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6/3/2019

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? - Glashaus

 
 
 

Das Transparenzblog von ZEIT ONLINE

 

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen?

31. Mai 2019 um 18:46 Uhr

 

Die beschriebenen Szenen eines im Frühjahr 2017 auf ZEIT ONLINE veröffentlichten

(h

deutschland), so der Titel des Beitrags, dreht sich um eine angebliche Aufklärungs- Sprechstunde mit Geflüchteten in einer deutschen Kleinstadt.

Eine Anfrage des Spiegel hat uns auf die mögliche Fälschung aufmerksam gemacht und wir haben diesen Beitrag in den vergangenen Tagen nochmals eingehend geprüft und mit der Autorin, ihrem mittlerweile eingeschalteten Anwalt, ihrer Familie sowie weiteren möglichen Zeugen gesprochen. Wir haben vor Ort Fakten des Textes und die Vita der Autorin überprüft.

Wir gehen derzeit davon aus, dass die Autorin ihr Umfeld, uns und andere Medien getäuscht hat. Wie konnte es zu der Veröffentlichung auf ZEIT ONLINE kommen?

Prüfung vor Veröffentlichung

Auf die Autorin des Gastbeitrags wurden wir durch einen vielbeachteten Tweet im Januar 2017 aufmerksam. Die Autorin hatte in ihrem Blog einen Text veröffentlicht, in dem sie

6/3/2019

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? - Glashaus

Aufklärungssprechstunden beschrieb, die sie mit Geflüchteten in einer deutschen Kleinstadt abhalten würde.

Wir baten sie um ein persönliches Treffen. In dem Gespräch befragten eine Redakteurin und ein Redakteur die Autorin sowohl zu dem Projekt als auch zu ihrer Vita, da der Blog-Text auf vermeintlich autobiografischen Erlebnissen beruhte. Die Autorin beantwortete alle unsere Fragen präzise und plausibel und machte insgesamt einen glaubwürdigen Eindruck auf uns. Wir hatten die Vita der Autorin zuvor geprüft und unabhängige Belege für ihren akademischen Werdegang, ihre Ausbildung und Arbeitsstelle, ihr soziales Engagement und für einen von ihr beschriebenen Auslandsaufenthalt gesichtet.

Nach dem Gespräch prüften wir die Existenz jener Praxis, in der die Sprechstunde stattfinden sollte. Wir überprüften die Beschreibungen der von ihr angegebenen Stadt, die im Beitrag selbst nicht genannt wird. Wir überprüften persönliche Angaben aus dem Gespräch, ebenso ihre behaupteten, ungewöhnlichen Sprachkenntnisse.

Unsere stichpunktartigen Überprüfungen ergaben keine Zweifel, dass die Aussagen der Autorin sowohl zu ihrer Person als auch zu der beschriebenen Aufklärungsstunde auf der Wahrheit beruhen.

Wir veröffentlichten den Text im Februar 2017 auf Wunsch der Autorin unter einem Pseudonym, weil sie, wie sie uns erklärte, um ihre Sicherheit fürchtete. Wir haben am Ende des Textes darauf hingewiesen, warum wir den Namen der Autorin und der Stadt nicht nennen – allerdings entgegen unseren schon damals geltenden Regeln nicht explizit genug gemacht, dass es sich beim angegebenen Autorennamen folglich um ein Pseudonym handelt.

Erste Hinweise auf Falschinformationen

Nach Veröffentlichung erreichten uns im Jahr 2017 sukzessive einige Hinweise von Lesern mit der Vermutung, dass Teile des Artikels und der Vita der Autorin nicht stimmten. Wir überprüften daraufhin die Vorwürfe und unsere Recherche zur Autorin. Wir versuchten auch mehrfach vergeblich, die Autorin auf verschiedenen Wegen zu erreichen, um sie mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir die Zweifel weder bestätigen noch ausräumen.

Erneute Prüfung

6/3/2019

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? - Glashaus

Am 27. Mai 2019 erreichte uns ein Hinweis des Spiegel, der nahelegt, dass die Geschichte um die beschriebenen Aufklärungsstunden erfunden sei. Wir nahmen daraufhin erneut und diesmal erfolgreich Kontakt mit der Autorin auf und baten sie um eine Stellungnahme.

