FAZ 9.6.1997, Nr.130, S.

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Auf den Lehrer kommt es an
Neue Untersuchungen streichen die Bedeutung des professionellen Wissens und pädagogischen Könnens heraus / Von Heike Schmoll
Was macht eigentlich einen guten Lehrer les Wissen und Können verfügen Und eraus? Seit mehr als fünfzig Jahren beschäftigt zieht nicht etwa durch das, was er ist, sonsich die pädagogisch-psychologische For- dern durch das, was er weiß und tut. Untersucht wurden 54 Grundschulklassen schung mit der Persönlichkeit von Lehrern und ihrem pädagogischen Handeln. Stärker des städtischen und ländlichen Münchner als bei anderen wissenschaftlichen Untersu- Raums. Im Unterschied zu der geschmäcklechungen sind die Ergebnisse solcher Studien rischen Beurteilung des Ideallehrers oder durch das jeweilige Vorverständnis der For- guten Lehrers wurden nachweisbare Kritescher geprägt. Und selbst bei denjenigen, die rien festgelegt, die die Wirkung des entspreLehrer von Amts wegen zu beurteilen haben chenden Pädagogen spiegeln. Gemessen wie Schulräte und Rektoren, gibt es die un- wurde der Erfolg daran, ob es gelungen war, terschiedlichsten Einschätzungen darüber, die durchschnittlichen Leistungen in arithmewas einen guten Lehrer ausmacht. Häufig tischen Fähigkeiten anwachsen zu lassen, das wurde eine bestimmte Unterrichtsmethode mathematische Problemlösen zu fördern, die unabhängig von der Person des Lehrers, Leistungsunterschiede zwischen den Schüunabhängig vom Schüler und abgelöst vom lern einer Klasse zu vermindern, mehr Lernjeweiligen Lernzusammenhang analysiert. freude im Mathematikunterricht hervorzuruNeuere Untersuchungen des Max-Planck- fen und das Selbstbild der eigenen Fähigkeit Instituts für Psychologische Forschung in Mün- in diesem Fach zu festigen. Bei regelmäßigen chen, die den Zusammenhang zwischen Schulbesuchen (neun bis zwölf im Schuljahr) Lehrprozeß und Lernprodukt in seiner Gesamt- durch entsprechend ausgebildete Wissenheit aufschlüsseln, haben zu dem Ergebnis schaftler wurden neben Intelligenztests spegeführt, daß es ganz verschiedene, aber nicht zifische Tests eingesetzt, die die Lernfortbeliebige Möglichkeiten gibt, erfolgreich Unter- schritte in dem entsprechenden Fach überricht zu halten. Überdurchschnittliche Erfolge prüfen konnten. jedoch lassen offenbar nicht auf gruppen- Das in mehreren Einzelsehritten analysierdynamische Varianten und soziale Beziehungen te Ergebnis führt zu der Erkenntnis, daß der im Klassenzimmer schließen, sondern auf einen durchschnittliche Erfolg der meisten Lehrer möglichst zielgerichteten Unterricht, der eine der Durchschnittlichkeit ihres Unterrichts Steuerung und Stützung der Schüler bevorzugt entspricht. Bei äußerst erfolgreichen und und wenig Zeit für nichtfachliche Aktivitäten wenig erfolgreichen Lehrern hingegen zeiaufwendet. Die Stärken des erfolgreichen Leh- gen sich nach der Untersuchung erhebliche rers liegen also in seinen kognitiven Fähigkei- Differenzen in der Klarheit und Strukturiertten, weniger am sozialen und emotionalen heit des Unterrichts. Engagement im Unterricht, was nichts daran Schüler eines erfolgreichen Unterrichts zeigändert, daß ein positives Lehrer-Schüler- ten nicht nur überdurchschnittliche SchulVerhältnis unersetzbar ist. Ein guter Lehrer muß leistungen, sondern auch hoch entwickelte - daran lassen die Ergebnisse keinen Zweifel - allgemeine Fähigkeiten, mit Wissen und Lernen umzugehen, und eine insgesamt vor allem über professionelpositive