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Gilles Deleuze

Differenz

und

Wiederholung

Aus

dem

Französischen

von

Joseph Vogl

Wilhelm Fink Verlag

Titel der französischen Originalausgabe:

Gilles Deleuze, Différence et répétition 0 Gilles Deleuze, Différence et répétition by Presses Universitaires de France, Paris, 1968; 6. Aufl. 1989 by Presses Universitaires de France, Paris, 1968; 6. Aufl. 1989

Für die Übersetzung wurde der deutsch-französische Übersetzerpreis 1988 der DVA-Stiftung vergeben.

Die

Deutsche

Bibliothek

-

CIP-Einheitsaufnahme

Deleuze, Gilles :

Differenz und Wiederholung / Gilles Deleuze.

Aus dem Franz. von Joseph Vogl. - München : Fink, 1992

Aus dem Franz. von Joseph Vogl. - München : Fink, 1992 Einheitssacht. : Differente ISBN 3-7705-2730-5

Einheitssacht. : Differente

ISBN 3-7705-2730-5

et répétition

<dt.>

ISBN-3-7705-2730-5

0 der deutschen Ausgabe: Wilhelm Fink Verlag, München, 1992 der deutschen Ausgabe: Wilhelm Fink Verlag, München, 1992

Gesamtherstellung:

Hofmann-Druck

Augsburg

GmbH

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

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11

EINLEITUNG:

WIEDERHOLUNG

UND

DIFFERENZ

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15

Wiederholung und Allgemeinheit: erste Unterscheidung unter dem Gesichtspunkt der Verhalten, 15. - Die zwei Ordnungen der Allgemein- heit: Ähnlichkeit und Gleichheit, 17. - Zweite Unterscheidung, unter dem Gesichtspunkt des Gesetzes, 18. - Wiederholung, Gesetz der Natur, Sittengesetz 19.

Programm einer Philosophie der Wiederholung nach Kierkegaard, Nietz-

sche, Péguy,

20. - Die wahre Bewegung, das Theater und die Repräsenta-

tion, 23.

Wiederholung und Allgemeinheit: dritte Unterscheidung unter dem Ge- sichtspunkt des Begriffs, 28. - Der Inhalt des Begriffs und das Phänomen der ,,Blockierung“, 28. - Die drei Fälle der ,,natürlichen Blockierung“ und die Wiederholung: Nominalbegriffe, Begriffe der Natur, Begriffe der Freiheit, 29.

Die Wiederholung wird nicht durch die Identität des Begriffs expliziert; ebensowenig durch eine bloß negative Bedingung, 33. - Die Funktionen des ,,Todestriebs: die Wiederholung in ihrem Verhältnis zur Differenz

und

Begriffe

Die beiden Wiederholungen: durch Identität des Begriffs und negative Bedingung; durch Differenz und Exzeß in der Idee (am Beispiel der

Natur-

der

37. - Das Nackte und das Verkleidete in

mit

ihrer

der

Forderung

Freiheit),

34.

nach

einem

positiven

Prinzip

(am

Beispiel

der

und

Nominalbegriffe),

42.

Wiederholung,

Begriffliche

Differenz

und

begrifflose

Differenz,

45.

-

Aber

der

Begriff

der

Differenz

(Idee)

läßt

sich

nicht

auf

eine

begriffliche

Differenz

redu-

zieren, und ebensowenig das positive Wesen der Wiederholung auf eine begrifflose Differenz, 46.

D IFFERENZ UND ERSTES KAPITEL: DIE DIFFERENZ AN SICH W IEDERHOLUNG 49 Die Differenz und

DIFFERENZ

UND

ERSTES KAPITEL: DIE DIFFERENZ AN SICH

W IEDERHOLUNG

49

Die Differenz und der dunkle Untergrund, 49. - Muß die Differenz repräsentiert werden ? Die vier Aspekte der Repräsentation (vierfache Wurzel), 50. - Der glückliche Augenblick, die Differenz, das Große und das Kleine, 51.

Begriffliche Differenz: die größte und beste, 51. - Die Logik der Diffe- renz nach Aristoteles und die Verwechslung des Begriffs der Differenz

und Gattungsdiffe-

renz, 54. - Die vier Aspekte oder die Unterordnung der Differenz: unter

mit der begrifflichen Differenz, 53. - Artdifferenz

die

Identität

des

Begriffs,

die

Analogie

des

Urteils,

den

Gegensatz

der

Prädikate,

die

Ähnlichkeit

des

Wahrgenommenen,

55.

-

Die

Differenz

und die organische Repräsentation,

57.

Univozität

und

Differenz,

58.

-

Die

zwei

Verteilungstypen,

 

59.

-

Unmögliche

Vereinbarkeit

zwischen

Univozität

und

Analogie,

61.

-

Die

Momente

des

Univoken:

Duns

Scotus,

Spinoza,

Nietzsche,

63.

-

Die

Wiederholung

in

der

ewigen

Wiederkunft

definiert

die

Univozität

des

Seins, 65.

Die Differenz und die orgische Repräsentation (das unendlich Große und unendlich Kleine), 66. - Der Grund als ratio, 67. - Logik und Ontologie der Differenz nach Hegel: der Widerspruch, 69. - Logik und Ontologie der Differenz nach Leibniz: die Vize-Diktion (Stetigkeit und Ununter-

scheidbares), 71. - Wie die orgische oder unendliche Repräsentation der Differenz nicht den vorigen vier
scheidbares), 71. - Wie die
orgische
oder
unendliche
Repräsentation
der
Differenz nicht den vorigen vier Aspekten
entkommt,
74.
Die
Differenz,
-
79. - Die Aussonderung des Negativen und die ewige Wieder-
die
Bejahung
und
die
Verneinung,
76.
Die
Illusion
des
Negativen,
kunft, 81.

Logik und Ontologie der Differenz nach Platon, 87. - Die Figuren der Methode der Teilung: die Bewerber, die Grund-Prüfung, die Problem- Fragen, das (Nicht)-Sein und der Status des Negativen, 88.

Was im Problem der Differenz entscheidend ist: das Trugbild, der Wider-

stand des Trugbilds,

94.

INHALTSVERZEICHNIS

ZWEITES

KAPITEL:

DIE

WIEDERHOLUNG

FÜR

SICH

SELBST.

7

99

Die Wiederholung: etwas hat sich geändert, 99. - Erste Synthese der Zeit; die lebendige Gegenwart, 100. - Habitus, passive Synthese, Kontraktion Betrachtung, 102. - Das Problem der Gewohnheit, 103.

g , 1 0 2 . - Das Problem der Gewohnheit, 103. Zweite Synthese der Zeit:

Zweite Synthese der Zeit: die reine Vergangenheit, 110. - Das Gedächtnis,

die

reine

Vergangenheit

und

die

Vergegenwärtigung

der

Gegenwar-

ten,

111.

-

Die

vier

Paradoxa

der

Vergangenheit,

113.

-

Die

Wieder-

holung

in

der

Gewohnheit

und

im

Gedächtnis,

114.

-

Materielle und

geistige

Wiederholung,

116.

Kartesianisches Cogito und kantisches Cogito, 118. - Das Unbestimmte,

die Bestimmung, das Bestimmbare, 119. - Das gespaltene Ego, das passive

Unzulänglichkeit des Gedächtnis-

ses: die dritte Synthese der Zeit, 121. - Form, Ordnung, Gesamtheit und

Ich und die leere Form der Zeit, 120. -

Reihe

der

Zeit,

122.

-

Die

Wiederholung

in

der

dritten

Synthese:

ihre

defiziente

Bedingung,

ihr

Handelndes

in

der

Metamorphose,

ihr

unbe-

dingter

- schichte, der Glaube, unter dem Gesichtspunkt der Wiederholung in der ewigen Wiederkunft, 125.

