Sie sind auf Seite 1von 88

Klimastadt

© Brigitte Kreuzwirth/Pixelio

Stadtplanung

Stadtentwicklungsplan Klima
KONKRET
Klimaanpassung in der Wachsenden Stadt
Stadtentwicklungsplan Klima
KONKRET
Klimaanpassung in der Wachsenden Stadt
StEP Klima KONKRET 2016 | Inhalt

Inhalt

Vorwort 7

1. Zusammenfassung 8

2. Einführung 10

3. Klimaanpassung in Berlin 14

4. Leitthemen der Anpassung 18

5. Anpassungsmaßnahmen optimieren 28

6. Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen 50

7. Ausblick 80

8. Referenzprojekte in Berlin – Übersicht 86

9. Literatur 88

5
StEP Klima KONKRET 2016 | Vorwort

Vorwort

In Berlin lebt man gut. Dass das so bleibt, liegt in unserer Hand. Wir müssen heute die Stadt
an das Klima von morgen anpassen. Klar ist: Der Klimawandel hat spürbare Folgen. Die
Sommer in Berlin werden heißer, und es wird häufiger wolkenbruchartigen Regen geben.

Deshalb gilt es, die Wachsende Stadt so zu gestalten, dass einerseits die Menschen (und die
Natur selbst) lange Hitze gut und ohne große Belastung überstehen und dass andererseits
starker Regen nicht mehr zu Überflutungen führt und dadurch Keller, Erdgeschosse und
U-Bahnhöfe unter Wasser setzt. Dazu braucht es ein durchdachtes Regenwassermanage-
ment, angenehm kühle, schattige Rückzugsorte und viel Grün, das auch bei ausbleibendem
Regen genug Wasser bereithält, um durch Verdunstung zu kühlen.

„Viel Grün“ heißt nicht, dass Berlin nicht mehr bauen soll! Im Gegenteil: Die Stadt wächst –
und für die Menschen wie für die Umwelt ist es am besten, wenn Berlin dabei möglichst
wenig neue Flächen verbraucht und eine Stadt der kurzen Wege bleibt.

Die soziale, wachsende Stadt weiterzubauen, birgt die Chance, sie schneller und nachhalti-
ger anzupassen. Dass es so viele Menschen nach Berlin zieht, beschert unserer Stadt auch
mehr Einnahmen, mehr Wirtschaftskraft und neue Ideen. Und wo viel gebaut und umge-
baut wird, damit Wohnungen entstehen, lassen sich Anpassungsmaßnahmen gleich miter-
ledigen – ohne allzu viel Aufwand, im Huckepack.

Wie das geht, zeigt der StEP Klima KONKRET mit detaillierten und konkreten Hinweisen
dafür, welche Maßnahmen in welcher Umgebung am sinnvollsten sind. Alle, die bauen,
sollten von diesem Werkzeug- und Ideenkasten der Klimaanpassung regen Gebrauch
machen.

Damit die Lebensqualität in Berlin für alle auf Dauer so hoch bleibt, wie sie ist.

Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup Christian Gaebler


Staatssekretär für Bauen und Wohnen Staatssekretär für Verkehr und Umwelt

7
1. Zusammenfassung

StEP Klima KONKRET ergänzt den Stadtentwicklungsplan Es gilt, die Oberfläche der Stadt umzubauen. Gebäude, Höfe,
Klima von 2011. Er vertieft und profiliert dessen Inhalte (die Straßen, Plätze und Grünflächen sollen – nach dem Prinzip
weiter Gültigkeit haben) und liefert Handreichungen für die der Schwammstadt – auch starke Niederschläge aufnehmen.
Praxis. Dabei fließen jüngste Erkenntnisse aus Forschungs- Notwasserwege leiten Überschüsse aus Wohn- und Gewer-
und Pilotprojekten zur Anpassung an die Folgen des Klima- bequartieren auf weniger sensible Flächen. Von dort fließen
wandels auch aus Berlin ein. sie verzögert ab. Dächer und Urban Wetlands speichern Was-
ser sogar länger – als Ressource für sommerliche Trocken-
Am Leitbild der kompakten Stadt ändert sich nichts. Aufga- perioden.
be der Berliner Stadtentwicklung ist es, das Wachsen der
Stadt von negativen Folgen zu entkoppeln. Eine weitere Konkretisierung nach Bebauungsstruktur
Verdichtung steht der Anpassung nicht entgegen. Dass viel Die Anpassung zu bündeln erschließt Synergien: Maßnah-
gebaut wird, eröffnet sogar die Chance, Anpassungsmaß- men greifen am besten, wo sie systemisch zusammenwirken
nahmen im größeren Umfang zu realisieren: „im Hucke- und auf den Ort abgestimmt sind. Deshalb entwickelt StEP
pack“. Klima KONKRET Maßnahmen- und Strategiebündel für sie-
ben in Berlin gängige Baustruktur- und Flächentypen, zum
Fokussierung auf Hitze und Überflutung Beispiel verdichtete Blockrandbebauung, Geschosswoh-
Urbane Hitze (Hitzetage/Tropennächte) und urbane Über- nungsneubau und Straßen und Plätze.
flutung (nach Starkregen) sind Kernaufgaben der Anpas-
sung: Beide Wetterextreme werden durch den Klimawandel Anpassung einbinden
in Berlin häufiger auftreten. Sie zu bewältigen ist essenziell, Um die Umsetzung zu beschleunigen, setzt StEP Klima
um die Lebensqualität in der Stadt zu sichern. Die hitzean- KONKRET auf Integration. Ziel ist eine Anpassung in Form
gepasste Stadt und die wassersensible Stadtentwicklung von No-Regret-Maßnahmen, die auch ohne den Klimawan-
werden zu Leitthemen. del sozial, ökonomisch und ökologisch sinnvoll sind. Deshalb
benennt StEP Klima KONKRET auch Instrumente und Wege,
Schlüsselstrategien gegen die urbane Hitze sind: durchlüf- um die Anpassung auf allen Planungsebenen in Prozesse,
ten, verschatten, Rückstrahlung erhöhen, durch Verduns- Programme und Projekte einzubinden.
tung kühlen. Neubauten sollen Wege für den Luftaustausch
offen lassen, Architektur und Bäume Schatten spenden und Die Anpassung verlangt zudem einen interdisziplinären An-
helle, glatte Oberflächen von Bauten und Flächen ein Auf- satz: Sie geht alle Fachbereiche an – vom Wohnungsbau bis
heizen verhindern. Neue Wohlfühlräume entstehen. zur Verkehrs- oder Abwasserplanung. Referenzprojekte die-
nen als Vorbilder und Pilotvorhaben. Beispiele und Berech-
Vor allem aber gilt es, die kühlende Verdunstung zu intensi- nungen liefern Argumentationshilfen, um die Akzeptanz von
vieren. Diese Aufgabe übernehmen Bäume, Urban Wetlands Anpassungsmaßnahmen zu erhöhen.
(städtische Feuchtgebiete), Vegetation und Böden, die dazu
ausreichend mit Wasser versorgt sein müssen. Das ist nicht
auf die öffentlichen und privaten Freiflächen beschränkt.
Dächer und Fassaden spielen eine ebenso wichtige Rolle; im
Straßenraum können Verdunstungsbeete oder entsiegelte
Seitenstreifen die Kühlung unterstützen.

Die Schlüsselstrategien der wassersensiblen Stadtentwick-


lung lauten: versickern, verdunsten, speichern, zurückhalten
und über Notwasserwege ableiten. Das entlastet auch die
Mischwasserkanalisation, verhindert Überläufe und kommt
so den Gewässern zugute.

8
StEP Klima KONKRET 2016 | Zusammenfassung

Abstract

StEP Klima KONKRET complements 2011’s Urban Develop- It is likewise necessary to rebuild the city‘s surfaces. Build-
ment Plan Klima. It elaborates upon and profiles its contents ings, courtyards, streets, plazas and parks must – based on
(which are still valid) and provides practical recommenda- the principle of the sponge city – be able to absorb heavy
tions. Recent research and pilot projects, some of which are rainfall. Emergency runoff channels drain surplus water
in Berlin, are also part of the new plan. from residential and commercial areas to less sensitive ar-
eas. From there it can drain off at a reduced, delayed rate.
The principle of a compact city remains unchanged. The task Roofs and urban wetlands store water for longer periods of
of Berlin‘s urban development is to decouple the city‘s time – thus serving as a resource for summer droughts.
growth from any unwanted consequences. This new plan
amendment is not, however, intrinsically opposed to greater Specification according to Building Structure
density. Increasing growth even presents the city with the Bundling adaptation measures leads to synergistic effects:
opportunity of implementing adaptation measures on a Measures will be the most effective when they function to-
larger scale, i.e. through ‚piggybacking‘. gether systematically and are adapted to a particular site.
For this reason, StEP Klima KONKRET is developing packages
Focusing on Heat and Flooding of measures and strategies for seven building structures and
Dealing with urban heat (hot days/tropical nights) and urban surface types commonly used in Berlin, e.g., closed perime-
flooding (after heavy rain) is a core task of adaptation, as ter development, multi-story residential development and
both extreme weather events will occur more frequently in streets and plazas.
Berlin due to climate change. Being able to cope with them
is an essential part of providing the desired quality of life in Integrating Adaptation
the city. Creating a heat-adapted city and achieving water- In order to accelerate implementation, StEP Klima KONKRET
sensitive urban development are therefore fundamental emphasises integration. The goal is adaptation in the form
issues. of no-regret measures that would make social, economic
and ecological sense even without climate change. StEP
Key strategies for dealing with urban heat are ventilation, Klima KONKRET is therefore developing tools and ways of
shading, increased reflection, and cooling through evapora- integrating adaptation measures in processes, programmes
tion. New buildings must leave paths open for air exchange, and projects at all levels of planning.
while architecture and trees provide shade and prevent the
heating-up of the light, smooth surfaces of buildings and Adaptation also requires a multi-disciplinary approach: This
surfaces. New, comfortable spaces will be created. It is espe- concerns a variety of sectors – from housing to transport
cially important to increase cooling through evaporation. and wastewater planning. Reference projects serve as mod-
This crucial task is performed by trees, urban wetlands, veg- els and pilot projects. Examples and calculations provide
etation and soil, all of which must be provided with sufficient supporting arguments in order to increase the acceptance
amounts of water. This is not limited to public and private of adaptation measures.
open space, however. Roofs and façades play an equally im-
portant role, and in streets evaporation beds and permeable
verges can assist cooling efforts.

Key strategies for water-sensitive urban development are


percolation, evaporation, storage, retention and drainage
using emergency runoff channels. This also provides relief
for combined sewer networks, prevents overflows and is
beneficial for ponds and lakes.

9
2. Einführung

Informationen zu Stadtentwicklung Zum Ansatz


und Klimaanpassung der Senatsver-
waltung für Stadtentwicklung und Berlin wächst. Das stärkt und bereichert die Das Stadtwachstum von etwaigen negati-
Umwelt:
Stadt. Die Stadtentwicklung hat die Aufga- ven Folgen zu entkoppeln, hat große Bedeu-
Stadtentwicklungsplan Klima (2011) be, dieses Wachstum zu gestalten. Dabei tung, weil Berlin ohnehin vor der Herausfor-
Klima im Wandel – Berlin passt geht es um Quantität und Qualität gleicher- derung steht, sich an die unvermeidbaren
sich an (2011) maßen. Die Kernfrage der sozialen, wach- Folgen des Klimawandels anzupassen. Wie
Klimaanpassung für Berlin – senden Stadt lautet: Wie lässt sich die bau- also kann man die Stadt so weiterbauen
Maßnahmen und Beispiele (2014)
liche Verdichtung so bewältigen, dass die und verdichten, dass klimatische Funktio-
www.stadtentwicklung.berlin.de hohe Lebensqualität in Berlin gesichert nen und soziale Qualitäten gewahrt und
 Planen
 Planung
bleibt und sogar mitwächst? verbessert werden?
 Stadtentwicklungspläne
 StEP Klima
 Download 2011 hat der Senat den Stadtentwicklungs-
plan Klima (kurz: StEP Klima) beschlossen.
Seither ist viel geschehen.

„ Um Fachwelt und Öffentlichkeit zu in-


formieren und für das Thema der An-
passung an den Klimawandel zu sensi-
bilisieren, hat die Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung und Umwelt den StEP
Klima als Broschüre veröffentlicht und
mehrere Workshops durchgeführt.
„ Drei weitere Publikationen haben aus-
gewählte Maßnahmen – unter anderem
im Wohnungsneubau der landeseige-
nen Wohnungsunternehmen – als erste
Best-Practice-Beispiele vorgestellt.
„ Das Fachwissen über konkrete Anpas-
sungsmaßnahmen hat sich weiterent-
wickelt.
„ Vor allem aber hat das starke Wachs-
tum der Stadt die Rahmenbedingungen
Stadtentwicklungsplan Klima der Stadtentwicklung verändert.
Urbane Lebensqualität im Klimawandel sichern

Fünf Jahre nach dem Beschluss des StEP


Klima besteht deshalb die Notwendigkeit,
das Planwerk zu vertiefen und zu ergänzen.
Die soziale, wachsende Stadt soll klimaan-
gepasst entwickelt werden, um eine lebens-
werte Umwelt zu bewahren.
Stadtplanung

Klimaanpassung für Berlin


Maßnahmen und Beispiele

10
StEP Klima KONKRET 2016 | Einführung

Herausforderung Wachsende Stadt führen. Umso dringlicher ist es, konkrete


Von 2011 bis 2014 ist die Bevölkerung Ber- und praktikable Lösungen zur Klimaanpas-
lins um 175.000 Menschen gewachsen. sung aufzuzeigen.
Nach der neuen Bevölkerungsprognose
wird Berlin bis 2030 um weitere 266.000 Konkrete praktische Umsetzung
Menschen wachsen. Szenarien der Senats- Welche praktischen Erfahrungen in der
verwaltung für Stadtentwicklung und Um- Stadtplanung gibt es? Wie lässt sich die
welt gehen davon aus, dass zusätzlich von noch immer relativ neue Aufgabe der An-
2015 bis 2020 zwischen 94.000 und 174.000 passung an die Folgen des Klimawandels im
Flüchtlinge im Saldo dazukommen könn- konkreten Planungsalltag von Senat und
ten. Dies könnte Berlins Einwohnerzahl be- Bezirken etablieren?
reits bis zum Jahr 2020 auf bis zu 3,846 bis
3,926 Millionen Menschen anwachsen las- Neue Erkenntnisse
sen. Mit diesem Bevölkerungswachstum Das Wissen zur Anpassung an den Klima-
gehen Neubauaktivitäten (für Wohnungen, wandel ist rapide gewachsen. Allgemeine
Arbeitsstätten und Infrastruktureinrichtun- Aussagen wie „Viel Grün hilft viel“ lassen
gen) einher, wie sie Berlin seit Jahrzehnten sich heute differenziert präzisieren und in
nicht mehr erlebt hat. 2015 wurden erst- konkrete stadtplanerische Verfahren und
mals seit 20 Jahren mehr als 10.000 neue Instrumente der Stadtentwicklung über-
Wohnungen fertiggestellt – Tendenz deut- setzen. Deshalb gilt es, die neuen Erkennt-
lich steigend. Die daraus resultierenden nisse und Erfahrungen aus Wissenschaft
Nachverdichtungen könnten besonders in und Praxis für Berlin zu nutzen und ihre
der ohnehin schon hochverdichteten Innen- konkrete Anwendbarkeit in der Planung zu
stadt zu weiteren klimatischen Belastungen prüfen.

Zur Einordnung
Der StEP Klima wird – als gültiger Senatsbe- StEP Klima KONKRET präsentiert dabei nie
schluss – unverändert als informelles Pla- nur die eine richtige Lösung, sondern zeigt
nungsinstrument Anwendung finden; bei- immer ein Bündel von Möglichkeiten auf, in
spielsweise als Abwägungsgrundlage für einer konkreten Situation vor Ort die An-
Wohnungsneubau und Klimaanpassung
die bezirkliche Bauleitplanung. passung an den Klimawandel zu realisieren. Treskow-Höfe, Berlin, Lichtenberg

StEP Klima KONKRET ergänzt den Stadtent-


wicklungsplan und

„ greift neue Leitthemen auf und arbeitet


diese so konkret aus, dass sie praktisch
anwendbar werden;
„ konkretisiert sinnvolle Maßnahmen
praxisgerecht für unterschiedliche
Stadtstruktur- und Flächentypen;
„ liefert eine Argumentationshilfe zur
Umsetzung von Maßnahmen der An-
passung an den Klimawandel und er-
höht deren Akzeptanz;
„ zeigt an Referenzprojekten, wie Klima-
anpassung in der wachsenden Stadt
gelingen kann.
© HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft mbH, Ligne Architekten, Cramer Neumann Architekten

11
Klimaanpassung als integrative Strategie
Die Anpassung an den Klimawandel wird sourcen und die Aufgabe, CO2-Emissionen
weder als losgelöstes Projekt noch über ein zu minimieren, nach wie vor unverzichtbar
eigenes Förderprogramm gelingen. Ihre ist. Bereits der StEP Klima hat Strategien
Maßnahmen müssen in die Projekte des vorgeschlagen, um Konflikte zwischen Dich-
Wohnungsbaus und der Gewerbeentwick- te und Klimaanpassung zu entschärfen.
lung, der Verkehrsplanung und der Grün- StEP Klima KONKRET denkt diese Strategien
flächengestaltung, des Ausbaus der Infra- weiter und konkretisiert sie.
struktur und der Stadtentwässerung integ-
riert sein. Damit rücken die Schnittstellen in Zudem nimmt der StEP Klima KONKRET
den Blickpunkt. direkten Bezug auf den Stadtentwicklungs-
plan Wohnen 2025: Dieser formuliert als
StEP Klima KONKRET zeigt Wege, wie Klima- Leitlinie 7: „Berlin entwickelt sich baulich
anpassung im Huckepack, also in Form von und ökologisch im Gleichgewicht.“ Das
No-Regret-Maßnahmen in allen Ressorts schließt die Anforderung ein, die Stadt so
und Bereichen der Stadtentwicklung ver- weiterzuentwickeln, dass negative Wirkun-
wirklicht werden kann. gen des Klimawandels vermieden werden.
Dieser doppelte Anspruch beschreibt den
Am Leitbild der kompakten Stadt und der Spannungsbogen zwischen Wohnungsneu-
Stadt der kurzen Wege ändert sich nichts – bau und Klimaanpassung.
schon allein, weil dieses Leitbild für den Kli-
Hitzeperiode in der Großstadt
Berlin, Prager Platz maschutz, den bewussten Umgang mit Res-

© ullstein bild - Schöning

12
StEP Klima KONKRET 2016 | Einführung

Zu den Inhalten
Zwei Leitthemen Empfehlungen zur Optimierung
Der Sommer 2015 hat illustriert, was als StEP Klima KONKRET zeigt, wie sich be-
Folge des fortschreitenden Klimawandels kannte Anpassungsmaßnahmen (etwa
auf Berlin zukommen dürfte: lange som- Dach- oder Fassadenbegrünungen) in ihrer
merliche Hitze, die gerade in hochverdich- Wirkung optimieren lassen und welche
teten Innenstadtquartieren unangenehm Maßnahmen sich für bestimmte Orte be-
ist und die Gesundheit belastet, und zudem sonders eignen. Dabei stehen in Berlin gän-
eine Verschmutzung der Flüsse und Seen, gige Stadtstrukturund Flächentypen im
weil Starkregenereignisse die Kanalisation Fokus.
zum Überlaufen bringen und so einen
Schwall an Schmutzfracht in die Gewässer Ergebnis ist ein Bündel von Maßnahmen,
transportieren. Fischsterben sind das au- die je nach konkreter Situation kombiniert
genfälligste Anzeichen dieses Phänomens. und in ihrer Intensität variiert werden kön-
nen. Ausgewählte Referenzprojekte in Ber-
Beide Wetterextreme, Hitzeperioden und lin und gute Beispiele andernorts zeigen,
Starkregen, schmälern die urbane Lebens- wie die Anpassung an den Klimawandel in
qualität gerade in der Innenstadt und ma- der Praxis aussehen kann.
chen eine gezielte Anpassungsstrategie
unabdingbar. StEP Klima KONKRET konzen- Abschließend benennt StEP Klima KONKRET
triert sich deshalb vorrangig auf Stadtge- detaillierte Instrumente und Wege, mit de-
biete, die besonders stark von den Folgen nen sich Maßnahmen zur Klimaanpassung
des Klimawandels betroffen sind, und wid- in alltäglichen Planungsprozessen veran-
met sich den beiden Leitthemen hitzeange- kern lassen.
passte Stadt und wassersensible Stadtent-
wicklung.

Erkenntnisse aus
anderen Projekten
StEP Klima KONKRET baut auf vorhandenen
Starkregenereignis in Berlin:
Analysen (etwa zur Vulnerabilität) und auf Prager Platz

den vier Handlungsfeldern des StEP Klima


auf (Bioklima, Städtisches Grün, Gewässer-
qualität und Starkregen, Klimaschutz).
Gleichzeitig stellt das Planwerk den Bezug
zu anderen aktuellen Projekten her, die sich
Aspekten des urbanen Klimawandels wid-
men. Stellvertretend genannt seien hier das
Klimaschutzteilkonzept Anpassung an die
Folgen des Klimawandels in Berlin (AFOK)
und das Klimamodell Berlin, eine GIS-ge-
stützte Modellierung von stadtklimatisch
relevanten Kenngrößen auf der Basis hoch-
aufgelöster Gebäude- und Vegetationsda-
ten (Aktualisierung der Karte 04.11 Pla-
nungshinweise Stadtklima im Umweltatlas
Berlin). Kapitel 3 beschreibt diese und wei-
tere Projekte und ordnet ein, was ihre Er-
gebnisse jeweils für den Klimaanpassungs-
prozess in Berlin bedeuten. © bgmr

13
3. Klimaanpassung in Berlin

Die große Zahl an Projekten und For- aus Planungshinweise abzuleiten. Das
schungsvorhaben in aller Welt zeigt, wie AFOK modelliert das künftige Klima Berlins,
relevant und aktuell die Anpassung an den ermittelt die Betroffenheit (Vulnerabilität)
Klimawandel ist. Die Senatsverwaltung für und entwickelt auf dieser Grundlage Maß-
Stadtentwicklung und Umwelt wird der nahmenkataloge für mehrere Handlungs-
Dringlichkeit des Themas mit einer über- felder der Klimaanpassung.
greifenden Anpassungsstrategie für Berlin
gerecht. StEP Klima KONKRET setzt den Schwer-
punkt auf die Anpassung in der wachsenden
StEP Klima KONKRET ist ein Baustein dieser Stadt im Klimawandel und zeigt, wie eine
Strategie. Die beiden weiteren Bausteine resiliente Stadtentwicklung die Lebensqua-
sind das Klimaschutzteilkonzept Anpas- lität in Berlin nachhaltig sichern kann.
sung an die Folgen des Klimawandels in Ber-
lin (AFOK) und das Klimamodell Berlin mit Daneben ist die Senatsverwaltung in weite-
der dreigeteilten Planungshinweiskarte. ren Projekten aktiv, in denen das Thema in
Berlin bearbeitet wird.
Im Klimamodell Berlin geht es darum,
Projektlandschaft zur Klimaanpassung blockgenau die heutige stadtklimatische
Die Anpassungsstrategie für Berlin im
Kontext (Auswahl) Situation Berlins zu beschreiben und dar-

UCaHS
Stadtklima und Hitzestress in
Städten der Mittelbreiten in
Anbetracht des Klimawandels
2012 bis 2015
DFG-Forschungsgruppe (TU Berlin, Climate Metropole +
KURAS HU Berlin, PiK, UdK, FU Berlin, Initiative im Netzwerk Metropolis
Konzept für urbane Regenwasserbe- Charité) 2012 bis 2016
wirtschaftung und Abwassersysteme
Barcelona, Marseille,
2013 bis 2016
Berlin (Präsidentschaft),
SenStadtUm, TU Berlin, KWB, BWB,
SenStadtUm,
difu, UBA, GEO-NET u. a. (gefördert
vom BMBF) Stadtentwicklungsplan Austauschplattform +
Klima Berlin No-Regrets-Charta
Konzept zur Anpassung KONKRET
an die Folgen des
Klimawandels - AFOK
Klimamodell Berlin
NACLIM
North Atlantic Climate KiezKlima
FP7 Collaborative Project – Partizipative Entwicklung von
Impact on urban societies Klimaanpassungsmaßnahmen im
2012-2017 Berliner Brunnenviertel
EU-Kommission / Almada, Antwerpen, 2014 bis 2017
UrbanRain
Berlin BMUB, L.I.S.T., TU Berlin, degewo
Urban rainwater harvesting from
SenStadtUm
niche to mainstream: challenges
and opportunities for planning
2014 bis 2017
Internationale Forschungsgruppe,
u. a. mit IRS

© SenStadtUm/bgmr 2016

14
StEP Klima KONKRET 2016 | Klimaanpassung in Berlin

Klimaanpassung in Planwerken
Eine Reihe von Planwerken dokumentiert Die Analyse dieser Planwerke zeigt:
die aktuellen Ziele und Strategien der Berli-
ner Stadtentwicklung. In absteigend chro- „ Anders als der Klimaschutz spielt die
nologischer Reihenfolge sind das: Anpassung an den Klimawandel in älte-
ren Planwerken, wenn überhaupt, dann
„ Landschaftsprogramm Berlin ein- nur eine untergeordnete Rolle. Wo das
schließlich Artenschutzprogramm Thema genannt wird, bleibt es bei sehr
(2016) allgemeinen Aussagen.
„ Flächennutzungsplan Berlin (2015) „ In jüngeren Planwerken wird die Rele-
„ BerlinStrategie | Stadtentwicklungs- vanz der Klimaanpassung stärker her-
konzept Berlin 2030 (2015) ausgestellt. Konkrete Handlungsemp-
„ Machbarkeitsstudie Klimaneutrales fehlungen, die sich daraus für den
Berlin 2050 (2014) jeweiligen Bereich ergeben, fehlen je-
„ StEP Wohnen 2025 (2014) doch auch hier.
„ Berliner Strategie zur biologischen „ Räume mit besonderem Bedarf an und
Vielfalt (2012) Möglichkeiten zur Klimaanpassung
„ Strategie Stadtlandschaft Berlin werden in keinem Bericht aufgezeigt.
(2011) „ Eine Ausnahme ist die Fortschreibung
„ StEP Verkehr (2011) des Landschaftsprogramms (LaPro).
„ StEP Industrie und Gewerbe (2011) Das LaPro ruft das Thema explizit auf
„ StEP Zentren 3 (2011) und formuliert Ziele und Maßnahmen
„ Planwerk Innere Stadt (2011) der Klimaanpassung entsprechend sei-
„ Planwerk Südostraum (2009) nem Planungsmaßstab.
„ Planwerk Nordostraum (2006) „ In der Machbarkeitsstudie Klimaneut-
„ Planwerk Westraum (2004) rales Berlin 2050 wird auf die Wechsel-
„ Abwasserbeseitigungsplan Berlin beziehung von Klimaschutz und Klima-
(2001) anpassung hingewiesen.

Klimaanpassungsstrategie Berlin
Zentrale Instrumente der Anpassungsplanung

Stadtentwicklungsplan
Klima Berlin
Konzept zur Anpassung
KONKRET
an die Folgen des - Leitthemen, Strategien, Maßnahmen
Klimawandels – AFOK - wassersensible Stadtentwicklung
- hitzeangepasste wachsende Stadt
- Klima Berlin Projektion 2050/2100
- Vulnerabilität der Stadt
- übergreifende Handlungsfelder der
Risikovorsorge + Klimaanpassung
- interdisziplinärer Maßnahmenkatalog Klimamodell Berlin
- Klima Berlin Bestand 2015
- Planungshinweise zur Sicherung der
gesamtstädtischen Klimafunktionen

Anpassungsstrategie für Berlin


Zentrale Instrumente der Anpassungs-
© SenStadtUm/bgmr 2016 planung

15
Das Potenzial der Planwerke, die Anpassung umfänglich genutzt. Scheinbar bestehen
Planungshinweiskarte Stadtklima
der Stadt an den Klimawandel zu integrieren Schwierigkeiten, Anpassungsmaßnahmen
www.stadtentwicklung.berlin.de/ (und sie so im Huckepack der einzelnen Res- in andere Fachinhalte zu integrieren. Syner-
umwelt/umweltatlas
sorts zu realisieren), wird damit noch nicht gien bleiben damit unaktiviert.
 Themenbereiche
 Planung
 Klima
 Klimamodell Berlin –
Planungshinweise Stadtklima Klimaanpassung aus Sicht von Schlüsselpersonen
Für StEP Klima KONKRET wurden Akteurin- Im Ergebnis zeigten sich klare Hemmnisse
nen und Akteure der Stadtgesellschaft und (Minus) und Erfolgsfaktoren (Plus) für die
Schlüsselpersonen der Berliner Verwaltung Umsetzung der Ziele und Maßnahmen des
zum StEP Klima befragt. In die Auswertung StEP Klima. Einen Überblick gibt die Grafik
dieser Gespräche flossen ergänzend ihre unten auf dieser Seite.
Erfahrungen und Informationen aus weite-
ren Projekten ein.

Klimaanpassung im Licht aktueller Erkenntnisse


An den Grundsaussagen des StEP Klima än- „ Schneisen, die frei von baulichen Hin-
dert sich nichts. Seine klimatischen Analy- dernissen sind, transportieren Kaltluft-
sen lassen sich allerdings stellenweise volumenströme, die für den gesamtstäd-
durch neuere Erkenntnisse präzisieren. Das tischen Temperaturausgleich wichtig
Klimamodell Berlin (mit der Planungshin- sind. Diese großen Kaltluftleitbahnen
weiskarte) liefert wichtige Informationen versorgen vor allem die Ränder der
zum Bestand und besonders zur kleinräum- dichten Stadt. Für die Innenstadt bewir-
lichen Temperaturausprägung in Berlin: ken sie kaum einen Ausgleich. Hier wir-
ken dem Wärmeinseleffekt vor allem
kleinere Kaltluftströme entgegen, die
von Grünflächen in den Quartieren aus-
gehen und deren unmittelbare Umge-
Hemmnisse und Erfolgsfaktoren für die
Umsetzung des StEP Klima bung versorgen.

- +
Hemmnisse Erfolgsfaktoren

Handlungsempfehlungen zu verbindliche Vorgaben von


allgemein (etwa: Entsiegelung) übergeordneter Planungsebene

gute Beispiele ressortübergreifend


Stadtplanung nicht zuständig
umgesetzter Lösungen
(etwa für Regenentwässerung)

Unterstützung der B-Planung – etwa


Prioritäre Handlungsräume dienen als durch Mustertexte für Festsetzungen
Argument, die Inhalte andernorts nicht
zu beachten.
Mehrwert der Klimaanpassung aufzeigen

Konkrete Argumente fehlen, um zum Spezifizierungen nach städtebaulicher


Beispiel Mehrkosten zu legitimieren. Situation bzw. nach Flächentyp

© SenStadtUm/bgmr 2016

16
StEP Klima KONKRET 2016 | Klimaanpassung in Berlin

„ Die Differenzierung zwischen baumbe- „ Wasserflächen können bei anhaltender


standenen, grünen Straßen und Stra- Hitze selbst Wärme speichern. In die-
ßen ohne Bäume zeigt, dass letztere im sem Fall erreichen Gewässer Tempera-
Gefüge von Stadtstruktur und kühlen- turen, die auch nachts nicht unter
den Grünräumen sogar konträr wirken 20 Grad Celsius fallen.
können: Breite Straßen ohne Bäume
heizen sich besonders stark auf und Die Analysekarten zur Tages- und Nacht-
werden so zu Barrieren für den Kaltluft- situation zeigen, dass Strukturen zu unter-
transport. Grüne Straßen können dage- schiedlichen Tageszeiten entgegengesetzte
gen kühle Räume sein, die auch die Luft Wirkungen haben können. So wirken etwa
aus Kaltluftentstehungsgebieten wir- große Offenflächen wie die des Tempelho-
kungsvoll transportieren. fer Felds nachts stark kühlend, da sie an-
„ Die hochaufgelösten Analysekarten (im ders als die Umgebung keine wärmespei-
Raster zehn mal zehn Meter) machen chernde Bebauung tragen. Tags können
klimatische Unterschiede offensicht- solche stark sonnenexponierten Flächen da-
lich, die aus der städtebaulichen Struk- gegen zu regelrechten Hitzeinseln werden.
tur resultieren. Ist ein Quartier gut mit
Grünräumen ausgestattet, fällt seine Klimaszenarien
Belastung geringer aus, da es besser Das AFOK bestätigt mit seinen Projektionen
mit kühler Luft versorgt wird. zum Berliner Klima 2050/2100 bereits pro-
„ Die Art der Bebauung spielt eine zent- jizierte Trends der Klimaentwicklung, diffe-
rale Rolle. Durchlässige Strukturen wie renziert diese aber aus und liefert zudem
die Standorte der Zeilenbebauung sind neue Erkenntnisse über die Niederschlags-
weniger belastet als etwa gründerzeit- mengen:
liche Blockrandbebauungen. Sie wer-
den besser mit kalter Luft aus angren- „ Die Temperaturen in Berlin steigen ins-
zenden Gebieten versorgt als diese und gesamt.
transportieren die Luft auch in weitere „ Die Temperaturen im Sommer steigen
Gebiete. insgesamt.
„ Von Bedeutung sind ebenfalls die Aus- „ Der Anteil der heißen Tage (über 30 Grad
tauschprozesse zwischen dem klima- Celsius) nimmt deutlich zu.
tischen Umfeld und den Stadtstruktur- „ Der Anteil von Hitzeperioden, in denen
typen. So weist eine geschlossene viele heiße Tage aufeinander folgen,
Randbebauung mit Innenhöfen ein ei- nimmt deutlich zu.
genes Mikroklima auf. Ein solcher Hof „ Der Niederschlag nimmt im Winter zu.
wird durch die ihn umgebenden Stadt- „ Starkregentage treten häufiger auf.
und Freiraumstrukturen nur wenig be- „ Deutlich häufiger werden Hitze- und
einflusst. In Gebieten mit offener Bau- Trockenperioden zusammentreffen.
weise oder Zeilenbebauung findet Das verstärkt die Hitzebelastung in der
dagegen ein intensiver Austausch zwi- Stadt, da nach einer längeren Hitze-
schen den Freiräumen und dem weite- periode kein Wasser mehr zur Verfü-
ren Umfeld statt. Je nach Umfeld kann gung steht, das verdunsten und damit
das Mikroklima kühler oder heißer aus- kühlen könnte.
fallen. Ist das Umfeld hitzebelastet,
kann der geschlossene Blockinnenbe-
reich also von der Geschlossenheit pro-
fitieren. In einem kühlen Umfeld kann
er dagegen genau unter dieser Ge-
schlossenheit leiden.