Einstellung zum schulischen Lernen. In den Klassen mit einem besonders hohen Leistungszuwachs mit mehr Schulfreude und Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit waren „eine deutlich geringere Schülerpartizipation und ein niedrigerer Indiyidualisierungsgrad" wahrzunehmen als in Klassen mit weniger guten Ergebnissen; Offenbar reicht die Wirkung eines erfolgreichen Unterrichts weit über den erreichten Bildungsabschluß hinaus. Bereits in der Grundschule erlernte Arbeitseffizienz und Lerninitiativen der Schüler steuern die gesamte weitere schulische Entwicklung. Je günstiger die „Initialzündung" zu Beginn der Schulzeit also ausfällt, desto solider sind die Wissensbasis und die Selbstmotivation beim Lernen. Diese Erkenntnis widerspricht den Tendenzen, die Grundschule gewissermaßen als Fortsetzung des Kindergartens, als schonungsvollen Betreuungsraum ohne Leistungsanforderungen oder Spiel- und Spaßschule zu konzipieren. Der Übergang auf eine weiterführende Schule ist für die Schüler um so härter, zumal ihnen häufig am allerwenigsten begreiflich zu machen ist, daß ihre Leistungen, wie in vielen Bundesländern üblich, an der Grundschule nur verbal beurteilt worden sind. Der reformpädagogische Traum vom überflüssigen Lehrer, der sich als bloßer Berater oder Betreuer einigermaßen selbständiger Lerngruppen erweist, ist nichts anderes als ein Wunschbild. Schüler erleben einen solchen Unterricht häufig als wenig strukturiert und chaotisch und lassen sich daher auch nicht stärker durch offene Formen des Unterrichts motivieren. Nach den Studien von Franz Weinert, dem Direktor des Münchner Instituts, ist die „direkte Instruktion" die wirkungsvollste Form des Lehrens. Zum Entsetzen vieler Reformpäd-; agqgen verbessere die direkte Instruktion die Leistungen fast aller Schüler, erhöhe ihr Selbstvertrauen in die eigene Tüchtigkeit und reduziere ihre Leistungsängstlichkeit. Ein guter Lehrer verfügt daher über eine geschickte Fragetechnik und hohe Leistungserwartungen. Er hält einen wohlgeplanten und streng organisierten Unterricht, der das aufgabenbezogene Verhalten der Schüler sicherstellt, das zielerreichende Lernen betont, tutorielle Hilfen gibt und diagnostische Rückmeldung bietet. Ein Lehrer, der allein auf Didaktik setzt, ohne über diagnostische Fähigkeiten zu verfügen, und der den Kenntnis- und Lernfähigkeitsstand seiner Schüler nicht zutreffend beurteilen kann, wird wenig Erfolg haben. Der Lehrer muß dafür sorgen, daß die Schüler sich auf die wichtigsten, Lerninhalte konzentrieren, aber auch genug Zeit lassen, sich diese anzueignen und Lernschwierigkeiten naufgeregt zu überwinden. Weinert verschweigt freilich nicht, daß diese Lernmethode zur Unselbständigkeit der Schüler und zu weniger Freude am Lernen führen kann, wenn sie zu lange und zu einseitig praktiziert wird. Ein guter Lehrer wird stoffgerecht über jeweils angemessene Varianten des Lehrens verfügen, ohne einseitiger Schülerzentriertheit oder Lehrerdominanz zu verfallen. Von einer sinkenden Bedeutung der Lehrer jedenfalls kann keine Rede sein. Vielmehr bedarf es mehr denn je gut ausgebildeter Lehrer, die ihr akademisches Wissen mit erworbenen" pädagogischen Fähigkeiten so verknüpfen können, daß sie die Schüler zu einem über die bloße' Reproduktion von Wissen weit hinausreichenden Umgang mit dem Unterrichtsstoff befähigen. In einer Betreuungsschule, die nur auf die Wünsche der Schüler achtet, wird das .freilich nicht gelingen.

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