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Peter Pörtner

Apopht hegmata II oder Sechzig andere, auch kürzere, Kürzel

(1) Das Getane ist immer das Kümmerliche.

(2) Wir müssen uns anstrengen, auf eine süße Weise verheert zu sein.

(3) N. hatte nicht recht. Es muss lauten: Vielleicht ist die Wahrheit ein Transvestit

(4) der

keine Gründe mehr hat, seine Gründe nicht sehen zu lassen.

(5) Die flachen Abgründe des Panoptikums.

(6) Wir glauben, zärtlich umzingelt zu sein.

(7) Gott ist uns verloren gegangen. Wie das Wort Spindel.

(8) Trostlosigkeit. Ein Zustand für den w ir getrost dankbar sein sollten.

(9) Neuer Versuch: Adam. Ein eingewecktes Kind. I sst aufgeweckte Granatäpfel.

(10) Die erste Sünde war das Scheitern einer Idee Gottes. Vom vollkommenen Leben.

(11) Der verletzende Biss in eine Kugelform war und ist ein gutes Symbol dafür.

(12) Und d ie Heilung eines Vergehens am Vollkommenen ist unmöglich.

(13) Ein Nachruf, als Genre, ist , genau betrachtet und in der Regel, ein prospektives Selbst lob.

(14) Das Fitness- Studio spiegelt das Leben, indem es die Idee der Bewegung auf ihre heillose Pointe bringt. Run, Robin, run.

(15) Die Politik ist ein System, das sich an sich selbst verfüttert. Das dauert noch.

(16) Wie man sich distanziert. - Du bist nie so weit von dir selbst entfernt, wie wenn du von dir redest. Eine Wohltat, die du dir selbst antust. Als wü rdest du dich ge- nussvoll, wie ein Bonbon, auf der Zunge zergehen lassen. Eben eine Therapie.

(17) - das Leben ist vorrangig ein vielstrahliges Freiwerden- Wollen von

(18) Just have a name. A dream. And enjoy. – satis est.

(19) Auf Transzendenz zu verzichten, sagt einer, der an Ökonomie interessiert ist, bedeutet, das Leben lokalen Investoren zu überlassen.

(20) Der sagt am meisten, der sagt: Das soll so nicht sein.

(21) Das Verhältnis zwischen Tod und Leben ist eine Selbst- Kollision in der Form ei- nes gewaltsamen Konflikts, der als Schattenboxen endet.

(22) Vielleicht ist diese Unterscheidung doch gut; w enn sie auf die Ontologie des Denkens angewandt wird: Gedanken sollten sich nicht gegenseitig tarnen, s ondern wie Sterne, eben, kon - stelliert sein.

(23) Der Unterschied zwischen Psychologie und Theologie resultiert aus ihren topo - logischen Grundannahmen. Die Psychologie operiert, gedanklich, im Raum des End- lichen. Die Theologie im Raum des Unendlichen. E s ist der Mangel der Psychologie, das Unendliche, selbst als Denkmodell, auszuschließen. Es ist der Mangel der Theo- logie zu glauben, das Endliche, als Reisebegleiter, im Griff zu haben.

(24) Victor Hugo würde heute sagen: Die Katastrophe der Menschheit ist, dass sie von ihrer Seele abgefallen ist. Vulgo: Dass sie auf einem Umweg zu sich zu kommen versucht, der kein Ende hat. Weil sie darauf, wie auf einem Laufband, oder einer tread mill, auf der Stelle tritt. Die Tretmühle ist das Residuum von Unendl ichkeit, das ihr geblieben ist. Wage sich noch einer zu sagen, die Zeit sei nicht gekrümmt; in sich. Der sollte einen Hamster fragen.

(25) Die Hauptaufgabe ist, Sätze zu schreiben, die immer zeitgenössisch sind.

(26) Sätze, die in die Zeitlosigkeit einge lagert sind, wie in Bernstein; zumindest.