17
4. Leitthemen der Anpassung

Wachsende Stadt im Klimawandel Verdichtung ohne


Aktuelles zum Wohnungsneubau
in Berlin
In Berlin wird kräftig gebaut, um den Bedarf negative Klimaeffekte
der weiter wachsenden Stadt an Wohnraum Die in Berlin geltenden Leitbilder der kom-
www.stadtentwicklung.berlin.de
zu decken. Der StEP Wohnen 2025 hatte pakten Stadt und der Innenentwicklung be-
 Wohnen 2011 noch einen Bedarf von 10.000 neuen deuten, dass die Stadt dichter wird. Daher
 Wohnraum in Berlin
 Wohnungsbau Wohnungen pro Jahr prognostiziert. Die Be- gilt es vor allem bei Neubauvorhaben, die
 Download völkerungsprognose 2016 legt nun einen Verdichtung von negativen Auswirkungen
Bedarf von 15.000 bis 20.000 nahe. Landes- auf die Umwelt und das Sich-Wohlfühlen in
eigene Wohnungsbaugesellschaften, Ge- der Stadt im Klimawandel zu entkoppeln.
nossenschaften, Einzelne, Baugruppen und Diese Anpassung wird ein längerer Prozess
private Investitionsgesellschaften sind des- sein, der heute eingeleitet und schrittweise
halb aktiv geworden – und bauen. Beleg umgesetzt werden muss. Besonders in
dafür sind die Baugenehmigungen: 2013 der Innenstadt werden bei Neubauvor-
wurden 12.500, 2014 schon 19.500 und haben Maßnahmen der Klimaanpassung
2015 allein im ersten Halbjahr 11.000 Woh- nötig. Ebenso wichtig ist es, die bestehende
nungen genehmigt. Auch die Zahl fertigge- Stadt an die Folgen des Klimawandels anzu-
stellter Wohnungen steigt: 2015 lag sie passen.
erstmals seit 20 Jahren über 10.000.

© SenStadtUm 2016

18
StEP Klima KONKRET 2016 | Leitthemen der Anpassung

Klimatische Herausforderungen
ENTKOPPELUNG
für Berlin
Berlin sollte so nachverdichtet werden, dass keine negativen Folgen für
Als Wachsende Stadt steht Berlin mit Blick
das Klima und damit für die Lebensqualität entstehen. Anders gesagt: Die
auf die Klimaanpassung vor einer Reihe
Nachverdichtung der wachsenden Stadt muss von ihren Klimafolgen ent-
von Herausforderungen. Zwei Kernfragen
koppelt werden. Besonders in klimatisch stark belasteten Innenstadt-
fassen sie zusammen:
gebieten gilt es deshalb, bei Neubauvorhaben und bei der Verdichtung im
Bestand Anpassungsmaßnahmen umzusetzen, die helfen, solche nega-
„ Wie lässt sich die Stadt trotz Wachstum
tiven Auswirkungen zu vermeiden.
und Verdichtung hitzeangepasst entwi-
ckeln?
„ Wie kann die Stadtentwicklung ange- Stadt von negativen Wirkungen auf das Kli-
sichts der Wetterextreme mit den Fol- ma entkoppeln. Dabei ist zu klären, wie ent-
gen von Starkregen umgehen? sprechende Maßnahmen trotz knapper
Kassen umgesetzt werden können und wie
Wenn Antworten auf diese Fragen gefunden sich die Lebensqualität in der Stadt weiter
werden, kann Berlin das Wachstum der verbessern lässt.

Zwei Leitthemen: Hitzeangepasste Stadt und wassersensible Stadtentwicklung


In der wachsenden Stadt sind Hitze- und
Überflutungsvorsorge die wesentlichen
Stellschrauben, um die Lebensqualität
trotz Klimawandel zu sichern und Schäden
bei extremen Wetterereignissen zu min-
dern.

Hitzeangepasste Stadt
Urbane Ballungsräume treffen die Folgen
des Klimawandels besonders stark: Weil sie
stark versiegelt ist, heizt sich die Stadt
schneller auf als die offene Landschaft; sie
speichert Wärme und kühlt in der Nacht we-
niger schnell ab. Hinzu kommt: Vegetati- © SenStadtUm 2013

onsflächen, die gut mit Wasser versorgt


sind und damit durch Verdunstung kühlen,
sind in der Stadt nur in begrenztem Umfang
vorhanden. Der Wärmeinseleffekt (Urban 02 Betroffene Siedlungsräume
Analysekarte Bioklima

Heat Island Effect) verstärkt hier die Hit-


Wärmebelastung bei Nacht
heute und künftig

aktuell (2005)
zeereignisse.
voraussichtlicher Zuwachs
(bis 2050)
aktuell (2005)

Je mehr Berlin als Stadt verdichtet wird, voraussichtlicher Zuwachs


(bis 2050)

desto höhere Relevanz gewinnt das Thema


(Kriterium: ungünstige

(Kriterium: ungünstige
bioklimatische Situation
nach VDI-Richtlinie 3785,
Blatt 1)

bioklimatische Situation
Hitzevorsorge. Hitzeereignisse (Hitzetage übrige Siedlungsräume

Gewässer
nach VDI-Richtlinie 3785,
und Hitzewellen) machen der Stadt auf
S-Bahn-Ring

Blatt 1)

mehr als eine Art zu schaffen. In den Gebäu-


übrige Siedlungsräume

Gewässer
Oben: Verdunstung aus Niederschlägen, Datengrundlage Umweltatlas Berlin, 04.11.2 Klimamodell

Umweltatlas Berlin, Karte 02.13.5


Berlin, Planungshinweise Stadtklima (Ausgabe 2009) GEO-NET
Umweltconsulting GmbH: Modellgestützte Analyse zur biokli-
matischen Belastung in Berlin 2046-2055 Kartengrundlage
Land Berlin: Blockkarte 1:5.000 (ISU5) des Informationssystems
Stadt und Umwelt (ISU) von SenStadt, III F, Stand 31.12.2005,

S-Bahn-Ring
Land Brandenburg: abgeleitet aus ATKIS DLM,
Ausgabe 2011

14
Unten: Analysekarte Bioklima –
Wärmebelastung bei Nacht
heute und künftig, StEP Klima 2011 © SenStadtUm 2011

19
den beeinträchtigen sie ein angenehmes baulichstruktureller Situation des Schulge-
Faltblatt zum Institut
für Physik Berlin-Adlershof
Raumklima und damit die Lebensqualität bäudes sehr unterschiedlich belasten kann.
der Menschen. Der Unterricht soll der Temperatur entspre-
www.stadtentwicklung.berlin.de
chend stattfinden. Damit möglichst wenige
 Bauen Am Arbeitsplatz mindert Überhitzung die Schulstunden ausfallen und gute Lernbe-
 Bauwesen
 Nachhaltiges Bauen Leistungsfähigkeit und ökonomische Pro- dingungen herrschen, müssen neue Schul-
 Ökologisches Bauen duktivität. Auch die Arbeit im Freien wird gebäude hitzeresilient gebaut und beste-
 Berichte, Dokumentationen
und Arbeitshilfen erheblich schwerer. Damit sind effektive hende entsprechend umgebaut werden.
Modellvorhaben Monitoring

Maßnahmen zur Gebäudekühlung gefragt:
Neubau Institut für Physik in
Berlin-Adlershof als Alternativen zu energieintensiven Kli- Wenn es in der Wohnung heiß wird, ziehen
maanlagen. Ein Beispiel dafür ist die küh- sich viele Menschen an kühlere Orte im Frei-
lende Fassadenbegrünung des Instituts en zurück. Deshalb ist es wichtig, die Grün-
für Physik (Lise-Meitner-Haus) in Berlin- räume zu qualifizieren. In der dichten Stadt
Adlershof. gibt es aber weniger dafür geeignete Grün-
räume als in lockerer bebauten Gebieten.
Bei Arbeit im Freien werden Hitzeperioden Schattige Straßen und Plätze gewinnen
zudem organisatorische Maßnahmen – deshalb in der hitzebelasteten Stadt als
etwa eine Anpassung der Arbeitszeiten – er- Aufenthaltsräume an Bedeutung. Sie sollten
forderlich machen. Mehr Hitzetage wirken angepasst werden, um diese ausgleichende
sich auch auf das Bildungswesen aus. Ein Aufgabe erfüllen zu können. Konzepte wie
pauschales Hitzefrei ab einer bestimmten das Baden in der Spree können neue kühle
Temperatur gibt es nicht mehr, da ein Hit- Räume in der heißen Stadt aktivieren und
zeereignis das Innenraumklima je nach für höhere Lebensqualität sorgen.

Wassersensible Stadtentwicklung
EVAPOTRANSPIRATION
Extremwetterereignisse mit Starknieder-
Evapotranspiration beruht auf dem Prinzip, dass Kälte entsteht, wo Was-
schlägen treffen den urbanen Raum schon
ser verdunstet. Das geschieht über feuchten Böden (Evaporation) und
heute schwer. Ihre bauliche Dichte und der
über die Blätter der Vegetation (Transpiration). Voraussetzung ist, dass
hohe Versiegelungsgrad machen die Stadt
auch in Hitzeperioden ausreichend Wasser zur Verfügung steht.
anfällig für Überflutungen. Gleichzeitig be-
steht eine erhöhte Vulnerabilität, weil in der
Stadt viele Menschen leben und die Dichte
ÜBERLAUF DER MIScHKANALISATION
an Gebäuden, Infrastruktur und Sachgü-
In der Mischkanalisation werden Schmutz- und Regenwasser zusammen
tern hoch ist.
abgeleitet. Bei Starkregen besteht die Gefahr, dass Wasser an die Vorflut
abgegeben werden muss, um das Kanalnetz zu entlasten. Bei diesen Über-
In urbanen Räumen mit ihrem hohen
läufen gelangt verschmutztes Wasser in die Oberflächengewässer, die als Anteil versiegelter Flächen kann deutlich
weniger Wasser verdunsten.
Vorfluter dienen – zum Beispiel in die Berliner Seen, in Flüsse wie Panke, Es kommt zum Wärmeinseleffekt.
Wasserversorgte Vegetationsflächen
Havel oder Spree und in Kanäle wie den Teltow- oder den Landwehrkanal. weisen dagegen eine hohe Evapotrans-
piration auf. Das trägt zur Kühlung bei.
Kühle Landschaft, aufgeheizte Stadt

latente Energie / keine Erwärmung sensible Energie / Temperaturerhöhung

Evapotranspiration

© SenStadtUm/bgmr 2016

20
StEP Klima KONKRET 2016 | Leitthemen der Anpassung

Infolge des Klimawandels werden Starkre- sein werden, um die Belastung durch Misch-
genereignisse erheblich zunehmen. Mit wasserüberläufe zu reduzieren. Konzeptio-
Strategien für eine wassersensible Stadt- nelle Planungen, um das Projekt fortzu-
entwicklung kann Berlin auf diese Heraus- schreiben, beginnen 2016. Schwerpunkt
forderung reagieren. werden die Einzugsgebiete der problembe-
hafteten Gewässerabschnitte sein, die alle
Die wassersensible Stadtentwicklung ver- in der Innenstadt liegen.
folgt ein Bündel an Zielen:
Beispielprojekt:
„ Vermeidung einer Belastung der Ober- Wasserplatz Benthemplein / Waterplan 2 Rotterdam
flächengewässer infolge von Stark- Land: Niederlande
regen Ort: Rotterdam
„ Vermeidung von Schäden und Gefahren Bezirk: Kralingen-Crooswijk
durch urbane Überflutung nach Stark- Stand: Platz realisiert 2013 / Konzept Waterplan 2007
regenereignissen www.urbanisten.nl  Projects  Water Square Benthemplein
„ Vermeidung von Schäden und Gefahren
durch Hochwasser
„ Rückhaltung von Wasser zur Sicherung
von Verdunstungskälte
„ Anreicherung des Grundwassers

Mischwasserüberläufe und
Belastung der Vorfluter
Die Regenwasserkanalisation und die
Mischkanalisation in der Berliner Innenstadt
sind bereits heute bei Starkregen überlastet.
Mischwasserüberläufe nach Starkregen tre-
ten mehrmals im Jahr auf und belasten die
Vorfluter, also Flüsse und Kanäle.

Um die Ziele der europäischen Wasserrah-


menrichtlinie (WRRL) einzuhalten, setzen
© Foto: Ossip van Duivenbode / Planung: DE URBANISTEN
das Land Berlin und die Berliner Wasserbe-
triebe derzeit ein umfassendes Programm Der Waterplan 2 von 2007 ist eine Strategie zur Anpassung an Stark-
zum Aus- und Umbau des Kanalsystems um. regenereignisse. Er ist Grundlage einzelner, systemisch zusammenwir-
Im Rahmen des Mischwassersanierungspro- kender Projekte zur Regenwasserbewirtschaftung in Rotterdam. Deren
gramms – mit einem Investitionsumfang Ziele sind es, die Folgen von Starkregen zu entschärfen, die Wasserquali-
von 150 Millionen Euro – soll bis 2020 das tät zu verbessern und die Stadt vor Hochwasser zu schützen.
Speichervolumen in allen 18 Mischwasser- Da ein Ausbau der Kanalisation nicht möglich ist, sollen extreme Nieder-
einzugsgebieten Berlins erheblich steigen: schläge an der Stadtoberfläche zurückgehalten werden. Entsprechende
Das Volumen, das zu Beginn des Programms Maßnahmen wurden für unterschiedliche städtebauliche Situationen ent-
bei 130.000 Kubikmetern lag, soll um wickelt. Die Überflutungsvorsorge soll dabei mit einer Aufwertung des öf-
178.000 Kubikmeter aufgestockt werden. fentlichen Raums und mehr Lebensqualität für die Menschen einhergehen.
Maßnahmen wie das Anheben von Schwel- Multicodierte Regenplätze wie der Ende 2013 eingeweihte Benthemplein
len, Bauwerke zur Kanalbewirtschaftung, oder der ein Jahr zuvor fertiggestellte Bellamyplein im Stadtteil Spangen
Stauraumkanäle und Speicherbecken sind dienen bei Starkregen als Retentionsräume, zu allen anderen Zeiten
wesentliche technische Stellschrauben, um dagegen als Freiräume. Der Benthemplein wird auch als Sportplatz ge-
die Vorfluter zu entlasten. Es zeichnet sich nutzt.
ab, dass auch nach Abschluss des Sanie- Neben den Wasserplätzen sind Dachbegrünungen, Senken in Parks und
rungsprogramms für einzelne Gewässerab- Wasserkammern auf Tiefgaragendächern als Retentionsräume geplant.
schnitte weitere Maßnahmen erforderlich

21
Auf absehbare Zeit werden nach Starkregen lern, Tiefgaragen, U-Bahnhöfen, barriere-
Konzept für urbane Regenwasser-
bewirtschaftung und Abwasser- die Gewässer der Stadt weiter als Notent- freien Erdgeschosswohnungen und Ge-
systeme (KURAS) lastung dienen müssen. Die Folge sind schäften. Besonders gefährdet sind dabei
www.kuras-projekt.de Schäden, die von akutem Fischsterben Muldenlagen.
durch Sauerstoffmangel bis zur langfristi-
gen Belastung der Gewässer durch Nähr- Die Dimensionierung der Kanäle zu vergrö-
und Schadstoffe reichen. ßern, würde erhebliche Kosten verursachen.
Das ist stadtökonomisch nicht zu vertreten.
Weitere Ansätze wie zum Beispiel das Kon- Um besonders heftige Starkregenereignisse
zept SPREE 2011 sehen vor, die Überläufe abzufedern, sollte deshalb die Oberfläche
vorübergehend in schwimmenden Contai- der Stadt überflutungstauglich gemacht
nern zu speichern und so die Vorflut zu ent- werden: Straßen, Plätze und Grünflächen
lasten. können die seltenen und nur vorüberge-
hend anfallenden Wassermengen aufneh-
All diese Programme und Maßnahmen zie- men und zwischenspeichern, um sie verzö-
len darauf, die Speicherkapazität für belas- gert wieder abzugeben. Eine Zusammenar-
tetes Regenwasser zu erhöhen. Weitrei- beit von Wasserwirtschaft, Stadt-, Grün- und
chender ist der Ansatz, Niederschlagswasser Straßenplanung wird dafür unabdingbar.
gar nicht erst in die Kanalisation gelangen
zu lassen.
Vergleichbares gilt für den Hochwasser-
Seit Jahren gewinnt deshalb das Prinzip der schutz. Hochwasser ist – anders als eine
dezentralen Rückhaltung und Versickerung Überflutung – das Resultat von zu viel Was-
an Bedeutung: Bei Starkregen sollte das ser in Flüssen. In Berlin ist vor allem die
Wasser dort, wo es anfällt, zurückgehalten Panke davon betroffen. Für sie wurde be-
und versickert oder verdunstet werden. Mit reits ein umfassendes Konzept erarbeitet,
dieser Strategie lassen sich die extremen um den Hochwasserschutz zu verbessern.
Spitzen von Abläufen in die Kanalisation ab-
federn. Die Versickerung reichert zudem das Welche Bedeutung die wassersensible
Grundwasser an und leistet so einen Beitrag Stadtentwicklung hat, verdeutlicht ein Blick
zur Sicherung der Grundwasservorkommen. auf die Höhe der Schäden. Bundesweit ver-
ursachen Starkregenereignisse erheblichen
Das Verbundforschungsvorhaben Konzept wirtschaftlichen Schaden. Versicherungs-
für urbane Regenwasserbewirtschaftung schäden durch urbane Überflutung treten
und Abwassersysteme (KURAS) untersucht doppelt so häufig auf wie Hochwasserschä-
derzeit, wie die Stadtoberfläche wassersen- den durch Flüsse wie Rhein, Elbe und Oder.
sibel entwickelt werden kann, um als wich- Analysen zeigen, dass Berlin im deutsch-
tiges Element der Regenwasserbewirtschaf- landweiten Vergleich zu den überdurch-
tung zur Entlastung der Abwassersysteme schnittlich von Starkregen betroffenen Ge-
beizutragen. bieten zählt (Benden 2014).

Urbane Überflutung
Eine weitere Folge von Starkregen können
urbane Überflutungen sein. Derzeit wird
der Ausbau der Kanäle auf eine Zwei- bis
Fünfjährlichkeit ausgelegt. Das bedeutet:
Starkregenereignisse, wie sie statistisch
alle zwei bis fünf Jahre auftreten, kann die
Kanalisation noch problemfrei aufnehmen.
Ereignisse, deren Intensität darüber hin-
ausgeht, führen zu Überflutungen von Kel-

22
StEP Klima KONKRET 2016 | Leitthemen der Anpassung

Prinzipien der Klimaanpassung in Berlin Zukunftsfähiger Umgang


mit Regenwasser in der Stadt
Die Oberfläche der Stadt optimieren um geht, die Stadt hitzeangepasst und was-
www.risa-hamburg.de
Versiegelte Flächen verstärken den Wärme- sersensibel zu entwickeln.
inseleffekt: Regenwasser kann hier nicht  RISA Strukturplan Regenwasser
2030
versickern und wird in der Regel rasch über Gebäudeoberflächen anpassen
das Gefälle der Fläche abgeführt. Da Stark- Die Oberflächen von Gebäuden machen ei-
regenereignisse zunehmen werden, gibt es nen erheblichen Anteil der Stadtoberfläche
zwei Wege, Gefahren und Beeinträchtigun- aus. Fassaden und Dächer bergen Potenzial
gen zu verringern: Berlin kann die techni- für die hitzeangepasste und wassersensible
schen Systeme der Entwässerung (graue Stadt, das weitgehend ungenutzt ist. Dabei
Infrastruktur) weiter ausbauen oder die besteht bei ihrer Anpassung nur eine gerin-
Oberfläche der Stadt überflutungstauglich ge Konkurrenz zu anderen Nutzungen (wie
anlegen (blaugrüne Infrastruktur). Nicht etwa der energetischen). Tatsächlich wer-
nur die geringeren Kosten sprechen für den den nur wenige Dach- und Fassadenflächen
zweiten Weg. Er verspricht auch – durch in Berlin überhaupt genutzt. Dächer zu be-
Kühleffekte, ästhetische Aufwertung und grünen und sie als Retentionsraum zu nut-
durch die Wärmeisolation, die mit grünen zen, lässt sich zudem mit ihrer energeti-
Dächern einhergeht – weitere Gewinne für schen Nutzung kombinieren. Konflikte auf
die Lebensqualität in der Stadt im Klima- dem Dach lassen sich also lösen.
wandel. Die Versiegelung zu beschränken
und die dezentrale Versickerung zu stärken,
sind damit zwei Seiten derselben zentralen
Anpassungsaufgabe. VERSIcKERUNG ZAHLT SIcH AUS – EINE BEISPIELREcHNUNG
In Berlin fällt für jeden Quadratmeter Fläche, der an die Kanalisation
In der wachsenden Stadt werden in der angeschlossen ist, ein Niederschlagswasserentgelt von aktuell 1,80 Euro
Summe kaum Flächen entsiegelt, sondern pro Jahr an. Um Niederschlagswasser – etwa über ein Mulden-Rigolen-
neue versiegelt. Auch diese lassen sich in- System – zu versickern, ist eine Fläche nötig, die etwa 10 bis 20 Prozent
des so anlegen, dass sie Wasser aufnehmen der Fläche beträgt, die angeschlossen wird. Eine versiegelte Fläche von
und zwischenspeichern. Straßen, Dächer 1.000 Quadratmetern macht also – konservativ gerechnet – rund 200 Qua-
und Grünflächen können als zeitweiliger dratmeter Versickerungsfläche nötig. Wer sein Regenwasser auf eigenem
Wasserspeicher dienen oder bei entspre- Grundstück versickert, spart in diesem Beispiel jährlich gut 1.800 Euro
chender Ausrichtung des Gefälles als Not- Niederschlagswasserentgelt, muss allerdings die Versickerungsflächen
wasserwege ein Zuviel an Wasser sicher aus pflegen. Für Grünflächenpflege sind im Schnitt ein Euro Pflegekosten pro
verdichteten Quartieren leiten. Ob und wie Quadratmeter zu kalkulieren; das entspräche 200 Euro im Jahr. Ist die ver-
eine wassersensible Stadtentwicklung ge- sickerungsfähige Grünfläche einmal angelegt, spart die Versickerung da-
lingen kann, hängt damit wesentlich davon mit jährlich 1.600 Euro. Attraktiv ist dieses Einsparpotenzial nicht nur für
ab, inwieweit die Oberflächen der Stadt für alle, die die Betriebskosten ihrer Immobilien minimieren wollen: Wer Grün-
ein solches Wassermanagement optimiert flächen in der Nähe stark versiegelter Flächen besitzt, könnte sich damit
werden. ein völlig neues Geschäftsfeld erschließen.

Doch die Oberfläche der Stadt birgt weite-


res Potenzial für die Anpassung an den Kli-
BLAUGRÜNES DAcH
mawandel: Oberflächen mit hoher Albedo
Begrünung und Retention lassen sich auf Dächern unabhängig voneinan-
reflektieren das Sonnenlicht. Auch eine
der oder als Kombilösung realisieren. Besonders geeignet im Sinne der
Verschattung durch Bäume, Sonnenschutz
Anpassung an den Klimawandel sind sogenannte blaugrüne Dächer, also
oder durchdacht positionierte Bauten min-
die Kombination von Begrünung und Wasserspeicherung. Wenn das Was-
dern die Sonneneinstrahlung.
ser längere Zeit gespeichert wird, kann es in Trockenperioden die Evapo-
transpiration der Dachbepflanzung verstärken und so zur Kühlung der
Die Oberfläche der Stadt anzupassen, wird
Stadt beitragen.
so zu einer Schlüsselaufgabe, wenn es dar-

23
In der Machbarkeitsstudie Klimaneutrales
Referenzprojekt: Kampagne Stadtbäume für Berlin Berlin 2050 werden für eine energetische
Ort: Berlin Nutzung nur die günstig nach Süden ausge-
Bezirk: alle richteten Fassaden beansprucht. Damit ste-
Stand: in Umsetzung hen die weiteren, zeitweise besonnten Fas-
www.stadtentwicklung.berlin.de  Umwelt  Natur und Grün saden für eine Begrünung und damit für die
 Stadtgrün  Stadtbäume  Stadtbaumkampagne Klimaanpassung zur Verfügung. Bei Süd-
fassaden ist es nötig, Prioritäten zu setzen.

Als Übergang zwischen Innen und Außen ist


die Gebäudehülle für die Anpassung an Hit-
zeperioden doppelt wirksam: Angepasste
Gebäudehüllen verbessern das Klima so-
Bäume zu pflanzen, ist ein effektiver Weg, dem Wärmeinseleffekt entge- wohl im Innen- als auch im Außenraum.
genzuwirken. Bäume spenden Straßen, Plätzen und Gebäuden Schatten. Kühle Fassaden und Dächer können die
Sie verdunsten Wasser und kühlen so ihr Umfeld. Sie produzieren Sauer- Temperaturen am Gebäude senken und die
stoff, sind Lebensraum und werten Straßenräume auch gestalterisch auf. im Gebäude nivellieren. Das ist auch mit
Für viele Berlinerinnen und Berliner machen Bäume die Identität der Blick auf die Arbeitsproduktivität wichtig:
Straße aus, in der sie wohnen. Ab 25 Grad Celsius sinkt die Arbeitsleistung
Krankheiten, Überalterung, Schädlingsbefall und Verletzungen an Rinde zunehmend (BBSR 2015/1). Angepasste Ge-
und Wurzelwerk haben dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren bäudehüllen können zudem Klimaanlagen
viele Straßenbäume in Berlin gefällt werden mussten. Aufgrund knapper überflüssig machen und den Heizbedarf
Finanzmittel konnte ein Teil davon noch nicht nachgepflanzt werden. Um senken. Beides reduziert den Primärener-
diese Lücken zu schließen, hat der Senat als Teil der Strategie Stadtland- giebedarf. Das spart Kosten und kommt
schaft Berlin 2012 die Kampagne Stadtbäume für Berlin ins Leben geru- dem Klimaschutz entgegen.
fen. Ziel ist es, bis Ende 2017 bis zu 10.000 neue Straßenbäume zu pflan-
zen. Die Kampagne motiviert Berliner und Berlinerinnen, für Bäume in
ihrem Quartier zu spenden – und aktiviert sie damit für die Anpassung an
den Klimawandel. Etwa 1.200 Euro sind nötig, um einen Baum zu pflan-
zen und für drei Jahre zu pflegen. Sind 500 Euro gespendet, addiert Berlin
den Rest aus Landesmitteln. Kühlleistung durch Verdunstung: Ist
auch in Hitzeperioden Wasser verfügbar,
Bis Ende 2015 sind auf diese Weise rund eine halbe Million Euro an Spen- steigt die Evapotranspiration von Pflan-
zen und damit ihre Kühlleistung. Stark
den zusammengekommen und rund 5.000 Bäume gepflanzt worden. Die verdunstende Vegetationstypen wie
Röhrichte oder wasserversorgte Bäume
Baumstandorte sind auf der Website der Senatsverwaltung verzeichnet. zeigen dabei eine besonders hohe Kühl-
leistung.

Umweltfaktoren
Evaporation + Transpiration

+++
verfügbare Verdunst- verfügbare Zunahme der
Wasser-
menge
ungsanspruch
der Luft/Wind
Energiemenge
Sonne
E + latenten Energie

sensible Energie
I +

T +
Faktor Oberfläche/Vegetationstyp

Faktor Schatten
+
Wachstumsphase
© SenStadtUm/bgmr 2016

24
StEP Klima KONKRET 2016 | Leitthemen der Anpassung

Freiflächen anpassen
KLIMAANPASSUNG ALS REAKTION AUF EXTREMEREIGNISSE –
Verkehrsflächen und Grünanlagen bieten
DAS BEISPIEL PARIS
erhebliche Potenziale für eine Anpassung
Im August 2003 führte eine Hitzewelle in Paris zu einer starken bioklima-
im Sinne der hitzeangepassten und wasser-
tischen Belastung. Die Ausnahmesituation forderte eine erhebliche Zahl an
sensiblen Stadt. Straßen und andere Ver-
Todesopfern. Die Stadt reagierte mit umfangreichen Untersuchungen: Die
kehrstrassen transportieren zum Beispiel
Vulnerabilität der Stadt wurde ermittelt, und man entwickelte Strategien
kühle Luft, können als Retentionsraum oder
zur Anpassung und zur Kühlung in Hitzeperioden.
Versickerungsfläche dienen, und ihr Baum-
Im Projekt EPICEA entstand von 2008 bis 2012 eine umfassende interdis-
bestand kann Gebäuden und Flächen Schat-
ziplinäre Studie über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Groß-
ten spenden.
raum Paris. Auch das Thema der Evapotranspiration und Kühlung in der
Stadt wurde dabei untersucht. Les îlots de chaleur urbains à Paris (Die
Ab einer Größe von etwa einem Hektar bil-
Hitzeinseln der Stadt Paris) identifizierte 2012 und 2013 Maßnahmen, um
den Grünflächen ein eigenes Binnenklima
der heißen Stadt entgegenzuwirken. Du réseau d‘eau non potable à
aus. Sie kühlen, sind Entlastungs- und
l‘optimisation de la ressource en eau (Brauchwassernetz für die Optimie-
Wohlfühlräume in der aufgeheizten Stadt.
rung der Wasserressourcen) widmete sich 2013 dem Einsatz von Brauch-
wasser zur Bewässerung und Kühlung der Stadt.
Schwammstadt verwirklichen
Ein Schwerpunkt der Pariser Maßnahmenpakete sind Kühlmaßnahmen
Durch den Wärmeinseleffekt treffen Hitze-
durch Verdunstung. Sie werden seit einigen Jahren immer weitergehender
perioden die Städte besonders stark. Haupt-
umgesetzt. Aber auch Maßnahmen wie die kostenfreie Nutzung gekühlter
ursache dieses Effekts ist der Mangel an
Räume (zum Beispiel in Museen) sind Teil der Anpassungsstrategie an die
verdunstenden Flächen in der Stadt. Auch in
Hitze. Kühle Räume werden angeboten, damit der Körper zumindest einige
Berlin nimmt die Verdunstung mit steigen-
Stunden am Tag entlastet wird.
der baulicher Dichte ab. Das belegt die Kar-
In Paris wird damit der Ansatz der Schwammstadt bereits verfolgt: Wenn
te 02.13.5 Verdunstung aus Niederschlägen
erhebliche Mengen an Niederschlagswasser anfallen, wird dieses auf Dä-
im Umweltatlas Berlin ( Seite 19). Wenn
chern, unterirdisch in alten, brach gefallenen Infrastrukturanlagen und in
sich die Niederschläge zunehmend auf
Freiräumen gespeichert. Das Mischwassersystem wird so bei Starkregen
Starkregenereignisse konzentrieren, führt
entlastet, die Gewässerqualität der Seine geschützt und der Wärmeinsel-
das zugleich zu Perioden längerer Trocken-
effekt abgeschwächt.
heit. Sie verstärken die Hitze in der Stadt.

