Aufbau: OL-StOR von Wittreck/Pieroth, SS 2016. Ergänzt mit Skript von Englisch. Fälle und Fragen bearbeitet.
Grundlagen zur Verfassung
I. Begriffe zur Verfassung
1.) Verfassung im formellen Sinne
- Das Grundgesetz als abgeschlossene Urkunde, die mit besonderen Eigenschaften
ausgestattet ist.
- Verfassungskriterien:
o Vorrang vor einfachem Recht (vgl. Art. 1 III, 20 III GG sowie Art. 93 I Nr.2, 100 I
GG, § 78 BVerfGG).
o Zustandekommen in einem besonderen Verfahren, der Verfassungsgebung.
Das Volk als konstituierende (= verfassungsgebend i.e.S.) Gewalt, das seine
Ordnung in einem revolutionären Akt völlig neu gestaltet (vgl. Präambel
sowie Art. 146 GG).
Das Volk als konstituierte (= verfassungsändernde) Gewalt, dass sich i.R.d.
einmal geschaffenen Ordnung bewegt um eine neue Verfassung zu schaffen.
Erhöhter Bestandsschutz, da grds. außerhalb der Diskussion stehende Fragen
geklärt sind, die nicht zur jederzeitigen Disposition gestellt werden sollen
(vgl. Art. 79 I-III GG).
2.) Verfassung im materiellen Sinne
- Alle Gesetze und sonstige Normen (insb. die GOBT), die insgesamt für die Regulierung des
politischen Prozesses in Deutschland maßgeblich sind.
o Indiz ist die Aufnahme in Dreier/Wittreck, Grundgesetz.
o Welche Funktionen oder Leistungen erbringt eine Verfassung? Etwa: Legitimation
und Limitation politischer Herrschaft, Integration der Bürgerschaft in das
Staatsganze, etc.
II. Verfassungsänderung, Art. 79 GG
- Ein Gesetz zur Änderung der Verfassung ist normativ gleichrangig mit der Verfassung. Es
darf nur an der Vorschrift des Art. 79 III GG geprüft werden.
o Beachte: Ein verfassungsänderndes Gesetz unterliegt der abstrakten und konkreten
Normenkontrolle (vgl. §§ 76 I Nr.1, 78 S.2 BVerfGG, Art. 100 I GG) und der
Gesetzesverfassungsbeschwerde (§§ 93 III, 95 III 1 BVerfGG).
- Sonderfall: Verfassungswidriges Verfassungsrecht?
o Teilweise wird Art. 79 III GG als höherrangiges (oder qualifiziertes)
Verfassungsrecht angesehen. Einfaches Verfassungsrecht hat demnach Art. 79 III
GG zu entsprechen.
o Das BVerfG lehnt diese Unterteilung ab. Art. 79 III GG hierarchisiert nicht, sondern
kommt nur im Fall der Verfassungsänderung zum Einsatz. Die Norm steht nicht
sonstigen Verfassungsbestimmungen entgegen, die andere Schwerpunkte legen.
1.) Formelle Rechtmäßigkeit
- Kompetenz:
o Gesetzgebungskompetenz des Bundes, Art. 79 II GG.
o Organkompetenz des Bundestages und Bundesrates, Art. 79 II GG.
- Verfahren:
o Qualifizierte 2/3 Mehrheit im Bundestag, Art. 42 II 1, 79 II, 121 GG, § 1 I BWahlG.
o Qualifizierte 2/3 Mehrheit im Bundesrat, Art. 51 II, 79 II GG, § 28 GO BR.
- Form: Textänderungsgebot, Art. 79 I 1 GG
o Warnfunktion für Parlamentarier und Bürger, dass eine Änderung der Grundordnung
ansteht.
o Wahrung der Urkundeneinheit, es soll unübersichtliches Nebenverfassungsrecht
verhindert werden. Reaktion auf die Praxis der sog. Verfassungsdurchbrechung in
der Weimarer Republik, i.R.d. nicht ausdrücklich verfassungsändernde Gesetze mit
2/3-Mehrheit verabschiedet wurden und faktisch zu einer Verfassungsänderung
führten.
o Art. 79 I 2 GG ist obsolet, die damit beabsichtigte Europäische
Verteidigungsgemeinschaft ist nicht geschaffen worden.
2.) Materielle Rechtmäßigkeit: Ewigkeitsklausel, Art. 79 III GG
- Veränderungsfest ist die Gliederung in Bund und Länder.
o Wie aus Art. 29 GG hervorgeht allerdings nicht hingegen die bestehende Ordnung.
- Veränderungsfest ist die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung.
o Erfasst sind die eigenständige Landesgesetzgebung und die Mitwirkung bei der
Bundesgesetzgebung.
- Unzulässig ist eine „Berührung“ der in Art. 1 und 20 GG niedergelegten Grundsätze.
o Umfang:
Die Menschenwürde (Art. 1 I GG) ist unabänderbar.
Das Bekenntnis zu den Menschenrechten (Art. 1 II GG) ist von
zweifelhaftem normativem Wert.
Die umfassende staatliche Bindung an die Grundrechte (Art. 1 III GG)
verhindert eine Rückstufung zu Programmsätzen.
Die Verfassungsprinzipien (Art. 20 III GG) sind umfasst, nicht hingegen das
erst 1968 eingeführte Widerstandsrecht (Art. 20 IV GG). Keine beliebige
Erweiterung des Art. 20 GG.
o Art. 79 III GG ist selbst nicht abänderbar, dass wäre sinnwidrig.
o Art. 79 III GG schützt auch solche Bestimmungen, die notwendige
Konkretisierungen der vorgenannten Grundsätze sind.
Notwendige Konkretisierungen sind die freie und gleiche Wahl gem. Art. 38
I 1 GG.
Nicht notwendig und somit abänderbar ist der Grundsatz der unmittelbaren
Wahlen, Art. 38 I 1 GG (vgl. Präsidentschaftswahl USA).
Beachte: In der Prüfung des Art. 79 III GG sind vorrangig solche
Konkretisierungen der Verfassungsprinzipien zu benennen und nach der
Feststellung eines Verstoßes zu prüfen, ob es sich um notwendige
Konkretisierungen der Prinzipien handelt. Dann greift Art. 79 III GG. Liegen
keine relevanten Verstöße vor, ist sekundär mit den allgemeinen Prinzipien
zu argumentieren.
o Modifikationen der Grundsätze sind zulässig, ausgeschlossen sind nur Berührungen,
die die Grundsätze im Kern treffen und somit an der Stellung der BRD als
Demokratie und Rechtsstaat rühren.
- Reaktion auf die fehlenden materiellen Verfassungsschranken in der WRV sowie dem
umfassenden Ermächtigungsgesetz von 1933.
III. Verfassungsgebung, Art. 146 GG
1.) Anwendungsbereich
- e.A.: Art. 146 GG hat keinen Regelungsgehalt mehr.
o Es handelte sich neben Art. 23 GG a.F. (sog. Beitrittslösung) um eine zweite
Möglichkeit zur Wiedervereinigung mit der DDR. Ihr Verbleiben im GG ist ein
Redaktionsversehen.
- a.A.: Art. 146 GG regelt die Einheits- und die Verfassungsfrage.
o Die Einheitsfrage ist durch Art. 23 GG a.F. (sog. Beitrittslösung) gelöst.
o Die Verfassungsfrage ist offen. Das deutsche Volk hat die Möglichkeit sich in freier
Entscheidung eine neue Verfassung zu geben. Die Modalitäten sind (bewusst) offen
gelassen (nach der Lissabon-Entscheidung des BVerfG durch Volksabstimmung).
2.) Modalitäten der Verfassungsgebung
- e.A.: Art. 146 GG erlaubt jede freie, vom Volk gewollte Verfassungsgebung. Naturgemäß
haben die Regelungen bisheriger Verfassungen keine Bedeutung mehr.
- a.A.: Zumindest die Ewigkeitsklausel (Art. 79 III GG) bindet auch zukünftige Verfassungen.
IV. „Geburtsmakel“ des Grundgesetzes
- Wichtige Informationen zur Entstehung der Verfassung:
o Art. 144, 145 GG + Vorspruch des GG (noch vor der Präambel).
o Parlamentarischer Rat wurde durch die Landesparlamente gewählt, auf eine
Verfassungsreferendum wurde verzichtet.
- Kritikpunkte und Gegenargumente:
o Westalliierte Initiative (sog. Frankfurter Dokumente), Beobachtung und Anleitung,
Ergebnis musste durch Militärgouverneure genehmigt werden. -> Einfluss der
Westalliierten war gering, Orientierung am der deutschen Verfassungstradition
(Paulskirchenverfassung, WRV, Landesverfassungen aus Süddeutschland).
o Nichteinhaltung des Konstituantenmodells, der Parlamentarische Rat war keine
klassische Verfassungsgebende Versammlung. Bei der Wahl zu den
Landesparlamenten war völlig offen, ob daraus eine Verfassungsgebende
Versammlung gebildet wird. Dies war anders bei Paulskirchenverfassung (->
Paulskirchenversammlung) und WRV (-> Weimarer Nationalversammlung). ->
Bloßes Modell; Wahl durch Landtage sorgte für eine demokratische Legitimation;
Irreguläre Genese wohnt auch der der Französischen Menschenrechtserklärung von
1789 und der US-Verfassung von 1788 inne; Etablierung und Anerkennung.
o Nichteinhaltung des Konventsmodells, da das in kleinem Kreis erarbeitete
Verfassungswerk nicht zur Volksabstimmung gestellt wurde (so z.B. die
Landesverfassung NRW, vgl. Art. 90 LVerfNW). -> S.o.
V. Grundrechtsnormen mit Geschichte
1.) NS-Herrschaft, Vernichtungskrieg
- Art. 1 I GG, Art. 3 III 1 GG (Diskriminierungsverbote, namentlich der Rasse), Art. 4 III, 16
I, 16a, 26, 79 III (Ermächtigungsgesetz), Art. 116 (Ausbürgerung), Art. 139 GG.
2.) WRV
- Art. 1 III GG, 21 (Parteien), Art. 54 ff. (schwacher Bundespräsident), Art. 63, 67 f.
(Kanzlerdemokratie, insb. konstruktives Misstrauensvotum), Art. 79 I, III (Verbot der
Verfassungsdurchbrechungen, materielle Verfassungsschranken), Art. 80 I (abgeleitetes
Verordnungsrecht, kein Notverordnungsrecht), Art. 140 GG
3.) Paulskirche
- Grundrechte und starke Verfassungsgerichtsbarkeit (inkl. Individualschutz).
4.) DDR-Verfassung
Art. 16, 16a GG, Verzicht auf Elemente direkter Demokratie (Art. 20 II 2 GG)
5.) Konstitutionalismus (Dualismus von Parlament und Monarch – in D bis 1918)
- Der Monarch sah sich als absoluten Herrscher, trat aber freiwillig Rechte i.R. einer
Verfassung an das Parlament ab (insb. Haushalt und Eingriffsrechte in Freiheit und
Eigentum der Bürger).
- Art. 41 GG (Wahlprüfung durch das Parlament und nicht den Monarchen), 43 I GG
(Zitierrecht), 40 I 2 GG (Geschäftsordnungsautonomie, um dem Zustimmungserfordernis
des Monarchen zu entgehen), Art. 46 GG (Immunität, Indemnität als Schutz des Parlaments
vor Eingriffen des Monarchen), 48 III GG (Abgeordnetenentschädigung, Diät genannt, da
das Parlament früher nur wenige Tage im Jahr tagte), 58 S.1 GG (Gegenzeichnung, der
heilige Monarch kann die Verfassung nicht verletzen, wohl aber der gegenzeichnende
Minister, der dann einer Ministerklage ausgesetzt ist).
VI. Gesetz im formellen und im materiellen Sinn
1.) Historie
- im 17./18. Jahrhundert oblag die Gesetzgebung im absoluten Staat dem Monarchen.
- Im Rahmen des aufkommenden konstitutionellen Staatsrechts im 19. Jahrhundert wurde
diese Regelung dahingehend aufgeweicht, dass Gesetze durch den Monarchen nur mit
Zustimmung der Volksvertretung erlassen werden durften.
- Der Begriff des Gesetzes war also Kompetenzbegriff, da er die Zuständigkeit der
Volksvertretung begründete, es entwickelten sich nacheinander folgende Theorien:
o Gesetze sind alle Regelungen, die Eingriffe in Freiheit und Eigentum darstellen.
o Gesetze sind alle Regelungen, die Schranken zwischen selbständigen
Rechtssubjekten festlegen (soziale Schrankenbestimmung).
o Zuletzt: Gesetze sind alle generell-abstrakten und allgemeinverbindlichen
Rechtsnormen.
2.) Dualistischer Gesetzesbegriff (h.M.)
- Formelle Gesetze (Bezugspunkt ist die Form. Welche Art von Rechtssatz liegt vor?):
o Def.: Abstrakt-generelle Regelungen mit Außenwirkung, die durch die Legislative in
dem dafür vorgesehenen Gesetzgebungsverfahren (Art. 70 ff. GG, Art. 65 ff.
LVerfNW) erlassen werden.
o Auch als Parlamentsgesetze oder nachkonstitutionelle Gesetze bezeichnet.
- Materielle Gesetze (Bezugspunkt ist der Inhalt. Liegt eine Rechtsnorm vor?):
o Def.: Materielle Gesetze sind abstrakt-generelle Regelungen mit
allgemeinverbindlichem Inhalt, also mit Außenwirkung.
- Die Begriffe überschneiden sich weitgehend, Ausnahmen sind die nur-formellen Gesetze
(Haushaltsgesetz, Art. 110 II 1 GG; Zustimmungsgesetz zum völkerrechtlichen Vertrag, Art.
59 GG) und die nur-materiellen Gesetze (Rechtsverordnung, Satzung).
o Rechtsverordnungen (Def.: Rechtsnormen, die von Organen der Exekutive zur
Regelung staatlicher Angelegenheiten erlassen werden.)
o Satzungen (Def.: Satzungen sind Rechtsnormen, die von juristischen Personen des
öffentlichen Rechts aufgrund ihrer Satzungsautonomie zur Regelung eigener
Angelegenheiten erlassen werden.)
3.) Gesetzesbegriff und Gewaltenteilung
- Gegenwärtig ist der Gesetzesbegriff auch weiterhin noch ein Kompetenzbegriff, da das
Erfordernis eines formellen Gesetzes die Zuständigkeit des verfassungsrechtlichen
Gesetzgebers begründet.
- Die Verteilung der Kompetenzen zwischen den Staatsgewalten sind unterschiedlich zu
beurteilen:
o Die Kompetenzen der Judikative sind durch Art. 92 ff. GG eindeutig abgesteckt und
der Einwirkung der Legislative entzogen (sog. Richtervorbehalt).
o Die Kompetenzen der Exekutive:
Es ist festgelegt, was die Legislativ regeln muss: Der Vorbehalt des Gesetzes
(Art. 20 III GG) bestimmt den Regelungsumfang und –inhalt durch formelle
Gesetze.
Der Bereich, den der Gesetzgeber regeln darf, (sog. Zugriffsrecht des
Gesetzgebers) ist nicht durch einen Exekutivvorbehalt begrenzt.
Die Legislative hat jedoch einige Vorbehaltsbereiche der Exekutive
zu respektieren: Richtlinienkompetenz (Art. 65 GG), Kernbereich der
Exekutiven Eigenverantwortung, militärische Befehls- und
Kommandogewalt (Art. 65a GG), finanzverfassungsrechtliche
Befugnisse (Art. 110 ff. GG), Außenpolitik (Art. 32 GG,
vorbehaltlich Art. 59 II GG), Personalgewalt, Gesetzesvollzug.
VII. Die Ranordnung der Rechtsnormen
- Die Vielzahl an Rechtsquellen und daraus resultierenden Rechtsnormen kann leicht zu
Normenkollisionen führen. D.h. mehrere Rechtsnormen regeln denselben Sachverhalt mit
unterschiedlichen, oftmals entgegenstehenden Rechtsfolgen.
1.) Auflösung von Normenkollisionen
- Konkurrenz auf unterschiedlicher Ebene:
o Grundsatz: Ranghöhere Normen gehen rangniedrigeren Normen vor
(Hierarchieprinzip). Es gilt der Satz lex superior derogat legi inferiori. Es gilt die
Lehre vom Stufenaufbau der Rechtsordnung.
o Ausnahme:
Günstigkeitsprinzip im Arbeitsrecht (vgl. § 4 III TVG).
Dispositives höherrangiges Recht.
- Konkurrenz auf gleicher Ebene:
o Das jüngere Gesetz verdrängt das ältere Gesetz, lex posterior derogat legi priori.
o Verdrängende Gesetzeskonkurrenz: Die speziellere Norm verdrängt die allgemeinere
Norm, lex specialis derogat legi generali.
Sonderformen:
Eine Norm bildet nur einen Auffangtatbestand, sog. Subsidiarität.
Ein bestimmter gesetzlicher Tatbestand umfasst im Normalfall der
Verwirklichung den Tatbestand einer anderen Norm typischerweise
mit. Im Wege teleologischer Reduktion bleibt die umfasste Norm
außer Anwendung, sog. Konsumtion.
2.) Rechtskreise
- Es wird in der folgenden Abstufung zwischen Rechtskreisen unterschieden
o Unionsrecht - Bundesrecht - Landesrecht
- Die Rechtsfolgen von Normenkollisionen:
o Das Bundesrecht hat Geltungsvorrang. Widersprechendes Landesrecht ist nichtig
und bleibt auch bei Wegfall der höherrangigen Norm nichtig.
o Das Unionsrecht hat Anwendungsvorrang. Widersprechendes nationales Recht ist
unanwendbar, kann aber dann angewendet werden, wenn die höherrangige Norm
wegfällt.
3.) Rangordnung
- Unionsrecht
o Primäres Unionsrecht
o Sekundärer Unionsrecht.
- Bundesrecht
o Die Verfassung
o Die allgemeinen Regeln des Völkerrechts, Art. 25 GG.
o Bundesgesetze und gleichgeordnete völkerrechtliche Verträge, Art. 59 II 1 GG.
- Dispositive Bundesgesetze gelten nur, soweit sie nicht durch Vertrag oder Tarifvertrag
abgeändert worden sind.
o Rechtsverordnungen des Bundes und Satzungen autonomer Organisationen des
Bundes.
- Landesrecht
o Landesverfassung
o Landesgesetze
- Dispositive Landesgesetze gelten nur, soweit sie nicht durch Vertrag oder Tarifvertrag
abgeändert worden sind.
o Rechtsverordnungen des Landes und Satzungen, insb. Gemeindesatzungen.
- Gewohnheitsrecht
- Kollektive Normenverträge des Arbeitsrechts
o Im Einzelfall kann staatliches Recht den Vorrang dieser Normverträge anordnen,
vgl. § 87 I BetrVG.
o Tarifverträge, § 4 I TVG.
o Betriebsvereinbarungen, §§ 77 III, 87 I BetrVG.
- Normsetzungsbefugnis der Religionsgesellschaften, Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 III WRV.
4.) Bundesrecht bricht Landesrecht, Art. 31 GG
- Art. 31 GG greift nur ein, wenn Bund und Land für den Regelungsgegenstand
gleichermaßen die Regelungskompetenz haben und die getroffenen Regelungen kollidieren!
o Nicht erfasst sind also ohne Gesetzgebungskompetenz erlassene (und deshalb bereits
nichtige) Gesetze. Darunter fällt auch die nachträgliche Ausübung der
konkurrierenden Gesetzgebung (Art. 72 I, 74 GG) durch den Bund, bei bestehenden
Landesgesetzen.
o Nach h.M. wird inhaltsgleiches Landesrecht nicht verdrängt.
- Rechtsfolgen:
o e.A.: Anwendungsvorrang des Bundesrechts. Insb. im Hinblick auf
Landesverfassungsrecht. -> Schonende Ausübung.
o a.A.: Dauerhafte Nichtigkeit von Landesrecht. -> WL; Rechtssicherheit.
o BVerfG: Einzelfallbezogene Entscheidung.
- Beispiele:
o Landesverfassungsrecht - Bundesgesetze.
o Sachgesetzgebungskompetenz - Kompetenz zur Regelung von Lenkungssteuern.
- Ausnahmen:
o In Art. 72 III 3, 84 I 4 GG wird ein Anwendungsvorrang des jeweils späteren Rechts
bestimmt.
5.) Bindet Landesrecht Bundesbehörden und –körperschaften?
- e.A.: Nein. -> Bundesstaatsprinzip (Art. 20 I GG) und Rechtsgedanke des Art. 31 GG
sprechen dagegen; Die Bindung von Bundesbehörden durch insb. Landesordnungsrecht
lässt nicht zwingend einen Rückschluss auf die Kompetenz zum Erlass solcher Vorschriften
zu.
- a.A.: Ja. -> Das Bundesstaatsprinzip gebietet keine absolute Ober- und Unterordnung; Es
gibt kein konkretes Bundesrecht, welches nach Art. 31 GG Ländergesetze bricht;
Bundesbehörden sind an Länderordnungsrecht gebunden.
Grundprinzipien der Staatsorganisation
I. Grundlagen
- Überlieferte theoretische Konzepte:
o Thomas Hobbes (1588-1679): „Leviathan“, staatliches Gewaltmonopol und
Absolutismus.
o John Locke (1632-1704): Vorstaatliche Bindungen, Grundrechte
o Charles Montesquieu (1689-1755): Gewaltenteilung
o Jean-Jacques Rousseau (1712-1778): Volkssouveränität, Widerstandsrecht,
Demokratie
- Art. 20 GG als Staatsfundamentalnorm, vgl. Art. 79 III GG:
o Demokratie-, Sozialstaats- sowie Bundesstaatsprinzip und Republik (Art. 20 I GG)
o Prinzip der Volkssouveränität und Gewaltenteilung (Art. 20 II GG)
o Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 III, 28 I 1 GG)
II. Republik, Art. 20 I, 28 I 1 GG
- Republik: Wahl eines Staatsoberhauptes durch das Volk auf Zeit.
- Eigenständige Bedeutung neben dem Demokratieprinzip nur insoweit, als das ein
monarchisches Staatsoberhaupt auch bei unterstellter Vereinbarkeit mit Volkssouveränität
und Demokratie ausgeschlossen ist.
III. Demokratieprinzip, Art. 20 I, II GG
1.) Bestandteile
a) Repräsentative Demokratie, Art. 20 II 2 GG
- Ausübung der Staatsgewalt durch das Volk in Wahlen und durch besondere Organe der
Legislative, Judikative und Exekutive. Es besteht also ein streng repräsentatives System.
o Willensbildung von unten nach oben, effektive politische Willensbildung des
Volkes. Dient der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des Menschen.
- Zulässigkeit plebiszitärer Elemente?
o In Art. 20 II 2 GG sind ‚Abstimmungen’ erwähnt, also Volksentscheidungen über
Sachfragen. Solche Volksentscheide sehen die Art. 29, 118, 118a GG vor.
o Nach h.M. sind sonstige plebiszitäre Elemente unzulässig. Also insb. keine
Volksgesetzgebung o.ä. Negative Konsequenz aus manipulierten
Volksentscheidungen in der DDR etwa zur Bodenrechtsreform.
o Auf Landesebene (Art. 67a, 68 LVerfNW) und kommunaler Ebene (§ 26 GO NW)
sind dagegen plebiszitäre Elemente vorgesehen.
o Sonderfall: Quoren bei Volksentscheiden.
Beteiligungsquoren (Art. 69 LVerfNW) sind verfassungswidrig, da sie das
Problem des negativen Stimmgewichts für sich beteiligende Quorengegner
aufwerfen.
Zustimmungsquoren sind rechtfertigungsbedürftig, da sie in die Gleichheit
der Wahl eingreifen. Rechtfertigung wohl nicht gegeben, da in der
repräsentativen Demokratie keine Quoren gelten.
b) Periodische Wahlen der Volksvertretung, Art. 38, 39 GG
- Es gilt das Prinzip der Herrschaft auf Zeit.
c) Wahlrechtsgrundsätze, Art. 38 I 1 GG
d) Mehrparteiensystem, Chancengleichheit der Parteien, Art. 21 I GG i.V.m. Art. 3, 38 I GG
e) Minderheitenschutz im Parlament, vgl. Art. 23 Ia 2, 39 III 3, 44 I 1, 45a II 2, 93 I Nr.2 GG
- Parlamentarische Opposition muss die Gelegenheit haben eigene Rechte geltend zu machen
und gehört zu werden. Die Minderheit muss zur Mehrheit werden können.
- Minderheitenschutz ist konstitutiv für die freiheitlich demokratische Grundordnung.
- Mit dem Mehrheitsprinzip (Art. 42 II GG) in Ausgleich zu bringen.
f) Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit (sog. Kommunikationsgrundrechte)
- Freier und offener Prozess der Meinungs- und Willensbildung.
