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Deutsches Archiv

fiir

Erforschung des Mittelalters


namens der Monuments Germaniae Historica

hemwgqdm von
HORST FUHRMANN HANS MARmlU S m A L U R

28. Jahrgang

1972
BUHLAU VERLAG KULN WIEN
Von Mailand nach Canossa
Ein Beitrag zur Geschichte der christlichen HerrscherbuSe
von Theodosius d. Gr. bis zu Heinrich IV.'$)

Von
Rudolf Schieffer
-
Einleitung S. 333. -
I. Die Mailänder ~aiserbußevon 390 S.334. 11. Die
an!ike Entwicklung des Ges&iAtsbildes S. 339. - 111. Der Obergang zum
Mittelalter S. 345. - IV.Die ~ ~ ~ ~ ~in &der ~Karolingerzeit~ b ~ f 352. l e -
Der In~estiturstreit:Gregor VII. und 1-Ieinric-h IV. C. 359. Schluß: Von Mai-
land nach Canossa? C. 368.

wenige Ereignisse der Kirkengeschi&te des 4. Jahrhunderts haben bei


der Nadiwelt einen so tiefen und dauernden Eindruck hinterlassen wie
die bekannte zr&enbufiey die Kaiser Theodosius d. Gr. im Jahre 390
'Or Ambrosius von Mailand. geleistet hat. Ihre Resonanz war im Ge-
sdiia~~bew~ßtseinder unmittelbar folgenden ~ a h ~ h u n d e rnicht
t e minder
stark als in den Forschungen der Neuzeit, und erst in unseren
Tagen scheint die Auseinandersetzungum ihre Bedeutung einen gewissen
A b s d l ~ ßgefunden zu haben. xmvordergrund der ~iskussionstand
dabei zuletzt eine pormuliening Hans Lietzmannsy der in einer Unter-
ydiungy die bezei&nenderweise das ~ e ~ r i f f s ~ .Staat a a r und Kirche"
lrn Titel trägt, resumierend festgestellthatte, daß ,von Mailand nach
Cano~saeine gerade Linie" verlaufe 1) In ausdrü&licher ~olemikgegen
d'ne:l Satt entwigelte wilhelm Enßlin einige Jahre später seine ab-
leidende ~ ~ f das ~
f ~ ~ i l ~~ äd g~~n i dsei
s ~~.ein~ ~sieg der
~ Bua-,

über einen reuigen Sünder, aber nicht der Sieg der

lt
b gewidmet zum 60. ~ebonstag
) Rerrn Professor Dr. Johannes s
ani Oktober 1972,
1
) Lietrrnann, Problem
staat und Kirche im weströmischen
Reich (Abh. ~ ~1940, d Nr. i11) ~ 10 in: D e r s., Kleine Cdiriften 11,
qg. V, Kurl A 1 und Untcrsu~ungenzur Geschichte der althist-
d, S, 223), sodann D e r L, Geschichte der Alten Kirche
Iiaen Literatur 67
~ ~ Fie i n&e , Kirchliche Rehts-
80, übernommen U. s. von Han
ss

gerhiate, Die katholiSde Kir& (41964) S. 77.


334 Rudolf Schieffer,

Kirche über den Kaiser und damit nicht ein Markstein in dem beider-
seitigen Verhältnis von Kirche und Staat" 2), und daher müsse man ,,einer
Auffassung die Zustimmung versagen, die zu dem Bußakt meint, es sei
eine gerade Linie von Mailand nach Canossa" 8).
Diese Deutung ist mittlerweile von der Forschung ganz überwiegend
rezipiert werdend), und wenn im Folgenden nochmals jene umstrittene
Frage nach der Linie ,von Mailand nach Canossa" geprüft werden soll,
so geschieht dies nicht in der Absicht, Enalins Beurteilung des berühmten
Ereignisses, die i n vieler Hinsicht abschlieflend sein dürfte, neuerlich in
Zweifel zu ziehen, sondern i n der Erkenntnis, daß die in Lietzmanns
Formulierung gekennzeichnete Auffassung selber nur die letzte sub-
limierte Erscheinungsform einer sehr frühen Deformation des Geschichts-
bildes von Ambrosius und Theodosius ist, die ihrerseits in Entstehung und
Entwicklung ein lohnendes Stück Geistesgeschichte irn Ubergang von der
Spätantike zum Mittelalter darstellt.

I
Am Beginn dieses Weges steht die berühmte Szene in der ~ a i l ä n d e r
Bischofskirche des Ambrosius wohl am Weihnachtstage 390, deren Sag-
gestivkrafc man sich auch heute noch schwer entziehen kann. ~atsächlich
-
sind aber alle bewußten und unbewußten -
Versuche, in der Kirchen-
bui3e des Theodosius wenn schon nicht den Kulturkampf des 19., so doch
den Investiturstreie des 11. Jahrhunderts präfiguriert

') Wilhelm E n ß 1i n, Die Religionspolitik des Kaisers Theodosius Gr.


(SB München 1953, H. 2) S. 73.
8, Ebd. S. 74.

*) Vgl. Hans Frhr. V. .Ca m p e n h a U s e n, Lateinische Kirchenväter (Urban-


Bücher 50, 1960) S. lOlf., Joseph V o g t , Der Niedergang Roms. Met?mp*-
phose der antiken Kultur (1965) S. 321 f., Francis D v o r n i k , Eariy Christlan
and Byzantine Political Philosophy. Origins and Background 2 (1966) S, 784f*,
Adolf L i p p 0 1d , Theodosius der Große und seine Zeit (urban-Bücher 1073
1968) S. 36ff., 104; eher irn herkömmlichen Sinne S. L. G r e e n s 1a d e, Churh
and State from Constantine to Theodosius (1954) S. 77 f., N. Q. K i n g, The
Emperor Theodosius and the Establishment of Christianity (1961) S.69. Eine -
umfassende Erörterung bietet jetzt Adolf L i P 0 1 d, Die Kaiser ~heodosius
der Große und Theodosius 11. (1972) Sp. 50ff. (Vorabdruck aus der ~ealencyc10-
pädie d. class. Altertumswiss. Suppl. 13); auf diesen grundlegenden ~rtikel, der
na$ Drucklegung der vorliegenden Studie erschien, sei hier ein für allemal hin-
gewiesen.
1' 2.B. A. G ü l d e n p e n n i n g - J . I f l a n d , Der Kaiser ~heodosiu?d.
Gr. (1878) S. 181E., Otto S e e c k , Geshichte des Untergangs der ant!ken
Welt 5 (*1920) S. 232, Alois K n ö p f 1 e r, Lehrbuch der ~ i r c h e n g e s h l d ~ ~
('1920) S. 360.
Von Mailand nach Canossa 335

sehen zu wollen6), zum Scheitern verurteilt, denn sie beruhen auf einen1
doppelten Miaverständnis des Kaisers und des Bischofs, für die beide das
reichskirchliche Gefüge, wie es sich unter drei Generationen christlicher
Kaiser herausgebildet hatte, aui3erhalb jeder Diskussion stand. Wenn es
bei der Mailänder Kaiserbuße um ein Prinzip ging, dann nicht um den
Vorrang von Kirche oder Staat, sondern eben darum, dai3 jeder Ge-
taufte und somit auch der Kaiser im Hinblick auf sein sittliches Handeln
der geistlichen Strafgewalt der Kirche unterworfen ist0).
Gerd Tellenbach hat bereits vor Jahrzehnten in einem epochemachenden
Buch die Ordnung~vorstellun~en des ersten ~ahrtausendschristlicher Ge-
schichte dargestellt und dabei neben einer primär jenseitig orientierten
.monastisch-asketischen Hierarchievorstellung" das Vorhandensein einer
„priesterlich-sakramentalen" und einer ,,monarchisch-theokratischen
Hierarchievorstellung" herausgearbeitet7). D a s ~n~eschiedeneNebenein-
ander der beiden auf diese Welt bezogenen Ordnungen, das Tellenbach
als Charakteristikum der vorgregorianischen Epoche hervorgehoben hat,
scheint uns auch a n des Ambrosius Denken und Handeln eindrucksvoll
ablesbar: Derselbe, der das (vielfach überschätzte) Wort geprägt hat,
dai3 der Kaiser intra ecclesiam, non supra ecclesidm stehe8), war doch
allein schon durch Herlrunfi und Bildung viel zu sehr in der (oft unter-
schätzten) römischen Tradition verwurzeltg), um in der Konsequenz der

B) G r e e n s l a d e , Church and State S.78, Claudio M o r i n o , Chiesa e


stato nella dottrina di S. Ambrogio (1963) S. 261 ff. U. a.; vgl. auch unten
Anm. 159.
') Gerd T e 11e n b a c h , Libertas. Kirche und Weltordnung im Zeitalter des
Investiturstreites (1936) S. 48 ff.
Sermo C. Auxentium (epist. 21 a) 36 (Migne p~ 16, 1018 B [I061 B]); vgl.
dazu Hans Frhr. V. C a m p e n h a u s e n, Ambrosius von Mailand als Kirchen-
politiker (1929) S. 219 f., Kar1 V o i g t , Staat und Kir&e von Konstantin dem
Großen bis zum Ende der Karolingerzeit (1936) S.91 f., M o r i n o, Chiesa e
stato S. 1638. - Freilich ist dabei stets zu berücksichtigen,daß diese und ähn-
...
liche viel zitierte Formulierungen ,,sämtlich und auss&ließli& in den Briefen
aus der Zeit des Streites mit den Arianern" begegnen; Wolfgang P e W e -
s i n, Imperium, Ecclesia universalis, Rom. Der Kampf der afrikanischen Kir*
um die Mitte des 6. Jh., in: Geistige Grundlagen r-mis&er ~irchen~olitik. Erich
C a s p a r zum Gedächtnis, 3. Teil (1937) S. 112 Anm. 42.
VgI. bes. Jean-Rkmy P a 1 a n q U e , Saint Ambroise et l'empire romain
(1933) S. 325 ff., Frangois P a s C h o U d , Roma aeterna. Etudes sur le patrlo-
tisme romain dans i'occident latin & l'epoque des gandes invasions (1967)
S. 188 ff.
1°) V. C a m p e n h a u s e n , Ambrosius S . 2 4 ~ $ . ,p a l a n q u e , Saint Am-
broise S. 353 f. U. ö., P e W e s i n , Imperium S. 110 Anm. 37. Uber die Ent-
stehung dieser Doktrin im 13. Jh. unterrichtet knapp Franz G i 11m a n n Von
336 Rudolf Schieffer,

umfassenden priesterlichen Gewalt einem kir&li&en Superio~t~tsan~pruch


etwa im Sinne der hochmittelalterlidien Doktrin von der potestas
directa M temporalibu~das Wort reden zu wollen1o). Er hat dement-
s~redend der schweren Verfehlung des Kaisers die Uberzeugurig
von der kirchenrechtlichen Notwendigkeit der Buße zu verbinden gewui3t
mit dem Empfinden für die ,irdischec Sonderstellung, die den Pönitenten
eben weit über jeden prisattrs hinaushobli). Das gibt jedenfalls nicht nur
sein betont diskretes Verhalten in der ganzen Angelegenheit zu er-
kennen, sondern er hat dies auch wenige Jahre später in der Gedenkrede
für den verstorbenen Theodosius mit aller Klarheit ausgesprochen: Qtlod
privati erttbescunt, non erubuit imperator: publice agere p ~ e n i t e n t i a m ~ ~ ) .
Gewiß wäre somit die Feststellung nicht unberechtigt, dab kaum ein
anderes Ereignis eindringlicher de,n tiefen Wandel zu verdeutlichen ver-
mag, der im Verhältnis von Kaiser und Kirche während dreier Menschen-
alter eingetreten war13), seitdem Constantin d. Gr. am Tage nach dem
Sieg am Ponte Molle den ersten zögernden Schritt auf die christliche
Kirche hin gewagt hattel4). Dennoch ist vor einer bedenklichen Ver-
einseitigung zu warnen: So wenig auch im Hinblick auf den ersten dirist-
lichen Kaiser eine Kirchenbufie des ünapxog ycy&houßaaih6wg zunächst
vorstellbar erscheinen mag, es sollte doch nicht übersehen werden, daß
gerade aus constantinischer Zeit ein Zeugnis für die christliche ~ u f f a s s u n ~
von der Stellung des Kaisers in der Kirche überliefert ist, das offenbar
mit Blick auf die Buge des Theodosius bislang kaum hinreichend ge-
würdigt wurde, von Johannes Straub jedoch in anderem ~ u s a m m e n h a n ~
mit Erfolg ausgewertet worden istl6): Der Bericht des Eusebius von

wem stammen die Ausdrücke ,,potestas directa" und „potesras indirecta" papae
in temporalia?, Archiv f. kkath. Kirchenrecht 98 (1918) S. 407ff.,jetzt zu-
sammenfassend Wilhelm K ö 1 m e 1, Regimen christianum. Weg und Ergebnisse
des Gewaltenverhältnisses und Gewaltenverständnisces (8.-14. Jh.) (1970)
C. 170ff.
11) Die ,pastoralec Grundhaltung des Arnbrosius wird treffend gekennzeichnet
non Roger G r y s o n ,Le pretre selon Saint Ambroise (1968) S. 277.
12) De obitu Theodosii 34, ed. Otto F a 1 1e r (CSEL 73, 1955) S. 388.
13) V . C a m p e n h a u s e n, Ambrosius S. 240: ,,Die Kirchenbuße des Theo-
dosius wie das abschließende Ereignis in dem allmählichen Christiani-
sierungsprozeß des römisdien Kaisertumes"; dazu kritisch P e W e s i n , Impe-
rium S. 115 Anm. 47.
14) Joseph V o g t , Die Bedeutung des Jahres 312 für die Religionspolitik
Konstantins d. Gr.,ZKG 61 (1942) S. 171ff., Johannes S t r a U b, Konstantins
Verzicht auf den Gang zum Kapitol, Hiscoria 4 (1955) S. 297ff., neuerdings ein-
schränkend Erancois P a s C h o U d , Zosime 2, 29 et la version paienne de la
conversion de Constantin, Historia 20 (1971) S.334ff.
16) S t r a U b , Konstantins Verzicht S. 308 ff.
Von Mailand n a h Canossa 337

Caesarea über das christliche Bekenntnis des Soldatenkaisers Philippus


Arabs (244-249) hat als Quellenzeugnis für die Geschichte des 3. Jahr-
hunderts wohl z u Recht wenig Glauben gefundenifJ); umso bemerkens-
werter ist jedoch, daß die einzige Nachricht, die man später über die
Haltung dieses vermeintlich ersten christlichen Kaisers zur Kirche zu
haben glaubte, nämlich daß e r bei seinem Erscheinen zur Osterfeier von
einem ungenannten Bischof bi& .rroAA&s~ 6 j vK ~ T abrrdv
' cri~iasauf den
Platz d e r öffentlichen Sünder verwiesen worden seii?), von Eusebius
wenn nicht f ü r völlig gesichert, so doch jedenfalls f ü r denkbar gehalten
u n d dai3 sie im Zuge der Wirkungsgeschichte seines Werkes i n unge-
brochener Kontinuität v o n den folgenden Generationen bis tief ins Mittel-