Prinzip Schwammstadt
Prinzip Schwammstadt:
Regenwasserbewirtschaftung,
Rückhaltung und Kühlung wirken
systemisch zusammen.

blaugrünes Dach Retentionsdach Gründach

Fassadenbegrünung
-°C -°C

-°C -°C
Bewässerung
-°C

Zisterne Retentionsmulde

© SenStadtUm/bgmr 2016

25
diese Flächen bei Hitze ausreichend Wasser,
ScHWAMMSTADT-PRINZIP
das über die Pflanzen verdunsten kann.
Das Prinzip der Schwammstadt geht die Herausforderungen Hitze und
Eine trockene Rasenfläche heizt sich fast so
Starkregen gleichermaßen an. Die Idee: Die Oberfläche der Stadt soll in
sehr auf wie Asphalt.
Zeiten des Überschusses (etwa nach Starkregen) wie ein Schwamm Wasser
speichern, um es in Hitzeperioden wieder abzugeben, damit durch Ver-
Um möglichst viel Fläche für die Verduns-
dunstung über den Boden und die Vegetation Kühle entstehen kann.
tung zu aktivieren, gilt es, auch die Gebäu-
dehüllen zu integrieren und Grünflächen
Der physikalische Vorgang der Verdunstung mit den zusätzlichen Funktionen von Spei-
hat damit zentrale Bedeutung für den Ener- cherung und Verdunstung zu belegen:
giehaushalt einer Stadt ( Abbildung Seite Grünflächen, Freiflächen und kleinere Grün-
24). Sonneneinstrahlung führt Flächen elemente wie Fassaden oder Dächer wirken
Energie zu. Auf trockenen Oberflächen wie als System zusammen. Diese grüne Infra-
Stein und Beton wird diese Energie in fühl- struktur birgt großes Potenzial. Sie spei-
bare Wärme umgewandelt: Sie heizen sich chert Wasser, kühlt die Stadt und verbes-
auf. Auf ausreichend mit Wasser versorgten sert schon heute die Lebensqualität der
Grünflächen, Wasserflächen und feuchten Menschen.
Böden wird dagegen ein Teil der Energie
durch Verdunstung (Transpiration von Um die heiße Stadt durch Verdunstung wei-
Pflanzen und Evaporation von Böden) in ter zu kühlen, muss sich der Paradigmen-
latente Wärme umgewandelt. Man spricht wechsel in der Regenwasserbewirtschaf-
von „Kühlung durch Verdunstung“. Flächen tung – weg vom traditionellen Beseitigen
mit hoher Evapotranspiration heizen sich und Ableiten, hin zum Management im Sys-
deshalb deutlich weniger auf und können in tem Stadt – vollends durchsetzen. Wird ge-
der Stadt angrenzende Flächen kühlen. speichertes Regenwasser in Hitzeperioden
Um die Stadt hitzeangepasst zu entwickeln, zur Bewässerung der Vegetation genutzt,
Grünflächen benötigen in Hitzeperioden gilt es also, mehr verdunstende (und damit verstärkt es die Evapotranspiration und
eine höhere Wasserversorgung, um an-
genehme Aufenthaltsorte zu bieten und kühlende) Flächen zu aktivieren. Um als ur- kann so den Wärmeinseleffekt abmildern.
ihre Umgebung zu kühlen.
Prager Platz in Berlin. bane Kühlaggregate zu wirken, brauchen

© bgmr

26
StEP Klima KONKRET 2016 | Leitthemen der Anpassung

Auf Quartiersebene ausgestalten Deshalb gilt es, vor allem auf Quartiers-
Um eine größtmögliche Anpassung zu er- ebene Konzepte und Maßnahmen zu entwi-
reichen, sollten die Prinzipien der Oberflä- ckeln. Die Einzelmaßnahmen sind vonein-
chenoptimierung und der Schwammstadt ander abhängig und nicht nur auf ein
mit weiteren Maßnahmen kombiniert wer- Gebäude zu beziehen. Es gilt, sie im räum-
den. Dazu zählen etwa die Sicherung von lichen Zusammenwirken unterschiedlicher
Kaltluftentstehungsgebieten und die Förde- Flächenpotenziale und in Abstimmung mit
rung großer und kleiner Kaltluftschneisen. Akteuren und Akteurinnen systemisch zu-
Untersuchungen zum StEP Klima haben be- sammenzuführen. Strategien der Smart
reits 2011 belegt, dass das Zusammenwir- City können zur Ermittlung der Potenziale
ken unterschiedlicher Maßnahmen deren und ihrer abgestimmten Vernetzung hilf-
Wirksamkeit deutlich steigern kann. reich sein.

Mit dem Prinzip der Schwammstadt und In den folgenden Kapiteln werden die Stadt-
den Maßnahmen zur Oberfläche der Stadt struktur- und Flächentypen, deren Potenzi-
wirken verschiedene Bausteine der hitzean- ale und unterschiedliche Strategien der
gepassten und wassersensiblen Stadtent- klimatischen Optimierung getrennt behan-
wicklung systemisch zusammen. Dieses delt. In den Stadtquartieren müssen diese
Zusammenwirken wird je nach städtebau- indes systemisch verknüpft werden.
lichem Kontext, wirtschaftlichen Rahmen-
bedingungen und der Mitwirkungsbereit- Elf Kernstrategien
schaft der Beteiligten von Ort zu Ort Umsetzen lassen sich die beschriebenen
unterschiedlich auszugestalten sein. Prinzipien der Anpassung durch elf Strate-
gien:

Strategien
Hitzeangepasste Stadt Wassersensible Stadt

Durchlüften Versickern

Verschatten Speichern

Rückstrahlen Rückhalten

Begrünen Leiten

Verdunsten Schützen

Wohlfühlen

© SenStadtUm/bgmr 2016

27
5. Anpassungsmaßnahmen optimieren

Wie stark ein Gebäude von Hitze und Stark- Anpassungsmaßnahmen, wie sie auf den
regen betroffen ist, hängt von der städte- nächsten Seiten beschrieben sind, verrin-
baulichen Situation und vom Umfeld ab. gern die Vulnerabilität – und stärken Bau-
Anders gesagt: Die Vulnerabilität variiert ten und Stadtstruktur gegenüber den Kli-
von Gebäude zu Gebäude. Ausführlicher mafolgen. Zugleich schaffen Sie neue
dargestellt sind die Vulnerabilitäten im Qualitäten in der wachsenden Stadt.
Konzept zur Anpassung an die Folgen des
Klimawandels (AFOK).

Blaugrünes Dach
· Retention von Starkregen Konventionelles Dach
· Kühlung durch Verdunstung · besonders dunkle Farben
Extensives Gründach heizen sich stark auf
· kann sich erhitzten, wenn · Hitzebelastung Innenräume
nicht mit Wasser versorgt

Grünfläche
Klimaanlagen · Schatten und Kühlung
Grüne Fassade · Wärmeemission durch Verdunstung
· geringe Erhitzung Helle Fassade
· geringe Erhitzung
Dunkle Fassade
Keller, Tiefgarage · erhitzt sich, strahlt Wärme
· Flutung bei Starkregen an Umgebung ab
· Hitzebelastung Innenräume
Barrierefreier Eingang
· Flutung bei Starkregen

U
Urbane Überflutung
· infolge von Starkregen

Infrastruktur
· Flutung bei Starkregen
Straßenraum Asphaltflächen und
· Straßen mit dunklen Belägen unbewässerte Rasenflächen
Mischwasserüberlauf ohne Schatten als Hitzeraum · Erhitzung im Sommer
· Belastung der Gewässer

© SenStadtUm/bgmr 2016

28
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

In den letzten Jahren hat die Forschung die Sechs Maßnahmenbereiche der Klimaan-
Aussagen zur klimatischen Wirksamkeit passung, die an der Stadtoberfläche anset-
von Maßnahmen spezifiziert und vertieft. zen, bieten (gerade im Zusammenspiel) er-
Maßnahmen wurden weiterentwickelt und hebliche Chancen zur Optimierung und
um neue, effektivere Varianten ergänzt: Effektivitätssteigerung:
Dachbegrünung ist schließlich nicht gleich
Dachbegrünung. So wichtig es ist, dass „ Dachgestaltung
Maßnahmen umgesetzt werden, so wichtig „ Fassadengestaltung
ist es, sie richtig, und das heißt so klima- „ Erhöhung der Rückstrahlung
effektiv wie möglich zu gestalten. Das Wie „ Urban Wetlands zur Kühlung
kann einen Unterschied von geringster bis „ Regenwassermanagement zur Über-
zu äußerster klimatischer Wirksamkeit aus- flutungsvorsorge
machen. Effektiv sind Maßnahmen, die „ auf die Tageszeit abgestimmte Küh-
einen höchstmöglichen Beitrag zur hitzean- lung
gepassten und wassersensiblen Stadtent-
wicklung leisten – und im besten Fall beide Welche Maßnahmen in welcher Optimie-
Handlungsfelder voranbringen. Die Effizi- rungsstufe und Kombination am konkreten
enz misst sich aber genauso am Beitrag zur Ort sinnvoll sind, muss anhand der klimati-
Lebensqualität. Wertvoll sind auch Maß- schen Belastung, der Empfindlichkeit und
nahmen, die jenseits messbarer Effekte der Entwicklungsmöglichkeiten entschie-
Wohlfühlräume schaffen oder das Stadtbild den werden. Auch Aspekte der Stadtgestal-
aufwerten. Im Zentrum stehen dabei No- tung, der Denkmalpflege, der Nutzbarkeit
Regret-Maßnahmen, die einen direkten und der Kosten für Herstellung und Betrieb
Wiegmann Klinik
Qualitätsgewinn für die Stadt bedeuten. sollten in die Entscheidung einfließen. in Berlin-charlottenburg

© Optigrün international AG

29
Anpassungsmaßnahme 01 > Dachgestaltung
Es gibt heute ein breites Spektrum an Lö- Albedo optimieren
sungen, um Dächer zu begrünen und kli- Die Rückstrahlwirkung einer Dachfläche zu
magerecht zu gestalten. Diese Maßnahmen erhöhen, ist wirksam und nicht allzu kos-
können dafür sorgen, dass Flächen trotz tenintensiv. Dieser erste Schritt kann gut im
baulicher Verdichtung weitgehend klima- Bestand – bei Dachsanierung oder -ausbau
wirksam bleiben. Einige Formen der Dach- – umgesetzt werden. Bei höherer Albedo
begrünung wirken sogar kühlend auf die heizt sich das Gebäude weniger auf und gibt
Umgebung und ausgleichend auf das ge- so auch nachts weniger Wärme ab. Das re-
samtstädtische Klima. Das Aufheizen von duziert die nächtliche Hitze in der Stadt und
Dächern zu vermindern, verbessert zudem im Haus.
das Raumklima in den Dachgeschossen.
Das kann – zum Beispiel bei Dachausbauten Blaue Dächer
– die Wohnqualität der neuen Wohnungen Klimatisch effektiver sind blaue Dächer. Das
verbessern. Dieser Ansatz hat in Berlin noch sind zum Beispiel Kiesdächer, die viel Was-
erhebliches Ausbaupotenzial. ser speichern und große Mengen des bei

Potenziale der Dachgestaltung

Wassergärten
K K
begehbare,
dauerstaunasse Sonderform:
Dachflächen als kühle Dach mit stärkerer
Räume in der Stadt Neigung

Blaugrünes Dach
K
dauerstaunasse
Dachfläche,
verdunstungsstarke
Pflanzen

K K
Sonderform:
urbanen Kühlung und Rückhaltung

Grünes Dach
(intensiv) Dachgärten und
Intensivdach mit -terrassen
Zunahme der Effektivität zur

Retentionsfunktion (Mehrfachnutzung)

K K
Grünes Dach
(extensiv) Sonderform:
Extensivdach mit Dachbegrünung und
Retentionsfunktion Photovoltaik

Blaues Dach
Kiesdach mit
Retentionsleistung

Albedodach
mit hohem Solar -°C
Reflectance Index

Konventionelles Dach
starke Aufheizung

© SenStadtUm/bgmr 2016

30
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Starkregen anfallenden Niederschlags zu- Steigern lässt sich die Wirkung, wenn der
Dachbegrünungsrichtlinie 2008
rückhalten können. Durch Erhöhung der Dachaufbau so angelegt ist, dass er Nieder-
Attika (eine niedrige Abschlusswand an der schläge fast vollständig zurückhält. Pflan- kostenpflichtige Broschüre der
Forschungsgesellschaft Landschafts-
Traufe des Dachs) und Drosselung des Ab- zen werden dabei durch Anstau des Was- entwicklung Landschaftsbau e. V.
flusses können Dächer zeitweilig zu Reten- sers in der Dränschicht oder durch eine mit Informationen zur Ausführung,
zu Anforderungen an das Bauwerk
tionsräumen werden. So lässt sich die Was- automatische Bewässerung kontinuierlich und Orientierungswerten
serabgabe an die Kanalisation steuern. mit Wasser versorgt. Besonders geeignet
www.fll.de
sind flache Dächer. Mittlerweile gibt es aber
 Publikationen im Onlineshop
Blaue Dächer lassen sich farblich so gestal- auch Lösungen bis zu einem Gefälle von  Bauwerksbegrünung
ten, dass sie eine hohe Albedo haben. Sie neun Prozent.
setzen allerdings voraus, dass es sich um
Flachdächer oder zumindest um Dächer mit Solche blaugrünen Dächer wurden in den
geringer Neigung handelt. letzten Jahren entwickelt. Sie werden heute Konzepte der Regenwasserbewirt-
schaftung, Gebäudebegrünung,
als Fertiglösung angeboten. Ihr mittlerweile
Gebäudekühlung – Leitfaden für
Extensiv und intensiv relativ geringes Eigengewicht erlaubt es, sie Planung, Bau, Betrieb und Wartung
begrünte Dächer selbst auf Bestandsgebäuden einzusetzen. www.stadtentwicklung.berlin.de
Dachbegrünungen machen aus vollversie-
 Bauen
gelten Dächern Flächen mit Verdunstungs- Wassergärten  Bauwesen
leistung und Retentionsvermögen. Grüne Die größte klimatische Wirkung haben Be-  Nachhaltiges Bauen
 Ökologisches Bauen/
Dächer sind deshalb ein wirksames Ele- grünungsformen, bei denen die Pflanzen Ökologische Gebäudekonzepte
ment, um das Stadtklima zu verbessern. dauerhaft im Wasser stehen. In solchen  Berichte, Dokumentationen
und Arbeitshilfen
Lösungen, eine Dachbegrünung umzuset- Wassergärten wachsen Arten feuchter
zen, gibt es heute auch für Dächer mit Standorte. Sie sind nicht darauf angewie-
einem Neigungswinkel von mehr als fünf sen, mit Wasser zu haushalten, und ver-
Grad. Herkömmliche, extensive Begrü- dunsten so auch bei Hitze und nachts sehr
nungsformen mit einem Bodenauftrag von viel.
10 bis 15 Zentimetern halten Regenwasser
zurück, haben jedoch nur geringe Kühlwir- Tatsächlich ist die Verdunstungsleistung
kung: Bei langer Hitze trocknen sie aus, so- der Pflanzen der zentrale Parameter, um
dass kein Wasser mehr verdunstet. die Kühlwirkung zu steigern. Bei der Pflan-
zenwahl für Gründächer sollte das berück-
Bei intensiv begrünten Dächern (zum Bei- sichtigt werden. Am stärksten kühlen Pflan-
spiel von Tiefgaragen) ist das Substrat min- zen, die ihre Spaltöffnungen kaum oder gar
destens 40 bis 60 Zentimeter hoch. Damit nicht schließen und permanent, also auch
erhöhen sich das Wasservolumen, das der bei heißen Wetterlagen verdunsten. Dazu
Boden zu speichern vermag, das Begrü- zählen Schilf und einige Wasserpflanzen.
nungspotenzial und folglich auch die klima- Dickblattgewächse wie Sedum hingegen, die
tische Wirkung. Spezielle Aufbauten ermög- auf extensiv begrünten Dächern wachsen,
lichen es, selbst bei vergleichsweise geringer verdunsten (und kühlen) äußerst wenig.
Substratstärke Wasser in einem Kammer-
system aufzunehmen und zu speichern.
HUcKEPAcK-PRINZIP
Blaugrüne Dächer Klimaanpassung ist kein losgelöstes Projekt und wird auch nicht in einem
Gründächer kühlen in Hitzeperioden nur, eigenen Förderprogramm angegangen. Sie wird in ohnehin stattfindende
wenn sie ausreichend mit Wasser versorgt Projekte integriert, also im Huckepack realisiert. Anpassungsmaßnahmen
sind – sei es durch Bewässerung oder, in- sind dabei No-Regret-Maßnahmen: Sie dienen nicht nur der Anpassung an
dem sie selbst Wasser speichern. Eine Dach- den Klimawandel, sondern wären auch ohne diesen Aspekt ökonomisch,
begrünung, die bei Hitze über geeignete ökologisch und sozial sinnvoll. In der Nachverdichtung etwa schaffen sie
Systeme bewässert wird, ist im Sinne der ein Mehr an Lebensqualität, indem neue, angenehme Räume wie Dachgär-
hitzeangepassten Stadt ausgesprochen ten, kühle Höfe oder Pocket Parks entstehen.
wirkungsvoll.

31
Dachgärten und -terrassen
Referenzprojekt: ufaFabrik Dächer dienen in der dichten Stadt oft als
Land: Deutschland privater oder gemeinschaftlicher Freiraum.
Ort: Berlin Dieses Potenzial ist in Berlin noch lange
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg nicht ausgeschöpft. Bei entsprechender Ge-
Stand: umgesetzt staltung als grüne oder blaugrüne Dächer
www.ufafabrik.de leisten Dachgärten und -terrassen zugleich
einen Beitrag zur Anpassung an den Klima-
wandel.

Immer häufiger wird auf Dächern urbane


Landwirtschaft betrieben. Durch die Bewäs-
serung und den Bodenaufbau können diese
Dächer kühlen und Wasser zurückhalten.
Auch Gewächshäuser auf dem Dach können
in Verbindung mit wasserspeichernden Mo-
dulen dazu beitragen, Abflusspitzen zu re-
duzieren.

© ufaFabrik e. V.
Dachbegrünung und Photovoltaik
Die ökologische Ausrichtung und klimatische Anpassung hat in der ufa- Dachbegrünung und die Erzeugung von So-
Fabrik lange Tradition und wird laufend weiterentwickelt, nicht zuletzt larstrom lassen sich gut kombinieren. Unter
durch die Kooperation mit Hochschulen wie der Technischen Universität Umständen entstehen sogar Synergien: Die
Berlin. Das Besondere ist, dass die Einzelmaßnahmen systemisch mitein- Temperatur auf grünen Dächern liegt deut-
ander vernetzt sind. lich unter der auf unbegrünten. Der energe-
Maßnahmen der Regenwasserretention, Gebäudebegrünung und Grün- tische Ertrag der Photovoltaikmodule hängt
flächenbewässerung machen das Gelände zum Vorbild für die klimaange- nun aber von ihrer Betriebstemperatur ab.
passte Stadt. 4.000 Quadratmeter Dachflächen sind begrünt, etliche Fas- Dadurch können Solaranlagen auf den küh-
saden mit einer bodengebundenen, vorgehängten Begrünung versehen. leren Gründächern einen höheren Leis-
Die Gebäudebegrünung hält Regenwasser zurück, sorgt für Schatten, iso- tungsgrad erzielen.
liert und schafft so einen Temperaturausgleich der Gebäude. Zudem ist
sie ein Ort außergewöhnlicher biologischer Vielfalt. Begrünung der Überdeckelung von
Die Kombination von grünen Dächern und Solaranlagen nutzt Synergie- Tiefgaragen
effekte zwischen Klimaschutz und -anpassung: Sie sorgt für einen höhe- Tiefgaragen im Blockinneren versiegeln
ren Energieertrag. Die Photovoltaikanlagen verschatten teils die Gebäude. Flächen. Diese Versiegelung lässt sich von
Auch die biologische Vielfalt wird gesteigert, weil sich unter den Anlagen negativen Folgen für das Klima weitgehend
andere Arten ansiedeln können. Einige Dachflächen werden im Sommer entkoppeln, wenn der Bodenaufbau über
bewässert, was ihren Kühleffekt noch steigert. dem Deckel mindestens 60 Zentimeter be-
Niederschlagswasser von Dächern, asphaltierten Wegen und Plätzen wird trägt und anfallendes Niederschlagswasser
gespeichert und steht als Brauchwasser und zur Bewässerung der Grün- bei Hitze zur Bewässerung genutzt wird.
flächen in Hitzeperioden zur Verfügung. Ein mit Schilf und Binsen bestan-
dener Pflanzen-/Bodenfilter ist gleichzeitig Kühlelement. Damit auch Großbäume im Bereich der Tief-
garagen gepflanzt werden können, müssen
Bereiche mit Bodenanschluss ausgegrenzt
werden. Ein Hof darf daher nicht vollflächig
unterkellert werden. Das macht eine früh-
zeitige Abstimmung in der Planung erfor-
derlich.

32
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Anreize zur Dachbegrünung Modellrechnungen, denen als Richtwerte


Begrünte Dächer haben eine bis zu doppelt Investitionskosten von 30 Euro pro Quad-
so hohe Lebensdauer wie unbegrünte. Sie ratmeter für begrünte und 10 Euro für her-
unterliegen in geringerem Maße Tempera- kömmliche Dächer zugrunde liegen, haben
turschwankungen und sind vor Wetterex- ergeben: Trotz höherer Herstellungskosten
tremen wie Hagel geschützt. Langfristig werden Gründächer nach rund 20 Jahren
sind grüne Dächer damit kostengünstiger kostengünstiger (SenStadtUm 2014/1, Sei-
als herkömmliche. te 27; auf Basis der umfangreicheren Be-
rechnungen in DDV et al. 2011; weitere
Bei Dächern, von denen das Regenwasser Grundlagen zu Kosten-Nutzen-Betrachtun-
nicht in die Kanalisation abgeleitet wird, gen: SenStadt 2011/5).
entfällt das Niederschlagswasserentgelt
von derzeit 1,80 Euro pro Quadratmeter Dachbegrünungen können zudem als na-
und Jahr. Bei einfach begrünten Dächern turschutzrechtliche Kompensationsmaß-
reduziert es sich durch ihren niedrigeren nahmen anerkannt werden, da sie zur bio-
Abflussbeiwert auf die Hälfte. Allerdings logischen Vielfalt beitragen und klimatische
sind von diesen Einsparungen die Investi- und lufthygienische Effekte haben.
tions- und Pflegekosten abzuziehen.

Werkman college,
Groningen (Niederlande)

© Optigrün international AG

Wohnanlage Würbser,
München

© Optigrün international AG

33
Anpassungsmaßnahme 02 > Fassadengestaltung

Die klimatische Wirkung von Fassaden lässt Albedo optimieren


sich auf vielerlei Art optimieren: durch Ver- Das Reflexionsvermögen einer Gebäude-
schattung, Erhöhung der Albedo und geeig- oberfläche lässt sich an allen Fassaden
nete Formen der Begrünung. Das Spektrum ohne großen Aufwand erhöhen: Helle Haus-
reicht von kostengünstigen extensiven bis wände mit möglichst glatter Oberfläche
hin zu intensiven Maßnahmen, die bei In- haben aus klimatischer Sicht Vorzüge
vestition und Betrieb deutliche Mehrkosten ( vgl. Seite 38). In südlichen Ländern, in
verursachen, aber auch eine große Wirkung denen Hitze schon immer ein Faktor ist, der
entfalten. Vorausschauende Planung kann die Lebensqualität bestimmt, wird das seit
die Kosten gering halten. Deshalb ist es von Jahrhunderten praktiziert.
Vorteil, Fassaden gleich beim Bau oder im
Rahmen von Umbau- und Sanierungspro-
jekten anzupassen.

Potenziale der Fassadengestaltung


Potenziale der Fassadengestaltung

K K
Bewässerung
fassadengebundene
°C - °C -
Begrünung mit
Bewässerung
Zunahme der Effektivität zur urbanen Kühlung und Rückhaltung

horizontale Begrünung vertikale Begrünung

K K

Begrünung
urbanen Kühlung und Rückhaltung

bodengebundene
Fassadenbegrünung °C - °C -
Zunahme der Effektivität zur

Begrünung Hauswand vorgehängte Begrünung

Verschattung

°C -
°C - °C -

aktiv verschattete Fassade passiv verschattete Fassade/Baum passiv verschattete Fassade/Arkaden

Konventionelle Fassade Albedo


°C + + °C

°C -

© SenStadtUm/bgmr 2016

34
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Verschattung
Fassaden lassen sich aktiv und passiv ver-
schatten. Zu den aktiven Maßnahmen zäh-
len alle Formen des Sonnenschutzes. Er
kann der gesamten Fassade oder auch nur
einem Fenster gelten. Die Palette der Lö-
sungen reicht von starren oder beweglichen
Jalousien über Raffstores, Rollläden, Fens-
terläden, Markisen und textile Vorhänge bis
zu Schiebepaneelen und Vordächern. Au- © Colt International Licensing Ltd.

ßenliegende Lösungen verhindern dabei


den Eintrag von Absorptionswärme und
sind innenliegenden deshalb vorzuziehen.

In der hitzebelasteten Innenstadt Berlins


dominiert die gründerzeitliche Bebauung.
Nur wenige Gebäude sind hier bisher mit
einem aktiven, außenliegenden Sonnen-
schutz ausgestattet.
© bgmr
Passive Verschattung lässt sich durch
Baumpflanzungen oder die Positionierung
eines Hauses zu seinen Nachbarbauten er-
reichen. Bäume werten zugleich den Au-
ßenraum auf und kühlen durch Verduns-
tung. Beim Neubau kann die gegenseitige
Verschattung von Gebäuden bereits in der
städtebaulichen Planung mitgedacht wer-
den. Analoges gilt für Baumpflanzungen in
der Außenraumplanung. Digitale Tools (wie
© marctwo/pixelio.de
zum Beispiel www.sonnenverlauf.de), die
den Schattenfall zu einem beliebigen Zeit-
punkt an einem frei wählbaren Ort anzei-
gen, können die Planung erleichtern.

Welche Hauswände vorrangig zu verschat-


ten sind und zu welcher Tageszeit die Ver-
schattung wirksam ist, hängt vor allem von
der Nutzung des Gebäudes ab. Deshalb ist
es wichtig, bei der Planung zu berücksichti-
gen, wie sich die Vulnerabilität einzelner © Marco Schmidt

Räume im Lauf des Tages ändert.

Von oben:
Verschattete Fassade:
Wohnquartier Marthashof in Berlin-Mitte

Selbstgemachter Sonnenschutz:
Balkon in der Berliner Großgörschenstraße

Vertikale Begrünung:
Galeries Lafayette in Berlin-Mitte

Begrünte Fassade:
Lise-Meitner-Haus in Berlin-Adlershof

Schattige Arkaden:
Friedrichstraße in Berlin-Mitte © bgmr

35
Grüne Fassaden mit der eines Baums derselben Biomasse
Leitfaden Fassadenbegrünung Wien
Begrünte Fassaden verbessern das Mikro- vergleichbar (Harlaß 2008). Gerade in en-
www.wien.gv.at klima am und im Gebäude. Sie verschatten gen Straßen und Höfen, die keinen Platz für
 Umwelt- und Klimaschutz wirkungsvoll die Gebäudehülle. Anders als Bäume bieten, bietet sich eine Begrünung
 Umweltschutz konventioneller Sonnenschutz erzeugen der Fassade an.
 Räumliche Entwicklung
 Fassadenbegrünung grüne Fassaden auch Verdunstungskälte
Leitfaden zur Fassadenbegrünung

und kühlen auf diese Weise. Das ist ein zu- Die Fassadenbegrünung kann an Wände
sätzlicher Vorteil. gebunden sein oder an vorgehängten Klet-
tergerüsten wie eine zweite Haut ausge-
Leitfaden Gebäude, Begrünung und Begrünte Fassaden haben einen hohen führt werden. Detailliert dargestellt sind die
Energie
Blattflächenindex. Damit erbringen sie bei Formen zum Beispiel im Leitfaden Fassa-
(Forschungsbericht)
minimalem Platzverbrauch eine hohe Ver- denbegrünung der Universität für Boden-
www.irbnet.de/daten/rswb/
13109006683.pdf
dunstungsleistung. Die mikroklimatischen kultur und des Verbands für Bauwerkbegrü-
Auswirkungen einer Fassadenbegrünung nung in Wien.
auf den Wasser- und Energiehaushalt sind
Blaugrüne Fassaden
Grüne Fassaden zu bewässern – und zwar
Referenzprojekt: Klimaquartier Klausenerplatz vor allem in Hitzeperioden – erhöht die
Land: Deutschland Transpiration über die Blattoberflächen
Ort: Berlin und damit die Kühlwirkung. Bewässert wird
Bezirk: Charlottenburg-Wilmersdorf in der Regel über integrierte Tropf- oder
Stand: umgesetzt Sprühschläuche. Um kein Trinkwasser da-
www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf  Verwaltung für zu verbrauchen, ist es sinnvoll, Fassa-
 Ämter  Umwelt- und Naturschutzamt  Umweltschutz denbegrünung und Regenwassermanage-
 Umweltschutzprojekte ment aufeinander abzustimmen. Die
Verwendung von Grauwasser zur Bewässe-
rung wird derzeit verstärkt untersucht und
erprobt.

Anreize zur Fassadenbegrünung


Fassadenbegrünungen verringern Tempe-
raturextreme an der Hauswand. Dadurch
lässt sich ein erheblicher Teil der Energie
sparen, der sonst für den Einsatz von Klima-
anlagentechnik benötigt wird. Über die Po-
© Birger Prüter tenziale und Wechselwirkungen zwischen
Der Kiez am Klausenerplatz engagiert sich seit 2008 für eine nachhaltige Fassadenbegrünung und Energie informiert
Entwicklung. Ziel ist es, Klimaschutz und Klimaanpassung zusammen um- detailliert der Leitfaden Gebäude, Begrü-
zusetzen. Die Maßnahmen reichen von Gebäudebegrünung, Förderung nung und Energie, ein Forschungsbericht
des Luftaustauschs, Entsiegelung und Regenwassermanagement bis zur der Technischen Universitäten Darmstadt
Erhöhung der Rückstrahlung. Eine räumliche Analyse von Dach-, Fassa- und Braunschweig. Für das Institut für Phy-
den- und Straßenbaumbegrünung zeigt Stand und Potenziale dieser Maß- sik (Lise-Meitner-Haus) in Berlin-Adlershof
nahmen auf. Hier wird auch der Zusammenhang zwischen Klimaanpas- wurde ermittelt: Der Kühlbedarf reduziert
sung und Schutz deutlich: Eine Rechnung zeigt, wie Dachbegrünung, sich dort durch die Fassadenbegrünung auf
Fassadenbegrünung und das Pflanzen von Straßenbäumen zu Energie- ein Drittel. Gleichzeitig erhöht sich der Heiz-
einsparungen führen und damit ein geringerer CO2-Ausstoß erreicht wird. bedarf leicht.
Grundstein für die erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen ist eine in-
tensive Kommunikation mit den Anwohnerinnen und Anwohnern. Ein
Klimaschutzmanager motiviert, steuert, kommuniziert und begleitet als
Berater die Umsetzung.

36
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

In der Summe aber sinkt der Primärenergie-


Richtlinie Fassadenbegrünungen
bedarf um die Hälfte. Auch Pflege und Un-
terhalt sind günstiger: Nach Berechnungen kostenpflichtige Broschüre der
Forschungsgesellschaft Landschafts-
der Technischen Universität Berlin würde entwicklung Landschaftsbau e. V.
ein konventioneller Sonnenschutz für das
www.fll.de
Haus zwölfmal so viel Pflegekosten verur-
sachen wie die Bewässerung und Pflege des  Publikationen im Onlineshop
 Bauwerksbegrünung
Fassadengrüns (Schmidt 2015).

Sonnenschutz
an Fassaden umsetzen Referenzprojekt: Gewerbegebiete Motzener Straße und
Um Fassaden zu verschatten, steht ein Großbeerenstraße
Werkzeugkasten unterschiedlichster Mög- Land: Deutschland
lichkeiten und Formen zur Verfügung. Da- Ort: Berlin
mit lassen sich passgenaue Lösungen um- Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
setzen, die den konkreten baulichen und Stand: umgesetzt
städtebaulichen Erfordernissen jedes Pro- www.motzener-strasse.de  Projekte
jekts gerecht werden. www.netzwerk-grossbeerenstrasse.de  Arbeitskreise
 AK KlimaPOSITIV
Auf der Ebene des Städtebaus lassen sich
diese Lösungen durch die Anordnung der
Gebäude oder das Anlegen von Gassen mit
geringem Lichteinfall optimieren. Arkaden
und Vordächer können den Sonnenschutz
auf Ebene architektonischer Gestaltung
weiter qualifizieren.

Werden Maßnahmen an Fassaden umge-


setzt, sind jedoch – gerade in der Typologie
der verdichteten Blockrandbebauung – Vor- © Zero Emission GmbH

gaben des Denkmalschutzes zu beachten. Die beiden hochversiegelten Gewerbegebiete in Tempelhof sind bioklima-
tisch belastet. Netzwerke der Unternehmen vor Ort begegnen dieser Be-
Zu den rechtlichen Voraussetzungen, den lastung, die durch den Klimawandel noch zunimmt.
Anforderungen an das Bauwerk und weite- Das UnternehmensNetzwerk Motzener Straße e. V. mit der Initiative
ren Umsetzungsthemen liegen umfangrei- NEMO (Null Emission Motzener Straße) und das Netzwerk Großbeeren-
che Handbücher vor. straße mit dem Arbeitskreis KlimaPOSITIV erarbeiten Konzepte, um über-
betriebliche Maßnahmen zu Klimaschutz und -anpassung umzusetzen.
Neben Strategien zur Verbesserung der Material- und Energieeffizienz
und der CO2-Reduktion stehen Maßnahmen, die die klimatische Situation
im Quartier verbessern.
Durch Gebäudebegrünung, Entsiegelung, Regenwasserversickerung und
-verwendung entstehen klimatisch angepasste Räume und neue Aufent-
haltsorte in den Quartieren. Die Projekte belegen den Zugewinn, der sich
Unternehmen in solchen klimaorientierten Zusammenschlüssen eröffnet.
Aus der Kooperation ergeben sich wirtschaftliche Vorteile: Einsparungen
bei der Energieversorgung, im Einkauf, bei Transport, Abfall- und Abwas-
serentsorgung. Zugleich wird der Standort aufgewertet und seine Außen-
wahrnehmung verbessert.
Die von den Gewerbetreibenden entwickelten Strategien weisen anderen
Betrieben und Standorten den Weg zu mehr Klimaschutz und -anpassung.

