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Wo sich Worte kreuzen. 60 Gesprächsfetzen zwischen Achill und der Schildkröte –

Apophthegmata XI

Ein gewisses Schnellen in der Luft

Mörike

e in klingendes Gespenst

Goethe

in der Luft Mörike e in klingendes Gespenst Goethe 1 Erkenntnis, da hast du recht, lieber

1 Erkenntnis, da hast du recht, lieber Leonardo, beginnt bei den Sinnen. Aber du sagst

auch, dass Erkenntnis das Wissen der Gründe bedeutet. Das kann doch nur heißen, dass die Erkenntnis, die bei den Sinnendingen anfängt, die Erkenntnis dessen ist, was den Dingen vorausgeht und zu ihnen führt. Es handelt sich also a uch bei dir wieder um die Aufgabe, den Dingen abzutrotzen, was sie nicht zeigen, weil sie es nicht mehr sind. Ist jedes Ding doch die Form der Verwerfung dessen, was zu ihm geführt hat und ihm vorausgegangen ist.

2 Der Trick der Dinge besteht darin, dass in ihnen ihr Ungreifbares zum Greifen nah, ja übernah, scheint.

3 Für Leonardo verhält sich die Seele zum Körper wie der Wind zu den Orgelpfeifen. Er sah und hörte im Wind also Vokale und in den Orgelpfeifen die Konsonanten. – Das genügte ihm, um zu gla uben, dass die Seele nicht sterben kann.

4 „Augenblicke sind das Ende der Zeit.“ (Leonardo) – Wir leben folglich nur die Mo men -

te, die der Zeit ihre eiskalte Schulter zeigen. Auf der die Zeit sich selbst entgleitet.

5 Erkenntnis. - Das ist der Schrei d er Welt auf der Folterbank des Denkens (Francis Ba- con). – Wie konnte man auf die Idee kommen, eine zarte Empirie sei möglich? –

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De motu cordis . - Das freie Pulsieren der springenden Punkte . Das wäre eine treffli-

che Definition des Glücks, weil sie diskret, das ist entscheidend! - seine Unmög lichkeit konzediert und einschließt.

8 Alle Philosophie ist vor all em ein Bilderkampf. - In zweierlei Hinsicht.

9 Wenn wir uns sehr anstrengen, können wir uns die Unendlichkeit in ihrer elementaren Form als Möglichkeit denken. Das ist der einzige Weg, einen liebevollen Umgang mit dem Unendlichen zu pflegen. Das ist ganz so, wie du sagst.

10 Die Hohlformen der Sterne im Holz (eines Bauernhauses). - Ungeregelte Feuerspit-

zen.

11 Stillstanduhr. - Jene, keine andre, Standuhr, gestern in Sachrang. - Mit der originellen

und unvermuteten Aufschrift tempus fugit . Ihr war die Zeit schon längst entflohen. Denn sie war, wie wir von Uhren sagen, schon längst, ich weiß nicht wann, stehen ge - blieben . - Nie empfand ich Stillstand so, wie vor dieser Uhr.

. - Nie empfand ich Stillstand so, wie vor dieser Uhr. Bürgstein („Einsiedlerstein“) , Lausitzer Gebirge

Bürgstein („Einsiedlerstein“) , Lausitzer Gebirge

12 - Die ungestalte Vollkommenheit von Felsenkapellen.

13 Wenn der Hahn kräht, und das gibt Sicherheit, weißt du, Petrus hat dich bereits drei

Mal verraten.

14 Wenn man die Dinge mit Witz und Klarsicht betrachtet, muss man sagen, dass uns die

Hände gebunden sind – zum Geb et. Was uns zwar gar nicht g efällt - .

15 Es ist schade, dass die Menschen sich - nichts aus der Tatsache machen, dass sie

doch eigentlich Lippenblüt ler sind.

16 Wie früher die Steine auf den Dächern. Wenn kein Wind ist. Wenn ein kleiner Wind

kommt. Dann schützen sie. – Kommt der große Wind, sind sie die eigentliche Gefahr.

