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Moral und Gesellschaft


Beiträge von Karel Kosfk, Jean-Paul Sartre,
Ces are Luporini, Roger Garaudy, Galvano della Volpe;
Mihailo Markovit und Adam Schaff

Karel Kosfk, geboren 1926, lehrt Philosophie an der Karls-Univer-


sität in Prag; Jean-Paul Sartre, geboren 1905, lebt in Paris; Cesare
Luporini, geboren 19°9, ist Professor für Philosophie an der. Uni-
versität in Florenz; Roger Garaudy, geboren 1913, lehrt Philosophie
an der Universität in Poitier; Galvano della Volpe, geboren 1895,
gestorben 1968, lehrte Philosophie an der Universität in Messina;
Mihailo Markovic, geboren 1923, ist Professor für Philosophie in
Beograd; Adam Schaff,geboren 1913, ist Professor für Philosophie
an der Universität in Warschau.
Die hier versammelten Studien sind aus Vorträgen hervorgegangen,
die 1964 auf einem vom Gramsci-Institut in Rom veranstalteten
internationalen Philosophenkongreß gehalten wurden. Obschon
die einzelnen Beiträge in der Argumentationsweise und nach der
jeweiligen Position, die sie artikulieren, erheblich voneinander
abweichen, ist ihnen ein erkenntnisleitendes Grundinteresse ge-
meinsam: sie alle definieren Moral nicht als unantastbares Ord-
nungssystem von Normen, Werten und Verhaltensregeln, sondern -
dialektisch - zugleich als einen Ausdruck geschichtlicher Prozesse
und als Antwort der denkenden und handelnden Subjekte darauf.
In den sieben Aufsätzen des Bandes verbindet sich die Benennung
der sozialen Erfahrung mit der philosophischen Analyse des Erfah-
renen: sie diskutieren in praktischer Absicht die »individuelle
Wahl« und die Idee der Sittlichkeit in den Kategorien einer mündig
gesprochenen Gesellschaftsgeschichte. Suhrkamp Verlag
Jean-Paul Sartre Gesetz die Lüge nur unter bestimmten Bedingungen, die
Determination und Freiheit Moral hingegen verbietet sie rigoros und für jeden denkbaren
Fall.
Wir werden als Moral die Gesamtheit der Imperative, Werte
und Werturteile bezeichnen, welche die Gemeinplätze einer
Was ist moralische Erfahrung? Kommt ihr Objektivität zu? Be- Klasse, eines sozialen Milieus oder einer ganzen Gesellschaft
ginnen wir mit den moralischen Imp erativ en (Kant, Nietzschc darstellen.
usw.): sie alle sind Versuche, die Besonderheit der moralischen Das bedeutet freilich nicht, daß jedes Mitglied einer solchen
Erfahrung zu erklären, die Verhaltensregeln einer Epoche zu- Gruppe sein eigenes Verhalten an diesen Konventionen aus-
sammenzufassen, die überlieferten Kategorientafeln oder Ib.17 richtet, sondern nur, daß es sie als Vorschriften und Verbote
perative umzustoßen und die subjektiven, singulären Impulse auffaßt. Dieser Unterschied läßt sich an einem Beispiel zei-
in allgemein gültiger Form zu objektivieren. gen. In einer Mädchenschule antworteten auf die Frage
Jeder Begriff von Moral, in dem deren Verhältnis zur mensch- »Lügen Sie manchmal? « 50 · P~ozent der Befragten »oft «,
lichen Arbeit nicht vorkommt, ist parasitär, literarisch. Was 20 Prozent »sehr oft«, 20 Prozent »bisweilen «, 1 0 Prozent
bleibt also übrig? übrig bleiben gesellschaftliche Objekte mit »niemals «; auf die Frage »Ist die Lüge zu verurteilen? « ant-
einer gemeinsamen ontologischen Struktur, die wir Norm .worteten 95 Prozent »ja«, 5 Prozent »nein«. Die Antworten
nennen wollen. Um welche Objekte handelt es sich? 1. um offenbaren den objektiven Charakter der Vorschriften: die-
