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HANDBUCH

DER DOGMENGESCHICHTE

Herausgegeben von

Michael Schm au s — Al oi s Gr il lm ei er S] - Le o Sc be fic zy k

Schriflleitung:
Michael Seybold

BAND I

Das Dasein im Glauben


Faszi/eel 3c (2. Teil)

Geschichte der Hermeneutik


V o n Sc hl ei er ma ch er bi s zu r Ge ge nw ar t

HERDER
FREIBURG . BASEL - WIEN
Franz Mußner

Geschichte der Hermeneutik


Von Schleiermacher bis zur Gegenwart

Zweite, erweiterte Auflage

1976

HERDER
FREIBURG' BASEL ' WIEN
Alle Rechte vorbehalten — Printed in Germany
© Verlag Herder KG Freiburg im Breisgau 1976
Imprimatur. — Freiburg im Breisgau, den 24. Mai 1976
Der Generalvikar: Dr. Schlund
Freiburger Graphisdue Betriebe 1976
ISBN 3-451-00716-9
INHALT

Vorbemerkung

Erstes Kapitel: Die bermeneutiscbe Bewegung von Sclaleiermad1er bis zur Gegenwart
im außerkatboliscben Raum
5 1. F. D. E. Schleiermacher .
82. W. Dilthey
53. M. Heidegger
54. H. —.G Gadamer. . . .
85. R. Bultmann und seine Sd'1ule .

Zweites Kapitel: Die bermeneutiscbe Bewegung in der katholischen Kirche seit dem
Vaticanum I . 22
5 6. Vaticanuml 23
S 7. Zwischen Vaticanum I und Vaticanum II 24
S 8. Vaticanum II 28
Rückblick und Ausblick . 33

Nachtrag zur 2. Auflage:


5 9. Die hermeneutisd1e Bewegung seit Gadamer
35
GESCHICHTE DER HERMENEUTIK
VON SCHLEIERMACHER BIS ZUR GEGENWART

ALLGEMEINES Scann'r'ruu: H. Patzer, Der Humanismus als Methodenproblem der klas-


sischen Philologie: Studium Generale 1 (1948) 84—92; H. Noack, Sprache und Offenbarung. Zur
Grenzbestimmung von Spradxphilosophie und Sprachtheologie (Gii 1960); H. R. Müller-Schwefe,
Die Sprache und das Wort (H 1961); G. Söbngen, Analogie und Metapher. Kleine Philosophie und
Theologie der Spradue (Fr - Mn 1962); K. Rabner, Hörer des Wortes. Zur Grundlegung einer Reli-
gionsphilosophie, neu bearbeitet von J. B. Metz (Mn 1963); F. K. Mayr, Philosophie im Wandel der
Sprache. Zur Frage der .Herrneneutik“: ZThK 61 (1964) 439—491; F. Mayr, Prolegomena zur Phi—
losophie und Theologie der Sprad1e: Gott inWelt I (Fr 1964) 39—84; H.-G. Gadamer, Wahrheit und
Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (T 21965); R. Marlé, Das theologische Pro-
blem der Hermemutik (deutsch Mz 1965); E. Betti, Allgemeine Auslegungslehre als Methodik der
Geisteswissenschaflen (T 1967); N. Henricbs‚ Bibliographie der Hermeneutik und ihrer Anwen-
dungsbereiche seit Sdmleiermadxer (D 1968); O.Loretz-W.Strolz (Hrsg.), Die hermeneutiséne
Frage in der Theologie (Fr 1968); G. Stad7el, Die neue Hermeneutik. Ein Überblick (Mn 1968);
F. Wiplinger, Ursprünglidxe Sprad1erfahrung und metaphysische Sprachdeutung: Die hermeneu-
tische Frage in der Theologie, hrsg. von O. Loretz - W. Strolz (Fr 1968) 21—85; ]. Duss ‘ v. Werdt‚
Theologie als Glaubenserfahrung. Eine Skizze zur Grundlegung der theologischen Hermeneutik
und Topik (Ei 1969); E.Coretb, Grundfragen der Hermeneutik. Ein philosophischer Beitrag
(Fr 1969); E. Simons -K. Henker, Philosophische Prolegomena zu einer theologisd1en Her-
meneutik: Cath 23 (1969) 62—82; Dies., Theologisdres Verstehen. Philosophische Prolegomena
zu einer theologischen Hermeneutik (D 1969); E. Biser, Theologische Sprachtheorie und Her-
meneutik (M 1970); R. Bubner, K. Cramer, R. Wie/al (Hrsg.), Hermeneutik und Dialektik. H.-G.
Gadamer zum 70. Geburtstag, 2 Bde. (T 1970).
VORBEMERKUNG

Die Hermeneutik wird im Bereich der protestantischen Theologie immer mehr zu einer
theologischen Grundwissensdmf’t, erwachsend aus der Frage nach dem Wesen der Theo-
logie. Durdi das Zweite Vatikanische Konzil, das die Heilige Schrift als „gleid15am die
Seele der heiligen Theologie“ bezeichnet hat ‘, ist die hermeneutisdxe Frage auch stark
in das Bewußtsein der katholischen Theologie gerückt, und zwar nicht bloß in der Bibel-
wissenschafl, sondern auch in der Dogmatik, besonders dort, wo diese über ihre eigene
Gesdiidite reflektiert. Das Dogma ist ja primär ein Sprada—Gesd1ehen, weil es die sprach-
liche Formulierung eines theologischen Sachverhalts ist, und speziell die Dogmem
geschichte kann man als Sprach-Gescbeben begreifen, da die sprachliche Formulierung
des theologisd1en Sad1verhalts im Dogma eine Vor- und Nachgeschid1te hat, wie gerade
ein „Handbuch der Dogmengeschichte“ bewußt machen will. Deshalb ist es angebracht, in
einem solchen Handbuch auch die Gesd1idrte der Hermeneutik als die Geschichte des
Verstehe ns des geof fenb arte n, theo logi sche n Sach verh alts darz uste llen und durc h dies e
gesch ichtl id1e Beha ndlu ng zugl eich die Prob lema tik der Dogm enge schi chte als Spra ch-
geschehen ins Bewußtsein der Theologie zu bringen.
Die in der Dogmengeschichte sich zeigende Geschichte des Verstehens eines theologi-
schen Sachverhalts ist durch die seit Schleiermacher einsetzende Neubesinnung über das
Wesen der Herm eneu tik in ein Stad ium getr eten , das eine geso nder te Dars tell ung ver-
dient . Kam dies e Neub esin nung auch lang e Zeit in erste r Lini e im auße rkat holi sche n
Raum zur Wirk ung, so greif t sie neue rdin gs audi imm er stär ker über in den kath olis dien
Raum, beso nder s auch im Hinb lick auf die Dog mat ik ’. Herm eneu tisc he Refle xion gab
es in der Kird1e scho n imme r, aber sie hatt e sich gera de seit dem Erst en Vati kani sche n
Konzil spezi ell auf die Bibe lwis sens chafl : besc hrän kt, um erst seit dem Zwei ten Vati ka-
nischen Konzil zu einer umfa ssen den theo logi sche n Grun dwis sens chafl auch im kath o—
lischen Raum zu werd en, die jedo da ihre Anre gung en nich t bloß durch . das Konz il emp —
fing, sondern durch eine ökum enis d1e Bege gnun g mit der herm eneu tisc hen Refle xion im
außerkatholisd1en Raum ’.
Deshalb wird im folg ende n zunä d15t die Gesc hid1 te der Herm eneu tik seit Schl eier mach er
darg este llt und ansc hlie ßend erst ihre Gesd 1ich te im kath olis chen Rau m seit dem Vati —
canum I. Eine gesch ichtl id1e Dars tell ung der Herm eneu tik seit Schl eier mach er wird zu-
gleich die Prob leme sehe n lasse n, die sich aus der herm eneu tisd 1en Neub esin nung unse rer
Zeit audi für Dogmatik und Dogmengeschichte ergeben‘.

‘ Konstitution übe r die gött lidi e Off enb aru ng, Nr. 24 (vgl . aud i Leo XIII ., Enz . Prov iden tiss i-
mus Deus: EB 114; Benedikt XV., Enz. Spiritus Paraclitus: EB 483).
2 Vgl. etwa W. Kasper, Die Methoden der Dogmatik (Mn 1967).
lé, aa0 .; E. Sim ons , Die Bed eut ung der Her men eut ik für die kath olis che The olo gie :
3 Vgl. R. Mar
Cath 21 (1967) 184—21 2; G. Stac hel, aa0 .; O. Lor etz - W. Stro lz, aaO ,; ]. Dus s — v. Wer dt, aa0 .;
E. Simons — K. Hec ker , The olo gis che s Ver ste hen ; E. Bett i, Die Her men eut ik als all gem ein e Met ho-
dik der Geisteswisse nsc haf ten (T 196 2); E. Cor etb , aa0 .; A. Kell er, Her men eut ik und diri 5tli difl
Glaube: ThPh 44 (1969) 25— 41. Die se Arb eit en zeig en, daß die her men eut isc he Fra ge imm er meh r
zum Met hod enp rob lem der The olo gie (un d Phi los oph ie) übe rha upt wir d.
‘ Die Literatur zur Her men eut ik und ihr er Ges dii chr e seit Sch lei erm ach er ist jet zt in umf ass end er
Weise (au di für den kat hol isd 1en Ra um ) zus amm eng est ell t: N. Hen ric bs‚ aaO .
Erstes Kapitel

DIE HERMENE-UTISCHE BEWEGUNG


VON SCHLEIERMACHER BIS ZUR GEGENWART
IM AUSSERKATHOLISCHEN RAUM

Scnxlrr'ruu: M. Dibelius, Die Formgeschichte des Evangeliums (T 1919, 81959); K. L.


Schmidt, Der Rahmen der Geschichte Jesu (B 1919); R. Bultmarm, Die Geschichte der synopti-
schen Tradition (Gö 1921, 81961); den., Ist voraussetzungslose Exegese möglidn?z Glauben und
Verstehen. Gesammelte Aufsätze III (T 1960) 142—150; dem, Jesus Christus und die Mytho-
logie. Das Neue Testament im Lid1t der Bibelkritik (H 1964); den., Neues Testament und
Mythologie: Kerygma und Mythos 1, hrsg. von W. Bartsch (Ha-Volksdorf *1951) 15—48; den.,
Das Problem der Hermeneutik: Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze II (T 1952)
211—235; den., Zum Problem der Entmythologisierung: Kerygma und Mythos II, hrsg. von
W.Bartsd1 (Ha—Volksdorf 1952) 179—208; W. Dilthey, Die Entstehung der Hermeneutik (ge-
schrieben 1900): Gesammelte Schriften V (L - B 1924) 316—338; E. v. Dobscbütz, Vom Auslegen
des Neuen Testaments (Gö 1927); E. Fascber, Vom Verstehen des Neuen Testaments. Ein Beitrag
zur Grundlegung einer zeitgemäßen Hermeneutik (Gie 1930); F. Tome, Hermeneutik des Neuen
Testaments (Gö 1930); W. Schweitzer, Das Problem der Bibl. Hermeneutik in der gegenwärtigen
Theologie: 11111 75 (1950) 467—478 (Lit.); W. Sdmltz, Die Grundlagen der Hermeneutik Schleier-
machers, ihre Auswirkungen und Grenzen: ZThK 50 (1953) 158—184; den., Die unendlid1e Be-
wegung in der Hermeneutik Schleiermachers und ihre Auswirkung auf die hermeneutische Situation
der Gegenwart: ZThK 65 (1968) 23—52; E. Fuchs, Hermeneutik (Bad Cannstatt 1954, 21958) (mit
Ergänzungsheft); dem, Marburger Hermeneutik (T 1968); K. Pohl, Die Bedeutung der Sprache für
den Erkenntnisakt in der Dialektik Fr. Sd11eiermachers: KantSt 46 (1954/55) 302—332; O. F. Boll-
now, Dilthey. Eine Einführung in seine Philosophie (St 21955); H. Kimmerle, Die Hermeneutik
Sd'ileiermachers im Zusammenhang seines spekulativen Denkens (Hei 1957) (unveröfl'entlicht);
F. D. E. Schleiermadaer, Hermeneutik. Nach den Handschriften neu herausgegeben und eingeleitet
von H. Kimmerle (Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, philos.-hist.
Kl.1959/2.Abh.) (Hei 21974); H.-G. Gadamer, Vom Zirkel des Verstehens: Festschrift für M.
Heidegger zum 70. Geburtstag (Pfullingen 1959) 24—34; den., Zur Problematik des Selbstver-
ständnisses. Ein hermeneutisd’ner Beitrag zur Frage der „Entmythologisierung“: Einsichten (Fest-
schrift für G. Krüger) (F 1962) 71—85; den., Wahrheit und Methode (T 21965); den., Das Pro—
blem der Sprad1e in Sdileiermachers Hermeneutik: ZThK 65 (1968) 445—458; G. Ebeling, Art.
Hermeneutik: RGG8 III 242—262; den., Die Bedeutung der historisdx—kririschen Methode für
die protestantische Theologie und Kirche: Wort und Glaube (T ’1962) 1—49; dem, Theologie
und Verkündigung. Ein Gespräch mit R. Bultmann (T 21963); den., Wort Gottes und Her-
meneutik: ZThK 56 (1959) 224—251, wiederabgedrudst: Wort und Glaube (T ’1962) 319—348
(wir zitieren hiernach); H. Franz, Das Denken Heideggers und die Theologie: ZThK 59 (1962),
Beihefl, 81—118; G.Bornkamm, Die Theologie Rudolf Bultmanns in der neueren Diskussion.
Zum Problem der Entmythologisierung und Hermeneutik: ThR 29 (1963) 33—141; G. Gresba/ee,
Historie wird Gesd1ichte. Bedeutung und Sinn der Unterscheidung von Historie und Geschid1te
in der Theologie Rudolf Bultmanns (Essen 1963); F. Mußner, Art. D. F. Strauß: LThK2 IX
1109 f; den., Bultmanns Programm einer „Entmythologisierung“ des Neuen Testaments: PRAE-
SENTIA SALUTIS (D 1967) 20—34; ]. M. Robinson - ]. B. Cobb (Hrsg.), Der spätere Heidegger
und die Theologie (Neuland in der Theologie. Gesprädne zwischen amerikanischen und euro-
päisd1en Theologen I) (Z-St 1964); G. Hasenhüztl, Die Radikalisierung der hermeneutisdren
Fragestellung durch Rudolf Bultmann: Mysterium Salutis 1 (Ei 1965) 428—440; ]. M. Robinson,
Die Hermeneutik seit Karl Barth: Neuland in der Theologie, hrsg. von J. M. Robinson-J. B.
Cobb, II: Die neue Hermeneutik (Z—St 1965) 13—108; U. Wilobens, Über die Bedeutung der
historischen Kritik in der modernen Bibelexegese: Was heißt Auslegung der Heiligen Schrifl:?,
hrsg. von W. Joest, F. Mußner, L. Srheficzyk, A. Vögtle, U. Wilckens (Rb 1966) 85—133; H. Putsch,
Friedrich Schlegels „Philosophie der Philologie“ und Schleiermachers frühe Entwürfe zur Herme-
neutik: ZThK 63 (1966) 434—472; W. Sdamitbals, Die Theologie Rudolf Bultmanns (T 1966)
226—277; K.-O.Apel, Heideggers philosophische Radikalisierung der „Hermeneutik“ und die
4 Die Hermeneuti/e von Schleiermacher bis zur Gegenwart I/3c

Frage nach dem „Sinnkriterium“ der Spradie: 0.Loretz - W. Slrolz (Hrsg.), Die hermeneutisdre
Frage in der Theologie (Fr 1968) 86—152; B. Lorenzmeier, Exegese und Hermeneutik. Eine ver-
gleiduende Darstellung der Theologie Rudolf Bultmanns, Herbert Brauns und Gerhard Ebelings
(H 1968); R. Schäfer, Die hermeneutisdxe Frage in der gegenwärtigen evangelisdmen Theologie:
O.Loretz -W. Strolz (Hrsg.), Die hermeneutisdre Frage in der Theologie (Fr 1968) 426—466;
]. D. Smart, Hermeneutisehe Probleme der Sehriflauslegung (Hei 1969).

5 l. F. D. E. Schleiermaeher ‘

Sd11eiermacher gilt als der Vater der modernen Hermeneutik und hermeneutischen
Bewegung, die bis heute nid1t zur Ruhe gekommen ist; denn er erkannte, daß die Her-
meneutik nicht bloß eine Angelegenheit der Bibelauslegung sei, sondern umfassenden
Rang für die Geisteswissensdral’ten besitzt, was dann für seinen Biographen W.Dilthey
von entscheidender Bedeutung für dessen eigene Arbeit wurde. Was bedeutet Verstehen
überhaupt? Das wird durch Sd11eiermad1er zu einem Thema der Forschung erhoben;
vgl. seine Bemerkung aus dem Jahre 1819: „Die Hermeneutik als Kunst des Verstehens
existiert noch nidut allgemein, sondern nur mehrere specielle Hermeneutiken.“ Für
deeiermadxer ist Verstehen „ein in sich geschlossener Vorgang“ (Kimmerle) ’, nicht
bloß bezogen auf das „grammatisdae“ Verständnis eines Textes; dieses muß vielmehr
ergänzt werden durda eine „tedmisd1e“ Interpretation desselben: „Der Hauptpunkt der
gram[matisdmen] Int[erpretation] liegt in den Elementen, durch welche der Central—
gegenstand bezeidmet wird; der Hauptpunkt der tedm[ischen] im großen Zusammen-
hang und in seiner Vergleidrung mit den allgem[einen] Combinationsgesetzen.“ ‘ Zwi—
schen beiden Arten der Auslegung herrsd1t eine „mannigfaehe Oscillation“ 5. Schon in
den Aphorismen von 1805 findet sich der für die Hermeneutik Schleiermadxers grund-
legend wichtige Satz: „Eine Hauptsache beim Interpretieren ist, daß man im Stande sein
muß, aus seiner eigenen Gesinnung herauszugehen in die des (zu verstehenden) Schrift-
stellers.“ ‘ Dabei lenkt Sdrleiermad1er sehr früh die Aufmerksamkeit auf das Phänomen
der Sprache: „Alles vorauszusezende in der Hermeneutik ist nur Sprache und alles zu
findende“, und vorausgehend macht Sd11eiermadrer die wichtige Bemerkung: „Das
Christentum hat Sprache gemadlt. Es ist ein potenzirender Sprachgeisr von Anfang an
gewesen und noch.“ 7
Eine der widttigsten hermeneutisdnen Regeln, die Schleiermadrer aufstellt — philO-
sophisch angeregt durch Spinoza und Friedrid1 deegel8 —‚ ist diese, daß das Ganze
aus den Teilen und die Teile aus dem Ganzen verstanden werden müßten: „Jedes Ver-

' F. D. E. Schleiermacher, aaO. Widrtige Untersudrungen: W. Dilthey, aaO. 316—338, bes.


326—331; W. Sdmltz, Grundlagen der Hermeneutik 158—184; den., Die unendliche Bewegung
23—52 (führt über den ersten Aufsatz weit hinaus). Widitig ist auch die Einleitung, die Kim-
merle seiner Edition der hermeneutischen Entwürfe Schleiermadrers vorausgeschiekt hat: ebd.
9—24; dazu seine Heidelberger Dissertation: Die Hermeneutik Sd11eiermachers im Zusammen-
hang seines spekulativen Denkens (Hei 1957) (unveröflentlicht).
' Ausgabe Kimmerle 79.
‘ Ebd. 16. ‘ Ausgabe Kimmerle 56.
‘ Ebd. Uber die Bedeutung des Begriffs „Oszillation“ im Denken Schleierrnachers vgl. W. Sdmltz,
Die unefidliche‘ Be‘Wegung 27 E.
”Aifsgabe Kimmerle 32.
" Ebd. 38. Vgl. dazu ned! K. Pohl, aaO. 302—332.
8 Vgl. dazu W. Schultz, Grundlagen der Hermeneutik 160 f; H. Patsd), aaO. 434—472.
l/3c Erstes Kapitel: Die bermeneutisd7e Bewegung im außer/eatbolisdien Raum 5

stehen des Einzelnen ist bedingt durch das Verstehen des Ganzen“ (Aphorismus) "; es
findet hier eine Zirkelbewegung statt, die nicht zu umgehen ist. Deshalb genügt die nur
grammatisdue Interpretation nicht, da ja die wirkliche Bedeutung eines Wortes nicht auf
der mechanischen Anwendung der in einer bestimmten Sprache vorliegenden Begriffe
ruht, sondern die „Sphäre“ eines Wortes mitbestimmt ist durch den, der es gebraucht; da
gilt: „Der productive Geist bringt immer etwas, was man nicht erwarten konnte“
(Aphorismus)‘°‚ aber auch: ‚Aus neu erfundenen Worten ist 09: gar nidit5 zu schlie-
ßen.“ “ Gerade das Schöpferische eines produktiven Geistes stellt deshalb den, der Ver-
stehen sucht, vor eine Aufgabe, wie Schleiermacher besonders betont: Er muß sich in den
Autor in einem „divinatorisdxen“ Akt einfüblen‚ „in sein inneres und äußeres Leben“ "
—— was Sdtleiermad1er zu Unrecht den Vorwurf einer Psychologisierung der Hermeneutik
eingebracht hat. Sd11eiermadner weist dabei auf die Bedeutung der Zeit im schöpferischen
Vorgang hin; der Charakter der Zeit „wirkt beschränkend. Manche [Schriftsteller]
gehören der Gegenwart und der Zukunft in größerem Maaß, als sie durch die Sprache
zeigen können.““ Damit hängt wiederum eine andere frühe hermeneutische Grund-
forderung Schleiermachers zusammen: „Man muß so gut verstehen und besser verstehen
als der Schriftsteller!“ “ Der Schriftsteller schafl’t ja vielfach „unbewußt“, und ins
Bewußtsein wird seine Aussage erst durch den Verstehenden erhoben.
Schleiermadrer hat in der weiteren Ausarbeitung der Hermeneutik als der „Kunst des
Verstehens“ immer mehr philosophischen Rang sidnern wollen, wie später aud1 Dilthey.
Er erkennt deutlich die Sd1wierigkeit, „der allgemeinen Hermeneutik ihren Ort zuzu-
weisen“ ". „Das Auslegen ist Kunst.“ “ Diese Kunst „kann ihre Regeln nur aus einer
positiven Formel entwickeln, und diese ist ‚das geschichtliche und divinatorische objektive
und subjektive Nad1construiren der gegebenen Rede‘.“ " Immer stärker interessiert nun
Sehleiermacher, wie sich in dem „Prozeß des Äußerlichwerdens des Gedankens die indi-
viduelle Eigenart des Sprechenden zu erkennen gibt“ (Kimmerle) “. Denken und Reden
werden von ihm immer deutlicher unterschieden, und immer stärker beschäftigt ihn das
Problem: Wie tritt die Innerlichkeit des Denkens in Sprache? Nach den Akademiereden
(1829) sollen die hermeneutischen Methoden den „inneren Hergang . . . durch divina-
torisdres und comparatives Verfahren . . . vollkommen durd1sid1tig“ machen “. Eine her-
meneutische Kunstlehre „aber kann wol . . . nur dann erst entstehen, wenn sowol die
Spradae in ihrer Objectivität als [auch] der Prozeß der Gedankenerzeugung als Function
des geistigen Einzellebens in ihrem Verhältniß zum Wesen des Denkens selbst so voll-
kommen durchsdxaut sind, daß aus der Art, wie beim Verknüpfen und Mittheilen der
Gedanken verfahren wird, auch die Art, wie beim Verstehen verfahren werden muß,
in einem vollständigen Zusammenhang dargestellt werden kann“ ”. Deshalb kommt
auf das „divinatorische Vermögen“ „das meiste“ an “. Mit seiner Hilfe gilt es, „das
ganze Geschäft der Composition zu seinem [des Schril’tstellers] gesammten Dasein“ zu
erfassen ”. Divinatorüches Einfühlungsvermögen und Komparation in umfassendem Sinn
sind darum nach Schleiermacher die wichtigsten hermeneutisdren Mittel! ” Die ent—