37
Anpassungsmaßnahme 03 > Erhöhung der Rückstrahlung
Solar Reflectance Index von
verschiedenen Betonsteinproben
Oberflächen, die die Sonneneinstrahlung Albedo und Solar Reflectance Index
www.betonshop.de
nicht zurückstrahlen, sondern zu einem gu- Die Albedo (Grad der Strahlungsreflexion)
 Energie, Rohstoffe, Umwelt ten Teil absorbieren, heizen sich stark auf. gibt an, wie viel Strahlungsenergie eine
Bauliche Strukturen werden so zum Hitze- Oberfläche reflektiert. Ihr Wert liegt zwi-
speicher. Aufgeheizte Gebäude aber geben schen null (geringe) und eins (hohe Rück-
besonders nachts Wärme an die Umgebung strahlung). Je höher die Albedo, desto weni-
wie auch an die Räume im Gebäudeinneren ger Strahlung wird absorbiert. Glatte und
ab. Das ist – neben mangelnder Verduns- helle Flächen haben eine hohe Albedo.
tung – ein Hauptgrund für den Wärmeinsel-
effekt und gerade bei ohnehin schon war- Um die Rückstrahlwirkung von Oberflächen
mer Wetterlage ein Problem. vergleichen zu können, ist es nötig, ihr Re-
flexionsvermögen zu quantifizieren. Neuere
Forschungen haben den Aufheizeffekt un-
terschiedlicher Oberflächenmaterialien ge-
nau kategorisiert. So hat der Betonverband
Potenziale durch erhöhte Rückstrahlung Straße, Landschaft, Garten e. V. (SLG) 2014
den Solar Reflectance Index (SRI) von 16 ty-
pischen Betonsteinoberflächen ermitteln
lassen.

Dächer Bodenbeläge Fassaden


Der Solar Reflectance Index berücksichtigt
nicht nur die Albedo, sondern auch die Ab-
wärme einer Fläche. Sein Wert variiert zwi-
Oberflächen Solar Reflectance Index (SRI)*
schen 0 und 100. Dabei gilt: Je höher der SRI,
desto geringer die Aufheizung. Der Wert
95
kann in der Planung als Hilfestellung die-
weiß, glatt, porenfrei
nen, um die Aufheizung über Oberflächen
einzustufen. Er ist damit auch als Indikator
und Steuerungsinstrument einsetzbar –
71 etwa als Vorgabe in städtebaulichen Ver-
trägen oder sogar in der Bauleitplanung.
beige, stahlkugelgestrahlt

Albedo und SRI lassen sich auf vielen Ober-


flächen in der Stadt erhöhen: auf Dächern,
47
Fassaden, Plätzen und Straßen. Verschiede-
ocker, unbehandelt, makrofein ne Studien bestätigen die hohe Wirksam-
Zunahme zur Vermeidung

keit zur Reduktion des Wärmeinseleffekts


des Urban Heat Effects

(zum Beispiel DWD 2015). Die Maßnahme


35 ist kostengünstig und kann bei Neubau-,
aber auch bei Umbau- und Sanierungspro-
grau, unbehandelt, makrofein
rot, geschliffen jekten im Bestand realisiert werden.

schwarz, unbehandelt, makrorau

*nach SLG 2014

© SenStadtUm/bgmr 2016

38
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Referenzprojekt:
Neubauprojekte landeseigener
Wohnungsbaugesellschaften

Projekt 1: Treskow-Höfe
Land: Deutschland
Ort: Berlin
Bezirk: Lichtenberg
Stand: fertiggestellt 2015
www.howoge.de  Bauen
 Neubauprojekte

Projekt 2: gärtnerei
Land: Deutschland
Ort: Berlin
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
gärtnerei © Büro Torsten Labs
Stand: fertiggestellt 2015
www.wbm.de  Unternehmen  Bauprojekte

Anpassungsmaßnahmen lassen sich mit einfachen Mitteln umsetzen und müssen keine zusätzliche finanzielle Belastung
sein – vor allem, wenn sie früh im Planungsprozess mitgedacht werden. Neubauprojekte der sechs landeseigenen Berli-
ner Wohnungsbaugesellschaften zeigen, wie man sie als No-Regret-Maßnahmen realisiert, die der Wohn- und Lebens-
qualität dienen und zugleich auf die Herausforderungen der hitzeangepassten und wassersensiblen Stadtentwicklung
reagieren.
Mit den Treskow-Höfen wurde ein 2,7 Hektar großes Areal in Lichtenberg städtebaulich neu geordnet und zum Wohn-
quartier umgestaltet. Grüne Höfe bieten wohnungsnah angenehme Aufenthaltsorte in der heißen Stadt. Staudächer
reduzieren Ablaufpeaks bei Starkregen. Helle Fassaden mit hohem SRI minimieren das Aufheizen der Bauten.
Die gärtnerei entstand auf einer zuvor unzugänglichen Brache in der Innenstadt. Zusammenhängende Freiräume im
Blockinneren mit hoher stadtklimatischer Wirkung blieben erhalten. Mieter- und Gemeinschaftsgärten bieten woh-
nungsnahe Rückzugsräume bei Hitze. Begrünte Dächer reduzieren den Anteil vollversiegelter Flächen erheblich. Die Fas-
saden im Hof sind begrünt. Wasserdurchlässige Wegepflaster gewährleisten eine weitgehende Oberflächenversickerung.

Albedowerte ausgewählter Oberflächen


Dach

Teer und Split Wellblech Dachziegel stark reflektierendes Dach


0,03 – 0,18 0,10 – 0,15 0,10 – 0,35 0,60 – 0,70
Wand

farbige Wand Backstein / Naturstein weiße Wand


0,15 – 0,35 0,20 – 0,40 0,50 – 0,90
Boden

Asphalt Beton Gras Bäume


0,05 – 0,20 0,10 – 0,35 0,25 – 0,30 0,15 – 0,18
Albedo verschiedener Oberflächen (aus
StEP Klima 2011; Fotos: Mayang, Back)

39
Anpassungsmaßnahme 04 > Urban Wetlands zur Kühlung
Wurzelraum unter Fahrbahnen:
Beispiele aus Osnabrück
Sonneneinstrahlung führt der Oberfläche Die höchste Verdunstungsrate haben Urban
www.betonshop.de
der Stadt eine erhebliche Energiemenge zu. Wetlands. In solchen Feuchtgebieten ver-
 Energie, Rohstoffe, Umwelt Trifft sie auf feuchte, wassergesättigte dunstet Wasser über die Pflanzen und über
Grünflächen, kann besonders viel Wasser den Boden. Offene Wasserflächen sind we-
verdunsten. Entsprechend hoch ist die niger günstig: Jeder Wasserkörper erwärmt
Kühlleistung. In der hoch versiegelten Stadt sich tags und wirkt nachts als nachhalten-
gibt es allerdings nur wenige dieser grünen der Wärmespeicher.
Kühlschränke. Die meisten der ohnehin
nicht zahlreichen Grünflächen trocknen in Kühlung durch Verdunstung funktioniert
Hitzeperioden zunehmend aus. Auf diesen nur, wenn Pflanzen genügend Wasser zur
trockenen Flächen kann die Sonnenenergie Verfügung steht. Ein begrüntes Dach oder
nicht durch Verdunstung aufgezehrt wer- eine Rasenfläche auf durchlässigem Boden
den. Damit steigt die Temperatur. Ziel der ist in der Regel nach einigen Tagen ausge-
hitzeangepassten Stadtentwicklung ist es trocknet. Sie kühlen nicht, sondern sind in
deshalb, verstärkt Flächen für kühlende Sachen klimatischer Wirkung fast einer Be-
Verdunstung zu sichern. tonfläche vergleichbar.

Potenziale der Kühlung durch Urban-Wetlands-Elemente


Typ Optimierung Orte

Pflanzen mit höchster Verdunstungs- Parks, große private Freiflächen (z. B.


leistung: Röhricht und Binsen in Zeilenbebauung, Krankenhäuser ... )

pflanzenbestandene Wasserflächen

Pflanzen mit höchster Verdunstungs-


Straßen, Stadtplätze
leistung: Röhricht und Binsen

Verdunstungsbeete

vorzugsweise mit Regenwasser Parks, große private Freiflächen,


bewässern kleinteiliges Grün

wasserversorgtes Grün

Still- und Fließgewässer, Kanäle

schwimmende Vegetationsinseln

P
Gebäude, Tiefgaragendecken

blaugrüne Fassaden und Dächer

möglichst viel Wasserbewegung, in


Stadtplätze
möglichst große Höhe
Kühlleistung

Wasserspiele / Brunnen

(1) quer zur Hauptwindrichtung Parks, große private Freiflächen,


ausrichten; (2) größter Oaseneffekt bei Stadtplätze (z. B. in Zeilenbebauung,
kleinen Wasserflächen (Ø bis 10 m) Krankenhäuser ... )
Wasserfläche

© SenStadtUm/bgmr 2016

40
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Im Sinne urbaner Hitzevorsorge gilt es des-


URBAN WETLANDS
halb:
Urban Wetlands sind feuchte Flächen, auf denen Verdunstungs- und Kühl-
prozesse mit hoher Intensität ablaufen. Sie sind ein zentrales Raumele-
„ Flächen mit hohem Potenzial an Evapo-
ment der Schwammstadt. Urban Wetlands können horizontal, vertikal,
transpiration zu schaffen,
gebäudegebunden oder ebenerdig angelegt sein. Zur wassergesättigten
„ auch in Hitzeperioden deren Versor-
Vegetation zählen blaugrüne Fassaden und Dächer, Verdunstungsbeete,
gung mit Wasser sicherzustellen und
pflanzenbestandene Wasserflächen oder schwimmende Vegetationsin-
„ Vegetationstypen mit hoher Verduns-
seln. Auch Wasserspiele, Brunnen oder Wassernebel kühlen und schaffen
tungsleistung anzupflanzen.
so angenehme Aufenthaltsorte.

Die kühlenden Elemente müssen so gestal-


tet sein, dass sie möglichst viel Verduns-
tungskälte an die Luft abgeben und sich Referenzprojekt: Flussbad Berlin
keine unangenehme Schwüle entwickelt. Land: Deutschland
Dank großer Blattoberfläche sind Bäume, Ort: Berlin
Sträucher und wassergebundene Pflanzen Bezirk: Mitte
wie Schilf und anderes Röhricht besonders Stand: Konzept
geeignet. Werden Urban Wetlands mit ein- www.flussbad-berlin.de
heimischen Pflanzen umgesetzt, können
sie einen wertvollen Beitrag zur biologi-
schen Vielfalt leisten. Eine Schlüsselrolle
hat dabei die Wasserversorgung.

Wasserflächen
Gewässer verdunsten über ihre Oberfläche
Wasser. Beeinflusst wird die Verdunstungs-
leistung durch die Windverhältnisse: Be-
wegtes Wasser kühlt stärker. Brunnen mit
Fontänen, künstliche Wasserfälle und Was-
© realities: united
serspiele eignen sich vor allem für Stadt-
plätze. Sie sind zugleich Gestaltungsele- In innerstädtischen Gewässern baden kann man nur in wenigen Städten.
mente, die die Aufenthaltsqualität deutlich Das Alleinstellungsmerkmal gewinnt vor dem Hintergrund des Klimawan-
steigern können. dels an Bedeutung. Je mehr Hitzeperioden es gibt, umso gefragter werden
Orte am und im Wasser, die Erholung vom Hitzestress versprechen.
Pflanzenbestandene Wasserflächen Das Projekt Flussbad Berlin sieht vor, im Kupfergraben (einem Seitenkanal
Besonders stark kühlen Flächen, die Vege- der Spree) eine ökologische Filteranlage zu schaffen, um den anschließen-
tation und Wasserverfügbarkeit kombinie- den Bereich am Humboldt-Forum und an der Museumsinsel als Stadtbad
ren. Die Blätter von Pflanzen bilden in der zu nutzen. Auf einer Länge von 750 Metern würde der Kanal zum frei
Summe eine große Verdunstungsfläche. zugänglichen Schwimmbecken. Der 850 Meter lange obere Teil des Kanals
Werden Pflanzen gut mit Wasser versorgt, soll zu einer urbanen Biotoplandschaft werden, an die das Schilfbecken
steigert das die Transpiration. zur Reinigung des Spreewassers anschließt. Damit würde ein Urban Wet-
land entstehen.
Wasserflächen lassen sich durch Vegetation Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicher-
zu besonders effektiven Kühlelementen heit fördert das Vorhaben des gemeinnützigen Vereins Flussbad Berlin
entwickeln – auch bereits bestehende. Die e. V. im Programm Nationale Projekte des Städtebaus. Das Land Berlin
Kombination mit Pflanzen kann die Kühl- beteiligt sich an den Projektkosten für vorbereitende Maßnahmen, um
leistung einer Wasserfläche nahezu verdop- das Flussbad bis Ende 2018 zu verwirklichen. Für die umgebenden Quar-
peln. Auch die tageszeitliche Wirkdauer tiere mit wenig nutzbarem Freiraum würde die Aktivierung des Kanal-
nimmt zu: Pflanzen verdunsten und kühlen raums eine deutliche Diversifizierung und Qualitätssteigerung des öffent-
auch dann noch, wenn die Wasserflächen lichen Raums bedeuten.
sich soweit erwärmt haben, dass sie kaum

41
mehr kühlen. Ein weiterer Vorteil: Pflanzen Röhrichte steigern die Kühlleistung in
verschatten den Wasserkörper, der sich da- besonderem Maße. Sie können an Wasser-
durch nicht mehr so stark aufheizt. becken, am Rand von Kanälen, in eigens
gestalteten Kühlbeeten oder auf schwim-
Art der Vegetation menden Vegetationsinseln gepflanzt wer-
Neben der Wasserverfügbarkeit bestimmt den.
die Art der Vegetation maßgeblich die Kühl-
wirkung von Urban Wetlands. Gefragt sind Schwimmende Vegetationsinseln
Pflanzen, die ihre Stomata (Spaltöffnun- Eine ingenieurbiologische Entwicklung der
gen) nicht schließen, sondern permanent letzten Jahre mit effektiver Kühlleistung
verdunsten – gerade in den heißen Mittags- sind schwimmende Vegetationsinseln .
stunden und auch bei Nacht. Das sind vor Schwimmende Konstruktionen, die mit
allem Arten feuchter Standorte, die nicht Pflanzen des Gewässerrands und der Ufer-
darauf angewiesen sind, mit Wasser zu zonen bepflanzt sind, werden zur urbanen
haushalten. Einige Wasserpflanzen (wie Kühlung eingesetzt. Sie sind tolerant ge-
Teichrosen) können allerdings die Verduns- genüber Wasserstandsschwankungen und
tung schmälern, weil sie die Wasseroberflä- lassen sich grundsätzlich in allen urbanen
che verdecken. Wasserflächen einsetzen: von Kanälen über
Fließ- bis zu stehenden Gewässern. Die
Die verdunstungsaktive Oberfläche einer schwimmenden Inseln eignen sich auch für
Pflanze erhöht sich mit ihrer Größe oder Gewässer, deren Ränder sich nicht bepflan-
Wasserspiele schaffen Wohlfühlorte:
Platz in Danzig besser: mit Größe und Zahl ihrer Blätter. zen lassen.

© bgmr

42
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Schwimmende Röhrichtinseln kühlen be- Um die Verdunstungsleistung von Bäumen


sonders gut, da hier die Vegetation perma- im Straßenraum zu erhöhen, kann ihr Wur-
nent mit Wasser versorgt wird. Ein positiver zelraum vergrößert werden. Wie sich die
Nebeneffekt ist die Wasserreinigungsleis- Ausbreitung der Wurzeln verträglich mit
tung solcher Inseln. unterirdischer Infrastruktur gestalten lässt,
zeigen Beispiele aus jüngerer Zeit in Stock-
Wasserversorgte Grünflächen holm und Osnabrück. Auch die Bewässe-
Bestehende Grünflächen können in Hitze- rung in Hitzeperioden erhöht die Wasser-
perioden mit Wasser versorgt werden, um verfügbarkeit und damit den Kühleffekt.
ihre Kühlwirkung zu steigern. Rasen zu
sprengen und Bäume zu wässern, trägt
dazu bei, Verdunstung zu sichern. In Quar-
tieren und auf Grundstücken, die keinen
Raum für Grünflächen bieten, können blau-
grüne Fassaden und Dächer als Urban Wet-
Urban Wetlands:
lands dienen. Jardins des Grands-Moulins in Paris

Kühlbeete
Wo wenig Flächen verfügbar sind, können
Verdunstungsbeete im Straßenraum oder
auf Stadtplätzen angelegt werden. Diese
kleinen Elemente haben den Vorteil, dass
sie durch den Oaseneffekt im Verhältnis zu
ihrer geringen Größe besonders stark küh-
len. Der Oaseneffekt ist auf Flächen von 200
bis 300 Quadratmetern am stärksten. An-
ders als bei Röhricht kann hier zudem kein
schwüles Mikroklima entstehen.

Die Beete müssen besonders bei Hitze mit


Wasser versorgt werden. Um kein Trink-
wasser zu verbrauchen, ist die Koppelung
mit Wasserspeicherung (Zisternen) sinn-
© Jean-Pierre Viguié
voll. Dauerstaunasse Kühlbeete kombinie-
ren Kühlung und Retention auf einer Fläche.

Bäume
Auch Bäume sind vielseitige und wirkungs-
volle Kühlelemente in der heißen Stadt. Sie
reduzieren die Sonneneinstrahlung um
mehr als 90 Prozent und zeigen eine sehr
gute Verdunstungsleistung. Diese ist bei
einzeln stehenden Bäumen (durch den
Oaseneffekt) deutlich höher als bei Baum-
gruppen.

Pflanzenbestandene
Wasserfläche in Wolfsburg © bgmr

43
Anpassungsmaßnahme 05 >
Arbeitsblatt DWA-A 138
Planung, Bau und Betrieb von Anlagen
Regenwassermanagement zur Überflutungsvorsorge
zur Versickerung von Niederschlags-
wasser
Vorsorge gegen Überflutungen zu treffen, Versiegelung vermeiden
www.dwa.de gewinnt angesichts der zu erwartenden Zu- Nicht oder zumindest nur zum Teil versie-
 DWA-Shop nahme von Extremwettereignissen erheb- gelte Flächen entlasten das Kanalnetz: Wo
 Gesamtübersicht lich an Bedeutung (BBSR 2015/2). Eine viel versickern kann, muss weniger Wasser
 Entwässerungssysteme
 Arbeitsblätter ebenso zentrale Aufgabe ist es, Überläufe abfließen. In der wachsenden Stadt lässt
der Mischwasserkanalisation zu verhin- sich Versiegelung zwar kaum ganz vermei-
dern, um die Gewässer zu entlasten. Beide den, dennoch sollten alle Möglichkeiten
setzen an der Oberfläche der Stadt an. Es ausgeschöpft werden, sie zu minimieren.
gilt, die Stadt wassersensibel zu gestalten. Grüne und blaugrüne Dächer sind ein wich-
tiger Weg.

Potenziale
Potenziale desdes Regenwassermanagementszur
Regenwassermanagements zurÜberflutungsvorsorge
Überflutungsvorsorge

Versiegelung vermeiden Versickern statt entwässern Zurückhalten und Abfluss Über Notwasserwege ableiten
Versiegelung vermeiden Versickern statt Zurückhalten und Abfluss
verlangsamen Über Notwasserwege
entwässern verlangsamen ableiten

Maßnahmen

Flächenversickerung Retentionsdach

Stauraum Straße

Entsiegelung Straßenraum als Notwasserweg


Muldenversickerung

Stauraum Stellflächen

Anlegen von teilentsie- Mulden-Rigolen-Versickerung Stauraum Sportplatz Mulde als Notwasserweg


gelten Flächen

Rohr-Rigolen-Versickerung Retentionsbeet
und Schachtversickerung

Orte

© SenStadtUm/bgmr 2016

44
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Versickern statt entwässern Böden und Tiefe der Mulden sind für eine
Leitfaden Klimaangepasstes Bauen
Erheblich entlastet werden die Kanalnetze, solche dezentrale Regenwasserbewirt- bei Gebäuden
wo sie – durch dezentrale Retention und schaftung auf dem Grundstück 10 bis 20
www.bbsr.bund.de
Versickerung – keine Regenwasserzuflüsse Prozent der versiegelten Fläche nötig.
bewältigen müssen. Niederschlagswasser  Veröffentlichungen
 BBSR-Analysen KOMPAKT
zu versickern ist in Berlin vielerorts selbst- In der dicht bebauten Innenstadt ist selbst
verständlicher Ansatz der Planung, der be- eine dezentrale Mulden-Rigolen-Versicke-
reits großflächig umgesetzt wird. Regeln rung nicht immer möglich. Rohr-Rigolen-
für Planung, Bau und Betrieb von Versicke- und Schachtversickerung sind Alternativ-
rungsanlagen nennen das Arbeitsblatt lösungen auf knapper Fläche.
DWA-A 138 der Deutschen Vereinigung für
Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. Sie sind indes nur zulässig, wenn Belastun-
und die Richtlinien für die Anlage von Stra- gen des Niederschlagswassers (etwa von
ßen – Teil: Entwässerung (RAS-Ew). Dachflächen) ausgeschlossen sind.

Die meist sandigen Böden des Berliner Ur- Neubaugebiete sollten wo immer möglich
stromtals eignen sich gut, Niederschlags- als abflusslose Siedlungsgebiete entwickelt
wasser zu versickern. Auf Standorten wie werden. Dabei ist das Regenwasserma-
den Hochflächen von Barnim und Teltow nagement gänzlich von der Kanalisation
werden begrünte Mulden durch Rigolensys- abgekoppelt. Eine längerfristige Herausfor-
teme ergänzt, um die nötige Versickerungs- derung wird es sein, wie sich schrittweise
leistung auf überschaubarer Fläche zu er- auch Bestandsgebiete abkoppeln lassen.
Grünfläche als Retentionsraum:
reichen. Je nach Versickerungsfähigkeit der Bornstedter Feld in Potsdam

© bgmr

45
Referenzprojekt:
Abflussloses Siedlungsgebiet
Adlershof
Land: Deutschland
Ort: Berlin
Bezirk: Treptow-Köpenick
Stand: fertiggestellt
www.adlershof.de

© bgmr

Seit 1991 ist in Berlin-Adlershof eine von Wissenschaft, Wirtschaft und Medien geprägte Stadtlandschaft entstanden. Sie
wurde als weitgehend abflussloses Siedlungsgebiet entwickelt. Mit Ausnahme der Hauptverkehrsstraßen mit ihrer er-
heblichen Verkehrsbelastung werden die Straßen und Plätze im Gebiet nicht über die Kanalisation entwässert. Gleiches
gilt für einen Großteil der Grundstücke. Regenwasser wird in Rasenmulden gesammelt und versickert dort. Dabei wird es
durch die Bodenpassage gereinigt und reichert das Grundwasser an.
In den Bebauungsplänen wurden Mindeststandards festgesetzt: Dachflächen sollen begrünt werden, Regenwasser soll
dezentral versickern und Wege sollen in wasser- und luftdurchlässigem Aufbau befestigt werden.
Das Ergebnis: Vorfluter werden bei Starkregen nicht belastet. Zugleich qualifiziert die wassersensible Stadtentwicklung
in Form von Rückhalteflächen die Freiräume im Quartier.

Zurückhalten und
Abfluss verlangsamen
Bei Starkregen sind die Kanäle schnell über-
Versickerungsmulden lastet. Rückhalteräume für die seltenen
im Hochschulstadtteil Lübeck
Starkregenereignisse technisch auszubau-
en, stößt indes an die Grenzen des Finan-
zierbaren. Sinnvoller ist es, die Oberfläche
der Stadt als temporäres Rückhaltesystem
zu begreifen. Durch Mehrfachnutzung las-
sen sich neue Flächen als Retentionsraum
aktivieren: zeitweilig überstaute Dachflä-
chen, tieferliegende Parkplätze, Baum-
scheiben, Sportplätze, Stadtplätze, Grün-
und Freiflächen kommen infrage.

Das erfordert eine intensivere Abstimmung


zwischen allen Verantwortlichen, da sich
bisher getrennte Zuständigkeiten (für Was-
serwirtschaft, Straße oder Grün) nun auf
einer Fläche überlagern. In der wachsenden
Stadt im Klimawandel werden solche Mehr-
fachnutzungen aber als Lösung unabding-
© bgmr bar sein.

46
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Über Notwasserwege ableiten


Wasser sucht sich seinen Weg. Um Schäden Beispielprojekt: Gowanus canal Sponge Park™
an Gebäuden und Infrastruktur zu verhin- Land: USA
dern, kann Regenwasser an der Oberfläche Ort: New York City
gezielt an Orte geleitet werden, an denen Bezirk: Brooklyn
das Schadensrisiko gering ist. Das können Stand: Konzept 2009, erster Abschnitt realisiert 2016
Bereiche in Parks und Grünanlagen sein, www.dlandstudio.com  Projects  City  Gowanus Canal Sponge
Sportplätze, Schulhöfe, Verkehrsflächen Park™ und Gowanus Canal Pilot Street-End Sponge Park™
mit ihren Begleiträumen oder große Stell-
plätze und so weiter. Straßen mit geeigne-
ten Profilen und Gradienten, aber auch
Grünflächen mit Mulden können als Not-
wasserwege dienen. Solche Notwasserwege
sind nicht Teil der Regelentwässerung, soll-
ten aber für Extremereignisse mitgedacht
werden.

Objekte schützen
Ein Überflutungsschutz der Objekte muss
die Überflutungsvorsorge ergänzen. Eben-
erdige Geschäfte und Wohnungen, Keller
und U-Bahnschächte sind als Erste von ur-
© DLANDstudio Architecture + Landscape Architecture pllc
banem Hochwasser betroffen. Maßnahmen
zu ihrem Schutz lassen sich meist recht ein- Das 2009 entwickelte Projekt Gowanus Canal Sponge Park™ sieht vor, die
fach umsetzen und zeigen große Wirkung. Ufer des Kanals zu revitalisieren. Dazu entstehen neue, mehrfach nutz-
So lassen sich etwa Kellerschächte erhöhen, bare Räume, die die angrenzenden Quartiere aufwerten. Dieses grünblaue
Schwellen an Tiefgaragen ergänzen oder System aus Wegen und Pocket Parks kühlt die dicht bebauten Quartiere
die Gefälle vor ebenerdigen Zugängen an- im Sommer und schafft bei Hitze öffentliche Rückzugsräume.
passen. Dabei sind intelligente Lösungen Ziel ist es, Starkregen zurückzuhalten, Schwermetalle und biologische
gefragt, die dennoch einen barrierefreien Toxine aus dem ablaufenden Wasser zu filtern und so deren direkten Ein-
Zugang erlauben. trag in den Kanal zu verhindern. Gleichzeitig soll die Mischwasserkanali-
sation Brooklyns entlastet werden.
Oft lassen sich hohe Sachschäden schon In den Quartieren selbst werden Urban Wetlands in Form von Bassins
vermeiden, indem wertvolle und empfind- angelegt, in die bei Starkregen das überschüssige Regenwasser von ver-
liche Gegenstände nicht mehr bodennah siegelten Flächen geleitet wird. Bei Hitze erzeugen diese Bassins Verduns-
gelagert werden. Der Leitfaden Klimaan- tungskälte.
gepasstes Bauen bei Gebäuden des Bundes- Dieses Wassermanagement ist deutlich günstiger als ein Ausbau der Ka-
instituts für Bau-, Stadt- und Raumfor- nalisation. Ein erster, rund 1.700 Quadratmeter großer Bauabschnitt des
schung listet besonders vulnerable Parks wurde im Frühjahr 2016 eröffnet.
Gebäudeteile ebenso auf wie die für die An-
passung von Gebäuden an Starkregenereig-
nisse relevanten technischen Regelwerke
(BBSR 2015/1).

47
Anpassungsmaßnahme 06 >
Auf die Tageszeit abgestimmte Kühlung

Im Lauf des Tages ändert sich die Wirkung Dieser Verlauf erhält zusätzlich Gewicht
der grünen und blauen Elemente der Küh- durch die Nutzung und die damit verbunde-
lung. Wiesen und offene Rasenflächen küh- ne Vulnerabilität der betroffenen Men-
len vor allem nachts. Vegetation verdunstet schen: Eine Schule muss vom Morgen bis
(und kühlt) dagegen am Tag und am besten weit in den Nachmittag hinein kühl sein, ein
bei Sonne. Albedo und Verschattungsele- Büro bis zum Abend und eine Wohnung
mente kommen umso stärker zum Tragen, rund um die Uhr.
je intensiver die Sonne scheint.
In der Feinplanung sollten Anpassungs-
Bei der Wahl geeigneter Maßnahmen zur maßnahmen deshalb auf die Nutzungszeit
Hitzevorsorge ist der tageszeitliche Wir- abgestimmt werden.
kungsverlauf ein wesentlicher Punkt.

Kühlwirkung von Anpassungsmaßnahmen im Tageslauf


Kühlwirkung von Anpassungsmaßnahmen im Tageslauf

Kühlende Elemente

Mittag

wasserversorgte
Vegetation

vegetationsbestandene
Wasserflächen

stehende Wasserflächen

Morgen Abend

hoher Solar Reflectance


Index

Verschattung

Wiese / Rasenfläche
Nacht
© SenStadtUm/bgmr 2016

48
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassungsmaßnahmen optimieren

Beispielprojekt:
Klimaanpassung Edgar Plaza
Land: USA
Ort: New York City
Bezirk: Manhattan
Stand: im Bau
Planung: DLANDstudio pllc
Auftraggeber: Alliance for Downtown
New York / NYC Parks
www.dlandstudio.com  Projects  City
 Edgar Plaza

© DLANDstudio Architecture + Landscape Architecture pllc

Die Planung für die neue Edgar Plaza im südlichen Manhattan sieht vor, zwei bisher noch durch eine Ausfahrt des
Brooklyn-Battery-Tunnels getrennte Verkehrsinseln zum urbanen Freiraum zusammenzufassen. Die gestalterische Auf-
wertung geht mit einem innovativen Konzept für Hitzeschutz, Starkregenmanagement und Solarstromproduktion ein-
her. Das Konzept sieht weiter vor, dass Besucherinnen und Besucher den solar produzierten Strom kostenlos nutzen
dürfen, um Smartphones und Tablets aufzuladen. (Der Platz liegt an einer wichtigen Touristenroute in der Stadt.)
Künstliche Feuchtgebiete halten das Wasser bei Starkregen zurück und werden bei Hitze rund um die Uhr für ein kühles
Mikroklima sorgen. Zusätzliche Kühlung bringt am Tage die starke Verschattung des Platzes durch Solarelemente und
Bäume. Unter den Solarelementen liegen schattige und kühle Sitzplätze. Im stark verdichteten Manhattan entstehen so
neue Qualitäten für die Stadt im Klimawandel, die den Menschen bereits heute zugutekommen.