Institutionen, die Verhalten vorschreiben und Sanktionen selben Individuen (alle oder fast alle) halten an ihnen fest
festlegen; 2. um die Sitten, die zwar nicht kodifiziert aber und zögern doch nicht, sie zu umgehen. Woher rührt dieser
verbreitet sind und die sich objektiv als Imperative ohne in- Widerspruch? Vielleicht wünschen die Mädchen, den anderen
stitutionelle oder mit einer diffusen Sanktion (Skandal) ein Gesetz aufzuerlegen, das sie selbst verletzen? N ein: sie
durchsetzen; 3. um die Werte: normative Qualitäten, die sich erlegen eS sich selbst auf. Sie sind überzeugt von der Existenz
auf das subjektive Verhalten oder dessen Folgen beziehen eines solchen Gesetzes. Wenn die Lüge vorbehaltlos zuge-
und Gegenstand von Werturteilen sind. geben wird, wird sie zur Realität, und die Wahrheit ist nur
Betrachten wir die Institutionen. Zunächst ist festzustellen, eine lügnerische Erscheinung; alles verwirrt sich: »Ich muß
daß sie, als Superstrukturen, nur schwer von der Sitte zu einfach lügen. « Es steht hinter diesem Bekenntnis die impera-
unterscheiden sind; manchmal sind Recht und Sitte identisch: tivische Besänftigung, die Kant formuliert hat: »Du sollst,
»Du sollst nicht töten« ist zugleich ein Imperativ des Straf- also kannst du.« Der Lügner tadelt sich lieber wegen einer
gesetzbuches und ein verbrei tetes moralisches Verbot. Ander- Lüge, als daß er das Verbot der Lüge tatsächlich und konse-
seits gibt es Fälle - im Rahmen der Verhaltenskonvention quent rationalisierte.
der herrschenden Klasse -, wo das gesetzliche Verbot (zum . Was ist nun der gemeinsame Nenner für die verschiedenen
Beispiel : den Fiskus zu betrügen) in keiner Weise mit einem objektiven Formen der Ethik und diesen und den Institutio-
moralischen Tabu verknüpft ist. In wieder anderen Fällen nen? Es ist ein bestimmtes Verhältnis zur Möglichkeit. Ein
(etwa bei privaten Gewohnheiten) sind die Imperative der bestimmter Akt wird uns apriori als unbedingt möglich er-
Ethik nicht durch gesetzliche Verbote gedeckt. So bestraft das klärt. Die beiden entscheidendenIBegriffe in diesem Satz be-

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dürfen der Erläuterung. In der Tat steht das Wort »möglich « ist lediglich ein als Futur verkleidetes »was vorhersehbar
in unserem Kontext in scharfem Gegensatz zu dem, was der war«. Der Mensch ist sich selbst äußerlich wie die Zeit und
Positivist darunter versteht. Für ihn ist jede gesellschaftliche der Raum.
Handlung kontingent, aber streng bedingt; sie ist der Schnitt- . Nun bestätigt aber der Imperativ eine Möglichkeit, die der
punkt einer Reihe von äußeren Bestimmungen in dem Sinne, oben beschriebenen stracks zuwiderläuft. In der Tat ist ihm
daß jed le einzelne allen übrigen äußerlich und jede gegenwär- die Verbindung, das heißt: der Zusammenhang exoterischer
tige Bestimmung durch die vorangegangene Bestimmung Bestimmungen des Handeins unbekannt; genauer: er will sie
bedingt ist. Wären alle Reihen bekannt, so wäre es möglich, nicht kennen. In jeder Epoche hat die Literatur solche Grenz-
das Verhalten eines Handelnden Punkt für Punkt voraus- fälle, in denen der Imperativ von allen ä~ßeren Bestimmun-
zusagen, das heißt: zusammenzusetzen. In dem Grade, in dem gen negiert wird und sich trotzdem durchsetzt, dargestellt.