’ Ausgabe Kimmerle 46; vgl. auch 88f (Nr. 20, 23) 143 ff.
‘“ Ebd. 44. " Ebd. 49. 12 Ebd. 88. “ Ebd. 70. " Ebd. 56.
15 Aus der Darstellung der Hermeneutik von 1819; dazu Ausgabe Kimmerle 80.
1° Ebd. 82 (Nr. 9). „ Ebd. 87 (Nr. 18). 18 Einleitung 21.
" Ausgabe Kimmerle 139. ” Ebd. 141. 21 Ebd. 148. ” Ebd. 149.
23 „Für das ganze Geschäft [der Hermeneutik] giebt es vom ersten Anfang an zwei Methoden,
die divinatorische und die comparative, welche aber, wie sie auf einander zurüdsweisen‚ auch
nicht dürfen von einander getrennt werden“; dazu gibt Schleiermacher selbst noch die interessante
6 Die Hermeneutik von Sd)leiermad)er bis zur Gegenwart I/3c

sd1eidende Hilfe dabei ist die „Natur der Sprad1e“ selbst, weil sich aus ihr Gemeinsam-
keit des Lebens entwickelt und an sie gebunden bleibt “. Schon in der kurzen Darstel-
lung der Hermeneutik von 1819 mad1t Sd11eiermacher über das Verständnis von Sprad1e
und Verstehen wid1tige Bemerkungen. „Das Reden ist die Vermittlung für die Gemein-
schafllichkeit des Denkens“; aber damit die Rede „Mitteilung“ wird, setzt sie „die
Gemeinschaftlid1keit der Sprache“ voraus; die Rede kann „als Thatsad1e des Geistes“
gar nicht verstanden werden, „wenn sie nicht in ihrer Spradxbeziehung verstanden ist,
weil die Angeborenheit der Sprache den Geist modifiziert“. Das führt Schleiermadxer zu
der fundamentalen Einsicht, daß der Mensch der „Ort‘ ist, „in weld1em sich eine
gegebene Sprad1e auf eine eigenthiimliche Weise gestaltet, und seine Rede ist nur zu
verstehen aus der Total ität der Sprad xe. Dann aber audi ist er ein sich steti g entwi dreln -
der Geist, und seine Rede ist nur als eine That sad1 e von dies em im Zusa mmen hang e mit
den übrigen.“ ""
Ist der Mensdn der Ort der Spra che und die Spra d1e der Ort der „Gem eins dxafl lidt -
keit“ ” (und dami t nach Gada mer auch der Ort der Überl iefer ung), so hat Schle ier-
mad’1er mit diesen Einsi d1ten berei ts die Them en genan nt, mit dene n sich die Herm eneu —
tik gerade in ihrer jüngs ten Entw idsl ung besch äfl'ig t, beson ders audi in der Theol ogie.
Da aber der Mens ch „ein sich steti g entw icke lnde r Geist “ ist, ist auch das Verst ehen
eine unendliche Bewegung, die nie zu Ende kommt; das ist nad1 Schleiermadxer mit dem
Wesen der Spra che selbs t gege ben: „Die Spra dae ist ein unend liche s, weil jedes Elem ent
auf eine beso nder e Weis e best immb ar ist durc h die übrig en“; eben so ist es audi bei
der Auslegung; denn „jede Ansc hauu ng eines Indiv iduel len für sich ist unen dlic h“ ", weil
alles Indiv iduel le ja imme r nur appr oxim ativ zu erfas sen ist. Indi vidu um est ineff abile !
Die Aufgabe der Hermeneutik ist „eine unendliche, weil es ein Unendlidxes der Ver-
gangenheit und der Zukun i’t ist, was wir in dem Mome nt der Rede sehen woll en“ ”.
Die Idee der unendlichen Bewe gung , die Schle ierma eher von Leib niz über nomm en hat,
wurde dann auch von Dilthey übernommen: „Vita motus perpetuus.“ ”
Schleiermad1ers Bemü hung en um die Herm eneu tik stan den nicht zulet zt im Diens te
der Sdariflauslegung — dabei fallen auch Wichtige Bemerkungen über das Verhältnis von
Schrii’causlegung und Dogmatik. Besonders in der kurzen Darstellung der Hermeneutik
von 1819 (mit Rand beme rkun gen von 1828 ) ““ wend et Schl eier mach er seine herm eneu -
tischen Grundsätze auf die Auslegung des Neuen Testaments an ‘". Zunädist bemerkt
Schleiermacher, daß in der Ausl egun g des NT die philo logis ehe Ansid 1t, „welc he jede
Schri ft jedes Schri ftste llers isoli ert“ ansie ht, und die dogm atis che, „wel che das N. Test.
als Ein Werk Eines Schri ftste llers ansic ht“, eina nder entge genst ehen. Die philo logis die

Interpre tati on: „Di e divi nato risc he ist die, weld 1e, ind em man sich selb st glei d15a m in den and ern
verwandelt, das indi vidu elle unmi ttel bar aufz ufas sen sudi t. Die com par ati ve sezt erst den zu
verstehe nden als ein allg emei nes und find et dan n das Eige nthü mlic he, ind em mit and ern unte r
demselben allg emei nen befa ßten verg lich en wird . jene s ist die weib lich e Stär ke in der Men sch en-
kenntniß, dieses die männlid-xe“ (Ausgabe Kimmerle 109).
" Ebd. 148. Vgl. dazu audi II.—G. Gadamer, Problem der Sprache 445—458.
” Ausgabe Kimmerle 80 f.
” Vgl. dazu audi W. Schul tz, Die unend liche Bewe gung 32 H (34: „Frei e Gesel ligke it als Urfo rm
der divinatorischen Hermeneutik beinhaltet daher das, was Sdileierm3cher ewige Jugend genannt
hat, ein Motiv, das von den Monologen bis zu den Sd1riflen seines Alters durdisteht“).
" Ausgabe Kimmerle 82. “ Ebd. 88.
" Gesammelte Sdiriflen V 218. Zum Ganzen noch W. Sd)ult2, Die unendliche Bewegung.
” Siehe dazu Ausgabe Kimmerle 79—109.
31 Ebd. 101—106 (Nr. 22-44).
I/3c Erstes Kapitel: Die bemeneutiscbe Bewegung im außer/eatbolischen Raum 7

Auslegung „bleibt hinter ihren eigenen Prinzipien zurück, wenn sie die gemeinsame
Abhängigkeit” neben der individuellen Bildun'g verwirflz“; die dogmatische dagegen
„geht über ihr Bedürfnis hinaus, wenn sie neben der Abhängigkeit die individuelle
Bildung verwiri’t, und zerstört so sich selbst“: Erkenntnisse, die in der Gegenwart durch
die sogenannte Formgeschid1te eine besondere Aktualität erlangt haben. „Die Abhängig—
keit“ (vom gemeinsamen Glauben und seinem gemeinsamen Ursprung in Christus) ist da-
bei nach Schleiermacher wichtiger; verkennt die philologisdme Auslegung dies, „vernichtet
sie das Christentum', denn dann wird Christus „selbst Null“. Wenn dagegen dogmati—
sd1e Auslegung „den Kanon von der Analogie des Glaubens über diese Grenze ausdehnt“,
„vernichtet sie die Schrifl". „Die Analogie des Glaubens kann also nur aus der richtigen
Auslegung hervorgehen, und der Kanon kann nur heißen: es ist irgendwo falsch erklärt,
wenn aus allen zusammengehörigen Stellen nichts gemeinsames übereinstimmend her-
vorgeht.“ Dieser Grundsatz scheint besonders im Hinblids auf die ntl. Christologie von
Bedeutung zu sein. Wenn ein Teil nichts beiträgt zum Verständnis des Ganzen, müssen
nach Schleiermadrer verwandte Aussagen „abundirt“ werden; darin besteht das Mini—
mum des „quantitativen“ Verstehens, während sein Maximum „die Emphase“ ist; diese
besteht einmal darin: „wenn das Wort in dem größten Umfang zu nehmen ist, in wel-
chem es gewöhnlich nicht vorkommt; dann auch wenn alle Nebenvorstellungen, welche
es erregen kann, mit beabsichtigt sind. Das Letzte ist etwas unendliches“, das den her-
meneutischen Prozeß vorantreibt. Aber nicht der heilige Geist treibt ihn nach Schleier-
macher voran —— er lehnt die Verbalinspiration entschieden ab” —‚ sondern der Aus-
leger, der Verständnis sud1t. Das ist freilich eine schwierige Frage. Jedenfalls gilt Schleier—
macher mit Recht als der Vater der modernen Hermeneutik. Die entscheidenden Impulse
zu ihrer weiteren Ausarbeitung gehen auf ihn zurück. Besonders Diltheys Hermeneutik
ist ohne ihn nicht zu denken, aber auch ihre weitere Entwicklung nicht.

5 2. W. Dilthey “

„Ich bin von der Geschichte hergekommen“, betont Dilthey in seiner Antrittsrede in
der Berliner Akademie der Wissensd1afien (1887) ”, und Dilthey ging es sein Leben
lang um die Erforschung und Erkenntnis der Zusammenhänge und des Wesens der
Geschichte, wie sie sich speziell in den Geisteswissensd1afiten verobjektiviert. Für sie suth
er „ein Fundament und einen Zusammenhang, unabhängig von der Metaphysik, in der
Erfahrung“, nachdem die historische Schule „die Geschichtlichkeit des Menschen und
aller gesellschaftlichen Ordnungen erkannt“ hat ”. Dabei stieß Dilthey auf das Problem
des Verstehens: Wie kann ich die großen Gestalten der Geistesgeschichte verstehen, als
Individuen sowohl als auch in ihren Werken, speziell in ihren literarisd1 fixierten
Lebensäußerungen? ” Denn „in der Spradme allein (findet) das menschliche Innere
seinen vollständigen, erschöpfenden und objektiv verständlichen Ausdruck“ ”. „Daher

" Gemeint ist vom gemeinsamen christlichen Glauben und vom gemeinsamen Ursprung in
Christus.
” Vgl. dazu Ausgabe Kimmerle 105.
" Wichtig für das Gesamtverständnis der Philos0phie Diltheys ist das Werk von 0. Fr. Bollnow,
Dilthey. Eine Einführung in seine Philosophie (St 21955); ZU? hermeneutischen Frage 5-55-
167—216.
"" Gesammelte Schrifien V 10.
" Ebd. 11. “ Ebd. 319. ” Ebd.
8 Die Hermeneuti/e von Sd11eiermacber bis zur Gegenwart I/3c

hat die Kunst des Verstehens ihren Mittelpunkt in der Auslegung oder Interpretation
der in der Sdm'fl enthaltenen Reste menschlichen Daseins.“ ” Und deshalb ist die Her-
meneutik „die Kunstlebre der Auslegung von Sä)rifldenlemalm“ “. Während die bloß
grammatisd’xe Auslegung die rein sprachlichen Gegebenheiten eines Literaturwerkes
analysiert, versucht die „psychologische Auslegung“, wie Sdfleiermad1er sie gefordert
hat, sich in den schöpferischen inneren Vorgang des Autors zu versetzen, „und sie schrei-
tet vorwärts zur äußeren und inneren Form des Werkes, von ihr aber weiter zur
Erfassung der Einheit der Werke in Geistesart und Entwicklung ihres Urhebers“ “.
Deshalb kann Dilthey in der Gefolgsdtafl'. Schleiermachers sagen: „Das leute Ziel des
hermeneutischen Verfahrens ist, den Autor besser zu verstehen, als er Sidi selber ver-
standen hat. Ein Satz, welcher die notwendige Konsequenz der Lehre von dem un-
bewußten Schaffen ist.“ " Und darum gelangt Verstehen „nur Sprachdenkmalen gegen-
über zu einer Auslegung, welche Allgemeingültigkeit erreicht“ “. „Aufgenommen in den
Zusammenhang von Erkenntnistheorie, Logik und Methodenlehre der Geisteswissen-
schafien, wird diese Lehre von der Interpretation ein wichtiges Verbindungsglied zwi-
schen der Philos ophie und den gesd1id 1tlid1e n Wissen schaft en, ein Hauptb estand teil der
Grundlegung der Geisteswissenschaflen.“ “ Freilich ist so „in allem Verstehen ein Irratio-
nales, wie das Leben selber ein solches ist; es kann durch keine Formeln logischer Leistun—
gen repräsentiert werden“ “, und deshalb treten wir mit dem Verstehen „in Verfahrens-
weisen ein, die keine Art Analogie mit naturwissenschafllidxen Methoden haben. Beruhen
sie doch auf dem Verhäl tnis von Lebens äußeru ngen zu dem Innere n, das in ihnen zum
Ausdrudt gelangt“ “. Man kann solches „Verstehen“ als „Induktion“ auffassen, in wel-
cher „nicht aus einer unvoll ständi gen Reihe von Fällen ein allgem eines Gesetz abgelei tet
wird, sondern aus ihnen eine Struktur, ein Ordnungssystem, das die Fälle als Teile zu
einem Ganzen zusam menni mmt“ ". Aber jede „Ausle gung wäre unmögl ich, wenn die
Lebens äußeru ngen gänzli ch fremd wären. Sie wäre unnöti g, wenn in ihnen nichts fremd
wäre. Zwischen diesen beiden äußers ten Gegens ätzen liegt sie also.“ ‘” Eine wichti ge Ein-
sicht! _]edod- x ist es gerade dieses „Fremd e“, „Indivi duelle“ , das in der Hermen eutik nie—
mals „demonstrative Gewißh eit“ ermögl icht “. Und darum kann die Ausleg ung niemal s
eines ergänzenden „kompa rative n Verfah rens“ entbeh ren (z. B. einer vergle ichend en
Untersuchung der „Gattu ng“, deren Sidi ein Schrift steller bedien t) 5°.
Dilthey ist sich der Grenz en des Verste hens durd1a us bewußt . Sie hängen sowohl mit
dem Leben selbst zusam men, das ständi g fortsch reitet “, als auch mit der psycho logisc hen
Unmöglichkeit, stets das Ganze (eines Werkes ) vor Augen zu haben. Deshal b ist Ver-
stehen „ein int ell ekt uel ler Pro zeß vo n höc hst er Ans tre ngu ng, der doc h nie gan z rea lis ier t
werden kann“ ”.
Hermeneutik des Leb ens ist Ver ste hen der Bed eut ung der ein zel nen Leb ens äuß eru nge n
im Ganzen ein es Leb ens . Des hal b ist „Be deu tun g“ „di e umf ass end e Kat ego rie , unt er
welcher das Leb en auf fas sba r wir d“ ”. „W ie Wo rt e ein e Bed eut ung hab en, dur ch die sie
etwas bezeid1nen, ode r Sät ze ein en Sin n, den wir kon str uie ren , so kan n aus der bes tim m-
ten-unbestim mte n Bed eut ung der Tei le des Leb ens des sen Zu sa mm en ha ng kon str uie rt
werden “ “. De nn die „Te ile ein es Leb ens ver lau fes hab en für das Ga nz e des sel ben ein e

” Ebd. “' Ebd. 320. “ Ebd. 331. " Ebd. “ Ebd. “ Ebd.
“ Gesammelte Schri&en VII 218.
“ Ebd. 219. "‘ Ebd. 220. “ Ebd. 225. “' Vgl. ebd. 225 f. 5° Vgl. ebd. 226.
"" „Man müßte das End e des Leb ens lau fes abw art en und kön nte in der Tod ess tun de erst das
Gan ze übe rsc hau en, von dem aus die Bez ieh ung sein er Teil e fest stel lbar wär e“ (ebd . 233) .
52 Ebd. 227. 53 Ebd. 232. “ Ebd. 233.
Erstes Kap ite l: Die her men eut isc he Be we gu ng im auß erk ath oli sch en Ra um 9
1/3c

un d des hal b hat „di e Kat ego rie der Be de ut un g. .. ofi en ba r


bestimmte Bedeutung“,
einen besonders na he n Zu sa mm en ha ng zu m Ver ste hen “ “. Ab er im me r wie der bet ont
Dilthey, daß wir das Leben „nu r in ein er bes tän dig en An nä he ru ng “ ver ste hen “. Sei ne
„Dissonanzen lösen sic h nic ht auf in Ha rm on ie n“ ”. Fü r das Ver ste hen ist ne be n der
Kategorie „Bedeutung“ jene der „St ruk tur “ wid iti g; die Str ukt ur ist Zu sa mm en ha ng
des Lebensganzen, „bedin gt dur ch die rea len Be zü ge zur Au ße nw el t“ ”; „St ruk tur “
bezieht sich auf die inn ere Gli ede run g „i m Geg ens atz zur äuß ere n Ges tal t“ (Bo lln ow) ”.
Der leute Sinn der Herm en eu ti k ist nad i Dil the y, da ß der Me ns di sic h als ges chi cht -
liches Wesen verste ht, un d das hei ßt: als ein rad ika l end lid aes We se n. „D as his tor isc he
Bewußtsein von der Endlich/w it jed er ges dii cht lid ien Ers d1e inu ng, jed es men sch lid 1en
oder gesellschaftlid1en Zus tan des , vo n der Rel ati vit ät jed er Ar t vo n Gl au be n ist der
letzte Sch rit t zur Bef rei ung des Men 5di en. “ " Hi er zei gen sic h für de n Th eo lo ge n die
Grenzen der Hermen eut ik Dil the ys. Vo r all em ein e tra nsz end ent alt heo log isc he An al ys e
des Menschen wir d die se Gr en ze n zu übe rsc hre ite n ve rm ög en ; für sie hat He id eg ge r
mand1e Vorarbeit geleistet.

5 3. M. Heidegger

Heidegger hat sich zu m Pro ble m der Her men eut ik bes ond ers in sei nem gru ndl ege nde n
Werk „Se in und Zei t“ “ in den SS 31 —3 4 geä uße rt. Er bri ngt Ver ste hen mit de m
Dasein (dem Men sch en) als sol d1e m zus amm en. De nn gle idx urs prü ngl id1 mit der
„Befindlid 1ke it“ kon sti tui ert nad i Hei deg ger das Das ein das Ver ste hen “. Die ont o-
logische Voraussetzun g von Ver ste hen übe rha upt ist die gru nds ätz lid 1e Ers chl oss enh eit
von Welt; spez iell im Ver ste hen des Wor umw ill en „ist die dar in grü nde nde Bed eut sam -
keit mit ers ddo sse n“‚ wob ei „Be deu tsa mke it“ das ist, „wo rau fhi n Wel t als sol die ers chl os-
sen ist“ °’. Es geh t im Ver ste hen nid it dar um, „et was zu ver ste hen “ (im Sin ne: sei ne
Sadie ver ste hen und beh err sch en) , son der n im „Ve rst ehe n lieg t exi ste nzi al die Sei nsa rt
des Daseins als Sei n-k önn en“ ; den n Das ein ist pri mär „Mö gli d1— sei n“ “. Mög lid 1ke it
als Exi ste nti al „ist die urs prü ngl id1 5te und letz te pos iti ve ont olo gis dne Bes tim mth eit des
Daseins . ..Den phänomemlen Boden, sie [die Möglid1keit] überhaupt zu sehen, bietet
das Ver ste hen als ers ddi eße nde s Sei nkö nne n.“ 5 Des hal b hat Ver ste hen mit Zuk unf t
zu tun! Denn das Verstehen hat „Entwurfdnarakter“. „Dasein versteht sich immer sd10n
und immer noc h, sol ang e es ist, aus Mög lid 1ke ite n“, die dab ei selb st nic ht sog lei ch
thematisc h erf aßt wer den “. Ver ste hen ble ibt imm er off en; den n das „Ve rst ehe n ist,
als Entwerfen, die Seinsart des Daseins, in der es seine Möglichkeiten als Möglid1keiten
ist“ "; es ist „ga nz und gar von Mög lid 1ke ite n dur chs etz t“ ”. Im Ver ste hen grü nde t
dar um aud i die Sich t, das hei ßt die Mög lid 1ke it‚ sich alle s „du rdx sid 1ti g“ zu mad 1en ;
denn alle „Sidit“ gründet „primär im Verstehen“ ”.
Das Verstehen kann sich ausbilden, und solche Ausbildung des Verstehens „nennen
wir Auslegung“. „In ihr eignet sich das Verstehen sein Verstandenes verstehend zu. In
der Auslegung wird das Verstehen nidit etwas anderes, sondern es selbst. Auslegung
gründet existenzial im Verstehen, und nid1t entsteht dieses durch jene. Die Auslegung

55 Ebd. 234. “‘ Ebd.236. 57 Ebd.


53 Vgl. ebd. 237 f. Zu Diltheys Kategorienlehre s. Näheres bei 0. Fr. Bollnow, aaO. 142—159.
‘” Ebd. 152. °” Ebd. 290. “ Halle 1927, Tübingen 71953.
" Sein und Zeit 142. “ Ebd. 143. “ Ebd. “ Ebd. 143 f.
" Ebd. 145. “7 Ebd. “ Ebd. 146. " Ebd. 147.
10 Die Hermeneutik von Sdsleiermacber bis zur Gegenwart I/3c

ist nicht die Kenntnisnahme der Verstandenen, sondern die Ausarbeitung der im Ver-
stehen entworfenen Möglichkeiten.“ " Sooft die_Bedeutsamkeit von „Welt“ entdeckt
wird, wird sie ausgelegt. „Das Zuhandene kommt ausdrücklich in die verstehende
Sicht.“ " Dabei braucht das Ausgelegte nicht notwendig auch immer sd10n in einer
bestimmten Aussage auseinandergelegt zu werden. „Alles vorprädikative schlichte Sehen
des Zuhandenen ist an ihm selbst schon verstehend-auslegend.“ '"
Die Auslegung bringt sich in Begriffen zur Sprache; dabei ist aber Auslegung „nie
ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen“. Vielmehr wird die „Auslegung
von Etwas als Etwas . . .wesenhafi durch Vorhabe, Vorsicht und Vorgrif‘f fundiert“ ”.
Was besagt aber dieses „Vor“.> Das „Vor“ besagt, daß das Dasein schon immer auf-
grund seines Wesens nach Sinn Ausschau hält. Aber der „Sinn“ ist nicht eine Eigenschafl,
die am Seienden selbst haftet, sondern „ein Existenzial des Daseins“ “.
Da das Verstehen als die Erschlossenheit des Da immer das Ganze des In-der—Welt-
Seins betrifl’c , ist „in jedem Verste hen von Welt.. .Exist enz mitver stande n und um-
gekehrt“ '". Damit kommt Heidegger auf ein Thema zu sprechen, das vor allem durch
Schleiermacher in seiner Bedeut ung für die Hermen eutik erkann t werde n ist; es ist das
Probl em des „Zirkel s“, der früher nach den elemen tarste n Regeln der Logik als vitios
galt. Aber weil es kein Verste hen ohne Vor—Ve rständ nis gibt, das im Dasein als dem
In—der-Welt- Sein selbst gründe t, bedeut et jeder Versud n, den Zirkel zu vermei den, „das
Verstehen von Grund aus mißverstehen“ ”. „Das Entsd1eidende ist nidut, aus dem
Zirkel heraus-, sonder n in ihn nach der reduten Weise hinei nzuko mmen“ ; denn der
Zirkel ist „der Ausdru ck der existen zialen Vor-st ruktur des Dasein s selbst“ . In ihm
„verbirgt sid-x eine positiv e Möglic hkeit ursprü nglich sten Erkenn ens“, freilic h immer
unter der Voraus setzun g, daß „aus den Sachen selbst her“ gedach t wird ".
Alle Auslegung gründet also im Verste hen; sie äußert sich in der Aussag e. Ihr weist
Heidegger drei Bedeut ungen zu: a) Aussag e bedeut et primär Aufzei gung, nämlic h Seiend es
von ihm selbst her sehen lassen; b) Aussag e besagt soviel wie Prädik ation, d.h. etwas
ausdrücklich offenb ar machen , etwas in seiner bezieh baren Bestim mtheit sehen lassen ;
c) Aussage bedeut et Mittei lung, Heraus sage. Als solche ist sie „Mitse henlas sen des in der
Weise des Bestim mten Aufgez eigten . Das Mitseh enlass en teilt das in seiner Bestim mtheir
aufgezeigte Seiend e mit dem Andere n“; dadurd 1 erweite rt sich der Umkre is des sehen-
den Mitein andert eilens ’“. Aussag e ist deshal b für Heideg ger „mitte ilend besti mmend e
Aufzeigung“, die freilic h der (sprach lichen) Artiku lation des Aufgez eigten bedarf 7’; sie
hat „ihre ontologische Herkunft aus der verstehenden Auslegung“ 8°.
Aussag e als Mittei lung führt zum Phäno men der Sprach e, die ihr existen tial-on to—
logisdres Fundament in der Rede hat “. „Die Rede ist mit Befindlicbkeit und Verstehen
existenzial gleichursprünglicb“ 32; sie ist die Artikulation der Verständlichkeit. „Die
befindl iche Verstä ndlich keit des In-der -Welt- seins spricht sich als Rede aus.“ Die Sprach e
ist dann die „Hinausgesprochenheit der Rede“; als „existenziale Verfassung der Er-
schlossenheit des Daseins ist die Rede konstitutiv für dessen Existenz“ “. Der Zusam-
menhang der Rede mit Verste hen und Verstä ndlich keit wird deutlic h aus dem Hören “.

"” Ebd. 148. " Ebd. 72 Ebd. 149. ” Ebd. 150.


" Ebd. 151. „Das in der Ausl egun g Gegl iede rte als solch es und im Vers tehe n über haup t als Glie-
derbares Vorgezeidmete ist der Sinn“ (153).
75 Ebd. 152. " Ebd. 153.
'” Vgl. ebd.; dazu audi Pl.-G. Gadamer, Zirkel des Verstehens 24—34.
73 Sein und Zeit 154 f. '” Vgl. ebd. 156 f. ““ Ebd. 158.
“ Vgl. ebd. 160. 52 Ebd. 161. 93 Ebd. “ Ebd. 163.
I/3c Erstes Kapitel: Die bermeneutiscbe Bewegung im außerkatbolischen Raum 11

„Das Hören auf...ist das existenziale Oflensein des Daseins als Mitsein für den
Anderen.““ „Nur wer schon versteht, kann zuhören“ “; sonst bleibt es beim geschäf—
tigen Nur-Herumhören. Und nur dem, der schweigen kann, ist echtes Reden möglich.
„Um sd1weigen zu können, muß das Dasein etwas zu sagen haben, das heißt über eine
eigentliche und reiche Erschlossenheit seiner selbst verfügen.“ '"
Die Rede hat freilid1 auch die Möglichkeit zum „Gerede“ zu werden, die verschließt
und verdeckt “. Alles ed1te Verstehen, Auslegen und Mitteilen, Wiederentdedten und
neu Zueignen vollzieht sich gegen „Gerede“ und gegen die Herrschafi „der öffentlid1en
Ausgelegtheit“. Das verschließende Gerede ist „die Seins’art des entwurzelten Daseins-
verständnisses“; es ist „von den primären und ursprünglidm-echten Seinsbezügen zur
Welt, zum Mitdasein, zum In-Sein selbst abgeschnitten“ °”. Die „Unheimlichkeit der
Schwebe, in der es einer wachsenden Bodenlosigkeit zutreiben kann“, bleibt dann dem
Dasein verborgen ”. Es kommt nid1t in seine „Eigentlichkeit“.
Mit diesen Analysen des Verstehens hat Heidegger die Grundlagen für die „existen—
tiale Interpretation“ der Bibel gelegt, wie sie von R. Bultmann gefordert und durch-
geführt Wird. Zunäd1.st aber gilt es noch die hermeneutischen Einsid1ten des Heidegger-
Schülers Gadamer zu bedenken, auch um die Grenzen einer nur „existentialen“ Auslegung
der Bibel rechtzeitig zu erkennen.