17 Nachteil der Trunkenheit: Das Unerträgliche wird erträglicher, weil seine Konturen

verschwimmen und verlockend werden . Vorteil der Nüchternheit: Das Unerträgliche wird noch unerträglicher, weil seine Konturen verschwinden; genauer: sich verlieren. Und jeder weiß, wie ratlos das macht, wenn man ins Leere greift.

selbst, ungebremst. Der Rhythmus greift sich, pulsierend, aus der Luft ; und überträgt sich auf die Erde. Dass die Gesellschaft die strikt Bipolaren nicht goutieren kann, das liegt an der Sache.

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pede libero pulsanda tellus“. Bipolare Störungen. – Der Rhythmus feiert sich

nunc

19 Wenn du ein Gedicht schreibst, denke dir, du würdest gezwungen, gleich sam nach

der Natur, den Engel darzustellen, der Jesus im Garten von Getsemani den Kelch des Lei- dens, den berauschenden so genannten Daumelkelch, gezeigt hat.

den berauschenden so genannten Daumelkelch , gezeigt hat. Raph a el Sadeler 20 Es ist falsch

Raph a el Sadeler

20 Es ist falsch zu sagen, zumindest übereilt, wir seien auch denkbar, nur w eil (und

wenn) wir sind.

21 Daimon. - Das Schicksal zieht deiner Erfahrung die Grenzen. Nein, das ist kein Goe -

the - Zitat. Hier zitiere ich mich selbst.

22 Warum eigentlich, mein lieber Cartesius, soll ich nicht daran zweifeln können , dass

ich zweifle? Dass ich an meinem Zweifel zweifl e, das definiert mein en Alltag; das ist

mein Alltag. Ich zweifle nämlich durchaus daran, dass ich zweifle. Und dass mein Zweifel irgendetwas bedeuten könnte. Etwa dass ich denke zu zweifeln oder sogar zu sein.

23 Es scheint mir, dass die Ordnungsschwelle, die den Menschen die Wahrnehmung von

Transzendenz ermöglicht, von unseren Vorfahren energisch abgenutzt und ausgetreten worden ist. – Dem verdanken wir unsere Defizite.

24 Apropos Ordnungsschwelle oder Fusionsschwelle etc. - : Die heutigen Zeitforscher

sollten erkennen, dass sie die menschliche Zeiterfahrung zwar unter gewissen Aspekten erfolgreich seziert, dabei aber keine Einsichten über die Zeit gewonnen haben, sondern nur über das pulsierende - Kostüm, das sich die Zeit überstreift, wenn sie uns etwas zu erkennen ge ben will. – Die Experimente, die wir mit ihr anstellen, amüsiert die Zeit in einem hohen Maße. Sie schüttel t – im Rhythmus von 30 Millisekunden, ungefähr - aber auch ihren Kopf über uns. Kann sie doch nicht verstehen, dass sich die Menschen von

ihr so leicht konditionieren lassen.

25 Leben bedeutet wiederum auch, sich selbst hinzuhalten , der Zeit zur Beute.

26 Cave elegantiam. - Heutzutage geriert sich die allgemein gewordene frigide Verlegen-

heit als Cover - Version der Eleganz, als Mixtur aus überlegener Kälte und Unsicherheit. Cool ness à la mode.

27 Aber was bedeutet hier „sich gerieren“? – Das markierte Selbstverdunsten eines Ado-

ranten in der Anbetung des Als- Ob.

28 Ein paar (gar nicht so ) verspätete, aber verspielte und unverzeihlich private Vaihin -

geriana.

(In Erinnerung an die festiven Seminare bei E rnst Bloch, in Tübingen, in der Aula der Al - ten Burse,

rnst Bloch, in Tübingen, in der Aula der Al - ten Burse, in jenem Haus, in
rnst Bloch, in Tübingen, in der Aula der Al - ten Burse, in jenem Haus, in

in jenem Haus, in dem Melanchthon gelehrt hatte und Friedrich Hölderlin von Johann Hermann Heinrich Ferdinand von Au ten rieth

von Johann Hermann Heinrich Ferdinand von Au ten rieth behandelt worden war, und wo an der
von Johann Hermann Heinrich Ferdinand von Au ten rieth behandelt worden war, und wo an der

behandelt worden war, und wo an der Wand ein Portrait Hans Vaihin gers, der selbst in diesem Raum u nterrichtet hatte, hing; als ob er,

in die sem Raum u nterrichtet hatte, hing; a ls ob er, 1 als han deln
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als handeln der Beobachter , dabei gewesen wäre. Während Ernst Bloch über die Frei- heit und Tomaso Campanella s Civitas Solis

die Fre i- heit und Tomaso Campanella s Civitas Solis extemporierte: „Was wer det ihr tun,

extemporierte: „Was wer det ihr tun, wenn ihr einmal wirklich frei seid?“ – (Keine Ant - wort) – Nehmt euch ein Beispiel an den Höflinge n. Gearbeitet haben die nicht. Gelang- weilt haben die sich aber auch nicht.“ )