Flexible Verschattungselemente lassen


Sonnenschutz durch Bäume: sich dem Sonnenstand anpassen:
Gleditschstraße in Berlin Konrad-Wachsmann-Allee in cottbus

© bgmr © bgmr

49
6. Anpassung auf den
Stadtstrukturtyp abstimmen
Die Stadtstruktur- und Flächentypen im StEP Klima KONKRET
Die Stadtstruktur- und Flächentypen im StEP Klima KONKRET

verdichtete Blockrandbebauung Nachverdichtung von Zeilenbebauung

Geschosswohnungsneubau Schulen

Gewerbe und Industrie Straßen und Plätze

Grün- und Freiflächen


© SenStadtUm/bgmr 2016

50
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Welche Anpassungsmaßnahmen sich am lernen sich kennen und können ihre Aktivi-
besten eignen, hängt vom konkreten Ort täten aufeinander abstimmen. Das erzeugt
ab. Die dichte Blockrandbebauung der In- meist weitere Synergien.
nenstadt, Neubauten in Baulücken oder
Neubauten auf größeren Grundstücken Fünf Stadtstruktur-
stellen jeweils eigene Ansprüche, und beim und zwei Flächentypen
Nachverdichten von Zeilenbauten des 20. Die Stadtstrukturtypen wurden aus den
Jahrhunderts sind andere Maßnahmen ge- Karten 06.07 Stadtstruktur und 06.08
fragt als in Gewerbegebieten oder an Schul- Stadtstruktur differenziert im Umweltatlas
standorten. Berlin abgeleitet. Sie sind – nach ihrem
klimatischen Charakter und der Umsetz-
Werkzeugkasten der Anpassung barkeit von Maßnahmen – zu fünf Typen
Als Handreichung für Planung und Umset- zusammengefasst: Die Typen der gründer-
zung konkretisiert dieses Kapitel die Erfor- zeitlichen Blockrandbebauung (aus Karte
dernisse und möglichen Schritte für fünf 06.07) sind unter dem Typ verdichtete
Bebauungstypen, für Straßen und Plätze Blockrandbebauung subsumiert. Die Typen
und für Grün- und Freiflächen. Die vorge- der Zeilenbebauung (nach Karte 06.08) bil-
schlagenen Maßnahmen sind dabei als den den Typ Nachverdichtung von Zeilenbe-
Werkzeugkasten gedacht. Welches Werk- bauung. Auch die beiden Schultypen aus
zeug, oder besser: welche Maßnahme zum Karte 06.08 sind zusammengefasst.
Einsatz kommt, muss anhand der Örtlich-
keit und der Rahmenbedingungen entschie- Kriterien der Typenauswahl waren:
den werden. Um möglichst große Effekte zu „ bereits heute klimatisch belastet und/
erzielen, gilt es, mehrere Werkzeuge zu oder: besonders starke künftige Belas-
kombinieren. tung zu erwarten
„ umfassende Veränderungen wie Neu-
Quartierskonzepte bau und Nachverdichtung laufen oder
In der Regel wirken Anpassungsmaßnah- sind zu erwarten
men nicht in einem einzelnen, klar um- „ kein Sonderfall/vorgeschlagene Maß-
grenzten Raum. Sie stehen in einem weite- nahmen sind übertragbar
ren Wirkzusammenhang und sollten „ hoher Anteil an der gesamtstädtischen
entsprechend abgestimmt werden. Ziel Flächenkulisse
muss es sein, dass die Maßnahmen über die
Anpassung an den Klimawandel hinaus Bei der Auswahl stand die Wohnnutzung im
Nutzen bringen und etwa die Wohnqualität Vordergrund. Zusätzlich wurden Schul-
erhöhen, Freiraumangebote verbessern, standorte (weil relevant für die Entwicklung
das Stadtbild aufwerten oder die biologi- der wachsenden Stadt) und Gewerbegebie-
sche Vielfalt stärken. te (wegen ihrer flächenmäßigen Bedeu-
tung) ausgewählt.
Quartierskonzepte helfen, die Potenziale
der verschiedenen Stadtstrukturtypen, der Ergänzt werden die fünf Stadtstruktur-
Straßenräume und Grünflächen für die Kli- typen:
maanpassung zu nutzen und neue Qualitä- „ verdichtete Blockrandbebauung
ten für den städtischen Raum zu schaffen. „ Nachverdichtung von Zeilenbauten
So lassen sich gerade in der wachsenden „ Geschosswohnungsneubau
Stadt die Anstrengungen steuern, bündeln, „ Gewerbe und Industrie
vor allem aber: ihre Synergien nutzen. Die „ Infrastruktur/Schulen
Erarbeitung eines Quartierskonzepts der
Klimaanpassung ist immer eingebunden in durch zwei Flächentypen:
einen Beteiligungsprozess. Er fördert Kom- „ Straßen und Plätze
munikation und Austausch. Alle Beteiligten „ Grün- und Freiflächen

51
ie Stadtstruktur- und Flächentypen im StEP Klima KONKRET

Typ 1 – Verdichtete Blockrandbebauung

Bedeutung in Berlin Städtebaulicher charakter


Die Blockrandbebauung der Gründerzeit Die Blockrandbebauung stammt überwie-
macht rund 15 Prozent der Wohngebiets- gend aus der Gründerzeit. Die Bauten rei-
und rund acht Prozent der Gesamtfläche hen sich an den Straßen, wo sie einen über-
verdichtete Blockrandbebauung Berlins aus.vonDas
Nachverdichtung entspricht etwa 3.880 Hek-
Zeilenbebauung wiegend geschlossenen Rand bilden. Mit
tar. In den Innenstadtbezirken liegt der meist fünf Geschossen hat dieser Stadt-
Anteil jedoch um ein Vielfaches höher: In strukturtyp die traditionelle Berliner Trauf-
Durchlüften Begrünen Verschatten Mitte macht er 65 Prozent aus, in Fried- höhe von 22 Metern geprägt. Die Bebauung
richshain-Kreuzberg 73 und in Charlotten- ist dicht, die Geschossflächenzahl (GFZ)
burg-Wilmersdorf 37 Prozent (SenStadt reicht an Werte über 3,0 heran. Die Grund-
Verdunsten Rückstrahlen Wohlfühlen 2011/4). Rund 36 Prozent der Berliner Be- flächenzahl (GRZ) kann bis zu 0,8 und mehr
Geschosswohnungsneubau
völkerung
Schulen
(also mehr als 1,2 Millionen betragen (SenStadt, 2010). Damit ist ein
Menschen) wohnen in der Blockrandbe- Großteil der Flächen versiegelt.
Rückhalten bauung (SenStadtUm 2014/2).

Anpassungspotenziale in der verdichteten Blockrandbebauung


Anpassungspotenziale in der verdichteten Blockrandbebauung
Gewerbe und Industrie Straßen und Plätze

kühlende Grünflächen

Sicherung der Durchlüftung/Luftaustausch


Grün- und Freiflächen zwischen Grünflächen und Innenhöfen
Stellplätze als temporäre
Stauflächen bei Starkregen

helle Farben und Verschattungselemente an


südexponierten Fassaden
P

einfache Fassadenbegrünung
im Bestand

Straßen und Plätze


als Wohlfühlorte

kleine Parks als Wohlfühlorte,


Entsiegelungen in den Höfen

Albedo-Dächer

bei Nachverdichtung/Neubau:
- blaugrüne Dächer als Retentions-
raum
- intensive Fassadenbegrünung,
bevorzugt an sonnenexponierter
Seite

Verschattung durch Bäume,


bevorzugt an der Südseite

© SenStadtUm/bgmr 2016

52
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

In den 1970er- und mehr noch in den


1980er-Jahren wurden im Rahmen der
Stadtsanierung Blockinnenbereiche ent-
kernt und als Grünflächen angelegt.

In den letzten Jahren hat sich die Bebauung


von Baulücken und die Verdichtung unter-
genutzter Flächen intensiviert. Diese Ver-
dichtung geht weiter: Letzte Baulücken
werden geschlossen, Gebäude mit wenigen
Geschossen durch höhere ersetzt, Dachge-
schosse ausgebaut und Bauten der Nach-
kriegszeit aufgestockt.

Klimatischer charakter
und Potenziale
© Birger Prüter
Laut Analysekarte Klima 02 des StEP Klima
findet sich dieser Stadtstrukturtyp über- mehr als ein Drittel der Bevölkerung Berlins Fassadenbegrünung in
Berlin-charlottenburg
wiegend in wärmebelasteten Räumen. Die wohnt, besteht hoher Handlungsbedarf, die
Innenhöfe – unterschiedlicher Struktur und Hitzebelastung zu senken.
Größe – sind klar vom Straßenraum ge-
trennt. Das Spektrum reicht vom 100 Qua- Handlungsbedarf besteht auch bei der Re-
dratmeter kleinen Schmuckhof oder Licht- genwasserbewirtschaftung: In der Block-
schachthof über begrünte Gartenhöfe mit randbebauung fließt das Regenwasser
800 Quadratmetern bis zum versiegelten überwiegend in die Mischkanalisation und
Hof, den Gewerbebetriebe nutzen. Viele trägt deshalb bei Starkregen erheblich zu
Höfe sind teils unterkellert, dienen der Er- den gewässerbelastenden Überläufen bei.
schließung von Seitenflügeln und Hinter-
häusern und werden als Fahrrad- und Anpassungsmaßnahmen
Abfallstellplätze genutzt. Das engt die Spiel- Die gründerzeitliche Stadtstruktur ist größ-
räume für Maßnahmen in der Fläche ein. tenteils bebaut, wird intensiv genutzt und
bietet im Bestand nur geringe Spielräume
Ein Teil der Dächer wurde in den letzten für größere Anpassungsmaßnahmen. Diese
Jahrzehnten ausgebaut. Der Anteil begrün- wären aufgrund der heterogenen Eigen-
ter Dächer ist bislang gering, ihr Begrü- tumsstruktur auch schwer umsetzbar. Da
nungspotenzial aber – das zeigen gelunge- die klimatische Belastung recht hoch ist, gilt
ne Beispiele – ist erheblich. es also, eine Vielzahl kleiner Maßnahmen
durchzuführen.
Im Hofbegrünungsprogramm der 1980er
wurden Brandwände und Fassaden begrünt Wo bauliche Veränderungen – von Umbau
und Höfe entsiegelt. Hofbegrünungen las- über Modernisierung bis zur Verdichtung –
sen sich mit relativ geringem Aufwand anstehen, sollte geprüft werden, ob und
umsetzen. Dabei kann in Bezug auf die Kli- welche Maßnahmen sich im Huckepack um-
maanpassung und auf eine höhere Aufent- setzen lassen. Eine Weiterentwicklung des
haltsqualität viel erreicht werden. Biotopflächenfaktors um Anforderungen
der Klimaanpassung würde diesen Ansatz
Aufgrund der hohen Baumasse und des ge- fördern.
ringen Grünanteils sind die Blöcke stark
bioklimatisch belastet. Diese Belastung Obwohl Maßnahmen in der Regel auf dem
wird durch den Klimawandel und die weite- einzelnen Grundstück umgesetzt werden,
re Verdichtung noch zunehmen. Da hier sollten diese in Bezug zum Straßenraum

53
wie auch zu den Grün- und Freiflächen ste- Durchlüften
Grüne Höfe für ein gutes Klima
hen und daraufhin abgestimmt werden. Die Innenhöfe der Gründerzeit bilden ein
www.grueneliga-berlin.de Aspekte der Durchlüftung und Verschat- eigenes Klima aus und können zu Hitzein-
 Publikationen tung, aber auch der Überflutungsvorsorge seln werden. Luftzirkulation und -aus-
sind hier besonders relevant. tausch mit angrenzenden Grünflächen zu
fördern, kann für Kühlung sorgen. Aller-
dings ist das vom Umfeld abhängig. Gibt es
dort nur stark versiegelte Flächen wie Stra-
Referenzprojekt: Der Garten von nebenan ßen ohne Bäume, die selbst warme Luft
Land: Deutschland produzieren, bringt der Luftaustausch kei-
Ort: Berlin ne Verbesserung. Durchlässige Hofeinfahr-
Stand: laufend ten, aber auch schmale Baulücken unter-
Initiator: Grüne Liga Landesverband Berlin e. V. stützen den Luftaustausch mit kühleren
www.grueneliga-berlin.de  Themen & Projekte  Der Garten von Flächen in der Nachbarschaft. Die Luft-
nebenan  Beratung transportwege müssen frei von Mauern
und anderen Hindernissen sein. Werden
Baulücken bebaut, sollte der Aspekt der
Durchlüftung berücksichtigt werden.

Verschatten
Vor allem südexponierte Fassaden im Block
sollten Verschattungselemente aufweisen.
Neben Baumpflanzungen an der Straße und
in den Höfen kommen Rollläden, Vordä-
cher, steuerbare und feste Lamellen oder
vorgehängte grüne Fassaden infrage. Wer-
den Fassaden zur Energiegewinnung durch
Photovoltaik genutzt, sollte die Verschat-
© Martina Breyer
tung auf die Fenster beschränkt bleiben. Sie
machen bis zu 30 Prozent der Fassaden aus.
Berlin soll als Wohnort für alle Menschen attraktiv bleiben. Das ist erklär-
tes Ziel der Politik im Land. Höfe und Freiflächen gemeinsam zu gestalten, Rückstrahlung erhöhen – Albedo
macht die dichte Stadt attraktiver, bringt das Miteinander voran und ist Bei einer Fassadensanierung lässt sich eine
zugleich ein wichtiger Ansatz zur Anpassung an den Klimawandel. Grüne Erhöhung des Solar Reflectance Index be-
Höfe bieten direkt an der Wohnung kühle Rückzugsräume und tragen zur ziehungsweise der Albedo weitgehend kos-
Temperierung der Gebäude bei. tenneutral realisieren. Südexponierte, be-
Die Grüne Liga Berlin unterstützt Initiativen des Selbermachens durch sonnte Fassaden stehen im Fokus. Doch
Beratung, Information und Vernetzung. Das Projekt startete einst unter auch auf sonnenbeschienenen Dächern,
dem Titel „Berliner Hofgärten“ und gibt seither über Wettbewerbe und Straßenoberflächen, Stellplatzanlagen und
einen eigenen Musterhof Anreize zur Anpassung von Höfen, Brach- und befestigten Freiflächen kann und sollte der
Freiflächen im Privatbesitz, aber auch von Schulhöfen und anderen Flä- Solar Reflectance Index erhöht werden.
chen der öffentlichen Infrastruktur. Neben Entsiegelung, Bepflanzung und
Bewässerung im Hof stehen auch Gebäudebegrünungen auf der Agenda. Dächer begrünen
Zielgruppe des vom Senat geförderten Angebots sind vor allem Hausge- Begrünte Dächer haben in diesem Struktur-
meinschaften, Vermieter und Vermieterinnen, Kiezinitiativen, Baugrup- typ vor allem Bedeutung, weil sie Regen-
pen und Baugenossenschaften. wasser zurückhalten und die Dachgeschosse
Die Broschüre Grüne Höfe für ein gutes Klima von 2012 stellt als vorbild- isolieren. Ihre Kühlwirkung für die unmittel-
liche Beispiele in einem Wettbewerb ausgezeichnete Höfe in Berlin vor. bare Umgebung ist dagegen begrenzt, weil
Außerdem finden sich darin Tipps und Hinweise, welche Komponenten sie sehr hoch liegen und bei extensiver Be-
einer Hofbegrünung sich günstig auf das Klima auswirken. grünung relativ schnell trocken sind, sodass
kein Wasser zur Kühlung verdunsten kann.

54
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Große Bedeutung hat die intensive Begrü-


nung der Dächer von Tiefgaragen und Kel- Beispielprojekt: Klimaquartier Skt. Kjelds
lergeschossen. Sie liegen tief in der Bau- Land: Dänemark
struktur und können mit einem stärkeren Ort: Kopenhagen
Bodenaufbau versehen werden, der mehr Bezirk: Østerbro
Wasser speichert und dadurch stärker Stand: in Umsetzung
kühlt. Mit blaugrünen Dächern, die Regen- Planung: Tredje Natur
wasser speichern, das in Hitzeperioden ver- Auftraggeber: Stadt Kopenhagen, HOFOR und andere
dunstet, lässt sich die klimatische Wirkung http://klimakvarter.dk
noch erhöhen.

Regenwasserretention
auf knapper Fläche
Der Versiegelungsgrad der Blockrandbe-
bauung ist sehr hoch. Er beträgt bis zu 85
Prozent. Entsprechend wichtig ist es, die
Regenentwässerung von der vorherrschen-
den Mischkanalisation zu entkoppeln. Des-
halb sollten alle Potenziale genutzt werden,
Wasser zurückzuhalten und erst verzögert
abzugeben. Dächer werden hier zur blauen
Infrastruktur der Stadtentwässerung. Sie
© Charlotte Brøndum
bieten angesichts der hohen Baudichte
rechnerisch ein erhebliches Flächenpoten- Die Skt.-Kjelds-Nachbarschaft im Stadtteil Østerbro soll zum klimaresili-
zial. Wo Dächer ausgebaut, Gebäude aufge- enten Quartier werden. 2012 entstand das Konzept für das Klimaquartier.
stockt oder Neubauten ergänzt werden, Derzeit werden als zentrale Maßnahme die Plätze im Quartier umgebaut.
bietet sich Gelegenheit, die Potenziale zu Sie sollen 2017 fertiggestellt sein.
heben. Im Bestand ist die Statik oft ein Hin- Neue, blaugrüne Flächen sollen Überflutungen verhindern und die Stadt
dernis, das zum Teil erhebliche Umbau- kühlen. Diese Urban Wetlands durchziehen den Straßenraum. Bei Starkre-
maßnahmen erforderlich macht. gen nehmen sie Überschüsse auf. Der Straßenraum wird zudem zum Not-
wasserweg und Speicherraum. Parkplätze und Teile des Straßenraums
Die Flächenpotenziale auf ebener Fläche werden zu neuen Grünräumen umgestaltet.
sind begrenzt. Dennoch entlastet es die Ka- Durch Verschattungselemente entstehen neue Rückzugs- und Aufent-
nalisation, wenn Höfe entsiegelt oder Stell- haltsräume bei Hitze. Weitere Maßnahmen zur Schaffung eines kühlen
platzanlagen oder Straßenräume zeitweise Mikroklimas sind blaugrüne Dächer, Fassaden und grüne Höfe.
eingestaut werden. Die Siedlungsgebiete Insgesamt sollen in dem 270.000 Quadratmeter großen Quartier allein
der Gründerzeit werden nicht abflusslos durch die Anpassung des Straßenraums 50.000 Quadratmeter neue Grün-
werden, sie können aber erheblich dazu bei- flächen entstehen. Allein diese Vergrößerung der grünen Oberfläche im
tragen, die Abflüsse zu verzögern. bislang stark versiegelten Gebiet wird an Hitzetagen eine spürbare Küh-
lung erzielen.
Parks, Straßen und Plätze
als Wohlfühlraum
Kleine Parks und schattige Straßenräume
sollten Sitzmöglichkeiten in der Sonne und
im Schatten bieten; sie können in den hitze-
belasteten Quartieren zu Rückzugsräumen
werden. Da in der Blockrandbebauung nur
wenig Freifläche vorhanden ist, sollte der
Straßenraum verstärkt als Wohlfühlraum
umgebaut und genutzt werden.

55
P Klima KONKRET

Typ 2 – Nachverdichtung von Zeilenbebauung

Bedeutung in Berlin Städtebaulicher charakter


Etwa 16 Prozent der Berliner Wohngebiets- In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden
fläche ist diesem Strukturtyp zuzurechnen. Wohngebiete mit langen, parallelen Haus-
In manchen Bezirken der Innenstadt – etwa zeilen gebaut. Zwischen den meist vierge-
Nachverdichtung von Zeilenbebauung
in Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, schossigen Zeilen liegen längliche Freiräu-
Tempelhof-Schöneberg oder Neukölln – me, die Seiten sind offen. Zugänglich sind
liegt der Anteil mit 20 Prozent noch höher die Häuser oft über ein eigenes, vom öffent-
Durchlüften Begrünen Verschatten (SenStadt 2011/4). lichen Straßenraum unabhängiges Wege-
netz. In den Wiederaufbauprogrammen
Realisiert wurden die Siedlungen am Rand nach dem Krieg nahm man diese Art der
Verdunsten Rückstrahlen Versickern der Innenstadt; aber auch zerstörte Innen- Bebauung wieder auf.
Schulen
stadtquartiere (etwa in Kreuzberg, Fried-
richshain oder Mitte) wurden in dieser Be- Um Gleichförmigkeit zu vermeiden, wurden
bauungstypologie wieder aufgebaut. die Zeilen aufgelockert, gruppiert und ge-

Anpassungspotenziale bei der Nachverdichtung von Zeilenbauten


Anpassungspotenziale bei der Nachverdichtung von Zeilenbauten
Straßen und Plätze

Bestand
Variante 1
Belastungs- und Entlastungsräume
im Umfeld Luftaustausch mit
Durchlüftungsbahnen optimieren Kaltluftgebieten

geschlossene Bebauung zu
Variante 2 klimatisch belasteten
Klimatisch stark belastetes Umfeld
Flächen
kühlende Innenräume schaffen
kühlende Urban Wetlands

Variante 3
Klimatisch durchschnittlich belastetes Umfeld
Durchlässigkeit erhalten – kühlende Flächen schaffen

geschlossene Bebauung zu
klimatisch belasteten
Flächen

© SenStadtUm/bgmr 2016

56
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

geneinander versetzt. Die Freiflächen sind Stadt mit Licht, Luft und Sonne zu versor-
als landschaftliches Siedlungsgrün ange- gen, war ein Leitbild, das den Städtebau des
legt. frühen 20. Jahrhunderts prägte. Bei Hitze
sind diese Bauten besonders belastet, weil
In Zeilenbauten leben etwa 165 Menschen ihre Aufenthaltsräume nach Süden liegen.
auf einem Hektar (SenStadt 2010). Damit Grünflächen weisen häufig Defizite in Nutz-
zeichnet diesen Strukturtyp eine für ein in- barkeit, Gestaltung und Pflegezustand auf.
nerstädtisches Quartier recht geringe Dich- Sie müssen – samt der Erschließungswege –
te aus. Die GFZ liegt durchschnittlich bei 0,9 saniert und qualifiziert werden. Trotz des
und die GRZ zum Teil nur bei 0,2. hohen Freiflächenanteils wird Regenwasser
häufig über die Kanalisation abgeführt. Be-
Klimatischer charakter grünte Dächer und Fassaden sind die Aus-
und Potenziale nahme.
Der Anteil der versiegelten Fläche beträgt in
der Zeilenbebauung durchschnittlich rund Dank geringer Dichte, zentraler Lage und
45 Prozent (SenStadt 2010). Aufgrund die- guter Erschließung bieten die Siedlungen in
ser verhältnismäßig geringen Versiegelung, Zeilenbauweise erhebliche Nachverdich-
der relativ geringen Baudichte und des ho- tungspotenziale. Die Herausforderung wird
hen Grünanteils gilt der Stadtstrukturtyp sein, die inhärenten Vorteile des Struktur-
als klimatisch wenig belastet. typs in Sachen Stadtklima trotz Verdich-
tung zu bewahren. Dass Bestände in Zeilen-
Doch die Zeilen orientieren sich oft in Ost- bauweise in der Regel von größeren Ideenworkshop Urban Living – Neue
Formen des städtischen Wohnens:
West-Richtung, damit die Wohnungen viel Wohnungsunternehmen bewirtschaftet Entwurf Jan Wiese Architekten zur
Nachverdichtung der Siedlung am
Sonne erhalten: Die Menschen und die werden, ebnet den Weg zu grundstücks- Wongowitzer Steig

© Jan Wiese Architekten

57
übergreifenden Konzepten, die Verdichtung te Anordnung neuer Bauten kann sich
und klimatische Entlastung verbinden. die Belastungssituation sogar verbes-
sern, da gerade in heißen Nächten der
Anpassungsmaßnahmen Asphalt der Straßen die tags gespei-
Freiräume in der Zeilenbebauung sind zwar cherte Hitze abstrahlt. Breite, stark be-
meist großzügig proportioniert, werden fahrene Straßen durch Bauten abzurie-
aber nur in geringem Maß genutzt. Das er- geln, dient zugleich dem Lärmschutz.
öffnet Optimierungspotenziale – denn auch „ Variante 2 – klimatisch belastetes Um-
mit Blick auf die Klimaanpassung gilt: Grün feld: Liegt die Siedlung in einem stadt-
ist nicht gleich Grün. klimatisch belasteten Umfeld, kann es
günstig sein, die Ränder zu verdichten.
Die Qualifizierung des vorhandenen Grüns, Der Innenbereich muss dabei seinen
die Positionierung von Neubauten bei Nach- offenen Charakter behalten und durch
verdichtung und die mit einer Nachverdich- Strategien der Kühlung weiter qualifi-
tung verbundenen Veränderungen bieten ziert werden.
sogar die Chance, Zeilenbebauungen aktiv „ Variante 3 – klimatisch nicht belastetes
an den Klimawandel anzupassen. Werden Umfeld: Zeilenbebauungen in klima-
die Maßnahmen effektiv umgesetzt, müs- tisch durchschnittlichen Räumen soll-
sen sich aus der Nachverdichtung keine ten eher punktuell nachverdichtet wer-
nachteiligen Wirkungen auf das Klima erge- den. Die Neubaumaßnahmen lassen
ben. Im Gegenteil: Sie kann eher als Motor sich mit dezentralen Maßnahmen der
der Anpassung verstanden werden und klimatischen Entlastung koppeln.
gleichzeitig das Wohnumfeld aufwerten.
Hitzeeinwirkung abbauen
Gebäudeausrichtung Wohnräume in Zeilenbauten liegen meist
und Durchlüftung nach Süden. Diese Fassaden zu begrünen,
Die Zeilenbebauung erhob einst gute sie zu verschatten und ihre Albedo zu erhö-
Durchlüftung zum Prinzip. Bei Nachverdich- hen, hat deshalb große Bedeutung. Viele
tung gilt es, diesen Vorteil zu bewahren. Gebäude werden derzeit energetisch
Bezieht man das örtliche Umfeld ein, erge- saniert und um ein oder zwei Geschosse
ben sich – je nach dessen Hitzebelastung – aufgestockt. Beides verändert die Gebäude-
drei idealtypische Varianten ( Schaubild hülle und macht damit entsprechende
Seite 56). Sie sollten – zum Beispiel durch Huckepackmaßnahmen möglich.
eine klimatische Fachbegleitung der Arbeit
am städtebaulichen Konzept – auf den ein- Werden Gebäude aufgestockt, können grü-
zelnen Ort angepasst werden. ne, blaue oder blaugrüne Dächer angelegt
werden. Die Dächer von Garagenbauten
„ Variante 1 – Belastungs- und Entlas- zwischen den Zeilen lassen sich ebenfalls
tungsräume im Umfeld: Durchlüftungs- begrünen. Bewässerung bei Hitze sichert
bahnen, die in Bezug zu größeren Grün- schon bei kleiner Fläche einen spürbaren
flächen stehen, müssen von Bebauung Kühleffekt, weil die Verdunstungskühle hier
und dichter Vegetation frei bleiben. näher am Bodenniveau entsteht als bei
Vom benachbarten Grün soll weiter Wohnhausdächern.
kühle Luft zwischen die Zeilen strömen.
Wo die Siedlung an klimatische Belas- Vorgehängte, begrünte Südfassaden haben
tungsräume grenzt, können Lücken eine höhere Wirkung auf das Klima als ein-
zum Schutz vor Hitzeemissionen eher fach begrünte Fassaden. Südfassaden soll-
geschlossen werden. Im Inneren der ten grundsätzlich Verschattungselemente
Siedlung sind Nachverdichtungen mög- aufweisen. Ein Filter aus Laubbäumen kann
lich, solange sie die Luftleitbahnen diese Verschattung ergänzen oder ersetzen.
nicht beeinträchtigen. Durch intelligen-

58
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Mit Urban Wetlands kühlen


durch Verdunsten
In der Zeilenbebauung bieten sich zwei
Strategien an, um durch Wasser die Evapo-
transpiration zu erhöhen.

Ein verstärktes Bewässern in Hitzeperioden


steigert die Kühlwirkung von Boden und Referenzprojekt: Stadtumbaugebiet Frankfurter Allee Nord
Pflanzen. Wohnungsunternehmen können Land: Deutschland
Konzepte zum klimatischen Komfort bei Ort: Berlin
Hitze als Standortplus einsetzen. Zisternen Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
können zudem zur ressourcenschonenden Stand: in Umsetzung seit 2011
Bewirtschaftung beitragen. Die Grünanla- www.stadtentwicklung.berlin.de  Bauen  Städtebau  Förderpro-
gen der Zeilenbebauung bieten in der Regel gramme  Stadtumbau Ost und West  Fördergebiete und Projekte 
genug Raum, um naturnahe Feuchtflächen Stadtumbau Ost  Frankfurter Allee Nord
mit Röhrichten anzulegen. Regenwasser
von den Dachflächen kann diese urbanen
Kühlelemente speisen. Zugleich werten die
Feuchtflächen den Freiraum gestalterisch
auf und stiften neue Identitäten.

Regenwasser vor Ort versickern


Die 1950er- bis 1970er-Jahre standen im
Zeichen der autogerechten Stadt. In Zeilen-
bebauungen jener Zeit wurden häufig Stell-
plätze angelegt. Sie lassen sich nach den
heute üblichen Standards (versickerungs-
offene Beläge und Pflanzung eines groß-
kronigen Laubbaums pro vier Stellplätze) © Roger Freyer/gruppe F – Landschaftsarchitekten

optimieren. Die großzügigen Freiräume Das Fördergebiet im Programm Stadtumbau Ost liegt am Ostrand der
bieten Potenzial für ein zeitgemäßes, de- Berliner Innenstadt, etwa vier Kilometer vom Alexanderplatz entfernt.
zentrales Regenwassermanagement. Versi- Die Siedlungsstruktur ist sehr heterogen – neben gründerzeitlicher
ckerungsmulden, die bei ungünstigen Bo- Blockrandbebauung, Wohngebäuden in industrieller Bauweise aus der
denverhältnissen mit Rigolensystemen DDR-Zeit und Zeilenbebauung finden sich auch Großstrukturen. Sie un-
kombiniert werden, machen es möglich, die terliegt vielfältigen Transformationsprozessen. Große Areale liegen oder
Siedlungen in Zeilenbauweise trotz Ver- fallen noch brach, der Straßenraum ist teils überdimensioniert, soziale
dichtung in Sachen Regenabfluss von der Infrastruktur muss angepasst und erneuert werden. Dennoch ist das Ge-
Kanalisation abzukoppeln. Gerade in der biet zum beliebten Wohnort junger Familien avanciert.
Innenstadt, in der die Mischkanalisation do- Um wohnungsnahe Grünräume klimatisch zu qualifizieren, bietet das Ge-
miniert und in der die Zeilenbebauung teils biet erhebliches Potenzial. Der Anteil begrünter Flächen ist hoch. Sie sollen
bis zu 20 Prozent ausmacht, rückt damit vernetzt und unattraktive Grünräume aufgewertet werden. Beim Freia-
eine erhebliche Entlastung der Vorfluter in platz ist das bereits geschehen: Seit 2013 ist er ein beliebter Treffpunkt
greifbare Nähe. Zugleich würde das entfal- im dicht bebauten Nibelungenviertel – und bei Hitze ein kühler Rückzugs-
lende Niederschlagswasserentgelt die Be- ort. 2015 wurde der Nibelungenpark eingeweiht – mit vielfältigen Ange-
triebskosten spürbar senken. boten für alle Generationen. Seine Spiel- und Sportanlagen, Sitzplätze und
schattigen Rasenflächen schaffen neue Qualitäten im Stadtteil. Ein wei-
Vor einer Umstellung auf dezentrale Regen- terer Programmpunkt ist die Umstrukturierung von Straßen, Wegen und
wasserbewirtschaftung sollten Anfälligkeit Plätzen.
und Risiko für urbane Überflutung über- Das Beispiel zeigt, wie auf Quartiersebene im öffentlichen Freiraum neue
prüft und falls nötig Abhilfemaßnahmen Wohlfühlorte für die Stadt im Klimawandel entstehen können.
ergriffen werden.

59
verdichtete Blockrandbebauung Nachverdichtung von Zeilenbebauung

Typ 3 – Geschosswohnungsneubau

Klimatischer charakter
Bedeutung in Berlin
und Potenziale
Weil Berlin wächst, müssen in erheblichem
Die Potenziale für Anpassungsmaßnahmen
Umfang Wohnungen gebaut werden. Dazu
Geschosswohnungsneubau Schulen sind so vielfältig wie der neue Geschoss-
werden bestehende Strukturen wie Block-
wohnungsbau. Drei beispielhafte Bebau-
rand- und Zeilenbebauungen verdichtet.
ungstypen illustrieren, wie Klimaanpassung
Ein Gutteil der neuen Wohnungen wird je-
umgesetzt werden kann.
doch auf größeren Flächen realisiert, die
Durchlüften Begrünen Verschatten
gut erschlossen und in die Stadt integriert
Die drei Typen unterscheiden sich in ihrer
sind.
dichten oder weniger dichten Baustruktur,
Gewerbe und Industrie Straßen und Plätze in einer geschlossenen oder lockereren
Verdunsten Rückstrahlen Versickern
Städtebaulicher charakter
Bauweise und in ihrer Lage im städtebauli-
Dabei entstehen verdichtete Bebauungs-
chen Kontext sowie den daraus resultieren-
typologien unterschiedlichster Art. Diese
Speichern Rückhalten Schützen den Beziehungen zum Stadtraum. Sonder-
Vielfalt spiegelt die Diversität des städte-
typen bleiben unberücksichtigt, weil sie
baulichen Kontexts und des planerischen
individuelle, kaum übertragbare Lösungen
Anspruchs der Neubauprojekte wider.
verlangen.
Grün- und Freiflächen

Anpassungspotenzialeim
Anpassungspotenziale imGeschosswohnungsnaubau
Geschosswohnungsneubau
Variante 1
Solitärbauten große entsiegelte Bereiche für
abflussloses Siedlungsgebiet
Luftaustausch mit
Kaltluftgebieten
Retentionsräume für Starkregen

grüne Dächer
kühlende Urban Wetlands

Variante 2
Randbebauung
Verschattung / Begrünung Luftaustausch mit Kaltluftgebieten
sonnenexponierter Fassaden

Verschattung / Begrünung
sonnenexponierter
Fassaden
verschattete Übergangszone zu
klimatisch belasteten Flächen
grüne Dächer

kühle Innenbereiche

geschlossene Bebauung zu
klimatisch belasteten
Variante 3 dezentrale Muldensysteme
Hohe Dichte Flächen
Luftaustausch mit
Kaltluftgebieten
zentrale Retentionsflächen
für Starkregen

blaugrüne Dächer

dezentrale Muldensysteme als


Gemeinschaftsaufgabe

geschlossene Bebauung zu kühle, verschattete


klimatisch belasteten Flächen Zwischenräume

© SenStadtUm/bgmr 2016

60
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Auch für Geschosswohnungsneubauten


gilt: Die Anpassung an den Klimawandel soll
die Verdichtung von negativen Auswirkun-
gen auf das Stadtklima entkoppeln. Das
fördert zugleich die Qualität der Bauprojek-
te und ihre Akzeptanz aufseiten der Bevöl-
kerung.

Anpassungsmaßnahmen
In Neubauprojekten lässt sich klimatische
Anpassung von Grund auf planen. Das ist
ein Vorteil. Maßnahmen von der Ausrich-
tung bis zur Begrünung der Bauten können
von Anfang an und dadurch ebenso wir-
kungsvoll wie kostenschonend integriert
werden. Dass die Projekte neben der Klima-
anpassung eine große Zahl weiterer An-
sprüche erfüllen müssen – vom günstigen
Wohnraum über altersgerechtes Wohnen
bis zur Barrierefreiheit –, macht eine integ-
rative Herangehensweise schon früh in der
Planung nötig.