S 4. H.—G. Gadamer

Gadamer geht in seinem für die Hermeneutik grundlegenden Werk „Wahrheit und Me—
thode“ ’" über die Anstöße Schleiermachers, Diltheys und Heideggers hinaus. Heidegger
hat auf das „Vorverständnis“ hingewiesen, das in jedem Verstehen und damit auch in
jeder Auslegung und in jeder Mitteilung wirksam ist. Das Dasein ist nun aber nicht bloß
ein auf (zukünftige) Möglichkeiten hin entworfenes. sondern ebenso ein abkünflriges: es
geht nicht bloß auf . . . zu, sondern kommt von her. Diese Abkünfligkeit jeden
menschlidren Daseins ist für Gadamer von besonderer hermeneutischer Relevanz; denn
aufgrund dieser Abkünf’tigkeit des Daseins ist das Vorverständnis („Vorhabe, Vorsicht,
ngrifl“) ein von Überlieferung und Überlieferungen genährtes. Das Dasein ek-sistiert
somit nicht bloß auf Zukunft vor, sondern auf Vergangenheit zurück. Gadamer fragt
gegenüber der Diskreditienmg des sogenannten Vorurteils, „die das Erfahrungspathos
der neuen Naturwissensdral’c mit der Aufklärung verbindet“: „Heißt in Überlieferungen
stehen in erster Linie wirklich: Vorurteilen unterliegen und in seiner Freiheit begrenzt
sein?“ " Schon Dilthey hat das Berechtigte dieser Frage grundsätzlich erkannt, aber er
vermochte die traditionelle Erkenntnistheorie nicht zu überwinden. Dilthey hat noch
nicht deutlich genug gesehen, daß in Wahrheit die Geschichte nicht uns gehört, „sondern
wir gehören ihr“ ”. So begibt sich Gadamer an die Rehabilitierung von Autorität und
Überlieferung und stellt dabei den hermeneutisd1en Grundsatz auf: „Das Verstehen ist
selber nith so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrüoben
in ein Überlieferungsgesd:eben, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig
vermitteln.“ "

85 Ebd. “ Ebd. 164. "‘ Ebd. 165. 38 Vgl. ebd. 168 f. " Ebd. 170. ” Ebd.
“ Tübingen 21965. Vgl. auch noch dem, Die Universalität des hermeneutischen Problems: Kleine
Schriftenl (T 1967) 101ff.
" Wahrheit und Methode 260. “ Ebd. 261. " Ebd. 274 f.
eu ti k vo n Sc hl ei er ma dv er bis zu r Ge ge nw ar t I/3c
12 Die Hermen

au s de r he rm en eu ti sc he n Be di ng un g de r Zu -
Was folgt aber näherhin für das Verstehen
t Ga da me r we it er , um au f di es e We is e de n
gehörigkeit zu einer Tradition? So frag
st „l äu ft di e Be we gu ng de s Ve rs te he ns
wahren Ort der Hermeneutik zu finden. Zunäch
Ga nz en . Di e Au fg ab e ist , in ko nz en tr is dr en
stets vom Ganzen zum Teil und zuriid; zum
nd en en Si nn es zu er we it er n. Ei ns ti mm un g al le r Ei nz el —
Kreise n di e Ei nh ei t de s ve rs ta
we il ig e Kr it er iu m fü r di e Ri ch ti gk ei t de s Ve rs te he ns . Da s
heit en zu m Ga nz en ist da s je
he it er n de s Ve rs te he ns .“ Wa s sp ez ie ll ei ne n
Ausbleiben sold1er Einstimmung bedeutet Sc ),
al in de n Zu sa mm en ha ng de s We rk es (e in es Sd 1r il ’t st el le rs
Text be tr ifi ’c , so ge hö rt er ei nm
sc hö pf er is dt en Au ge nb li ck s in da s Ga nz e de s Se el en -
ab er eb en so „a ls Ma ni fe st at io n de s
n Sc hl ei er ma ch er un d im An sc hl uß an ih n Di n
lt he y sc ho
lebens se in es Au to rs “ ”. Di es ha be
ab er , „o b di e Zi rk el be we gu ng de s Ve rs te he ns so an ge -
hera us ge ar be it et . Ga da me r fr ag t
na ch ih m ni ch t um di e „g eh ei mn is vo ll e Ko mm un io n de r
messen vers ta nd en is t“ ”. Es ge ht
Ak t“ Sc hl ei er ma du er s) , so nd er n um „T ei lh ab e am ge -
Seelen “ (w ie im „d iv in at or is ch en
än dn is in de r Sa ch e“ . „5 0 ha t di e He rm en eu ti k vo n
me in sa me n Si nn “, um „d as Ei nv er st
od er ge st ör te s Ei nv er st än dn is he rz us te ll en .“ "’ Ga da me r
jeher die Au fg ab e, au sb le ib en de s
e de s „Z ir ke ls “ zu rü ck , na ch de r da s Ve rs tä nd ni s ei ne s
greift da be i au f He id eg ge rs An al ys
Au sl eg er s be st im mt ist . Da ab er me in Vo rv er st än dn is
Textes vom Vo rv er st än dn is de s
Üb er li ef er un g, au s de r ic h ko mm e, be sc hr ei bt na du
entscheide nd be di ng t ist du rc h di e
al s da s In ei na nd er sp ie l de r Be we gu ng de r Üb er -
Gadamer der Zi rk el „d as Ve rs te he n
rp re te n. Di e An ti zi pa ti on vo n Si nn , di e un se r Ve r-
lieferung un d de r Be we gu ng de s In te
Ha nd lu ng de r Su bj ek ti vi tä t, so nd er n be st im mt
ständnis eines Te xt es le it et , ist ni ch t ei ne
mi t de r Üb er li ef er un g ve rb in de t. “ “ Da mi t eine
ist
sich aus der Ge me in sa mk ei t, di e un s
ti sc he r Ar t ge wo nn en , di e si ch ge ra de in de r
entscheidend wichtige Ei ns ic ht he rm en eu
ha t, we il si e in ih r se lb st sc ho n wi rk sam ist.
Auslegung der Bibel zu bewähren ve rs te he n“ ,
de ut et na d1 Ga da me r pr im är : „s ic h in de r Sa d1 e
Wirkliches Ve rs te he n be
al le r he rm en eu ti sc he n Be di ng un ge n bl ei bt so mi t
von der im Text di e Re de ist . „D ie er st e
-h ab en mi t de r gl ei ch en Sa ch e en ts pr in gt .“ ” We r
das Vorver st än dn is , da s im Zu -t un
de r Sa ch e, di e mi t de r Üb er li ef er un g zu r
wi ll , mu ß de sh al b mi t
einen Text verstehen Die Überliefe-
d an di e Tr ad it io n An sc hl uß fin de n.
Sprache kommt, verbunden sein un ei ge nt ii ml ic he St el lu ng
ch ni ch t im me r gl ei ch ve rt ra ut ; si e ni mm t ei ne
rung ist uns fr ei li
ei n, di e ei n Zw is ch en „z wi sd re n de r hi st or is ch
zwischen Fremdheit un d Ve rt ra ut he it
un d de r Zu ge hö ri gk ei t zu ei ne r Tr ad it io n“
gemeinten, abstän di ge n Ge ge ns tä nd li ch ke it
de r wa hr e Or t de r He rm en eu ti k. “ ‘” Da mi t
mit sich bringt. „In di es em Zw is ch en ist
He rm en eu ti k, nä ml ic h da s Pr ob le m de s Ze it en -
ergibt sich aber ei n ne ue s Pr ob le m fü r di e
Ve rs te he n. Wi e üb er wi nd e ic h ve rs te he nd de n
abstandes und seiner Be de ut un g fü r da s
d se in em We rk tr en nt ? Wa s im pl iz ie rt üb er -
zeitlichen Abstand, de r mi ch vo m Au to r un
mm en vo n Ve rs te he n? Ha t er he rm en eu ti sc h
haupt der Zeitenab st an d be im Zu st an de ko
te he n: zu rü ck sp ri ng en üb er de n Ze it en ab st an d
eine positive Funktion, od er he iß t Ve rs
ch er sd 10 n er ka nn t ha t, um di e Ze it un d
zum Autor? Es geht fo lg li ch , wi e Sc hl ei er ma
Pr oz eß . Ab er er st du rc h di e te mp or al e In te r-
ihre Bedeutung für den he rm en eu ti sc he n
de s Da se in s ga b, ko nn te de r Ze it en ab st an d un d
pretation, die Heidegger de r Se in sw ei se
nz en Be de ut un g fü r di e He rm en eu ti k er ka nn t
mit ihm die Überliefer un g in ih re r ga
it „n id 1t pr im är ei n Ab gr un d (is t), de r üb er -
werden. Denn jetz t ze ig t si ch , da ß di e Ze
nt un d fe rn hä lt “, so nd er n da ß di e Ze it „in Wahrheit
brückt we rd en mu ß, we il er tr en
G e g e n w ä r t i g e wu rz el t“ "" . S o is t
de r tr ag en de G r u n d de s Gehens (ist), in dem das
sc he

“ Ebd. 275. ” Ebd. 276. " Ebd.


” Ebd. 278. "” Ebd. 279. "" Ebd. 281.
"’ Ebd. 277.
I/3e Erstes Kapitel: Die hermeneutische Bewegung im außerkatholisdjen Raum 13

der Zeitenabstand „eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens“, er ist kein
„gähnender Abgrund, sondern . . . ausgefüllt durch die Kontinuität des Herkommens
und der Tradition“ "”. Der Zeitenabstand leistet gewissermaßen „eine Filterung“, so daß '
der wahre Sinn (eines Textes) „aus allerlei Trübungen herausgefiltert wird“ 1°”. So können
die wahren Vor-Urteile, unter denen wir verstehen, von den falschen geschieden werden!
Die Überlieferung, die ja zunädrst auch Fremdes für uns in Sld’l birgt, reizt dazu, die
eigenen Vor-Urteile kritisch zu überprüfen und auf diese Weise frei zu werden für die
Frage, ohne die ein Verstehen ja gar nidit in Gang kommen kann. „Das Wesen der Frage
ist das Offenlegen und Offenhalten von Möglichkeiten.“ ‘“ Nur so kann der Fragende
durch die Frage an einen Text sich selbst in Frage stellen lassen und kann Hermeneutik
zu einem existentiellen Ereignis werden, wie es dann im Hinblick auf die Bibel besonders
R. Bultmann fordert "".
Dabei soll sich das historische Bewußtsein bewußt werden, daß die Unmittelbarkeit,
mit der es sich auf ein Werk oder eine Überlieferung richtet, in Wirklidtkeit gar nicht
vorhanden ist, weil jener, der verstehen will, immer auch „den Wirkungen der Wirkungs-
geschid1te“ unterliegt "’". Jeder bedeutende Text, wie etwa die Heilige Schrift, hat ja
eine umfassende Wirkungsgesdrichte hervorgebracht, von der der Ausleger nicht völlig
absehen kann. Diese Wirkungsgesd1ichte „bestimmt im voraus, was sich uns als frag—
würdig und als Gegenstand der Erforschung zeigt, und wir vergessen gleid15am die
Hälfle dessen, was wirklich ist, ja noch mehr: wir vergessen die ganze Wahrheit dieser
Erscheinung, wenn wir die unmittelbare Ersdreinung selber als die ganze Wahrheit neh-
men“ “”. Das betont Gadamer gegen den historischen „Objektivismus“, der die wirkungs-
geschichtliche Verfled1tung, in der das historische Bewußtsein selber steht, verdeckt.
Gerade im Gewinnen der red1ten Frage ist das wirkungsgeschid1tliche Bewußtsein am
Werk und ebenso an dem, was Gadamer die „hermeneutische Situation“ nennt, „d.h.
die Situation, in der wir uns gegenüber der Überlieferung [oder einem Text] befinden,
die wir zu verstehen haben“ “‘". Diese Situation ist aber immer eine geschichtliche; wir
befinden uns als Verstehende und Auslegende niemals auf einem archimedischen Punkt
außerhalb der Geschidrte; deshalb kommt auch die hermeneutische Reflexion niemals zu
einem endgültigen Absd11uß, sondern ist eine unendlidre Aufgabe, gerade gegenüber der
Heiligen Sdirifl, wie audi schon Schleiermacher gesehen hat. Die Situation ist immer eine
endlid1-gesdüchtlidte. Deshalb gehört, wie Gadamer betont, zum Begriff der „Situation“
immer wesenha& jener des Horizonts, den Husserl in die Philosophie eingeführt hat.
Wahres Verstehen fordert von dem, der Verständnis sucht, einen weiten Horizont. Des—
halb erfordert die hermeneutische „Situation“ immer audi „die Gewinnung des rechten
Fragehorizonts fiir die Fragen, die sich uns angesid1ts der Überlieferung stellen“. „Wer
es unterläßt, derart sich in den historischen Horizont zu versetzen, aus dem die Über-
lieferung spricht, wird die Bedeutung der Überlieferungsinhalte mißverstehen.“ “’“ Sich
in einen historisdien Horizont versetzen bedeutet aber nicht „eine Entrückung in fremde
Welten, die nichts mit unserer eigenen verbindet, sondern sie insgesamt bilden den einen
großen, von innen her beweglichen Horizont, der über die Grenzen des Gegenwärtigen
hinaus die Gesdlichtstiefe unseres Selbstbewußtseins umfaßt“ “°.

“" Ebd. “” Vgl. ebd. 282.


“" Ebd. 283; vgl. dazu audi 344—360 („Der hermeneutische Vorrang der Frage“).
‘“ Siehe dazu unten 5 5 (R. Bultmann und seine Schule).
“" Vgl. dazu ebd. 284—290.
“" Ebd. 284. 108 Ebd. 285. “” Ebd. 286. "" Ebd. 288.
14 Die Hermeneutik von Schleiermacher bis zur Gegenwart 1/3 c

Gadamer versteht freilid1 soldi hermeneutisd1es „Sichversetzen“ nidit im Sinn des


„divinatorisd1en Aktes“ Schleiermachers, also nicht als „Einfühlung einer Individualität
in eine andere noch audi Unterwerfung des anderen unter die eigenen Maßstäbe“, son-
dern Sidwersetzen „bedeutet immer die Erhebung zu einer höheren Allgemeinheit“ “‘.
Nur so wird die Überlieferung für uns hörbar! „Der Horizont der Gegenwart bildet
sich . . . gar nidit ohne die Vergangenheit.“ Idi kann beide Horizonte in Wirklichkeit
nidit streng voneinander sd1eiden. Verstehen ist vielmehr „immer der Vorgang der
Verschmelzung solcher vermeintlidr für sich seiender Horizonte“ "’. Damit wird keines-
wegs die Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit im Vorgang des Verstehens
geleugnet; vielm ehr beste ht die herme neuti sd1e Aufga be gerad e darin, die Spann ung
zwischen eigener Gegenwart und Vergangenheit (Text, Überlieferung) „nidit in naiver
Angleichung zuzud ecken , sonde rn bewuß t zu entfal ten“. Nur so komm t ein Text oder
eine Überl iefer ung wirkl ich für uns zum Spred ien, ereign et sich Verst ehen, das diesen
Namen verdient.
Der Horizont der Gegen wart, die eigene Situat ion, ist imme r auch besti mmt von
Erfahrung, von der nid1t abges ehen werde n kann, wenn wirkl iches Verst ehen zusta nde
kommen soll”. Erfahrung selber ist nie Wissensdmfi; sie ist ein existentieller Vorgang.
Durdi Erfahrung kann man reif und weise werde n, wird es aber nur dann, wenn man
nidit bloß Erfah runge n gemac ht hat, sonde rn audi stets für neue Erfah runge n offen
ist. „Die Dialektik der Erfah rung hat ihre eigen e Volle ndung nidit in einem Wisse n,
sondern in jener Offen heit für Erfah rung, die durch die Erfah rung selbst freige spielt
wird.“"‘ Vor allem ist edite Erfah rung jene der mensd 11idm n Endlid ikeit. „Erfa hren
im eigentlidien Sinne ist . . . wer weiß, daß er der Zeit und der Zukun fl nicht Herr
ist.““ Nur wer offen ist für Erfah rung und in dieser Erfah rung seiner eigen en
Gesd1id1tlld 'lkelt und Endli dikei t bewuß t wird, ist audi offen für die Überl iefer ung,
in der verga ngene Erfah rung zu uns sprich t. Die Überl iefer ung ist desha lb ein editer
„Kommunikationspartner, mit dem wir ebens o zusam menge hören wie das Idi mit dem
Du“"°. Die Begegnung mit der Überl iefer ung im Verst ehens proze ß erwei tert also den
Erfahrungshorizont; im hermeneuti sd1en Proze ß erken nt so der Mensd i sich imme r
mehr selbst. Die eigene Erfah rung reidie rt Sidi an durch jene „Frem derfa hrung “, die mir
die Überlieferung vermit telt. Ich partiz ipiere an bedeu tende r Fremd erfah rung und
komme so zur Kläru ng meine s eigen en Selbs tvers tändn isses “". Wer die Überl iefer ung
für sich selbst zur Erfah rung werde n läßt, hält sich für den Wahrh eitsa nspru ä der Über—
lieferung (etwa der Heiligen Sdirifl:) offen.
Das Medium der herme neuti sd1en Erfah rung ist die Sprac he "°, deren eigent lidie
Leistung die im Verst ehen gesdi ehend e Versd 1melz ung der Horiz onte ist. Denn Sprad 1e
hat mit Gespräth zu tun und damit mit der Diale ktik von Frage und Antwo rt. Audi
mit einem Text tritt man in ein „Gesp räch“ ; er „rede t“ zu uns, gibt Antwo rten auf
unsere Fragen und stellt selber Frage n an uns. An einen Text könne n aber nicht alle
möglidien Frage n gestel lt werde n, sonde rn nur jene, auf die hin der Text angel egt ist,
d.h. aber wiederum, daß der Frage nde von der Überl iefer ung, aus der der Text komm t,
nidit absehen kann, vielm ehr sich von ihr erreic hen und aufru fen lassen muß. Nur so

“‘ Ebd. "’ Ebd. 289.


"’ Vgl. dazu ebd. 329 —34 4. Ein klas sisd ies Beis piel für die Bed eut ung von Erf ahr ung im Ver —
stehensprozeß sind etwa Augustins „Confessiones“.
“‘ Ebd. 338. "‘ Ebd. 339. “‘ Ebd. 340.
“" Vgl. dazu audi H.-G. Gadamer, Problematik des Selbstverständnisses 71—85.
““ Vgl. dazu Wahrheit und Methode 361—465.
I/3c Erstes Kapitel: Die bermeneutisd)e Bewegung im außerkatbolisd)en Raum 15

wird das geschid1tlich erfahrene Bewußtsein für die Erfahrung der Geschichte offen und
vor die Suche gestellt, mit der es der Text zu tun hat. Das Verständnis der Sache
„geschieht notwendig in sprachlicher Gestalt“ "'. Die Sprad1e ist das Verständigungs—
medium! Gelingt das Gesprädu, so gelangen die Sprechenden „unter die Wahrheit der
Sache, die sie zu einer neuen Gemeinsamkeit verbindet“. Mit anderen Worten: „Ver-
ständigung im Gespräch ist nicht ein bloßes Sichausspielen und Durchsetzen des eigenen
Standpunktes, sondern eine Verwandlung ins Gemeinsame hin, in der man nicht bleibt,
was man war.“ “° Das bedeutet in der Konsequenz, gerade im Hinblidt auf die Heilige
Sd1rif’t: Die Begegnung mit dem Text kann und soll zur uera'nvomc führen, zum Um-
Denken, zur Gewinnung eines neuen und besseren Selbstverständnisses. Kommt es nicht
dazu, mißlingt das „Gespräch“ mit dem Text; eine Gemeinsamkeit der Sache stellt sich
nicht ein. Deshalb kommt alles auf das rechte „Vorverständnis“ an, damit wirkliches
Verstehen zustande kommt. Ein „ungeläutertes“ Vorverständnis kommt nicht zum Ver-
stehen; es kommt nicht zur rechten Verständigung über die Sache. Deshalb liegt das
hermeneutische Problem nicht bei der Philologie, sondern letztlid1 im Bereich der
Existenz! “‘ Dennoch kann Gadamer vom Problem des Übersetzens (von einer Sprache
in eine andere) ausgehen, weil sich hier ein hermeneutisch wichtiges Phänomen aus der
Erfahrung jedes guten Übersetzers von fremdsprachlichen Texten zeigt, nämlich diese:
jede Übersetzung ist „Überhellung“, Herausstellung und Verdeutlichung des gemeinten
Sinnes ‘”. Jede Übersetzung bedeutet aber aud1 eine Verzichtleistung, da die Ober- und
Untertöne des Originals in der Übersetzung nicht oder nicht genügend mitschwingen. So
kann Übersetzen leicht zur „Verfremdung“ des originalen Sinnes führen. Dies alles gilt
analog auch für die Auslegung. Denn Auslegung ist wie Übersetzung stets auch Über-
hellung, die so stark sein kann, daß die in einem Text zur Sprache gebrachte Sache für
den Verständnissuchenden nicht zum Zuge kommt. Umgekehrt kann die „Sache“ des
Textes bei seiner Auslegung so sehr zur Geltung kommen, daß der Ausleger, genauer
gesagt: sein bisheriges Selbstverständnis, „verfremdet“ wird und erst in dieser Ver-
fremdung Übereinstimmung in der Sache möglidu wird: gerade dies ist die heilsame
Erfahrung dessen, der den Umgang mit der Heiligen Schrifl: übt. So ist der hermeneu-
tisd1e Prozeß ein reziprokes Geschehen, an dem beide beteiligt sind: sowohl der Text
(die Überlieferung) als auch der verstehende Ausleger. Deshalb ist die Kluft, die den
Übersetzer und Ausleger vom Original trennt, „keineswegs eine sekundäre Sache“, wie
Gadamer mit Recht betont ‘”. Vielmehr kann diese „Kluft“, die ja mit dem oben erörter-
ten „Zwischen“ zusammenhängt, zum wahren Ort der Hermeneutik werden.
Da Auslegung ein Gespräch ist und Gespräch mit Sprache zu tun hat, ist nach Gadamer
sprachliche Überlieferung „im eigentlichen Sinne des Wortes Überlieferung“, und darum
kommt das Wesen der Überlieferung „offenbar zu seiner vollen hermeneutischen Bedeu-
tung dort, wo die Überlieferung eine schrifllicbe“ ist ‘“. Gerade aber die Schriftlidnkeit
der Überlieferung macht diese für die Gegenwart gleid12eitig. Das Sinn tragende Wort
hebt „alles Sprachliche über die endliche und vergängliche Bestimmung, wie sie Resten
gewesenen Daseins sonst zukommt, hinaus . . .“ Und so „ist schriftlichen Texten gegenüber
die eigentliche hermeneutische Aufgabe gestellt ”“.“ Denn sie ermöglichen „Wieder-
holung“, die z.B. Menschen des 20. Jahrhunderts dieselbe Entscheidung treffen läßt wie

"’ Vgl. ebd. 359 f. ”" Ebd. 360.


"‘ Vgl. dazu ebd. 362; ferner H. Putzen Der Humanismus als Methodenproblem der klassisd1en
Philologie: Studium Generale 1 (1948) 84—92.
‘” Vgl. dazu ebd. 363 ff. "3 Ebd. 366. "‘ Ebd. 367. “5 Ebd. 368.
e He rm cn eu ti /e vo n Sda lei erm ach er bis zu r Ge ge nw ar t I/3c
16 Di

al b ka nn , wi e Ga da me r ri ch ti g be to nt , de r „B eg ri ff
Mensd1en des 1. Jahrhunderts! Desh
in de vo n Ko ri nt h) „n ur ei ne be sc hr än kt e
der zeitgenössisd1en Adresse“ (etwa die Geme
t di e Fr ag e na ch de r ur sp rü ng li d1 en Si tu at io n zu m
Geltung beanspruchen“ "°. Gewiß träg
Ta ts ac he , da ß es de n vo n di es er Si tu at io n
Verständnis eines Textes allerlei bei, aber die
s Pa ul us an di e Ga la te r im Ne ue n Te st am en t) ,
losgelösten Text gibt (etwa den Brief de
te he n zu we se nt li ch me hr al s zu ei ne r bl oß en Re ko ns tr uk ti on
ma ch t Au sl eg en un d Ve rs
ht nu n de n Au sl eg er an ! Ab er hi er ze ig t sic h
der ursprünglichen Situation. Der Text ge
da s Ga da me r so fo rm ul ie rt : „U m ab er di e Me i—
ein weiteres hermeneutisches Problem,
zu m Au sd ru ck br in ge n zu kö nn en , mü ss en
nung eines Textes in seinem sachlichen Gehalt
er se tz en “ 1” , de ut li ch er ge sa gt : in un se re Be gr if fl ic hk ei t. Di e
wir si e in un se re Sp ra ch e üb
n Te xt fü hr en ka nn "° , be st eh t al so ni ch t da ri n, da ß ic h
„S el bs te nt fr em du ng “, zu de r ei
il il ic hk ei t ve rw en de n dü rf te . „D ie ei ge ne n
in der Auslegung nur eine vergangene Begr
ve rm ei de n wo ll en , ist ni ch t nu r un mö gl id i, so nd er n of fe nb ar er
Begr if fe be i de r Au sl eg un g
n Vo rb eg ri ff e mi t in s Sp ie l br in ge n, da mi t
Widersinn. Auslegen heißt gerade: die eigene
r un s wi rk li ch zu m Sp re ch en ge br ac ht wi rd .“ ‘” Ge ht da mi t
die Me in un g de s Te xt es fü
uc h ei ne s Te xt es ve rl or en ? En ts te ht da mi t ni ch t ei n zw ei -
ab er ni ch t de r Wa hr he it sa ns pr
r im Te xt zu r Sp ra ch e ko mm en de ? Ga da me r me in t da zu :
ter, ganz an de re r Si nn al s de
nd im Ve rs te he n üb er ha up t ni ch t al s so lc he th em at is ch . Si e
„Die au sl eg en de n Be gr if fe si
hi nt er de m zu ve rs dx wi nd en , wa s si e au s-
haben vielmehr die Bestimmung, ihrerseits
“ “° Di e Fr ag e, di e hi er au ft au ch t, is t je do d1 , ob di e au s-
legend zu m Sp re dt en br in ge n.
ch wi nd en ve rm ög en , wa s si e au sl eg en d zu m
legenden Begriffe wirklich hinter dem zu vers -
. We nn Au sl eg un g sp ra ch li ch e Au sl eg un g ist , ka nn si e au f Be
Sprech en br in ge n wo ll en
er di e Be gr ifi li d1 ke it de r Ge ge nw ar t di e al te , vo m Te xt
grif fe ni ch t ve rz ic ht en . Lä ßt ab
n? Da s is t di e Fr ag e, vo r de r di e ge ge nw är ti ge
gemeinte Sadre nid'1t vielleicht verlorengehe
Theologie, spezie ll di e Do gr na ti k, he rm en eu ti sc h st eh t.
rm en eu ti sc be n Pr ob le m si nd be de ut en d, ge ra de fü r di e
Gadamers Ge da nk en zu m he
He rm en eu ti k. Si e si nd im Be re ic h ka th ol is ch er Th eo lo gi e
Ausarbei tu ng ei ne r th eo lo gi sc he n
‘” ; an de rs im Ra um ev an ge li sc he r Th eo lo gi e, be so n—
noch ka um zu m Ei ns at z ge ko mm en
n de m he ut e be re it s ge re de t wi rd .
ders im „nach-bultmannischen“ Zeitalter, vo

S 5. R. Bultmann und seine Schule “2

en eu ti sc he n An re gu ng en in He id eg ge rs „S ei n un d Ze it “
Bultmann hat vo r al le m di e he rm
un g de r Bi be l ei ng es et zt , be so nd er s in de r We is e de r
aufgenomme n un d fü r di e Au sl eg
In te rp re ta ti on “ de r Bi be l im Zu sa mm en ha ng se in es
von ihm ge fo rd er te n „e xi st en ti al en
’. Au ch na ch Bu lt ma nn is t Ve rs te he n „s te ts an ei ne r
Entm yt ho lo gi si er un gs pr og ra mm s“
m be st im mt en Wo ra uf hi n, or ie nt ie rt “, wa s mi t si ch
bestimmten Fr ag es te ll un g, an ei ne

‘” Ebd. 373. ‘" Ebd. 373.