In einem Telefonat versicherte sie erneut die Authentizität ihrer Geschichte. Sie nannte uns Adressen, E-Mail-Adressen und Telefonnummern von Menschen, die sie bestätigen könnten. Wir sind den Hinweisen der Autorin nachgegangen und haben darüber hinaus weitere Personen, Institutionen und Behörden kontaktiert. Wir sind in die von ihr benannte Kleinstadt gefahren und haben vor Ort die genannten Adressen und weitere Personen überprüft.

Dabei haben wir festgestellt, dass die Autorin – wohl erneut – versuchte, uns mit Scheinidentitäten, falschen Zeugen und vermeintlichen Belegen zu täuschen. Hierfür hat sie etwa die Identität einer verstorbenen Person benutzt, um in deren Namen E-Mails an uns zu schreiben. Zudem hat sie versucht, uns über die Existenz und die Lebensumstände von Verwandten und ihre Familienverhältnisse zu täuschen.

Erst ein Besuch bei einer engen Verwandten schaffte Klarheit über das Ausmaß der Legende, die sie offensichtlich seit vielen Jahren aufgebaut hat. Die Autorin hat Teile ihrer Biografie erfunden, andere verfälscht, und mit großem Aufwand jahrelang öffentlich vorgetäuscht, eine Person zu sein, die sie nicht ist. Selbst Teile ihres engeren Umfelds scheinen ihren Schilderungen bis heute zu glauben. Wir haben die Autorin mit diesen Recherchen konfrontiert, sie möchte sich derzeit nicht dazu äußern.

Fazit

Nach derzeitigem Stand müssen wir davon ausgehen, dass die in unserem Beitrag geschilderten Ereignisse weitgehend falsch sind. Der Beitrag hätte nie erscheinen dürfen. Wir bedauern dies sehr und entschuldigen uns bei unseren Leserinnen und Lesern.

Die Faktenchecks vor Veröffentlichung und nach Eingang der ersten Hinweise von Lesern waren bei Weitem nicht ausreichend. Auch dieser für uns ausgesprochen ärgerliche Fall zeigt, dass wir unsere Prüfmechanismen verschärfen müssen, wie es derzeit auch geschieht.

Aus Transparenzgründen lassen wir den ursprünglichen Beitrag noch einige Tage online, werden ihn dann aber depublizieren und an der entsprechenden Stelle auf diesen Blog- Beitrag verweisen.

74 Kommentare

6/3/2019

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? - Glashaus

Hapsch #1 — vor 3 Tagen

Besagte Dame hat auch ein Buch geschrieben, darin stimmte wohl auch vieles nicht und sie hat einen Preis für ihren Blog bekommen, die Website des Blogs ist mi lerweile nich mehr erreichbar.

Oke_Schumak #2 — vor 3 Tagen

Es ist zunächst einmal gut, dass ZON über diese erfundene Geschichte aufklärt und sich dafür entschuldigt. Dennoch wird mit solchen Skandalen der Vorwurf von Fake News oder Lügenpresse eher befeuert und das ist in dieser angespannten Zeit sehr zum Nachteil der ´seriösen´ Presse. Der Spiegel-Skandal war eine Sache und nun rückt auch ZON in ein sehr schlechtes Licht. Der Vergleich mit RT oder Compact ist da auch durchaus angebracht, denn offensichtlich geht es nicht mehr um Fakten, sondern nur noch um Stimmungsmache. Es bleibt zu hoffen, dass nicht noch mehr Leichen im Keller versteckt sind, aber dafür wird momentan wohl niemand seine Hand ins Feuer legen. Man sieht, dass insbesondere das Thema Flüchtlinge einen tiefen Spalt in die Gesellschaft geschlagen hat, der auf Jahre nicht zu ki en sein wird. Aber verantwortlich will dafür am Ende wieder einmal niemand sein – sehr bedauerlich!

n4n0lix

#3 — vor 3 Tagen

Danke für die transparente Aufklärung! Ich finde ihr macht gute Arbeit, dass es solche Ausnahmen gibt ist doch nur menschlich.