(27 Wenn Echnaton einen Monotheismus erfunden hat, dann den des Offenen; den Monotheismus, der die Dächer von den Tempeln fliegen ließ.

(28) Der ein gefühlsechter Monotheismus war, der den Echnaton seine Brust aufrei - ßen hieß, dass sein Herz, sein verblen dungs süchtiges und verblendungstüchtiges Au - ge, im Glanz seiner Gottes- Sonne, im normal tödlichen Licht Atons, zu ein em pech- schwarzen Vogel werde, einem metaphysischen und zweiflügeligen Schnupftuch. Mit Stra hlenhänden.

(29) Mein Gott. Wer soll das verstehen? Was du mir da eingibst. Bin ja selbst skep - tisch. Entschieden wie ein geübter Biertrinker. Klosterbiertrinker.

(30) Je mehr ich Bauchredner werde, desto theologischer argumentiere ich.

(31) Es geht nur noch, trotz Klimakatastrophe, um ein paar Sonnentage, in denen, wie Sand in einer Sanduhr, ein paar Tropfen Hoffnung verfangen sind. Wie in einem gleichsam imaginären Spinnennetz – eben aus Sonnenfäden. – Aber wenn jemand be- hauptet, die je gesehen zu haben, dann lügt er. Den n man denkt sie sich zu den Hoff- nungstropfen nur hinzu.

(32) Die Welt, - das ist die Intensivstation der Schöpfung.

(33) Aus dem Kasten - System ist ein casting - System geworden. – Liebe Welt, gnade dir Gott!

(34) Es erinnert nämlich der Schöpfergott daran, dass er zum Schöpfer wurde, nur seiner Kaste zu entspringen, wie ein Quell.

(35) Präsente Präsente. Das Wunder kann nur das Geschenk eines ratlosen Gottes sein. Die Wundertüte nur das eines überforderten Gastes.

(36) Schweigen und Stille bedürfen der Hörbarkeit. Sonst sind sie umsonst. – Dieser Kalauer ist dem Schreiber nur unterlaufen.

(37) Feingliedrige kahle Baumwipfel ragen in die Atmosphäre wie Lungen. Den Wel - tenatem einzuholen . Ich wünsche ihnen Glück.

(38) Wunder sind Schweigerosen.

(39) Die Menschen rackern sich ab, um sich Gott als silberne Rosen zu präsentieren. Jede und jeder bietet sich dem Garten Eden als Nachzüchtung an. – Aber sie sind gar keine Rosen, S ie sind Tulpen, die in Tulpenfarmen wachsen und nie in ihrem Leben lernen, was Erde ist. Es ist aber ihr Glück, dass sie glauben, dass Nährlösung Erde sei.

(40) Ein Riesenirrtum, die Welt für selbstläufig zu halten. S ie ist, wie die Menschen , zwangsläufig. Wer dieses Wissen in die Tat umsetzt, wird ein reicher Unternehmer. Und alle gla uben dann , er sei ein erfolgreicher Macher. Für die Politiker gilt das in einem gesteigerten Maße. – Luhmann , den ich hier ja einfach nur weiterdenke, sah das auch so, hat sich aber nie getraut, das so klar zu sagen. Dass Napoleon der gleichen Meinung war, weiß man, seit seine Geheimen Aufzeichnungen (I und II) bekannt wurden. Von Goethe einmal gar nicht zu reden: „Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.“

(41) Momente hinterlistiger Gelassenheit.

(42) Momente fremd- vergessenster Zuneigung.

(43) Momente selbst - vergessensten Hasses.

(44) Wenigstens gibt es keine verordnete Selbstliebe. Oder Identität auf Rezept. Das heißt, das muss man überlegen! – Denn vielleicht gibt es Identität ja nur auf Rezept. Aber wer kann sie dan n noch verschreiben, seit Lacan tot ist?