') Euseb. Hist. eccl. V1 34, ed. Eduard S C h W a r t z (GCS 9, 2: Eusebius X I


2, 1908) S. 588 f.; ablehnend U. a. Karl Johannes N e u m a n n , Der rörnishe
Stsat und die allgemeine Kirche bis auf Diocietian 1 (1890) S. 246ff., Ernst
S t e i n , Iulius (Philippus) 386, Realencyclopädie d. class. Altertumswiss. X/l
(1918) Sp. 768 ff., Karl B a u s , Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Groß-
kirche (Handbuch der KG, hg. V. Hubert J e d i n 1, 1962) S. 254, Marta
S 0 r d i , I1 cristianesimo e Roma (1965) S. 253 ff., Timothy D. B a r n e s , Legis-
lation against the Christians, Journal of Roman Studies 58 (1968) S. 43, Joahim
M 0 1 t h a g e n , Der römische Staat und die Christen im 2. U. 3. Jh. (1970)
S. 59, zustimmend Henri G r k g o i r e, Les perskcutions dans l'empire romain
(1950) C. 11f., 90, Jacques M o r e a U , Die Christenverfolgung im Römischen
Reich (1961) S. 82 f. (gegen dessen Argumentation mit dem angeblich christlichen
Konsul für 244/45 vgl. jetzt Werner E C k , Das Eindringen des Christentums
in den Senatorenstand bis Konstantin d. Gr., Chiron 1 [I9711 S. 393f.), zuletzt
John M. Y o r k jr., The Image of Philip the Arab, Historia 21 (1972) S. 3208.
17) Johannes Chrysostomus hat den Vorgang später in Antiochia lokalisiert
und dem dortigen Bischof Babylas zugeschrieben, allerdings ohne den Namen
des Philippus zu nennen (vgl. dazu Anm. 39); erst mittelalterlichen Ursprungs
ist die Beziehung auf Rom und den römischen Bischof Fabianus (236-250), die
sich ansdeinend zuerst Anfang des 11. Jh. bei LandoIfus Sagax in seiner Dber-
arbeitung der auf Eutrop beruhenden Historia Romana des Paulus Diaconus
findet (X 3, ed. Amedeo C r i v e 11u C C i 1, Fonti per la storia d'ltalia 49
[I9121 S. 250; zuvor MGH Auct. ant. 2, 318).
18) Rufin. Hist. eccl. V1 34 [25], ed. Theodor M o m m s e n (GCS 9, 2: Eu-
sebius I1 2, 1908) S. 589f,, Euseb.-Hieron. Chron. ad a. Abr. 2261, ed. Rudolf
H e 1m (GCS 47: Eusebius VII, 1956) S. 217, Hieron. de viris ill. 54, ed. Ernest
Cushing R i C h a r d s o n (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der alt-
christlichen Literatur 14/1, 1896) S. 32, Oros. hist. V11 20, 2, ed. Carolus
a n g e m e i s t e r (CSEL 5, 1882) S. 478; danach U. a. Iord. Get. C. 16, ed.
M o m ms e n (MGH Aucc. ant. 511) S. 80f., Isid. Chron. ad a. 5448, ed.
M o m m s e n (MGH Auct. ant. 11) S. 462, Bed. Chron. ad a. 4204, ed.
M 0 m m s e n (MGH Auct. ant. 13) S. 291. Beispiele mittelalterlicher Na&-
wirkung bieten die Weltchroniken des Hermannus Contractus ad a. 245 (MGH
CS 5, 78), Bertholds V. Reidenau ad a. 244 (MGH SS 5, 406) oder Ottos von
Freising, Chron. 111 33, ed. A. H o f m e i s t e r (MGH Scr. rer. Germ., 1912)
S. 170 f.
alter tradiert worden istls). Man kann daraus die überaus lehrreiche
Beobachtung gewinnen, dail derselbe Eusebius von Caesarea, den wir
mit vollem echt als den ersten literarischen Vertreter eines christlichen
Herrscherbildes, ja als den heute 06 mir. skeptischer Zurückhalmng be-
urteilten Panegyriker des ersten christlichen Kaisers zu sehen gewohnt
sindiQ), die öffentliche Kirchenbuße eines Kaisers für schwere Verfeh-
lungen offensiihtlich für etwas durchaus Vorstellbares, etwas von den
Normen des Christentums Gebotenes erachtet hat. Mag die Realität unter
Constantin selber und zumal irn weiteren 4, Jahrhundert auch noch so oft
und noch so deutlich anders ausgesehen habenzo), man wird dennoch
konstatieren müssen, da13 die Anschauung, wonach selbst ein Kaiser als
sündiger Christ der geistlichen Sanktionsgewalt der Kirche untersteht,
älter ist als das christliche Kaisertum selber.
Ob Ambrosius im Jahre 390 auf3er dem biblischen Vorbild des büf3en-
den Königs David auch der vermeintliche Präzedenzfall des Philippus
Arabs vor Augen gestanden hat, wissen wir nicht; wesentlicher ist die
Feststellung, da8 er durch sein Verhalten gegenüber Theodosius nicht
einem neuen Prinzip zum Durchbruch, sondern einem alten, an sich nie
aufgegebenen christlichen Grundsatz zu neuer Geltung verholfen hat")).
Daß sich damit ein Kaiser der kirchlichen Bußgewalt zu beugen hatte,
war offenkundig für beide Beteiligte menschlich bewegend, aber eine
prinzipielle Schmälerung der umfassenden kaiserlichen Autorität lag
dabei Ambrosius ebenso fern wie Theodosius. Beiden fehlte in jener
Stunde sicherlich das Bewugtsein, ein für die weitere Zukunfi christ-
lichen Herrschertums wegweisendes Exempel zu setzen oder gar eine

lo)Johannes S t r a U b , Vom HerrscherideaI in der Spätantike (1939)


S. 113ff., D. S. W a I I a C e - H a d r i 1I , Eusebius of Caesarea (1960) S. 168ff.
U. ö., D v o r n i k ,Early Chsistian (wie Anm. 4) S. 614 ff., 785 ff.U. ö., RafFaele
P a x i n a , L'impero e l'imperatore cristiano in Eusebio di Cesarea (1966),
Johannes S t r a u b, Constantine as ~oi.vd5~v(CSKOI~O~, Dumbarton Oaks Pa-
pers 21 (1967) S. 37ff.
20) In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, da13 alle Kaiser der
constantinismen Dynastie ungetaufi ihr Amt übernommen haben. Theodosius
selber war erst als Kaiser im Herbst 380 getauff worden (vgl. E n 1i n, Re-
ligionspolitik [wie Anrn. 2) S. 211, Valentinian 11. starb noch 392, ohne die
Taufe empfangen zu haben (Ambr. de obitu VaIentiniani 23, ed. Otto P a 11e r,
CSEL 73, 341; vgl. I,i e t.z m a n n , Geschichte [wie Anm. 1) S. 75); V$. dazu
grundsätzlich Franz Joseph D ö l g e r , Die Taufe Konstantins und ihre Pro-
bleme, in: Konstantin d. Gr. und seine Zeit. Gesammelte Studien, hg. V.
F. J, D ö 1g e r (Römische Quartal-Schrift, Suppl. 19, 1913) S. 377-447, bes.
S. 429 ff.
$1) Anders etwa Hendrik B e r k h o f , Kirche und Kaiser. Eine Untersudiung
der Entstehung der byzantinischen und der theokratisdien ~taatsauffassun~ im
Von Mailandnach Canossa 339

neue Epoche der Kirchengeschichte einzuleiten, und insofern vermögen


wir in der Mailänder Kaiserbuae von 390 eher ein berühmtes als ein
bedeutendes Ereignis zu sehen.

Das heutige Verständnis der Kirchenbui3e des Theodosius gründet sich


auf eine Einschätzung der Quellenlage, die in Auseinandersetzung mit
der abweichenden Tradition des Mittelalters und der frühen Neuzeit
endgültig erst in einer gelehrten Diskussion um die Jahrhundertwende
gesichert werden konnte22).
Dabei wurde vor allem der hervorragende Wert des 51. Ambrosius-
Briefes a n Kaiser Theodosius geklärt, der nicht einen Bericht über die
Ereignisse darstellt, sondern selber ein wesentlicher Bestandteil des Ge-
schehens und damit ein Dokument von ganz ungebrochener Aussagekraft
ist23). Der Bischof erklärt darin, warum er nach Eintregen der Nachricht
von dem grausamen Massaker in Thessalonike, dem auf den jähzornigen
Blutbefehl des Kaisers hin Tausende zum Opfer gefallen waren2*)),
Mailand vor dessen Ankunft verlassen hatte. Eindringlich führt er Theo-
dosius die Schwere seines Vergehens vor Augen und fordert unter Hin-
weis auf das alttestamentliche Vorbild des Königs David tätige Reue
und Buge, d a er sonst in seiner Gegenwart keinen Gottesdienst ZU feiern

4. Jh. (1947), der S. 1856. die Buk? des Theodosius ganz als .etwas unerhört
Neues" würdigt. Es ist aber wohl schärfer zwischen dem faktischen Fehlen eines
Präzedenzfalles und der IContinuität des normativen PrinzipsU: untendieiden;
im übrigen müßte stärker berü&si&tigt werden, da8 die meisten ,duistlid-iene
Itaiset zuvor ungetauft: waren (vgl. die vorige Anm.).
VgI. H U ~KOo C h , Die Kirchenbuße des Kaisers Theodosius d. Gr. in
Geschichte und Legende, HJb 28 (1907) S. 257-277 (mit Erörterung der älteren
Lit.), ergänzend P. Chrysostomuc B a U r , Zur Ambrosius-Theodosius-Frage,
Theologische Quartal-Schrie 90 (1908) S. 401 ff.;
h a U s e n ,Ambrosius S. 239 Anm. 2.
-
Ubersirht bei V. C a m p e n

2s) Migne PL 16, 1159-64 (1209-14), wieder abgedruckt mit dt. Ubus. bei
Hugo R a h n e r , Kirche und Staat im frühen Christentum (1961) S. 184ff.;
zum Inhalt vgl. bes. K o c h , Kirdienbufle C. 260ff., Kenneth M. S e t t o n,
Christian Attitude towards the Emperor in the Pourth Century (1941) C. 127ff.
44) VgI. dazu jetzt C. W. R. L a r s o n , Theodosius and the Thessalonian
Massacre Revisited - Yet again, in: Studia Patristica 10 (Texte und Unter-
suchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 107, 1970) s. 297-30?,
der bes. auf die unklaren Motive des Theodosius eingeht. Vielleicht sind dle
Thessalonizenser Hintergründe (Ermordung des gotischen Heermeisters Buthe-
rich) auch im Zusammenhang mit dem aufkommenden ~ntigermanismus ZU
sehen (vgl. dazu allg. Johannes S t r a U b, Die Wirkung der ~iederlagebei
Adrianopel auf die Diskussion über das Germanenproblem in der spätrömischen
Literatur, Philologus 95 C19431 S. 255-286, bes. S.279ff.).
340 Rudolf Schieffer, '

wage25). Diesen bestimmten Sätzen, die a n der Entschlossenheit des


Ambrosius in der Sache keinen Zweifel lassen, stehen andere Formu-
lierungen gegenüber, die ebenso klar zeigen, dai3 er zugleich jede per-
sönliche Verletzung des Kaisers zu vermeiden suchte: Hierher gehört
nicht nur die wiederholte Beteuerung des kaiserlichen Glaubenseifers in
der Vergangenheit, sondern vor allem die ausdrückliche Versicherung,
den Brief nicht zur Beschämung, sondern zur Mahnung des Empfängers
verfaßt zu haben26), sowie der Hinweis, dai3 der beschwörende Schluß-
appell eigenhändig niedergeschrieben und nur zur Lektüre des Kaisers
bestimmt sei27). Welche unmittelbare Wirkung dieses zu Recht viel-
bewunderte Schreiben gehabt hat, 1äi3t sich im Einzelnen nicht ausmachen,
doch bestätigen die rühmenden Worte, die derselbe Ambrosius wenige
Jahre später über den Kaiser fandes), grundsätzlich die anderen Berichte,
wonach Theodosius eine Zeitlang als Büfier -
also wohl ohne die kaiser-
lichen Insignien - in der Kirche erschien, bis er (wahrscheinlich) an
Weihnachten 390 nach dem Bekenntnis seiner Schuld wieder voll in die
Gemeinde der Gläubigen aufgenommen wurdeeD).
Ganz von geistlicher Zurechtweisung und Umkehr ist das Geschehen
auch in der um 40213 verfaßten ältesten Darstellung bestimmt, die sich
bei Rufinus von Aquileja in der Fortsetzung des eusebianischen Werkes
findets0), und einige Jahre später stellt Augustinus die Frage, was an
'I3eodosius wunderbarer gewesen sei als die religiosa humilitas, mit der
er bei seiner Buße die Umstehenden bis zu Tränen bewegt habes1). Es
ist dieselbe humilitas, die schon Ambrosius mit Blick auf das ~ a i l ä n d e r

") epist. 51, 13: offerre non audeo sacrificium, si oolueris assistere (Migne
PL 16, 1163 A 11213 Al); vgl. auch unten Anm. 65.
'") epist. 51,ll; Haec ideo scripsi non ut te confundam sed ut regum e x e m ~ k
Provocent ut tollas hoc peccatum de regno tu0 (Migne PL 16, 1162 C [I212
BC1). -,

epist. 51, 14: Postremo scribo man@mea, quod solus legas (Migne PL 16,
1163 A [I213 Al).
es) De obitu Theodosii 27f., 34 (CSEL 73, 384f., 388 f.).
"1 V. C a m p e n h a u s e n , Ambrosius S.236fftT.,P a l a n q u e , Saint Am-
broise (wie Anm. 9) S. 227ff., F. Hornes D U d d e n , The Life and Times of
St. Ambrose 2 (1935) C. 381 ff ., E n fi 1i n , Religionspolitik S. 67 ff.3 Angel0
P a r e d i ,S. Ambrogio e la sua etA (21960) S. 427ff., L i p p o 1d , Theodoslus
(wie Anm. 4) S. 33 ff.
10
) Rufin. Hist. eccl. XI (11) 18 (GCS 9, 2 S. 1022f.) aus unbekannter Quelle;
vgl. K 0 C h, Kichenbude S. 265 f., P a 1a n q u e , Saint Ambroise S. 408.
Bi
-
) Aug. de civitate dei 5, 26, ed. Bernardus D o m b a r t Alphonsus K a 1
(Corpus Christianorum 47, 1955) S. 162.
'9 Ambr. de obitu Theodocii 27: . .. per humilitatem pervenit ~d sal~tem
(CSEL 73, 385).
Von Mailand nach Canossa 341

Ereignis dem Kaiser nachgerühmt hattesz), und in der Tat erscheint hier-
mit der spontane Eindruck der christlichen Zeitgenossen nach 390 treffend
bezeichnet, die staunend miterlebt hatten, wie Theodosius in dieser
humilitas eine neue und wesentliche Komponente des inzwischen heran-
gereiften christlichen Herrscherbildes verwirklichte3~). Zutreffend ist
nämlich beobachtet worden, daß dieses Ideal keine Entsprechung mehr
in der heidnischen Tradition findet, für die sich die Demut eines Kaisers
allzu leicht zur Demütigung verzerrt hätte.
Mehr als drei Jahrzehnte trennen die Mailänder Kaiserbuße von dem
einzigen Bericht aus der Umgebung des Arnbrosius, der Darstellung des
Diakons Paulinus in seiner Vita S. Ambrosii, die 422 auf Veranlassung
des Augustinus entstanda4). Dem hagiographischen Genus entspricht hier
ein unverkennbar monumentalisierender Zug, was die Rolle des Mai-
Iänder Bischofs bei den Vorgängen von 390 angeht, ohne daß sich dies
freilich irgendwie gegen den Kaiser richtet, dessen Haltung ausdrücklich
als secunda victoria gewürdigt wird. Es ist wohl anzunehmen, daß sich
der frühere Sekretär des Ambrosius dabei nicht nur auf mündliche Be-
richte, sondern auch auf seine Kenntnis des 51. Briefes stützen konnteS5);
andererseits zeigen die Einfügung eines gewiß fiktiven Dialogs und vor
allem der viel erörterte Satz copiam imperatori ingrediendi ecclesiam
denegavitss), daß Paulinus nach dreißig Jahren in der Schilderung des
verehrten Bischofs bereits deutliche legendarische Ausschmückungen des
Geschehens aufgreift. Was hier nämlich noch knappe Andeutung bleibt,
findet sich wenig später in der griechischen ~irchen~eschichtsschreibung

") Vgl. S t r a U b ,Herrscherideal S. 140f., V o g t , Niedergang (wie Anm. 4)


s. 322.
34) Paolino di Milano, Vita di S. Ambrogio C. 24, ed. Micheie P e 11e g r i n 0
(Verba Seniorum N. S. 1, 1961) S. 84f. (zuvor Migne PL 14, 37f.). Paulinys
aus Florenz, der wahrscheinlich 394/5 mit Arnbrosius bekannt wurde, hat dle
Vorgänge von 390 nicht selber miterlebt; vgl. über ihn P a 1a n q U e, Saint
Ambroise S. 409 ff., V. C a m p e n h a u s e n, Paulinus 8, Realen~~clopädie. d.
class. Altertumswiss. XVIII/~(1949) Sp. 2330 f., ferner P e 1I e g r i n o in der
Einl. S. 1 ff.
') Für eine Benutzung durch PauIiiiUs, der schon na& P. d e L a b r i 0 11e ,
..
Saint Ambroise (1908) S. 145 ,,ne fait gukre . que paraphraser librement
laEPitre51*, scheint uns zumal die Verwendung des David-Beispiels ZU sprechen,
die bei K o C h, Kirchenbuße S. 268, P a 1a n q U e, Saint Ambroise S- 235,
E n ß 1i n , Religionspolitik S. 72 unzureichend berücksichtigt wird. Für die spä-
teren Historiker dürfte die unmittelbare Kenntnis des Briefes dagegen kaum
erweisbar sein. - Zur besonderenOberlieferung des 51. Briefes vgl. auch unten
s.346 f.
30) Vgl. dazu P e l l e g r i n o , Vita S.86 Anm.6.
342 Rudolf Schieff er,

des mittleren 5. Jahrhunderts breit entfaltets7): Die berühmte Kirchtür-


Szene, die erstmals in dem bald nach 439 geschriebenen Werk des Kon-
stantinopler Scholasticus Sozomenus begegnets8), übernimmt, wohl von
Johannes Chrysostomus, ein Motiv der älteren Legende vom Antiochener
Märtyrerbischof Babylasag) und übersteigert die Rolle des Ambrosius
nun eindeutig auf Kosten des Kaisers, der weniger durch die geistliche
Unterweisung als durch den öffentlichen Eklat zur Buße genötigt wird.
Wenn schließlich zur gleichen Zeit Theodoret von Cyrus in seiner
Kirchengescbichte40) dem Mailänder Bischof gleich zweimal Gelegenheit
gibt, in aller 'Clffentlichkeit herabsetzende Tiraden gegen den anscheinend
völlig hilflosen Theodosius zu richten, so ist vollends der Gipfelpunkt
einer Entwicklung erreicht, die aus Ambrosius einen ,taktlos Provo-
zierenden Polterer", aus Theodosius aber einen ,,kläglich" agierenden
„SchwächlingGhat werden lassen41).