2.) Verhältnis von Demokratieprinzip und europäischer Integration
a) Vertrag von Lissabon und Lissabon-Urteil des BVerfG (BVerfGE 123, 267)
- Der Vertrag von Lissabon ist nach Ratifizierung durch alle unterzeichnenden 27
Mitgliedsstaate am 01.11.2009 in Kraft getreten. Mit dem Lissabon-Urteil vom 30.06.2009
entschied das BVerfG über die Vereinbarkeit des Lissabon-Vertrages bzw. des entspr.
deutschen Zustimmungsgesetzes und des Begleitgesetzes zur Umsetzung in deutsches Recht
mit dem GG.
o Der Vertrag von Lissabon und das deutsche Zustimmungsgesetz entsprechen den
Vorgaben des Grundgesetzes.
o Das deutsche Begleitgesetz verstößt gegen das Demokratieprinzip und das
demokratische Selbstbestimmungsrecht (Art. 38 I 1, 20 I, II GG), da keine
ausreichende Beteiligung von Bundestag und Bundesrat gewährleistet werden. In
den Mitgliedsstaaten muss ein ausreichender Raum für politische Gestaltung
verbleiben, insb. in Lebensbereichen, die den von Grundrechten geschützten privaten
Raum berühren (Finanzen, Strafrecht, Kultur, Landesverteidigung, persönliche und
soziale Sicherheit). Den deutschen Verfassungsorganen (BTag, BRat, BReg,
BVerfG) kommt insoweit eine sog. Integrationsverantwortung zu.
b) ESM-Vertrag und das Urteil des BVerfG vom 18.03.2014 (Akt.Z.: 2 BvE 6/12 u.a.)
- Völkerrechtlicher Verrag zur Errichtung eines Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM)
im Jahr 2012 zur Unterstützung notleidender Staaten der EU. Verpflichtung der BRD zur
Bereitstellung von 190 Mrd. Euro. Zustimmung durch Bundestag und Bundesrat mit jeweils
2/3-Mehrheit.
- Grds. sind die eingegangenen Verpflichtungen mit dem Demokratieprinzip vereinbar
(BVerfG).
- Weiterführende Konkretisierung:
o Der Wesensgehalts des Wahlrechts (Art. 38 I 1 GG) ist vom Demokratieprinzip (Art.
20 I, II GG) erfasst und somit dem Zugriff des verfassungsändernden Gesetzgebers
entzogen (Art. 79 III GG).
o Das Budgetrecht des Bundestages ist wesentlicher Bestandteil der demokratischen
Willensbildung. Eine Verletzung des Wahlrechts liegt vor, wenn der Bundestag sein
Budgetrecht nicht mehr eigenverantwortlich ausüben kann. Finanzielle Belastungen
durch völkerrechtliche Verträge sind also dann verfassungswidrig, wenn sie die
Haushaltsautonomie für einen nennenswerten Zeitraum völlig entwerten.
c) Anleihenkauf der EZB Vorlagebeschluss des BVerfG vom 14.01.2014
- Schutzrechte des Bürgers:
o Art. 38 I 1 GG gewährt dem Bürger ein Recht auf demokratische Selbstbestimmung.
o Art. 38 I 1, 20 I, II GG gewähren dem Bürger Schutz vor Unionsrechtsakten, die
nicht ausreichend demokratisch legitimiert sind, insb. weil sie außerhalb der
jeweiligen Zuständigkeit erlassen wurden (sog. Schutz vor Rechtsakten ultra vires).
- Integrationsverantwortung: Die Verfassungsorgane (insb. BTag und BReg) haben die Pflicht
zur Wahrung des demokratischen Selbstbestimmungsrechts der Bürger aus Art. 38 I 1, 20 I,
II GG (s.o.).
- Mögliche Verstöße:
o Staatsfinanzierung, Art. 123 AEUV.
o Überschreitung des EZB-Mandats, Art. 125, 127 AEUV.
IV. Rechtsstaatsprinzip, Art. 20 III, 28 I GG
- Formelles Rechtsstaatsprinzip: Das Handeln der Verwaltung muss dem Gesetz entsprechen
bzw. bei der Eingriffsverwaltung auf einem Gesetz beruhen (Vorrang und Vorbehalt des
Gesetzes).
o Die Herrschaft des Gesetzes bewirkt eine vorhersehbare und berechenbare sowie
durch unabhängige Gerichte kontrollierbare Staatsgewalt.
o Kriterien: Rechtssicherheit, Rechtsfrieden, Rechtsschutz.
- Materielles Rechtsstaatsprinzip: Die Rechtsordnung muss gerecht sein.
o Bindung staatlicher Gewalt an unabänderbare Verfassungsgrundsätze und materielle
Grundwerte.
o Verbürgung der Grundrechte.
o Gleichheit vor dem Gesetz und durch das Gesetz.
o Gerechte Prozess- und Verfahrensgestaltung.
1.) Gesetzmäßigkeitsprinzip
a) Vorrang der Verfassung, Art. 1 III, 20 III, 93, 100, 19 II GG
b) Vorrang des Gesetzes („Kein Handeln gegen das Gesetz“)
- Die Verwaltung hat die gesetzlichen Vorgaben an die Staatsgewalt zu beachten. Gilt
ausnahmslos für jegliches Verwaltungshandeln.
o Unterrangige Normen dürfen nicht im Widerspruch zu höherrangigen
Parlamentsgesetzen stehen.
o Ausformungen: Anwendungsgebot und Abweichungsverbot.
o Negative Ausformung des Art. 20 III GG.
- Rechtsfolge von verstoßendem Verwaltungshandeln:
o Rechtsverordnungen (Art. 80 GG), Satzungen und Verwaltungsverträge (§ 59
VwVfG) sind nichtig.
o Verwaltungsakte sind grds. wirksam, aber anfechtbar (§§ 43 II, III, 44 VwVfG).
c) Vorbehalt des Gesetzes („Kein Handeln ohne Gesetz“)
aa) Spezielle Gesetzesvorbehalte
- In der Verfassung geregelt, sind vorrangig zu beachten, z.B. Art. 2 I, 6 III, 8 II GG.
bb) Allgemeiner Gesetzesvorbehalt
- Positive Ausformung des Art. 20 III GG.
- Eingriffe in subjektive öffentliche Rechte des Bürgers (Eingriffsverwaltung) sind nur bei
Vorliegen eines zum Eingriff ermächtigenden formellen Gesetzes zulässig.
o Historische Bedeutung: Eingriffe der monarchisch geprägten Verwaltung bedürfen
einer förmlichen gesetzlichen Grundlage der demokratisch geprägten Legislative.
o Die Ermächtigung kann durch ein Gesetz erfolgen oder auf Grund eines Gesetzes,
also durch untergesetzliche Norm (Rechtsverordnung, Satzung).
o Dieser Vorbehalt ergibt sich auch bereits aus dem grundrechtlichen
Gesetzesvorbehalt aus Art. 2 I GG, welcher als Freiheits- und Auffanggrundrecht
eine große Reichweite hat.
- Ist die Leistungsverwaltung auch dem Gesetzesvorbehalt unterworfen?
o In diesem Bereich wird die Verwaltung grundsätzlich freiheitserweiternd tätig, kann
im Einzelfall aber von wesentlicher Bedeutung für die Allgemeinheit sein und Dritte
faktisch beeinträchtigen.
o e.A.: Etatlegitimierung (= Haushaltsgesetz mit entsprechender
Mittelzweckbestimmung + Vergaberichtlinien + Zuständigkeit der vergebenden
Behörde), wenn das Verwaltungshandeln Grundrechte Dritter wesentlich betrifft ist
ausnahmsweise ein formell-materielles Gesetz erforderlich.
o a.A.: Totalvorbehalt (= formell-materielles Gesetz, dessen inhaltliche Ausgestaltung
sich nach der Wesentlichkeit der Regelung bestimmt).
o a.A.: Abgeschwächter Gesetzesvorbehalt (= Grds. Etatlegitimierung ausreichend, es
sei denn, die Mittelvergabe ist wesentlich i.S.d. Wesentlichkeitstheorie, dann ist ein
formell-materielles Gesetz erforderlich, BVerfGE 49, 89/126).
cc) Konkretisierungen des Gesetzesvorbehalts
- Der Gesetzesvorbehalt fordert nur formelle Gesetze als Grundlage für Eingriffe. Inhaltliche
Anforderungen werden an diese Gesetze nicht gestellt. Auch eine Delegation auf die
Exekutive ist i.R.d. Art. 80 GG unter relativ weiten Voraussetzungen möglich.
- Welche Aspekte eines Regelungsbereichs muss bis zu welchem Konkretisierungsgrad der
parlamentarische Gesetzgeber selbst regeln?
(1) Parlamentsvorbehalt
- Entscheidungen mit substantiellem Gewicht für das Gemeinwesen brauchen eine direkte
parlamentarische Entscheidung, sie dürfen nicht der Entscheidungsmacht anderer Organe
der Staatsgewalt anvertraut werden. Der bloße Gesetzesvorbehalt erstarkt zum
Parlamentsvorbehalt.
(2) Wesentlichkeitslehre
- Der Gesetzgeber ist wegen des Rechtsstaats- und Demokratieprinzips verpflichtet alle
wesentlichen Entscheidungen über Voraussetzungen, Umstände und Folgen von Eingriffen
selbst zu treffen und nicht der Exekutive zu überlassen.
- Die Wesentlichkeit der Entscheidungen bemisst sich nach der Intensität, in der die
Grundrechte betroffen werden bzw. daran, was für die Grundrechtsverwirklichung
wesentlich ist („Das Wesentliche vom Wesentlichen“).
- Die Wesentlichkeitstheorie bestimmt den Grad der inhaltlichen Ausgestaltung des formellen
Gesetzes.
- Ableitung aus dem allgemeinen Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 III GG) sowie aus dem
Demokratieprinzip (Art. 20 II 1 GG).
- Beachte: Die so entwickelte Wesentlichkeitslehre gilt auch
o bzgl. des Parlamentsvorbehalts (h.M.). Die Frage des Umfangs des
Parlamentsvorbehalts bestimmt sich also nach der Wesentlichkeit der
Regelungsmaterie.
o im Verhältnis Gesetzgebung-Judikative. In wesentliche Fragen der
Grundrechtsausübung darf der Gesetzgeber der Rechtsprechung keine wesentlichen
Entscheidungen erlauben, sondern muss umfassende Gesetze schaffen. Dies gilt
nicht für zivilrechtliche Konflikte zwischen gleichgeordneten Grundrechtsträgern.
2.) Rechtssicherheit und Vertrauensschutz
a) Bestimmtheitsgebot
- Zu unterscheiden sind:
o Allgemeines rechtsstaatliches Bestimmtheitsgebot, Art. 20 III GG.
o Das strafrechtliche Bestimmtheitsgebot ergibt sich aus Art. 103 II GG (sog. strenges
Bestimmtheitsgebot).
Es gilt für das gesamte Kriminalstrafrecht und verdrängt in seinem
Anwendungsbereich das allgemeine Bestimmtheitsgebot.
- Inhalt:
o Voraussehbarkeit staatlichen Handelns für Rechtsanwender und Rechtsunterworfene,
um dem Einzelnen die Anpassung seines Verhaltens zu ermöglichen.
o Kein generelles Verbot von unbestimmten Rechtsbegriffen und Generalklauseln.
Diese können wegen Komplexität und Vielgestaltigkeit der Materie erforderlich sein.
- Beachte: Ein unbestimmtes Gesetz ist i.d.R. auch unverhältnismäßig, da es eine Vielzahl an
Eingriffen ermöglicht. Art. 103 II GG kann aber vor der Verhältnismäßigkeit geprüft
werden, da es einen engeren Anwendungsbereich hat. Denn ein unbestimmtes Gesetz kann
noch verhältnismäßig sein.
b) Rückwirkung contra Vertrauensschutz
- Im Strafrecht gilt ein absolutes Rückwirkungsverbot, Art. 103 II GG
- Im Übrigen gilt:
o Rückwirkungen zugunsten des Bürgers sind regelmäßig verfassungsrechtlich
zulässig.
o Rückwirkungen zu Lasten des Bürgers sind nicht grds. verfassungswidrig.
Gleichwohl spricht man von einem sog. allgemeinen Rückwirkungsverbot.
Der Gleichheitssatz (Art. 3 I GG) schützt nach h.M. nicht vor einer
rückwirkenden Änderung zu Lasten des Bürgers.
Der Aus der Rechtssicherheit abzuleitende Vertrauensschutz kann einer
Rückwirkung entgegenstehen. Der Vertrauensschutz ist eine subjektiv-
rechtliche Ausprägung der objektiv-rechtlichen Rechtssicherheit und i.V.m.
mit entspr. Freiheitsrechten geltend zu machen.
o Rechtliche Einordnung:
Schranken-Schranke i.R. jedes beliebigen Grundrechts.
Über den Hebel des Art. 2 I GG kann das allgemeine Rückwirkungsverbot
zum Gegenstand der Verfassungsbeschwerde gemacht werden, wenn keine
andere Rechtsverletzung gerügt werden sollte.
aa) Überwiegen des Vertrauensschutzes unter folgenden Voraussetzungen
- Vertrauenstatbestand (auf Kontinuität angelegte Rechtsnorm oder Rechtsanwendungspraxis oder
bestimmtes Verhalten staatlicher Organe)
- Kausalität für das Vertrauen des Bürgers
- Schutzwürdigkeit des Vertrauens
- Im Vertrauen getroffene Disposition des Betroffenen, durch die Enttäuschung des
Vertrauens wird ein Nachteil bewirkt.
- I.R. einer Abwägung zwischen Vertrauensschutz und den für die Rückwirkung sprechenden
Belangen überwiegt Ersterer.
bb) Rückwirkungsarten und ihre Auswirkungen
- Keine Rückwirkung, wenn eine bestehende Regelung durch die Gesetzesänderung
festgestellt oder präzisiert wird.
- Echte Rückwirkung: Eine Rechtsnorm greift in abgewickelte, der Vergangenheit
angehörende Tatbestände nachträglich ein. Eine echte Rückwirkung ist grds. unzulässig:
o Wenn es an einem Vertrauenstatbestand fehlt, wenn bislang eine unklare oder
verworrene Regelung galt oder eine nichtige Regelung durch eine nicht nachteiliger
wirkende Neuregelung ersetzt oder Richterrecht kodifiziert wird.
o Wenn es an einer Schutzwürdigkeit fehlt, weil die Rechtsänderung
höchstwahrscheinlich war (z.B. Gesetzesbeschluss im BTag, str.).
o Überragend wichtige Gründe des Allgemeinwohls überragen den Vertrauensschutz
(Insb. die Vermeidung eines Ankündigungseffekts). Dem Gesetzgeber kommt eine
Einschätzungsprärogative zu.
- Unechte Rückwirkung: Eine Rechtsnorm wirkt auf einen noch nicht abgeschlossenen
Sachverhalt ein und entwertet die betroffene Rechtsposition nachträglich. Eine unechte
Rückwirkung ist grds. zulässig.
o Abwägung zwischen Vertrauensschutz und den Gründen der Rückwirkung i.R. einer
VHMK-Prüfung.
o Ggf. sind Übergangsregelungen erforderlich.
3.) Grundsatz der Verhältnismäßigkeit (sog. Übermaßverbot)
a) Grundlagen
- Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist eine Regel zur Auflösung der Kollision zwischen
situationsspezifischen gegenläufigen Rechtsgrundsätzen bzw. rechtlich schutzwürdigen
Belangen.
o Es soll ein optimaler Interessenausgleich gewährleistet werden.
o Ein Verhältnismäßiger Ausgleich von zwei kollidierenden Verfassungsnormen wird
als sog. praktische Konkordanz bezeichnet.
- Herleitung:
o Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 III, 28 I 1 GG), Abwehrfunktion der Grundrechte, im
Einzelnen str.
o Das BVerfG hat aus den qualifizierten Gesetzesvorbehalten eine gewisse Zweck-
Mittel-Relation abgeleitet. Der Vorbehalt des Gesetzes erstarkt also zum Vorbehalt
des verhältnismäßigen Gesetzes.
- Historie:
o Fußt im Polizeirecht um das 18./19. Jahrhundert und sollte polizeiliche Eingriffe in
Freiheit und Eigentum des Bürgers beschränken. Erfuhr in diesem Zusammenhang
eine verwaltungsgerichtliche Prägung. Einfachgesetzliche Regelung heute in § 2
PolG NRW, § 15 OBG NRW.
b) Prüfung
aa) Legitimes Ziel
- Die Prüfungskriterien für Gesetzgeber und Verwaltung unterscheiden sich:
o Der Gesetzgeber hat lediglich ein grundgesetzkonformes Ziel zu verfolgen. Der
Gesetzgeber genießt eine sog. Einschätzungsprärogative (auch: Prognosespielraum).
Ihm ist also ein Prognosespielraum zuzugestehen, da die realen empirischen
Zusammenhänge oftmals multikausal sind.
o Die Verwaltung hat gesetzeskonforme Ziele zu verfolgen. Die Verwaltung darf nur
dann in Zweifelsfällen zulasten des Einzelnen handeln, wenn es sich um eine
Maßnahme der Gefahrenabwehr handelt. Solchen Maßnahmen wohnt ein Moment
der Ungewissheit inne.
bb) Geeignetheit
- Das Mittel muss die Erreichung des Ziels zumindest fördern. Auch hier gilt die
Einschätzungsprärogative zugunsten des Gesetzgebers.
cc) Erforderlichkeit
- Es darf kein milderes, gleich effektives Mittel zur Gefahrenabwehr geben. Auch hier gilt die
Einschätzungsprärogative zugunsten des Gesetzgebers.
dd) Angemessenheit/Verhältnismäßigkeit i.e.S.
- Mittel und Zweck müssen in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen, vgl. § 2 II
PolG NRW.
- Zwischen den betroffenen Gütern ist eine praktische Konkordanz herzustellen. Der
Gesetzgeber besitzt in bestimmten Umfang eine sog. Typisierungsbefugnis.
- Abwägung der einschlägigen öffentlichen und privaten Güter und Interessen. Dabei ist insb.
zu berücksichtigen:
o Personale vs. soziale Perspektive (Dient das Grundrecht der individuellen
Persönlichkeitsentfaltung und weist somit eine besondere Nähe zu APR und Menschenwürde auf?
Oder schützt das Grundrecht eher die soziale Interaktion mit anderen?)
o Abstrakter Rang der betroffenen Rechte (hochrangiges Grundrecht oder
Staatszielbestimmung?)
o Überindividuelle Perspektive (Wie wirkt sich die mögliche Rechtfertigung des Eingriffs auf
weitere Grundrechtsträger und ihr zukünftiges Verhalten aus?)
o Zumutbarkeit der Maßnahme
c) Untermaßverbot
- Im Bereich der grundrechtlichen Schutzpflichten und der Staatszielbestimmungen hat der
Staat ein Mindestmaß an Schutz zu gewähren. Unterschreitet er dieses Mindestmaß, liegt ein
Verstoß gegen das Untermaßverbot vor.
4.) Gewaltenteilungsprinzip, Art. 20 II 2, 1 III, 70 ff. GG
- Grundsatz: Das GG enthält ein System der Machtverteilung durch Gewaltenverschränkung
in dem sich die drei Staatsgewalten gegenseitig mäßigen und hemmen.
a) Gewaltenteilung und Gewaltenverschränkung
- Es existieren drei Staatsgewalten. Die staatlichen Funktionen sind diesen nur grds.
zugeordnet, es besteht keine strikte Trennung der Gewalten:
o Legislative: Normsetzung, insb. Erlass abstrakt-genereller Regelungen für eine
Vielzahl an Fällen.
- Die Rechtssetzung ist im Wesentlichen dem BTag zugeordnet. Aber auch die
vollziehende Gewalt kann gem. Art. 80 GG Recht setzen.
o Exekutive: Regierung (Gubernative) und Verwaltung.
- Die Staatsleitung und Verwaltung werden im Wesentlichen von der
vollziehenden Gewalt wahrgenommen. In geringem Umfang erfüllen aber
auch Parlament und Gerichte Verwaltungsaufgaben.
o Judikative: Streitentscheidung am Maßstab des Rechts in einem förmlichen
Verfahren durch unbeteiligte und unabhängige Dritte (Richter).
- Die Rechtsprechung ist den Gerichten zugewiesen.
- Inkompatibilitätsregelungen sorgen für eine personelle Gewaltenteilung:
o Abgeordneter kann nicht zugleich Richter oder Beamter sein, §§ 5, 8 AbgG.
o Entsprechende Regelungen für Richter in § 4 I DRiG und § 3 III, IV BVerfGG.
o Wichtig:
- Keine Inkompatibilität zwischen Abgeordnetenstatus und
Regierungstätigkeit. Die Regierungskontrolle wird in erster Linie durch die
parlamentarische Opposition ausgeübt.
- Beispiele für Gewaltenverschränkungen:
o Die Legislative wählt die Exekutivspitzen (Art. 54, 61, 63, 67, 68 GG) und z.T. die
Richter (Art. 94 I 2, 95 II GG).
o Die Exekutive hat Rechte im Gesetzgebungsverfahren (Art. 76, 80 GG).
o Die Legislative erlässt Maßnahmegesetze oder interventionistische Gesetze.
o Parteienstaatliche Konzeption: Die stärkste politische Partei oder Koalition
beherrscht Exekutive und Legislative.
b) Gewaltenkontrolle
- Ausprägungen:
o Die Regierung und die Verwaltung werden durch das Parlament (insb. die
parlamentarische Opposition) und die Gerichte (insb. das BVerfG) kontrolliert.
o Die Gesetzgebungstätigkeit des Parlaments unterliegt der Kontrolle des BVerfG.
o Die Gerichte sind unabhängig, sie sind aber dem durch die Legislative erlassenen
Gesetzen unterworfen.
- Grenzen:
o Das BVerfG gestattet dem Gesetzgeber Wertungsspielräume und
Einschätzungsprärogativen.
o Das Parlament kann nicht auf den Kernbereich der exekutiven Willensbildung
zugreifen. Gegenüber der Verwaltung besteht das Verbot von
grundrechtseinschränkenden Einzelfallgesetzen, Art. 19 I 1 GG.
o Die Gerichte sind durch die den Richtern zuerkannte richterliche Unabhängigkeit
geschützt (Art. 97 GG).
5.) Rechtsschutz
- Gewährt durch den allgemeinen Justizgewährungsanspruch (Art. 2 I i.V.m. 20 III GG) und
der Rechtsschutzgarantie (Art. 19 IV 1 GG, s. GR).
o Art. 19 IV GG regelt speziell den Rechtsschutz gegen die öffentliche Gewalt.
o Für den privatrechtlichen Bereich leitet sich aus dem allgemeinen
Justizgewährleistungsanspruch ein Recht auf angemessene
Rechtsschutzmöglichkeiten her.
o Das BVerfG leitet aus Art. 2 I i.V.m. 20 III GG einen Anspruch auf ein faires
Verfahren als allgemeines Prozessgrundrecht ab.
- Rechtsstaatliches Gerichtsverfahren (Justizgrundrechte, s. GR).
IV. Sozialstaatsprinzip, Art. 20 I GG
1.) Staatszielbestimmung
- Schaffung sozialer Sicherheit durch bestimmte soziale Mindeststandards:
o Maßnahmen: Arbeitslosen-, Kranken-, Unfallversicherung, Sozialhilfe, Wohngeld.
o Damit korrespondiert ein Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen
Existenzminimums, Art. 1 I i.V.m. 20 I GG (Sozialstaatsprinzip).
Nur in diesem Umfang erhält der Einzelne unmittelbar Rechte aus dem
Sozialstaatsprinzip, nur in diesem Umfang besteht ein sozialstaatlicher
„Bestandsschutz“.
Bei der Ausgestaltung und Mittelwahl ist der Gesetzgeber grds. frei.
Bsp.: Pflicht zur Schaffung einer Waisenrente.
- Gewährleistung sozialer Ausgleich/sozialer Gerechtigkeit
o Der Staat hat die Pflicht für einen Ausgleich der sozialen Gegensätze und damit für
eine gerechte Sozialordnung zu sorgen.
o Umsetzung insb. durch
Mutterschutz, Arbeitsschutz, etc.
Umverteilung durch Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit
und auf Ausgabenseite durch sozialstaatliche Leistungen.
Chancengleichheit im staatlichen Bildungssektor.
2.) Keine Grundrechtsverbürgung, nur Eingriffslegitimation
- Eingriffe in Rechte Einzelner können mit dem Sozialstaatsprinzip gerechtfertigt werden.
- Keine Gewährleistung sozialer Grundrechte (Recht auf Arbeit, etc.).
o Viele Landesverfassungen (z.B. HessVerf, BremerVerf) sowie die Charta der
Grundrechte der EU gewährleisten Grundrechte.
3.) Auslegungsregel
- Berücksichtigung bei der Auslegung einfachen Rechts (z.B. i.R.v. Generalklausel)
- Grundrechte haben einen Sozialbezug
o Schutzpflichten: Es soll allen ein möglichst großes Maß an realer Freiheit
gewährleisten.
o Determinanten grundrechtlich verbürgter Teilhaberechte (z.B. Recht auf
Hochschulzugang?)
V. Bundesstaatsprinzip
1.) Formen von Staatenverbindungen
- Bundesstaat: Inhaber der Souveränität sind der Gesamtstaat und die Gliedstaaten, es
bestehen also zwei Ebenen der Staatlichkeit, z.B. BRD.
- Staatenbund: Lockere Vereinigung von Staaten, die Organe zur Erledigung gewisser
Angelegenheiten haben.
o Völkerrechtssubjekte sind die Einzelstaaten, der Bund nur im Einzelfall.
o Z.B. Dt. Bund 1815-1866.