die Determinanten des Handeins unbekannt sind, wird die So ist zum Beispiel die Ehre - ein Wert, der an die feuda-
Voraussage des Verhaltens unbestimmt. Nur wenige Verhal- listische Wirtschaftsstruktur und die patriarchalische Familie
tensweisen können in einem gegebenen Augenblick voraus- gebunden ist - in der Literatur hundertfach als unbedingte
gesehen werden, und jede von ihnen stellt eine Möglichkeit Notwendigkeit übersetzt worden. Der Handelnde kann die
dar. Nach positivistischem Verständnis ist das Mögliche als Familienehre in jeder Lage retten, Ein Sieg ist nicht immer
Unbestimmtheit des Wissens ein zugleich subjektiver und ob- möglich (denn er hängt von äußeren Bestimmungen ab), doch
jektiver Faktor des menschlichen Verhaltens . Da er die realen die Ehre ist wiederhergestellt und gerettet, sobald der Han-
Daten nicht kennt, die einer Vollendung seiner Handlung delnde sein Leben für ihre Bewahrung gibt. Unter solchen
entgegenstehen (soziale, psycho-physiologische, historische Vorzeichen verschiebt sich nun die Interpretation dessen, was
usw. Determinanten), unternimmt sie der Handelnde viel- als möglich gilt: r. Jedes moralische Bedürfnis kanh unabhän-
leicht gerade aufgrund dieser Unkenntnis, und obwohl das gig von äußeren Determinanten unter der Bedingung befrie-
Unternehmen mit einer Niederlage endet, geht er als ein digt werden, daß im Grenzfall das eigene Leben aufs Spiel
anderer daraus hervor, als er gewesen wäre, wenn er in gesetzt wird; 2. die höchste Möglichkeit für jedes Individuum
Kenntnis aller Determinanten ' überhaupt nicht gehandelt besteht demnach darin, sein Leben für einen Imperativ aufs
haben würde. Für den Positivisten verleiht die Voraussicht, Spiel zu setzen. Das Leben ist der Grenzfall. Das bedeutet:
das Resultat der rechnerischen Kalkulation eines Verhaltens, der Imperativ bestimmt den Menschen als fähig, dieses oder
der Zukunft den Charakter des vollendeten Futurs, das heißt: jenes Verhalten einer Reihe von Bestimmungen vorzuziehen,
sie macht aus der Zukunft eine Vergangenheit, die sich veri- deren Grenzfall das Leben ist. Diese unbedingte Ablehnung
fizieren wird, und aus der Gegenwart eine Realisierung der der äußeren Bestimmung ist soviel wie die Anerkennung
Zukunft, die ihre Vergangenheit war. Handeln im Sinne des einer inneren Bestimmung des handelnden Subjekts. Und
Positivismus ist Wiederholung, repräsentiert durch die ewige indem es von dieser synthetischen inneren Einheit, dem Impe-
Wiederholung der äußeren Vergangenheiten in der Form rativ oder dem Wert, sein Handeln bestimmen läßt, bestimmt
alter Futura, deren Bedingungen immer gegeben - und prin- sich das handelnde Subjekt (wie ein Ball, der von einem an-
zipiell voraussehbar - sind in den gegenwärtigen Vergangen- deren Ball angestoßen wird) selber als eine synthetische Ein-
heiten: die Vergangenheit beherrscht alles, und das »wird « heit. Die Norm - hier: der Imperativ - ist ein objektives
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Ganzes, Einheit der Wechselbeziehung, die ihre Teile lenkt. permanente Möglichkeit, mich selbst zum Subjekt zu machen,
Sie bestimmt im Handelnden selbst das Subjekt als synthe- erscheint als reine Zukunft- als Zukunft, die in keiner Weise
tische Einheit seiner verschiedenen Elemente. Die Norm als von der Vergangenheit bestimmt ist. Der Imperativ ist also
unbedingte Möglichkeit bezeichnet das Subjekt als etwas die Bestimmung meiner Gegenwart durch die zukünftige
immer Mögliches, das, unabhängig von der Außenwelt und Möglichkeit, mich gegen meine Vergangenheit oder außer-
jeder äußeren Bestimmung, sich in der Realität allein durch halb ihrer zu erschaffen.