(„ Sc hr ifl li d1 ke it ist Se lb st en tf re md un g“ ).
‘“ Vgl. dazu ebd. 368
‘“ Ebd. 374 f. “° Ebd. 375. ag e
ae st io di sp ut at a „D ie jo ha nn ei sc he Se hw ei se un d di e Fr
““ Der Ve rf as se r ha t in se in er Qu
di e An re gu ng en Ga da me rs au fg en om me n un d fü r di e
nach dem histor is ch en Je su s“ (F r 19 65 )
„Johanne is ch e Fr ag e“ fr uc ht ba r zu ma ch en ve rs uc ht .
13 —1 08 ; G. Ha se nh ü' tt l, aa O. 42 8— 44 0; B. Lo re nZ -
‘” Vg l. da zu au ch ]. M. Ro bi ns on , aa O.
meier, aa0.; R. Schäfer, aaO. V0 f'
ob le m de r He rm en eu ti k 21 1— 23 5; de n. ,
‘” Vgl. zum folgenden vor allem Bultmann, Pr
aussetzungslose Exegese? 142—150.
I/3c Erstes Kapitel: Die bermeneutiscbe Bewegung im außerkatbolisohen Raum 17

bringt, daß eine Interpretation nie voraussetzungslos sein könne, „genauer gesagt, daß
sie immer von einem Vorverständnis der Sache geleitet ist, nad1 der sie den Text fragt“ “‘.
Woraus erwächst aber die Fragestellung des Auslegers? Bultmann antwortet: aus der
gemeinsamen Sache, an der sowohl der Ausleger als auch der Text interessiert sind und
die „die Kommunikation zwischen Text und Ausleger stifiet.“ ‘“ Das Verhältnis zur
gemeinsamen Sache ist deshalb überhaupt die Voraussetzung des Verstehens; das Vor-
verständnis, das jede Auslegung einschließt, erwädxst dabei „aus dem Lebenszusammen-
hang, dem die Sache zugehört.“ “‘ Dieses Lebensverhältnis zur Sache kann natürlich kein
naives, unreflektiertes sein; es muß vielmehr im Verstehen „ins Bewußtsein erhoben und
geklärt werden“. Dabei motiviert das Interesse an der Sache die Auslegung „und gibt
ihr die Fragestellung, ihr Woraufhin“ “". Natürlich kann dieses Interesse ein sehr schlich-
tes sein, wenn id) 2. B. das in einem Text Erzählte einfach nur kennenlernen will. Anders
ist es schon, wenn ich einen Text daraufhin abfrage, was er an Möglichkeiten des mensch-
lichen Daseins sehen läßt. Dann wird ein Text schon zur „Quelle“ in einem besonderen
Sinn! Das gilt auch, wenn id: einen Text als Zeugnis einer bestimmten geschichtlichen
Epod1e und aus ihm diese selbst besser verstehen will. Und es gilt noch mehr, wenn ich
an einem Text eine kritisdte Selbstbesinnung gewinnen will. Die Fragestellung, mit der
ida an ihn herantrete, scheint zwar zunächst „subjektiv“ zu sein; aber in Wirklichkeit
erwächst die Fragestellung gar „nicht aus individuellem Belieben, sondern aus der Ge-
schichte selbst“ “°. Die Epoche, in der ich lebe, liefert mir die Fragen! Oder auch mein
eigener Lebenszusammenhang, der aber in einer bestimmten Zeit der Geschichte sich
vollzieht. Bultmann sagt deshalb: „Die Forderung, daß der Interpret seine Subjektivität
zum Schweigen bringen, seine Individualität auslöschen müsse, um zu einer objektiven
Erkenntnis zu gelangen, ist also die denkbar widersinnigste.“ Verstehen setzt ja „die
äußerste Lebendigkeit des verstehenden Subjekts, die möglicth reiche Entfaltung seiner
Individualität voraus“ ‘”.
Wie ist es aber mit der Interpretation der biblisdaen Schriften? Sie unterliegt, betont
Bultmann, keinen anderen Bedingungen als die jeder anderen Literatur! Vor allem ist
auch der Bibel gegenüber die Voraussetzung des Verstehens „ein Vorverständnis der
Sache“ “°. Aber kann ich als endliche Kreatur ein Vorverständnis von der Sache Gottes
haben, von der die Bibel redet? Nach K. Barth nicht, wohl aber nach Bultmann —- und
er dürfle darin recht haben “'. Nach Bultmann „setzt das Verstehen von Berichten über
Ereignisse als Handeln Gottes ein Vorverständnis dessen voraus, was überhaupt Handeln
Gottes heißen kann — im Unterschied etwa vom Handeln des Menschen oder von Natur-
ereignissen.“ “’ Der Mensch fragt nad1 Gott; folglich muß er irgendein Vorverständnis
von Gott und seinem Handeln haben. „Wäre seine Existenz nicht (bewußt oder un—
bewußt) von der Gottesfrage bewegt im Sinne des Augustinisd1en ‚Tu nos fecisti ad Te,
et cor nostrum inquietum est, donec requiescat in Te‘, so würde er auch in keiner Offen-
barung Gottes Gott als Gott erkennen. Im menschlichen Dasein ist ein existenzielles Wis-

‘34 R. Bultmann, Problem der Hermeneutik 216.


”5 Ebd. 217. “‘ Ebd. 218.
““ Ebd. 219. Bultmann empfing offensichtlich entscheidende Anstöße, nach der „Sadse“ des Textes
zu fragen, von K. Barth: Auslegung des Römerbriefs; vgl. dazu ]. M. Robinson, aaO. 39—55.
Allerdings gibt Bultmann gegenüber Barth zu bedenken, „daß kein Mensch — auch Paulus
nicht —- immer aus der Sache heraus redet“ (zitiert bei Robinson, aaO. 50); deshalb sei auch
gegenüber der Bibel „Sadskritik“ nötig, wie sie Bultmann dann in der „Entmythologisierung“ übt.
‘” R. Bultmann, Problem der Hermeneutik 229 f.
‘” Ebd. 230. "° Ebd. 231. 141 Vgl. dazu ebd. 231—235. "* Ebd, 231,
18 Die Hermeneuti/e von Sd)leiermacber bis zur Gegenwart I/3c

sen um Gott lebendig als die Frage nach ,Glüdt‘, nad1 ‚Heil‘, nach dem Sinn von Welt
und Geschichte, als die Frage nad1 der Eigentlidxkeit des je eigenen Seins.“ "‘ Für die
wissenschaftlid1e Exegese kommt es nun freilich nad1 Bultmann „auf die sachgemäße
Ausgelegtheit der menschlichen Existenz“ an "‘, besonders auf die sad1gemäßen Begrifie,
in denen von menschlicher Existenz geredet werden kann. „Diese gründen im Lebens-
vollzug des Exegeten zu der Sache, die in der Schrift zu Worte kommt, und schließen
ein Vorverständnis der Sad1e ein“; sonst bringt er die Heilige Schrift nid1t wirklich zum
Reden „als eine in die Gegenwart, in die gegenwärtige Existenz, redende Macht“ "5.
In seinem Aufsatz „Ist voraussetzungslose Exegese möglidu?“ formuliert Bultmann die
hermeneutischen Folgerungen für die Exegese der Heiligen Schrift in folgenden fünf
Thesen "°: -
„l) Die Exegese der biblischen Schriften muß wie jede Interpretation eines Textes
vornrteilslos sein.
2) Die Exegese ist aber nicht voraussetzungslos, weil sie als historische Interpretation
die Methode historisdx-kritischer Forschung voraussetzt.
3) Vorausgesetzt ist ferner der Lebenszusammenhang des Exegeten mit der Sache, um
die es in der Bibel geht, und damit ein Vorverständnis.
4) Das Vorverständnis ist kein abgesddossenes, sondern ein offenes, so daß es zur
existenziellen Begegnung mit dem Text kommen kann und zu einer existenziellen Ent—
scheidung.
S) Das Vorverständnis des Textes ist nie ein definitives, sondern bleibt offen, weil der
Sinn der Schrift sich in jede Zukunft neu erschließt.“
Wie setzt nun Bultmann seine hermeneutischen Grundsätze bei der Durchführung des
Entmytbologisierungsprogramms ein? Um diese Frage beantworten zu können, ist eine
kurze Darstellung dieses Programms nicht zu umgehen ‘". Im Sommer des jahres 1941
hielt Bultmann einen Vortrag „Neues Testament und Mythologie“, der in der Sdiri&
„Offenbarung und Heilsgeschehen“ noch im selben Jahr veröffentlicht wurde "8. Bolt—
mann geht vom „Weltbild“ der Bibel aus und bestimmt dieses als ein „mythisches“; aber
auch das Dasein auf der Erde werde im NT mythisch verstanden, weil die Erde „Sd1au-
platz des Wirkens übernatürlidmer Mächte, Gottes und seiner Engel, des Satans und
seiner Dämonen“ ist. Audi die Geschid1tsauffassung der Bibel sei mythisch, besonders
was die Vorstellungen von ihrem „Ende“ beträfen. Dem mythischen Welt- und Ge-
sd1id1tsbild der Bibel entspricht nach Bultmann auch „die Darstellung des Heilsgesdue-
hens“, speziell in Christologie und Soteriologie. Denn in mythologisduer Redeweise
verkünde das Neue Testament: Jetzt ist die Endzeit gekommen; in der Fülle der Zeit

“’ Ebd. 232. Katholischerseits hat dieses Thema in unserer Gegenwart vor allem K. Rabner auf—
genommen und ausgearbeitet; vgl. besonders sein religionsphilosophisches Werk ‚Hörer des Wor-
tes. Zur Grundlegung einer Religionsphilosophie“, neu bearbeitet von J. B. Metz (M 1963).
“‘ R. Bultmarm, Problem der Hermeneutik 232.
“5 Ebd. 233. Der katholische Sd1rifiausleger würde ergänzend sagen, daß die sachgemäßen Be-
grifie nicht bloß im Lebensvollzug des Exegeten zu der Sache der Schrift gründen, sondern
ebenso im Lebensvollzug der kird:lid)en Gemeinsdmfl!
"‘ R. Bultmarm, Voraussetzungslose Exegese? 148 f.
‘" Vgl. dazu etwa F. Mußner, Bultmanns Programm einer „Entmythologisierung' 20—34; wei-
tere Literatur besonders bei G. Bomkumm, aaO. 33—141; dazu noch W. Schmitbals, aaO. 226—277.
“‘ Wieder abgedrudtt in: Kerygma und Mythos I, hrsg. von W. Bartsch (Ha-Volksdorf 21951)
15—48; vgl. dazu nodx im selben Band 122—138 Bultmanns Antwort auf J.Schniewinds Ein-
wände; ferner R. Bultmann, Problem der Entmythologisierung 179—208 ; schließlich noch ders,
Jesus Christus und die Mythologie.
I/3c Erstes Kapitel: Die bermeneutisdse Bewegung im außerkatbolisd;en Raum 19

sandte Gott seinen Sohn. Dieser, ein präexistentes'Gotteswesen, erscheint auf Erden als
ein Mensch; sein Tod am Kreuz schafft Sühne für die Sünden der Menschen. Seine Auf-
erstehung ist der Beginn der kosmischen Katastrophe, durch die der Tod, der durch Adam
in die Welt gebracht worden sei, zunid1te gemacht wird. Der Auferstandene ist zum
Himmel erhöht werden zur Rechten Gottes. Er wird am Ende der Zeiten wiederkommen
auf den Wolken des Himmels, um das Heilswerk zu vollenden; dann werden die Auf-
erstehung und das Gericht stattfinden; dann werden Sünde, Tod und alles Leid ver-
nichtet sein. Und zwar wird das in Bilde geschehen. Wer zur Gemeinde Christi gehört,
ist durch Taufe und Herrenmahl mit dem Herrn verbunden und ist, wenn er sich nicht
unwürdig verhält, seiner Auferstehung zum Heil sicher. Die Glaubenden haben schon
das „Angeld, nämlich den Geist, der in ihnen wirkt und ihre Gotteskindsd1af’t bezeugt
und ihre Auferstehung garantiert“ "'. „Das alles ist mythologische Rede“, stellt Bult-
mann fest, „und die ein2elnen Motive lassen sich leicht auf die zeitgesdrichtliche Mytho-
logie der jüdischen Apokalyptik und des gnostischen Erlösungsmythos zurückfiihren“ "°.
Soweit nun das ntl. Kerygma in mythologischer Redeweise vorgelegt sei, „ist es für den
Menschen von heute unglaubhafl“ “‘. Um dennoch den „Anredecharakter“ des biblischen
Kerygmas auch heute noch zur Geltung bringen zu können, stellt Bultmann an den
Mythos die Frage: Welches Existenzverständnis spricht sich in einer mytbologiscben For-
mel aus? Nach Bultmann ist also nicht nach dem „überzeitlichen Ideengehalt“ des bibli-
sd1en Mythos zu fragen (wie es etwa D. F. Strauß tat) “‘, und noch weniger ist der
Mythos aus dem NT zu eliminieren (etwa in der Herausarbeitung eines Jesus der
Gesdnichte gegen einen Christus des Glaubens), sondern die mythologische Redeweise
müsse „existential“ interpretiert werden "’s, so daß auch der moderne Mensch das Ke-
rygma als Anrede an ihn und als Ruf in die „Eigentlichkeit“ der Existenz zu erfahren
vermag und auf diese Weise zu einem wahren „Selbstverständnis“ vor Gott gelange,
ohne dabei mythologisch über die Welt und den Menschen denken zu müssen. Auf diese
Weise bringt Bultmann seine hermeneutisdren Thesen in der Auslegung der Schrift zum
Einsatz und zur Geltung ‘“. Ja er meint sogar, durch die Forderung einer existentialen
Interpretation der Bibel das reformatorisdte Sola-fide-Prinzip radikalisieren zu können:
„In der Tat: die radikale Entmythologisierung ist die Parallele zur paulinisdu-lutherisdren
Lehre von der Rechtfertigung ohne des Gesetzes Werk allein durch den Glauben. Oder
vielmehr: sie ist ihre konsequente Durchführung für das Gebiet des Erkennens.“ ‘“
Nach Bultmann haben sich vor allem E. Fuchs und G. Ebeling um die Weiterentwick-
lung der Hermeneutik bemüht “‘. Beide fußen auf den hermeneutischen Einsichten und
Postulaten des frühen Heidegger („Sein und Zeit“) und Bultmanns, bedenken aber das
Phänomen der Hermeneutik weiter, vor allem durch Aufnahme der sprachphilosophi—

“’ Kerygma und Mythos I 15 f.


"° Ebd. 16. ‘“ Ebd. 17.
“'" Vgl. dazu F. Mußner, Art. D. F. Strauß: LThK2 IX 1109 f.
‘“ Nach Bultmann ist die existentiale Interpretation „kein Subtraktionsverfahren, sondern eine
hermeneutische Methode“ (Problem der Entmythologisierung 185).
‘“ Mit eiserner Konsequenz hat Bultmann die „existentiale Interpretation“ der Schrift in seinem
Kommentar zum Johannesevangelium durchgeführt.
‘55 R. Bultmann, Problem der Entmythologisierung 207.
15° E. Fuchs, Hermeneutik; den., Zum hermeneutisd1en Problem in der Theologie. Die existen-
tiale Interpretation. Gesammelte AufsätzeI (T 1959); den., Marburger Hermeneutik. Die Arbei-
ten FudlS' leiden alle an einem eigenartigen sprunghaflen Denken und an einer teilweise undurdr-
sid-uigen Logik, die ihr Studium schwierig machen. — G. Ebeling, Art. Hermeneutik, in: RGG' III
242—262; dem, Wort Gottes und Hermeneutik 224—251 = Wort und Glaube 319—348.
Die He rm en eu ti k vo n Sd; lei erm adl er bis zu r Ge ge nw ar t I/3c
20

un d Me th od e“ ) un d de s sp ät en He id eg ge r “‘" .
sdien Überlegungen Gadamers („Wahrheit
h de r Th eo lo gi e Sp ra ch le hr e de s Gl au be ns . Si e wi ll
Fiir Fuchs ist Hermeneutik „im Bereic
xt e ge bu nd en we iß , wi e sie un s im Ne ue n
zeigen, warum sich der d1ristlid1e Glaube an Te
uc ht di e Be di ng un ge n, de ne n da s Ve rs tä nd ni s
Testament faßbar vorliegen, und sie unters
vo n ih re n ma ßg eb en de n Te xt en he r
dieser Texte unterworfen ist.“ ‘” Theologie ist
Be gr ifl he r („ Th eo -l og ie “) mi t de m Äö yo ;
Sprachbewegung! Sie hat sd10n von ihrem
n er ei gn et ha t, in de m es Sid i ab er au di „v er —
zu tun, in den hinein sich Gottes Handel
er fü r un s zu m Ve rs te he n un d zu r Sp ra ch e ge br ad 1t we rd en ?
obje kt iv ie rt “ hat . Wi e ka nn
1e n He rm en eu ti k nu n im me r me hr ge ht .
Das ist die Frage, um die es in der theologisd
di e En ts d1 ei du ng üb er da s ei ge ne Se lb st ve rs tä nd ni s als ei ne
Für Fu ch s „v ol lz ie ht sic h
g wi rd di e Sp ra ch e fü r da s Se lb st ve r—
Entscheidung über die Sprache. Auf diesem We
zw ei tr an gi ge Ob je kt iv ie ru ng zu sei n“: so fo r—
ständnis konstitutiv, statt lediglich dessen
ra ch an li eg en Fu ch s” ”. Ab er Sp ra ch e ist , so be to nt Fu ch s
muli er t ]. M. Ro bi ns on da s Sp
Sp ra ch e de r Li eb e, we il Go tt de r Li eb en de
Wieder in seiner „Marburger Hermeneutik“,
un d de sh al b ist ei ne de r Gr un dv or au ss et zu ng en ‚ di e
ist und Li eb e zu m Se in ge hö rt ;
en Sd ir ifl ) ve rs te he n zu kö nn en , da s Ei nv er st än dn is "°.
Spra ch e Go tt es (in de r He il ig
Nä he . De r Li eb en de ste llt sp re ch en d mi di
Sprad1e schafft Zusammengebörig/eeit, schafl’c me in er
in de r li eb en de n Sp ra d1 be we gu ng Go tt es zu m Ve rs te he n
an sein e Sei te, so da ß ich
ge wi nn e, di e ich so ns t so lei cht ver lie re. Nu r we r de n
sel bst ko mm e un d „E ig en tl ic hk ei t“
ra ch e ei ne s Li eb en de n beg rei ft, ko mm t ers t zu m Ve rs te he n
Text der He il ig en Sch rif t als Sp
t zu r re d1 te n Au sl eg un g: de s Te xt es un d se in er sel bst .
dieses Te xt es un d da mi t au di ers
en eu ti sc he Zi rk el “‘. Fu ch s be de nk t de n Te xt
Audi hier waltet also im Verstehen der herm en eu ti k
Le be n sel bst ei ng re if en de n En ts ch ei du ng “ “’. Ei ne He rm
„als Er ei gn is ei ne r ins
ze ig en , wi e de r Te xt ge fr ag t sei n wi ll “; di e he rm en eu ti sd 1e
ha t na ch ih m „d ie Au fg ab e, zu
Ho ri zo nt , in we ld mm de r Te xt sp ri ch t“ ‘“.
Besinnung „erarbeitet den Ze it ?
ei ne r so ve rs ta nd en en „S pr ac hl eh re de s Gl au be ns “ di e
We lc he Fu nk ti on ha t in
ei ne m sti llg ele gte n Ra um un d ei ne r nu r sc he in ba r um —
„Es gilt nid it, di e Of fe nb ar un g
er n es gil t, sic h du rd i da s Ev an ge li um do rt hi n
laufende n Ze it zu un te rw er fe n, so nd
um un d Ze it au s ei ne r Be we gu ng vo n We g un d Ga ng
zu rü ck ho le n zu las sen , wo sic h Ra
un s ve rs te he n las sen .“ ‘“ Ze it ist al so „Z ei t fü r un s“ ,
als Raum fü r an de re un d Ze it fü r
wi rd be i Fu di 5 di e Li eb e zu m he rm en eu ti sc he n Pr in zi p
die di e Li eb e ge wä hr t “‘" . So
Go tt un d se in en „T ex t“ , we il er zu vo r sd 10 n ge -
sdflednthin! Nu r de r Li eb en de ve rs te ht
r He rm en eu ti k im me r um ei ne n le be nd ig en Vo rg an g! ‘“
liebt ist . De sh al b ge ht es be i de

: De r sp ät er e He id eg ge r un d di e Th eo lo gi e (N eu la nd
“" Vg l. da zu be so nd er s de n Sa mm el ba nd
er ik an is ch en un d eu ro pä is ch en Th eo lo ge n I) (Z - St 19 64 );
in der Theo lo gi e. Ge sp rä ch e zw is ch en am
en ist de r Wi de rh al l de r Gu ns t de s Se in s, in de r
H. Franz, aaO. 81 —1 18 . „D as an fä ng li ch e De nk
ch er ei gn en lä ßt : da ß Se ie nd es istrhall ist die mensch-
. Di es er Wi de
sich das Einzige lid1tet und si tw or t de s De nk en s is t de r
au f da s Wo rt de r la ut lo se n St im me de s Se in s. Di e An
lidie Antwor t ng de s Wo rt es
Wo rt es , we ld ie s Wo rt er st di e Sp ra ch e al s di e Ve rl au tu
Ursp ru ng de s me ns ch li ch en en de
ist Me ta ph ys ik ? [" 19 55 ] 49 ). „S pr ac he ist li di te nd —v er be rg
in die Wö rt er en ts te he n lä ßt “ (W as
(U be r de n Hu ma ni sm us [F 19 47 ] 16 ).
Ankunft des Seins selbst“
‘“ E. Fuchs, Hermeneutik III.
‘” ]. M. Robinson, aaO. 73. se in er se it s
s Ei nv er st än dn is mi t de r Li eb e öf fn et
‘“ 15. Fuchs, Marburger Hermeneutik 50f („Da
r so ns t in si ch ve rs ch lo ss en en We lt . . .“ ).
den Blick ins Offene eine
“‘ Vgl. eb d. 79 —9 1. "’ Eb d. 37 . “’ Eb d. 20 3.
‘“ E. Fuchs, Hermeneutik, Ergänzungshefl, 13.
"‘ Vgl. audi de n. , Ma rb ur ge r He rm en eu ti k 47 —4 9.
nn en wi r sa ge n: ei n he rm en eu ti sc he s Pr in zi p ne nn t da s,
"‘ Vgl. de n. , He rm en eu ti k 11 1: „S o kö
Wa hr he it ei ne s Vo rg an gs ve rl ei ht .“
was dem Verstehen die Macht und
l/3c Erst es Kap ite l: Die ber men eut isc be Bew egu ng im auße r/ea tbol iscb en Rau m 21

Wir verste hen Got t und sei nen „Te xt“ nic ht pri mär dur dr die rati o, son der n dur da das
Gespräch, das Gott mit uns in unserer Gesdn'date führt.
Diese Ein sid rt füh rt all erd ing s wei t übe r die Her men eut ik ält ere n Stil s hin aus “7. Das
Verste hen bed arf der Zei t und — dam it zus amm enh äng end — der Erf ahr ung . So wir d
schließlidr mei ne Ges dai drt e, aus gel egt im Lid ite des „Te xte s“ Got tes , zu m her men eut i-
schen Prinzi p, das Ver ste hen erm ögl id1 t. So ko mm t Fud 15 übe r das „Vo rve rst änd nis ‘
Bultmanns hinaus, das die ser auf der Sei te des Ver ste hen den und Aus leg end en sud 1t; in
der als Spr ach e der Lie be ver sta nde nen „Sp rad 1e“ Got tes zei gt Sid] , daß nid it ich der Vor -
Verstehende bin, sondern Gott, und ich der von ihm Vor-Verstandene! So begibt Sidi in
Fud15’ Hermen eut ik aud i ein e wid 1ti ge Umo rie nti eru ng der „ex ist ent ial en Int erp ret a-
tion“, der en Ber ed1 tig ung im übr ige n Fud 13 nid it best reit et. Der Tex t (de r Hei lig en
Sd1rii’t) legt sidi für uns aus: als Anrede der Liebe. So wird der Text zur Sprad1e, und
so zei gt sich Spr ad1 e als Gab e. Es geh t in der the olo gis dre n Her men eut ik nid it pri mär
darum, daß ich ein (von Gott und seinem „Text“) Gefragter bin, sondern ein Angespro-
dienen Got tes Spr ach e wei st mic h in mei nen Ort ein. 50 wir d das her men eut isd te Pro -
blem bei Fud13 radikal Zum Problem der rid1tigen Sprache “‘". „Die Gesd1ichtlidtkeit der
Existenz“ wir d von ihm als „Sp rad did rke it der Exi ste nz“ auf gew ies en‘ ” und Her me-
neu tik ebe nde sha lb als „Sp rad rle hre des Gla ube ns“ ver sta nde n. Aud i die Gla ube ns- Aus -
sage —— wie der Bekenntnissatz: „Id1 glaube an Jesus Christus“ —- nimmt an der grund-
sät zli ch int end ona len Str ukt ur der Spr ach e teil , die ebe n nic ht blo ß Mit tei lun g, son der n
Rede an mich ist, die Gott eröffnet hat "°. Das Heilsereignis ist „Spradrereignis“!
Was bei Fuchs das „Sprachereignis“, ist im selben Sinne bei Ebeling das „Wortgesche-
hen “ "‘; den n the olo gis che Her men eut ik ist für ihn „Le hre vo m Wor t“, und Geg ens tan d
der Hermeneutik ist „das Wortgesd1eben als solches“ "2. Es ist nicht identisd1 mit dem
Text; denn der Text ist nad1 Ebeling nid1t um des Textes willen da, sondern um des
„Wortgeschehens“ willen, „das die Herkuni’t und Zukunft des Textes ist“ "°. Wo ist dabei
der eigentlidxe Ort des Wortgeschehens, an dem Sidi das hermeneutische Prinzip zeigt?
Ebelings Antwort lautet: „Hermeneutisches Prinzip ist der Mensch als Gewissen.“ "‘
Damit glaubt Ebeling audt im Bereidt einer bewußt protestantisdren Hermeneutik zu
bleiben “°, womit er wahrsdxeinlidr recht hat. Denn hier bleibt kaum Raum für die von
Gadamer gesehene Funktion der Überlieferung im hermeneutisdren Prozeß. Ebeling
nimmt audi D. Bonhoefiers Forderung einer „nidit-religiösen Interpretation biblisdzer
Begriffe“ auf, wie sie einer mündig gewordenen Welt entspred1e‘"; daß dies auch her-
meneutisdre Konsequenzen hat, liegt auf der Hand. Es geht um die Frage: Wie können
die biblischen Begriffe (wie „Reich Gottes“) so interpretiert werden, daß sie audi in einer
religionslos gewordenen Welt verstanden werden können, ohne als „mythologisdt“
empfunden zu werden? An der Lösung dieser Frage hat die Theologie zu arbeiten.