- Staatenverbund: Staatenverbindung eigener Art, nur Mitgliedsstaaten haben Staatsqualität.
o Der Staatenverbund weist hinsichtlich der übertragenen Hoheitsgewalt eine so große
Integrationsdichte auf, dass dessen Organe selbständig und ggf. auch gegen die
Mitgliedsstaaten handeln können.
o Die von den Mitgliedsstaaten abgeleitete Hoheitsgewalt ist aber begrenzt (sog.
Prinzip der Einzelermächtigung). Deshalb liegt kein Bundesstaat vor.
o Z.B. EU, Auf dem Weg vom Staatenbund zum Bundesstaat.
- Internationale Organisationen (z.B. UNO)
2.) Der Bundesstaat
- Das Bundesstaatsprinzip bestimmt die Art des Zusammenschlusses von Gliedstaaten in
einem Gesamtstaat, wobei einerseits die Staatlichkeit der Länder gewährleistet bleibt und
andererseits durch eine Bundesverfassung und Organe des Bundesstaats eine gewisse
Homogenität garantiert ist (s. Art. 28 I 1 GG). Es handelt sich um eine staatliche
Organisationsstruktur, bei der zwei Ebenen der Staatlichkeit bestehen.
- Vor- und Nachteile des Bundesstaats:
o Politische Einheit, ohne die Besonderheiten der Glieder aufzuheben.
o Schwerfälligkeit in der politischen Willensbildung, unterschiedliche Ausgestaltung
der Lebensverhältnisse (vgl. Art. 72 II GG).
- Begrifflichkeiten:
o Föderalismus ist die politische Idee des Zusammenschlusses gleichberechtigter
staatlicher Einheiten, die trotz des Zusammenschlusses in ihrer Eigenständigkeit
erhalten bleiben.
o Bundesstaat ist der staatsrechtliche Ausdruck der politischen Idee des Föderalismus.
3.) Wesensmerkmale des Bundesstaates
a) Eigenstaatlichkeit von Bund und Ländern
- Die Staatsgewalt ist zwischen Bund und Ländern nach Aufgaben- und Funktionsbereichen
aufgeteilt. Beide verfügen über eine Judikative, Exekutive und Legislative.
o Die Staatlichkeit umfasst einen Kernbestand an Rechten, die weder angetastet noch
preisgegeben werden dürfen.
o Teilbereiche: Haushaltsautonomie, Verfassungsautonomie.
o Aufteilung grds. länderlastig, vgl. Art. 30, 70, 83 GG. Es herrscht aber
Exekutivföderalismus (s.u.).
- Es gilt das Trennungsprinzip, also die grds. selbständige Organisation der Staatsgewalten
von Bund und Ländern.
o Für die Exekutive folgt daraus das Verbot der Mischverwaltung.
o Teilweise wird von diesem Grundsatz eine Ausnahme gemacht (z.B. Art. 91e GG).
- Beachte: Gemeinden haben keine Staatsgewalt, sie sind Teil der Landesverwaltung!
b) Homogenitätsprinzip, Art. 28 I 1 GG
- Die staatliche Grundstruktur der Länder muss der von der Bundesverfassung
vorgezeichneten Grundstruktur entsprechen, Art. 28 I 1 GG. Den Ländern verbleibt ein
Gestaltungsspielraum.
- Nach Art. 28 I 1 GG sind die folgenden Verfassungsgrundsätze durch die Länder zu
beachten:
o Republikanisches Prinzip, Demokratieprinzip (die Wahlrechtsgrundsätze werden in
Art. 28 I 2-4 GG konkretisiert), Sozialstaatsprinzip, Rechtsstaatsprinzip.
c) Bundestreue
- Ungeschriebener Verfassungsgrundsatz, der das Pflichtenverhältnis zwischen Gesamtstaat
und Gliedstaat sowie zwischen den Gliedstaaten beschreibt.
- Inhalt:
o Bund und Länder müssen bei ihrer Kompetenzausübung auf die übrigen Träger der
Staatlichkeit und somit auf das Wohl des Ganzen Rücksicht nehmen. Es ist nicht das
„ob“ des Tätigwerdens betroffen (keine Kompetenzbegründung), sondern das „wie“
des Tätigwerdens (gegenseitige Rücksichtnahme).
o Damit kommt zum Ausdruck, dass Bund und Länder nur Ausformungen einer
einheitlichen politischen Ordnung sind.
d) Gegenseitige Einwirkungsrechte
- Um eine einheitliche politische Ordnung zu garantieren, sind gewisse Kontroll- und
Koordinationsrechte zwingend.
- Darunter fallen insb. die Einflussmöglichkeiten des Bundes auf die Länder:
o Bundesaufsicht, Art. 84 III, 85 III, IV GG
o Bundeszwang, Art. 37 GG
o Bundesintervention, Art. 91 II GG
VI. Staatszielbestimmungen
- Verfassungsnormen, de den Staat dazu verpflichten, bestimmte Zielsetzungen zu verfolgen
und jedenfalls ein Mindestmaß an Verwirklichung im geltenden Recht sicherzustellen.
- Im Grundgesetz:
o Sozialstaatsprinzip, Art. 20 I GG
o Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und Tiere, Art. 20a GG
o Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht, Art. 109 II GG
o Schaffung von Rahmenbedingungen für die Gleichstellung von Mann und Frau, Art.
3 II 2 GG
o Verwirklichung eines vereinten Europas, Art. 23 I 1 GG
- In den Landesverfassungen befinden sich zahlreiche weitere Bestimmungen.
- Wirkung:
o Keine Grundrechte, sie vermitteln keine gerichtlich durchsetzbaren Ansprüche.
o Staatszielbestimmungen sind Güter von Verfassungsrang, die
Eingriffe rechtfertigen können. Insb. Art. 20a GG bzgl. der vorbehaltlos
gewährten Grundrechte wie der Religionsfreiheit (Art. 4 I, II GG) oder der
Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 III 1 2.Var. GG) zum Tierschutz.
Als legitime Differenzierungsziele Ungleichbehandlungen (Art. 3 I GG)
rechtfertigen können
grundsätzliche Wertentscheidungen darstellen, die nicht durch
entgegenstehende politische Zielsetzung missachtet werden können.
Die Wahl zum Bundestag, Art. 38, 39 GG
- Begrifflichkeiten:
o Wahlen sind Entscheidungen über Personen durch das Volk (-> Art. 116 GG).
o Abstimmungen sind Entscheidungen über Sachfragen.
- Das Abstimmungsrecht (Art. 20 II 2 GG) ist im GG nur marginal ausgeprägt, dem
Wahlrecht kommt für die demokratische Legitimation von Staatsgewalt fundamentale
Bedeutung zu.
- Das Demokratieprinzip (Art. 20 I GG) gebietet eine Herrschaft auf Zeit, also eine
regelmäßige Wiederholung der Wahlen (vgl. Art. 39 I GG).
I. Die Wahlperiode
- Die Begrenzung der Amtszeit der Abgeordneten ist ein zentrales Element des
Demokratieprinzips. Über Art. 79 III, 20 I GG ist sie Änderungen entzogen.
o Bei der Ausgestaltung der Wahlperiode ist dem Gesetzgeber ein
Ermessensspielraum belassen, da andererseits die Arbeitsfähigkeit des Parlaments
durch ausreichend lange Wahlperioden gewahrt werden muss.
- Ausgestaltung im GG:
o Beginn (bzw. Ende der letzten Wahlperiode) mit dem erstmaligen Zusammentritt
des (neuen) BTages, Art. 39 I 2, II GG a.e.c.
Damit ist eine parlamentslose Zeit im System des GG nicht vorgesehen.
o Dauer der Wahlperiode etwa 4 Jahre, Art. 39 I 1 GG
Modifikationen durch Art. 39 I 3, 4, II GG für den Fall der Auflösung u.a.
sowie für den Verteidigungsfall durch Art. 115h I 1 GG.
Der Bundespräsident bestimmt den Wahltag, § 16 BWahlG.
Kann der verfassungsändernde Gesetzgeber die für ihn selbst laufende
Wahlperiode verlängern oder verkürzen?
e.A.: Ja, bei dem Vorliegen unabweisbarer Gründe.
h.M.: Nein. -> Verlängerung ist eine Selbstermächtigung, die gg. das
Demokratieprinzip verstößt; Verkürzung ist ein im GG nicht
vorgesehenes Selbstauflösungsrecht des BTages.
a.A.: Verlängerungen sind unzulässig (s.o.). Verkürzungen zulässig.
o Wirkungen der Begrenzung der Wahlperiode (sog. Diskontinuität):
Personelle Diskontinuität: Die bisherigen Abgeordneten verlieren ihr
Mandat, die neuen Abgeordneten erhalten ihr Mandat.
Institutionelle Diskontinuität: Betrifft alle Einrichtungen des BTages, die
ihre Existenz einer Entscheidung des Bundestages in seiner jeweils
konkreten Zusammensetzung verdanken (Bsp.: Fraktionen, fakultative
Ausschüsse).
Materielle Diskontinuität: Alle Vorlagen, über die noch kein Beschluss
gefasst wurde, gelten als erledigt, § 125 S.1 GOBT.
II. Das Wahlsystem
- Das GG gibt die Wahlrechtsgrundsätze vor (Art. 38 I 1 GG), aber kein Wahlsystem. Die
Ausgestaltung ist dem Gesetzgeber überlassen, Art. 38 III GG.
- Dieser hat sich für eine personalisierte Verhältniswahl entschieden, § 1 I 2, II BWahlG.
o I.R.d. gewählten Wahlsystems ist der Gesetzgeber zu folgerichtigem Handeln
verpflichtet. Er kann nicht wahllos die Systeme mixen.
o Für Landtagswahlen können die LVerf Vorgaben machen, sie sind nur an Art. 28 I
GG gebunden.
1.) Die Probleme des BWahlG
- Urteil des BVerfG von 2008, das im BWahlG angelegte negative Stimmgewicht verstößt
gegen die Gleichheit und Unmittelbarkeit der Wahl. Mehr Zweitstimmen können zu einem
Verlust an Listenplätzen führen.
- Urteil des BVerfG von 2012, das BWahlG enthält noch immer ein negatives Stimmgewicht.
Zudem dürfen nur Überhangmandate im Umfang der Hälfte der notwendigen
Fraktionsstärke (-> 5 %) gewährt werden, um den Charakter der Verhältniswahl nicht zu
gefährden.
2.) Änderung des BWahlG von 2013
- Mit der Erststimme werden die Wahlkreisabgeordneten in 299 Wahlkreisen gewählt, §§ 1
II, 18 ff., 4, 5 BWahlG.
- Mit der Zweitstimme wird die (nicht veränderbare) Landesliste einer Partei gewählt, §§ 1 II,
4, 6 I 1, 27, 28 BWahlG.
- Umrechnung der Zweitstimmen auf eine entsprechende Anzahl von Parlamentssitzen (erste
Stufe), § 6 I-III BWahlG.
- Verrechnung der Erst- mit den Zweitstimmenmandaten (zweite Stufe), § 6 IV 1, VI
BWahlG.
o Die Erststimme ist eine reine Personalentscheidung, den Wahlsieger bestimmt die
Zweitstimme.
- Problematik: Überhangmandate, § 6 IV 2, 5, V BWahlG
o Die Überhangmandate werden durch Ausgleichsmandate voll ausgeglichen, um den
Charakter der Verhältniswahl zu wahren. Reaktion auf das Urteil des BVerfG von
2012 (s.o.).
- Problematik: Negatives Stimmgewicht
o Dieses Problem bleibt (abgeschwächt) bestehen, da weiterhin Länderproporz
berücksichtigt wird.
- Problematik: Grundmandatsklausel, § 6 III 1 BWahlG
o Parteien mit mindestens drei Direktmandaten werden mit ihrem prozentualen
Ergebnis im Parlament berücksichtigt.
II. Wahlrechtsgrundsätze, Art. 38 I 1 GG
- S. GR
III. Wahlprüfungsverfahren Art. 41 GG, §§ 13 Nr.3, 48 BVerfGG, § 49 BWahlG
- Objektives Beanstandungsverfahren, das dem Schutz des objektiven Wahlrechts bzw. der
Zusammensetzung des Bundestages dient.
- Schließt die (subsidiäre) Verfassungsbeschwerde sowie den Weg zu den Fachgerichten aus.
- Zweistufigkeit:
o Selbstprüfung durch den deutschten Bundestag, Art. 41 I 1, III GG i.V.m. WPG
o Beschwerdeinstanz des BVerfG, Art. 41 II GG
1.) Zulässigkeit
- Zuständigkeit des BVerfG, Art. 41 II GG, §§ 13 Nr.3, 48 BVerfGG
- Beschwerdeberechtigung, § 48 I BVerfGG
- Beschwerdegegenstand (§ 48 I BVerfGG), die Gültigkeit der Wahl im Umfang der zuvor
ergangenen Entscheidung des BTages.
- Beschwerdebefugnis (§ 48 I BVerfGG), Abgeordnete, denen Verlust des Mandats droht,
wahlberechtigte Personen, deren Einspruch verworfen wurde oder die sonstigen
Beschwerdeberechtigten ohne besondere Anforderungen.
- Form (§ 23 I 1 BVerfGG) und Frist (§ 48 I BVerfGG)
2.) Begründetheit
- Fehlerhaftigkeit der Wahl. Jedenfalls bei Verstoß gg. Art. 38 I 1 GG gegeben.
- Der Wahlfehler wirkt sich auf die Zusammensetzung des Bundestages aus.
- Fehlerfolge:
o Verhältnismäßigkeit: In den betroffenen Wahlkreisen geht eine Neuberechnung
i.d.R. Neuwahlen vor.
o Allgemeine Neuwahlen nur, wenn der Fortbestand der Volksvertretung unerträglich
schiene. Mit dem Urteil des BVerfG tritt ex nunc wieder der alte BTag an die Stelle
des neuen BTages.
Der Bundestag, Art. 38-49 GG
I. Grundlagen
- Normative Grundlage ist neben dem GG die GOBT (Art. 40 I 2 GG).
o Die GOBT ist eine autonome Satzung bzw. ein Rechtsakt eigener Art unter dem
Gesetz und der Verfassung.
o Sie gilt grds. nur im Innenverhältnis zwischen den Bundestagsangehörigen und kann
durch das Parlament konkludent außer Anwendung gelassen werden, vgl. § 126
GOBT. Es handelt sich um Innenrecht im Rang unter einem Gesetz (vgl. Art. 40 I 2
GG).
- Der BTag hat folgende Organe:
o Zentrales Organ: Plenum
o Präsidium, Art. 40 I 1, II GG, §§ 2, 5 GOBT
o Ältestenrat, § 6 GOBT
o Enquete-Kommission, § 56 GOBT
II. Fraktionen, §§ 45 ff. AbgG i.V.m. §§ 10 ff. GOBT
- Fraktionen sind rechtsfähige Vereinigungen, die an der Erfüllung der Aufgaben des
Bundestages mitwirken, §§ 46, 47 I AbgG.
o Rechtsschutz über das Organstreitverfahren (Art. 93 I Nr.1 GG), die Fraktion ist
ständiger Teil des Verfassungsorgans Bundestag. Sie ist selbst oder als
Prozessstandschafterin klageberechtigt, §§ 63, 64 I BVerfGG.
- Zahlreiche parlamentarische Befugnisse werden nach der GOBT an die
Fraktionsmindeststärke von 5 % der Abgeordneten (§ 10 GOBT) gebunden:
o Einbringung von Gesetzesentwürfen, §§ 76 I, 75 I a) GOBT.
o Anrufung des Vermittlungsausschusses, § 89 GOBT.
o Kleine und große Anfragen, §§ 76, 75 I, III GOBT.
- Fraktionsausschluss ist Teil der Fraktionsbildungsfreiheit nach Art. 38 I 2 GG.
o Das freie Mandat zugunsten des auszuschließenden Abgeordneten (Art. 38 I 2 GG)
verlangt Mindestsicherung materieller und prozessualer Art.
o Ausschluss bei Vorliegen eines wichtigen Grundes möglich, § 10 IV PartG analog.
o Rechtliches Gehör ist zu gewähren, Tatsachengrundlage aufzuarbeiten.
o Das Verfassungsgericht kann nur eine eingeschränkte Willkürkontrolle durchführen.
- Unterhalb der Fraktionsstärke können sich Gruppen bilden, § 10 IV GOBT.
III. Ausschüsse
- Zweck: Vorbereitung der durch den BTag zu fassenden Beschlüsse in entspr.
Fachausschüssen.
- Einsetzung und Verfahren richtet sich nach §§ 54, 57 GOBT. Die Besetzung richtet sich
nach dem Stärkeverhältnis der Fraktionen im Parlament.
o Fraktionslose Abgeordnete sind regelmäßig als beratende Ausschussmitglieder tätig,
§ 57 II 2 GOBT.
- Obligatorische Ausschüsse: Art. 45, 45a, 45c GG.
1.) Sonderfall: Hauptausschuss
- Bis zur Regierungsbildung und dem Ministerienzuschnitt sollte die Ausschussbildung
aufgeschoben werden. Anstelle der üblichen Ausschüsse wurde ein Hauptausschuss
gebildet, der auch als i.S.d. obligatorischen Ausschüsse nach Art. 45, 45a, 45c GG sowie als
Haushaltsausschuss fungierte.
- Verfassungsrechtliche Problematik:
o Beschneidung der Mitwirkungsrechte (Art. 38 I 2 GG) der nicht dem Ausschuss
angehörenden Abgeordneten (ca. 95 %).
o Bündelung der im GG zwingend vorgesehen Ausschüsse in nur einem Ausschuss,
wohl schwer zu rechtfertigen.
2.) Sonderfall: Untersuchungsausschuss, Art. 44 GG i.V.m. PUAG
- Der Untersuchungsausschuss hat Informations- und Kontrollrechte ggü. der
Bundesregierung. Er hat Beweiserhebungsbefugnis, Art. 44 I 1 GG.
- Einberufungsvoraussetzungen:
o Antrag (Art. 44 I 1 GG, § 1 I PUAG); Hinreichend bestimmter
Einsetzungsbeschluss; Öffentliches Interesse (Schärfstes Parlamentsorgan, besondere
Rechtfertigung); Wahrung der verfassungsmäßigen Zuständigkeit (§ 1 III PUAG).
- Grenzen der Rechte des Untersuchungsausschusses:
o Kernbereich exekutiver und judikativer Eigenverantwortung, Art. 20 II 2 GG;
Geheimhaltungsinteressen; Eigenständige Wahrnehmung der Regierungsgeschäfte.
- Einberufungspflicht bei entspr. Abstimmung eines Viertels der Bundestagsmitglieder, Art.
44 I 1 GG (sog. konkrete Einsetzungsminderheit).
o Die konkrete Minderheit ist insoweit mit Kompetenzen ausgestattet und kann bei
diversen Verletzungen durch den BTag (vgl. §§ 2 I-III, 18 III PUAG) ein
Organstreitverfahren betreiben.
o Die sog. potentielle Einsetzungsminderheit kann den Antrag auf Einrichtung eines
Untersuchungsausschusses stellen, tut dies aber wg. einer Mehrheitsenquete nicht.
Auch sie ist bei späteren Verletzungen als Organteil gem. § 63 BVerfGG parteifähig.
IV. Zuständigkeiten und Aufgaben
1.) Gesetzgebung
- Zuständigkeiten (Art. 70 ff. GG) und Verfahren (Art. 76 ff. GG)
2.) Wahlen, demokratische Legitimation der übrigen Gewalten
- Wahl und Abwahl des Bundeskanzlers, Art. 63, 67 GG.
- Wahl des Wehrbeauftragten, Art. 45b GG.
- Mitwirkung bei Wahlen:
o Von Bundesrichter und Bundesverfassungsrichtern, Art. 95 II, 94 I 2 GG.
o Des Bundespräsidenten, Art. 54 GG.
3.) Kontrolle
- Die Kontrolle der Regierung im parlamentarischen Regierungssystem ist weitgehend der
Opposition übertragen.
a) Kontrollrechte der Opposition
- Erzwingung der Einberufung des Parlaments, Art. 39 III 3 GG.
- Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, Art. 44 I 1 GG.
- Erhebung einer Organklage durch eine Fraktion, Art. 93 I Nr.1 GG, § 63 BVerfGG.
- Abstrakte Normenkontrolle, Art. 93 I Nr.2 GG, § 76 BVerfGG.
- Interpellationsrecht:
o Große Anfragen, deren Beantwortung im Plenum debattiert wird, §§ 75 I f., 100 ff.
GOBT.
o Kleine Anfragen, die schriftlich beantwortet werden, §§ 75 III, 104 GOBT.
o Kurze mündliche Fragen i.R. einer Fragestunde, § 105 GOBT.
- Informationsrecht (des Parlaments), Art. 20 II 2, 38 I 2 GG.
o Herleitung aus dem freien Mandat des Abgeordneten (Art. 38 I 2 GG) und der sich
daraus ergebenden Notwendigkeit zur ordnungsgemäßen Ausübung, dem
Gewaltenteilungsprinzip (Art. 20 II 2 GG) und der Verschränkung und Kontrolle der
Exekutive sowie dem Demokratieprinzip (Art. 20 II 1, 2 GG) und der Rückbindung
von Exekutiventscheidungen an die Bevölkerung.
o Aus dem Informationsrecht ergibt sich gleichzeitig eine Begründungspflicht bei der
rechtmäßigen Nichtbeantwortung von Fragen. Ausnahme bei Evidenz.
b) Kontrollrechte der Parlamentsmehrheit
- Zitierrecht, Art. 43 I GG. Immanent ist dieser Pflicht auch die Pflicht zur Beantwortung von
Abgeordnetenfragen, sonst wäre das Zitierrecht sinnlos.
- Nicht bindende Beschlussfassungen, die Einfluss auf die Regierungstätigkeit nehmen sollen.
o Str., ob hier das Gewaltenteilungsprinzip entgegensteht und ein Kernbereich
exekutiver Eigenverantwortung betroffen ist.
4.) Wehrverfassungsrechtlicher Parlamentsvorbehalt
- Ausdrücklich geregelt: Art. 80a I, II, 115a I, 115l II, III GG.
- Das BVerfG zu dem Einsatz von bewaffneten Streitkräften:
o Grds. Zustimmung des BTages zum Truppeneinsatz. Grds. jederzeitiges
Rückrufrecht.
o Bei Gefahr im Verzug kann die Bundesregierung vorläufig den Einsatz beschließen,
soweit er sich i.R.d. Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit i.S.d. Art. 24 II GG
bewegt.
o Aufnahme dieser Bestimmungen in das Parlamentsbeteiligungsgesetz von 2005.
5.) Mitwirkungen in Angelegenheiten der EU, Art. 23 GG
- Zur grds. Problematik vgl. die Ausführungen zu Art. 23 GG beim Bundesrat.
- Im Bezug auf den Bundestag gilt:
o Gelegenheit zur Stellungnahme und Berücksichtigung der Stellungnahme (d.h.
sachliche Auseinandersetzung, keine Bindung) bzgl. der Mitwirkung an
Rechtssetzungsakten der Europäischen Union, Art. 23 III GG.
o Im Bezug auf die Übertragung von Hoheitsrechten auf die EU wird das
Demokratieprinzip und das Gewaltenteilungsprinzip trotzdem im Interesse einer
zunehmenden europäischen Integration geschwächt (-> Staatszielbestimmung des
Art. 23 I GG). Ein Kernbereich politischer Gestaltung ist nicht änderbar (Art. 79 III
GG) und somit dem Mitgliedsstaat zu belassen, dafür muss Sorge getragen werden.
o Analog zur europarechtlichen Subsidiaritätsklage steht dem BTag eine
entsprechende Rechtsschutzmöglichkeit zu, Art. 23 Ia GG.
6.) Auflösung
- Es ist kein Selbstauflösungsrecht des Bundestages vorgesehen.
o Hintergrund war die Vielzahl an Reichstagsauflösungen in der Weimarer Republik.
- Vorzeitige Auflösung des BTages ist ultima ratio, das soll die Handlungsfähigkeit der
Regierung stärken:
o Wahl eines Kanzlers im 3. Wahlgang ohne Kanzlermehrheit, Art. 63 IV 3 GG.
o Scheitern der (unechten) Vertrauensfrage, Art. 68 I 1 GG.
- In den genannten Auflösungsfällen entscheidet der BPräsident ausnahmsweise nach
eigenem politischem Ermessen. Ihm kommt eine Stabilisierungsfunktion zu.
Parteienrecht
I. Normative Grundlagen
1.) Grundgesetz
- Art. 21 GG steht nach den Grundrechten, es handelt sich also nicht allein um ein subjektives
Recht von Gruppen oder Individuen, sondern um objektives Staatsorganisationsrecht.
o Parteien als Bindeglied zwischen Staatsorganen und Bürgern, um den politischen
Willen der Bevölkerung zu kanalisieren und eine repräsentativ-demokratische
Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Gleichzeitig sollen sie politische Mehrheiten
in der Gesellschaft für Parteipositionen gewinnen, vgl. § 1 II ParteiG. Es besteht also
eine Wechselwirkung.
o Große Bedeutung für die Demokratie, direkte Stellung nach den Staatsprinzipien in
Art. 20 I GG.
- Parteien können sich i.R.d. Art. 19 III GG auf Grundrechte berufen.
2.) Einfache Gesetze
- Insb. das Parteiengesetz.
