrufen, erwähnen, nennen<
bedeutet und in der römischen Rechtssprache die Bedeutung >vorladen<
und >sich auf jemandes Zeugenaussage berufen< erhalten hat. Mit der
Übernahme des römischen Rechts wurde es im 15. Jahrhundert ins Deut¬
sche als juristischer Fachausdruck entlehnt. Seit dem frühen 18. Jahr¬
hundert wurde es, ausgehend von der lateinischen Bedeutung >erwähnen,
nennen< dann auch im Sinne von >einen Autor, eine Schriftfstelle] als
Zeugen heranziehen< verwendet. Ebenfalls im 18. Jahrhundert entstand
aus lateinisch citatum, >das [namentlich] Angeführte, Erwähnte< (substan¬
tiviertes Partizip Perfekt von citare), die gelehrte Bildung Zitat im Sinne
von >wörtlich angeführte Stelle (aus einer Schrift oder Rede)<.

Für die Autoren der Antike war das Zitat in erster Linie ein rhetorischer
Schmuck, mit dem sie ihre Ausführungen versahen. Zitiert wurde haupt¬
sächlich aus der >Ilias< und der >Odyssee< des altgriechischen Dichters

9
Homer (2. Hälfte des 8.Jh. v.Chr.), aus den Werken der altgriechischen
Dichter Pindar (5-/4. Jh. v. Chr.) und Hesiod (um 700 v. Chr.), später auch
aus der >Äneis< des römischen Dichters Vergil (70-19 v.Chr.). Man
schrieb die Zitate aus dem Gedächtnis nieder, eine wörtliche Wiedergabe
war selten. Die spätantiken Kirchenväter und die frühen christlichen
Schriftsteller setzten diese rhetorische Tradition fort. Zitiert wurden jetzt
aber vor allem Stellen aus der Bibel. Da diese Zitate im Disput mit Nicht¬
christen und Häretikern die nicht anzweifelbare Wahrheit in eindeutiger
Weise dokumentieren sollten, wurde dabei jetzt auch auf größere Wört¬
lichkeit geachtet. Auf Zitate aus sogenannten heidnischen Schriftstellern
griff man nur dann zurück, wenn man einen Vorbildcharakter von Perso¬
nen und Ereignissen im Hinblick auf die Botschaft des Neuen Testaments
zu erkennen glaubte. So wurde z. B. die 4. Ekloge von Vergils >Bucolica<,
einem Zyklus von zehn Hirtengedichten (Eklogen), in der ein neues Zeit¬
alter des Friedens verheißen wird, als Ankündigung Christi, des Heilan¬
des, gedeutet.

Für das Schrifttum im Mittelalter schien auf Grund der Materialfülle der
zur Verfügung stehenden neueren Handbücher und wissenschaftlichen
Lehrwerke ein Rückgriff auf die frühen Quellen nicht mehr nötig. Namen
von antiken Autoren wurden zwar noch genannt, aber ihr Gedankengut
wurde nicht mehr wörtlich angeführt, sondern im Sinne der christlichen
Heilslehre umgedeutet und idealisiert. Allenfalls besonders einprägsame
Aussprüche, Sinn- und Denksprüche, Sentenzen also, die herausgelöst
aus dem Textzusammenhang für sich alleine stehen konnten, zitierte man
noch wörtlich. Daraus bildeten sich dann in vielen Fällen allgemein ver¬
wendete Sprichwörter, die in Sammlungen aufgenommen wurden und
von hier aus wiederum in die Literatur Eingang fanden.

In der weltlichen mittelalterlichen Literatur stützten die Dichter den


Wahrheitsgehalt der eigenen Aussagen häufig durch Berufung auf andere
Quellen. Allerdings ersetzte hier die Nennung der Quelle das Anführen
des Zitats, da die andere Dichtung, auf die man sich berief, beim Publi¬
kum als bekannt vorausgesetzt werden konnte. Es entstanden so Dichter¬
kataloge, wie etwa im >Parzival< des Wolfram von Eschenbach (um
1170/80-um 1220) oder im >Sängerkrieg auf der Wartburgi, einer um
1260 entstandenen Gedichtsammlung.

In der geistesgeschichtlichen Bewegung des Humanismus (14.-16.Jh.)


besann man sich auf die kulturellen Leistungen der Antike zurück und
bemühte sich erfolgreich, die Schriften lateinischer und griechischer Au¬
toren aufzuspüren, zu übersetzen und durch kritische Ausgaben wissen¬
schaftlich aufzuarbeiten. Die bewußte Nachahmung antiker Vorbilder
war typisch für das literarische Schaffen dieser Epoche. Wurden lateini¬
sche oder griechische Texte zitiert, legte man jetzt größten Wert auf die
Nähe zum Original. Zitate aus alten Schriftstellern waren unverzichtbar,

10
man schmückte das eigene Werk damit, um Eindruck zu machen. War im
Mittelalter der Umgang mit Texten der Antike, also mit >heidnischem<
Schrifttum, eine heikle Sache, so wurde jetzt der Erfahrungsschatz der
alten Autoren zur Dokumentation der eigenen Lebensnähe verwendet.
Diese psychologisch geschickte Anwendungsweise von Zitaten aus dem
antiken Schrifttum führte auch dazu, daß man deutschen (oder einge¬
deutschten) Sprichwörtern und Redensarten eine ebensogroße Bedeu¬
tung zumaß und sie in gleicher Weise einsetzte.

In der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts diente das Zitat fast nur
noch als Stilmittel, um letztlich die poetische Wahrheit zu legitimieren
und ihren Wert zu steigern. Diese Entwicklung verstärkte sich noch im
Barock. Am Ende des 17. Jahrhunderts jedoch, schon an der Wende zur
Aufklärung, wurde das Zitat auch als Mittel der ironischen Charakterisie¬
rung verwendet, zum Beispiel im > Bäuerischen Machiavellus< von Chri¬
stian Weise (1642-1708), wo ein Schulmeister im Bewußtsein seiner
Überlegenheit seine Mitmenschen mit lateinischen Zitaten überhäuft.

Das am Ende des 18. Jahrhunderts aufkommende Bildungsbürgertum ver¬


stand sich als Gegenbewegung zur zerfallenden Feudalaristokratie und
setzte dieser seine >Geistesaristokratie< entgegen. Diese vom Gelehrten
bis zum Handwerksmeister reichende großbürgerliche Gruppierung be¬
zog ihr gesellschaftliches Prestige auf eine an idealistischen Werten und
am klassischen Altertum orientierten Bildung. Im frühen 19. Jahrhundert
dann waren die Persönlichkeits- und Bildungstheorien der deutschen
Klassik das Fundament für die weiterreichenden Bestrebungen, die
heraufkommende bürgerliche und industrielle Gesellschaft zu prägen,
sie geistig und kulturell zu überformen. Und wie konnte man seinen
Bildungsstand und sein angelesenes Wissen besser dokumentieren als mit
allerlei Zitaten aus Weltgeschichte und Weltliteratur? Eine bedeutende
Rolle als >Zitatenspender< behielt auch jetzt noch die Bibel, die - gestützt
besonders durch das evangelische Kirchenlied - seit dem 16. Jahrhundert
mehr als alle anderen literarischen Werke zur Verbreitung von Zitaten
und sprichwörtlichen Redensarten beigetragen hatte.

Zur Pflichtlektüre des Bildungsbürgers gehörten aber auch die Dichter


der literarischen Blütezeiten der europäischen Literaturen, so aus dem
Italien der Renaissance Dante Alighieri (1265-1321), aus dem Spani¬
schen Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616) und Pedro Calderön
de la Barca (1600-1681), aus dem Elisabethanischen Zeitalter der engli¬
sche Dichter William Shakespeare (1564-1616), aus Frankreich die Dich¬
ter Corneille (1606-1684), Moliere (1622-1673) und Racine (1639-1699),
außerdem Montesquieu (1689-1755) und Voltaire (1694-1778). Ein ab¬
solutes Muß und ein Maßstab für das Bildungsniveau war die perfekte
Kenntnis von ausgewählten Textstellen und Gedichten der Dichter der
sogenanten Weimarer Klassik, allen voran Johann Wolfgang Goethe

11
(1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805), auf die dieser literatur¬
geschichtliche Terminus bald eingeengt wurde. Zum Kanon der klassi¬
schen Autoren zählen weiter vor allem Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781), Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), Christoph Mar¬
tin Wieland (1733-1813), Johann Heinrich Voß (1751-1826), Johann
Gottfried Herder (1744-1803), Friedrich Hölderlin (1770-1843), Jean
Paul (1763-1825), Heinrich von Kleist (1777-1811).
Ursprünglich kam es beim Zitieren auf die Wiedergabe des genauen
Wortlautes an, denn nur so konnte man seine Bildung unter Beweis stel¬
len. Die sich immer mehr auf breiteste Kreise ausweitende Verwendung
von Zitaten führte jedoch dazu, daß sie häufig nicht mehr in ihrem ur¬
sprünglichen Sinne gebraucht wurden, sondern in übertragener Bedeu¬
tung in den alltäglichen Sprachgebrauch eingingen, sozusagen zur sprich¬
wörtlichen Redensart wurden. Das hatte zur Folge, daß beim Gebrauch
eines Zitats in der gesprochenen Sprache kleine Veränderungen vorge¬
nommen wurden, entweder bedingt durch die Sprechsituation oder zur
Vereinfachung des Zitatgebrauchs. Ein Beispiel dafür ist das auf eine
Stelle in Schillers >Verschwörung des Fiesco zu Genua< zurückgehende
>Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan<, das im Original lautet: >Der
Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen<. Nach dem bei He-
siod zu lesenden >Vor den Verdienst setzten den Schweiß die Götter, die
unsterblichem zitierte und zitiert man noch heute >Vor den Erfolg haben
die Götter den Schweiß gesetzri.

Solche Zitate, die von eindeutig nachweisbaren Verfassern stammen, all¬


gemein bekannt geworden sind und dann oft wie sprichwörtliche Redens¬
arten verwendet werden, bezeichnete der deutsche Philologe August
Georg Büchmann (1822-1884) als geflügelte Worte<.

Dieser Ausdruck geht auf den griechischen Dichter Homer zurück. In


seinen Werken >Ilias< und >Odyssee< gebraucht er ihn über hundertmal
(griechisch: k'nea rtxepöevxa). Er bezeichnet damit Worte, die vom Mund
des Redners zum Ohr des Angesprochenen >fliegen<. Schon vor der Ho¬
merübersetzung von Johann Heinrich Voß (1781 und 1793) verwendete
Friedrich Gottlieb Klopstock in seinem Epos >Der Messias< diesen Aus¬
druck. Populär wurde die Bezeichnung dann durch Büchmanns Samm¬
lung >Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des Deutschen Volkes<, die
1864 zum ersten Male aufgelegt wurde.

Von einem geflügelten Wort< spricht man, wenn folgende Kriterien


vorliegen:

- Das Zitat muß sowohl allgemein bekannt sein als auch auf Grund
seines Inhaltes eine gewisse Aktualität haben.

- Das Zitat muß zumindest über einen längeren Zeitraum allgemein


verwendet werden.

12
- Das Zitat muß auf eine literarische Quelle oder eine historisch beleg¬
bare Person - zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit - zurückzuführen
sein.

2. Das Zitat in der Gegenwartssprache

Im Laufe der Zeit und bis hin zur Gegenwart hat sich der Zitatgebrauch
jedoch entscheidend verändert. War das Anbringen von Zitaten bis weit
in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine Sache des Bildungs¬
und damit des Sozialprestiges, so steht dies bei der heutigen Art des Zi-
tierens nicht mehr im Vordergrund. Flocht man früher ein Zitat in seine
Rede oder seinen Text ein, so wollte man seine Belesenheit, sein Bildungs¬
niveau unter Beweis stellen. Schüler mußten zeigen, daß sie die Werke
der großen Dichter und Denker >intus< hatten und durften sich nicht bei
einem falsch wiedergegebenen Zitat ertappen lassen. Vor allem seit dem
Ende des 2. Weltkriegs trat hier aber eine Zäsur ein. Das Zitat aus dem
tradierten Literaturkanon und seine korrekte Anwendung galt nicht mehr
unbedingt als Bildungsnachweis.

Das wird gerade heute besonders daran deutlich, was man in Rede und
Schrift für zitierwürdig hält. Natürlich sind immer noch die Bibel, die
klassische deutsche Literatur und die Weltliteratur gern benutzte Zitaten-
spender. Aber es zeigt sich eine deutliche Verschiebung hin zu aktuellen
Schlagwörtern oder Slogans aus den Bereichen Politik und Werbung. Die
Rolle der Literatur als Zitatenlieferant ist in der 2. Hälfte des 20. Jahrhun¬
derts fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken, sieht man einmal von
den Werken Bertolt Brechts mit ihrer politisch eindeutig ausgerichteten
Botschaft ab. Man zitiert heute weniger aus Werken, sondern es sind sehr
häufig die Titel der Werke, die das Zitat liefern: Die Plebejer proben den
Aufstand (Schauspiel von Günter Grass, 1966), Der Stoff, aus dem die
Träume sind (Roman von Johannes Mario Simmel, 1971), Gruppenbild mit
Dame (Roman von Heinrich Böll, 1971), Die unerträgliche Leichtigkeit des
Seins (Roman von Milan Kundera, 1984). In gleicher Weise sind Titel
von Spielfilmen und Fernsehserien die Lieferanten moderner Zitate:
Lohn der Angst (Spielfilm, 1952), Morgens um sieben ist die Welt noch in
Ordnung (Spielfilm, 1968), Das große Fressen (Spielfilm, 1973), Hätten
Sie’s gewußt (Fernsehquiz Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre), Mit
Schirm, Charme und Melone (Fernsehserie in den 60er Jahren), Acht Stun¬
den sind kein Tag (Femsehserie in den 70er Jahren). Auch Schlager- und
Songtitel werden häufig geflügelt, wie z. B. Mein Gott, Walter! oder Neue
Männer braucht das Land. Sehr groß ist ebenfalls die Zahl von Werbe¬
slogans, die in den letzten Jahrzehnten den modernen Zitatenschatz
bereichert haben, angefangen beim Duft der großen weiten Welt (Ziga¬
rettenwerbung) über Und läuft und läuft und läuft... (Autowerbung) bis
hin zur Feststellung Man gönnt sich ja sonst nichts (Spirituosen werbung).

13
Ein weiterer grundlegender Unterschied zur früheren Zitierweise ist der
jetzt übliche Umgang mit dem geflügelten Wort: Legte man früher aus
Gründen des Bildungsprestiges Wert auf exakte wörtliche Wiedergabe, so
ist man heute viel unbekümmerter im Umgang mit dem Zitierten. Es wird,
je nach dem aktuellen Anlaß, abgewandelt oder völlig verfremdet. Nicht
mehr Textgenauigkeit und Kontextgebundenheit machen den Wert des
Zitats aus, sondern vielmehr eine durch witzig-freche Veränderung ge¬
schaffene, nur noch assoziative Verbindung zum originalen Zusammen¬
hang, die ihrerseits wiederum beim Leser oder Hörer eine besondere Wir¬
kung erzielt. Diese neue Art des Zitatgebrauchs findet sich besonders in
den Schlagzeilen der Presse. So trug z. B. ein feministischer Artikel im
Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung die Überschrift >In den
Staub mit allen Feinden der Frau<. Hier wurde das als bekannt vorausge¬
setzte Zitat >In Staub mit allen Feinden Brandenburgs< aus Kleists >Prinz
von Homburg< verfremdet und in Bezug auf ein aktuelles Geschehen ge¬
setzt. Oft findet man aber auch das Original ohne Abwandlung zitiert,
z. B. >Szenen einer Ehe< (Überschrift eines Zeitungsartikels über eine
Bankenfusion; Titel eines Films von Ingmar Bergman) oder die Beschrei¬
bung der Hauptdarstellerin eines Fernsehfilms als >obskures Objekt der
Begierde< (>Dieses obskure Objekt der Begierden Titel eines Filmes von
Louis Bunuel). Diese Beispiele zeigen deutlich, daß heute häufig unkon¬
ventionell zitiert wird, da eben nicht mehr, wie zuvor gesagt, angelesenes
Wissen dokumentiert werden soll, sondern man mit einer schnell hinge¬
worfenen sprachlichen Chiffre bei anderen bestimmte Assoziationen her-
vorrufen will.

B. Die Auswahl für das Wörterbuch

Fast alles, was irgendwann einmal geschrieben oder in Gegenwart ande¬


rer gesagt wurde, kann theoretisch zitiert werden. Nur ein Teil der mög¬
lichen Zitate wird aber auch tatsächlich verwendet, und von diesen ist
wiederum nur ein Teil zu dem geworden, was man zum festen Bestand
des allgemeinen Sprachgebrauchs rechnen kann: Zitate, die immer wieder
angeführt werden, die auch in abgewandelter Form noch als Zitate er¬
kannt werden, die im Einzelfall sogar so sehr zur alltäglichen Ausdrucks¬
weise gehören, daß viele Menschen sie wie feste Redewendungen gebrau¬
chen.11 Diese Zitate werden - alphabetisch geordnet - im ersten Ab¬
schnitt des Wörterbuchs dargestellt, wo ihre Herkunft, ihr ursprünglicher
Textzusammenhang und ihre heutige Verwendungsweise angegeben wer¬
den. Die Auswahl stützt sich sowohl auf die im Literaturverzeichnis ange¬
gebenen Quellen als auch auf die Sprachbeobachtung der Dudenredak-

14
tion und die Sprachkompetenz ihrer Mitarbeiter. Ausschlaggebendes
Kriterium sollte die allgemeine Gebräuchlichkeit des Zitats sein, im
Zweifelsfall wurden eher solche Texte weggelassen, deren Herkunft
nicht mit hinreichender Sicherheit geklärt ist.

Der Zitatenschatz der deutschen Sprache ist ebensowenig wie ihr Wort¬
schatz frei von Einflüssen aus anderen Sprachen geblieben. Vor allem aus
dem Lateinischen, aber auch aus modernen Sprachen wie Englisch und
Französisch, haben Zitate ihren festen Platz im deutschen Sprachge¬
brauch gefunden. Sie werden in diesem Wörterbuch selbstverständlich
ebenfalls berücksichtigt.

Der zweite Abschnitt dieses Dudenbandes enthält eine Sammlung von


Zitaten, Sentenzen, Bonmots und Aphorismen, die nicht nach ihrer Ge¬
bräuchlichkeit, sondern oft - ganz im Gegenteil - nach ihrer Originalität
ausgewählt wurden. Sie stammen von antiken Schriftstellern, aus der
Bibel, von klassischen und modernen Autoren, von prominenten Persön¬
lichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Hier finden sich prägnant
formulierte Gedanken, die für einen Text oder eine Rede Denkanstöße
geben, Ausgangspunkt der Reflexion werden können. Sie können aber
auch treffende Pointe oder allgemein rhetorischer Schmuck< im ge¬
schriebenen oder gesprochenen Wort sein. Die einzelnen Texte sind hier
nach thematischen Gesichtspunkten geordnet.

Die beiden Abschnitte des Wörterbuchs verbinden zwei Erscheinungsfor¬


men des Zitats, die sich gelegentlich überschneiden können, die aber
meist klar voneinander zu trennen sind. Sowohl die /geflügelten Worte<
des ersten Teils als auch der >Redeschmuck< des zweiten Teils haben ihre
Funktion in der deutschen Gegenwartssprache. Während erstere aber
einen im Kern relativ festen, sich nur allmählich verändernden Bestand
bilden, der sich wenigstens in grober Annäherung >vollständig< beschrei¬
ben läßt, gibt es für letztere keinen vorgegebenen Kanon, keine eindeutige
Abgrenzung, keine plausible Größenordnung. Hier kann das Wörterbuch
nur den Charakter einer Vorschlagsliste, einer begrenzten /Material-
sammlung< haben.

»Eine umfassende Darstellung der im Deutschen gebräuchlichen festen Wendungen bie¬


tet der Band 11 der Dudenreihe (/Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten^.

15
C. Literaturverzeichnis (Auswahl)

1. Quellen

Die in Teil I des Wörterbuchs angeführten Zitate wurden nicht nur auf
der Grundlage der unter 2. angeführten Literatur dargestellt, sondern
auch anhand der Originaltexte überprüft, soweit diese zugänglich waren.
Bei Zitaten aus der Bibel stützt sich der Text, sofern nicht anders angege¬
ben, auf die nach der Übersetzung Martin Luthers herausgegebene
>Konkordanzbibel< der Privilegierten Württembergischen Bibelanstalt,
Stuttgart.

2. Sammlungen und Sekundärliteratur

Bardong, Matthias/Demmler, Her¬ Kohlschmidt, Werner/Mohr, Wolfgang:


mann/Pfarr, Christian: Lexikon des Reallexikon der deutschen Literaturge¬
deutschen Schlagers. Ludwigsburg schichte. Berlin 1958.
1992.
Ladendorf, Otto: Historisches Schlag¬
Bartels, Klaus: Veni, vidi, vici. Geflü¬ wörterbuch. Straßburg, Berlin 1906.
gelte Worte aus dem Griechischen und
Mackensen, Lutz: Zitate, Redensarten,
Lateinischen. Zürich, München, 7. Aufl.
Sprichwörter. Brugg, Stuttgart, Salzburg
1989.
1973.
Böttcher, Kurt (et al.): Geflügelte Wor¬
Oster, Pierre: Dictionnaire de citations
te. Zitate, Sentenzen und Begriffe in
franfaises. Paris, Nouvelle edition 1989.
ihrem geschichtlichen Zusammenhang.
Leipzig, 5. Aufl. 1988. Rees, Nigel: Slogans. London, Boston,
Sidney 1982.
Brüne, Klaus (Red.): Lexikon des inter¬
nationalen Films. lOBde. Reinbek 1990. Reichert, Heinrich G.: Unvergängliche
lateinische Spruchweisheit. Urban und
Büchmann, Georg: Geflügelte Worte.
human. St. Ottilien, 6. Aufl. 1983.
Der Zitatenschatz des deutschen Vol¬
kes. Frankfurt a. M., Berlin, 37. Aufl. The Oxford Dictionary of Quotations.
1989. Oxford, 3rd ed. 1979.

Der Sprachdienst. Herausgegeben im Worbs, Hans Christoph: Der Schlager.


Auftrag der Gesellschaft für deutsche Bestandsaufnahme, Analyse, Doku¬
Sprache, Wiesbaden (Zeitschrift). mentation. Bremen 1963.

John, Johannes: Reclams Zitaten-Lexi- Würz, Anton: Reclams Operettenführer.


kon. Stuttgart 1992. Stuttgart, 19. Aufl. 1988.

Kiaulehn, Walter: Der richtige Berliner Zentner, Wilhelm: Reclams Opernfüh¬


in Wörtern und Redensarten. München, rer. Stuttgart, 21. Aufl. 1960.
10. Aufl. 1966.
Ziegler, Konrat/Sontheimer, Walther:
Kindlers Literaturlexikon im dtv. Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike.
12 Bde. München 1974. Stuttgart 1964.

16
Teil I: Herkunft und Verwendung der im Deutschen
gebräuchlichen Zitate

Hinweise für die Benutzung

Die im ersten Teil des Wörterbuchs verzeichneten Zitate sind alphabe¬


tisch nach dem ersten (durch fettere Schrift hervorgehobenen) Wort des
Zitats geordnet. Nicht berücksichtigt wurden hierbei lediglich die be¬
stimmten und unbestimmten Artikel sowie - bis auf wenige Ausnahmen -
das Personalpronomen >es<. Beginnen mehrere Zitate mit demselben
Wort, so bestimmen die folgenden Wörter die weitere alphabetische Sor¬
tierung. Da nicht immer klar zu entscheiden ist, welche Form des Zitats
die gebräuchlichste ist und da man sich gelegentlich an ein Zitat nur
ungefähr erinnert, wurde in vielen Fällen ein Verweis unter dem ersten
>sinntragenden< Wort angeführt. Ein Pfeil steht dann vor dem für die
Alphabetisierung entscheidenden Wort.

Beispiel für die alphabetische Anordnung der Zitate:


Fröhliche Wissenschaft
Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb
t Mit frommem Schauder
Frommer Betrug
Ein frommer Knecht war Fridolin
(Das Zitat „Mit frommem Schauder“ ist unter Mit nachzuschlagen.)

Die Erläuterungen zum Zitat beziehen sich in der Regel zunächst einmal
auf die Herkunft des Zitats, soweit es sich auf einen Autor, eine Text¬
stelle, einen Ausspruch oder auf eine bestimmte geschichtliche oder poli¬
tische Situation, Bewegung, Vereinigung o. ä. zurückführen läßt. Ist der
>eigentliche< Ursprung des Zitats dunkel, so erfolgt ein Hinweis auf die
literarische Quelle, die vermutlich zur Verbreitung des Zitats entscheidend
beigetragen hat. Über die reine Stellenangabe hinaus sollen zusätzliche
Informationen über die Quelle und den näheren Kontext zeigen, in wel¬
chem Zusammenhang das Zitat ursprünglich zu sehen ist; in vielen Fällen
hat sich der Gebrauch später von der Ausgangssituation mehr oder weni¬
ger weit entfernt. Die Beschreibung von typischen oder möglichen späte¬
ren Verwendungsweisen, vor allem im heutigen Sprachgebrauch, macht
diese sprach- und kulturgeschichtlich interessanten Veränderungen deut¬
lich. Auch besonders geläufige Varianten oder bewußte Abwandlungen
des Zitats werden in den Erläuterungen erwähnt.
Hinweise für die Benutzung des zweiten Teils dieses Wörterbuchs finden
sich auf S. 531.

17
A
Das A und O schen Gedichts zu gestalten sei. Homer
Diese Wendung geht zurück auf eine führt den Leser nämlich rasch mitten in
Stelle aus der Offenbarung des Johan¬ das Geschehen hinein (vergleiche auch
nes (1,8) mit dem Wortlaut: „Ich bin „In medias res“) und „beginnt den Tro¬
das A und das O, der Anfang und das janischen Krieg nicht mit dem doppel¬
Ende, spricht Gott der Herr..." Das „A“ ten Ei“ (nee gemino bellum Troianum or-
entspricht dabei dem ersten (Alpha), ditur ab ovo). Damit bezieht sich Horaz
das „O“ dem letzten Buchstaben des auf die Sage von Leda und dem
griechischen Alphabets (Omega). „Das Schwan; nach ihrer Verbindung mit
A und das O“ als das alles Umfassende Zeus in der Gestalt des Schwans gebar
ist eine Metapher für Gott. - Die Wen¬ Leda ein Ei (gelegentlich auch als dop¬
dung hat für uns die Bedeutung „das peltes Ei beschrieben), aus dem Helena
Wesentliche, die Hauptsache, der Kern¬ und Polydeukes hervorgingen. Die Ent¬
punkt“. führung Helenas war später der Anlaß
für die Kämpfe um Troja. - Auch heute
A Star is born wird „ab ovo“ noch im Sinne von „sehr
weitschweifig, von den allerersten An¬
Dies ist der Titel eines amerikanischen
fängen an“ gebraucht.
Films, dessen erste Fassung aus dem
Jahr 1937 stammt (deutscher Titel: „Ein
Ab urbe condita
Stern geht auf“) und in dem ein Mäd¬
Der römische Geschichtsschreiber Livi-
chen vom Lande in Hollywood zum
us (59 v. Chr.- 17 n. Chr.) hat seiner Dar¬
Filmstar aufgebaut wird. Populär wurde
stellung der römischen Geschichte die¬
eine Neuverfilmung des Stoffes unter
sen Titel gegeben. „Ab urbe condita“
der Regie von George Cukor aus dem
bedeutet dabei soviel wie „Von der
Jahre 1954 (deutscher Titel: „Ein neuer
Gründung der Stadt Rom an“, deren
Stern am Himmel“). Mit dem Zitat
Zeitpunkt Livius mit dem Jahr 753
kommentiert man den Beginn einer stei¬
v. Chr. angibt. - Man charakterisiert mit
len und in der Öffentlichkeit sehr be¬
dem Zitat heute (in eher bildungs¬
achteten Karriere.
sprachlichen Texten) eine sehr weit zu¬
rückgreifende, von den ersten Anfängen
Ä la recherche du temps perdu
ausgehende Abhandlung oder Erzäh¬
t Auf der Suche nach der verlorenen lung.
Zeit
Wo ist dein Bruder Abel?
Ä trompeur - trompeur et demi!
tSoll ich meines Bruders Hüter sein?
TAuf einen Schelmen anderthalben!
Es will Abend werden, und der
t Wo aber ein Aas ist, da sammeln Tag hat sich geneigt
sich die Geier Dieses Zitat stammt aus dem Lukas¬
evangelium (24,29) im Neuen Testa¬
Ab ovo ment. Dort begegnet zwei Jüngern auf
Der römische Dichter Horaz (65-8 dem Weg nach Emmaus der auferstan¬
v. Chr.) lobt in seiner „Ars poetica“ dene Jesus, der sich ihnen anschließt,
(Vers 147) Homers „Ilias“ als gutes Bei¬ ohne daß sie ihn erkennen. Als sie kurz
spiel dafür, wie der Anfang eines epi¬ vor ihrem Ziel sind und er sich an-

19
Abend Teil I

schickt, weiterzugehen, bitten sie ihn, Schwierigkeiten bewerkstelligen, über¬


sie nicht zu verlassen: „Bleibe bei uns; stehen konnte, ist dieses Zitat sehr ge¬
denn es will Abend werden, und der Tag läufig geworden. Es handelt sich dabei
hat sich geneigt.“ - Heute dient das Zi¬ um die letzte Zeile eines Vierzeilers aus
tat gelegentlich als Hinweis darauf, daß Heinrich Heines „Buch der Lieder“
das Ende eines Tages, der Feierabend (1817-1821), dessen vollständiger Text
naht und die Arbeit des Tages abge¬ lautet: „Anfangs wollt’ ich fast verza-
schlossen werden sollte. Auch ein über¬ gen/Und ich glaubt’, ich trüg’ es
tragener Gebrauch in bezug auf den Le¬ nie;/Und ich hab’ es doch getragen,
bensabend eines Menschen ist denkbar. -/Aber fragt mich nur nicht: wie?“

Es ist noch nicht t aller Tage


Aber hier, wie überhaupt, kommt
Abend
es anders, als man glaubt
Der t Untergang des Abendlandes Dieses Zitat stammt aus dem ersten Ka¬
pitel von Wilhelm Büschs Bilderge¬
schichte „Plisch und Plum“ (1882), in
tGoldne Abendsonne
dem zwei junge Hunde ertränkt werden
sollen, die aber von zwei Knaben heim¬
t Welch Schauspiel! Aber ach! Ein lich gerettet werden. Es faßt in ironi¬
Schauspiel nur! schem Ton die Lebenserfahrung in
Worte, daß häufig etwas einen ganz an¬
Aber dennoch hat sich Bolle ganz deren Verlauf nimmt, als man es
köstlich amüsiert wünscht oder erhofft. Sehr verwandt
Dies ist der Kehrreim eines alten anony¬ klingt die scherzhafte Redensart „Er¬
men Berliner Liedes, das von einem stens kommt es anders, und zweitens als
Mann mit Namen Bolle handelt, der bei man denkt“, die in gleicher Weise ge¬
einem Ausflug allerhand Mißgeschicke braucht wird.
erlebt, durch die er sich jedoch nicht um
seine gute Laune bringen läßt. Die erste
Strophe des „Herr Bolle“ betitelten Lie¬ Aber in Spanien tausendunddrei
des lautet: „Als Bolle einst zu Pfingsten/ Diese Worte werden gelegentlich zitiert,
Nach Pankow nahm sein Ziel,/Da hat er um zu konstatieren, daß von bestimm¬
seinen Jüngsten/Verloren im Gewühl./ ten Personen oder Dingen irgendwo er¬
Drei volle Viertelstunden/Hat er nach staunlich viele anzutreffen sind. Sie
ihm gespürt:/Aber dennoch hat sich stammen aus der berühmten „Register¬
Bolle/Ganz köstlich amüsiert.“ - Die arie“ des Leporello im 1. Akt der Oper
letzten beiden Zeilen zitiert man um¬ „Don Giovanni“ von Wolfgang Ama¬
gangssprachlich, wenn ein kleineres deus Mozart (1756-1791), italienisches
oder größeres Mißgeschick jemandes Libretto von Lorenzo da Ponte
gute Laune, sein Vergnügen an einem (1749-1838), deutscher Text der letzten
Fest oder einer Veranstaltung nicht Fassung von Hermann Levi (1839 bis
trüben konnte. 1900). Leporello, der Diener Don Gio¬
vannis, zählt in der Arie „Schöne Don¬
Aber der große Moment findet ein na, dies genaue Register“ die endlose
kleines Geschlecht Reihe der Liebschaften seines Herrn in
den verschiedensten Ländern auf. Er
Eine t große Epoche hat das Jahrzehnt
versucht damit, Donna Elvira über Don
geboren.
Giovanni die Augen zu öffnen, der sich
ihre Gunst durch ein Eheversprechen
Aber fragt mich nur nicht, wie? erschlichen hatte. Die Aufzählung gip¬
Als Stoßseufzer, mit dem man meistens felt schließlich in der Angabe von den
zum Ausdruck bringt, daß man etwas tausendunddrei Liebschaften Don Gio¬
nur mit viel Mühe oder unter größten vannis in Spanien.

20
Teil I Absicht

Die abgelebte moderne Gesell¬ wurde. Das verfassungsrechtlich be¬


schaft denkliche Vorgehen von Polizei, Bun¬
Der deutsche Dramatiker Georg Büch¬ desanwaltschaft und Bundeswehr führ¬
ner (1813- 1837) stellte - beeinflußt von te zu einer schweren innenpolitischen
den Ereignissen der Julirevolution 1830 Krise. Zu einem gerichtlichen Haupt-
in Frankreich - die Forderung nach ei¬ verfahren gegen die Beschuldigten kam
ner sozialen und ökonomischen Reform es nicht, da der Bundesgerichtshof den
allen unklaren Ideen liberaler Rhetorik Inhalt des „SpiegeL'-Artikels als nicht
gegenüber. In einem Brief an den der Geheimhaltung unterliegend ansah.
Schriftsteller Karl Gutzkow (1811 bis Die Äußerung Adenauers wird heute
1878) schrieb er 1836, daß man die Bil¬ noch gelegentlich ironisch zitiert, wenn
dung eines neuen geistigen Lebens im man sich auf eine übertriebene Furcht
Volke suchen und „die abgelebte mo¬ vor verräterischen oder ähnlichen Akti¬
derne Gesellschaft zum Teufel gehen vitäten bezieht.
lassen“ müsse. Der von ihm hier gepräg¬
te Ausdruck von der „abgelebten mo¬ t Wie in Abrahams Schoß
dernen Gesellschaft“ ist bis in unsere
Zeit als Schlagwort gebräuchlich geblie¬
ben, wenn die bürgerliche Gesellschaft Abrahams Wurstkessel
als nicht wandlungsfähig kritisiert wer¬ t Wie in Abrahams Schoß
den soll. In jüngster Zeit wird das Wort
vielfach auch zitiert, wenn die Wieder¬
Abschaum der Menschheit
herstellung alter Wertesysteme gefor¬
dert wird. Diese Fügung ist die Übersetzung des
griechischen Textes einer Stelle aus dem
Neuen Testament (1. Korinther 4, 13):
Abgemacht! Sela!
nepixadägßam toü xöoßov. Sie be¬
Das aus dem Hebräischen stammende zieht sich dort auf die Apostel, die, wie
Wort sela Findet man häufig in den Psal¬ Paulus sagt, von der Welt verachtet wer¬
men des Alten Testaments. Man deutet den. Als „Abschaum der Menschheit“
es als eine musikalische Vortragsbe¬ bezeichnet man heute in sehr emotiona¬
zeichnung mit der Bedeutung „Schluß“. ler, tiefe Verachtung ausdrückender
Daraus entstand eine heute nicht mehr Sprechweise kriminelle und asoziale
sehr gebräuchliche Wendung, mit der Mitglieder der menschlichen Gesell¬
man etwas nachdrücklich oder auch schaft.
scherzhaft für beendet oder erledigt er¬
klärt.
Abschied von Gestern
t Am farbigen Abglanz haben wir Dies ist der Titel eines im Jahr 1966 ent¬
das Leben standenen Films von Alexander Kluge,
dem er Motive seines Buchs „Lebens¬
Ein Abgrund von Landesverrat läufe“ zugrunde legte. In der Geschich¬
te eines jüdischen Mädchens, das aus
Im Zusammenhang mit der sogenann¬ der DDR in die Bundesrepublik geflo¬
ten „Spiegelaffäre“ sprach der damalige hen ist, spielt auch die Auseinanderset¬
Bundeskanzler Konrad Adenauer zung mit der nationalen Vergangenheit
(1876-1967) im November 1962 vor der Deutschen eine Rolle. - Mit dem
dem Deutschen Bundestag von einem Zitat kann man auf die Notwendigkeit
„Abgrund von Landesverrat im Lande“. eines Neubeginns, auch einer Loslö¬
Das Hamburger Nachrichtenmagazin sung, Bewältigung von Vergangenem
„Der Spiegel“ hatte anläßlich eines hinweisen.
NATO-Manövers die Bonner Verteidi¬
gungspolitik kritisiert, worauf dem Her¬
ausgeber und einigen Redakteuren „pu¬ t Man merkt die Absicht, und man
blizistischer Landesverrat“ vorgeworfen ist verstimmt

21
Abwesenheit Teil I

t Durch Abwesenheit glänzen Ollendorf, den die von ihm umworbene


Laura abgewiesen hat. Er hatte es ge¬
Ach, die Gattin ist’s, die teure wagt, sie auf die Schulter zu küssen, und
sie hatte ihm daraufhin einen Schlag mit
Dieses Zitat aus Schillers „Lied von der
dem Fächer versetzt. - Mit dem Zitat
Glocke“, das heute nur scherzhaft ge¬
kommentiert man scherzhaft oder mit
braucht wird, wenn von jemandes Frau
Selbstironie eine Zurückweisung, die
die Rede ist, steht im Gedicht in einem
einem widerfahren ist.
traurigen Zusammenhang. Die Textstel¬
le lautet: „Ach! die Gattin ist’s, die teu¬
Ach, ich habe sie verloren
re,/Ach! es ist die treue Mutter,/Die der
schwarze Fürst der Schatten/Wegführt So beginnt die berühmte Arie aus der
aus dem Arm des Gatten .../“ Oper „Orpheus und Euridike“ von
Christoph Willibald Gluck (1714 bis
Ach, es geschehen keine Wunder 1787), in der Orpheus um die zum zwei¬
ten Mal verlorene Geliebte klagt. Das
mehr!
Zitat wird scherzhaft in den verschie¬
Dieser Ausruf steht im 3. Auftritt des
densten Situationen verwendet, in de¬
Prologs von Schillers „Jungfrau von Or¬
nen eine Person oder Sache (vorüberge¬
leans“. Er bringt die Zweifel der Men¬
hend) verschwunden ist.
schen an einem möglichen Sieg über die
Engländer zum Ausdruck. Solcher Ver¬
Ach, man will auch hier schon wie¬
zagtheit setzt Johanna die Worte entge¬
der nicht so wie die Geistlichkeit!!
gen: „Es geschehn noch Wunder! Eine
weiße Taube/Wird fliegen und mit Ad¬ Mit dieser Feststellung enden die einzel¬
lerskühnheit diese Geier/Anfallen, die nen Episoden in Wilhelm Büschs Bil¬
das Vaterland zerreißen.“ - Als Zitat dergeschichte „Pater Filuzius“ (1872),
können die Worte Resignation ausdrük- in der dem intriganten Geistlichen seine
ken, sie können zum Beispiel in der Pläne und Anschläge immer wieder
Überzeugung gesprochen werden, daß mißlingen, er nicht an das Ziel seiner
die Lage aussichtslos sei oder daß etwas Wünsche gelangt. - Die Verse enthalten
nur mit viel Mühe und großer Anstren¬ die - im Scherz geäußerte - resignative
gung zu bewältigen sei. Feststellung, daß gewöhnlich andere
nicht so wollen, wie man es selbst
Ach, ich bin des Treibens müde! wünscht.
Dieses Zitat, mit dem man seinen Über¬
druß zum Ausdruck bringt, stammt aus
Ach, sie haben einen guten Mann
dem ersten der beiden Gedichte, die begraben
Goethe „Wanderers Nachtlied“ betitelt Das Zitat stammt aus einem Gedicht
hat. Der vollständige Text lautet: „Der von Matthias Claudius (1740-1815) mit
du von dem Himmel bist,/Alles Leid dem Titel „Bei dem Grabe meines Va¬
und Schmerzen stillest,/Den, der dop¬ ters“. Dessen erste Zeilen lauten: „Ach,
pelt elend ist,/Doppelt mit Erquickung sie haben/Einen guten Mann begra¬
füllest,/Ach, ich bin des Treibens mü¬ ben,/Und mir war er mehr“. Man ver¬
de!/Was soll all der Schmerz und wendet das Zitat auch heute noch gele¬
Lust?/Süßer Friede,/ Komm, ach komm gentlich als Ausdruck tiefen Bedauerns
in meine Brust!“ über den Tod eines Menschen.

Ach, ich hab’ sie ja nur auf die Ach, spricht er, die größte Freud’
Schulter geküßt ist doch die Zufriedenheit
Diese Liedzeile stammt aus Karl Mil¬ Diese Verse stammen aus Wilhelm
löckers Operette „Der Bettelstudent“ Büschs „Max und Moritz“ (1865). Den
(1882), deren Textbuch von F. Zell und „Vierten Streich“ spielen die beiden
R. Genee verfaßt wurde. Das Lied ent¬ Knaben ihrem Lehrer, dessen Pfeife sie
hält die Klage des Gouverneurs Oberst mit Schießpulver stopfen. Kurz bevor

22
Teil I Achillesferse

ihn das Unglück ereilt, gibt der Lehrer märchen (1812-1815) der Brüder
Lämpel seinem Behagen mit den obigen Grimm enthalten ist. Das Männlein mit
Worten Ausdruck. - Man verwendet dem Namen Rumpelstilzchen hilft der
das Zitat, um anzudeuten, daß man sehr Müllerstochter, Stroh zu Gold zu spin¬
zufrieden ist und sich behaglich fühlt, nen, und fordert von ihr ihr erstes Kind,
gelegentlich auch als leise Kritik an all¬ wenn sie erst Königin geworden ist. Sie
zu großer Selbstzufriedenheit. soll ihr Kind aber behalten dürfen,
wenn sie seinen Namen errät, eine Auf¬
Ach, wie bald schwindet Schönheit gabe, die das Rumpelstilzchen für un¬
und Gestalt! lösbar hält. - Der Reim, zumeist nur die
So beginnt die dritte Strophe des zum erste Hälfte „Ach, wie gut, daß niemand
Volkslied gewordenen Gedichts „Rei¬ weiß“, wird oft scherzhaft von jeman¬
ters Morgengesang“ von Wilhelm Hauff dem zitiert, der froh ist, daß etwas ihn
(1802-1827). Das Gedicht greift das Betreffendes nicht bekannt ist. - Ga¬
Thema der Vergänglichkeit auf, indem briele Wohmann hat dieses Zitatstück
es in der ersten Strophe die Frage auf¬ zum Titel eines ihrer Romane (1980) ge¬
wirft: „Morgenrot,/Leuchtest mir zum macht.
frühen Tod?“ - Das Zitat ist eine Klage
über die Vergänglichkeit alles Irdischen, Ach, wie ist’s möglich dann, daß
die im Dahinschwinden der äußeren ich dich lassen kann
Schönheit ihren sichtbaren Ausdruck
Die heute weniger bekannte Schriftstel¬
findet. Heute wird es meist scherzhaft
lerin Helmina de Chezy (1783-1856),
gebraucht, um in einem eher vorder¬
von der unter anderem das Libretto zu
gründigen Sinn die Vergänglichkeit von
Carl Maria von Webers Oper „Euryan-
Dingen zu kommentieren, die ihre
the“ stammt, bearbeitete 1824 ein Volks¬
Schönheit allzu rasch einbüßen. (Ver¬
lied aus dem Thüringer Wald, das mit
gleiche auch „Gestern noch auf stolzen
den Worten „Ach, wie ist’s möglich
Rossen“).
dann,/daß ich dich lassen kann!“ be¬
ginnt. Der sehr romantische Grundton
Ach, wie bald vergehn die schönen
dieses Liebesliedes kommt besonders in
Stunden
der letzten Strophe zum Ausdruck, in
t So ein Tag, so wunderschön wie heute der es heißt: „Wär ich ein Vögelein,/
wollt’ ich bald bei dir sein,/... schoss’
Ach! Wie gebrechlich ist der mich ein Jäger tot,/fiel’ ich in deinen
Mensch, ihr Götter Schoß ;/sähst du mich traurig an,/gern
Dieser Vers steht in der Schlußszene der stürb’ ich dann.“ - Heute zitiert man
Kleistschen Tragödie „Penthesilea“ den Anfang des Gedichts nur noch
(1808). Die Amazonenkönigin Penthesi¬ scherzhaft als Ausdruck des Bedauerns,
lea, die Heldin des Stücks, hat Achill, daß man jemanden verlassen, einen Be¬
den sie liebt, im Kampf getötet. Sie such beenden muß.
stirbt unmittelbar danach; die Über¬
macht des widerstreitenden Gefühls zer¬ Achillesferse
bricht sie. - Als Zitat gibt der Vers der
Als Achillesferse bezeichnet man die
Einsicht in die Unvollkommenheit und
verwundbare, empfindliche Stelle eines
Fehlbarkeit der Menschen Ausdruck.
Menschen. - Der Ausdruck entstammt
der griechischen Mythologie. Thetis, die
Ach, wie gut, daß niemand weiß, Mutter Achills, hatte das Kind in den
daß ich Rumpelstilzchen heiß’! Styx, einen Fluß in der Unterwelt, ge¬
Dieser Reim (ursprünglich in der Form: taucht, um es unverwundbarzu machen.
„Ach, wie gut ist, daß niemand Die Ferse, an der sie es gehalten hatte,
weiß, ...“) stammt aus dem Märchen war ihm dabei als einzige verwundbare
„Rumpelstilzchen“, das in der Mär¬ Stelle seines Körpers verblieben. So
chensammlung der Kinder- und Haus¬ konnte es geschehen, daß Achill, als ihn

23
acht Teil I

ein Pfeil des Paris an der Ferse traf, töd¬ Rom als Zahltage galten, bei den Grie¬
lich verletzt wurde. chen nicht gab.

Acht Stunden sind kein Tag Ad maiorem Dei gloriam


So lautete der Titel einer Fernsehserie, Diese Formel, die übersetzt „zur höhe¬
mit der der deutsche Theater-, Film- ren (eigentlich: größeren) Ehre Gottes“
und Fernsehregisseur Rainer Werner lautet, geht auf eine Textstelle in den
Fassbinder (1945-1982) Anfang der „Dialogen“ Papst Gregors des Großen
70er Jahre Aufsehen erregte. Er wollte (um 540-604 n.Chr.) zurück. Sie findet
in den einzelnen Filmen der Serie deut¬ sich später in den Beschlüssen des Kon¬
lich machen, wie stark die Zeit, die dem zils von Trient (1545-1563). Der 1534
einzelnen neben dem achtstündigen Ar¬ gegründete Jesuitenorden erhob sie zu
beitstag noch verbleibt, von beruflichen, seinem Wahlspruch. Man findet sie als
politischen und familiären Problemen Inschrift an älteren Bauwerken und als
bestimmt wird. Fassbinder wollte zu¬ Vorspruch in älteren literarischen und
gleich aber auch zeigen, daß jeder im musikalischen Werken.
Arbeitsalltag durchaus Herr seiner Si¬
tuation sein kann, daß Schwierigkeiten Ad usum Delphini
nicht einfach unabänderliches Schicksal Die lateinische Formel im Sinne von
sind. Der Serientitel wird zitiert, wenn „für die Jugend bearbeitet; in gereinig¬
man ausdrücken will, daß das Leben ter Ausgabe“ bedeutet wörtlich „für den
mehr ist als der Arbeitstag mit seinen Gebrauch des Dauphins“. Für den Un¬
Problemen. terricht des französischen Thronfolgers
reinigten auf Veranlassung seines Erzie¬
t Hab Achtung vor dem Men¬ hers, des Herzogs von Montausier, der
schenbild Historiker Jacques Benigne Bossuet
(1627-1704) und der Philologe, Theolo¬
t Bei genauerer Betrachtung steigt ge und Philosoph Pierre Daniel Huet
mit dem Preise auch die Achtung (1630-1721) Ausgaben antiker Klassi¬
ker von moralisch oder politisch anstö¬
Actum ne agas! ßigen Stellen, die erst am Schluß zusam¬
In der Komödie „Phormio“ des römi¬ mengestellt wurden. Die Bezeichnung
schen Dichters Terenz (185 oder wurde später allgemein auf Bearbeitun¬
195-159 v.Chr.) verwendet Phormio, gen literarischer Werke für die Jugend
ein listiger Schmarotzer, diesen auch bezogen, z. B. „Robinson Crusoe“ und
heute noch gelegentlich zitierten altrö¬ „Gullivers Reisen“. Die Formel kommt
mischen Rechtsgrundsatz, wenn er sagt: auch als in usum Delphini und in iro¬
Actum, aiunt, ne agas („Einmal Abge¬ nisch übertragenem Gebrauch vor, z. B.:
legtes, so sagen sie, sollst du nicht wie¬ „Etwas ist nicht in usum Delphini ge¬
der vornehmen“, Vers 419). Bereits zu schrieben.“
Terenz’ Zeiten wurde der Satz schon all¬
gemein als sprichwörtliche Redensart Den alten Adam ausziehen
im Sinne von „Drisch kein leeres Der t alte Adam
Stroh!“ gebraucht.
t Nach Adam Riese
Ad calendas graecas
Der römische Schriftsteller Sueton (um Der t alte Adam
70-140 n. Chr.) berichtet in seinen Kai¬
serbiographien von Kaiser Augustus, er Ade nun, ihr Lieben! Geschieden
habe von säumigen Schuldnern gesagt, muß sein
sie bezahlten ,,ad calendas graecas“ (an Diese beiden Aussagen werden je nach
den griechischen Kalenden). Das be¬ Situation zusammen oder auch einzeln
deutet soviel wie „niemals“, weil es die zitiert. Sie dienen meist als Floskeln
Kalenden (die Monatsersten), die in beim Abschiednehmen in einer eher

24
Teil I all

lockeren Atmosphäre. Gelegentlich wer¬ heimgesucht wird. Dabei handelt es sich


den sie auch gebraucht, um eine Situati¬ um eine der zehn Plagen, die von Jahwe
on zu überspielen, die bei schmerzliche¬ über das Land verhängt wurden, solan¬
ren Trennungen entsteht. Es handelt ge es die Kinder Israel nicht wegziehen
sich um zwei Zeilen aus der ersten Stro¬ ließ. Die Bibelstelle lautet: „... da ward
phe des „Wanderlieds“ von Justinus eine dicke Finsternis in ganz Ägypten¬
Kerner (1786-1862), einem Schriftstel¬ land drei Tage, daß niemand den ande¬
ler, der zu den wichtigsten Lyrikern der ren sah“.
spätromantischen schwäbischen Dich¬
terschule gezählt wird. Das „Wander¬ Ahasver, der Ewige Jude
lied“ mit den Anfangszeilen „Wohlauf, Im Jahr 1602 erschien die auf eine alte
noch getrunken/Den funkelnden Legende zurückgehende „Kurtze Be¬
Wein!“, das nach einer traditionellen schreibung und Erzehlung von einem
Volksweise gesungen wird, ist eines der Juden mit Namen Ahasverus“, der, weil
bekanntesten Gedichte Kerners. Die er dem kreuztragenden Christus nicht
Anfangszeilen werden gelegentlich erlaubt hatte, an seinem Haus kurz zu
noch als Aufforderung bei einem Um¬ rasten, nun zur Strafe in der Welt um¬
trunk o. ä. zitiert. herirren muß bis zur Wiederkunft Chri¬
sti. Der Stoff wurde immer wieder auf¬
Adel verpflichtet gegriffen und zu unterschiedlichen
Die Maxime stammt aus dem 1808 er¬ Dichtungen gestaltet (z. B. auch in Goe¬
schienenen Werk „Maximes et reflexi- thes Fragment gebliebenem Epos „Der
ons sur differents sujets de morale et de Ewige Jude“ und in Stefan Heyms 1981
politique“ von Pierre Marc Gaston Duc erschienenem Roman „Ahasver“). Die
de Levis. Die französische Form ist: No¬ Figur des „Ahasverus“, auch des „Ahas¬
blesse oblige. Der Sinn der Fügung liegt vers“ oder des „Ewigen Juden“ ist Sinn¬
in der Feststellung, daß jemandes Wert¬ bild für den ruhelos und ziellos die Welt
maßstäbe und seine Handlungen über¬ durchwandernden Menschen gewor¬
einstimmen sollen. Heute wird sie meist den.
in vordergründigerem Verständnis zi¬
tiert, wonach die Zugehörigkeit zu einer TDu ahnungsvoller Engel du!
gehobenen Gesellschaftsschicht zu ei¬
ner bestimmten Lebensweise, einem be¬ Alea iacta est
stimmten Lebensstil verpflichtet. - Die t Würfel sind gefallen
„Adel verpflichtet“ ist auch der deut¬
sche Titel einer englischen Filmkomö¬ TWenn ich nicht Alexander wäre,
die (Originaltitel: „Kind Hearts and Co-
möchte ich wohl Diogenes sein
ronets“), die nach dem Roman Noblesse
oblige von Roy Horniman im Jahre 1949
All animals are equal but some ani-
mit Alec Guinness in acht Hauptrollen
mals are more equal than others
gedreht wurde. - Eine satirische Weiter¬
führung des Zitats lautet: „Adel ver¬ t Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere
pflichtet zu nichts“. sind gleicher als andere

t Nicht für einen Wald voll Affen All mein Hoffen, all mein Sehnen
In Wilhelm Büschs (1832-1908) wohl
Eine ägyptische Finsternis bekanntester Bildergeschichte „Max
Man spricht - meist scherzhaft - von ei¬ und Moritz“ wird im „Ersten Streich“
ner „ägyptischen Finsternis“, wenn es geschildert, wie die beiden Knaben den
an irgendeinem Ort sehr dunkel ist. Der Hühnern der Witwe Bolte ein qualvolles
Ausdruck geht auf das Alte Testament Ende bereiten, indem sie ihnen an
(2. Moses 10,22-23) zurück. Hier wird Schnüre gebundene Brotstücke zu fres¬
von einer großen Finsternis berichtet, sen geben. Die Tiere bleiben mit diesen
von der Ägypten während drei Tagen Schnüren an einem Baumast hängen.

25
all Teil I

Beim Anblick ihres elend zu Tode ge¬ sich besonders in Szene zu setzen. In
kommenen Federviehs ruft die Witwe diesem Sinne wird das Zitat noch heute
verzweifelt aus: „Fließet aus dem Aug’, gebraucht, gelegentlich auch scherzhaft
ihr Tränen 1/All mein Floffen, all mein in selbstironischer Abwehr von zu gro¬
Sehnen,/Meines Lebens schönster ßem Lob.
Traum/Hängt an diesem Apfelbaum!“
Besonders der zweite Vers „All mein t Raum für alle hat die Erde
Floffen, all mein Sehnen“ wird heute
noch scherzhaft zitiert, wenn man auf Alle Herrlichkeit auf Erden
etwas anspielen will, worauf man sein Den Stoff für den 1955 in Amerika ge¬
ganzes inniges Verlangen gerichtet, wor¬ drehten Film mit dem englischen Titel
in man alle seine Hoffnung gesetzt hat. „Love is a many splendored thing“,
Auch der Vers „Meines Lebens schön¬ deutsch: „Alle Herrlichkeit auf Erden“,
ster Traum hängt an diesem Apfel¬ lieferte ein Roman von Han Suyin, der
baum“ ist ein populäres Zitat geworden, die Liebesgeschichte einer jungen Ärz¬
mit dem beispielsweise jemand eine ent¬ tin und eines amerikanischen Korre¬
täuschte Hoffnung scherzhaft kommen¬ spondenten während des Koreakrieges
tiert. - Daß die Witwe Bolte sich mit erzählt. Das Zitat wird im allgemeinen
den Worten „meines Lebens schönster auf irdisches Glück bezogen, meist ver¬
Traum“ auf ihre Hühner bezieht, die so¬ bunden mit dem unausgesprochenen
zusagen ihr höchstes Lebensglück dar¬ Gedanken der Vergänglichkeit. Es erin¬
stellten, ist charakteristisch für Wilhelm nert an eine Stelle im Neuen Testament
Büschs immer auch ironisch-distanzier¬ (1. Petrus 1, 24), wo „alle Herrlichkeit
te Haltung gegenüber den oft spießigen des Menschen“ mit „des Grases Blume“
Bürgeridealen seiner Zeit. verglichen wird, die nach kurzer Zeit
verblüht.
All you need is love
Dieser Titel eines Liedes der Beatles Alle Jahre wieder
(komponiert und getextet von John Len- Dies ist die erste Zeile des Weihnachts¬
non und Paul McCartney), das 1967 im liedes „Alle Jahre wieder/Kommt das
Rahmen einer weltweit ausgestrahlten Christuskind ...“. Das Lied findet sich
Fernsehsendung der Öffentlichkeit vor¬ unter den volkstümlichen Gedichten,
gestellt wurde, könnte als Motto der gesammelt von Wilhelm Hey (1789 bis
Flower-Power-Bewegung der 60er Jahre 1854), die er seiner zweiten Sammlung
angesehen werden. Der Titel (auf von „Fünfzig Fabeln für Kinder“ (Ham¬
deutsch etwa: „Alles, was man braucht, burg 1837) beigab. Das Zitat bringt zum
ist Liebe“) wird gelegentlich zitiert, Ausdruck, daß sich etwas mit schöner
wenn man eine allgemeine Ablehnung oder auch als lästig oder ärgerlich emp¬
von Haß und Gewalt zum Ausdruck fundener Regelmäßigkeit wiederholt.
bringen möchte oder auch wenn Geld 1967 drehte Peter Schamoni einen Spiel¬
und Reichtum jemandes Leben zu sehr film mit dem Zitat als Titel.
beherrschen.
Alle Jubeljahre einmal
Alle großen Männer sind beschei¬ Diese Fügung drückt aus, daß etwas
den „sehr selten“, nach Meinung des Spre¬
Das Zitat stammt aus Lessings „Briefen, chers häufig „viel zu selten“ geschieht.
die neueste Literatur betreffend“ (65. Der Name „Jubeljahr“, eine Lehnüber¬
Brief vom 2. November 1759). Hierin setzung des lateinischen „annus iubi-
äußert sich Lessing über den Literatur¬ laeus“, geht zurück auf eine Stelle des
theoretiker und Kritiker Johann Chri¬ Alten Testamentes (3. Moses 25,8 ff.),
stoph Gottsched, dessen Eitelkeit ihn nach der die Kinder Israel alle fünfzig
stört. Er setzt dagegen seine Überzeu¬ Jahre ein heiliges Jahr, ein sogenanntes
gung, daß wirkliche Größe bei einem „Halljahr“, zu begehen hatten mit
Menschen nicht das Bedürfnis weckt, Schuldenerlaß, Freilassung der israeliti-

26
Teil I
alle

sehen Sklaven und Rückgabe von ver¬ rechte“) aus dem Revolutionsjahr 1789
kauftem Boden. Ein solches Jahr wurde steht im Artikel 1: „Die Menschen wer¬
mit dem Blasen des Widderhorns eröff¬ den frei und gleich an Rechten geboren
net, dessen hebräischer Name „yövel" und bleiben es“ (Les hommes naissent et
in „Jubeljahr“ erhalten blieb. Im Mittel- demeurent libres et egaux en droits).
alter wurde das Wort zur Bezeichnung
eines besonderen Ablaßjahres der ka¬ Alle Menschen werden Brüder
tholischen Kirche übernommen, das zu¬
Dieses Zitat stammt aus Schillers Ge¬
nächst alle hundert Jahre, später alle
dicht „An die Freude“, das durch seine
fünfzig Jahre und von 1500 an alle fünf¬
Vertonung als Schluß der 9. Sinfonie
undzwanzig Jahre wiederkehrte.
von Beethoven (1823) sehr bekannt wur¬
Alle Macht den Räten! de. Es verkündet hymnisch die Verbrü¬
derung aller Menschen in Momenten
Das von Lenin geprägte Schlagwort der
der Freude, der Begeisterung, die alle
russischen Oktoberrevolution (1917)
Mauern der Fremdheit einreißt. „Alle
„Alle Macht den Sowjets!“ wurde 1918
Menschen werden Brüder“ ist auch der
von der deutschen Spartakusgruppe
Titel eines 1967 erschienenen Romans
übernommen und zu „Alle Macht den
von Johannes Mario Simmel. Die Ver¬
Räten!“ abgewandelt (russisch „So¬
treterin einer feministischen Sprachwis¬
wjet“ = Rat). Die Gruppe, die später
senschaft, Luise F. Pusch (geb. 1944),
Spartakusbund hieß, war aus dem äu¬
gab einer ihrer Aufsatzsammlungen aus
ßersten linken Flügel der damaligen
dem Jahr 1990 den Titel „Alle Men¬
SPD hervorgegangen und forderte ein schen werden Schwestern“.
Rätesystem als Regierungsform für
Deutschland. - Das Zitat läßt sich heute
Alle menschlichen Gebrechen süh¬
auch - vielfach scherzhaft - in Zusam¬
net reine Menschlichkeit
menhängen verwenden, in denen „Rä¬
te“ in ganz anderer Bedeutung eine Rol¬ Das Zitat stammt aus einem Widmungs¬
le spielen, auf deren „Macht“ man hin- gedicht, das Goethe 1827 dem Schau¬
weisen möchte. „Alle Macht den ..." spieler Wilhelm Krüger zueignete, der
kann jedoch auch anderen Personen die Rolle des Orest in dem Drama
oder Sachen zugesprochen werden, so „Iphigenie auf Tauris“ gespielt hatte.
daß ein „werbewirksamer“ Slogan ent¬ Der Satz enthält die Grundidee des
steht, z. B.: Alle Macht den Frauen, den Goetheschen Stücks. Er gibt der Über¬
Kindern o. ä. zeugung Ausdruck, daß „reine Mensch¬
lichkeit“ die menschlichen Schwächen
Alle Menschen sind von Geburt zu überwinden vermag, daß Mensch¬
aus gleich lichkeit, Humanität als die höchste
menschliche Tugend anzusehen ist.
Dieser Grundsatz, der als eine der
Grundlagen demokratischer rechtlich-
politischer Systeme angesehen werden Alle Räder stehen still, wenn dein
kann, findet sich zum Beispiel in der starker Arm es will
amerikanischen Unabhängigkeitserklä¬ Dieses Zitat stammt aus einem Lied, das
rung. Sie wurde von Thomas Jefferson, Georg Herwegh 1863 für den „Allge¬
dem späteren dritten Präsidenten der meinen Deutschen Arbeiterverein“ als
USA, verfaßt, und mit ihr sagten sich Bundeslied geschrieben hat. Die zehnte
1776 die englischen Kolonien vom eng¬ Strophe dieser Hymne lautet: „Mann
lischen Mutterland los. Bereits im ersten der Arbeit, aufgewacht!/Und erkenne
Satz des zweiten Absatzes heißt es: deine Macht !/Alle Räder stehen
„... daß alle Menschen gleich geschaffen still,/Wenn dein starker Arm es will.“ -
sind“ (... that all Men are created equal). Man verwendet das Zitat gelegentlich
Auch in der französischen „Declaration noch heute im Zusammenhang mit ge¬
des droits de l’homme et du citoyen“ werkschaftlichen Aktionen bei Arbeits¬
(„Erklärung der Menschen- und Bürger¬ kämpfen.

27
alle Teil I

Alle reden vom Wetter, wir nicht! Form des menschlichen Zusammenle¬
bens zu verwirklichen sei.
Dieser eingängige Werbeslogan der
Deutschen Bundesbahn aus der zweiten
Hälfte der sechziger Jahre wird vielfach T Wenn alle untreu werden
scherzhaft oder auch ironisch abgewan¬
delt und ist so zum geflügelten Wort ge¬
worden. „Alle reden von läßt sich Alle Vögel sind schon da
verwenden, wenn man darauf hinweisen Der Titel dieses bekannten Kinderlie¬
möchte, daß man selbst etwas anders des, das das Kommen des Frühlings be¬
macht oder als geringeres Problem an¬ singt, wird gelegentlich in scherzhafter
sieht als andere, wobei meist der Gedan¬ Abwandlung zitiert. So könnte zum Bei¬
ke des Wettbewerbs im Vordergrund spiel der Beginn der Ferienzeit mit „Alle
steht. Auch die einen Überraschungs¬ Touristen sind schon da“ kommentiert
effekt enthaltende Abwandlung „Alle werden. Der Text des Liedes, das auf ei¬
reden von..., wir auch!“ ist gebräuchlich ne Melodie aus dem 18. Jahrhundert ge¬
geworden. sungen wird, wurde 1847 von Hoffmann
von Fallersleben geschrieben.
Alle Regeln der Kunst
t Nach allen Regeln der Kunst Alle Wasser laufen ins Meer
Dieses Zitat stammt aus dem Alten Te¬
Alle Tage ist kein Sonntag
stament (Prediger Salomo 1,7). Es ge¬
Die sprichwörtliche Redensart beruht hört in einen Zusammenhang, in dem
auf der Erkenntnis, daß das menschli¬ von der „Eitelkeit ( = Vergeblichkeit,
che Leben mehr aus mühevollem und Nichtigkeit) aller irdischen Dinge“, be¬
arbeitsreichem Alltag besteht als aus sonders aller menschlichen Bemühun¬
Feier- und Ruhetagen. Als Titel eines gen, gesprochen wird. Es resümiert, daß
Volksstücks von Carl Clewing (1884 bis alles, was geschieht, einem ewigen Ge¬
1954) und als Anfangszeile des Gedichts setz folgt, das unwandelbar den ständig
„Liebeslied“ von Carl Ferdinand (geb. gleichen Gang der Welt bestimmt. (Ver¬
1874, Todesjahr nicht ermittelt) ist die gleiche auch „Alles ist eitel“.)
Redensart literarisch genutzt worden.

Alle Tiere sind gleich, aber einige Alle Wohlgerüche Arabiens


Tiere sind gleicher als andere Das geflügelte Wort stammt aus der er¬
sten Szene des fünften Akts der Tragö¬
Diese zynische Feststellung findet sich
die „Macbeth“ von William Shake¬
in dem satirischen Roman „Farm der
speare (1564-1616). Lady Macbeth, die
Tiere“ (englisch: „Animal Farm“) von
über die begangenen Mordtaten in
George Orwell (1903-1950). Er be¬
Wahnsinn verfallen ist, glaubt Blut an
schreibt die Entwicklung und schlie߬
den Händen zu haben, das sie vergebens
lich den Niedergang eines Gemeinwe¬
abzuwaschen versucht. Schließlich resi¬
sens der Tiere, die die Menschen von ih¬
gniert sie mit den Worten: „Noch immer
rem Hof verjagt haben, um selbst eine
riecht es hier nach Blut; alle Wohlgerü¬
demokratische Form des Miteinander¬
che Arabiens würden diese kleine Hand
lebens und -arbeitens zu beginnen. Am
nicht wohlriechend machen“. (Here's
Schluß haben die Schweine die Herr¬
the smell of the blood still; all the per-
schaft an sich gerissen; sie unterdrücken
fumes of Arabia will not sweeten this little
die anderen Tiere und beuten sie auf die
hand.) - Man gebraucht das Zitat häufig
gleiche Weise aus, wie es vorher die
in Zusammenhängen, in denen es eher
Menschen taten. Ihre Revolution ist ver¬
ironisch zu verstehen ist, etwa wenn je¬
tan. - Das Zitat gibt der pessimistischen
Auffassung Ausdruck, daß das Prinzip mand aufdringlich parfümiert ist.
der Gleichheit (Alle Tiere sind gleich =
alle Menschen sind gleich) in keiner t Eines schickt sich nicht für alle!

28
Teil I aller

T Ich bin allein auf weiter Flur Allen Gewalten zum Trutz sich er¬
halten
Das Gedicht, dem diese Zeile entnom¬
Allein der Vortrag macht des Red¬
men ist, stammt aus Goethes Singspiel
ners Glück
„Lila“ aus dem Jahr 1777. Es bringt in
Wagner, der Famulus Fausts, beklagt zwei daktylischen Strophen die Über¬
(in Goethes Faust I, erste Nachtszene), zeugung zum Ausdruck, daß es nötig ist,
daß es ihm an der Kunst der Deklamati¬ „feige Gedanken“ und Verzagtheit ab¬
on und freien Rede mangele. Während zuschütteln, um im Lebenskampf zu be¬
Faust ihm zu erklären versucht, daß der¬ stehen. Man zitiert es noch heute gele¬
jenige, der wirklich etwas zu sagen hat, gentlich in bezug auf jemandes Stand¬
dafür auch leicht die richtigen Worte haftigkeit und Ausdauer in schwierigen
findet, beharrt Wagner mit obigen Wor¬ Lebenslagen.
ten darauf, daß es vor allem auf den ge¬
konnten Vortrag ankomme, wenn man
als Redner Erfolg haben will. - Der Aller Augen warten auf dich
heutige Gebrauch des Zitats ignoriert Dieses Zitat findet sich im Alten Testa¬
die Darlegungen Fausts und hebt - wie ment (145. Psalm, Vers 15), wo die Gna¬
Wagner - die Wichtigkeit der rhetori¬ de und Gerechtigkeit Gottes gepriesen
schen Begabung des Redners hervor. werden: „Aller Augen warten auf dich,
Man kommentiert mit dem Zitat entwe¬ und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner
der ihr Fehlen oder ihre Beispielhaftig- Zeit.“ Der vollständige Vers ist (auch in
keit in einem speziellen Fall. der leicht abgewandelten Form „Aller
Augen warten auf dich, o Herr, du gibst
ihnen Speise zur rechten Zeit“) als
Allein es steht in einem andern Tischgebet gebräuchlich geworden. -
Buch Als Zitat gebraucht man den ersten Teil
Das Zitat stammt aus der Flexenküchen¬ scherzhaft, etwa um jemanden zu begrü¬
szene im ersten Teil von Goethes Faust ßen, der verspätet in einer Runde er¬
(1808). Faust möchte verjüngt werden, scheint.
aber die Hexenküche, in der dies be¬
werkstelligt werden soll, behagt ihm
nicht. Mephisto sagt darauf: „Dich zu
Es ist noch nicht aller Tage Abend
verjüngen gibt’s auch ein natürlich Mit¬ Diese sprichwörtliche Redensart findet
tel ;/Allein es steht in einem andern sich bereits in dem Werk des römischen
Buch/Und ist ein wunderlich Kapitel.“ Schriftstellers Titus Livius (59 v. Chr. bis
Mit dem „natürlichen Mittel“ meint 17 n. Chr.) mit dem Titel „Ab urbe con-
Mephisto eine gesunde, einfache, mit dita“. Darin legt er dem Makedonenkö-
körperlicher Arbeit verbundene Lebens¬ nig Philipp V. diesen Ausspruch in den
weise. Das Zitat kann verwendet wer¬ Mund: nondum omnium dievum solem
den, um auszudrücken, daß etwas in ei¬ occidisse („noch sei nicht die Sonne
nen ganz anderen Zusammenhang ge¬ aller Tage untergegangen“). Der Satz
hört, daß es eine ganz andere Sache ist. verleiht der Gewißheit Ausdruck, daß
etwas Bestimmtes durchaus noch nicht
entschieden ist, daß sich nach der Mei¬
Es ist nicht t gut, daß der Mensch nung des Zitierenden noch manches än¬
allein sei dern kann oder daß der Adressat dieses
Ausspruchs seiner Sache noch nicht so
sicher sein kann. „Aller Tage Morgen“
t Jeder stirbt für sich allein nannte in Abwandlung der Redensart
der schwäbische Schriftsteller Josef
Eberle (1901-1986; Pseudonym: Seba¬
t Ich kann allem widerstehen, nur stian Blau) seine Lebenserinnerungen,
nicht der Versuchung die 1974 erschienen.

29
alles Teil I

t Nun muß sich alles, alles wenden gegen den Vorwurf des Plagiats mit den
Worten wehrt: Denique nullum est iam
Es würde alles besser gehen, wenn dictum, quod non dictum sit prius
man mehr ginge („Schließlich gibt es ja nichts mehr zu
sagen, was nicht früher schon gesagt
Dieses Zitat geht zurück auf Johann
worden wäre.“)
Gottfried Seumes Reisebericht aus dem
Jahre 1806 („Mein Sommer 1805“), in
Alles Getrennte findet sich wieder
dem es an einer Stelle heißt: „Ich halte
den Gang für das Ehrenvollste und Der Ausspruch stammt aus Friedrich
Selbständigste in dem Manne und bin Hölderlins Briefroman „Hyperion“
der Meinung, daß alles besser gehen (1797-1799), er steht am Schluß des
würde, wenn man mehr ginge.“ Man zweiten Bandes. Hyperion spricht hier
verwendet das Zitat, wenn man aus- die Überzeugung aus: „Wie der Zwist
drücken will, daß es nicht nur für den der Liebenden sind die Dissonanzen der
Körper gesünder ist, häufiger zu Fuß zu Welt. Versöhnung ist mitten im Streit,
gehen, sondern daß man auch das, was und alles Getrennte findet sich wieder.“
man sieht und erlebt, geistig besser auf¬ Man verwendet das Zitat meist als
nehmen und verarbeiten kann als beim scherzhaften Kommentar, wenn verlo¬
Fahren. Nicht zuletzt kann man sich rene oder vermißte Dinge sich wieder¬
damit heute auch sehr treffend auf die finden, oder auch wenn Menschen nach
Verkehrsprobleme durch den modernen einer Trennung oder nachdem sie sich
Individualverkehr beziehen. verloren hatten, wieder Zusammentref¬
fen.
Alles Ding währt seine Zeit
Alles Glück dieser Erde liegt auf
Diese Zeile stammt aus dem vielstrophi-
gen Lied „Sollt’ ich meinem Gott nicht
dem Rücken der Pferde
singen“ des Kirchenliederdichters Paul Das t Paradies der Erde liegt auf dem
Gerhardt (1607-1676). Die Verse „Alles Rücken der Pferde
Ding währt seine Zeit,/Gottes Lieb in
Ewigkeit“ bilden den Refrain der zehn Alles in der Welt läßt sich ertragen,
ersten Strophen des Liedes. Als Zitat nur nicht eine Reihe von schönen
spielt der Text auf die Endlichkeit und Tagen
Vergänglichkeit alles Irdischen an oder
Dieser Spruch findet sich bei Goethe in
auch, vordergründiger, darauf, daß et¬
der Abteilung „Sprichwörtlich“ der Ge¬
was Bestimmtes einmal ein Ende hat
dichtsammlung von 1815. (Für den hier
oder haben muß.
ausgesprochenen Gedanken gibt es be¬
reits mehrere Vorformen im Werk Mar¬
Alles fließt tin Luthers.) Die heutige Zitierweise
t Panta rhei lautet etwas abgewandelt: „Nichts ist
schwerer zu ertragen als eine Reihe von
Alles Gescheite ist schon gedacht guten Tagen.“ Man bezieht den Spruch
worden dabei zumeist auf eine Aufeinanderfol¬
Diesen Gedanken spricht Goethe in den ge von Feiertagen, die mit zu vielem Es¬
„Betrachtungen im Sinne der Wande¬ sen und Trinken und Müßiggang ein¬
rer“ am Ende des 2. Buches der Wan¬ hergehen, so daß man schließlich träge
derjahre aus. Und Mephisto (in Faust und verdrießlich oder übermütig wird.
11,2) läßt er sagen: „Wer kann was
Dummes, wer was Kluges denken,/Das t Und alles ist Dressur
nicht die Vorwelt schon gedacht?“
Schon in der Antike findet man diese Alles ist eitel
Feststellung bei verschiedenen Autoren, Dieses Zitat geht auf das Alte Testament
so bei dem römischen Komödiendichter zurück (Prediger Salomo 1,2 u. 12,8):
Terenz (um 185-159 v.Chr.), der sich „Es ist alles ganz eitel, sprach der Predi-

30
Teil I alles

ger, es ist alles ganz eitel.“ Der lateini¬ auf den Schneider mit dem Namen
sche Text der Vulgata lautet: Vanitas va- Böck abgesehen, den sie mit ihren Ru¬
nitatum, et omnia vanitas, in wörtlicher fen „Schneider, Schneider, meck, meck,
Übersetzung: „Eitelkeit der Eitelkeiten, meck“ in Zorn versetzten. So heißt es im
und alles ist Eitelkeit.“ Der Prediger folgenden: „Aber, wenn er dies er¬
will sagen, daß die Welt und alles fuhr,/ging’s ihm wider die Natur.“ -
menschliche Tun nichtig sind und ohne Das Zitat drückt aus, daß jemand im all¬
Bestand. - Für die Barockzeit war diese gemeinen sehr geduldig ist, daß aber in
Weitsicht besonders charakteristisch. So einer bestimmten Situation die Grenzen
findet man ein Gedicht von Andreas der Gutmütigkeit erreicht sind.
Gryphius (1616-1664) mit dem Titel
„Vanitas! Vanitatum vanitas!“. Auch Alles mit deine Hände
der dem Prediger Salomo entnommene Dies ist der dreimal wiederkehrende
Text der „Vier ernsten Gesänge“ (1896)
Refrain eines leicht sentimentalen Ge¬
von Johannes Brahms nimmt Bezug auf dichts in Berliner Mundart von Kurt Tu¬
diese Thematik. Goethe verwendete die¬ cholsky (1890-1935). Sein Titel lautet:
selbe Überschrift wie Gryphius für ein „Mutterns Hände“. Es zählt auf, was
Gedicht, das er in der Gedichtsamm¬ die Mutter an Arbeit für ihre Familie
lung von 1806 in der Abteilung „Geselli¬ mit ihren Händen verrichtet hat. - Als
ge Lieder“ veröffentlichte. Das Gedicht meist ironisch-scherzhaftes Zitat ver¬
stellt eine Parodie auf das Kirchenlied wendet man die Worte gelegentlich in
„Ich hab’ mein Sach’ Gott heimgestellt“ bezug auf etwas, was jemand eigenhän¬
von Johannes Pappus (1549-1610) dar. dig in mühevoller Arbeit geschaffen hat.
Bei Goethe wurde daraus: „Ich hab’
mein Sach’ auf nichts gestellt. Juch¬
Alles neu macht der Mai
he!“ - Der heutige Sprecher kann mit
Dies ist der Anfang des dreistrophigen
dem Zitat seiner Überzeugung Aus¬
Gedichts „Der Mai“ von Hermann
druck geben, daß vieles Weltliche nicht
Adam von Kamp (1796-1867), zuerst
die Bedeutung hat oder das Gewicht,
erschienen in der Liedersammlung
das man ihm beimißt.
„Lautenklänge“, Krefeld 1829. Als
Wanderlied besingt es die Freude an der
Alles ist verloren, nur die Ehre neu erwachten Natur. Mit „Alles neu
nicht macht der Mai“ kommentiert man
Diese Feststellung traf der französische scherzhaft eine augenfällige Verände¬
König Franz I. in einem Brief an seine rung, die an jemandem oder an einer
Mutter, nachdem er in der Schlacht von Sache zu erkennen ist.
Pavia (1525) eine Niederlage erlitten
hatte und in Gefangenschaft geraten Alles rennet, rettet, flüchtet
war: Tout estperdu, fors l’honneur. Diese Der Satz stammt aus Schillers „Lied von
überlieferte Kurzform, von der zunächst der Glocke“ (1799). Schiller beschreibt
behauptet wurde, daß aus ihr allein der damit das Verhalten von Menschen bei
lakonische Brieftext bestanden habe, einer in der Stadt wütenden Feuers¬
stellt jedoch nur die Quintessenz des brunst. Das Zitat wird heute nur scherz¬
später aufgefundenen, längeren Briefes haft gebraucht und auf eine drängende,
dar. - Mit dem Zitat kann man eine hastende Menge bezogen.
zwar entscheidende, aber letztlich eh¬
renvolle Niederlage kommentieren. Alles schon dagewesen
Dem Trauerspiel „Uriel Acosta“ (1846)
Alles konnte Bock ertragen, ohne von Karl Gutzkow entstammt der dort
nur ein Wort zu sagen in mehrfach abgewandelter Form vor¬
Die Verse stammen aus „Max und Mo¬ kommende Ausspruch „Und alles ist
ritz“ (1865) von Wilhelm Busch. Im schon einmal dagewesen“, eine Varian¬
„Dritten Streich“ haben es die beiden te der alttestamentlichen Erkenntnis

31
alles Teil I

„und geschieht nichts Neues unter der l'Italie der Madame de Stael (1766 bis
Sonne“ (Prediger Salomo 1,9). Er ist zu 1817) zurück, wo es heißt: Tout com¬
einer Floskel der heutigen Alltagsspra¬ prendre rend tres indulgent (Alles verste¬
che geworden, mit der man zum Beispiel hen macht sehr nachsichtig). Auch bei
ausdrückt, daß einen ein Ereignis oder Goethe findet man diese Überzeugung
eine Veränderung nicht überrascht. in verschiedener Ausprägung. So heißt
es zum Beispiel im Tasso (2,1): „Was
Alles über Eva wir verstehn, das können wir nicht ta¬
deln“. - Man kommentiert mit diesem
So lautet der deutsche Titel eines in
Satz eine oft allzu nachsichtige Einstel¬
Amerika entstandenen tragikomischen
lung gegenüber Personen oder Ge¬
Films mit Bette Davis, Anne Baxter und
schehnissen.
Marilyn Monroe aus dem Jahr 1950
(Originaltitel: All about Eve). Der Film,
dessen Dialoge Erich Kästner ins Deut¬ Alles, was entsteht, ist wert, daß es
sche übertrug, schildert die Karriere ei¬ zugrunde geht
ner skrupellosen jungen Schauspielerin, Mit den Worten „Ich bin der Geist, der
die zunächst von einer alternden Diva stets verneint!/Und das mit Recht; denn
gefördert wird, diese aber dann fast aus alles, was entsteht,/Ist wert, daß es zu¬
dem Filmgeschäft verdrängt. - Als Zitat grunde geht“ beschreibt Mephisto sich
verwendet man „Alles über ...“ in ent¬ selbst in der Studierzimmerszene in
sprechender Abwandlung, wenn man Goethes Faust I (1808). Zerstörung als
erschöpfende Mitteilungen, Daten o. ä. eine Erscheinungsform des Bösen ist
über eine Person oder auch eine Sache sein, des Teufels, Element. - Das Zitat
ankündigen will. dient zum Ausdruck oder zur Charak¬
terisierung einer pessimistischen oder
Alles Vergängliche ist nur ein zynischen Weitsicht.
Gleichnis
Der zweite Teil von Goethes Faust Alles wiederholt sich nur im Leben
(1824/31) endet mit einem „Chorus my- Der Gedanke der Wiederkehr des im¬
sticus“, dessen erste beiden Zeilen cha¬ mer Gleichen findet sich in vielen Varia¬
rakteristisch für des Dichters Auffas¬ tionen in der Literatur aller Zeiten. Das
sung von der menschlichen Erkenntnis¬ Zitat aus Schillers Gedicht „An die
fähigkeit sind. In seinem „Versuch über Freunde“ (1802) setzt diesen Tatbestand
die Witterungslehre“ (1825) schreibt in Gegensatz zu dem, was die Phantasie
Goethe: „Das Wahre, mit dem Gött¬ im Kunstwerk schafft. Die Fortführung
lichen identisch, läßt sich niemals von im Gedicht lautet dann: „Ewig jung ist
uns direkt erkennen, wir schauen es nur nur die Phantasie;/Was sich nie und nir¬
im Abglanz, im Beispiel, im Symbol..." gends hat begeben,/Das allein veraltet
Die irdische Welt in ihrer Vergänglich¬ nie“. Man kommentiert mit dem Zitat -
keit, die wir mit unseren Sinnesorganen oft mit resignierendem Unterton - das
wahrnehmen können, ist also nur als ein Wiederauftreten bestimmter Entwick¬
Gleichnis der ewigen, göttlichen Wahr¬ lungen oder die Wiederkehr bestimmter
heit anzusehen. - Das Zitat wird auch Ereignisse.
heute noch gelegentlich verwendet, um
auf die Vordergründigkeit des nur auf Alles zu seiner Zeit
das Materielle, Irdische gerichteten Er-
Diese Redewendung findet sich in ähn¬
kenntnisstrebens hinzuweisen.
licher Form schon im Alten Testament
(Prediger Salomo 3,1). Hier heißt es:
Alles verstehen heißt alles verzei¬ „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles
hen Vornehmen unter dem Himmel hat sei¬
Der Ausspruch tout comprendre c’est ne Stunde“. Man gebraucht die Wen¬
tout pardonner geht möglicherweise auf dung, um darauf hinzuweisen, daß et¬
eine Stelle in dem Roman Corinne ou was zum richtigen Zeitpunkt getan wer-

32
Teil I
als

den muß oder sich ereignen wird, daß zerbrechen“. Es geht zurück bis in die
Ungeduld und überstürztes Handeln Dichtung der griechischen Antike (He-
nicht zum Ziel führen. Goethe beginnt rodot, Sophokles und Phädrus verwen¬
seine „Noten und Abhandlungen zu den es). Noch geläufiger als das Zitat ist
besserem Verständnis des Westöstlichen heute die Redewendung „den Bogen
Diwans“ mit den Worten: „Alles hat überspannen“ mit der Bedeutung „et¬
seine Zeit! - Ein Spruch, dessen Bedeu¬ was auf die Spitze treiben, zu hohe For¬
tung man bei längerem Leben immer derungen stellen“.
mehr anerkennen lernt; diesem nach
gibt es eine Zeit zu schweigen, eine an¬
Allzufrüh und fern der Heimat
dere zu sprechen“. Ein bekanntes Lied
des amerikanischen Folksängers Pete In seiner Ballade „Das Grab im Busen-
Seeger (geb. 1919) mit dem Titel „Tum, to“ beschreibt August Graf von Platen
turn, turn (To everything there is a sea- (1796-1835), wie der Gotenkönig Ala-
son)“ greift ebenfalls diesen Gedanken rich, der auf einem Feldzug in Kala¬
auf. Der Text des Liedes lehnt sich sehr brien gestorben ist, von seinen Leuten
eng an den Bibeltext (Vers 1-8) an. Eine bestattet wird. Um die Leiche vor
deutsche Fassung (Text von Max Col- Schändung zu schützen, begruben die
pet) mit dem Titel „Für alles kommt die Goten den König im Flußbett des Bu-
Zeit“ wurde von Marlene Dietrich ge¬ sento, dessen Wasser sie vorher abgelei¬
sungen. tet hatten und nach der Bestattung wie¬
der zurückfließen ließen. Dazu heißt es
t Über die allmähliche Verferti¬ in der Ballade: „Allzufrüh und fern der
gung der Gedanken beim Reden Heimat/mußten hier sie ihn begraben“.
Ist jemand in jungen Jahren in der
Allwissend bin ich nicht; doch ist Fremde gestorben, kann das Zitat heute
mir viel bewußt noch herangezogen werden. Als Anspie¬
lung darauf, daß jemand ohne den ge¬
Der Ausspruch stammt aus Goethes
wohnten Komfort weit weg von zu Hau¬
Faust (Teil I, Studierzimmer). Es han¬
se ist, wird die scherzhafte Abwandlung
delt sich um eine ironische Bemerkung,
„unrasiert und fern der Heimat“ ver¬
die Mephisto, des Nachspionierens be¬
wendet.
schuldigt, Faust gegenüber in einer Art
gespielter Bescheidenheit macht. Heute
wird der Ausspruch meist in ähnlich iro¬ t Menschliches, Allzumenschli¬
nischer Weise oder auch nur scherzhaft ches
zitiert.
Als Büblein klein an der Mutter¬
Allzu straff gespannt, zerspringt
brust
der Bogen
Dies ist der Anfang des bekannten
In Schillers Drama „Wilhelm Teil“ Trinkliedes des Falstaff aus dem 2. Akt
(III, 3) geht diesem bekannten Bild vom der Oper „Die lustigen Weiber von
allzu straff gespannten Bogen eine di¬ Windsor“ von Otto Nicolai (1810 bis
rekte, gewissermaßen interpretierende 1849), deren Libretto (von Hermann
Aussage voraus, die aber im allgemei¬ Mosenthal) sich an das gleichnamige
nen nicht mitzitiert wird. Die Stelle lau¬ Lustspiel von Shakespeare anlehnt. Die
tet: „Zu weit getrieben/Verfehlt die erste Verszeile des Trinklieds wird heute
Strenge ihres weisen Zwecks,/Und allzu scherzhaft etwa im Sinne von „als ich
straff gespannt, zerspringt der Bogen“. noch klein war“ zitiert.
Das Motiv des zu stark oder auch zu
lange gespannten Bogens taucht vor
Schiller in der Literatur häufiger auf, so
Als das Wünschen noch geholfen
bei Grimmelshausen, wo es im „Simpli- hat
zissimus“ (1669) heißt: „Wenn man den Diese Formulierung ist Teil verschiede¬
Bogen überspannt, so muß er endlich ner Märchenanfänge. Das bekannte

33
als Teil I

Märchen der Brüder Grimm „Der Als die Bilder laufen lernten“ und war
Froschkönig oder Der eiserne Hein¬ die deutsche Fassung der englischen
rich“ beispielsweise beginnt mit den Serie „Mad Movies“ von Bob Monk-
Worten: „In den alten Zeiten, wo das house, einem Kenner und Sammler von
Wünschen noch geholfen hat, lebte ein Stummfilmen.
König..." Ähnlich der Anfang des weni¬
ger populären Märchens „Der Eisen¬ Als die Römer frech geworden
ofen“: „Zur Zeit, wo das Wünschen Dies ist die Anfangszeile des Scherzge¬
noch geholfen hat, ward ein Königs¬ dichtes „Die Teutoburger Schlacht“ von
sohn von einer alten Hexe ver¬ Joseph Victor von Scheffel (1826-1886),
wünscht Beim heutigen Gebrauch das besonders als Kommerslied in stu¬
dieser Floskel wird der Märchenton be¬ dentischen Verbindungen bekannt ge¬
wußt eingesetzt. Mit einer gewissen worden ist. Gelegentlich wird die For¬
Wehmut weist man auf andere Zeiten mulierung „Als die ... frech geworden“
und Zustände hin, in denen noch Dinge mit der Bezeichnung für eine andere
geschahen oder möglich waren, die heu¬ Personen- oder Volksgruppe abgewan¬
te undenkbar wären. delt und scherzhaft oder abwertend auf
Menschen bezogen, die bestimmte An¬
Als der Großvater die Großmutter sprüche gestellt oder Forderungen erho¬
ben haben.
nahm
Dies ist die Anfangszeile des Gedichts Als Mensch und Christ
„Das Großvaterlied“ (1812) von August
Mit dieser Floskel kann jemand seinen
Friedrich Ernst Langbein (1757-1835),
Worten eine Art scherzhaften Nach¬
einem zu seiner Zeit bekannten Berliner
druck verleihen, er kann damit auf seine
Schriftsteller. Er bezieht sich damit
Aussage in nicht allzu ernst gemeinter,
möglicherweise auf die gleichlautende
vielleicht auch spöttischer Weise auf¬
Zeile in dem Lied „Der Großvater-
merksam machen. Sie stammt aus der
Tanz“ seines Zeitgenossen Karl
Bildergeschichte „Die fromme Helene“
Schmidt (1746-1824), das schon 1794
von Wilhelm Busch (1832-1908). Zu
geschrieben wurde. Zusätzliche Verbrei¬
Beginn der Geschichte richtet der Onkel
tung fand das Zitat als Titel einer von
mahnende Worte an seine Nichte, die
Gustav Wustmann 1886 herausgegebe¬
einige Zeit bei Onkel und Tante auf dem
nen sehr populären Liedersammlung (in
Land verbringen soll: „Helene!“ -
der auch Langbeins Verse enthalten
sprach der Onkel Nolte -/„Was ich
sind). Heute wird die Gedichtzeile gele¬
schon immer sagen wollte !/Ich warne
gentlich noch dazu benutzt, frühere Zei¬
dich als Mensch und Christ:/Oh, hüte
ten anzusprechen, die „gute alte Zeit“
dich vor allem Bösen!/Es macht Pläsier,
heraufzubeschwören. Eine misanthro-
wenn man es ist,/Es macht Verdruß,
pisch gefärbte Abwandlung des Zitats
wenn man’s gewesen!“
verwendete der Zeichner und Karikatu¬
rist Paul Flora als Titel für einen 1971
Als wär’s ein Stück von mir
erschienenen Auswahlband seiner
Zeichnungen: „Als der Großvater auf Der Schlußvers der zweiten Strophe des
die Großmutter schoß“. bekannten Liedes „Ich hatt' einen Ka¬
meraden“ von Ludwig Uhland (1787 bis
1862) wurde in neuerer Zeit besonders
Als die Bilder laufen lernten dadurch populär, daß ihn Carl Zuck¬
Die frühen Jahre der Filmgeschichte mayer als Titel für seine Lebenserinne¬
werden häufig mit dieser Wendung apo¬ rungen (erschienen 1966) verwendete.
strophiert. Sie wurde populär als Titel Zitiert wird die Zeile heute häufig in we¬
einer Fernsehserie über Filme und mit niger ernsthaft gemeinter Weise, etwa
Filmen aus der Stummfilmzeit, die Ende wenn jemand das eigene enge Verhält¬
der 60er Jahre im deutschen Fernsehen nis zu einer bestimmten Person oder
lief. Die Serie hieß „Mad Movies oder Sache charakterisieren will.