87) Die von K o C h, Kirchenbuße S. 269, 276 angenommene mißverständ-


liche Benutzung des Paulinus bei Sozomenus und Theodoret scheitert an der
späten griechischen Uberliefer~n~seiner Ambrosius-Vita, wie B a u r , Zur
Ambrosius-Theodosius-~ra~e (wie Anm. 22) S, 401 ff.nachgewiesen hat; dennoh
bleibt Paulinus als Frühstufe der Legendenbildung von Wert.
") Sozom. Hist. eccl. V11 25, ed. Joseph B i d e z - Ginther Christian H a n -
Sen (GCS 50, 1960) S.338ff., wohl aus mündlicher Uberlieferung nach Ge0%
S C h 0 0 , Die Quellen des Kirchenhistorikers Sozomenos (1911) S. 152; ygl. au$
P a I a n q e, Saint Ambroise S. 421 ff., D v o r n i k , Early Christian (wie
Anm. 4) S. 789.
80
) Job, Chrys. de sancto Babyla Contra Iulianum C. 6 (Migne PG 50, 541f*)
über einen ungenannten Kaiser, dem der hl. Babylas (T 250/1) den Zutritt zur
Kirche verweigert habe. Daß dieser vor 390 entstandene Text, der in unklarern
Zusammenhang mit der Tradition vom christlichen Kaiser Philippus Arabs steht
oben Anm. 16, 17), auf die griechischen Berichte über ~heodosiusynd
Ambrosius eingewirkt hat, ist zuerst von B a U r , Zur ~mbrosius-Theodosiy~-
Frage erkannt worden (zustimmend U. a. V. C a m p e n h a U s e n, Ambrosius
S:239 Anm.2, e t t o n, Christian Attitude [wie Anm. 231 S. 125 Anm. ")'
Eine Benutzung der Babylas-Homilie bei Sozomenus ist auch an anderer stelle
nachzuweisen; vgl. H a n s e n in der Einl. S. LI.
40
) Theodoret. Hist. eccl. V 17-18,
S c h ei d W e i 1 e r (GCS 44, 1954) S. 306 ff.,
-
ed. Lkon p a r m e n t i e r Fe1ix
wieder abgedr~&tmit dt. Obers'
bei R a h n e r , Kirche und Staat (wie Anm. 23) S. 192ff. - Die von Albert:
G * n P e ? n i n g , Die Kirchengeschichte des Theodoret von ~yrrho:. Eine
Untersuchung ihrer Quellen (1889) S.48 f. behauptete, bei K 0 h, Ktren:
bune 269 aa vorausgesetzte Benutzung des Sozomenur ist äußerst frag1''
vgl. S c h e i d w e i l e r in der Einl.S.Xx111,
"1 K 0 c h Kirchenbufle S. 269 fi. (Zitate S, 272); vgl. ferner zur Kritik
TheOdqrets V. C a m p e n h ? u s e n, Ambrosius S. 239 f., P a 1a n 4 U e, Saint
AmbrOise S. 428 B., D U d d e n, Life arid Times (wie Anm. 29) S. 388 ff-9
-
l e di , S e Ambrogio (wie Anm. 29) S. 434 f., D V 0 r n i k, Early christian
S' 791 f* Unkritisch ist Umberto M 0 r i C C a , Storia della letteratura ladna
Von Mailand nah Canossa 343

Ein Blick zurück auf den 51. Brief des Ambrosius genügt, um den
weiten Weg zu ermessen, den das Geschichtsbild von der Kirchenbuße
des Theodosius bereits nach sechzig Jahren hinter sich gelassen hatte.
Dabei erscheint es zumal im Hinblick auf Stimmen, die in dem Mailänder
Ereignis die ,abendländische Deutung der Einheit von Staat und Kirche"
bezeichnet sehen möchten42), recht bemerkenswert, daß die wesentlichsten
Wandlungen des Bildes im griechischen Osten eingetreten waren, der
während des ganzen 5. Jahrhunderts von schweren innerkirchlichen
Streitigkeiten erschüttert wurde. Jedenfalls gewinnt die verzerrende
Schilderung Theodorets eine bemerkenswerte Nuance, wenn man be-
denkt, daß sie 449/50 im Kloster Nicertae beini syrischen Apamea
niedergeschrieben wurde, wohin der Bischof von Cyrus ausgewichen war,
nachdem ihn im August 449 die eutychianische ,Rdubersynodec von
Ephesus abgesetzt hatte, vor der zu erscheinen ihm durch ein Machtwort
des Kaisers Theodosius 11. untersagt worden war4s). Wenn Theodoret
eben zu diesem Zeitpunkt T~eodosiusI., dem Großvater des regierenden
Kaisers, nach seinem Zusammenstoß mit Ambrosius die Worte in den
Mund legt: ,,Nur schwer habe ich den Unterschied zwischen Kaiser und
Priester gelernt, denn nur schwer habe ich einen Lehrer der Wahrheit
gefunden; von Ambrosius weiß ich als einzigem, daß er zu Recht Bischof
genannt wirdN44), SO tritt die deutliche Tendenz zu Tage, in der breit
ausgeführten Schilderung der Buße des ersten Theodosius ein Mahnmal
für die Grenzen kaiserlicher Willkür gegenüber der Kirche aufzurichten,
wie sie Theodoret soeben am eigenen Leibe zu spüren bekam. 1st aber
dieser Zusammenhang zutreffend so wird hier erstmals und zu-
I
-
nähst noch unausgesprochen eine folgenreiche Umprägung des Mai-
Iänder Ereignisses greifbar, die nur als Reflex auf die wachsende Kaiser-
1
cristiana 211 (1928) S. 327 fi, auf den M o r i n 0, Chiesa e $tat0 (wie Anm. 6,
! S. 260 f. nicht erneut hätte zurückgreifen sollen.
43 L i e t z m a n n. Staat und Kirche (wie Anm. 1) S. 10 (Nahdruk 223)
UndD e r s., ~eschidite(wie Anm. 1) S. 80.
"1 Vgl. zur Datierung der ~ i ~ b g e s c h i dS~Cthe e i d W e i 1 e r in der Einl.
% %V f., zum allg. Hintergrund R. V. S e 11 e r s , The Council of Chalcedon
(19531 S. 76., 84
- .f.
--
44) Hist. eccl. V 18, 24: p6yi5 ßuahdw~K U ~Icpdw~8bibdx9r1v biacpopdv,
f16yiS Y'dp ~bpov&hr19E(ag bibdo~ahov.'Apßpd<nov Y ~ Poiba phvov Q(ouorOv
{W
!'< ~ a h o 6 p r v(GCS
~ ~ 44, 313). In diesen Worten scheint übrigens a@ ein
bislang offenbar beachteter Reflex auf die bekannten ~aisereplklesen
Q x ~ ~ PßaotAc(~~
E ~ ~ s der ~ ; ~ b ~ von ~ ~449~ (ed.
~ oEduardus
d e S C h W a r 2a.,
Acta Conciliorvm Oecumenicomm 11 1, 1 [I9331 S. 138, 28 U. 0.; dazu
'olgt, Staat und Kirche Anm.81 S.76 Anm.11, Ort0 T r e i t i n g e r ,
Die oströmische Kaiser- und Reichsidee [I9381 S. 124f.) zu liegen.
344 Rtidolf Shieffer,

in der Kirche verstanden werden kann: Die Erinnerung an die


geisdicheZensur des Ambrosius, die 390 gerade keinen kirchenpolitischen,
sondern einen pastoralen Schritt bedeutet hatte, weil sie sich nicht auf die
Eigenrechte der Kirche, sondern auf die umfassende sittliche Verantwort-
lichkeit des christlichen Kaisers auch in ganz ,säkularenc Maßnahmen be-
wird nun bei Theodoret zu einer geistigen Waffe im Kampf gegen
ein als unberechtigt empfundenes kaiserliches Kirchenregiment, und was
ursprünglich ein Markstein auf dem Wege der Verchristlichung des ~ a i s e r -
tums gewesen war, erscheint hier als Idealbild der Kirchenfreiheit im
christlichen Imperium46).
Die neue Entwicklungsstufe des christlichen Kaisertums, der diese ge-
wandelte Bliclsricht~n~ entspricht, hatte damals freilich noch längst nicht
ihren Höhepunkt erreicht, denn erst die unlösbaren Konflikte, die sich
für die Reichskirche aus der dogmatischen Entscheidung des Konzils von
~halcedon(451) ergaben, ließen allmählich die latente Tendenz des
Kaisertums zur außersynodalen Entscheidung theologischer Streitfragen
zum vollen Durchbruch kommen. Schon. der erste dieser Versuche, das
Henoticum des Kaisers Zenon von 482, rief allerdings auch, zumal im
Westen, bekanntlich Gegenkräfte auf den Plan, von denen die Reflexion
über das Verhältnis von geistlicher und weltliher Gewalt zu einer bis
dahin unerreichten Höhe der Abstraktion gesteigert wurde. Papst Ge-
lasius 1. (492-496), dessen umfassende Wirkung auf das Mittelalter vor
diesem Hintergrund zu sehen ist47), griff denn auch als erster die Kirchen-
buße des Theodosius ausdrücklich als historisches Beispiel auf, als er
Anfang 496 in einem langen Lehrschreiben an die Bischöfe der Provinz
IXdanien die mangelnde Festigkeit des östlichen Episkopats gegenüber

45) Vgl. P a 1 a n q u e, Saint Ambroise S. 228 f., 382 f., M o r i n o, Chiesa


stato (wie Anm. 6) S. 259, G r y s o n, Le pretre (wie Anm. 11) S. 259 Anm. 96
U. a.

4') Vgl. die wesentlichen Klärungen bei P e e s i n, Imperium (wie. Anm. 8)


S; 111ff. Hier liegt auch ein en~cheidenderUnterschied zu den anderen
fllkten, die Ambrosius mit Valentinian 11, und Theodosius um die ~0rre.e
der.katholisdien Kirche gegenüber den Arianern hatte (38516 ~otenkirheln
Malland, 388 Callinicum-~ffai~~),
47) Latte K n a b e, Die gelasianische Zweigewaltentheorie bis zum Ende @
Investiturstreits (1936) S.11ff., G m e 1i n, Auctoritas. Römischer
cePs und päpstlicher Primat, in: Geistige Grundlagen römischer ~irchen~olltik.
Erih C a s P a r zum Gedä&tnir, 1. Teil (1937) S. 135 ff., Wilheh E n ß 1i n D
Auctoritas und Potestas, HJb 74 (1955) S. 661 ff., D 0 r n i k, Early christian
S. 804 ff.
Von Mailand nach Canossa 345

dem Kaiser tadelte48). Der berühmte BuDakt, dessen Schilderung bei


Gelasius im übrigen mehr an die Dramatisierung Theodorets als an den
Geist des 51. Briefes erinnert49), begegnet somit hier ganz eindeutig in
jenem zum kirchenpolitischen Exempel umgeformten Sinne, der bei
Theodoret von Cyrus ein Menschenalter zuvor noch unausgesprochen
geblieben war. Damit hatte das Geschehen aber eine Sinndeutung er-
halten, die ihrerseits zu starker Nachwirkung bestimmt war: In Kennt-
nis des Gelasius rückte ein halbes Jahrhundert später der afrikanische
Bischof Facundus von Hermiane die Gestalt des büßenden Theodosius in
den Mittelpunkt eines beschwörenden, an Kaiser Justinian I. gerichteten
Appells, mit dem er seine große Widerlegungsschrifi Pro defensione trium
capitulorum gegen das erste, etwa 545 erlassene Edikt des Kaisers im
Dreikapitelstreit abschloi3")). Das Bild des Mailänder Kirchenvaters
m u h e dem streitbaren Vorkämpfer der auf Chalcedon beharrenden
afrikanischen Orthodoxie in einer umso machtvoIleren Gloriole erscheinen,
als er in seiner eigenen Gegenwart die Schuld an der kirchenpolitischen
Lage zuerst in der feigen Schwachheit. seiner bischöflichen Amtsbrüder
zu erblicken glaubte. Wenn er daher ausrief: Si nunc Deus aliquem
Ambrosium suscitaret, etjam Theodosius non deesset"), so gab er sich
freilich der Illusion hin, durch bloDe Willensanstrengung eine Entwick-
lung rückgängig machen zu können, die das Kaisertum zu einer immer
bestimmenderen Stellung innerhalb der Kirche gebracht haue, seitdem ein
Kaiser mit seiner öffentlichen Buße den letzten Schritt
in die Kirche hinein getan hatte.

-
Der leidenschaftliche Widerspruch, den Facundus von Afrika aus gegen
Anspruch und Methode der justinianischen Unionspolitik richtete, be-

JK 664; Collectio Avellana n. 95, ed. Otto G ü n t h e r (CSEL 35/1, 1895)


S. 369 ff.; V$. Eri& c as p a r , Geschichte des Papsttums von den Anfängen
bis zur Höhe der Weltherrschaft 2 (1933) S. 56ff., 751 f.
48) Coll. Avell. 95, 60: Ambrosius ...maiori Theodosio imperatori commu-
nionern publjce palamqtle suspendit atque ad paenitentiam redegit r e g h
potestatern (CSEL 35/1, 390); C a s p a r, Geschichte 2, 72. -
Eine un-
mittelbare Quelle ist nicht zu verifizieren.
60) Facund. pro def. XII 5 (Migne PL 67, 849-52), teilweise wieder ab-
gedruckt mit dt. Ubers. bei R a h n e r, Kirche und Staat S. 302 fl~.ygl. dazu
vor allem P e e s i n , Imperium (wie Anm. 8) S. 109ff., D V o r n 1 k, E a r l ~
C
ChriStian S. 826, zu den Hintergründen Evangelos h r y s 0 s, Zur Datierung
und Tendenz der Werke des Facundus von Hermiane, KArlpovo~{a 1 (1969)
S. 311 ff. Auf Gelasius Quelle hat bereits P e W e S i n S. 112 Anm. 41 hin-
gewiesen.
1' Migne PL 67, 850 C.
346 Rudolf Sdiieffer,

deutet indes im Westen zugleich einen letzten Hohepunkt der alten


römischen Reichskirche, die mit dem Niedergang des Imperiums neuen
Ordnungen Platz machte. Damit verschwand freilich mehr als nur der
institutionelle Rahmen, in dem die Bui3e eines Kaisers zum Ereignis und
bald zum Paradigma hatte werden können. Die fortdauernde Erinnerung
an das berühmte Mailänder Geschehen wurde vielmehr selber vom
Strudel vielfältiger Bewegungen ergriffen, um dem aufziehenden Mittel-
alter dann in gewandelter Gestalt wieder zu begegnen.
Zunächst bedeutete die Zeit des Umbruchs eine schwerwiegende Ein-
schränkung der historischen Kenntnisse. Daß der 51. Brief des Ambrosius,
unsere wertvollste Quelle, keine Tradition zu bilden vermochte, ist aller-
dings schon dem Mailänder Kirchenvater selber zuzuschreiben, der dieses
ausdrücklich nur der persönlichen Lektüre des Kaisers zugedachte schreiben
zurückhielt, als er nach des Theodosius Tod (395) seine bis dahin neun
Bücher umfassende Briefsammlung um ein zehntes erweiterte, das seine
Korrespondenz mit den Kaisern enthielt"). Zusammen mit einigen an-
deren Schrifistüdsen, die die sog. ,Epistulae extra collectionem" in der
Ambr~siusüberlieferun~ darstellen, ist der 51. Brief erst Jahrzehnte s ~ ä -
ter, wahrscheinlich durch den Diakon Paulinus, herausgegeben w ~ r d e n ~ ~ ) ~
als die Briefsammlung bereits eine weite Verbreitung gefunden hatte.
Der 51. Brief hat daher eine sehr schmale Oberlieferung") und ist prak-
tisch dem gesamten Mittelalter und sogar noch den frühen Ambrosius-
Editoren der beginnenden Neuzeit unbekannt geblieben6"; erst die

"e) Hierzu jetzt Richard K 1e i n, Die Kaiserbriefe des Ambrosius. Zur


Problematik ihrer Veröffentlichung, Athenaeum N. S. 48 (1970) Se 335-371,
bes. S.342ff.; seine Uberlegungen zu den Beweggründen des Ambrosius (ebd.
S-353 ff.1, der ,:gespürt haben mag, wie sehr er blofigestellt gewesen w$e, wenn
man erfuhr, wie er den Menschen Theodosius in seiner Verwirrung Sm St1.e
gelassen hatteu (354), scheinen allerdings die Eigenart des 51. Briefes erheblich
zu verkennen.
1 e i n, Kaiserbriefe S. 365 ff.
84) K 1e in, Kaiserbriefe S. 365 Anm. 63 nennt auf Grund der Materialicn
des leider kürzlich verstorbenen, hochverdienten ~mbrosius-Editors P* OttO
F a 11e r SJ (Sr. Blasien) für die ,,Epistulae extra collectionem" sechs Hand-
(12-16. Jh.), die freilidi n a h Ausweis der Kataloge keineswegs sämt'
lieh den 51. Brief ZU enthalten
1' Uberblik bei IC 1e i n , KaiserbriefeS. 344 f. Editio princeps ist die Aus-
gabe Kardinals Feliee Montalto Sixtus Y,), Rom 1579-87 - Die
von D V 0 r n i k, Early Christian S. 785: ,,% letter became
favOrite quotation of Chur& historians" entbehrt jedenfalls bis weit in die
hinein der Begründung; ,iner bemerkenswertenAusnahme im 9. Jh*
vgl. unten Anm. 110.
Von MaiIand nach Canossa 347

kritische Forschung des vorigen Jahrhunderts hat seinen unvergleichlichen


Quellenwert wieder zur Geltung bringen können'o).
Den Ausfall dieser wertvollsten Quelle vermochten auch die knappe
Darstellung des Rufinus und das - ohnehin mehr auf Würdigung denn
auf Bericht bedachte - Zeugnis Augustins t r o a ihrer weiten Verbreitung
nicht aufzuwiegen. Auch die ausführlichen Schilderungen der griechischen
Kirchenhistoriker hätten dem Abendland verschlossen bleiben müssen,
wenn nicht kurz vor dem Erlöschen griechischer Bildung im Westen der
gelehrte Senator Cassiodor, auch hierin einer der ,founders of the Middle
kes" die Darstellung Theodorets von der Zurechtweisung des Theo-
dosius durch Ambrosius in das Ubersetzungskompendium seiner Historia
tripartita übernommen hätte"). Die Aufnahme dieser Version in „das
hauptsächlichste kirchengeschichtliche Hilfswerk des abendländischen
Minelaltersu6Q) war eine folgenschwere Entscheidung, deren Bedeutung
kaum unterschätzt werden kann: Während Theodoret zusammen mit den
anderen Kirchenhistorikern seiner Generation ohnehin schon bald dem
griechisch-byzantinischen Mittelalter zur vielgelesenen Autorität für die
Geschichte der Alten Kir& ~urdeao),gelangte sein Werk - und darin
die Darstellung von Ambrosius und Theodosius mit allen ihren legenden-
haften, dem kirchenpolitischen Klima des mittleren 5. Jahrhunderts ver-