Ge-

Charakter,

123.

Das

Tragische

und

das

Komische,

die

Die Wiederholung und das Unbewußte: ,,Jenseits des Lustprinzips“, 130. - Die erste Synthese und die Bindung: Habitus, 13 1. - Zweite Synthese: die virtuellen Objekte und die Vergangenheit, 133. - Eros und Mnemosyne, 137 . - Wiederholung, Verschiebung und Verkleidung: die Differenz,

138. - Folgen für die Natur des Unbewußten: serielles, differentielles und

dritten

,,Jenseits“ entgegen: das narzißtische Ich, der Todestrieb und die leere

Gegensatz und materielle Wieder-

Wiederholung in der ewigen Wieder-

holung,

kunft,

Ähnlichkeit und Differenz, 154. - Was ist ein System?, 156. - Der dunkle Vorbote und das ,,Differenzierende“, 157. - Das literarische System, 159. - Das Phantasiegebilde oder Trugbild, die drei Gestalten des Identi- schen im Verhätnis zur Differenz, 163.

fragendes Unbewußtes,

142.

-

Der

dritten

Synthese

oder

dem

Form der Zeit, 147. -

148.

149.

-

Todestrieb

Todestrieb,

und

Der

wahre

Beweggrund

des

Platonismus

liegt

im

Problem

des

Trug-

bilds, 166.

-

Trugbild

und

Wiederholung

in

der

ewigen

Wieder-

8

DIFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

DRITTES

KAPITEL:

DAS

BILD

DES

DENKENS .

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169

Das Problem der Voraussetzungen in der Philosophie, 169. - Erstes Postulat: das Prinzip der Cogitatio natura univenalis, 171.

Zweites Postulat: das Ideal des Gemeinsinns, 173. - Das Denken und die Doxa, 174. - Drittes Postulat: das Modell der Rekognition, 176. - Ambi- guität der Kantischen Kritik, 178. - Viertes Postulat: das Element der Repräsentation, 179.

Differentielle Theorie der Vermögen, 181. - Der diskordante Gebrauch der Vermögen: Gewalt und Grenze eines jeden, 182. - Ambiguität des Platonismus, 184. - Denken: seine Genese im Denken, 186.

Fünftes

Postulat:

das

,,Negative”

des Irrtums,

192.

- Problem der

Dummheit,

195.

 

Sechstes Postulat: das Privileg der Bezeichnung, 198. - Sinn und Satz, 199. - Die Paradoxa des Sinns, 200. - Sinn und Problem, 202. - Siebentes Postulat: die Modalität der Lösungen, 204. - Die Illusion der Lösungen in der Lehre der Wahrheit, 206. - Ontologische und epistemologische Bedeutung der Kategorie des Problems, 209.

 

Achtes Postulat: das Resultat des Wissens, 212. - Was bedeutet ,,Lernen“,

213. - Zusammenfassung

der

Postulate

als

Hindernisse

 

für eine Philo-

sophie der Differenz und der

Wiederholung,

215.

VIERTES KAPITEL: IDEELLE SYNTHESE DER DIFFERENZ

 

217

Die Idee als problematische Instanz, 217. - Unbestimmtes, Bestimmbares und Bestimmung, 2 19.

Das Differential, 220. - Die Quantitabilität und das Prinzip der Bestimm- barkeit, 221. - Die Qualitabilität und das Prinzip der Wechselbestim- mung, 222. - Die Potentialität und das Prinzip durchgängiger Bestim- mung (die serielle Form), 224.

Unbrauchbarkeit des unendlich Kleinen in der Differentialrechnung,

226. - Differentielles und Problematisches, 230. - Theorie der Probleme:

INHALTSVERZEICHNIS

Idee und Mannigfaltigkeit, 233. - Die Strukturen: ihre Kriterien, die Ideentypen, 235. - Verfahren der Vize-Diktion: das Singulare und das Reguläre, das Ausgezeichnete und das Gewöhnliche, 241.

Die Idee und die differentielle Theorie der Vermögen, 243. - Die Impera- tive und das Spiel, 247. - Problem und Frage, 250.

Die Idee und die Wiederholung,

zeichnete und das Gewöhnliche, 255. - Die Illusion des Negativen, 256. -

254.

258.

- Die Wiederholung, das Ausge- -

Genese

des

Negativen,

261.

Differenz,

Negation

und

Gegensatz,

Idee

do

und

‘)

Virtualität,

264.

-

Die

Realität

und

des

Virtuellen:

die

ens

omni

mo-

- des Objekts, 266. - Die beiden Aspekte jeder Hälfte, 267. - Die Unter- scheidung des Virtuellen vom Möglichen, 267. - Das differentielle

Unbewußte; das Deutlich-Dunkle, 269.

265.

Differentiation

Differenzierung;

beiden

Hälften

Die Differenzierung als Aktualisierungsprozeß der Idee, 271.

-

Die

Dynamiken

oder

Dramen,

273. -

Universalität

der

Dramatisierung,

276.

-

Der

komplexe

Begriff

der

Differentiation/zierung,

278.

FÜNFTES KAPITEL: ASYMMETRISCHE SYNTHESE

DES

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.281

Die Differenz und das Verschiedene, 281.

 

-

Differenz und Identität, 282.

Die

Tilgung

der

Differenz,

283.

-

Gesunder

Menschenverstand

und

Gemeinsinn,

284.

-

Die

Differenz

und

das

Paradox,

287.

 

Intensität,

Qualität,

Extension:

die

Illusion

der

Tilgung,

289.

-

Die

Tiefe

oder spatium, 291.

Erstes Merkmal der Intensität: das Ungleiche an sich, 294. - Rolle des Ungleichen in der Zahl, 295. - Zweites Merkmal: Bejahung der Diffe- -

renz, 296.

Die Illusion des Negativen, 297. -

Merkmal:

30

1.

die

in

Implikation,

der

ewigen

305.

300.

Das Sein des Sinnlichen, -

und

299. -

graduelle

Drittes

Wesensdifferenz

ist

weder

Differenz,

Die

- Die Energie und die ewige Wiederkunft,

qualitativ

304.

- noch extensiv, sondern intensiv,

Wiederholung

Wiederkunft

Intensität und Differential, 308. - Rolle der Individuation in der Aktuali- sierung der Idee, 310. - Individuation und Differenzierung, 311. - Die Individuation ist intensiv, 3 12.

10

DIFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

Individuelle

tion” ,

Evolution der Systeme, 320. rende Faktoren, Ego und Ich,

,,Implikation“,

Differenz

und

individuierende

17.

Differenz,

3

15.

-

,,Perplika-

,,Explikation“,

3

- Die Umhüllungszentren,

322. - Natur und Funktion des Anderen in

321. - Individuie-

den psychischen Systemen, 326.

SCHLUSS:

DIFFERENZ

UND WIEDERHOLUNG

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329

Kritik der Repräsentation, 329. - Unbrauchbarkeit der Alternative end-

lich/unendlich, 330. - Identität,

Ähnlichkeit,

Gegensatz

und

Analogie:

wie sie die Differenz entstellen (die vier Illusionen), 333. - Wie sie aber auch die Wiederholung entstellen, 337.

Der

Grund

als

ratio:

seine

drei

Bedeutungen,

340.

-

Vom

Grund

zum

Ungrund,

342. -

Unpersönliche

Individuationen

und

präindividuelle

Sin-

gularitäten,

345.

Das Trugbild, 346. - Theorie der Ideen und der Probleme, 348. - Der Andere, 350. - Die beiden Typen des Spiels: ihre Merkmale, 351. - Kritik der Kategorien, 354.