AdAstra #4 — vor 3 Tagen

6/3/2019

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? - Glashaus

So viel Arbeit nur um die Öffentlichkeit zu täuschen. Hä e die Energie die sie dafür aufgebracht hat wo anders investieren sollen.

kinkata #5 — vor 3 Tagen

Es ehrt die Zeit das zu veröffentlichen und aufzuklären allerdings zeigt es auch ein großes Problem auf. Medien finden vllt. raus das sie einem Fake aufgesessen sind und so schlecht das ist,dass kann passieren. Das Problem ist aber, dass diese Texte dann schon tausende gelesen haben, die Nachricht das es ein Fake ist aber nur mehr einige wenige mitkriegen. Hier muss dringend ein besserer Weg gefunden werden aufzuklären und solche Täuscher zu strafen. Für mich sind derartige Vorfälle daher auch einer von mehreren Gründen warum ich das Gerede von der „vierten Macht im Staat“ für Schwachsinn, ja sogar als gefährlich für die Demokratie ansehe.

Th.R. #6 — vor 3 Tagen

Ich schlage vor: Absolution für die ZEIT-Redaktion und für die Autorin mit der falschen Identität. Der Inhalt des Beitrags ist durchweg vernünftig und übrigens gut geschrieben. Nichts daran ist anstößig. Vielleicht sollte man den Medien mit weniger Gutgläubigkeit begegnen. Heute melden sie von Morden und Inhaftierungen in Nord-Korea, die von einer südkoreanischen Zeitung behauptet, von niemandem jedoch bestätigt wurden. Wahrheit? Fake? Der Bußgang der Chefredaktion von ZEIT ONLINE sieht nach einer Relotius-Folge aus und könnte erklären, warum sich der SPIEGEL für den Fall interessiert. Was Strache in Ibiza treibt, ist wohl kein Fake. Es beunruhigt mich mehr als eine erfundene Aufklärungsstunde.

Gebhard Leberecht #7 — vor 3 Tagen

6/3/2019

Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? - Glashaus

Chapeu! Gelinkt werden kann man immer. Trau, schau, wem. Gratulation zu dem Mut, den Fehler hier öffentlich einzugestehen.

FollowTheWhiteRabbit #8 — vor 3 Tagen

Das ist der richtige Schri . Bevor irgendein Bashing losgeht: Ich finde, dass das Zeit-Online Team insgesamt sehr gute Arbeit leistet. Ich lese diese Zeitung seit Jahren regelmäßig und gerade die selbstkritische Reflexion wie hier gefällt mir. Auch wenn die Täuschung evtl hä e verhindert werden können: aus Fehlern lernt man.

selbstdenker16

#9 — vor 3 Tagen

Entschuldigung angenommen. Bi e das Möglichste tun um Ähnliches künftig zu vermeiden weil sonst die Reputation der Zeit darunter leidet.

Maneki Neko #10 — vor 3 Tagen

Nunja, damals sollte man einfach dem Bericht Glauben schenken, weil mangels konkreter Angaben eine Überprüfung nicht möglich war, nun soll man dieser Darstellung Glauben schenken. Während der Spiegel bei seiner Affaire zumindest eingeräumt hat, daß er gegenüber seinem Starreporter und den so gut ins eigene Weltbild passenden Reportagen vielleicht etwas zu blauäugig war, haben wir es hier offenbar mit einer Meisterfälscherin zu tun. Sozusagen dem Konrad Kujau der Flüchtlingsaufklärung. Hat die Zeit die Geschichte damals vielleicht nicht deshalb veröffentlicht, weil sie mit dem eigenen Bild der Lage so schön übereinstimmte?

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

6/3/2019 Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin
6/3/2019 Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin
6/3/2019 Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin
Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin © Bo Soremsky für ZEITmagazin ONLINE Sexuelle

Sexuelle Aufklärung

Das Problem mit dem Penis

Viele Geflüchtete haben in ihrer Heimat nie über Sex gesprochen. Das führt nicht nur im Be zu Problemen. Nun lernen sie es bei dem "Fräulein, das immer über Sex redet". Von Sophie Roznbla

13. FEBRUAR 2017, 14:03 UHR

Unsere Redaktion wurde am . Mai durch eine Anfrage des "Spiegel" darauf hingewiesen, dass die in diesem Gastbeitrag geschilderten Begebenheiten weitgehend erfunden sein könnten. Wir haben den Beitrag überprüft und gehen davon aus, dass wir von der Autorin tatsächlich getäuscht wurden. Die Ergebnisse unserer Überprüfung finden Sie in unserem Transparenzblog Glashaus [https://blog.zeit.de/glashaus/ / / /gastbeitrag- -taeuschung-verdacht/].