die Erfüllung der gestellten Aufgabe verwirklichen kann. Wenn das gilt, dann kann diese Möglichkeit nicht Gegenstand
Mit anderen Worten: die Norm präsentiert sich als meine irgendeines Wissens sein. In der Tat verfüge ich nicht nur
Möglichkeit (objektiver Charakter: sie ist gleichzeitig jeder- über kein einziges Element der vergangenen Bestimmungen
manns Möglichkeit), doch in dem Maße, in dem sie mich als der Welt und meiner selbst, das mir den Entwurf meiner
mögliches Subjekt des Handelns definiert, repräsentiert sie zukünftigen Antwort auf diese Frage erlauben würde (und
meine Möglichkeit, mich als Subjekt zu erschaffen. sei es auch nur nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit), es
Jetzt erfassen wir den Sinn der Antworten, welche die Schü- wetteifert auch alles, mir klarzumachen, daß ich keine Ant-
lerinnen in der von uns zitierten Umfrage gegeben haben: sie wort haben werde. Vi~·le Angehörige der Widerstandsbewe-
geben vor, die Möglichkeit, den Umständen zum Trotz ein gung haben sich gefragt: Werde ich fähig sein zu schweigen,
menschliches Subjekt zu sein, bleibe durch ein unbedingtes wenn ich gefoltert werde? Zweifellos kann man statistisch
Verbot auch im Alltag erhalten; kurz: der Imperativ richtet den Prozentsatz derjenigen, die gesprochen haben, feststellen,
sich an meine Möglichkeit, mich als autonomes Subjekt zu die allgemeine Wahrscheinlichkeit ermitteln und daraus eine
begreifen und zu schaffen - eine Autonon1ie, die sich dadurch Taktik des Verhaltens ableiten; aber diese Voraussagen der
bestätigt, daß sie die äußeren Umstände beherrscht, anstatt Vergangenheit haben nichts mit mir zu tun, weil es für mich
· sich von ihnen beherrschen zu lassen. darum geht, mich als einer von denen zu verwirklichen, die
ier zeigt sich der wahre Charakter des Normativen. Die nicht sprechen.

f1
:


·
unbedingte Möglichkeit bestätigt sich als meine von der Ver-
gangenheit unabhängige mögliche Zukunft. Es hat nichts zu
besagen, daß die Zufälle meiner Ausbildung, meiner Kindheit
mich zum Heuchler gemacht haben, daß die wiederholte
Lüge mir zur Gewohnheit geworden ist und daß die Um-
Die reine Zukunft des Imperativs ist weder erkennbar noch
voraussehbar. Sie ist durch nichts vorbereitet, und nichts hilft
ihr bei ihrer Realisierung: sie ist Zukunft, die gemacht wer-
den muß. Natürlich laufe ich Gefahr, in einem bestimmten
. Augenblick Entwürfe der Zukunft zu entdecken, Systeme
stände mir ein Interesse an der Lüge eingeprägt haben. Das von Mitteln, die mir bei ihrer Realisierung helfen können.
mögliche Subjekt der normativen Handlung wird davon in Um nicht zu sprechen, weide ich zu lavieren, mich zu ver-
seiner Möglichkeit nicht berührt; es konstituiert sich vielmehr stellen, kurz: diese Zukunft mit dem zu machen versuchen,
als die von jeder Vergangenheit unabhängige Zukunft, besser: was mir gegenwärtig gegeben ist. Aber das bedeutet gerade,
als Zukunft, die sich auf den Trümmern der Vergangen- die Gegenwart durch die Zukunft erklären. Das ist nicht die
heit erhebt. Und diese Zukunft steht in klarem Gegensatz zu Erkenntnis der Zukunft durch die Gegenwart, sondern die
der positivistisch interpretierten Zukunft, welche die offen- Erkenntnis der Gegenwart durch die Zukunft. Plötzlich
Slve Wiederkehr der äußeren Umstände ist. Die Norm als nimmt die Gegenwart die synthetische Einheit eines Aktions-
feldes an: in der Folterkammer hütet sich der Gefangene, und der li.ußerlichkeit. Die Norm als unbedingte Möglichkeit
durchdrungen von der Norm, nicht zu sprechen, vor allen steht im Widerspruch zur rein affirmativen Kontingenz des
Parteien und sucht die Torturen vorauszusehen, um sich zu Faktums. Nun hat der Positivismus außer den Sitten nie etwas
wappnen. Nichts ist durch die Norm gesetzt. Unversehens anderes als Fakten angetroffen, und seine Methode ist wirklich
wird auch das Sprechen eine Möglichkeit des Subjekts, seiner so beschaffen, daß sie gar nichts anderes treffen kann.