'3 Vgl. Gerhard R a u s C h e n, Jahrbü&er der christlichen Kirche unter Kai-


ser Theodosius d. Gr. (1897) s.317ff., Francois a n 0 r t r o y , Saint Ambroise
et l'empereur Thkodose, Analecta Bollandiana 23 (1904) S. 417-426, abschlie-
K 0 C h , KirchenbuSe (wie Anm. 22),
"1 Edward Kennard R a n d , Founders of the Middle Ages (1928) S. 240 ff.,
bes. S. 246; vgl. auch Heinz L ö W e, Cassiodor, Romanisdie Forshungen 60
(1947) S. 420ff., Pierre C o u r C e 1I e, Les lettres grecques en Occident de
Macrobe ?I Cassiodore (21948) 5,313 $., R. H e 1m, Cassiodorus, Real-
lexikon für Antike und Christentum 2 (1954) Sp. 915-926.
-
Cassiod. Hist. trip. I X 30, ed. Waltarius J a C o b Rudolphus H a n s 1i k
(CSEL 71, 1952) S. 540ff.
09
) Otto B a r d e n h e W e r, Geschichte der altkirchlidien Literatur 5 (1932)
S. 276, ähnlich Walter J a 0 b, Die ha~dsdurifilicheObdieferung der Soge-
nannten Historia TriPartita des ~piphanius-Cassiodor (Texte und Unter-
suchungen zur Geschichte der Literatur 59, 1954) s. 3-
1' Mittelbar oder unmittelbar sind jedenfalls von Theodorets ~arste1l.g
abhängig JohanmS Malalas, Chron., ed. Ludovicus D i n d 0 r f (Corpus Scrip-
'orurn historiae Byzantinae, 1831) S. 347f., Theophanes, Chron. ad a. 5884,
ed. Carolus d e B 0 0 r , 1 (1883) S.72, Georgius Monadtuc, Chron., ed. Carolus
e B 0 0 r , 2 (1904) S. 577 fi,, Georgius Cedrenus Hist. campend., ed. h ~ m a -
nue? B e k k e r, 1 (Corpus scriptorum historiae Byzantinae, 1838) 556tf.9
Sowie die griechischen Ambrosius-Viten (Obersidit bei P a I a n q U e Y Saint Am-
broise [wie Anm. 91 S. 430 f.).
348 Rudolf Schieffer,

hafteten Ausmalungen - durch Cassiodors Obertragung auch im Westen


zur einer ungeahnten Fernwirkung, und die Mailänder Kirchtür-Szene
wurde auf diesem Wege zu einem klassischen Historiengemälde, das über
das ganze Mittelalter hinweg selbst noch i n der Neuzeit etwa bei Peter
Paul Rubensß') oder Edward Gibbonßz) nichts an Glanz und Pathos
eingebüßt hat. Daß dieses Bild indes selber bereits die Obermalung von
sechs bewegten Jahrzehnten trägt, blieb dabei für mehr als ein Jahr-
tausend verborgen.
Das Sinken der historischen Bildung war überdies begleitet von tief-
greifenden ~ A n d l u n ~ einn den kirchlichen Rech~s~ewohnheiten,
die den
folgenden Jahrhunderten ein angemessenes Verständnis des Mailänder
Bußaktes zusätzlich erschwerten 63). Hierzu gilt es zunächst, das Ge-
schehen des Jahres 390 von der kirchenrechtlichen Seite her zu erfassen.
Das schriftliche Bußgebot des Ambrosius hatte sich nämlich auf die Be-
achtung von disziplinären Forderungen bezogen, wie sie die Alte Kirche
ganz generell stellte. Ein Vergehen von der Schwere des Mordes bedingt
danach die Exkommunikation, d. h. den Ausschluß von Gottesdienst und
Sakramenten, der nur in einem langwierigen Bußverfahren überwunden
werden kann04). Am Anfang stehen dabei die Wiederzulassung des reue-
willigen Sünders zum Gottesdienst und seine Zuweisung zum besonderen
Stand der Büßer; dies zu erreichen, war eben die Aufgabe des 51. Brie-

") P. P. Rubens, Der hl. Ambrosius und Kaiser Theodosius (161819; heute
Wien, Kunsthistorisches Museum, 1nv.-Nr. 1162); vgl. Max R o o s e s , L'ceuvre
de P. P. Rubens. Histoire et dkscription de ses tableaux et dessins 2 (1888)
S. 214ff. Nr. 387 U. Tafel 133, P. P. Rubens, Des Meisters Gemälde, hg. V.
0 1d e n b o u r g (Klassiker der Kunst 5, 40. J. [1921]) S . 191.
02
) Elward G i b b o n, The Decline and Pa11 of the Roman Empire, chapter
XXVII: ,He was stopped in the porch by the ardibishop, who, in the tone and
language of an ambassador of Heaven, declared to his sovereign that private
contrltlon was not sufficient to atone for a public fault, or to appease the
, R. M. H t c h i n s (Great Books of the
justice of the offended D e i t ~ . ~ed.
Western World 40, 1952) S. 452.
03
) .Vgl; zym Folgenden bes. Josef Andreas J n g m a n n, Die lateinischen
Bußrlten in ihrer geschichtlidien Entwicklung (1932), Bernhard P o s C h m a n n,
Buße und Letzte alung (Handbuch der Dogmengesdiichte IV/3, 1951) S.42ffv,
65 ff* und D e r s., BuBe (christlich), Reallexikon für Antike und Christentum
S ~805-812;
. kurzer Uberblik von P.-M. G Y , Das Sakrament der BuGe
der Liturgiewissensdiafi, hg. V. Aim&GeorgesM a r t i m o r t 2,1965)
S. 102-113,
Hugo K o C h, Die Büßerentla~sun~ in der abendländischen alten Kir+,
Theologische Quartal-Schrift 82 (1900) S. 481-534 (C. 495 tf. zur T h e ~ d ~ ~ ~ ~ -
Buße), Jean G a d e m e t ,Note sur les formes anciennes de l'excommunication2
Revue des sclences religieuses 23 (1949) S. 64-77.
Von Mailand nach Canossa 349

feso6)*Das Ende bildet die förmliche Rekonziliation und Wiederauf-


nahme in die Gemeindeo0); bei Theodosius ist es die in den Quellen
nicht näher beschriebene Szene, die sich wohl an Weihnachten 390 ab-
gespielt hat. Daß zumindest dieser abschliegende Schritt bei einem crimen
~ublicumet vulgatissimum vor der versammelten Gemeinde, also öffent-
lich zu vollziehen sei, ist ebenso die Lehre des Ambrosius~7)wie die
Meinung gleichzeitiger Synodenoa), und eine angemessene Würdigung
des Mailänder Bischofs wird demnach zu betonen haben, dai3 er den
b u h d e n Kaiser - vielleicht abgesehen von der Bui3frist") gerade -
nicht über die Schar der übrigen Pönitenten im damaligen Mailand
hinaushob.
Seitdem jedoch im Friihmittelalter die erstarrten Budordnungen der
Alten Kirche zunehmend von der privaten, nichtöffentlichen Bui3e ver-
drängt wurden 7 9 , rnußte sich auch der Charakter der Exkommunikation
entscheidend verändern. Der Schwerpunkt verlagerte sich von der mehr
oder minder selbstverständlichen Rechtsfolge einer jeden schweren Ver-

-
fehlung auf eine besondere, ausdrücklich als ,Kirchenbannc verhängte
Strafe, die den Ausschluß aus der Gemeinde der Gläubigen bezweckte,

K 0 C h , Büßerentlassung S. 496 f. und D e r s., Kirchenbuße (wie Anm. 22)


S.263f. - Man kann demnach die Anm.25 zitierten Worte des Ambrosius
nicht - wie häufig geschehen (vgI. etwa Hans-Joadiim D i e s n e r ,Kirche und
Staat im ausgehenden vierten Jh.: Ambrosius von Mailand, in: D e r s., Kirche
und Staat im spätrömis&en Rei& [I9631 S. 39; Nachdruck in: Das frühe
Christentum im römischen Staat, hg. V. Richard K 1 e i n [Wege der Forschung
267, 19711 S. 444)
00
- als bloße Drohung mit der Exkommunikation betrachten.
) Zum Verfahren Bernhard P o s C h m a n n, Die abendländische Kir-
&enbuße im Ausgang des diristlichen Altertums (1928).
67) Vgl. Emil G ö 11e r , Analekten zur ~ußgeschichtedes 4. Jh., RÖmishe

Quartal-~dirifi36 (1928) S. 262 ff.,G.0 d o a r d i, La dottrina della penitenza


Ambrogio (1941) S. 78 f., G r y s o n, Le prttre (wie Anm. 11) S. 275if. -
Hierzu jetzt die neue Ausgabe: Ambroise de Milan, La Pknitence, ed. Roger
G r Y s 0 n (Sources Chrktiennes 179,1971).
OB) Synode von HipPo (393), can. 30 (Mansi 111 9231, Synode von Karthago
(397), can. 32 (ebd. 885); vgl. Franz Joseph D l g e r , Ante absidern. Der
Platz des Büßers beim Akte der ~~konziliation, Antike und Christentum
(1940/50) S, 196ff,, im I-Iinblick auf Theodosius Gerhard R a U s C h e n, Eucha-
ristie und Bußsakrament in den ersten sechs ~ahrhundertender Kirche ('191O)
183f.
00
) Zur Bußfrist vgl. U. a, K 0 C h, ~irchenbußeS. 275 f. mit Anm. 2,
"1 Bernhard P 0 s C h m a n n, Die abendrändische Kirchenbuße im frühen
(1930), Emil G ö 11e r , Papsttum und Bußgewalt in spätrÖm$cher
und . ü h m i t t e ~ a l t ~ ~ lZeit
i & ~(1933),
~ Cyrille V o g e I, Les rites de la pknitence
pub1lque aux Xe et XIe si&cles,in: Mdanges offerts d Renk C r o z e t 1 (1966)
S. 137-144 und D e r s., Le pk&eur et la pknitence au Moyen Age (1969).
23 Deursdtes Archiv XXVIlI
350 Rudolf Schider,

soweit dies bei einem Getauften überhaupt möglich war, und meist nur
durch öffentliche Buße getilgt werden konntevl). Die Folgen dieser Ent-
wicklung für das historische Verständnis früherer Epochen sind leicht
einsehbar: Das Vorgehen des Ambrosius -
in den frühen Quellen nie
ausdrücklich als Exkommunikation bezeichnet72) -
nahm im Bilde der
Nachwelt bald auch irn kirchenrechtlichen Sinne eben den exzeptionellen
Charakter an, dessen Fehlen ursprünglich gerade sein besonderes Kenn-
zeichen gewesen war.
Dieser Wandel mußte umso nachhaltiger sein, als das Herrscheramt
selber seit den Tagen des Ambrosius in einer tiefgreifenden Metamor-
phose begriffen warvs). Hatte der Mailänder Bischof noch eine deutliche
Unterscheidung zwischen der öffentlichen Stellung und dem persönlichen
Bekenntnis des Kaisers getroffen und demgemäß zwar die kirchlichen
Rechte des PÖnitenteq, keineswegs aber die Ausübung des kaiserlichen
Amtes angetastetv4), so war eine solche Distinktion den jungen Völkern
weithin fremd, die, frei vom Erbe einer tausendjährigen Tradition Staats-
theoretischen Denkens, nach dem Ende des Imperiums die politische
Führung im Westen übernahmen. Ihr urtümliches Herrscherturn verband

71) umfangreiches Material bei Paul H i n s C h i U s , Das ~ i r c h e n r e h ~


der Katholiken und Protestanten in Deutschland 4 (1888) S. 699ff., 797& 5
(1893) S-1% zur gewandelten Einschätzung in der na~hau~ustinischenTheo-
logie Alfons G 0 m m e n g i n g e r , Bedeutet die Exkommunikation Verlust der
K~~engliedschafl?,Zeitschrift für lrath. Theologie 73 (1951) 1-71, bec'
s. 278.
7.2 Während noch Augustinus unpräzise ecciesiartica cohercitus disciplina (de

civ., dei 5, 26, wie Anm. 31) schrieb, heißt es bei Paulinus: nec ~ r i u sdzgnum
tudzcavtt coetu ecclesiae vel sacramentorum communione qttam publicam agerft
poenitentiam (Vita C. 24, wie Anm. 34). Ohne Nachfolger bleibt SozOmenus m!t
dem klaren & K ~ ~ V ~ V ~ <rofqoe
T O V (Hist. eccl. V11 25, wie Anm. 38). In der lat&l-
..
nlschen Tradition formuliert Gelasius: Theodosio , commttnionem pubhce
~alamqwesuspendit .. . (Co11. Avell. 95, 60, wie Anm. 49), und yst bei
Facundus findet sich dann: Non tale aliqwid petimws corrigi g d e fuzt quod
excommunzcatione ulciscebatur Ambrosius (Pro def. XI1 5, Migne PL 677 851
78
) Aus der umfangreichen Literatur vgl. bes. V i g t , Staat: und Kirche (wie
Anrn. 8),
in the
W.-A. J. C a r 1y 1e, A History of ~ e d i a e v a l~olitical neo.!Y
1 (41950),Fritz I( e r n, Gottesgnadentum und widerstandsreFt lrn
Mittelalter, hg. V. Rudolf B C h n r (q954), H. X. A r q U i 111 )
L'Augustinisme politique. Essai sur la formation des thkories pOlitiques du
moyen-Pge (fl955), Hans Hubert A n t 0 n, F ~ ~ ~ r ~und ~ ~~ e~r ri s ek ~e ree l~ ~ ~ ~
in der Kar~llngerzeit(1968), Malter U 11m a n n, nie Carolingim Renaissance
arid the Idea of Kingship (1969).
74
) C a m p e n h a u s e n , Ambrosius (wie Anm.8) ~ . 2 4 2 7 . P ~ ~ ~ -
i n * Imperium (wie Anm. 8) S. 111, zu den ni&t eben lrir&enfreundllhen Ge-
390 auch E n ß l i n, Religionspolitilr (wie Anm. 2) 69f. un d
D r , Ambrosiui S. 40 (Na&dru& S, 445).
Von Mailand nach Canossa 351

als eine Mittlerstellung zwischen Göttermacht und Menschenwelt adliges


Geblütsrecht mit diarismatischen Idoneitätsgedanken, und demgemäfi
Waren .Erfolg und Scheitern, Schuld und Sühne des Herrschers unmittel-
bar mit dessen physischer Existenz -bis hin zur äuflersten Konsequenz
des Königsopfers - verknüpfi 75).
Die Christianisier~n~ hat hier manches gemildert, doch im Grundsatz
die Anschauung eher gestärkt, wonach sich das Herrscherturn auf die -
nun primär moralisch begriffene - Idoneität seines Inhabers gründe.
Die Ableitung der Herrschaft. aus dem Willen Gottes führte in allen
Germanenreichen früher oder später zur Ausprägung der fur den christ-
lichen Königsgedanken der Frühzeit charakteristischen minister Dei-Vor-
~ ) . ICönigtum als Dienst am Gottesvolk - rnunus di~inum
~ t e l l u n g ~Das
einer karolingischen Münzlegende - rü&te aber seinen Inhaber iri eine
unübersehbare parallele zu den Amtsträgern der Kirche und m u h
damit den Herrscher in einem weit umfassenderen Sinne als je zuvor,
nämlich auch und gerade als Herrscher, der geistlichen Gewalt der
Ecclesia unterwerfen77). I m zuge einer christornimetischen ~önigsethik
wurden audi Krisen und Vergänglichkeit in einem eng an Phil. 2, 5-11
orientierten, die Aussicht auf - himmliche wie irdische - exaltatio be-
gründenden humilitas-Ideal gIeiJlsam aufgefangen, das als Hintergrund
für frühmittelalterliche Beri&te über die Bufie eines Herrschers zu sehen
isto8). Ein Ausschlui3 aus der Gemeinde der Gläubigen, gar eine Ex-