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Diese Geschichte beginnt in einer kleinen deutschen Stadt. Ihr Zentrum ist der Marktplatz mit seinen restaurierten, alten Bürgerhäusern. Zwei Kirchtürme ragen hoch über der Stadt. Eine große Fabrik und zwei Gymnasien hat die kleine Stadt. Hinter den Fahrradständern küssen die Stufenschönsten schon immer die Mädchen. Und immer gehen die Jungs des Physik- Leistungskurses leer aus. Zum Trost bleibt ihnen der mögliche Nobelpreis.

Es gibt hier einen Heimatverein, ein Laientheater und eine Bläsergruppe. Die Menschen, die in der kleinen Stadt leben, sind so glücklich und so traurig wie Menschen in Deutschland überall sind. Als im Sommer Geflüchtete aus aller Welt kamen, zeigten sich die Bürger tatsächlich besorgt und halfen, wo sie konnten. Ihnen ist zu verdanken, dass aus Unterkünften Wohnungen wurden und aus den Fremden auch Nachbarn. Heute leben in der kleinen Stadt, in der auch ich wohne, . Geflüchtete, vor allem aus Syrien, Eritrea und dem Maghreb.

vor allem aus Syrien , Eritrea und dem Maghreb. © Bo Soremsky für ZEITmagazin ONLINE [h

Nach der Kölner Silvesternacht rief der Bürgermeister diejenigen zusammen, die mit Flüchtlingen zu tun haben. "Wir wollen hier kein Köln" sagte der Bürgermeister. Alle nickten. Es wurde diskutiert, ob mehr Videokameras auf dem Marktplatz vor Übergriffen schützen würden oder ob ein privater Sicherheitsdienst nicht die Polizei unterstützen sollte. Mit nachdenklichen Mienen ging man auseinander. Kurz danach klingelte bei mir das Telefon. Es war die Ärztin der Stadt, die hier alle Frau Doktor nennen. "Kannst du dir vorstellen, bei mir in der Praxis eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge zu machen?"

SOPHIE ROZNBLATT

spricht seit Anfang 2016 in der kleinen Stadt über Sex. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit mit Schwerpunkt Frauengesundheit in

Seit diesem Anruf kommen einmal im Monat Männer zwischen und in das helle Behandlungszimmer. "Herzlich willkommen", sage ich jedes Mal, "lassen Sie uns über Sex reden." Und jedes Mal starren Männer auf den Fußboden und werden rot. Das kenne ich schon. So ist das überall, wo ich über Sex rede.

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Indien und Afrika, promoviert derzeit in Irland und schreibt nebenbei Geschichten aus vielen Welten auf.

Ich habe in Kenia laufen gelernt und da meine

Mutter als Ärztin in verschiedenen Ländern

arbeitete, viele Sprachen dazu. Auf den Straßen

Algiers lernte ich Arabisch – und in neun Ländern,

was Heimatlosigkeit ist. Als ich mich das erste Mal

verliebte, lernte ich in aller Heimlichkeit küssen, aber vor allem, dass man mit Sexualität in

verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich umgeht. Vor zehn Jahren beschloss ich,

Sexualaufklärung zu meinem Thema zu machen. Damals habe ich vor dem Spiegel das Wort

"Penis" in elf Sprachen geübt.

بﯾﺿﻗ (qa’dib) – pénis, िलंग (limg) – firaha, pene – ஆண்

i-tanasul) – درﻣﯽﻠﺳﺎﻧﺗتﻟآ (ālat-e tanāsoli-e mard) – ړﻧﯾﻏ (g ẖīṟṟṉ) – azzakari – biliti

(ankuri) – لﺳﺎﻧﺗوﺿﻋ (uzu-

̠

Seither bin ich nie wieder rot geworden.