 

Die

Wiederholung,

das

Identische

und

das

Negative,

355.

-

Die

beiden

Wiederholungen,

357.

- Pathologie

und

Kunst,

Stereotypie

und

Refrain:

die Kunst als Raum der Koexistenz aller Wiederholungen, 360. - Einer dritten, ontologischen Wiederholung entgegen, 362.

Die

- der dritten: die ewige Wiederkunft und Nietzsche (die Trugbilder), 368.

Was nicht wiederkehrt,

Die

Form

der

Zeit

und

die

369.

drei

Wiederholungen,

drei

365.

Selektive

des

Selben:

Kraft

-

die

Bedeutungen

Ontologie,

die

Illusion

und

der

Irrtum,

372.

-

Analogie

des

Seins

und

-

Repräsentation, Univozität des Seins und Wiederholung, 3 75.

BIBLIOGRAPHIE

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379

PERSONENREGISTER .

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395

SACHREGISTER

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399

KONKORDANZ .

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406

VORWORT

Die Schwächen eines Buchs sind oft der Ausgleich für leere Intentionen, die sich nicht verwirklichen ließen. In diesem Sinne zeugt eine Absichtserklärung von einer echten Bescheidenheit hinsichtlich des idealen Buchs. Oft wird gesagt, Vorreden dürften nur zum Schluß gelesen werden Umgekehrt muß

der Sch luß jeweils zu Begi nn gelesen werden; dies trifft auf unser Buch zu, in

dem der Schluß

Das hier verhandelte Thema liegt ganz offenbar im Geist der Zeit. Die Zeichen dafür lassen sich festhalten: die immer schärfere Ausrichtung Hei- deggers auf eine Philosophie der ontologischen Differenz; die Anwendung strukturalistischer Verfahren, die auf einer Verteilung differentieller Merk- male in einem Raum von Koexistenz beruhen; die Kunst des zeitgenössi- schen Romans, der um Differenz und Wiederholung kreist, und zwar nicht nur in seiner abstraktesten Reflexion, sondern auch in seinen handgreifli- chen Techniken; die in allen möglichen Gebieten vollzogene Entdeckung einer Macht, die der Wiederholung eignet und ebensogut dem Unbewuß- ten, der Sprache, der Kunst zukäme. All diese Zeichen können einem verallgemeinerten Antihegelianismus zugeschlagen werden: Die Differenz und die Wiederholung sind an die Stelle des Identischen und des Negati-

die Lektüre des Rests erübrigen könnte.

ven,

der

Identität

und

des

Widerspruchs

getreten.*

Denn

nur

in

dem

Maße,

wie

man

die

Differenz

weiterhin

dem

Identischen

unterordnet,

impliziert

sie

das

Negative

und

‘laßt

sich

bis

zum

Widerspruch

treiben.

Der

Vorrang

der

Identität, wie immer sie

auch

gefaßt

sein

mag,

definiert

die

Welt

der

Repräsentation. Das moderne Denken aber entspringt dem Scheitern der Repräsentation wie dem Verlust der Identitäten und der Entdeckung all der Kräfte, die unter der Repräsentation des Identischen wirken. Die moderne Welt ist die der Trugbilder [simulacres]. Hier überlebt der Mensch nicht Gott, überlebt die Identität des Subjekts nicht die der Sub- stanz. Alle Identitäten sind nur simuliert und wie ein optischer ,,Effekt“ durch ein tieferliegendes Spiel erzeugt, durch das Spiel von Differenz und

Wiederholung.

Wir

wollen

die

Differenz

an

sich

selbst

und

den

Bezug

des

.

Differenten

zum

Differenten

denken,

unabhängig

von

den

Formen

der

12

D IFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

Repräsentation,

durch

die

sie

auf

das

Selbe

zurückgeführt

und

durch

das

Negative

Unser modernes Leben ist so beschaffen, daß wir ihm angesichts von vollendet mechanischen und stereotypen Wiederholungen in uns und außerhalb unaufhörlich kleine Differenzen, Varianten und Modifikationen abringen. Umgekehrt stellen geheime, verkleidete und verborgene Wiederholungen, her- vorgerufen durch die fortwährende Verschiebung einer Differenz, in uns und außerhalb wiederum nackte, mechanische und stereotype Wiederholungen her. Im Trugbild beruht die Wiederholung bereits auf Wiederholungen,

getrieben

werden.

beruht

die

Differenz

bereits

auf

Differenzen.

Es

wiederholen

sich

die

Wieder-

holungen,

es

differenziert

sich

das

Differenzierende.

Das

Geschäft

des

Lebens

besteht darin, alle Wiederholungen in einem Raum koexistieren zu lassen, in dem sich die Differenz verteilt. Am Ursprung dieses Buchs stehen zwei Unter-

suchungsrichtungen:

Die

eine

betrifft

einen

Begriff

negationsloser

Differenz,

gerade

weil

die

Differenz,

insofern

sie

nicht

dem

Identischen

untergeordnet

ist,

nicht

bis

zum

Gegensatz

und

zum

Widerspruch

reichen

würde

oder

,,dürfte“; die andere betrifft einen Begriff von Wiederholung der Art, wie etwa

die

physischen,

mechanischen

oder

nackten

Wiederholungen

(Wiederholung

des

Selben)

ihren

Grund

in

den

tieferliegenden

Strukturen

einer

verborgenen

Wiederholung

verschiebt.

verschränkt, weil sich

finden

würden,

in

der

sich

ein ,,Differentielles“

haben

sich

von

verkleidet

und

miteinander

Diese

beiden

Untersuchungen

selbst

und

diese

Begriffe einer reinen Differenz

einer komple-

xen

Wiederholung

unter

allen

Umständen

zu

vereinigen

und

zu

verschmelzen

schienen.

mit einer Verschiebung und einer Verkleidung in der Wiederholung verbun- den. Es ist durchaus gefährlich, sich auf reine, vom Identischen befreite und vom

Negativen losgelöste Differenzen zu berufen. Die größte Gefahr besteht darin, den Vorstellungen [représentations} der schönen Seele zu verfallen: nichts als Differenzen, miteinander vereinbar und versöhnbar, fernab von blutigen Kämpfen. Die schöne Seele sagt: Wir unterscheiden uns voneinander, sind

einander aber nicht entgegengesetzt

und

Die

permanente

Divergenz

Dezentrierung

der

Differenz

ist

eng

Und auch der Begriff des Problems,

den

wir

mit

dem

der

Differenz

verknüpft

sehen

werden,

scheint

die

Gemüts-

lage

der

schönen

Seele

zu

nähren: Es

zählen

einzig

die

Probleme

und

Fra-

gen

Wenn

jedoch

die

Probleme

den

ihnen

eigenen

Grad

an

Positivität

erreichen und wenn die Differenz zum Gegenstand einer entsprechenden

Bejahung

wird, so setzen sie, wie wir glauben, eine Aggressions- und Selek-

tionsmacht frei, die die schöne Seele zerstört, indem sie diese ihrer Identität selbst beraubt und ihren guten Willen bricht. Das Problematische und das Differentielle bewirken Kämpfe oder Zerstörungen, denen gegenüber die des Negativen nur Schein sind und die frommen Wünsche der schönen Seele

ebensoviele im Schein befangene Mystifikationen. Das Trugbild ist nicht etwa ein Abbild, reißt vielmehr alle Abbilder nieder, indem es auch die Urbilder stürzt: Jeder Gedanke wird zur Aggression.