© bgmr
Gebäudeausrichtung
und Durchlüftung Offene Hofdurchgänge lassen
kühle Luft passieren:
Die Lage der Bauten sollte nicht nur nach Am Lokdepot (oben) und am
Barbarossaplatz (unten)
städtebaulichen und erschließungstechni- in Berlin-Schöneberg.

schen Überlegungen entschieden, sondern


auch an vorhandenen Kaltluftgebieten und
Hitzebereichen ausgerichtet werden. Öff-
nen sich Gebäude und Ensembles zu kühlen
Flächen, kann bei Hitze kühlende Luft in das
neue Wohnquartier strömen. Dagegen kann
an den Grenzen zu klimatisch belasteten
Flächen eine geschlossene Bebauung sinn-
voll sein. Bauten, die das Quartier von Kalt-
luftentstehungsgebieten und -schneisen
trennen, sollten im Erdgeschoss Öffnungen
erhalten. So wird der Innenbereich der neu-
en Bebauung mit kühler Luft versorgt. Mög-
liche Lösungen dafür sind ebenerdige Luft-
geschosse oder offene Durchfahrten.

Verschatten
Besonders an Südfassaden sollten Ver-
schattungselemente vorgesehen werden.
Das können zum Beispiel Außenrollos, Mar-
kisen, bewegliche Sonnensegel, Klappläden
oder Arkaden sein. Auch Bäume können
die Gebäude verschatten und zugleich den
Aufenthalt im Außenbereich angenehmer © bgmr

61
machen. Werden Laubbäume verwendet, und Intensität der Begrünung auf die klima-
Urbanes Gewässer am Potsdamer
Platz
erreichen im Winter dennoch genügend tische Belastung des Wohnstandorts abge-
Sonne und Licht das Gebäude (passive So- stimmt werden. Statik, Fassaden und die
www.dreiseitl.com
larnutzung). Freiraum- und Straßenpla- Dachlandschaft können von vornherein auf
 Portfolio nung sollten für diese vegetative Verschat- Begrünungen unterschiedlicher Intensität
 Potsdamer Platz
tung früh abgestimmt werden. Auch Bauten ausgerichtet werden. Das ebnet zum Bei-
lassen sich so positionieren, dass sie sich spiel den Weg zu einem höheren Bodenauf-
gegenseitig Schatten spenden und zwi- trag auf Dächern und für grüne oder blau-
Wohnpark Trabrennbahn Farmsen
schen ihnen schmale, kühle Freiräume ent- grüne Fassaden an Süd- und Westseiten.
www.klimzug-nord.de stehen.
 Projektsammlung Mit Urban Wetlands
 Projekt des Monats August 2010 Im Neubau lassen sich all diese Maßnah- kühlen durch verdunsten
men früh integrieren. Im Einzelfall gilt es, In der dichten Stadt ist der Platz für mit
eventuell kontroverse Ziele wie Solarener- Schilf und anderen Röhrichten bestandene
giegewinnung an den Fassaden oder die Wasserbecken, feuchte Rasenflächen oder
Belichtungsintensität der Wohnungen ab- gut mit Wasser versorgte Gehölze be-
zuwägen. schränkt. Sie müssen deshalb kompakt und
effektiv sein. Im Neubau besteht ein beson-
Rückstrahlung erhöhen deres Potenzial durch die Möglichkeit,
Im Altbau wird häufig nur die Fassade neu Urban Wetlands bereits in der Planung mit-
gestrichen, um die Albedo zu erhöhen. Im zudenken.
Neubau lässt sich stärker Einfluss nehmen:
durch die Oberflächenbeschaffenheit – Beispiele wie das urbane Gewässer am
nicht nur hell, sondern auch glatt – lässt Potsdamer Platz oder der Wohnpark Trab-
sich der Reflexionsgrad noch erhöhen. rennbahn Farmsen in Hamburg weisen Lö-
sungswege, um solche Projekte auch im
Helle, glatte Flächen sind dabei in der Her- urbanen Kontext umzusetzen und attraktiv
stellung nicht teurer als dunkle, raue. Des- zu gestalten.
halb sollten im Neubau für sonnenexpo-
nierte Flächen – Dächer, Fassaden und Siedlungsgebiete
andere befestigte Flächen – diese Potenzia- ohne Regenwasserabfluss
le grundsätzlich genutzt werden. Im Neubau besteht die Chance, die entste-
henden Bauten, Ensembles und Quartiere
Gebäude begrünen von der zentralen Regenwasserentsorgung
Das Potenzial für Gebäudebegrünung ist im abzukoppeln. Bei größeren Vorhaben kön-
Urban Wetlands am Potsdamer Platz
in Berlin Neubau groß. In der Planung können Art nen grundstücksübergreifende Lösungen
entwickelt werden. Trotz Zunahme der ver-
siegelten Fläche wird so das Kanalnetz nicht
weiter belastet.

Auf grünen, blauen und blaugrünen Dä-


chern wird Wasser zurückgehalten und ver-
dunstet. Auf den Freiflächen kann Regen-
wasser versickern. Selbst dort, wo die
Flächen knapp sind, lassen sich durch eine
frühe Abstimmung von Haustechnik- und
Außenanlagenplanung gute und kosten-
günstige Lösungen finden: Muldensysteme
– falls nötig ergänzt um Rigolen und andere
Zwischenspeicher – sind hier ein gangbarer
© Ramboll Studio Dreiseitl GmbH Weg.

62
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Ein zusätzlicher Anreiz, Grundstücke zu Konzepte zur Überflutungsvorsorge kön-


entkoppeln, liegt in der Senkung der Be- nen für ein Grundstück, aber auch für ein
triebskosten ( Seite 23). ganzes Quartier erstellt werden. Grundla-
gen dafür liefern Gefahrenkarten zur Über- Gefahrenkarte für die Stadt
Oberhausen – maximale Wassertiefen
Überflutungsvorsorge – flutung. Da diese für Berlin bisher nicht nach einem 100-jährlichen Starkregen,
erstellt durch die Ingenieurgesellschaft
Schutz mitplanen vorliegen, ist es ratsam, sie im Rahmen der Prof. Dr. Sieker mbH im Auftrag der
Emschergenossenschaft für die Stadt
Neubauten werden in der Regel barrierefrei Projektentwicklung zu erarbeiten. Oberhausen

ausgeführt. Damit steigt das Risiko von


Überflutungsschäden nach Starkregen. Da-
her sollte geprüft werden, ob das Projekt in
einem Risikogebiet für urbane Überflutung
liegt.

Einfache Maßnahmen können die Gefahr


mindern: Gefälle vom Gebäude weg anzule-
gen, Kellerschächte zu erhöhen oder die
Zufahrt zur Tiefgarage an einem hohen
Punkt im Gelände anzuordnen, sind Bei-
spiele dafür.

Außerdem lassen sich Grünflächen, Stell-


plätze und auch Wege so anlegen, dass die-
se bei extremen Regenereignissen zeitwei-
lig als Retentionsraum dienen.

Referenzprojekt:
Schumacher Quartier – Berlin Tegel
Land: Deutschland
Ort: Berlin
Bezirk: Reinickendorf
Stand: Konzept
Auftraggeber: Land Berlin/
Tegel Projekt GmbH
www.schumacher-quartier.de © Andreas Schiebel

Nach Schließung des Flughafens Tegel soll das 495 Hektar große Areal nachhaltig entwickelt werden. Neben den künfti-
gen Freiflächen der Tegeler Heide im Westen und dem Forschungs- und Industriepark Berlin TXL – The Urban Tech Repu-
blic ist im Ostteil ein Quartier mit 5.000 neuen Wohnungen geplant.
Entstehen soll eine ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltige Modellstadt von Morgen. Gebäude und Freiflächen
des Schumacher Quartiers sollen nach zukunftsorientierten Leitbildern entwickelt werden. Die Schwerpunkte sind: Ener-
gieversorgung, Mobilität, Abfall, Materialien, Ver- und Entsorgung und Wasser. Das Gebiet soll nach den Grundsätzen
einer klimaangepassten und wassersensiblen Stadtentwicklung gestaltet werden.
Regenwasser soll vor Ort nach einem quartiersweiten Konzept behandelt, zwischengespeichert und versickert werden.
Die Dächer sollen das Regenwasser zurückhalten. So kann das Quartier teils von der Kanalisation abgekoppelt werden
und zugleich ökologisch und gestalterisch profitieren. In der Auslobung für den städtebaulich-landschaftsplanerischen
Wettbewerb 2016 wurde angeregt, das Prinzip Schwammstadt zu fördern, indem mit Röhricht bestandene Wasserbe-
cken, feuchte Rasenflächen oder gut mit Wasser versorgte Gehölze als Kühlräume angelegt werden.
Das Schumacher Quartier soll nach den Kriterien des Gold-Standards der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
e. V. (DGNB) zertifiziert werden und so einen Qualitätsstandard für klimaangepasstes Bauen setzen.

63
Nachverdichtung von Zeilenbebauung

Typ 4 – Schulen

Bedeutung in Berlin Das heißt: Berlin muss neue Schulraumka-


In Berlin gibt es zahlreiche Gebäude und pazitäten schaffen. Damit das in kurzer Zeit
Grundstücke der sozialen, technischen und gelingt, müssen alte Schulstandorte reakti-
kulturellen Infrastruktur. Dazu zählen viert, neue entwickelt und Ergänzungsbau-
Schulen
Schulen, Kindertagesstätten und Kranken- ten in Modulbauweise errichtet werden.
häuser, Alten- und Pflegeheime, Universitä- Weil ein besonderes Augenmerk der wach-
ten, Pumpwerke, Bahnhöfe, Museen und senden Stadt auf den Schulen liegt, fokus-
Durchlüften Begrünen Verschatten viele weitere Einrichtungen. siert dieses Kapitel innerhalb der Infra-
struktur auf die Schulstandorte.
Schulgelände machen eine Fläche von zu-
Rückstrahlen Wohlfühlen Versickern sammen 1.302 Hektar aus (SenStadt 2010). Städtebaulicher charakter
Straßen und Plätze
Mit dem Wachstum der Stadt wird diese Flä- Schulen in Quartieren der gründerzeitlichen
chenkulisse zunehmen. Die Zahl der Kinder Blockrandbebauung wurden meist vor 1945
Rückhalten und Jugendlichen im Alter von 6 bis unter errichtet. Diese Schulgelände sind deutlich
18 Jahren wird bis 2030 voraussichtlich um kleiner als spätere Anlagen. Ihre Geschoss-
23 Prozent steigen (SenStadtUm 2016/1) – flächenzahl (GFZ) liegt im Durchschnitt
und mit ihr die Zahl der Schülerinnen und bei 1,0 und ihre Grundflächenzahl (GRZ)
Schüler. bei 0,3.
Anpassungspotenziale an Schulstandorten

Anpassungspotenziale an Schulstandorten

temporäre Retention auf Rasen und


Sportplätzen

verschattete Aufenthaltsräume
im Schulhof
blaugrüne Dächer beim Neubau
niedriger Sporthallen

hoher Solar Reflectance Index für


Oberflächen, die nicht entsiegelt werden
können
grüne Dächer

Verschattungselemente, Bäume, Fassadenbe-


grünung an südostexponierten Fassaden

helle Fassaden (Albedoeffekt) an


südostexponierten Gebäuden

Entwässerung versiegelter Flächen in


Versickerungsmulden und Urban Wetlands

Austauschbereiche mit kühlen Grünräumen


bei Erweiterung offen halten

© SenStadtUm/bgmr 2016

64
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Schulen, die nach 1945 entstanden sind,


weisen großzügigere Freiflächen auf, die als
Pausenhof oder Sportanlagen dienen. Die
GFZ liegt hier bei 0,6, die GRZ bei 0,2.

Um der schnell wachsenden Zahl schul-


pflichtiger Kinder und Jugendlicher und
dem zusätzlichen Raumbedarf für den
Ganztagsbetrieb gerecht zu werden, sind in
jüngster Zeit zudem an etlichen Standorten
Ergänzungsbauten in Modulbauweise ent-
standen.

Klimatischer charakter © Gregor Költzsch

und Potenziale
Früher fiel der Schulunterricht aus, sobald
eine bestimmte Temperatur erreicht wurde.
Heute gilt: Der Unterricht soll den Witte-
rungsverhältnissen angepasst stattfinden
(SenBildJugWis 2014). Die Entscheidung da-
rüber trifft die Schulleitung. Je nach bauli-
cher Gegebenheit und Lage im Gebäude
(Dach- oder Untergeschoss? Süd- oder
Nordseite?) kann die Situation bei gleicher
Außentemperatur von Klassenzimmer zu
Klassenzimmer stark variieren. © KaiserIngenieure

Um an allen Schulen gleiche Voraussetzun- auch klimatisch für die Zukunft zu qualifi- Oben: Schulergänzungsbau in
Modulbauweise in Berlin-Lichtenberg
gen für das Lernen zu schaffen, hat die kli- zieren. Die Bauwerksbegrünung ist ein sol-
Unten: Urban Wetlands und
matische Anpassung heutiger und noch zu ches kostengünstiges Mittel. In die Betrach- schattige Pausenbereiche auf dem
Schulhof der Paul-Dohrmann-Schule
errichtender Schulgebäude in der heißer tung sollten neben den Gebäuden auch die in Dortmund
werdenden Stadt hohe Bedeutung. Schulhöfe einbezogen werden. Im Ganz-
tagsbetrieb verbringen Schülerinnen, Schü-
Damit Schulbauten qualitätsvolle Lern- und ler und Lehrkräfte heute mehr Zeit in der
Arbeitsorte bleiben, sollten bei Umbau und Schule als früher. Das Schulgelände hat da-
Neubau Anpassungsmaßnahmen umge- mit als Aufenthaltsort an Bedeutung ge-
setzt werden. Bei vorausschauender Pla- wonnen.
nung entstehen keine oder nur geringe
Zusatzkosten; im Betrieb können die Maß- Kühlung auf
nahmen sogar zu erheblichen Einsparun- Unterrichtszeiten fokussieren
gen führen und die Lernbedingungen opti- Um konzentriertes Lernen und erholsame
mieren. Pausen zu gewährleisten, muss an Schulen
am Vormittag und am Nachmittag ein an-
Das Anpassungspotenzial hängt vom jewei- genehmes Klima herrschen – innen wie
ligen Standorttyp ab: An den älteren Schu- außen, und das auch in Hitzeperioden. Pri-
len der Innenstadt sind kleinteilige Maß- orität haben deshalb Maßnahmen, die zu
nahmen wie Fassadenbegrünung und diesen Tageszeiten wirken.
Sonnenschutz gefragt. Erweiterungsbauten
in Modulbauweise sollen rasch entstehen. Vegetation, die morgens – durch Sprengen
Deshalb sind hier einfache, schnell umsetz- und Bewässerung – mit Wasser versorgt
bare Maßnahmen wichtig, um diese Bauten wird, kühlt am Vormittag besonders gut.

65
Urban Wetlands entfalten diese Wirkung Verschatten
Regenwasser-Handbuch:
Regenwassermanagement
auch ohne aktive Bewässerung. Im Zentrum Gebäudeoberflächen müssen vor allem an
an Hamburger Schulen der Hitzevorsorge steht damit die Anforde- den Ost- und Südseiten angepasst werden.
www.risa-hamburg.de rung, ausreichend Wasser für eine hohe Gerade hier sollten Bäume gepflanzt wer-
Verdunstung über Boden und Vegetation den, die den Bauten Schatten spenden.
 Download
bereitzustellen. Laubbäume lassen dabei im Winter viel
Licht ins Haus fallen. Außenliegender Son-
Durchlüftung sicherstellen nenschutz ist an Fassaden, die der Sonne
Grenzt das Schulgelände an Grünflächen ausgesetzt sind, obligatorisch.
oder an Baugebiete geringer Dichte, sollte
die Bebauung an diesen Seiten durchlässig Rückstrahlung erhöhen
bleiben. So kann kühle Luft auf das Schul- Der Stundenplan legt es nahe, bei der Erhö-
gelände strömen. hung der Rückstrahlung vor allem auf die
Ost- und Südfassaden zu fokussieren: Gera-
de sie stehen zur Unterrichtszeit in der Son-
ne. Diese Maßnahme ist auch bei rasch zu
Referenzprojekt: realisierenden Erweiterungsvorhaben un-
Neubau der clay-Schule problematisch umsetzbar. Durch die Wahl
Land: Deutschland entsprechender Materialien und Farben bei
Ort: Berlin Bau- und Umbauprojekten müssen dafür
Bezirk: Neukölln zudem keine Mehrkosten entstehen.
Stand: in Planung
www.stadtentwicklung.berlin.de Auch für den Schulhof gilt: Große, versiegel-
 Bauen  Städtebau  Baukultur te Flächen heizen sich weniger stark auf,
 Wettbewerbe  Ergebnisse wenn sie hell und glatt sind.
 Jahr 2015  09/2015 Clay-Schule
© Staab Architekten GmbH
Gebäude begrünen
Das große Formenspektrum klimawirk-
Der Neubau für die Clay-Schule in Rudow ist eines von drei Pilotvorhaben samer Dach- und Fassadenbegrünung bie-
des Landes Berlin zum nachhaltigen Schulbau. Entstehen werden ein tet für jeden Schulbautyp die passende An-
Schulgebäude und eine Doppelsporthalle mit fünf Hallenteilen. Zwischen passungsmaßnahme.
den beiden Gebäuden liegen Sportanlagen und ein Pausenhof, auf dem
lichte Bauminseln auch schattige Aufenthaltsplätze bieten werden. An Von begrünten Fassaden profitieren die
der Neudecker Straße bildet ein begrünter Vorplatz das Entree zum Klassenzimmer ebenso wie das Außenkli-
Schulgelände. Dachbegrünung und ein effizientes Sonnenschutzsystem ma. Begrünungen auf niedrigen Bauten (bis
tragen zu einem ausgeglichenen Innenraumklima bei. zehn Meter Höhe) kühlen auch ihr Umfeld.
Das Projekt zeigt, wie sich Klimaanpassung schon früh in die Planung Damit rücken Sporthallen in den Blickpunkt.
integrieren lässt. Im März 2015 wurde ein Realisierungswettbewerb aus- Eine Voraussetzung ist allerdings, dass ihre
geschrieben, der im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Bereits in Statik darauf ausgelegt ist; eine weitere,
den Auslobungsunterlagen lag besonderes Augenmerk auf Anforderun- dass das Dach mit Wasser versorgt wird, um
gen zur Klimaanpassung an Bauten und Freiräume. die Kühlung durch Verdunstung am Laufen
Zu den verlangten Qualitäten zählten beispielsweise eine (extensive) zu halten.
Dach- und Fassadenbegrünung, die Versickerung von Regenwasser auf
dem Schulgrundstück, ein möglichst geringer Versiegelungsgrad, hohe Freiflächen (um)gestalten –
Albedo, hocheffektiver Sonnenschutz, Einrichtungen zur Regenwasser- Wohlfühlräume fürs Quartier
speicherung und -notableitung und zur Überflutungsvorsorge bei Stark- schaffen
regen, aber auch die Berücksichtigung der Kühlwirkung benachbarter, An den Klimawandel angepasste Schulhöfe
klimatisch nicht belasteter Räume. sind anders gestaltet als lange Zeit üblich:
Den ersten Preis im Wettbewerb erhielten die Staab Architekten GmbH Sie sollten besonnte und schattige Bereiche
und die Levin Monsigny Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH. bieten – von der großen Pause bis in die
späten Nachmittagsstunden. In Quartie-

66
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

ren, in denen der Freiraum begrenzt ist, gen dazu bei. Das Gefälle des Schulhofs
könnte die Öffnung von Schulhöfen in der sollte bei barrierefreien, ebenerdigen Zu-
schulfreien Zeit oder in den Abendstunden gängen von den Gebäuden weg verlaufen.
den Menschen im Quartier neue Wohlfühl-
räume erschließen. Das bedeutet in der Re- Wie Regenwassermanagement an Schulen
gel aber eine höhere Absicherung durch erfolgreich umgesetzt werden kann, zeigt
Versicherungen. das Handbuch Regenwassermanagement
an Hamburger Schulen (BSU 2013). Es in-
Regenwassermanagement formiert anhand von Rechenbeispielen,
und Überflutungsvorsorge technischen Hilfen und Modellvorhaben
Niederschlagswasser sollte auf dem Schul- über Ausführung, Herstellungskosten oder
gelände versickern können – auch das von Unterhalt und enthält eine Checkliste für
den Dächern. Das entlastet das Kanalnetz. die Planung.
Zudem entfällt so das Niederschlagswas-
serentgelt ( Seite 23). Schulen qualifizieren
In Sachen Klimaschutz sind Berlins Schulen
Bei extremen Regenfällen kann eine zeit- bereits Vorreiter. Im Projekt Energie und
weilige Überflutung gerade an barrierefrei Klimaschutz in Schulen vergibt die Senats-
gebauten Schulen erhebliche Schäden ver- verwaltung für Stadtentwicklung und Um-
ursachen. Deshalb müssen die Oberflächen welt das Siegel Berliner Klima Schule. Dieser
und Anschlüsse darauf ausgelegt sein, eine Wettbewerb ließe sich als Plattform nutzen,
solche Überflutung zu bewältigen und Was- um auch die Anpassung an den Klimawan-
ser kurzfristig zurückzuhalten. Blaue Dä- del voranzubringen.
cher und temporäre Rückhaltemulden tra-

KLIMA-cHEcK FÜR ScHULEN


Fragen zur Überprüfung von Bestandsschulen, Erweiterungen und Neubauvorhaben
Durchlüftung  Gibt es Urban-Wetland-Elemente, also feuchte Böden, Feuchtvege-
 Werden die Möglichkeiten des Luftaustauschs mit benachbarten tation, Wasserbecken und Kleingewässer mit Pflanzenbewuchs?
kühleren Grünräumen genutzt?  Ist das Prinzip Schwammstadt zumindest in Teilen umgesetzt?
 Gibt es Durchlässe, offene Durchfahrten oder Luftgeschosse, die
Luftzirkulation zulassen? Versickerung und Regenwassermanagement
 Ist das Regenwassermanagement weitgehend von der Kanalisation
Rückstrahlung abgekoppelt?
 Sind Fassaden, Dächer und befestigte Oberflächen im Außenbe-  Ist geprüft, ob ein abflussloser Schulstandort realisierbar ist?
reich hell und glatt, sodass die Wärmeabsorption gering und die  Wird Niederschlagswasser auf den Dächern zwischengespeichert?
Rückstrahlung (Albedo) hoch ist?  Ist das von Dächern und Gebäuden abfließende Regenwasser unbe-
lastet und damit zum Versickern geeignet?
Verschattung  Wenn ja: Wird das Regenwasser auf den Freiflächen der Schule ver-
 Erhalten die Südfassaden ausreichend Schatten? sickert?
 Gibt es an besonnten Fassaden ausreichend außenliegenden Son-
nenschutz? Überflutungsvorsorge
 Werden Potenziale der Verschattung durch Laubbäume (Baumfil-  Sind Vorkehrungen getroffen, damit die Schule bei Starkregen nicht
ter) genutzt? unter Wasser steht?
 Ist bekannt, welche Bereiche zu welcher Tageszeit verschattet sind?  Verläuft das Gefälle weg von ebenerdigen Eingängen?
 Wenn ja: Harmoniert dieser Schattenwurf mit dem Stundenplan?  Sind Oberflächen und Anschlüsse zeitweilig überstaufähig, das
heißt, können sie Wasser vorübergehend speichern?
Gebäudebegrünung  Gibt es Notwasserwege, um Wasserüberschüsse sicher abzuleiten?
 Sind Dächer und Fassaden begrünt?  Gibt es Mulden oder tiefer liegende Pausenhofbereiche, die im Not-
 Werden die Spielräume für eine möglichst hohe Substratauflage fall als Zwischenspeicher dienen können?
genutzt?
 Werden Dächer und Fassaden auch bewässert? Freiflächen
 Wenn nein: Kommt eine solche effizienzsteigernde Bewässerung  Bietet der Schulhof über die gesamte Schulzeit hinweg neben son-
infrage? nigen auch schattige Plätze?
 Gibt es auf dem Schulgelände Räume für einen Unterricht im Freien?
Kühlen durch Verdunstung
 Wird Regenwasser gespeichert, damit es in Hitzeperioden über Bo-
den und Vegetation verdunsten kann?

67
Geschosswohnungsneubau Schulen

Typ 5 – Gewerbe und Industrie

Bedeutung in Berlin Städtebaulicher und klimatischer


In Berlin gibt es rund 4.700 Hektar gewerb- charakter und Potenziale
liche Bauflächen, auf denen das produzie- In der Innenstadt sind die Gewerbeflächen
rende Gewerbe überwiegt (SenStadt 2011/2). eher klein und meist in Geschossbauten
Gewerbe und Industrie
Das sind etwa fünf Prozent des Stadtge-
Straßen und Plätze
integriert. Die meisten gewerblichen Bau-
biets. Weitere Unternehmen – etwa Hand- flächen finden sich jedoch außerhalb des
werksbetriebe oder großflächiger Einzel- S-Bahn-Rings: in Großstandorten, die oft an
Rückstrahlen Begrünen Verdunsten handel – nutzen Flächen mit vergleichbarer Gewässern wie Spree und Teltowkanal oder
Bebauung in gemischten Stadtstrukturen. entlang von Bahntrassen liegen. Diese line-
Damit haben gewerblich genutzte Flächen aren Strukturen haben oft als übergeord-
Versickern Rückhalten Schützen einen erheblichen Anteil an der gebauten nete Luftleitbahnen stadtweite Bedeutung.
Grün- und Freiflächen
Stadt.

Anpassungspotenziale in Gewerbe- und Industriegebieten


Anpassungspotenziale in Gewerbe- und Industriegebieten

hoher Solar Reflectance Index für Oberflächen, die


nicht entsiegelt werden können

Dach- und Fassadenbegrünung

Retention von Regenwasser auf dem Dach

Stellplatz- und Rangierflächen als temporäre


Retentionsflächen bei Starkregen

Kombination Gründach und Solaranlage


steigert die Stromproduktion

über Notwasserwege Starkregen


in Retentions-, Versickerungs und
Speicherelemente leiten

blaugrüne Dächer vor allem


auf Bauten unter 10 m Höhe

Wasserbecken zur Kühlung als


Gestaltungselement
Waren, Maschinen und elektrische Infrastruktur
vor Überflutungsschäden schützen
Mulden-Rigolen-Systeme zur
Regenwasserversickerung

© SenStadtUm/bgmr 2016

68
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Gewerbegebiete sind im Durchschnitt zu 60


bis 80 Prozent versiegelt (SenStadt 2010).
Dieser hohe Versiegelungsgrad und ein ge-
ringer Grünanteil sorgen dafür, dass sie
bereits heute zum Großteil klimatisch be-
lastet sind. Der Klimawandel wird das noch
verschärfen.

Aufgrund ihrer Größe entfalten sie negative


klimatische Wirkungen auf benachbarte
Stadtquartiere. Gewerbe- und Industrie-
gebiete hitzeangepasst zu entwickeln,
kommt damit auch vielen Siedlungsgebie-
ten zugute.

Während die meisten Gewerbegebiete der


© bgmr
inneren Stadt mehrgeschossig bebaut sind,
dominieren am Rand der Innenstadt und in zen, Regenwasser an Ort und Stelle zurück- Regenwasser zurückhalten und versi-
ckern im Gewerbegebiet:
den Außenbezirken Flachbauten. Die dort zuhalten und zu versickern oder zu ver- Hochschulstadtteil Lübeck
liegenden großen Hallen bieten erhebliche dunsten.
Flächenpotenziale für die Dachbegrünung,
die bislang selten genutzt werden. Das gilt Anpassungsmaßnahmen
nicht nur für traditionelle Standorte, son- Der StEP Industrie und Gewerbe formulierte
dern auch für jüngere wie das Gewerbege- bereits 2011 das Ziel, bioklimatische Belas-
biet Pankow-Nord. tungssituationen in gewerblich geprägten
Bereichen abzubauen. Neben diese Hitze-
Auch unbebaute Flächen, die oft als Lager anpassung tritt als zweite Herausforderung
und zum Parken genutzt werden, sind zu eine wassersensible Entwicklung.
einem großen Teil versiegelt. Große Stell-
platzbereiche weisen keinen oder nur spär- Die Großflächigkeit und die relativ geringen
lichen Grünbesatz auf. Damit wärmen sich Gebäudehöhen der Gewerbegebiete in der
auch die Freiflächen stark auf. Auf einigen äußeren Stadt schaffen erhebliche Potenzi-
Gewerbegrundstücken gibt es größere, ale für eine Qualifizierung. So lassen sich
kaum strukturierte Rasenflächen, die für klare Strategien für eine Klimaanpassung
Erweiterungen vorgehalten werden. Sie trotz hoher Dichte entwickeln. In der Innen-
trocknen rasch aus und verlieren dann ihre stadt werden die Anpassungsmaßnahmen
Kühlwirkung, da dem Grün Wasser zur Ver- kleinteiliger und vielfältiger sein.
dunstung fehlt.
Verschatten
Gewerbegebiete außerhalb des S-Bahn- Um in Hitzeperioden bioklimatische Belas-
Rings werden überwiegend über die Trenn- tungssituationen zu vermeiden, sollten
kanalisation entwässert. Innerhalb des Parkplätze, Gebäude, Aufenthalts- und La-
S-Bahn-Rings entwässern die Gebiete über gerflächen möglichst verschattet werden.
die Mischkanalisation. Da die Gewerbeflä- Bei Gebäuden – und vorrangig an deren
chen erhebliche Flächen versiegeln, tragen Südfassaden – kann das durch Großbäume
sie dazu bei, dass es bei Starkregen auch in geschehen. Fehlt Platz, können Baumreihen
der Regenwasserkanalisation zu Überläu- mit säulenartigem Wuchs gepflanzt werden
fen in die Vorfluter kommt. (Baumfilter als Schattenspender).

Eine wassersensible Entwicklung der Auch Stellplatz- und Abstandsflächen kön-


Gewerbegebiete sollte verstärkt darauf set- nen durch ein Blätterdach an die Hitze an-

69
gepasst werden. In Bestandsgebieten ist höhere Albedo als Asphalt und ist deshalb
Berliner Unternehmen
fördern biologische Vielfalt
das auch nachträglich möglich. Da Bäume im Sinne einer Hitzeanpassung vorzuzie-
Vorschläge zum Handeln – nicht nur durch Schatten, sondern auch hen.
ein Leitfaden
durch Verdunstung kühlen, lässt sich damit
www.stadtentwicklung.berlin.de eine große Wirkung erzielen. Dächer und Fassaden begrünen
 Umwelt Die Dächer niedriger Bauten zu begrünen,
 Natur und Grün
 Biologische Vielfalt
Rückstrahlung erhöhen ist besonders wirkungsvoll. Gründächer
 Publikationen/Downloads An Fassaden lässt sich auch im Bestand bis zu einer Höhe von zehn Metern kühlen
leicht die Rückstrahlung erhöhen. Auf Ver- auch ihr Umfeld. Die Wirkung reicht 30 bis
kehrs- und Lagerflächen sollte bei Umbau- 50 Meter weit.
maßnahmen heller Asphalt mit hellen
Splittbeigaben zum Einsatz kommen. Für Zudem bieten die Dächer großer Gewerbe-
Rangierflächen wird häufig Beton vor Ort hallen viel Fläche für eine Begrünung. Aller-
vergossen (Ortbeton). Er hat eine deutlich dings sind sie selten statisch darauf ausge-
legt, die zusätzlichen Dachlasten aufzuneh-
men. Das schränkt das Begrünungspoten-
Referenzprojekt: zial ein. Bei einem Neubau lässt sich eine
Green Moabit Begrünung jedoch früh in der Statik berück-
Land: Deutschland sichtigen.
Ort: Berlin
Bezirk: Mitte In Gewerbebauten mit nur wenigen Ge-
Stand: in Umsetzung schossen profitiert ein Großteil der Innen-
www.netzwerk-moabit.de räume von begrünten Dächern durch die
 Stadtteilentwicklungskonzept Kühlung der Räume darunter. Hier entste-
Green Moabit hen Synergien mit dem Klimaschutz: Grüne
Dächer können den Kühlbedarf senken und
© SenStadtUm
so die Energieeffizienz erhöhen.

Im Stadtteil Tiergarten liegt das gut acht Hektar große, gewerblich ge- Begrünte Fassaden sorgen dafür, dass die
nutzte Gebiet Moabit West. 400 Unternehmen mit 10.000 Beschäftigten Bauten nur noch eingeschränkt der Sonne
sind hier ansässig; 8.900 Menschen wohnen hier. Das Gebiet ist hoch ver- ausgesetzt sind.
dichtet; annähernd alle Flächen sind versiegelt. Hitze und Kanalrückstau
bei Starkregen sind zentrale Herausforderungen in diesem größten in- Mit Urban Wetlands
nerstädtischen Industriegebiet Berlins. kühlen durch Verdunsten
Das 2014 fertiggestellte Stadtteilentwicklungskonzept Green Moabit hat Auf hoch versiegelten Gewerbegrundstü-
integrative Strategien und konkrete Maßnahmen zu Klimaschutz und cken fallen große Mengen Regenwasser an.
Anpassung an die Folgen des Klimawandels entwickelt. Es lässt sich für die Wasserversorgung von
Industrie und Wohnen werden in der Anpassung zusammengedacht. Zu Urban Wetlands nutzen. Bei entsprechender
den vorgesehenen Anpassungsmaßnahmen gehören: Dach- und Fassa- Gestaltung sind solche vegetationsbestan-
denbegrünungen, die Optimierung der daraus resultierenden Kühlleis- denen Wasserbecken nicht nur repräsenta-
tung, Baumpflanzungen, Entsiegelungen, Retention, Speicherung und tiv. Sie können auch als sommerliche Wohl-
Nutzung von Regenwasser, Erhöhung der Albedo und weitere Konzepte fühlräume in den Arbeitspausen dienen.
für Gebäudeoberflächen und Straßen.
Um diese Maßnahmen umzusetzen, arbeiten die Unternehmen vor Ort Urban Wetlands anzulegen, bietet sich vor
zusammen. Eine eigene Arbeitsgruppe im Unternehmensnetzwerk Moa- allem auf größeren Gewerbeflächen an.
bit widmet sich der Aufgabe, Vorteile für Unternehmen zu identifizieren Hier fällt ausreichend Regenwasser an, und
und nutzbar zu machen. es können entsprechend größere Kühl-
Das Label Green Moabit stärkt die Identifikation mit dem Ansatz der räume entstehen. Tipps für die Anlage von
Klimaanpassung im Quartier und macht das Engagement der Betriebe Teichen finden sich im Leitfaden Berliner
außenwirksam. Unternehmen fördern biologische Vielfalt
(SenStadtUm 2014/1).