(45) Doch wieder einmal Anamorphose. Ein wohlgeordnetes Bild (fake) von wesent- lich Ungeordnetem. – Das in Erkennbarkeit verfremdete Bild des anders - wesentlich und ursprünglich - Unerkennbaren.

(46) Was ist jenes Prisma, das uns die Welt herstellt, dass wir glauben, sie ist? Und nach dessen Maßgabe wir das Leben leben, als wäre es beschreibbar. Als wäre es unser und beschreibbar . Was heiß hier beschreibbar? Ist das Leben beschreibbar wie Pergament?

(47) Wir l ieben die Welt wie Hundehalter ihre hypertrophen Hunde halten. – Aber die Halter hypertropher Hunde halten die Hunde nur, weil sie Welt nicht an die Leine

nehmen können.

(48) Verdinglichtes Freibeutertum.

(49) Es freut sich immer jemand, wenn jemand stirbt, weil ein wenig Platz frei wird, den auch ein anderer wird räumen müssen. Mehr Menschlichkeit als diese Freude scheint es nicht zu geben.

(50) Messianisches. Sie freuen sich auf, sie sehnen sich nach, und warten auf den an einer Bienenkralle angewachsenen Fußsack.

(51) Sie sind gerne isoliert, unbehelligt von christlicher Nächstenliebe, abgeschirmt von Verehrern, frei von Anerkennung. - Da muss es doch für jeden Engel schrecklich sein, in die Menschenwelt abgeordnet zu werden.

(52) Schwerer aber als die Menschen, die sich letztlich nicht darum kümmern, tragen sie am Schmerz der Erkenntnis, dass nur das Ganze veränderbar wäre. - Ich sehe A- dorno auf einer Wolke, offensichtlich resigniert, wie er mit anderen Engeln über die- ses Problem diskutiert. Wenigstens sitzt auf einer richtigen Wolke.

(53) Der Denker als Philobat: Beginne mit System und schreite dann bis zur Hüpf - logik weiter; und immer w eiter.

(54) Warum mit System beginnen? – Weil die härteste Kritik dich von den Orten her verfolgen wird, die du aus Erkenntnisgründen - hinter dir gelassen haben wirst. Sie werden (dir) das immer als Unwissen , Untreue und Ungehorsam auslegen. - Sei getrost. Sie können nicht hüpfen und nicht springen. Nicht weit. Und nicht hoch. Sie können dich nicht erwische n. Und werden dich aufgeben. Und werden sagen, man sollte dich mit einem Betonmantel umgeben. Wie einen explodierten Atommeiler. Damit die Kernschmelze möglichst unter sich bleibt.

(55) Lieber am Däumchen als an der Welt drehen! – Da haben sie recht.

(56) Und doch ist jede meiner Silben ist ein Gotteslob. – Aber du lässt dich ja nicht an sprechen.

(57) Ein Literat, dessen Namen ich nicht nenne, weil ich ihn nich t mag, hat geschrie - ben, dass Sprache, so an sich, fossil ierte Poesie sei. Damit hat er immerhin recht.

(58) Ich komme mir vor wie Don Giovanni, wenn er „ Deh vieni alla fenestra“ singt. Nur dass ich, mit der Absicht zu fen sterln , vor der Himmelsleiter stehe.

(59) Mit der Erfindung des konstruktiven Journalismus ist die Zukunft der Lüge garantiert.

(60) הוהי . - Moses hat sich zwar klar ausgedrückt, als er, mit den Geboten bepackt, vom Sinai herabgestiegen war. Dennoch liest man selten die authentische Variante seines Be richts. Nämlich, dass Gott ihn aus dem lodernden Dornbusch mit einem wohlüberlegten Seufzer begrüßte: Moïse ! JacH, das tut WeH. Aber daran musst du dich gewöhnen.“ - Bei JH atmete er ein, bei WH atmete er aus. – Das für einen Ka-

lauer zu halten, wäre blasphemisch.