VORWORT

13

Ein philosophisches Buch muß einesteils eine ganz besondere Sorte von

Kriminalroman sein, anderenteils eine Art science fiction. Mit Kriminalroman meinen wir, daß sich die Begriffe mit einem gewissen Aktionsradius einschal- ten müssen, um einen lokalen Sachverhalt zu lösen. Sie verändern sich selbst

mit

werden,

keit” einwirken. Sie müssen untereinander kohärent sein, aber diese Kohärenz

darf ihnen nicht entspringen. Sie müssen ihre Kohärenz anderswoher be- ziehen.

Dies

Reaktion gegen die Begriffe oder ein bloßer Appell an die gelebte Erfahrung. Er bewerkstelligt vielmehr die verrücktesten Begriffsschöpfungen, die man je gesehen oder gehört hat. Der Empirismus ist der Mystizismus des Begriffs, sein Mathematismus. Aber er behandelt den Begriff eben als Gegenstand einer Begegnung, als ein Hier-und-Jetzt, oder eher noch als ein Erewhon, aus dem in unerschöpflicher Folge die immer neuen und anders verteilten ,,Hier“ und 77 Jetzt“ ausfließen. Nur der Empirist kann sagen: Die Begriffe sind die Dinge selbst, aber in einem freien und wilden Zustand, jenseits der ,,anthropologi- schen Prädikate“. Ich verfertige, erneuere und zerlege meine Begriffe ausge- hend von einem schwankenden Horizont, von einem stets dezentrierten Zen- trum und einer immer verschobenen Peripherie, die sie wiederholt und diffe- renziert. Es gehört zu den Merkmalen moderner Philosophie, daß sie die

Alternativen zeitlich/zeitlos, läßt. Im Gefolge Nietzsches

reicht als Zeit und Ewigkeit: Die Philosophie ist weder Philosophie der Ge-

schichte noch Philosophie des Ewigen, sondern unzeitgemäß, immer und

einzig unzeitgemäß, und das heißt, ,,gegen die Zeit

entdecken wir, daß das Unzeitgemäße tiefer

den

Problemen.

in

Sie

besitzen

Einflußsphären,

und

mittels

auf

die

einer

sie,

wie

wir

sehen

Verbindung

mit ,,Dramen”

gewissen

,,Grausam-

ist das Geheimnis des Empirismus. Der Empirismus ist keineswegs eine

Geheimnis des Empirismus. Der Empirismus ist keineswegs eine historisch/ewig, besonders/allgemein hinter sich .] und

historisch/ewig,

besonders/allgemein

hinter sich

.] und hoffentlich

zugunsten einer kommenden Zeit“ gewendet. Im Gefolge Samuel Butlers entdecken wir das Erewhon, das zugleich das ursprüngliche ,,Nirgendwo“ wie das verschobene, verkleidete, veränderte und immer neu erschaffene ,,Hier- und-Jetzt“ bedeutet. Weder empirische Besonderheiten noch abstraktes Uni- versales: Cogito für ein aufgelöstes Ich. Wir glauben an eine Welt, in der die Individuationen unpersönlich und die Singularitäten präindividuell sind: die Herrlichkeit des ,,MAN“. Daher der Aspekt von science fiction, der sich notwendig von jenem Erewhon ableitet. Was dieses Buch hätte vergegenwärti- gen sollen, ist also das Nahen einer Kohärenz, die der unseren, der des Menschen, ebensowenig entspricht wie derjenigen Gottes oder der Welt. In diesem Sinne hätte dies ein apokalyptisches Buch sein sollen (die dritte Zeit in

der

Science fiction auch in einem anderen Sinn, in dem die Schwächen hervortre- ten, Wie läßt sich anders schreiben als darüber, worüber man nicht oder nur ungenügend Bescheid weiß? Gerade darüber glaubt man unbedingt etwas zu sagen zu haben. Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eigenen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwis-

Posten seines eigenen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwis- Reihe der

Reihe der Zeit).

14

D IFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

sen trennt und das eine ins andere übergehen läßt. Nur auf diese Weise wird

man

zum

Schreiben

getrieben.

Behebt

man

die

Unwissenheit,

so

verschiebt

man

das

Schreiben

auf

morgen

oder

macht

es

vielmehr

unmöglich.

Vielleicht

existiert

hier

eine

noch

bedrohlichere

Beziehung

als

diejenige,

die

das

Schrei-

ben, wie man sagt, zum Tod, zum Schweigen unterhält. Wir haben also über science auf eine Weise gesprochen, von der wir - leider - doch ahnen, daß sie nicht wissenschaftlich war. Die Zeit naht, in der es kaum mehr möglich sein wird, ein philosophisches Buch so zu schreiben, wie man es über so lange Zeit hinweg getan hat: ,,Ach

ja! der alte Stil

.“ Die Suche nach neuen philosophischen Ausdrucksmitteln

wurde von Nietzsche eingeleitet und muß heute entsprechend den Neuerun- gen in manchen anderen Künsten, im Theater oder im Film etwa, fortgesetzt werden. In dieser Hinsicht können wir von nun an die Frage nach der Ver- wendung der Philosophiegeschichte stellen. Die Philosophiegeschichte muß, wie uns scheint, eine ganz ähnliche Rolle wie die Collage in einem Gemälde

übernehmen.

Die

Geschichte

der

Philosophie

ist

die

Reproduktion

der

Philo-

sophie

selber.

Die

Nacherzählung

sollte

in

der

Philosophiegeschichte

als

eine

regelrechte

Kopie

wirken

und

die

der

Kopie

entsprechende

maximale

Modifi-

kation enthalten. (Man stelle sich einen Hegel mit -philosophisch

tem Bart, einen philosophisch

bärtige Mona Lisa). Man sollte dahin gelangen, ein wirkliches Buch der ver-

gangenen Philosophie so zu erzählen, als ob es ein imaginäres und fingiertes

Buch

närer Bücher aus. Aber er geht noch weiter, wenn er ein wirkliches Buch, den Don Quixote etwa, als imaginäres Buch behandelt, das selber von einem imaginären Autor wiedergegeben wird, von Pierre Menard, den er seinerseits wiederum für wirklich hält. Die exakteste, die strengste Wiederholung korre- liert dann mit dem Maximum an Differenz (,,Die Texte von Cervantes und Menard sind im Wortlaut identisch, der letztere aber ist auf nahezu unermeß-

.“ ). Die Nacherzählungen der Philosophiegeschichte

müssen eine Art Zeitlupe, Erstarrung oder Stillstand des Textes darstellen:

liche Weise reicher

- aufgemal-

kahlrasierten Marx vor, ganz wie eine schnurr-

sich Borges durch die Nacherzählung imagi-

wäre.

Bekanntlich

zeichnet

nicht nur des Textes, auf den sie sich beziehen, sondern auch des Textes, in den sie sich einfügen. So daß sie eine Doppelexistenz führen und einem doppelten Ideal der wechselseitigen Wiederholung des alten und des gegenwärtigen Tex-

tes

bisweilen

nahezukommen. 1

entsprechen.

1

Aus

diesem

Grund

mußten

wir

in

unseren

eigenen

Text

Anmerkungen

einbinden,

um

dieser

doppelten

Existenz

historische

EINLEITUNG

WIEDERHOLUNG

UND

 

DIFFERENZ

 

Die

Wiederholung

ist

nicht

die

Allgemeinheit.

Die

Wiederholung

muß

von

der

Allgemeinheit

in

mehrfacher

Hinsicht

unterschieden

werden.

Jede

Formel,

die

ihre

Verwechslung

nahelegt,

ist

fatal:

Etwa

wenn

wir

sagen , zwei Dinge

ähneln

einander

wie

ein

Ei

dem

anderen;

oder

wenn

wir

den Satz

,,es gibt

Wissenschaft nur vom Allgemeinen“

mit:

,,es

gibt

Wissenschaft

nur von dem, was sich wiederholt”.

gleichsetzen Es besteht ei n

wesentlicher

Unterschied

zwischen

der

Wiederholung

und

jeder

noch

so

großen

Ähnlichkeit.