- Wahlvorschlagsrecht der Parteien, §§ 18 ff. BWahlG.
- Parteiverbotsverfahren, §§ 43 ff. BVerfGG.
- Allgemeine Regelungen im Verhältnis zu den Mitgliedern im BGB und der ZPO.
II. Begriff der Partei, § 2 I ParteiG
- Die Legaldefinition des § 2 I ParteiG gilt nach einhelliger Meinung als verfassungsgemäße
Konkretisierung des Art. 21 GG (BVerfG).
1.) Vereinigung von Bürgern
- Vereinigung von natürlichen Personen mit einer gewissen zeitlichen und organisatorischen
Stabilität durch eine geregelte Willensbildung.
o Keine juristischen Personen, § 2 I 2 ParteiG.
o Vereinigung analog zu Art. 9 I GG.
- Nicht erfasst sind Ausländerparteien und ausländische Parteien, § 2 III ParteiG. Die
politische Willensbildung erfolgt für die deutschen Staatsbürger.
o § 2 III ParteiG gilt nicht für EU-Bürger bei Kommunalwahlen, Art. 28 I 3 GG.
2.) Dauernd oder für längere Zeit
- Die organisatorische Struktur muss eine Aktivität für zumindest längere Zeit tragen. Nicht
erfasst sind etwa Ad-hoc-Parteien o.ä.
- Bis zu 6 Jahre braucht keine Teilnahme an Parlamentswahlen zu erfolgen, § 2 II ParteiG.
3.) Einflussnahme auf die politische Willensbildung
- Auch eine Konzentration auf einzelne Politikbereiche ist ausreichend für eine politische
Einflussnahme.
- Nicht ausreichend sind das bloße Aufstellen von Kandidaten oder singuläre Projekte.
4.) Mitwirkung im Landtag oder Bundestag anstrebt
- Sind damit kommunale Wählervereinigungen und Europa-Parteien Parteien?
o h.M.: Nein. -> Kommunale Wählervereinigungen haben einen auf kommunale
Verwaltungsaufgaben beschränkten Wirkungskreis, sie sind aus dem Parteibegriff
zulässig ausgeschlossen.
o a.A.: Ja. Auch die genannten Gruppen sind von Art. 21 GG erfasst. -> Art. 21 I 1 GG
schützt die Mitwirkung an der politischen Willensbildung des Volkes, diese erfolgt
auch durch Wahlen auf kommunaler Ebene, Art. 20 II 2, 28 I 2, 3 GG; Auch die
Repräsentation im Europaparlament erfüllt die Funktion der Parteien als Bindeglied
zwischen Staat und Volk; Art. 224 AEUV umfasst insb. auch politische Parteien im
Europaparlament.
- Über die Nichtanerkennung von Vereinigungen bei Bundestagswahlen entscheidet das
Bundesverfassungsgericht, Art. 93 I Nr.4c GG.
5.) Ausreichende Gewähr für Ernsthaftigkeit
- Kriterien sind in § 2 I 1 ParteiG aufgeführt. Daneben könne herangezogen werden die
finanzielle Ausstattung sowie das Vorliegen von Satzung und Programm (vgl. § 6 I
ParteiG).
o Eine inhaltliche Bewertung des Parteiprogramms ist ausgeschlossen, das obliegt
gem. Art. 21 II GG dem BVerfG.
III. Rechte der Partei
1.) Aufgabenzuweisung, Art. 21 I 1 GG
- Art. 21 I 1 GG enthält keine subjektiven Rechte, bloße Aufgabenzuweisungsnorm.
- Parteien haben an der politischen Willensbildung mitzuwirken.
o Mitwirkung beim gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess, insb. bei Wahlen und
Abstimmungen.
o Einwirkung auf die Staatsorgane, die aus Wahlen und Abstimmungen hervorgehen
(Bundes- und Landesparlamente, Bundesversammlung) und die diesen Organen ggü.
verantwortlich sind (Bundesregierung, Landesregierung, Bundesrat, Gemeinsamer
Ausschuss).
2.) Freiheitsrechte, Art. 19 III, 21 I 2 GG
a) Recht der Parteienfreiheit, Art. 21 I 2 GG
aa) Abwehrrecht
- Gründungsfreiheit: Freie Wahl der Rechtsform, der inneren Organisation,
Satzungsautonomie, freie Bestimmung der programmatischen Zielrichtung.
- Betätigungsfreiheit: Freie Beteiligung an Wahlen, Aufnahme und Ausschluss von
Mitgliedern, Zusammenschluss mit anderen Parteien.
o Besonderheit: Die innere Ordnung muss demokratischen Grundsätzen entsprechen,
Art. 21 I 3 GG.
- Insb. regelmäßig wiederkehrende Wahlen zu Parteiämtern, Mehrheitsprinzip,
keine Aufnahmeverweigerung von Bewerbern aus willkürlichen Gründen,
geordnetes Parteiausschlussverfahren.
- Konkretisierungen in §§ 6 ff., 10 IV, V ParteiG.
bb) Leistungsrechte
- Anspruch auf
o Sondernutzungserlaubnis für die Aufstellung von Informationsständen.
o Nutzung öffentlicher Gebäude für Partei- und Wahlveranstaltungen.
- Ermessensvorschriften aus dem Kommunalrecht und dem Straßen- und Wegerecht sind
i.d.R. gem. Art. 21 I 2 GG auf Null reduziert.
- Kein Anspruch auf staatliche Parteienfinanzierung, Art. 21 I 2 GG gebietet sogar eher eine
Staatsferne.
cc) Schranken
- Eingriff in Form eines Parteiverbots, Art. 21 II GG.
o Zulässigkeit und Begründet s. Verfassungsprozessrecht.
o Andere staatliche Institutionen sind nicht befugt die Verfassungswidrigkeit einer
Partei festzustellen oder die daran anknüpfenden nachteiligen Rechtsfolgen
auszusprechen. Das BVerfG hat das Verwerfungsmonopol, Art. 21 II 2 GG (sog.
Parteienprivileg).
Verbot von SRP und KPD in den 50er Jahren.
Zweimaliger Versuch des NPD-Verbots. Gescheitert zum einen an dem
unzulässigen Einfluss von V-Leuten auf die Willensbildung der Partei und
somit einer Beeinträchtigung des verfassungsmäßigen Status der Partei. Zum
anderen an der aktiv kämpferischen Grundhaltung ohne jedes
Gefährdungspotential für die demokratische Grundordnung oder den
Bestand der BRD.
- Beschränkungen der Gründungsfreiheit sind nach h.M. unzulässig.
o Darunter fallen etwa Zulassungsverfahren, Anmeldepflicht u.ä.
b) Sonstige Grundrechte, Art. 19 III GG
- Einschlägig sind sämtliche Grundrechte, die auf Personenvereinigungen entspr. anwendbar
sind. Die Partei ist eine Vereinigung von Bürgern.
o Art. 21 GG schränkt dies nicht ein, sondern erweitert nur die Parteibefugnisse.
o Art. 9 GG wird durch die lex specialis Art. 21 I 2 GG verdrängt.
3.) Gleichheitsrechte
a) Art. 21 I i.V.m. Art. 38 I 1 GG
- Abgeleitet aus der (passiven) Wahlrechtsgleichheit. Umfasst sind ein freier und gleicher
Zugang zur Wahl, die Wahlbetätigung sowie der Wahlerfolg.
- Formale Chancengleichheit, die nur durch zwingende Gründe durchbrochen werden kann.
b) Art. 21 I 2 i.V.m. Art. 3 I GG
- Chancengleichheit bei der/jeglicher politischen Betätigung.
- Dieses Gleichheitsgebot folgt aus der Gründungsfreiheit sowie dem daraus resultierenden
Mehrparteiensystem i.V.m. mit dem allgemeinen Gleichheitssatz.
o Konkretisierung für die Gewährung öffentlicher Leistungen in § 5 ParteiG. § 5
ParteiG enthält das Prinzip der abgestuften Chancengleichheit.
o Bsp.: Gleicher Zugang zu öffentlichen Einrichtungen (vgl. § 8 GO NRW), der auch
anderen Parteien gewährt wird, Art. 21 I 2, 3 I GG i.V.m. § 5 ParteiG.
- Die formale Chancengleichheit der Parteien ist eine besonderer Gleichheitssatz.
Ungleichbehandlungen sind nur bei Vorliegen zwingender Gründe gerechtfertigt.
o Zwingende Gründe sind auch die unterschiedliche Größe und Bedeutung von
Parteien. Der Staat muss vorgefundene Unterschiede nicht einzuebnen versuchen. §
5 I 2-4 ParteiG ist verfassungskonform.
o Eine verfassungswidrige Ungleichbehandlung liegt vor, wenn Parteien von
staatlichen Leistungen gänzlich ausgeschlossen sind oder ein freier Wettbewerb
zwischen den Parteien vollständig unterbunden wird.
4.) Parteifinanzierung und Vermögensverwaltung
a) Parteienfreiheit
- Finanzierungsfragen (Herkunft, Verwendung, etc.) sind Bestandteil der Parteifreiheit.
- Art. 21 I 2 GG verbietet eine finanzielle Verschränkung von Partei und Staat. Parteien sollen
als Bindeglied der Bevölkerung zur Staatsgewalt auf die finanzielle Förderung durch Private
angewiesen bleiben. Es besteht kein Finanzierungsanspruch gegen den Staat.
o Einfach-gesetzliche Konkretisierungen: Regelung einer staatlichen Teilfinanzierung.
Steuerliche Absetzbarkeit von Mitgliedbeiträgen und Spenden.
- Nach Art. 21 I 4 GG trifft die Parteien eine Transparenzpflicht.
o Einfach-gesetzliche sogar noch durch die Pflicht zur Benennung von Großspender
(ab 500,- €) verschärft.
b) Chancengleichheit
- Aus der Chancengleichheit folgt:
o Nur niedrige Freibeträge sind für Parteispenden zulässig. Sonst würden
kapitalfreundliche Parteiprogramme bevorzugt, da mehr und höhere Spenden zu
erwarten wären.
o Keine steuerliche Abzugsfähigkeit von Spenden durch Körperschaften, da die
dahinter stehenden Personen unzulässig bevorteilt würden.
- Eine Ungleichbehandlung ist gerechtfertigt, wenn sie sich am Wahlerfolg sowie der Summe
der Mitgliedsbeiträge und Spenden orientiert. Eine Differenzierung nach Größe und
Bedeutung der Parteien ist zulässig (s.o.).
o Wegen eines Verstoßes gegen Art. 21 I i.V.m. 3 I GG ist eine erfolgsunabhängige
Basisfinanzierung verfassungswidrig.
5.) Rechtsschutz
- Bei Streitigkeiten mit anderen Privatrechtssubjekten ist der Zivilrechtsweg eröffnet.
- Im Verhältnis Partei-Staat gilt:
o Wird die Verletzung des Art. 21 GG durch ein oberstes Bundesorgan geltend
gemacht, ist die Partei wegen ihrer besonderen staatsorganisationsrechtlichen
Stellung „anderer Beteiligter“ i.S.d. Art. 93 I Nr.1 GG und kann ein
Organstreitverfahren einleiten.
o In allen anderen Fällen steht der Partei der Verwaltungsrechtsweg oder die
Verfassungsbeschwerde offen.
Für die VB kann nicht auf Art. 21 I 2 GG rekurriert werden. Einschlägig sind
Art. 9 GG oder Art. 21 I GG i.V.m. Art. 3 I GG bzw. Art. 38 I 1 GG.
IV. Rechte des Einzelnen
1.) Rechte ggü. dem Staat (individuelle Parteifreiheit)
- Art. 21 I i.V.m. 9 GG schützen:
o Positive und negative Betätigungsfreiheit, Art. 21 I 2 GG (Eintritt, Verbleib,
Betätigung, Austritt und Fernbleiben in bzw. von der Partei).
o Staatliche parteispezifische Eingriffe sind daran zu messen.
- Art. 21 I i.V.m. 3 I GG schützt vor Ungleichbehandlungen im Bezug auf eine (fehlende)
Parteizugehörigkeit.
- Schrankenvorbehalt:
o Art. 21 II GG kann nicht auf die individuelle Parteifreiheit übertragen werden.
Ergänzend finden deshalb die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums
(Art. 33 V GG) als Schrankenvorbehalt auf die individuelle Parteifreiheit
Anwendung.
- Rechtsschutz:
o Verwaltungsgerichtsverfahren oder Verfassungsbeschwerde.
2.) Rechte ggü. der Partei
- Die Partei als solche ist nicht grundrechtsverpflichtet, deshalb können Grundrechte im
Verhältnis zwischen Bürger und der Partei nur i.R.d. mittelbaren Drittwirkung relevant
werden.
- Konkretisierungen:
o Die Vorschriften der Parteisatzung sowie des ParteiG berechtigen und verpflichten
den Einzelnen. Ihre Auslegung findet im Lichte der Art. 5, 8, 9, 21 I GG statt.
o Die Binnenstruktur der Partei ist demokratisch zu halten, Art. 21 I 3 GG i.V.m. §§ 6
ff. ParteiG. Es handelt sich nicht um ein subjektives Recht des Einzelnen.
- Rechtsschutz:
o Parteischiedsgericht (vgl. § 14 ParteiG), anschließend Zivilrechtsweg (-> nur
Willkürprüfung).
Abgeordnetenrecht, Art. 38 I 2 GG
I. Normative Grundlagen
- Zentrale Vorschrift für Bundestagsabgeordnete
o Kein grundrechtsgleiches Recht wie Art. 38 I 1 GG. Art. 38 I 2 GG behandelt die
organschaftliche Stellung der Bundestagsabgeordneten.
o Der Abgeordnete hat ein Amt der öffentlichen Gewalt inne, Art. 48 II 1 GG. Er ist
Teil des Verfassungsorgans Bundestag und gehört nicht zum öffentlichen Dienst
gem. Art. 33 IV, V GG.
o Der Abgeordnete ist Vertreter des ganzen Volkes (sog. Repräsentationsprinzip).
o Art. 38 I 2 GG umfasst die Komponenten Freiheit, Gleichheit und Teilhabe.
o Art. 38 III GG befugt zur näheren gesetzlichen Ausgestaltung.
- Für Landtagsabgeordnete gilt Art. 28 I 1 GG und damit die Bestandteile des Art. 38 I 2 GG,
die Teil des Demokratieprinzips sind.
o Bsp.: Freie Mandat, Verbot der Behinderung von Abgeordneten.
o Nicht erfasst sind die Regelungen zur Abgeordnetenentschädigung.
- Aufbaufragen:
o Art. 38 I 2, 48 II GG sind den Grundrechten und grundrechtsgleichen Rechten
vergleichbare subjektive Rechtspositionen. Deshalb empfiehlt sich ein Aufbau
analog der Grundrechtsprüfung. Schutzbereich-Eingriff-Rechtfertigung.
II. Rechte des Abgeordneten
1.) Bestand und Freiheit des Mandats („Freiheit“)
- Der Abgeordnete ist an Aufträge und Weisungen nicht gebunden, er hat ein freies Mandat,
Art. 38 I 2 GG.
o Gegenteil ist das sog. imperative Mandat. Danach verfügt der Abgeordnete über kein
eigenes Entscheidungsrecht in politischen Abstimmungen. Er ist an den Partei- oder
Volkswillen gebunden. Bei Zuwiderhandlung kann er abgesetzt werden.
a) Umfang/Wirkrichtung
- Freiheit ggü. staatlichen Eingriffen jeglicher Art, die die Dauer und den Bestand des
Mandats beeinträchtigen sollen oder inhaltliche Bindungen aufstellen.
o Nicht erfasste sind verfassungsgemäße Gesetze. Die Rechtsordnung ist
allgemeinverbindlich, der Gesetzeserlass ist kompetenzgemäßes Handeln der entspr.
Staatsorgane.
o Eine indirekte Berührung (z.B. durch Auflösung des BTages) kann durch den
Abgeordneten in Form Verletzung seiner organschaftlichen Rechte vor dem BVerfG
geltend gemacht werden (-> Organstreitverfahren, s.u.).
- Freiheit ggü. privaten Eingriffen jeglicher Art, die sich gegen den Bestand oder der
inhaltliche Ausübung des Mandats richten.
o Der Abgeordnete hat eine Doppelstellung, er ist Vertreter des gesamten Volkes und
Exponent seiner Partei.
o Stimmkaufverträge u.ä. sind nichtig.
o Rechtlich für den Abgeordneten unverbindliche Parteitagsbeschlüsse sind zulässig
und wirksam.
b) Verhältnis Fraktion-Abgeordneter
- Die (freiwillige) Organisation in Fraktionen dient den Interessen des Abgeordneten, da ein
arbeitsteiliges und somit effektiveres Vorgehen ermöglicht wird.
- Im Verhältnis zwischen Abgeordneten und Fraktionen ist zu differenzieren:
o Verfassungsrechtlich unzulässigem Fraktionszwang.
- Eine Partei oder eine Fraktion ergreift oder droht Maßnahmen an, die
verbindlich auf die Entscheidungsfreiheit des Abgeordneten einwirken. Es
droht eine Verletzung des freien Mandats, Art. 38 I 2 GG.
- Bsp.: Pflicht zur einheitlichen Stimmabgabe, Differenzierung zwischen
Direktmandaten und Listenmandaten, Mandatsverlust aufgrund von Partei-
oder Fraktionsaustritt.
o Verfassungsrechtlich zulässige Fraktionsdisziplin.
- Innere und äußere politische Verpflichtung des Abgeordneten, seine
Entscheidungsfreiheit zugunsten der Geschlossenheit der Fraktion oder der
Partei auch im Interesse der Wähler einzuschränken.
- Bsp.: Argumentatives Einwirken und sanktionsloses Anhalten zur einer
bestimmten Stimmabgabe, um eine Parlamentsmehrheit zu sichern;
Ankündigung der Partei, dass der Abgeordnete nach der Wahlperiode nicht
erneut aufgestellt wird ist eine bloße Ankündigung zukünftigen,
rechtmäßigen Verhaltens.
- Abgrenzung:
o Ausschussrückruf oder Fraktionsausschluss sind in erster Linie Eingriffe in das
Teilhaberecht des Abgeordneten (s.u.). Sie lassen die Entscheidungsfreiheit des
Abgeordneten unberührt.
2.) Parlamentarische Beteiligungsrechte („Teilhabe“)
- Aus Art. 38 I 2 GG resultieren organschaftliche Teilhaberechte, die durch die GOBT
konkretisiert werden:
a) Rederecht, § 27 I GOBT
- Fällt nicht in den Schutzbereich des Art. 5 I GG. Amtliche Kompetenz aus Art. 38 I 2 GG.
- Redezeitbegrenzungen aufgrund der Satzungsautonomie des BTags oder durch zulässige
Vereinbarung der Fraktionen müssen geeignet, erforderlich und angemessen sein, um die
Funktionsfähigkeit des Parlaments zu sichern.
b) Abstimmungsrecht, §§ 31, 48 ff. GOBT
- Erfasst ist auch ein Anspruch gegen das Parlament auf Beratung und Beschlussfassung über
den beantragten Abstimmungsgegenstand.
c) Zitierrecht, § 43 I GG, § 42 GOBT
- Überbleibsel des Konstitutionalismus. Da das Parlament in seiner Mehrheit auch die
Regierung stellt ist das Zitierrecht heute bedeutungslos.
d) Fragerecht, Akteneinsichtsrecht, §§ 16, 27 II, 105 GOBT
- Der Abgeordnete hat einen Anspruch auf die Informationen, die zur Ausübung seines
Mandats erforderlich sind. Konkretisierungen durch die große und kleine Anfrage sowie die
Fragestunde sowie die Befragung, §§ 106 ff. GOBT.
e) Fraktionsbildungsrecht, §§ 10-12 GOBT
- Parlamentsfraktionen sind notwendige Einrichtungen des Verfassungslebens und
maßgebliche Einrichtungen zur politischen Willensbildung. Die verfassungsrechtliche
Stellung der Fraktionen beruht auf Art. 38 I 2 GG. Die Rechte der Abgeordneten gelten für
die Fraktionen entsprechend.
- Im Interesse der Funktionsfähigkeit des Bundestages sind geeignete, erforderliche und
angemessene Beschränkungen des Fraktionsbildungsrecht zulässig (Bsp. 5 %-Klausel nach
der GOBT).
- Es gilt der Grundsatz der Spiegelbildlichkeit, Ausschüsse sind entspr. den
Mehrheitsverhältnissen im Parlament zu besetzen.
f) Antragsrecht, §§ 20 II 3, 82 I GOBT
- Notwendige Ergänzung zum Abstimmungsrecht.
3.) Statusrechte
a) Indemnität, Art. 46 I GG
- Besondere verfassungsrechtliche Schutzposition des Abgeordneten, in Form eines
persönlichen Strafausschließungsgrundes. Gilt dauerhaft, über die Parlamentsmitgliedschaft
hinaus.
- Besonderheit:
o Abstimmungen i.S.d. Art. 46 I GG erfassen ausnahmsweise auch Personenfragen.
- Schutz vor gerichtlicher oder dienstlicher Verfolgung.
o Erfasst sind Straftatbestände, zivilrechtliche Ansprüche sowie dienstrechtliche
Maßnahmen.
- Kein Schutz bei
o verleumderischen Beleidigungen, Art. 46 I 2 GG (-> § 187 StGB)
o reinen Privatgesprächen im Parlament
o Tätlichkeiten
o privaten Sanktionen (Parteiausschluss, Boykott, Kündigung).
b) Immunität, Art. 46 II-IV GG
aa) Gewährleistungsbereich
- Sicherung der Arbeitsfähigkeit des Parlaments.
o Statuierung eines umfassenden Strafverfolgungshindernisses für Mitglieder des
deutschen Bundestages. Das Hindernis endet mit der Mitgliedschaft im BTag.
o Herkunft aus dem Konstitutionalismus, Fortdauer wegen des geltenden
Repräsentationsprinzips. Jeder Abgeordnete repräsentiert das gesamte Volk.
- Verfahrensrecht des Bundestages.
o Befugnis zur Aufhebung der Immunität im Bezug auf einzelne Straftaten.
o Delegation an den Immunitätsausschluss (vgl. § 107 GOBT, Anlage 6 zur GOBT).
Ermittlungsverfahren sind vorab genehmigt, es besteht eine
Unterrichtungspflicht ggü. dem Bundestagspräsidenten.
Öffentliche Anklagen müssen durch den Bundestag genehmigt werden. Die
Entscheidung ist bei Verkehrsstraftaten und Bagatelldelikten an den
Immunitätsausschuss delegiert.
bb) Anspruch auf ermessensfehlerfreie Entscheidung
- Der Abgeordnete hat gem. Art. 46 II i.V.m. 38 I 2 GG einen Anspruch auf
ermessensfehlerfreie Entscheidung über die Aufhebung seiner Immunität.
- Der Bundestag hat zwischen den Interessen des Parlaments und den Interessen der anderen
hoheitlichen Gewalten eine Interessenabwägung durchzuführen.
o Aufgrund der primär gesicherten Funktionsfähigkeit des Parlaments hat der
Bundestag dabei einen weiten Ermessensspielraum.
o Der Anspruch auf willkürfreie Entscheidung ist verletzt, wenn das Parlament des
verfassungsrechtlichen Abgeordnetenstatus grundlegend verkannt hat oder sich von
sachfremden Motiven lenken ließ. Die Schlüssigkeit des erhobenen Vorwurfs
unterliegt lediglich einer Evidenzkontrolle.
c) Zeugnisverweigerungsrecht und Beschlagnahmeverbot, Art. 47 GG
- Zeugnisverweigerungsrecht in anvertrauten Angelegenheiten, Art. 47 S.1 GG.
o Auf die konkrete Ausübung kann verzichtet werden. Ein Globalverzicht ist
unzulässig.
- Beschlagnahmeverbot, Art. 47 S.2 GG.
o Auch erfasst sind elektronisch gespeicherte Daten sowie Ton- und Bildträger.
o Erfasst sind Gegenstände im Gewahrsam (= funktionellem Herrschaftsbereich) des
Abgeordneten. Dazu zählen auch noch Gegenstände in Mitarbeiterräumen, über die
der Abgeordnete das Direktionsrecht hat und ein unmittelbares Zugriffsrecht besitzt.
o Durchsuchungen und Beschlagnahmen in den Räumen des Bundestages bedürfen der
Genehmigung (= vorherigen Zustimmung, ungleich § 184 I BGB) des
Bundestagspräsidenten, Art. 40 II 2 GG.
Ermessensentscheidung, orientiert an dem Regelungszweck, der räumlichen
Integrität des Bundestages.
Anspruch des Abgeordneten auf ermessensfehlerfreie Entscheidung gem.
Art. 46 II-IV, 47 i.V.m. Art. 38 I 2 GG. Eine Verletzung liegt jedoch nur vor
bei grobem Verkennen des Abgeordnetenstatus oder bei sachfremden
Erwägungen.
d) Behinderungsverbot, Art. 48 II GG
aa) Umfang
- Persönlich sind alle wahlberechtigten Bewerber um ein Bundestagsmandat sowie die
amtierenden Bundestagsabgeordneten.
o Auch freiberuflich Tätige sind von Art. 48 II GG erfasst (str.).