'" Vgl. etwa 5.11. Dobscbütz, aaO.; F. Tom, aaO,; E. Fasd)er‚ aaO.
"5 Siehe nodr Weiteres darüber bei ]. M. Robinson, aaO. 80—88. -
‘" Vgl. E.Fud:s, Marburger Hermeneutik 53 („Die Fraglidakeit der Existenz, von welcher
Heidegger und Bultmann ausgingen, hat sid) in das Phänomen der Spradrlicb/eeit der Existenz
verwandelt“); vgl. audi 201.
"° Vgl. den., Hermeneutik 93 f.
171 Vgl. vor allem G. Ebeling, Wort Gottes und Hermeneutik 319—348. “' Ebd. 335.
173 G. Ebeling, Theologie und Verkündigung 17. “‘ dem, Wort Gottes und Hermeneutik 348.
175 Vgl. dazu ebd. 319—329; dazu aud1 G.Ebeling, Die Bedeutung der historisch-kritisdten
Methode 1—49; dazu auch ders, Art. Hermeneutik: RGG“ III 257.
no Vgl- G. Ebeling, Die „nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe“, in: Wort und Glaube
(T ’1962) 90—160.
Zweites Kapitel

DIE HERMENEUTISCHE BEWEGUNG


IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE
SEIT DEM VATICANUM I
RÜCKBLICK UND AUSBLICK

SCHRIFTTUM: A. Bea, „Divine afflante Spiritu“. De recentissimis Pii PP. Litteris Encyclicis:
Biblica 24 (1943) 313—323; dem, Das Wort Gottes und die Menschheit. Die Lehre des Konzils
über die Offenbarung (Fr 1968); H. Haag, Rundschreiben Papst Pius’ XII. über die zeitgemäße
Förderung der biblischen Studien. Autorisierte Übersetzung mit Kommentar (Baden '1950); den.,
Art. Divi ne affla nte Spiri tu: Bibe llex ikon (Ei 2196 8) 340; ]. Dupo nt, A prop os du nouv el End1i -
ridion Biblicurn: Revue biblique 62 (1955) 414—419; E. Vogt, De decretis Commissionis Biblicae
distinguendis: Biblica 36 (1955) 564 f; H. v. Soden, Papst Pius XII. Uber die zeitgemäße Förde-
rung der bibli schen Stud ien: Urd1 rist entu m und Gesch ichte II (T 1956 ) 177— 194; P. Lengs feld,
Überlieferung, Tradition und Schrift in der evangelischen und katholischen Theologie der Gegen-
wart (Pa 1960); R. Geiselmann, Die Heilige Schrift und die Tradition (Quaestiones disputatae 18)
(Fr 1962 ); K. Reim er, Exeg ese und Dogm atik : Schri ften zur Theo logi e V (Ei 1962 ) 82—1 11;
das., Heilige Schrift und Theologie: Schriften zur Theologie VI (Ei 1965) 111—120; dem, Die
Herausforderung der Theologie durch das Zweite Vatikanisdie Konzil: Schriften zur Theologie VIII
(Ei 1967 ) 13—4 2; den. , Zur Gesch iditl idrlß it der Theo logi e: Sdmri ften zur Theo logi e VIII (Ei
1967) 88—110; F. Theunis, Hermeneutik, Verstehen und Tradition: Herméneutique et Tradition.
Actes du Colloque International (R - P 1963) 263—282; A. Keller, Hermeneutik und duristlicher
Glaube: ThP h 44 (1964 ) 25—4 1; 0. Loret z‚ Die Wahr heit der Bibel (Fr 1964 ); ders. ‚ Die herm e-
neutisd1en Grun dsät ze des Zwei ten Vati kani sche n Konz ils: Die herm eneu tisc he Frag e in der
Theologie (Fr 1968) 467—500; H. Schlier, Was heißt Auslegung der Heiligen Sd1rift?z Besinnung
auf das Neue Test amen t (Fr 1964 ) 35—6 2; B. Brin kman n, Die Glau bwür digk eit der Evan geli en
als hermeneutisdies Prob lem: ZKT h 87 (1965 ) 61—9 8; ]. A. Fitz myer , Die Wahr heit der Evan -
gelien (SBS 1) (St 1965); E. Gutwenger, Die lnerranz der Bibel: ZKTh 87 (1965) 196—202;
W. Kasp er, Dog ma unte r dem Wort Gott es (Mz 1965) ; dem, Die Meth oden der Dogm atik (Mn
1967); den., Schri flt — Trad itio n — Verk ündi gung : Umke hr und Erne ueru ng. Kirc he nach dem
Konz il, hrsg. von Th. Filth aut (Mz 1966 ) 21—4 1; F. Mußn er, Die joha nnei sdue Sehw eise und die
Frage nach dem histo risch en Jesus (Fr 1965 ); den. , Aufg aben und Ziele der bibli schen Herm eneu -
tik: Was heißt Ausl egun g der Heil igen Sd1ri fl?, hrsg. von W. ]oest , F. Mußn er, L. Sche ficzy k,
A. Vögtle, U. Wildtens (Rb 1966) 7—28; den., Die johanneisdien Parakletsprüche und die aposto—
lisc.he Trad itio n: PRA ESE NTI A SAL UTI S (Ges amme lte Stud ien zu Frag en und Them en des
Neuen Testamen ts) (D 1967 ) 146— 158; N. Lobfi n/e, Über die Irrtu mslos igkei t und Einhe it der
Schril’t: Das Siegeslied am Schi lfme er (F ’196 5) 44—8 0; K. Rabn er- ]. Ratz inge r, Offe nbar ung
und Über lief erun g (Qua esti ones disp utat ae 25) (Fr 1965) ; ]. Beum er, Die katho lisch e Inspi ratio ns—
lehre zwis daen Vati kanu ml und II (SBS 20) (St 1966) ; A. Grill meier , Die Wahr heit der Heil igen
Schrift und ihre Ersdi ließu ng. Zum dritt en Kapi tel der Dogm atis chen Kons titu tion „Dei Verb um"
des Vati canu rn II: ThP h 41 (196 6) 161— 187; W. ]oest , Die Frag e des Kano ns in der heuti gen
evangelischen Theo logi e: Was heißt Ausl egun g der Heil igen Sd'iri i’t?, hrsg. von W. ]oest , F. Muß-
ner, L. Scheifczyk, A. Vögt le, U. Wild tens (Rb1 966) 173— 210; I. de la Potte rie, La vérit é de la
Saint e Ecrit ure et 1’His toire du salut d’apr és la Cons titu tion dogm atiq ue „Dei Verb um“: NRT h 98
(1966) 149— 169; L. Sd2efi czy/e , Die Ausl egun g der Heil igen Schri ft als dogm atis che Aufg abe: Was
heißt Auslegung der Heil igen Schri fi?, hrsg. von W. _]oest , F.Mu ßner ‚ L. Schef fczyk ‚ A. Vögtl e,
U. Wild tens (Rb 1966 ) 135— 171; den. , Von der Heil smac ht des Wort es (Mn1 966) ; O.Se mmel -
mtb - M. Zerw iok, Vati kanu m II über das Wort Gotte s. Die Kons titu tion „Dei Verb um“: Einf üh-
rung und Kommentar, Text und Übersetzung (SBS 16) (St 1966); D. Arenhowel, Was sagt das
Konzil über die Offenbarung? (Mz 1967); Dogmatiscbe Konstitution über die göttliche Offen°
barung: Das Zweite Vatikanisd1e Konzil. Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen, Kommen-
tare, Teil II, LThK’- (Fr 1967) 497—583 (mit Kommentaren von J.Ratzinger‚ A.Grillmeien
B. Rigaux); R. Sd7utz — M. Thurian, Das Wort Gottes auf dem Konzil (Fr 1967); E. Simons, Die
Bedeutung der Herm eneu tik für die katho lisdm e Theo logi e: Cath 21 (196 7) 184— 212; B. Stu/e e-
I/3c Zweites Kapitel: Die innerkatbolisd;e bermeneutiscbe Bewegung seit Vaticanum I 23

meier, Die Konz ilsk onst itut ion „Üb er die gött lich e Offe nbar ung“ . Werd en, Inha lt und theo lo-
gische Bedeutung (Pa 21967); F. Ulrich, Der Mensch und das Wort: Mysterium Salutis II (Ei- 2 -
Köln 1967) 657—706; A.Vögtle‚ Was heißt „Auslegung der Schrift“: Was heißt Auslegung der
Heiligen Schr ifl?, hrsg . von W. ]oes t, F. Muß ner , L. Sche ifcz yk, A. Vögt le, U. Wild tens (Rb 1966 )
29—83; den. , Die herm eneu tisc he Rele vanz des gesc hich tlic hen Char akte rs der Chri stus offe n-
barung: EphThl.ov 43 (1967) 470—487; ]. Blank, Schrifiauslegung in Theorie und Praxis
(Bib lisc he Hand bibl ioth ekV) (Mn 1969 ); A. Darl ap — ]. Sple zt‚ Gesc hich te und Gesc hid1 tlic hkei t:
Sacrament um Mun di II (Fr 1968 ) 290 —30 4; R. Pesc h, Grun dsät ze zur Ausl egun g des Neu en
Testaments. Eine Nachschrifiz: Die hermeneutische Frage in der Theologie (Fr 1968) 240—289;
]. Schubert, Probleme der biblischen Hermeneutik: Neue Erkenntnisprobleme in Philosophie und
Theologie, hrsg. von J. B. Lotz (Fr 1968) 180—211.

5 6. Vaticanum I

Die hermeneutisd re Neub esin nung ‚ die im auße rkat holi sche n Rau m mit Schl eier mach er eing eset zt
hat, blieb im katholischen Raum lange Zeit ohne Einfluß auf die hermeneutischen Überlegungen.
Das heiß t jedo ch nich t, daß man sich hier kein e Ged ank en übe r die Bibe laus legu ng gem ach t hätt e.
Allein ein Blick in das Enchhidion Biblicum (= EB) zeigt, daß von seinen 636 Nummern in der
Aus gab e Nea pel -Ro m ("19 54)1 die Num mer n 76— 636 der Zeit seit dem Vat ica num I zuge höre n,
wobei die wich tige n Bes tim mun gen des Vat ica num II noc h gar nich t einb ezog en sind . Sin d die
offiziellen Erlasse des Leh ram tes auc h z. T. aus Grü nde n der Abw ehr verm eint lich er ode r wir k-
lid'ier Irrtümer der Zeit in der Bibelauslegung entstanden, so hat doch seit Leo XIII. eine weit
um sich grei fend e ,.Bi belb eweg ung“ eing eset zt, die auc h von viel en posi tive n Anw eis ung en und
Erklärungen des Leh ram ts in herm eneu tisc her Hins icht begl eite t war. Die kath olis che Exe ges e
selbst hat in allmählidner Übernahme der historisdr-kritischen Methode einschließlich der „Form-
gesdtich te“ die Bibe laus legu ng mäc hti g vora nget rieb en, jedo ch ohn e sich zunä chst den her men eu-
tisd'xen Überlegungen, wie sie im außerkatholischen Raum seit Sdileiermadrer sich zeigten, zu
stellen. Dies geschieht erst in immer stärkerem Ausmaß seit dem Vaticanum II.
Das Ers te Vat ika nis che Kon zil hat sich aus drü ckl ich mit der Hei lig en Schr ift in der
Constitutio dogmatica „Dei Filius“ de fide catbolica befaßt ’. Es übernahm die Kanon—
entsc‘he idun g des Tri den tin er Kon zil sa und stel lte in der Ins pir ati ons fra ge fest , daß die
heiligen Bücher „Gott als auctor“ haben „und als solche der Kirche selbst übergeben
werden sind“ ‘. Damit war eine wichtige Entscheidung gefallen, die hermeneutisch nicht
ohne Belang ist. Wenn die heiligen Bücher Gott selbst zum „Verfasser“ haben und nicht
etwa erst durch die nachträgliche Approbation der Kirche ihren Rang als Heilige Schrift
erhalten hab en, dan n ist dam it sch on impl izie rt, daß die Kir che nidu t über , son der n
unter dem Worte Gottes steht. Und wenn die heiligen Bücher „der Kirche übergeben
worden sind (traditi sum)“, so ist mit dieser Aussage impliziert, daß die Heilige Schrift
wesentlich mit der Gemeinschaft der Kirche zu tun hat, „ekklesialen“ Charakter besitzt:
ein Gedanke, der später von K. Rabner in seiner Quaestio disputata „Über die Schrifl-
inspiration“ 5 im Hinblick auf die Inspirationslehre näher ausgearbeitet wurde. Sind die
heiligen Bücher „der Kirche übergeben“, so ergibt sich mit Notwendigkeit die Bestim-
mung des Konzils, daß bei ihrer Auslegung jener sensus zu beachten ist, den die Kirche
„festgehalten hat und festhält“, und ihr überhaupt ein Urteil über den wahren Sinn und
die Auslegung der heiligen Schrii’cen zusteht, wobei in der Auslegung auch der „unanimis
consensus Patrum“ zu beachten sei ‘. Damit war und ist der Theologie die Aufgabe
gestellt werden, die bis heute noch keine befriedigende Lösung gefunden hat: das Ver-
hältnis von Schrift und Kirche zu untersuchen. Diese Frage besitzt hermeneutischen Rang!

1 Wir zitieren im folgenden nach diesen Nummern. ’ EB 76—80. ‘ EB 79.


‘ EB 77. Zum Terminus auctor vgl. Näheres bei ]. Beumer, aaO. 12.
5 Freiburg 21959. ‘ EB 78.
24 Die Hermeneuti/e von Schleiermaoher bis zur Gegenwart I/3c

5 7. Zwischen Vaticanum I und Vaticanum II

Die Zeit nach dem Ersten Vatikanisd1en Konzil brachte wichtige Entscheidungen hin-
sichtlich der biblischen Hermeneutik. Es gab dabei freilid1 auch manche Rückschläge, vor
allem in der lehramtlichen Abwehr der modernistischen Irrtümer, auch infolge mand1er
Kurzsid1tigkeit und übertriebener Ängstlichkeit, besonders aber durch Überspitzung der
lehramtlichen Autorität in historischen Bibelfragen (s.Dekrete der Bibelkommission!).
Wir gehen darauf im folgenden nicht näher ein, sondern stellen die positiven Ansätze
und Anregungen für die biblische Hermeneutik seit Leo XIII. dar, vor allem anhand
der großen Bibelenzykliken Leos XIII., Benedikts XV. und Pius’ XII.
3.) Leo XIII.: Enzykli/ea „Prouidentissimus Deus“ über das Studium der Heiligen
Schrifl: (18. November 1893) ’. Sie möchte den Exegeten „das Beste“ (optima) mitteilen,
was für das Studium der Heiligen Schrift wichtig ist ", besonders um die Einwände der
„Rationalisten“ in der rechten Weise abwehren zu können. Die Grundlage der Aus—
legung soll nad1 wie vor die Vulgata sein, dabei soll aber der Urtext besonders berüds-
sichtigt werden '. Nach der textkritischen Analyse soll der „Sinn, die Meinung“ (sen-
tentia) einer Aussage erforscht werden: durch die Frage nach Sinn und Bedeutung eines
Wortes, durch Befragung des Kontextes und der Parallelstellen “’. Die Sd1wierigkeiten
bei der Ausl egun g der Schri ft erge ben sich aber nicht bloß aus dem Alte r der Texte ,
sondern besonders aus dem Umstand, daß sie von den „göttlichen Mysterien“ handeln,
deren Erfassun g die Kraf t des mensc hlich en Vers tand es auch bei aller Anwe ndun g der her—
meneutischen Regeln übersteigt. Es bleibt da ein „gewisses religiöses Dunkel“, das sich
in der rechten Weise nur erhellt, wenn man sich eines Wegweisers bedient, nämlich der
Lehre der Kirch e, wie sie von den Väte rn her überl iefer t werd en ist (unte r Verwe is
auf das Tridentiner und Erste Vatik anisc he Konz il) ". Doch soll dami t dem Eifer der
Exegeten, hinte r den wahr en Sinn der Sduri fl zu komm en, kein Einh alt gebo ten sein
(private cuiq ue docto ri magn us patet camp us); ja — und das ist beso nder s wicht ig —-
durch die Vorarbeit der Exeg eten kann das Urtei l der Kirch e (des Lehr amte s) zur Reife
gebradxt werd en ". Dami t ist gesag t, daß das kirch liche Lehr amt zuers t den „Fac hman n“
höre n soll! Jedo ch gilt aud1 für ihn, stets die analo gia fidei zu bead 1ten : „nam , cum
et Sacrorum Libr orum et doctr inae apud Eccl esia m depos itae idem sit aucto r DeuS‚
profecto fieri nequi t, ut sensu s ex illis, qui ab hac quoq uo mod e discr epet, legit imfl
interpretatione eruatur. Ex quo apparet, cam interpretationem ut ineptam et falsam
reiiciendam, quae, vel inspi ratos aucro res inter se quod ammo do pugn ante s faciat , vel
doctrinae Ecclesiae adversetur“". Der „Fachmann“ wird zudem belehrt, er müsse die
gesamte Theo logi e gut kenn en und eben so die Fachl itera tur ". Seine Arbe it soll ihren
Einfl uß auf die ganz e theol ogisc he Wiss ensc hafl ausü ben, dere n „Seel e“ die Heili ge
Schrift gleichsam ist 1‘; der Exeget muß deshalb vor allem auch die Glaubwürdigkeit
(fides) der Heili gen Schri fl, weni gste ns nach ihrer mensc hlich en Seite , zur Gelt ung brin-
gen; dann er5t ihren Lehr geha lt “. Zu sein em herm eneu tisc hen Rüst zeug gehö rt die Kenn t-
nis der biblischen Sprachen " und der historischen Methode, die sich vor allem mit den
Zeugnissen der Geschichte befassen soll “, während den sogenannten „inneren Gründen“
(rationes internae) kein besonderes Gewicht zuzuschreiben sei: damit wird eine Forderung

7 EB 81—134. ° EB 100. ' EB 106. " EB 107. " EB 108. " EB 109,
“ Ebd. Damit wird eine Anschauung zurüdrgewiesen, die besonders in der Gegenwart weit ver-
breitet ist: es gäbe im NT z.B. „konkurrierende‘ Christologien.
" EB 110. “ EB 114. " EB 116. " EB 118. “‘ EB 119.
be rm en eu ti sc he Be we gu ng se it Va zi ca nu m ! 25
I/ 3 c Zweites Kapitel: Die innerkatboliscbe

eu ti k de r Ge ge nw ar t, nä ml ic h de r Ei ns at z de r „E rf ah -
der „transze nd en ta le n“ He rm en
in ih re r Be de ut un g fü r de n he rm en eu ti sd te n Pr oz eß
rung“ (G ad am er !) , no ch ni ch t
gewürdigt. rw is se n-
nn au f da s sc hw ie ri ge Pr ob le m „B ib el un d Na tu
Die En zy kl ik a k o m m t da
eg et en wi rd an s He rz ge le gt , si ch di e Ke nn tn is de r
sdmfl:e n‘ zu sp re ch en ". D e m Ex
de r re ch te n We is e mi tr ed en zu kö nn en , wa s he ut e
Na tu rw is se ns dm af t an zu ei gn en , u m in
if ta us le ge rs em pf un de n we rd en mu ß. Fr ei li ch wi rd da be i
als eine Üb er fo rd er un g de s Sc hr
eo lo ge n un d d e m Na tu rf or sc he r ke in wi rk li ch er Zw ie sp al t
be to nt , da ß zw is ch en de m Th
id e si ch in ih re n Gr en ze n ha lt en “ “: ei n wi ch ti ge r Gr un d-
eintrete n kö nn e, „w en n nu r be
uß an Au gu st in us ) fe st ge st el lt , da ß de r Ge is t, de r du rc h
satz . U n d es wi rd (i m An sc hl
t be ab si ch ti gt ha be , üb er di e Na tu rd in ge Be le hr un ge n
die biblis ch en Au to re n re de te , ni ch
da s He il ni d1 t nö ti g se i; in di es en Fr ag en se i au di ni ch t
zu ge be n, de re n Ke nn tn is fü r
we il di e Vä te r in Na tu rf ra ge n di e An sc ha u-
der unanimis consensus Patmm zu bead'1ten, ß
en ”. Da be i wi rd an de n Sa tz de s Th om as er in ne rt ”, da
unge n ih re r Ze it ge te il t hä tt
en di g z u m Gl au be n ge hö re n, di e He il ig en , wi e au d1 wi r,
„i n Di ng en , di e ni ch t no tw
er ei n wi ch ti ge r Gr un ds at z, de r gr oß e ex eg e-
verschiedener Ansicht“ sein konnten: wied n
ez ei t un te r Pi us X. le id er of t ve rg es se
tische Freiheit gewährt, der jedoch in der Folg
na nn te „Z we iq ue ll en th eo ri e“ in de r sy no pt i—
werden ist (etwa im Hinblick auf die soge
sl os ig ke it de r Sc hr if t en er gi sc h be to nt ”.
schen Frage). Schließlich wird die Irrtum
n gr oß en Au fs ch wu ng de r ka th ol is ch en
Die Bibelenzyklika Leos XIII. brachte eine
Fr ag e“ wu rd e le id en sc ha ft li ch er ör te rt “. Vo r
Bibelwissenschai’t mit sich. Die „biblische
ch ei ng eh en d mi t d e m Pr ob le m de r
allem der Jesuit F.v.Hummelauer beschäl’tigte si
r Bi be l ". Ab er al sb al d fie l un te r Pi us X.
verschiedenen literarischen „Gattungen“ in de
ng ”; in he rm en eu ti sc he r Hi ns ic ht tr at vo ll ko m—
ein Reif auf den aufgebrochenen Frühli
mene Sterilität ein.
Pa ra cl it us “. Ih r An la ß wa r di e fü nf ze hn hu n-
b) Benedikt XV.: Enzyklika „Spiritus
er on ym us (3 0. Se pt em be r 42 0) . Au f
dertjährige Wiederkehr des Todestages des hl. Hi
al b di e En zy kl ik a zu r re ch te n Ze it Be 2u g.
seine hermeneutischen Grundsätze nimmt desh
mu s De us “ de r hi st or is ch en Kr it ik ei n ge wi ss es Re ch t
Hatte Leo XIII. in „Providentissi
rd in „S pi ri tu s Pa ra cl it us “ di es es Re ch t
in der Bibelwissenschai’t eingeräumt ”, so wi
di e A n n a h m e „l it er ar is ch er Ga tt un ge n“ in de r
leider wieder Stark eingesd1ränkt “ und
ne n „d ie un ge sc hm äl er te un d vo ll ko mm en e Wa hr -
Bibel zurückgewiesen, weil sich mit ih
n“ li eß e” . So be de ut et e di e Bi be le nz yk li ka
heit des göttlichen Wortes nicht vereinbare
t s ei ne n Fo rt sd u' it t ge ge nü be r je ne r Le os XI II .
Benedikts XV. eher einen Rückschrit al
ht en er st wi ed er Pi us XI I. un d be so nd er s da s Zw ei te
Einen wirklichen Fortschritt brac
Vatikanisd1e Konzil.
o fl an te Sp ir it u“ “°. Mi t ih r „w ur de ei ne ne ue Är a
c) Pius XII.: Enzyklika „Divin af

"‘ EB1ZOE. ’“ EB 121. " Ebd.