 

Die

Allgemeinheit

macht

zwei

große

Ordnungen

geltend,

die

qualitative

Ord-

nung der Ähnlichkeiten und die quantitative Ordnung der Äquivalenzen. Zyklen und Gleichheiten sind deren Symbole. In jedem Fall aber bringt die Allgemeinheit einen Gesichtspunkt zum Ausdruck, demgemäß ein Term gegen einen anderen ausgetauscht oder durch einen anderen Term ersetzt werden kann. Tausch oder Ersetzung von Besonderem definiert ein Verhalten, mit dem wir der Allgemeinheit entsprechen. Darum haben die Empiristen nicht unrecht, wenn sie die allgemeine Idee als eine an sich selbst besondere darstellen, wenn man nur zugleich glaubt, sie könne durch jede andere beson- dere Idee ersetzt werden, die ihr in bezug auf ein Wort ähnelt. Demgegenüber erkennen wir genau, daß die Wiederholung eine notwendige und begründete Verhaltensweise nur im Verhältnis zum Unersetzbaren ergibt. Als Verhaltens- weise und als Gesichtspunkt betrifft die Wiederholung eine untauschbare, unersetzbare Singularität. Die Spiegelungen, Echos, Doppelgänger, Seelen gehören nicht zum Bereich der Ähnlichkeit oder der Äquivalenz; und SO wenig echte Zwillinge einander ersetzen können, so wenig kann man seine Seele tauschen Ist der Tausch das Kriterium der Allgemeinheit, SO sind Dieb- stahl und Gabe Kriterien der Wiederholung. Zwischen beiden besteht also eine ökonomische Differenz. Wiederholen heißt sich verhalten, allerdings im Verhältnis zu etwas Einzigarti- gem oder Singulärem das mit nichts anderem ähnlich oder äquivalent ist. Und vielleicht ist diese Wiederholung als äußeres Verhalten ihrerseits Widerhall

16

DIFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

eines

Singulären,

offen

ein drittes Mal dem ersten hinzufügen, sondern das erste

Potenz erheben. Mit diesem Bezug zur Potenz verkehrt sich die Wiederho- lung, indem sie sich nach innen stülpt; es ist, wie Péguy sagt, nicht die Feier des 14. Juli, die den Sturm auf die Bastille erinnert oder repräsentiert, vielmehr ist es der Sturm auf die Bastille, der im voraus alle Jahrestage feiert und wiederholt; oder es ist die erste Seerose Monets, die alle weiteren wiederholt’. Man stellt also die Allgemeinheit als Allgemeinheit des Besonderen der Wiederholung als Universalität des Singulären gegenüber. Man wiederholt ein Kunstwerk als begrifflose Singularität, und nicht zufällig muß ein Gedicht

im

noch

zutage:

heimlicheren

das

sie

Bebens,

In

einer

der

inneren

und

tieferen

gerade

Nicht

Wiederholung

dieses

ein

beseelt.

Gedenkfeier

liegt

Paradox

und

ein ,, Unwiederbringliches

wiederholen.

zweites

Mal zur ,,n-ten“

Unwiederbringliches wiederholen. zweites Mal zur ,,n-ten“ auswendig [par cetir-/ gelernt werden. Der Kopf ist das

auswendig [par cetir-/ gelernt werden. Der Kopf ist das Organ der Tauschakte, das Herz [ceur] aber das in die Wiederholung verliebte Organ. (Freilich betrifft die Wiederholung auch den Kopf, aber nur als dessen Schrecken oder

Paradox.)

Mit

vollem

Recht

unterschied

Pius

Servien

zwei

Sprachen:

die

Sprache

der

Wissenschaft,

vom

Gleichheitszeichen

beherrscht,

in

der

jeder

Term durch andere ersetzt werden kann; und die lyrische Sprache, in der jeder Term unersetzbar ist und nur wiederholt werden kann2. Die Wiederholung läßt sich stets als eine äußerste Ähnlichkeit oder eine vollendete Äquivalenz

,,repräsentieren“.

Aber die Tatsache, daß man in winzigen Schritten von einer

Sache zur anderen gelangt, verschlägt nicht, daß eine Wesensdifferenz zwi- schen beiden besteht. Zudem gehört die Allgemeinheit zur Ordnung der Gesetze. Aber das Gesetz bestimmt nur die Ähnlichkeit der ihm unterworfenen Subjekte und deren Äquivalenz mit Termen, die es bezeichnet. Weit davon entfernt, die Wieder- holung zu begründen, zeigt das Gesetz vielmehr, auf welche Weise die Wiederholung für reine Gesetzessubjekte - die Besonderen - unmöglich

bliebe. Es verurteilt sie zum Wandel. Als leere Form der Differenz, als invaria- ble Form der Variation nötigt das Gesetz seine Subjekte dazu, das Gesetz nur um den Preis ihrer eigenen Veränderungen zu illustrieren. Zweifellos enthalten die vom Gesetz bezeichneten Terme Konstanten ebenso wie Variablen; und in der Natur Beharrlichkeit und Perseverationen ebenso wie Ströme und Varia- tionen. Aber eine Perseveration ergibt genausowenig eine Wiederholung. Die Konstanten eines Gesetzes sind ihrerseits die Variablen eines noch allgemei- neren Gesetzes, ähnlich wie die härtesten Felsen im geologischen Maß einer

Jahrmillion

weiche

und

flüssige

Stoffe

werden.

Und

auf

jeder

Ebene

sind

es

große

und

beharrliche

Objekte

in

der

Natur,

vor

denen

ein

Gesetzessubjekt

seine

eigene

Unfähigkeit

zur

Wiederholung

erfährt

und

entdeckt,

daß

diese

Unfähigkeit bereits im Objekt enthalten, im beharrlichen Objekt reflektiert

I Vgl.

Charles

Péguy:

Clio,

Paris (1917)

1931, S.

45 u.114.

2 Pius Servien: Principes d’esthétique, Paris 1935, S. 3-5; Science et poésie, Paris 1947,

EINLEITUNG

17

ist, in dem es seine Verurteilung liest. Das Gesetz vereinigt den Wechsel des

von

Watteau : ,,Er hatte das Flüchtigste dorthin gebannt, wo unser Blick dem Daurerhaftesten, dem Raum und den großen Wäldern, begegnet.” Dies ist die Methode des 18. Jahrhunderts. In LU Noudk ffdo%e hatte Wolmar daraus

ein

besonderen

Geschöpfe zu verurteilen scheint, wurde im Verhältnis zu feststehenden Ter- men erfaßt (die zweifellos selbst wiederum variabel im Verhältnis zu anderen Beharrlichkeiten, in Abhängigkeit von anderen, noch allgemeineren Gesetzen sind). Und dies ist der Sinn der Baumgruppe, der Grotte, des ,,heiligen” Gegenstands. Saint-Preux erfährt, daß er nicht wiederholen kann, nicht nur aufgrund seiner und Julies Veränderungen, sondern aufgrund der großen Beharrlichkeiten der Natur, die einen symbolischen Wert gewinnen und ihn nichtsdestoweniger von einer echten Wiederholung ausschließen. Wenn die Wiederholung möglich ist, so entspricht sie eher dem Wunder als dem Gesetz. Sie steht gegen das Gesetz: gegen die ähnliche Form und den äquivalenten Gehalt des Gesetzes. Wenn die Wiederholung selbst in der Natur noch vorge- funden werden kann, so im Namen einer Macht, die sich gegen das Gesetz manifestiert und unter, vielleicht auch über den Gesetzen wirksam ist. Und wenn die Wiederholung existiert, so drückt sie jeweils eine Singularität gegen

das Allgemeine aus, eine Universalität gegen das Besondere, ein Ausgezeichne- tes gegen das Gewöhnliche, eine Augenblicklichkeit gegen die Variation, eine Ewigkeit gegen die Beharrlichkeit. Die Wiederholung ist in jeder Hinsicht Überschreitung. Sie stellt das Gesetz in Frage, sie denunziert dessen nomina-

fließenden

Wassers

mit

der

Beharrlichkeit

des

Flusses.