- Sachlicher Gewährleistungsbereich:
o Rspr.: Erfasst ist das Verbot von Verhaltensweisen aus der beruflichen Sphäre, die
die Übernahme oder Ausübung des Mandats erschweren oder unmöglich machen.
o Lit.: Erfasst sind neben erschwerenden Verhaltensweisen auch alle anderen
Benachteiligungen, die gerade wegen der Ausübung des Amtes erfolgen. -> Art. 48
II GG bietet einen objektiven Schutz und soll nicht abhängig sein von der mentalen
Konstitution des aktuellen Amtsträgers; Art. 48 II 2 GG ist ein Unterfall des S.1 und
erfasst bestimmte Benachteiligungen wegen der Ausführung des Amtes.
- Wirkungsrichtung
o Art. 48 II GG wirkt ggü. staatlichen Eingriffen.
o Art. 48 II GG wirkt ggü. privaten Eingriffen, als Verbotsgesetz i.S.d. § 134 BGB
bzw. Schutzgesetz i.S.d. § 823 II BGB.
- Eingriffe können durch kollidierendes Verfassungsrecht gerechtfertigt werden.
o Bsp.: Inkompatibilitätsvorschriften, die eine Personalunion von Landtags- und
Bundestagsabgeordneten verbieten.
bb) Berufsausübungsgarantie und Diäten
- Art. 48 II GG enthält eine ggü. Art. 12 I GG speziellere verfassungsrechtliche Garantie zur
Berufsausübung neben dem Abgeordnetenmandat.
- Diäten-Urteil (1975) des BVerfG
o Das Abgeordnetenmandat fordert i.d.R. tatsächliche den vollen Einsatz des
Abgeordneten. Daher ist die Entschädigung nach Art. 48 III GG als Entgelt für die
Inanspruchnahme der Hauptbeschäftigung des Abgeordneten zu sehen.
o Daraus folgt, dass Nachteile, die durch die Abgeordnetenentschädigung nach Art. 48
III GG abgegolten sind, nicht zusätzlich als Behinderungen nach Art. 48 II GG
angesehen werden können.
- Bsp.: Nichtweiterzahlung des Gehalts wegen völliger Auslastung durch die
Parlamentstätigkeit.
e) Verbot mandatsbezogener Zuwendungen und arbeitsloser Einkommen
- Art. 38 I 2 GG verbietet dem Abgeordneten die Abhängigkeit von Interessenverbänden oder
anderen Privaten.
- Einfach-gesetzliche Konkretisierung in § 44a I, II AbgG. Zuwendungen und arbeitslose
Einkommen sind unzulässig.
f) Urlaubsanspruch, Art. 48 GG
- Entbindung von privatrechtlichen oder öffentlich-rechtlichen Dienstverpflichtungen ggü.
Dritten, soweit dies für die ernsthafte Bewerbung erforderlich ist.
- Ausgenommen sind eigenmächtiges Fernbleiben sowie die Fortzahlung der Bezüge.
g) Entschädigungsanspruch, Art. 48 III 1 GG
- s. WL
4.) „Gleichheit“
- Die Gleichheit der Abgeordneten verbietet Differenzierungen des verfassungsrechtlichen
Status.
o Anspruch der fraktionslosen Abgeordneten auf Ausgleich der Vorteile, die
fraktionszugehörigen Abgeordneten aus der Arbeit in Fraktionen zustehen.
- Ausnahmen:
o Bundestagspräsident, Stellvertreter und Schriftführer, Art. 40 I 1 GG.
o Wenige, politisch besonders herausgehobene Positionen (Bsp.: Fraktionsführer).
III. Pflichten des Abgeordneten
- Die sog. Mittelpunktsregelung, § 44a I AbgG
o Die Mandatsausübung steht im Mittelpunkt der Tätigkeit eines
Bundestagsabgeordneten. Konkretisierung der Art. 38 I 2, 48 II GG.
o Die inhaltliche Wahrnehmung ist frei.
- Transparenz- und Offenlegungspflichten, § 44b AbgG
o Der BTag muss Verhaltensregeln für die Abgeordneten erlassen. Insb. ist danach die
Offenlegung von Nebeneinkünften erfasst (-> GOBT).
Zweck: Sicherung der Funktionsfähigkeit des BTages und des
Repräsentationsprinzips, Vermeidung von Widersprüchen zu persönlichen
Interessen der Abgeordneten. Sicherung der Unabhängigkeit des Parlaments.
- Mitwirkungs-, Anwesenheits- und Verschwiegenheitspflichten
IV. Inkompatibilitäten
- Inkompatibilitäten mit bestimmten Ämtern: 55 I, 94 I 3, 137 GG.
- Zusätzliche Inkompatibilitäten mit Mandaten im Europäischen Parlament, § 23 I Nr.11a
EuWG.
V. Rechtsschutz
- Organstreitverfahren, Art. 93 I Nr.1 GG i.V.m. §§ 13 Nr.5, 63 ff. BVerfGG.
o Beachte: Abgeordnete können als solche keine Rechte des BTages wahrnehmen
(h.M.). Sie können aber als Fraktionen solche Rechte geltend machen.
- Verfassungsbeschwerde, Art. 93 I Nr.4a GG i.V.m. §§ 13 Nr.8a, 90 ff. BVerfGG
o Geht es zumindest auch um die Verletzung von Statusrechten aus einem
Verfassungsrechtsverhältnis, ist das Organstreitverfahren vorrangig.
o Eine Verfassungsbeschwerde ist ausnahmsweise statthaft, wenn ansonsten kein
ausreichender Rechtsschutz vorhanden wäre, der Abgeordnete also nicht seine
organschaftliche Rechtsstellung ggü. einem anderen parteifähigen Verfassungsorgan
geltend macht.
Bsp.: Subjektive Rechte aus Art. 47 GG; Überwachung eines Abgeordneten
durch den Verfassungsschutz, welcher kein oberstes Bundesorgan ist.
Der Bundesrat, Art. 50-53 GG
I. Zusammensetzung und Verfahren
- Der BRat besteht aus Regierungsmitgliedern der Länder, Art. 51 I 1 GG.
o Auf Landesebene kommt den Regierungen mehr Macht zu als auf Bundesebene.
Dafür sorgen der sog. Exekutivföderalismus sowie die Beteiligung im BRat.
o Keine zweite Parlamentskammer neben dem BTag, da nur eine sehr schwache
demokratische Legitimation (Wähler der Bundesländer -> Landtag ->
Landesregierung -> BRat).
o BRatsmitglieder sind im Innenverhältnis zu ihren Landesregierungen
weisungsgebunden (kein freies Mandat, Art. 38 I 2 GG). Deshalb ist eine Vertretung
möglich, Art. 51 I 2 GG.
- Besetzung, Art. 51 II GG
o Insg. 69 Mitglieder.
o Problematisch war der Mirkozensus 2011 in Hessen, das Land wurde mit knapper
unter 6 Mio. Einwohnern gemessen. Eine Bevölkerungsfortschreibung hat aber
knapp über 6 Mio. Einwohner gemessen.
- Abstimmung, Art. 51 III 2 GG
o Die Beschlussfähigkeit richtet sich nach der Zahl der vertretenen Stimmen, nicht
nach der Zahl der anwesenden Mitglieder, § 28 GOBRat.
o Problem: Uneinheitliche Stimmabgabe
BVerfG: Insg. ungültig. -> WL des Art. 51 III 2 GG.
a.A.: Im Konfliktfall entscheidet die Stimme des Ministerpräsidenten, sofern
er auch abgestimmt hat.
II. Zuständigkeiten und Befugnisse
1.) Autonome Rechte/Organisation
- Erlass einer GO, Art. 52 III 2 GG.
- Wahl des Präsidenten und Einrichtung von Ausschüssen, Art. 52 I, IV GG.
- Selbstversammlungsrecht, Art. 52 II GG.
2.) Innerstaatliche Mitwirkungsbefugnisse
- Mitwirkung an der Gesetzgebung, Art. 76, 77 ff.
- Mitwirkungsrechte bei Exekutivaufgaben, insb. Erlass von allgemeinen
Verwaltungsvorschriften durch den Bund, Art. 84 II, 85 II GG.
- Wahl der Bundesverfassungsrichter, Art. 94 I GG, §§ 5 u. 7 BVerfGG
3.) Angelegenheiten der Europäischen Union, Art. 23 II-VII GG
- Die Mitgliedsstaaten wirken bei der EU-Gesetzgebung und der sonstigen
Kompetenzausübung durch den EU-Ministerrat mit. In dem Rat wird jeder Mitgliedsstaat
durch den entspr. Fachminister der Bundesregierung vertreten. Ob die durch die EU
ausgeübten Hoheitsbefugnisse ursprünglich Bundes- oder Landeszuständigkeit waren, spielt
dabei keine Rolle. Es droht eine Entmachtung der Bundesländer sowie eine Aushöhlung der
Gesetzgebungsbefugnisse des Parlaments. Die demokratische Legitimation und die
Mitwirkungsbefugnisse des EU-Parlaments gleichen das nicht wieder aus.
- Kompensationsmittel:
o Informationspflichten der Bundesregierung, Art. 23 II 2 GG
o Einbindung der Länder in die politische Willensbildung, Art. 23 IV-VI GG.
Konkretisierung gem. Art. 23 VII GG durch das Gesetz über die Zusammenarbeit
von Bund und Ländern in Angelegenheiten der Europäischen Union (EuZBLG).
4.) Kontrollfunktion
- Kontrolle der legislativen Staatsgewalt des Bundestages, vgl. Art. 43 II GG (-> vertikale
Gewaltenteilung durch föderative Kontrolle).
- Kontrolle der Bundesregierung: Art. 53, 114 II 2 GG.
- Klagerecht bei Verstoß gegen das Subsidiaritätsprinzip durch einen Rechtsakt der EU, Art.
23 Ia GG.
Der Bundespräsident, Art. 54-61 GG
I. Politische und verfassungsrechtliche Stellung
- Der BPräsident ist oberstes Staatsorgan, Staatsoberhaupt der BRD.
- Wichtige Unterschiede zum Modell der WRV:
o Regierungschef ist der Bundeskanzler, auf den der BPräsident keinen Einfluss hat.
Es besteht ein parlamentarisches, kein präsidentielles Regierungssystem.
o Der Bundespräsident ist nicht „Hüter der Verfassung“.
o Kein Gegenpol zum Parlament in Form einer vermeintlich neutralen Staatsführung.
o Keine Direktwahl durch das Volk.
o Funktionen sind bloß formaler Natur („Staatsnotar“).
o Gegenzeichnungspflichten der Gubernative sorgen für eingeschränkte
Möglichkeiten, Art. 58 GG.
- Der BPräsident hat keinen Einfluss auf die materielle Staatsleitung.
o Keine Prägung der Staatsgewalten, keine originäre Staatsgewalt.
o Bloße politische Reservefunktion in Krisenzeiten, vgl. Art. 63 IV 3, 68, 81 I 1 GG.
- Kernaufgaben:
o Repräsentativfunktion des Staates nach Innen und Außen.
o Integrationsfunktion, parteipolitisch neutrale Stellungnahme zu Fragen des
Gemeinwesens. Identitätsstiftende Wirkung.
II. Wahl und Amtsperiode
- Wahl durch die Bundesversammlung gem. Art. 54 GG
o Zusammensetzung der Bundesversammlung aus geborenen und gekorenen
Mitgliedern. Also aus den Mitgliedern des Bundestags und von den
Landesregierungen bestimmte Mitglieder, Art. 54 III GG.
- Amtszeit beträgt 5 Jahre, Art. 54 II 1 GG.
o Es ist nur einmal eine anschließende Wiederwahl möglich. Eine zu starke Prägung
des BPräsidenten soll verhindert werden.
- Ende des Amtes durch
o Ablauf der Amtszeit, Rücktritt, Tod oder Amtsenthebung i.R.d. Präsidentenklage
(Art. 61 GG).
III. Aufgaben und Rechte
1.) Überblick
a) Im Bereich der Legislative
- Auflösung des Bundestages in der (politischen) Krise, Art. 63 IV 3, 68 GG.
- Ausfertigung und Verkündung von Gesetzen, Art. 82 I GG.
- Erklärung des Gesetzgebungsnotstandes, Art. 81 I 1 GG.
b) Im Bereich der Judikative
- Ernennung der Bundesrichter, Art. 60 I GG
o Einschließlich der Richter des BVerfG, vgl. § 10 BVerfGG.
o Prüfungsrecht bei der Richterernennung?
e.A.: Bloß formelles Prüfungsrecht, bzgl. der Ordnungsgemäßheit des
Wahlverfahrens.
a.A.: Umfassendes formelles und materielles Prüfungsrecht, insb. im
Hinblick auf Einhaltung des Leistungsprinzips nach Art. 33 II GG. -> Art. 20
III GG.
h.M.: Formelles Prüfungsrecht sowie ein eingeschränkt materielles
Prüfungsrecht. Bei Bundesrichtern sind evidente Verstöße gegen Art. 33 II
GG zu berücksichtigen. Bei der Wahl von Bundesverfassungsrichtern steht
Bundestag und Bundesrat ein weites politisches Ermessen zu, deshalb hat der
Bundespräsident insoweit kein materielles Prüfungsrecht.
- Begnadigungsrecht, Art. 60 II GG
o Betrifft alle Formen von Sanktionen (OWi, Strafen, Disziplinarmaßnahmen).
o Wichtig: Ausübung für den Bund, also nur, wenn ein Bundesgericht oder eine
sonstige Bundeseinrichtung die Sanktion verhängt.
Ausnahme: Art. 96 V GG, dann sind auch Sanktionen von Ländergerichten
betroffen!
o Nach h.M. unterliegt die Begnadigung nicht dem Rechtsschutz nach Art. 19 IV 1
GG. Es handelt sich um ein Relikt des monarchischen Obrigkeitsstaates, das
außerhalb der Grundrechtsbindung steht. Aber der Widerruf einer Begnadigung ist
erfasst.
c) Im Bereich der Exekutive
- Ernennung und Entlassung von Bundesbeamten, Art. 60 I GG.
o Prüfungsrecht: Kein materielles Prüfungsrecht, der Bundespräsident hat keine
Personalhoheit inne. Formales Prüfungsrecht im Bezug auf die beamtenrechtlichen
Voraussetzungen ist vertretbar, wird aber in der Verfassungspraxis nicht gelebt.
- Sonstige Repräsentationsaufgaben, die nicht näher geregelt sind.
- Vorschlag des Bundeskanzlers sowie Ernennung des Kanzlers sowie der
Regierungsmitglieder, Art. 63, 64 GG.
- Maßnahmen im Verteidigungsfall, Art. 115a III-V, 115h II GG.
2.) Gegenzeichnungsvorbehalt, Art. 58 GG
- Ausführung kann auch formlos erfolgen!
- Zweck:
o Sicherstellung der Einheitlichkeit der Staatsführung.
o Gewährleistung der politischen Primats der Bundesregierung.
o Indirekte parlamentarische Kontrolle des nur mittelbar demokratisch legitimierten
BPräsidenten.
- Ausnahmen:
o Ausdrückliche Ausnahmen im Falle der Aktivierung der politischen Reservefunktion
des BPräsidenten in Art. 63, 67, 69 III GG
o Ungeschriebene Ausnahmen, wenn diese durch den BPräsidenten eigenständig
wahrzunehmen sind und ggf. auch in Widerspruch zu den Interessen der
Bundesregierung stehen:
Der Wahlvorschlag des BPräsidenten (Art. 63 I GG), die Einrufung des
Bundestages (Art. 39 III 3 GG), das Betreiben des Organstreitverfahrens
(Art. 93 I Nr.1 GG), Verweigerung der Bundestagsauflösung (Art. 68 I GG)
oder der Erklärung des Gesetzgebungsnotstandes (Art. 81 I GG), Ausübung
des Begnadigungsrechte (Art. 60 II GG, str.).
- Sonderfall: Erfasst der Gegenzeichnungsvorbehalt auch Äußerungen und Handlungen ohne
rechtliche Bindungswirkungen?
o h.M.: Art. 58 GG erfasst das gesamte politisch bedeutsame Verhalten und Auftreten
des BPräsidenten in amtlicher Eigenschaft.
o a.A.: Soweit der BPräsident seiner Integrationsfunktion nachkommt unterliegt er
keiner Gegenzeichnungspflicht. -> WL des Art. 58 GG; Stellung des BPräsidenten
als Staatsoberhaupt sowie seine Überparteilichkeit.
Für die völkerrechtliche Vertretung der BRD (Art. 59 GG) gilt, dass hier die
Repräsentationsfunktion des BPräsidenten im Vordergrund steht. Deshalb
wird diesbzgl. in Verbindung mit dem Grundsatz der Organtreue eine enge
Abstimmung mit der Bundesregierung notwendig sein.
3.) Prüfungsrecht vor der Ausfertigung von Gesetzen, Art. 82 GG
- Der BPräsident hat bloß ein formelles Prüfungsrecht (e.A.). Der BPräsident hat ein
formelles und materielles Prüfungsrecht (a.A.). Der BPräsident hat ein formelles
Prüfungsrecht und im Falle evidenter Verfassungsverstöße auch ein materielles
Prüfungsrecht (h.M.).
- Argumente für ein formelles Prüfungsrecht:
o WL Art. 82 GG; Vergleich mit WL des Art. 78 GG, welcher nur formelle
Vorschriften meint; Berufung auf den Amtseid (Art. 56 GG) ist ein Zirkelschluss,
dieser wird auch bei bloß formellem Prüfungsrecht erfüllt; Vergleich mit WRV nicht
zulässig, BPräsident hat andere Befugnisse als der Reichspräsident, Auslegung nur
vor dem GG; Über das Textänderungsgebot in Art. 79 GG ist jedes materiell
verfassungswidrige Gesetz auch formell verfassungswidrig, weil es das GG nicht
ändert, also hat der BPräsident ein umfassendes Prüfungsrecht; Rolle als oberster
Notar; Abschließende Prüfungskompetenz beim BVerfG als Hüterin der Verfassung
i.R.d. konkreten oder abstrakten Normenkontrolle (Art. 93 GG), keine
Vorwegnahme.
o Für ein materielles Prüfungsrecht sprechen der Vergleich mit der WRV, welche in
dem analogen Art. 70 WRV ein formelles und materielles Prüfungsrecht vorsah; Art.
79 GG ist nicht statthaft, da dort nur verfassungsändernde Gesetze angesprochen
sind, nicht verfassungswidrige einfache Parlamentsgesetze, von denen der
Gesetzgeber an ihre Verfassungsmäßigkeit glaubt; Primäre Kompetenz für die
Prüfung der materiellen Verfassungsmäßigkeit beim Bundestag, es besteht eine
parlamentarische Einschätzungsprärogative; WL des Amtseides (Art. 56 GG); WL
des Art. 82 I 1 GG; BVerfG kann über das Organstreitverfahren trotzdem noch
angerufen werden, kein Ausschluss, zudem schadet eine doppelte Prüfung nicht; Der
BPräsident über bei der Ausfertigung von Gesetzen i.R.d. Legislative Staatsgewalt
aus und ist daher an die Verfassung sowie die Grundrechte gebunden (Art. 1 III, 20
III GG).
4.) Völkerrechtliche Vertretung der Bundesrepublik, Art. 59 GG
- Im Außenverhältnis hat der BPräsident eine uneingeschränkte Vertretungsbefugnis. Seine
Erklärungen binden die BRD unmittelbar völkerrechtlich, Art. 59 I GG.
o Beschränkung in Ausnahmefällen (Art. 59 II GG) sowie durch die
Verbandskompetenz des Bundes (Art. 32 GG).
o Staatspraxis:
- BPräsident tritt nur auf, soweit es um Verträge nach Art. 59 II 1 GG, um die
Anerkennung neuer Staaten und um die Beglaubigung und den Empfang
ausländischer Gesandter geht.
- I.Ü. wird der Bundeskanzler tätig, was völkerrechtlich zulässig, aber nicht
verfassungsgemäß ist. Es handelt sich wohl um
Verfassungsgewohnheitsrecht.
- Im Innenverhältnis ist die Vertretungsmacht begrenzt. Der Bundeskanzler hat die
Richtlinienkompetenz (in Art. 65 S.1 GG wenigstens Kabinettsintern aufgeführt). Daraus
folgt:
o Der BPräsident muss die von der BRegierung benannten Vertreter bevollmächtigen
und darf keinen inhaltlichen Einfluss auf die Verhandlung völkerrechtlicher Verträge
nehmen.
o Der BPräsident hat kein politisches Ermessen, ob er von der BRegierung
abgeschlossene völkerrechtliche Verträge ratifiziert oder völkerrechtliche
Erklärungen mit Bindungswirkung abgibt.
o Der BPräsident hat im Bezug auf die Rechtsakte, zu dessen Vornahme er ersucht
wird, nur ein formelles und bei evidenten Verstößen eingeschränkt materielles
Prüfungsrecht, i.R.d. er die Verfassungsmäßigkeit der Rechtsakte überprüfen darf.
- Ergebnis:
o Der BPräsident hat eine formale Vertretungsbefugnis ohne materielle
Entscheidungsbefugnis.
o Die Völkerrechtliche Vertretung nach Art. 59 GG ist damit Ausdruck seiner von der
materiellen Staatsleitung losgelösten Repräsentativfunktion.
5.) Inkompatibilität und Immunität, Art. 55, 60 IV GG
- s. WL
Die Bundesregierung, Art. 62-69 GG
I. Begriff und Einordnung
- Die Regierung (= Gubernative) ist neben der Verwaltung Teil der Exekutive (Art. 20 III
GG). Neben dem Bundestag zentrales Organ der politischen Staatsleitung.
- Begrifflichkeiten:
o Die Regierung im organisatorisch-institutionellen Sinn ist ein
Verfassungsorgan/Staatsorgan mit den Rechten und Pflichten aus Art. 62 ff. GG.
o Regierung im formellen Sinn ist die Gesamtheit der an die Regierung übertragenen
Aufgaben.
o Regierung im materiellen Sinn ist die Aufgabe der politischen Staatsleitung im
Zusammenspiel mit dem Bundestag und anderen Verfassungsorganen.
- Merkmale des parlamentarischen Regierungssystems:
o Keine Direktwahl durch das Volk, sondern durch das so gestärkte Parlament.
o Die Bundesregierung hat die durch den Bundestag beschlossenen Gesetze zu
beachten (Art. 20 III GG). Zudem hat sie bestimmte Auskunftspflichten.
o Große politische Gestaltungsfähigkeit der Regierung, dank kontinuierlichem
Verwaltungsunterbau der Ministerien und Gesetzesinitiativrecht (Art. 76 GG).
II. Bildung der Regierung
- Die Bundesregierung ist ein Kollektivorgan. Sie besteht aus dem Bundeskanzler und den
Bundesministern, Art. 62 GG.
- Die Mitglieder der Bundesregierung sind keine Beamten (keine Weisungsgebundenheit), sie
stehen aber in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis, vgl. § 1 BMinG.
- Inkompatibilitäten: Art. 66 GG, § 4 BMinG (Landesregierung).
- Keine Indemnität und Immunität.
1.) Die Wahl des Bundeskanzlers, Art. 63 GG
- Gewählt wird durch geheime Abstimmung (§§ 4, 49 GOBT) ohne vorherige Aussprache,
Art. 63 I GG.
- Erster Wahlgang erfolgt auf Vorschlag des Bundespräsidenten durch den Bundestag, Art. 63
I, II GG.
o Gewählt ist, wer die sog. Kanzlermehrheit auf sich vereinigt (Mehrheit der
gesetzlichen Mitglieder des Bundestages, Art. 121 GG, §§ 1 I 1, 6 IV 2, V BWahlG).
- Der Bundespräsident hat sich bei seinem ermessensfreien Vorschlag an einer
mehrheitsfähigen Regierungsbildung zu orientieren, der Bundestag braucht dem Vorschlag
nicht zu folgen und kann dann gem. Art. 63 III GG erneut abstimmen. Diese zweite
Wahlphase dauert 14 Tage und erfordert ebenfalls eine absolute Mehrheit.
- Nach zwei erfolglosen Wahlen folgt ein dritter Wahlgang, Art. 63 IV GG.
o Erhält der Gewählte die absolute Mehrheit, so ist er durch den Bundespräsidenten zu
ernennen, Art. 63 IV 2 GG.
o Bei bloß einfacher Mehrheit hat der Bundespräsident neben dem Ernennungs- auch
ein Auflösungsrecht, Art. 63 IV 3 GG.
o Steht das Auflösungsrecht bei Wahl eines Minderheitenkanzlers im politischen
Ermessen des Bundespräsidenten?
e.A.: Ja. -> WL.
h.M.: Prüfungsumfang: Auflösung ist unstatthaft, wenn der
Minderheitenkanzler erkennbar von einer regierungsfähigen (absoluten)
parlamentarischen Mehrheit toleriert wird. -> Auflösung ist ultima ratio;
Bundespräsident soll im GG keine politisch dominierende Stellung inne
haben; Art. 68 S.1 GG erlaubt einem Minderheitenkanzler das Verbleiben im
Amt und stellt die Vertrauensfrage zu dessen Disposition, diese Wertung
muss auch bei Art. 63 IV GG gelten.
2.) Die Stellung des Bundeskanzlers
- Der Bundeskanzler erhält durch seine Wahl vom Parlament eine starke demokratische
Legitimation.