Autonomie, seiner inneren Verfassung. Das ist nicht einfach Doch die Normen? Nun, der Positivist wird antworten:
der Triumph der äußeren Bestimrnungen der menschlichen Exi- wenn ich sie in der objektiven Erfahrung antreffe, dann sind
stenz: es ist 4ie.innere Wahl, sich von der Außenwelt bestim- es Fakten. Nach unserer vorläufigen Beschreibung der Norm
men zu lassen - Gegennorm, Gegenwert. als reiner Zukunft müssen wir in diesem Punkt dem Positivi-
Auf diese Weise begreifen wir die vulgärste wie die strengste sten recht geben und mit ihm anerkennen, daß die Normen
Norm als Zukunft, die gemacht werden muß, die die Gegen- auch Fakten sind, und zwar wiederholte Fakten. Diese Fol-
wart als unbedingte Möglichkeit ausgeben kann. In der Tat gerung ergibt sich aus zwei überlegungen. I. Die vergange-
darf uns das imperative Moment der Pflicht nicht darüber nen Gesellschaften mitsamt ihren Werten und Imperativen
hinwegtäuschen, daß Werte an die praktischen Imperative sind verschwunden; mit anderen Worten: ihre reine Zukunft
gebundene affektive Imperative sind, also unbedingte Möge war, ohne daß sie aufgehört hätte, Zukunft zu sein, eine ver-
lichkeiten, diese Menschen oder jene Objekte zu lieben, zu gangene Zukunft, die wiederh'olte Zukunft dieser Gesellschaf-
bewundern, zu achten. ten, und sie hat der Entwicklung eines neuen Gesellschafts-
Es leidet keinen Zweifel, daß die fließenden Formen der und Produktionstypus nicht mehr Widerstand entgegengesetzt
moralischen Bestimmung nicht bloß Sonderfälle der allge- als diese Gesellschaften selbst; 2. unter der Voraussetzung,
meinen normativen Struktur sind. Die Pflicht beispielsweise, daß wir nicht ihr Mitglied sind oder daß, wenn wir es sind,
die in der Sitte festgemacht ist, hat die Struktur des Gebots, 'die geschichtliche Situation uns gestattet, uns unserer Stellung
das prinzipiell eine von einem anderen geprägte Ordnung in ihr bewußt zu werden, erscheinen uns heute die Imperative
signalisiert und für den Handelnden den Charakter des einer gegenwärtigen Gesellschaft einmal - auf der normati-
Andersartigen behält. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, ven Ebene - als unbedingte Zukunft, ein andermal als Wieder-
daß die ontologische Struktur der Norm nicht durch die Ein- holung der Vergangenheit. Für die Eingeborenen Zentral-
führung fremder Bestimmungen variiert oder deformiert australiens ist es ein strenges Gebot, nach bestimmten exo- '
werden könnte. Genau an dieser Stelle belehrt uns der Posi- gamen Regeln zu heiraten. Dieser Satz enthält zugleich ein
tivismus, der sich bemüht, die Deformation zu begrenzen. Faktum und eine Norm. Die Exogamie ist objektiv die zu
Unter der im 19. Jahrhundert klassischen Bezeichnung »Mo- beachtende Regel, die normative Struktur, der jeder Einge-
ral und Wissenschaft« findet der Positivist seine irrationale borene sich zu beugen hat: sie ist, solange er nicht verheiratet
Zahl, seinen pythagoreischen Skandal, wenn er den normati- ist, seine Zukunft, später die Zukunft seines Sohnes oder sei-
ven Charakter der Sitten entdeckt und beschreibt. Diese reine nes Neffen, also die Zukunft seiner Familie. Kurz: die Zu-
Zukunft, die ihren möglichen Agenten als ein Subjekt, das kunft stellt sich ihm als orientierter Wandel dar. Allerdings
produziert werden muß, bestimmt, ist offensichtlich unverein- spricht derselbe Eingeborene, wenn er dem Ethnographen