Elie

Faure

sagt

Wassers mit der Beharrlichkeit des Flusses. Elie Faure sagt System gemacht: Die Unmöglichkeit der

System

gemacht:

Die

Unmöglichkeit

der

Wiederholung,

der

Verfassung,

zu

der

das

Gesetz

der

Natur

alle

g , zu der das Gesetz der Natur alle Wandel als a l l g e

Wandel

als

allgemeine

len

Wirklichkeit.

Dennoch erscheint es schwierig, aus der Perspektive des wissenschaftlichen Experiments selber jeden Bezug der Wiederholung zum Gesetz zu leugnen. Wir müssen allerdings danach fragen, unter welchen Bedingungen das Experi- ment eine Wiederholung, garantiere. Die Naturphänomene geschehen unter freiem Himmel und lassen in weitläufigen Zyklen von Ähnlichkeit alle mögli- chen Schlußfolgerungen zu: In diesem Sinne reagiert alles mit allem, ähnelt alles allem (die Ähnlichkeit des Verschiedenen mit sich). Das Experiment entwirft aber relativ geschlossene Milieus, in denen wir ein Phänomen in Abhängigkeit von einer kleinen Anzahl ausgewählter Faktoren definieren (zumindest zweier Faktoren, des Raumes und der Zeit etwa, um die Bewegung

tieferen und künstlerischeren

oder

allgemeinen

Charakter

zugunsten

einer

eines

Körpers

allgemein

im

Vakuum

zu

bestimmen).

Es

besteht

folglich

kein

Grund, nach der Anwendung

der

Mathematik

in

der

Physik

zu

fragen:

Die

Physik ist unmittelbar mathematisch, da die berücksichtigten Faktoren oder geschlossenen Milieus ebensogut geometrische Koordinatensysteme konsti- tuieren. Unter diesen Bedingungen erscheint ein Phänomen notwendig gleich- gesetzt mit einer bestimmten quantitativen Relation zwischen ausgewählten Faktoren. Es handelt sich also beim Experiment darum, eine Ordnung von

18

D IFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

Allgemeinheit

durch

eine

andere

zu

ersetzen:

eine

Ordnung

von

Ähnlichkeit

durch

eine

Ordnung

von

Gleichheit.

Man

zerlegt

die

Ähnlichkeiten,

um

eine

Gleichheit

zu

entdecken,

die

es

erlaubt,

ein

Phänomen

unter

den

besonderen

Bedingungen des Experiments zu identifizieren. Die Wiederholung erscheint hier nur im Übergang von einer allgemeinen Ordnung zur anderen und tritt

nur zugunsten und gelegentlich dieses Übergangs zutage. Alles geschieht so, als ob die Wiederholung für einen Augenblick zwischen und unter zwei Allgemeinheiten hervorstechen würde. Aber auch hier läuft man Gefahr, eine Wesensdifferenz für eine bloß graduelle zu halten. Denn die Allgemeinheit

repräsentiert

und

bedingt

nur

eine

hypothetische

Wiederholung:

Wenn die

gleichen

Um stände gegeben sind, dann

Diese Formel meint: Bei

ähnlichen

Totalitäten wird man immer identische Faktoren erhalten und auswählen können, die das Gleichsein des Phänomens repräsentieren. Damit aber unter- schlägt man, wodurch die Wiederholung gebildet wird , ebens o das Kategori-

sche daran und das, was sich in der Wiederholung von Rechts wegen Geltung verschafft (nämlich ,,n“ Mal als Potenz eines einzigen Mals, ohne daß man ein zweites, ein drittes Mal durchlaufen müßte). Die Wiederholung verweist in

ihrem Wesen auf eine einzigartige

Macht3,

deren Natur von der Allgemeinheit

abweicht,

selbst

wenn

sie,

um

zur

Erscheinung

zu

gelangen,

vom

künstlichen

Übergang

von

einer

allgemeinen

Ordnung

zur

anderen

profitiert.

 

Der

,,stoische“

Irrtum

besteht

darin,

die

Wiederholung

vom

Naturgesetz

zu

erwarten.

Der

weise

Mann

muß

sich

in

einen

tugendhaften

verwandeln;

der

Traum, ein Gesetz zu finden, das die Wiederholung ermöglichte, wird auf das Sittengesetz übertragen. Immer muß im täglichen Leben eine Aufgabe wieder begonnen, eine Anhänglichkeit erneuert werden, in einem Leben, das mit der

wiederholten

sagen: ,,Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen

drüber

kriechen und einen Fuß immer so vor den anderen zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so machen werden, und daß wir noch obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so daß alles doppelt geschieht - das ist sehr traurig.“ Wozu aber diente

das

ermöglichte, um uns eine gesetzgebende Gewalt zu verleihen, von der uns das

Naturgesetz ausschließt? Es kommt vor, daß der Moralist die Kategorien des Guten und des Bösen folgendermaßen darstellt: Immer wenn wir die Wieder- holung der Natur nach anstreben, und zwar als Naturwesen (die Wiederho- lung einer Lust, eines Vergangenen, einer Leidenschaft), stürzen wir uns in

Bejahung

ziehen

und

der

des

Pflicht

Abends

verschmilzt.

ins

Bett

Büchner

und

morgens

läßt

seinen

Danton

zu

zu

wieder

heraus

Sittengesetz,

wenn

es

nicht

die

Reiteration

heiligte

und

sie

vor

allem

eine

teuflische

und

schon

fluchbeladene

Versuchung,

die

nur

in

Verzweiflung

oder

Langeweile

münden

kann.

Das

Gute

dagegen

würde

uns

die

Möglichkeit

3

Frz.

puissance, d.

h.

Potenz,

Macht,

Fähigkeit,

im

Sinne

von

lat. potentia

[A.d.Ü.].

EINLEITUNG

19

der Wiederholung, Erfolg und Geistigkeit der Wiederholung verschaffen, weil cs von einem Gesetz abhinge, das nicht mehr dem Naturgesetz, sondern dem der Pflicht entspräche und dem wir, als sittliche Wesen, nur als zugleich