) Vgl. Otto H ö f 1e r , Der Sakral&arakter des germanischen Königtums,


76

in: Das Königtum. Seine geistigen und rechtlichen Grundlagen (Vorträge und
F?rsdiungen, hg. V. Theodor M a e r 3, 1956) 5.75-104, Waiter S C h 1e -
'n g e r, Uber germanisches Heerkönigtum, ebd. S. 105-141, R~dolfB U C h.-
SIe r , Das merowingische Königtum, ebd. S. 143-154, Kar1 H a u C k, Dre
gesdidtliche Bedeutungder Auffassung von Königtum und Adel,
In: Rapports du XIe Congrks International des Sciences Historiques 3 (Stock-
-
holm 1960) s. 96-120, J, M. W a 11& C e H a d r i 11, The long-haired kings
(I9621 S. 148ff. U, a.
70
) Zu diesem, letztlich in Röm. 13 wurzelnden Gedanken vgl. bes. Eugen
E i g, Zum christlichenKönigsgedankenim FriihmittelaIter, in: Das Königtum
(wie Anm. 75) S. 7-73, Erna B h m a n n, Ministerium Dei- idoneitas,
HJb 82 (1963) S. 70-102, neuerdings Walter U1 1m a n n, Schranken der
lCönigsgewait im Mittelalter, HJb 91 (1971) S. 11f.
77
) Zu den frühesten, merowingerzei~lichen Zeugnissen vgl. V o i g r, Staat
U$ Kirche S. 293ff. ES handelt sich bes. um die bei Gregor von Tours er-
ahnten , E ~ k ~ ~neudeberts ~ ~ I.~ und i Chlothars
k ~ ~I. durch
i ~Nicetius
~ ~ ~ ~
Trier (vic. patr. XVII 2, M<;H ss rer. Merov. I/2, 729) sowie ~hariberts1.
durch Germanus von Paris (Hist. IV 26, MGH SS rer. Merov. 1/15 159).
) Vgl. Lothar B r n h e u e r , Miseriae regum. Untersuchungen zum
78

Krisen- und Todesgedanlcenin den herrsdiaffstheologisdien VorstelIungen der


Ottonisdi-salischen 'Zeit (1968), bes, C. 112%., 118 f., 205ff.y241.
23"
352 Rudolf Schieffer,

kommunikation im nachantiken Sinne, bedeutete demgegenüber nicht nur


eine persönliche Katastrophe des Gestraften, sondern entzog darüber
hinaus, für alle Welt sichtbar, seinem Herrschertum die tiefste und
eigentliche Legitimationvo), und es war daher nur die letzte Konsequenz
dieser langwährenden Entwicklung, wenn schließlich auf der Höhe des
Mittelalters der Sachsenspiegel Eikes von Repgow den Gebannten ebenso
wie den Aussätzigen grundsätzlich vom Königtum und damit dem Zu-
gang zur Kaiserwürde ausschloß: Lamen man unde meselsuchtegen man
noch den, de in des paveses ban mit rechte komen is, den ne mut men
nicht to koninge kesen80).
IV
Damit ist der geistige und politische Hintergrund wenigstens grob
skizziert, vor dem die Erinnerung an Ambrosius und Theodosius eine
nachhaltige Neubelebung erfuhr, seitdem das Kaisertum des Okzidents
auf der Basis des fränkischen Großreiches restauriert worden war. Die
wiedergewonnene Realität der Kaiserherrschafi mußte an sich schon das
historische Interesse der Völker des Westens an der mehr als drei Jahr-
hunderte zuvor abgerissenen römischen Kaisertradition gleichsam ak-
tualisieren81); darüber hinaus aber war die Erneuerung des Kaisertums
selber ursächlich aufs engste verbunden mit einer mächtigen geistigen
Renaissancebewegung, die ganz bewußt die dunklen und wechselvollen
Jahrhunderte der jüngeren Vergangenheit zu überwinden und wieder an
die Epoche der Spätantike anzuknüpfen wünschtesz). Die planmäßige

79) Wolfram v o n d e n S t e i n e n, Canossa. Heinrich IV. und die Kirche


(1957) S. 59 f., B o r n s C h e u e r , Miseriae S. 206 f. U. a.
Sachsenspiegel, Ldr. 111 54 § 3, ed. Karl August E C k h a.r d t (MGH
Pont. iur. Germ. ant. N. S. 111, e1955) S. 240; vgl. dazu Eduard E i C h m a n n,
Kirchenbann und Königswahlrecht im Sachsenspiegel, HJb 31 (1910) S. 323-
333, D e r s., Das Exkommunikationsprivileg des deutschen Kaisers im MA,
ZRG Kan. 1 (1911) S. 160-194, Karl Gottfried H U g e l m a n n , In den ban
mit: rechte komen, ebd. 7 (1917) S. 33-97, Hermann C o n r a d, Deutsche
Rechtsgeschichte 1 (21962) S. 220.
Percy Ernst S C h r a m m , Kaiser, Rom und Renovatio 1 (1929) S. 42 f.,
Heinz L ö W e, Von Theoderich dem Großen zu Karl dem Großen. Das Werden
des Abendlandes im Geschichtsbild des frühen MA, DA 9 (1952) S. 353-401
U. a.
Josef P 1e c k e n s t e i n, Die Bildungsreform Karls d. Gr. als Verwirk-
lichung der norma rectitudinis (1953), Paul L e h m a n n, Das Problem der
karolingischen Renaissance, in: I problemi della civilth carolingia (Settimane
di studio 1, Spoleto 1954) S. 309 ff .,Pierre R i C h k, Education et culture dans
I'Occident barbare (VIe-VIIIQ siecles) (1962) S.473 fi. U. E., Wolfram v o n
d e n t e i n e n , Der Neubeginn, in: Karl der Große 2: Das geistige Leben,
hg. V. Bernhard B i s C h o f f (1965) S. 9-27.
Von Mailand nach Canossa 353
Sichtung und Vervielfältigung des mannigfachen literarischen Erbes, das
die ,,dark ages" überdauert hatte, ermöglichte dem 9. Jahrhundert erst-
mals wieder ein auf breitere Quellenkenntnis gegründetes GesJliJlts-
bild, in dem die christlichen Kaiser der ausgehenden Antike einen bevor-
zugten Platz einnahmenss). Constantin d. GP. überragte naturgemäß als
Uberwinder des Heidentums, Kaiser des Nicaenums und überhaupt als
Begründer des christlichen Imperiums alle anderen Kaisergestaltens4),
doch h a t vor allem Eugen Ewig gezeigt, dai3 ,,zu diesem Constantin .. .
ergänzend das Bild Theodosius' 1." traess), und wie sehr die Kaiserreihe
Constantin-Theodosiussß) auch und gerade das ,offiziösec Geschichtsbild
der hohen Karolingerzeit beherrschte, veranschaulichen vielleicht am ein-
drucksvollsten die von Ermoldus Nigellus zum Jahre 826 beschriebenen
Wandbilder der Ingelheimer Kaiserpfalz, auf denen eben diese beiden
Herrscher die christliche Spätantike repräsentiertens7).
Wenngleich die Anfänge dieser karolingischen Theodosius-Tradition
im Dunkeln liegenSe), wird man doch die rasch wachsende Häufigkeit,

ss) den Autoren, deren (erhaltene) handschriftliche Uberlieferung im 9. Jh.


einsetzt und sogleich eine gewisse Breite erreicht, gehören auch Rufinus und
Cassiodor; vgl. die Obersichten bei Theodor M o m m s e n (GCS 9, 3: Eu-
sebius I1 3, 1909) S. CCLiii ff. und J a C o b, Uberlieferung (wie Anm. 59)
-
8 ff. Auf Cassiodor stützt sich auch die Darstellung der Mailänder Kaiser-
buße bei Frechulf von Lisieux (I1 4, 27; Migne PL 106, 1225f.), dem um 825130
schreibenden ältesten Weltchronisten der karolingischen Renaissance; vgl. dazu
Anna-Dorothee V. d e n B r i n C k e n , Studien zur lateinischen Weltchronistik
bis in das Zeitalter Ottos von Freising (1957) S. 120ff., Werner G o e z , Zur
Weltchronik des Bischofs Frechulf von Lisieux, in: Festgabe für Paul K i r n
(1961) S. 93 ff., Jürgen D u m m e r , Frechulf von Lisieux und die Historia
Ecclesiastica Tripartita, Philologus 115 (1971) S. 58-70.
84) Eugen E W i g , Das Bild Constantins des Großen in den ersten Jahr-
hunderten des abendländischen Mittelalters, HJb 75 (1956) S. 1-46, hier bes.
s. 37ff.
'3 E W i g, Bild Constantins S. 42; vgl. auch A n t o n , ~ ü r s t e n s ~ i e ~(wieel
Anm. 73) S. 442 f. U. ö. (Ubersi&t der Herrscherepithete ebd. S. 353 Anm. 1103,
S. 443 Anm. 436-38).
Ober diese Kaiserreihen vgl. E w i g, Bild Constantins S. 39 f., A n t 0 n,
Fürstenspiegel S. 437 ff.
In honorem Hludowici IV 271-74 (2152-55), ed. Edmond F a r a l (Les
classiques de l'histoire de France au moyen Age 14, 1932) S. 164 (zuvor MGH
Poetae 2, 66); dazu E w i g, Bild Constantins C. 39, 45, A n t 0 n Fürsten-
spiegel S. 440 Anm. 405. Vgl, Peter C l a s s e n , Die Geschichte der ~ ö n i g s -
pfalz Ingelheim bis zur Verpfändung an ICurpfalz 1375, in: Ingelheim am
Rhein. Forschungen uiid Studien, hg. V. Johanne A U t e n r i e t h (1964) S. 9%
Ernst E m m e r 1i n g , Die Ingelheimer Ba:- und ~unstdenkmälesebd 286,
Ignaz S c h w e i t z e r - E r n s t ~ m r n e r l l n g ,Vom Glanz der Ingelheimer
ICaiserpfalz (Beiträge zur Ingelheimer Geschichte 19, 1969).
Es) Vgl. E W i g, Bild Constantins S. 44 f.
354 Rudolf Sdiieffer,

mit der dieser Kaiser in den verschiedensten Quellen als vorbildhaft


apostrophiert wird, in Verbindung zu bringen haben mit einer Wandlung
in der Herrschertypologie, wie sie Hans Hubert Anton eingehend an
der Entwicklung der David-Metapher beschrieben hatso). Die hier auf-
gewiesene allmähliche Akzentverschieb~n~ vom gottgesandten rex et
propheta zum sündigen und büfienden Menschen kennzeichnet eine Ent-
wicklung des Herrscherideals von der ,Orthodoxiec zur ,OrthopraxieCo0),
die in entsprechender Weise Theodosius nicht so sehr als den Bezwinger
des Arianismus und des Heidentums denn als den demütigen Büi3er von
Mailand in den Blick rückte: Die.Hervorhebung des Theodosius be-
zeichnete, so gesehen, vor allem die Verpflichtung des christlichen Herr-
schers zur Unterwerfung unter das sittliche Gebot der Kircheo1).
Mit der Forderung, die Ambrosius einst gegenüber Theodosius erhoben
hatte, erscheint dieses Ideal nur auf den ersten Blidr identisch, reichte
tatsächlich aber - zumindest tendenziell -
erheblich weiter und m u h e
auch weiter reichen fiir ein Herrscherturn, das sich durch seine auf Weihe
und Salbung beruhende sakrale Legitimation den Zeitgenossen ,,wie ein
geistliches Amt" darstellteo2). Welches Gewicht die damit bezeichnete,
im Hinblick auf die Tugend der humilitas durch David und Theodosius
konkretisierte Herrschertypologie zu gewinnen vermochte, verdeutlicht
die feierliche Buße, die Ludwig der Fromme -
imitatus Theodosii
imperatoris exemplum - und mit ihm der versammelte Episkopat im
August 822 in Attigny leistetengs). Anders als Theodosius folgte der
zweite Karolingerkaiser dabei keiner speziellen kirchenrechtlichen Not-
wendigkeit, und diese Bewährung im christlichen Herrscherethos wird
- darin dem berühmten Mailänder Vorbild durchaus ähnlich -
kaum

8D) A n t o n, Fürstenspiegel S. 419 A.; vgl. allg. Hugo S t e g e r, David rex


et propheta (1961), bes. C. 125ff.
90) Vgl. E W i g, Bild Constantins S.40 U. ö., modifiziert bei A n t o n, Für-
stenspiegel S. 436 ff.
0') A n t o n , Fürstenspiegel S. 443 f.

g2) Theodor S C h i e f f e r , Die Krise des karolingischen Imperiums, in: Aus


Mittelalter und Neuzeit, Festschrift Gerhard K a 1l e n (1957). S. 5 f.; vgl.
U 11m a n n, Renaissance (wie Antn. 73) S.43 ff.
08) Annales regni Francorum ad a. 822, ed. F. K U r z e (MGH Scr. rer. Germ.,
1895) S. 158, Astronomus, Vita Hludowici imp. C. 35 (MGH SC 2, 626),
Capitula ab episcopis data (MGH Capit. 1, 357f.) U. a.; vgl. Th. S C h i e f f e r ,
Krise, Eugen E W i g, Kulmination und Wende der Karolingerzeit (Handbuch
der KG, hg. V. Hubert J e d i n 311, 1966) S.128. - Zu der vom Astronomus
(Zitat) eigens betonten Nachahmung des Theodosius vgl. E W i g, Bild Constan-
tins S, 42, An t o n, Fürstenspiegel C. 443 f.
Von Mailand nach Canossa 355

ärger mißverstanden als durch eine Deutung als ,Demütigungr des Kaiser-
tums vor kirchlichem Machtanspruchg4). Einer der vermutlich Beteiligten,
der Bischof Jonas von Orlkans, formulierte jedenfalls wenige J;ihre
später und gewid auch im Blick auf das Geschehen von Attigny über den
büßenden Theodosius: Sciebat nempe potestatem imperialem, qua insig-
nitus erat, a b illius pendere potestate, cuius famulus et minister Ambrosius
erat Os).
Daß diese Entwicklung zugleich auch Gefahren für das Kaisertum
in sich barg, sollte erst die große Reichskrise offenbar machen. Der Tag
von Soissons (Oktober 833) steht in der. bewegten Geschichte Ludwigs
des Frommen dem Budakt von Attigny gleichsam gegenüber und ist doch
nur als dessen groteske Karikatur zu begreifenOa).-Der Auftritt des ge-
stürzten Kaisers im Büdergewand vor dem feindlich gestimmten Episko-
pat war weder freiwillig noch diente er einer eigentlichen Rekonzilia-
tion; sein Zweck sollte es sein, die Absetzung unwiderruflich zu machen07).
Wenn dieses Ziel schließlich auch nicht erreicht worden ist, so bedeutete
doch allein schon das Faktum im Zuge der fortschreitenden Ausprägung
einer Individualität des jungen westlichen Kaisettums eine weitere Stei-
gerung der ,Theodosius-Komponente', dazu in der schwerwiegenden
Abwandlung, daß der Icaiser nicht mehr an der Spitze des (von den
Bischöfen repräsentierten) christlichen Volkes Bude tat, sondern daß er
dem Episkopat .im Büßergewand gegenübertrat. Es ist kein Zufall, daß
Paschasius Radbertus wenig später in seiner dem Andenken des ~ b t e s

'9 Vgl. U. a. Bernhard S i m s o n,.Jbb. des Fränkischen Reiches unter Ludwig


dem Frommen 1 (1874) S. 179f., Albert H a U C k, KG Deutschlands 2 ("935)
s. 506.
05) De institutione laicali I1 C. 20 (Migne PL 106, 211; ,es folgt ein ausdrück-
licher Hinweis auf Cassiod. Hist. trip. IX 30); dazu Jean R e V i r o n, Les
idkes politico-religieuses d'un kvbque du 1x8 siecle. Jonas d'orlkans et son ,de
institutione regiac (1930) S. 98, E w i g, Bild Constantins S. 42, Kar1 Frederick
M 0 r r i s o n , The Two Kingdoms. Ecclesiology in Carofingian PoIitical
Thought (1964) S. 41, A n t o n, Fürstenspiegel C. 444.
0°) Thegan, Vita Hludowici imp. C. 43 (MGH SS 2, 599, AnnaIes Bertiniani
ad a. 833, ed. Fklix G r a t - Jeanne Vielliard-Suzanne C l k m e n c e t
(1964) S. 10, Aktenstiicke in MGH Capit. 2, 51 ff. U. a.; vgl. Louis H a l p h e n,
La pknitence de Louis le Pieux A saint-Mkdard de Soissons, Bibliothkque de la
Facultk des Lettres de Paris 18 (1904) S. 177-185 (~achdrudcin: D ers.,
A travers l'histoire du moyen &ge [I9501 S. 58-66) und jetzt Egon B o s h 0 f ,
Erzbischof Agobard von Lyon (1969) S. 241 ff., zur Beurteilung ferner
A r q u i1 1i & r e, Augustinisme (wie Anm. 73) S. 171ff., Th. S C h i e f f e r ,
Krise S. 12ff., U l l m a n n , Renaissance S. 64 ff.
07) Vgl. K e r n, Gottesgnadentum (wie Anm. 73) S. 341 ff.Anm. 418, E W i g,
Handbuch d. KG 311 S,141f.
356 Rudolf Schieffer,

Wala von Corbie gewidmeten Schrift eine Parallelisierung zwischen


Ludwig dem Frommen und Theodosius nahelegte, indem er die Kaiserin
Judith unter dem Decknamen der Justina, Wala selber als den Prinzen-
erzieher Arsenius auftreten ließes).
Die neue, akzentuierte Deutung der Theodosius-Buße im Sinne eines
kirdilichen, insbesondere bischöflichen Aufsichtsrechts in den Grundfragen
des staatlichen Lebensog) blieb nicht ohne Wirkung auf das Denken der
folgenden Generation, als eine andere cause cklhbre der Karolinger-
geschichte, der Streit um die Ehe Lothars TI., den Anstoß gab zu einer
weiteren Vertiefung der Diskussion um die christliche Ordnung der
irdischen Gewaltenloo). Gewissermaßen eine Summe des Voraufge-
gangenen stellt hierbei noch der Liber de rectoribus christianis des Sedulius
Scottus dar, ein zwisdien 855 und 859 wohl für Lothar 11. verfaßter
Fürstenspiegellol). Theodosius, ohnehin schon an zahlreichen Stellen mit
allen Zügen eines Idealherrschers gezeichnet"J~),beherrsht darin erst
recht das der humilitas gewidmete Kapitel, in dem Sedulius auf weite
Strecken wörtlich die Sdiilderung Cassiodors (Theodorets) von der Mai-
linder Buße wiedergibtios). Wie sehr die von dieser Vorlage nahegelegte
Interpretation des berühmten Ereignisses auch seinem Idealbild von der
Zuordnung der Gewalten entsprach, drückte der gelehrte irische Dichter