34
Teil I
alte

Also sprach in ernstem Ton der „alten Menschen“ in seiner Unvollkom¬


Papa zu seinem Sohn menheit und Sündhaftigkeit, an dessen
Diese Worte werden oft als ironisieren¬ Stelle der „neue Mensch“ treten soll. So
de Einleitung oder auch nur als scherz¬ heißt es zum Beispiel im Brief des Pau¬
hafter Kommentar zu entsprechenden lus an die Kolosser (3,9): „... ziehet den
Situationen zitiert. Sie entstammen der alten Menschen mit seinen Werken
Geschichte vom „Zappelphilipp“ aus aus“. Während die Bibel vom „alten“
dem weltbekannten Kinderbuch „Der bzw. „neuen Menschen“ spricht, geht
Struwwelpeter“ des Frankfurter Arztes die Fügung „der alte Adam“ auf den la¬
und Schriftstellers Heinrich Hoffmann teinischen Schriftsteller Sidonius Apol¬
(1809-1894). Der Vater ermahnt seinen linaris (430-486) zurück. - Vom „alten
unruhigen („zappeligen“) Sohn Philipp Adam“ spricht man in scherzhaftem Zu¬
vergeblich, ruhig und gesittet am Tisch sammenhang, wenn man den Menschen
zu sitzen. mit all seinen Schwächen apostrophie¬
ren will. „Den alten Adam ausziehen“
Also sprach Zarathustra heißt dementsprechend soviel wie „sei¬
ne Fehler ablegen und ein neues (gottge¬
So lautet der Titel einer philosophi¬
fälligeres) Leben beginnen“.
schen, an der Bibel orientierten, diese
zugleich parodierenden Dichtung von
Friedrich Nietzsche (1844-1900). Das Es ist eine alte Geschichte
Zitat wurde in neuerer Zeit durch die Bei diesem Zitat handelt es sich um den
(frei nach Nietzsche) 1896 komponierte Anfang der dritten Strophe des 39. Ge¬
Tondichtung von Richard Strauss popu¬ dichts aus Heinrich Heines „Lyrischem
lär, deren Anfang unter anderem in dem Intermezzo“ (1822-1823). In dem Ge¬
Spielfilm „2001 - Odyssee im Welt¬ dicht wird die unglückliche Liebe eines
raum“ (1968) und auch gelegentlich in jungen Mannes zu einem Mädchen be¬
Fernsehwerbespots zu hören ist. Zitiert schrieben, das aber einen anderen liebt.
wird der Titel zumeist in weniger ernst¬ In Anspielung auf Liebesbeziehungen,
haften Zusammenhängen, etwa als belu¬ die auf unterschiedliche Weise oft
stigter Kommentar zu der als allzu gro߬ schmerzlich scheitern, ohne daß dies
spurig empfundenen Äußerung eines von Beginn an abzusehen wäre, wird
andern. heute noch gelegentlich zitiert: „Es ist
eine alte Geschichte,/Doch bleibt sie
T Ich bin zu alt, um nur zu spielen, immer neu.“
zu jung, um ohne Wunsch zu sein
Alte Kamellen
Alt und grau werden
t Olle Kamellen
Die heute im Sinne von „sehr lange auf
etwas warten müssen“ gebrauchte Re¬
Der alte Mann und das Meer
dewendung hat im Alten Testament
(1. Samuel 12,2) noch ihre konkrete Be¬ Der deutsche Titel der 1952 erschiene¬
deutung. Mit den Worten „Ich aber bin nen Erzählung von Ernest Hemingway
alt und grau geworden“ weist Samuel (englischer Titel The Old Man and the
auf sein hohes Alter hin, als er feierlich Sea) wird auch in mancherlei, meist
sein Richteramt niederlegt. scherzhaft gemeinter Abwandlung zi¬
tiert, z. B. „Der alte Mann und nichts
t Sorge macht alt vor der Zeit mehr“ oder - mit Anspielung darauf,
daß sich Hemingway mit einem Schuß
t Schier dreißig Jahre bist du alt selbst getötet hat - „Der alte Mann und
das Gewehr“.
Der alte Adam
Das Bild vom „alten Adam“ fußt auf T Jungen Wein in alte Schläuche
der Bibel und ihrer Vorstellung vom füllen

35
Alte Teil I

Der Alte hat’s gerufen, der Him¬ Varianten auch bei den griechischen
Philosophen und Schriftstellern Aristo¬
mel hat’s gehört
teles (384-322 v.Chr.), Zenon (etwa
Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Des
335-263 v. Chr.), Plutarch (etwa 46-125
Sängers Fluch“ von Ludwig Uhland
n.Chr.) sowie den römischen Philoso¬
(1787-1862). Nachdem der Fluch des
phen und Staatsmännern Cicero
alten Sängers gegen den König, den
(106-43 v.Chr.) und Seneca (4 v.Chr.
„verruchten Mörder“, ausgesprochen
bis 65 n.Chr.).
ist, wird mit der Verszeile „Der Alte
hat’s gerufen, der Himmel hat’s gehört“
t Was man in der Jugend wünscht,
die Erfüllung des Fluches angekündigt.
hat man im Alter die Fülle
Wenn man die Verszeile heute zitiert,
gibt man gewöhnlich seiner Freude, Er¬
Alter schützt vor Torheit nicht
leichterung o. ä. darüber Ausdruck, daß
etwas Erhofftes glücklicherweise einge¬ Mit dieser sprichwörtlichen Redensart
kommentiert man kritisch oder auch in
troffen ist.
scherzhafter Absicht die Handlungs¬
Das Alte stürzt, es ändert sich die oder Verhaltensweise eines älteren
Menschen, tut man kund, daß man be¬
Zeit
stimmte Handlungs- oder Verhaltens¬
Zur Kennzeichnung einer Lage, in der weisen von Leuten in vorgerücktem Al¬
sich große Veränderungen vollziehen, ter für unpassend hält. Die Redensart
neue Ideen entstehen, neue Impulse ge¬ geht zurück auf eine Stelle in Shake¬
geben werden und in der nach Verlust speares Drama „Antonius und Cleopa¬
und Niedergang ein Neubeginn folgt, tra“ (1,3), wo Cleopatra in abwehrender
dient oft dieses Zitat aus Schillers Dra¬ Haltung und ungläubig die Worte
ma „Wilhelm Teil“ (IV, 2). Es lautet spricht: „Wenn mich das Alter auch
vollständig: „Das Alte stürzt, es ändert nicht schützt vor Torheit,/Doch wohl
sich die Zeit,/Und neues Leben blüht
vor Kindischsein“, im englischen Wort¬
aus den Ruinen“. Der zweite, wohl et¬
laut: ,,Though age from folly could not
was bekanntere Teil des Zitats wird oft
give me freedom,/It does from childish-
auch selbständig angeführt; er betont
ness." Die Redensart wurde dann im
besonders den Aspekt des hoffnungs¬
Laufe der Jahre in mancherlei mehr
vollen Wiederbeginns. (Vergleiche auch
oder weniger gelungener Weise abge¬
„Ein andersdenkendes Geschlecht“.)
wandelt, verballhornt, verdreht, wie et¬
wa: „Die Alte schützt vor Torheit
Den alten Adam ausziehen nicht“, „Torheiten schützen nicht vor
Der t alte Adam dem Altern“ oder auch: „Das ist das
Deprimierende am Alter: Es schützt vor
t Nehm’n Se ’n Alten! Torheit.“

Alter ego Alter Schwede


Die Bezeichnung eines guten, eines sehr Der meist als kameradschaftlich-ver¬
vertrauten Freundes als „anderes Ich“ trauliche oder scherzhaft-drohende An¬
ist in der lateinischen Form Alter ego be¬ rede gebrauchte Ausdruck soll aus der
kannt geworden und bildungssprach¬ Zeit nach dem 30jährigen Krieg stam¬
lich bis heute üblich geblieben. Die Aus¬ men, als Friedrich Wilhelm, der Gro¬
drucksweise hat ihre Wurzeln in der Li¬ ße Kurfürst (1620-1688), altgediente
teratur der Antike und kommt sowohl in schwedische Korporale veranlaßte, im
der griechischen wie auch in der lateini¬ Land zu bleiben und als Ausbilder in
schen Version vor. Als Urheber wird in seine Dienste zu treten. Diese Ausbil¬
erster Linie der griechische Philosoph der, besonders erfahren im militäri¬
und Mathematiker Pythagoras (etwa schen Drill, sollen „die alten Schwe¬
570-480 v. Chr.) genannt. Der Aus¬ den“ genannt worden sein. - Nach einer
druck erscheint aber in verschiedenen anderen, aus Schweden kommenden

36
Teil I
am

Version stammt der Ausdruck aus der nach der verlorenen, oft zur romanti¬
baltischen Studentensprache und diente schen Idylle verklärten Heimat ausge¬
zur Bezeichnung älterer, besonders dem drückt. In solchem gedanklichen Zu¬
fröhlichen Studentenleben zugewandter sammenhang ist auch die Verwendung
Studenten. gerade des „Lindenbaumliedes“ in dem
Roman „Der Zauberberg“ von Thomas
Altes Herz wird wieder jung Mann zu verstehen, der seinen Helden
Dies ist der Titel einer 1943 unter der Hans Castorp mit einzelnen Zeilen aus
Regie von Erich Engel entstandenen diesem Lied auf den Lippen in die
Filmkomödie, die sich um einen 70jäh- Schrecknisse des Krieges entschwinden
läßt.
rigen Junggesellen dreht. Emil Jannings
spielte hier seine letzte Filmrolle; in
weiteren Rollen sind Viktor de Kowa Am deutschen Wesen soll die Welt
und Elisabeth Flickenschildt zu sehen. genesen
Der Filmtitel wird, anerkennend oder
Ein großes Anliegen des deutsch-natio¬
auch anzüglich, im Hinblick auf neu¬
nal gesinnten Dichters Emanuel Geibel
erwachte Aktivitäten eines älteren Men¬
(1815-1884) war die deutsche Einigung
schen zitiert.
unter der Führung Preußens. Diese Idee
spielte in vielen seiner Gedichte eine
Alt-Heidelberg, du feine große Rolle. Besonderen Einfluß hatte
So lautet die Anfangszeile eines Liedes das Gedicht „Deutschlands Beruf1, das
von Joseph Victor von Scheffel mit den Versen endet; „Und es mag am
(1826-1886), das besonders als Kom¬ deutschen Wesen/Einmal noch die Welt
merslied studentischer Verbindungen genesen.“ Der Schlußgedanke dieses
bekannt geworden ist. Die Zeile wird Gedichts, bei Geibel noch als Wunsch
auch heute noch im Zusammenhang mit formuliert, wurde in der Folgezeit in
der Heidelberg-Romantik zitiert. verhängnisvoller Weise zur Forderung
erhoben und bis in den Nationalsozia¬
Am Anfang war das Wort lismus hinein als Schlagwort genutzt. In
Anspielung auf diese Zeit zitiert man
t Im Anfang war das Wort
den Satz heute gelegentlich als Mah¬
nung vor übertriebenem deutschen Na¬
Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr tionalismus oder als Kritik an zu un¬
nur einen hört und auf des Mei¬ nachgiebigem, zu egoistischem oder zu
sters Worte schwört rechthaberischem Verhalten Deutsch¬
t Jurare in verba magistri lands bei Zwistigkeiten und Meinungs¬
verschiedenheiten mit anderen Staaten.

Am Brunnen vor dem Tore


Das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ Am Ende hängen wir doch ab von
(eigentlicher Titel „Der Lindenbaum“), Kreaturen, die wir machten
das schon fast zu einem Volkslied ge¬ Mit diesen Worten bezieht sich Mephi¬
worden ist, gehört zu dem Zyklus „Win¬ sto (Goethe, Faust II, Laboratorium)
terreise“ von Wilhelm Müller, einem auf „Homunculus“, den künstlich er¬
Dichter des frühen 19. Jahrhunderts schaffenen Menschen. Dieser macht
(1794-1827). Seine Gedichte wurden sich kurz nach seiner Erschaffung zum
vor allem durch die Vertonung von Führer für Faust und Mephisto, um sie
Franz Schubert bekannt. Besonders ins antike Griechenland zu geleiten.
häufig zitiert werden die Anfangsverse Heute kann dieses Zitat jemand verwen¬
des Gedichts vom Lindenbaum: „Am den, der seine eigene als ärgerlich emp¬
Brunnen vor dem Tore,/Da steht ein fundene Abhängigkeit von Leuten, bei¬
Lindenbaum ;/Ich träumt’ in seinem spielsweise Politikern, charakterisieren
Schatten/So manchen süßen Traum.“ will, die er zuvor selbst unterstützt, ge¬
Mit diesen Versen wird die Sehnsucht fördert, gewählt hat.

37
am Teil I

Am farbigen Abglanz haben wir der Titel Le jour oü la pluie viendra. Er


das Leben wird meist mit Bezug auf das Eintreten
eines lange ersehnten, große Freude
Dieses Zitat stammt aus dem zweiten
oder Erleichterung bringenden Ereig¬
Teil von Goethes Faust (Anmutige Ge¬
nisses zitiert. Scherzhaft kann man da¬
gend). Am Beginn sieht man den im
mit auch unerwartete, anhaltende Re¬
Freien schlafenden Faust. Er schläft ei¬
genfälle kommentieren, die z. B. einen
nen Heilschlaf, der ihn von der Last sei¬
geplanten Ausflug „ins Wasser fallen“
ner Schuld befreit. Erwachend beobach¬
lassen.
tet er im aufsprühenden Gischt eines
Wasserfalls einen Regenbogen, den er
Amboß oder Hammer sein
als Symbol begreift: „Der spiegelt ab
das menschliche Bestreben./Ihm sinne Mit dem Bild von Hammer und Amboß,
nach, und du begreifst genauer:/Am far¬ das die Problematik der Polarität von
bigen Abglanz haben wir das Leben.“ Oben und Unten, vom Herrschen und
Mit dieser Erkenntnis wendet sich Faust Dienen verdeutlicht, schließt ein kurzes
neu dem Leben, der Welt der Erschei¬ spruchartiges Gedicht von Goethe. Es
nungen zu, die allein für den Menschen ist das zweite der kophtischen Lieder
erkennbar ist. Mit dem Zitat kommen¬ mit dem Titel „Ein anderes“ (1792). Die
tiert man die Freude an den Schönhei¬ zweite Hälfte des Gedichtes lautet: „Du
ten der Natur und ihrer Vielfalt. mußt steigen oder sinken,/Du mußt
herrschen und gewinnen,/Oder dienen
Am grünen Strand der Spree und verlieren,/Leiden oder triumphie-
ren,/Amboß oder Hammer sein“. Der
Die im Zusammenhang mit Berlin oft zi¬
deutsche Schriftsteller Friedrich Spiel¬
tierte Zeile ist der Refrain eines Cou¬
hagen gab einem seiner Romane den Ti¬
plets aus dem Volksstück „Der große
tel „Hammer und Amboß“ (1869). Ein
Wohltäter“ des Autors Heinrich Wilken
zentraler Gedanke dieses Entwicklungs¬
(1835-1886). Populär wurde sie als Titel
romans ist die Vorstellung, daß der
des 1955 erschienenen Romans von
Mensch nicht eins von beiden, sondern
Hans Scholz und besonders durch die
Hammer und Amboß zugleich sein
nach diesem Roman gedrehte gleich¬
müsse.
namige Fernsehserie.
Amerika den Amerikanern
Am sausenden Webstuhl der Zeit
Das Schlagwort (englisch America for
Die Worte, die als bildhafte Umschrei¬ the Americans) fußt auf der sogenannten
bung der Vergänglichkeit, der allzu Monroedoktrin, die 1823 von Präsident
rasch dahingehenden Zeit zitiert wer¬
James Monroe in einer Kongreßbot¬
den, gehören zu den Versen in Goethes
schaft dargelegt wurde. In der Monroe¬
Faust, in denen der Erdgeist sein eige¬ doktrin (die im übrigen nie die offizielle
nes Wesen beschreibt (Goethe, Faust I,
Anerkennung durch andere Mächte er¬
Nacht): „Geburt und Grab,/Ein ewiges
fahren hat, also nicht Bestandteil des
Meer,/Ein wechselnd Weben,/Ein glü¬
Völkerrechts ist) wurde in erster Linie
hend Leben,/So schaff ich am sausen¬
das Verbot der Intervention und der
den Webstuhl der Zeit,/Und wirke der
weiteren Kolonisation der europäischen
Gottheit lebendiges Kleid.“
Mächte auf dem amerikanischen Konti¬
nent ausgesprochen, aber auch eine Ver¬
Am Tag, als der Regen kam pflichtung zur Nichteinmischung der
Dies ist die Anfangszeile eines Liedes USA in die inneren Angelegenheiten
des französischen Chansonsängers Gil¬ Europas. Das Schlagwort wurde in
bert Becaud aus den 50er Jahren. Be¬ neuerer Zeit - gelegentlich in weniger
kannt wurde es besonders durch die In¬ ernsten Zusammenhängen - auch auf
terpretation der damals vor allem in andere Länder o.ä. übertragen ge¬
Frankreich sehr populären Sängerin braucht: „Afrika den Afrikanern“ oder
Dalida. Im französischen Original hieß auch „Bayern den Bayern“.

38
Teil I
an

Amerika, du hast es besser manden sehr gut kennt - nicht zuletzt,


Dieser Ausspruch, der im Zusammen¬ weil der oder die Betreffende einem
hang mit den in Europa bestehenden schon einmal unliebsam aufgefallen ist.
Problemen häufig zitiert wird, ist die Allgemein verbreitet wurden die Worte
Anfangszeile des Gedichtes „Den Verei¬ als Zitat aus Heinrich von Kleists Lust¬
nigten Staaten“ aus den „Xenien“ von spiel „Der zerbrochene Krug“ (1811),
Goethe. Die für Amerika so eindeutig wo der Gerichtsrat Walter das umständ¬
positiv klingende Aussage wird aller¬ liche Beharren des Richters Adam auf
dings in den folgenden Zeilen durch die Formalitäten mit den Worten abkürzt:
Begründung leicht abgeschwächt, daß „So sind dergleichen Fragen überflüs¬
die Geschichtslosigkeit Amerikas eine sig./Setzt ihren Namen in das Proto¬
indirekte Ursache für das leichtere Le¬ koll,/Und schreibt dabei: dem Amte
ben in der Gegenwart sei. Der erste Vers wohlbekannt.“
endet mit den Worten: „Dich stört nicht
im Innern/Zu lebendiger Zeit/Unnützes t Was deines Amtes nicht ist, da
Erinnern/Und vergeblicher Streit“. - laß deinen Vorwitz
Zur Frage abgewandelt erscheint das
Zitat als Titel des 1966 gedrehten, von
An der Quelle saß der Knabe
dem Rundfunk- und Fernsehjournali¬
sten Thilo Koch kommentierten italieni¬ Die Anfangszeile des in seiner Grund¬
schen Reportagefilms „Amerika, hast stimmung schwermütigen Gedichtes
du es besser?“. „Der Jüngling am Bache“ von Schiller
wird häufig zitiert, meist allerdings ins
Der amerikanische Traum Scherzhafte gewendet und in ganz pro¬
fanem Zusammenhang. Sie dient als
Das Schlagwort kennzeichnet ganz all¬
Kommentar etwa zu einer Situation, bei
gemein das amerikanische Ideal von ei¬
der sich jemand in einer günstigen Posi¬
ner wohlhabenden demokratischen Ge¬
tion befindet, an einem angenehmen
sellschaft in einem Land der unbegrenz¬
Platz mit der erfreulichen Aussicht, sich
ten Möglichkeiten, einem Land, in dem
aufs beste mit etwas versorgen zu kön¬
beispielsweise ein Tellerwäscher zum
nen, oder auch, wenn jemand eine sol¬
Millionär werden kann. Der amerikani¬
che Position allzusehr ausnutzt.
sche Dramatiker Edward Albee (gebo¬
ren 1928) benutzte das Schlagwort als
Titel eines Stückes, The American An die große Glocke hängen
Dream (1961), in welchem er die Ent¬ Die umgangssprachliche Redewendung
fremdung und Vereinsamung des Men¬ „etwas an die große Glocke hängen“ im
schen in dieser amerikanischen, brüchig Sinne von „etwas Privates, Vertrauli¬
gewordenen, menschenfeindlichen Ge¬ ches überall erzählen“ leitet sich von
sellschaft zum Thema macht und mit dem alten Brauch her, Bekanntmachun¬
den Mitteln des absurden Theaters das gen, öffentliche Rügen, drohende Ge¬
Scheitern des amerikanischen Traums fahr usw. der Allgemeinheit mit einer
darstellt. Auch das Buch „Distinguished Glocke - etwa der Schelle des Gemein¬
Visitors“ von Klaus Mann wurde 1992 dedieners oder der großen Kirchenglok-
mit dem deutschen Untertitel „Der ame¬ ke - anzukündigen. Die Lebensregel
rikanische Traum“ veröffentlicht. „Häng an die große Glocke nicht,/Was
jemand im Vertrauen spricht“ findet
t Ich hab’ hier bloß ein Amt und sich in „Ein silbern ABC“ von Matthias
keine Meinung Claudius (1740-1815).

Dem Amte wohlbekannt ... an die Wand drücken, daß sie


Die altertümliche amtssprachliche For¬ quietschen
mel wird heute scherzhaft gebraucht, Der drastische Ausdruck, der das rück¬
wenn man ausdrücken will, daß man je¬ sichtslose Vorgehen gegen unliebsame

39
an Teil I

Konkurrenten o. ä. umschreibt - er ist geht auf eine Eingabe mit Verbesse¬


auch in der Form „... an die Wand quet¬ rungsvorschlägen zurück, die der jünge¬
schen, daß/bis sie quietschen“ be¬ re Guilelmus Durandus, Bischof von
kannt wird Bismarck zugeschrieben. Mende, für das von Clemens V. nach
Er soll ihn 1878 auf die Nationallibe¬ Vienne 1311 einberufene Konzil verfa߬
ralen bezogen haben, mit denen er te. Darin heißt es (Rubrica I § 2,3): Vide-
Schwierigkeiten hatte. Bismarck selbst retur deliberandum, perquam utile fore et
hat jedoch energisch bestritten, diesen necessarium quod ante omnia corrigeren-
Ausspruch je getan zu haben. tur et reformarentur illa quae sunt in ec-
clesia Dei corrigenda et reformanda, tarn
An diesem Tage hätte die Weltge¬ in capite quam in membris („Es scheint
schichte ihren Sinn verloren in Erwägung gezogen werden zu müs¬
sen, daß es sehr nützlich und notwendig
Diesen Satz hat Walther Rathenau
sein würde, vor allem das, was in der
(1867-1922) beim Ausbruch des Ersten
Kirche Gottes verbesserungs- und re¬
Weltkriegs im Hinblick auf dessen Aus¬
formbedürftig ist, zu verbessern und zu
gang einem Freund gegenüber ausge¬
reformieren an Haupt und Gliedern.“)
sprochen. Rathenau, der spätere Au¬
ßenminister, hielt den damals regieren¬
An ihren Früchten sollt ihr sie er¬
den Wilhelm II. für einen zwar sympa¬
thischen Menschen, aber auch für einen kennen
zum Regieren völlig untauglichen Kai¬ Das bekannte Bibelzitat wird meist war¬
ser, der den Krieg niemals gewinnen nend gebraucht, z. B. wenn man darauf
könnte. Würde jedoch ein solcher Kai¬ hinweisen will, daß der wahre Charak¬
ser dennoch als Sieger zurückkehren, so ter von Menschen erst an dem zu erken¬
Rathenau, dann „hätte die Weltge¬ nen ist, was sie durch ihr Handeln be¬
schichte ihren Sinn verloren“. - In ähn¬ wirken, an den „Früchten“ ihres Tuns.
lichem Sinne wird, etwa angesichts ei¬ In der Bibel selbst gebraucht Jesus das
ner absurden Situation, einer für unsin¬ Wort (Matthäus 7, 16) im Zusammen¬
nig gehaltenen Entwicklung, der Aus¬ hang mit der Warnung vor „den fal¬
spruch Rathenaus auch heute noch zi¬ schen Propheten“ und erläutert dann
tiert. genauer, daß nur ein guter Baum gute,
ein fauler Baum jedoch nur schlechte
An einem Tag wie jeder andere Früchte bringen könne.

Dies ist der deutsche Titel eines ameri¬


kanischen Spielfilms aus dem Jahre t Denn an sich ist nichts weder gut
1955 (Regie: William Wyler; Originalti¬ noch böse, das Denken macht es
tel: „The desperate hours“, wörtlich erst dazu
übersetzt etwa: „Die Stunden der Ver¬
zweiflung“). Humphrey Bogart spielt Anathema sit
darin einen von drei Verbrechern, die Die lateinische Form der von Paulus in
auf der Flucht vor der Polizei in ein zwei Briefen (Galater 1,8 und 1. Korin¬
Haus eindringen und die dort wohnen¬ ther 16,22) gebrauchten Worte „der sei
de Familie terrorisieren. Der Filmtitel verflucht“ ist besonders als Formel für
wird gelegentlich zitiert, wenn Situatio¬ die Exkommunikation aus der katholi¬
nen angesprochen werden, die zunächst schen Kirche bekannt geworden. Heute
harmlos wirken, jedoch Überraschen¬ werden die Worte - vor allem in bil¬
des, oft Gefährliches bergen. dungssprachlichem Kontext - auch als
scherzhafte Verwünschung o. ä. verwen¬
An Haupt und Gliedern det.
Die Redewendung im Sinne von „völlig,
ganz und gar, in jeder Hinsicht“ kommt Das andere Geschlecht
meist in Verbindung mit „reformieren“ Dies ist der Titel eines berühmt gewor¬
und „Reform“ vor. Die Formulierung denen Buches von Simone de Beauvoir

40
Teil I andre

(1908-1986), das sich mit den Forde¬ lisch gegenübertretenden Idealisten,


rungen und den Problemen der Frauen¬ den Malteserritter Marquis von Posa.
emanzipation auseinandersetzt. Der Ti¬ Werden diese Worte heute zitiert, so las¬
tel, im französischen Original Le deuxie- sen sie eher die distanzierte Haltung des
me sexe (wörtlich: „Das zweite Ge¬ Sprechers gegenüber einem Menschen
schlecht“), wurde zeitweise zum Schlag¬ erkennen, den man für etwas eigensin¬
wort der Emanzipationsbewegung der nig, sonderbar, überspannt o. ä. hält.
Frauen. Er wird heute auch allgemein
als Bezeichnung für „die Frauen“ ver¬
wendet. Ein andersdenkendes Geschlecht
Das Wort vom „andersdenkenden Ge¬
t Einer wie der andere schlecht“ steht in einem Zusammen¬
hang, in dem die auch heute immer wie¬
Eine t Hand wäscht die andere der geäußerte Meinung vertreten wird,
daß die Zeiten immer schlechter wer¬
Ein andermal von Euren Taten den, daß früher dagegen alles besser
Dies ist ein Vers aus dem Gedicht „Die war. In Schillers Schauspiel „Wilhelm
Tobakspfeife“ des aus Colmar stam¬ Teil“ (II, 1) spricht der greise Freiherr
menden Dichters Gottlieb Konrad Pfef- von Attinghausen die Worte: „Das
fel (1736-1809), der in seiner Zeit mit Neue dringt herein mit Macht, das Al¬
seinen Fabeln und erzählenden Gedich¬ te, /Das Würd’ge scheidet, andere Zeiten
ten sehr bekannt war. - Das vielstrophi- kommen,/Es lebt ein andersdenkendes
ge Gedicht „Die Tobakspfeife“ erzählt Geschlecht.“ Das Motiv der sich wan¬
von einem Kriegsveteranen, der einen delnden Zeiten taucht, ins Positive ge¬
Pfeifenkopf besitzt, den ein junger Adli¬ wendet, später im vierten Akt (2. Szene)
ger ihm gerne abkaufen möchte. Der Al¬ wieder auf. Der sterbende Attinghausen
te möchte ihn jedoch nicht hergeben. spricht dann die Worte: „Das Alte
Statt dessen erzählt er dem Jungen, wie stürzt, es ändert sich die Zeit,/Und neu¬
er in den Besitz des besonderen Stücks es Leben blüht aus den Ruinen.“
kam. Die vierte Strophe des Gedichts
schildert den Versuch, den Pfeifenbesit¬ Der andre hört von allem nur das
zer von seiner Erzählung abzulenken Nein
und ihn zum Verkauf zu bewegen: „Ein
t Man spricht vergebens viel, um zu ver¬
andermal von Euern Taten ;/Hier, Alter,
sagen
seid kein Tropf,/Nehmt diesen doppel¬
ten Dukaten/Für Euern Pfeifenkopf.“ -
Man gebraucht das Zitat noch gelegent¬ Andre Städtchen, andre Mädchen
lich, um einen allzu Gesprächigen oder
Man gebraucht die (von vielen sicher als
Erzählfreudigen in seinem Gesprächs¬
nicht mehr ganz zeitgemäß empfunde¬
fluß zu bremsen und dazu zu bringen,
ne) sprichwörtliche Redensart, um aus¬
auf das Wesentliche zurückzukommen.
zudrücken, daß jemand ein ungebunde¬
nes Leben ohne feste persönliche Bin¬
t Du mußt dein Leben ändern!
dungen führt; wer viel umherzieht,
bleibt nicht treu. Es handelt sich hier um
t Aber hier, wie überhaupt, kommt
eine Zeile aus dem von Friedrich Silcher
es anders, als man glaubt vertonten Lied „Nun leb wohl, du klei¬
ne Gasse“ von Albert Graf Schlippen¬
Anders als sonst in Menschenköp¬
bach (1800-1886), mit der allerdings ge¬
fen malt sich in diesem Kopf die rade das Heimweh und die Sehnsucht
Welt nach der zurückgelassenen Geliebten
Voll bewundernder Anerkennung besonders zum Ausdruck gebracht wird.
spricht Philipp II., König von Spanien, Es heißt dort: „...ach wohl sind es andre
in Schillers Drama „Don Kariös“ Mädchen,/doch die eine ist es nicht!“
(III, 10) diese Worte über den ihm rebel¬ und am Schluß des Liedes: „Andre

41
Anfang Teil I

Mädchen, andre Städtchen,/O wie ger¬ spiel der Urlaubsort so gewählt wird,
ne kehrt’ ich um!“. daß man zugleich Geschäfte abwickeln
kann).
Der Anfang vom Ende
Die Redensart „Das ist der Anfang vom
Die Angst des Tormanns beim Elf¬
Ende“ mit der Bedeutung „der Unter¬ meter
gang, der Ruin o. ä. ist nicht mehr fern“ Dies ist der Titel einer 1970 veröffent¬
beruht auf einem stark abgewandelten lichten Erzählung von Peter Handke
Zitat aus Shakespeares „Ein Sommer¬ (geboren 1942). Die Situation des Tor¬
nachtstraum“ (V, 1). Dort heißt es im warts, der abzuschätzen versucht, wohin
englischen Originaltext: Thal is the true der Schütze den Ball schießen wird,
beginning of our end, also etwa „das ist steht hier symbolisch für die Schwierig¬
der wahre Beginn unseres Endes“. Bei keiten eines Menschen, andere zu ver¬
Shakespeare ist dies im Textzusammen¬ stehen und sich selbst verständlich zu
hang eine scherzhafte Verdrehung der machen. Jede Fehleinschätzung des
eigentlich gemeinten Aussage „Das ist Torwarts kann zum Tor für die gegneri¬
das wahre Ende unseres Beginnens“, sche Mannschaft führen; in der Erzäh¬
wobei „Ende“ in der älteren Bedeutung lung führen die Verständigungsschwie¬
von „Ziel“ zu verstehen ist. rigkeiten des Protagonisten bis zum
Mord an einer Kinokassiererin. Der
t Im Anfang war das Wort Buchtitel wird oft als distanzierter, gele¬
gentlich auch scherzhafter Kommentar
t Im Anfang war die Tat zu jemandes Angst in einer bestimmten,
vielleicht entscheidenden Situation zi¬
t Und jedem Anfang wohnt ein tiert.
Zauberinne
Angst essen Seele auf
Die t Furcht des Herrn ist der
Dies ist der Titel eines Films von Rainer
Weisheit Anfang
Werner Fassbinder aus dem Jahr 1973,
in dem eine ältere Frau einen sehr viel
t Wehret den Anfängen
jüngeren marokkanischen Gastarbeiter
heiratet. Beide müssen sich gegen eine
Der angeborenen Farbe der Ent¬
intolerante und feindselige Haltung ih¬
schließung wird des Gedankens
rer Mitmenschen behaupten. Der Titel
Blässe angekränkelt
wird zitiert, wenn man ausdrücken will,
t Von des Gedankens Blässe angekrän¬ daß sich Angst auf einen Menschen, auf
kelt seine Persönlichkeit, seine Gefühle zer¬
störerisch auswirkt.
Die t Welt aus den Angeln heben
t Keine Angst vor großen Tieren
Das Angenehme mit dem Nütz¬
lichen verbinden t Wer hat Angst vor Virginia
Diese Redewendung geht auf Vers 343 Woolf?
der „Ars poetica“ (= Dichtkunst) des
Horaz (65-8 v. Chr.) zurück: Omne tulit T Begnadete Angst
punctum, qui miscuit utile dulci („Den
Beifall aller hat erhalten, wer mit dem Anklagen ist mein Amt und meine
Angenehmen das Nützliche vermischt Sendung
hat“). Während Horaz von den Dich¬ Mit diesem Satz kann man sich für eine
tern und ihren Werken spricht, wird die Kritik entschuldigen, die man pflichtge¬
Redewendung heute ganz allgemein in mäß vorzutragen hat, auch wenn einem
bezug auf angenehme Dinge gebraucht, das nicht sehr angenehm ist. So versucht
die zugleich einen Nützlichkeitsaspekt es jedenfalls Kriegsrat von Questenberg
für jemanden haben (indem zum Bei¬ als Abgesandter des Kaisers gegenüber

42
Teil I
Appetit

Wallenstein in Schillers „Wallenstein I, is blowin ’ in the wind (wörtlich übersetzt


Die Piccolomini“ (11,7). Der folgende „Die Antwort treibt im Wind“). Man
Vers macht deutlich, daß die offizielle weist mit dem Zitat auf die Unlösbarkeit
Pflicht und die private Neigung hier an¬ eines Problems, das Offenbleiben einer
scheinend im Widerstreit liegen: „Es ist Frage hin.
mein Herz, was gern beim Lob ver¬
weilt.“ Anvertrautes Pfund
t Mit seinem Pfund wuchern
Ans Vaterland, ans teure, schließ
dich an Apage Satana!
Diese Mahnung richtet in Schillers Mit den Worten „Hebe dich weg von
„Wilhelm Teil“ (II, 1) der Freiherr von mir, Satan!“ (griechisch änaye aarava)
Attinghausen als Letzter seines Stam¬ weist Jesus im Matthäusevangelium den
mes an seinen Neffen Ulrich von Ru- Teufel zurück, der ihn in Versuchung
denz. Es geht hier allerdings weniger führen will (Matthäus 4,10). Sowohl die
darum, die Idee des Vaterlandes als sol¬ deutschen als auch die griechischen
che hochzuhalten, als um die Erkennt¬ Worte zitieren wir, wenn wir - mit ge¬
nis, daß das Vaterland für seine Bewoh¬ spielter Entrüstung - jemanden zurück¬
ner eine Quelle der Kraft darstellen weisen, der uns verführen, zu einem
kann. Das zeigen die unmittelbar dazu¬ zwar verlockenden, aber verbotenen
gehörenden Verse: „Das halte fest mit Tun überreden will.
deinem ganzen Herzen./Hier sind die
starken Wurzeln deiner Kraft;/Dort in Apfel der Zwietracht
der fremden Welt stehst du allein,/Ein
t Zankapfel
schwankes Rohr, das jeder Sturm zer¬
knickt.“
t Wenn ich wüßte, daß morgen die
Welt untergeht, würde ich heute
(Ohne Ansehen der Person
noch ein Apfelbäumchen pflan¬
zen
Antikommunismus ist die Grund¬
torheit unserer Epoche
TO wackrer Apotheker, dein
Diese Formulierung lehnt sich an eine
Trank wirkt schnell
Äußerung Thomas Manns (1875-1955)
an, der in seiner Rede „Schicksal und
Der Appetit kommt beim Essen
Aufgabe“ von 1943 vom „Schrecken der
Diese sprichwörtliche Redensart ist
bürgerlichen Welt vor dem Kommunis¬
möglicherweise aus dem Französischen
mus“ als der „Grundtorheit unserer
ins Deutsche gekommen. Die französi¬
Epoche“ spricht. Nach dem Zusam¬
sche Form L’appetit vient en mangeant
menbruch vieler sozialistischer Staaten
findet sich schon in Franfois Rabelais’
und Regierungssysteme dürfte das Zitat
(1494-1553) utopisch-burleskem und
kaum noch Verwendung finden.
satirischem Abenteuerroman „Gargan-
tua und Pantagruel“ von 1535 (Panta-
t Über diese Antwort des Kandi¬
gruel, der Sohn Gargantuas zeichnet
daten Jobses geschah allgemeines
sich unter anderem durch besondere
Schütteln des Kopfes Gefräßigkeit aus). Der französische Re¬
naissancedichter stützte sich thematisch
Die Antwort kennt nur der Wind auf das 1532 in Lyon erschienene Volks¬
Der Titel des 1973 veröffentlichten, buch von den Riesen Gargantua und
1974 verfilmten Romans von Johannes Pantagruel. Die erste deutsche Überset¬
Mario Simmel greift seinerseits den Re¬ zung von Gottlob Regis erschien
frain des Songs Blowin' in the Wind 1832-1841. Die Redensart wird heute
(1963) des amerikanischen Folk- und einerseits konkret gebraucht, etwa als
Popsängers Bob Dylan auf: The answer Aufforderung an jemanden, der keinen

43
apres Teil I

Appetit verspürt, trotzdem etwas zu es¬ Arbeit schändet nicht


sen. Andererseits gibt es aber auch eine Diese sprichwörtliche Redensart findet
übertragene Verwendung, bei der mit sich bereits in dem Lehrgedicht „Werke
„Appetit“ oft eher Habgier gemeint ist. und Tage“ (Vers 311) des altgriechi¬
schen Dichters Hesiod (um 700 v. Chr.).
Apres nous le deluge! Hesiod will damit seinen Bruder Perses
zur Arbeit ermuntern. Auch heute ent¬
t Nach mir die Sintflut!
hält die Redensart oft die indirekte Auf¬
forderung, sich einer Arbeit nicht zu
Die t schönen Tage in Aranjuez entziehen, auch dann nicht, wenn es
sind nun zu Ende sich um eine weniger angesehene Art
von Betätigung handelt.

t Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert


Das t Leben gab den Sterblichen
nichts ohne große Arbeit
Arbeit macht das Leben süß
Diese Redensart bildet die Anfangszeile Bete und arbeite!
des Gedichts „Arbeit“ aus Gottlob Wil¬ t Ora et labora!
helm Burmanns (1737-1805) „Kleinen
Liedern für kleine Jünglinge“ (1777). Arbeiten und nicht verzweifeln
Mit ihm wollte man ursprünglich wohl Diese Maxime ist eine Rückübersetzung
die Arbeit, die gemeinhin eher als etwas aus dem Englischen. Der schottische
empfunden wird, was einem sauer wer¬ Essayist und Historiker Thomas Carlyle
den kann - süß ist dagegen das Nichts¬ (1795-1881) schloß seine Antrittsrede
tun der Jugend schmackhaft machen. als Rektor der Universität Edinburgh
Die hinzuerfundene scherzhafte Ergän¬ 1866 mit seiner Übersetzung des Logen¬
zung: „Faulheit stärkt die Glieder“ stellt gedichts „Symbolum“, das Goethe an¬
dazu eine Art Antithese auf, betont zu¬ läßlich der Aufnahme seines Sohnes in
mindest, daß auch das Nichtarbeiten die Weimarer Loge Amalia (1815) ver¬
seine Vorteile hat. Heute wirkt die ernst¬ faßte. Die Schlußzeile lautet: „Wir hei¬
haft gemeinte Aussage „Arbeit macht ßen euch hoffen“. Carlyles freie Über¬
das Leben süß“ eher etwas altmodisch¬ setzung Work and despair not wurde als
bieder; man gebraucht die Redensart „Arbeiten und nicht verzweifeln“ ins
vorwiegend ironisch, gelegentlich sogar Deutsche übertragen und so als Titel
spöttisch gegenüber jemandem, der mit einer deutschen Carlyle-Auswahl von
Arbeit überlastet ist. 1902 gewählt. Sie kann als Motto oder
als praktischer Ratschlag zur Bewäl¬
Arbeit macht frei tigung schwieriger Lebenssituationen
zitiert werden.
Dieser Spruch stand über den Eingangs¬
toren der Konzentrationslager Ausch¬
Die Arbeiter haben kein Vaterland
witz, Dachau, Sachsenhausen und Flos-
senbrück, was angesichts des grauen¬ t Vaterlandslose Gesellen
haften Schicksals der Inhaftierten nur
als blanker Zynismus angesehen werden Arbeiter im Weinberg des Herrn
kann. Deshalb haftet dem Spruch heu¬ Mit dem Weinberg des Herrn ist im Al¬
te - sofern er überhaupt zitiert wird - ten Testament nach Jesaja 5,7 das Haus
ein starkes emotionales oder polemi¬ Israel gemeint. Seit dem 16. Jahrhundert
sches Element an; er wird gelegentlich wird er aber schon als Bild für das geist¬
unter bewußter Anspielung auf die Un¬ liche Amt und die Christenheit, die
menschlichkeit der Konzentrationslager christliche Kirche verstanden, in deren
ironisch als Ausdruck heftiger Ableh¬ Dienst man von Gott gerufen wird. Die
nung eines unreflektierten Arbeitsethos Metapher von den Arbeitern im Wein¬
verwendet. berg stammt aus dem entsprechenden

44
Teil I Ariadnefaden

Gleichnis im Neuen Testament, wo es von ihm umgestalteten gotischen Kirche


beim Evangelisten Matthäus (20, 1) San Francesco in Rimini. Alberti war
heißt: „Das Himmelreich ist gleich ei¬ seinerseits beeinflußt von dem römi¬
nem Hausvater, der am Morgen aus¬ schen Architekten Vitruv, der in seinem
ging, Arbeiter zu mieten in seinen Wein¬ Lehrwerk über die Architektur (De Ar-
berg.“ Gemeindemitglieder und Mitar¬ chitectura, um 25 v.Chr.) bereits über
beiter der Kirche werden, besonders bei die Beziehung zwischen beiden Künsten
feierlichen Anlässen, unabhängig von reflektiert und vom Architekten musika¬
ihrer Stellung innerhalb der klerikalen lische Kenntnisse verlangt. Goethe zi¬
Hierarchie auch heute noch oft als „Ar¬ tiert dieses Postulat Vitruvs in seiner
beiter im Weinberg des Herrn“ ange¬ Übersetzung der Autobiographie des
sprochen oder bezeichnen sich selbst so. Florentiner Goldschmieds und Bildhau¬
ers Benvenuto Cellini (1500-1571) und
Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert greift auch Schellings Formel in „Maxi¬
t Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert men und Reflexionen“ (Nr. 1 133) und
in den Gesprächen mit Eckermann
t Wer nicht arbeitet, soll auch (23. 3. 1829) auf. Arthur Schopenhauer
nicht essen schließlich lehnt die Vorstellung „daß
Architektur gefrorene Musik sei“ als
„keckes Witzwort“ ab („Die Welt als
Arbiter elegantiae
Wille und Vorstellung“, Bd.2, Buch 3,
Als Arbiter elegantiae oder elegantia- Kap. 39).
rum (in wörtlicher Übersetzung
„Schiedsrichter der Feinheit bzw. Fein¬
heiten“) bezeichnet man in gehobener Argusaugen
Sprache jemanden, der ein sicheres Ur¬ In bezug auf jemandes scharf beobach¬
teil in Fragen des guten Geschmacks, tenden Blick, dem nichts entgeht,
des Lebensstils besitzt und an den man spricht man von Argusaugen. Argus
sich in entsprechenden Fällen wie an ei¬ bzw. Argos ist der hundertäugige Riese
nen Schiedsrichter wenden kann. Die der griechischen Sage. In der Tragödie
Funktion des Arbiter elegantiae (so wird „Die Schutzflehenden“ des griechi¬
er bei Tacitus erwähnt) erfüllte am Hofe schen Dichters Äschylus (525/24 bis
des römischen Kaisers Nero der Schrift¬ 456/55 v. Chr.) bewacht er die von Hera
steller Gajus Petronius Arbiter (gestor¬ in eine Kuh verwandelte Io, die Gelieb¬
ben 66 n. Chr.), Autor des satirisch-par- te ihres Gatten Zeus.
odistischen Schelmenromans „Satiri-
con“.
Ariadnefaden
Unter diesem Ausdruck versteht man
Archimedischer Punkt
heute etwas, was jemanden durch Wirr¬
T Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten
nis hindurchleitet, ihm aus einer un-
kann, und ich bewege die Erde überschaubaren Situation hilft. Der Be¬
griff hat seinen Ursprung in der griechi¬
Architektur ist erstarrte Musik schen Sage, wo die in den Helden The-
Bei Friedrich Wilhelm Joseph von seus verliebte kretische Königstochter
Schelling (1775-1854) steht der zum To- Ariadne diesem ein Wollknäuel gibt,
pos gewordene Satz in seiner 1802/03 in das ihn aus dem Labyrinth, in dem er
Jena und 1804/05 in Würzburg gehalte¬ den Minotauros töten will, wieder her¬
nen Vorlesung über die Philosophie der ausführt. Diese Sage findet sich bei dem
Kunst in folgender Form: „Wenn die römischen Dichter Ovid (43 v.Chr. bis
Architektur überhaupt die erstarrte Mu¬ 17/18 n. Chr.) in den „Metamorphosen“
sik ist...“ Vor Schelling spricht der ita¬ (VIII), den „Heroides“ (X) und in den
lienische Architekt und Kunsttheoreti¬ „Fasti“ (III) sowie in der 42. Fabel des
ker Leon Battista Alberti (1404-1472) römischen Philologen und Polyhistors
von Musik angesichts der Fassade der Hyginus (60 v.Chr.-10 n.Chr.).

45
Arkadien Teil I

t Auch ich war in Arkadien Armer Lazarus


Von einem bedauernswerten Menschen,
Arm am Beutel, krank am Herzen
der arm und krank ist, der schwer zu lei¬
Die Redensart, mit der man scherzhaft den hat, spricht man umgangssprach¬
auf seinen chronischen oder augen¬ lich als armem Lazarus, oder man sagt,
blicklichen Geldmangel hinweist, ist der er sei arm wie Hiob. Beide Bezeichnun¬
Anfangsvers von Goethes erster Ballade gen gehen auf Gestalten der Bibel zu¬
„Der Schatzgräber“, die 1797 in Schil¬ rück: Lazarus auf das Gleichnis vom ar¬
lers „Musenalmanach für das Jahr men Lazarus im Lukasevangelium
1798“ erschien. Der Schatzgräber ist ein (16,19-31), Hiob auf die Titelfigur des
seiner lange andauernden Armut über¬ Buches Hiob im Alten Testament, das
drüssiger Mensch; er will seinem Kum¬ von der Erprobung seiner Frömmigkeit
mer ein Ende machen, indem er mit Hil¬ durch verschiedene Heimsuchungen be¬
fe einer Geisterbeschwörung versucht, richtet. In beiden Fällen ist die Armut
eine Stelle zu finden, wo ein Schatz ver¬ mit körperlicher Krankheit gepaart, bei
borgen liegt. Beim Graben erscheint Hiob kommt noch die Verspottung
ihm jedoch ein „schöner Knabe“, der durch andere hinzu (Hiob 17,6; 30,9).
ihm rät, die nutzlose Schatzsuche aufzu¬
geben und statt dessen ein vernünftiges t Ich bin nur ein armer Wanderge¬
Leben zu führen.
sell
t Weil du arm bist, mußt du früher
sterben t Was hat man dir, du armes Kind,
getan?
Einen tlangen Arm haben
Armut ist die größte Plage, Reich¬
Arm in Arm mit dir, so fordr’ ich tum ist das höchste Gut!
mein Jahrhundert in die Schranken
Dieses Zitat stammt aus der ersten Stro¬
Mit diesen begeisterten - heute wohl phe von Goethes Ballade „Der Schatz¬
eher scherzhaft zitierten - Worten wird gräber“. Es wird in ähnlicher Weise als
die Erkenntnis umschrieben, daß ge¬ Hinweis auf die eigene finanzielle Situa¬
meinsames Handeln mit einem zuver¬ tion (oder auch die anderer) verwendet
lässigen Freund, einem verläßlichen wie die Eingangszeile dieses Gedichtes.
Partner die Bewältigung schwieriger Siehe hierzu auch: „Arm am Beutel,
Aufgaben, größter Herausforderungen krank am Herzen“.
möglich macht, ln Schillers Drama
„Don Kariös“ spricht der Titelheld die¬ Die Armut kommt von der Power-
se Worte zu seinem Jugendfreund, dem
teh
Marquis von Posa, und bekräftigt damit
noch einmal den gerade erneuerten Der heute gelegentlich noch scherzhaft
Freundschaftsbund. Die Worte be¬ zitierte Spruch geht zurück auf ein Zitat
schließen den ersten Akt des Dramas. aus Fritz Reuters (1810-1874) wohl
meistgelesenem Werk „Ut mine Strom-
Arm wie Hiob tid“ (Kapitel 38), wo der Inspektor Brä-
t Armer Lazarus sig seine Rede im Rahmstädter Reform¬
verein mit den Worten abschließt: „Die
t Ich fühle eine Armee in meiner große Armut in der Stadt kommt von
Faust der großen Powerteh her!“ Das Wort
„Powerteh“, eine landschaftlich verball¬
T Kann ich Armeen aus der Erde hornte Form von französisch pauvrete
stampfen? mit der Bedeutung „Armut, Armselig¬
keit“ wurde durch den damals und in
T In den Armen liegen sich beide der Folgezeit häufig zitierten Ausspruch
und weinen vor Schmerzen und ziemlich geläufig. Es ist nicht ganz aus¬
Freude zuschließen, daß der Nebensinn des

46
Teil I
auch

Wortes „Knauserigkeit, Knickrigkeit, machen. Wichtig ist für ihn, daß das Er¬
Schäbigkeit“ bei Reuter eine Rolle ge¬ kennen der schlichten, wenn oft auch
spielt haben könnte, so daß der Satz schmerzlichen Wahrheit die Vorausset¬
vielleicht gar nicht so dümmlich ist, wie zung für richtiges und gutes Handeln ist.
er auf den ersten Blick aussieht. Das heute wohl seltener gebrauchte
Zitat kann zum Beispiel eine unange¬
t In dieser Armut welche Fülle! nehme, aber heilsame Zurechtweisung
kommentieren.
Die Art, wie man gibt, gilt mehr,
als was man gibt Die T Gesunden bedürfen des Arz¬
Mit dieser sprichwörtlichen Redensart tes nicht
wird ausgedrückt, daß es sehr entschei¬
dend ist, in welcher Art und Weise und
As You Like It
aus welchen Motiven heraus jemand et¬ t Wie es euch gefällt
was schenkt oder spendet. Sie stammt
aus der Komödie „Le menteur“ tSich Asche aufs Haupt streuen
(deutsch: „Der Lügner“) des französi¬
schen Dramatikers Pierre Corneille Asphaltliterat
(1606-1684) und lautet im Original: La In der Sprache der Nationalsozialisten
facon de donner vaut mieux que ce qu’on wurde das Wort „Asphalt“ zur Meta¬
donne. pher für alles (besonders im großstädti¬
schen Bereich angesiedelte) vermeint¬
t Unheimliche Begegnung der drit¬ lich Dekadente, Verdorbene. Das Wort
ten Art taucht in vielen Zusammensetzungen in
der nationalsozialistischen Presse und
Die t Presse ist die Artillerie der Literatur immer wieder auf. Der gesam¬
Freiheit te fortschrittliche, nicht auf die natio¬
nalsozialistische Ideologie ausgerichte¬
Die Artisten in der Zirkuskuppel: te Bereich von Kunst, Kultur und Zivili¬
sation wurde mit Wörtern wie „Asphalt¬
ratlos
mensch“, „Asphaltpresse“, „Asphalt¬
Häufig, wenn von der Ratlosigkeit, der blatt“, „Asphaltdemokratie“, „Asphalt¬
Hilflosigkeit von Personen, auch dem kultur“ diskriminiert. Der Begriff
Versagen von Institutionen die Rede ist, „Asphaltliterat“ zum Beispiel wird von
wird der Ausspruch von den Artisten in Goebbels in einer Rede vom 6. 4. 1933
dieser oder auch in abgewandelter Form folgendermaßen eingesetzt: „... jene
zitiert. Es handelt sich dabei um den Ti¬ wurzel- und artlosen Asphaltliteraten,
tel eines 1968 nach dem Buch und unter die meistenfalls nicht aus unserem eige¬
der Regie von Alexander Kluge gedreh¬ nen Volkstum hervorgegangen sind“.
ten Films, der die Schwierigkeiten einer
Zirkusdirektorin bei der Durchsetzung T Eulen nach Athen tragen
eines neuartigen Zirkusprojekts schil¬
dert, mit dem sie schließlich an immer Solange ich atme, hoffe ich
neuen Widerständen scheitert. t Dum spiro, spero

Es ist Arznei, nicht Gift, was ich T Wie atmet rings Gefühl der Stille
dir reiche
Das Zitat stammt aus „Nathan der Wei¬ Auch das Schöne muß sterben
se“ (1,2) von Gotthold Ephraim Lessing In Zusammenhängen, in denen von der
(1729-1781). Nathan spricht dort die Vergänglichkeit aller Dinge, dem Verge¬
Worte zu Recha, seiner angenommenen hen des Irdischen gesprochen wird,
Tochter. Er will deren hingebungsvoller wird dieses Zitat, wenn auch nicht im¬
Schwärmerei durch die Konfrontation mer in sehr ernsthafter Weise, noch ge¬
mit der nüchternen Realität ein Ende braucht. Es sind die Anfangsworte des

47
auch Teil I

Gedichtes „Nänie“ von Schiller. (Eine auch einer von denen“. - Möglicherwei¬
„Nänie“ ist eine altrömische Totenkla¬ se hat sich aus diesen Worten auch die
ge.) umgangssprachliche Formulierung „das
ist auch so einer“ entwickelt. - Beein¬
Auch diese, schon geborsten, kann flußt von dem Bibelwort ist der Titel des
weitgehend autobiographischen Ro¬
stürzen über Nacht
mans „Auch einer“ von Friedrich Theo¬
tNoch eine hohe Säule zeugt von ver-
dor Vischer (1807-1887).
schwund’ner Pracht
Auch ich war ein Jüngling mit lok-
Auch du, mein Sohn Brutus? kigem Haar
In dieser Form wird der heute oft als Mit dieser Zeile beginnt das Lied des al¬
scherzhafte, als nicht ganz ernst gemein¬ ten Waffenschmieds, ein wehmütiger
te Floskel dienende Ausruf gebraucht. Rückblick in die schöne alte Zeit, aus
Man bringt damit sein gespieltes oder der Oper „Der Waffenschmied“ von
tatsächliches Erstaunen darüber zum Albert Lortzing (1801-1851), die nach
Ausdruck, daß jemand zur Gegenpartei dem Lustspiel „Liebhaber und Neben¬
übergelaufen ist und einen im Stich läßt. buhler in einer Person“ von Friedrich
Überliefert wurden sowohl von dem rö¬ Wilhelm Ziegler (1760-1827) entstand.
mischen Schriftsteller Sueton (um Gelegentlich wird diese Zeile auch heu¬
70-um 140 n. Chr.) in seinem Buch über te noch zitiert, um die „schöne Jugend¬
das Leben der Cäsaren als auch von zeit“ mit all ihren Freuden heraufzube¬
dem griechischen Geschichtsschreiber schwören, oder auch, um eine Aussage
Cassius Dio (um 155-um 235 n.Chr.) in wie „auch ich war schließlich einmal
seiner Geschichte Roms die Worte jung und weiß also Bescheid“ zu um¬
„Auch du, mein Sohn?“ Cäsar soll sie schreiben. Auch in scherzhafter An¬
bei seiner Ermordung (44 v.Chr.) dem spielung auf jemandes nicht mehr allzu
von ihm väterlich geförderten Brutus üppigen Haarwuchs wird dieses Zitat
zugerufen haben. Beide Autoren be¬ gelegentlich verwendet.
streiten allerdings auch die Authentizi¬
tät dieser Worte. Shakespeare, dem das Auch ich war in Arkadien
Zitat in irgendeiner Form wohl bekannt
Die altgriechische Landschaft Arkadien
war, läßt in seinem Drama „Julius Cä¬
gilt seit dem römischen Dichter Vergil
sar“ (III, 1) den sterbenden Cäsar die la¬
(70-19 v. Chr.) in der Hirten- und Schä¬
teinischen Worte Et tu. Brüte? („Auch
ferdichtung als Schauplatz glückseligen,
du, Brutus?“) ausrufen. Ähnlich auch
idyllischen Lebens. Das Zitat, mit dem
Schiller im Drama „Die Räuber“
man darauf hinweist, daß man auch ein¬
(IV,5): „Auch du - Brutus - du?“ - In
mal in einem solchen Land des Glücks
scherzhafter Abwandlung dieses Zitats
gelebt hat, taucht zunächst in lateini¬
sagt man gelegentlich von seinem [zu ge¬
scher Version - Et in Arcadia ego - als
ringen] Lohn oder Gehalt: „Auch du,
Bildinschrift im 17. Jh. auf. Ins Deut¬
mein Lohn brutto“.
sche übersetzt Findet sich der Ausspruch
in der Form „Auch ich war in Arka¬
Auch einer von denen sein dien“ (bei Herder, E. T. A. Hoffmann
Diese Worte, mit denen man jemanden und Eichendorff). Bei Schiller („Resi¬
einer Kategorie von Menschen zuord¬ gnation“, 1786) erscheint er in der Form
net, denen man bestimmte Dinge zu¬ „Auch ich war in Arkadien geboren“
traut, sind dem Matthäusevangelium und bei Goethe in der Form „Auch ich
entnommen. Sie stammen aus der Ver¬ in Arkadien“ als Motto der beiden
leugnungsszene im Hof des Hohenprie¬ 1816/17 erschienenen Bände der „Italie¬
sterpalastes. Einige Anwesende spre¬ nischen Reise“. Der Formulierung Wie¬
chen zu Petrus, der schon zweimal seine lands - „Auch ich lebt’ in Arkadia“
Zugehörigkeit zu Jesus geleugnet hat („Pervonte“, 1778) - ähnelt Ingeborg
(Matthäus 26,73): „Wahrlich, du bist Bachmanns „Auch ich habe in Arkadien

48
Teil I auf

gelebt“ als Titel und zugleich Anfang eine abschließende Meinung erst dann
einer Kurzerzählung (1952 für die Wie¬ bilden sollte, wenn man die Darstellung
ner Monatsschrift „Morgen“). aller Beteiligten kennt.

Auch Patroklus ist gestorben und Auf, auf zum fröhlichen Jagen
war mehr als du Als ermunternde Aufforderung, mit et¬
Der altgriechische Dichter Homer (2. was zu beginnen, sich ans Werk zu ma¬
Hälfte des 8.Jh.s v. Chr.) läßt in seiner chen, werden diese Worte gelegentlich
„Ilias“ Achilles zu Lyakon, dem ihn um zitiert. Es sind die Anfangsworte eines
sein Leben anflehenden Sohn des Troja¬ alten Jagdliedes aus dem 18. Jahrhun¬
nerkönigs Priamos, sagen: „Starb doch dert, dessen Dichter Gottfried Benjamin
auch Patroklos, der dir gegenüber Haneke (auch: Hanke; gestorben um
durchaus viel Bessere“ (Ilias XXI, Vers 1750) heute nicht mehr sehr bekannt ist.
107). Schiller übersetzte den Vers in sei¬
nem Trauerspiel „Die Verschwörung Auf beiden Seiten hinken
des Fiesko zu Genua“ mit den Worten: Die Redewendung, auch in der Form
„Auch Patroklus ist gestorben/Und war „auf beiden Füßen“ oder „Beinen hin¬
mehr als du“ (III, 5). Man zitiert die ken“, wird heute im allgemeinen auf ei¬
Schillersche Version heute, wenn man nen nicht geglückten, einen unpassen¬
jemandem deutlich machen will, daß er den Vergleich o. ä. angewandt. Sie geht
durchaus keine bevorzugte Behandlung zurück auf eine Stelle im Alten Testa¬
verdient, auch wenn er sich für etwas ment, wo der Prophet Elia (1. Könige
Besonderes hält und glaubt, für ihn hät¬ 18,21) zu dem von falschen Propheten
ten andere Maßstäbe zu gelten. verwirrten Volk Israel spricht: „Wie lan¬
ge hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der
Auch was Geschriebnes forderst der Herr Gott, so wandelt ihm nach;
du, Pedant? ist’s aber Baal, so wandelt ihm nach.“
Diese Frage stammt aus der Studierzim¬
merszene in Goethes Faust I. Faust rich¬ Auf daß das Haus voll werde
tet sie beim Teufelspakt an Mephisto, Mit dieser freundlich-scherzhaften
bevor er schließlich mit seinem Blut un¬ Floskel wird schon mancher Gastgeber
terschreibt. Sie wird gelegentlich zitiert, seine Gäste, besonders wenn sie uner¬
um bei entsprechender Gelegenheit in wartet zahlreich waren, empfangen ha¬
scherzhafter Mißbilligung auf jemandes ben, ohne zu wissen, daß es sich dabei
Pedanterie oder sein mangelndes Ver¬ um ein Wort aus dem Neuen Testament
trauen auf mündliche Abmachungen handelt. Im „Gleichnis vom großen
hinzuweisen. Abendmahl“ (Lukas 14,23) befiehlt der
Hausherr seinem Diener, die Bettler,
Audiatur et altera pars Blinden und Lahmen von der Straße in
sein Haus zu holen, nachdem die eigent¬
Der alte lateinische, heute immer noch
lich zum Mahl Geladenen mit den un¬
gültige Grundsatz des Prozeßrechts be¬
terschiedlichsten Entschuldigungen ab¬
deutet übersetzt „Man muß auch die
gesagt hatten. Er tut dies mit den Wor¬
Gegenpartei anhören“ (wörtlich: „Auch
ten: „Gehe aus auf die Landstraßen und
der andere Teil möge gehört werden“).
an die Zäune, und nötige sie herein¬
Er geht in seiner lateinischen Form zu¬
zukommen, auf daß mein Haus voll
rück auf eine Stelle in der Tragödie
werde.“
„Medea“ des römischen Dichters, Phi¬
losophen und Politikers Seneca (um
4v. Chr.-65 n.Chr.). Heute gebraucht Auf den Bergen ist Freiheit
man den lateinischen Spruch ganz allge¬ Das Wort von der Freiheit auf den Ber¬
mein, um vor voreiligen Schlüssen, vor gen, oft nur vor dem Hintergrund von
einem allzu raschen Urteil zu warnen Bergromantik und Naturliebe im wörtli¬
und um auszudrücken, daß man sich chen Sinne verstanden und zitiert,

49
2 Duden 12 EDC
auf Teil I

stammt aus Schillers Trauerspiel „Die Auf der Bärenhaut liegen


Braut von Messina“. Es wird dort von Die Redewendung beruht auf einer al¬
dem die Handlung des Dramas reflek¬ ten übertreibenden Ausschmückung der
tierenden und kommentierenden Chor Lebensgewohnheiten der alten Germa¬
in einer der letzten Szenen des Dramas nen, wie sie der römische Geschichts¬
(im letzten Abschnitt „Die Säulenhal¬ schreiber Tacitus (um 55-nach 115
le“) gesprochen, und zwar in einer län¬ n.Chr.) in seiner „Germania“ (Kapitel
geren Betrachtung, in der die Freiheit 15) schildert. Sie findet sich in dem Lied
auf den Bergen metaphorisch den Nie¬ „Tacitus und die alten Deutschen“, das
derungen des menschlichen Daseins mit
Wilhelm Ruer für die Bierzeitung der
seinen irdischen Leidenschaften, mit
Leipziger Burschenschaft Dresdensia
„Verbrechen“ und „Ungemach“ entge¬
schrieb und das 1872 als Nr. 56 der
gengestellt wird.
„Fliegenden Blätter“ erschien. Darin
werden die Germanen als „Bärenhäu¬
ter“ dargestellt, die nicht kämpfen, son¬
Auf den Knien meines Herzens
dern ihr Leben genießen: „An einem
Als der Dichter Heinrich von Kleist Sommerabend/Im Schatten des heiligen
(1777-1811) sein Drama „Penthesilea“ Hains,/Da lagen auf Bärenhäuten/Zu
vollendet hatte und es Goethe zur Beur¬ beiden Ufern des Rheins/Verschiedene
teilung vorlegte, verbunden mit der Bit¬ alte Germanen,/ ... /Sie liegen auf Bä¬
te, es in Weimar aufzuführen, verwende¬ renhäuten/Und trinken immer noch
te er in seinem Brief (vom 24. 1. 1808) eins.“ Man gebraucht die Wendung
diese eigenwillige Metapher von den heute in der Umgangssprache im Sinne
„Knien des Herzens“. Sie sollte in ganz von „faulenzen“.
besonderer Weise die Inständigkeit, die
Dringlichkeit seiner Bitte unterstreichen Auf der Suche nach der verlorenen
(was Goethe allerdings nicht daran hin¬ Zeit
derte, die „Penthesilea“ mit großer
Dies ist der deutsche Titel des aus 7 Tei¬
Schärfe abzulehnen). Der heute eher
len bestehenden Romanzyklus Ä la re-
seltsam anmutende, metaphorische
cherche du temps perdu des französi¬
Ausdruck findet sich in ähnlicher Form
in dem apokryphen „Gebet Manasses“ schen Romanciers Marcel Proust
im Alten Testament. Dort heißt es (11): (1871-1922). Es geht in diesem Werk
„Darum beuge ich nun die Kniee mei¬ um das „Wiederfmden“ der vergange¬
nes Herzens und bitte dich, Herr, um nen, „verlorenen“ Lebenszeit mit Hilfe
Gnade.“ Das Zitat wird heute nur noch des Erinnerns. - Der Titel wird häufig
im Scherz verwendet, um einer inständi¬ zitiert, wenn ausgedrückt werden soll,
gen Bitte Nachdruck zu verleihen. daß sich jemand mit zurückliegenden
Ereignissen in seinem Leben, mit wich¬
tigen Lebensstationen beschäftigt (und
Auf der Bank der Spötter sitzen Dingen, die unwiderruflich vorbei sind,
nachtrauert).
Diese Redewendung (bekannt auch in
der Form „sitzen, wo die Spötter sit¬
Auf des Meisters Worte schwören
zen“), mit deren Hilfe man umschreiben
kann, daß jemand dazu neigt, seinen t Jurare in verba magistri
Spott mit andern zu treiben, geht auf ein
Bibelwort zurück. Im Psalm 1,1 heißt Auf des Messers Schneide stehen
es: „Wohl dem, der nicht wandelt im Mit der Redewendung wird ausge¬
Rat der Gottlosen ... noch sitzt, da die drückt, daß bei einer bestimmten kriti¬
Spötter sitzen.“ Der Titel einer Samm¬ schen Situation ein Punkt erreicht ist, an
lung von Satiren („Auf der Bank der dem sich - meist nur sehr knapp - ent¬
Spötter“) des Journalisten und Kaba¬ scheidet, ob die Sache gut oder böse en¬
rettautors Martin Morlock (1918-1983) den wird. Sie findet sich (mit dem älte¬
geht auf diese Redewendung zurück. ren „Schärfe“ für „Schneide“) schon in

50
Teil I auf

der „Ilias“ des altgriechischen Dichters Auf einen Schelmen anderthalben!