bar mit der Welt des Präsens-Perfekt, des v~llendeten Futurs Auskünfte gibt, von dieser Struktur wie von einer sittlichen
Tatsache: bei uns heiratet man so oder so. Diese Doppeldeu- Individuen sich als Funktion der Zukunft begreifen, tun sie
tigkeit ist das ethische Paradox. nichts anderes, als in einem anderen Bereich die tieferen
Beim Imperativ der Sitte bedeutet mir der Inhalt der Norm: Bestimmungen, etwa die Produktionsverhältnisse, reprodu-
ich muß mich durch meine Tat erschaffen. Meine innere Ver- zieren, die ihnen im voraus ein bestimmtes Sein (zum Beispiel
fassung ist zugleich Subjekt meiner möglichen Tat und die eine Klasse) zuschreiben. Hier ist der normative Appell nur
Möglichkeit, mich zum Subjekt zu machen - die Möglichkeit, eine Falle, die mich ruhelos mein vergangen es Sein, mein
daß keine Bestimmung der Vergangenheit eine Beziehung zu Schicksal verwirklichen heißt. An diesem Punkt macht (auch
meinem Tun habe. Die Vergangenhei~ wird in die Vergangen- im neopositivistischen Denken einiger Marxisten) das von der
heit gewiesen; der Imperativ ist die Entdeckung der Zukunft illusorischen Möglichkeit genarrte Individuum, sein Produkt
als Disqualifizierung der Vergangenheit. zu sein, sich zum Produkt seines Produkts. Die Vorstellung
Aber gleid1Zeitig setzt diese Zuktm{l meine unbedingte Mög- meiner Freiheit ist das Motiv, das mich zur Verwirklichunp'
lichkeit, mich selbst zu verwirklichen; sie setzt sie als Impe- meiner endgültigen Entfremdung treibt. Gewiß erkennt de;
rativ, der bereits von den Angehörigen verg;tngener Gene- Neopositivist, daß die Gesamtheit der Verhaltensweisen die
rationen anerkannt worden ist. Für diese war, was für mich das moralische Leben ' einer Gesellschaft ausmachen, n~ben
die Yergangenheit ist, die Zukunft. Auch sie ist daher eine Wiederholungen auch Evolutionen, das Auftreten neuer Nor-
volle11dete Zukun{l; für den moralisch Handelnden, der ich men oder das Verschwinden alter Imperative impliziert.
heute bin, kündigt sie sich als meine Zukunft und als wieder- Doch alle diese Fakten enthalten seiner Meinung nach tiefere
holtes Faktum an. Wie die vergangenen Generationen werde soziale Bestimmungen.
ich die Gesetze der Exogamie respektiereh. Oder: das »Du Auch wenn der Wert der permanente Ausdruck einer Gesamt-
sollst, also kannst du«, der Appell der Norm an das Ich, wird heit von Fakten ist, auch wenn sein normativer Aspekt ein
von einem »Das kann man tun « und »Das ' kann man nicht unwesentliches Moment des Prozesses ist, durch den der mora-
tun « begleitet. »Warum machst du es nicht so? « Antwort: lisch Handelnde bestimmt ist, sein Sein zu erschaffen, das ihm
»Weil man es nicht so macht.« In dem »Das tut man nicht« die Gesellschaft b~reits zugewiesen hat, so muß der Positivist
artikuliert sich die um die Norm geschlossene empirische gleichwohl das normative Sein des Wertes berücksichtigen.
Situation, oder die Norm als Hefe der Kontingenz. Alles in Erscheinung? Mag sein. Jedenfalls universale Erscheinung.
Obwohl also der Widerspruch zwischen Normen und Fakten

~
allem stellt sich mir das Faktum als meine normative und
• zukünftige Möglichkeit dar: Sei - unbedingt - in der reinen bezeichnet ist, begnügt sich die positivistische Interpretation
• Zukunft die wiederholte Vergangenheit der Gesellschaft. mit der These, daß die Fakten gewöhnlich mit den Normen
. ieses ethische Paradox veranlaßt den Positivisten - und übereinstimmten und diese sich auf jene reduzieren ließen.