- Der Kanzler legt auf Grund seiner Organisationsgewalt die Zahl und Geschäftsbereiche der
Ministerien fest (sog. materielles Kabinettsbildungsrecht).
o Eine in dieses Recht eingreifende Gesetzgebung ist verfassungswidrig, da ohne
Kompetenz (h.M.). Es handelt sich um einen Kernbereich exekutiver Verantwortung.
o Das GG macht einzelne Vorgaben zu den einzurichtenden Ministerien: Art. 65a, 69
I, 96 II 4, 108 III 2, 112, 114 I GG.
o Fragwürdig: Der VerfGH NRW sieht das RSP durch Zusammenlegung von Innen-
und Justizministerium berührt und fordert nach der Wesentlichkeitslehre eine
parlamentarische Gesetzesgrundlage.
3.) Ernennung der Bundesminister, Art. 64 GG
- Der Bundeskanzler schlägt die vom Bundespräsidenten zu ernennenden Bundesminister vor,
Art. 64 I GG.
o Der Bundespräsident prüft die nach dem BMinG erforderlichen Voraussetzungen für
das Amt des Bundesministers.
o Kann der Bundespräsident die Ernennung eines Bundesministers aus Gründen des
Staatswohls ablehnen?
Wie üblich eine Dreiteilung: Teilweise wird kein Prüfungsrecht vertreten
(Bundespräsident hat im Verfassungsgefüge bloß formale Aufgaben und darf
lediglich die rechtlichen Voraussetzungen nach dem BMinG prüfen),
teilweise ein volles Prüfungsrecht (BP hat für das Staatswohl zu sorgen, Art.
56 S.2 GG, und ist an Gesetze gebunden, Art. 20 III GG), teilweise wird ein
Prüfungsrecht bei schwerwiegenden Zweifeln an der Verfassungstreue für
vertretbar gehalten.
- Die Bundesminister erhalten ihre demokratische Legitimation durch den Bundeskanzler
(sog. Legitimationskette). Sie geben diese Legitimation mit Ernennungsakten weiter.
Deshalb endet ihr Amt auch mit dem Ende des Amtes des Bundeskanzlers, Art. 69 II GG.
III. Aufgaben und Organisation der Bundesregierung
- Die Beschlussfassung der Bundesregierung erfolgt nach § 24 GOBR.
1.) Aufgaben
- Aufgabe der Regierung (im materiellen Sinne) ist die politische Staatsleitung, Art. 62 ff. GG
o Teilweise wird daraus die Befugnis zu „Warnungen und Empfehlungen“ als Teil der
Öffentlichkeitsarbeit hergeleitet, soweit eine Materie betroffen ist, die nach Art. 70
ff. GG dem Bund zugewiesen ist. -> Aufklärende Tätigkeit im Vorfeld legislativer
Entscheidungen ist weniger belastend; Schluss vom Mehr auf das Weniger.
o Andere lehnen diesen Schluss von der Aufgabe auf die Kompetenzen ab. Es fehlt
eine taugliche gesetzliche Grundlage nach dem sog. Vorbehalt des Gesetzes. Diese
ist notwendig, da Warnungen mittelbar-faktische Eingriffe darstellen können.
- Weitere ausdrückliche zugewiesene Aufgaben:
o Genehmigung von Rüstungsexporten, Art. 26 II 1 GG
o Gesetzesinitiativrecht, Art. 76 I GG
o Verordnungsgebung, Art. 80 I 1 1.Var. GG
o Erlass allgemeiner Verwaltungsvorschriften, Art. 84 II, 85 II, 86 S.1, 107 VII GG
o Einrichtung von Behörden der bundeseigenen Verwaltung, Art. 86 S.2 GG
o Weisungsrechte, Art. 84 V, 85 III GG
2.) Rechte einzelner Mitglieder der Bundesregierung
- Aufenthalts- und Rederecht im Bundestag und –rat, Art. 43 II, 53 S.1 GG
- Verordnungsgebung, Art. 80 I 1 2. Var. GG
- Einzelbefugnisse „institutionell abgesicherter“ Minister, Art. 65a, 96 II 4, 108 III, 112 S.1
GG.
3.) Die innere Organisation der Bundesregierung ist bestimmt von folgenden Prinzipien
a) Kanzlerprinzip, Art. 65 S.1 GG
- Der Kanzler hat die Richtlinienkompetenz. Er trifft politische Leitentscheidungen, die durch
die Bundesminister für ihr jeweiliges Ressort auszufüllen sind.
- Adressat der Leitentscheidungen sind die Minister, die Richtlinienkompetenz wirkt nur
innerhalb der Bundesregierung. Sie berührt nicht die anderen Verfassungsorgane.
- Nach h.M. sind davon auch Einzelweisungen erfasst, wenn es um besonders bedeutsame
Entscheidungen geht.
- Verhältnis zum Kollegialprinzip s.u.
b) Ressortprinzip, Art. 65 S.2 GG
- Ein Ressortbereich der Bundesregierung wird durch den jeweiligen Bundesminister
selbständig politisch geleitet. Er hat die Weisungsbefugnis und Personalhoheit. Eine
Begrenzung erfolgt durch die Richtliniensetzung sowie ggf. durch Einzelweisungen des
Bundeskanzlers (str., s.o.).
- Aus der Ressortzuständigkeit ergibt sich die Organkompetenz des einzelnen Ministers für
„Warnungen und Empfehlungen“ (str., s.o.).
- Absicherung einzelner Ministerkompetenzen durch Art. 65a, 112 S.1 GG und § 26
GOBReg.
c) Kollegialprinzip
- In bestimmten Angelegenheiten hat die Bundesregierung als Kollegialorgan aufzutreten
(z.B. Art. 76 I GG). Die Richtlinien des Kanzlers binden allerdings auch die
Bundesregierung als Kollegium.
- Verhältnis zum Kanzlerprinzip:
o e.A.: Vorrang des Kanzlerprinzips.
o h.M.: Vorrang des Kollegialprinzips, Ausgleich im Wege der praktischen
Konkordanz. -> Der BK kann im Kabinett überstimmt werden. Er hat aber die
Möglichkeit i.R.d. Geschäftsleitungsbefugnis den Verlauf der Kabinettssitzung zu
steuern (Art. 65 S.4 GG), i.R. seiner Richtlinienkompetenz inhaltlich Einfluss auf die
Gesetzesvorlagen zu nehmen (Art. 65 S.1 GG) und einzelne Bundesminister zu
entlassen (Art. 64 I GG).
IV. Amtsdauer und Amtsende der Bundesregierung
- Ende mit der Wahlperiode des Bundestages, Art. 69 II, 39 I, II GG.
- Entlassung von einzelnen Bundesministern erfolgt auf Vorschlag des Bundeskanzlers durch
den Bundespräsidenten, Art. 64 I GG.
o Das Parlament kann wegen des Charakters des parlamentarischen
Regierungssystems einzelnen Minister (rechtsfolgenlos) sein schlichtes Misstrauen
aussprechen.
- Das Parlament hat keine Möglichkeit einzelne Bundesminister zu entlassen. Über ein
konstruktives Misstrauensvotum (Art. 67 I 1 GG) kann der Bundeskanzler und mit ihm alle
Bundesminister gestürzt werden, Art. 69 II GG.
o Das konstruktive Misstrauensvotum soll die Stabilität der Regierung erhöhen und
sog. Minderheitsregierungen vermeiden.
o Reaktion auf die Weimarer Republik, in der Mehrheiten von Links und Rechts die
Regierung abwählten ohne sich auf eine neue Regierung einigen zu können.
o Problem: Eine amtierende Bundesregierung ist bei einer abweichenden
parlamentarischen Mehrheit ohne Gestaltungsmacht und hat kein
Notverordnungsrecht (wie etwa die sog. Geschäftsregierung der Weimarer
Republik). Der Gesetzgebungsnotstand nach Art. 81 GG schafft nur wenig Abhilfe.
V. Die Vertrauensfrage, Art. 68 GG
- Ist die Mehrheit des Parlaments gegen die Bundesregierung, kann sie sich aber nicht auf
einen neuen Bundeskanzler einigen, scheidet das konstruktive Misstrauensvotum nach Art.
67 GG aus. Das bestehende Spannungsverhältnis kann durch die Vertrauensfrage nach Art.
68 GG gelöst werden,
1.) Ablauf
- Antrag des Bundeskanzlers ihm das Vertrauen auszusprechen, Art. 68 I 1 GG.
- Abstimmung im Bundestag über die Vertrauensfrage.
o Ausspruch des Vertrauens mit absoluter Mehrheit. Dann kann die Regierung
fortgesetzt werden.
o Nichtannahme des Antrags mit der absoluten Mehrheit.
Rücktritt des Bundeskanzlers und Neuwahlen gem. Art. 63 GG.
Führung einer Minderheitsregierung, Gesetzgebungsnotstand nach Art. 81
GG. Auflösung nur durch konstruktives Misstrauensvotum nach Art. 67 GG.
Vorschlag des Bundeskanzlers an den Bundespräsidenten den Bundestag
binnen 21 Tagen aufzulösen, Art. 68 I 2 GG.
2.) Arten
a) Echte Vertrauensfrage
- Die Regierung hat Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit und möchte diese klären.
- Sie ist nicht auf Auflösung des Bundestages gerichtet, sondern auf eine Mehrheitssicherung.
- Eine Verknüpfung mit einer Sachfrage ist zulässig (vgl. Art. 81 I 2 GG). Letztere wird aber
weiter durch einfache Mehrheit entschieden.
b) Unechte Vertrauensfrage
- Sie ist auf Auflösung des Bundestages oder den Gesetzgebungsnotstand (Art. 81 GG)
gerichtet.
o e.A.: Zulässig, wenn eine formelle Auflösungslage nach Art. 68 GG vorliegt.
WL; Keine Motivationsforschung; P: Instrumentalisierung; Umgehung der
im GG nicht vorgesehenen Selbstauflösung des Bundestages;
Machtpolitische Aufwertung des Bundespräsidenten, da er nach freiem
Ermessen über die Auflösung entscheiden könnte.
o BVerfG: Es muss eine sog. materielle Auflösungslage vorliegen, also eine nicht
anders als durch Stellung der Vertrauensfrage zu beseitigende politische Instabilität.
Das ist der Fall, wenn sich der Bundeskanzler einer stabilen Mehrheit im Parlament
nicht mehr sicher sein kann. Das kann aber auch bereits der Fall sein, wenn
Abstimmungsniederlagen (künftig) drohen (sog. potentielle oder verdeckte
Minderheitssituation). Dann sind Neuwahlen ein legitimes Ziel zur
Wiederherstellung politischer Stabilität. Der Bundeskanzler hat eine
Einschätzungsprärogative. Sicherheit dadurch gegeben, dass drei Verfassungsorgane
mitwirken.
Art. 68 GG ist eine eng auszulegende Ausnahme von Art. 39 I 1 GG; Im
Weimarer Reich verfügte der Reichspräsident immer wieder
Parlamentsauflösungen, womit kein Parlament die reguläre Wahlzeit
durchhielt; Art. 68 GG dient der Wahrung stabiler Mehrheitsverhältnisse und
der Sicherung des Vertrauens der Bevölkerung in die Politik; Drei
Verfassungsorgane (BPräsident, BKanzler, BTag) haben mitzuwirken,
weshalb eine gewisse Sicherheit besteht und deren Einschätzungsprärogative
zu vertrauen ist; Zu beachten ist, dass das Grundgesetz dem Parlament kein
Selbstauflösungsrecht zuerkennt.
3.) Auflösung des Bundestages durch den Bundespräsidenten, Art. 68 I 1 GG
- Freie Ermessensentscheidung des Bundespräsidenten
- Ermessensleitend ist das den Art. 67, 68 GG innewohnende Ziel der stabilen
Mehrheitsverhältnisse, das spiegelt sich auch in dieser Voraussetzung wieder.
- Prüfungsumfang:
o Formelle Auflösungsvoraussetzungen des Art. 68 GG.
o Evidenzkontrolle bzgl. der materiellen Auflösungslage.
- Gegenzeichnung durch den Bundeskanzler, Art 58 S.1 GG.
Gesetzgebungskompetenzen, Art. 70-74 GG
I. Systematik der Art. 70 ff. GG
- Die Gesetzgebungskompetenz liegt grds. bei den Ländern, Art. 70 I GG.
o Lex specialis zu Art. 30 GG.
o Es gibt das klassische Hausgut der Länder, insb. Polizei-, Kultur- und
Kommunalrecht. Insb. das Polizeirecht wurde auf Drängen der Besatzungsmächte
durch den Parlamentarischen Rat auf die Bundesländer gelegt.
o Deutschland ist ein sog. Exekutivföderalismus, die Ausgestaltung als Bundesstaat
macht sich i.d.R. erst bei der Gesetzesausführung bemerkbar. I.Ü. werden Gesetze
i.d.R. vom Bund erlassen.
- Besonderheit: Rahmengesetzgebung ist mit der Föderalismusreform 2006 abgeschafft.
o Fortleben in der Abweichungsgesetzgebung, Art. 72 III GG.
o Vergleichbare Regelung mit der Grundsatzgesetzgebung, Art. 109 IV GG, 138 I 2
WRV.
- Die Begründung einer Bundesgesetzgebungskompetenz ist zweistufig zu prüfen:
o Ausdrückliche oder ungeschriebene Kompetenzzuweisung.
o Voraussetzungen der Kompetenzausübung, Art. 71, 72 GG.
1.) Kompetenznormen
- Die Kompetenzzuweisung erfolgt durch geschriebene oder ungeschriebene
Kompetenznormen (sog. Kompetenztitel).
a) Geschriebene Kompetenzen
- Geschriebene Kompetenztitel sind mit den herkömmlichen Methoden auszulegen,
besonderes Gewicht hat dabei die Historie. Bei Überschneidungen ist auf den Schwerpunkt
des Gesetzes abzustellen. Doppelzuständigkeiten sind grds. unzulässig.
- Geschriebene Kompetenzen finden sich etwa in Art. 73, 74 GG.
b) Ungeschriebene Kompetenzen des Bundes
- Überwiegend anerkannt, aber vorsichtig angewandt, um eine Aushebelung der
Kompetenzzuweisung des GG zu vermeiden.
- Beachte: Kritik an Sach- und Annexkompetenz, da die jeweils erfassten Gegenstände sich
auch mittels den Auslegungsmethoden erfassen ließen.
aa) Kompetenz kraft Sachzusammenhang
- Eine dem Bund ausdrücklich zugewiesene Materie kann nicht sinnvoll geregelt werden ohne
Mitregelung einer dem Bund nicht ausdrücklich zugewiesene Materie. Es findet eine
horizontale Erstreckung statt, die aber keine substantielle Erweiterung der geschriebenen
Kompetenzen bedeuten darf.
- Bsp.: Wahlwerbung von Parteien im Rundfunk steht im Zusammenhang mit Art. 21 III GG.
bb) Annexkompetenz
- Eine dem Bund ausdrücklich zugewiesene Materie bedarf zu ihrem wirksamen Vollzug der
Vorbereitung oder Durchführung bzgl. einer dem Bund nicht ausdrücklich zugewiesenen
Materie. Es findet eine vertikale Vertiefung einer bereits bestehenden Kompetenz statt.
Auch hier darf keine substantielle Erweiterung erfolgen.
- Bsp.: Annexkompetenz zu Art. 73 I Nr.1 GG ist die Einrichtung von
Bundeswehrhochschulen.
cc) Kompetenz kraft Natur der Sache
- Erfasst Regelungsgebiete, die ihrer Natur nach ureigenste Angelegenheiten des Bundes
darstellen und begriffsnotwendig nur von diesem geregelt werden können.
- Bsp.: Sitz der Bundesorgane, Bundesflagge.
2.) Voraussetzungen für die Kompetenzausübung, Art. 71, 72 GG
- Die nachfolgenden Voraussetzungen gelten nur für die geschriebenen Kompetenztitel.
a) Ausschließliche Gesetzgebungskompetenz des Bundes, Art. 71 GG
- Bund ist grds. ausschließlich zuständig. Er hat ein Delegationsrecht, von welchem aber
i.d.R. kein Gebrauch gemacht wird.
- Erfasste Kompetenztitel:
o Art. 73, 105 I GG
o Wenn ein „Bundesgesetz“ gefordert ist, z.B. Art. 4 III, 21 III, 38 III GG.
b) Konkurrierende Gesetzgebung, Art. 72 GG
- Erfasste Kompetenztitel: Art. 74, 105 II GG
aa) Vorrang- oder Kerngesetzgebung, Art. 72 I GG
- Grds. haben Länder und Bund nebeneinander die Befugnis zur Gesetzgebung, soweit sich
aus Art. 72 II-IV GG nichts anderes ergibt.
- Übt der Bund seine Gesetzgebung aus, entfaltet diese aber eine sog. Sperrwirkung, Art. 72 I
GG. Es gilt dann eine unwiderlegliche Vermutung für die Erforderlichkeit der
bundesgesetzlichen Regelung.
- Beispiel:
o Die nachträgliche Sicherungsverwahrung kann nicht durch die Länger geregelt
werden. Der Bund hat i.R.d. Strafrechts (Art. 74 I Nr.1 GG) eine umfassende
Kodifizierung der Maßnahmen der Besserung und Sicherung vorgenommen, Art. 72
I GG.
bb) Bedarfsgesetzgebung, Art. 72 II GG (sog. Erforderlichkeitsklausel)
(1) Bestehen einer „bundesstaatlichen Gefahrenlage“
- Def.: Zu Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse ist eine Bundesgesetzgebung
erforderlich, wenn sich die Lebensverhältnisse in den Ländern der Bundesrepublik in
erheblicher, das bundesstaatliche Sozialgefüge beeinträchtigender Weise
auseinanderentwickelt haben oder sich eine derartige Entwicklung konkret abzeichnet.
- Def.: Die Erforderlichkeit zur Wahrung der Rechtseinheit ist gegeben, wenn eine
unzumutbare Behinderung des länderübergreifenden Rechtsverkehrs oder Störungen der
Freizügigkeit im Bundesgebiet vorliegen.
- Def.: Die Erforderlichkeit zur Wahrung der Wirtschaftseinheit ist gegeben, wenn
gravierende wirtschaftliche Auswirkungen unterschiedlichen Rechts vorliegen.
- Mit der Rückholklausel nach Art. 72 IV GG kann die zwischenzeitlich weggefallene
Erforderlichkeit zu einer Landesgesetzgebung führen. Über den Wegfall der Erforderlichkeit
entscheidet das BVerfG, Art. 93 II 1 GG.
(2) Bedeutung/Historie des Art. 72 II GG
- Ursprünglich musste lediglich ein Bedürfnis zu einer bundeseinheitlichen Regelung
bestehen (sog. Bedürfnisklausel). Dem Gesetzgeber wurde ein Beurteilungsspielraum
zugestanden, zudem beschränkte sich die Prüfung des BVerfG darauf, ob die in Art. 72 II
GG genannten Begriffe im Prinzip zutreffend ausgelegt wurden.
- Stärkung der Länderkompetenzen, Umwandlung in eine Erforderlichkeitsklausel.
Justiziabilität mit dem Normenkontrollverfahren nach Art. 93 I Nr.2a GG.
- Erneute Änderung mit der Föderalismusreform I von 2006 (s.u.).
cc) Abweichungsgesetzgebung der Länder, Art. 72 III GG
- Geschaffen i.R.d. Föderalismusreform I, inhaltlich lebt teilweise die weggefallene
Rahmengesetzgebung fort.
- Inhalt:
o Der Bund hat grds. das Recht zur Gesetzgebung, Art. 74 I Nr. 28-33 GG
o Die Länder haben aber eine Abweichungsbefugnis, Art. 72 III 1 GG.
o Für bestimmte Bereiche wird aber ein abweichungsfester Kern festgeschrieben, Art.
72 III 1 GG (Bsp.: Recht auf Jagdscheine).
- Besonderheiten:
o Im Bereich der angewendeten Abweichungskompetenz hat das jeweils spätere
Gesetz Anwendungsvorrang, Art. 72 III 3 GG. Lex specialis zu Art. 31 GG.
o Bundesgesetze treten zum Schutz der Rechtsunterworfenen mit verspäteter Wirkung
ein, Art. 72 III 2 GG.
o Die Abweichungskompetenz der Länder tritt verzögert ein, Art. 125b I 3 GG.
o Ist eine sog. Negativgesetzgebung zulässig?
- Es handelt sich um eine Gesetzgebung der Länder, die inhaltlich alleine die
Bundesgesetzgebung außer Kraft setzt und kein eigenständigen Regelungen
schafft. Die Zulässigkeit ist str.
II. Reform der Gesetzgebungskompetenzen im Überblick
- Die Föderalismusreform I von 2006 hat weitgehende Änderungen der
Gesetzgebungskompetenzen herbeigeführt.
- Ziele der Reform:
o Modernisierung der bundesstaatlichen Ordnung. Rückverlagerung einiger
Gesetzgebungskompetenzen auf die Länder.
o Einfachere Umsetzung europäischer Richtlinien und Beschlüsse.
o Deutlichere Zuordnung von Bundes- und Landeskompetenzen. Verhinderung einer
Blockademöglichkeit durch den i.d.R. oppositionell besetzten Bundesrat.
1.) Zugeständnisse an den Bund
- Gefahrenabwehr im Bezug auf internationalen Terrorismus liegt beim Bund, Art. 73 I Nr. 9a
GG.
- Entspr. Gesetze bedürfen der Zustimmung des Bundesrates, Art. 73 II GG. Gefahrenabwehr
ist grds. Länderzuständigkeit.
2.) Kompetenzmehrung der Länder
- Wichtige Sachmaterien wurden in die ausschließliche Länderzuständigkeit verlagert, Art. 70
GG.
o Versammlungsrecht
o Recht des Ladenschlusses, der Gaststätten, Spielhallen, etc., vgl. Art. 74 I Nr.11 GG
- Wegfall der Rahmengesetzgebung bzgl. der Art. 74 I Nr. 27-33 GG.
o Abschaffung unklarer Kompetenzzuordnungen. Stärkung der Länder, da die
bundesgesetzlich sehr detaillierten Rahmengesetze kaum Ausfüllungsmöglichkeiten
beließen.
- Möglichkeit zur Abweichung im Bereich der Verwaltungskompetenzen, Art. 84 I 2-4 GG.
Abweichungsgesetzgebung nach Art. 72 III GG.
- Verbot der Aufgabenübertragung an Gemeinden durch Bundesgesetz, Art. 84 I 7, 85 I 2 GG.
o Beachte: Auf Bundesebene gibt es keine Regelung, die entspr. Art. 78 III LVerfNW
dem sog. Konnexitätsprinzip der Landesverfassungen entspricht.
o Den Gemeinden können nicht unmittelbar Gelder für die Erfüllung von Aufgaben
zugewiesen werden. Deshalb soll es auch verboten sein, den Gemeinden Aufgaben
des Bundes zuzuweisen.
o Str., ob formelles oder materielles Verfassungsrecht. Die Frage ist bedeutsam für das
Prüfungsrecht des Bundespräsidenten.
- Reduzierung der Gemeinschaftsaufgaben in Art. 91a, 91b GG (Hochschulbau und
Bildungsplanung fallen weg). Kompetenzzuwachs der Länder.
3.) Reduzierung der Erforderlichkeitsklausel
- Reduzierung der Erforderlichkeitsprüfung nach Art. 72 II GG auf nur 10 Titel des Art. 74
GG. Damit wurde der Grundsatz der Erforderlichkeitsprüfung abgeschafft. Es wurden
Kernkompetenzen geschaffen.
- Ausgleich durch das Abweichungsrecht nach Art. 72 III 1 GG.
4.) Übergangsregelungen
- Fortgeltung von „altem“ Bundes- und Landesrecht, Art. 125a GG.
o Ersetzungsbefugnis der Länder, Art. 125a I 2 GG.
o Gewährt Art. 125a I 1 GG dem Bund weiter Gesetzgebungskompetenz?
e.A.: Ja, solange eine Fortschreibung des Normbestands erfolgt und keine
Neuausrichtung. -> Sonst droht die Gefahr der Versteinerung, wenn die
Länder von ihrer Befugnis nur zurückhaltend Gebrauch machen; Parallele
Wertung zu der Entscheidung des BVerfG zu Art. 125a II 1 GG.
Lit.: Nein. -> WL; Gesetzgebungsbefugnis liegt bei den Ländern;
Versteinerung wird durch Art. 125a I 2 GG verhindert; Art. 125a I GG ist
eine Norm, die die Folge der Kompetenzänderung regelt und nicht neue
verteilt.
- Fortgeltung der abgeschafften Rahmengesetzgebung, Art. 125b I GG.
III. Verordnungsgebung, Art. 80 GG
1.) Grundlagen
- Das GG kennt zwei Sonderformen der Normgebung in Form von Art. 79, 80 GG.
o Zu Art. 79 GG s.o.
- Art. 80 GG ist eine „Durchbrechung“ der Gewaltenteilung (Art. 20 II 2 GG), indem sie
Normsetzung durch die Exekutive erlaubt.
o Interessenausgleich zwischen der praktischen Notwendigkeit der
Verordnungsgebung und dem Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip, welches das
Rechtssetzungsmonopol beim Parlament sieht.
o Art. 80 GG ist eine Abkehr vom historischen sog. selbständigen Verordnungsrecht
der Exekutive. Es sind nur noch gesetzesabgeleitete Verordnungen zulässig (Ausn.