Gesetzgebende unterworfen wären. Und

von

Rechts wegen reproduziert werden kann, d. h. widerspruchsfrei unter der Form des Sittengesetzes wiederholt werden kann? Der Mann der Pflicht hat eine ,,Prüfung” der Wiederholung erfunden, er hat bestimmt, was vom Stand-

nunkt des Rechts aus wiederholt werden konnte. Er glaubt also, das Teuflische

und das Langweilige gleichermaßen besiegt zu haben. Und liegt hierin, in diesem Echo auf Dantons Kummer, in dieser Antwort auf jenen Kummer, nicht ein Moralismus, der bis zum erstaunlichen Sockenhalter reicht, den Kant

sich angefertigt hatte, bis zu jener Wiederholungsmaschine, die seine Biogra-

phen so präzise beschreiben, die Unveränderlichkeit seiner täglichen Spazier-

gänge etwa (ein Moralismus in dem Sinne, wie die Vernachlässigung der Toilette und der Mangel an Disziplin zu Verhaltensweisen gehören, deren Maxime nicht widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz gedacht und darum nicht Gegenstand einer rechtmäßigen Wiederholung werden kann)? Die Ambiguität des Gewissens aber besteht darin: Es kann sich selbst nur dann denken, wenn es das Sittengesetz außerhalb, oberhalb und unabhängig vom Naturgesetz ansiedelt, es kann aber die Anwendung des Sittengesetzes nur denken, wenn es in sich selbst das Bild und das Modell des Naturgesetzes wiederherstellt. So daß uns das Sittengesetz keineswegs eine echte Wiederho-

lung bietet, sondern uns noch innerhalb der Allgemeinheit festhält. Die Allge-

meinheit

zweiter Natur. Es ist müßig, sich auf die Existenz unsittlicher, schlechter

was

ist

die

höchste

die

bestimen

Prüfung,

soll,

was

wie

Kant es nennt, anderes

als

eine

Gedankenprobe,

-

-

ist

hier

nicht mehr

die

der

Natur,

sondern

der

Gewohnheit

als

Gewohnheiten

zu

berufen;

das

wesentlich

Sittliche,

das

formal

Gute

ent-

spricht

der

Form

der

Gewohnheit

oder,

wie

Bergson

sagte,

der

Gewohnheit,

Gewohnheiten anzunehmen (das Ganze der Verpflichtung). Nun stoßen wir in diesem Ganzen oder in dieser Allgemeinheit der Gewohnheit wiederum auf die beiden großen Ordnungen: die der Ähnlichkeiten, und zwar in der wech- selnden Konformität von Handlungselementen im Verhältnis zu einem vor- ausgesetzten Modell, solange die Gewohnheit nicht angenommen ist; und die der Äquivalenzen, und zwar mit der Gleichheit von Handlungselementen in verschiedenen Situationen, sobald die Gewohnheit Fuß gefaßt hat. SO daß die

Gewohnheit niemals eine echte Wiederholung bildet: Einmal verändert und vervollkommnet sich die Handlung, während die Intention konstant bleibt; das andere Mal bleibt die Handlung bei unterschiedlichen Intentionen und in verschiedenen Kontexten gleich. Auch hier erscheint die Wiederholung, sofern sie möglich ist, nur zwischen und unter diesen beiden Allgemeinheiten der

Gefahr hin, sie zu

stürzen

Vervollkommnung

und

der

Integration,

immer

auf

die

und dabei eine ganz andere Macht zu bekunden.

Die

Wiederholung

ist

nur

gegen

das

Sittengesetz

wie

gegen

das

Naturgesetz

möglich.

Bekanntlich

gibt

es

zwei

Arten,

das

Sittengesetz

zu

stürzen. Einer-

20

DIFFERENZ

UNDWIEDERHOLUNG

seits durch einen Wiederaufstieg in der Prinzipienreihe: Man ficht die Ord- nung des Gesetzes als sekundär, abgeleitet, entlehnt, ,,allgemein“ an; man denunziert im Gesetz ein Prinzip zweiter Hand, das eine ursprüngliche Kraft verfälscht oder eine ursprüngliche Macht usurpiert. Dagegen wird andererseits das Gesetz um so sicherer zu Fall gebracht, wenn man zu den Folgen hinab- steigt, wenn man sich ihm mit übergenauer Sorgfalt unterwirft; mit dieser Anschmiegung an das Gesetz gelingt es einer heuchlerisch unterwürfigen Seele, das Gesetz zu umgehen und in den Genuß der Lüste zu kommen, die es doch verbieten sollte. Dies zeigt sich in allen apagogischen Beweisführungen,

im minutiösen Dienst nach Vorschrift, aber auch in manchen masochistischen Verhaltensweisen voll unterwürfigen Spotts. Die erste Art, das Gesetz zu stürzen, ist ironisch, und die Ironie erscheint hier als eine Kunst der Prinzi- pien, als eine Kunst, zu den Grundsätzen hinaufzusteigen und sie zu Fall zu bringen. Die zweite Art besteht im Humor, das heißt, in einer Kunst der Folgen und Abstiege, der Schwebe und des Falls. Muß man die Tatsache, daß

die

Wiederholung

in

dieser

Schwebe

und

in

jenem

Aufstieg

auftaucht,

so

begreifen,

als

ob

sich

die

Existenz

selbst

erneuern

und

,,wiederholen“

würde,

sobald sie nicht mehr dem Zwang der Gesetze unterliegt? Die Wiederholung ist Sache des Humors und der Ironie; sie ist ihrer Natur nach Überschreitung, Ausnahme und behauptet immer eine Singularität gegen die dem Gesetz

ein Universales gegen die Allgemeinheiten, die

unterworfenen

als

Besonderheiten,

Gesetz

gelten.

die unterworfenen als Besonderheiten, Gesetz gelten. Kierkegaard und Nietzsche haben eine Kraft gemeinsam.

Kierkegaard und Nietzsche haben eine Kraft gemeinsam. (Man müßte noch Péguy hinzufügen, um das Triptychon aus Pastor, Antichrist und Katholik zu bilden. Auf seine Art machte jeder der drei die Wiederholung nicht nur zur eigentlichen Macht der Sprache und des Denkens, zu einem Pathos und einer höheren Pathologie, sondern auch zur Grundkategorie der zukünftigen Philo- sophie. Mit jedem von ihnen verbindet sich ein Testament und überdies ein Theater, ein theatralisches Konzept, und eine Hauptfigur in diesem Theater, die als Held der Wiederholung agiert: Hiob-Abraham, Dionysos-Zarathustra, Jeanne d’Arc-Clio.) Das Trennende zwischen ihnen ist beträchtlich, offen- sichtlich und weitgehend bekannt. Nichts aber wird jene ungeheure Begeg- nung im Umkreis eines Denkens der Wiederholung auslöschen: Sie stellen die Wiederholung allen Formen der Allgemeinheit gegenüber. Und sie begreifen das Wort ,,Wiederholung“ nicht metaphorisch, im Gegenteil, in gewisser Hin- sicht begreifen sie es buchstäblich und lassen es in den Stil eindringen. Man kann, man muß zunächst die wichtigsten Aussagen aufzählen, die die Über- einstimmung zwischen ihnen kennzeichnen:

1. Aus der Wiederholung selbst etwas Neues machen; sie an eine Prüfung, an eine Selektion, an eine selektive Prüfung knüpfen; und sie als höchsten Gegen-

21

EINLEITUNG

stand des Willens und der Freiheit darstellen. Kierkegaard präzisiert: der

Wiederholung

Denn

nur

die

nicht

etwas

Betrachtung,

Neues

abgewinnen,

nichts

Neues

entlocken.

der

von

außen

betrachtende

Geist

,,entlockt“.

Demgegenüber

geht

es

hier

um

das

Handeln,

geht

es

darum,

aus

der

Wiederholung

als

solcher

eine

Neuheit

zu

machen,

d.h.

eine

Freiheit

und

eine* Aufgabe der Freiheit. Und Nietzsche: den Willen von allen Fesseln befreien, indem die Wiederholung gerade zum Gegenstand des Wollens gemacht wird. Zweifellos ist bereits die Wiederholung die Fessel; aber wenn man an der Wiederholung stirbt, so ist es doch wiederum sie, die rettet und heilt und zunächst von der anderen Wiederholung heilt. In der Wiederho-

lung

und Heil, das ganze theatralische Spiel von Tod und Leben, das ganze posi-

tive Spiel von Krankheit und Gesundheit (vgl. Zarathustra, der an ein und derselben Macht erkrankt und genest, an der Macht der Wiederholung in der ewigen Wiederkehr).