An dieser Stelle, verlässt die Geschichte für einen Moment die kleine, deutsche Stadt und führt

weit über Europa hinaus, nach Indien. Vor zehn Jahren wollte ich wie viele -Jährige die Welt

retten und so gründeten mein bester Freund und ich eine kleine Klinik in einem großen Slum

von Neu-Delhi. Eine meiner ersten Patientinnen war eine Frau, Mutter von vier Kindern, die

vor mir auf einem Plastikstuhl saß und sagte, sie habe ein Problem mit ihrem Penis. Ich

glaubte, sie falsch verstanden zu haben und sagte: "Oh, Sie meinen ein Problem mit Ihrer

Vagina, nicht?" Die Frau schüttelte den Kopf. "Was ist eine Vagina?" fragte sie mich und zeigte

zwischen ihre Beine. "Ich habe ein Problem mit meinem Penis."

Ich verstand zum ersten Mal, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die ihre Körperteile,

auch nachdem sie vier Kinder geboren haben, nicht benennen können. Ich beschloss, die

Rettung der Welt ein wenig aufzuschieben, und Sexualaufklärung, Verhütung und

Familienplanung im Slum anzubieten.

Meine Kollegen damals verstanden das nicht. "Das bringt doch nichts", sagten sie und "Du

wirst schon sehen, was du davon hast." Bevor ich also begann, fragte ich meine Großmutter

um Rat. Sie, geboren , hatte mich schließlich aufgeklärt. Ich war damals dreizehn und las

Schillers Räuber. "Amalia für die Bande" heißt es dort und ich verstand das nicht. Meine

Großmutter erklärte mir anhand deutscher Klassik, dass das, was die Räuber vorhatten, nichts

anderes als eine Vergewaltigung war. Sie zog den Anatomieatlas aus dem Schrank und erklärte

mir, was der Unterschied zwischen Penis und Hoden, Vagina und Klitoris ist. Sie sprach ernst

und ohne rot zu werden über Sex, Verhütung und das Recht auf ein klares Ja, das ein lautes

Nein mit einschließt.

"Man muss tun, was getan werden muss", sagte meine Großmutter auf meine Frage, ob ich

Sexualkunde im Slum anbieten sollte. Also begann ich zuerst mit den Frauen dort über ihren

Körper, Verhütung und Geburt zu sprechen. Die Männer warfen Steine nach mir und drohten

damit, die kleine Klinik anzuzünden. Ich begann, Vorhängeschlösser an die Frauen zu

verteilen, mit denen sie sich in ihren Hütten erstaunlich widerstandsfähig gegen

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

marodierende Männer schützen konnten. Die Männer, ob nun resigniert oder neugierig geworden, kamen schließlich auch in Aufklärungskurse. Seit zehn Jahren bin ich in diesem indischen Slum als "das Fräulein, das immer über Sex redet" bekannt. Fremde Besucher finden mich immer unter diesem Namen – an einem Ort, der siebenmal so groß ist wie die kleine Stadt, in die diese Geschichte nun zurückkehrt.

die kleine Stadt, in die diese Geschichte nun zurückkehrt. © Bo Soremsky für ZEITmagazin ONLINE [h

Bevor ich hier begann, mit den Männern über Sex zu reden, montierte der Schlosser einen zweiten Briefkasten neben die Praxistür, einen Ort für alle Fragen zu Sex, Verhütung und Familienplanung, die die Flüchtlinge haben. Als ich den Briefkasten zum ersten Mal öffnete, fielen mir etliche gefaltete Zettel mit riesigen, gemalten Penissen entgegen. Wunderbar, dachte ich mir, etwas Besseres kann dir gar nicht passieren. Alle Penismythen auf einmal, wie ein Sechser im Lotto.

Kann man sich den Penis brechen?

Stimmt es, dass Frauen, die menstruieren, keine Jungfrauen mehr sind?

Wird mein Penis härter, wenn ich ihn in Eiswasser tauche?

Wenn wir alle im Kreis auf den bunten Stühlen sitzen, und die Männer verlegen auf den Boden starren, beantworte ich die Fragen aus dem anonymen Zettelkasten. Mein Arabisch ist das des

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Maghreb. Für die Männer aus Tunesien, Algerien und Marokko klinge ich unangenehm nach älterer Schwester. Für die Männer aus Syrien und dem Jemen nach der strengen Tante mit Damenbart. Ihnen ist klar, dass in diesem Raum nicht locker gelassen wird.