22 In Seat. II, dist. II, q. 1, a. 3.
” Siehe dazu Näheres bei ]. Beumer, aaO. 21—31.
2‘ Vgl. dazu die Hinweise bei ]. Beumer, aaO. 32 &.
ati ons fra ge. Mit bes ond ere r Rüc ksi cht auf das Alt e Tes tam ent (Bi bli sch e
” Exegetisches zur Inspir
Studien IX, 4) (Fr1904). Dazu ]. Beumer, aaO. 34—37.
” Siehe dazu ]. Beumer, aaO. 40 f.
a dei nde ad cog nat as dis cip lin as, ad his tor iam pra ese rti m, iuv abi t
27 Vgl. EB 123 (Haee ips
transferri).
"" Vgl. EB 456—458. ” Vgl. EB 461.
” Vgl. dazu auch A. Bea, „Di vin o aff lan te Spi rit u“ 313 —32 3; H. v. Sod en, aaO . 177 —19 4;
H. Haag, Rundschreiben Papst Pius’ XII.; ]. Beamer, aaO. 56—69.
26 Die Hermeneutile von Schleiermacber bis zur Gegenwart I/3c

katholischer Bibelforschung eröffnet“ (H. Haag) ”. Wichtig in hermeneutischer Hinsicht


ist vor allem der zweite, systematische Teil des-Rundschreibens. Die Exegeten werden
aufgefordert zum intensiven Studium der alten Sprachen und zur Heranziehung des
Originaltextes, um den Gedanken des Hagiographen „möglichst tief und sorgfältig“ zu
erfassen; alle Hilfsmittel der Philologie, der Archäologie und Geschid1tswissensd1af’c
müßten dabei eingesetzt werden. Die erste Sorge des Schriflerklärers müsse sein, den
sogenannten Literalsinn des Textes zu erheben und aus ihm den theologischen Lehr-
gehalt ”, den „geistigen (mystischen) Sinn“ dagegen nur, „sofern nur gebührend fest-
steht, daß Gott diesen geistigen Sinn gewollt hat. Denn nur Gott konnte diesen geistigen
Sinn kennen und uns offenbaren . . . andere übertragene Bedeutungen dagegen als edi-
ten Sinn der Heiligen Sdirifl: vorzutragen, mögen sie sich (die Exegeten) gewissenhaft
hören.“ ” Der Exeget soll ferner mit aller Sorgfalt festzustellen suchen, „weld1es die
Eigenart und die Lebenslage eines Hagiographen war, in welcher Zeit er lebte, welche
mündlichen und schrifilichen Quellen er benutzte und welcher Redeformen er sich be—
diente . . .“ Denn „die wichtigste Regel für die Auslegung ist die, daß man genau
bestimme, was der Schriftsteller zu sagen beabsichtigte“ ". Damit ist dem Exegeten der
Weg zu unbefangener Literar- und Formkritik geöffnet. Das Rundschreiben kommt
dann ausführlidu auf das Problem der „literarischen Gattungen“ zu sprechen: „Ist doch
den heiligen Büchern keine jener Redeformen fremd, deren sich die menschliche Sprache
bei den Alten, besonders im Orient, zum Ausdrudr der Gedanken zu bedienen pflegte“,
so daß „Gottes Worte, durch menschliche Zungen ausgedrückt, in allem der menschlichen
Sprache ähnlich geworden sind, den Irrtum ausgenommen.“” Damit ist grundsätzlich
das Problem der Sprache und Sprachlichkeit, das in der modernen Hermeneutik eine
immer größere Rolle spielt, anvisiert, wenn auch nicht näher erörtert.
Die Exegeten werden schließlich ermuntert, angesichts der noch vielen ungelösten
Probleme in der Schrif’tauslegung den Mut nicht zu verlieren: „die Unternehmungen
wachsen langsam, und die Frucht kann man erst nach vieler Arbeit pflüdten“; manches
bleibt in dieser Zeit für immer dunkel '”. Auch betont die Enzyklika mit Recht, daß
unter den vielen Dingen der Heiligen Schrift „sich nur wenige finden, deren Sinn von der
kirchlichen Autorität erklärt worden ist, und auch die Punkte, bei denen bei den hei-
ligen Vätern Übereinstimmung herrscht, sind nicht viel zahlreicher“. So bleibt dem
Exegeten ein großes Feld, auf dem er seinen Scharfblick und sein Talent „freiheitlich‘
betätigen kann ”. Das Erfreuliche ist, daß das Rundschreiben dieses freihcätliche Schaf-
fen der Schrif’tausleger durchaus als Aktivierung der „Freiheit der Kinder Gottes“ ver-
steht.
Der eigentliche Fortschritt, den „Divino afflante Spiritu“ in der Bibelauslegung
brachte, war die Freigabe des Studiums der „literarischen Gattungen“ („Redeformen“)
der biblischen Schriftsteller. Damit waren freilich der Theologie zwei Themen erneut
zur Lösung aufgegeben: einmal das Thema „Inspiration und literarische Gattungen“,
zum andern das Thema: „Literarische Gattungen und (historische bzw. theologische)
Wahrheit“ .

In dem von Pius XII. approbierten Brief des Sekretärs der Bibelkommission, ]. M. Vosté OP,
an den Erzbischof von Paris, Kardinal E. C. Suhard, vom 16. Januar 194838 werden einige
Punkte der Enzyklika nod1 etwas geklärt, besonders hinsichtlich der Pentateud1frage (Quellen;

" H. Haag, Art. Divine afflante Spiritu 340.


” Vgl. EB 547—551. ” EB 552 f. " EB 557. "" EB 559.
“ EB 563. ” EB 565. ” Vgl. EB 577—581.
I/3c Zweites Kapitel: Die inner/eatbolisabe bermeneutisdae Bewegung seit Vaticanum I 27

Gesänichtlidrkeit der ersten elf Kapitel). Die Exegeten werden eingeladen, Sidi dem Studium
der literarischen Gattungen im Pentateudl weiterhin zu widmen und „die wahre Natur gewisser
Berichte der ersten Kapitel der Genesis“ dadurd'i besser zu erklären”.
d) Instructio de bisterica evangeliorum veritate vom 21.April 1964 “‘. Schon im
Jahre 1955 hatten die damaligen Sekretäre der Bibelkommission, A. Miller OSB und
A. Klein/mm OFM, eine wichtige Interpretation der Dekrete der Bibelkommission ge-
brad1t, nach der sie faktisch nur noch als historische Requisiten zu werten sind ". Damit
hatte die Bibelkommission Sidi selbst das Feld freigemacht, um sadugemäßere Erklärungen
abgeben zu können. Die wichtigste davon bildet ihre Instruktion „Über die historische
Wahrheit der Evangelien“ vom 21. April 1964. In ihr werden die Exegeten aufgefordert,
„unter Beachtung der Regeln der wissensdnafilichen und katholischen Hermeneutik sorg-
fältig die neuen Hilfsmittel der Exegese zu benutzen, vor allem die historische Methode im
allgemeinen Sinne des Wortes“. Wiederum wird auf die „allgemeingültige hermeneutische
Regel“ Pius’ XII. hingewiesen, nach welcher die Erforschung der Redeformen oder
literarischen Gattungen unumgänglich ist, soll die „Denk— und Schreibweise“ der Hagio-
graphen erkannt werden ". Dann kommt die Instructio — zum erstenmal in einem
offiziellen römischen Erlaß! — auf die „formgeschid1tliche Methode“ zu sprechen und
gibt sie für die Sd1riflauslegung dem Exegeten frei, der freilich dabei „mit Umsid1t vor-
gehen“ soll, um nicht über das Ziel hinauszuschießen. Die formgeschidrtliche Methode,
die in die neutesmmentlid1e Wissenschaft vor allem von M. Dibelius ", R. Bultmann“
und K. L. Sdmzidt" eingeführt werden war, war zunäd’xst im katholischen Raum mit
Skepsis betrachtet worden, weil sie z. B. die historische Wahrheit der Evangelien in Frage
zu stellen schien “. Die Instructio gibt Hinweise, was die Formgeschichte der Evan-
gelien zu bead1ten habe: „Um die Zuverlässigkeit der Evangelientradition sachgerecht
aufzuweisen, hat der Erreger die drei Überlieferungsphasen zu berücksichtigen, durch
die hindurch Lehre und Leben Jesu auf uns gekommen sind.“ "’ Die erste Phase liegt
beim historischen Jesus; die zweite bei den Aposteln als den Trägern und Deutern der
Jesusüberlieferung; die dritte bei den Evangelisten, die die von ihnen ausgewählten
apostolischen Jesustraditionen auf eine von den Situationen der christlichen Gemeinden
und ihrer eigenen Zielsetzung geforderte Weise erzählten, wobei sie auch die „Worte und
Taten (Jesu) für ihre Leser gedeutet“ haben “. „Der Exeget muß also untersuchen,
was ein Evangelist beabsichtigte, wenn er einen Spruch oder ein Geschehen auf eine
bestimmte Weise darstellte oder in einen bestimmten Kontext rückte. Die Wahrheit der

” Die von einer retardierenden Tendenz getragene Enzyklika Pius’ XII. „Humani generis“
(EB 611—620) schärfl zwar ein, daß die Heilige Schri& „im Geiste der Kird1e ausgelegt wer-
den“ müsse, weil sie von Christus selbst zur Hüterin und Erklärerin der Hinterlage der von
Gott geofl'enbarten Wahrheit bestellt sei (EB 612), nimmt aber im übrigen nichts von dem
zurück, was „Divine afflante Spiritu“ für das Studium der Heiligen Schrift freigegeben hat.
Vgl. auch ]. Beumer, aaO. 66—68.
‘“ Text, Übersetzung, Kommentar bei ]. A. Fitzmyer, aaO., mit umfassender Bibliographie
(54—56); dazu auch ]. Beumer, aaO. 70—82.
" Vgl. Benediktinisdre Monatschrift 31 (1955) 49 f; Antonianum 30 (1955) 63—65; dazu
]. Dupont, aaO. 414—419; E. Vogt, aaO. 564 f.
42 Vgl. ]. A. Fitzmyer, aaO. 38 (39).
“ Die Formgesdaidzte des Evangeliums (T 1919, 31959).
“ Die Gesd1ichte der synoptisdxen Tradition (Gö 1921, 51961).
“" Der Rahmen der Gesdrichte Jesu (B 1919).
“‘ Vgl. bei ]. A. Fitzmyer, aaO. 40 (41).
" Ebd. 40 (41).
“ Ebd. 40-44 (41-45).
ti /e vo n Sd 11 ei er ma d) er bis zu r Ge ge nw ar t 1/3c
28 Die Hermen eu

, we nn di e Ev an ge li st en di e Wo rt e un d Ta te n
Erzählung wird durd1aus nicht angetastet en -
An or dn un g be ri ch te n un d se in e Au ss pr üc he ni di t bu ch st ab
des He rr n in ve rs ch ie de ne r
de n (n on ad li tt er am , se ns u ta me n re te nto ",
treu, jedoeh sinngemäß und damit verschie r
Je ne r Ex eg et , de r de n fo rm ge sd 1i ch tl id me n Pr ob le me n de
diversim od e) fo rm ul ie rt en ".
de r ni ch t al le ge si ch er te n Er ge bn is se de r ne ue re n Fo r-
Ev an ge li en ni d1 t na d1 ge ht „u nd
ch t se in e Au fg ab e, zu er fo rs ch en , wa s di e bi bl is d3 en
schung sach ge mä ß ve rw er te t, er fü ll t ni
Verfasser sagen wollten und sagten.“ "" ge li en -
Fr ei ga be de r fo rm ge sc hi d1 tl id te n Me th od e in de r Ev an
Gerade jedo d1 du rc h di e
r sd 1w ie ri gs te n he rm en eu ti sd me n Au fg ab en un au sw ei dr -
forsd1ung is t de r Th eo lo gi e ei ne de
e ve rh al te n si ch Ub er li ef er un gs pr oz eß un d in sp ir ie rt e
lich zu m St ud iu m au fg eg eb en : Wi
Wo ri n be st eh t ei ge nt li ch di e Wa hr he it de r Sc br ifl ?
Wahrheit zu ei na nd er ? ” De ut li ch er :
zu sa mm en mi t de r En zy kl ik a „D iv in e af fl an te
Jedenfal ls wa r du rc h di es e In st ru ct io
e g ge öf fn et , de r zu ne ue n Uf er n fü hr en ka nn un d
Spiritu“ für di e He rm en eu ti k ei n W
n Ko nz il z. T. sc ho n ge fü hr t ha t.
auf dem Zweiten Vatikanisd1e

S 8. Vaticanum II

ch da s Zw ei te Va ti ka ni sd xe Ko nz il be so nd er s in de r
Mit Fragen de r He rm en eu ti k ha t si
ve la ti on e („ De i V e r b u m “ ) be fa ßt ". W i r le ge n zu -
Constitutio do gm at ic a de di vi na Re
v o n „D ei V e r b u m “ vo r (a ) u n d w e n d e n da nn
nächst die he rm en eu ti sc he n Gr un ds ät ze
rm en eu ti sc he n An sä tz en de r Ko ns ti tu ti on zu (b ).
unser Augenmerk de n au sb au fä hi ge n he
ze fü r di e Sc hr if ta us le gu ng an ge ht , br in gt „D ei
3.) Was die he rm en eu ti sc he n Gr un ds ät
s w a s s d w n in „D iv in o af fl an te Sp ir it u“ un d in
Verbum“ eigentli ch ni ch ts an de re s, al
Wa hr he it de r Ev an ge li en “ ge sa gt w e r d e n wa r:
der „Instrukti on üb er di e ge sc hi dr tl ic he
Me ns ch en na ch Me ns ch en ar t (p er ho mi ne s mo re
„(12) Da Gott in de r He il ig en Sc hr if t du rc h
r, um zu er
lä re fa ss en , wa s Go tt un s mi tt ei le n
hominum) ge sp ro ch en ha t, m u ß de r Sc hr if te rk
hr ifl st el le r wi rk li ch zu sa ge n be ab si dr ti gt en un d
wollte, sorgfältig fo rs d1 en , wa s di e he il ig en Sc
di e Au ss ag ea bs id 'x t de r Ha gi og ra ph en zu er mi t-
rt en ku nd tu n wo ll te . U m
was Gott mit ihren Wo ad rt en . D e n n di e Wa hr he it wi rd je
an de re m au f di e li te ra ri sc he n Ga tt un ge n zu
teln, ist neben ch ie de ne m Si nn ge sd ri dx ophe-
tl id -r er , pr
rg el eg t un d au sg ed rü dt t in Te xt en vo n in ve rs
anders da ge ne ri bu 5) . We it er hi n ha t
r Ar t od er in an de re n Re de ga tt un ge n (d ic en di
tisd'rer oder didnterische ge be ne n Si tu at io n he ra us de r Ha gi o-
ch d e m Si nn zu fo rs ch en , wi e ih n au s ei ne r ge
der Erklärer na —— mi t Hi lf e de r da ma ls üb li d1 en
un ge n se in er Ze it un d Ku lt ur en ts pr ec he nd
graph den Beding z u m Au sd ru dr ge br ad rt ha t. Wi ll
—— ha t au sd rü ck en wo ll en un d wi rk li ch
literarischen Gattungen er Sc hr if t au ss ag en wo ll te , so m u ß m a n
te he n, wa s de r he il ig e Ve rf as se r in se in
man richtig vers De nk -, Sp ra ch - un d Er zä hl fo rm en
di e vo rg eg eb en en um we lt be di ng te n
sd11ießlich genau auf di e Fo rm en , di e da ma ls im me ns d1 li di en
Ve rf as se rs he rr sd it en , wi e au f
achten, die zur Zeit des Ge is t ge le se n un d au sg el eg t we rd en
ll d' l wa re n. D a di e He il ig e Sc hr if t in d e m
Alltagsverkehr üb Er mi tt lu ng de s Si nn es de r he il ig en
hr ie be n wu rd e, er fo rd er t di e re ch te
muß, in dem sie gesc un d di e Ei nh ei t de r ga nz en Sd 1r ifl
mi t ni ch t ge ri ng er er So rg fa lt au f de n In ha lt
Texte, daß man g de r Ge sa mt ki rc he un d de r An al og ie
si ch ti gu ng de r le be nd ig en Üb er li ef er un
achtet unter Berück

si nn ge mä ß“ ; ri ch ti ge r is t: „j ed od 1 si nn ge mä ß“ .
“’ Was Fitzmy er üb er se t2 t: „s on de rn nu r
5° Ebd. 40 (45). 51 Ebd. 46 (47). afl er We is e N. Lo bfi rd e (3 .3 .0 . 44 —8 0)
s A T is t di es em Pr ob le m in me is te rh
52 Für den Bereidx de nz de r Bi be l: Z K T h 87 (1 96 5) 19 6— 20 2.
vg l. au di no ch E. Gu tw en ge r, Di e In er ra
nad1gegangen; un g be iSemmelrotb-M.Zerwi&
0.
fi zi el le n de ut sd 1e n Üb er se tz
53 Lateinisdner Text mit der of 0. ; D. Ar en bo ev el , „O .; R. Sä mt l-
rn er ]. Be um er , aa O. 83 —9 8; E. St ak em ei er , aa
aaO. Vgl. fe , Te il II , 49 7— 58 3; O‚ Lo re tz ‚ Di e
LT hK ’, Da s Zw ei te Va ti ka ni sc he Ko nz il
M. Thurian, aa0.; tt es un d di e Me ns ch he it .
he n Gr un ds ät ze 46 7— 50 0; A. Be a, Da s Wo rt Go
he rm en eu ti sc
I/ 3 c Zweites Kapitel: Die inner/eatboliscbe hermeneutiscbe Bewegung seit Vaticanum 1 29

des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und
Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleidisam aufgrund wissen-
sdiafllidier Vorarbeit das Urteil der Kirdie reifl:. Alles, was die Art der Schrif’cerklärung betrifl’c,
untersteht letztlidr dem Urteil der Kird1e, deren gottgegebener Auftrag und Dienst es ist, das
Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.“

In diesem Text wird also für die Auslegung der Schrifl: und die Erfassung ihres
„Sinnes“ die historisd1e Methode verlangt, die die Redeformen und literarisd1en Gat—
tungen der biblisd1en Zeiten herauszuarbeiten hat und auf den „Inhalt und die Einheit
der ganzen Sdirii’t ad1tet“ “, wobei die kirddiche Glaubensüberlieferung nicht unberück-
sid1tigt bleiben darf. Die Betonung der historisd1en Methode in der Schril’causlegung
durch das Konzil sd1ützt zweifellos die Auslegung vor hermeneutischem Subjektivismus;
primär gilt nicht die Frage: Was bedeutet die Schril’t für mich?, sondern jene: Was will
die Schrifl sagen?
Der zweite wichtige Text handelt von der gesd1ichtlid1en Wahrheit der Evangelien:
„(19) Unsere heilige Mutter, die Kirdie, hat entschieden und unentwegt daran festgehalten
und hält daran fest, daß die vier genannten Evangelien, deren Gesdiid1tlichk€it (historicitatem)
sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben
unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklidi getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er
aufgenommen wurde (Apg 1,1—2). Die Apostel haben nach der Auffahrt des Herrn das, was
er selbst gesagt und getan hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis (pleniore intelli-
gentia) überliefert, das ihnen aus der Erfahrung der Verherrlid1ung Christi und aus dem Lidit
des Geistes der Wahrheit zufloß. Die biblisd1en Verfasser aber haben die vier Evangelien redi-
giert (conscripserunt), indem sie einiges aus dem vielen auswählten, das mündlidri oder audi
sd10n sdniflclid1 überliefert war, indem sie anderes zu Überblicken zusammenzogen oder im Hin-
blick auf die Lage in den Kird1en verdeutlid1ten, indem sie sdiließlid1 die Form der Verkündi—
gung beibehielten (formam . . . praeconii retinentes), doch immer so, daß ihre Mitteilungen über
Jesus wahr und ehrlidi (vera et sincera) waren. Denn ob sie nun aus eigenem Gedächtnis und
Erinnern sdirieben oder aufgrund des Zeugnisses jener, ‚die von Anfang an Augenzeugen und
Diener des Wortes waren‘, es ging ihnen immer darum, daß sie die ,Wahrheit‘ der Worte erken-
nen wollten, von denen wir Kunde erhalten haben (vgl. Lk 1, 2—4).“ 55

Damit ist die formgesd1id1tlidm Methode durdi das Konzil selbst nidit bloß als eine
legitime, sondern als eine notwendige Methode in der Evangelienforsdmng anerkannt,
freilich audi der kommenden Forsdmng in besonderer Weise die Aufgabe zugewiesen,
nad1 dem Wesen der „Wahrheit“ in der Bibel zu forsdwn (s. u.).
b) Wer den Text der Konstitution „Dei Verbum“ sorgfältig ins Auge faßt, entdedtt
in ihr eine ganze Reihe guter Ansätze, die sich in Richtung jener Thematik weiterent-
widreln lassen, die in der modernen Hermeneutik seit Sd11eiermacher aufgebrochen ist.
Wir nennen im folgenden einige widitige Punkte.
1. Der Anredecbamkter der Scb7ifl. Gerade in der „existentialen Interpretation“ der
Sd1rifi: wird der Anrede— und Rufdiarakter der Sdiril’t stark betont, die den Mensdien
in seine „Eigentlid1keit“ und in ein wahres Selbstverständnis vor Gott bringen wollen.
Dieser Anredecharakter der biblisd1en Offenbarung kommt in „Dei Verbum“ ausdrüdt—
lich zur Spradw: „In dieser Offenbarung redet der Unsichtbare . . . aus überströmender
Liebe die Mensdien an wie Freunde (homines amicos alloquitur)“ (I, 2); „die Heilige

“ Damit dürfie gemeint sein, daß ein Text nie aus dem Gesamtzusammenhang einer.5dirifi
werd en darf. Denn in diese m Gesa mtzu samm enha ng Zeigt Sidi erst
und aller Sdlfiflell gerissen
seine volle Wahrheit; vgl. dazu N. Lab/init, aaO. 44—80. , ‚ _
55 In Lk 1,4 steht im gried1isd1en Text der Terminus &GCPO'O\E£<I‚ nidit aÄ:I)98'-.a. Das Konzil
sdiließt sich jedod1 an die Formulierung der Vulgata an, meint ‚aber oflensxchthdr mit ventas
das, was mit dem griechischen Begriff &6cpciÄem in Lk 1,4 gemeint ist.
Die Hermeneutile von Schleiermadier bis zur Gegenwart I/3c
30