70
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Regenwasser versickern
Unbelastetes Regenwasser (zum Beispiel
von Gebäuden) sollte möglichst versickert
werden. Grünflächen auf Gewerbegrund-
stücken bieten sich aufgrund der geringen
Nutzungsintensität für eine Mehrfachnut-
zung etwa für die Muldenversickerung an.

Bei Betrieben, die mit wassergefährdenden


Stoffen umgehen, sind Einschränkungen
notwendig, um eine Beeinträchtigung der
Wasserqualität zu vermeiden.

Regenwasser zurückhalten
Bei einer hohen Versiegelung und bei po-
© Optigrün international AG
tenziell belasteten Oberflächenabflüssen
ist eine Versickerung auf dem Grundstück Imagevorteile durch Wasserrückhaltung auf dem Dach:
Landesmesse Stuttgart
selten möglich. Im Sinne einer wassersensi- Klimaanpassung
blen Stadtentwicklung wäre zu prüfen, ob Nachhaltiges Wirtschaften, umweltverträg-
bei Starkregen das Wasser zumindest zwi- liche Produktion, Klimaschutz und biolo-
schengespeichert werden kann, um Regen- gische Vielfalt zu unterstützen und den
wasser- und Mischwasserkanäle zu entlas- eigenen ökologischen Fußabdruck zu mini-
ten. Stellplätze, Grün- und Rangierflächen mieren, sind längst wichtige Ziele von
eignen sich für eine solche Retention. Unternehmen. Wie diese kann sich auch das
Label Klimaanpassung zum Qualitätsmerk-
Überflutungsvorsorge – mal entwickeln. Freiwillige Qualitätskont-
Empfindliches Schützen rollen und Monitoringkonzepte können das
Die Zugänge zu Gewerbehallen sind oft Engagement messbar und damit öffentlich-
ebenerdig, damit die Hallen befahrbar sind. keitswirksam machen. An einzelnen Stand-
Das Risiko ist deshalb hoch, dass sie bei orten haben sich schon heute Betriebe zu-
Starkregen überflutet werden. Ein Risi- sammengeschlossen und vergeben eigene
kocheck ist ratsam. Waren, Maschinen und Zertifikate (wie das Label Green Moabit).
elektrische Infrastruktur können aber er- Der nächste Schritt sind standortunabhän-
höht installiert und gelagert werden. gige Zertifikate. Sie könnten einen verstärk-
ten Wettbewerb der Industrie- und Gewer-
Wirtschaftliche Vorteile begebiete in Sachen Klimaanpassung för-
durch Klimaanpassung dern und die Anerkennung für erfolgreiche
Kühlung in Hitzeperioden sichert die Ar- Zertifizierungen erhöhen.
beitsproduktivität. Auch bei den Energie-
kosten eröffnen sich (durch geringeren
Kühlaufwand) Einsparchancen. Vor allem
lohnt es sich, durch eine Abkoppelung ver-
NOTWASSERWEGE
siegelter Flächen von der Kanalisation Be-
Wenn extreme Niederschläge die Kanäle der Regenwasserbewirtschaftung
triebskosten einzusparen: Bei großen Ge-
überlasten, leiten Notwasserwege die Überschüsse sicher in überflutungs-
werbeflächen addiert sich die Reduktion
unempfindliche Bereiche. Das können Gewässer sein oder temporäre Stau-
des zu entrichtenden Niederschlagswasser-
räume in Grünanlagen, auf Sportplätzen und Schulhöfen. Als Notwasser-
entgelts zu einem Vorteil in ernstzuneh-
weg kommen Straßen und Stellplatzanlagen mit geeignetem Profil und
mender Größenordnung ( Seite 23).
Gefälle ebenso infrage wie Muldenbereiche in Grünflächen. Schäden an
Gebäuden und Infrastruktur werden so vermieden.

71
Schulen

Typ 6 – Straßen und Plätze

Bedeutung in Berlin Klimatischer charakter


Berlins Netz öffentlicher Straßen ist 5.400 und Potenziale
Kilometer lang. An diesen Straßen stehen Die Straßenräume sind zu einem großen
derzeit rund 439.000 Straßenbäume. Das Teil versiegelt und ziehen sich daher wie
Straßen und Plätze
sind 80 Bäume pro Kilometer. Gleichzeitig Hitzebänder durch die Stadt. Die Straßen-
nehmen die Straßenräume etwa zehn Pro- bäume bringen Linderung, weil sie Schatten
zent der Fläche Berlins ein. In der Innen- spenden und durch Verdunstung kühlen.
Verschatten Verdunsten Versickern stadt sind es stellenweise sogar bis zu 20
Prozent (AfS 2014). Dass die Menschen sich auf Straßen und
Plätzen aufhalten, kann in der wärmer wer-
Rückhalten Leiten Funktion für die Stadt denden Stadt noch erheblich an Bedeutung
Straßen und Plätze werden bei jedem Wet- gewinnen. Wenn die Wohnungen in langen
ter intensiv genutzt – von der gesamten Hitzeperioden immer wärmer werden, kann
Bevölkerung. Sie verbinden die Stadt und der Straßenraum zum Teil des Alltagsle-
sind wichtige öffentliche Räume. Dabei die- bens werden – vorausgesetzt, er bringt die
nen sie nicht nur der Fortbewegung: Sie sind dafür nötigen Aufenthaltsqualitäten mit.
auch Identifikationsorte der Quartiere.

Anpassungspotenziale auf Straßen und Plätzen


Anpassungspotenziale auf Straßen und Plätzen

straßenbegleitende Versickerungsmulden verschattete Begegnungszonen als Aufenthaltsräume

verschattete Sitzplätze als kühle Rückzugsorte

Straße als Notwasserweg


Wasserplatz als Retentionsraum
bei Starkregen

Straße als Retentionsraum

Wasserspiele/Brunnen

Verdunstungsbeete zur Kühlung

Retentionsraum bei Starkregen


in Grünflächen Verschattung durch Bäume

3
2 3
2
1 1

straßenbegleitende Versickerungsmulden Wasserplatz als Retentionsraum Verdunstungsbeete


bei Starkregen

© SenStadtUm/bgmr 2016

72
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Damit nicht nur kommerzielle Straßencafés tung, verbessern die Luft, sind Lebensraum
diese Qualitäten bieten, gilt es, den Stra- der urbanen Fauna und auch gestalterisch
ßenraum anzupassen. No-Regret-Maßnah- ein Gewinn.
men, die unmittelbar zur Lebensqualität
der Berlinerinnen und Berliner beitragen,
sind von besonderer Bedeutung.

Auch bei der Vermeidung von Schäden


durch Überflutung können Straßen eine Beispielprojekt:
Schlüsselrolle spielen. In der Vergangen- Sønder Boulevard / Wolkenbruchmasterplan Kopenhagen
heit war es Ziel der Straßenentwässerung, Land: Dänemark
Regenwasser so schnell wie möglich über Ort: Kopenhagen
technische Systeme abzuleiten; soweit das Stand: Konzept
bei vertretbaren Kosten möglich war. Die www.dreiseitl.com  Portfolio  Typologie  Stadthydrologie
Debatte um die Klimaanpassung verändert  Hochwasserschutz-Masterplan Kopenhagen
diesen Grundsatz. Straßen und Plätze wer-
den – als Elemente der Stadtoberfläche –
selbst Teil der Regenentwässerung. Was-
ser wird nicht mehr nur abgeführt, son-
dern vor Ort versickert, wo immer es der
städtebauliche Kontext zulässt. Zugleich
dienen Straßen und Plätze als zeitweiliger
Retentionsraum und als Notwasserwege.
Internationale Beispiele wie die in Kopen-
hagen ( nebenan) und Rotterdam (
Seite 22) belegen die Potenziale einer was-
sersensiblen Gestaltung von Straßen und
Plätzen.

Autos entwickeln erhebliche Wärme. Die ge-


mischte Stadt der kurzen Wege ist ein An-
satz, den Verkehr und die Wärme, die von © Ramboll Studio Dreiseitl GmbH
ihm ausgeht, zu mindern. Ein weiterer Bau-
stein ist es, den Umweltverbund – also Der Sønder Boulevard ist Teil des Skybrudsplan København. Der ge-
ÖPNV, Fahrrad- und Fußverkehr – zu för- samtstädtische Masterplan zur Überflutungsvorsorge nach Starkregen
dern und auszubauen. (Skybrud heißt Wolkenbruch) entstand, nachdem 2011 ein massives Un-
wetter weite Teile Kopenhagens unter Wasser gesetzt hatte. Zudem re-
Anpassungsmaßnahmen agierte der Plan auf Vorhersagen, dass in den nächsten 100 Jahren das
Straßenräume von Grund auf umzubauen, Niederschlagsvolumen in der dänischen Hauptstadt um 30 Prozent an-
ist mit großen Kosten verbunden. Deshalb wachsen wird.
werden einige Maßnahmen, die der Hitze- Die Strategie: Regenwasser soll zeitweise zurückgehalten und gezielt ab-
anpassung und der wassersensiblen Gestal- geleitet werden. Dazu sollen Notwasserwege entstehen: Plätze, Grünflä-
tung dienen, erst dann zur Diskussion ste- chen und sogenannte Wolkenbruchboulevards leiten das Wasser bei Ext-
hen, wenn Straßen ohnehin neu gebaut remereignissen in die Stadtseen. Straßenbegleitgrün wird zur blaugrünen
oder grundlegend umgebaut werden. Infrastruktur.
Insgesamt sollen 30 Kilometer Straße zu Wolkenbruchboulevards und
Durch Bäume verschatten 500.000 Quadratmeter Grünfläche zu Retentionsspeichern umgestaltet
Schatten macht den Straßenraum bei Hitze werden. Das entlastet das Abwassersystem jährlich um 1,5 Millionen Ku-
erträglich. Deshalb ist das Verschatten ein bikmeter. Die Anpassungen sind No-Regret-Maßnahmen: Sie werten zu-
Kernelement der Anpassung. Straßenbäu- gleich das Stadtbild auf und erhöhen die Lebensqualität.
me kühlen darüber hinaus durch Verduns-

73
Ist der Raum beengt, sollten in der dichten ebene Geschäfte und Gaststätten liegen,
GALK-Straßenbaumliste
Stadt vor allem die Nordseiten der Straßen bilden Arkaden angenehme, kühle Räume
www.galk.de mit Bäumen bepflanzt werden. Die Bäume zum Flanieren. Zugleich verringern sie ein
 Arbeitskreise spenden so den bisher stark besonnten Be- Aufwärmen der dahinterliegenden Räume
 Arbeitskreis Stadtbäume reichen und teils auch den angrenzenden in den Häusern.
 GALK-Straßenbaumliste 2012
Bauten Schatten.
Verdunstungsbeete anlegen
Weitere Schwerpunkte für die Baumpflan- In besonders belasteten Stadtquartieren
zung ergeben sich aus der Nutzung: Wo können Verdunstungsbeete für Abkühlung
Menschen sich länger aufhalten – etwa an sorgen. Sie müssen in Hitzeperioden gezielt
Haltestellen – sollte gezielt für Schatten ge- mit Wasser versorgt werden. In Paris, ver-
sorgt werden. Fehlt für Bäume der Platz, einzelt auch in anderen Städten, wurden
können Wartehäuschen Schatten spenden. solche Verdunstungsbeete nach dem Hit-
Auch ihre Position muss auf die Sonnenein- zesommer 2003 angelegt. In Deutschland
strahlung im Sommer abgestimmt sein. ist das bisher noch keine Praxis.

Erweiterter Wurzelraum und Bewässerung Aufenthaltsqualität von Straßen


Oben: Verdunstungsbeete verbessern die Verdunstungsleistung und und Plätzen verbessern
im Straßenraum von Paris
damit die Kühlwirkung von Straßenbäu- Wenn Straßen und Plätze nicht nur dem
Unten: Untersuchungen zu Kühle durch
Verdunsten in Paris men. Wie sich der unterirdische Raum ver- Verkehr, sondern auch dem Aufenthalt im
größern lässt, haben Projekte in Osnabrück, Freien dienen sollen, müssen sie entspre-
Stockholm und andernorts gezeigt ( Link chend gestaltet werden. Der Rückbau von
Seite 40). Stellplätzen schafft Raum für kleine Platz-
situationen, die auch mit Sitzgelegenheiten
Bei der Pflanzung von Bäumen sollten die im Schatten ausgestattet sein können.
spezifischen Standortbedingungen berück-
sichtigt und Baumarten verwendet werden, Begegnungszonen bieten mehr Aufent-
die hitze- und trockenheitsresistent sind. haltsraum für die Menschen. In Berlin wur-
Geeignete Arten sind in der GALK-Straßen- de ein solcher, beispielhafter Begegnungs-
baumliste aufgeführt (GALK 2015). raum für die Schöneberger Maaßenstraße
entwickelt ( Seite 75). Die Bergmannstra-
Durch Arkaden verschatten ße in Kreuzberg ist ein weiteres Projekt. Den
Arkaden haben in Regionen, die seit jeher Aufenthalt auf Straßen und Plätzen ange-
mit Hitzeperioden konfrontiert sind, lange nehmer zu machen und mehr Sitzgelegen-
Tradition. Gerade an stark frequentierten heiten anzubieten, dient nicht nur der Kli-
© bgmr Straßen und Plätzen, an denen auf Straßen- maanpassung. Es ist auch eine Reaktion auf

© Atelier Parisien d‘Urbanisme (apur)

74
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

den demografischen Wandel. Dabei können gelentwässerung sein. Sie dient einzig der
Anforderungen des Designs für Alle berück- Schadensvorsorge im Extremfall. In Lübeck
sichtigt werden. Wasserspiele und Brunnen wurde für das neue Hochschulquartier ein
verbessern die Aufenthaltsqualität weiter. solches Notwasserkonzept entwickelt, das
Trinkwasserstationen im öffentlichen Raum System über einen Bebauungsplan rechtlich
können dafür sorgen, dass Wasser auch gesichert und auch umgesetzt ( Seite 79).
außerhalb gastronomischer Angebote zur
Verfügung steht.

Regenwasser versickern Referenzprojekt: Begegnungszone Maaßenstraße


Bei größeren Neubauvorhaben (zum Bei- Land: Deutschland
spiel an der Rummelsburger Bucht oder in Ort: Berlin
Berlin-Adlershof) wurde schon vor Jahren Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
die Straßenentwässerung ganzer Stadt- Stand: realisiert
quartiere von der zentralen Regenwasser- www.stadtentwicklung.berlin.de  Verkehr  Verkehrsplanung
bewirtschaftung abgekoppelt.  Fußverkehr  Fußverkehrsstrategie  10 Modellprojekte
 Begegnungszonen
Das Niederschlagswasser wird auf privaten
Flächen und im Straßenraum in Mulden ge-
sammelt und versickert, die gleichzeitig ge-
stalterische Akzente setzen. Damit wird die
Kanalisation entlastet und die Belastung
der Gewässer reduziert.

In der Innenstadt und im Bestand fehlt oft


der Platz für solche Anlagen. Beim Bau neu-
er Quartiere aber lassen sich solche Maß-
nahmen weiterentwickeln und mit der
Grünplanung koppeln.

Regenwasser zurückhalten
© Lahmeyer Berlin GmbH / R. Massaro
Bei Starkregen werden tiefer liegende Be-
reiche zum Retentionsraum. Dabei kann Mit der Fußverkehrsstrategie hat Berlin zehn Modellvorhaben ausge-
das Wasser sogar zum Gestaltungselement wählt. Eines davon sind Begegnungszonen. Als Erste wurde bis Ende 2015
und die Flutung des Platzes zum Erlebnis die Schöneberger Maaßenstraße zur Begegnungszone umgestaltet. Sie
werden: Einer der ersten Regenplätze dieser erprobt, wie ein verträgliches und sicheres Miteinander der verschiede-
Art ist mit dem Benthemplein in Rotterdam nen Verkehrsformen aussehen kann. Zugleich sind neue, möblierte Auf-
entstanden ( Seite 22). enthaltsflächen entstanden, wo früher Autos parkten. Das Projekt trägt
damit auch dem Anpassungsziel Rechnung, in der heißer werdenden
Notwasserwege im Straßenraum Stadt trotz beschränkter Flächen neue Freiräume für den Aufenthalt im
Bei extremem Regen ist eine kontrollierte Freien anzubieten und aufzuwerten. Der Berliner Straßenraum bietet da-
Ableitung in Bereiche mit geringem Scha- für erhebliche Potenziale.
densrisiko häufig der einzige Weg, um Der Beteiligungsprozess zum Projekt hat gezeigt: Den Bürgerinnen und
Überflutungsschäden zu minimieren. Stra- Bürgern sind – unter anderem im Straßenraum – mehr Sitzmöglichkeiten
ßen können in solcher Situation zu Notwas- ohne Konsumzwang ein Anliegen.
serwegen werden. Um die Aufenthaltsqualität zu sichern und weiterzuentwickeln, ergänzt
ein Nutzungs- und Gestaltungsstatut die bauliche Neuordnung. Es regelt
Dazu gilt es, Straßenprofil und Gradienten alle Nutzungen im Straßenraum – auch und vor allem die kommerziellen
so auszurichten, dass sie das Wasser auf – und hilft so, die unterschiedlichen Ansprüche und Anforderungen an
Grünflächen oder in Gewässer leiten. Diese den Stadtraum in Einklang zu bringen.
Notlösung kann indes niemals Teil der Re-

75
Gewerbe und Industrie Straßen und Plätze

Typ 7 – Grün- und Freiflächen

Bedeutung in Berlin Klimatischer charakter


Grün- und Freiflächen machen 44 Prozent und Potenziale
des Berliner Stadtgebiets aus (SenStadtUm Die großen Freiräume am Stadtrand sind
2012). In diesem Anteil enthalten sind wichtige klimatische Entlastungsräume. Je
Grün- und Freiflächen
Wälder, landwirtschaftliche Flächen und die dichter die Stadt und je kleiner die Grün-
Gewässer, die zu einem großen Teil am flächen, umso mehr müssen diese für die
Rand der Stadt liegen. klimatische Kühlung der umliegenden
Leiten Verschatten Verdunsten Stadträume leisten.
Stadtstruktureller charakter
An den Rändern Berlins sind Siedlungs- Gleichzeitig stellt die Wachsende Stadt neue
Versickern Rückhalten inseln mit hohem klimatischem Komfort Herausforderungen an Grün- und Freiflä-
(wie Blankenfelde, Lübars, Gatow oder Kla- chen: Wo mehr Menschen wohnen, steigen
dow) in die Landschaft eingebettet. In der Nachfrage und Beanspruchung der Freiräu-
bebauten Stadt ist es umgekehrt: Grünräu- me. Bei Hitze sind Grünanlagen mit Schat-
me sind Inseln im Siedlungsraum. ten und kühlender Vegetation Wohlfühlorte.

Anpassungspotenzialeauf
Anpassungspotenziale aufGrün-
Grün-und
undFreiflächen
Freiflächen

Urban Wetlands Sitzplätze im Schatten

Notüberlauf bei Starkregen locker verteilte Bäume

Versickerungsmulden für Regenwasser

Straßenraum als Kaltluftleitbahn

offene Ränder verbreiten die Kaltluft

Retentionsmulden für Starkregen

© SenStadtUm/bgmr 2016

76
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Sie werden vermehrt aufgesucht, wenn es Die Bedeutung von Grün- und Freiflächen
in den Wohnungen heiß ist. Doch gerade nimmt in der wachsenden Stadt im Klima-
dann steht die Vegetation unter erhöhtem wandel zu. Damit sind Strategien gefragt,
Stress. Die Hitze trocknet die Böden aus, die wie diese Flächen – trotz Flächenkonkur-
Verdunstung über Vegetation und Boden ist renz und begrenzter Mittel – gesichert und
eingeschränkt. Eine ausgetrocknete Rasen- weiterqualifiziert werden können. Die
fläche zeigt am Tag keine gravierend ande- Grundvoraussetzung, damit das städtische
re Temperatur als eine Betonfläche. Der Grün die zahlreichen Aufgaben von der Er-
Temperaturunterschied einer trockenen holung, über die Stadtgestaltung bis zur
und einer wasserversorgten Grünfläche Klimaanpassung wahrnehmen kann, ist
kann dagegen bis zu fünf Grad Celsius be- eine ausreichend abgesicherte Pflege des
tragen (Denneborg et al. 2013). Grünflä- Grüns.
chen mit Wasser zu versorgen wird so zu
einer Hauptaufgabe. Anpassungsmaßnahmen

Die Zunahme von Starkregenereignissen Ränder von Grünflächen


erweitert das Aufgabenspektrum der Grün- offen gestalten
und Freiflächen. Begrünte Freiflächen auf Wie gut ein Grünraum benachbarte Quar-
bebauten Grundstücken, in Parks oder tiere kühlt, hängt auch von seiner Struktur
Sportanlagen tragen dazu bei, Nieder- ab. Offene Ränder erlauben den Luft-
schlagsspitzen abzufedern und das Ka- austausch und erhöhen die Kühlwirkung.
nalsystem zu entlasten. Damit lassen sich Hecken, dichte Gehölze, Strauchpflanzun-
erhebliche Kosten sparen. gen oder Mauern sollten deshalb am Rand
von Grünflächen vermieden werden. Da vie-
Künftig sind verstärkt Lösungen gefragt, le Berliner Grünflächen am Rand verbuscht
wie Grün- und Freiflächen als grüne Infra- sind, liegt hier ein großes Optimierungspo-
struktur dazu beitragen können, die Folgen tenzial. Häufig reicht es schon, Bäume auf-
des Klimawandels zu mindern. Wenn Grün- zuasten, um den Luftaustausch zu optimie-
und Freiflächen Aufgaben der Stadtentwäs- ren. Zudem sollten Luftleitbahnen (etwa im
serung übernehmen, also eine grüne Infra- Straßenraum) vorhanden sein, damit die
struktur die graue Infrastruktur entlasten kühlere Luft in die überhitzten Quartiere
Links: Klimatisch idealtypische Vertei-
soll, wird ein finanzieller Ausgleich für die- strömen kann. lung von Grünflächen und Bebauung
Rechts: Urban Wetland im
sen Zusatzaufwand erforderlich. Rudolph-Wilde-Park in Berlin

Weitreichende Kühlwirkung ab 1- 2 ha
klimaangepasster Grünfläche

ca. 250 m Kühlwirkung


© SenStadtUm/bgmr 2016 © bgmr

77
Größe und Wirkungsradius Vegetationsstruktur beachten
von Grünflächen beachten Eine Freifläche besteht – wieder aus stadt-
Eine Grünfläche ab einem, besser ab zwei klimatischer Sicht – idealerweise aus einer
Hektar, bildet ein eigenes Mikroklima aus. Wiese mit wenigen Sträuchern und locke-
Damit kann sie umliegende, hitzebelastete rem Baumbestand. Der Grund: Niedrige
Stadtquartiere kühlen. Der Kaltluftstrom Vegetation (Rasen, Wiese), mittlere (Sträu-
kommt aber nur zur Wirkung, wenn die cher, Hecken, kleine Bäume) und hohe
Transportwege ins Quartier unverstellt Vegetation (Bäume) kühlen auf unter-
sind. Auf dem Weg durch die Stadt erwärmt schiedliche Art und deshalb auch zu ver-
diese den Kaltluftstrom. Er verliert deshalb schiedenen Tageszeiten.
nach 200 bis 300 Metern seine Wirkung.
Damit wäre ein Netz von Grünanlagen in Trockenheits- und hitzeverträgliche
Abständen von 400 bis 600 Metern aus Arten verwenden
stadtklimatischer Sicht optimal. Um die Resilienz von Freiflächen zu erhö-
hen, gilt es, deren Bepflanzung an die sich
ändernden klimatischen Bedingungen an-
zupassen. Die Straßenbaumliste der Deut-
schen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK)
Referenzprojekt: Harry-Bresslau-Park und Boulevard Berlin benennt hitze- und trockenheitstolerante
Land: Deutschland Baumarten ( Seite 74). Bei der Wahl geeig-
Ort: Berlin neter, gegen Trockenheit und Hitze unemp-
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf findlicher Arten müssen auch die spezifi-
Stand: realisiert schen Bedingungen am Standort Beachtung
www.strauma.com  Projekte  Parks  Harry-Bresslau-Park Berlin finden, um die tatsächlich passende Pflanze
zu wählen und die biologische Vielfalt zu
stärken. Dieser Anpassungsprozess ist lang-
wierig. Er muss jetzt eingeleitet werden, da-
mit er in den nächsten Jahrzehnten greift.

Verschatten
Was auf Straßen und Plätzen gilt, gilt auch
auf Grün- und Freiflächen: Kühle Rückzugs-
orte an heißen Sommertagen entstehen
nur dort, wo neben besonnten auch schat-
tige Sitzmöglichkeiten zur Verfügung ste-
© ST raum a. Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH
hen. Zugleich erhöht der Schatten die Kühl-
Der rund 1,8 Hektar große Harry-Bresslau-Park entstand aus einer kaum wirkung der Grünfläche auf ihre Umgebung.
nutzbaren Freifläche. Er liegt eingebettet in die dichte Bebauung westlich
der Steglitzer Schloßstraße. Seine Realisierung war an den Umbau des Mit Urban Wetlands
ehemaligen Kaufhauses Wertheim zum Boulevard Berlin gekoppelt. kühlen durch verdunsten
Der neue Park nutzt wertvollen alten Baumbestand für schattige Sitz- Wasserspeichernde Strukturen wie Feucht-
plätze und ebenso schattige Spiel- und Sportanlagen. Er bietet damit gebiete oder Kleingewässer mit pflanzenbe-
kühle Rückzugsorte für Anwohnerinnen und Anwohner, aber auch für standenen Rändern sind besonders günstig,
alle, die zum Shoppen hierherkommen. um Verdunstungskälte zu generieren – und
Die Wege, ein angrenzender Platz und das Gebäude, das sich ebenso können in Grün- und Freiflächen Gestal-
stark zum Park wie zur Einkaufsstraße orientiert, sind in hellen Farben tungselement wie Anziehungspunkt sein.
gehalten. Das erhöht ihre Rückstrahlung und minimiert die Aufheizung In der Umgebung gestalteter Urban Wet-
der Oberflächen durch die Sonne. Vor allem aber illustriert die Aufwer- lands können bei Hitze angenehme Aufent-
tung der Grünfläche, wie neue öffentliche Parks im Huckepack privater haltsräume entstehen. Zugleich können sie
Bauvorhaben geschaffen werden können. die Kühlfunktion der Grünflächen auf die
umgebende Stadtstruktur verbessern.

78
StEP Klima KONKRET 2016 | Anpassung auf den Stadtstrukturtyp abstimmen

Bewässern gen derzeit allerdings für Stadtbäume nicht


Wichtig ist es, Bäume und Vegetation bei vor. Die Planungshilfe einiger Baumschulen
Hitze und Trockenheit mit ausreichend geben Hinweise (zum Beispiel auf stark
Wasser zu versorgen, damit sich Grünflä- pumpende und entsprechend viel verduns-
chen in diesen Perioden nicht aufheizen, tende Gehölzarten).
sondern weiter kühlen.
Grünflächen als Notüberlauf
Diese Versorgung hat eine große Bandbrei- Zur Überflutungsvorsorge könnten Grün-
te. Sie reicht vom simplen Rasensprengen und Freiflächen als Notretentionsraum bei
über die Bewässerung von Bäumen und Starkregen genutzt werden. Da Starkregen-
Sträuchern bis zur wasserversorgten ereignisse selten sind, wäre die tatsächliche
Feuchtvegetation. Damit steht eine Vielzahl Belastung der Grünflächen in der Regel ge-
an Möglichkeiten bereit, das urbane Grün ring. Bei der Planung von Grünanlagen
kühlend zu gestalten. Besonders wirkungs- müssten aber Fließwege und Rückstauvolu-
voll sind Ansätze nach dem Schwammstadt- mina berücksichtigt und das Konzept müss-
Prinzip: Wasser speichern, wenn viel vor- te ressortübergreifend abgestimmt werden.
handen ist, und es in Hitzeperioden an Dabei wären auch vertragliche Regelungen
Boden und Pflanzen abgeben. für die Übernahme von Herstellungs-, Pfle-
ge- und Reinigungskosten zu treffen.
Regenwasser versickern
In Stadtquartieren mit hoher Dichte können
– bei entsprechender Abstimmung – auch Gutes Beispiel: Notwasserkonzept Hochschulstadtteil Lübeck
öffentliche Grün-und Freiflächen dazu die- Land: Deutschland
nen, Regenwasser von bebauten Flächen zu Ort: Lübeck
versickern. Damit entsteht eine neue Koope- Stand: realisiert
ration zwischen der dichten Stadt und den http://klimzug-nord.de/index.php/page/2010-01-27-HcU-Mehr-Platz-
Grün- und Freiflächen. Der Mehraufwand fuer-Regenwasser.
für diese Zusatznutzung der Grünflächen
wäre finanziell auszugleichen, wenn die
Grünflächenämter in Berlin diese zusätzli-
che Aufgabe übernehmen. Wenn die graue
Infrastruktur der Kanalisation durch eine
grüne Infrastruktur des oberflächennahen
Regenwassermanagements entlastet und
weiterentwickelt wird, kann sich daraus ein
neues Geschäftsfeld für das Grün eröffnen.

Verdunstungsstarke © bgmr

Laubbaumarten verwenden Der Hochschulstadtteil Lübeck entstand nach der Jahrtausendwende. Der
Neben der Trockenheits- und Hitzeverträg- innovative Umgang mit Starkregenereignissen wurde hier bereits in den
lichkeit gewinnt die Verdunstungsleistung Bebauungsplänen rechtlich gesichert. Sie legten oberirdische Abflusswe-
von Bäumen an Bedeutung. Grundsätzlich ge auf öffentlichen Straßen, in Grünflächen und Baugebieten fest.
sind Laubbäume für die Grün- und Freiflä- Bei extremen Niederschlägen dienen Parks und Straßen als temporäre
chen der Zukunft geeigneter als Nadelbäu- Retentionsräume. Das Profil der Straßen ist eigens auf solche Überflu-
me: Im Sommer, wenn der Kühlbedarf der tungsfälle ausgelegt. Hochborde halten das Wasser auf den Straßen.
Stadt am höchsten ist, verdunsten sie mehr Die Notwasserwege verhindern erhebliche Schäden der sensiblen Nut-
Wasser als die immergrünen Koniferen. zungen. So leitet etwa der neue Carlebach-Park das Niederschlagswasser
direkt in ein benachbartes Gewässer. Die grünen Notwasserwege dienen
Bei der Auswahl von Laubbaumarten sollte indes nicht nur der Überflutungsvorsorge. Sie sind gleichzeitig Gestal-
deren Verdunstungsleistung zum Kriterium tungselement und attraktiver Aufenthaltsraum im Quartier.
werden. Eindeutige Empfehlungen dazu lie-

79
7. Ausblick

Berlin wächst und muss gleichzeitig resilienter werden

Die Stadt an die Folgen des Klimawandels Anpassung als Aufgabe aller
anzupassen, ist entscheidend, um ihr Klimaanpassung ist eine breit angelegte
Wachstum von negativen Wirkungen auf Gemeinschaftsaufgabe, die alle Akteurin-
die Lebensqualität zu entkoppeln. Damit nen und Akteure der Stadtentwicklung ein-
das gelingt, müssen Anpassungsmaßnah- schließt: Bürgerinnen und Bürger, Bauwilli-
men in möglichst alle Planungsinstrumen- ge, Hauseigentümer und -eigentümerinnen,
te, Prozesse, Programme und Projekte ein- Planer und Planerinnen aus Architektur,
gebunden und im Huckepack umgesetzt Stadtplanung und Landschaftsarchitektur,
werden. die Immobilien- und Wohnungswirtschaft,
Ver- und Entsorgungsunternehmen, Bun-
Gefragt: Ein Mix aus Maßnahmen desbehörden und vor allem: die Ämter und
mit vielfältigen Wirkungen Verwaltungen Berlins auf allen Planungs-
Klimaanpassungsmaßnahmen sind selten ebenen und in unterschiedlichsten Res-
eindimensional und haben in der Regel viel- sorts.
fältige Wirkungen. Ein gutes Beispiel dafür
ist die Dachbegrünung: Ein grünes Dach iso- „Wir brauchen Kooperation“ – so hat es die
liert und hilft so, Energie zu sparen. Es kann 2014 unter Federführung Berlins unter-
Eingriffe in Natur und Landschaft vor Ort zeichnete No-Regrets-Charta des Städte-
kompensieren und die biologische Vielfalt netzwerks Metropolis auf den Punkt ge-
steigern. Es kommt aber auch der Klimaan- bracht. Koordination und Kooperation sind
passung zugute, weil es gerade bei hohen ein zentraler Ansatz, der sich in unter-
Substraten oder zusätzlicher Retentions- schiedlichsten Formen verwirklichen lässt.
ausrichtung Wasser speichert, im Sommer Das reicht von intelligentem Baumanage-
kühlt, die Kanalisation entlastet – und ment über eine weitsichtige Objektbetreu-
obendrein noch (durch weniger Nieder- ung während des gesamten Lebenszyklus
schlagswasserentgelt) Geld sparen kann bis zu objektübergreifenden Vereinbarun-
( Modellrechnung Seite 23). gen und Abstimmungen.