Bevor aber auch nur die erste Frage beantwortet wird, erkläre ich wieder und wieder die männliche wie die weibliche Anatomie. Penisbilder helfen enorm, denn man muss grundlegendes Wissen vermitteln. Aufklärung beginnt mit der korrekten Bezeichnung aller Körperteile. Es ist für viele Männer, nicht nur für Flüchtlinge, ein Schock, aber vor allem ein befreiender Moment, ihre Geschlechtsorgane richtig benennen zu können. Das mütterliche "Schniedelwutz" und das kumpelhafte "Fickkanone", das es in allen Sprachen gibt, ist nämlich mehr als hinderlich, um Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren.

Anhand der Penisbilder lässt sich erklären, dass anders als von vielen Männern angenommen, der Penis kein Knochen ist und auch im erigierten Zustand niemals zwei Meter misst. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Einsicht, dass ein Penis niemals stahlhart wird, auch wenn dieser Mythos nur schwer weich zu kriegen ist. Auf einem großen weißen Blatt, das in der Mitte des Raumes liegt, zeichne ich den Umriss eines Frauenkörpers. Ich lasse jeden Mann einzeichnen, wo er die Vagina vermutet. Fast alle Männer markieren sie auf der Höhe des Bauchnabels.

Kann man vom Küssen schwanger werden?

Ist Menstruationsblut ein Aphrodisiakum?

Meine Mutter sagt, meine Frau soll während ihrer Tage nicht stillen. Stimmt das?

Manchmal hilft einem bei der Aufklärung auch der Zufall. Ein Mann in der Runde bekommt zufällig heftiges Nasenbluten – und schon lässt sich Menstruation nicht mehr als etwas Unsauberes und Unheimliches verklären, sondern wird zu einer sich monatlich wiederholenden Körperfunktion. Der Mann, der mit einem Tampon in der Nase vor mir sitzt, ist begeistert von dessen Saugkraft.

Ich setze nichts voraus und erkläre alles. Es gibt zwischen Algier und Kabul keine theoretische Wissensvermittlung im Biologieunterricht und auch keine Fahrradständer hinter dem Gymnasium, wo praktisches Wissen in Form von Küssen geteilt wird. Niemand in Damaskus kann Dr. Sommer um Rat fragen. "Ficken kann doch jeder" höre ich immer wieder. Aber das stimmt nicht. Sex ist eine Kulturtechnik, die nicht nur erlernt werden will, sondern über die man immer wieder sprechen muss. Es geht um sexuelle Bedürfnisse, Verhütung, Familienplanung und Hygiene. Wie stellt man Intimität her? Wie spreche ich eine Frau an? Wann ziehe ich mich eigentlich aus? Ich beantworte ausnahmslos alle Fragen, die im Briefkasten landen.

Wie oft kann man ein Kondom benutzen?

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin © Bo Soremsky für ZEITmagazin ONLINE [h

Mein bester Freund sagt, Sex im Wasser schützt vor Schwangerschaft. Stimmt das?

Ich habe unreine Haut / bin kurzsichtig / habe starken Haarwuchs / esse gern Gurken – masturbiere ich zu viel?

Alle Fragen erzählen von Unsicherheiten. Sexualität ist noch immer vor allem Vergleich, der sich in dem Moment erübrigt, in dem jeder Einzelne lernt, was sein Penis kann – und mehr noch – was alles nicht. Ich frage nie: nicht nach sexuellen Wünschen, nicht nach Ausrichtungen, nicht nach Erfahrungen, mir geht es um Enttabuisierung und zweckgerichtete Aufklärung.

Es geht viel um Erlaubtes und Verbotenes. Rollenspiele helfen da enorm. Wer sich als Mann im hellen Praxisraum in der Rolle der Frau wiederfindet, die von drei Männern bedrängt wird, macht instinktiv das, was Frauen in Clubs, Straßenbahnen und auf belebten Plätzen auch tun:

zurückweichen und sich der Hände erwehren. Das hat gesessen, mancher verlässt die Praxis türenschlagend. Der Blick in den Spiegel ist nicht immer angenehm.