Art. 119, 127 GG).
- Für die Bundesländer. Hier gilt der wortlautgleiche Art. 70 LVerfNW.
o Das Homogenitätsgebot (Art. 28 I 1 GG) fordert eine Einhaltung der demokratischen
und rechtsstaatlichen Grundsätze auch in den Ländern. Dazu zählen wohl die
parlamentarische Ermächtigung zur Verordnungsgebung sowie das
Bestimmtheitsgebot.
2.) Voraussetzungen
- Ermächtigung durch (formelles) Parlamentsgesetz, Art. 80 I 1 GG
- Bestimmtheitsgebot, Art. 80 I 2 GG
o Der Gesetzgeber muss selbst die Entscheidung über Inhalt, Grenzen und Zweck der
Rechtsverordnung treffen (sog. Selbstentscheidungsformel).
o Der Bürger muss dem Gesetz entnehmen können, unter welchen Voraussetzungen
und mit welchen Zielen von der Ermächtigung Gebrauch gemacht werden wird (sog.
Vorhersehbarkeitsformel).
o Das Gesetz muss das Programm umreißen, dass der Gesetzgeber mit der Formel
erreichen will (sog. Programmformel).
o Die Anforderungen an die Bestimmtheit steigen mit der Eingriffsintensität, zu der
ermächtigt wird (-> Wesentlichkeitslehre).
- Zitiergebot, Art. 80 I 3 GG
- Ggf. Subdelegation, Art. 80 I 4 GG
3.) Sonderfall: Schaffung von Verordnungsrecht durch den Gesetzgeber
- e.A.: Unzulässig. Nach Art 80 GG alleiniges Recht des Exekutive.
- BVerfG: Zulässig.
o Praktisches Bedürfnis, Vermeidung zeitlicher Verzögerungen; Gestaltungsfreiheit
des Parlaments; Wahrung des einheitlichen Verordnungsrangs im Interesse der
Normenklarheit, wenn der Gesetzgeber Verordnungsteile ändert.
o Voraussetzungen:
Verordnungsänderung i.R.d. umfassenden Novellierung des Sachbereichs,
bei der auch das dazugehörige Gesetz geändert wird.
Wahrung des förmlichen Gesetzgebungsverfahrens auch für bloße
Verordnungsänderungen.
Bindung an die gesetzlicher Ermächtigungsgrundlage, Art. 81 I 2 GG.
Das Gesetzgebungsverfahren, Art. 76-78, 82 GG
I. Funktionen des Gesetzgebungsverfahrens
- Steht nach Art. 70-74 GG die Verbandskompetenz des Bundes fest, regeln die Art. 76 ff., 80
GG das für den Gesetzeserlass erforderliche Zusammenwirken der Staatsorgane.
- Beteiligt sind daran Bundestag (Art. 38-49 GG) und Bundesrat (Art. 50-53 GG).
Konkretisiert wird das Gesetzgebungsverfahren weiter durch die beiden
Geschäftsordnungen (Art. 40 I 2, 52 III 2 GG).
o Verstöße gegen Geschäftsordnungsvorschriften sind i.d.R. unbeachtlich (h.M.). Es
handelt sich um bloßes Innenrecht im Rang unter einem Gesetz (vgl. Art. 40 I 2 GG).
Zudem dient das der Rechtssicherheit, Verstöße im Gesetzgebungsverfahren/im
Bundestag sind nicht nach Außen erkennbar. Zudem handelt es sich um bloße
Ordnungsvorschriften.
- Funktionen:
o Ausprägung des Grundsatzes der Gewaltenteilung bzw. –verschränkung, durch eine
horizontale Machtverteilung zwischen Regierung und Parlament und eine vertikale
Machtverteilung zwischen Bundestag und Bundesrat.
o Rationalisierende und integrierende Funktion der Verfahrensvorschriften. Die
Gesetzgebung soll auf möglichst umfassender Tatsachengrundlage und Beteiligung
aller wesentlichen politischen Kräfte erfolgen.
II. Der Ablauf des Gesetzgebungsverfahrens
- Es gilt der Grundsatz der sachlichen Diskontinuität. Gesetzesvorlagen verfallen am Ende der
Legislaturperiode, wenn sie nicht Gegenstand einer Beschlussfassung geworden sind, § 125
GOBT.
- Mit Zugang beim Bundestagspräsidenten geht die Befugnis zu Änderungen oder
Ergänzungen der Initiative auf den Bundestag über. Nach h.M. kann aber noch bis zur
Beschlussfassung eine Rücknahme erfolgen, es gelten dieselben Anforderungen wie bei der
Initiative.
1.) Die Gesetzesinitiative, Art. 76 GG
- Art. 76 GG regelt, wer das unmittelbar vom Volk gewählte Parlament als zentrales Organ
der Willensbildung verbindlich aufrufen kann, Sachentscheidungen zu treffen.
- Es besteht ein numerus clausus der Initiativberechtigten, Art. 76 I GG:
a) Bundesregierung
- Einbringung von der Bundesregierung als Kollegialorgan, Art. 76 I 1.Var., 62 GG. Das
Verfahren regeln Art. 76 II GG sowie die Geschäftsordnungen der Bundesregierungen und
der Bundesministerien (bloße Ordnungsvorschriften!).
o Ein von Rechtsanwaltskanzleien erarbeiteter Gesetzesentwurf kann durch die
Bundesregierung eingebracht werden, wenn ein Interessenausgleich sicher
ausgeschlossen ist und sich die Regierung den Inhalt zu Eigen macht (->
Finanzkrise).
b) Bundesrat
- Einbringung vom Bundesrat als Kollegialorgan, Art. 76 I 3.Var., 52 III 1 GG.
- Das Verfahren regelt Art. 76 III GG (bloße Ordnungsvorschriften!).
c) Bundestag
- Vorlagen aus der Mitte des Bundestages müssen nach der verfassungsgemäßen
Konkretisierungen des § 76 I GOBT, §§ 1, 6 IV 2, V BWahlG durch eine Fraktion oder
mindestens 5% der Mitglieder des Bundestages eingebracht werden.
o Ein von weniger Abgeordneten eingebrachtes Gesetz kann gleichwohl wirksam
beschlossen werden. Dann macht es der Bundestag sich zu Eigen.
o Erfolgt keine Aneignung des Entwurfs, ist die Initiative unzulässig, § 76 I GOBT.
Die h.M. sieht das als zulässige Konkretisierung des Art. 76 I GG an, da so die
Funktionsfähigkeit des Parlaments gewahrt wird und die Auslegung des Art. 76 I
2.Var. GG systematisch zu den anderen Kollegialorganen passt.
o Sonderfall ist die sog. unechte Bundestagsinitiative, bei der Entwürfe der
Bundesregierungen oder einzelner Ministerien über die Regierungsfraktion(en) im
Bundestag eingebracht werden, um die Beteiligung des Bundesrates nach Art. 76 II
GG zu umgehen. Nach h.M. zulässig, da es sich bloß um formale Vorschriften
handelt und solange die Grenze des Rechtsmissbrauchs nicht überschritten ist.
- Wichtig: Keine Initiativberechtigung des Volkes! Anders in Art. 67a, 68 LVerfNW.
2.) Gesetzesberatung und Gesetzesbeschluss, Art. 77 I GG
a) Beratung im Bundestag, Lesungen
- Beratung des Gesetzes in grds. drei Lesungen im Bundestag, §§ 78 ff., 54 ff. GOBT.
o Reine Ordnungsvorschriften, keine zwingende Notwendigkeit etwa wegen dem
Demokratieprinzip oder als Verfassungsgewohnheitsrecht. Verstöße sind daher grds.
unbeachtlich. Das GG fordert nur eine Beschlussfassung.
- Es gilt das sog. Verbot der Denaturierung:
o Eine Umgestaltung der Gesetzesinitiative i.R.d. Befassung des BTags und der
Ausschüsse ist zulässig. Es muss aber ein Zusammenhang zwischen Vorlage und
Gesetz gewahrt werden.
o Werden Ausgangsvorlage und Erweiterungen vom ursprünglichen
Gesetzgebungsgrund und den ursprünglichen Gesetzgebungszielen gedeckt? Nur
dann ist das Initiativrecht aus Art. 76 I GG gewahrt.
o Rechtsfolgen von Verstößen:
Rspr.: Evidente Verstöße führen zur Nichtigkeit. -> Wahrung der
Rechtssicherheit; Es liegt nur eine Verletzung von Verfahrensvorschriften
vor.
Lit.: Alle Verstöße führen zur Nichtigkeit. -> Auch die Nichtigkeit in Folge
von materiellen Verfassungsverstößen beeinträchtigt die Rechtssicherheit; Es
handelt sich um unmittelbares Verfassungsrecht; Die Verfahrensvorschriften
ihrerseits gewähren Rechtssicherheit durch Sicherheit für Minderheiten und
der Wahrung von rationalen Entscheidungsprozessen.
- Überschreitung der Befugnisse der Ausschüsse durch ein Mehr als Empfehlungen (§ 62 GO
BT):
o h.M.: Unbeachtlich. -> Gründe s.o.
o a.A.: Nichtigkeit. -> Verstoß gg. Art. 20 II 2, 77 I GG, Eingriff in die besondere
Stellung des BTags als Legislativorgan.
b) Annahmebeschluss des Bundestages
- Erfolgt in der Schlussabstimmung und ist das Kernstück des Gesetzgebungsverfahrens.
o Mit ihm erlangt das Gesetz seine rechtliche Existenz, ohne ihn ist der
Gesetzesvorschlag ein rechtliches Nullum.
o Mit dem Annahmebeschluss ist das Vertrauen des Bürgers in geltendes Recht nicht
mehr schutzwürdig und das beschlossene Gesetz darf zurückwirken (BVerfG).
- Beschlussfähigkeit des Bundestages, § 45 GOBT.
o Mehr als die Hälfte der gesetzlichen Mitgliederzahl muss anwesend sein, § 45 I
GOBT, Art. 121 GG, §§ 1, 6 IV 2, V BWahlG.
o Verstöße gegen die Beschlussfähigkeit:
Nach allgemeiner Meinung unbeachtlich, denn es bedarf einer förmlichen
Feststellung (§ 45 II, III GOBT) und es kann sich einvernehmlich über die
Geschäftsordnung hinweggesetzt werden (§ 126 GOBT).
Bei evident wenig Beteiligung evt. Verstoß gegen Demokratieprinzip, Art. 20
II GG? Nach h.M. nicht, wenn ausreichende Bearbeitung in den Ausschüssen
und Fraktionen, Grund ist die Arbeitsteiligkeit des Vorgehens.
- Erreichung der erforderlichen Mehrheit
o Die einfache Mehrheit (sog. Abstimmungsmehrheit) ist nach Art. 77 I 1, 40 II 1 GG
die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, Enthaltungen werden nicht mitgezählt.
o Andere Mehrheitsformen:
Die absolute Mehrheit (sog. Kanzlermehrheit), bei der nach z.B. Art. 63 II 1,
77 IV 1 GG i.V.m. Art. 121 GG die Mehrheit der gesetzlichen Mitglieder
erreicht werden muss. Enthaltungen wirken hier faktisch negativ.
Die qualifizierte Mehrheit, z.B. in Form der Zweidrittelmehrheit nach Art. 79
II GG.
c) Zuleitung an den Bundesrat, Art. 77 I 2 GG
- Erfolgt nach dem Annahmebeschluss durch den Bundestagspräsidenten.
3.) Beteiligung des Bundesrates, Art. 77, 78 GG
a) Verfahren im Vermittlungsausschuss, Art. 77 II GG
- Bei Zustimmungs- und Einspruchsgesetzen kann der Bundesrat den Vermittlungsausschuss
anrufen, Art. 77 II 1 GG. Der Vermittlungsausschuss soll eine politische
Kompromissbildung fördern.
o Zusammensetzung nach der GOVA gem. Art. 77 II 2 GG aus jeweils 16 Mitgliedern
des Bundestages und Bundesrates (§§ 12 S.1, 54 II GOBT, § 11 III, IV GOBR).
o Keine Weisungsgebundenheit der Mitglieder des Bundesrates, Art. 77 II 3 GG bzw.
Art. 38 I 2 GG.
- Der VA berät über das Gesetz und am Ende steht im Idealfall ein Einigungsvorschlag.
o Der VA hat kein Gesetzesinitiativrecht (Art. 76 I GG), weshalb er nur solche Inhalte
zum Gegenstand des Einigungsvorschlages machen kann, die Gegenstand der
Anträge und Stellungnahmen des bisherigen Gesetzgebungsverfahrens gewesen sind.
o Bei Änderungen soll das fehlende Initiativrecht des VA durch eine erneute
Beschlussfassung des Bundestages kompensiert werden, Art. 77 II 5 GG (sog. „4.
Lesung“).
- Dann setzt sich das Verfahren vor dem Bundesrat fort, Art. 77 III ff. GG.
b) Weiteres Verfahren im Bundesrat, Art. 77 III, IV GG
aa) Zustimmungsgesetze
- Diese Gesetze verschaffen eine echte Vetoposition. Sie bedürfen nach einer ausdrücklichen
Bestimmung im GG der Zustimmung des Bundesrates (sog. Enumerationsprinzip).
o Bsp.: Art. 23 I 2, 73 II, 74 II, 84 I 3 GG.
- Zustimmungsgesetze bilden die Ausnahme. Dafür hat die Föderalismusreform I von 2006
(wieder) gesorgt. Die Quasi-Generalklausel des Art. 84 I GG a.F. wurde abgeschafft.
(1) Umfang
- Eine einzelne Bestimmung im Gesetz, die von den Zustimmungsvorschriften im GG erfasst
ist, reicht aus (sog. Einheitsthese, str.). Deshalb sind Aufspaltungen des Gesetzes in
zustimmungs- und nicht zustimmungsbedürftige Teile bis zur Grenze des
Rechtsmissbrauchs zulässig (BVerfG).
- Die Aufhebung eines zustimmungsbedürftigen Gesetzes bedarf keiner Zustimmung.
- Die Änderung eines zustimmungsbedürftigen Gesetzes ist zustimmungsbedürftig, wenn
o die Novelle selbst zustimmungsbedürftige Vorschriften enthält,
o durch die Novelle werden Vorschriften geändert, die die Zustimmungsbedürftigkeit
des ursprünglichen Gesetzes ausgelöst haben oder
o es erfolgt eine so tiefgreifende Veränderung des Gesetzes, dass
zustimmungsbedürftige Vorschriften eine andere Bedeutung und Tragweite erhalten,
so dass die Mitverantwortung des Bundesrates berührt ist (sog.
Systemverschiebung).
(2) Verfahren
- Mit Zustimmung des Bundesrates kommt das Gesetz zustande, Art. 78 1.Var. GG
o Die Erteilte Zustimmung bezieh sich auch auf nicht zustimmungsbedürftige
Regelungen in dem Gesetz.
- Mit Verweigerung der Zustimmung ist das Gesetz endgültig gescheitert.
o Der Bundesrat darf die Zustimmung auch wegen der Ablehnung nicht
zustimmungsbedürftiger Vorschriften in einem zustimmungsbedürftigen Gesetz
verweigern.
- Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Bundesrat und Bundestag über die
Zustimmungsbedürftigkeit des Gesetzes bleibt zunächst das Prüfungsrecht des
Bundespräsidenten, dann die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.
bb) Einspruchsgesetze
- Diese Gesetze verschaffen ein eingeschränktes (auch: suspensives) Veto. Einspruchsgesetze
sind alle Gesetze, die nicht ausdrücklich der Zustimmung des Bundesrates bedürfen.
- Verfahren, Art. 77 III, IV GG:
o Erhebt der Bundesrat – nach Anrufung des VA – Einspruch, erreicht er eine erneute
Beschlussfassung des Bundestages, Art. 77 III GG.
o Je nach der Beschlussfassung im Bundesrat handelt es sich um einen einfachen
Einspruch oder einen qualifizierten Einspruch. Entspr. Anforderungen sind an die
Überstimmung durch den Bundestag gestellt, Art. 77 IV, 78 5.Var. GG.
cc) Beschlussfassungen im Bundesrat
- Beschlüsse i.R.v. Zustimmungs- und Einspruchsgesetzen werden durch den Bundesrat mit
der Mehrheit seiner Stimmen gefasst, Art. 52 III 1 GG.
o Der Bundesrat hat augenblicklich 69 Stimmen, vgl. Art. 51 II GG.
o Die Stimmabgabe kann nur einheitlich für jedes Bundesland erfolgen, Art. 51 III 2
GG. Das erzeugt Einigungsdruck.
c) Zustandekommen von Gesetzen, Art. 78 GG
- Ein zustande gekommenes Gesetz ist verbindlich für Bundesrat und Bundestag und kann nur
noch durch Gesetz geändert werden.
o Ausn.: Berichtigung offensichtlicher Unrichtigkeiten.
4. Verkündung und Inkrafttreten der Gesetze, Art. 82 GG
- Nach der Gegenzeichnung durch den Vertreter der Bundesregierung (Art. 82 I 1, 58 S.1 GG)
erfolgt die Ausfertigung durch den Bundespräsidenten.
o Definition: Ausfertigung ist die Herstellung der Urschrift des Gesetzes, bei der die
dafür zuständige staatliche Stelle durch ihre Urschrift bekundet, dass die so
ausgefertigte Rechtsnorm allgemeine Verbindlichkeit erhalten soll.
o Umstritten ist der Umfang des Prüfungsrechts des Bundespräsidenten.
- Die ausgefertigten Gesetze werden im Bundesgesetzblatt verkündet, Art. 82 I 2 GG.
o Definition: Verkündung von Rechtsnormen ist die amtliche Bekanntgabe des
Gesetzeswortlauts in dem dafür vorgeschriebenen amtlichen Blatt.
o Ohne vorangegangene Gegenzeichnung und Ausfertigung ist sie unwirksam.
o Die Verkündung ist keine empfangsbedürftige Willenserklärung.
o Mit der Verkündung ist das Gesetzgebungsverfahren abgeschlossen.
- Gesetze werden für die Normadressaten ab dem Tag des Inkrafttretens verbindlich, vgl. Art.
82 II GG.
o Ausgabe i.S.d. Art. 82 II 2 GG str. Tag der Einlieferung des BGBl. bei der Post oder
der Tag danach?
Verwaltungskompetenzen, Art. 83-91 GG
I. Reformvorstöße und Reformdebatten im Überblick
- Ablösung der Quasi-Generalklausel für zustimmungsbedürftige Gesetze Art. 84 GG a.F.
i.R.d. Föderalismusreform I durch eine hochkomplexe neue Regelung Art. 84 I 2-6 GG.
- Nichtausfertigung des Verbraucherinformationsgesetzes durch Horst Köhler wegen Art. 84 I
7, 85 I 2 GG.
o Beachte: Nach h.M. setzt Art. 84 I 7 GG inhaltliche Grenzen, ist also eine materielle
Verfassungsbestimmung und deswegen nach h.M. nicht vom BPräs zu prüfen.
- Einsatz der Streitkräfte, Art. 87a GG (-> Piratenbekämpfung, Streitkräfte im Innern?)
- Nichtausfertigung des Gesetzes zur Privatisierung der Flugsicherheit durch Horst Köhler
wegen Art. 87d GG.
- Vorschriften zur Privatisierung von Bahn und Post, z.B. Art. 87e GG.
- Jüngste Grundgesetzänderung in Art. 91b GG, Zusammenarbeit von Bund und Ländern im
Hochschulbereich.
II. Verwaltungskompetenzen im Überblick
- Die Ausübung staatlicher Befugnisse und Erfüllung staatlicher Aufgaben sind grds.
Ländersache, Art. 30 GG.
o Landesgesetze werden durch die Länder ausgeführt (z.B. VwVfG NW, OBG NW,
PolG NW). Die Art. 83 ff. GG finden hier keine Anwendung.
o Bundesgesetze werden nach Maßgabe der Art. 83 ff. GG ausgeführt:
Vollzug als eigene Angelegenheit der Länder, Art. 84 GG
Vollzug im Auftrag des Bundes, Art. 85 GG
Vollzug durch den Bund, Art. 86 ff. GG
Vollzug durch Organe der Mischverwaltung, Art. 91a ff., 108 II 3 GG
- Die Gesetzgebungskompetenzen (Art. 70 ff. GG) sind streng von den
Verwaltungskompetenzen zu trennen. Aber die Gesetzgebungskompetenz des Bundes stellt
die äußerste Grenze seiner Verwaltungskompetenz dar. Denn der Bund ist keinesfalls für
den Vollzug von Ländergesetzen zuständig.
- Der Schwerpunkt der Verwaltungskompetenzen liegt bei den Ländern (sog.
Exekutivföderalismus).
o Verwaltungsökonomisch sinnvoll, da die Länder sowieso schon einen eigenen
Verwaltungsapparat haben.
o Vertikale Gewaltenteilung als Ausprägung des Bundesstaatsprinzip nach Art. 20 I
GG.
- Die Verwaltung führt Gesetze aus (Art. 83 ff. GG; sog. gesetzesakzessorische Verwaltung),
sie ist aber auch in anderen Bereichen zuständig (sog. nicht gesetzesakzessorische
Verwaltung).
III. Verwaltungskompetenzen im Einzelnen
- Grds.: Die Länder führen Bundesgesetze als eigene Angelegenheit aus, Art. 83 GG.
o Ausnahmen: Bundesauftragsverwaltung (Art. 85 GG), Bundeseigenverwaltung (Art.
86 ff. GG).
1.) Landeseigene Verwaltung, Art. 83, 84 GG
- Die Verwaltung liegt im Aufgabenbereich der Länder.
o Die Länder regeln die Einrichtung der Behörden und das Verwaltungsverfahren
selbst, Art. 84 I 1 GG.
o Bsp.: Bau-, Gewerbe-, Straßenverkehrsverwaltung. Regelungen durch
Landesorganisationsgesetze.
- Der Bund hat begrenzte Einwirkungs- und Kontrollrechte:
o Der Bund kann abweichende Bestimmungen treffen, Art. 84 I 2 GG. Für die Länder
besteht aber davon wiederum eine Abweichungsbefugnis, Art. 84 I 3, 4 GG. In
Ausnahmefällen besteht keine Abweichungsbefugnis der Länder, Art. 84 I 5, 6 GG.
o Möglichkeit zum Erlass allgemeiner Verwaltungsvorschriften, Art. 84 II GG.
o Die Bundesregierung über die Rechtsaufsicht aus, Art. 84 III 1 GG. Mittel der
Rechtsaufsicht sind:
- Kontrolle (Art. 84 III GG) und die Mängelrüge (Art. 84 IV GG).
- Die Fachaufsicht ist nicht erfasst.
o Die Bundesregierung hat ein eng begrenztes Weisungsrecht, Art. 84 V 1 GG. Ein
„Durchgriff“ auf untere Landesbehörden ist grds. ausgeschlossen, Art. 84 V 2 GG.
2.) Erste Ausnahme: Bundesauftragsverwaltung, Art. 85 GG
a) Grundlagen
- In den ausdrücklich geregelten Fällen zulässig.
o Bsp.: 87b II, 87c, 87d II, 90 II, 104a III 2 GG.
- Der Bund hat weitergehende Einwirkungs- und Kontrollrechte als bei der landeseigenen
Verwaltung:
o Der Bund regelt die Einrichtung von Behörden durch zustimmungsbedürftiges
Bundesgesetz, Art. 85 I 1 GG. Ebenso kann der Bund nach einhelliger Auffassung
das Verwaltungsverfahren regeln.
- e.A.: Regelung mit zustimmungsbedürftigen Gesetz möglich. -> Erst-Recht-
Schluss aus Art. 84 I 1, 2 GG; Schonender Ausgleich im Bund-Länder-
Verhältnis.
- a.A.: Regelung mit Einspruchsgesetz. -> Trotz Föderalismusreform keine
Berichtigung des Fehlens der ausdrücklichen Regelung, deshalb ist kein Erst-
Recht-Schluss zulässig; Stattdessen ist eine ungeschriebene Annexkompetenz
zur materiell-rechtlichen Sachkompetenz anzunehmen; P: Überdehnung der
ungeschriebenen Kompetenzen, da keine bloß punktuelle Erweiterung;
Unschlüssig, da ein bewusstes Absehen von einer Regelung auch eine
Annexkompetenz sperrt.
o Weitgehende Regelungsmöglichkeiten, Art. 85 II GG:
- Übersteigt Art. 84 II GG, s. WL.
o Dem Bund steht eine Rechtsaufsicht (-> Gesetzmäßigkeit) und Fachaufsicht (->
Zweckmäßigkeit) zu, Art. 85 IV GG.
- Mit der Fachaufsicht können insb. Vorgaben zur Ausfüllung von Ermessen
gemacht werden.
b) Weisungsrecht, 85 III GG
aa) Ermächtigungsgrundlage
- Art. 85 III 1 GG, sofern ein Sachgebiet der Bundesauftragsverwaltung betroffen ist.
bb) Formelle RMK
- Organkompetenz: Richtiger Weisungserklärender und Weisungsadressat, Art. 85 III 1 GG.
- Gelegenheit zur Äußerung vor Weisungserlass (-> Bundestreue).
cc) Materielle RMK
- Gebot der Weisungsklarheit, hinreichende Bestimmtheit (Art. 20 I, III GG).