insbesondere den Neopositivisten -, die Norm als den illuso- Das Fiasko ist eklatant und hat seine Gründe. Ein Grund
rischen Schein wiederholter Fakten zu betrachten, die gesell- dafür ist, daß der Neopositivist die Geschichte dem System,
schaftlich produziert werden. Das Faktum ist ihm die regu- den Wert dem Faktum unterordnet. Der Neopositivismus ist
läre Praxis, die Norm ein Verhältnis der Erscheinungsweise ein Strukturalismus - für ihn ist die Gesellschaft eine totale
zwischen der Praxis als »sozialer Rolle « oder »kultureller und funktionale Gesamtheit von Relationen. Wenngleich die
Bestimmung « und dem Individuum. Wenn Gruppen oder Bedingungen vor denBezieh~ngen existieren, geht die struk-

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turale Theorie davon aus, daß die Beziehungen die Bedingun- seiner Vergangenheit gegenwarug ist. Mit anderen Worten:
gen definieren und produzieren. Die Gesamtheit der Bezie- die Zukunft muß nicht gemacht, sondern vorausgesehen wer-
hungen ist ein System, das entsteht, sich entwickelt, in einer den.
bestimmten Periode seine volle Entfaltung erreicht und dann Was von dieser Theorie unterschlagen wird, ist die P~axis;
vergeht. Dieses System nun enthält - gemäß der Ordnung der Mensch macht, wie Engels gesagt hat, die Geschichte auf
der Beziehungen, die es bilden - von Beginn an die Gründe der Grundlage früherer Umstände. Nicht, daß es keine Sy-
seiner Entwicklung und seines Niedergangs. Das System ist steme gäbe; doch sie werden vom Menschen produziert, der
ein Prozeß, seine Quasi~Einheit die reiner Interaktion. Keine seine Praxis objektiviert, sie der Natur wie ein Siegel auf-
reale Anwesenheit des konkreten Ganzen im .verhältnis zu drückt, eine Praxis, die sich, objektiviert, wiederum gegen ihn
jedem seiner Teile; keine Ergänzung, die durch die Konflikte als tätig-träges Wesen wendet. Die Einheit des Systems ist
zustandekäme; keine Autonomie des Subjekts. seine ewige Einigung durch den Menschen, der zugleich sein
Da die Entfaltung des Systems das Produkt seiner inneren Produzent und sein Produkt ist, da sein praktisches Wirken
Beziehungen und seiner Selbstregulierung ist, gibt es für sich von ihm entfernt und gleichzeitig ihm erlaubt, die Ent-
einen Beobachter innerhalb des Systems keine andere Zukunft fremdung wieder aufzuheben. So ist die historische Zukunft
als die des Systems. Dort erlaubt nichts vorauszusehen, was teils voraussehbar (insofern sie dem System entfremdet ist,
auf es folgen, was nach ihm entstehen wird. Das bedeutet, das die Praxis produziert hat), teils nicht voraussehbar (inso-
daß alles, was in der Wachstumsphase des Systems entsteht, - fern sie sich innerhalb und außerhalb des Systems als Zu-
einzig und allein zu seinem Wachstum beitragen kann; und in kunft, die gemacht werden muß, durch und gegen, die struk-
jeder Phase des Niedergangs trägt jedes Ereignis zu seinem turellen Determinanten entwickelt). Soweit die Geschichte die
Niedergang bei. Die Voraussicht, äie das System erlaubt, wahre Einheit des Systems vermittels seiner praktischen Tota-
reicht nicht weiter als bis zu seiner Abschaffung; im allgemei- lisierung, soweit sie zugleich die äußere Grenze und die innere
nen hat sie ihre Grenze in der Phase selbst, die den, der vor- Verfassung ist, ist sie sowohl die Antriebskraft, welche sie
aussieht (und seine Voraussicht) hervorgebracht hat. Für den prodl:lziert und durch die sie eIne entfremdete Zukunft hat,
Strukturalismus ist die Geschichte ein internes Produkt des als auch die konkrete Praxis, die diese Entfremdung im Na-
Systems. Es gibt so viele Geschichten, wie es strukturierte Ge- men einer menschlichen Zukunft bekämpft. Es ist kein Zufall,
sellschaften gibt: jede Gesellschaft produziert ihre eigene daß der Neopositivismus die menschliche Aktion degradiert,
Zeitlichkeit, in welcher der Fortschritt die Entwicklung der .. indem er den Handelnden als bloßen Transmissionsriemen
Ordnung ist. Es ist klar, daß eine solche Theorie des histori- für interne Veränderungen versteht. Ebensowenig ist es ein
schen Pluralismus die Geschichte (als Bewegung) zugunsten Zufall, daß einige vom Strukturalismus in Versuchung ge-
der strukturellen Ordnung desavouiert. Die Zukunft bleibt führte Marxisten sich bemühen, den entscheidenden Motor
voratmehbar, innerhalb klar definierter· Grenzen im positi- der Geschichte, den Klassenkampf, stillzustellen.