Di e Sc hr ifl : ist al so ni ch t — tr ot z ih re r Te xt —
Schrift ist Gottesrede‘ (locutio Dei)“ (II, 9).
st ab e, so nd er n ei n Te xt , du rc h de n Go tt we it er -
werdung — „objektivierter“, roter Buch
di e Be me rk un g in II, 8, da ß Go tt du rc h di e au sl eg en de
hin spricht ". Hierher gehört auch
mi t de r Br au t se in es ge li eb te n So hn es ist
Überlieferung „ohne Unterlaß im Gespräch
h de n He il ig en Ge is t „d ie le be nd ig e St im me “ ist ,
(colloquitur)“ und das Evangelium durc
wi de rh al lt “ (e bd .) ; vg l. da zu au ch VI , 21 :
die „in der Kirche und durch sie in der Welt
te r, de r im Hi mm el ist , se in en Ki nd er n in
„In den heiligen Büchern kommt der Va
da s Ge sp rä ch au f (c um eis se rm on em co nf er t) “.
Liebe entgegen und nimmt mit ihnen
du rc h di e He il ig e Sc hr if t fü hr t, ste llt sie
„Das Gespräch“, das Gott mit den Menschen
un d Li eb e: hi er ko mm t je ne s An li eg en zu r
also in den Raum seiner Gemeinschaft
Fu ch s in se in er „M ar bu rg er He rm en eu ti k“ be we gt ist , au f da s
Sp ra ch e, vo n de m et wa E.
ha t. Nu r in so lc he m Ra um ist wi rk li ch es
aber auch schon Sdfleiermadrer hingewiesen
Wo rt ge ru fe ne Me ns d1 üb er an tw or te t Sid i im
Verstehen erst möglich. Der von Gottes
ei he it “ (I, 5). Im Wo rt e Go tt es we st so lc he „G ew al t un d
Glau be n „G ot t als ga nz er in Fr
be n, fü r di e Ki nd er de r Ki rc he Gl au be ns -
Kraft“, „daß es für die Kirche Halt und Le .
un ve rs ie gl ic he r Qu el l de s ge is tl ic he n Le be ns ist “ (V I, 21)
stärke, Se el en sp ei se un d re in er ,
Da s ist ei n Th em a, da s mi t de r In sp ir a-
2. Wort Gottes und Sprache des Mensdven.
be i ih re r Er ör te ru ng sc ho n im me r di sk ut ie rt we rd en ist ".
tionslehre zu sa mm en hä ng t un d
Wo rt ist „i n de r He il ig en Sc hr ifl : en th al te n un d lie gt in
Das vo n Go tt ge ofi en ba rt e, se in
ot t ha t in de r He il ig en Sc hr ifl du rc h Me n-
ihr vor“ (III, 1; vgl. auch VI, 24), aber „G te s
ho mi ne s mo re ho mi nu m) ge sp ro ch en “ (I II , 12 ); „G ot
schen na ch Me ns ch en ar t (p er
ul ie rt , si nd me ns ch li ch er Re de äh nl ic h ge wo rd en
Wo rt e, du rc h Me ns th en zu ng e fo rm
ex pr es sa , hu ma no se rm on i as si mi li a fa ct a su m) , wi e
(Dei . . . ve rb a, hu ma ni s li ng ui s
rc h di e An na hm e me ns ch li ch -s ch wa dr en Fl ei sc he s de n
einst des ewig en Va te rs Wo rt du
(II I, 13) . Di es e Fo rm ul ie ru ng en la ss en er ke nn en , da ß
Menschen äh nl ic h ge wo rd en ist “
en de m Wo rt e Go tt es un d de r Sp ra ch e de s Me ns ch en
dem Ko nz il di e Sp an nu ng zw is ch
si ch wi ch ti ge An sä tz e, um da s he rm en eu ti sc he Pr ob le m
durchaus be wu ßt wa r. Hi er bi et en
he r zu be de nk en , wi e da s in de r mo de rn en He r-
stärker vo n de r Sp ra ch ph il os op hi e
rt sic h an E. Fu ch s’ De fin it io n de r th eo lo gi sc he n He r-
meneutik gesc hi eh t ”. Ma n er in ne
au be ns “. Es ge ht um di e Fr ag e: Wi e ve rh al te n sic h
meneutik als „S pr ad 11 eh re de s Gl
ch en zu ei na nd er , vo m We se n de r Sp ra ch e he r be -
Wort Go rt es un d Sp ra ch e de s Me ns
mü ßt e si ch au ch um da s We se n de s Wo rt es be mü he n “.
da ch t? Di e An tw or t da ra uf
Pr oz eß . Vo r al le m Ga da me r ha t au f di e Fu nk -
3. „Erfahrung“ und hermeneutischer

rt ig ist (C hr is tu s) in se in em Wo rt , da er se lb st
“ Vgl. auch Liturgiekonstitution I,7: „Gegenwä
he il ig en Sc hr il ’t en in de r Ki rc he ge le se n we rd en .“
spricht, wenn die
“ Vgl. etwa ]. Beumer, aaO. passim. mm un g vo n Sp ra ch -
H. No ac k, Sp ra d1 e un d Of fe nb ar un g. Zu r Gr en zb es ti
” Vg l. da zu et wa Wo rt
e (G ü 19 60 ); H. R. Mü ll er -S ch we fe , Di e Sp ra ch e un d da s
philos op hi e un d Sp ra ch th eo lo gi
. Kl ei ne Ph il os op hi e un d Th eo lo gi e de r Sp ra ch e
(H 1961); G. Söhngen, Analogie und Metapher Sp ra ch e: Go tt in We lt l
); F. Ma yr , Pr ol eg om en a zu r Ph il os op hi e un d Th eo lo gi e de r
(F r - M u 19 62 „H er -
im Wa nd el de r Sp ra ch e. Zu r Fr ag e de r
(Fr 1964) 39—84; F. K. Mayr, Philosophie er fa hr un g un d me ta -
r, Ur sp rü ng li c’ ne Sp ra d1
meneutik“: Z'I'hK 61 (1964) 439—491; F. Wiplinge e, 21 —8 5; K. -O .A pe l‚
ra d1 de ut un g: Di e he rr ne ne ut is di e Fr ag e in de r Th eo lo gi
ph ys is ch e Sp ‚S in n-
er me ne ut ik “ un d di e Fr ag e na ch de m
Heideggers philosophisdie Radikalisierung der „H zu in de r Re ih e ‚W el t-
it er er Li te ra tu r) ; da
kriterium“ der Sprache: ebd. 86—152 (jeweils mit we ra d- re un d Wa hr he it
ch e (F r 19 67 ), Bd . VI I: Sp
gespräch“ Bd. IV: Welterfahrung in der Spra
(Fr 1969). tes ; F. Ulr ich , aaO . 65 7— 70 6 (mi t Bib lio -
”” Vgl. dazu etwa L. $cheffczyle, Heilsmacht des Wor
graphic).
HS C Zweites Kapitel: Die innerkatbolisohe bermeneutische Bewegung seit Vaticanum ! 31

tion und Bedeutung der Erfahrung im hermeneutisdten Prozeß aufmerksam gemacht “'.
Auch „Dei Verbum" spricht „Erfahrung“ wiederholt an, so in II, 8: „es wädast das Ver-
ständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der
Gläubigen . . . durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt . . .“; Israel
hat in der Zeit des Alten Bundes „Gottes Wege mit den Menschen an sich erfahren“
(IV, 14); den Aposteln ist in der Verherrlichung Christi nach seinem Tode und aus dern
Lid1te des Heiligen Geistes Erfahrung zugeflossen, die sie in den Stand setzte, das Wort
und Werk des Herrn mit „vollerem Verständnis“ zu überliefern (vgl. V, 19). Verstehen
wird also durch Erfahrung genährt.
4. „Gesd1idatlid1/eeit" und „Wabrbeit“ der Sd7rifl. Gerade mit diesen Themen hat das
Konzil besonders gerungen, wie die Vorgeschichte der Konstitution „Dei Verbum“
zeigt “. Wenn es z. B. bei der Entstehung der Evangelien einen echten formgeschicht-
lichen Werdeprozeß gegeben hat, wie das Konzil selber lehrt, entsteht naturnotwendig
die Frage nach der Historizität des in den Evangelien Berichteten (und damit zusammen-
hängend nach der „Wahrheit“ der ganzen Heiligen Schrift). Vor allem geht es um
die Frage: Wie verhalten sich literarische Gattung (Redeform) und Historizität des
Erzählten? Das Konzil bejaht zunächst „ohne Bedenken“ die Historizität der Evan—
gelien (historicitatem incunctanter affirmat: V, 19), weil die Evangelien „zuverlässig
überliefern, was Jesus . . . in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem
Heil wirklich (reapse) getan und gelehrt hat“, aber unmittelbar darauf wird gesagt,
daß die Apostel aufgrund der Ostererfahrung das, was Jesus gesagt und getan hat, „ihren
Hörern mit . . . vollerem Verständnis überliefert haben“ ” und die Evangelisten die
überlieferten Stoffe „zu Uberblicken zusammenzogen oder im Hinblick auf die Lage der
Kirchen verdeutlid1ten, indem sie schließlich die Form der Verkündigung beibehielten °“,
doch immer so, daß ihre Mitteilungen über Jesus wahr und ehrlich waren“ (ebd.).
Mit dem Terminus „historicitas“ war in der Tat ein abstrakter Begrif’i gewählt wor—
den“ und mußte gewählt werden, wenn man mit ihm die andere Aussage des Konzils
vereinbaren wollte, nach der „die Wahrheit (der Heiligen Sd1rifl) je anders dargelegt
und ausgedrückt wird in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlid1er, prophetischer
oder did1terischer Art oder in anderen Redegattungen“ (III, 12). Worin besteht dann
die „Wahrheit“ der Schrift, und wie is: ihr Verhältnis zur „historicitas“? Das sind
die schwierigen Fragen, die nun der Hermeneutik besonders aufgegeben sind “. Wie
weit heißt „Geschichte“ auch „Wirkungsgeschichte“ (im Sinne Gadamers)? Was heißt
„Wahrheit“ der Bibel angesidits der Erkenntnisse der Formgeschichte? Ist die „Wahrheit“

“° Pl.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode (T 21965) Register s. v. Erfahrung.


“ Vgl. zu dieser Vorgeschid1te etwa ]. Beumer, aaO. 87—98; 0. Semmelrotb -M. Zerwic/e, aaO.
44—50; B. Rigaux: L'I'hK”, Das Zweite Vatikanisdxe Konzil, Teil II, 548—551.
52 Vgl. für Johannes etwa F. Mußner, Die johanneisdre Sehweise.
" Das heißt: Die Jesusberid1te der Evangelien sind leerygmatisierte Berichte.
“ Vgl. O.Sernrnelrotb—M. Zerwiah, aaO. 46. Der Begriff historicitas (nidit: historia) war vor
allem auch gewählt werden im Hinblid( darauf, daß im deutschen Sprachraum seit Heidegger
zwisd1en „Historie“ und „Gesdiichte“ untersdzimien wird; vgl. dazu auch G. Greshake, Historie
wird Geschichte. Bedeutung und Sinn der Unterscheidung von Historie und Gesdxichte in der
Theologie Rudolf Bultmanns (Essen 1963); N. Brox, Heilige Sdirifl und Gesdzidxtlichkeit: Ge-
sd1ichtlidikeit der Theologie (hrsg. von Th. Michels) (Sa - Mü 1970) 41—62.
“ Vgl. dazu auch A.Grillmeier, aaO. 161—187; I. de la Potterie, aaO. 149—169; A. Vögtle‚
Die hermeneutische Relevanz 470—487; O.Loretz‚ Die Wahrheit der Bibel; den., Die her-
meneutischen Grundsätze 467—500, bes. 479—485; E.Coretb‚ Grundfragen der Hermeneutik
(Fr 1969) 166—221.
rm en eu ti le vo n Sc hl ei er ma di er bis zu r Ge ge nw ar t I/3c
32 Die He

“, un d wi e ze ig t si ch di es e in de r ko nk re te n Ge sc hi ch te de r
de r Bi be l nu r „H ei ls wa hr he it
t“ im Si nn e vo n „D ei Ve rb um “ je tz t st är ke r
Offenbarung? “ Jedenfalls scheint „Wahrhei
sb eg ri ff s ve rs ta nd en we rd en zu mü ss en ".
im Sinne des semitisd1-biblischen Wahrheit ch te
ne de r Gr un de in si ch te n de r Fo rm ge sc hi
5. Der eleklesiale Charakter der Schrifl. Ei
„e in e so zi ol og is ch e Ta ts ad 1e “ (K . L. Sd im id t)
ist die, daß die biblische Überlieferung audi de r
„S it z im Le be n“ in de r Ge me in sc ha ft Is ra el s (A T) un d
ist, d. h. , da ß si e ih re n
da ß di e Sd 1r i& se lb st sc ho n „h ei li ge Üb er -
Urkirche (NT) hat. Damit hängt zusammen, re n
ni ch t oh ne Bl ic k au f di e Tr ad it io n, di e im se lb en Sc ho ße ih
lieferun g“ is t un d de sh al b
d au sg el eg t we rd en ka nn (v gl . II I, 12 ). Di e Üb er li ef er un g,
Quellg ru nd ha t, ve rs ta nd en un
Le hr am t, is t se lb st sd uo n ei n Au sl eg un gs ka no n (r eg ul a
ak ze nt ui er t du rc h da s ki rc hl ic he
n we rd en ka nn , we nn es zu m re ch te n Ve rs te he n de r
fidei), vo n de m ni ch t ab ge se he
„D ei Ve rb um “ II ). Di e mo de rn e He rm en eu ti k ha t di e
Sd1r if l: ko mm en so ll (v gl . da zu
Üb er li ef er un g im he rm en eu ti sc he n Pr oz eß er ka nn t un d
Bedeutung un d Fu nk ti on de r
„D as Ve rs te he n is t se lb er ni ch t so se hr al s ei ne Ha nd -
heraus ge ar be it et . Ga da me r sa gt :
so nd er n al s Ei nr üd se n in ei n Üb er li ef er un gs ge sd xe he n,
lu ng de r Su bj ek ti vi tä t zu de nk en ,
art bestän di g ve rm it te ln .“ “ Da s Ve rh äl tn is vo n
in dem sich Vergangenheit und Gegenw rd 'i da dn t
d ki rc hl ic he m Le hr am t mu ß fr ei li ch no ch ti ef er du
Schr if t, Üb er li ef er un g un
da fü r ke in e en dg ül ti ge n Lö su ng en “.
werden; die Konstitution bietet „D ei Ve r-
rm in us „V er st eh en “ (i nt el li ge re ) be ge gn et ex pr es se in
6. Ve rs te he n. De r Te
ge ht na ch de r Ko ns ti tu ti on pr im är au f de n „S in n“
bum“ nicht al lz uo fl . „V er st eh en “
Ko nz il s üb er de n Si nn de r Sc hr ifl : si nd wi ch ti g. De r
(sensus) de r Sc hr if t. Di e Le hr en de s
ng fo rm ge sc hi ch tl ic he r Üb er le gu ng en , na ch de m
Exeget hat, ge ra de im Zu sa mm en ha
ra ph „h at au sd rü dt en wo ll en un d wi rk li ch zu m
„Sinn“ zu fo rs ch en , de n de r Ha gi og
r „S in n de r he il ig en Te xt e“ er gi bt si d1 ab er er st
Ausdruds gebrac ht ha t“ (I II , 12 ); de
un d di e Ei nh ei t de r ga nz en Sc hr if t ac ht et un te r
ganz, wenn ma n au ch „a uf de n In ha lt
li ef er un g de r Ge sa mt ki rd te un d de r An al og ie de s
Berücksichtigung de r le be nd ig en Üb er
so ll de r Si nn de r He il ig en Sc hr if t in de r Au sl eg un g
Glaubens“ (e bd .) . Au f so lc he We is e
Ab er sc ho n di e Ap os te l ha be n au fg ru nd de r Os te r-
„tiefer“ (penitiu s) er fa ßt we rd en ".
We rk de s He rr n „m it vo ll er em Ve rs tä nd ni s“ (p le ni ore intel—
erfa hr un ge n da s Wo rt un d

da ß da s Ko nz il an di e St el le de s Wo rt es in er ra nz ia
“ O. Loretz me in t: „E nt sd re id en d ist hi er be i,
de m ‚u m un se re s He il es wi ll en ‘ [v gl . II I, 11 ]
den Terminus veritas setzte und diesen zu gleich mit
er En ts ch ie de nh ei t he rv or ge ho be n se in , da ß es in de r
näher be st im mt . Nu n dü rf te mi t ge nü ge nd
Wa hr he it ge ht , di e da s vo n Go tt ge wi rk te un d de r
Heiligen Sc hr if t u m di e Mi tt ei lu ng ei ne r
d ve rk ün de t. Hi st or is ch e un d na tu rw is se ns ch al ’t li dw
Mens ch he it ve rh ei ße ne He il be sc hr ei bt un
Bü ch er n ni ch t im Vo rd er gr un d st eh en , un d es wi de r-
Fragen kö nn en fo lg li ch in de n bi bl is ch en
le me di es er Ar t un te r Be ru fu ng au f si e zu lö se n. Mi t
spräd1e de m Gr un da nl ie ge n de r Sc hr it t, Pr ob
s vo n Ga li le i au fg ew or fe ne Pr ob le m des Verhältnisses
dieser Formulierung hat die Kirche da lö st “ (D ie he rm en eu ti sc he n Gr un d-
en Bi be l un d Na tu rw is se ns ch afl au fg eg ri ff en un d ge
zwisch ch in de r ko nk re te n Ge sc hi dn tc
ß die Heilswahrheit Go tt es si
sätze 484). Gewiß! Dennorh bleibt, da Fr ag en , et wa in de r Le be n-
so da ß di e Ex eg es e vo n de r Di sk us si on hi st or is d1 er
geof fe nb ar t ha t,
Jesu-Forsc’nung, nid-rt dispensiert ist.
" Vgl. auch ebd. 485.
4 f. Vg l. au ch F. Tb eu ni s‚ aa O. 26 3— 28 2.
“ H.—G. Gadamer, aaO. 27 -] . Ra tz in ge r, aa 0. ;
Ge is el ma nn , aa O, ; P. Le ng sf el d, aa O, ; K. Re im er
” Vgl. da zu et wa R.
Sc hr if t — Tr ad it io n — Ve rk ün di gu ng 21 —4 1.
W. Kasper, be y wi ed er ho lt e he r-
rt si ch an da s vo n Sc hl ei er ma cb er au fg es te ll te un d vo n Di lt
7° Ma n er in ne s di es er si d1
Au to r be ss er zu ve rs te he n ha be al
meneutisdre Prinzip, daß der Ausleger seinen ng “ sei . Vo n da he r mü ßt e
an di e Th es e Ga da me rs , da ß je de Au sl eg un g „Ü be rh el lu
se lb st ; od er : My st er iu m
us pl en io r ne u du rc hd ac ht we rd en . Vg l. da zu au ch H. Ha ag
die Th eo ri e vo m se ns
Salutisl (E i 19 65 ) 41 2— 42 3 (m it um fa ss en de r Li te ra tu r) .
l/3c Zweites Kapitel: Die inner/eatboliscbe bermeneuliscbe Bewegung seit Vaticanum I 33

ligentia) überliefert (V, 19). So kommt es im Verstehensvorgang zu einem ständigen


„Wachsen‘ des Verständnisses der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen
und Studium der Gläubigen (II, 8), wodurch sich die Theologie selbst „ständig ver-
jüngt" (VI, 24) und die kirchliche Verkündigung stets neue Nahrung und Orientierung
findet (VI, 21). Der hermeneutische Prozeß reißt nie ab! Gefährt wird die Kirche dabei
von jenem göttlid'ien Pneuma, „das in die Fülle der Wahrheit einführen sollte (Jo 16, 13)“
(V, 20) ".
7. Rolle und Rang der Schrifl im Verstehensvorgang. Nach der Lehre des Konzils ist,
wie schon Leo XIII. und Benedikt XV. gelehrt haben, die Heilige Schrifl „die Seele der
Theologie“ ". Versteht sich die Dogmengesrhichte als hermeneutischen Prozeß — was sie
wohl tun muß, wenn sie sich selbst richtig verstehen will —, dann versteht man auch die
Bestimmung des Dekrets über die Priesterausbildung (V, 16): „Die dogmatische Theolo—
gie soll so angeordnet werden, daß zuerst die biblischen Themen selbst vorgelegt werden;
dann erschließt man den Alumnen, was die Väter der östlichen und westlid1en Kirche
zur treuen Überlieferung und zur Entfaltung der einzelnen Ofienbarungswahrheiten
beigetragen haben, ebenso die weitere Dogmengeschichte, unter Berücksichtigung ihrer Be-
ziehungen zur allgemeinen Kirchengeschichte . . .“ Die Heilige Schrii’t muß also „i)yeuowxöv
der Theologie sein; von ihr müssen schon die Fragestellungen und Impulse ausgehen und
nicht erst die Argumente für bereits aufgestellte Thesen und einen bereits vorgegebenen
Rahmen hergenommen werden“ ”. Damit ist ganz gewiß nicht der „Biblizismus“ auf den
Schild gehoben, der nur zu einer sterilen Fixierung der Theologie führen würde. Wenn
aber, wie das Konzil lehrt, „in den Heiligen Büchern der Vater . . . seinen Kindern in
Liebe entgegenkommt und mit ihnen das Gespräch aufnimmt" („Dei Verbum“ VI, 21),
so sind durch die Heilige Schrift nicht bloß die Hauptthemen dieses „Gesprädms“ vor—
gegeben; vielmehr ist auch die Forderung erhoben, die Theologie so zu gestalten, daß
sie, statt ein starres Begrifissystem an2ubieten‚ immer etwas von dem Charakter eines
„Gesprächs“ an sid1 hat, in dem die wirklichen Fragen des Mensd1en und die Antworten
des sich ofienbarenden und liebenden Gottes zur Sprad1e kommen. Mit anderen Wor—
ten: die Theologie muß dialogischen Charakter besitzen, damit der Mensch durch das
Kerygma zum wahren Selbstverständnis vor Gott gelangen kann, wie es die moderne
Hermeneutik fordert.
Wie sich zeigt, sind nidxt bloß die hermeneutischen Grundsätze des Zweiten Vatika-
nisd1en Konzils von großer Bedeutung, sondern ebenso seine hermeneutischen Ansätze,
die einen neuen Frühling in der theologischen Hermeneutik im katholischen Raum ein-
zuleiten vermögen.

Rückblick und Ausblick

Die Geschidxte der Hermeneutik seit Sd11eiermac’ner ist eine bewegte Geschichte, wie
sich gezeigt hat. Von ihr gingen bedeutende Denkanstöße fiir die „Kunstlehre“ des Ver-
stehens aus. Im Raum der protestantischen Theologie sind sie schon vielfach fruchtbar
geworden; im Raum der katholischen Theologie dagegen muß noch viel nachgeholt

'” Vgl. dazu auch F. Mußner, Die johanneischen Parakletsprüdre 146—158.


72 „Dei Verbum" VI, 24; Dekret über die Priesterausbildung V, 16; vgl. EB 114 4g3‚
73 W. Kasper, Die Methoden der Dogmatik 40. Vgl. aud1 den., Dogrna unter dem Wort Gottes;
K. Reimer, Die Herausforderung der Theologie 13—42 (23—26) ; ders., Heilige Schrifl und
Theologie Ill—120; den., Exegese und Dogmatik 82—111.
rm en eu ti le vo n Sc bl ei er ma d1 er bis zu r Ge ge nw ar t I/3c
34 Die He

te Va ti ka ni sd re Ko nz il ka nn da fü r vo n gr oß er Be de ut un g
we rd en . Ge ra de da s Zw ei
ze un d An sä tz e di e Be ac ht un g de r ge sa m-
werden, wenn seine hermeneutischen Grundsät
ih m au s di e We ge fü r ei ne n fr uc ht ba re n Di al og
ten Theologie finden; jedenfalls sind von
eu ti k ge öf fn et . Wa s vo r al le m no ch ei nz uh ol en ist , ist de r
mi t de r mo de rn en He rm en
rm en eu ti k, de r se it Sc hl ei er ma d' re r in ih re m
transzendentale Ansatz der modernen He
n ex is te nt ia le r Ar t mü ss en au f se it en de s Au s-
Blickfeld steht: Welche Voraussetzunge lt
he n zu st an de ko mm t? We lc he Ro ll e sp ie
legers gegeben sein, damit wirklidtes Verste
Vo rg an g? We lc he de r je we il ig e ge sd 't id rt li ch e
das „Vorverständnis“ im hermeneutischen rm ög en
s be de ut et di e Sp ra ch e fü r da s Ve rs te he n? An de re rs ei ts ve
„Horiz on t“ "? Un d wa
Ve rb um “ de n Au sl eg er vo r Su bj ek ti vi sm us
die hermeneutischen Grundsätze von „Dei od e
wa hr en , we il er zu nä ch st mi t Hi lf e de r hi st or is ch en Me th
in der Au sl eg un g zu be
de n de r Au to r se lb st ve rf ol gt e. Da s he iß t ja ni ch ts an de re s,
jene n „S in n“ er ke nn en so ll ,
wi ll Go tt mi t se in em Te xt de r Me ns ch he it de nn sa ge n?
al s zu er ke nn en : Wa s wo ll te un d
eg er vo r „E in le gu ng “ ei ne s fr em de n Si nn es be wa hr t,
Darüber hi na us wi rd de r Au sl
wi rd , di e Be de ut un g un d Fu nk ti on de r Üb er li ef er un g
wenn er vo m Ko nz il an ge wi es en
se lb er be re it zu se in , in da s Ub er li ef er un gs—
im Verstehensprozeß zu bedenken und ab-
De nn di e th eo lo gi sc he He rm en eu ti k ka nn ni ch t da vo n
gesche he n ti ef er ei nz ur ii ck en .
me r au ch ei ne ki rc hl ic he Ex is te nz ist , da ß „w ah re s
'sehen, daß di e ch ri st li ch e Ex is te nz im
wi rd du rc h hi st or is ch e un d ex is te nt ia le In te rp re ta ti on ,
Verstehe n ni ch t bl oß ge wo nn en
er n du rc h ei n ge ho rs am es Hi nh ör en au f da s in de r
so wi ch ti g di es e au ch si nd , so nd
de r de n Me ns dr en un d di e ga nz e Sc hö pf un g in da s
Schrift be ze ug te Ha nd el n Go tt es ,
hi ne in zi eh en wi ll ". So we rd en si ch in de r He rm en eu ti k
Geheim ni s se in es ei ge ne n Le be ns
ti on mi t de r ex is te nt ia le n un d de r he il sg es ch id rt li ch -
der Schrift di e hi st or is ch e In te rp re ta
de r „p ol it is ch en “) " ve rb in de n mü ss en ", so ll de r
kerygmat is ch en (u nd vi el le id 1t au ch
me hr zu ta ge tr et en un d fü r di e Th eo lo gi e un d da s
„Sinn“ der He il ig en Sc hr if t im me r
Di e Do gm en ge sc hi ch te sp ez ie ll kö nn te al s Ve rs te -
Leben de r Ki rc he fr uc ht ba r we rd en .
hensgescbichte geschrieben werden. au f da s
da ß si ch di e ka th ol is ch e Th eo lo gi e im me r st är ke r
Die Ge ge nw ar t be we is t,
wo be i di es e se lb st ge ra de da be i is t, ih re n Ho ri zont
Prob le m de r He rm en eu ti k ei nl äß t,
So zi ol og ie , de r mo de rn en Li ng ui st ik un d v o m St ru k-
durch die De nk an st öß e, di e vo n de r
turali sm us au sg eh en , st ar k zu er we it er n.

ru ch de s ge sd 1i ch tl ic he n De nk en s im 19 . Ja hr hu nd er t.
'" Vgl. auch P. Hü ne rm an n, De r Du rc hb
n Wa rt en bu rg . Ih r W e g un d ih re We is un g fü r di e
]. G. Dr oy se n, W. Di lt he y, Gr af P. Yo rc k vo
aa O. 29 0— 30 4 (w ei te re Li te ra tu r) ; K. Ra bn er ‚ Zu r
Theologie (F r 19 67 ); A. Da rl ap - ]. Sp le tt ,
10 ; W. Ka sp er , Di e Me th od en gmatik 70—84; dazu
de r Do
Gesehichtlidrkeit der Theologie 88—1
noch die in Anm. 65 genannte Literatur. he n fü r di e th eo lo gi sc he He r—
vo r al le m au ch zu fr ag en : We lc he De nk an st öß e ge
"' Deshalb wä re il os op hi sc he Hi lf e-
ät sl eh re au s? He ge l un d Sc he ll in g kö nn te n da be i ph
meneutik von de r Tr in it
stellung leisten. dr —k ri ti sc he n Me th od e: Di e
]. Bl an k, Da s po li ti sd te El em en t in de r hi st or is
" Vgl. dazu et wa 19 69 ) 39 —6 0.
rc he un d Ge se ll sc ha ft (h rs g. vo n P. Ne ue nz ei t) (M ü
Funkti on de r Th eo lo gi e in Ki dn
d Zi el e de r bi bl is d' ie n He rm en eu ti k 7— 28 ; da zu no
'” Vgl. dazu F. Mu ßn er , Au fg ab en un
0— 21 1; R. Pe sc h, aa O. 24 0— 28 9 (w ei te re Li te ra tu r) .
H. SdJlier‚ aaO. 35 —6 2; ]. Sd mr be rt , aa O. 18
NACHTRAG ZUR ZWEITEN AUFLAGE

S 9. Die hermeneutische Bewegung seit Gadamer

Seit Gadamer sein für die Hermeneutik maßgebendes Werk „Wahrheit und Methode“
gesd1rieben hat, ist diese keineswegs zum Stillstand gekommen. Gadamers Werk fand
nicht bloß Zustimmung, sondern auch beachtliche, weiterführende Kritik‘. Auch die dog-
mengesdridrtlidte Reflexion selbst hat sich unterdessen der Hermeneutik angenommen.
Diese weiterführenden Denkanstöße werden im folgenden kurz und in Auswahl skizziert.