- Regelungskompetenz des Bundes:
o Durch Weisung kann nur geregelt werden, wenn eine entspr.
Gesetzgebungskompetenz vorliegt. Das ist die äußere Grenze der
Verwaltungskompetenzen.
o Das Weisungsrecht muss sich auf die Vollzugstätigkeit der Länder beziehen.
- Folgen der (einfachgesetzlichen) Rechtswidrigkeit der Weisung?
o e.A.: Weisung ist verfassungswidrig. -> Land steht dem Bund in einem
Überunterordnungsverhältnis ggü., eine rechtswidrige Weisung greift in die
Verwaltungsbefugnis des Landes ein.
o h.M.: Grds. keine Verfassungswidrigkeit. Ausnahme: Schlechterdings
unverantwortliche Gefährdung bedeutender Rechtsgüter bei Ausführung der
Weisung (-> Grenze des Rechtsmissbrauch).
- Das Land hat die Wahrnehmungskompetenz, also das Recht zur Verwaltung
als solches. Kein Recht des Bundes auf Ersatzvornahme. Weisungen sind im
Bund-Länder-Streit durchzusetzen.
- Der Bund hat die Sachkompetenz, sie entscheiden über die sachliche
Richtigkeit einer Weisung. Insoweit kann kein Landesgesetz verletzt werden.
- Beachte: Keine Prüfung der VHMK der Weisung (h.M.). Dieser Grundsatz findet im
Verhältnis Bürger-Staat Anwendung. Im Verhältnis des Staates untereinander gelten nur
Kompetenzen.
3.) Zweite Ausnahme: Bundeseigene Verwaltung, Art. 86 ff. GG
a) Ausdrückliche Regelungen
- In den ausdrücklich geregelten Fällen zulässig.
o Bsp.: Art. 87, 87b, 87d, 88, 90 III GG.
- Dabei ist gem. Art. 86 S.1, 87 II 1 GG zu unterscheiden:
aa) Gesetzesausführung durch eigene Bundesbehörden (Unmittelbare Bundesverwaltung)
- Unmittelbare Bundesverwaltung mit einem (i.d.R. dreistufigen) Verwaltungsunterbau:
o Obligatorisch in den geregelten Fällen. Bsp.: Zoll (Art. 87 I 1, 108 I GG),
Bundespolizei (Art. 87 I 2 GG), Standortverwaltungen der Bundeswehr (Art. 87b I 1
GG).
Hier ergibt sich z.T. (z.B. für die Bundespolizei) die Gesetzgebungsbefugnis
für die Sachmaterie implizit aus der Zuweisung der Verwaltungskompetenz.
o Ausnahmsweise in nicht ausdrücklich geregelten Fällen, wenn neue Aufgaben
erwachsen und dringender Bedarf besteht und dem Bund die
Gesetzgebungskompetenz zukommt, Art. 87 III 2 GG.
Neue Aufgaben sind nach h.M. solche, die nach Inkrafttreten des GG
aufgetreten sind.
Dringender Bedarf: Deutliche Überlegenheit ggü. anderen
Verwaltungsformen.
Es genügt das Vorliegen der (abstrakten) Gesetzgebungskompetenz, von der
noch kein Gebrauch gemacht worden sein muss (h.M.).
Kanzlermehrheit und Bundesratszustimmung.
- Unmittelbare Bundesverwaltung ohne einem Verwaltungsunterbau:
o Errichtung von Bundesoberbehörden, Art. 87 III 1 GG. Gesetzgebungskompetenz,
bezeichnet als sog. fakultative mittelbare Bundesverwaltung.
o Funktionell, organisatorisch aus einer obersten Bundesbehörde ausgegliedert, ohne
eigene Rechtspersönlichkeit. Bsp.: BaFin, Bundeskartellamt.
o Einrichtung von Zentralstellen mit Koordinierungsfunktion, Art. 87 I 2 GG (z.B.
Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt).
bb) Gesetzesausführung durch bundesunmittelbare Körperschaften und Anstalten döR (Mittelbare
Bundesverwaltung)
- Der Bund handelt nicht selbst, sondern durch zwischengeschaltete juristische Personen des
öffentlichen Rechts.
- Bsp.: Träger der Sozialversicherung, Art. 87 II 1 GG (-> Bundesagentur für Arbeit). Nach
Art. 87 III 1 GG als Alternative zu Bundesoberbehörden (z.B. Bundesanstalt für
Finanzmarktstabilisierung).
b) Ungeschriebene Verwaltungskompetenzen des Bundes
- Analog zu den Gesetzgebungskompetenzen kann der Bund eine Verwaltungskompetenz
kraft Natur der Sache, kraft Sachzusammenhangs oder als Annexkompetenz haben.
- Kraft Sachzusammenhang bzw. aus Annex:
o Hilfstätigkeiten und untergeordnete Nebenzwecke zu ausdrücklich zugewiesener
bundeseigener Verwaltung.
o Bsp.: Gesamtstaatliche Repräsentation der BRD, soweit ein Zusammenhang mit dem
auswärtigen Dienst vorliegt (Art. 87 I 1 GG).
- Kraft Natur der Sache:
o Der Zweck eines Bundesgesetzes darf durch die Verwaltung eines oder mehrerer
Länder nicht erreicht werden können und eine Bundesverwaltung muss die einzig
denkbare Lösung sein. Kann nicht allein aus der Überregionalität hergeleitet werden.
o Bsp.: Verwaltung des Bundesvermögens.
o Nicht darunter fällt der Bereich des (nationalen) Rundfunks. Rundfunkwellen sind
zwar überregional, das alleine ist aber nicht ausreichend. Die Rundfunkverwaltung
kann die finanziellen Möglichkeiten einzelner Länder überschreiten, gleichwohl
können sich aber Länder zusammenschließen. Eine Bundesverwaltung ist also nicht
begriffsnotwendig.
c) Kompetenzen, Art. 86 GG
- Der Bund erlässt die allgemeinen Verwaltungsvorschriften und regelt die Einrichtung der
Behörden.
IV. Verbot unzulässiger Mischverwaltung
- Es besteht ein Verbot unzulässiger Mischverwaltung. Von der zwingenden
Kompetenzverteilung des GG darf nicht abgewichen werden. Es gilt das strikte Gebot zur
Trennung von Bundes- und Landesverwaltung (sog. Trennungsprinzip).
- Ausnahmen:
o Bloß koordinierende Gremien auf Bundesebene sind zulässig, mangels eigenen
Sachkompetenzen ist aber jede Einwirkung des Bundes unzulässig.
o Ausdrücklich geregelte Gemeinschaftsaufgaben, Art. 91a ff. GG. Die zunächst
unzulässigen „Argen“ wurden durch Art. 91e GG n.F. legalisiert.
o Eine Mischverwaltung wird in bestimmten Bereichen durch das GG angeordnet.
Vgl. Art. 85 GG mit den weitreichenden Einwirkungsmöglichkeiten des
Bundes sowie Art. 95a, 95b, 108 II 3 GG.
o Gemeinsame Ländereinrichtungen mit eigenen Verwaltungszuständigkeiten auf
Grundlage eines Staatsvertrags zwischen den beteiligten Ländern (z.B. ZVS).
Rechtsprechungskompetenzen, Art. 92 ff. GG
I. Rechtsprechung im Gefüge der Staatsfunktionen
1.) Richtermonopol
- Die Rechtsprechung ist den Richtern anvertraut, Art. 92 1.HS GG.
a) Umfang des verfassungsrechtlichen Richtermonopols
- Rechtsprechung im materiellen Sinne: Traditionelle Kernbereiche der rechtsprechenden
Gewalt.
o Diesen sind verbindlich dem Bereich der Rechtsprechung nach Art. 92 1.HS GG
zugeordnet. Der Gesetzgeber ist hier nicht dispositionsbefugt.
o Entscheidungen in bürgerlich-rechtlichen Streitigkeiten von gewisser Bedeutung,
wenn sich die Parteien nicht einvernehmlich auf andere Formen der verbindlichen
Streitbeilegung geeinigt haben (z.B. Schiedsgerichtsverfahren). Die andere Form der
Streitbeilegung kann nur dort vereinbart werden, wo nicht das öffentliche Interesse
an einer rechtmäßigen Streitentscheidung überwiegt.
o Strafgewalt im Bezug auf bedeutsame Unrechtstatbestände.
- Rechtsprechung im funktionellen Sinne (h.M.): Def.: Letztverbindliche Klärung der
Rechtslage in einem Streitfall durch Entscheidung eines unparteilichen und unabhängigen
Dritten in einem geordneten Verfahren (= grds. an den Justizgrundrechten ausgerichtet).
Typisch ist auch, dass die Rechtsprechung nur auf Antrag tätig wird.
o Liegt eine entspr. Ausgestaltung vor, ist die Sache zwingend durch Richter i.S.d. Art.
92 ff. GG zu entscheiden.
o Kann durch den Gesetzgeber einfachgesetzlich bestimmt/ausgestaltet und somit dem
Art. 92 GG zugeordnet oder entzogen werden. Diese Dispositionsfreiheit gilt aber
nur, soweit der Regelungsgegenstand nicht Rechtsprechung im materiellen Sinne ist
(s.o.).
- Ausdrückliche Zuweisungen im Grundgesetz:
o Rechtsweggarantien und Richtervorbehalte (z.B. Art. 13 III, IV, 19 IV, 104 II-IV
GG).
b) Nicht vom verfassungsrechtlichen Richtermonopol erfasst
- Rechtsprechung im formellen Sinne: Alle einfachgesetzlichen den Gerichten zugewiesenen
Aufgaben.
o Können einfachgesetzlich auch wieder entzogen werden. Unterliegen nicht dem
Schutzbereich der Art. 92 ff. GG, sind also nicht zwingend durch Richter zu
entscheiden.
o Bsp.: Disziplinarstrafrecht, Freiwillige Gerichtsbarkeit (-> Rspr. im formellen
Sinne), Wahlprüfung.
2.) Gewaltenverschränkung im Bezug auf die Rechtsprechung
- Die Legislative entwirft Gesetze und somit bindende Vorgaben der Judikative, Art. 20 III,
97 I GG.
o Durchbrechungen: Richterrecht (insb. im Arbeitsrecht), Normenkontrollen der
Verfassungsgerichte (Art. 93 I Nr.2, 100 I GG).
- Mitwirkung von Organen der Exekutive und Legislative bei der Richterbestellung, Art. 94 I
2, 95 II, 98 IV GG.
- Gerichtsverwaltung und Richteraufsicht liegen traditionell in den Händen der Exekutive,
vgl. Art. 94 I 2, 95 II, 96 II 4, 98 IV GG.
3.) Richter und Gerichte i.S.d. Art. 92 GG
- Definition: Richter sind natürliche Personen, die funktionell Rechtsprechungstätigkeiten
ausüben und die Gewähr für hinreichende Neutralität ggü. den Verfahrensbeteiligten sowie
sachliche Unabhängigkeit bieten.
o Erfasst sind Berufsrichter (Bundes- und Landesrichter) sowie ehrenamtliche Richter
(Laienrichter und Schöffen).
o Auch die mehrheitliche Besetzung eines Spruchkörpers mit ehrenamtlichen ist
zulässig. Oberste Gerichtshöfe (Art. 95 GG), die für die Wahrung der Einheitlichkeit
der Rechtsprechung, die Entscheidung von Fragen grundsätzlicher Bedeutung oder
Rechtsfortbildung verantwortlich sind, sind wegen der erforderlichen Kompetenz
und der persönlichen Unabhängigkeit (Art. 97 II GG) mehrheitlich mit
Berufsrichtern zu besetzen.
- Definition: Gerichte werden aufgrund eines staatlichen Gesetzes errichtet, sind sachlich
unabhängig, dem Spruchkörper ist eine rechtsprechende Funktion zugeordnet und der Staat
wirkt bei der personellen Besetzung maßgeblich mit.
o Die von Bund und Ländern eingerichteten Gerichte sind die sog. unmittelbare
Gerichtsbarkeit.
o Die von anderen juristischen Personen des öffentlichen Rechts eingerichteten
Gerichte sind die sog. mittelbare Gerichtsbarkeit. (Bsp.: Anwaltsgerichte).
4.) Gerichtsorganisation
- Grds. ist die Einrichtung von Behörden durch bloße Organisationserlasse der Exekutive
möglich, vgl. Art. 86 S.2 GG.
- Ausnahme: Gerichtsorganisatorischer Gesetzesvorbehalt
o Wegen der Bedeutung der Einrichtung der Gerichte für die Unabhängigkeit der
Richter (Art. 97 GG) und den Anspruch auf den gesetzlichen Richter (Art. 101 I 2
GG) muss die Einrichtung und Auflösung von Gerichten durch das Parlament
entschieden werden.
o Gegenausnahme: Gründung und Aufhebung von Zweigstellen kann durch RVO
erlassen werden, es handelt sich um Maßnahmen innerhalb des Gerichts.
II. Die Verteilung der Rechtsprechungskompetenzen, Art. 92-96 GG
- Die Errichtung von Gerichten obliegt grds. den Ländern.
o Art. 92 2.HS GG normiert eine ggü. Art. 30 GG spezielle Kompetenzverteilung:
- Die Bundeszuständigkeit für Gerichte ist in den Art. 93-96 GG geregelt.
o Die Verfassungsgerichtsbarkeit steht außerhalb des Instanzenzugs, Art. 93, 94 GG.
o Der Bund richtet innerhalb des Instanzenzugs die abschließenden Revisionsgerichte
ein, Art. 95 GG.
Die in Art. 95 I GG genannten obersten Gerichtshöfe sind institutionell
garantiert. Sie sollen die Einheitlichkeit der Rechtsprechung garantieren, vgl.
Art. 95 III GG.
Die Stellung als oberster Gerichtshof impliziert zumindest zwei
Gerichtsinstanzen. Ausnahmsweise können aber auch Gerichte der Länder
letztinstanzlich als Revisionsgerichte entscheiden oder erstinstanzlich ein
Bundesgericht entscheiden (vgl. § 50 VwGO).
o Daneben richtet er Gerichte für einzelne Sondergerichtsbarkeiten ein, Art. 96 GG.
III. Das Bundesverfassungsgericht, Art. 93, 94 GG
1.) Verfassungsrechtliche Stellung und interne Organisation
- Als Verfassungsrechtsprechung Teil der Rechtsprechung nach Art. 92 GG. Unterschiede zur
übrigen Rechtsprechung:
o Prüfungsgegenstand sind Akte öffentlicher Gewalt
o Prüfungsmaßstab ist die Verfassung
o Rechtsfolgen haben Gesetzeskraft, § 31 II BVerfGG
- Das BVerfG ist oberstes Staatsorgan. Konkretisierung des politisch-verfassungsrechtlichen
Gestaltungsrahmens der Legislative und Gubernative durch die Verfassungsrechtsprechung.
- Organisation nach dem BVerfGG:
o Aufteilung in zwei Senate mit speziellen Zuständigkeiten, §§ 2, 14 BVerfGG.
o Vorabentscheidungsverfahren bei Verfassungsbeschwerden in Kammerbesetzung
mit drei Mitgliedern, §§ 93a-93d, 15a BVerfGG.
o Entscheidung grds. durch Mehrheitsbeschluss, § 15 IV 2 BVerfGG.
In bestimmten Ausnahmefällen wird eine qualifizierte Mehrheit
vorgeschrieben, Bsp. § 15 IV 1 BVerfGG.
Möglichkeit des Sondervotums, § 30 II BVerfGG.
o Wahl der Bundesverfassungsrichter, §§ 5, 6 BVerfGG.
2.) Entscheidungsgegenstand und Entscheidungsmaßstäbe
- Das BVerfG ist keine Superrevisionsinstanz, sondern oberster „Hüter der Verfassung“.
- Aufgabe des BVerfG ist es, im Streit über die Anwendung und Auslegung von
Verfassungsrecht auf Anrufung verbindlich zu entscheiden, und zwar:
o Im Verhältnis der Verfassungsorgane untereinander, Art. 93 I Nr.1, Nr.2 GG
o Im Verhältnis zwischen Bund und Ländern, Art. 93 I Nr.2, Nr.2a, Nr.3, Nr.4 GG
o Im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern, Art. 93 I Nr.4a, 100 GG
3.) Wirkung der Entscheidungen des BVerfG, § 31 BVerfGG
- Wirkung zwischen den unmittelbar am Verfahren Beteiligten (inter partes).
- Weitergehende Wirkung gem. § 31 BVerfGG:
o Der Urteilstenor sowie die ihn tragenden Gründe binden alle Verfassungsorgane des
Bundes und der Länder sowie alle Behörden und Gerichte, § 31 I BVerfGG.
o Die Normenkontrollentscheidungen des BVerfG haben Gesetzeskraft, § 31 II
BVerfGG.
- Entscheidungsmöglichkeiten des BVerfG:
o Ein für nichtig erklärtes Gesetz ist i.d.R. von Anfang an (ex tunc) nichtig.
- Unterschied zur Möglichkeit des Gesetzgebers das Gesetz durch ein späteres
Gesetz (lex posterior) aufzuheben. Das geschieht i.d.R. mit ex nunc-Wirkung.
o Insb. bei Gleichheitsverstößen wird eine sog. Unvereinbarkeitserklärung abgegeben.
Es wird also die Verfassungswidrigkeit des Gesetzes festgestellt (Möglichkeit ist in
§§ 31 II, 79 I BVerfGG vorausgesetzt) und auch eine Frist zur Neuregelung gesetzt.
- Ausnahmsweise kann das BVerfG auch Übergangsregelungen treffen.
IV. Die Rechtsstellung der Richter, Art. 97, 98 GG
1.) Richter sind sachlich und persönlich unabhängig, Art. 97 GG
- Sachliche Unabhängigkeit (Art. 97 I GG) genießen alle Richter, also alle Personen die
Rechtsprechung i.S.d. Art. 92 GG ausüben. Erfasst sind auch Laienrichter.
o Sie umfasst eine (ausschließliche) Bindung an das Gesetz und im Übrigen
vollständige Weisungsfreiheit. Sie gilt ggü. allen Staatsorganen sowie
Prozessparteien und außergerichtlichen bzw. gesellschaftlichen Einflussnahmen.
- Persönliche Unabhängigkeit (Art. 97 II GG) genießen nur hauptamtlich und planmäßig
endgültig angestellte Richter.
o Sie soll die sachliche Unabhängigkeit nach Art. 97 I GG zusätzlich absichern. Es gilt
das Verbot der Amtsenthebung und Versetzung an ein anderes Gericht gegen den
Willen des Richters (sog. Inamovibilität). Ebenso sind andere sanktionierend
wirkende Maßnahmen.
- Einordnung und Wehrfähigkeit:
o Teil der hergebrachten Grundsätze des richterlichen Amtsrechts und damit Teil des
Berufsbeamtentums, Art. 33 V GG.
o Nach Auffassung des BVerfG (str.) ist Art. 33 V GG ein grundrechtsgleiches Recht,
dessen Verletzung mit der Verfassungsbeschwerde durch den Richter selbst gerügt
werden kann (Art. 93 I Nr.4a GG, § 90 I BVerfGG).
2.) Sonstiges
- Richter sind keine Beamten, vgl. Art. 98 I GG (bes. Bundesgesetz ist nicht das
Beamtenrecht).
- Beachte die Richteranklage nach Art. 98 II GG bzw. Art. 98 V GG i.V.m. Art. 73 LVerfNW
bzw. § 105 BVerfGG.
o Bundesrichter sind nach Art. 95, 96 GG zu bestimmten. Verfassungsrichter gehören
nicht dazu.
o Bestandteil des Prinzips der wehrfähigen Demokratie (vgl. Art. 9 II, 18, 21 II GG).
Das Staatskirchenrecht
I. Rechtsquellen
- Bundesverfassungsrechtliche Bestimmungen:
o Art. 4, 140 GG i.V.m. Art. 136-139, 141 WRV
o Religiöse Diskriminierungsverbote, Art. 3 III 1, 33 III GG
o Regelungen zur Religion in Schulen, Art. 7 II, III, V, 141 GG
- Landesverfassungen:
o Art. 7 I, 12 VI, 13 ff., 19 ff. LVerfNW
- Einfachgesetzliche Regelungen:
o Das Gesetz zur religiösen Kindererziehung von 1921
o Landesfeiertagsgesetze
II. Die drei Säulen der staatskirchenrechtlichen Ordnung des Grundgesetzes
1.) Gebot staatlicher Neutralität, Art. 3 I, III, 4 I, II, 33 III GG, Art. 137 I WRV
- Es besteht eine objektiv-rechtliche Pflicht zur staatlichen Neutralität.
- Es besteht keine Staatskirche, Art. 137 I WRV. Es besteht also das Gebot der Trennung von
Staat und Kirche (sog. Trennungsprinzip).
o e.A.: Striktes Trennungsprinzip. Grds. Verbot von staatlicher Betätigung im
religiösen bzw. weltanschaulichen Bereich.
o h.M.: Moderates Trennungsprinzip. Es gilt ein staatskirchenrechtlicher
Gleichheitssatz. Grds. sind alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften
gleich zu behandeln. Förderung in Teilbereichen ist also möglich. Religiöse
Handlungen im staatlichen Bereich sind sogar teilweise verfassungsrechtlich
vorgesehen (vgl. Art. 7 III GG, Art. 141 WRV).
2.) Körperschaften des öffentlichen Rechts, Art. 137 V, VII WRV
- Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können Körperschaften öffentlichen Rechts
werden, Art. 137 V 2 GG.
o Bei Inkrafttreten der WRV bereits als Körperschaften bestehende Gemeinschaften
bleiben als solche bestehen, Art. 137 V 1 GG.
o Produkt des sog. Weimarer Kirchenkompromisses. Erhaltung des
Körperschaftsstatus, unter der Bedingung der Geltung für katholische und
evangelische Kirche gleichermaßen.
o Zuständig für die Verleihung des Körperschaftsstatus und den Erlass weiterer
Durchführungsbestimmungen sind die Länder, Art. 30, 140 GG i.V.m. Art. 137 V 2,
VIII GG.
- Voraussetzungen des Körperschaftsstatus, Art. 137 V 2, VII WRV:
o Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft
o Antrag bei der entsprechenden Landesbehörde.
o Die Gemeinschaft muss die Gewähr der Dauer bieten.
o Es muss eine Verfassung der Religionsgemeinschaft existieren.
o Mindestzahl an Mitgliedern. Die genaue Zahl ist unbeziffert, es wird weit ausgelegt.
o Ungeschriebenes Merkmal:
Mangels Gesetzesvorbehalt kann dieses weitere (einschränkend wirkende)
Merkmal nur auf kollidierendem Verfassungsrecht beruhen.
Grundsätzliche Rechtstreue und Gewähr für die Einhaltung der
fundamentalen Verfassungsprinzipien (Art. 79 III GG). Teile der Literatur
fordern eine darüber hinausgehende Staatsloyalität, was i.E. aber abzulehnen
ist.
- Die Körperschaftsstellung bringt ein sog. Privilegienbündel mit sich:
o Steuererhebung, Art. 137 VI WRV
o Dienstherrenfähigkeit:
Begründung von Beamtenverhältnissen und anderweitigen öffentlich-
rechtlichen Dienst- und Treueverhältnissen, für die das staatliche Arbeits-
und Sozialversicherungsrecht grds. nicht gelten.
Eröffnung des Rechtswegs zu den staatlichen Gerichten (i.d.R.
Verwaltungsgerichten), wenn eine Verletzung einer staatlichen
Rechtsposition gerügt wird.
3.) Selbstbestimmungsrecht, Art. 137 III WRV (auch: Art. 4 I, II GG)
- Es kann sich jede Religionsgemeinschaft und Weltanschauungsgemeinschaft (Art. 137 VII
WRV) auf das Selbstbestimmungsrecht berufen. Eine Stellung als Körperschaft öffentlichen
Rechts ist nicht erforderlich.
o Betätigung der Gemeinschaften ist in privaten (Art. 137 IV WRV) und öffentlich-
rechtlichen Organisationsformen (Art. 137 V, VI WRV) möglich.
- Das Selbstbestimmungsrecht umfasst:
o Lehre und Kultus, karitative Tätigkeit, Ausbildung der Geistlichen, etc.
- Art. 137 III WRV hat nach h.M. keine Grundrechtsqualität. Auf Verletzungen kann keine
Verfassungsbeschwerde gestützt werden. Die Prüfung erfolgt gleichwohl nach dem Schema
Schutzbereich - Eingriff - Rechtfertigung.
- Verletzungen der kollektiven Religionsfreiheit können über Art. 4 I, II GG geltend gemacht
werden. Es gilt ein einfacher Gesetzesvorbehalt nach Art. 137 III 1 WRV (näher s.
Grundrechte).
4.) Sonntagsruhe, Art. 139 WRV
- Grds. Institutsgarantie.
- Gewährt das Recht eine Beschwerdebefugnis (§ 90 I BVerfGG)?
o BVerfG: Ja. Konkretisierung des Selbstverwaltungsrechts aus Art. 137 III WRV. Die
Kirchen sind selbst betroffen.
o a.A.: Nein. Rein objektiver Gehalt.
o d.A.: Ja. Aber berechtigt sind nur die Privatpersonen, die den Tag zur seelischen
Erhebung nutzen können.