08) Radbert's Epitaphium Arsenii, hg. V. Ernst D ü m m 1e r (Abh. Berlin


1900); vgl. dazu Henri P e 1t i e r , Pascase Radbert, abbk de Corbie (1938)
S. 98 ff., Lorenz W e i n r i C h , Wala, Graf, Mönch und Rebell (1963) S. 7 ff.
(zur Herkunft des Beinamens), A n t o n , Fürstenspiegel S. 202 ff ., 442 f., Wolf-
gang W e h 1 e n, Geschiditssdireibung und Staatsauffassung im Zeitalter Lud-
wigs des Frommen (1970) S. 105ff. -Für die Verbreitung dieser Vorstellung
spricht es, daß der Arseniusname Walas keine Fiktion Radbertc zu sein scheint,
sondern schon zu seinen Lebzeiten bezeugt ist (vgl. dessen Brief MGH Epp. 6,
133).
0°) Dazu Th. S C h i e f f e r , Krise S. 6, U 1 1 m a n n, Schranken (wie Anm. 76)
S. 9 ff.
100) Zu den Ereignissen vgl. Eugen E W i g, Die Kirche im Abendland vom
Tode Ludwigs des Frommen bis zum Ende der Karolingerzeit (~andbuchder
KG, wie Anm. 93) S. 149ff.
Ed. S. H e 11m a n n , Sedulius Scottus (Quellen und Untersuchungen zur
lateinischen Philologie des Mittelalters 111, 1906) S, 19-91; vgl. dazu A n t 0 n,
Fürstenspiegel C. 261 ff.
los) Stellen bei E W i g , Bild Constantins S.40 Anm. 195; vgl. auch A n t o n ,
Fürstenspiegel S. 278 f.
los) C. 12: H e 11m a n n S. 54, 23-55, 27 = Hist. trip, IX 30, 5-12 (CSEL
71 S. 541, 23-543, 63); S. 55, 28-56, 10 = IX 30, 18-20 (CSEL 71 C. 543,
82-544, 97); S. 56, 14-24 IX 30, 29-30 (CSEL 71 S. 546, 144-157);
C. 13: S- 58, 17-5936 = IX 30,l-4 (CSEL 71 S. 544 1-541,2I).
Von Mailand nach Canossa 357

in den anschliei3enden Versen aus: Caveant igjtttr domjnantes, / Vjtjjs


mente labescunt, / Adeant medicosque peritos, / Quis discant
colla, / Christi pietate ministros, / Qui possunt pellere morjosi~4).
Eine weitere Steigerung findet diese Sicht dann bei Hinkmar von
Reimsio6). Theodosius, den er einmal pointiert als chrjstjanjssjmus im-
perator et beati Ambrosii imo per eum dei humillimus auditor bezeich-
netios), steht ihm unter allen post Constantinum Romani imperatores
voran und eben dies wegen seiner patienter et humiliter ertragenen Zu-
rechtweisung durch Ambrosiusl07). Pries er in diesem Zusammenhang
einen jeden Kaiser glücklich, dem ein solcher Bischof begegne, so war es
unausbleiblich, dai3 er bald darauf bei seinem berühmten literarischen
Eingreifen in den lotharischen Ehestreit dieses historische Vorbild für
sich in Anspruch nahm und feststellte, der Mailänder Bischof habe so
seinem Kaiser im Himmel zu ewigem Lohn, auf Erden aber zu dauerndem
ruhmvollen Angedenken verholfeni08). Vielleicht hat diese historische
Parallele Hinkmar zu näheren Quellenstudien über das Mailänder Ge-
schehen angeregt; jedenfalls vermag er -
dank der damals überreichen
Reimser BibliotheksschätzelOO) -
im weiteren Verlauf seiner Dar-
legungen mit ausführlichen Zitaten aus dem sonst im Mittelalter stets
unbekannten 51. Ambrosius-Brief aufzuwartenii0), und darüber hinaus

'04) H e 11m a n n , Sedulius S. 58, 3-8, zuvor ed. L. T r a u b e (MGH Poe-


tae 311, 1886) S. 161 (Sedul. I 14, 23-28).
'Ob) Vgl. allg. Heinrich S C h r ö r s, Hinkmar, Erzbischof von Reims. Sein
Leben und seine Schriften (1884), E w i g , Handbuch d. KG 311 S. 178if.,
A n t o n ,Fürstenspiegel S. 281 ff.
loO)Pro ecclesiae libertatum defensione quaterniones, exp. 1 (Migne PL 125,
1045); vgl. A n t o n , Fürstenspiegel S. 440 Anm. 397.
lo7) Ebd. (Migne PI,125, 1056); vgl. V o i g t , Staat und Kirche (wie Anm. 8)
S. 429, E W i g, Bild Constantins S. 42, A n t o n, Fürstenspiegel S. 353 f., 444 f.
..
lo8) De divortio Lotharii regis et Tetbergae reginae, int. XIIr: . sequentes
Pro modulo nostro ... beatum Ambrosium, qui non parcendo ~heodosioet illi
meritum in coelis coram domino et sempiternum memoriale in tevris covam
hominibus . .. acquisivit (Migne PL 125, 713); vgI. A n t o n, ~ürstens~iegel
s. 330, 444.
100) F. M. C a s e Y, The Scriptorium of Reims during the Archbishopric of
Hincmar (845-882 A.D.), in: Classical and Mediaeval Studies in Honor of
E. K. R a n d (1938) S. 41 ff.weist keine entsprechende ~andschrifknach, be-
schränkt sich aber offenbar auf die erhaltene Oberlieferung.
110) Ebd., quaest. VII: Migne PL 125, 764 C = epist. 51, 3 (Migne PL
1160 C C1210 B]), 764 D-765 A = epist. 51, 6-7 (PL 16, 1161 B-C
[I211 A-C]), 765 A-B = epist. 51, 9-10 (PL 16, 1162 B [I212 A-BI),
765 B = epist.. 51, 11 (PL 16, 1162 C [I212 B-C]), 765 B-C = e~ist.59' 1'
(PL 16, 1162 D-1163 A C1212 D]), 765 C-766 A = epist. 13-16
(PL 16, 1163 A-1164 B [I212 D-1214 BI).
358 Rudolf Schieffer,

fügt er einen deutlichen Hinweis auf das Parallelzeugnis in der Leichen-


rede für Theodosius an, die ihm ebenfalls im Wortlaut bekannt warlil).
Freilich erweist sich sogleich, dai3 sein Geschichtsbild bereits allzu stark
der jahrhundertelangen Tradition verhaftet war, u m den neugewonnenen
Quellen noch wesentliche Modifikationen abgewinnen z u können; allein
schon die Verwendung des ambrosianischen ,Privatbriefesc in einer auf
weite Verbreitung berechneten politischen Kampfschrifi 1äi3t dies mit aller
Klarheit erkennen. Wie er jedenfalls den ,Präzedenzfallc in der ihn
umgebenden Gegenwart verstanden wissen wollte, zeigt eine weitere
Xuflerung, in der er dem Einwand, Könige könnten von Bischöfen nicht
gerichtet werden, die berühmten Gelasius-Worte Duo quippe . ..
ent-
gegenhält und gleichsam zu deren Illustration auf die Bui3akte des Theo-
dosius in Mailand und Ludwigs des Frommen in Soissons hinweistii2).
Ist darin in gewissem Sinne sogar Gelasius selber überboten, der wenig-
stens dem Kaiser gegenüber eine Berufung auf Ambrosius und Theodosius
durchaus vermieden hatteils), so finden wir in dieser Hinkmar-Passage
gleichsam den Schlußstein einer langen Entwicklung, durch die Constantin

'11) Der hier erwähnte Sermo quadragesimi diei defunctionis ipsius (SC.Theo-
dosii) coram Honorio augusto filio eius (Migne PL 125, 766) wird mit der auf
die Mailänder Buße bezüglichen Passage (de obitu Theodosii 34, vgl. oben
Anm. 12) in der 875 entstandenen Schrifi De fide Carolo regi servanda C. 25
wörtlih zitiert (Migne PL 125, 975 B-C = CSEL 73, 388 f.). Im Zusammen-
hang dieses späten Werkes findet sich auch die bemerkenswerte ausdrückliche
Feststellung, daß Theodosius von Ambrosius nicht exkommuniziert, sondern nur
zurechtgewiesen worden sei, seine Buße also als eine poenitentia non coacta
sed voluntaria zu gelten habe (vgl. dazu M o r r i s o n, Two Kingdoms [wie
Anm. 951 S. 230 f,).
113 De divortio Loth., quaest. VI: Ambrosius Theodosium imperatorem ab
ecclesia culpis exigentibus segregavit et per poenitentiam revocavit. Nostra
aetate pium augustum Ludovicum a regno deiectum post satisfactionem episco-
palis unanimitas saniore consilio cum populi consensu et ecclesiae et regno
restittcit. Quod dicitur, quia rex nullorum legibus vel iudiciis subiacet nisi
solius dei, verum dicitur, si rex est sicuti nominutur... (Migne PL 125, 757);
das unmittelbar voraufgehende Gelasius-Zitat folgt bekanntlich JK 632 an
Kaiser Anastasius, ed. Eduard S C h W a r t z, Publizistisdie Sammlungen zum
acacianischen Schisma (Abh. München N. P. 10, 1934) S.20, nachgedruckt bei
-
Carl M i r b t Kurt A 1a n d, Quellen zur Geschichte des Papsttums und des
römischen Katholizismus 1 (O1967) S. 222 f. Ns.462. Vgl. K n a b e , Zwei-
gewaltentheorie (wie Anm. 47) S. 77ff ., C a r 1y 1e, Political Theory (wie
Anm. 73) S. 278 f., M 0 r r i s o n, Two Kingdoms S. 233,. A n t o n , Fürsten-
spiegel 444, U 11m a n n, Renaissance (wie Anm. 73) S. 120.
"9 Vgl. E n ß 1i n , Religionspolitik (wie Anm. 2) S. 75.
Von Mailand nach Canossa 359

und -mehr noch -


Theodosius zu den Kronzeugen der Zweigewalten-
lehre des 9. Jahrhunderts geworden warenll*).
Die von Hinkmar formulierte Verbindung der Theodosius-Buße mit
der im 9. Jahrhundert wiederbelebten gelasianischen Zweigewalten-
lehreil&) verfehlte nicht den Eindruck. Schon wenige Jahre nach dem
Tode des Reimser Erzbischofs hielt Papst Stephan V. um die Jahres-
wende 88516 in einem vorwurfsvo1len Schreiben dem byzantinischen
Kaiser Basileios I.llo) nicht nur die Silvesterakten aus der eine Gene-
ration zuvor entstandenen pseudoisidorischen Dekretalensammlung 117),
sondern auch das Beispiel der Mailänder Kaiserbuße vor, um die Macht-
stellung der B P X ~ W ~ zuE ~ dokumentierenli8).
'~ Als Rechtfertigung eines
Papstes -
Stephans Vorgänger Marinus I. war vom Basileus der Amts-
erschleichung bezichtigt worden - verdienen diese Sätze besondere Be-
achtung, weil der Theodosius-Buße in ihrem gelasianischen Kontext hier
erstmals die Aufgabe zukommt, nicht so sehr das Ubergewicht der geist-
lichen Gewalt im allgemeinen als den Vorrang ihres obersten Trägers,
eben des römischen Bischofs, zu unterstreichen1lg).

Ganz im Zeichen des Papsttums steht nämlich die weitere Entwicklung,


die das Geschichtsbild von der Mailänder Kaiserbuße nahm. Zusammen

I") E W i g , Bild Constantins S. 40 und D e r s., Handbuch d. KG 3/1


187f., A n t o n, Fürstenspiegel S. 442.
"') K n a b e, Zweigewaltentheorie S. 45 ff., E W i g, Handbu& d. KG 311
138, 163 U. a.
'3 JL 3403 (Epistulae ad res orientales spectantes 1, MGH Epp. 7, 372ff.).
'") MGH Epp. 7 S. 374, 4-6 nimmt Bezug auf die Gesta s~nodaliaSil-
vestri C. 2, ed. Paulus H i n s c h i u s, Decretales Pseudo-Isidorianae (1863)
S. 449; V@ E W i g, Bild Constantins S. 44, A n t o n, Fürstenspiegel S. 442,
zur Geschichte dieses Textes im Uberblidc Harald Z i m m e r m a n n , Papst-
absetzungen des Mittelalters (1968) S. 3f' (ebd. S. 51 f. Anm. 15 auch zu JL
3403).
'I8) M~ydhq~iiiva p p ~ p J1 $ birvapi<.
~~ 01i~tiyvoelg T& K ~ T &rov yaucipiov
'A~ßpootovical T& 6E au~ol)€15 ~ 6 vßaoth6a la~ob60iov;(MGH Epp. 7 S. 373,
31-32); vgl. A n t o n, Fürstenspiegel S. 445.
110) Vgl. dazu allg. H. X. A r q U i 11i & r e, Sur la formation de la ,th&o-
cratie' pontificale, in: M&langesd'liistoire du moyen Ige offerts A Ferdinand
L 0 t: (1925) S. I ff., K n a L e, Z~ei~ewaltentheorie S. 94 f. U. ö., C a r 1Y 1e,
Political Theory S. 283 ff,, Ottorino B e r t o 1i n i, La dottrina gelasiana dei
bue poteri neIla poIemica Per Ia successione nel regno di Lorena (869-870),
in: Melanges Eug&neT i s s e r a n t 4 (Studi e Testi 234, 1964) S. 35 ff.
360 Rudolf Schieff er,

mit dem reichen theologischen und zumal kirchenrechtlichen Erbe, das


vom Jahrhundert der karolingischen Renaissance teils der Vergessenheit
entrissen, teils aus eigener Kraft hervorgebracht worden war, rückte sie
ins Blickfeld der groi3en kirchlichen Reformbewegung, die zwei Jahr-
hunderte später den Anspruch erhob, durch Oberwindung der Laien-
herrschaft der ,altenc Kirchenverfassung zu neuer Geltung zu verhelfen 120).
I n dem idealisierten Geschichtsbild, das den Reformern eigentümlich war,
mußte dabei - zumal im Zuge ihrer fortschreitenden Distanzierung vom
römisch-deutschen Kaisertum seit 1056 - jene ältere, besonders von
Gelasius repräsentierte Tradition einer religiös-moralischen Oberordnung
des sacerdotium vor dem regnum gröf3te Bedeutung gewinneni21). Hier
lag das historische Fundament der allmählich herangereiften Vorstellung
von der priesterlichen, d. h. päpstlichen Obergewalt in allen irdischen
Dingen und damit das juristische und theologische Rüstzeug jener Politik
Gregors VII., in der sich das neue Ideal mit elementarer Wucht Bahn
brachi22). Auf das Vorbild der ,Exkommunikationr des Theodosius durch
Ambrosius nahm der Papst jedenfalls ausdrücklichen Bezugl23), und zwar
schon wenige Wochen nachdem er, durch Heinrich IV. i n die Enge ge-

l") Philipp F u n k , Pseudo-Isidor gegen Heinrichs 111. Kirhenhoheit, HJb


56 (1936) S. 305 ff., Gerhart L a d n e r, Theologie und Politik vor dem In-
vestiturstreit (1936) s. 42 ff., T e 11e n b a C h , Libertac (wie Anm. 7), bes.
S. 109ff., J. Joseph R y a n , Saint Peter Damiani and his canonical sources (1956),
bes. S. 158ff .,Horst P u h r m a n n , Pseudoisidor in Rom vom Ende der Karo-
lingerzeit bis zum Reformpapcttum. Eine Skizze, ZKG 78 (1967) S. 15ff., Kar1
F. M o r r i s o n , Tradition and Authority in the Western Church 300-1140
(1969) S. 269 ff ., Henning H o e s C h , Die kanonistischen Quellen im Werk
Humberts von Moyenmoutier (1970), bes. S. 225 ff.
W) K n a b e, Zweigewaltentheorie S. 118fl., Walter U 1 1 m a n n, The
Growth of Papal Government in the Middle Ages (1955) S. 276ff., (dt. 1960)
S. 403 ff.
l28) Ernst B e r n h e i m , Mittelalterliche Zeitansihauungen in ihrem Einfluß
auf Politik und Geschichtsschreibung 1 (1918) S. 202 ff., Erich C a s p a r , Gre-
gor VII. in seinen Briefen, HZ 130 (1924) S. 1 ff., Augustin F1 i C h e, La
rkforme grkgorienne 2 (1925) S. 1898. U. ö., Wilhelm Wü h r , Studien zu
Gregor VII. (1930) S. 105 ff., T C 11 e n b a C h , Libertas S. 175 ff., Johannes
S p ö r 1, Gregor VII. und das Problem der Autorität, in: Reformata Refor-
manda. Festgabe für Hubert J e d i n 1 (1965) S. 59 ff ., John G i 1C h r i s t ,
Gregory VII and the Juristic Sources of his Ideology, in: Collectanea Stephan
K u t t n e r 2 (Studia Gratiana 12, 1967) S. 1ff.
l*)JL 5000 (Registrum IV 2) V. 25. 8. 1076 an Hermann von Metz: Nec
pretermittant, quod beatus Ambrosius non solum regem, sed etiam re vera
imperatorem Theodosium moribus et potestate non tantum excommunicavit,
sed etiam, ne presumeret in loco sacerdotum in ecclesia manere, interdixit, ed.
E. C a s p a r , MGH Epp. sel. 2, 1 (1920) S. 294; vgl. dazu P 1i C h e , Rk-
forme 2, 310.
Von Mailand nach Canossa 361

trieben, auf der Fastensynode von 1076 den König und künftigen Kaiser
nicht nur feierlich gebannt, sondern durch dessen Absetzung und die Eid-
lösung aller Untertanen auf Anhieb die äui3erste Konsequenz aus seiner
Doktrin gezogen und damit zugleich die geistig-politischen Grundlagen
des frühmittelalterlichen Gewaltendualismus zerbrochen hattel"). Die
Erschütterung, die durch die christliche Welt ging, war umfassend und ent-
sprach der Tragweite des Geschehenen: Anders als des Ambrosius Zensur
von 390 ist Gregors Vorgehen gegen Heinrich IV. auch seinen Anhängern
stets mehr Objekt der Rechtfertigung denn der Verherrlichung ge-
blieben I"), und es war ein Gregorianer, der wenige Jahre später schrieb:
Postquam de bann0 regis a d aures personuit vulgi, universus noster
Romanus orbis contremuit .lzß). ..
Dai3 der säkulare Charakter des Angriffs, den der Papst gegen das
sakrale Herrschertum vortrug, von den Zeitgenossen in der Tat instink-
tiv erahnt worden ist, hat vor allem Anton Mayer-Pfannholz deutlich
gemacht127); dai3 es am Kern der Sache vorbeigeht, in diesem Zusammen-
hang auf Ambrosius und Theodosius hinzuweisen, kann dem modernen
Betrachter nicht zweifelhaft sein. Es wäre indes abwegig, dieselbe Einsicht
von Gregor VII. zu verlangen, der in seinem Manifest von 1076 die
Mailänder Kaiserbufle in Anlehnung an Cassiodor-Theodoret dar-
stelltel28), und es kennzeichnet die Eigenart historischer Miflverständ-
nisse, wenn das - an sich unangemessene -
Beispiel aus der Geschichte
zugleich in der Lage war, dem König eben den Weg aus der Krise zu
weisen, der dann faktisch beschritten wurde: Indem Heinrich wenigstens