Homer (776. Jh. v.Chr.), wo es im 10.
In dieser sprichwörtlichen Redensart
Gesang, Vers 173 und 174 heißt: „Denn
hat das Wort „Schelm“ die veraltete Be¬
nun steht es allen fürwahr auf der Schär¬
deutung „Betrüger, Schurke“. Der Aus¬
fe des Messers VSchmählicher Unter¬
spruch, der ungefähr soviel bedeutet wie
gang den Achaiern oder auch Leben!“
„einer Betrügerei begegnet man am be¬
sten mit einer noch größeren Betrüge¬
Auf die Erde voller kaltem Wind rei“, soll von Friedrich dem Großen
kamt ihr alle als ein nacktes Kind (1712-1786) einem französischen Mar¬
Mit diesem Zitat aus einem Gedicht von schall gegenüber gebraucht worden sein
Bertolt Brecht (1898-1956), es sind die und lautet im französischen Original: ä
Anfangszeilen des Gedichtes „Von der trompeur - trompeur et demi. Friedrich
Freundlichkeit der Welt“, verweist man begegnete damit den Vorwürfen des
auf die ursprüngliche Gleichheit aller Franzosen, der ihm seine Bündnisver¬
Menschen und die anfänglich gleiche handlungen mit England verübelte, und
Hilfsbedürftigkeit aller. verwies darauf, daß ja die Franzosen
ihrerseits zuvor heimlich ein Bündnis
Auf diese Bank von Stein will ich mit Österreich gesucht hatten.
mich setzen
Die Worte, mit denen jemand ein ent¬ Auf Flügeln des Gesanges
sprechendes Vorhaben (etwa bei einer Dies ist die Anfangszeile eines Gedich¬
Wanderung) scherzhaft ankündigen tes aus dem „Buch der Lieder“ („Lyri¬
kann, stammen aus Schillers Drama sches Intermezzo“, Nr. 9) von Heinrich
„Wilhelm Teil“ (IV, 3; im Original mit Heine (1797-1856). Die erste Strophe
dem heute an dieser Stelle nicht mehr lautet: „Auf den Flügeln des Gesan¬
üblichen Dativ: „Auf dieser Bank von ges,/Herzliebchen, trag’ ich dich
Stein will ich mich setzen“). Sie stehen, fort,/Fort nach den Fluren des Gan-
gewissermaßen ein gedankliches Inne¬ ges,/Dort weiß ich den schönsten Ort.“
halten signalisierend, etwa in der Mitte Das Gedicht ist besonders durch die
des berühmten Monologs vor der „hoh¬ Vertonung von Felix Mendelssohn Bar¬
len Gasse von Küßnacht“, in dem Teil tholdy (1809-1847) bekannt geworden.
seine Absicht, die Erschießung des ty¬ Die Sopranistin Erna Berger (1900 bis
rannischen Reichsvogts Geßler, reflek¬ 1990) hat die Gedichtzeile zum Titel
tiert und rechtfertigt. Eine scherzhafte ihrer Lebenserinnerungen gemacht.
Abwandlung des Zitats ist „Auf diese[r]
Frau von Stein will ich mich setzen“. Auf freiem Grund mit freiem
Volke stehn
Auf einem Prinzip herumreiten Der Sinn dieser Zeile aus dem Schlu߬
Diese Redewendung (mit der Bedeu¬ monolog Fausts (Goethe, Faust II, 5.
tung „in kleinlicher Weise auf einem Akt, Großer Vorhof des Palasts) wird
Grundsatz beharren“), für die wahr¬ aus dem Zusammenhang, in dem sie
scheinlich die französische Entspre¬ steht, deutlicher. Vorausgegangen sind
chung etre a cheval sur les principes das die Worte des alten, erblindeten Faust:
Vorbild war, kommt in abgewandelter „Das ist der Weisheit letzter Schluß:/
Form im Deutschen zum ersten Mal Nur der verdient sich Freiheit wie das
wohl in der Oper „Der Wildschütz“ von Leben,/Der täglich sie erobern muß.“
Albert Lortzing vor (die 1842 uraufge- Faust glaubt, sein Ziel erreicht zu ha¬
führt wurde). Im 3. Akt der Oper spricht ben, sein Projekt der Landgewinnung
der Schulmeister Baculus die Worte: sei dabei, verwirklicht zu werden, es
„Der Herr Stallmeister reitet jetzt ein werde Raum geschaffen für die „vielen
anderes Prinzip“. Aus der Redewen¬ Millionen“, dort „tätig-frei zu wohnen“.
dung wurde dann die abwertende Be¬ Es folgen dann die Zeilen: „Solch ein
zeichnung „Prinzipienreiter“ abgeleitet. Gewimmel möcht’ ich sehn,/Auf freiem

51
2*
auf Teil I

Grund mit freiem Volke stehn./Zum Auf Herz und Nieren prüfen
Augenblicke dürft’ ich sagen :/Verweile In dieser Redewendung mit der Bedeu¬
doch, du bist so schön!“ Vergleiche da¬ tung Jemanden oder etwas sehr gründ¬
zu auch die Artikel „Werd’ ich zum Au¬ lich, eingehend prüfen oder untersu¬
genblicke sagen: Verweile doch, du bist chen“ steht die Formel „Herz und Nie¬
so schön!“ und „Das ist der Weisheit ren“ für das Innere des Menschen.
letzter Schluß“. Bei sehr feierlichen Volkstümlich wurde sie durch die Bibel,
Anlässen könnte das Zitat auch heute wo das Bild der Prüfung von Herz und
noch zum Ausdruck des menschlichen Nieren mehrfach auftaucht. Zum ersten
Freiheitsstrebens, der Ablehnung jeder Mal erscheint es in Psalm 7,10. Es heißt
territorialen Unterdrückung verwendet dort: „Laß der Gottlosen Bosheit ein
werden. Ende werden und fördere die Gerech¬
ten; denn du gerechter Gott, prüfst Her¬
Auf fruchtbaren Boden fallen zen und Nieren.“

Die Redewendung wird gebraucht, um


auszudrücken, daß etwas wirksam wird, Auf in den Kampf, Torero!
daß ein Ratschlag, ein Hinweis o.ä., be¬ Diese Aufforderung entstammt der 1875
reitwillig aufgenommen und befolgt uraufgeführten Oper „Carmen“ von
wird. Sie beruht möglicherweise auf Georges Bizet (1838-1875), deren Li¬
dem Gleichnis vom Sämann im Neuen bretto von Henri Meilhac und Ludowic
Testament (Matthäus 13,8 bzw. Markus Halevy nach einer Novelle von Prosper
4,8), wo davon gesprochen wird, daß Merimee verfaßt und von Julius Hopp
die Saatkörner beim Säen auf ganz un¬ ins Deutsche übersetzt wurde. Bei der
terschiedlichen Boden fallen können, sehr populär gewordenen Aufforde¬
also unterschiedliche Wachstumsbedin¬ rung, sich für eine Auseinandersetzung
gungen haben. Zunächst werden in dem zu rüsten oder etwas in Angriff zu neh¬
Gleichnis die schlechten Voraussetzun¬ men, handelt es sich um eine Zeile aus
gen genannt, nämlich es „Fiel etliches an dem berühmten Torerolied des Escamil-
den Weg ... in das Steinige ... unter die lo aus dem 2. Akt. Sie wurde im Volks¬
Dornen“, dann aber heißt es: „Etliches mund oft scherzhaft abgewandelt. Am
Fiel auf ein gutes Land und trug bekanntesten ist wohl die Form: „Auf in
Frucht“. den Kampf, die Schwiegermutter naht!“

Auf Händen tragen Auf Regen folgt Sonne


Das dieser Redewendung zugrunde lie¬ Die Volksweisheit, die besagt, daß auf
gende Bild, mit dem heute ausgedrückt schlechte, entbehrungsreiche Zeiten im¬
wird, daß man jemanden, dem man sehr mer wieder auch gute und erfolgreiche
zugetan ist, in jeder Hinsicht verwöhnt, folgen, ist in dem Bild vom immer sich
Findet sich schon in der Bibel. Im Psalm wiederholenden Wetterwechsel dieser
91, der den unter dem Schutz des all¬ sprichwörtlichen Redensart eingefan¬
mächtigen Gottes stehenden Menschen gen. Sie erscheint in ähnlicher Form in
zum Thema hat, heißt es in Vers 11 und lateinischer Sprache bereits in der gro¬
12: „Denn er hat seinen Engeln befoh¬ ßen Sprichwörtersammlung (1541) des
len über dir, daß sie dich behüten auf al¬ Schriftstellers und Predigers Sebastian
len deinen Wegen, daß sie dich auf den Franck (1499-1542 oder 1543) und lau¬
Händen tragen und du deinen Fuß nicht tet dort: Post nubilia Phoebus, also wört¬
an einen Stein stoßest.“ In der Ge¬ lich: „Nach den Wolken [erscheint]
schichte von der Versuchung Jesu durch Phoebus.“ „Phoebus“, ein Beiname des
den Satan (Matthäus 4,6 und Lukas auch als Sonnengott verehrten griechi¬
4,10 und 11) taucht das Bild des von schen Gottes Apollo, ist dabei gleichzu¬
den Engeln auf den Händen getragenen setzen mit „Sonne“. Das Bild des ewi¬
Menschen mit Berufung auf die Stelle in gen Wechsels von Regen und Sonne ist
Psalm 91 noch einmal auf. später in Volkslied- und auch Schlager-

52
Teil I aufgelöst

texte eingegangen. In einem kritisch auf Auf zum letzten Gefecht


den früheren Präsidenten der USA, Ro¬
Der erste Vers des Refrains der „Inter¬
nald Reagan, bezogenen Lied verwen¬
nationale“, des Kampfliedes der inter¬
dete der Aktionskünstler Joseph Beuys
nationalen Arbeiterbewegung, lautet:
(1921-1986) die wortspielerische Ab¬
„Völker, höret die Signale! Auf zum
wandlung „Auf Reagan folgt Sonne“.
letzten Gefecht!“. Der zweite Teil dieses
Verses, in dem das Wort „letzte“ im Sin¬
Auf Sand gebaut haben
ne von „alles entscheidend“ zu verste¬
Diese Wendung bedeutet „sich auf et¬ hen ist, wird heute gelegentlich noch als
was höchst Unsicheres verlassen ha¬ scherzhafte Aufforderung gebraucht, ei¬
ben“. Sie geht auf das Matthäusevange- ne letzte Anstrengung zu unternehmen,
lium im Neuen Testament zurück, wo es sich noch einmal „mächtig ins Zeug zu
am Schluß der Bergpredigt heißt: „Und legen“ und so eine schwere Arbeit oder
wer diese meine Rede hört und tut sie
eine schwierige Aufgabe zum Abschluß
nicht, der ist einem törichten Manne zu bringen. Die „Internationale“ wurde
gleich, der sein Haus auf den Sand bau¬ 1871 von Eugene Pottier, einem Mit¬
te. Da nun ein Platzregen fiel und kam glied der Pariser Kommune, gedichtet
ein Gewässer und wehten die Winde und 1888 vertont. Die heute übliche
und stießen an das Haus, da fiel es und deutsche Fassung („Wacht auf, Ver¬
tat einen großen Fall“ (7,26-27). dammte dieser Erde“) wurde 1910 von
Emil Luckhardt geschrieben.
Auf schwanker Leiter der Gefühle
Das einprägsame Bild von der „schwan¬
Auferstanden aus Ruinen
ken Leiter der Gefühle“, mit dem die
Dies sind die Anfangsworte des Liedes
emotionale Unbeständigkeit und Unsi¬
von Johannes R. Becher (1891-1958),
cherheit, auch die Beeinflußbarkeit des
vertont von Hanns Eisler, das 1949 zur
Menschen durch starke Gefühlsbewe¬
Nationalhymne der DDR erklärt wurde.
gung angesprochen wird, entstammt
Die Worte beziehen sich dort auf den
Schillers Gedicht „Die Macht des Ge¬
Neubeginn nach der Zerstörung
sanges“ von 1795. Das Gedicht enthält
Deutschlands im Zweiten Weltkrieg,
Betrachtungen über die Dichtkunst, ih¬
nach der Zerschlagung des Dritten
ren unergründlichen Ursprung und ihre
Reichs. Sie werden oft im Scherz zitiert,
verzaubernde, oft übermächtige Wir¬
um die überraschende, nicht mehr für
kung auf den Menschen.
möglich gehaltene Wiederkehr einer be¬
Auf seinem Schein bestehen stimmten Erscheinung, einer Mode o.ä.
zu kommentieren, oder auch bezogen
Diese Redewendung wird gebraucht,
auf das Comeback eines Künstlers,
wenn jemand mit Nachdruck seinen
eines Politikers oder eines Sportlers,
Anspruch auf etwas geltend macht, auf
mit dem niemand mehr gerechnet hatte.
ein Recht hinweist, von dem er nicht ab¬
zulassen gedenkt. Sie beruht auf einer
Stelle in Shakespeares Komödie „Der
Aufgelöst sind aller Ordnung Ban¬
Kaufmann von Venedig“ (IV, 1), wo der de
Geldverleiher Shylock die Worte spricht Nach dem Attentat auf den Reichsvogt
„Ich steh’ hier auf meinen Schein“ (im Geßler in Schillers „Wilhelm Teil“ er¬
englischen Original: I stay here on my kennt dessen Stallmeister Rudolf, daß
bond). Gemeint ist eine Schuldver¬ ein Aufstand des Volkes kaum noch zu
schreibung, die Shylock das Recht ein¬ verhindern ist und daß es jetzt nur noch
räumt, seinem Schuldner Antonio, dem darauf ankommt, mit den Soldaten
Kaufmann von Venedig, ein Pfund schnell ins nahe Küßnacht zu gehen, um
Fleisch aus dem Leib herauszuschnei¬ dort die kaiserliche Burg zu schützen:
den, wenn dieser nicht seine Schulden „Denn aufgelöst in diesem Augenblick/
zum vereinbarten Termin zurückzahlen Sind aller Ordnung, aller Pflichten Ban¬
kann. de“ (IV, 3). In verkürzter Form zitieren

53
aufgeräumten Teil I

wir - meist scherzhaft - diese Worte Aufstand der Massen


angesichts eines größeren Durchein¬ Dies ist der Titel eines der bekanntesten
anders, einer heillosen Unordnung Werke des spanischen Philosophen Or-
(sowohl im konkreten wie im übertrage¬ tega y Gasset (im Original La rebeliön de
nen Sinn). las masas, erschienen 1930). In diesem
Werk macht Ortega y Gasset (1883 bis
t In einem aufgeräumten Zimmer 1955) die Aufhebung des (seiner Mei¬
ist auch die Seele aufgeräumt nung nach für das menschliche Zusam¬
menleben grundlegenden) Unterschieds
Aufgeschoben ist nicht aufgeho¬ zwischen „Massen“ und „Elite“ dafür
ben verantwortlich, daß es zu revolutionä¬
ren Bewegungen, zur ungerichteten
Mit dieser sprichwörtlichen Redensart
„Aggressivität“ der „Massen“ kommt.
weist man daraufhin, daß etwas, was im
Das Wort vom „Aufstand der Massen“
Augenblick nicht erledigt, ausgeführt
wird heute oft auch in eher vordergrün¬
werden kann, keineswegs vergessen ist,
diger Weise verwendet, etwa im Zusam¬
sondern zu einem späteren Zeitpunkt
menhang mit dem geschlossenen Pro¬
nachgeholt werden wird. Sie ist lateini¬
test größerer gesellschaftlicher Gruppen
schen Ursprungs und stammt von dem
gegen etwas, was ihnen zugemutet oder
um 450 in Rom lebenden Mönch und
Schriftsteller Arnobius dem Jüngeren, abverlangt wird.
der unter anderem allegorische Kom¬
mentare zu den Psalmen verfaßte. Im Ein t großer Aufwand schmählich
Kommentar zu Psalm 36 ist die der
ist vertan
deutschen Redensart entsprechende la¬
teinische Form Quod differtur, non
aufertur zu finden. T Wie seinen Augapfel hüten

TWas man nicht aufgibt, hat man


Den t Splitter im fremden Auge,
nie verloren
aber nicht den Balken im eigenen
sehen
Aufklärung ist der Ausgang des
Menschen aus seiner selbstver¬
schuldeten Unmündigkeit Ein Auge auf... werfen
Diese zu einer Art Schlagwort geworde¬ Die in bezug auf Personen oder Sachen
ne Definition des Begriffs „Aufklä¬ gebräuchliche Redewendung im Sinne
rung“, wie er in dem Ende des 17. Jahr¬ von „Gefallen an jemandem oder etwas
hunderts beginnenden Aufklärungszeit¬ Finden, sich für jemanden oder etwas zu
alter verstanden wurde, stammt von interessieren beginnen“ hat im älteren
dem deutschen Philosophen Immanuel Sprachgebrauch die Bedeutung .jeman¬
Kant (1724- 1804). Sie steht in der 1784 den oder etwas ständig ansehen, die Au¬
veröffentlichten Abhandlung „Beant¬ gen von jemandem oder etwas nicht ab¬
wortung der Frage: Was ist Aufklä¬ wenden können“. So Findet sie sich be¬
rung“. Ihr folgt dort der Satz „Unmün¬ reits in der Bibel: In der apokryphen
digkeit ist das Unvermögen, sich seines „Geschichte von Susanna und Daniel“
Verstandes ohne Leitung eines andern heißt es in Vers 8 und 9: „Und da sie
zu bedienen.“ Zitiert wird sie besonders (= Susanna) die Ältesten sahen täglich
dann, wenn darauf hingewiesen wird, darin (= im Garten ihres Mannes) um¬
daß nur die Vernunft es ist, die dem hergehen, wurden sie gegen sie entzün¬
Menschen weiterhelfen kann, und daß det mit böser Lust und wurden darüber
es der Entschlußkraft, des Mutes be¬ zu Narren und warfen die Augen so
darf, sich des Verstandes zu bedienen, ganz auf sie, daß sie nicht konnten gen
ohne sich dabei von andern leiten oder Himmel sehen und gedachten weder an
durch andere einschränken zu lassen. Gottes Wort noch Strafe.“

54
Teil I Augen

Das Auge des Gesetzes Die Augen der Welt sind auf euch
Mit diesem idiomatischen Ausdruck be¬ gerichtet
zeichnet man heute in scherzhaftem Dies ist die deutsche Fassung des engli¬
Sprachgebrauch die Polizei. In Schillers schen Zitats The eyes of Ihe World are
„Lied von der Glocke“ steht die Rede¬ upon you aus dem Befehl General
wendung in folgendem Textzusammen¬ Dwight D. Eisenhowers vom 6. Juni
hang: „Schwarz bedecket/Sich die Er¬ 1944 zur Landung in der Normandie.
de ;/Doch den sichern Bürger schrecket/ Eisenhower könnte damit an einen an¬
Nicht die Nacht,/Die den Bösen grä߬ geblichen Ausspruch Napoleons vom
lich wecket ;/Denn das Auge des Geset¬ 21. Juli 1798 vor der Schlacht bei den
zes wacht.“ Die Metapher vom Auge Pyramiden angeknüpft haben: „Von
des Gesetzes ist als „Auge der (strafen¬ diesen Pyramiden schauen vierzig Jahr¬
den) Gerechtigkeit“ bei antiken Auto¬ hunderte auf euch herab“ - Du haut de
ren wie dem römischen Geschichts¬ ces pyramides quarante siecles vous con-
schreiber Ammianus Marcellinus (um templent, nach späterer Version ... ont
300-um 395) und dem griechischen leurs yeux fixes sur vous. Vor allem in
Tragiker Sophokles (um 496-um 406 Abwandlungen wie „Die Augen der
v. Chr.) vorgeprägt. Modewelt sind wieder einmal auf Paris
gerichtet“ oder „Die Augen der dritten
t Im düstern Auge keine Träne Welt sind auf die internationale Wäh¬
rungskonferenz gerichtet“ kann das Zi¬
tat heute zum Ausdruck des starken In¬
Das Auge sieht den Himmel offen teresses einer breiteren, weltweiten Öf¬
Den t Himmel offen sehen fentlichkeit an einem Ereignis verwen¬
det werden, von dem man sich etwas
Neues, eine wichtige Entscheidung oder
t Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
ähnliches erwartet oder erhofft.
die Sonne könnt’ es nie erblicken
Die Augen gehen ... über
t Da bleibt kein Auge trocken Die Redewendung hat zwei Bedeutun¬
gen; zum einen in der Umgangssprache:
Auge um Auge, Zahn um Zahn Jemand ist durch einen Anblick über¬
wältigt“ und zum andern in gehobener
Die aus dem Alten Testament (zum Bei¬
Sprache: Jemand beginnt zu weinen“.
spiel 3. Moses 24,19-20) stammende
Die zweite Verwendung findet sich be¬
Redewendung besagt, daß bei erlitte¬
reits im Johannesevangelium (11,35),
nem Schaden Gleiches mit Gleichem
wo es von Jesus beim Anblick des toten
vergolten werden soll: „Und wer seinen
Lazarus heißt: „Und Jesu gingen die
Nächsten verletzt, dem soll man tun, wie
Augen über“. Goethe benutzt den Aus¬
er getan hat, Schade um Schade, Auge
druck in der in Faust I eingegangenen
um Auge, Zahn um Zahn; wie er hat ei¬
Ballade „Der König von Thule“ (1774):
nen Menschen verletzt, so soll man ihm
„Die Augen gingen ihm über,/So oft er
wieder tun.“ Heute wird der Satz meist
trank daraus“ - aus dem „goldnen Be¬
als Rechtfertigung für Racheakte ver¬
cher“, den ihm „sterbend seine Buhle“
wendet. Jesus dagegen hat im Neuen
gegeben hatte.
Testament den alten Rechtsgrundsatz
aufgegriffen und eine neue Lehre dage¬
gengesetzt: „Ihr habt gehört, daß da ge¬
Augen haben und nicht sehen;
sagt ist: ,Auge um Auge, Zahn um Ohren haben und nicht hören
Zahn.‘ Ich aber sage euch, daß ihr nicht Mit den einzeln oder zusammen ver¬
widerstreben sollt dem Übel; sondern, wendeten Redewendungen macht man
so dir jemand einen Streich gibt auf dei¬ jemandem zum Vorwurf, daß er etwas
nen rechten Backen, dem biete den an¬ offen zutage Liegendes nicht wahrneh¬
dern auch dar“ (Matthäus 5,38 und 39). men will. Sie gehen auf den 115. Psalm

55
Augen Teil I

im Alten Testament zurück. Die Verse 5 verbotenerweise als Liebender nähert


und 6 beziehen sich ganz konkret auf und damit wissentlich auch sein Leben
heidnische, von Menschen gemachte aufs Spiel setzt. „Man reiße mich von
Götzen: „Sie haben Mäuler und reden hier aufs Blutgerüste!“ sagt er in der
nicht; sie haben Augen und sehen nicht; vorhergehenden Zeile. Das Zitat bringt
sie haben Ohren und hören nicht; sie auch in heutigem Gebrauch - auch in
haben Nasen und riechen nicht“. Im der verkürzten Form „Ein Augenblick,
Neuen Testament (Matthäus 13, 13) gelebt im Paradiese“ - zum Ausdruck,
weist Jesus unter Bezugnahme auf die daß man für ein besonders schönes Er¬
Weissagung des Propheten Jesaja lebnis gern alle Arten von negativen
(6, 9 f.) mit diesen Worten auf die Not¬ Folgen in Kauf nimmt.
wendigkeit hin, in Gleichnissen zu pre¬
digen: „Denn mit sehenden Augen se¬ Ein t einz’ger Augenblick kann
hen sie nicht, und mit hörenden Ohren alles umgestalten
hören sie nicht; denn sie verstehen es
nicht.“ Es gibt im t Menschenleben Au¬
genblicke
T Ich seh’ dir in die Augen, Kleines
t Werd’ ich zum Augenblicke sa¬
Augen, meine lieben Fensterlein gen: Verweile doch, du bist so
T Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, schön!
von dem goldnen Überfluß der Welt!
Den Augiastall ausmisten
t Aller Augen warten auf dich Diese Redewendung benutzt man, um
auszudrücken, daß durch Schlamperei
t Um ihrer schönen Augen willen
und Nachlässigkeit entstandene verrot¬
tete Zustände, Mißstände, Korruption
Dem Augenblick Dauer verleihen
beseitigt werden und die Ordnung wie¬
Diese Formulierung drückt im heutigen derhergestellt wird. In der griechischen
Gebrauch aus, daß man einem schönen Mythologie war dies nach der „Biblio-
Augenblick oder Zeitabschnitt auf ir¬ theke“ 13,3 des griechischen Ge¬
gendeine Weise, auch mit den Möglich¬ schichtsschreibers Diodor (1. Jh. v. Chr.)
keiten der Technik Dauer verleihen Aufgabe des Herakles, des Sohnes von
möchte, zum Beispiel durch eine Foto¬ Zeus und Alkmene, der Gattin des Feld¬
grafie oder eine Videoaufzeichnung. herrn Amphitryon. Die Stallungen des
Das zugrundeliegende Goethe-Zitat aus Augias, des Königs der Epeier in Elis,
der Hymne „Das Göttliche“ von 1783 waren mit ihren 3 000 Rindern 30 Jahre
spricht dagegen nicht von einem nicht gereinigt worden. Herakles schaff¬
Wunsch oder Versuch, sondern von ei¬ te die Arbeit in einem Tag, indem er
ner spezifisch menschlichen Fähigkeit: zwei Flüsse hindurchleitete.
„Nur allein der Mensch/Vermag das
Unmögliche;/... Er kann dem Augen¬ Augurenlächeln
blick/Dauer verleihen.“
Hierunter versteht man ein wissendes,
verständnisinniges Lächeln unter Ein¬
t Doch der den Augenblick er¬
geweihten. Der Ausdruck geht zurück
greift, das ist der rechte Mann
auf eine von dem römischen Staats¬
mann, Redner und Philosophen Cicero
Ein Augenblick, gelebt im Para¬
(106-43 v. Chr.) in seiner Schrift „De di-
diese, wird nicht zu teuer mit dem
vinatione“ (II, 24) überlieferte Äuße¬
Tod gebüßt
rung des römischen Staatsmannes und
Das Zitat stammt aus Schillers „Don Schriftstellers Cato (234-149 v. Chr.).
Kariös“ (1787; 1,5), wo Kariös sich der Dieser soll sich darüber gewundert ha¬
Königin, seiner ursprünglichen Verlob¬ ben, daß ein Haruspex (der bei den
ten, jetzt der Gemahlin seines Vaters, Etruskern aus den Eingeweiden von

56
Teil I
aus

Opfertieren weissagte) bei der Begeg¬ war!“ Das Zitat bezieht sich heute gele¬
nung mit einem anderen Vertreter seiner gentlich scherzhaft, meist aber mit nost¬
Zunft nicht unwillkürlich lächeln oder algischem Unterton auf Ereignisse, Er¬
lachen müsse. Offensichtlich war Cato lebnisse aus jemandes Jugend, die in der
der Meinung, daß ein Haruspex selbst Erinnerung wieder lebendig werden.
nicht an seine Weissagungen glaubte,
sondern seinen Kunden etwas vormach¬ Aus der Not eine Tugend machen
te. Der Augur, der aus der Beobachtung Die Redewendung mit der Bedeutung
des Vogelflugs weissagte, war im anti¬ „einer unangenehmen Sache noch etwas
ken Rom das, was den Etruskern der Gutes abgewinnen, eine eigentlich
Haruspex war. schlechte Situation für sich zum Vorteil
wenden“ geht wohl auf einen Rat zu¬
t O du lieber Augustin! rück, den der Kirchenvater Hieronymus
(etwa 331-420) in einem Brief erteilt:
Aurea mediocritas Fac de necessitate virtutem! (auf
t Die goldene Mitte deutsch: „Mach aus der Not eine Tu¬
gend!“). In diesem Fall wird eine solche
Aus allen Himmeln fallen Handlungsweise als anerkennenswert
TAus allen Wolken fallen betrachtet, während Hieronymus’ Äu¬
ßerung im 3. Buch seiner „Apologien
Aus allen Wolken fallen gegen die Bücher des Rufinus“ eine ge¬
wisse Abwertung enthält: Facis necessi¬
Die umgangssprachliche Redewendung
tate virtutem (auf deutsch: „Du machst
bedeutet „sehr überrascht sein“. Sie
[ja nur] aus der Not eine Tugend“). Bei¬
könnte zusammen mit „aus allen Him¬
de Nuancierungen sind auch im heuti¬
meln fallen“ (im Sinne von „tief ent¬
gen Sprachgebrauch noch lebendig.
täuscht, ernüchtert, desillusioniert wer¬
den“) auf Jesaja 14,12 im Alten Testa¬
Aus der Tiefe des Gemüts
ment zurückgehen. Dort heißt es: „Wie
Dieses Zitat stammt aus Heinrich Hei¬
bist du vom Himmel gefallen, du schö¬
nes Sammlung „Lutetia. Berichte über
ner Morgenstern! Wie bist du zur Erde
Politik, Kunst und Volksleben“. In ei¬
gefällt, der du die Heiden schwächtest!“
nem Artikel vom 7. 5. 1843 beschreibt
Die Feststellung bezieht sich auf den
Heine ein Bild zu einem biblischen The¬
gestürzten König von Babylon, nach
ma, das er auf einer Pariser Gemälde¬
Auslegung durch die Kirchenväter auf
ausstellung gesehen hat: „Dem Kamele,
Luzifer.
welches sich auf dem Gemälde des Ho-
race Vernet befindet, sieht man es wohl
Aus dem Strom des Vergessens
an, daß der Maler es unmittelbar nach
trinken
der Natur kopiert und nicht, wie ein
t Lethe trinken deutscher Maler, aus der Tiefe seines
Gemüts geschöpft hat.“ Das Zitat wird
t Und aus den Wiesen steiget der auch heute in scherzhafter und ironisch¬
weiße Nebel wunderbar distanzierter Ausdrucksweise ge¬
braucht, wenn man sich auf etwas tat¬
Aus der Jugendzeit sächlich oder vermeintlich tief Empfun¬
Dies sind die Anfangsworte des bekann¬ denes bezieht.
ten Liedes von Robert Radecke
(1830-1911), einer Vertonung von Aus einem kühlen Grunde
Friedrich Rückerts (1788-1866) gleich¬ Die umgangssprachliche Wendung, die
namigem Gedicht elegischen Inhalts. auch in der Form „aus diesem kühlen
Die erste Strophe lautet: „Aus der Ju¬ Grunde“ gebräuchlich ist, hat die Be¬
gendzeit, aus der Jugendzeit/Klingt ein deutung „aus einem/diesem ganz einfa¬
Lied mir immerdar;/0 wie liegt so weit, chen bestimmten Grund“. Sie ist eine
o wie liegt so weit,/Was mein einst scherzhafte Umbildung des Anfangsver-

57
aus Teil I

ses „In einem kühlen Grunde“ des Ge¬ teln. Das Zitat geht auf den französi¬
dichts „Das zerbrochene Ringlein“ von schen Sozialtheoretiker C. H. de Saint-
Joseph von Eichendorff (1788-1857) Simon (1760-1825) zurück (im Franzö¬
aus dem Roman „Ahnung und Gegen¬ sischen: l'exploitation de l’homme par
wart“ (1811). Populär geworden ist das l’homme). Über das Scheitern sozialisti¬
Gedicht durch die Vertonung von Fried¬ scher Gesellschaftsformen spottet das
rich Glück aus dem Jahr 1814, beson¬ bekannte Scherzwort, nach dem der Ka¬
ders in der Fassung für Männerchor von pitalismus durch die Ausbeutung des
Friedrich Silcher. Menschen durch den Menschen ge¬
kennzeichnet sei, während es sich im
Aus nichts wird nichts Sozialismus genau umgekehrt verhalte.
t Von nichts kommt nichts
t Wir wollen niemals auseinan¬
Aus seinem Herzen keine Mörder¬ dergehn
grube machen
t Letzte Ausfahrt Brooklyn
Diese Redewendung hat die Bedeutung
„freiheraus sagen, was man denkt; et¬ TO, du Ausgeburt der Hölle!
was nicht verhehlen“. Sie ist eine freie
Verwendung der Lutherschen Überset¬ Ausgelitten hast du - ausgerungen
zung von Matthäus 21,13 im Neuen Te¬
So lautet der Anfangsvers des Gedichtes
stament: „Es steht geschrieben: ,Mein
„Lotte bei Werthers Grabe“ von Johann
Haus soll ein Bethaus heißen1; ihr aber
Heinrich von Reitzenstein (1722-1780).
habt eine Mördergrube daraus ge¬
Das Zitat wird heute gelegentlich als
macht.“ Durch das Zurückhalten
Grabspruch oder in Traueranzeigen ver¬
schlimmer, furchtbarer Gedanken wur¬
wendet. Die Redewendung „ausgelitten
de das Herz, das in der Metaphorik u. a.
haben“ hat in gehobenem Sprachge¬
als Tempel Gottes gilt, bildlich zur Mör¬
brauch die Bedeutung „(nach schwerem
dergrube, zu einem unterirdischen
Leiden) gestorben sein“; daneben gibt
Schlupfwinkel für Mörder.
es eine umgangssprachlich-scherzhafte
Verwendung im Sinne von „entzwei sein
Aus Spöttern werden oft Prophe¬
und deshalb ausgedient haben“.
ten
Das Zitat Findet sich in Shakespeares Ausgerechnet Bananen!
„König Lear“ (V,3). Im Original erwi¬
Dieser Ausruf des Unmuts, der Enttäu¬
dert die Königstochter Regan auf die
schung über ein unerwünschtes Ereignis
nicht ernstgemeinte Anspielung auf die
stammt aus dem Kehrreim eines nach
Vermählung Edmunds mit ihr: Jesters
dem 1. Weltkrieg entstandenen Schla¬
do oft prove prophets („Spaßmacher er¬
gers: „Ausgerechnet Bananen verlangt
weisen sich oft als Propheten“). Man
sie von mir!“ Im amerikanischen Origi¬
weist mit dem Zitat daraufhin, daß sich
nal von F. Silver heißt es 1923: Yes, we
eine bloß witzelnde Bemerkung später
have no bananas. Den deutschen Text
bewahrheiten und im nachhinein als
schrieb der österreichische Operetten¬
Prophezeiung heraussteilen kann.
librettist und Schlagertexter Beda, mit
bürgerlichem Namen Fritz Löhner
Aus tiefer Not schrei’ ich zu dir
(1883-1942).
t De profundis
Ausgestritten, ausgerungen ist der
Die Ausbeutung des Menschen lange, schwere Streit
durch den Menschen
Das Zitat aus Schillers Gedicht „Das
Der marxistische Begriff bezieht sich Siegesfest“ von 1803 greift vermutlich
auf die Aneignung des von den Arbei¬ den Gedichtanfang „Ausgelitten hast
tern erzeugten Arbeitsprodukts durch du - ausgerungen“ von Johann Hein¬
den Eigentümer von Produktionsmit¬ rich von Reitzensteins (1722-1780)

58
Teil I
Axt

„Lotte bei Werthers Grabe“ auf. Es be¬ Autorität, nicht Majorität


zieht sich bei Schiller aber auf das Ende
Diese Formulierung erschien 1851 im
des Trojanischen Krieges, wie die Fort¬
Titel einer Schrift von E. Knönagel:
setzung zeigt: „Ausgefüllt der Kreis der
„Autorität - nicht Majorität - be¬
Zeit/Und die große Stadt bezwungen.“
herrscht die Welt. Epistel ... wider den
Heute wird das Zitat wohl eher seltener
Aberglauben am Konstitutionalismus.“
gebraucht; denkbar wäre es als erleich¬
Der Titel bezieht sich auf eine Rede des
terter Kommentar nach der Beilegung
Rechtsphilosophen und Staatsrechts¬
eines Konflikts, nach Beendigung eines
lehrers Friedrich Julius Stahl (1802 bis
längeren Streites, einer langwierigen
1861) im Erfurter Parlament, wo er dar¬
Verhandlung.
auf hinwies, daß die Liberalen über ih¬
rem Zauberwort Majorität das Prinzip
Die T Schale des Zorns über jeman¬ der Autorität vergessen hätten, wie die
den ausgießen Revolution von 1848 gezeigt habe. Das
Zitat wird in Zusammenhängen verwen¬
t Im Auslegen seid frisch und det, wo nach Meinung des Zitierenden
munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt Mehrheitsentscheidungen nicht zum
richtigen Ziel führen können, wo statt
was unter!
dessen eine Führungspersönlichkeit ge¬
fordert ist.
Auslöffeln müssen, was man sich
eingebrockt hat
Ave, imperator, morituri te salu-
Die umgangssprachliche Redewen¬
dung, die oft auch in der Variante „die tant!
Suppe auslöffeln, die man sich oder die t Morituri te salutant
einem jemand eingebrockt hat“ verwen¬
det wird, hat die Bedeutung „die Folgen
Die Axt an die Wurzel legen
seines Tuns tragen müssen“. Sie geht
vermutlich auf den römischen Komö¬ Diese Redewendung hat die Bedeutung
diendichter Terenz (um 190-159 „sich anschicken, einen Mißstand zu be¬
v.Chr.) zurück, bei dem es in seinem seitigen“. Sie hat ihren Ursprung in der
Lustspiel „Phormio“ (11,2,4) heißt: Tu¬ Büßpredigt Johannes des Täufers im
te hoc intristi; tibi omne est exedendum Neuen Testament, wo es in Matthäus
(„Du hast dir das eingerührt, du mußt 3,10 (wie auch in Lukas 3,9) mit Bezug
alles auslöffeln“). auf seine Zuhörer aus Jerusalem und
dem jüdischen Land heißt: „Es ist schon
die Axt den Bäumen an die Wurzel ge¬
t Etwas außerhalb der Legalität
legt. Darum, welcher Baum nicht gute
Frucht bringt, wird abgehauen und ins
Aut Caesar aut nihil Feuer geworfen.“
Diese auf einer Büste des Gajus Julius
Caesar angebrachte Inschrift („Entwe¬
der Caesar oder gar nichts“) erkor sich
Die Axt im Haus erspart den Zim¬
der italienische Renaissancefürst Cesa- mermann
re Borgia (1475-1507) zur Maxime. Sie Mit diesem Ausspruch beschließt Wil¬
drückt die Unbedingtheit dessen aus, helm Teil in Schillers gleichnamigem
der „alles oder nichts“ für sich fordert. Drama seine Arbeit am Hoftor (III, 1).
Mit diesem Zitat ermahnte auch Leo¬ Das Zitat bedeutet „Jemand, der im
pold Mozart seinen Sohn, an seine Kar¬ Umgang mit Handwerkszeug geschickt
riere zu denken. Am 12. Februar 1778 ist, braucht für vieles nicht die Hilfe ei¬
schreibt er ihm nach Mannheim: „Fort nes Fachmanns“. Eine umgangssprach¬
mit Dir nach Paris! Und das bald, setze lich-scherzhafte Abwandlung ist die Re¬
Dich großen Leuten an die Seite - aut densart „Die Axt im Haus ersetzt den
Caesar aut nihil!“ Scheidungsrichter“.

59
Babel Teil I

doll“ für einen Damenschlafanzug mit


kurzem Höschen und weitem Oberteil.

Babylonische Sprachverwirrung
t Babel

B t Freie Bahn dem Tüchtigen

TAch^wie bald schwindet Schön¬


heit und Gestalt!
Babel
Ach, wie bald vergehn die schönen
Der hebräische Name der Stadt Baby¬
Stunden
lon, des Mittelpunktes der altorientali¬
schen Kultur, wird heute in zwei Zu¬
t So ein Tag, so wunderschön wie heute
sammenhängen gebraucht: im Sinne
Balsam fürs zerrißne Herz
von „Sündenbabel“, einer abwertenden
Bezeichnung für einen Ort, eine Stätte So bezeichnet man - meist scherzhaft -
moralischer Verworfenheit, wüster Aus¬ etwas, was man als wohltuend und be¬
schweifung, des Lasters. Der alttesta- lebend empfindet, wenn man sich in
mentliche Prophet Jeremia weissagt den einem seelischen Tief befindet. Der Aus¬
Untergang Babels (Jeremia 50 und 51), druck findet sich - auf den Wein bezo¬
und in der Offenbarung des Johannes gen - in Schillers Gedicht „Das Sieges¬
im Neuen Testament wird der Unter¬ fest“ (1803), wo es heißt: „Trink ihn aus,
gang Babylons in Kapitel 17 und 18 be¬ den Trank der Labe,/Und vergiß den
schrieben. Außerdem bezeichnet Babel großen Schmerz/Wundervoll ist Bac¬
einen Ort, an dem viele fremde Spra¬ chus’ Gabe,/Balsam fürs zerrißne
chen gesprochen werden, so daß man Herz.“
auch von einer babylonischen Sprach¬
verwirrung oder einem babylonischen t Auf der Bank der Spötter sitzen
Sprachengewirr spricht, und zwar im
Anschluß an 1. Moses 11 im Alten Te¬ T Auf diese Bank von Stein will ich
stament. Danach wollten die Menschen mich setzen
in Babel aus Überheblichkeit gegen Jah¬
we einen Turm bis zur Höhe des Him¬ t Auf der Bärenhaut liegen
mels errichten, den sogenannten Baby¬
Ein barmherziger Samariter
lonischen Turm oder den Turmbau zu
Babel. Jahwe strafte sie aber, indem er Dieser Ausdruck geht auf das Lukas¬
ihre Sprache verwirrte und sie in alle evangelium im Neuen Testament zu¬
Lande zerstreute (Babylonische Verwir¬ rück. Im 10. Kapitel erzählt Jesus einem
rung). Schriftgelehrten ein Gleichnis von ei¬
nem Mann, der auf dem Weg von Jeri¬
cho nach Jerusalem überfallen wird und
Baby Doll schwerverletzt liegenbleibt. Ein Priester
In dem gleichnamigen amerikanischen und ein Levit gehen achtlos an ihm vor¬
Film, 1956 von Elia Kazan nach dem über, erst ein Samariter, ein Angehöri¬
Drehbuch von Tennessee Williams ge¬ ger des von den Juden verachteten Vol¬
dreht, ist die so bezeichnete Titelfigur kes der Samaritaner, nimmt sich des
eine lolitahafte Kindfrau. (Das engli¬ Hilfebedürftigen an und „ging zu ihm,
sche baby doll bedeutet soviel wie „Ba¬ verband ihm seine Wunden und goß
bypuppe“; es ist aber vor allem im ame¬ darein Öl und Wein und hob ihn auf
rikanischen Englisch auch eine Bezeich¬ sein Tier und führte ihn in die Herberge
nung für eine puppenhaft schöne junge und pflegte ihn“ (Lukas 10,34). Dieser
Frau von naivem Wesen.) Von daher Akt der Barmherzigkeit wird in dem
stammt auch die Bezeichnung „Baby¬ Gleichnis als beispielhaft dargestellt.

60
Teil 1 Bäume

Wenn man heute jemanden als barm¬ sion in Berlin gewesen und schilderte
herzigen Samariter bezeichnet, so meint nun sein Erschrecken über den Anblick,
man einen selbstlos helfenden Men¬ den ihm die Berliner Bevölkerung in
schen, der sich mitfühlend, mildtätig ge¬ den Straßen der Stadt geboten hatte:
genüber Notleidenden verhält, Ver¬ „Ich sah hier Gestalten die Straße be¬
ständnis für die Not anderer zeigt. In völkern, die ich nicht schildern will.“
diesem Zusammenhang spricht man
auch vom „Samariterdienst“. Des Basses Grundgewalt
Dieser Ausdruck stammt aus Faust I
Basiliskenblick (Auerbachs Keller), wo Siebei, einer der
Der Basilisk ist ein Fabelwesen des Al¬ lustigen Zecher, feststellt: „Wenn das
tertums, ein Mischwesen aus Schlange, Gewölbe widerschallt,/Fühlt man erst
Drache und Hahn mit giftigem Atem recht des Basses Grundgewalt.“ Er gibt
und tödlichem Blick (Basiliskenblick), damit dem Vergnügen Ausdruck, das es
von einer Schlange oder Kröte aus ei¬ einem Sänger bereiten kann, wenn die
nem Hühnerei ausgebrütet und meist als Akustik eines Gewölbes seine tragende
Hahn mit einem Schlangenschwanz Baßstimme durch den Widerhall beson¬
dargestellt. Diese phantastische Dar¬ ders eindrucksvoll zur Geltung bringt. -
stellung findet sich zuerst im Alten Das Goethe-Zitat wird meist scherzhaft
Orient, später gelangte sie über spätanti¬ verwendet, zum Beispiel wenn eine tiefe
ke Schriftsteller und Kirchenväter in die Männerstimme alle anderen Stimmen
Tierbücher des hohen Mittelalters und übertönt oder wenn sie mit großer Laut¬
hielt sich bis ins 17. Jahrhundert. Im Al¬ stärke eingesetzt wird.
ten Testament ist bei Jesaja (11,8) von
der Höhle des Basilisken die Rede. Heu¬ t Leute vom Bau
te wird von einem Basiliskenblick ge¬
sprochen, wenn jemand einen stechen¬ Der Bauer ist kein Spielzeug
den, bösen oder unheimlichen Blick hat, Das Zitat stammt aus der Ballade „Das
der Furcht einflößt oder Schlimmes von Riesenspielzeug“ von Adelbert von
der betreffenden Person erwarten läßt. Chamisso (1781-1838). Das Motiv geht
auf eine Volkssage zurück, in der ein
Basiliskeneier ausbrüten Riesenritter seine Tochter ermahnt,
Diese Redewendung wird gebraucht, nicht mit einem Bauern zu spielen. Bei
wenn sich jemand Böses ausdenkt oder Chamisso heißt es: „Sollst gleich und
etwas Schlimmes im Schilde führt. Un¬ ohne Murren erfüllen mein Ge-
ter einem Basiliskenei versteht man bot;/Denn wäre nicht der Bauer, so hät¬
auch ein Geschenk, das in böser Absicht test du kein Brot;/Es sprießt der Stamm
gegeben wird. Im Alten Testament heißt der Riesen aus Bauernmark her-
es bei Jesaja (59,5), auf sündige Juden vor;/Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei
bezogen: „Sie brüten Basiliskeneier und uns Gott davor!“ Mit dem Zitat „Der
wirken Spinnwebe. Ißt man von ihren Bauer ist kein Spielzeug“ wird die Be¬
Eiern, so muß man sterben; zertritt deutung des Bauern für die Ernährung
man’s aber, so fährt eine Otter heraus.“ des Menschen unterstrichen; gelegent¬
(Vergleiche auch den Artikel „Basilis¬ lich wird damit zum Ausdruck gebracht,
kenblick“.) daß man den Bauernstand (die Land¬
wirte) nicht von oben herab behandeln
Bassermannsche Gestalten und mit ihm nach Belieben umspringen
Der heute seltener gebrauchte Ausdruck kann.
mit der Bedeutung „verdächtige, frag¬
würdige Individuen“ geht auf einen Be¬
TVom Baum der Erkenntnis essen
richt zurück, den der Abgeordnete
Bäume sterben aufrecht
Friedrich Daniel Bassermann am 18. 11.
1848 der Frankfurter Nationalversamm¬ Der Titel der Komödie von Alejandro
lung vortrug. Er war in politischer Mis¬ Casona (eigentlich A. Rodriguez Älva-

61
Bäumlein Teil I

rez, 1903-1965) - im spanischen Origi¬ zuhalten, sich nicht einzumischen. Ganz


nal Los ärboles mueren de pie - wurde vordergründig kann die Verszeile auch
seit der Uraufführung 1949 (deutsche als Stoßseufzer an einem zu strahlen¬
Übersetzung 1950) zum geflügelten den, sonnenheißen Tag dienen, wenn
Wort. In dem Theaterstück gelingt es ei¬ man sich nach schattenspendenden
ner Großmutter, die jahrelang über das Wolken sehnt.
Schicksal und den schlechten Charakter
ihres Enkels - aus Rücksichtnahme - t Ich weiß nicht, was soll es bedeu¬
getäuscht wurde, nach der großen Ent¬ ten
täuschung, die ihr die Erkenntnis der
Wahrheit schließlich bereitet, Haltung t Nie sollst du mich befragen
zu bewahren, nicht zu verzweifeln und
um des Glückes der anderen willen de¬ t Unheimliche Begegnung der
ren Spiel weiterhin mitzuspielen. Heute dritten Art
wird dieses Zitat gebraucht, wenn man
ausdrücken will, daß ein [knorriger] Begeistrung ist keine Heringsware
Mensch rechtschaffen, ohne sich zu In Goethes Gedichtsammlung von 1815
beugen oder sich etwas zu vergeben, zu¬ findet sich im Abschnitt „Epigramma¬
grunde geht. tisch“ das Gedicht „Frisches Ei, gutes
Ei“ mit den folgenden Zeilen: „Enthu¬
TVom Bäumlein, das andere Blät¬ siasmus vergleich’ ich gem/Der Auster,
ter hat gewollt meine lieben Herrn,/Die, wenn ihr sie
nicht frisch genoßt,/Wahrhaftig ist eine
Beckmesserei schlechte Kost./Begeistrung ist keine
Dieser Ausdruck, mit dem man eine Heringsware,/Die man einpökelt auf ei¬
Kritik bezeichnet, die sich an Kleinig¬ nige Jahre.“ Das Zitat wird auch heute
keiten stößt, anstatt das Ganze zu beur¬ noch verwendet, um die spontane Be¬
teilen, geht zurück auf die Figur des geisterung über eine Sache, einen von
Sixtus Beckmesser in Richard Wagners leidenschaftlicher Anteilnahme getrage¬
Oper „Die Meistersinger von Nürn¬ nen Tatendrang zu rechtfertigen.
berg“ (1868). Beckmesser notiert beim
Sängerwettstreit die gegen die Tabula¬ TSo tauml’ ich von Begierde zu
tur, die satzungsmäßig festgelegten Re¬ Genuß
geln für den Vortrag der Meistersinger,
gemachten Verstöße und wird dabei als t Das ist der Beginn einer wunder¬
überaus pedantischer Kunstrichter dar¬ baren Freundschaft
gestellt. Wagner wollte mit dieser Figur
einen seiner Kritiker karikieren. Die begnadete Angst
Dies ist der deutsche Titel eines Thea¬
Bedecke deinen Himmel, Zeus terstücks von Georges Bernanos (1888
Mit den Zeilen „Bedecke deinen Him¬ bis 1948; französischer Titel: Dialogues
mel, Zeus,/Mit Wolkendunst“ beginnt des Carmelites), das vom Martyrium der
Goethes Gedicht „Prometheus“. Nach im Zuge der Säkularisierung Frank¬
der griechischen Mythologie brachte reichs 1794 hingerichteten sechzehn
Prometheus den Menschen gegen den Karmeliterinnen von Compiegne han¬
Willen Zeus’ das Feuer und zog sich da¬ delt. Einzig die ängstliche und schwa¬
mit den Zorn des Herrn des Himmels che junge Novizin Blanche de la Force
zu. Das Gedicht ist ein stolzer Monolog bleibt zunächst unentdeckt, überwindet
des Prometheus, der darin unmißver¬ jedoch durch Gottes Gnade ihre Angst
ständlich seine Verachtung für Zeus und folgt ihren Schwestern freiwillig auf
zum Ausdruck bringt. - Man verwendet das Schafott in den Tod. Blanche erklärt
das Zitat - meist scherzhaft-ironisch -, dies im Stück mit folgenden Worten:
wenn man eine mächtige Person oder „Selbst die Angst ist ein Geschöpf Got¬
Institution auffordern will, sich zurück¬ tes, das am Karfreitag erlöst worden

62
Teil I bei

ist.“ - In Situationen, in denen sich je¬ so schön gewesen“ geläufig) stammt aus
mandes Angst auf wunderbare Weise in dem Versepos „Der Trompeter von Säk-
übernatürliche Stärke wandelt, spricht kingen, ein Sang vom Oberrhein“ von
man auch heute noch gelegentlich von Joseph Viktor von Scheffel (1826 bis
einer „begnadeten Angst“. 1886), wo es im 2. Stück heißt: „Behüt’
dich Gott, es wär' zu schön gewe-
Begräbnis erster Klasse sen,/Behüt’ dich Gott, es hat nicht sol¬
t Leichenbegängnis erster Klasse len sein!“ Auch die zweite Zeile wird in
vergleichbaren Situationen zitiert.
t Das begreife ein andrer als ich
Bei Anruf Mord
t Denn eben, wo Begriffe fehlen, In dem amerikanischen Spielfilm „Bei
da stellt ein Wort zur rechten Zeit Anruf Mord“ (Originaltitel Dial ,,M" for
sich ein Murder) aus dem Jahre 1953 (Regie:
Alfred Hitchcock) wird durch das klin¬
t Mich ergreift himmlisches Beha¬ gelnde Telefon ein Mord angekündigt;
gen zugleich gehört es zum Ablauf eines raf¬
finierten Plans, der zu einem anderen
Behandelt jeden Menschen nach Mord mit Hilfe der Justiz führen soll. -
seinem Verdienst Heute werden, besonders in kurzgefa߬
ten Inseraten, oft Serviceleistungen mit
Mit diesem Zitat aus Shakespeares Tra¬
der einleitenden Fügung „Bei Anruf...“
gödie „Hamlet“ (11,2) wird heute meist
angeboten (z. B.: „Bei Anruf Babysit¬
zum Ausdruck gebracht, daß man die
ting“ oder „... Pizza ins Haus“).
Leistungen eines Menschen als Ma߬
stab für seine Beurteilung zugrunde le¬
gen soll. Im Original sagt Hamlet, ange¬ Bei einem Wirte wundermild
tan von Darbietungen einiger Schau¬ Mit dieser Zeile beginnt Ludwig Uh-
spieler am Hof, zu seinem Oberkämme¬ lands (1787-1862) Wanderlied „Ein¬
rer Polonius: Use every man after his de- kehr“, in dem von einer Rast unter ei¬
sert, and who should scape whipping? nem Apfelbaum erzählt wird. Dieser
(„Behandelt jeden Menschen nach sei¬ Apfelbaum, der wie ein Gasthaus An¬
nem Verdienst, und wer ist vor Schlägen nehmlichkeiten bietet, nämlich die „sü¬
sicher?“). Hamlet setzt dagegen einen ße Kost“ seiner Früchte, den Gesang
Umgang mit den Menschen, der sich der Vögel und den „kühlen Schatten“,
ungeachtet ihres Verdienstes auf die ei¬ wird dort als Wirt bezeichnet. Die erste
gene Vornehmheit gründet: Use them af¬ Strophe des Liedes lautet: „Bei einem
ter your own honour and dignity - the less Wirte wundermild,/Da war ich jüngst zu
they deserve, the more merit is in your Gaste;/Ein goldner Apfel war sein
bounty („Behandelt sie nach Eurer eig¬ Schild/An einem langen Aste.“ Das Zi¬
nen Ehre und Würdigkeit: je weniger sie tat wird heute gelegentlich noch ver¬
verdienen, desto mehr Verdienst hat wendet, um auszudrücken, daß man ei¬
Eure Güte“). nen schönen Aufenthalt im Freien hatte
oder irgendwo gastlich aufgenommen
Beharrlichkeit führt zum Ziel worden ist.
TNur Beharrung führt zum Ziel
Bei genauerer Betrachtung steigt
Behüt’ dich Gott, es wär’ zu schön mit dem Preise auch die Achtung
gewesen! In seiner Bildergeschichte „Maler
Mit diesem Stoßseufzer verleiht man Klecksei“ übt Wilhelm Busch (1832 bis
seiner Enttäuschung Ausdruck, wenn 1908) satirische Kritik an der Bildungs¬
etwas nicht so gekommen ist, wie man philisterei seiner Zeit. Besonders kenn¬
es sich gewünscht oder vorgestellt hat. zeichnend ist dafür, wie der Ich-Erzäh¬
Das Zitat (auch in der Form „... es wär’ ler im 1. Kapitel sein Verhalten als Mit-

63
bei Teil I

glied eines Kunstzirkels bei der Beurtei¬ und Tod die Ermordung Cäsars gerächt.
lung eines Gemäldes beschreibt: „Mit Shakespeare hat sich hier vermutlich
scharfem Blick, nach Kennerweise/Seh’ auf eine Stelle in der Cäsarbiographie
ich zunächst mal nach dem Preise,/Und des griechischen Schriftstellers Plutarch
bei genauerer Betrachtung/Steigt mit bezogen, wo die Ankündigung in der
dem Preise auch die Achtung.“ Man Form „Bei Philippi wirst du mich se¬
verwendet die beiden letzten Verse, um hen“ zu finden ist. Heute wird die Re¬
ironisch auszudrücken, daß manche densart als - gelegentlich auch scherz¬
Leute vieles nur deshalb besonders gut hafte - Drohung verwendet, mit der
finden oder für wertvoll halten, weil es man ausdrückt, daß man mit jemandem
teuer ist. noch eine Rechnung zu begleichen hat.

Bei Gott ist kein Ding unmöglich


Dieser Ausspruch geht auf das Lukas¬ Beim ersten Mal, da tut’s noch weh
evangelium (1,37) zurück. Dort sagt der Mit diesen Worten beginnt der Refrain
Engel Gabriel zu Maria, die daran zwei¬ eines Liedes aus dem Helmut-Käutner-
felt, daß sie ein Kind bekommen wird Film „Große Freiheit Nr. 7“ (1944) mit
(„Wie soll das zugehen, sintemal ich von Hans Albers: „Beim ersten Mal, da tut’s
keinem Manne weiß?“), mit Hinweis noch weh,/da glaubt man noch,/daß
auf ihre angeblich unfruchtbare, aber man es nicht verwinden kann./Doch mit
doch schwangere Freundin Elisabeth: der Zeit, so peu ä peu,/gewöhnt man
„Denn bei Gott ist kein Ding unmög¬ sich daran.“ Auf der Lebenserfahrung,
lich.“ Heute werden diese Worte zitiert, daß der erste Liebeskummer, die erste
wenn ausgedrückt werden soll, daß trotz Enttäuschung in der Liebe am schmerz¬
starker Zweifel etwas Unvorstellbares haftesten empfunden wird, beruht auch
Wirklichkeit werden kann. der heutige Gebrauch des Zitats. Man
tröstet jemanden, der in einer solchen
Bei Männern, welche Liebe fühlen Situation ist, mit dem Hinweis, daß der¬
Dieses Zitat stammt aus Mozarts Zau¬ artige Erfahrungen künftig leichter zu
berflöte (1791 uraufgeführt; Text von ertragen sein werden.
Emanuel Schikaneder). Nachdem Prin¬
zessin Pamina von Papageno erfahren
hat, daß der sie liebende Prinz Tamino Beim heiligen Bürokrazius!
zu ihrer Befreiung unterwegs sei, singt Dieser Ausruf wird - meist scherzhaft -
sie in einem Duett mit Papageno: „Bei gebraucht, wenn man seiner Verwunde¬
Männern, welche Liebe fühlen,/Fehlt rung, seinem Ärger über übertrieben ge¬
auch ein gutes Herze nicht.“ Heute wird naue, bürokratische Handhabung von
mit der ersten Zeile meist scherzhaft das Dienstvorschriften Ausdruck geben
in irgendeiner Weise auffällige Verhal¬ will. Er geht zurück auf ein Zitat aus der
ten eines verliebten Mannes kommen¬ Schulkomödie „Flachsmann als Erzie¬
tiert. her“ von Otto Ernst (1862-1926). Der
Lehrer Fleming sagt dort (III, 10) im
t... denn bei mir liegen Sie richtig! Hinblick auf seinen engstirnig-formali¬
stischen Direktor, der sich trotz seiner
Bei Philippi sehen wir uns wieder! Unfähigkeit auf bürokratischen Wegen
Die Redensart geht auf Shakespeares ein Amt erschlichen hat: „Bei dem heili¬
Drama „Julius Cäsar“ (IV, 3) zurück. gen Bureaukrazius ist nichts unmög¬
Dort antwortet Cäsars Geist auf die Fra¬ lich!“
ge Brutus’, weswegen er gekommen sei:
„Um dir zu sagen, daß du zu Philippi/
Mich sehn sollst.“ (Im englischen Text: Beim wunderbaren Gott - das
To teil thee thou shalt see me at Philippi.) Weib ist schön!
Bei dem ostmakedonischen Ort Philippi Mit diesen Worten gibt Don Kariös in
wird dann durch Brutus’ Niederlage Schillers gleichnamigem Drama (11,8)

64
Teil I
bella

der Faszination Ausdruck, die die Prin¬ Bekränzt mit Laub den lieben vol¬
zessin von Eboli, in die er sich gerade len Becher
verliebt, auf ihn ausübt. Das Zitat
Dieses Zitat stammt aus dem Gedicht
wird - auch in der verkürzten Form
„Rheinweinlied“ von Matthias Claudi¬
„Bei Gott, das Weib ist schön!“ - heute
us (1740-1815), das von Johann Andre
noch gelegentlich scherzhaft verwendet,
vertont wurde. Das Gedicht zum Lobe
wenn man die Schönheit einer Frau her¬
vorheben will. des rheinischen Weines beginnt mit den
Zeilen: „Bekränzt mit Laub den lieben
vollen Becher/Und trinkt ihn fröhlich
Bein von meinem Bein und Fleisch leer!/In ganz Europia, ihr Herren Ze¬
cher,/Ist solch ein Wein nicht mehr!“
von meinem Fleisch
Die erste Zeile wird heute noch als
So bezeichnet in der Schöpfungsge¬ Trinkspruch in geselliger Runde von
schichte des Alten Testaments der erste Weintrinkern verwendet.
Mensch Adam seine Frau, die von Gott
Jahwe aus seiner Rippe geschaffen wor¬
den war (1. Moses 2, 23). „Bein“ steht
Belami
hier in der veralteten Bedeutung „Kno¬
chen“. Wie den Ausdruck „eigen Das Wort mit der Bedeutung „Frauen¬
Fleisch und Blut“ (siehe dort) verwen¬ liebling“ geht zurück auf die Titelgestalt
det man diese Bibelworte zur Bezeich¬ des Romans Bel ami (in wörtlicher
nung des eigenen Kindes oder der eige¬ Übersetzung: „schöner Freund“) von
nen Kinder, wobei mit Nachdruck auf Guy de Maupassant (1850-1893). Der
die enge, direkte verwandtschaftliche Roman schildert den beruflichen Auf¬
Beziehung hingewiesen wird. stieg eines Abenteurers, der sich seines
Charmes und seiner Wirkung auf Frau¬
en zur Förderung seiner journalisti¬
Bekenntnisse einer schönen Seele schen Karriere bedient. Zusätzliche Ver¬
breitung erlangte die Bezeichnung
Das Zitat ist der Titel des 6. Buchs von
durch den gleichnamigen Film von Willi
Goethes Roman „Wilhelm Meisters
Forst aus dem Jahr 1939 mit dem lang¬
Lehrjahre“ (1795/96). Goethe verarbei¬
samen Foxtrott „Du hast Glück bei den
tete in der mit der Romanhandlung ver¬
Frau’n, Bel ami“ von Theo Mackeben.
knüpften Lebensbeichte einer Stiftsda¬
me seine Erinnerungen an die pietisti-
sche Schriftstellerin Susanne Katharina
von Klettenberg (1723-1774), Mitglied Bella gerant alii, tu, felix Austria,
der Herrnhuter Brüdergemeinde und nube
Freundin seiner Mutter. Sie hatte ihn Das Zitat Bella gerant alii, tu, felix Au¬
während seiner Krankheit im Jahre stria, nube!/Nam quae Mars aliis, dat tibi
1768 fürsorglich gepflegt. - Die „schöne regna Venus! („Kriegführen lasse die
Seele“ - der Begriff ist seit der mittelal¬ anderen, du, glückliches Österreich, hei¬
terlichen Mystik bekannt und kommt rate !/Reiche schenkt dir Venus wie an¬
auch bei Wieland und in Schillers Ab¬ deren Gott Mars!“) stellt eine Anspie¬
handlung „Über Anmut und Würde“ lung auf die Habsburger dar, die oft,
(1793) vor - ist im Einklang mit sich und statt Krieg zu führen, ihr Reich und
der Welt. Das Hauptanliegen ihrer „Be¬ ihren politischen Einfluß durch eine
kenntnisse“ stellt die pietistisch-mysti- geschickte Heiratspolitik vergrößern
sche Begegnung mit Gott dar. Heute konnten. Der Anfang des Zitats stammt
bringt man mit den Worten „Bekennt¬ wohl aus den „Heroides“ (13,84) des rö¬
nisse einer schönen Seele“ meist iro¬ mischen Dichters Ovid (43 v. Chr.-17
nisch zum Ausdruck, daß man jemandes oder 18 n.Chr.). Dort heißt es: Bella
Vorstellungen oder Äußerungen für et¬ gerant alii! Protesilaus amet! („Mögen
was naiv und weltfremd oder für zu andere Kriege führen, Protesilaus soll
idealistisch hält. lieben!“).

65
beneidenswert Teil I

Beneidenswert, wer frei davon Beschränkter Untertanenverstand


Dieses Zitat stammt aus der „Doppelten Gegen die von König Ernst August in
Ballade über dasselbe Thema“ im „Gro¬ Hannover 1833 verfügte Aufhebung der
ßen Testament“ des französischen Verfassung hatten namhafte Göttinger
Dichters Franfois Villon (geboren um Professoren (die „Göttinger Sieben“)
1431, Todesdatum unbekannt), in der es protestiert. Für dieses Verhalten erhiel¬
um die Gefahren der Liebe geht, die die ten sie Zustimmung aus breiten Kreisen
Männer leicht zu Narren machen und der Bevölkerung. Eine der vielen
ins Unglück stürzen kann. Die einzelnen schriftlichen Zustimmungen wurde dem
Strophen enden mit der Zeile Bien est damaligen preußischen Justizminister
eureux qui riens n'y a! (wörtlich über¬ von Rochow (1792-1847) zugespielt,
setzt: „Sehr glücklich ist, wer nichts da¬ der in seiner Antwort formuliert haben
mit zu tun hat!“). Man kommentiert mit soll, daß es sich für einen Untertanen
dem Zitat heute gelegentlich Verpflich¬ nicht gehöre, „die Handlungen des
tungen, Bindungen, Sachzwänge, denen Staatsoberhauptes an den Maßstab sei¬
man selbst unterworfen ist, während an¬ ner beschränkten Einsicht anzulegen“.
dere sich darüber hinwegsetzen können Aus dieser Formulierung entstand wohl
oder gar nicht davon betroffen sind. das politische Schlagwort vom „be¬
schränkten Untertanenverstand“. Der
t In Bereitschaft sein ist alles Lyriker Georg Herwegh, der auf einer
Reise durch Deutschland auch eine Au¬
dienz beim preußischen König Fried¬
Der Berg kreißte und gebar eine rich Wilhelm IV. (1840-1861) erhalten
Maus hatte, verwendete es im Dezember 1842
Diese Redensart stammt aus der „Ars in einem polemischen Brief an den Kö¬
poetica“ des römischen Dichters Horaz nig. Wegen dieses Briefes wurde er aus
(65-8 v.Chr.), wo es in Vers 139 heißt: Preußen ausgewiesen.
„Es kreißen die Berge, zur Welt kommt
nur ein lächerliches Mäuschen“ (latei¬ t In der Beschränkung zeigt sich
nisch: Parlurient montes, nascetur ridicu- erst der Meister
lus mus). Mit diesen Worten wollte Ho¬
raz die Dichter kritisieren, die nur wenig T Der ist besorgt und aufgehoben
von dem halten, was sie versprechen.
Wenn jemand große Vorbereitungen Besser als sein Ruf sein
trifft, große Versprechungen macht und
kaum etwas dabei herauskommt, dann „Das Ärgste weiß die Welt von mir, und
zitiert man heute: „Der Berg kreißte und ich kann sagen, ich bin besser als mein
Ruf.“ Diese Worte läßt Schiller in sei¬
gebar eine Maus“ oder auch nur: „Der
Berg gebar eine Maus“. nem Trauerspiel eine zornige Maria
Stuart ihrer Rivalin Elisabeth I. entgeg¬
nen (Maria Stuart III, 4). In ähnlicher
T Auf den Bergen ist Freiheit Form findet sich die Wendung bereits
bei dem römischen Dichter Ovid (43
t Das macht die Berliner Luft v. Chr. bis 17/18 n.Chr.), der versuchte,
einer Dame mit zweifelhaftem Ruf eine
t Ich bin ein Berliner gerechtere Beurteilung zukommen zu
lassen: Ipsa sua meliorfama („Sie selbst
war besser als ihr RuP‘).
t Viele sind berufen, aber wenige
sind auserwählt
Besser, man riskiert, einen Schul¬
digen zu retten, als einen Unschul¬
Bescheidenheit ist eine Zier, doch digen zu verurteilen
weiter kommt man ohne ihr
Dieser Satz aus der Erzählung „Zadig“
Den t Jüngling ziert Bescheidenheit des französischen Dichters und Philoso-

66
Teil I Bessere

phen Voltaire (1696-1778; im französi¬ ferkeit ist Vorsicht, und mittels dieses
schen Original: II vaut mieux hasarder besseren Teils habe ich mein Leben ge¬
de sauver un coupable que de condamner rettet“ (im englischen Original: The bet¬
un irmocent) zeigt dessen unerbittliche ter part of valour is discretion V,4).
Haltung Justizverbrechen gegenüber, Heute wird die Redensart meist in der
die ihm schon zu Lebzeiten den Beina¬ Form „Vorsicht ist die Mutter der Tap¬
men eines Freundes der Unglücklichen ferkeit“ verwendet oder in der scherz¬
einbrachte. Der Ausspruch wird zitiert, haften Abwandlung „Vorsicht ist die
wenn gesagt werden soll, daß Zweifel an Mutter der Porzellankiste.“
der Schuld eines Angeklagten nicht zu
beheben sind und es deswegen besser Das bessere Teil erwählt haben
ist, ihn freizusprechen. Mit dieser Redewendung will man aus-
drücken, daß sich jemand mit seiner
Besser spät als gar nicht Entscheidung die Voraussetzungen ge¬
Die sprichwörtliche Redensart, bei der schaffen hat, es besser zu haben als an¬
„besser“ auch durch „lieber“ und „gar dere. Zugrunde liegt vermutlich eine
nicht“ durch „nie“ oder „niemals“ er¬ Episode im Lukasevangelium (Lukas
setzt werden kann, ist schon bei Titus 10, 38-42), die Jesus im Hause von Mar¬
Livius (59 v. Chr.-17 n. Chr.) in seiner tha und Maria, den Schwestern des La¬
römischen Geschichte „Ab urbe condita zarus, zeigt. Martha beschwert sich dar¬
libri“ (IV,2,11) belegt: Potius sero quam über, daß sie die ganze Hausarbeit allei¬
numquam. Bekannt sind auch die fran¬ ne machen müsse, während Maria nur
zösische und die englische Variante: dasitze und ihm zuhöre. Jesus gibt ihr
Mieux vaut tard que jamais und Better daraufhin zur Antwort: „Martha, Mar¬
late than never. tha, du hast viel Sorge und Mühe; eins
aber ist not. Maria hat das gute Teil er¬
wählt; das soll nicht von ihr genommen
Bessere Hälfte
werden“ (10, 41 -42). Die Redewendung
Diese scherzhafte Bezeichnung für wird gelegentlich auch in der Form „den
„Ehefrau“ - seltener auch für „Ehe¬ besseren Teil erwählt (oder: gewählt)
mann“ - stammt aus dem Schäferroman haben“ gebraucht.
„The countess of Pembroke’s Arcadia“
des englischen Dichters Philip Sydney Das Bessere ist der Feind des Gu¬
(1554-1586), ins Deutsche übersetzt ten
1629/1638 unter dem Titel „Das Arka¬
Wer diese Worte (auch in der Variante
dien der Gräfin von Pembroke“. Der
„... des Guten Feind“) aus dem „Philo¬
englische Dichter John Milton (1608 bis
sophischen Wörterbuch“ des französi¬
1674) griff sie in seinem Epos „Paradise
schen Dichters und Philosophen Vol¬
lost“ auf, wo Adam seine Frau Eva als
taire (1696-1778) zitiert, will damit sa¬
dearer half, als „teurere Hälfte“ bezeich¬
gen, daß etwas, mag es noch so gut sein,
net.
weichen muß, wenn Besseres, Vollkom¬
meneres an seine Stelle treten kann. Ei¬
Der bessere Teil der Tapferkeit ist nen stetigen Fortschritt kann es nämlich
Vorsicht nur geben, wenn das Überkommene -
Shakespeare läßt im 1. Teil seines histo¬ zum richtigen Zeitpunkt - durch Ver¬
rischen Dramas „König Heinrich IV.“ bessertes und Weiterentwickeltes ersetzt
(uraufgeführt 1597) den komischen Hel¬ wird. Das Zitat kann aber auch gele¬
den Falstaff, einen beleibten, immer gentlich als Warnung verstanden wer¬
trinkenden und doch nie betrunkenen den, etwas, was allen Ansprüchen ge¬
Prahlhans und Feigling, einen Zwei¬ nügt und ohne Mängel ist, nicht noch
kampf dadurch überleben, daß dieser weiter perfektionieren zu wollen und es
sich totstellt. Der „Held“ kommentiert dadurch eher schlechter zu machen. -
dann seine taktische Meisterleistung mit Das französische Original lautet: Le
den Worten: „Das bessere Teil der Tap¬ mieux est Pennemi du bien.

67
Besseres Teil I

t Etwas Besseres als den Tod fin¬ zeigt das tägliche Leben mit seinen zahl¬
reichen Widrigkeiten, daß „die Welt“
dest du überall
nur das sein kann, was der in ihr leben¬
de Mensch daraus macht.
Das Beste ist gerade gut genug
Wo höchsten Ansprüchen Genüge getan Bestgehaßter Mann
werden muß, wo nur Ausgesuchtes die
Der Ausdruck mit der eigenwilligen ad¬
geforderte Qualität bieten kann, da ist
jektivischen Zusammensetzung geht
eben das Beste gerade gut genug. Dieser
wohl auf Otto von Bismarck (Reichs¬
Ansicht war schon Goethe, wie in einem
kanzler von 1871-1890) zurück. In einer
Brief nachzulesen ist, der im ersten Teil
Rede im preußischen Landtag während
seiner „Italienischen Reise“ abgedruckt
der Zeit der Auseinandersetzung der
ist. Goethe spricht hier seine Neubear¬
protestantisch-preußischen Staatsmacht
beitung der „Iphigenie“ an, der er sich
mit der katholischen Kirche (des soge¬
in den ersten Monaten seines Italienauf¬
nannten „Kulturkampfes“ von etwa
enthaltes intensiv gewidmet hatte und
1871-1878) rief der Reichskanzler aus,
die er für sehr gelungen hielt: „Ich weiß,
daß er wohl - mit Stolz - von sich be¬
was ich daran getan habe schreibt
haupten könne, „die am besten gehaßte
er. „Wenn es eine Freude ist, das Gute
Persönlichkeit“ im Deutschen Reich zu
zu genießen, so ist es eine größere, das
sein.
Bessere zu empfinden, und in der Kunst
ist das Beste gut genug“ (Brief aus Nea¬
pel vom 3. 3. 1787). Die Bestie im Menschen
t La bete humaine
Die beste aller möglichen Welten
Es ist bestimmt in Gottes Rat
In seinen „Abhandlungen zur Rechtfer¬
tigung Gottes, über die Güte Gottes, die T Wenn Menschen auseinandergehn, so
Freiheit des Menschen und den Ur¬ sagen sie: auf Wiedersehn, ja, Wieder¬
sprung des Übels“ (1710 in französi¬ sehn!
scher Sprache veröffentlicht unter dem
Titel „Essais de theodicee sur la bonte Bete und arbeite!
de dieu, la liberte de l’homme et l’ori- t Ora et labora!
gine du mal“) versucht der deutsche
Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz
t Bei genauerer Betrachtung steigt
(1646 bis 1716) den Vorwurf, Gott hätte
mit dem Preise auch die Achtung
in seiner Allmacht eine bessere Welt
schaffen müssen, zu widerlegen. Da
Gott wirklich allmächtig sei, so argu¬ Betrogener Betrüger
mentiert Leibniz dabei, hätte er natür¬ So nennt man jemanden, der andere
lich eine andere, bessere Welt schaffen hintergehen wollte, aber dann selbst
können. Und eben darum hätte Gott arglistig getäuscht worden ist. Die Be¬
nicht diese Welt erschaffen, so wie sie zeichnung geht auf die sogenannte
ist, „wenn sie nicht unter allen mögli¬ Ringparabel in Gotthold Ephraim Les-
chen die beste wäre“ (1,8). Diese „Be¬ sings (1729-1781) Versdrama „Nathan
weisführung“ reizte den französischen der Weise“ (III, 7) zurück. Hier treten
Philosophen Voltaire zum Spott, und er drei Söhne eines Mannes vor den Rich¬
karikierte sie in seinem Roman „Candi- ter und behaupten, ein jeder habe vom
de“ (1759). Dort versucht der stets opti¬ Vater einen Ring mit besonderen Kräf¬
mistische Erzieher und Philosoph Mai- ten geerbt, aber nur einer könne der ech¬
tre Pangloss zu beweisen, daß alles aufs te sein. Der weise Richter schlichtet den
beste geregelt sei „in der besten der Streit, indem er eine salomonisch-prag¬
möglichen Welten“ (im französischen matische Entscheidung fällt: „Oh, so
Original: dans le meilleur des mondes seid ihr alle drei/Betrogene Betrüger!
possibles). In Voltaires Roman aber Eure Ringe/sind alle drei nicht echt.“

68
Teil I
big

Der t wahre Bettler ist der wahre t Mit dem Bezahlen wird man das
König meiste Geld los

Bewaffneter Friede
Der deutsche Epigrammatiker Friedrich Biedermann und die Brandstifter
von Logau (1604-1655) betitelte zwei In diesem Theaterstück, das im März
seiner Sinngedichte „Gewaffneter Frie¬ 1953 als Hörspiel unter dem Titel „Herr
de“ und „Der geharnischte Friede“. Er Biedermann und die Brandstifter“ im
nahm damit Bezug auf die Zeit nach Bayerischen Rundfunk gesendet und im
dem 30jährigen Krieg in Deutschland. März 1958 in Zürich auf der Bühne ur-
Die deutschen Fürsten hatten im West¬ aufgeführt wurde, veranschaulicht Max
fälischen Frieden von 1648 das Bewaff¬ Frisch (1911-1991) typische Verhaltens¬
nungsrecht und das Recht der Entschei¬ weisen des Spießers und saturierten
dung über Krieg und Frieden zugespro¬ Bürgers. Feiges konformistisches Den¬
chen bekommen. Der Kaiser konnte al¬ ken führt dazu, daß dem Verbrechen
so im Reich nicht einfach mehr einen kein Widerstand entgegengesetzt wird
Krieg befehlen, andrerseits fand sich und „Brandstifter“ ungehindert zu Wer¬
bald in jedem Kleinstaat ein stehendes ke gehen können. Der Titel dieses
Heer. Allerdings sah Logau auch einen Stücks wird dementsprechend dann zi¬
möglichen Vorteil in der Entwicklung, tiert, wenn Konformismus und überstei¬
wie es das Sinngedicht zeigt: „Der Frie¬ gertes Sicherheitsdenken angeprangert
de geht im Harnisch her;/wie ist es so werden sollen, wenn das Sankt-Flori-
bestellt?/Es steht dahin; er ist vielleicht ans-Prinzip so weit getrieben wird, daß
die Pallas unsrer Welt.“ Beide Titel dem Brandstifter die Streichhölzer in
führten wohl zur Bildung des Ausdrucks die Hand gegeben werden, in der Hoff¬
„bewaffneter Friede[n]“, der vor allem nung, er möge das Nachbarhaus anzün¬
durch das Gedicht von Wilhelm Busch den.
über Fuchs und Igel allgemein bekannt
wurde.
Big Brother is watching you
TUnd sie bewegt sich doch! In seinem Roman „1984“ zeichnet der
englische Schriftsteller George Orwell
Bewundert viel und viel geschol¬
(1903-1950) das Schreckensbild eines
ten menschenverachtenden totalitären
„Bewundert viel und viel gescholten, Staates, in dem das Individuum totaler
Helena,/Vom Strande komm’ ich, wo Überwachung unterliegt und selbst bis
wir erst gelandet sind“. Mit diesen Wor¬ in intimste Bereiche verwaltet und be¬
ten betritt im sogenannten Helena-Akt herrscht wird. (Die Jahreszahl „1984“
im 2. Teil von Goethes „Faust“ die schö¬ wurde zu einer Art Symbolzahl für das
ne Helena die Bühne (Faust II, 3, Vers 8 Schreckensbild eines solchen Staates.)
488 f.). Treffend charakterisiert sie so ih¬ An der Spitze des Staatsapparates steht
re Lebensgeschichte. Ihre verführeri¬ ein fiktiver Parteiführer, der „Große
sche Schönheit wurde in der Antike ge¬ Bruder“ (englisch: Big Brother), dessen
rühmt. Aber ihre Treulosigkeit dem Bild allgegenwärtig ist und mit seinen
Gatten gegenüber brachte schließlich Augen jedem überallhin zu folgen
das Leid eines langen Krieges über scheint („Der Große Bruder beobachtet
Griechen und Trojaner. Was Helena im dich“, englisch: Big Brother is watching
Faust von sich sagt, kann auch heute you). Der Ausdruck „der große Bruder“
noch auf viele Menschen bezogen wer¬ ist dann zur Metapher für eine allmäch¬
den ; wohl niemand vermag die ungeteil¬ tige, alle und alles überwachende
te Zustimmung aller zu erreichen. Fast Staatsgewalt geworden. Er wird gele¬
immer gehen Bewunderung und Kritik gentlich aber auch scherzhaft verwen¬
Hand in Hand, zumal wenn jemand im det, wenn man ausdrücken will, daß
Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. eine höhere Stelle, ein größerer, mächti-

69
Bild Teil I

gerer Partner seine Augen überall hat man heute aus, daß ein Mensch nur zu
und man stets unter Beobachtung ist. einer wirklichen Persönlichkeit werden
kann, wenn er sich auch gesellschaftli¬
Ein Bild für die Götter chen Aufgaben stellt und im Leben be¬
währt. Der Anfang des Zitates wird
So - oder auch als „Anblick“ oder
auch gebraucht, wenn - gelegentlich
„Schauspiel für die Götter“ - beschreibt
scherzhaft - gesagt werden soll, daß je¬
man scherzhaft einen grotesken, komi¬
mand, ohne daß es bemerkt worden ist,
schen Anblick, den jemand oder etwas
Qualitäten entwickelt hat.
bietet. Eine solche Wendung findet sich
schon in Goethes Singspiel „Erwin und
T Dies Bildnis ist bezaubernd schön
Elmire“ (1775), wo es heißt: „Ein
Schauspiel für Götter/Zwei Liebende zu Bildung macht frei
sehn!/Das schönste Frühlingswetter/Ist
Dieses Motto hatte der deutsche Ver¬
nicht so warm, so schön“ (1,1). Bei Goe¬
lagsbuchhändler Joseph Meyer (1796
the wird also das „Schauspiel für Göt¬
bis 1856), der Gründer des „Bibliogra¬
ter“ noch als etwas sehr Schönes, kei¬
phischen Instituts“, seiner „Groschen-
neswegs als etwas Lächerliches angese¬
Bibliothek der deutschen Klassiker für
hen.
alle Stände“ (1850 ff.) vorangestellt. Es
wurde bald zum Schlagwort für die An¬
Bilde, Künstler! Rede nicht!
hänger einer liberalen Schulpolitik. Im
Dies ist der erste Teil des Mottos, das „Schlußwort des Herausgebers“ seines
Goethe der Abteilung „Kunst“ seiner 52bändigen „Großen Conversations-
1815 erschienenen Gedichtsammlung Lexikons“ (erschienen 1855) hat er die¬
vorangestellt hat. Es lautet vollständig: sen Gedanken noch einmal formuliert:
„Bilde, Künstler! Rede nicht!/Nur ein „Die Intelligenz aller ist der stärkste
Hauch sei dein Gedicht.“ Die Worte Hort der Humanität und Freiheit.“
sind als Aufforderung an den schreiben¬ Meyers Worte haben ihre Bedeutung
den Künstler zu verstehen, keine „Wör¬ bewahrt und bringen auch heute noch
termuseen“ zu schaffen, sondern seinen zum Ausdruck, daß die Unfreiheit der
Stoff mit sparsamen Mitteln und künst¬ Unwissenheit nur durch die Durchset¬
lerischer Leichtigkeit möglichst bildhaft zung des Rechtes aller auf Wissensver¬
und anschaulich zu gestalten. Auf das mittlung und Information beseitigt wer¬
Zitat kann sich literarische Kritik auch den kann.
heute noch berufen, wenn die farblose
Geschwätzigkeit eines Werkes ange¬ Bin weder Fräulein, weder schön,
prangert werden soll. kann ungeleitet nach Hause gehen
In der Szene „Straße“ im ersten Teil von
t Wie sich die Bilder gleichen
Goethes „Faust“ weist Gretchen mit
diesen Worten kurz angebunden Faust
Es bildet ein Talent sich in der Stil¬ ab, der sie schmeichelnd zuvor gefragt
le, sich ein Charakter in dem Strom hatte: „Mein schönes Fräulein, darf ich
der Welt wagen,/Meinen Arm und Geleit Ihr an¬
Leonore Santivale, die Freundin der zutragen?“ Mit dem Zitat wehrt man,
Prinzessin Leonore von Este richtet die¬ meist in gewollt schnippisch-scherzhaf¬
se Worte an deren Bruder Alfons II., tem Ton, übertriebene Komplimente
den Herzog von Ferrara, den Mäzen des und Schmeicheleien ab. - „Fräulein“
Dichters Torquato Tasso in Goethes wird von Goethe im „Faust“ noch im al¬
gleichnamigem Schauspiel (1790). Der ten Sinne von „junge Frau des vorneh¬
Herzog wartet ungeduldig auf die Voll¬ men Standes, aus dem Adel“ gebraucht.
endung eines Werkes des Dichters und
übt Kritik an dessen Art, menschen¬ Bis aufs Blut
scheu und zurückgezogen über seiner Wir kennen heute die Wendungen je¬
Arbeit zu sitzen. Mit dem Zitat drückt manden bis aufs Blut peinigen, quälen

70
Teil I bittere

oder reizen“. Der bildhafte Ausdruck oder ironisch, wenn man sich an einem
„bis aufs Blut“ findet sich bereits im Ort oder in einer Situation befindet, die
Neuen Testament. Hier heißt es im „He¬ man nicht als positiv ansieht.
bräerbrief“ (12,4): „Denn ihr habt noch
nicht bis aufs Blut widerstanden in dem Bis hierher und nicht weiter
Kämpfen wider die Sünde.“ „Bis aufs
Mit dieser Redewendung drückt man
Blut“ meint eigentlich „bis hin zum
aus, daß etwas die Grenze des Tolerier¬
Blutvergießen“, im übertragenen Sinne
baren erreicht hat. Sie geht vermutlich
bedeutet es „bis zum äußersten“.
zurück auf das Buch Hiob im Alten Te¬
Bis aufs Messer stament. Jahwe stellt darin die Frage:
„Wer hat das Meer mit Türen verschlos¬
Als nach der französischen Intervention sen, da es herausbrach wie aus Mutter¬
in Portugal im Jahre 1807 die napoleo- leib“ (38,8) und zitiert dann seine eige¬
nischen Truppen Spanien besetzten, nen Worte, mit denen er das Meer bei
kam es 1808/1809 zur Belagerung von der Erschaffung der Welt in seine Gren¬
Saragossa. Die Aufforderung zur Kapi¬ zen verwiesen hat: „Bis hierher sollst du
tulation der Stadt soll der spanische Ge¬ kommen und nicht weiter; hier sollen
neral Jose de Palafox y Melci (1776 bis sich legen deine stolzen Wellen!“
1847) mit den Worten „Krieg bis aufs (38,11).
Messer“ (also unter Einsatz auch der
letzten und primitivsten Waffen) abge¬
t Und bist du nicht willig, so
lehnt haben. Die Fügung „bis aufs Mes¬
brauch’ ich Gewalt
ser“ wird heute mit wechselndem Be¬
zugswort (häufig mit „Kampf* oder
„Streit“) verwendet, um auszudrücken, Bist du’s, Hermann, mein Rabe?
daß bei einer Auseinandersetzung alle Die Frage stellt der alte Graf Moor in
Mittel von den Kontrahenten eingesetzt Schillers „Räubern“ (1781) an den zu
werden und auch vor Anwendung von ihm haltenden Untergebenen, der dem
Gewalt nicht zurückgeschreckt wird. im Schloß gefangengehaltenen Grafen
heimlich etwas zu essen bringt. Die An¬
Bis dat, qui cito dat rede „mein Rabe“ ist eine Anspielung
t Doppelt gibt, wer gleich gibt auf die Raben im 1. Buch von den Köni¬
gen (17,4 u. 6) im Alten Testament, wo
Bis hieher hat mich Gott gebracht es Raben sind, die während einer Dürre
Elia mit Nahrung versorgen: „Und die
So beginnt ein unter den Liedern zum
Raben brachten ihm Brot und Fleisch
Jahreswechsel eingeordnetes Kirchen¬
des Morgens und des Abends.“ - Heute
lied von Ämilie Juliane Gräfin von
wird das Zitat gelegentlich als scherz¬
Schwarzburg-Rudolstadt (1637-1706).
hafte Anrede an jemanden gebraucht,
„Bis hieher hat mich Gott gebracht/
den man nicht gleich erkennt oder über
durch seine große Güte./Bis hieher hat
dessen Erscheinen man sehr erstaunt ist.
er Tag und Nacht/bewahrt Herz und
Gemüte.“ Der Text geht von einer Bi¬
belstelle aus (1. Samuel 7,12), die sich Das bittere Brot der Verbannung
auf den Sieg der Israeliten über die Phi¬ essen
lister mit Gottes Hilfe bezieht und fol¬ Die Redewendung geht auf Shake¬
genden Wortlaut hat: „Bis hieher hat speares Drama „Richard II.“ zurück.
uns der Herr geholfen.“ - Carl Zuck¬ Darin klagt Herzog Bolingbroke: „Ich
mayer läßt in seinem Stück „Der Haupt¬ selbst, ein Prinz durch Rechte und Ge¬
mann von Köpenick“ (2,8) die Gefan¬ burt,/... Mußt’ eurem Unrecht meinen
genen in der Zuchthauskapelle diesen Nacken beugen,/... Und essen der Ver¬
Choral (in leicht abgewandelter Form) bannung bittres Brot.“ Die Verban¬
anstimmen: „Bis hierher hat uns Gott nung aus der Heimat wurde als Strafe
geführt./In seiner großen Güte - für einen in Ungnade Gefallenen im
Man verwendet das Zitat scherzhaft Altertum und im Mittelalter häufig ver-

71
bittet Teil I

hängt. Sie traf auch Dante (1265-1321), Blamier mich nicht, mein schönes
in dessen „Göttlicher Komödie“ sich Kind
eine ähnlich formulierte Klage findet: Mit diesem Vers beginnt ein Vierzeiler
„Verlassen wirst du alles, was am mei- von Heinrich Heine aus dem Jahr 1824.
sten/Du je geliebt: das ist der erste Man findet ihn unter der Nummer 17 in
Pfeil,/Der dich ereilt vom Bogen der der „Nachlese zu den Gedichten“. Voll¬
Verbannung./Du wirst erfahren, wie ständig lautet das Gedicht: „Blamier
nach Salze schmecket/Das Brot der mich nicht, mein schönes Kind,/Und
Fremde“ (Das Paradies, 17. Gesang, grüß mich nicht unter den Lin¬
Vers 55 ff.). Noch heute kann man diese den ;/Wenn wir nachher zu Hause
Redewendung gebrauchen, wenn von
sind,/Wird sich schon alles finden.“ Der
einem Menschen die Rede ist, der seine
zitierte Vers und das ganze Gedicht
Heimat verlassen mußte und in einem
drücken keine besondere Achtung vor
fremden Land zu leben gezwungen ist.
der Frau aus, an die sie gerichtet sind. -
Als Zitat kann der Vers als scherzhafte
Warnung dienen. Mit der zweiten Zeile
Bittet, so wird euch gegeben
drückt man aus, daß man selbst oder
t Suchet, so werdet ihr finden auch ein anderer nicht mit jemandem
oder einer Sache in Beziehung gebracht
werden möchte.
Black is beautiful
Dieses Schlagwort (auf deutsch:
t Du bist so blaß, Luise
„Schwarz ist schön“) ist aus der gegen
die Rassendiskriminierung gerichteten
amerikanischen Black-Power-Bewe- Die blaue Blume
gung der sechziger Jahre unsres Jahr¬ Als geheimnisvolles Symbol erscheint
hunderts hervorgegangen. Es ist Aus¬ die „blaue Blume“ in dem Romanfrag¬
druck des gewachsenen Selbstbewußt¬ ment „Heinrich von Ofterdingen“
seins der Menschen schwarzer Hautfar¬ (1802) des Dichters Friedrich von Har¬
be in Amerika. - „Black is beautiful“ denberg (Novalis). Zu Beginn des Ro¬
wurde in den siebziger Jahren gelegent¬ mans erfährt der junge Dichter Heinrich
lich von der CDU in der Wahlwerbung von Ofterdingen durch einen fremden
verwendet und bezog sich hier scherz¬ Reisenden von der wunderbaren Blume.
haft auf die umgangssprachliche Be¬ Sein ganzes Verlangen richtet sich von
zeichnung der CDU/CSU-Politiker als diesem Augenblick an darauf, sie zu fin¬
„die Schwarzen“. Als Zitat kann es auch den: „die blaue Blume sehn’ ich mich zu
ganz vordergründig auf die Farbe erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im
Schwarz (zum Beispiel von jemandes Sinn, und ich kann nichts anderes dich¬
Kleidung) bezogen oder entsprechend ten und denken.“ Heinrich Heine
abgewandelt werden. nimmt darauf in seiner Prosaschrift
„Geständnisse“ Bezug: „Die blaue Blu¬
me als das Symbol der romantischen
Black Power Sehnsucht hat Novalis in seinem Ro¬
Dieses Schlagwort des radikaleren Teils man .Heinrich von Ofterdingen' erfun¬
der Bürgerrechtsbewegung in den USA den und gefeiert.“ In Wirklichkeit ist
bedeutet soviel wie „schwarze Macht“. die „blaue Blume“ schon vor der Zeit
Es geht zurück auf den 1954 erschiene¬ der Romantik zu finden. Sie gehört in
nen gleichnamigen Roman des amerika¬ die Volkssage, in der vielfach von einer
nischen Schriftstellers Richard Wright blauen Wunderblume berichtet wird,
(1908-1960) und bezieht sich auf den die einer zufällig findet und die ihm den
Versuch der amerikanischen Schwar¬ Zugang zu verborgenen Schätzen eröff¬
zen, Macht und Einfluß in der politi¬ net. - Wenn man heute von jemandem
schen, sozialen und kulturellen Sphäre sagt, er suche nach der „blauen Blume“,
zu gewinnen und auszuüben. so bringt man damit meist zum Aus-

72
Teil I
Blick

druck, daß man ihn für einen Träumer Verleumdung mit einer Bißwunde ver¬
hält, für jemanden, der sich nicht auf glichen wird, von der immer eine Narbe
dem Boden der Realität bewegt. zurückbleibt.

t Wer einmal aus dem Blechnapf


frißt Bleierne Zeit
In seinem Gedicht „Der Gang aufs
Bleibe im Lande, und nähre dich Land“ fordert Friedrich Hölderlin
redlich (1770-1843) zu einem Ausflug in die
Der zum Sprichwort gewordene Vers Umgebung Stuttgarts auf, obgleich der
aus Psalm 37 (Vers 3) ermahnt die Gläu¬ Himmel noch bedeckt ist: „Trüb ist’s
bigen dazu, sich zu bescheiden, keinen heut, es schlummern die Gäng’ und die
Neid gegenüber den „Gottlosen“ bei Gassen und fast will/Mir es scheinen, es
sich aufkommen zu lassen: „Denn wie sei, als in der bleiernen Zeit.“ Im folgen¬
das Gras werden sie (= die Bösen, die den wird der Hoffnung auf spätere Bes¬
Übeltäter) bald abgehauen, und wie das serung der Verhältnisse Ausdruck gege¬
grüne Kraut werden sie verwelken“ ben; man soll also ein Vorhaben auch
(Vers 2). Das Sprichwort wird heute dann beginnen, wenn die Umstände zu¬
vielfach mit leicht ironischem Unterton nächst dagegen zu sprechen scheinen. -
Die Regisseurin Margarethe von Trotta
gebraucht. Es rät von Plänen ab, die
vom Sprecher als allzu hochfliegend drehte 1981 einen Film mit dem Titel
oder riskant angesehen werden und „Die bleierne Zeit“ und zeigte darin die
Möglichkeiten des politischen Wider¬
empfiehlt, mit der gewohnten Umge¬
stands in unserer Zeit am Beispiel zwei¬
bung und Lebenssituation zufrieden zu
sein. er Schwestern, von denen eine in das
Umfeld des Terrorismus gerät. - Das
Es bleibt immer etwas hängen Zitat wird allgemein in bezug auf trost¬
lose gesellschaftliche oder individuelle
Mit leichten Variationen („Etwas bleibt
Lebensumstände gebraucht, in denen
immer hängen“, „Immer bleibt etwas
man nur mit Mühe die Hoffnung auf
hängen“) wird diese sprichwörtliche
Besserung bewahren kann.
Redensart verwendet, wenn man aus-
drücken möchte, daß von Verleumdung
und übler Nachrede meist etwas zurück¬ Blendwerk der Hölle
bleibt, auch wenn sie eindeutig als sol¬ Ein „Blendwerk der Hölle“, einen hölli¬
che erkannt und verurteilt worden sind. schen Trug, nennt der eifersüchtige Don
Die Redensart wird auch in ihrer latei¬ Cesar den Anblick seiner Schwester
nischen Form, Semper aliquid haeret, ge¬ Beatrice in den Armen seines Bruders
braucht. Die vollständige Fassung lau¬ Don Manuel in Schillers Trauerspiel
tet: Audacter calumniare, semper aliquid „Die Braut von Messina oder die feind¬
haeret (auf deutsch: „Nur frech ver¬ lichen Brüder“ (1803). Beide Brüder lie¬
leumden, etwas bleibt immer hängen“). ben Beatrice, von der sie zunächst nicht
In dieser Form wird sie von dem engli¬ wissen, daß es ihre Schwester ist, die die
schen Philosophen und Staatsmann Mutter vor ihnen verborgengehalten
Francis Bacon (1561-1626) in seiner hat. - Als emphatischer Ausruf kann
Schrift „Über die Würde und den Fort¬ das Zitat jemandes Entrüstung zum
gang der Wissenschaften“ („De dignita- Ausdruck bringen, wenn er sich durch
te et augmentis scientiarum“) als sprich¬ den äußeren Anschein einer Sache auf
wörtlich erstmals angeführt. Die eigent¬ skandalöse Weise getäuscht sieht.
liche Quelle ist nicht nachzuweisen. Als
Ursprung wird oft eine Stelle in der
Schrift „De adulatore et amico“ („Über Einen Blick, geliebtes Leben! Und
den Schmeichler und den Freund“) des ich bin belohnt genug
griechischen Schriftstellers Plutarch Dies sind die beiden Schlußzeilen der
(um 46-um 125) angenommen, wo die dritten Strophe eines Gedichtes mit dem

73
Blick Teil I

Titel „Mit einem gemalten Band“, das blick macht mein Herz erglüh’n!“ -
Goethe 1771 Friederike Brion zugeeig¬ Man kann das Zitat verwenden, um -
net hat. Ein Blick (in einer anderen Fas¬ meist im Scherz - eine Gesellschaft,
sung des Gedichts ein Kuß) ist Lohn ge¬ eine Gruppe von Personen mit einer
nug für ein mit Rosen bemaltes Band, gewissen Grandezza zu begrüßen oder
das der Geliebten zum Geschenk ge¬ sich mit einer Ansprache an sie zu wen¬
macht wird. Mit dem Zitat kann man in den.
scherzhafter Übertreibung ein bewun¬
dertes oder geliebtes Wesen darum bit¬ t Mit Blindheit geschlagen sein
ten, einen wenigstens einmal (oder nach
einem Streit wieder) anzusehen. t Was? Der Blitz! Das ist ja die Gu-
stel aus Blasewitz
T Ich kann den Blick nicht von euch
wenden Blonde Bestie
In seiner Streitschrift „Zur Genealogie
Blick zurück im Zorn der Moral“ (1887) erklärt der deutsche
Im Jahr 1956 erschien das Schauspiel Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 bis
Look back in Anger des Engländers John 1900), daß es gerade die Angehörigen
Osborne. Der deutsche Titel lautet der „vornehmen Rasse“ sind, „welche
„Blick zurück im Zorn“. Der große Er¬ durch gegenseitige Bewachung, durch
folg dieses Stücks, das 1959 mit Richard Eifersucht inter pares in Schranken ge¬
Burton verfilmt wurde, war der Figur halten sind“, und daß eben diese das
seines Helden zu verdanken. Dieser war Bedürfnis haben, von Zeit zu Zeit aus
der Prototyp des „zornigen jungen sich herauszugehen, die Enge der Zivili¬
Mannes“, der gegen die bestehende Ge¬ sation zu verlassen. Die Freiheit von al¬
sellschaftsordnung, in der er keinen len sozialen Zwängen genießend, wird
Platz zu finden glaubte, rebellierte. In so der Vertreter der Nietzscheschen
ihm erkannte sich eine ganze Generati¬ Herrenmoral eine „nach Beute und Sieg
on wieder. - Das Zitat nimmt Bezug auf lüstern schweifende blonde Bestie“.
jemandes Zorn über etwas in der Ver¬ Nietzsche stellt im weiteren klar, daß
gangenheit Liegendes, das er noch nicht zwischen „der blonden germanischen
vergessen oder noch nicht verarbeitet Bestie“, die im Europa der Völkerwan¬
hat. - Das formelhaft gewordene „Blick derung und der Wikingerzüge die
zurück ..." ermöglicht auch andere Ver¬ „Kühnheit einer vornehmen Rasse“ ver¬
knüpfungen, zum Beispiel „Blick zu¬ körperte, und den Deutschen „kaum ei¬
rück nach Woodstock“ oder „Blick zu¬ ne Begriffs-, geschweige eine Blutsver¬
rück nach Godesberg“, mit denen man wandtschaft besteht“. Dennoch wurde
auf zurückliegende Ereignisse verweist, gerade das Bild der „blonden Herren¬
die einer Epoche ihren Stempel aufge¬ rasse“ von der nationalsozialistischen
drückt haben. Ideologie begierig übernommen. - Als
„blonde Bestie“ wird heute noch gele¬
Blick’ ich umher in diesem edlen gentlich in emphatischer Ausdruckswei¬
Kreise se ein blonder, durch besondere Grau¬
samkeit oder Wildheit charakterisierter
Das Zitat stammt aus der Oper „Tann¬
Mensch bezeichnet.
häuser“ (1845) von Richard Wagner.
Der Titelheld befindet sich auf der
Wartburg, am Hof des Landgrafen von
Der t große Blonde mit dem
Thüringen, wo ein Sängerwettstreit schwarzen Schuh
stattfinden soll. Als erster Sänger tritt
Wolfram von Eschenbach auf. Er be¬ Blondinen bevorzugt
grüßt die festliche Runde der Zuhörer Dies ist der deutsche Titel einer ameri¬
mit den Worten: „Blick’ ich umher in kanischen Filmkomödie mit Marilyn
diesem edlen Kreise,/welch hoher An¬ Monroe und Jane Rüssel aus dem Jahr

74
Teil I Blut

1953. Der amerikanische Titel lautet: zum Ausdruck gebracht werden, daß für
Gentlemen Prefer Blondes. Die Haupt¬ beide Völker ihre Stammesverwandt¬
darstellerinnen spielen zwei Tingeltan¬ schaft ihren Zusammenhalt bedinge,
gelsängerinnen, von denen die eine eine der durch die geographische Trennung
Vorliebe für Diamanten und die andere durch Nordsee und Ärmelkanal nicht
ein Faible für Männer hat (welche sich beeinträchtigt werden könne. - Die Re¬
angeblich in blonde Frauen besonders densart betont die besondere Bedeutung
leicht verlieben). - Die prägnante For¬ von Blutsverwandtschaft, deren Bin¬
mulierung „... bevorzugt“ findet sich in dungen stärker als alles andere sind.
den verschiedensten Kontexten, vor
allem auch in Inseraten, wo man zum Blut ist ein ganz besondrer Saft
Beispiel „Nichtraucher bevorzugt“ Faust - in Goethes Drama „Faust, der
oder „Wochenendheimfahrer bevor¬ Tragödie erster Teil“ - hat mit Mephi¬
zugt“ lesen kann. sto einen Pakt geschlossen, den dieser
besiegelt haben möchte. Faust soll den
Blühen und grünen Vertrag „mit einem Tröpfchen Blut“ un¬
Die häufig verwendete Zwillingsformel, terzeichnen. In diesem Zusammenhang
mit der man Frühlingswachstum, fri¬ vermerkt Mephisto (2. Studierzimmer¬
sches Grün, Blüten und auch gutes Ge¬ szene): „Blut ist ein ganz besondrer
deihen der Saat assoziiert, findet sich Saft“. Die Unterschrift mit Blut gehört
bereits im Alten Testament. Bei Jesaja zu einem Bündnis mit dem Teufel; in äl¬
heißt es (27,6): „Es wird ... dazu kom¬ terer Mythologie gilt Blut als der Sitz
men, daß Jakob wurzeln und Israel blü¬ der Seele und des Lebens. - Als Zitat
hen und grünen wird, daß sie den Erd¬ dient der Ausspruch zum Beispiel dazu,
boden mit Früchten erfüllen.“ - ln dem die besonderen Bindungen, die durch
1810 entstandenen „Mailied“ von Goe¬ Blutsverwandtschaft gegeben sind, her¬
the erscheint die Formel in den Versen: vorzuheben, die in bestimmten Zusam¬
„Grünt und blühet/Schön der Mai“ in menhängen wirksam werden.
umgekehrter Reihenfolge.
Blut, Schweiß und Tränen
Blühender Unsinn Im Original lautet der Kontext des Zi¬
Dies ist der zum geflügelten Wort ge¬ tats : I would say to the House, as I said to
wordene Titel eines Gedichtes von Jo¬ those who have joined this Government, 7
hann Georg Friedrich Messerschmidt, have nothing to offer but blood, toil, tears
der von 1776 bis 1831 lebte und Lehrer and sweat'. („Ich möchte dem Haus sa¬
an der Fürstenschule Schulpforta war. gen, was ich zu denjenigen sagte, die
Auch in der stabreimenden Abwand¬ sich dieser Regierung angeschlossen ha¬
lung „blühender Blödsinn“ wird der ben: Ich habe nichts anzubieten als
Ausdruck häufig als Steigerung der Blut, Mühe, Tränen und Schweiß.“) Es
Wörter „Unsinn“ bzw. „Blödsinn“ ver¬ stammt aus einer Rede, die Winston
wendet. Churchill als englischer Premiermini¬
ster am 13. Mai 1940 vor dem Unterhaus
Die t blaue Blume gehalten hat. - Zum geflügelten Wort
wurde der Ausspruch in verkürzter
TSag mir, wo die Blumen sind Form. Er wird in Zusammenhängen ge¬
braucht, in denen von einer Aufgabe die
Blut ist dicker als Wasser Rede ist, die einem einzelnen oder einer
Der Ausspruch - eine auch in anderen Gruppe den größten Einsatz abverlangt.
Sprachen zu findende Redensart - wur¬
de durch den deutschen Kaiser Wil¬ Blut und Boden
helm II. (Regierungszeit 1888-1918) be¬ Dieser Ausdruck war einer der Schlüs¬
sonders populär. Der Kaiser bezog sie selbegriffe der nationalsozialistischen
auf das Verhältnis von Deutschen und Ideologie. Er findet sich jedoch schon
Engländern zueinander. Es sollte damit vor der Zeit des Dritten Reichs. So zum

75
Blut Teil I

Beispiel bei dem Kulturphilosophen tWeil nicht alle Blütenträume


Oswald Spengler in seinem zwischen reiften
1918 und 1922 entstandenen Werk „Der
Untergang des Abendlandes“ und bei
T Kann ich Armeen aus dem Boden
August Winnig in seinem Buch „Das
stampfen?
Reich als Republik“ (1928), das mit dem
Satz „Blut und Boden sind das Schick¬
sal der Völker“ beginnt. Zum Schlag¬ Den Bogen überspannen
wort des Dritten Reichs wurde die For¬ t Allzu straff gespannt zerspringt der
mel durch eine Schrift von Walter Darre Bogen
mit dem Titel „Neuadel aus Blut und
Boden“ (1930). Die Begriffe „Blut“ und t Mit der Bombe leben
„Boden“ stehen für „Rasse und Volks¬
tum“ und die Verwurzelung des Volkes
in seinem Lebensraum. Eine bestimmte
Bonjour Tristesse
Art der Bauern- und Heimatdichtung Dies ist der Titel eines 1954 erschiene¬
wurde entsprechend in der Zeit der na¬ nen Romans der französischen Schrift¬
tionalsozialistischen Herrschaft mit der stellerin Franfoise Sagan. Der Roman
Bezeichnung „Blut-und-Boden-Dich- versucht, das Lebensgefühl der Men¬
tung“ belegt. schen in einer Gesellschaft des Über¬
flusses und des Luxus in den 50er Jah¬
ren unseres Jahrhunderts einzufangen.
Blut und Eisen Überdruß, Langeweile und eine unbe¬
Die Formel ist durch Bismarck populär stimmte Art von Melancholie werden
geworden, der wiederholt die Verbin¬ als ihre Charakteristika vorgeführt. 1957
dung der beiden Begriffe als Metapher wurde das Buch in den USA unter der
für Krieg und Gewalt in Zusammen¬ Regie von Otto Preminger mit Deborah
hang mit der Durchsetzung politischer Kerr und David Niven in den Hauptrol¬
Ziele verwendete. Bekannt ist seine Äu¬ len verfilmt. - Das Zitat wird gebraucht,
ßerung vor dem preußischen Abgeord¬ etwa um jemandes „triste“ Stimmung,
netenhaus aus dem Jahr 1862: „Nicht die Tristheit einer bestimmten Umge¬
durch Reden und Majoritätsbeschlüsse bung oder etwas ähnlich deprimierend
werden die großen Fragen der Zeit ent¬ Wirkendes anzusprechen.
schieden - das ist der Fehler von 1848
und 1849 gewesen -, sondern durch Ei¬ Bonnie und Clyde
sen und Blut.“ Von 1886 ist eine weitere
Der amerikanische Film Bonnie and
Äußerung Bismarcks belegt: „...ich hat¬
Clyde wurde im Jahr 1967 von Arthur
te gesagt: Legt möglichst starke militäri¬
Penn mit Warren Beatty und Faye Du-
sche Kraft, mit anderen Worten mög¬
naway in den Hauptrollen gedreht. Er
lichst viel Blut und Eisen in die Hand
erzählt die Geschichte zweier junger
des Königs von Preußen ...; mit Reden
Leute aus der Provinz, die als skrupello¬
und Schützenfesten und Liedern macht
se Gangster ihren Traum von Reichtum
sie (= die Politik) sich nicht, sie macht
und Ünabhängigkeit wahrzumachen
sich nur durch Blut und Eisen.“ Die
versuchen. Ihr tragisches Ende im
Formel wurde zum Schlagwort für eine
Kampf gegen Polizei und Staatsmacht
Politik, für die der Krieg das vorrangige
ließ sie zu mythisch verklärten Volkshel¬
Mittel zur Erreichung bestimmter Ziele
den werden. Der Filmtitel wird zitiert,
war.
wenn man sich auf einen Mann und eine
Frau bezieht, die in ähnlich unbeküm¬
T Bis aufs Blut merter Weise aufsehenerregende Ver¬
brechen begangen haben. Auch die Aus¬
drücke „Bonnie-und-Clyde-Methoden“
t Mit dem Blute meines eigenen oder „in Bonnie-und-Clyde-Manier“
Herzens geschrieben sind geläufig.