vistischen Sinne. In diesem Sinne ist sie jeweils schon Ver- Daran erkennen wir in der Tat zuerst die Kräfte, die das
gangenheit. Sie wird eine vollendete Zukunft sein; sie wird System erhalten. Der Bourgeois zum Beispiel ist das Produkt
durch den gesellschaftlichen Agenten, der produziert und be- des kapitalistischen Systems, doch er perpetuiert dieses Sy-
dingt, jenes zukünftige Sein verwirklichen, das implizit in stem nicht durch Trägheit, sondern durch Wahl: durch die

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Entwicklung einer ökonomischen, sozialen und politischen Anscheinend geraten wir nun in größere Schwierigkeit als zu-
Strategie. Anderseits stellen wir bei den ausgebeuteten Klas- vor: wir hatten eine Zukunft, nun haben wir deren zwei.
sen eine tiefe Ambivalenz fest: vor ihrer Emanzipation tra- Aber wenn wir die Imperative und Werte im Lichte dieser
gen sie zur Erhaltung des Systems schon allein dadurch bei, Entdeckung neu untersuchen, werden wir vielleicht das Ver-
daß die Notwendigkeit, ihr Leben zu fristen, sie zur Akzep- hältnis, in dem die beiden Arten Von Zukunft zueinander
tierung der system immanenten Spielregeln zwingt. Indes ha- stehen, ausfindig machen könne~. Denn in der Tat ist die
ben Erfahrung und Nachdenken sie gelehrt, daß sie zugleich Norm innerhalb des Systems zugleich unbedingte und be-
das Produkt des Systems und seine radikalste Herausforde- grenzte (wiederholte) Zukunft . Das heißt, daß der Imperativ
rung sind. Wenn Marx schreibt, das Proletariat trage den und der Wert nicht in sich selbst begrenzt sind, sondern einzig
Tod der bürgerlichen Klasse in sich, so will er damit sagen, durch die Trägheit, die ihnen von außen auferlegt wird.
daß das Proletariat die reine Zukunft jenseits des Systems
ist: es negiert in der Praxis die wiederholte Zukunft des
Schicksals, welches das System ihm auferlegt.
Freilich muß man sich darüber im klaren sein, daß I. diese
Zukunft über den Trümmern des Kapitalismus der Entwurf
eines zukünftigen Systems ist: des Systems, das durch die Zer-
störung des Kapitalismus entstehen wird und das heraufzu-
führen diese Zerstörung lohnt; 2. daß einige allgemeine
Bestimmungen des zukünftigen Systems allein durch die kon-
krete und praktische Negation des gegenwärtigen Systems
gefunden werden können. Unter diesem Gesichtspunkt schei-
nen heute die unterprivilegierten Klassen zwei Arten v on
Zukunft zu haben . Eine erscheint im Innern des gebieterischen
und zwangshaften Systems selbst: Garantie des Lohns, Ar-
beitssuche, Ernährung der Familie usw.; die andere manife-
stiert sich als reine und totale Zukunft durch die Ablehnung
des gegebenen und die Herstellung eines anderen Systems. So
zeigt uns die sich ·enthüllende Geschichte eine zweifache Zu-
kunft: die eine, lokale und infrastrukturelle, die aus dem
System und seinen Strukturen erwächst, und die andere, zeit-
lich unbegrenzte, die sich jedermann im System als eine mach-
bare darstellt, machbar nicht durch die Konstruktion eines
Systems (und wäre es gleich das sozialistische), sondern auf
den Trümmern jedes Systems; sie zeigt, daß das sozialistische
Individuum das Produkt seiner selbst ist.

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