Registrum I11 10a, MGH Epp. seI. 2, 1 S. 268 ff.; vgl. V. d. S t e i n e n,


lZ4)
Canossa (wie Anm. 79) S. 57g.
lZ5)Obersicht bei Carl M i r b t , Die Publizistik im Zeitalter Gregors VII.
(1894) S. 1348.
"9 Bonizo von Sutri, Liber ad amicum VIII, ed. E. D ü m m 1e r, MGH
Libelli de lite 1 (1891) S. 609.
'"7) Anton M a y e r - P f a n n h o 1z , Die Wende von Canossa. Eine Studie
zum Sacrum Imperium, Hochland 3012 (1933) S. 385-404 (Nahdruck in:
Canossa als Wende, hg. V. Helh~utK ä m p f [Wege der Forschung 12, 19631
s. 1-26).
lZ8) Die zweite Hälfte des oben Anm. 123 gegebenen Zitats ist eine offen-
sichtliche Zusammenfassung der aus Theoderet stmmenden Zusatzerzählung
Hist. trip. IX 30, 26-28 (CSEL 71 C. 545 f.). Die Feststellung von F 1i C h e,
Rkforme 2, 310 Anm. 3, Gregor ,kvidemmentC den 51. Ambrosius-Brief
gekannt habe, entbehrt der Begründung und ist umso unwahrscheinlicher, als
sein Register nicht ein einziges Zitat aus dem Briefkorpus des Mailänder
Kirmenvaters enthält; vgl. auch oben Anm. 55.
362 Rudolf Schieffer,

den Bann akzeptierte und sich zur Buße bereit fand, konnte er auf die
Anerkennung seiner religiosa humilitas hoffen und erreichte es, in seinem
Gegner priesterliches Erbarmen über politisches Taktieren siegen ZU
lasseni29). Hatte sich der Papst auf der Fastensynode i n der stolzen Rolle
des Kirchenvaters gesehen, der einst den sündebeladenen Kaiser bis zur
Bufileistung von der Schwelle der Kirche verwiesen hatte, so nötigte ihn
ein Jahr später auf der Burg von Canossa eben diese Buße, auch die
Szene des Mailänder Weihnachtstages zu ,wiederholenc und dem buß-
fertigen Herrscher das Sakrament zu reichen.
Wie stark gerade dieses bewegende Erlebnis die tatsächliche Distanz
zur ganz andersartigen Realität der spätantiken Reichskirche verdeckte
(und zunächst wohl auch verdedcen mußte), zeigt die jahrzehntelange
publizistische Debatte, die der berühmtesten Herrscherbuße in der Ge-
schichte des Abendlandes gefolgt istlso). Gregor VII. selber hat hier den
Ton angegeben, als er nach Heinrichs erneuter Bannung in seinem zweiten
Brief an Hermann von Metz aus dem Jahre 1081 seine historische
Argumentation mit der Theodosius-Buße gewissermaßen kröntelsl), und
hier wird die Prägung seines eigenen Geschichtsbildes durch das karo-
lingische 9. Jahrhundert vollends offenbar: Dem Hinweis auf die Mai-
länder Kaiserbuße Iäßr er eine vermeintliche Ambrosius-Paraphrase

leo) Vgl. Gregors eigene Darstellung im Brief an die deutschen Fürsten:


. . . non prius cum multo fletu apostolice miserationis auxilium et consolationem
implorare destitit, quam omnes, qui ibi aderant et ad quos rumor ille pervenit,
ad . .. pietatem et compassionis misericordiam movit . . . Denique instantia
compunctionis eius et tanta omnium qui ibi aderant supplicatione devicti tan-
dem errm relaxato anathematis vinculo in communionis gratiam et sinum sancte
matris ecclesig recepimus . .. (Registrum IV 12, MGH Epp. sei. 2, 1 S. 313);
-
vgl. V. d. S t e i n e n , Canossa S. 73 ff. Die große Bedeutung der bereits von
Ambrosius und Augustinus an Theodosius gerühmten (vgl. oben Anm. 31-33)
Herrschertugend der humilitas für Gregor VII. zeigt seine Begründung des
Urteils von 1080: Heinricus pro sua superbia inoboedientia et falsitate a regni
dignitate iuste abicitur, ita Rodulfo pro sGa humilitate oboedientia et veritate
potestas et dignitas regni conceditur (Registrum V11 14a, MGH Epp. sei. 2, 2
C19231 S. 487); vgl. dazu B e r n h e i m , Zeitanschauungen S. 45, Erich W e i -
n e r t, Die Bedeutung der superbia und humilitas in den Briefen Gregors VII.
(Diss. Greifswald 1920).
IaO) M i r b t , Publizistik S. 134ff ., 171ff., 201 ff,

Ial) JL 5201 (Registrum VIII 21) v. 15. 3. 1081: Et beatus Ambrosius, licet
sanctus non tamen universalis ecclesie episcopus, pro cttlpa, que ab aliis sacer-
dotibus non adeo gravis videbatur, Theodosium Magnum imperatorem ex-
communicans ab ecclesia exclusit (MGH Epp. sel. 2, 2 S. 554); vgl. F 1i C h e,
Rif~rme2, 392, Elie V 0 0 s e n, Papaute et pouvoir civil & l'kpoque de Grk-
goire VII (1927) S. 243 ff.
Von Mailand nach Canossa 363

folgen, die sich tatsächlich eng an die berühmten Worte des gelasianischen
Kaiserbriefes a n ~ c h l i e ß t ~dessen
~ ~ ) , Eingang wenige Zeilen zuvor wörtlich
zitiert worden wariss), und es ist bereits von Erich Caspar bemerkt
worden, daß auch der Anfang dieses wichtigen Gregor-Briefes eine sub-
tile gedankliche Verbindung aufweist z u den Einleitungssätzen eines der
berühmtesten Lehrschreiben des Gelasiusls4). Wir können hinzufügen,
daß es sich um eben jenen Brief an die dardanischen Bischöfe handelt,
in dessen Verlauf erstmals Ambrosius und Theodosius im Sinne eines ak-
tualisierten kirchenpolitischen Exempels herausgestellt worden wareni36).
Tatsächlich hat dieses historische Argument die Zeitgenossen stärker als
alle anderen von Gregor vorgetragenen Beispiele für Bann und BuGe eines
christlichen Herrschers beeindrucktis6), zumal sein berühmtes Schreiben
an den Bischof von Metz durch seine .ganz ungeahnte Verbreitung die
Publizistik des Investiturstreits eigentlich erst einleiten sollte1s7). Ober
den weiten Kreis begeisterter oder auch empörter Leser dieses ~ a n i f e s t e s
hinaus fand die hier interessierende Passage zudem dadurch eine noch
größere Resonanz, daß sie von kaum einem der vielen Exzer~torendes

laz) Das gegebene Zitat setzt Gregor fort: Qui (SC.Ambrosius) etiam in suis
scriptis ostendit, quod aurma non tam pretiosius sit plumbo, quam regiu
Potestate sit altior dignitas sacerdotalis (ebd. S. 554) und zitiert dann eine
Passage aus dem pseudoambrosianischen Libellus de dignitate sacerdotali (Migne
PL 17, 567-580 [597-5981, Zitat 569f.), der auch in einer Redaktion
Gerberts von Aurillac als Sermo de informatiotze episcoporum (Migne PL 139,
169-178, Zitat 170 f.) überliefert ist. Die Textgeschichte und Bedeutung dieser
Schrifi, die sich im 11. Jh. einer gewissen Beliebtheit erfreute und zuletzt von
Ch. D e r e i n e, La prktendue rigle de Grkgoire V11 pour chanoines rkguliers,
Revue bknkdictine 71 (1961) S. 109 Anm. 4 versuchsweise Gregor d. Gr. zu-
gewiesen wurde, ist noch nicht hinlänglich erforscht; vgl. die Bemerkungen von
K n a b e , Zweigewaltentheorie S. 160f., H. X. A r q u i 11i 8 r e, La 116 lettre
de Gikgoire V11 h Herman de Metz (1081). Ses sources patristiques, in:
Mklanges Jules L e b r e t 0 n 2, Recherdies de science religieuse 40 (195112)
S. 234 ff.,bes. George Huntston W i 11i a m s ,,Tbe Golden Priesthood and the
Leaden State, Harvard Theological Review 50 (1957) S. 37ff. - Zur Bedeutung
des Ambrosius für Gregor VII. vgl. allg. F 1i C h e, Rkforme 2, 312ff., ein-
schränkend W ü h r , Studien (wie Anm. 122) C. 101 Anm. 139.
lm) MGH Epp. sel. 2, 2 S. 553, 16-20 entspricht dem oben Anm. 112 er-
wähnten Zitat aus JK 632.
I'*) C a s p a r , Geschichte (wie Anm. 48) 2, 56 Anm. 2; in seiner Register-
Ausgabe fehlt dieser Hinweis noch.
lS6) JK 664; vgl. oben S. 344f.
lS0) Ubersicht bei M i r b t , Publizistik S. 164ff.
Is7) M i r b t , Publizistik S. 23, 98 f., C a s p a r , Gregor VII. (wie Anm. 122)
s. 13ff., F 1i C h e, Rkforme 2, 389ff.; Ubersicht der Uberlieferungen: MGH
Epp. sei. 2, 2 S. 545 f .
364 Rudolf Schider,

Briefes übergangen wurdeis8). Besonders die literarischen Parteigänger


des Papstes waren es, die sich naturgemäß noch auf Jahrzehnte in ihren
Werken darum bemühten, dieses historische Beispiel ins Feld zu führeniSD).
Freilich ist hier die merkwürdige Feststellung zu treffen, d a ß dieses
Thema trotz seiner großen Beliebtheit bei den Gregorianern eigenartig
stereotyp wirkt: Soweit nicht einfach die entsprechenden Sätze des
Papstes oder der antiken Quellen i n Zitat und Paraphrase wieder-
gegeben werden, begegnen allenfalls der -
auch schon von Gregor vor-
gezeichnete - Hinweis, daß Ambrosius nicht eininal Papst gewesen
seii40), oder die Mahnung, des Theodosius spontane und tätige Reue zum
Vorbild z u nehmenl41). Die Zulässigkeit des ganzen Arguments war
dabei den Gegnern Heinrichs IV. offensichtlich so wenig zweifelhaft, daß
der Mailänder Präzedenzfall -
bezeichnend genug für die z u Grunde
liegende Denkweise - analog den kirchlichen Rechtstiteln sogar Eingang
in die im Umkreis Gregors entstandenen kanonistischen Sammlungen
fand142). Auf diesem Wege sind die Sätze Gregors wie auch der historio-
graphische Bericht bei Rufinus von Aquileja bis ins Decretum Gratiani

'88) Das ergibt sich aus der Obersicht MGH Epp. sei. 2, 2 S. 544 f.
180) Bernhard von Konstanz, Liber canonum contra Heinricum quartum C. 25,
ed. F. T h a n e r , MGH Libelli de lite 1, 497 f., Wido von Ferrara, De scismate
Hildebrandi I 6, ed. R. W i 1m a n s - E. D ü m m 1e r, ebd. S. 539 (als Referat
eines Gegners), Bonizo von Sutri, Liber ad amicum 11. VII, ed. E. D ü m m 1e r ,
ebd. S. 576, 609, Bernold von St.Blasien, Apologeticae rationes contra scis-
maticorum rationes V, ed. F. T h a n e r , MGH Libelli de lite 2, 97 (zur bes.
Abhängigkeit von Gregor VII. vgl. Heinrich W e i s W e i 1e r , Die päpstliche
Gewalt in den Schriften Bernolds von St.Blasien, Studi Gregoriani 4 [I9521
S. 143), Hugo von Fleury, Tractatus de regia potestate et sacerdotali digni-
tate ii 2, ed. E. S a C k u s, ebd. S. 487, Placidus von Nonantola, Liber de honore
ecclesiae C. 60, ed. L. V. H e i n e m a n n - E. S a C k u r , ebd. S. 594, Josceram-
nus von Lyon an Daimbert von Sens, ed. E. S a C k U X , ebd. S. 656, Anonymi
Disputatio vel defensio Paschalis papae, ed. E. S a C k u r , ebd. S. 664; vgl. auch
M i r b t , Publizistik S. 164f.
140) SObei Bernhard, Wido, Bonizo (I. VII), Bernold, jeweils a. a. 0.
141) SObei Placidus a. a. 0.
142)Anselm von Lucca, Collectio canonum I C. 80, ed. Fridericus T h a n e r
(1906) S. 54 exzerpiert den Brief Gregors; dieselbe Stelle begegnet auch bei
Deusdedit, Collectio canonum IV C. 184, ed. Victor W o 1 f V. G 1a n V e 11
(1905) S. 490f., der IV C. 276 (ebd. S. 547) auch den Beridir. Rufins (vgl. oben
Anm. 30) ausschreibt, ferner bei Ivo, Decretum V C. 378 (Migne PL 161, 437f.)
und Panormia V C. 10819 (Migne PL 161, 1235f.), der Decr. X C. 48 (Migne
PL 161, 703 f.) auch die Darstellung des Paulinus (vgl. oben Anm. 34) wieder-
gibt.
Von Mailand nach Canossa 365

gelangt und damit für Jahrhunderte zu einem Bestandteil des Kirchen-


rechts geworden 143).
Eine ähnliche Selbstsicherheit ist bei den Verteidigern des Königs nicht
zu bemerken144). Die Buße des Theodosius war eben als historisches
Faktum unbestreitbar, ihre Bewertung durch die erreichbaren Quellen
einigermaßen vorgezeichnet, und so hat sich hier niemand gefunden, der
den Gregorianern mit dem Hinweis das Wort abgeschnitten hätte, die
Geschicke von Theodosius und Heinrich seien eben schlechthin inkommen-
surable Größen. Dazu mag es auch an jenem Abstand zur eigenen Gegen-
wart gefehlt haben, der den Nachgeborenen bekanntlich ihr Urteilen
so sehr erleichtert. Gleichwohl bot der von Gregor zur Sprache gebrachte
historische Vergleich auch den Zeitgenossen zumindest partielle Angriffs-
flächen, die von den Gegnern durchaus genutzt wurden: So haben bereits
Petrus Crassusl4" und Wido von O ~ n a b r ü c k ~gewiß~ ~ ) etwas Wesent-
liches getroffen, wenn sie auf die ~astoraleGrundhaltung des Mailänder
Kirchenvaters hinwiesen, der nie die Besserung seines Pönitenten als
letztes Ziel aus dem Auge verloren habe, - eine Haltung, die sich dann
bei Kardinal Beno vorteilhaft abhebt gegen den (angeblichen) Versuch
Gregors, den König in Canossa vor aller Welt zu demütigeni47). Der
grundsätzliche Angriff auf Heinrichs Königtum ist denn auch von vielen
literarischen Gegnern Gregors als das unterscheidende betont worden:
Ambrosius habe nämlich, so heben Wido von O s n a b r ~ r k l ~und. ~ ) der

14') D. 96 C. 10 (Gregor VII.); C. 11 qu. 3 C. 69 (Rufinus von Aquileja), ed.