76
Teil I Botschaft

Böse Menschen haben keine Lie¬ ses Negative verkörperte, entmachtet


der oder beseitigt hat. Die Schwäche und
t Wo man singt, da laß dich ruhig nieder Fehlbarkeit des Menschen kann immer
wieder in anderer Weise Gestalt anneh¬
men.
Eine böse Sieben
Als „böse Sieben“ bezeichnet man um¬ t Wenn dich die bösen Buben lok-
gangssprachlich eine zanksüchtige ken
Frau. In der Literatur findet sich der
Ausdruck mit dieser Bedeutung zuerst Die bösen Buben von Korinth
bei dem Schriftsteller Johann Sommer
Den „bösen Buben“ begegnen wir in
(1559-1622) in seinem Werk „Ethogra-
Wilhelm Büschs (1832-1908) Bilderge¬
phia mundi“ (auf deutsch: „Sittenbe¬
schichte „Diogenes und die bösen Bu¬
schreibung der Welt“). Hierin heißt es:
ben von Korinth“, erschienen in den
„Ist denn deine Frau so eine böse Siebe-
„Münchner Bilderbogen“. Zwei Kna¬
ne ...?“ Mutmaßlich geht der Ausdruck
ben, die - wie „Max und Moritz“ -
auf eine Spielkarte in dem seit dem 15.
nichts anderes im Sinn haben als böse
Jahrhundert bekannten Kartenspiel
Streiche, setzen die Tonne des Philoso¬
„Kamöffel“ zurück. In diesem Spiel
phen Diogenes in Bewegung. „Sie gehn
gab es eine Karte mit der Zahl Sieben,
ans Faß und schieben es;/,Halt, halt!1
die alle anderen stechen, ihrerseits aber
schreit da Diogenes.“ Aber dann blei¬
von keiner anderen Karte gestochen
ben sie mit ihren Kleidern an den Nä¬
werden konnte. Man nannte sie „Teu¬
geln hängen, die aus dem Faß herausra¬
fel“ oder „böse Sieben“. Daß eine zank¬
gen, und geraten unter das rollende Faß.
süchtige Frau mit der „bösen Sieben“ in
Ihre Geschichte endet mit dem Vers:
Verbindung gebracht wurde, erklärt sich
„Die bösen Buben von Korinth/Sind
daraus, daß auf dieser Spielkarte eine
platt gewalzt, wie Kuchen sind.“ - Man
Frau abgebildet war, die mit ihrem
gebraucht das Zitat scherzhaft, um bei¬
Mann streitet.
spielsweise übermütige Jugendliche zu
charakterisieren.
Das t Gute - dieser Satz steht fest -
ist stets das Böse, was man läßt t Durch böser Buben Hand verder¬
ben
Den Bösen sind sie los, die Bösen
sind geblieben Böses mit Bösem vergelten
Faust und Mephisto befinden sich in t Gutes mit Bösem vergelten.
der Hexenküche (Goethe, Faust I), wo
Faust mit Hilfe eines Zaubertranks ver¬ t Er war von je ein Bösewicht
jüngt werden soll. Die Hexe redet Me¬
phisto als „Junker Satan“ an. Doch der
Die Botschaft hör’ ich wohl, allein
verbittet sich diese Anrede. „Den Na¬ mir fehlt der Glaube
men, Weib, verbitf ich mir!/.../Er ist Wenn zum Ausdruck gebracht werden
schon lang ins Fabelbuch geschrie¬ soll, daß man einer Sache sehr skeptisch
ben ;/Allein die Menschen sind nichts gegenübersteht, daß man etwas sehr
besser dran,/Den Bösen sind sie los, die wohl verstanden hat, es aber nicht glau¬
Bösen sind geblieben.“ Der Teufel er¬ ben oder für wahr halten kann, dann
scheint den Menschen nicht mehr als wird oft dieses Zitat aus Goethes Faust
das Fabelwesen mit Pferdefuß und Hör¬ (Teil I, „Nacht“) angeführt. Es sind die
nern. Er hat vielerlei andere Gestalt an¬ Worte, mit denen Faust den Verlust sei¬
genommen. - Das Zitat bringt zum Aus¬ nes Glaubens konstatiert, als bei seinem
druck, daß es eine Illusion ist zu den¬ Versuch, Gift zu nehmen, „Glocken¬
ken, etwas Negatives könne ein für alle¬ klang und Chorgesang“ zu ihm herein¬
mal für überwunden oder besiegt gelten, dringen und der „Chor der Engel“ die
weil man eine einzelne Person, die die¬ Auferstehung Christi verkündet.

77
Braten Teil I

Es wird mit t Recht ein guter Bra¬ Schiller. Es wird bereits in der 1. Szene
des 1. Akts von Wilhelm Teil selbst ge¬
ten gerechnet zu den guten Taten
sprochen und bestimmt als eine Art
Grundmotiv das gesamte Schauspiel.
Es ist ein Brauch von alters her:
Der „brave Mann“ ist nach älterem
Wer Sorgen hat, hat auch Likör!
Sprachverständnis ein Mensch, der sich
Die beiden bekannten Verse werden durch Rechtschaffenheit und Mut aus¬
sehr häufig zusammen, aber auch ein¬ zeichnet. Ein solcher Mensch ist auch
zeln zitiert. Es sind die Eingangsverse fähig, seine eigene Person, seine Interes¬
zum vorletzten Kapitel („Versuchung sen in selbstloser Weise zurückzustellen,
mit Ende“) der Bildergeschichte „Die sich opferbereit für andere einzusetzen.
fromme Helene“ von Wilhelm Busch Dieses Schillerzitat wird, auch wenn es
(1832-1908), in dem von dem schlim¬ Generationen von Schülern als Aufsatz¬
men Ende berichtet wird, das Helene thema gestellt worden ist, heute nur sel¬
genommen hat. Wenn der zweite Vers ten noch in seinem eigentlichen Sinn zi¬
allein oder auch zusammen mit dem er¬ tiert. Sehr viel häufiger ist der scherz¬
sten zitiert wird, so wird damit in scherz¬ hafte oder auch respektlos ironische
hafter Weise stets auf Alkoholkonsum Gebrauch, der bis zur unverhohlenen
in irgendeiner Form angespielt. Der er¬ Abwandlung zu „Der brave Mann denkt
ste Vers dagegen kann ganz unabhängig an sich selbst zuerst“ geht.
von diesem Thema bei allen möglichen
Gelegenheiten angeführt werden, wenn
Ein braves Pferd stirbt in den Sie¬
beispielsweise von einer alten Sitte die
len
Rede ist, die weitergeführt werden soll,
oder auch von einem alten Recht, das t In den Sielen sterben
man beibehalten sehen möchte.
Brechen Sie dies rätselhafte
Es braust ein Ruf wie Donnerhall Schweigen
In der nachnapoleonischen Zeit ent¬ Dieses Zitat, mit dem man jemanden in
standen nach der preußischen Niederla¬ scherzhafter Weise auffordern kann,
ge in Deutschland eine Reihe patrioti¬ endlich von etwas zu berichten, etwas
scher Lieder. Aus Max Schneckenbur¬ mitzuteilen, was man dringendst zu er¬
gers (1819-1849) „Die Wacht am fahren wünscht, stammt aus Schillers
Rhein“ wurde nicht nur die hier ge¬ „Don Kariös“ (1,1). Es gehört zu den
nannte erste Zeile allgemein bekannt; Anfangsworten des Dramas, die von Pa¬
siehe auch die Artikel „Lieb Vaterland, ter Domingo, dem Beichtvater Phil¬
magst ruhig sein“ und „Die Wacht am ipps II., gesprochen werden. Sie sind als
Rhein“. In der Vertonung von Carl eindringliche Mahnung an Don Kariös,
Wilhelm (1854) wuchs die Popularität den Sohn Philipps II., gerichtet, sich sei¬
des Liedes, das man besonders in den nem Vater anzuvertrauen.
Jahren 1870/71 als antifranzösisches
Kampflied auffaßte und einsetzte. - Die Bretter, die die Welt bedeuten
Heute verwendet man das Zitat nur
Diese Umschreibung für „Theaterbüh¬
noch scherzhaft, etwa in einem Kontext
ne“ geht auf Schillers Gedicht „An die
wie: „Es braust ein Ruf wie Donner¬
Freunde“ (1803) zurück. Dort heißt es
hall - das kalte Büfett ist eröffnet!“
in der letzten Strophe: „Sehn wir doch
das Große aller Zeiten/Auf den Bret¬
Die t gute Ehe ist ein ew’ger Braut¬
tern, die die Welt bedeuten,/Sinnvoll
stand still an uns vorübergehn.“ Das Gedicht
setzt gegen die große geschichtliche Ver¬
Der brave Mann denkt an sich gangenheit, gegen die Vorzüge anderer
selbst zuletzt Landschaften und Orte das Recht des
Das Wort vom „braven Mann“ stammt Gegenwärtigen, das Hier und Jetzt, das
aus dem Schauspiel „Wilhelm Teil“ von durch Menschlichkeit, Lebendigkeit

78
Teil 1 Brüder

und Phantasie gegenüber dem histo¬ „Der Bauer und sein Sohn“ versucht ein
risch Vergänglichen und dem fernen Vater, seinem Jungen das Lügen und
Weltgeschehen seine eigene Qualität ge¬ Aufschneiden auszutreiben, indem er
winnt. ihn mit einer Geschichte von einem
Stein auf einer bestimmten Brücke er¬
Brosamen, die von des Reichen schreckt. An diesem Stein soll jeder, der
Tisch fallen die Brücke überquert und an diesem Ta¬
Von jemandem, der in Armut lebt und ge schon gelogen hat, zu Fall kommen
der daher von anderen abhängig ist, und sich ein Bein brechen. Es wird nun
kann man sagen, er sei auf die Brosa¬ erzählt, wie sich Vater und Sohn bei ei¬
men angewiesen oder esse von den Bro¬ nem Spaziergang dieser Brücke nähern,
samen, die von des Reichen oder von und an dieser Stelle des Gedichts steht
des Herrn Tisch fallen. Diese Aus¬ der warnende Ausruf „Die Brücke
drucksweise geht zurück auf zwei Bibel¬ kömmt. Fritz, Fritz! wie wird dir’s
stellen. Bei Matthäus (15,27) heißt es: gehn!“ Der Knabe, der behauptet hatte,
„... aber doch essen die Hündlein von er habe einen Hund von der Größe ei¬
den Brosamen, die von ihrer Herren nes Pferdes gesehen, gesteht schließlich
Tisch fallen.“ Bei Lukas (16,21) wird seine Aufschneiderei ein. - Auf diese
vom armen Lazarus berichtet, daß er Fabel geht auch die heute noch geläufi¬
„begehrte sich zu sättigen von den Bro¬ ge Redewendung „über diese Brücke
samen, die von des Reichen Tische möchte ich nicht gehen“ im Sinne von
fielen“. „das erscheint mir wenig glaubhaft“ zu¬
rück.
Das Brot der frühen Jahre
Bruder Lustig
Dieser Titel einer 1955 erschienenen Er¬
Die scherzhafte, heute etwas antiquiert
zählung von Heinrich Böll (1917-1985)
wirkende Bezeichnung „Bruder Lustig“
wird zitiert, wenn die noch nicht allzu
für einen lebenslustigen, etwas leicht¬
günstigen Lebensumstände und Schwie¬
sinnigen und sorglosen Menschen geht
rigkeiten eines Menschen in jungen Jah¬
auf ein Märchen der Brüder Grimm zu¬
ren umschrieben werden sollen. In der
rück, dessen Titelheld diesen Namen
Erzählung selbst (die 1962 unter dem
trägt. Es handelt sich dabei um einen
gleichen Titel auch verfilmt wurde) ist
Soldaten, der sich nach seiner Entlas¬
dem Helden, der seine Jugend mit Hun¬
sung aus dem Kriegsdienst mit großer
ger und Entbehrung in der Nachkriegs¬
Unbekümmertheit und einer gewissen
zeit verlebte, das Brot zum Symbol ge¬
Pfiffigkeit durchs Leben schlägt, am En¬
worden; er beurteilt seine Mitmenschen
de mit einer List sogar den „heiligen Pe¬
danach, ob sie fähig sind, ihr Brot mit
trus“ hereinlegt und sich so Einlaß in
anderen zu teilen.
den Himmel verschafft.

T Wenn sie kein Brot haben, sollen t Und willst du nicht mein Bruder
sie doch Kuchen essen sein, so schlag’ ich dir den Schädel
ein
t Wer nie sein Brot mit Tränen aß
Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!
Brot und Spiele
Mit den Zeilen „Brüder, zur Sonne, zur
t Panem et circenses Freiheit, Brüder zum Lichte em-
por!/Hell aus dem dunklen Vergang¬
Die Brücke kömmt. Fritz, Fritz! nen leuchtet die Zukunft hervor“ be¬
Der heute sicherlich nicht mehr allzu ginnt das Lied der internationalen Ge¬
häufig gebrauchte scherzhafte Warnruf werkschaftsbewegung. Zu einer Melo¬
stammt aus einem Gedicht des Dichters die aus dem 19. Jahrhundert schrieb
Christian Fürchtegott Geliert (1715 bis Leonid P. Radin 1896 den russischen
1769). In der moralisierenden Fabel Text; die deutsche Fassung stammt von

79
Brüderlein Teil I

Hermann Scherchen. Man zitiert den T Als Büblein klein an der Mutter¬
Beginn der ersten Zeile häufig im Zu¬ brust
sammenhang mit Berichten über Ge¬
werkschaften und deren Aktionen, oft
aber auch unabhängig davon als scherz¬ Buch des Lebens
hafte Aufforderung, bei sonnigem Wet¬ Das Bild vom „Buch des Lebens“ eines
ter nach draußen zu gehen oder zum Ur¬ Menschen als dessen Schicksalsbuch,
laub in den sonnigen Süden aufzubre¬ als Zusammenfassung gewissermaßen
chen. seines Lebens und Wirkens, geht auf die
Bibel zurück. In das bereits im Alten Te¬
Brüderlein fein, Brüderlein fein stament (2. Moses 32, 32) erwähnte
Als eine Art scherzhafte Beschwichti¬ Buch werden nach jüdischer Überliefe¬
gungsformel haben sich die Zeilen rung die Gerechten von Gott eingetra¬
„Brüderlein fein, Brüderlein fein,/Mußt gen, während die Sünder daraus getilgt
mir ja nicht böse sein!“ erhalten. Sie werden. Das Buch wird mehrfach in der
entstammen dem „Lied der Jugend“ aus Bibel genannt, so im Psalm 69, 29, wo
der Bühnendichtung „Das Mädchen vom „Buch der Lebendigen“ die Rede
aus der Feenwelt oder Der Bauer als ist, im Brief des Paulus an die Philipper
Millionär“, einem „Romantischen Ori¬ 4,3 und an verschiedenen anderen Stel¬
ginal-Zaubermärchen mit Gesang“ des len. Besonders bekannt geworden ist es
österreichischen Dramatikers Ferdi¬ aber durch die häufige Erwähnung in
nand Raimund (1790-1836), Musik von der Offenbarung des Johannes, wo es zu
Joseph Drechsler (1782-1852). Beginn des 5. Kapitels als „ein Buch ...
versiegelt mit sieben Siegeln“ bezeich¬
net wird (vergleiche auch den Artikel
tSoll ich meines Bruders Hüter
„Ein Buch mit sieben Siegeln“).
sein?

t Politische Brunnenvergiftung Ein Buch mit sieben Siegeln


Die Wendung ,jemandem oder für je¬
Der Brustton tiefster Überzeugung manden ein Buch mit sieben Siegeln
Dieser Ausdruck geht auf den Histori¬ sein“ hat die Bedeutung „für jemanden
ker Heinrich von Treitschke (1834 bis unverständlich, nicht durchschaubar
1896) zurück. Er verwendete ihn in dem sein, ein Geheimnis bleiben“. Sie hat ih¬
Aufsatz „Fichte und die nationale ren Ursprung in der Bibel. Dort ist an
Idee“, erschienen in dem Sammelwerk mehreren Stellen von einem Buch die
„Historische und politische Aufsätze“. Rede, das als „Buch des Lebens“ (ver¬
Der „Brustton“ ist der mit der „Brust¬ gleiche auch diesen Artikel) bezeichnet
stimme“ hervorgebrachte Ton, bei dem wird, in der Offenbarung des Johannes
der menschliche Brustkorb als Reso¬ 5,1 heißt es von diesem Buch: „Und ich
nanzkörper dient. Er ist also ein Ton, sah in der rechten Hand des, der auf
der sehr voll und tragend klingen kann. dem Stuhl saß, ein Buch, beschrieben
Etwas „im“ oder „mit dem Brustton der inwendig und auswendig, versiegelt mit
Überzeugung äußern“ bedeutet „etwas sieben Siegeln.“ Und in Vers 3 heißt es
äußern, wovon man völlig überzeugt weiter: „Und niemand im Himmel noch
ist“. auf Erden noch unter der Erde konnte
das Buch auftun und hineinsehen.“
T Denn Brutus ist ein ehrenwerter Goethe gebraucht die Wendung .je¬
Mann mandem ein Buch mit sieben Siegeln
sein“ im Faust (Faust I, Nacht): Der Fa¬
mulus Wagner, der davon schwärmt,
t Auch du, mein Sohn Brutus
sich „in den Geist der Zeiten zu verset¬
zen“, wird von Faust mit den Worten
Die t bösen Buben von Korinth zurechtgewiesen: „Mein Freund, die

80
Teil I Butzenscheibenlyrik

Zeiten der Vergangenheit/Sind uns ein Der Bürokrat tut seine Pflicht von
Buch mit sieben Siegeln
neun bis eins! Mehr tut er nicht!
Das Zitat stammt aus dem 2. Akt der
Bücher haben ihre Schicksale Operette „Der Obersteiger“ von Carl
t Habent sua fata libelli Zeller (1842-1898) mit dem Text von
Moritz West und Ludwig Held. Es bil¬
Des t vielen Büchermachens ist det den Refrain eines Couplets des
kein Ende Bergdirektors Zwack und beschreibt das
Ideal des kaiserlich-österreichischen
Beamten, der in bestimmten Positionen
Die Büchse der Pandora
nur vormittags Dienst hatte. Heute gibt
Der aus der griechischen Mythologie das meist scherzhaft gebrauchte Zitat
stammende Ausdruck wird in der Be¬ dem verbreiteten Vorurteil vom Beam¬
deutung „etwas Unheilbringendes“ ge¬ ten Ausdruck, der ohnehin nur wenig
braucht. Nach dem griechischen Dich¬ arbeitet und außerdem noch auf die ge¬
ter Hesiod (um 700 v. Chr.) war Pandora naue Einhaltung seiner Dienstzeit
eine von Hephaistos aus Erde geformte, pocht.
von den Göttern mit allen Vorzügen
ausgestattete Frau, die Zeus mit einem
Tonkrug, der alle Übel enthielt, auf die
TO alte Burschenherrlichkeit!
Erde sandte, um die Menschen für den
Raub des Feuers durch Prometheus zu Business as usual
strafen.
Dieser englische Ausdruck wurde durch
Winston Churchill populär, der in einer
t Denn der Buchstabe tötet, aber Rede anläßlich eines Banketts in der
der Geist macht lebendig Londoner „Guildhall“ am 9. November
1914 sagte: The maxim of the British
t Und noch zehn Minuten bis Buf¬ people is ,Business as usuaT („Die Maxi¬
me des britischen Volkes ist ,Die Ge¬
falo
schäfte gehen ihren normalen Gang' “).
Der damalige Marineminister Churchill
Die t ganze Welt ist Bühne bezog sich damit auf die Ereignisse des
Ersten Weltkriegs und deren Einfluß
Der bunte Rock auf das britische Wirtschafts- und Ge¬
Der veraltete Ausdruck für „Soldaten¬ schäftsleben. Man verwendet den Aus¬
rock, Uniformrock“ ist biblischen Ur¬ druck heute ganz allgemein zur Charak¬
sprungs. Im 1. Buch Moses 37,3 heißt es terisierung einer Lage, in der entweder
von Joseph, daß sein Vater ihm als dem nichts Besonderes zu vermelden ist,
Lieblingssohn einen bunten Rock oder in der irgendwelche Geschehnisse
machte. Entsprechend ausgezeichnet ohne Auswirkung auf den üblichen Ver¬
und herausgehoben waren die Soldaten lauf der Dinge geblieben sind.
durch ihren bunten, erst in späterer Zeit
feldgrauen Uniformrock. In diesen Butzenscheibenlyrik
sprachlichen Zusammenhang gehört die
Die abwertende Bezeichnung wurde
ebenfalls veraltete Redewendung „den
von Paul Heyse (1830-1914) in einer
bunten Rock anziehen bzw. ausziehen“
Versepistel vom 7. April 1884 an Ema-
im Sinne von „zum Militärdienst gehen
nuel Geibel geprägt. Sie bezog sich auf
bzw. vom Militärdienst zurückkom¬
episch-lyrische Dichtungen in der
men“.
Nachfolge Viktor von Scheffels, deren
Thema eine verklärte mittelalterliche
tln bunten Bildern wenig Klarheit Welt der Kaiserherrlichkeit, des Ritter¬
wesens, des Minnesangs, der Wein- und
t Dastehen wie Buridans Esel Burgenromantik und des freien Vagan-

81
Capuo Teil I

tentums ist. Solche Lyrik hat sich bis Frankreich. Dort hatte Frampois Gayot
heute vor allem in den studentischen de Pitaval 1734 damit begonnen, seine
Kommersbüchern erhalten. Causes celebres et interessantes avec les
jugements qui les ont decidees („Berühm¬
te und interessante Rechtsfälle mit den
entsprechenden Urteilen“) zu veröffent¬
lichen. Daher rührt der noch heute bil¬
dungssprachlich für einen berühmten

c oder berüchtigten Streit- oder Kriminal¬


fall verwendete Ausdruck „Cause cele¬
bre“.

Cave canem!
Capua der Geister Dieser lateinische Spruch wird heute in
So nennt Franz Grillparzer (1791-1872) zwei Bedeutungen verwendet: „Vor¬
in seinem Gedicht „Abschied von sicht, der Hund ist bissig!“ und ganz all¬
Wien“ die „stolze Kaiserstadt“. Das üp¬ gemein „Nimm dich in acht! Sieh dich
pige Wohlleben im reichen antiken vor!“ In alten römischen Villen findet er
Capua nahm Hannibals Kriegern die sich (mit der ersten Bedeutung) als In¬
Lust zum Kämpfen. In ähnlicher Weise schrift auf Tür oder Schwelle. Eine ent¬
läßt das Wien von 1843 die künstleri¬ sprechende Schilderung gibt der römi¬
schen Kräfte des Dichters erschlaffen, sche Schriftsteller Petronius Arbiter (ge¬
der nur noch mit der passiven Aufnah¬ storben 66 n. Chr.) im „Gastmahl des
me des Schönen um ihn herum beschäf¬ Trimalchio“, einer Einlage seines Ro¬
tigt ist: „Schön bist du, doch gefährlich mans „Satyricon“.
auch/Dem Schüler wie dem Mei-
ster,/Entnervend weht dein Sommer¬ Ceterum censeo
hauch,/Du Capua der Geister!“ Das Zitat wird als Ausdruck einer hart¬
näckig wiederholten Forderung, einer
Carpe diem! festen Überzeugung gebraucht. Mit dem
Diese Lebensregel findet sich in den Satz Ceterum censeo Carthaginem esse
„Oden“ (1,11,8) des römischen Dichters delendam - „Im übrigen bin ich der
Horaz (65-8 v.Chr.), wo es heißt: Carpe Meinung, daß Karthago zerstört werden
diem quam minimum credula postero muß“ - soll der römische Staatsmann
(„Greif diesen Tag, nimmer traue dem und Schriftsteller Cato der Ältere
nächsten“). Sie läßt sich auch mit „Nut¬ (234-149 v.Chr.) jede seiner Reden im
ze den Tag!“ oder „Genieße den Augen¬ römischen Senat abgeschlossen haben.
blick!“ wiedergeben und wird dement¬ Cato sah in Karthago einen gefährli¬
sprechend entweder als Aufforderung chen Handelskonkurrenten der Römer,
zitiert, seine Zeit nicht mit nutzlosen den es seiner Meinung nach unbedingt
Dingen zu vertun, oder als Rechtferti¬ auszuschalten galt.
gung für eine auf Genuß und diesseitige
Lebensfreude ausgerichtete Einstellung, Chacun ä son goüt
die wenig Sinn im ängstlich-vorsorgen- Die Redensart mit der Bedeutung, jeder
den Sparen und Planen für die Zukunft nach seinem Geschmack; jeder, wie’s
sieht. beliebt“ wurde vor allem durch das
Couplet des Prinzen Orlowsky aus der
Cause celebre Operette „Die Fledermaus“ (II) von Jo¬
Die in Deutschland von 1842 an erschie¬ hann Strauß (1825-1899) bekannt. Der
nene Sammlung von Kriminalfällen, die von C. Haffner und R. Genee verfaßte
unter dem Titel „Der neue Pitaval“ von Text stützt sich auf das Vaudevillestück
Julius Eduard Hitzig und Willibald Ale¬ „Reveillon“ von Henri Meilhac und Lu-
xis herausgegeben wurde, hatte als Vor¬ dovic Halevy. Der Refrain des Couplets
bild eine entsprechende Publikation aus lautet: „’s ist mal bei mir so Sitte,/Cha-

82
Teil I
cogito

cun ä son goüt.“ Man zitiert gelegent¬ Chronique scandaleuse


lich auch die erste Zeile dieses Refrains,
Die französische Bezeichnung für eine
wenn man zum Ausdruck bringen will,
Sammlung von Skandal- und Klatsch¬
daß man von einer Gewohnheit nicht
geschichten wurde als Titel des Tage¬
Abstand nehmen möchte.
buchs von Jean de Roye (1425-um
1495) populär. Jean de Roye war Sekre¬
Schwankt sein Charakterbild in
tär bei Johann II., Herzog von Bourbon;
der Geschichte
seine Aufzeichnungen über die Ereig¬
t Von der Parteien Gunst und Haß ver¬ nisse zur Regierungszeit Ludwigs XI.
wirrt.
sind allerdings keine „Skandalchronik“
im heutigen spektakulären Sinne. Das
Der t diskrete Charme der Bour¬
Buch erhielt erst in einer späteren Auf¬
geoisie lage (1611) den bekannten Titel, den wir
heute gelegentlich auch in bezug auf die
Cherchez la femme!
Darstellung eines einzelnen Skandals
Das Zitat (wörtlich übersetzt: „Suchen (und nicht nur auf die Skandalgeschich¬
Sie die Frau!“) wird im Sinne von „Da¬ ten einer ganzen Epoche bezogen) ver¬
hinter steckt bestimmt eine Frau!“ ge¬ wenden.
braucht. Es findet sich in dem Drama
„Les Mohicans de Paris“ (II, 13) von
A. Dumas d. Ä. (1802-1870). Möglicher¬ Citius, altius, fortius
weise geht es auf eine Stelle in den „Sa¬ Das lateinische Motto der Olympischen
tiren“ (6,242 f.) des römischen Dichters Spiele der Neuzeit - auf deutsch
Juvenal (um 60-nach 127) zurück: Nul- „Schneller, höher, weiter (eigentlich:
la fere causa est, in qua non femina litem stärker)“ - wurde von Pierre de Couber-
moverit („Es gibt kaum einen Prozeß, tin (1863- 1937) propagiert, der den Re¬
bei dem nicht eine Frau den Streit aus¬ kord, die sportliche Höchstleistung an
gelöst hätte“). die Spitze eines pyramidenförmig ge¬
dachten Modells des modernen Sports
Die Christel von der Post stellte. Der „Vater“ der neuzeitlichen
Das Auftrittslied der Briefchristel in Olympischen Spiele griff dabei auf eine
Carl Zellers (1842-1898) Operette „Der Formulierung des französischen Domi¬
Vogelhändler“ mit dem Text von Moritz nikanermönchs Henri-Martin Didon
West und Ludwig Held beginnt mit den (1840-1900) zurück, der als Schriftstel¬
Zeilen: „Ich bin die Christel von der ler, Prediger und Erzieher wirkte. - Der
Post;/Klein das Salair und schmal die Wahlspruch ist in der Sportdidaktik
Kost.“ Man kann die erste Zeile zitie¬ heute nicht mehr unumstritten, da er der
ren, um damit scherzhaft die Weiterga¬ Spitzenleistung ein höheres Gewicht
be eines Briefes zu begleiten oder anzu¬ beimißt als dem zumindest gesundheits¬
kündigen, besonders wenn man glaubt, politisch wichtigeren Breitensport.
daß der Adressat schon lange auf den
Brief gewartet und sich darauf gefreut
hat. Als „Christel von der Post“ wird Cogito, ergo sum
auch gelegentlich eine Briefträgerin be¬ Der französische Philosoph, Mathema¬
zeichnet. - Das Lied endet mit den Ver¬ tiker und Naturwissenschaftler Rene
sen „Nur nicht gleich, nicht auf der Descartes (1596-1650) faßte in seinem
Stell’,/Denn bei der Post geht’s nicht so 1644 erschienenen lateinisch geschrie¬
schnell!“, die einzeln oder zusammen benen Hauptwerk „Principia philoso-
zitiert werden, wenn man zur Geduld er¬ phiae“ („Die Prinzipien der Philoso¬
mahnen will oder sich nicht antreiben phie“, 1863 deutsch unter diesem Titel)
lassen möchte. die Ergebnisse seines Denkens und For-
schens in der Aussage zusammen: Haec
tSie sagen Christus und meinen cognitio: ego cogito, ergo sum, est omni-
Kattun um prima et certissima („Diese Erkennt-

83
coincidentia Teil I

nis: ich denke, also bin ich, ist von allen tragener Bedeutung gebraucht. Der la¬
die erste und zuverlässigste“). Bereits teinische Ausdruck geht auf den römi¬
1637 hatte er diesen Satz in seinem an¬ schen Rechtswissenschaftler Prosper
onym erschienenen „Discours de la Farinacius (1544-1613) zurück, der in
methode“ kurz und prägnant franzö¬ seinen „Variae Quaestiones“ damit den
sisch formuliert: Je pense, donc je suis. Gesamttatbestand eines Vergehens be-
Populär wurde die lateinische verkürzte zeichnete.
Form Cogito, ergo sum und die Überset¬
zung „Ich denke, also bin ich.“ Beson¬ Corriger la fortune
ders die Jugend- und Spontisprache hat Die Redensart wurde besonders durch
zahlreiche scherzhafte Abwandlungen die Figur des Riccaut de la Marliniere
des Zitats hervorgebracht, etwa „Ich aus Gotthold Ephraim Lessings
denke, also bin ich hier falsch.“ Auch (1729-1781) Komödie „Minna von
die lateinische Form wird gelegentlich Barnhelm“ (IV, 2) bekannt. Der prahle¬
unter Anlehnung an „Koitus“ scherz¬ rische französische Leutnant mokiert
haft entstellt zu „Coito, ergo sum“. Wei¬ sich über das plumpe deutsche Wort
tere Varianten finden sich in Sätzen wie „betrügen“; für seine nicht ganz ehrli¬
„Ich schreibe, also bin ich“ oder gar che Art des Kartenspiels erscheint ihm
„Ich jogge, also bin ich“, mit denen man der französische Ausdruck (deutsch et¬
zum Ausdruck bringt, daß eine be¬ wa „dem Glück nachhelfen“) als sehr
stimmte Tätigkeit entweder im Zentrum viel angemessener. Dieser findet sich
des eigenen Lebens steht oder so etwas
schon bei dem französischen Schriftstel¬
wie den eigenen gesellschaftlichen
ler Nicolas Boileau-Despreaux (1636
„Stellenwert“ bestimmt. bis 1711) in seinen „Satiren“ (Nr. 5), wo
von einem verarmten Adligen, der die
Coincidentia oppositorum
Bilder seiner Ahnen verkaufen will, ge¬
Der philosophische Fachausdruck (auf sagt wird: Et corrigeant ainsi la fortune
deutsch „Zusammenfall der Gegensät¬ ennemie/Retablit son honneur d force
ze“) ist ein zentraler Begriff im Denken d’infamie („Und indem er so das widri¬
des Kirchenrechtlers und Philosophen ge Schicksal korrigierte, stellte er seine
Nikolaus von Kues (1401-1464). Am Ehre durch Gemeinheit wieder her“). -
Beispiel der Kreislinie, die bei einem Heute verwenden wir die Redensart,
unendlich großen Radius des Kreises wie sie bei Lessing gebraucht wird, als
mit ihrem „Gegensatz“, der Geraden, beschönigende Umschreibung für
zusammenfällt, verdeutlicht der huma¬ „falsch spielen, betrügen“.
nistische Gelehrte seine Vorstellung von
Gott als einem allumfassenden Wesen,
Cosi fan tutte
in das alle, auch die gegensätzlichsten
Dinge eingebettet sind. - Der Ausdruck Der als Anspielung auf weibliche Un¬
treue gemeinte italienische Satz stammt
wird bildungssprachlich gelegentlich zi¬
tiert, wenn man sich auf das gleichzeiti¬ aus der 1790 uraufgeführten gleichna¬
ge Auftreten zweier einander eigentlich migen komischen Oper von Wolfgang
ausschließender Ereignisse bezieht Amadeus Mozart mit dem Text von Lo-
oder - vordergründiger - wenn zwei renzo da Ponte. Im 2. Akt verwünschen
sehr gegensätzliche Meinungen, Stand¬ die beiden Offiziere Fernando und Gu-
punkte, Charaktere aufeinandertreffen. glielmo ihre ungetreuen Bräute, worauf
der Marchese Don Alfonso ihnen aus
Corpus delicti männlicher Sicht nur bestätigen kann:
Cosi fan tutte - „So machen’s alle.“
In der juristischen Fachsprache versteht
man unter „Corpus delicti“ den Gegen¬
stand, mit dem eine Straftat begangen Courage ist gut, aber Ausdauer ist
worden ist und der dem Gericht als Be¬ besser
weisstück dient. In der Allgemeinspra¬ Diese sentenzhafte Ansicht äußert im 4.
che wird „Corpus delicti“ auch in über¬ Kapitel von Theodor Fontanes (1819 bis

84
Teil I
cum

1898) Roman „Der Stechlin“ die Haupt¬ sei, wobei der Glaube aber der Aus¬
figur Dubslav von Stechlin gegenüber gangspunkt der Erkenntnis bleibt. Der
Czako, dem Regimentskameraden sei¬ Ausdruck ist außerhalb der theologisch¬
nes Sohnes. Er bezieht sich damit auf philosophischen Fachsprache kaum ge¬
die große Zeit der Heiligen Allianz von bräuchlich. Denkbar wäre er als Kom¬
1813: „Große Zeit ist es immer nur, mentar zu einer eher unglaubwürdigen
wenn’s beinah schiefgeht, wenn man je¬ Darstellung, die man aber dennoch zu¬
den Augenblick fürchten muß: >Jetzt ist nächst einmal als wahr ansieht, weil sie
alles vorbei.< Da zeigt sich’s. Courage ist hilft, eine damit zusammenhängende
gut, aber Ausdauer ist besser. Ausdauer, Handlungsweise oder ein entsprechen¬
das ist die Hauptsache.“ Mit dem Zitat des Ereignis zu verstehen.
bekräftigt man seine Absicht, ein Ziel
durch Geduld und zähes Beharren zu Creme de la creme
erreichen und auf riskante Aktionen zu
Der häufig ironisch gebrauchte franzö-
verzichten.
sisierende Ausdruck findet sich zum er¬
sten Mal in der Nummer 1 (S.338) der
Credo, quia absurdum
Leipziger kulturpolitischen Zeitschrift
Dieser Satz - „Ich glaube, weil es der „Die Grenzboten“ von 1842. Er wird
Vernunft zuwiderläuft“ - geht mögli¬ auch heute noch im Sinne von „die vor¬
cherweise auf den lateinischen Kirchen¬ nehmsten, bedeutendsten Vertreter (be¬
schriftsteller Tertullian (160-nach 220) sonders der gesellschaftlichen Ober¬
zurück. In seiner Schrift „De carne schicht)“ gebraucht.
Christi“ heißt es: Et mortuus est Dei Fili¬
us; prorsus credibile, quia ineptum est - Cui bono
„Daß Gottes Sohn gestorben ist, ist ge¬
Diese Kernfrage der Kriminalistik nach
radezu eine Sache für den Glauben, weil
dem Tatmotiv bei der Aufklärung eines
es ungereimt ist (und sich nicht begrei¬
Verbrechens - auf deutsch „Wem nützt
fen läßt).“ Außerhalb des theologisch¬
es, wer hat einen Vorteil davon?“ - ist
philosophischen Bereichs wird der Aus¬
ein Zitat, das Marcus Tullius Cicero
druck wohl nur selten verwendet; er wä¬
(106-43 v. Chr.) in seinen Reden „Pro
re zum Beispiel als Kommentar zu einer
Milone“ und „Pro Roscio Amerino“ als
Geschichte denkbar, die zu unwahr¬
einen Ausspruch von Lucius Cassius
scheinlich klingt, als daß sie sich je¬
Longinus Ravilla (Konsul 127 v. Chr.)
mand ausgedacht haben könnte.
anführt.

Credo, ut intellegam
Cuius regio, eius religio
Dieser Satz - „Ich glaube, damit ich er¬
kenne“ - stammt von dem Philosophen Das auch im etwas erweiterten Sinne
und Theologen Anselm von Canterbury von „Wer die Macht ausübt, bestimmt
(1033-1109), der sich damit auf den in seinem Bereich die Weltanschauung“
Propheten Jesaja im Alten Testament anwendbare Zitat bedeutete eigentlich
(7,9 in der Septuagintaübersetzung: „Wes das Land, des der Glaube“. Es
„Glaubt ihr nicht, so werdet ihr nicht war ein wichtiger Grundsatz des Augs¬
verstehen“) und den Kirchenvater Au¬ burger Religionsfriedens von 1555, nach
dem der Landesfürst die Konfession der
gustinus (354-430) bezieht. Augustinus
Untertanen bestimmte. Geprägt wurde
formulierte im „Tractatus in Sanctum
diese Formel von dem Greifswalder Ka-
Joannem“: Credimus ut cognoscamus,
nonisten J. Stephani (1544-1623).
non cognoscimus ut credamus - „Wir
glauben, damit wir erkennen; wir erken¬
nen nicht, damit wir glauben.“ Anselm Cum grano salis
von Canterbury vertrat die Ansicht, daß Dieser lateinische Ausdruck geht auf ei¬
auch der Glaube mit philosophischen ne Stelle in der „Naturalis historia“
Mitteln, mit der Sprache der philosophi¬ (= „Naturgeschichte“) von Plinius d.Ä.
schen Argumentation zu interpretieren (23-79 n.Chr.) zurück, wo er schreibt,

85
cum Teil I

daß die Wirkung eines bestimmten Ge¬ Da geht er hin und singt nicht
gengiftes nur durch die Beigabe von mehr!
einem Körnchen Salz gewährleistet sei.
Das Zitat stammt aus der 1866 veröf¬
Im heutigen Sprachgebrauch hat das Zi¬
fentlichten 2. Auflage des Liederspiels
tat die Bedeutung von „mit Einschrän¬
„Die Kunst, geliebt zu werden“ von
kungen, nicht ganz wörtlich zu neh¬
Ferdinand Gumbert (1818-1896). Es
men“.
wird als scherzhafter Kommentar ge¬
braucht, wenn jemand nach einem Mi߬
Cum tacent, clamant erfolg enttäuscht und niedergeschlagen
In seiner ersten Rede „In L. Catilinam“ fortgeht.
(= „Gegen Catilina“) fordert Marcus
Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) den Po¬ Da hört sich doch alles auf!
litiker Catilina auf, Rom zu verlassen,
Die auch ohne „sich“ gebräuchliche
da Catilina erneut eine Verschwörung
umgangssprachliche Redewendung mit
geplant hatte. Dabei ist Cicero sich,
der Bedeutung „Nun ist es aber genug,
trotz ihres Schweigens, der Zustimmung
das ist ja unerhört!“ könnte durch Louis
der Senatoren sicher, denn: „Cum ta¬
Angelys (1787-1835) Posse „Die Reise
cent, clamant“ („Indem sie schweigen,
auf gemeinschaftliche Kosten“ populär
rufen sie laut“). Das Zitat wird bil¬
geworden sein. Dort heißt es im zweiten
dungssprachlich gelegentlich im Sinne
Akt in der ersten Szene: „Da hört allens
von „es herrscht stillschweigendes Ein¬
auf.“ Heute ist auch die Abwandlung
verständnis“ verwendet, wenn eine Zu¬
„Da hört sich doch verschiedenes auf!“
stimmung nicht ausdrücklich gegeben
geläufig.
wird, aber wohl vorausgesetzt werden
kann. (Siehe auch „Quousque tan-
dem?“) Da ist in meinem Herzen die Liebe
aufgegangen
Das Zitat stammt aus Heinrich Heines
(1797-1857) Anfangsgedicht des „Lyri¬
schen Intermezzos“, des zweiten Zyklus
aus dem „Buch der Lieder“: „Im wun¬
derschönen Monat Mai,/Als alle Knos¬

D pen sprangen,/Da ist in meinem Her¬


zen/die Liebe aufgegangen.“ Das zwei¬
strophige Gedicht ist vor allem als
Eingangslied von Robert Schumanns
Da bleibt kein Auge trocken Liedzyklus „Dichterliebe“ bekannt ge¬
worden.
Dieses Zitat stammt aus Johann Daniel
Falks (1768-1826) Gedicht „Paul. Eine
Handzeichnung“, das 1799 im „Ta¬ Da lacht die Koralle
schenbuch für Freunde des Scherzes Mit diesem Zitat bringt man heute in
und der Satire“ veröffentlicht wurde.
der Umgangssprache zum Ausdruck,
Die Zeile folgt auf die Verse: „In
daß man etwas für völlig lächerlich oder
schwarzen Trauerfloren wallt/Beim
unglaubhaft hält. Es geht zurück auf
Grabgeläut der Glocken/Zu unserm eine Illustrierte der dreißiger Jahre, die
Kirchhof jung und alt“ und drückt
„Koralle“, deren Witzseite die Über¬
leicht ironisch aus: „Alle weinen vor
schrift „Da lacht die Koralle“ trug.
Rührung.“ Inzwischen hat die daraus
entstandene umgangssprachliche Rede¬
wendung eine Bedeutungserweiterung Da packt die andern kalter Graus,
erfahren und kann außerdem heißen sie fliehen in alle Welt hinaus
„Alle lachen Tränen“ und „Keiner Das Zitat stammt aus Ludwig Uhlands
bleibt verschont“. (1787-1862) Gedicht „Schwäbische

86
Teil I da

Kunde“. Mit den „andern“ sind fünfzig des Volkes seinen Lohn von dreißig Sil¬
türkische Reiter gemeint, die die Flucht berlingen zurück. Sie weisen ihn aber
ergreifen, nachdem einer der Ihren von ab: „Was geht uns das an? Da siehe du
einem Schwaben aus Kaiser Barbaros¬ zu!" Die Aufforderung wird auch heute
sas Kreuzzug förmlich gespalten wor¬ in Situationen gebraucht, in denen man
den ist: „Zur Rechten sieht man wie zur ausdrücken will, daß man einem ande¬
Linken/Einen halben Türken herunter¬ ren in dessen schwieriger Lage nicht
sinken.“ Die Ausdrucksweise „jeman¬ helfen kann oder will.
den packt das kalte Grausen“ könnte
durch dieses Zitat allgemein geläufig ge¬ Da sitzt er nu mit das Talent
worden sein.
Das berlinisch-umgangssprachliche Zi¬
tat stammt aus der Posse „Berlin bei
Da rast der See und will sein Opfer Nacht“ von David Kalisch (1820 bis
haben 1872). Üblich sind Abwandlungen wie
z. B. „Da stehen bzw. sitzen wir nun mit
Das Zitat stammt aus Schillers „Wil¬
unserem Talent“ in der Bedeutung
helm Teil“ (1,1), wo der Fischer Ruodi
„Hier kommen wir mit unserem Wissen
sich weigert, wegen des stürmischen
nicht weiter; jetzt wissen wir nicht, was
Wetters am 28. Oktober als Fährmann
wir machen sollen, obwohl wir es doch
den verfolgten Baumgarten ans andere
eigentlich wissen müßten.“
Ufer zu bringen: „Es kann nicht sein; ’s
ist heut Simon und Judä,/Da rast der
See und will sein Opfer haben.“ Man Da speit das doppelt geöffnete
zitiert diese Zeile heute wohl nur selten, Haus zwei Leoparden auf einmal
etwa beim Anblick eines sturmge¬ aus
peitschten Gewässers. Das Zitat findet sich in Schillers Ballade
„Der Handschuh“, erschienen 1797 im
Da schweigt des Sängers Höflich¬ „Musenalmanach für das Jahr 1798“,
keit und berichtet vom Einlaß der Leopar¬
den zum Kampfspiel mit Tiger und Lö¬
Für diese Redensart gibt es verschiede¬
we. In ironisch übertreibender Aus¬
ne Quellen. Man findet sie in der Form
drucksweise lassen sich die Verse auf
„Das verschweigt des Sängers Höflich¬
zwei zugleich auftretende bedrohliche
keit“ als Kehrreim eines um 1800 in Ber¬
menschliche Gestalten beziehen.
lin erschienenen Liedes eines unbe¬
kannten Verfassers. Einen ähnlichen
Wortlaut hat ein 1812 entstandenes Ge¬ Da steh’ ich, ein entlaubter Stamm!
dicht von August Friedrich Langbein Diese Worte stammen aus Wallensteins
mit dem Titel „Die Weissagung“. Es be¬ Monolog in Schillers Tragödie „Wallen¬
ginnt mit den Zeilen „In einem Städt- steins Tod“ (III, 13). Der Titelheld stellt
lein, dessen Namen/des Dichters Höf¬ damit fest, daß er von fast allen verlas¬
lichkeit verschweigt.“ - Man verwendet sen und nur noch auf sich selbst gestellt
die Redensart, um auszudrücken, daß ist. Der Ausspruch läßt sich in entspre¬
man sich über eine bestimmte heikle Sa¬ chender Situation auf die eigene oder
che nicht äußern möchte. Sie kann je¬ eine andere Person beziehen.
doch auch der leicht vorwurfsvolle
Kommentar zu jemandes Schweigen auf Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
eine bestimmte Frage sein. Und bin so klug als wie zuvor
Am Anfang von Goethes Faust I spricht
Da siehe du zu! Faust in der Szene „Nacht“ diese Worte
Das Bibelzitat steht im Evangelium des nach dem Hinweis auf alle seine bisheri¬
Matthäus (27,5). Der Jünger Judas, der gen, von ihm offensichtlich als nutzlos
Jesus verraten hat, bereut seine Tat und angesehenen Studien. Der heutige Ge¬
bringt den Hohepriestern und Ältesten brauch hat eher scherzhaften Charakter

87
da Teil I

und bezieht sich auf alltägliche Situatio¬ heit!’ hört man schallen;/Der ruh’ge
nen, in denen man immer noch nicht Bürger greift zur Wehr,/Die Straßen fül¬
weiß, wie man etwas zu verstehen hat len sich, die Hallen,/Und Würgerban¬
oder wie man sich verhalten soll. den ziehn umher.“ Die entfesselten
Volksmassen wüten in den Straßen. In
Da streiten sich die Leut’ herum oft diesen Zusammenhang gehören die Zei¬
um den Wert des Glücks len: „Da werden Weiber zu Hyänen/
Und treiben mit Entsetzen Scherz“. -
Das Zitat stammt aus Ferdinand Rai¬
Das Zitat wird heute oft in abschätzi¬
munds (1790-1836) „Original-Zauber¬
gem Sinn von Männern auf Frauen be¬
märchen“ „Der Verschwender“. Das
zogen, die sich sehr ungestüm für etwas
berühmte „Hobellied“ des Tischlers Va¬
einsetzen oder auf etwas reagieren.
lentin beginnt mit diesen Zeilen; das
Lied handelt von der Veränderlichkeit
des Glücks und von der Zufriedenheit Da, wo du nicht bist, blüht das
dessen, der sich einen - wenn auch be¬
Glück!
scheidenen - Wohlstand selbst erarbei¬
Von Georg Philipp Schmidt von Lübeck
tet hat.
(1766-1849) stammt das Lied „Des
Fremdlings Abendlied“. Der Wanderer
Da unten aber ist’s fürchterlich
in diesem Lied ist auf der vergeblichen
Das Zitat stammt aus Schillers Ballade Suche nach dem Glück. „Ich wandle
„Der Taucher“, erschienen 1797 im
still, bin wenig froh,/Und immer fragt
„Musenalmanach für das Jahr 1798“.
der Seufzer: wo?/Immer wo?“ Am Ende
Der Taucher spricht die Worte, nach¬ steht die resignative Einsicht: „Da, wo
dem er zum erstenmal erfolgreich in die
du nicht bist, blüht das Glück!“ Das
Tiefe des Meeres nach dem Becher des
Lied wurde von Carl Friedrich Zelter
Königs getaucht ist. Man gebraucht das
(1758-1832) und von Franz Schubert
Zitat meist scherzhaft, wenn man zum
(1797-1828) vertont. Schubert hat ihm
Beispiel seinen Abscheu vor einem
den Titel „Der Wanderer“ gegeben und
dunklen, unheimlichen Keller oder ei¬
den Text an mehreren Stellen verändert;
ner tief in die Erde führenden, stickigen
die zitierte Zeile lautet hier: „Dort, wo
Höhle ausdrücken will.
du nicht bist, dort ist das Glück!“

Da war’s um ihn geschehn


Dieses Zitat stammt aus der letzten Stro¬ Dahin möcht’ ich mit dir, o mein
phe von Goethes Ballade „Der Fischer“ Geliebter, ziehn
(1779), in der beschrieben wird, wie der Das Lied der Mignon (entstanden um
Fischer den Verlockungen einer Nixe 1783), das diese Zeile enthält, erschien
erliegt: „Sie sprach zu ihm, sie sang zu zuerst in Goethes „Wilhelm Meister“
ihm;/Da war’s um ihn geschehn:/Halb (Wilhelm Meisters Lehrjahre, 3. Buch,
zog sie ihn, halb sank er hin,/Und ward 1. Kapitel). Der Refrain der 1. Strophe
nicht mehr gesehn.“ Die Zeile wird heu¬ des bekannten Gedichts, das mit der
te gelegentlich scherzhaft kommentie¬ Frage „Kennst du das Land, wo die Zi¬
rend zitiert, wenn sich jemand hoff¬ tronen blühn“ beginnt, lautet vollstän¬
nungslos verliebt hat oder wenn jemand dig: „Kennst du es wohl?/Dahin! Da-
großes Pech in gesundheitlicher oder hin/Möchf ich mit dir, o mein Gelieb¬
Finanzieller Hinsicht hat. ter, ziehn.“ - Das Lied wurde von Lud¬
wig van Beethoven, Franz Liszt, Johann
Da werden Weiber zu Hyänen Friedrich Reichardt, Franz Schubert,
Die Gedichtzeile stammt aus Schillers Robert Schumann und Carl Friedrich
1799 entstandenem „Lied von der Glok- Zelter vertont. - Mit dem Zitat kann
ke“. Das Gedicht nimmt an dieser Stelle man in pathetischer oder scherzhafter
Bezug auf die Französische Revolution Sprechweise seiner Sehnsucht nach
(1789-1799). „.Freiheit und Gleich¬ einem Ort Ausdruck verleihen, an dem

88
Teil 1
Danaergeschenk

man gern mit einem geliebten Men¬ gott Geliert (1715- 1769) gab dieser Ge¬
schen sein möchte. schichte die Form einer Fabel. Hierin
heißt es zu Beginn: „Glaubt nicht, daß
tSein Damaskus erleben bei dem größten Glücke/Ein Wütrich je¬
mals glücklich ist;/Er zittert in dem Au-
Die Dame ist nicht fürs Feuer genblicke,/Da er der Hoheit Frucht ge-
Dies ist der deutsche Titel der engli¬ nießt./Bei aller Herrlichkeit stört ihn
schen Verskomödie The Lady’s not for des Todes Schrecken,/Und läßt ihn
Burning (1948) von Christopher Fry nichts als teures Elend schmecken.“
(geh. 1907). Das Stück spielt um das
Jahr 1400 und erzählt von einer jungen
Frau, die als Hexe verbrannt werden Dämon, den Dolch im Gewände
soll. - Man kann das Zitat verwenden, Die Ballade „Die Bürgschaft“ (1798)
um auszudrücken, daß jemand oder von Schiller beginnt mit den Versen:
auch eine Sache für etwas zu schade ist „Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich/
oder mit größerer Vorsicht oder Rück¬ Dämon, den Dolch im Gewände“. -
sicht behandelt werden sollte. Man zitiert diese Stelle, mit der im Ge¬
dicht der Versuch eines Tyrannenmor¬
Die Damen in schönem Kranz des angesprochen wird, meist scherzhaft
Man findet diese Zeile in Schillers Bal¬ als Hinweis auf jemandes üble Absich¬
lade „Der Handschuh“, erschienen ten, die man zu durchschauen glaubt.
1797 im „Musenalmanach für das Jahr
1798“. In der ersten Strophe wird die
Arena beschrieben, in der eine königli¬ Danaergeschenk
che Gesellschaft versammelt ist, um ei¬ Als „Danaergeschenk“ bezeichnen wir
nem „Kampfspiel“ wilder Tiere zuzu¬ ein Geschenk, das für den Empfänger
schauen. „Vor seinem Löwengar¬ zunächst etwas Erwünschtes darstellt,
ten,/Das Kampfspiel zu erwarten,/Saß sich dann aber als fragwürdig oder gar
König Franz,/Und um ihn die Großen unheilvoll erweist. Der Ausdruck geht
der Krone/Und rings auf hohem Balko- auf eine Stelle im 2. Gesang der „Änei's“
ne/Die Damen in schönem Kranz.“ - von Vergil (70 v.Chr.-19 v.Chr.) zu¬
Man verwendet das Zitat scherzhaft - rück: Quidquid id est, timeo Danaos et
oder auch als Kompliment - beim An¬ dona ferentes. („Was es auch sei: ich
blick einer Gruppe an einem bestimm¬ fürchte die Danaer, auch wenn sie Ge¬
ten Ort versammelter weiblicher Perso¬ schenke machen.“) In der Tragödie
nen. „Agamemnon“ von Seneca (4 v. Chr. bis
65 n. Chr.), in der ebenfalls der Kampf
Damoklesschwert um Troja geschildert wird, findet sich
Die Metapher, Sinnbild für eine dro¬ die Formulierung: Danaum fatale mu-
hende Gefahr, der sich jemand ausge¬ nus („verhängnisvolles Geschenk der
setzt sieht, geht zurück auf eine schon Danaer“). Die Danaer (= die Grie¬
von verschiedenen Autoren der Anti¬ chen), die Troja belagert hatten, waren
ke - zum Beispiel von Cicero und Ho- zum Schein abgezogen und hatten am
raz - erzählte Geschichte. Sie berichtet Strand vor der Stadt ein hölzernes Pferd
von einem Höfling des Tyrannen Dio¬ zurückgelassen. Vergebens versuchte
nys I. von Syrakus (404-367 v. Chr.) mit der Priester Laokoon die Trojaner vor
Namen Damokles. Damokles beneidete diesem „Geschenk der Danaer“ zu war¬
den Tyrannen um das Glück, mit allen nen. Man schaffte es in die Stadt, und
Gütern der Erde gesegnet zu sein. Dio¬ aus seinem Bauch kam eine Schar Krie¬
nys erteilte ihm eine drastische Lehre. ger der Danaer hervor, die die Stadt zu
Er überließ Damokles seinen Platz an Fall brachten. - Auch der Ausdruck
der fürstlichen Tafel. Aber gleichzeitig „Trojanisches Pferd“ wird in der oben
ließ er ein Schwert an einem Pferdehaar angegebenen Bedeutung als Zitat ver¬
über ihm aufhängen. Christian Fürchte¬ wendet.

89
Danaidenfaß Teil I

Danaidenfaß Ritter den Handschuh aus der Mitte der


wilden Tiere zurückbringen. Aber nach
Der Ausdruck hat die Bedeutung „ver¬
vollbrachter Tat haben sich seine Ge¬
gebliche Mühe, nutzloser Aufwand von
fühle für das Fräulein Kunigunde, das
Kraft, Zeit oder Geld“. Er geht zurück
ihn „mit zärtlichem Liebesblick“ emp¬
auf die griechische Sage von den „Da-
fängt, entscheidend gewandelt: „Und er
naiden“ in der Überlieferung des römi¬
wirft ihr den Handschuh ins Ge¬
schen Schriftstellers Hyginus (um 60
sicht :/,Den Dank, Dame, begehr’ ich
v. Chr.-um 10 n. Chr.). Nach ihm waren
nicht!‘/Und verläßt sie zur selben Stun¬
die Danaiden die 50 Töchter des sagen¬
de.“
haften Königs Danaos, von denen 49
auf Befehl ihres Vaters in der Braut¬
nacht ihre Männer ermordeten. In der
Der Dank des Vaterlandes ist euch
Unterwelt mußten sie zur Strafe Wasser gewiß
in ein durchlöchertes Faß füllen. Als Die Herkunft dieses Ausspruchs ist
Metapher taucht das „Faß der Danai¬ nicht bekannt; er stammt vermutlich aus
den“ bei dem griechischen Schriftsteller der Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Er be¬
Lukian (im 2.Jh. n. Chr.) auf: „6 xcöv zieht sich auf die Teilnehmer an beiden
AavaiStov TtiOoij“. Bei den lateinischen Weltkriegen. Eine Variante dazu findet
Schriftstellern Plautus (im 3.Jh. v. Chr.) sich bei George Grosz (1893-1959) als
und Lukrez (im 1. Jh. v. Chr.) Findet man Bildunterschrift unter einer einen
ebenfalls das Bild vom „durchlöcherten Kriegskrüppel darstellenden Zeich¬
Faß“, in das etwas hineingefüllt werden nung. Sie lautet: „Des Volkes Dank ist
soll. Als Sprichwort kennen wir es in der euch gewiß“. - Man gebraucht den Aus¬
Form: „Ein Sieb hält kein Wasser“. spruch heute meist scherzhaft oder iro¬
nisch in unkriegerischen Zusammen¬
Daniel in der Löwengrube hängen, wenn beispielsweise jemand et¬
was für die Allgemeinheit getan hat, das
Von Daniel berichtet das Alte Testa¬
man lobend erwähnt.
ment (Daniel 6,17-24), daß man ihn zur
Strafe in einer Löwengrube den Löwen
zum Fraß vorgeworfen hatte. Aber sein Dank vom Haus Ostreich
Gott, Jahwe, beschützte ihn. Als man Diesen ironisch zu verstehenden Kom¬
ihn unverletzt unter den Löwen fand, mentar äußert in Schillers Trauerspiel
sagte Daniel: „Mein Gott hat seinen En¬ „Wallensteins Tod“ (1798) Oberst Butt-
gel gesandt, der den Löwen den Rachen ler im Gespräch mit Oktavio Piccolomi¬
zugehalten hat, daß sie mir kein Leid ge¬ ni. Er ist eine Anspielung auf die sprich¬
tan haben.“ - Man bezieht den Aus¬ wörtliche Undankbarkeit des österrei¬
druck meist im Scherz auf jemanden, chischen Kaiserhauses in politischen
der sich mehr oder weniger gefährlichen Zusammenhängen. Das heute nur noch
Widersachern gegenübersieht, gegen die selten verwendete Zitat „Dank vom
er sich behaupten muß. Haus Ostreich“ heißt danach soviel wie
„Undank“.
Den Dank, Dame, begehr’ ich
nicht t Nun danket alle Gott

Der Vers, mit dem man im Scherz je¬


mandes Dank zurückweist, steht am Daran erkenn’ ich den gelehrten
Schluß von Schillers Ballade „Der Herrn!
Handschuh“, erschienen 1797 im „Mu¬ Die Zeile stammt aus dem zweiten Teil
senalmanach für das Jahr 1798“. Die von Goethes Faust (1. Akt, Kaiserliche
Ballade handelt von einem Ritter des Pfalz). Mephisto erwidert auf eine län¬
königlichen Hofes, der den Handschuh gere Auslassung des Kanzlers über die
seiner Dame aus dem „Löwengarten“ Gefährlichkeit und Sündhaftigkeit der
herausholt, in den sie ihn leichtfertig natürlichen und geistigen Kräfte des
fallen ließ. Als Liebesbeweis sollte der Menschen mit den höhnischen Worten:

90
Teil I das

„Daran erkenn’ ich den gelehrten Gelehrten“ ist in dieser Bedeutung ge¬
Herrn!/Was ihr nicht tastet, steht euch bräuchlich.
meilenfern,/Was ihr nicht faßt, das fehlt
euch ganz und gar,/Was ihr nicht rech¬ Das also war des Pudels Kern
net, glaubt ihr, sei nicht wahr,/Was ihr
Der Ausspruch stammt aus Goethes
nicht wägt, hat für euch kein Ge-
Faust I (Studierzimmerszene). Während
wicht,/Was ihr nicht münzt, das, meint
des „Osterspaziergangs“ gesellt sich zu
ihr, gelte nicht.“ - Man verwendet die
Faust und Wagner ein schwarzer Pudel,
Zeile auch heute spottend, um jemandes
dessen seltsames Gebaren Faust auf¬
gelehrtenhaftes Gebaren zu kritisieren.
fällt: „Bemerkst du, wie in weitem
Schneckenkreise/Er um uns her und im¬
Daran erkenn’ ich meine Pappen¬ mer näher jagt?/Und irr’ ich nicht, so
heimer zieht ein Feuerstrudel/Auf seinen Pfa¬
Die Redewendung „seine Pappenhei¬ den hinterdrein.“ Der Pudel begleitet
mer kennen“ hat die Bedeutung „wis¬ Faust in sein Studierzimmer und ver¬
sen, woran man mit bestimmten Leuten wandelt sich vor seinen Augen: „Das ist
ist, ihre Eigenheiten, besonders ihre nicht eines Hundes Gestalt!/Welch ein
Schwächen kennen“. Sie geht auf das Gespenst bracht’ ich ins Haus!/Schon
Lob zurück, das Wallenstein in Schillers sieht er wie ein Nilpferd aus ...” Schlie߬
Drama (Wallensteins Tod, 3. Aufzug, lich nimmt das Tier menschliche Gestalt
15. Auftritt) den Männern des Küras¬ an, Mephisto tritt im Kostüm eines fah¬
sierregiments des Grafen von Pappen¬ renden Scholaren hervor. Darauf folgt
heim ausspricht. Sie hatten ihm die Fausts überraschter Ausruf. - Man ver¬
Treue bewahrt, während sich andere wendet das Zitat auch heute, um seiner
Regimenter auf kaiserlichen Befehl be¬ Überraschung über etwas, das sich lan¬
reits von Wallenstein als einem Landes¬ ge nicht recht erkennen oder durch¬
verräter abgewendet hatten. Die „Pap¬ schauen ließ, Ausdruck zu geben.
penheimer“ wollen von Wallenstein
selbst hören, was er vorhat: „Kein frem¬ Das begreife ein andrer als ich
der Mund soll zwischen uns sich schie¬ Dieses Zitat stammt aus der Oper „Zar
ben,/Den guten Feldherrn und die gu¬ und Zimmermann“ von Albert Lortzing
ten Truppen.“ Wallenstein antwortet (1801-1851). Im Finale des 2. Aufzugs
darauf: „Daran erkenn’ ich meine Pap¬ (10. Auftritt) muß der wichtigtuerische
penheimer.“ Bürgermeister van Bett erfahren, daß er
unter anderem auch den russischen Ge¬
Darüber sind sich die Gelehrten sandten fälschlich als „Staatsverräter“
noch nicht einig verdächtigt hat. Seine Überraschung
drückt er mit folgenden Worten aus: „O
Dieser Ausspruch geht wohl auf eine
Donnerwetter! Was soll das sein?/Das
Äußerung des römischen Dichters Ho-
begreife ein andrer als ich.“ Das Zitat
raz (65-8 v. Chr.) im Vers 78 seiner „Ars
wird in Situationen verwendet, die ei¬
poetica“ (= „Dichtkunst“) zurück. Er
nem völlig unverständlich sind, oder auf
sagt hier mit Bezug auf das elegische
Vorgänge, Entscheidungen bezogen, die
Versmaß der Distichen, von dem man
man nach eigenen Maßstäben oder Vor¬
nicht wisse, wer es zuerst verwendet hat:
stellungen nicht nachvollziehen kann
Grammatici certant, et adhuc sub iudice
oder will.
lis est. („Die Grammatiker streiten, und
noch ist der Rechtsstreit nicht entschie¬
den.“) - Man verwendet das Zitat, um
Das eben ist der Fluch der bösen
auszudrücken, daß die Ursache von et¬ Tat
was noch nicht bekannt ist, daß man Dieses Wort fällt im Gespräch zwischen
über etwas Bestimmtes noch nichts Ge¬ Max und Oktavio Piccolomini in Schil¬
naues weiß. Auch die abgewandelte lers Drama „Wallenstein“ (Die Piccolo¬
Formulierung „Darüber streiten sich die mini 5,1): „Das eben ist der Fluch der

91
das Teil I

bösen Tat,/Daß sie, fortzeugend, immer keit eines Vorgangs, eines Erlebnisses
Böses muß gebären.“ Oktavio Piccolo¬ o.ä. scherzhaft zu kommentieren.
mini bezieht sich dabei auf sein Verhält¬
nis zu Wallenstein, das nach Wallen¬ Das halte fest mit deinem ganzen
steins Vorhaben, sich mit den Schweden Herzen
zu verbinden, schwierig geworden ist: TAns Vaterland, ans teure, schließ dich
meinen Abscheu, meine innerste/
an.
Gesinnung hab’ ich tief versteckt.“ Er
erkennt: „In steter Notwehr gegen arge
Das ist das Los des Schönen auf
List/Bleibt auch das redliche Gemüt
der Erde!
nicht wahr.“ Man verwendet das Zitat,
um die negativen oder schlimmen Fol¬ Mit dieser Zeile endet die Klage The¬
gen einer Handlungsweise zu kommen¬ klas um den Tod des Freundes Max Pic¬
tieren. colomini in Schillers Drama „Wallen¬
stein“ („Wallensteins Tod“; 4, 12).
„- Da kommt das Schicksal - roh und
Das eben ist der Liebe Zauber¬
kalt/Faßt es des Freundes zärtliche Ge¬
macht stalt/Und wirft ihn unter den Hufschlag
Das Zitat stammt aus Franz Grillparzers seiner Pferde -/Das ist das Los des
(1791-1872) Trauerspiel „Sappho“. Die Schönen auf der Erde!“ Die Vorstel¬
Dichterin bringt von ihrem Sieg in der lung, daß besonders das Schöne und
Dichtkunst, den sie in Olympia errang, Edle schutzlos dem Tod und der Zerstö¬
diese Erkenntnis mit: „Das eben ist der rung ausgeliefert ist, findet hier wie an
Liebe Zaubermacht,/Daß sie veredelt, anderen Stellen bei Schiller Ausdruck.
was ihr Hauch berührt,/Der Sonne ähn¬ So zum Beispiel auch in dem Gedicht
lich, deren goldner Strahl/Gewitterwol¬ „Nänie“ (= Totenklage), das mit den
ken selbst in Gold verwandelt.“ Sappho Worten: „Auch das Schöne muß ster¬
spricht hier zu ihrer Dienerin Melitta ben! Das Menschen und Götter bezwin¬
von sich selbst, aus der Erfahrung ihrer get“ beginnt. - Mit dem Zitat kommen¬
Liebe zu Phaon; als Zitat bezieht man tiert man resignierend die Beobachtung
die Feststellung meist auf andere, deren oder Erfahrung, daß etwas Schönes sich
auffälliges oder unerwartetes, auf Liebe als vergänglich erwiesen hat oder in den
oder Verliebtheit zurückzuführendes Schmutz gezogen wurde.
Verhalten man damit kommentiert.
Das ist das Unglück der Könige,
Das gibt’s nur einmal, das kommt daß sie die Wahrheit nicht hören
nie wieder wollen
So beginnt der Refrain eines Schlagers Diese Erkenntnis stammt aus dem Mun¬
von Werner Richard Heymann (Musik) de des Politikers Johann Jacoby (1805—
und Robert Gilbert (Text) aus dem Film 1877). Er äußerte sich als Mitglied einer
„Der Kongreß tanzt“ (1931). Am be¬ am 2. 11. 1848 zu König Friedrich Wil¬
kanntesten sind die beiden ersten und helm IV. entsandten Deputation der
die beiden letzten Zeilen des Kehr¬ preußischen Nationalversammlung.
reims: „Das gibt’s nur einmal, das Der gleiche Gedanke findet sich schon
kommt nie wieder,/das ist zu schön, um früher in der Nachdichtung „Der Cid“
wahr zu sein!... Das kann das Leben nur (1803/04) von Johann Gottfried Herder:
einmal geben,/denn jeder Frühling hat „Ach, der Kön’ge hartes Schick¬
nur einen Mai!“ Gesungen wurde das sal,/Daß, wenn man sie nicht mehr
Lied von Lilian Harvey, in der Rolle ei¬ fürchtet,/Dann nur ihnen die Wahrheit
ner jungen Wiener Handschuhmache¬ spricht!“ - „Auch zu andern, andern
rin, die während des Wiener Kongresses Zeiten/Sagt man ihnen wohl die Wahr¬
(1814/15) eine Romanze mit dem russi¬ heit,/ Aber sie, sie hören nicht.“ - Man
schen Zaren Alexander I. erlebte. - Man bezieht das Zitat auf Menschen in einer
verwendet das Zitat, um die Einmalig¬ Machtposition, die den Realitäten nicht

92
Teil I
das

ins Auge sehen wollen oder vor kriti¬ Das ist des Landes nicht der
schen Worten ihre Ohren verschließen. Brauch
Mit diesen Worten läßt Goethe (in
Das ist der Beginn einer wunderba¬ Faust I, der Nachbarin Haus) Gretchen
ren Freundschaft die Annäherungsversuche Mephistos
und sein Angebot, sich ihr als „Galan“
Mit den Worten „Louis, ich glaube, das zur Verfügung zu stellen, abweisen.
ist der Beginn einer wunderbaren
Heute dienen diese Worte meist als
Freundschaft“, die der Barbesitzer Rick
scherzhafte Ablehnung. Sie werden zi¬
an den französischen Offizier Louis tiert, etwa wenn ein Vorschlag, ein An¬
richtet, endet der berühmte, zum Kult¬
sinnen als nicht zumutbar zurückgewie¬
film und Evergreen gewordene amerika¬ sen werden soll.
nische Film „Casablanca“, der 1942 mit
den Hauptdarstellern Ingrid Bergman
und Humphrey Bogart gedreht wurde.
Das ist des Sängers Fluch
Der Satz (im englischen Originaltext:
Louis, I think this is the beginning of a Mit diesen Worten endet die Ballade
beautiful friendship) wird meist scherz¬ „Des Sängers Fluch“ von Ludwig Uh-
haft oder auch ironisch zitiert, etwa land (1787-1862). Ein „Sängerpaar“,
wenn sich irgendwo eine menschliche ein alter Harfner und sein junger Beglei¬
Beziehung abzeichnet, die man alles an¬ ter, hatten im Schloß eines düsteren Kö¬
dere als freundschaftlich nennen möch¬ nigs die versammelte Runde der Höflin¬
te. ge mit ihrem Gesang begeistert. Der Kö¬
nig sah sein Volk „verführt“ und warf
voll Wut sein Schwert nach dem jungen
Das ist der Lauf der Welt Sänger, den er tödlich traf. Darauf ver¬
fluchte der alte Sänger das Schloß und
Mit diesem Ausspruch reagiert jemand
seine Bewohner. Das Gedicht endet:
auf bestimmte Vorgänge meist negativer
„Des Königs Namen meldet kein Lied,
Art, auf Ungerechtigkeiten, Verluste
kein Heldenbuch:/Versunken und ver¬
o. ä., die er damit seufzend oder auch
gessen. Das ist des Sängers Fluch.“ -
nur achselzuckend zu Kenntnis nimmt
Man verwendet den Ausspruch etwa im
und kommentiert - etwa im Sinne von
Sinne von „so rächt sich etwas immer
„So ist es nun einmal“ oder „So geht es
wieder, das kommt davon“.
eben zu in dieser Welt“. In einem ähnli¬
chen Sinn auch gebraucht Mephisto in
Goethes Faust I den Ausspruch. Er
kommentiert damit am Ende der Szene Das ist die Sonne von Austerlitz!
in Marthes Garten das sich anbahnende Diesen Ausspruch - im französischen
verhängnisvolle Liebesverhältnis zwi¬ Original: Voilä le soleil dAusterlitz! -
schen Faust und Gretchen. Seinen Ur¬ soll Napoleon Bonaparte (1769-1821)
sprung hat der Ausspruch in der Bibel. beim Sonnenaufgang vor der Schlacht
Im „Brief des Paulus an die Epheser“ von Borodino (7. September 1812) sei¬
werden zu Beginn des 2. Kapitels „des nen Offizieren in ermunternder Erinne¬
Menschen Elend außer Christo“ und rung an die Dreikaiserschlacht von Au¬
„der Gläubigen seliger Zustand in der sterlitz (2. Dezember 1805) zugerufen
Gemeinde Christi“ einander gegenüber¬ haben. Dort hatte die schließlich durch
gestellt. Mit der Fügung „nach dem die Wolken brechende Sonne, die einen
Lauf dieser Welt“ werden dabei die Ge¬ genauen Überblick über die Kampf¬
setzlichkeiten der von der Sünde be¬ handlungen ermöglichte, entscheidend
herrschten Welt umschrieben. Es heißt zum Sieg des französischen Kaisers bei¬
an der Stelle: „... da ihr tot wäret durch getragen. - In ähnlich aufmunternder
Übertretungen und Sünden, in welchen Absicht angesichts einer schwierigen Si¬
ihr weiland gewandelt nach dem Lauf tuation wird der Ausruf heute noch ge¬
dieser Welt..." (Epheser 2, 1 f.). legentlich zitiert.