[. Hermeneutik und Universalgescbidate

Gadamer lehnt unter Hinweis auf die Endlichkeit und Unabgeschlossenheit der mensd1-
lichen Reflexion und Erfahrung den Versuch Hegels ab, ein gesamtgesdrid1tliches Ver-
stehen zu erarbeiten, also den Versuch, innerhalb des hermeneutischen Universums nach
„Anfang“ und ,Endzweck“ der Geschichte zu fragen; damit aber auch jenen Versuch,
nach dem Sinn des Ganzen verstehend zu fragen. Gerade dies aber fordert W. Pannenberg
in seiner weiterführenden Kritik an Gadamer’. Denn „der Text kann nur verstanden
werden im Zusammenhang der Gesamtgeschichte, die das Damalige mit der Gegenwart
verbindet, und zwar nicht nur mit dem heute Vorhandenen, sondern mit dem Zukunfts-
horizont des gegenwärtig Möglichen, weil der Sinn der Gegenwart erst im Lichte der Zu-
kunft hell wird." Und da zudem „die verschiedenen Sachbereidte wieder untereinander
zusammenhängen, so fordert die hermeneutische Aufgabe nicht nur Entwürfe der Ge-
schichte dieses oder jenes besonderen Sachbereichs, sondern universalgeschichtlidre Ent-
Würfe, die die wechselnden Zusammenhänge aller verschiedenen Sachbereiche umfassen.“ ‘
Ist aber überhaupt ein universalgesdxichtliches Konzept möglich? Kennen wir denn den
Anfang und das Ende bzw. den Endzwedr der Geschichte? Hegel glaubte sie in seinem
geschidrtsphilosophischen Entwurf Zu kennen (und mit ihm der Marxismus, wenn dieser
auch auf materialistischer Grundlage). „Aber die Hegelsche Konzeption der Geschichte ist
dod-x nicht die einzig mögliche“, bemerkt dazu Pannenberg 5, und verweist auf den escha-
tologisdmen Charakter der Predigt Jesu mit ihren gesd1id1tstheologisd1en Implikationen.
Dadurch sei ein „besserer Entwurf“ angeboten, der freilich damit zusammenhängt, „daß
die biblische Überlieferung den Ursprung des universalgesdmichtlichen Denkens überhaupt
bildet“ ‘. Nun kann das Ende der Geschichte „auch als ein selbst nur vorläufig bekanntes
verstanden werden, und in Reflexion auf diese Vorläufigkeit unseres Wissens vom Ende
der Geschichte wäre der Horizont der Zukunft offengehalten und die Endlichkeit mensch-

‘ Vgl. dazu vor allem den Sammelband Hermenemik und Ideologiekritik (F ’1971) mit Beiträgen
von K.-O. Apel, Cl. «1. Bormann, R. Bubner‚ H.-G. Gadamer, H. ]. Giegel, ]. Habermas; dazu
noch K.-O. Apel, Transformation der Philosophie, 2 Bde (F 1973) (mit weiteren Beiträgen zur
Hermeneutik); K. Weimar, Historische Einleitung zur literaturwissensduaftlidren Hermeneutik (T
1975); C. Zöckler, Dilthey und die Hermeneutik. Diltheys Begründung der Hermeneutik und die
Gesdiidite ihrer Rezeption (St 1975). —— Gadamers Werk „Wahrheit und Methode“ liegt unter-
dessen in 4. Auflage vor.
' ng‘li. W. Pannenberg, Hermeneutik und Universalgeschid1te: Z'I'hK 60 (1963) 90—121.
‘ E . 116.
4 Ebd. 118.
5 Ebd. 120.
' Ebd. 121.
36 Die Hermeneutik von Stileiermacber bis zur Gegenwart I/ 3c (2)

t“ un d ein Ve rs te he n übe rli efe rte r Te xt e in sac hge rec hte r We is e


licher Erfahrung gewahr
ag e ge ge nü be r Pa nn en be rg ist fre ili ch, ob sic h ein e
methodisch durchführbar". Die Fr
ich tet e He rm en eu ti k in Ab se hu ng vo n Bib el un d Th eo lo gi e
universalgesd’xidutlich ausger
t, oh ne der ges d1i cht sph ilo sop his che n Sp ek ul at io n
philosophisch überhaupt gewinnen läß
au f die he rm en eu ti sd 1e n An st öß e Pa nn en be rg s zur üdt .
zu verfallen. Wir kommen unter IV

II . Hermeneutik und ‚Kritische Theorie“

rt er Sc hu le “, ha t sic h im Na me n de r „K ri ti —
]. Habermas, eines der Häupter der „Frankfu
tw ur f Ga da me rs ge äu ße rt ". Im we se nt li ch en si nd
schen Theorie“ zum hermeneutischen En
t: l. Ga da me rs He ra us he bu ng de r Ro ll e de r
es folgende Bedenken, die Habermas verbring
se he di e kr it is ch e Fu nk ti on de r „A uf kl är un g“ ,
Überlieferung im Verstehensvorgang über
er li ef er un g au ch he rm en eu ti sc h ni ch t me hr er la ub e.
die ein ungebrochenes Verhältnis zur Üb
e es we ge n de s da mi t ve rb un de ne n Po ch en s
2. Die Herausstellung der Überlieferung mach
ve rb or ge ne He rr sc ha ft ss tr uk tu re n im Ko mm un ik a-
auf Autorität unmöglich, offene oder
re ih ei t ei ne s zu r Kr it ik er we it er te n he r-
tionsvorgang zu durchschauen. „Die Bewegungsf
de n Tr ad it io ns sp ie lr au m ge lt en de r Üb er ze u—
meneutischen Verstehens darf . . . nicht an
li ef er un g be fr ei t ni ch t im me r, sie ka nn au ch zu
gungen gebunden werden.“ Die Über
lä ru ng bef rei t. 3. Wi e di e Ti ef en ps yc ho lo gi e
Zwängen fiihren, aus denen nur kritische Aufk
Ba rr ie re n de r Ve rs tä nd ig un g un d da mi t au ch de s
zeigt, gibt es unbewußte, undurchsdxaute
us „a uc h da s Er ge bn is vo n Ps eu do ko m-
Verstehens. Ein eingespielter Konsens kann durcha
Vo ru rt ei ls st ru kt ur de s Si nn ve rs te he ns de ck t
munikation sein“ “’. 4. „Die Einsicht in die
s tat säc hli d1 he rb ei ge fü hr te n Ko ns en su s mi t de m wa hr en . Di es e
nich t di e Id en ti fiz ie ru ng de
ch e un d zu r Hy po st as ie ru ng de s Üb er li ef e—
vielmehr führt zur Ontologisierung der Spra kt i—
Au ch di e Sp ra ch e ist id eo lo gi ev er dä du ti g un d ka nn Or t fa
rungsz us am me nh an gs .“ “
sd1er Unwahrhe it un d fo rt da ue rn de r Ge wa lt sei n ".
me r gre ift tie f un d lä ßt sic h ni ch t so lei cht ab tu n. Wi r ko m-
Habermas ’ Kr it ik an Ga da
im Hi nb li ck au f da s Th em a „T ra di ti on “.
men darauf unter IV zurück, besonders

III. Hermeneutik und strukturale Linguistik

. Er ve rs uc ht , ei ne Ve rs öh nu ng vo n He rm e-
1. Hier ist zunächst Paul Ricamr zu nennen id en
Li ng ui st ik he rb ei zu fü hr en “. De r Ge ge ns at z zw is ch en de n be
neut ik un d st ru kt ur al er
sc hl os se nh ei t de r Ze ic he nw el t“ " zu ke nn en
rührt daher, daß die Hermeneutik „keine Abge
mi t ei ne m in Si di ge sc hl os se ne n, au ta rk en Un iv er su m de r
scheint, wä hr en d di e Li ng ui st ik
et . De r He rm en eu ti k ge ht es ge ra de u m di e Öf fn un g de r
Ze ic he nw el t re ch ne t un d ar be it

7 Vgl. ebd. Ga da me rs „W ah rh ei t
He rm en eu ti k un d Id eo lo gi ek ri ti k (5. An m. 1) 45 —5 6 (Z u
” Samm el ba nd au ch M. Lö se r,
15 9 (D er Un iv er sa li tä ts an sp ru d- x de r He rm en eu ti k) ; da zu
und Me th od e“ ) 12 0—
H. G. Ga da me r un d ]. Ha be rm as : St dZ 96
Hermeneutik oder Kritik? Die Kontroverse zwischen
(1971) 50—59.
° AaO. 158.
“’ Ebd. 152. “ Ebd. 153 f.
und die „Kri tisc he The ori e“ übe rha upt hat für die Gla ube ns-
12 Die Kritik Habermas’ an Gadamer re ta -
ma ch en ver suc ht in se in em Bu ch : Gl au be ns in te rp
interpretation E. Schillebeeobx fruchtbar zu
ti sc he n un d kri tis che n Th eo lo gi e (dt . MZ 19 71 ) 11 4— 17 1.
tion. Beiträge zu einer hermeneu 3).
m P. Ric azu r‚ He rm en eu ti k un d St ru kt ur al is mu s (dt . Mn 197
“’ Vgl. dazu vor alle
" Ebd. 85.
II 3 c (2) Zweite; Kapitel: Die innerkatbolisdse bermmeutiscbe Bewegung seit Vaticanum I 37

Welt der Zeid1en, um diese dem Verstehen zu erschließen. Bringt die Hermeneutik dabei
ein textfremdes Element ins Spiel? Ricceur glaubt vor allem mit Hilfe der strukturalen
Semantik von A. ]. Greimas15 die Frage vemeinen zu können, indem er mit Greimas
streng zwisd1en Lexem und Sem unterscheidet". Das „Sem“ hat es mit der Bedeutung zu
tun, und darum mit Verstehen. Bedeutungsträger sind in einem Satz die Seme, die aber
in sich häufig „mehrdeutig“ sind und erst im konkreten Satz (Kontext) „eindeutig“ wer-
den. Der Kontext hat eine Filterwirkung: „Die Auslese-Wirkung des Kontextes besteht
in einer Veränderung der Seme; und diese verstärken sich durch Wiederholung.“ “ Deshalb
bietet die konkrete Konfiguration von Lexemen und Semen in einem Text (Satz) die beste
hermeneutisdre Hilfe. Die im Text (Satz) vorhandenen Seme öffnen in der Konfiguration
des Textes diesen auf Bedeutung und damit auf Verstehen hin. Hermeneutik bleibt inner-
halb des Texte s, aber, so beto nt Rico eur andre rseit s gege nübe r den lingu istis dren Posit ivi-
sten: Kein Satz ist vom Himmel gefallen, sondern das Produkt eines Sprechers. Deshalb
wendet sich Ricmur entsddossen dem „Ich“ des Sprechers zu, untersucht die Relationen
zwisd1en Satz und Sprec her und legt den Entw urf einer Herm eneu tik des „Idi bin“ vor“ ,
bewegt von der Frage, „wie das spredxende Subjekt zu seiner eigenen Rede kommt“ “.
Dies kann hier nicht näher ausgeführt werden.
2. Der Germanist Peter Szondi beschäftigt Sidi in seiner „Einführung in die literarisd1e
Hermeneutik“ zunädm mit der Hermeneutik der Aufklärung und dann im besonderen
mit jener Sdfle ierm admr s ”. Er beton t, vor alle m gege n Dilth ey, die „Gesd iidit lidik eit“
und „Gattungszugehörigkeit“ aller zu verstehenden Texte und meint damit das ganze
Milieu, die „Atm osph äre“ , den histo risd1 en „Kon text “ der Zeit, in der ein Auto r lebte
und sein Text entstand, von denen bei der Auslegung nidtt abgesehen werden dürfe. Es
gehe nicht bloß darum, den frem den Auto r zu vers tehe n (oder gar besse r zu verst ehen als
dieser sich selbs t verst and), inde m ich mich in seine Seele „vers etze“ , sond ern ihn aus
sein em gesdt iditl id1en Kont ext hera us Zu verst ehen. Szon di rehab iliti ert dabe i Sd11e ier—
madner, der durc h Dilt hey einse itig auf eine nur „psy dmlo gisc he“ Herm eneu tik hin fest-
gelegt worden sei, die nach der „Seele“ des Autors sucht. Nad1 Szondi wird im hermeneu-
tisdien Prozeß „nad1 den Prämissen und Bedingtheiten als audi nach der Interdependenz
der Fakten, ihrer Dialektik, gefragt“ ". Auf diese Weise würde der Positivismus in der
Spradxwissenschaft überwunden und Hermeneutik selber „Instrument der Kritik“, näm-
lid] gegenüber den Versudum, einen Autor und seinen Text durch falsd1e „Aktualisierung“
zu vergewaltigen oder ihn nur „textimmanent“ auszulegen.

IV. Hermeneutik und Überlieferung

Nadi Gadamer ist Verstehen audi ein Einrüdten in den Überliefernngszusammenhang,


eine Anerkennung der Autorität der Überlieferung; Habermas hat demgegenüber auf die
aufklärende „Kritik“ hingewiesen, die im Verstehensvorgang nicht abwesend sein dürfe,
um nid1t Selbsttäusdnungen und Illusionen zu erliegen und sich nidit von einer angeblidten
„Wahrheit' manipulieren zu lasse n. Hab erm as leug net zwa r nid1 t die Rele vanz von Über —

"' A— ]. Gf?imfl$‚ Strukturale Semantik (dt. Brau 1971).


“ „Kein Sein oder keine sem-Kategorie ist . . . identisdi mit einem Lexem, das der Rede zugehört“
(aa0- 95). " Ebd. 97.
“ Vgl. ebd. 137 —17 3 („D ie Fra ge nad ! de m Sub jek t ang esi cht s der Her aus for der ung der Sem ic-
logie“)- " Ebd. 158.
’“ P» 520 fldi ‚ Ein füh run g in die lite rari sdte Her men eut ik (F 197 5) 9—1 91.
" Ebd. 190 f.
38 Die Hermmeuti/e von Sd;leiermacber bis zur Gegenwart Il 3c (2)

lieferung(en)‚ abe r er drä ngt sie doc h sta rk zur ück . Gad ame r kon zed ier t: „Un zwe ife lha fl
ist durch den Tra dit ion sbr uch [in der Auf klä run gsz eit ] und das Au fk om me n des hist ori-
schen Bewußtseins die Pra xis des Ver ste hen s mod ifiz ier t wer den .“ ” Gad ame r möc hte auc h
durch die von ihm geb rau cht e We nd un g vo m „An sch luß an die Tra dit ion “ nic ht eine r
„Bevorzugung des Herkömmli d1e n“ das Wor t red en, son der n mit ihr nur sag en, „da ß
Tradition nidit aufgeht in dem , was ma n als eig ene Her kun ft wei ß und des sen ma n sich
bewußt ist, so daß Tra dit ion nic ht in ein em adä qua ten Ges chi cht sbe wuß tse in auf geh obe n
sein kann. Veränderung von Bes teh end em ist nid 1t min der ein e Fo rm des Ans chl uss es an
die Tradition wie die Ver tei dig ung von Bes teh end em. Tra dit ion ist sel bst nur in bes tän -
digem Anderswerden“ ”.
Wer oder was wird durch die von Tra dit ion gen ähr te her men eut isd 1e Refl exi on „an -
ders“? Kann Tradit ion sel ber zu m „An der swe rde n“ ver anl ass en und zu ein em neu en und
besseren Selbstverständnis füh ren ? Es gib t nic ht nur die Auf klä run g im his tor isc hen Sin n
ße Tra dit ion , wie sie in Tex ten vor lie gt, übt aud i die
( 18. ]ahrhundert), sondern jede gro
Funktion von Aufklärung und Kri tik im bes ten Sin n des Wor tes aus . So bew ahr en etw a
die platonisd1en Dialog e bis heu te jen en, der sich ihn en ern sth afl stel lt, vor de m Ver fal l
nde Gef ahr für die Wel t dars tell t. Der Tex t der Gen esi s
an die Sophistik, die eine bleibe
Wel t als cre atu ra aus leg t und die gru nds ätz lic he Unt ers d'i eid ung
weist dadurch, daß er die
ra ver kün det , den Men sd1 en in sei n wah res Sel bst ver stä ndn i5e in.
von creator und creatu
Pro phe ten hat Akt ual itä t für jed e Epo che der Ges chi cht e,
Die Kritik der alttestamentlichen
Her rsc haf tss tru ktu ren in der Wel t ang eht “. Das
gerade was die Erkenntnis ungerechter
den Men sch en zu m Um -D en ke n füh ren , d. h. zu ein er wel t-
Evangelium will zu jeder Zeit
Tra dit ion inf orm ier t dar übe r hin aus übe r „An -
und selbstkritischen Haltung. Die biblisd1e
der Wel t und ihr er Ges chi cht e und ver sch aff t so ein en
fang“ und „Ende“ („Endzweck“)
Men sch en, der sich ohn e das Wis sen um Anf ang
universalen Verstehenshorizont fiir den
Wel t rich tig ver ste hen kan n “. Das len kt die Auf mer k-
und Ende gar nicht selber in seiner
For der ung Pan nen ber gs, daß die Her men eut ik
samkeit zurüds auf das Berechtigte an der
Hor izo nt bew ege n müs se. We nn das Ne ue Tes tam ent
Sidi in einem universalgesdridrtlid1en
ung der chr ist olo gis che n Übe rli efe run g so
gerade das anfängliche Verstehen für die Ausleg
s ihr von Anf ang an geh ört hab t, soll in euc h
stark betont (vgl. etwa 1 Job 2, 24: „Wa
rek urr ier t, etw a im Hin bli ds auf die Bez eug ung des
bleiben!“) und auf den „Anfang“
Aug enz eug en war en, so die nt die s nic ht der
Lebens Jesu durch jene, die „von Anfang an“
en“ , son der n wil l ger ade das Ver ste hen bei
Festmachung veralteter „Herrsd1af’tsstruktur
ste hen Suc hen den in jen e „In ter pre tat ion sge mei nsd ’ta f’t “
seiner Sache halten und den Ver
cht und die nur dur ch die Tre ue zu m maß geb en-
einreihen, die bis in den Anfang zurüdtrei
iert . So wir d die Tra dit ion sel ber zur auf klä ren den
den Anfang ihre Identität nicht verl
zur kri tis che n Ins tan z geg enü ber ihr er eig ene n
Kritik und der Rekurs auf ihren „Anfang“
Ver irr ung en. Tad iti on ist auc h Her aus for de-
„Wirkungsgeschichte“ mit ihren möglid1en
der rec hte n Wei se in die Zuk unf t ein, wei l sie
rung! " Ihre Berüdtsid1tigung weist auch in

” Hermeneutik und Ideologiekritik, 299.


” Ebd. 307.
und Gegenwartskritik. Grundzüge prophe-
" Vgl. dazu etwa W. H. Sdmn'dt, Zukunl’tsgewißlmit
tische r Ve rk ün di gu ng (Bi bl. St ud . 64 ) (N eu ki rc he n 197 3).
Pb. De ss au er , De r An fa ng un d da s En de . Ei ne the o-
" Vgl. dazu das leider vergessene Buch von an n, An fa ng
es da id lt e (L 19 39 ); fe rn er Cl . \V es te rm
logische und religiöse Betrachtung zur Heilsg
und Ende in der Bibel (St 1969). _ ‚
” Vgl. ]. Pieper, Trad itio n als Hera usfo rder ung (Mn 1963 ); R. Scha effl er, Die Reli gion slmt lk
sucht ih re n Par tne r. Th es en zu ein er er ne ue rt en Ap ol og et ik (Fr 197 4).
II 3 c (2) Zweites Kapitel: Die innerkatbolisdn bermeneutiscbe Bewegung seit Vaticanum I 39

vor einem absoluten „Bruch“ mit dem Bisherigen bewahrt und den Menschen in dem ihm
gem äße n Kon tin uum belä ßt, ohn e sein en Weg in die Frei heit zu verh inde rn. Den n es gibt
nichts absolut „Neues“ in der Geschichte. Tradition macht das diachrone Miteinander der
Menschheit bew ußt . Dar um geli ngt Her men eut ik nur in die sem Mite inan der; nur in ihm
stell t sie Heil kräl ’te für die Zuk unf t frei, aber so, daß sie das „En de“ , das nach der pro phe -
tischen Ansage der Bibel mit analogielosen Katastrophen verbunden sein wird, nicht aus
dem Auge verliert.

V. Hermeneutik und Dogmengesdaicbte

Unterdessen hat die dog men ges chi cht lic he Refl exi on selb er sich auf die Her men eut ik be-
sonnen ". Nac h der Vor lag e ver sch ied ene r her men eut isc her Ent wür fe kom mt A. Gril l-
meier zu dem Ergebnis, „daß wir sehr weit davon entfernt sind, Hermeneutik nach den
älteren Auf fas sun gen als ein e Sam mlu ng tech nisc her Reg eln der Tex tin ter pre tat ion zu
ver ste hen “ ”. Es geh t dar um, „da s Alt e im Neu en fru cht bar zu mac hen und das Neu e zum
Schlüssel zu den Sch ätz en des alt en Gla ube ns zu mac hen “ ”. Es gilt im bes ond ere n, die
„Gesd1ic htli chke it“ des Dog mas zu bed enk en, sei nen Aus sag eho riz ont im Kon tin uum der
Tradition abzuschre ite n und so den „Si nn“ des Dog mas ger ade im Hin bli dt auf sein e
„Wirkungsges dti cht e“ dem Ver ste hen des Men sd’ xen uns ere r Zeit zug äng lic h zu mac hen .
Jed es Dog ma impl izie rt auc h Aus sag en übe r den Men sch en. Von die sem ant hro pol ogi sch en
Verständnishorizon t her ver mag bei rech ter Anw end ung der Her men eut ik auc h ein Weg
zur gött lich en Wah rhe it des Dog mas zu füh ren , in der der Men sch sein wah res Wes en
erfährt. Damit bleibt Her men eut ik letz tlic h ein Vor gan g per son ale r Int era kti on, ver mit —
telt im kirc hlid a-th eolo gisd ten Ber eic h Beg egn ung von Per son zu Per son , des Men sd1 en
mit dem trin itar isch en Got t. Das Dog ma, geb ore n aus der krit isdt en Gla ube nsr efle xio n
der Sprach- und Int erp ret ati ons gem ein sdt afl, die sich „Ki rch e“ nen nt, wir d als leg iti me
Ausleg ung des „An fan gs“ erk ann t; es ist ein Ges prä d'x mit dem Anf ang und in sein er
Wirkungsgesduic bte ein fort gese tzte r, in die Zuk unf t wei sen der Dia log mit ihm . Den n
das trinitar iseh e, dui sto log isc he und ekkl esio logi sche bzw . mar iol ogi sch e Dog ma spri cht
als solches auch über die Zukunft: in den trinitarischen Prozessen, in die der Mensch durch
die Gnade ein bez oge n wir d, spie gelt sich der „En dzw eck “ der Ges chi cht e ab! Die dial o-
gisch-kr itis dte Rüd tbe sin nun g auf den maß geb end en Anf ang besi tzt dab ei nat urg emä ß
auch ökumenische Perspektiven “.

" Vgl . vor all em A. Gril lmei er, Mod ern e Her men eut ik und altk irch lich e Chri stol ogie : dem , Mit
ihm und in ihm. Christologische Forschungen und Perspektiven (Fr 1975) 489—582; W. Pannen-
berg, Ube r hist oris d1e und theo logi sche Her men eut ik: den ., Gru ndf rag en sys tem ati sch er The olo gie .
Gesammelte Aufsätze (Gö 1967) 123—158; dazu noch P. Sd)oonenberg, Die Interpretation des
Dogmas (MZ 196 9); E. Sim ons -K. Hec ker , The olo gis che s Ver ste hen . Phi los oph isc he Pro leg ome na
zu einer theologischen Hermeneutik (D 1969); E. Biser, Theologische Spradutheorie und Herme-
neutik (Mu 1970); E. Schillebeeokx, Glaubensinterpretation. Beiträge zu einer hermeneutischen und
kritisd1en Theologie (Mz 1971); A. Ger/een, Begriff und Problematik der Hermeneutik: FStud 53
(1971) 1—14; H. Schalüok, Glaube —— Dogma — Theologie. Zum hermeneutischen Ansatz theolo-
gis die n Spr ech ens und Den ken s: ebd . 15— 48; L. Sd: efic zyk ‚ Dog ma der Kir che — heu te nod i ver -
stehbar? Gru ndz üge eine r dog mat isd nen Her men eut ik (Ber lin 197 3); K. Leh man n, Übe r das Ver -
hältnis der Exegese als historisdx-kritischer Wissenschaft zum dogmatischen Verstehen: R. Pesch -
R. Sdmadrenburg (Hrsg.), Jesus und der Menschensohn (Festschrifl für A. Vögtle) (Fr 1975) 421 bis
434.
” Aa0. 526. " Ebd. 527.
” Vgl. zu den Schlußiiberlegungen ebd. 528—582.