A. F r i e d b e r g, Corpus iuris canonici 1 (1879) C. 340, 662.
144)Ubersiht bei M i r b t , Publizistik S. 167f.
145)Defensio Heinrici IV regis C. 7, ed. L. V. H e i n e m a n n, MGH Libelli
de lite 1, 449.
140)Liber de controversia inter Hildebrandum et Heinricum imperatorem,
ed. L. V. H e i n e m a n n, MGH Libelli de lite 1, 468. Es kennzeichnet sein
Quellenverständnis, wenn er in das Cassiodorzitat über die Zurückweisung des
Theodosius durch Ambrosiusden motivierenden Finalsatz ne secundo peccato
Priorem nequiciam augevet und den scharfen Worten des ~ischofsdie
absb.Gchende Bemerkungnullam potestatem ligandi sibi arroganter attribuens,
sed humiliter dicens voraufschickt.
14') Gesta Romanae ecclesiae Contra Hildebrandum I1 1, ed. K. F r a n C k e,
MGEI Libelli de lite 2, 374. In der nach 1 Kor. 4, 9 gebildeten Formulierung,
aPud Canusium spectac~lumangelortlm facttts et hominum .et ~ildebrandi
bdibrium über den König findet freilich das von den Gregorianern rasch ge-
Prägte Geschichtsbild bereits Verwendung; vgl. Gerold M e Y e r
V. K n o n a U, Jahrbüdier des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Hein-
rich V. 2 (1894) S. 899 f.
14') Liber de controversia a. a. 0.
24 Deutsdcs Archiv XXVIII
366 Rudolf Schieffer,

anonyme Autor des Liber de unitate ecclesiae conservandai4Q)überein-


stimmend hervor, den in Sünde gefallenen Kaiser nicht der Herrschaft
zu entheben oder die gegebenen Eide aufzuheben versucht, und er habe
erst recht kein Schisma in der Kirche verschuldetl6Q).
Der Einwand, ein Vorgehen dieser Art habe eben für einen Bischof des
4. Jahrhunderts wohl kaum im Bereich des Denkbaren gelegen, kann
diese Argumentation nicht treffen, die sich im Rahmen der allen Zeit-
genossen Gregors selbstverständlichen Prämisse einer weitgehend unge-
brochenen, allenfalls zeitweilig getrübten kirchenrechtlichen Kontinuität
seit der Epoche der ersten christlichen Kaiser bewegtl")); umso mehr
lenken aber diese kritischen Abstriche, die hier das von Gregor und
seinen Anhängern verbreitete Geschichtsbild durch seine Gegner erfährt,
den Blick auf eine bemerkenswerte Erscheinung, die Werner Affeldt kürz-
lich am Beispiel eines anderen, nicht minder berühmten Themas der
Publizistik des Investiturstreits, nämlich der Kinigserhebung Pippins in
der Darstellung Gregors VII., beleuchtet hati62): Die historisierende
Argumentation der päpstlichen Partei weckte nämlich als ungewollte
Konsequenz auf der Gegenseite i n einem seit Jahrhunderten ungekannten
Maße die Bereitschaft und bald die Fähigkeit zu selbständigem Quellen-
studium. Wer die in den Propagandaschriften des Papstes enthaltenen
historischen Behauptungen nicht einfach übernehmen, ja ihnen gar ent-
gegentreten wollte, mußte die Uberlieferung eben in eigenem Bemühen

149) I C. 8, ed. W. S C h W e n k e n b e C h e r , MGH Libelli de lite 2, 194 f.;


vgl. zur Entstehung und den benutzten Quellen zuletzt Zelina Z a f a r a n a ,
Ricerche sul ,Liber de unitate ecclesiae conservanda', Studi Medievali 3. ser. 7
(1966), bes. S. 653 ff ., 691 ff ., Tilman S t r u V e, Lampert von Hersfeld. Per-
sönlichkeit und Weltbild eines Geschichtsschreibers am Beginn des Investitur-
streits 1, Hessisches Jb. f. LG 19 (1969) S. 63-71.
160) Xhnliche Gedanken werden später im Brief des Kardinals Hugo an die
Markgräfin Mathilde, ed. K. F r a n C k e, MGH Libelli de lite 2, 420, und von
Gregor von Farfa, Orthodoxa defensio imperialis C. 8, ed. L. V. H e i n e ni a n n , I
ebd. S. 540, aufgegriffen.
161) Gerhart B. L a d n e r , Two Gregorian Letters. On the Sources and Na- I
ture of Gregory VII' Reform Ideology, Studi Gregoriani 5 (1956) S. 221ff.,
L. F. J. M e u 1e n b e r g , Der Primat der römischen Kirche im Denken und
Handeln Gregors VII. (Mededelingen van het Nederlands Historisch Instituut I

te Rome 3312, 1965) S. 102ff. U. a.; einseitig dagegen M o r r i s o n, Tradition


(wie Anrn. 120) S. 269ff., der S. 280 „the Gregorian view of Church law" als
,the very antithesis of the idea of tradition" ansieht.
16e)Werner A f f e 1d t , Königserhebung Pippins und Unlösbarkeit des Eides
r unitate ecclesiae conservanda, DA 25 (1969) S.313 ff.;vgl. jetzt auch
im ~ i b e de
Jürgen Z i e s e, Historische Beweisführung in Streitschriften des Xnvestiturstreites I
(1972).
I
Von Mailand nach Canossa 367

prüfen, und so läßt sich bei Petrus Crassus, Wido von Osnabrück und
im Liber d e unitate eine über Gregors Formulierungen und Zitate hinaus-
greifende Benutzung Cassiodors, beim Kardinal Beno eine Kenntnis der
ambrosianischen Leichenrede auf Theodosiusl5s), in der nächsten Gene-
ration bei Gregor von Farfa auch eine Bekanntschaft mit der Ambrosius-
Vita des Paulinus i64) beobachten. Wirkt sich dies hier stets im Sinne einer
Modifizierung der gregorianischen Thesen aus, so blieb diese Arbeitsweise
doch keineswegs auf das königliche Lager beschränkt. Im interessierenden
Zusammenhang ist zu erwähnen, daß etwa das bei Gregor selber noch
nicht herangezogene Vorbild der ,Kirchenbuf3ecdes Philippus Arabs von
seiner Partei schon bald der Lektüre des Rufinus entnommen und dann
in der Polemik gerne verwandt wurdelE3.
Sicherlich wird man sich dabei vor Ubertreibungen hüten müssen; so
mag die Zurüdrweisung des Begriffs ,Exkommunikationc im Zusammen-
hang mit dem Mailänder Geschehen von 390 bei Wido von O ~ n a b r ü c k ~ ~ ~ )
wohl mehr einer (vor der Praxis des 11. Jahrhunderts) glücklichen In-
tuition als der nachweislichen Cassiodor-Lektüre zuzuschreiben sein. Wie
rudimentär freilich hier wie anderwärts ein derartiges Quellenstudium
auch erscheinen und wie sehr es von der jeweiligen Parteileidenschaft des
Augenblicks bestimmt gewesen sein mag, es ist doch nicht zu übersehen,

16') Die oben Anm. 12 nachgewiesene Anspieluqg auf die Ereignisse von 390
begegnet im Zuge eines ausführlichen Zitats aus De obitu Theodosii in den Gesta
Romanae ecclesiae Contra Hildebrandum 111 5, ed. K. F r a n C k e , MGH
LibeIIi de lite 2, 387, bevor die Mailänder Kaiserbuße dann ausführlich in
Gesta I11 6, ebd. S. 389, gewürdigt wird.
lS4)Orthodoxa defensio imperialis C. 8: ...copiam iili ingrediendi ecclesiam
denegavit, MGH Libelli de lite 2, 540, gibt offensichtlich die oben S. 341 zitierte
Formulierung des Paulinus wieder.
I") Zuerst etwa gleichzeitig bei Bernhard von Konstanz, Liber canonum,
MGH Libelli de lite 1, 497 und Deusdedit, Collectio canonum IV C. 275, ed.
W 0 1f 'V. G 1a n v e l l (wie Anm. 142) S. 546 f., beide unabhängig aus Rufinus
(vgl. oben Anm. 18), später bes. bei Hugo von Flavigny, Chron. 1. I1 (MGH
SS 8, 438, angeschlossen an die Gelasius-Stelle aus JK 664, vgl. oben Anm. 49)
sowie bei Otto von Freising (vgl. unten Anm. 158).
lb0)Liber de controversia: Quia nec Ambrosius Theodosium, licet tot milium
homicidiorum yeum, furoris et fastu dominationis excomm~nicare
Presumpsit nec quemlibet suorum fidelium ab eius servitio aut communione
suspendit nec ab irtramento, quod ei fecerant, absolvit nec ipsum imperio aut
Vita privare molittls fuit, MGH Libelli de lite 1, 468. Leider erlaubt es der
trÜmmerhafte Zustand der Oberlieferung nicht, Widos etwaigen weiteren Ge-
dankengängen an dieser Stelle zu folgen. Vgl. hierzu auch Augustin F l i C h e,
La rkforrne grkgorienne 3 (1937) S. 178, der die Bedeutung dieser idiußerung
freilich zu gering einschätzen dürfte.
368 Rudolf Sdiieffer,

daß auch darin ein Teil jenes großen geistigen Aufbruchs bemerkbar wird,
an dessen Anfang die bewegte Epoche des Investiturstreits steht und
dessen Gipfel Scholastik und Kanonistik, Historiographie und Lite-
ratur des Hochmittelalters bezeichnenl"). Wie schnell der hier gelegte
Same zur Blüte kam, zeigt bereits zwei Generationen später auf dem
unerreichten Höhepunkt des Geschichtsdenkens des 12. Jahrhunderts Otto
von Freisiig, der Enkel des Büßers von Canossa, mit dessen berühmter
Außerung über Gregor VII. und Heinrich IV. die hier skizzierte Dis-
kussion - in ihren Möglichkeiten und Grenzen -ihren prägnanten
Abschluß findet: Lego et relego Romanorum regum sive imperatorum
gesta et numquam invenio quemquam eorum ante hunc a Romano ponti-
fice excommunicatum vel regno privatum, nisi forte quis pro anathemate
habendum ducat, quod Philippus ad breve tempus a Romano episcopo
inter penitentes collocatus et Theodosius a beato Ambrosio propter
cruentam cedem a liminibus ecclesiae sequestratus est l").

Die Frage nach der Linie ,von Mailand nach Canossa" haben sich
also schon die Zeitgenossen gestellt, freilich eher in der retrospektiven
Akzentuierung, ob die zumindest ,phänomenologische' idihnlichkeit der
beiden Bußszenen zu der Schlußfolgerung berechtige, auch die voraus-
liegende Zensur des Papstes habe ihre historische Entsprechung im Ver-
halten des Mailänder Kirchenvaters, ob also Gregor VII. gewissermaßen
aus Ambrosius zu verstehen, ja zu rechtfertigen sei. Um dies zu ver-
neinen, bedarf es indes kaum mehr als eines auch noch so flüchtigen
Vergleichs zwischen dem 51. Ambrosius-Brief und dem bekannten Petrus-
gebet, mit dem der Papst auf der Fastensynode von 1076 zum ent-
scheidenden Schlag ausholte. Daß die historische Parallele überhaupt als
subjektiv ehrliches Argument ins Feld geführt werden konnte, war eben
erst die Konsequenz einer ganzen Reihe verschiedenartiger Entwick-
lungen, die sich an Hand der Traditionsgeschichte der Mailänder Kaiser-
buße aufweisen lassen.
Die modernen Interpreten haben denn auch die Akzente etwas anders
gesetzt als die Publizisten des Investiturstreits und die Frage gestellt,

-
157) Vgl, auch Anton M a y e r P f a n n h o 1z , Heinrich IV, und Gregor VII.
im Lichte der Geistesgeschichte, 2s.f. dt. Geistesgeschichte 2 (1936) S. 153-165
(Nachdruck in: Canossa [wie Anm. 1271 S. 27-45).
lS8)Otto von Freising, Chron. V1 35, ed. A. H o f m e i s t e r (MGH Scr.
rer. Germ., 1912) S. 302; vgl. dazu Johannes S p ö r 1, Grundformen hochmittel-
alterlicher Geschichtsanschauung. Studien zum Weltbild der Geschichtsschreiber
des 12. Jh. (1935) S. 46.
Von Mailand nach Canossa 369

ob nicht 390 etwas in die Wege geleitet worden sei, was erst an der
Schwelle des Hochmittelalters zu voller Entfaltung gelangte, ob somit
umgekehrt Ambrosius erklärt werden müsse durch Gregor VII. und seine
Politik. I n dieser Frage, die den eigentlichen Streitpunkt in der Kontro-
verse zwischen Lietzmann und Enßlin bezeichnet, wird man freilich
gleichfalls zu einer negativen Entscheidung kommen, wenn man sich
daran erinnert, daß des Ambrosius Leistung in der Begegnung mit Theo-
dosius gerade nicht darin bestanden hatte, einer neuen Ordnung von
Kirche und Welt den Weg gewiesen, sondern einen alten, an sich stets
bedachten Grundsatz auch auf den sonst allem Irdischen entrückten
Herrn der Welt angewandt zu haben, nachdem sich dieser in der Taufe
dem Gebot Christi unterworfen hatte.
Es ist dieses Prinzip der bindenden und lösenden priesterlichen Gewalt,
das als gemeinsames Fundament der beiden denkwürdigen Ereignisse be-
trachtet werden muß. Längst vor Ambrosius in der christlichen Tradition
entfaltet und auch nach Gregor VII. nicht aufgegeben, schließt dieser
Gedanke die Verpflichtung eines jeden Getauften in sich, sein sittliches
Handeln der Beurteilung durch die Inhaber des priesterlichen Amtes zu
unterwerfen. Aus den zahlreichen Formulierungen, die diese Vorstellung
zu allen Zeiten gefunden hat, seien hier nur die prägnanten Worte eines
gallischen Theologen des frühen 6. ~ahrhundertsüber das Priesteramt
herausgegriffen, die sich die Pariser Synode von 829 zu eigen machte:
Tales scriptura divina speculatores appellat, qui speculantur actus om-
nium et, qualiter unusquisque cum suis in domo, qualiter in civitate cum
civibus vivat, intentione religiose curiositatis explorant; ~ U O Sbonos
~robaverint honorando confirmant, quos deprehenderint vitiosos ar-
guentes emendant 1").

'3 Julianus Pomerius (PS.-Prosper), De vita contemplativa I1 C. 2 (Migne


PL 59, 445) = Conc. Paris. a. 829, I C. 4 (MGH Conc. 212, 612); vgl. K ö 1m e 1,
Regimen (wie Anm. 10) S. 168. In dieser Tradition stehen sowohl Ambrosius:
Si sacerdoi non dixerit erranti, is qui erraverit in sua culpa morietur, et sacer-
das reus erit poenae q ~ i anon admonuit errantem (epist. 51, 3; Migne PL 16,
1160 [1210]) als auch, freili& mit weit umfassenderen Schlui3folgerungen, Gre-
gor VII.: Quis dubitet sacerdotes Christi regum et principum omniumque
fidelium Patres ee magistros censeri? (Registrum V111 21, MGH Epp. sei. 2, 2
S.553). Zuglei& dürfte allenfalls hierin der zutreffende Kern der Feststellung
von P a l a n q u e, Saint Ambroise (wie Anm. 9) S. 379 liegen, wonach Am-
brosius der „prdcurseur de la thkorie mkdikvale qui soumet les gouvernants
I'Eglise ratione peccatr sei; dazu treffende Nuancierung bei M o r i n o, ~hiesa
e stato (wie Anm. 6) S. 262 f. sowie zu den hod~mittelalterlichen~inter~ründen
solcher Vorstellungen Friedri& K e m p f , Papsttum und Kaisertum bei Inno-
cenz 111. (1954) S. 299 U, ö.
370 Rudolf Schieffer, Von Mailand nach Canossa

Vor diesem gemeinsamen Hintergrund wird man auch die Parallele


zwischen ,Mailand' und ,CanossaCzu differenzieren haben: Es ist nicht
so sehr der unterschiedliche Anspruch der beiden strafenden Priester als
die büi3ende Tat der beiden Herrscher, die das Tertium comparationis
ausmacht. Wenn man in diesem Sinne nicht - wie oft zumindest un-
bewußt geschehen - den die Kirchtür sperrenden Ambrosius der Dar-
stellung Theodorets und den Gregor der Fastensynode, sondern den
Mailänder Weihnachtstag und die Ereignisse auf der Burg von Canossa
nebeneinanderhält, so rücken beide Vorgänge sogar in bemerkenswerter
Weise zusammen. Dies zu betonen, ist umso wesentlicher, als gerade
Lietzmann die von ihm gezogene Linie dahingehend glaubte präzisieren
..
zu können, daß die ,beiden Männer von Mailand . rein und ehrlich
nach ihrem Gewissen" handelten, während .den beiden Gegnern von
Canossa . . . Strafe und Buße nur Bestandteile politischer Operationen"
warenia0). Ein solches Urteil entsprach übrigens schon 1940 kaum dem
.damaligen Stand der wissenschafilichen Reflexion, und seither ist die
Uberzeugung eher noch gewachsen, daß mit solchen Kategorien der Buß-
gang Heinrichs IV. nur in sehr verkürzter Perspektive erfaßt wird. Erst
die Einsicht in die geistlich-moralische Qualität dieses Geschehens vermag
den unterscheidenden Blick dafür zu eröffnen, was beide Ereignisse un-
vergleichbar macht und was über alle Verwerfungen geschichtlicher Ent-
widtlungen hinweg eine ,,Linie von Mailand nach Canossa" bezeichnet.

1°0) L i e t z m a n n, Staat und Kirche (wie Anm. 1) S. 10 (Nachdruck S.224);


vgl. dagegen bes. M a y e r - P f a n n h o 1z, Wende (wie Anm. 127).