93
das Teil I

Das ist ein weites Feld d’Enghien gesagt haben, der gegen die
Republik gekämpft hatte. - Mit diesen
Es gibt zwei Quellen für diese Redens¬
zynisch klingenden Worten drückt man
art. Man findet sie zum einen in dem
aus, daß man eine Handlung für un¬
Roman „Der Nachsommer“ (1857) von
überlegt und sehr töricht hält.
Adalbert Stifter. Dort heißt es: „Das ist
ein weites Feld, von dem ihr da redet“.
In Theodor Fontanes Roman „Effi
Das ist Teils Geschoß
Briest“ (1895) verwendet der Vater der Dies sind die letzten Worte des Land¬
Titelheldin mehrfach diese Floskel. Am vogts Geßler in Schillers Drama „Wil¬
Ende des Romans beschließt er ein Ge¬ helm Teil“ (1804). Geßler weiß, daß nur
spräch mit seiner Frau über das Schick¬ Teil es gewagt haben konnte, ihn zu tö¬
sal der Tochter Effi mit den Worten: ten. - Mit dem Zitat - auch in der Form
„Ach, Luise, laß ... das ist ein zu weites „Das war Teils Geschoß“ oder „Hic fuit
Feld.“ - Man zitiert - wohl nach Fonta¬ [Teil]“ -, gibt man zu erkennen, daß
ne -: „Das ist ein weites Feld“ bzw. man den Urheber einer bestimmten
„Das ist ein weites Feld, Luise“, womit Handlung kennt.
man zum Ausdruck bringt, daß ein The¬
ma zu weitläufig ist, als daß man es - im Das kann doch einen Seemann
Gespräch - erschöpfen könnte, oder nicht erschüttern
daß eine Frage nicht leicht zu beantwor¬ Der Schlager, dessen Refrain sehr popu¬
ten ist, daß es viel dazu zu sagen gäbe. lär wurde, stammt aus dem 1939 gedreh¬
ten Film „Paradies der Junggesellen“
Das ist Lützows wilde, verwegene mit Heinz Rühmann. (Der Textdichter
Jagd ist Bruno Balz, die Vertonung als
Das Zitat stammt aus dem Lied „Lüt¬ Marschfox stammt von Michael Jary.)
zows wilde Jagd“, das der Dichter der Der Film handelt von drei trinkfesten
Befreiungskriege, Theodor Körner, Männern - zwei davon Angehörige der
1813 schrieb und dessen sechs Strophen Marine -, die zeitweise ohne Frauen in
jeweils mit dieser Zeile enden. Das Lied einer gemeinsamen Wohnung leben.
beginnt mit dem Vers „Was glänzt dort Der Schlager beginnt mit den Worten:
im Walde im Sonnenschein?“ und be¬ „Es weht der Wind mit Stärke zehn“. -
singt das Freikorps des Freiherrn Lud¬ Der Refrain wird heute noch als Aus¬
wig Adolf Wilhelm von Lützow (1782 druck eines unerschütterlichen Optimis¬
bis 1834), das sich in den Befreiungs¬ mus zitiert.
kriegen besonders hervortat. In der Ver¬
tonung von Carl Maria von Weber ge¬ Das kommt nicht wieder
hört es noch heute zum Repertoire von t Das gibt’s nur einmal
Männerchören. - Man gebraucht das
Zitat scherzhaft, um eine Gruppe von Das macht die Berliner Luft
vorbeistürmenden Menschen oder ähn¬
Der Kehrreim „Das macht die Berliner
liches zu charakterisieren.
Luft, Luft, Luft,/So mit ihrem holden
Duft, Duft, Duft“ stammt aus der Ope¬
Das ist mehr als ein Verbrechen, rette „Frau Luna“ von Paul Lincke
das ist ein Fehler (1866-1946). Die auf dem Mond gelan¬
Der Ausspruch C’est pire qu'un crime, deten, zunächst von den Mondschutz¬
c’est une faute, häufig Napoleons Poli¬ männern verhafteten Berliner erinnern
zeiminister Fouche oder auch dem Di¬ sich am Ende des ersten Aktes an ihre
plomaten Talleyrand zugeschrieben, heimatliche „Berliner Luft“. - Heute zi¬
stammt nach anderen Quellen von dem tiert man die erste Zeile des Kehrreims
französischen Politiker Antoine Boulay gelegentlich noch, um Besonderheiten
de la Meurthe (1761-1840). Er soll dies des Berliner Lebens, der Verhaltenswei¬
im Zusammenhang mit der von Napole¬ se der Berliner Bevölkerung in scherz¬
on befohlenen Hinrichtung des Duc haft-ironischer Weise zu erklären oder

94
Teil I
das

um auszudrücken, daß man sich gerade renheit in bestimmten Situationen oft


in Berlin wohl fühlt und sich vom Flair vorbildlicher verhalten als andere.
dieser Stadt, von der Mentalität der Ber¬
liner gerne anstecken läßt.
Das war eine köstliche Zeit!
Das sei ferne von mir! Das Zitat, mit dem man eine vergangene
schöne Zeit beschwört, stammt aus der
Mit dieser Floskel, der im heutigen
komischen Oper „Der Waffenschmied“
Deutsch die Formulierung „Das liegt
(uraufgeführt in Wien 1846) von Albert
mir völlig fern“ entspricht, weist man et¬
Lortzing. Ihr liegt das Lustspiel „Lieb¬
was zurück, was man nicht tun oder wo¬
haber und Nebenbuhler in einer Per¬
mit man nichts zu schaffen haben möch¬
son“ von Friedrich Wilhelm Ziegler
te. Sie geht zurück auf die Bibel, wo sie
(1760-1827) zugrunde. Die „köstliche
vielfach verwendet wird. Im 1. Buch
Zeit“ besingt der alte Waffenschmied
Moses (44,17) heißt es zum Beispiel:
am Tag seines Meisterjubiläums, an
„Das sei ferne von mir, solches zu tun!“
dem er seine Erinnerung in die Vergan¬
Und schon vorher (18,25): „Das sei
genheit schweifen läßt.
ferne von dir, daß du das tust und tötest
den Gerechten mit dem Gottlosen ...“ In
den Sprüchen Salomos (30,7 f.) findet Das war in Schöneberg im Monat
man: „Zweierlei bitte ich von dir ...: Mai
Abgötterei und Lüge laß ferne von mir
Dieses Zitat ist der Anfang des Refrains
sein ...“
eines Marschliedes aus der Berliner
Posse „Wie einst im Mai“ (1913): „Das
Das sollst du am Kreuze bereuen war in Schöneberg/im Monat Mai,/ein
In Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ kleines Mädelchen/ war auch dabei./
(1798) verhängt der Tyrann Dionys mit Das hat den Buben oft/und gern ge¬
diesen Worten die Todesstrafe über Dä¬ küßt,/wie das in Schöneberg/so üblich
mon, der ihn ermorden wollte. - Das Zi¬ ist.“ Den Text des Liedes, das einen me¬
tat, das man heute noch als scherzhafte lancholischen Rückblick auf glückliche
Drohung verwenden kann, bedeutet Kindertage wiedergibt, wurde von Ru¬
dann soviel wie „dafür wirst du bestraft, dolf Bernauer verfaßt, die Melodie
das mußt du büßen!“ schrieb Walter Kollo. Man verwendet
das Zitat (auch in der Form „Es war ...“)
Das täuscht die hoffende Seele als scherzhafte Anspielung auf ein län¬
nicht ger zurückliegendes schönes Ereignis,
eine leider vergangene Zeit. (Vergleiche
T Noch am Grabe pflanzt er die Hoff¬
auch den Artikel „Wie einst im Mai“.)
nung auf

Das übet in Einfalt ein kindlich Das war kein Heldenstück, Okta-
Gemüt vio!
Dieses Zitat stammt aus Schillers Ge¬ Mit diesen Verbitterung ausdrückenden
dicht „Die Worte des Glaubens“ (1797). Worten reagiert Wallenstein in Schillers
Am Ende der dritten Strophe, in der die gleichnamigem Drama („Wallensteins
Tugend als etwas durchaus Erstrebens¬ Tod“ 3, 9) auf Oktavio Piccolominis
wertes und trotz mancher Unzulänglich¬ Verrat an ihm. Wallenstein hatte auf
keiten im Leben Erreichbares darge¬ ihn als Freund vertraut. Aber in dem
stellt wird, heißt es im Zusammenhang: Augenblick, als Wallenstein sich auf die
„Er kann nach der göttlichen stre- Seite der Schweden schlug, fiel Oktavio
ben,/Und was kein Verstand der Ver¬ Piccolomini von ihm ab. - Man verwen¬
ständigen sieht,/Das übet in Einfalt ein det das Zitat, um auszudrücken, daß
kindlich Gemüt.“ Der letzte Vers wird man mit Entschiedenheit nicht billigt,
heute auf Menschen bezogen zitiert, die was jemand getan hat, daß der Betref¬
sich in ihrer Schlichtheit und Unerfah¬ fende sich dafür schämen sollte.

95
daß Teil I

Daß das weiche Wasser in Bewe¬ über die Eingeschränktheit seines Wis¬
gung mit der Zeit den mächtigen sens. Er hat sich darum „der Magie er¬
geben“ und hofft, mit ihrer Hilfe weiter
Stein besiegt
in die Geheimnisse der Natur einzu¬
Diese Verszeilen stammen aus einem dringen: „Daß ich erkenne, was die
der „Svendborger Gedichte“ (1939) von Welt/Im Innersten zusammenhält,
Bertolt Brecht. Es hat den Titel „Legen¬ /Schau’ alle Wirkenskraft und Sa¬
de von der Entstehung des Buches Tao- men,/Und tu’ nicht mehr in Worten kra¬
teking auf dem Weg des Laotse in die men.“ - Das Zitat bringt jemandes
Emigration“. Laotse trifft einen Zöllner, Wunsch zum Ausdruck, tiefer in ein
der von dem Weisen wissen möchte, ob Problem einzudringen, grundlegendere
sein Nachdenken über die Welt zu Er¬ Erkenntnisse über ein Sachgebiet oder
kenntnissen geführt habe. Auf seine
komplexere Vorgänge zu gewinnen.
Frage „Hat er was rausgekriegt?“ wird
ihm die Antwort zuteil: „Daß das wei¬
che Wasser in Bewegung/Mit der Zeit
Daß man vom Liebsten, was man
den mächtigen Stein besiegt./Du ver¬ hat, muß scheiden
stehst, das Harte unterliegt.“ - Die Na¬ t Wenn Menschen auseinandergehn, so
tur liefert ein Beispiel dafür, daß - auf sagen sie: auf Wiedersehn, ja Wieder¬
die Dauer gesehen - nicht Härte oder sehn!
Gewalt obsiegen. - Der Zukunftsfor¬
scher Robert Jungk (* 1913) gab einem Dastehen wie Buridans Esel
Essayband aus dem Jahr 1986 den Titel: Die Formulierung mit der Bedeutung
„Und Wasser bricht den Stein.“
„sich zwischen zwei gleichwertigen Din¬
gen nicht entscheiden können“ bezieht
Daß einer lächeln kann und immer sich auf eine dem französischen Philo¬
lächeln und doch ein Schurke sein sophen Johannes Buridan (1300-1358)
Das Zitat stammt aus Shakespeares Tra¬ zugeschriebene Parabel, nach der ein
gödie „Hamlet“ (1604). Im ersten Akt, hungriger Esel aus Unentschlossenheit
in der fünften Szene, begegnet Hamlet vor zwei gleichen Bündeln Heu verhun¬
dem Geist seines Vaters und erfährt, gern würde; sie ist in dieser Form aber
daß der Vater von seinem Bruder, Ham¬ in seinen Schriften nicht nachzuweisen.
lets Onkel, ermordet wurde, der jetzt als Der Grundgedanke stammt aus Aristo¬
König herrscht. Hamlets Entrüstung teles’ (384-322 v. Chr.) „De caelo“
über den Mörder äußert sich in den (= „Über den Himmel“; 11,13) und
Worten: „O Schurke! lächelnder, ver¬ wird in Buridans Kommentar zu diesem
dammter Schurke!/.../Daß einer lächeln Werk am Beispiel des Hundes aufge¬
kann und immer lächeln/Und doch ein nommen. Der Esel ist möglicherweise
Schurke sein; zum wenigsten/Weiß ich eine von Gegnern Buridans erfundene
gewiß, in Dänmark kann’s so sein.“ (Im Abwandlung.
englischen Originaltext: O villain, vil¬
lain, smiling, damned villain!/.../That Davon geht die Welt nicht unter
one may smile and smile and be a villain./
Der mit diesen Worten beginnende
At least I’m sure it may be so in Den-
Schlager (Text: Michael Jary, Musik:
mark.) - Das sehr literarische Zitat
Bruno Balz), zuerst gesungen von Zarah
bringt jemandes Erschütterung über die
Leander, stammt aus dem 1942 gedreh¬
Unwahrhaftigkeit eines Menschen zum
ten Film „Die große Liebe“. Der Film
Ausdruck.
erzählt die Liebesgeschichte zwischen
einem Luftwaffenoffizier und einer be¬
Daß ich erkenne, was die Welt im rühmten Varietesängerin. Er gehörte zu
Innersten zusammenhält den sogenannten „Durchhaltefilmen“,
Am Beginn des ersten Teils von Goethes mit denen die Menschen von den Ereig¬
Faust, in der Szene „Nacht“, erhebt nissen des Krieges abgelenkt werden
Faust in einem Selbstgespräch Klage sollten. - Das Zitat bekundet in salop-

96
Teil I deines

per Form, daß doch alles nicht so historischen Drama (uraufgeführt 1598)
schlimm ist, daß man einen Mißerfolg, seinen Sohn Heinrich, den Prinzen von
eine Widrigkeit nicht so schwernehmen, Wales (IV, 4). Der Prinz hatte den auf
nicht dramatisieren soll. dem Krankenlager in tiefem, ohnmacht¬
ähnlichem Schlaf liegenden Vater für
De profundis tot gehalten und dessen Krone an sich
Nach diesen Anfangsworten wird der genommen, bereit, sie als legitimer
130., in der lateinischen Bibelüberset¬ Nachfolger würdig zu tragen. Im engli¬
zung Vulgata der 129. Psalm, der 6. schen Original sagt der König: Thy wish
Bußpsalm, benannt. Der ganze Satz lau¬ was father, Harry, to that thought. Hein¬
tet: De profundis clamavi ad te. Domine. richs Ausspruch wird heute in der abge¬
Luther übersetzt den Vers mit „Aus der wandelten Form „Der Wunsch ist/war
Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ und verwen¬ [hier] Vater des Gedankens“ zitiert,
det den Psalm als Grundlage seines Kir¬ wenn man verdeutlichen will, daß das,
chenliedes „Aus tiefer Not schrei’ ich zu wovon jemand spricht, nur auf Wunsch¬
dir“. Der Psalm ist Bestandteil beson¬ denken beruht.
ders des katholischen Trauergottesdien¬
stes. „De profundis“ im Sinne von Deine Uhr ist abgelaufen
„Klagegesang“ wurde auch vom späte¬ In dieser Form erscheint die Redewen¬
ren Herausgeber als Titel für das letzte dung Jemandes Uhr ist abgelaufen“
Prosawerk Oscar Wildes (1854-1900) mit der Bedeutung Jemand wird bald
verwendet, für einen langen, im Zucht¬ sterben oder ist gerade gestorben“ in
haus von Reading geschriebenen, an Schillers Schauspiel „Wilhelm Teil“
Lord Alfred Douglas gerichteten Brief. (IV, 3): „Mach deine Rechnung mit dem
Himmel, Vogt,/Fort mußt du, deine Uhr
Dei gratia ist abgelaufen.“ Der Titelheld faßt hier
den Entschluß, die Ermordung des ty¬
t Von Gottes Gnaden
rannischen Reichsvogts Geßler zu voll¬
ziehen. Das Bild von der ablaufenden
Dein Schicksal ruht in deiner eig¬
Uhr bzw. auslaufenden Sanduhr für ein
nen Brust
zu Ende gehendes Leben benutzt vor
Dieser Ausspruch stammt aus Schillers Schiller Goethe in seinem Briefroman
Drama „Die Jungfrau von Orleans“ „Die Leiden des jungen Werthers“
(III,4). Agnes Sorel, die Geliebte König (1774; 2. Buch, 12. Dezember): „Meine
Karls VII., bittet Johanna, die Jungfrau Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich füh¬
von Orleans, um ein „erfreuliches Ora¬ le es.“ Bereits in Jakob Ayrers (um
kel“ für sich, nachdem sich Johanna 1543-1605) „Tragedia vom reichen
weitläufig über zukünftiges Geschehen Mann und armen Lazarus“ heißt es: „Er
in der „großen Weltgeschichte“ geäu¬ hat eine kleine Zeit,/So ist ihm die Uhr
ßert hat. Mit den Worten vom Schicksal, ausgeloffen.“
das in der eigenen Brust ruht, gibt Jo¬
hanna aber der fragenden Agnes Sorel Deines Geistes hab’ ich einen
zu verstehen, daß es einzig von ihr selbst Hauch verspürt
abhänge, wie sie ihr Schicksal gestalte.
Mit diesen Worten endet die Ballade
In diesem Sinne wird das Zitat auch
„Bertran de Born“ von Ludwig Uhland
heute gebraucht. - Vergleiche auch den
(1787-1862). Der Troubadour Bertran
Artikel „In deiner Brust sind deines
de Born hatte einen Sohn des Königs
Schicksals Sterne“.
Heinrich II. von England gegen seinen
Vater aufgehetzt. Zur Strafe wurde sein
Dein Wunsch war des Gedankens Schloß zerstört und er selbst gefangen¬
Vater genommen. Als der Gefangene, Freund
Mit diesen Worten empfängt ziemlich des im Kampf gefallenen Königssohns,
ungehalten König Heinrich IV. im 2. vor den König tritt, rührt er ihn mit sei¬
Teil von Shakespeares gleichnamigem ner Klage um den toten Freund. Der

97
3 Duden 12
Demokraten Teil I

König gibt ihm die Freiheit mit den Tod. „Ein Tännlein grünet wo,/Wer
Worten wieder: „Meinen Sohn hast du weiß im Walde,/Ein Rosenstrauch, wer
verführt,/Hast der Tochter Herz ver- sagt,/In welchem Garten?/Sie sind erle¬
zaubert,/Hast auch meines nun ge¬ sen schon,/Denk es, o Seele!/Auf dei¬
rührt :/Nimm die Hand, du Freund des nem Grab zu wurzeln/Und zu wach¬
Toten,/Die, verzeihend, ihm gebührt!/ sen.“ - Wir verwenden das Zitat meist
Weg die Fesseln! Deines Geistes/Hab’ in weniger düsterem Zusammenhang,
ich einen Hauch verspürt.“ (Ich ahne et¬ um jemandem etwas ins Bewußtsein zu
was von deinen dichterischen Fähigkei¬ rufen, ihn dazu zu ermuntern, sich etwas
ten, erklärt damit der König.) - Das sehr vorzustellen, sich auf eine Vision einzu¬
literarische Zitat kann in einem Zusam¬ lassen.
menhang verwendet werden, in dem je¬
mand andeuten will, daß er etwas von Denk’ ich an Deutschland in der
der Ausstrahlung einer bestimmten Per¬ Nacht, dann bin ich um den Schlaf
son oder Sache wahrgenommen hat.
gebracht
t Gegen Demokraten helfen nur Der freiwillige Entschluß Heinrich Hei¬
Soldaten nes, 1831 nach Paris überzusiedeln, er-
öffnete ihm zwar neue politische und
t Mehr Demokratie wagen kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten,
seine Liebe zum „wirklichen Deutsch¬
Den lieb’ ich, der Unmögliches be¬ land“ - wie er es formulierte -, wo seine
gehrt Schriften seit 1835 verboten waren, kam
aber immer wieder in seiner lyrischen
Im 2. Teil von Goethes Faust geleitet
Dichtung der Folgezeit zum Ausdruck.
der Zentaur Chiron den in Liebe zu He¬
Eines seiner meistzitierten Gedichte aus
lena entbrannten Faust zur Sibylle Man-
dieser Zeit sind die „Nachtgedanken“
to (2. Akt, Klassische Walpurgisnacht;
(1843), deren erste Strophe lautet:
Peneios). Sie ist sofort bereit, ihn zu Per¬
„Denk’ ich an Deutschland in der
sephone, der Gemahlin des Unterwelt¬
Nacht,/Dann bin ich um den Schlaf ge-
gottes Pluto, zu geleiten, um mit deren
bracht,/Ich kann nicht mehr die Augen
Hilfe die Freigabe Helenas aus dem To¬
schließen,/Und meine heißen Tränen
tenreich zu erwirken. Ihre Hilfsbereit¬
fließen.“ Die Anfangsverse werden heu¬
schaft begründet sie kurz und bündig
te noch zitiert, wenn auf ein mit großer
mit den zitierten Worten. Wir verwen¬
Skepsis beobachtetes Geschehen Bezug
den das Zitat heute gelegentlich, wenn
genommen wird, das in irgendeiner
wir anerkennend von jemandem spre¬
Form mit Deutschland oder den Deut¬
chen, der sich ein hohes, fast unerreich¬
schen in Zusammenhang steht.
bares Ziel gesetzt hat. Meistens jedoch
sind diese Worte eine ironische Entgeg¬
nung darauf, daß jemand Unmögliches TEr denkt zuviel: die Leute sind
wünscht oder unzumutbare Forderun¬ gefährlich
gen stellt.
Denn alle Schuld rächt sich auf
Denk es, o Seele Erden
Die Ermahnung „Denk es, o Seele!“ Im 13. Kapitel des zweiten Buches von
stammt aus Eduard Mörikes gleichna¬ Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjah¬
migem Gedicht aus dem Jahr 1852. Mö- ren“ (1782) lauscht die Titelgestalt dem
rike hat das Gedicht später - als „böh¬ Lied eines Harfenspielers - einer mit
misches Volksliedchen“ - an den geheimnisvoller Schuld beladenen Ge¬
Schluß seiner Novelle „Mozart auf der stalt -, in dem dieser die „himmlischen
Reise nach Prag“ gesetzt. Ein „Tänn¬ Mächte“ anklagend für sein Schicksal
lein“, ein Rosenstrauch, zwei schwarze verantwortlich macht. Die zweite Stro¬
Pferde, die vor seinem inneren Auge phe des Liedes lautet: „Ihr führt ins
vorüberziehen, assoziiert er mit seinem Leben uns hinein,/Ihr laßt den Armen

98
Teil I denn

schuldig werden,/Dann überlaßt ihr ihn gen den Kaiser zu stellen, jetzt sieht er
der Pein;/Denn alle Schuld rächt sich sich durch die Eigendynamik der Ent¬
auf Erden.“ Der letzte Vers wird zitiert, wicklung zum Handeln gezwungen, oh¬
wenn - in Abwandlung des eigentlichen ne es wirklich zu wollen. Stellt er sich
Sinngehalts - ausgedrückt werden soll, gegen den Kaiser, so stellt er sich mit
daß es doch eine Gerechtigkeit gibt und seinem ungewöhnlichen Schritt gegen
daß jeder für alle seine schuldhaften das traditionsgeheiligte „Gewohnte“
Verfehlungen letztlich seiner gerechten und steht dann außerhalb der geltenden
Strafe zugeführt wird. Ordnung („gemein“ steht hier im Sinne
von „gewöhnlich, gewohnt“). Mit dem
Denn an sich ist nichts weder gut Zitat will man in bestimmten Situatio¬
noch böse, das Denken macht es nen darauf hinweisen, daß es schwer ist.
erst dazu Neues gegen Altgewohntes durchzuset¬
zen, aus eingefahrenen Gleisen auszu¬
Diesen Gedanken spricht Hamlet in
scheren und gegen Dinge anzugehen,
Shakespeares gleichnamigem Trauer¬
die einem selbst oder anderen durch ste¬
spiel (entstanden um 1600) aus. Hamlet
te Gewohnheit liebgeworden sind.
nennt den beiden Hofleuten Rosen¬
kranz und Güldenstern gegenüber seine
Heimat Dänemark einen Kerker. Seinen
Denn bei der Post geht’s nicht so
Gesprächspartnern, die dies zurückwei¬ schnell
sen, antwortet er (11,2): „Nun, so ist es Die t Christel von der Post
keines für euch, denn an sich ist nichts
weder gut noch böse; das Denken ... denn bei mir liegen Sie richtig!
macht es erst dazu. Für mich ist es ein
Der Hauptverband der gewerblichen
Gefängnis.“ Im Original lautet die Stel¬
Berufsgenossenschaften produzierte in
le: 147)1', then ’tis none to you,for there is
den Jahren 1964, 1965 und 1967 eine Se¬
nothing either good or bad but thinking
rie von Kurzfilmen, in denen mit
makes it so. To me it is a prison. - Wir schwarzem Humor vor den Unfallge¬
kritisieren heute mit diesem Zitat das
fahren des Alltags- und Berufslebens
Verhalten eines Menschen, der jeman¬ gewarnt wurde. Die Kurzszenen liefen
des Äußerung einen anzüglichen Ne¬ vor oder nach den Wochenschauen in
bensinn unterstellt, weil er selbst so den Kinos. Der Hauptdarsteller Gün¬
denkt. Ganz allgemein kann man damit ther Jerschke spielte jeweils einen Chir¬
auch zum Ausdruck bringen, daß jedes urgen oder einen Bestattungsunterneh¬
Urteil subjektiv ist und von der Ein¬ mer und sagte zum Schluß jeder Szene
schätzung, der Denkweise des einzelnen (auf den Operationstisch oder den Sarg
abhängt. bezogen): „... denn bei mir liegen Sie
richtig!“ Mit dem umgangssprachlich
Denn aufgelöst in diesem Augen¬ gebräuchlichen Zitat (meist in der Form
blick sind aller Ordnung, aller „Bei mir liegen Sie richtig“) kann man
Pflichten Bande scherzhaft zum Ausdruck bringen, daß
t Aufgelöst sind aller Ordnung Bande man für jemandes Anliegen genau der
richtige Ansprechpartner ist.
Denn aus Gemeinem ist der
Mensch gemacht, und die Ge¬ Denn Brutus ist ein ehrenwerter
wohnheit nennt er seine Amme Mann
Der große Monolog Wallensteins im In der berühmten Rede des Antonius in
dritten Teil von Schillers Wallenstein- Shakespeares Drama „Julius Cäsar“
Trilogie („Wallensteins Tod“; 1,4) zeigt (1599) wird dieser Satz - jeweils leicht
den Feldherrn im Zwiespalt zwischen abgewandelt - mehrfach wiederholt. Im
Wollen und Müssen. Eben noch hatte er englischen Original lautet die erste Stel¬
nur mit dem Gedanken gespielt, die le: For Brutus is an honourable man,/So
Gunst der Stunde zu nutzen und sich ge¬ are they all, all honourable men. Antoni-

99
3*
denn Teil I

us, der die Ermordung Cäsars rächen ken/Mancher heitern Blumen Zier;/Sei-
möchte, widerlegt Schritt für Schritt alle denfäden, Seidenflocken,/Spielen ihre
Argumente, die Brutus und seine Mit¬ Rolle hier.“ Der Gesang endet mit der
verschworenen zugunsten ihrer Tat an¬ Strophe: „Niedlich sind wir anzuschau¬
führen könnten, so daß die Bezeichnung en,/Gärtnerinnen und galant ;/Denn das
„ehrenwerter Mann“ schließlich als pu¬ Naturell der Frauen/Ist so nah mit
re Ironie erscheint. Entsprechend wird Kunst verwandt.“ - Das Zitat schreibt
mit dem Zitat auch heute meist zum den Frauen eine unmittelbare Bezie¬
Ausdruck gebracht, daß man jemanden hung zu allem Schönen zu, was sich zum
gerade nicht für besonders ehrenhaft Beispiel auch in ihrem Schmuckbedürf¬
hält. nis äußert.

Denn das Gemeine geht klanglos Denn dem Glück, geliebt zu wer¬
zum Orkus hinab den, gleicht kein ander Glück auf
Das Zitat stammt aus Schillers Gedicht Erden
„Nänie“ (= „Totenklage“; entstanden Diese Verse aus der 27. Romanze von
1799), in dem es in den beiden letzten
Johann Gottfried Herders (1744-1803)
Zeilen heißt: „Auch ein Klaglied zu sein
„Der Cid“, einer freien Nachdichtung
im Mund der Geliebten, ist herr-
einer französischen Prosafassung, wer¬
lich,/Denn das Gemeine geht klanglos
den heute noch gerne ins Poesiealbum
zum Orkus hinab.“ Das Gedicht reflek¬
geschrieben. Sie bilden die erste Hälfte
tiert die Vergänglichkeit auch des Schö¬
eines Vierzeilers, der vollständig lautet:
nen, des Vollkommenen, führt aber als
„Denn dem Glück, geliebt zu wer¬
Trost an, daß die Klage um das Verlore¬
den, /Gleicht kein ander Glück auf Er¬
ne dieses noch einmal hervorhebt und
den ;/Die geliebte Schäferin,/Sie allein
würdigt, während das Unvollkommene,
ist Königin.“
Alltägliche nahezu unbeachtet ver¬
geht. - Mit dem Zitat kann man - meist
scherzhaft - den Verlust einer Sache Denn der Buchstabe tötet, aber der
kommentieren, um die es nicht schade Geist macht lebendig
ist, der man keine Träne nachweint. Bei dem Zitat handelt es sich um eine
Stelle aus dem 2. Brief des Apostels
Denn das ist sein Lebenszweck Paulus an die Korinther (Kapitel 3, Vers
Mit diesen Worten kennzeichnet Wil¬ 6). Mit dem Buchstaben ist das Mosai¬
helm Busch (1832-1908) im „Dritten sche Gesetz als Ausdruck des Alten
Streich“ von „Max und Moritz“ die für Bundes gemeint. Paulus versteht sich als
alle äußerst nützliche Tätigkeit des Diener des Neuen Bundes, nicht des
Schneidermeisters Böck. Man zitiert sie, Buchstabens, sondern des in Christus
wenn man scherzhaft ausdrücken will, Gerechtigkeit und Leben bringenden
daß sich jemand ganz und gar einer be¬ Geistes. Im heutigen Sprachgebrauch
stimmten Sache verschrieben hat, die wirkt diese antithetische Bibelstelle in
sein ganzer Lebensinhalt geworden ist. folgenden metaphorischen Ausdrucks¬
weisen nach: „toter Buchstabe, nach
Denn das Naturell der Frauen ist dem Buchstaben des Gesetzes handeln,
am Buchstaben kleben, sich an den
so nah mit Kunst verwandt
Buchstaben klammern, etwas nach
Die Verse stammen aus dem ersten Akt Geist und Buchstaben erfüllen.“
des zweiten Teils von Goethes Faust. In
der „Kaiserlichen Pfalz“ findet ein
Maskenfest statt, das mit einem Mas¬ Denn der Mensch als Kreatur hat
kenzug beginnt. Dieser wird von jungen von Rücksicht keine Spur
florentinischen Gärtnerinnen angeführt, Am Anfang des „Julchen“ überschrie-
die künstliche Blumen im Haar tragen. benen dritten Teils der „Knopp-Trilo¬
Sie singen: „Tragen wir in braunen Lok- gie“ (1875/77) von Wilhelm Busch fln-

100
Teil I denn

det man diese Feststellung. Hier ist sie turkatastrophe wieder einmal gezeigt
auf das eben geborene Julchen bezogen, hat, daß allem technischen Fortschritt
das als schreiender Säugling, als zum Trotz der Mensch die Natur und ih¬
Mensch im unverständigen, „kreatürli- re elementaren Kräfte nicht vollständig
chen“ Zustand, keine Rücksichtnahme beherrschen kann. In demselben ge¬
auf andere kennt. Man bezieht das Zitat danklichen Zusammenhang stehen die
heute vor allem auf erwachsene Men¬ Zeilen auch in Schillers Gedicht, wo der
schen, die sich besonders rücksichtslos Anblick des glühenden Metalls beim
verhalten. Glockenguß den Ausgangspunkt für
eine sehr bildhafte Darstellung der Ur¬
gewalt des Feuers bildet.
Denn der Regen, der regnet jegli¬
chen Tag
Wenn am Ende von Shakespeares Ko¬
Denn die Natur läßt sich nicht
mödie „Was ihr wollt“ (gedruckt 1623)
zwingen
der Narr, der im Grunde weiser ist als
die gescheiten Leute, das Schlußlied In Christian Fürchtegott Gellerts
singt, dessen vier erste Strophen mit die¬ (1715-1769) Fabel „Die Nachtigall und
ser Zeile enden (englisch: For the rain it die Lerche“ wird der Nachtigall von der
raineth every day), dann führt er mit sei¬ Lerche vorgehalten, daß sie zwar schö¬
ner pessimistisch-resignativen Sicht der ner singe als andere Vögel, aber nur
Dinge die Zuschauer aus der Illusionen¬ während weniger Wochen im Jahr. Dar¬
welt des Theaters langsam wieder zu¬ auf erwidert die Nachtigall, daß sie nur
rück in die Wirklichkeit. Auch im „Kö¬ kurze Zeit singe, um eben einen so schö¬
nig Lear“ (III, 2) singt der Narr ein Lied nen Gesang hervorzubringen, und gibt
(allerdings nur eine Strophe) mit dem¬ als weitere Begründung an: „Ich folg’
selben Strophenmuster. - Der Vers wird im Singen der Natur;/so lange sie ge¬
als Zitat verwendet, wenn man etwas beut (= gebietet), so lange sing’ ich
durch seine gleichförmige stete Wieder¬ nur,/Sobald sie nicht gebeut, so hör’ ich
holung als monoton oder sogar als de¬ auf zu singen ;/Denn die Natur läßt sich
primierend empfindet. Er ist aber auch nicht zwingen.“ Losgelöst vom Inhalt
als Stoßseufzer zu hören, mit dem das in der Fabel zitieren wir heute diesen Vers,
unseren Breiten häufig schlechte Som¬ um auszudrücken, daß das Naturge¬
merwetter kommentiert wird. schehen sich letztlich nicht vollständig
vom Menschen beeinflussen läßt und
die Naturgewalten nicht völlig be¬
... denn der Wind kann nicht lesen herrschbar sind. Auch in bezug auf die
So lautet der Titel eines Romans des menschliche Natur, die physischen Be¬
englischen Schriftstellers Richard Ma- dürfnisse und Unzulänglichkeiten des
son (englischer Titel: The Wind cannot Menschen, die er bei aller Willensstärke
read; erschienen 1946, deutsch 1948; nicht unterdrücken oder überwinden
verfilmt 1958), in dem die Liebesge¬ kann, wird das Zitat gelegentlich ver¬
schichte eines englischen Offiziers und wendet.
einer Japanerin in Indien erzählt wird.
Man zitiert ihn, wenn man andeuten
will, daß das, was man tut oder sagt, Denn dieser letzten Tage Qual war
wohl kaum zur Kenntnis genommen
groß
wird oder in seiner Auswirkung unge¬
Mit diesem Zitat aus Schillers „Wallen¬
wiß bleibt.
steins Tod“ will man zum Ausdruck
bringen, daß eine Zeit quälender Unge¬
Denn die Elemente hassen das Ge- wißheit oder großer seelischer und kör¬
bild von Menschenhand perlicher Anspannung hinter einem
Dieses Zitat aus Schillers „Lied von der liegt. Vollständig lautet das Zitat: „Ich
Glocke“ wird verwendet, wenn eine Na¬ denke einen langen Schlaf zu tun,/Denn

101
denn Teil I

dieser letzten Tage Qual war starke Seelen in dem Geschlecht.“


groß,/Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich Wenn wir diesen Ausspruch zitieren,
erwecken“ (V,5; siehe auch: „Ich denke dann wollen wir oft - mit scherzhaft¬
einen langen Schlaf zu tun“). spottendem Unterton - darauf hinwei-
sen, daß das Gegenteil heute der Fall ist
Denn du bist Erde und sollst zu Er¬ und die Angehörigen des „schwachen
Geschlechts“ alles andere als gebrechli¬
de werden
che und hilfebedürftige Wesen sind.
Mit diesen Worten deutet Gott im Alten
Testament nach dem Sündenfall Adam
an, daß seine sterbliche Hülle wieder zu Denn ein Haifisch ist kein Hai¬
dem werden wird, woraus sie geschaffen fisch, wenn man’s nicht beweisen
worden ist (1. Moses 3,19). Diese Bibel¬ kann
stelle ist zusammen mit der ähnlichen Der „Haifisch“ ist in Bertolt Brechts
Formulierung „Denn der Staub muß „Dreigroschenoper“ (uraufgeführt am
wieder zu der Erde kommen, wie er ge¬ 31.8. 1928 in Berlin) der Straßenräuber
wesen ist“ (Prediger 12,7) die Grundla¬ und Geschäftemacher Macheath, dem
ge der Bestattungsformeln der christli¬ man aber, wie es schon in der zu Anfang
chen Kirchen „Erde zu Erde, Asche zu gesungenen „Moritat von Mackie Mes¬
Asche, Staub zu Staub“ und „Bedenke, ser“ heißt, nichts beweisen kann. Zwei
Mensch: Staub bist du und zum Staube hierzu später nachgedichtete Strophen
kehrst du wieder zurück.“ läßt Brecht jeweils enden: „Denn ein
Haifisch ist kein Haiftsch,/Wenn man’s
Denn eben, wo Begriffe fehlen, da nicht beweisen kann.“ Diese Verse wer¬
stellt ein Wort zur rechten Zeit sich den zitiert, wenn man resigniert feststel¬
ein len muß, daß jemand seiner gerechten
Dieses Zitat stammt aus Goethes Faust Strafe nicht zugeführt werden kann, da
I. Im zweiten Teil der Studierzimmer¬ es für seine kriminellen Machenschaf¬
szene rät Mephisto dem Schüler, sich ten - seien sie auch noch so offensicht¬
beim Theologiestudium möglichst eng lich - keine juristisch stichhaltigen Be¬
an die Worte eines Lehrmeisters zu hal¬ weise gibt. - Auch als ironischer Kom¬
ten. Auf den Einwand des Schülers mentar zu einer allzu spitzfindigen oder
„Doch ein Begriff muß bei dem Worte überflüssigen Beweisführung ist das
sein“ antwortet Mephisto: „Schon gut! Zitat geläufig.
Nur muß man sich nicht allzu ängstlich
quälen ;/Denn eben, wo Begriffe feh¬ Denn ein vollkomm’ner Wider¬
len,/Da stellt ein Wort zur rechten Zeit spruch bleibt gleich geheimnisvoll
sich ein.“ Damit wird gesagt, daß leeres für Kluge wie für Toren
Wortgeklingel stets viel leichter hervor¬
Der „vollkommene Widerspruch“, auf
zubringen ist als eine inhaltlich bedeut¬
den Mephisto im ersten Teil von Goe¬
same Aussage. Diese Vorstellung liegt
thes Faust („Hexenküche“) anspielt,
auch dem heutigen Gebrauch des Zitats
liegt in einem Zauberspruch mit Zahlen¬
zugrunde. (Vergleiche auch: „Mit Wor¬
spielereien, den zuvor eine Hexe aufge¬
ten läßt sich trefflich streiten“.)
sagt hatte. Dieses „Hexeneinmaleins“
hat Goethe wohl als Parodie auf die
Denn ein gebrechlich Wesen ist das Zahlensymbolik bestimmter abstrus¬
Weib tiefsinniger Schriften verstanden. Die
Aufs entschiedenste weist Königin Eli¬ szenischen Anmerkungen zum Auftritt
sabeth in Schillers Trauerspiel „Maria der Hexe parodieren allerdings Zeremo¬
Stuart“ (uraufgeführt am 14. 6. 1800) nien des katholischen Gottesdienstes.
diese Worte George Talbots, des Grafen Von daher gesehen ist Mephistos Be¬
von Shrewsbury und Mitglieds ihres merkung durchaus auch als ironische
Thronrats, zurück und erwidert ihm: Bewertung von Glaubensdingen zu ver¬
„Das Weib ist nicht schwach. Es gibt stehen. Die Geheimnisse des Glaubens

102
Teil I denn

kann ein schlichter Geist auf Grund des Denn ihre Werke folgen ihnen
fehlenden Intellekts nur als Wahrheit nach
akzeptieren, aber auch der Intellektuelle
Im 14. Kapitel der Offenbarung des Jo¬
kommt hier mit seiner Ratio nicht wei¬
hannes wird von den im Glauben an
ter. So wird das Zitat dann verwendet,
Gott Verstorbenen gesagt, daß sie nun¬
wenn man darlegen will, daß etwas ei¬
mehr von ihrer Arbeit ausruhen können,
gentlich Unmögliches oder Unwahr¬
da alles, was sie im irdischen Leben ge¬
scheinliches durch seine Absurdität
leistet haben, nachwirke und ihnen an¬
schon fast wieder glaubhaft ist oder daß
gerechnet werde. In Vers 13 heißt es:
man etwas nur verworren und wider¬
„Selig sind die Toten, die in dem Herrn
sprüchlich genug formulieren muß, da¬
sterben von nun an. Ja, der Geist
mit andere dahinter eine tiefe, geheim¬
spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit;
nisvolle Wahrheit vermuten.
denn ihre Werke folgen ihnen nach.“
Diese Bibelstelle wird heute bei entspre¬
Denn er war unser! chendem Anlaß in diesem Sinne zitiert.
Man gebraucht diese Worte aber auch,
Goethes „Epilog zu Schillers ,Glocke“',
um auszudrücken, daß jeder im Leben
der bei Schillers Totenfeier am 10. Au¬
früher oder später an dem gemessen
gust 1805 in Bad Lauchstädt, dem Mo¬
werden wird, was er vollbracht hat und
debad der Goethezeit, gesprochen wur¬
jeder sich einmal den Folgen seines frü¬
de, liefert uns dieses Zitat. Es wird ver¬
heren Handelns stellen muß.
wendet, wenn man von jemandem
spricht, mit dem man längere Zeit in ei¬
Denn kein größeres Verbrechen
ner engen Gemeinschaft verbunden
gibt es, als nicht kämpfen wollen,
war, der aber weggegangen oder ver¬
storben ist. Stolz auf das frühere Ver¬ wo man kämpfen muß
hältnis und ein noch immer vorhan¬ Mit diesen Worten verurteilt der jüdi¬
denes Zusammengehörigkeitsgefühl sche Arzt und Klinikleiter Professor
klingen dabei an. Mamlock im 4. Akt des gleichnamigen
Dramas von Friedrich Wolf (1888 bis
1953; erschienen 1935) die Tatenlosig¬
Denn ich bin ein Mensch gewesen, keit dem nationalsozialistischen Terror
und das heißt ein Kämpfer sein gegenüber. Er setzt seinen Namen selbst
auf die Liste der aus „rassischen Grün¬
In dem Gedicht „Einlaß“, das im „Buch
den“ zu entlassenden Mitarbeiter und
des Paradieses“ von Goethes „Westöst¬
weist damit das Angebot der Regierung
lichem Diwan“ steht, fragt die den Para¬
zurück, formell sein Krankenhaus wei¬
dieseingang bewachende Huri einen vor
terzuleiten. Er ist nicht bereit, seine
dem Paradiestor stehenden Dichter, ob
Überzeugung zu verraten und sich zu
er im Leben ein mutiger Kämpfer und
unterwerfen.
ein Held gewesen sei; sie bittet ihn, sei¬
ne Wunden zu zeigen und so sein Ein¬
laßbegehren zu rechtfertigen. Darauf Denn nichts ist groß, was nicht
antwortet der Dichter: „Nicht so vieles wahr ist
Federlesen !/Laß mich immer nur her¬ Das Zitat ist der Schlußsatz aus Gott¬
ein :/Denn ich bin ein Mensch gewe¬ hold Ephraim Lessings (1729-1781) 30.
sen, /Und das heißt ein Kämpfer sein.“ Stück der „Hamburgischen Dramatur¬
Damit ist gemeint, daß der tägliche gie“ vom 11. August 1767. Der Autor
Kampf mit den großen und kleinen wertet damit am Beispiel der Kleopatra
Schwierigkeiten des Lebens dem Men¬ die Helden der Corneilleschen Tragödie
schen alles abverlangt. Wer in diesem ab. „Nicht wahr“ bedeutet bei Lessing
Daseinskampf besteht, ist ein Kämpfer „unnatürlich, gekünstelt“; er bezieht
und ein wahrer Held. Zum Ausdruck sein Diktum auf den Stolz als Motivati¬
dieses Gedankens werden die Zeilen on der Corneilleschen Kleopatra, wo
auch heute zitiert. Eifersucht seiner Ansicht nach natürli-

103
denn Teil I

eher, „wahrer“ gewesen wäre. Das Zitat größeres Leid kommen als das, was ihm
wird heute im allgemeineren Sinne ver¬ jetzt zugefügt würde. Dies verdeutlichte
wendet; man drückt damit aus, daß er dann mit einem Bild: Wer achtlos
wahre Größe nicht auf Lüge, auf fal¬ und ohne Rücksicht grünes Holz
schen Schein gegründet sein kann. (= Gottes Sohn) abbricht und so den
„lebendigen“ Baum zerstört, wie wird
Denn sie hat viel geliebt der erst mit dürrem, wertlosem Holz
(= mit den Menschen) umgehen? Wir
Dieser Vers aus dem Lukasevangelium
verwenden das Bibelwort, um auszu¬
(7,47) lautet vollständig; „Ihr sind viele
drücken, daß dort, wo auf das gesunde,
Sünden vergeben, denn sie hat viel ge¬
junge, noch im Wachstum befindliche
liebt (revidierte Fassung von 1964; dar¬
Leben keine Rücksicht genommen wird.
um hat sie mir viel Liebe erzeigt).“ Die
Alte, Kranke und Bedürftige erst recht
Worte beziehen sich auf eine „büßende
keine Rücksichtnahme und Hilfe erwar¬
Sünderin“, die Jesus die Füße wäscht
ten können. Man kann mit diesen Wor¬
und salbt, während er zu Tische sitzt.
ten jedoch auch zum Ausdruck bringen,
Heute werden sie meist auf eine Frau
daß es verhängnisvoll wäre, an eine pri¬
bezogen, die auf ein aufopferungsvolles
vilegierte Gruppe (z. B. Politiker) ande¬
Leben zurückblicken kann. Sie können
re Maßstäbe anzulegen als an andere
aber auch gebraucht werden, wenn auf
Menschen. Zitiert wird auch in der
eine Frau angespielt werden soll, die
Form: „So das geschieht am grünen
zahlreiche Liebschaften hatte.
Holz

... denn sie wissen nicht, was sie


Denn tausend Jahre sind vor dir
tun
wie der Tag, der gestern vergangen
So lautet der deutsche Titel eines 1955
gedrehten Films des amerikanischen
ist
Regisseurs Nicholas Ray (englischer So lautet der Vers des 90. Psalms im
Titel: „Rebel Without a Cause“). James Alten Testament (Psalm 90,4), der ge¬
Dean (1931-1955) verkörpert darin die wöhnlich in der gekürzten Form „Tau¬
Jugend der Nachkriegszeit, die die tra¬ send Jahre sind vor dir wie ein Tag“ zi¬
ditionellen Werte ablehnt und in der tiert wird. Er stellt die Ewigkeit Gottes
überkommenen Ordnung keine Mög¬ der Vergänglichkeit des Menschen ge¬
lichkeit zur Selbstverwirklichung mehr genüber. Ohne direkten Bezug auf Gott
sieht. Zitiert wird dieser Titel, wenn werden diese Worte gebraucht, um
man - mit einem Kopfschütteln sozusa¬ einen längeren Zeitraum zu relativieren
gen - zu erkennen geben will, daß je¬ oder um anzudeuten, wie schnell die
mandes Handlungsweise eigentlich jeg¬ Zeit vergeht.
licher Vernunft zuwiderläuft. Dem deut¬
schen Filmtitel liegt die Bitte des ge¬ Denn was er sinnt, ist Schrecken
kreuzigten Christus im Lukasevangeli¬
In der zweiten Strophe seiner Ballade
um zugrunde: „Vater, vergib ihnen,
„Des Sängers Fluch“ schildert Ludwig
denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lu¬
Uhland (1787-1862) den König, zu des¬
kas 23,34).
sen Schloß ein alter Sänger und sein
junger Begleiter kommen, als finsteren
Denn so man das tut am grünen Despoten: „Dort saß ein stolzer König,
Holz, was will am dürren werden? an Land und Siegen reich;/Er saß auf
Diese Worte spricht Jesus im Lukas¬ seinem Throne so finster und so
evangelium (23,31) zu den Frauen, die bleich:/Denn was er sinnt, ist Schrek-
ihm auf dem Wege zur Kreuzigungsstät¬ ken, und was er blickt ist Wut,/Und was
te folgen. Zuvor hatte er sie schon er¬ er spricht ist Geißel, und was er
mahnt, sie sollten nicht seinetwegen schreibt, ist Blut.“ Der Anfang des drit¬
weinen und klagen, denn über sie selbst ten Verses wird heute in scherzhaftem
und ihre Nachkommen werde ja noch Ton zitiert, wenn man glaubt, daß je-

104
Teil I
denn

mand etwas im Schilde führt und man sich zur Höchstleistung aufzuschwin¬
dadurch große Unannehmlichkeiten auf gen, denn nur so kann er „ein lebend
sich zukommen sieht. Denkmal sich erbaun“. Schiller greift in
diesem Prolog das Wort des römischen
Denn was man schwarz auf weiß Dichters Horaz (65-8 v.Chr.) auf, der in
besitzt, kann man getrost nach seinen „Satiren“ sagt: „Den hervorra¬
Hause tragen gendsten Männern gefallen zu haben ist
Dies sind die Worte des Schülers in der nicht das geringste Lob“ (I, 17,35; latei¬
sogenannten „Schülerszene“ in Goethes nisch : principibus placuisse viris non ulti¬
Faust (1. Teil, Studierzimmer 2). Der ma laus est). - Mit dem heute seltener
gebrauchten Zitat wird zum Ausdruck
Schüler hält es für nützlich. Gehörtes
schriftlich festzuhalten, um es dann im¬ gebracht, daß nicht unbedingt die Popu¬
mer parat zu haben. Heute werden diese larität bei der breiten Masse dauerhaf¬
Worte - oft ironisch - zitiert, wenn es ten Ruhm gewährleistet, sondern daß
diesen nur die Anerkennung durch her¬
darum geht, eine Unterlage über eine
Aussage, Vereinbarung o. ä. zu haben. ausragende Persönlichkeiten bringen
kann.

Denn wer da hat, dem wird gege¬


ben Denn wir können die Kinder nach
unserem Sinne nicht formen
Im Matthäusevangelium sagt Jesus zu
seinen Jüngern (Matthäus 13,11-12): In Goethes Versepos „Hermann und
„Euch ist’s gegeben, daß ihr das Ge¬ Dorothea“ (erschienen 1797) gerät der
heimnis des Himmelreichs versteht; die¬ Vater mit seinem tüchtigen, aber
sen aber ist’s nicht gegeben./Denn wer schüchternen Sohn in Streit und tadelt
da hat, dem wird gegeben, daß er die ihn wegen seiner Unbedarftheit und we¬
Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem gen seiner Ungeschicklichkeit im Um¬
wird auch genommen, was er hat.“ Er gang mit Mädchen. Dem erzürnten Va¬
erklärt so, warum er zum Volk in ter hält die verständnisvolle Mutter (im
Gleichnissen spricht, damit es seine „Dritten Gesang“) vor, er sei ungerecht
Lehre besser verstehe. Denn wer - wie gegen den Sohn: „Denn wir können die
die Jünger - ein umfangreicheres Wis¬ Kinder nach unserem Sinne nicht for¬
sen als andere hat, für den ist es leicht, mens/So wie Gott sie uns gab, so muß
dieses Wissen anzuwenden und auch zu man sie haben und lieben“. In diesem
vermehren. Wer aber nur wenig weiß, Sinne wird der erste der beiden Verse
läuft leicht Gefahr, dieses Wenige noch auch heute noch zitiert.
zu verlieren. Der Anfang des 12. Verses
wird heute allerdings gewöhnlich in Denn wo das Strenge mit dem Zar¬
dem Sinne verwendet, daß es demjeni¬ ten, wo Starkes sich und Mildes
gen, der Besitz und Reichtum angehäuft paarten, da gibt es einen guten
hat, leicht gemacht wird, noch reicher Klang
zu werden.
In diesen Versen aus Schillers „Lied von
der Glocke“ wird die Gegensätzlichkeit
Denn, wer den Besten seiner Zeit
der Charaktere zweier Partner, die eine
genug getan, der hat gelebt für alle Ehe miteinander eingehen wollen, mit
Zeiten dem Mischungsverhältnis der zum
Diese Worte im „Prolog zu Wallensteins Glockenguß verwendeten Legierung
Lager“ (gesprochen bei der Wiederer¬ verglichen. Nach Schiller wäre also die
öffnung der Schaubühne in Weimar Grundlage einer guten Ehe in einer
1798) richtet Schiller an den agierenden wohlausgewogenen Verbindung des
Schauspieler. Ihn, den Mimen, „dem Streng-Männlichen mit dem Zart-Weib¬
die Nachwelt keine Kränze flicht“, for¬ lichen zu sehen. Wir verwenden das Zi¬
dert er auf, auf der Bühne im Augen¬ tat heute auch in einem allgemeineren
blick seines Auftretens alles zu geben. Sinne und beziehen es auf den harmoni-

105
denn Teil I

sehen Ausgleich von Gegensätzlichkei¬ daß er entsprechend versorgt ist. Oder


ten verschiedener Art. aber man will andeuten, daß dafür Sor¬
ge getragen wurde, daß der Betreffende
nicht mehr störend irgendwo eingreifen
Denn wo zwei oder drei versam¬
kann, daß man sich seiner in irgend¬
melt sind in meinem Namen, da
einer Form geschickt entledigt hat.
bin ich mitten unter ihnen
Diese Worte Jesu im Matthäusevangeli¬
Der ist in tiefster Seele treu, wer die
um (18,20), die auf die Gegenwart Got¬
Heimat liebt wie du
tes auch in einer kleinen Gemeinschaft
von Gläubigen hinweisen, werden häu¬ Diese Verse stammen aus Theodor Fon¬
fig auch außerhalb religiöser Zusam¬ tanes (1819-1898) Ballade „Archibald
menhänge zitiert. Man verwendet das Douglas“. Dem aus der Heimat ver¬
Zitat (oft in der abgewandelten, ver¬ bannten Graf Douglas gelingt es, den
kürzten Form „Wo zwei oder drei in Groll seines Königs zu besänftigen; der
meinem Namen versammelt sind“) z. B. König nimmt seinen früheren Sene-
als scherzhafte Anrede einer kleinen schall in Gnaden wieder auf, weil dieser
Gruppe von Personen. lieber den Tod erleiden will, als weiter¬
hin nicht „die Luft im Vaterland“ atmen
zu dürfen. Solche Heimatliebe wird vom
t Aber dennoch hat sich Bolle ganz
König als Beweis unverbrüchlicher
köstlich amüsiert
Treue angesehen. Man zitiert die Verse
heute, wenn jemandes Heimatverbun¬
Der teine fragt: Was kommt da¬ denheit lobend hervorgehoben werden
nach? Der andere fragt nur: Ist es soll.
recht?
Der starb Euch sehr gelegen
Der hat die Macht, an den die Im 4. Akt von Schillers Trauerspiel
Menge glaubt „Maria Stuart“ (uraufgeführt am 14. 6.
Der deutsche Dramatiker Ernst Rau- 1800) sieht Mortimer, der Neffe von
pach (1784-1852) formulierte diese Er¬ Marias Kerkermeister, sein Doppelspiel
fahrungstatsache in seinem historischen um deren Rettung aufgedeckt und tötet
Drama „Kaiser Friedrichs II. Tod“ sich (IV, 4). Durch diesen Selbstmord
(1,3). Mit diesen Worten kommentiert wird der Graf von Leicester, ein Günst¬
man heute gewöhnlich den Erfolg eines ling Königin Elisabeths, der aber eben¬
Demagogen. falls ein doppeltes Spiel gespielt hat,
von einem möglichen Belastungszeugen
Der ist besorgt und aufgehoben befreit. Elisabeths skrupelloser Berater
Burleigh kommentiert dies mit den
In Schillers Ballade „Der Gang nach
Worten (IV,6): „Graf! Dieser Mortimer
dem Eisenhammer“, erschienen 1797 im
starb Euch sehr gelegen.“ Heute zitiert
„Musenalmanach für das Jahr 1798“,
man meist die verkürzte Form „Der
sind diese Worte die hämische Antwort,
starb Euch sehr gelegen“, wenn man an¬
die zwei Mörder auf die Frage nach dem
deuten will, daß jemand aus dem Tod
Verbleib ihres Opfers geben, das sie in
oder Verschwinden eines anderen Nut¬
einem Schmelzofen verbrannt haben
zen zieht.
(vergleiche dazu auch: „Des freut sich
das entmenschte Paar“). Die manchmal
noch dazu oder auch allein zitierte Fort¬ Der werfe den ersten Stein
setzung „Der Graf (auch: Herr) wird Die Redewendung „den ersten Stein auf
seine Diener loben“ spielt auf denjeni¬ jemanden werfen“ mit der Bedeutung
gen an, der den Befehl für den Mord ge¬ „damit beginnen, einen andern öffent¬
geben hat. Heute benutzt man das Zitat lich zu beschuldigen, ihm etwas vorzu¬
noch gelegentlich, wenn man ausdrük- werfen“ ist biblischen Ursprungs. Im
ken will, daß jemand in guter Obhut ist. 8. Kapitel des Johannesevangeliums

106
Teil I deutsche

wird davon berichtet, daß Pharisäer und bringenden Götter auf die Bühne
Schriftgelehrte eine „Ehebrecherin“ zu schweben ließ.
Jesus brachten und ihn (um ihn zu einer
falschen Reaktion zu verleiten) fragten: Deutsch sein heißt eine Sache um
„Mose ... hat uns im Gesetz geboten, ihrer selbst willen tun
solche zu steinigen; was sagst du?“ Die
Die heute meist spöttisch oder zynisch
entwaffnende Antwort Jesu lautete
gebrauchte Redensart wird auf jeman¬
(8,7): „Wer unter euch ohne Sünde ist,
des Handeln bezogen, der nicht gewillt
der werfe den ersten Stein auf sie.“
ist, selbstkritisch nach dem Sinn und
Zweck seines Tuns zu fragen. Die Sen¬
Derjenige, welcher tenz ist auf eine ähnliche (andersge¬
meinte) Äußerung Richard Wagners in
Dieser umgangssprachliche Ausdruck,
seinem 1867 veröffentlichten Aufsatz
der im Sinne von „der, auf den es an¬
„Deutsche Kunst und deutsche Politik“
kommt, von dem die Rede ist“ verwen¬
zurückzuführen, wo es im Zusammen¬
det wird, stammt aus dem Einakter
hang heißt: „Hier kam es zum Bewußt¬
„Das Fest der Handwerker“ von Louis
sein und erhielt seinen bestimmten Aus¬
Angely (1787-1835), dem Schöpfer der
druck, was deutsch sei, nämlich: die Sa¬
frühen Berliner Lokalposse. Im Stück
che, die man treibt, um ihrer selbst und
selbst heißt es „allemal derjenige, wel¬
der Freude an ihr willen treiben“.
cher“.

Der deutsche Michel


Des freut sich das entmenschte Die spöttische Bezeichnung für den
Paar mit roher Henkerslust Deutschen, meist gemünzt auf den bie¬
Das Zitat stammt aus Schillers Ballade deren, unpolitischen, etwas schlafmützi¬
„Der Gang nach dem Eisenhammer“, gen Bürger, Findet sich erstmals 1541 in
erschienen 1797 im „Musenalmanach der „Sprichwörtersammlung“ des deut¬
für das Jahr 1798“ und bezieht sich dort schen Dichters Sebastian Franck
auf die beiden im Eisenhammer (einer (1499-1542 oder 1543). Sie meint dort
Schmelzhütte und Werkstatt mit großen, einen ungebildeten, einfältigen Men¬
hier mit Wasserkraft betriebenen Häm¬ schen und wurde in dieser Bedeutung
mern) arbeitenden Knechte, die im Auf¬ bis ins 17. Jh. verwendet. Zugrunde liegt
trag ihres Herrn einen vermeintlich die in bäuerlichen Kreisen häufige
Schuldigen in das Feuer werfen sollen. Kurzform des Vornamens „Michael“,
Die Zeilen werden heute meist scherz¬ der im Mittelalter in der christlichen
haft zitiert, um die Schadenfreude zwei¬ Welt als Name des Erzengels Michael
er Menschen kritisch-spöttisch zu kom¬ Verbreitung fand. Als Überwinder des
mentieren. Teufels galt dieser als Schutzheiliger,
besonders des deutschen Volkes. Von
der städtischen Bildungsschicht dürfte
Deus ex machina die Kurzform des Namens wohl zuerst
Mit dieser lateinischen Wiedergabe ei¬ satirisch auf den Bauernstand bezogen
ner Stelle im Dialog „Kratylos“ des worden sein und dann in Verbindung
griechischen Philosophen Platon (etwa mit dem Attribut „deutsch“ endgültig
428-347 v. Chr.) wird in gebildeter Aus¬ eine Ausweitung auf das ganze Volk er¬
drucksweise ein unerwarteter, im richti¬ fahren haben. In den Bemühungen des
gen Moment auftauchender Helfer in 17.Jh.s um die Reinhaltung der deut¬
einer schwierigen Situation bezeichnet, schen Sprache kennzeichnet der Name
auch eine überraschende, unerwartete dann den redlichen, aufrechten Deut¬
Lösung eines Problems. Die Überset¬ schen, der seine Muttersprache gegen
zung lautet „[der] Gott aus der Maschi¬ die Aufnahme von Fremdwörtern ver¬
ne“. Gemeint ist die „Theatermaschine“ teidigt. In den 30er und 40er Jahren des
im antiken Theater, eine kranähnliche 19. Jh.s wird er in der politischen Aus¬
Vorrichtung, die die überraschend Hilfe einandersetzung zum Spottnamen für

107
deutsche Teil I

den gutmütigen, aber einfältigen und Deutschland, Deutschland über


verschlafenen Deutschen (in der Kari¬ alles
katur mit Zipfelmütze dargestellt), der So beginnt die erste Strophe des 1841
sich seiner Machthaber nicht zu er¬ von Hoffmann von Fallersleben (1798—
wehren weiß und wachgerüttelt werden 1874) auf Helgoland zu einer Melodie
sollte. von Joseph Haydn („Gott erhalte Franz
den Kaiser“) gedichteten Deutschland¬
Die deutsche Revolution hat im liedes. „Das Lied der Deutschen“, so
Saale stattgefunden der ursprüngliche Titel, wurde 1922 zur
In dem aus „Gedankensplittern“ und deutschen Nationalhymne erklärt. Seit
Aphorismen Kurt Tucholskys (1890— 1952 wird in der Bundesrepublik
1935) zusammengestellten Band Deutschland nur noch die dritte Stro¬
„Schnipsel“ findet sich im Abschnitt phe, die mit den Worten „Einigkeit und
„Wir Negativen“ der Text: „Die deut¬ Recht und Freiheit“ anfängt, gesungen.
sche Revolution hat im Jahre 1918 im Karl Simrocks 1848 entstandenes Ge¬
Saale stattgefunden. Das, was sich da¬ dicht „Deutschland über alles“ enthält
mals abgespielt hat, ist keine Revolution die oben zitierte Zeile in allen fünf Stro¬
gewesen: keine geistige Vorbereitung phen. - Der patriotische Überschwang
war da, keine Führer standen sprungbe¬ dieser Worte wurde schon von Kurt Tu¬
reit im Dunkel; keine revolutionären cholsky ironisiert, der einem von ihm
Ziele sind vorhanden gewesen.“ - Man zusammen mit John Heartfield 1929
zitiert den ersten Satz - meist verkürzt herausgegebenen politisch-satirischen
oder in Abwandlungen wie „Die Revo¬ Buch den Titel „Deutschland, Deutsch¬
lution findet im Saale statt“ -, wenn ei¬ land über alles!“ gab. Tucholsky schrieb
ne grundlegende Umgestaltung nur dazu: „Aus Scherz hat dieses Buch den
halbherzig, ohne die nötige Radikalität Titel Deutschland über alles< bekom¬
durchgeführt wird. men, jenen törichten Vers eines gro߬
mäuligen Gedichts. Nein, Deutschland
steht nicht über allem und ist nicht über
t Wir Deutsche fürchten Gott, aber
allem - niemals. Aber mit allen soll es
sonst nichts in der Welt
sein, unser Land.“ - Hans Magnus En¬
zensberger veröffentlichte 1967 einen
t Am deutschen Wesen soll die Band gesellschaftskritischer Essays mit
Welt genesen dem Titel „Deutschland, Deutschland
unter anderm“. - Auch heute wird der
t Im Deutschen lügt man, wenn Anfang des Deutschlandliedes meist
man höflich ist dann zitiert, wenn man damit kritisch
auf zu nationalistische Bestrebungen in
Deutschland hinweisen will.
TO Deutschland, bleiche Mutter!

Deutschland, deine... Deutschland, einig Vaterland


Mit „Deutschland, deine ..." beginnen Mit diesem emphatischen Wunsch, der
einige Titel von Büchern, in denen amü¬ vor allem bei den Leipziger Montagsde¬
sant-informativ typische Merkmale und monstrationen im Jahre 1989 häufig ge¬
Eigenheiten verschiedener deutscher äußert wurde, wird die vierte Zeile der
Volksstämme dargestellt werden, z. B. Nationalhymne der ehemaligen DDR
Thaddäus Troll (1914-1980), „Deutsch¬ zitiert. Das Lied mit der Anfangszeile
land, deine Schwaben“. Nach diesem „Auferstanden aus Ruinen“ haben Jo¬
Muster sind zahlreiche, meist auf einen hannes R. Becher (Text) und Hanns Eis¬
Personenkreis bezogene Abwandlungen ler (Melodie) geschrieben. Es wurde an¬
üblich geworden wie „Deutschland, dei¬ läßlich des 32. Jahrestages der Oktober¬
ne Denker“ oder „Deutschland, deine revolution am 7. November 1949 erst¬
Jugend“. mals öffentlich vorgetragen.

108
Teil I Dichtung

Deutschlands Zukunft liegt auf Dichter und Denker


dem Wasser Das t Volk der Dichter und Denker
Die Vision „Unsere Zukunft liegt auf
dem Wasser“ stammt aus einer Rede
Kaiser Wilhelms II. anläßlich der Ein¬ t Wer den Dichter will verstehen
weihung des Stettiner Freihafens am
23. 9. 1898. Mit diesen Worten brachte
er seine feste Überzeugung zum Aus¬
Dichterische Freiheit
druck, daß Deutschland seine Position
weltpolitisch nur verbessern könne, Dieses Zitat geht zurück auf den römi¬
wenn neben dem Ausbau der Handels¬ schen Politiker, Philosophen und Dich¬
marine eine starke Kriegsflotte zur Er¬ ter Lucius Annaeus Seneca (um
oberung und Sicherung von Kolonien 4v.Chr.-65 n.Chr.), der in seinen na¬
zur Verfügung stehen würde. In abge¬ turwissenschaftlichen Untersuchungen
wandelter Form erscheint das Zitat heu¬ „Quaestiones naturales“ (= „Untersu¬
te in unterschiedlichen Zusammenhän¬ chungen, die die Natur betreffen“; II,
gen, wie etwa „Deutschlands Zukunft 44,1) erklärt: poeticam istud licentiam
decet („das gehört zur dichterischen
liegt in Europa“ oder „Deutschlands
Zukunft liegt im Export“. Freiheit“). Ähnliche Feststellungen fin¬
den sich auch bei anderen antiken Auto¬
ren wie Cicero, Phädrus, Horaz und
Lukian. Unter der dichterischen Frei¬
Dichten und Trachten heit versteht man ursprünglich die freie
Das allzuoft nur auf weltliche Dinge Entfaltung der poetischen Phantasie,
ausgerichtete Denken und Streben der die auch eine Abweichung des Dichters
Menschen bezeichnet diese - oft mit von den Tatsachen und der historischen
ironischem Unterton verwendete - Genauigkeit umfassen kann. Heute wird
das Zitat auch als scherzhafte Anspie¬
Zwillingsformel aus dem Alten Testa¬
ment. Sie stammt aus dem l.Buch Mo¬ lung auf eine Darstellung gebraucht,
ses, wo Gott Jahwe enttäuscht feststellt, die offensichtlich sachlich nicht ganz
stimmt oder unerwartete sprachliche
„daß der Menschen Bosheit groß war
Eigentümlichkeiten enthält.
auf Erden und alles Dichten und Trach¬
ten ihres Herzens nur böse war immer¬
dar“ (1. Moses 6,5).
Dichtung und Wahrheit
Neben dem Haupttitel „Aus meinem
Leben“ erhielt Goethes Autobiographie
Der Dichter steht auf einer höhern den Untertitel „Dichtung und Wahr¬
Warte heit“ (1811), den Goethe der von ihm
Bei Goethe heißt es in den „Noten zum und anderen gelegentlich auch verwen¬
Westöstlichen Diwan“ (1819) unter deten Version „Wahrheit und Dich¬
„Eingeschaltetes“: „Der Dichter steht tung“ wohl aus klanglichen Gründen
viel zu hoch, als daß er Partei machen letztlich vorgezogen hatte. Goethe greift
sollte.“ Bekannter wurde das Zitat aus damit die schon bei Platon zu findende
Ferdinand Freiligraths Gedicht „Aus Gegenüberstellung von „erdichteter Fa¬
Spanien“ (1841): „Der Dichter steht auf bel“ einerseits und „wahrer Überliefe¬
einer höhern Warte/Als auf den Zinnen rung“ andererseits auf. - Wenn man
der Partei.“ Heute wird das Zitat ge¬ Zweifel daran hat, ob eine Darstellung
wöhnlich gebraucht, wenn man aus- wirklich in allen Teilen den Tatsachen
drücken will, daß jemand auf Grund entspricht und gleichzeitig vermutet,
einer gewissen Distanz zu alltäglichen daß einige Dinge frei erfunden sind,
Dingen einen ausgewogeneren Stand¬ dann bringt man diesen Verdacht heute
punkt vertritt, daß der Betreffende über mit dem Zitat „Dichtung und Wahr¬
den Dingen steht. heit“ zum Ausdruck.

109
die Teil I

Die ich rief, die Geister nehmen will und von der er noch nicht
weiß, daß sie seine Schwester ist. - Das
Gegen Ende von Goethes Ballade „Der
Zitat wird - häufig in der verkürzten
Zauberlehrling“ wird eben diesem Zau¬
Form „Die oder keine!“ - auch heute
berlehrling klar, daß sich die von ihm
meist auf die Frau bezogen, in der man
herbeigezauberten dienstbaren Geister
seine ideale Lebensgefährtin sieht.
nicht mehr unter Kontrolle bringen las¬
sen und mehr tun, als sie eigentlich soll¬
Die mit Tränen säen, werden mit
ten. Da ihm die Zauberformel zur Been¬
Freuden ernten
digung dieses Treibens nicht einfällt,
seufzt er verzweifelt: „Die ich rief, die Bei diesen Worten handelt es sich um
Geister,/Werd’ ich nun nicht los.“ - Das den 5. Vers im 126. Psalm des Alten Te¬
Zitat wird heute (auch in der Form „die staments. In Situationen der Not und
Geister, die ich rief1) gebraucht, wenn Verzweiflung, die kaum noch Zukunfts¬
eine Entwicklung, die man selbst mit in hoffnungen aufkommen lassen, soll mit
Gang gebracht hat, außer Kontrolle ge¬ diesem Zitat Trost im Hinblick auf bes¬
rät und nicht mehr aufgehalten werden sere Zeiten gespendet werden. Gleich¬
kann. zeitig wird damit angesprochen, daß
man sich erst über etwas wirklich freuen
kann, den Wert einer glücklichen Phase
Die im Dunkeln sieht man nicht
nur dann richtig zu schätzen weiß, wenn
Am 31. 8. 1928 wurde in Berlin „Die
man auch schlimme Zeiten durchge¬
Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht
macht hat.
(1898-1956), zu der Kurt Weill (1900-
1950) die Musik schrieb, uraufgeführt. Die spinnen, die Römer!
Der populärste Song aus diesem Werk
Dies ist eine stehende Redewendung
ist die „Moritat von Mackie Messer“,
von Obelix, einem der Helden der in
mit der die Oper beginnt. Zu diesem
viele Sprachen übersetzten französi¬
Song hat Brecht nachträglich einige
schen Comicserie „Asterix“. Die von
Strophen geschrieben, von denen be¬
dem Kinderbuchautor Rene Goscinny
sonders die letzte sehr bekannt ist und
und dem Zeichner Albert Uderzo ge¬
oft zitiert wird. Sie greift unter gesell¬
schaffene Serie erschien zuerst 1959 in
schaftskritischem Aspekt das von
der Comiczeitschrift „Pilote“. Die
Brecht in vielen Variationen behandelte
durch einen Zaubertrank unbesiegbaren
Thema der sozialen Ungerechtigkeit er¬
Gallier stehen in ständiger Auseinan¬
neut auf und weist mit dem Bild von
dersetzung mit den Römern, deren Ver¬
Licht und Dunkel eindringlich auf die
halten dem etwas einfältigen Obelix oft
unterschiedliche Lebenssituation der
unverständlich erscheint. Sein Kom¬
vom Schicksal Begünstigten und der Be¬
mentar (französisch: Ils sont fous, les
nachteiligten hin. Die Strophe lautet:
Romains!) wird - häufig auch in Ab¬
„Denn die einen sind im Dunkeln/Und
wandlungen wie „Die spinnen, die Poli¬
die andern sind im Licht./Und man sie-
tiker!“ oder „Die spinnen, die Leh¬
het die im Lichte./Die im Dunkeln sieht
rer!“ - umgangssprachlich zitiert, wenn
man nicht.“ Die vorletzte Zeile wird,
man eine Handlungsweise oder Einstel¬
ebenso wie die letzte, häufig auch allein
lung als unsinnig und unakzeptabel cha¬
zitiert, meist in der Form: „Man sieht
rakterisieren will.
nur die im Lichte“.

f Wie ein Dieb in der Nacht


Die ist es, oder keine sonst auf Er¬
den! Diem perdidi
Mit diesen Worten faßt Don Cesar in Das Zitat wird in der Biographie „Ti¬
Schillers „Braut von Messina“ (Vers tus“ des römischen Schriftstellers Sue-
1 543) Isabella und Don Manuel gegen¬ ton (um 70-um 140) dem Kaiser Titus
über seine starken Gefühle für Beatrice Flavius Vespasianus zugeschrieben, der
zusammen, die er liebt und zur Frau einmal bei Tisch aus Ärger darüber, daß

110
Teil I dies

er an diesem Tage noch niemandem ei¬ auf dem Dach seines Palastes und sagt,
nen Wunsch erfüllt habe, gesagt haben zufrieden auf das von ihm beherrschte
soll: Amici, diem perdidi („Freunde, ich Inselreich Samos schauend, zu dem
habe einen Tag verloren“). Man ge¬ ägyptischen König: „Dies alles ist mir
braucht den bildungssprachlichen Aus¬ untertänig.“ Heute werden diese Worte
druck als Kommentar zu einem Tag, an meist scherzhaft, aber nicht ohne Stolz
dem man nichts Positives geleistet oder zitiert, wenn jemand die Machtposition,
erreicht hat, an dem man vielleicht so¬ die er innehat, kommentieren will.
gar eine günstige Gelegenheit nicht
wahrnehmen konnte. Dies Bildnis ist bezaubernd schön
So äußert im 1. Akt von Mozarts Oper
Der Diener zweier Herren „Die Zauberflöte“ Prinz Tamino sein
t Niemand kann zwei Herren dienen Entzücken, als er zum ersten Male das
Bildnis Prinzessin Paminas sieht. Der
Text des 1791 in Wien uraufgeführten
Dienstbare Geister
Musikwerks stammt von dem Bühnen¬
Im Brief an die Hebräer (1,14) aus dem dichter Emanuel Schikaneder (1751 bis
Neuen Testament wird zur Stellung der
1812). - Das heute wohl nur noch
Engel (im Verhältnis zu Christus) die scherzhaft oder ironisch gebrauchte Zi¬
rhetorische Frage gestellt: „Sind sie
tat kommentiert die Abbildung eines
nicht allzumal dienstbare Geister, aus¬ schön anzusehenden Menschen oder
gesandt zum Dienst um derer willen, die
eines schönen Gegenstandes. Oft
ererben sollen die Seligkeit?“ Heute schwingt dabei ein leiser Zweifel mit, ob
spricht man verhüllend oder anerken¬ das Bild auch tatsächlich dem Abgebil¬
nend von dienstbaren Geistern, wenn deten entspricht.
man Dienstpersonal besonders im
Haushalt oder im Hotel meint, das,
Dies irae, dies illa
meist im Hintergrund arbeitend, not¬
wendige, aber oft unzureichend gewür¬ Der Franziskaner Thomas von Celano
digte Aufgaben übernimmt. (um 1190-1260) soll die ergreifende
Hymne „Dies irae, dies illa“ verfaßt ha¬
ben, die auch als Sequenz in die katholi¬
Des Dienstes immer gleich gestell¬
sche Totenmesse aufgenommen wurde.
te Uhr Der lateinische Text beginnt mit den
Dieses Zitat stammt aus Schillers Dra¬ Versen: Dies irae, dies illa/Solvet sae-
ma „Die Piccolomini“ (1,4). Dort sagt clum in favilla (in freier deutscher Nach¬
Max Piccolomini, als er voll Sehnsucht dichtung: „Tag der Rache, Tag der Zäh-
nach dem Frieden gegenüber seinem ren,/Wird die Welt in Asche kehren“).
Bruder Octavio über das eintönige und Mit diesem lateinischen Text wird auch
unbefriedigende Soldatenleben klagt: Gretchen in Goethes Faust (I, „Dom¬
„Denn dieses Lagers lärmendes Ge¬ szene“) in Anspielung auf das Jüngste
wühl,/Der Pferde Wiehern, der Trompe¬ Gericht konfrontiert. Heute wird das Zi¬
te Schmettern,/Des Dienstes immer tat „Dies irae, dies illa“ (wörtlich: „Tag
gleichgestellte Uhr,/Die Waffenübung, des Zornes, jener Tag“) in gebildeter
das Kommandowort -/Dem Herzen Ausdrucksweise auf einen Tag bezogen,
gibt es nichts, dem lechzenden.“ Heute an dem man heftige Vorwürfe, laute
wird das Zitat oft resignierend auf die Auseinandersetzungen befürchtet oder
Monotonie des Alltags, besonders auf diese über sich ergehen lassen muß.
sich immer wiederholende Tagesabläu¬
fe im Berufsleben bezogen. Dies ist die Zeit der Könige nicht
mehr
Dies alles ist mir untertänig Dieses Zitat stammt aus Hölderlins in
Zu Beginn von Schillers Ballade „Der den Jahren 1797 bis 1800 entstandenen
Ring des Polykrates“ steht Polykrates ersten Fassung des Dramas „Der Tod

111
dies Teil I

des Empedokles“ (11,4). Dort antwortet one giant leap for mankind („Dies ist ein
Empedokles, der sich innerlich längst kleiner Schritt für einen Menschen, ein
für den Freitod entschieden hat, einem riesiger Sprung für die Menschheit“).
Bürger von Akragas auf dessen im Na¬ Man kommentiert mit diesem Zitat Ak¬
men des Volkes vorgetragenen Wunsch, tionen oder Leistungen, die für sich ge¬
er möge doch ihr König werden: „Dies nommen eher unbedeutend erscheinen,
ist die Zeit der Könige nicht mehr.“ Mit aber im Zusammenhang mit großen,
dem ebenfalls populär gewordenen umwälzenden Veränderungen in der
Ausspruch „Euch ist nicht zu helfen, Gesellschaft oder in einem Fachbereich
wenn ihr selber euch nicht helft“ ver¬ stehen.
deutlicht Empedokles seine Überzeu¬
gung, daß das Volk nur durch eine De¬
Dies Kind, kein Engel ist so rein
mokratie, nicht aber durch die Einset¬
zung eines Herrschers seine Probleme Dieses Zitat stammt aus Schillers Balla¬
lösen kann. Wenn man heute eine mon¬ de „Der Gang nach dem Eisenham¬
archistische oder diktatorische Staats¬ mer“, erschienen 1797 im „Musenalma¬
form für nicht mehr zeitgemäß hält oder nach für das Jahr 1798“; darin wird von
wenn man die unumschränkte Herr¬ dem jungen Diener Fridolin berichtet,
schaft eines einzelnen in einem be¬ der die Frau des Grafen von Savern sehr
stimmten Bereich kritisieren will, kann verehrt und verdächtigt wird, ein Ver¬
man zitierend sagen: „Dies ist die Zeit hältnis mit der Gräfin zu haben. Am En¬
der Könige nicht mehr.“ Außerdem de, als sich dieser Verdacht nicht bestä¬
wird das Zitat auch gelegentlich in ei¬ tigt hat, nimmt der Graf den Diener bei
nem allgemeineren Sinne gebraucht, um der Hand und sagt zu seiner Frau: „Dies
auszudrücken, daß eine Epoche vorüber Kind, kein Engel ist so rein,/Laßt’s Eu¬
ist, daß es eine Einrichtung nicht mehr rer Huld empfohlen sein!“ Wenn man
gibt, weil sie sich überlebt hat. zum Ausdruck bringen will, daß je¬
mand, besonders eine jüngere Person,
wirklich unschuldig ist oder eine makel¬
Dies ist ein Herbsttag, wie ich kei¬ lose Vergangenheit hat, zitiert man heu¬
nen sah te noch gelegentlich: „Dies Kind, kein
Mit diesen Worten beginnt die erste Engel ist so rein.“
Strophe von Christian Friedrich Heb¬
bels (1813-1863) Gedicht „Herbstbild“,
Dieselbe Hand gibt Heilung mir
in dem er beschreibt, wie trotz Windstil¬
und Wunden
le die reifen Früchte von den Bäumen
fallen. - Heute wird das Zitat in unter¬ Das vielleicht bekannteste Werk des ita¬
schiedlichen Abwandlungen verwendet, lienischen Dichters Francesco Petrarca
wenn man auf dem Hintergrund persön¬ (1304-1374) ist die unter dem Titel „II
licher Vergleichsmöglichkeiten etwas canzoniere“ („Liederbuch“) zusam¬
für besonders schön oder einzigartig mengefaßte Sammlung der Gedichte an
hält, zum Beispiel „Dies ist ein Festtag, Laura. Petrarca ließ darin das Bild einer
wie ich keinen sah“ oder „Dies ist ein Frau entstehen, die, anders als die ganz
Schauspiel, wie ich keines sah“. entrückte, engelhafte Frau des Minne¬
sangs, irdischere, individuelle Züge
trägt. In der Zeile „Dieselbe Hand gibt
Dies ist ein kleiner Schritt für einen
Heilung mir und Wunden“ aus dem
Menschen
131. Sonett klingt ein Motiv an, das spä¬
Dieses Zitat geht auf den amerikani¬ ter häufig aufgegriffen und in vielfälti¬
schen Astronauten Neil Armstrong zu¬ ger Weise formuliert wurde und bis ins
rück. Als er am 20.7. 1969 die Mondfäh¬ Volkslied hinein wirksam blieb: die
re verließ und als erster Mensch seinen Macht der Geliebten über den Lieben¬
Fuß auf den Mond setzte, sprach er die den, ihm Leiden zu bereiten und sie von
über die Medien weltweit verbreiteten ihm zu nehmen, ihn zu verwunden und
Worte: That's one small step for a man, zu heilen.