2. Folglich die Wiederholung den Gesetzen der Natur gegenüberstellen. Kier- kegaard erklärt, daß er gar nicht einmal von der Wiederholung in der Natur spreche, von Zyklen und Jahreszeiten, von Austausch und Gleichheiten. Viel- mehr: Wenn die Wiederholung das Innerste des Willens betrifft, so deshalb,

weil

dem Naturgesetz ist die Wiederholung unmöglich. Darum verurteilt Kierke-

vollzieht

sich

also

zugleich

das

ganze

mystische

Spiel

von

Verderben

sich dem Naturgesetz zufolge alles um den Willen herum ändert.

Gemäß

gaard

.

die

sondern

unter

dem

Wiederholung

auch

der

Namen

ästhetische

der

Naturgesetze

Stoiker

tut,

wenn

Wiederholung

jede

Anstrengung,

die

auf

abzielt,

er

sich

wie

mit

es

nicht

nur

der

Epikureer,

Prinzip

dem

gesetzgebenden

identifiziert. Man wird einwenden, bei Nietzsche sei die Lage nicht so klar. Dennoch sind Nietzsches Erklärungen nachdrücklich. Wenn er die Wiederho- lung in der Physis selbst entdeckt, so deshalb, weil er in der Physis auf etwas stößt, das über der Herrschaft der Gesetze steht: einen sich selbst über alle

Veränderungen hinweg wollenden Willen, eine gegen das Gesetz gerichtete Macht, einen Erdinnenraum der sich den Gesetzen der Oberfläche widersetzt. Nietzsche stellt ,,seine“ Hypothese der zyklischen Hypothese gegenüber. Er begreift die Wiederholung in der ewigen Wiederkunft als Sein, stellt aber dieses Sein jeder gesetzmäßigen Form, dem Ähnlichsein ebenso wie dem Gleichsein gegenüber Und wie könnte der Denker, der die Kritik am Begriff des Gesetzes am weitesten vorangetrieben hat, die ewige Wiederkunft als Gesetz der Natur wiedereinführen? Und wie könnte er, als Kenner der Grie- chen, sein eigenes Denken mit gutem Grund für gewaltig und neu halten, wenn er sich damit begnügte, jene naturwüchsige Platitüde, jene seit der Antike altbekannte All gemeinheit der Natur zu formulieren? In zwei Ansät-

zen korrigiert Zarathustra die falschen Interpretationen der ewigen Wieder-

.] mache dir

kunft: im Zorn, gegen seinen Dämon

(,,DU Geist der Schwere

es nicht zu leicht!“); und mit Milde gegenüber seinen Tieren (,,O ihr

Schalks-

narren und Drehorgeln!

Leier-Lied ist die ewige Wiederkunft als Zyklus oder Kreislauf, als Ähn-

.] ih r machtet schon eine Leier-Lied daraus?“). Das

22

DIFFERENZ

UND

W IEDERHOLUNG

lichsein und Gleichsein, kurz: als naturwüchsige tierhafte Gewißheit und sinnliches Gesetz der Natur selbst.

3. Die Wiederholung dem Sittengesetz gegenüberstellen, sie zur Suspension

der Ethik, zum Denken jenseits von Gut und Böse machen. Die Wiederho-

lung

erscheint

als

Logos

des

Einzelgängers,

des

Einzelnen,

als

Logos

des

,,privatisierenden

Denkers“.

Bei

Kierkegaard

wie

bei

Nietzsche

entwickelt

sich

der

Gegensatz

des

privatisierenden

Denkers,

des

kometenhaften

Den-

kers

und

Trägers

der

Wiederholung

zum

Professor

publicus

und

Gesetzes-

kundigen, dessen

Diskurs

zweiter

Hand

die

Vermittlung

bemüht

und

seine

moralisierende

Quelle

in

der

Allgemeinheit

der

Begriffe

findet

(vgl.

Kierke-

gaard

gegen

Hegel,

Nietzsche

gegen

Kant

und

Hegel,

und

Péguy,

in

dieser

Hinsicht,

gegen

die

Sorbonne).

Hiob

ist

der

unendliche

Protest,

Abraham

die unendliche

Resignation, aber

beide

sind

ein

und

dasselbe.

Hiob

stellt

das Gesetz ironisch in Frage, weist alle Erklärungen aus zweiter Hand zurück, entmächtigt das Allgemeine, um das Singulärste als Prinzip, als

Universales zu erlangen. Abraham unterwirft sich humoristisch dem Gesetz, findet aber gerade in dieser Unterwerfung wieder die Singularität des einzi- gen Sohns, dessen Opferung das Gesetz befahl. Die Wiederholung, wie

Kierkegaard

Protest

wird man auch in Péguys Zweiteilung finden: Jeanne d’Arc und Gervaise.) Im krassen Atheismus Nietzsches prägen Gesetzeshaß und amor fati, Aggressivität und Einverständnis das doppelte Gesicht Zarathustras, der

Aspekte

sie

versteht, ist

als

das

gemeinsame

transzendente

(Und

Korrelat

beide

von

und

Resignation

psychischer

Intentionen.

Bibel entnommen und gegen sie gewendet. In gewisser Weise wenigstens sieht man Zarathustra mit Kant rivalisieren, und zwar hinsichtlich der Prü- fung der Wiederholung im Sittengesetz. Die ewige Wiederkehr wird so for-

muliert: Du sollst, was immer du willst, so wollen, daß

du

auch

dessen

ewige Wiederkunft willst.

Es

liegt

hier

ein ,,Formalismus“

vor,

der

Kant

auf

dessen eigenem Boden zu Fall bringt, eine Prüfung, die weiter reicht, da sie -

anstatt

die

Wiederholung

auf

ein

angenommenes

Sittengesetz

zu

beziehen

-

aus

der

Wiederholung

selbst

die

einzige

Form

eines

Gesetzes

jenseits

der

Moral

zu

machen

scheint.

In

Wirklichkeit

aber

ist

dies

noch

komplizierter.

Die

Form

der

Wiederholung

in

der

ewigen

Wiederkehr

ist

die

brutale

Form

des

Unmittelbaren,

die

Form,

in

der

sich

Singuläres

und

Universales

verei-

nigen, und die jedes allgemeine Gesetz entthront, die Vermittlungen zer- schmelzen und die dem Gesetz unterworfenen Besonderen untergehen läßt. Es gibt ein Jenseits und ein Diesseits des Gesetzes, die sich in der ewigen

Wiederkehr

wie

die

schwarze

Ironie

und

der

schwarze

Humor

Zarathustras

vereinen.

4. Die Wiederholung nicht nur den Allgemeinheiten der Gewohnheit, sondern

auch den Besonderheiten des Gedächtnisses gegenüberstellen. Denn vielleicht ist es die Gewohnheit, der es gelingt, einer von außen betrachteten Wiederho-

,,abzugewinnen”. Wir handeln in der Gewohnheit nur unter

der Bedingung, daß in uns ein kleines betrachtendes Ich existiert: Dieses Ich

lung etwas Neues

23

EINLEITUNG

gewinnt das Neue, d. h. das Allgemeine, aus der Pseudo-Wiederholung der

besonderen

Fälle. Und vielleicht spürt das Gedächtnis die in die Allgemein-

heit eingeschmolzenen

Besonderen

auf. Diese

psychologischen

Bewegungen

 

.

sind nicht weiter

wichtig;

bei

Nietzsche

wie

bei

Kierkegaard

verblassen

sie

angesichts der Wiederholung, verstanden

als

doppelte

Verdammung von

Gewohnheit

und

Gedächtnis.

Damit

ist

die

Wiederholung

das

Denken

Zukunft:

Sie

tritt

der antiken Kategorie der Wiedererinnerung und

der

der

modernen Kategorie

durch