Aufklärung ist auch eine Frage der Geduld. Vor allem in den ersten Stunden redet man gegen eine Wand aus Gekicher, Zungenschnalzen und Zoten

wie "Warte, bis du meinen gesehen hast". Manche setzen das auch in die Tat um. Ich verweise dann freundlich auf die Gefahr von Keimen in Praxisräumen.

Beim Gemüsehändler der Stadt, Herrn Yilmaz, kaufe ich eine Kiste Bananen. "Was wollen Sie mit der Menge an Bananen?", fragt er verwundert. "Die brauche ich für den Aufklärungsunterricht." Herr Yilmaz beugt sich zu mir rüber: "Wenn wir das damals nur gewusst hätten, das mit dem Sex. Meine Hochzeitsnacht war eine Katastrophe. Vier Wochen hat Madame nicht mit mir gesprochen." Madame winkt mir zu.

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin © Bo Soremsky für ZEITmagazin ONLINE [h

In unserer Aufklärungsstunde geht es immer wieder ums Hand anlegen. Denn Sex ist auch eine Frage der Übung. Männer sitzen mit roten Köpfen und je einer Banane in der Hand im Kreis. Jeder bekommt ein Kondom dazu. Ich mache ihnen vor, was zu tun ist:

Kondompackung öffnen. Kondom nicht zerreißen! Kondom mit dem Ring auf die Eichel, also die Bananenspitze, setzen und mit nicht zu festem Druck nach unten streifen. Natürlich zermatschen sieben die Bananen, zerstechen drei die Kondome, fordern zwei, dies sei doch Frauensache. Aufklärung ist auch Wiederholung und irgendwann klappt das mit dem Kondom und den Bananen und den jungen Männern.

Wie findet mein Penis die Vagina?

Woran erkennt man, dass eine Frau Sex will?

Mein Freund sagt, der Penis wächst jedes Jahr zwei Zentimeter, wenn man ihn mit Schlangenöl bestreicht?

Natürlich rufen mir in der kleinen Stadt auf der Straße mittlerweile manche "Fräulein Ficki- Ficki" hinterher. Man bezahlt immer einen Preis für das, was man tut. Viele Freunde fragen mich auch, ob ich mich nicht schäme, mit fremden Männern über Sex zu sprechen? Nein, ich schäme mich nicht.

Denn Aufklärung bedeutet auch, dass man lernen muss, über Sex zu reden. Sprache ist dabei enorm wichtig. "Ich möchte mit dir schlafen" sagt etwas anderes als "Ich will dein dreckiges Loch ficken". Und wenn der beste Sex im Kopf beginnt, muss man für den im Bett die richtigen Worte finden. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, über seinen Körper Bescheid zu wissen und seine sexuellen Bedürfnisse artikulieren zu können.

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Sexuelles Unwissen wird häufig in hypersexuelles Verhalten und Aggressivität übersetzt. Männer, die sich souverän in ihrem Körper bewegen und ihre Bedürfnisse kommunizieren können, fassen Frauen viel seltener ungefragt zwischen die Beine. Souveräne Männer können ein Nein aushalten, ohne sich herabgesetzt zu fühlen. Das haben die Jungs aus dem Physik-Leistungskurs den Klassenlieblingen meist voraus. Wer den eigenen Körper kennt, versteht, dass der Körper des Anderen seine Grenzen hat. Ich bin für eindeutige Formulierungen: Vergewaltigung und sexuelle Belästigung werden als das benannt, was sie sind: als Gewaltakt und Straftat. Keiner kann sagen, er habe es nicht gewusst.

und Straftat. Keiner kann sagen, er habe es nicht gewusst. Kann ich mein Sperma essen? Wenn

Kann ich mein Sperma essen?

Wenn mich eine Frau küsst, will sie dann auch Sex?

Wird mein Penis härter, wenn ich ihn mit Sperma/Kokosöl/Klebstoff einreibe?

Je eher die jungen Männer in die Aufklärungssprechstunde kommen, so zeigt die Erfahrung bisher, desto besser sind die Erfolgsaussichten, jene Gruppendynamiken zu verhindern, in denen sexuelles Imponiergehabe mit Alkohol zu Konflikten und Übergriffen führt. Denn auf den bunten Stühlen mit der Banane in der Hand werden auch die größten Wortführer bald leise und jeder im Raum stellt fest, dass die Unsicherheiten bei allen die Gleichen sind.