112
Teil I Ding

Diesem System keinen Mann und war, einfach weitergereicht wurde, ohne
keinen Groschen daß aus ihm getrunken wurde. Wenn
man heute zitiert „Dieser Kelch möge
Vorwiegend in Auseinandersetzungen
an mir vorübergehen“, dann verleiht
und Debatten, die im deutschen Reichs¬
man mit einer Art Stoßseufzer seiner
tag Ende des letzten Jahrhunderts statt¬
Hoffnung Ausdruck, daß einem ein
fanden, aber auch in Reden, Kundge¬
drohendes Ungemach erspart bleiben
bungen und Wahlaufrufen jener Jahre
möge.
wurde diese Devise als Formulierung ei¬
nes Grundsatzes sozialdemokratischer
Politik häufig gebraucht. Sie richtete Dieses war der erste Streich
sich vor allem gegen die Militäretats, die In der Bildgeschichte „Max und Mo¬
die Sozialdemokraten strikt ablehnten, ritz“ von Wilhelm Busch (1832-1908)
und wurde, auch in Abwandlungen, be¬ wird der zweite Streich der beiden Laus¬
sonders von dem Begründer und Führer buben im Text mit folgenden Worten
der deutschen Sozialdemokratie August angekündigt: „Dieses war der erste
Bebel (1840-1913) und dem Mitbegrün¬ Streich,/Doch der zweite folgt so¬
der Wilhelm Liebknecht (1826-1900), gleich.“ In entsprechender Weise wer¬
dem Vater von Karl Liebknecht, immer den auch alle folgenden Streiche mitein¬
wieder verwendet. ander verbunden. - Mit dem Zitat kom¬
mentiert man heute befriedigt oder hoff¬
Dieser Erdenkreis gewährt noch nungsvoll eine gelungene Aktion, die als
Raum zu großen Taten Beginn einer fest geplanten Abfolge
weiterer Aktionen angesehen wird.
Bei Themen, die die heute der Mensch¬
heit gestellten Aufgaben bei der Bewäl¬
Ding an sich
tigung der Probleme auf der Erde an¬
sprechen, könnte dieses Zitat herange¬ Dieser philosophische Ausdruck Findet
zogen werden. In Goethes Faust (Faust sich in Immanuel Kants „Kritik der rei¬
II, Hochgebirge, starre, zackige Felsen¬ nen Vernunft“ (1781), wo es im Zusam¬
gipfel) ist es die Antwort Fausts auf eine menhang heißt: „... folglich wir von kei¬
ironische Bemerkung Mephistos. Dieser nem Gegenstände als Ding an sich
hatte auf das unermüdlich suchende selbst, sondern nur sofern es Objekt der
Streben Fausts angespielt und dabei den sinnlichen Anschauung ist, ... Erkennt¬
Mond als mögliches Ziel dieses Stre- nis haben können.“ Und an anderer
bens genannt. Nach dem Hinweis auf Stelle schreibt Kant: „Was es für eine
den „Erdenkreis“ als sein zukünftiges Bewandtnis mit den Gegenständen an
Betätigungsfeld entwirft Faust seinen sich und abgesondert von aller dieser
Plan zu einem Projekt der Landgewin¬ Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben
nung. Er ist nun beherrscht von dem möge, bleibt uns gänzlich unbekannt.“
Gedanken „Das herrische Meer vom Außerhalb der philosophischen Fach¬
Ufer auszuschließen,/Der feuchten sprache sprechen wir von einem „Ding
Breite Grenzen zu verengen ..." an sich“ (meist in Abwandlungen wie
„die Idee an sich“ oder „der Sport an
Dieser Kelch möge an mir vorüber¬ sich“), wenn wir uns auf das Eigentli¬
che, Wesentliche einer Sache beziehen
gehen
wollen. Dabei bleibt Kants Reflexion
Im Matthäusevangelium (26,39) des über die begrenzte Erkenntnisfähigkeit
Neuen Testaments betet Jesus in Todes¬ des Menschen unbeachtet.
angst: „Mein Vater, ist’s möglich, so ge¬
he dieser Kelch von mir.“ Die bildhafte
Es gibt mehr Ding’ im Himmel und
Ausdrucksweise geht darauf zurück,
auf Erden, als eure Schulweisheit
daß es bereits in der Antike bei einem
Gastmahl üblich war, einen gemeinsa¬
sich träumt, Horatio
men Trinkkelch umgehen zu lassen, der, Dieses Zitat stammt aus Shakespeares
wenn er mit schlechtem Wein gefüllt Tragödie „Hamlet“ (1,5). Im Original

113
Ding Teil I

sagt Hamlet, erschüttert von der Begeg¬ Dir wird gewiß einmal bei deiner
nung mit dem Geist seines Vaters, zu Gottähnlichkeit bange!
seinem Freund Horatio: There are more
In Goethes Faust (Faust I, Studierzim¬
things in heaven and earth, Horatio, then
mer, 2) schreibt Mephisto dem Schüler,
are dreamt of in your philosophy. Heute
der in seinem wissenschaftlichen Stre¬
wird dieser Satz gewöhnlich in der Form
ben nach einem geeigneten Weg sucht,
„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel
das Richtige zu erkennen, einen Leitsatz
und Erde, als unsere Schulweisheit sich
in sein Stammbuch: „Eritis sicut Deus,
träumen läßt“ zitiert. Man kommentiert
scientes bonum et malum“ (nach 1. Mo¬
damit Erfahrungen, die uns die Be¬
ses 3,5: „... und werdet sein wie Gott
grenztheit unseres Wissens deutlich ma¬
und wissen, was gut und böse ist“). Dar¬
chen.
auf verläßt der Schüler ihn, und Mephi¬
sto fügt hinzu: „Folg’ nur dem alten
t Alles Ding währt seine Zeit Spruch und meiner Muhme, der Schlan-
ge,/Dir wird gewiß einmal bei deiner
Der Dinge harren, die da kommen Gottähnlichkeit bange!“ Vor diesem
sollen Hintergrund kann man das Zitat ver¬
wenden, um auszudrücken, daß es
Diese Redewendung gebraucht man,
manchmal besser ist, nicht alles zu wis¬
um auszudrücken, daß es für jemanden
sen, wenn man seine innere Ruhe be¬
gilt abzuwarten und zu sehen, wie sich
wahren will. Unabhängig vom Kontext
die Dinge entwickeln, was auf ihn zu¬
des Stückes gebraucht man das Zitat
kommt. Sie geht auf eine Stelle im Neu¬
aber auch, um einen sehr eingebildeten
en Testament zurück. Im 21. Kapitel des
Menschen spöttisch zurechtzuweisen.
Lukasevangeliums spricht Jesus von der
Zerstörung Jerusalems und von seiner
Zukunft. In diesem Zusammenhang Der diskrete Charme der Bour¬
heißt es in Vers 26: „... und die Men¬ geoisie
schen werden verschmachten vor Dies ist der Titel eines Films von Luis
Furcht und vor Warten der Dinge, die Bunuel aus dem Jahr 1972 (im französi¬
kommen sollen auf Erden ...“ schen Original: Le charme discret de la
bourgeoisie). In Anlehnung an diesen
Diogenes in der Tonne Film, der die bürgerliche Gesellschaft
In seinem Werk „Über Leben und Mei¬ als dekadent und zerrüttet darstellt,
nungen berühmter Philosophen“ be¬ wird auch das Zitat meist als Anspie¬
richtet der griechische Philosoph Dioge¬ lung auf unlautere Machenschaften der
nes Laertios (um 220 v. Chr.) auch über „besseren Kreise“ verwendet. In iro¬
Diogenes von Sinope (400-ca. 328 nisch abgemilderter Form kann es auch
v. Chr.), der nach einer Anekdote im auf übertriebene Verfeinerungen des
Metroon, dem Tempel der Göttermutter bürgerlichen Lebensstils bezogen wer¬
Kybele, in einem Faß gewohnt haben den. Scherzhafte Abwandlungen wie
soll. Er zählt zu den Kynikern, den An¬ „der diskrete Charme des Kasernen¬
gehörigen einer antiken Philosophen¬ hofs“ sind ebenfalls gebräuchlich.
schule, die Bedürfnislosigkeit und
Selbstgenügsamkeit forderten, und lebte Divide et impera!
diesen Grundsätzen entsprechend be¬ Dieses Zitat („Teile und herrsche!“)
wußt anders, als es Konventionen oder geht wahrscheinlich nicht, wie man mei¬
gesellschaftlichen Zwängen entspro¬ nen könnte, auf die römische Antike zu¬
chen hätte. In Anspielung auf jemandes rück. Im Sinne von „Entzweie, um zu
selbstzufriedene, gesellschaftsferne, de¬ gebieten!“ soll die lateinische Form
monstrativ einfache, asketische oder nach einem Leitsatz König Ludwigs XI.
auch alternative Art zu leben kann ge¬ von Frankreich (1423-83) gebildet wor¬
sagt werden: Er lebt wie „Diogenes in den sein (diviser pour regner). Zur Siche¬
der Tonne“. rung ihrer Macht haben sich in der Ge-

114
Teil I doch

schichte immer wieder Herrscher von nen kann :/Doch der den Augenblick er¬
diesem Gedanken leiten lassen. Goethe greift,/Das ist der rechte Mann.“ Beson¬
stellt dazu in seiner Sammlung „Sprich¬ ders bei den weiblichen Patienten gelte
wörtliches“ eine Antithese auf: „Ent¬ es, sie durch entschlossenes Auftreten
zwei’ und gebiete! Tüchtig Wort ^Ver¬ zu beeindrucken: mit feurigen Blicken
ein’ und leite! Beßrer Hort.“ und wohldosierten Vertraulichkeiten
seien ihre Leiden leicht zu kurieren.
Do ut des
Diese altrömische Rechtsformel, die bei Doch der Mensch hofft immer Ver¬
Vertragsabschlüssen oder Tauschge¬ besserung
schäften gebraucht wurde, bedeutet
t Noch am Grabe pflanzt er die Hoff¬
übersetzt: „Ich gebe, damit du gibst.“
nung auf
Sie findet sich in dem Hauptwerk des
niederländischen Rechtsgelehrten Hu¬
go Grotius (1583-1645), das unter dem Doch der Segen kommt von oben
Titel „De jure belli ac pacis libri tres“ Dieses Zitat stammt aus Schillers Ge¬
(„Drei Bücher über das Recht des Krie¬ dicht „Das Lied von der Glocke“. Mit
ges und des Friedens“) im Jahre 1625 den Zeilen „Von der Stirne heiß/Rinnen
veröffentlicht wurde. Heute wird sie ge¬ muß der Schweiß,/Soll das Werk den
braucht, um anzudeuten, daß man mit Meister loben ;/Doch der Segen kommt
einer Gegengabe oder einem Gegen¬ von oben“ endet die erste Strophe. Die
dienst rechnet. Anstrengung des Menschen ist für das
Gelingen einer Arbeit wichtig, aber Got¬
Doch, ach! schon auf des Weges tes Segen ist ebenso unerläßlich. - Heu¬
Mitte te wird die letzte Zeile fast nur noch vor¬
Wenn man erschrocken feststellt, daß dergründig-scherzhaft zitiert, wenn zum
man womöglich schon die Hälfte seines Beispiel etwas von oben auf jemanden
Lebens hinter sich hat und die im Rück¬ fällt oder wenn jemand von einem Re¬
blick schöne Zeit der Jugend unwieder¬ genguß durchnäßt wird.
bringlich vorbei ist, zitiert man aus
Schillers „Die Ideale“ den Vers: „Doch, Doch die Verhältnisse, sie sind
ach! schon auf des Weges Mitte“. In
nicht so
diesem Gedicht wird beklagt, daß die
Dieses Zitat stammt aus der 1928 ent¬
Begleiter der Jugend, nämlich die Ideale
standenen Dreigroschenoper von Ber¬
Liebe, Glück, Ruhm und Wahrheit,
tolt Brecht. Im „Ersten Dreigroschen-
keinen dauerhaften Bestand haben:
Finale“ stellt der den Armen wohlge¬
„Doch, ach! schon auf des Weges Mitte/
sinnte Geschäftsmann Peachum mit der
Verloren die Begleiter sich,/Sie wandten
Bibel in den Händen fest: „Doch leider
treulos ihre Schritte,/Und einer nach
hat man bisher nie vernommen/Daß ei¬
dem andern wich.“
ner auch sein Recht bekam - ach
wo!/Wer hätte nicht gern einmal Recht
Doch der den Augenblick ergreift,
bekommen/Doch die Verhältnisse, sie
das ist der rechte Mann sind nicht so.“ Man zitiert die letzte Zei¬
Mit diesem Zitat aus der Schülerszene le, wenn äußere Umstände ein Vorha¬
in Goethes Faust I weist man darauf ben vereiteln oder um bestehende Unge¬
hin, daß es im Leben darauf ankommt, rechtigkeiten oder Unzulänglichkeiten
zur rechten Zeit zu handeln, seine Chan¬ zu kritisieren.
ce zu nutzen. Im Stück versucht Mephi¬
sto, dem Schüler einzureden, daß ein er¬
Doch eine Würde, eine Höhe ent¬
folgreicher Arzt sich nicht mit allzulan¬
gem Studium aufhalten solle: „Verge¬ fernte die Vertraulichkeit
bens, daß Ihr ringsum wissenschaftlich Das Zitat, mit dem man jemandes (oft
schweift,/Ein jeder lernt nur, was er ler¬ auf Grund seiner Stellung) distanzierte.

115
doch Teil I

keine Vertraulichkeit zulassende Hal¬ Doch mit des Geschickes Mächten


tung charakterisiert, stammt aus Schil¬ ist kein ew’ger Bund zu flechten
lers Gedicht „Das Mädchen aus der Diese Lebenserfahrung steht in Schil¬
Fremde“ aus dem „Musenalmanach für
lers „Lied von der Glocke“ (1799) im
das Jahr 1797“. In der 3. Strophe bezie¬ Anschluß an die ausführliche Schilde¬
hen sich die folgenden Zeilen auf die Ti¬ rung häuslichen Glücks (Vers 144 f.).
telgestalt, die als Allegorie der Poesie zu Oft wird auch noch die nächste Verszei-
sehen ist: „Beseligend war ihre Nä¬
le mitzitiert: „Und das Unglück schrei¬
he,/Und alle Herzen wurden weit,/
tet schnell.“ Man verwendet das Zitat
Doch eine Würde, eine Höhe/Entfernte
als Warnung oder als resignierenden
die Vertraulichkeit.“
Kommentar, um auf die unvorhersehba¬
ren Wechselfälle des Schicksals hinzu¬
t Leicht beieinander wohnen die weisen.
Gedanken, doch hart im Raume
stoßen sich die Sachen Doch niemals zeigen sein wahres
Gesicht
Doch jeder Jüngling hat wohl mal t Doch wie’s da drin aussieht
’n Hang fürs Küchenpersonal
Dieses Zitat stammt aus Wilhelm Doch sicher ist der schmale Weg
Büschs (1832-1908) Bildgeschichte der Pflicht
„Die fromme Helene“. An einer Stelle Dieses Zitat stammt aus Schillers Tragö¬
wird von Helenes Vetter Franz erzählt, die „Wallensteins Tod“ (IV, 2). In einem
der im Hause des Onkels Nolte zu Be¬ Gespräch mit Buttler ringt Gordon mit
such ist und sich nicht nur für Helene, sich, ob er dem Befehl des Kaisers ge¬
sondern auch für die Küchenhilfe horchen muß, den ihm persönlich sehr
Hannchen interessiert: „Man sah ihn verbundenen Herzog von Friedland, der
oft bei Hannchen stehn!/Doch jeder sich vom Kaiser losgesagt hat, gegen
Jüngling hat wohl mal/’n Hang fürs Kü¬ sein inneres Gefühl gefangenzunehmen.
chenpersonal, /Und sündhaft ist der Buttler gibt ihm daraufhin zu bedenken:
Mensch im ganzen !/Wie betet Lenchen „Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum ;/Doch
da für Franzen!“ In allgemeiner Anspie¬ sicher ist der schmale Weg der Pflicht.“
lung auf meist jüngere Männer, denen Wenn man in einer bestimmten Situati¬
man ein Verhältnis mit einer Hausange¬ on im Grunde lieber einen nicht risiko¬
stellten unterstellt, wird gelegentlich in freien, unkonventionellen Weg gehen
leicht abgewandelter Form zitiert: „Je¬ würde, letztlich aber doch nur seine
der Jüngling hat nun mal ’n Hang fürs Vorschriften oder Anweisungen befolgt,
Küchenpersonal.“ dann kann man zitierend sagen: „Doch
sicher ist der schmale Weg der Pflicht.“
Doch kann man mit Begeist’rungs-
schätzen nicht die Besonnenheit Doch uns ist gegeben, auf keiner
ersetzen Stätte zu ruhn
Diese Schlußverse der ersten Strophe Mit diesen Worten beginnt die dritte
des Gedichts „Vermittlung“ von Hein¬ Strophe von Hölderlins (1770-1843)
rich Heine (1797-1856) werden zitiert, Gedicht „Hyperions Schicksalslied“:
wenn man jemanden ermahnen will, „Doch uns ist gegeben,/Auf keiner Stät¬
nicht übereilt zu handeln, sondern be¬ te zu ruhn,/Es schwinden, es fallen/Die
sonnen und mit Überlegung an eine Sa¬ leidenden Menschen/Blindlings von ei¬
che heranzugehen. Die erste Strophe ner/Stunde zur andern,/Wie Wasser von
lautet vollständig: „Du bist begeistert, Klippe/Zu Klippe geworfen,/Jahrlang
du hast Mut -/Auch das ist gut!/Doch ins Ungewisse hinab.“ Die beiden er¬
kann man mit Begeist’rungsschätzen/ sten Verse werden heute zitiert, um auf
Nicht die Besonnenheit ersetzen.“ die Rastlosigkeit unseres Lebens, auf

116
Teil I Don

die Unbeständigkeit des Schicksals, auf Doktor Eisenbart


die ständige Veränderung unserer Welt
Dieser Ausdruck geht auf den deut¬
hinzuweisen, die uns vor immer neue
schen Wundarzt Johann Andreas Eisen¬
Aufgaben stellt und uns nicht zur Ruhe
barth (1663-1727) zurück, der, ohne je
kommen läßt.
studiert oder einen Doktortitel erwor¬
ben zu haben, ein erfolgreicher Opera¬
teur war. Er wurde jedoch auf Grund
Doch wer bei schöner Schnitt’rin
seiner marktschreierischen Werbeme¬
steht, dem mag man lange winken
thoden (er trat zusammen mit Komö¬
Dies sind die beiden letzten Zeilen der dianten, Musikanten und Akrobaten
5. Strophe aus Joseph Victor von Schef¬ auf) bald als Quacksalber und Kurpfu¬
fels (1826-1886) „Wanderlied“ („Wohl¬ scher angesehen. So wird er auch in ei¬
auf, die Luft geht frisch und rein“), das nem bekannten, um 1800 entstandenen
in der Sammlung „Gaudeamus, Lieder Studentenlied verspottet: „Ich bin der
aus dem Engeren und Weiteren“ er¬ Doktor Eisenbart./Kurier’ die Leut
schien. Der Wanderer sieht an dieser nach meiner Art,/Kann machen, daß die
Stelle den Einsiedler, bei dem er seinen Blinden gehn,/Und daß die Lahmen
Durst zu stillen hofft, draußen bei einer wieder sehn.“ Ein Arzt, der gerne derbe
Schnitterin stehen. Die Verse lassen sich Kuren anwendet oder wenig Sachkennt¬
entsprechend verwenden, wenn jemand nis zu besitzen scheint, wird noch heute
in angenehmer weiblicher Gesellschaft scherzhaft „Doktor Eisenbart“ genannt.
nur schwer für einen zu sprechen ist.

Dolce vita
Doch wie’s da drin aussieht Diese Bezeichnung für ein Leben im Lu¬
xus, das nur aus Müßiggang und Ver¬
Dieses Zitat stammt aus der 1929 urauf-
gnügen besteht, stammt aus dem Italie¬
geführten romantischen Operette „Das
nischen und bedeutet „süßes Leben“.
Land des Lächelns“ (Musik: Franz Le¬
Sie wurde durch den 1959 gedrehten
har; Text: Ludwig Herzer und Fritz
Film La dolce vita des italienischen Re¬
Löhner). Es ist Teil einer Arie des chine¬
gisseurs Federico Fellini populär, in
sischen Prinzen Sou-Chong, der Lisa,
dem das Leben und Treiben der römi¬
die Tochter des Grafen Lichtenfels liebt,
schen High-Society Ende der fünfziger
diese Liebe zu einer Europäerin aber für
Jahre kritisch beleuchtet wird. - Sowohl
hoffnungslos hält und sich nach dem
„das süße Leben“ als auch „Dolce vita“
Grundsatz „Immer nur lächeln“ nach
sind heute als bildlich gebrauchte Aus¬
außen hin nichts anmerken läßt: „Doch
drücke üblich.
wie’s da drin aussieht,/geht niemand
was an!“ Auch heute kommentieren wir
mit dem Zitat Situationen, in denen die Don Camillo und Peppone
nach außen hin gezeigte heitere Gelas¬ Der deutsche Titel dieses französisch¬
senheit eines Menschen offensichtlich italienischen Spielfilms von 1952
im Widerspruch zu seinen wahren Emp¬ (Hauptdarsteller: Fernandel und Gino
findungen steht. In einer ebenfalls häu¬ Cervi; italienischer Titel: 11 Piccolo mon-
figer zitierten Zeile aus derselben Arie do di Don Camillo) wird heute noch ge¬
wird der gleiche Gedanke noch einmal legentlich auf eine letztlich doch
in anderer Form ausgedrückt. Sie lautet: freundschaftliche Konkurrenzbezie¬
„Lächeln trotz Weh und tausend hung zwischen einem Ortspfarrer und
Schmerzen, doch niemals zeigen sein dem weltlichen Bürgermeister bezogen,
wahres Gesicht.“ wie sie hin und wieder in ländlichen Ge¬
meinden anzutreffen ist. Der Film wur¬
de nach dem gleichnamigen Roman von
t Sollen dich die Dohlen nicht um- Giovanni Guareschi (1908-1968) ge¬
schrein, mußt nicht Knopf auf dem dreht und handelt von dem listigen
Kirchenturm sein Dorfgeistlichen Don Camillo und sei-

117
Donner Teil I

nem kommunistischen Bürgermeister dichte, „Sprichwörtlich“): „Doppelt


Peppone, die sich bei politischen und gibt, wer gleich gibt./Hundertfach, der
gesellschaftlichen Problemen in ihrem gleich gibt,/Was man wünscht und
Dorf ständig auf komische, manchmal liebt.“ - Auch heute wird das Zitat häu¬
auch handgreifliche Weise ins Gehege fig verwendet, wenn man darauf hinwei-
kommen. sen will, daß eine Unterstützung sehr
dringend gebraucht wird, daß die Not¬
Donner und Doria lage der Betroffenen eigentlich keinen
In Schillers Drama „Die Verschwörung Aufschub der Hilfeleistungen zuläßt.
des Fiesco zu Genua“ (1783) kündigt
Gianettino Doria seinem Vertrauten Lo- Ein Dorn im Auge sein
mellino an, daß dieser das zweithöchste Die Redewendung in der Bedeutung
Staatsamt, die Prokuratorwürde, be¬ „jemandem ein Ärgernis sein, jemanden
kommen solle. Als Lomellino Bedenken stören und ihm deshalb verhaßt sein“
äußert, verleiht Doria seiner Aussage war bereits im Mittelhochdeutschen ge¬
mit den Worten Nachdruck: „Donner bräuchlich. Sie wird heute noch häufig
und Doria! Du sollst Prokurator wer¬ verwendet und ist uns vor allem auch
den“ (1,5). Heute gilt der Ausruf „Don¬ aus dem Alten Testament bekannt, wo
ner und Doria“ ebenso wie „Donner Gott den Israeliten befiehlt, die Kanaa¬
und Blitz“ als umgangssprachlicher niter aus dem Lande Kanaan zu verja¬
Ausdruck einer starken Verwunderung gen. Dort heißt es (4. Moses 33,55):
über eine überraschende Situation oder „Werdet ihr aber die Einwohner des
Entwicklung. Er kann aber auch als (är¬ Landes nicht vertreiben vor eurem An¬
gerliche) Verstärkung einer dringenden gesicht, so werden euch die, so ihr über¬
Aufforderung vorangestellt werden. bleiben laßt, zu Dornen werden in euren
Augen und zu Stacheln in euren Seiten
Donnerwetter, Parapluie und werden euch drängen in dem Lan¬
Dieser meist scherzhaft gemeinte Fluch de, darin ihr wohnt.“
wurde durch Johann Strauß’ „Zigeuner¬
baron“ (1885) populär. Die Verbindung Dornröschenschlaf
von Donnerwetter und Parapluie geht Von einem „Dornröschenschlaf“
wahrscheinlich auf eine Szene in Pius spricht man, wenn man ein allzu untäti¬
Alexander Wolffs (1782-1828) Drama ges, verträumtes Dasein charakterisie¬
„Preciosa“ (Musik von Carl Maria von ren will, gelegentlich auch dann, wenn
Weber) zurück. Dort verwendet Pedro man kritisieren will, daß eine bestimmte
(der oft französische Wörter gebraucht, Entwicklung „verschlafen“ wurde. Der
ohne sie genau zu kennen) wiederholt Ausdruck bezieht sich auf das Märchen
die Ausrufe „Parapluie“ und „Donner¬ der Brüder Grimm vom „Dornröschen“,
wetter“, wobei das erstere (auf deutsch: einer Königstochter, die mit ihrem gan¬
„Regenschirm“) eine Verballhornung zen Hofstaat in einen hundert Jahre
von „Parbleu“ darstellt, einem französi¬ dauernden Schlaf versetzt wird. Daraus
schen Fluch, der seinerseits aus „par wird sie erst durch den Kuß eines Kö¬
dieu“ (= „bei Gott“) entstanden ist. nigssohns wieder erweckt.

Doppelt gibt, wer gleich gibt Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Dieses Zitat geht auf einen Spruch des Dies ist der Titel eines 1931 gedrehten
römischen Dichters Publilius Syrus klassischen Horrorfilms, der ersten Ver¬
(l.Jh. v.Chr.) zurück, der im Original filmung der Erzählung „Der seltsame
lautet: Inopi beneficium bis dat, qui dat Fall des Doctor Jekyll und des Herrn
celeriter („Dem Armen gibt eine doppel¬ Hyde“ (englisch: The Strange Case of
te Gabe, wer schnell gibt“). In Anleh¬ Dr. Jekyll and Mr. Hyde) von Robert
nung an die bekanntere gekürzte Form Louis Stevenson (1850-1894). Thema
Bis dat, qui cito dat („Doppelt gibt, wer ist das Problem der Persönlichkeitsspal¬
schnell gibt“) heißt es bei Goethe (Ge¬ tung. Es wird an einem Arzt aufgezeigt.

118
Teil I Dreiecksverhältnis

der seine Theorie der Trennungsmög¬ wie es in einer Vorbemerkung des Stük-
lichkeit von Gut und Böse im Menschen kes heißt. Der Titel wird heute zitiert,
an sich selbst mit Hilfe eines von ihm um Situationen zu kennzeichnen, in de¬
entdeckten Elixiers praktiziert. Durch nen jemand von etwas ausgeschlossen
die von ihm herbeigeführte Aufspaltung oder an etwas nicht beteiligt wird.
seiner Person in ein gutes und ein böses
Ich, in ein Tag- und ein Nachtwesen, ge¬ Die drei Grazien
rät er schließlich ins Verderben, da er
Die drei Grazien waren im römischen
den Wechsel zwischen beiden auf die
Altertum als göttliche Gestalten Sinn¬
Dauer nicht mehr kontrollieren kann.
bilderjugendlicher Anmut und Lebens¬
Der Titel des Films wird gelegentlich
freude. Sie entsprechen den Chariten
herangezogen, wenn man die extremen,
der griechischen Mythologie, die bei
unverständlich erscheinenden Verhal¬
dem altgriechischen Dichter Hesiod
tensweisen eines Menschen kennzeich¬
(um 700 v. Chr.) als Dreiheit auftreten
nen will.
und sich häufig im Gefolge von Hermes,
Drachensaat Aphrodite und Apoll finden. Heute be¬
zeichnet man so - scherzhaft, oft auch
Gedanken oder Äußerungen, die Zwie¬ ironisch - drei weibliche Personen, die
tracht säen oder anderen Schaden an-
gemeinsam in Erscheinung treten.
richten, werden nach einer Fabel des rö¬
mischen Schriftstellers Hyginus (t um
Drei Wochen war der Frosch so
10 n. Chr.) in gehobener Sprache häufig
krank!
mit dieser Metapher bezeichnet. In der
Fabel wird erzählt, wie Kadmos, der Dieser Ausspruch wird gerne als scherz¬
Ahnherr des thebanischen Königshau¬ hafter Kommentar zu jemandes Gene¬
ses, in der griechischen Mythologie ei¬ sung gebraucht, oft ergänzt durch den
nen dem Gott Ares heiligen Drachen er¬ Satz: „Nun raucht er wieder, Gott sei
schlägt. Auf den Rat der Göttin Athene Dank!“ Die beiden Sätze zusammen bil¬
sät er dessen Zähne in die Erde. Aus den den Schluß einer kleinen Bilderge¬
dieser „Drachensaat“ erwachsen dann schichte von Wilhelm Busch (1832 bis
gewaltige Krieger, die sich gegenseitig 1908) mit dem Titel „Die beiden Enten
erschlagen. und der Frosch“. In dieser Geschichte
wird erzählt, wie ein Frosch nach turbu¬
t Von drauß’ vom Walde komm ich lenter und aufregender Verfolgungsjagd
her zwei jungen Enten entkommen kann,
die ihrerseits einem Koch zum Opfer
Draußen vor der Tür fallen.

Dies ist der Titel eines Theaterstücks


von Wolfgang Borchert(1921-1947)mit Dreiecksverhältnis
dem Untertitel „Ein Stück, das kein Unter einem „Dreiecksverhältnis“ wird
Theater spielen und kein Publikum se¬ heute ganz allgemein die Beziehung ei¬
hen will“, das 1947 zunächst als Hör¬ ner Person zu zwei Geschlechtspartnern
spiel gesendet und später als „Liebe 47“ verstanden. Ursprünglich wurde damit
auch verfilmt wurde. Das Stück zeigt an nur das Liebesverhältnis eines Mannes
der Gestalt eines Kriegsheimkehrers ex¬ zu zwei Frauen bezeichnet. Diese Be¬
emplarisch Elend und Einsamkeit der zeichnung ist aus dem Ausdruck „drei¬
Kriegsgeneration nach dem Ende des eckiges Verhältnis“ entstanden, den der
Kriegs. Es sind Menschen, die zurück¬ norwegische Dichter Henrik Ibsen
kehren wollen, aber nicht können, weil (1828-1906) in seinem Schauspiel
es ihr Zuhause nicht mehr gibt, weil ihre „Hedda Gabler“ (11,1) verwendet.
früheren sozialen Bindungen zerstört Nach der Uraufführung dieses Stückes
sind und es ihnen nicht möglich ist, im Jahr 1891 wurde der Ausdruck popu¬
neue Bindungen einzugehen. Ihr „Zu¬ lär und hat sich schließlich in der Form
hause ist dann draußen vor der Tür“, „Dreiecksverhältnis“ durchgesetzt.

119
dreifach Teil I

Dreifach ist der Schritt der Zeit lution (1789) erschienene einflußreiche
Mit diesen Worten werden die drei Zeit¬ Schrift Qu'est-ce que le Tiers Etat?
(„Was ist der dritte Stand?“) von Em¬
stufen „Zukunft“, „Gegenwart“ und
„Vergangenheit“ angesprochen, die der manuel-Joseph Sieyes. Darin heißt es:
Mensch ganz unterschiedlich empfin¬ Qu’est-ce que le Tiers Etat? Tout.
det. Es handelt sich dabei um die erste Qu'a-t-il ete jusqu’ä present dans l’ordre
Zeile des 1795 entstandenen Gedichts politique? Rien. Que demande-t-il? A y
„Spruch des Konfuzius“ von Schiller. devenir quelque chose. („Was ist der drit¬
In den drei folgenden Zeilen des Ge¬ te Stand? Alles. Was war er bis heute in
dichts wird das dreifache Verhältnis des der politischen Ordnung? Nichts. Was
Menschen zur Zeit näher erläutert: „Zö¬ fordert er? Dort etwas zu werden.“)
gernd kommt die Zukunft hergegan-
gen,/Pfeilschnell ist das Jetzt entflo- Der Dritte im Bunde
gen,/Ewig still steht die Vergangenheit.“ Diese Wendung im Sinne von „der drit¬
te Teilnehmer“ wurde durch Schillers
Dreimal umgezogen ist so gut wie Ballade „Die Bürgschaft“ (1797 im
einmal abgebrannt „Musenalmanach für das Jahr 1798“ er¬
schienen) im Deutschen gebräuchlich.
Diese Redensart geht auf das englische
Nachdem der Tyrann von Syrakus Zeu¬
Three removals are as bad as a fire zu¬
ge unverbrüchlicher Freundestreue ge¬
rück, das sich schon bei Benjamin
worden ist, empfindet er „ein menschli¬
Franklin (1706-1790) im Vorwort seines
ches Rühren“ und bittet mit folgenden
„Poor Richard’s Almanack“ findet: I
Worten darum, in diesen Freund¬
never saw an oft removed Tree,/Nor yet
schaftsbund aufgenommen zu werden:
an oft removed Family,/That throve so
„Ich sei, gewährt mir die Bitte,/In eurem
well, as those that settled be. And
Bunde der Dritte.“ - Der Ausdruck
again,/Three Removes are as bad as a
kommt bereits bei den Autoren der An¬
Fire. („Ich sah nie einen oft umgepflanz¬
tike in verschiedenen Quellen vor, zum
ten Baum, noch eine Familie, die oft
Beispiel im „Leben des Pythagoras“ von
umgezogen war, die so gut gediehen wie
Aristoxenos von Tarent (um 350-300
die, die ihren festen Platz hatten. Und
v. Chr.) und in Ciceros (106-43 v.Chr.)
noch einmal: Drei Umzüge sind so
„Tusculanae disputationes“ (= „Ge¬
schlimm wie ein Feuer.“) Mit der Re¬
spräche in Tusculum“) und „De offici-
densart bringt man auch heute noch
is“ (= „Vom pflichtgemäßen Han¬
zum Ausdruck, daß beim Wohnungs¬
deln“).
wechsel immer etwas zu Bruch geht
oder ganz und gar abhanden kommt.
t Nach drüben ist die Aussicht uns
verrannt
Für dreißig Silberlinge verraten
t Judas
Druckerschwärze auf Papier
Die t Presse - Druckerschwärze auf Pa¬
t Und alles ist Dressur pier

t Und drinnen waltet die züchtige Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Hausfrau ob sich das Herz zum Herzen fin¬
det!
Der dritte Stand
Diese Zeilen stammen aus Schillers
Der historische Begriff mit der Bedeu¬ „Lied von der Glocke“; sie raten zur Be¬
tung „das Bürgertum neben Adel und sonnenheit bei der Wahl des Lebensge¬
Geistlichkeit“ ist nach dem französi¬ fährten oder der Lebensgefährtin. Wie
schen le tiers etat gebildet. Besonders viele Verse dieses Gedichts werden sie
verbreitet wurde er wohl durch die vor heute fast nur noch in scherzhaft abge¬
dem Ausbruch der Französischen Revo¬ wandelter Form gebraucht, etwa mit fol-

120
Teil I du

gendem zweiten Teil: ob sich nicht spricht diese Worte. Er richtet sie an
noch was Beßres findet“. Faust, den er durch die „Geister“ in
Schlaf versenken ließ, weil dieser ihn
Drum soll der Sänger mit dem Kö¬ zuvor mit den Worten „Den Teufe! hal¬
nig gehen te, wer ihn hält!“ nicht so schnell Wegge¬
Im zweiten Auftritt des ersten Aufzugs hen lassen wollte. Man zitiert diese Äu¬
von Schillers romantischer Tragödie ßerung des Mephisto, wenn man jeman¬
„Die Jungfrau von Orleans“ (1801) sagt dem etwas zu verstehen geben will wie:
der König, Karl VII. von Frankreich, „Wenn du mich hereinlegen willst, mußt
über die an seinem Hof weilenden Sän¬ du dir schon etwas mehr einfallen las¬
ger und ihre Kunst: „Sie machen uns sen“ oder allgemeiner auch: „Das
den dürren Zepter blühn,/Sie flechten schaffst du nicht, dieser Aufgabe bist du
noch nicht gewachsen.“
den unsterblich grünen Zweig/Des Le¬
bens in die unfruchtbare Krone,/Sie
Du bist Orplid, mein Land!
stellen herrschend sich den Herrschern
gleich,/Aus leichten Wünschen bauen Mit diesen Worten beginnt Eduard Mö-
sie sich Throne,/Und nicht im Raume rikes Gedicht „Gesang Weylas“ (1838).
liegt ihr harmlos Reich.“ Ihnen verbin¬ Zu den Namen „Orplid“ und „Weyla“
det sich der König mit den Worten: erfährt man Näheres in Mörikes Novel¬
„Drum soll der Sänger mit dem König le „Maler Nolten“, in deren erstem Teil
gehen,/Sie beide wohnen auf der der Schauspieler Larkens erzählt, daß er
Menschheit Höhen!“ - Mit dem wohl sich als Schüler mit einem Freund eine
nicht mehr sehr häufig gebrauchten Zi¬ eigene poetische Welt ausdachte: „Wir
tat läßt sich zum einen eine Verbindung erfanden für unsere Dichtung einen au¬
von Poesie und weltlicher Macht be¬ ßerhalb der bekannten Welt gelegenen
schwören, zum anderen stellt man damit Boden... Die Insel hieß Orplid, und ihre
die Dichtkunst auf eine sehr hohe ge¬ Lage dachte man sich in dem Stillen
sellschaftliche Stufe, betont ihr soziales Ozean zwischen Neuseeland und Süd¬
und damit auch politisches Gewicht. amerika. Orplid hieß vorzugsweise die
Stadt des bedeutendsten Königreichs:
sie soll von göttlicher Gründung gewe¬
Du ahnungsvoller Engel du!
sen sein, und die Göttin Weyla... war ih¬
Der Ausruf stammt aus dem ersten Teil re Beschützerin.“ Das Gedicht wurde
von Goethes Faust (1806). Faust rea¬ 1888 von Hugo Wolf vertont und hat da¬
giert mit diesen Worten auf Gretchens durch noch größere Bekanntheit gewon¬
Ablehnung Mephistos, der ihr gefühls¬ nen. - Das Zitat kann in gehobener
mäßig zuwider ist („Der Mensch, den Sprache die Sehnsucht nach einem be¬
du da bei dir hast,/Ist mir in tiefer innrer stimmten Ort oder das Glücksgefühl,
Seele verhaßt“). Das Zitat wird meist in dort angekommen zu sein, zum Aus¬
einer Situation gebraucht, in der jemand druck bringen.
instinktiv etwas Ungutes oder Negatives
richtig erkennt oder einschätzt. Häufig Du bist so blaß, Luise
wird allerdings auch falsch zitiert: „Du
Das gelegentlich scherzhaft gebrauchte
ahnungsloser Engel du!“, womit man
Zitat, mit dem man auf jemandes blas¬
den Sinn des Goetheschen Zitats in sein
ses Aussehen anspielt, stammt aus
Gegenteil verkehrt; mit dem abgewan¬
Schillers bürgerlichem Trauerspiel „Ka¬
delten Zitat wird jemand leicht mitleidig
bale und Liebe“ (1784). Ferdinand von
oder spöttisch als ahnungslos oder naiv
Walter, der Luise, die Tochter des Musi¬
hingestellt.
kers Miller, liebt, richtet diese Worte an
sie: „Du bist blaß, Luise?“ Er forscht
Du bist noch nicht der Mann, den nach dem Grund für ihr blasses Ausse¬
Teufel festzuhalten hen und erfährt, daß sie die Hoffnungs¬
Der Teufel selbst, Mephisto nämlich in losigkeit ihrer Liebe bekümmert. Die ge¬
Goethes Faust (Faust I, Studierzimmer), sellschaftliche Kluft zwischen der Bür-

121
du Teil I

gerlichen und dem Adligen läßt für die ein von einer anderen Kraft An- oder
Gesellschaft ihrer Zeit keine Verbin¬ Vorangetriebener. Das in diesem Sinne
dung zwischen beiden zu. gebrauchte Zitat stammt aus Goethes
Faust (Teil I, Walpurgisnacht), wo Me¬
phisto mit diesen Worten das Gedränge
Du bist wie eine Blume
der Geister, Teufel und Hexen auf dem
In dem „Die Heimkehr“ überschriebe- nächtlichen Wege zum Blocksberg be¬
nen Zyklus von 88 Gedichten Heinrich
schreibt.
Heines (1797-1856) beginnt die Nr. 47
mit den Worten: „Du bist wie eine Blu¬
me/So hold und schön und rein“. Es ist Du gleichst dem Geist, den du be¬
eines der schönsten Liebesgedichte des greifst
Dichters, das von Franz Liszt, Robert Diese Worte stammen aus Goethes
Schumann und Hugo Wolf vertont wur¬ Faust (Teil I, Nacht). Faust hat den Erd¬
de. - Von einem eher romantisch veran¬ geist beschworen. Dieser erscheint ihm,
lagten Menschen könnte das Zitat auch spricht zu ihm und beschreibt sein eige¬
heute noch als Kompliment an eine ge¬ nes Wesen und Wirken: „Geburt und
liebte Frau gerichtet werden. Grab,/Ein ewiges Meer,/Ein wechselnd
Weben,/Ein glühend Leben,/So schaff
Du bleibst doch immer, was du bist ich am sausenden Webstuhl der
Mephisto belehrt Faust in der Studier¬ Zeit,/Und wirke der Gottheit lebendiges
zimmerszene im ersten Teil von Goethes Kleid.“ Faust ist von diesen Worten be¬
Faust, daß ihm all sein Streben nichts geistert, glaubt sich dem Wesen des Erd¬
nützt, weil er doch immer der gleiche geistes ganz nah, glaubt ihm zu gleichen.
bleiben wird: „Du bist am Ende - was Der Erdgeist aber gibt ihm schonungs¬
du bist./Setz’ dir Perücken auf von Mil¬ los und ohne Umschweife zu verstehen,
lionen Locken,/Setz’ deinen Fuß auf el¬ daß Faust nicht diesem Wesen, sondern
lenhohe Socken,/Du bleibst doch im¬ nur seiner eigenen unvollkommenen
mer, was du bist.“ - Das Zitat verweist Vorstellung davon gleicht. Er weist ihn
darauf, daß der Versuch, sich anders mit den Worten ab: „Du gleichst dem
darzustellen als man ist, letztlich erfolg¬ Geist, den du begreifst,/Nicht mir!“ und
los bleiben muß. verschwindet. Mit diesem Zitat gibt man
jemandem zu verstehen, daß er in ande¬
ren Bahnen denkt, daß er etwas nicht
Du fragst nach Dingen, Mädchen,
begriffen hat, es vielleicht gar nicht be¬
die dir nicht geziemen greifen kann.
Dieser Satz, der gewissermaßen mit ei¬
nem Augenzwinkern zitiert werden
kann, um einer Frage auszuweichen,
Du, glückliches Österreich, heirate!
stammt aus Schillers Drama „Die Jung¬ T Bella gerant alii, tu felix Austria, nube
frau von Orleans“ (Prolog, 3. Auftritt).
Thibaut d’Arc, der Vater von Johanna,
Du hast der Götter Gunst erfahren!
der späteren „Jungfrau von Orleans“,
spricht diese Worte. Sie bringen seine Es handelt sich bei dem Zitat um die
große Verwunderung darüber zum Aus¬ Anfangszeile der 2. Strophe von Schil¬
druck, daß seine Tochter mit so reger lers Ballade „Der Ring des Polykrates“,
Anteilnahme einem Bericht über den die auf einer Erzählung des griechi¬
Kriegsverlauf und die verlorenen schen Dichters Herodot beruht. Der
Schlachten der Franzosen folgt. König von Ägypten als Gast des Poly¬
krates, des Tyrannen von Samos, be¬
ginnt mit diesen Worten die Schilderung
Du glaubst zu schieben, und du des Glücks, das die Götter Polykrates
wirst geschoben gewährt haben. Die weiteren Glücks¬
Oftmals ist derjenige, der von sich botschaften flößen dem Gast jedoch
glaubt, die treibende Kraft zu sein, nur Entsetzen ein: „Mir grauet vor der Göt-

122
Teil I
du

ter Neide;/Des Lebens ungemischte das Verhalten eines Menschen aus, dem
Freude/Ward keinem Irdischen zuteil.“ man zu Unrecht vertraut hatte.
Mit dem oben genannten Zitat geben
wir auch heute unserer Meinung Aus¬ T Halte fest: Du hast vom Leben
druck, daß jemandem ein besonderes doch am Ende nur dich selber
Glück zuteil wurde. Und ebenso zitieren
wir „Mir grauet vor der Götter Neide“ Du liebes Kind, komm, geh mit
voller Unbehagen, wenn uns bei einer mir!
Aufeinanderfolge glücklicher Ereignis¬
se das Gefühl überkommt, ein Umschla¬ Diese heute nur noch als scherzhafte
Aufforderung gebrauchten Worte stam¬
gen ins Negative sei auf die Dauer un¬
ausweichlich. men aus einer der bekanntesten Balla¬
den von Goethe, aus dem „Erlkönig“.
Es sind die ersten Verführungsworte des
Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Erlkönigs, die der phantasierende Kna¬
ami be in den Armen seines durch die Nacht
t Belami reitenden Vaters zu hören glaubt: „Du
liebes Kind, komm, geh mit mir!/Gar
schöne Spiele spiel’ ich mit dir..."
Du hast mich heimgesucht bei
Nacht Du mußt dein Leben ändern!
Dies ist der Titel eines Buches, das 1954 Diese Forderung nach Selbstbesinnung
von Helmut Gollwitzer u. a. herausgege¬ und Veränderung, die sicherlich viele
ben wurde und „Abschiedsbriefe und schon einmal in irgendeiner Situation
Aufzeichnungen des Widerstandes ihres Lebens an sich selbst gestellt
1933-1945“ enthält. Der Titel geht auf haben, ist in dieser Weise in einem
eine Bibelstelle zurück. Im 17. Psalm, Gedicht von Rainer Maria Rilke
Vers 3 heißt es: „Du prüfst mein Herz (1875-1926) formuliert. Es ist das So¬
und siehst nach ihm des Nachts...“ bzw. nett „Archäischer Torso Apollos“ aus
in der revidierten Fassung der Luther- der Sammlung „Der neuen Gedichte an¬
Bibel: „Du prüfst mein Herz und suchst derer Teil“ von 1908. Am Ende dieses
es heim bei Nacht..." - Mit dem Zitat Gedichtes, das sich mit der Wirkung der
kann man zum Ausdruck bringen, daß Kunst auf den Menschen befaßt, steht
man von jemandem geträumt hat oder als Fazit diese zum geflügelten Wort ge¬
daß man sich mit jemandem in schlaflo¬ wordene Forderung an den Menschen.
ser Nacht in Gedanken beschäftigt hat.
Du red’st, wie du’s verstehst
Du hast’s erreicht, Oktavio! Mit diesem Zitat gibt man jemandem zu
Im 13. Auftritt des 3. Aktes von Schillers verstehen, daß er von einer Sache keine
Trauerspiel „Wallensteins Tod“ (1798/ Ahnung hat, nichts versteht. Es stammt
99) hält Wallenstein einen langen Mo¬ aus Schillers Drama „Wallenstein“ (Die
nolog, der mit diesen Worten beginnt. Piccolomini 11,6), wo der „kaiserliche
Er ist sich bewußt, daß nun fast alle sei¬ Generalissimus“ Wallenstein die Vor¬
haltungen des Feldmarschalls Illo auf
ne Soldaten und Offiziere ihn verlassen
diese Weise abtut. Dabei erkennt Illo
haben, weil sie den Verrat am Kaiser
die wirklichen Gegebenheiten, während
nicht mitmachen wollen. Oktavio Picco¬
Wallenstein in seinem Sternenglauben
lomini, einer seiner Generale, dem er bis
befangen ist.
zuletzt vertraut hatte, hat längst seinen
Mörder gedungen. Im Kontext des Mo¬
nologs heißt es: „Du hast’s erreicht, Ok¬
Du siehst mich lächelnd an, Eleo¬
tavio! - Fast bin ich/Jetzt so verlassen nore
wieder, als ich einst/Vom Regensburger Diesen Satz kann man jemandem ge¬
Fürstentage ging.“ - Mit dem Zitat genüber im Scherz zitieren, wenn man
drückt man seine Enttäuschung über ihn eigentlich fragen will: „Was hast

123
du Teil I

du? Was gibt es? Ist irgend etwas nicht verhält und keinerlei Konkurrenz neben
in Ordnung?“ Es ist der Satz, mit dem sich duldet.
das Schauspiel „Torquato Tasso“ von
Goethe beginnt, und er steht dort in ei¬ Du Spottgeburt von Dreck und
ner ganz ähnlichen Funktion. Die Prin¬ Feuer
zessin Leonore von Este spricht ihn zu
Diese derbe Beschimpfung stammt aus
ihrer Freundin Leonore Sanvitale und
Goethes Faust (Teil I, Marthens Gar¬
fährt entsprechend fort: „Was hast du?
ten). Sie ist gegen Mephisto gerichtet.
Laß es eine Freundin wissen!“
Faust reagiert damit heftig auf die zyni¬
schen Bemerkungen, die Mephisto über
Du siehst, mit diesem Trank im Gretchen und ihr Verhältnis zu Faust
Leibe, bald Helenen in jedem Wei¬ gemacht hat. Im Scherz ist die negative
be Kennzeichnung „Spottgeburt von
Dreck und Feuer“ von Personen oder
Dieser Ausspruch stammt aus Goethes
auch von Sachen, die man als besonders
Faust (Teil I, Hexenküche). Faust hat
häßlich oder mißlungen betrachtet,
den Trank der Hexe zu sich genommen
auch heute noch zu hören.
und möchte, bevor er mit Mephisto die
Hexenküche verläßt, noch einmal das
Du sprichst ein großes Wort gelas¬
Bild der schönen Helena sehen, das ihn
zuvor beim Blick in einen Spiegel schon
sen aus
entzückt hatte. Mephisto jedoch kom¬ Mit diesen Worten reagiert König Tho-
plimentiert ihn hinaus mit den Worten, as in Goethes „Iphigenie auf Taurus“
die die Wirkung des Trankes dahinge¬ (1,3) auf die Enthüllung der Heldin, sie
hend beschreiben, daß nun jede Frau sei aus dem verfluchten Geschlecht des
begehrenswert wie Helena für ihn sein Tantalus. Heute wird in diesem Zitat oft
wird. In ähnlichem Sinne können diese „großes Wort“ durch „wahres Wort“ er¬
Worte des Mephisto auch heute noch zi¬ setzt.
tiert werden, wenn von der Wirkung des
Alkohols bei Männern die Rede ist. Du sprichst von Zeiten, die vergan¬
gen sind
Du sollst dem Ochsen, der da In Schillers Drama „Don Kariös“ (1,2)
drischt, nicht das Maul verbinden hält Kariös diesen Satz seinem Jugend¬
freund, dem Marquis von Posa, entge¬
Diese sprichwörtliche Redensart ist ein
gen. Dieser hatte von Zeiten gespro¬
unverändert aus der Bibel übernomme¬
chen, als Don Kariös noch ein „löwen¬
nes Zitat. Es findet sich im 5. Buch Mo¬
kühner Jüngling“ war mit Träumen von
ses 25,4 und besagt, daß man jemanden,
Freiheit und einem „neuen goldnen Al¬
der schwer arbeitet, auch entsprechend
ter in Spanien“. Der niedergeschlagene
entlohnen, ihn in angemessener Weise
und völlig verunsicherte Kariös jedoch
an den Früchten seiner Arbeit teilhaben
möchte daran im Augenblick nicht erin¬
lassen soll. Das Bild des dreschenden
nert werden. Die Worte des Don Kariös
Ochsen bezieht sich auf die früher geüb¬
werden heute zitiert, wenn man jeman¬
te Technik des Dreschens, bei der man
dem klarmachen möchte, daß sich die
Ochsen in einem Rundlauf gehen und
Zeiten geändert haben, daß es nutzlos
die Ähren mit den Hufen zertreten ließ.
ist, sich ans Vergangene zu klammern.

Du sollst keine anderen Götter ne¬ Du trägst den Cäsar und sein
ben mir haben Glück
Dieser Teil aus dem ersten der Zehn Ge¬ Diese Worte, mit denen man jeman¬
bote (2. Moses 20,3) wird oft auch in den - oft scherzhaft - auf dessen beson¬
übertragenem Sinn verwendet. Man zi¬ ders hohe Verantwortung angesichts der
tiert ihn beispielsweise als Hinweis dar¬ Bedeutung der eigenen Person hinweist,
auf, daß sich jemand sehr selbstherrlich soll Cäsar während eines Sturmes an

124
Teil I Dunkelmann

der Küste Illyriens an den Kapitän des t Mir wird von alledem so dumm,
Schiffes gerichtet haben. Cäsar appel¬
als ging mir ein Mühlrad im Kopf
lierte damit an den Kapitän, nicht den
herum
Mut zu verlieren. Die Begebenheit wird
in Plutarchs oft sehr anekdotisch gehal
tenen Biographien berühmter Griechen t Wer kann was Dummes, wer was
und Römer beschrieben. Kluges denken, das nicht die Vor¬
welt schon gedacht

Du weißt wohl nicht, mein Freund, t Mit der Dummheit kämpfen Göt¬
wie grob du bist? ter selbst vergebens
Mit dieser Frage kritisiert man meist
scherzhaft jemanden, dessen Verhalten t Wenn Dummheit weh täte
oder Äußerungen man nicht gerade als
sehr zart und zurückhaltend empfindet.
Ein Dummkopf Findet immer ei¬
Sie stammt aus Goethes Faust (Faust II,
2. Akt, Hochgewölbtes, enges gotisches
nen noch Dümmeren, der ihn be¬
Zimmer). Dort stellt Mephisto diese wundert
Frage an den „Baccalaureus“ (eine Per¬ Ein TTor find’t allemal noch einen grö¬
son, die mit dem „Schüler“ aus Faust I ßeren Toren, der seinen Wert zu schät¬
identisch ist). Dieser hatte ihn zuvor mit zen weiß
den groben Worten beleidigt: „Gesteht
nur, Euer Schädel, Eure Glatze/Ist nicht t Herr, dunkel war der Rede Sinn
mehr wert, als jene hohlen dort?“

Dunkel war’s, der Mond schien


t O du zertrümmert Meisterstück helle
der Schöpfung Dies ist die erste Zeile eines Nonsensge¬
dichtes, das in verschiedenen Textva¬
rianten in mehreren Sammlungen von
Der Duft der großen, weiten Welt Kinderreimen und volkstümlichen Ver¬
Dieser Ausdruck, der eine Atmosphäre sen zu finden ist. Der Ursprung des Ge¬
von internationaler Weite, das Fluidum dichts ist unbekannt. Es ist wegen seiner
von Freiheit und Ungebundensein, von logischen Widersprüchlichkeiten, seiner
Reichtum und Wohlleben vermitteln paradoxen Wortspielereien bei Kindern
soll, wurde 1959 als Werbeslogan ge¬ sehr beliebt geblieben. Besonders die
prägt. Eine Zigarettenfirma versuchte beiden ersten Strophen des Gedichts
damit, ihrer Marke „Peter Stuyvesant“ werden häufig aufgesagt. Sie lauten:
ein besonderes Image zu geben. Der „Dunkel war’s, der Mond schien hel¬
Ausdruck wurde durch die intensive le,/schneebedeckt die grüne Flur,/als
Werbung sehr populär und hat sich da¬ ein Wagen blitzesschnelle/langsam um
nach verselbständigt. die Ecke fuhr./Drinnen saßen stehend
Leute,/schweigend ins Gespräch ver-
tieft,/als ein totgeschoßner Hase/auf
Dulce et decorum est pro patria dem Sande Schlittschuh lief.“
mori
Im dritten Buch der „Oden“ (III, 2,13) Dunkelmann
des römischen Dichters Horaz (65-8 Die heutige Bedeutung „zwielichtiger
v. Chr.) steht dieser den Heldentod ver¬ Mensch, den man dunkler Machen¬
herrlichende Spruch. Er bedeutet über¬ schaften verdächtigt; Drahtzieher“ und
setzt „Beglückend (oft auch mit »süß« die bereits veraltete „Vertreter des
übersetzt) und ehrenvoll ist es, fürs Va¬ Rückschritts; Bildungsfeind“ sind erst
terland zu sterben“ und ist noch auf zu Anfang des 19.Jh.s entstanden. Das
Heldengedenktafeln u. ä. zu finden. Wort gelangte um 1795 als Lehnüberset-

125
dunkeln Teil I

zung für das lateinische vir obscurus ins Vorstellung des Unbekannten, Un¬
Deutsche. Die „Epistolae obscurorum durchschaubaren, noch nicht Erforsch¬
virorum“ - d.h. „Briefe unberühmter ten mit der des von dunkelhäutigen
Männer“, die sogenannten „Dunkel¬ Menschen bewohnten Gebiets. - Ein
männerbriefe“ - waren eine 1516 von Gedicht von Ingeborg Bachmann
deutschen Humanisten um Ulrich von (1926-1973) trägt den Titel „Liebe:
Hutten verfaßte satirische Streitschrift. Dunkler Erdteil“, ebenso ein kleiner
Sie war so formuliert, als ob sie von Gedichtband derselben Autorin.
scholastischen Theologen gegen die er¬
starrte spätmittelalterliche Wissenschaft Durch Abwesenheit glänzen
geschrieben worden sei, und sie persi¬ Diese Redewendung ist eine Überset¬
flierte die dünkelhafte Unwissenheit, zung des französischen briller par son
Heuchelei und Unmoral der fiktiven absence, das der französische Dichter
Schreiber. Marie-Joseph de Chenier (1764-1811)
in seiner Tragödie „Tibere“ (1,1) ver¬
t Im dunkeln tappen wendete. Zugrunde liegt eine Stelle aus
den „Annalen“ des römischen Histori¬
t Die im Dunkeln sieht man nicht kers Tacitus, die von der Bestattung Ju-
nias, der Frau des Cassius und Schwe¬
Dunkler Ehrenmann ster des Brutus, berichtet. Die Bildnisse
Mit diesem Ausdruck bezeichnet man dieser zu den Mördern Julius Cäsars ge¬
einen allgemein für ehrenhaft gehalte¬ hörenden und mit der Verstorbenen ver¬
nen Mann, der es in Wahrheit gar nicht wandten Männer wurden nicht, wie es
ist, dessen Machenschaften jedoch nicht eigentlich römischer Sitte entsprach, vor
recht nachweisbar sind. Der Ausdruck dem Leichenzug hergetragen. Sie fielen
geht auf eine Stelle in Goethes Faust also dadurch auf, daß sie nicht da wa¬
(Faust I, Vor dem Tor) zurück, wo Faust ren. „Sie leuchteten dadurch hervor,
beim sogenannten „Osterspaziergang“ daß man ihre Bildnisse nicht sah“, wie
zum Schüler Wagner von seinem Vater die Übersetzung des lateinischen Origi¬
und von dessen Alchimistenkünsten nals lautet.
spricht. Bei Goethe hat die Kennzeich¬
nung „dunkler Ehrenmann“ noch nicht Durch böser Buben Hand verder¬
die negative Bedeutung von heute. ben
„Dunkel“ wird der Ehrenmann deswe¬ Dies ist ein Vers aus der 1797 entstande¬
gen genannt, weil seine Tätigkeit für den nen Ballade „Die Kraniche des Ibykus“
Uneingeweihten nicht durchschaubar von Friedrich Schiller. Das viele Stro¬
ist, ihm etwas absonderlich erscheinen phen umfassende Gedicht erzählt von
muß. Faust sagt über seinen Vater: dem (im 6. vorchristlichen Jahrhundert
„Mein Vater war ein dunkler Ehren- in Unteritalien lebenden) Dichter Iby¬
mann,/Der über die Natur und ihre kus, der auszieht, um an den zu Ehren
heil'gen Kreise/In Redlichkeit, jedoch Poseidons in Korinth stattfindenden
auf seine Weise,/Mit grillenhafter Mühe Isthmischen Spielen, dem „Kampf der
sann.“ Wagen und Gesänge“, teilzunehmen.
Unterwegs wird er von zwei Mördern
Dunkler Erdteil überfallen und getötet. Als kein Mensch
Im Jahr 1878 veröffentlichte Henry in der Nähe ist, der ihm zu Hilfe eilen
Morton Stanley (1841 -1904) seinen Be¬ könnte, klagt er: „So muß ich hier ver¬
richt über eine Afrikareise unter dem Ti¬ lassen sterben,/Auf fremdem Boden,
tel Through ihe Dark Continent. Im glei¬ unbeweint,/Durch böser Buben Hand
chen Jahr erschien auch die deutsche verderben,/Wo auch kein Rächer mir er¬
Übersetzung „Durch den dunkeln Welt¬ scheint.“ - Das nur noch selten verwen¬
teil“. Bei der Kennzeichnung Afrikas dete Zitat läßt sich heute eher auf Dinge
als des „dunkeln Erdteils“, die danach beziehen, die von Menschen mutwillig
üblich wurde, mischte sich wohl die oder gedankenlos zerstört werden.

126
Teil I ecce

Durch die Wälder, durch die Auen Durch zweier Zeugen Mund wird
Dies ist der Beginn der Arie des Jäger¬ allerwegs die Wahrheit kund
burschen Max aus Carl Maria von Diese Sentenz findet sich in Goethes
Webers (1786-1826) Oper „Der Frei¬ Faust I (Der Nachbarin Haus). Mephi¬
schütz“ mit dem Text von Johann Fried¬ sto will gemeinsam mit Faust den Tod
rich Kind (1768-1843): „Durch die des Mannes der Marthe Schwerdtlein
Wälder, durch die Auen/Zog ich leich¬ bezeugen. Er nimmt damit eine Stelle
ten Muts dahin“ (1,4). Die erste Zeile aus dem Johannesevangelium (8,17)
wird - meist scherzhaft - zitiert, wenn auf: „Auch steht in eurem Gesetz ge¬
man zum Beispiel einen Ausflug in die schrieben, daß zweier Menschen Zeug¬
Natur plant oder von solch einem Aus¬ nis wahr sei.“ Johannes weist damit auf
flug erzählt. das fünfte Buch Moses (19,15) hin, wo
es heißt: „Es soll kein einzelner Zeuge
wider jemand auftreten über irgendeine
Missetat oder Sünde,... sondern in dem
Durch diese hohle Gasse muß er
Mund zweier oder dreier Zeugen soll
kommen
die Sache bestehen.“ Mit dem heute sel¬
Das Zitat stammt aus Teils Monolog in tener gebrauchten Zitat betont man
Schillers Drama „Wilhelm Teil“ (IV, 3), nachdrücklich die Richtigkeit einer
wo die Titelgestalt den Reichsvogt Geß- Aussage, die von zwei Personen über¬
ler erwartet, um ihn zu töten: „Es führt einstimmend bestätigt wird.
kein andrer Weg nach Küßnacht. -
Hier/Vollend ich’s. - Die Gelegenheit
Eine durstige Seele
ist günstig.“ Mit „hohler Gasse“ ist ein
Hohlweg gemeint. Heute wird der Satz Mit dem Ausdruck bezeichnet man je¬
scherzhaft zitiert, wenn man jemandem manden, der immer Durst hat, oder
auflauert oder ihn aus einer bestimmten auch jemanden, der dem Alkohol zu¬
Richtung erwartet. Auch ein übertrage¬ neigt. Es handelt sich ursprünglich um
ner Gebrauch im Sinne von „ein ande¬ ein Bibelzitat aus Psalm 107,8 f., wo von
rer Ausweg, eine andere Handlungswei¬ denen die Rede ist, die sich in der Wüste
se bleibt ihm nicht übrig“ ist denkbar. verirrten, Hunger und Durst litten, und
dann von Gott wieder auf den richtigen
Weg geführt wurden: „... die sollen dem
Herrn danken für seine Güte und für
Durch Heftigkeit ersetzt der Irren¬ seine Wunder, die er an den Menschen¬
de, was ihm an Wahrheit und an kindern tut, daß er sättigt die durstige
Kräften fehlt Seele und füllt die hungrige Seele mit
Gutem.“
Diese sentenzhafte Lebensweisheit
spricht in Goethes Schauspiel „Torqua¬
to Tasso“ (IV, 4) der Staatssekretär An¬
tonio gegenüber dem Dichter Tasso aus.
Er will ihm seinen Wunsch, den Hof des
Fürsten zu verlassen, versagen, da es
Tasso an wirklicher Einsicht und echter
Willenskraft mangele: „Du scheinest
mir in diesem Augenblick/Für gut zu
E
halten, was du eifrig wünschest,/Und
willst im Augenblick, was du begehrst./
Durch Heftigkeit ersetzt der Irren- Ecce, homo!
de,/Was ihm an Wahrheit und an Kräf¬ Dies ist die lateinische Übersetzung ei¬
ten fehlt.“ Das Zitat wird noch gelegent¬ ner Stelle aus dem Johannesevangelium
lich gebraucht, um jemanden zurechtzu¬ (19,5). Ihr entspricht in der Lutherbibel
weisen, der ungestüm und aufbrausend der Ausruf: „Sehet, welch ein Mensch!“
auf einem falschen Standpunkt beharrt. Mit diesen Worten führte Pilatus den

127
Echte Teil I

anklagenden Juden den gegeißelten Je¬ schrift, um die behördliche Postüberwa¬


sus vor. In der Kunst entwickelte sich chung zu täuschen. - Das Zitat kann in
daraus das Ecce-Homo, die Darstellung bildungssprachlichen Kontexten auch
des dornengekrönten Christus. Fried¬ heute noch als Aufruf zum Kampf ge¬
rich Nietzsche (1844-1900) nannte den gen Intoleranz und religiösen Wahn ge¬
Rückblick auf sein Leben und Schaffen braucht werden.
„Ecce homo. Wie man wird, was man
ist.“
Edel sei der Mensch, hilfreich und
gut!
Das Echte bleibt der Nachwelt un¬
Die beiden Anfangszeilen von Goethes
verloren
Gedicht „Das Göttliche“ (erschienen
Das Zitat mit dem Hinweis auf die Un¬ 1785) werden oft in Poesiealben zitiert,
vergänglichkeit echter Kunst stammt gelegentlich auch mit den übrigen Ver¬
aus Goethes Faust I. Im „Vorspiel auf sen der ersten Strophe: „Denn das al-
dem Theater“ äußert sich der Dichter lein/Unterscheidet ihn/Von allen We-
über sein Werk: „Oft, wenn es erst sen,/Die wir kennen.“ Das Gedicht for¬
durch Jahre durchgedrungen,/Erscheint dert uns Menschen auf, uns so zu ver¬
es in vollendeter Gestalt./Was glänzt, ist halten, daß wir den „hohem Wesen“
für den Augenblick geboren;/Das Echte gleichen, daß das Göttliche, das wir an¬
bleibt der Nachwelt unverloren.“ ders nicht erkennen können, in unserem
Tun sichtbar wird.
Ein echter deutscher Mann mag
keinen Franzen leiden
Edle Einfalt, stille Größe
Unpolitisch mag er ja sein, der lustige
Diese Charakterisierung der griechi¬
Zecher Brander in der Szene „Auer¬
schen Kunst durch den Archäologen Jo¬
bachs Keller in Leipzig“ im 1. Teil von
hann Joachim Winckelmann (1717 bis
Goethes „Faust“, denn schließlich hat
1768) stammt aus der vor seiner Romrei¬
er gerade verkündet: „Ein garstig Lied!
se verfaßten Abhandlung „Gedanken
Pfui! Ein politisch Lied“. Das hindert
über die Nachahmung der griechischen
ihn aber nicht, sein nationales Ressenti¬
Werke in der Malerei und Bildhauer¬
ment gegenüber dem Nachbarland
kunst“: „Das allgemeine vorzügliche
Frankreich sehr deutlich zum Ausdruck
Kennzeichen der griechischen Meister¬
zu bringen: „Ein echter deutscher Mann
mag keinen Franzen (= Franzosen) lei- stücke ist endlich eine edle Einfalt und
eine stille Größe, sowohl in der Stellung
den,/Doch ihre Weine trinkt er gern.“
als im Ausdruck.“ Winckelmann be¬
Mit diesen Worten tadelt man heute ei¬
stimmte damit das Schönheitsideal der
nen Menschen, der zu erkennen gibt,
deutschen Klassik. Das verkürzte Zitat
daß er zwar das Ausländische sehr ger¬
ne mag, den Ausländer selbst aber nicht wird heute meist ironisch-spöttisch ge¬
leiden kann. braucht, um auf jemandes Naivität oder
geistige Schlichtheit anzuspielen.

Ecrasez l’infäme!
Das Schlagwort des französischen Phi¬ Ein edler Mann wird durch ein gu¬
losophen Voltaire (1696-1778) gegen tes Wort der Frauen weit geführt
die katholische Kirche - „Rottet den Arkas, der Vertraute des Königs Thoas,
niederträchtigen Aberglauben aus!“ (im gibt in Goethes „Iphigenie auf Tauris“
Original ist am Schluß Superstition zu er¬ (1,2) der Titelheldin den lebensklugen
gänzen) - taucht besonders in den Jah¬ Rat, dem König „freundlich und ver¬
ren 1759- 1768 in seiner Korrespondenz traulich zu begegnen“, denn „Ein edler
mit d’Alembert, Damilaville und Fried¬ Mann wird durch ein gutes Wort/Der
rich dem Großen auf. Voltaire verwen¬ Frauen weit geführt.“ - Das heute eher
det es häufig auch abgekürzt (z. B. in der selten gebrauchte Zitat betont den be¬
Form „Ecrlinf“) statt seiner Unter¬ sänftigenden und lenkenden Einfluß,

128
Teil I ehret

den eine Frau durch Lob und Freund¬ und dein Nacken ist eine eiserne Ader,
lichkeit auf einen Mann ausüben kann. und deine Stirn ist ehern.“

Ein edler Mensch zieht edle Men¬ Ehernes Gesetz


schen an Die dem gehobenen Stil angehörende
In Goethes Schauspiel „Torquato Tas- Formulierung, bei der „ehern“ „unum¬
so“ (1,1) beschreibt Leonore Sanvitale stößlich“ bedeutet, findet sich in Goe¬
mit dieser sentenzhaften Feststellung thes Gedicht „Das Göttliche“: „Nach
gegenüber ihrer Freundin, der Schwe¬ ewigen, eh’rnen./Großen Gesetzen/
ster des Herzogs von Ferrara, das Ver¬ Müssen wir alle/Unseres Daseins/Krei¬
hältnis des Herrscherhauses Este in Fer¬ se vollenden.“ Der Unabänderbarkeit
rara zu Künstlern und Wissenschaftlern, des Schicksals kann der Mensch den¬
die dort am Hof wirkten und wirken: noch etwas entgegensetzen; edler Cha¬
„Ein edler Mensch zieht edle Menschen rakter und richtiges, nützliches Tun un¬
an/Und weiß sie festzuhalten, wie ihr terscheiden ihn von der übrigen Schöp¬
tut./Um deinen Bruder und um dich fung. (Vergleiche auch „Edel sei der
verbinden/Gemüter sich, die euer wür¬ Mensch, hilfreich und gut!“)
dig sind.“ Das Zitat kann in gehobener,
feierlicher Ausdrucksweise die Leistung Ehre, wem Ehre gebührt!
eines Menschen hervorheben, dem es
Die Redensart stammt aus dem Neuen
gelingt, herausragende Persönlichkeiten
Testament. Der Apostel Paulus fordert
im Dienst an einer gemeinsamen Sache
in seinem Brief an die Römer (13,7) Ge¬
zu vereinen.
horsam gegenüber der Obrigkeit: „So
gebet nun jedermann, was ihr schuldig
Eher geht ein Kamel durch ein seid: Schoß (veraltet für: Steuer, Abga¬
Nadelöhr be), dem der Schoß gebührt; Zoll, dem
Die Redensart im Sinne von „es ist so der Zoll gebührt; Furcht, dem die
gut wie unmöglich“ geht auf eine Stelle Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre ge¬
im Neuen Testament (Matthäus 19,24) bührt.“ - Das leicht abgewandelte Zitat
zurück, wo Jesus zu seinen Jüngern sagt: dient im heutigen Sprachgebrauch dazu,
„Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein besondere Anerkennung und Hochach¬
Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher tung auszudrücken. Oft reagiert man da¬
ins Reich Gottes komme.“ Die Bedeu¬ mit auch auf das aus zu großer Beschei¬
tung von Nadelöhr im Zitat selbst ist un¬ denheit erfolgte Zurückweisen einer Eh¬
klar. Entweder könnte damit ein kleines rung und betont damit, daß gerade die
Tor in der alten Jerusalemer Stadtmauer angesprochene Person diese Ehrung in
gemeint sein, oder es könnte eine Ver¬ besonderem Maße verdient hat.
wechslung der Wörter für „Kamel“ und
„Schiffstau“ im Aramäischen vorliegen, Ehret die Frauen! Sie flechten und
wo die entsprechenden Wörter sehr weben himmlische Rosen ins irdi¬
ähnlich sind. sche Leben
Das Zitat besteht aus den ersten beiden
Eherne Stirn Zeilen von Schillers Preisgedicht auf die
In gehobenem übertragenem Sprachge¬ „Würde der Frauen“, in dessen jeweils
brauch sagt man „etwas mit eherner durch daktylisches und trochäisches
(oder: eiserner) Stirn behaupten“ und Versmaß unterschiedenen Strophen ab¬
meint damit soviel wie „etwas unbeirr¬ wechselnd die verschiedene Wesensart
bar, in herausfordernder Weise behaup¬ von Frau und Mann charakterisiert
ten“. Bereits im Alten Testament ist wird. August Wilhelm Schlegel (1767 bis
beim Propheten Jesaja (48,4) von „eher¬ 1845) fühlte sich zu einer Parodie auf
ner Stirn“ im Zusammenhang mit der Schillers Gedicht herausgefordert, de¬
Halsstarrigkeit des Volkes Israel die Re¬ ren Anfang lautet: „Ehret die Frauen!
de: „Denn ich weiß, daß du hart bist, Sie stricken die Strümpfe/Wollig und

129
Ehrfurcht Teil I

warm, zu durchwaten die Sümpfe sen Geistesblitz zuschrieb (eine ähnli¬


Wer das Zitat heute gebraucht, muß che Geschichte erzählt der Kunsthisto¬
darauf gefaßt sein, daß man ihm ein an¬ riker Giorgio Vasari schon 1550 über
tiquiertes Verständnis von der Rolle der den Architekten Filippo Brunelleschi,
Geschlechter zum Vorwurf macht. der ein Menschenalter vor Kolumbus
lebte), aber durch die Verbindung mit
Ehrfurcht vor dem Leben seinem Namen ist die Anekdote bis heu¬
Der Ausdruck geht auf den Missions¬ te bekannt und „das Ei des Kolumbus“
arzt Albert Schweitzer (1875-1965) zu¬ zur festen Fügung geworden.
rück. Über die Entstehung schreibt
Schweitzer in seiner Autobiographie t Wenn ich um jedes Ei so kakelte
„Aus meinem Leben und Denken“:
Eifersucht ist eine Leidenschaft,
„... als wir bei Sonnenuntergang durch
eine Herde Nilpferde hindurchfuhren, die mit Eifer sucht, was Leiden
stand urplötzlich ... das Wort,Ehrfurcht schafft
vor dem Leben1 vor mir.“ Das Zitat Der spanische Dichter Miguel de Cer¬
kann als eine Art oberster Grundsatz vantes Saavedras (1547-1616) verfaßte
einer humanistischen Weltanschauung neben seinem weltbekannten Roman
angesehen werden, als Ausdruck einer „Don Quijote“ auch verschiedene dra¬
umfassenden Achtung von Mensch und matische Werke, darunter neun soge¬
Natur. nannte „Zwischenspiele“, kurze unter¬
haltsame Stücke, die zwischen die Akte
Ehrlicher Makler eines Dramas eingeschoben werden
Der Ausdruck im Sinne von „uneigen¬ konnten. In der Übersetzung von Her¬
nütziger Vermittler“ geht wohl auf einen mann Kurz (1870/71) Finden sich im
Ausspruch des Reichskanzlers Otto von vierten Auftritt des Zwischenspiels „La
Bismarck (1815-1898) zurück, der sich guarda cuydadosa“ („Der wachsame
am 19. 2. 1878 auf dem Berliner Kon¬ Posten“) die auf einen verliebten Solda¬
greß selbst so bezeichnete, wo er zwi¬ ten bezogenen Worte: „O Eifersucht,
schen Rußland einerseits und England Eifersucht, du Leidenschaft, die mit
und Österreich-Ungarn andererseits Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Das
vermittelte, um den Balkankonflikt zu Originalzitat O zelos, zelos! Quan mejor
schlichten: „... ich denke sie (= die Mis¬ os llamaran duelos, duelos! bedeutet
sion der Vermittlung des Friedens) mir eigentlich: „O Eifersüchte, Eifersüchte!
bescheidener, ja ... mehr die eines ehrli¬ Wieviel besser nennt man euch Leiden,
chen Maklers, der das Geschäft wirklich Leiden!“
zustande bringen will.“
Eigen Fleisch und Blut
Ei des Kolumbus Der Ausdruck, der heute soviel bedeutet
Der Ausdruck im Sinne von „überra¬ wie „die eigenen Kinder“, findet sich im
schend einfache Lösung“ geht auf eine weiteren Sinne von „Blutsverwandter“
Anekdote in Girolamo Benzonis „Hi- bereits im Alten Testament (1. Moses
storia del mondo nuovo“ aus dem Jahr 37,27). Hier entscheidet sich das
1565 zurück. Danach habe sich Kolum¬ Schicksal des jungen Joseph, den seine
bus bei einem Gastmahl auf eine Be¬ Brüder in eine Grube geworfen haben.
merkung von der angeblich gar nicht so Juda schlägt den anderen vor: „Kommt,
schwierigen Entdeckung Amerikas hin laßt uns ihn den Ismaeliten verkaufen,
ein Ei bringen lassen und dann alle An¬ daß sich unsere Hände nicht an ihm ver¬
wesenden aufgefordert, das Ei auf die greifen; denn er ist unser Bruder, unser
Spitze zu stellen. Niemand konnte das, Fleisch und Blut.“ Die Formulierung
nur Kolumbus brachte das Kunststück betont die Bedeutsamkeit der nahen
zuwege, und zwar dadurch, daß er die verwandtschaftlichen Beziehung mit ei¬
Spitze des Eis eindrückte. Kolumbus ner gewissen Emphase. Man verwendet
war zwar nicht der erste, dem man die¬ sie heute vor allem, wenn von einer Ge-

130
Teil I eine

fährdung dieser Beziehung die Rede ist Eilende Wolken, Segler der Lüfte!
oder von einem Verstoß gegen die „Hei¬
Der Vers wird meist zusammen mit dem
ligkeit“ der Familienbande.
folgenden zitiert: „Wer mit euch wan-
derte, mit euch schiffte!“ und drückt ein
unbestimmtes, oft durch den Anblick
Das eigentliche Studium der
der am Himmel ziehenden Wolken aus¬
Menschheit ist der Mensch
gelöstes Fernweh aus. In Schillers Dra¬
Die Formulierung dieser Erkenntnis ma „Maria Stuart“ (II1,1) gibt die Titel¬
legt Goethe in dem Roman „Die Wahl¬ heldin auf diese Weise ihrer Sehnsucht
verwandtschaften“ der Gestalt der Otti¬ nach Freiheit Ausdruck. Die freien Wol¬
lie in den Mund (2. Teil, VII): „Dem ken sind für sie die einzigen Gesandten,
einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit denen sie Grüße an ihr „Jugendland“
dem zu beschäftigen, was ihn anzieht; Frankreich auftragen kann.
aber ... das eigentliche Studium der
Menschheit ist der Mensch.“ Das be¬ Der eine fragt: Was kommt da¬
deutet, daß dem Menschen keine Mög¬
nach? Der andere fragt nur: Ist es
lichkeit der Erkenntnis über sich hinaus
recht?
gegeben ist, daß diese Erkenntnismög¬
lichkeit aber zugleich seine Aufgabe So beginnt ein Vierzeiler Theodor
und für ihn von größtem Interesse ist, Storms (1817-1888), der dann fortge¬
wie es schon in dem Roman „Wilhelm führt wird: „Und also unterscheidet
Meisters Lehrjahre“ (11,4) heißt: „Der sich/Der Freie von dem Knecht.“ Nach
Mensch ist dem Menschen das Interes¬ dem Ende des 1. Deutsch-Dänischen
santeste und sollte ihn vielleicht allein Krieges war Storms Heimatstadt Hu¬
interessieren.“ - Das Zitat findet sich sum am 1. 8. 1850 von den Dänen be¬
schon in Alexander Popes (1688-1744) setzt worden, die dort ein strenges Regi¬
Lehrgedicht „An Essay on Man“: The ment führten. Storm leistete den däni¬
proper study of mankind is man und da¬ schen Behörden Widerstand, so daß
vor in der Vorrede zum „Traite de la sa¬ ihm seine Bestallung als Rechtsanwalt
gesse“ des französischen Philosophen schließlich entzogen wurde. Auch heute
und Theologen Pierre Charron (1541 bis noch widmen wir diese Verse gerne je¬
1603): La vraie Science et le vrai etude de mandem, der nicht unterwürfig am
l’homme c’est l’homme - „Die wahre Buchstaben von Vorschriften klebt, für
Wissenschaft und das wahre Studium den die Folgen seines Handelns, soweit
des Menschen ist der Mensch.“ Das Zi¬ er sie als mündiges Mitglied eines Ge¬
tat läßt sich heute als Mahnung gegen¬ meinwesens einschätzen kann, viel
über einer Wissenschaft verwenden, die wichtiger sind als die Anpassung an die
in ihrem Forschungsdrang die Bedürf¬ herrschenden Verhältnisse.
nisse und Nöte des Menschen zu sehr
aus den Augen verliert. Das eine tun und das andere nicht
lassen
Die beiden Verben „tun“ und „lassen“
Eigentum ist Diebstahl werden in den verschiedensten Wen¬
Die These, die als radikalsozialistischer dungen in Opposition zueinander ge¬
Slogan auch heute noch verwendet setzt: „tun, was man nicht lassen kann;
wird, findet sich in der Abhandlung tun und lassen können, was man will;
„Qu’est-ce que la propriete?“ („Was ist jemandes Tun und Lassen“. Hierher ge¬
Eigentum?“) des französischen Früh¬ hört auch die Wendung: „das eine tun
sozialisten und Schriftstellers Pierre und das andere nicht lassen“ mit der Be¬
Joseph Proudhon (1809-1865). Damit deutung „beides tun (weil man beides
griff er die bestehende Eigentumsord¬ für gleichermaßen wichtig hält)“. Diese
nung an, wobei er nicht das Prinzip des Wendung läßt sich auf einen Vers des
Privateigentums, sondern dessen unglei¬ Matthäusevangeliums (23,23) zurück¬
che und ungerechte Verteilung meinte. führen. Er lautet: Weh euch, Schriftge-

131
einem Teil I

lehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die Einer kam durch


ihr verzehntet die Minze, Dill und Küm¬ Dies ist der deutsche Titel des britischen
mel und lasset dahinten das Schwerste Kriegsfilms The one that got away von
im Gesetz, nämlich das Gericht, die Roy Baker aus dem Jahr 1957, worin ein
Barmherzigkeit und den Glauben! Dies deutscher Fliegeroffizier (gespielt von
sollte man tun und jenes nicht lassen.“ Hardy Krüger) im Zweiten Weltkrieg in
britische Kriegsgefangenschaft gerät
Einem ist sie die hohe, die himmli¬
und aus verschiedenen Lagern flieht.
sche Göttin, dem andern eine tüch¬ Der Titel wird scherzhaft zitiert, wenn
tige Kuh, die ihn mit Butter ver¬ aus einer Gruppe letztlich nur einer
sorgt übrigbleibt, der das gesteckte Ziel er¬
In dem von Schiller herausgegebenen reicht, oder wenn man mit dem letzten
„Musenalmanach für das Jahr 1797“ Spielstein ein Brettspiel gewinnt.
finden sich unter den „Xenien“ (das
sind zweizeilige, oft satirische Sinnge¬
dichte aus einem Hexameter und einem Einer trage des anderen Last
Pentameter) diese Zeilen mit dem Titel Diese Aufforderung steht im Brief des
„Wissenschaft“. Sie beschreiben den Apostels Paulus an die Galater (6,2), in
Unterschied zwischen einer um ihrer dem der Apostel zu Sanftmut und Hilfs¬
selbst willen mit hohem Anspruch be¬ bereitschaft ermahnt. Zur Begründung
triebenen Wissenschaft und einer nur sagt Paulus im folgenden: „ ...,so werdet
am materiellen Nutzen orientierten ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Das Zi¬
„Brotwissenschaft“. Als Zitat könnten tat kann z. B. als Motto eines Spenden¬
sie zum Beispiel in der Diskussion um aufrufs verwendet werden; gelegentlich
den gesellschaftlichen Stellenwert der kommentiert man damit scherzhaft-iro¬
Wissenschaft, etwa im Hinblick auf nisch jemandes Versuch, seine Aufga¬
deren staatliche Förderung, auch heute ben auf andere abzuwälzen.
gelegentlich verwendet werden.