Wird Wasser auf Grundstücken zurückge- Projekte wie in den Gewerbegebieten Mot-
halten, müssen die Regenwasserkanäle zener und Großbeerenstraße ( Seite 37),
auch bei einer weiteren baulichen Verdich- das Konzept Green Moabit ( Seite 70) oder
tung nicht ausgebaut werden. Das kann viel das von der Arbeitsgruppe Ökokiez 2020
Geld sparen: Die Stadt profitiert davon ge- des Kiezbündnisses Klausenerplatz erarbei-
nauso wie die Anliegerinnen und Anlieger, tete lokale Klimakonzept machen es vor:
deren Erschließungsbeiträge geringer aus- Hier haben sich Akteure und Akteurinnen
fallen. Die Strategien der Anpassung zielen im Stadtquartier vernetzt und gemeinsam
daher auf einen Mix an Maßnahmen, die Projekte und Konzepte entwickelt, die Kli-
sich gegenseitig verstärken, von Synergien maschutz und Anpassung in die Stadtent-
profitieren und erst in der Summe ihre gan- wicklung einbinden.
ze Wirkung entfalten.

80
StEP Klima KONKRET 2016 | Ausblick

Klimaanpassung im Planungshandeln
Berliner Energiewendegesetz

Die öffentliche Hand ist in besonderem schen Infrastrukturen sowie die urbane www.stadtentwicklung.berlin.de

Maße gefordert, die Umsetzung der Klima- Lebensqualität zu erhalten.“  Umwelt


anpassung voranzubringen. Sie kann diese  Klimaschutz und Energie
 Klimaschutz
Umsetzung zum einen einfordern, indem Gesamtstädtische und  Energiewendegesetz
sie Anpassungsmaßnahmen in sektorale bezirkliche Grundlagen
und übergreifende Instrumente, Prozesse Berlin hat in den letzten Jahren einige Akti-
und Planungen integriert. Zugleich ist sie vitäten entwickelt, um die Klimaanpassung
Ökokiez 2020
mit ihren eigenen Bauprojekten Vorbild für der Stadt voranzubringen. Mit der Karte
Private. 04.11 Klimamodell Berlin – Planungshin- www.klausenerplatz.de

weise Stadtklima liefert der Umweltatlas  Ökokiez


Instrumente des Planungshandelns sollen Berlin eine aktuelle, flächengenaue Grund-
immer auch Instrumente der Klimaanpas- lage, um die klimatische Situation zu be-
sung werden. Ressortübergreifende Koope- stimmen und Belastungs- und Entlastungs-
rationen helfen, geeignete Maßnahmen räume zu erkennen.
zielgerichtet und effizient zu fördern.
Das Klimaschutzteilkonzept Anpassung an
Berliner Energiewendegesetz die Folgen des Klimawandels in Berlin
Den rechtlichen Rahmen für die Anpassung (AFOK) beschreibt die Vulnerabilität der
hat das Berliner Energiewendegesetz (EWG Stadt und hat ein umfassendes Maßnah-
Bln) abgesteckt. menbündel für die Anpassung entwickelt
( Seite 14 ff.).
Es stellt die Energie- und Klimapolitik des
Landes auf eine einheitliche Grundlage In einigen Quartieren wurden Konzepte zu
und verankert sie als Daueraufgabe. In Pa- Klimaschutz und Anpassung erarbeitet, die
ragraf 12 heißt es dort: als Vorbilder dienen können. Beispiele sind
„Der Senat von Berlin wird Maßnahmen zur das Konzept Green Moabit ( Seite 70) oder
Anpassung an den Klimawandel und seiner das lokale Klimakonzept des Kiezbündnis-
unvermeidbaren Folgen für Berlin unter- ses Klausenerplatz (ÖkoKiez 2020).
stützen. Er ist verpflichtet, auf der Grund-
lage eines aktuell zu haltenden Kenntnis- Einige Bezirke haben – wie unlängst Mar-
standes über den Klimawandel und der zahn-Hellersdorf – ein Klimamanagement
Abschätzung seiner konkreten Auswirkun- eingerichtet, das sich sowohl um den Klima-
gen auf das Land Berlin für das Programm schutz als auch um die Klimaanpassung
nach § 4 Absatz 1 Strategien und Maßnah- kümmert. Wesentlich ist, dass die lokalen
men zu entwickeln, die darauf abzielen, die Konzepte in Kooperation mit den Akteurin-
Anpassungsfähigkeit natürlicher, gesell- nen und Akteuren vor Ort umgesetzt wer-
schaftlicher und ökonomischer Systeme zu den. Dafür bieten solche Managements eine
verbessern und die Funktion der städti- wichtige Unterstützung.

Instrumente der Planung

Die öffentliche Hand in Berlin verfügt über Die Bauleitplanung soll (nach BauGB § 1a
viele, formelle wie informelle Instrumente (5)) „den Erfordernissen des Klimaschutzes
und Planungsformate, die sich eignen, die […] sowohl durch Maßnahmen, die dem Kli-
wassersensible und hitzeangepasste Ent- mawandel entgegenwirken, als auch durch
wicklung der Stadt voranzubringen. Die Ta- solche, die der Anpassung an den Klima-
belle auf Seite 83 gibt einen Überblick der wandel dienen, Rechnung [tragen]“. Zahl-
wichtigsten Ansatzpunkte, ohne diese zu reiche Festsetzungen in den Bebauungs-
priorisieren. plänen eignen sich, um Maßnahmen der

81
Klimaanpassung in der Bauleitplanung zu Auch in vielen Förderprogrammen wird der
verankern. Grundsatz vertreten, die Anpassung an den
Klimawandel in die geförderten Projekte
Über die Eingriffsregelung können weitere zu integrieren. Beispiele dafür sind das
Maßnahmen auf den Weg gebracht wer- Berliner Programm für Nachhaltige Ent-
den, die einen Beitrag zur Klimaanpassung wicklung (BENE) oder die Programme der
leisten. Städtebauförderung, bei denen (gemäß
Verwaltungsvereinbarung) die Erarbeitung
Die Auswahl geeigneter Flächen, wie sie die integrierter städtebaulicher Entwicklungs-
Gesamtstädtische Ausgleichskonzeption konzepte (ISEK) Voraussetzung der Förde-
(GAK) nahelegt, ist in Berlin bereits heute rung ist.
– neben vier anderen Zielen – von dem Ziel
geleitet, „klimatisch stark belastete Sied- Für das Weddinger Brunnenviertel erarbei-
lungsräume durch geeignete Maßnahmen tet das Quartiersmanagement mit Anwoh-
[zu] entlasten“ (SenStadtUm 2016/2). nern und Anwohnerinnen und der Woh-
nungsbaugesellschaft degewo seit 2015 ein
In die aktuelle Fortschreibung des Land- Anpassungskonzept unter dem Titel Kiez-
schaftsprogramms Berlin wurden – über die Klima. Wichtiger Aspekt dieses Projekts im
GAK hinaus – Ziele der Klimaanpassung auf- Programm Soziale Stadt ist ein betont par-
genommen. Andere Instrumente der Land- tizipativer Ansatz, mit dem zusammen mit
schaftsplanung können ebenfalls Beiträge den Bewohnern und Bewohnerinnen viele,
zur Anpassung weiter konkretisieren. auch kleinteilige Maßnahmen der Klimaan-
passung umgesetzt werden sollen.
Ein Beispiel ist der Biotopflächenfaktor
(BFF), der in Landschaftsplänen instrumen- Ein Projekt, das aus Mitteln des Städte-
talisiert wird. Über den BFF kann Berlin bauförderungsprogramms Aktive Zentren
– vor allem in dicht besiedelten Stadtquar- finanziert wird, ist die Neugestaltung des
tieren – grundstücksbezogen Anforderun- Max-Josef-Metzger-Platzes im Wedding.
gen zur Klimaanpassung stellen. Ein solcher Der Platz wird als Aufenthaltsraum mit
BFF-Landschaftsplan wurde zum Beispiel im Schatten spendenden Bäumen aufgewertet.
Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für das kli- Die verbuschten Ränder werden gelichtet.
Offene Ränder für Durchlüftung, Bäume matisch belastete Stadtumbaugebiet Frank- Das erhöht nicht nur die Sicherheit, sondern
für Schatten, ein Wohlfühlraum für die
dichte Stadt: der künftige Max-Josef- furter Allee Nord aufgestellt ( Seite 59). fördert auch den Luftaustausch mit den an-
Metzger-Platz in Berlin-Wedding
(Entwurf: bgmr Landschaftsarchitekten) grenzenden, dicht bebauten Quartieren. Bis
2017 soll der Platz fertig sein.

Wo immer öffentliche Träger den Neu- oder


Umbau von Parks, Straßen, Plätzen, Infra-
strukturbauten oder ganzer Stadtquartiere
planen, ergeben sich weitere Umsetzungs-
möglichkeiten. Das Potenzial solcher
öffentlichen Bauprojekte für die Klimaan-
passung ist groß – gerade in der Stadt, die
wächst und sich verändert. Der Umbau der
Maaßenstraße im Stadtteil Schönberg zur
Begegnungszone ist dafür ein gutes Bei-
spiel: Dort wurde der Straßenraum umge-
staltet, um mehr Raum für alle zu schaffen,
die zu Fuß unterwegs sind – und dabei en
passant zum geeigneten Rückzugsort bei
© bgmr großer Hitze ( Seite 75).

82
StEP Klima KONKRET 2016 | Ausblick

Die Berliner Bezirke bieten in unterschiedli- Heute handeln!


cher Form und Intensität eine Bauberatung Diese Aufzählung beispielhafter Instrumen-
an. Sie könnte die Anpassung stärker the- te und Prozesse zeigt: Es gibt viele Ansatz-
matisieren. Dabei ginge es vor allem darum, punkte, um Klimaanpassung im Huckepack
Bauwillige für das Thema zu sensibilisieren der Stadtentwicklung umzusetzen. Damit
und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen. Kli- wird das Wachsen der Stadt von negativen
mamanager und -managerinnen, wie sie in Wirkungen auf die Umwelt und das Klima
einigen Bezirken tätig sind, könnten in die entkoppelt. Gleichzeitig entstehen neue
Bauberatung stärker eingebunden werden. Wohlfühlräume. Die Maßnahmen der Hitze-
und Überflutungsvorsorge sind zwar nicht
Eine ausgesprochen wichtige Stellschraube von heute auf morgen umsetzbar, sondern
für mehr Anpassung bieten Wettbewerbe ein längerer Prozess. Dieser Prozess muss
und Gutachterverfahren. Sie werden für vie- allerdings jetzt beginnen, damit er in den
le Projekte der Senatsverwaltungen, des nächsten Jahrzehnten stadtweit zum Tra-
Liegenschaftsfonds Berlin, von Bundesbe- gen kommt. Ein Baum, der 2050 Schatten
hörden, Bezirken, privaten und öffentlichen spenden soll, muss heute gepflanzt werden.
Unternehmen ausgeschrieben. Diese Ver-
fahren bereiten damit einen Gutteil der neu- Die hitzeangepasste Stadt und eine wasser-
en Bauten in der Stadt vor – und entfalten in sensible Stadtentwicklung sind heute zent-
der Summe entsprechend große Wirkung, rale Zukunftsaufgaben aller, die an der Ent-
wenn Standardanforderungen der Klimaan- wicklung Berlins Anteil haben. Gelingen
passung in die Auslobung integriert und so wird beides nur als Gemeinschaftswerk der
Teil der Wettbewerbsaufgabe werden. ganzen Stadtgesellschaft. Das scheint eine
gewaltige Herausforderung zu sein. Doch
Ein solcher Anforderungskatalog der Klima- wenn jede und jeder daran mitwirkt und alle
anpassung fließt im Rahmen der Vorprü- ihren Teil beitragen, werden die Aufgaben
fung und im Preisgericht in die Beurteilung plötzlich durchaus machbar. Zumal wir am
ein. Voraussetzung ist, dass das Beurtei- Ende alle davon profitieren werden.
lungskriterium als solches verankert und
angemessen gewichtet wird. Jurymitglieder
und Sachverständige mit vertieften Kennt-
nissen zur Klimaanpassung stärken die Be-
rücksichtigung in der Beurteilung.

Einige gute Beispiele kann Berlin in dieser


Hinsicht bereits vorweisen. So war im frei-
raumplanerischen Ideen- und Realisie-
rungswettbewerb zum Campus Berlin TXL –
The Urban Tech Republic Klimaanpassung
ein ausdrückliches Bewertungskriterium.
Ein anderes Beispiel ist der Neubau der
Clay-Schule ( Seite 66). Und im städte-
baulichen und landschaftsplanerischen Re-
alisierungswettbewerb Schumacher Quar-
tier in Berlin Tegel ( Seite 63) haben das
Land Berlin und die Tegel Projekt GmbH als
Auslobende angeregt, in die Konzepte nicht
nur eine Durchgrünung des Gebiets und die
Begrünung von Dächern und Fassaden zu
integrieren, sondern auch Urban-Wetlands-
Elemente zur Kühlung.

83
Im Huckepack des Planungshandelns
Ansatzpunkte zur integrierten Umsetzung der Klimaanpassung (Auswahl)

Instrument Flächenbezug Verantwortlich Rechtliche Grundlage


Bauleitplanung Flächennutzungsplan ganz Berlin Senat BauGB §§ 1 ff
(vorbereitende Bauleitplanung) BauGB §§ 5-7
Bebauungspläne Teilbereiche, Baugrundstücke Bezirke, Senat BauGB §§ 1 ff
(verbindliche Bauleitplanung) BauGB §§ 8-10
weitere Instrumente nach städtebauliche Verträge Teilbereiche, Baugrundstücke Senat, Bezirke BauGB § 11
BauGB
Vorhaben- und Erschließungspläne Teilbereiche, Baugrundstücke Bauwillige BauGB § 12
Erhaltungssatzungen Teilbereiche Bezirke BauGB § 172
Eingriffsregelung Baugrundstücke, Ausgleichs- Senat, Bezirke BauGB § 1 a, BNatSchG §§ 14 ff,
(Kompensationsmaßnahmen) flächen GAK/LaPro Bln
besonderes Städtebaurecht städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen Teilbereiche Senat BauGB §§ 165 ff
städtebauliche Sanierungsmaßnahmen Teilbereiche Senat BauGB §§ 136 ff
informelle Instrumente der Stadtentwicklungspläne (StEP) ganz Berlin Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (1)
Stadtentwicklung • StEP Klima BauGB § 1 Abs. 6 Nr. 11
• StEP Wohnen
• StEP Industrie und Gewerbe
• StEP Verkehr
• StEP Ver- & Entsorgung (Grundlagen)
• StEP Zentren
Planwerke Teilbereiche Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (2)
Transformationsräume Teilbereiche Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (2)
(aus BerlinStrategie)
stadtplanerische Konzepte Teilbereiche Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (2)
(und Leitbilder)
integrierte städtebauliche Entwicklungs- Teilbereiche Bezirke VV Städtebauförderung
konzepte (ISEK)
Landschaftsplanung Landschaftsprogramm ganz Berlin Senat NatSchG Bln § 8, BNatSchG § 10
(einschließlich Artenschutzprogramm)
Landschaftspläne Teilbereiche Bezirke NatSchG Bln § 9
BNatSchG § 11
Biotopflächenfaktor / Teilbereiche Bezirke
BFF-Landschaftspläne
Prüfverfahren Umweltverträglichkeitsprüfung Projektgebiete Senat, Bezirke UVPG
strategische Umweltprüfung Projektgebiete Senat, Bezirke SUPG, EAG Bau
Förderprogramme Städtebauförderung Teilbereiche Senat, Bezirke
• Aktive Zentren
• Stadtumbau Ost und West
• Städtebaulicher Denkmalschutz
• Soziale Stadt (Quartiersmanagement)
Stadterneuerung (Sanierungsgebiete) Teilbereiche Senat, Bezirke
Wohnungsneubaufonds Baugrundstücke Senat, IBB
Berliner Programm für nachhaltige Teilbereiche Senat, Bezirke
Entwicklung (BENE)
Planungsverfahren Wettbewerbe und Gutachterverfahren Teilbereiche, Baugrundstücke Senat, Bezirke, Liegen-
schaftsfonds, Bundesbehör-
den, öffentliche Unterneh-
men, landeseigene
Wohnungsgesellschaften,
Private
öffentliche Bauprojekte Hoch- und Tiefbau Baugrundstücke Senat, Bezirke
• Parks und Grünanlagen
• Straßen und Plätze
• Schulen und andere Gebäude
der öffentlichen Infrastruktur
Bauberatung Bauberatungsangebote der Bezirke Baugrundstücke Bezirke
Selbstverpflichtungen Klimaschutzvereinbarungen ganz Berlin/einzelne Liegen- Senat, Berliner Unterneh-
schaften men und Verbände

84
StEP Klima KONKRET 2016 | Ausblick

MUSTERANFORDERUNGEN KLIMAANPASSUNG FÜR WETTBEWERBE


UND GUTAcHTERVERFAHREN
Ziel Klimaanpassung
Das Projekt soll den Anforderungen der Klimaanpassung gerecht werden. Das Projekt
soll, soweit möglich, von negativen Folgen für das Klima entkoppelt werden. Daher sind
Maßnahmen der hitzeangepassten Stadt und der wassersensiblen Stadtentwicklung in
den Entwurf zu integrieren. Die Ansatzpunkte sind vielfältig und sollen abhängig von
der Entwurfsidee integriert werden.

Dächer
Die Dächer sollen klimaangepasst ausgeprägt sein. Die Dächer sollen begrünt werden.
Je stärker die Substratauflage, umso mehr Wasser kann längerfristig zwischengespei-
chert werden. Kombinierte, blaugrüne Dächer sind sinnvoll, um Starkregen abzupuf-
fern und die Kanalisation zu entlasten.

Verschattung
Entsprechend der Nutzung von Gebäuden und Außenräumen sind neben besonnten
auch schattige Freiflächen anzubieten. Bäume können (als Baumfilter) die Sonnenein-
strahlung vor allem auf südexponierte Fassaden mindern. An den Fenstern sind Son-
nenschutzelemente vorzusehen.

Rückstrahlung/Albedo/Solar Reflectance Index


Fassaden, Dächer und Oberflächen sollen so angelegt sein, dass sich Innenräume und
Gebäudeumfeld weniger schnell aufheizen. Helle, glatte Materialen erhöhen die Rück-
strahlung. Diese Maßnahme ist kostengünstig und zeigt große Wirkung.

Durchlüftung
Sind in einem Umfeld von 200 bis 300 Metern Grünflächen vorhanden, die klimatisch
entlasten, sollte die Luftdurchlässigkeit der Bebauungsstruktur geprüft werden, sodass
nächtliche Kühlung wirken kann.

Verdunstungskühlung
Wasser, das verdunstet, kühlt das Kleinklima. Daher sind Maßnahmen günstig, die Re-
genwasser nicht abführen, sondern längere Zeit speichern, damit es in Hitzeperioden
verdunsten kann. Feuchte Böden, Feuchtvegetation, bewässerte Fassaden und gut mit
Wasser versorgte Bäume haben die höchsten Verdunstungswerte und kühlen damit am
besten.

Überflutungsvorsorge
Bei extremem Starkregen kann es besonders bei barrierefreier Bauausführung zu un-
kontrollierten Überstaus mit erheblichen Gebäudeschäden (Keller, Tiefgaragen) kom-
men. Erschließungs- und Freiflächen und deren Anschlüsse an Gebäude müssen so ge-
staltet sein, dass sie den zeitweiligen Überstau aushalten und/oder das Wasser
zwischenspeichern (blaue Dächer, Retentionsmulden, Ausprägung des Gefälles, Not-
wasserwege, die das Wasser sicher ableiten).

Entkoppelung von der Regenwasserkanalisation


Regenwasser soll nicht abgeführt werden, sondern versickern und verdunsten. Das ent-
lastet die Kanalisation, dient der Grundwasseranreicherung und stabilisiert den Was-
serhaushalt. Der Versiegelungsgrad sollte so weit als möglich begrenzt, Flächen sollten
bevorzugt mit wasserdurchlässigen Belägen befestigt werden. Wo es die Verhältnisse
vor Ort zulassen, haben sich Rückhalte- und Versickerungssysteme wie die Mulden-Ri-
golen-Entwässerung bewährt. Mit Urban Wetlands können zusätzlich Rückhalte- und
Verdunstungsflächen geschaffen werden, die zugleich kühlen.

Weitere Hinweise
StEP Klima KONKRET beschreibt viele Maßnahmen ausführlich.

85
8. Referenzprojekte in Berlin – Übersicht

© SenStadtUm/bgmr 2016

86
StEP Klima KONKRET 2016 | Referenzprojekte in Berlin – Übersicht

Klimaanpassung in der wachsenden Stadt –


Referenzprojekte Berlin

1. Kampagne Stadtbäume für Berlin – Grüne Straßen


für die Stadt im Klimawandel
( Seite 24)
2. ufaFabrik – Regenwassermanagement am ehemaligen
Industriestandort
( Seite 32)
3. Gewerbegebiete Motzener Straße und Großbeeren-
straße – Klimaanpassung in Industrie- und Gewerbe
( Seite 37)
4. Klimaquartier Klausenerplatz – Klimaanpassung im
Kiez
( Seite 36)
5. Neubauprojekte landeseigener Wohnungsbaugesell-
schaften – Klimatische Entkoppelung im Neubau
( Seite 39)
6. Flussbad Berlin – Kühle Orte in der heißen Stadt
( Seite 41)
7. Abflussloses Siedlungsgebiet Adlershof –
Wassersensible Stadtentwicklung
( Seite 46)
8. Der Garten von nebenan – Wohlfühlorte in der Stadt
im Klimawandel
( Seite 54)
9. Stadtumbaugebiet Frankfurter Allee Nord – Neue
angenehme Orte im Quartier
( Seite 59)
10. Schumacher Quartier – Berlin Tegel – Systemisches
Zusammenwirken von Maßnahmen im neuen Quartier
( Seite 63)
11. Neubau der Clay-Schule – Anpassung in der Infrastruk-
tur mitplanen
( Seite 66)
12. Green Moabit – Qualifikation Lebenswertes Industrie-
gebiet
( Seite 70)
13. Begegnungszonen Maaßenstraße – Neue Wohlfühlorte
im Straßenraum
( Seite 75)
14. Harry-Bresslau-Park und Boulevard Berlin – Wohl-
fühlorte im Huckepack von Großprojekten
( Seite 78)

87
Literatur

AfS (2014): Statistisches Jahrbuch 2014, Das Amt für Statistik Denneborg et al. (2013): Anpassung durch Nutzung der Kühlungs-
Berlin-Brandenburg, Potsdam 2014 funktion von Böden, Grundlagen, Randbedingungen, Beispiele,
Dr. M. Denneborg, E. Damm, Dr. S. Höke, Dr. M. Kastler, dynaclim
apur (2012): Die urbanen Hitzeinseln von Paris (Les îlots de chaleur Vol. 14, Essen, April 2013
urbains à Paris), L‘Atelier Parisien d‘Urbanisme (apur), Paris,
Dezember 2012 DWA (2013): Arbeitsblatt DWA-A 138 – Planung, Bau und Betrieb
von Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser, DWA-
apur (2013): Ein Brauchwassernetzwerk für die Optimierung der Regelwerk, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser
Wasserressourcen (Du réseau d’eau non potable à l‘optimisation und Abfall e. V., Hennef, April 2005
de la ressource en eau), Paris, Dezember 2013
DWD (2015): Urbane Räume nachhaltig gestalten, Entscheidungs-
BBSR (2015/1): Klimaangepasstes Bauen bei Gebäuden, Bundes- hilfe für klimagerechte Stadtentwicklung, Deutscher Wetterdienst,
institut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundes- 2015
amt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bonn, März 2015
EPIcEA (2012): Multidisziplinäre Studie zu den Folgen des Klima-
BBSR (2015/2): Überflutungs- und Hitzevorsorge durch die Stadt- wandels auf Ebene des Großraums Paris (Etude pluridisciplinaire
entwicklung, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung des impacts du changement climatique à l‘échelle de
(BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), l‘agglomération parisienne), Abschließender Projektbericht, Stadt-
bgmr Landschaftsarchitekten, Bonn, April 2015 verwaltung Paris, Paris, Oktober 2012

Benden (2014): Möglichkeiten und Grenzen einer Mitbenutzung von FLL (2008): Richtlinie für die Planung, Ausführung und Pflege von
Verkehrsflächen zum Überflutungsschutz bei Starkregenereignis- Dachbegrünungen – Dachbegrünungsrichtlinie, Forschungsgesell-
sen, Dissertation, Jan Benden, Fakultät für Bauingenieurwesen der schaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V., Bonn, 2008
Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, Aachen,
2014 GALK (2015): GALK-Straßenbaumliste, Deutsche Gartenamts-
leiterkonferenz e. V. (GALK), Arbeitskreis Stadtbäume, 2015
BSU (2006): Dezentrale naturnahe Regenwasserbewirtschaftung, Harlaß (2008): Verdunstung in bebauten Gebieten, Dissertation,
Ein Leitfaden für Planer, Architekten, Ingenieure und Bauunter- Ralf Harlaß, Fakultät für Bauingenieurwesen der Technischen Uni-
nehmer, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Freie und versität Dresden, Dresden 2008
Hansestadt Hamburg, Hamburg, 2006
MUNLV (2010): Handbuch Stadtklima, Maßnahmen und Hand-
BSU (2013): Regenwasser-Handbuch, Regenwassermanagement lungskonzepte für Städte und Ballungsräume zur Anpassung an
an Hamburger Schulen, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt den Klimawandel, Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Land-
der Freien Hansestadt Hamburg, Hamburg, September 2013 wirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-West-
falen, März 2010
BWVI (2015): Wissensdokument Hinweise für eine wassersensible
Straßenraumgestaltung, Hamburger Regelwerke für Planung und Dr. Pecher AG (2014): Expertise urbane Gefahrenkarten zur Ermitt-
Entwurf von Stadtstraßen [ReStra], Behörde für Wirtschaft, Ver- lung des Überflutungsrisikos, Ein Projekt des Experimentellen
kehr und Innovation, Freie und Hansestadt Hamburg, Hamburg, Wohnungs- und Städtebaus (ExWoSt), Dr. Pecher AG, Erkrath, im
2015 Auftrag von bgmr Landschaftsarchitekten und Ingenieurgesell-
schaft Prof. Dr. Sieker mbH, Erkrath, April 2014
DDV et al. (2011): Dachbegrünung für Kommunen, Leitfaden, Deut-
scher Dachgärtner Verband e. V. (DDV), Hafen City Universität
Hamburg (HCU), Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz e. V. (GALK),
Nürtingen 2011

88
StEP Klima KONKRET 2016 | Literatur

SLG (2014): Bestimmung des „Solar Reflectance Index“ von ver- SenStadtUm (2012): Strategie Stadtlandschaft: natürlich urban pro-
schiedenen Betonsteinproben, Bericht, Betonverband Straße, duktiv, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Ber-
Landschaft, Garten e. V., Fraunhofer Institut für Solare Energiesys- lin, Oktober 2012
teme (ISE) , Freiburg, Mai 2014
SenStadtUm (2013): Umweltatlas Berlin, Karte 02.13 Oberflächen-
SenBildJugWis (2014): Ausführungsvorschriften über Beurlaubung abfluss, Versickerung, Gesamtabfluss und Verdunstung aus Nieder-
und Befreiung vom Unterricht (AV Schulbesuchspflicht), Senats- schlägen 2012, (Ausgabe 2013), Senatsverwaltung für Stadtent-
verwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Berlin, Novem- wicklung und Umwelt, Berlin, 2013
ber 2014 [www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/ic213.htm,
Zugriff: 4. Januar 2016]
SenStadtUm (2003): Innovative Wasserkonzepte, Betriebswasser-
nutzung in Gebäuden, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und SenStadtUm (2014/1): Berliner Unternehmen fördern Biologische
Umwelt, Berlin, 2003 Vielfalt, Vorschläge zum Handeln – ein Leitfaden, Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin, März 2014
SenStadt (2010): Flächennutzung und Stadtstruktur – Dokumenta-
tion der Kartiereinheiten und Aktualisierung des Datenbestandes SenStadtUm (2014/2): Klimaneutrales Berlin 2050, Ergebnisse der
2010, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, 2011 Machbarkeitsstudie, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umwelt, Berlin, März 2014
SenStadt (2011/1): Konzepte der Regenwasserbewirtschaftung,
Gebäudebegrünung, Gebäudekühlung; Leitfaden für Planung, Bau, SenStadtUm (2014/3): Stadtentwicklungsplan Wohnen 2025,
Betrieb und Wartung, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Ber- Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin, Juli
lin, 2011 2014

SenStadt (2011/2): Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe, SenStadtUm (2015): BerlinStrategie, Stadtentwicklungskonzept
Entwicklungskonzept für den produktionsgeprägten Bereich, Berlin 2030, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt,
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, Mai 2011 März 2015

SenStadt (2011/3): Stadtentwicklungsplan Verkehr Berlin, Senats-


verwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, Juni 2011 SenStadtUm (2016/1): Bevölkerungsprognose für Berlin und die
Bezirke 2015 - 2030, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
SenStadt (2011/4): Umweltatlas Berlin, Karten 06.07 Stadtstruk- Umwelt Ref. I A – Stadtentwicklungsplanung in Zusammenarbeit
tur und 06.08 Stadtstruktur – differenziert (Ausgabe 2011), mit dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Berlin, Januar 2016
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, 2011
[www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/id607. SenStadtUm (2016/2): Landschaftsprogramm einschließlich Arten-
htm, Zugriff: 4. Januar 2016] schutzprogramm, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umwelt, Berlin, 2016
SenStadt (2011/5): Leitfaden für Wirtschaftlichkeitsuntersuchun-
gen zur Bewertung von Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaf- Städte Region Aachen (2012): Gewerbeflächen im Klimawandel,
tung, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, Juli 2011 Leitfaden im Umgang mit Klimatrends und Extremwettern, Städte
Region Aachen, Aachen, September 2012
SenStadt (2011/6): Flächennutzung und Stadtstruktur, Dokumen-
tation der Kartiereinheiten und Aktualisierung des Datenbestandes TU Darmstadt et al. (2013): Gebäude Begrünung Energie: Potenzi-
2010, J. H. Gerstenberg/GEOINFO/Planungsgruppe Cassens + Sie- ale und Wechselwirkungen, Interdisziplinärer Leitfaden als Pla-
wert, im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, nungshilfe zur Nutzung energetischer, klimatischer und gestalte-
Mai 2011 [www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/ rischer Potenziale sowie zu den Wechselwirkungen von Gebäude,
download/Nutzungen_Stadtstruktur_2010.pdf, Zugriff: 4. Januar Bauwerksbegrünung und Gebäudeumfeld, Abschlussbericht, Tech-
2016] nische Universität Darmstadt, Technische Universität Braun-
schweig, August 2013

89
Impressum

Herausgeber
Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung und Umwelt
Kommunikation
Am Köllnischen Park 3
10179 Berlin
www.stadtentwicklung.berlin.de

Konzept und inhaltliche Koordination


Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung und Umwelt
Abteilung I Stadt- und Freiraumplanung
Monika Faltermaier
Dr. Heike Stock
Thorsten Tonndorf

Inhalte und Bearbeitung


bgmr Landschaftsarchitekten GmbH
V-Prof. Dr. Carlo W. Becker
Anna Neuhaus
www.bgmr.de

Lektorat
Louis Back
www.louisback.com

Layout
Max Falley
www.maxefaxe.de

Druck
Medialis Offsetdruck GmbH
www.medialis.org

Broschürenstelle
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Am Köllnischen Park 3
10179 Berlin
broschuerenstelle@senstadtum.berlin.de

Berlin, Juni 2016

90
Berlin muss resilienter werden. Die Stadt an den Klimawandel anzupassen, ist entschei-
dend dafür, dass sie wachsen kann, ohne an Lebensqualität einzubüßen. Es gilt, Berlin so
zu gestalten, dass starker Regen nicht mehr zu Überflutungen führt und dass Mensch und
Natur selbst lange Hitze gut überstehen.

Wie das geht, zeigt StEP Klima KONKRET – mit detaillierten Hinweisen, welche Maßnahmen
in welcher Umgebung sinnvoll sind. Die Wachsende Stadt bietet eine einmalige chance,
diese Anpassung umzusetzen. Wo viel gebaut und umgebaut wird, lassen sich Anpassungs-
maßnahmen ohne allzu großen Aufwand miterledigen – im Huckepack. Voraussetzung ist,
dass alle, die mit Planen und Bauen befasst sind, daran mitwirken: in Verwaltungen, Behör-
den, Planungsbüros und in der Immobilien- und Bauwirtschaft. Klimaanpassung ist eine
Aufgabe, die alle angeht – und von deren Lösung alle profitieren.