29 Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, dass du nicht der Han - delnde bist!(Vaihinger) -

29.1 Das Leben so nehmen, als ob man es sich nehmen könnte.

1 Durchgang unter der Alten Aula, vor 1914.

29.2 Denken, als ob es leben wäre.

29.3 Lieben, als ob es Austausch wäre.

29.4 Verzeihen, al s ob du es könntest.

29.5 Sprechen, als ob es von Gott ratifiziert sei.

29.6 Urteilen, als ob du es begründen könnest.

29.7 Singen, als ob die Stimmen der Engel nicht zu imitieren wären.

29.8 Dichten (ist ja mehr als nur sprechen), als ob es mehr als sprechen wäre.

29.9 Richten (aber das ist wohl überflüssig zu sagen, tun es doch alle), a ls ob du richten

dürftest.

29.10 Glauben, als ob das der Weltgeschichte einen Hauch, eine Seidendecke von Sinn

verlei hen könnte.

29.11 Abtauchen, als ob du metaphysische Kiemen hättest.

29.12 Verachten, als ob das eine Form leidenschaftlichster Lieb e (Abhängigkeit) wäre.

29.13 Töten (nur so!), als wärest du der einzige, der ewiges Leben verpassen kann.

29.14 Im Als- Ob des Todes ein Passepartout sehen. – Als Blick ins einzig Offene und end-

und heillos Ge füllte.

29.15 Singen- &- Sagen, als ob du es m it Lust tun könntest.

29.16 Sich gezielt verhören, als ob der Gesang der Sirenen interpretierbar wäre.

29.17 Verfolge die Wahrheit wie eine Verbrecherin; als ob sie zur Rechenschaft gezogen

werden könnte. – - Strafe? Das ist ein ganz anderes Ding.

30 Wir müssen gar keine neuen Gedanken mehr finden oder fassen. – Wir müssen uns

die besten nur bestätigen. Gegenseitig. Das ist freilich eine epistemische Zumutung.

31 Nachtrag zu richten : Freilich darf es, im Grunde, auch keiner der lizensierten Men-

schen, die ihre Leben lang den Jüngsten Richter, das meint Gott in seiner apartesten Rol - le, dies aber ante festum, imitieren. – Am Jüngsten Tag werden sie spüren und merken müssen, dass sie nur gezüchtet wurden, über Jahrtausende, um dem unübertrumpfbaren Richter- Gott, dem absolutum schlechthin , e inen kleinen Gr und zu einem letzten und längsten Lachen zu geben. – Ich begnüge mic h damit , das so schmucklos zu sagen. - PS:

Wo die Imita toren, ich qualifiziere sie nicht, des Richtergottes ihren Ort finden werden, jenen Ort , wo Gottes Lachen, horribile dictu , ewig widerhallen wird, das können Sie ja woanders lesen.

32 Ich habe oft beobachtet, dass Spiegel die Menschen attraktiver spiegeln, als sie die

Menschen sind. Insofern fungiert ein Kopftuch wie ein Spiegel. Auch Schauspie- lerinnen, die Nonnen in einem Habit spielen, erscheinen schöner als au ßerhalb ihrer Larve, außerhalb des Rahmen (ihres Habits). - Ein Aspekt, den ich in der Spiegel - Lite- ratur, so unüberschaubar sie ist, bisher noch nicht (behandelt ) finden konnte.

33 Henne & Ei. Lebendig - Sein produziert Denken. Ja; aber nur, wenn das Denken der

Puls des Lebendigen ist. Im Lebendigen klopfen die Gedanken gegen das Innere der Haut. Das Denken ist die spürbare, die Meridiane entlangtropfende, Musik des Leben - digen. Und sein, des Denkens, Rhythmus ist – mit seinem ganzen polternden Gewicht – nichts anderes als life style . - Der Stil, der das Leben ist.