Einer für alle Einer wie der andere


Das Zitat, eigentlich „einer für viele“ Die heute meist als negative Feststellun¬
(lateinisch: unuspro multis) geht auf das gen gebräuchlichen Formulierungen
5. Buch der „Äneis“ des römischen wie „Da ist einer wie der andere“ (im
Dichters Vergil (70-19 v. Chr.) zurück. - Sinne von „Sie taugen alle nichts“) ge¬
Venus hat für Äneas, den Helden des hen auf ein Bibelzitat zurück. Im 1. Ko¬
Epos, bei Neptun Hilfe erbeten für eine rintherbrief 3,6-8 sagt Paulus von sich
glückliche Überfahrt übers Meer. Nep¬ und dem urchristlichen Missionar Apol¬
tun verspricht, Äneas werde sicher den los : „Ich habe gepflanzt, Apollos hat be¬
Hafen erreichen, einer seiner Gefährten gossen; aber Gott hat das Gedeihen ge¬
aber werde den Tod finden: Unum pro geben. So ist nun, weder der da pflanzt
multis dabitur caput („Ein Haupt wird noch der da begießt, etwas, sondern
für viele geopfert werden“). Als Zitat Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber
steht „einer für alle“ als Ausdruck der pflanzt und der da begießt, ist einer wie
Stellvertretung, des Einstehens für an¬ der andere.“
dere in einer Gemeinschaft. Auch erwei¬
tert um die Umkehrung „alle für einen“
findet man es als Wahlspruch, der die Einer zuviel an Bord
Zusammengehörigkeit und das Fürein- Dies ist der Titel eines Kriminalromans
ander-Einstehen in einer Gruppe em¬ von Fred Andreas (geboren 1898, To¬
phatisch zum Ausdruck bringt; so z.B. desdatum unbekannt), in dem es um den
als Motto der „Drei Musketiere“ in dem nach einem Sturm verschwundenen Ka¬
bekannten Roman von Alexandre Du¬ pitän eines Frachtschiffes geht. Das
mas d.Ä. (im französischen Original: Buch wurde 1935 mit Rene Deltgen und
Tous pour un, un pour tous). Willy Birgel verfilmt. Meist im Scherz

132
Teil I
eins

wird dieser Titel noch zitiert, wenn man Wir benutzen ihn zur scherzhaft-spötti¬
beispielsweise jemandem zu verstehen schen Bezeichnung eines Menschen, der
geben will, daß er überflüssig ist, daß er seinen Gesundheitszustand fortwäh¬
augenblicklich stört. rend ängstlich beobachtet und schon ge¬
ringfügige Beschwerden als ernste
Eines schickt sich nicht für alle! Krankheitssymptome deutet.
Die Redensart ist der Schlußstrophe
von Goethes Gedicht „Beherzigung“ Einigkeit und Recht und Freiheit
entnommen, die gelegentlich in Poesie¬
Der Sorge über die Zersplitterung
alben zitiert wird: „Eines schickt sich
Deutschlands in viele Kleinstaaten gab
nicht für alle!/Sehe jeder, wie er’s trei¬
der Germanist und Lyriker August
be,/Sehe jeder, wo er bleibe,/Und wer
Heinrich Hoffmann von Fallersleben
steht, daß er nicht falle.“ Die erste Zeile
(1798-1874) in seinem am 26. 8. 1841
könnte auf Marcus Tullius Ciceros
auf Helgoland verfaßten Gedicht „Das
(106-43 v. Chr.) Rede „Pro Roscio
Lied der Deutschen“ Ausdruck. Der zi¬
Amerino“ (42,122) zurückgehen, in der
tierte Vers ist der Anfang der 3. Strophe,
er sagt: Non in omnes arbitror omnia con-
er wird dann noch einmal wiederholt.
venire („Ich finde nicht, daß sich alles
Seit 1952 wird in der Bundesrepublik
für alle schickt“). Der letzten Zeile liegt
Deutschland diese 3. Strophe als offi¬
ein Bibelzitat zugrunde. Im 1. Brief an
zielle Hymne gesungen. Vergleiche dazu
die Korinther (10,12) schreibt Paulus
auch „Deutschland, Deutschland über
die warnenden Worte: „Darum, wer
alles“.
sich läßt dünken, er stehe, mag wohl Zu¬
sehen, daß er nicht falle.“ - Heute wird
Eins ist not, ach Herr, dies eine
„Eines schickt sich nicht für alle“ noch
gebraucht, wenn man unterschiedliche Im 10. Kapitel des Lukasevangeliums
Verhaltensweisen von Menschen apo¬ wird erzählt, daß Jesus bei Martha zu
strophiert, die nicht alle nach demsel¬ Gast ist. Diese beschwert sich, daß sie
ben Schema zu beurteilen sind. alle Arbeit alleine machen müsse, wäh¬
rend ihre Schwester Maria nur dasitze
Einesteils der Eier wegen und ihm zuhöre. Jesus weist sie mit den
Das Zitat stammt aus Wilhelm Büschs Worten zurecht: „Martha, Martha, du
(1832-1908) „Max und Moritz. Eine hast viel Sorge und Mühe; eins aber ist
Bubengeschichte in sieben Streichen.“ not. Maria hat das gute Teil erwählt“
Die Zeile steht zu Beginn des „Ersten (Lukas 10,41-42). Nach dieser Bibel¬
Streichs“ in folgendem Kontext: „Man¬ stelle dichtete Johann Heinrich Schrö¬
der (1666-1699) den Text zu einem Kir¬
cher gibt sich viele Müh’/Mit dem lie¬
chenlied, der beginnt: „Eins ist not, ach
ben Federvieh ;/Einesteils der Eier we¬
Herr, dies eine,/lehre mich erkennen
gen, /Welche diese Vögel legen“, woran
dich!“ Der erste Vers des Liedes wird
anschließend weitere Gründe für die
manchmal zitiert, wenn man scherzhaft
Hühnerhaltung folgen. Als scherzhaft
andeuten will, daß etwas Bestimmtes
ausweichende Antwort auf die Frage,
unbedingt getan werden muß oder eine
warum man etwas tut oder wünscht, ist
bestimmte Sache dringend benötigt
das Zitat gebräuchlich geworden. Man
wird. Im gleichen Sinne wird auch der
deutet damit zum einen an, daß es eine
Anfang des Evangeliumverses („Eins
ganze Reihe von guten Gründen gibt,
aber ist not“) verwendet.
und zum andern, daß diese Gründe et¬
was mit einem materiellen Nutzen zu
tun haben. Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt
läuft die Zeit; wir laufen mit
Der eingebildete Kranke Das muß Tobias Knopp im letzten Teil
So lautet der deutsche Titel der Komö¬ der Knopp-Trilogie von Wilhelm Busch
die Le malade imaginaire des französi¬ (1832-1908) feststellen, wenn er seine
schen Dichters Moliere (1622-1673). Tochter Julchen betrachtet, die - eben

133
einsam Teil I

noch ein wohlgenährter Säugling - zum dem Versanfang angedeutet, daß der
pausbackigen Kleinkind herangewach¬ Zeitpunkt kommen wird, an dem etwas
sen ist. Mit diesem Zitat deutet man an, Entscheidendes geschieht.
wie schnell die Zeit vergeht und wie
rasch wir uns verändern. Ein einz’ger Augenblick kann alles
umgestalten
Einsam bin ich, nicht alleine
Diese Erfahrung hat Christoph Martin
Die Verszeile stammt aus dem Drama
Wieland (1733-1813) in seinem roman¬
„Preciosa“, das Pius Alexander Wolff tischen Epos „Oberon“ im 7. Gesang,
(1782-1828) nach der Novelle „Das Zi¬
Stanze 75 (der Fassung von 1784 in 12
geunermädchen von Madrid“ von Cer¬
Gesängen) sentenzhaft formuliert. Die
vantes verfaßte und zu dem Carl Maria
mit ihrem Geliebten Hüon auf eine ein¬
von Weber die Musik schrieb. Als Zitat
same Insel verschlagene Rezia - Aman¬
bekundet es eine positive Einstellung
da, wie sie nach ihrer Taufe heißt -
zur Einsamkeit, die nicht Verlassenheit
wehrt mit diesem Ausspruch Hüons
und Unglücklichsein bedeuten muß. -
Klagen über ihr Elend ab, weil sie nicht
Den gleichen Gedanken findet man in
an die Sinnlosigkeit alles bisher Ertrage¬
dem Lied des Harfenspielers in Goethes
nen glauben kann. Man zitiert die Zeile
„Wilhelm Meister“. Dort heißt es: „Und
heute sowohl als Ausdruck der Hoff¬
kann ich nur einmal/Recht einsam
nung in schwieriger Lage als auch als
sein,/Dann bin ich nicht allein.“
Warnung in einer zwar günstigen, aber
noch nicht gesicherten Situation.
T Freiheit ist Einsicht in die Not¬
wendigkeit
t Vom Eise befreit sind Strom und
Einst haben die Kerls auf den Bäu¬ Bäche
men gehockt
Mit den Zeilen „Einst haben die Kerls Die t höchste Eisenbahn
auf den Bäumen gehockt,/behaart und
mit böser Visage“ beginnt das Gedicht Der Eiserne Vorhang
„Die Entwicklung der Menschheit“ von
Mit diesem Ausdruck bezeichnete man
Erich Kästner (1899-1974). Es spielt
nach dem Ende des 2. Weltkriegs aus
auf die stammesgeschichtliche Ver¬
westlicher Sicht die Grenze zu den am
wandtschaft des Menschen mit dem
politischen und wirtschaftlichen System
Affen an und wird bei einer eher skep¬
der Sowjetunion orientierten osteuro¬
tischen Betrachtung der menschlichen
päischen Staaten, - eine Grenze, die die
Entwicklung zitiert.
Einblicknahme in die östlichen Verhält¬
nisse verhinderte. Es handelt sich dabei
Einst wird kommen der Tag um die bildliche Verwendung der Be¬
An zwei verschiedenen Stellen der zeichnung für den feuersicheren Ab¬
„Ilias“, dem Epos des altgriechischen schluß der Theaterbühne gegen den Zu¬
Dichters Homer (wohl 8.Jh. v. Chr.) schauerraum, der „eiserner Vorhang“
über die 51 entscheidenden Tage des genannt wird (wohl eine Lehnüberset¬
Trojanischen Krieges, finden wir die zung des englischen iron curtain). Durch
Verse: „Einst wird kommen der Tag, da die Reden des britischen Politikers Win-
die heilige Ilios (= Troja) hin¬ ston Churchill in den Jahren 1945 und
sinkt,/Priamos selbst und das Volk des 1946 fand der Ausdruck bald weite Ver¬
lanzenkundigen Königs!“ Einmal breitung.
spricht sie Agamemnon, der König von
Mykene, zu seinem Bruder Menelaos
T Mit eisernem Zepter
(IV, 164f.), das zweite Mal kommen sie
aus dem Munde des trojanischen Hel¬
den Hektor (VI, 448 f.). Heute wird mit t Wie eiskalt ist dies Händchen

134
Teil I Endstation

t Denn die Elemente hassen das Praktiken staatlicher Institutionen dar¬


Gebild von Menschenhand stellt. Er wird gewöhnlich zitiert, wenn
man das - oftmals unerwartete - Ende
Elfenbeinturm einer Entwicklung, den Abbruch eines
Vorhabens kommentieren will.
Dieser Ausdruck für die selbstgewählte
Isolation - besonders eines Künstlers
Ein Ende mit Schrecken
oder Wissenschaftlers, der in seiner ei¬
genen Welt lebt, ohne sich um Gesell¬ Von den „Gottlosen“ wird im Alten Te¬
schaft und Tagesprobleme zu küm¬ stament in Psalm 73,19 gesagt: „Wie
mern - ist eine Lehnübersetzung des werden sie so plötzlich zunichte! Sie ge¬
französischen tour d’ivoire. Er geht auf hen unter und nehmen ein Ende mit
den französischen Literaturkritiker und Schrecken.“ Auch heute noch bezeich¬
Schriftsteller Charles-Auguste Sainte- nen wir einen schrecklichen, schlimmen
Beuve (1804-1869) zurück. Sainte- Ausgang, den etwas nimmt, mit diesen
Beuve schrieb über den französischen Worten. Sie finden sich ebenfalls in der
romantischen Dichter Alfred de Vigny Redensart „Lieber ein Ende mit Schrek-
(1797-1863) in einem in Verse gefaßten ken als ein Schrecken ohne Ende“ (sie¬
Brief, dieser habe sich noch vor dem Er¬ he auch diesen Artikel).
reichen seines schöpferischen Höhe¬
punkts gleichsam in seinen Elfenbein¬
... t und kein Ende
turm zurückgezogen (französisch ... et
Endlich naht sich die Stunde
Vigny .../Comme en sa tour d’ivoire ... se
rentrait). Der Vergleich enthält eine An¬ Dies sind die Anfangsworte der bekann¬
spielung auf das Hohelied Salomos im ten Arie der Susanna im 4. Akt von Mo¬
Alten Testament, wo es über die Gelieb¬ zarts Oper „Figaros Hochzeit“ (urauf-
te heißt (7,5): „Dein Hals ist wie ein geführt am 1. 5. 1786 in Wien). Susanna
elfenbeinerner Turm.“ ist glücklich, denn der ehelichen Verei¬
nigung mit dem geliebten Figaro scheint
Elysium nun nichts mehr im Wege zu stehen.
Zitiert werden diese Worte heute als
t Gefilde der Seligen
Ausdruck der Freude darüber, daß nach
einer langen Zeit des Wartens ein er¬
Das Ende der Neuzeit
sehntes Ereignis eintritt, daß endlich der
So hat der deutsche Theologe und Reli¬ herbeigewünschte Zeitpunkt gekommen
gionsphilosoph italienischer Herkunft ist.
Romano Guardini (1885-1968) sein
1950 erschienenes Buch überschrieben. Endstation Sehnsucht
Der Titel nimmt Bezug auf das Ende des So lautet der deutsche Titel eines 1947
2. Weltkriegs und die nachfolgende hi¬ uraufgeführten Schauspiels des ameri¬
storisch-politische Entwicklung. Gele¬ kanischen Dramatikers Tennessee Wil¬
gentlich wird er heute noch zitiert, um liams (1911-1983). Der englische Titel
auszudrücken, daß 1945 die sich dem ist A Streetcar Named Desire („Eine
Mittelalter anschließende geschichtli¬ Straßenbahn namens Sehnsucht“). Das
che Epoche der Neuzeit zu Ende gegan¬ Stück über eine Frau, die an ihrer
gen ist und ein neuer Zeitabschnitt be¬ Schuld am Selbstmord ihres Mannes
ginnt, der von der Polarität zwischen und an der Unbarmherzigkeit ihrer Mit¬
Ost und West und dem Emanzipations¬ menschen zerbricht, wurde 1951 von
streben der Völker Afrikas, Asiens und Elia Kazan mit Vivien Leigh und Mar¬
Südamerikas geprägt wird. lon Brando verfilmt. Mit dem Zitat wird
scherzhaft-ironisch kommentiert, daß
Ende einer Dienstfahrt jemand das Ziel seiner Wünsche nicht
Dies ist der Titel einer 1966 erschiene¬ erreicht hat und am Ende aller Bemü¬
nen Erzählung von Heinrich Böll, die hungen nur ein - nicht zu stillendes -
eine ironisch verkleidete Kritik an den schmerzliches Verlangen übrigbleibt.

135
Engelszungen Teil I

t Mit Engelszungen nal heißt es: He thinks too much. Such


men are dangerous; 1,2). Ein solches Ur¬
Entbehren sollst du, sollst entbeh¬ teil hört man auch heute noch häufig
ren! über Leute, die sich ihre eigenen Gedan¬
ken machen und nicht autoritätsgläubig
Mit bitteren Worten läßt Goethe seinen
sind. Scherzhaft wird das Zitat gelegent¬
Faust im ersten Teil des Dramas der Er¬
lich auch auf jemanden bezogen, der zu
kenntnis Ausdruck geben, daß jedes
viel grübelt und hinter allem einen tiefe¬
befriedigte Bedürfnis neue Wünsche
ren Sinn sucht.
weckt. Faust glaubt auch nicht, daß das
Leben überhaupt in irgendeiner Form
seinem Sehnen und Wünschen eine Be¬ Er, der herrlichste von allen
friedigung zu gewähren vermag. „Was Mit dieser Zeile beginnt das zweite Ge¬
kann die Welt mir wohl gewähren?“ dicht aus dem Liederkreis „Frauenliebe
fragt er zu Beginn der 2. Studierzimmer¬ und -leben“ von Adelbert von Chamisso
szene. Resignierend gibt er selbst die (1781-1838). Der Zyklus, lyrischer Aus¬
Antwort: „Entbehren sollst du! Sollst druck einer hingebungsvollen Liebe aus
entbehren!“ Man zitiert diesen Ausruf, der Sicht einer Frau, wurde besonders
wenn man jemandem (mit einem gewis¬ durch die Vertonung von Robert Schu¬
sen Pathos) sagen will, daß der Sinn des mann bekannt. Das Zitat aus dem zwei¬
Lebens nicht darin liegen kann, alles zu ten Gedicht wird zur Charakterisierung
erlangen, was man glaubt, unbedingt eines Mannes heute wohl nur noch iro¬
haben zu müssen. nisch oder scherzhaft gebraucht.

Enthaltsamkeit ist das Vergnügen


an Sachen, welche wir nicht krie¬ Er lebte, nahm ein Weib und starb
gen Dieser oft zitierte Spruch ist die letzte
Diese Erkenntnis legt Wilhelm Busch Zeile des Gedichts „Der Greis“ von
(1832-1908) einem Weisen in seinem Christian Fürchtegott Geliert (1715 bis
Gedicht „Der Flaarbeutel“ in den 1769), dem volkstümlichsten Dichter
Mund. Mit hintergründigem Humor der Aufklärung. In dem Gedicht besingt
wird hier die Lebenserfahrung formu¬ Geliert fünf Strophen lang einen Greis,
liert, daß uns oft nur übrigbleibt, so zu von dem es im Grunde nichts Nennens¬
tun, als wollten wir etwas Begehrens¬ wertes zu berichten gibt, und er beendet
wertes gar nicht haben. Wir müßten ja den Lobgesang mit den scherzhaft-iro¬
sonst zugeben, daß wir überhaupt nicht nischen Zeilen: „Hört, Zeiten, hört’s! Er
in der Lage sind, es in unseren Besitz zu ward geboren,/Er lebte, nahm ein Weib
bringen. und starb.“

T Da steh’ ich, ein entlaubter Er nennt’s Vernunft und braucht’s


Stamm! allein, nur tierischer als jedes Tier
zu sein
Eine Tgroße Epoche hat das Jahr¬
Das vernichtende Urteil über das, was
hundert geboren; aber der große
die Menschen im Namen der Vernunft
Moment findet ein kleines Ge¬
anrichten, äußert Mephisto gegenüber
schlecht
Gott in Goethes Faust I (Prolog im
Himmel). Mephisto meint sogar: „Ein
Er denkt zuviel: die Leute sind ge¬
wenig besser würd’ er leben,/Hätt’st du
fährlich ihm nicht den Schein des Himmelslichts
Zu Recht äußert Julius Cäsar in Shake¬ gegeben.“ Das Zitat wird auch heute
speares gleichnamiger Tragödie (ver¬ noch gelegentlich verwendet, um mit
mutlich 1599 entstanden) so sein Mi߬ scheinbar rationalen Begründungen
trauen gegenüber Cassius, einem seiner verbrämte Grausamkeiten anzupran¬
späteren Mörder (im englischen Origi¬ gern.

136
Teil I Erde

Er soll dein Herr sein berichtet, wird die Situation des Famili¬
Mit diesem Bibelwort aus der Geschich¬ envaters geschildert, der bei allen Verlu¬
te der Verfluchung des ersten Men¬ sten, die er erlitten hat, beglückt fest¬
schenpaares nach dem Sündenfall stellt, daß keines der Familienmitglieder
(1. Moses 3,16), das etwas über das Ver¬ zu Schaden gekommen ist. Die Stelle
hältnis von Mann und Frau aussagt, ist lautet: „Ein süßer Trost ist ihm geblie¬
immer wieder gegen eine gleichberech¬ ben :/Er zählt die Häupter seiner Lie¬
tigte Stellung der Frauen argumentiert ben, /Und sieh! Ihm fehlt kein teures
worden. Es wird heute aber wohl eher Haupt.“ Heute wird die Zeile meist in
scherzhaft zum Thema Gleichberechti¬ weniger ernsten Zusammenhängen zi¬
gung von Mann und Frau zitiert. tiert, etwa wenn jemand überprüft, ob
eine Gruppe vollzählig ist o.ä. Scherz¬
Er war ein Mann, wir werden nim¬ haft übertragen gebraucht wird das Zi¬
tat auch bei der Überprüfung des In¬
mer seinesgleichen sehen
halts einer Geldbörse, wobei damit an¬
Dieses Zitat stammt aus Shakespeares gedeutet werden soll, daß diese nicht
Drama „Hamlet“ (1,2). Hamlet spricht sonderlich gut bestückt ist. Eine scherz¬
zu seinem Freund Horatio voller Hoch¬ hafte Abwandlung des Zitats lautet: „Er
achtung über seinen ermordeten Vater zählt die Häupter seiner Lieben, und
und charakterisiert ihn mit den Worten: sieh! Es waren acht statt sieben.“
„Er war ein Mann; nehmt alles nur in
allem ;/Ich werde nimmer seinesglei¬
Es erben sich Gesetz’ und Rechte
chen sehn.“ Im englischen Original: He
wie eine ew’ge Krankheit fort
was a man, take him for all in alljl shall
not look upon his like again. Mit dem ver¬ Mit diesen Worten kommentiert in Goe¬
kürzten Zitat bekundet man seine be¬ thes Faust (Teil I, Studierzimmer) der
sondere Anerkennung oder Bewunde¬ als Faust verkleidete Mephisto auf seine
rung gegenüber einem Verstorbenen. Weise das Thema Rechtsgelehrsamkeit,
Die zweite Hälfte der ersten Zeile nachdem der eifrig beflissene Schüler
(„Nehmt alles nur in allem“) wird unab¬ Wagner geäußert hatte, daß er zu dieser
hängig vom Textzusammenhang zitiert, Fakultät sich „nicht bequemen“ könne.
um ein - meist positives - Urteil einzu¬ Die im Zusammenhang mit juristischen
leiten, zu dem man nach sorgfältiger Fragen, der Juristerei als Lehrfach oder
Überlegung und nach Abwägung aller ausgeübter Tätigkeit gerne scherzhaft-
Fakten und Umstände gekommen ist. spöttisch zitierten Worte lauten im Zu¬
sammenhang: „Ich weiß, wie es um die¬
Er war von je ein Bösewicht se Lehre steht./Es erben sich Gesetz’
und Rechte/Wie eine ew’ge Krankheit
Die Aussage über den Bösewicht, die
fort;/Sie schleppen von Geschlecht sich
man wohl nur im Scherz noch auf je¬
zu Geschlechte/Und rücken sacht von
manden anwendet, lautet vollständig:
Ort zu Ort./Vernunft wird Unsinn,
„Er war von je ein Bösewicht;/Ihn traf
Wohltat Plage...“
des Himmels Strafgericht!“ Sie stammt
aus der Oper „Der Freischütz“ (III,6)
von Carl Maria von Weber (1786-1826) t Wieviel Erde braucht der
mit dem Text von Johann Friedrich Mensch?
Kind (1768-1843) und bezieht sich dort
auf den Jägerburschen Kaspar, dem Der Erde Gott, das Geld
sein Pakt mit dem Teufel letztlich zum Dieses Zitat stammt aus Schillers Ge¬
Verhängnis wird. dicht „An die Freunde“ (1802). In der
dritten Strophe heißt es, bezogen auf
Er zählt die Häupter seiner Lieben das rege Handels- und Geschäftsleben
Dies ist eine Zeile aus Schillers Gedicht in London: „Und es herrscht der Erde
„Das Lied von der Glocke“. In dem Ab¬ Gott, das Geld.“ Mit dem Zitat wird
schnitt, der von einer Brandkatastrophe heute kritisch zum Ausdruck gebracht,

137
Erde Teil I

daß das Geld im Leben oft eine zentrale, tGroße Ereignisse werfen ihre
allzu wichtige Rolle spielt. Schatten voraus

t Was du ererbt von deinen Vätern


Die Erde hat mich wieder
hast, erwirb es, um es zu besitzen
Mit Erleichterung oder auch nur im
Scherz haben sicher schon viele, die ge¬ Vor den Erfolg haben die Götter
rade ein Flugzeug verlassen haben oder den Schweiß gesetzt
von einem Schiff an Land gegangen
T Ohne Fleiß kein Preis
sind, dieses Zitat gebraucht. Aber auch
auf manchen, der sich aus irgendwel¬
Ergo bibamus!
chen Träumen oder Phantasien plötz¬
lich in die harte Realität zurückversetzt Durch ein Trinklied von Goethe mit
fühlte, wurde der Ausspruch schon an¬ dem Titel „Ergo bibamus!“, auf deutsch
gewendet. Er stammt aus Goethes Faust „Also laßt uns trinken!“, fand dieser
(Teil I, Nacht). Faust ist, nachdem er Trinkspruch, der schon im Mittelalter
vergebens das Zeichen des Makrokos¬ bekannt war, allgemeine Verbreitung. In
mos geschaut hat und vom Erdgeist zu¬ diesem Lied mit der Anfangszeile „Liier
rückgewiesen worden ist, in seinem Er¬ sind wir versammelt zu löblichem Tun“
kenntnisstreben an einem Punkt ange¬ wird der Spruch kehrreimartig mehr¬
langt, wo er verzweifelt zur Giftphiole fach wiederholt. Heute wird er wohl
greift. Am letzten Schritt wird er dann vorwiegend noch in studentischen Ver¬
durch den „Chor der Engel“ gehindert, bindungen gebraucht.
die den Ostermorgen ankündigen
(„Christ ist erstanden“), und am Ende TVom Erhabenen zum Lächerli¬
dieser Szene kann er schließlich ausru- chen ist nur ein Schritt
fen: „O tönet fort, ihr süßen Himmels¬
liederl/Die Träne quillt, die Erde hat Erhebe dich, du schwacher Geist
mich wieder!“ Diese ermunternde Aufforderung an ei¬
nen andern oder auch an sich selbst,
endlich aufzustehen, zu einem Ent¬
Die Erde sei dir leicht! schluß zu kommen, sich zu etwas aufzu¬
Dieser Ausspruch kommt als Grab¬ raffen o. ä., ist die scherzhafte Abwand¬
spruch in verschiedenen Varianten vor, lung der Anfangszeile eines geistlichen
zum Beispiel „Leicht sei dir die Erde!“ Liedes. Es handelt sich dabei um ein
oder „Möge dir die Erde leicht sein!“ In Weihnachtslied des evangelischen Pfar¬
der lateinischen Form lautet er: Sit terra rers und Dichters des Frühbarock Jo¬
tibi levis! Er ist seit der Antike auf Grab¬ hann Rist (1607-1667), das auch im
steinen zu lesen und geht zurück auf ei¬ „Evangelischen Kirchengesangbuch“
ne Stelle im 2. Elegienbuch des römi¬ (Nr. 24) enthalten ist. Das Lied beginnt
schen Dichters Tibull (um 50-um 70 mit den Worten: „Ermuntre dich, mein
v. Chr.). Bezogen auf ein Mädchen, des¬ schwacher Geist...“ Diese Anfangszeile
sen man nach seinem Tod noch lange in wird selbst auch noch in ähnlicher Wei¬
Verehrung gedenkt, heißt es dort: Terra se verwendet wie die später daraus ent¬
securae sit super ossa levis, auf deutsch: standene Abwandlung.
„Die Erde sei der Geborgenen über den
Gebeinen leicht.“ Die Erinnerung ist das einzige Pa¬
radies, aus dem wir nicht vertrie¬
t Denn du bist Erde und sollst zu ben werden können
Erde werden Dieser etwas wehmütig klingende Aus¬
spruch verklärt die Erinnerung und gibt
gleichzeitig den indirekten Hinweis auf
t Dieser Erdenkreis gewährt noch die Härte und Unausweichlichkeit der
Raum zu großen Taten Realität. Er stammt aus den „Impromp-

138
Teil I erlaubt

tus für Stammbücher“ von Jean Paul nes; er weiß nicht, daß der Schuldige,
(1763-1825). Die vollständige Sentenz Hugo von Oerindur, in Wahrheit sein
lautet im Original: „Die Erinnerung ist Sohn ist, verspürt aber dennoch einen
das einzige Paradies, aus welchem wir Widerstreit seiner Gefühle: „Und - er¬
nicht getrieben werden können. Sogar klärt mir, Oerindur,/Diesen Zwiespalt
die ersten Eltern waren nicht daraus zu der Natur!/Bald möchf im Blut sein Le¬
bringen.“ ben/Schwinden sehn, bald ihm verge¬
ben.“
Erisapfel
t Zankapfel Erlaubt ist, was gefällt
Dieser Ausspruch, meist mit leichter
Erkenne dich selbst Ironie oder als Ausdruck der Resignati¬
Im 6.Jh. v. Chr. gab es in Griechenland on gegenüber dem Zeitgeschmack zi¬
eine Reihe von Staatsmännern und Phi¬ tiert, stammt aus dem Schauspiel „Tor¬
losophen, die später (zum ersten Mal im quato Tasso“ (11,1) von Goethe. Mit
4. Jh. v. Chr. von Platon) als die „Sieben ihm korrespondiert ein zweiter, der den
ersten variiert, ihn einschränkt und
Weisen“ bezeichnet wurden. Einem die¬
ser Sieben Weisen (genannt werden u. a. meist auch als eine Art Antwort auf den
Chilon von Sparta, Solon von Athen, ersten zitiert wird. Er hat auch im Dra¬
ma, wo er in der gleichen Szene vor¬
Thaies von Milet) wird der Aufruf „Er¬
kommt, eine ähnliche Funktion. Er lau¬
kenne dich selbst“ (griechisch rvmdi
tet: „Erlaubt ist, was sich ziemt.“ In ei¬
aeavröv, lateinisch Nosce te ipsum) zu¬
nem längeren Dialog zwischen Tasso
geschrieben. Er stand als Inschrift über
und der Prinzessin Leonore von Este ge¬
dem Eingang des heute zerstörten Apol¬
rät Tasso ins Schwärmen von einer ver¬
lotempels in Delphi. Die Erkenntnis,
gangenen „goldenen Zeit“, wo Mensch
nur ein Mensch zu sein, sollte die Ehr¬
und Tier in einer Art paradiesischem
furcht vor der Gottheit steigern. Platon
Urzustand noch in uneingeschränkter
(etwa 428-347 v. Chr.) läßt später in sei¬
Freiheit leben und wirken konnten und
nem Dialog „Hipparchos“ Sokrates die¬
wo Jedes Tier, durch Berg und Täler
sen Sinnspruch zitieren. Er wird nun in
schweifend,/Zum Menschen sprach:
erweitertem Sinn verstanden. Selbster¬
Erlaubt ist, was gefällt.“ Die Prinzessin
kenntnis wird als Vorbedingung gese¬
holt den begeisterten Tasso mit dem
hen, als Ausgangspunkt aller mensch¬
Hinweis auf die für den Menschen not¬
lichen Weisheit.
wendige Gesittung auf den Boden der
Realität zurück: „Nur in dem Wahl¬
Erkläret mir, Graf Oerindur, die¬ spruch ändert sich, mein Freund,/Ein
sen Zwiespalt der Natur einzig Wort: Erlaubt ist, was sich
Diese gelegentlich noch als scherzhafte ziemt.“ Auf einen Einwand Tassos hin
Floskel verwendete Bitte um Aufklä¬ erläutert sie ihm schließlich auch, wer
rung eines widersprüchlichen Sachver¬ dabei das Maß setzt, wer die richtige
haltes geht auf eines der heute nicht Entscheidung fällt, wenn es um Sitte
mehr gespielten Schicksalsdramen des und Gesittung geht: „Willst du genau
Schriftstellers Adolf Müllner (1774 bis erfahren, was sich ziemt,/So frage nur
1829) zurück. Das Stück mit dem Titel bei edlen Frauen an.“ Auch dieser Aus¬
„Die Schuld“, das 1813 uraufgeführt spruch wurde zum geflügelten Wort, das
wurde und damals häufig auf den Spiel¬ heute allerdings wohl vorwiegend in
plänen der deutschen Theater stand, scherzhafter Weise zitiert wird und da¬
spielt an der Küste der skandinavischen bei als charakteristischer Hinweis auf
Halbinsel auf der Stammburg des Ge¬ die Stellung der Frau in der Goethezeit
schlechts der Grafen Oerindur. Das Zi¬ und die ihr zugedachte Rolle dienen
tat stammt aus der fünften Szene im kann. Die Prinzessin beendet ihre Aus¬
2. Akt des Dramas. Don Valeros sucht führung mit dem Satz: „Nach Freiheit
den Mörder seines vermeintlichen Soh¬ strebt der Mann, das Weib nach Sitte.“

139
erlaubt Teil I

Erlaubt ist, was sich ziemt unkluge.“ Die auch im englischen


Sprachraum üblich gewordene sprich¬
t Erlaubt ist, was gefällt
wörtliche Redensart (To err is human)
erfuhr im 18. Jh. eine Erweiterung. Der
Ermuntre dich, mein schwacher
englische Dichter der Aufklärung Alex¬
Geist ander Pope (1688-1744) prägte in sei¬
t Erhebe dich, du schwacher Geist nem „Essay on criticism“ („Versuch
über die Kritik“) die Sentenz: To err is
Ernst ist das Leben, heiter ist die human, to forgive divine, die auch im
Kunst Deutschen üblich wurde: „Irren ist
Dieser klassische Ausspruch über das menschlich, vergeben göttlich“.
Verhältnis von Leben (oder Wirklich¬
keit) und Kunst wird in Zusammenhän¬ Erreicht den Hof mit Müh und Not
gen zitiert, in denen von den Aufgaben Diese Gedichtzeile aus einer der be¬
der Kunst, ihrem die Wirklichkeit ästhe¬ kanntesten Balladen von Goethe, dem
tisch überhöhenden Charakter gespro¬ „Erlkönig“, wird heute meist als eine
chen wird. Der Spruch, der sicherlich Art scherzhafter Stoßseufzer von jeman¬
manchen Eingang zu Theatern und Mu¬ dem gebraucht, der gerade noch zur
seen ziert, stammt aus Schillers Trilogie rechten Zeit irgendwo eintrifft, der sein
„Wallenstein“. Mit ihm schließt der Ziel in letzter Minute noch erreicht o. ä.
Prolog zu „Wallensteins Lager“. Theo¬ Im Gedicht selbst wird mit dieser vor¬
dor W. Adorno hat sich in seiner letzten Zeile der dramatischen Schlu߬
„Ästhetischen Theorie“ (1970 postum strophe beim Leser die Hoffnung er¬
erschienen) kritisch auf das geflügelte weckt, daß der Vater nach dem unheim¬
Wort bezogen: „Der Bürger wünscht die lichen Ritt durch die Nacht sein Kind
Kunst üppig und das Leben asketisch; doch noch unbeschadet nach Hause ge¬
umgekehrt wäre es besser.“ bracht habe, bevor mit der Schlußzeile
die Hoffnung zunichte gemacht wird:
t So ernst mein Freund? Ich kenne „In seinen Armen das Kind war tot.“
dich nicht mehr (Vergleiche auch „Wer reitet so spät
durch Nacht und Wind“.)
Errare humanum est
Errötend folgt er ihren Spuren
Die heute übliche, knappe lateinische
Fassung dieser sprichwörtlichen Re¬ Diese immer wieder in meist scherzhaft¬
densart, die auch in der deutschen Form anzüglicher Weise zitierten Worte stam¬
„Irren ist menschlich“ gebraucht wird, men aus Schillers „Lied von der Glok-
ist in der Antike nicht belegt. Sie geht ke“. Sie gelten dort in dem Abschnitt
vermutlich auf den lateinischen Kir¬ des Gedichts, der Kindheit und Jugend
chenvater Hieronymus (um 347-419 beschreibt, dem herangewachsenen
oder 420) zurück. In einem seiner Briefe Jüngling und seiner ersten Liebe. -
(„Epistulae“ 57,12) heißt es: ... quia et Ebenso verhält es sich mit den kurz da¬
errasse humanum est et confiteri errorem nach folgenden Zeilen „O zarte Sehn¬
prudentis, auf deutsch: „... weil es so¬ sucht, süßes Hoffen,/Der ersten Liebe
wohl menschlich ist geirrt zu haben, als goldne Zeit“, die sowohl beide zusam¬
auch klug, den Irrtum einzugestehen.“ men als auch je einzeln in ähnlicher
Der Gedanke allerdings ist schon älter Weise scherzhaft zitiert werden. Zu der
und taucht bereits in der griechischen sich unmittelbar anschließenden Zeile
Literatur auf. Bei dem römischen „Das Auge sieht den Himmel offen“
Schriftsteller Cicero (116-43 v. Chr.) vergleiche den Artikel „Den Himmel
heißt es dann in den „Philippischen Re¬ offen sehen“.
den“ (12,2): Cuiusvis hominis est errare,
nullius, nisi insipientis, in errore perseve- Erschossen sein wie Robert Blum
rare, auf deutsch: „Jeder Mensch kann Der Politiker Robert Blum (1807-1848)
irren, im Irrtum verharren wird nur der beteiligte sich 1848 als Abgeordneter

140
Teil I es

der Frankfurter Nationalversammlung stimmtes eingelassen und einen ersten


am revolutionären Kampf der Demo¬ Schritt getan hat, bei der Entscheidung
kraten in Wien gegen die Regierung und über den zweiten Schritt nicht mehr frei
wurde dort am 9.11. 1848 standrechtlich und unabhängig ist. Die einmal getrof¬
erschossen, ln Deutschland herrschten fene Entscheidung bindet. Das Zitat
Empörung und allgemeine Trauer um stammt aus Goethes Faust (Teil I, Stu¬
ihn. Ein weitverbreitetes anonymes Lied dierzimmer). Mephisto erläutert Faust
aus jener Zeit enthält die Zeilen „Er¬ das „Gesetz der Teufel und Gespen¬
schossen ist dein Robert/Dein treuer ster“, nach welchem diese einen Raum
Robert Blum“. Daraus entwickelte sich nur durch den Zugang verlassen kön¬
die umgangssprachliche Wendung „er¬ nen, durch den sie auch in den Raum
schossen sein wie Robert Blum“ im Sin¬ hineingelangt sind. Beim Betreten eines
ne von „völlig erschöpft sein, am Ende Raumes steht ihnen die Wahl des Ein¬
sein“. gangs noch frei, beim Verlassen jedoch
nicht mehr.
Erst geköpft, dann gehangen
t Lieber der Erste hier als der Zwei¬
„Erst geköpft, dann gehangen, dann ge¬
spießt auf heiße Stangen“. Mit diesen
te in Rom
Worten artikuliert der Palastaufseher
Osmin seine Rachegelüste in Mozarts Der ersten Liebe goldne Zeit
Singspiel „Die Entführung aus dem Se¬ t Errötend folgt er ihren Spuren
rail“ (1782 uraufgeführt). Das Libretto
stammt von Gottlob Stephanie, der da¬ t In der ersten Reihe sitzen
für ein Libretto mit gleichem Titel von
Christian Friedrich Bretzner für Mozart
Die Ersten werden die Letzten und
umarbeitete. - Das Zitat wird heute
die Letzten werden die Ersten sein
noch gelegentlich als scherzhafte Dro¬
hung verwendet. Dieser trostreiche Hinweis ist sicher
manchem schon zuteil geworden, der
bei etwas benachteiligt wurde, irgendwo
Erst kommt das Fressen, dann ins Hintertreffen geriet, von andern bei
kommt die Moral einer Sache überflügelt wurde oder
Wenn bei Themen wie „soziale Unge¬ auch bei einer Verteilung zu kurz kam.
rechtigkeit“, „Armut“ o. ä. in etwas her¬ Das Wort stammt aus dem Matthäus¬
ausfordernderer Weise auf die elemen¬ evangelium, wo Jesus bei einer Erörte¬
taren Grundbedürfnisse des Menschen rung darüber, wer und auf welche Weise
hingewiesen werden soll, wird häufig jemand ins Reich Gottes eingehe, den
dieses Zitat von Bertolt Brecht Jüngern auf ihre Fragen antwortet und
(1898-1956) herangezogen. Es stammt seine Ausführungen mit den Worten
aus der 1928 in Berlin uraufgeführten schließt: „Aber viele, die da sind die Er¬
„Dreigroschenoper“, zu der Kurt Weill sten, werden die Letzten und die Letzten
die Musik schrieb, und wird im „Zwei¬ werden die Ersten sein.“ (19,30).
ten Dreigroschenfinale“ (das über¬
schrieben ist mit der Frage „Denn wo¬ Es hat nicht sollen sein!
von lebt der Mensch?“) von Mackie
t Behüt’ dich Gott, es wär’ zu schön ge¬
Messer und Jenny gesungen.
wesen!

t Sie ist die erste nicht Es war einmal


Mit Sätzen wie „Es war einmal eine alte
Das erste steht uns frei, beim zwei¬ Geiß“ (Der Wolf und die sieben Gei߬
ten sind wir Knechte lein), „Es war einmal eine kleine süße
Mit diesem Zitat soll ausgedrückt wer¬ Dirne“ (Rotkäppchen) oder „Es war
den, daß jemand, der sich auf etwas Be¬ einmal ein Förster“ (Fundevogel) begin-

141
es Teil I

nen viele Märchen, und die Floskel „Es sen mit den Worten begründet: „... Daß
war einmal“ gilt deshalb als die „klassi¬ er die Schwere des Daseins ertrage/Und
sche“ Märcheneinleitung. Sie wird nicht das ermüdende Gleichmaß der Tage/
nur in der Literatur zitiert, um zum Bei¬ Und mit erfrischendem Windesweben/
spiel eine Erzählung als märchenhaft zu Kräuselnd bewege das stockende Le¬
charakterisieren, sondern sie wird auch ben.“ Zu dieser Reflexion kommt der
alltagssprachlich verwendet und dort - Chor als Begleiter des Geschehens, weil
meist bedauernd oder wehmütig - auf er an der Stelle des Dramas gerade eine
etwas Vergangenes, nicht mehr Wieder¬ Ruhepause hat: „Sage, was werden wir
kehrendes bezogen. jetzt beginnen,/Da die Fürsten ruhen
vom Streit,/Auszufüllen die Leere der
Es wär’ so schön gewesen! Stunden/Und die lange, unendliche
Zeit?“ Das Zitat wird auch heute noch
t Behüt’ dich Gott, es war’ zu schön ge¬
gelegentlich angeführt, um darauf hin¬
wesen!
zuweisen, daß der Mensch den Blick
nach vorn, in die Zukunft richten muß
Etwas außerhalb der Legalität
und sich nicht mit Stillstand oder stän¬
Dieser Formulierung verhalf in der Fra¬
diger Wiederholung des immer Glei¬
gestunde des Deutschen Bundestages
chen zufriedengeben darf.
am 8. 11. 1962 der damalige Innenmini¬
ster Fiermann Höcherl zur Popularität,
indem er die Verhaftung des Redakteurs Etwas ist faul im Staate Dänemark
Ahlers im Zusammenhang mit der Spie¬ Dieser Satz steht in der vierten Szene
gel-Affäre so bezeichnete. Der Schrift¬ des ersten Aktes von Shakespeares
steller Max von der Grün wählte den Trauerspiel „Hamlet“ (entstanden um
Ausdruck als Titel für einen Erzäh¬ 1600). Die englische Form lautet: Some-
lungsband (1980). Mit dem Zitat kom¬ thing is rotten in the state of Denmark. Er
mentiert man ironisch eine Handlungs¬ wird von Marcellus, einem der Begleiter
weise, die man im Grunde als illegal an- Hamlets, auf der Terrasse des Schlosses
sehen müßte. gesprochen. Dort erwartet man um Mit¬
ternacht den Geist von Hamlets Vater.
Etwas Besseres als den Tod findest Die Äußerung steht in Zusammenhang
du überall mit den Vorgängen am dänischen Kö¬
In dem Grimmschen Märchen von den nigshof, wo der König von seinem Bru¬
„Bremer Stadtmusikanten“ wird der der ermordet wurde und seine Witwe
vom Kochtopf bedrohte Hahn mit die¬ sich mit dem Mörder verbunden hat. -
sen Worten aufgefordert, sich Esel, Der Satz wurde zu einem häufig ver¬
Hund und Katze anzuschließen: „...zieh wendeten geflügelten Wort. Man ge¬
lieber mit uns fort, wir gehen nach Bre¬ braucht es (auch in der Form „Es ist et¬
men, etwas Besseres als den Tod Findest was faul im Staate Dänemark“), um den
du überall; du hast eine gute Stimme, Verdacht auszusprechen, daß in einem
und wenn wir zusammen musizieren, so bestimmten Bereich etwas - noch nicht
muß es eine Art haben.“ Das Zitat dient genauer zu Fassendes - nicht in Ord¬
gelegentlich als scherzhafte Ermunte¬ nung ist.
rung, sich einer mißlichen Lage zu ent¬
ziehen und an einem neuen Lebens- und Die Eule der Minerva beginnt erst
Wirkungsort etwas Neues zu beginnen. mit der einbrechenden Dämme¬
rung ihren Flug
Etwas fürchten und hoffen und
Die „Eule der Minerva“ ist als bildliche
sorgen muß der Mensch für den
Umschreibung der Philosophie oder der
kommenden Morgen Weisheit zu verstehen. „Minerva“, eine
Dieser sentenzhafte Ausspruch des altitalische Gottheit war ursprünglich
Chors in Schillers „Braut von Messina“ die Beschützerin des Handwerks, sie
(Vers 866 f.) wird in den folgenden Ver¬ wurde aber später mit Athene, der grie-

142
Teil I ewig

chischen Göttin der Weisheit, gleichge¬ Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein,
setzt. Die Eule gehört zu den bekannte¬
nein. Was darüber ist, das ist vom
sten Attributen bei der Darstellung
Übel
Athenes. Das Zitat, mit dem man zum
Ausdruck bringt, daß wahre Erkenntnis Das Bibelzitat aus dem Matthäusevan¬
erst aus einem gewissen zeitlichen (hi¬ gelium (5,37) gehört zur Fortsetzung der
storischen) Abstand möglich ist, stammt Bergpredigt und spricht von der rechten
aus Georg Wilhelm Friedrich Hegels Gesetzeserfüllung. Es steht in dem Text¬
Vorrede zu seinen „Grundlinien der zusammenhang, wo es heißt, daß man
Philosophie des Rechts“ (1821). Es nicht nur keinen Falscheid, sondern
heißt dort: „Wenn die Philosophie ihr überhaupt nicht schwören solle. Das Zi¬
Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt tat wird häufig gebraucht, um jemanden
des Lebens alt geworden, und mit Grau zu einer klaren, unzweideutigen und
in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, wahren Aussage aufzufordern, und
sondern nur erkennen; die Eule der Mi¬ auch, um jemandes Weitschweifigkeit
und Vagheit zu kritisieren.
nerva beginnt erst mit der einbrechen¬
den Dämmerung ihren Flug.“
Das europäische Haus
Das t gemeinsame Haus Europa
Eulen nach Athen tragen
Die Redensart im Sinne von „etwas Europens übertünchte Höflichkeit
Überflüssiges tun, einen überflüssigen
Die Formulierung findet sich in Johann
Beitrag zu etwas leisten“, die meist in
Gottfried Seumes (1763-1810) Gedicht
der Formulierung „das hieße Eulen
„Der Wilde“, dessen Anfangszeilen (in
nach Athen tragen“ gebraucht wird, ist
der Fassung von 1793) lauten; „Ein
griechisch-lateinischen Ursprungs; sie
Amerikaner, der Europens/Übertünchte
geht auf den Ausspruch „Wer hat die
Höflichkeit nicht kannte,/Und ein Herz,
Eule nach Athen getragen?“ in Aristo-
wie Gott es ihm gegeben,/Von Kultur
phanes’ (um 445-386 v. Chr.) Komödie
noch frei im Busen trug..." Die Höflich¬
„Die Vögel“ zurück. Die Eule war kon¬
keit, durch die sich die Europäer auszu¬
kret wie auch als Sinnbild der Weisheit
zeichnen meinen, ist nach dieser Auffas¬
(wegen ihrer Nachtsichtigkeit) und als
sung nur Tünche, etwas nur Oberflächli¬
Attribut der weisen Stadtgöttin Athene
ches. Das Zitat wird vor diesem Hinter¬
schon längst in Athen heimisch.
grund auch heute noch gelegentlich ver¬
wendet, um eine künstliche, im Grunde
Eulenspiegelei heuchlerische formelle Höflichkeit zu
Der Ausdruck im Sinne von „Schelmen- kritisieren, hinter der jemand seinen
stück; Streich, mit dem man jemanden wahren Charakter verbirgt.
zum Narren hält“ bezieht sich ursprüng¬
lich auf Till Eulenspiegel, einen Das ewig Gestrige
Schalksnarren, der um 1350 in Mölln an Das Zitat steht in Schillers Tragödie
der Pest gestorben ist und unter dem „Wallensteins Tod“ (1,4). In seinem
ihm später gegebenen Namen zum Hel¬ Monolog zögert Wallenstein, den Abfall
den eines ursprünglich niederdeutschen vom Kaiser zu vollziehen, weil er er¬
Volksbuches (Lübeck 1478) wurde. In kennt: „Ein unsichtbarer Feind ist’s,
der in eine Rahmenhandlung kom¬ den ich fürchte,/Der in der Menschen
ponierten Schwanksammlung bleibt Brust mir widersteht,/Durch feige
Eulenspiegel in allen Situationen durch Furcht allein mir fürchterlich./Nicht,
bäuerlichen Mutterwitz überlegen; sei¬ was lebendig, kraftvoll sich verkün¬
ne Streiche, deren Witz oft auf dem digt,/Ist das gefährlich Furchtbare. Das
Wörtlichnehmen einer bildhaften Aus¬ ganz/Gemeine ist’s, das ewig Gestri¬
sage beruht, treffen Bauern und Bürger, ge,/Was immer war und immer wieder-
aber auch weltliche und geistliche Her¬ kehrt/Und morgen gilt, weil’s heute hat
ren. gegolten!“ „Das ewig Gestrige“ meint

143
ewig Teil I

hier die alltäglichen, festen Gewohnhei¬ für die Menschheit“ stammt aus Goe¬
ten und Vorstellungen, an denen die thes Faust II, den der Chorus mysticus
Menschen oft ängstlich festhalten. im Hinblick auf Fausts Erlösung mit
Wenn wir heute jemanden als einen den Worten beschließt: „Alles Vergäng¬
„Ewiggestrigen“ bezeichnen, kritisieren liche/Ist nur ein Gleichnis ;/Das Unzu¬
wir damit seine Rückständigkeit, seine längliche,/Hier wird’s Ereignis ;/Das
Unfähigkeit, sich neuen Gedanken zu Unbeschreibliche,/Hier ist’s getan ;/Das
öffnen, und sein stures Festhalten an Ewig-Weibliche/Zieht uns hinan.“ Die
längst Überlebtem. Bezeichnung „das Ewig-Weibliche“
knüpft an die unmittelbar vorhergehen¬
Ewig ist die Freude de Anrede des Doctor Marianus an die
t Kurz ist der Schmerz Mater gloriosa an: „Jungfrau, Mutter,
Königin,/Göttin“. Heute wird oft der
Ewig jung ist nur die Phantasie weitere Kontext „Das Ewigweibliche
t Alles wiederholt sich nur im Leben zieht uns hinan“ zitiert, wobei meist
sehr vordergründig die Anziehungskraft
t Und ewig singen die Wälder der Frauen angesprochen wird, die die
Männer zum Streben nach Höherem an¬
Der ewige Friede ist ein Traum spornt. Geläufig ist auch die antitheti¬
Die Fortsetzung des Zitats lautet „und sche Abwandlung „Das Ewigweibliche
nicht einmal ein schöner“. Es stammt zieht uns hinab“, mit der dieselbe An¬
aus einem Brief des Generalfeldmar¬ ziehungskraft nun so dargestellt wird,
schalls Helmuth von Moltke vom 11.12. als führe sie zu Sündhaftigkeit und Ver¬
1880 an den Heidelberger Rechtsgelehr¬ kommenheit.
ten Johann Kaspar Bluntschli. Die Idee
Ex nihilo nihil Fit
des ewigen Friedens war als spätantikes
Erbe mittelalterlicher Endzeiterwartun¬ t Von nichts kommt nichts
gen lebendig. Durch die neuzeitliche
Ablösung vom theologischen Ge¬ Ex Oriente lux
schichtsbild erhielten die Projekte ewi¬ Der lateinische Satz - auf deutsch „Aus
gen Friedens den Charakter von Uto¬ dem Osten kommt das Licht“ - bezog
pien. Immanuel Kant hielt 1795 mit sei¬ sich zuerst auf die Sonne, dann in über¬
ner Schrift „Zum ewigen Frieden“ an tragenem Gebrauch auf Christentum
dessen Ideal fest. Darauf könnte sich und Kultur. Im Alten Testament be¬
Moltkes Briefstelle ablehnend beziehen. schreibt bereits der Prophet Hesekiel
(43,2) das Licht Gottes als von Osten
t Ahasver, der Ewige Jude kommend: „Und siehe, die Herrlichkeit
des Gottes Israels kam von Morgen und
Die Ewige Stadt brauste, wie ein großes Wasser braust;
Die Stadt Rom verdankt diesen Beina¬ und es ward sehr licht auf der Erde von
men - im lateinischen Original: urbi ae- seiner Herrlichkeit.“ Eine scherzhafte
terna - einer Stelle in den Elegien (II, Erweiterung des Satzes spielt auf die
5,23) des römischen Dichters Tibull westliche Dekadenz an: „Ex Oriente lux,
(um 50-um 17 v.Chr.). Dank ihrer gro¬ ex occidente luxus“.
ßen Geschichte und ihrer noch immer
bedeutenden kirchlichen und politi¬ Die Extreme berühren sich
schen Rolle hat die Stadt den alten Bei¬ Die Sentenz bedeutet „die Extreme sind
namen bis heute behalten. in gewisser Hinsicht verwandt, führen
zu denselben Folgerungen“ und ist die
TO Ewigkeit, du Donnerwort Übersetzung der Überschrift Les ex¬
tremesse touchent des Kapitels 348 im 4.
Das Ewigweibliche
Band des kulturhistorischen Werks „Ta¬
Der Ausdruck im Sinne von „das Weib¬ bleau de Paris“ („Paris, ein Gemälde“;
liche in seiner bleibenden Bedeutung von Louis Sebastien Mercier (1740

144
Teil I falscher

bis 1814). Vorformen dieses Apho¬ genehmen Besprechung oder einer Prü¬
rismus finden sich in Aristoteles’ fung o.ä. bringen soll.
(384-322 v.Chr.) „Eudemischer Ethik“
(III,7) und Montaignes (1533-1592) TO du Falada, da du hangest
„Essais“ (I, 54). Das Zitat wird heute
auch gelegentlich verwendet, wenn sich Den Fall setzen
zwei sehr gegensätzliche Positionen in Die Redewendung bedeutet „als gege¬
einem Punkt oder in einigen Punkten ben annehmen“. Sie wird häufig auch in
aneinander angenähert haben. der Form „gesetzt den Fall“ gebraucht.
Popularität erlangte sie durch Johann
Gottwerth Müllers (1743-1828) Roman
„Die Herren von Waldheim“ in der
Form „Posito, ich setz’ den Fall“ und
durch Louis Angelys (1787-1835) Berli¬
ner Lokalposse „Das Fest der Handwer¬

F ker“ in der Form „Positus, ich setz’ den


Fall“. Das lateinische posito ist eine
Kurzform von posito casu (= „gesetzten
Falls, angenommen“) und stammt aus
der älteren Fachsprache der Philoso¬
Das Fähnlein der sieben Aufrech¬
phie und des Rechts. Die Kurzform
ten
wurde schon im 18. Jh. auch umgangs¬
Eine der populärsten Erzählungen aus sprachlich gebräuchlich und gelegent¬
der Sammlung „Züricher Novellen“ des lich zu „positus“ umgebildet; heute ist
schweizerischen Dichters Gottfried Kel¬ sie aus dem allgemeinen Sprachge¬
ler (1819-1890) trägt den Titel „Das brauch verschwunden.
Fähnlein der sieben Aufrechten“. Die
mit liebevoller Ironie erzählte Ge¬ Fallen seh’ ich Zweig’ auf Zweige
schichte handelt von sieben alten redli¬
Das Zitat stammt aus Franz Grillparzers
chen Handwerksmeistern, die eine Ge¬
(1791-1872) Schicksalsdrama „Die
sellschaft gegründet haben, um ihre va¬
Ahnfrau“, in dessen Eingangsversen der
terländischen Prinzipien, ihre von
alte Graf Borotin als letzter männlicher
Rechtschaffenheit und Gediegenheit
Sproß seiner Tochter gegenüber den be¬
geprägten Grundsätze pflegen und vorstehenden Untergang seines Hauses
hochhalten zu können. Der Titel der Er¬
beklagt: „Nun, wohlan! Was muß, ge-
zählung wird häufig im übertragenen schehel/Fallen seh’ ich Zweig’ auf
Sinne zitiert, beispielsweise zur Kenn¬ Zweige,/Kaum noch hält der morsche
zeichnung einer kleineren Gruppe von Stamm;/... Kaum daß fünfzig Jahr’ ver-
Personen, die sich irgendwo tapfer ge¬ fließen,/Wird kein Enkel mehr es wis-
schlagen hat, die im Gegensatz zu an¬ sen,/Daß ein Borotin gelebt.“ Das heute
dern bei etwas durchgehalten hat, die wohl weniger gebräuchliche Zitat könn¬
nicht so leicht aufgibt o.ä. te in gehobener Ausdrucksweise auf
eine auseinanderbrechende, im Nieder¬
Fahrstuhl zum Schafott gang befindliche Institution oder Ge¬
In dem französischen Spielfilm L’ascen- meinschaft bezogen werden.
seur pour l’echafaud, den Louis Malle
1957/58 gedreht hat, scheitert ein per¬ Falscher Prophet
fekter Mordplan, weil der Fahrstuhl Wenn man jemanden als falschen Pro¬
eines Bürohauses übers Wochenende pheten bezeichnet, so meint man damit,
steckenbleibt. Der deutsche Titel des daß er die Menschen in die Irre führt,
Films wird scherzhaft zitiert, wenn je¬ daß man ihm nicht vertrauen soll. Im
mand mit gemischten Gefühlen auf Neuen Testament wird an mehreren
einen Aufzug wartet, der ihn zu einer Stellen vor den „falschen Propheten“
schwierigen oder wahrscheinlich unan¬ der Endzeit gewarnt, u. a. im Markus-

145
4 Duden 12
Falschheit Teil I

evangelium (13,22 f.): „Denn es werden beiters, der sich gegen den Terror der
sich erheben falsche Christi und falsche Bandenkämpfe des Hafenviertels be¬
Propheten, die Zeichen und Wunder hauptet. Besonders geläufig ist die Re¬
tun, daß sie auch die Auserwählten ver¬ dewendung „die Faust im Nacken spü¬
führen, so es möglich wäre. Ihr aber ren“, die soviel bedeutet wie „sich sehr
sehet euch vor!“ stark unterdrückt fühlen; unter Zwang
handeln müssen“.
Die Falschheit herrschet, die Hin¬
terlist
Fehlt, leider, nur das geistige Band
Das Zitat stammt aus dem Chorlied
„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Das Zitat stammt aus der Schülerszene
Pferd!“ am Schluß des 11. Auftritts von von Goethes Faust I. Mephisto attak-
„Wallensteins Lager“ von Schiller. In kiert in seiner Satire auf die Hochschul¬
der Strophe des Dragoners heißt es: fakultäten die Logik: „Wer will was
„Die Falschheit herrschet, die Hinter¬ Lebendigs erkennen und beschrei¬
list/Bei dem ganzen Menschenge- ben,/Sucht erst den Geist herauszutrei¬
schlechte./Der dem Tod ins Angesicht ben,/Dann hat er die Teile in seiner
schauen kann,/Der Soldat allein ist der Hand,/Fehlt, leider! nur das geistige
freie Mann.“ Die Sentenz, daß die Band./Encheiresin naturae nennt’s die
Falschheit die Welt regiert, findet sich Chemie“ (Vers 1936-1940). Durch die
auch schon in dem satirischen Tierepos Gleichsetzung mit letzterem Begriff ist
„Froschmeuseler“ (1,1, Kapitel 6) von mit dem geistigen Band die durch die
Georg Rollenhagen (1542-1609): Natur bewirkte Verknüpfung aller Teile
„Falschheit regiert die ganze Welt.“ Als zu einem Ganzen gemeint, zu der der
allgemeine Klage eines Menschen, den Mensch nicht fähig ist. - Man kann das
man betrogen hat oder der das Opfer Zitat zur Charakterisierung von etwas
einer Intrige wurde, ist das Zitat noch Unzusammenhängendem verwenden,
gebräuchlich. zum Beispiel den unkoordinierten Ak¬
tionen der einzelnen Mitglieder einer
t Vom Fanatismus zur Barbarei ist Gruppe, die nicht von einer gemeinsa¬
es nur ein Schritt men Grundidee gesteuert werden.

t Am farbigen Abglanz haben wir Feiger Gedanken bängliches


das Leben Schwanken
t Wer es fassen kann, der fasse es! t Allen Gewalten zum Trutz sich erhal¬
ten.
t Jeder muß nach seiner Fasson
selig werden Feigenblatt
t Etwas ist faul im Staate Däne¬ Das Wort in der Bedeutung „etwas, was
mark dazu benutzt wird, etwas vor anderen zu
verbergen; etwas, was als Tarnung oder
Faulheit stärkt die Glieder schamhafte Verhüllung dient“ ist bibli¬
schen Ursprungs. Im 1. Buch Moses
t Arbeit macht das Leben süß
(3,7) heißt es nach dem Sündenfall von
Die Faust im Nacken Adam und Eva: „Da wurden ihrer bei¬
der Augen aufgetan, und sie wurden ge¬
Die Metapher mit der Bedeutung „un¬
wahr, daß sie nackt waren, und flochten
ausweichliche Bedrohung“ wurde als
Feigenblätter zusammen und machten
Filmtitel für die deutsche Version von
sich Schürze ( = Lendenschurze).“
„On the Waterfront“ von Elia Kazan
aus dem Jahr 1954 verwendet. Der Film
(mit Marlon Brando in der Hauptrolle) t In den öden Fensterhöhlen
erzählt die Geschichte eines Hafenar¬ wohnt das Grauen

146
Teil I feurige

Ferien vom Ich Ein feste Burg ist unser Gott


Sich für eine gewisse Zeit von der Ar¬ Das Zitat ist der Anfang eines Kirchen¬
beit, den Alltagsproblemen und der Fa¬ liedes von Martin Luther (1483-1546),
milie lösen, Abstand von allem gewin¬ das 1529 in Klugs verlorengegangenen
nen und wieder zu sich selbst finden - „Geistlichen Liedern, aufs neu gebes¬
das sind „Ferien vom Ich“. Dieser Be¬ sert“ erschien und besonders am Refor¬
zeichnung liegt der gleichlautende Titel mationsfest gesungen wird. Man ge¬
eines 1916 erschienenen Unterhaltungs¬ braucht diese Worte, wenn man sein
romans von Paul Keller (1873-1932) zu¬ Gottvertrauen bekunden will.
grunde, dessen Thema die Erholung von
Berufs- und Alltagsstreß in einem neu¬
artigen Sanatorium mit dem Namen Fette Jahre
„Ferien vom Ich“ ist, in das die Gäste Im 1. Buch Moses wird berichtet, daß
nur ganz ohne Gepäck und Begleitung der Pharao einen seltsamen Traum hat¬
aufgenommen werden und in dem sie te. Er sah aus dem Nil sieben schöne,
gegenüber der Außenwelt fast völlig ab¬ fette Kühe steigen und am Ufer weiden,
geschirmt sind. Das Buch wurde mehr¬ die dann aber von sieben häßlichen, ma¬
mals verfilmt, zuerst 1934, dann 1952 geren Kühen gefressen wurden (1. Mo¬
und schließlich noch einmal im Jahre ses 41,2-4). Der Traum wird dann von
1963. Joseph so gedeutet, daß nach sieben
Jahren des Wohlstands sieben Hunger¬
Fern im Süd das schöne Spanien jahre über Ägypten kommen werden,
und Joseph rät dem Pharao, rechtzeitig
Mit den Worten „Fern im Süd das schö¬
Vorsorge zu treffen (1. Moses
ne Spanien,/Spanien ist mein Heimat¬
41,25-36). Nach dieser biblischen Er¬
land“ beginnt das von Emanuel Geibel
zählung bezeichnet man scherzhaft gute
(1815-1884) geschriebene Lied „Der
oder schlechte Zeiten als fette oder ma¬
Zigeunerbube im Norden“. Den Jungen
gere Jahre.
quält das Heimweh so sehr, daß er es
nicht länger ertragen kann, und das Ge¬
dicht schließt mit den Zeilen „Fort zum Feurige Kohlen auf jemandes
Süden! Fort nach Spanien!/In das Land Haupt sammeln
voll Sonnenschein !/Unterm Schatten
Mit dieser Redewendung (die auch in
der Kastanien/Muß ich einst begraben
der Form „glühende Kohlen auf jeman¬
sein.“ Man verwendet das Zitat auch
des Haupt sammeln“ vorkommt) drückt
heute noch gelegentlich, wenn man auf
man aus, daß jemand durch die Gro߬
den „sonnigen Süden“, besonders auf
mut oder die gute Tat eines anderen be¬
die Küste des westlichen Mittelmeers
schämt wird. Sie geht zurück auf die
anspielen will und sich - gerade an tri¬
Sprüche Salomos, wo es heißt: „Hun¬
sten Regentagen - dorthin sehnt.
gert deinen Feind, so speise ihn mit
Brot; dürstet ihn, so tränke ihn mit Was¬
Fern von Madrid ser. Denn du wirst feurige Kohlen auf
Das Zitat stammt aus Schillers Don sein Haupt häufen, und der Herr wird’s
Kariös (1787). Im sechsten Auftritt des dir vergelten“ (Sprüche 25,21-22). Im
ersten Aktes verbannt König Philipp die Paulusbrief an die Römer wird diese
Marquise von Mondekar vom königli¬ Stelle nochmals aufgegriffen (Römer
chen Hof, weil sie ihre Aufgabe als Hof¬ 12,21-22). Der Vorstellung liegt wohl
dame nicht so erfüllt hat, wie er es von ein für Ägypten im 3. Jh. v. Chr. bezeug¬
ihr erwartete: „Deswegen/Vergönn’ ich ter Ritus zugrunde, der die Sinnesände¬
Ihnen zehen Jahre Zeit,/Fern von Ma¬ rung, die Reue und Beschämung eines
drid darüber nachzudenken.“ Der Aus¬ Büßenden zum Ausdruck bringen sollte.
druck wird heute im Sinne von „weitab Die „feurigen Kohlen“ wurden dabei
vom eigentlichen Geschehen“ ge¬ wahrscheinlich in einem Kohlebecken
braucht. auf dem Kopfe getragen.

147

fiat Teil I

Fiat iustitia et pereat mundus schen Schriftsteller F. de Jouvenot und


H. Micard.
Der literarischen Überlieferung nach
soll dies der Wahlspruch Kaiser Fer¬
dinands I. (deutscher Kaiser von Finden Sie, daß Constanze sich
1556-1564) gewesen sein. Übersetzt richtig verhält?
lautet die lateinische Devise: „Es ge¬ Diese Frage bleibt am Ende der Ko¬
schehe Gerechtigkeit, möge auch die mödie „The Constant Wife“ des briti¬
Welt (darüber) zugrunde gehen.“ Dieses schen Schriftstellers William Somerset
Bekenntnis zu einer Gerechtigkeit um
Maugham (1874-1965) offen. Sie ist der
jeden Preis zitiert man heute noch, wenn deutsche Titel dieses 1927 in London ur-
kritisch angemerkt werden soll, daß in aufgeführten Bühnenstücks, in dem eine
einer bestimmten Sache dem Buchsta¬ betrogene Ehefrau ganz und gar nicht so
ben des Gesetzes zwar Genüge getan
reagiert, wie es die Konvention von ihr
worden ist, aber durch eine zu legalisti-
verlangt. Das Bühnenstück wurde 1962
sche Vorgehensweise letztlich allen Be¬
mit Lilli Palmer in der weiblichen
teiligten mehr Schaden als Nutzen zuge¬
Hauptrolle verfilmt. Mit entsprechend
fügt wurde. eingesetztem Namen wird der Titel heu¬
te zitiert, wenn man ausdrücken will,
Fiat lux! daß man das Verhalten einer bestimm¬
Es t werde Licht ten Person mißbilligt.

Es fiel ein Reif in der Frühlings¬ Fische müssen schwimmen


nacht Im Roman „Satyricon“ des römischen
Mit diesem Satz beginnt ein rheinisches Schriftstellers Petronius (t66 n.Chr.)
Volkslied, das Heinrich Heine fordert in der parodistischen Einlage
(1797-1856) in die drei Gedichte umfas¬ „Das Gastmahl des Trimalchion“ der
sende Folge „Tragödie“ aufgenommen Gastgeber nach den servierten Fischen
hat, in der von einem jungen Liebespaar seine Gäste auf, dem Wein kräftig zuzu¬
die Rede ist, das aus der Heimat fliehen sprechen, denn: „Fische müssen
muß und in der Fremde stirbt. Die erste schwimmen“ (lateinisch Pisces natare
Strophe des Liedes lautet: „Es fiel ein oportet). Heute führt man diese Worte
Reif in der Frühlingsnacht,/Er fiel auf scherzhaft als Begründung an, wenn
die zarten Blaublümelein,/Sie sind ver¬ man zu oder nach einem Fischgericht
welket, verdorret.“ Auf Situationen be¬ reichlich trinkt.
zogen, in denen beginnende positive
Entwicklungen durch unerwartete Er¬ t Unter seine Fittiche nehmen
eignisse im Keim erstickt werden, wird
das Zitat heute verwendet.
Fixe Idee
Eine unrealistische Vorstellung oder
Fin de siede
Meinung, die jemanden beherrscht und
Die Zeit des ausgehenden 19. Jh.s, die in
von der er nicht abzubringen ist, be¬
Gesellschaft, bildender Kunst und Lite¬
zeichnet man als „fixe Idee“. Dieser
ratur ausgeprägte sogenannte „Verfalls¬
Ausdruck taucht erstmals im 18.Jh. in
erscheinungen“ wie Überfeinerung,
der medizinischen Fachsprache auf, wo
Ästhetizismus u.ä. aufwies, wird mit
er „Zwangsvorstellung“ bedeutet. Er ist
diesem französischen Ausdruck be¬
eine Übersetzung des neulateinischen
nannt. Die Epochenbezeichnung bezog
idea fixa (lateinisch fixus bedeutet „be¬
sich ursprünglich nur auf Frankreich.
festigt, fest; unabänderlich“).
Übersetzt bedeutet sie „Ende des Jahr¬
hunderts“. Sie geht zurück auf den
gleichlautenden Titel eines Theater¬ TO flaumenleichte Zeit der dunk¬
stücks (erschienen 1888) der französi¬ len Frühe

148
Teil I Frau

Flegeljahre Die Forderung des Tages


Die Entwicklungsjahre, in denen ein In der Abteilung „Allgemeines, Ethi¬
junger Mensch zu flegelhaftem Beneh¬ sches, Literarisches“ der „Maximen und
men neigt, bezeichnet man mit diesem Reflexionen“ von Goethe Findet man
Ausdruck, der gegen Ende des 18.Jh.s auf die Frage: „Wie kann man sich
erstmals literarisch belegt ist. Eine wei¬ selbst kennenlernen?“ diese Antwort:
tere Verbreitung fand das Wort als Titel „Durch Betrachten niemals, wohl aber
der fragmentarisch gebliebenen Biogra¬ durch Handeln. Versuche, deine Pflicht
phie Jean Pauls, die 1804/1805 veröf¬ zu tun, und du weißt gleich, was an dir
fentlicht wurde. ist. - Was aber ist deine Pflicht? Die
Forderung des Tages.“ - Das Zitat ver¬
t Eigen Fleisch und Blut weist auf das, was dem „tätigen“ Men¬
schen im Goetheschen Sinne obliegt,
t In Fleisch und Blut übergehen sich den Aufgaben zu stellen, deren Be¬
wältigung er als Notwendigkeit erkennt.
T Bein von meinem Bein und „Die Forderung des Tages“ nannte
Fleisch von meinem Fleisch Thomas Mann eine Sammlung seiner
„Reden und Aufsätze aus den Jahren
Die Fleischtöpfe Ägyptens 1925-1929“, erschienen 1930. Heute
wird das Zitat auch allgemein zur Be¬
Der Ausdruck geht zurück auf das Alte
zeichnung aktueller politischer oder
Testament, wo im 2. Buch Moses (16,3)
gesellschaftlicher Notwendigkeiten ver¬
von dem Auszug der Kinder Israel aus
wendet.
Ägypten berichtet wird. Als diese auf ih¬
rer Wüstenwanderung zurück in ihr ei¬
Fortes fortuna adiuvat
genes Land Mangel an Nahrung leiden,
sehnen sie sich zurück nach Ägypten, Dem t Mutigen hilft Gott
obgleich sie dort in Knechtschaft lebten.
„Wollte Gott, wir wären in Ägypten ge¬ Fortiter in re, suaviter in modo
storben ..., da wir bei den Fleischtöpfen t Hart in der Sache
saßen und hatten die Fülle Brot zu es¬
sen.“ Die „Fleischtöpfe Ägyptens“ oder TAber fragt mich nur nicht, wie?
auch einfach die „Fleischtöpfe“ sind für
uns zum Sinnbild für ein durch Verzicht Franz heißt die Kanaille
auf Freiheit oder andere Ideale erlang¬ Das bekannte Zitat stammt aus Schillers
tes Wohlleben geworden. Drama „Die Räuber“ (1781). Karl Moor
öffnet im Kreis seiner Kumpane den
t Ohne Fleiß kein Preis Brief, den sein Bruder Franz stellvertre¬
tend für seinen Vater an ihn geschrieben
t Das eben ist der Fluch der bösen hat. Der Bruder teilt ihm mit, der Vater
Tat habe ihn, Karl Moor, verstoßen. Auf
das Verlesen des Briefs vor den Kumpa¬
t Auf Flügeln des Gesanges nen folgt aus ihrem Kreis diese Reakti¬
on: „Ein zuckersüßes Brüderchen! In
Flüssiges Brot der Tat! - Franz heißt die Kanaille?“ -
Diese scherzhafte Bezeichnung für Man verwendet das Zitat heute nicht in
„Bier“ stammt von dem deutschen der Form der Frage, sondern als eher
Schriftsteller und Privatgelehrten Karl scherzhafte Bekräftigung, wenn irgend
Julius Weber (1767-1832). In einem sei¬ jemandes Name in einem bestimmten
ner Hauptwerke, „Deutschland oder Zusammenhang gefallen ist.
Briefe eines in Deutschland reisenden
Deutschen“, heißt es an einer Stelle im Die Frau meiner Träume
ersten Band: „Bier ist flüssiges Brot, Dieser Ausdruck ist als Titel eines Re¬
Branntwein verklärtes Brot“. vuefilms aus dem Jahr 1944 mit Marika

149
Frau Teil I

Rökk in der Hauptrolle populär gewor¬ grundlegenden gesellschaftlichen Um¬


den. Das Drehbuch stammt von Johann wälzungen führen wird. Die Mehrdeu¬
Vasary, Regie führte Georg Jacoby, tigkeit des Wortes „kommen“, das in
Franz Grothe schuf die Filmmusik, von der saloppen Umgangssprache auch die
der der Schlager „In der Nacht ist der Bedeutung „zum Orgasmus kommen“
Mensch nicht gern alleine“ besonders hat, wurde hier sicher bewußt einge¬
bekannt wurde. - Mit dem Zitat be¬ setzt, da viele Feministinnen auch in der
zeichnet man sein Idealbild einer Frau sexuellen Kraft der Frau einen entschei¬
als Partnerin oder Lebensgefährtin - oft denden Aspekt ihres emanzipatorischen
auch in scherzhafter oder ironischer Selbstverständnisses sehen.
Ausdrucksweise.
Frauen sind doch bessere Diplo¬
Eine Frau ohne Mann ist wie ein maten
Fisch ohne Fahrrad So lautet der Titel eines deutschen
Dieser in den siebziger Jahren aufge¬ Spielfilms von 1941 (mit Marika Rökk
kommene und allgemein bekannt ge¬ und Willy Fritsch), in dem die Nichte ei¬
wordene Spruch, mit dem besonders die nes Kasinodirektors in einer Art „diplo¬
Vertreterinnen der Frauenbewegung ih¬ matischen Mission“ versuchen soll, die
re erstrebte Unabhängigkeit in drasti¬ behördliche Schließung des Kasinos zu
scher Form bekundeten und bekunden, verhindern. Das Zitat konstatiert, daß
ist in den deutschen Titel eines 1990 aus Frauen oft „diplomatischer“, taktisch
dem Amerikanischen übersetzten Ro¬ geschickter und vielleicht auch raffi¬
mans von Elizabeth Dunkel eingegan¬ nierter als Männer Vorgehen, um ein be¬
gen. Das emanzipatorische Frauenbuch stimmtes Ziel zu erreichen.
heißt: „Der Fisch ohne Fahrrad“.
Frauen sind keine Engel
Die Frau schweige in der Gemein¬ Dieses Zitat ist der Titel eines Filmlust¬
de spiels aus dem Jahr 1943. Sein Regisseur
Diese Aufforderung - in lateinischer war Willy Forst, das Drehbuch schrieb
Form Mulier taceat in ecclesia - geht auf Geza von Cziffra. Die Schauspielerin
den 1. Korintherbrief (14,34) zurück. Margot Hielscher sang darin das sehr
Hier heißt es: „... lasset eure Weiber populär gewordene Lied „Frauen sind
schweigen in der Gemeinde; denn es keine Engel“, dessen Melodie von Theo
soll ihnen nicht zugelassen werden, daß Mackeben stammt. - Der Titel wird
sie reden, sondern sie sollen untertan vielfach zitiert, um anzudeuten, daß
sein, wie auch das Gesetz sagt.“ - Diese auch Frauen menschliche Schwächen
Worte werden heute scherzhaft zitiert, und Fehler haben, vielleicht gelegent¬
um eine Frau zum Schweigen aufzufor¬ lich auch, um jemandes idealistisch-ver¬
dern; sie werden von Frauen oft auch klärtes Frauenbild ein wenig zurechtzu¬
ironisch oder herausfordernd vorge¬ rücken.
bracht, wenn ihnen ein Mitspracherecht
verweigert wird. Gebräuchlich ist das t Mein schönes Fräulein, darf ich
Zitat auch in der Form „Die Frau wagen, meinen Arm und Geleit Ihr
schweige in der Kirche“. anzutragen

Frauen kommen langsam, aber ge¬ Es sind nicht alle frei, die ihrer
waltig Ketten spotten
Dies ist der Titel eines Liedes der Rock¬ Dieses Zitat stammt aus Lessings dra¬
gruppe „Ina Deter Band“ aus dem Jahr matischem Gedicht „Nathan der Wei¬
1986. Der Satz ist auf die Emanzipati¬ se“ (IV, 4). In einem Gespräch zwischen
onsbewegung der Frauen zu beziehen, Saladin und dem Tempelherrn kommt
die danach zwar zunächst nur langsam die Frage auf, ob Nathan seine Tochter
Fortschritte erzielt, letztlich aber zu dem Tempelherrn erst nach dessen

150
Teil I
Freiheit

Übertritt zum jüdischen Glauben zur Entfaltung seiner Kräfte wünscht. Man¬
Frau geben wolle. Zu diesem Gedanken che werden in dem Zitat aber eher
merkt der Tempelherr an: „Der Aber- eine Parole der nur erfolgsorientierten
glaub\ in dem wir aufgewachsen,/Ver- „Ellenbogengesellschaft“ sehen und es
liert, auch wenn wir ihn erkennen, dar- höchstens spöttisch oder ironisch ge¬
um/Doch seine Macht nicht über uns. - brauchen.
Es sind/Nicht alle frei, die ihrer Ketten
spotten.“ Wir zitieren die letzte Zeile ge¬ Das freie Spiel der Kräfte
legentlich als Ausdruck der Skepsis,
Das Schlagwort hat seinen Ursprung im
wenn jemand sich zu sehr rühmt, sich
18. Jh. Man führt es sowohl auf den eng¬
aus seinen alten Bindungen und Zwän¬
lischen Nationalökonomen und Philo¬
gen befreit zu haben.
sophen Adam Smith (1723-1790) als
Frei will ich sein im Denken und auch auf die sogenannten Physiokraten,
eine Gruppe französischer Wirtschafts¬
im Dichten
wissenschaftler des 18. Jh.s, zurück. Als
Mit den folgenden Worten weigert sich Grundprinzip ihrer Lehren galt die Not¬
der junge Dichter Torquato Tasso in wendigkeit einer freien Entfaltung der
Goethes gleichnamigem Schauspiel (er¬ wirtschaftlichen Kräfte. Bei Schelling
schienen 1790, uraufgeführt 1807), sein taucht die Formel in seiner naturphilo¬
dichterisches Schaffen irgendwelchen sophischen Schrift „Von der Weltseele“
äußeren Zwängen zu unterwerfen auf. Hier heißt es: „Das Wesen des Le¬
(IV, 2): „Einen Herm/Erkenn’ ich nur, bens aber besteht überhaupt nicht in ei¬
den Herrn, der mich ernährt,/Dem folg’ ner Kraft, sondern in einem freien Spiel
ich gern, sonst will ich keinen Meister./ von Kräften, das durch einen äußern
Frei will ich sein im Denken und im Einfluß kontinuierlich unterhalten
Dichten;/Im Handeln schränkt die Welt wird.“ - Man gebraucht die Wendung,
genug uns ein.“ Er richtet sie an Leono- um einen Vorgang oder ähnliches, das
re, die Schwester des Herzogs Alfons II., ohne Lenkung oder Steuerung von au¬
und spricht damit seinen Konflikt mit ßen in eine Balance kommt, zu charak¬
dem herzoglichen Staatssekretär Anto¬ terisieren.
nio an. Dieser weltmännische Politiker
ist Tassos Komplementärfigur, und sei¬
t Und also unterscheidet sich der
ne Auseinandersetzung mit Tasso sym¬
Freie von dem Knecht
bolisiert das Spannungsverhältnis zwi¬
schen der Außenwelt, der gesellschaftli¬
chen Realität, und der Innenwelt, der t Auf freiem Grund mit freiem
Welt des schöpferischen Menschen. Volke stehn
Das Zitat soll bekräftigen, daß man es
sich nicht nehmen lassen wird, zu den¬ Freiheit der Meere
ken, was man will, und seine Meinung Bei diesem Zitat handelt es sich um den
frei zu äußern. übersetzten Titel einer Schrift des hol¬
ländischen Rechtsgelehrten Hugo Gro-
Freie Bahn dem Tüchtigen tius (1583-1645). Der Originaltitel lau¬
In einer Sitzung des Reichstags am 28.9. tet Mare liberum. Grotius verfocht darin
1916 prägte der damalige Reichskanzler den Anspruch Hollands auf freien Han¬
Theobald von Bethmann-Hollweg del mit Indien, der ihm von den Portu¬
(1856-1921) den Satz „freie Bahn für al¬ giesen streitig gemacht wurde. - Von
le Tüchtigen“, der zu einem geflügelten der „Freiheit der Meere“ kann man im
Wort wurde. - Man kann den Aus¬ Zusammenhang mit dem Gefühl von
spruch (in der Form „freie Bahn dem Freiheit und Uneingeengtheit sprechen,
Tüchtigen“) in einem Zusammenhang das sich dem Menschen angesichts der
verwenden, in dem man einem Men¬ Weite des Meeres - wie er sie beispiels¬
schen, der sich als tüchtig und befähigt weise auf einer Seereise erlebt - auf¬
erwiesen hat, die Möglichkeit zur freien drängt.

151
Freiheit Teil I

Freiheit, die ich meine deutschen Schriften zur Französischen


Revolution wurden zunächst oft nur die
So beginnen die erste und letzte Strophe
beiden ersten Begriffe, nämlich „Frei¬
des Liedes „Freiheit“ von Max von
heit“ und „Gleichheit“ angesprochen,
Schenckendorf (1783-1817), einem
aber die dem Französischen entspre¬
Dichter der Befreiungskriege. Die er¬
chende Formel „Freiheit, Gleichheit,
sten Zeilen lauten: „Freiheit, die ich
Brüderlichkeit“ setzte sich schließlich
meine,/Die mein Herz erfüllt,/Komm
durch und blieb bis zum heutigen Tag
mit deinem Scheine,/Süßes Engels¬
geläufig.
bild!“ Es geht darin um die Freiheit von
der napoleonischen Herrschaft, die die
Menschen dieser Zeit erstrebten. - Das
Zitat ist ein Bekenntnis zu Freiheit und Freiheit ist Einsicht in die Notwen¬
Unabhängigkeit bzw. Ausdruck des digkeit
Verlangens danach. Während „die ich Dieser Ausspruch findet sich in Fried¬
meine“ in Schenckendorfs Lied soviel rich Engels’ Schrift „Herrn Eugen Düh-
bedeutet wie „die ich liebe“, versteht rings Umwälzung der Wissenschaft“
man „meinen“ in dem Zitat heute eher aus dem Jahr 1878 (dem sogenannten
im Sinne von „verstehen, im Sinne „Anti-Dühring“). Es geht darin um das
haben“. dialektische Verhältnis von Freiheit und
Notwendigkeit. Einsicht in die Notwen¬
digkeit einer Sache bewirkt die Freiheit
Der Freiheit eine Gasse! ihr gegenüber, weil sie dann nicht mehr
Diese Forderung stammt aus dem Ge¬ als äußerlicher Zwang, sondern als in¬
dicht „Aufruf“ (1813) von Theodor neres Bedürfnis empfunden wird. Das
Körner, einem Dichter der Befreiungs¬ Zitat kann heute auch gelegentlich als
kriege. Es beginnt mit der Zeile „Frisch ironischer Ausdruck der Resignation
auf, mein Volk! Die Flammenzeichen angesichts unabänderlicher Gegeben¬
rauchen“. Die zweite Strophe des lan¬ heiten verwendet werden.
gen Gedichts lautet: „Das höchste Heil,
das letzte, liegt im Schwerte!/Drück’ dir
den Speer ins treue Herz hinein! -/Der Freiheit ist immer Freiheit der An¬
Freiheit eine Gasse! -/Wasch’ die Er¬
dersdenkenden
de,/Dein deutsches Land, mit deinem
Dieser zum Schlagwort gewordene Satz
Blute rein!“ Eine ähnliche Stelle enthält
findet sich als Randbemerkung in einer
auch Max von Schenckendorfs Gedicht
aus dem Nachlaß herausgegebenen
„Schill. Eine Geisterstimme“ aus dem
Jahr 1809. Hier finden sich die Worte Schrift von Rosa Luxemburg (1871 bis
„Für die Freiheit eine Gasse“. - Man 1919). Ihr Titel ist „Die Russische Revo¬
lution. Eine kritische Würdigung“, her¬
verwendet das Zitat in Zusammenhän¬
gen, in denen man gegen Beschränkun¬ ausgegeben von P. Levi, 1922. Rosa Lu¬
gen oder Einengungen angehen will. xemburg gibt darin ihrer Überzeugung
Ausdruck, daß „politische Freiheit“
nicht das Privileg einer Gruppierung, et¬
wa einer Partei, sein kann, weil - wie sie
Freiheit, Gleichheit, Brüderlich¬
in diesem Zusammenhang fortfährt -
keit „all das Belebende, Heilsame und Rei¬
Diese drei Schlagworte, im Französi¬ nigende der politischen Freiheit an die¬
schen Liberte, Egalite, Fraternite, wur¬ sem Wesen hängt und seine Wirkung
den 1793 zur Losung der Französischen versagt, wenn die ,Freiheit’ zum Privile¬
Revolution und später, in der Zeit der gium wird“. Das heißt, Widerspruch
zweiten Republik (1848-1852), sogar und Opposition der „Andersdenken¬
zur offiziellen Devise des Staates. Die den“ sind nötig. - Als Zitat verwendet
Formel ist auch heute noch französi¬ man den Ausspruch vielfach ganz allge¬
schen Geldmünzen eingeprägt. - In mein als Ermahnung zur Toleranz.

152
Teil I
Freuden

Freiheit ist nur in dem Reich der Freude dieser Stadt bedeute,
Träume t Friede sei ihr erst Geläute
Schillers Gedicht „Der Antritt des neu¬
en Jahrhunderts“ (1801) beklagt den
Zustand der Welt am Anfang des neuen, Freude, schöner Götterfunken
19. Jahrhunderts. Es beginnt: „Edler Mit diesem Vers beginnt Schillers Ge¬
Freund! Wo öffnet sich dem Frie- dicht „An die Freude“ (1785), das durch
den,/Wo der Freiheit sich ein Zufluchts¬ seine Vertonung als Schluß der 9. Sinfo¬
ort?“ ln der letzten Strophe des Ge¬ nie (1823) von Beethoven besonders be¬
dichts gibt Schiller der Überzeugung kannt wurde. Die Freude wird als „Göt¬
Ausdruck, daß die Freiheit nur „im terfunken“ und als „Tochter aus Elysi¬
Reich der Träume“ existiert. „Ach, um¬ um“ gleichsam als Göttin angespro¬
sonst auf allen Länderkarten/Spähst du chen. Der Dichter preist ihren Zauber,
nach dem seligen Gebiet,/Wo der Frei¬ der die Menschen vereint. - Als „Song
heit ewig grüner Garten,/Wo der of Joy“ wurde die Beethovensche Melo¬
Menschheit schöne Jugend blüht.“ - die in einen Popsong verwandelt. Im
Das Zitat gibt der realistischen Einsicht Jahr 1986 haben die EG-Außenminister
Raum, daß völlige Unabhängigkeit oder die Melodie des Liedes „An die Freu¬
Freiheit von allen Zwängen illusionär de“ zur Europahymne erhoben.
ist.

Freude war in Trojas Hallen


tSich mit fremden Federn So beginnt Schillers Gedicht „Kassan¬
schmücken dra“ (1802). Es hat die Klage der Kas¬
sandra zum Inhalt, die als Priesterin
Ein fremder Tropfen in meinem Apolls die Gabe der Weissagung hat.
Während große Freude in ihrer Umge¬
Blute
bung herrscht und man sich anschickt,
Der Ausspruch findet sich am Ende des die Hochzeit von Achill und Polyxena,
zweiten Aufzugs von Goethes Trauer¬ der Schwester Kassandras, zu feiern, ist
spiel „Egmont“. Wilhelm von Oranien sie von der Vorahnung der kommenden
hat vergebens versucht, Egmont zu Schrecken niedergedrückt. - Das Zitat
überreden, mit ihm die Stadt Brüssel zu kommentiert die frohe Stimmung an
verlassen, weil Herzog Alba, der Vertre¬ einem Ort, an dem man möglicherweise
ter Spaniens, im Anmarsch ist. Oranien noch nichts von drohendem Unheil
fürchtet für das Leben Egmonts. Aber ahnt.
Egmont will die Gefahr nicht sehen. Er
schüttelt den Gedanken an eine Gefähr¬
dung, den Oranien ihm eingepflanzt Die Freuden, die man übertreibt,
hat, mit den Worten ab: „Weg! - Das ist verwandeln sich in Schmerzen
ein fremder Tropfen in meinem Blute.
Diese Lebensweisheit stammt aus einem
Gute Natur, wirf ihn wieder heraus!“ -
Lied des weimarischen Schriftstellers
Mit diesem Zitat distanziert man sich
Friedrich Justin Bertuch (1747-1822)
von etwas, einem Gedanken, einer Re¬
mit dem Titel „Das Lämmchen“. Es fin¬
gung oder ähnlichem, von dem man er¬
det sich in der Liedersammlung „Wie¬
kennt, daß es dem eigenen Wesen fremd
genliederchen“ aus dem Jahre 1772.
ist. Darin wird geschildert, wie ein Lämm¬
chen allzu fröhlich und unvorsichtig
t Ich kann gar nicht so viel fressen, umherspringt und sich schließlich ein
wie ich kotzen möchte Bein bricht. Es heißt dort in der letzten
Strophe wörtlich: „Die Freuden, die
man übertreibt,/die Freuden werden
t Ach, spricht er, die größte Freud’ Schmerzen!“ - Das Zitat ist eine Er¬
ist doch die Zufriedenheit mahnung zur Mäßigung.