Meine Aufklärungsstunde richtet sich zwar an Geflüchtete, ist aber für alle Männer offen. Manchmal sprechen mich auch deutsche Jungs an, die als Türsteher vor den Clubs arbeiten:

"Bist du nicht das Fräulein, das immer über Sex redet?" Ich nicke. "Der zweite Briefkasten neben der Praxistür", sage ich, jeden dritten Montag im Monat, Uhr. Sie kommen fast immer. Die Flüchtlinge lernen, dass auch Zwei-Meter-Männer aus Deutschland keinen stahlharten Penis haben und die harten Jungs lernen, dass sie gar nicht so viel wussten, wie sie glaubten.

6/3/2019

Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin © Bo Soremsky für ZEITmagazin ONLINE [h

Aufklärung braucht es überall: Gehe ich laufen, komme ich auch an den Fahrradständern des Gymnasiums vorbei. Dort tönt Musik aus den Handys und die Jungs und Mädchen, Flüchtlinge wie Einheimische betrachten sich über die Handybildschirme. "Alles gut Mädels und Jungs?", frage ich und klinge nun wirklich wie die strenge Tante aus Damaskus, denn die Sicherheit im öffentlichen Raum hängt auch davon ab, dass wir alle hinsehen oder wie man in der Kleinstadt sagt, aufeinander acht geben. Die Flüchtlinge und die Einheimischen rollen mit den Augen und ich höre auch über die Kopfhörer hinweg, wie sie sagen: Spießerin.

Ist Oralsex pervers?

Kann die Vagina zu eng für meinen Penis sein?

Verliert eine Frau beim ersten Mal mehr als einen Liter Blut?

Aufklärung ist kein Allheilmittel. Sexualkunde allein verhindert noch keine Übergriffe und Vergewaltigungen. Wenn es aber in jeder Männergruppe einen Mann gibt, der souverän genug ist zu sagen: "Nein, da mache ich nicht mit", dann ist das ein Anfang. Im Jahr hat es in dem indischen Slum zwei dokumentierte Vergewaltigungen gegeben, vor zehn Jahren waren es noch an die

Eigentlich sollte es in jeder Flüchtlingseinrichtung eine Aufklärungs-Task-Force geben. Videokameras mögen bei der Aufklärung von Straftaten helfen, aber sie können im Kopf der Männer keinen Schalter umlegen, der sie an ihre Grenzen erinnert und auch mal die Reißleine

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Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin

zieht. Sexuelle Gewalt will stumm machen und Vergewaltigung will immer auch Scham und Schweigen über die Opfer bringen. Solange man über Sex spricht, beherrscht sexuelle Gewalt das Feld nicht allein.

Nach zehn Jahren Reden über Sex weiß ich, diejenigen, die am lautesten "Ficki-Ficki" schreien, schämen sich bald am meisten und bringen irgendwann Blumen. Sunita, die mir damals in Indien vom Problem mit ihrem Penis erzählte, ist heute Hebamme und klärt selbst auf. Der junge Mann, der in der kleinen Stadt am lautesten pöbelte, mit der Zunge schnalzte und vor mir ausspuckte, hat inzwischen eine feste Freundin. Über die Ärztin hat er mir Grüße bestellen lassen. Irgendwann, sagt er, will auch er den ganzen Tag nur über Sex reden.

Immer am Montag beginne ich aber von vorn: "Wer einen Penis hat", sage ich, "muss auch die Vagina kennen." Vor mir starren zwanzig Männer auf den Boden, ich erkläre den Unterschied zwischen Hoden und Prostata und schreibe Vagina auf Arabisch und Deutsch an die Tafel. Natürlich schreit wieder jemand: "Fotze." "Oh", sage ich, "ein Experte!" Und drücke dem jungen Mann einen Filzstift in die Hand und deute auf den Umriss des Frauenkörpers. "Wenn Sie so freundlich wären, für uns die Vagina einzuzeichnen?"

Anmerkung der Redaktion: Um die Autorin und ihre Klienten zu schützen, haben wir darauf verzichtet, Namen und Details zur Sexualsprechstunde zu nennen.