34 A: Warum gibst du dir die Schuld? O: Ich habe mich verhört.

35 A: Jetzt aber einmal ehrlich! – Warum gibst du dir die Schuld? O: Einer hat es doch tun müssen.

36 Wenn es eine Wahrheit gibt, muss sie in einem Satz zu vermitteln sein.

37 Verworfenheit, das ist eine Landschaft. Von der Art, die Stifter gerne als Scheiben be-

schreib t.

38 Ich lese Hegel gerne auf Japanisch. Da ist er leichter zu verstehen. Denn ein Über-

setzer kann ja nur das übersetzen, was er versteht. Jedes Surplus aber verdankt sich dem Zufall oder der Eigenwilligkeit der Sprache. So verhält es sich auch, wenn wie Er- fahrung in Sprache übersetzen.

39 Erfahrung verkümmert in Sprache. Schon in dem Augenblick, in dem wir unsere ei-

gene Erfahrung uns selbst in unsere eigen e Sprache zu übersetzen versuchen.

40 Seine schmerzlichsten Erinnerungen sind die an unverhä ltnismäßige Bedeutungszu -

weisungen, sagt er. – Hat er damals zu wenig gewusst? – Hat er zu viel gehofft?

41 Das Moralische ist, in der Retrospektive, das immer irgendwie Unzulässige, das dem

sen das Feld räumt. – Meistens aus Angst. Seltener, aber doch oft, aus Koketterie.

42

Das Moralische ist die masochistische Anlage par e x cellence und an sich .

42

Das Böse, o mein lieber Augustin us, ist Sadismus als Onanie.

44

Wer Kopftücher verbietet, vermag nicht, auf dem Feld des Ästhetischen zu agieren –

und zu entscheiden.

45 A ber der Richterstuhl Gottes steht mitten auf dem Feld des Ästhetischen. – Gott hasst

Mora listen.

46 „Der Logiker operiert. Der Metaphysiker betrachtet.“ (Joubert)

47 „Der Raum ist dem Ort, was die Ewigkeit der Zeit ist.“ (Joubert) – Einfacher kann m an

es nicht sagen und einfacher kann es nicht sein .

48 Dennoch muss die Zeit dem Ort vorausgehen. Sie bereitet ihm den Boden. – Wenn es

nicht sogar umgekehrt ist.

49 „Die Wahrheit ist dem Geistreichen sehr nahe.“ (Joubert) Das kann ich allerdings

nur v erstehen, wenn es eine Aussage über die Qualität der Wahrheit sein soll.

50 Tourismus: Freigabe von Orten und Fluchtpunkten für ungeregelte und straf befreit e

Vergewaltigung. – Das wird der mundus sensibilis nicht verzeihen. – Wenn die Natur „mit

Waffen klang erwacht.“ (Hölderlin)

51 Wie sie alle ihre kleinen Stückchen Leben zusammenkehren. - Aber warum so brutal?

52 Ist Schönheit denn nicht auch eine menschlich verwahrloste Form der Natur?

53 Wir verwenden Natur überhaupt nur als Roh - Stoff. Wir verzehren sie immer nur.

Selbst mit unserem Blick. – Das meinen auch die, die sagen, dass sie die Natur lieben.

54 Raubbau an irgendwelchen Ressourcen. Das ist die Eigentlichkeit hinter jeder noch

so menschlichen Kreativität .

55 Nie geben die Menschen der Natur etwas anderes zurück als missbrauchte und ver-

brauchte Energie Müll.

56 Die Menschen sind folglich energetisch gesehen der Verluststandard des Univer-

sums.

57 A: Scheitert die Sinnsuche nicht immer und absolut daran, dass sich die Menschen zu

viel verzeihen müssten?

58 O: Und sie scheitern selbst daran, dass sie sich zu viel verzeihen.

59 A: Wer sagt´s denn! O: Ja, wer sagt´s?

60 Das, worüber gesprochen werden muss, kann, prinzip iell, nur in universalen Kürzeln

gesprochen werden. – Soviel zur Form; - der Wahrheit.