153
freuet Teil I

Freuet euch mit den Fröhlichen kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen.
und weinet mit den Weinenden Die als „Chorstrophe“ immer wieder¬
kehrenden Anfangszeilen lauten:
Das 12. Kapitel des Römerbriefes ent¬
„Freut euch des Lebens,/Weil noch das
hält eine Reihe christlicher Lebensre¬
Lämpchen glüht;/Pflücket die Ro-
geln. Es sind Aufforderungen und Mah¬
se,/Eh’ sie verblüht!“ Auf diese Verse
nungen des Apostels Paulus, gerichtet
gibt es eine ebenso bekannte Parodie:
an die Gemeinde in Rom. Römer 12,
„Freut euch des Lebens,/Großmutter
Vers 15 enthält eine der bekanntesten
wird mit der Sense rasiert,/Alles verge¬
dieser Regeln: die Ermahnung, am Le¬
bens !/Sie war nicht eingeschmiert.“ -
ben und Schicksal anderer teilzuneh¬
Das Zitat ist eine Aufforderung zu ei¬
men, sich ihrer anzunehmen nicht nur in
nem unbeschwerten Genießen der Freu¬
guten, sondern auch in bösen Zeiten.
den, die sich bieten.
Die erste Hälfte dieses Bibelwortes wird
auch allein zitiert, oft in weniger ernst¬
TDes freut sich das entmenschte
haften Zusammenhängen.
Paar mit roher Henkerslust
T O Freund, das wahre Glück ist die
Friede den Hütten! Krieg den
Genügsamkeit
Palästen!
T Mein Freund kannst du nicht län¬ Diese in erster Linie als Kampfansage
gegen die Reichen zu verstehende Paro¬
ger sein
le stellte der sozial engagierte Dichter
Georg Büchner (1813-1837) als Motto
t Mein lieber Freund und Kupfer¬
seiner radikaldemokratischen Kampf¬
stecher
schrift „Hessischer Landbote“ voran,
die er 1834 herausgab. Er übernahm da¬
t Lieben Freunde, es gab schön’re
mit eine Losung aus der Französischen
Zeiten
Revolution von 1789, änderte aber die
Reihenfolge der beiden Aussagen dieser
t O Freunde, nicht diese Töne!
Losung. Sie lautet im französischen Ori¬
ginal: Guerre aux chäteaux! Paix aux
Freunde, vernehmet die Geschich¬
chaumieres! und wird dem französi¬
te schen Schriftsteller Sebastien Roch Ni¬
Als Ankündigung beim Erzählen einer colas Chamfort (1741-1794) zuge¬
Neuigkeit, auch eines Witzes o.ä. wird schrieben. Er soll sie als Schlachtruf für
dieser Ausspruch gelegentlich scherz¬ die französischen Revolutionstruppen
haft zitiert. Es ist der Beginn einer be¬ vorgeschlagen haben.
rühmten Tenorarie, des Postillionlieds,
aus dem ersten Akt der komischen Oper Friede sei ihr erst Geläute
„Der Postillion von Lonjumeau“ von Mit diesem Friedenswunsch endet
Adolphe Charles Adam (1803-1856). Schillers vielleicht bekanntestes Ge¬
Die deutsche Übersetzung des französi¬ dicht „Das Lied von der Glocke“. In
schen Librettos stammt von M. G. diesem Gedicht werden die Vorgänge
Friedrich. beim Gießen einer Glocke geschildert
und symbolisch verbunden mit den Er¬
Freut euch des Lebens eignissen, die im Ablauf des menschli¬
So beginnt ein bekanntes Lied des chen Lebens auftreten. Nach der Schil¬
Schweizer Dichters und Malers Johann derung der letzten dramatischen Ereig¬
Martin Usteri (1763-1827) aus dem Jahr nisse und der Fertigstellung der Glocke,
1793. Die Melodie stammt von Hans die auf den Namen „Concordia“ ge¬
Georg Nägeli. Das Lied ist Ausdruck tauft wird, stehen am Ende des langen
naiver Lebensfreude, die sich auf Be¬ Gedichts die beiden oft zusammen zi¬
scheidenheit und Genügsamkeit grün¬ tierten Zeilen: „Freude dieser Stadt be-
det und auf die Bereitschaft, sich an den deute,/Friede sei ihr erst Geläute.“

154
Teil I
frommer

Der Friederich, der Friederich, das Die Zigarettenfirma versuchte damals,


war ein arger Wüterich! ein Image von Fröhlichkeit und Unbe¬
Als nicht sehr ernst gemeinte, an einen schwertheit mit der Zigarettenmarke zu
jähzornigen, leicht aufbrausenden Men¬ verbinden. Der Ausdruck wurde durch
schen gerichtete Mahnung ist dieser die intensive Werbung ziemlich popu¬
Ausruf gelegentlich zu hören. Es sind lär, hat sich dann gewissermaßen ver¬
die ersten beiden Verse, mit denen „Die selbständigt und wird nun auf Genüsse
Geschichte vom bösen Friederich“ aus der verschiedensten Art angewendet.
dem „Struwwelpeter“ beginnt, dem
weltbekannten Kinderbuch des Frank¬ Fröhliche Wissenschaft
furter Arztes und Schriftstellers Hein¬
Der Begriff „fröhliche Wissenschaft“ ist
rich Hoffmann (1809-1894). eine von dem Philosophen Johann Gott¬
fried Herder (1744-1803) geprägte Be¬
zeichnung für die altprovenzalische Li¬
Frisch, fromm, fröhlich, frei
teratur, besonders für die Minnelyrik
Dieser Turnerwahlspruch früherer Zei¬ der Troubadours. Der Begriff wurde
ten geht auf den „Turnvater“ Jahn dann in der Folgezeit immer wieder auf¬
(Friedrich Ludwig Jahn, 1778-1852) zu¬ gegriffen und auf andere Bereiche aus¬
rück, der in seinem Buch „Die deutsche gedehnt oder übertragen. Friedrich
Turnkunst“ (1816) eine ähnliche For¬ Nietzsche zum Beispiel benutzte ihn als
mulierung gebrauchte. In der heute be¬ Schlagwort, das für ihn die Freude über
kannten Form eingeführt hat diesen die wiederkehrende Kraft nach langer
Wahlspruch erst der Germanist und Entbehrung ausdrückte, und nannte ei¬
Sportpädagoge Hans Ferdinand Ma߬ nes seiner Werke „Die fröhliche Wis¬
mann (1797 bis 1874), ein Schüler Jahns. senschaft (La gaya scienza)". Der fran¬
Der Spruch wird kaum noch in seiner zösische Regisseur Jean-Luc Godard
ursprünglichen Funktion gebraucht; drehte 1968 einen Film, der sich mit mo¬
wenn man heute beispielsweise jeman¬ dernen Gesellschaftsproblemen befa߬
des Handlungsweise als „frisch, fromm, te. Er trug im Deutschen ebenfalls die¬
fröhlich, frei“ bezeichnet, so will man sen Titel, im französischen Original
damit ausdrücken, daß man sie für „un¬ hieß er Le gai savoir.
bekümmert, impulsiv, sorglos, unbe¬
dacht“ hält.
Einen fröhlichen Geber hat Gott
lieb
Friß, Vogel, oder stirb! Der früher bei kirchlichen Spendenauf¬
Die Redensart nimmt Bezug auf einen rufen häufig genutzte Ausspruch ist
gefangenen Vogel, der - um zu überle¬ heute eher als scherzhafter Kommentar
ben - fressen muß, was man ihm als bei Sammlungen, Kollekten o. ä. zu hö¬
Futter reicht. Im übertragenen Sinne ren, die man als lästig empfindet. In der
sagt sie aus, daß jemand in einer be¬ Bibel steht dieser Spruch im 2. Korin¬
stimmten Situation keine Wahl oder therbrief (9,7) in einem Zusammen¬
Ausweichmöglichkeit hat. Er muß tun, hang, in dem der Apostel Paulus die Ge¬
wozu die Gegebenheiten ihn zwingen. meinde in Korinth ermahnt und auffor¬
„Friß, Vogel, oder stirb!“ war auch der dert, „für die armen Christen in Jerusa¬
Titel einer gegen Martin Luther gerich¬ lem“ zu spenden.
teten Schmähschrift, die der Straßbur¬
ger Pfarrer Johann Nikolaus Weislinger t Mit frommem Schauder
im Jahr 1722 verfaßte.

Frommer Betrug
Frohen Herzens genießen Wenn man jemanden in guter Absicht
Zur Einführung der Zigarettenmarke täuscht oder ihm etwas verschweigt,
„HB“ wurde dieser Slogan 1955 kreiert. so wird dieses Vorgehen als „frommer

155
frommer Teil I

Betrug“ bezeichnet. Dieser Ausdruck schenkt (vergleiche auch den Artikel


stammt aus den „Metamorphosen“ des „Kassandra“). Die Tragik dieser Figur
römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. bis wird auch deutlich in der am Anfang
17/18 n. Chr.). Dort wird an einer Stelle der 8. Strophe des Gedichts gestellten
von einem Kreter erzählt, der unbedingt Frage nach dem Sinn der Prophezeiung
einen Sohn haben wollte. Würde ihm ei¬ eines unmittelbar drohenden Unheils,
ne Tochter geboren, würde er sie töten. das nicht abzuwenden ist: „Frommt’s,
Als das Kind nun tatsächlich ein Mäd¬ den Schleier aufzuheben,/Wo das nahe
chen war, riet die Göttin Isis der Mutter, Schrecknis droht?“ Zitiert wird meist
das Neugeborene für einen Jungen aus¬ nur der erste Teil dieser Frage, womit
zugeben. So wurde durch diesen „from¬ man seinen Zweifel darüber ausdrückt,
men Betrug“ (lateinisch pia fraus) das ob es denn sinnvoll oder nützlich ist,
Leben des Kindes gerettet, und die Göt¬ etwas Bestimmtes genau zu ergründen.
tin verwandelte es später wirklich in ei¬
nen Jungen. - Der Ausdruck wird heute
Früchte des Zorns
auch als Bezeichnung für eine Selbst¬
In seinem 1939 erschienenen Roman
täuschung, durch die man sich etwas
„Die Früchte des Zorns“ (englischer Ti¬
einredet, was in Wirklichkeit nicht zu
tel: The grapes of wrath) beschreibt der
realisieren ist, verwendet.
amerikanische Schriftsteller John Stein¬
beck (1902-1968) das harte Leben wan¬
Ein frommer Knecht war Fridolin
dernder Farmarbeiter in Kalifornien,
Mit dieser Zeile beginnt die (1797 er¬ dokumentiert damit zugleich den un¬
schienene) Ballade „Der Gang nach beugsamen Lebenswillen der Menschen
dem Eisenhammer“ von Schiller. In ihr und setzt sich in scharfer Kritik mit den
wird eine Geschichte von einem jungen, Auswüchsen des amerikanischen Kapi¬
seiner Herrin treu ergebenen Diener er¬ talismus auseinander. Nach dem Ro¬
zählt, der von einem Neider bei seinem man wurde 1940 unter der Regie von
Herrn verleumdet wird und daraufhin John Ford ein Film gedreht, der wie das
in einer Schmelzhütte, dem Eisenham¬ Buch großen Erfolg hatte. Der englische
mer, umgebracht werden soll. Treue Titel zitiert eine Formulierung aus dem
und Gottesfürchtigkeit, die das Han¬ Gedicht „The Battle Hymn of the Ame¬
deln des jungen Dieners bestimmen, be¬ rican Republic“ der amerikanischen
wahren ihn jedoch vor diesem grausigen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin
Geschick. Die erste Zeile dieses Gedich¬ Julia Ward Howe (1819-1910). Darin
tes wird heute vorwiegend wohl ironisch heißt es: „Mine eyes have seen the glory
oder scherzhaft zur Charakterisierung of the coming of the Lord:/He is tramp-
eines diensteifrig strebsamen, beflisse¬ ling out the vintage where the grapes of
nen Menschen zitiert. wrath are stored“ („Meine Augen haben
die Herrlichkeit der Ankunft des Herrn
Es t kann der Frömmste nicht in gesehen: Er keltert den Wein, wo die
Frieden leben, wenn es dem bösen Trauben des Zorns gelagert sind“). Im
Nachbarn nicht gefällt Deutschen wurde der Titel von Roman
und Film zu einem feststehenden Aus¬
Frommt’s, den Schleier aufzuhe¬ druck, der als bildliche Umschreibung
etwa im Sinne von „Ergebnis, Folgen
ben?
unbeherrschter, unüberlegter Taten,
Die Seherin Kassandra, eine Gestalt aus
blinden Handelns“ verwendet wird.
der griechischen Mythologie, steht im
Mittelpunkt des Gedichtes „Kassan¬
dra“ von Schiller (aus dem Jahr 1802). Die T schlechtesten Früchte sind es
Es enthält im wesentlichen die Klage nicht, woran die Wespen nagen
der Seherin über ihr Schicksal, die Gabe
der Weissagung zu besitzen, ohne daß t An ihren Früchten sollt ihr sie er¬
jemand ihren Prophezeiungen glauben kennen

156
Teil I fünfte

Früh übt sich, was ein Meister wer¬ derie erstarrten konventionellen Moral
den will von Schule und Elternhaus. Der Titel
Das auch heute noch oft zitierte Sprich¬ des Stücks wird seither als Umschrei¬
wort findet sich in Schillers Schauspiel bung der beginnenden Sexualität bei
„Wilhelm Teil“ (III, 1). Es ist die Ant¬ Jugendlichen verwendet.
wort, die Wilhelm Teil seiner Frau Hed¬
t Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr wer-
wig gibt, die im Hinblick auf ihre beiden
mit einer Armbrust beschäftigten Kin¬
det’s nicht erjagen
der vorwurfsvoll geäußert hatte: „Die
t Und führe uns nicht in Versu¬
Knaben fangen zeitig an zu schießen.“
chung
Und ihre Antwort auf Teils Äußerung
lautet dann: „Ach, wollte Gott, sie lern-
t Und führen, wohin du nicht
ten’s nie!“ Mit dem Zitat, das manchmal
willst
auch nur in der Verkürzung „Früh übt
sich“ verwendet wird, kommentiert
Es führt kein Weg zurück
man - meist ironisch - das Verhalten
von Kindern oder Jugendlichen, aus de¬ Die resignative Erkenntnis, daß es in
nen man auf die späteren Fertigkeiten einer bestimmten Situation keinen Weg
des Erwachsenen schließen zu können zurück gibt und das Vergangene unwie¬
glaubt. derbringlich verloren ist, formuliert der
deutsche Titel von Thomas Wolfes
Frühling, ja du bist’s! Dich hab’ (1900-1938) Roman You can’t go home
again. Die Hauptfigur, der junge Ro¬
ich vernommen!
mancier George Webber, macht diese
t Frühling läßt sein blaues Band wieder
Erfahrung in verschiedenen Lebensbe¬
flattern durch die Füfte
reichen. Es gibt für ihn keine Rückkehr
in seine amerikanische Heimatstadt, zu
Frühling läßt sein blaues Band seiner romantischen Liebe, zum literari¬
wieder flattern durch die Lüfte schen Ruhm, zu seiner zweiten geistigen
Bei dem Zitat handelt es sich um die Heimat im Deutschland der dreißiger
beiden ersten Verszeilen von Eduard Jahre, zur Vaterfigur, die er in seinem
Mörikes (1804-1875) populärem, u. a. Lektor und literarischen Berater sieht.
von Robert Schumann und Hugo Wolf
vertontem Frühlingsgedicht „Er ist’s“. Fülle der Gesichte
Fast ebenso bekannt wie die beiden er¬ Als gehobene Umschreibung einer
sten sind auch die beiden letzten Zeilen „Vielzahl von Eindrücken“ oder auch
dieses Gedichts. Sie lauten: „Frühling, für Ausdrücke wie „Ideen-, Einfalls¬
ja du bist’s!/Dich hab’ ich vernom¬ reichtum, Phantasie, Kreativität“ o.ä.
men!“ Mit beiden Zitaten werden heute wird diese Fügung noch gebraucht. Sie
meist scherzhaft die ersten Anzeichen stammt aus Goethes Faust (Teil I,
des Frühlings in der Natur begrüßt. Nacht) und ist Teil einer ärgerlichen
Äußerung Fausts über seinen Schüler
Es tmuß doch Frühling werden Wagner. Faust, noch ganz aufgewühlt
durch die Begegnung mit dem Erdgeist,
Frühlings Erwachen fühlt sich gestört und belästigt durch
Das Drama „Frühlings Erwachen. Eine den an der Tür klopfenden Famulus.
Kindertragödie“ von Frank Wedekind Seine unwilligen Worte lauten: „Es wird
(1864-1918) ist das erste große Bühnen¬ mein schönstes Glück zunichte!/Daß
werk des Dichters, mit dem er schlagar¬ diese Fülle der Gesichte/Der trockne
tig bekannt wurde. Nach der Urauffüh¬ Schleicher stören muß!“
rung 1906 in Berlin blieb es bis 1912 ver¬
boten. Wedekind schildert in diesem Die fünfte Kolonne
Drama die Nöte dreier Jugendlicher in Eine politische Gruppe, die im Krieg
der Pubertät im Konflikt mit der in Prü¬ oder bei internationalen politischen

157
für Teil I

Konflikten mit dem Gegner des eigenen nen 1819), der Sammlung von Gedich¬
Landes aus ideologischen Gründen zu¬ ten, die besonders aus Goethes Beschäf¬
sammenarbeitet, z. B. eine im Unter¬ tigung mit der Dichtung des persischen
grund tätige Spionagegruppe, wird mit Dichters Hafis hervorging, findet man
dem Ausdruck „fünfte Kolonne“ be¬ die Verse „Für Sorgen sorgt das liebe
zeichnet. Er stammt aus der Zeit des Leben,/Und Sorgenbrecher sind die Re¬
Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) ben.“ Mit ihnen spricht der Dichter den
und wurde 1936 von dem spanischen Freunden des Weins aus dem Herzen.
General Emilio Mola, einem der militä¬ Wir zitieren die erste Zeile, um dem
rischen Führer des Aufstandes gegen Vorwurf der Sorglosigkeit und Leichtle¬
die Republik, geprägt. Er sagte, er wer¬ bigkeit mit dem Hinweis zu begegnen,
de vier Kolonnen gegen Madrid führen, daß das Leben schwer genug sei und
aber die fünfte Kolonne, nämlich die in man gelegentlich einfach alle Alltags¬
Madrid tätigen Anhänger des Aufstan¬ sorgen hinter sich lassen müsse.
des, werde mit der Offensive beginnen.
Der amerikanische Schriftsteller Ernest
Die Furcht des Herrn ist der Weis¬
Hemingway, der sich im Spanischen
heit Anfang
Bürgerkrieg auf der Seite der Republi¬
kaner engagierte, gab einem (1938 er¬ Das Zitat findet sich im Alten Testa¬
schienenen) Theaterstück den Titel The ment (in Psalm 111,10) mit der Fortset¬
fifth column. Später wurden dann fa¬ zung: „Das ist eine feine Klugheit, wer
schistische Gruppen in westeuropäi¬ darnach tut; des Lob bleibt ewiglich.“
schen Ländern als fünfte Kolonne des Mit „Furcht des Herrn“ ist in veralten¬
nationalsozialistischen Deutschland, dem Sprachgebrauch „Ehrfurcht vor
noch später die kommunistischen Par¬ Gott, Gottesfurcht“ gemeint, wie man
teien als fünfte Kolonne der Sowjetuni¬ auch sagen kann „in der Furcht des
on bezeichnet. Herrn (= gottesfürchtig) leben“. Das
Zitat warnt vor menschlicher Überheb¬
lichkeit und betont den Anspruch der
Für dreißig Silberlinge verraten
Religion, daß Forschung und Wissen¬
t Judas
schaft ihr letztlich unterzuordnen seien.

Für einen Kammerdiener gibt es


Furcht und Elend des Dritten
keinen Helden
Reiches
Diese sprichwörtliche Redensart besagt,
t Glanz und Elend der Kurtisanen
daß aus der Nähe besehen und bei inti¬
mer Kenntnis der Gewohnheiten und
Lebensumstände eines Menschen alles t Zwischen Furcht und Hoffnung
Heldische, das er in den Augen Außen¬ schwebend
stehender hat, schwindet. Die Quellen
dieser Redensart sind nicht ganz ein¬ Furcht und Zittern
deutig festzulegen. Bereits in der Antike
Das Wortpaar findet sich an mehreren
berichtet der griechische Schriftsteller
Stellen in der Bibel, u. a. im Buch Hiob
Plutarch (um 46-um 125 n. Chr.) von
(4,13 f.): „Da ich Gesichte betrachtete
Antigonos Gonatas (um 319-um 239
in der Nacht, wenn der Schlaf auf die
v. Chr.), dem zeitweiligen König von
Leute fällt, da kam mich Furcht und Zit¬
Makedonien, er solle, als er in einem
tern an, und alle meine Gebeine er¬
Gedicht „Sohn der Sonne“ und „Gott“
schraken.“ Der dänische Philosoph So¬
genannt wurde, gesagt haben: „Davon
ren Kierkegaard (1813-1855) wählte
weiß mein Kammerdiener nichts.“
das Zitat als Titel einer Schrift von 1843
(auf deutsch im Jahre 1882 erschienen).
Für Sorgen sorgt das liebe Leben
Im heutigen Sprachgebrauch dient das
Im „Schenkenbuch“ von Goethes Wortpaar zur verstärkenden Bezeich¬
„Westöstlichem Diwan“ (zuerst erschie¬ nung großer Furcht.

158
Teil I futsch

Ein furchtbar wütend Schrecknis Fürchterlich Musterung halten


ist der Krieg In dieser meist nur noch scherzhaft ge¬
Das Zitat stammt aus Schillers „Wil¬ brauchten Wendung hat das Wort „Mu¬
helm Teil“ (1,2). Es sind die Worte sterung“ die heute veraltete Bedeutung
Stauffachers an seine Frau, die ihn zum „Inspektion, Überprüfung“. Die Wen¬
Aufruhr gegen den Reichsvogt Geßler dung bedeutet also etwa .jemanden, et¬
antreiben will. Er dagegen lehnt den was in strengster Weise und ohne Nach¬
Krieg ab, weil er weiß: „Die Herde sicht überprüfen“. Sie stammt aus Schil¬
schlägt er und den Hirten.“ Obgleich lers Schauspiel „Die Räuber“ (II, 3) und
das Zitat nichts von seiner Allgemein¬ ist ein Zitat der Worte des Räuberhaupt¬
gültigkeit verloren hat, wirkt es heute manns Karl Moor. Voller Empörung
durch Versmaß und Wortwahl ein we¬ über das verwerfliche Verhalten und die
nig antiquiert und dadurch fast schon zu Greueltaten einzelner der ihm unterge¬
harmlos angesichts der realen Kriegs¬ benen Räuber ruft er aus: „... ich will
ereignisse unserer Zeit. nächstens unter euch treten und fürch¬
terlich Musterung halten.“

Es fürchte die Götter das Men¬ Der Fürst dieser Welt


schengeschlecht Diese Bezeichnung für den Teufel
Das Zitat stammt aus Goethes Schau¬ stammt aus der Bibel. Es ist ein Wort
spiel „Iphigenie auf Tauris“ (IV, 5). In Jesu aus dem Johannesevangelium
einem längeren Monolog über ihr wech¬ (12,31), das er im Zusammenhang mit
selvolles Schicksal erinnert sich Iphige¬ der Ankündigung seines nahen Todes
nie an das „Lied der Parzen“, das ihr ih¬ gebraucht. Die Stelle lautet: „Jetzt geht
re Amme vorsang. Die erste Strophe das Gericht über die Welt; nun wird der
dieses Liedes lautet: „Es fürchte die Fürst dieser Welt ausgestoßen werden.“
Götter/Das Menschengeschlecht !/Sie Bekannt geworden ist der Ausdruck be¬
halten die Herrschaft/In ewigen Hän- sonders dadurch, daß ihn Martin Luther
den,/Und können sie brauchen,/Wie’s (1483-1546) im dritten Vers seines wohl
ihnen gefällt.“ Heute wird mit dem Zi¬ bekanntesten Liedes „Ein feste Burg ist
tat, besonders in bezug auf jemandes unser Gott“ verwendet hat.
allzu optimistische Weitsicht, mahnend
in Erinnerung gerufen, daß niemand vor Der Fürs! ist der erste Diener sei¬
unerwarteten Schicksalsschlägen ge¬ nes Staates
schützt ist. Friedrich II. verstand sich, besonders
von Voltaire beeinflußt, als Repräsen¬
tant eines aufgeklärten Absolutismus.
Fürchte mich weder vor Hölle Bereits im ersten Regierungsjahr (1740)
noch Teufel setzte er sich die Maxime „Der Fürst ist
„Mich plagen keine Skrupel noch Zwei¬ der erste Diener seines Staates“, die er
fel,/Fürchte mich weder vor Hölle noch im Original stets französisch formulier¬
Teufel.“ Das sagt Faust im ersten Teil te: Un prince est le premier serviteur et le
von Goethes Tragödie von sich selbst premier magistrat de l'Etat. Heute wird
(Anfangsmonolog der Szene „Nacht“). mit diesem Zitat ausgedrückt, daß
Man verwendet den zweiten Vers des Macht und damit verbundene Rechte
Zitats heute, wenn man ausdrücken will, nicht von Pflichten und Fürsorge ande¬
daß man vor nichts und niemandem ren gegenüber getrennt werden dürfen.
Angst hat, keinerlei Furcht kennt.
Futsch ist futsch, hin ist hin
Die saloppe Redensart - auch in der Va¬
t Etwas fürchten und hoffen und riante „... und hin ist hin“ - geht auf das
sorgen muß der Mensch für den von Ludwig Keller vertonte Wanderlied
kommenden Morgen „Bin ein fahrender Gesell“ von Rudolf

159
Futteral Teil I

Baumbach (1840-1905) zurück. Der Die ganze Richtung paßt uns nicht
Kehrreim „Lustig Blut und leichter Dieser Satz mit der Bedeutung „diese
Sinn,/Hin ist hin, hin ist hin“ wurde Ausformung, Entwicklung lehnen wir
schon bald auch in der abgewandelten grundsätzlich ab“ geht auf den Berliner
Form zitiert. Man drückt damit - ein Polizeipräsidenten Bernhard Freiherr
wenig leichthin - die Einsicht aus, daß von Richthofen zurück. Er beantwortete
etwas unwiederbringlich verloren ist. damit am 23. 10. 1890 eine Frage des
Direktors des Lessing-Theaters, Oskar
Der t Mensch im Futteral Blumenthal, nach dem Grund für das
Verbot des Theaterstücks „Sodoms En¬
de“ von Hermann Sudermann. Das Zi¬
tat wird oft so gebraucht, daß man es je¬
manden, z. B. einem politischen Gegner,
in den Mund legt, um dessen Borniert¬
heit und Arroganz und vor allem dessen
Unfähigkeit zur Differenzierung und ra¬

G tionalen Argumentation anzuprangem.

Die ganze Welt ist Bühne


Eine Gabe Gottes Das Zitat stammt aus Shakespeares Ko¬
Dieser Ausdruck Findet sich im Prediger mödie As You Like It („Wie es euch ge¬
Salomo des Alten Testaments, u. a. Ka¬ fällt“) 11,7, wo der verbannte Herzog
pitel 3,13: „Denn ein jeglicher Mensch, und der Edelmann Jacques über das
der da ißt und trinkt und hat guten Mut Leid in dieser Welt sprechen und
in aller seiner Arbeit, das ist eine Gabe Jacques einen längeren Vergleich des
Gottes.“ Er wird heute allgemein für et¬ Menschenlebens mit einem Theater¬
was sehr Schönes, Angenehmes, Positi¬ stück in sieben Aufzügen mit den fol¬
ves gebraucht, oft auch in der erweiter¬ genden Worten beginnt: All the world’s a
ten Form „eine gute Gabe Gottes“. stage,/And all men and women merely
players. Damit nimmt er die lateinische
Inschrift des Shakespeareschen Globe
Gäbe es Gott nicht, so müßte man
Theatre auf: Totus mundus agit histrio-
ihn erfinden
nem („Die ganze Welt spielt Theater“).
Das Zitat stammt aus Voltaires Zugrunde liegt die in die Antike zurück¬
(1696-1778) „Epistel an den Verfasser reichende Vorstellung vom Welttheater,
des Buches von den drei Betrügern“ vom Theatrum mundi, wonach die Welt
und lautet im Original: Si Dieu n'existait als ein Theater aufgefaßt wird, auf dem
pas, il faudrait l’inventer. In freier Ver¬ die Menschen vor Gott ihre Rolle spie¬
wendung sagt man z. B. von etwas Prak¬ len. Mit dieser Vorstellung verbinden
tischem, was sich schon bewährt hat: wir das Zitat auch im heutigen Sprach¬
„Wenn es das nicht gäbe, müßte man es gebrauch; hinzu tritt vielleicht auch ge¬
geradezu erfinden.“ legentlich der Gedanke, daß man der
Öffentlichkeit gegenüber nicht sein
Ganz ohne Weiber geht die Chose wahres Gesicht zeigt, sondern versucht,
nicht sich wie ein Schauspieler hinter einer
Maske zu verstecken.
Das Zitat stammt aus der Operette „Die
Csardasfürstin“ von Emmerich Kalman
(1882-1953) mit dem Text von Leo
Stein und Bela Jenbach. Es wird im Sin¬ t Immer strebe zum Ganzen, und
ne von „ganz ohne Frauen geht es eben kannst du selber kein Ganzes wer¬
doch nicht“ vor allem in der Umgangs¬ den, als dienendes Glied schließ an
sprache gebraucht. ein Ganzes dich an!

160
Teil I
gebet

Die Garde stirbt und ergibt sich t Ach, die Gattin ist’s, die teure
nicht
Nantes in Frankreich ist die Geburts¬
stadt des Generals Pierre Cambronne
Gaudeamus igitur, iuvenes dum
(1770-1842). Dort hat man dem Gene¬ sumus
ral eine Statue errichtet mit der Auf¬ Das Zitat - auf deutsch: „Freuen wir
schrift La garde meurt ei ne se rend pas uns also, solange wir jung sind“ - ist der
(„Die Garde stirbt und ergibt sich Anfang des Studentenliedes „De brevi-
nicht“), ein Ausspruch, den der General tate vitae“ („Über die Kürze des Le¬
während der Schlacht von Waterloo ge¬ bens“) in der Fassung Chr. Wilhelm
braucht haben soll. Dieser hat aber öfter Kindlebens von 1781. Josef Victor von
bestritten, sich je in dieser Weise geäu¬ Scheffel nannte 1868 seine Sammlung
ßert zu haben. von Studentenliedern „Gaudeamus“. In
der Akademischen Festouvertüre von
Johannes Brahms aus dem Jahr 1880
Ein garstig’ Lied! Pfui! Ein poli¬ wird das Lied zitiert und verarbeitet.
tisch’ Lied
Das Zitat findet sich in Goethes Faust I,
in der Szene „Auerbachs Keller in Leip¬ Geben ist seliger denn Nehmen
zig“, wo Brander das vom Zechgesellen Dieser Spruch geht auf das Neue Testa¬
Frosch angestimmte Lied - „Das liebe ment (Apostelgeschichte 20,35) zurück,
Heil'ge Röm’sche Reich,/Wie hält’s nur wo Paulus ihn als Jesu Wort an die Älte¬
noch zusammen?“ - mit den Worten sten der Gemeinde von Ephesus weiter¬
unterbricht: „Ein garstig’ Lied! Pfui! gibt. Als Aufforderung, nicht egoistisch
Ein politisch’ Lied,/Ein leidig’ Lied! zu sein, anderen großzügig zu helfen,
Dankt Gott mit jedem Morgen,/Daß Ihr wird er auch heute noch häufig zitiert.
nicht braucht fürs Röm’sche Reich zu Mit der Umkehrung „Nehmen ist seli¬
sorgen!“ Man zitiert den Anfang dieser ger denn geben“ kommentiert man iro¬
Äußerung meist spöttisch-ironisch, um nisch jemandes allzugroßen Egoismus.
jemandes apolitische Haltung zu cha¬
rakterisieren.
Geben Sie Gedankenfreiheit
Das Zitat stammt aus Schillers Drama
Gast auf Erden „Don Kariös“ (111,10), wo der Malte¬
Die Erkenntnis, nur Gast auf Erden serritter Marquis Posa die Forderung
(und damit sterblich) zu sein, geht auf nach Gedankenfreiheit gegenüber Phil¬
Psalm 119,19 im Alten Testament zu¬ ipp II., dem König von Spanien, aus¬
rück: „Ich bin ein Gast auf Erden.“ Der spricht. Gemeint ist damit die Freiheit,
dichterische Ausdruck „Erdengast“ in weltanschaulicher und politischer
wird gelegentlich mit „Erdenpilger“ Hinsicht zu denken, was man will, und
synonym gebraucht. Das Psalmwort hat diese Gedanken auch zu äußern.
der Dichter und evanglisch-lutherische
Pfarrer Paul Gerhardt (1607-1676) als
Anfang eines Kirchenliedes gewählt: Gebet, so wird euch gegeben
„Ich bin ein Gast auf Erden/Und hab’ Das Bibelzitat stammt aus der Bergpre¬
hier keinen Stand,/Der Himmel soll mir digt im Lukasevangelium (6,38), wo die
werden,/Da ist mein Vaterland.“ Auch Worte ursprünglich eschatologischen
Goethe greift das Bild vom Gast auf Er¬ Bezug auf das Reich Gottes haben: Wer
den in seinem Gedicht „Selige Sehn¬ mildtätig ist, wird leichter die ewige Se¬
sucht“ aus dem „Westöstlichen Diwan“ ligkeit erlangen. Dieser Bezug fehlt oft
auf: „Und solang du das nicht in der heutigen Verwendung des Zitats;
hast,/Dieses: Stirb und werde!/Bist du man versteht es dann eher im Sinne des
nur ein trüber Gast/Auf der dunklen lateinischen „Do ut des“ (vergleiche
Erde.“ diesen Artikel).

161
gebeugt Teil I

Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Wechselspiel von Leben und Tod in der
Kraft Natur verwendet.

Mit diesem Bild beschreibt „Sappho“


t Jedermann klagt über sein Ge¬
am Ende von Franz Grillparzers gleich¬
namigem Trauerspiel (1817) ihre innere
dächtnis, niemand über seinen
Situation. Die gefeierte Dichterin hat Verstand
geglaubt, sich mit dem sie verehrenden
Jüngling Phaon verbinden zu können. TWär’ der Gedank’ nicht so
Phaon wendet sich jedoch von ihr ab, verwünscht gescheit, man wär’
als er einer der jungen Dienerinnen der versucht, ihn herzlich dumm zu
Sappho begegnet. Er weist Sappho jetzt nennen
mit den Worten zurück: „Mit Hohem,
Sappho, halte du Gemeinschaft!/Man t Große Gedanken kommen aus
steigt nicht ungestraft vom Göttermah¬ dem Herzen
le/Herunter in den Kreis der Sterbli-
chen./Der Arm, in dem die goldne Leier
Die Gedanken sind frei
ruhte,/Er ist geweiht, er fasse Niedres
Diese Aussage bildet die Anfangszeile
nicht.“ Sappho leidet schwer an der Er¬
und den Kehrreim eines Liedes aus der
kenntnis, daß für sie die Kunst und
Sammlung „Des Knaben Wunderhom“
nicht die Teilhabe am Leben bestimmt
(Heidelberg 1806-1808) von Achim von
ist. Aus dem Leiden erwächst ihr aber
Arnim und Clemens Brentano. Auf den
die Kraft zu ihrem Entschluß, den Frei¬
Anfang des Liedes: „Die Gedanken
tod zu wählen. - Das sehr literarische
sind frei,/Wer kann sie erraten,/Sie flie¬
Zitat bringt zum Ausdruck, daß erst die
hen vorbei/Wie nächtliche Schatten./
äußere Herausforderung die inneren
Kein Mensch kann sie wissen,/Kein
Kräfte in einem Menschen mobilisiert.
Jäger erschießen“ spielt Joseph von
Eichendorff (1788-1857) in seinem Ge¬
Die gebratenen Tauben fliegen dicht „Verschwiegene Liebe“ an: „Wer
einem nicht ins Maul mag sie erraten,/Wer holte sie ein?/Ge-
Die umgangssprachliche Redensart mit danken sich wiegen,/Die Nacht ist ver¬
der Bedeutung „es fällt einem nichts oh¬ schwiegen,/Gedanken sind frei.“ Das
ne Mühe, ohne Arbeit zu“ geht wohl zu¬ Zitat wird heute nicht nur als allgemeine
rück auf Hans Sachs’ (1494-1576) Fabel Feststellung verwendet. Auch in Situa¬
vom Schlaraffenland: „Auch fliegen tionen, in denen man entweder ausdrük-
um, möget ihr glauben,/Gebraten Hüh¬ ken möchte, daß man trotz äußerer
ner, Gäns’ und Tauben./Wer sie nicht Zwänge seine geistige Unabhängigkeit
fängt und ist so faul,/Dem fliegen sie nicht aufzugeben gedenkt oder daß es
selbst in das Maul.“ einem gleichgültig ist, was ein anderer
denkt, wird es gebraucht.

t Denn ein gebrechlich Wesen ist


Gedanken sind zollfrei
das Weib
Das bereits von Luther in seiner Schrift
„Von weltlicher Obrigkeit“ (1523) auf¬
Geburt und Grab, ein ewiges Meer geführte Sprichwort geht auf den römi¬
So kennzeichnet der „Erdgeist“ im 1. schen Juristen Domitius Ulpianus
Teil von Goethes Faust (Nacht) das ewi¬ (170-223) zurück. In den Digesten (ei¬
ge Werden und Vergehen, das endlose nem juristischen Sammelwerk) des Cor¬
Meer von Geborenwerden und Sterben pus Juris Civilis XLVII1, 19,18 heißt es
in der Geschichte des Lebens. Im glei¬ aus seinem 3. Buch „Ad edictum praeto-
chen Sinne werden diese Worte auch ris“ (einem Kommentar zu den Grund¬
heute noch als Metapher für das Kom¬ sätzen prätorianischer Rechtspre¬
men und Gehen der Generationen in chung): Cogitationis poenam nemo pati-
der Geschichte, für das immer gleiche tur („Für seine Gedanken wird niemand

162
Teil I
gefallener

bestraft“). In diesem Sinne wird das Das gefährliche Alter


Sprichwort auch heute gebraucht.
Mit diesem Ausdruck bezeichnet man
heute in scherzhafter Weise das mittlere
t Von des Gedankens Blässe ange¬
Alter von Männern, in dem sie verstärkt
kränkelt
zu Liebesabenteuern neigen. Er wurde
populär durch ein 1910 erschienenes
t Wer sich in Gefahr begibt,
und damals vielgelesenes Buch der
kommt darin um
dänischen Autorin Karin Michaelis,
Gefahr im Verzüge dessen Titel „Das gefährliche Alter“
(dänisch Den Jarlige alder) hier aller¬
Droht in irgendeiner Form unmittelbar
dings auf eine Frau zu beziehen ist, de¬
Gefahr, sprechen wir von „Gefahr im
ren körperliche und seelische Probleme
Verzüge“ oder sagen: „Gefahr ist im
während des Klimakteriums der Roman
Verzug“, obwohl es korrekterweise „Ge¬ beschreibt.
fahr ist im Anzug“ heißen müßte. Denn
„Verzug“ bedeutet eigentlich „Auf¬
schub, Verzögerung“, und unsere Wen¬ Gefährliche Liebschaften
dung besagte ursprünglich nichts ande¬
Der Titel des berühmten Briefromans
res, als daß Gefahr im Aufschieben, im
von P. A. F. Choderlos de Laclos
Verzögern einer Sache liege. Dies ist (1741-1803) ist zusätzlich durch drei
auch die Bedeutung der zugrundelie¬ Verfilmungen bekanntgeworden: 1959
genden lateinischen Sentenz periculum Les Liaisons dangereuses von Roger Va-
in mora, die wir bei dem römischen Hi¬ dim, 1989 Dangerous Liaisons von Ste¬
storiker Livius (59 v.Chr.-17 n.Chr.) phen Frear und „Valmont“ von Milos
finden. Ein römischer Feldherr hatte in Forman. Analog dem Inhalt des Ro¬
einer Schlacht erkannt, daß mehr Ge¬ mans, der die Sittenverderbnis des Pari¬
fahr in der Verzögerung (nämlich des ser Adels am Beispiel eines skrupellosen
Rückzuges) liege als in der Beibehal¬ Spiels um Liebe und Liebesbeziehungen
tung der geordneten Schlachtreihen, schildert, läßt sich das Zitat auf zweifel¬
und befahl seinen Truppen, sich abzu¬ hafte, moralisch verwerfliche und zu¬
setzen. gleich gefährliche Geschäfte übertra¬
gen, auf die sich jemand einläßt.
t Wo aber Gefahr ist, wächst das
Rettende auch
Gefallener Engel
t In Gefahr und großer Not bringt
Der Sturz der Engel, die sich gegen Gott
der Mittelweg den Tod Jahwe erhoben hatten, aus dem Himmel
in die Hölle wird in der Offenbarung
Gefährlich ist’s, den Leu zu wek-
des Johannes geschildert (12,7-9). Auf
ken diese Bibelstelle und besonders auf Lu¬
Dieses Zitat stammt aus Schillers „Lied kas 10,18 („Ich sah wohl den Satanas
von der Glocke“ (1799). Hier heißt es: vom Himmel fallen“) geht die Vorstel¬
„Gefährlich ist’s, den Leu zu wek- lung vom Teufel als „gefallenem Engel“
ken,/Verderblich ist des Tigers zurück. Früheren bürgerlichen Moral¬
Zahn,/Jedoch der schrecklichste der vorstellungen folgend, wurde der Aus¬
Schrecken,/Das ist der Mensch in sei¬ druck dann verhüllend auf eine junge
nem Wahn.“ Man verwendet es, wenn ledige Mutter oder auf eine junge Frau,
man - meist scherzhaft - darauf hinwei- die vorehelichen Geschlechtsverkehr
sen will, daß es sehr nachteilig sein hatte, bezogen. Gelegentlich wird er
kann, leichtsinnig eine Gefahr herauf¬ noch heute auf eine junge Frau „mit
zubeschwören oder unvorsichtigerweise Vergangenheit“ angewendet. Auch ei¬
jemanden auf Dinge aufmerksam zu nen Mann, von dessen moralischer Inte¬
machen, die man zum eigenen Vorteil grität man überzeugt war, der aber dann
besser auf sich beruhen ließe. ein Opfer seiner menschlichen Schwä-

163
Gefilde Teil I

chen geworden ist, findet man manch¬ überholten politischen und gesellschaft¬
mal so gekennzeichnet. lichen Verhältnissen. Die liberale und
demokratische Bewegung war mit der
Beseitigung der Frankfurter Reichsver¬
Gefilde der Seligen
fassung mundtot gemacht worden, und
Der altgriechische Dichter Hesiod (um jeder wurde verfolgt, der auch nur im
700 v. Chr.) erzählt in seiner Dichtung mindesten revolutionärer Umtriebe ver¬
„Werke und Tage“ (171 ff.) von den „In¬ dächtig war. Den Geist der Zeit erhellen
seln der Seligen“, wo die Heroen am schlaglichtartig diese Schlußworte eines
Rande der Welt, fern von den Göttern Gedichts von Wilhelm von Merckel
und den Menschen, ein Leben im Zu¬ (1803-1861) mit dem Titel „Die fünfte
stand völligen Glücks führen. Er lehnt Zunft“ (erstmals veröffentlicht 1848).
sich dabei an die bei Homer geschilder¬ Daß solche Gedanken aber nicht der
ten „Elysischen Gefilde“ an (griech. Vergangenheit angehören, führen uns
’HXvaiov neSiov, lateinisch Elysium), immer wieder die täglichen Nachrichten
„wo ... ruhiges Leben die Menschen im¬ aus aller Welt vor Augen.
mer beseligt“ (Odyssee IV, 564 f.). Da¬
nach bezeichnet man auch heute noch
einen weltabgeschiedenen Ort, an dem
ein glückliches und friedliches Dasein
Geh aus mein Herz und suche
möglich scheint, als „Elysium“ oder als Freud’
„Gefilde der Seligen“. „Geh aus mein Herz und suche
Freud’/In dieser lieben Sommerzeit/An
deines Gottes Gaben.“ So beginnt der
Geflügelte Worte
bald zum Volkslied gewordene „Som¬
Diese Bezeichnung für bekannte, vielzi¬ mergesang“ des evangelischen Theolo¬
tierte Aussprüche - meist Zitate aus lite¬ gen und Kirchenlieddichters Paul Ger¬
rarischen Werken oder Aussprüche hi¬ hardt (1607-1676). Besonders der An¬
storischer Personen -, deren Herkunft fang des Liedes wird auch heute noch
im allgemeinen eindeutig nachgewiesen gelegentlich als scherzhafte Aufforde¬
werden kann, geht auf den altgriechi¬ rung zitiert, auszugehen und aus dem
schen Dichter Homer (2. Hälfte des Alltagstrott einmal auszubrechen.
8. Jh.s v. Chr.) zurück. In seinen Werken
„Ilias“ und „Odyssee“ gebraucht er den
Ausdruck an zahlreichen Stellen (grie¬
chisch : ensa TiTegöevra). Er bezeichnet Geh mir ein wenig aus der Sonne
damit Worte, die vom Mund des Red¬ Diese Worte soll der altgriechische ky-
ners zum Ohr des Angesprochenen nische Philosoph Diogenes von Sinope
„fliegen“. Schon vor der Homerüberset¬ (4.Jh. v. Chr.) zu Alexander dem Gro¬
zung von Johann Heinrich Voß (1781 ßen gesagt haben, als dieser ihn auf¬
und 1793) verwendete Friedrich Gott¬ suchte und ihm einen Wunsch freistell¬
lieb Klopstock (1724-1803) in seinem te. Verschiedene antike Autoren überlie¬
Epos „Der Messias“ diesen Ausdruck. ferten sie als Musterbeispiel für die Be¬
Populär wurde die Bezeichnung durch dürfnislosigkeit, wie sie demonstrativ
August Georg Büchmanns (1822-1884) von den Anhängern der philosophi¬
Sammlung „Geflügelte Worte. Der Ci- schen Richtung der Kyniker vorgelebt
tatenschatz des Deutschen Volkes“ von wurde. Wir zitieren den Ausspruch heu¬
1864. te, wenn wir jemandem zu verstehen ge¬
ben wollen, daß er stört und sich doch
entfernen sollte. Gelegentlich benutzt
Gegen Demokraten helfen nur
man die Worte auch als ganz konkret
Soldaten
gemeinten scherzhaften Hinweis dar¬
Die Jahre nach dem Scheitern der Revo¬ auf, daß jemand sich ungünstig plaziert
lution von 1848 in Deutschland waren hat und einem die Sonne oder das Licht
geprägt durch starres Festhalten an nimmt.

164
Teil I geht

Gehabte Schmerzen, die hab’ ich ne“, der heute noch gelegentlich scherz¬
gern haft übertragen für „Mund“ verwendet
wird.
Dies sagt im ersten Teil von Wilhelm
Büschs (1832-1908) Knopp-Trilogie
Knopps alter Freund Sauerbrot. Er Es würde t alles besser gehen,
glaubt nämlich, allem Eheungemach wenn man mehr ginge
entronnen zu sein, da seine Frau gestor¬
ben ist und aufgebahrt im Nebenzim¬ Gehorcht der Zeit und dem Gebot
mer liegt. Wir zitieren diese Worte heute der Stunde
zum Ausdruck der Erleichterung, wenn
Mit diesen Worten versucht in Schillers
wir etwas Unangenehmes hinter uns ge¬
Trauerspiel „Maria Stuart“ (uraufge-
bracht haben.
führt 1800) der Graf von Shrewsbury die
schottische Königin im Gefängnis vor
Gehe hin und tue desgleichen der Begegnung mit ihrer Rivalin Elisa¬
Das Gleichnis vom Barmherzigen Sa¬ beth zu einer demutsvollen Haltung zu
mariter im Lukasevangelium (10,30 bis bewegen. Losgelöst von diesem Bezug,
37), das Jesus einem Schriftgelehrten werden diese Worte heute verwendet,
vorträgt, endet mit der Aufforderung an wenn man mit Nachdruck sagen will,
diesen, sich in entsprechenden Situatio¬ daß die unmittelbaren Umstände ein be¬
nen ebenso zu verhalten: „So gehe hin stimmtes Handeln, eine bestimmte Ver¬
und tue desgleichen!“ Man zitiert diese haltensweise verlangen.
Bibelworte, wenn man jemandem nahe¬
legen will, sich nach dem lobenswerten Es geht alles vorüber
Vorbild eines anderen zu verhalten oder
Mit dieser Zeile beginnt der Refrain des
danach zu handeln.
gleichnamigen Schlagers von 1942, in
dem einem auf Wachposten stehenden
Gehe nie zu deinem Ferscht, wenn Soldaten verheißen wird, daß auch er
du nicht gerufen werscht einmal wieder in die Heimat zurückkeh¬
Dieser scherzhafte, mundartlich gefärb¬ ren kann. Der Text stammt von Kurt
te Vers wird (gelegentlich durchaus Feltz, die Musik schrieb Fred Raymond.
selbstironisch) auch heute noch als Die erste Hälfte des Refrains, die meist
Mahnung zitiert, nicht unaufgefordert verkürzt, gelegentlich aber auch ganz zi¬
seinen Vorgesetzten aufzusuchen, son¬ tiert wird, lautet: „Es geht alles vor-
dern seine Nähe lieber zu meiden. In über,/es geht alles vorbei,/auf jeden De¬
der Form „Gehe nicht zu einem zember/folgt wieder ein Mai.“ Das Zitat
Ferscht,/Wenn du nicht gerufen wird vor allem als Trost und Ermun¬
werscht“ stand dieser Vers in der Berli¬ terung für jemanden gebraucht, der in
ner Zeitschrift „Ulk“ (1898, Nr. 31), einer traurigen oder verzweifelten Lage
einem „illustrierten Wochenblatt für ist.
Humor und Satire“, Supplement zum
„Berliner Tageblatt“. Es geht mir ein Licht auf
Diese Redensart geht auf verschiedene
Gehege der Zähne Bibelstellen zurück, z. B. Hiob 25,3 und
Der altgriechische Dichter Homer (2. Psalm 97,11. Im Neuen Testament
Hälfte des 8.Jh.s v. Chr.) läßt in seinen (Matthäus 4,16) heißt es: „... das Volk,
Werken „Ilias“ und „Odyssee“ an meh¬ das in der Finsternis saß, hat ein großes
reren Stellen einen Gesprächspartner Licht gesehen; und die da saßen am Ort
auf eine bestimmte Äußerung hin entrü¬ und Schatten des Todes, denen ist ein
stet oder erstaunt mit dem Satz reagie¬ Licht aufgegangen.“ Im Unterschied
ren : „Welches Wort ist dem Zaun deiner zum bildlichen Gebrauch in der Bibel,
Zähne entflohen?“ (griechisch: flolöv der die Erhellung des menschlichen
as enog cpvyev epKog öSövzcov). Daher Geistes durch das Licht des Glaubens
rührt der Ausdruck „Gehege der Zäh¬ meint, wird mit dem Zitat heute ausge-

165
Geist Teil I

drückt, daß man plötzlich etwas versteht tierend und sich selbst Mut machend, in
oder durchschaut, was einem zunächst seinem Monolog an einer Stelle: „Noch
völlig unklar war. Auch scherzhafte Ab¬ fühl’ ich mich denselben, der ich
wandlungen sind üblich geworden, wie war!/Es ist der Geist, der sich den Kör¬
z. B. „Es geht mir ein Kronleuchter per baut“. Heute wird mit dem Zitat
auf'. zum Ausdruck gebracht, daß man einen
Gegenstand oder eine Person oft nicht
Den Geist aufgeben konkret wahrnimmt, sondern eher seine
eigene [Wunschjvorstellung davon als
Die Redewendung mit der ursprüngli¬
Realität ansieht. Auch als Ermutigung
chen Bedeutung „sterben“ wird heute
zum Mobilisieren psychischer Kraft¬
auch umgangssprachlich-scherzhaft im
reserven werden die Worte gebraucht.
Sinne von „entzweigehen, nicht mehr
funktionieren“ verwendet. Sie findet
sich - in der alten Bedeutung, in der Der Geist, der stets verneint
„Geist“ als „Lebenshauch“ oder „Le¬ „Ich bin der Geist, der stets ver-
ben“ zu verstehen ist - schon in der Bi¬ neintl/Und das mit Recht; denn alles,
bel. In den Klageliedern des Jeremia was entsteht,/Ist wert, daß es zugrunde
2,11 und 12 heißt es: „Ich habe schier geht.“ Mit diesen Worten stellt sich Me¬
meine Augen ausgeweint... da die Säug¬ phisto im ersten Teil von Goethes Faust
linge und Unmündigen auf den Gassen (Studierzimmer 1) selbst vor. Als einen
in der Stadt verschmachteten ... und in solchen „Geist“ bezeichnet man danach
den Armen ihrer Mütter den Geist auf- einen Menschen, dessen Äußerungen
gaben.“ Und in der Apostelgeschichte von einer negativen Einstellung geprägt
lesen wir (5,5): „Da Ananias aber diese sind und der eine nihilistische Haltung
Worte hörte, fiel er nieder und gab den zeigt.
Geist auf.“
t Sich in den Geist der Zeiten ver¬
Der Geist der Medizin ist leicht zu setzen
fassen
In der sogenannten Schülerszene im er¬ Der Geist ist willig, aber das
sten Teil von Goethes Faust (Studier¬ Fleisch ist schwach
zimmer 2) stellt Mephisto mit beißen¬ Wenn bei jemandem zwar ein guter Vor¬
dem Spott einem studierwilligen Schü¬ satz vorhanden ist, die Ausführung
ler zuerst die Hochschulfakultäten Jura dann aber an einer menschlichen
und Theologie vor. Dann beschreibt er Schwäche scheitert, zitiert man diese Bi¬
die Medizin mit folgenden zynischen belworte. Jesus spricht sie im Matthäus¬
Worten: „Der Geist der Medizin ist evangelium zu seinen Jüngern, die im
leicht zu fassen;/Ihr durchstudiert die Garten Gethsemane mit ihm wachen
groß’ und kleine Welt,/Um es am Ende und beten sollten, aber einfach einge¬
gehn zu lassen,/Wie’s Gott gefällt.“ Das schlafen waren (Matthäus 26,41). Das
seltener gebrauchte Zitat betont nicht Zitat hat auch einige zweideutig-hämi¬
nur die Begrenztheit der ärztlichen sche Abwandlungen erfahren. Dazu ge¬
Kunst, sondern läßt auch anklingen, hört z. B. die Behauptung, in der Liebe
was Mephisto noch weiterhin ausführt sei schon einmal bei der einen oder dem
und den Ärzten unterstellt, nämlich, anderen der Geist zwar schwach, dafür
daß sie ihren Beruf aus eher niedrigen aber das Fleisch sehr willig. Und schon
Motiven gewählt hätten. mancher mußte sich bei einer Diät ein¬
gestehen: Der Geist ist willig, aber das
Es ist der Geist, der sich den Kör¬ Fleisch schmeckt zu gut.
per baut
Dieses Zitat stammt aus Schillers Dra¬ Der Geist weht, wo er will
ma „Wallensteins Tod“ (111,13). Dort Im Johannesevangelium veranschau¬
sagt Wallenstein, über sich selbst reflek¬ licht Jesus das Wirken Gottes und des-

166
Teil I Geld

sen Erkennbarkeit durch den Menschen t Wes Geistes Kind


mit dem Vergleich: „Der Wind bläst, wo
er will, und du hörst sein Sausen wohl; Gekeilt in drangvoll fürchterliche
aber du weißt nicht, woher er kommt Enge
und wohin er fährt“ (3,8). Der griechi¬
In Schillers „Wallensteins Tod“ (urauf-
sche Text des Versanfangs ro nvevpa
geführt 1799) berichtet ein schwedischer
önov 9sXei nvei wird in der Vulgata la¬
Hauptmann ausführlich von der
teinisch mit Spiritus ubi vult spiral („Der
Schlacht, in der Max Piccolomini den
Geist weht, wo er will“) wiedergegeben
Tod gefunden hat (IV, 10). Von den
(griechisch nvevpa kann sowohl
feindlichen Truppen heißt es da: „Nicht
„Wind“ als auch „Geist“ bedeuten, und
vorwärts konnten sie, auch nicht zu¬
nvelv kann mit „blasen“ oder „wehen“
rück,/Gekeilt in drangvoll fürchterli¬
übersetzt werden). Man verwendet be¬
cher Enge.“ Den zweiten Teil des Verses
sonders die deutsche Übersetzung des
bezieht man heute scherzhaft auf eine
lateinischen Textes heute, um zu ver¬
dichtgedrängte Menschenmenge, in der
deutlichen, daß sich die Freiheit der Ge¬
man eingekeilt steht, oder auch auf be¬
danken, das denkende Bewußtsein der
engte räumliche Verhältnisse.
Menschen niemals einschränken läßt. -
Gelegentlich wird der Satz aber auch
Gelassen stieg die Nacht ans Land
auf jemanden angewendet, der seine ei¬
genen Anschauungen hat und dessen Mit dieser Zeile beginnt das Gedicht
Handeln von Spontaneität geprägt ist. „Um Mitternacht“ von Eduard Mörike
(1804-1875), das in seinen beiden Stro¬
phen die Schwebe zwischen zwei Tagen
Die Geister, die ich rief und zugleich den vergangenen Tag be¬
t Die ich rief, die Geister singt. Die Anfangszeile setzt sich fort:
„Lehnt träumend an der Berge
Wand,/Ihr Auge sieht die goldne Waage
t Von allen Geistern, die vernei¬ nun/Der Zeit in gleichen Schalen stille
nen, ist mir der Schalk am wenig¬ ruhn;/Und kecker rauschen die Quellen
sten zur Last hervor,/Sie singen der Mutter, der
Nacht, ins Ohr/Vom Tage,/Vom heute
gewesenen Tage.“ Zur poetischen Cha¬
Die Geisterwelt ist nicht ver¬ rakterisierung einer nächtlichen Stim¬
schlossen mung wird das Zitat gelegentlich auch
Im ersten Teil von Goethes Faust heute noch verwendet.
(Nacht) zitiert Faust die Worte eines
nicht namentlich genannten Weisen: Gelbe Presse
„Die Geisterwelt ist nicht verschlos¬ t Yellow Press
sen ;/Dein Sinn ist zu, dein Herz ist
tot!/Auf, bade, Schüler, unverdrossen/ T Zum Kriegführen sind drei Dinge
Die ird’sche Brust im Morgenrot!“ Er nötig: Geld, Geld und nochmals
ist beseelt von dem Hochgefühl, in der
Geld
Magie einen Weg zur wahren Erkennt¬
nis gefunden zu haben. Losgelöst vom
Geld regiert die Welt
eigentlichen Inhalt zitiert man diese
Verse heute, wenn man jemandem sagen In Anspielung darauf, daß die auf
will, daß sich nur dem die Vielfalt der Grund ihres Geldes Mächtigen großes
Ansehen genießen und mit ihren weit¬
Welt und des Wissens erschließt, der be¬
reit ist, unvoreingenommen und mit of¬ reichenden Möglichkeiten auch ma߬
geblichen Einfluß auf die Politik neh¬
fenen Sinnen allem gegenüberzutreten.
men können, wird diese sprichwörtliche
Redensart verwendet, die bereits in Ge¬
t Deines Geistes hab’ ich einen org Henischs 1616 gedrucktem Wörter¬
Hauch verspürt buch „Teütsche Sprach und Weißheit“

167
Geld Teil I

verzeichnet ist. Sie findet sich in ähnli¬ Politiker Francis Bacon (1561-1626) in
cher Form in der Oper „Margarete“ von einem Brief an den Earl of Essex ver¬
Charles Gounod (1818-1893), wo es im wendete. In Goethes „Westöstlichem
„Rondo vom goldenen Kalb“ heißt: Diwan“ (Buch Suleika) beginnt Hatems
„Ja, das Gold regiert die Welt.“ Liebeswerbung um Suleika mit den
Worten: „Nicht Gelegenheit macht Die-
Geld stinkt nicht be,/Sie selbst ist der größte Dieb;/Denn
Von dem römischen Kaiser Vespasian sie stahl den Rest der Liebe,/Die mir
(9-79 n.Chr.) wird überliefert, daß er noch im Herzen blieb.“ Wenn eine gün¬
von seinem Sohn getadelt worden sei, stige Gelegenheit jemanden dazu ver¬
weil er die römischen Bedürfnisanstal¬ führt, sich etwas, was ihm nicht gehört,
ten mit einer Steuer belegt hatte. Darauf was er aber gerne hätte, einfach zu neh¬
habe der Kaiser seinem Sohn das so ein¬ men, dann sagt man heute „Gelegenheit
genommene Geld unter die Nase gehal¬ macht Diebe“.
ten und ihn gefragt, ob es streng rieche.
Die lateinische Feststellung non ölet (es t Darüber sind sich die Gelehrten
stinkt nicht) ist der Ausgangspunkt der noch nicht einig
uns heute geläufigen Redensart, mit der
man ausdrückt, daß auch unrechtmäßig Gelehrtenrepublik
oder auf unmoralischem Wege erworbe¬ Dieses Wort geht auf Friedrich Gottlieb
nes Geld seinen Zweck erfüllt, daß man Klopstocks nicht abgeschlossene Prosa¬
dem Geld letztlich nicht ansehen kann, schrift „Die deutsche Gelehrtenrepu¬
woher es stammt. blik“ (1774) zurück, in der das Prinzip
der Freiheit vom Regelzwang in der
t Ist das nötige Geld vorhanden Dichtung entwickelt und ein Zusam¬
menschluß aller deutschen Schriftsteller
t Wer will kommen zu Geld angestrebt wird mit dem Ziel, der deut¬
schen Kultur eine überlegene Stellung
t In Geldsachen hört die Gemüt¬ zu verschaffen. Arno Schmidt greift den
lichkeit auf Begriff in seiner utopischen Satire „Die
Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den
Die Gelegenheit beim Schopf Roßbreiten“ (1957) auf. Heute wird da¬
fassen mit gelegentlich eher kritisch die Zu¬
Diese verbreitete Redewendung ist wohl sammensetzung von Parlamenten oder
nach dem Bild des in der griechischen anderen Entscheidungsgremien ange¬
Mythologie seit dem 5.Jh. v. Chr. ver¬ sprochen, in denen Angehörige der ge¬
ehrten Kairos, des Gottes der „günsti¬ bildeten Schichten, vor allem Lehrer
gen Gelegenheiten“ entstanden. Der und Hochschullehrer, überrepräsentiert
griechische Bildhauer Lysippos hat die¬ sind.
sen Gott der Überlieferung nach mit
kahlem Hinterkopf, aber einem locki¬ Gelobt sei, was hart macht
gen Haarschopf über der Stirn darge¬ Diese Redensart stammt aus Friedrich
stellt. Mit der Redewendung wird das Nietzsches (1844-1900) „Zarathustra“
rasch entschlossene Nutzen einer gün¬ (3. Teil, „Der Wanderer“). Bei einem
stigen Gelegenheit, eines günstigen Au¬ beschwerlichen Aufstieg zu einem Gip¬
genblicks ausgedrückt. Gebräuchliche fel macht sich Zarathustra an einer Stel¬
Abwandlungen sind: „Die Gelegenheit le mit folgenden Worten Mut, nicht auf¬
beim Schopf oder Schopfe ergreifen, zugeben: „Wer sich stets viel geschont
packen, nehmen“. hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen
Schonung. Gelobt sei, was hart macht.“
Gelegenheit macht Diebe Wenn man zum Ausdruck bringen will,
Dieses Sprichwort entspricht dem engli¬ daß es letztlich von Vorteil ist, sich
schen opportunity makes a thief das der immer wieder belastenden Situationen
englische Philosoph, Schriftsteller und auszusetzen, ohne sich durch Mißerfolg

168
Teil I Genie

oder Kritik aus dem seelischen Gleich¬ (wörtlich übersetzt: „Das Wohl des ein¬
gewicht bringen zu lassen, greift man zelnen muß dem öffentlichen Wohl wei¬
auf dieses Zitat zurück. In derb-scherz¬ chen“). Der Grundsatz „Gemeinnutz
hafter Anspielung auf die männliche geht vor Eigennutz“ ist auch heute - mit
Potenz ist auch die abgewandelte Form Einschränkungen - die Grundlage vie¬
„Gelobt sei, was hart wird“ im Kneipen- ler Gesetze und Bestimmungen.
und Stammtischmilieu geläufig.

Das Gelobte Land


Das gemeinsame Haus Europa
Mit diesem Ausdruck ist das biblische
Palästina als das Land der Verheißung Mit diesem bildlichen Ausdruck wird
gemeint. In der Bibel selbst wird diese die Zusammengehörigkeit, die gemein¬
Bezeichnung zwar nicht verwendet, same politische Zukunft aller europäi¬
doch in der deutschen Literatur ist sie schen Nationen einschließlich der
seit dem 15. Jahrhundert belegt. Heute GUS-Staaten beschworen. Er stammt
spricht man im übertragenen Sinne von aus der bildhaften Sprache des sowjeti¬
einem gelobten Land, wenn ein Staat, schen Politikers und Reformers Michail
eine Region, vielleicht auch nur ein Gorbatschow (*1931). In seinem 1987
Wirkungsfeld (wie z. B. Hollywood für erschienenen Buch „Perestroika und
einen Filmschauspieler) gemeint ist, mit neues Denken für unser Land und die
dem man die Vorstellung eines idealen ganze Welt“ prägte er die Formulierung
Lebens (und Arbeitens) verbindet. „Europa, unser gemeinsames Haus“
(russisch: Ewropa - nas obschtsch dom),
Ein gemästet Kalb die bald von vielen Politikern Westeuro¬
pas aufgegriffen wurde. Ein ähnliches
Im neutestamentlichen Gleichnis vom
Bild verwendete schon Kurt Tucholsky
verlorenen Sohn richtet der von Freude
im Eröffnungsartikel für die erste öster¬
erfüllte Vater bei der Rückkehr des Soh¬
reichische Ausgabe der Wochenschrift
nes ein Festmahl aus und befiehlt seinen
„Die Weltbühne“: „Europa ist ein gro¬
Bediensteten: „... und bringet ein gemä¬
ßes Haus“ (Wiener Weltbühne 1,1;
stet Kalb her und schlachtet’s; lasset
29. 9. 1932, S. 1).
uns essen und fröhlich sein!“ (Lukas
15,23). Auf diese Bibelstelle geht die
Verwendung des Ausdrucks „ein gemä¬
stet Kalb“ zurück, mit dem man scherz¬ Genie ist Fleiß
haft auf eine üppige Mahlzeit oder eine Nur auf den ersten Blick scheint einem
kulinarische Köstlichkeit anspielt, die genialen Menschen alles zuzufliegen, in
aus besonderem Anlaß serviert wird Wirklichkeit sind seine Leistungen oft
oder serviert werden soll. erst das Ergebnis harter Arbeit. Diese
Einsicht findet sich in einem Vierzeiler
t Denn das Gemeine geht klanglos Theodor Fontanes (zuerst veröffentlicht
zum Orkus hinab 1889), den er dem Maler, Zeichner und
Graphiker Adolph Menzel (1815-1905)
t Denn aus Gemeinem ist der gewidmet hat: „Gaben, wer hätte sie
Mensch gemacht nicht?/Talente - Spielzeug für Kin¬
der, /Erst der Ernst macht den
Gemeinnutz geht vor Eigennutz Mann,/Erst der Fleiß das Genie.“ Der
Diese Maxime stammt von dem franzö¬ amerikanische Erfinder Thomas A. Edi¬
sischen Schriftsteller und Staatstheore¬ son (1847-1931) hat den gleichen Ge¬
tiker Montesquieu (1689-1755), der in danken in einem Interview 1930 einmal
seinem außergewöhnlich erfolgreichen so ausgedrückt: „Genie ist ein Prozent
Hauptwerk „Vom Geist der Gesetze“ Inspiration und neunundneunzig Pro¬
(Buch 26, Kapitel 15, „Die verschiede¬ zent Transpiration“ (englisch: Genius is
nen Arten der Gesetze“) schrieb: Le one per cent inspiration and ninety-nine
bien particulier doit ceder au bien public per cent perspiration).

169
genieße Teil I

Genieße, was dir Gott beschieden Durchschnittsbürger teurer machen, in¬


dem sie Abgaben erhöhen, Preise her¬
Dieses Zitat stammt aus Christian
aufsetzen oder neue Gebühren fordern.
Fürchtegott Gellerts (1715-69) Lied
„Zufriedenheit mit seinem Zustande“,
dessen vierte Strophe lautet: „Genieße, Genug des grausamen Spiels
was dir Gott beschieden,/Entbehre „Laßt, Vater, genug sein das grausame
gern, was du nicht hast./Ein jeder Stand Spiel“, so bittet in Schillers „Der Tau¬
hat seinen Frieden,/Ein jeder Stand cher“ die Königstochter ihren Vater,
auch seine Last.“ In Situationen, in de¬ den Wagemut des tapferen Knappen
nen jemand mit den gegebenen Umstän¬ nicht ein zweites Mal auf die Probe zu
den, seinen Verhältnissen unzufrieden stellen. In der verkürzten und leicht ab¬
ist, unausgeglichen ist, weil er immer gewandelten Form „Genug des grausa¬
neue Ansprüche an das Leben hat, wird men Spiels!“ wird das Zitat heute im
das Zitat als Trost und Aufmunterung Sinne von „Hör auf oder hören wir doch
verwendet. auf damit!“ gebraucht. Man verwendet
es zum Beispiel, wenn etwas allen Betei¬
Genießt der Jüngling ein Vergnü¬ ligten keine Freude mehr macht, son¬
gen dern zur Quälerei zu werden droht, oder
als Aufforderung, jemanden nicht län¬
In seinem Gedicht „Die Alte“ läßt
ger zum besten zu halten, auf die Folter
Friedrich von Hagedorn (1708-54) eine
zu spannen oder zu verspotten.
alte Frau darüber Klage führen, daß die
Sitten der neueren Zeit das Verhältnis
der Geschlechter nachteilig verändert Geprägte Form, die lebend sich
hätten. Dazu heißt es in der zweiten entwickelt
Strophe: „Zu meiner Zeit/Befliß man Die Zeile stammt aus dem ersten der un¬
sich der Heimlichkeit./Genoß der Jüng¬ ter der Überschrift „Urworte. Or-
ling ein Vergnügen,/So war er dankbar phisch“ veröffentlichten Gedichte Goe¬
und verschwiegen:/Und jetzt entdeckt thes mit dem Titel „AAIMQN, Dä¬
er’s ungescheut.“ Als Hinweis darauf, mon“. Die „Urworte. Orphisch“ sind
daß man mit seinen Erfolgen beim an¬ aus einer Beschäftigung Goethes mit ei¬
deren Geschlecht nicht prahlen soll, ner bestimmten griechischen Naturan¬
oder als Aufforderung, eine intime Be¬ schauung, den orphischen Lehren, her¬
ziehung nicht durch Indiskretion zu ge¬ vorgegangen. Danach ist der Mensch
fährden, wird heute scherzhaft-mah- von der Stunde seiner Geburt an - be¬
nend in leicht abgewandelter Form zi¬ stimmt durch die Einwirkung der Ge¬
tiert: „Genießt der Jüngling ein Vergnü¬ stirne - als Individuum geprägt, das
gen,/So sei er dankbar und verschwie¬ sich in bestimmter Weise entwickeln
gen.“ muß. Entsprechend heißt es hier bei
Goethe: „So mußt du sein, dir kannst du
Die Gentlemen bitten zur Kasse nicht entfliehen,/So sagten schon Sibyl¬
len, so Propheten ;/Und keine Zeit und
Dies ist der Titel eines mehrteiligen
Fernsehfilms aus dem Jahre 1974 (Re¬ keine Macht zerstückelt/Geprägte
Form, die lebend sich entwickelt.“
gie: John Olden und Claus Peter Witt),
der von den sogenannten Posträubern
handelt, die in den 60er Jahren bei ei¬ Der Gerechte muß viel leiden
nem raffinierten Überfall auf einen eng¬ Diese sprichwörtliche Redensart geht
lischen Postzug - ohne größere Gewalt¬ auf den Psalm 34,20 im Alten Testa¬
anwendung - Geldsäcke millionen¬ ment zurück, wo es heißt: „Der Gerech¬
schweren Inhalts erbeuteten und ent¬ te muß viel leiden, aber der Herr hilft
kommen konnten. Der Titel wird oft ihm aus dem allem.“ Mit der oft auch
scherzhaft-ironisch zitiert, wenn zum scherzhaft-selbstironisch gebrauchten
Beispiel Entscheidungsträger in Politik Redensart drückt man aus, daß wohl¬
oder Wirtschaft das Leben für den meinende, rechtschaffene Menschen oft

170
Teil I geschenkten

verkannt werden, es im Leben nicht im¬ deutscher Zeit, wird diese sprachliche
mer leicht haben. Verbindung (oft auch in der umgekehr¬
ten Form „Wunder und Zeichen“) im¬
TThe Germans to the front! mer wieder verwendet. Dem heute ge¬
bräuchlichen Ausruf des Erstaunens am
t In keinem guten Geruch stehen nächsten kommt, weniger inhaltlich als
formal, eine Stelle aus Schillers Wallen¬
Gesammeltes Schweigen stein (Wallensteins Lager, 8. Auftritt),
Dieses Zitat geht auf den Titel einer wo es in der sogenannten Kapuziner¬
1958 erschienenen Satire von Heinrich predigt heißt: „Es ist eine Zeit der Trä¬
Böll zurück: „Doktor Murkes gesam¬ nen und Not,/Am Himmel geschehen
meltes Schweigen“. Die Titelfigur, ein Zeichen und Wunder.“
Redakteur beim Hörfunk, hat die Ei¬
genart, die aus den Programmen heraus¬ Geschehenes läßt sich nicht unge¬
geschnittenen Tonbandabschnitte zu schehen machen
sammeln, auf denen nichts zu hören ist, Dieses Zitat geht zurück auf die Komö¬
weil der Sprechende gerade eine Pause die „Aulularia“ (= „Topfkomödie“,
macht, die also sein Schweigen doku¬ nach dem Geldtopf des Geizigen) des
mentieren. In scherzhafter Anspielung römischen Dichters Titus Maccius Plau-
auf diesen Böll-Titel kann man von je¬ tus (250-184 v. Chr.). Euclio, der geizige
mandem, der sich zum Beispiel an einer Alte, interessiert sich vor allem für sei¬
Diskussion nicht beteiligt oder sich zu nen Goldschatz und mißversteht das
etwas nicht äußert, obgleich man das Geständnis des Jünglings Lyconides,
von ihm erwartet hätte, scherzhaft sa¬ der ihm sein Verhältnis mit Euclios
gen, er fiele durch sein „gesammeltes Tochter mit folgenden Worten beichtet:
Schweigen“ auf. Factum illud; fieri infectum non potest
(„Es ist geschehen und nicht ungesche¬
Es geschah am hellichten Tag hen zu machen“). Aussprüche ver¬
Nach einem Drehbuch von Friedrich gleichbaren Inhalts sind bei einer Reihe
Dürrenmatt, das später zur Grundlage von Dichtern der Antike belegt. Heute
seines Romans „Der Verdacht“ wurde, wird mit dem Zitat zum Ausdruck ge¬
entstand 1958 ein Schweizer Spielfilm bracht, daß es wenig Sinn hat, über et¬
über einen Kindermörder (gespielt von was, was nun einmal passiert ist, zu kla¬
Gert Fröbe) und den Polizeibeamten, gen. Oft verbindet sich mit dieser Fest¬
der ihn schließlich faßt (gespielt von stellung der Gedanke, aus negativen Er¬
Heinz Rühmann). Der Titel dieses Films fahrungen zu lernen und es in Zukunft
wird zitiert, um Verbrechen oder andere besser zu machen.
Gewaltakte als ganz unerwartet oder als
besonders dreist zu charakterisieren. t Alles Gescheite ist schon gedacht
worden
t Ach, es geschehen keine Wunder
mehr! Einem geschenkten Gaul sieht
man nicht ins Maul
Es geschehen noch Zeichen und Das Sprichwort mit der Bedeutung „mit
Wunder einem Geschenk soll man, so wie es ist,
Die in diesem Ausruf des Erstaunens, zufrieden sein“ geht über den Kirchen¬
der Überraschung über ein nicht mehr vater Hieronymus (um 347-420 oder
für möglich gehaltenes Geschehen ent¬ 419) in seinem Kommentar zum Ephe-
haltene Zwillingsformel „Zeichen und serbrief auf ein römisches Sprichwort
Wunder“ taucht mehrfach bereits in der zurück: Noli equi dentes inspicere donati
Bibel auf, etwa im 2. Buch Moses 7,3, („Prüfe nicht die Zähne eines geschenk¬
wo es heißt: „... daß ich meiner Zeichen ten Pferdes“). - Alter und Wert eines
und Wunder viel tue in Ägyptenland.“ Pferdes stellt der Käufer beim Pferde¬
In der Literatur, besonders in neuhoch¬ handel unter anderem dadurch fest, daß

171
Geschichte Teil I

er ihm ins Maul sieht und den Zustand lich Naupengeheuerliche (Naupen =
seines Gebisses prüft. Hildegard Knef Schrullen) Geschichtklitterung von
verwendete den Ausdruck „Der ge¬ Thaten und Rhaten der ... Helden und
schenkte Gaul“ als Titel ihrer Me¬ Herren Grandgusier, Gargantoa und
moiren. Pantagruel/Königen inn Utopien ..."
Das dem Wort „Klitterung“ zugrunde
Die Geschichte aller bisherigen liegende Verb „klittern“ ist heute nur
Gesellschaft ist die Geschichte von noch mundartlich gebräuchlich; es be¬
Klassenkämpfen deutet ursprünglich soviel wie „schmie¬
ren, klecksen“.
Mit dieser These beginnt das erste, mit
„Bourgois und Proletarier“ überschrie- t Ade nun, ihr Lieben! Geschieden
bene Kapitel des 1848 veröffentlichten
muß sein
„Manifests der Kommunistischen Par¬
tei“ von Karl Marx und Friedrich En¬ Es geschieht nichts Neues unter
gels. Das Zitat wird herangezogen,
der Sonne
wenn man als Hauptursache für gesell¬
Dieses Zitat wird (auch in der Form „Es
schaftliche Veränderungen die Ausein¬
gibt nichts ...“) gebraucht, um auszu¬
andersetzung zwischen den gegensätzli¬
drücken, daß bestimmte Abläufe oder
chen Klassen um die Entscheidungsge¬
walt in der Gesellschaft ansieht. Ereignisse immer wiederkehren und da¬
her nicht überraschen müssen. Es geht
auf eine Erkenntnis im Alten Testament
Es ist eine t alte Geschichte
zurück: „... und geschieht nichts Neues
unter der Sonne“, heißt es im Prediger
Geschichten aus dem Wienerwald
Salomo (1,9), wo auf die Eitelkeit und
Diesen Titel (auch in der mundartnahen Nichtigkeit alles Irdischen hingewiesen
Form: „G’schichten aus dem Wiener¬ wird. Der folgende Vers lautet: „Ge¬
wald“ zu finden) gab der „Walzerkö¬ schieht auch etwas, davon man sagen
nig“ Johann Strauß einer seiner Kom¬ möchte: Siehe das ist neu? Es ist zuvor
positionen aus dem Jahr 1868. Erneut auch geschehen in den langen Zeiten,
verwendet hat ihn der österreichische die vor uns gewesen sind.“
Schriftsteller Ödön von Horvath als Ti¬
tel seines 1931 uraufgeführten sozialkri¬ Geschlechter kommen, Ge¬
tischen Volksstücks, in dem unter ande¬ schlechter vergehen, hirschlederne
rem auch ein Picknick im Wienerwald, Reithosen bleiben bestehen
dem beliebten Ausflugsziel der Wiener,
Wenn man auf scherzhafte Weise die
vorkommt. Als Zitat könnte der Aus¬
besondere Haltbarkeit oder Beständig¬
druck heute leicht scherzhaft auf Be¬
keit einer Sache hervorheben will, kann
richte über österreichische, besonders
man dieses Zitat verwenden. Es handelt
Wiener Verhältnisse oder Ereignisse be¬
sich dabei um die beiden letzten Zeilen
zogen werden.
eines Gedichts des Lyrikers Börries von
Münchhausen (1874-1945), der „Leder¬
Geschichtsklitterung
hosensaga“, in der eine durch Genera¬
Eine in bestimmter Absicht verfälschte tionen weitervererbte Reithose besun¬
Darstellung oder Deutung geschichtli¬ gen wird.
cher Ereignisse oder Zusammenhänge,
die durch Auslassung oder einseitige t Auch was Geschriebnes forderst
Betonung bestimmter Fakten verzerrt du, Pedant?
werden, wird als Geschichtsklitterung
bezeichnet. Der Ausdruck geht auf den t Nicht gesellschaftsfähig
Titel von Johann Fischarts freier Bear¬
beitung des Romanzyklus „Gargantua“ Das Gesetz des Dschungels
von Franfois Rabelais zurück, der in der Der englische Schriftsteller Rudyard
2. Auflage von 1582 lautet: „Affentheur- Kipling (1865-1936) wurde in Deutsch-

172
Teil I gestrenge

land besonders durch seine spannenden erste Teil des Zitats wird - mit oder oh¬
Tiergeschichten unter dem Titel „Im ne Ironie - gelegentlich auch auf andere
Dschungel“, allgemein bekannt als Gebiete übertragen gebraucht.
„Das Dschungelbuch“, populär, ln die¬
sem Buch verwendet der Autor den t Wo das gesteckt hat, liegt noch
Ausdruck „das Gesetz des Dschungels“ mehr
(englisch: the law of the jungte), der auch
im Deutschen zu einer feststehenden t Liegt dir Gestern klar und offen,
Fügung wurde. Sie dient zur Charakteri¬ wirkst du heute kräftig frei
sierung einer Verhaltensweise, für die
jedes Mittel erlaubt scheint, zur Um¬ Gestern noch auf stolzen Rossen
schreibung von Gesetz- und Rechtlosig¬ In dem Gedicht „Reiters Morgenge¬
keit. sang“, das mit den bekannten Zeilen
„Morgenrot,/Leuchtest mir zum frühen
Gesetz ist mächtig, mächtiger ist
Tod?“ beginnt, greift der Schriftsteller
die Not Wilhelm Hauff (1802-1827) das Thema
Dieses Zitat stammt aus Goethes Faust der Vergänglichkeit auf. An der Gestalt
(Teil II, 1. Akt, Weitläufiger Saal) und des in der Schlacht zu jeder Stunde vom
ist ein Ausspruch des Plutus, des Gottes Tode bedrohten Reiters zeigt er in teil¬
des Reichtums, im karnevalistischen weise krassen Bildern die Endlichkeit
Maskenspiel. Gebraucht wird es in ähn¬ alles Lebenden und die Flüchtigkeit des
lichem Sinne wie die allgemein bekann¬ Daseins auf. Besonders deutlich wird
tere sprichwörtliche Redensart „Not dies in der lapidaren Formulierung der
kennt kein Gebot“. Man drückt damit populär gewordenen Zeilen in der 2.
also aus, daß man in einer Notlage eher Strophe „Gestern noch auf stolzen Ros¬
dazu geneigt ist, sich über Gesetz und sen,/Heute durch die Brust geschos¬
Moral hinwegzusetzen, daß dies dann sen“. Herausgelöst aus ihrem Kontext
auch unter Umständen durchaus zu werden die beiden Zeilen häufig zitiert,
rechtfertigen sei. meist aber in weniger dramatischen Zu¬
sammenhängen. Jemandes Entlassung
Es t erben sich Gesetz’ und Rechte aus einem hohen Amt beispielsweise ist
wie eine ew’ge Krankheit fort sicherlich schon öfter und nicht ohne
Schadenfreude mit diesem Zitat kom¬
t Nach dem Gesetz, wonach du mentiert worden.
angetreten
T Von gestern sein
t In jedes Menschen Gesichte steht
seine Geschichte Gestrenge Herren regieren nicht
lange
Ein Gespenst geht um in Europa - Der in dieser sprichwörtlichen Redens¬
das Gespenst des Kommunismus art enthaltene Gedanke, daß allzu stren¬
Im Jahre 1848 wurde in London das von ges und furchtgebietendes Herrschafts¬
Karl Marx und Friedrich Engels im gebaren sich auf Dauer nicht halten
Auftrag des Bundes der Kommunisten kann, ist ähnlich bereits in einem Vers
verfaßte Kommunistische Manifest un¬ aus der Antike formuliert. In der Tragö¬
ter dem Titel „Manifest der Kommuni¬ die „Medea“ des römischen Dichters,
stischen Partei“ veröffentlicht. Es be¬ Philosophen und Politikers Seneca (um
ginnt mit dem Satz vom Gespenst des 4v.Chr.-65 n.Chr.) heißt es: Iniqua
Kommunismus in Europa, der bald da¬ numquam regna perpetuo manent, auf
nach zum geflügelten Wort wurde. Er deutsch etwa: „Ungerechte [Ge¬
ironisiert aus der Sicht der Autoren die waltherrschaft ist nicht von ewiger
Furcht vor den Kommunisten in Europa Dauer“. Möglicherweise geht die heute
und die falschen Vorstellungen, die man gebräuchliche Redensart auf diesen
sich vom Kommunismus machte. Der Vers zurück.

173
Gestrige Teil I

Das t ewig Gestrige „Urania“ (= die Himmlische) ist in der


griechischen Mythologie die Muse der
Die Gesunden bedürfen des Arz¬ Sternkunde, aber auch ein Beiname der
tes nicht Aphrodite, der Göttin der Liebe und der
Schönheit. Liebe und Freundschaft er¬
Mit diesen Worten (eigentlich: „Die
scheinen dem Dichter als Gesandte des
Starken bedürfen des Arztes nicht“) ant¬
Himmels, und er führt aus: „Sei hoch
wortet Jesus auf die vorwurfsvolle Frage
beseligt oder leide ;/Das Herz bedarf ein
der Pharisäer, warum er mit den Sün¬
zweites Herz,/Geteilte Freud’ ist dop¬
dern am Tisch zusammensitze (Mat¬
pelt Freude,/Geteilter Schmerz ist hal¬
thäus 9,12). Bekräftigt und verdeutlicht
ber Schmerz.“ Bei den römischen
wird diese Antwort noch durch die un¬
Schriftstellern Cicero (106-43 v. Chr.)
mittelbar folgenden Worte: „Ich bin ge¬
und Seneca (4v. Chr.-65 n. Chr.) Findet
kommen, die Sünder zur Buße zu rufen,
man diesen Gedanken in ähnlicher
und nicht die Gerechten“. Fleute wird
Form ausgesprochen.
das Jesuswort von den Gesunden, die
des Arztes nicht bedürfen, meist dann
zitiert, wenn nachdrücklich darauf hin¬ Der geteilte Himmel<